
Raanan Rein
Werner Leopold: Vom Judo-Trainer zum Anführer
der Jüdischen Selbstverteidigung in Montevideo
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Rein, Raanan (2022). Werner Leopold: Vom Judo-Trainer zum Anführer der Jüdischen Selbstverteidigung in
Montevideo. In S. Schüler-Springorum (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung (2022) (1. Aufl., Bd. 31,
S. 347-371). Metropol.
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Werner Leopold: Vom Judo-Trainer zum Anführer
der Jüdischen Selbstverteidigung in Montevideo
Die Entführung des NS-Verbrechers Adolf Eichmann aus Buenos Aires durch
Agenten des Mossad im Mai 1960 löste eine Welle von gewalttätigem Antisemi-
tismus in Argentinien aus, was dazu führte, dass sich die jüdischen Selbstvertei-
digungskräfte zu einem Netzwerk zusammenschlossen, das unter dem Namen
„Irgún“ (hebr./span. „Organisation“) bekannt wurde.1 Wie schon früher hatten
die Entwicklungen in Argentinien auch diesmal erhebliche Auswirkungen auf
das benachbarte Uruguay. Auch die jüdische Bevölkerung in Montevideo erlebte
eine Serie von antisemitischen Angriffen und musste sich der Frage stellen, wie sie
darauf reagieren sollte. Ebenso wie in Argentinien beschlossen viele junge Juden,
sich nichts gefallen zu lassen, die Einrichtungen der Gemeinde zu verteidigen
und die staatlichen und städtischen Behörden zur Bestrafung der antisemitischen
Hooligans aufzufordern. Sie wollten den Schlägern aber auch eine Lektion ertei-
len und ihnen zeigen, dass Juden keine passiven Opfer mehr waren. Sie schufen
eine Selbstverteidigungsorganisation, die „Bitachon/Bitajón“ (hebr. „Sicherheit“),
„Misgeret“ (hebr. „Rahmen“)– oder einfach „La Orga“ genannt wurde.2
1Raanan Rein, Defying Traditional Shtadlanut: Jewish Self-Defense in Argentina, in: Katalin
Franciska Rac/Lenny Ureña Valerio (Hrsg.), Jewish Experiences in the Americas: Local His-
tories through Global Lenses, Gainesville 2022. Enthält eine umfassende Bibliografie zur
Eichmann-Entführung. Siehe auch die gelungene Darstellung von Neal Bascomb, Hunting
Eichmann: Chasing Down the World’s Most Notorious Nazi, London 2009. Die Recherchen
für die vorliegende Studie wurden durch die großzügige Unterstützung der Fritz Thyssen
Stiftung ermöglicht.
2Die erste Misgeret wurde vom Mossad 1956 in Marokko eingerichtet, als das Land seine
Unabhängigkeit erlangte und Israel die Auswanderung der marokkanischen Juden organi-
sierte. Siehe Ian Black/Benny Morris, Israel’s Secret Wars: A History of Israel’s Intelligence
Services, New York 1991, S. 176.
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Am 13. Juni 1960, drei Wochen nachdem Ministerpräsident David Ben-Gurion
in der Knesset bekanntgab, dass Eichmann in Argentinien gefangen ge
nommen
und nach Israel gebracht worden war, um dort vor Gericht gestellt zu werden,
legten Attentäter in zwei Synagogen in Montevideo drei kleine, handgefertigte
Sprengsätze. Zwei davon wurden vor der Explosion entschärft.3 Bald darauf kam
es in der Garage eines Privathauses, in der drei junge Männer Sprengkörper her-
stellten, zu einer Explosion. Zwei uruguayische Staatsbürger wurden verhaftet.
Der dritte, der siebzehnjährige César Giorgetti, wurde bei der Explosion getötet.
Er unterhielt offenbar Verbindungen zur Alianza Libertadora Nacionalista Argen-
tina. Einer der drei trug ein eingebranntes Hakenkreuz auf der Hand.4
Es gab auch etliche Fälle von Hakenkreuzschmierereien an jüdischen Einrich-
tungen oder Geschäften, die Juden gehörten.5 Bereits im Mai 1960 hatte die Ver-
breitung von Propagandamaterial der Liga Oriental Antisemita begonnen, einer
der zahlreichen extremistischen Gruppen im heterogenen Mosaik der politischen
Rechten in Uruguay. Obwohl es sich meist nur um sehr kleine Organisationen
mit wenigen Mitgliedern handelte, entwickelten sie eine intensive Aktivität. Ihr
Einfluss auf das politische Klima in Uruguay wird von der Forschung meist unter-
schätzt.
In der Folge von Eichmanns Hinrichtung in Israel kam es erneut zu einer
Serie von antisemitischen Zwischenfällen in Argentinien und Uruguay. Eine
kleine Gruppe von Demonstranten versammelte sich auf der Plaza Cagancha in
der Innenstadt von Montevideo zu einer Gedenkveranstaltung für den ehemali-
gen SS-Obersturmbannführer. Sie hinterließen einen Kranz mit der Aufschrift:
„Las Juventudes Nacionalistas Orientales en memoria de A. Eichmann, soldado
de la causa de los pueblos asesinados por el judaísmo internacional“.6 Ein paar
3Atentados antisemitas, in: La Mañana, 14. Juni 1960; Murió un joven terrorista y dos están
gravemente heridos, in: El Plata, 14. Juni 1960; Terrorismo en la ciudad, in: Acción, 14. Juni
1960.
4Drohkampagne gegen Juden in Buenos Aires. Jugendlicher stirbt beim Bau einer Bombe,
die in der israelischen Botschaft in Uruguay versteckt werden sollte [hebr.], in: Ma’ariv,
15. Juni 1960. Magdalena Broquetas, A propósito de las repercusiones del ‘Caso Eichmann:’
Antisemitismo y anticomunismo en Uruguay, (1960–1962), in: Encuentros Uruguayos 3
(2010), S. 49.
5Otro atentado de los nazis, in: El Popular, 20. Juni 1960.
6A Eichmann. Hicieron un insólito intento de homenaje, in: La Mañana, 3. Juni 1962.
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Tage später verbrannten vier Jugendliche eine israelische Flagge und verbreiteten
ein Flugblatt, auf dem es hieß: „In memoriam de Adolf Eichmann ASESINADO
por la judería internacional. Las juventudes uruguayas le rinden homenaje.“ Als
die Polizei kam, ergriffen die Jugendlichen die Flucht. Es wurde niemand ver-
haftet.7
Bei der israelischen Botschaft gingen zahlreiche telefonische Drohungen ein.
„Mrs. Harkavi? Hier spricht Eichmanns Sohn“, sagte zum Beispiel einer der An -
rufer. „Wenn Ihr Gatte morgen ausgeht, werden wir ihn töten. Hüten Sie sich!
Gehen Sie lieber nicht aus dem Haus!“8 Nach der Verkündung und Veröffent-
lichung des Todesurteils gegen Eichmann erhielten zahlreiche Juden anonyme
Briefe, in denen sie aufgefordert wurden, das Land zu verlassen, denn: „Uruguay
gehört den Uruguayern“.9
Nach den Angriffen auf Ema Rivera Tejera, eine Hausangestellte des Arztes
und kommunistischen Aktivisten Leon Leibner, und auf den 34-jährigen Dr.
Máximo Handel, der geschlagen und mit einem Hakenkreuz auf dem Bein
gebrandmarkt wurde, erklärte die Medizinergewerkschaft Sindicato Médico del
Uruguay, sie würde ihre Mitglieder künftig vor solchen Angriffen schützen.10
„Hausbesuche machten jüdische Ärzte von da an nur noch, wenn sie ein Verwand-
ter des Patienten begleitete. Und zur Sicherheit trugen sie stets eine Waffe.“11
Unter den nationalistischen Veröffentlichungen beunruhigte die Juden in
Uruguay vor allem die extrem antisemitische Zeitung La Escoba, deren Rheto-
rik sich auf die sogenannten Protokolle der Weisen Zion stützte. Obwohl sie von
einer Organisation herausgegeben wurde, deren Mitglieder vor allem den unte-
ren Klassen angehörten und zum Teil sogar ein Strafregister hatten, erreichte das
7Discriminación racial, in: El Debate, 11. Juni 1962; Faschisten in Uruguay betrauern Eich-
mann [hebr.], in: Kol Ha’am, 12. Juni 1962.
8Itzhak Harkavi, En Uruguay durante la época de la captura de Eichmann: Recuerdos del
Embajador de Israel, in: Historia viva: Memorias del Uruguay y de Israel, hrsg. von Rosa
Perla Raicher de Schapire/Haim Avni/David Bankier, Jerusalem 1989, S. 132.
9Shimon Avishai, Der bösartige Tumor: Zum Antisemitismus im demokratischen Uruguay
[hebr.], in: Al Hamishmar, 9. März 1962.
10 Gerardo Leibner, Camaradas y compañeros: Una historia política y social de los comunistas
del Uruguay, Bd. II, Montevideo 2011, S. 419–421.
11 Menachem Gelerter, Judentum auf einem gepeinigten Kontinent: Bei den Juden in Argenti-
nien, Uruguay, Peru und Mexiko [hebr.], Jerusalem 1963, S. 30.
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Blatt Anfang der Sechzigerjahre eine Auflage von mehreren zehntausend Exem-
plaren.12
Den letzten Anstoß zur Gründung der jüdischen Selbstverteidigungsorga-
nisation aber gab der Tod des aus Polen stammenden Holocaust-Überlebenden
Samuel Zalzberg, der im Juli 1962 in seinem Büro erschlagen wurde.13 Seine Frau
und seine Kinder waren im Holocaust umgekommen, aber er hatte die Konzen-
trationslager überlebt und bezog seit Kurzem Entschädigungszahlungen der Bun-
desrepublik Deutschland. Ein paar Tage vor seiner Ermordung erzählte er sei-
nem Bruder, er habe Drohungen erhalten. Diese achte Gewalttat in Montevideo
innerhalb von drei Wochen löste panische Angst in der jüdischen Gemeinde aus.14
Mehrere Opfer wurden mit Hakenkreuzen, Davidsternen oder dem Tacuara-Sym-
bol gebrandmarkt, obwohl einige gar keine Juden waren, wie zum Beispiel ein
Zeitungsbote, der das Semanario Hebreo austrug.15 Zwei Juden wurden bei Säure-
attentaten verletzt.
Uruguay hatte 1960 nur etwa zweieinhalb Millionen Einwohner, und die
jüdische Gemeinde wurde auf weniger als 40 000 Personen geschätzt.16 Deshalb
umfasste die jüdische Selbstverteidigungsorganisation auch nicht so viele junge
Leute wie in Argentinien, aber sie war gut organisiert und wahrscheinlich enger
mit der israelischen Botschaft verbunden als ihr argentinisches Gegenstück.17
12 Siehe dazu den detaillierten Bericht des Presseattachés der israelischen Botschaft in Monte-
video, Abraham Sarlouis, an das Außenministerium vom 25. April 1960: La Escoba Revolu-
tionary Movement, or Revolutionary Party, Israel State Archives, Jerusalem, Foreign Office
Papers, Uruguay, 236/13.
13
Jewish Telegraphic Agency, 30. Juli 1962. Siehe auch: Anti-Semitic Violence Flares in South
America, in: Rhode Island Herald, 10. August 1962; New Jersey Jewish News, 3. August 1962.
14 Die Juden von Montevideo bereiten sich nach dem Mord an einem älteren Mitbürger auf
Selbstverteidigung vor [hebr.], in: Davar, 27. Juli 1962; Uruguays Juden fürchten um ihre
Zukunft [hebr.], in: Hatzofe, 25. Oktober 1963, S. 13; Auszüge aus einem Brief von Natalio
Mazar, Buenos Aires, vom 26. Juli 1962, American Jewish Committee Archives, New York.
15 Impunes fascistas siguen sus bárbaros atentados, in: El Popular, 21. Juni 1962.
16 U. O. Schmelz/Sergio DellaPergola, The Demography of Latin American Jewry, in: Ameri-
can Jewish Yearbook 85 (1985), S. 51–102, hier S. 62; Rafael Porzecanski, El Uruguay judío:
Demografía e identidad, Montevideo 2006; Maya Shorer-Kaplan, Ethnic Migration in Com-
parative Perspective: A Case Study of Jewish Migration from Uruguay to Israel and Other
Countries, 1948‒2010, in: Hagira– Israel Journal of Migration 6 (2016), S. 25–56.
17 Der vorliegende Artikel basiert auf Kapitel 5 meines Buches: Jewish Self Defense in South
America: Facing Anti-Semitism with a Club in Hand, London 2022.
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