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MODUS-COVID Bericht vom 23.10.2020
Sebastian Alexander Müller  1  , William Charlton  1  , Natasa Djurdjevac Conrad  2  , Ricardo
Ewert  1  , Christian Rakow  1  , Hanna Wulkow  2  , Tim Conrad  2  , Kai Nagel  1  , Christof Schütte  2
1  Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik (“VSP”), TU Berlin,
[email protected]
2  Zuse-Institut Berlin (“ZIB”)
Available via TU Berlin repository:  http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-10662
Date of this version: 23-october-2020
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY 4.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Website:  https://covid-sim.info
Bericht an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vom 23.10.2020:
1  Zusammenfassung
1. Falls das politische Ziel sein sollte, R wieder unter 1 zu drücken, so ist zu beachten, dass
dies mit immer höheren Infektionszahlen immer schwieriger wird, da der Anteil der
Kontaktnachverfolgung mit deren Überlastung immer kleiner wird, und somit durch immer
mehr weitere Maßnahmen ergänzt werden muss.
2. Im folgenden listen wir mögliche Maßnahmen auf, die wir durchgerechnet haben. Für die
quantitativen Wirkungen der Maßnahmen siehe den Abschnitt 3 “Maßnahmenrechner”.
a. Unsere Rechnungen zeigen, dass nur deutliche Einschränkungen im Freizeitbereich
genügend Wirkung hätten, um R unter den kritischen Wert von 1 zu drücken.
b. Dies wäre optimalerweise verbunden mit einer sehr deutlichen Aufstockung der
Kapazitäten bei der Kontaktnachverfolgung. Diese Aufstockung müsste der
exponentiellen Kurve der Neuinfektionen folgen, d.h. die notwendigen Kapazitäten
verdoppeln(!) sich jede Woche erneut. Lt. unseren Rechnungen wäre heute (23.10)
eine Verdreifachung nötig, in einer Woche wäre es eine Versechsfachung.
c. Sperrstunden oder Ausgangssperren im Freizeitbereich wirken, zeigen eine
deutliche Wirkung aber nur bei Sperrzeiten deutlich vor 23 Uhr. Grund ist, dass
außer freitags und samstags abends die meisten Freizeitaktivitäten ohnehin vor
23 Uhr enden.
d. Im Bereich “Arbeit” empfehlen wir weiterhin Homeoffice, Einzelzimmer oder
durchgehende Maskenpflicht auch am Arbeitsplatz. Dies würde lt. unseren
Rechnungen einen deutlichen Beitrag zur Reduktion von R leisten, aber nicht
ausreichen, um R wieder unter 1 zu drücken.
e. Im Bereich “Schule” empfehlen wir Masken auch am Sitzplatz und/oder halbierte
Klassenstärken mit alternierenden Schultagen. Insgesamt sind die Schulen lt.
unseren Simulationen keine starken Infektionstreiber.
3. Unsere Modelle erlauben die Berechnung der individuellen
Ansteckungswahrscheinlichkeiten, z.B. ca. 30% bei einer typischen Dinnerparty, wenn eine
infektiöse Person anwesend ist.
1

4. Wir konnten die Parameter unseres mathematischen Modells auf der Basis von
Simulationsergebnissen des agentenbasierten Modells mit einer hohen Qualität schätzen.
Dies ermöglicht, die Wirkungen verschiedener Maßnahmenkombinationen mit dem
mathematischen Modell schnell zu schätzen, ohne das agentenbasierte Modell mit seinen
langen Rechenzeiten zu bemühen.
 2   Unsere Interpretation der gegenwärtigen Situation
Unsere Simulationen legen folgende Interpretation der gegenwärtigen Situation in Berlin nahe; wir
schätzen die Resultate als übertragbar in viele deutsche Großstädte ein:
1. Im Juni 2020 lag die Reinfektionsrate R unterhalb von 1. In den realen Zahlen von Berlin
gab es einen singulären Ausbruch, der die Infektionszahlen ansteigen ließ; dieser ist in
unseren Simulationen nicht enthalten.
2. Im Juni wurden die Kindergärten stufenweise wieder geöffnet; Anfang August die Schulen.
Beides reicht, in Verbindung mit der funktionierenden Kontaktnachverfolgung, lt. unseren
Simulationen  nicht

aus, um R nach über 1 zu schieben.
3. Weiterhin kam Ende Juli/Anfang August ein erheblicher Infektionsimport durch
Reiserückkehrer hinzu. Dies allein sollte lt. unseren Simulationen das “strukturelle” R gar
nicht verändern, also unter 1 belassen.  Allerdings führt(e) es zu vielen weiteren
Infektionsketten, die durch die Gesundheitsämter verfolgt werden mussten. Lt. unseren
Annahmen kam es dabei ab ca. Anfang September zu einer zunehmenden Überlastung der
Kontaktnachverfolgung, und damit dann doch zu einem Anwachsen von R über 1.
4. Resultat ist, dass  jetzt (Ende Oktober) die Infektionszahlen so hoch sind, dass eine
vollständige Kontaktnachverfolgung nicht mehr möglich ist. Der dämpfende Effekt der
Kontaktnachverfolgung fällt also teilweise weg; die dann noch verbleibende
Infektionsdynamik ist überkritisch (also R größer als 1), die Infektionszahlen steigen an.
5. Sobald R größer als eins ist, ist der Anstieg  immer exponentiell. Solange R über eins
bleibt, werden die Infektionszahlen also immer schneller ansteigen. Dieser Effekt wird noch
zusätzlich dadurch verstärkt, dass die dämpfende Wirkung der Kontaktnachverfolgung mit
zunehmender Überlastung immer geringer wird. Zusätzlich unterstützt die andauernde
Verlagerung von Aktivitäten von außen nach innen den Anstieg der Infektionszahlen.
Falls eine Rückkehr zu R<1 politisch gewünscht sein sollte, so gilt zweierlei:
● Die dafür nötigen Maßnahmen müssten sehr deutlich sein (s.u.).
● Je länger gewartet wird, desto nochmals gravierender müssten sie ausfallen, weil der
dämpfende Anteil der Kontaktnachverfolgung bei weiterem Abwarten immer kleiner wird.
Falls das politische Ziel, R unter 1 zu drücken, aufgegeben worden ist oder werden soll, so wäre
unsere Vorhersage, dass sich die Infektionsdynamik zunächst noch weiter beschleunigen wird,
also noch stärker als exponentiell, mit weiter anwachsendem R und immer kürzeren
Verdopplungszeiten, wegen des abnehmenden Anteils der Kontaktnachverfolgung sowie der
Verlagerung von Aktivitäten in Innenräume (vgl. Punkt 5 oben). Dämpfend wirken würde
vermutlich eine Verhaltensreaktion der Bevölkerung; wir sehen im persönlichen Umfeld, dass es
neben den Personen, die bereits die jetzigen Maßnahmen für übertrieben halten, zunehmend viele
gibt, die sehr vorsichtig/ängstlich reagieren. Unserer Analyse aus den Mobilfunkdaten zeigt auch
bereits einen Rückgang der aushäusigen Aktivitäten.
Relevant ist vielleicht auch noch folgendes: Selbst wenn es nicht gelingen sollte, R unter 1 zu
drücken, so hängt doch die Anzahl der gleichzeitig Erkrankten und somit die Höhe der benötigten
2

Krankenhauskapazitäten am konkreten Wert von R: Je weniger groß R, desto niedriger diese
Zahlen. Insofern wären auch “späte” und “nicht vollständig durchgreifende” Maßnahmen (z.B.
sukzessiv frühere Sperrstunden; Masken am Arbeitsplatz/während des Unterrichtes) immer noch
sinnvoll.

3  Maßnahmenrechner
Wir haben, basierend auf den Ergebnissen aus unserem Simulationsmodell, einen
Maßnahmenrechner entwickelt, mit dem abgeschätzt werden kann, durch welche Maßnahmen das
derzeit gültige R reduziert werden kann. Ausgehend von dem derzeit gültigen R (Base R value)
zeigt der Rechner, dass insbesondere im Freizeitbereich sehr deutliche Maßnahmen notwendig
sind, um das resultierende R (Calculated R value) auf einen Wert unter 1 zu drücken (und damit
das exponentielle Wachstum zu stoppen). Maßnahmen im Kindergarten- und Bildungsbereich
haben in unserem Modell eine nicht so starke Wirkung, weil wir davon ausgehen, dass seit den
Sommerferien regelmäßig (mindestens nach jeder Schulstunde) gelüftet wird.
Der Rechner ist hier zu finden:  https://covid-sim.info/r-calcs/2020-10-23  .
Die dazugehörigen Simulationsergebnisse sind hier zu finden:
https://covid-sim.info/2020-10-23/interventions  .

Abbildung 1: Beispiel für den Maßnahmenrechner; Auswirkung der Kombination verschiedener
Maßnahmen auf den aktuellen R Wert; siehe:  https://covid-sim.info/r-calcs/2020-10-23
3

 4  Kontaktnachverfolgung
U.E. sollten “heroische” Anstrengungen unternommen werden, um die Kontaktnachverfolgung
unter Kontrolle zu behalten oder wieder unter Kontrolle zu bringen: Eine Erhöhung der Kapazität
der Kontaktnachverfolgung auf “unendlich” (= immer jeweils ausreichend für gerade herrschenden
Fallzahlen) zeigt in unseren Simulationen eine sehr deutliche dämpfende Wirkung.
Notwendig wäre u.E. ein  Monitoring der Performanz der Kontaktnachverfolgung . Da die
Gesundheitsämter unter Druck sinnvollerweise nur noch die am Tag neu hereinkommenden Fälle
abarbeiten, wären am Ende jeden Tages einfach zu erhebende Indikatoren:
● Anzahl der am Tag neu in die häusliche Quarantäne zu verweisenden Kontakte
● Anzahl der am Tag in die häusliche Quarantäne verwiesenen Kontakte
Daraus ließe sich durch einfache Division der  Anteil der in die Quarantäne verwiesenen Kontakte
ermitteln, woraus sich wiederum die Belastung der Gesundheitsämter ergeben würde. Weiterhin
könnte man verfolgen, ob sich während der Epidemie die Anzahl der neu nachzuverfolgenden
Kontakte ändert (z.B. durch Kontaktbeschränkungen).
Weiterhin nochmal der Hinweis, dass laut unseren Rechnungen die Kontaktnachverfolgung einen
hohen Anteil an der Reduktion der Reinfektionsrate R hat. Dies alleine reicht laut unseren
Rechnungen allerdings nicht aus, sondern muss durch weitere Maßnahmen unterstützt werden.
Die im Zuge des Herbstes zunehmende Verlagerung von Veranstaltungen von außen nach Innen
vergrößert den Problemdruck.
 5  Sperrstunde und Ausgangssperre
Ausgangssperre im Freizeitbereich Reduktion von R
23 - 6 Uhr Ca. 3%
21 - 6 Uhr Ca. 11%
19 - 6 Uhr Ca. 19%
Tabelle 1: Reduktion von R für verschiedene Zeitspannen der Ausgangssperre im Freizeitbereich.
Wir finden, für Berlin, eine Reduktion von R um ca. 3% für eine Ausgangssperre im Freizeitbereich
von 23 bis 6 Uhr. Pro weitere Stunde nach vorne verstärkt sich dieser Effekt um ca. 4%. Die
Ausgangssperre bezieht sich dabei auf alle aushäusigen Freizeitaktivitäten, was also bedeutet,
dass alle anderen aushäusigen Aktivitäten (wie bspw. Arbeit) weiterhin stattfinden.
Wenn sich die Ausgangssperre/Sperrstunde nur auf Veranstaltungen in öffentlichen Räumen
(Restaurants etc.) bezieht, würden sich die Werte ungefähr halbieren.
Simulationsresultate und Erläuterungen sind unter  https://covid-sim.info/2020-10-22/curfew zu
finden.
4

 6  Weitere Maßnahmen
Wir haben den Eindruck, dass die Problematik der Aerosol-Infektion immer noch nicht vollständig
im politischen Entscheidungsprozess berücksichtigt wird. Nach jetzigem Wissensstand geschehen
Infektionen eher nicht “im Vorbeigehen”, sondern bei längerem gleichzeitigen Aufenthalt in eher
kleinen, unbelüfteten Räumen. Dies bedeutet insbesondere auch Masken  am Sitzplatz und nicht
nur auf den Gängen.
Wir waren in unseren letzten Berichten davon ausgegangen, dass die Beiträge von Schulen,
Arbeit, öffentlicher Verkehr etc. “im Prinzip” angemessen gelöst seien. Unseren Beobachtungen
nach kann davon vieles immer noch zusätzlich zum bisherigen umgesetzt werden, z.B.:
● Arbeitsplätze:  Maskenpflicht auch am Arbeitsplatz außer in Einzelzimmern oder im
Außenbereich. Erwartete Reduktion von R ca. 10%; vgl. Maßnahmenrechner in Abschnitt
3.
● Schulen:  Masken in Schulen auch während des Unterrichtes ;  nochmals häufigeres
Lüften (alle 15 min); Umstellung auf alternierenden Unterricht (jede*r Schüler*in nur noch
jeden zweiten Tag). Erwartete weitere Reduktion von R ca. 3%; vgl. Maßnahmenrechner in
Abschnitt 3.
1
Die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr wird laut den uns bekannten Daten recht gut
eingehalten; dennoch ist es sinnvoll, diese vor allem in Fahrzeugen (weniger an außen liegenden
Haltestellen) durchzusetzen.
Bzgl. Veranstaltungen in öffentlichen Räumen empfehlen wir
● deutliche  “Ausdünnung” der Kapazitäten. Unserem Verständnis nach müssten
Veranstaltungsräume eine feuerpolizeiliche Zulassung haben; eine Viertelung dieser
Kapazitäten erscheint uns in der jetzigen Situation angemessen.
● Sperrstunden wirken, müssten lt. unseren Rechnungen aber früher beginnen (siehe
Abschnitt 5). Grund ist, dass späte Sperrstunden weitgehend nur freitags und samstags
abends eine Wirkung entfalten, während frühere Sperrstunden jeden Tag wirken.
Bzgl. Veranstaltungen in privaten Räumen sind wir unsicher, was durchsetzbar ist. Prinzipiell
sollten auch hier
● die Personendichten deutlich reduziert werden. Der derzeit diskutierte Ansatz “maximal 5
Gäste oder maximal 2 Hausstände” erscheint uns im Prinzip plausibel, kommt jetzt aber
vermutlich zu spät.
● Die Restriktionen in privaten Räumen könnten kombiniert werden mit einer Ausgangssperre
für private Freizeitaktivitäten (siehe Abschnitt 5).
Natürlich wäre es schön, wenn man die Maßnahmen genauer kalibrieren könnte. Allerdings fehlt
in der jetzigen Situation dafür die Zeit: Unseren Informationen nach ist die Kontaktnachverfolgung
bereits überlastet; die Reinfektionsrate wird also alleine deshalb nach oben schnellen; nur die o.g.
1 Dies ist wie folgt zu interpretieren: (a) Wir gehen davon aus, dass bereits 1x pro Schulstunde gelüftet wird.
Masken während des Unterrichtes hätten einen stärkeren Effekt, wenn man davon ausgeht, dass das
stündliche Lüften nicht überall umgesetzt wird. (b) Wie in anderen Berichten diskutiert, betrachten wir die
rein mechanische Wirkung von alternierendem Unterricht. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass dies Eltern
zu Hause bindet, was einen deutlichen weiteren Effekt haben dürfte.
5

“heroischen” Anstrengungen in der Kontaktnachverfolgung, verbunden mit wirklich allem, was uns
an “weichen” Maßnahmen einfällt, wird die Situation bereinigen können.
Falls das nicht gelingt, bleiben anschließend nur folgende beiden Möglichkeiten:
● “Harte” Kontaktsperre, die vermutlich härter als im Frühjahr ausfallen müsste, weil weniger
Freiwilligkeit zu erwarten ist.
● Alternativ “Abwettern” der Infektionswelle. Konkret meinen wir hiermit, dass ein R größer
als eins hingenommen wird, aber dennoch Maßnahmen z.B. zum Schutz besonders
gefährdeter Personengruppen oder zur Abflachung der Welle getroffen werden.
 7  Berechnung individueller Ansteckungs-
wahrscheinlichkeiten
Unsere Modelle enthalten eine Formel, die es erlaubt, Infektionswahrscheinlichkeiten in
Innenräumen auszurechnen. Natürlich ist das eine grobe Abschätzung, aber im jetzigen Stadium
vielleicht doch von Nutzen. Nach derzeitigem Stand lautet diese Formel
nsteck ung sw ahr scheinl ichk eit 0, 75 [ h ] A = 0 · loudness × mask 1 × mask 2
r oomS iz e [ q m ] × air E xchang e · τ
Für die Bedeutung der Variablen siehe Tabelle 2 am Ende dieses Abschnitts.
Z.B. hätte man für eine 4-stündige Dinnerparty in einem 20qm großen Raum, bei der eine andere
Person ansteckend ist, laut diskutiert wird, und bei der nie das Fenster geöffnet wird, für sich
selber eine Ansteckungswahrscheinlichkeit von
, 75 4[ h ] 30% . 0 0 · 10 ×1 ×1
20[ q m ] × 0.25 · =
Dies erscheint uns eine erschreckend hohe Wahrscheinlichkeit.
Aus der Formel ergeben sich auch Reaktionsmöglichkeiten und ihre Wirkungen:
● Stündliche Komplettlüftung erhöht die stündliche Luftaustauschrate auf 1 und reduziert
somit die Ansteckungswahrscheinlichkeit auf 7.5%.
● Ein doppelt so großer Raum halbiert die Ansteckungswahrscheinlichkeit.
Etwas kontraintuitiv hängt die oben berechnete spezifische Wahrscheinlichkeit nicht von der
Anzahl der Gäste ab. Diese spielen allerdings dennoch gleich zwei Rollen  (vgl. Müller et al.
2020a)  :
● Wenn man die Anzahl der Personen im Raum verdoppelt, dann verdoppelt s ich das Risiko,
dass überhaupt eine ansteckende Person im Raum ist.
● Gleichzeitig verdoppelt man die Anzahl der Personen, die obigem 30%igen Risiko
ausgesetzt werden.

Folgende Maßnahmen sind bei einer Dinnerparty vermutlich nicht möglich, aber bei anderen
Aktivitäten in Innenräumen sehr wohl:
● Wenn die ansteckende Person nicht spricht, so reduziert dies die eigene
Ansteckungswahrscheinlichkeit um einen Faktor 10.
6

● Wenn entweder die ansteckende Person oder ich selber eine Maske trage, so reduziert
dies die eigene Ansteckungswahrscheinlichkeit um einen Faktor 2; wenn beide eine Maske
tragen, um einen Faktor 4. Eine gut sitzende eigene FFP2/N95-Maske reduziert das Risiko
noch weiter.
● Wenn ich nur halb so lange bleibe, reduziere ich die eigene Ansteckungs wahrscheinlichkeit
um einen Faktor 2.
Die Formel plausibilisiert auch recht gut, warum die Ansteckungswahrscheinlichkeit im selben
Haushalt nur ca. 30% beträgt: Hier hätte man, in einer Wohnung mit 50qm und mit der Annahme,
dass eine Person nur 4 Tage lang hochansteckend ist
, 75 96[ h ] 29% . 0 0 × 1 ×1 ×1
50[ q m ] × 0.5 · =
Der wesentliche Gewinn ergibt sich vor allem aus dem Verzicht auf lautes Sprechen.

Variable

Bedeutung

loudness

1 = atmen
10 = laut sprechen
30 = singen

mask1

1 = Ohne Maske
0,5 = Mit Maske

mask2

1 = Ohne Maske
0,5 = Mit Maske (ggf. < 0,5 bei besserem
Maskentyp)

roomSize

Größe des Raumes in dem die Veranstaltung
stattfindet

airExchange

Luftaustauschrate
1 = Lüften 1x pro Stunde
2 = Lüften 2x pro Stunde
Kann alternativ durch mechanische
Lüftungssysteme geleistet werden.

τ

Dauer der Veranstaltung in Stunden

0,075

Kalibrierungsparameter

Tabelle 2: Variablen der Gleichung zur Berechnung der Ansteckungswahrscheinlichkeit in
Innenräumen  (für Quellenangaben für die Werte siehe Müller et al. 2020b)  .
 8  Mathematische Modellierung
 8.1  Hintergrund
Die obigen Ergebnisse werden hauptsächlich durch Simulationen unseres sog. ABM
(agentenbasierte Modellierung)-Modells erzeugt. Der große Vorteil dieses Ansatzes ist die hohe
Nähe des Modells bzw. dessen Simulation zur “echten” Situation, die dadurch modelliert wird.
7

Dadurch ist allerdings auch der Rechenaufwand sehr hoch. Wie in den letzten Berichten bereits
beschrieben, arbeiten wir zusätzlich zu diesem ABM-Modell an einem sog. ODE-Modell (Ordinary
differential equation; dt.: gewöhnliche Differentialgleichung). Mit diesem ODE-Modell können
interessante Größen des (komplexeren) ABM-Modells ebenfalls berechnet werden, dies benötigt
aber einen wesentlich geringeren Rechenaufwand. In den vergangenen Wochen haben wir
hauptsächlich an der mathematischen Verbindung dieser beiden Modellierungsansätze gearbeitet.
Das Ziel ist es hier, mit Hilfe des ODE-Modells sehr schnell den Effekt verschiedener
Maßnahmenkombinationen z.B. auf das Infektionsniveau oder auf die Anzahl mit
Covid-19-Patienten belegten Krankenhausbetten berechnen zu können. Wenn dies gelingt,
könnten z.B. die optimalen Maßnahmenkombinationen berechnet werden, um einen bestimmten
maximalen Wert bei den Infektionen oder der belegten Betten nicht zu überschreiten. Dabei darf
nicht vergessen werden, dass es sich hier immer um die Ergebnisse von Modellen handelt, die die
Wirklichkeit niemals perfekt widerspiegeln können. Die erzielten Ergebnisse beziehen sich also
immer nur auf das zugrundeliegende Modell, und sollten immer als  Teil der Lösung betrachtet
werden.
 8.2  Vorgehen
Wie in den vorherigen Berichten beschrieben, wurde ein ODE-Modell erstellt und mittels der
Simulationsdaten des ABM-Modells parametrisiert, also angepasst. Dazu wurden verschiedene
Kombinationen der drei Maßnahmen für (1) Stärke der Schulschließungen, (2) Anteil der
maskentragenden Bevölkerung und (3) Aufwand beim Contact Tracing benutzt, die aus den
ABM-Simulationen stammen. Mittels dieser Eingaben wurden die beiden Parameter kE
(Infektionsrate) und nCT (Anzahl an Personen, die pro symptomatischen Infizierten in Quarantäne
gehen) mittels des ODE-Modells berechnet. Auf dieser Basis wurde - pro Parameter - eine sog.
polynomielle Regressionsfunktion gelernt (Stichwort: maschinelles Lernen). Diese beiden
Regressionsfunktionen erlauben die Schätzung der beiden Parameter (kE und nCT) auf Basis von
beliebigen (auch bisher unbekannten) Kombinationen der drei Maßnahmen. Wenn die Parameter
kE und nCT bekannt sind, kann das ODE-Modell benutzt werden, um sehr schnell die
gewünschten Kennzahlen, z.B. die Infektionszahl, zu berechnen.
 8.3  Validierung
Eine kurze Validierungsstudie zeigte, dass die Regression die für das ODE-Modell benutzten
Kennzahlen (kE und nCT) auch für unbekannte Maßnahmenkombinationen gut vorhersagen kann.
Die folgende Abbildung zeigt die Ergebnisse: hier sind auf der X-Achse die “richtigen”
Parameterwerte (welche auf Grundlage der ABM-Daten mit dem ODE-Modell berechnet wurden)
gegen die von den Regressionsfunktionen berechneten Parameterwerte (auf der Y-Achse)
aufgetragen. Abweichungen von der durchgezogenen Linie stellen die jeweiligen Fehler dar.

8

Abbildung 2: Entgegenstellung der Parameterwerte für kE und nCT aus dem ODE-Modell
(X-Achse) und aus der Regression (Y-Achse). Wenn die Regression die “richtigen” Werte aus dem
ODE-Modell genau trifft, liegt der entsprechende Punkt genau auf der blauen Linie. Man sieht,
dass fast alle Werte genau getroffen wurden.

 8.4  (Mathematische) Unsicherheit im ODE-Modell
Wie im vorherigen Abschnitt beschrieben, können die Parameter kE (Infektionsrate) und nCT
(Anzahl an Personen, die pro symptomatischen Infizierten in Quarantäne gehen) durch die
Regressionsfunktion nahezu perfekt geschätzt werden. Mit diesen beiden Parametern können
dann mit dem ODE-Modell die gewünschten Kennzahlen berechnet werden. Um die
Regressionsfunktion zu erstellen, werden allerdings Daten aus den ABM-Simulationen benutzt.
Diese Simulationen weisen - technisch bedingt - eine gewisse Variabilität auf (z.B. durch
verschiedene Zufallssequenzen). Die Konsequenz ist, dass die geschätzten Parameterwerte (kE
und nCT) des ODE-Systems ebenfalls eine gewisse Variabilität aufweisen - da sie abhängig von
den Simulationsdaten sind. In diesem Kontext spricht man von einer  Unsicherheit

, die der Wert
eines geschätzten Parameters aufweist. Die Unsicherheit eines Parameters bzgl. seines Wertes
kann mathematisch berechnet werden. Ist diese Unsicherheit klein, ist ein guter Fit an die Daten
möglich und der Wert liegt in einem relativ kleinen Intervall bzw. hat eine kleine Bandbreite. Ist die
Unsicherheit groß, dann kann der Wert in einem relativ großen Intervall liegen (hat eine große
Bandbreite) - der tatsächliche Wert ist aber nicht bestimmbar.
Die folgende Abbildung zeigt die Ergebnisse von einem exemplarischen Experiment, das diesen
Sachverhalt genauer zeigt. Zu sehen ist die Anzahl der durch Covid-19-Patienten belegten
Krankenhausbetten in Berlin im zeitlichen Verlauf (Tage seit März), wenn zwei bestimmte
Maßnahmenkombinationen vorliegen.
● In rot: 50% der Schulen sind geschlossen, 100% der Bevölkerung tragen eine Maske und
50% der Kontakte eines Covid-19 Patienten können nachverfolgt werden
● In grün: 50% der Schulen sind geschlossen, 50% der Bevölkerung tragen eine Maske und
50% der Kontakte eines Covid-19 Patienten können nachverfolgt werden
Die jeweils dickere Kurve zeigt die Berechnungen des (komplexen) ABM-Modells, während die
dünnere Kurve die Ergebnisse der Anpassung vom ODE-Modells an die ABM-Daten zeigt. Die
Kurven ähneln sich sehr, das heißt, das ODE-Modell findet Parameter, sodass die Daten aus dem
ABM fast genau repliziert werden können.
Der zweite Aspekt in der Darstellung bezieht sich auf die schattierten Bereiche um die dünnere
Kurve des ODE-Modells. Dies stellt die sog. Bandbreite der Unsicherheit im ODE-Modell (bezogen
auf die Parameterwerte) dar. Je breiter dieser Bereich, desto unsicherer die aus der
Modellrechnung resultierenden Ergebnisse.
9

Abbildung 3: Die Berechnungen des ABM-Modells versus die Ergebnisse des ODE-Modells für die
Maßnahmenkombinationen “50 % Schulschließungen, 100 % Maskenträger, 50 % Contact
Tracing” versus “50 %, 50 %, 50 %”. Die hellgrünen bzw. pinken Bereiche zeigen die Bandbreite
der Unsicherheiten.

Zusammengefasst zeigt sich, dass zum einen die berechneten Bandbreiten für die strengeren
Maßnahmen (größere Bevölkerungsanteile tragen eine Maske) schmaler sind als für schwächere.
Dieser Sachverhalt ist - im Sinne der Parameterschätzung - auch logisch, denn durch die
strengeren Maßnahmen werden weniger Menschen infiziert und durch die geringere Anzahl an
daraus resultierenden weiteren Infektionen sind weniger Optionen möglich. Zum anderen wächst
die Unsicherheit mit der Anzahl der belegten Betten (was proportional zur Anzahl der infizierten
Personen ist) aus dem gleichen Argument: durch mehr infizierte Personen gibt es mehr Optionen
im System, das wiederum zu verschiedenen Ausgängen der Simulation führt, was wiederum die
Unsicherheit erhöht. Andersrum wäre die Unsicherheit minimal, wenn alle Simulationen (d.h die
Seeds) immer das gleiche Ergebnis zeigen würden.
Durch die Möglichkeit der mathematischen Quantifizierung der Modellunsicherheit sind wir (a) in
der Lage darzustellen, wie sehr man den berechneten Ergebnisse “vertrauen” kann und können (b)
Maßnahmenkombinationen daraufhin bewerten, wie viel Unsicherheit sie im Verlauf der
Simulationen erzeugen.
 8.5  Ausblick: ODE-Modelle auf Basis von realen Daten
Die bisherigen Arbeiten haben gezeigt, dass wir unser ODE-Modell an Daten aus den
ABM-Simulationen mit einer hohen Qualität anpassen können.
In den folgenden (ersten) Versuchen haben wir unsere ODE-Modelle an die vorhandenen realen
Berliner Daten angepasst. Dazu wurden die kumulative Infektionszahlen, die tägliche Belegung der
(nicht-ITS-)Krankenhausbetten durch Corona-Patienten, die tägliche Belegung der Intensivbetten
durch Corona-Patienten und die kumulativen Todesfälle zur Parameterschätzung benutzt und kI
(Rate von infiziert zu ansteckend), kR (Erholungsrate) und kD (Mortalitätsrate) fixiert. Die
folgenden vier Grafiken zeigen exemplarische Ergebnisse. Es ist zu erkennen, dass das
10

parametrisierte ODE-Modell die realen Daten durchaus - wenn auch geglättet - gut wiedergeben
kann.

Abbildung 4: Anpassung des ODE-Modells an die realen Berliner Covid-19-Daten: Geplottet sind
(1) die Covid-19-Krankenhauspatienten, (2) die nach einer Covid-19-Infektion verstorbenen
Patienten, (3) die Covid-19-ITS-Patienten und (4) die kumulative Gesamtzahl positiver Tests. Das
Modell reproduziert die Zahlen gut.
Quellen
Müller, Sebastian Alexander, William Charlton, Natasa Djurdjevac Conrad, Ricardo Ewert,
Christian Rakow, Tilmann Schlenther, Frank Schlosser, et al. 2020a. “MODUS-COVID Bericht
Vom 02.10.2020.” https://doi.org/  10.14279/depositonce-10624.2  .
———. 2020b. “MODUS-COVID Bericht Vom 11.09.2020.”
https://doi.org/  10.14279/depositonce-10553  .
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Why organizations use Identific for document trust, entry 16

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