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[de] (orig)
Benjamin Nölting, Jan-Peter Voß, Doris Hayn
Nachhaltigkeitsforschung – jenseits von
Diziplinierung und anything goes
Journal article, Published version
This version is available at http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:83-opus4-66599.
Suggested Citation
Nölting, Benjamin; Voß, Jan-Peter; Hayn, Doris: Nachhaltigkeitsforschung – jenseits von Diziplinierung
und anything goes. - In: GAIA: ökologische Perspektiven für Wissenschaft und Gesellschaft. - ISSN:
0940-5550. - 13 (2004), 4, pp. 254–261.
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4/2004
B 54649
4’04 GAIA
Ökologische Perspektiven in Natur-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften
Ecological Perspectives in Science, Humanities, and Economics
GAIA / ISSN 0940-5550 / GAIAEA 13(4) 233–312 (2004)
oekom verlag
www.oekom.de
GAIA
erscheint im Zeitschriftenprogramm von
Methodik der Nachhaltigkeitsforschung 254
GAIA 13 (2004) no. 4
Nachhaltigkeitsforschung –
jenseits von Disziplinierung und
anything goes
Benjamin Nölting*, Jan-Peter Voß und Doris Hayn
* Postadresse: Dr. B. Nölting
Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG)
TU Berlin, Sekretariat P 2-2
Hardenbergstr. 36a
D-10623 Berlin (Deutschland)
Nachhaltigkeitsforschung steht aufgrund ihrer
Problemorientierung und ihres Bezugs zum politischen Konzept
der nachhaltigen Entwicklung vor methodischen Herausforderungen.
Es gibt keine umfassende Methode oder Theorie der
Nachhaltigkeitsforschung. Ist sie damit Wissensproduktion
nach dem Motto anything goes oder befindet sie sich
auf dem Weg zu einer theoretisch und methodisch
einheitlich verfaßten, neuen Wissenschaftsdisziplin?
Weder – noch. Auch wenn der Nachhaltigkeitsforschung
eine spezifische Methodik fehlt – vielleicht aus immanenten Gründen
fehlen muß –, darf sie auf Qualitätssicherung nicht verzichten.
Drei Projekte zeigen, daß gerade in der Nachhaltigkeitsforschung
die Methodenreflexion und die transparente Darstellung
der Forschungsverfahren entscheidend zur
Qualitätssicherung beitragen können.
Abstract & Keywords p. 312
© Carola Dinges
1 Methodische
Herausforderungen
Nachhaltigkeitsforschung befaßt sich
mit Problemen, die die langfristige Siche-
rung der gesellschaftlichen Entwicklungs-
bedingungen gefährden. Solche Probleme
werden im Folgenden als Nachhaltigkeits-
probleme bezeichnet. Die Fragen kommen
aus der gesellschaftlichen Praxis und wer-
den nicht wissenschaftsintern definiert.
Nachhaltigkeitsforschung hat die Aufga-
be, diese Fragen in eine wissenschaftlich
bearbeitbare Form zu übersetzen und Wis-
sen hervorzubringen, das zur praktischen
Lösung dieser Probleme beiträgt [1–3]. Da-
bei ist sie der Gerechtigkeit und der lang-
fristigen Erhaltung der Lebensgrundlagen
verpflichtet.1) Diese sollen in der Regel
durch eine Verbindung von ökonomischen,
ökologischen und sozialen Zielen erreicht
werden. Nachhaltigkeitsforschung bewegt
sich also an den Schnittstellen zwischen
Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öf-
fentlichkeit. Dadurch ist sie vielfältigen
Anforderungen ausgesetzt und muß unter-
schiedliche Rationalitäten und Denkwei-
sen verbinden.2) Im wesentlichen kann man
drei relevante Forschungsebenen unter-
scheiden [11a, 12a, 13]:
Auf der analytischen Ebene werden Pro-
blemzusammenhänge rekonstruiert, ihre
Einbettung in Gesellschaft und Natur ana-
lysiert, Einflußfaktoren und Entwicklungs-
dynamiken untersucht sowie die Auswir-
kungen verschiedener Handlungsoptionen
abgeschätzt (Systemwissen).
Auf der normativen Ebene geht es da-
rum, die Ziele nachhaltiger Entwicklung
zu klären, den gesellschaftlichen Diskurs
um Nachhaltigkeit zu rekonstruieren und
zu dessen Weiterentwicklung beizutragen
(Ziel- oder Orientierungswissen).
Auf der operativen Ebene befaßt sich
Nachhaltigkeitsforschung mit der Unter-
suchung von praktischen Handlungsbedin-
gungen, der Ausarbeitung von Strategien
für eine nachhaltige Entwicklung entspre-
chend den analysierten Bedingungen und
ihrer Umsetzung in gesellschaftliches Han-
deln (Gestaltungs- oder Transformations-
wissen).
Wegen der engen Verquickung der drei
Ebenen haben erkenntnistheoretische und
methodologische Fragestellungen in der
Nachhaltigkeitsforschung im Vergleich
mit klassischer disziplinärer Forschung
eine besondere Brisanz. Gleichzeitig fehlt
eine konsistente theoretische und metho-
dische Fundierung [11b, 14a]. Dies war Anlaß
für grundlegende Überlegungen beispiels-
weise zur Beziehung von Nachhaltigkeits-
forschung und disziplinärer Wissenschaft
[15–19] und spiegelt sich auch in der noch
nicht abgeschlossenen Debatte über Qua-
litätskriterien und Evaluationsverfahren
wider [20–25].3)
Wie gehen Projekte der Nachhaltig-
keitsforschung im Forschungsalltag mit
diesen Herausforderungen um? Ausgangs-
punkt für die Beantwortung dieser Frage
sind drei laufende Projekte im Rahmen
des Förderschwerpunkts Sozial-ökologi-
sche Forschung des deutschen Bundes-
ministeriums für Bildung und Forschung
(BMBF).4) Die Projekte erarbeiten Strate-
gien für eine nachhaltige Ernährung (Er-
nährung), für die Gestaltung des Struktur-
wandels in Versorgungssystemen (Strom,
Gas, Wasser und Telekommunikation) (Ve r -
sorgungssysteme) und für die Schaffung
regionalen Wohlstands durch die ökolo-
gische Land- und Ernährungswirtschaft
(Landwirtschaft) (Kästen 1 bis 3). Sie die-
nen als Untersuchungsfälle für den Um-
gang mit den methodischen Ansprüchen
der Nachhaltigkeitsforschung in der For-
schungspraxis.
Ausgehend von den genannten Heraus-
forderungen formulieren wir zunächst drei
Merkmale der Nachhaltigkeitsforschung:
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Methodik der Nachhaltigkeitsforschung 255
GAIA 13 (2004) no. 4
1. Nachhaltigkeitsforschung bewegt sich
im Kontext der gesellschaftlichen Debatte
über nachhaltige Entwicklung. Die Frage,
was nachhaltig ist, ist mit Wertsetzungen
verknüpft und entsprechend umstritten.
Nachhaltigkeitsforschung muß aufzeigen,
wie sie sich auf konkurrierende Werte und
Ziele bezieht, und sie muß Interessen un-
terschiedlicher Akteure berücksichtigen.
Nachhaltigkeitsforschung ist also normativ.
2. Da sich Nachhaltigkeitsforschung auf
Probleme in realen Wirkungszusammen-
hängen bezieht, kann sie sich nicht auf
eine spezialisierte Perspektive (wie diszi-
plinäre Wissenschaft oder Wirtschaft) be-
schränken. Sie muß Zusammenhänge un-
tersuchen, um Problemanalysen liefern zu
können, die sich an der Wirklichkeit be-
währen. Dabei darf sie sich nicht auf öko-
logische, ökonomische oder soziale Bedin-
gungen von Nachhaltigkeit konzentrieren,
sondern muß die drei in Verbindung brin-
gen. Zu diesem Zweck muß sie Wissen aus
verschiedenen wissenschaftlichen Fach-
richtungen sowie Praxisrollen konzeptio-
nell zusammenführen. Nachhaltigkeits-
forschung ist daher integrativ.
3. Wissenschaft kann wirklichkeitstaugli-
che und umsetzbare Erkenntnisse für eine
nachhaltige Entwicklung nicht allein her-
vorbringen: Weil die Problembeschreibung
und die Definition des Gegenstandes in der
Nachhaltigkeitsforschung unmittelbar mit
Bewertungsfragen verbunden sind, besitzt
Wissenschaft dafür weder die alleinige
Kompetenz noch Legitimation. Darüber
hinaus sind Handlungsstrategien nur dann
erfolgversprechend, wenn die Problem-
wahrnehmungen, Interessen und Hand-
lungsbedingungen von Akteuren Eingang
finden. Das erfordert die Zusammenarbeit
mit der Praxis. Nachhaltigkeitsforschung
ist also partizipativ.
Nachfolgend diskutieren wir die Aus-
prägung der drei Merkmale in den drei
Projekten.
2 Umgang mit Normativität,
Integration und Partizipation
2.1 Normativität: Werte transparent
machen
Nachhaltige Entwicklung ist ein politi-
sches Konzept, das von den normativen
Prämissen Gerechtigkeit und ökologische
Verträglichkeit ausgeht. Die Operationali-
sierung dieser Prämissen in konkrete Leit-
linien gesellschaftlichen Handelns ist in
Gesellschaft und Wissenschaft umstritten.
"Nachhaltigkeit" muß folglich in jedem
Forschungsprozeß normativ konstituiert
werden. Die »traditionelle Fiktion einer
Trennung von Fakten und Werten« [26], die
auch in der "normalen" Wissenschaft pro-
blematisch ist, ist somit für die Nachhaltig-
1) Diese Normen werden in der Gesellschaft
höchst unterschiedlich ausgelegt ("starke" versus
"schwache" Nachhaltigkeit [4], intragenerationelle
versus intergenerationelle Gerechtigkeit [5]). Nach-
haltigkeitsforschung muß folglich verschiedene
Perspektiven berücksichtigen [6].
2) Diese Situation wird unter Schlagworten wie
mode 2 knowledge production oder "Problemorien-
tierung" und "soziale Robustheit" von Wissen auch
für andere Wissenschaftsbereiche diskutiert [7–10].
Das Spezifische der Nachhaltigkeitsforschung ist,
daß bereits ihr Gegenstand, die Erforschung der
Möglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung,
und nicht erst eine spezifische Herangehensweise
die Anforderungen begründet.
Ernährungswende – Strategien für sozial-ökologische
Transformationen im gesellschaftlichen Handlungsfeld
UmweltErnährungGesundheit (Ernährung)
www.ernaehrungswende.de
Das Projekt untersucht vor dem Hintergrund des Nahrungswohlstands in Deutschland,
wie Ernährungsbedürfnisse in nachhaltiger Weise befriedigt werden können. In einer inte-
grativen Problemsicht, die Gesundheitsfragen, Umweltwirkungen und die Bedürfnisse
der Konsument(inn)en zusammenführt, werden Transformationsprozesse (wie Novel Food,
Convenience-Trend) analysiert, bewertet und ein Entwicklungskorridor für eine "Ernäh-
rungswende" beschrieben. Die Analyse wird in Strategien münden, wie verschiedene Ziel-
gruppen an eine nachhaltige Ernährung herangeführt werden können, wobei die Perspek-
tive der Konsument(inn)en zentral ist.
Normativität
Das Projekt führte zunächst die vielfältigen, teils widersprüchlichen normativen Vorstellun-
gen von "nachhaltiger", "gesunder" sowie "richtiger" Ernährung zusammen und berück-
sichtigte dabei die Ernährungsforschung und die Verbraucherpolitik ebenso wie die Sicht-
weise der Konsument(inn)en. Zum einen wurden die vielfältigen Zielsetzungen professio-
neller Akteursgruppen in diesem Feld erhoben und zu normativen Prämissen verdichtet.
Zum anderen wurden mittels empirischer Erhebungen die (normativen) Orientierungen
von Konsument(inn)en untersucht. Die Orientierungen der verschiedenen Gruppen kon-
frontierte das Projekt mit empirischem Wissen über Auswirkungen verschiedener Ernäh-
rungsstile (aus Szenarios, Ökobilanzen und Risikoanalysen). Auf der Grundlage der ersten
Arbeitsschritte hat das Projekt nachhaltige Ernährung als bedarfsgerecht, alltagsadäquat,
sozial differenziert, gesundheitsfördernd, risikoarm und umweltverträglich definiert.
Das Projekt stellt die "Beobachtung" normativer Orientierungen unterschiedlicher Akteu-
re in den Vordergrund und sucht nach Anknüpfungspunkten für zielgruppenspezifische
Handlungsstrategien.
Integration
Das Projekt geht von einem die stoffliche, soziokulturelle und strukturelle Dimension inte-
grierenden Verständnis des fragmentierten Handlungsfeldes UmweltErnährungGesund-
heit aus und untersucht die Wechselwirkungen zwischen den Dimensionen. Dafür wurde
ein disziplinenübergreifendes Konzept von Ernährung entwickelt [38]. Innerhalb dieses Rah-
mens werden in vier thematisch ausgerichteten Modulen ("Ernährung im Alltag", "Ernährung
und Produkte", "Ernährung außer Haus" und "Ernährung und Öffentlichkeit") Teilprobleme
arbeitsteilig analysiert. Kognitiver Integration wird insbesondere auf der Ebene des Ge-
staltungswissens eine hohe Bedeutung beigemessen, da Strategien für eine Ernährungs-
wende kaum Chancen auf Umsetzung haben, wenn sie wichtige Perspektiven ausblen-
den, sondern dann eher riskieren, neue Probleme zu schaffen. Für die soziale Integration
sorgen Integrations- und Meilensteinworkshops. Die Phasen des getrennten Arbeitens
werden von bi- und multilateralen Abstimmungsprozessen begleitet. In zeitintensiven Inte-
grationsworkshops werden die Ergebnisse aus den Modulen zusammengeführt; daneben
finden laufend theoretische Diskurse und Begriffsarbeit statt.
Partizipation
Die Perspektive von Konsument(inn)en steht im Zentrum des Projekts, da diese neben
Politik und Wirtschaft wichtige Akteure einer Ernährungswende sind. Zur Erarbeitung von
Systemwissen werden praktische Erfahrungen der Konsument(inn)en erhoben (qualitati-
ve Interviews und repräsentative Befragungen). Untersucht werden die Alltagsgestaltung
sowie die Handlungsspielräume und -barrieren. Das so erhobene Wissen ist Ausgangs-
punkt für die Entwicklung von Handlungsstrategien für unterschiedliche Konsument(inn)en-
Typen. Diese Strategien sollen in Gruppendiskussionen mit Konsument(inn)en überprüft
und gegebenenfalls modifiziert werden. Die Betroffenen werden also direkt an der Aus-
gestaltung von Strategien einer Ernährungswende beteiligt. Sie bringen ihr Wissen, ihre
Praktiken, Handlungspotentiale und Wünsche ein, was die Umsetzungschancen der Stra-
tegien erhöht.
Kasten 1
3) Diese Debatte ist in den letzten Jahren besonders
im deutschsprachigen Raum aufgelebt, weil die
staatliche Forschungsförderung Schwerpunkte in
der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung
entwickelte (Österreich: www.klf.at, Schweiz:
www.sppe.ch und Deutschland: www.sozial-
oekologische-forschung.de), in denen Methoden-
fragen explizit berücksichtigt sind (beispielsweise
www.ikaoe.unibe.ch/forschung/dach/dach.main.
html).
4) Dort wird auch das Projekt "Evaluationsnetz-
werk für transdisziplinäre Forschung (Evalunet)"
gefördert, das sich ebenfalls mit den hier disku-
tierten Fragen beschäftigt (www.isoe.de/projekte/
evalunet.htm).
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Methodik der Nachhaltigkeitsforschung 256
GAIA 13 (2004) no. 4
keitsforschung hinfällig. Denn die Problem-
definition, die Auswahl des Gegenstands
und die Vorgehensweise (Problembezug,
Praxisbeteiligung) stellen zugleich einen
wissenschaftlichen Suchprozeß und eine
normative Positionierung in einem Feld
gesellschaftlicher Bewertungskonflikte
dar. Nachhaltigkeitsforscher(innen) sind
immer auch Akteure mit eigenen Vorstel-
lungen und Interessen bei der Suche nach
einer nachhaltigen Entwicklung. Sie ste-
hen im Spannungsfeld von wissenschaft-
licher Analyse, gesellschaftlicher Bewer-
tung und politischer Umsetzung. Wie kann
Nachhaltigkeitsforschung dann für ihre
Ergebnisse gesellschaftliche Geltung ein-
fordern? Wir werfen zunächst einen Blick
auf die drei Projekte:
Das Projekt Ernährung arbeitet in erster
Linie die verschiedenen normativen Orien-
tierungen im Handlungsfeld UmweltEr-
nährungGesundheit heraus, um sie zu
möglichen Leitlinien einer "nachhaltigen
Ernährung" zu verdichten. Das Projekt
Versorgungssysteme bildet Bewertungs-
konflikte als gesellschaftliche "Bewer-
tungslandschaft" ab. Auf dieser Grundla-
ge werden für Konfliktbereiche Strategien
zur gesellschaftlichen Gestaltung des
Strukturwandels erarbeitet. Das Projekt
Landwirtschaft formuliert hingegen expli-
zit Ziele nachhaltiger Entwicklung und will
damit inhaltliche Anstöße für die Werte-
debatte geben.
Die drei Projekte wählen also unter-
schiedliche Vorgehensweisen und Rollen
bei der Untersuchung von Zielen und Be-
wertungen, bei der eigenen normativen
Verortung und bei der Weiterentwicklung
des gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsdis-
kurses: Beobachter (Ernährung), Modera-
tor (Versorgungssysteme) und Ideengeber
(Landwirtschaft). Methodische Gemein-
samkeiten zeigen sich aber darin, daß die
Projekte offensiv mit ihren unterschiedli-
chen, auch ambivalenten Orientierungen,
Vorgehensweisen und Rollen umgehen.
Dazu gehört erstens, daß gesellschaftli-
che Zielkonflikte und -allianzen im Unter-
suchungsbereich herausgestellt werden.
Die Ziele und normativen Orientierungen
verschiedener gesellschaftlicher Akteure,
die den Diskurs über nachhaltige Entwick-
lung bestimmen, müssen empirisch analy-
siert werden, um die Dynamik der Bezie-
hungen zwischen Gesellschaft und Natur
zu verstehen. Dafür müssen unterschied-
liche Bewertungen und "Wahrheiten", die
aus den Perspektiven verschiedener Ak-
teure und Teilsysteme erwachsen, heraus-
gearbeitet, aufeinander bezogen und mit
Wissen über andere Empiriebereiche wie
Technik, Ökologie und Gesellschaft zu-
sammengeführt werden.
Zweitens sind Verortung und Transpa-
renz des Forschungsprojekts wichtig: Es
muß offenlegen, wie es sich auf kontro-
vers diskutierte Ziele nachhaltiger Ent-
wicklung bezieht, auf welchen normati-
ven Orientierungen und Bewertungen es
aufbaut und in welchem gesellschaftlichen
Zusammenhang es sich bewegt.
Drittens verbindet sich mit der Doppel-
rolle der Nachhaltigkeitsforschung als
Teilnehmerin am Prozeß der nachhaltigen
Entwicklung und als Beobachterin des
normativen Diskurses eine besondere Ka-
pazität für die aktive Weiterentwicklung
normativer gesellschaftlicher Konzepte.
Es geht darum, die Bewertung nicht künst-
lich von anderen Wissensbestandteilen zu
trennen, sondern die Kapazitäten der Nach-
haltigkeitsforschung systematisch in den
Integrierte Mikrosysteme der Versorgung: Dynamik,
Nachhaltigkeit und Gestaltung von Transformationsprozessen
in der netzgebundenen Versorgung (Versorgungssysteme)
www.mikrosysteme.org
In den netzgebundenen Versorgungssektoren für Strom, Gas, Wasser und Telekommunika-
tion findet gegenwärtig ein umfassender Strukturwandel statt. Wichtige Aspekte sind die
Liberalisierung des Marktes, die Privatisierung der Industrien und die Bedeutung der Infra-
strukturen für eine nachhaltige Entwicklung. Eine aktive Gestaltung des langfristigen Struk-
turwandels ist nötig, um Nachhaltigkeitspotentiale zu erschließen und problematische
Entwicklungspfade zu vermeiden. Sie wird durch Unsicherheit über die Transformations-
dynamik, die Ambivalenz von Nachhaltigkeitszielen und die weite Verteilung der Einfluß-
kapazitäten erschwert.
Das Projekt moderiert vor diesem Hintergrund einen gesellschaftlichen Lernprozeß zum
reflektierten und vorausschauenden Umgang mit Transformation [39].
Normativität
Das Projekt enthält eine Phase zur Erarbeitung von Zielwissen, in der untersucht wird,
was "Nachhaltigkeit" in Versorgungssystemen heißt. Dabei trifft die Forschungsgruppe
selbst keine Festlegungen, sondern läßt von Strukturwandel betroffene Akteure ihre Pro-
blemwahrnehmungen und Ziele einbringen. Das Verfahren umfaßt drei Stufen: Zuerst wer-
den die Kriterien erhoben, mit denen gesellschaftliche Gruppen die Nachhaltigkeit der
Versorgung bewerten. Dann werden von diversen Expert(inn)en alternative Versorgungs-
szenarios (die in einem vorhergehenden Schritt erarbeitet wurden) gemäß diesen Kriterien
bewertet. Schließlich werden in einem gemeinsamen Diskurs von Betroffenen und Ex-
pert(inn)en Risiken und Chancen sowie mögliche Bewertungskonflikte identifiziert. Das
Ergebnis ist ein Bild der gesellschaftlichen "Bewertungslandschaft" in bezug auf den Trans-
formationsprozeß, das bei der Entwicklung von Gestaltungsstrategien zur Orientierung
dienen kann.
Das Projekt nimmt im normativen Diskurs also die Rolle des Moderators ein.
Integration
Das Projekt nimmt gezielt die Wechselwirkungen zwischen den Sektoren Strom, Gas,
Wasser und Telekommunikation in den Blick. Quer zu den Sektoren werden im Transfor-
mationsprozeß auftretende Interaktionen zwischen den Handlungsfeldern Produktion,
Konsum und Regulierung von Versorgungsleistungen untersucht. Außerdem werden die
gesellschaftliche, technische und ökologische Dimension der Struktur von Versorgungs-
systemen im Zusammenhang betrachtet. Zur Problemstrukturierung erstellte die For-
schungsgruppe ein heuristisches Integrationskonzept [40]. In unterschiedlichen Projektpha-
sen dienen die drei genannten Kategorien (Sektoren, Handlungsfelder, Strukturdimensionen)
beispielsweise der Auswahl von Praxisakteuren oder der Identifikation von Vertiefungsberei-
chen. Die notwendige Reduzierung von Komplexität erfolgt anhand der Relevanzkriterien
beteiligter Akteure (beispielsweise Selektion von 30 Szenariofaktoren anhand der Krite-
rien "Unsicherheit" und "Impact"). Im Laufe des Prozesses werden Gestaltungsprobleme
sukzessive priorisiert und konkretisiert. Soziale Integration im Forschungsteam wird durch
die fortlaufende Entwicklung der Projektmethodik in einer Steuerungsgruppe sowie durch
die disziplin- und institutsübergreifende Teamzusammensetzung bei der Bearbeitung von
Teilproblemen gewährleistet.
Partizipation
Praxisakteure bringen in unterschiedlichen Projektschritten jeweils Erfahrungswissen oder
Bewertungen oder auch konkrete Unterstützung für Handlungsstrategien ein. Je nach
Funktion werden sie anhand der Kriterien Erfahrung, Betroffenheit oder Einfluß ausgewählt.
Die Handlungsfelder Produktion, Konsum und Regulierung sind dabei annähernd gleich-
gewichtig vertreten. Partizipation findet über verschiedene Verfahren statt: Workshops
zur Kommentierung von Forschungsdesign und Vorstudien, drei zweitägige Szenariowork-
shops, gemeinsame Formulierung von Bewertungskriterien, Diskurse über Nachhaltigkeit,
Fokusgruppen, Policy Workshops und interaktive Entwicklung von Umsetzungsstrategien.
Die inhaltlichen Ergebnisse des Projekts sind stark durch die Praxisakteure bestimmt.
Deren Auswahl und die Verfahren, in denen sie sich einbringen, haben damit kritische Be-
deutung. Durch die gleichberechtigte Einbindung verschiedener, auch schwach organi-
sierter Interessen sowie durch eine diskursorientierte Moderation und Verfahrensgestal-
tung können gesellschaftliche Machtungleichgewichte teilweise ausgeglichen werden.
Kasten 2
254_261_Noelting 09.11.2004 16:40 Uhr Seite 256
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