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Prozessbewertung und Exergieanalyse für ein Heizkraftwerk
Prozessbewertung und Exergieanalyse
für ein Heizkraftwerk
Mathias Penkuhn, Mathias Hofmann, Sebastian Meinke und Christian Lösche
1. Einleitung ............................................................................................. 1
2. Prozessgütebewertung und Exergieanalyse ........................................ 2
3. Prozessbeschreibung, Modellbildung und Simulation ......................... 4
4. Ergebnisse ............................................................................................ 8
5. Fazit und Ausblick ...............................................................................11
6. Quellen .................................................................................................12
1. Einleitung
Konventionelle Kraftwerke zur Bereitstellung von Strom und Wärme stehen
durch den Ausbau von Erzeugungsanlagen auf Basis erneuerbarer Energie-
quellen vor dem Hintergrund der Sicherstellung der Versorgungssicherheit, der
Einsatzflexibilität und eines ökonomischen Betriebs vor Herausforderungen.
Dabei sind vor allem die variablen Kosten, die Brennstoff- und Betriebs- und
Wartungskosten, relevant [1]. Vor diesem Hintergrund sind Systeme zur Pro-
zessgüteüberwachung, eingesetzt zur Sicherstellung einer kontinuierlichen
Überwachung und Optimierung des Kraftwerksprozesses, von großer Bedeu-
tung, da nur so ein Betrieb mit höchstmöglicher Effizienz und Rentabilität si-
chergestellt werden kann [2].
Die Prozessgüteüberwachung [3] stützt sich dabei grundlegend auf mathema-
tische Prozessmodelle, welche die anfallenden Prozessdaten der Anlage verar-
beiten. Dies ermöglicht es, den Zustand der Gesamtanlage sowie einzelner Teile
davon kontinuierlich zu bewerten, bspw. durch die Bestimmung von Wirkungs-
graden, den Vergleich von Soll- und Istzuständen und die Messdatenvalidierung.
Die damit verbundenen Informationen können direkt zur thermodynamischen
und prozesstechnischen Verbesserung des Anlagenbetriebs, zur Minimierung
der Kosten und zur Erhöhung der Verfügbarkeit genutzt werden.
Mit dem VGB-Standard S-012 [4] steht dabei ein Regelwerk zur Prozessgüteüber-
wachung in der Energietechnik zur Verfügung. Dabei spielen Gütegrade, die den

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Soll- und Ist-Vergleich für den Gesamtprozess als auch für entsprechende Teil-
prozesse und einzelne Komponenten widerspiegeln, eine tragende Rolle. Da ein
Sollzustand dabei nur hypothetisch durch entsprechende Simulationen von Ver-
gleichsprozessen unter Berücksichtigung veränderlicher Lastzustände sowie Um-
gebungs- und Randbedingungen definiert werden kann, ergibt sich eine dazugehö-
rige, inhärente Unsicherheit. Damit stellt sich die Frage, ob die damit bestimmten
Einsparpotenziale für einzelne Komponenten und den Gesamtprozess realisiert
werden können, da diese beispielsweise durch anlagentechnische Einflüsse und
veränderte Betriebsbedingungen nicht immer zur Verfügung stehen. Aufbauend
auf den Ergebnissen der konventionellen, thermodynamischen Ansätze steht mit
der Exergieanalyse [5] ein Werkzeug zur Verfügung, welches zusätzliche Informa-
tionen über die thermodynamische Prozessgüte bereitstellt, die bei vorgenannten
Ansätzen nicht zur Verfügung stehen. Dabei besteht keine Abhängigkeit von zu
definierenden Vergleichsprozessen und es können sowohl einzelne Komponenten
als auch der Gesamtprozess abschließend bewertet werden.
Im Folgenden soll daher am Beispiel des Heizkraftwerks Moabit die An-
wendbarkeit der Exergieanalyse zur Prozessgüteüberwachung durch die
Implementierung im Simulationsprogramm Ebsilon Professional sowie die
Bewertung und den Vergleich verschiedener Betriebszustände der Anlage un-
tersucht werden.
2. Prozessgütebewertung und Exergieanalyse
Die Anwendung modellbasierter Systeme ermöglicht die Bestimmung geeigne-
ter Kennzahlen zur Prozessgüteüberwachung, die es erlauben, die Qualität des
Kraftwerksprozesses kontinuierlich zu bewerten.
Konventionelle Prozessgütebewertung
Auf der Ebene des Gesamtprozesses ist der thermische Wirkungsgrad zur Bewer-
tung des Prozesses geeignet. Dabei sind, je nach Art und Zweck der Anlage, der
elektrische Nettowirkungsgrad des gesamten Kraftwerksblocks oder der Brenn-
stoffausnutzungsgrad, bei gleichzeitiger Erzeugung von elektrischer Energie und
Wärmeauskopplung für Fernheizsysteme, als Vergleichs- und Bewertungsgrößen
heranzuziehen. Um derartige Wirkungsgraddefinitionen für verschiedene Anla-
gen, Technologien und Zeiten vergleichbar zu machen, müssen diese auf einheitli-
che Randbedingungen bezogen worden sein und betreffen grundsätzlich bestimm-
te Festlegungen und Daten an der Gesamtsystemgrenze, die zum Zeitpunkt der
Bewertung nicht beeinflussbar sind.
Wird im Rahmen einer Prozessgüteüberwachung [3] der Anlagenzustand kon-
tinuierlich bewertet, so kann der aktuelle Anlagenzustand anhand eines ther-
modynamischen Simulationsmodells, bspw. in Ebsilon Professional, bestimmt
und die dazugehörigen Kennzahlen berechnet werden. Anschließend können
sukzessiv, potenziell optimale Anlagenzustände (What-if-Analyse) unter Berück-
sichtigung der gegebenen Rand- und Umgebungsbedingungen sowie vorgegebe-

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ner Referenzkurven einzelner Modellkomponenten bei bestmöglichem Verhalten
bestimmt werden [6]. Durch den Vergleich der jeweils aktuellen Werte mit dem
berechneten Referenzwert können zusammenfassende Kennzahlen (KPI – Key
Performance Indicator), bspw. in Form von Gütegraden, Verlusten oder Brenn-
stoffmehrverbräuchen, bestimmt werden. Gleichzeitig können die Auswirkungen
der Veränderung einzelner Einflussgrößen berechnet werden. Entsprechende
Abweichungen zwischen den Soll- und Istzuständen eignen sich zur Darstellung
möglicher Einsparpotenziale, welche jedoch stark durch die vorher getroffenen
Annahmen zum Referenzprozess beeinflusst sind.
Exergieanalyse
Zur thermodynamischen Analyse des Kraftwerksbetriebs kann die Exergieana-
lyse [5] [7] auf der Ebene des Gesamtprozesses und der einzelnen Komponenten
eingesetzt werden. Da die Exergie ein Maß für die Quantität und Qualität der
Energie ist, können verschiedene Energieformen konsistent verglichen werden,
was die Prozessbewertung im Sinne der Einheit von Stoff- und Energieumwand-
lung ermöglicht. Damit können bei einem KWK-Prozess die energetisch nicht
vergleichbaren Koppelprodukte Strom und Wärme abschließend bewertet wer-
den. Dabei lässt sich die thermodynamische Effizienz sowohl für den Gesamt-
prozess als auch für einzelne Komponenten bestimmen, wobei keine zusätzliche
Definition und Berechnung etwaiger Referenzprozesse notwendig ist.
Auftretende thermodynamische Verluste in einem System können durch die Be-
stimmung der Exergievernichtung ED auf Basis der Exergiebilanz aufgedeckt
werden. Treten auf Basis des Gesamtprozesses Verluste in Form von Stoff- oder
Energieströmen an die thermodynamische Umgebung auf, so sind auch exerge-
tische Verluste EL an die Umgebung identifizierbar. Gleichzeitig können, analog
zur konventionellen, energetischen Prozessbewertung, auch die entsprechenden
Beträge des exergetischen Aufwands EF und Nutzens EP [5] und damit auch der ex-
ergetische Wirkungsgrad bestimmt werden. Im stationären Fall ergibt sich damit:
Gleichung 1: 0 = EF − EP − ED − EL
Gleichung 2:𝜀 = EP/EF
Da sich die Exergievernichtung des Gesamtsystems aus den Beiträgen der einzel-
nen Komponenten zusammensetzt, kann der Einfluss der einzelnen Komponenten
auf die Verringerung des Gesamtwirkungsgrad aufgezeigt werden. Die Verbindung
zwischen Komponente und Gesamtprozess kann über den Exergievernichtungsko-
effizienten bestimmt werden.
Gleichung 3: 𝑦D,𝑖 = ED,𝑖/EF,ges
Grundsätzlich stellt die Exergieanalyse Informationen bereit, die nicht mithilfe einer
konventionellen, thermodynamischen Analyse unter Nutzung von Massen- und Ener-

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giebilanzen zur Verfügung stehen. Die meisten Simulationsprogramme, bspw. Eb-
silon Professional, stellen dabei aber nur rudimentäre Möglichkeiten zur Exergieana-
lyse bereit. Während die physikalische Exergie einzelner Stoffströme grundsätzlich
bestimmt werden kann, fehlen die Möglichkeiten zur integrierten Berechnung che-
mischer Exergien auf Basis eines definierbaren thermodynamischen Umgebungsmo-
dells, zum Aufstellen und Lösen der Exergiebilanzen für generische Komponenten,
zur Definition zusammengefasster, benutzerdefinierter Komponenten, und zur Be-
stimmung und Ausgabe der entsprechenden exergetischen Kennzahlen vollständig.
Um eine einfache Anwendung zu ermöglichen, wurden die entsprechenden Funkti-
onen in Ebsilon Professional per EbsScript ergänzt, sodass auf Grundlage einer vor-
handenen Simulation eine vollständig automatisierte Exergieanalyse durchgeführt
werden kann. Der Aufbau der Programmmodule ist in Abbildung 1 dargestellt.
Abb. 1: Programmstruktur der automatischen Exergieanalyse in Ebsilon Professional
3. Prozessbeschreibung, Modellbildung und Simulation
Die vorgestellten Entwicklungen und anschließenden Untersuchungen werden am
Beispiel des Heizkraftwerks Moabit (HKW Moabit) durchgeführt. Das HKW Moabit
arbeitet nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und wird zur Erzeu-
gung von Elektroenergie und Fernwärme eingesetzt.
Prozessbeschreibung
Die Anlage ist als zirkulierende, atmosphärische Wirbelschichtfeuerung [8] ausge-
führt. Diese besteht aus einer Wirbelbrennkammer (WBK), zwei parallel geschalte-
ten Rückführzyklonen (RFZ), zwei Fließbettkühlern (FBK), einer Nachschaltheizflä-
che (NSHF), einem Heißgas-Elektrofilter (Efi) und einem rekuperativ-arbeitenden
Röhrenluftvorwärmer (LuVo). Als Brennstoffe werden Steinkohle und Biomasse, bis
zu einem Anteil von 20 % am Gesamtbrennstoffmassenstrom, eingesetzt.
Der Dampferzeuger selbst ist als Benson-Zwangsdurchlaufkessel mit einfacher Zwi-
schenüberhitzung und Schwachlastschaltung ausgeführt. Die Heizflächen des Kes-

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sels für Economiser, Verdampfer, Überhitzer und Zwischenüberhitzer sind dabei auf
Wirbelbrennkammer, Rückführzyklone, Fließbettkühler und Nachschaltheizfläche
aufgeteilt. Diese sind über Rohrleitungen, mit dazwischen angeordneten dazugehö-
rigen Sammlern, Einspritzkühlern und Trenngefäßen, miteinander verbunden.
Im Designfall kann ein Frischdampfmassenstrom von 90,7 kg/s mit einer Tempe-
ratur von 540 °C und einem Druck von 196 bar erzeugt werden. Die Zwischen-
überhitzung erfolgt bei 42 bar und erreicht eine Dampftemperatur von 540 °C. Der
Turbosatz, bestehend aus Dampfturbine und Generator, kann eine elektrische Netto-
leistung von maximal 89 MW bereitstellen. Durch die eingesetzte Entnahmekonden-
sationsturbine kann zusätzlich Wärme in das Fernheiznetz ausgekoppelt werden,
wobei mit der eingesetzten Durchlaufkühlung auch ein vollständiger Kondensations-
betrieb realisiert werden kann.
Modellbildung
Das Simulationsmodell des Kraftwerksprozesses ist der wesentliche Bestandteil
eines Systems zur Prozessgüteüberwachung und bildet die Basis für weiterge-
hende Untersuchungen. Dabei waren zu Projektbeginn neben Simulationen des
Wasser-Dampf-Kreislaufs und aktuellen verfahrenstechnischen und R&I-Fließ-
bildern, auch Abnahmemessungen von Dampferzeuger [9] und Wasser-Dampf-
Kreislauf [10] und aktuelle Leistungskontrollmessungen am Turbosatz und
Dampferzeuger [11], verfügbar.
Aus Sicht einer ganzheitlichen Betrachtung und Bewertung des Gesamtsystems,
ergibt sich die Notwendigkeit, dass vorhandene Simulationsmodell um die Teil-
systeme Dampferzeuger und Rauchgasweg zu erweitern. Eine Übersicht des Ge-
samtmodells ist in Abbildung 2 zu finden. Dabei ergeben sich, bedingt durch die
technologischen Besonderheiten der Anlage, besondere Herausforderungen bei
der Modellbildung des Dampferzeugers.
Abb. 2: Gesamtmodell des Kraftwerksprozesses mit einzelnen Modellteilen und
zugeordneten Stoff- und Energieströmen
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