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Stefan Scholl
„weil ich als Judengegner I. Ranges bekannt war“
antisemitische Diskurselemente in Eingaben an Behörden und
Parteiinstanzen während des Nationalsozialismus
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Scholl, Stefan (2021). „weil ich als Judengegner I. Ranges bekannt war“: antisemitische Diskurselemente in
Eingaben an Behörden und Parteiinstanzen während des Nationalsozialismus. In S. Schüler-Springorum
(Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 30 (2021) (1. Aufl., Bd. 30, S. 97-124). Metropol.
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stefan scholl
weil ich als Judengegner I. Ranges bekannt war
Antisemitische Diskurselemente in Eingaben an Behörden und
Parteiinstanzenhrend des Nationalsozialismus
1. Einleitung: Zur Pragmatik des Antisemitismus in der NS-Zeit
Dass Antisemitismus ein zentraler Bestandteil des nationalsozialistischen Ideen-
konglomerats war, ist unbestreitbar.1 Weniger eindeutig lässt sich jedoch die Frage
beantworten, welchen Grad an Zustimmung und Akzeptanz der propagierte Hass
auf Jüdinnen und Juden und die gegen sie ausgeübte Gewalt innerhalb der nicht-
jüdischen Bevölkerung fanden beziehungsweise wie ausgeprägt antisemitische
Einstellungen in der breiten Masse der deutschen Gesellschaft in den 1930er-
und 1940er-Jahren waren.2 Dabei ist zu beachten, dass große Teile der deutschen
Gesellschaft keinesfalls erst im Nationalsozialismus antisemitisch dachten und
handelten. Vielmehr waren antisemitische Haltungen bereits vor 1933 weitver-
breitet.3 Welche Anziehungskraft der Antisemitismus bei der „fatalen Attraktion
(Th omas Rohkrämer) des Nationalsozialismus vor und nach 1933 ausübte, ist
1 Vgl. zur Diffusität des nationalsozialistischen Weltanschauungsfeldes Lutz Raphael, Plu-
ralities of National Socialist Ideologies. New Perspectives on the Production and Diffusion
of National Socialist Weltanschauung, in: Martina Steber/Bernhard Gotto (Hrsg.), Visions
of Community. Social Engineering and Private Lives, Oxford 2014, S. 7386.
2 Einen guten Überblick über die facettenreiche Forschung hierzu liefern die Beiträge in Su-
sanna Schrafstetter/Alan Steinweis (Hrsg.), The Germans and the Holocaust. Popular Re-
sponses to the Persecution and Murder of the Jews, New York 2016; David Bankier (Hrsg.),
Probing the Depths of German Antisemitism. German Society and the Persecution of the
Jews, New York u. a. 2000.
3
Michael Kater, Everyday Anti-Semitism in Prewar Nazi Germany: The Popular Bases, in: Yad
Vashem Studies 16 (1984), S. 129159; Ian Kershaw, Antisemitismus und NS-Bewegung vor
1933, in: Hermann Graml/Angelika Königseder/Juliane Wetzel (Hrsg.), Vorurteil und Ras-
senhass. Antisemitismus in den faschistischen Bewegungen Europas, Berlin 2001, S. 2948.
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d ennoch nicht gänzlich geklärt. Selbst für frühe Anngerinnen und Annger
der natio nalsozialistischen „Bewegung“ wird angenommen, dass der Antisemi-
tismus der Partei nur für einen kleinen Teil den Hauptgrund ihrer Mobilisierung
darstellte.4r die Zeit des NS-Regimes hat eine Reihe von Beitgen vor allem
auf Basis der zahlreichen nationalsozialistischen Stimmungsberichte versucht,
die Verbreitung antisemitischer Dispositionen innerhalb der Bevölkerung einzu-
schätzen.5 Dabei wurde festgestellt, dass die antijüdischen Übergriffe zwar mit-
unter Missfallen, Kritik oder „Unwillen6 erregten, besonders, wenn es sich um
bürgerlichen Ordnungsvorstellungen zuwiderlaufende Gewaltaktionen handelte.7
Die allgemein wohl vorherrschende Haltung der Mehrheit der nicht jüdischen
deutschen Belkerung bestand seit der Machtübergabe an die Nationalsozialis-
ten indes in geäußerter oder stillschweigender Akzeptanz antisemitischer „Maß-
nahmen“– sei es aus bereitwilligem Einverständnis, Angst vor Repression oder
Ignoranz für das Schicksal der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.8 Neuer-
dings wird in diesem Zusammenhang versucht, die in sich weiter zu differenzie-
rende Kategorie der „Bystanders“ systematischer auszuleuchten.9
Um den Verbreitungs- und Wirkungsgrad des Antisemitismus innerhalb der
Gesellschaft während des Nationalsozialismus einzuschätzen, reicht es indes nicht
4 Vgl. Peter Merkl, Political Violence under the Swastika: 581 Early Nazis, Princeton 1975,
S. 322 f.
5 Otto Dov Kulka, „Public Opinion“ in National Socialist Germany and the „Jewish Ques-
tion, in: The Jerusalem Quarterly 25 (1982), S. 121144 und 26 (1982), S. 3445; Ian Ker-
shaw, Popular Opinion and Political Dissent in the Third Reich, Bavaria 19331945, Oxford
1983, S. 224–277 und S. 358372; Peter Longerich, „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die
Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945, München 2006, der zugleich wichtige
quellenkritische Einschätzungen zu bedenken gibt.
6 Longerich, „Davon haben wir nichts gewusst!“, S. 321.
7 Vgl. Kulka, „Public Opinion, S. 138; Kershaw, Popular Opinion, S. 268 f.; David Bankier,
Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die „Endlösung“ und die Deutschen. Eine Berich-
tigung, Berlin 1995, S. 93138.
8 Vgl. Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Erster Band: Die Jahre der Verfol-
gung, 1933–1939, zweite, durchgesehene Auflage, München 1998, S. 348; Otto Dov Kulka/
Aron Rodrigue, The German Population and the Jews in the Third Reich. Recent Publica-
tion and Trends in Research on German Society and the „Jewish Question, in: Yad Vashem
Studies 16 (1984), S. 421435, hier S. 426.
9 Vgl. Christina Morina/Krijn Thijs (Hrsg.), Probing the Limits of Categorization. The By-
stander in Holocaust History, New York/Oxford 2019.
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aus, sich auf die– letztlich nicht zu beantwortende– Frage zu beschnken, wie
antisemitisch die Bevölkerung während des Nationalsozialismus nun tatsächlich
war. Vielmehr muss stärker in den Blick genommen werden, in welchen Kontex-
ten und Kommunikationssituationen und auf welche Weise sich einzelne Perso-
nen oder Gruppen antisemitischer Diskurse bedienten. Inspiriert von einer For-
mulierung der Historikerin Maiken Umbach geht es nicht so sehr darum, was der
propagandistisch verbreitete Antisemitismus mit den Deutschen machte, sondern
was die Deutschen mit dem Antisemitismus machten.10 Dies lenkt den Blick auf
eine Dimension, die bei der allgemein gehaltenen Frage nach der Verbreitung des
Antisemitismus in der Bevölkerung weitgehend ausgeblendet wurde, nämlich die
pragmatische Dimension antisemitischer Gewalt, die auch sprachliche antisemi-
tische Bekundungen umfasst. Speziell Michael Wildt hat eindrücklich gezeigt,
wie in lokalen antisemitischen Gewaltaktionen Exklusion (der Juden aus der
Volksgemeinschaft“) und Inklusion (der Ausführenden oder Zuschauenden in
die „Volksgemeinschaft“) gemeinsam vollzogen wurden.11 Antisemitismus kann
in diesem Sinne als soziale Praxis, als Verkettung performativer Akte, verstanden
werden, die körperlich-gewalthafte Aspekte ebenso einschließt wie sprachliche
oder symbolische.12
Im Folgenden liegt der analytische Fokus auf der sprachlich-kommunikati-
ven Ebene. Denn gerade hier lässt sich noch immer ein Ungleichgewicht in der
Forschung feststellen: Während der „Sprache der Judenfeindschaft“13 in national -
sozialistischen Zeitschriften wie dem Stürmer, dem Schwarzen Korps, in
F ilmen wie
10 Maiken Umbach, (Re-)Inventing the Private under National Socialism, in: Elizabeth Har-
vey/Johannes Hürter/Maiken Umbach/Andreas Wirsching (Hrsg.), Private Life and Privacy
in Nazi Germany, Cambridge/New York 2019, S. 102–131, hier S. 130. Umbach bezieht sich
nicht auf den Antisemitismus im Speziellen, sondern, am Beispiel von Egodokumenten, auf
den Nationalsozialismus insgesamt.
11 Michael Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deut-
schen Provinz 1919 bis 1939, Hamburg 2007.
12 Vgl. Isabel Enzenbach, Antisemitismus als soziale Praxis, in: Aus Politik und Zeitgeschichte
1617 (2012), https://www.bpb.de/apuz/130424/antisemitismus-als-soziale-praxis?p=all
[21. 6. 2021].
13 Jehuda Reinharz/Monika Schwarz-Friesel, Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahr-
hundert, Berlin 2013; Nicoline Hortzitz, Die Sprache der Judenfeindschaft, in: Julius H.
Schoeps/Joachim Schlör (Hrsg.), Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. Bilder der
Juden feindschaft, München 1995, S. 19–40.
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Jud Süß oder Kinderbüchern wie dem Giftpilz große Aufmerksamkeit geschenkt
wurde,14 ist weitgehend unklar, ob, wie und in welchen Kommunikationssitua-
tionen und Textsorten sich „gewöhnliche Deutsche“ antisemitischer Diskurs-
elemente bedienten. Lediglich für die Quellengruppe der Feldpostbriefe ist diese
Frage eingehender behandelt worden, auch wenn die Einschätzungen hierzu stark
divergieren und von der These einer breiten Übernahme rassistisch-exterminato-
rischer Ideologie bis zur Gegenthese reichen, dass geäußerte Judenfeindschaft in
Soldatenbriefen eher ein Randphänomen gewesen sei.15 Es bleiben also die Fragen:
Welche sprachlichen Versatzstücke des Antisemitismus– einzelne Wörter, Stereo-
type, Metaphern, Narrative– wurden in welchen alltäglichen Kommunikations-
situationen genutzt? Wie wurden „beiläufige“ antisemitische Bemerkungen in
größere Textzusammenhänge eingebettet? Welche kommunikativen Funktionen
erfüllte die Verwendung antisemitischer Diskurselemente im nationalsozialis-
tischen Kommunikationsraum?
In diesem Beitrag wird die skizzierte Problemstellung durch die Konzen-
tration auf eine spezifische Quellengruppe eingegrenzt, nämlich Bittbriefe und
Beschwerdeschreiben, die aus der Bevölkerung an Behörden und Parteiinstanzen
gerichtet wurden. Im Rahmen eines Forschungsprojekts hat der Verfasser bisher
ein Korpus von rund 700 solcher Schreiben zusammengestellt.16 Anschließend
14 Torsten Hoffmann, Der Giftpilz, in: Christoph Bräuer/Wolfgang Wangerin (Hrsg.), Unter
dem roten Wunderschirm. Lesarten klassischer Kinder- und Jugendliteratur, Göttingen
2013, S. 115139; Daniel Roos, Julius Streicher und „Der Stürmer, 19231945, Paderborn
2014, S. 398414; Julia Schwarz, Visueller Antisemitismus in den Titelkarikaturen der Zei-
tung „Der Stürmer, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 19 (2010), S. 197216; Mario
Zeck, Das Schwarze Korps. Geschichte und Gestalt des Organs der Reichsführung SS, Tü-
bingen 2002, S. 212232; Alexandra Pzyrembel/Jörg Schönert (Hrsg.), „Jud Süß. Hofjude,
literarische Figur, antisemitisches Zerrbild, Frankfurt a. M. 2006.
15 Vgl. beispielsweise die Zusammenstellung von Walter Manoschek (Hrsg.), „Es gibt nur eines
für das Judentum: Vernichtung.“ Das Judenbild in deutschen Soldatenbriefen 1939–1944,
Hamburg 1995, oder die Einschätzungen von Omer Bartov, Hitlers Wehrmacht. Soldaten,
Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges, Reinbek bei Hamburg 1995, mit der Kritik
hieran von Martin Humburg, Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg– zur möglichen
Bedeutung im aktuellen Meinungsstreit unter besonderer Berücksichtigung des Themas
Antisemitismus, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 58 (1999), S. 321–343.
16 Das Korpus setzt sich zusammen aus Beschwerdebriefen und Bittschreiben, die im Stadt-
archiv Mannheim (Marchivum), dem Generallandesarchiv Karlsruhe (GLK), dem Landes-
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