
Lukas Uwira
Gegenwärtige Verständnisse von Antizionismus im
Vergleich
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Uwira, Lukas (2022). Gegenwärtige Verständnisse von Antizionismus im Vergleich. In S. Schüler-Springorum
(Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung (2022) (1. Aufl., Bd. 31, S. 401-410). Metropol.
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lukas uwira
Gegenwärtige Verständnisse von Antizionismus
im Vergleich
Innerhalb der Antisemitismusforschung herrschen über das Verhältnis von Anti-
semitismus und Antizionismus, den Stellenwert von israelbezogenem Antisemi-
tismus, der von ihm ausgehenden Gefahr sowie über die angemessene Vermittlung
zwischen Antisemitismus- und Rassismuskritik bekanntlich disparate Einschät-
zungen. Drei konzeptuell sehr verschiedene, in den letzten Jahren erschienene
Bücher widmen sich– teils ausschließlich, teils unter anderem– der Geschichte
und Gegenwart des Antizionismus.
Der bereits 2019 von Alvin H. Rosenfeld herausgegebene Sammelband Anti-
Zionism and Antisemitism. The Dynamics of Delegitimization1 umfasst 17 überar-
beitete Beiträge einer 2016 an der Indiana University Bloomington abgehaltenen
Konferenz. In der programmatischen Einleitung konstatiert Rosenfeld eine neue
Dringlichkeit, die Verbindungen zwischen Antisemitismus und Antizionismus zu
untersuchen, da Juden- und Israelhass zunehme, ein globales Problem darstelle
und auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft immer stärkere Verbrei-
tung finde. Das eigentliche Interesse von Antizionist:innen bestehe häufig nicht
in der Kritik des Zionismus, denn „[m]ost of today’s fervent anti-Zionists pro-
bably know little, if anything, about Zionism“.2 Vielmehr sei Antizionismus ein
„camouflage term“,3 der verwendet werde, um sich von älteren Formen des Juden-
hasses zu distanzieren. Mit Verweis auf Robert Wistrich charakterisiert er ihn
als „most dangerous and effective form of antisemitism in our time“.4 Rosenfeld
1Alvin H. Rosenfeld (Hrsg.), Anti-Zionism and Antisemitism. The Dynamics of Delegitimi-
zation, Bloomington 2019.
2Alvin H. Rosenfeld, Introduction, in: ebenda, S. IX–XV, hier S. X.
3Ebenda, S. XI.
4Robert Wistrich, zit. nach Rosenfeld, ebenda.
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beschreibt beide Phänomene demnach als weitgehend kongruent und bezeichnet
mit dem Begriff Antizionismus stets dessen antisemitische Formen. Dies gilt auch
für einen Großteil der Beiträge, die in vier Kapitel unterteilt sind: 1. Ideologi-
cal and Theoretical Sources and Implications, 2. University, Legal, and Histori-
cal Frameworks, 3. Israeli Voices sowie 4. National Contexts. Abgesehen von den
eher theoretischen Texten des ersten Kapitels fokussieren alle Beiträge spezifische
zeitgeschichtliche Ausprägungen und vermitteln Einblicke etwa in die Rolle des
antisemitischen Antizionismus im Rechtsdiskurs, in philosophischen und femi-
nistischen Strömungen, im universitären, politischen und christlichen Kontext
sowie in nationalen Zusammenhängen.
Zu den vielen lesenswerten Texten gehört der Aufsatz von Thorsten Fuchs-
huber, der u. a. eine Ähnlichkeit in der diskursiven Funktion der Begriffe Anti-
semitismus und Antizionismus erkennt. Mit Ersterem habe Wilhelm Marr Anti-
judaismus „into a kind of modern political concept“5 verwandeln wollen, da der
liberale Zeitgeist ein vermeintlich rational begründetes Konzept erforderlich
gemacht hätte. „[A]s a socially accepted form for the expression of antisemitic
attitudes, and for their rationalization and legitimization as political arguments“6
erfülle Antizionismus heute eine analoge Funktion. Ähnlich wie Marr behaup-
tet habe, seine Ablehnung richte sich nicht gegen einzelne Juden, sondern gegen
das angeblich zersetzende Wirken des Judentums, erklärten Antizionist:innen
heute, ihre Argumente zielten lediglich auf eine Kritik Israels. Beide Begriffe seien
Reaktionen auf eine jüdische Emanzipation, der rechtlichen wie der nationalstaat-
lichen, und sollten als Mittel verstanden werden, um Judenhass zu rationalisie-
ren und Jüdinnen:Juden größtmöglich und in einer Weise zu schaden, „that is the
most acceptable to and convincing for the rest of society“.7
Hervorzuheben ist auch der Beitrag Simon Gansingers, der die antizionis-
tische Kampagne in Polen der späten sechziger Jahre akribisch rekonstruiert und
anhand der Geschehnisse die „identity thesis“ kritisiert, nach der „anti-Zionism
5Thorsten Fuchshuber, From Wilhelm Marr to Mavi Marmara. Antisemitism and Anti-
Zionism as Forms of Anti-Jewish Action, in: Rosenfeld, Anti-Zionism and Antisemitism,
S. 30–52, hier S. 30.
6Ebenda.
7Ebenda, S. 31.
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[…] simply antisemitism cloaked in socially acceptable language“ war.8 Rosenfelds
These vom Antizionismus als „camouflage term“ widerspricht er damit, teilt aber
dessen Ansicht, nach der das eigentliche Interesse vieler Antizionist:innen nicht
in der Kritik des Zionismus bestehe. Untersuchungen antizionistischer Ideologie
sollten sich stattdessen mit der „subjective reality“9 der jeweiligen Akteur:innen
befassen. Anstatt ein Instrument zur Verschleierung von Antisemitismus, sei
Antizionismus eine „inflection of antisemitism“,10 deren Spezifik darin bestehe,
den Prozess der Konkretisierung, der im klassischen Antisemitismus vornehm-
lich auf Ökonomie ausgerichtet sei, auf die politische Sphäre zu orientieren.11
Der einzige Beitrag des Bandes, der sich explizit dem Antisemitismus unter
Muslim:innen widmet, gehört zu den wenigen schwächeren Texten. Navras Jaat
Aafreedi gibt darin zunächst einen informativen Überblick über den großen Ein-
fluss südasiatischer Muslim:innen auf Gläubige in anderen Teilen der Welt, reiht
anschließend aber weitgehend unsystematisch drastische Äußerungen und Vorfälle
aneinander, die von muslimischen Gelehrten und Journalisten der indischen Stadt
Lucknow ausgingen. Verantwortlich für den dortigen Antisemitismus seien „bias
and prejudice in the press, religious narratives, and intellectual discourse“,12 wobei
Aafreedi selbst Holocaustleugnung der Kategorie „bias“13 zurechnet. Die Komple-
xität des Phänomens unterschätzend, führt er Antisemitismus letztlich monokau-
sal auf die fehlende Möglichkeit zur Begegnung mit Jüdinnen:Juden zurück.14
Mit Anti-Zionism and Antisemitism liegt ein umfangreicher Sammelband vor,
dessen lesenswerte und instruktive Beiträge sich zeitgeschichtlichen und gegen-
wärtigen antisemitischen Ausprägungen des Antizionismus widmen. Die hohe
thematische Divergenz bezeugt dabei nicht nur, inwiefern Antizionismus sämtli-
che Sphären des gesellschaftlichen Lebens in verschiedenen nationalen Kontexten
8Simon Gansinger, Configurations of Antisemitism. The Anti-Zionist Campaign in Poland
1968, in: Rosenfeld, Anti-Zionism and Antisemitism, S. 341–368, hier S. 352.
9Ebenda, S. 351.
10 Ebenda, S. 357.
11 Vgl. ebenda, S. 360.
12 Navras Jaat Aafreedi, Muslim Antisemitism and Anti-Zionism in South Asia. A Case Study
of Lucknow, in: Rosenfeld, Anti-Zionism and Antisemitism, S. 454–480, hier S. 457.
13 Ebenda, S. 458.
14 Vgl. ebenda, S. 462; 464.
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durchzieht, sondern zugleich ein Entwicklungsdefizit des Forschungsfeldes:
Zu vielen der Schwerpunkten ließen sich eigene Konferenzen veranstalten und
Sammelbände veröffentlichen. Vermutlich der ursprünglichen Vortragsform der
Beiträge geschuldet, kommt die Begriffsarbeit allerdings zu kurz. So klären nur
wenige Autor:innen etwa ihr Verständnis von Antizionismus. Auch einen Bei-
trag zur Genealogie verschiedener (nicht)antisemitischer Antizionismen oder zu
früheren Formen des Phänomens sucht man in diesem Band vergebens.
Einen interessanten Ansatz jenseits von Sammelband, Monografie und enzyklo-
pädischem Handbuch verfolgen die Herausgebenden des 2020 erschienenen Buches
Key Concepts in the Study of Antisemitism Sol Goldberg, Scott Ury und Kalman
Weiser.15 Anstatt Kontexte oder Kontinuitäten in den Mittelpunkt zu stellen, orien-
tieren sich die insgesamt 21 Beiträge an Konzepten, die eine flexiblere Anwendung
in Forschung und Lehre ermöglichen sollen: So sei das Buch „as both a reference
work and a pedagogical tool for instructors“ konzipiert.16 Mit seinem „polyphonic
approach“ verfolge es einen interdisziplinären Ansatz und sei darauf ausgerich-
tet „to promote conversations across disciplinary, geographic, and thematic lines
rather than to advocate a specific theoretical or analytical framework“.17 Die Kon-
zepte thematisieren sowohl Ausdrucksformen des Antisemitismus (z. B. „Ghetto“,
„Nazism“), jüdische Reaktionen auf Antisemitismus (z. B. „Self-Hatred“, „Zio-
nism“) als auch Beziehungen zu anderen Phänomenen (z. B. „Gender“, „Racism“).
An der Nennung von „Anti-Zionism“ im vierten Schwerpunkt– „entries compa
r-
ing discursive contexts and practices in which antisemitism appears“18– lässt sich
eine differenziertere Perspektive auf die Kategorisierung des Phänomens erken-
nen, als sie im zuvor besprochenen Sammelband vorgenommen wird: Antisemi-
tismus wird hier als Möglichkeit des Antizionismus verhandelt.
Zu den vielen lesenswerten Artikeln– genannt seien etwa die Historiografie des
Antisemitismus von Jonathan Judaken sowie die Beiträge „Emancipation“ von Fre-
derick Beiser, „Gender“ von Sara R. Horowitz, „Ghetto“ von Daniel B. Schwartz–
15 Sol Goldberg/Scott Ury/Kalman Weiser (Hrsg.), Key Concepts in the Study of Antisem-
itism, Cham 2021. Siehe zu dieser Veröffentlichung auch die ausführliche Rezension von
Ulrich Wyrwa in diesem Band.
16 Kalman Weiser, Introduction, in: Goldberg/Ury/Weiser, Key Concepts, S. 1–12, hier S. 8.
17 Ebenda, S. 9.
18 Ebenda, S. 11.
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