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[de] (orig)
Multidimensionale Bildgebung und
Analysen von Batteriematerialien
vorgelegt von
Master of Science
Markus Osenberg
ORCID: 0000-0003-0836-627X
an der Fakultät III Prozesswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Naturwissenschaften
Dr. rer. nat.
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. Aleksander Gurlo
Gutachter: Prof. Dr. John Banhart
Gutachter: Prof. Dr. Julia Kowal
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 24. November 2022
Berlin 2023
ii
iii
iv
v
KURZZUSAMMMENFASSUNG
Für eine umfangreiche Analyse eines komplexen Probensystems wie einer Batterie ist es notwendig,
verschiedene bildgebende Messmethoden zu kombinieren. Dafür werden Synchrotron- und
FIB-Tomographien, großflächige REM-Analysen und in dieser Form einzigartige XANES-Radiographien
an Nickel-Mangan-Kobalt Kathoden präsentiert. Die Bildgebung ist dabei ein vielseitiges Werkzeug zur
Analyse von Materialien und Prozessen. Sie ist dabei nicht auf Oberflächen beschränkt. Durch die
geeignete Wahl der Sensorik und der Probenmanipulation werden tiefe Einblicke, wie der Korrelation
zwischen Batterieherstellungsparametern und erzeugten Materialstrukturen sowie darin im Betrieb
ablaufender Prozesse wie der Delithiierung ermöglicht. Dabei werden neben den
verfahrensabhängigen Möglichkeiten auch die Grenzen der Messmethoden beschrieben.
Neben der Bildgebung spielt auch die Bildinterpretation für eine umfangreiche Analyse eine
entscheidende Rolle. Es wird gezeigt, wie durch die Verwendung von Methoden des maschinellen
Lernens bei der Bildauswertung Klassifizierungsfehler um eine Größenordnung reduziert und die
Analyse von stark verrauschten Bilddaten überhaupt erst möglich gemacht werden kann.
ABSTRACT
A comprehensive analysis of a complex sample system like a battery needs a combination of different
imaging measurement methods. Synchrotron and FIB tomographies, large area SEM analyses and
XANES radiographies, unique in this form, on nickel-manganese-cobalt cathodes, are presented in this
work. Imaging is a versatile tool for the analysis of materials and processes and in this context, it is not
limited to surfaces. The appropriate choice of sensor technology and sample manipulation allows for
deep insights such as the correlation of battery fabrication parameters and generated material
structures as well as in operando processes such as delithiation. In addition to the process-dependent
possibilities, the limitations of the measurement methods are also shown.
Besides imaging, image interpretation is a crucial factor for comprehensive analysis. This work shows
how the use of machine learning methods in image interpretation can reduce classification errors by
an order of magnitude and make the analysis of highly noisy image data possible in the first place.
vi
INHALTSVERZEICHNIS
KURZZUSAMMMENFASSUNG ....................................................................................................... V
ABSTRACT .................................................................................................................................... V
1 EINLEITUNG .......................................................................................................................... 1
2 GRUNDLAGEN ....................................................................................................................... 5
2.1 BATTERIEN .................................................................................................................................. 5
2.1.1 Elektrodenmaterialien ......................................................................................................... 7
2.1.2 Delithiierung und Phasenumwandlung in Nickel-Mangan-Kobalt Kathoden ...................... 9
2.2 BILDGEBUNG ............................................................................................................................. 10
2.2.1 Röntgenbasierte Radiographie und Tomographie ............................................................ 11
2.2.2 Elektronen- und Ionenmikroskopie .................................................................................... 21
2.3 BILDANALYSE ............................................................................................................................. 26
2.3.1 Bildaufbereitung ................................................................................................................ 27
2.3.2 Klassifikation und Segmentation ....................................................................................... 29
2.3.3 Ermittlung von Strukturparametern .................................................................................. 34
3 SYNCHROTRONTOMOGRAPHIE ........................................................................................... 37
3.1 MOTIVATION............................................................................................................................. 37
3.2 AUFBAU UND DURCHFÜHRUNG .................................................................................................... 38
3.3 AUSWERTUNG ........................................................................................................................... 40
3.4 ZUSAMMENFASSUNG DES KAPITELS ZUR SYNCHROTRONTOMOGRAPHIE .............................................. 46
4 TOMOGRAPHIE MIT HILFE EINES FOKUSSIERTEN IONENSTRAHLS ......................................... 47
4.1 MOTIVATION............................................................................................................................. 47
4.2 AUFBAU UND DURCHFÜHRUNG .................................................................................................... 48
4.3 AUSWERTUNG ........................................................................................................................... 50
4.3.1 Analyse der klassifizierten poröser Materialien ................................................................ 50
4.3.2 Nickel-Mangan-Kobalt-Einzelpartikelanalyse ................................................................... 60
4.4 ZUSAMMENFASSUNG DES KAPITELS DER TOMOGRAPHIE MIT HILFE EINES FOKUSSIERTEN IONENSTRAHLS .. 64
5 ANALYSEN AN GROßFLÄCHIGEN ELEKTRONENMIKROSKOPISCHEN SCANS ............................ 65
5.1 MOTIVATION............................................................................................................................. 65
5.2 AUFBAU UND DURCHFÜHRUNG .................................................................................................... 67
5.3 AUSWERTUNG ........................................................................................................................... 68
vii
5.4 ZUSAMMENFASSUNG DES KAPITELS ÜBER DIE ANALYSEN AN GROßFLÄCHIGEN
ELEKTRONENMIKROSKOPISCHEN SCANS.......................................................................................... 73
6 XANES-SYNCHROTRON-RADIOGRAPHIE ............................................................................... 75
6.1 MOTIVATION............................................................................................................................. 75
6.2 AUFBAU UND DURCHFÜHRUNG .................................................................................................... 75
6.3 AUSWERTUNG ........................................................................................................................... 79
6.3.1 Radiale Untersuchung ....................................................................................................... 82
6.3.2 Räumliche Untersuchung................................................................................................... 92
6.4 ZUSAMMENFASSUNG DES KAPITELS ÜBER DIE XANES-SYNCHROTRON-RADIOGRAPHIE .......................... 98
7 ZUSAMMENFASSUNG ......................................................................................................... 99
8 AUSBLICK ........................................................................................................................... 101
9 LITERATUR ......................................................................................................................... 102
10 ANHANG ............................................................................................................................ 109
10.1 BEISPIELE VON XANES TRAININGSDATEN..................................................................................... 109
10.2 KONSTRUKTIONSZEICHNUNG DER XANES ZELLE ............................................................................ 110
DANKSAGUNG........................................................................................................................... 112
viii
1 Einleitung
1
1 EINLEITUNG
Die bekannteste Art der Bildgebung ist das Sehen selbst. Die Fähigkeit zu sehen spielt eine zentrale
Rolle bei der Interaktion mit unserer Umwelt1. Über unsere Sprache und die Verwendung von
Wahrnehmungswörtern lässt sich die Dominanz des Sehens als Sinneswahrnehmung belegen2, auch
wenn sich hier zeigt, dass das Gewicht stark von kulturellen Einflüssen abhängig ist. Die Dominanz wird
unter anderem auch dadurch widergespiegelt, dass, wenn unsere Augen geöffnet sind, zwei Drittel der
elektrischen Aktivität in unserem Gehirn dem Sehen zugeordnet werden3. Die menschliche Retina ist
in der Lage, dabei einen Datenstrom, welcher etwa 10 Megabits pro Sekunde entspricht, an das Gehirn
zu senden4. Der große Anteil der Gehirnaktivität bei der Verarbeitung dieser Daten zeigt jedoch auch,
dass das Sehen aus mehr besteht als dem Sammeln von sich räumlich und zeitlich veränderlichen
Intensitätsschwankungen. Etwas zu sehen bedeutet, Informationen zu extrahieren, also auch den
Datenfluss zu interpretieren. Das menschliche Gehirn hat sich somit evolutionär zu einem Meister der
Interpretation von bildlichen Daten entwickelt. Dies erklärt auch, warum die meisten Menschen, wenn
sie gefragt werden, welcher Sinnesverlust sie am meisten beängstigt, zumeist das Sehen nennen5.
Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass, im Vergleich zu den anderen Sinnen, sich ein Großteil von
wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit dem Sehen beschäftigt5,6.
Die beiden genannten Aspekte, also die Detektion bildlicher Daten und die Interpretation dieser
Informationen, sollen Schwerpunkt dieser Arbeit sein. Anders als die im täglichen Leben übliche Weise,
Bilder mit Hilfe von sichtbarem Licht aufzunehmen, soll hier jedoch der Fokus auf der Bildgebung mit
Hilfe von Röntgenstrahlen, Elektronen und Ionen liegen. Kombiniert mit dem Verfahren der
dreidimensionalen Tomographie sind so tiefe Einblicke in die Materie möglich, die mit sichtbarem Licht
nicht möglich sind. Mit einem Bild (oder Video) kann aus Sicht des Autors vieles einfacher erklärt
werden als mit jeder anderen Form der Datenrepräsentation, weil das menschliche Gehirn dazu
gemacht ist, visuell zu denken.
Die Bildgebung und Verarbeitung hat sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Dies liegt zum
einen an der weiten Verbreitung von Geräten wie Digitalkameras und heutzutage an den im noch
größerem Maße beeinflussenden Mobiltelefonen und der somit entstandenen Flut von Bildern und
Videos. Zum anderen hat sich auch die Möglichkeit der automatisierten Interpretation und auch
Manipulation der daraus entstandenen Daten rasant weiterentwickelt. Die Kombination aus
schnellerer Hardware und der großen Menge an z.B. in sozialen Netzwerken gut organisierten Bild-
und Metadaten erlaubt es zum Beispiel, eigentlich alte Verfahren7 (eine erste Beschreibung eines
neuronenähnlichen Netzwerkes gab es 1943) auf effizientere Weise neu zu nutzen, was die Aktivitäten
2.1 Batterien
2
von Firmen wie Facebook oder Google auf dem Gebiet erklärt8-10. Gerade Bereiche wie Muster-,
Gesichts- oder Personenerkennung wurden so weit vorangetrieben. Auch der Bereich des autonomen
Fahrens oder der Überwachung setzt auf diese Entwicklungen und es werden hohe Geldbeträge im
Bereich Bildgebung und Analytik investiert.
Hier hat, bezogen auf die Möglichkeit der Mobiltelefonie, immer und überall Bilder machen zu können,
neben der Bildgebung ein zweites Forschungsfeld einen entscheidenden Einfluss: die
Batterieforschung11-13. Ohne leistungsfähige Batterien wäre es nie möglich gewesen, so einfach mobil
und schnell Bilder zu machen und diese sofort mit anderen zu teilen. Die Entwicklung der Bildgebung
hat somit in den letzten Jahren auch entscheidend von der Entwicklung der Batterie profitiert. Ein
Schwerpunkt dieser Arbeit soll sein, diese Erkenntnisse umzudrehen und aufzuzeigen, mit welchen
innovativen Entwicklungen der Bildgebung die Batterieforschung vorangebracht werden kann. In der
Batterieforschung sind mehrere Kenngrößen von besonderem Interesse: Preis, Sicherheit,
Langlebigkeit, Energie- und Leistungsdichte und in den letzten Jahren vermehrt der Aspekt der
Nachhaltigkeit. Neben dem Preis sind hier gerade die Energiedichte, welche sich beim Handy in
längerer Akkulaufzeit oder beim Auto in einer größeren Reichweite niederschlägt, und die
Leistungsdichte, welche vor allem durch schnelleres Aufladen oder höhere abrufbare Leistung
bemerkbar wird, für den Endverbraucher direkt spürbar und sie wurden in der Vergangenheit oft
bemängelt. Den größten Einfluss auf alle genannten Aspekte hat die chemische Zusammensetzung der
Batterie. Hier kamen bei den Lithium-Ionenbatterien in den letzten Jahren besonders
Materialkompositionen zum Einsatz, welche auf Anodenseite aus Graphit und auf Kathodenseite aus
Nickel, Mangan und Kobalt bestehen14,15. Neben der Zusammensetzung existieren noch weitere
Möglichkeiten der Beeinflussung der Batterieleistung. Die innere Struktur der Batterie, also der genaue
räumliche Aufbau, hat ebenfalls einen großen Einfluss auf die Batterieeigenschaften. Diese Strukturen
lassen sich hervorragend mittels tomographischer Verfahren untersuchen16-18.
Diese Arbeit kombiniert somit die beiden oben genannten Themen - die Bildgebung und die
Batterieforschung - und präsentiert und erläutert im Detail eine umfangreiche Analyse von Nickel-
Mangan-Kobalt Batterie-Kathoden aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Nach einer grundlegenden Einführung in die Materie soll zunächst kurz in Kapitel 3 dem Leser die grobe
Materialstruktur mittels der Analyse röntgentomographischer Messungen nähergebracht werden. Die
Röntgentomographie ist ein weit verbreitetes Bildgebungsverfahren in der Materialwissenschaft, da
mit ihr hochdetaillierte, meist zerstörungsfreie Einblicke in Proben möglich sind. Das Ziel hier ist zu
zeigen, wie Batteriematerialien in repräsentativ großen Ausschnitten dreidimensional auf ihre Struktur
hin analysiert werden können und so Struktur und Herstellung miteinander verknüpft werden können.
Neben den Vorteilen sollen auch die Grenzen der Technik aufgezeigt werden.
1 Einleitung
3
Im darauffolgenden Kapitel 4 wird gezeigt, wie mittels fokussierter Ionenstrahl- und
Rasterelektronen-Tomographie (FIB/REM-Tomographie) einige der röntgentomographischen
Beschränkungen kompensiert werden können. Der Schwerpunkt in diesem Kapitel wird auf der
algorithmischen Klassifikation komplexer Messdaten liegen. Das Ziel ist hier die Verbesserung der
Klassifikation dieser Bilddaten und so die Präzisierung bzw. teils erst Ermöglichung von Auswertungen
solcher Messungen. Es wird eine anschließende, durch die neuen Verfahren ermöglichte
Datenauswertung präsentiert und auf Vor- und Nachteile der Verfahren eingegangen.
In Kapitel 5 wird mit der Schliffanalyse eine in der Batterieforschung noch wenig genutzte bildgebende
Messtechnik präsentiert. Ziel dieses Kapitels ist, zu demonstrieren, dass es nicht immer notwendig
oder hilfreich ist, sich allein auf hochdimensionale Messungen zu konzentrieren und dass, kombiniert
mit den zuvor gezeigten tomographischen Verfahren, Limitierungen einzelner Verfahren ausgeglichen
werden können.
Abschließend wird das Thema der röntgenbasierten Bildgebung wieder aufgegriffen. Hier wird jedoch
die dritte räumliche Dimension durch die Dimension der Zeit ersetzt und um die Energie erweitert.
Konkret bedeutet das, dass eine Halbzelle im Betrieb über die Zeit bei unterschiedlichen
Röntgenenergien radiographisch abgebildet wird. Ein Ziel ist dabei, mit Hilfe der in den
vorangegangenen Kapiteln gezeigten Analysen eine räumlich und zeitlich aufgelöste Analyse der
Delithiierung zu präsentieren. Das Besondere ist, dass derselbe Messaufbau verwendet wurde wie bei
der Tomographie, und dass so gleichzeitig tausende Kathodenpartikel vermessen und analysiert
werden konnten. Prinzipiell ist diese Art der Messung somit an nahezu jeder Bildgebungsbeamline an
einem Synchrotronspeicherring denkbar. Ein weiteres Ziel dieses letzten Kapitels ist, somit auch die
Machbarkeit solcher Messungen zu belegen und zu zeigen, dass so durch die gleichzeitige Abbildung
eines großen Bereiches einer Probe eine fundierte Aussage über probeninterne Prozessabläufe
möglich wird, wie sie zuvor nicht möglich war.
2.1 Batterien
4
2 Grundlagen
5
2 GRUNDLAGEN
2.1 BATTERIEN
Leistungsfähige wiederaufladbare Batterien mit großer Kapazität sind aus unserem heutigen Leben
nicht mehr wegzudenken. Angefangen bei unserem Bedürfnis, immer ein funktionierendes
Mobiltelefon in Reichweite zu haben, bis hin zur immer mehr in unseren Alltag drängenden
Elektromobilität, ist dies unübersehbar und für jeden spürbar. Auch wird mit dem immer wichtiger
werdenden Thema der erneuerbaren Energien die Nachfrage nach preiswerter, und effizienter
stationären Energiespeicherung immer wichtiger.
Gerade die Elektromobilität hat zuletzt zu einem rasanten Anstieg der jährlich produzierten Kapazität
bei wieder aufladbaren Batterien geführt. Waren diese Batterien 2010 noch vor allem in
Mobiltelefonen und Laptops zu finden, so treiben sie zehn Jahre später Autos an. In diesem Zeitraum
hat sich die jährliche Produktion von 325 GWh auf 725 GWh mehr als verdoppelt19. Es sei an dieser
Stelle angemerkt, dass im Jahr 2020 mit ca. 60% der gesamten hergestellten Kapazität immer noch die
Bleibatterie das Feld anführte19. Bei der für die Elektroautomobilität aktuell relevanten Technologie
der Lithiumionenbatterien, ist jedoch die Nickel-Mangan-Kobalt basierte Materialkomposition am
meisten vertreten14,15. Für 2030 wird (Stand 2022) allein durch die massive Erhöhung von
Produktionskapazitäten bei Lithiumionenbatterien mit bis zu
einer Verzehnfachung der hergestellten Kapazität20-22 gerechnet.
Dabei ist das Grundkonzept der Batterie schon lange bekannt.
Gemeint ist hier immer die wieder aufladbare Lithium-
Ionenbatterie. Ein schematischer Aufbau einer Batterie während
des Ladeprozesses ist in Abbildung 1 zusehen. Mit einer Batterie
ist es glich, effizient und reversible elektrische in chemische
Energie umzuwandeln. Bei der chemischen Reaktion der Be- und
Endladung findet eine räumlich getrennte Reduktion und
Oxidation statt, daher der Begriff Elektrochemie. Bei dem in der
Abbildung 1 dargestellten Ladeprozess wandern die positiv
geladenen Ionen in der Batterie durch den Elektrolyten und den
Separator von Kathode zu Anode, während die Elektronen einen
Umweg durch die nach außen führenden Ableiter nehmen. Diese
unterschiedlichen Transportpfade stellen somit besondere Ansprüche an die Strukturierung der
Batterie dar und sind ein Hauptgrund für die in dieser Arbeit getätigten Untersuchungen.
Abbildung 1: Schematischer Aufbau einer
Lithium-Ionenbatterie. Hier dargestellt ist
der Ladeprozess. Nicht im Bild beschriftet
sind der orange Kupferableiter, der graue
Aluminiumableiter und der die Anode,
Kathode und den Separator umschlie-
ßende Elektrolyt.
2.1 Batterien
6
Die grundlegende Reaktionsgleichung einer Batterie, welche dieser Arbeit zu Grunde liegt, ist eine
Redoxreaktion. Der für diese Arbeit interessante Ladevorgang wird durch die in Gleichung 1
dargestellten Reaktionsgleichungen beschrieben.
Li1Ni13
Mn13
Co13
O2 Laden (Kathode)
𝑘 Li++𝑘 𝑒+ Li1−𝑘Ni13
Mn13
Co13
O2
mit 𝑘<1
𝑘 Li++𝑘 e+𝑛 C Laden (Anode)
Li𝑘C𝑛
mit 𝑛6
(1)
Die theoretische spezifische Kapazität 𝑄𝑡ℎ einer Batterie kann nach der aus dem Faradayschen Gesetz
abgeleiteten Gleichung 2 bestimmt werden. Hier ist vor allem die Menge der speicherbaren Ionen 𝑛
mit Ladungszahl 𝑧 pro molarer Masse 𝑀 interessant. Für das oben gezeigte Beispiel gilt demnach für
Li+:𝑛=𝑧=1 und 𝑀= 96,46 g/mol.
𝑄𝑡ℎ=𝑛·𝑧·𝐹
3,6·𝑀 [𝑚𝐴
𝑔]
(2)
Mit der Faradaykonstante 𝐹=96485,33212 As/mol23 ergibt sich daraus eine theoretische spezifische
Kapazität von 277,85 mAh/g. Es nnen jedoch, wie noch gezeigt wird, nicht alle in der Kathode
gespeicherten Li-Ionen an der Be- und Endladung teilnehmen (der Prozess ist nicht zu 100% reversibel),
weshalb sich für die tatsächliche spezifische Kapazität eher ein Wert von 150 220 mAh/g ergibt11,24.
Das in Gleichung 1 genannte Material bestehend aus Nickel, Mangan und Kobalt, welche auf das
Gewicht bezogen den Hauptanteil der Kathode ausmachen, ist nur eine von vielen möglichen
Materialzusammensetzungen. Im folgenden Abschnitt soll genauer erörtert werden, warum gerade
die in den Gleichung 1 gezeigte Zusammensetzung für die weiteren Untersuchungen gewählt wurde.
2 Grundlagen
7
2.1.1 Elektrodenmaterialien
Für die Wahl des Elektrodenmaterials ist die
Energiedichte, welche z. B. beim Elektroauto die
Reichweite maßgebend festlegt, der
entscheidende Faktor. Die Energiedichte
wiederum ist neben der durch das Material
möglichen Kapazität über die zugehörige
Spannung definiert. In erster Linie ist die
Spannung, wie in Abbildung 2 dargestellt25,26,
abhängig von der Differenz der chemischen Potentiale der Zustandsdichten der beiden als Anode (𝜇𝐴)
und Kathode (𝜇𝐾) verwendeten Elektrodenmaterialien. Für die Spannung in einem offenen Schaltkreis
ergibt sich aus den Potentialen: 𝑉𝑂𝐶=𝜇𝐴−𝜇𝐾
𝑧25. In Abbildung 3 sind einige mögliche
Elektrodenmaterialien in Abhängigkeit von ihren Potentialen gegenüber Lithium und ihrer
theoretischen Kapazität dargestellt11,27,28. Die mögliche Spannung einer Batterie ist in diesem Graphen
durch den senkrechten Abstand von zwei Komponenten dargestellt. Bei der Wahl muss jedoch die
Stabilität des Elektrolyten mit bedacht werden. Hier muss 𝜇𝐾 größer sein als das höchste besetzte
Orbital (HOMO: aus dem englischen Highest Occupied Molecular Orbital) äquivalent und 𝜇𝐴 eine
kleinere Energie haben als das niedrigste nicht besetzte Orbital (LUMO: aus dem englischen Lowest
Unoccupied Molecular Orbital) äquivalent des Elektrolyten25 (dargestellt in Abbildung 2). So ist
sichergestellt, dass das Potential 𝑉𝑂𝐶 kleiner ist als die Bandlücke des Elektrolyten und so keine
Elektronen aus dem HOMO in das LUMO angeregt werden können. Eine solche Anregung würde zu
einer Reduktion des Elektrolyten an der Anode oder einer Oxidation des Elektrolyten an der Kathode
führen.
Neben der Optimierung der
Energiedichte gibt es jedoch
bei der Wahl der Materialien,
wie anfangs schon erwähnt,
noch weitere Kriterien. So
spielt die Stabilität der
Materialien gegenüber
wiederholter Einlagerung und
Abgabe von Ionen eine
wichtige Rolle, was bedeutet,
dass es zu keiner großen
Abbildung 3: Darstellung unterschiedlicher möglicher Elektrodenmaterialien11,27,28.
Abbildung 2: Schematische Darstellung der Zustandsdichten
einer typischen Lithium-Ionenbatterie25,26.
2.1 Batterien
8
Strukturänderung kommen darf, um somit eine hohe Lebensdauer der Batterie sicherzustellen. Die
ionische und elektrische Leitfähigkeit muss möglichst hoch sein um hohe Überspannungen und damit
Energieverluste/Wärmeentstehung zu verhindern. Dieser Punkt ist auch von entscheidender
Bedeutung bei der Betrachtung der Leistungsdichte einer Batterie. Außerdem sollte das Material
chemisch stabil, möglichst nicht giftig und preiswert bzw. gut verfügbar sein.
Die Nickel-Mangan-Kobaltverbindungen (kurz NMC), das Graphit und das reine Lithium sind
interessant, da diese einen guten Kompromiss der zuvor genannten Kriterien darstellen. NMC ist
aufgrund des Mangans sehr stabil29 und kann entsprechend über viele Zyklen be- und entladen werden
- je nach Zusammensetzung zwischen 800 und 2000 mal. Eine Batterie mit einer NMC-Kathode hat
abhängig vom Nickelanteil29 eine sehr hohe Leistungs- und Energiedichte, zwischen 260 und
300 Wh/kg30, in der sie von den zur Zeit viel verbauten Materialien nur durch Nickel-Aluminium-Kobalt
übertroffen wird. Beim Aspekt Sicherheit wird NMC von Eisen-Phosphat übertroffen, welches aber
eine geringere Energiedichte hat. Die R3m Kristallstruktur von NMC, auch als O3-Phase“
bezeichnet31, ist in Abbildung 4 dargestellt31-33. Neben der Einheitszelle ist ein Volumen mit der
Kantenlänge von fünf nm gezeigt, dass somit gut die lagenartige atomare Struktur des Materials
erkennen lässt. Außerdem entsprechen 5 nm etwa der Auflösungsgrenze der später gezeigten
Elektronemmikroskopieuntersuchungen. Durch diese Struktur nnen sich die in türkis dargestellten
Lithiumionen in zwei Raumrichtungen gut bewegen. Es liegt also eine in zwei Dimensionen gute
Ionenleitfähigkeit vor. Das dargestellte System ist vollständig mit Lithium beladen. Ist es in diesem
Zustand in einer Batterie verbaut, entspricht es dem maximal entladenen bzw. ursprünglichen Zustand.
Im Folgenden wird der Begriff Ursprungszustand für diesen Zustand von Batteriematerialien
Abbildung 4: Dreidimensionale Darstellung einer atomaren 𝑅3𝑚-Kristallstruktur und ihrer Einheitszelle. Bei
Li(Ni1/3Mn1/3Co1/3)O2 stellen die türkis eingefärbten Kugeln das Lithium und die blau eingefärbten Kugeln den Sauerstoff dar.
Die orangefarbenen Kugeln repräsentieren in gleichen Anteilen Nickel, Mangan oder Kobalt (NMC111)31-33.
2 Grundlagen
9
verwendet, welcher eben diesen ungeladenen, direkt aus der Herstellung kommenden Zustand
beschreibt.
Ein Vorteil der NMC-Materialklasse ist die Flexibilität bei dem Verhältnis der Zusammensetzung der
Übergangsmetalle. Sie sind in der Abbildung orange eingezeichnet, wobei jede orangefarbene Kugel
jeweils eines der drei Elemente repräsentiert. In dieser Arbeit wird das auch in der Industrie schon
etwas länger verwendete sehr stabile NMC111 behandelt, dies bedeutet, dass alle Übergangsmetalle
zu gleichem stöchiometrischen Anteil vorhanden sind. NMC111 ist ein etabliertes Materialsystem,
welches im Ursprungszustand sicher an Luft handhabbar ist. Das in dieser Arbeit untersuchte für eine
erhöhte Hochstromtauglichkeit zusätzlich hierarchisch strukturierte NMC111, ist in seiner
Zusammensetzung gut mit herkömmlichen unstrukturiertem NMC111 Materialien vergleichbar.
In moderneren Elektroautos (Stand 2022) werden zunehmend NMC622 Verbindungen verbaut34,35
(also mit den stöchiometrischen Anteilen: 60% Nickel, 20% Mangan und 20% Kobalt), was die
Energiedichte weiter erhöht, aber auch die Stabilität verringert. Der Trend zu immer nickelreicheren
Verbindungen wird sich voraussichtlich auch weiter fortsetzen, da so die Energiedichte immer weiter
erhöht und auf teures und giftiges Kobalt verzichtet werden kann. So wird in der Forschung bereits viel
mit NMC811 gearbeitet. Aber auch die bereits erwähnte Lithiumeisenphosphatverbindung ist
aufgrund ihres niedrigen Preises und ihrer hohen Sicherheit ein vielversprechender Kandidat r
zukünftige Anwendungen.
2.1.2 Delithiierung und Phasenumwandlung in Nickel-Mangan-Kobalt Kathoden
Im Folgenden soll die Delithiierung des in dieser Arbeit untersuchten NMC111-Materials genauer
erläutert werden. Für die in Abbildung 4 dargestellte Einheitszelle von voll mit Lithium beladenem
NMC111 ergeben sich die Gitterparameter a = 2,8 Å und c = 14,0 Å31. Die Übergangsmetallionen
Nickel, Mangan und Kobalt bilden mit jeweils sechs Sauerstoffatomen Oktaeder, welche, wie gut in der
Abbildung zu sehen ist, in Ebenen angeordnet sind. Während des Ladevorgangs, also der Abgabe von
Lithium aus dem Gitter, vergrößert sich der Gitterparameter c während a sich verkleinert36. Dies kann
durch den Ladungsausgleich im Material erklärt werden. So ergibt sich im Fall für Nickel mit der
Entnahme von Lithium eine zunehmende Erhöhung der Valenz der Nickelionen und somit auch eine
Reduktion ihrer Ionenradien: Ni2+ Radius 69 pm, Ni3+ mit Radius 56 pm und Ni4+ mit Radius 48 pm37.
Durch diese Radiusreduktion verkleinern sich die NiO6-Oktaeder, was den kleineren Gitterparameter a
erklärt, und gleichzeitig stoßen die sich so zunehmend partiell positiv geladenen Schichten gegenseitig
ab, was die Erhöhung des Parameters c erklärt. Dieser bis zu einer Ladespannung von ca. 4,2 V
stattfindende Prozess ist vollständig reversibel und stellt somit den Hauptmechanismus der Be- und
Endladung des NMC111-Materials dar36. Bis auf die Veränderung der Gitterparameter findet kein
2.2 Bildgebung
10
Phasenübergang statt und die O3-Phase bleibt also stabil bestehen. Die Volumenänderung der
Einheitszelle beträgt jedoch nur ca. 1 % wodurch das Material und die Batterie als ganzes System im
Betrieb nur geringer mechanischer Spannung ausgesetzt ist, was der Zyklenstabilität zugutekommt.
Bei der Zyklisierung von NMC ist zunächst vor allem das Nickel beteiligt, es wird zuerst oxidiert, und
dies wird im Laufe der Arbeit auch bei der Bildgebung noch von großem Interesse werden. Durch die
lagenartige Struktur findet bei der Be- und Entladung trotz abwesender Phasenumwandlung konstant
eine geringe Verschiebung der Potentiale durch die Verformung der Einheitszelle statt und führt im
Falle eines Ladeprozesses zu einer konstant ansteigenden Spannung. Dies kann im Umkehrschluss sehr
gut dazu genutzt werden, den Be- oder Entladeprozess zu überwachen, so ist es mit NMC
vergleichsweise einfach, vorherzusagen, in welchem Ladezustand sich die Batterie befindet. Das zuvor
ebenfalls genannte Beispiel der Lithiumeisenphosphat-Batterie hingegen weist eine sehr viel stabilere,
dreidimensional feste Olivin-Struktur auf38, was zu einer sehr flachen Be- und Endladekurve führt25 und
somit nur erschwert Rückschlüsse über den tatsächlichen Ladezustand der Batterie erlaubt.
Wird NMC hingegen zu höheren Spannungen als 4,2 V geladen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein
weiterer Prozess auftritt. Bei etwa 4,4 V kommt es zur Phasenumwandlung von der O3- in die O1-Phase
(P3m1)31. Anders als zuvor ist diese Phasenumwandlung nicht mehr vollständig reversibel. Bei der
Wiedereinlagerung von Lithium bildet sich keine reine lagenartige Struktur mehr aus, was letzten
Endes zu einem Verlust der Gesamtkapazität des Materials führt. Bei Spannungen über 4,6 V beginnt
zudem die Oxidation des Co2+ zu Co3+ im CoO6-Oktaeder.
2.2 BILDGEBUNG
Der Begriff Bildgebung beschreibt im Allgemeinen den Prozess eines Messverfahrens, welches
räumlich aufgelöste Informationen detektiert bzw. abbildet. Das älteste bildgebende Verfahren,
welches an einen Apparat geknüpft ist, ist die Lochkamera, wobei bei dieser Methode vor der
Erfindung der Fotografie die zweidimensionale Projektion der dreidimensionalen Realität zunächst
noch abgezeichnet werden musste. Mit Erfindungen wie dem Mikroskop, dem Fernrohr und der
Fotografie konnten mittels Bildgebung immer neue Felder der Wissenschaft vorangetrieben oder
überhaupt erst ermöglicht werden. Die Fotografie bereitete auch den Weg von der Detektion des
sichtbaren Lichts weg hin zu anderen Bereichen des elektromagnetischen Spektrums. Je nach zu
Grunde liegender chemischer Reaktion bei der Detektion und Entwicklung der Bilder wurde es möglich,
zum Beispiel den Röntgenbereich abzudecken. Dies führte unter anderem dazu, dass die
Röntgenbildgebung gerade neben der zuvor schon wichtigen Lichtmikroskopie dem medizinischen
Bereich zu einem enormen Fortschritt verhalf. Es wurde möglich, das Innere von Objekten abzubilden,
ohne diese Objekte selbst zerstören zu müssen.
2 Grundlagen
11
Neben der Fotografie wurden weitere Messverfahren entwickelt, welche auf Grund ihrer abbildenden
Eigenschaft als bildgebend bezeichnet werden, obwohl keine Informationen mittels Photonen
übertragen werden. Ein für diese Arbeit wichtiges Beispiel ist die Detektion von Elektronen, wie etwa
im Rasterelektronenmikroskop. Weitere Beispiele sind die Abtastung von henprofilen im
Rasterkraftmikroskop oder Verfahren, bei denen Schall zur Bildgebung genutzt wird, wie die
Sonographie.
2.2.1 Röntgenbasierte Radiographie und Tomographie
Die Definition des Bereiches der Röntgenstrahlung ist fließend im Allgemeinen bezeichnet sie aber den
Teil des elektromagnetischen Spektrums, welcher im Wellenlängenbereich zwischen 10 nm bis 10 pm
liegt, wobei aber in der Praxis auch wesentlich kleinere Wellenlängen erreicht werden können. Zum
Vergleich: Die Wellenlängen des sichtbaren Lichts, welche später bei der Bilddetektion ebenfalls
wichtig werden, liegen im Bereich zwischen 780 nm (rot) bis 380 nm (violett). In vielen der folgenden
Argumentationen werden nicht die Wellenlängen, sondern die äquivalenten Energien betrachtet.
Nach Formel 3 (die Formel wird später mit Formel 8 beim Thema Elektronenmikroskopie noch einmal
etwas genauer erläutert) ergeben sich im Vakuumfall aus Wellenlängen von 10 nm bis 10 pm Energien
(𝐸𝑒𝑉) von ca. 0,124 keV bis 124 keV, wobei in der Formel das Plancksche Wirkungsquantum, 𝑐 die
Vakuumlichtgeschwindigkeit, 𝜆 die Wellenlänge darstellen.
𝐸𝑒𝑉=𝑐
𝜆
(3)
Aufgrund ihrer Durchstrahlungseigenschaften eignet sich ntgenstrahlung sehr gut, um das Innere
von Materialien untersuchen. Die Röntgenphotonen fungieren hier als Sonde: Sie werden möglichst
kontrolliert erzeugt, interagieren mit der Probe und werden danach mittels unterschiedlicher
Detektorsystemen nachgewiesen und ihre Eigenschaften wie Energie gemessen, was wiederum
Rückschlüsse auf die Probe zulässt. In diesem Kapitel sollen die drei für die Bildgebung entscheidenden
Punkte, nämlich Erzeugung, Wechselwirkung mit Materie und Detektion von Röntgenstrahlung, in den
Grundlagen erläutert werden, um so eine strukturelle Analyse von Materialien und ihre
Zusammensetzung zu ermöglichen. Das folgende Kapitel erklärt die Wechselwirkung noch detaillierter,
bis dahin, dass mit der Bildgebung sogar eine chemische Analyse möglich wird.
ntgenquellen
Röntgenstrahlung kann auf unterschiedliche Weise erzeugt werden. Je nach der Technik und dem ihr
zugrundeliegenden Prinzip ergeben sich unterschiedliche Eigenschaften der erzeugten Strahlung. Die
2.2 Bildgebung
12
beiden für diese Arbeit wichtigen Prozesse sind zum einen die Beschleunigung/Abbremsung
hochenergetischer Elektronen (𝐸1keV) und zum anderen Übergänge von Elektronen eines Atoms
von einem energetisch höheren zu einem energetisch niedrigeren Schalenzustand. Der erste Fall führt
zu einem kontinuierlichen Energiespektrum wie der Bremsstrahlung. Auch die Erzeugung von
Röntgenstrahlung am Synchrotron beruht auf diesem Prinzip. Der zweite Fall hingegen führt zu einem
Linienspektrum, bei dem die Energien der Linien den Übergangsenergien der beteiligten Atomschalen
zugeordnet werden können. Da diese Übergangsenergien genau bekannt sind, können so über die
Energie der Strahlung genaue Aussagen über das beteiligte strahlende Atom gemacht werden.
Umgekehrt können so Atome auch gezielt angeregt werden, was im späteren Verlauf ebenfalls wichtig
wird.
Für diese Arbeit wurden zwei Techniken zur ntgenerzeugung genutzt: die Röntgenröhre für
Voruntersuchungen und der Wellenlängenschieber für die Tomographie von Batteriekathoden und für
XANES-Radiographien.
Bei der Röntgenröhre werden Elektronen in einer Vakuumröhre über eine Glühkathode emittiert und
mittels eines elektrischen Feldes mit einer Beschleunigungsspannung 𝑈𝐵 auf eine Anode, in unserem
Fall eine statische, luftgekühlte Wolframanode, beschleunigt. Treffen die Elektronen auf die Anode,
finden in dem für uns interessanten Energiebereich von 1 keV bis 100 keV die beiden zuvor
beschriebenen Mechanismen statt. Die eintreffenden Elektronen werden von den Coulombfeldern der
Wolframatome abgelenkt, erfahren dabei eine Impulsänderung und geben entsprechend ihrer
Energieänderung Strahlung ab (Bremsstrahlung). Das Maximum der Energie der entstehenden
Strahlung ist hier durch die Beschleunigungsspannung und die Elementarladung 𝑒 auf 𝐸𝑚𝑎𝑥= 𝑒𝑈𝐵
beschränkt und entsprechend ergibt sich die minimale Wellenlänge zu 𝜆𝑚𝑖𝑛=·𝑐
𝑒𝑈𝐵. Die
wellenlängenabhängige theoretische Intensitätsverteilung (reine Bremsstrahlung ohne
Eigenabsorption) ergibt sich aus der Kramerssche Regel39 (Gleichung 4). 𝐾 repräsentiert hierbei die
materialabhängige dimensionslose Kramerssche Konstante und ist proportional zur Ordnungszahl der
Atome der Anode.
𝐼(𝜆)𝑑𝜆=𝐾( 𝜆
𝜆𝑚𝑖𝑛1)1
𝜆2𝑑𝜆
(4)
Die Anode einer Röntgenröhre emittiert neben der Bremsstrahlung auch die zuvor bereits erwähnte
charakteristischentgenstrahlung.
2 Grundlagen
13
Bei dieser führt eine Impulsübertragung, wie in Abbildung 5 vereinfacht dargestellt, zwischen dem
eintreffenden, auf die Anode beschleunigten Elektron (Primärelektron, in blau eingezeichnet) und
einem sich auf einer inneren Schale befindenden Elektron (Sekundärelektron, grün eingezeichnet)
eines Anodenatoms statt. Reicht die übertragene Energie dazu aus, ein Sekundärelektron in eine
energetisch höhere zulässige und freie Schale anzuregen oder die Bindungsenergie des Atoms zu
überwinden, so entsteht ein freier Schalenplatz mit niedrigerer potentieller Energie. Ein Elektron des
so angeregten oder ionisierten Anodenatoms aus einer potentiell energetisch höheren Schale kann
nun die Schale mit dem niedrigeren energetischen Potential besetzen. Bei dem Übergang wird die
Energiedifferenz der beiden Schalen in Form von elektromagnetischer Strahlung abgegeben. Da die
Energiedifferenz zwischen den zwei beteiligten Schalen element-, übergangsabhängig und klar
definiert ist, wird die so emittierte Strahlung als charakteristische Strahlung bezeichnet. Die
Bezeichnung dieser Übergänge orientiert sich wie in Abbildung 5 exemplarisch für drei Linien
dargestellt an der Hauptquantenzahl n der zunächst frei gewordenen Schale (K-, L-, M-Schale) und der
Differenz der Hauptquantenzahl des Überganges (α, β, γ). Das hier dargestellte Atommodell ist stark
vereinfacht und entspricht dem Bohrschen Atommodell. Bei Betrachtung der Elektronenspins
verschieben sich die energetischen Potentiale der einzelnen Schalen je nach Spin und Orbital und es
kommt zu einer Feinstrukturaufspaltung (Orbital), welche zu einer weiteren
Hyperfeinstrukturaufspaltung (Spin) der möglichen Emissionslinien führt. Die Emissionslinien werden
nun mit einem weiteren Index versehen - beispielsweise wird Kα in Kα1 und Kα2 unterteilt. Die
Energiedifferenz dieser Linien ist jedoch so gering, dass dieser Effekt für weitere Betrachtungen in
dieser Arbeit vernachlässigt wird. Die charakteristische Röntgenstrahlung führt schlussendlich dazu,
Abbildung 5: Vereinfachtes Atommodell zur Erläuterung der Entstehung charakteristischer Röntgenstrahlung (oder
Röntgenfluoreszenz). Das dargestellte Modell entspricht dem Bohrschen Atommodell eines Natriumatoms. schwarze Kreise
repräsentieren Elektronen auf ihren Schalen, weiße Kreise stellen Lehrstellen in den Schalen dar. In blau dargestellt ist das
eintreffende Primärelektron und grün das aus seiner Schale herausgeschlagene, nun freie Elektron (Sekundärelektron).
2.2 Bildgebung
14
dass das kontinuierliche Spektrum der Bremsstrahlung von intensiven Peaks der vom Anodenmaterial
abhängigen charakteristischen Strahlung überlagert wird.
Diese intensiven scharfen Peaks, wie im unteren Bereich
in Abbildung 6 dargestellt sind, können gezielt
ausgenutzt werden, um Röntgenstrahlung hoher
Intensität mit für kleine Labore realisierbarem Aufwand
zu erzeugen. Gleichzeitig wird in der Abbildung aber
auch ersichtlich, dass die Brillanz dieser Technik, also die
Anzahl der Photonen pro Zeit, pro durchstrahlte Fläche
pro Raumwinkel und Energiebandbreite, im Vergleich
zur am Synchrotron erzeugten Strahlung um
Größenordnungen geringer ist. Abbildung 6 stellt eine
Zusammenstellung unterschiedlicher Quellen dar40-43
und es sind neben dem zuvor beschriebenen wenig
brillanten Bremsspektrum auch exemplarisch
charakteristische Linien für Kohlenstoff, Kupfer,
Aluminium und Molybdän eingezeichnet im Bereich der
Röhrenquellen aufgeführt. Ein Grund für die geringe
Brillanz klassischer ntgenröhren ist nicht nur ihre
geringe Gesamtintensität, sondern ist auch in der
Strahlcharakteristik begründet. So ist besonders der
Öffnungswinkel der erzeugten Strahlung verglichen mit den ebenfalls in Abbildung 6 dargestellten
synchrotronbasierten Quellen um Größenordnungen ausgedehnter. Die Brillanz der Bremsspektren
röhrenbasierter Systeme ist vor allem von der Wahl der Anode abhängig. Der untere grau dargestellte
Bereich repräsentiert in etwa die Brillanz stationärer Anoden, während der obere Brillanzbereich von
rotierenden Anoden mit Mikrofokusröhren erreicht werden kann40.
Die zweite für diese Arbeit wichtige Technik der Röntgenerzeugung wird im Synchrotron genutzt. Hier
werden ebenfalls Elektronen beschleunigt, aber anders als bei der Röntgenröhre werden diese nicht
auf eine Anode beschleunigt, sondern in einen Speicherring eingespeist und in regelmäßigen
Abständen kontrolliert abgelenkt. Durch die Ablenkung entsteht Röntgenstrahlung, die über
Beamlines aus dem Speicherring heraus zu den jeweiligen Experimenten geführt wird. Grob betrachtet
wird im Synchrotron dasselbe Prinzip wie bei der zuvor beschriebenen Bremsstrahlung ausgenutzt: es
ist im Synchrotron möglich, ein kontinuierliches, für die Ansprüche der Nutzer angepasstes Spektrum
bereitzustellen. Die Unterschiede beginnen jedoch bereits bei der Beschleunigung der Elektronen. Im
Synchrotron, wie etwa dem BESSY II, werden die Elektronen zunächst mit einem Linearbeschleuniger
Abbildung 6: Vergleich der Brillanz unterschiedlicher
Röntgenquellen40-43.
2 Grundlagen
15
vorbeschleunigt. Am BESSY II haben die Elektronen zu diesem Zeitpunkt bereits eine Energie von
50 MeV44. Anschließend werden die Elektronen in das Synchrotron eingespeist und dort weiter bis auf
1,7 GeV45 beschleunigt, um dann wiederum in den Speicherring eingespeist zu werden. Die Energie der
Elektronen im Speicherring ist somit im Durchschnitt um 4-5 Größenordnungen größer als bei einer
klassischen Röntgenröhre. Jeder der 32 Dipolmagnete45 (Ablenkmagnete), welche die Elektronen im
Speicherring am BESSY II auf einer nahezu Kreisbahn halten, erzeugt bereits wesentlich brillantere
Röntgenstrahlung als eine klassische Röntgenröhre (in Abbildung 6 als „BESSY II bend“ bezeichnet).
An der für diese Arbeit relevanten Beamline, der BAMline, wird zur Erzeugung von ntgenstrahlung
ein supraleitender 7 Tesla-Wellenlängenschieber (7T WLS) verwendet, der aufgrund seines starken
Magnetfeldes das energetische Spektrum der Photonen eines Dipolmagnetes noch weiter hin zu
energiereicherer Röntgenstrahlung verschiebt. Das Energiespektrum der erzeugten Strahlung wird
jedoch mittels unterschiedlicher Techniken gefiltert. In Abbildung 7 ist der Aufbau der BAMline
dargestellt42. Die drei wichtigsten Komponenten sind die Absorptionsfilter, der Doppel-
Multilayermonochromator (DMM, mit Wolfram-Silizium-Beschichtung) und der Doppel-
Kristallmonochromator (DCM, ein Siliziumeinkristall). Die Absorptionsfilter dienen dazu, den
niederenergetischen Anteil des Spektrums abzuschwächen. Dadurch wird die thermische Last auf dem
DMM und dem DCM reduziert, so dass diese sich weniger aufheizen und ein stabilerer und
konstanterer Betrieb möglich wird.
Abbildung 7: Schematische Darstellung der BAMline am BESSY II.
2.2 Bildgebung
16
Wie in Abbildung 8 zu sehen ist, fungiert der DMM als Bandpassfilter für die Röntgenstrahlung und
reduziert das ntgenspektrum auf eine Halbwertsbreite von ca. 300 eV (Abbildung 8, von a zu b). Mit
dem DCM ist eine weitere Reduktion der Halbwertsbreite auf ca. 1 eV möglich (Abbildung 8, von b zu
c). Die gezeigten Spektren wurden über einen digitalen Zwilling der BAMline (bereitgestellt durch die
BAM) simuliert. Der Zwilling wurde mit Hilfe der Python-Softwarebibliothek für Strahlenverfolgung und
Wellenausbreitung im Röntgenbereich dem Paket XRayTracer46 realisiert. Das reale Spektrum ist
breiter als das hier gezeigte, da z. B. thermische Effekte und Imperfektionen der Spiegel des DMMs
nicht berücksichtigt wurden.
Das in Abbildung 8 gezeigte Spektrum ist auf Grund des in Abbildung 7 gezeigten Aufbaus auf dem
Detektorschirm abhängig von der Detektionshöhe. Dieser Effekt ist besonders für das nur 1 eV breite
Energieband des DCMs wichtig und ist in der später noch genauer erläuterten Funktionsweise des
DCMs und des mit mehr als 10 Metern großen Abstandes zwischen DCM und Detektor bzw. Probe
begründet.
Wechselwirkung vonntgenstrahlung und Materie
Die für diese Arbeit entscheidende Wechselwirkung von Röntgenstrahlung mit der zu untersuchenden
Materie ist die Röntgenabsorption. Sie wird über das Lambert-Beersche Gesetz (Gleichung 5)
beschrieben, wobei 𝐼 die Intensität sowohl am Ort 𝑠 des Detektorsystems (Radiogramm) als auch am
Ort 0, also die Intensität vor der Probe (Flatfield) beschreibt.
Abbildung 8: Simulierte Röntgenspektren der BAMline. Die unterschiedlichen Graphen von a) bis c) zeigen immer engere
Energiebereiche, um die jeweiligen Verläufe der unterschiedlichen Spektren besser erkennbar zu machen. Dargestellt sind die
Strahlerzeugung mit dem 7 Tesla-Wellenlängenschieber (WLS, schwarze Linie), mit dem nachgeschalteten doppelten
Multilagenmonochromator (DMM, rote Linie) und dem nachgeschalteten Doppelkristallmonochromator (DCM, blaue Linie).
Die Spektren wurden sowohl mit einem 0,2 mm Berylliumfilter also auch ohne Absorptionsfilter simuliert. Die atmosphärische
Abschwächung wurde nicht berücksichtigt.
2 Grundlagen
17
𝐼(𝑠)
𝐼(0)=𝑒𝜇(𝜂
𝑠
0)𝑑𝜂
(5)
𝜇~𝜌 𝑍4
𝐴 𝐸3
(6)
Entscheidend für die Transmission
𝑇=𝐼(𝑠)𝐼(0)
durch die Probe ist der material-
und energieabhängige Absorptionskoeffizient 𝜇.
Die Extinktion 𝐸 ergibt sich aus der Transmission
über 𝐸=ln(𝑇). In Abbildung 9 ist der
Absorptionskoeffizient exemplarisch für Blei
aufgetragen47. Gut zu sehen ist, dass gerade in
dem für diese Arbeit relevanten
niederenergetischen Bereich der Photoeffekt
entscheidend für den Absorptionskoeffizienten
ist. Angenähert kann dieser hier über die
Formel 6 beschrieben werden, wobei 𝜌 die
Materialdichte, 𝑍 die Ordnungszahl und 𝐴 die
relative Atommasse darstellen. Ebenfalls gut in
Abbildung 9 zu erkennen sind die Absorptions-
kanten, welche ebenfalls durch den Photoeffekt
hervorgerufen werden. Hier kann wieder auf die
bereits beschriebene Abbildung 5 verwiesen
werden, da der dort für die Röntgenentstehung beschriebene Effekt mit den physikalischen
Zusammenhängen der Absorptionskanten verknüpft ist. Die Absorptionskanten entstehen durch den
Energieübertrag eintreffender Photonen auf Elektronen des bestrahlten/absorbierenden Materials,
hier Blei. Die Elektronen können genau die Energie aufnehmen, die notwendig ist, um sie auf eine
höhere, freie und zulässige Schalenposition oder das Kontinuum anzuregen. Wird bei der Bestrahlung
von Materie die Energie kontinuierlich erhöht, so nimmt der Absorptionskoeffizient zunächst nach
Formel 6 ab. Reicht die Energie jedoch aus, um die Elektronen anzuregen, steigt die Absorption
sprunghaft an, was der Kante entspricht, da die eintreffenden Photonen absorbiert werden bzw. ihre
Energie an die Elektronen abgegeben wird. Da, wie zuvor beschrieben, diese Energien für jedes
Material charakteristisch sind, entsprechen die Energien der Absorptionskanten genau den zuvor
beschriebenen charakteristischen Emissionspeaks.
Abbildung 9: Darstellung der unterschiedlichen, für die
Absorption relevanten Prozesse47.
2.2 Bildgebung
18
Die im Aufbau in Abbildung 7 gezeigten Absorptionsfilter beruhen ausschließlich auf dem Prinzip der
Absorption. Sie härten den Strahl des Wellenlängenschiebers auf, d.h. durch die Energieabhängigkeit
der Absorption absorbieren sie den niederenergetischen Teil der Strahlung mehr als den
hochenergetischen Anteil, sodass sich der Mittelwert des Spektrums nach dem Durchgang durch den
Filter zu höheren Energien hin verschiebt. Genau dieser Effekt tritt auch in der Probe selbst auf, was
eine Rekonstruktion der entlang des Strahlenverlaufes auftretenden Absorptionskoeffizienten sehr
komplex macht. Je monochromatischer die Strahlung ist, also je schmaler das Energiespektrum der die
Probe durchstrahlenden Röntgenstrahlung, umso weniger kann dieser Effekt auftreten. Dies ist die
Hauptmotivation dafür, bei der Röntgentomographie möglichst monochromatische Strahlung zu
verwenden, denn nur so ist eine genaue Bestimmung der an der Absorption beteiligten Materialien in
der Probe möglich. Besonders bei Batteriematerialien mit sehr unterschiedlich absorbierenden
Komponenten wie Kohlenstoff mit 𝜇𝐶=0,976 cm1 und Nickel mit 𝜇𝑁𝑖=278 cm−1 (jeweils bei
20 keV) ist es wichtig, monochromatisch zu messen.
Der DMM und der DCM funktionieren nach einem anderen Prinzip. Hier wird das Braggsche Gesetz (7)
ausgenutzt, wobei 𝑛 eine natürliche Zahl (die Beugungsordnung), 𝑑 einen Gitter- oder Ebenenabstand
und 𝜃 den Glanzwinkel, also dem Winkel zwischen einfallendem Strahl und Schicht- bzw. Kristallebene,
darstellen.
𝑛𝜆=2𝑑sin𝜃
(7)
Das Prinzip dieser Filter beruht auf der periodischen Streuung (Beugung) eintreffender Strahlung.
Entsprechen die Abstände dieser Streuung im Material genau einem Vielfachen der halben
Wellenlänge der eintreffenden Strahlung, so ist die gestreute Welle in Phase, wenn der Einfallswinkel
(Glanzwinkel) dem Ausfallswinkel entspricht (hohe Intensität). Bei anderen Winkeln löschen sich die
gestreuten Wellen aus (niedrige Intensität). Ist der Gitter- oder Ebenenabstand bekannt, so kann über
den Einfallswinkel eine bevorzugte Energie selektiert werden. Im DMM und im DCM der BAMline
werden jeweils zwei beugende Elemente hintereinandergeschaltet, damit das Experiment nicht
entsprechend der Ausfallswinkel verschoben werden muss. Der DMM besteht aus einem Stapel
abwechselnder Wolfram-Silizium-Beschichtung, wobei jede Wolframschicht eine Dicke von 19,8 Å und
jede Siliziumschicht eine Dicke von 13,2 Å hat. Die Spektren in Abbildung 8 wurde mit einem
100-lagigen Schichtsystem simuliert. Der DCM besteht aus 2 Siliziumeinkristallen. Hier stellen die die
Atome des Kristallgitters die Beugungsebenen dar.
2 Grundlagen
19
Nachweis von Röntgenstrahlung
Um Aussagen über die Wechselwirkung der Röntgenstrahlung beim Durchgang durch die Probe
machen zu können, muss diese detektiert werden. Für die in dieser Arbeit gezeigten Experimente und
Auswertungen ist lediglich entscheidend, wie viel Röntgenstrahlung an welchen Stellen durch die
Probe transmittiert wird. Es muss also am Detektor weder die Energie noch die Richtung, nur die
Intensität der Strahlung möglichst ortsgenau gemessen werden. Üblicherweise wird in solch einem Fall
auf eine Kombination von Szintillator und lichtempfindlicher Kameratechnik zurückgegriffen.
Das zunächst auf den Szintillator treffende Röntgenlicht wird in diesem zum Teil absorbiert und regt
ihn dadurch zum Leuchten an. Der an der BAMline eingesetzte Szintillator besteht aus einem
CdWO4-Kristall. Diese Art von Szintillator strahlt bei Anregung in den Wellenlängen von 380 nm bis
660 nm, hat eine maximale Abstrahlcharakteristik bei 470 nm48 und eine durchschnittliche
abstrahlende Wellenlänge von 508 nm, also im Bereich des grünen Lichtes49. Da der Szintillator für
sichtbares Licht transparent ist, kann das so entstandene Licht mittels klassischer Mikroskopoptiken
und Spiegel auf einen für Licht optimierten Detektorschirm (Kamera) abgebildet und detektiert
werden. Die Intensität der vom Szintillator emittierten Strahlung ist proportional zur Intensität der
einfallenden Röntgenstrahlung49. Über die Dicke des durchstrahlten Szintillators kann eingestellt
werden, wie viel Prozent der Röntgenstrahlung absorbiert wird und somit wie hell der Szintillator
strahlt. Durch Streuung im Szintillator wird allerdings mit zunehmender Szintillatordicke die mögliche
Auflösung schlechter. Nach dem für selbstleuchtende Objekte hier zu verwendenden
Rayleigh-Kriterium50,51 𝑑= 0,61𝜆NA
ergibt sich mit einer üblichen nummerischen Apertur NA von
0,25 eine maximale Auflösung 𝑑 von ca. 1,2 µm. Die Linearität der Kamera, die PRNU (aus dem
Englischen: photo response non-uniformity), ist für die an der BAMline eingesetzte PCO.4000 mit 2 %
angegeben52. Es wird angenommen, dass bei nahezu Unter- und nahezu Überbelichtung die Linearität
nicht mehr gegeben ist.
Mit den so beschriebenen Komponenten ist es möglich, Radiogramme aufzunehmen und daraus
Tomographien zu berechnen. Bei der Radiographie werden über einen Zeitraum Radiogramme und die
zugehörigen Flatfields aufgenommen. Solange keine Über- oder Unterbelichtung stattgefunden hat,
kann daraus nach Abzug des Dunkelstroms über die Quotientenbildung die Transmission der Strahlung
sowohl örtlich in der zweidimensionalen Projektion der Probe als auch zeitlich aufgelöst ermittelt
werden. Im Allgemeinen ist die zeitliche Auflösung solcher Radiogramme scharf durch die
Belichtungszeit der Kamera definiert. Bei der Tomographie wird zusätzlich die Probe rotiert. Über die
gefilterte Rückprojektion lässt sich dann aus den Radiogrammen die Dimension des Rotationswinkels
in die Dimension der Tiefe, also die dritte Raumrichtung, rekonstruieren. Bei der Tomographie findet
so eine Transformation der Zeit zunächst in einen Winkel und schlussendlich in die dritte Dimension
2.2 Bildgebung
20
statt, so dass am Ende der örtlich in drei Dimensionen aufgelöste Absorptionskoeffizient ermittelt wird.
Natürlich kann dies auch mit zusätzlicher zeitlicher Auflösung stattfinden, der 4D-Tomographie.
Allerdings muss immer beachtet werden, dass ein Teil der Informationen über die Zeit in die
Rekonstruktion der dritten Dimension einfließt, was gerade bei sich schnell verändernden oder sich
bewegenden Proben zu nicht korrigierbaren Artefakten führt.
XANES-Synchrotron Radiographie
Bei der XANES-Synchrotron-
Radiographie findet ebenfalls
eine Transformation von Zeit in
eine andere Dimension statt. Hier
wird während der Radiographie,
wie in der späteren Durchführung
der XANES-Radiographe noch
genauer beschrieben, die Energie
der transmittierenden
Röntgenstrahlung schrittweise
verändert. Die dritte Dimension
der Daten beschreibt also die
Röntgenenergie. So wird es
möglich, die energieabhängige
Absorption der Probe zunächst räumlich zweidimensional genauer zu untersuchen, was gerade an den
beschriebenen Absorptionskanten interessant ist, da diese sich bei einem sich strukturell und chemisch
verändernden Material wie delithiierende NMC Partikel verschieben. Sind zusätzliche
Voraussetzungen gegeben, ist also das Material durch weitere Messungen bekannt, kann die
zweidimensional räumliche Untersuchung auf die dritte Raumdimension erweitert werden. In
Abbildung 10 ist die für diese Arbeit entscheidende K-Kante des Nickelanteils des NMC Materials
gezeigt. Für eine sehr detaillierte Beschreibung dieser Kante wird hier auf Wang et al.36 verwiesen. Wie
bereits bei der Beschreibung des NMCs während der Delithiierung zuvor erwähnt, durchläuft
besonders der NiO6-Oktaeder durch die Oxidation von Ni2+ zu Ni4+ eine Formänderung. Durch die
zusätzliche partielle Abgabe der zwei Nickel-Valenzelektronen an den Sauerstoff werden die weiter
innen liegenden Elektronen des Nickels weniger abgeschirmt. Der sie bindende Potentialtopf wird also
tiefer, was dazu führt, dass eine Anregung dieser inneren Nickelelektronen erschwert wird. Dies führt
im Absorptionsspektrum dann bei zunehmender Oxidation zu einer Verschiebung der
Absorptionskante hin zu höheren Energien, was einer chemischen Verschiebung53,54 entspricht. Ein
Abbildung 10: Mittels XRayTracer simulierter Absorptionskantenverlauf von
reinem Nickel und LiNi0,3Mn0,3Co0,3O2. Im Detailplot wurde die Kante, welche in
dieser Arbeit untersucht wurde, mit einem grünen Pfeil markiert.
2 Grundlagen
21
weiterer Effekt ist die bereits erwähnte Verkleinerung des Atomradius, bzw. eine Verkürzung der
Nickel-Sauerstoff-Abstände. Dies kann genutzt werden, indem bei der Radiographie eine NMC-haltige
Probe bei unterschiedlichen Photonenenergien durchstrahlt wird und die Absorption in Abhängigkeit
der Energie gemessen wird. Ab der oxidationsabhängigen und somit auch lithiierungsabhängigen
Kantenenergie kommt es bei den NMC-Materialien dann zu einer verminderten Transmission. Das
heißt, bei stetiger Erhöhung der Energie erscheinen die NMC-Partikel auf dem Detektor dunkler. Wird
diese räumlich in zwei Dimensionen aufgenommene Verteilung nun wiederholt gemessen und dabei
die durchstrahlte Batterie zyklisiert, erlaubt dies Einblicke in die Bewegung des Lithiums in der
Batterieelektrode. Dieser vierdimensionale Datensatz, bestehend aus zwei Raumrichtungen, der
Energie und der Zeit, lässt sich dann noch um die Dimension der Tiefe erweitern, wenn die genaue
Morphologie und Form der zweidimensional gemessenen Strukturen bekannt ist.
Um diese notwendigen genauen Aussagen über das NMC-Material treffen zu können, wurde neben
der röntgenbasierten Bildgebung zusätzlich auf die elektronen- und ionenbasierte Bildgebung
zurückgegriffen. Im folgenden Abschnitt soll dies näher gezeigt werden.
2.2.2 Elektronen- und Ionenmikroskopie
Bei der Elektronen- und Ionenmikroskopie, wie in dieser Arbeit verwendet, werden Wechselwirkungen
beschleunigter geladener Teilchen zur Vermessung der Eigenschaften von Materie genutzt. Anders als
in den Kapiteln zuvor stellen somit nicht mehr die Photonen, sondern Elektronen oder Galliumionen
die Messsonden dar. Das Prinzip ist dabei sehr ähnlich dem der Anodenwechselwirkung bei der
Röntgenerzeugung, dargestellt in Abbildung 5.
Die Hauptmotivation, bei der Bildgebung beschleunigte Teilchen zu nutzen, ist im bereits erwähnten
wellenlängenabhängigen Rayleigh-Kriterium der Auflösungsbegrenzung51 begründet. Bei der zuvor
beschriebenen ntgenbildgebung wurde die Auflösung noch durch den im Bereich von 508 nm
emittierenden Szintillator auf ca. 1,2 µm beschränkt. Werden hingegen stark beschleunigte geladene
Teilchen wie Elektronen genutzt, so können nach de Broglie55 wesentlich kleinere Wellenlängen
erreicht werden. Für ein Elektron mit Ruhemasse 𝑚0 und Elementarladung 𝑒 ergibt sich relativistisch
über Gleichung 8 betrachtet so mit der Beschleunigungsspannung 𝑈𝑏, dem Planckschen
Wirkungsquantum , der Lichtgeschwindigkeit 𝑐 die entsprechende de Broglie-Wellenlänge55.
𝜆= 𝑐
(𝑒 𝑈𝑏)2+2 𝑒 𝑈𝑏 𝑚0 𝑐2
(8)
Der für die Elektronenmikroskopie typische Energiebereich 1-15 keV entspricht demnach einem
Wellenlängenbereich von ca. 10-39 pm, welcher es ermöglicht, in Kombination mit den bei
2.2 Bildgebung
22
elektromagnetischen Linsen nicht zu vernachlässigenden chromatischen und sphärischen
Aberrationen, Auflösungen von ca. 1 nm zu erreichen56.
Teilchenerzeugung und Strahlengang
Für die Teilchenerzeugung gibt es unterschiedliche Konzepte, welche sich einerseits aufgrund der
emittierten Teilchenart (z. B. Elektronen, Gallium-Ionen oder Xenon-Ionen), andererseits aufgrund der
benötigten Emissionscharakteristik (z. B. Quellgröße, Energie und Fluss) unterscheiden.
Bei der Elektronenmikroskopie sind für die Elektronenerzeugung üblicherweise
Schottky-Feldemissionskathoden im Einsatz, welche sich durch einen hohen Strahlstrom (im Bereich
108Acm2 sr
57), hohe Strahlstromstabilität und lange Lebensdauer auszeichnen57,58. Die auf dem
Tunneleffekt basierende Feldemission59 erlaubt es sehr feine, üblicherweise mit Zirkoniumoxid
beschichtete Wolframkathodenspitzen mit hohen Strahlströmen zu kombinieren56. Das für den
Tunneleffekt notwendige Feld wird dabei durch eine Kombination aus Suppressor- und
Extraktorelektrode erzeugt. Die so auf und durch eine Ringanode beschleunigten Elektronen werden
über eine Sequenz von Blenden, elektromagnetischen-/statischen Kondensor- und Objektivlinsen auf
die Probe fokussiert56. Mittels Ablenkspulen ist es dabei möglich, den Fokus des Strahls auf der
Probenebene zu rastern und so die Probe abzuscannen.
Bei Ionenquellen werden aus einem Reservoir Ionen emittiert, d.h. anders als bei der zuvor
beschriebenen Elektronenerzeugung verbrauchen sich Ionenquellen und müssen entsprechend ihrer
Nutzung regelmäßig getauscht und neu justiert werden. Bei der für diese Arbeit wichtigen
Galliumquelle werden Ga+-Ionen aus einem erhitzten und so verflüssigten Galliumreservoir aus einer
Galliumspitze emittiert. Auch hier wird über einen Extraktor und einen Suppressor die Quelle und
somit der Strom reguliert. Typische Beschleunigungsspannungen sind hier 30 keV. Anders als bei der
Elektronenerzeugung ist die Galliumquelle jedoch wesentlich weniger stabil, da sich die Galliumspitze
während des Verbrauchs verformen kann. Daher wird der Suppressor im Laufe einer Messung konstant
aktiv nachgeregelt. Der Strahlengang wird dann wieder analog zum Elektronenstrahlengang mittels
Blenden und elektrostatischer Linsen gesteuert. Ist es jedoch mittels Suppressor nicht mehr möglich,
den gewünschten Ionenstrom zu erzeugen, muss die Spannung des Extraktors angepasst werden, dies
hat eine Neujustage des Strahlenganges zur Folge.
Auf Grund dieser Tatsache sind Messungen im Idealfall bis zu 3 Tagen in Anhängigkeit der
Strahlparameter möglich; in der Regel werden ca. 30 Stunden stabile Strahlbedingungen erreicht.
2 Grundlagen
23
Teilchenwechselwirkung mit Materie
Treffen die beschleunigten
Primärstrahlelektronen auf die
Probe, so finden die bereits
zuvor beschriebenen
Wechselwirkungen der
Streuung bis hin zur
Absorption statt, dargestellt in
Abbildung 5. Anders als im
Kapitel Röntgenquellen ab
Seite 11, sind in dieser Arbeit
bei der Elektronenmikroskopie ausschließlich die gestreuten Rückstreu- und Sekundärelektronen von
Interesse, welche aus dem Material ausgetreten sind.
In Abbildung 11 sind Simulationen, erstellt mit dem Softwarepacket Casino60, der
Wechselwirkungsvolumina eines mit 2 keV bestrahlten Kohlenstoff- und Nickelvolumens im
Querschnitt gezeigt. In a) sind der Primärstrahl, die gestreuten Elektronen und die neu erzeugten
Sekundärelektronen farblich gekennzeichnet. In b) und c) sind die gestreuten Elektronenbahnen
entsprechend ihrer Energie eingefärbt. Anhand dieser Abbildungen sind viele Kontrastmechanismen
gut zu erklären. Für die Bildgebung werden die in den Probenraum zurückgestreuten Elektronen
detektiert, d.h. die Signalstärke ist zunächst von der Menge der die Probe wieder verlassenden
Elektronen abhängig. Durch das tiefere Eindringen in leichtere Elemente (Vergleich Abbildung 11 b
und c) wirken diese dunkler, da weniger Sekundärelektronen nahe der Oberfläche generiert werden
und weniger Rückstreuelektronen wieder austreten können. In Abbildung 11 b hingegen ist ein dem
entgegenwirkender Effekt zu sehen: wird in der Nähe einer Oberflächenkante gerastert, so können
Elektronen auch zur Seite austreten, was zu einem Kantenkontrast führt. Mit der Erhöhung der
Beschleunigungsspannung wird auch die Eindringtiefe erhöht, was wiederum den Kantenkontrast
weiter verstärkt. Vergleicht man Abbildung 11 b und c weiter, so ist zu erkennen, dass insgesamt der
Austrittsbereich bei leichteren Elementen größer ist als bei Schwereren, was zu einer Verschlechterung
der Auflösung führt. Da das tiefere Eindringen auch bei der Erhöhung der Energie auftritt, wirkt dieser
Effekt dem Rayleigh-Kriterium entgegen und das theoretische berechnete Auflösungsvermögen kann
real nicht erreicht werden.
Abbildung 11: Mit Casino simulierte Wechselwirkung von Elektronen mit Materie. In
a) sind der Primärstrahl, die Rückstreuelektronen und die erzeugten
Sekundärelektronen bei Interagieren mit Kohlenstoff gezeigt. In b) und c) sind nur die
Rückstreuelektronen und ihre Energien in Kohlenstoff und Nickel gezeigt.
2.2 Bildgebung
24
Das tiefere Eindringen kann jedoch auch
genutzt werden, um dünne Beschichtungen,
welche teils notwendig sind um schlecht
leitende Proben leitfähiger zu machen, zu
durchdringen. Abbildung 12 zeigt eine mit
Casino simulierte Kohlenstoffprobe welche,
40 nm große Nickelkugeln enthält und von
rechts nach links zunehmend mit Gold bedampft wurde. Auch hier ist wieder gut zu sehen, dass das
Kohlenstoffsignal dunkler ist als das Signal der schwereren Elemente. Außerdem ist gut zu erkennen,
dass bei einer Goldbeschichtung von ca. 10 nm mindestens eine Energie von 3 keV notwendig ist, um
überhaupt ein Signal aus der eigentlichen Probe erhalten zu können. Neben den beschriebenen
erwünschten Kontrasten entstehen jedoch auch störende Kontraste bzw. Messartefakte. Können die
die Probe zunehmend aufladenden Primärelektronen nicht abfließen, kommt es in der Probe zu
lokalen Aufladungen. An diesen Stellen treten aufgrund des elektrischen Feldes sehr viele Elektronen
wieder aus der Probe aus. Zusätzlich kommt es zu lokaler Primärstrahlablenkung und im Extremfall
wirkt die Probe wie eine zusätzliche elektrostatische Linse. Auf der Probe ist dann ein Abbild der
Probenkammer selbst zu sehen.
Auch wenn sich die beschleunigten Ionen ebenfalls zur Bildgebung eignen, da sie als geladene Teilchen
wie die Elektronen Sekundärelektronen generieren, so wurden sie im Rahmen dieser Arbeit
ausschließlich zur Probenmanipulation durch sputtern61 genutzt. Die im Vergleich zu den Elektronen
sehr viel schwereren Galliumionen durchlaufen beim Eintritt in das Material einen dreistufigen
Prozess. Erstens: sie werden abgebremst und geben dabei ihre Energie an die umliegenden Atome ab
und durch ihre hohe Masse kann so durch den mit elastischem Stoß beschreibbaren Prozess viel mehr
Energie abgegeben werden als beim Elektron. Zweitens: so entsteht ein Kaskadenprozess, gepaart mit
weiterem Materialtransport. Das heißt, beschleunigte Sekundärionen treffen wiederum auf weitere
Ionen die ebenfalls ähnlich angeregt werden und weitere Stöße ausführen können. Drittens: es kommt
zum Austreten von Partikeln aus der Atommatrix, dem eigentlichen Sputterprozess61. Galliumionen
sind also aufgrund ihrer großen Masse in der Lage, die Atome des bestrahlten Materials so in
Bewegung zu versetzten, dass diese die Austrittsarbeit überwinden nnen und ein Materialabtrag
stattfinden kann. So ist es möglich, mit dem fokussierten Ionenstrahl (FIB) präzise Probenmaterial zu
entfernen/abzutragen. Dieser Prozess ermöglicht es erst eine FIB/REM-Tomographie durchzuführen.
Abbildung 12: Simulation der Wechselwirkung von Primärelektronen
mit Materie. Die Probe besteht aus einem Kohlenstoffblock, welcher
5 Nickelpartikel mit einem Durchmesser von 40 nm enthält.
Zusätzlich ist der Kohlenstoff mit einer Goldschicht der Dicke von
0 nm bis zu 20 nm bedeckt.
2 Grundlagen
25
Elektronendetektion und Ionentomographie
Bei der Detektion werden möglichst viele der aus dem Probenmaterial emittierten Elektronen
nachgewiesen und gezählt. Es können bei der Detektion auch begrenzt Aussagen über die
Geschwindigkeiten der einzelnen Elektronen gemacht werden. Da bei der Rasterung des fokussierten
Teilchenstrahles über die Probenoberfläche bekannt ist, an welcher Stelle der Strahl die Probe trifft,
kann so jedem Ort eine Elektronenanzahl bzw. Intensität zugeordnet werden: es entsteht also ein Bild.
Die wie in Abbildung 11 gezeigt aus der Probe austretenden Elektronen werden dazu zunächst mit Hilfe
eines angelegten elektrischen Feldes in Richtung des Detektors abgelenkt. Hierbei kommt es zu einem
ersten, für diese Arbeit essentiellen Kontrastmechanismus. Je nach Morphologie um die
Elektronenaustrittsstelle kann der Weg des Elektrons in Richtung des Detektors von der Probe oder
dem Mikroskop selbst blockiert sein. Das Bild eines Elektronenmikroskops wirkt so wie ein Bild
aufgenommen aus Richtung der Teilchenquelle und beleuchtet aus der Richtung des Detektors (wenn
die Elektronengeschwindigkeit keine Rolle spielt). Dies führt zu einem Effekt ähnlich eines
Schattenwurfes. In dieser Arbeit wurden zwei verschiedene Detektoren genutzt. Der so genannte
InLens®-Detektor befindet sich im Primärstrahlengang der Elektronensäule56. Daher kommt es bei
seiner Benutzung zu weniger Abschattungseffekten als bei seitlich angebrachten Detektoren. Bei der
Benutzung des seitlich angebrachten SE2-Detektors kommt es bei der Betrachtung desselben
Probenbereiches zu einem verstärkten Oberflächenrauigkeitskontrast, welcher durch
Elektronenpfadabschirmung hervorgerufen wird56. Erreichen die abgelenkten Elektronen den
Detektor, so treffen sie zunächst auf einen photonenerzeugenden Szintillator, werden über Lichtleiter
aus der Probenkammer hinaus in einen Photomultiplier geleitet und so verstärkt und detektiert 56. Das
elektrische Feld des Detektors kann variiert werden. Wird die Spannung erhöht, typischerweise auf bis
zu +400 V56, werden mehr Elektronen abgesaugt und die Signalstärke nimmt zu. Wird sie hingegen
erniedrigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, langsame Elektronen in den Detektor abzulenken, das
Potential kann soweit verschoben werden, bis nur noch die schnellen Rückstreuelektronen detektiert
werden. Die so gegebenen Möglichkeiten der Kontrastvariation wurde in dieser Arbeit ausgenutzt, um
auf maschinellem Lernen basierte Algorithmen zu trainieren und so automatisiert unterschiedliche
Probenbereiche zu identifizieren.
2.3 Bildanalyse
26
Durch die Kombination von abwechselnder
sequenzieller Ionen- und Elektronen-
bestrahlung ist es glich, Proben in der Tiefe
zu untersuchen. Hierbei wird mittels
Ionenstrahl ein vorher definiertes Volumen
aus der Probe entfernt. Wird dann mittels
Elektronenstrahl auf eine der so freigelegten
Schnittkanten geschaut, wird ein Querschnitt
der Probe sichtbar. Wird nun diese
Schnittkante wiederholt durch den
Ionenstrahl abgetragen und jedes Mal ein
neues Bild der so immer weiter
vorangetriebenen Schnittkante
aufgenommen, entsteht eine FIB/REM-
Tomographie. Die Präparation einer FIB/REM-
Tomographie ist in Abbildung 13 gezeigt.
Anders als bei den zuvor gezeigten
Tomographieverfahren wird das vermessene
Volumen zerstört. Es sind Auflösungen typisch wie bei der Elektronenmikroskopie möglich. Die
Auflösung wird hier vor allem durch die Eindringtiefe der Elektronen in das vermessene Material
begrenzt. Die Volumengröße des möglichen tomographierten Volumens wird in erster Linie durch die
Langzeitstabilität der Ionenquelle eingeschränkt.
Sind dann die Bilder wie in Abbildung 13 aufgenommen, meist mehrere tausend pro Messung, so
müssen sie ausgewertet und interpretiert werden. Das nächste Kapitel wird diesen Prozess der
Bildanalyse erklären.
2.3 BILDANALYSE
Bei der Bildanalyse gilt es aus den wie zuvor beschrieben gewonnenen Daten Informationen zu
erhalten. Die gesuchten Informationen können aus einfachen Intensitätsschwankungen oder aber
auch aus sehr komplexen Strukturinformationen bestehen. Im folgenden Abschnitt soll gezeigt
werden, was bei der Bildaufbereitung möglich ist, um die Bildanalyse zu ermöglichen bzw. zu
vereinfachen und zu beschleunigen. In allen Fällen ist jedoch zunächst eine Beurteilung der Güte der
Daten notwendig, da die Möglichkeiten der Datenaufbereitung begrenzt sind. Eine gute Messung ist
durch keine anschließende Aufbereitung zu ersetzen. Diese erste Beurteilung erfolgte für diese Arbeit
Abbildung 13: Vorbereitete FIB-Tomographie. Die für die
Tomographie vorbereitete Schnittkante ist vergrößert dargestellt.
2 Grundlagen
27
visuell, d.h. bei jeder Messung wurde zunächst der Datensatz geprüft, was bei bildgebenden Verfahren
sehr gut durch den Nutzer möglich ist, und auf seine Auswertbarkeit beurteilt. Bei Synchrotrondaten
beschränkt sich dies auf die Beurteilung, ob der korrekte Bereich der Probe vermessen wurde und ob
die Probe stabil genug bei der Messung stand. Hier musste keine Synchrotronmessung wiederholt
werden. Bei der FIB/REM Messung hingegen ist diese Vorbeurteilung wesentlich wichtiger. Hier
mussten aufgrund von Probendrift, instabiler Galliumquelle und Teilausfällen der Detektoren
Messungen wiederholt werden.
2.3.1 Bildaufbereitung
Die Bildaufbereitung in dieser Arbeit hatte entweder eine Rauschreduktion oder glichst genaue
Klassifikation der Daten zum Ziel. Die Aufbereitung zur Klassifikation von Bilddaten ist sehr komplex
und besteht aus vielen Teilbereichen der Bildbearbeitung.
Filterfunktionen
Ein Filter in der Bildbearbeitung stellt einen automatisch, meist über wenige Parameter steuerbaren,
Algorithmus dar, welcher die in dem Bild (oder auch Volumen) gespeicherten Intensitätsverteilungen
in Abhängigkeit dieser Verteilungen neu berechnet. In dieser Arbeit wurden dazu die in den
Software-Paketen ImageJ/Fiji62,63, ilastik64,65 und Tensorflow9 implementierten Filterfunktionen
genutzt. Jeder Datensatz dieser Arbeit wurde nach der Messung zunächst durch den non-local-means
Filter66 entrauscht. Er hat die Eigenschaft, Strukturen wie Kanten und Texturen mit
Intensitätsschwankungen über dem zuvor ausgewählten Schwellwert nicht zu verändern und in den
restlichen Bereichen die Intensitäten benachbarter Pixel oder Voxel anzugleichen. Dabei wird ein Pixel
durch den Durchschnitt mit ähnlichen Pixeln ersetzt, wobei ähnliche Pixel durch den Vergleich der
Umgebung eines Pixels gefunden werden67. Dies heißt aber auch, dass ähnliche Pixel nicht nahe
zueinander liegen müssen (daher „non-local“), weshalb der Filter somit sehr rechenintensiv ist. Er stellt
einen struktursensitiven Entrauschungsfilter dar. Im Rahmen dieser Arbeit wurden gerade für die
maschinell lernenden Algorithmen viele weitere Filterfunktionen eingesetzt.
𝐼(𝑥,𝑦)=𝐴(𝑥+𝑖,𝑦+𝑗)𝑘(𝑖,𝑗)
𝑟
𝑗=−𝑟
𝑟
𝑖=−𝑟
(9)
2.3 Bildanalyse
28
Eine sehr effiziente Art der Filterung ist die diskrete Faltung68. Bei ihr
wird, wie in Abbildung 14 dargestellt und in Gleichung 9 beschrieben,
ein konstanter Faltungskern 𝑘(𝑖,𝑗) mit Radius 𝑟 über ein Bild 𝐴(𝑥,𝑦)
gerastert. Dabei wird abhängig von der Faltungskerngröße der
Bereich um das Ausgangspixel mit den jeweiligen Werten des Kernes
multipliziert und die Summe aller Werte an die entsprechende Stelle
des gefilterten Bildes 𝐼(𝑥,𝑦) geschrieben. Die Größe des
Faltungskernes (in der Abbildung ist der Radius 𝑟=1) stellt somit die Reichweite dieses lokalen Filters
dar und die Werte/Faktoren des Kernes bestimmen seine Wirkung. Der in Abbildung 14 dargestellte
Filter bewirkt somit die Durchschnittsbildung des ursprünglichen Pixels mit seinen direkten Nachbarn:
es handelt sich hier also um einen sehr einfachen Entrauschungsfilter. Faltende neuronale Netzwerke
beruhen auf diesem Prinzip, jedoch wird hier in der Regel noch zusätzlich das lineare System der
Faltung um die nichtlineare Aktivierungsfunktion erweitert. Das bedeutet, dass das Ergebnis der
Faltungsoperation im Anschluss noch mit einer nichtlinearen Funktion multipliziert wird. Neben der
hier beschriebenen Entrauschung ist es glich, mit Hilfe der Filterung weitere örtlich aufgelöste
Eigenschaften von Bildern zu extrahieren, bzw. zu verstärken. Mithilfe des Sobelfilterkernes werden so
zum Beispiel, ähnlich einer Ableitung, Kanten (= örtliche Signalsprünge) in Bildern verstärkt. Mit Hilfe
von Nachbarkernen lassen sich Bildtranslationen durchführen, was gerade bei der Klassifikation von
FIB/REM-Daten interessant werden wird. Auch wenn hier die zweidimensionale Variante der diskreten
Faltung beschrieben wurde, so lässt sich das Prinzip einfach auf höhere Dimensionen übertragen.
Neben der beschriebenen Entrauschung und der Kantendetektion ist noch die Struktur, bzw.
Texturbeschreibung von großem Interesse. Hier kommen weniger Faltungsfilter zum Einsatz. Ein
einfacher Filter dieser Kategorie ist die Filterung der Varianz oder der Standardabweichung. Hierbei
wird wieder über einen Filterradius ein lokaler Bereich um ein zu filterndes Pixel definiert und dann
z. B. die Standardabweichung aller Pixel des Bereiches an die Position des ursprünglichen zentralen
Pixels geschrieben. Das Resultat ist ein Mapping der lokalen Standardabweichung. Ein wesentlich
anspruchsvollerer, in dieser Arbeit viel verwendeter Filter, ist der Hessian Filter69. Mit ihm kann
zwischen Linien, Punkten und im dreidimensionalen zwischen plattenartigen Strukturen unterschieden
werden.
Auf faltenden neuronalen Netzwerken basierende Methoden verwenden ausschließlich Faltungsfilter,
welche sich beim Lernprozess stetig anpassen. „Random Forest (zu Deutsch Entscheidungswald)
Methoden hingegen nutzen alle hier beschriebenen Filter gleichzeitig. Beide Verfahren werden später
noch genauer erläutert.
Abbildung 14: Prinzipskizze einer
diskreten Faltung.
2 Grundlagen
29
Driftkorrektur
Für eine korrekte Datenauswertung ist eine Driftkorrektur unvermeidbar. Ohne die Driftkorrektur
werden bei der bildübergreifenden Analyse, d.h. im dreidimensionalen Raum oder bei Aufnahmen
über die Zeit, die falschen Pixel in Relation zueinander gesetzt und verknüpft. Bei allen in dieser Arbeit
gezeigten Verfahren, bei denen mehr als nur ein Bild zur Analyse benötigt wurde, war eine
Driftkorrektur notwendig. Das in dieser Arbeit ausschließlich verwendete Verfahren ist die
SIFT-Driftkorrektur, welche als Plugin70 in ImageJ/Fiji implementiert ist. Bei diesem Verfahren werden
lokal ähnliche Bereiche in einer Referenz und in dem zu korrigierenden Bild gesucht. Anschließend
werden die Koordinaten dieser lokalen Bereiche verglichen. Es ist so möglich, Rotationen und sogar
Verzerrungen von Bildern zu korrigieren. In dieser Arbeit wurde die Korrektur jedoch auf die
Bildtranslation beschränkt.
2.3.2 Klassifikation und Segmentation
Die Klassifikation von Bilddaten stellt den entscheidenden Punkt der Bildanalyse dar. Hier werden der
Intensitätsverteilung Label, also bekannte Strukturen oder Materialien, zugeordnet. Es findet also ein
Übergang von reinen, undefinierten Grauwerten zu logischen Objekten statt. Für eine Vermessung, die
über reine Intensitäten hinausgeht, also die Analyse von z. B. Formen, Verteilungen, Positionen oder
Nachbarbeziehungen, ist die Klassifikation essenziell. Die Klassifikation stellt die größte
Herausforderung an die Bildanalyse dar und ab diesem Punkt ist ein Vorwissen des Analysierenden
vorausgesetzt. Dies macht die automatisierte Analyse besonders kompliziert. Um Strukturen zu
erkennen und zu unterscheiden ist es jedoch notwendig, dass zuvor bekannt ist, wie diese aussehen.
Bei der Segmentation werden Bilddaten oder klassifizierte Objekte wieder in
Unterstrukturen/Gruppen unterteilt, es wird also eine Zerlegung aber keine Zuordnung durchgeführt.
Gerade bei großen zusammenhängenden Porenräumen kann dies wichtig werden. Die Klassifikation
ist voraussichtlich der größte Faktor bei der Betrachtung möglicher Auswertungsfehler. Ohne
ergänzende Messungen mit andern Verfahren, welche in dieser Arbeit nicht möglich waren, ist es
jedoch nicht möglich, diesen Fehler zu bestimmen. Die einzige Möglichkeit, eine automatisierte
Fehlerauswertung der Art, wie sie in dieser Arbeit durchgeführt wurde, durchzuführen, besteht
entweder in der Auswertung von simulierten und somit bekannten Daten oder in der Nutzung vom
Menschen manuell angefertigter Klassifikationen. Der zweite Ansatz wird im Kapitel 4 Tomographie
mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls gezeigt. Für die Einschätzung der Fehler wurde die
„Intersection over Union“ (IoU) genutzt. Bei ihr wird die Schnittmenge des erwarteten Objektes und
des klassifizierten Objektes durch die Menge des erwarteten Objektes geteilt, d.h. liegen Erwartung
2.3 Bildanalyse
30
und Vorhersage genau aufeinander ist die IoU eins, liegen sie teilweise oder gar nicht aufeinander geht
sie gegen null. Die IoU ist bei der Bildanalyse eine der am weitesten verbreiteten Metriken71.
Schwellwertverfahren
Das einfachste Verfahren der Klassifikation stellt das Schwellwertverfahren dar. Bei ihr wird in den
Bilddaten eine Grenzintensität festgelegt, welche die Bilddaten in zwei Teilmengen also zwei definierte
Klassen zerlegt, daher auch die Bezeichnung Binarisation. Ein wiederholtes Anwenden erlaubt dann
eine Klassifikation in beliebig viele Klassen. Bei Bilddaten mit im Histogramm klar trennbaren
Intensitätsverteilungen eignet sich dieses Verfahren, wenn die Verteilungen logische Objekte
widerspiegeln, besonders gut. Diese Voraussetzung ist jedoch in den wenigsten Datensätzen gegeben
- gerade Rauschen oder Artefakte wie Ringartefakte sorgen hier bei eigentlich gut geeigneten Daten
für Ergebnisse mit geringer Qualität. Das Auffinden von geeigneten Schwellwerten ist zum Beispiel
durch das Otsu-Verfahren automatisierbar72.
Maschinelles Lernen
Bei der Klassifikation komplexerer Bilddaten, insbesondere wenn keine klaren Intensitätstrennungen
mehr vorliegen und viele Klassen unterschieden werden sollen, sind Verfahren notwendig, welche die
Umgebung der zu klassifizierenden Pixel bis hin zum gesamten Bild mit in den Entscheidungsprozess
der Klassenzuordnung mit einbeziehen. Verfahren wie die Klassifikation mittels
Random Forest-Algorithmus oder faltende neuronale Netzwerke nutzen genau dies aus.
Wie bei den Filterfunktionen bereits erwähnt, nutzt der auf dem Entscheidungsbaum basierten
Random Forest-Algorithmus nicht nur die reinen Bilddaten bei der Entscheidungsfindung, sondern er
wertet viele unterschiedlich gefilterte Versionen des Eingangsbildes gleichzeitig aus73,74. Für jedes Pixel
liegt somit nicht mehr ein Skalar, also der Intensitätswert am Ort eines Pixels des Eingangsbildes,
sondern ein Vektor vor. Jeder Wert des Vektors beschreibt dann den Wert des Pixels bei
unterschiedlicher Filterung (z. B. Originalgrauwert, Grauwert nach Durchschnittbildung mit allen
Nachbarn, …). Für die Anwendung des Random Forest-Algorithmus muss dieser jedoch zuvor trainiert
werden. Das heißt, es muss eine Entscheidungsvorschrift erstellt werden, nach der alle eingehenden
Vektoren in die zuvor gewählten Klassen klassifiziert werden nnen. Dazu muss ein Teil der Daten
manuell gelabelt also klassifiziert werden. Die Vektoren der so gelabelten Daten werden durch das
Label erweitert und dienen als Trainingsdatensatz. Für das Training an diesem Datensatz gibt es
unterschiedliche Verfahren. In dieser Arbeit wird der Iterative Dichotomiser 3“ Algorithmus (ID3)73
verwendet. Beim Training findet demnach eine Minimierung der Informationsentropie 𝐻(𝑆):
2 Grundlagen
31
𝐻(𝑆)=𝑝𝑖log2𝑝𝑖
𝑚
𝑖=1
(10)
statt74, wobei 𝑆 die Menge der Trainingsdaten mit 𝑚 zu klassifizierenden Klassen darstellt. 𝑝𝑖 ist dann
die Wahrscheinlichkeit, in der Menge 𝑆 bei zufälliger Auswahl die Klasse 𝑖 zu wählen. Ein jeder
Entscheidungsbaum eines Random Forest-Modells besteht wiederum aus sich fortlaufend immer
weiter aufspaltenden Entscheidungsknoten. An jedem Knoten wird die Menge 𝑆 mittels
Schwellwerten in 𝑛 Teilmengen 𝑆𝑗 zerlegt, so dass die Summe aller Teilinformationsentropien geringer
ist als zuvor. Mit jeder Knotenpunktebene wird so der Informationsgewinn 𝐼𝐺(𝑆,𝐸):
𝐼𝐺(𝑆,𝐸)=𝐻(𝑆)|𝑆𝑗|
|𝑆|𝐻(𝑆𝑗)
𝑛
𝑗=1
(11)
maximiert74. 𝐸 repräsentiert hier eine der möglichen „Entscheidungen“. Eine Entscheidung ist ein
Eintrag im Trainingsvektor, welcher, wie zuvor beschrieben, einen spezifischen gefilterten Grauwert
darstellt. Mit der gegebenen Trainingsmenge 𝑆 wird also zunächst die Informationsentropie bestimmt.
Im ungünstigsten Fall ist der Datensatz genau zu 50% geteilt in zwei Klassen (zum Beispiel „Pore“ und
„NMC“). 𝐻(𝑆) wäre dann 1 Bit. Das andere Extrem wäre das Vorhandensein nur einer Klasse, dann
wäre die Entropie 0 Bit und das Training wäre abgeschlossen, da der Datensatz bereits vollständig
klassifiziert ist. Der nächste Schritt ist die Bestimmung, bei welcher Entscheidung der Datensatz mittels
eines Schwellwertes so aufgespalten werden kann, dass 𝐼𝐺(𝑆,𝐸) maximal wird. Es wird also mittels
Iteration die gefilterte Variante des Eingangsbildes bestimmt, bei der dies zutrifft. Ein Beispiel wäre
hier der Sobelfilter mit Radius 10 Pixel. Die neuen, nun mittels Sobelfilterschwellwert besser sortierten
Teilmengen werden wieder neu aufgespalten, bis kein Informationsgewinn mehr glich ist, oder
jeder Filter genutzt wurde. Zur Minimierung von Überanpassung werden beim
Random Forest-Algorithmus viele dieser Entscheidungsbäume generiert. Jeder Baum ist dabei anders,
da vor dem Start der jeweiligen Generierung jeweils neu nur eine Teilmenge von 𝑆 überhaupt zur
Verfügung gestellt wird. Das Gesamtresultat ergibt sich dann aus dem Durchschnitt der Ergebnisse
aller Bäume.
Ist das Modell trainiert, kann es auf die restlichen Daten angewendet werden. Vereinfacht besteht das
Modell dann aus einem Rezept mit vielen „Wenn der Grauwert bei Sobelfilterung einen Wert größer
als X hat und im Original einen Wert kleiner als Y, dann handelt es sich um eine Pore“-Anweisungen.
Random Forest-Modelle sind zum Beispiel mittels ilastik64,65 oder Weka75,76 leicht an Bilddaten
trainierbar, da diese eine graphische Benutzeroberfläche zum Labeln der Daten zur Verfügung stellen.
Mit Hilfe des Informationsgewinns ist es beim Random Forest-Algorithmus auch glich eine
2.3 Bildanalyse
32
Wichtigkeit der Filter zu ermitteln, da im Allgemeinen die hilfreichsten Filter/Entscheidungen im
Durchschnitt die Entropie am stärksten minimieren. Außerdem nnen mit Hilfe von
Random Forest-Algorithmus beim Training diejenigen Vektoren bestimmt werden die, sich am
schlechtesten klassifizieren lassen, was das Nachtrainieren vereinfacht. Dies wird auch als „Human in
the loop“ bezeichnet. Der große Nachteil des Random Forest-Modells ist bei der Bildgebung der große
Speicherbedarf, denn es vergrößert sich ein zu klassifizierender Datensatz um den Faktor der Anzahl
der genutzten Filter. Faktoren von 50-150 sind hier nicht selten. Außerdem ist diese Klassifikation
verglichen mit derjenigen von faltenden neuronalen Netzwerken sehr langsam.
Faltende neuronale Netzwerke entwickeln die zur Klassifikation notwendigen Filter während des
Trainingsprozesses selbst. Das in dieser Arbeit verwendete Netzwerk stellt ein sehr kleines und auf nur
eine Dimension reduziertes faltendes Netzwerk dar. Anders als in Abbildung 14 wurde nur ein
eindimensionaler Kern, also ein Vektor, über einen Datenvektor gefaltet. Das Prinzip neuronaler
Netzwerke basiert, wie der Name schon sagt, auf der Aktivierung von Neuronen in unserem Fall
Faltungskernen. Im Allgemeinen sind so mehrere Lagen von künstlichen Neuronen
hintereinandergeschaltet. Eine Information, also eine eingehende Anregung 𝑋1 führt hier beim
Training über zunächst lineare Funktionen 𝑌=𝐴𝑋1+𝑏 zu einer Aktivierung 𝑌 des verbundenen
Neurons. 𝐴 stellt hier die Faltungskerne und 𝑏 einen Offsetvektor dar. Angeknüpft an diese lineare
Funktion wird dann eine nicht lineare Operation 𝑓, welche zur neuen Anregung 𝑋2 für die nächste Lage
von Neuronen führt: 𝑋2=𝑓(𝑌). Für diese Arbeit wurde für 𝑓 die ELU-Funktion (Abkürzung aus dem
Englischen: Exponential Linear Unit) verwendet, was bedeutet, dass bei negativer Anregung:
𝑋2=𝑒𝑌1 und sonst 𝑋2=𝑌77 gilt. Um das Training zu beschleunigen, ist es zusätzlich möglich, noch
Lagen in das Netzwerk einzubauen, welche nicht trainiert werden, die Lagen aber zum Beispiel in ihrer
Größe reduzieren und nur die aktivsten Signale weiterreichen. Dies wird als Maxpooling bezeichnet.
Die letzte Ebene von Neuronen des Netzwerkes hat dann die Dimension der gewünschten Information.
In dieser Arbeit wurde ein einzelner Wert, also ein Skalar gesucht. Nach einer zunächst zufälligen
Initialisierung aller Parameter 𝐴 und 𝑏 werden die Trainingsdaten in das Netzwerk gegeben und das
Ergebnis der ersten Iteration, im Allgemeinen Epoche genannt, ausgewertet. Für die Auswertung ist es
notwendig, zu ermitteln, wie weit das durch zunächst zufällige Initialisierung ermittelte Ergebnis von
dem aus dem Trainingsdatensatz bekannten Zielwert, oder auch „ground truth“, abweicht. In dieser
Arbeit wurde für diese sogenannte Verlustfunktion der Abstand genutzt, also der Absolutbetrag der
Differenz zwischen Ergebnis und Zielwert. Nun findet in einem neuronalen Netzwerk die Optimierung
der Parameter statt. Anhand der Fehlerrückführung78 über die nach der Kettenregel partiell
abgeleiteten Aktivierungsfunktionen werden die Parameter 𝐴 und 𝑏 mittels Gradientenverfahren,
bzw. im Falle dieser Arbeit genauer dem „Adam optimizer“79 korrigiert. Die nächste Epoche wird dann
mit neuen optimierten Parametern wird gestartet. Beim Training sollte die Verlustfunktion immer auch
2 Grundlagen
33
parallel zum Trainingsdatensatz für einen Validierungsdatensatz bestimmt werden. Der
Validierungsdatensatzfehler fließt dabei nicht in die Parameteroptimierung mit ein, wodurch ein
potenzielles Überanpassen erkannt werden kann. Es sollte also nur so lange trainiert werden, bis
dieVerlustfunktion für die Validierungsdaten minimal ist. Im Falle eines Anstieges lernt das Netzwerk
nur noch die Trainingsdaten auswendig“ (overfitting), was beim späteren Anwenden des so
überangepassten Modelles zu potentiell schlechteren Ergebnissen führt. Für die Bildklassifikation
haben sich in den letzten Jahren sehr viel komplexere Netzwerkstrukturen bewährt. Ein sehr
erfolgreiches Modell stellt hier das sogenannte U-Net dar80.
Unabhängig von der Netzwerkstruktur stellt das größte Problem bei der Nutzung dieser Ansätze die
Verfügbarkeit von Trainingsdaten dar. Es ist zwar möglich, mittels einer Datenaugmentation, also der
künstlichen Veränderung der vorhandenen Trainingsdaten, die Gesamtmenge der Daten zu erweitern,
aber für eine erfolgreiche Generierung leistungsstarker Modelle sind gute Trainingsdaten
unumgänglich. Die Schwierigkeit des Trainings liegt also weniger bei dem Design und Programmierung
des Netzwerkes als viel mehr bei der Zusammenstellung der Trainingsdaten, was diese Daten sehr
wertvoll macht. Erfolgreich trainierte, auf faltende neuronale Netzwerke basierende Modelle zeichnen
sich bei der anschließenden Anwendung auf für das Netzwerk unbekannte Daten durch sehr hohe
Geschwindigkeiten aus.
Logische und Morphologische Filter
Nach der Anwendung von maschinell lernenden Algorithmen sind oft trotz umfangreichen Trainings
noch Fehler in der Klassifikation enthalten, welche durch morphologische und logische Operationen
beseitigt werden können. Ist zum Beispiel bekannt, das eine bestimmte Klasse A nie in Kontakt zu einer
zweiten Klasse B sein kann, sie aber bei der Bildgebung ähnlich einer dritten Klasse C aussieht, so kann
über einen logischen Filter jeder Datenpunkt der Klasse A der in Kontakt mit Klasse B gefunden wurde
in Klasse C umgewandelt werden. Ein ähnlicher Fall wäre eine Klasse, welche einen festen
Aggregatzustand repräsentiert, welche aber als einzelne Partikel ein einer Gas-repräsentierenden
Klasse „schwebt(meist hervorgerufen durch unzureichend trainiertes Rauschen). Dies kann auch
mittels logischer Filter entfernt werden. Im zweiten Fall eigenen sich hingegen morphologische Filter
besonders gut. Neben der Erosion und der Dilatation, welche Masken schrumpfen und wachsen lassen,
ist es so auch möglich mittels morphologischem Öffnen (erodieren gefolgt von dilatieren) sich
berührende Strukturen zu trennen, einzelne Punkte zu entfernen oder mittels morphologischem
Schließen das Gegenteil zu bewirken. Des Weiteren ist es mittels morphologischer Filter möglich,
geschlossene Poren zu verfüllen oder Strukturen abzurunden. Diese Klasse von Filter ist einfach
aufgebaut und sind in Quelle 81 genauer beschrieben.
2.3 Bildanalyse
34
Wasserscheidentransformation
Mit Hilfe der Wasserscheidentransformation kann eine binäre Maske, also eine einzelne ausgewählte
Klasse, weiter in Teilbereiche zerlegt werden. Bei der Zerlegung ist hier das Ziel, zergliederte Strukturen
wie Porennetzwerke oder Partikelschüttungen weiter aufzuspalten bzw. zu segmentieren. Dazu
werden diese Strukturen mittels einer Distanzfunktion gefiltert, d.h. jedem Ort in der Maske wird sein
Abstand zum Maskenrand zugewiesen. Diese Information wird dann als „Tiefe“ interpretiert.
Vergleichbar mit dem Fluten eines Sees können dann durch die kontinuierliche Verringerung eines
Schwellwertes Kontaktbereiche lokaler Maxima gefunden werden. Daher der Name: dies entspricht
der Wasserscheide zweier nahe beieinanderliegender Seen oder ineinanderfließender Flüsse. Das
Ergebnis ist die Zerteilung von Strukturen in feinere Unterstrukturen, wobei die Wasserscheiden genau
bei den die Unterstrukturen verbindenden Flaschenhälsen oder Berührungspunkten liegen. Durch ein
Vorfluten ist es möglich, hier einzustellen, wie fein die Ausgangsmaske untergliedert werden soll.
2.3.3 Ermittlung von Strukturparametern
Ist die Klassifizierung und Segmentation der Messdaten abgeschlossen, kann die eigentlich Analyse,
also die Vermessung der Daten, beginnen. Die einfachste Art der Auswertung stellt hier das Zählen von
Datenpunkten dar. Hierbei werden durch die Segmentation getrennte Bereiche mittels
Nachbarfilterung einer Zahl zugeordnet. Dadurch ist jede Struktur, wie zum Beispiel ein Partikel,
maskiert und identifiziert. Jeder dieser Masken können dann weitere Eigenschaften zugeordnet
werden. Neben der Position der Maske im Raum oder der Anzahl der die Maske repräsentierenden
Datenpunkte können diese Eigenschaften auch komplexer ausfallen und führen zu einer
Informationsmatrix, welche die Probe beschreibt. Einige wichtige Parameter sind in Tabelle 1
aufgeführt. Für Abstandsmessungen gibt es verschiedene Metriken und in dieser Arbeit wurde die
euklidische Metrik verwendet. Durch angeschlossene Klassifikationen oder Segmentationen nnen
jeder zuvor bestimmten Maske wieder Untermasken zugeordnet werden, welche dann wiederum
äquivalent zu ihren übergeordneten Masken vermessen werden.
2 Grundlagen
35
Tabelle 1: Auflistung der wichtigsten Eigenschaftsparameter.
Bezeichnung
Softwarepacket für
Berechnung
Verfahren / gegebenenfalls Definition
Volumen 𝑉
Fiji 62
MorpholibJ 82
Anzahl der Datenpunkte multipliziert mit der
Voxelgröße
Volumen äquivalenter
Durchmesser 𝑑
Origin
𝑑=6 𝑉 𝜋−1
3
Sphärizität 𝑆
Fiji
MorpholibJ
𝑆=36 𝜋 𝑉2
3𝑂−1
Durchschnittliche Intensität
Fiji
MorpholibJ
Durchschnittswert aller Voxel bei Anwendung der
Maske auf Originaldaten
Standardabweichung der
durchschnittlichen Intensität
Fiji
MorpholibJ
Standardabweichung aller Voxel bei Anwendung
der Maske auf Originaldaten
Ellipsoid Radii
Fiji
MorpholibJ
Eigenwerte der Kovarianzmatrix83
Ellipsoid Orientierung
Fiji
MorpholibJ
Eigenvektoren der Kovarianzmatrix83
größte in die Maske passende
Kugel
OpenPNM
PoreSpy84
Bestimmung über Distanztransformation
Anzahl der Nachbarn
OpenPNM
PoreSpy
Anzahl der durch Wasserscheide abgetrennten
Nachbarn
Oberfläche 𝑂
Fiji
MorpholibJ
diskretisierte Crofton-Formel (13 Richtungen)81,85
Bei der Netzwerkanalyse werden dann jedem Maskenpaar noch weitere Eigenschaften über ihre
Verbindung zugeordnet. Stellt jede Maske zum Beispiel eine segmentierte Pore dar, so wären in den
Verbindungseigenschaften die Verbindungslänge und der Durchmesser des
Verbindungsflaschenhalses zu jeder benachbarten Pore vermessen worden. So ist es möglich mit den
segmentierten und vermessenen Daten Korrelationen zu bestimmen oder komplexe Pfadanalysen
durchzuführen und so funktionale Materialien basierend auf ihrer Struktur zu beschreiben.
2.3 Bildanalyse
36
3 Synchrotrontomographie
37
3 SYNCHROTRONTOMOGRAPHIE
3.1 MOTIVATION
Die Synchrotrontomographie stellte in dieser Arbeit bei der Untersuchung von strukturierten
Elektrodenmaterialien in der Regel die erste Messung dar. Eine entsprechende Messzeit an einem
Synchrotron vorausgesetzt, ist mit ihr ein schneller, räumlich dreidimensionaler, bei wiederholter
Messung auch vierdimensionaler Einblick in ein Probenmaterial möglich. Die Synchrotrontomographie
ist dabei äußerst flexibel bei der Probenumgebung und somit vielseitig einsetzbar. Auch die auf die
Messung folgende Datenauswertung ist gerade im Falle, der in diesem Kapitel gezeigten ausschließlich
dreidimensionalen Messungen, gut durchführbar, da die dazu notwendigen Algorithmen für diesen
Zweck optimiert sind. Nur die Klassifizierung der Daten kann je nach Probe sehr aufwändig und
komplex ausfallen.
Ein bildgebender Synchrotronaufbau besteht aus sehr vielen Komponenten, auf die beim Messen nicht
immer direkten Einfluss genommen werden kann. Synchrotronmessungen neigen daher dazu,
unvorhergesehene Messartefakte aufzuweisen, auf die man sich jedes Mal neu einstellen muss.
Obwohl die Synchrotrontomographie ein etabliertes Messverfahren ist, ist daher eine automatische
Auswertung nicht immer einfach möglich und es obliegt immer auch den Experimentatoren und
Auswertenden, das Maximum aus einer Messung heraus zu holen, wobei gerade die Messung aber
immer eine Teamleistung darstellt.
Im Folgenden soll nun ein Auswertungen von Synchrotronmessungen an Batterieelektroden gezeigt
werden, welche mit unterschiedlichen Parametern hergestellt wurden. Dieses Kapitel soll damit auch
dazu dienen, in das Materialsystem einzuführen und die Grundlage für das System aufzuzeigen, da alle
folgenden Kapitel auf diese Messungen aufbauen werden und dasselbe Materialsystem auf
unterschiedliche Weise weiter betrachtet werden wird. Das Ziel soll es sein, zum einen eine möglichst
genaue Beschreibung der Materialien aufzuzeigen, zum anderen aber auch auf die Vor- und Nachteile
der Verfahren einzugehen.
3.2 Aufbau und Durchführung
38
3.2 AUFBAU UND DURCHFÜHRUNG
Die im Folgenden gezeigten Tomographien wurden alle an der Beamline BAMline am BESSY II (HZB,
Deutschland) durchgeführt. In Abschnitt 2.2 wurde der Aufbau der Röntgenoptiken bereits erläutert.
In Abbildung 15 ist dieser Teil vereinfacht als „Quelle: BESSY II“ bezeichnet. Alle weiteren in Abbildung
15 dargestellten Komponenten befinden sich direkt in der Messhütte der BAMline und nicht im
Vakuum, können also direkt vom Experimentator erreicht werden. Die später noch genauer
beschriebenen Batteriekomponenten wurden als Schüttung oder als Folien auf einen Rotations- und
Translationstisch an der als Probebezeichneten Stelle ca. 10 mm entfernt vom in Abschnitt 2.2
beschriebenen CdWO4-Szintillator montiert. Für die Messung wurde mittels DMM eine Energie von
20 keV für die Folienmessungen und 25 keV für die Messungen von Partikelschüttungen eingestellt.
Diese Energien wurden so gewählt, dass bei den auf eine Breite von 0,5 mm präparierten Folien und
bei Schüttungen mit 0,8 mm Probendurchmesser bei einer erwarteten Aktivmaterialdichte von zum
Zeitpunkt der Messung geschätzten 33 % eine Transmission von über 5 % sichergestellt war. Die in
Abbildung 15 grün dargestellten Mikroskopkomponenten, bestehend aus Szintillator, Objektiv,
Umlenkspiegel, Okular und PCO.4000 Kamera, arbeiten alle im sichtbaren Spektrum und sorgen am
Ende für eine 20-fache Vergrößerung und somit eine Pixelgröße von 0,446 µm. Diese Vergrößerung
wurde gewählt, da so die maximale Auflösung des Aufbaus von ca. 1 µm erreicht werden kann. Pro
Tomogramm wurden 2436 Radiogramme gemessen, davon 230 bei freiem Strahl für die
Normalisierung (Flatfields), 6 Radiogramme für die Driftkorrektur und 2200 Radiogramme über
äquidistante Winkelschritte von 0 180°. Die jeweilige Probe wurde dabei schrittweise zwischen den
Aufnahmen weitergedreht. Alle 100 Winkelschritte wurde die Probe aus dem Strahl herausgefahren,
um so jeweils eine Sequenz von 10 Flatfields messen zu können. Jedes Radiogramm wurde dabei
1.7 Sekunden belichtet.
Abbildung 15: Schematische Darstellung des Tomographieaufbaus der BAMline am BESSY II.
3 Synchrotrontomographie
39
Die Rekonstruktion der tomographischen Daten wurde mit der auf der Radontransformation basierten
gefilterten Rückprojektion durchgeführt, wobei auf den Gridrec Algorithmus80,81 zurückgegriffen
wurde. Für die dazu notwendige Normalisierung wurden für jedes Radiogramm jeweils die mittels
Korrelationsminimierung ermittelten drei besten Flatfields genutzt. Das endgültige Flatfield zu jeden
Radiogramm bestand dann aus dem Median dieser drei Flatfields. Um die sehr kleine (maximal 2 µm)
aber trotzdem auftretende Drift des Proben- Detektoraufbaus zu kompensieren wurden die Flatfields
entsprechend gegen die Radiogramme verschoben. Zudem wurde eine lineare Drift angenommen und
kompensiert, welche mittels vor und nach der Messung durchgeführten Referenzmessungen bestimmt
wurde.
Die Proben bestanden entweder aus reinem in Partikelform vorliegendem
NMC111-Kathodenaktivmaterial oder aus diesem Material gefertigten Kathoden. Alle in dieser Arbeit
untersuchten Proben befanden sich zunächst im Ursprungszustand. Nur im Kapitel 6 war dies aufgrund
des untersuchten Ladevorgangs nicht mehr der Fall. Das besondere und für diese Arbeit interessante
an den NMC-Proben war, dass die NMC-Partikel für eine Erhöhung der Leistungsdichte optimiert
waren86-88. Um dies zu erreichen, wurde das Material am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im
Institut für Angewandte Materialien hierarchisch strukturiert. Dazu wurde das
Li(Ni1/3Mn1/3Co1/3)O2-Ausgangsmaterial (NM-3100, Toda America) zunächst gemahlen,
sprühgetrocknet und je nach Probe bei Temperaturen von 850 1000°C gesintert89. Im Falle der
Kathodenfolien wurde dieses Aktivmaterial zusätzlich mittels eines Polyvinylidenfluorid
(PVDF)-Binders in eine auf Kohlenstoff basierende Matrix, im Folgenden als Leitmatrix bezeichnet,
eingebettet und auf einen Aluminiumableiter aufgebracht. Die so hergestellten Elektroden bestanden
somit aus 87 Gew. % NMC, 5 Gew. % Graphit, 4 Gew. % Industrieruß und 4 Gew. % PVDF. Mittels der
hier beschriebenen Synchrotronbildgebung ist es nur möglich, die NMC-Materialien sicher zu
detektieren und in Elektroden geringer Dichte auch teilweise die Leitmatrix als Ganzes sichtbar zu
machen. Eine Darstellung, bei der diese Klassifikation durchgeführt wurde, ist zum Beispiel in
Abbildung 16 a) gezeigt. Die messtechnische Trennung der Kohlenstoffanteile mit Graphit (KS6L,
Imerys Graphit & Carbon) und Carbon Black (Super C65, Imerys Graphit & Carbon) ist dann nur noch
mit Hilfe der in Kapitel 4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls beschriebenen
wesentlich präziseren Messverfahren möglich, während die Detektion bzw. die Trennung des PVDFs
(Solef5130, Solay Solexis) bis zuletzt mit keinem Verfahren sicher möglich war. Eine erfolgreiche
Trennung der Kohlenstoffanteile ist in Abbildung 36 gezeigt. In diesem Kapitel soll jedoch der Fokus
allein auf dem leicht detektierbaren Aktivmaterial liegen.
Für die Schüttungen wurde die Spitze einer Glaspipette mit einem Innendurchmesser von 800 µm mit
Heißkleber auf einem Aluminiumhalter fixiert und auf der Höhe von 4 mm abgebrochen. Anschließend
wurde die Pipette mit dem Probenmaterial verfüllt und mit Heißkleber verschlossen.
3.3 Auswertung
40
Die Folien wurden mit einem Skalpell in Streifen mit 0,5 mm Breite und 3-4 mm Länge präpariert. Zur
Probenstabilisierung wurden diese Streifen zwischen zwei Plexiglas®-Stäbe geklemmt, welche
ebenfalls auf einem Aluminiumhalter fixiert wurden. Durch die Präparation zwischen zwei Stäben
wurde zum einen sichergestellt, dass die Folien keinen Kontakt zum Kleber hatten, da sonst die
Klassifikation der Leitmatrix unmöglich gewesen wäre. Des Weiteren wird so gewährleistet, dass die
Proben sich während der Messung nicht bewegen können und immer flach liegend gemessen werden.
Bei anderen Arten der Präparation kann es zur Wölbung der Probe kommen, was die Auswertung der
Probenstruktur erschwert. Desweiteren ist es so sehr einfach möglich, die so bereits am Synchrotron
gemessenen Proben wieder umzupräparieren und für weitere Messungen, wie zum Beispiel
Tomographien mittels fokussiertem Ionenstrahl, zu verwenden.
3.3 AUSWERTUNG
In Abbildung 16 ist exemplarisch die Tomographie der Folie (links, a und c) und der Schüttung (rechts,
b und d) dargestellt. Bei der Darstellung wurden unterschiedliche Zwischenschritte der Partikelanalyse
gezeigt. In a) wurde bereits die Klassifikation der Daten durchgeführt, in diesem Fall in die vier Klassen:
Abbildung 16: Darstellung zweier unterschiedlich präparierter und gemessener Aktivmaterialproben mit jeweils zwei
unterschiedlichen Arten der Datenvisualisierung. In a) ist die in die Klassen Aktivmaterial, Leitmatrix, Aluminium und Luft
klassifizierte, bei 900°C gesinterte Elektrode dargestellt, in c) sind die mittels Wasserscheidentransformation segmentierten,
zufällig eingefärbten Sekundärpartikel dieser Elektrode dargestellt. Auf der rechten Seite in b) ist die Rekonstruktion der
Partikelschüttung des gleichen Materials und darunter in d) ist der analysierte und ebenfalls mittels
Wasserscheidentransformation segmentierte Partikel gezeigt.
3 Synchrotrontomographie
41
NMC, Leitmatrix, Aluminiumableiter und Luft. In Abbildung 16 c) wurde dann der Aktivmaterialanteil
selektiert und mittels einer Wasserscheidentransformation weiter in die einzelnen Sekundärpartikel
segmentiert. Die so separierten identifizierbaren Einzelpartikel sind mit zufälligen Farben versehen,
um die Trennung visuell besser beurteilen zu können. In Abbildung d) ist eine Darstellung gezeigt, bei
der die an die Wasserscheidentransformation anschließende Partikelanalyse bereits durchgeführt
wurde. Hier wurde den vermessenen Partikeln mittels Farbcodierung der jeweilige Durchmesser
zugeordnet. In allen Abbildungen ist bereits gut zu erkennen, dass die Partikel eine überwiegend runde
Form aufweisen. Durch die zuvor beschriebene Herstellung ist eine Substruktur der hier gezeigten
gesinterten Sekundärpartikel zu erwarten, jedoch ist diese, wie sich gezeigt hat, nicht mit Hilfe der
Synchrotrontomographie, wie sie in dieser Arbeit genutzt wurde, nachweisbar. Es ist daher zu folgern,
dass die Struktur unterhalb der 1 µm-Auflösungsgrenze dieser Tomographie liegt.
In Abbildung 17 ist die an den für diese Arbeit relevanten Partikel durchgeführte Analyse der
Partikelgrößenverteilung dargestellt. Die Partikeldurchmesser wiesen in jedem Fall eine bimodale
Verteilung auf. Die Verteilungen wurden wie in den Graphen in Abbildung 17 dargestellt entsprechend
mittels zweifacher Gaußverteilung gefittet. In c) und der Tabelle sind sowohl der gesamtstatistische
Durchschnittswert und die jeweiligen gefitteten Mittelwerte der doppelten Gaußverteilungen
aufgetragen. Es ist sofort beim Vergleich der beiden Graphen a) und b) zu erkennen, dass sich die
eigentlich als gleich erwartete Verteilung der Partikel stark voneinander unterscheidet. Die
Abbildung 17: Darstellung der Ergebnisse der auf Synchrotronmessungen beruhenden Partikeldurchmesseranalyse. In a) ist
die Verteilung der Partikelgrößen der Schüttung und in b) der in Elektroden verbauten Partikel dargestellt. Die gestrichelte
Linie in den jeweiligen Graphen stellt den in die Verteilungen angepassten Doppel-Gauß (Fit 1 und 2) dar. Für eine bessere
Vergleichbarkeit sind in c) und in der Tabelle die statistisch bestimmten und gefitteten Werte gegenübergestellt. Die in a)
und b) dargestellten Graphen stellen Histogramme dar. Zur besseren Erkennbarkeit wurden hier jedoch nicht die übliche
Balkendarstellung, sondern ein Linienplot gewählt. Die Häufigkeitsskalierung entspricht hierbei einem Balken pro µm.
3.3 Auswertung
42
Aktivmaterialien, die beiden Präparationsverfahren zugrunde lagen, waren ursprünglich identisch - sie
wurden zusammen als eine Charge hergestellt. Die Elektroden stellen lediglich eine
Weiterverarbeitung der ursprünglichen Aktivmaterialpartikel dar. Es ist nicht klar, wie genau die
Verschiebung der Verteilung stattgefunden hat, aber am wahrscheinlichsten ist die Verschiebung mit
der Präparation selbst zu begründen. Es hat vermutlich eine Trennung von großen und kleinen
Partikeln stattgefunden, so dass der Ort der Tomographie in Bezug auf die Probenhöhe einen Einfluss
auf das Ergebnis hat (auch bekannt als Paranuss-Effekt oder Müsli-Effekt90). Daher wird im Folgenden
auf weitere Betrachtungen der Schüttungen verzichtet.
In c) weisen die drei Parameter der Folie Mittelwert des Durchmessers, erstes Peakzentrum (Fit 1) und
zweites Peakzentrum (Fit 2), auf einen mit steigender Sintertemperatur fallenden/abnehmenden
Durchmesser hin. Im Falle des zweiten Peakzentrums, welches den größeren Anteil der Partikel
beschreibt, ist diese Korrelation signifikant (ANOVA F-Test mit 5% Signifikanzniveau). Daraus wird
geschlossen, dass gerade bei größeren Partikeln mit steigender Temperatur eine Verdichtung
stattfindet. Kleinere Partikel werden zwar auch verdichtet, aber hier ist der Effekt weniger stark
ausgeprägt.
Die mittels Wasserscheidentransformation erstellten Masken wurden genutzt, um den mittleren
Aktivmaterialanteil pro Volumen eines jeden segmentierten Partikels zu ermitteln. Hierzu wurde
mittels der Segmentationsmaske der mittlere Absorptionskoeffizient eines jeden Partikels bestimmt.
Mit der Annahme der aus der Literatur üblichen theoretischen Dichte von NMC, 4,77 g/c31,91, und
Abbildung 18: Gegenüberstellung der Verteilung der Partikeldurchmesser und ihrer geschätzten Aktivmaterialanteile. Jeder
Punkt in dem Graphen stellt eins der insgesamt 276214 vermessenen Partikel dar. Zusätzlich ist für die beiden Verteilungen
jeweils die relative Häufigkeit (rel. H.) dargestellt.
3 Synchrotrontomographie
43
des daraus mittels der NIST Datenbank bestimmten erwarteten theoretischen
Absorptionskoeffizienten von 79 cm-1 92, ist es möglich, für jedes Partikel den jeweiligen erwarteten
Materialanteil zu berechnen. Das Ergebnis ist in Abbildung 18 dargestellt. Wie bereits zuvor vermutet
weisen die bei höheren Temperaturen gesinterten Partikel in der Tat einen höheren Materialanteil auf
als die bei niedrigeren Temperaturen gesinterten Partikel. Im Detail ergibt sich so r die Temperaturen
von 850°C bis 1000°C der Aktivmaterialanteil: 55,4 ± 2,9 %, 63,9 ± 3,6 %, 74,5 ± 4,7 % und 89,5 ± 6,3 %.
Mit zunehmender Temperatur nimmt auch die Streuung der Werte zu. Es ist im Umkehrschluss jedoch
nicht glich, nur anhand der jeweiligen Anteile eine eindeutige Zuordnung der Partikel zu ihren
verschiedenen Temperaturen zu machen, da sich die Verteilungen wie im Graphen gut zu erkennen
ist, stark überlappen. Auch die Doppelverteilung der Partikeldurchmesser lässt sich nicht
wiedererkennen, und sie scheint also nicht vom Aktivmaterialanteil abhängig zu sein.
Bei der Berechnung der Mittelwerte der jeweiligen Partikelanteile wurde zusätzlich die
Standardabweichung der Partikelanteile ermittelt. Somit kann nicht nur betrachtet werden, wie dicht
jedes Partikel durchschnittlich über alle seine es repräsentierenden Voxel ist, sondern auch wie groß
die Standardabweichung des lokalen Anteils in jedem Partikel von Voxel zu Voxel ist. Auch wenn es
nicht möglich ist, die Primärpartikel, aus denen jedes hier gezeigte Sekundärpartikel besteht, lokal
aufzulösen, so entstand bei der Auswertung die Vermutung, dass bei der Betrachtung lokaler
Materialantelschwankungen eventuell doch erste Hinweise auf unterschiedliche Unterstrukturen
messbar werden. In Abbildung 19 ist die Gegenüberstellung des jeweiligen Partikelanteils und der
jeweiligen internen Standardabweichung dargestellt. Auch wenn, wie schon zuvor, keine eindeutige
Trennung der einzelnen Temperaturen möglich ist, ist hier jedoch eine signifikante Korrelation der
Abbildung 19: Gegenübererstellung des ermittelten Partikelmaterialanteils gegen die jeweilige Partikelanteilschwankung,
bzw. Standardabweichung. Neben jedem gemessenen Wert sind zusätzlich die Mittelwerte mit jeweiligem Fehler und ein
linearer Fit durch die Mittelwerte dargestellt.
3.3 Auswertung
44
beiden Größen erkenn- und messbar. Es wird somit an dieser Stelle vermutet, dass die Primärpartikel
mit zunehmender Sintertemperatur wie erwartet an Größe zunehmen, was trotz zunehmendem
Materialanteil zu größeren zusammenhängenden Poren in den einzelnen Sekundärpartikeln führt. Mit
zunehmender Substruktur vergrößert sich jedoch auch der nötige Raum, ab dem die Gefüge eine
homogene Strukturverteilung aufweisen. Aus diesem Grund sind die Schwankungen qualitativ
detektierbar obwohl die zugrundeliegende Strukturgröße unter der Auflösungsgrenze der hier
gezeigten Synchrotronmessungen liegt. Dieser Effekt ist auch schon bei Betrachtung einzelner Partikel
zu erahnen, wie in Abbildung 20 zu sehen ist. Es kann jedoch nicht erklärt werden, wieso gerade bei
den Materialien mit sehr hohem Aktivmaterialanteil die Standardabweichung nicht wieder abnimmt.
Gerade bei den fast komplett verfüllten Partikeln müssten diese Schwankungen eigentlich wieder
abnehmen, da hier fast homogenes Vollmaterial vorliegen müsste. Es wäre somit eigentlich eine
Verteilung anzunehmen gewesen, die in ihren theoretischen Extremen, also den Anteil 0 % (Luft) und
Anteil 100 % (Vollmaterial) die Standardabweichung 0 % erreicht. Dies ist jedoch nicht der Fall und
kann auch nicht zufriedenstellend erklärt werden.
Mithilfe der zuvor erstellten Masken für jedes Partikel ist
es möglich, die lokale Absorption in Abhängigkeit vom
Partikelrand genauer zu betrachten. Dazu wird in jeder
Maske die euklidische Distanztransformation
durchgeführt, was so jedem Partikel eine Partikeltiefe
zuordnet, der wiederum einem Materialanteil
zugeordnet werden kann. Der daraus resultierende
Zusammenhang ist in Abbildung 21 dargestellt. Auch dieser Effekt ist in der Darstellung der
Rekonstruktion in Abbildung 20 zu erkennen, was eine Motivation für diese Analyse darstellte.
Außerdem wäre gerade für die Simulation der Aktivmaterialelektrode ein solcher radiusabhängiger
Gradient von großem Interesse. Der Trend der mit zunehmender Temperatur zunehmende
Aktivmaterialanteil der Partikel ist auch hier wieder zu erkennen, außerdem erscheinen die Partikel
am Rand einen höheren Materialanteil aufzuweisen, als zum Zentrum hin. Die Überhöhung des Anteils
nimmt ebenfalls mit zunehmender Temperatur zu. Leider ist spätestens hier zu erkennen, dass, wie
schon in den Analysen zuvor, der Materialanteil über das theoretische Maximum von 100 %
hinausgeht. Anders als zuvor betrifft dies hier nun jedoch nicht einzelne Ausreißer, sondern den
Durchschnitt der mit 1000°C gesinterten Partikel in ca. den Tiefen 0,5 µm und 1,6 µm.
Abbildung 20: Ausschnitt zweier
Synchrotronmessungen: je heller, desto mehr wurde
absorbiert. Zu sehen sind Partikel welche a) mit
850°C und b) mit 1000°C gesintert wurden.
3 Synchrotrontomographie
45
Wie die eigentlich nicht möglichen
Materialanteilwerte über 1 also vermuten lassen, ist
diese Art der Auswertung von Synchrotrondaten
aufgrund von Messartefakten stark fehlerbehaftet.
Die hier über den theoretischen Maximalanteil
hinausgehenden Werte sind wahrscheinlich durch
Phasenkontrasteffekte entstanden. Die Partikel
wirken hier wie Streulinsen, ein Effekt welcher bei
der Rekonstruktion mittels gefilterter Rückprojektion
jedoch nicht berücksichtigt wird. Dadurch kommt es
am inneren Rand der Partikel zu einer scheinbar
erhöhten Absorption, während direkt außerhalb der Partikel der Absorptionskoeffizient sogar negativ
werden kann. Durch diesen Randeffekt erscheint der Durchschnitt des Absorptionskoeffizienten
gerade bei kleineren Partikeln, bei denen dieser Effekt prozentual besonders stark ist, überhöht, was
im Umkehrschluss zu einem zu hohen Durchschnittsmaterialanteil führt. Der in Abbildung 18
dargestellte Zusammenhang ist somit hier zunächst nur qualitativ zu betrachten. Diese Problematik
wird in den Kapiteln 4 und 5 mittels genauerer Methoden untersucht.
Bei der Betrachtung der Sphärizitäten der Partikel
ergeben sich die in Abbildung 22 dargestellten
Verteilungen. Anders als zuvor ist hier kein Trend
erkennbar. Mit zunehmender Temperatur vergrößert
sich die Sphärizität der Partikel zunächst, d.h. die
Partikel sind im Durchschnitt runder, und die
Sphärizität fällt dann wieder zu größeren
Temperaturen hin ab. In Kombination mit der
Verdichtungsbetrachtung wird vermutet, dass mit
zunehmender Temperatur die Partikel in sich stabiler
werden und sich daher bei der Herstellung weniger leicht abrunden lassen. Es wird sich in Kapitel 5
noch zeigen, dass die Primärpartikel, also die Bausteine der hier messbaren Sekundärpartikel, welche
bei zunehmender Sintertemperatur größer werden, größere Kontaktflächen zu ihren Nachbarn
ausbilden, was die Stabilität der Sekundärpartikel erhöhen sollte. Die bei 850°C gesinterten Partikel
lassen sich wahrscheinlich nur deshalb nicht besser zu Kugeln formen als die bei 900°C gesinterten
Partikel, da sie zu instabil werden und teilweise zerbrechen.
Abbildung 22: Verteilung der Sphärizität der Partikel in
Abhängigkeit zur Sintertemperatur.
Abbildung 21: Darstellung der Analyse der Partikeldichte
in Abhängigkeit zur ihrer Sintertemperatur und dem
Abstand der Messung zum Jeweiligen Rand des
Sekundärpartikels.
3.4 Zusammenfassung des Kapitels zur Synchrotrontomographie
46
3.4 ZUSAMMENFASSUNG DES KAPITELS ZUR SYNCHROTRONTOMOGRAPHIE
In diesem Kapitel konnte gezeigt werden, dass die Synchrotrontomographie sehr gut geeignet ist, die
Sekundärpartikelverteilungen von Batteriematerialien zu untersuchen. Die vermessenen Partikel
wiesen je nach Sintertemperatur einen durchschnittlichen Durchmesser von 10,6 ± 3,1 µm für 1000°C
bis 12,2 ± 3,7 µm für 850°C Sintertemperatur auf. Es wurde gezeigt, dass gerade größere Partikel bei
der Herstellung mit steigender Sintertemperatur eine verstärkte Verdichtung erfahren haben. Eine
Sphärizitätsanalyse ergab keinen klaren Zusammenhang zwischen Sintertemperatur und Struktur der
Partikel. Es wurde gezeigt, dass gerade bei höheren Herstellungstemperaturen die Partikel stabiler
sind, als bei niedrigeren Temperaturen. Auch wenn die Auflösungsgrenze der Sychrotrontomographie
bei ca. 1 µm liegt, so wurden erste Erkenntnisse über die innere Struktur und Beschaffenheit der
untersuchten Partikel ermittelt. Mit zunehmender Sintertemperatur nimmt der Aktivmaterialanteil
eines jeden Sekundärpartikels zu, außerdem zeigt sich eine scheinbar höhere Verdichtung im
Randbereich der Partikel.
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
47
4 TOMOGRAPHIE MIT HILFE EINES FOKUSSIERTEN IONENSTRAHLS
4.1 MOTIVATION
Viele der im Kapitel 3 gezeigten Untersuchungen sind in ihrer Interpretation durch die teils
unzureichende räumliche Auflösung des angewendeten Messverfahrens eingeschränkt. Durch den
Wechsel zur Elektronenmikroskopie wird diese Beschränkung aufgehoben. Die Elektronenmikroskopie
ist für elektrisch leitenden Proben wie Batteriematerialien gut geeignet und erfordert nur wenig
Präparationsaufwand.
Bei der FIB/REM-Tomographie besteht die Materialanalyse, sofern eine ausreichend gute Klassifikation
der Daten vorhanden ist, aus denselben Prozessschritten wie den im Teil der Synchrotrontomographie
in Kapitel 3.3 gezeigten. Die folgenden Betrachtungen sind motiviert durch die Notwendigkeit der
Analyse nicht infiltrierter poröser Materialien und der unzureichenden Ergebnisse herkömmlicher und
etablierter Klassifizierungsansätze auf diesem Gebiet. Anders als bei der Synchrotrontomographie ist
die Klassifikation von FIB-Daten sehr komplex. Daher wurde untersucht, wie sich moderne
Bildanalyseansätze, in diesem Fall Random Forest-Modelle, auf diesem Gebiet anwenden lassen. Es
soll gezeigt werden, ob, und wenn ja warum, sie besser funktionieren und welche Grenzen vorhanden
sind. Es sei erwähnt, dass auch neuronale Netzwerke untersucht wurden. Es wird am Ende jedoch
erläutert, warum diese hier nicht weiter in den Vergleich mit einbezogen wurden. Für die hier
gezeigten Betrachtungen wurde von den gemessenen Proben, die bereits bekannte, bei 900°C
gesinterte NMC-Kathode ausgewählt. Der Hauptgrund hierfür liegt in der Schwierigkeit, geeignete
Trainingsdaten zu bekommen, weshalb der Fokus auf dieser einen Temperaturstufe des
Materialsystems lag.
Bei offenporigen FIB/REM-Tomographien ist gerade die Klassifikation der Daten eine besondere
Herausforderung. Bei der FIB/REM-Tomographie an nicht infiltrierten Batteriematerialien besteht das
Problem, dass der die Probe abrasternde Elektronenstrahl nicht ausschließlich die Ionenschnittkante
der Probe trifft. Im Falle von angeschnittenen porösen Bereichen gelangt der Strahl in die Poren hinein
und trifft somit auch Bereiche hinter der Schnittkante. Dadurch werden am Detektor Bereiche
abgebildet, die räumlich nicht zu der eigentlich abzubildenden Schicht gehören. Das Resultat ist ein
Bilderstapel, in dem, anders als im zuvor erwähnten Idealfall, die Zuordnung der gemessenen
Intensitäten, in der Bildanalyse als Grauwert bezeichnet, mit dem gemessenen Objekt räumlich nicht
mehr übereinstimmt. So steht im Datensatz an der Position, an der eigentlich hohlraumbedingt die
Wert Null, später somit nach erfolgreicher Klassifikation die Information „Pore“ bzw. „void“, stehen
müsste, stattdessen eine Information aus einer viel tieferen Schicht.
4.2 Aufbau und Durchführung
48
Ein weiterer Effekt ist die Redeposition. Hierbei wird der freigelegte Porenraum mit abgetragenem
Material gefüllt, was die Pore kleiner erscheinen lässt. Diese zusätzliche, der initialen
Platinbeschichtung auf der Probe ähnelnden Beschichtung, gehört nicht zur ursprünglichen Struktur
der Probe und muss somit erkannt und nachträglich entfernt werden.
Mit einer Harzinfiltration der Probe könnten diese Artefakte beseitigt werden, da bei verfüllten Poren
das detektierte Signal immer von der aktuellen Schnittkante kommt und so die räumlich korrekte
Zuordnung gegeben ist. Eine Infiltration aller Poren ist aber gerade bei geschlossenen Porensystemen
nicht möglich, und außerdem reduziert sie gerade in Batteriematerialien aufgrund der chemischen
Ähnlichkeit zur Kohlenstoffbindermatrix den Kontrast zwischen verfüllten Pore und der Leitmatrix. Das
Infiltrieren mit siliziumhaltigen Harzen kann helfen, ist aber aufwendig und führt häufig nur zu geringen
Kontrastverbesserungen. Um eine Klassifikation durch ein besseres Signal-zu-Rauschverhältnis zu
ermöglichen sind so sehr viel längere Messzeiten tig. Eine Infiltration kann außerdem durch das
Lösungsmittel im Infiltrationsmaterial aber auch durch Ausdehnungseffekte die Probe morphologisch
verändern.
Teile diese Kapitels wurden bereits in Osenberg et al.93 veröffentlicht.
4.2 AUFBAU UND DURCHFÜHRUNG
Das mittels FIB/REM-Tomographie untersuchte Probenmaterial bestand entweder aus derselben
Charge wie das zuvor in Kapitel 3 beschriebene und untersuchte Material (Partikelschüttungen) oder
stellte sogar exakt dieselbe Probe (Elektroden) dar. Es wurden also weiterhin die zwischen 850°C und
1000°C gesinterte NMC-Kathodenaktivmaterialien untersucht. Sie wurden entweder direkt aus dem
Halter der Synchrotrontomographie entnommen oder aus Kathodenmaterial mit dem Skalpell aus
Folien herausgeschnitten. Die Kathodenfläche betrug somit für gehnlich 0,8 mm × 2-4 mm. Sie
wurden nicht infiltriert, sondern direkt mittels Kohlenstoffklebepads (Plano, 9 mm) auf die für die
Mikroskop-Probenhalter vorgesehenen Stiftprobenteller (Plano, 12,5 mm) aus Aluminium fixiert. Wie
später noch erläutert wird, soll sich dieser Abschnitt jedoch weniger mit der Analyse der Gesamtheit
der Probe, als vielmehr mit der Analysetechnik selbst befassen. Es wird sich im Folgenden vor allem
auf eine Kathode mit 900°C Sintertemperatur bezogen.
Die FIB/REM-Tomographien wurden an der ZEISS Crossbeam® 340 am „Corelab Correlative
Spectroscopy and Microscopy“ des Helmholtz Zentrums Berlin durchgeführt. Sie verfügt über eine
Galliumsäule kombiniert mit einer GEMINI I-Elektronensäule. Zusätzlich ist ein
Mehrfach-Gasinjektionssystem (GIS) verbaut. Für diese Arbeit wurde nur das Platin-GIS verwendet. Zur
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
49
Elektronendetektion wurden zwei Detektorsysteme verwendet: die bereits in der Theorie in
Kapitel 2.2.2 erläuterten Inlens- und SE2-Detektoren.
Für die Bilderzeugung eignen sich in diesem Mikroskop prinzipiell sowohl die Ionen- als auch die
Elektronensäule. Zur Vorbereitung der Tomographie wurden beide Säulen genutzt, doch für die
Tomographie wurde ausschließlich der Elektronenstrahl zur Bilderzeugung verwendet, da sonst die
Probe für jeden Schnitt gedreht hätte werden müssen. Für die Auswertung mittels maschinellen
Lernens wäre es sehr interessant gewesen, dieses zusätzliche Signal zur Verfügung zu haben. Gerade
bei Probenaufladung ist die Bildgebung mittels Ionenstrahl besser geeignet.
Nach der Auswahl der zu tomographierenden Region wurde als erster Schritt, um die Oberfläche der
Probe zu schützen, eine etwa 0,5 µm dicke Platinschicht mit Hilfe des GIS auf die Probe aufgebracht.
Hierfür wurde zunächst bei aktivem Zuführen des Platinprecursors mit dem Elektronenmikroskop mit
einer auf 120 µm geöffneten Blende Elektronen auf die Fläche von 15 µm × 15 µm fokussiert. Der
Elektronenstrom betrug hierbei 250 pA, bei einer Beschleunigungsspannung von 5 keV. Bei Proben mit
Materialien, welche leicht durch Ionenbeschuss zerstört werden nnen, wie in diesem Fall der
Leitmatrix, ist es hilfreich, diese zunächst durch eine dünne Platinschicht, welche mittels
Elektronenstrahl aufgetragen wird, zu bedecken. Nach ca. 10 Minuten Platinauftrag wurde von der
Elektronensäule auf die Galliumsäule umgestellt und mit 300 pA auf dieselbe Stelle der Probe
Galliumionen mit 30 keV für 30 Minuten bestrahlt. Nach dem Platinauftrag kann der zu
tomographierende Bereich der Probe nun auch in der Tiefe freigelegt werden. Dazu wurde mit einem
Gallium-Ionenstrom von 15 nA ein U-förmiger Bereich um das zu vermessende Volumen für
30 Minuten bestrahlt, und so bis zu einer Tiefe von ca. 20 µm verdampft/entfernt. Durch das Entfernen
des U-förmigen Bereiches um die Probe ist es nun möglich, über einen Winkel, in der Crossbeam 54°,
auf die Flanke des freigelegten Bereiches zu schauen. r die Tomographie wurde diese Flanke nun
abwechselnd mittels der Elektronensäule zur Bilderzeugung und mittels der Ionensäule für den
weiteren Abtrag bestrahlt. Die Elektronensäule wurde mit einer Beschleunigungsspannung von 1 keV
und einer Blende von 30 µm betrieben. Der Elektronenstrahl wurde in 10 nm-Schritten gerastert. Zur
Elektronendetektion wurden der Inlens- und der seitlich in der Probenkammer angebrachte
SE2-Detektor gleichzeitig verwendet. Ein Bildeinzug dauerte ca. 21 Sekunden. Die Ionen der
Galliumsäule wurden mit 30 keV beschleunigt und es wurde ein Schnittstrom von 700 pA verwendet.
In jedem Bildzyklus wurde der Strahl zehnmal an der Schnittkante ohne Vorschub entlang gerastert.
Nach jedem Bildeinzug wurde der neue Schnitt um 10 nm versetzt. Es wurde keine hardwareseitige
Driftkorrektur durchgeführt. Die Rasterschritte des Elektronenstrahls und der Ionenstrahlvorschub von
jeweils 10 nm führten letztendlich zu einer räumlichen Voxelkantenlänge von isotrop 10 nm. Die
Ionenschnittzeit der in der Auswertung gezeigten Messung betrug insgesamt 3 Stunden, und die Zeit
für den Einzug aller Bilder betrug 11 Stunden.
4.3 Auswertung
50
Die durch diese Technik entstandenen Bildstapel können, anders als bei der auf Transmission
basierenden Röntgentomographie, in geeigneten Fällen sofort als fertige Tomographie angesehen
werden. Ist die Tomographie ohne Störungen wie Drift oder Aufladung durchgelaufen und hat die
Probe keine offenen Poren, so entspricht bereits jetzt jedes Voxel des Bilderstapels der
entsprechenden räumlichen Kontrastinformation der zuvor vermessenen Probe. Eine geringe Drift der
Probe findet in der Regel immer statt, kann aber leicht durch eine entsprechende nachgeschaltete
Driftkorrektur angepasst bzw. verbessert werden. Die in Energiematerialien wie auch in vielen anderen
Probenarten vorhandenen Porensysteme stellen ein viel komplexeres Problem dar.
4.3 AUSWERTUNG
4.3.1 Analyse der klassifizierten poröser Materialien
In Abbildung 23 ist ein typischer Schnitt einer FIB/REM-Tomographie gezeigt (hier die Schicht 530 der
Tomographie). Die eigentliche Schnittkante ist in Abschnitt a) koloriert. Das angeschnittene NMC-
Partikel ist gelb und der Teil der Leitmatrix grün maskiert. Die in a) gezeigte Maske wurde pixelgenau
von Hand annotiert und entspricht somit, soweit möglich, der Realität, genannt „ground truth“.
Ebenfalls in a) gut zu erkennen ist die Platinschicht, die oberhalb und seitlich das zentrale Partikel
einschließt. Der angeschnittene Teil der Platinbeschichtung ist nicht farblich markiert, gehört aber teils
auch zur echten Schnittkante. In Abbildung 23 b) und c) mit einem weißen Pfeil markiert ist ein Teil der
Redeposition. Diese gehört ebenfalls zur Schnittkante und wurde auch nicht markiert, da dieser
Bereich, wie das angeschnittene Platin, nicht zur eigentlichen Probe gehört. Alle anderen in dem
Schnittbild gezeigten Bereiche dürften eigentlich, wenn man dieses Schnittbild als eine Schicht eines
tomographischen Bildstapels betrachtet, kein Signal enthalten, da hier in dieser Schicht an diesen
Stellen keine Probe angeschnitten wurde. Die trotzdem in dem Bild enthaltenen Informationen stellen
die bereits erwähnten Hintergrundartefakte dar. Die gezeigte Schicht stammt aus der Mitte des
Abbildung 23: Eingefärbte Darstellung der Klassifikation unterschiedlicher Verfahren einer einzelnen Schnittfläche einer FIB-
Tomographie einer NMC-Batteriekathode (REM SE2-Bild).
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
51
Tomographiedatensatzes und dient für die weiteren Untersuchungen als Grundlage zur
Genauigkeitsbestimmung der Klassifizierung. In Abbildung 23 b) bis e) sind Ergebnisse
unterschiedlicher Verfahren zur Erkennung der echten Schnittkante mit zunehmender Genauigkeit
dargestellt. In b) wird das Ergebnis eines Dreifachschwellwertverfahrens gezeigt. Für das Ergebnis in c)
wurde ein Random Forest-Modell mittels klassischer Filterfunktionen ausschließlich am SE2-Signal
trainiert. In d) wurde mittels derselben Filterfunktionen zusätzlich am InLens-Signal trainiert. In der
letzten Abbildung e) ist das Ergebnis eines Random Forest-Modells dargestellt, bei dem Filter
verwendet wurden, welche auf die Problematik des FIB-Vorschubes, der Entrauschung und der
Kombination von SE2- und InLens-Signal ausgelegt wurden. Im Folgenden sollen die Verfahren etwas
genauer erläutert und validiert werden.
Für die Validierung der Ergebnisse wurde die in Abschnitt 2.3.2 beschriebene IoU als Maß für die
Genauigkeit der Klassifizierung bzw. der daraus direkt resultierende Fehler (100IoU 100) %
herangezogen. Zusätzlich wurde wie in Formel 12 gezeigt, die von der Größe der klassifizierten
Bereiche abhängige gewichtete IoU genutzt. In der Formel beschreibt 𝑛 die Anzahl der Klassen und 𝑝 𝑖
der zu erwartende Materialanteil der Referenz.
gewichtete IoU =(∑IoU 𝑖𝑝 𝑖
𝑛
𝑖=1 )
(12)
Des Weiteren wurde die Bewertung der einzelnen Verfahren auf zwei unterschiedliche Bereiche der in
Abbildung 24 dargestellten Referenz angewendet, um zu zeigen, wie leistungsfähig die einzelnen
Abbildung 24: Darstellung der unterschiedlichen zur Bewertung herangezogenen Regionen und der graphische Vergleich der
gewichteten Fehler der untersuchten Verfahren.
4.3 Auswertung
52
Verfahren bei unterschiedlich anspruchsvollen Aufgaben sind. Die in Abbildung 24 aufgeführten
Ergebnisse sind im Detail noch einmal in Abbildung 31 zusammengefasst.
Für die ersten beiden Klassifizierungen wurden einfache, auf die SE2-Detektor-Daten angewendete,
Schwellwertverfahren untersucht. Die Schwellwerte wurden in diesem Fall direkt mit Hilfe der in a)
gezeigten Maske ermittelt. Über die Maske ist jeder Grauwert des Bildes einer der drei Klassen
Hintergrund, Leitmatrix oder NMC zugeordnet, wobei die Hintergrundklasse auch die zuvor
beschriebenen Bereiche wie Platin oder Redeposition enthält.
Die Verteilung dieser Grauwerte ist in
Abbildung 25 in Form dreier
Histogramme dargestellt. Aus dem
Histogramm ist sofort ersichtlich, dass
es zwar möglich ist, das Signal der als
Leitmatrix und der als NMC
klassifizierten Pixel mit einem
Schwellwert zu trennen. Die
Grauwerte des Hintergrundes
überlagern jedoch nahezu das
gesamte Spektrum der Grauwerte.
Wie sich später noch zeigen wird, ist
dies allerdings, wenn nur das Innere
des NMC-Partikels betrachtet wird, nicht der Fall. Besonders die in Abbildung 25 mit der blauen 1
markierten sehr dunklen Bereiche sind im Partikelinneren nicht mehr zu finden. Dies ist auch der
Grund, warum überhaupt versucht wurde, mittels einfacher Schwellwertverfahren die Schnittkante
der FIB/REM-Tomographie zu klassifizieren, obwohl das gezeigte Histogramm bereits vermuten lässt,
dass dies nur bedingt möglich ist.
Verfahren mit zwei Schwellwerten
Für das erste Verfahren wurden zwei Schwellwerte basierend auf der Leitmatrixintensitätsverteilung,
welche im Histogramm in Abbildung 25 gezeigt ist, angewendet. Alle Werte unter Grauwertstufe 34
wurden als Pore klassifiziert, alle Werte zwischen Grauwertstufen 34 und 55 wurden als Leitmatrix und
alle Werte über 55 als NMC zugehörig klassifiziert. Dieses Verfahren hrte bei Betrachtung der
gesamten Referenz zu einem Fehler von 74,1 % bzw. einen gewichteten Fehler von 60,8 %. Dies
bedeutet, dass nur rund ein Drittel der Pixel der korrekten Klasse zugeordnet wurden.
Abbildung 25: Darstellung der Anteile der einzelnen Klassen am Histogramm
der von Hand klassifizierten Schicht. Die blauen Zahlen zeigen die
Hintergrundbereiche entsprechend ihrer Peaks im Histogramm.
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
53
Bei Betrachtung des zweiphasigen NMC-Partikelbereiches welcher in Abbildung 24 in schwarz mit
„NMC-Gesichtsfeld“ markiert wurde, ergibt sich mit den beiden Fehlerwerten von 44,7 % und 30,8 %
ein etwas besseres Bild. Dies liegt daran, dass Bereiche, wie die in Abbildung 25 mit 1 und 2
beschrifteten Stellen, im reduzierten Gesichtsfeld nicht vorkommen. Außerdem ist der
Leitmatrixanteil, welcher nur sehr schlecht klassifiziert wurde in diesem Gesichtsfeld nicht vorhanden.
Wie sich somit gezeigt hat, kann ein einfaches automatisiertes Schwellwertverfahren wie das Otsu-
Verfahren72 auch bei mehrfacher Anwendung nicht funktionieren.
Verfahren mit drei Schwellwerten
Bei dem zweiten Verfahren, dessen Resultat in Abbildung
26 und im Vergleich in Abbildung 23 b) dargestellt ist,
wurden drei Schwellwerte genutzt. Diese wurden unter
Zuhilfenahme der Informationsentropie (siehe Formel 10
auf Seite 31) auf den gezeigten Zielwert, also den der
Referenzklassifikation optimiert. Das bedeutet, dass es
überangepasst wurde, um in dem einen gezeigten Bild das
beste mögliche Ergebnis zu erzielen, was mit drei
Schwellwerten erreichbar ist. Die Optimierung ergab die
folgenden Schwellwerte: bis Wert 27 zählt alles als
Hintergrund, bis 48 als Leitmatrix, bis 76 als NMC und alle
Grauwerte darüber wurden wieder dem Hintergrund zugeordnet. Mit diesem Verfahren lässt sich
zumindest für dieses eine Bild eine Reduktion des gewichteten Fehlers auf dem gesamten Gesichtsfeld
auf 36,1 % und für das NMC-Gesichtsfeld auf 24,9 % reduzieren. Auch wenn die Beinahe-Halbierung
des Fehlers auf dem gesamten Gesichtsfeld zu dem zuvor gezeigten Verfahren zunächst besser war als
erwartet, beträgt der Fehler allein für die Leitmatrix immer noch 94 %. Dies ist besonders gut in
Abbildung 26 anhand der großen, falsch positiv gefundenen und grün kolorierten Flächen zu erkennen.
Außerdem handelt es sich hier auf den gesamten Datensatz bezogen um die Schicht mit dem
minimalen Fehler, da die Schwellwerte nur für diese eine Schicht optimiert wurden. Das bedeutet, dass
der hier auf diese Weise reduzierte Fehler nur unter den bei der Ermittlung gewählten Bedingungen
klein ist und somit nur für diese eine Schicht bzw. diesem Bereich gilt. Dieses Verfahren ist somit nicht
geeignet für die Klassifizierung ganzer 3D-Datensätze.
Verfahren basierend auf Porengradienten
Das dritte Verfahren beruht nicht, wie die zuvor gezeigten, auf der einfachen Definition eines
Schwellwertes. Es hat sich bei den zuvor beschriebenen Schwellwertverfahren, wie auch schon im
Abbildung 26: Koloriertes Ergebnis der mit einem
Dreifachschwellwert klassifizierten Schicht.
4.3 Auswertung
54
Histogramm in Abbildung 25 dargestellt, dass allein die Grauwerte einer Phase nicht direkt mit ihren
Klassenzuordnungen korrelieren. So können eher dunkle Porenräume mitunter auch hellere Bereiche
enthalten, was zu Fehlinterpretationen führt.
Eine FIB/REM-Tomographie an
offenen Porensystemen
unterliegt aufgrund des
Messverfahrens selbst
weiteren wiederkehrenden
Effekten, die das folgende und
alle weiteren Verfahren
ausnutzen, um Porenräume
präziser zu erkennen. Wird bei
der Tomographie durch den
Vortrieb/Vorschub der
Schnittebene eine neue Pore
angeschnitten, so wird der
Zugang zu einem neuen,
vorher für den Primärstrahl
nicht erreichbaren, Hohlraum freigelegt. Dieser Hohlraum ist in diesem Moment am größten und wird
mit voranschreitender Messung immer kleiner. Sekundärelektronen, welche nach dem ersten
Freilegens des neuen Hohlraums durch hineingeschossene Primärelektronen generiert werden, haben
somit zunächst eine geringere Wahrscheinlichkeit, aus dem Hohlraum wieder hinaus und zum Detektor
zu gelangen als zu einem späteren Zeitpunkt der Messung. Neu freigelegte Poren erscheinen somit am
Detektor dunkler und werden dann bei voranschreitender Messung zunehmend heller. Dieser Effekt
soll hier als Porengradienteneffekt bezeichnet werden. Es sei jedoch angemerkt, dass diese
Intensitätszunahme und die anfängliche Intensität für jede Pore, abhängig von Material und
Morphologie, unterschiedlich sind. Auch Redepositionseffekte, gerade bei mehrphasigen Messungen,
haben einen zusätzlichen Einfluss. Bei voranschreitender Messung ergibt sich hierbei im Idealfall auf
einer festen Detektorposition eine stetige Zunahme der Intensität, im Allgemeinen gefolgt von einer
konstanten Intensität. Die konstante Intensität setzt genau dann ein, wenn die Rückseite der Pore
erreicht wurde und das Detektorpixel wieder echtes Probenmaterial repräsentiert. In Abbildung 27 ist
dieser Effekt an einem Beispielprofil gezeigt.
Abgesehen von Proben mit einem stetigen Zusammensetzungs- oder Dichtegradienten in der
Materialkomposition tritt dieser Effekt nirgends sonst bei einer FIB/REM-Tomographie auf und ist
somit in der Theorie ein gut geeignetes Merkmal für die Detektion von Porenraum. Algorithmen wie
Abbildung 27: Seitenquerschnitt der zuvor gezeigten Tomographie. Gut zu sehen ist
der Porengradienteffekt, welcher hier exemplarisch geplottet ist. Die
NMC-Materialbereiche wurden gelb hinterlegt. Der rote Pfeil markiert auf der
Leitmatrix redeponiertes Material, der grüne Pfeil markiert einen Kantenkontrast am
NMC Material.
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
55
zum Beispiel die von Salzer et al.94 beschriebenen und hier in dieser Arbeit verwendete Prozesse
versuchen, genau diesen Porengradienteffekt auszunutzen. Da diese Algorithmen jedoch
ausschließlich zur Detektion von Porenräumen, jedoch nicht zur Klassifizierung unterschiedlicher
Materialphasen geeignet sind, wurde für einen besseren Vergleich nach der Binarisierung in
Porenbereich und Materialbereich die Klasse Materialbereich wieder über einen Schwellwert im
InLens-Signal in NMC und Leitmatrix unterteilt. Eine Trennung der Platinklasse war nicht möglich. Nach
Anwendung dieser Methode wurde ein gewichteter Fehler von 23,2 % auf dem gesamten Gesichtsfeld
und 16,5 % auf dem reduzierten Gesichtsfeld gemessen. Es zeigt sich, dass dieses Verfahren somit in
beiden Bereichen jeweils die bisher besten Ergebnisse liefert. Da das Verfahren auch nicht in Hinblick
auf die in Abbildung 25 gezeigte Referenz optimiert wurde, ist auch ein Überfitten auszuschließen. Das
Verfahren eignet sich somit für die Klassifikation des gesamten 3D-Datensatzes. Es ist sogar so, dass
das Verfahren nur wirklich funktionieren kann, wenn 3D-Daten vorliegen, da nur so die Gradienten
ausgenutzt werden können. Für die Klassifizierung einzelner Schichten ist ein auf den
Porengradienteffekt angewiesener Algorithmus nicht anwendbar. Erstaunlich ist allerdings, dass es
keine Überschneidung zwischen bestimmter und erwarteter Leitmatrixregionen gibt, der
Leitmatrixfehler also auf 100 % angestiegen ist. Dies zeigt, dass dieses Verfahren zwar besser als
einfache Schwellwertverfahren geeignet ist Porenräume zu finden, jedoch nur wenn die untersuchte
Probe ein einphasiges System darstellt.
In Abbildung 27 ist das Profil eines Bereiches gezeigt, bei dem der beschriebene Gradientenansatz
möglichst gut zu sehen ist und entsprechend gut funktioniert. Sobald das Signal-zu-Rauschverhältnis
schlechter wird, größere Poren mit entsprechender Redeposition oder Platinbeschichtung (Abbildung
27, roter Pfeil) vorkommen oder der Kantenkontrast (Abbildung 27, grüner Pfeil) verstärkt auftritt,
scheitert dieses Verfahren ebenfalls. Auch weitere Messartefakte wie Probenaufladung oder
Curtaining, also inhomogener Materialabtrag der Schnittkanten, führen zu drastischen reduzierten
Klassifiziergenauigkeiten.
Verfahren basierend auf einem Random Forest-Algorithmus mit SE2-Detektorsignal
Für die folgenden Verfahren, welche auf dem Prinzip des Random Forest-Algorithmus beruhen,
wurden für das Training die in Abbildung 25 dargestellten Schicht 530 nicht verwendet. Da bei der
Generierung von Trainingsdaten im Folgenden allerdings auch benachbarte Schichten (abhängig von
der Größe der Filterkerne) herangezogen werden, wurden auch die Schichten 501 560 nicht weiter
annotiert und somit nicht an ihnen trainiert. Die gezeigte Referenzschicht war also für diesen und alle
folgenden Algorithmen unbekannt. Für das Training und die Anwendung der trainierten Modelle
wurde die freie Software ilastik Version 1.2.2 (für erweiterte Funktionalität im debuging mode“
ausgeführt)64,65 genutzt. Für den hier zunächst gezeigten Ansatz wurden auch die in ilastik bereits
4.3 Auswertung
56
implementierten Filterfunktionen bis zu einem
Filterkernradius von 10 Pixeln verwendet und keine
weiteren Filter hinzugefügt. Trainiert und angewendet
wurde das Modell zunächst ausschließlich auf demselben
Datensatz, welcher in den vorangegangenen Verfahren
verwendet wurde, also dem SE2-Detektor-Datensatz. Im
Verlaufe des Trainings wurden mit Hilfe von ilastik
ca. 0.1 % der Voxel des Datensatzes manuell und
ungeordnet im Raum annotiert. Nach Anwendung des
trainierten Random Forest-Modells waren keine weiteren
Nachbearbeitungsschritte notwendig, da das Modell,
anders als zum Beispiel der zuvor gezeigte
porengradient-basierte Algorithmus, in der Lage war, mit mehreren Klassen gleichzeitig umzugehen.
Wie erwartet, konnte das trainierte Modell auf dem gesamten Gesichtsfeld angewendet alle zuvor
gezeigten Algorithmen beim gewichteten Fehler unterbieten. So wurde dieser Fehler von zuvor 23,2 %
auf nun 12,3% fast halbiert. Das Ergebnis auf der Referenzschicht ist ausschnittsweise in Abbildung 28
und zum Vergleich in Abbildung 23 c) dargestellt. Es ist das erste Verfahren, das in der Lage war,
Redepositionseffekte zu erkennen (weißer Pfeil in Abbildung 28). Es hat außerdem gelernt, ähnlich wie
zuvor der porengradient-basierte Algorithmus, mit großen Poren bzw. großen Bereichen über und
neben dem Partikel umzugehen, auch wenn hier noch einige Fehler auftraten (blauer Pfeil in Abbildung
28). Anders als alle zuvor gezeigten Verfahren schlug jedoch dieser Algorithmus bei der Klassifizierung
großflächiger Leitmatrixkomponenten nur noch an einigen Stellen fehl (roter Pfeil in Abbildung 28).
Die IoU hat sich von zuvor 0.00 0.06 auf 0.42 fast um eine Größenordnung verbessert. Es wird
vermutet, dass das trainierte Modell bereits teilweise über in den Filterfunktionen enthaltene
Ableitungen in der Zeit/Tiefen-Achse gelernt hat, den zuvor beschriebenen Porengradienteffekt zu
erkennen. Große, im SE2-Signal sehr dunkel erscheinende Leitmatrixflächen weisen in ihrer Tiefe
keinen solchen Gradienten auf und wurden daher nun wesentlich besser erkannt als zuvor. Auf dem
auf das NMC reduzierte Gesichtsfeld hingegen ergibt sich ein anderes Ergebnis. Hier konnte der
Random Forest-Algorithmus den porengradient-basierten Algorithmus nicht verbessern. Es ergab sich,
wie in der Zusammenfassung in Abbildung 31 zu sehen, sogar ein etwas schlechteres Ergebnis. Der
gewichtete Fehler hat sich mit 17,6 % um 1,1 % erhöht. Dies bedeutet auch, dass der gewichtete Fehler
nun größer ist, als wenn das gesamte Gesichtsfeld betrachtet wird. Dies wird dadurch erklärt, dass der
Hintergrund im Bereich großer Poren, welche nun sehr präzise erkannt werden, im gesamten
Gesichtsfeld einen Großteil des gesamten Bildes einnimmt. Prozentual gehen diese großen, nun
wesentlich besser erkannten Flächen, mit einem hohen Gewicht in den Fehler ein, während im
Abbildung 28: Koloriertes Ergebnis der mit einem
Random Forest mit einem Signal klassifizierten
Schicht.
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
57
reduzierten NMC-Ausschnitt nur noch zwei Klassen auftreten, diese aber sehr detailliert. Anders
ausgedrückt hat der Algorithmus gelernt, große zusammenhängende Flächen gut zu erkennen, hat
aber Probleme zu erkennen, bei welchem Voxel genau diese Flächen in andere Klasen übergehen.
Dieser interessante Effekt wird sich in keinem der noch folgenden Ansätze wieder umkehren. Es ist
jedoch zu erwarten, dass ein rein auf dem reduzierten Gesichtsfeld und auf nur zwei Klassen trainierter
und somit spezialisierter Random Forest-Algorithmus, hier wesentlich besser abgeschnitten hätte. Ziel
dieser Auswertung war es jedoch, einen allgemeinen Ansatz zu finden, der das gesamte Gesichtsfeld
klassifizieren kann. Wie der rein porengradient-basierte Ansatz zuvor ist auch der Ansatz mittels
Random Forest-Algorithmus in der Lage, Aussagen für das gesamte Datenvolumen zu treffen und nicht
wie der optimierte Schwellwert auf die gezeigte Schicht beschränkt. Das so trainierte Modell ist
allerdings nicht ohne weiteres auf andere Messungen übertragbar. Weichen die Messbedingungen
oder die Zusammensetzung der Probe ab, so muss ein neues Modell trainiert werden. Hier reicht zum
Beispiel schon eine geringe Abweichung des Signal-zu-Rauschverhältnisses, damit das Modell nicht
mehr übertragbar ist. Für weitere Analysen wäre solch eine Klassifikation leider immer noch nicht
ausreichend, da die Leitmatrix noch nicht ausreichend gut erkannt wurde. Die großen
Leitmatrixkomponenten und Kohlenstoffplatten tragen maßgebend zur Leitfähigkeit der Batterie, der
Stabilität der Leitmatrix, und der Regulierung der Transportpfade der Lithiumionen durch die
Zwischenräume bei und müssen somit zuverlässiger erkannt werden.
4.3 Auswertung
58
Verfahren basierend auf einem Random Forest-Algorithmus mit mehreren Signalen
Für das nächste Verfahren wurde wieder ein in ilastik trainierter Random Forest-Algorithmus
verwendet. Dieses Mal jedoch wurde die Datengrundlage um das Inlens-Detektor-Signal und die
Differenz zwischen Inlens- und SE2-Sigenal erweitert. Aufgrund der Positionierung der beiden
Detektoren in Relation zum Primärstrahl weist das InLens-Signal nur wenige Schattenkanteneffekte in
den Porenräumen im Vergleich zum SE2-Signal auf. Durch die Subtraktion der beiden Signale wird so
dieser Kanteneffekt hervorgehoben. Beim Training wurden die gleichen Zuordnungen/Label
verwendet wie zuvor bei dem Ansatz, welcher nur das SE2-Signal nutzt. So konnte die Genauigkeit
weiter von 12,3 % auf 10,3 % (gesamt) bzw. von 17,6 % auf 16,2 % (NMC) verbessert werden.
Über die in Kapitel 2.3.2 erwähnte, auf der Informationsentropiereduktion basierende Metrik der
„Wichtigkeit der Filter ist es möglich, Aussagen darüber zu treffen, welche Signale bzw. welche Filter
für die Klassifizierung eher gebraucht werden als andere. In Abbildung 29 ist dieser Zusammenhang
zwischen der Wichtigkeit der einzelnen Filterklassen und dem Detektorsignal graphisch dargestellt. Die
Filter wurden hierbei wie auch schon in ilastik, in drei Klassen unterteilt: die Filter, welche zur
Kantendetektion verwendet werden, Entrauschungsfilter und Strukturfilter. Sofort ist ersichtlich, dass
die grünen Balken (SE2-Signal) meist die höchsten Werte erreichen. Das heißt, im Durchschnitt ist das
Signal des SE2-Detektors für die Ergebnisfindung am wichtigsten. Dies ist auch der Grund, warum in
allen zuvor gezeigten Verfahren immer das SE2-Signal gezeigt wurde und sich meist auch darauf
beschränkt wird, nur dieses zu messen. Erstaunlicherweise sind gerade die texturbasierten
Strukturfilter im Gesamtvergleich weniger von Bedeutung. Dies deutet darauf hin, dass sich die
einzelnen Klassen wenig anhand von Mustern trennen lassen, was zumindest bei den eigentlichen
bereits angeschnittenen Flächen wie dem NMC oder der Leitmatrix nicht weiter verwundert, da diese
Flächen bis auf Artefakte homogen sind. Der Hintergrund weist diese Homogenität jedoch nicht auf,
weshalb hier eher erwartet wurde, dass die Wichtigkeit der Filter her ist als im Graphen gezeigt.
Insgesamt ist das reine InLens-Signal weniger wichtig als das SE2-Signal. Das InLens-Signal zeichnet sich
in der Regel durch einen besseren Materialkontrast aus, ist aber auch auf Grund des großen Abstandes
von Detektor zur Probe stärker verrauscht als das SE2-Signal, was neben fehlender
Abschattungseffekte die geringe Wichtigkeit begründen nnte. Gut zu sehen ist des Weiteren, dass
gerade bei der Erkennung der Leitmatrix die Subtraktion des SE2-Signales vom InLens-Signal eine
erhöhte Wichtigkeit aufweist. Gerade bei den Kantenfiltern ist diese Subtraktion von erhöhter
Bedeutung. Durch die Subtraktion wird das materialsensitivere, aber kantenarme Signal des
InLens-Detektors durch die Abschattungskanten des SE2-Signals erweitert, und genau auf diese Kanten
wirken dann die Kantenfilter. Der Porengradient ist beim SE2-Signal auf Grund des seitlich sitzenden
Detektors gerade bei weniger tiefen Poren stärker ausgeprägt als beim InLens-Signal, und dieser
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
59
Vergleich hilft somit wiederum zwischen kleinen Poren und Leitmatrix zu unterscheiden. Auch wenn
die Nützlichkeit einzelner Detektorsignale in Bezug auf die Klassifizierung einzelner Materialien und
Bereiche mit dem Graphen in Abbildung 29 besser verstanden werden kann, war insgesamt die
Verbesserung des Gesamtergebnisses der Klassifizierung durch ein zusätzliches Detektorsignal
geringer als erwartet.
Verfahren basierend auf einem Random Forest-Algorithmus mit speziellen Filtern
Um das Ergebnis noch weiter zu verbessern, wurde
versucht, dass aus den bis hier beschriebenen
Untersuchungen Gezeigte anzuwenden und einen für den
Datensatz spezifischen Satz von Filtern
zusammenzustellen. Hierzu wurden aus der den beiden
Detektorsignalen und deren Kombination die
benachbarten Schichten in Richtung des Porengradienten
berechnet. Die Nachbarbeziehungen stellten einen
Translationsfilter in Vorschubsrichtung dar, wobei alle
Datensätze (SE2-, InLens-, und die Kombinationssignale)
schrittweise in positive und negative Vorschubrichtung
um bis zu 120 nm translatiert wurden. Dieselbe
Nachbarbeziehung wurde auch für den zuvor Sobel-gefilterten Datensatz berechnet, um auch den in
Abbildung 29: Überblick über die Wichtigkeit unterschiedlicher Filterklassen in Abhängigkeit vom Detektorsignal und des zu
klassifizierenden Materials, wobei die Hintergrundklasse zu HG abgekürzt wurde.
Abbildung 30: Koloriertes Ergebnis der mit einem
Random Forest mit einem Signal klassifizierten
Schicht.
4.3 Auswertung
60
Abbildung 29 gezeigten wichtigen Kantenbeziehungen gerecht zu werden. Außerdem wurden die
Daten mittels Gauß-Filter und non-local-means-Filter unterschiedlich stark entrauscht und für
unterschiedlich starke Entrauschung noch einmal die Ableitung in Richtung der Porengradienten
berechnet. Bis auf den non-local-means-Filter sind die gewählten sehr schnell berechenbar und es
wurden keine weiteren Strukturfilter berechnet. Zur Berechnung dieser Daten wurde ImageJ/Fiji
verwendet62,63. Zum Training wurden wieder dieselben Label genutzt wie für den ersten Ansatz mit
Random Forest-Algorithmus zuvor. Das Ergebnis ist in Abbildung 30 und im Vergleich in Abbildung
23 e) ausschnittsweise gezeigt. Gut zu sehen ist, dass jetzt auch der mit einem roten Pfeil markierte
großflächige Bereich der Leitmatrix erkannt wurde. Dies spiegelt sich auch in der IoU der
Leitmatrixklasse wider, welche nun mit 0,83 zum ersten Mal einen vergleichbaren Wert zu den anderen
beiden Klassen erreicht. Der gewichtete Gesamtfehler konnte so von 10,3 % auf 6,1 % um über ein
Drittel reduziert werden, was sogar mehr als eine Halbierung zum Ansatz mit nur einem Detektor
bedeutet. Anders als bei den zuvor gezeigten Random Forest-Ansätzen konnte nun aber auch im
reduzierten Gesichtsfeld der Fehler noch einmal stark von 16,2 % auf 11,0 % um fast ein Drittel
reduziert werden.
4.3.2 Nickel-Mangan-Kobalt-Einzelpartikelanalyse
Eine präzise mehrphasige Klassifikation erlaubt eine Vielzahl von angeschlossenen Analysen. Hier soll
exemplarisch am Beispiel der im vorigen Kapitel 4.3.1 erläuterten Messung eine solche Analyse gezeigt
werden. In Abbildung 32 ist der erste Teil der Analyse an dem NMC-Material dargestellt. Es handelt
sich um denselben Datensatz, welcher zuvor in den Referenzbildern wie zum Beispiel in Abbildung 23
gezeigt wurde. Die 3D-Abbildungen in Abbildung 32 wurde allerdings gedreht und entspricht somit
Abbildung 31: Vergleich unterschiedlicher Verfahren zur Klassifizierung poröser Materialien.
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
61
nicht mehr der Sichtachse der vorherigen Abbildungen. Für die Primärpartikelanalyse in a) wurde das
zentrale vollständig tomographierte Partikel mittels Wasserscheidentransformation virtuell in seine
ursprünglichen Primärpartikel zerlegt und dann mittels MorpholibJ82 analysiert. Im hinterlegten
Graphen ist die zugehörige Verteilung zu sehen. Außerdem wurden die Partikel entsprechend ihres
durchschnittlichen Radius eingefärbt. Das gesamte Sekundärpartikel hat ein Volumen von 108 µm³ und
eine für den Elektrolyten erreichbare Oberfläche von 973 µm². Mit einem Durchmesser von 6,7 µm
weist das Partikel somit einen NMC-Anteil von 69,0 % auf. Dieser Wert wird im nächsten Kapitel 5 noch
wichtig werden, wo sich zeigen wird, was dieser sehr aufwändig ermittelte Wert für ein einzelnes
Partikel auf die gesamte Elektrode bezogen bedeutet. Durch die Feinstruktur wird bei
gleichbleibendem Gewicht die aktive Oberfläche des Materials fast verzehnfacht. Der
durchschnittliche Durchmesser aller Primärpartikel liegt bei 210 nm.
Für die Pfadanalyse, welche in Abbildung 32 b) und c) dargestellt ist, wurden jeweils an 10000
zufälligen Positionen in dem Partikelvolumen virtuelle Ladungsträger generiert und dann ihr
geometrisch kürzester möglicher Weg aus dem Volumen hinaus ermittelt. Dabei wurden die
Elektronenpfade auf die NMC-Aktivmaterialphase beschränkt und als Endpunkt waren nur die
Kontaktflächen zwischen NMC und Kohlenstoff zugelassen. Die Lithiumionenpfade hingegen wurden
auf den Porenraum beschränkt und als Endpunkt waren alle Bereiche zulässig, wo Porenräume sich
mit der Partikeleinhüllenden schneiden. In b) sehr gut zu erkennen ist die Tatsache, dass das
Abbildung 32: Exemplarischer Überblick über a) die Primärpartikelgrößenverteilung und die Pfadanalyse bei der nur die Pfade
durch das NMC und die Porenräume aber nicht das NMC selbst dargestellt wurde. In b) sind Elektronenpfade mit nur wenigen
Leitmatrixkontaktpunkten und in c) sind kürzeste Lithiumionenpfade zur gesamten Partikeloberfläche dargestellt.
4.3 Auswertung
62
NMC-Partikel nur an einer Seite mit der Kohlenstoffleitmatrix verbunden ist, weshalb die Elektronen
einen Weg von bis zu 8,9 µm durch das NMC zurücklegen müssen, bis sie durch den Kohlenstoff
abgeleitet werden können. Diese schlechte Verbindung ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass hier
ein Randpartikel betrachtet wurde: das Partikel liegt auf der Batterieelektrode oben auf und ist somit
maximal weit vom Aluminiumableiter entfernt. Wie in der Theorie an der atomaren Struktur von NMC
gut ersichtlich ist, leitet NMC nur in einer Ebene gut, die Ausrichtung der Primärpartikeleinkristalle ist
jedoch zufällig. Das heißt jedoch, dass die Leitfähigkeit nicht homogen durch alle Partikel gleich ist und
somit die tatsächlichen Pfade geringfügig anders verlaufen können. Statistisch ist anzunehmen, dass
tiefer in der Elektrode liegende Sekundärpartikel in der Regel besser elektrisch angebunden sind. Diese
schlechte Anbindung ist jedoch später in
Kapitel 6 XANES-Synchrotron-Radiographie noch
von großer Bedeutung. Die in c) gezeigten Ionenwege
hingegen verhalten sich wie von einem offenporigen
System zu erwarten, somit starten die längsten Pfade
im geometrischen Partikelzentrum und keine NMC-
Oberfläche bleibt unerreicht. Die geodätische
Tortuosität der Poren vom Zentrum zur Oberfläche des
Partikels betrug 1,062.
Die virtuelle Porosimetrie, welche mittels Porespy84 berechnet wurde, ist in Abbildung 33 dargestellt.
Die Invasionsmessung zeigt, dass zwischen den Porendurchmessern von 0,16 und 0,21 µm ein
Flaschenhalseffekt auftritt. So können nur 22 % der Poren mit Kugeldurchmessern über 0,21 µm
verfüllt werden, jedoch können 75 % der Poren verfüllt werden, wenn die Kugeln einen um 0,05 µm
kleineren Durchmesser aufweisen.
Abbildung 33: Virtuelle Porosimetrie an dem zuvor
gezeigten einzelnen NMC porösen Partikel.
Abbildung 34: Darstellung des extrahierten Porennetzwerkes des NMC-Aktivpartikels. In grau ist zur Hälfte aufgeschnitten
das Partikel dargestellt. In die Poren des Partikels sind ihrem jeweiligen Volumen äquivalente Kugeln gelegt, welche
entsprechend ihrem Durchmesser eingefärbt wurden. Außerdem ist die Verteilung der Verbindungskanaldicken dargestellt.
4 Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
63
Im Vergleich zur Invasionsmessung ergibt die Analyse des Porennetzwerks, welches in Abbildung 34
dargestellt ist, ein ähnliches Bild. Zunächst ist in der dreidimensionalen Darstellung an den in weißen
Zylindern dargestellten Verbindungskanälen zu erkennen, dass die Poren geometrisch ein gut
verbundenes Netzwerk aufspannen. Es wurde in dem Sekundärpartikel keine geschlossene Pore
detektiert. Die Verteilung der Durchmesser der Verbindungskanäle zeigt nun, wie die vorangegangene
Porosimetrieanalyse, dass die abfallende rechte Flanke der Verteilung etwa von 150 nm bis 220 nm
reicht, also etwa dem zuvor gezeigten Flaschenhals entspricht.
In Abbildung 35 die NMC-Materialanteilverteilung in
dem einzelnen zentralen vermessenen
Sekundärpartikel genauer gezeigt. Hier wurde
abhängig vom Partikelradius bestimmt, wie grder
NMC-Materialanteil in der entsprechenden
Radialschale ist. Die letzten 0,5 µm wurden hier nicht
graphisch dargestellt, da für die Erhebung hier nur
noch sehr wenig Material vorhanden ist, was zu einem
starken Rauschen des Verlaufs des Materialanteils
führt. Gut zu sehen ist, dass der Materialanteil des
Partikels am Rand zunächst für ca. 0,3 µm größer
erscheint. Der kumulative Materialanteil ergibt zum Zentrum des Partikels hin wieder den
durchschnittlichen Gesamtanteil von 69 %. Da jedoch hier nur ein einziges Partikel zur Bestimmung
herangezogen werden konnte, ist dieser für die gesamte Batterie wichtige Effekt durch sehr wenig
Daten gestützt. Dieses Problem soll im folgenden Kapitel 5 näher erläutert und untersucht werden.
Auf die zuvor für die Partikelanalyse notwendige Klassifizierung bezogen, kann aus den Betrachtungen
in Abbildung 31 geschlossen werden, dass ein Random Forest-basierter Ansatz in der Lage ist, die
besten Ergebnisse zu liefern. So sind auch sehr komplexe, nicht infiltrierte, mehrphasige Proben gut
klassifizierbar, da die extrahierten Klassenanteile sehr gut die gemessene Realität widerspiegeln. Wie
auf dem Gebiet der Bildgebung üblich, ist die Referenz selbst jedoch auch fehlerbehaftet, da sie durch
manuelle Annotation erstellt wurde. Dies lässt sich nicht vermeiden, da es keine andere Möglichkeit
gibt, an einen echten „ground truth“ zu kommen. Lediglich die Simulation könnte es in Zukunft
ermöglichen, genauere Referenzen zu generieren, jedoch ist es noch nicht möglich, FIB/REM-
Tomographien zu simulieren, welche alle auftretenden Artefakte berücksichtigen. Dies ist auch der
Grund, warum hier darauf verzichtet wurde, auf neuronale Netzwerke basierte Algorithmen in den
Vergleich mit einzubeziehen. So wurden zwar im Rahmen dieser Arbeit neuronale Netzwerke in 3D
trainiert95, doch die für das Training notwendigen Daten wurden zuvor mit genau den hier gezeigten
auf Random Forest-basierten Verfahren generiert. Gerade systematische Fehler werden so durch die
Abbildung 35: NMC-Materialanteil über den Radius des
Partikels. In dunkelblau ist der jeweilig für den Radus
geltende Wert dargestellt, gestrichelt ist der kumulative
Wert, also der durchschnittliche Materialanteil bis zu
diesem Radius.
4.4 Zusammenfassung des Kapitels der Tomographie mit Hilfe eines fokussierten Ionenstrahls
64
Netzwerke ebenfalls gelernt bzw. von dem Random Forest-Ansatz kopiert, sodass eine Einschätzung
der Fehler der Netzwerke nicht klar von den Fehlern, welche bereits in den Trainingsdaten vorhanden
waren, zu trennen sind. Daher wurde auf einen Vergleich verzichtet.
4.4 ZUSAMMENFASSUNG DES KAPITELS DER TOMOGRAPHIE MIT HILFE EINES FOKUSSIERTEN
IONENSTRAHLS
Mit Hilfe der hochaufgelösten FIB/REM-Tomographie konnte gezeigt werden, dass eine detaillierte
Bildgebung der zunächst mittels Synchrotrontomographie nicht detektierbaren Substrukturen des
NMC-Materials in Bezug auf die Primärpartikel gut durchführbar ist. Es konnte auch ein Gradient des
Aktivmaterialanteils von außen nach innen belegt werden. Bei der FIB/REM-Tomographie stellen die
langen Messzeiten und die geringe Verfügbarkeit der Geräte jedoch den begrenzenden Faktor dar und
rechtfertigt damit die aufwändige Klassifizierung der wenigen und somit wertvollen Daten. In diesem
Abschnitt wurde gezeigt, dass durch bereits verfügbare Programme wie Weka und ilastik,
Random Forest-Klassifizierer trainiert werden können, welche sehr gut in der Lage sind auch komplexe
mehrphasige und poröse Materialsysteme zu klassifizieren. Diese Verfahren sind auf vollständige
Datensätze anwendbar und es ist nach der Klassifikation auch keine zusätzliche Datenbearbeitung
nötig. So ist es möglich auch im Bereich einfacherer zweiphasiger Probenbereiche, herkömmliche,
dafür entwickelte Algorithmen basierend auf der Porengradientenanalyse, in der Genauigkeit zu
übertreffen. Am Beispiel einer Nickel-Mangan-Kobalt Einzelpartikelanalyse konnte gezeigt werden, wie
eine mehrphasige Bildklassifikation an komplexen Materialsystemen eine Pfad- und Porenanalyse
ermöglicht. Gerade bei Pfadanalysen ist eine Klassifikation feiner und detaillierter Bereiche und das
Detektieren von Mehrphasengrenzen entscheidend.
5 Analysen an großflächigen elektronenmikroskopischen Scans
65
5 ANALYSEN AN GROßFLÄCHIGEN ELEKTRONENMIKROSKOPISCHEN SCANS
5.1 MOTIVATION
Auch in den folgenden Betrachtungen wurden wieder die NMC-(111)-Kathodenmaterialien
untersucht. Ziel der Untersuchung war es, statistisch belastbare Parameter auf der Nanometerskala
von NMC-Materialien zu erhalten, welche zuvor, mittels Synchrotrontomographie auf der
Mikrometerskala untersucht wurden. Es war vorgesehen die Strukturparameter komplett, wie im
vorherigen Kapitel beschrieben, mittels FIB/REM-Tomographie zu bestimmen. Dies war aber, wie sich
in diesem Kapitel noch zeigen wird, nicht glich bzw. ineffizient. Es wurden wie zuvor Materialien
aus vier verschiedenen Klassen untersucht, welche mit den Sintertemperaturen 850°C, 900°C, 950°C
und 1000°C hergestellt wurden.
Abbildung 36: Darstellung einer kombinierten Synchrotron- und FIB-Messung einer NMC-Elektrode. Gut zu sehen ist der
Größenunterschied des Gesichtsfeldes beider Messungen, wobei hier sogar zwecks besserer Sichtbarkeit nur 25 % der
Synchrotronmessung dargestellt ist (rechts unten). In dunkelgrau dargestellt ist der Aluminiumableiter, in hellgrau die
Aktivmaterialpartikel welche bei 850°C gesintert wurden. Die Partikel gehören jedoch nicht zu der Charge, welche in Kapitel 3
untersucht wurden. In blau dargestellt ist die Leitmatrix. In der FIB/REM-Tomographie (links oben) wurde zudem der
Leitmatrixteil weiter segmentiert und klassifiziert (in dunkelblau feiner Ruß- also Carbon Black, in hellblau der plättchenartige
Graphitanteil).
5.1 Motivation
66
Die größte Herausforderung bei der Kombination von Synchrotron- und FIB/REM-Tomographien ist die
große Lücke bzw. der Unterschied der Auflösung und somit auch das mit diesen Messverfahren
erreichbare Gesichtsfeld. Üblicherweise liegt zwischen den beiden Verfahren ein Faktor von 50-100
der Ausdehnung pro Dimension. Das heißt, die Pixelgröße einer Synchrotronmessung mit ca. 0,5 µm
steht einer Pixelgröße von 20 nm einer FIB/REM-Tomographie gegenüber. Bei gleicher Datengröße
bedeutet das, dass über 10000 FIB/REM-Tomographien notwendig sind, um das Volumen einer
Synchrotronmessung abzudecken. In Abbildung 36 ist dieser Größenunterschied gut zu sehen. Für eine
statistische Analyse wären aufgrund des kleinen Ausschnittes der FIB/REM-Tomographien mehrere
dieser Messungen pro Elektrode notwendig. Eine Synchrotronmessung, wie die hier dargestellte, ist in
dieser Qualität in 20 Minuten Messzeit möglich, wobei allerdings mehrere solcher Elektroden als
Stapel präpariert gleichzeitig gemessen werden können. Eine FIB/REM-Tomographie, wie in der
Abbildung dargestellt, dauert im Durchschnitt 1,5 Tage, wobei hier nur die reinen Messzeiten
betrachtet werden und auch nicht jeder Versuch einer Messung erfolgreich ist. Es ist somit schon aus
messtechnischer Sicht unmöglich, größere Volumen mittels FIB zu untersuchen.
Abbildung 37 zeigt graphisch die unterschiedlichen Messtechniken im Vergleich96,97. Die
Röntgentomographie (grün) umfasst hier sowohl laborbasierte wie auch synchrotronbasierte Systeme.
Die in rot markierten Röntgenmessungen nutzen, anders als alle bisher beschriebenen Verfahren, zur
Vergrößerung Röntgenoptiken wie zum Beispiel Fresnel-Zonenplatten. Dadurch ist es möglich, das
Abbild zu vergrößern, bevor es auf dem Szintillator in sichtbares Licht umgewandelt wird, was somit
die Auflösungsgrenze von ca. 1 µm umgeht und wesentlich höhere Auflösungen ermöglicht. Dieses
Abbildung 37: Vergleich unterschiedlicher 3D-Bildgebungsverfahren. Das X markiert die für die hier gezeigten, aber auch
allgemein für die Batterieforschung interessante Kombination aus Auflösung und Probengröße.
5 Analysen an großflächigen elektronenmikroskopischen Scans
67
Verfahren stellt somit in Bezug auf die Auflösung in der Theorie eine Brücke zwischen FIB- und
Synchrotrontomographie dar. Leider hat sich bei Testmessungen an NMC-Materialien am DESY in
Hamburg gezeigt, dass die Fokussierung des Röntgenstrahles auf der Probe zu erheblichen
Strahlenschäden bis hin zum Zerstören der Probe während der Messung führten. Diese Art der
Messung musste somit ausgeschlossen werden. Wird die Probe außerhalb des Fokus tomographiert,
so eliminiert dies zwar die Strahlenschäden weitestgehend, jedoch muss bei der Rekonstruktion der
Daten aufgrund der für solche holographischen Aufnahmen fehlenden Referenz noch viel Zeit in die
Forschung investiert werden. Bei der FIB/REM-Tomographie sind zwei Techniken in Abbildung 37
aufgeführt: zum einen die hier verwendete Ga-FIB, in der, wie bereits beschrieben, mit Galliumionen
gearbeitet wird, zum anderen die Xe-FIB, die gerade bei Messungen mit etwas größeren
Probenvolumina und Pixelgrößen vermehrt eingesetzt wird96. Bei dieser FIB werden Xenonionen zur
Bearbeitung der Proben genutzt. Xe-FIBs arbeiten in der Regel schneller, aber auch weniger präzise als
Ga-FIBs. Mit Xenon sind pro Dimension ca. dreifach größere Schnitte möglich als mit Gallium. In der
Abbildung ist jedoch zu sehen, dass sich alle Messverfahren grob auf einer Diagonalen (300³-3000³
Voxel) befinden. Die Auflösungen und messbaren Regionen sind zwar unterschiedlich, aber die
Datenmenge bleibt annährend konstant. Bei hierarchisch strukturierten Materialien wie
Batterieelektroden sind jedoch Gesichtsfelder notwendig, die eher in dem Bereich 1 mm³ liegen,
welcher in der Abbildung mit einem X markiert wurde. Um diesen Bereich zu erreichen, bleibt somit
nur die Möglichkeit, die Dimension der Messung zu reduzieren. Aus dieser Reduktion ergeben sich
Einschränkungen bei der Datenauswertung, da einige Informationen so nicht direkt oder gar nicht
mehr messbar sind. Andere Informationen sind jedoch nach wie vor messbar, was im Folgenden
gezeigt werden soll.
5.2 AUFBAU UND DURCHFÜHRUNG
Der Aufbau, welcher für die in diesem Kapitel beschriebenen Messungen relevant ist, ist im Prinzip
identisch mit dem des vorherigen Kapitels 4. Anders als zuvor wurde hier jedoch das ZEISS Merlin
Elektronenmikroskop am Corelab Correlative Microscopy and Spectroscopy des Helmholtz-Zentrums
Berlin genutzt, da hier eigentlich nur ein REM und keine zusätzliche FIB benötigt wird. Die für die
folgenden Betrachtungen sehr großflächigen Scans wurden mit einer Beschleunigungsspannung von
5 keV gemessen.
Für die Messungen wurden Schliffe der NMC-Proben angefertigt. Da die Probenschliffe zu groß für das
Ionenstrahlätzen waren, musste auf eine mechanische Präparation zurückgegriffen werden, was eine
Infiltration der Materialien notwendig machte. Für die Infiltration wurde EpoThin™2 mit einem
Mischungsverhältnis 20:9 Harz zu Härter bei 25°C Raumtemperatur verwendet. Die Proben wurden
5.3 Auswertung
68
nach der Aushärtung zunächst mit einer Schleifmaschine geschliffen und dann mit einer
Poliermaschine und 0,05 µm großer kolloidaler Si-Suspension (OP-S) poliert. Da die Infiltrationsmasse
nur schlecht leitend ist, wurde noch eine ca. 5 nm dicke Goldschicht auf die Probe aufgedampft.
5.3 AUSWERTUNG
In Abbildung 38 ist beispielhaft ein Schliffbild dargestellt. Es handelt sich um ein 200 Megapixel großes
Bild mit einer Pixelgröße von 20,5 nm. Diese Schliffbilder wurden mit einem non-local-means Filter
entrauscht und mit Hilfe eines Random Forest-Algorithmus in die Klassen Infiltrationsmasse und
Aktivmaterial binarisiert. Durch Aufladungseffekte und Fehler bei der Infiltration, wie in Abbildung
38 a) oben links mit einem roten Pfeil markiert zu sehen, war ein einfaches Schwellwertverfahren nicht
ausreichend für die Klassifikation. Nach der ersten Binarisierung wurden einzelne Primärpartikel (die
Bausteine der Sekundärpartikel) mittels Öffnungsfilter morphologisch aus der Aktivpartikelmaske
entfernt. Für die Trennung der einzelnen Sekundärpartikel war es notwendig, eine zweite Maske aus
der Aktivpartikelmaske zu erzeugen. Dazu wurde diese jeweils in x- und y-Richtung 20-fach gebinnt.
Die daraus resultierende Maske hatte somit nur noch eine Pixelgröße von 0,4 µm, was in etwa der
Pixelgröße von Synchrotronmessungen entspricht und die Substruktur der Sekundärpartikel zu einer
Durchschnittsflächenanteil mittelt. Diese neue, niedrig aufgelöste Maske wurde dann mittels
Wasserscheidentransformation in die einzelnen Sekundärpartikel segmentiert. Angewendet auf die
ursprüngliche hoch aufgelöste Primärpartikelmaske ergibt sich so das in Abbildung 38 a) dargestellte
Bild, in dem jedes Sekundärpartikel einem individuellen Label zugeordnet ist (Abbildung 38 b1 zu b2).
Abbildung 38: Polierter 2D Schliff einer infiltrierten Partikelschüttung. Das hier dargestellte Material wurde bei 850°C
gesintert.
5 Analysen an großflächigen elektronenmikroskopischen Scans
69
Mit Hilfe der beiden Masken ist es so auch möglich, zwischen innerem (graue Flächen in Abbildung
38 b3) und äußerem Bereich (schwarze Fläche in b3) eines jeden Partikelschliffes zu unterscheiden.
Zuletzt wurde dann mittels erneuter Wasserscheidentransformation jedes Sekundärpartikel erneut
segmentiert, so dass jedem Partikel seine Primärpartikel zugeordnet werden konnten (Abbildung
38 b4).
Die Partikelschüttungen enthielten je nach Sintertemperatur viele zerbrochene Partikelsplitter. Nach
der in ImageJ62,63 abgeschlossenen, gut automatisierbaren und schnell durchführbaren Segmentation
wurde eine Partikelanalyse mittels MorpholibJ82 durchgeführt. Je niedriger die Temperatur, desto
instabiler waren die Partikel. Für die folgenden Analysen waren jedoch intakte Partikel von Interesse,
weshalb als erster morphologischer Filterschritt eine Sphärizitätsanalyse durchgeführt und dann alle
Sekundärpartikelschliffe mit einer Sphärizität unter 0,8 und alle den Rand berührenden Partikel
entfernt wurden. Außerdem wurden alle Schliffe mit einem Durchmesser kleiner als 25 % des aus den
Synchrotronmessungen bekannten durchschnittlichem Durchmessers entfernt. Der zweite Filterschritt
war notwendig, da durch den Wegfall einer räumlichen Dimension nicht eindeutig ist, durch welche
Ebene die NMC- Sekundärpartikel angeschnitten wurden. Dies ist ein Nachteil einer reinen
zweidimensionalen Analyse und unterstreicht die Notwendigkeit der Kombination beider
Messverfahren.
In Abbildung 39 ist die aus den Schliffdaten ermittelte zweidimensionale Partikelanteilverteilung
dargestellt. In der Häufigkeit sind die einzelnen Sekundärpartikel aufgelistet. Es ist der Trend zu
erkennen, dass ab 900°C (blau) mit weiter zunehmender Temperatur der Materialanteil der Partikel
zunimmt. Nur zwischen 850°C (schwarz) und 900°C besteht kein Unterschied in dem mittleren
Materialanteil, jedoch ist die Verteilung der 900°C-Probe stärker gestreut. Am stärksten gestreut ist
Abbildung 39: Graphische Darstellung der Partikelanteilverteilung. Für eine bessere Übersicht wurde jede der vier
Verteilungen Gauß-gefittet.
5.3 Auswertung
70
jedoch die Anteilverteilung der 950°C-Probe (rot) mit einer Halbwertsbreite von 13,8 ± 0,8 %. Bei der
1000°C-Probe (gelb) ist zu sehen, dass hier knapp über 17 % aller angeschliffenen Partikel einen
Aktivmaterialanteil von 100 % aufwiesen, also vollständig verfüllt waren. Somit gleichen diese
Sekundärpartikel klassischen unstrukturierten NMC-Kathodenmaterialien ohne definierte innere
Elektrolyttransportpfade.
In Abbildung 40 sind nun in die Analyse die Informationen über die individuellen Primärpartikel mit
einbezogen. Hier wird der Aktivmaterialanteil der Sekundärpartikel gegen die pro Sekundärpartikel
durchschnittlichen Durchmesser der Primärpartikel aufgetragen. Wie zu erwarten ist auch hier ein
klarer Trend in Abhängigkeit von der Sintertemperatur zu erkennen. Je höher die Temperatur, desto
größer sind auch die das Sekundärpartikel ausmachenden Primärpartikel. Für die jeweiligen
durchschnittlichen Primärpartikeldurchmesser ergaben sich folgende Werte: für 850°C 377 ± 28 nm,
für 900°C 526 ± 39 nm, für 950°C 850 ± 120 nm und für 1000°C 2350 ± 690 nm. Der durchschnittliche
Durchmesser bei 1000°C entspricht also in etwa dem Maßstabsbalken in den Beispielschliffbildern in
Abbildung 40 (oben rechts). Anders als zuvor ist hier eine klare Trennung zwischen den Temperaturen
850°C und 900°C zu sehen. Außerdem ist die Streuung bei zunehmender Temperatur sehr viel stärker
ausgeprägt. Dies könnte auch daran liegen, dass bei den fast vollständig verdichteten Partikeln die
Wasserscheidentransformation an ihre Grenzen stößt und die Primärpartikel nicht mehr korrekt
Abbildung 40: Gegenüberstellung der Sekundärpartikelanteile und ihrer durchschnittlichen Primärpartikeldurchmesser. Jeder
Punkt entspricht hier einem vermessenen Sekundärpartikelschnitt, welcher wiederum aus Primärpartikeln besteht. Zusätzlich
ist für die beiden Verteilungen jeweils die relative Häufigkeit (rel. H.) dargestellt.
5 Analysen an großflächigen elektronenmikroskopischen Scans
71
trennt. Aufgrund der atomaren Schichtstruktur der NMC-Partikel ist ihre unterschiedliche Orientierung
auch ohne orientierungssensitive Messmethode ist schon an Intensitätsschwankungen im SE2-Signal
bei ausreichend starkem Signal-zu-Rauschverhältnis qualitativ unterscheidbar. Es wurde versucht, dies
für eine Segmentation der Primärpartikel zu nutzen, weshalb bei der Partikeltrennung ausschließlich
die Wasserscheidentransformation verwendet wurde. Die ermittelten Durchschnittswerte pro
dargestelltem Punkt beruhen je nach Sintertemperatur auch auf unterschiedlich vielen
Primärpartikeln. So bestehen die größten 10 %, die 850°C repräsentierenden Querschnitte von
Sekundärpartikeln im Durchschnitt aus 810 ± 260 Primärpartikeln, während die größten 10 % der
1000°C-Querschnitte im Durchschnitt nur aus 28 ± 12 Primärpartikeln besteht. Die in der Abbildung 40
dargestellten Beispielquerschnitte der vier Temperaturen zeigen dies ebenfalls. Jeder Punkt in
Abbildung 40 repräsentiert einen solchen Querschnitt. Die vier dargestellten Querschnitte sind auch
alle zur besseren Vergleichbarkeit so ausgewählt, dass ihr Durchmesser in etwa gleich ist. Die in
Abbildung 40 dargestellte Verteilung der durchschnittlichen Primärpartikelgrößen gegenüber der
Sekundärpartikelanteile führt zu einer klaren Trennung der unterschiedlichen Temperaturkategorien.
Dies erlaubt, durch die Verwendung von Clusteranalysen (z. B. mithilfe des K-means-Verfahrens), die
Klassifikation der einzelnen Partikel ohne Vorwissen über ihre Temperaturzugehörigkeit. Es ist nun mit
den gesammelten Erkenntnissen also glich, unbekannte, mit dem gleichen Verfahren vermessene
Partikel klar ihrer Sintertemperatur zu zuordnen.
In Abbildung 41 ist das zweidimensionale Äquivalent zur Betrachtung der aktiven Oberfläche (innen
und außen) pro Volumen dargestellt. Anders als bei der Partikelanteilbetrachtung ist hier auch für
850°C einschließend eine Korrelation zu erkennen. Bei zunehmender Temperatur nimmt der Umfang
ab. Es sei jedoch an dieser Stelle angemerkt, dass die Untersuchung des echten aktiven Umfangs nicht
Abbildung 41: Darstellung der Verteilung des Verhältnisses des Umfangs der Aktivmaterialphase zu der Fläche.
5.3 Auswertung
72
möglich ist, da mit dem Wegfallen der dritten Dimension nicht mehr eindeutig ist, ob eine Pore
geschlossen ist oder nicht. Auffallend ist hingegen der nahezu lineare Anstieg des Verhältnisses von
Umfang zu Fläche bei abfallender Temperatur. Die drei niedrigeren Temperaturen verhalten sich
hinsichtlich ihrer Streuung ähnlich, nur die 1000°C-Partikel sind aufgrund ihrer häufigen vollständigen
Verfüllung weniger breit gestreut. Wie auch bei den vorherigen Betrachtungen, bei denen nur eine
Eigenschaftskomponente untersucht wurde, liegt hier jedoch wieder eine Überlagerung einzelner
Zustände vor. Eine klare Trennung ist somit nicht möglich.
Zuletzt soll nun geklärt werden, ob der im vorherigen Kapitel gefundene Gradient des
Aktivmaterialanteils der Partikel von außen nach innen nur zufällig in einen im Dreidimensionalen
untersuchten Partikel zu finden ist oder ob er auch in den zweidimensionalen Schliffuntersuchungen
auftritt. Hierzu wurden äquivalent zur vorherigen 3D-Betrachtung für jedes angeschliffene Partikel
mittels euklidischer Distanztransformation der Abstand eines jeden Pixels zum Partikelrand bestimmt
und für jeden Abstand so der Aktivmaterialanteil bestimmt. Das Ergebnis ist in Abbildung 42
dargestellt. Gut zu erkennen ist, dass sich die zuvor postulierte Inhomogenität der
Aktivmaterialanteilverteilung hier bestätigt. Es ist zudem auch zu erkennen, wie die Breite des
zunächst am Rand erhöhten Anteils mit der Größe der Primärpartikel bzw. der Sintertemperatur
korreliert. So fällt der Materialanteil vom Rand zum Zentrum des Sekundärpartikels nach der
durchschnittlichen Dicke der Primärpartikel ab.
Vergleicht man nun zunächst den hier ermittelten Aktivmaterialanteil von 63,6 ± 5,5 % für 900°C mit
dem im vorherigen Kapitel bei reiner FIB-Betrachtung ermittelten Anteil von 69,0 %, so fällt auf, dass
diese um 4,5 % voneinander abweichen. Dies liegt zwar noch knapp innerhalb des erwarteten Fehlers,
Abbildung 42: Analyse des Anteils der Aktivmaterialien in Abhängigkeit vom Abstand zum jeweiligen Sekundärpartikelrand.
Es ist wie zuvor bei der Analyse der 3D-FIB Daten, sowohl der lokale Wert (durchgezogene Linien), also auch der bis zu
diesem Abstand gemittelte Wert (kumulativ: gestrichelt) dargestellt. Unten rechts ist ein Beispielpartikelschnitt (hier 950°C)
dargestellt, bei dem der gemessene Quotient (Materialanteil in rot durch Umfang in blau) dargestellt ist.
5 Analysen an großflächigen elektronenmikroskopischen Scans
73
jedoch zeigt die Verteilung in Abbildung 39, das FIB-Ergebnisse mit Abweichungen von bis zu 10 %
möglich gewesen wären. Wären nur einzelne FIB/REM-Tomographien gemacht worden, hätte auch
keine Möglichkeit bestanden, die ermittelten potenziell, nicht repräsentativen Werte einzuschätzen.
Lediglich der Fehler der Messmethode der FIB/REM-Tomographie selbst hätte abgeschätzt werden
können, was bei der Komplexität der Bildgebung und Auswertung sehr schwierig ist und bei der
Einordnung der Endergebnisse nicht weitergeholfen hätte.
5.4 ZUSAMMENFASSUNG DES KAPITELS ÜBER DIE ANALYSEN AN GROßFLÄCHIGEN
ELEKTRONENMIKROSKOPISCHEN SCANS
Die hier gezeigte Kombination von Analysetechniken ist essentiell, um ein vollständiges Bild der
untersuchten Materialien zu erhalten. Es hat sich gezeigt, dass die hergestellten Nickel-Mangan-Kobalt
Materialien innerhalb ihrer Sintertemperaturkategorien Schwankungen in ihren Strukturparametern,
wie dem Aktivmaterialanteil, unterworfen sind. Die einzelnen Temperaturkategorien sind aber
dennoch klar voneinander trennbar. Alle Proben mit Ausnahme der bei 1000°C gesinterten Probe
weisen ein hohes Oberflächen-zu-Volumen-Verhältnis auf. Dies wirkt sich positiv auf ihre
elektrochemische Leistungscharakteristik gerade beim schnellen Be- und Entladen aus. Die bei 850°C
gesinterten Partikel weisen die geringsten Varianz in ihrem Aktivmaterialanteil auf. Wenn diese
Partikel in einer Kathode enthalten sind, sollten sie sich bezogen auf ihre Struktur während eines
Ladeprozesses untereinander ähnlich verhalten. Die Varianzen der Aktivmaterialanteile, welche sich
schon bei der Synchrotron-basierten Analyse andeuteten, belegen jedoch, dass eine einzelne FIB/REM-
Tomographie allein nicht ausreichend ist, die Materialien auf der Primärpartikelskala zu
charakterisieren. Der Materialanteilgradient von außen nach innen hat sich jedoch bestätigt, der
äußere Bereich des erhöhten Anteils hat etwa die Dicke der jeweiligen durchschnittlichen
Primärpartikelgrößen und reicht somit von 377 ± 28 nm bei 850°C bis zu 2350 ± 690 nm bei 1000°C
Sintertemperatur.
5.4 Zusammenfassung des Kapitels über die Analysen an großflächigen
elektronenmikroskopischen Scans
74
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
75
6 XANES-SYNCHROTRON-RADIOGRAPHIE
6.1 MOTIVATION
In den vorangegangenen Kapiteln wurde die Bildgebung zur Untersuchung gegebener Strukturen
genutzt. Bei Batteriematerialien geht es vor allem um die Funktion dieser Materialien, also um die
Speicherung von Energie und den Prozessablauf der Be- und Entladung. Diese Abläufe können mit den
zuvor gezeigten Abbildungen der Materialien simuliert und nachvollzogen werden. Es ist jedoch mit
Hilfe der Synchrotron-basierten Bildgebung auch möglich, einige der in der Batterie ablaufenden
Prozesse sichtbar zu machen. Die folgenden Analysen erlaubten einen tiefen Einblick in die
unterschiedliche Delithiierung der NMC-Partikel. Die präsentierten Ergebnisse sind grob in zwei
Abschnitte unterteilt. Nach einer kurzen Erläuterung der vorgeschalteten Datenaufbereitung wird
zuerst eine radiale und dann eine räumliche Analyse der Daten dargestellt und erläutert. Bei der
radialen Analyse werden die Partikel von ihrer örtlichen Lage entkoppelt und auf ihr Verhalten
abhängig vom jeweiligen Radius untersucht. So werden Schlüsse über den Lithiierungsgrad innerhalb
von unterschiedlich großen Partikelklassen möglich, aber es können keine Aussagen mehr über das
interpartikuläre Lithiierungsverhalten getroffen werden. Anders ausgedrückt, die räumlichen
Koordinaten (die Breite des Radiograms X und die Höhe des Radiograms Y) werden durch die
Koordinate des Partikelradius und der Tiefe innerhalb eines jeden Partikels ersetzt. Bei der
darauffolgenden räumlichen Analyse hingegen wird auf die Betrachtung der inneren Verhältnisse der
Partikel verzichtet. Dafür sind hier Aussagen über Nachbarschaftsbeziehungen, wie zum Beispiel
Clusterbildungen, möglich. Eine gleichzeitige Analyse beider Ansätze war, wie noch detailliert erklärt
wird, nicht möglich.
6.2 AUFBAU UND DURCHFÜHRUNG
Der für die XANES-Messung (Röntgen-Nahkanten-Absorptions-Spektroskopie, Abkürzung aus dem
Englischen: X-ray absorption near-edge structure spectroscopy) genutzte Batterieaufbau ist in
Abbildung 43 gezeigt und die dazugehörige technische Zeichnung, welche für die Fertigung der Batterie
genutzt wurde, ist im Anhang in Abbildung 63 gezeigt. Das in Abbildung 43 grau und längs in der Mitte
geschnittene Batteriegehäuse wurde aus Polyimid Vespel® (DuPont™) gefertigt. Vespel ist besonders
gut für den „in operando-Batteriebau geeignet, da es beständig gegenüber der eingesetzten
Elektrolyte und Röntgenstrahlung ist. Das Gehäuse besteht aus zwei Teilen, dem hellgrau dargestellten
Stempel und der dunkelgrau dargestellten „Pfanne, die einem Innendurchmesser von 12 mm hat.
6.2 Aufbau und Durchführung
76
Der größte Teil der Batterie kann
zunächst ohne Schutzgas in der
dunkelgrau dargestellten
Pfanne eingesetzt werden. Beim
Zusammenbau muss zu allererst
das kleine Loch der Pfanne (zu
sehen im in Abbildung 43 blau
eingekreisten Bereich)
abgedichtet werden. Das Loch
ist notwendig, da an dieser
Stelle sonst später das Vespel zu
viel Strahlung absorbieren würde. Dazu wird eine 70 µm dicke Kaptonfolie, abgedichtet mit einem
Paraffinring, in das Gehäuse über das Loch gepresst. Danach wird der Ableiter der Kathode, ein
Aluminiumdraht, der in einem Ring endet, in das Gehäuse gelegt. Der Draht wird dabei durch eine
passende seitliche Bohrung nach außen geführt. Als nächstes kann die zu untersuchende
NMC-Kathode auf den Aluminiumableiter und darüber der Separator (Celgard 2325) gelegt werden
(Durchmesser 12 mm). Hierbei wurde darauf geachtet, dass der Separator die Kathode und den
Ableiter komplett abdeckt. Zur Herstellung des Kathodenmaterials wurde dieses zunächst am KIT aus
Li(Ni1/3Mn1/3Co1/3)O2 Rohmaterialpulver (NM-3100, Toda America) gemahlen, sprühgetrocknet und bei
850 °C gesintert89. Die verbaute Elektrode hatte einen Durchmesser von 9 mm und eine Masse (ohne
Aluminium) von 0,7 mg. Die NMC-Aktivmaterialpartikel der Elektrode bilden eine unkalandrierte, also
nicht zusätzlich gewalzte, Monolage, weshalb die Elektrode mit Dicken bis maximal 20 µm sehr dünn
ist. Anders als bei den in Kapitel 3 untersuchten Elektroden, wurde hier allerdings eine Charge von
Partikeln mit kleinerem durchschnittlichen Durchmesser verwendet. Als letzter Arbeitsschritt ohne
Schutzgasatmosphäre wird analog zum Aluminiumableiter der Kupferableiter der Anode eingesetzt.
Dieser wird allerdings so zur Seite gebogen, dass im nächsten Arbeitsschritt in der Glovebox das
Lithium (150 µm Dicke) noch zwischen das Kupfer und den zuvor verbauten Separator geschoben
werden kann. In der Glovebox wird des Weiteren 120 µl Elektrolyt, eine Mischung aus 1 M LiPF6 in
Ethylencarbonat (EC) und Kohlensäureethylmethylester (EMC) (1:1, vol.%) in die Pfanne gefüllt. Zum
Schluss wird der Stempel, bei dem ebenfalls das Loch mit Kapton abgedichtet wurde, in die Pfanne
gepresst und mit einem Gummiring abgedichtet. Nachdem alles fest verschraubt wurde kann die Zelle
wieder aus der Schutzgasatmosphäre herausgenommen werden und im Versuchsaufbau befestigt
werden.
Abbildung 43: Detailierter schematischer Aufbau der Batterie und ihrer
Komponenten.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
77
Der genaue Aufbau der BAMline selbst wurde bereits
in Abbildung 7 auf Seite 15 dargestellt. Abbildung 44
zeigt die an der BAMline installierte Batteriezelle, wie
sie gemessen wurde. Der Röntgenstrahl kommt hier
aus der Richtung der Ionisationskammer, welche den
Photonenfluss des Röntgenstrahles misst,
durchstrahlt die Batterie und wird dann vom
Detektor aufgenommen. Die Batterie ist auf einem
Translationstisch installiert und wird periodisch nach
jedem Bild aus dem Strahl gefahren und so durch
freien Strahlbereich mit einer Referenz am Rand
ausgetauscht. Die Referenz besteht aus einer
NMC-Kathode, welche in der Zusammensetzung der
in der Batterie verbauten Elektrode gleicht. Es wurden sowohl der DMM als auch der DCM zur Filterung
der Energie verwendet, wobei der DMM in erster Linie zur Reduktion der thermischen Last auf dem
DCM diente. Die Energie wurde periodisch von 8335 eV bis 8355 eV verfahren. Diese Energieangaben
stammen von der Experimentsteuerung der BAMline und wurden später mittels Referenz überprüft.
Aufgrund der räumlichen Ausdehnung des Detektors sind diese Energien über die Höhe des Detektors
jedoch nicht konstant (dazu mehr in der Auswertung in diesem Kapitel). Der Messaufbau des
XANES-Experiments entspricht weitestgehend dem der in Kapitel 3 zuvor erläuterten
Synchrotrontomographiemessungen (Abbildung 7 auf Seite 15 als auch in Abbildung 15 auf Seite 38).
Für die Transformation der Röntgenstrahlung in sichtbares Licht wurde ein CdWO4-Szintillator
verwendet. Zur Detektion wurde eine PCO.4000 CCD Kamera mit vorgeschalteter Mikroskopoptik
(Aufbau von Optique Peter) verwendet. Dies führte zu einem Gesichtsfeld von 1,7 x 1,5 mm mit einer
Pixelgröße von 0,347 µm. Nur der Ablauf einer Messung unterscheidet sich von den
Tomographiemessungen, da die Probe verschoben und nicht rotiert, dafür aber die Energie verfahren
wird. Dies zeigt auch gleich die Stärke der XANES-Messung: mit dieser Technik kann im Prinzip jede
bildgebende Beamline, welche über einen geeigneten DCM verfügt, ohne größere Investitionen oder
Umbaumaßnahmen diese Art der Messungen, also aus der Bildgebung abgeleitete chemische
Analysen, durchführen.
Abbildung 44: Foto des Messaufbaus. Gut zu sehen ist die
Batterie (braun) neben der Referenz.
6.2 Aufbau und Durchführung
78
Der Ablauf des Messprogrammes ist in Abbildung 45 schematisch dargestellt. Jede Zustandsmessung
wurde mit dem Verfahren des DCMs gestartet und so eine Energie von 8335 eV eingestellt (Punkt 1 im
Schema). Daraufhin wurde ein Flatfield für 120 Sekunden aufgenommen (Punkt 2 im Schema). Ca. 15%
des Flatfieldes enthielten keinen freien Strahl, sondern die ursprüngliche NMC-Kathode (markiert im
oberen Radiogramm in Abbildung 45), welche später zur Kontrolle der am DCM eingestellten Energie
genutzt wurde. Da die Referenzkathode sich während des gesamten Messzeitraumes nicht veränderte,
konnte die Absorptionskante des NMCs genutzt werden, um zu überprüfen, ob die am DCM
eingestellten Energien von einer Zustandsmessung zur Nächsten konstant denselben Energien
entsprachen. Für die spätere Auswertung wurden die aufgenommenen Radiogramme zweigeteilt. So
wurde der eingekreiste Bereich der Messung in Abbildung 45 nur für die gerade beschriebene
Korrektur, jedoch nicht für die weitere Partikelanalyse verwendet. Für den Referenzbereich existierten
keine Flatfields, und zur Normalisierung wurden die angrenzenden freien Strahlbereiche genutzt. Nach
der Aufnahme des Flatfields wurde die Probe in den Strahl gefahren und ebenfalls für 120 Sekunden
durchstrahlt. Daraufhin wurde die Probe wieder aus dem Gesichtsfeld herausgefahren, die Energie
über den DCM um 1 eV erhöht und wieder eine Flatfieldmessung gestartet. Dieser Kreislauf wurde
21 mal wiederholt.
Während der radiographischen Messungen wurde die Batterie nach einer ersten Zustandsmessung im
Ursprungszustand mit einem konstanten Strom von 15 µA geladen. Zur Steuerung wurde ein NEWARE
CT-4008T-5V10mA-164 verwendet. Da keine Pausen bei der Stromzufuhr für die Zustandsmessungen
durchgeführt wurden, führte dies zwar zu einer Überlagerung von Zuständen, jedoch war es nur so
möglich, Relaxationseffekte auszuschließen. Im ursprünglichen zusammengebauten Zustand, an der
Beamline verbaut, hatte die Batterie eine Spannung von 3,7 V. Die Ladeabschlussspannung betrug
4,4 V.
Abbildung 45: Schematischer Messablauf der XANES-Messung. Eine Zustandsmessung bestand aus einer wiederholten
Abfolge der Schritte 1-3. Die daraus resultierenden normalisierten Radiograme ergeben dann für jedes Pixel 21
energieabhängige Extinktionswerte.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
79
6.3 AUSWERTUNG
In Abbildung 46 ist die Ladekurve der Batterie der XANES-Synchrotron-Radiographie gezeigt. Jeder in
der Abbildung und auch in den noch folgenden Abschnitten als Zustand bezeichnete Bereich stellt
einen kompletten Energiescan dar. Bei Röntgenuntersuchungen von elektrochemisch aktiven Proben
kann es leicht zur Beeinflussung der Probe durch den Röntgenstrahl kommen, was sich dann direkt in
der Leistungsfähigkeit der Batterie niederschlägt. Im Verlauf einer jeden Zustandsmessung wurde die
Probe, wie im vorherigen Abschnitt in Abbildung 45 auf Seite 78 gezeigt, für Referenzmessungen 21
mal aus dem direkten Strahl heraus und wieder hineingefahren. Diese Bestrahlungsschwankungen sind
jedoch nicht in der Spannungskurve in Form von Spannungsschwankungen mit der gleichen Frequenz
detektierbar. Die Batterie zeigt hingegen über einen Zeitraum von 3,5 Stunden ein nahezu konstantes
Ladeplateau, welches zum Ende hin während des Zustandes 4 in einen einstündigen Spannungsanstieg
um 0,2 Volt übergeht.
Abbildung 46: Ladekurve der untersuchten NMC Halbzelle. In hellgrau hinterlegt sind maßstäblich korrekt die für einen
vollständigen Energiescan notwendigen Zeiträume dargestellt. In dunkelgrau sind die für die Auswertung entscheidenden
Zeiträume dargestellt, zu deren Zeitpunkten die individuellen Energiekanten gefittet wurden. Diese Zeitpunkte verschieben sich
mit jedem Zustand weiter nach hinten und streuen zusätzlich, da sie abhängig von den Lithiierungsgraden sind.
6.3 Auswertung
80
Für die nachfolgenden XANES Untersuchungen, wurde zunächst eine Korrektur für die ortsabhängige
gemessene Energie auf dem Detektor durchgeführt. Wie am Ende des Abschnitts „Röntgenquellen“ im
Kapitel 2.2.1 der Grundlagen bereits beschrieben, hat der durch den Kristallmonochromator auf den
Detektor gebeugte Strahl über die Höhe des Detektors keine konstante Energie. Zur Bestimmung
dieser vertikalen Energieverschiebung wurde eine Referenzelektrode im Ursprungszustand auf sechs
unterschiedlichen Höhen untersucht. Die zugehörigen Energiescans sind in Abbildung 47 aufgetragen.
Zunächst ist bereits eine Verschiebung der Absorptionskante bei zunehmender Höhe erkennbar. Die
Referenzprobe selbst besteht jedoch auf der gesamten Höhe aus demselben Material und ist mit
keinem Elektrolyten in Kontakt, kann sich also auch nicht teilweise delithiiert haben. Es kann sich hier
somit nicht um eine reale „Verschiebung“ der Absorptionskante handeln. Die gemessene
Verschiebung kommt vielmehr durch einen mit zunehmender Strahlhöhe immer größeren
Energieoffset auf der Probe und auf dem Detektor zustande. In Abbildung 47 sind die zunehmend
verschobenen Maxima mittels Gauß gefittet. Die jeweilige Verschiebung der Maxima wurde dann wie
ebenfalls in Abbildung 47 dargestellt linear gefittet. Aus dem linearen Fit wurde dann eine vertikale
Energieverschiebung von 2,05 ± 0,10 eV/mm ermittelt. Für alle folgenden Messergebnisse wurde
diese Korrektur berücksichtigt.
Um einen ersten Überblick über die Gesamtheit aller Partikel in dem abgebildeten Bereich der Batterie
zu erhalten, wurde nach der erfolgreichen Energiekorrektur für jeden der vier Zustände die
Gesamtabsorption aller jener Bereiche gemessen, welche Aktivmaterialpartikel enthielten. In
Abbildung 47: Auswertung der Messung zur Korrektur der positionsabhängigen Energieabweichung auf dem Detektor. Zum
einen sind die Gauß-gefitteten jeweiligen Absorptionskanten für die vermessenen Höhen zwischen 0 und 1 mm Höhe zu
sehen. Zum anderen, sind die aus den Gauß-Fits bestimmten Maxima linear über ihre jeweiligen Höhen gefittet.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
81
Abbildung 48 sind die Gauß-gefitteten
Verläufe dargestellt. In Abbildung 49 sind
alle diese untersuchten
Aktivmaterialpartikel dargestellt. Wie in
Abbildung 10 in den Grundlagen auf
Seite 20 gut zu sehen ist, ist der Verlauf
der Absorptionskante asymmetrisch. In
der Auswertung dieser Arbeit wird
immer das Maximum des Energiescans
als Messwert herangezogen. Aus
Zeitgründen wurde bei der Messung die
Flanke auf der energetisch höheren Seite
durch nur wenige Messpunkte erfasst,
was dazu führt, dass der höher
absorbierende, zur Asymmetrie
führende Teil in den Scans zumeist nicht
enthalten ist. In den Fällen, bei denen der asymmetrische Teil vorhanden ist, vor allem im
ursprünglichen, also stark lithiiertem Zustand, wurden die hochenergetischen Teile der Scans für den
Fit nicht berücksichtigt, sodass der Gauß-Fit, wie in Abbildung 47 dargestellt, beschränkt auf die
Bereiche des Maximums möglich war. Der Versatz der Kante in Abbildung 48 entspricht somit, anders
als in Abbildung 47, einem realen Versatz der Maxima, hervorgerufen durch eine Delithiierung des
Aktivmaterials. Das Konfidenzband der in Abbildung 48 gezeigten Fits lässt aufgrund der großen Menge
an verwendeten Datenpunkten auf gute Fits schlien. Hier wurden, wie schon erwähnt, alle
Aktivmaterial enthaltende Pixel pro Zustand verwendet, ohne auf Partikellage oder Größe zu achten.
Für detailliertere Analysen werden im Folgenden allerdings die Anzahl der Pixel pro Kantenspektrum
immer weiter reduziert. Im nächsten Abschnitt 6.3.1 Radiale Untersuchung findet neben einer
Datenreduktion eine Klassifizierung in Partikelgröße und radialer Tiefe statt, was dazu führt, dass die
Menge an Pixel pro Spektrum ca. um den Faktor 250 reduziert wird. Im übernächsten Abschnitt 6.3.1
Räumliche Untersuchung hingegen werden die Partikel einzeln untersucht, was dazu führte, dass die
Pixel pro Spektrum ca. um den Faktor 10000 reduziert wird. Im letzteren Fall war ein Fitten mittels
klassischer Verfahren, wie dem hier verwendeten „Levenberg-Marquardt-Algorithmus“ nicht mehr
möglich, weshalb ein neuronales Netz trainiert wurde, um die Maxima zu finden.
Abbildung 48: Experimentell gemessener Versatz der Absorptionskante
der NMC Partikel. Hierzu die Extinktion aller zuvor maskierten Partikel für
jeden Energieschritt gemessen und anschließend für jeden Zustand Gauß-
gefittet.
6.3 Auswertung
82
6.3.1 Radiale Untersuchung
In Abbildung 49 a) ist der ausgewertete Bereich des ersten Radiogramms der Messserie von Zustand 1
gezeigt. Von den ursprünglichen Rohdaten der aufgenommenen Radiogramme wurden an der rechten
Seite ein Streifen von 320 µm Breite nicht weiter ausgewertet, da dieser Bereich allein zur Kontrolle
der am DCM eingestellten Energie genutzt wurde. Das heißt, in den für die Intensitätsnormalisierung
notwendigen Flatfields befand sich in diesem Randbereich die Referenzprobe, weshalb hier keine
Intensitätsnormierung mehr möglich war. In den in Abbildung 45 dargestellten Flatfields ist dieser
Bereich als dunkler Streifen auf der rechten Seite gut zu sehen. Während der Messung kam es
außerdem in einigen Bereichen der Probe zum kurzzeitigen Durchlaufen von Gasblasen. An den
Rändern dieser Blasen (exemplarisch wurde ein solcher Rand in Abbildung 49 b) mit einem roten Kreis
markiert) sowie in den in Abbildung 49 a) gut erkennbar stark absorbierenden Bereichen (sehr dunkel)
war eine spektrale Untersuchung der einzelnen Partikel ebenfalls nicht möglich. Außerdem wurden
jene Partikel nicht betrachtet, welche eine Sphärizität
unter 0,9 aufwiesen. In Abbildung 49 b) sind alle Partikel
dargestellt, welche für die radialen Untersuchungen
herangezogen wurden. Alle Partikel wurden in
Abhängigkeit von ihrem Radius eingefärbt.
Der Graph in Abbildung 50 zeigt die
Partikelradiusverteilung der in Abbildung 49 b) örtlich
gezeigten Partikel. Die Verteilung ist zu kleinen Partikeln
hin durch die Auflösungsgrenze von ca. 1 µm
beschränkt. So existieren sehr wenige sehr große
Abbildung 50: Darstellung der Partikelradius-
verteilung aller maskierter Partikel. Der analysierte
Bereich ist markiert; alle Partikel, die größer oder
kleiner als der markierte Bereich sind, wurden
aufgrund zu geringer Statistik nicht beachtet.
Abbildung 49: Darstellung der analysierten Aktivmaterialpartikel; a) stellt ein unbearbeitetes Radiogram des ersten Zustandes
dar, b) zeigt die Partikel, welche für die radiusabhängige Analyse ausgewählt und maskiert wurden. Für eine erste Übersicht
sind die Partikel in b) in Abhängigkeit von ihrem jeweiligen Radius eingefärbt. Der rote Kreis in b) markiert exemplarisch die
Position einer während der Messung kurzzeitig vorhandenen Gasblase.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
83
Partikel, während die Verteilung zu kleineren Partikeln hin weniger flach ausläuft. Für die weitere
Analyse wurde entschieden, dass die Partikel, wie in der Verteilung dargestellt, in Radialklassen von
0,25 µm äquidistant klassifiziert werden sollten. Dies führte zu der Problematik, dass zu größeren
Partikeln hin nur noch sehr wenige einzelne Partikel pro Klasse hätten analysiert werden können. Die
in diesem Bereich vorhandene Datenmenge war dadurch zu gering für eine Kantenanalyse, weshalb
entschieden wurde, nur die in Abbildung 50 markierten 27 Radialklassen zwischen 1,00 µm und
6,75 µm zu analysieren. Insgesamt ergab sich über alle Radien ein Durchschnitt von 3,5 ± 0,2 µm. Für
die radiale Analyse von jeder dieser 27 Radialklassen wurden alle Partikel wieder äquidistant in
Schalen, welche man auf dem Detektor als Ringe sieht, mit einer Dicke von 0,25 µm zerlegt.
Da bei der Radiographie zunächst eine Transformation vom durchstrahlten, dreidimensionalen Raum
auf die zweidimensionale Detektorebene stattfindet, stellen die Absorptionskanten, welche für jedes
Pixel auf dem Detektor gemessen wurden, und deren Verschiebung nur eine Projektion aller
überlagerter Kanten dar. Bei der Tomographie kann mittels vieler Projektionen der zuvor durchstrahlte
dreidimensionale Raum rekonstruiert werden. Bei den XANES-Radiographiemessungen ist dies
allerdings nicht möglich. Es ist jedoch unter bestimmten Bedingungen trotzdem möglich,
Tiefeninformationen aus den gemessenen Absorptionskanten zu bestimmen. Geht man davon aus,
dass die durchstrahlten Volumina, welche die Kantenverschiebung hervorrufen die NMC Partikel
kugelförmig sind, so kann aus ihrer Projektion direkt auf ihre dreidimensionale Ausdehnung
zurückgeschlossen werden. Des Weiteren kann aus detektierten Kreisscheiben, also den
27 Radialklassen, auf Kugelschalen geschlossen werden, d.h. es ist möglich die überlagerten, in
Abbildung 51: Skizze zur Verdeutlichung der Korrektur der Kantenverschiebung für die Bestimmung der radialen Lithiierung.
6.3 Auswertung
84
Kreisscheiben detektierten Verschiebungen auf die realen Kugelscheiben der Partikel in der Kathode
zurückzurechnen. In Abbildung 51 ist exemplarisch ein Querschnitt durch eine Kugel dargestellt. In
Abbildung 51 a) ist von oben kommend die Richtung der Synchrotronstrahlung eingezeichnet. Unter
dem Querschnitt der Kugel würde sich der Detektor befinden, wobei hier allerdings schon die zunächst
gefitteten Nickelkanten in Abhängigkeit zum Scheibenradius eingezeichnet sind. Wie bereits erwähnt
stellt diese radiusabhängige Verschiebung der Kanten allerdings zunächst nur die Projektion der Werte
durch die Schalen dar. So stellt zum Beispiel zur Mitte des Partikels, also zu kleineren Radii hin, der
gemessene Werte eine Überlagerung vieler beitragender Schalen dar. Um die jeweiligen Beiträge zum
gemessenen Signal zu bestimmen, ist es zunächst notwendig, die Durchstrahlungslänge in
Abhängigkeit vom Radius zu bestimmen. In Formel 13 ist zunächst die Berechnung der Sehnenmatrix
𝑆 und ihrer Elemente 𝑠𝑖,𝑗 in Abhängigkeit zu den ebenfalls in Abbildung 51 dargestellten Partikelradius
𝑟𝑗 und den zugehörigen Sehnenhöhen 𝑖 gezeigt. Die Parameter 𝑖 und 𝑗 sind hierbei ganze Zahlen,
welche von 1 bis zur Anzahl der Schalen variieren. Die Matrix 𝑆 ist somit quadratisch.
𝑠𝑖,𝑗= {22𝑟𝑗𝑖𝑖2 wenn 𝑖<𝑟𝑗
0 wenn 𝑖>𝑟𝑗
(13)
Die Formel 13 ist eine Zusammensetzung aus der Sehnengleichung eines Kreises und der einfachen
Bedingung, dass außerhalb eines Kreises die Sehnenlänge 0 ist. Die Sehnenhöhen wurden für die
Berechnungen immer durch die Mitten der zuvor festgelegten Schalendicken gelegt. Aus der
ermittelten Sehnenmatrix können nun die individuellen Längen der Teilsehnen für einzelne
Partikelgrößen abgeleitet werden. In Abbildung 51 b) sind diese Teilsehnen farblich markiert. Über
Formel 14 ergibt sich eine Teilsehnenmatrix 𝑇𝑆 und ihre Elemente 𝑡𝑠𝑖,𝑗, welche die individuellen
Teilsehnenlängen beschreiben.
𝑡𝑠𝑖,𝑗= {𝑠𝑖,𝑗 wenn 𝑗=1
𝑠𝑖,𝑗𝑠𝑖,𝑗−1 wenn 𝑗>1
(14)
Werden diese Längen entsprechend ihres Anteils der Gesamtsehnenlänge gewichtet 𝑤𝑖,𝑗, ergibt sich
eine Matrix, welche für jede Partikelgröße die Anteile der jeweiligen Schalen zur Verschiebung der
Absorptionskanten für unterschiedliche interne Radii in den Partikeln beschreibt. Zur besseren
Veranschaulichung ist solch eine Matrix (nur die Anteile größer Null) in Abbildung 51 b) über den
Partikelquerschnitt für dieses Partikel dargestellt.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
85
Aus den nun bekannten Gewichtungen kann in Kombination mit den gemessenen
Absorptionskanten 𝑀(𝑟𝑗) aus der Projektion auf den korrigierten Wert 𝐾(𝑟𝑗) der eigentlichen Schalen
im dreidimensionalen Raum über die Formel 15 zurückgerechnet werden.
𝐾(𝑟𝑗)={ 𝑀(𝑟𝑗) wenn 𝑗=𝑗𝑚𝑎𝑥
𝑀(𝑟𝑗)𝐾(𝑟𝑘)𝑤𝑘,𝑗
𝑗𝑚𝑎𝑥
𝑘=𝑗+1
𝑤𝑗,𝑗 wenn 0 < 𝑗<𝑗𝑚𝑎𝑥
(15)
Zu beachten ist hier, dass die Bestimmung des Vektors 𝐾, also die Kanten über alle radiale Schalen des
Partikels, iterativ erfolgen muss. Das heißt, es wird zunächst die äußerste Schale bestimmt: 𝑗=𝑗𝑚𝑎𝑥.
In Abbildung 51 b) wäre 𝑗=4. Mit dem dadurch bekannten 𝐾(𝑟𝑗𝑚𝑎𝑥) kann dann die nächste Schale für
𝑗=𝑗𝑚𝑎𝑥1 berechnet werden. Mit den Ergebnissen 𝐾(𝑟𝑗𝑚𝑎𝑥) und 𝐾(𝑟𝑗𝑚𝑎𝑥−1) kann die dritte Schale
berechnet werden, und so weiter bis auch die Energie der Kante der innerste Schale 𝐾(𝑟𝑗=1) berechnet
ist. Durch die Abhängigkeit bei der Bestimmung der innen liegenden Werte von den zuvor bestimmten
weiter außen liegenden Werten ergibt sich daraus allerdings eine hohe Sensitivität für Rauschen, d.h.
kleine Schwankungen in den äußeren Bereichen führen zu starken Schwankungen in den inneren
Bereichen. Aus diesem Grund wurde zum einen angenommen, dass es zwischen den Schalen keine
starken Lithiierungssprünge gibt. Es wurde also ein gleitender Mittelwert mit der Breite von 0,5 µm für
die Energien der Kanten benachbarter einzelner Schalen angewendet (Mittelung zweier Schalen). Zum
anderen wurden die innersten 0,5 µm im Zentrum eines jeden Partikels nicht in die finale Auswertung
mit einbezogen.
Für die finale Umrechnung der ermittelten Kantenpositionen in den Lithiierungsgrad wurden zunächst
die aus der Literatur98,99 bekannten
Spektren wie in Abbildung 52
dargestellt linear gefittet. Die
Verschiebung der Kanten verhält
sich gerade bei sehr geringem
Lithiierungsgrad (unter 30 %) nicht
mehr linear, weshalb zunächst ein
logistischer Fit (nicht dargestellt)
und kein linearer untersucht wurde.
Nachdem aber absehbar war, dass
sich die Batterie im Durchschnitt
nicht unter 30 % entlud, wurde sich
Abbildung 52: Aus der Literatur entnommene Absorptionskanten (schwarz bis
grau) und in rot die linear gefitteten Intensitätsmaxima, welche dann eine
Umrechnung der Maxima auf einen Lithiierungsgrad ermöglichen.
6.3 Auswertung
86
auf den dargestellten linearen Fit beschränkt, und für den Lithiierungsgrad ergibt sich somit die
einfache lineare Gleichung:
Lithiierungsgrad = Energie ·𝑏+𝑎 .
(16)
In Tabelle 2 sind die aus dem Fit resultierenden Parameter aufgelistet. Die an der BAMline eingestellten
Energien entsprachen jedoch nicht ganz den tatsächlichen Energien. Für die hier gezeigte
Umrechnungsformel muss noch eine Energie von 1,75 eV zu den ursprünglich eingestellten Energien
hinzuaddiert werden.
Tabelle 2: Werte für die lineare Umrechnung von der Absorptionskante zum Lithiierungsgrad.
Wert
Fehler
Schnittpunkt (𝑎)
153400
6400
Anstieg (𝑏) in 𝑒𝑉−1
-18,35
0,76
In Abbildung 53 ist eine Zusammenfassung der ermittelten Lithiierungsgrade in Abhängigkeit vom
Partikelradius, der radialen Tiefe in jedem Partikel und dem jeweiligen Ladezustand gezeigt. Abbildung
53 a) zeigt exemplarisch zwei FIB/REM-Tomographien zweier unterschiedlich großer NMC-Partikel. Die
dargestellten Partikel entsprechen strukturell statistisch dem Durchschnitt der in der zyklisierten Zelle
verwendeten Partikel. Das größere Partikel hat einen Radius von 6,75 µm und das kleinere Partikel
einen Radius von 3,25 µm. Zur besseren Verdeutlichung des inneren Lithiierungsgrades wurde bei
Abbildung 53: Zusammenfassung der radiusabhängigen Delithiierung von strukturierten NMC-Partikeln unterschiedlicher
Größe. In a) sind schematisch zwei unterschiedlich große NMC-Partikel und ihr Lithiierungsgrad im Ursprungszustand gezeigt,
b)-e) zeigen jeweils den Lithiierungszustand der in
Abbildung 46
definierten Zustände 1-4 (Ursprungszustand bis auf 4,4 V
geladen).
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
87
beiden Partikeln jeweils ein Achtel des zuvor tomographierten Volumens nicht dargestellt, und somit
ist es möglich, in das Partikel hineinzuschauen. In der Abbildung wurden die radialen Schalen
entsprechend ihres Lithiierungsgrades eingefärbt. Die Farbskalen stellen den Zustand 1, also den
Ursprungszustand der Batterie direkt vor dem ersten Ladevorgang entsprechend der gestrichelt
markierten Zeilen in der zweidimensionalen Verteilung in Abbildung 53 b) dar. Es gelten somit für a)
auch dieselben Farbwerte wie für b). Die Graphen der weiteren Verteilungen in Abbildung 53 b) bis e)
sind jedoch nicht direkt vergleichbar, da die Farbskalierung jeweils stark variiert.
Die Graphen b) bis e) entsprechen den gemessenen Ladezuständen 1 bis 4 (wie in Abbildung 46
definiert). Die Farbe spiegelt den Lithiierungsgrad jedes Datenpunktes wider, welcher zuvor in
Abhängigkeit von seinem Abstand zur jeweiligen Partikeloberfläche (Ordinatenachse), und von seiner
Zugehörigkeit zur jeweiligen Partikelgröße (Abszissenachse) unterteilt wurde. Für einen genaueren
Vergleich wird in Abbildung 54 eine Teilmenge der Daten in Form von ausgewählten Zeilen und Spalten
also Profilen der Graphen dargestellt und erläutert. In den Graphen von Abbildung 53 nicht darstellbar
ist die Variation der Werte der Datenpunkte innerhalb ihrer jeweiligen Klassen. Diese wird ebenfalls in
Abbildung 54 gezeigt.
Zunächst ist in den Graphen ein klarer Gradient sowohl von außen nach innen, als auch von klein zu
groß zu erkennen. Kleine Partikel tendieren dazu, früher ihr Lithium an den Elektrolyten abzugeben als
größere Partikel. Außerdem werden äußere Bereiche schneller delithiiert als innere Bereiche, obwohl
das hier verwendete NMC-Material durch seine Porosität schon im Ursprungszustand einen guten
Zugang zu den inneren Bereichen des Partikels ermöglicht. Nur der letzte Zustand, dargestellt in
Abbildung 53 e), oder in Teilen in Abbildung 54 g) und h), zeigt ein anderes Verhalten. In diesem
Zustand stellt sich ab einem Partikelradius von ca. 3,5 µm ein konstanter Lithiierungsgrad ein. Bei den
Partikeln mit einem Radius von 3,5 µm bis 6,75 µm scheint sich diese Konstanz auch radial bis in eine
Tiefe von ca. 4,5 µm widerzuspiegeln. Außerdem nimmt die dargestellten Spannweiten der
Lithiierungsgrade, welche von Zustand 1 bis 3 um den Faktor 4,5 stark zunehmen, im Zustand 4 wieder
ab. Dies lässt zum einen darauf schließen, dass sich während des Ladeprozesses und während des
Ladeplateaus kein Gleichgewicht zwischen den Ionen einstellt, die in den Elektrolyten abgegeben und
im Aktivmaterial transportiert werden. Zum anderen scheint während des finalen Ladevorgangs im
Bereich des Ansteigens der Ladespannung die Delithiierung auf eine Barriere zu stoßen, welche die
Abgabe von Lithium an den Elektrolyten behindert. Nur so ist zu erklären, dass, obwohl noch Lithium
vorhanden ist, zunächst die Differenz zwischen stärker und schwächer delithiierten Bereichen wieder
abnimmt. Anders ausgedrückt: viele der zuvor schneller delithiierten Teile der Batterie „warten“ auf
die zuvor schwächer delithiierten Bereiche.
6.3 Auswertung
88
Abbildung 54: Auf der linken Seite sind radiale Lithiierungsgradientenprofile von drei verschiedenen Partikelgrößenklassen in vier
Ladungszuständen dargestellt (a, c, e, g). Auf der rechten Seite sind die ermittelten Lithiierungsgrade unterschiedlich großer
Partikel in drei verschiedenen Partikeltiefen gezeigt (b, d, f, h). Diese Graphen stellen somit Schnitte/Profile der in Abbildung 53
gezeigten vier Lithiierungsgradgraphen dar.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
89
In Abbildung 54 wird, anders als in Abbildung 53, nur ein Teil der Daten dargestellt. Jeder der vier
Zustandsgraphen in Abbildung 53 wurde in Abbildung 54 in jeweils zwei Graphen aufgeteilt, welche
wiederum drei ausgewählte Profile/Schnitte zeigen. Die Graphen auf der linken Seite (Abbildung 54 a,
c, e und g) stellen drei senkrechte Schnitte aus Abbildung 53 dar. Hier wurden die Daten der
Partikelradien für 2 µm bis 2,25 µm (violett), 4 µm bis 4,25 µm (grün) und 6 µm bis 6,25 µm (rot)
extrahiert. Die Graphen der rechten Seite (Abbildung 54 b, d, f, h) hingegen stellen drei waagerechte
Schnitte der Graphen aus Abbildung 53 dar. Hier wurden die Daten aller Partikel für ihre radialen Tiefen
von 0 µm bis 0,25 µm (violett, die Oberflächen aller Partikel), 2 µm bis 2,25 µm (grün) und 4 µm bis
4,25 µm (rot) extrahiert. Durch die Reduktion auf einige wenige Teilmengen der erhobenen Daten ist
es nun auch möglich, die Variation der gemessenen Lithiierungsgrade übersichtlich darzustellen. Die
transparenten Bänder um die Lithiierungskurven stellen den jeweiligen Fehler der Gauß-Fits der
Kantenmaxima jeder Klasse dar. Wie schon in Abbildung 53 ist auch in dieser Abbildung die Skalierung
der Daten nicht konstant, sondern variiert von Zustand zu Zustand. Die einzelnen Verteilungskurven
weisen unterschiedliche Längen auf, da für die jeweiligen Radien oder Tiefen nicht in jeder
Kombination Daten vorliegen. So kann zum Beispiel ein Partikel mit dem Radius 2 µm keine Daten zu
einer radial in 4 µm Tiefe liegenden Schale enthalten. Wie sich später im Abschnitt 6.3.2 bei der
räumlichen Untersuchung noch zeigen wird, stellt sich zwischenpartikular bei zunehmender Ladung
eine Variation der einzelnen Ladezustände ein, die hier schon in Form des steigenden Fehlers der
Ladezustände mit fortschreitender Delithiierung zu sehen ist.
Wird zunächst im Detail die Delithiierung in Abhängigkeit der Tiefe in jedem Partikel betrachtet, so ist
zu sehen, dass während der ersten drei Zustände die äußeren Bereiche der Partikel ihr Lithium
schneller abgeben als die inneren Bereiche. Dieser Gradient ist jedoch nicht linear und für alle Partikel
verschieden. Bei größeren Partikeln nimmt der Gradient in Tiefen über 2 µm ab. Kleinere Partikel
zeigen diesen Gradientenknick“ nicht, weisen aber insgesamt einen ähnlichen Gradientenverlauf (also
Anstieg) auf wie die großen Partikel in denselben Tiefenregionen. Der Gradient zu kleineren Partikeln
hin ist allerdings mehr und mehr zu stärkerer Delithiierung hin verschoben. Das Gesamtgefälle
zwischen Oberfläche und dem innersten Bereich eines jeden Partikels ist, abhängig vom Zustand,
immer ähnlich. So ergibt sich für die ersten beiden Zustände eine nur kleine Differenz von 5 % der
Lithiierung (Abbildung 54 a, c). Während des Ladeplateaus bei 4,2 V im Zustand 3 steigt dieses Gefälle
allerdings auf bis zu 15 % des Lithiierungsgrades an (Abbildung 54 e). Es wird angenommen, dass das
Gefälle zwar zunächst durch Diffusionsprozesse entsteht, jedoch weist die zunehmende Verstärkung
und das Nichteinstellen eines Gleichgewichtes auf einen zusätzlichen Prozess hin. Das
Delithiierungsverhalten der Partikel kann somit nur durch eine, von dem Lithiierungsgrad nicht linear
bevorzugte Reaktion begründet werden. Das heißt, bereits delithiierte Bereiche sind im Vergleich zu
weniger delithiierten Bereichen im Verlauf des Ladeplateaus leichter weiter zu delithiieren, was ein
6.3 Auswertung
90
Ungleichgewicht begünstigt. Dieser Effekt wird auch im Folgenden Abschnitt bei der räumlichen
Untersuchung erneut sichtbar werden und wurde auch schon in ähnlicher Form in beschrieben100.
Im vierten Zustand bei 4,4 V hingegen wird dieser Effekt wieder revidiert. Die zuvor beschleunigte
Delithiierung der äußeren Regionen wird gestoppt, und nur die innersten Bereiche der großen Partikel
sind noch nicht auf demselben Niveau delithiiert wie alle anderen Bereiche der Batteriepartikel. Auch
die Verschiebungsunterschiede der Gradienten zwischen größeren und kleineren Partikeln sind nicht
mehr klar unterscheidbar. In diesem Zustand hat die Batterie, ausgehend von den XANES-Messungen,
im Durchschnitt einen Lithiierungsgrad von 31,1 ± 5.2 % erreicht. Dies entspricht dem Bereich, in dem
nach Yin et al.31 die Wahrscheinlichkeit der Bildung der NMC-O1-Phase ansteigt. Die zuvor
beschriebene, reaktionsgetrieben begünstigte und somit beschleunigte Delithiierung muss bei dieser
Phasenumwandlung aufgehoben worden sein. Daraus ergibt sich wiederum eine Umkehrung der
Begünstigung bei der Delithiierung, was zum einen zu einem Aufholen der zuvor langsamer
delithiierten Bereiche führt, zum anderen aber auch zu einem Anstieg des inneren Widerstandes der
Batterie führt bzw. zu einem Anstieg der anliegenden Spannung (4,2 V bis hin zu Abschlussspannung
von 4,4 V). Jedoch hätte eine weitere Ladung der Batterie voraussichtlich nicht zu einer vollständigen
Homogenisierung bei einem Lithiierungsgrad von 30 % geführt, da gerade die sehr kleinen Partikel
bereits bei 4,4 V schon wieder anfingen, ihre Delithierung zu beschleunigen. Es wird also vermutet,
dass sich nach der NMC-O1-Phasenumwandlung wieder ein ähnliches Ungleichgewicht einstellt wie
zuvor.
Im Gegensatz zur tiefenabhängigen Delithiierung der Partikel verhalten sich die Verteilungen in
Abhängigkeit zur Größe der Partikel eher linear (Abbildung 54 b, d, f, h). Das heißt zumindest für die
ersten drei Zustände, dass mit größerem Partikelradius die Delithiierung linear abnimmt. Die Graphen
auf der rechten Seite der Abbildung 54 stellen also den linearen Verschub der Graphen auf der linken
Seite dar. Hier wird noch einmal deutlich, dass dieser Effekt nicht davon abhängig ist, ob die Oberfläche
oder das Innere der Partikel betrachtet wird. Auch hier ist der Anstieg nicht konstant, sondern ist am
stärksten im dritten Zustand ausgeprägt. Im vierten Zustand stellt sich im Einklang mit den zuvor
beschriebenen radialen Betrachtungen wieder eine Abschwächung und eine Homogenisierung
innerhalb des Aktivmaterials ein.
Mit einer Abschlussspannung von 4,4 V erreichte, wie schon beschrieben, die Batterie einen
Lithiierungsgrad von 31,1 ± 5.2 %, was nach Yin et al.31 nahe am theoretischen Literaturwert von 36 %
liegt. Neben den XANES-Messungen besteht noch eine weitere Möglichkeit, den Lithiierungsgrad
abzuschätzen. Durch die Bildgebung und die angeschlossene, in Abbildung 50 gezeigte Partikelanalyse
ist es in Kombination mit den durchgeführten FIB/REM-Tomographien und die daraus resultierende
Materialporosität möglich, die genaue Menge an reinem NMC in der Batterie abzuschätzen. Durch den
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
91
konstanten Strom kann so ermittelt werden, wie viel Lithiumionen das NMC-Material während des
Ladevorgangs abgegeben haben muss. So wurde ein Lithiierungsgrad von 43,4 % ermittelt, was 7,3 %
über dem theoretischen und sogar über 10 % über dem mittels XANES gemessenen Wert liegt. Aus
dieser Kalkulation wird abgeleitet, dass der mittels bildgebender Verfahren vermessene Bereich
ca. 11 % mehr aktives Material enthielt als der Durchschnitt der gesamten Elektrode, die also nicht
gleichmäßig dicht mit NMC-Partikeln beladen war. Dies kann unter anderem auch durch eine
Beschädigung des äußeren Bereiches der Elektrode beim Zusammenbau der Batterie verursacht
worden sein.
Der Unterschied der in Abbildung 54 dargestellten radialen und größenabhängigen Gradienten ist
zusammengefasst im berechneten Durchschnitt in Abbildung 55 dargestellt. Der unterschiedliche
Verlauf ist hier noch einmal deutlicher zu erkennen als in Abbildung 54 oder Abbildung 53. Abbildung
55 a) ist sehr gut der erwartete Verlauf des Lithiierungsgrades in unterschiedlichen Partikeltiefen
ablesbar. Die äußeren Bereiche beschleunigen zunächst zunehmend, während die innersten Bereiche
konstant entladen werden. Zum Ende hin werden die äußeren Bereiche ausgebremst und die weiter
innen liegenden Bereiche delithiieren sich immer schneller. In Abbildung 55 b) ist der Einfluss der
Partikelgröße auf die Delithiierung im Durchschnitt dargestellt. Hier ist, wie schon zuvor angedeutet,
der lineare Zusammenhang gut ersichtlich. Während die ersten beiden Zustände sehr ähnlich verlaufen
und eine nur schwach signifikante Korrelation zwischen Partikelgröße und Delithiierung aufzeigen,
besteht im dritten Zustand eine starke Korrelation der beiden Parameter. Der vierte Zustand hingegen
weist wieder nur eine schwache Korrelation auf. Der im Vergleich zu Zustand 3 gesunkene Anstieg der
Geraden in Kombination mit der großen Varianz ist mit einem t-Test Wert von 0,001 aber immer noch
signifikant.
Abbildung 55: Darstellung des durchschnittlichen Lithiierungsgrades sowohl a) in Abhängigkeit der radialen Tiefe aller
Partikel, als auch b) in Abhängigkeit von der Partikelgröße. Die radiusabhängigen Verteilungen in b) wurden linear gefittet
und das jeweilige 95 % Konfidenzband mit dargestellt.
6.3 Auswertung
92
6.3.2 Räumliche Untersuchung
Im Folgenden wird nun eine räumlich aufgelöste Analyse präsentiert. Diese erlaubt zwar weniger
Aussagen über das interne Verhalten einzelner Partikel, gibt aber einen besseren Einblick in die
Funktionsweise einer Elektrode als Ganzes.
Wie schon zuvor beschrieben, war es hierfür nicht möglich, die Daten mittels klassischer
Fitalgorithmen zu analysieren. Die zuvor verwendeten Fitverfahren versagten bei der räumlichen
Untersuchung. Entweder konvergierten das Verfahren nicht oder es führte zu zufällig verteilten
Ergebnissen. Dies war zu erwarten, da sich durch die lokale Analyse lokale Änderungen in der Batterie
direkt im Verlauf der Absorptionskanten widerspiegelten. Diese Effekte haben nur indirekt mit der
Lithiierung zu tun und können z. B. durch das kurzzeitige Durchlaufen einer Gasblase und
Elektrolytfilmen vor oder hinter den Partikeln oder das Auftreten von Compton Streuung
hervorgerufen werden. Bei der radialen und somit unlokalisierten Analyse mittelten sich diese Effekte
heraus.
Auch durch eine weitere Reduktion des
untersuchten Gesichtsfeldes auf einen
möglichst homogenen Bereich konnten nicht
alle lokal auftretenden Effekte verhindert
werden. Aus diesem Grund wurde ein
eindimensionales faltendes neuronales
Netzwerk an simulierten Absorptionskanten
trainiert. Die Simulation fokussierte hierbei
jedoch weniger auf die glichst akkurate
Wiedergabe einer Absorptionskante, sondern
es wurde vielmehr versucht, die in der Batterie
auftretenden Ursachen, welche zu sehr komplex zu fittenden Daten führte, zu simulieren. Diese waren
zum einen plötzlich auftretende Intensitätssprünge, z. B. durch das Durchlaufen von Blasen, Filmen
oder Reflexen. Zum anderen wurden sehr unterschiedlich starke Signal-zu-Rausch-Verhältnisse in die
Trainingsdaten mit aufgenommen. Die Kanten selbst wurden durch eine variierte asymmetrische
schiefe Gaußfunktion realisiert. Der Zielwert oder auch Zielwert beim Training wurde über das
Maximum dieser schiefen Gaußfunktion ermittelt. Erst dann wurden die Daten zufällig mit den
erwarteten Fehlern augmentiert. Der letzte Schritt der Augmentation enthielt dann in 50% der Fälle
noch eine zusätzliche Glättungsfunktion. Im Anhang in Abbildung 62 ist eine zufällige Teilmenge des
Trainingsdatensatzes dargestellt. Abbildung 56 zeigt den Verlauf des Trainingsprozesses. Es ist gut zu
sehen, dass der pro Epoche durchschnittliche absolute Abstand schon nach der fünfzigsten Iteration
Abbildung 56: Werte der Verlustfunktion dargestellt über die
trainierten Epochen. Die Verlustfunktion wurde durch den
durchschnittlichen Betrag des Abstandes zwischen dem Zielwert
und dem Istwert der Energiekante errechnet.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
93
unter den Wert 0.5 eV fiel. Zur Validierung existierten keine echten Zielwerte, da gerade bei
komplizierten Fällen die zuvor verwendeten Standard-Fitverfahren versagten. Es wurde daher ein
zweiter Datensatz simuliert, welcher zu den Trainingsdaten verschiedene Parameter für
Rauschverhältnisse, Asymmetrien, Stärken der plötzlichen Intensitätsverschiebungen und auch
Entrauschungen enthielt. Die Trainingsdaten waren demnach insgesamt von schlechterer Qualität als
die echten Messdaten, hatten also ein schlechteres Signal-zu-Rausch-Verhältnis. Es wurde über 512
Epochen trainiert, jedoch wurde das Training in Epoche 384 mit einem durchschnittlichen Verlustwert
von 0.3037 eV abgebrochen. Ab dieser Epoche führte ein weiteres Trainieren nur wieder zu größeren
Verlusten, was auf ein Überfitten hindeutete.
In Abbildung 57 a)-c) sind exemplarisch Energiekanten, welche zur Validierung genutzt wurden,
gezeigt. Hier gut zu sehen ist das unterschiedliche Rauschen der einzelnen Verläufe. Außerdem sind
sowohl der Zielwert (schwarz), als auch der von dem neuronalen Netzwerk während Epoche 384
bestimmte Wert (rot) der maximalen Peakposition eingezeichnet. In d)-f) sind reale Rohdaten gezeigt.
In d) ist zu erkennen, dass die zwei Werte 9 eV und 10 eV schwächer absorbierten als erwartet, in e)
sind es die Werte 12 eV 15 eV um das Maximum. Der Verlauf in Abbildung 57 f) weist den erwarteten
Verlauf auf.
Wird das Netzwerk auf die realen Daten angewendet, ergibt sich ein Lithiierungsgradverlauf der
einzelnen Partikel, veranschaulicht in Abbildung 58 c) bis f).
Abbildung 57: Hier beispielhaft dargestellt sind drei der simulierten Energieverläufe (a-c), welche zur Überprüfung des
neuronalen Netzes verwendet wurden. Darunter sind drei der Realdatenverläufe (d-f) dargestellt.
6.3 Auswertung
94
Des Weiteren ist in Abbildung 58 a) die aus c) f) resultierende Verteilung der Partikel in den
verschiedenen Zuständen dargestellt und in Abbildung 58 b) ein Radiogramm aus genau der
dargestellten Region. Für jedes Partikel wurden also jeweils vier Energiekanten ermittelt, eine für jeden
Zustand. Bei ca. 20 % dieser Partikel lag trotz des neuronalen Netzwerkes immer noch mindestens
einer der vier Energiewerte außerhalb eines sinnvollen Wertebereiches. Dies führte dann zum Beispiel
zu negativen Lithiierungsgradprozenten im dritten Zustand, während sich die anderen Zustände
normal verhielten. Als Grenzen für die Klassifizierung eins solchen Ausreißerverhaltens wurde zum
einen eine negative Lithiierung und zum anderen eine sprunghafte Veränderung der Lithiierung um
über 40 % festgelegt, wenn sich im darauffolgenden Zustand diese Veränderung wieder teils umkehrte.
Diese Ausreißer wurden für die weitere Auswertung durch den Durchschnitt ihrer Größenklassen,
welche zuvor im radialen Teil in Abschnitt 6.3.1 bestimmt wurden, ersetzt, oder wie der in Abbildung
58 b) mit einem roten Pfeil markierten Bereich (ein sich bewegender Fremdkörper auf dem
Kaptonfenster) zunächst ganz entfernt. Die aus den Kanten resultierenden Lithiierung wurde wie zuvor
im radialen Teil bestimmt.
Aus Abbildung 58 kann bereits abgelesen werden, dass die Partikel nicht gleichmäßig delithiiert
werden. Wie zuvor ist zu sehen, dass kleinere Partikel zunächst schneller delithiiert werden, und große
Partikel erst später nachziehen. Was bei der rein radialen Betrachtung zuvor jedoch nicht ersichtlich
Abbildung 58: Hier dargestellt ist das räumliche Ergebnis r die Lithiierungsgrade einzelner Partikel, resultierend aus den
durch das neuronale Netz bestimmten Energiekanten. In a) ist die Lithiierungsgradverteilung aller vier Zustände, in b) ein
Radiogramm der Region und in c) bis f) die gemessenen Zustände 1 bis 4 dargestellt. Der rote Pfeil markiert einen Fremdkörper
welcher sich vor oder hinter der Batterie im Sichtfeld befand. Der grüne Pfeil markiert beispielhaft ein Partikel, welches
während der Messung nur sehr wenig delithiiert wird.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
95
war, ist, wie inhomogen und ortsabhängig die Delithiierung insgesamt stattfindet. Wie sich noch zeigen
wird, findet zum Teil eine Clusterbildung statt wie in Abbildung 58 e) im oberen Bereich, und es gibt
einzelne Partikel, die, wie das mit dem grünen Pfeil markierte, kaum an dem Ladeprozess der Batterie
teilnehmen. Wie schon bei der radialen Betrachtung zeigt sich in den Zuständen 1 und 2 noch ein im
Vergleich zu Zustand 3 homogeneres Bild. Die maximale Inhomogenität in Zustand 3 nimmt aber auch
bei der räumlichen Analyse wieder zum vierten Zustand hin ab. Die Variation in der Verteilung ist im
Vergleich zur radialen Analyse stärker, was auf die ungenaueren Fits im räumlichen Teil bzw. die starke
Mittelung im radialen Teil zurückzuführen ist.
Zur weiteren Verdeutlichung
des unterschiedlichen
Verhaltens trotz räumlicher
Nähe werden drei Partikel
exemplarisch in Abbildung 59
im Detail dargestellt. Gezeigt
ist ein Ausschnitt um das, in
Abbildung 58 f) mit einem
grünen Pfeil markierte
Partikel, hier genannt Partikel 3. Partikel 3 weist eine ähnliche Größe auf wie Partikel 1 und startet, wie
erwartet, mit einer ähnlichen, in 2D projizierten Lithiumionendichte. Partikel 2 hingegen ist etwas
größer, in 3D somit auch tiefer, und startet im Zustand 1 somit auch mit einer größeren, auf 2D
projizierten Lithiumionenbeladung. Aber schon im ersten Ladeschritt von Zustand 1 auf Zustand 2 zeigt
sich bei Betrachtung von Partikel 3 ein unerwartetes Verhalten: das Partikel wird kaum delithiiert,
während die beiden anderen Partikel wie erwartet delithiiert werden. Erst im Zustand 4 startet das
zuvor eher passive Partikel den Ladeprozess. Das zunächst passive Verhalten ist nicht durch die
Partikelgröße oder seine Position (bzw. seine Nachbarn) zu erklären und kann somit nur mit der
Elektronenleitfähigkeit der Verbindung zum Ableiter erklärt werden. Aus den Beobachtungen wird
geschlossen, dass dieses Partikel 3, wie einige andere Partikel auch, schlechter an die Leitmatrix,
welche in der Zelle den Elektronentransport sicherstellt, angebunden ist. Erst durch das spätere
schlechtere Delithiierungsverhalten der umliegenden, schon weiter geladenen Partikel und die
ansteigende Zellspannung wird ein Ladeprozess dieses Partikels begünstigt. Nur durch die große
Menge von ca. 5000 gleichzeitig untersuchten Partikeln ist es möglich, ein solches Verhalten überhaupt
zu beobachten, da es nur selten auftritt.
Abbildung 59: Drei Partikel mit unterschiedlichem Ladeverhalten. Der in a) über alle
Zustände dargestellte Ausschnitt entspricht der Region um das mit dem grünen Pfeil in
Abbildung 58 f) markierte Partikel (hier Partikel 3). In b) wird die individuelle
Delithiierung pro Zustand dargestellt.
6.3 Auswertung
96
Um die Unterschiede in der lokalen Delithiierung genauer zu zeigen, wurde in Abbildung 60 die
Differenz der Lithiierung zweier aufeinander folgender Zustände genauer gezeigt. Dazu wurden
zunächst aus der Lithiierungsdifferenz, der Zeitdifferenz, der jeweiligen Größe der einzelnen Partikel
und die Menge der freigegebenen Lithiumionen pro µm² pro Stunde bestimmt. Außerdem wurden, um
lokale Löcherzu vermeiden, die zuvor in Abbildung 58 nicht betrachteten Partikel durch ihre über
den Radius erwartete Lithiierung ersetzt und berücksichtigt. Da hier eine Aussage nicht über einzelne
Partikel, sondern über ganze Partikelcluster getroffen werden soll, wurde anschließend ein gleitender
Mittelwertfilter mit dem Radius 100 µm angewendet. Die daraus resultierende Geschwindigkeit der
Ionenextraktion wird in Abbildung 60 a) bis c) dargestellt. Es ist sofort zu erkennen, dass der untere
Teil (Y < 200 µm) des analysierten Ausschnittes schneller geladen wird als der obere Teil (Y > 300 µm),
bei einem durchschnittlichen Unterschied von 60 %. Zum Ladeplateau hin, also von Zustand 2 hin zu
Zustand 3, gleichen sich die Geschwindigkeiten der unterschiedlichen Bereiche an. Erst nach dem
Ladeplateau findet, wie zuvor bei den radialen Betrachtungen ein Angleichungsprozess statt. Hier
haben die unteren Bereiche die Phasenumwandlungsbarriere im Bereich von 30 % Lithiierung etwas
früher als die oberen Bereiche erreicht und dem entsprechend ist im oberen Abschnitt eine höhere
Delithiierungsgeschwindigkeit messbar. Diese Messung zeigt die Wichtigkeit des hier präsentierten
Messverfahrens. Eine selektive Punktmessung einzelner Partikel hätte diese Zusammenhänge nicht
Abbildung 60: Darstellung der räumlichen Entwicklung der lokalen Lithiierung. Es ist dieselbe Region wie in Abbildung 58
dargestellt. Die Abschnitte a) bis c) zeigen jeweils die Differenz der jeweils aufeinander folgenden vier Zustände, in d) wird die
gesamte Menge an extrahierten Lithium Ionen dargestellt, in e) ist die zu d) entsprechende Verteilung geplottet mit
Graustufenskalierung und in f) werden exemplarisch zwei Bereiche näher gezeigt, welche in c) farblich eingerahmt sind.
6 XANES-Synchrotron-Radiographie
97
zeigen können. Durch das Aufholen der oberen Bereiche ist, wie in Abbildung 60 d) und e) zu sehen,
nach dem Abschluss des Ladevorgangs bei 4,4 V kein klarer Unterschied zwischen den oberen und
unteren Bereichen mehr zu erkennen. Es gibt jedoch Schwankungen im Mittel um ± 10 % bei der
totalen lokalen Delithiierungsgeschwindigkeit. Diese Schwankungen sind nicht durch
Materialdichteschwankungen zu erklären, denn diese beträgt nur ± 5 %. Sie kann also nur durch lokale,
sich unterschiedlich verhaltende Cluster (gezeigt in Abbildung 60 f) erklärt werden. Sogar einzelne
Ausreißer, welche durch die Mittelwertbildung delokalisiert wurden (markiert mit einem grünen Pfeil
in Abbildung 58 f), führen nicht zu diesen Schwankungen. Anders als bei den zuvor mittels Abbildung
59 erörterten Einzelpartikeln ist es unwahrscheinlich, dass das hier gezeigte großflächige Verhalten auf
eine schlechte Anbindung der Partikel an die Kohlenstoffmatrix zurückzuführen ist, sondern vielmehr
auf der Konstruktion der hier gemessenen Halbzelle beruht. Es wird angenommen, dass großflächige
Unterschiede im Anpressdruck und eine daraus resultierende unterschiedliche Konnektivität der
Grund für die Unterschiede der Ladegeschwindigkeit darstellen. Insgesamt sind sowohl in der
räumlichen also auch in der radialen Auswertung wieder reaktionsgetriebene Mechanismen zu
beobachten. Sogar nahe beieinanderliegende Partikel identischer Größe verhalten sich mitunter nicht
gleich. Die Begünstigung der Reaktion der Delithiierung im Ensemble der hier vermessenen
Komponenten der Halbzelle ist von der bereits stattgefundenen Delithiierung abhängig und somit eine
nichtlineare Reaktion. Ein bereits teilweise delithiiertes Partikel ist leichter weiter zu delithiieren als
ein weniger delithiiertes Partikel. Dieses Verhalten kann auch nicht durch die unterschiedliche
Abbildung 61: Zusammenfassung der in dieser Arbeit beobachteten, grundlegenden Delithiierungsmechanismen.
6.4 Zusammenfassung des Kapitels über die XANES-Synchrotron-Radiographie
98
Anbindung erklärt werden, da sich viele Partikel am Ende des Ladeprozesses mit ihrer Lithiierung doch
wieder ihren Nachbarn annähern. Es wird davon ausgegangen, dass insgesamt eine Überlagerung von
drei Prozessen zu beobachten ist.
Die beobachteten Verhalten sind in Abbildung 61 in Anlehnung an Part et al.100 auf das wesentliche
zusammengefasst. Wie dort sind sehr ähnliche, nun jedoch auf „in operando-Messungen beruhende
Schlüsse möglich. Die in der Abbildung dargestellte obere Evolution (a b c), welche einer
homogenen Ladung entspricht, würde somit besonders bei niedrigen Ladeströmen begünstigt,
während bei der Erhöhung der Ladeströme die Nichtlinearität der Reaktion der Delithiierung immer
wichtiger wird, sodass sich immer mehr eine Clusterbildung wie der in der Abbildung in der Mitte
dargestellten Evolution (a d e) einstellt. Des Weiteren findet eine Überlagerung der individuellen
Konnektivität der einzelnen Partikel statt. In Abbildung 61 nicht dargestellt ist die zusätzliche
Abhängigkeit der einzelnen Partikelgrößen. Bei gleichmäßiger Verteilung sollte dies weniger eine Rolle
spielen, bei Agglomerationen von Partikeln gleicher Größe würden allerdings
Delithiierungs-Clusterformationen begünstigt werden. Des Weiteren ist zu vermuten, dass kleinere
Partikel und Partikelrandbereiche bei weniger konstanten Be- und Entladeströmen als Puffer
fungieren. Sie reagieren zuerst auf Veränderungen und werden somit beim kurzen und schnellen
Ladezustandsänderungen wesentlich mehr beanspruchet und zyklisiert als die langsameren großen
Partikel.
6.4 ZUSAMMENFASSUNG DES KAPITELS ÜBER DIE XANES-SYNCHROTRON-RADIOGRAPHIE
Mit Hilfe der XANES-Untersuchungen ist es möglich, das Delithiierungsverhalten vieler einzelner
Partikel einer Batterieelektrode zu untersuchen, sofern sich die Partikel nicht überlappen. So konnte
gezeigt werden, dass drei unterschiedliche zugrundeliegende Mechanismen das Ladeverhalten der
Partikel beeinflussen. Zum einen, die Ladungsdiffusion durch das Partikel, welche dazu führt, dass die
Randbereiche der Partikel zuerst zu der Abgabe von Lithium beitragen. Außerdem scheinen sich
Partikel, welche schon teilweise entladen wurden, bevorzugt weiter zu entladen. Dies führt zu einer
Clusterbildung. Für einige wenige Partikel konnte außerdem gezeigt werden, dass kein ausreichender
elektrischer Kontakt zum Ableiter bestand.
Alle Partikel verlangsamen jedoch ihre Delithiierung bei einem Lithiierungsgrad von ca. 31 %, da hier
die Phasenumwandlung in die O1-Phase stattfindet, welche die weitere Delithiierung erschwert. Ab
diesem Punkt beschleunigt sich die Lithiumabgabe der Partikel, welche zuvor nur langsam Lithium
abgegeben hatten, sodass sich die zunächst angestiegene Varianz der individuellen Ladungszustände
der Partikel bei einer Beladung bis auf 4,4 V wieder verringert.
7 Zusammenfassung
99
7 ZUSAMMENFASSUNG
In dieser Arbeit wurde demonstriert, dass es für eine umfangreiche Analyse eines komplexen
Probensystems wie einer Batterie notwendig ist, verschiedene bildgebende Messmethoden zu
kombinieren. Mithilfe der Kombination von Synchrotrontomographie, FIB-Tomographie und
zweidimensionalen großflächigen REM-Schliffbildern konnte gezeigt werden, dass sich eine
signifikante positive Korrelation zwischen Sintertemperatur und Aktivmaterialanteil der
Kathodenbatteriepartikel ergibt. Der Aktivmaterialanteil unterliegt innerhalb eines
Herstellungsparameters starken Variationen, was die Vorzüge und Notwendigkeit kombinierter
Messmethoden noch einmal unterstreicht. Des Weiteren wurde ein Gradient des Partikelanteils von
einem Bereich höheren Anteils am äußeren Rand der Partikel zu einem Bereich niedrigeren Anteils im
Inneren festgestellt. In den Aktivmaterialpartikeln, welche bei 900°C gesintert wurden, ergab sich
durch die hierarchische Strukturierung ein offenporiges Materialsystem, in dem sowohl die Elektronen
durch das Aktivmaterial als auch die Ionen durch die Poren jeden Punkt im Partikel erreichen konnten.
Mittels in dieser Form einzigartiger XANES-Radiographie konnte ein verzögertes Ladeverhalten einiger
Partikel nachgewiesen werden. Dies kann nur mit einer verminderten Anbindung an die Leitmatrix
erklärt werden. Die präzisen, in dieser Arbeit angewendeten Tomographieverfahren und Analysen
offenbarten dazu die im Verhältnis zur aktiven Oberfläche sehr kleine Kontaktfläche der Partikel zur
Leitmatrix. Außerdem konnten mittels XANES-Radiographie noch zwei weitere Effekte nachgewiesen
werden: die diffusionsgetriebene und die reaktionsgetriebene Delithiierung.
Neben der Bildgebung ist auch die Bildinterpretation für eine umfangreiche Analyse ein
entscheidender Faktor. Durch die Verwendung von Methoden des maschinellen Lernens konnten bei
der Bildauswertung Klassifizierungsfehler um eine Größenordnung reduziert werden. Zudem wurde
nachgewiesen, dass es möglich ist, mittels eines faltenden neuronalen Netzwerkes stark verrauschte
XANES-Spektren zu analysieren und somit bisher in diesem Umfang nur schlecht erreichbare
Informationen über die zeitliche, lokale, in operando messbare Lithiumverteilung zu gewinnen.
Als Limitierung ergab sich die Problematik der sehr stark unterschiedlichen Absorptionskoeffizienten
der Bestandteile in Batteriematerialien. Selbst mittels monochromatischer Strahlung ist keine klare
räumliche Abbildung der Kohlenstoffleitmatrix zwischen der Aktivmaterialphase möglich, besonders
bei sehr stark kalandrierten Proben. Die FIB/REM-Tomographie ist aufgrund langer Messzeiten und
begrenzter Verfügbarkeit auf geringe Probenvolumina an ausgesuchten Positionen in der Probe
beschränkt. Die zweidimensionalen Schliffanalysen sind hingegen auf infiltrierbare oder in sich stabile
und schleifbare Proben großflächig anwendbar. Auch die XANES-Experimente sind durch das
100
Vermögen der Röntgenstrahlung, das Probenmaterial zu durchdringen, beschränkt. Hier ist der Aspekt
jedoch noch gravierender, da mit den zu vermessenden Energiekanten die Energien nicht frei gewählt
werden können und so der Batterieaufbau entsprechend angepasst werden muss.
Diese Arbeit demonstriert zwei wesentliche Aspekte deutlich: die angewendeten bildgebenden
Verfahren können und müssen sich ergänzen, um die genannten Limitierungen der individuellen
Verfahren zu umgehen und die Analysemöglichkeiten zu verbessern. Weiter optimiert werden kann
diese Korrelation noch durch auf maschinellem Lernen basierte Auswerteverfahren, die ebenfalls bei
der Analyse und Interpretation von Bilddaten helfen und die Qualität der Auswertung verbessern kann.
Abschließend und für die weitere Einsetzbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse kann gesagt werden,
dass die in dieser Arbeit an Batteriematerialien demonstrierten Verfahren universell auch für andere
Probensysteme einsetzbar sind. Durch die Vielseitigkeit der Fragestellungen an das System „Batterie“
profitieren viele Forschungsfelder von den in dieser Arbeit gezeigten Untersuchungsansätzen.
8 Ausblick
101
8 AUSBLICK
Aus den hier gezeigten Messverfahren und deren Kombinationen sind einige interessante
Weiterentwicklungen möglich und zu erwarten. Aktuell wird viel mit der Kombination von
Synchrotron-, FIB/REM-Tomographie und auf maschinellem Lernen basierten Algorithmen
experimentiert. Hierbei sollen die FIB-Daten den ground truth“ liefern, um so genaueste
Klassifikationen und sogar Superauflösung, also eine virtuell durch die Bildnachbearbeitung erhöhte
Auflösung, zu ermöglichen. Es ist zu vermuten, dass hier, um überhaupt genug Daten generieren zu
können, 2D-Schliffbilddaten zur Anwendung kommen müssen. Dabei ist anzunehmen, dass sich durch
den Einsatz der einfach zu erstellenden 2D-Bilddaten eine zunehmende Automatisierung ergeben
wird. Generell wird die vermehrte Automatisierung der Bildgebung, Bildanalyse und Verknüpfung von
Verfahren zunehmend auch zu einer Standardisierung der Probenidentifikation führen. So kann gerade
bei der Vermessung derselben Probe die Zuordnung von Mess- und Metadaten koordiniert werden.
Eine vermehrte Standardisierung ist auch eine Grundvoraussetzung, um allgemein anwendbare, auf
maschinellem Lernen basierende Analyseverfahren, zu implementieren. Es ist glich, dass die
großflächigen XANES-Radiographien zu XANES-Tomographien mit großem Gesichtsfeld
weiterentwickelt werden können. Dabei ist für metallhaltige Batteriematerialien aufgrund der hohen
Absorptionen nur die gekippte Form, die Laminographie, zu erwarten. Im Bereich der FIB-Klassifikation
wird erwartet, dass die unterschiedlichen Hersteller bald vermehrt Softwarepakete anbieten werden,
welche basierend auf künstlicher Intelligenz Messartefakte effektiv entfernen. Es wird jedoch auch
erwartet, dass diese Verfahren aufgrund ihrer schwer nachvollziehbaren Arbeitsweise zunächst nur
ergänzend eingesetzt werden und dabei möglichst quelloffen angeboten werden müssen. Auch wenn
hier viel mit faltenden neuronalen Netzwerken gearbeitet werden wird, sind die in dieser Arbeit
gezeigten Random Forest-Algorithmen wohl auch in Zukunft gerade bei neuen Problemstellungen von
großem Nutzen. Beim Trainieren werden jedoch wahrscheinlich zunehmend auch synthetische Daten
basierend auf Simulationen oder GANs (erzeugende gegnerische Netzwerke, Abkürzung aus dem
Englischen: Generative Adversarial Networks“)101 zum Einsatz kommen. Gerade die sich rasant
entwickelnden Bildbearbeitungs- bzw. Erkennungsverfahren führen vor allem zu einer Beschleunigung
der Datenauswertung, aber somit auch zu einer stark erhöhten Generierung von Daten. Es ist
abzusehen, dass in Zukunft vor allem die Möglichkeit der Datenspeicherung und Kompression zu einer
der größten Herausforderung werden wird.
102
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10 Anhang
109
10 ANHANG
10.1 BEISPIELE VON XANES TRAININGSDATEN
Abbildung 62: Hier dargestellt, ist eine kleine zufällige Teilmenge der zum Training des neuronalen Netzwerkes für das Fitten
der Energiekantenverschiebung simulierten Spektren. Gut zu sehen, ist die starke Variation des Signal- zu Rauschverhältnisses,
die Verschiebung des jeweiligen Zielwertes, so wie markiert mit einem roten Kreis, einzelne Spektren mit durchlaufenden
anormalen Extinktionssprüngen.
110
10.2 KONSTRUKTIONSZEICHNUNG DER XANES ZELLE
Abbildung 63: Technische Zeichnung der eingesetzten Batteriezelle für die XANES Messungen. Für den finalen Einsatz wurde jedoch
noch ein Loch mit einem Durchmesser von 1,5 mm in das Sichtfeld gebohrt.
10 Anhang
111
112
DANKSAGUNG
Zunächst danke ich meinem Doktorvater Herrn Prof. Dr. John Banhart für die Möglichkeit, in seinem
Institut am Helmholtz-Zentrum Berlin zu arbeiten. Ich danke Ihnen für Ihre wissenschaftliche Bereuung
und Unterstützung. Sie haben meine Schlussfolgerungen und Ergebnisse genauestens hinterfragt und
so hohe Qualität sichergestellt.
Ich danke Frau Prof. Dr. Julia Kowal für die Übernahme der Zweitgutachterschaft.
Ich danke außerdem Dr. Ingo Manke für die vielen Ideen, das Unterstützen meiner Ansätze und das
Vermitteln der vielen inspirierenden Netzwerke von Partnern.
Besonderen Dank geht auch an meinen langjährigen Bürokollegen Dr. André Hilger. Auch du hast mich
bei meinen vielen Ideen immer unterstützt, mir aber auch Fehler aufgezeigt und mich zu einem
organsierteren Wissenschaftler gemacht. Du hast mich vor einige Fettnäpfchen bewahrt und aus
anderen herausgeholfen.
Ebenfalls danke ich meinen Kollegen Dr. Tobias Arlt, Dr. Nikolay Kardjilov, Dr. Kang Dong, Dr. Fu Sun,
Dr. Katja Höflich und Jörg Bajorat. Ohne euch wäre ich nie in der Lage gewesen, Batterien zu bauen,
die FIB oder die Beamlines zu bedienen, nicht einmal meine Berechnungen hätte ich ohne eure Hilfe
durchführen können. An dieser Stelle sei auch Christiane Förster, Claudia Leistner und Holger Kropf
gedankt: ohne eure Hilfe und geschickte Probenpräparation wären viele meiner Messungen nicht
gelungen.
Für die Unterstützung an den Beamlines, sowohl in Hamburg an der P05 als auch in Berlin an der
BAMline, danke ich Dr. Henning Markötter und Dr. Fabian Wilde. Wenn etwas nicht funktionierte,
wart ihr sogar nachts und am Wochenende erreichbar.
Auch meinen Kollegen Herrn Prof. Dr. Volker Schmidt und Dr. Matthias Neumann von der Universität
Ulm sei an dieser Stelle für die vielen interessanten Treffen und Gespräche gedankt.
Natürlich sei hier auch meinen Freunden und der ganzen Familie gedankt, die mich immer bei allem
unterstützt haben und mit ihren Fragen auch immer wieder gezeigt haben, dass sich viele Menschen
für das interessieren, was hier in dieser Arbeit untersucht und gezeigt wird.
Mein besonderer Dank gilt dir Anna. Du hast viele Wochenenden und Abende aufgeopfert. Du hast
mich immer sehr unterstützt und dir nichts anmerken lassen, selbst wenn ich schon vor dem Frühstück
angefangen habe, mir Probleme einzureden. Deine Ruhe und dein Verständnis haben mir sehr
geholfen. Außerdem, hast du mehr Kommata, in diese Arbeit eingebaut, als ich, je, für möglich,
gehalten hätte.