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[de] (orig)
Sammelbesprechung
Im Auge des Orkans: Analysen, Befunde und
Diagnosen zur Gesellschaft in der
Coronapandemie
Michael Volkmer / Karin Werner (Hrsg.), Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur
Lage und Perspektiven für die Zukunft. Bielefeld: transcript 2020, 432S., kt.,
24,50
Werner Gephart (Hrsg.), In the Realm of Corona Normativities. A Momentary
Snapshot of a Dynamic Discourse. Frankfurt a.M.: Vittoria Klostermann 2020,
536S., kt., 49,00
Gesa Lindemann, Die Ordnung der Berührung. Staat, Gewalt und Kritik in Zeiten
der Coronakrise. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2020, 132S., br., 16,90
Fiorenza Gamba / Marco Nardone / Toni Ricciardi / Sandro Cattacin (Hrsg.),
COVID-19. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive. Zürich / Genf: Seismo 2020,
364S., kt., 33,00
Bernd Kortmann / Günther G. Schulze (Hrsg.), Jenseits von Corona. Unsere Welt
nach der Pandemie Perspektiven aus der Wissenschaft. Bielefeld: transcript
2020, 320S., kt., 22,50
Besprochen von Dr. René Tuma: Technische Universität Berlin, Institut für Soziologie,
E
˗Mail: [email protected] und Dr. Ajit Singh: Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie,
E
˗Mail: ajit.singh@uni-bielefeld.de
https://doi.org/10.1515/srsr-2022-0008
Schlüsselwörter: Corona, Covid19, Pandemie, Krise, Diagnose
Einleitung
Die sogenannte Corona-Krise, also der zunächst lokale Ausbruch der Pandemie
im Dezember 2019, die dann folgende weltweite Verbreitung des Covid-19 Virus
zu Beginn von 2020 und schließlich all seine Mutationen, haben die global ver-
netzte Weltgesellschaft sichtbar und spürbar verändert, bewegt, und vielleicht
zeitweise sogar gelähmt. Zur zeithistorischen Einordnung dieser Rezension: Es ist
nun Anfang März 2022 und die sogenannten Omikron-Variante von SARS-CoV-2
hat sich weltweit mit rasanter Geschwindigkeit verbreitet, auch weil sie deutlich
Soziologische Revue 2022; 45(1): 7790
OLDENBOURG
Open Access. © 2022 René Tuma und Ajit Singh, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist
lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
leichter und schneller als ihre Vorgängervarianten übertragen wird. Gut 72% der
deutschen Bevölkerung sind vollständig (zweifach) geimpft, etwa 50% haben ei-
ne so genannte (dritte) Booster-Impfung erhalten, die vor schweren und tödlichen
Krankheitsverlauf schützen soll. Politisch verhandelt wird gegenwärtig die Frage
nach einer allgemeinen Impfpflicht. In diesem Beitrag befassen wir uns vor allem
mit Büchern und Texten, die die Frühphase der pandemischen Situation wissen-
schaftlich reflektierten und zwar in einer Phase, als der Ausgang und jetzige Sta-
tus quo völlig ungewiss waren.
In den vergangenen zwei Jahren haben sich viele Wissenschaftler:innen, da-
runter auch viele Soziolog:innen in unterschiedlichen Medien, Plattformen und
digitalen Veranstaltungsformaten öffentlich zum Stand der Krise geäußert und
insbesondere die gesellschaftlichen Folgen und Ausprägungen der Pandemie zu
rekonstruieren versucht. Selten zuvor hat die Wissenschaft sich so öffentlich dar-
stellen und äußern müssen wie zu Beginn der Pandemie. Gerade für die Soziolo-
gie schien die Krise eine besondere Herausforderung darzustellen, weil sie einer-
seits eine Gesellschaft unter Laborbedingungen vorfand, als eine Art Versuchs-
anordnung, in der bestehende Prämissen und alltägliche Strukturen zugunsten
der Minimierung des Infektionsrisikos auf den Kopf gestellt wurden. Gefundenes
soziologisches Fressen, so könnte man meinen. Andererseits krankt die Disziplin
an ihrer Form der Wissenschaftskommunikation, sich selbst öffentlich, d.h. auch
und gerade soziologische Erkenntnisse einem breiten Publikum verständlich zu-
gänglich zu machen (u.a. Burawoy, 2005). Daran entzündet sich auch fachintern
immer wieder eine breite Diskussion. Zu konstatieren ist dennoch, dass die Sozio-
logie nicht geschwiegen hat, sondern bereits in der Frühphase der Pandemie und
im deutschsprachigen Raum im vielstimmigen Chor der Wissenschaften angehört
wurde: als Beobachterin, Versteherin oder Erklärerin des Krisenphänomens und
als Beraterin politischer Gremien. Im Wettstreit der Disziplinen um Aufmerksam-
keit und Deutungshoheit vermochte sie durchaus, zur Orientierungsstiftung bei-
zutragen.
Ist nicht nahezu alles von fast allen gesagt?
Mit Blick auf die hier zu besprechenden Sammelbände sei vorweggenommen,
dass eine zentrale Gemeinsamkeit der Beiträge darin liegt, dass viele Essays nicht
auf empirischer Forschung zu Corona beruhen (können), sondern auf Alltags-
beobachtungen und theoretisierenden Zuspitzungen. Hieran knüpft die Frage an,
mit welchen Erwartungen man an die Lektüre solcher Sammelbände geht, ins-
besondere anderthalb Jahre nach ihrem Erscheinen und nunmehr im dritten Jahr
der Pandemie. Vor dem Hintergrund der vielen Stimmen scheint die Frage von
78 René Tuma und Ajit Singh OLDENBOURG
Krämer in ihrem Beitrag (in Kortmann/Schulze 2020: 31) nur allzu passend: Ist
nicht nahezu alles von fast allen gesagt?
Ein ganz anderer Aspekt kommt erschwerend hinzu: Die sozialen Lehren aus
der Pandemie waren ja, dass ihr Verlauf und die variantenreichen Mutationen des
Virus kaum oder nur schwerlich vorhersehbar waren. Vielmehr zeigte sich in dra-
matischer Weise, dass der Umgang mit Nichtwissen und Ungewissheit die gegen-
wärtige sich selbst beobachtenden Wissensgesellschaften vor neue Herausforde-
rungen gestellt hat, Tendenzen der Spaltung und Kritik nicht nur subkutan, son-
dern öffentlich und performativ dargestellt wurden.
Gleichzeitig zeigt sich jetzt schon, dass auch die hier besprochenen Sammel-
bände nicht nur Zeugnisse und Momentaufnahmen der Gegenwartsgesellschaft
sind, sondern gleichsam archivieren und dokumentieren, was wir uns mehr oder
weniger scharf konturiert zu einer Zeit ausgemalt haben, als noch nicht klar war,
wie lange diese Pandemie uns beschäftigen wird.
Was sagen also die Bände heute immer noch über die Aktualität von sozial-
und naturwissenschaftlichen Beobachtungen? Denn bei all der Kritik, die man
u.U. an solchen Sammelbänden üben kann, sollte nicht vergessen werden, dass
die Öffentlichkeit nach Erklärungen verlangte.
Auf dem Weg in die Coronagesellschaft?
Volkmer und Werner geben sich in ihrem Band der Versuchung hin, einer Coro-
nagesellschaftdas Wort zu reden. So deutet der Titel zwar auf den Versuch einer
Gesellschaftsdiagnose hin, die jedoch nicht konzeptualisiert wird. Der namentlich
prominent besetzte Band verfügt über einige thematische Rubriken (u.a. Körper,
Räume, Zeitlichkeiten, Gesellschaftsordnung, Solidaritäten), wobei sich die rund
39 Beiträge (die in anderen Fassungen z.T. auch in Tageszeitungen abgedruckt
wurden) auch querin andere Themenfelder einordnen lassen, was sich in Tei-
len auch deutlich herauslesen lässt.
In ihren Beiträgen verhandeln Klein und Liebsch sowie Alkemeyer und Brös-
kamp körpersoziologische Fragen der Pandemie. Ausgangspunkt ist dabei die Be-
obachtung, dass social distancing vor allem ein phyiscaldistancing implizierte,
mit der Folge, dass wirunsere eigenen wie auch die Körperanderer neu klassifizier-
ten. Körper erscheinen in Zeiten der Pandemie als ein gefährdetes und ein gefähr-
dendes Gut(Alkmeyer/Bröskamp in Volkmer/Werner: 69). Körper wurden im pri-
vatenwieauchimöffentlichenRaumunterschiedlichsituiertund brachtensichauf
neue Weise als distanzierte, verhüllte und vulnerable Körper hervor. Dickel richtet
seinen Blick auf mediatisierte Nähe- und Distanzherstellungen, die ihrerseits Kör-
per als Kontaktstellen für kommunikative Geflechte jedweder Art hervorbringen.
Im Auge des Orkans 79
OLDENBOURG
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Die Verwobenheit von Körpern und Räumen ist ebenso zu betonen. Knob-
lauch und Löw greifen hier etwa auf Foucault, Beck oder Goffman zurück, um
einerseits über die konkreten interaktiven Folgen der Pandemie und andererseits
über die großterritorialen Refigurationen globaler Raumordnungen zu resümie-
ren. Eckard wiederum richtet den Blick auf die Segregation der Städte und wie
sich Städte in der Coronapandemie verstärkend mit den Folgen ihrer missglück-
ten Planung und der Art und Weise der städtischen Wohlstandsgenerierung
(Eckard in Volkmer/Werner: 118) konfrontiert sehen. Räume wurden im Zuge der
Pandemie nicht nur verändert, sie selbst wurden zum Ausdruck gesellschaftlicher
Disparitäten und Differenzmarkierungen (vgl.auch Schulz-Nieswandt zu Kaser-
nierung alter Menschenoder Speck zur geschlechtssoziologischen Betrachtung
von Homeoffice im Band von Volkmer und Werner).
Für Henkel ist die Coronapandemie ein Stresstest für die Gesellschaft, ins-
besondere für das Prozessieren ihrer Funktionssysteme und ihre erfolgreiche Pro-
blembearbeitung daher existentiell. Auch Stichweh nimmt einen differenzierungs-
theoretischen Ausgangspunkt und spiegelt diesen vor dem Hintergrund der Coro-
na-Krise. Im Postscript (Stichweh in Volkmer/Werner: 204) kommt er zu der
Diagnose, dass die Funktionssysteme nicht verschwinden, sondern die Gesell-
schaft ihrerseits ein soziales Immunsystemaufbaue, um sich künftig vor Pan-
demien zu schützen. Hirschauer blickt durch die Linse der Humandifferenzierung
auf die Pandemie und zeigt auf, welche Relevanz medizinische Differenzierungen
(infiziert/nichtinfiziert) im Zuge der pandemischen Entwicklung nicht nur lokal,
sondern global entfaltet haben. Diese Differenzierungen haben sich im Laufe der
Pandemie gesteigert (bspw. Systemrelevanz) und werden bis heute etwa durch
die Einteilung von Menschen in Nichtgeimpfte, Geimpfte und Geboosterte oder
auch von ganzen Staaten als (pandemische) Risikogebiete systemisch fort-
geschrieben und institutionalisiert. Dies ist nicht nur folgenreich für das soziale
Mit- und Gegeneinander, sondern zugleich Erscheinungsform einer neuen Wirk-
lichkeit, die uns als gegenwärtige Gesellschaftsordnung gegenübertritt man
mag nur hoffen, dass sie die Pandemie nicht überdauert.
Das Einwirken des Staates als regulierender und intervenierender Akteur ist
ebenfalls ein zentraler Diskussionspunkt in vielen Beiträgen. Die Einschränkung
von Reisefreiheiten, Schließungen von Schulen oder Geschäften, stellten eine Zä-
sur in unseren stark auf individuelle Freiheit abzielenden Gesellschaften dar.
Reckwitz hebt auch in Anlehnung an Beck auf die staatliche Risikopolitik ab,
als einer Praxis der Vermeidung und Verhinderung negativer Zustände, als eine
auf Sicherheit und Zukunftsbewältigung abzielende Politik, als eine Politik, die
auch verstärkt auf Erkenntnisse der Wissenschaft angewiesen ist.Der Staat spielt
auch in den Überlegungen von Lindemann eine zentrale Rolle.Sie untersucht die
Frage, was wir über moderne Gesellschaften aus der Coronakrise heraus lernen
80 René Tuma und Ajit Singh OLDENBOURG
und versucht dies anhand der Verhältnisbestimmung von Staat, Medizin Familie
und Individuum in der Krise zu eruieren (siehe hierzu die ausführliche Bespre-
chung des Buches in diesem Artikel).
Der Sammelband schließt mit einem Kapitel zu konkreten Utopien, die als
Zukunftsentwürfe, Gedankenspiele und (implizite) Empfehlungen zu lesen sind.
Helfrich schlägt Commons statt dem Marktstaat vor, also die Betonung des Ge-
meinsamen und der Gemeinproduktion außerhalb kapitalistischer Marktlogiken.
Baier und Müller plädieren für die Stärkung erweiterter Daseinsvorsorge durch
selbstorganisierte, kollektive Infrastrukturen, Winkler für den Aufbau einer soli-
darischen und nachhaltigen Care-Ökonomie.
Hinter diesen genannten und anderen Beiträgen verbirgt sich immer auch
jene vielzitierte Hoffnung, dass aus der abrupten Bremswirkung der Coronapan-
demie etwas Besseres genauer: eine bessere Gesellschaft entsteht und die Ak-
teur:innen aus allen Gesellschaftsbereichen ihre Praxis reflexiv überdenken lässt.
Der nachträgliche Eindruck scheint aber ein anderer zu sein. Aus der fast wunder-
samen, sozial distanzierten Entschleunigung scheint nunmehr eine weitere Be-
schleunigung in Gang gesetzt worden zu sein, die insbesondere jene Teile der
Gesellschaft in einem wahrgenommenen Krisenmodus hält, die nicht über Mög-
lichkeiten körperlicher, räumlicher, sozialer oder auch kommunikativer Selbst-
entfaltung verfügen. Differenzierungen werden nicht nur durch staatliche Regu-
lierungen vollzogen, sondern offenkundig durch weltanschauliche Konstruktio-
nen sozialer Gegenwirklichkeiten, die nicht mehr im stillen Kämmerlein oder im
digitalen Raum stattfinden. Wenn dies manifeste Ausdrucksformen einer Corona-
oder gar Postcoronagesellschaft wären, bedarf es dringend eines sozialen Impf-
stoffs von nachhaltiger und dauerhafter Wirkung.
Eine Stimme für die Sozialwissenschaften in der
Krisenbewältigung?
Aus dem Kontext der Genfer Fakultät für Soziologie stammt das Buch von Fioren-
za Gamba Fiorenza, Marco Nardone, Toni Ricciardi und Sandro Cattacin. Dieses
Buch vereint 21 Beiträge sowie Vorwort und Fazit, die sich spezifischen, klassisch
soziologischer Forschung nahestehenden Gegenstandsbereichen vor dem Hinter-
grund der Krise widmen. Sie selbst beschreiben das Buch im Vorwort als Resultat
der intellektuellen Ohnmacht im Angesicht der Quarantäne, das in Eile erschie-
nen ist. Dabei möchten die Herausgeber:innen des Bandes der zu der Zeit des Ver-
fassens ihrer Ansicht nach vermutlich v.a. im Schweizer Kontext vorherr-
schenden medizinisch-epidemiologischen Perspektivenverengung auf die Krise
Im Auge des Orkans 81
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explizit sozialwissenschaftliche Zugänge zur Seite stellen. Im Folgenden seien ei-
nige exemplarische Beiträge herausgegriffen.
Einige verschreiben sich vor allem der Verortung, historischen Einordnung
und Begriffsklärung. Dies gilt z.B. für das Essay zu Pandemien im Fokus der Welt-
geschichte (Ricciardi), wie auch für den Beitrag zur Sozialen Distanzund zum
Confinement(vulgo Lockdown), den Debarbieux vorlegt, und bei dem er die
historischen Ursprünge dieser Infektionsvermeidungsstrategien und sozialwis-
senschaftlichen Anschlüsse (von Hall bis Goffman) knapp einführt. Er diskutiert
die Vorstellungen der Abschottung und fragt, ob diese für einen langfristigen
Wandel unserer Interaktionsbeziehungen sorgen werden.
Salerno legt hingegen, als einer der wenigen Autoren in unserer Auswahl,
nicht nureine theoretische Einordnung oder Perspektive vor, sondern eine klei-
ne empirische Studie zur Kommunikation einer Pandemie. Dabei hat er eine
Analyse der Tweets internationaler und Schweizer Akteur:innen im Zeitraum Ja-
nuar bis März 2020 durchgeführt, die sich mit dem Krisenmanagement befassten.
Die Analysen, die das Framing der Krise zwischen Dialog- und Handlungsaufruf
und Meinungsäußerung und Fake News-Debatte in den Blick nehmen verblei-
ben dabei verständlicherweise auch etwas vorläufig, zeigen aber durchaus auf,
dass zumindest solche Meta-Analysen des Geschehens durchaus schnell möglich
sind, wenn auch sehr beschränkt bleiben (müssen).
Bourrier bietet mit ihrer Einordnung, die sich auf die Tradition der Normalen
Katastrophenund der High Reliability Organisationsbezieht, eine Perspektive
auf das pandemische Krisenmanagement. Mit dem Konzept des degradierten Be-
triebsmoduszeigt sie die produktive Leistung einer Form der Arbeitsorganisati-
on, die vom Routinebetrieb abweicht, dabei u.a. nicht immer klaren Vorgaben
und perfekten Lösungen folgen kann und Improvisation erfordert und auch mög-
lich macht. Dieser Modus, dessen Analyse sie von der Studie des Managements
von Hochrisikoumgebungen (wie Kernkraftwerken) auf die Corona Krise über-
trägt, kann durchaus funktional sein, um in Situationen von Ungewissheit die
Handlungsprobleme doch in den Griff zu bekommen.
Deutlich wird die Perspektive des Bandes auch, politisch relevantes Expert:
innenwissen bereitzustellen, blickt man auch auf die Kapitel, die besondere Be-
troffenheiten und Verletzlichkeiten thematisieren. Angesprochen werden hierbei
unter anderem Familiendynamiken (Widmer, de Bel, Ganjour, Girardin und Zuffe-
rey), ältere Menschen (Oris, Ramiro Farinas, Pujol Rodriguez und Abellán Garcia),
Kinder (Stoecklin), Behinderung (Rosenstein) oder auch Covid-19 im Gefängnis
(Nardone). Den Blick auf diese Gruppen und Bereiche zu richten, ist sicherlich ein
wertvoller Beitrag, wenn es sich hierbei auch um sehr heterogene Essays zu den
Verletzlichkeiten handelt, die zu der Zeit noch keinen systematischen Überblick
ermöglichten, wie er wohl für politische Einflussnahme notwendiger wäre.
82 René Tuma und Ajit Singh OLDENBOURG
Die Frage, welchen Beitrag sozialwissenschaftliche Perspektiven nun leisten
können, greift der Abschnitt zur Steuerung der Gesundheit auf, der in einer Reihe
von Beiträgen den professionellen Umgang (Gesundheitsmanagement, Epidemio-
logie usw.) mit der Krise thematisiert. Im Fazit diskutieren die Herausgeber:innen
erneut die Rolle der Sozialwissenschaften, wobei neben der Betonung allgemei-
ner Diagnosen wie der Komplexität und Fragilität, Fragen der Freiheit und des
Datenschutzes hervorgehoben werden. Schließlich setzen sie zu einer vorsichti-
gen Kritik an technokratischen Expertensystemen an.
Ordnung, Staat und Corona-Normativitäten
Gesa Lindemann ist bekannt als Gesellschaftstheoretikerin, die u.a. mit ihrer
Schrift Weltzugänge(2014) ihre auf Plessners philosophischer Anthropologie
und Schmitz Phänomenologie ausgehenden Überlegungen in einen gesell-
schaftstheoretischen Ansatz ausgebaut hat. Mit der 128-Seiten knappen Mono-
graphie Die Ordnung der Berührung: Staat, Gewalt und Kritik in Zeiten der Co-
ronakriseadressiert sie nun explizit nicht mehr nur das Fachpublikum, son-
dern richtet sich auch an die breitere Öffentlichkeit. In diesem Buch lernen wir
viel über das Verhältnis von Staat, Medizin und Bürgerinnen, von Ordnung und
den Bedingungen moderner Gesellschaft. Ihr Zugang bleibt dem tiefgehenden
Nachdenken über die Bedingungen der Möglichkeit der Ordnung, die sie über
das abstrakte Konzept der Berührung konzipiert, verpflichtet, über das sie dann
auch auf die Corona-Pandemie und den Umgang damit verschiedene Perspekti-
ven entwickelt. Im Titel des Buches sollte vor allem die Ordnung der Berührung
ernst genommen werden, denn es geht nur am Rande um die konkreten sich
wandelnden Berührungen als vielmehr um die Ordnungen, die diese verschiede-
nen Berührungen erst ermöglichen oder verbieten. Dabei ist die Unterscheidung
zwischen leiblicher und körperlicher Berührung (Lindemann: 13) als zentral
zu verstehen, denn in Zeiten der Corona-Krise wird ja vor allem die Berührung
der Körper reguliert, was aber auf einem bestimmten biomedizinischen Disposi-
tiv aufbaut. Subjektiv relevant sind für die Subjekte jedoch die (alltäglichen)
leiblichen Berührungen, welche durch die Kontaktbeschränkungen mitbetroffen
sind.
Lindemanns Überlegungen leisten konkrete Beiträge zu öffentlichen Diskus-
sionen, etwa indem sie die Frage, ob es nun physical oder social distancing zu
nennen sei, sozialtheoretisch fundiert. Ihre Sozialtheorie verwendet Lindemann
als Ausgangspunkt, um ihre gesellschaftstheoretische Perspektive zu entfalten.
Sie steigt ein mit einer Erläuterung des modernen Weltverständnisses, ein Kapitel
das auf die (Hobbessche) Frage der Monopolstellung von Gewalt in modernen
Im Auge des Orkans 83
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Gesellschaften verweist. Denn die Ordnung der Gewalt, die in unserer Gesell-
schaft zentral durch den Staat geregelt unsichtbar gemacht wird, aber dennoch
immer präsent bleibt wird, ist für sie im Zusammenhang zu den alltäglichen
Berührungsbeziehungen zu sehen. Hier baut Lindemann auch eine systematische
Erklärung der Rolle von Verschwörungserzählungen ein, da diese der (Verfah-
rens)ordnung der Opferung folgen, basierend auf Opferverschiebungen die auf
einem Bruch des Vertrauens in das Staatsmonopol der Gewalt basieren. Im zwei-
ten Hauptkapitel, Die Staatsgewalt und der individuelle Menschgeht Linde-
mann von der Verschiebung vom Seelenindividuum zum Körperindividuum
aus, das mit dem Tod endet. Sie verfolgt die Diskurse und Dispositive in Foucault-
scher Manier, wobei sie insbesondere auf die Pastoralmacht Bezug nimmt
(Lindemann:49), und zeigt, wie einerseits die Kirche und später der Staat die In-
dividuen einerseits aus der Familie emanzipiert, ihnen per Taufe die Chance auf
von einer höheren Organisationseinheit (Kirche/Staat/Menschenrechte) vermit-
telten rechtsbasierten Individualstatus ermöglicht, sie aber auch den jeweiligen
Dispositiven dieser Institutionen unterwirft.
Für das Verständnis der Corona Krise ist das insofern bedeutsam, weil die
Berührungsregelungen in Familie und in anderen Kontexten unterschiedlich ge-
regelt sind, was bis hinein in Quarantänebestimmungen greift, und Auswirkun-
gen auch für Fragen sozialer Ungleichheit hat (wer muss eng gedrängt zusam-
menleben, wer kann sich Abstand leisten).
Horizontale Differenzierungist das dritte Hauptkapitel betitelt, in dem Lin-
demann in differenzierungstheoretischer Manier zwar nicht die verschiedenen
Systemcodes, aber doch in ganz ähnlicher Weise die verschiedenen Berührungs-
logiken darstellt, die von Wirtschaft, Politik und anderen Handlungssphären
insbesondere auch der Wissenschaft adressiert werden. Dieser Part ist für Sozio-
log:innen möglicherweise in der Grundargumentation nicht weiter neu, bettet
aber das differenzierungstheoretische Denken in ihr Theoriegebäude ein, und die-
ses Motiv ist bekanntermaßen immer wieder anregend für Nicht-Soziolog:innen,
an die sich das Buch ja auch richtet.
Die Staatsbürgerinnen als potentiell aufrührerische Subjekteist das ab-
schließende Kapitel, das sich insbesondere mit dem Verhältnis der Black Lives
Matter-Bewegung im Verhältnis zur Corona Krise auseinandersetzt. Unter Rück-
griff auf eine Diskussion des Gewaltbegriffs, der bei Lindemann reflexiv gefasst
wird, beschreibt sie hier den Weg von einem engen zum weiteren strukturellen
Gewaltverständnis, das sie anhand der Proteste, die im Vergleich zu den ausblei-
benden Protesten in der Fleischindustrie (in der Menschen an den Arbeitsbedin-
gungen erkranken oder gar sterben) thematisiert. Dieses Kapitel verbleibt ein we-
nig indexikal. Es verdeutlicht die Perspektive, lädt aber in seiner Skizzenhaftig-
keit sicherlich auch zu Kritik ein.
84 René Tuma und Ajit Singh OLDENBOURG
Zusammenfassend kann aus der Perspektive der Rezensenten festgehalten
werden, dass es sich bei diesem Werk um eine skizzenhafte Anwendung auf die im
Gange befindliche Krise, aber die tiefgehende Fundierung klar durchschein lassen-
deLeistungsschauavancierterSozialtheoriehandelt,dieinteressantePerspektiven
auch über den engeren Kern des Theoriediskurses hinaus eröffnet, und dabei einen
gut handhabbaren Einstieg in Lindemanns Theoriewelt bietet. Für die Analyse der
Krise selbst bietet sie Schlaglichter auf verschiedene Aspekte (von der Rolle der Fa-
milie, über die Opferverschiebung der Verschwörungserzählungen bis hin zu Un-
gleichheitsverhältnissen), die verständlicherweise noch weitere Ausarbeitung und
Reflektion erfordern, um als eigene Forschungsergebnisse bestehen zu können.
Wo die Nähe zum Motiv des Leviathans bei Lindemann schon durchscheint,
da schmückt ein mit Coronaviren übersätes Titelbild des Hobbesschen Klassikers
das Titelbild des von Werner Gephart herausgegebenen Buches In theRealmof
Corona Normativities - A dynamic Snapshot of a dynamicdiscourse. Dieser Band
ist aus dem Forschungskontext Recht als Kulturdes Käte Hamburger Kollegs
hervorgegangen und möchte sich damit auseinandersetzen, die normative Di-
mension der Krise herauszuarbeiten, wobei hier Recht selber als Gegenstand und
kulturelle Praxis behandelt werden soll. Der spezifische Zugang des Kollegs, der
auch der Rahmen der Selektion der Autor:innen war, wird in der Einleitung an-
hand von zentralen Prämissen ausgeführt. Zusammengefasst sind rechtliche Tat-
bestände multidimensional zu verstehen, weisen eine symbolische, normative ri-
tuelle und organisationale Dimension auf. Das Recht wird dabei in seiner lokal-
globalen Verortung verstanden und Verweise auf sowohl Religion als auch Ästhe-
tik sollen mitgedacht werden. Der englisch(teils französisch)-sprachige Band
vereint 51 sehr kurze Beiträge und ist in fünf Abschnitte gegliedert, die die Fra-
gestellungen des Kollegs grob widerspiegeln. Während der Frühphase der Krise
geschrieben, setzt er sich als Aufgabe, Momentaufnahmen (Snapshots) der Pan-
demiesituation zu liefern. Diese sind dabei sehr heterogen und unabhängig von-
einander geschrieben. Man merkt dem Band an, dass er die Perspektiven der (ver-
mutlich) weit verteilt, isoliert im Lockdown sitzenden Autor*innen zusammen-
trägt. Anerkennend ist zu sagen: Es ist durchaus eine Leistung diese vielfältigen
Beiträge zusammenzutragen, bedenkt man die Situation und den Zeitpunkt. Stellt
man die Frage, was die Beiträge inhaltlich liefern, so zeichnen sie sich durch eine
große Vorläufigkeit der Ideen, eine Widerspiegelung der offensichtlichen Unsi-
cherheit aus. Der Band liefert mehr abstrakte Reflexionen über verschiedene Zu-
gänge und nur vereinzelt gegenstandsbezogene Beobachtungen. Insofern leistet
er weniger ein Abbildenim Sinne eines Snapshots, sondern vielmehr ein Auf-
blitzen verschiedener Perspektivierungen.
Beispielsweise liefert der BandEinordnung des Wandels der Clinical Trials
in Pandemic Settings: How Corona unbinds Science(Gadebusch-Bondio/Mar-
Im Auge des Orkans 85
OLDENBOURG
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loth) bis hin zu abstrakt theoretischen Reflexionen über ein neues System of
Knowledge about Law(Commaille). Knapp dahingeworfene Postulate nach neu-
er Metaphysik(Gabriel) (die teils auch im Schlusswort kritisiert werden) reichen
bis hin zu allgemeinen Reflexionen über Kunst in Zeiten Coronas (z.B. Terrone).
Greifen wir einzelne Beiträge heraus, so thematisiertLekozum Beispiel mit
At the Borders of Europe. On Spatial Mobility duringthe Covid-19 Crisis, die
Gleichzeitigkeit der De-Globalisierung und Globalisierung, die er im Kontext der
Rekonfiguration der Grenzen zwischen politischer Grenzlinie und dynamischer
Borderscapein den Blick nimmt. Er verbindet Fragen der EU-Migrations- und
Frontex-Politik mit dem Blick auf Folgen der Praktiken der Pandemie Verfolgung
in Relation zur Differential Inclusionder Subjekte.
Suntrups Essay zu Corona: Biopolitical Models and the Hygiene ofTactre-
feriert knapp den Begriff der Biopolitik bei Foucault und stellt ihn mit Bezug in
Relation zu Agambens Homo Sacer. Dabei blitzen einige Parallelen zu den Ana-
lysen Lindemanns (siehe oben) auf. Das liegt am Bezug auf das KapitelPlessners
mit dem Titel Hygiene des Taktesin den Grenzen der Gemeinschaft(Plessner
2002), das zwar eine anregende Referenz in Zeiten der Krisen und für die Studie
der sich wandelnden Interaktionsformen darstellt, in dem kurzen Essay jedoch
leider keine ausführlichere Diskussion erfährt.
Discovering Society in a Time ofPlaguevon Whimster diskutiert die Coro-
na Krise als nie dagewesenes Experiment, bei dem er Mary DouglasKulturheorie
folgend die von Durkheims Selbstmordstudie bekannte Schematik der gesell-
schaftlichen Kräfte nutzt, um mit einemVierfelderschema die unterschiedlichen
nationalen Umgangsweisen mit dem Virus zu ordnen. In eine ähnliche Bresche
schlägt auch Bucholc, die versucht das Habituskonzept für die unterschiedliche
Folgsamkeit neuer Corona-Normativen im Vergleich von Nationalstaaten zu
lesen.
Aufgrund der sehr ausgeprägten Heterogenität und Bruchstückhaftigkeit
stellt dieser BandLeser:innen wie auch die Rezensenten vor eine größere Heraus-
forderung. Es stellt sich auch die Frage, was aus diesem Stroboskop der kurzen
Einlassungen zu lernen ist. Im Rückblick eher ein Zeitdokument der Gedanken-
welt der Sozialwissenschaft zu der Zeit, das jedoch mittlerweile durch die Realität
überholt wurde und das in der Breite kaum zu lesen ist, auch wenn einzelne Bei-
träge bezogen auf ihr Spezialthema durchaus interessante Perspektiven eröff-
nen.Vielleicht wären solche kurzformatigen Aufschläge in einem offen zugäng-
lichen, digitalen Rahmen besser aufgehoben gewesen, um auch ein breiteres Pu-
blikum zu erreichen.
86 René Tuma und Ajit Singh OLDENBOURG
Prognosen zur Post-Corona-Gesellschaft?
KortmanundSchulzebefassensichinihremSammelbandJenseitsvonCorona.Un-
sere Welt nach der Pandemie Perspektiven aus der Wissenschaftexplizit mit der
Zeit in der Postcoronagesellschaftund lassen dafür in gut 32 Beiträgen Wissen-
schaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen zu Wort kommen. Dies ist inso-
fern bemerkenswert, weil bereits sehr früh im Verlauf der ersten Welle darüber sin-
niert wurde, ob und inwieweit sich gesellschaftliches Zusammenleben nach der
Pandemie verändere und ob es Lehren gebe, die man aus den ersten Wochen der
Isolation und der sozialen und physischen Kontaktbeschränkungen ziehen könne.
Demzufolge ist den Beiträgen gemein, dass sie neben relevanten Bestandsaufnah-
menaucheinenBlickindieZukunftwagen,der wahlweisealsWunschzetteloder
Prognoseverstandenwerdenkann.BeimLesen scheintimmerwiederdiereflektier-
teUnsicherheitderAutor:innenheraus,wieundaufwelcherGrundlagesiesichüber
Zukünftigesäußern, ebenweilder spezifischeStatusquoeinhöchst kurzlebigerist.
Der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgericht Voßkuhle spitzt es poin-
tiert zu: Prognosen erwiesen sich innerhalb der Pandemie einerseits als Zumutun-
gen für die Bevölkerung, weil auch das Urteil von Expert:innen immer wieder kor-
rigiert und nachjustiert werden musste. Andererseits müssen wir notwendiger-
weise auf der Grundlage schlechter Kenntnisstände handeln. Folgt man der
Ethnologin und Religionswissenschaftlerin Meyer, dann dürfte eine Welt nach
Coronaauch eine Welt mit Coronasein (Meyer in Kortmann/Schulze: 147). In
ihrem Beitrag zu Religion und Pandemiegeht es weniger um die Rolle der Kir-
che in der Pandemie (vgl. hierzu Striet in Kortmann/Schulze.), sondern darum,
wie über die Forschung zu Religion auch eine Perspektive zu Menschen in Bezug
auf andere Lebewesen und Kräfte in der Weltentwickelt wird. Leonard sieht sich
aus einer historischen Perspektive mit dem Problem konfrontiert prognostisch in
die Zukunft zu blicken. Wie er lakonisch bemerkt: das heuristische wie herme-
neutische Eis ist eher dünn.(Leonard in Kortmann/Schulze: 197). Betont wird vor
allem die Permanenz gleichzeitiger Paradoxien zwischen globalen Herausforde-
rungen und partikularen Antwortenoder auch das Nebeneinander von Wissen
und Nichtwissen(Leonard in Kortmann/Schulze: 201).
Ein besonders virulentes Phänomen auch in wissenssoziologischer Hin-
sicht sind Verschwörungstheorien. Der Amerikanist Butter listet hierzu 10 Er-
kenntnisse aus der Pandemie auf. Instruktiv ist aber vor allem der Gedanke, dass
Verschwörungstheorien in westlichen Gesellschaften eine stigmatisierte Wis-
sensform, ein heterodoxer Wissensbestand(Butter in Kortmann/Schulze: 229)
ist. In der Krise aber auch im Windschatten politischer Veränderungen (Trump,
Johnson, Bolsonaro etc.) sind diese Fronten jedoch aufgeweicht und gesellschaft-
liche Fragmentierungen sichtbarer.
Im Auge des Orkans 87
OLDENBOURG
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Unterstützung von sauberen akademischen Beiträgen
Plag ist für sorgfältige Dokument- und Forschungstextprüfung erstellt. Identific ist nützlich für Workflows, bei denen Dokumente stärker gesichert werden müssen. Sie können einen sorgfältigeren Überprüfungsprozess unterstützen.
Dass Differenzierungen nicht nur auf der Ebene von Verschwörungstheorien
nachhaltig die Gesellschaften prägen oder gar spaltenzeigt auch Thomä.Er
analysiert in seinem Beitrag die Heroisierung jener Alltagshelden, die als Sys-
temrelevantevor allem ihre Arbeitskraft in den Dienst der Gesellschaft stellen
mussten, als viele Bereiche in der Wirtschaft schon längst zum Erliegen kamen.
Er stellt aber zugleich in frage, warum bestimmte Berufsgruppen in einer selt-
samen Mischung aus Gleichgültigkeit und Großzügigkeit(Thomä in Kortmann/
Schulze: 56) in einer Momentaufnahme auf ein Podest gehievt werden, wenn es
jedoch nicht von nachhaltiger Dauer ist.
Kitzing, widmet sich der Kindheit in Zeiten von Corona. Die Wahrung des
Kindeswohls gilt in den qua Selbstbeschreibung als besonders aufgeklärt erschei-
nenden westlichen Gesellschaften als zentrale Maxime. Schulen und Kitas wur-
den jedoch ersatzlos geschlossen. Digitale Angebote oder auch die Ausstattung
von Klassenräumen mit Luftfiltern verlief schleppend. Zudem galten Kinder
schnell als Treiber der Virusverbreitung. Aber was wurde hier politisch eigentlich
miteinander abgewogen? Dahinter steht die ethische und soziale Frage, inwieweit
der medizinisch-epidemiologische Status vulnerabler Gesellschaftsgruppen (Alte,
Vorerkrankte u.a.) Vorrang gegenüber den entwicklungspsychologischen und so-
zialisatorischen Folgen für Kinder genießt. Will heißen: demokratische Mitspra-
che von Kindern und Jugendlichen fand nicht statt. Gerade hierauf sollten Gesell-
schaften künftig Antworten finden.
Was hier zwei Jahre später beim Lesen deutlich wird ist, dass uns viele
Bilder längst abhandengekommen sind. Wir erinnern uns vielleicht noch daran,
dass man klatschend auf dem Balkon stand, aber weiß man heute noch wofür? In
diesen Momenten entfaltet auch der Sammelband eine interessante Wirkung, die
wie bereits eingangs angemerkt, nicht so sehr darin besteht, dass hier gründliche
Analysen vorgetragen, sondern Alltagsbeobachtungen deskriptiv oder theo-
retisch mal mehr, mal weniger verdichtet dargelegt werden.
Fazit
Die Durchsicht der Bände hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Wir sehen,
dass es eine Reihe von Versuchen gab, die gesellschaftlichen Entwicklungen
adhoc einzufangen und dass viele Artikel vielleicht die Funktion erfüllten wie
einige Herausgeber:innen einräumen mit der in den Alltag eingedrungenen Kri-
sensituation umzugehen. Dabei sollte nicht ignoriert werden, dass auch die Wis-
senschaften um Möglichkeiten gerungen haben, Forschung und Lehre unter Pan-
demiebedingungen fortzusetzen und reflexiv an die gegebenen Bedingungen
anzupassen (u.a. die Diskussion in der Soziologie vgl. Schindler et al., 2022; Rei-
88 René Tuma und Ajit Singh OLDENBOURG
chertz, 2021). Ganz zu schweigen von den Kohorten an Studierenden, denen es in
den vergangenen zwei, nunmehr drei Jahren nicht möglich war, einen regulä-
ren, Studierendenalltag zu entfalten. Dieses Ausmaß ließ sich natürlich in den
Beiträgen noch nicht absehen. Die gesichteten Bücher beinhalten zumeist sehr
kleingliedrige Spezialdiskussionen, Alltagsbeobachtungen, aber auch vereinzelt
sozialtheoretisch fundierte Beiträge zur Pandemie. Krisen und (Um)Brüche schei-
nen gleichermaßen nach Zeit- und Gesellschaftsdiagnosen zu rufen (u.a. Osrecki,
2011, Prisching, 2018), die mithin plakativ in neue Etikettierungen wie die Corona-
oder die Postcorona Gesellschaft münden. So war auch bis in die Feuilletons
schnell die Rede von Corona als einem Brennglas, durch das soziale Probleme
und bestehende Ungleichheiten besonders deutlich hervortraten. Etwas pole-
misch zugespitzt sind solche Metaphern auch ein Ausdruck jener Such- und
Denkbewegungen, mit denen eine sich unabsehbar verändernde Gesellschaft sich
selbst zu begreifen versucht. Die schiere Wucht, mit der uns die Pandemie ins-
besondere in den ersten Monaten traf, wird in den beschriebenen Sammelbänden,
gewissermaßen als Berichte aus dem Auge des epidemiologischen Orkans, durch-
aus eingefangen. Wer sich allerdings Bewegungen innerhalb der Theorieland-
schaft oder tiefer reichende empirische Erkenntnisse erwartet, dürfte von diesen
frühen Publikationen zur Coronapandemie etwas enttäuscht werden. Hierauf
werden wir aus guten Gründen noch ein wenig warten müssen. Es wäre wün-
schenswert in künftigen Publikationen darüber zu lesen, was Gegenwartsgesell-
schaften aus solchen Krisenerfahrungen wie der Coronapandemie lernen und wie
sie sich verändert haben. Seit rund 20Jahren scheint sich ein gesellschaftlicher
Handlungsmodus permanenter Krisenbewältigung eingestellt zu haben, der die
Soziologie als Krisenwissenschaftmehr denn je fordert. Nur werden die Abstän-
de zwischen den Krisenereignissen (9/11, Finanzmärkte, Fluchtbewegungen, Kli-
ma und Energie etc.) immer kürzer. So hat sich auch bei uns beim Verfassen die-
ser Rezension das Gefühl eingestellt, dass uns die gegenwärtigen Ereignisse und
Folgen aus dem russischen Angriff auf die Ukraine überholen.
Literatur
Burawoy, M. For Public Sociology. American Sociological Review 2005, 70,428.
Lindemann, G. Weltzugänge: Die mehrdimensionale Ordnung des Sozialen. Velbrück Wissen-
schaft. Weilerswist, 2014.
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tät. Bielefeld: transcript, 2011.
Plessner, H. Grenzen der Gemeinschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2002.
Prisching, M. Zeitdiagnose. Methoden, Modelle, Motive. Beltz Juventa: Weinheim und Basel,
2018.
Im Auge des Orkans 89
OLDENBOURG
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Reichertz, J. Die coronabedingte Krise der qualitativen Sozialforschung. Soziologie 2021, 50,
313335.
Scheffer, T. Existentielle Probleme, soziologisch. Zeitschrift Für Theoretische Soziologie 2021, 1,
333.
Schiek, D.; Schindler, L.; Greschke, H. Qualitative Sozialforschung in Krisenzeiten: Fachgebiet
oder Notprogramm? Soziologie 2022, 51,2031.
90 René Tuma und Ajit Singh OLDENBOURG