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[de] (orig)
EDITORIAL
https://doi.org/10.1007/s11609-021-00449-3
Berlin J Soziol (2021) 31:145–157
Zwischen den Stühlen. Das Berliner Journal für
Soziologie in der gesellschaftlichen Transformation und
Refiguration
Klaus Dörre · Frank Ettrich · Karin Lohr · Martina Löw ·
Hartmut Rosa · Benjamin Seyd
Angenommen: 13. September 2021 / Online publiziert: 5. Oktober 2021
© Der/die Autor(en) 2021
1 Die Soziologie und das Berliner Journal vor neuen
Herausforderungen
Es hätte der gegenwärtigen Corona-Pandemie nicht bedurft, um festzustellen: Wir
leben und arbeiten in einer Zeit vielfältiger globaler Krisenprozesse, die interagieren
und sich gegenseitig verstärken. Für eine deutschsprachige Fachzeitschrift wie das
Berliner Journal für Soziologie stellen sich inmitten gesellschaftlicher Beschleu-
nigungsprozesse, räumlicher Refiguration und multipler Krisendynamiken zudem
Probleme und Fragen, die nur auf den ersten Blick marginal erscheinen. Erinnern
wir uns an ein Ereignis, das 2019 hohe Wellen schlug und im Bundestagswahlkampf
2021 seinen Widerhall gefunden hat: „Wir haben noch neun Jahre Zeit, um den Pla-
neten Erde vor der Selbstverbrennung zu retten, und die Politik tut nichts!“, lautete
Klaus Dörre () · Hartmut Rosa · Benjamin Seyd
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Jena, Deutschland
E-Mail: Klaus.doerre@uni-jena.de
Hartmut Rosa
E-Mail: hartmut.ros[email protected]
Benjamin Seyd
E-Mail: benjamin.s[email protected]
Frank Ettrich
Universität Erfurt, Erfurt, Deutschland
E-Mail: frank.ettrich@uni-erfurt.de
Karin Lohr
Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, Deutschland
E-Mail: karin.[email protected]
Martina Löw
Technische Universität Berlin, Berlin, Deutschland
E-Mail: martina.loew@tu-berlin.de
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146 K. Dörre et al.
die Botschaft eines Videos, das kurze Zeit nach seiner Veröffentlichung nahezu 15,5
Mio. Menschen angeklickt und mehr als 1,5 Mio. „geliket hatten. Binnen weniger
Wochen erreichte der Youtuber Rezo ein Publikum, das die jährlichen Download-
zahlen des Berliner Journals für Soziologie um mehr als das 150-fache übertraf.
Das Beispiel wirft Fragen auf auch r die Soziologie und das Berliner Jour-
nal. Weitgehend offen ist, wie sich die Soziologie zu den grundlegenden gesell-
schaftlichen Problemen einerseits und in einer radikal veränderten Medienlandschaft
andererseits positionieren soll und welche Funktion eine soziologische Zeitschrift
dabei übernehmen kann. Man könnte sogar fragen: Hat es in einer digitalisierten,
beschleunigten Welt überhaupt noch einen Sinn, eine referierte Fachzeitschrift her-
auszugeben, die sich allein schon wegen des formalisierten Begutachtungsverfahrens
und der akribischen Redaktionsarbeit Beschleunigungszwängen entzieht? Erschöpft
sich die Aufgabe eines solchen Journals künftig darin, Soziolog_innen zu Quali-
tätsnachweisen für ihre Forschungen zu verhelfen und wissenschaftliche Karrieren
voranzubringen? Oder kann die Soziologie auch vermittelt über ein fachliches Pu-
blikationsmedium zum gesellschaftlichen Diskurs über zukünftige Entwicklungs-
pfade beitragen? Kurzum: Benötigt die „scientific community“ überhaupt noch eine
deutschsprachige Fachzeitschrift wie das Berliner Journal für Soziologie?
Wir meinen: eindeutig ja.
Dabei sei zuallererst gesagt: Das Berliner Journal ist eine allgemeine soziologi-
sche Fachzeitschrift, die der gesamten Disziplin als Publikationsorgan offensteht.
Das wird auch in Zukunft so bleiben. Kein theoretischer Ansatz, keine Methode soll
bevorzugt werden oder ausgeschlossen sein. Themenvielfalt und Perspektivenplura-
lität sind unbedingt erwünscht. Alle Spezialdisziplinen der Soziologie können mit
gleichbleibender Aufmerksamkeit seitens der Herausgeber_innen und der Redaktion
rechnen. Selbstverständlich werden informative Artikel auch dann publiziert, wenn
sie Resonanz hauptsächlich in kleinen Fachkreisen erzeugen. An einem Prinzip
möchten wir allerdings festhalten: Was für uns vor allem zählt, ist die Grundidee,
die einen Artikel auszeichnet. Überzeugen Idee und methodische sowie textliche
Ausführung, steht einer Veröffentlichung prinzipiell nichts im Wege.
Dennoch veranschaulichen das eingangs angeführte Video und die Reaktionen,
die es ausgelöst hat, die Herausforderungen, mit denen sich die Soziologie, ihre
Publikationsorgane eingeschlossen, heute auseinandersetzen muss. Dazu zählen ers-
tens die im Gange befindliche gesellschaftliche Transformation und Refiguration,
zweitens daraus erwachsende methodologische Schwierigkeiten der Soziologie als
Disziplin sowie drittens schließlich ein tiefgreifender Strukturwandel der Öffentlich-
keit, der an soziologischen Fachzeitschriften nicht vorbeigeht. Alle diese Heraus-
forderungen berühren das Berliner Journal in Form und Inhalt; sie haben Einfluss
auf die Programm- und Heftgestaltung. Nachfolgend möchten wir darlegen, welche
Anliegen und Aufgaben wir künftig, neben vielem Altbewährten, mit der Zeitschrift
verbinden.
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Zwischen den Stühlen 147
2 Transformation und Refiguration, revisited
Der erste Punkt bezieht sich auf die inhaltliche Ausrichtung und ist eng verbunden
mit der Geschichte des Journals. Die Gründung der Zeitschrift 1991 ging auf eine
Initiative der ostdeutschen Gesellschaft für Soziologie zurück, die sich ein Jahr zuvor
als erste selbstständige Fachgesellschaft von DDR-Soziolog_innen konstituiert hatte.
Dem Selbstverständnis nach eine allgemeine soziologische Fachzeitschrift, die Bei-
träge aus allen Forschungs- und Themenbereichen der Soziologie publiziert, war das
Berliner Journal von Beginn an in besonderer Weise mit der Systemtransformation,
und das hieß zunächst natürlich vor allem mit dem Übergang von staatsbürokra-
tisch-sozialistischen zu marktwirtschaftlich-kapitalistischen Gesellschaften befasst
(Ettrich 1991;Zapf1994). Wie neuere Forschungen (z. B. Mau 2019; Hillebrand
2014; Haag et al. 2017) belegen, ist dieser Umbruch keineswegs abgeschlossen.
Teile der ostdeutschen Subgesellschaft verstehen sich noch immer als sozial, kultu-
rell und politisch erheblich vom Westen unterschieden und werden als solche auch
medial und wissenschaftlich beschrieben. Andere Gruppen haben hybride ost-west-
und west-ost-deutsche Praktiken ausgebildet, die Gesellschaft innovieren. Auch die
Prognose, wonach die Implosion des Staatssozialismus den Prozess der europäischen
Integration erheblich beeinflussen und die politische Institutionenordnung Europas
verändern werde, hat sich bewahrheitet (Ther 2014), weshalb auch dieses Thema
relevant bleibt.
Wenn jedoch heute von Transformation gesprochen und geschrieben wird, sind
in der Regel andere Dynamiken gemeint. Schon während des Systemumbruchs hatte
sich abgezeichnet, dass der soziale Wandel von Krisensymptomen und gesellschaft-
lichen Spannungen überlagert wird, die nicht dem Staatssozialismus zuzurechnen
sind. Hier ist zum einen auf Funktionsmechanismen, Verwerfungen und Konfliktli-
nien westlicher Kapitalismen zu verweisen, denn spätestens seit der globalen Finanz-
und Wirtschaftskrise am Ende der Nullerjahre bestimmen diese Treiber Themen und
Richtung des sozialen Wandels. Zum anderen beobachten wir weltweit, also nicht
nur im Westen, Prozesse der Refiguration durch global gestiegene Vernetzungen
und Abhängigkeiten, wachsende Mobilität und schließlich auch Digitalisierung. Ver-
meintlich getrennte Strukturebenen, Scales oder Konstruktionen von Virtualität und
Realität werden als miteinander verknüpft und verwoben erfahren. Neben der zeitli-
chen Beschleunigung sozialer Veränderungsprozesse kommt es zu einer Refiguration
von Räumen; in der Folge weicht die in der Moderne dominante Raumvorstellung
(Container) auf man kann stattdessen von einem Zusammenspiel und Kräftever-
hältnis von mehreren gleichzeitig wirksamen Raumfiguren sprechen (Territorial-,
Netzwerk-, Bahnenräume, Orte). Die Folge sind sich polarisierende Raumlogiken,
widersprüchliche und polykontexturale Handlungsanforderungen sowie ein Wandel
im Raumwissen (Löw und Knoblauch 2021).
Auch deshalb sehen sich hierin besteht Übereinstimmung weit über die Grenzen
der Soziologie hinaus die früh industrialisierten Länder auf besondere Weise mit
einem historisch neuartigen Veränderungsdruck konfrontiert (Dörre et al. 2018).
Sie befinden sich glicherweise am Beginn eines gesellschaftlichen Wandels, der
in seinen Verläufen, Be- und Verarbeitungsformen zwar nicht unbedingt identisch,
wohl aber in seiner Bedeutung mit jener „Great Transformation“ vergleichbar ist, die
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148 K. Dörre et al.
der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi Mitte des 20. Jahrhunderts so eindrucksvoll
beschrieben hat (Polanyi 1995 [1944]). Stärker als zu Polanyis Zeiten geht der
Veränderungsdruck heute allerdings von der ökologischen Konfliktachse aus. Daher
ist es kein Zufall, wenn Naturwissenschaftler die Unausweichlichkeit eines radikalen
Wandels besonders klar aussprechen, denn:
Es eilt sehr. Ein Systemkollaps ist eine reale Gefahr [...]. Wir stehen vor gewalti-
gen Herausforderungen bedingt durch das rasante Bevölkerungswachstum, die
Übernutzung der Ressourcen, die Veränderung des Klimas, den Verlust der
Biodiversität, und insgesamt erleben wir einen schleichenden Verlust der Le-
bensgrundlagen. (Weizsäcker 2020, S. 82)
Dieser Umbruch ist außerordentlich vielschichtig. Er wirft die Frage nach dem
Verhältnis von Ökologie, Ökonomie und Sozialem auf, er umfasst eine Vielzahl
an Dimensionen, betrifft alle Ebenen und Teilsysteme der Gesellschaft, er berührt
die gesellschaftliche Kultur und die individuelle Lebensführung. Er tangiert daher
unvermeidlich auch das Selbstverständnis der Soziologie in ihrer Gesamtheit. Mit
dieser Feststellung sind die Gemeinsamkeiten innerhalb des Faches aber fast schon
aufgebraucht.
Die Liste an divergenten Deutungsversuchen der im Gange befindlichen gesell-
schaftlichen Umbruchprozesse, ihrer Triebkräfte, Spielräume und Zielhorizonte ist
groß. Anstelle eines wohlklingenden Orchesters ertönt ein dissonanter Chor. Dass die
Soziologie über Ursachen, Dynamiken, Koordinaten und Reichweite gesellschaftli-
chen Wandels streitet, ist indes wenig erstaunlich, vielmehr geradezu erwünscht und
deshalb eigentlich kein Problem. Um im besten Wortsinn aufklärerisch wirken zu
können, benötigt das Fach keinen einheitlichen Forschungsstand zur Transformation
und Refiguration. Angebracht ist ein Theorie-, Analyse- und Methodenpluralismus,
der die Vielfalt des Wandels in ausdifferenzierten Gesellschaften mit Hilfe gemein-
samer Anstrengungen angemessen abbildet. Pluralismus darf jedoch nicht mit Be-
liebigkeit verwechselt werden. Wichtig ist die in ihrer Form auf Verständigung
angelegte konstruktive Kontroverse, die neben allen Divergenzen auch nach dem
Gemeinsamen sucht. Es sind vor allem drei Themenbereiche, die aus unserer Sicht
förmlich nach soziologischer Expertise und Debatte schreien.
Ein erster Themenbereich ergibt sich aus der Mehrdimensionalität der im Gan-
ge befindlichen Transformation und Refiguration. Vor dem Ausbruch der Corona-
Pandemie schien es, als rage unter den globalen Herausforderungen der anthropo-
gene Klimawandel wegen der Dringlichkeit seiner Bearbeitung besonders heraus.
Die Welt steuert gegenwärtig eher auf eine Erdaufheizung um 3 Grad als auf das
vom Weltklimarat (IPCC) avisierte 1,5-Grad-Ziel zu. Dies mit der Folge, dass gro-
ße Teile der Erde unbewohnbar werden könnten (IPCC 2018; Rogelj et al. 2019;
UNEP 2019). An der Dramatik entsprechender Szenarien hat sich trotz des vorüber-
gehenden Rückgangs klimaschädlicher Emissionen, den die Corona-Krise mit sich
gebracht hat, nichts geändert. Dennoch haben die Pandemie und die tiefe Rezessi-
on den Klimawandel zwischenzeitlich von seinem Spitzenplatz auf den politischen
Agenden verdrängt. Darin offenbart sich eine Grundproblematik der neuen Trans-
formation. Wer den ökologischen Gesellschaftskonflikt für die zentrale Triebkraft
sozialen Wandels hält, wird bei dessen Bearbeitung auf zahlreiche andere soziale
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Zwischen den Stühlen 149
Felder stoßen, die mit den Gesellschaft-Natur-Beziehungen verwoben sind, jedoch
nach eigenen Regeln und je spezifischen Strukturen funktionieren. Von besonderem
Interesse ist dabei derzeit etwa die Frage, ob die Prozesse einer immer engeren trans-
nationalen Verflechtung bzw. einer „intensivierten Globalisierung“ (Giddens 1995)
weiter anhalten, ob sie ins Stocken geraten oder sich sogar umkehren (Menzel 2021)
und welche Rolle die Digitalisierung hierbei spielt.
Mehrdimensionalität und Polykontexturalität der Entwicklung schließen jeden-
falls aus, dass der ökologische Gesellschaftskonflikt andere soziale Fragen einfach
verdrängt. Im Gegenteil: Akteure, die sich vornehmlich auf der ökologischen Kon-
fliktachse verorten, müssen, häufig in Konkurrenz zu den Akteuren in anderen sozia-
len Feldern, um Aufmerksamkeit und Durchsetzungsfähigkeit ringen. Ob und wie
die verschiedenen Veränderungsdynamiken in Gesellschaften mit sehr ungleichen
Machtbalancen aufeinander einwirken, ist die eigentlich spannende Frage, die es
mit soziologischen Mitteln zu beantworten gilt.
Daraus ergibt sich ein zweiter Themenbereich, der aus der tendenziellen Macht-,
Herrschafts- und Konfliktvergessenheit rein ökologischer Aufklärung resultiert. Die
Ausrufung des neuen Erdzeitalters Anthropozän stellt klar, dass sich die Gesell-
schafts-Natur-Beziehungen fundamental verändert haben. Im „web of life“ repro-
duziert sich Natur immer mehr über moderne Gesellschaften, und moderne Gesell-
schaften reproduzieren sich durch die von ihnen erzeugten Naturverhältnisse („dou-
ble internality“, Moore 2015, S. 1). Die Rede vom Menschenzeitalter darf jedoch
nicht den Blick dafür verstellen, dass die Menschheit eben nicht als aufgeklärtes
Kollektiv handelt. Agiert wird in ausdifferenzierten, vermachteten, arbeitsteilig or-
ganisierten, vergeschlechtlichten, sozial gespaltenen und politisch häufig polarisier-
ten (kapitalistischen) Gesellschaften. Anders als Ulrich Beck (1986) es erwartete, ist
die Logik der ökologischen Risikoverteilung unauflöslich mit der Logik der Reich-
tumsverteilung, aber auch mit den Konflikten um „race“ und „gender“ verbunden
(Federici 2015; Arruzza et al. 2019). Wie diese Konfliktlinien aufeinander einwir-
ken, in welcher Weise Klassenspannungen, ökologischer Gesellschaftskonflikt und
Auseinandersetzungen um sexistische oder rassistische Dominanz interagieren, lässt
sich nur mittels empirischer Forschungen klären. Naheliegend ist jedoch, dass der
Großkonflikt um eine ökologisch wie sozial nachhaltige gesellschaftliche Ordnung
zwischen unterschiedlichen Lagern mit stark divergierenden Interessen und kon-
kurrierenden politischen Ausrichtungen geführt wird. Soziolog_innen verfügen hier
durchaus über ein Spezialwissen (Dahrendorf 1957) und dieses Wissen gilt es zu
erneuern, zu erweitern und fruchtbar zu machen. Dabei dürfte das Verhältnis von
Wachstum, Nachhaltigkeit und Demokratie zu den Schlüsselproblemen gehören, die
es genauer zu erforschen gilt.
Solche Anliegen führen zu einem dritten Grund, der soziologische Expertise re-
gelrecht einklagt die Möglichkeit und das Problem einer neuerlichen Systemtrans-
formation. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Entwicklungen und Herausfor-
derungen stellt sich das Problem politischer Ordnungsbildung auf neue Weise. Es
liegt nahe, dass sich künftig jede Politik zu Fragen ökologischer und sozialer Nach-
haltigkeit verhalten muss (Adloff und Neckel 2019, S. 167). Eine weitgehend offene
Frage politischer Soziologie ist jedoch, wie Produktions- und Lebensweisen künftig
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150 K. Dörre et al.
zu organisieren sind und wie sich Ökologie, Ökonomie und Soziales im Sinne eines
globalen demokratischen Zusammenlebens von Menschen zusammendenken lassen.
Gleich, wie man sich im Spektrum politischer Utopien positioniert, gilt dabei:
An den Grenzen naturwissenschaftlicher Expertise offenbaren sich Chancen und
Verpflichtungen der zeitgenössischen Sozialwissenschaften. Selbstverständlich kann
und darf sich die Soziologie als Fach nicht auf ein favorisiertes Gesellschaftsmodell
einigen. Aber heißt dies, dass sie sich einer Diskussion über den Typ von Gesell-
schaft, der die Probleme ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit am besten zu
bewältigen vermag, zu verweigern hat?
Wie man es auch dreht und wendet eine Wissenschaft von der Gesellschaft darf
den großen Zukunftsproblemen nicht ausweichen. Wir halten es deshalb für wichtig,
die Debatte um sozialen Wandel weiter zu führen und überdies dabei auch den na-
tionalen Diskursraum zu verlassen. Mit diesem Vorhaben beginnen wir keineswegs
bei Null. Neben dem ersten Sonderband des Berliner Journals (Dörre et al. 2019)
haben die Beiträge des Doppelhefts zu „Wachstum und Demokratie“ (Heft 1–2/18),
unsere Corona-Kontroverse (Seyd 2020; Dörre 2020;Rosa2020; Lessenich 2020b)
sowie diverse Einzelbeiträge (u.a. Mau et al. 2020; Lessenich 2020a; Dolata 2019;
Brand 2018) den Transformationsfaden in der Zeitschrift längst wieder aufgenom-
men. Künftig wollen wir dafür sorgen, dass die Debatte mit größerer Kontinuität
und Systematik geführt wird. Diese Diskussion bedarf „soziologischer Imagination“
(Wainwright und Mann 2018; Norgaard 2017) und des Mutes von Soziolog_innen,
sich gegebenenfalls zwischen alle Stühle zu setzen. Weder darf es darum gehen,
den Einflussreichen und Mächtigen nach dem Munde zu reden, noch ist vorder-
gründige Kumpanei mit sozialen Bewegungen oder anderen oppositionellen Kräften
angebracht. Es zählt auch hier die Idee, die Bereitschaft und Fähigkeit, über das
Bekannte hinauszugehen, wo es der Prüfung und gegebenenfalls der Veränderung
bedarf.
3 Die methodologische Herausforderung der Soziologie
Mit diesem Programm stoßen wir zweifellos auf ein methodologisches Problem,
nicht zuletzt mit Blick auf die altbekannte Frage nach der Werturteilsfreiheit. Nach-
haltigkeitsziele, wie sie in den 17 Sustainable Development Goals festgeschrieben
sind1, stellen weit mehr dar als eine unverbindliche Auflistung unbewältigter Pro-
bleme. Nachhaltigkeit wird von „nationalen Gesellschaften, (trans)nationalen Orga-
nisationen, Städten, Unternehmen und sozialen Bewegungen als normatives Prinzip
1In Kurzfassung lauten die 17 SDGs: 1. Armut beenden; 2. Ernährung sichern; 3. Gesundes Leben für
alle; 4. Bildung für alle; 5. Gleichstellung der Geschlechter; 6. Wasser und Sanitärversorgung für alle; 7.
Nachhaltige und moderne Energie für alle; 8. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige
Arbeit für alle; 9. Widerstandsfähige Infrastruktur und nachhaltige Industrialisierung; 10. Ungleichheit
verringern; 11. Nachhaltige Städte und Siedlungen; 12. Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen; 13.
Sofortmaßnahmen ergreifen, um den Klimawandel und seine Auswirkungen zu bekämpfen; 14. Bewah-
rung und nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und Meeresressourcen; 15. Landökosysteme schützen;
16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen; 17. Umsetzungsmittel und globale Partnerschaft stär-
ken (BMZ 2020).
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Zwischen den Stühlen 151
proklamiert“ (Adloff und Neckel 2019, S. 167). Diese normative Setzung ist im
Begriff des Anthropozäns selbst angelegt. Die Begriffsschöpfung des Nobelpreisträ-
gers Paul J. Crutzen (2019) ist empirisch begründet, doch der Begriff selbst drängt
nach „Hypothesen über das, was kommen könnte“ (Gerhardt 2019, S. 84). Die da-
rin angelegte Verbindung von empirischer Feststellung und globaler Erwartung ist,
so der der Ethiker Volker Gerhardt, auch „aus wissenschaftstheoretischer Sicht von
größter Bedeutung“ (ebd., S. 86).
Was bedeutet diese Feststellung r eine Soziologie, die sich in der Tradition Max
Webers dem Grundsatz der Werturteilsfreiheit verpflichtet fühlt? Wir können hier
keinen Widerspruch erkennen. Webers Postulat der Werturteilsfreiheit ist auch für
empirische Wissenschaften mit der Vorarbeit einer Wertediskussion untrennbar ver-
knüpft, wie Webers Œuvre hinlänglich belegt (s. dazu a. BJS Heft 1/2021). Was die
Soziologie für die Gesellschaft in diesem Zusammenhang leisten kann, ist nicht die
politische Leistung einer klaren Handlungsempfehlung, sondern eine solche Werte-
diskussion im Sinne Webers. Deren Kern besteht darin, den handelnden Akteuren
ihre Optionen, die Kosten und Folgen ihrer Optionen sowie deren doppelte Wertbe-
zogenheit vor Augen zu halten. Im Falle ihres Gelingens liegt ein Stück „soziolo-
gischer Aufklärung“ vor: „Wenn Ihr Nachhaltigkeit zum obersten Leitwert machen
wollt, dann sind diese Handlungsweisen und institutionellen Arrangements erfolg-
versprechend, jene aber nicht.“ Oder: „Wenn die Menschenrechte (oder die SDGs,
oder die Demokratie) für Euch Verpflichtungscharakter haben, dann ist diese Politik
konsequent, jene aber nicht.“ Das ist die eine Seite einer solchen Wertbeziehung,
die Weber mit der Metapher der kämpfenden Götter umschreibt. Die andere Seite
besteht darin, den Akteuren vor Augen zu führen, welchen „Göttern“ sie in letzter
Konsequenz dienen, wenn sie einen gegebenen Handlungskurs fortsetzen oder ein
institutionelles Regime aufrechterhalten und sie auf diese Weise dazu anzuregen,
ggf. besser einen anderen Pfad einzuschlagen.
Zu den methodologischen Grundfragen, die sich angesichts der „geistesgeschicht-
lichen Lage“ der Soziologie heute stellen, gehört aber noch weit mehr als der Streit
über ihre Wertfreiheit und Wertbezogenheit. Die in jüngster Zeit wieder intensiv
geführte Debatte darüber, was als soziologisches Wissen auftreten darf und wie die-
ses Wissen zu produzieren sei, in welchem Verhältnis also qualitative, quantitative
und interpretative Ansätze zueinander stehen sollen, lässt sich gewiss nicht ein r
allemal entscheiden; sie muss immer wieder neu geführt werden. Dazu gehört die
Auseinandersetzung darüber, welche Soziologie welche Art von Theorie benötigt
und inwiefern und auf welche Weise die Soziologie auch eine Wissenschaft der
Raum- und Zeitverhältnisse sein muss. Auch dafür will das Berliner Journal ein Ort
sein. Anders als manche andere Zeitschrift folgen wir jedoch der Gewissheit, dass
sich die Soziologie nicht quasi-szientifisch auf eine „harte“, erklärende Wissenschaft
reduzieren lässt und dass sie auch eine deutende Kulturwissenschaft sein muss und
sein kann, wenn sie gesellschaftlich relevant bleiben will.
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4 Das Berliner Journal im Strukturwandel der Öffentlichkeit
Die Soziologie wird in der gesellschaftlichen Transformation nur dann gebraucht,
wenn sie Wissen erzeugt, das auf andere Weise nicht entstehen kann. Wissen meint
hier zunächst in der humanistischen Tradition eine wahre und/oder wohlbegründete
Meinung. Dies schließt ein, dass es, wie etwa die Leugnung des anthropogenen Kli-
mawandels illustriert, Meinungen geben kann, die weder wohlbegründet noch wahr
sind. In unserem Fall muss die Wahrheitssuche darauf ausgerichtet sein, die gesell-
schaftlichen Entwicklungen angemessen zu beschreiben, analytisch zu durchdringen
und die in ihnen angelegten Handlungsspielräume auszuloten. Mit wissenschaftli-
chen Mitteln produziert, finden die so gewonnenen Erkenntnisse in der gesellschaftli-
chen Öffentlichkeit nicht automatisch Gehör. Der Strukturwandel gesellschaftlicher
Öffentlichkeit(en) bringt es mit sich, dass Soziolog_innen nicht nur mit anderen
Wissenschaftsdisziplinen, sondern auch mit Journalist_innen, Sachbuchautor_innen,
schreibenden Politiker_innen, Think Tanks und Influencer_innen um Aufmerksam-
keit konkurrieren. Darin ist eine Gefahr angelegt, vor der Ralf Dahrendorf noch
ohne Kenntnis des Internets eindringlich gewarnt hat. Im Vorwort zu seinem Klassi-
ker Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft schreibt er,
die Öffentlichkeit agiere wie ein „verärgerter Gläubiger, der der vorerst zahlungs-
unfähigen Soziologie ständig im Nacken“ sitze, „um zu verhüten, daß auch nur ein
Pfennig ihm aus den Fingern geht“. „Ist es ein Wunder“, fragt der liberale Soziologe
rhetorisch, „daß unter diesen Umständen mancher Soziologe dazu übergegangen ist,
Falschgeld zu produzieren?“ (Dahrendorf 1957, S. IIV)
Bei aller Berechtigung des Strebens nach öffentlicher Resonanz muss die So-
ziologie, wie jede andere Wissenschaft auch, Falschgeldproduktion vermeiden. Das
ändert aber nichts daran, dass sie sich der Digitalisierung und dem mit ihr verbun-
denen neuerlichen Strukturwandel der Öffentlichkeit stellen muss. Das BJS ist von
den Veränderungen unmittelbar betroffen. Seit Anfang 2020 ist die Zeitschrift dank
DEAL-Vereinbarung zu einem Open-Access-Journal geworden. Fast alle Beiträge,
die veröffentlicht werden, sind nun r jede und jeden frei zugänglich. Das gedruckte
Exemplar gibt es nach wie vor, doch sein Stellenwert hat sich verändert. Diesbezüg-
lich besitzt das BJS wohl einen Vorteil gegenüber allen Zeitschriften, die erst dabei
sind, den Sprung in die digitale Welt zu vollziehen.
Gleichwohl bedeutet der Status einer zuvorderst digital verfügbaren Zeitschrift
zweierlei. Erstens benötigen wir künftig zusätzliche Aufmerksamkeitsarbeit, um da-
für zu sorgen, dass die frei zugänglichen Artikel in den Weiten des Internets auch zur
Kenntnis genommen werden. Damit ist zweitens die Öffnung für eine Leserschaft
verbunden, die gelegentlich weit über das Fachpublikum hinausgeht. Darin steckt
vor allem eine Chance, die aber nur genutzt werden kann, wenn Abstriche an der
wissenschaftlichen Fundierung des Publizierten unterbleiben. In diesem Zusammen-
hang gilt noch immer, was Dahrendorf seiner Zunft ins Stammbuch schrieb:
Wenn aber eine schlecht beratene Öffentlichkeit den Weg der Wissenschaft
nicht versteht und mehr verlangt, dann darf und muß der Soziologe den Stolz
und das Selbstbewußtsein aufbringen, seine wissenschaftliche Verantwortung
gegenüber einer mißverstandenen Verpflichtung zur Gesellschaft, die nur allzu
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Zwischen den Stühlen 153
oft vom Wunsch zu gefallen beraten ist, zu verteidigen. Hic Rhodus, hic salta!
(Dahrendorf 1957, S. IIV)
Dort zu springen, wo Rhodos liegt, heißt aber auch, die Chance zu nutzen, die
Grenzen versäulter, gegeneinander abgeschotteter Fachdisziplinen zum Nutzen aller
zu überwinden. Zumindest in ihrer ökologischen Dimension stützt sich die aktuel-
le Transformationsdiskussion in hohem Maße auf naturwissenschaftliches Wissen.
Gleiches gilt für die Interpretation der Pandemie, die von Deutungsangeboten aus
dem Feld der Medizin dominiert wird. Normwerte, ökologische Belastungsgren-
zen und Kipp-Punkte sind jedoch, darauf hatte bereits Ulrich Beck hingewiesen,
hochgradig wissens- und definitionsabhängig. Sie sind Gegenstand von Definitions-
kämpfen im Wissenschaftssystem und in der Gesellschaft. Soziolog_innen können
solche Definitionskämpfe mit ihrem Wissen nur bedingt beeinflussen. Sie können
aber darauf hinwirken, dass wissenschaftliche Selbstzweifel gesellschaftlich insti-
tutionalisiert werden. Sie vermögen, dort anzuknüpfen, wo naturwissenschaftlicher
Sachverstand endet. Vor allem können sie jedoch den systematischen, disziplinen-
übergreifenden Austausch mit Naturwissenschaftler_innen beginnen, die sich zu-
sehends mit den gesellschaftlichen Konsequenzen ihrer empirischen Forschungen
beschäftigen. Gelänge ein solcher Brückenschlag (wie er mit den 165.000 Wissen-
schaftler_innen von „Scientists for Future“ bereits ansatzweise zu erkennen ist),
liefe das letztendlich auf einen wissenschaftlichen Paradigmenwechsel hinaus, wie
er schon lange gefordert, aber noch höchst selten praktiziert wird.
Ein Paradigmenwechsel, der Sozial- und Naturwissenschaften zu einem produk-
tiven Dialog verhilft, ist ebenso ungewiss wie der Ausgang gesellschaftlicher Trans-
formation und Refiguration. Wir möchten das BJS jedoch zu einem Forum machen,
in dem die Debatte um sozialen Wandel sachlich, kontrovers und disziplinenüber-
greifend geführt wird. Dabei können Sie uns helfen. Füttern Sie uns und etwa
auch unsere neue Rubrik „Debatte“ mit Ihren Beiträgen! Wir werden unsererseits
potenzielle Autor_innen um Beiträge bitten, die geeignet sind, die Diskussion voran-
zutreiben. In Ausnahmefällen können das, soweit es sich um Muttersprachler_innen
handelt, auch englischsprachige Artikel sein. Im Grundsatz bleibt das BJS aber eine
deutschsprachige Zeitschrift.
Auf die neuen Heft-Ausgaben des BJS macht seit kurzem ein neu gestalteter
Newsletter aufmerksam2, zudem informiert unser Twitter-Account3laufend über
Neuerscheinungen und sonstige redaktionelle Neuigkeiten. Die Redaktion des BJS
ist für die nächsten Jahre in Jena, Erfurt und Berlin angesiedelt. Zum Redaktions-
team gehören Benjamin Seyd, Andreas Häckermann und Henri Band. Ein Netzwerk
von Gutachter_innen sorgt dafür, dass eingereichte Manuskripte rasch und sorgfältig
bearbeitet werden. Ein unter Federführung von Hans-Peter Müller neu zusammen-
gesetzter Beirat wird die Arbeit von Redaktion und Herausgeber_innen begleiten.
Auch der Herausgeber_innen-Kreis der Zeitschrift hat sich personell verändert: Seit
Januar 2021 ist Martina Löw und damit auch die Technische Universität Berlin mit
an Bord.
2Anmeldung unter https://tinyurl.com/NewsletterBJS.
3https://twitter.com/BerlinerJournal.
K
154 K. Dörre et al.
Das alles ist vielleicht wenig spektakulär. Dennoch hoffen wir, dem Verände-
rungsdruck auf diese Weise trotz begrenzter personeller und materieller Ressourcen
Rechnung tragen zu können. Transformation und Refiguration erweisen sich als
Abfolge von Bewährungsproben, in denen sich zeigen wird, welche Akteure, Or-
ganisationen und Institutionen den Nachhaltigkeitstest bestehen werden. Bei der
Beobachtung und Deutung dieser Veränderungen zwischen den Stühlen zu sitzen,
ist sicherlich unbequem. In einer Zeit, in welcher viele sich „nur als verwirrt“ füh-
len, weil „der Boden wankt“, ohne zu wissen, „warum und von was (Bloch 1973
[1959], S. 1), ist das jedoch nicht unbedingt die schlechteste Position.
5 Das vorliegende Heft
Das programmatische Interesse, die thematische wie methodische Offenheit und vor
allem die Lust an der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung spiegeln sich auch in
der vorliegenden Ausgabe des BJS. Dass der Streit über gesellschaftliche Zukünf-
te dabei nicht nur mit Leidenschaft geführt wird, sondern nicht selten auch mit der
rhetorischen Herabwürdigung der jeweiligen Kontrahenten einhergeht, ist eine offen-
sichtliche, aber soziologisch doch unausgeschöpfte Beobachtung. Sonja Engel und
Dominik Schrage spüren in ihrer kultursoziologischen Studie zum „Spießerverdikt“
einem solchen kommunikativen Muster der Herabsetzung und dessen ordnungsstruk-
turierendem Einsatz nach. Seit der Romantik kehrt der Vorwurf konformistischer
„spießiger“ Engstirnigkeit in stets neuen Formen immer wieder. Gleich, ob als
Philistersatire in der Romantik, als Kleinbürgerkritik in der Marx’schen Klassen-
theorie oder in der Selbstinszenierung der Bohemiens: Immer dient der Vorwurf der
Spießigkeit in aufgewühlten Zeiten dazu, die Repräsentanten der bestehenden Ord-
nung zu diskreditieren und gleichzeitig einen alternativen Horizont sozialer Ordnung
abzustecken.
Um die Formation nicht sozialer, sondern soziologischer Ordnung geht es bei
Elena Beregow: Sie weist der soziologischen Theorieproduktion nach, dass auch
diese nicht einfach vom Austausch sachlicher Argumente, sondern ganz wie ge-
sellschaftliche Großkonflikte auch von spezifischen „Atmosphären“ zehrt. Dazu
tragen nicht zuletzt Kleidungs-, Sprech- und Denkstile bei, die wiederum einer ei-
genen Theoretisierung bedürfen: Beregow fasst die Theorieatmosphäre als „Produkt
des performativen Zusammenwirkens von Text, Lesepraktiken, Dingen und Räu-
men“. Warum man eher „Luhmannianer“ oder „Deleuzianer“ ist oder gerade nicht,
und warum die eine Theorie „cooler“, die andere dagegen heißer“ ist, versteht man
nach der Lektüre womöglich etwas besser. Und nebenbei wird deutlich, welche Hür-
den der Werturteilsfreiheit noch entgegenstehen, wenn sich, wie Beregow zeigt, die
passende Theorie am Ende vor allem richtig anfühlen muss.
Steht einem der Sinn eher nach Hand- statt nach Kopfarbeit, oder regt sich in
einem angesichts theoretischer Komplexitäten gar eine gewisse Sehnsucht nach dem
einfachen Leben, haben wir auch dafür etwas im Angebot: die Mixed-Methods-
Studie von Anja Eder, Sabine A. Haring-Mosbacher und Franz Höllinger zu Inter-
generationenbeziehungen auf österreichischen Bergbauernhöfen, wo wider Erwarten
der Drei-Generationen-Haushalt noch immer die Regel darstellt. Aber Obacht: Zwar
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lassen sich in den steiermärkischen Bergen durchaus Anhaltspunkte für einen gelin-
genden Generationenvertrag, z.T. sogar unter Bedingungen nachhaltigen Wirtschaf-
tens, finden, aber die Alt- und Jungbäuerinnen und -bauern sehen sich auch jeder
Menge Herausforderungen gegenüber. Die traditionelle Lebensart zu erhalten, er-
fordert, wie die Autor_innen zeigen, beinahe immer entschlossene Modernisierung,
die ihren Ausdruck im Wandel von der verpflichtenden zur freiwilligen Generatio-
nensolidarität, von traditionellen Abhängigkeitsverhältnissen zu einer autonomeren
Lebensführung und vom patriarchalen Gehorsam zur egalitären Familienkommu-
nikation findet. Gleichzeitig gehen diese Wandlungsprozesse allerorten mit spezi-
fischen, z.T. wohlbekannten Ambivalenzen einher: Auch in den Bergen sind die
Mühen der (modernen) Ebene immer nur einen Katzensprung weit entfernt.
Davon unbenommen sind die Hotspots sozialer Konflikte in den Städten zu finden
und wird das Label „Problemviertel“ wohl bis auf Weiteres dem urbanen Raum vor-
behalten bleiben. Dass es sich dabei gleichwohl nicht um eine neutrale Beschreibung,
sondern vielmehr um eine Konstruktion handelt, die insbesondere durch „polizei-
lich-publizistische Verstärkerkreisläufe“ hervorgebracht wird, zeigen Moritz Rinn
und Jan Wehrheim in ihrer ethnographischen Studie zum Essener Stadtteil Alten-
dorf. Die Autoren sensibilisieren für die medialen Mechanismen gesellschaftlicher
Problemdefinition: Vor dem Hintergrund verinnerlichter „territorialer Stigmatisie-
rung“ werden so herunterfallende Eisenplatten als Schüsse gedeutet, die einen zwar
unbegründeten, aber nicht unbegründbaren Polizeieinsatz auslösen denn im „Pro-
blemviertel“ gilt es, „Stärke zu zeigen“.
Derartige symbolische, aber letztlich wenig zielführende Demonstrationen von
Handlungsbereitschaft kann man ebenso an anderer Stelle entdecken: nicht zuletzt
im Kampf gegen die ökologische Zerstörung unseres Planeten, gegen die siehe
oben zwar vieles unternommen wird, gegen die aber doch kaum ein Kraut gewach-
sen scheint. Ingolfür Blühdorn hat das in die Formel von der „nachhaltigen Nicht-
Nachhaltigkeit“ gefasst, wonach Nachhaltigkeit zwar stellenweise ernsthaft ange-
strebt, im Ergebnis aber nie mehr als simuliert wird (u.a. Blühdorn 2018). Aber ist
die Hoffnung auf Nachhaltigkeit wirklich nur gewieften Techniken der „Selbstillu-
sionierung“ geschuldet? In seiner Auseinandersetzung mit Blühdorns Ansatz kommt
Karl-Werner Brand zu einem klaren Urteil: Blühdorns Annahmen seien historisch
wie theoretisch nicht zu halten und führten nicht weiter.
Den Abschluss des Heftes bildet ein sehr persönlicher Nachruf von Michael
Schmid auf seinen Freund Bernhard Giesen, der im Dezember 2020 leider verstorben
ist.
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