
I
nternationale Gutachter*innen be-
scheinigten dem Einstein Center
Digital Future (ECDF) bei einer
Evaluation im Juli 2022 exzellente
Forschung. Es wird nun für weitere
fünf Jahre gefördert.
Beeindruckt waren die Expert*innen
besonders vom einzigartigen Public-
Private-Partnership-Modell (PPP),
von der interuniversitären und in-
terdisziplinären Arbeit, der außerge-
wöhnlichen Breite und Tiefe der
Forschung sowie von der Qualität
der berufenen Professor*innen: Bei
Projekten wie „SimRa – Sicherheit
im Radverkehr“ können Bürger*in-
nen mit Hilfe einer Smartphone-App
während des Radfahrens Beinahe-
Unfälle im Straßenverkehr aufzeich-
nen. Andere ECDF-Projekte forschen
am großflächigen Einsatz des Quan-
teninternets durch Technik im All,
daran, wie die computergestützte
Behandlungsplanung bei der Rekon-
struktion von komplexen Gesichtsde-
fekten helfen kann, oder am Wech-
selspiel von Sicherheit und Krypto-
währungen.
Besonders bedeutsam, so das Gutach-
ten, sei die Kooperation von öffent-
lichen Einrichtungen und Privatwirt-
schaft in Stadt- und Regionalentwick-
lung. Am ECDF arbeiten die Berliner
Universitäten, Hochschulen und die
Charité – Universitätsmedizin Berlin
mit Industriepartnern zusammen.
Mit den bereitgestellten Mitteln könn-
ten viele hochqualifizierte Wissen-
schaftler*innen innovative Forschung
betreiben.
Der Vorsitzende der Einstein Stiftung
Prof. Martin Rennert bezeichnete das
ECDF-Modell als Blaupause für eine
substanzielle und nachhaltige For-
schungskooperation zur digitalen Trans-
formation. Die Wissenschafts- und For-
schungslandschaft profitiere, wenn über
Einrichtungen, Disziplinen und andere
Grenzen hinweg zusammengearbeitet
werde. Der TU-Informatikprofessor und
ECDF-Vorsitzende Odej Kao fügte hin-
zu: „Durch die Corona-Pandemie hat
der digitale Wandel an Fahrt aufgenom-
men. Wir freuen uns, dass wir diesen
Wandel bis mindestens April 2028 mit-
gestalten können.“
tui
www.digital-future.berlin/
Erfolgreiche
Digitalisierungsforschung
Internationales Expertengremium evaluiert Einstein Center
Digital Future. Förderung für weitere fünf Jahre beschlossen
Start!
Programm des Präsidiums
für das Wintersemester
2022/2023
stt Das Präsidium hat nach
dem 100-Tage-Programm nun
ein Semesterprogramm vor-
gelegt. „Wir wollen weiterhin
unsere Ziele und die geplanten
Maßnahmen transparent an-
hand der SMART-Kriterien dar-
stellen. Alle Interessent*innen
können also weiterhin online
schauen, wo und wie wir vor-
ankommen. Wir planen ein Up-
date zum Fortschritt ungefähr
alle vier bis sechs Wochen“, so
Geraldine Rauch, Präsidentin
der TU Berlin.
Das Programm zeigt langfristige
Ziele sowie die konkret messba-
ren Maßnahmen, die zum Errei-
chen der Ziele führen sollen. Die
Maßnahmen sind so gewählt,
dass sie bis zum Ende des Win-
tersemesters 2022/2023 umsetz-
bar erscheinen. An der Erfüllung
der Maßnahmen arbeiten nicht
nur die Präsidiumsmitglieder,
sondern auch andere Personen
aus der Universität, die online
genannt werden.
Im Sommersemester 2022 kam
das Präsidium mit verschiede-
nen TU-Mitgliedern zusammen,
um über wichtige Themen zu
diskutieren, Einschätzungen
einzuholen und Lösungsansät-
ze zu entwickeln. Einige dieser
Themen und Ergebnisse flossen
in das neue Semesterprogramm
ein. Dazu gehören beispielswei-
se der Jahresretreat mit rund
150 Personen, die „TU-Was-
Werkstatt Klima“ mit 80 Mit-
wirkenden oder der Workshop
Ziethen 2022 mit knapp 40 Per-
sonen.
Schließlich fand die Mitarbei-
ter*innen-Befragung mit einer
Rücklaufquote von 23 Prozent
statt, was rund 1440 beteiligten
Personen entspricht. Auf die
dort von den TU-Mitgliedern
benannten wichtigen Themen,
die noch veröffentlicht werden,
reagierte das Präsidium mit sei-
nem neuen Semesterprogramm.
www.tu.berlin/go142582/
© Felix Noak
Zuversicht!
Impressionen vom ersten
TU-Jahresretreat SEITE 2
Starke Strahlkraft
Das Zentralinstitut für
Künstliche Intelligenz BIFOLD
in Berlin eröffnet SEITE 3
Polizei und Empathie
Ordnungshüter*innen besser
schulen, diskriminierendes
Handeln vermeiden SEITE 5
Brücken bauen
TU-Stipendien für
internationale Forscher*innen
und Geflüchtete fördern den
Austausch SEITE 11
Im Zukunftsrat
TU-Präsidentin Geraldine Rauch von der Bundesregierung
berufen
pp
Bundeskanzler Olaf Scholz hat im
Juli 2022 die Präsidentin der TU Berlin
Prof. Dr. Geraldine Rauch in den neu
eingerichteten Zukunftsrat der Bun-
desregierung berufen. Der Zukunftsrat
nimmt neue Entwicklungen, Erkenntnis-
se und Trends im Innovationskreislauf
in den Blick und erarbeitet Vorschläge
zur Stärkung des Forschungs- und In-
novationssystems, der Resilienz und der
technologischen Souveränität.
Eines der ersten zentral diskutierten
Themen ist der Beitrag, den Innovati-
onen leisten können, um Wertschöp-
fung und Wohlstand in Deutschland
auf Dauer abzusichern, gleichzeitig die
vereinbarten Klimaziele zu erreichen
sowie aktuelle und weitere geopolitische
Herausforderungen zu meistern. Dabei
wurden auch die Finanzierung und der
Ausbau der Digitalisierung in den Blick
genommen, ebenso wie bestehende
Schwächen im Bereich Transfer. Diese
seien insbesondere zu adressieren, so
hieß es in der Auftaktsitzung, um die
starken Forschungs- und Entwicklungs-
leistungen in konkrete und weltweit er-
folgreiche Innovationen zu überführen.
Dem Zukunftsrat, dessen Geschäftsstel-
le bei „acatech – Deutsche Akademie
der Technikwissenschaften“ angesiedelt
ist, gehören 16 hochrangige Mitglieder
aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesell-
schaft an.
www.acatech.de/projekt/zukunfts-
rat-der-bundesregierung/
Alles fürs Klima
Millionen-Anschubfinanzierung für die Klimaforschungs-
Allianz CCC
tui
Gute Aussichten für die länder-
übergreifende Klima-Allianz Climate
Change Center Berlin Brandenburg
(CCC): Rund 2,6 Millionen Euro
sind im Berliner Doppelhaushalt
2022/2023 als Anschubförderung
beschlossen. Damit soll Berlin als
Zentrum der Forschung zu Lösungen
in der Klimakrise gestärkt sowie die
breite wissenschaftliche Expertise
der Metropolregion besser vernetzt
werden. Projekte zu Künstlicher Intel-
ligenz, Hitze und Gesundheit laufen
bereits, interdisziplinär geplant sind
Themen wie nachhaltiges Bauen,
Mobilität, Ernährung, Bildung und
Kunst. Das CCC unter Federführung
der TU Berlin wird von 34 Universi-
täten, Forschungsinstituten und Think
Tanks unterstützt und von einem
Expert*innenrat aus Politik, Wirt-
schaft, Zivilgesellschaft, Kunst und
Kultur begleitet. Gründungsmitglieder
sind unter anderem die Charité – Uni-
versitätsmedizin Berlin, die Universi-
tät der Künste Berlin, die Universität
Potsdam und das Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung (PIK).
Im September 2022 beteiligte sich
das CCC am Berliner Klimatag, auf
dem sich aktive Gruppen aus Politik,
Wirtschaft, Wissenschaft und Zivil-
gesellschaft präsentierten. Viele der
Vorträge sind online nachzuerleben.
www.climate-change.center/
https://berliner-klimatag.de/
INHALT
ZWISCHEN STUDIENINFORMATION UND PARTY Die diesjährige
feierliche Begrüßung der Erstsemester am 10. Oktober war etwas
Besonderes. Einerseits gab es spürbare Freude über die Präsenz
an der Uni und großes Interesse an Infos rund um das Studium,
andererseits spielten Corona, Krieg und Energiekrise auch eine
gewichtige Rolle. „Angesichts der schwierigen Zeiten müssen
wir uns im Alltag gegenseitig unterstützen und Zivilcourage zei-
gen“, ermutigte TU-Präsidentin Geraldine Rauch (im Foto rechts)
die rund 2000 anwesenden Erstsemester. In das neue Semester
starten an der TU Berlin insgesamt rund 34.500 Student*innen,
davon 7.500 Neuimmatrikulierte.
Über 500 gut gelaunte Student*innen feierten anschließend im
Foyer des Hauptgebäudes mit der TU-Präsidentin und Christian
Schröder, dem Vizepräsidenten für Studium und Lehre. Beide leg-
ten selbst auf. Premiere feierten eine neue TU-Band mit Geraldine
Rauch als Frontfrau und ein neuer TU-Song.
tui
www.tu.berlin/studieren/erstsemesterbegruessung/highlights
UNIBIBLIOTHEK
Ausgezeichnet!
tui Zur „Bibliothek des Jahres 2022“
wurden die Universitätsbibliotheken
der TU Berlin und der UdK Berlin
gekürt. Die mit 20.000 Euro dotierte
Auszeichnung wird vom Deutschen
Bibliotheksverband und der Deut-
schen Telekom Stiftung vergeben.
Sie soll das Image der Bibliotheken
in der digitalen Welt stärken.
„Die Auszeichnung verdeutlicht, wie
gemeinsame Infrastruktur, Ideen und
Ressourcen zum Erfolg führen. Sie
bestärkt uns, unsere Zusammenar-
beit weiter auszubauen, insbeson-
dere unsere innovativen digitalen
Angebote“, so Andrea Zeyns, Direk-
torin der UdK-Bibliothek, und Jürgen
Christof, Direktor der TU-Bibliothek.
Die Auszeichnung wird am 24. Okto-
ber 2022 in einem Festakt in Berlin
verliehen. Bis zum 30. Oktober betei-
ligt sich die UB an der internationalen
Open Access Week mit Veranstaltun-
gen unter dem Motto: „Open for Cli-
mate Justice“.
www.tu.berlin/ub/
www.tu.berlin/ub/oaweek
Queen's Lecture:
Mensch und Mobilität
pp Der Mensch, seine Bedürfnisse
und Fähigkeiten stehen im Zentrum
der Forschung von Sarah Sharples
zur Zukunft der Mobilität: selbstfah-
rende Fahrzeuge wie Autos, Schiffe
und Eisenbahnen, Dekarbonisie-
rung, die Zukunft des Reisens und
Innovationen in einem globalen,
intelligenten Verkehrssystem. Die
Human-Factors-Forscherin von der
University of Nottingham ist wis-
senschaftliche Beraterin des UK-
Verkehrsministeriums. Sie hält die
traditionsreiche Queen’s Lecture an
der TU Berlin über die Gestaltung ei-
ner zukunftsfähigen Mobilität für Po-
litik, Wissenschaft und Gesellschaft:
„A Human-centred Future of Mobi-
lity”, 7. November 2022, 16.30 Uhr.
Anmeldung unter:
https://events.tu-berlin.de/e/QL2022
Neujahrsempfang 2023
tui Die Präsidentin der TU Berlin
Prof. Dr. Geraldine Rauch lädt herz-
lich zum Neujahrsempfang der TU
Berlin ein. Freitag, 20. Januar 2023,
15 Uhr. Anmeldung unter:
https://events.tu-berlin.de/e/NJE2023
©ECDF
Auf weitere fünf Jahre
©University of Nottingham
Sarah Sharples
von der
University of
Nottingham
TERMINE, TERMINE
Ausgabe Nr. 4
Oktober 2022
37. Jahrgang
HOCHSCHULZEITUNG
DER TECHNISCHEN
UNIVERSITÄT BERLIN

Bei der Podiumsdiskussion, moderiert von dem Wissenschaftsjournalisten Jan-Martin Wiarda (rechts), wurde das aktuelle Thema
„Dauerstellen in der Wissenschaft“ heiß diskutiert. Am Mikrofon TU-Präsidentin Geraldine Rauch.
INNENANSICHTEN
E
in großes Maker-Lab frei zugänglich
für alle. Statusgruppenübergreifen-
de Workshops/AGs, um das „Mitei-
nander-Reden“ fortzuführen. Systema-
tische Erfassung der Kernprozesse und
klare Zuständigkeiten aufstellen. Kom-
plette Neuordnung des Erstellens von
Aufgabenbeschreibungen (BAKs) an der
TU Berlin. Allein diese wenigen Beispie-
le zeigen, wie groß die Themenspanne
war beim dreitägigen Jahresretreat im
Juli 2022 auf dem Landgut Stober. Aus
28 Workshops konnten sich die rund 150
Teilnehmenden aus allen Statusgruppen
der TU Berlin ihr Programm zusammen-
stellen. Eine Session widmete sich kom-
plett Weiterbildungsangeboten.
„Ziel dieses Zusammenkommens war
es, den Austausch und die Begegnung
zwischen den Menschen unserer Uni-
versität fernab der Alltagshektik zu
fördern, die Zusammenarbeit zu ver-
bessern und an strategisch wichtigen
Themen kreativ und intensiv zu ar-
beiten“, so Geraldine Rauch, Präsi-
dentin der TU Berlin und Initiatorin.
„Kommunikation, Strategie und Krea-
tivität brauchen Raum und Zeit. Bei-
des haben wir uns an den drei Tagen
genommen und uns Themen gewidmet,
die die TU Berlin bewegen. Nach zwei
Jahren Pandemie, Homeoffice und Hun-
derten von digitalen Treffen war es gut
und zielführend, sich wieder in Präsenz
auszutauschen und zu begegnen. Un-
ser Motto ‚Wir sind TU Berlin‘ passte
dazu, denn wir haben gemerkt, wie viel
Engagement und Gestaltungswille bei
unseren TU-Mitgliedern vorhanden ist.“
Campus der Gegenwart,
Campus der Zukunft
In der Session 4 mit dem Titel „Campus
der Gegenwart“ ging es um die gewichti-
gen Themen, die momentan die Universi-
tät bewegen: um Perspektiven im Bereich
Bau, in der Digitalisierung, bei Personal
und Berufung. Die Session 5 widmete
sich dem „Campus der Zukunft“ und
stellte vor allem das Thema Nachhaltig-
keit, das von vielen immer wieder ge-
wünscht wurde, in den Mittelpunkt.
Die Session 7 hieß „Quo vadis, Hoch-
schule? Aus der Pandemie für die Zu-
kunft lernen“ und stellte Studium
und Lehre in den Mittelpunkt. Den
Abschluss bildete das Zukunftsthema
„TU Berlin im Jahr 2023“, bei dem alle
Teilnehmenden interaktiv mitarbeiteten.
Viele Gelegenheiten zum Kennenlernen
und Austausch rahmten das Workshop-
Programm ein. „Ich bin sehr froh, dass
ich diese Gelegenheit hatte. Man kennt
Personen oft nur über den Namen
oder die E-Mailadresse. Auf dem Jah-
resretreat haben wir uns, egal ob Pro-
fessorin oder Technikmitarbeiter, auf
Augenhöhe ausgetauscht. Ich nehme,
neben den vielen Diskussionen auch
über die schwierigen Themen der TU
Berlin, das Gefühl mit, dass der Aus-
tausch und das gemeinsame Arbeiten
in den Workshops mir künftig helfen,
schneller ins Gespräch zu kommen.
Kennenlernen und Perspektivwechsel
und damit auch Wissen über die Prob-
leme des jeweils anderen Arbeitsfeldes
bringen da schon sehr viel“, so war zu
hören. Zuversicht konnte in den drei
Tagen gewonnen werden, obwohl man
mit einer Portion Skepsis angereist sei,
so eine andere Wortmeldung. Am Ende
überzeugten die Atmosphäre und der
ehrliche Austausch über die Fragen
„Wo soll der Weg der TU Berlin hin-
gehen, wie offen und ehrlich bereden
wir die harten Probleme der Universi-
tät?“ Dieser Diskurs soll zu Beginn der
Vorlesungszeit mit den Teilnehmenden
fortgesetzt werden.
Fest steht auch, dass es einen Jahres-
retreat 2023 zwischen dem 15. und
17. Mai geben wird. Die Einladung zur
Bewerbung für Interessent*innen aus
der ganzen Universität erfolgt im ers-
ten Quartal 2023. Ergebnisse aus den
Workshops und aus der Befragung der
Teilnehmenden sind online nachzulesen.
Stefanie Terp
www.tu.berlin/go56543/
Aufgrund eines Bundesbeschlusses soll
die Temperatur im Winter in Büroräu-
men öffentlicher Einrichtungen nur
noch 19 Grad betragen. Lässt sich das
an der TU Berlin zentral einstellen
oder müssen wir uns Thermometer
anschaffen?
In einigen wenigen Häusern lassen
sich die Heizkurven so anpassen, dass
die Temperaturen nicht mehr höher als
19 Grad steigen sollten. Allgemein
setzen wir aber auf die Eigenverant-
wortung der Mitarbeiter*innen. Ob
man sich nun für ein paar Euro ein
Thermometer anschafft oder einfach
ausprobiert, wie weit man mit Jacke,
Bewegung und heißem Tee den Ther-
mostat herunterdrehen kann, ist da
letztlich zweitrangig.
Wie warm war es denn in früheren
Wintern in unseren Räumen?
Ich denke, in vielen Räumen waren
es tatsächlich 22 Grad Celsius. Bei
sitzenden Tätigkeiten ist die gefühlte
Temperatur leider oft niedriger als die
tatsächliche Raumtemperatur.
Sie empfehlen, bei Dienstschluss den
Heizungsthermostat auf 1 oder 2 her-
unter zu drehen. Warum nicht gleich
auf die Schneeflocke?
Auch hier gilt wieder: ausprobieren.
Ich muss ja auch am nächsten Morgen
nach dem Aufdrehen schnell auf die 19
Grad kommen, sonst wird es wirklich
ungemütlich. Der Frostschutz ist bei
sehr kalten Außentemperaturen bei der
Schneeflocke nicht unbedingt gewähr-
leistet. Deshalb empfehle ich auch bei
längerer Abwesenheit nur auf Stufe 1
zu stellen. Bei einem Altbau kann ich
ausprobieren, die Heizung bereits zwei
Stunden vor Dienstende herunter zu
drehen. Denn die dicken Mauern hal-
ten die Wärme lange. Auf der anderen
Seite dürfen sie auch nicht zu stark
auskühlen, denn dann wird es morgens
nicht schnell genug warm.
Wird es auch bauliche Maßnahmen
geben?
Natürlich ist es wichtig, zum Beispiel
über Fassadendämmungen nachzuden-
ken. Das wird uns aber diesen Winter
nicht mehr retten, weil es zu lang dau-
ert. Kurzfristig setzen wir auf die Hilfe
der dezentralen Umweltbeauftragten.
Sie kennen sich am besten in ihren In-
stituten oder Abteilungen aus und kön-
nen gemeinsam mit Mitarbeiter*innen
und der Leitung die Stellen identifi-
zieren, an denen man schnell etwas
verbessern kann. Zum Beispiel bei der
Isolierung von Heizungsrohren in nicht
geheizten Räumen oder beim Abdich-
ten von Fenstern. Wer unseren wenigen
Fachkräften bei der Ausführung helfen
will, kann in Absprache auch eigenini-
tiativ tätig werden. Wir haben ja an der
TU Berlin unglaublich fitte Leute, gera-
de auch in den Werkstätten.
Und wenn das alles zu wenig ist?
Eine Schließung der TU Berlin wollen
wir unter allen Umständen vermeiden.
Ich bin zuversichtlich, dass das klappt.
Vielen Dank!
Das Interview führte Wolfgang Richter.
www.tu.berlin/go109966/
Neubau für die Mathematik
im Herzen der Hauptstadt
sn Am 31. August 2022 feierten Bau-
senator Andreas Geisel und Wissen-
schaftssenatorin Ulrike Gote gemein-
sam mit der TU-Präsidentin Prof. Dr.
Geraldine Rauch auf dem Campus
der TU Berlin in Berlin-Charlottenburg
das Richtfest für den Neubau des
Mathematikgebäudes: ein modernes
Gebäude für mathematische Lehre
und Forschung mit fünf Hörsälen, 40
Seminarräumen, Arbeits- und Bespre-
chungsräumen, einer Fachbibliothek
und einer Cafeteria. Der Neubau er
-
setzt das 40-jährige, stark sanierungs-
bedürftige Mathematikgebäude der
TU Berlin an der Straße des 17. Juni.
Anfang 2025 soll es fertig sein. Der
Entwurf stammt von Code Unique Ar-
chitekten Dresden. Das Bauvorhaben
mit Gesamtkosten von über 110 Milli-
onen Euro wird von der Senatsverwal-
tung für Stadtentwicklung, Bauen und
Wohnen als Bauherr durchgeführt.
Stimmen zum Richtfest und eine Foto-
galerie finden Sie unter:
www.tu.berlin/go120445/
Engagierter Fachexperte:
neuer Personalchef
tui „Ich freue mich sehr, dass wir mit
Günter Karl einen engagierten Men
-
schen und Fachexperten gewonnen
haben“, so TU-Präsidentin Geraldine
Rauch. Seit September 2022 leitet der
51-jährige Günter Karl die Abteilung
Personal und Recht der TU Berlin. Den
Universitätsbetrieb kennt er seit vielen
Jahren. Stationen seines Berufslebens
führten unter anderem über die Lud
-
wig-Maximilians-Universität München
(LMU), wo er das Referat für Aus-,
Weiterbildung und Personalentwick
-
lung leitete, über die TU Kaiserslautern,
wo er einen zusätzlichen Master in der
Erwachsenenbildung erwarb. An der
Universität Hamburg arbeitete er als
Fachbereichs-Verwaltungsleiter sowie
beim Hamburger Senat als Berater und
Teamleiter im Personalamt. Schließlich
übernahm er die Leitung der Abteilung
Personal und Organisation der Uni
-
versität Kassel. Die Gewährleistung
dienstleistungsorientierter und digitaler
Geschäftsprozesse seien ihm in der ge-
samten Personalarbeit wichtig, so Gün-
ter Karl, ebenso wie zeitgemäße Par
-
tizipations- und Kooperationsformen.
© Doreen Grahl
Arbeiten beim Zukunftsworkshop
in gelöster Atmosphäre
Jedes Grad zählt
wrt Die TU Berlin wird fast vollständig mit Fernwärme beheizt. Bisher war das billig:
2021 kostete eine Kilowattstunde Wärme 6,7 Cent, doch der Preis wird 2023 vermut-
lich auf etwa 30 Cent steigen. Da zählt jedes Grad, denn ein Grad weniger in unseren
Räumen entspricht einer Reduzierung des Wärmeverbrauchs um etwa sechs Prozent.
Sinkt die Temperatur von 21,5 auf 19 Grad, kommt man schon auf 15 Prozent, schafft
also die vom Land Berlin geforderten zehn bis 15 Prozent, zumindest was die Wärme
angeht. Für die TU Berlin bedeutet dies eine Einsparung von rund 3,2 Millionen Euro
im Jahr 2023. Ein wichtiger Beitrag, denn bliebe unser Verbrauch gleich, würden sich
die Gesamtkosten für Wärme und Strom von 17 Millionen Euro 2021 im kommenden
Jahr mindestens verdreifachen.
Gegenseitiges Kennenlernen beim entspannten Speed-Dating im Park
© Doreen Grahl
© Doreen Grahl
Was kommt im Winter auf uns zu?
Eigeninitiative und die Hilfe der dezentralen
Umweltbeauftragten sind gefragt
Barbara Münch verantwortet seit
2019 das Energiemanagement an der
TU Berlin. Sie ist Mitglied der Task Force
Energie, die im Juli in Reaktion auf die
Energiekrise eingerichtet wurde.
CAMPUSBLICK
Richtfest für das neue Mathe-Gebäude
Günter Karl
Zuversicht
Im Sommer trafen sich rund 150 TU-Mitglieder zum ersten TU-weiten Jahresretreat
© Christian Kielmann
© privat
© china-cc (michael arri)
TU intern | Nr. 4/Oktober 2022
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TU intern | Nr. 4/Oktober 2022
D
ie Regierende Bürgermeisterin
von Berlin, Franziska Giffey,
brachte es auf dem Festakt an-
lässlich der Verstetigung des Berlin
Institute for the Foundations of Lear-
ning and Data (BIFOLD) auf den
Punkt: „Die Bund-Länder-Förderung
ist ein weiterer Beleg für die For-
schungsstärke und die Strahlkraft, die
von Berlin als Wissenschaftsmetropole
ausgeht. Sie verdeutlicht die führende
Rolle Berlins als international wegwei-
sendes Zentrum für KI-Forschung. Die
Kooperation zwischen BIFOLD und
der Charité – Universitätsmedizin Ber-
lin ist ein Glücksfall für beide Partner
und sehr wichtig für den Gesundheits-
standort Berlin.“
Seit dem 1. Juli 2022 wird BIFOLD
als hochschulübergreifendes Zent-
ralinstitut an der TU Berlin mit rund
22 Millionen Euro pro Jahr dauer-
haft vom Berliner Senat und dem
Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) gefördert. Die
Charité – Universitätsmedizin ist die
erste institutionelle Partnerin, weitere
sollen folgen. Entstanden aus dem Zu-
sammenschluss des Berlin Big Data
Center und des Berliner Zentrums für
Maschinelles Lernen betreibt BIFOLD
Grundlagenforschung in den Bereichen
Maschinelles Lernen und BigData Ma
-
nagement sowie deren Schnittstellen,
um neue Erkenntnisse für die Wissen-
schaft, die Medizin und allgemein die
Gesellschaft zu schaffen.
Auf dem Festakt in der Berlin-Branden-
burgischen Akademie der Wissenschaf-
ten (BBAW) konnten die BIFOLD-Di-
rektoren, Prof. Dr. Volker Markl und
Prof. Dr. Klaus-Robert Müller, rund
130 Gäste begrüßen, darunter neben
der Regierenden Bürgermeisterin,
der Senatorin für Wissenschaft, Ge-
sundheit, Pflege und Gleichstellung,
Ulrike Gote, auch die Präsidentin der
TU Berlin, Prof. Dr. Geraldine Rauch,
sowie den Vorstandsvorsitzenden
der Charité – Universitätsmedizin,
Prof. Dr. Heyo Kroemer. Die beiden
BIFOLD-Direktoren nutzten den An
-
lass, um sich bei allen Partner*innen
und den Vertreter*innen der Politik
für die gute Kooperation im Vorfeld
zu bedanken, die diesen Erfolg über-
haupt erst ermöglicht hat. Zusätzlich
betonten sie: „Die wissenschaftlichen
Erkenntnisse und das Potenzial neu-
er KI-Technologien nehmen stetig
zu. Unsere Mission ist es, hier bei
BIFOLD ein Forschungsumfeld zu
schaffen, dass attraktiv genug ist, um
die klügsten Köpfe der KI nach Berlin
zu ziehen und gemeinsam innovative,
effiziente, nachhaltige und erklärbare
KI-Systeme zu entwickeln.“
Katharina Jung
www.bifold.berlin
Die Auswirkungen des Einsatzes Künst-
licher Intelligenz (KI) werden oft mit
denen der Einführung der Dampf-
maschine verglichen: Die intelligente
Analyse von sehr unterschiedlichen
und sehr großen Datenmengen wird
nahezu alle Lebensbereiche tangie-
ren, von den Wissenschaften über
die Produktion, den Verkehr oder die
Energie bis hin zu politischen und ge-
sellschaftlichen Prozessen. In seiner
Forschung beschäftigt sich BIFOLD
unter anderem mit skalierbarem Da-
tenmanagement sowie Lernverfahren,
Data Mining, Data Security, neuen
KI-Architekturen, Systemen für das
Internet der Dinge und die Industrie
4.0, „erklärbarer“ KI sowie KI-An-
wendungen für die Wissenschaften und
die Medizin.
Intelligente Plattform
Das Projekt „NebulaStream“ aus dem
Fachbereich von Prof. Dr. Volker Markl
an der TU Berlin beispielsweise ver-
bindet das sogenannte Fog- oder Edge-
Computing mit dem Cloud-Computing
– eine wesentliche Voraussetzung für
das Internet der Dinge (IoT). Ein Bei-
spiel ist die Zukunft des öffentlichen
Nahverkehrs: Wenn Busse, Züge, Taxis,
Autos, Ampeln und E-Scooter mit ei-
genen Sensoren ausgestattet sind, die
den Standort, die Geschwindigkeit, die
Belegung etc. messen, explodiert nicht
nur die Anzahl der erfassten Daten,
sondern auch die Anzahl der Anfragen
an ein System. Hinzu kommen Prob-
leme aufgrund der Unterschiedlichkeit
der verwendeten Hardware sowie bei
der Datenverarbeitung und Daten-
sicherheit. Die heute verwendeten
cloudbasierten Systeme unterstützen
praktisch unbegrenzte und dynami-
sche Verarbeitungsmöglichkeiten, er-
fordern aber, dass alle Daten an ein
Rechenzentrum übermittelt werden.
Sogenannte fog- oder edgebasierte Da-
tenverarbeitungssysteme verlagern die
Datenverarbeitung zum Sensor, senken
die Kosten für die Datenübertragung
und können mit unzuverlässigen Netz-
werkverbindungen umgehen, nutzen
aber keine cloudbasierten Ressourcen.
„Mit ,NebulaStream‘ stellen wir eine
Plattform zur Verfügung, die die Ver-
teilung von Daten und Berechnungen
ermöglicht, verschiedene Daten- und
Programmiermodelle unterstützt und
mit potenziell unzuverlässiger Kom-
munikation umgeht“, erläutert Grup-
penleiter Dr. Steffen Zeuch.
Mit den Auswirkungen von KI auf die
Materialwissenschaften befasst sich un-
ter anderem BIFOLD-Wissenschaftler
Dr. Kristof Schütt aus dem Team von
Prof. Dr. Klaus-Robert Müller an der
TU Berlin: „Unser Ziel ist das soge-
nannte inverse Moleküldesign, also die
Umkehrung der Struktur-Eigenschafts-
Beziehung.“ Bei der Suche nach neu-
en Substanzen für die Medizin oder
auch die Batterieforschung gehen
Wissenschaftler*innen von bekannten
Strukturen aus und schließen darüber
auf die Eigenschaften von Substanzen.
Ziel des BIFOLD-Teams ist es, mole-
kulare Strukturen zu konstruieren, die
einem vorgegebenen Satz von Eigen-
schaften entsprechen. Dazu wurde ein
Algorithmus entwickelt, der auf einem
tiefen, „generativen“ neuronalen Netz
beruht, in das viel Vorwissen über
grundlegende physikalische Bedingun-
gen einfließt. Das neuronale Netz ver-
wendet einige tausend Beispielmole-
küle, um die komplexen Beziehungen
zwischen chemischen Strukturen und
ihren Eigenschaften zu lernen. Danach
kann ein Nutzer Wunsch-Eigenschaf-
ten angeben und das generative neu-
ronale Netz schlägt eine Auswahl von
geeigneten Verbindungen vor. „Der
Algorithmus kann bisher unbekann-
te Molekülstrukturen anbieten, die
aufgrund der erlernten Konzepte die
gewünschten Eigenschaften aufweisen
sollten. Anstatt eine riesige Menge von
Kandidaten auf ihre Wirkung zu testen,
müssen so nur einige wenige analysiert
werden“, erklärt Kristof Schütt.
Vom Allerkleinsten zum richtig Gro-
ßen: Das Projekt Big Earth, geleitet
von Prof. Dr. Begüm Demir von der
TU Berlin, arbeitet mit den rund 12
Terabyte-Daten, die das Copernicus-
Programm – die europäische Satel-
liteninitiative im Bereich der Erd-
beobachtung – täglich liefert. Die
Anzahl der Erdbeobachtungsdaten
wächst stündlich, ihre Auswertung ist
jedoch komplex. Begüm Demir und
ihr Team entwickeln Systeme, die den
Inhalt von großen Erdbeobachtungs-
datensätzen abfragen und indizieren.
„Nutzer*innen können zum Beispiel
ein Satellitenbild von einem ver-
brannten Waldgebiet vergleichen mit
Satellitenbildern von anderen Welt-
regionen mit ähnlichem räumlichen
und spektralen Informationsgehalt,
um so Rückschlüsse auf gefährdete
Gebiete oder auch Auswirkungen von
Waldbränden zu erhalten“, so Begüm
Demir. „BigEarthNet“ ist so ein von
ihrem Team entwickelter, groß angeleg-
ter Vergleichsdatensatz. Er ist öffent-
lich zugänglich und besteht aus über
590.000 Paaren von Satellitenbildern
aus unterschiedlichen Jahren und den
dazugehörigen Analysen. Die Daten
dienen der Erforschung des Klimawan-
dels sowie städtischer und ländlicher
Gebiete, der Schadensbeurteilung und
der Überwachung von Meeren, Wäl-
dern und Ernten.
Erklärbare KI unterstützt
die Pathologie
Ein weiterer Schwerpunkt der BI-
FOLD-Forschung liegt auf der compu-
tergestützten Pathologie. In Koopera-
tion mit Prof. Dr. Frederick Klauschen
von der Charité – Universitätsmedi-
zin Berlin werden Algorithmen ent-
wickelt, die Patholog*innen in ihrer
klinischen Routine unterstützen.
Die Forschung dazu umfasst nicht
nur die Erkennung von Anomali-
en: „Insbesondere mit nachgelager-
ten Erklärungsmethoden bieten wir
Patholog*innen eine Möglichkeit,
die Ergebnisse und Vorhersagen, die
mittels maschineller Lernverfahren
getroffen wurden, zu verifizieren.
Dies trägt dazu bei, das Vertrauen
in solche Modelle zu erhöhen“, er-
läutert Miriam Hägele, Doktorandin
an der TU Berlin. Solche „erklärbare
KI“ kann Patholog*innen massiv un-
terstützen. Maschinelle Lernmodelle
lenken deren Fokus zum Beispiel auf
relevante Regionen in histologischen
Bildern oder finden Muster in großen
Patient*innenkohorten, die Menschen
nicht entdecken könnten.
Katharina Jung
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ IN BERLIN
Kinetische Klangskulptur
kj „Wie können wir sicherstellen,
dass Technologien bestehende Kri-
sen, wie zum Beispiel die Klimakrise,
nicht verschärfen, sondern Lösungen
für eine nachhaltige und lebenswer-
te Zukunft bieten? Diese und ähn
-
liche Fragen können Wissenschaft
und Gesellschaft nur im Austausch
miteinander beantworten. In mei
-
nen Skulpturen treffen sich Kunst
und Wissenschaft in einem poeti
-
schen und funktionalen Dialog“, er-
zählt Marco Barotti. Der italienische
Künstler lebt seit 2005 in Berlin und
konnte mit seiner Einreichung „CO-
RALS“ die Jury des BIFOLD-Artist-
in-Residence-Programms „Kunst
der Verschränkung“ überzeugen.
Gemeinsam mit der Science Gallery-
Initiative der TU Berlin hat BIFOLD
2022 erstmals ein solches Pro
-
gramm initiiert. „In Kooperation mit
den KI-Experten von BIFOLD kann
ich meine künstlerische Praxis in
eine neue Dimension vorantreiben,
in der meine Skulpturen nicht nur
auf aktuelle Datensätze reagieren
und diese in Ton und Bewegung um-
setzen, sondern indem die Skulptu-
ren selbst zu Modellen des maschi-
nellen Lernens werden“, beschreibt
er seine Vision für die künstlerische
Residenz.
Für „CORALS“ wird er eine kineti
-
sche Klangskulptur entwerfen, die
einem lebenden Korallenökosystem
ähnelt. Datensätze aus der Meeres
-
beobachtung wie Wassertempera-
tur, der Anstieg des Meeresspiegels,
Bleiche-Warngebiete, Ozeanver
-
sauerung und weitere Umweltda
-
ten werden in Töne übersetzt. Die
hohen Audiofrequenzen sollen eine
Klanglandschaft bilden, während die
niedrigen Frequenzen langsame Be-
wegungen erzeugen, die die Skulp-
tur in lebendige, sich verändernde
Korallen verwandeln.
„Künstlerisches Arbeiten und Grund-
lagenforschung haben mehr gemein-
sam, als man auf den ersten Blick
vermutet. Beides verlangt ständig
neue Erkenntnisse. Beides beinhal
-
tet Versuch und Irrtum und den Aus
-
tausch von Ergebnissen mit der Ge-
sellschaft. Der Fokus auf Kreativität
verbindet Wissenschaftler*innen und
Künstler*innen. Darum freuen wir uns
sehr auf die Kooperation mit Marco
Barotti“, so die beiden BIFOLD-Direk-
toren Prof. Dr. Volker Markl und Prof.
Dr. Klaus-Robert Müller.
www.marcobarotti.com/
www.berlin.sciencegallery.com
KUNST & KI
Prof. Dr. Klaus-Robert Müller (BIFOLD-Direktor), Prof. Dr. Heyo Kroemer (Vorstandsvorsitzender Charité – Universitätsmedizin
Berlin), Ulrike Gote (Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung), Franziska Giffey (Regierende Bürger-
meisterin von Berlin), Prof. Dr. Geraldine Rauch (Präsidentin TU Berlin), Prof. Dr. Volker Markl (BIFOLD-Direktor) und Dr. Svenja
Marx (BMBF) freuten sich über die dauerhafte Etablierung des BIFOLD in Berlin (v.l.n.r.).
Zentralinstitut BIFOLD eröffnet
Jährlich 22 Millionen Euro für Künstliche Intelligenz in Berlin
© BIFOLD/Michael Setzpfandt
Von Klimawandel über Mobilität bis Medizin
BIFOLD-Forschung hilft Wirtschaft, Wissenschaften und der Gesellschaft der Zukunft
Rund 130 Internationale Gäste kamen
zum BIFOLD-Opening in die BBAW.
© BIFOLD/Michael Setzpfandt
Marco Barotti ist BIFOLD Artist in
Residence 2022 und stellte auf dem
Opening seine Kunst vor.
© Marco Barotti
Barottis elektronischer Specht re-
agiert auf Mobilfunkstrahlung (2018).
Die Copernicus-Mission liefert täglich
neue Satellitendaten für die Erdbeob-
achtung.
© esa
Ergebnis einer „erklärbaren“ KI: Eine sogenannte Heatmap zeigt Tumor-infiltrie-
rende Lymphozyten in rot, sonstiges Gewebe in blau und grün.
© Prof. Dr. Frederick Klauschen
© BIFOLD/Michael Setzpfandt
| 3

Das studentische Team von „WannSea“ will bei der Monaco Engergy Boat
Challenge in der Energy Class antreten.
W
assersport am Wannsee kann
dem Bootstreiben im Mittel-
meer so nah sein: Im Juli
2023 wollen TU-Student*innen mit ei-
nem selbstgebauten Boot an dem Wett-
bewerb „Monaco Energy Boat Challen-
ge (MEBC)“ teilnehmen. Als erstes
deutsches Team werden sie sich in der
Energieklasse, einer der drei Wettbe-
werbsklassen, mit mehr als 30 interna-
tionalen Teams messen. Dieses ambiti-
onierte Ziel verfolgt die studentische
Projektwerkstatt „WannSea“ – eine
Wortschöpfung aus „Wannsee“ und
„Mediterranean Sea“. Das geplante
Boot wird kein normales sein, es soll
komplett durch erneuerbare Energien
angetrieben werden, kombiniert aus
effizientem Elektromotor, Wasserstoff-
Brennstoffzellen und Solarpanels. In der
Energieklasse, neben der Open Sea-
und Solarklasse eine eigens für Stu-
dent*innen entwickelte Klasse, gewinnt
das Team, das das langlebigste Antriebs-
system einsetzt.
Hinter der Idee von „WannSea“ steckt
Riccardo Petschke, Student des Wirt-
schaftsingenieurwesens an der TU Ber-
lin. Sein Hobby ist es, auf dem Wannsee
zu segeln – am liebsten ohne laut lär-
mende und Benzingeruch versprühende
Motorboote. In den ersten Pandemie-
semestern zu Hause entwickelte er aus
dieser Leidenschaft heraus das Streben,
sich für nachhaltigen Schiffbau einzu-
setzen. Und nicht nur Motorboote hat
er dabei im Blick, sondern vor allem
Ozeanriesen wie Frachtschiffe, die mit
ihren extrem hohen Treibhausemissio-
nen beim Klimawandel eine wichtige
Rolle spielen. „Man braucht manch-
mal Langeweile, um auf solche Ideen
zu kommen“, so Riccardo Petschke.
Aber so einfach das klingt, so viel Ar-
beit steckte in der tatsächlichen Um-
setzung. Entscheidend waren und sind
umfassende Recherchen sowie die
Etablierung einer Projektwerkstatt.
Er konnte für seine Idee 38 ebenso
begeisterte Student*innen aus insge-
samt sechs Fakultäten gewinnen, von
Computer Science bis hin zu Spra-
che und Kommunikation, ebenso
wie Wissenschaftler*innen, die mit
fachlichem Rat unterstützen, sowie
Sponsor*innen, ohne die ein solches
Projekt nicht zustande kommen kann.
In der eigenen Universität hat „Wann-
Sea“ große Unterstützung im Fach-
gebiet Entwurf und Betrieb Mariti-
mer Systeme gefunden, dessen Mitar-
beiter*innen mit fachlicher Expertise
und einer Werkstatt unterstützen. Auch
die TU-Abteilung Finanzen war eine
Hilfe, indem sie die Projektwerkstatt
als Betrieb gewerblicher Art einstufte.
So kann „WannSea“ auf lange Sicht als
studentisches Technikprojekt arbeiten
und Drittmittel einwerben.
Die Suche nach Sponsor*innen für das
ambitionierte Projekt läuft noch, eben-
so wie die Suche nach Räumen. Bisher
war das Team auf dem Severin-Gelände
der TU Berlin in der Dovestraße unter-
gekommen, bei der traditionsreichen
Vereinigung „Heylige Frau Latte“ der
Berliner Schiffsbau-Student*innen, aber
dieses ist keine Dauerlösung. „Räume
zum Konstruieren und auch mal zum
Kochen sind unglaublich wichtig, um
den Teamzusammenhalt weiter zu
stärken“, so Riccardo Petschke. Doch
ein erster Schritt beim Sponsoring
ist bereits getan: „WannSea“ hat den
„4Campus-Ideenwettbewerb“ des
Gründungsnetzwerks „Science and
Startups“ der drei Berliner Universitä-
ten und der Charité Universitätsmedi-
zin Berlin gewonnen.
Sollte alles so verlaufen wie geplant,
kann „WannSea“ mit seinem Boot
2023 vor der Bucht von Monaco in See
stechen. Um nichts dem Zufall zu über-
lassen, hat Riccardo Petschke bereits in
diesem Sommer in Monaco „spioniert“,
sein Team hat die dort gewonnenen Er-
kenntnisse umgehend in Präsentationen
und Analysen umgesetzt.
Aber bei „WannSea“ geht es nicht nur
ums Gewinnen: „Wir möchten Innovati-
onen voranbringen, die für den Schiffs-
bau nutzbar werden, zum Beispiel der
Einsatz von wasserfesten Pilzen – ein ul-
traleichter Baustoff für Boote.“ Für die
nahe Zukunft, für das Wintersemester
2022/23 gibt es jedenfalls auch schon
greifbare Pläne: Neue Student*innen
für die Projektwerkstatt müssen her, und
„WannSea“ will als studentische Initiati-
ve neben dem studentischen Rennsport-
projekt „FastTUBe“ zu einem zweiten
verstetigten studentischen Technikpro-
jekt an der TU Berlin werden.
Anna Groh
https://wannsea.eu/de
„Praxismodul für die partizipative Tech-
nikgestaltung“ und „Digital-o-Mat.
Lehrideen auf Knopfdruck“ sind zwei
von neun Projekten der TU Berlin, die
die Stiftung Innovation in der Hoch-
schule zur Förderung in dem Entscheid
„Freiraum 2022“ auswählte. Die erfolg-
reichen Vorhaben überzeugten durch
ihre Innovation und Nachhaltigkeit, ihre
Einbindung von Student*innen, ihre di-
daktische und organisationale Schlüssig-
keit sowie ihre Wirksamkeit. Sie gingen
mit ihren Ansätzen über bestehende
Lehr- und Lernsettings hinaus und er-
probten Neues für Lehre und Studium,
hieß es in der Begründung der Stiftung.
Im Rahmen der Ausschreibung „Frei-
raum 2022” sollen außergewöhnliche
Ideen zur Entwicklung der Lehre unter-
stützt werden. Deutschlandweit fördert
die Stiftung 204 Projekte.
„Aus der TU Berlin wurden erfreuli-
cherweise 18 fachlich breit angelegte
Anträge eingereicht.
Die deutlich überdurchschnittliche
Förderquote von 50 Prozent zeigt,
wie gut unsere Ideen zu neuen An-
sätzen in Studium und Lehre sind.
Lehrende und Student*innen entwi-
ckeln Studium gemeinsam weiter. Alle
Antragsteller*innen wurden durch
das Team Strategisches Controlling/
Team Strategische Lehrentwicklung
unterstützt. Allen erfolgreichen Pro-
jekten wünsche ich viel Erfolg bei
der Umsetzung und freue mich auf
den Austausch auch mit anderen
Akteur*innen zur Innovation der Leh-
re. Alle nicht ausgewählten Projekte
möchte ich ermutigen, weitere Anträ-
ge zu stellen und sich an den Diskus-
sionen zu beteiligen“, sagt Christian
Schröder, Vizepräsident für Studium
und Lehre, Lehrkräftebildung und
Weiterbildung.
Die ausgezeichneten Vorhaben der TU
Berlin sind neben den bereits genann-
ten die Projekte „Interdisziplinarität in
Aktion. Forschendes Lernen als Brücke
zwischen Natur- und Geisteswissen-
schaften“, „Künstlerische Forschung
im öffentlichen Raum. Zeit-Raum-
Archiv“, „Compressor Aerodynamics
Tangible and Application Oriented –
CATAO“, „Studentischer ThinkTank
Lehrentwicklung“, „Transdisziplinäre
Hybridlehre am Beispiel komplexer
Systeme“, „Innovate!“ sowie „For-
schung und Innovation in studenti-
scher Exoskelettentwicklung“. Die
neun Projekte werden insgesamt mit
1.882.823 Euro gefördert.
Sybille Nitsche
© Monaco Energy Boat Challenge
Vor der Küste Monacos:
Energy Boat Challenge
© YCM-Studio Borlenghi
Mut zu radikal Neuem –
Lehrideen auf Knopfdruck
Neun innovative Lehrprojekte der TU Berlin
Von Berlin bis ans Mittelmeer
Die Vision der studentischen Projektwerkstatt „WannSea“ –
Beitrag zu nachhaltiger Schifffahrt
Fahrplan ins Studium:
Podcasts und virtuelle
Infothek
pp Für den Start ins Studium hat die
Allgemeine Studienberatung der TU
Berlin ein ganz besonderes Angebot:
Zwei neue Podcast-Serien beschäfti-
gen sich auf individuelle Weise mit
dem Studieren. Im „Semesterticket
– Dein Fahrplan ins Studium“, von
dem alle vier Wochen eine neue
Episode veröffentlicht wird, berich
-
ten Student*innen von ihren ersten
Erfahrungen mit dem Studium, ge
-
ben Tipps und stellen Studiengänge
vor. „Mythen und Gerüchte rund um
das Studium und das Campusleben“
oder „In meinem Tempo studieren“
sind zum Beispiel bisher entstan
-
den. Ganz neu auch die zweite Serie
„Wahrheit oder Pflichtveranstaltung
– Der Podcast für Student*innen der
TU Berlin“, die spannende Gesprä
-
che und Tipps rund um das Studium
sowie Geschichten aus dem Stu-
dent*innenleben bietet.
Die neuen Audioformate sind auf al-
len Podcastplattformen wie Youtube
oder Spotify zu finden, ebenso wie
in der „Virtuellen Infothek“, einem
umfangreichen digitalen Angebot.
Die Macherinnen, Arlett Sommerfeld
und Ulrike Kretzmer von der Allge-
meinen Studienberatung und dem
Schulbüro, zielen darauf, es Interes-
sierten zu ermöglichen, sich zeitlich
völlig unabhängig über ein Studium
zu informieren.
www.tu.berlin/go12571/
www.youtube.com/user/TUBerlinTV
Diskussion zum Klimawandel
tui „Wenn Demokratie zu langsam
ist… Ziviler Ungehorsam als legiti
-
mes Mittel für den Klimaschutz?“
Diese aktuelle Frage wurde am 11.
Juli 2022 auf einer Podiumsdiskussi-
on an der TU Berlin diskutiert. Wer
die Argumente von Prof. Dr. Robin
Celikates vom Fachbereich Philoso-
phie und Geisteswissenschaften an
der FU Berlin, Petra Vandrey, MdA,
rechtspolitische Sprecherin der Grü
-
nen-Fraktion, und Amelie Meyer,
Vertreterin von Extinction Rebellion,
noch einmal nachhören will: Die
Lehrveranstaltung steht online.
https://youtu.be/2rysC-fH56s
Vorbildlich studiert
und gelehrt
tui Sowohl der Preis für vorbildli-
che Lehre, der von der Gesellschaft
von Freunden der TU Berlin für inno-
vative neue Lehrkonzepte vergeben
wird, als auch der Erwin-Stephan-
Preis, der überdurchschnittlich gu-
tes und schnelles Studium würdigt,
konnten am Erstsemestertag end-
lich wieder in Präsenz überreicht
werden. Die Absolvent*innen An
-
nika Miller und Ben Thies erhiel
-
ten 1.500 Euro (Bachelor) bezie
-
hungsweise 2.500 Euro (Master).
Bei den Lehrenden wurden ausge-
zeichnet: Die Professor*innen und
Wissenschaftler*innen Birgit Beck
und Jens Kurreck für die gemein
-
same Veranstaltung „Einführung
in die Bioethik“ sowie Gerrit von
Jorck („Exploring Ecological Eco
-
nomics“) sowie die Studentinnen
Mona Beyer und Lara Danyel (Pro-
jektwerkstatt „Denk- und Aktionsla-
bor Stadt|Land“). Nachgeholt wur-
den die Auszeichnungen für Vera
Meyer („Mikrobiologie II“) und Utz
von Wagner („Statik und elemen-
tare Festigkeitslehre“).
www.tu.berlin/go139984
Wissen aus Berlin
tui Wissenschaftler*innen der Berlin
University Alliance geben auf dem
Filmkanal „WissenAusBerlin“ Einbli-
cke in ihre Forschung und berichten
von neuesten Erkenntnissen.
https://youtu.be/02ymIGVLIXI
Stupa-Wahlen:
Freitagsrunde vorn
tui Anfang Juli 2022 wählten die
TU-Student*innen ihr 42. Studieren-
denparlament (StuPa). Die meisten
Stimmen erhielt die Liste „Freitags-
runde, KulT-Ini, UTEX & MInitia-
tive“, sie ist jetzt mit elf Sitzen im
StuPa vertreten, gefolgt von „Für
einen Dönerladen auf dem Cam
-
pus“ mit acht Sitzen. Je fünf Sitze
haben die Listen „FFF TUB x Kri
-
Na“ und „EB104 und INI Chemie“.
16 Listen waren angetreten. Das
Studierendenparlament hat ins
-
gesamt 60 Sitze. Die Wahlbeteili-
gung lag bei 6,52 Prozent der TU-
Student*innen.
Das vollständige Wahlergebnis zeigt
die Webseite des Studentischen
Wahlvorstands:
www.tu-berlin.de/?204606
100.000 Euro für Lehren
und Lernen in „UNIversal-
räumen“
sn Das Projekt „UNIversalräume –
Dynamische Systeme in Lehr- und
Lernraumarchitekturen“ ist vom
Stifterverband für die deutsche
Wissenschaft und von der Dieter-
Schwarz-Stiftung mit einer För
-
derung im Rahmen ihrer Initiative
„Raumlabore – Experimentierräu-
me für zukunftsorientierte Lernar-
chitekturen“ ausgezeichnet wor
-
den. Das Projekt von TU Berlin und
UdK Berlin gehört zu deutschland-
weit fünf Projekten, die mit jeweils
100.000 Euro finanziert werden. Die
Hochschulen werden zudem in ein
Netzwerk zum Erfahrungstausch
aufgenommen.
„SCHAU AN!“CAMPUSBLICK
Auf den Spuren
Walter Höllerers –
Ausstellung
tui
Der Lyriker, Literaturwissen-
schaftler und -vermittler Walter
Höllerer wäre in diesem Jahr 100
Jahre alt geworden. Literatur war
für ihn Medium des kritischen
Transfers zwischen Wissenschaft,
Kunst und Gesellschaft. Er ver-
wandelte die TU Berlin in eine
Bühne für Gegenwartsliteratur.
1959 war er auf den Lehrstuhl
für Literaturwissenschaft berufen
worden und gab diesem mit der
Formel „Sprache im technischen
Zeitalter“ ein Programm, das
eine umfassende Gegenwarts-
analyse anhand von Sprache er-
laubte. Eine Ausstellung der Ge-
sellschaft von Freunden der TU
Berlin – unter anderem mit einer
Virtual-Reality-Installation – wan-
delt vom 17. November 2022 bis
zum 4. Februar 2023 auf seinen
Spuren und schlägt eine Brücke
zwischen den künstlerischen, wis-
senschaftlichen und technischen
Umbrüchen der 1960er-Jahre und
der Gegenwart. Inhaltlich geleitet
von Prof. Dr. Hans-Christian von
Herrmann und Prof. Kerstin Laube
wurde sie von Student*innen der
Masterstudiengänge „Theorie und
Geschichte der Wissenschaft“ und
„Technik sowie Bühnenbild_Szeni-
scher Raum“ (beide TU Berlin) und
„Sound Studies and Sonic Arts“
(UdK Berlin) vorbereitet.
Eröffnung: 17.11.2022, 15 Uhr im
hinteren Lichthof der Universitäts-
bibliothek, Fasanenstraße.
www.tu.berlin/go143131/
Fast komplett: „WannSea“-Team. 2. Reihe: Initiator Riccardo Petschke, 2. v. re.
© WannSea
© Mutter Erde
Walter Höllerer starb 2003 und
ist in Berlin auf dem Friedhof
Heerstraße begraben.
TU intern | Nr. 4/Oktober 2022
4 |LEHRE UND STUDIUM

TU intern | Nr. 4/Oktober 2022
Frau Howe, gleich zu Beginn Ihrer Ar-
beit an der diskriminierungskritischen
Untersuchung in der Berliner Polizei im
Mai 2021 haben Ihnen Journalist*innen
vorgeworfen, nicht unvoreingenommen
zu forschen, weil Sie von der Prämisse
ausgehen würden: Jede Gesellschaft,
auch die deutsche, ist diskriminierend
und rassistisch, folglich ist es die Polizei
auch, da sie ein Teil der Gesellschaft ist.
Was entgegnen Sie dem Vorwurf?
Wir als fünfköpfiges Forschungsteam
gehen davon aus, dass Rassismen und
diskriminierendes Handeln alltäglich in
unsere Gesellschaft eingewoben sind,
wir demnach alle damit aufgewachsen
sind. In verschiedenen Formen finden
wir es überall vor, so auch in der Po-
lizei. Es ist also nichts Polizeispezifi-
sches. Deshalb hat uns auch nicht die
Frage nach dem Ob interessiert, son-
dern wie die Polizei dies erkennt und
dem begegnet.
Dafür haben Sie dreieinhalb Monate
fünf Berliner Polizeidienststellen bei de-
ren Arbeit begleitet und beobachtet. Auf
welche rassistischen und diskriminieren-
den Handlungsweisen sind Sie gestoßen?
Die, die uns alle umtreiben. Wie gesagt,
das ist nichts Polizeispezifisches, auch
wenn sich dies im Berufsalltag doppelt
niederschlagen kann.
Das verstehe ich nicht. Könnten Sie
Ihren Ausgangspunkt deshalb noch
einmal erklären?
Nehmen wir den Fall, dass es auf dem
Alex einen Konflikt mit „Sinti und
Roma“ gibt. Die herbeigerufenen Po-
lizisten hatten damit schon oft zu tun.
Dabei ging es auch um Diebstähle. Zu
professioneller Polizeiarbeit gehört es
nun, sich zu sagen: Auch, wenn es das
zigste Mal ist, dass wir gerufen wer-
den, und es sich eventuell wieder um
Diebstahl handelt, müssen wir dieses
berufliche Erfahrungswissen und die-
sen rassistischen Wissensbestand re-
flektieren und einklammern. Es gilt,
sich in diesem doppelten Sinne darauf
zu besinnen und jede einzelne Sachlage
immer wieder aufs Neue neutral und
zugewandt zu bearbeiten. Hier inter-
essierte uns also, ob diese Reflexionen
stattfinden, wie sich Polizistinnen und
Polizisten möglicher Vorannahmen be
-
wusst werden, um Diskriminierungen
zu vermeiden. Wir haben also keine
extremistischen Gesinnungen abgefragt.
Wenn Sie das nicht gemacht haben,
dann unterstellen Sie der einzelnen
Polizistin und dem einzelnen Polizis-
ten, dass dieses Kopfkino an Zuschrei-
bungen abläuft.
Wir unterstellen nicht, wir gehen da-
von aus, dass es bei uns allen im All-
tag völlig selbstverständlich immer
mitläuft. Niemand kann sich ohne
fortlaufende Kategorisierungen und
Einschätzungen im Alltag bewegen.
Sind sich Polizistinnen und Polizisten
dessen bewusst?
Ja und nein, alltägliche Zuschreibun
-
gen zu reflektieren bedarf, insbeson-
dere für diejenigen, die nicht davon
betroffen sind, einiger Voraussetzungen
und ist herausfordernd. Zudem ist die
Polizei darauf ausgerichtet, Täterinnen
oder Täter zu ermitteln. Das ist ihre
zentrale Kategorie. Täterschaft erken-
nen und unterscheiden, zum Beispiel
anhand abweichenden Verhaltens, ist
an sich schon ein schwieriges Thema.
Die Arbeitsbedingungen – Einsatz-
stress, lange Schichten, Personalman-
gel – erschweren dies noch zusätzlich.
Es fehlt an Zeit und Raum, um sich
(selbst-)kritisch zu hinterfragen, auch
wenn dies mitunter erfolgt. Zeit und
Raum zu schaffen wäre wichtig auch
vom Arbeitgeber, das heißt seitens
der Behörde. Denn es berührt die
Frage nach der Professionalität von
Polizeiarbeit, die neutral und gleich-
behandelnd sein sollte. Das ist natür-
lich ein Ideal. Aber es gilt, diesem so
nahe wie möglich zu kommen. Dar-
aus haben wir dann auch eine unserer
wichtigsten Handlungsempfehlung
abgeleitet.
Welche?
In Aus- und Fortbildung müssen Poli-
zistinnen und Polizisten dazu befähigt
werden, zu erkennen, welchen gesell-
schaftlichen und beruflichen Katego
-
risierungen und Zuschreibungen sie
aufsitzen. Zudem müssen sie in ihren
sozial-kommunikativen Fähigkeiten
professioneller geschult werden, diese
auch aktiv einüben, weil ihre tägliche
Arbeit zu einem Großteil Kommuni-
kation und Interaktion ist. Im Moment
geschieht dies vor allem durch Lear-
ning by Doing. Die bestehenden An-
sätze reichen unseres Erachtens nicht.
Eine angemessene Einschätzung der
Situation und die ruhige, zugewandte,
empathische, diskriminierungssensib-
le Ansprache, die zum Beispiel auch
darauf ausgerichtet ist, zu erklären,
warum eine polizeiliche Maßnahme
stattfindet, wirkt deeskalierend. Und
Deeskalation wiederum ist ein guter
Schutz für die Polizistinnen und Poli-
zisten selbst.
Das Interview führte Sybille Nitsche.
Fahrerloser
Bahnbetrieb
sn
Aufwendige Untersuchungen im
Fahrsimulator am Fachgebiet Bahn-
betrieb und Infrastruktur stehen an.
Bei etwa 20 Zugfahrer*innen werden
deren Reaktionszeiten gemessen. Das
Testsetting: Direkt neben der Schiene
werden zwei große und zwei kleine
Hindernisse platziert. Durch die Ver-
wendung von zwei verschiedenen
Objektfarben wird auch der Kontrast
zwischen dem Objekt und seinem
Hintergrund variiert. Die Probanden
bekommen die Objekte bei den Ge-
schwindigkeiten 40, 100 und 160 Kilo-
meter pro Stunde zu sehen. „Zudem
finden die Tests für das europäische
und das deutsche Zugsicherungssys
-
tem statt. Und sobald der Zugfahrer
das Objekt wahrnimmt, soll er das Sig
-
nalhorn drücken“, erklärt Baris Cogan.
Cogans Experimente finden im Rah-
men vielfältiger Untersuchungen zum
Thema automatischer Bahnbetrieb
statt. „Im Bahnbetrieb kommen mitt-
lerweile viele Assistenzsysteme und
fahrerlose U-Bahnen zum Einsatz. Bis
zum langfristigen Ziel der Einführung
des hochautomatisierten Fahrens
im Fernverkehr ist jedoch noch viel
Forschung notwendig. Wie schnell
unsere Probanden das Objekt sehen
– diese Reaktionszeiten werden in
ein Modell einfließen, das Aussagen
dazu machen soll, was ein fahrerlo-
ses System können muss, um min
-
destens die gleiche Sicherheit für den
Bahnbetrieb zu erreichen“, sagt Baris
Cogan, der im türkischen Eskisehir
und an der TU München studierte.
Zu den experimentellen Arbeiten in
dem Projekt „Funktionale Anforde-
rungen an Sensorik und Logik einer
ATO-Einheit“ gehört auch ein theo-
retischer Teil. In ihm werden neben
dem Sehen auch alle anderen Sin-
ne des Menschen betrachtet, die
Zugfahrer*innen nutzen, um einen
Zug zu fahren, und jene Faktoren
bestimmt, die diese Sinne bei der
Ausübung der Tätigkeit beeinflussen
– wie Wetter und Müdigkeit.
Gründe für eine
Zahnbehandlung
sn
Die Höhe der Zuzahlung durch
die Gesetzliche Krankenversicherung
(GKV), ein gutes Vertrauensverhältnis
zum Zahnarzt bzw. zur Zahnärztin und
seine bzw. ihre Qualifikation sind ent-
scheidende Faktoren dafür, dass sich
Patienten für eine Zahnbehandlung
wie zum Beispiel eine Zahnkrone ent-
scheiden. Das ergab eine qualitative
Studie über Gründe für die Wahl oder
Nichtwahl von zahnärztlichen Behand-
lungen von Susanne Felgner, Marie
Dreger und Dr. Cornelia Henschke am
Fachgebiet Management im Gesund-
heitswesen der TU Berlin.
Die Kosten spielten eine wichtige Rol-
le bei der Entscheidungsfindung der
Befragten. Sie berichteten, dass sie
auf einen Urlaub verzichten, um sich
eine teure Zahnbehandlung leisten zu
können, dass sie schon einmal eine Be-
handlung abgelehnt haben, da sie zu
teuer war, und dass sie Behandlungen,
zum Beispiel eine professionelle Zahn-
reinigung, nur durchführen lassen könn
-
ten, weil sie eine Zahnzusatzversiche-
rung haben, die die Kosten übernimmt.
„Für Patientinnen und Patienten sind
die Kosten eine Barriere zur Vorsor-
ge und Versorgung. Die Zuzahlung
der GKV genügt ihnen nicht. Daher
sollte darüber nachgedacht werden,
ob Maßnahmen entwickelt wer-
den, die teure Zahnbehandlungen
erst gar nicht entstehen lassen“, sagt
Susanne Felgner.
© privat
Die Biodiversitätswand im Museum für Naturkunde. Die Sammlung mit mehr als 30 Millionen Objekten aus Zoologie, Paläontologie,
Geologie und Mineralogie ist ein einzigartiges Natur- und Kulturgut. Dem Museum ist es ein wichtiges Anliegen, wissenschaftlich
fundiertes Wissen zur Verfügung zu stellen und gesellschaftliche Debatten über das Verhältnis von Mensch und Natur anzuregen.
Wer spricht und wer wird gehört?
In dem Projekt „Museen und Gesellschaft – Kartierung des Sozialen“ wird erforscht,
inwiefern Museen Orte der Verständigung und des Austausches sind
Ruhig, zugewandt, empathisch
Die Leiterin der Berliner Polizeistudie Christiane Howe fordert, Polizistinnen und Polizisten professioneller zu
schulen, um diskriminierendes Handeln zu vermeiden
W
ollen die Museen in Deutsch-
land als Orte des gesellschaft-
lichen Austausches fungieren,
müssen sie sich und ihre Depots öffnen
und Informationen darüber zugänglich
machen, welche Objekte sich dort be-
finden, woher sie stammen und wie das
Museum sie erworben hat.“ So lautet
einer der Befunde von Prof. Dr. Meike
Hopp aus ihren Untersuchungen in dem
Projekt „Museums and Society – Map-
ping the Social“ („Museen und Gesell-
schaft – Kartierung des Sozialen“). Die
Kunsthistorikerin, Archäologin und Lei-
terin des Fachgebietes Digitale Proveni-
enzforschung an der TU Berlin beschäf-
tigt sich mit Kulturgütern, die wäh-
rend der NS-Zeit den jüdischen Eigen-
tümer*innen geraubt wurden. Es wäre
ein wichtiger Schritt der Museen gegen-
über den jüdischen Hinterbliebenen des
NS-Terrors, Transparenz zu signalisieren
und sich als Ansprechpartner-*innen er-
kennen zu geben, so Hopp.
Das Projekt „Museums and Society –
Mapping the Social“ wird von der Ber-
lin University Alliance (BUA) gefördert
und gehört zu der Grand Challenge In-
itiative „Sozialer Zusammenhalt“ der
BUA. Das Forschungsvorhaben analy-
siert die Beziehung zwischen Museum
und Gesellschaft, untersucht anhand
von vier Fallstudien wie zugänglich,
divers, inklusiv, transparent und nach-
haltig Museen sind und welche Sicht-
weisen privilegiert, marginalisiert oder
gar nicht thematisiert werden, also ob
Museen Orte des sozialen Zusammen-
halts und der Verständigung sind.
Provenienzforschung
im Verborgenen
„Auf dem Gebiet der NS-Provenienz-
forschung können wir beispielweise
beobachten, dass das Wissen, das in
den vergangenen 20 Jahren erhoben
worden ist, nicht immer transparent
gehandhabt wird. Vielfach führen Mu-
seen Provenienz-forschung mehr oder
weniger im Verborgenen durch, für die
Betroffenen nicht nachvollziehbar“, so
Meike Hopp. Wichtig aber wäre, dass
die Museen nach außen kommunizie-
ren, dass diese Forschung bei ihnen
stattfindet und man sich an sie wen-
den kann. „So könnte ein Dialog mit
den Nachfahren in Gang gesetzt wer-
den, der aufschlussreiche Informatio-
nen geben könnte zur Geschichte der
Objekte. Familiäre Erinnerungen, Do-
kumente, die letzte Zeitzeugenschaft
– das bleibt in diesem bisher sehr
einseitig durchgeführten Prozess der
Provenienzforschung unberücksich-
tigt und ist für den gesellschaftlichen
Zusammenhalt eine vertane Chance,
weil er die Nachfahren der vom Holo-
caust Betroffenen ausschließt und ein
gemeinsames Erinnern nicht zulässt“,
sagt Meike Hopp.
Welche sozialen Ausschlüsse Museen
auch durch die Digitalisierung produ-
zieren, dieser Frage geht unter ande-
rem die Fallstudie „Digitale Bilder-
welten“ in dem BUA-Projekt nach.
„Wir stellen vor allem Annahmen wie
die, dass die Digitalisierung unein-
geschränkt neue Zugänge schafft, in
Frage“, sagt Meike Hopp. Ein nicht-
technikaffines Publikum, Menschen,
die sich die dafür notwendigen Geräte
nicht leisten können, aber auch seh-
und hörbehinderte Menschen profi-
tierten von einem virtuellen Museums-
rundgang nicht. Zudem sei der Um-
gang mit den von den Museen genutz-
ten Plattformen wie Facebook und In-
stagram kritisch zu sehen. Es sei unter
anderem zu untersuchen, ob die aus
den Daten produzierten Algorithmen
ein diverses Publikum adressieren.
Ob sie zum Beispiel Interessen der
LGBTQ+ Community berücksichti-
gen, ein globales Publikum ansprechen
oder weiterhin den Geschmack eines
privilegierten westlichen Publikums
bedienen, so Meike Hopp. „Dr. Lukas
Fuchsgruber, der diesen Teilbereich lei-
tet und an der TU Berlin forscht, zeigt
auf, dass die Digitalisierung und Ver-
datung von musealen Objekten kein
neutraler Prozess ist“, erläutert Meike
Hopp.
Mit der Digitalisierung ist auch das
Problem verknüpft, wie das Museum
zu dekolonisieren ist: Welche Namen
werden zum Beispiel bei der Be-
schreibung der Herkunftsorte und
-regionen von Objekten verwendet?
Sind es indigene Bezeichnungen oder
sind es die Namen, die die Kolonial-
mächte einst festschrieben, die folg-
lich für Genozide, Gewalt und Unter-
drückung stehen (können), oder benutzt
man neutrale geografische Beschrei-
bungen?
Ein Markenzeichen des BUA-Projektes
ist es, „die Forschungsarbeit immer wie-
der dahingehend auf den Prüfstand zu
stellen, inwiefern unsere Forschungs-
fragen soziale Relevanz haben“, er-
klärt Meike Hopp. Deshalb arbeitet
das Projektteam von Berlin University
Alliance, HU Berlin, TU Berlin, dem
Museum für Naturkunde und dem Ins-
titut für Museumsforschung mit einem
kritischen Beirat zusammen. In ihm sind
Expert*innen zu den Themen kritische
Digitalisierung, Intersektionalität, Klas-
sismus, Behinderung von Menschen,
Dekolonisierung und Institutionskritik
versammelt.
Sybille Nitsche
© Thomas Rosenthal
© Christian Kielmann
Die Soziologin Christiane Howe ist
stellvertretende Leiterin des For-
schungsbereiches Sicherheit-Risiko-
Kriminologie am Zentrum Technik
und Gesellschaft der TU Berlin. Die
Studie führte sie im Auftrag der Berli-
ner Senatsinnenverwaltung durch.
Baris Cogan
JUNGE WISSENSCHAFT
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