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Erprobung und Anwendung von Oberflächensensoren
und Sensorarrays zur Erfassung instationärer
Wandschubspannungen an Schaufelprofilen
Oliver Burkhardt
Von der Fakultät V
Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation
Berlin, März 2004
(D 83)
Erprobung und Anwendung von Oberflächensensoren
und Sensorarrays zur Erfassung instationärer
Wandschubspannungen an Schaufelprofilen
vorgelegt von
Oliver Burkhardt
Von der Fakultät V
Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. C. Paschereit
Gutachter: Prof. Dr.-Ing. W. Nitsche
Prof. Dr.-Ing. Dr. hc. C. Haberland
Dr.-Ing. F. Haselbach
Tag der wissenschaftlichen Aussprache:
19.12.2003
Berlin, 2004
(D 83)
Vorwort
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter
im Fachgebiet Aerodynamik am Institut für Luft- und Raumfahrt der Technischen Universität
Berlin im Rahmen mehrere nationaler und europäischer Forschungsvorhaben.
Mein ganz besonderer Dank gilt meinem Doktorvater und Leiter des Fachgebietes
Aerodynamik, Herrn Prof. Dr. Ing. W. Nitsche, der mir stets mit Rat und Tat zur Seite stand
und es mir hierdurch ermöglichte, die gestellten Aufgaben in den mir anvertrauten
Forschungsprojekten fachgerecht zum Erfolg zu führen. Dank dieser Hilfe ist es mir gelungen
die erzielten Ergebnisse zusammenzutragen und in der vorliegenden Arbeit auf Papier zu
bringen.
Bedanken möchte ich mich auch recht herzlich bei den Herren Prof. Dr.-Ing. Ch. Haberland
und Dr.-Ing. F. Haselbach für die Übernahme des Koreferats sowie ihrer Unterstützung bei
der Ausarbeitung einiger Details. Ebenso danke ich Herrn Prof. Dr.-Ing. C. Paschereit für die
Übernahme des Prüfungsvorsitzes im Prüfungsausschuss.
Mein Dank gilt auch allen Kollegen der Nitsche-Arbeitsgruppe, die mich während meiner Zeit
als wissenschaftlicher Mitarbeiter begleitet haben. Insbesondere danke ich meinem
langjährigen Zimmerkollegen Uyung und seiner reizenden Familie. Während unserer
gemeinsamen kollegialen Zeit haben wir eine Vielzahl von anregenden fachspezifischen und
privaten Gesprächen geführt und eine tiefe Freundschaft aufgebaut.
Für die große Hilfsbereitschaft danke ich auch „der guten Seele des ILR“ Reiner Thiel, den
Mitarbeitern der Institutswerkstatt sowie dem Team des E-Labors. Dank ihrer Hilfe konnte
ich die experimentellen Untersuchungen zum Erfolg führen.
Auch möchte ich mich bei denjenigen Studenten und „HiWi’s“ bedanken, die durch ihre
Studien- und Diplomarbeiten zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben. Sowohl ihre
Grundlagenuntersuchungen als auch ihre tatkräftige Unterstützung während der Prüfstand-
Messkampagnen bilden eine fundamentale Basis dieser Arbeit.
Zum Gelingen der experimentellen Untersuchungen haben auch H. Rohkamm und A.
Oehlmann beigetragen, die ihre Zeit und Prüfstände während der Messkampagnen zur
Verfügung stellten.
Bedanken möchte ich mich auch bei den industriellen Projektpartnern, die mir durch ihre
Interessenschwerpunkte eine Basis für meine Forschungsschwerpunkte boten.
Auch meiner Familie danke ich für ihre Hilfe, da diese Arbeit sicherlich nicht ohne ihre
Unterstützung zustande gekommen wäre. Ganz besonderes dankbar bin ich meiner
Großmutter, die mich durch die Jahre meines Studiums und der Zeit als WM begleitete und
mir hierdurch den notwendigen Rückhalt gab.
Selbstverständlich möchte ich mich an dieser Stelle auch von ganzem Herzen bei meiner
Freundin bedanken, die mein Privatleben in den letzten Jahre ganz schön kräftig
durcheinander würfelte, Grazie Tesoro!
Oliver Burkhardt Berlin, Februar 2004
Inhaltsverzeichnis
I) NOMENKLATUR
II) ÜBERSICHT
1 EINLEITUNG 1
2 STAND DER FORSCHUNG 3
2.1 Sensorik zur Erfassung von Wandschubspannungen 3
2.1.1 Oberflächenheißfilm 3
2.1.2 Oberflächenhitzdraht 9
2.1.3 MEMS-Oberflächensensoren 12
2.1.4 Beschichtung von Oberflächensensoren 15
2.2 Transitionsmechanismen in Turbomaschinen 16
2.3 Ziele der vorliegenden Arbeit 23
3 VERSUCHSANLAGEN, MESSSYSTEME UND SIGNALVERARBEITUNG 24
3.1 Versuchsanlagen 24
3.1.1 Axialventilator des Profilwindkanals (ILR) 24
3.1.2 Niedergeschwindigkeits-Verdichterprüfstand (PFI) 25
3.1.3 Niedermachzahl-Turbinenprüfstand (ILA) 27
3.1.4 Transsonik-Windkanal (ILR) 28
3.2 Messsysteme 29
3.2.1 Mehrkanal Konstant-Temperatur Anemometer (M-CTA) 29
3.2.2 Mehrkanal Datenerfassungssystem (MEDES) 30
3.3 Signalverarbeitung 32
3.3.1 Statistische Größen 32
3.3.2 Fourier-Analyse 34
3.3.3 Korrelation 35
4 EXPERIMENTELLE VORUNTERSUCHUNGEN 36
4.1 Oberflächenheißfilm 36
4.2 Oberflächenhitzdraht 40
4.3 MEMS-Oberflächenheißfilm 42
4.4 Vergleich der Oberflächensensoren 45
4.5 Voruntersuchungen am Axialventilator 46
4.6 Wertung der Voruntersuchungen 49
5 EXPERIMENTELLE HAUPTUNTERSUCHUNGEN 51
5.1 Ergebnisse am Niedergeschwindigkeits-Verdichterprüfstand (LSRC) 51
5.1.1 Untersuchungen an einem Stator 52
- Einflüsse auf die saugseitige Transitionslage 52
- Anwendung eine Oberflächenhitzdrahtarrays 54
- Grenzschichtentwicklung bei m
=6.4 kg/s (ηmax) 56
5.1.2 Untersuchungen an einem Rotor 60
- Einflüsse auf die saugseitige Transitionslage 60
- Grenzschichtentwicklung bei m
=6.4 kg/s (ηmax) 62
- Grenzschichtentwicklung bei m
=6.0 kg/s 67
- Grenzschichtentwicklung bei m
=5.85 kg/s 71
5.2 Ergebnisse am Niedermachzahl-Turbinenprüfstand (LSTR, NGV-2) 74
5.2.1 Erfassung von Kühllufteinfluss 75
- Saugseite 75
- Druckseite 76
5.2.2 Erfassung von Sperrlufteinfluss R16 80
- Saugseite 80
- Druckseite 81
5.2.3 Erfassung von Sperrlufteinfluss R19 82
- Saugseite 82
- Druckseite 83
5.3 Wertung der Hauptuntersuchungen 84
6 ZUSAMMENFASSUNG 86
LITERATUR
Nomenklatur Lateinische Buchstaben
n B, A, [-] Kalibrationskonstanten
b [m] Spannweite
s
b [m] Breite eines Sensors
c [m] Sehnenlänge
f
c [-] Reibungsbeiwert
P
c [J/kgK] Spezifische Wärmekapazität bei konstantem Druck
d [m] Durchmesser
E
[V] Spannung (output voltage)
E
[V] Gleichspannungsanteil der Ausgangsspannung
e [V] Fluktuationsanteil der Ausgangsspannung
F [m²] Fläche
I [A] Elektrischer Strom
K [m²/s] Beschleunigungsparamter
l [m] Lauflänge eines Profils, Länge eines Sensors
Leff [m] Effektive Sensorlänge
P [-] Punkt im Rechenraum (x,z,t)
R [] Ohmscher Widerstand
f [Hz] Frequenz
fc [Hz] Grenzfrequenz
m
[kg/s] Massenstrom
n [min-1] Drehzahl
p [N/m2] Statischer Druck
E
Q
[W] Ohmsche Wärme, elektrische Wärme
L
Q
[W] Leitungswärme
K
Q
[W] Konvektive Wärme
W
Q
[W] Wärmestrom
t [s] Zeit
T [K] Temperatur
Tu [%] Turbulenzgrad
u [m/s] Strömungsgeschwindigkeit
u
τ
[m/s] Wandschubspannungsgeschwindigkeit
x,y,z [m] Ortskoordinaten (Lauflänge, Wandabstand, Spannweitige Koordinate)
u+ [-] Dimensionslose Geschwindigkeit
y+ [-] Dimensionsloser Wandabstand
Griechische Buchstaben
α
[1/K] Widerstandstemperaturkoeffizient
δ
[m] Grenzschichtdicke
δ
T [m] Dicke der Temperaturgrenzschicht
δ
S [m] Dicke der viskosen Unterschicht
w
τ
[N/m2] Wandschubspannung
w
τ
[N/m2] Mittelwertanteil der Wandschubspannung
w
τ
[N/m2] Fluktuationsanteil der Wandschubspannung
ρ
[kg/m³] Dichte eines Fluids
λ
[m] Wellenlänge
λ
[W/mK] Wärmeleitfähigkeit
µ
[kg/ms] dynamische Viskosität
ν
[m2/s] kinematische Viskosität
γ
[-] Intermittenzfaktor
Kennzahlen
Re Reynolds-Zahl
Reuτ Schubspannungs-Reynolds-Zahl
Ma Mach-Zahl
Nu Nusselt-Zahl
Pr Molekulare Prandtl-Zahl
St Stanton-Zahl
Abkürzungen
AC Wechselspannungsanteile
CTA Konstant-Temperatur Anemometer / Anemometrie
DC Gleichspannungsanteile
HP Hochpass Filter
LP Tiefpass Filter
M-CTA Mehrkanal Konstant-Temperatur Anemometer
MEDES Messdatenerfassungssystem
MEMS Mikro-Elektro-Mechanisches System
OHD Oberflächenhitzdraht
OHF Oberflächenheißfilm, Dünnfilm
OHR Überhitzungsverhältnis (Overheat ratio)
SNR Signal/Rausch-Verhältnis
Übersicht
Die vorliegende Arbeit beschreibt die Erprobung und Anwendung von Oberflächensensoren
und Sensorarrays zur Erfassung instationärer Wandschubspannungen an Schaufelprofilen.
Experimentelle Voruntersuchungen von thermoresistiven Sensoren unterschiedlicher
Bauweisen dienen dabei der Charakterisierung statischer und dynamischer Eigenschaften. Im
Rahmen der Experimente wird neben konventionellen Oberflächenheißfilmen auch mikro-
technisch gefertigte MEMS-Heißfilme und Oberflächenhitzdrähte betrachtet.
Neben Untersuchungen zur Kalibration, Sensitivität und Grenzfrequenz der Sensoren werden
auch Versuche zur Erhöhung der mechanischen Robustheit von Oberflächenheißfilmen und
der Erfassung des Thermalhaushaltes von Oberflächenhitzdrähten durchgeführt. Die
mechanische Robustheit von Heißfilmen lässt sich beispielsweise durch eine dünne
Oberflächenbeschichtung erhöhen. Dies wirkt sich jedoch dämpfend auf die dynamischen
Eigenschaften des beschichteten Sensors aus. MEMS-Oberflächenheißfilme und Senflex-
Heißfilme werden daher hinsichtlich des Einflusses solcher Schutzschichten auf das
Signal/Rausch-Verhältnis und der Grenzfrequenz erprobt. Die Ergebnisse zeigen, dass eine
Erhöhung der Materialschutzschichtdicke zu einer Reduktion der Grenzfrequenz und der
Sensitivität führt. Die Erfassung des Thermalhaushaltes von Oberflächenhitzdrähten sowie
der gegenseitigen thermischen Beeinflussung dieser Sensoren in einem Array waren ebenfalls
von Interesse. Es zeigt sich, dass die thermische Entkopplung von Sensor und Struktur bei
einem Hitzdraht im Vergleich zur wandbündigen Sensoranordnung eines Heißfilms zu einer
deutlich erhöhten Sensor-Sensitivität führt.
Einen weiteren zentralen Aspekt dieser Arbeit stellt die Anwendung von Oberflächensensoren
zur Erfassung instationärer Wandschubspannungsverteilungen dar. Untersuchungen an
Turbomaschinenschaufeln in Profilprüfständen bilden hierbei ein geeignetes Anwendungs-
beispiel, da sie die Beobachtung grundlegender Mechanismen der Grenzschichttransition an
Schaufelprofilen unterschiedlicher 2- & 3D-gekrümmter Geometrien ermöglichen. Bedingt
durch sehr dünne Schaufelgrenzschichten ist eine sehr sorgfältige Applizierung der Sensoren
entscheidend für die Qualität der Messergebnisse. Neben konventionellen Oberflächen-
heißfilmen werden auch Oberflächenhitzdrähte als Kaptonfolien-Arrays zur Anwendung
gebracht. Eine Erweiterung des Anwendungspotentials bilden auch Untersuchungen an einer
rotierenden Verdichterschaufel. Die Nutzung eines miniaturisierten Mehrkanal-CT-
Anemometers sowie einer Telemetrieeinheit zur verbindungslosen Datenübertragung
ermöglicht dabei die kontinuierliche simultane Datenerfassung von Strömungsinformationen
an der Schaufel. Die erfassten Informationen zeigen die Auswirkungen einer periodisch-
instationären Zuströmungen auf die Mechanismen der Grenzschichttransition an Verdichter-
und Turbinenschaufeln.
Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zeigen insbesondere auf dem Gebiet der Schaufel-
aerodynamik neue Einsatzbereiche thermoresistiver Oberflächensensoren unterschiedlicher
Bauweisen auf. Die Nutzung von Sensorarrays an Verdichter- und Turbinenschaufeln erlaubt
dabei exemplarisch die instationäre Erfassung von Wandschubspannungen und grundlegender
Mechanismen der Grenzschichttransition.
11. Einleitun
g
1. Einleitung
Die zentrale Aufgabe der experimentellen Aerodynamik ist die Erfassung aller strömungs-
relevanten Parameter mit Hilfe von Einzelsensoren, Sensorarrays oder auch flächigen
Feldmessverfahren. Die hierbei gewonnenen Daten liefern sowohl detaillierte Erkenntnisse
über die jeweils vorliegenden Strömungsphänomene als auch wichtige Informationen zur
Überprüfung numerischer Rechenverfahren. Zu den besonders aussagekräftigen Mess-
parametern zählen unter anderem auch die mit Hilfe von Wand- bzw. Oberflächensensoren
gewonnenen Daten, mit denen sich insbesondere auch Grenzschichtzustände sehr gut
darstellen lassen.
Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht die Erprobung und Anwendung thermoresistiver
Oberflächensensoren und Sensorarrays, die eine stationäre sowie auch instationäre Erfassung
von Wandschubspannungen ermöglichen. Im Rahmen der Arbeit werden neben
konventionellen Oberflächenheißfilmen erstmals auch mikrotechnisch gefertigte Heißfilme
(sog. Mikro-Elektro-Mechanischen Systeme, MEMS) sowie Oberflächenhitzdrähte benutzt
und in Windkanalversuchen hinsichtlich ihrer statischen und dynamischen Vor- und Nachteile
erprobt. Die wandbündig angeordneten Hitzdrähte zeichnen sich durch eine besonders
günstige thermodynamische Anordnung des Sensorelementes aus und erlauben daher eine
deutlich verbesserte dynamische Signalauflösung gegenüber klassischen Heißfilmen. Mit
einer dünnen Polyimide-Folie (Kapton-Folie) als Substrat lassen sich zudem flexible
Sensorarrays herstellen und erstmals auch dreidimensional gekrümmte Konturen
instrumentieren. Neben den statischen und dynamischen Eigenschaften von Oberflächen-
sensoren ist in Hinblick auf mögliche industrielle Anwendungen an Flugzeugen auch die
mechanische Robustheit dieser Sensoren von großem Interesse. Im Rahmen der Arbeit
werden daher auch Untersuchungen zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit von
Oberflächenheißfilmen durchgeführt. Diese lässt sich beispielsweise durch eine dünne
Beschichtung der Sensoroberfläche erhöhen, was sich allerdings negativ auf die Dynamik des
Heißfilms auswirkt. Konventionelle Senflex-Oberflächenheißfilme und MEMS-Heißfilme
werden daher hinsichtlich des Einflusses solcher Beschichtungen auf das Signal/Rausch-
Verhältnis und der Grenzfrequenz erprobt. Betrachtet werden hierbei die Auswirkungen
unterschiedlicher Materialien und Schichtdicken.
Ein weiterer zentraler Aspekt der vorliegenden Arbeit ist die Anwendung von
Oberflächenarrays zu Erfassung instationärer und transitionaler Wandschubspannungs-
verteilungen. Ein typisches Anwendungsbeispiel hierzu sind Untersuchungen zur Erfassung
von periodisch-instationären Grenzschichtcharakteristiken an Schaufelprofilen. Insbesondere
auf diesem Gebiet der experimentellen Profilaerodynamik besteht heute ein wachsender
Bedarf an zeitlich und flächig hochauflösenden Sensoren, da die Effizienz moderner
Turbomaschinen entscheidend über den aerodynamischen Wirkungsgrad der Schaufeln
definiert wird. Schaufel- und Stufenanzahl sind hierbei maßgebliche Parameter die auch
entscheidend zum Gewicht eines Triebwerkes beitragen. Da sich eine Gewichtsreduktion
direkt auf den Treibstoffverbrauch auswirkt, wird bei der Auslegung moderner Verdichter und
Turbinen eine reduzierte Anzahl von Schaufeln und Gitterstufen angestrebt. Bei bestehenden
Turbomaschinenkomponenten hingegen führt eine Verringerung der Schaufelzahl zu einer
Abnahme des Wirkungsgrads, sofern keine problemorientierte aerodynamische
Nachoptimierung der Schaufelprofile erfolgt. Die aerodynamische Auslegung von Schaufel-
2 1. Einleitung
profilen erfolgt heute überwiegend durch numerische Berechnungen. Um jedoch die
Genauigkeit der Rechenverfahren und mögliche Schwächen in den Algorithmen zu
überprüfen, muss auf experimentelle Daten zurückgegriffen werden, die an speziellen
Profilprüfständen gewonnen werden. Deren Erfassung stellt sehr hohe Anforderungen an die
Strömungsmesstechnik, da sich an Turbomaschinenschaufeln sehr dünne und durch
hochfrequente, periodisch-instationäre Einflüsse geprägte Grenzschichten ausbilden.
Nachlaufinduzierte sowie beruhigte Grenzschichtbereiche, die in einem schnellen temporären
Wechsel auftreten, können dabei auch unterschiedliche Transitionsmechanismen hervorrufen.
Um derartige Effekte experimentell erfassen zu können, sind zeitlich und flächig
hochauflösende Messungen der Wandschubspannungsverteilung erforderlich. Resultierend
aus diesen physikalischen Randbedingungen müssen Sensoren Anwendung finden, die eine
oberflächenbündige Instrumentierung als Array erlauben, und eine hohe dynamische
Signalauflösung gewährleisten. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden daher
Oberflächenheißfilme und -hitzdrähte zur Bestimmung der Position des Transitionsgebietes
sowie der Analyse grundlegender Mechanismen der Grenzschichttransition benutzt.
Die primäre Aufgabenstellung der vorliegenden Arbeit besteht somit in der Erprobung und
Anwendung von Oberflächensensoren und Sensorarrays zur Erfassung instationärer
Wandschubspannungen. Hierdurch soll zugleich das Anwendungspotential der Sensor-
techniken verdeutlicht werden. Die aus den Messdaten gewonnene Visualisierung soll zudem
helfen die grundlegenden Grenzschichtmechanismen sowie der Position des Transitions-
gebietes an verschiedenen Schaufelprofilen zu beschreiben. Insgesamt können die Ergebnisse
damit auch zur Überprüfung bestehender bzw. der Entwicklung neuer numerischer
Rechenmodelle beitragen.
3
2. Stand der Forschung
2. Stand der Forschung
Ein wichtiges Werkzeug in der experimentellen Aerodynamik zur Erfassung stationärer und
instationärer Grenzschichten in Windkanal- und Freiflugversuchen sind flächige Messungen
mit einer großen Sensoranzahl. Sie ermöglichen die hohe zeitliche und flächige Auflösung
strömungsphysikalischer Mechanismen, wie z. B. der Transitionslage, der Stoßlage oder des
Ablöse- und Wiederanlegepunktes an Profilen. Zu den klassischen Sensoren zählen hierbei
konventionelle Oberflächenheißfilme, während Piezofoliensensoren (PVDF, Polyvinyliden-
fluorid), Oberflächenhitzdrähte und MEMS-Oberflächenheißfilme sowie aus diesen Sensoren
gebildete Arrays dagegen erst in jüngster Zeit erprobt werden.
In diesem Kapitel werden die wesentlichen Aspekte der Wandschubspannungserfassung
sowie die grundlegenden Mechanismen der Grenzschichttransition erläutert. Das Kapitel ist
hierzu in drei Abschnitte unterteilt: In Kapitel 2.1 erfolgt zunächst ein Überblick über
thermoresistive Sensoren zur Erfassung instationärer Wandschubspannungen. Betrachtet
werden konventionelle und mikrotechnisch gefertigte Oberflächenheißfilme sowie
Oberflächenhitzdrähte. Ergänzend wird auf Untersuchungen zur Erhöhung der mechanischen
Robustheit von Oberflächenheißfilmen mit Hilfe von Beschichtungen eingegangen. In
Kapitel 2.2 werden dann die grundlegenden Mechanismen der Grenzschichttransition in
Turbomaschinen erläutert. Sie bilden die theoretische Grundlage der im Rahmen der Arbeit
exemplarisch betrachteten Messwertanalysen an Schaufelprofilen zur Erfassung periodisch-
instationärerer Wandschubspannungsverteilung. Die sich daraus ergebende Zielsetzung wird
schließlich in Kapitel 2.3 gegeben.
2.1 Sensorik zur Erfassung von Wandschubspannungen
2.1.1 Oberflächenheißfilm
Die in dieser Arbeit vorwiegend benutzte Oberflächenheißfilmtechnik wird seit mehreren
Jahren u. a. zur Untersuchung von Mechanismen der Grenzschichttransition verwendet.
Aufgrund des intermittierenden Charakters einer Grenzschicht im Transitionsgebiet weist die
Wandschubspannung große Amplitudenfluktuationen auf. Eine geeignete Methode zur
Erfassung von transitionalen Strömungen ist daher die Heißfilmmesstechnik, ein thermisches
Messverfahren zur Erfassung von Wandschubspannungen hoher Dynamik.
Erste experimentelle Untersuchungen mit beheizten Folienelementen realisierten
FAGE UND FALKNER [1931] bereits Anfang der dreißiger Jahre in laminaren Strömungen.
Erste Kalibrationsversuche zur Wandschubspannungserfassung in turbulenten Strömungen
führte LUDWIEG [1949] mit beheizten Wandelementen durch. Hierbei konnte ein eindeutiger
Zusammenhang zwischen der lokalen Wandschubspannung und der Wärmeabgabe des
Wandelementes ermittelt werden, wobei der Wärmeübergang proportional zur Kubikwurzel
der lokalen Wandschubspannung ist. Im Rahmen der Untersuchungen stellt Ludwieg zudem
fest, dass bestimmte konstruktive Abmessungen eingehalten werden müssen um die
Gültigkeit der Korrelationsfunktion zu gewährleisten. Die Wärmeabgabe in die Struktur
wurde bei den gemachten Betrachtungen allerdings vernachlässigt. Da jedoch auch indirekt
ein Teil dieser Wärmemenge vom Material konvektiv an das Fluid abgegeben wird, wurde
von LIEPMANN UND SKINNER [1954] eine Modifikation des Kalibrationsansatzes
vorgenommen, wobei eine effektive Filmlänge Leff für die hypothetische Länge des Heißfilms
42. Stand der Forschung
auf einem perfekten Isolator definierten wurde, die in der Bilanzgleichung berücksichtigt
wird: Ausgangspunkt der Kalibration ist eine ebene, thermisch isolierte Platte der Temperatur
Tw=Tf im Bereich x=0 bis x=
ξ
. Am Punkt x=
ξ
erhöht sich die Wandtemperatur auf Tw=Tf+T
und bleibt bis zur Wandkoordinate x=
ξ
+Leff konstant. Eine schematische Darstellung des
Heißfilms und die zu berücksichtigende effektive Filmlänge ist Abbildung 2-1 zu entnehmen.
ls
QK
QL
Tw=TF
Leff, max
δ
s
ξ
x=
y
x
δ
T
Leff
T
w
=T
+T
.
.
Abbildung 2-1: Schematische Darstellung eines Heißfilms für die Wärmebilanz nach
Liepmann und Skinner (HASELBACH [1997])
Mittels vereinfachender Annahmen und Vernachlässigungen ergibt sich der Wärmestrom W
Q
nach Liepmann und Skinner aus einer Integration der konvektiven Wärmeabgabe über die
nge Leff zu:
+
eff
L3
1
w
3
1
p
wdx
x
c
T~Q
ξ
ξ
ξ
τ
λµ
ρ
λ
. (1)
Unter der Annahme, dass sich über die geringe Länge Leff <<
ξ
die Wandschubspannung W
τ
nur geringfügig ändert, vereinfacht sich Gleichung 1 zu:
3
1
w
3
1
2
eff
p
wL
c
~
T
Q
τ
λµ
ρ
λ
. (2)
Die Herleitung dieser Wärmebilanz erfolgte unter Berücksichtigung vereinfachender
Annahmen, die hier kurz zusammenfassend wiedergegeben werden sollen: Zunächst wird für
die Gültigkeit von Gl. 2 vorausgesetzt, dass die Temperaturgrenzschicht (
δ
T) in der zähen
Unterschicht liegen (
δ
T<
δ
s). Nur dann kann von einem linearen Geschwindigkeitsprofils in
unmittelbarer Wandnähe (u+=y+) ausgegangen werden und die Wärmebilanz für laminare und
turbulente Strömungen verwendet werden. Des Weiteren erfolgte die Herleitung für eine
ebene Platte ohne Druckgradienten dp/dx=0. Eine Einschränkung stellt auch die
Vernachlässigung der Wärmeleitfähigkeit des Fluids in Strömungsrichtung (λf,x=0) dar. Diese
Annahme ist nur unter der Voraussetzung zulässig, dass die Temperaturgrenzschichtdicke
sehr viel kleiner als die effektive Filmlänge ist (
δ
T<<Leff), siehe HASELBACH [1997].
In der Vergangenheit wurden verschiedene weitere Wärmeübergangsbeziehungen für
Heißfilme hergeleitet. Zu diesen zählen unter anderem die Beziehung von
5
2. Stand der Forschung
BELLHOUSE UND SCHULTZ [1968], die speziell für Tragflügelprofile einen Druckgradienten
berücksichtigt:
Nu
Pr
dx
dp
2
bL
RePrANu 2
eff
2
u
3
ρν
τ
= . (3)
Eine weitere Wärmebilanz wurde in den achtziger Jahren von Nitsche und Haberland
aufgestellt. Hier wird integrale Wärmebilanz des Heißfilms unter Verwendung einer
geeigneten Wärmeübergangsbeziehung auf der Strömungsseite betrachtet. Die resultierende
Gleichung ergibt sich zu (HASELBACH [1997]):
)ln(ReBA
Q
Q8.0
u
K
L
τ
+=
, (4)
wobei die Kalibrationskonstanten A und B empirisch zu bestimmen sind.
Schließlich ist noch die Herleitung der Wärmebilanzierung mit Scherschichtmodell nach
HASELBACH [1997] zu nennen, deren Ausgangspunkt die bereits vorgestellte Bilanzierung
von Liepmann und Skinner darstellt. Die sich ergebende Beziehung wurde dabei in Hinblick
auf eine praktische Anwendung für eine Sensorkalibration so aufgestellt, dass der formulierte
Zusammenhang nur noch aus geometrischen und messbaren Größen besteht:
1l
b
1
Pr807.0
T
Q
Q
Q3
2
3
1s
s
f
E
K
L
=
+
λ
. (5)
In der experimentellen Strömungsmesstechnik werden Oberflächenheißfilme zumeist nach
dem in Gleichung (6) gegebenen Zusammenhang kalibriert:
n
w00
2BA
T
I
R
E
τ
+= bzw. n
w
BAE τ+=
2. (6)
Hierbei müssen die spezifischen Konstanten A und B sowie der Exponent n analog zum
King’schen Gesetz empirisch ermittelt werden.
Einen sehr umfassenden Überblick über die Erprobung und Anwendung von Oberflächen-
heißfilmen wird Anfang der neunziger Jahre von FREYMUTH [1992] gegeben. Versuche zur
Erfassung charakteristischer Strömungsphänomene mit Heißfilmen erfolgten u. a. durch
JOHNSON UND CARRAWAY [1989] für Machzahlen über Ma=1.5 und COUSTEIX ET AL. [1991]
am Onera-Windkanal, sowie von KORNBERGER [1992] zur Transitionsdetektion in
Windkanal- und Freiflugversuchen. Untersuchungen, speziell von Stoß-Grenzschicht-
Wechselwirkungen, mit Oberflächenheißfilmarrays führten OWEN [1980] und
SWOBODA [1993] unter ambienten Bedingungen durch. BOSE [2002] zeigte im Rahmen ihrer
Arbeit vergleichende Messergebnisse verschiedener Wandschubspannungsmesstechniken in
transsonischen Strömungen. Zu den genutzten Messverfahren zählte auch die Oberflächen-
62. Stand der Forschung
heißfilmtechnik, die in Strömungen mit Druckgradienten sowie auch über Verdichtungsstöße
eingesetzt wurde.
Einen allgemeinen Überblick über aerodynamische Anwendungsgebiete von Heißfilmen und
Arrays geben auch KREPLIN & HÖHLER [1992] in ihren Veröffentlichungen. Hierzu zählen
unter anderem transsonische Profilumströmungen, Wellenausbreitungen in dreidimensionalen
Grenzschichten, Messungen an Hochauftriebskonfigurationen, wie z. B. dem Vorflügel eines
Airbusmodells im DNW sowie Freiflug- und Windkanaluntersuchungen an einem ATTAS-
Laminarhandschuh. Sie weisen auch darauf hin, dass eine messbare Störeinwirkung durch die
Oberflächenrauhigkeit der Sensorstrukturen generiert wird. Basierend auf diesen
Erkenntnissen strebten GRAICHEN ET AL. [1995] eine Oberflächenoptimierung von Heißfilm-
sensoren an, wobei die Reduktion der mittleren Oberflächenrauhigkeit der Sensorzuleitung im
Mittelpunkt stand. Mit Hilfe eines speziellen Ätzverfahrens wurde die Trägerfolie
(Kaptonfolie, d=50 µm) hierfür strukturiert angeätzt und die Zuleitungen anschließend
versenkt aufgebracht. Das Verfahren erlaubt die Erstellung nahezu beliebig strukturierter
Sensorarrays mit einer hohen Reproduzierbarkeit der Messergebnisse bei einer relativ
geringen Sensorausfallrate.
Während die Ergebnisse der bisher genannten Arbeiten auf einer qualitativen bzw. semi-
quantitativen Datenerfassung basieren, interessieren in zunehmendem Maße auch quantitative
Ergebnisse, wie die Wandschubspannungsverteilung an aerodynamischen Objekten.
HASELBACH ET AL. [1996] befassten sich daher mit der Kalibration von Einzelsensoren in
einem Oberflächenheißfilmarray. Den Schwerpunkte dieser Arbeit bildeten die Erfassung von
Wärmeverlusten in die Trägerstruktur sowie thermische Interaktionen direkt benachbarter
Sensoren. Die Untersuchungen waren dementsprechend auf den Thermalhaushalt und die
Kalibration von Sensoren im Array fokussiert. Hierbei konnten Einflussparameter, wie dem
Substratmaterial, aber auch dem Abstand und der Anzahl der aktiven Sensoren, auf die
Sensorkalibration ermittelt werden. Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse quantifizierte
HASELBACH [1997] einen relativen Wandschubspannungsfehler und führte eine
dimensionslose Heißfilmlänge ein, welche die Angabe einer standardisierten Kalibrations-
vorschrift und die Kompensation von Interferenzeinflüssen ermöglichen sollte. Vergleichbare
Untersuchungen zu dieser Problematik wurden für kryogene Strömungsbedingungen von
GARTENBERG ET AL. [1995] durchgeführt.
Jedoch nicht nur die von Haselbach beschriebenen thermischen Interferenzen erschweren eine
quantitative Datenerfassung mit einem Oberflächenheißfilmarray, auch die praktische
Umsetzung einer Arraykalibration ist zumeist sehr schwierig und wird zudem durch das
Fehlen geeigneter Referenzverfahren erschwert. DESGEORGES ET AL. [2002] und
ROTH [2003] stellten in ihren Arbeiten Mechanismen vor, die zur „in-situ“- Kalibration von
Oberflächensensorarrays benutzt werden konnte. So verwendete Desgeorges eine
Wandhitzdrahtsonde zur Messung von Grenzschichtprofilen an einer Zylinderoberfläche, über
deren Gradienten (du/dy) die lokale Wandschubspannung bestimmte wurde. Da diese
Referenzhitzdrahtsonde örtlich fixiert in den Strömungskörper (Zylinder) integriert war,
musste für die Kalibration der 251 Oberflächenheißfilme eine schrittweise Winkelanpassung
vorgenommen werden. Dies erfolgte durch Drehung der instrumentierten Zylinderhälfte,
während die Referenzsonde unter einem festen Anströmungswinkel von 60° positioniert
blieb. Aufgrund einer beschränkten Anzahl von 15 Anemometerbrücken wurden die Sensoren
jeweils gruppenweise simultan betrieben. Roth hingegen nutzte zur Erfassung eines künstlich
7
2. Stand der Forschung
erzeugten drei-dimensionalen Transitionsgebietes an einem Flughandschuh ein kalibriertes
Heißfilmarray mit 32-Sensoren. Die erforderliche Kalibration erfolgte dabei über einen von
ERB ET AL. [1998] erstmals vorgestellten Mechanismus: Basierend auf einen in
Normalenrichtung auftreffenden Prallstrahl, wird hierbei ein traversierbares Gebläse auf die
Arraymessfläche aufgebracht. Der Mechanismus wurde dabei basierend auf der
Vorüberlegung entwickelt, dass eine Einzelsensorkalibration an einem Array nicht über eine
tangentiale Anströmung realisiert werden kann. Der von HASELBACH [1997] identifizierte
Einfluss der thermischen Interferenz direkt benachbarter Sensoren durch die thermische
Nachlauffahne wird bei diesem Mechanismus allerdings nur bedingt berücksichtigt.
Zur Bestimmung der Transitionslage an einem Laminarflügelhandschuh einer Grob G103
Twin II verwendeten PELTZER ET AL. [2000] spannweitig angeordnete Oberflächenhitzdrähte,
die über ein Multikanal-Anemometer simultan betrieben wurden. Die wandbündig
applizierten Oberflächensensoren dienten der Erfassung von natürlichen zweidimensionalen
Tollmien-Schlichting Welleninstabilitäten. Weitere Arbeiten, die sich mit der Anwendung
von Oberflächensensorarrays zur Detektion der Transitionslage und der Untersuchung
instationärer Mechanismen, wie der Anfachung und Ausbreitung von Instabilitäten befassen,
stammen von KORNBERGER [1992] und SEITZ [1997]. Gegenüber Peltzer setzten diese
Autoren jedoch klassische Oberflächenheißfilme ein. Seitz griff hierbei auf ein
konventionelles Sensorarray zur quantitativen Erfassung charakteristischer Parameter, wie der
Frequenz und der Wellenlänge von TS-Wellen zurück. Kornberger hingegen nutzte ein Array
mit 96 Sensoren, das in Eigenproduktion über verschiedene Bedampfungstechniken an der
Universität Aachen hergestellt wurde. Der Betrieb der Sensoren erfolgte simultan und im
Konstant-Strom Modus. Vergleichbar mit klassischen Senflex-Heißfilmen bestehen auch
diese Sensoren aus einem Nickelsensorelement mit einer Materialstärke von h=0.25 µm, 2 µm
hohen Kupferleiterbahnen und einer 50 µm dünnen Polyamid-Trägerfolie.
Einen allgemeinen Überblick über anwendbare Messverfahren zur Erfassung instationärer
Mechanismen der Grenzschichttransition in Turbomaschinen gibt eine Arbeit von
SIEVERDING ET AL. [2000]. In dieser wird u. a. auch der Einsatz von Oberflächen-
heißfilmarrays diskutiert und ein kurzer Überblick über den Sensoraufbau und die empirische
Kalibration gegeben. PUCHER ET AL. [1986], ebenso wie LEE ET AL. [1997], führten zur
Erprobung von Heißfilmen an Turbomaschinenkomponenten Voruntersuchungen an NACA-
Profilen durch. Zur Instrumentierung griff Pucher dabei auf MTU-Oberflächenheißfilme
zurück. Die Sensoren wurden durch ein 0.3 µm dünnes Nickelsensorelement, Kupfer-
zuleitungen und eine Polyimide-Folie (Kaptonfolie) gebildet. Der Abstand zwischen den
16 Einzelsensoren betrug l=2.5 mm. Die Untersuchungen sollten Aufschluss über die
Funktionalität und Dateninterpretierbarkeit der Sensormesstechnik geben. Hierzu zeichnete
Pucher sowohl die Mittelwertanteile als auch die Fluktuationssignale auf, um die
Grenzschichttransition sowie Position und Größe einer laminaren Ablöseblase zu detektieren.
Die Datenerfassung erfolgte sequentiell über einen Mehrkanal-Rotationsumschalter.
Oszillierende Phänomene, wie die veränderliche Lage des Ablösepunktes und der
Grenzschicht-Wiederanlegung, konnten mit diesem Messaufbau nicht erfasst werden.
Ähnliche Versuche führte Lee ein Jahrzehnt später mit einem aus 140 Sensoren bestehenden
Heißfilmsensorarray durch. Die Sensoren wurden dabei in Blöcken zu jeweils 14 Sensoren
82. Stand der Forschung
simultan betrieben. Durch Variation des NACA-0012 Profilanstellwinkels konnte Lee die
Wanderung des Transitionsgebietes und der Grenzschichtablösung analysieren.
Arbeiten von SCHRÖDER [1991] sowie von SCHULTE UND HODSON [1998],
SWOBODA ET AL. [1998], BRUNNER ET AL. [1998] und TEUSCH ET AL. [2000] als auch von
WALKER UND HUGHES [1999, 2001] befassen sich mit qualitativen bzw. semi-quantitativen
Untersuchungen zur periodisch-instationären Entwicklung einer Grenzschichttransition an
Turbinen- bzw. Verdichterschaufeln mittels Heißfilmen. So betrachtete Schröder
Interaktionen zwischen stehenden und rotierenden Schaufelreihen in einer 5-stufigen
Niederdruckturbine. Das Ziel dieser Untersuchungen bestand in der Erfassung laminarer
Ablösegebiete und der Position der Transitionsgebiete auf den Statorschaufeln aller fünf
Gitterstufen. Zur Datenerfassung wurden Oberflächenheißfilmarrays und Heißfilmsonden
benutzt. Die Betrachtung von Zeitschrieben, Leistungsdichtespektren und Weg-Zeit-
Diagrammen der Quasi-Wandschubspannung sowie der RMS- und Schiefeverteilung,
ermöglichte hierbei die ansatzweise Erläuterung der Mechanismen von Transition und
laminarer Grenzschichtablösung. Schröder weist in seiner Arbeit auch darauf hin, dass sich
diese Informationen bereits aus der Betrachtung der Fluktuationssignalanteile ergeben,
während der Mittelwertanteil vernachlässigt werden kann. Aufgrund dieser Datenreduktion ist
jedoch die Detektion der Transitionslage über einer laminaren Ablöseblase schwierig, da sie
direkt über dem Rezirkulationsgebiet stattfindet, während sich dem wandnahen Bereich ein
stationäres Verhalten aufprägt, das wiederum von den Sensoren erfasst wird. Auch
KORNBERGER [1992] weist darauf hin, dass eine Sensorkalibration zur quantitativen
Schubspannungsmessung speziell für die Erfassung der Transitionslage nicht erforderlich ist.
Swoboda, Brunner und Teusch führten ihre Untersuchungen an einer V110-Verdichter-
statorenschaufelreihe in einem Hochgeschwindigkeits-Kaskadenwindkanal durch. In ihrem
Versuchsaufbau wurden periodisch auftretende Instabilitäten (Nachlaufdellen) über bewegte
dünne Stäbe im Vorlauf der instrumentierten Verdichterschaufelreihe generiert. Die Stäbe
wurden hierzu mit einer Relativgeschwindigkeit von maximal u=40 m/s traversiert. Die
resultierenden Interaktionen zwischen den generierten Nachlaufdellen und der
Schaufelgrenzschicht wurden über ein Oberflächenheißfilmarray erfasst. Das Array bestand
aus 32 Sensoren, die in einem 50-prozentigen Höhenschnitt angeordnet waren und einen
Schaufelbereich zwischen x/c=9...84% abdeckten. Die Sensoren wurden im CT-Betrieb
simultan und blockweise zu jeweils 12 Sensoren eingesetzt. Eine repräsentative
Datenerfassung erfolgte über eine phasenstarre Ensemble-Mittelung über 300 Zeitschritte. Die
Ergebnisse zeigen, dass sich die Grenzschicht entlang zweier charakteristischer Pfade
(nachlaufinduzierter und beruhigter Pfad) ausbildet. Auch konnte die Existenz einer
beruhigten Zone nachgewiesen werden, die einen deutlichen Einfluss auf die Ausprägung
einer laminaren Ablöseblase und der Transitionslage im beruhigten Grenzschichtpfad ausübt.
Während die By-Pass Transition und der Grenzschichtumschlag über einer laminaren
Ablöseblase die prägenden Mechanismen darstellen, konnten Tollmien-Schlichting
Instabilitäten hingegen nicht erfasst werden. Dies allerdings gelang WALKER & HUGHES
[1999, 2001] an einer 1.5-stufigen Axialverdichterkaskade mittels konventioneller
Oberflächenheißfilmarrays. Sie konnten natürliche TS-Wellenpakete in einer periodisch-
instationär geprägten Schaufelgrenzschicht detektieren. Hierfür applizierten sie ein
Sensorarray mit 61 Heißfilmen auf einer Statorschaufel, wobei jeweils 5 Sensoren simultan
über TSI-Anemometer betrieben wurden. Die Datenauswertung erfolgte über Fourier-Reihen
und eine Wavelet-Analyse. Aus den Ergebnissen resultiert, dass der natürliche
9
2. Stand der Forschung
Transitionsprozess -zumindest über einen signifikanten Schaufelbereich- die dominante
Transitionsmode darstellen kann.
Für Untersuchungen im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden klassische Senflex-
Oberflächenheißfilme des Herstellers TAO-Systems benutzt. Der Sensor besteht aus einem
Nickel-Element und Kupferleiterbahnen, wobei die Kaltwiderstände zwischen R0=5.8...6.0
variieren. Im Rahmen der Arbeit werden die Oberflächenheißfilme sowohl in Versuchen zur
Erfassung des Einflusses von Oberflächenbeschichtungen als auch für wandbündige
Untersuchungen des “Grenzschicht-Fußabdruckes“ an Schaufelprofilen eingesetzt.
2.1.2 Oberflächenhitzdraht
Bei Oberflächenheißfilmen führt die Wärmeverlustabgabe in die Struktur zu in einem deutlich
reduzierten Signal/Rausch-Verhältnis und einer verminderten Dynamik gegenüber einem
klassischen Hitzdraht, STURZEBECHER ET AL. [2001]. Diese Problematik hat die Entwicklung
unterschiedlicher, oberflächenbündig angeordneter Hitzdrahtausführungen, zur Folge. So
platzierte FERNHOLZ [1996] das Sensorelement dicht über der Oberfläche, wobei er den
Hitzdraht auf kleinen Zinken befestigte (Wall hot wire). BAUMANN [1999] und
SPAZZINI [1999] hingegen spannten die Sensorelemente wandbündig über schmale Nuten,
siehe Abbildung 2-2.
Draufsicht
GFK-Träger
Cu-Folie
Schlitz
Schnitt
x
y
u(y)
100 µm
Hitzdraht
5 µm
75 µm
x
z u
2.5 mm
a) b)
c)
Abbildung 2-2: Wandhitzdrähte nach
a) FERNHOLZ [1996], b) SPAZZINI [1999] und c) BAUMANN [1999]
Die Unterschiede zwischen den Sensorkonfigurationen von Baumann und Spazzini liegen in
der Ausführung der thermisch isolierenden Luftkammer unterhalb des Hitzdrahtes, siehe
Abb. 2-2b,c. Spazzini verwendete hierfür eine Bohrung, über die er die Sensorelemente
spannte. Baumann hingegen nutzte eine dünne Nut im Trägermaterial an deren Randpunkten
er den Hitzdraht oberflächenbündig mit Hilfe eines Punktschweißverfahrens befestigte. Als
10 2. Stand der Forschung
Hitzdrahtmaterial dient ein platinbeschichteter Wolframdraht (Tungsten,
α
=0.0036 K-1) mit
einem Durchmesser von üblicherweise d=5 µm. Die Kaltwiderstände der Sensoren nach
Baumann liegen zwischen R0=5.5...6.8 in Abhängigkeit der jeweiligen Sensorlänge
(l=1.5...2.5 mm). Durch die gewählte Sensoranordnung ist die Wärmeleitung in das Substrat
auf die seitlichen Auflagepunkte des Drahtes beschränkt.
Strömungsphysikalisch stellt der Oberflächenhitzdraht einen Sensor zur Erfassung der wand-
nahen Strömungsgeschwindigkeit dar, siehe Abbildung 2-3. Das Messverfahren beruht dabei
auf der konvektiven Wärmeabgabe eines kleinen, elektrisch aufgeheizten Sensorelementes an
die unmittelbare Umgebung. Die dargestellte numerische Simulation des Strömungsfeldes
verdeutlicht, dass das Sensorelement umströmt wird und einen Staupunkt besitzt. Aufgrund
der wandnahen Anordnung des geheizten Elementes kann der Oberflächenhitzdraht auch
direkt gegen die Wandschubspannung kalibrieren werden. In der praktischen Anwendung
kann hierfür der in Gleichung 6 genannte Zusammenhang verwendet werden.
Abbildung 2-3: Numerische Simulation des Strömungsfeldes um einen Oberflächenhitzdraht
Das thermoelektrische Messprinzip des Hitzdrahtes ergibt sich aus der Betrachtung einer
Wärmebilanzierung zwischen der Ohmschen Wärmemenge E
Q
an dem Sensorelement und
der konvektiv an das strömende Medium abgeführten Wärmemenge K
Q
. Einflussgrößen, die
in diese Wärmebilanzierung eingehen sind Wärmeverluste, die in den Sensorzuleitungen
durch Wärmetransport entstehen (Leitungswärmeabgabe, L
Q
), Strahlungsverluste ( R
Q
) und
Verluste durch Wärmespeicherung ( S
Q
). Für die Betrachtung eines kleinen Sensordraht-
elementes der Länge dx ergibt sich folglich eine Bilanzgleichung zu, BRUUN [1995]:
SRLKE QdQdQdQdQd +++= =dx
F
RI 0
2, (7)
wobei F die Querschnittsfläche des Drahtes, R0 der Widerstand des Sensormaterials und I der
elektrische Strom ist.
Setzt man stationäre Bedingungen der Temperaturverteilung am Sensorelement voraus, so ist
die partielle Ableitung der Sensortemperatur nach der Zeit t gleich Null. Hierdurch kann die
Verlustgröße S
Qd vernachlässigt werden, ebenso wie der Term der Strahlungswärme R
Qd , da
dieser weniger als 1% der Wärmekonvektion ausmacht. Die Bilanzgleichung ergibt sich dann
für einen Hitzdraht mit einer angenommenen unendlichen Länge und unter Vernachlässigung
von Leitungseinflüssen zu der vereinfachten Gleichgewichtsbeziehung:
11
2. Stand der Forschung
KE QQ = (8)
mit
0
2
R
E
QE=
und TA
Nu
TAQK
ν
λ
α
==
. (9)
Unter Berücksichtigung konstanter Stoffwerte und Geometriegrößen sowie einer
Wärmeübergangsbeziehung zwischen der Nusselt- und der Reynoldszahl, lässt sich aus (8)
eine Kalibrationsbeziehung aufstellen, die den Zusammenhang zwischen der elektrischen
Brückenspannung E und der Strömungsgeschwindigkeit u beschreibt. In der Literatur wird
diese Beziehung als das „King’sche Gesetz“ bezeichnet, wobei A, B und n empirisch zu
ermittelnde Konstanten sind:
n
BuAE
+=
2. (10)
Die unterschiedliche Positionierung des Sensorelementes eines klassischen Oberflächen-
heißfilms und eines Oberflächenhitzdrahtes führt zu deutlich unterschiedlichen Thermal-
haushalten. Abbildung 2-4 stellt hierzu die Temperatur-Isolinienverläufe von Struktur und
Strömung der zwei Sensoren gegenüber.
Abbildung 2-4: Isolinien-Thermalhaushalt: a) Oberflächenheißfilm, b) Oberflächenhitzdraht
b) Oberflächenhitzdraht
a) Oberflächenheißfilm
y [m]
y [m]
x [m]
τw
ucouette
ucouette
12 2. Stand der Forschung
Hierbei wird eine Couette-Strömung mit linearem Geschwindigkeitsgradienten und konstanter
Wandschubspannung von
τ
w=2 N/m² als Randbedingung definiert. Die numerischen
Betrachtungen erfolgten stationär für eine zweidimensionale Geometrie unter
Vernachlässigung von Randeinflüssen, wie z. B. den Wärmeleitungsverlusten der Zuleitungen
und Schweißpunkte.
Sensortests von STURZEBECHER ET AL. [2001] ergaben, dass die gewählte oberflächenbündige
Sensoranordnung eine hohe Signalauflösung erlaubt, die mit konventionellen Hitzdrahtsonden
vergleichbar ist und damit deutlich über der von Oberflächenheißfilmen liegt. Die Sensoren
können mit Überhitzungsverhältnissen (Overheat ratio, OHR) von bis zu 1.8 betrieben werden
wodurch sich Grenzfrequenzen bis fc=80 kHz erzielen lassen, BURKHARDT ET AL. [2001].
Abbildung 2-5 zeigt exemplarisch die Ergebnisse der dynamischen Signalantwort eines
Oberflächenhitzdrahtes in Abhängigkeit des Überhitzungsverhältnisses.
Abbildung 2-5: Dynamische Signalantwort eines Oberflächenhitzdrahtes,
Einfluss des Überhitzungsverhältnisses, STURZEBECHER ET AL. [2001]
2.1.3 MEMS-Sensoren
Thermoresistive Oberflächensensoren (Oberflächenheißfilm und -hitzdraht) herkömmlicher
Bauweise lassen infolge ihrer Abmessungen nur für wenig messtechnische Anwendungen
eine ausreichende flächige Auflösung zu. Um insbesondere Wandschubspannungs-
verteilungen in turbulenten Strömungen zu erfassen, müssen die Sensoren eine geometrische
Größe von ca. l=100 µm und ein ausreichend hohes Signal/Rausch-Verhältnis (SNR) über
einen Frequenzbereich bis f=10 kHz aufweisen, EBEFORS [1998], LÖFDAHL [1999]. Die
Mikrosystemtechnik umfasst inzwischen eine Vielzahl von Fertigungsprozessen, die es
erlauben, Mikro-Elektro-Mechanische Systeme (MEMS) herzustellen, welche die genannten
Anforderungen erfüllen. Der Begriff MEMS beschreibt dabei ein sehr kleines System, das
mechanische und elektrische Komponenten miteinander verbindet.
Erste mikrotechnisch gefertigte Strömungssensoren wurden Mitte der achtziger Jahre von
HOCKER ET AL. [1985] vorgestellt. Wenige Jahre später wurden von SCHMIDT ET AL. [1987],
LÖFDAHL ET AL. [1992] sowie RISTIC [1994] Mikrosensoren erfolgreich zur Messung der
Wandschubspannungen in turbulenten Strömungen eingesetzt. In den letzten Jahrzehnten
wurden insbesondere in Forschungseinrichtungen der USA mikrotechnisch gefertigte
13
2. Stand der Forschung
Schubspannungssensoren hergestellt. So präsentierte JIANG ET AL. [1995] Mitte der neunziger
Jahre MEMS-Heißfilme mit unterschiedlichen Anordnungen des Sensorelementes, siehe
Abbildung 2-6.
Abbildung 2-6: Mikromechanisch gefertigte Sensorstrukturen nach JIANG ET AL. [1995]
Erste Versuche, ein mikrotechnisch gefertigtes einreihiges Sensorarray mit 25 Sensoren
herzustellen, finden sich in einer Arbeit von JIANG ET AL. [1996]. In Windkanalexperimenten
wurde dieses Array zur flächigen Erfassung der Wandreibungsverteilung an einer ebenen
Plattenströmung genutzt. Die Packaging-Technologie und die Verwendung eines flexiblen
Substrates nutzten JIANG ET AL. [1997] für die Herstellung eines kompakten, flexiblen
MEMS-Heißfilmarrays. Bedingt durch eine Leiterbahnenanordnung auf der Arrayoberseite
konnte jedoch eine nur eingeschränkte Sensordichte erzielt werden.
Abbildung 2-7 zeigt eine auf der Mikrotechnik basierende 3-D Polysilizium Triple-Hitzdraht-
sonde von EBEFORS ET AL. [1998]. Sie ermöglicht die Erfassung dreier Geschwindigkeits-
komponenten.
Abbildung 2-7: Polysilizium Triple-Hitzdrahtsonde, EBEFORS ET AL. [1998]
In der Mikrotechnik wird generell zwischen zwei Gruppen von MEMS-Strömungssensoren
unterschieden: Die erste Gruppe basiert auf der mechanischen Deformation oder Auslenkung
eines Sensorelementes, dem „floating element“, hervorgerufen durch Fluidkräfte (Druck,
Flow
14 2. Stand der Forschung
Wandschubspannung). Die zweite Gruppe nutzt dagegen den thermoresistiven Effekt eines
beheizten Elementes (Prinzip der Wärmekonvektion).
Bei den Sensoren mit „floating element“ wird eine Auslenkung -z. B. durch eine
Wandschubspannung hervorgerufen- piezoresistiv, kapazitiv bzw. optoelektronisch
ausgelesen (PADMANABHAN ET AL. [1998], PAN ET AL. [1995]). Bei der Gruppe der
thermoresistiven Mikrosensoren bestehen die geheizten Sensorelemente aus Metall bzw.
Metalllegierungen oder Polysilizium-Dünnfilmen. Um Wärmeverluste in die Struktur zu
minimieren, sind diese Elemente auf mikromechanisch gefertigten, freitragenden Zungen-,
Brücken- oder Membranstrukturen angeordnet. Die tragenden Strukturen werden bei dieser
Sensorengruppe vorwiegend aus Siliziumnitrid, Parylene oder einem Multilayer (z.B.
SiO2/Si3N4; Si/SiO2) gefertigt.
Das europäische Forschungsprojekt AEROMEMS hat die Definition, Konstruktion und
Anwendung von MEMS zur aktiven Strömungsbeeinflussung an Flugzeugkomponenten zum
Ziel, WARSOP ET AL. [1997]. Im Rahmen von AEROMEMS wurden auch MEMS-Arrays
entwickelt, die in der vorliegenden Arbeit in Windkanalexperimenten erprobt werden.
Abbildung 2-8 zeigt zwei Raster-Elektronen-Mikroskop Aufnahmen eines dieser
mikrotechnisch gefertigten MEMS-Oberflächenheißfilme. Während in Abbildung a die der
Strömung zugewandten Seite des Sensors gezeigt wird, sind in Abbildung b neben einer
Luftkammer zur Minimierung der Wärmeverluste in die Struktur zwei weitere, kleinere
Aussparungen zu erkennen. Diese dienen der Durchkontaktierung der elektrischen
Leiterbahnen, denen sich zwei Goldflächen anschließen.
Abbildung 2-8: MEMS Oberflächenheißfilm (BAE-SYSTEMS);
a) Draufsicht, b) Rückseite (Luftkammer, Kontaktierungskammern und Goldflächen)
Die Prinzipskizze eines mikrotechnisch gefertigten MEMS-Einzelsensors ist Abbildung 2-9
zu entnehmen. Als Trägermaterial dient eine Siliziumscheibe (Wafer, h=500 µm), während
das Sensorelement durch ein h=0.5µm dünnes Titanelement gebildet wird. Direkt unterhalb
des Sensors ist eine Luftkammer plaziert, die der Reduktion des Wärmeflusses in das Substrat
dient. Um thermische und strömungsphysikalische Einflüsse sowie Oberflächenrauhigkeiten
zu minimieren sind die Kontaktanschlüsse stromab des Titansensors angeordnet und werden
durch den Träger hindurch auf die Unterseite geführt. Jeder Einzelsensor (Widerstands-
element & Kontaktleiterbahnen) ist auf einer geometrischen Fläche von ca. A=500×500 µm
angeordnet. Dies erlaubt eine hohe lokale Signalauflösung. Die Sensorkaltwiderstände der im
Rahmen der vorliegenden Arbeit erprobten Sensorprototypen variieren zwischen R=14...25 .
Flow
a) b)
15
2. Stand der Forschung
Flow
Siliziumträger isolierende Luftkammer Goldflächen
Flow Siliziumdioxid Titansensorelement Goldkontakte Polyimideschicht
525
µ
m
<1µm
a) b)
Abbildung 2-9: a) MEMS Oberflächenheißfilm; b) Sensorgeometrien (Hufeisen, Stab)
2.1.4 Beschichtung von Oberflächensensoren
Konventionelle Oberflächensensoren erlauben heute den nahezu uneingeschränkten Einsatz in
Labor- und Windkanalversuchen. Ihre Nutzung unter reellen Umweltbedingungen mit UV-
Einstrahlungen, Staub-, Sand- und Insektenpartikeln sowie Regen, Schnee und Eis ist jedoch
aufgrund ihrer geringen mechanischen Robustheit nur bedingt möglich und begrenzt die
Lebensdauer der Sensoren deutlich. Abbildung 2-10 zeigt exemplarisch die Schädigung von
Heißfilmen nach einem 20-wöchigen Einsatz in Freiflugexperimenten gegenüber einem
beschichteten Sensorarray, HAUSMANN ET AL. [2002]. Die Aufbringung einer dünnen
Oberflächenschutzschicht von wenigen Mikrometern ermöglicht somit bereits eine deutliche
Erhöhung der Sensorlebensdauer. Dabei ergeben sich allerdings eine Vielzahl von
Anforderungen an das Beschichtungsmaterial, die bei der Auswahl berücksichtigt werden
müssen. Zu diesen zählen die UV- und Temperaturbeständigkeit (Einsatzbereich: –80 bis
+150 °C) sowie die Vermeidung einer Kontamination durch Feuchtigkeit, um eine
Oberflächenoxidation der Sensoren zu verhindern. Die Schutzschicht muss zudem hohe
Haftungseigenschaften besitzen und dennoch ausreichend elastisch bleiben.
Abbildung 2-10: Einfluss einer Parylene-Beschichtung (4 µm) nach 20 Betriebswochen:
a) beschichtet, b) unbeschichtet, HAUSMANN ET AL. [2002]
Nur eine geringe Anzahl von industriell nutzbaren Beschichtungsmaterialien eignen sich auch
zur Beschichtung von Oberflächenheißfilmen. So scheiden metallische Werkstoffe aus, da nur
elektrische Nichtleiter verwendet werden können. Die Materialien müssen eine ausreichend
hohe Flexibilität zulassen, weshalb Epoxydharze ebenfalls ungeeignet sind, da sie nach der
a) b)
16 2. Stand der Forschung
Aushärtung eine sehr steife Oberfläche besitzen. Auch wird eine ausreichend hohe
Oberflächenhaftung mit dem Sensorarray (Substrat, Sensorelement, Kontaktleiter) gefordert.
Keramische Werkstoffe, ebenso wie eine Vielzahl von Polymeren erreichen diese Haftung
jedoch nicht und können deshalb ebenfalls nicht genutzt werden. Aber nicht nur die
elektrischen und physikalischen Eigenschaften sind bei der Materialwahl entscheidend,
sondern es muss auch gewährleistet sein, dass diese nicht chemisch aggressiv wirken. Lacke,
die zumeist Bestandteile an Lösungsmitteln enthalten, sind hier als Beispiele anzuführen. Bei
der Auswahl des Beschichtungsmaterials sind somit Elastizität und Haftung sowie die
chemische Materialverträglichkeit gegenüber den Sensormaterialien entscheidende Parameter.
Basierend auf Freiflugergebnissen (Abb. 2-10) erprobten HAUSMANN ET AL. [2002] unter-
schiedliche Beschichtungsmaterialien an Oberflächenheißfilmen und ermittelte deren Einfluss
auf die Frequenzantwort. Vergleiche des dynamischen Signalverhaltens eines unbeschichteten
Sensors gegenüber beschichteten Heißfilmen auf einem Aluminiumsubstrat sind in dem
Bodediagramm der Abbildung 2-11 dargestellt. Gezeigt wird der Einfluss unterschiedlicher
Beschichtungsmaterialen (Siliziumoxid, Parylene, Polyimide), die teilweise sehr deutliche
Dämpfungseffekte auf die Frequenzantwort ausüben. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich
vor allem Siliziumoxide (SiOx) und Parylene (Polymer, basierend auf Paraxylen) zur
Beschichtung von Heißfilmen eignen (HAUSMANN ET AL. [2002], WARSOP ET AL. [1997]).
Abbildung 2-11: Frequenzantwort bei unterschiedlicher Materialbeschichtung von Heißfilmen
auf Aluminiumsubstrat, HAUSMANN ET AL. [2002]
2.2 Transitionsmechanismen in Turbomaschinen
Die Transition, d. h. der Umschlag einer laminaren Grenzschicht in eine mischungsintensive
und höherenergetische turbulente Strömung, stellt einen instationären Mechanismus dar.
Dieser wurde erstmals von J.M. Burgers sowie B.G. Van der Hegge Zijnen (1924), später von
M. Hansen (1928) und eingehender von H.L. Dryden (1934-38) untersucht, siehe
SCHLICHTING ET AL. [2000]. Die natürliche Transition, hervorgerufen durch Tollmien-
Schlichting Wellen, bildet in zweidimensionalen Strömungen dabei den am häufigsten
auftretenden Instabilitätsmechanismus.
Da die Erfassung instationärer und transitionaler Wandschubspannungen zur Grenzschicht-
analyse an Verdichter- und Turbinenschaufeln im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht,
17
2. Stand der Forschung
werden nachfolgend einige grundlegende Mechanismen der Grenzschichttransition vor-
gestellt. Dabei wird zwischen der natürlichen Transition durch Tollmien-Schlichting
Instabilitäten, einer By-Pass Transition, dem Grenzschichtumschlag in einer laminaren
Ablöseblase sowie der reversiblen und der nachlaufinduzierten Grenzschichttransition
unterschieden.
Der Mechanismus der natürlichen Transition wird nach White (1974) in fünf Stadien
unterteilt, siehe Abbildung 2-12, SCHLICHTING ET AL. [2000]. In einer zunächst stabilen
laminaren Grenzschicht bilden sich sehr kleine latente Störungen aus, die unter anderem
durch Oberflächenrauhigkeiten generiert werden. Bei Überschreitung einer kritischen
Reynoldszahl (Recrit=3.5×105-106, ebene Platte) werden zweidimensionale harmonische
Tollmien-Schlichting Instabilitäten in Form wellenartiger Schwingungen (TS-Wellenpakete)
frequenzselektiv angefacht, die den Transitionsprozess stromab einleiten. Diese Instabilitäten
lassen sich analytisch durch die lineare primäre Stabilitätstheorie beschreiben, bei der von
einer stationären, 2D-inkompressiblen Grundströmung ausgegangen wird, die von sehr
kleinen Störungen überlagert ist. Eine Herleitung ist entsprechenden Grundlagenwerken zu
entnehmen, SCHLICHTING ET AL. [2000], OERTEL ET AL. [1996].
Abbildung 2-12: Transition mit Tollmien-Schlichting Instabilitäten nach White (1974) und
die Bereiche der By-Pass-Transition, HALSTEAD ET AL. [1997]
Mit anwachsender Lauflänge erfolgt eine Zunahme von Nichtlinearitäten, die sekundäre
Instabilitäten hervorrufen, KACHANOV [1994]. Diese zweidimensionalen Wellenstrukturen
besitzen einen hohen Fluktuationsanteil, der stromab zur nichtlinearen Ausbildung von 3D-
Störungen mit Gebieten der Beschleunigung sowie der Verzögerung führt. Klebanoff zeigte
18 2. Stand der Forschung
1962 erstmals die räumlich-zeitliche Entwicklung dieser dreidimensionalen Störungen,
STIEGER [2002]. Es bilden sich sogenannte lambdaförmige Wirbelstrukturen (λ-Wirbel) aus,
die sich nach M. Nishioka (1975, 1990) bei experimentellen Untersuchungen im Messsignal
durch sog. Spikes äußern (Abbildung 2-12). Mit zunehmender Destabilisierung platzen die λ-
Strukturen auf und generieren Turbulenzflecken, also kleiner turbulenter Gebiete innerhalb
einer noch laminaren Grenzschicht, die erstmals von EMMONS [1951] in Wasserkanal-
versuchen visualisiert wurden und deren Existenz 1955 durch SCHUBAUER UND
KLEBANOFF [1956] bestätigt werden konnte, siehe Abbildung 2-13. Dieser Prozess wird auch
als Wirbelzerfall bezeichnet, der die Ausbildung einer turbulenten Grenzschicht einleitet. Die
sich konvektiv ausbreitenden turbulenten Flecken (turbulent spots) weiten sich infolge unter-
schiedlicher Ausbreitungsgeschwindigkeiten der Ränder stromab auf und gehen in turbulente
Streifen (turbulent streaks) mit sogenannter Haarnadel-Struktur über. Der turbulente Anteil in
der Strömung nimmt hierbei stetig zu, die Turbulenzstreifen wachsen zusammen und es ergibt
sich schließlich eine vollturbulente Grenzschicht (Region 5, siehe Abbildung 2-12).
Abbildung 2-13: Anwachsen und Visualisierung eines künstlichen Turbulenzflecks in einer
transitionalen Grenzschicht aus SCHLICHTING ET AL. [2000]
Die natürliche Transition mit TS-Wellen basiert auf einer konvektiven Instabilität, die sich
stromab fortpflanzt. Die Fortbewegungsgeschwindigkeit der Wellenpakete beträgt rund
30-40% der Außenströmungsgeschwindigkeit und ist dabei abhängig vom Turbulenzgrad der
Zuströmung (SCHLICHTING ET AL. [2000], STIEGER [2002]). Mit steigender Turbulenz
beschleunigt sich die Transition, d. h., das Transitionsgebiet wandert an die Profilvorderkante,
da infolge stärkerer Schwankungsbewegungen ein erhöhter Energietransport in der Grenz-
schicht stattfindet.
In einer Strömungsmaschine sind Reynoldszahlen von Re=2.5×104 nicht ungewöhnlich und
um eine Größenordnung kleiner als die kritische Reynoldszahl der natürlichen Transition an
einer ebenen Platte. Allerdings ist der Turbulenzgrad infolge der Nachlaufdellen durch Rotor-
Stator Interaktionen bis zu 20% höher. Daher ist die natürliche Transition in Strömungs-
maschinen sehr selten anzutreffen. Dennoch zeigen experimentelle Untersuchungen das
Auftreten von TS-Instabilitäten an Schaufelprofilen in Bereichen zwischen zwei Nachlauf-
dellen, wie beispielsweise von Dong & Cumpsty (1990) an einer zweidimensionalen Large-
Scale Verdichterkaskade und an einer Niederdruck-Turbinenschaufel von Schulte & Hodson
(1998) nachgewiesen wurde, siehe HUGHES ET AL. [2001]. Die periodische Zuströmung
wurde in diesen generischen Aufbauten noch durch Stäbe im Schaufelvorlauf erzeugt. Die
19
2. Stand der Forschung
Erfassung von TS-Wellen an einer instrumentierten Verdichterschaufel eines Axialverdichters
gelangen dann HUGHES ET AL. [2001].
In Strömungen mit hohem Turbulenzgrad, bzw. einem stark abnehmenden Druckgradienten,
ist die Entwicklung einer By-Pass Transition möglich. Die genannten Einflüsse führen zu
einer destabilisierenden Wirkung der Grenzschicht und verursachen die unmittelbare
Ausbildung von Turbulenzflecken an unterschiedlichen Positionen, während zwei- und
dreidimensionale Instabilitätsmechanismen, wie die TS-Wellen, übersprungen werden, siehe
Abbildung 2-12. Weiter stromab zerfallen die Turbulenzflecken und führen zur Ausbildung
von Turbulenzstreifen analog dem natürlichen Transitionsprozess. Die Streifen breiten sich
konvektiv, divergent aus und resultieren in einer vollturbulenten Strömung.
Die Annahme der Entstehung von Turbulenzflecken an unterschiedlichen Positionen
innerhalb des Transitionsbereichs wurde 1994 durch das „distributed breakdown“-Modell von
Johnson und Fasihfar (TEUSCH ET AL. [2000]) erfasst und in experimentellen Untersuchungen
von HALSTEAD ET AL. [1997] mit Hilfe von Oberflächenheißfilm-Messungen bestätigt.
Die lineare Stabilitätstheorie nach Orr-Sommerfeld (SCHLICHTING ET AL. [2000]), welche die
Grundlage der natürlichen Transition bildet, hat bei der By-Pass Transition keine Gültigkeit
mehr. Eine hierfür geeignete Theorie muss primär die Entstehung, die Größe sowie die
Ausbreitung turbulenter Flecken berücksichtigen. Emmons [1951] stellte zu Beginn der
fünfziger Jahre eine entsprechende Herleitung auf, die auch in einer Arbeit von
MAYLE [1991] zusammenfassend wiedergegeben wird. Hierzu definierte er die Intermittenz
γ
für einen Punkt P(x,z,t) über ein Integral (Gleichung 11), welches die Summe der
Turbulenzflecken-Produktion, g(P0), in einem Volumen V beschreibt. Das Volumen wird
hierbei aus allen Punkten P0 im (x,z,t)-Raum gebildet in denen ein Turbulenzfleck entstehen
kann, der den Punkt P passieren wird. Über g(P0) wird somit die Entstehung der
Turbulenzflecken berücksichtigt, während die Größe und Ausbreitung über die Integration im
(x,z,t)-Raum erfasst wird.
() ()
(
)
∫∫∫
= V000 dtdzdxPgexp1P
γ
(11)
Analytische Erklärungen zum Mechanismus der By-Pass Transition wurden unter anderem
von SENGUTA ET AL. [2002] durch Lösung der Navier-Stokes Gleichungen angestrebt. Die
Ergebnisse zeigen, dass der Transitionsmechanismus durch Instabilitäten dominiert wird, die
sich konvektiv mit einer signifikant geringeren Geschwindigkeit gegenüber der freien
Scherschichtströmung ausbreiten. Erreicht diese einen kritischen Wert, so bilden sich lokale
Instabilitäten in der unteren Scherschicht aus, deren Wachstumsrate deutlich größer ist als die
der TS-Wellenpakete.
Eine Grenzschichttransition kann auch im unmittelbaren Zusammenspiel mit einer laminaren
Ablöseblase erfolgen, wobei der Grenzschichtumschlag dann direkt in einem Rezirkulations-
gebiet stattfindet. Die Scherschicht löst zunächst laminar ab, erfährt einen Grenzschicht-
umschlag im Bereich etwa des Dickenmaximums der Ablöseblase und legt anschließend
wieder turbulent an. Hierbei ist es durchaus möglich, dass alle Stadien der natürlichen
Transition durchlaufen werden.
Die Ursache für eine laminare Ablösung kann infolge eines zu hohen lokalen statischen
Druckes (druckinduzierte Ablösung) oder einer starken Geometrieänderung (geometrie-
20 2. Stand der Forschung
induzierte Ablösung) erfolgen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist insbesondere die
druckinduzierte Entstehung einer laminaren Ablösung von Interesse. Abbildung 2-14 zeigt die
resultierende saugseitige Druckverteilung an einem Tragflügel beim Auftreten einer
entsprechend induzierten Ablösung. Diese äußert sich in der Druckverteilung (cp) durch ein
Plateau, das jedoch zu keiner Erhöhung des Auftriebsbeiwertes beiträgt, da sich der Auftrieb
aus saug- und druckseitiger cp-Verteilung ergibt.
Abbildung 2-14: Saugseitige Druckverteilung an einem Tragflügel mit laminarer Ablöseblase
nach RIST [1999]
Legt die Strömung nach einer gewissen Lauflänge stromab des Ablösepunktes (A) wieder an,
so wird von einer Ablöseblase gesprochen, deren Länge durch die Stabilität des Transitions-
prozesses bestimmt ist. Ein zeitliches und örtliches Oszillieren des Wiederanlegepunktes (W)
resultiert aus großskaligen Strukturen, die sich in der Scherschicht der Ablöseblase bilden und
den Vorgang der Wiederanlegung bestimmen. Der Anlegepunkt bewegt sich hierbei mit der
Schwingfrequenz der Strukturen, wodurch sich ein stark instationäres Strömungsfeld
ausbildet (RIST [1999]).
DOVGAL ET AL. [1994] geben gibt vier Mechanismen an, die zum Auftreten einer laminaren
Ablöseblase, der Transition innerhalb dieser Blase sowie einem turbulenten Wiederanlegen
führen. Diese sind zusammen mit ihrem jeweiligen Wirkungsbereich in Abbildung 2-15
graphisch eingezeichnet und werden u. a. in einer Arbeit von RIST [1999] zusammenfassend
beschrieben: Den ersten Mechanismus, der gleichzeitig auch den Auslöser für die
druckinduzierte laminare Ablösblase darstellt, bildet die nach Morkovin benannte Rezeptivität
(1), also die Umsetzung externer Störungen, wie beispielsweise auch das Auftreffen von
Nachlaufdellen, in Grenzschichtstörungen (TS-Wellen).
Abbildung 2-15: Mechanismen der Transition in einer laminaren Ablöseblase, RIST [1999]
21
2. Stand der Forschung
Im Ablösepunkt bildet sich eine freie Scherschicht aus die durch eine Trennstromlinie von
dem Rezirkulationsgebiet separiert wird. Da die Geschwindigkeitsverteilung der freien Scher-
schicht sehr anfällig auf kleine Störungen reagiert, bilden sich TS-Wellen aus. Angedeutet
wird dies in Abbildung 2-15 durch lineare Instabilitäten (2). Die Ablöseblase wächst bis zum
Erreichen der maximalen Grenzschichtverdrängung nahezu linear an. Mit zunehmender
Lauflänge finden mit großer Wahrscheinlichkeit nichtlineare Interaktionen einzelner
Störanteile statt, wenn die Störungen mehr als 1% u’max/u erreicht haben (3). Die Transition
erfolgt dann ungefähr im Bereich des Maximums des Rezirkulationsgebietes. Gelingt es der
resultierenden turbulente Grenzschicht, den von der Potentialströmung vorgegebenen Druck-
gradienten zu überwinden, so kommt es zu einer turbulenten Wiederanlegung, wobei die
Wiederanlegeströmung dreidimensional ist. Neben den drei genannten Mechanismen kann
auch davon ausgegangen werden, dass eine Rückwirkung (4) zwischen den Punkten der
Wiederanlegung und der Ablösung besteht. Über den Effekt dieses Mechanismus liegt jedoch
bisher noch keine eindeutige Klarheit vor.
Eine reversible Transition (Relaminarisierung) wird im Turbomaschinenbereich u. a. am
saugseitigen Vorderkantenbereich von Turbinenschaufeln sowie an Tragflügelprofilen im
Bereich des druckseitigen “Rearloading“ nahe der Profilhinterkante beobachtet. Auch kommt
sie häufig am Brennkammer-Austritt vor, da hier ebenfalls eine hohe Strömungs-
beschleunigung vorliegt. Die Relaminarisierung wurde 1972 erstmals von Jones und Launder
in Düsenströmungen beobachtet, MAYLE [1991]. Auch bei Untersuchungen zur unstetigen
Grenzschichtentwicklung an einem oszillierenden NACA-0012 Flügelprofil mittels Ober-
flächenheißfilmen konnten LEE UND BASU [1997] Gebiete der Relaminarisierung erfassen.
Die reversible Transition führt dabei zu einer laminaren Grenzschichtausbildung, ausgehend
von einem turbulenten Zustand. Eine Relaminarisierung kann in Bereichen hoher Strömungs-
beschleunigung auftreten, in denen der Beschleunigungsparameter (K) Werte von:
6
2103)(
>= dx
du
u
K
ν
annimmt. (12)
Die reversible Transition wird nach STIEGER [2002] durch den lokalen vorherrschenden
Druckgradienten bestimmt und wurde von SCHULTE [1995] als eine unstetige Grenzschicht-
antwort auf den Zerfall der turbulenten Scherschicht im zeitlichen Nachlauf der
Turbulenzflecken beschrieben.
In Turbomaschinengittern wird die nachlaufinduzierte Grenzschichttransition durch das
Zusammenspiel einer stehenden und einer rotierenden Schaufelreihe hervorgerufen. Durch die
Relativbewegung einer Schaufelreihe kommt es zu einer zeitlich-periodischen Veränderung
des Strömungszustands, wodurch sich die resultierende Grenzschicht auf einem Schaufel-
profil einer nachfolgenden Schaufelreihe zeitlich-periodisch mit der Schaufelfrequenz der sich
im Vorlauf befindenden Schaufelreihe ausbildet.
Nach BINDER [1985] wird die nachlaufinduzierte Transition in Turbomaschinen durch drei
Mechanismen beeinflusst. Zu diesen zählen die Nachlaufdelle, Sekundärströmungen (Wirbel)
parallel zur Strömungsrichtung und die Potentialströmung. TEUSCH ET AL. [2000]
berücksichtigt zudem noch instationäre Grenzschicht-Effekte, wie Stoß-Grenzschicht-
Interferenzen, die für subsonische Betrachtungen jedoch vernachlässigt werden können. Des
22 2. Stand der Forschung
Weiteren verliert die Potialströmung mit zunehmendem Schaufelreihenabstand an Einfluss
und ist daher vielfach ebenfalls vernachlässigbar. Die Hauptinstabilitätsquelle in einer
nachlaufinduzierten Transition bilden somit die Sekundärwirbel und Nachlaufdellen. Die
Entstehung solcher Inhomogenitäten basiert auf dem Zusammenwirken der Grenzschicht
eines Schaufelprofils und der endlichen Hinterkantendicke dieser Schaufel. Die Nachlaufdelle
hat einen deutlich erhöhten Turbulenzgrad (Tu=10...15%), ein Geschwindigkeitsdefizit
gegenüber der ungestörten Strömung (negativ jet), und eine verstärkte Radialbewegung. Die
konvektive Ausbreitung und der langsame Ausmischungsprozess von Nachlaufdellen führt zu
Interaktionen mit den Grenzschichten stromab angeordneter Schaufelreihen, siehe
Abbildung 2-16a (passing wake). Die Sekundärströmungen wirken insbesondere im Bereich
von Nabe und Gehäusewand.
Abbildung 2-16: a) Nachlaufinduzierte Transition nach MAYLE [1991] und
b) saugseitige Grenzschichttransition an einer Verdichterschaufel nach HALSTEAD [1997]
Die nachlaufinduzierte Transition wird durch zwei dominante Pfade gebildet, die sich auf den
Schaufelprofilen im temporären Wechsel ausprägen. Neben einem nachlaufinduzierten Pfad
(wake-induced path), bildet sich auch ein Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen aus (path
between wakes). Der nachlaufinduzierte Pfad resultiert dabei aus den Interaktionen der
stromauf generierten Nachlaufdelle und der Grenzschicht der betrachteten Schaufel. Die
Betrachtung der saugseitigen Grenzschicht einer Verdichterschaufel in einem Weg-Zeit-
Diagramm (Abbildung 2-16b) zeigt die mit „1“ bzw. „2“ deklarierten Pfade. Entlang des
Pfades zwischen zwei Nachlaufdellen (2) bildet sich häufig auch eine beruhigte Zone aus, die
in Abbildung 2-14b mit D deklariert ist. Die Existenz einer solchen Zone wurde erstmals von
SCHUBAUER UND KLEBANOFF [1956] entdeckt. Sie beobachteten, dass bei dem Durchwandern
einer Region mit natürlicher Transition hinter den Turbulenzflecken ein Gebiet induziert wird,
das die turbulenten Aktivitäten in der Grenzschicht verzögert. In der Turbomaschinen-
Aerodynamik wurde die Präsenz dieses beruhigten Bereichs (calmed Region, D) erstmals
Mitte der siebziger Jahre von WALKER [1974] bei Grenzschichtuntersuchungen an
Verdichter-Statorschaufeln erfasst.
a) b)
23
2. Stand der Forschung
2.3 Ziele der vorliegenden Arbeit
Die Schwerpunkte der vorliegenden Arbeit liegen in der experimentellen Erprobung und
Anwendung von Oberflächensensoren und Sensorarrays zur Erfassung flächig und zeitlich
hochaufgelöster Wandschubspannungen an Schaufelprofilen. Ein wesentliches Ziel der Arbeit
ist es unterschiedliche thermoresistive Oberflächensensoren hinsichtlich ihrer statischen und
dynamischen Eigenschaften zu untersuchen, vergleichend zu charakterisieren und in
exemplarischen Anwendungsbeispielen an Schaufelprofilen zu erproben. Im Rahmen dieser
Arbeit werden hierzu konventionelle und mikromechanisch gefertigte Oberflächenheißfilme
sowie Oberflächenhitzdrähte erprobt. Die Erfassung der unterschiedlichen Sensoreigen-
schaften erfolgt hierbei u. a. über die Bestimmung von Sensorkalibration, Sensitivität und
Grenzfrequenz. Ergänzend sollen auch die Auswirkungen unterschiedlicher Beschichtungs-
materialien an klassischen Senflex-Oberflächenheißfilmen und MEMS-Sensoren in Wind-
kanalversuchen ermittelt werden. Ziel ist es die Beeinflussung des dynamischen Signal-
verhaltens durch thermische Dämpfungseffekte zu erfassen und mögliche Veränderungen der
Frequenzantwort in Abhängigkeit vom Beschichtungsmaterial und deren Schichtdicke zu
erfassen. Dies ist insofern von Interesse, als hierdurch die mechanische Robustheit der
Sensorarrays erhöht und das Anwendungspotential erweitert werden kann.
Ziel der exemplarischen Sensoranwendungen ist es, instationäre und transitionale
Wandschubspannungsverteilungen an Schaufelprofilen mit Hilfe unterschiedlicher
Oberflächensensoren zu erfassen und vergleichend gegenüberzustellen. Die Visualisierung
von Grenzschichtphänomenen in komplexen Systemen, z. B. an Turbomaschinen-
komponenten, erfordert dabei eine hohe dynamische Signalauflösung sowohl seitens der
Sensoren selbst, als auch seitens des verwendeten Verstärker- und Messdatenerfassungs-
Systems. Der Betrieb der Sensorarrays erfolgt daher über eine geeignete Messkette, bestehend
aus einem Multikanal CT-Anemometer mit bis zu 96 Kanälen und einem Mehrkanal Daten-
erfassungssystem. Für simultane Messungen an einer rotierenden Verdichterschaufel werden
zudem ein Telemetriesystem sowie ein speziell gefertigter Ring aus miniaturisierten
Anemometerbrücken benutzt. Der Einsatz von Oberflächenhitzdrahtarrays soll bei diesen
Untersuchungen das Anwendungsspektrum insbesondere für den Schaufelprofilbereich
verdeutlichen.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich nachfolgend in weitere vier Kapitel: In Kapitel 3 werden
zunächst die genutzten Versuchsanlagen, Messaufbauten, Messsysteme und Methoden der
Signalauswertung vorgestellt. Im anschließenden vierten Kapitel werden die Ergebnisse
experimenteller Voruntersuchungen zur Erprobung von Oberflächensensoren präsentiert und
eine abschließende Wertung der Sensortechniken gegeben. Die experimentelle Anwendung
von Oberflächensensorarrays an Stator- und Rotorverdichterschaufeln wird in Kapitel 5.1
beschrieben, während die saug- und druckseitige Anwendung von Oberflächenhitzdrahtarrays
an einer Stator-Turbinenschaufel in Kapitel 5.2 vorgestellt wird. In Kapitel 5.3 wird eine
abschließende Wertung der Hauptversuche gegeben und die erzielten Ergebnisse analysiert. In
Kapitel 6 folgt eine Zusammenfassung der Arbeit.
24 3. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
3. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
In diesem Kapitel werden die im Rahmen der vorliegenden Arbeit genutzten Versuchsanlagen
und Messsysteme vorgestellt. Zunächst werden Windkanäle und Profilprüfstände beschrieben
und auf spezielle Versuchsaufbauten sowie instrumentierte Schaufelprofile eingegangen
(Kapitel 3.1). Ergänzend werden in Kapitel 3.2 ein Multikanal-Anemometer (M-CTA) und
ein Mehrkanal-Datenerfassungssystem (MEDES) erläutert. Gegenstand des Kapitels 3.3 sind
Methoden der Signalauswertung. Hier werden statistische Größen und Transformations-
funktionen vorgestellt die eine problemorientierte Signalverarbeitung ermöglichen.
3.1 Versuchsanlagen
3.1.1 Axialventilator des Profilwindkanals (ILR)
Experimentelle Voruntersuchungen zur Erprobung von Oberflächenhitzdrähten an Schaufel-
profilen zur Erfassung periodisch-instationärer Grenzschichten erfolgen am Axialventilator
des Profilwindkanals, Abbildung 3-1. Das Gebläse besitzt eine Leistung von P=30 kW und
liefert einen durchschnittlichen Volumenstrom von V
=40 000 m³/h bei einer maximalen
Drehzahl von n=1450 min-1. Der Nabendurchmesser beträgt dN=500 mm, der Nenn-
durchmesser dW=900 mm. Das einstufige Schaufelgitter wird durch einen Rotor mit 12 und
einer Leitradstufe mit 17 Schaufeln gebildet.
Abbildung 3-1: Axialventilator des Profilwindkanals am ILR
Zur Erprobung der Messkette, bestehend aus Oberflächenhitzdrähten, Anemometern und
Mehrkanal-Datenerfassungssystem, werden zwei Leitradschaufeln saug- bzw. druckseitig
instrumentiert. Die Anordnung der Sensoren erfolgt in einem Profilhöhenschnitt von h=50%,
wobei die aktive Anzahl der Hitzdrähte auf jeweils 24 Sensoren pro Schaufel begrenzt ist.
Abbildung 3-2 zeigt die Aufnahme der saugseitig instrumentierten Leitradschaufel sowie eine
Detailvergrößerung des Sensorarrays. Der Sensorabstand beträgt x=2.5 mm, wodurch unter
Berücksichtigung der Profilsehnenlänge von c=125 mm Messdaten zwischen x/c=8.5...92.5%
gewonnen werden können.
Flow
Rotor Stator
Sensorarray
Ø500
Ø900
Ø140
253. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
Abbildung 3-2: Instrumentierte Statorschaufel des Axialventilators für Voruntersuchungen
3.1.2 Niedergeschwindigkeits-Verdichterprüfstand (PFI)
Die exemplarische Anwendung von Oberflächensensoren zur Erfassung periodisch-
instationärer Wandschubspannungen an Stator- und Rotorschaufeln erfolgt im Rahmen der
Hauptuntersuchungen exemplarisch an dem 1,5-stufigen Niedergeschwindigkeits-
Axialverdichter (LSRC, low-speed research compressor) des Pfleiderer-Institutes der TU-
Braunschweig (PFI). Der Profilprüfstand besteht aus einem Vorleitrad (Inlet guide vane,
IGV), durch das die Eintrittsbedingungen einer Verdichtermittelstufe generiert werden, einem
Laufrad (Rotor) und einem Nachleitrad (Stator), siehe Abbildung 3-3. Die Anzahl der
Schaufeln pro Gitterstufe beträgt 43 am Laufrad sowie 45 an Nachleitrad und IGV. Der
Prüfstand ist als offener Kreislauf konzipiert. Der Gehäusedurchmesser beträgt dG=600 mm,
der Durchmesser im Nabenbereich hingegen dN=450 mm (Nabenverhältnis: 0.75). Über einen
Gleichstrompendelmotor mit einer maximalen elektrischen Leistung von P=58 kW wird ein
Volumenstrom von V
=10 m³/s erzeugt. Die maximale Rotordrehzahl beträgt n=2800 min-1.
Abbildung 3-3: Niedergeschwindigkeits-Axialverdichterprüfstand (LSRC) am PFI
Die mit einem Oberflächenhitzdrahtarray instrumentierte Statorschaufel des LSRC ist in
Abbildung 3-4a dargestellt. Bei einem Sensorabstand von x=2.5 mm und 16 kontaktierten
Einzelsensoren wird dabei ein Schaufelbereich von x/c=0.023…0.73 (c=78 mm)
Flow
IGV Rotor Stator
450 600
Senso
r
-
arrays
26 3. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
berücksichtigt. Eine zweite Verdichterschaufel ist zu Referenzzwecken mit konventionellen
Oberflächenheißfilmen instrumentiert. Auf diesem Array sind 24 Einzelsensoren kontaktiert,
die eine Datenerfassung über einen Schaufelbereich von x/c=2.3…94% erlauben. Die zwei
instrumentierten Leitradschaufeln im eingebauten Zustand zeigt Abbildung 3-4b.
Abbildung 3-4: a) Instrumentierte Nachleitradschaufel des Verdichterprüfstand mit
Oberflächenhitzdrahtarray, b) Statorsegment mit zwei instrumentierten Schaufeln
Simultane Arraymessungen mit Oberflächenheißfilmen an einer Rotorschaufel werden
erstmals durch eine Messsystemerweiterung ermöglicht. Die Signalerfassung erfolgt über
einen 16-Kanal Miniatur-Anemometerring und eine Telemetrieeinheit, die direkt am Rotor
befestigt sind, siehe Abbildung 3-5. Die Telemetrie dient der simultanen Datenerfassung über
den gesamten Rotorumfang und liefert zugleich die Spannungsversorgung für das 16-Kanal
Anemometer.
Abbildung 3-5: Instrumentierter Rotor mit Anemometerring und Telemetrie
Hitzdrähte
Heißfilme
a) b)
Telemetrie
CT-Anemometer
instrumentierte
Rotorschaufel
(16 Heißfilme)
273. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
3.1.3 Niedermachzahl-Turbinenprüfstand (ILA)
Die Untersuchungen an einer dreidimensional gekrümmten Turbinenstatorschaufel stellen ein
weiteres Anwendungsbeispiel zur Erfassung instationärer Wandschubspannungen an
Schaufelprofilen dar. Die Messungen erfolgen am Niedermachzahl-Turbinenprüfstand (Large
Scale Turbine Rig, LSTR-Bau 1) des Institutes für Luftfahrtantriebe (ILA) in Stuttgart. Die
Versuchsanlage ist als geschlossener Kreislauf ausgeführt, allerdings kann über einen
separaten Verdichter zusätzliche Kühlluft bereitgestellt werden. Ein Ausgleich des
Luftmassenstroms erfolgt dann über Abblasklappen. Der Strömungskanal besitzt an der Nabe
einen Durchmesser von dN=434 mm und einen Nenndurchmesser von dG=568 mm.
Die Versuchsturbine besteht aus vier Schaufelreihen, beginnend mit einer NGV-1 (Nozzle
Guide Vane) am Turbineneintritt mit 28 Schaufelblättern, einer Rotorstufe mit 42 Schaufeln,
der sich anschließenden NGV-2 Stufe (34 Blatt) und einer zweiten Rotorstufe mit 86
Schaufeln (Abbildung 3-6). Die Anlage erlaubt eine maximale Drehzahl von n=2000 min-1,
während die Auslegungsdrehzahl nA=1600 min-1 beträgt. Der maximal erzielbare
Massenstrom liegt bei m
=14.5 kg/s.
Abbildung 3-7: a) Prinzipielle saugseitige Sensoranordnung im Nabenbereich der Turbine,
b) Instrumentierte NGV-2 Turbinenschaufel, Druckseite
NGV-1 Rotor-1 NGV-2 Rotor-2
Flow
434 568
A
bbildung 3-6: Turbinen-Prüfstand des Institutes für Luftfahrtantriebe in Stuttgart
Sensorarray
Sperrluftzuführungen
R16 R19
a) b)
28 3. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
Zur Erfassung der Einflüsse von Sekundärmassenströmen auf die Mechanismen der
saugseitigen Grenzschichttransition und einer möglichen druckseitigen Grenzschichtablösung
ist eine NGV-Schaufel beidseitig mit Oberflächenhitzdrahtarrays instrumentiert. Einen
skizzierten Ausschnitt der NGV-2 Stufe mit der prinzipiellen Anordnung der Oberflächen-
sensoren in Nabennähe zeigt Abbildung 3-7a. Auf der Saugseite sind 16 Einzelsensoren
kontaktiert, während die Anzahl der Sensoren auf der Druckseite auf 10 beschränkt ist. In
Abbildung 3-7b ist die instrumentierte NGV-Schaufel mit dem druckseitigen Hitzdrahtarray
abgebildet. Zur Erfassung großflächiger Strömungsinformationen wurde eine zweireihige
Sensorenstaffelung bei z/b=7% und z/b=12% gewählt. Der Versatz zwischen den paarweise
spannweitig angeordneten Sensoren beträgt x=1.6 mm und zwischen den Sensoren entlang
der Stromlinie x=8 mm. Hierdurch wird eine ausreichend hohe Signalauflösung bei relativ
groß instrumentierter Fläche gewährleistet.
3.1.4 Transsonik-Windkanal (ILR)
Ergänzende Untersuchungen zum Einfluss von Oberflächenbeschichtungen auf die Dynamik
von Heißfilmen erfolgen am transsonischen Windkanal des Instituts für Luft- und Raumfahrt
(ILR). Der Windkanal ist in saugender Bauweise (Eiffel-Saugkanal) konzipiert und kann über
einen Gleichstrommotor (P=400 kW) und einen einstufigen Radialkompressor unter
ambienten Bedingungen kontinuierlich betrieben werden, siehe Abbildung 3-10. Durch den
Einsatz einer konventionellen Messstrecke lassen sich Strömungsgeschwindigkeiten bis in
den hohen Unterschall bzw. mit einer Lavaldüse bis zu zweifacher Schallgeschwindigkeit
erzielen. Die konventionelle Messstrecke besitzt einen rechteckigen Eintrittsquerschnitt von
AM=150×150 mm² und eine Länge von lM=980 mm. Mit dem Windkanal können Reynolds-
zahlen bis Re=1.4×106, bezogen auf l=0.1 m erzielt werden. Der Turbulenzgrad beträgt
Tu=0.15%.
Abbildung 3-8: Transsonischer Windkanal am ILR
Abbildung 3-9 zeigt zwei prinzipielle Versuchanordnungen zur Untersuchung beschichteter
Oberflächensensoren in einer subsonischen Messstrecke. Während Versuche mit klassischen
Heißfilmen direkt an der Messstreckenwand stattfinden (Abb. a), werden mikrotechnisch
gefertigte Oberflächenheißfilme an einem dünnen Plattenmodell mit NACA-Nasenprofil
erprobt (Abb. b). Zur Erstellung von Kalibrationskurven wird die von NITSCHE ET AL. [1984]
293. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
vorgestellte Computational-Preston-Methode mit drei Druckröhrchen unterschiedlicher
Durchmesser (CPM3) verwendet. Hierbei handelt es sich um eine rechnergestützte
Erweiterung des klassischen Prestonrohrverfahrens nach PRESTON [1954], wobei die lokale
Wandschubspannung aus drei wandnahen Geschwindigkeiten über das van Driest’sche
Wandgesetz ermittelt wird. Die Durchführung erfolgt am Plattenmodell bei
Wandschubspannungen bis
τ
w=135 N/m² (uτ=13 m/s) bzw. an der Messstreckenwand
bis
τ
w=13 N/m².
CPM3
Heißfilmarray
Flow
45
40
z x
Sensoreinsatz
30
150
A
A-A
130
A
x/c = 0.48
Flow
300
NACA 0008
CPM3
a) b)
Abbildung 3-9: Versuchsaufbauten für Beschichtungsuntersuchungen
a) Messstreckenwand für Senflex-Heißfilme, b) Plattenmodell für MEMS-Heißfilme
3.2 Messsysteme
3.2.1 Mehrkanal Konstant-Temperatur Anemometer (M-CTA)
Um die flächige Entwicklung einer Grenzschichttransition durch Oberflächensensoren
dynamisch hochauflösend zu erfassen, ist eine große Anzahl thermoresistiver Sensoren
notwendig. Für den simultanen Betrieb dieser Sensoren wird zudem eine ebenso hohe Anzahl
von Anemometerbrücken benötigt. Kommerzielle Anemometer sind jedoch im allgemeinen
universell gestaltet, so dass sie für einen breiten Anwendungsbereich und mit einer Vielzahl
unterschiedlicher Sondentypen betrieben werden können. Hierdurch sind diese Geräte zumeist
relativ groß und teuer. Es ist jedoch möglich, ein kompakt aufgebautes Anemometer mit einer
deutlich reduzierten Anzahl elektronischer Bauelemente zu konzipieren, wobei einige
entscheidende Sensorparameter, wie beispielsweise der Sensorkaltwiderstand, als Rand-
bedingungen vorgegeben werden müssen. Ein derartiges Mehrkanal-Anemometer wurde am
Institut für Luft- und Raumfahrt entwickelt und steht für Arraymessungen mit bis zu 96
Sensoren in einer entsprechenden Stückzahl zur Verfügung. Die Anemometer sind in der
Konstant-Temperatur Variante (CT) ausgeführt, lassen jedoch durch Modifikation auch den
Betrieb im Konstant-Strom Modus (CC) zu. Das Anemometer besteht in seinen
Hauptkomponenten aus einem rauscharmen Operationsverstärker (AD-797) und einer
Wheatstone-Widerstandsbrücke. Diese wird aus zwei festen, einem einstellbaren sowie einem
variablen Widerstand, dem Sensor, gebildet. Über eine elektrische Rückkopplung wird die
Sensortemperatur durch eine kontinuierliche Nachführung des elektrischen Stroms durch den
30 3. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
Sensor konstant gehalten. Die Schaltung registriert dabei Ungleichgewichtszustände in der
Widerstandsbrücke und versucht durch permanente Nachregelung einen
Gleichgewichtszustand herzustellen. Die hierfür erforderliche Brückenspannung kann mit der
Strömungsgeschwindigkeit bzw. der Wandschubspannung korreliert werden.
Abbildung 3-10: Blockschaltbild des Konstant-Temperatur Anemometers
Das Blockschaltbild des Konstant-Temperatur Anemometers ist in Abbildung 3-10 gegeben.
Das Anemometer erlaubt den Betrieb im Brückenverhältnis 1:1 mittels eines externen
Überhitzungswiderstands (Rextern) sowie im üblichen Verhältnis 1:3. Am Mehrkanal-
Anemometer werden das Überhitzungsverhältnis (OHR), die Brückenkapazität (C-Kompen-
sation) und eine Nullwertabweichung des Operationsverstärkers (Offset-Trim) über
Potentiometer geregelt. Hierdurch kann das System so abgeglichen werden, dass es im
Gleichgewichtszustand ist und das Sensorelement die gewünschte Übertemperatur (TS)
besitzt. Die limitierende Frequenz des Sensor/Anemometer-Systems, die sogenannte Grenz-
frequenz fc, lässt sich durch die Einstellung von Kapazität und Nullwertabweichung
beeinflussen.
Die Anemometer wurden modular konzipiert, wobei jedes Modul aus zwei Standard-Platinen
(CTA, Signal-Konditionierer) besteht, die in kompakter Bauweise parallel zueinander
angeordnet sind und den Betrieb von vier Einzelsensoren erlauben. Die Versorgung der
Anemometer erfolgt über ein separates Netzteil, um elektrische Einstreuungen zu vermeiden.
3.2.2 Mehrkanal-Datenerfassungssystem (MEDES)
Für eine flächige Datenerfassung von Strömungsinformationen an einem Versuchsträger wird
ein Datenerfassungssystem benötigt, das die Schnittstelle zwischen dem Sensoren/Verstärker-
System und dem Messrechner (PC) darstellt. Das im Rahmen der Arbeit genutzte
Erfassungssystem wurde am ILR entwickelt und kann maximal 48 Kanälen quasi-simultan
aufzeichnen und mittels integriertem A/D-Wandler digitalisieren, SUTTAN [1999]. Die
Erfassung des Mittelwertanteils der Sensorsignale ist mit der bereitgestellten System-
J1
Rext.
Senso
r
J2
Offset
Trim
C –
Komp.
+
1:1 1:3
LP
fc= 10Hz
fc= 3Hz
HP LP
fc= 1 kHz
to
16kHz
Gain:
1 to
140
AC out, e
DC out, E
Anemometer Signal-Konditionierer
OHR-
A
bgleich
künstliche
A
nregungsquelle Wheatstone-
Brücke
R
1
R
2
Radj
R
e
0
313. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
konfiguration nicht möglich. Diese erlaubt ausschließlich die Aufzeichnung kleiner
Störamplituden durch eine AC-Signalentkopplung.
Die Mehrkanal-Messdatenerfassung erfolgt im Rahmen der Arbeit über zwei Einzelsysteme,
die durch eine externe Triggerung synchron angesprochen werden. Die Ansteuerung der
Systeme wird softwareseitig über ein Messprogramm mit implementierten Geräte-
Bibliotheken realisiert. Die Kommunikation zwischen Software und System wird durch einen
Controller auf der PC-Steckkarte hergestellt.
Das Messsystem (MEDES) ist ein miniaturisierter Transientenrekorder der aus drei
Teilkomponenten besteht:
- Analog-Modul (48-Kanal Multiplexer und A/D-Wandler)
- Steuer-Modul (Timing, serielle Schnittstelle)
- ISA-Slot PC-Steckkarte (Controller, serielle Schnittstelle, Messdaten-
Zwischenspeicher)
Steuer- und Analog-Modul bilden die Einheit des Front-Moduls, welches in unmittelbarer
Nähe der CT-Anemometer bzw. anderer Verstärkerschaltungen (z. B. bei der Verwendung
von Drucksensoren oder Mikrophonen) plaziert wird. Die Verbindung mit der PC-Karte
erfolgt über optische Kunststoff-Lichtwellenleiter, wobei die Signale hierzu über einen
elektro-optischen Konverter (E/OC) gewandelt werden. Abbildung 3-11 zeigt den
prinzipiellen Aufbau des Datenerfassungssystems, bestehend aus Front-Modul und PC-Karte.
48-Kanal EV MUX A/DC Controller E/OC
+
-Optische
Signale
Sensor
Signale
Poti
E/OC Controller Speicher
Front-Modul PC-Steckkarte
Analog-Modul Steuer-Modul
Abbildung 3-11: Schematischer Aufbau des Mehrkanal-Datenerfassungssystems
(MEDES) nach SUTTAN [1999]
Bei einer maximalen Anzahl von 48 Kanälen erlaubt der 1-MHz Multiplexer (MUX) des
Front-Moduls eine maximale Abtastfrequenz von fmax=19 kHz pro Kanal, wobei sich diese
erhöht, wenn die Anzahl der abgetasteten Kanäle reduziert wird. Der Multiplexer schaltet
nacheinander alle Kanäle auf einen 12-Bit A/D-Wandler mit einem Eingangsspannungs-
bereich von ±2.44 Volt. Für eine optimale Signalverstärkung der 48 Kanäle ist der Eingangs-
verstärker mit elektronischen Trimmpotentiometern ausgestattet. Diese erlauben eine
individuelle Anpassung (Faktor 1-50) jedes einzelnen Messkanals, um eine Signal-
übersteuerung zu verhindern. Der prinzipielle Versuchsaufbau des Mehrkanal-Daten-
erfassungssystems (MEDES) für die simultane Erfassung von maximal 96 Kanälen wird in
Abbildung 3-12 gezeigt.
32 3. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
Für eine Signaltrennung der periodischen Anteile von stochastischen Schwankungsanteilen
erfolgt im Rahmen der Untersuchungen eine phasenstarre, gruppengemittelte
Messdatenaufzeichnung (Phase locked ensemble average) durch eine Triggerung des
Systems. An den Prüfständen erfolgt dies durch eine Kopplung mit der Antriebswelle, wobei
pro Umdrehung ein TTL-Impuls geliefert wird. Bei der Versuchsdurchführung werden bis zu
200 kurze Zeitblöcke (geringe Samplezahl, hohe Abtastfrequenz) aufgezeichnet, gemittelt und
in verschiedenen graphischen Darstellungsformen bereitgestellt.
Abbildung 3-12: Aufbau des Datenerfassungssystems
3.3 Signalverarbeitung
Für eine problemorientierte Informationserfassung der aufgenommenen Daten werden
bekannte Größen der Statistik sowie Transformationsfunktionen herangezogen, die
nachfolgend definiert und erläutert werden.
3.3.1 Statistische Größen
Betrachtet man ein zeitlich instationäres Signal S(t) (Momentansignal, Instantaneous Signal),
so setzt sich dieses aus einem Mittelwertanteil s(t) und einem zeitlich überlagerten
Schwankungsanteil s'(t) zusammen (Gleichung 13), SCHWETLICK [1997]. Der Mittelwert, das
zentrale Moment erster Ordnung, ergibt sich hierbei aus einer Aufsummierung von N
333. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
Momentansignalen (Samples) bzw. der Anzahl von Messungen im Fall einer phasenstarren
Gruppenmittlung (phase-locked Ensemble Average):
)(')()( tststS += mit
=
=N
nntS
N
ts
1
)(
1
)( . (13)
Der RMS-Wert (root-mean-square) wird über die Wurzel des quadratisch aufsummierten
Gesamtsignals definiert und stellt dessen mittlere quadratische Abweichung dar
(Gleichung 14). In der Strömungsphysik wird der RMS-Wert insbesondere zur
Unterscheidung laminarer bzw. turbulenter Grenzschichten genutzt. Auch dient er einer
Identifikation von Transitionsbereichen und Gebieten mit Ablösung.
=
=N
nn)t(S
N
1
)t(RMS
1
2 (14)
Die Standardabweichung
σ
(t) bezieht sich ausschließlich auf den Schwankungsanteil
(Gleichung 15, unvoreingenommene Definition mit N-1). Da die Datenerfassung im Rahmen
der experimentellen Anwendungen in dieser Arbeit auf die Schwankungsanteile beschränkt
ist, sind die Ergebnisse von
σ
(t) und RMS identisch.
[]
2
1
=
= N
nn)t(s)t(S
1-N
1
)t(
σ
(15)
Die Schiefe (Skewness,
µ
3) wird durch das zentrale Moment dritter Ordnung definiert. Sie ist
vorzeichenabhängig und beschreibt den Grad der Asymmetrie einer Amplituden- bzw.
Häufigkeitsverteilung gegenüber einer Gauß-Verteilungskurve (Gleichung 16). Die
Betrachtung der Schiefe ermöglicht Aussagen über intermittierende Grenzschichtphänomene.
Sie nimmt, analog zum Intermittenzfaktor, in einer laminaren Grenzschicht den Wert Null an,
steigt im laminar-transitionalen Bereich auf ein Maximum (Intermittenz γ=0.25) und erfährt
einen Nulldurchgang im Transitionspunkt (γ=0.5). Im Bereich einer transitional-turbulenten
Grenzschicht (γ=0.75) fällt sie auf ein Minimum und geht für eine vollturbulente
Grenzschicht gegen Null (γ=1).
[]
=σ
=µ N
n
n)t(s)t(S
N
)t(
13
3
31 (16)
Die Kurtosis (Flatness,
µ
4) wird über das nächst höhere zentrale Moment definiert und ist
demnach per Definition stets positiv (Gleichung 17). Sie beschreibt die „Flachheit“ der
Amplitudenverteilung und wichtet die Amplitudenasymmetrie, die über die Schiefe definiert
ist. Sie kann des Weiteren als ein Maß für die Energiedispersion des betrachteten Systems
angesehen werden.
[]
=σ
=µ N
n
n)t(s)t(S
N
)t(
14
4
41 (17)
34 3. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
3.3.2 Fourier-Analyse
In der Praxis ergeben sich gemessene Signale aus der Überlagerung einer Vielzahl von
Einzelphänomenen. So können neben dem eigentlichen Strömungssignal sowohl Einflüsse
stochastischer Art (Rauschen) als auch periodischen Ursprungs in Erscheinung treten. Häufig
überlagern die Störungen das interessierende Signal so stark, dass es ohne eine
problemorientierte Signalanalyse nur schwer oder gar nicht identifiziert werden kann. Eine
entsprechende Signalauswertung ist über Transformationsfunktionen zur Identifikation
dominanter bzw. periodischer Signalanteile möglich. Durch eine Analyse im Frequenzbereich
können insbesondere charakteristische Frequenzen bzw. Frequenzbereiche wie die
Blattfolgefrequenz oder Tollmien-Schlichting Instabilitäten identifiziert werden.
Die Fourier-Analyse basiert auf einer Approximation des Ausgangssignals durch eine
Fourier-Reihe, also einer Aufsummierung von Cosinus- und Sinusfunktionen mit diskreten
Frequenzen und entsprechend gewichteten Amplituden, SCHRÜFER [1992]. Eine Fourier-
Transformation erlaubt die Zerlegung in unterschiedlich stark gewichtete harmonische
Signale mit diskreten Eigenfrequenzen. Insbesondere bei der Identifikation periodischer
Vorgänge gibt die Betrachtung des Signals im Frequenzbereich Aufschluss über dominante
Signalanteile. Zu beachten ist, dass eine Fourier-Reihe nur für periodische Signale aufgestellt
werden kann. Eine Fourier-Transformation hingegen lässt sich auf jedes beliebige Signal
anwenden, SCHRÜFER [1992].
Betrachtet man ein zeitkontinuierliches, harmonisches Signal, so ermöglicht die Fourier-
Transformation die Konvertierung einer zeitlimitierten Funktion F(t) in ein Spektrum F(j
ω
).
Die Spektralfunktion ist dabei eine komplexe Funktion, bestehend aus Real- und Imaginärteil
bzw. Betrag und Phase:
ω
=ω dte)t(f)j(F tj
ω ωω= de)j(f)t(F tj (18)
ω
ω
=ϕ ))j(FRe(
))j(FIm(
arctan (19)
Während diese Integralgleichungen (Gleichung 18) für kontinuierliche Zeitsignale (F(j
ω
),
bzw. F(t)) genutzt werden, erlaubt die Betrachtung eines transienten diskreten (digitalisierten)
periodischen Zeitsignals f(nT) die Anwendung einer Diskreten-Fourier-Transformation (DFT)
Fd(j
ω
). Diese Form der Fourier-Transformation ist jedoch in ihrer Berechnung mit einem
hohen Zeitaufwand (Rechenzeit) verbunden, da viele Rechenschritte redundant sind. Durch
deren Elimination kann die erforderliche Rechenzeit bedeutend verkürzt werden. Man spricht
von der Fast-Fourier-Transformation (FFT), deren Anwendung allerdings an die Voraus-
setzung gebunden ist, dass die Zahl der Messwerte 2n Samples entspricht.
In Anlehnung an die Signalanalysator-Handbücher des Herstellers HEWLETT-PACKARD [1985]
werden spektrale Verläufe über die Koeffizienten der zuvor beschriebenen Fourier-
Transformation definiert. Man unterscheidet dabei zwischen dem Amplitudenspektrum und
dem Leistungsdichtespektrum. Während sich das Amplitudenspektrum über das lineare
Spektrum (F) eines Signals definiert, wird das Leistungsdichtespektrum aus dem Produkt von
linearem und konjugiert komplexem Spektrum (F*) gebildet.
353. Versuchsanlagen, Messsysteme und Signalverarbeitung
3.3.3 Korrelation
Die Korrelation erlaubt den Vergleich zweier Signale im Zeitbereich. Primär wird zwischen
der Auto- und der Kreuzkorrelation unterschieden. Bei der Autokorrelation wird ein
Zeitsignal auf sich selbst abgebildet, um periodische Anteile innerhalb des Messsignals zu
detektieren. Dies erlaubt die Hervorhebung periodischer Signalanteile, während stochastische
Anteile reduziert werden. Die Bildung der Autokorrelation erfolgt durch Multiplikation der
Amplituden eines Signals mit denen des selben Signals, verzögert um einen Zeitversatz kTa,
und einer anschließenden Aufsummierung der Produkte, SCHRÜFER [1992]. Demgegenüber
wird die Kreuzkorrelation (KKF) verwendet, um Gemeinsamkeiten zweier unterschiedlicher
Signale zu ermitteln.
Die Bestimmung der Korrelation erfolgt in Analysetools zumeist über die FFT. Das Auto-
korrelationsspektrum definiert sich dabei über das Produkt von linearem und komplex
konjugiertem Spektrum des gleichen Ausgangssignals (G11= F1F1*), während das Kreuz-
korrelationsspektrum aus der Multiplikation des konjugiert komplexen Spektrums des ersten
Signals (F1*) mit dem Spektrum (F2) des zweiten Signals gebildet wird (G12= F1F2*). Die
Frequenzantwort H(f), also der Quotient aus Kreuz- und Autokorrelationsspektrum bildet die
Ausgangsbasis für eine Darstellung der Korrelation im Zeitbereich,
HEWLETT-PACKARD [1985]:
12
11
)( G
G
fH = und ))(()( 1fHFfh
= (20)
36 4. Experimentelle Voruntersuchunge
n
4. Experimentelle Voruntersuchungen
Für den Einsatz von Oberflächensensoren und Sensorarrays zur Erfassung instationärer
Wandschubspannungsverteilungen ist insbesondere in Hinblick auf die Anwendung an
Schaufelprofilen mit periodisch-instationären Grenzschichten eine hohe zeitliche und flächige
Signalauflösung wichtig. Im Rahmen der Vorversuche sollen daher die Charakteristiken
verschiedener thermoresistiver Sensoren ermittelt werden. Es werden hierbei klassische und
mikrotechnisch gefertigte Oberflächenheißfilme sowie Oberflächenhitzdrähte erprobt. Das
vorliegende Kapitel gliedert sich hierzu in sechs Abschnitte. Ergebnisse von konventionellen
Oberflächenheißfilmen sind in Kapitel 4.1 zusammengefasst. Kapitel 4.2 befasst sich mit der
Erprobung von Oberflächenhitzdrähten, wobei die statischen und dynamischen Eigenschaften
untersucht werden. Ergänzend wird ist in diesem Kapitel der Thermalhaushalt des wandbündig
angeordneten Hitzdrahtes und eines klassischen Oberflächenheißfilms gegenübergestellt. In
Kapitel 4.3 werden Ergebnisse zur Statik und Dynamik sowie Beschichtungsuntersuchungen
von MEMS-Heißfilmen vorgestellt. Einen Vergleich der dynamischen Eigenschaften von
Oberflächenhitzdraht sowie konventionellem und MEMS-Oberflächenheißfilm wird in
Kapitel 4.4 gegeben. Hierbei werden die erzielbaren Grenzfrequenzen in Abhängigkeit vom
gewählten Überhitzungsverhältnis und der Machzahl der Anströmung vergleichend gegen-
übergestellt. Untersuchungen zur Anwendung von flexiblen Kaptonfolien-Oberflächen-
hitzdrahtarrays an Schaufelprofilen werden in Kapitel 4.5 vorgestellt. Eine abschließende
Wertung der Ergebnisse wird in Kapitel 4.6 gegeben und die betrachteten Sensoren hinsichtlich
ihrer Vor- und Nachteile tabellarisch gruppiert.
4.1 Oberflächenheißfilm
Oberflächenbeschichtungen an Heißfilmen dienen einer Erhöhung der Widerstandfähigkeit
gegenüber äußeren mechanischen Einwirkungen. Um hierbei noch eine hohe dynamische
Signalauflösung des beschichteten Sensors zu gewährleisten, sind die Wahl des
Beschichtungsmaterials sowie die aufgebrachte Materialstärke wichtig. Insbesondere bei dem
thermoresistiven Sensorprinzip sollte die Reduktion der Wärmeabgabe durch die zusätzliche
Schutzschicht minimal sein, um ein hohes Signal/Rausch-Verhältnis zu erzielen.
Die Aufbringung einer isolierenden Schutzschicht ist durch verschiedene technische Prozesse
möglich. Die Wahl des Verfahrens richtet sich dabei sowohl nach dem Beschichtungsmaterial
(metallisch/nicht-metallisch, fest/flüssig) als auch dem zu beschichtenden Objekt. Im Rahmen
der Untersuchungen mit Senflex-Heißfilmen wurde das „Spin-Coating“-Verfahren genutzt, bei
dem das Beschichtungsmaterial mittig auf der Oberfläche des Sensorarrays platziert und durch
Rotation (nmax=8000 min-1) flächig verteilt wird. Als Beschichtungsmaterialien wurden zwei
photoresistive Lacke ausgewählt, die sich vor allem deutlich in ihrer Viskosität voneinander
unterscheiden. Die Verwendung des Lackes “Kontakt Chemie, Positiv_20“ (Positiv-Resist,
CRC-Industries Deutschland GmbH) ermöglicht die Herstellung von h=3 µm dünnen
Schichten, während das flüssige Dielektrikum auf Epoxydharzbasis „Probelec“ infolge erhöhter
Viskosität minimale Schichtdicken von h=6 µm erlaubt.
Zur Beurteilung der mechanischen und chemischen Nutzbarkeit dieser Lacke wurden
Klimakammertests (ESPEC PL-2K Klimakammer) durchgeführt. Die Erprobungen umfassten
Untersuchungen zur Festigkeit sowie Beständigkeitstests bei schnellen Temperaturwechseln,
hoher Luftfeuchtigkeit und mechanischer Beanspruchung. Die Ergebnisse zeigen, dass beide
374. Experimentelle Voruntersuchunge
n
Lacke eine ausreichend hohe mechanische Oberflächenhaftung und Materialfestigkeit besitzen,
um zur generellen Beschichtung von Oberflächensensoren zum Einsatz gebracht werden zu
können. Temperaturbelastungszyklen zwischen –55°C und +100 °C über 100 Stunden, ebenso
wie Belastungstests bei 85°C und einer Luftfeuchtigkeit von 85% über 200 Stunden, führten zu
keinem Materialversagen oder sprödem Abplatzen von der Trägeroberfläche, jedoch besitzt
Probelec eine sehr hohe Materialsteifigkeit, die für eine Anwendung auf flexiblen Sensorarrays
ungeeignet ist. Dennoch wurden auch mit diesem Epoxydharz Versuche zum dynamischen
Signalverhalten durchgeführt.
Der Einfluss der Oberflächenbeschichtungen auf die dynamische Signalantwort der Senflex-
Heißfilme wird an Leistungsdichtespektren und Frequenzantwortverläufen gezeigt. Die
Senflex-Sensoren wurden auf einem PVC-Stopfen appliziert und am transsonischen Windkanal
in turbulenten Wandgrenzschichten bei Anströmgeschwindigkeiten bis u=150 m/s zum
Einsatz gebracht.
Die sich ergebenden Leistungsdichtespektren für u=150 m/s sind in Abbildung 4-1 dargestellt.
Zu Referenzzwecken ist auch das Spektrum eines unbeschichteten Sensors aufgetragen. Die
Spektren des Oberflächensensors mit Positiv_20-Lackschichten (pro Schichtlage 3µm) zeigen
trotz zunehmender Gesamtschichtdicke nur minimale Amplitudeneinbußen. Hingegen ist der
Einfluss des Lackes Probelec (pro Schichtlage 6µm) deutlich über den gesamten betrachteten
Frequenzbereich hinweg zu erkennen. Dies wirkt sich direkt auf das resultierende
Signal/Rausch-Verhältnis aus und lässt sich auf die unterschiedlichen Materialfestigkeiten der
zwei Lacke im ausgehärteten Zustand zurückführen. Probelec basiert auf einem Epoxydharz
und bildet eine sehr feste, glasartige Lackschicht, die zu einer deutlichen Dämpfung der
Signalamplituden führt. Das Ziel einer dünnen, flexiblen Beschichtung, die Wandreibungs-
fluktuationen nahezu ungedämpft an die Sensoren weitergibt, wird mit Probelec verfehlt.
Abbildung 4-1: Leistungsdichtespektren zum Einfluss von Beschichtungslagen auf Senflex-
Oberflächenheißfilmen bei u=150m/s
Zur Erfassung der Grenzfrequenzänderung durch die Lackschichten wird ein Sinuswellen-
Frequenztest nach FREYMUTH [1977] benutzt, wobei die Anregung direkt in das
Sensor/Anemometer-System eingekoppelt wird. In Abbildung 4-2 sind die Frequenzantworten
von beschichteten Oberflächenheißfilmen mit Positiv_20 (Abb. a) und Probelec (Abb. b) für
38 4. Experimentelle Voruntersuchunge
n
jeweils zwei Strömungsgeschwindigkeiten (u=0 und 150 m/s) dargestellt. Gezeigt werden die
Verläufe für den unbeschichteten Fall sowie für ein, zwei bzw. drei Schichtlagen.
Abbildung 4-2: Leistungsdichtespektrum zum Einfluss von Beschichtungslagen auf Senflex-
Oberflächenheißfilmen bei u=150m/s; a) Posistiv_20, b) Probelec
Während die Erhöhung der Strömungsgeschwindigkeit wie erwartet zu einer Amplituden-
reduzierung führt, steigen Resonanz- und Grenzfrequenz an. Demgegenüber bewirken die
einzelnen Beschichtungslagen eine Verschiebung der Signalantwort hin zu geringeren
Frequenzen. Dieser Einfluss ist bei Positiv_20 für alle Schichtlagen zu erkennen. Bei Probelec
hingegen erfolgt bereits durch die erste Lackschicht eine deutliche Verschiebung der
Frequenzantwort. Dies äußert sich in einem sehr starken Dämpfungseffekt der Strömungs-
signale mit bereits einer Lackschicht. Weitere Schichten hingegen führen zu keiner weiteren
Abnahme der Grenzfrequenzen.
In den Abbildungen 4-3a,b sind die Grenzfrequenzen von Positiv_20 (a) und Probelec (b) in
Abhängigkeit von der Anzahl der Schichtlagen und der Strömungsgeschwindigkeit
aufgetragen. Ein Vergleich der Ergebnisse verdeutlicht, inwieweit die Grenzfrequenzen durch
die zwei unterschiedlichen Lacke beeinflusst werden.
Abbildung 4-3: Einfluss von Strömungsgeschwindigkeit und Schichtlagenanzahl auf die
Grenzfrequenzen von Senflex-Heißfilmen für a) Positiv_20 und b) Probelec
a) b)
a) b)
394. Experimentelle Voruntersuchunge
n
Bei den dargestellten Ergebnissen ist zu berücksichtigen, dass der sensorische Aspekt im
Vordergrund der Untersuchungen stand. Der Einfluss des Substratmaterials auf die
Grenzfrequenz hingegen wurde nicht genauer betrachtet. Es ist jedoch generell zu bedenken,
dass aufgrund der thermischen Trägheit des Substratmaterials die konduktive Wärmeabgabe
des Sensorelementes an das Substrat infolge lokaler Wandschubspannungsschwankungen nicht
beeinflusst wird. Da jedoch die konvektive und die konduktive Wärmeabgabe von der mittleren
Wandschubspannung abhängig sind, ergeben sich unterschiedliche Zeitkonstanten durch
Strömung und Substrat. Hierdurch stellt sich eine materialabhängige Dämpfung der
instationären Signalanteile ein, die für die statische und dynamische Kalibration eines
Heißfilms zu unterschiedlichen Steigungen führt, wie Abbildung 4-4a verdeutlicht
(Haselbach [1997]). Dies wirkt sich dahingehend auf die tatsächliche Grenz-, bzw. Eckfrequenz
fc aus, als das diese deutlich kleiner ist als die theoretische Grenzfrequenz, fc.theo.
BELLHOUSE UND SCHULTZ [1968] ermittelten die theoretische Frequenz in dimensionsloser
Form für einen Heißfilm zu:
()
3
1
2
eff.theo,c LPr5.0f
++ = . (21)
Exemplarisch kann für eine Schichtdicke von 6 µm (Probelec 1×, Positiv 2×) ein quantitativer
Vergleich der Grenzfrequenzen beider Lacke gegeben werden. Der materialspezifische Einfluss
wird durch eine direkte Gegenüberstellung der erzielten Grenzfrequenzen bis u=150 m/s in
Abbildung 4-4b gegeben. Das Ergebnis verdeutlicht die Unterschiede in den Thermal-
haushalten, hervorgerufen durch die unterschiedlichen Lackeigenschaften. Probelec führt
gegenüber Positiv_20 zu einer deutlich verminderten Wärmekonvektion an das strömende
Medium, woraus deutlich geringere Grenzfrequenzen resultieren.
E
τw
E statische Kalibration
dynamische Kalibration
τ
w dynamisch
τ
w statisch
PDF
PDF
Abbildung 4-4: a) Schematische Darstellung von statischer und dynamischer Kalibration
(HASELBACH [1997]), b) Grenzfrequenzen von Senflex-Heißfilmen für Positiv_20 und
Probelec bei einer Schichtdicke von h=6 µm
Der Einfluss der Schichtlagenanzahl bei konstanter Strömungsgeschwindigkeit wird in den
Abbildungen 4-5 a/b graphisch für die zwei untersuchten Lacke herausgestellt. Bei dem mit
Positiv_20 beschichtetem Oberflächenheißfilm (Abb. a) führt jede zusätzliche Lackschicht zu
Grenzfrequenzeinbußen. Abbildung b verdeutlicht hingegen, dass bereits mit einer Probelec-
Schicht eine sehr massive Grenzfrequenzreduktion fc=5...7 kHz erfolgt. Weitere Auf-
schichtungen führen dann zu keinem erkennbaren Dämpfungseinfluss mehr. Der Effekt der
a) b)
40 4. Experimentelle Voruntersuchunge
n
dynamischen Signaldämpfung durch den Epoxydharz-Lack ist demzufolge so stark, dass der
Lack für eine Beschichtung von Oberflächenheißfilmen ungeeignet ist.
Abbildung 4-5: Einfluss der Beschichtungslagen auf die Grenzfrequenzen von Senflex-
Oberflächenheißfilmen für a) Positiv_20 und b) Probelec
4.2 Oberflächenhitzdraht
Bedingt durch das Messprinzip des Oberflächenhitzdrahtes muss dieser zur quantitativen
Erfassung der Wandschubspannung gegen eine Referenz kalibriert werden. Abbildung 4-6 zeigt
die Kalibrationskurve eines Einzelsensors in einer turbulenten Grenzschichtströmung für einen
Wandschubspannungsbereich zwischen
τ
w=2...19 N/m². Die Referenzdaten wurden durch eine
CPM3-Sonde ermittelt. Die sich ergebende Kalibrationsfunktion mit den empirisch ermittelten
Konstanten ist ebenfalls angegeben. Das Ergebnis zeigt, dass eine zunehmende Wand-
schubspannung zu einem Anstieg der Anemometer-Brückenspannung führt, während die
Änderungsrate dieser Spannung, bezogen auf die Wandschubspannung (E²/
τ
w), abnimmt.
Dem Verlauf entsprechend ist die Signalauflösung im Bereich kleiner Wandschubspannungen
deutlich höher. Dies verdeutlicht auch der dargestellte Verlauf der Sensitivität (dE²/d
τ
w) in
Abbildung 4-6.
Abbildung 4-6: Kalibrationskurve und Sensitivität eines Oberflächenhitzdrahtes
Zur näheren Analyse des Einflusses der Sensorelement-Anordnung des von Oberflächen-
hitzdrähten und Senflex-Oberflächenheißfilmen auf den Thermalhaushalt sind in Abbildung 4-7
b)
a)
414. Experimentelle Voruntersuchunge
n
zwei Infrarotaufnahmen gegeben, welche die Wärmestrahlung dieser Sensoren für zwei
Wandschubspannungen (
τ
w=0 N/m²,
τ
w=2 N/m2) qualitativ gegenüberstellen. Das gewählte
Überhitzungsverhältnis der Oberflächenheißfilme beträgt OHR=1.5 und für jeweils zwei
Oberflächenhitzdrähte OHR=1.7 bzw. OHR=1.5. Die Datenerfassung erfolgte durch eine
Infrarotkamera (ThermaCAM PM380) mit einer Bildauflösung von 256×256-Pixeln und einem
operativen Wellenlängenbereich von
λ
=3.4...5 µm, INFRAMETRICS [1997]. Das Substrat auf
denen die Sensorarrays appliziert sind wird aus Photoplatten-Basismaterial gebildet.
Abbildung 4-7: Isolinien-Temperaturverteilungen von Oberflächenheißfilmen und
Hitzdrahtarray, a)
τ
w=0 N/m² und b)
τ
w=1.2 N/m²
Aus Abbildung 4-7a geht hervor, dass die Wärmeabgabe an den dünnen Hitzdrähten lokal sehr
begrenzt ist. Im Vergleich dazu erfolgt aufgrund des direkten Kontakts der Heißfilme mit dem
Substrat eine deutliche Wärmeabgabe an die Struktur, so dass sich die Umgebung des gesamten
Sensorarrays erwärmt. Analog zu den in Kapitel 2 gezeigten numerischen Ergebnissen,
verdeutlicht Abbildung 4-7b eine stark ausgeprägte Temperaturfahne hinter dem Heißfilmarray,
die auch noch 30 mm stromab erkennbar ist. Ein derartiger thermischer Nachlauf ist hinter dem
Hitzdrahtarray nicht erfassbar.
Für eine vergleichende Ergebnisbetrachtung sind in Abbildung 4-8 Temperaturverläufe von
Hitzdraht und Senflex-Heißfilm gegenübergestellt, die sich jeweils durch Schnitte quer durch
die Sensorarrays ergeben (siehe Pfeil-Marker in Abbildung 4-7). Für eine quantitative
Darstellung mit einer realistischen Temperaturverteilung reichte die Dynamik der Kamera nicht
aus. Die Laufkoordinaten wurden entsprechend dem Sensorabstand normiert, um einen direkten
Vergleich zwischen Heißfilm (xSensor=3 mm) und Oberflächenhitzdraht (xSensor=2.5 mm) zu
ermöglichen. Die bereits zuvor beschriebenen Phänomene einer erhöhten thermischen
Wärmeabgabe an die unmittelbare Umgebung, wie auch der deutlich ausgeprägte thermische
Nachlauf bei den Heißfilmen (Abb. b), sind erkennbar. Die geringeren Amplituden der jeweils
ersten zwei Oberflächenhitzdrähte resultiert aus kleineren Überhitzungsverhältnissen, wodurch
sich eine niedrigere Sensorübertemperatur ergibt.
a) b)
*>41,6°C
*<17,4°C
20,0
25,0
30,0
35,0
40,0
*>41,6°C
*<17,4°C
20,0
25,0
30,0
35,0
40,0
u
Hitzdraht Heißfilm
a) b)
10mm
42 4. Experimentelle Voruntersuchunge
n
Abbildung 4-8: Isolinien-Darstellungen der Temperaturverteilungen von Oberflächenhitzdraht
und Senflex-Heißfilm für a)
τ
w=0 N/m², b)
τ
w=2 N/m²
4.3 MEMS-Oberflächenheißfilm
Zur Erfassung der statischen Sensoreigenschaften eines unbeschichteten stabförmigen MEMS-
Oberflächenheißfilms ist in Abbildung 4-9 exemplarisch die Sensorausgangsspannung in
Abhängigkeit von der Wandschubspannung dargestellt. Ebenfalls gezeigt wird die resultierende
Sensitivität, die sich aus der Ableitung der Sensorspannung nach der Wandschubspannung
(dE/d
τ
w) berechnet. Die Messung wurde in einer turbulenten Grenzschicht einer ebenen Platte
bei Wandschubspannungen bis
τ
w=90 N/m² durchgeführt. Die Ergebnisse sind für einen
Heißfilm mit einem Kaltwiderstand von R0=17.5 und einem Überhitzungsverhältnis von
OHR=1.15 dargestellt.
Abbildung 4-9: Sensorausgangsspannung und Sensitivität eines MEMS-Oberflächenheißfilms
Der Verlauf der statischen Signalantwort zeigt mit zunehmender Machzahl der Anströmung ein
Anwachsen der Sensorausgangsspannung, während die Steigung (E/
τ
w) für
τ
w >80 N/m²
gegen einen festen Wert konvergiert. Dies führt zu einer sehr deutlichen Abnahme der
Sensitivität (dE/d
τ
w) und lässt den Schluss zu, dass der Sensor insbesondere für die Erfassung
geringer bis mittlerer Wandschubspannungen geeignet ist. Die relativ starke Streuung der
Messpunkte, insbesondere im Bereich kleiner Wandschubspannungen, lässt sich vor allem auf
a) b)
434. Experimentelle Voruntersuchunge
n
das niedrige Signal/Rausch-Verhältnis infolge des geringen Überhitzungsverhältnisses zurück-
führen.
Die dynamische Signalantwort des thermoresistiven MEMS-Heißfilms wird über eine
sinuswellige Anregung ermittelt. Parallel zum Sensorelement wird hierbei ein sinusförmiges
Störsignal mit einer Anregungsamplitude von 50 mV über einen Vorwiderstand mit 10 k in
die Anemometerbrücke eingekoppelt. Die Frequenz der künstlichen Anregung wird zwischen
10 Hz und 10 kHz und einer Stufung von je 110 Hz pro Messpunkt variiert. Die
charakteristische Systemgrenzfrequenz wird über einen Amplitudenabfall von A=3 dB
gegenüber der Idealantwort definiert und kennzeichnet die physikalische Grenze des
Sensor/Anemometer-Systems.
Abbildung 4-10 zeigt die Frequenzantworten eines MEMS-Oberflächenheißfilms für drei
Strömungsgeschwindigkeiten, wobei die Signalamplituden in Dezibel über der Anregefrequenz
dargestellt sind. Der betrachtete Sensor hat einen Kaltwiderstand von R0=14 und wird mit
einem Überhitzungsverhältnis von OHR=1.15 im Konstant-Temperatur Modus betrieben. Die
Frequenzverläufe der Abbildung 4.10 zeigen zunächst einen Amplitudenanstieg von
12 dB/Dekade bis zum Erreichen eines Maximums, dem Resonanzpunkt des Systems. Mit
Überschreitung der Resonanzfrequenz nehmen die Amplituden wieder ab und fallen zunächst
mit ca. 7 dB/Dekade bis auf einen Sättigungswert von A=-14 dB. Die Grenzfrequenzen des
betrachteten MEMS-Sensors liegen zwischen 2.5 und 3 kHz. Die ermittelten Grenzfrequenzen
liegen allerdings infolge der Interaktionen mit Strömung und Struktur um Größenordnungen
unter der theoretischen Grenzfrequenz der Strömung fc,theo. eines Heißfilms (Gl. 21).
Abbildung 4-10: Frequenzantworten eines BAE MEMS-Oberflächenheißfilms
Der Einfluss der Strömungsgeschwindigkeit äußert sich in den Frequenzantworten durch eine
Amplitudenreduktion, die sich aus dem gewählten Sensor/Anemometer-System ergibt.
Resonanz- und Grenzfrequenz steigen hingegen mit der Machzahl an. Die Verlagerung der
Amplitudenverläufe mit zunehmender Strömungsgeschwindigkeit wird durch eine sinkende
Wärmerate ( Q
/u
) geprägt, siehe hierzu auch Abbildung 4-9. Während die vom Sensor-
element an die Strömung abgegebene Wärmemenge in Abhängigkeit von der Strömungs-
geschwindigkeit steigt, nimmt die Wärmerate stetig ab. Dies führt zu einer Sensitivitäts-
abnahme, die sich in den Frequenzantworten in einer Amplitudenreduktion äußert. Die
Zunahme der Resonanz- sowie der Grenzfrequenz, lässt sich hingegen durch die Veränderung
44 4. Experimentelle Voruntersuchunge
n
der Systemreaktionszeit erklären, da durch die Erhöhung der Strömungsgeschwindigkeit eine
Zunahme des Wärmeabtransportes am geheizten Sensorelement erfolgt. Dies wird durch eine
erhöhte Nachführung der elektrischen Spannung berücksichtigt, um die Sensortemperatur
konstant zu halten (CT-Mode). Je höher die Strömungsgeschwindigkeit ist, desto hoch-
frequenter wird der Prozess der Nachregelung des Systems und die damit verbundene
dynamische Signalantwort.
Die im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführten Untersuchungen zum Einfluss von
Oberflächenbeschichtungen an mikrotechnisch gefertigten Heißfilmen werden nachfolgend
beschrieben. Die MEMS-Oberflächenheißfilme weisen eine dünne Siliziumdioxidlage von
d=0.25 µm auf. Unter Ausnutzung der Sinuswellen-Frequenzanalyse zur Erfassung der
dynamischen Signalantwort thermoresistiver Sensoren sind in Abbildung 4-11 die
Grenzfrequenzen unterschiedlicher MEMS-Oberflächenheißfilme aufgetragen. Die Sensoren
wurden mit einem Überhitzungsverhältnis von OHR=1.2 abgeglichen. Die dargestellten
Verläufe verdeutlichen ein Anwachsen der Grenzfrequenzen mit zunehmender Machzahl der
Anströmung. Der thermische Dämpfungseinfluss einer 0.25 µm dünnen Siliziumdioxidschicht
auf die Grenzfrequenzen ergibt sich aus der vergleichenden Betrachtung der Ergebnisse zweier
stabförmiger Sensoren. Die zusätzliche Materialschicht agiert hierbei wie ein Tiefpassfilter
hinsichtlich des Frequenzspektrums und führt zu einer Reduktion der Grenzfrequenz. Mit
zunehmender Machzahl verliert dieser Effekt über den betrachteten Bereich hinweg leicht an
Einfluss. Aus diesem Grund konvergieren die Trendlinien.
Abbildung 4-11: Grenzfrequenzen von beschichteten und unbeschichteten MEMS-Sensoren
Infolge einer relativ hohen Streuung der Kaltwiderstände der MEMS-Sensor (10...20 ) sind in
Abbildung 4-11 auch die Grenzfrequenzen zweier beschichteter Hufeisensensoren gegen-
übergestellt. Der Vergleich zeigt, dass sich bei gleichem Überhitzungsverhältnis, aber höherem
Sensorwiderstand deutlich größere Grenzfrequenzen ergeben. Die Ursache hierfür liegt in den
Fertigungstoleranzen der zwei Sensoren, die sich in den unterschiedlichen Sensorkalt-
widerständen äußern. Ein Abgleich der Sensoren mit einem konstantem OHR führt somit zu
zwei unterschiedlichen Sensorwarmwiderständen, die im Betrieb unterschiedliche Sensor-
übertemperaturen und dementsprechend auch voneinander abweichende Sensitivitäten
bewirken. Eine erhöhte Sensortemperatur führt dabei zu einer Erhöhung der Sensitivität und
wirkt frequenzsteigernd auf die dynamische Signalantwort.
454. Experimentelle Voruntersuchunge
n
4.4 Vergleich der Oberflächensensoren
In Abbildung 4-12 sind die Grenzfrequenzen dreier thermoresistiver Oberflächensensoren
vergleichend über der Machzahl der Anströmung dargestellt. Oberflächenhitzdraht und
klassischer Oberflächenheißfilm (Senflex-HF) wurden mit einem Überhitzungsverhältnis von
OHR=1.55 betrieben. Der MEMS-Sensor hingegen ist mit einem OHR von 1.2 abgeglichen
worden.
Abbildung 4-12: Grenzfrequenzen verschiedener
thermoresistiver Oberflächensensoren Abbildung 4-13: Einfluss von OHR auf die
Grenzfrequenz thermoresistiver Sensoren
Mit Oberflächenhitzdraht und Senflex-Heißfilm lassen sich Grenzfrequenzen deutlich über
30 kHz erzielen. Dagegen erlaubt der MEMS-Sensor konstruktiv bedingt nur sehr kleine
Überhitzungsverhältnisse, die zu Grenzfrequenzen bis maximal fc=6 kHz führen. Die mit einem
Oberflächenhitzdraht erreichbaren Frequenzen veranschaulichen, dass durch die thermische
Entkopplung des Sensorelementes (Hitzdraht) von der Struktur im Vergleich zu
Oberflächenheißfilmen deutlich höhere Frequenzen erzielt werden können. Zudem
verdeutlichen die Ergebnisse für den betrachteten Geschwindigkeitsbereich eine lineare
Abhängigkeit der Grenzfrequenz (fc) von der Machzahl. Eine Betrachtung der drei Verläufe
zeigt zudem, dass sowohl das vorgegebene Sensorüberhitzungsverhältnis als auch der
Thermalhaushalt der Sensoren entscheidende Einflussparameter sind. Abbildung 4-13 stellt
hierzu die Grenzfrequenzen der drei Sensoren für den Fall einer konstanten
Wandschubspannung und der Variation des OHR gegenüber. Die Überhitzungsverhältnisse von
Hitzdraht und klassischem Heißfilm wurden zwischen 1.2 und 1.8 variiert, während der
MEMS-Oberflächenheißfilm mit einem maximalen OHR von 1.2 abgeglichen werden konnte.
Alle drei Verläufe steigen mit zunehmendem Überhitzungsverhältnis linear an, wobei die
Steigung des Oberflächenhitzdrahtes dabei deutlich über denen der Heißfilme liegt.
Verantwortlich hierfür ist die unterschiedliche Anordnung der Sensorelemente und die sich
daraus ergebenden Thermalhaushalte. Bei den MEMS-Heißfilmen führte die Erhöhung des
Überhitzungsverhältnisses über OHR=1.2 hinaus zu einem elektrischen Versagen. Dies lässt
sich mit der Entstehung eines lokalen Temperaturmaximums am Sensorelement begründen, da
das Überhitzungsverhältnis direkt mit der Überhitzungstemperatur korreliert.
Strömungsbedingte Temperaturfluktuationen führen zudem zu hohen lokalen thermischen
Materialbelastungen und verursachen schon nach kurzer Zeit einen Sensordefekt. Eine lineare
Datenextrapolation prinzipiell erzielbarer Grenzfrequenzen für einen MEMS-Heißfilm ist
46 4. Experimentelle Voruntersuchunge
n
tendenziell in Abbildung 4-13 mit eingezeichnet. Mit einem Überhitzungsverhältnis von
beispielsweise OHR=1.5 lassen sich demnach Frequenzen um ca. 15 kHz erzielen.
4.5 Voruntersuchungen am Axialventilator
Für die im Rahmen der vorliegenden Arbeit gezeigten Anwendungen des Oberflächen-
hitzdrahtes an zwei- und dreidimensional gekrümmten Schaufelprofilen wurde das
ursprüngliche Substrat (Photoplattenbasismaterial) durch eine 30 µm dünne kupferbeschichtete
Polyimide-Folie (Kaptonfolie, h=30...50µm) ersetzt. Sie ermöglicht die direkte und
zerstörungsfreie Applizierung des flexiblen Sensorarrays auf der Oberfläche des zu
untersuchenden Objektes. Die Kaptonfolie zeichnet sich durch günstige thermische,
mechanische und physikalische Eigenschaften aus. Das Material ist schwer entzündlich, neigt
nur geringfügig zum Kriechen und besitzt gute elektrische Isolationseigenschaften.
Periodisch instationäre Strömungen, wie sie beispielweise in rotierenden Schaufelgittern
auftreten, zeichnen sich durch hochfrequente Wechsel der Grenzschichtzustände aus.
Untersuchungen in derartigen Systemen bei Drehzahlen von bis zu f=50 Hz und Blattfolge-
frequenzen bis 2.2 kHz erfordern die Nutzung eines Datenerfassungssystems, das diese
messtechnischen Anforderungen erfüllt. Für eine gute Signalauflösung wurde das verwendete
Messsystem im Rahmen der Voruntersuchungen mit einer Abtastfrequenz von fA=20 kHz und
einer Anzahl von 256 Abtastwerten (Samples) betrieben, so dass pro Zeitschrieb 3 bis 4
Schaufeldurchläufe erfasst werden. Um stochastische Störungen aus den Signalen
herauszufiltern, erfolgte eine getriggerte phasenstarre Mittelung über 200 Zeitblöcke. Die
Voruntersuchungen wurden am Axialventilator des ILR durchgeführt und dienten der
Erprobung des Messsystems sowie der erstmaligen Anwendung von Oberflächenhitzdrähten
auf Kaptonfolienbasis in einer Schaufelgitterkaskade. Zu Vergleichszwecken wurden auch
Untersuchungen mit Hilfe einer einfachen Visualisierung durch Wollfäden durchgeführt.
In Abbildung 4-14 sind für eine Rotordrehzahl von n=1080 min-1 (fn=18 Hz; Blattfolgefrequenz
fB=306 Hz) Weg-Zeit-Diagramme der Wandschubspannung (Sensorausgangsspannung) an
Saug- und Druckseite gegeben. Dargestellt sind die Fluktuationssignale der Sensorspannungen
von jeweils 24 Sensoren über der normierten Lauflänge x/c (Sehnenlänge c=128 mm). Das
Ergebnis zeigt die Grenzschichten für drei Durchläufe von Rotorschaufeln, die sich jeweils in
einen nachlaufinduzierten Pfad mit hohen Signalamplituden und einem Pfad zwischen zwei
Nachlaufdellen unterteilten lassen. Entlang der Lauflänge nehmen die Spannungsamplituden
auf der Saugseite der Schaufel stetig zu und erreichen bei x/c=80% ein transitionales
Maximum. Auf der Druckseite der Schaufel ist über einen großen Schaufelbereich
(25%<x/c<85%) hinweg ein stark ausgemischter Bereich mit geringen Amplituden zu
erkennen. Dies deutet auf eine abgelöste Grenzschicht hin, die erst im Bereich der
Schaufelhinterkante wieder zum Anliegen kommt.
474. Experimentelle Voruntersuchunge
n
Abbildung 4-14: Flächendiagramme der Wandschubspannung (fn=18 Hz),
a) Schaufelsaugseite, b) Druckseite
Abbildung 4-15 stellt für zwei ausgewählte Zeitpunkte (t1=4.5 ms; t2=10.5 ms) Linien-
diagramme der Sensorfluktuationsspannung e und deren RMS-Werte auf der Profilsaugseite
(Abb. a) sowie der Druckseite (Abb. b) dar. Die mit t1,2 deklarierten Zeitschnitte liegen im
nachlaufinduzierten Pfad (t1), verursacht durch die Grenzschichtanregung einer Rotorschaufel
im Vorlauf, und dem beruhigten Strömungspfad (t2). Auch diese Darstellungen verdeutlichen
die unterschiedlichen Grenzschichten in den Signalverläufen auf Druck- und Saugseite sowie
entlang der zwei charakteristischen Pfade.
a) b)
Abbildung 4-15: Schnitt-Diagramme (e, RMS) von a) Saug-, b) Druckseite bei fn=18 Hz
1
2
3
Ablösung
2
3
1
a) b)
t1
t2
Ablösung
t1
t2
x/c [%]
x/c [%]
x/c [%]
x/c [%]
48 4. Experimentelle Voruntersuchunge
n
Ein Vergleich der Hitzdrahtergebnisse durch eine einfache Visualisierung mit Hilfe von
Wollfäden (Abbildung 4-15) erlaubt einen generellen Vergleich der globalen
Grenzschichtmechanismen. Insbesondere die Größe des Ablösegebietes auf der Druckseite der
Schaufel (Abb. b) ist sehr gut erkennbar und entspricht den Ergebnissen der wandbündigen
Hitzdrahtmessungen.
Abbildung 4-16: Visualisierung mit Wollfäden, a) Saugseite der Schaufel, b) Druckseite
Flow
a) b)
494. Experimentelle Voruntersuchunge
n
4.6 Wertung der Voruntersuchungen
Die im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführten Untersuchungen zur Oberflächen-
beschichtung an Senflex-Heißfilmen geben Aufschluss über die Verluste in der Frequenz-
antwort. Der Vergleich zweier photoresistiver Lacke (Positiv_20 und Probelec) zeigt, dass
Probelec bereits mit der ersten Schichtlage (d=6 µm) einen sehr deutlichen Einbruch im
Signal/Rausch-Verhältnis hervorruft. Die Leistungsdichtespektren weisen dabei einen
Amplitudenabfall von 9 dB (bei 3 Lagen 20 dB) auf, während Positiv_20 bei einer
Schichtdicke von 9 µm (3 Lagen) einen Abfall von nur 2...3 dB verursacht. Ähnliche
Ergebnisse zeigen sich auch beim Vergleich der Grenzfrequenzen zwischen beiden Lacken. Die
Reduktion der Grenzfrequenz durch Probelec beträgt für eine 6 µm Schicht bereits f=6.25 kHz
(u=0 m/s), bei Positiv_20 hingegen nur f=2 kHz. Die Anwendung der zwei Lacke lässt die
Schlussfolgerung zu, dass Probelec aufgrund seiner Materialspezifikationen im ausgehärteten
Zustand nicht geeignet ist, um die Anforderungen nach einer minimalen Beeinflussung der
Sensitivität der Oberflächensensoren zu erfüllen.
Beschichtungsuntersuchungen mit MEMS-Oberflächenheißfilmen verdeutlichen die Reduktion
des Signal/Rausch-Verhältnisses durch eine aufgebrachte Schutzschicht. Aufgrund der sehr
dünnen Siliziumdioxidschicht ist der Dämpfungseffekt gegenüber einem unbeschichteten
Sensor gering und kann mit steigender Wandschubspannung nahezu vernachlässigt werden.
Die Reduktion der Grenzfrequenz an einem MEMS-Stabsensor beträgt im Bereich kleiner
Machzahlen ca. fc=1.2 kHz, während sie im hohen Unterschall (Ma=0.9) gegen 0.5 kHz
konvergiert.
Voruntersuchungen an Schaufelprofilen eines Axialventilators dienten zur Erprobung der
prinzipiellen Anwendbarkeit von flexiblen Oberflächenhitzdrahtarrays und des Mehrkanal-
Datenerfassungssystems. Die Ergebnisse zeigen, dass das System generell geeignet ist, um
qualitative Untersuchungen von Mechanismen einer instationären Grenzschichttransition an
Schaufelprofilen durchzuführen. Die Oberflächensensoren auf Kaptonfolienbasis stellen somit
eine sinnvolle Ergänzung zur instationären Wandschubspannungserfassung dar. Ihr
verbessertes Signal/Rausch-Verhältnis und die höheren Grenzfrequenzen gegenüber einem
klassischen Oberflächenheißfilm resultieren dabei aus dem günstigen Thermalhaushalt.
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Voruntersuchungen ermöglicht die
Charakterisierung der betrachteten Oberflächensensor-Messtechniken bezüglich der Erfassung
von stationären und instationären Wandschubspannungen und ihrer Anwendungspotentiale. In
der nachfolgenden Tabelle sind hierzu die Vor- und Nachteile der erprobten Sensortechniken
zusammengestellt.
50 4. Experimentelle Voruntersuchunge
n
Tabelle 4-1: Sensorcharakteristika
Sensortechnik Vorteile Nachteile
Senflex-
Oberflächen-
heißfilm
- Dünne und flexible
Trägerstruktur, geeignet zur
Instrumentierung von
dreidimensional gekrümmten
Oberflächen
- Durch Oberflächenbeschichtung
kann die Sensorrobustheit
erhöht werden
- Hohe Wärmeverluste in die
Trägerstruktur und dadurch
begrenzte Dynamik (analog zu
mechanischer Dämpfung)
- Thermische Interferenzen
zwischen benachbarten
Sensoren
Oberflächen-
hitzdraht - Weitestgehend thermisch
isoliertes Sensorelement
erlaubt die Realisierung hoher
Grenzfrequenzen bei einer
hohen Signalsensitivität,
insbesondere im niederen
Wandschubspannungsbereich
- Fertigung flexibler Sensorarrays
auf dünner Kaptonfolie
- Empfindlich gegenüber
mechanischen
Beanspruchungen wie
Staubpartikeln
- Empfindlich gegenüber hohen
Belastungen durch Ober-
flächenkräfte, bspw. bei
Tragflügeluntersuchungen an
der Profilvorderkante
(Saugspitze) in transsonischen
Strömungen
- Erhöhung der mechanischen
Widerstandsfähigkeit durch
eine Oberflächenbeschich-tung
wurde bisher nicht realsiert
MEMS-
Oberflächen-
heißfilm
- Sehr kleine Sensorelemente
erlauben eine hohe lokale
Signalauflösung
- Mittels einer Beschichtung lässt
sich die mechanische
Widerstandfähigkeit erhöhen
- Die Sensoren können
mechanisch betrachtet auch im
Hochgeschwindigkeitsbereich
zum Einsatz gebracht werden
- Hohe Wärmeverluste in die
Struktur
- Konstruktive Applikation der
gegebenen Sensoren ist
schwieriger als bei
Foliensensoren
- Mikromechanische Fertigung ist
kostspielig
5
515. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
5. Experimentelle Hauptuntersuchungen
Aufbauend auf den Voruntersuchungen mit Oberflächenhitzdrähten zur Erfassung periodisch-
instationärer Grenzschichten wurden an zwei Prüfständen für Turbomaschinen experimentelle
Untersuchungen zur Anwendung thermoresistiver Sensorarrays an Schaufelprofilen durch-
geführt. Sie dienen sowohl zur exemplarischen Demonstration des Anwendungspotentials der
Sensoren als auch zur Erfassung und Analyse multimodaler Grenzschichten unter dem
Einfluss periodisch-instationärer Nachlaufbereiche (Nachlaufdellen). Kapitel 5.1 beschreibt
zunächst die Ergebnisse aus Untersuchungen an einem Axialverdichterprüfstand. Im
Anschluss werden dann in Kapitel 5.2 Ergebnisse vorgestellt, die an einem Turbinenprüfstand
erfasst wurden. In Kapitel 5.3 wird eine abschließende Wertung über die erzielten
Erkenntnisse vorgenommen.
5.1 Ergebnisse am Niedergeschwindigkeits-Verdichterprüfstand (LSRC)
Kapitel 5.1 gliedert sich in Lauf- und Leitraduntersuchungen der sogenannten Datum-
Konfiguration des 1,5-stufigen Niedergeschwindigkeits-Axialverdichterprüfstandes mit
konventionellen Schaufelprofilen ohne dreidimensionale Krümmungen. Ein Vorleitrad (inlet
guide vane: IGV) dient bei dieser Anlage der Erzeugung von spezifischen Eintritts-
bedingungen für die nachfolgende Verdichterstufe, um die Mittelstufe eines Hochdruck-
verdichters zu simulieren.
Abbildung 5-1 zeigt zunächst das Kennfeld des untersuchten Verdichters für drei
Betriebsdrehzahlen (fn=47, 37 und 28 Hz), wobei sich die charakteristischen Arbeitslinien
durch eine Variation des Massendurchsatzes ergeben. Graphisch dargestellt ist das
Druckverhältnis p3/p0 (p3 am Statoraustritt, p0 am IGV-Eintritt), siehe Abb. 5-1b und der
Wirkungsgrad (
η
) der Anlage in Abhängigkeit vom Massendurchsatz m
. Die betrachtete
Verdichterstufe liefert im Betriebspunkt fn=47 Hz, m
=6.4 kg/s einen maximalen
Wirkungsgrad von
η
=0.86, während der Auslegungspunkt bei m
=6.82 kg/s liegt (
η
=0.85).
5
52 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
Abbildung 5-1: a) Verdichterkennfeld des einstufigen Axialverdichters,
b) Prinzipskizze zur Deklaration der Betrachtungsebenen
5.1.1 Untersuchungen an einem Stator
- Einflüsse auf die saugseitige Transitionslage
Ein allgemeiner Überblick über den Einfluss der Betriebsdrehzahl und des Massendurchsatzes
auf die saugseitige Grenzschichttransition an den zwei instrumentierten Leitradschaufeln des
Verdichters wird in Abbildung 5-2a gegeben. Die Signale der Oberflächensensoren wurden
mit einem Verstärkungsfaktor 10 sowie einer Tiefpassfilterung (fc=3.3 kHz) erfasst, um den
Einfluss hochfrequenter stochastischer Störungen zu minimieren. Die aufgetragenen
Messpunkte stellen den jeweiligen charakteristischen Amplitudennulldurchgang der Schiefe-
verteilung (
µ
3) des Pfads zwischen zwei Nachlaufdellen dar. Der Nulldurchgang ist ein
Indikator für die Transitionslage, in welchem die Intermittenz definitionsgemäß gerade den
Wert
γ
=0.5 annimmt. Das Diagramm zeigt gute Übereinstimmungen zwischen den
Messergebnissen der Senflex-Oberflächenheißfilme und den erstmals an einer Turbo-
maschinenschaufel zum Einsatz gebrachten Oberflächenhitzdrähte auf Kaptonfolienbasis.
Dies zeigt sich insbesondere für die Auslegungsdrehzahl fn =47 Hz. Die Verläufe
veranschaulichen zudem, dass mit zunehmender Systemdrosselung und einer damit
verbundenen Reduktion des Massendurchsatzes eine Verlagerung der Transition stromauf
stattfindet. Die Drosselung führt zu einem Anstieg des Druckverhältnisses p3/p0 im Verdichter
und damit zu einer Destabilisierung der Grenzschicht.
Ebene: 0 1 2 3
c0
IGV Rotor Stator
c1
u
w1
c2
u
w2c3
c
a) b)
5
535. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
Abbildung 5-2: a) Einfluss von Drehzahl und Massendurchsatz auf die
Transitionslage am Stator des Axialverdichters, b) Prinzipelle Auswirkung einer Reduktion
des Massenstromdurchsatzes
Die prinzipielle Wirkung einer Reduktion des Massendurchsatzes auf die Position der
Transitionsgebietes geht aus Abbildung 5-2b hervor. Wird der Massendurchsatz gegenüber
einem Ausgangszustand (Index A) verringert, so nimmt die Meridiangeschwindigkeit A
c
auf
c
ab. Unter Berücksichtigung einer konstanten Umfangsgeschwindigkeit u
kommt es zu
einer Änderung des Gitterzuströmvektors A
w
zu w
. Gleiches gilt auch für eine Zunahme der
Umfangsgeschwindigkeit u
über eine Drehzahlerhöhung bei gleichbleibender Meridian-
geschwindigkeit A
c
. Die positive Änderung des Gitterzuströmwinkels führt zu einer erhöhten
aerodynamischen Belastung am Schaufelprofil. Auf der Profilsaugseite bildet sich hierdurch
ein erhöhter statischer Druckgradient aus was in Gebieten mit Strömungsverzögerung zu einer
druckinduzierten Ablösung der Grenzschicht führen kann. Die Transition erfolgt dann in einer
laminaren Ablöseblase.
Die in Abbildung 5-3 vergleichend gegenübergestellten Zeitschriebe der Rohspannungs-
signale (e [V]) mehrerer Betriebspunkte heben den Einfluss des Massendurchsatzes auf die
Grenzschichttransition an der Statorschaufel ebenfalls deutlich hervor. Dargestellt sind die
phasenstarr gruppengemittelten Signale über 200 Einzelmessungen des Oberflächen-
heißfilmarrays. Der Auslegungspunkt des Verdichters liegt bei m
=6.82 kg/s, während sich
der maximale Wirkungsgrad (
η
max) für einen Massendurchsatz von m
=6.4kg/s einstellt. Das
Ergebnis zeigt, dass durch die Reduktion des Massenstroms eine Verschiebung der
Transitionslage zur Schaufelvorderkante hin erfolgt. Des Weiteren bildet sich durch den
abnehmenden Massendurchsatz ein lokales Amplitudenmaximum an der Schaufelvorderkante
(x/c=2.31%) aus, das durch eine Staupunktwanderung hervorgerufen wird.
Drehrichtung
a) b)
5
54 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
Abbildung 5-3: Zeitschriebsignale der Oberflächenheißfilme bei fn =47 Hz:
Einfluss des Massendurchsatzes auf die Transitionslage am Verdichterleitrad
- Anwendung eines Oberflächenhitzdrahtarrays
Zur Verdeutlichung des Anwendungspotentials von Oberflächenhitzdrähten an Schaufel-
profilen bei instationären Strömungsbedingungen, sind im Vergleich zu konventionellen
Senflex-Heißfilmen Campbell-Diagramme der Wandschubspannung e [V] und der Schiefe-
verteilung
µ
3 [-] in Abbildung 5-4 gegenübergestellt. Betrachtet wird der Auslegungspunkt
(fn=47Hz, m
=6.82 kg/s) des Verdichters, wobei die gegebene Zeitsequenz (t=2 ms) auf vier
Nachläufe beschränkt ist. Die Amplituden werden durch 40 äquidistante Farbabstufungen
dargestellt, hierbei stellt rot ein Amplitudenmaximum und blau ein Minimum dar. Zur
Verdeutlichung der Sensordichte sind in den Abb. 5-4a,b zudem die Sensorpositionen
angegeben. Gezeigt werden auch Wasserfalldiagramme der Leistungsdichtespektren (e,f).
Die Ergebnisse veranschaulichen eine sehr gute Übereinstimmung der zwei Sensortechniken.
Die Transitionslage, gekennzeichnet durch die Maxima der Amplituden in den
Signalspannungen, wird von beiden Sensorarrays an den gleichen lokalen Positionen
(x/c=25...35%) erfasst (Abb. 5-4a,b). Beide Oberflächensensorarrays geben den periodischen
Wechsel von nachlaufinduziertem Pfad und Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen vergleichbar
wieder. Bei den Hitzdrähten bildet sich allerdings eine schärfere Abgrenzung der Pfadverläufe
aus. Auffällig ist zudem eine ausgeprägte punktuelle Amplitudencharakteristik bei den
Hitzdrahtergebnissen, die sich durch lokale Maxima bzw. Minima darstellt. Die
Abweichungen basieren vorwiegend auf dem unterschiedlichen Thermalhaushalt der zwei
Sensorprinzipien. Bei den Hitzdrähten führt dies zu einer ausgeprägten lokalen
Signalauflösung, während bei den Heißfilmen ein homogenisierender thermischer
„Verschmierungseffekt“ ersichtlich ist, der durch Wärmeverluste in die Trägerstruktur und
thermischen Interferenzen zwischen benachbarten Einzelsensoren induziert wird.
e [V]
5
555. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
Abbildung 5-4: Vergleich von Oberflächenhitzdraht und -heißfilm (fn =47 Hz, m
=6.82 kg/s)
in Weg-Zeit-Diagrammen (e,
µ
3) und Leistungsdichtespektren; Untersuchungen an zwei
Statorschaufeln des Axialverdichters
Oberflächenheißfilm Oberflächenhitzdraht
a) b)
x/c [%]
x/c [%] x/c [%]
x/c [%]
x/c [%]
e) f)
Blattfolgefrequenz
höher-
harmonische
Frequenzen
Transitionsgebiet
c) d)
Transitionslinie
Nulldurchgang
der Schiefe
+-
x/c [%]
5
56 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
- Grenzschichtentwicklung bei m
=6.4kg/s (
η
ηη
η
max)
In diesem Abschnitt wird für einen exemplarisch ausgewählten Strömungsfall (fn=47Hz,
m
=6.4kg/s,
η
max) die instationäre Entwicklung der Grenzschichttransition an einer
Statorschaufel des Axialverdichters betrachtet. Zur graphischen Analyse werden Weg-Zeit-
Diagramme der Wandschubspannung sowie der RMS- und Schiefeverteilung benutzt. Im
Weiteren dienen Leistungsdichtespektren sowie Liniendiagramme einer qualitativen Analyse.
Die Grenzschicht an einer Turbomaschinenschaufel entwickelt sich entlang zweier
charakteristischer Pfade. Dies ist zum einen der nachlaufinduzierte Pfad, welcher zeitlich
verzögert der Bahn einer Nachlaufdelle folgt und zum anderen der Pfad, der sich jeweils
zwischen zwei Nachlaufdellen ausbildet. Zur besseren Unterscheidung der unterschiedlichen
Grenzschichten entlang dieser Pfade werden die einzelnen Abschnitte in den Weg-Zeit-
Diagrammen mit Buchstaben deklariert. Abbildung 5-5 zeigt die erfassten Verteilungen der
Wandschubspannung a), der RMS-Verteilung b) und der Schiefe c). Zudem sind zur
Verdeutlichung der Sensordichte die lokalen Oberflächenhitzdrahtpositionen in Abbildung a)
markiert.
Der nachlaufinduzierte Pfad wird durch den laminaren Vorderkantenbereich A, einem sich
anschließenden transitionalen Grenzschichtgebiet B (x/c>20%) und dem nachlaufinduzierten
turbulenten Bereich C (x/c>45%) gebildet. Die laminare Grenzschicht zeichnet sich in den
Abbildungen durch eine positive Schiefeverteilung mit Amplitudenwerten um
µ
3=0 herum
aus, während die Wandschubspannung und die RMS-Werte niedrige positive Amplituden
aufweisen. Der Bereich B wird durch eine ansteigende Schiefeverteilung gekennzeichnet, die
den Beginn der Grenzschichttransition charakterisiert. Die Schiefe erreicht im transitionalen
Grenzschichtbereich ein Maximum und nimmt dann wieder ab, wobei sie einen
Nulldurchgang erfährt. Dieser definiert den Transitionspunkt (TP), in dem der Intermittenz-
faktor per Definition gerade
γ
=0.5 ist. Sensorspannung und die RMS-Verteilung erreichen in
diesem Gebiet ein Amplitudenmaximum. Im turbulenten Grenzschichtbereich C nimmt die
Schiefe wieder Amplitudenwerte um
µ
3=0 herum an, wobei die Schwankungswerte aufgrund
einer Asymmetriegewichtung negativ sind. Die RMS-Schwankungswerte konvergieren hier
gegen ein Amplitudenniveau, das deutlich über dem der laminaren Grenzschicht liegt.
Der Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen beginnt ebenfalls mit einer laminaren Grenzschicht
an der Profilvorderkante (Bereich A). Diesem folgt ein transitionaler Bereich E (x/c>25%),
dem sich wiederum eine turbulente Grenzschicht (F, x/c>45%) anschließt. Auch im E-Gebiet
nehmen die Wandschubspannung (e) und die RMS-Werte Amplitudenmaxima an. Definitions-
gemäß sind die Amplituden der Spannungen hier allerdings negativ im Vorzeichen, während
der RMS steigt.
Die Ausbildung der zwei beschriebenen Pfade ergibt sich infolge einer nur sehr langsamen
Ausmischung der Nachlaufdellen zwischen den Schaufelreihen. Diese Dellen weisen einen
deutlich erhöhten Turbulenzgrad und ein klares Geschwindigkeitsdefizit auf. Die
hinzukommende Relativbewegung führt zudem zu einer periodischen Zerteilung der sich
konvektiv ausbreitenden Nachlaufdellen durch die nachfolgende Schaufelreihe. Interaktionen
dieser partiellen Anteile mit der Grenzschicht der betrachteten Schaufel rufen Instabilitäten
hervor, die zur Ausbildung einer komplexen, multimodalen Grenzschichttransition führen.
5
575. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
Abbildung 5-5: Weg-Zeit-Diagramme der Hitzdrahtsignale von a) Spannungssignal, b) RMS
und c) Schiefe an einer Statorschaufel des Axialverdichters, (fn=47Hz, m
=6.4kg/s)
ECF
BC
E
A
A
B
c)
x/c [%]
Schiefenulldurchgang
LE
LB
TP-Linie
F
BC
E
A
B
C
a)
x/c [%]
EC
F
B
C
E
A
A
B
b)
x/c [%]
Pfad-
begrenzung
Transitions-
linie
5
58 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
Ein Vergleich der Ausgangspunkte der transitionalen Bereiche B und E zeigt, dass sich E im
Pfad zwischen den Nachlaufdellen erst nach einer laminaren Lauflänge LE ausbildet, die
deutlich größer ist als die des Bereiches B im nachlaufinduzierten Pfad (LB). Die Ursache
liegt in der unterschiedlich starken Turbulenz, die im Pfad zwischen den Dellen eine deutlich
geringere Intensität besitzt. Die Entwicklung der Wandschubspannung und der Schiefe
entlang x/c veranschaulicht, dass die Grenzschicht nicht sofort turbulent umschlägt, sondern
einen transitionalen Prozess durchläuft. In der Schiefeverteilung ist dies durch einen
Nulldurchgang der Amplituden erkennbar, während die RMS-Verteilung in diesem Bereich
ein Maximum annimmt.
Die in Abbildung 5-5c eingezeichnete Transitionslinie (TP) wird durch die unterschiedlichen
Turbulenzintensitäten modelliert. Die Nulldurchgänge der Schiefe werden dementsprechend
unterschiedlich früh in den zwei typischen Pfaden erreicht. Des Weiteren zeigen die Verläufe
der eingezeichneten Pfadgrenzen, dass sich die Strömungsgeschwindigkeiten über x/c hinweg
ändern. Im Bereich der transitionalen Grenzschicht (20%<x/c<30%) ist die Strömung dabei
deutlich beschleunigt, wobei dies aus der Schaufelgeometrie resultiert.
Abbildung 5-6: Linienschnitte von Hitzdrahtsignalen entlang einer Statorschaufel des
Axialverdichters(fn=47Hz, m
=6.4kg/s):
a) nachlaufinduzierter Pfad, b) Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen
Linienschnitte von e, RMS und
µ
3 aus den aufgenommenen Hitzdrahtsignalen entlang des
nachlaufinduzierten Pfads (a) und dem Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen (b) sind in den
zwei Diagrammen der Abbildung 5-6 gegeben. Abbildung a zeigt im vorderen Bereich eine
laminare Grenzschichtströmung, die sich bis x/c=20% erstreckt. Sie ist durch eine
abnehmende Sensorspannungsverteilung und niedrige RMS-Werte gekennzeichnet. Mit
zunehmender Lauflänge wachsen die eingebrachten Instabilitäten langsam an und sind nach
LB=20% ausreichend hoch, um einen Grenzschichtumschlag einzuleiten. Die Instabilitäten
bewirken zunächst ein Anwachsen der Schiefe, zeitlich verzögert steigen dann auch die
Amplituden von e und RMS an. Dies führt auch zu einer Zunahme der Wandschubspannung,
die mit der Sensorspannung korreliert. Bei x/c=28% erfährt die Schiefe einen Nulldurchgang,
während e und RMS ein Amplitudenmaximum annehmen. Mit zunehmender Lauflänge
kommt es zu einer Transition und es bildet sich eine turbulente Grenzschicht für x/c>45% aus,
wobei Wandschubspannung e und RMS hier wieder abfallen. In Analogie zu Darstellung a)
zeigt Abbildung 5-6b die Amplitudenverläufe entlang des Pfades zwischen den
Nachlaufdellen. Die laminare Lauflänge LE erstreckt sich hier bis x/c=25%. In der
a) b)
5
595. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1Verdichter – Untersuchungen am Stator
transitionalen Zone nimmt die Wandschubspannungsverteilung ein Amplitudenminimum an,
während die Schiefe einen Nulldurchgang bei x/c=33% aufzeigt. Von einer turbulenten
Grenzschicht kann für x/c>45% ausgegangen werden. Ein Vergleich der Transitionspunkte
(x/c=28% bzw. 33%) der zwei gezeigten Abbildungen 5-6a,b verdeutlicht die unterschiedliche
Modellierung der Transitionslage, hervorgerufen durch die abeichende Turbulenzintensität in
den zwei charakteristischen Pfaden.
Abbildung 5-7: Leistungsdichtespektren aus Hitzdrahtsignalen an einer Statorschaufel des
Axialverdichters an verschiedenen x/c-Positionen (fn=47Hz, m
=6.4kg/s)
Für sechs x/c-Positionen sind in Abbildung 5-7 die Leistungsdichtespektren entlang des
betrachteten Schaufelhöhenschnittes (z/b=50%) gegeben. Aufgetragen ist die Amplitude in
Dezibel in Abhängigkeit von der Frequenz über einen Bereich von f=10 kHz. Die
exemplarisch gewählten Spektren decken Bereiche der laminaren (x/c=8.46, 17.0%),
transitionalen (x/c=26.92, 33.08%) und turbulenten (x/c=54.62%) Grenzschichten ab. In den
Spektren zeigen sich Amplitudenüberhöhungen im Bereich der Blattfolgefrequenz
(fB=2021 Hz) sowie im Bereich der höherharmonischen Vielfachen. Mit zunehmender
Profillauflänge verlieren diese charakteristischen Frequenzen an Intensität und die
Grenzschicht wird durch die steigende Turbulenz dominiert.
[%]
60 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
5.1.2 Untersuchungen an einem Rotor
Die Erfassung simultaner, kontinuierlicher strömungsphysikalischer Informationen an einer
rotierenden Schaufel mittels thermoresistiver Sensorarrays ließ sich in der Vergangenheit
aufgrund der Komplexibilität der dafür erforderlichen Messsysteme (Anemometer,
Datenerfassungssystem) nicht realisieren. Die in diesem Abschnitt gezeigten Ergebnisse von
Heißfilmmessungen an einer Rotorschaufel des untersuchten Axialverdichters bilden daher
erstmals eine Datenbasis, die beispielsweise dazu dienen kann, numerische Rotorauslegungen
zu vergleichen und numerische Rechenverfahren zu optimieren. Derartige Vergleiche
zwischen Rechnung und Experiment werden allerdings nicht im Rahmen dieser Arbeit
vorgestellt, stattdessen beschränkt sich die Ergebnispräsentation auf die Anwendung von
Oberflächensensoren an einer rotierenden Schaufel und der Analyse von Parametereinflüssen,
wie dem Massendurchsatz und der Drehzahl und deren Auswirkungen auf die Grenz-
schichttransition.
Die bei der Instrumentierung der Rotorschaufel benutzten Oberflächenheißfilme haben einen
Kaltwiderstand von R=7.5±0.1 und sind mit einem Überhitzungsverhältnis von OHR=1.5
betrieben worden. Die resultierende Sensortemperatur betrug TS=100°C (RHot=12 ).
- Einflüsse auf die saugseitige Transitionslage
Die Abhängigkeit der Transitionslage von Drehzahl und Massendurchsatz an einer
Laufradschaufel des Niedergeschwindigkeits-Axialverdichters lässt sich erfolgreich mit
einem Oberflächenheißfilmarray erfassen, siehe Abbildung 5-8. Im Gegensatz zu den
gezeigten Ergebnissen der Leitradschaufel (Abb. 5-2) wurde hier die jeweilige Position des
RMS-Maximums entlang des beruhigten Pfades aufgetragen, da es für viele Betriebspunkte
nicht möglich war den Transitionspunkt aus der Schiefeverteilung zu ermitteln. Die Ursache
liegt in der partiellen Ausbildung einer laminaren Ablöseblase in einigen Betriebspunkten,
wodurch die Transition über der Ablöseblase erfolgt und eine Informationsgewinnung
erschwert wird. Daher ergeben sich auch für diese Betriebspunkte jeweils zwei eingetragene
RMS-Punkte, dem lokalen und dem globalen Maximum. Die Verläufe der drei betrachteten
Drehzahlen verdeutlichen einen generellen Einfluss des Massendurchsatzes (m
-Reduktion)
auf die Transitionslage.
615. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Abbildung 5-8: Einfluss von Massenstrom und Betriebsdrehzahl auf die Transitionslage am
Rotor des Niedergeschwindigkeits-Axialverdichters
Auch in Abbildung 5-9 wird der Einfluss des Massendurchsatzes auf die Entwicklung der
Transition gezeigt. Hierzu sind die Zeitschriebe der phasenstarr gemittelten Rohspannungen
vergleichend gegenübergestellt. Auffällig ist, dass bei den Massenströmen m
=6.0 und
5.85 kg/s keine typische Amplitudenentspannung zwischen den Amplitudenmaxima, ergibt.
Stattdessen kommt es zu einer buckelartigen Amplitudenüberhöhung, die sich ausschließlich
bei Betriebspunkten zeigte, in denen eine Grenzschichttransition über einer laminaren
Ablöseblase erfolgt. Der bei m
=7.5 kg/s zu verzeichnende Sensorausfall bei x/c=52% ist auf
temporäre Datenübertragungsfehler zwischen den Anemometern und dem Telemetriesystem
zurückzuführen, der erst während der Auswertungsphase nach Beendigung der Mess-
kampagne ersichtlich wurde.
=5.85kg/s 6.4kg/s 6.82kg/s 7.5kg/s m
RMS
[
v
]
x/c [%] x/c [%]
x/c [%]
x/c [%]
62 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Abbildung 5-9: Zeitschriebe der Rohspannungssignale am Rotor des Verdichters,
Einfluss von Massendurchsatz bei fn=47 Hz
Nachfolgend werden die Mechanismen der Grenzschichttransition von drei ausgewählten
Betriebspunkten am Rotor des Axialverdichters vorgestellt. Die Betrachtung beschränkt sich
auf die Ergebnisse der Auslegungsdrehzahl fn=47 Hz und die Massendurchsätze von m
=5.85,
6.0, und 6.4 kg/s. Es wird somit der Betriebspunkt bei maximalem Wirkungsgrad (6.4 kg/s),
sowie zweier reduzierter Massendurchsätze untersucht.
- Grenzschichtentwicklung bei m
=6.4kg/s (
η
ηη
η
max)
Zur Analyse der in diesem Betriebspunkt auftretenden Mechanismen einer
Grenzschichttransition an der Rotorschaufel werden in Abbildung 5-10 zunächst Zeitschriebe
über t=6 ms und ausgewählte Leistungsdichtespektren über f=10 kHz gezeigt. In den
Zeitschrieben sind zwischen t=1...5 ms typische periodische Bereiche der Anregung
(Amplitudenmaxima) und der Beruhigung zu erkennen. Die Anregung wird hierbei durch die
Nachlaufdellen des Schaufelgitters im Vorlauf generiert. Eine Betrachtung der
Grenzschichtentwicklung entlang des Schaufelhöhenschnittes verdeutlicht ein Anwachsen der
Amplituden zwischen x/c=29...60%, das die Position der Grenzschichttransition
charakterisiert. Die abgebildeten Leistungsdichtespektren bestätigen die Ausprägung
laminarer, transitionaler und turbulenter Grenzschichten, was aus den unterschiedlichen
Amplitudenniveaus ersichtlich wird. Die Periodendauer zwischen den Nachlaufdellen beträgt
tP=0.47 ms und resultiert aus einer Vorleitrad-Schaufelzahl von 45 Blatt und der
Betriebsdrehzahl fn=47 Hz (Blattfolgefrequenz fB=2115 Hz).
635. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Abbildung 5-10: Zeitschriebe und Leistungsdichtespektren am Rotor (fn =47 Hz, m
=6.4 kg/s)
In den Spektren (Abb. 5-10) lassen sich charakteristische Frequenzanregungen des
Verdichters, wie die Blattfolgefrequenz (fB=2115 Hz) und höherharmonischer Anteile
identifizieren. Erfasst werden aber auch niederfrequente drehzahlabhängige Störungen
(f<1.8 kHz), die ausschließlich in den Rotorergebnissen auftreten. Diese werden durch vier
sternförmig angeordnete und mit symmetrischen NACA-Profilen verkleidete Verstrebungen
(Struts, Abbildung 5-11) generiert. Die Streben sind ca. x=680 mm stromauf der Rotorstufe
angeordnet. In den Zeitschrieben zeigt sich der Einfluss der Streben zwischen t=0...1 ms und
t=5...6 ms durch deutliche Störungen zwischen den Amplitudenmaxima. Die Störungen
erfolgen alle 11.25 Nachlaufperioden (tS=5.3 ms) infolge einer IGV-Schaufelzahl von 45 Blatt
und den 4 Verstrebungen. Hieraus ergibt sich für die betrachtete Drehzahl (fn=47 Hz) eine
Störfrequenz von fS=188 Hz.
Abbildung 5-11: Verstrebungen im Ringkanal hinter dem Verdichtereinlauf
Flow
680 mm
Strebe
x/c=3.8[%]
x/c=29.9[%]
x/c=37[%]
x/c=89.1[%]
64 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Für eine Detailbetrachtung charakteristischer Grenzschichtmerkmale sind in Abbildung 5-12
zwei Zeitsequenzen über jeweils t=2 ms gesondert herausgestellt. Abbildung a) zeigt zunächst
den Bereich der periodisch geprägten Grenzschichttransition. Die einzelnen Bereiche eines
generierten Turbulenzfleckes und der Relaxationszone eines beruhigten Bereichs sind in
dieser Abbildung mit 1...4 deklariert. Die Turbulenzflecken breiten sich konvektiv mit
unterschiedlichen Fortpflanzungsgeschwindigkeiten aus. Die linke Flanke des Spannungs-
signals schließt sich einer unmittelbaren Störung der Nachlaufdelle an und ist in Abb. 5-12a
mit 1 markiert. Diese Grenze des Turbulenzfleckes breitet sich mit der höchsten lokalen
Ausbreitungsgeschwindigkeit (v1=68 m/s) aus. Der Kern des Turbulenzfleckes -mit 2
deklariert-, der in Abb. 5-12a durch das Maximum des Spannungssignal definiert wird, ist
deutlich langsamer und bewegt sich mit v2=33 m/s. Die rechte Flanke des Spannungssignals
breitet sich mit einer Fortpflanzungsgeschwindigkeit von v3=24 m/s aus und die sich
anschließende beruhigte Zone (4) der Amplitudenentspannung mit v4=17 m/s. Die
abnehmende Geschwindigkeitsverteilung entspricht prinzipiell den allgemeinen Angaben der
Literatur, die sich mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit von Turbulenzflecken in
Turbomaschinenkomponenten befassen, siehe z. B. HALSTEAD ET AL. [1997]. Der beruhigte
Bereich (4) in Abbildung 5-12a ist in den Zeitschrieben durch eine asymptotische Abnahme
der Wandschubspannung (e [V]) erkennbar, die sich physikalisch durch die Abnahme der
Wärmekonvektion am Sensorelement erklären lässt. Im Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen
kommt es somit zu einer Verzögerung der Transition gegenüber dem nachlaufinduzierten
Pfad (Abb. 5-14). Die zeitliche Entwicklung zeigt zudem, dass der Einfluss der turbulenten
Anteile abnimmt bis ein erneuter Turbulenzfleck auftritt, der durch eine weitere Nachlaufdelle
hervorgerufen wird. Im Bereich dieses asymptotischen Signalverlaufs kommt es zu einem
Effekt, vergleichbar einer Relaminarisierung, wie sie u. a. im Vorderkantenbereich von
Turbinenschaufeln beobachtet werden kann.
Abbildung 5-12: Detailbetrachtung von Zeitschriebsequenzen am Rotor (m
=6.4 kg/s)
Abbildung 5-12b betrachtet eine Zeitsequenz, in der eine untypische Grenzschichtinstabilität
erkennbar ist. Im Vergleich zu Abbildung 5-12a zeigt sich, dass aufgrund der massiven
Störeinwirkung durch die verkleideten Streben hinter dem Verdichtereinlauf kein
Amplitudenabfall (4’) erfolgt. Die Betrachtung der Weg-Zeit-Diagramme in Abb. 5-13
verdeutlicht zudem, dass die Pfadgrenzen durch die starke Versperrung der Streben geprägt
werden und die Grenzschichttransition beeinflussen. Ein lokales RMS-Maximum vor dem
a) b)
655. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
globalen, transitionalen Amplitudenmaximum bei x/c=45%, das auf eine laminare
Grenzschichtablösung hindeuten würde, ist jedoch nicht erkennbar.
Abbildung 5-13: Weg-Zeit-Diagramme mit Störeinwirkungen durch Verstrebungen
Die Betrachtung der drei in Abbildung 5-14 gegebenen Campbell-Diagramme dient zur
Erfassung der zeitlichen Entwicklung der Grenzschichttransition an der Rotorschaufel.
Gezeigt werden die Flächendiagramme der Sensorausgangsspannung e, der RMS-Verteilung
sowie der Schiefe
µ
3. Die Darstellungen beschränken sich dabei auf den Nachlauf von vier
Vorleitradschaufeln.
Der nachlaufinduzierte Pfad wird aus einer laminaren Vorderkantenströmung A, einem
transitionalen Bereich B und einer turbulenten Hinterkantenabströmung C gebildet. Der sich
anschließende Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen beginnt zunächst ebenfalls mit einer
laminaren Vorderkantenumströmung A, die jedoch partiell von einer beruhigten Zone D
verdrängt wird. Dieser strömungsberuhigte Bereich D wird durch die Turbulenzflecken der
transitionalen Zone B des nachlaufinduzierten Pfades generiert. Es handelt sich um ein relativ
kleines Gebiet, das die Grenzschichtinstabilitäten temporär verzögert. Durch das
Vorhandensein der D-Zone kommt es zu einem Effekt der als Relaminarisierung bezeichnet
werden kann, ausgehend von einer transitional-turbulenten Grenzschicht an der hinteren
Flanke des nachlaufinduzierten Pfades hin zu einer laminaren Grenzschicht. Je weiter die
beruhigte Zone bis an die vordere Flanke des nachfolgenden nachlaufinduzierten Pfades
reicht, desto effektiver ist die Verzögerung der Transition und die Unterdrückung einer
möglichen Grenzschichtablösung. Die Effektivität ist dabei vom Verlauf der Intermittenz
innerhalb des nachlaufinduzierten Pfades abhängig. Je weiter die lokalen Gebiete von
Schiefemaximum und Minimum (γ=0.25 bis γ=0.75) hierbei auseinanderliegen, desto größer
ist der Wirkungsgrad der Transitionsverzögerung und das relaminarisierte Gebiet.
Die transitionalen Bereiche B, E der zwei Pfade weisen einen Nulldurchgang der Schiefe auf,
der im nachlaufinduzierten Pfad bei x/c=28% und im beruhigten Gebiet bei x/c=48% liegt.
Die Nulldurchgänge werden durch die Transitionslinie markiert. Mit zunehmender Lauflänge
divergieren die Grenzen des transitionalen Gebietes B aufgrund unterschiedlicher
Ausbreitungsgeschwindigkeiten der Ränder auseinander und schnüren das E-Gebiet ein. Die
erhöhte Turbulenz in B ist für diesen Effekt verantwortlich. Die Einschnürung setzt sich auch
in den turbulenten Grenzschichtbereichen C, F fort und führt in der Nähe der Profil-
hinterkante (x/c>90%) zu einer vollturbulenten Grenzschicht.
x/c [%] x/c [%]
Einfluss
einer Strebe
66 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Abbildung 5-14: Campbell-Diagramme von e, RMS und
µ
3 an einer Rotorschaufel
Des Axialverdichters im Auslegungspunkt (fn=47 Hz, m
=6.4 kg/s)
[%]
A D
B
C
F
B
C
E
c)
RMS [V]
A D B
C
F
B
C
E
TPnachlaufinduziert
TPberuhigter Pfad
b)
µ
µµ
µ3 [-]
Transitionslinie
[%]
A D B
C
F
B
C
E
a) turbulent transitional
laminar
[%]
675. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
In Abbildung 5-15 sind die Sensorausgangsspannung e sowie die resultierenden RMS- und
Schiefeverteilungen für den nachlaufinduzierten Pfad (Abb. a) und den Pfad zwischen zwei
Nachlaufdellen (Abb. b) als Linienschnittverläufe aufgetragen. Es zeigt sich, dass die
Amplituden der Ausgangsspannung e im Bereich der laminaren Grenzschicht gering sind,
jedoch mit zunehmender Grenzschichtinstabilität ansteigen und in Abbildung a) bei x/c=40%
zu einem Maximum bzw. in Abb. b) bei x/c=37% zu einem Minimum führen. Weiter stromab
tendieren die Amplituden wieder gegen Null bis eine vollturbulente Grenzschicht (x/c>90%)
ausgebildet ist. Einen vergleichbaren Verlauf zeigt die RMS-Verteilung, die jedoch aufgrund
ihrer Vorzeichenneutralität entlang beider charakteristischer Pfade positive Amplituden-
maxima hat. Infolge erhöhter Schwankungen in der Strömung ist das RMS-Niveau der
turbulenten Grenzschicht dabei höher als das der laminaren Grenzschicht. Eine vergleichende
Betrachtung der Verläufe von RMS und e zeigt zudem, dass die Nachlaufdelle bzgl. x/c eine
sehr frühzeitige Instabilität hervorruft (x/c=20%), während die Amplituden im beruhigten
Pfad noch relativ lang gering bleiben. Ein Anstieg ist hier erst ab einem x/c30% zu erkennen,
der den Beginn der Transition kennzeichnet. Während die Schiefe in laminaren
Grenzschichten vorwiegend positive Werte annimmt, sind diese nach Überschreitung des
Transitionspunktes zunächst deutlich negativ und tendieren mit zunehmender Lauflänge
wieder gegen Null. Der Nulldurchgang markiert dabei den Transitionspunkt, der in
Abbildung 5-15a bei einem x/c=26% erreicht wird und in Abb. b) bis zu einem x/c=48%
verzögert wird.
Abbildung 5-15: Linienschnitte von e, RMS und
µ
3 entlang a) des nachlaufinduzierten und
b) des beruhigten Pfads an einer Rotorschaufel im Auslegungspunkt (fn=47 Hz, m
=6.4 kg/s)
- Grenzschichtentwicklung bei m
= 6.0 kg/s
Um die Auswirkungen einer Reduktion des Massendurchsatzes um m
=0.4 kg/s auf die
Grenzschichttransition an der betrachteten Rotorschaufel des Verdichters zu erfassen, sind in
Abbildung 5-16 exemplarisch ausgewählte Zeitschriebsignale und Leistungsdichtespektren
mehrerer x/c-Positionen abgebildet. Das Ergebnis deutet darauf hin, dass die Transition im
Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen in einer laminaren Ablöseblase erfolgt, da sich in den
Zeitschrieben keine Amplitudenrelaxation im Nachlauf des Turbulenzfleckes ausprägt. Der
reduzierte Massendurchsatz führt zur Unterdrückung des stabilisierenden Bereiches D und
induziert die Entstehung einer laminaren Grenzschichtablösung, die sich in den Zeitschrieben
in Form eines lokalen Spannungsmaximums äußert. Aus den Leistungsdichtespektren gehen
a) b)
TP TP
a) b)
laminar turbulent laminar turbulen
t
68 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
zudem deutliche Amplitudenüberhöhungen im Bereich der Blattfolgefrequenz (fB=2115 Hz)
sowie deren höherharmonischer Frequenzvielfachen hervor. Ebenso können auch hier die
Störungen durch die vier Streben im Vorlauf des Rotors identifiziert werden. Sie führen zu
Amplitudenüberhöhungen im niederen Frequenzbereich.
Abbildung 5-16: Zeitschriebe und Amplitudenspektren aus Rotormessungen (m
=6.0 kg/s)
In Abbildung 5-17 sind die Wandschubspannung (Abb. a) und die RMS-Verteilung (Abb. b)
in Weg-Zeit-Diagrammen für den Rotor bei m
=6.0 kg/s gegeben. Zudem sind in Abbildung a
die Zeitschrieb-Rohspannungssignale (e [V]) der Einzelsensoren eingezeichnet. Die
Campbelldiagramme zeigen, dass sich bei einem x/c=28% ein erstes lokales Amplituden-
maximum ausbildet, das im Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen den Beginn der laminaren
Ablöseblase kennzeichnet. Die hohen Amplituden resultieren dabei aus der Oszillation des
laminaren Ablösepunktes. Entlang der nachlaufinduzierten Pfade wird die Grenzschicht-
ablösung in dieser über 200 Einzelmessungen gemittelten Darstellung durchbrochen, was sich
in deutlich geringeren RMS-Amplituden entlang des nachlaufinduzierten Pfades äußert. Die
stark angefachten Störungen ermöglichen es der Grenzschicht dem Druckanstieg
standzuhalten und deuten auf eine Transition ohne Ablösung hin. Es kann von einer
Wechselwirkung zwischen Grenzschichtablösung und Wiederanlegung in dieser Profiltiefe
ausgegangen werden, die prinzipiell mittels Abbildung 5-18 erklären lässt. Ein zweites
globales RMS-Maximum in Abbildung 5-17b bildet sich zwischen x/c=60...70% aus und
definiert das Gebiet der Transition. Die Amplituden werden in diesem Bereich deutlich durch
den Einfluss der Nachlaufdellen modelliert. Im Bereich der turbulenten Wiederanlegung der
Scherschicht fallen die RMS-Werte wieder ab (x/c>90%).
695. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Abbildung 5-17: Campbell-Diagramme von e und RMS aus Rotormessungen am
Niedergeschwindigkeits-Verdichter (fn=47 Hz, m
=6.0 kg/s)
Den prinzipiellen Wechselmechanismus von Grenzschichtablösung, Ablöseblase und der
Wiederanlegung erläutert Abbildung 5-18 nach MAYLE [1991]. Gezeigt werden drei
Zeitpunkte, wobei zunächst zum Zeitpunkt t1 die Ablöseblase dargestellt wird, die von der
nachrückenden Nachlaufdelle deformiert wird. Im zweiten Zeitpunkt (t2) ist die Blase durch
die Nachlaufdelle (wake) vollständig verdrängt worden, die Grenzschicht liegt an und es
bildet sich eine nachlaufinduzierte By-Pass Transition (Wake-Induced Transition) aus. Zum
Zeitpunkt t3 zeigt sich die erneute Entstehung einer Ablöseblase (Bubble Rebirth) im Bereich
zwischen zwei Nachlaufdellen.
A
B
B
EA
F
A
C
A
C
A
F
C
C
a)
Oszillation des Ablösepunktes
A B
B
EA
FA
C
C
F
C
C
RMS [V]
b)
x/c [%]
Ablösung
anliegend
lokales Maximum
globales Maximum
70 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Abbildung 5-18: Interaktion zwischen Nachlaufdelle und Ablöseblase nach MAYLE [1991]
Abbildung 5-19 zeigt die Linienschnitte von Schiefe, Spannung und RMS-Verteilung entlang
der zwei charakteristischen Pfade. Die Schiefeverläufe zeigen keinen typischen
Nulldurchgang der Amplituden mehr auf, wurden der Vollständigkeit halber dennoch mit in
die Diagramme mit aufgenommen. Eine Betrachtung der Spannungs- und RMS-Verteilung
entlang des nachlaufinduzierten Pfads in Abbildung 5-19a zeigt bei x/c=28% ein kleines
lokales Maximum, dass im zeitlichen Mittel über 200 Einzelmessungen auf eine
Grenzschichtablösung hindeutet, die sich jedoch nicht in allen einzelnen Messungen zeigte.
Der betrachtete Betriebspunkt stellt somit gerade den kritischen Übergang zwischen By-Pass
Transition und Grenzschichtablösung dar.
Der Verlauf der RMS-Verteilung des Pfads zwischen zwei Nachlaufdellen (Abb. 5-19b) zeigt
ein deutlich ausgeprägtes lokales Amplitudenmaximum im Bereich der Grenzschichtablösung
(x/c=28%). Diesem folgt ein globales Maximum bei x/c=60...69%, das die Transition in der
abgelösten Scherschichtströmung markiert.
Der sich für x/c>90% zeigende Amplitudenabfall und das Konvergieren gegen ein Endniveau
lässt auf eine turbulent wiederanlegende Grenzschicht schließen. Für deren Bestätigung
werden die Kreuzkorrelationen der letzten Einzelsensoren des Heißfilmarrays in Abb. 5-20
betrachtet, wobei der letzte Sensor jeweils als Referenz dient.
Abbildung 5-19: Linienschnitte von e, RMS und
µ
3 an einer Rotorschaufel entlang: a) des
nachlaufinduzierten, b) des Pfads zwischen den Nachlaufdellen (fn =47 Hz, m
=6.0 kg/s)
Die Kreuzkorrelation in Abbildung 5-20a zeigt für den drittletzten Sensor (x/c=74%) noch
keine klare Signalkorrelation (Abb. a). Es liegt demnach noch eine abgelöste Scherschicht
vor. Hingegen zeigt Abbildung b für x/c>90% eine deutliche Signalamplitude und einen
positiven Zeitversatz, die auf eine wiederangelegte Grenzschicht schließen lassen.
a) b)
715. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Abbildung 5-20: Signalkorrelationen zwischen jeweils zwei Sensoren an der Rotor-
Schaufelhinterkante des Verdichters
- Grenzschichtentwicklung bei m
=5.85 kg/s
Die Auswirkungen einer weiteren Massendurchsatzreduktion am Axialverdichter um
m
=0.15% auf m
=5.85 kg/s wurde ebenfalls untersucht. Von Interesse war hierbei die
stattfindende Transition und deren Veränderung gegenüber m
=6.0 kg/s. In Abbildung 5-21
sind hierzu Campbell-Diagramme der Wandschubspannung und RMS-Verteilung an der
Rotorschaufel dargestellt. Die Verringerung des Massendurchsatzes führt zu einer Erhöhung
des Gitterzuströmwinkels und erhöhten aerodynamischen Schaufelbelastungen. Diese
bewirken wiederum eine Grenzschichtdestabilisierung und führen gegenüber m
=6.0 kg/s
auch im nachlaufinduzierten Pfad zu einer eindeutigen Ausbildung einer laminaren
Grenzschichtablösung. Eine Trennung der zwei charakteristischen Pfade ist aufgrund dessen
nicht mehr eindeutig möglich, weshalb die eingezeichneten Grenzen als tendenzielle Verläufe
zu betrachten sind. Erkennbar ist, dass die Grenzschichtablösung bei x/c=25% relativ
homogen über den gesamten Zeitbereich auftritt und unabhängig vom vorliegenden Pfad
generiert wird. Die in Abbildung 5-22 dargestellte Prinzipskizze verdeutlicht das gewonnene
Ergebnis nochmals graphisch. Die laminare Ablöseblase erstreckt sich in Abbildung 5-21 bis
zu einem x/c=70-75% und endet deutlich früher und sehr viel lokaler im Vergleich zu dem
zuvor beschriebenen Betriebspunkt (m
=6.0 kg/s). Die eingezeichnete Linie der turbulenten
Grenzschichtwiederanlegung zeigt einen stark periodisch modellierten Verlauf, da der hohe
Turbulenzgrad der Nachlaufdellen eine Verkürzung der Ablösblase im nachlaufinduzierten
Pfad um bis zu x/c=5% bewirkt. Die abgelöste Scherschicht besitzt hierdurch im
nachlaufinduzierten Pfad ein höheres Störniveau im Vergleich zum Pfad zwischen zwei
Dellen, wodurch die Instabilitäten stärker angefacht werden und eine deutlich frühere
Wiederanlegung der Grenzschicht erfolgt. Der Bereich der turbulent anliegenden
Grenzschicht (x/c>70%) zeichnet sich zum einen durch geringere Spannungs- und RMS-
Amplituden aus, zum anderen lassen sich hier wieder die Einflüsse der Nachlaufdellen
identifizieren und Pfadwechsel erkennen.
a) b)
A
Amax
72 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Abbildung 5-21: Campbell-Diagramme (fn=47Hz, m
=5.85 kg/s)
Abbildung 5-22: Prinzipskizze der Transition mit Ablöseblase an einer Schaufel nach
HALSTEAD ET AL. [1995]
Einfluss durch
Nachlaufdelle
x/c [%]
Ablösegebiet
Wiederanlegung
laminare
Ablösung
RMS [V]
x/c [%]
turbulent
Ablösung
Wiederanlegung
laminar
lokales Maximum
globales
Maximum
abgelöst
735. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.1 Verdichter- Untersuchungen am Rotor
Für eine detaillierte Betrachtung der saugseitigen Grenzschichtausbildung an der
Rotorschaufel sind in Abbildung 5-23 die Liniendiagramme von RMS, Schiefe und
Wandschubspannung aufgetragen. Gegenüber Abbildung 5-19 (m
=6.0 kg/s) zeigen die RMS-
Verteilungen hier in beiden Abbildungen nach einem laminaren Anlaufbereich einen
Ablösepunkt, der durch das lokale Maximum im vorderen Profilbereich (x/c=26%) markiert
wird. Im weiteren Verlauf erfolgt ein Anstieg des RMS auf ein globales Maximum bei
x/c=67%, welches das Transitionsgebiet kennzeichnet. Weiter stromab fallen die Amplituden
wieder ab und die abgelöste Scherschicht wird turbulent. Es kommt bei etwa x/c=70...75% zu
einem turbulenten Wiederanlegen der Grenzschicht, was durch einen Amplitudenabfall
gekennzeichnet wird.
Abbildung 5-23: Liniendiagramme von RMS, Spannung, Schiefe am Rotor des Verdichters;
a) nachlaufinduzierten Pfad, b) Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen (fn =47Hz, m
=5.85kg/s)
Das Wiederanlegen der Grenzschicht auf der Rotorschaufel kann durch die in Abbildung 5-24
dargestellten Kreuzkorrelationen bestätigt werden. Die Korrelation erfolgt jeweils mit dem
letzten Sensor des Heißfilmarrays (Referenzsensor: x/c=96,6%). Während der Sensor bei
x/c=67% noch keine Signalähnlichkeiten aufzeigt (Abb. a), korreliert das Signal des Sensors
bei x/c=89,1% eindeutig mit einem zu erwartenden positiven Zeitversatz (Abb. c). Der Sensor
bei x/c=74,1% (Abb. c) liegt gerade im Gebiet der Wiederanlegelinie, wodurch die
Korrelation noch relativ stark durch die Ablöseblase beeinflusst wird, die Amplituden aber
dennoch eine klare Tendenz aufzeigen.
Abbildung 5-24: Erfassung des Wiederanlegungspunktes auf der Rotorschaufel des
Verdichters mit Hilfe von Kreuzkorrelationssignalen (m
=5.85 kg/s)
A
A
max.
a) b)
lokal
lokal
global global anliegend
x/c [%]
a) b)
x/c [%]
c)
x/c [%]
Korrelierte Sensoren
Zeitversatz
Korrelierte Sensoren Korrelierte Sensoren
74 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Kühlluf
t
5.2 Ergebnisse am Niedermachzahl-Turbinenprüfstand (LSTR, NGV-2)
Das den Ringraum einer Turbine durchströmende Heißgas führt zu hohen thermischen
Belastungen angrenzender Bauteile, sodass diese Komponenten (Schaufeln, Gehäusebauteile)
beispielsweise durch Kühlfilme thermisch isoliert werden müssen, um ein Versagen zu
vermeiden. Dies ist jedoch insbesondere an den Übergangsbereichen von stehenden und
rotierenden Teilen sehr schwierig zu realisieren. Eine Ringraumabdichtung erfolgt in diesen
Bereichen zumeist über schleifende Dichtungen bzw. Labyrinthdichtungen, die konstruktions-
bedingte Leckagen aufweisen. Aufgrund des herrschenden Überdrucks im Ringraum der
Turbine muss im Bereich der Dichtungen dafür Sorge getragen werden, dass der
Heißgasstrom nicht in den Scheibenraum eindringen kann. Um dies zu unterbinden werden
die Dichtungen mit einem Kühlluftmassenstrom, der sog. Sperrluft, beaufschlagt und auf
diese Weise ein geringer zusätzlicher Massenstrom in den Ringraum eingebracht. Die
zugeführte Sperrluft ermöglicht hierdurch zwar die Vermeidung des thermischen Versagens
von Bauteilen (insbesondere Turbinenscheiben), jedoch werden hierdurch auch die
Grenzschichten an den Schaufeln massiv beeinflusst. Die hier beschriebenen experimentellen
Untersuchungen an einer NGV-Schaufel dienen daher zur Erfassung der Grenzschicht-
beeinflussung eines Kühlluftmassenstroms, der im Turbineneintritt zugeführt wird, sowie der
Zufuhr von Sperrluftmassenströmen in den Dichtungsbereichen R16 und R19 vor bzw. hinter
der ersten Rotorstufe.
Zur Erfassung der Auswirkungen dieser zusätzlichen Massenströme wurden an einer
Turbinen-Statorschaufel (NGV-2) druck- und saugseitig Oberflächenhitzdrahtarrays
appliziert. Die durchgeführten Untersuchungen sollten Aufschluss über die saugseitige
Entwicklung der Grenzschichttransition sowie das Auftreten einer druckseitigen
Grenzschichtablösung geben. Bei den Versuchen wurde die Kühlluftzufuhr mit K=0% bzw.
100% vorgegeben, hingegen erfolgte die Sperrluftvariation unter Berücksichtigung einer
25%-Staffelung zwischen 0% bis 200%. Die prozentualen Massenstromangaben beziehen
sich dabei auf den Auslegungszustand. Tabelle 5.1 gibt die Zufuhr von Massendurchsätzen
für die Turbine an.
Die Versuche wurden mit konstanter Drehzahl (n=1300 min-1 ±0.1%) bei einer
Blattfolgefrequenz von fn=910 Hz durchgeführt. Die NGV-2 Eintrittstemperatur variierte in
Abhängigkeit des Kühlluftmassenstromes zwischen T=309...311 K bei K=100% und
T=300-305 K bei K=0%. Die Zufuhr der Zusatzmassenströme erfolgte mit ambienter
Temperatur. Die Messungen wurden bei einem Totaldruckverhältnis von P0/P4=1.18
(Auslegungsfall) realisiert, das sich aus dem Gesamtdruckverhältnis zwischen Ebene 0 am
Turbineneintritt und der Ebene 4 hinter der zweiten Rotorstufe ergibt.
Tabelle 5.1: Angaben von Massendurchsätzen bei 100%-iger Zufuhr an der Prüfstand-Turbine
0.27 0.11 0.99 13.0 1.3
0.2 0.09 0.8 10.5
1.18
0.18 0.075 0.66 8.7
1.116
Sperrluft
R19 [kg/s]
Sperrluft
R16 [kg/s]
Kühlmassenstrom
K [kg/s]
Einlauf
[kg/s]
P0/P4
[-]
755. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Kühlluf
t
5.2.1 Erfassung von Kühllufteinfluss
- Saugseite
Die strömungsphysikalischen Auswirkungen der Kühlluftzufuhr auf die zweite Statorstufe der
untersuchten Turbine werden für die Profilsaugseite in Weg-Zeit-Diagrammen (Abb. 5-25 )
für die Höhenschnitte z1/b=7% (Abb. a,b) und z2/b=12% (Abb. c,d) gezeigt. Die Diagramme
verdeutlichen die zeitliche und flächige Entwicklung der elektrischen Spannungssignale
(Wandschubspannung) über einen Zeitbereich von t=3 ms bei K=0% (Abbildung a, c) bzw.
K=100% (Abbildung b, d). In beiden Höhenschnitten führt der zusätzliche Massenstrom von
m
=0.8 kg/s zu einer Verzögerung der Transitionslage an die Turbinen-Schaufelhinterkante,
was sich in einer Verlagerung der Amplitudenmaxima entlang der Laufkoordinate um ca.
s/l=15% äußert. Es bilden sich charakteristische Lauflängen LB und LE aus, deren Indizes B
und E für den positionellen Beginn der transitionalen Grenzschichtbereiche entlang des
nachlaufinduzierten (B) bzw. des Pfades zwischen zwei Nachlaufdellen (E) stehen. Eine
Kühlluftzufuhr von K=100% (Auslegung) wirkt sich äquivalent zu einer Reduktion des
Gitterzuströmwinkels aus und führt damit zu analogen Grenzschichteffekten, wie der
Wanderung der Transitionslage. Durch die Änderung der statischen Druckverteilung resultiert
eine Stabilisierung der Grenzschicht im vorderen Schaufelbereich und die Instabilitäten der
Nachlaufdellen induzieren erst weiter stromab in einer Grenzschichttransition.
Abbildung 5-25: Einfluss von Kühlluftzufuhr K=0% (Abb. a, b) und K=100% (Abb. c, d) auf
die Grenzschicht an der zweiten Statorstufe der Turbine (Sperrluftzufuhr: R16=R19=100%)
a)
z1/b=7%
K=0%
c)
z2/b=12%
K=0%
d)
z2/b=12%
K=100%
s/l [%]s/l [%]
s/l [%]
Dickenmaximum der NGV
b)
z1/b=7%
K=100%
LB
LE
s/l [%]
E
B
laminar transitional
Nabe Gehäuse
76 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Kühlluf
t
Abbildung 5-26 zeigt die Zeitschriebe der Spannungssignale (e) sowie exemplarisch aus-
gewählte Leistungsdichtespektren der laminaren und transitionalen Grenzschicht für den
Strömungsfall mit einer Kühlluftzufuhr K=100%. Betrachtet wird ein Zeitfenster von t=3 ms
bzw. in den Spektren ein Frequenzbereich über f=10 kHz. Aus den Verläufen ergibt sich eine
Periodendauer zwischen den Nachlaufdellen von tP=1.1 ms (fB=910Hz). Die Nachlaufdellen
führen zur Ausbildung von Turbulenzflecken, die sich mit einer mittleren Gruppen-
geschwindigkeit von vP58 m/s ausbreiten. Vorder- und Hinterkante des Turbulenzfleckes
divergieren dabei mit zunehmendem Abstand von der Schaufelvorderkante auseinander, siehe
auch Abb. 2-13. Die Transition beginnt bei einem s/l20%, erkennbar an der deutlichen
Amplitudenzunahme in den Zeitschrieben sowie dem Anstieg des Amplitudenniveaus der
Leistungsdichtespektren.
Abbildung 5-26: Zeitschriebe und Leistungsdichtespektren der NGV-2 Saugseite
bei z1/b=7% (R16=0%, R19=100%, K=100%)
- Druckseite
Der Einfluss des Kühlluftmassenstroms auf die druckseitige Grenzschichtausbildung an der
Turbinenschaufel ist exemplarisch für den Strömungsfall R16=0%, R19=100% in
Abbildung 5-27 dargestellt. Die Diagramme beschränken sich auf die spannweitige
Sensorreihe z1/b=7%, da sich ein vergleichbares Verhalten für z2/b=12% ausbildet. Eine
Erhöhung des Gesamtmassenstroms durch die Zufuhr von Kühlluft vor der Turbine führt auf
der Druckseite zu einer druckinduzierten Ablösung, die sich in Abbildung 5-27b,d durch ein
deutliches Abfallen der Amplituden bereits kurz hinter der Schaufelvorderkante (s/l13.7%)
bemerkbar macht. Der zusätzliche Kühlluftmassenstrom generiert somit in der Nähe der
Schaufelvorderkante eine Strömungsablösung. Ursache der Destabilisierung ist die
Massenstromänderung die mit einer Gitterzuström-Winkelreduktion vergleichbar ist. Die
charakteristischen Pfade einer nachlaufinduzierten Grenzschichtausbildung prägen sich nach
dem Ablösepunkt nur noch schwach bzw. gar nicht mehr aus.
s/l=9.41 [%]
s/l=23.53 [%]
s/l=28.24 [%]
S/l=37.65 [%]
775. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Kühlluf
t
Abbildung 5-27: Einfluss von Kühlluftzufuhr auf die druckseitige Grenzschichtausbildung
einer NGV-2 (Sperrluftzufuhr: R16= 0%, R19=100%)
Eine Betrachtung der Amplitudenmaxima aus den Kreuzkorrelationen, die in Abbildung 5-28
gezeigt werden, dient zur Verdeutlichung der druckseitigen Grenzschichtablösung durch die
Kühlluftzufuhr im Höhenschnitt z1/b=7% der Turbinenschaufel. Die gezeigten Datenpunkte
entsprechen den normierten Maximalamplituden aus der Korrelationsfunktion zwischen zwei
Sensoren. Als Referenz diente jeweils der erste Sensor des Stromlinienarrays. Der sich für
den Fall K=0% ergebende Verlauf zeigt für die ersten vier Sensorpaare eine hohe
Signalübereinstimmung. Erst für den letzten Amplitudenkorrelationspunkt ist ein deutlicher
Einbruch zu verzeichnen, der jedoch aufgrund der hohen RMS-Werte in Abbildung 5-27 nicht
aus einer Ablösung resultieren muss. Für den Fall der 100%igen Kühlluftzufuhr zeigen die
Amplitudenpunkte bereits für das erste Kreuzkorrelationspaar bei s/l=10.77% einen
deutlichen Amplitudenabfall gegenüber der Autokorrelation von Sensor 1. Die Grenzschicht
löst somit unmittelbar hinter der Schaufelvorderkante ab. Die gestrichelt eingezeichnete
Verbindungslinie für den Verlauf von K=100% soll den eigentlich erwarteten Verlauf
verdeutlichen.
b)
z1/b=7%
K=100%
a)
z1/b=7%
K=0%
c)
Ablösung
d)
s/l [%]
s/l [%]
K=0% K=100%
78 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Kühlluf
t
Abbildung 5-28: Einfluss von Kühlluftzufuhr auf die Turbinenschaufel der zweiten Stufe
(Sperrluftzufuhr: R16= 0%, R19=100%)
Das frühzeitige Auftreten einer druckseitigen Grenzschichtablösung durch den erhöhten
Massendurchsatz lässt sich ebenfalls in den Leistungsdichtespektren entlang der
Laufkoordinate zeigen (Abbildung 5-29). Ein direkter Vergleich der Strömungszustände ohne
bzw. mit Kühlluft ist durch die zwei dargestellten Abbildungsreihen (s/l=4.62...29.32%)
gegeben. Während die Blattfolgefrequenz in der linken Spalte (K=0%) bis zu einem s/l=29%
eindeutig erkennbar ist, prägt sich diese in den Spektren der rechten Spalte (K=100%) nur
noch am ersten Sensor (s/l=4.62%) eindeutig durch. Stromab ist sie nicht mehr identifizierbar
und eine abgelöste Scherschichtströmung liegt vor.
Abbildung 5-29: Leistungsdichtespektren: Einfluss der Kühlluftzufuhr bei z1/b=7% an der
Statorschaufel (NGV-2) der Prüfstand-Turbine
s/l [%]
erwarteter Verlauf
s/l [%]
795. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Kühlluf
t
Auch die Zeitschriebe der Abbildung 5-30 verdeutlichen den Einfluss der Kühlluftzufuhr auf
die druckseitige Grenzschichtausbildung an der Turbinenschaufel bei z1/b=7%. Die
Nachlaufdellen führen bei K=0% zu charakteristischen Instabilitäten, die sich in periodischen
Amplitudenwechseln äußern. Einen sehr begrenzten Einfluss üben die Nachlaufdellen
hingegen bei einem Kühlluftmassenstrom von K=100% aus, da die Grenzschicht hier abgelöst
ist. Es resultieren nur noch sehr geringe Schwankungsamplituden.
Abbildung 5-30: Kühllufteinfluss auf die Zeitschriebsignale der NGV-2
für R16= 0%, R19=100%
Die nachfolgend gezeigten Liniendiagramme stellen die druckseitigen Amplitudenverläufe
der Strömungsfälle mit und ohne Kühlluftzufuhr exemplarisch für z1/b=7% gegenüber.
Abbildung a betrachtet den nachlaufinduzierten Pfad, während die Verläufe durch den
beruhigten Pfad in Abb. 5-31b aufgetragen sind. Die Grenzschichtablösung in Abbildung b
äußert sich durch einen deutlichen Amplitudenabfall der Wandschubspannung und des RMS
für s/l>10%. Die Verläufe der Schiefe
µ
3 geben keine Aufschlüsse über die Grenzschichten,
sind der Vollständigkeit halber jedoch mit aufgeführt.
Abbildung 5-31: Liniendiagramme: Kühllufteinfluss auf NGV-Druckseite an der Turbine
(R16= 0%, R19=100%)
z1/b=7%
K=0%
a) b)
e [V]
z1/b=7%
K=100%
A
blösun
g
s/l [%] s/l [%]
80 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Sperrluft R1
6
5.2.2 Erfassung von Sperrlufteinfluss R16
- Saugseite
Der Einfluss der Sperrluftzufuhr R16 auf die saugseitige Grenzschichtentwicklung im
Höhenschnitt z1/b=7% der Turbinen-Statorschaufel wird in Weg-Zeit-Diagrammen der
Wandschubspannung für die Fälle R16=0% (Abb. 5-32a,c) und R16=150% (Abb. 5-32b,d)
dargestellt. Kühlluft und Sperrluft R19 wurden für den dargestellten Strömungsfall mit
K=R19=100% vorgegeben. Die Positionen der Einzelsensoren sind durch die eingezeichneten
Zeitschriebe entlang der Laufkoordinate markiert.
Die Darstellungen zeigen, dass die Zufuhr von R16 einen verzögernden Einfluss auf die
saugseitige Grenzschichttransition hat, der sich insbesondere in einer Amplituden-
abschwächung äußert. Dies resultiert vor allem aus der Tatsache, dass die Zufuhr des
Sperrluftmassenstromes (m
C
R16_150%=0.135 kg/s) noch vor der ersten Rotorstufe erfolgt,
wodurch eine rasche Ausmischung mit dem Hauptmassenstrom (m
C=10.5 kg/s) stattfindet. Es
ergibt sich lediglich eine geringfügige Massendurchsatzerhöhung, die eine ansatzweise
Grenzschichtstabilisierung bewirkt.
Abbildung 5-32: Einfluss von Sperrluftzufuhr R16 auf die saugseitige Grenzschicht an der
Turbine (R19=100%, K=100%)
Eine Kennzeichnung der einzelnen Grenzschichten erfolgt in Abbildung 5-32 über eine
Deklaration mit Buchstaben. An der Vorderkante der Statorschaufel bildet sich zunächst eine
b)
z1/b=7%
R16=150%
A
B
E
B
E
D
LE
LB a)
z1/b=7%
R16=0%
c)
z2/b=12%
R16=0%
s/l [%]
d)
z2/b=12%
R16=150%
s/l [%]
815. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Sperrluft R1
6
laminare Grenzschicht (A) aus, die sich über relativ große Lauflängen (LE, LB) erstreckt. Der
laminare Bereich einer Turbinenschaufel ist dabei deutlich stärker ausgeprägt als an einer
Verdichterschaufel und wird durch die statische Druckverteilung bestimmt. Die Stellung der
Schaufeln im Beschleunigungsgitter führt über das Dickenmaximum hinweg zu einem Abfall
des statischen Druckes und wirkt hierdurch stabilisierend auf die Grenzschicht. Durch die
Nachlaufdellen werden induzierte Instabilitäten in die Grenzschicht eingebracht, die mit
zunehmender Lauflänge an Intensität gewinnen und eine Grenzschichttransition einleiten. Es
bilden sich zwei charakteristische transitionale Grenzschichtpfade aus, die in Abbildung 5-32
mit B bzw. E gekennzeichnet sind. Auffällig ist, dass der B-Bereich nahezu 50% der
Periodendauer ausmacht. Aufgrund des größeren Gitterzuströmwinkels und einer höheren
Profildicke der Turbinenschaufeln (größere Versperrung) bilden sich im Vergleich zu
Verdichterschaufeln breitere Nachlaufdellen aus, die zu einer starken Ausprägung der B-Zone
führen. Die Bereiche der turbulenten Grenzschichten (C, F) wurde mit dem applizierten
Sensorarray nicht mehr erfasst.
- Druckseite
Zur Erfassung des Einflusses der Sperrluftzufuhr R16 auf die druckseitige
Grenzschichtausbildung sind in Abbildung 5-33 die Zeitschriebe des Sensorarrays bei einem
Höhenschnitt von z2/b=12% aufgetragen. Die drei Abbildungen stellen dabei den Einfluss für
R16=0%, 150% und 200% graphisch gegenüber. R16 wird noch vor der ersten Rotorstufe in
den Ringraum der Turbine eingebracht und interagiert beim Durchströmen der Rotorstufe mit
der Sekundärströmung, was dazu führt, dass sich der Massenstrom zur Ringraummitte hin
verlagert. Die Auswirkungen von R16 sind dementsprechend auf die Erhöhung des Gesamt-
massendurchsatzes zurückzuführen, während Querströmungseffekte eine untergeordnete
Rolle spielen.
Abbildung 5-33: Zeitschriebe der NGV-2 Druckseite bei z2/b=12%, Einfluss von R16
(
m
C=0.09k
g
/s
)
(
m
=0.135k
g
/s
)
(
m
=0.18k
g
/s
)
s/l [%] e [V]
82 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Sperrluft R1
9
5.2.3 Erfassung von Sperrlufteinfluss R19
- Saugseite
Die Sperrluftzufuhr R19 erfolgt unmittelbar vor dem Schaufelfuß der NGV-2 Stufe in der
Turbine. Zur Erfassung des Einflusses von R19 auf die Schaufelgrenzschicht sind in
Abbildung 5-34 resultierende Verteilungen der Wandschubspannung für R19=0% (Abb. a,c)
und R19=150% (Abb. b,d) in beiden Höhenschnitten (z/b=7%, 12%) gegenübergestellt. Die
Untersuchungen erfolgten für R16=K=100%. Aus den Ergebnissen ergibt sich, dass R19,
insbesondere im nabennahen Bereich, zu deutlichen Erhöhungen der Amplituden-
schwankungen und einer sehr starken Ausprägung der periodischen Anteile in den Pfaden
führt. Eine Verlagerung der Transitionslage zur Vorderkante hin ist zu verzeichnen, wodurch
sich für z1/b=7% laminare Lauflängen von LB=18% und LE=25% ausbilden, die im Fall
R19=0% über den betrachteten Schaufelbereich hinausgehen. Bei z/b=12% ist der Einfluss
der Sperrluft nicht so stark ausgeprägt, da R19 unmittelbar vor dem Schaufelfuß eingebracht
wird und daher erst weiter stromab mit einem Einfluss in diesem Höhenschnitt zu rechnen ist.
Abbildung 5-34: Einfluss von Sperrluftzufuhr R19 auf die saugseitige Grenzschichtausbildung
der zweiten Statorstufe in der Turbine (R16=100%, K=100%)
a)
z1/b=7%
R19=0%
s/l [%]
d)
z2/b=12%
R19=150%
c)
z2/b=12%
R19=0%
s/l [%]
s/l [%]
b)
z1/b=7%
R19=150%
s/l [%]
LB
LE
835. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.2 Turbine-Stator: Einfluss von Sperrluft R1
9
- Druckseite
Der Einfluss von R19 (Abb. a: 0%, b: 100%) auf die Grenzschichtentwicklung an der
Druckseite der untersuchten Turbinenschaufel in Abbildung 5-35 visualisiert. Die Ergebnisse
verdeutlichen einen deutlichen Einfluss der Sperrluft auf die sich ausbildende Grenzschicht-
ablösung. Erkennbar wird dies auch durch die dargestellten Amplitudenschwankungen der
Zeitschriebe, die den Flächendiagrammen überlagert sind. Durch die Zufuhr von R19 bilden
sich demnach direkt an der Profilvorderkante deutliche Signalamplituden aus, die jedoch
schon am zweiten Sensor auf eine abgelöste Grenzschicht hindeuten. Erkennbar ist dies an
den sehr geringen Amplituden für eine Lauflänge von s/l>10%.
Abbildung 5-35: Einfluss von R19 auf die druckseitige Grenzschichtausbildung an der
Turbine (R16=100%, K=100%, z2/b=7%)
Auch die in Abbildung 5-36 gezeigten Amplitudenmaxima der Kreuzkorrelationen stellen den
Einfluss der Sperrluft R19 dar. Als Referenz diente auch hier der erste Sensor des
Stromlinienarrays. Der Kurvenverlauf infolge R19=0% resultiert für die ersten drei
Sensorpaare in erhöhten Korrelationssignalen. Ab einem s/l=23% fallen die Amplituden dann
jedoch deutlich ab und eine Grenzschichtablösung bildet sich aus. Für R19=100% nehmen die
Amplituden bereits für das erste Kreuzkorrelationspaar bei s/l= 10.77% ab und kennzeichnen
eine frühe Grenzschichtablösung.
Abbildung 5-36: Detektion der Grenzschichtablösung an der Druckseite der NGV-2 der
Prüfstand-Turbine durch R19-Zufuhr (R16=100%, K=100%, z2/b=7%)
b)
z1/b=7%
R19=100%
s/l [%]
a)
z1/b=7%
R19=0%
s/l [%]
s/l [%]
84 5. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.3 Wertung
5.3 Wertung der Hauptuntersuchungen
In diesem Kapitel wird eine abschließende Bewertung der erzielten Ergebnisse zur
Anwendung thermoresistiver Oberflächensensoren an Schaufelprofilen gegeben. Beurteilt
wird dabei die Erfassung instationärer Grenzschichtphänome an Verdichter- und
Turbinenschaufeln durch die applizierten Sensoren. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit
kamen hierzu neben konventionellen Oberflächenheißfilmen erstmals auch dünne, flexible
Folienarrays mit Oberflächenhitzdrähten zum Einsatz. Bei der Datenauswertung wurden
Darstellungsformen gewählt, die eine detaillierte Angabe der charakteristischen Pfad-
strukturen und Grenzschichtbereiche ermöglichen können. So erlaubt beispielsweise die
Überlagerung der Campbell-Diagramme mit den Zeitschrieben der Sensorausgangs-
spannungen eine sehr genaue Abgrenzung zwischen dem nachlaufinduzierten Pfad und dem
Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen. Die Detektion der Transitionslinie in der Schiefe-
verteilung ermöglicht zudem die Positionsbestimmung der Grenzschichttransition. Zur
Erfassung von Grenzschichtablösung und Wiederanlegung kam des Weiteren
Schnittliniendiagramme, die Kreuzkorrelation sowie eine graphische Darstellung der
Amplitudenmaxima von Korrelationssignalen zur Anwendung.
Untersuchungen an Statorschaufeln einer Verdichter-Ausgangskonfiguration mit Hilfe von
Oberflächenheißfilm und -hitzdraht dienten dem Vergleich dieser zwei Sensortechniken
sowie zur Erfassung der Grenzschichttransition. Die Ergebnisse verdeutlichen ein
Grenzschichtverhalten, das auch in Betriebspunkten nahe des Strömungsabrisses zu keiner
Ablösung führt. Variationen des Massendurchsatzes und der Drehzahl zeigen zudem eine
deutliche Abhängigkeit der Transitionslage von diesen Parametern. So führt die Erhöhung des
Massendurchsatzes zu einer Verzögerung der Transition infolge eines Strömungsverhaltens,
das äquivalent zu einer Reduktion des Zuströmwinkels ist. Die Gegenüberstellung der
Statorschaufel-Messergebnisse von Oberflächenhitzdrähten und Heißfilmen zeigen sehr gute
Übereinstimmungen in Hinblick auf die Erfassung der Position der Grenzschichttransition,
des Ablösepunktes und der Wiederanlegung. Die erfolgreich zur Anwendung gebrachte
Oberflächenhitzdraht-Messtechnik bietet somit eine sinnvolle Alternative gegenüber
konventionellen Messmethoden und ermöglicht aufgrund ihres hohen Signal/Rausch-
Verhältnisses die detaillierte Erfassung von Strömungsinformationen.
An einer rotierenden Verdichterschaufel durchgeführte Messungen mit Oberflächenheiß-
filmen stellen ebenfalls eine Neuerung dar. Die Verwendung von Miniatur-Anemometern und
der Einsatz eines Telemetriesystems ermöglichte dabei erstmals eine Erfassung
unterschiedlicher Formen der Grenzschichttransition an einer Rotorschaufel. Dabei zeigten
sich in den Versuchsergebnissen deutliche Einflüsse durch vier sternförmig angeordnete
Verstrebungen im Vorlauf des Rotors. Diese generieren Nachlaufstörungen, die zu
Interaktionen mit der Grenzschicht an den Rotorschaufeln führen.
Die Betrachtung des Betriebspunktes m
=6.4 kg/s zeigt die Ausbildung einer By-Pass
Transition entlang zweier charakteristischer Pfade. Sowohl der Beginn der Grenzschicht-
transition als auch der Übergang in eine vollturbulente Grenzschicht werden entlang der Pfade
durch die unterschiedlich stark angefachten Störungen modelliert. Entlang des nachlauf-
induzierten Pfades kann der Beginn der Transition bei x/c=26% detektiert werden, während
sie im Pfad zwischen zwei Nachlaufdellen bis zu x/c=48% verzögert wird. Unerwartet ist die
855. Experimentelle Hauptuntersuchungen: 5.3 Wertung
Ausbildung der Grenzschichttransition über einer laminaren Ablöseblase auf der
Rotorschaufel bei einer relativ geringen Reduktion des Massendurchsatzes (Drosselung)
gegenüber dem Auslegungsfall (m
=6.82 kg/s) sowie im Vergleich zu den Ergebnissen an
Statorschaufeln. So zeigt sich bereits bei einem Massendurchsatz von m
=6.0 kg/s eine
Grenzschichtablösung über einer laminaren Ablösblase in den Pfaden zwischen zwei
Nachlaufdellen. Durch eine weitere Reduktion des Massendurchsatzes auf m
=5.85 kg/s ist
der destabilisierende Druckgradient bereits so hoch, dass auch entlang des nachlauf-
induzierten Pfades eine dauerhafte Ablösung entsteht. Die Ablöseblase erstreckt sich bei
m
=5.85 kg/s über einen Bereich von x/c=26...74%, während der Wiederanlegepunkt bei
m
=6.0 kg/s noch sehr stark oszilliert und das abgelöste Gebiet noch bis dicht an die
Hinterkante reicht (x/c=28...85%).
In einem weiteren Anwendungsfall erfolgten Untersuchungen zur druck- und saugseitigen
Grenzschichtentwicklung an einer Turbinen-Statorschaufel mit Hilfe von Oberflächen-
hitzdrahtarrays. Die Erfassung der Variation des Gesamtmassenstromes durch die Zufuhr von
Kühlluft und Sperrluft war hierbei von Interesse. So wirkt die Erhöhung des
Massendurchsatzes von m
=10.5 kg/s um m
=0.8 kg/s durch die Zufuhr von Kühlluft
(K=100%) wie eine Reduktion des Gitterzuströmwinkels. Auf der Saugseite der betrachteten
Schaufel führt dies zu einer Grenzschichtstabilisierung und zu einer Verzögerung der
Transition um s/l=15%. Auf der Druckseite hingegen kommt es zu einer frühzeitigen
druckinduzierten Grenzschichtablösung, wobei der Ablösepunkt um ca. s/l=20% an die
Vorderkante wandert.
Zu unterschiedlichen Grenzschichtentwicklungen führen auch die zusätzliche Zufuhr von
Sperrluftmassenströme, sowohl vor (R16) als auch hinter (R19) der ersten Rotorstufe.
Untersuchungen zum Einfluss der Sperrluft R16 zeigen, dass die Zufuhr dieses Massenstroms
zu einer geringfügigen Verzögerung der Transition auf der Profilsaugseite führt. Auf der
Druckseite der Schaufel hingegen zeigt sich eine frühe Grenzschichtablösung in der Nähe der
Profilvorderkante. Die Sperrluft R16 erfährt beim Durchströmen des Rotors eine nahezu
vollständige Ausmischung mit dem Hauptmassenstrom, woraus lediglich eine geringfügige
Erhöhung des Gesamtmassenstromes resultiert. Einen deutliche Einfluss auf die Grenzschicht
verursacht hingegen die Einbringung des Sperrluftmassenstromes R19 unmittelbar vor der
NGV-2 Stufe. Die saugseitigen Auswirkungen äußern sich dabei insbesondere im Bereich der
Nabe. So führt R19 zu einer Querströmungskomponente, die eine Destabilisierung der
Grenzschicht induziert, wodurch die Transition an die Vorderkante wandert. Bei einer 100-
prozentigen Zufuhr von R19 beginnt die Transition in einem Höhenschnitt z/b=7% bereits bei
einem S/L=20%, während dieser Beginn im Fall von R19=0% außerhalb des instrumentierten
Bereiches liegt. Auf der Druckseite der Schaufel kommt es zu einer Erhöhung des
Druckgradienten mit steigendem R19, was zu einer druckinduzierten Ablösung an der
Schaufelvorderkante führt.
Die gezeigten Anwendungsbeispiele verdeutlichen die breiten Möglichkeiten zur detaillierten
qualitativen und quantitativen Erfassung von instationären Mechanismen der Grenzschicht-
transition durch thermoresistive Oberflächenmessverfahren. Insbesondere die Anwendung
von flexiblen Oberflächenhitzdrahtarrays stellt hierbei eine sehr effektive Erweiterung der
einsetzbaren Messtechniken an Schaufelprofilen dar.
86 6. Zusammenfassung
6. Zusammenfassung
In der experimentellen Strömungsmechanik dienen moderne Messverfahren zur Erfassung
instationärer Wandschubspannungen und der Analyse grundlegender Mechanismen einer
Grenzschichttransition. Ermöglicht wird dies durch die Nutzung geometrisch kleiner
Oberflächensensoren mit einer hohen dynamischen Signalauflösung. Im Mittelpunkt der
vorliegenden Arbeit stand die vergleichende Erprobung und Anwendung klassischer und
moderner thermoresistiver Oberflächenmesstechniken, wie dem Oberflächenhitzdraht und
konventioneller sowie MEMS-Oberflächenheißfilme, die sowohl eine hohe zeitliche als auch
eine ausreichend flächige Signalauflösung gewährleisten. Die Arbeit widmete sich
dementsprechend zwei zentralen Aufgaben: Zum einen war dies die Erprobung von
Oberflächenhitzdrähten und Oberflächenheißfilmen hinsichtlich der statischen und
dynamischen Eigenschaften. Zum anderen wurden beispielhaft Anwendungen von flexiblen
Oberflächenhitzdrähten und konventionellen Heißfilmarrays zur Erfassung instationärer
Wandschubspannungen an Schaufelprofilen vorgestellt und zur qualitativen Visualisierung
von Grenzschichtphänomenen benutzt.
Untersuchungen mit simultan betriebenen konventionellen Oberflächenheißfilmen an
stehenden Komponenten (Leitrad, Gehäusewand) werden bereits seit geraumer Zeit
durchgeführt. Aufgrund des hohen messtechnischen Aufwands konnten diese an rotierenden
Schaufeln bisher allerdings noch nicht realisiert werden. Der Einsatz eines mehrkanaligen
Miniatur-Anemometers ermöglichte jedoch in Kombination mit einer Telemetrieeinheit den
kontinuierlichen Betrieb eines Oberflächenheißfilmarrays an einer Rotorschaufel. Die
Analyse der phasenstarr ermittelten Daten zeigt, dass im Auslegungsfall des Verdichters eine
By-Pass Transition stattfindet. Ein unerwartetes Ergebnis stellte jedoch die sehr frühzeitig
eintretende Grenzschichtablösung mit Drosselung des Systems dar. Die Reduktion des
Massendurchsatzes führt dabei zur Ausbildung einer großflächigen laminaren Ablöseblase,
während die Grenzschicht an den untersuchten Statorschaufeln auch noch bei
Massendurchsätzen nahe des Strömungsabrisses anliegend ist.
Für Messungen an zwei- und dreidimensional gekrümmten Schaufeloberflächen wurden
erstmals auch Oberflächenhitzdrahtarrays appliziert, die eine kupferbeschichtete Kaptonfolie
als Basismaterial haben. Untersuchungen des Sensorthermalhaushaltes dieser Sensoren zeigen
gegenüber Heißfilmen einen sehr begrenzten lokalen thermischen Nachlauf und einen
geringen Wärmefluss in die Struktur. Um die Anwendbarkeit von Oberflächenhitzdrähten zu
demonstrieren wurden in Vor- und Hauptuntersuchungen Arraymessungen an Statorschaufeln
durchgeführt. Hierbei wurden an dem untersuchten Axialverdichter zu Vergleichszwecken
auch Versuche mit Oberflächenheißfilmen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen sehr gute
Übereinstimmungen hinsichtlich der Erfassung typischer Grenzschichtphänomene wie der
Transition durch beide Messtechniken.
Weitere Untersuchungen zur Anwendung von Oberflächenhitzdrähten an Schaufelprofilen
erfolgten an der Statorschaufel (NGV) einer zweiten Niedermachzahl-Turbinenstufe. Druck-
und saugseitig applizierte Sensorarrays dienten hierbei der Erfassung von Grenzschicht-
Interferenzen, hervorgerufen durch die Zufuhr von sekundären Massenströmen. Die
Ergebnisse verdeutlichen, dass eine Erhöhung des Gesamtmassenstromes durch Einbringen
eines zusätzlichen ambienten Kühlluftmassenstromes im Turbineneinlauf vergleichbar mit
einer Reduktion des Gitterzuströmwinkels ist und auf der Profilsaugseite zu einer
876. Zusammenfassung
Verzögerung der Transition führt. Auf der Druckseite hingegen wird eine frühe
druckinduzierte Ablösung der Grenzschicht hervorgerufen. Die Zufuhr von
Sperrluftmassenströmen vor und hinter der ersten Rotorstufe führen zu unterschiedlichen
Auswirkungen in Hinblick auf die saugseitige Grenzschichttransition bzw. einer druckseitigen
Ablösung. Der Sperrluftmassenstrom, welcher unmittelbar vor der ersten Rotorstufe in den
Ringraum eingebracht wird, erfährt beim Durchströmen des Rotors einen hohen
Ausmischungsgrad. Hierdurch ergibt sich eine geringe Erhöhung des Gesamtmassenstromes,
der mit einer Reduktion des Zuströmwinkels vergleichbar ist. Die Sperrluft die dem System
hingegen direkt im Vorlauf der NGV-2 Stufe beigemengt wird, führt zu einer Querströmungs-
komponente im Bereich der Schaufelnabe. Auf der Saugseite kommt es hierdurch zu einer
Transitionsverlagerung an die Schaufelvorderkante, während an der Profildruckseite eine
frühzeitige Grenzschichtablösung hervorgerufen wird. Die Anwendung von
Oberflächenhitzdrähten stellt somit eine sinnvolle Alternative gegenüber konventionellen
Messmethoden dar und erlaubt aufgrund des Signal/Rausch-Verhältnisses eine hohe
Signalauflösung.
Mit Hilfe von Oberflächensensorarrays ermittelte instationäre und transitionale Verteilungen
der Wandschubspannung an Turbomaschinenkomponenten erlauben somit die detaillierte
Erfassung von Grenzschichtphänomenen, wie der Transition oder der Position von Ablösung
und Wiederanlegung. Ziel zukünftiger Messungen sollte jedoch auch die quantitative
Erfassung von Wandschubspannungen sein, um noch gezielter Referenzdaten, beispielweise
für numerische Rechenverfahren bereitstellen zu können. Der günstige Thermalhaushalt der
Oberflächenhitzdrähte führt zu einer erfolgversprechenden Sensortechnik, die auch eine
Kalibration im Arrayverbund deutlich vereinfachen wird.
Zusätzliche Untersuchungen von MEMS-Heißfilmen zeigten, dass die erzielbaren
Grenzfrequenzen deutlich geringer sind als die von konventionellen Heißfilmen und
Oberflächenhitzdrähten. Es sind jedoch noch deutliche Reserven hinsichtlich des
realisierbaren Überhitzungsverhältnisses und der damit verbundenen Systemgrenzfrequenz
vorhanden. Mit Hilfe fertigungstechnischer Optimierungsprozesse wird es somit möglich
sein, die Frequenzantwort zu verbessern und höhere Grenzfrequenzen zu erzielen, die denen
klassischer Heißfilme entsprechen. Beschichtungsversuche an MEMS-Oberflächenheißfilmen
mit einer dünnen Schicht aus Siliziumdioxid von d=0.25 µm zeigten, dass diese Schutzschicht
einen Dämpfungseffekt in der dynamischen Signalantwort verursacht, dessen Wirkung mit
dem eines Tiefpassfilter verglichen werden kann. Mit steigender Wandschubspannung verliert
dieser Effekt jedoch über den betrachteten Geschwindigkeitsbereich hinweg an Einfluss.
Ergänzend wurden auch an konventionellen Oberflächenheißfilmen Beschichtungs-
untersuchungen zur Erprobung eines wirksamen Schutzes vor schädigenden äußeren
mechanischen Einwirkungen durchgeführt. Die erzielten Ergebnisse sollten Aufschluss über
den Einfluss der Schutzschichten auf die dynamische Signalantwort und die resultierende
Sensitivitätsabnahme geben. Im Rahmen der Untersuchungen wurden das Beschichtungs-
material und die Schichtdicke variiert. In einem Vergleich der zwei benutzten photoresistiven
Lacke Probelec und Positiv_20 zeigte sich, dass Probelec mit einer einzigen Schichtlage eine
sehr starke Abnahme des Signal/Rausch-Verhältnisses hervorruft. In den betrachteten
Leistungsdichtespektren äußert sich dies in einen deutlichen Amplitudenabfall, für Sensoren
die mit Probelec beschichtet wurden. Bei Sensoren die mit Positiv_20 beschichtet wurden
88 6. Zusammenfassung
zeigt sich hingegen, dass der Amplitudenabfall selbst mit mehreren Schichten noch sehr
gering ist. Ähnliche Ergebnisse ergeben sich auch beim Vergleich der Grenzfrequenzen
zwischen den zwei Lacken. Die Reduktion der Grenzfrequenz durch Probelec beträgt bereits
nach einer einzelnen Schichtlage f=6.25 kHz, während Positiv_20 zu einem Abfall von
f=2 kHz führt. Die Ergebnisse lassen somit darauf schließen, dass Photo-Positiv_20 ein
geeigneter Werkstoff ist um Oberflächenheißfilme mittels einfacher Beschichtungstechnik
mechanisch zu verbessern.
Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass die verwendeten thermoresistiven
Oberflächensensoren geeignet sind um in Zukunft erfolgreich an Schaufelprofilen stationäre
und instationäre Wandschubspannungen zu erfassen. Zudem ergibt sich hierdurch die
Möglichkeit, Grenzschichtphänomene wie der Transition und der Ablösung zu erfassen und
zu analysieren. Auch stellen die im Rahmen der Arbeit benutzen flexiblen
Oberflächenhitzdrahtarrays aufgrund ihres günstigen Thermalhaushaltes und dem
resultierenden Signal/Rausch-Verhältnis eine sinnvolle Alternative zu konventionellen
Oberflächenheißfilmen dar.
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