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„Gründung der Universität als Gesamthochschule“
Erinnerungen eines Emeritus
zum Aufbau der Chemie in Paderborn
Von Prof. Dr. rer. nat. Horst Stegemeyer
Prolog
In den Mauern der Stadt Paderborn existierte seit 1614 bereits eine
Universität (bis 1806). Als in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts Neugründungen wie Pilze aus der Erde schossen, hob
man auch in Paderborn den Finger. Und tatsächlich bekam auch
Paderborn aus Düsseldorf einen Zuschlag für eine der fünf vom
damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau konzipierten Gesamt-
hochschulen. Die Freude der Paderborner Stadtväter war dieserhalb
dennoch arg getrübt – man hätte ja gern wieder als Universitäts-Stadt
firmiert! Also griff man in die Trickkiste und schrieb „Gründung der
Universität als Gesamthochschule“ auf die Fahnen. So zu sehen auf den
Briefstempeln der „Hochschulstadt Paderborn“. Auch einen Silbertaler
mit der gleichen Inschrift ließ man schlagen.
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Vorgeschichte
An der Technischen Universität Berlin betrieb ein Physikochemiker For-
schungen an Flüssigkristallen. Er nannte sich „Wissenschaftlicher Rat
und Professor (später hieß das H 3-Professor) und strebte nach höheren
Weihen in Form eines ordentlichen Professors (H 4, später C 4).
TU Berlin 1973
Versuche, solches in Hannover und Würzburg zu realisieren, zogen sich
endlos lange hin, entweder wegen mangelnder Geldmittel oder der
Trägheit von Universitätsgremien. Da kam Anfang 1973 eine Anfrage
aus Paderborn: Horst Langemann, Professor für Technische Chemie
und Gründungskonrektor, bekannt aus gemeinsamen Oberassistenten-
Zeiten in Berlin: „Wollen Sie sich in Paderborn auf die H 4-Professur für
Physikalische Chemie bewerben?“
Hm, konnte man ja mal probieren, zumal seine Erfahrungen mit Studie-
renden des zweiten Bildungsweges in Berlin recht gut zu nennen waren.
Es folgte die allseits bekannte Prozedur: Probevortrag am 19. Juni 1973,
abends um 18 Uhr in einem Hörsaal der damaligen Fachschule vor 7 (!)
Zuhörern, dabei der heutige Kanzler Jürgen Plato mit seinem markanten
Schnauzbart als Vertreter der nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiter. Frau-
gen der Berufungskommission nach meiner Forschung und ob ich denn
wohl auch an der Lehre interessiert sei …
Zeit für einen Rundgang durch die alte Stadt; auf einer Bank im
Paderquellgebiet verschnaufend, meinte der Bewerber, in Paderborn
könnte man es nach turbulenten Jahren in der Frontstadt Berlin wohl
aushalten.
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Im August 1973 ein Anruf von Konrektor Langemann im Urlaub im
Solling: auf der Berufungsliste einstimmig an erster Stelle. Am 17. Okto-
ber 1973 lag dann der Ruf nach Paderborn schwarz auf weiß und ausge-
fertigt vom damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau auf dem
Schreibtisch in Berlin.
Verhandlungen im Wissenschaftsministerium in Düsseldorf und mit dem
Kanzler Ulrich Hintze in Paderborn folgten im November/Dezember
1973. Im ersten Gespräch mit dem Kanzler Anfang November wurde
erwähnt, dass der Berufene seine Verhandlungen in Hannover noch
nicht abgeschlossen hatte. „Dann haben wir ja hier gar keine Chance!“
so der Kanzler und spendierte ihm mit Kollegen Langemann ein Abend-
essen im Ratskeller ...
Am 16. Dezember 1973 wurde der Ruf angenommen; Dienstantritt zum
1. April 1974, da erst dann Räume im neuen Verfügungszentrum am
Pohlweg bereitstanden. Gründungsrektor Prof. Broder Carstensen, bei
dem der Eid auf die Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen
abgelegt wurde, bedauerte den heraus geschobenen Dienstantritt: „... da
verzichten Sie doch auf die höheren Dienstbezüge!“
Probleme der Gesamthochschule
Das Konzept bei der Gründung der Gesamthochschulen sah eine Inte-
gration der Aufgaben von Universitäten, Pädagogischen Hochschulen
und technischen Fachhochschulen vor.
Während ein gemeinsames Studium von Studierenden unterschiedlicher
Provenienz (Fachhochschulreife, Abitur) unproblematisch erschien, war
die Bildung eines gemeinsamen Lehrkörpers aus Fachhochschullehrern
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und aus dem Universitätsbereich neu Berufenen nicht ohne Skepsis zu
sehen. Denn beide Gruppen sollten ja die Lehre in den so genannten
Integrierten Studiengängen gestalten.
Als weiteres Problem kam die Assoziation der Bezeichnung Gesamt-
hochschule mit der im sekundären Bildungsbereich umstrittenen
Gesamtschule hinzu. Das führte dazu, dass die Professoren, die nun die
„universitäre Säule“ mit Leben füllen sollten, von Kollegen klassischer
Universitäten bespötteltet wurden: „Wo seit Ihr denn da hingegangen?!“
Und der neue Physikochemiker konnte darauf nur mit einem Ausspruch
des Münchner Physikers, Prof. Heinz Maier-Leibnitz, antworten, es sei
nicht entscheidend welchen Namen eine Institution trage, sondern was
darin geleistet werde! Solches war nun in Paderborn erst einmal zu
beweisen!
Beginn der Chemie im AVZ
Das AVZ 1974
Da stand es nun ab 1974, einsam und allein auf einem leeren Bauge-
lände am Pohlweg: das „Aufbau- und Verfügungs-Zentrum“, kurz „AVZ“
genannt. Hier sollten nun die Chemiker einziehen, bis die neuen Institute
an der Warburger Straße gebaut und bezugsfertig waren. Der neu
berufene Physikochemiker hatte 5 Personalräume zugewiesen be-
kommen, dazu 2 sogenannte Seminarräume, in denen jedoch keine
Seminare stattfanden, sondern im Laufe der Zeit die Forschungsein-
richtungen aufgebaut wurden. Diese Räume lagen im Mittelteil des
Gebäudes, ohne Tageslicht.
Aus den Fenstern der Personalräume hatte man einen weiten Blick auf
die alte Stadt Paderborn mit dem Domturm, die Gebäude der Fach-
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Also wurde deshalb beim Verwaltungsdirektor eine Diensttaschenlampe
beantragt – natürlich abgelehnt! Und man kaufte sich selbst ein solches
Hilfsmittel. Aufgrund massiver Proteste wurden in den folgenden Jahren
alle Räume mit elektrischen Anschlüssen und Schaltern nachgerüstet –
eine notwendige, doch zeit- und kostenaufwendige Maßnahme!
Um noch etwas bei den „Kinderkrankheiten“ zu bleiben: Der Kanzler
hatte angeordnet, dass alle – ja alle! – nach offiziellem Dienstschluss
das Gebäude zu verlassen hatten; die Zimmerschlüssel waren beim
Pförtner abzugeben. Ja, wann wohl Professoren, Assistenten und
Doktoranden ihre Forschungsarbeiten betreiben sollten? Natürlich
während der Dienstzeit! Diese Anordnung wurde nach Protesten dann
auch rasch annulliert!
Die Räume im AVZ waren zu Beginn gut mit Mobiliar ausgestattet, auch
Telefonanschlüsse waren installiert.
Nun galt es, die Personalstellen zu besetzen. Für die zwei zunächst
zugesagten Assistentenstellen hatten sich zwei Mitarbeiter von der TU
Berlin interessiert; einer war bereits promoviert, der andere musste seine
in Berlin begonnene Doktorarbeit in Paderborn fortführen. Dazu waren
natürlich apparative Voraussetzungen zu schaffen. Einige Geräte
wurden von der TU Berlin übernommen und wanderten nach Paderborn;
das meiste musste aus den vom Kanzler zugesagten Mitteln neu
beschafft werden. Dazu mussten noch alle Geräte für das neue
Physikalisch-chemische Grund-Praktikum beschafft werden, das im
Wintersemester 1974/75 anlaufen sollte. Denn auf die entsprechenden
Einrichtungen in der ehemaligen Fachhochschule wurde den „Neuen“
kein Zugriff erlaubt!
Im Mai 1974 wurde die erste Sekretärin der Physikalischen Chemie
eingestellt, die den umfangreichen „Papierkrieg“ der Neubeschaffungen
zu bewältigen hatte. An Computer war bei weitem noch nicht zu denken!
Nur Diktiergeräte erleichterten die Arbeit, da das lästige Diktieren in den
Stenoblock entfiel.
Der Kanzler hatte zunächst allen Fächer der Chemie nur eine halbe
Sekretärinnenstelle zugesagt mit der Bemerkung: „Die Professoren
reisen in der Welt herum und die Sekretärinnen sitzen da und lesen
Brigitte“. In der Tat schickte der Kanzler einen seiner Beamten herum,
der früh um acht Uhr zu kontrollieren hatte, ob in den Sekretariaten auch
wirklich gearbeitet würde … Nach eingehender Überzeugungsarbeit
wurde die Stelle aufgestockt und ab Juli 1974 verstärkte eine weitere
halbe Kraft das Sekretariat der physikalischen Chemie.
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Ein wunderschöner Sommer 1974 brach an. Da das private Domizil des
Neuberufenen noch im Bau war, trieb er sich von morgens bis abends im
AVZ herum: Bauplanung für die Baustufe 1975 (erst 1977 fertig!),
Beschaffungsprobleme, Vorbereitung der Lehrveranstaltungen und – ja
wirklich! Erste Forschungsarbeiten an den aus Berlin mitgebrachten
Apparaturen!
In diesen Wochen sprach ihn eines Tages im vorübergehen ein Kollege
aus der früheren Pädagogischen Hochschule an, ob er eigentlich gar
kein Hobby habe? „Doch ja! – ich musiziere usw., aber warum fragen
Sie?“ „Ja, weil Sie die ganzen Semesterferien über ins AVZ rennen!“
lautete die Antwort …
Derselbe Kollege raunzte einmal in einer Fachbereichsrats-Sitzung einen
neu berufenen Physik-Professor an, der ein Forschungsmikroskop für
5000 DM beantragt hatte: Das könne er doch mit einem Kosmos-Bau-
kasten billiger haben!
Da gab’s wohl sehr verschiedene Auffassungen über das Arbeiten auch
an einer Gesamthochschule!
Traf man in der Stadt neue Bekannte, so wurde gefragt: „Ach, Sie
arbeiten an der Schule!“ Nein, er sei Professor an der neuen Gesamt-
hochschule! Es bedurfte eines längeren Prozesses in der Bevölkerung,
sich von dem Begriff „Schule“ zu trennen. Denn die Ingenieurschule für
Maschinenwesen hatte lange Jahre nach dem 2. Weltkrieg das Bild der
Stadt Paderborn geprägt.
Eine erste Chem.-techn. Assistentin wurde im Juli, eine weitere im
Oktober 1974 eingestellt, so dass mit ersten Laborarbeiten begonnen
werden kann.
Doch zuvor wurden alle Hände benötigt, um den Gerätebedarf zu
erarbeiten und Listen für die Erstausstattung zu schreiben:
Weiße Listen für den Erstbedarf; grüne für die Ausstattung der geplanten
neuen Institute. Um den neuen Kollegen mit ihren möglicherweise über-
zogenen Forderungen auf die Finger zu schauen, hatten Ministerium und
Verwaltung eine private Firma engagiert. Diese musste natürlich durch
Streichen wenigstens ihr eigenes Honorar, besser noch einiges mehr
erwirtschaften. Der Chef war ein früherer Physiko-Chemiker aus der
Universität Göttingen – keine ganz ungünstige Voraussetzung bei der
Begutachtung des Fachs Physikalische Chemie! Günstig wirkte es sich
auch aus, wenn die nötigen Getränke bereit standen …
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Die Verwaltung war zu der Zeit in einer Villa in der Geroldstraße ange-
siedelt. Die Beschaffungswünsche bearbeitete dort Reg.-Angest.
Winfried Schuster in einer winzigen Dachkammer zusammen mit einer
Sekretärin – Erinnerungen an eine gute Zusammenarbeit in heimeliger
Atmosphäre! Als Herr Schuster ab 1977 ein komfortables Büro im Neu-
bautrakt bezogen hatte, entgegnete er auf ein Kompliment über die
schönen neuen Räume, im Gegensatz zur Geroldstraße fühle er sich
hier eher als eine Nummer!
Die Erstausstattung des Fachbereichs Chemie muss im Wesentlichen
als gut bezeichnet werden. Letzthin beim späteren Bezug der neuen
Laboratorien im Bauteil J waren gute Geräte für die Forschung vorhan-
den. Die Mittel waren zwar keineswegs so überquellend geflossen wie
an der Universität Bochum, gegründet nachdem Georg Picht 1964 die
Bildungskatastrophe ausgerufen hatte. Wohin allzu üppige Gelder führen
konnten, kam zutage, als man Jahre nach der Gründung in Bochum
teure und wertvolle Geräte im Keller entdeckte, die noch nicht einmal
ausgepackt waren! – Das war in Paderborn ganz anders: Zwei Tage vor
Weihnachten 1974 wurde der Physikochemiker eilig ins Foyer des AVZ
herbei gerufen: Dort war eine große Kiste mit einem FTIR-Spektrometer
angeliefert worden. Rasch geöffnet: ok! – die Rechnung „Sachlich richtig“
gezeichnet und ab zur Universitätskasse Bielefeld „per reitenden Boten“.
Sonst wären die Mittel verfallen und dem Haushalt des nächsten Jahres
belastet!
Der Ausbau des Fachbereichs Chemie geht voran
Eine Stelle aus der früheren Pädagogischen Hochschule „Dozent auf
Widerruf H 2“ wurde der Physikalischen Chemie zugewiesen und im
November 1974 mit Dr. rer. nat. Peter Pollmann besetzt, der sich vorher
an der TU Berlin für das Fach Physikalische Chemie habilitiert und dort
bereits über Flüssige Kristalle gearbeitet hatte.
Der Fachhochschullehrer Dr.-Ing. Hansjürgen Klemm war bereits vor Ort
und ergänzte die kleine Gruppe der Hochschullehrer der Physikalischen
Chemie.
Erste Lehrveranstaltungen im Fach Chemie
Im Wintersemester 1974/75 wurde die erste Vorlesung „Physikalische
Chemie I“ für das bereits angelaufene Grundstudium im Integrierten
Studiengang Chemie abgehalten, noch in den Hörsälen der früheren
Fachhochschule am Pohlweg. Die überwiegende Zahl der Studierenden
kam mit der Fachhochschulreife zu uns; sie hatten zuvor sogenannte
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Brückenkurse absolviert. Einige Damen hatten auf den Bänken
„geparkt“, denn sie warteten auf einen Studienplatz in Medizin oder
Pharmazie und verschwanden nach einiger Zeit wieder.
Die Studenten aus dem zweiten Bildungsweg waren außerordentlich
engagiert, arbeiteten sehr gut im Seminar mit, in den Testklausuren
schnitten sie überwiegend gut ab. In späteren Semestern stießen dann
Abiturienten dazu; in dieser Gruppe hätte man sich gelegentlich mehr
Engagement gewünscht, wie man sie bei den jungen Menschen aus
dem zweiten Bildungsweg beobachtete.
Die Vorlesungen PC I und im Sommersemester dann PC II waren für
das Grundstudium zu konzipieren, das Studierende des 1. und 2.
Bildungsweges gemeinsam zu hören hatten.
Auf mögliche unterschiedliche Eingangsvoraussetzungen war also Rück-
sicht zu nehmen. Für diejenigen Hörer, die sich möglicherweise unterfor-
dert fühlten, wurden Gespräche und weiterführende Literatur angeboten.
Das brachte allerdings dem Professor den Vorwurf einer unerwünschten
Elite-Bildung ein!
Doch der „2. Bildungsweg“ schlug sich überwiegend prächtig – aus
diesem Kreis erwuchsen später etliche hervorragende Doktoranden!
Die Kollegen aus der ehemaligen Fachhochschule hatten ein anderes
Konzept in ihren Lehrveranstaltungen. Als es in einer Diskussion einmal
darum ging, wie man den Begriff der Entropie vermitteln könne, wurde
entgegnet: „Meine Studenten müssen rechnen, bis ihnen die Schwarte
knackt!!“ Eine solche Einstellung war nicht nur im Fach Chemie zu
beobachten: So berichtet ein Student der Wirtschaftswissenschaften in
der Dokumentation „20 Jahre Uni-GH-Paderborn“ (S. 86), sie seien von
„FH-Dozenten“ manchmal mit „lächerlichen Dreisatzaufgaben“ traktiert
worden. – Die zwei so unterschiedlichen Statusgruppen im Lehrkörper
konnten eben nicht so rasch zusammenwachsen, wie sich das Wissen-
schaftsminister Rau erwünscht hatte …
Generell ist das Rau’sche Konzept: 1. Universitäten den potentiellen
Interessenten „vor die Haustür zu bauen“ und 2. mit dem Y-Modell
„benachteiligten Landkindern“ (loc. cit. S. 73) den Zugang zu höheren
Weihen zu öffnen, zu begrüßen. Dass dieses Konzept später verworfen
wurde, kann man bedauern, zumal in einigen „Kurzzeit-Studiengängen“
wie in dem für „Lacke, Farben und Beschichtungsstoffe“ sehr gute Erfol-
ge erzielt wurden. Durch Stärkung von Fachschulen als qualifizierte Ein-
richtungen konnte hier etliches gut gemacht werden.
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Aktivitäten zur Außenwirkung der GH Paderborn
Bereits im Sommer 1974 etablierte der Leiter der Volkshochschule
Paderborn, Prof. Dr. Werner Faber, eine Vortragsreihe „Die Gesamt-
hochschule stellt sich vor“, um Interesse an der neuen Hochschule in
Stadt und Umland zu wecken.
Die Physikalische Chemie trug mit einem Experimentalvortag über
Flüssige Kristalle dazu bei, den Prof. Faber mit dem Ausruf
kommentierte: „Chemistry is beautiful!“
Um das neue und gerade begonnene Forschungsprofil nach außen zu
dokumentieren, wurde, angestoßen von der Physikalischen Chemie,
bereits im Wintersemester 1974 ein Chemisches Kolloquium eingerich-
tet. Zusammenarbeit mit Kollegen von etablierten Universitäten sollte
eines der Ziele sein, aber auch, um zu beweisen, dass an einer neuen
Hochschule mit dem zunächst belächelten Namen „Gesamt-Hochschule“
vernünftig gearbeitet und geforscht werden konnte.
Als erster Redner war Prof. Horst Sackmann aus Halle/Saale eingeladen
worden, der als Vizepräsident der altehrwürdigen Akademie Leopoldina
in der damaligen DDR einen hohen Forschungsstandard auf dem Gebiet
der Flüssigkristalle hielt. Bis Ende 1974 folgten 3 weitere Kolloquien mit
Kollegen vom Weizmann-Institut aus Israel und von der Universität
Marburg.
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Erster Kolloquiumsvortrag
Das Auditorium war zunächst noch recht klein, bis dann die anderen
Lehrstühle der Chemie besetzt wurden. Kollegen aus dem Fachhoch-
schulbereich sah man kaum oder gar nicht, möglicherweise wegen der
spät angesetzten Vortragszeit …
Der Erfolg dieses zu einem frühen Zeitpunkt eingeführten Kolloquiums
wurde wenige Jahre später dadurch belohnt, dass die Gesellschaft
Deutscher Chemiker einen GDCh-Ortsverband an der nun Universität-
Gesamthochschule Paderborn genannten Neugründung einrichtete.
Weiterer Ausbau des Fachbereichs Chemie
Im Sommersemester 1974 waren die Lehrstühle Technische Chemie,
Physikalische Chemie und Didaktik der Chemie (aus dem Bereich der
früheren Pädagogischen Hochschule) besetzt. Es war also dringend
geboten, die Lehrstühle für Anorganische Chemie und Organische
Chemie zu besetzen.
Es sei hier bemerkt, dass die Bezeichnung „Lehrstuhl“ von gewissen
Kreisen verpönt war, obwohl in Schreiben des Kanzlers immer wieder
vom „Lehrstuhl für Physikalische Chemie“ die Rede war. Auch die
Amtbezeichnung „Ordentlicher Professor“ galt als anrüchig, obwohl wir in
den Ernennungsurkunden des Ministeriums als solche berufen waren!
Doch mit derartigen „Seitenhieben“ verstand man umzugehen!
Da Prof. Langemann als Gründungs-Prorektor voll ausgelastet war,
übernahm der Physikochemiker die Berufungsprozeduren. Gewöhnlich
bewarben sich auf Ordinariate an den etwas „schief angesehenen“
Gesamthochschulen Kollegen aus dem Bereich der „Nicht-Ordinarien“,
wie die H 3-, später C 3-Professoren despektierlich immer noch genannt
wurden. Eine Ausnahme spielte ein Bewerber für den Lehrstuhl für
Organische Chemie: Jürgen Sauer, Ordentlicher Professor an der auch
noch recht neuen Universität Regensburg. Dort hatte es in Form eines
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„linken“ Präsidenten Probleme gegeben, die einen Wechsel verständlich
erschienen ließen. Wir haben, was Probleme der Neugründungen anbe-
trifft, viel von diesem Kollegen gelernt. Er hat den Ruf endlich doch abge-
lehnt, weilt inzwischen auch nicht mehr unter uns.
An zweiter Stelle der Berufungsliste stand Wolfgang Sucrow, Wissen-
schaftlicher Rat und Professor an der TU Berlin. Er nahm diesen Ruf
endlich im Juli 1975 an. Er war uns „Berlinern“ durch seine Arbeiten über
Steroide gut bekannt und menschlich sehr sympathisch, so dass wir
spöttelnde Bemerkungen über ein „Berliner Cluster“ leicht ertrugen.
Wolfgang Sucrow
In den folgen Jahren hatte sich eine wunderbare und fruchtbare
Zusammenarbeit zwischen der Organischen und Physikalischen Chemie
über Flüssigkristalle ergeben, die leider durch den allzu frühen Tod
Wolfgang Sucrows am 5. Januar 1989 abrupt endete …
Auf den Lehrstuhl für Anorganische Chemie wurde – nicht ohne länger
währende Probleme zu lösen – 1976 Dieter Sellmann von der TU
München berufen. Somit konnte ein geregelter Lehr- und Forschungs-
betrieb endgültige Gestalt annehmen.
Streit um den Namen der neuen Hochschule
Die Bezeichnung „Gesamthochschule“ schuf von Anfang an Probleme:
Sie wurde von Kollegen tradierter Universitäten belächelt, impliziere sie
doch einen minderen Qualitätsanspruch. Auch und gerade im Ausland
war diese Bezeichnung überhaupt nicht zu vermitteln: Sollte man bei
englisch sprachigen Publikationen etwas von einer „United Highschool“
sprechen? Auch der Passus im Hochschulgesetz NRW „… Universitäten
einschließlich Gesamthochschulen“ ließ auf einen minderen Anspruch
schließen. Das Gründungsrektorat beantragte bereits im Januar 1975 die
Namensänderung in „Universität – Paderborn Gesamthochschule“. Die
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Studentenschaft protestierte heftig dagegen und der Wissenschafts-
minister lehnte den Antrag kategorisch ab.
Erst im Jahre 1980 erhielten die neuen Gesamthochschulen das Recht,
sich Universitäten zu nennen. – Nachdem das Konzept der „integrierten
Studiengänge“ ganz aufgegeben wurde, verschwand die Bezeichnung
Gesamthochschule aus den Briefköpfen. Zuvor hatte sich aber durch die
Leistungen in Forschung und Lehre erwiesen, dass die neuen Einrich-
tungen durchaus in der Liga der tradierten Universitäten mitspielen
konnten.
Eine kleine, nicht gerade weltbewegende Änderung sei hier nicht ohne
Schmunzeln angefügt: An einer Stelle des Hochschulgesetzes wurden
die Mitglieder des Lehrkörpers unterschieden in 3a- und 3b-Professoren.
a-Professoren waren die durchweg habilitierten Kollegen aus dem
Universitätsbereich, b-Professoren die ehemaligen Fachhochschullehrer.
Nachdem das Ministerium die Amtsbezeichnung „Universitätsprofessor“
eingeführt hatte, erhielten auch die b-Professoren das Recht, diese
Bezeichnung zu führen. Das schlug sich umgehend in den Briefköpfen
nieder: Während bei den b-Kollegen „Universitätsprofessor“ zu lesen
war, stand bei den a-Kollegen weiterhin schlicht und einfach: „Prof. Dr.
N. N.“
Ein wesentlicher Unterschied blieb jedoch erhalten: Den a-Profs hatte
man im Dienstzimmer einen Schrank mit 3 Türen zugebilligt; die b-
Kollegen mussten sich dagegen mit 2 Türen bescheiden!
Forschung im Fach Physikalische Chemie.
Einer der beiden Mitarbeiter, die 1974 mit dem Neuberufenen von der
TU Berlin an die neuen Hochschule in Paderborn wechselten, hatte
bereits seine Diplomarbeit auf dem Gebiet der Flüssigkristalle in Berlin
angefertigt und die Arbeiten zu seiner Dissertation dort begonnen. Trotz
vieler Aufgaben bei der Neurichtung konnte er die Arbeiten zu seiner
Doktor-Arbeit zügig abschließen. Am 22. Dezember 1975 wurde er zum
Dr. rer. nat. promoviert – der erste Doktor der Naturwissenschaften an
der neuen Gesamthochschule! Sein Name: Heino Finkelmann, später
Direktor des Instituts für Makromolekulare Chemie an der Universität
Freiburg.
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Der frisch gekürte Doktor wird per Pferdewagen durch Paderborn kutschiert
Zu Beginn des Jahres 1976 fanden sich 4 weitere Mitstreiter im AVZ ein,
um ihre Doktor-Arbeit im Fach Physikalische Chemie zu beginnen. Sie
hatten ihre Diplom-Arbeit an der TU Berlin, der Universität Münster und
der Technischen Universität Clausthal abgeschlossen.
Anfang 1978: der erste „hausgemachte“ Diplomand begann in der
Physikalischen Chemie, einer der ersten Studenten, die 1973 an der
neuen GH Paderborn begonnen hatten.
Vom AVZ ins neue Institut (Bauteil J)
Dem Umzug in die Neubauten im Sommersemester 1977 gingen
häufige, lange und nicht immer effiziente Baubesprechungen voraus. Die
Planer vom ZPL hörten sich (geduldig?) die Vorschläge der Fachver-
treter an. In den Labororatorien der PC wurden keine Abzüge benötigt.
Ein Verzicht darauf hätte Geld gespart. Dennoch: alles war genormt und
Wünsche sachgerechter Einrichtungen der Räume wurden registriert,
blieben dennoch unberücksichtigt.
In einer dieser Sitzungen wartete Kollege Langemann, für Baufragen
zuständig, mit einer Überraschung auf: Die Brüstungshöhe der Fenster
im Bauteil J war falsch berechnet worden! Das ZPL hatte sich fälschlich
an der Höhe der außen laufenden Fluchtbalkone orientiert. Ergebnis: Am
Schreibtisch sitzend konnte der Blick nicht in die Ferne schweifen, wie
man am Beispiel des PC-Sekretariats sieht.
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PC-Sekretariat Bauteil J
Da sich die Bauelemente bereits in der Fertigung befanden, war eine
Änderung nicht mehr möglich. Die recht fadenscheinige Begründung des
ZPL für die Fehlplanung war: niedrige Fenster würden beim Öffnen im
Chemielabor die Pipettenständer umwerfen! Während der Bleibever-
handlungen anlässlich eines Rufes an die Universität Hamburg hatte der
PC-Professor beantragt, die unteren Wandelemente in den Büros zu
verglasen – selbstverständlich wurde dieses „Ansinnen“ abgelehnt!
Der Umzug vom AVZ in den Bauteil J fand im SS 1977 statt und wurde
einer ortsansässigen Umzugsfirma übergeben, die nicht für Spezialtrans-
porte ausgewiesen war. Die Nachfrage bei der Verwaltung ergab, dass
für Umzugsschäden die Eigenversicherung des Landes NRW aufzu-
kommen habe. Unterm Strich bedeutete das, eventuelle Schadens-
summen mussten aus dem Haushalt der Universität bzw. des Fachbe-
reichs aufgebracht werden! Deshalb schritten die tüchtigen Assistenten
und Doktoranden zur Selbsthilfe – alle wertvollen und nicht ganz leichten
Messgeräte wurden „per Hand“ vom AVZ zum Bauteil J geschafft – und
das ohne Schaden! Der „PC-Chef“ durfte natürlich davon nichts wissen –
er befand sich nämlich gerade auf seiner ersten Vortragsreise in die
damalige DDR!
Noch bevor die offizielle Einweihung im Mai 1977 mit großem Gefolge
über die Bühne ging: der erste große Wasserschaden!
Natürlich an einem Samstag, an dem kein Mitarbeiter erreichbar war!
Auslöser war eine separate Kühlwasser-Leitung – das war eigentlich
eine sinnvolle Einrichtung, denn ein Liebig-Kühler muss nicht not-
wendigerweise mit Trinkwasser gespeist werden.
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Nur war der Wasserdruck in der Leitung nicht der Stabilität der aus
Plastik gefertigten Wasserhähne angepasst – diese sprangen mit
großem Knall aus der Halterung! Es blieb nicht beim Einzelfall: einmal
ergoss sich das Wasser kaskadenartig über die Stufen des Treppen-
hauses! Irgendwann ist der Wasserdruck dann wohl mal passend einge-
stellt worden!
Auch gab’s im Neubau Probleme mit der Beleuchtung: Nach dem Selbst-
verständnis von Verwaltungsbeamten hatte niemand nach Dienstschluss
noch etwas in den geheiligten Räumen zu suchen. Also wurde auf Fluren
und in den Treppenhäusern die Beleuchtung aus- und eine
Notbeleuchtung eingeschaltet. Denn man musste ja Energie sparen! Da
Diensttaschenlampen bereits für das AVZ abgelehnt worden waren,
mussten sich die „Spätarbeiter“ mühsam im Dunkeln die Treppen herab
tasten, um zum Haupteingang zu gelangen.
Das bereits erwähnte Chemische Kolloquium fand nach Dienstschluss
statt. Es bedurfte großer Anstrengungen, neben dem Hörsaal den Ein-
bau von Schaltern für die Beleuchtung zu erwirken, damit die Gäste nicht
im Finstern zum Parkplatz wandern mussten!
Erst unter dem Rektorat von Prof. Wolfgang Weber änderte sich diese
schummerige Situation grundlegend: Das betondüstere Foyer mit seiner
Sparbeleuchtung erstrahlt seitdem in hellen Farben und lädt Besucher,
Studenten und Lehrende ein!
Epilog
Die vorstehenden Aufzeichnungen des Physikochemikers, die mit dem
Bezug des neuen Chemie-Instituts im Bauteil J im Jahre 1977 enden,
könnten den Eindruck erwecken, dass es wenig vergnüglich war, an der
neuen Gesamthochschule, der späteren Universität Paderborn, zu
lehren und zu forschen. Denn sie zeigen in komprimierter Form die
vielen Hürden auf, die an einer neuen Bildungsstätte, speziell dieser
Form, zu überspringen waren. Dass diese Schwierigkeiten eines neuen
Starts überwunden, gemeistert wurden (und nicht nur von den Physiko-
chemikern, sondern allen Chemikern und den Kollegen anderer Fach-
bereiche), sei hier exemplarisch für die nachfolgenden Generationen
dokumentiert:
Im Bauteil J, dem „Chemie-Institut“, wurde handfeste Arbeit in Lehre und
Forschung geleistet wurde, von Studenten, Mitarbeitern und
Professoren, dabei weit den Rahmen vorgegebener Dienstzeiten
sprengend! Dazu ein paar Beispiele aus der Physikalischen Chemie:
17
- 33 Doktor-Arbeiten über Flüssigkristalle (bis 1997), in denen – als
Beispiel genannt – kubische flüssige Einkristalle der sogen. Blauen
Phasen entdeckt wurden:
- Schwerpunktprogramm „Flüssigkristalle“ der Deutschen For-
schungsgemeinschaft (Organisation und Federführung durch die PC in
Paderborn)
- Film der DFG über die Flüssigkristall-Forschung in Paderborn (im
SWR gesendet) – Kopie im Universitätsarchiv vorhanden
Filmaufnahmen des SWR-Teams zum DFG-Film
- Mehrere Bunsen-Kolloquien und DFG-Kolloquien In Paderborn
wurden durch die Mitarbeiter der PC ausgerichtet (links: der
Vizepräsident der Akademie Leopoldina Halle, Prof. Horst Sackmann)
18
- Gastprofessoren am Institut für Physikal. Chemie: aus den USA (2),
Russland (5), Polen, Ungarn, Israel, Süd-Afrika, Spanien (2)
3 Professoren aus Moskau W. Kuczynski, Poln. Akad. Poznan
Diese wenige Daten mögen illustrieren, dass an der von Johannes Rau
gegründeten Universität gute Arbeit geleistet werden konnte. Kommen
wir auf den eingangs zitierten Ausspruch des Münchner Physikers
zurück, nachdem es unwichtig sei, was über der Tür einer Hochschule
stehe, sondern es zähle, was darin geleistet werde – das konnte – cum
grano salis! – durchaus bewiesen werden!
Prof. (em) Dr. rer. nat. Horst Stegemeyer
Allen, die vielleicht einmal diese Erinnerungen interessieren und lesen
könnten, sei zugerufen:
Universitas Paderbornensis: Ad multos annos!
(Photos: Privatbesitz Horst Stegemeyer)
Januar 2012