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[en] (orig)
Effekte einer Atmosphärendruck-Plasmabehandlung
auf luftfahrtspezifische Beschichtungsstrukturen
vorgelegt von
Diplom-Ingenieur Daniel Lahidjanian
aus Hamburg
von der Fakultät III – Prozesswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
Dr.-Ing.
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. Felix Ziegler
Berichter: Prof. Dr.-Ing. Matthias Kraume
Berichterin: Prof. Dr. rer. nat. Sabine Enders
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 05. Januar 2011
Berlin 2011
D83
Für meine Eltern
Danksagung
Hiermit danke ich Herrn Professor Dr.-Ing. Matthias Kraume, Leiter des Fachgebietes Verfahrens-
technik der Technischen Universität Berlin, für die hervorragende Betreuung meiner Arbeit. Er gab
mir die Möglichkeit, vollkommen frei und selbstständig an dieser Dissertation zu arbeiten, wobei er
mich jederzeit bei der Lösung von Problemstellungen unterstützt hat. Außerdem gilt mein Dank Frau
Professor Dr. rer. nat. Sabine Enders für die Übernahme des Zweitgutachtens. Weiterhin möchte ich
dem Vorsitzenden des Promotionsausschusses, Prof. Dr.-Ing. Felix Ziegler, für die Übernahme der mit
der Durchführung des Promotionsverfahrens verbundenen Tätigkeiten danken.
An die Airbus Operations GmbH ist selbstverständlich ebenfalls ein herzlicher Dank gerichtet. Ohne
die Unterstützung meiner Arbeitskollegen wäre diese Arbeit nicht zustande gekommen. Dazu gehören
vor allem Herr Holger Hafner, Herr Karl Hausmann, Herr Ralph Maurer, Herr Dirk Bausen,
Herr Frank Fahrendorf, Frau Birgit Kuhlenschmidt, Herrn Rolf Bense, Frau Rebecca Siewert,
Frau Dr.-Ing. Bettina Kröger-Kallies, Herrn Andreas Lakner und Frau Kerstin Alpers.
Den Firmen und Instituten AKZO Nobel, Mankiewicz, PPG, Nanocraft, EADS Innovation Works
und insbesondere dem Fraunhofer Institut für Fertigungstechnik und angewandte Materialforschung
danke ich für die Bereitstellung von Versuchsmaterialien und die Durchführung zahlreicher
Untersuchungen. Vom Fraunhofer-Institut möchte ich speziell Herrn Dr. rer. nat. Jörg Ihde für
die enge Zusammenarbeit und die anregenden Diskussionen danken, die fundamental und sehr
inspirierend für meine gesamte Arbeit waren.
Nicht zu vergessen sind meine Freunde, denen ich für den Rückhalt herzlichst danken möchte. Mein
Dank gilt dabei Sanaz Bahari Javan, Christopher Graf und Wolfgang Wienecke. Insbesondere möchte
ich Mirja Bracker hervorheben und ihr sehr für die Unterstützung danken.
Vorwort
Ein innovationsorientiertes Industrieunternehmen wie der europäische Flugzeughersteller Airbus muss
frühzeitig Entwicklungen und Anwendungen neuer Technologien erkennen und analysieren. Die
Spezialisten aus Forschung, Entwicklung und Fertigungstechnik sind aufgefordert, miteinander Wege
und Lösungen zur Einführung ökologisch und ökonomisch vorteilhafter Materialien und Methoden in
die Produktion zu schaffen. Auf der Grundlage dieses Leitgedankens wurde das Anwendungs-
potential der Atmosphärendruck-Plasmabehandlung mit Düsen zur Vorbehandlung vorbeschichteter
Werkstoffoberflächen im Flugzeugneubau untersucht und diskutiert. Die interdisziplinäre Zusammen-
arbeit war ein Grundbaustein für das Entstehen der vorliegenden Arbeit, die während meiner
beruflichen Tätigkeit bei Airbus in den Lackierhallen der Single Aisle Endmontagelinie Hamburg
entstanden ist.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis .................................................................................................................................... 3
Abkürzungen, Symbole und Einheiten .................................................................................................... 5
1 Einleitung ................................................................................................................................... 8
1.1 Motivation .................................................................................................................................. 8
1.2 Zielsetzungen der Arbeit .......................................................................................................... 14
2 Grundlagen ............................................................................................................................... 16
2.1 Stand der Plasmaoberflächentechnik ........................................................................................ 16
2.1.1 Das Plasma und seine Eigenschaften ....................................................................................... 16
2.1.2 Atmosphärendruck-Plasmabehandlungsverfahren ................................................................... 21
2.1.3 Wirkung von Plasmen an Polymeroberflächen ........................................................................ 24
2.2 Oberflächenbeschichtungssysteme im Flugzeugbau ................................................................ 29
2.2.1 Epoxid- und Polyurethanbeschichtungen ................................................................................. 29
2.2.2 Struktur und Beschichtungsaufbau des Seitenleitwerks ........................................................... 31
2.3 Oberflächenenergie und Randwinkel ....................................................................................... 33
2.3.1 Young-Gleichung ...................................................................................................................... 35
2.3.2 Modelle zur Berechnung der Oberflächenenergie .................................................................... 37
2.4 Haftung ..................................................................................................................................... 42
2.4.1 Haft- und Verbundfestigkeit ..................................................................................................... 43
2.4.2 Adhäsionstheorien .................................................................................................................... 45
2.4.2.1 Mechanisches Adhäsionsmodell .............................................................................................. 47
2.4.2.2 Thermodynamisches Adhäsionsmodell .................................................................................... 48
2.4.2.3 Diffusionstheorie ...................................................................................................................... 49
2.4.2.4 Polarisationstheorie .................................................................................................................. 50
2.4.2.5 Chemische Adhäsionstheorie ................................................................................................... 50
2.4.2.6 Weak Boundary Layer-Theorie ................................................................................................ 50
2.5 Verlauf und Welligkeitsstrukturen beschichteter Oberflächen ................................................ 51
3 Plasmabehandlung und Probenmaterial ................................................................................... 53
3.1 Plasmaanlage und Behandlungsparameter ............................................................................... 53
3.2 Materialaufbau und Messoberflächen der Proben .................................................................... 55
4 Mess- und Untersuchungsmethoden ........................................................................................ 60
4.1 Untersuchung der Substratoberflächen .................................................................................... 60
4.1.1 Randwinkelmessung ................................................................................................................. 60
4.1.2 Rasterelektronen- und Lichtmikroskopie ................................................................................. 62
4.1.3 Röntgen-Photoelektronenspektroskopie ................................................................................... 63
4.1.4 Chemische Rasterkraftmikroskopie ......................................................................................... 65
3
4.1.5 Messung der Oberflächentemperatur ....................................................................................... 67
4.2 Untersuchung der flüssigen Außenbeschichtungsstoffe ........................................................... 67
4.2.1 Messung der Oberflächenspannung ......................................................................................... 67
4.2.2 Messung der Viskosität ............................................................................................................ 69
4.3 Methoden zur Haftungsuntersuchung ...................................................................................... 70
4.3.1 Gitterschnitttest ........................................................................................................................ 70
4.3.2 Stirnabzugstest ......................................................................................................................... 72
4.3.3 Hochdruckwasserstrahltest ....................................................................................................... 73
4.4 Wave Scan-Messung ................................................................................................................ 75
5 Ergebnisse und Diskussion ....................................................................................................... 76
5.1 Untersuchungen zur Oberflächenenergie des Substrats ........................................................... 76
5.1.1 Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse ........................................................... 76
5.1.2 Variation des Abstandes zwischen Plasmadüse und Substrat .................................................. 81
5.1.3 Variation der Anzahl an Plasmabehandlungen ......................................................................... 82
5.1.4 Variation der Lagerungszeit nach der Plasmabehandlung ....................................................... 86
5.2 Untersuchungen zur Oberflächenchemie und Topografie an einem ausgewählten Substrat .. 88
5.2.1 Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse ........................................................... 88
5.2.2 Variation des Abstandes zwischen Plasmadüse und Substrat .................................................. 99
5.2.3 Variation der Anzahl an Plasmabehandlungen ....................................................................... 101
5.3 Untersuchungen zur Oberflächentemperatur des Substrats .................................................... 106
5.4 Untersuchungen zur Behandlungsbreite und -homogenität der Plasmabehandlungsspur ...... 108
5.4.1 Simulation der zykloiden Bahnbewegung des Plasmastrahls ................................................ 108
5.4.2 Rasterkraftmikroskopische Analyse von Plasmabehandlungsspuren ..................................... 112
5.5 Untersuchungen zur Haftung der Außenbeschichtung an einem ausgewählten Substrat ....... 117
5.5.1 Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse ......................................................... 117
5.5.2 Variation des Abstandes zwischen Plasmadüse und Substrat ................................................ 127
5.5.3 Variation der Anzahl an Plasmabehandlungen ....................................................................... 127
5.5.4 Berechnung der Adhäsionsarbeit ............................................................................................ 128
5.6 Plasmabehandlung verschiedenartiger Substrate mit definierten Prozessparametern ............ 130
5.6.1 Untersuchungen zur Oberflächenchemie ............................................................................... 130
5.6.2 Untersuchungen zur Haftung der Außenbeschichtung ........................................................... 132
5.7 Einfluss der Vorbehandlung auf die Welligkeitsstrukturen der Außenbeschichtung ............. 134
5.8 Reduzierung von Welligkeitsstrukturen durch Veränderung der Beschichtungsparameter ... 138
6 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen .......................................................................... 143
7 Literaturverzeichnis ................................................................................................................ 146
4
Abkürzungen, Symbole und Einheiten
a Konstante aus der Newman-Gleichung
A Oberfläche mm
2
a0 Amplitude der Beschichtung zu Verlaufsbeginn µm
at Amplitude der Beschichtung zum Zeitpunkt t µm
AG geometrische Oberfläche mm2
AW wahre Oberfläche mm2
AFM Rasterkraftmikroskopie, engl.: Atomic Force Microscopy
AD Atmosphärendruck
AG Außengrundanstrich
Al Aluminium
Ar Argon
b Abstand zwischen den Plasmabehandlungsspuren (Spurabstand) mm
c Konstante aus der Newman-Gleichung 1/s
C Kohlenstoff
CAA chromsäureanodisiert, engl.: Chromic Acid Anodized
CFM chemische(s) Rasterkraftmikroskop(ie), engl.: Chemical Force Microscopy
C-H aliphatische Gruppe
CH3 Methyl
C-O-R Hydroxyl- oder Ethergruppe
C=OOR Carboxyl- oder Estergruppe
C=ORR Aldehyd- oder Ketogruppe
d Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat mm
dElektrode Elektrodenabstand mm
D Durchmesser des Wave Scan-Laserstrahls µm
DL Decklack
e Elementarladung C
Ekin kinetische Energie J
f Frequenz 1/min
Fadh Adhäsionskraft zwischen chemische Rasterkraftmikroskopiemesssonde und Probe nN
Fi innere Kraft N
fKorr Korrekturfaktor bei der Du Noüy-Ring-Messung
Fmax maximale gemessene Kraft bei der Du Noüy-Ring-Messung N
FZ Zugkraft N
G Freie Enthalpie J
h Planck-Wirkungsquantum Js
H Wasserstoff
He Helium
k Boltzmann-Konstante J/K
L Umfang der Wilhelmy-Platte mm
5
LMWOM niedermolekulare oxidierte Substanzen, engl.: Low Molecular Weight of Oxydized Molecules
Mg Magnesium
n Teilchendichte pro Volumen cm-3 oder m-3
n0 Neutralgasdichte cm-3 oder m-3
ne Elektronendichte cm-3 oder m-3
ni Ionendichte cm-3 oder m-3
nj Stoffmenge mol
N Stickstoff
Na Natrium
ND Niederdruck
O Sauerstoff
p Druck Pa, bar oder Torr
r Rotationsradius der Plasmadüse mm
R Radius des Du Noüy-Rings mm
Ra Mittenrauwert µm
Rf Rauheitsfaktor
s mittlere Dicke der Beschichtung nach dem Verlaufsmodell µm
SEM Rasterelektronenmikroskop(ie), engl.: Scanning Electron Microscopy
Si Silizium
SLW Seitenleitwerk
t Zeit, Zeitpunkt ns, ms, s, h oder d
T Temperatur °C oder K
T0 Temperatur der Neutralgasteilchen K
Te Temperatur der Elektronen K
TG Temperatur der Schwerteilchen (Neutralgasteilchen und Ionen) K
Ti Temperatur der Ionen K
XPS Röntgen-Photoelektronenspektroskopie, engl.: X-ray Photo Electron Spectroscopy
U Spannung V
U Umdrehung
UV ultraviolett
vrot Rotationsgeschwindigkeit der Plasmadüse m/min
vtang Tangentialgeschwindigkeit der Plasmadüse m/min
vT Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse m/min
VZ Verarbeitungszeit min
W Energie der Plasmaspezies oder -strahlung eV, kJ oder J
WA thermodynamische Adhäsionsarbeit mN/m
Wionis Ionisationsenergie eV, kJ oder J
xT Eindringtiefe der Beschichtung in eine zylinderförmige Pore des Substrats µm
Z Anzahl der Plasmabehandlungen
6
.
γ Scherrate 1/s
η Viskosität der Beschichtung mPas
θ Randwinkel auf einer ideal glatten Oberfläche °
r
θ Randwinkel auf einer rauen Oberfläche °
θ (statischer) Randwinkel nach t =
°
λ
Wellenlänge der Verlaufsstruktur mm
ν Frequenz der emittierten elektromagnetischen Strahlung 1/s
π Spreitdruck mN/m
σ Oberflächenenergie/-spannung mN/m
σd disperser Teil der Oberflächenenergie/-spannung mN/m
σh Wasserstoffbrückenwechselwirkungen des polaren Teils der Oberflächenenergie/-spannung mN/m
σi Induktionswechselwirkungen des polaren Teils der Oberflächenenergie/-spannung mN/m
σkrit kritische Oberflächenspannung mN/m
σl Oberflächenspannung gegenüber Vakuum mN/m
σlv Oberflächenspannung gegenüber Gasphase mN/m
σld disperser Anteil der Oberflächenspannung mN/m
σlp polarer Anteil der Oberflächenspannung mN/m
σp polarer Anteil der Oberflächenenergie/-spannung mN/m
σp* Dipolwechselwirkungen des polaren Teils der Oberflächenenergie/-spannung mN/m
σs Oberflächenenergie gegenüber Vakuum mN/m
σsv Oberflächenenergie gegenüber Gasphase mN/m
σsd disperser Anteil der Oberflächenenergie mN/m
σsp polarer Anteil der Oberflächenenergie mN/m
σsl Grenzflächenspannung zwischen Flüssigkeit und Substrat mN/m
σH Haftfestigkeit N/mm2
σv Verbundfestigkeit MPa
τ Schubspannung N/mm2
ω Rotationsfrequenz der Plasmadüse U/min
7
1 Einleitung
1.1 Motivation
Die Außenbeschichtung von zivilen Verkehrsflugzeugen gewinnt aufgrund des wachsenden
Luftfahrtmarktes und des starken Konkurrenzdrucks unter den Fluggesellschaften als Identifikations-
merkmal immer mehr an Bedeutung. Dabei gelten für das optische Erscheinungsbild der Beschichtung
– in der vorliegenden Arbeit auch als Lack oder Anstrichstoff bezeichnet – hohe Qualitätsansprüche.
Das Erscheinungsbild einer lackierten Oberfläche, im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch oft als
appearance bezeichnet, wird durch verschiedene Oberflächeneigenschaften wie Farbe, Glanz und
Verlauf beeinflusst. Die aus dem Verlauf der Beschichtung hervorgehenden Welligkeitsstrukturen
wirken sich auf das optische Erscheinungsbild der Oberfläche entscheidend aus.
Primär in ihrer Funktion soll die Beschichtung die Flugzeugoberfläche vor physikalischen und chemi-
schen Beanspruchungen schützen. Dazu muss die organische Beschichtung eine hohe Stabilität gegen-
über aggressiven Umwelteinflüssen aufweisen. Diese können extreme Temperaturschwankungen,
korrosive Belastungen durch hohe Luftfeuchtigkeit, chemische Einwirkungen durch Kerosin, syntheti-
sche Hydraulikflüssigkeiten, Enteisungsmittel, Erosion und intensive ultraviolette Strahlung sein. Soll
die Beschichtung ihre dekorative und schützende Funktion erfüllen, ist eine hohe Haftung auf dem
Substrat die Voraussetzung. Die Haftung und das optische Erscheinungsbild sind die beiden entschei-
denden qualitativen Kenngrößen für die Außenbeschichtung eines Flugzeugs. Beide Größen werden
bei der Verarbeitung der Lacke von einer Reihe unterschiedlicher technischer und umweltabhängiger
Parameter beeinflusst.
Die Parameter sind:
das Applikationsgerät
die Trocknung
das Beschichtungsmaterial
die Prozessabfolge
das Substrat.
8
In Abbildung 1.1-1 ist ein Ursache-Wirkungs-Diagramm dargestellt, das eine Aufgliederung der
genannten Parameter in weitere untergeordnete Faktoren mit Einfluss auf die Qualität der Beschich-
tung der Flugzeugbauteiloberfläche zeigt.
Abbildung 1.1-1: Einflussfaktoren auf die Haftung und das optische Erscheinungsbild der Beschichtung
Die meisten Einflussfaktoren werden hauptsächlich durch die Zusammensetzung des Beschichtungs-
materials und durch die Vorbehandlung des Substrats festgelegt. Für die Beschichtung muss
eine geeignete Vorbehandlung gewährleisten, dass Bereiche lackierbar werden, die sich aufgrund
von Inhomogenitäten an der Oberfläche partiell negativ auf die Lackhaftung oder auch auf die
Benetzbarkeit auswirken (Hansmann/1993). Zur Vorbehandlung liegen in der industriellen
Beschichtungstechnik verschiedene Verfahren vor, die nach unterschiedlichen Gesichtpunkten
klassifiziert werden können. Eine Möglichkeit zur Differenzierung der Verfahren ist die aus den
Behandlungen resultierende Veränderung des Oberflächenzustandes, nach der sich beispielsweise
folgenden Hauptgruppen für die Verfahren ergeben können (Hofmann und Spindler/2004):
Reinigen
Verändern des Oberflächenreliefs
Reaktionen in der Randzone.
9
Die konventionelle Oberflächenvorbehandlung besteht im Bereich der Außenlackierung von Flug-
zeuggroßbauteilen üblicherweise aus einer mechanischen Behandlung der Bauteiloberfläche (Verände-
rung des Oberflächenreliefs) mit einer vor- und nachgeschalteten nasschemischen Reinigung. Anzu-
merken ist hierbei, dass beim europäischen Flugzeughersteller Airbus die vorzubehandelnden Flächen
vor der Applikation der Außenbeschichtung bereits mit diversen Beschichtungen, meist Grundanstri-
chen und funktionalen Vorbeschichtungen auf Polymerbasis, versehen sind. Sämtliche Prozessschritte
der Vorbehandlung erfolgen manuell. Alle dabei verwendeten Reinigungsmittel für die Vor- und
Nachreinigung sind lösemittelhaltig. Die Vorreinigung ist erforderlich, um zu verhindern, dass bei der
mechanischen Behandlung Rückstände aus vorherigen Fertigungsprozessen in die Oberfläche eingear-
beitet werden. Zur Entfernung der Staubrückstände dient die auf die mechanische Behandlung folgen-
de Nachreinigung. Typische Verunreinigungen, die auf Flugzeugbauteiloberflächen auftreten können,
sind (Rohr/2007):
Staub, Späne
Öle, Fette
Aufdrucke, Beschriftungen
Rückstände von Klebebändern
Formtrennmittel
Fingerabdrücke
Hydrauliköl
temporärer Korrosionsschutz
Kühlschmierstoffe, Walzfette
Rückstände von Dichtmassen, Beschichtungs- und Klebstoffen.
Für die mechanische Behandlung der Oberfläche werden pressluftbetriebene Schleifgeräte und Nylon-
schleifkissen verwendet.
Zweck der Schleifbehandlung ist
die Entfernung von Fremd- und Deckschichten
die Beseitigung von Oberflächendefekten
die Erzeugung einer hohen Haftung der Beschichtung auf dem Substrat.
Außerdem zeigen Erfahrungswerte aus der industriellen Praxis, dass die Schleifbehandlung die
Entstehung eines positiven Erscheinungsbilds der darauf aufgetragenen Außenbeschichtung
begünstigt. Möglicherweise beruht dieser Effekt auf einer Nivellierung der Oberflächenstruktur des
Substrats durch die Schleifbehandlung.
10
Die Übersicht aus Abbildung 1.1-2 legt die Abfolge der einzelnen Prozessschritte zur Oberflächenvor-
behandlung und zur Applikation der Außenbeschichtung auf Flugzeugbauteile dar.
Abbildung 1.1-2: Übersicht zu den einzelnen Prozessschritten der Oberflächenvorbehandlung und der Außenbeschichtung
Die konventionelle Oberflächenvorbehandlung weist sowohl ökonomische als auch ökologische
Nachteile auf. Es entstehen hohe Materialkosten wegen des hohen Verbrauchs an Schleifmedien,
Reinigungstüchern, Schutzbekleidung und Reinigungsmitteln. Beispielsweise werden pro Airbus
A320-Flugzeug für alle Reinigungsvorgänge ca. 200 l Reinigungsmittel verbraucht (Fangmeier et al./
2002). Zu den Materialkosten kommen noch hohe Kosten für die Materiallagerung, den Energiever-
brauch, das Personal und die Prozesszeiten hinzu. Außerdem werden die lösemittelhaltigen Kompo-
nenten der Reinigungsmittel bei ihrer Verdunstung zum Teil als Abluft über Schornsteine an die Um-
welt emittiert. Lösemittel sind wichtige Vorläuferstoffe für die Bildung von Ozon in den unteren
Schichten der Atmosphäre (Mahrwald/2001). Ein weiterer Nachteil der konventionellen Vorbehand-
lung sind die Risiken, die der Schleifprozess für die Qualität des Substrats und der Beschichtung bein-
haltet. Zum einen kann ein zu hoher manueller Anpressdruck der Schleifgeräte zur Schädigung des
Substrats führen, zum anderen kann aufgewirbelter Reststaub, der beim Schleifprozess entsteht und
sich teilweise in den Beschichtungsanlagen ablagert, die lackierte Oberfläche kontaminieren. Um die
Belastung der Beschichtungsanlagen durch Schleifstaubpartikel zu reduzieren, werden derzeitig kos-
tenintensive Vorkehrungen getroffen, z.B. befinden sich direkt an den Schleifgeräten Vorrichtungen
zum Absaugen des Schleifstaubes, ferner werden nach jeder Vorbehandlung die Lackiervorrichtungen
mit hohem Aufwand gereinigt.
11
Die genannten Kritikpunkte waren der Anlass dafür, nach Möglichkeiten zu suchen, die
konventionelle Vorbehandlung partiell oder komplett durch ein umweltfreundlicheres und
betriebswirtschaftlich vorteilhafteres Verfahren zu ersetzen. Vor allem steht dabei im Vordergrund, ein
emissionsarmes und automatisierbares Verfahren in den Flugzeugproduktionsprozess zu implementie-
ren. Mit einer Automatisierung wird bezweckt, die Vorbehandlung in ihrem Ablauf weitgehend zu
standardisieren, zu beschleunigen und zu rationalisieren. Eine ökologisch und ökonomisch interessante
Alternative zur nasschemischen und mechanischen Vorbehandlung von polymeren Werkstoffen ist die
Plasmabehandlung. Plasmen sind heute die meistverwendeten Medien zur Oberflächenmodifikation
von Polymeren. Sie erlauben einstufige, schnelle Prozesse und sind anwendbar auf große Substrate
(Ignatkov/2006). So werden vor allem Niederdruck-Plasmabehandlungsverfahren seit Jahrzehnten zur
Vorbehandlung von Polymeren in der Industrie verwendet. Nachteilig an den Verfahren ist, dass diese
unter Niederdruckbedingungen betrieben werden müssen.
Eine Lösung bieten Atmosphärendruck-Plasmabehandlungsverfahren, die einfacher in bestehende
Produktionsprozesse integriert werden können. Bei einer Atmosphärendruck-Plasmabehandlung
wird im Gegensatz zur Niederdruck-Plasmabehandlung kein Aufwand zur Erzeugung von Vakuumbe-
dingungen benötigt. Sowohl Scott et al. (2004) als auch Vetter und Fangmeier (2003) zeigten in ihren
Studien das Potential von Atmosphärendruck-Plasmen für luftfahrtrelevante Materialien und
Anwendungen auf. Basierend auf einer durchgeführten Studie im Vorfelde dieser Arbeit, wurde die
Atmosphärendruck-Plasmabehandlung mit Plasmadüsen (Plasmajet-Verfahren) als ein besonders ge-
eignetes Verfahren für die Anwendung in der Flugzeugaußenlackierung evaluiert. Hierbei handelt es
sich um Düsen, in denen ein Plasma elektrisch erzeugt wird und dann als aktivierendes Medium auf
die vorzubehandelnde Werkstoffoberfläche gestrahlt wird. Das technische Interesse an diesem Be-
handlungsverfahren resultiert daraus, dass es leicht in Inline-Prozesse zu integrieren ist, durch Roboter
geführt werden kann und nur geringe Anforderungen an die Arbeitssicherheit stellt
(Lommatzsch/2005). Durch eine Plasmabehandlung können Oberflächen sowohl gereinigt als auch
chemisch und topografisch modifiziert werden. Grobe organische und anorganische Verunreinigungen
können mit einer Plasmabehandlung jedoch nicht entfernt werden. Beispielsweise eignet sich die Nie-
derdruck-Plasmareinigung mit einem Sauerstoffplasma nur für die Entfernung dünnster Oberflächen-
kontaminationen mit Schichtdicken im Nanometerbereich (Eisenlohr und Feßmann/2000). Im Falle
dicker Kontaminationsschichten oder anorganischer Verunreinigungen wie durch metallischen Abrieb,
Späne und Salze muss eine Vorreinigung der Oberfläche erfolgen (Grünwald/1999; Grünwald/2009).
Da bei Anlieferung der Flugzeuggroßbauteile hohe Kontaminationsschichtdicken mit unterschiedli-
cher chemischer Zusammensetzung auf den zu beschichtenden Oberflächen vorliegen können, wird
unter den aktuellen produktionstechnischen Rahmenbedingungen auf eine Reinigung der Bauteilober-
fläche vor einer Plasmabehandlung nicht verzichtet werden können.
12
Bevor eine Anwendung der Atmosphärendruck-Plasmabehandlung an geometrisch komplexen Flug-
zeuggroßbauteilen industriell realisiert werden kann, ist eine vorherige Erprobung des Verfahrens mit
einer Pilotanlage an einem einfach strukturierten Bauteil unter realen Produktionsbedingungen zwin-
gend notwendig. Das Seitenleitwerk des Flugzeugs ist ein Bauteil, das sich wegen seiner geringen
Zahl an Störkonturen und der vielfältigen Werkstoff- und Beschichtungszusammensetzung als indust-
rieller Versuchsträger dafür sehr gut eignet. Abbildung 1.1-3 zeigt ein mögliches Szenario einer
robotisierten Plasmabehandlung an einem Seitenleitwerk.
Abbildung 1.1-3: Szenario einer automatisierten Vorbehandlung mit Robotern an einem Seitenleitwerk
Die Struktur von Airbus-Seitenleitwerken besteht zum größten Teil aus faserverstärkten Kunststoffen,
auf deren Oberfläche sich vor der Applikation der Außenbeschichtung unterschiedliche polymere
Beschichtungssysteme befinden. Die vorliegende Arbeit wird sich auf die Untersuchung der Vorbe-
handlungseffekte der Plasmabehandlung auf diese verschiedenen Vorbeschichtungen des Seitenleit-
werks konzentrieren. Generell ist die Untersuchung der Wechselwirkung neuartiger Vorbehandlungs-
verfahren mit Bauteilen aus faserverstärkten Kunststoffen und darauf befindlichen Beschichtungsstof-
fen von besonderem Interesse im Flugzeugbau, da faserverstärkte Kunststoffe als Werkstoffe zuneh-
mend in der Luftfahrtindustrie an Bedeutung gewinnen. Folgendes Beispiel verdeutlicht dies: Beim
aktuellen Langstreckenflugzeugtyp Airbus A330 beträgt der Anteil von faserverstärkten Kunststoffen
am Gesamtstrukturgewicht 17%, beim Nachfolgermodell Airbus A350 soll der Anteil auf 52% steigen
(Rohr/2007).
13
1.2 Zielsetzungen der Arbeit
Bevor ein Verfahren wie die Atmosphärendruck-Plasmabehandlung mit Düsen in die Prozesskette der
Flugzeuggroßbauteillackierung implementiert werden kann, bedarf es einer sorgfältigen Analyse der
Effekte des Verfahrens auf das zu behandelnde Substrat und das darauf aufgetragene Außenbeschich-
tungsmaterial. Für einen optimierten Einsatz einer Plasmabehandlung müssen die Prozessparameter
für jede Anwendung und jedes zu behandelnde Material individuell bestimmt werden, da die Wech-
selwirkungen zwischen Plasma und Oberfläche stark von den Substrateigenschaften abhängen
(Lommatzsch et al./2007). Selbst Polymere gleichen Typs, aber verschiedener Hersteller können deut-
lich unterschiedliche Prozessparameter zur Oberflächenvorbehandlung erfordern. Aber auch Modifika-
tionen des polymeren Substrats wie Zuschläge von Füll- und Verstärkungsstoffen und anderer Additi-
ve können die Anforderungen an die Oberflächenvorbehandlung beeinflussen (Hansmann/1993). Mit
der vorliegenden Arbeit soll ein grundlegendes Verständnis von den Effekten einer Atmosphären-
druck-Plasmabehandlung mit Luft als Prozessgas auf eine Auswahl von Beschichtungssystemen aus
der Luftfahrtindustrie entwickelt werden. Die Arbeit hat zwei Zielsetzungen.
Die erste Zielsetzung der Arbeit besteht darin, die Effekte einer Atmosphärendruck-Plasmabehandlung
auf
die Benetzbarkeit und Oberflächenenergie,
die Topografie,
die Oberflächentemperatur,
die chemische Oberflächenzusammensetzung und
die Adhäsionseigenschaften
der Substrate zu analysieren und mit denen einer konventionellen Vorbehandlung aus dem Bereich des
Flugzeugneubaus (Schleifbehandlung mit Vor- und Nachreinigung) zu vergleichen. Bei den unter-
suchten Substraten handelt es sich um drei verschiedene, gealterte funktionale Vorbeschichtungen auf
Polyurethanbasis, die auf Bauteilkomponenten der Seitenleitwerke von Airbus-Flugzeugen eingesetzt
werden. Diese sind:
ein Grundanstrich
ein Antistatiklack
ein Antierosionslack.
Folgende Prozessparameter der Plasmabehandlung mit einer rotierenden Plasmadüse werden variiert:
der Behandlungsabstand
die Verfahrgeschwindigkeit
die Anzahl der Plasmabehandlungen.
Bei den Untersuchungen wird auch der Einfluss der Lagerungszeiten und der Umgebungsatmosphäre
auf die Lagerstabilität plasmabehandelter Substratoberflächen betrachtet.
14
Zur Analyse der Substratoberflächen werden diverse Messmethoden verwendet. Diese sind die
Randwinkelmessung, die Rasterelektronenmikroskopie, die chemische Rasterkraftmikroskopie, die
Infrarot-Thermografie und die Röntgen-Photoelektronenspektroskopie. Es erfolgt auch eine detaillierte
Betrachtung einzelner Plasmabehandlungsspuren mittels des Einsatzes eines chemischen Rasterkraft-
mikroskops, um die Breite und die Homogenität der Behandlungsspuren zu analysieren. Zur Untersu-
chung der Adhäsionseigenschaften werden die unterschiedlich vorbehandelten Substrate mit luftfahrt-
spezifischen Außenbeschichtungsstoffen auf Epoxid- oder Polyurethanbasis beschichtet. Weil die
Ergebnisse von Haftungstests stark methodenabhängig sein können, werden mehrere Haftungstestme-
thoden mit unterschiedlichem Wirkprinzip verwendet. Als Haftungstestmethoden werden in dieser
Arbeit der Gitterschnitttest, der Stirnabzugtest und der Hochdruckwasserstrahltest eingesetzt. Um den
zusätzlichen Einfluss von Wasser auf die Grenzschicht zwischen Substrat und Beschichtung zu unter-
suchen, wird ein Teil der Proben vor den Haftungstests einer Auslagerung in Wasser unterzogen.
Die zweite Zielsetzung dieser Arbeit beinhaltet die Klärung der Fragestellung, wie sich ein Austausch
der konventionellen Vorbehandlung (per Schleifbehandlung) durch eine Plasmabehandlung auf die
Welligkeitsstrukturen der Außenbeschichtung auswirkt. Diese aus dem Verlauf resultierenden Struktu-
ren, die auch als Orangenhaut oder Orange Peel bezeichnet werden, haben einen starken Einfluss auf
das optische Erscheinungsbild einer Beschichtung. Für die Untersuchungen werden plasmabehandelte
und konventionell vorbehandelte Substrate mit luftfahrtspezifischen Außenbeschichtungssystemen
lackiert. Nach der Trocknung der Außenbeschichtungen werden die Welligkeitsstrukturen mit einer
sogenannten Wave Scan-Apparatur gemessen. Die Messergebnisse der unterschiedlich vorbehandelten
Proben werden miteinander verglichen, diskutiert und bewertet. Im Rahmen einer anschließenden
Untersuchungsreihe werden praktische Lösungsansätze für die industrielle Verarbeitung der Außenbe-
schichtungsstoffe entwickelt, um mögliche negative Auswirkungen der Plasmabehandlung auf das
optische Erscheinungsbild durch die Veränderung lackiertechnischer Parameter (Schichtdicke und
Verarbeitungszeitpunkt der Beschichtung) bei der Lackapplikation zu reduzieren oder sogar auszu-
gleichen.
Auf der Basis der Untersuchungen dieser Arbeit soll erreicht werden, Prozessparameter zur
Atmosphärendruck-Plasmabehandlung der Beschichtungen an einem Seitenleitwerk zu bestimmen und
damit gleichzeitig aufzuzeigen, dass eine Plasmabehandlung luftfahrspezifischer Beschichtungs-
systeme für industrielle Anwendungen prinzipiell möglich ist.
15
2 Grundlagen
2.1 Stand der Plasmaoberflächentechnik
2.1.1 Das Plasma und seine Eigenschaften
Plasma ist ein vierter Zustand der Materie im Vergleich zum festen, flüssigen und gasförmigen
Zustand. In der Natur begegnen uns täglich Plasmaerscheinungen als Sonne, Nordlicht oder Blitze bei
Gewittern (Reichel/2000). Der Begriff „Plasma“ (auf Griechisch „das Gebildete, das Geformte“) geht
auf Langmuir (1920) zurück, der diesen Materiezustand bei einer Quecksilberentladung untersucht
hat. Plasmen sind definiert als quasineutrale Vielteilchensysteme in Form gasartiger bzw. fluider Mi-
schungen freier Elektronen und Ionen sowie eventuell neutraler Teilchen (Atome, Moleküle, Radikale)
mit einer hohen mittleren kinetischen Energie der Elektronen oder aller Plasmakomponenten
(W 1 eV bis 2 MeV je Teilchen) und einer wesentlichen Einflussnahme der Ladungsträger und ihrer
elektromagnetischen Wechselwirkung auf die Systemeigenschaften (Rutscher und Deutsch/1984).
Abbildung 2.1.1-1 legt ein Modell des Plasmas mit seinen Bestandteilen (Elektronen, Ionen und Neut-
ralteilchen) dar. Die hohe kinetische Energie der Teilchen und auch das Auftreten angeregter Zustände
führen im Plasma zusätzlich zur Emission elektromagnetischer Strahlung (Rutscher und
Deutsch/1984).
Abbildung 2.1.1-1: Modell eines Plasmas (Mühlhahn/2002)
Zur Erzeugung eines Plasmas ist Energie notwendig, um Neutralteilchen innerhalb des Gases zu
ionisieren. Diese Energie kann durch Teilchenstöße (kinetische Energie), Strahlung verschiedener Art
(harte Strahlung, UV-Licht, sichtbares Licht, Wärme, Hochfrequenz) oder starke elektrische Felder
freigesetzt werden. Zur Ionisierung eines Neutralteilchens ist dabei ein ganz bestimmter
Mindestenergiebetrag erforderlich, der Ionisierungsenergie Wionis genannt wird. Diese Energie kann als
Bindungsenergie des Elektrons an das Atom aufgefasst werden. Die Werte für einfache Ionisierung
liegen zwischen 3,9 eV und 24,6 eV. Für mehrfache Ionisierung können sie wesentlich höher liegen
(Janzen/1992).
16
Eine wichtige Größe zur Charakterisierung von Plasmen ist der Ionisierungsgrad x. Er gibt an, wie
viele der vorhandenen Neutralteilchen ionisiert sind.
Für einfach positiv geladene Ionen gilt:
e
e
nn
n
x+
=
0
(2.1.1-1)
mit
ion.konzentratNeutralgas oder dichteNeutralgas n
ionkonzentratElektronenoderdichteElektronen n
0
e
Für die Elektronenkonzentration gilt die Quasineutralitätsbedingung, die besagt, dass die Summe der
positiven Ladungen gleich der Summe der negativen Ladungen der Elektronen (und eventueller nega-
tiver Ionen) sein muss (Janzen/1992). Bei einfach ionisierten Plasmen folgt daraus:
ie nn = (2.1.1-2)
mit
ntration.Ionenkonze oder eIonendicht ni
Von entscheidender Bedeutung für die Eigenschaften eines Plasmas sind seine energetischen Verhält-
nisse (Rutscher und Deutsch/1984). Die Energie eines Plasmas lässt sich durch eine Temperatur T,
durch eine elektrische Spannung U, durch eine Frequenz f oder durch eine Geschwindigkeit v
beschreiben. Durch Gleichsetzen der jeweiligen Energie-Berechnungsformeln lassen sich „Äquivalen-
zen“ gewinnen (Janzen/1992):
2/
2
vmfhUeTkW ==== (2.1.1-3)
mit
antum.Wirkungsqu-Planck h
adungElementarl e
Konstante-Boltzmann k
Aus folgt, dass 1 eV ungefähr 16000 K entspricht.
UeTk =
17
In der Natur vorkommende Plasmen variieren in ihrer Dichte um mehr als zehn Größenordnungen.
Extrem hohe Dichte besitzt das Plasma im Sonneninneren, extrem niedrige Dichte herrscht in
interstellaren Gasnebeln der Ionosphäre. Abbildung 2.1.1-2 zeigt in einem Diagramm unterschiedliche
natürliche und technische Plasmen, die nach den Kriterien Elektronentemperatur und Elektronendichte
eingeordnet sind. Derzeit technisch genutzte Plasmen liegen im Elektronendichtebereich von etwa
ne = 1014 m-3 (Flammenplasmen) bis ne = 1022 m-3 (Hochdruckbögen).
Abbildung 2.1.1-2: Kategorisierung von Plasmen nach Elektronentemperatur und -dichte (in Anlehnung an Boulous et al. [1994])
Plasmen lassen sich auch danach einteilen, ob sich die einzelnen Elektronen, Ionen und
Atome/ Moleküle untereinander in einem vollständigen thermodynamischen Gleichgewicht befinden
oder nicht:
Plasmen im vollständigen thermodynamischen Gleichgewicht
(thermische oder isotherme Plasmen)
Im Zustand des vollständigen thermodynamischen Gleichgewichts werden die energetischen
Verhältnisse durch die thermodynamische Zustandsgröße Temperatur T bestimmt. Obwohl dieser
Zustand selten realisiert ist, stellt er als Grenzfall ein wichtiges Modell dar. In ihm steht nach dem
Prinzip des detaillierten Gleichgewichts jeder Elementarprozess mit seiner Umkehrung (z.B.
Ionisation und Rekombination, Anregung und Abregung) im Gleichgewicht, d.h. die Häufigkeit beider
Prozesse ist gleich (Rutscher und Deutsch/1984). Die Temperatur eines thermischen Plasmas liegt
typischerweise im Bereich von 103 °C bis 108 °C (Gerdinand/2005).
18
Plasmen im unvollständigen Gleichgewicht
(nichtthermische oder nichtisotherme Plasmen)
Als Plasma im unvollständigen Gleichgewicht wird im Unterschied zum thermischen ein Plasma
bezeichnet, in welchem durch Energiezufuhr von außen her eine hohe Energie der Elektronen aufrecht
erhalten wird, ohne dass es zu einem thermischen Gleichgewicht zwischen den Elektronen und
Atomen kommt (Hertz und Rompe/1965). Die Temperatur der Schwerteilchen Tg (Neutralgas, Ionen)
ist unabhängig von der Elektronentemperatur Te. Jedes Teilsystem weist eine eigene Temperatur auf
(Hohn/2002). Die Elektronen können Temperaturen zwischen 105 K bis 106 K annehmen. Demgegen-
über erreichen die Ionen und Neutralteilchen nur Temperaturen zwischen 102 K bis 103 K
(Mühlhahn/2002). Eine Beschreibung des Plasmas durch einheitliche thermodynamische Zustands-
größen für alle Spezies wie im thermischen Plasma ist folglich nicht möglich. Dies ändert sich jedoch,
wenn der Druck p steigt, da mit erhöhter Teilchendichte ein starker Energietransfer durch Stöße statt-
findet. Die hohen Stoßraten führen dazu, dass ein beträchtlicher Teil der Elektronenenergie auf die
schweren Teilchen übergeht (Hohn/2002). Die zunehmende Wechselwirkung zwischen den Elektro-
nen und Schwerteilchen geht besonders deutlich aus Abbildung 2.1.1-3 hervor: Hier sind die Tempera-
turen der Elektronen Te und der Schwerteilchen Tg eines elektrisch erzeugten Plasmas als Funktion des
Gasdrucks p aufgetragen. Bis zu einem Druck von 1 Torr bis 10 Torr (133 Pa bis 1,33 kPa) sind die
beiden Temperaturen deutlich unterschiedlich, das heißt, das Plasma ist nichtisotherm, ab etwa 30 Torr
(4 kPa) laufen die Temperaturen Te und Tg ineinander, und das Plasma ist isotherm (Janzen/1992).
Abbildung 2.1.1-3: Abhängigkeit der Teilchentemperaturen Te und Tg vom Druck p (Boulos et al./1994)
19
In der Industrie ist das meistverwendete Verfahren zur künstlichen Erzeugung von Plasmen die
elektrische Gasentladung. Dazu wird ein Strom zwischen einer Anode und einer Kathode in einem
Gas angelegt. Voraussetzung für einen allerersten Stromfluss im Gas ist das Vorhandensein einiger
geladener Teilchen, an denen die elektrischen Felder angreifen können. Diese Initialladungsträger sind
durch Licht, kosmische Strahlung oder natürliche radioaktive Strahlung stets vorhanden. In normaler
Luft kann man mit etwa zweitausend Ladungspaaren je Kubikzentimeter rechnen. Bei genügender
Feldstärke und ausreichend langen Beschleunigungswegen im Gas findet eine lawinenartige
Vermehrung der ersten Ladungsträger statt, d.h. die „Zündung“ erfolgt. Von Paschen (1889) ist die
Abhängigkeit der minimalen Zündspannung in Abhängigkeit vom Druck p und vom Elektrodenab-
stand dElektrode untersucht und festgestellt worden, dass für das Produkt dp
das Zündminimum in Luft
bei Werten um 1 Torr cm auftritt (siehe Abbildung 2.1.1-4). Die Paschen-Kurven mit ansteigenden
Zündspannungen links und rechts vom dargestellten Minimum lassen sich zu kleinen Drücken hin mit
fehlenden Stoßpartnern, zu höheren Drücken hin mit nicht ausreichend großen freien Weglängen und
dadurch behinderter Energieaufnahme erklären (Janzen/1992).
Abbildung 2.1.1-4: Abhängigkeit der Zündspannung vom Produkt dp
aus Gasdruck und Elektrodenabstand (Raizer/1991)
Elektrisch erzeugte Plasmen werden aufgrund ihrer hohen Reaktivität und Energie als technische
Plasmen industriell genutzt, um Werkstoffe zu bearbeiten. Insbesondere erweisen sich Plasmen
im unvollständigen Gleichgewicht wegen ihrer relativ geringen Temperatur im Bereich der
Oberflächentechnik als interessant. Nichtisotherme Plasmen bieten die Möglichkeit, die Oberfläche
von Werkstoffen vor einer Beschichtung oder Verklebung chemisch wie auch topographisch zu
modifizieren, ohne dabei das Substrat thermisch zu beschädigen.
20
2.1.2 Atmosphärendruck-Plasmabehandlungsverfahren
Plasmen lassen sich nicht nur hinsichtlich ihrer physikalischen und chemischen Eigenschaften katego-
risieren, sondern auch bezüglich ihres technischen Einsatzdruckbereiches. So lassen sich diese in
Niederdruck-Plasmen (ND-Plasmen) und Atmosphärendruck-Plasmen (AD-Plasmen) einteilen. ND-
Plasmen arbeiten typischerweise in einem Druckbereich von 10-2 bar bis 10-6 bar und können mit
einer Vielzahl elektrischer Anregungsvarianten erzeugt werden (Lommatzsch/2005). Bei der
Behandlung mit einem ND-Plasma entstehen allerdings hohe Kosten für vakuumtechnische
Vorrichtungen, wie z.B. Pumpen, Vakuumkammern und Gasschleusen. Daher sind Behandlungspro-
zesse bei atmosphärischem Druck von großem Interesse (Ignatkov/2006). Tendero et al. (2006),
Selwyn et al. (1999-2000) und Schütze et al. (1998) bieten in ihren Veröffentlichungen umfassende
Übersichten und Beschreibungen über industriell angewendete und in der Forschung und Entwicklung
untersuchte Atmosphärendruck-Plasmabehandlungsverfahren. Demnach können technische Atmo-
sphärendruck-Plasmen auf unterschiedliche Art und Weise erzeugt und eingesetzt werden. Eine Aus-
wahl davon ist in Abbildung 2.1.2-1 dargestellt und wird im Folgenden kurz beschrieben.
Abbildung 2.1.2-1: Schematische Darstellung der Erzeugung technischer AD-Plasmen (in Anlehnung an Selwyn [1999-2000])
Dielektrische Barriereentladung
Die dielektrische Barriereentladung, auch stille Entladung oder Barriereentladung genannt
(Eliasson et al./1994; Kogelschatz et al./1997), zeichnet sich durch eine Vielzahl von unabhängigen
Mikroentladungen im Volumen aus. Es gibt verschiedene Ausführungsformen der dielektrischen
Barriereentladung, die sich hinsichtlich der Elektroden- und Dielektrikumsanordnung unterscheiden.
Der klassische Aufbau beinhaltet zwei parallel angeordneten Plattenelektroden im Abstand von
100 µm bis zu einigen Millimetern, von denen mindestens eine mit einem Dielektrikum bedeckt ist.
Das Dielektrikum zwischen den Elektroden verhindert die Ausbildung einer Bogenentladung.
Die Dauer der Mikroentladungen liegt im Bereich von 1 ns bis 100 ns, so dass es nur zu einer geringen
Erwärmung des Gases kommt (Hohn/2002).
21
Die mittlere Elektronenenergie liegt zwischen 1 eV und 10 eV (Eliasson und Kogelschatz/1991;
Kogelschatz et al./1997). Die mittlere Energie ist der Wert, bei der genau eine Hälfte der Elektronen
im Plasma einen höheren Energiewert hat und die andere Hälfte eine geringeren (Janzen/1992). Die
Elektronendichte liegt im Plasma zwischen 1012 cm-3 und 1015 cm-3 (Schütze et al./1998). Umfassende
Darstellungen zur Barriereentladung geben die Veröffentlichungen von Kogelschatz et al. (1997),
Conrads und Schmidt (2000) sowie Gibalov und Pietsch (2000).
Koronaentladung
Ein weiterer Entladungstyp ist die Koronaentladung, die sich im Bereich starker inhomogener
elektrischer Felder an spitzen Elektroden ausbildet. Eine typische Anordnung zur Erzeugung von
Koronaentladungen besteht aus einer spitzen Nadelelektrode, die senkrecht zu einer zweiten flächigen
Elektrode positioniert ist. In einer anderen Ausführungsvariante wird ein dünner Draht axial in einer
Zylinderelektrode mit großem Durchmesser angeordnet. Je nach Polung des Drahtes wird zwischen
positiver und negativer Korona unterschieden (Hohn/2002). Die mittlere Elektronenenergie in dem
Plasma liegt zwischen 4 eV und 6 eV. Die Elektronendichte liegt zwischen 109 cm-3 und 1013 cm-3
(Schütze et al./1998). Die Haupteinsatzgebiete der Koronaentladung liegen im Bereich der Staub-
abscheidung aus Abgasen. Des Weiteren wird die Koronaentladung auch zur Ozon-Synthese verwen-
det (Hohn/2002).
Plasmabrenner
Der Plasmabrenner wird oft mit der Plasmadüse verwechselt, die als Behandlungsvorrichtung im Mit-
telpunkt dieser Arbeit steht. Im Gegensatz zu den anderen Atmosphärendruck-Plasmaquellen wird
beim Plasmabrenner ein thermisches Plasma erzeugt und technisch genutzt. Das Gasentladungsprinzip
des Plasmaberenners beruht auf einer Bogenentladung, bei der hohe Wärmemengen freigesetzt wer-
den. Wegen seiner sehr hohen Temperaturen eignet sich der Plasmabrenner nicht zur Vorbehandlung
von Polymeren, da der extreme Wärmeeintrag das zu behandelnde Polymer vollständig zerstören wür-
de. Die Temperatur des Plasmas beträgt über 8000 K. Die Elektronendichte im Plasma liegt zwischen
1016 cm-3 und 1019 cm-3 (Schütze et al./1998). Plasmabrenner werden industriell z.B. zur Verbrennung
chemischer Abfälle, zur Abscheidung keramischer Beschichtungen, zum Schneiden von Materialien
und zum Sintern eingesetzt. Detaillierte Darstellungen zur Funktionsweise von Plasmabrennern sowie
zu den technischen Anwendungsmöglichkeiten thermischer Plasmen geben die Veröffentlichungen
von Smith et al. (1989), Rae et al. (1989), Ramakrishnan und Rogozinski (1997), Boulos et al. (1994)
sowie Fauchais und Vardelle (1997).
22
Plasmadüsen
Plasmadüsen stellen eine eigene Klasse von Atmosphärendruck-Plasmaverfahren dar. Sie erzeugen
potentialfreie Plasmen ohne Stromfäden, die zeitlich und räumlich homogen sind. Zur industriellen
Anwendung gibt es unterschiedliche Typen von Plasmadüsen, die äußerlich ähnlich aussehen, aber
ihre Plasmen auf verschiedenen Wegen erzeugen und unterschiedlich wirken. Ihnen allen gemeinsam
ist eine Austrittsdüse, aus der Plasmen mit unterschiedlichen Temperaturen austreten (Gersten-
berg/2009). Zu den industriell eingesetzten Plasmadüsenverfahren gehört mitunter das Openair-
System der Firma Plasmatreat, das im Rahmen der vorliegenden Arbeit als Vorbehandlungsquelle
verwendet wird. Bei dem Openair-System wird das Plasma innerhalb einer Düse durch eine gepulste
Lichtbogenentladung erzeugt und mit hoher Geschwindigkeit aus einer nichtrotierenden (stehenden)
oder rotierenden Düse auf die zu behandelnde Oberfläche gestrahlt.
Die Abbildung 2.1.2-2 zeigt sowohl in einer schematischen Darstellung als auch in fotografischen
Aufnahmen die von einer Elektrode ausgelöste Lichtbogenentladung in einer Openair-Plasmadüse. Sie
ist durch ein eingebautes Fenster an der Düse zu sehen.
Abbildung 2.1.2-2: Aktives und relaxierendes Plasma an einer Plasmadüse (in Anlehnung an Pasedag et al. [2003])
Das Plasma einer Openair-Plasmadüse kann hinsichtlich seiner Teilchendichte und Temperatur in
zwei Bereiche eingeteilt werden. Ein Bereich befindet sich direkt an der Elektrode. Das Plasma ist dort
sehr energiereich und weist hohe Temperaturen auf. Das Plasma in dieser Zone wird als aktives Plas-
ma bezeichnet. Bei dem zweiten Bereich handelt es sich um das aus der Düse austretende
Plasma, das zum Teil mit der Umgebungsatmosphäre chemisch und thermisch reagiert hat und folglich
energieärmer ist als das aktive Plasma. Es handelt sich um ein relaxierendes, nichtthermisches Plasma.
Dessen Temperatur beträgt zwischen 600 K und 1200 K (Noeske et al./2004).
23
2.1.3 Wirkung von Plasmen an Polymeroberflächen
Zahlreiche Polymeroberflächen sind in diversen Studien hinsichtlich ihrer physikalischen und chemi-
schen Eigenschaften nach einer Niederdruck- oder Atmosphärendruckplasmabehandlung untersucht
worden. Zu den untersuchten Materialien gehören beispielsweise Polybutylenterephtalat
(Amesöder et al./2003; Gleich/2004), Polyethylenterephtalat (Geschewski/2005; Ito et al./1997;
Noeske et al./2004), Polyethylen (Decker et al./2000; Deshmukh et al./2002; Lommatzsch/2007;
Mann/1994; Meyer/2005; Noeske et al./2004; Rieß/2001), Verbundfaserwerkstoffe (Scott et al./2003;
Wachinger et al./2007), Polypropylen (Geschewski/2005; Gleich/2004; Harwardt/2006; Ito et al./1997;
Klein/2002; Mann/1994; Noeske et al./2004; Süzer et al./1999), Polyetheretherketon (Ha et al./1997),
Polytetrafluorethylen (Inagaki et al./1989; Ishikawa et al./2000), Polyimid (Jeong et al./1999),
Polymethylmethacrylat (Kaless/2006), Polyvinylidenfluorid (Noeske et al./2004; Lommatzsch/2005),
Polyamid 6 (Lommatzsch/2005; Mann/1994; Noeske et al./2004), Polybutadien (Meyer/2005),
Polyvinylchlorid (Mann/1994), Polycarbonat (Mann/1994) und Polyacrylnitril (Meyer/2005).
In Abhängigkeit vom Substratmaterial, der Gaschemie, dem Reaktordesign und der Wahl der Prozess-
parameter der Plasmabehandlung sind unterschiedliche Effekte mit Einfluss auf den Chemismus und
die Morphologie der behandelten Polymeroberfläche beobachtet worden. Die Effekte treten nicht ein-
zeln, sondern bei einer Behandlung alle gleichzeitig auf. Doch kann ein Effekt gegenüber den anderen
begünstigt werden (Liston et al./1993). Besonders entscheidend ist die Auswahl des Prozessgases für
die generierten Effekte. In Tabelle 2.1.3-1 sind in Abhängigkeit vom verwendeten Prozessgas die un-
terschiedlichen Plasmaeffekte dargestellt. Häufig sind die Effekte an einem plasmabehandelten Poly-
mer visuell nicht zu erkennen.
Tabelle 2.1.3-1: Plasmaeffekte unterschiedlicher Prozessgase auf Polymeroberflächen (in Anlehnung an Ellinghorst [2007])
Plasmaeffekte auf Polymeroberflächen Prozessgas
Funktionalisieren NH
3
, N
2
, SO
2
, H
2
O, Luft u.a.
Generierung von Radikalstellen alle
Vernetzen Edelgase, H
2
u.a.
Abbauen, Ätzen O
2
, F
2
, N
2
, Ar u.a.
Plasmapolymerschicht-Abscheidung organisch, metallorganisch
Die grundlegende Voraussetzung für die Modifikation einer Polymeroberfläche ist, dass die an der
Oberfläche befindlichen Bindungen durch reaktive Plasmaspezies aufgebrochen werden müssen. Die
Elektronenenergieverteilungsfunktion von Plasmen kann zur Erklärung der Ursachen für die Modifi-
kationen von Oberflächen herangezogen werden, wenn diese in Wechselwirkung mit einem Plasma
treten. Bei der Energieverteilungsfunktion werden sämtliche Elektronen des Plasmas im gesamten
vorkommenden Energiebereich erfasst und über der Energie bzw. dem Geschwindigkeitsquadrat der
Elektronen aufgetragen. Die Wahrscheinlichkeiten zu den Elektronenenergien werden in der Ordinate
angegeben.
24
In Abbildung 2.1.3-1 sind exemplarisch mehrere Elektronenenergieverteilungsfunktionen elektrisch
erzeugter Sauerstoffplasmen dargestellt. Die Elektronenenergieverteilungsfunktionen beziehen sich
dabei jeweils auf Plasmen mit unterschiedlicher mittlerer Elektronenenergie. Die auf die
Polymeroberfläche auftreffenden Elektronen oder Photonen des Plasmas müssen eine kinetische Min-
destenergie haben, um die in Polymeren am häufigsten anzutreffenden C-C- und C-H-Bindungen spal-
ten zu können. Für C-C und C-H-Bindungen beträgt diese zwischen 348 kJ/mol und 436 kJ/mol
(Atkins und De Paula/2006). Diese Werte entsprechen ca. 3,4 eV bzw. 4,4 eV pro Teilchen. Abbil-
dung 2.1.3-1 veranschaulicht, dass umso mehr energiereiche Elektronen zur Modifizierung einer orga-
nischen Oberfläche vorhanden sind, je höher die mittlere Energie der Elektronen in einem Plasma ist.
Abbildung 2.1.3-1: Elektronenenergieverteilungsfunktionen elektrisch erzeugter Sauerstoffplasmen mit jeweils unterschiedlicher
mittlerer Elektronenenergie (in Anlehnung an Boenig [1982])
Der stärkste und auch der am häufigsten erwähnte Effekt des Plasmas ist der Einbau funktioneller
Gruppen in die Polymeroberfläche (Funktionalisierung). Die Reaktionstiefe beträgt z.B. bei einer
Niederdruck-Plasmabehandlung zwischen 5 nm und 50 nm (Wu/1982). Je nach Wahl des Plasmagases
können spezifische funktionelle Gruppen erzeugt werden. Die unterschiedliche Wirkung verschiedener
Plasmagase auf die Polymeroberfläche veranschaulicht die Abbildung 2.1.3-2.
Abbildung 2.1.3-2: Übersicht über die Funktionalisierungseffekte verschiedener Prozessgase (in Anlehnung an Ellinghorst [2007])
25
Hinsichtlich der Oberflächenenergie eines Polymers gilt, dass eine Funktionalisierung durch sauer-
stoffhaltige Plasmen zu einer Erhöhung seiner Oberflächenenergie und zu einer verbesserten Benetz-
barkeit seiner Oberfläche mit polaren Flüssigkeiten, z.B. Wasser, führt. In Abbildung 2.1.3-3 ist ein
möglicher Reaktionsmechanismus für eine Funktionalisierung einer organischen Verbindung mit Sau-
erstoff dargestellt (Ellinghorst/2007). Die Abbildung zeigt, dass die Funktionalisierung mit einem
gleichzeitigen Kettenabbruch eines Polymers verbunden sein kann. Das dabei entstandene radikalische
Fragment kann wiederum in Folgereaktionen entweder mit weiteren Fragmenten oder mit Sauerstoff
reagieren.
Abbildung 2.1.3-3: Reaktionsmechanismus zur Funktionalisierung eines Polymers durch Sauerstoff (Ellinghorst/2007)
Auch nach einer Plasmabehandlung können durch die nachträgliche Reaktion langlebiger Radikale mit
der Umgebungsluft funktionelle Gruppen an der Polymeroberfläche entstehen. Es handelt sich um so
genannte Post Plasma Reaktionen bzw. Oxidationen (Liston et al./1993; Holländer/2003).
Die durch ein Sauerstoffplasma hervorgerufenen chemischen Oberflächenveränderungen sind jedoch
nicht alterungsbeständig, was sich beispielsweise in einer mit zunehmender Lagerzeit verminderten
Benetzbarkeit der Oberfläche mit Wasser äußert (Süzer et al./1999; Tsuchiya et al./1998). Dieses als
Alterung bezeichnete Phänomen kann auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden. Eine Ursache
kann die Reaktion der plasmabehandelten Oberfläche mit Bestandteilen der Atmosphäre sein, die zu
einer Absättigung vorhandener freier Bindungen führen kann (Mann/1994). Auch eine thermodyna-
misch gesteuerte Reorientierung, bei der sich die polaren Gruppen von der Oberfläche weg in den
oberflächennahen Bereich drehen, kann für die Alterung verantwortlich sein (Manenq et al./1999).
Ebenfalls können polare Oligomerfragmente, die bei der Plasmabehandlung entstehen und aus der
Oberfläche in den Bulkbereich migrieren, eine Ursache sein (Rabel/1971).
Die Reorientierung und die Migration von funktionellen Gruppen lassen sich mit Hilfe thermodynami-
scher Überlegungen erklären: Das Einbringen polarer Gruppen in die Polymeroberfläche führt zu einer
Erhöhung der Oberflächenenergie. Zwischen der Oberfläche und dem Bulkbereich entsteht ein
Energiegefälle, das dann durch die Reorientierung bzw. Wanderung der polaren funktionellen Grup-
pen ausgeglichen werden kann (Geschewski/2005).
26
Ein weiterer beobachteter Effekt, der bevorzugt bei der Verwendung inerter Prozessgase wie Argon
und Helium auftritt, ist die Vernetzung von Molekülen an der behandlten Polymeroberfläche. Durch
das Einwirken von UV-Strahlung des Plasmas und der metastabilen Edelgasatome entstehen an der
behandelten Polymeroberfläche Radikale, die sich miteinander vernetzen. Die Dicke der vernetzten
Schicht an der Oberfläche beträgt im Allgemeinen zwischen 5 nm und 50 nm (d´ Agostino et
al./2008). Hansen und Schonhorn (1966) erkannten die Wirkung der UV-Strahlung von Niederdruck-
plasmen auf die Vernetzung von Molekülen und entwickelten ein Vernetzungsverfahren für
Polyolefine, das als CASING (Crosslinking by Activated Species of Inert Gases) bezeichnet wird.
Neben der Funktionalisierung und der Vernetzung der Oberfläche kann auch eine topografische Modi-
fikation der Polymeroberfläche erfolgen. Die Ursache hierfür können plasmachemische Ätzeffekte,
Sputtereffekte (Herausschießen von Molekülen und Atomen an der Polymeroberfläche) oder auch
thermische Effekte sein. Beispielsweise stellten Tsai et al. (1997) eine Veränderung der Oberflächen-
rauheit durch Mikroätzprozesse an plasmabehandelten Polypropylenfasern fest. Sputtereffekte treten
bevorzugt bei Anwendung von Edelgasen auf, da diese als Inertgase nicht mit der Polymeroberfläche
chemisch reagieren. Bevorzugt werden amorphe Bereiche abgetragen (Garton et al./1978). Abbildung
2.1.3-4 veranschaulicht den selektierten Abbau amorpher Strukturen. Beim Abtrag können
Polymerketten gespalten und oxidative Oligomerfragmente (engl.: Low Molecular Weight of
Oxydized Molecules, LMWOM) an der Oberfläche erzeugt werden. Sie bilden entweder eine schwach
gebundene Grenzschicht (Weak Boundary Layer, engl.: WBL) an der Oberfläche oder migrieren in die
Polymermatrix. An Polypropylen fanden Strobel und Lyons (2003) heraus, dass LMOWM sich negativ
auf die Eigenschaften des Polymers als Substrat auswirken können. Als Abbauprodukte entstehen
neben den Ablagerungen auch flüchtige Stoffe wie CO, H2O, CO2 und H2, wie beispielsweise bei der
Behandlung von Polyethylen mit einem sauerstoffreichen Plasma festgestellt wurde (Clouet und
Shi/1992).
Abbildung 2.1.3-4: Schematische Darstellung des Abbaus amorpher Strukturen an einem semikristallinen Polymer (in Anlehnung
an d´Agostino et al. [2008])
27
Jeong et al. (1999) stellten bei der Plasmabehandlung von Polyimiden fest, dass mit einem Helium-
Sauerstoff-Gemisch die Abtragsraten an dem Polymer bis zu 8 µm/min betragen können. Nach den
Studien von Taylor und Wolf (1980) reduzieren Seitenketten, aromatische und polare Gruppen an den
Polymerenoberflächen die Abtragsraten. Der Abtragseffekt von Plasmen wird technisch genutzt, um
Oberflächen chemisch oder physikalisch von dünnen organischen Kontaminationen zu befreien. Bei
zu hohen organischen Schichtdicken kann es jedoch zu Konkurrenzreaktionen zwischen Abtrags-
reaktionen und Vernetzungsreaktionen kommen, wodurch die Abtragsrate stark abnimmt
(Grünwald/1999). An Polyethylen wurde eine Glättung der Polymeroberfläche nach einer Openair-
Plasmabehandlung beobachtet. Vermutlich wurde die Veränderung der Topografie an der
Polyethylenoberfläche zum Teil durch thermische Effekte hervorgerufen (Lommatzsch/2005;
Lommatzsch und Ihde/2007). Ein weiterer Effekt, der bei Verwendung organischer oder metallorgani-
scher Prozessgase auftritt, ist die Polymerschichtabscheidung. Ihr liegt das Prinzip der Plasmapolyme-
risation zugrunde, das in Abbildung 2.1.3-5 veranschaulicht wird.
Abbildung 2.1.3-5: Schematische Darstellung des Prinzips der Plasmapolymerisation am Beispiel des Prozessgases Methan
(in Anlehnung an Ihde et al. [2007])
Im Falle der Plasmapolymerisation erfolgt die plasmainduzierte Abscheidung einer Polymerisatschicht
auf der eingesetzten Substratoberfläche. Auf diese Weise lassen sich auf der Oberfläche dünne
Nanoschichten generieren. Die dabei zur Beschichtung eingesetzte Verbindung wird durch im Plasma
ablaufende Redoxprozesse sowie Ionisations- und Radikalbildungsreaktionen in eine sehr reaktive
Form überführt und bindet sich an die zu beschichtende Polymeroberfläche. Durch diese Form der
plasmatechnischen Oberflächenbeschichtung kann eine dauerhafte Funktionalisierung der
Polymeroberfläche erreicht werden (Wildberger et al./2007). Neben den Aufbauprozessen erfolgen
während der Plasmapolymerisation auch Abbauprozesse. Der Abbau der Schicht wird durch den
Beschuss mit hochenergetischen Teilchen oder starker elektromagnetischer Strahlung aus dem Plasma
bewirkt. Dabei entstehen zum Teil gasförmige, niedermolekulare Fragmente (wie z.B. H2, CxHy).
28
2.2 Oberflächenbeschichtungssysteme im Flugzeugbau
Ein flüssiger oder pastenförmiger Beschichtungsstoff, der, auf einem Untergrund aufgebracht, eine
deckende Beschichtung mit schützenden, dekorativen oder spezifischen Eigenschaften ergibt, wird
nach DIN EN 971-1 (1996) als Lack bezeichnet. Im Allgemeinen lassen sich die Bestandteile von
Lacken entsprechend ihrer Funktion vier Gruppen zuordnen: Filmbildnern, Pigmenten und Füllstoffen,
Lösemitteln und Hilfsstoffen. Durch den Filmbildner werden die meisten chemischen und physikali-
schen Eigenschaften eines Beschichtungsstoffes festgelegt. Die Aufgabe des Filmbildners ist es, einen
zusammenhängenden und auf dem jeweiligen Untergrund haftenden Lack- bzw. Farbfilm zu bilden
und dabei die übrigen nicht flüchtigen Lackbestandteile, vor allem die Pigmente und Füllstoffe,
zusammenzuhalten bzw. einzubetten (Brock et al./2000).
In der amerikanischen und europäischen Luftfahrtindustrie werden für die Beschichtung der einzelnen
Großbauteile überwiegend mehrkomponentige (reaktive) Epoxid- und Polyurethansysteme verwendet,
die kurz vor ihrer Verarbeitung aus bis zu drei Komponenten (Basis, Härter und Aktivator bzw. Ver-
dünner) angemischt werden. Epoxid- und Polyurethansysteme zeichnen sich dadurch aus, dass sie die
hohen mechanisch-physikalischen und chemischen Beständigkeitsanforderungen der Luftfahrtindust-
rie erfüllen. Epoxidsysteme werden ausschließlich als Grundierungsschichten, Polyurethansysteme als
Grundierungsschichten, Funktionalbeschichtungen (z.B. Antistatiklack oder Antierosionslack) oder
als Decklacke eingesetzt. Beim europäischen Flugzeughersteller Airbus wird bei den Grundanstrichen
zwischen Basis-Grundanstrichen (engl.: Basic Primer) – im Folgenden vereinfacht nur als Grundan-
striche bezeichnet – und Außengrundanstrichen (engl.: External Primer) differenziert. Die Außen-
grundanstriche sind auf Epoxidbasis. Optional wird zwischen der Außengrundierungsschicht und dem
Decklack eine zusätzliche Zwischenschicht auf Basis eines Polyamidfilmbildners aufgetragen. Diese
Schicht vereinfacht bei der Wartung und Instandhaltung die Entlackung der Flugzeuge mit
benzylalkoholhaltigen Abbeizmitteln. In der Regel wird ein Flugzeug alle sechs bis acht Jahre entlackt
und wieder neu lackiert.
2.2.1 Epoxid- und Polyurethanbeschichtungen
Epoxid-Beschichtungen verdanken ihre Bezeichnung der endständigen, sehr reaktionsfreudigen Epo-
xid-Gruppe. Sie ist ein aus zwei Kohlenstoffatomen und einem Sauerstoffatom gebildeter Dreierring.
Aus der Valenzwinkelspannung und der Polarität der Epoxid-Gruppe folgt ihre starke Tendenz, so-
wohl mit Nukleophilen als auch mit Elektrophilen unter Ringöffnung zu reagieren (Brock et al./2000).
Epoxidharze sind Verbindungen mit mindestens zwei Epoxidgruppen pro Molekül. Sie sind zum Teil
harzartig fest, können aber auch niedermolekular und damit mehr oder weniger flüssig sein. Den bei
weitem wichtigsten Epoxidharztyp stellen die aus Bisphenol-A und Epichlorhydrin synthetisierten
Bisphenol-A-Epichlorhydrinharze dar.
29
Je nach Anzahl n der reagierten Bisphenol-A-Einheiten spricht man auch von „Diepoxid n“ (siehe
Abbildung 2.2.1-1). Da die technischen Epoxidharze polydispers sind, ergeben sich als Mittelwerte für
n gebrochene Zahlen (Brock et al./2000).
Abbildung 2.2.1-1: Darstellung eines „Diepoxid n“- Moleküls mit reaktiven Epoxidgruppen an den Molekülenden
Die Epoxid-Gruppen an den Molekülenden des Diepoxids können in einer Additionsreaktion mit
amin-, carboxyl- oder hydroxylhaltigen Verbindungen reagieren (siehe Abbildung 2.2.1-2). Ist der
Reaktionspartner mehr als bifunktionell, entstehen vernetzte Strukturen.
Abbildung 2.2.1-2: Reaktionen der Epoxidgruppe mit Amin-, Carboxyl- oder Hydroxylgruppen
Die Vernetzungsreaktionen (Härtung) des in dieser Arbeit verwendeten luftfahrtspezifischen Epoxid-
Außengrundanstrichs beruhen auf Reaktionen zwischen Bisphenol-A-Epichlorhydrinharzeinheiten
(ANAC CF Primer 37124-SDB/2004) und verschiedenen Aminen (ANAC Härter 92245-SDB/2004).
Die Bisphenol-A-Epichlorhydrinharzverbindungen sind in der so genannten Basiskomponente enthal-
ten, das Amingemisch in der so genannten Härterkomponente. Die Basis und der Härter werden zur
Einleitung der Reaktion des Beschichtungsstoffes vor seiner Verarbeitung angemischt.
Polyurethanlacke zeichnen sich generell durch sehr gute Adhäsionseigenschaften aus. Beim Aufbau
der Ketten müssen für die Polyurethansysteme zwei Komponenten vorhanden sein. Dies sind zum
einen die Polyisocyanate mit ihren reaktionsfreudigen Isocyanat-Gruppen (R-N=C=O) und zum ande-
ren hydroxylhaltige Verbindungen wie z.B. hydroxylfunktionelle Polyester. Grundsätzlich werden
Polyisocyanate in aromatische und aliphatische Polyisocyanate eingeteilt (Nannetti/2004).
30
Geht man vereinfacht von Diisocyanat- und Diolverbindungen aus, werden durch Kettenaufbaureakti-
onen Polyurethane mit einem ähnlichen Aufbau wie in Abbildung 2.2.1-3 erzeugt. Isocyanatgruppen
können auch mit Aminen, carboxylhaltigen Verbindungen oder Wasser bei Ausbildung völlig
verschiedener Molekularstrukturen reagieren (Brock et al./2000).
Abbildung 2.2.1-3: Verkettungsreaktion zwischen einem Diisocyanat und einem Diol
Die Vernetzungsreaktionen (Härtung) der in dieser Arbeit verwendeten luftfahrtspezifischen
Polyurethanbeschichtungen basieren auf Reaktionen zwischen Polyolen, die sich in der Basis des
Lackes befinden, und Polyisocyanaten (z.B. Hexan-1,6-diisocyanat [PPG 07099000-SDB/2005]), die
in der Härterkomponente des Lackes enthalten sind. Beim Polyurethan-Decklack fungiert zusätzlich
der so genannte Aktivator oder Verdünner als eine dritte Komponente. Er enthält je nach gewünschter
Trocknungszeit der Beschichtung Katalysatoren in unterschiedlicher Konzentration. Die Basis, der
Härter und der gegebenenfalls erforderliche Verdünner werden vor der Verarbeitung des Beschich-
tungsstoffs angemischt.
2.2.2 Struktur und Beschichtungsaufbau des Seitenleitwerks
In der vorliegenden Arbeit werden sich die Untersuchungen der Plasmaeffekte auf die Vor- und
Außenbeschichtungssysteme konzentrieren, die am Seitenleitwerk von Airbus-A320-Flugzeugen ver-
wendet werden. Die Struktur und der Beschichtungsaufbau der Lacke dieses Bauteils werden im
Folgenden kurz beschrieben.
Das Seitenleitwerk ist die senkrechte Leitwerkfläche an einem Flugzeug (Engmann/2006). Es befindet
sich im Heckbereich des Flugzeugs (siehe Abbildung 2.2.2-1). Der Grundaufbau sowie die eingesetz-
ten Materialien des Seitenleitwerks sind bei den Airbus-Flugzeugtypen A318, A319, A320 und A321
weitgehend gleich. Als Materialien werden an einem Airbus-Seitenleitwerk Bauteile aus Aluminium,
Titan und faserverstärkten Kunststoffen aus Kohle- und Glasfaser eingesetzt. Die eingesetzten Werk-
stoffe und Materialien sind für eine Temperaturbelastung von bis zu 80 °C am Seitenleitwerk freige-
geben und ausgelegt. Folglich ist bei der Vorbehandlung der Materialien zu beachten, dass wärmeein-
tragende Verfahren das Substrat nicht auf mehr als 80 °C erwärmen.
31
Auf dem Seitenleitwerk befinden sich vor der Applikation der Außenbeschichtung diverse
organische Vorbeschichtungssysteme mit unterschiedlicher Farbe und Funktion. In Abbildung 2.2.2-1
ist ein Seitenleitwerk in unterschiedlichen Ansichten dargestellt.
Abbildung 2.2.2-1: Vorbeschichtungen an einem Airbus-Seitenleitwerk: Seitenansicht (a) und Vorderansicht (b)
Grundbeschichtet ist das Seitenleitwerk mit einem wasserbasierenden Polyurethan-Grundanstrich.
Auf dem Polyurethan-Grundanstrich befinden sich je nach Materialtyp und Bereich auch
Antistatiklack oder Antierosionslack. Beim Antistatik- und Antierosionslack handelt es sich wie beim
Grundanstrich ebenfalls um Polyurethanlacke. Die Antistatiklacke dienen zur Abführung elektrostati-
scher Ladungen. Der Antierosionslack ist dafür ausgelegt, in erosionsbehafteten Bereichen kinetische
Energie in elastische Verformung umzuwandeln, d.h. die stark beanspruchte Vorderkante des Seiten-
leitwerks wird widerstandsfähiger gegen Erosion. Zur Außenbeschichtung des Seitenleitwerks werden
alle Flächen, die nicht mit Antierosionslack beschichtet sind, mit einem Epoxid-Außengrundanstrich
versehen, der eine ausreichende Haftung des Decklack auf den zuvor beschriebenen gewährleisten
soll. Die Applikation des Polyurethan-Decklacks erfolgt auf den Außengrundanstrich und auf den
Antierosionslack. Außengrundanstrich und Decklack werden per Spritzverfahren auf das vorbeschich-
tete Seitenleitwerk aufgetragen. Die Scherraten betragen dabei 103 1/s bis 106 1/s.
Der Polyurethan-Decklack gewährleistet neben seinen dekorativen Eigenschaften einen Schutz gegen
UV-Licht sowie weitere Umwelteinflüsse, chemische und mechanische Belastungen. Auf den
Decklack werden zum Abschluss optional Dekorlacke für Firmenlogos, Schriftzüge oder sonstige
Dekorelemente aufgetragen.
32
Der Beschichtungsaufbau des Seitenleitwerks mit den im Flugzeugneubau üblichen Schichtdicken der
einzelnen Vorbeschichtungen und Außenbeschichtungen ist schematisch in Abbildung 2.2.2-2
dargestellt.
Abbildung 2.2.2-2: Schematische Darstellung des Beschichtungsaufbaus an einem Airbus-Seitenleitwerk
2.3 Oberflächenenergie und Randwinkel
Die freie Oberflächenenergie – im Folgenden vereinfacht als Oberflächenenergie bezeichnet – und der
Randwinkel werden in der vorliegenden Arbeit genutzt, um die Veränderung der Benetzbarkeit der
Substrate mit Flüssigkeiten sowie die chemische Funktionalisierung der Oberfläche nach einer
Plasmabehandlung qualitativ und quantitativ zu beschreiben. Die Plasmabehandlung führt nämlich zu
einer messbaren Veränderung der thermodynamischen Eigenschaften der Substratoberfläche und ihrer
Wechselwirkung mit benetzenden Flüssigkeiten.
Die Oberflächenenergie ist die partielle Ableitung der freien Enthalpie G nach der Oberfläche A bei
konstanter Temperatur T, Druck p und Stoffmenge nj:
j
nTp
A
G
,,
=
σ
(2.3-1).
Die Oberflächenenergie eines Festkörpers gegenüber der umgebenden Gasphase wird als sv
σ bezeich-
net und ist niedriger als s
σ, die Oberflächenenergie des Festkörpers gegenüber einem Vakuum.
33
Diese Verringerung ist durch den Spreitdruck π des Dampfes auf der Festkörperoberfläche definiert
(π = s
σ
-sv
σ
). In den meisten Fällen, besonders in Verbindung mit Polymermaterialien, kann der
Spreitdruck π vernachlässigt und σ an Stelle von verwendet werden. Dies gilt insbesondere für
Systeme, in denen der Randwinkel von Flüssigkeitstropfen auf einer Oberfläche größer als 10° ist
(Wu/1982). Die Bedeutung des Randwinkels wird in Abschnitt 2.3.1 erklärt. Ebenso wie bei den Fest-
körperoberflächen kann mit der Oberflächenenergie von Flüssigkeiten verfahren und an ihrer Stel-
le benutzt werden. wird auch Oberflächenspannung genannt. Der Begriff der Oberflächenspan-
nung wird in der vorliegenden Arbeit für zur deutlicheren Unterscheidung von der Oberflächen-
energie des Festkörpers verwendet. An der Grenzfläche zwischen einem Festkörper und einer be-
netzenden Flüssigkeit wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit von der Grenzflächenspannung
gesprochen. Der Spreitdruck wird als vernachlässigbar betrachtet.
Die Oberflächenenergie bzw. die Oberflächenspannung lässt sich in Terme aufspalten, die sich aus
verschiedenen molekularen Wechselwirkungsmöglichkeiten ergeben:
s sv
σ
σ
σ σ
l
σ
σ
lv
l l
σs
sl
pd
σσσ
+= (2.3-2)
mit
spannung.-nenergie/OberflächederTeilpolarerσ
spannung-nenergie/OberflächederTeildisperserσ
spannung-nenergie/Oberflächeσ
p
d
Der polare Teil der Oberflächenenergie beinhaltet Dipol-, Induktions- und Wasserstoffbrücken-
wechselwirkungen (Wu/1973):
hipp
σσσσ
++= * (2.3-3)
mit
spannung.-nenergie/Oberfläche der Teils polaren des ngenchselwirkufbrückenweWasserstof
spannung-nenergie/Oberfläche der Teils polaren des kungenwechselwirInduktions
spannung-nenergie/Oberfläche der Teils polaren des nelwirkungeDipolwechsσ
h
i
*p
σ
σ
Die Behandlung einer Polymeroberfläche mit sauerstoffhaltigen Plasmen führt, wie bereits
in Abschnitt 2.1.3 erwähnt, durch den Einbau polarer funktioneller Gruppen zu einer Erhöhung des
polaren Teils der Oberflächenenergie , die wiederum zu einer Erhöhung der gesamten Oberflächen-
energie des Polymers führt.
σ
p
s
s
σ
34
Die Bestimmung des polaren Teils der Oberflächenenergie wird bei oberflächenanalytischen Un-
tersuchungen dazu verwendet, die chemischen Veränderungen an einer organischen Oberfläche nach
einer Plasmabehandlung zu beschreiben. Die Oberflächenenergie von Festkörpern ist keine
experimentell direkt zugängliche Größe. Zu ihrer Bestimmung wird der Umstand genutzt, dass ein
Festkörper durch eine Flüssigkeit je nach Oberflächenenergie des Festkörpers und der Oberflächen-
spannung der Flüssigkeit unterschiedlich benetzt wird und sich dabei ein bestimmter Randwinkel
ausbildet.
p
s
σ
s
σ
l
σ
θ
2.3.1 Young-Gleichung
Bringt man einen Flüssigkeitstropfen auf einen ebenen Festkörper auf, so wird nach der Benetzung
durch die Vektoren der Oberflächenenergie der Flüssigkeit und der Grenzflächenenergie im Tripel-
punkt der Grenzflächen ein Randwinkel gebildet. Die Young-Gleichung liefert die mathematische
Verknüpfung dieser Größen für ein System im Gleichgewicht.
0cos =+
θσσσ
lssl (2.3.1-1)
mit
.Randwinkel θ
tFlüssigkei der nspannungOberfläche σ
sFestkörper des nenergieOberfläche σ
tFlüssigkei und Festkörper zwischen enspannungGrenzfläch σ
l
s
sl
Abbildung 2.3.1-1: Ausbildung des Randwinkels eines Tropfens auf einer Festkörperoberfläche θ
Je größer die Differenz zwischen der Oberflächenenergie des Substrats und der Oberflächenspan-
nung ist, desto größer ist der Randwinkel bzw. schlechter die Benetzung. Je kleiner die
Differenz zwischen der Oberflächenenergie des Substrats und der Oberflächenspannung ist,
desto kleiner ist der Randwinkel θ bzw. besser die Benetzung. Wird der Randwinkel zu null, breitet
sich die benetzende Substanz auf der Festkörperoberfläche so weit wie möglich aus. Es liegt eine voll-
ständige Benetzung vor (Krüger/1980). Der Randwinkel lässt sich mit Randwinkelmessgeräten optisch
bestimmen. Er kann entweder mit konstantem oder veränderlichem Tropfenvolumen bestimmt wer-
den. Im ersten Fall spricht man von statischen Randwinkeln, im zweiten Fall von dynamischen Rand-
winkeln, wobei zwischen Fortschreitwinkeln (bei anwachsendem Tropfenvolumen) und Rückzugs-
winkeln (bei abnehmendem Tropfenvolumen) unterschieden wird (Thomsen und Bilke-Krause/2007).
s
σ
l
σθ
s
σl
σ
35
An praxisnahen Oberflächen erfolgt bevorzugt eine dynamische Messung mit dem Fortschreitwinkel,
da diese Messmethode gegenüber rauen Oberflächen weniger sensibel ist als eine statische Messung.
Außerdem wird bei der dynamischen Messung das Risiko einer chemischen Wechselwirkung zwi-
schen der Testflüssigkeit und der Festkörperoberfläche reduziert. Viele Anwender nutzen den dynami-
schen Kontaktwinkel wegen seiner geringeren Streuanfälligkeit (Thomsen und Bilke-Krause/2007).
Für die Young-Gleichung gelten bestimmte Voraussetzungen (Meichsner et al./2003):
Die benetzte Festkörperoberfläche ist glatt und ihre Rauheit geht gegen null.
Der Festkörper wird während der Messung nicht von der Testflüssigkeit angequollen.
Die Festkörperoberfläche ist homogen.
Wenzel (1949) beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Randwinkel auf einer ideal glatten Ober-
fläche und dem auf einer rauen Oberfläche gemessenen Randwinkel durch folgende Gleichung:
θr
θ
θ
θ
coscos = fr R (2.3.1-2).
Rf ist der Rauheitsfaktor, der Quotient aus der wahren Oberfläche Aw und der geometrischen
Oberfläche AG. Die geometrische Oberfläche ergibt sich aus den makroskopischen Abmessungen der
betrachteten Festkörperoberfläche. In die wahre Oberfläche AW gehen die mikroskopischen
Unregelmäßigkeiten der Oberfläche ein. Die Bestimmung der wahren Oberfläche AW ist mit einem
hohen analytischen Aufwand verbunden. Zur Charakterisierung der Oberflächenrauheit werden daher
in der Praxis bevorzugt der Mittenrauwert Ra nach DIN EN ISO 4287 (2009) oder ähnlich bestimmba-
re Rauheitskenngrößen verwendet. Im Allgemeinen wird akzeptiert, dass der Einfluss der Rauheit auf
den Randwinkel von Oberflächen mit einer Rauheit von Ra < 0,5 µm vernachlässigt werden kann
(Wu/1982; Rudawska und Jacniacka/2009). Profilometrische Untersuchungen an den in dieser Arbeit
verwendeten Substraten haben gezeigt, dass die Rauheiten Ra der Substrate zwischen 0,5 µm und
0,6 µm liegen. Aufgrund der Einflüsse der Rauheit, Heterogenität und des Penetrationsvermögens
praxisnaher Oberflächen ist häufig die Aussagekraft von Randwinkelmessungen umstritten. Trotzdem
gilt der Randwinkel in der Industrie als eine oft angewandte und allgemein akzeptierte Kenngröße zur
Charakterisierung von Festkörperoberflächen (Mayer et al./2006). Beispielsweise eignet sich die
Randwinkelmessung sehr gut für den Vergleich von Oberflächen, die mit unterschiedlichen Vorbe-
handlungsverfahren modifiziert worden sind. So hatte Hose (2008) die aus Randwinkelmesswerten
berechneten Oberflächenenergien benutzt, um die unterschiedlichen Effekte einer Atmosphärendruck-
Plasmabehandlung, Niederdruck-Plasmabehandlung, Laserbehandlung und Strahlbehandlung auf den
Werkstoff Aluminium miteinander zu vergleichen.
36
2.3.2 Modelle zur Berechnung der Oberflächenenergie
Es existieren verschiedene Ansätze zur Bestimmung der Oberflächenenergie von Festkörpern aus
Randwinkelmessungen. Sie unterscheiden sich in der Überlegung unterschiedlicher Wechsel-
wirkungen zwischen Festkörperoberfläche und benetzender Flüssigkeit. Die in der Literatur am häu-
figsten angewendeten Methoden werden im Folgenden beschrieben.
Verfahren nach Zisman (1963)
Nach Zisman (1963) werden Tropfen verschiedener Flüssigkeiten bekannter Oberflächenspannung
auf das Substrat gebracht und der Randwinkel zwischen Flüssigkeit und Festkörper gemessen. In ei-
nem Diagramm werden die θ-Werte über den entsprechenden Flüssigkeitsoberflächenspannungen
aufgetragen. Durch Extrapolation des so erhaltenen Kurvenzugs auf = 1 ( ) kann die
Oberflächenspannung derjenigen Flüssigkeit festgestellt werden, die auf dem Festkörper gerade sprei-
tet. Der auf diese Weise erhaltene Wert wird als kritische Oberflächenspannung bezeichnet. Die
Bedeutung von liegt darin, dass auf dem Festkörper alle Flüssigkeiten mit einer Oberflächen-
spannung, die kleiner als ist, spreiten (Krüger/1980).
l
σ
l
σ
θcos °= 0θ
krit.
σ
krit.
σ
krit.
σ
Verfahren nach Driedger et al. (1965)
Nach Driedger et al. (1965) gilt zwischen der Grenzflächenspannung und der Oberflächenenergie
sl
σ
s
σ
bzw. der Oberflächenspannung l
σ
folgende Beziehung:
()
sl
ls
sl
σσ
σσ
σ
=0015,01
2
(2.3.2-1).
Die Verknüpfung der Gleichung 2.3.2-1 mit der Young-Gleichung führt zu einer Gleichung, mit der
aus einem einzigen Wert einer Flüssigkeitsoberflächenspannung und einem gemessenen Randwinkel
auf einem Festkörper dessen Oberflächenenergie berechnet werden kann:
s
σ
()
()
1015,0
2015,0
cos
+
=
sll
lsls
σσσ
σσσσ
θ
(2.3-2-2).
37
Verfahren nach Owens und Wendt (1969)
Nach Owens und Wendt (1969) berechnet sich die Grenzflächenenergie zwischen Flüssigkeit und
Festkörper, wie folgt:
p
l
p
s
d
l
d
slssl
σσσσσσσ
+= 22 (2.3.2-3).
Die Verknüpfung der Gleichung 2.3.2-3 mit der Young-Gleichung führt zu einer Geradengleichung:
d
l
p
l
p
s
d
s
d
l
l
σ
σ
σσ
σ
σ
θ
+=
+
2
cos1 (2.3.2-4).
Durch Randwinkelmessungen mit mindestens zwei Testflüssigkeiten, deren disperser und polarer Teil
bekannt sind, lassen sich aus der Geradengleichung die Steigung p
s
σ und der Schnittpunkt mit der
Ordinate d
s
σ bestimmen. Abbildung 2.3.2-1 zeigt das Prinzip zur Bestimmung der jeweiligen
polaren und dispersen Teile der Oberflächenenergie mit mehreren Testflüssigkeiten.
Abbildung 2.3.2-1: Prinzip zur Bestimmung des polaren und dispersen Anteils der Oberflächenenergie
38
Verfahren nach Wu (1973)
Nach Wu (1973) lässt sich die Grenzflächenenergie nach folgender Gleichung berechnen:
p
l
p
s
p
l
p
s
d
l
d
s
d
l
d
s
lssl σ
σσ
σσ
σσ
σσ
σσ
+
+
+= 4
4 (2.3.2-5).
Die Verknüpfung der Gleichung 2.3.2-5 mit der Young-Gleichung führt zu folgender Gleichung:
()
0
44
1cos =
+
+
+
+ p
l
p
s
p
l
p
s
d
l
d
s
d
l
d
s
l
σσ
σσ
σσ
σσ
θσ
(2.3.2-6).
Die Verwendung zweier Testflüssigkeiten für die Randwinkelmessungen führt zu zwei quadratischen
Gleichungen für den polaren Teil und dispersen Teil der Oberflächenenergie . Bei der
Lösung der Gleichung gilt zu beachten, dass sich beim Lösungsgang der quadratischen Gleichungen
jeweils zwei Lösungen ergeben, von denen jedoch nur eine die „richtige“ Oberflächenenergie be-
schreibt. Oft kommt es vor, dass beide Lösungen physikalisch sinnvoll sind. Hier wird die Entschei-
dung dadurch erleichtert, wenn herausgefunden wird, welche der beiden Lösungen in der Nähe von
Ergebnissen nach dem Modell von Owens und Wendt (1969) liegt.
p
s
σd
s
σs
σ
Zur Bewertung der chemischen Veränderungen plasmabehandelter Oberflächen sind das Modell von
Owens und Wendt (1969) sowie das von Wu (1973) besser geeignet als das Modell von Driedger et al.
(1965) oder das Modell von Zisman (1963). Das Modell von Owens und Wendt und das von Wu
liefern Daten zur Polarität der Oberfläche, die bei einer Plasmabehandlung verändert wird. Dagegen
liefern das Modell nach Zisman (1963) und das nach Driedger et al. (1965) lediglich Informationen zu
den Gesamtoberflächenenergien. Eine differenzierte Betrachtung der chemischen Veränderungen an
der Oberfläche ist mit den beiden zuletzt genannten Methoden nicht möglich.
39
Im Rahmen von Vorversuchen zu dieser Arbeit wurden nach Wu (1973) sowie nach Owens und Wendt
(1969) jeweils die Oberflächenenergien von Grundanstrichoberflächen berechnet, die mit drei unter-
schiedlichen Prozessparametersätzen (A, B und C) plasmabehandelt worden waren. Für die Randwin-
kelmessung kamen drei verschiedene Testflüssigkeiten zum Einsatz. Für die Berechnung nach Wu
(1973) wurden die gleichen Randwinkelmesswerte wie für die Auswertung nach Owens und Wendt
(1969) verwendet. Die Auswertung nach Wu (1973) erfolgte aus den unterschiedlichen Kombinati-
onsmöglichkeiten der Randwinkelmesswerte von zwei Flüssigkeiten und führte zu drei Oberflächen-
energiewerten. Aus den drei Werten wurde dann das arithmetische Mittel gebildet.
Die Abbildung 2.3.2-2 zeigt, dass sich die Ergebnisse nach Wu (1973) und die nach Owens und Wendt
(1969) nur geringfügig voneinander unterscheiden. Die Werte der polaren und dispersen Teile sind für
beide Modelle annähernd gleich. Da nicht die Bestimmung absoluter Energiebeträge und damit die
Bestimmung wahrer Oberflächenenergiewerte im Vordergrund dieser Arbeit steht, sondern der
Vergleich der Wirkung unterschiedlicher Vorbehandlungsparameter auf die Oberflächenenergie, ist
die Fragestellung, welches der beiden Modelle in dieser Arbeit benutzt wird, nicht relevant. In der
vorliegenden Arbeit wird das Modell nach Owens und Wendt (1969) als Berechnungsmodell gewählt.
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
Owens und Wendt; A Owens und Wendt; B Owens und Wendt; C Wu; A Wu; B Wu; C
Berechnungsmodell; Prozessparametersatz
Oberfchenenergie [mN/m]
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
Abbildung 2.3.2-2: Vergleich der Ergebnisse nach dem Modell von Wu und nach dem Modell von Owens und Wendt
40
Die Abbildung 2.3.2-3 zeigt in einem Diagramm eine Auswahl berechneter Oberflächenenergien
mit den Fehlerbalken für die verschiedenen Substrate des SLW, die mit verschiedenen Plasmaprozess-
parametersätzen (A, B und C) behandelt worden sind. Insgesamt ist das Ergebnis von neun Proben-
oberflächen dargestellt. Zur Berechnung der Oberflächenenergie und der Fehler wurde folgenderweise
vorgegangen: Nach dem Verfahren von Owens und Wendt (1969) wurde aus gemittelten Randwinkeln
der polare und disperse Teil der Oberflächenenergie sowie die Oberflächenenergie durch eine gewich-
tete lineare Regression bestimmt. Dies wurde an drei verschiedenen Proben durchgeführt. Aus den
drei berechneten Werten der Oberflächenenergie wurden dann die Mittelwerte und die Fehler zu den
Mittelwerten gebildet.
Die Ergebnisse haben gezeigt, dass die relativen Fehler der aus den Randwinkeln berechneten Ober-
flächenenergien bis zu 8% betragen können. Beim Vergleich der Ergebnisse der Oberflächenenergie-
werte der untersuchten Probenoberflächen sollte dieser Aspekt grundsätzlich berücksichtigt werden,
um besser bewerten zu können, ob Variationen der Oberflächenenergie durch Messfehler bzw. die
heterogene Beschaffenheit der Proben an sich bedingt sind oder auf die Vorbehandlung zurückgeführt
werden können.
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
Grundanstrich; A
Grundanstrich; B
Grundanstrich; C
Antistatiklack; A
Antistatiklack; B
Antistatiklack; C
Antierosionslack; A
Antierosionslack; B
Antierosionslack; C
Substrat; Plasmaprozessparametersatz
Oberflächenenergie [mN/m]
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
Abbildung 2.3.2-3: Fehlerbetrachtung an den nach Owens und Wendt berechneten Oberflächenenergien verschiedener Substrate
41
2.4 Haftung
Zwei wichtige Voraussetzungen bilden die Grundlage für die Haftung einer Beschichtung auf der
Oberfläche eines Substrats. Zum einen darf der Verbund der Teilchen sowohl innerhalb des Substrats
als auch innerhalb des Beschichtungsstoffes nicht zerfallen, zum anderen muss der Verbund zwischen
dem Substrat und dem Beschichtungsstoff halten. Die physikalischen Begriffe Kohäsion und Adhäsion
beschreiben diese beiden Anforderungen. Sie werden im Rahmen dieser Arbeit bei der Interpretation
der unterschiedlichen Haftungsergebnisse eine wesentliche Rolle spielen. Unter der Kohäsion oder
auch der „inneren Festigkeit“ versteht man das Wirken von Anziehungskräften zwischen Atomen bzw.
Molekülen innerhalb eines Stoffes, welche den Zusammenhalt eines Stoffes, z.B. in einer Schicht ver-
ursachen (Nanetti/2004). Bei der Adhäsion werden Anziehungskräfte zwischen verschiedenen Stoffen
wirksam (Habenicht/2006). Diese Kräfte sind verantwortlich für die Haftung von Lacken auf Unter-
gründen (Nanetti/2004). In Anlehnung an die verwendeten Begriffe bei der Adsorption werden die
Kontaktpartner bei der Adhäsion als Adhärens (Substrat) und Adhäsiv (Beschichtungsmaterial) be-
zeichnet (Bischof und Possart/1982).
Der Bruch eines Lacks auf einer Oberfläche kann infolge mangelnder Kohäsion oder Adhäsion
entstehen. Weist bei einem Verbund aus Beschichtung und Substrat die Grenzschicht die geringste
Festigkeit auf, so kommt es bei entsprechend hoher Belastung zum Adhäsionsversagen, d.h. die
Beschichtung löst sich vom Substrat. Ist jedoch die Festigkeit der Beschichtungsphase geringer als die
Haftung der Beschichtung auf dem Substrat, kommt es zum Bruch innerhalb der Beschichtung, und
man spricht dann vom Kohäsionsversagen der Schicht (Meichsner et al./2003). In der Praxis gibt es
kaum klare Adhäsionsbrüche, sondern eher Mischbrüche, die Adhäsions- und Kohäsionsbrüche zu
unterschiedlichen Anteilen beinhalten. Abbildung 2.4-1 veranschaulicht die möglichen unterschiedli-
chen Brucharten an einem beschichteten Substrat.
Abbildung 2.4-1: Schematische Darstellung der unterschiedlichen Brucharten an beschichteten Substraten
42
Lewis und Saxon (1973) beschreiben einen Zusammenhang zwischen der Stärke der Haftung innerhalb
eines Verbundsystems und der nach einer mechanischen Belastung folgenden Bruchart. Der Zusam-
menhang ist in Abbildung 2.4-2 dargestellt. Mechanische Belastungen können gezielt durch zerstöreri-
sche Haftungstests an Verbundsystemen erfolgen oder ergeben sich in der Praxis durch chemisch-
physikalische Einflüsse aus der Umwelt.
Abbildung 2.4-2: Zusammenhang zwischen Bruchart und Höhe der Haftung (in Anlehnung an Lewis und Saxon [1973])
Je größer der Anteil des Kohäsionsbruches am Gesamtbruchbild ist, desto größer sind die Haftkräfte
zwischen dem Adhäsiv und dem Adhärens. Ein Kohäsionsbruch tritt dann auf, wenn die adhäsiven
Wechselwirkungen stärker sind als die Wechselwirkungen im Innern einer der beiden Phasen.
2.4.1 Haft- und Verbundfestigkeit
Zur Beschreibung von Haftkräften werden in der Oberflächentechnik häufig zwei Kenngrößen
verwendet. Diese sind
die Haftfestigkeit
H
σund
die Verbundfestigkeit V
σ.
Beide Begriffe werden häufig als Synonyme füreinander verwendet, haben jedoch nach Bischof und
Possart (1982) unterschiedliche Bedeutung. Die Haftfestigkeit, die zwei Stoffe durch Adhäsion
zusammenhält, lässt sich formal durch folgende Gleichung berechnen:
w
A
F
i
i
H
=
σ
(2.4.1-1).
43
Die Haftfestigkeit ist die vektorielle Summe aller Kraftvektoren , jeweils dividiert durch die
wahre Oberfläche (Bischof und Possart/1982). Die Gleichung 2.4.1-1 ist praktisch nicht
berechenbar und gilt eher als theoretische Definition.
H
σ
w
A
i
F
Die Verbundfestigkeit ist technisch bedeutsamer als die Haftfestigkeit und für den Ingenieur
interessanter, weil sie die letztendlich entscheidende makroskopische Festigkeit charakterisiert
(Poggel/2001). Sie ist der Quotient aus der äußeren Zugkraft zur Zerstörung eines Verbundes Fz
(Bischof und Possart/1982) und der geometrischen Fläche , der Projektion der Regressionsebene
der Bruchfläche (Poggel/2001). Die Verbundfestigkeit wird auch als Bruchfestigkeit bezeichnet und
berechnet sich nach folgender Gleichung:
V
σH
σ
G
A
G
Z
VA
F
=
σ
(2.4.1-2).
Bei einer theoretischen Berechnung von Haftfestigkeiten kommt man beispielsweise für molekulare
Dipolbindungen zu einer Größenordnung von 20 MPa, für chemische Bindungen zu einer
Größenordnung von 500 MPa (Walter/1968). Erfahrungen aus Haftungsuntersuchungen zeigen, dass
die theoretischen Haftfestigkeiten bedeutend höher liegen als die experimentell ermittelten Bruchfes-
tigkeitswerte. Bei sehr guten Beschichtungsstoffen und geeigneten Substraten liegen die Bruchfestig-
keiten bei etwa 1,5 MPa bis 2,5 MPa. Wahrscheinlich senken störende Einflüsse die theoretischen
Werte herab. Die Bruchfestigkeit eines homogenen Materials ist keine spezifische Materialkonstante,
sondern hängt in hohem Maße von sekundären Faktoren wie Kristallinität, Amorphinität, Orientierung
und Homogenität, aber auch von der Größe des Testkörpers und den Prüfbedingungen zu ihrer Be-
stimmung ab (Walter/1968).
44
2.4.2 Adhäsionstheorien
In diesem Abschnitt werden mehrere Adhäsionstheorien vorgestellt. Die einzelnen Theorien stehen
dabei nicht im Gegensatz zueinander, sondern ergänzen sich; das Potential der Theorien leidet jedoch
zum Teil daran, dass die Theorien nur für speziell herausgesuchte Faktoren eine Deutung zulassen und
die Vorgänge in ihrer Gesamtheit nicht gleichzeitig zu beschreiben vermögen. Dieses liegt im
Wesentlichen darin begründet, dass ihnen mehr oder weniger idealisierte Bedingungen zugrunde
liegen (Habenicht/1986). Für eine einwandfreie Haftung müssen auf jeden Fall zwei Bedingungen
erfüllt sein (Brock et al./2000):
Die Oberfläche des Substrats muss fest genug sein, um eine brauchbare Basis für die
Beschichtung zu bilden. Auf losem Untergrund ist keine gute Verankerung der Beschichtung
möglich.
Der Beschichtungsstoff muss so nah an die Oberfläche des Substrats gelangen, dass er dort durch
die an der Grenzfläche wirkenden Anziehungskräfte auf dem Untergrund gehalten werden kann.
Die zwei wichtigsten Arten der Adhäsion, die mechanische Adhäsion und die spezifische Adhäsion,
sind mit ihren unterschiedlichen Wirkmechanismen schematisch in Abbildung 2.4.2-1 beschrieben.
Abbildung 2.4.2-1: Einteilung der Adhäsion in mechanische und spezifische Adhäsion
45
Unter den Begriff der mechanischen Adhäsion fallen alle Haftmechanismen, die auf Verklamme-
rungseffekten, Verzahnungen und Verankerungen zwischen dem Beschichtungsmaterial und dem Sub-
strat beruhen. Unter den Begriff der spezifischen Adhäsion fallen alle chemischen und physikalischen
auf Haupt- und Nebenvalenzkräften beruhenden Haftmechanismen. Die Kräfte besitzen dabei eine
Reichweite von maximal 0,3 nm bis 0,5 nm (Haufe/2002).
Das spezifische Adhäsionsmodell umfasst eine Reihe verschiedener Theorien. Die Abbildung 2.4.2-2
gibt eine Gesamtübersicht über die verschiedenen Adhäsionstheorien. Die einzelnen Modelle werden
in den Abschnitten 2.4.2.1 bis 2.4.2.7 näher beschrieben.
Abbildung 2.4.2-2: Übersicht über die verschiedenen Adhäsionstheorien
46
2.4.2.1 Mechanisches Adhäsionsmodell
Das Modell der mechanischen Adhäsion stellt die älteste und einfachste Interpretation der Haftung
dar. Der Grundgedanke besteht in der Annahme der Verklammerung des gehärteten Beschichtungs-
stoffes mit der Oberfläche, in deren Poren bzw. Kapillaren der flüssige Beschichtungsstoff
eingedrungen ist. Zusätzlich führen die Poren zu einer Vergrößerung der Oberfläche und somit zu
einer Steigerung der einzelnen Wechselwirkungen zwischen Substrat und Beschichtungsstoff
(Weiß/2002). Eine mikroskopisch raue Oberfläche weist bei gleicher makroskopischer Ausdehnung
eine viel größere Grenzschicht zur Beschichtung auf als eine glatte. Wenn man davon ausgeht, dass
die Anzahl der Bindungspunkte proportional zur Grenzfläche zwischen dem Untergrund und der
Beschichtung ist, so vergrößert sich dadurch entsprechend die Haftfestigkeit (Brock et al./2000). Nicht
intermolekulare Kräfte bewirken hier die Haftung, sondern mechanische Kräfte. Das Eindringen des
Lackes in die Oberflächenporen ist von der Gestalt der Oberflächenvertiefungen, von der Oberflächen-
spannung sowie dem Fließverhalten des Beschichtungsstoffes abhängig (Mayer et al./2006). Durch
Newman (1968) wird das Eindringverhalten von Flüssigkeiten in zylindrische Poren nach folgender
Gleichung beschrieben:
+
=
c
ea
c
a
t
η2
cosθσr
(t)x
ct
l
2
t (2.4.2.1-1)
mit
Konstante. c
Konstante a
tnachRandwinkel Θ
ngBeschichtuderViskosität η
SubstratimPorederRadius r
t Zeit
SubstratsdesPore rmigezylinderfödieinngBeschichtuderefeEindringti xt
=
Aus der Gleichung ist zu entnehmen, dass die wesentlichen Größen des Beschichtungsstoffes, die
Einfluss auf die Eindringtiefe in ein Substrat haben, die Viskosität η und die Oberflächenspannu
l
σ sind. Wird also eine aufgeraute Oberfläche des Substrates nicht vollständig benetzt, z.B. weil der
Beschichtungsstoff zu hochviskos ist, um in die Poren eindringen zu können, bleibt die vorteilhafte
Verzahnung aus (Brock et al./2000).
ng
47
2.4.2.2 Thermodynamisches Adhäsionsmodell
Die thermodynamische Adhäsionstheorie ist die am weitesten entwickelte Theorie zur Deutung der
Adhäsion (Gleich/2004). Auf Basis der thermodynamischen Theorie wird die Adhäsion als
Benetzungsvorgang betrachtet. Mittels der Oberflächenenergie , der Grenzflächenspannung und
der Oberflächenspannung lässt sich nach der Gleichung von Dupré die thermodynamische Adhäsi-
onsarbeit bestimmen:
s
σsl
σ
l
σ
A
W
sllsA σσσW+= (2.4.2.2-1).
Die Adhäsionsarbeit WA ist die Arbeit, die benötigt wird, um eine Flüssigkeit von einem Festkörper
zu trennen (Meichsner et al./2000). Sie ist im Rahmen der thermodynamischen Adhäsionstheorie die
maßgebende Größe, die die Stärke einer Haftung zwischen einem Adhäsiv und einem Adhärens
kennzeichnet. Durch Elimination von mittels der Young-Gleichung erhält man die Young- Dupré-
Gleichung (Pocius/2002). Mittels des Kontaktwinkels θ und der Oberflächenspannung kann mit
der erhaltenen Gleichung die Adhäsionsarbeit berechnet werden:
sl
σ
l
σ
A
W
)cos1(
θ
σ
+= lA
W (2.4.2.2-2).
Basierend auf der Young-Dupré-Gleichung wird eine hohe Adhäsion immer dann erwartet, wenn der
Benetzungswinkel klein oder die Oberflächenenergie des Festkörpers groß ist. Eine weitere
Möglichkeit zur Bestimmung der thermodynamischen Adhäsionsarbeit basiert auf einem Ansatz
nach Owens und Wendt (1969), wo für die Grenzflächenspannung in der Gleichung 2.4.2.2-1 die
Gleichung 2.3.2-3 und für die Oberflächenenergie und für die Oberflächenspannung ihre
einzelnen polaren und dispersen Terme nach Gleichung 2.3-2 eingesetzt werden. Dies führt zu:
s
σ
A
W
s
σl
σ
)
d
l
d
s
p
l
p
sA σσσσ(2W += (2.4.2.2-3).
Aus der Adhäsionsarbeit auf die Festigkeit des adhäsiven Verbundes zurückzuschließen, ist
eigentlich nur unter folgenden Bedingungen zulässig: Beim Benetzen der Oberfläche darf weder eine
Vermischung der Kontaktpartnerstoffe stattfinden, noch dürfen chemische Bindungen ausgebildet
werden. Der Benetzungsprozess muss folglich reversibel sein. Im Falle der Reversibilität gilt, dass
zum Trennen der Stoffe nach dem Benetzen die gleiche Arbeit aufgewendet wird, die beim Benetzen
frei geworden ist. Derartige Energiebilanzen zur Entstehung und zur Wiederherstellung von Grenzflä-
chen existieren jedoch in der Realität nicht (Brockmann et al./2005).
A
W
48
Obwohl chemische Reaktionen und eine Diffusion von Molekülen zwischen den in dieser Arbeit ver-
wendeten Substraten und Beschichtungen nicht auszuschließen sind, wird die nach Young-Dupré be-
rechnete thermodynamische Adhäsionsarbeit WA (siehe Gleichung 2.4.2.2-2) trotzdem genutzt, um
Hinweise zu den Veränderungen der Haftkräfte zwischen der Beschichtung und dem Substrat nach
einer Plasmabehandlung zu bekommen. Eine solche Vorgehensweise ist deshalb zu vertreten, weil die
berechneten Adhäsionsarbeiten für die einzelnen Verbundsysteme nicht als absolute Beträge betrachtet
werden, sondern für den Vergleich der Energiebeträge der unterschiedlich vorbehandelten Substrate
benutzt werden. Die Voraussetzung für diese Vorgehensweise ist, dass zur Ermittlung des Randwin-
kels jeweils die gleiche Messtechnik, Messweise und Proben mit einer gleichartigen Oberflächenbe-
schaffenheit innerhalb einer Versuchsreihe verwendet werden. Der Vergleich der berechneten Adhäsi-
onsarbeiten bietet so zumindest Hinweise auf die Änderung der Wechselwirkung zwischen Beschich-
tung und Substrat nach der Vorbehandlung. Einen Anwendungsfall für die Nutzung eines thermody-
namischen Adhäsionsmodells an praxisnahen Oberflächen enthält eine Studie zur Haftungsuntersu-
chung von Thermoplasten auf plasmabehandeltem Polybutylenterephthalat (Amesöder et al./2003).
2.4.2.3 Diffusionstheorie
Die Diffusionstheorie erklärt die Adhäsion als Folge einer Wanderung von Molekülen oder Molekül-
gruppen zwischen zwei stofflichen Kontaktpartnern. Eine Voraussetzung für die Gültigkeit dieser
Theorie ist, dass beide Substanzen miteinander kombinierbar sind und eine hohe Affinität zueinander
haben. Für die Praxis gilt außerdem, dass eine Möglichkeit für molekulare Bewegungen – also eine
gegenseitige Diffusion der Materialien – gegeben sein muss. Damit begrenzt sich diese Theorie meist
auf organische, insbesondere hochmolekulare Substanzen. Die Schwierigkeit einer quantitativen Deu-
tung des Inhaltes der Theorie besteht vor allem in der wertgemäßen Erfassung der Begriffe
„Kombinierbarkeit“ und „Affinität“. Hier ist nicht nur die chemische Verwandtschaft von Bedeutung,
sondern auch andere Parameter, wie z.B. die Molekülgröße und -struktur haben entscheidenden Ein-
fluss. Experimentelle Untersuchungen haben die Gültigkeit der Theorie grundsätzlich bestätigt. Unter
anderem konnte man die Diffusionsgeschwindigkeit mit etwa 10-11 cm/s bis 10-10 cm/s bestimmen.
Folgende Beziehungen gelten zwischen der Festigkeit einer Adhäsionsverbindung und der Kontakt-
zeit, der Beweglichkeit der Moleküle, dem Kontaktdruck und der Temperatur (Walter/1968):
Die Adhäsionskraft steigt mit der Kontaktzeit.
Eine Druckerhöhung vergrößert die Kontaktfläche und damit auch die Menge diffundierender
Moleküle.
Eine Temperaturerhöhung steigert die Diffusionsgeschwindigkeit und damit auch die Festigkeit.
Kleine Moleküle und Molekülagglomerate diffundieren schneller als große Moleküle, ergeben
jedoch eine geringe Endfestigkeit.
Molekülverzweigungen, Kristallinität oder vernetzte Molekülgruppen bilden sterische Hindernisse
für die Diffusion und vermindern die Haftkraft.
49
2.4.2.4 Polarisationstheorie
Die Grundlage der Theorie besteht in dem Postulat, dass feste adhäsive Bindungen nur entstehen,
wenn beide Kontaktpartner über polare Atomgruppen verfügen und davon Dipolkräfte ausgehen, die
die Adhäsion eines Verbundes bewirken (Nikolova/2005). Dafür ist es notwendig, dass sich die
Moleküle der beiden Kontaktpartner auf einen Abstand von weniger als cm nähern. Besitzen
die Moleküle eine elektrische Polarität, so entsteht eine Kraftwirkung, die umgekehrt proportional zur
dritten Potenz des Abstandes der Moleküle voneinander ist. Die Polarisationstheorie hat die
bedeutungsvolle Begrenzung, dass sie das Adhäsionsphänomen unpolarer Substanzen nicht erklären
kann. Trotz verschiedener Einschränkungen hat der Grundgedanke der Theorie – nämlich dass die
Polarität einen wesentlichen Einfluss auf die Adhäsion hat – seine Gültigkeit behalten. Die grundsätz-
liche Richtigkeit dieser Theorie wird durch zahlreiche Beispiele bestätigt. So sei in diesem
Zusammenhang der haftverbessernde Effekt durch Zusatz von Maleinatharzen zu Lackbindemitteln
genannt. (Walter/1968).
8
105
2.4.2.5 Chemische Adhäsionstheorie
Im Vergleich zu anderen Theorien, die nur auf physikalischen Bindungen zwischen dem Adhäsiv und
dem Adhärens beruhen, setzt das chemische Adhäsionsmodell voraus, dass nicht nur zwischenmoleku-
lare Kräfte, sondern auch chemische Bindungen auftreten (Achereiner/2009). Die chemische Bindung,
auch als kovalente Bindung bezeichnet, unterscheidet sich gegenüber anderen Bindungsarten durch
ihre geringe Reichweite von 0,1 nm bis 0,2 nm (Bischof und Possart/1982) und hohe Bindungsener-
gien. Die Bindungsenergien können zwischen 60 J/mol und 700 J/mol betragen. Zum Vergleich: die
Bindungsenergien bei Dipol-Dipol-Wechselwirkungen betragen weniger als 20 J/mol (Brock et
al./2000).
2.4.2.6 Weak Boundary Layer-Theorie
Bikerman (1967) postulierte, dass zwischen zwei miteinander in Kontakt befindlichen Phasen immer
eine schwache Grenzschicht (engl.: Weak Boundary Layer) existiert. Wenn es zur Zerstörung des
Verbundes kommt, dann verläuft die Trennung der Komponenten nie direkt an einer Grenzfläche.
Diese Theorie kann aber keinen Aufschluss über die Mechanismen der Adhäsionsbindung geben. Drei
verschiedene Ursachen werden für die Ausbildung schwacher Grenzschichten aufgelistet:
Lufteinschlüsse zwischen den beiden Phasen
antiadhäsive Reaktionsprodukte
Verunreinigungen oder an die Polymeroberfläche migrierende niedermolekulare Substanzen.
50
2.4.2.7 Elektrostatische Theorie
Berühren zwei feste Körper einander, so strebt das neu entstandene System nach dem thermodynami-
schen Gleichgewicht, welches schließlich in der Gleichheit der Potentiale in den beiden Phasen zum
Ausdruck kommt. Die vor dem Kontakt zwischen den beiden verschiedenartigen Körpern vorhandene
thermodynamische Potentialdifferenz wird auf dem Weg zum Gleichgewicht durch Energie- und
Stofftransport abgebaut. Hieran beteiligen sich auch bewegliche Ladungsträger, falls sie in den Phasen
existieren. Durch ihre Diffusion in einem der beiden Körper stören sie die lokale elektrische Neutrali-
tät des Systems und bilden eine elektrische Doppelschicht am Kontakt, welche aus einer positiven und
negativen Raumladung besteht, die sich jeweils in einer der beiden Phasen befindet
(Bischof und Possart/1982). Die Verbindung zwischen beiden Phasen, dem Adhäsiv und dem
Adhärens, kann als Kondensator betrachtet werden. Die Stärke der Haftung zwischen den beiden Pha-
sen entspricht der Energie, die zur Trennung von Kondensatorplatten erforderlich ist (Petrie/2007).
2.5 Verlauf und Welligkeitsstrukturen beschichteter Oberflächen
Als Verlauf wird die Eigenschaft von Lacken bezeichnet, im Nasszustand so zu zerfließen, dass Unre-
gelmäßigkeiten der Oberfläche ausgeglichen werden (Meichsner et al./2003). In der Regel soll sich ein
Nassfilm einer Beschichtung selbstständig einebnen, um nach dem Trocknen eine plane Beschich-
tungsoberfläche zu ergeben. Als Beispiel für diesen Einebnungsprozess sei das nach dem Spritzen
anfänglich vorliegende Tröpfchengebirge betrachtet. Zunächst müssen die Tröpfchen miteinander
verfließen. Danach liegt immer noch eine stark unebene Oberfläche mit „Bergen“ und „Tälern“ vor,
und der eigentliche Verlauf beginnt (Mischke/2007). Unter der Annahme, dass zu Verlaufsbeginn eine
beschichtete Oberfläche sinusförmig strukturiert sei, gilt nach Smith et al. (1961) folgende Gleichung
für den Verlauf des Beschichtungsstoffes:
=
t
l
t
dt
t
s
a
a
0
4
34
0
)(
1
3
16
ln
η
λ
σπ
(2.5-1)
mit
ng.BeschichtuderDickemittlere s
uer Zeitdat
Viskosität η
nspannungOberfläche σ
rukturVerlaufsstdereWellenläng λ
tZeitdernachAmplitude a
ginnVerlaufsbezuAmplitude a
l
t
0
51
Die Abbildung 2.5-1 veranschaulicht die Oberflächenstruktur einer Beschichtung, die sich nach einer
Spritzapplikation auf die Substratoberfläche zu Beginn ihres Verlaufs ergibt.
Abbildung 2.5-1: Schematische Seitenansichtsdarstellung der Welligkeitsstruktur einer Beschichtung nach einer Spritzapplikation
(in Anlehnung an Mischke [2007])
Gleichung 2.5-1 zeigt, dass der Verlauf einer Beschichtung von der Viskosität, der Oberflächenspan-
nung und der Schichtdicke des Beschichtungsstoffes beeinflusst wird. Dabei ist die Viskosität eine
Funktion der Zeit t. Für die im Rahmen dieser Arbeit verwendeten reaktiven, luftfahrtspezifischen
Beschichtungsstoffe bedeutet dies, dass der Verlauf der Beschichtung indirekt vom Verarbeitungszeit-
punkt der Beschichtung nach deren Anmischung abhängen kann.
Zur Beschreibung des Verlaufes einer Beschichtung dienen die Informationen zu ihren
Welligkeitsstrukturen, die auf Fourier-Analysen des Oberflächenprofils beruhen (Osterhold und
Armbruster/1997). Die Welligkeitsstrukturen sind visuell als welliges Muster heller und dunkler Fle-
cken zu erkennen. Sie werden als Orange Peel bezeichnet. Erfahrungswerte aus der Flugzeugindustrie
zeigen, dass eine Schleifbehandlung die Entstehung von Oberflächen mit schwach ausgeprägten Wel-
ligkeitsstrukturen bzw. geringem Orange Peel begünstigt.
52
3 Plasmabehandlung und Probenmaterial
3.1 Plasmaanlage und Behandlungsparameter
Zur Plasmabehandlung wird eine kommerzielle Openair-Atmosphärendruck-Plasmadüsenanlage der
Firma Plasmatreat (siehe Abbildung 3.1-1, a) verwendet. Die Plasmabehandlungen der verwendeten
Proben erfolgen beim Fraunhofer Institut für Fertigungstechnik und angewandte Materialforschung in
Bremen und mit dem gleichen Anlagentyp bei der Airbus Operations GmbH in Hamburg. Die
Plasmadüse der Anlage kann entweder im nichtrotierenden (siehe Abbildung 3.1-1, c) oder im
rotierenden (siehe Abbildung 3.1-1, d) Betriebsmodus verfahren werden.
Die technischen Daten der Anlagenkomponenten sind:
Generator: FG 3002S
Düse: Rotationsdüse RD 1004
Düsendurchmesser (siehe Abbildung 3.1-1, b) : 20 mm
Austrittsdurchmesser (siehe Abbildung 3.1-1, b): 4 mm.
Die Gas- und elektrischen Anlagenparameter sind bei allen Versuchsreihen konstant gehalten.
Als Prozessgas wird Luft mit einem Volumenstrom von 33 l/min verwendet. Im Falle der
rotierenden Plasmabehandlung der Proben beträgt die Rotationsgeschwindigkeit der Düse grundsätz-
lich 2890 U/min.
Abbildung 3.1-1: Düse RD 1004 (a) mit Angaben zur Düsengeometrie (b), Düse im nichtrotierenden Zustand (c) und im rotierenden
Zustand (d)
53
Für die Haftungstests und Welligkeitsstruktur-Untersuchungen erfolgt eine Komplettbehandlung der
Proben bei rotierendem Betrieb der Plasmadüse. Abbildung 3.1-2 stellt schematisch die Behandlung
der Probe dar. Dabei werden mehrere Behandlungsspuren auf der Probe abgefahren. Der Abstand
zwischen den Spuren bzw. Behandlungsbahnen (Spurabstand b) beträgt 20 mm. Für die Randwinkel-
untersuchungen werden die Proben nur mit einer Behandlungsspur der Düse abgefahren.
Abbildung 3.1-2: Schematische Darstellung der Behandlungsstrecken bei einer flächigen Probenbehandlung
Variiert werden im Rahmen der Analysen zur Benetzbarkeit, Topografie, Oberflächenchemie und
Haftung die folgenden Behandlungsparameter der rotierenden Düse:
die Verfahrgeschwindigkeit der Düse entlang des Substrats vT (von 1 m/min bis 80 m/min)
der Abstand der Düse vom Substrat d (von 2 mm bis 20 mm)
die Anzahl der Behandlungen Z (von 1-fach bis 40-fach).
Bei den thermografischen Untersuchungen werden nur die Verfahrgeschwindigkeit und der Abstand
der Düse variiert. Die Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse entlang der Probe wird über eine
automatische Bewegungseinheit eingestellt, an dem die Plasmadüse befestigt ist, oder dadurch dass die
Probe auf einem Verfahrtisch an der Plasmadüse vorbei gefahren wird. Der Abstand der Düse zur
Probe wird vor jeder Behandlung über Normdistanzstücke eingestellt. Eine aktive Abstandsregelung
zwischen der Plasmadüse und dem Substrat gibt es nicht. Gekrümmte Proben können daher zu Ände-
rung des Abstandes während der Behandlung führen. Bei den verwendeten Proben sind die
Krümmung und der sich daraus ergebende Fehler aber als nicht relevant einzustufen.
Bei den Untersuchungen zur Messung der Behandlungsbreite des Plasmastrahls wird die Düse im
nichtrotierenden Betrieb mit einer Geschwindigkeit von 120 m/s (auf Polypropylen) verfahren. Diese
Geschwindigkeit entspricht ungefähr der Tangentialgeschwindigkeit eines Plasmastrahls mit einer
rotierenden Plasmadüse mit einer Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min und einer Rotationsfrequenz
von 2890 U/min.
54
3.2 Materialaufbau und Messoberflächen der Proben
Für die topografischen, chemischen und mikroskopischen Analysen der Beschichtungsoberflächen
sowie für die Haftungstests werden chromsäureanodisierte (CAA, engl. Chromic Acid Anodized)
Probeplatten aus Aluminium mit den Abmessungen 80 mm x 150 mm verwendet. Diese sind mit
unterschiedlichen Vorbeschichtungsstoffen des Seitenleitwerks beschichtet. Die Vorbeschichtungs-
stoffe sind ein Grundanstrich, ein Antistatiklack oder ein Antierosionslack. Die Haftungstests erfolgen
an den Proben, nachdem sie mit dem Außengrundanstrich bzw. dem Decklack beschichtet worden
sind. Für die Haftungstests wird nicht der komplette Beschichtungsaufbau des Seitenleitwerks (SLW)
auf die Aluminium-Probeplatten aufgetragen. Der Grund hierfür ist, die Anzahl zusätzlicher potentiel-
ler Bruchstellen im Beschichtungsverbund zu reduzieren. Proben, die bei den Haftungsuntersuchungen
nicht einer vorherigen Wasserauslagerung (Stirnabzugstest und Gitterschnitttest) unterzogen werden,
haben den in Abbildung 3.2-1 (links) dargestellten Beschichtungsaufbau. Die Applikation des Außen-
grundanstrichs bzw. des Decklacks erfolgt nach der Vorbehandlung der Proben. Diese ist entweder
eine Schleifbehandlung mit vor- und nachgeschalteter Isopropanol-Reinigung – die Proben nach solch
einer Vorbehandlung werden im Rahmen dieser Arbeit vereinfacht als geschliffene Proben bezeichnet
– oder eine Plasmabehandlung mit vorgeschalteter Isopropanol-Reinigung – die Proben nach solch
einer Vorbehandlung werden vereinfacht als plasmabehandelte Proben bezeichnet. Die Referenzmes-
sungen erfolgen an Proben, die vor ihrer Beschichtung nur mit Isopropanol gereinigt werden und in
dieser Arbeit auch als unbehandelte Proben bezeichnet werden. Zum Schleifen der Oberflächen wer-
den Scotch Brite-Nylonschleifkissen der Firma 3M verwendet. Die Lagerungszeit für die plasmabe-
handelten Proben beträgt vor der Applikation des Außengrundanstrichs bzw. Decklacks höchstens 5 h,
was der maximalen Lagerzeit innerhalb des industriellen Ablaufs zwischen der Vorbehandlung und
der Beschichtung entspricht. Nur bei den Untersuchungen zur Stabilität der Plasmabehandlungseffekte
am Substrat werden die Lagerzeiten zwischen 0 h und 720 h (30 d) variiert. Innerhalb einer Versuchs-
reihe werden stets Proben verwendet, die mit identischen Beschichtungsstoffen vom selben Lackierer
unter möglichst gleichen Umwelt- und Trocknungsbedingungen lackiert worden sind. Proben, die bei
den Haftungsuntersuchungen vorher in Wasser gelagert werden, sind zwischen der CAA-Schicht und
der SLW-Vorbeschichtung mit einem zusätzlichen chromathaltigen Epoxid-Grundanstrich (für die
spezielle Anwendung auf Metallen) beschichtet. Der Aufbau ist schematisch in Abbildung 3.2-1
(rechts) dargestellt. Bei Vorversuchen hat sich nämlich herausgestellt, dass es nach der Auslagerung
der Proben in Wasser ohne solch eine Zwischenschicht zu einer Ablösung der Vorbeschichtungen von
der CAA-Schicht kommen kann. Der Epoxid-Grundanstrich gewährleistet einen starken, wasserbe-
ständigen Verbund zwischen der SLW-Vorbeschichtung und der CAA-Schicht. So wird bei den Haf-
tungsuntersuchungen verhindert, dass Brüche unterhalb der im Vordergrund stehenden Grenzschicht
zwischen der SLW-Vorbeschichtung und dem Epoxid-Außengrundanstrich bzw. dem Polyurethan-
Decklack entstehen und dadurch eine Bewertung der Haftung an dieser Grenzschicht erschweren oder
gar unmöglich machen.
55
Abbildung 3.2-1: Beschichtungsaufbau und Messoberflächen der Proben für Haftungsuntersuchungen ohne und mit vorheriger
Wasserauslagerung
Für die Untersuchungen der Welligkeitsstrukturen (Orange Peel) werden Probeplatten in DIN A3-
Größe benutzt, die mit einem Epoxid-Grundanstrich vorbeschichtet sind. Bei Vergleichsmessungen
von Probenoberflächen mit unterschiedlichem Beschichtungsaufbaus und von Seitenleitwerksoberflä-
chen hat sich nämlich gezeigt, dass mit einem zusätzlichen Epoxid-Grundanstrich als Vorbeschichtung
die Welligkeitsstrukturen der vorbeschichteten Seitenleitwerksoberfläche im Anlieferungszustand
besser simuliert werden als ohne diese.
Zur Untersuchung des Einflusses der Vorbehandlungsverfahren auf den Orange Peel wird jeweils ein
Prüfblech pro Oberflächenvorbehandlung im sichtbaren Beschichtungsaufbau des Seitenleitwerks
erstellt. Bei den Untersuchungen werden die Welligkeitsstrukturen aller messbaren Einzelschichten
betrachtet. Messungen des Orange Peels auf der Antistatiklackoberfläche sind nicht möglich.
56
In der Abbildung 3.2-2 sind jeweils der Beschichtungsaufbau und die Messoberflächen der einzelnen
Proben schematisch dargestellt, die für die Analysen des Effekts der Vorbehandlung auf den Orange
Peel verwendet werden. Die Abbildung 3.2-3 zeigt zusätzlich zur besseren Veranschaulichung eine
fotografische Draufsichtaufnahme einer Probe, die den Aufbau 3 aus Abbildung 3.2-2 hat.
Abbildung 3.2-2: Beschichtungsaufbau und Messoberflächen der Proben für Orange Peel-Untersuchungen
57
Antierosionslack
Antistatiklack
Decklack Grundanstrich
Abbildung 3.2-3: Draufsicht auf eine Probe für Welligkeitsstrukturuntersuchungen (Aufbau 3)
Zur Untersuchung des Einflusses der Variation lackiertechnischer Parameter auf den Orange Peel der
Beschichtung werden keine einzelnen Segmente auf den Probeblechen abgeklebt. Es wird bei der
Orange Peel-Analyse nur die Oberfläche des Decklacks auf Antistatiklack-Proben betrachtet. Das
Alter der Beschichtungen beträgt zum Zeitpunkt der Orange Peel-Analyse mindestens 1 d, die
Beschichtungen innerhalb einer Versuchsreihe befinden sich im gleichen Alterungszustand.
Für die thermografischen Untersuchungen werden Platten aus kohlenfaserverstärktem Kunststoff mit
einer Dicke von ca. 7 mm verwendet, auf denen sich der Grundanstrich des Seitenleitwerks (SLW)
befindet und die mit metallischen Verbindungselementen des SLW versetzt sind. Der Aufbau soll
möglichst realitätsnahe die Struktur des SLW simulieren.
Folgende industrielle Beschichtungsstoffe werden zur Herstellung der Proben verwendet:
Vorbeschichtungsstoffe
Epoxid-Grundanstrich: Seevenax-Grundanstrich 113-22
Der Seevenax-Grundanstrich 113-22 ist eine chromathaltige Drei-Komponenten-Grundierung auf
Epoxidharzbasis für die Anwendung auf Metallen. Das Produkt zeichnet sich durch seine korrosions-
schützende Wirkung sowie durch seine Beständigkeit gegen luftfahrtspezifische Chemikalien aus. Die
Trockenschichtdicke der Beschichtung beträgt zwischen 20 µm und 25 µm (Mankiewicz 113-82-
TDB/2008).
Epoxid-Grundanstrich: Epoxy Primer 37035A
Der Grundanstrich 37035A ist eine aminhärtende Zwei- oder Dreikomponentengrundierung auf
Epoxidharzbasis für den Einsatz im Innen- und Außenbereich. Der Anstrich haftet auf entfetteten,
verdichteten oder nicht verdichteten anodisierten Oberflächen. Der Grundanstrich ist beständig gegen
Hydrauliköle und Chemikalien, wie sie für Flugzeuge eingesetzt werden. Die Trockenschichtdicke der
Beschichtung beträgt zwischen 15 µm und 20 µm (ANAC 37035A-TDB/2007). Der Epoxid-
Grundanstrich wird als Haftvermittler an Proben verwendet, die einer vorherigen Auslagerung in Was-
ser unterzogen werden.
58
Polyurethan-Grundanstrich: Alexit -Grundbeschichtung 343-21
Die Alexit-Grundbeschichtung 343-21 ist ein wasserverdünnbarer, chromatfreier Zwei-Komponenten-
Grundanstrich auf Polyurethanbasis für Faserverbund-Kunststoffe und metallische Untergründe im
Flugzeugbau innen und außen. Die Trockenschichtdicke der Beschichtung beträgt zwischen 30 µm
und 40 µm (Mankiewicz 343-21-TDB/2008).
Polyurethan-Antistatiklack: Antistatic 5420/2620
Dieser elektrisch leitfähige Polyurethan-Beschichtungsstoff wird zur Vermeidung statischer
Aufladung auf Radomen und SLW-Nasenteilen eingesetzt. Die Trockenschichtdicke beträgt zwischen
25 µm und 50 µm (PPG Antistatic-TDB/2002).
Polyurethan-Antierosionslack: Celoflex 95 5478/0000
Dieser hochelastische Polyurethan-Beschichtungsstoff wird auf Radomen und SLW-Nasenteilen ein-
gesetzt. Durch den Einsatz von Celoflex 95 lassen sich erosionsbeständige Lackaufbauten erzeugen.
Die Trockenschichtdicke beträgt zwischen 80 µm und 100 µm (PPG Celoflex 95-TDB/2000).
Außenbeschichtungsstoffe
Epoxid-Außengrundanstrich: Aviox chromatfreier Primer 37124
Der Aviox chromatfreie Primer 37124 ist ein chromatfreier, lösemittelarmer Zwei-Komponenten
Amino-Epoxid-Grundanstrich für den Gebrauch der Flugzeugaußenlackierung. Das Produkt zeichnet
sich durch seine Haftfestigkeit auf Verbindungselementen, Beständigkeit gegen luftfahrtspezifische
Hydraulikflüssigkeiten und Chemikalien, korrosionsinhibierende Wirkung und seine Kompatibilität zu
Polyurethan- und Epoxid-Beschichtungen aus. Die Verarbeitungszeit des Außengrundanstrichs dauert
bis zu 2 h, die Trockenschichtdicke beträgt zwischen 15 µm und 30 µm (ANAC 37124-TDB/2007).
Polyurethan-Decklack: Aviox Finish 77702
Aviox Finish 77702 ist ein hochglänzender, lösemittelarmer Drei-Komponenten-Decklack auf Polyu-
rethanbasis. Das Produkt zeichnet sich durch seine Beständigkeit gegen UV-Belastungen sowie die
Beständigkeit gegen luftfahrtspezifische Hydraulikflüssigkeiten und Chemikalien aus. Die Verarbei-
tungszeit des Grundanstrichs dauert bis zu 2 h, die Trockenschichtdicke beträgt zwischen 50 µm und
150 µm (ANAC 77702-TDB/2007).
Die genannten Beschichtungsstoffe erfüllen die Spezifikationen des Flugzeugherstellers Airbus und
werden gemäß den Angaben der technischen Datenblätter der Hersteller der Beschichtungsstoffe auf
die Proben aufgetragen. Die Trocknung der Beschichtungen erfolgt bei Raumtemperatur. Die
Einhaltung der vorgegebenen Schichtdicken wird in dieser Arbeit grundsätzlich durch die Messung
von Trockenschichtdicken überprüft. Eingesetzt werden dazu Wirbelstrom-Schichtdickenmessgeräte.
59
4 Mess- und Untersuchungsmethoden
4.1 Untersuchung der Substratoberflächen
4.1.1 Randwinkelmessung
Mit Hilfe der Randwinkelmessung wird der Effekt einer Vorbehandlung auf die Benetzbarkeit der
Substratoberfläche und der Änderung ihrer Oberflächenenergie untersucht. Die Änderung des polaren
Anteils der Oberflächenenergie ist dabei ein Maß für den Umfang, in dem mit einer Plasmabehand-
lung an der Oberfläche neue polare Gruppen gebildet werden (Hild/1993). In dieser Arbeit erfolgt
grundsätzlich eine dynamische Randwinkelmessung mit dem Fortschreitwinkel an den Proben. Die
plasmabehandelten Proben werden für die Randwinkeluntersuchungen fast alle nur mit einer Spur
behandelt, gemessen wird an der Spurmitte. Als Randwinkelmessgerät wird das Gerät G2 der Firma
Krüss verwendet. Die Zufuhr der Testflüssigkeit erfolgt automatisch über eine Kanüle auf die Probe.
Der Volumenstrom beträgt dabei 12 µl/min. An dem wachsenden Tropfen werden über eine Digital-
kamera die Tröpfchenkontur erfasst und die einzelnen Fortschreitwinkel an dem zunehmenden Trop-
fen gemessen. Pro Sekunde erfolgt eine Messung. Die Messzeit beträgt 25 s, so dass insgesamt 25
Fortschreitwinkel erfasst werden. Der Randwinkel wird aus dem Mittelwert der einzelnen Messungen
mit der Standardabweichung bestimmt. Das Prinzip der dynamischen Messung ist schematisch in Ab-
bildung 4.1.1-1 an einem Tropfen dargestellt. Zu sehen sind in der Abbildung exemplarisch vier ein-
zelne Fortschreitwinkel ( , , und ). Der theoretische Durchmesser eines 6 µl Randwinkel-
tropfens mit einem Randwinkel von 90° beträgt 2 mm bei Annahme einer Halbkugel. Da der Rand-
winkel bei gut benetzbaren Oberflächen deutlich kleiner ist, ist die benetzte Oberfläche (bzw. der
Durchmesser des Randwinkeltropfens) auf den vorbehandelten Proben deutlich größer als
2 mm. Auch auf schlecht benetzenden Bereichen, die an gut benetzende Bereiche grenzen, kann der
Tropfen deutlich deformiert werden. So kann der Tropfen vom schlecht benetzenden Bereich in den
gut benetzenden Bereich gezogen werden, und einen höhere Oberflächenenergie an der Stelle vortäu-
schen. Ein Beispiel in dieser Arbeit, wo dieses Phänomen auftreten kann, sind die durchgeführten
Messungen an den Randbereichen der Plasmabehandlungsspur.
1
θ2
θ3
θ4
θ
60
Abbildung 4.1.1-1: Prinzip der Bestimmung des Randwinkels per Fortschreitwinkelmessung (Ehrenstein/2003)
Grundsätzlich werden drei verschiedene Testflüssigkeiten für die Randwinkelmessungen zur Berech-
nung der Oberflächenenergie verwendet. Sie wurden nach den Kriterien ausgewählt, dass die polaren
und dispersen Teile der Oberflächenspannungen einen möglichst breiten Bereich abdecken und nicht
mit der Probenoberfläche chemisch reagieren. Außerdem sollte die Verdampfungsenthalpie der Flüs-
sigkeiten nicht niedrig sein, damit sich der Tropfen während der Messung nicht verändert (De Bruyne
und Houwink/1957). Tabelle 4.1.1-1 zeigt in einer Übersicht die polaren und dispersen Teile der Ober-
flächenspannungen der verwendeten Testflüssigkeiten Wasser, Dijodomethan und Ethylenglykol.
Tabelle 4.1.1-1: Zusammensetzung der Oberflächenspannung der verwendeten Testflüssigkeiten (Fowkes/1964; Ström et al./1987)
Testflüssigkeit Oberflächenspannung
[mN/m]
disperser Teil der
Oberflächenspannung
[mN/m]
polarer Teil der
Oberflächenspannung
[mN/m]
Wasser 72,8 21,8 51,0
Dijodomethan 50,8 50,8 0
Ethylenglykol 47,7 30,9 16,8
In Hinblick darauf, die Adhäsionsarbeit nach der Young-Dupré-Gleichung (siehe Gleichung 2.4.2.2-2)
zu bestimmen, werden auch der Außengrundanstrich und der Decklack als benetzende Flüssigkeiten
verwendet. Hierzu erfolgt eine Zehnfachmessung der Randwinkel von Lacktropfen auf großflächig
vorbehandelten Grundanstrich- und Antierosionslack-Proben.
61
4.1.2 Rasterelektronen- und Lichtmikroskopie
Die Rasterelektronenmikroskopie (engl.: Scanning Eletronic Microscopy, SEM) wird in dieser Arbeit
benutzt, um anhand von Draufsichtaufnahmen die Topografie der Substratoberfläche vor und nach
einer Vorbehandlung der Substratoberfläche zu analysieren. Bei der SEM wird die Probenoberfläche
mittels eines gebündelten Elektronenstrahls rasterförmig abgetastet, mit der elektronenoptische Ober-
flächenbilder erzeugt werden. Das Rasterelektronenmikroskop zeichnet sich im Vergleich zum Licht-
mikroskop durch ein vielfach höheres Auflösungsvermögen aus. Die hohe Schärfentiefe des Raster-
elektronenmikroskops gegenüber dem Optikmikroskop beruht im Wesentlichen auf den geringen Ab-
lenkwinkeln der Elektronen an der Probe. Durch den Elektronenstrahl werden auf der Oberfläche
Rückstreuelektronen sowie Röntgenstrahlen und vor allem Sekundärelektronen erzeugt. Die aus der
Probenoberfläche herausgelösten Rückstreu- und Sekundärelektronen werden mittels Szintillator und
Photomultiplier verstärkt und zur Abbildung genutzt. Rückstreuelektronen sind elastisch gestreute
Primärelektronen mit unveränderter Energie. Ihre Häufigkeit nimmt mit der Ordnungszahl der streu-
enden Elemente zu, und sie liefern das Signal zur Hell-Dunkel-Kontraststeuerung einer synchron ge-
steuerten Bildröhre. Die Austrittswahrscheinlichkeit von Sekundärelektronen, die innerhalb der Probe
durch Stoßionisation erzeugt werden, korreliert mit der Oberflächenmorphologie und wird wegen ihrer
besseren Ortsauflösung zur Abbildung benutzt. Eine elektrische Aufladung der Proben durch Elektro-
nenabsorption aus dem Primärstrahl muss unterdrückt werden, um eine Abbildung zu ermöglichen
(Goodhew et al./2000). Dazu werden Proben mit geringer elektrischer Leitfähigkeit wie die in dieser
Arbeit untersuchten Beschichtungen in einer Sputteranlage mit einer Platinschicht im Nanometerbe-
reich versehen, so dass eine ausreichende elektrische Leitfähigkeit gegeben ist.
Die mikroskopischen Aufnahmen werden an einem Labor der Airbus Operations GmbH und an einem
Labor des Fraunhofer-Instituts in Bremen durchgeführt. Für die SEM-Aufnahmen kommen bei Airbus
ein Smart SEM TM SUPRA 35VP-Gerät der Firma Zeiss und am Fraunhofer-Institut ein 438 VP der
Firma LEO in Bremen zum Einsatz. Mit dem Elektronenstrahl können Strukturen bis zu 0,001 mm
aufgelöst werden. Die Beschleunigungsspannung des Elektronenstrahls auf die Probe kann bei den
Geräten zwischen 300 V und 30 kV eingestellt werden. Ergänzt werden die SEM-Draufsicht-
aufnahmen durch Querschnittsaufnahmen von den Proben mit einem Auflichtmikroskop Axiophot der
Firma Zeiss, um gegebenenfalls strukturelle Veränderungen innerhalb der Beschichtung nach einer
Vorbehandlung festzustellen. Die Querschnitte der Proben werden mit SiC - und Diamanttrennschei-
ben hergestellt. Die Proben werden dann in einem kalt-polymerisierenden Kunststoff eingebettet, be-
vor sie per Lichtmikroskopie gemessen werden.
62
4.1.3 Röntgen-Photoelektronenspektroskopie
Die Röntgen-Photoelektronenspektroskopie (engl.: X-ray Photoelectron Spectroscopy; XPS) dient der
Ermittlung der chemischen Zusammensetzung der obersten Atomlagen der Substratoberflächen. Das
Prinzip der XPS besteht in der Bestrahlung einer Probe mit Röntgenstrahlen bekannter Quantenenergie
und in der Messung der kinetischen Energie der emittierten Photoelektronen. Infolge des
Auftreffens und Eindringens der Röntgenstrahlung findet neben anderen Prozessen der innere photo-
elektrische Effekt statt. Aus kernnahen Orbitalen und aus Valenzorbitalen werden Elektronen heraus-
geschlagen. Da die Primärenergie der Röntgenstrahlung höher als die Bindungsenergie der Elektronen
im Atom ist, erhalten die Photoelektronen eine kinetische Energie , die das Verlassen der
Photoelektronen aus dem Atomverband und gegebenenfalls der Probenoberfläche ermöglicht. Aus der
Differenz aus bekannter Quantenenergie und gemessener kinetischer Energie der Photoelektronen
ergeben sich die Bindungsenergien der Elektronen, die für jedes Orbital eines Elementes charakteris-
tisch sind. Somit kann anhand der berechneten Bindungsenergien auf die Herkunft der Photoelektro-
nen geschlossen und die Art der in der Probe vorhandenen Elemente bestimmt werden. Das gilt jedoch
nur für Photoelektronen von Atomen, die sich nahe der Oberfläche befinden. Photoelektronen, die von
Atomen aus der Volumenphase der Probe stammen, dissipieren ihre kinetische Energie mit hoher
Wahrscheinlichkeit ganz oder partiell an den Elektronenhüllen anderer Atome und können nur Beiträ-
ge zum Spektrenhintergrund liefern. Unterschiedliche Bindungspartner beeinflussen die Elektronen-
dichteverteilung um ein Atom in unterschiedlicher Weise. Die Ablösearbeit eines Elektrons als Funk-
tion der Elektronendichteverteilung wird somit durch die chemische Umgebung des Atoms beein-
flusst. Resultierende chemische Verschiebungen der Bindungsenergie um einige Zehntel bis einige
Elektronenvolt gestatten Rückschlüsse auf die chemische Struktur, insbesondere auf die Art funktio-
neller Gruppen und den Oxidationszustand bestimmter Elemente (Kabir/2004). Im Prinzip können mit
der XPS-Analyse alle Elemente nachgewiesen werden, lediglich Wasserstoff und Helium sind auf
Grund des sehr kleinen Wirkungsquerschnittes für die Ionisation (bei den verwendeten Anregungs-
energien) nicht nachweisbar. XPS-Messungen müssen unter Vakuumbedingungen durchgeführt wer-
den. Die Druckreduzierung dient zum einen dazu, die bereits auf der Oberfläche adsorbierten Gasmo-
leküle zu entfernen und somit die eigentliche Oberfläche des Festkörpers freizulegen. Zum anderen
wird die Anlagerung weiterer bzw. neuer Atomlagen auf der Probenoberfläche verhindert, die bei
höheren Drücken durch Adsorption von Gasen im System möglich ist.
υh
kin
E
63
Die Abbildung 4.1.3-1 zeigt das Prinzip der XPS-Messung.
Abbildung 4.1.3-1: Prinzip der XPS-Messung (Lukowski /2009)
In der vorliegenden Arbeit kommt überwiegend das Röntgen-Photoelektronenspektrometer Ultra-
System der Firma Kratos Analytical am Fraunhofer Institut für Fertigungstechnik und angewandte
Materialforschung in Bremen zum Einsatz. Die Nachweisgrenze des Geräts liegt bei ca. 0,1 Atompro-
zent. Zur Bestrahlung der Proben wird eine monochromatische Al Strahlungsquelle verwendet.
Die Analysenfläche der Proben beträgt bei den Messungen höchstens ca. 0,7 mm x 0,7 mm. Die
Passenergie (Maß für die Energieauflösung) hat in den Übersichtsspektren einen Wert von 160 eV und
in hochaufgelösten Linienspektren einen Wert von 20 eV. Mit der Messung kann eine Informations-
tiefe von bis zu 10 nm erreicht werden. Die Messungen auf den plasmabehandelten Proben erfolgen,
wenn nicht anders bei der Auswertung der Ergebnisse angegeben wird, auf der Spurmitte von Plasma-
behandlungsspuren. Die XPS-Analyse wird in dieser Arbeit auch in Kombination mit einem
Sputterverfahren genutzt, um ein chemisches Tiefenprofil vom Substrat zu erstellen. Indirekt soll so
durch den Vergleich mit plasmabehandelten Proben auf mögliche abrasive Effekte durch das Plasma
zurückgeschlossen werden. Dies geschieht auf folgende Weise: Durch sukzessives Absputtern der
Oberfläche mit Argon-Ionen und einer anschließenden XPS-Analyse wird ein chemisches Tiefenprofil
vom unbehandelten Substrat erstellt. Werden nun bei der XPS-Analyse des plasmabehandelten
Substrats charakteristische Elemente festgestellt, die beim Absputtern des unbehandelten Substrats in
tieferen Bereichen bestimmt worden sind, weist dies möglicherweise auf abrasive Effekte des Plasmas
hin. Das Tiefenprofil wird an einem Labor der EADS Innovations Works in Ottobrunn erstellt. Als
XPS-Gerät wird dazu das Quantum 2000 Scanning ESCA Microprobe der Firma Physical
α
K
64
Electronics eingesetzt. Zur Bestrahlung der Proben wird wie bei den Messungen am Fraunhofer
Institut eine monochromatische Al Ktrahlungsquelle verwendet. Der Messfleckdurchmesser beträgt
ca. 10
Linienspektren 11,75 eV.
Die Auswertung der Spektr
αS
di
0 µm. Die Passenergie für e Übersichtspektren beträgt 117,40 eV, für die hochaufgelösten
en erfolgt an den beiden Instituten vor Ort.Die berechneten Relativkonzent-
4.1.4 Chemische Rasterkraftmikroskopie
ical Force Microscopy, CFM) ermöglicht die
as Messprinzip der klassischen Rasterkraftmikroskopie
ge-
et al. (1997) verwiesen.
rationen der funktionellen Gruppen ergeben sich aus dem Anteil der funktionellen Gruppen am Koh-
lenstoff.
Die chemische Kraftmikroskopie (engl.: Chem
nanometergenaue topographische und spezifische chemische Abbildung beliebiger Oberflächen. Inte-
ressante Einsatzgebiete für die CFM finden sich in der lackverarbeitenden Industrie, wo es darauf
ankommt, Oberflächen für eine gute Haftung von Lack, z.B. durch eine Plasmabehandlung,
vorzubereiten. So lassen sich mit der CFM gut die Homogenität und Behandlungsbreite von Plasma-
behandlungen bestimmen (Akari et al./2005).
Der chemischen Rasterkraftmikroskopie liegt d
(engl.: Atomic Force Microscopy; AFM) zugrunde, die von Binnig et al. (1986) entwickelt wurde. Bei
der AFM tritt eine sehr feine Messsonde, welche die Spitze eines etwa 100 μm bis 200 μm langen
Federbalkens (engl.: Cantilever) bildet, mit der Probenoberfläche in Wechselwirkung und wird in xy-
Richtung über diese gerastert. Die Verbiegung des Cantilevers wird durch die Ablenkungen eines auf
die Spitze gerichteten Laserstrahls detektiert und zusammen mit den Rasterinformationen zur
Abbildung genutzt. Für die Detektion des abgelenkten Laserstrahls wird eine positionsempfindliche
Vier-Quadranten-Photodiode verwendet (siehe Abbildung 4.1.4-1). AFM und CFM unterscheiden sich
dadurch, dass bei der CFM ausschließlich chemisch einheitlich modifizierte Sondenspitzen genutzt
werden und die Messungen in flüssigen Abbildungsmedien erfolgen. Zur Modifikation der
Sondenspitze werden meist niedermolekulare, sich selbst organisierende Moleküle verwendet. Die auf
diese Weise erzeugten Monoschichten weisen eine definierte kristalline Struktur auf und erlauben die
Terminierung der Sondenspitze mit definierten funktionellen Gruppen (Schneider/2002). Die Stärke
der an einem Ort der Oberfläche gemessenen spezifischen Wechselwirkung zwischen der Messsonde
und der Probenoberfläche erlaubt Rückschlüsse über die Dichte der spezifisch detektierten chemischen
Endgruppen der Probenoberfläche. Beim Abtasten der Oberfläche wird die chemische Messsonde an
jedem Messpunkt mit der Oberfläche in Kontakt gebracht und wieder getrennt (Akari/2006). Beim
Trennen wird an jedem Messpunkt eine Adhäsionskraft adh
F zwischen der CFM-Messsonde und der
Probe gemessen. Es existiert eine Reihe von Daten z nterschiedlichen Adhäsionskräften adh
F
zwischen CFM-Messsonden und chemisch definierten Probenoberflächen unter verschiedenen Um
bungsbedingungen (Luft, organischen Lösemitteln und Wasser). Hierzu sei auf die Übersicht von Noy
u u
65
Die Abbildung 4.1.4-1 zeigt in einer schematischen Darstellung das Messprinzip der CFM mit einer
H3-funktionalisierten Messsonde. C
Abbildung 4.1.4-1: Darstellung des Messprinzips der CFM mit einer CH3-funktionalisierten Messsonde, die sich in adhäsiver
Wechselwirkung mit einer hydrophoben Spezies befindet (in Anlehnung an Akari [2006] und an Schieferdecker [2005])
erden als hydrophob eingeordnet; Messpunkte, mit denen eine CH3-funktionalisierte Messsonde in
Messpunkte, mit denen eine CH3-funktionalisierte Messsonde in starke adhäsive Wechselwirkung tritt,
w
schwache Wechselwirkung tritt, sind als hydrophil einzuordnen. Die erfassten Daten einer CFM-
Messung können bildgebend oder spektral ausgewertet werden; beide Evaluationsverfahren werden in
dieser Arbeit angewendet. Ferner ist es möglich, mit der Rasterkraftmikroskopiemesssonde
spektroskopische Messungen an definierten Messwegen quer zur Plasmabehandlungsspur oder auf ihr
entlang durchzuführen. Dieses Messverfahren kann angewendet werden, um die Breite, die Homoge-
nität und die chemische Beschaffenheit von Plasmabehandlungsspuren zu messen und zu beschreiben.
In der vorliegenden Arbeit wird für die CFM-Analyse ein MultiMode- AFM-Gerät der Fima Veeco mit
dem Controller 3A an einem Labor der Firma Nanocraft eingesetzt. Die Plasmabehandlung der Proben
wird am Fraunhofer-Institut in Bremen durchgeführt, danach werden die behandelten Proben in einem
mit Argongas gefüllten Behälter für die CFM-Analyse zur Firma Nanocraft in Enningen überführt.
Zur Herstellung der CFM-Messsonden werden handelsübliche AFM-Spitzen eingesetzt, die mit einer
70 nm Goldschicht bedampft und anschließend mit CH3-Gruppen hydrophobiziert sind. Der
Krümmungsradius der Messsonde beträgt ca. 20 nm. Die Messungen werden in einem wässrigen
Umgebungsmedium durchgeführt.
66
4.1.5 Messung der Oberflächentemperatur
ie Messung der Oberflächentemperatur soll dazu dienen, mögliche Effekte einer thermischen Degra-
dation der Substratoberfläche durch die Plasmabehandlung zu bewerten und die Prozessparameter
industriellen Bauteil maximal zulässigen
4.2.1 Messung der Oberflächenspannung
cks werden bestimmt,
um zum einen die Adhäsionsarbeit zu berechnen und zum anderen den Einfluss der Oberflächenspan-
n Abhängigkeit von der Verarbeitungszeit der Be-
essung wird die Oberflächenspannung bestimmt, indem eine Kraft
emessen wird, mit der eine aufgeraute Platinpla Zwischen
bereinigten Wilhelmy-Kraft FWL der Platte , dem
D
Verfahrgeschwindigkeit und Düsenabstand anhand der am
Temperatur von 80 °C für eine Anwendung einzugrenzen. Zur Untersuchung der Oberflächentempera-
tur des Substrats wird eine Taurus 110k SM Pro-Infrarotkamera benutzt. Bei der Infrarotkamera han-
delt es sich um eine 168 Hz Vollbildfrequenz-kamera. Die Anlage verfügt über einen Cadmium-
Quecksilber-Tellurid-Detektor. Die Integrationszeit der Kamera beträgt 1 ms bei einer Bildrate von
140 Bilder /s. Das Bildformat beträgt 384 x 288 Pixel. Vor der Durchführung der Temperaturmessun-
gen ist eine Kalibrierung der Kamera an der Messoberfläche erforderlich, da die Infrarotemissionen
materialabhängig sind. Dazu wird das Substrat in einem Ofen bei einer definierten Temperatur von
80° ± 1° C erhitzt. Nach der Kalibrierung kann eine Genauigkeit von bis zu 1 K bei den Messungen
erreicht werden.
4.2 Untersuchung der flüssigen Außenbeschichtungsstoffe
Die Oberflächenspannungen des flüssigen Außengrundanstrichs und des Deckla
nung auf den Verlauf der Außenbeschichtung i
schichtungsstoffe zu bewerten. Zur Bestimmung der Oberflächenspannung werden zwei unterschiedli-
che Verfahren angewendet.
Wilhelmy-Platten-Messung
Bei der Wilhelmy-Platten-M l
σ
tte in die Flüssigkeit hineingezogen wird.
, der benetzten Länge
g
der um das Gewicht der Platte
an der Platte gemessenen Randwinkel θ und der Oberflächenspannung l
σ gilt folgende Gleichung:
θ
σ
cos
=L
FW
l (4.2.1-1).
m den Schwierigkeiten der Randwinkelbestimmung aus dem Weg zu gehen, ist die Oberfläche auf-
gerauht. Diese Oberflächenbehandlung gewährleistet, dass der Randwinkel zwischen der
Flüssigkeit und der Platte nahezu 0° ist. Die benetzte Länge L entspricht dem Umfang der Platte.
U
67
Der Umfang beträgt bei den durchgeführ
Messung wird in der Abbildung 4.2.1-1 veranschaulicht.
ten Messungen 40 mm. Das Prinzip der Wilhelmy-Platten-
Abbildung 4.2.1-1: Darstellung des Messprinzips der Wilhelmy-Platten-Messung
Die Bestimmung der Oberflächenspannung basiert auf Dreifachmessungen. Die Messung wird
15 min nach der Anmischung des Beschichtungsstoffs durchgeführt. Für die Messung wird eine
DCAT 11-Anlage der Firma Dataphysics verwendet.
Du Noüy-Ring-Messung
Alternativ zur Wilhelmy-Platten-Messung wird die Oberflächenspannung des Außengrundanstrichs
und des Decklacks über die Du Noüy-Ring-Messung bestimmt. Die Messung erfolgt mit einem
Tensiometer der Firma Krüss. Dabei wird ein horizontaler Platinring mit bekanntem Radius R in die
Flüssigkeit eingetaucht und wieder herausgezogen. Gemessen wird die Kraft Fmax, die erforderlich ist,
um den Ring mit dem benetzten Umfang durch die Grenzfläche zu ziehen. Die Formel zur Berechnung
der Oberflächenspannung lautet:
l
σ
Korrl f
R
F
=
π
σ
4
max (4.2.1-2).
Bei dem Ausdruck fKorr handelt es sich um einen Korrekturfaktor. Durch diesen wird das Gewicht der
am Ring anhaftenden Flüssigkeit und der Fehler berücksichtigt, der durch den Radius des Ringdrahtes
entsteht (Meichsner et al./2003).
68
Das Prinzip der Du Noüy-Ring-Messung wird in der Abbildung 4.2.1-2 veranschaulicht.
Abbildung 4.2.1-2: Du Noüy-Ring-Messung zur Bestimmung der Oberflächenspannung
Die Messung der Oberflächenspannung mit der Ring-Messung geschieht zu unterschiedlichen Zeiten
nach der Anmischung der Beschichtungsstoffe, um die Veränderungen der Oberflächenspannung zu
unterschiedlichen V Nach Smith et al.
961) ist die Oberflächenspannung neben der Viskosität und der Schichtdicke einer der Beschich-
.2.2 Messung der Viskosität
-1 ist die Viskosität eine der Größen, die den Verlauf einer
koaxiales Zylinder-Messsystem bestimmt. Hierbei befindet sich ein
cherspalt zwischen einem rotierenden Innenzylinder und einem dazu koaxialen Becher, in dem sich
der flüssige Beschichtung
ung τder Scherrate
erarbeitungszeiten der Beschichtungsstoffe zu beschreiben.
(1
tungsstoffparameter mit Einfluss auf den Verlauf der Beschichtungsstoffe.
4
Nach der Gleichung 2.5
Beschichtung auf dem Substrat beeinflussen. Um zu bewerten, inwieweit verschiedene Verarbeitungs-
zeitpunkte der Außenbeschichtung nach ihrer Anmischung die Viskosität und folglich den Verlauf der
Beschichtung auf den unterschiedlich vorbehandelten Substraten beeinflussen, werden in Abhängig-
keit vom Verarbeitungszeitpunkt Viskositätsmessungen in Kombination mit Orange Peel-Messungen
an gealterten Beschichtungen durchgeführt. Die Viskosität des flüssigen Außengrundanstrichs und des
flüssigen Decklacks wird über ein
S
sstoff befindet (siehe Abbildung 4.2.2-1). Die Viskosität η der Beschichtung
ist der Quotient aus der Schubspann und :
.
γ
.
γ
τ
η= (4.2.2-1).
erwendet wird für die Messungen ein Anton Paar Physica MCR 300-Gerät. Die Temperatur beträgt
ährend der Viskositätsmessungen ca. 23 °C.
V
w
69
Die Messungen werden zu unterschiedlichen Zeiten nach Anmischung der Beschichtungsstoffe bei
unterschiedlichen Scherraten durchgeführt, um einerseits den Einfluss der verschiedenen Verarbei-
tungszeitpunkte der industriellen Lackierung und andererseits den Einfluss unterschiedlich starker
mechanischer Einwirkungen auf die Viskosität des Beschichtungsstoffs (bei einer Lackapplikation) zu
simulieren.
Abbildung 4.2.2-1: Koaxiales Zylinder-Messsystem zur Bestimmung der Viskosität flüssiger Beschichtungsstoffe
4.3 Methoden zur Haftungsuntersuchung
Verschiedene Haftungsuntersuchungsmethoden werden angewendet, mit denen die Stärke der Haftung
danstrich oder Decklack) auf den als Substraten fungierenden
e Gitter mit mindestens 25 Quadraten
entsteht, ein so genannter Gitterschnitt. Zur Auswertung wird ein Klebeband mit definierter Haftkraft
auf die bel
der Oberfläche gezogen. Durch Vergleich mit den Standardbildern werden Gitterschnittkennwerte (Gt)
von 0 bis 5 vergeben (Goldschmidt und Streitberger/2002).
tests maschinell, zum Teil auch manuell mit einem
Skalpell durchgeführt. Jede Messung nach dem Gitterschnitttestverfahren wird in der vorliegenden
Arbeit dreifach durchgeführt.
der Außenbeschichtung (Außengrun
Vorbeschichtungen gemessen wird.
4.3.1 Gitterschnitttest
Der Gitterschnitttest ist eine einfache empirische Prüfung zur Beurteilung des Verbundes von ein- und
mehrschichtigen Lackierungen mit dem Untergrund und den einzelnen Schichten untereinander. Die-
ser Test wird in der Industrie zur einfachen qualitativen Bewertung der Haftung von Beschichtungen
auf Substraten sehr häufig eingesetzt. Als Prüfgerät schreibt die ISO 2409 (2007) Schneidemesser
bestimmter Form und Abmessungen vor. Die Auswahl des Schneidegerätes beim Gitterschnitttest
hängt von der Schichtdicke und von der Art der Beschichtung ab. Bei den Gitterschnitttests werden in
die Probe im rechten Winkel Schnitte eingeritzt, so dass in
astete Stelle gedrückt und anschließend bei möglichst gleicher Abzugsgeschwindigkeit von
Zur Einordnung der Gitterschnittergebnisse sei auf die Tabelle 4.3.1-1 verwiesen. Im Rahmen der
vorliegenden Arbeit werden die Gitterschnitt
70
Die Substrate (Vorbeschichtungen) haben innerhalb einer Versuchsreihe den gleichen Alterungszu-
stand. Die Außenbeschichtungen auf den Substraten sind zum Zeitpunkt der Gitterschnitttests sieben
Tage alt. Die Gitterschnittergebnisse werden nach ISO 2409 bewertet. Hierzu sei auf Tabelle 4.3.1-1
verwiesen. Um auch den Einfluss von Wasser auf die Haftung der Beschichtung auf das Substrat zu
überprüfen, wird ein Teil der gealterten Gitterschnitttestproben zusätzlich einer 14 d Lagerung in Was-
er unterzogen. Im Anschluss an die Auslagerung wird dann nach einer definierten Konditionierungs-
zeit die Gitterschnittprüfung an der Probe durchgeführt. Durch die Auslagerung der Proben in Wasser
wird die Widerstandsfähigkeit des Verbunds zwischen der Beschichtung und dem Substrat gegenüber
Wasser untersucht. Wasser kann in Beschichtungssysteme hineindiffundieren und durch eine Anlage-
rung an der Grenzschicht zu einer Reduzierung der Haftung des Beschichtungsstoffes auf dem Sub-
strat führen. Dies tritt vor allem dann auf, wenn die Bindungsaffinität des eindiffundierenden Wassers
zum Substrat höher ist als die des Beschichtungsstoffes zum Substrat (Brasholz/1978). Die Folge kann
eine Delamination des Beschichtungsstoffes sein. Wasser ist die Substanz, mit der Beschichtungen
unter realen Betriebsbedingungen in der Luftfahrt am häufigsten in Kontakt kommen.
Tabelle 4.3.1-1: Bewertungsschema für Gitterschnittergebnisse nach ISO 2409 (2007)
s
71
4.3.2 Stirnabzugstest
Beim Stirnabzug wird ein definierter Prüfstempel auf die Oberfläche der Beschichtung geklebt und die
maximale Kraft gemessen, die notwendig ist, um diesen zusammen mit der Schicht wieder
abzuziehen. Es ist wichtig, dass die Haftung der Klebstoffe besser ist als die der zu prüfenden
Beschichtung. Außerdem dürfen die Klebstoffe keine Quellungen in der zu prüfenden Lackierung
hervorrufen. Die Messung wird mit Hilfe einer Zugprüfmaschine durchgeführt. Ermittelt wird die
Bruchfestigkeit aus der Kraft Fz, die bis zur Enthaftung aufzubringen ist, bezogen auf die Messfläche
AG. Die Analyse des Bruchbildes, d.h. Lage und Größe der Trennfläche, führt zu weiteren
Informationen über das Haftungsverhalten der Lackierung (Goldschmidt und Streitberger/2002).
Abbildung 4.3.2-1 zeigt in einer schematischen Darstellung das Messprinzip des Stirnabzugstest an-
hand des in dieser Arbeit getesteten Verbundsystems.
Abbildung 4.3.2-1: Schematische Darstellung der Stirnabzugsprüfung
Die durch den Stirnabzug ermittelten Haftwerte dürfen nicht mit der Haftfestigkeit gleichgesetzt
werden, da die Messungen durch folgende Faktoren beeinflusst werden (Bischof und Possart/1982):
Aufgrund der Kohäsionsfestigkeit der Beschichtung werden beim Verkleben des Stempels mit der
Beschichtung Kräfte auf die Umgebung des Prüfstempels übertragen, wodurch die beanspruchte
Fläche in undefinierbarer Weise vergrößert wird. Diese Fehlerquelle kann z. T. vermieden werden,
wenn die Beschichtung um den Stempel herum durchgetrennt wird.
Infolge einer möglichen Biegung des Substrats während der Beanspruchung treten in der Grenz-
schicht zwischen dem Substrat und der Beschichtung Biegespannungen auf. Der Einfluss der
Biegespannungen wird umso größer, je geringer die Substratdicke ist.
Ungleichmäßige Spannungsverteilungen werden durch eine ungleichmäßige Dicke der
Beschichtung hervorgerufen.
ine Forderung an die Versuchsanordnung besteht in der konzentrischen Verklebung der Prüfstempel,
da sonst beim Abziehen ein zusätzliches Moment in der Grenzfläche zwischen Beschichtung und
Substrat wirkt.
E
72
Die Haftungsprüfung wird mit einer Anlage der Firma Zwick durchgeführt. Die Anlage verfügt über
ver-
Arbeit dreifach durchgeführt. Zum
Zeitpunkt der Durchführung der Stirnabzugstest sind die Beschichtungen auf den Substraten sieben
Tage alt, die Substrate (Vorbeschichtungen) haben innerhalb einer Versuchsreihe den gleichen Alte-
rungszustand.
4.3.3 Hochdruckwasserstrahltest
Bei dieser Haftungstestmethode wird Wasser unter Hochdruck auf das beschichtete Substrat gestrahlt,
um wie beim Gitterschnitttest und dem Stirnabzugstest aus dem Bruchverhalten der Beschichtung
Rückschlüsse zur Höhe der Haftung der Beschichtung auf dem Substrat ziehen zu können. Das Test-
verfahren wird bei der Firma AKZO Nobel in Sassenheim an beschichteten Probenoberflächen durch-
geführt. Die Substrate (Vorbeschichtungen) haben innerhalb einer Versuchsreihe zum Zeitpunkt des
eichen Alterungszustand. Die Beschichtung auf den Substraten
ltests ist in Abbildung
einen 20 kN Kraftaufnehmer, die Abzugsgeschwindigkeit des Stempels beträgt 0,7 mm/min. Die
Prüfstempelfläche hat eine Fläche von 312,6 mm2. Als Klebstoff wird ein Zwei-Komponenten-
Epoxid-Klebstoff, der Araldit 2011, verwendet. Die Trocknung des Klebstoffs zwischen dem Stempel
und der Beschichtung erfolgt bei Raumtemperatur. Sie beträgt mindestens 48 h. Da der Klebstoff bei
der Applikation des Stempels auf die Probenoberfläche überquillt, ist die Klebfläche größer als die
Stempelfläche. Aus diesem Grund werden vor der Durchführung des Stirnabzugstests (sechs) Tangen-
tialschnitte mit einem Skalpell um den Stempel herum durchgeführt, um die undefinierte Fläche besser
zu definieren. Nach der Stirnabzugsprüfung werden mit einer Schieblehre die Klebflächen nach
messen und die sich daraus ergebenden Abweichungen zur idealen Kreisfläche von 312,6 mm2 addiert.
Jede Messung mit dem Stirnabzug wird in der vorliegenden
Hochdruckwasserstrahltests den gl
muss vor dem Haftungstest mindestens 7 Tage bei Raumtemperatur gealtert sein. Ferner müssen die
Proben vor der Durchführung des Tests für 24 h einer Auslagerung in demineralisiertem Wasser un-
terzogen werden. Vor der Auslagerung in Wasser werden mit einem Skalpell zwei tiefe Schnitte in die
Proben eingeritzt. Die Skalpellschnitte auf den Proben haben zueinander einen Winkel von 30°. Die
Proben werden mit einem maximalen Druck von 150 bar an der angeschnittenen Stelle der Probe für
maximal 4 min senkrecht angestrahlt. Das Prinzip des Hochdruckwasserstrah
4.3.3-1 schematisch dargestellt. Jede Messung mit dem Hochdruckwasserstrahltest wird in der vorlie-
genden Arbeit mindestens zweifach durchgeführt.
73
Abbildung 4.3.3-1: Prinzip des Hochdruckwasserstrahltests
isse wird entsprechend einem in der Firma AKZO Nobel
Die Bewertung der erhaltenen Ergebn
verwendeten Bewertungsprinzip vorgenommen (siehe Abbildung 4.3.3-2). Je größer der flächenmäßi-
ge Anteil der Enthaftung der Beschichtung auf dem Substrat ist, desto geringer ist die Stärke der Haf-
tung der Beschichtung auf dem Substrat zu bewerten. Der größte Kennwert, der einer sehr schwachen
Haftung der Beschichtung auf dem Substrat entspricht, ist der Kennwert 5.
Adhäsionsbruch zwischen
Adhäsionsbruch zwischen
Substrat und Beschichtung
Substrat und Beschichtung
Abbildung 4.3.3-2: Bewertungsschema zur Einordnung von Hochdruckwasserstrahltestergebnissen (te Riet/2009)
74
4.4 Wave Scan-Messung
Zur Bewertung der Welligkeitsstrukturen bzw. des Orange Peels der Beschichtungsstoffoberflächen
wird ein optisches Messgerät, das Wave Scan-Dual-Gerät der Firma byk-Gardner, benutzt. Ein
Laserlicht beleuchtet dabei die Probe unter einem Einfallswinkel von 60°, ein Detektor auf der
Gegenseite empfängt die reflektierte Strahlung. Wird das Messgerät über eine Strecke von 100 mm
Länge bewegt, so erhält man das Profil der reflektierten Lichtintensität und damit das optische Profil
der Oberfläche (Weckerle/2003). Durch mathematisches Filtern wird das gemessene Helligkeitsprofil
in langwellige (1,2 mm bis 12 mm) und kurzwellige (0,3 mm bis 1,2 mm) Strukturen aufgeteilt, um
das Auflösungsvermögen des Auges bei ferner und naher Betrachtungsweise nachzubilden. Das Prin-
zip der Wave Scan-Messung ist schematisch in Abbildung 4.1.6-1 dargestellt.
Abbildung 4.4-1: Darstellung zum Prinzip der Wave Scan-Messung (Fensterseifer/2004)
Die erfassten Wellenlängen für die kurzwelligen und langwelligen Welligkeitsstrukturen können in
einer optische größe, dem T-Wert (Tension Value), zusammengefasst werden.
Die Messwertskala des T-Werts läuft von 0 bis 24. Ein T-Wert von 24 entspricht einer spiegelglatten
Oberfläche. Der T-Wert 0 entspricht einer Oberfläche mit einem hohen Anteil an langwelligen Struk-
turen. Visuell werden solche Oberflächen, wie bereits in Abschnitt 2.5 beschrieben, als welliges Mus-
ter heller und dunkler Flecken wahrgenommen. Die Abstände zwischen den einzelnen T-Werten beru-
hen auf Strukturverteilungen, die der physiologischen Wahrnehmung zugeordnet sind. Die Beurteilung
des optischen Erscheinungsbildes durch die T-Wert-Analyse ist derzeit ein etabliertes Verfahren in der
lackverar
Der T-Wert wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit benutzt, um zum einen den Einfluss der Plasma-
behandlung und zum anderen den Einfluss lackiertechnischer Parameter auf den Orange Peel der Au-
ßenbeschichtung zu bewerten. Für den ersten Untersuchungszweck werden Proben verwendet, die die
in Abbildung 3.2-3 dargestellten Beschichtungsaufbauten haben. Die Messungen erfolgen hierzu drei-
fach an den einzelnen Schichtebenen. Die plasmabehandelten Proben müssen keiner Vorreinigung mit
Isopropanol unterzogen werden, da die Präparation, Lagerung und Plasm der Proben in-
nerhalb
n, dimensionslosen Kenn
beitenden Industrie.
abehandlung
kurzer Zeit unter kontaminationsfreien Bedingungen erfolgen.
75
5 Ergebnisse und Diskussion
urch die Zeitdauer der
Plasmabehandlung bestimmt. Je langsamer die Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse ist, desto län-
ger ist die Einwirkzeit des Luftplasmas auf die bestrahlte Teilfläche der Behandlungsspur und desto
mehr polare funktionelle Gruppen entstehen an der Substratoberfläche. Prinzipiell folgt daraus, dass
mit abnehmender Verfahrgeschwindigkeit der Düse, eine Zunahme des polaren Teils der Oberflächen-
energie festzustellen sein sollte. Die polaren und dispersen Teile der Oberflächenenergie werden aus
der Auswertung der Ergebnisse von drei Randwinkelmessungen auf einer Probe berechnet. Exempla-
risch sind in Abbildung 5.1.1-1 die Ergebnisse einer Randwinkelmessung zu unterschiedlich vorbe-
handelten Grundanstrichoberflächen dargestellt. Die Abbildungen 5.1.1-2 bis 5.1.1-4 zeigen die Er-
gebnisse der Auswertung der Randwinkel in Form von Balkendiagrammen. Sie stellen die Abhängig-
keit der Oberflächenenergie des Grundanstrichs, des Antistatiklacks und des Antierosionslacks von der
Verfahrgeschwin 8 mm dar. Die
ist erst bei einer Verfahrgeschwindigkeit von 2 m/min festzustellen.
ung der Oberfläche und somit
5.1 Untersuchungen zur Oberflächenenergie des Substrats
In diesem Abschnitt werden der Einfluss unterschiedlicher Plasmabehandlungsparameter (Verfahr-
geschwindigkeit der Plasmadüse, Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat und Anzahl der Plasma-
behandlungen) sowie der Einfluss der Lagerungszeit und der Umweltbedingungen auf die Oberflä-
chenenergie des Substrats dargestellt.
5.1.1 Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse
Die Anzahl der an der Substratoberfläche ablaufenden Reaktionen wird d
digkeit der Düse bei einem konstanten Behandlungsabstand von
Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse zwischen 1 m/min und 20 m/min sind auf der Abszisse
aufgetragen. Auf der Ordinate ist die Oberflächenenergie angegeben. Die Oberflächenenergie ist ge-
gliedert in einen polaren und einen dispersen Teil. Außerdem enthält das Diagramm zum Vergleich
Oberflächenenergiewerte einer nur mit Isopropanol gereinigten Probe (Referenzprobe) und einer ge-
schliffenen Probe. Zum Grundanstrich und Antierosionslack sind zwei Messreihen (A und B) erfolgt,
zum Antistatiklack eine. Am Grundanstrich sind im Rahmen dieser Versuchsreihe unter Berücksichti-
gung des relativen Messfehlers keine signifikanten Veränderungen der Oberflächenenergie bei
Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse zwischen 5 m /min und 20 m/min zu erkennen. Eine Erhö-
hung der Oberflächenenergie
Beim Antistatiklack ist zu sehen, dass dessen Oberflächenenergie bei abnehmenden
Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse zwischen 1 m/min und 20 m/min steigt. Am Antierosions-
lack sind keine signifikanten Veränderungen für diesen Geschwindigkeitsbereich zu erkennen. Insge-
samt ist festzustellen, dass die Oberflächenenergie aller drei Substratoberflächen bzw. deren polarer
Teil signifikant nach einer Plasmabehandlung zunimmt.Vermutlich lässt sich die Erhöhung des pola-
ren Teils der Oberflächenenergie nach einer Plasmabehandlung dadurch erklären, dass durch das
Plasma eingebaute polare funktionelle Gruppen zu einer Hydrophilisier
76
zu einer verbesserten Benetzbarkeit mit der (polaren) Testflüssigkeit Wasser führen. Dies spiegelt sich
bei der Berechnung der Oberflächenenergie in einer Zunahme des polaren Teils der Oberflächenener-
ie den Einfluss der
skomponenten erklärt werden. Zusätzlich fällt beim Grundan-
strich und am Antierosionslack auf, dass das Schleifen zu einer Erhöhung sowohl des dispersen als
gen für die Zunahme des pola-
gie wider. Hierzu sei nochmal auf die Abbildung 5.1.1-1 hingewiesen, d
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse auf den Randwinkel zeigt. In den Abbildungen 5.1.1-2 bis
5.1.1-4 ist außerdem zu sehen, dass die Oberflächenenergie der Referenzprobe vor der Plasmabehand-
lung bereits einen geringen polaren Teil enthält. Dieser polare Teil kann durch (nicht reagierte) polare
funktionelle Gruppen der Beschichtung
auch des polaren Teils der Oberflächenenergie führt. Mögliche Erklärun
ren Teils sind, dass durch das Schleifen entweder Reaktionen mit der Umgebungsluft angeregt wer-
den, die zu einer Anreicherung der Oberfläche mit sauerstoffhaltigen funktionellen Gruppen führen,
oder dass durch das Schleifen hydrophobe Adsorbatschichten abgetragen werden. Durch den Abtrag
werden möglicherweise polare funktionelle Gruppen (z.B. Isocyanatgruppen bzw. Polyurethan-
gruppen) freigelegt, die in höherer Konzentration unterhalb der Adsorbatschicht bzw. im Bulk des
Polymers vorliegen als direkt an der Oberfläche. Erfahrungsgemäß werden bei einer Schleifbehand-
lung ca. 10 µm Material von der Oberfläche abgetragen. Die Zunahme des dispersen Teils der Ober-
flächenenergie nach der Schleifbehandlung kann dadurch erklärt werden, dass durch die Anrauung der
Oberfläche Vertiefungen entstehen. Die Vertiefungen führen vermutlich durch Kapillareffekte vor
allem bei den unpolaren Testflüssigkeiten zu einer Verringerung der gemessenen Randwinkel, was
sich bei der Berechnung der Oberflächenenergie nach Owens und Wendt in einer Erhöhung des disper-
sen Teils der Oberflächenenergie des Substrats widerspiegelt. Generell sind die Schwankungen des
dispersen Teils der Oberflächenenergie sämtlicher Proben wahrscheinlich auf Rauheitsunterschiede
zwischen den unterschiedlich beschaffenen Probenoberflächen zurückzuführen.
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
80,0
90,0
1 (Messreihe A) 10 (Messreihe A) 20 (Messreihe A) Referenzprobe
(Messreihe A)
geschliffene Probe
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse am Grundanstrich [m/min]
Randwinkel der Testflüssigkeit [°]
Wasser
Dijodomethan
Ethylenglykol
Abbildung 5.1.1-1: Einfluss der Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse auf den Randwinkel des Grundanstrichs
(Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
77
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
1 (Messreihe A)
1 (Messreihe B)
2 (Messreihe A)
2 (Messreihe B)
5 (Messreihe A)
5 (Messreihe B)
10 (Messreihe A)
10 (Messreihe B)
20 (Messreihe A)
20 (Messreihe B)
Referenzprobe (Messreihe A)
Referenzprobe (Messreihe B)
geschliffene Probe (Messreihe A)
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse am Grundanstrich [m/min]
Oberflächenenergie [mN/m]
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
Abbildung 5.1.1-2: Einfluss der Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse auf die Oberflächenenergie des
Grundanstrichs (Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
[mN/m]
1 2 5 10 20 Referenzprobe geschliffene
Probe
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse am Antistatiklack [m/min]
Oberflächenenergie
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
Abbildung 5.1.1-3: Einfluss der Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse auf die Oberflächenenergie des
Antistatiklacks (Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
78
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
1 (Messreihe A)
1 (Messreihe B)
2 (Messreihe A)
2 (Messreihe B)
5 (Messreihe A)
5 (Messreihe B)
10 (Messreihe A)
10 (Messreihe B)
20 (Messreihe A)
20 (Messreihe B)
Refer
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
enz
renz
ene P
probe (Messreihe A)
Refe probe (Messreihe B)
geschliff robe (Messreihe A)
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse am Antierosionslack [m/min]
Oberflächenenergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
Abbildung 5.1.1-4: Einfluss der Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse auf die Oberflächenenergie des Antierosions-
lacks (Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
In der fertigungstechnischen Praxis ist zu berücksichtigen, dass die Verfahrgeschwindigkeit der Plas-
madüse nicht zu gering sein darf, da eine zu geringe Behandlungsgeschwindigkeit zu hohen Prozess-
zeiten führt und damit vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt her für eine industrielle Anwendung
nicht mehr interessant wäre. Weiterhin kann eine zu langsame Verfahrgeschwindigkeit der Düse we-
gen einer zu langen Einwirkdauer des Plasmas zu einer thermischen Schädigung des Substrats und des
Bauteilwerkstoffes oder zu einer prozesstechnisch nicht zulässigen Temperaturentwicklung auf dem
Bauteil führen. Eine zu hohe Verfahrgeschwindigkeit der Düse kann wiederum dazu führen, dass die
Einwirkdauer des Plasmas auf das Substrat nicht genügt, um eine ausreichende Haftung der Außenbe-
schichtung auf dem Substrat zu erzeugen.
Bei einer Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min liegen am Grundanstrich Oberflächenenergiewerte in
der gleichen Größenordnung wie nach einer Schleifbehandlung vor (siehe Abbildung 5.1.1-2). Die
iner Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min sogar wesentlich höher als die der geschliffenen Probe.
Folglich könnte ein mögliches Prozessfenster für die Plasmabehandlung aller drei Substratoberflächen
in diesem Verfahrgeschwindigkeitsbereich der Düse liegen. Nähere Aussagen sind auschließlich auf
dieser Datenbasis ohne die Betrachtung von Ergebnissen aus Haftungstests nicht möglich.
Oberflächenenergiewerte des Antistatik- und Antierosionslacks sind nach ihrer Plasmabehandlung mit
e
79
Grundsätzlich wurde versucht, die Messungen des Randwinkels auf der Spurmitte der Behandlungs-
spur vorzunehmen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass es bei den Randwinkelmessungen zu
Positionierungenauigkeiten der Messtropfen kommt, die sich dann auf das Ergebnis der Oberflächen-
energiewerte auswirken. Um den Einfluss der Position des Messpunktes auf das Ergebnis der berech-
neten Oberflächenenergien bewerten zu können, wurde die Abhängigkeit der Oberflächenenergie von
der Position des Messpunktes der Randwinkels untersucht.Mit der Untersuchung wird gleichzeitig die
Gelegenheit wahrgenommen, die Breite der Plasmabehandlungsspur grob einzugrenzen. In
Abbildung 5.1.1-5 sind die berechneten Oberflächenenergien zu Messpunkten mit verschiedenen
Abständen (0 mm, 10 mm, 20 mm) von der Mitte der Behandlungsspur bei verschiedenen
Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse dargestellt. Aufgrund des Rotationsdurchmessers von ca.
20 mm ist zu erwarten, dass außerhalb eines Bereiches von 10 mm von der Spurmitte eine Abnahme
der Oberflächenergie zu erkennen sein sollte.
Die Oberflächenenergien der Messpunkte, die sich 10 mm von der Spurmitte befinden (ergo am ver-
muteten Randbereich der Behandlungsspur), zeigen geringfügige Abweichungen von den Oberflä-
chenenergien der Spurmitten. Die Oberflächenenergiewerte weichen weniger als 8% voneinander ab
und befinden sich im Bereich des relativen Messfehlers. Eine deutliche Abnahme der Oberflächen-
energie ist, wie erwartet, bei einem Abstand des Messpunktes von 20 mm von der Spurmitte festzu-
stellen, die bei einer Verfahrgeschwindigkeit von 5 m/min sogar fast 50% beträgt. Die Werte der
Messpunkte bei einem Abstand von 20 mm von der Spurmitte liegen alle ungefähr in der Größenord-
m von der Mitte der Behandlungsspur keine feststellbaren Plasmabehandlungseffekte vorliegen.
nung des Oberflächenenergiewertes der Referenzprobe. Dies zeigt, dass bei einem Abstand von
20 m
0,0
10,0
5/0
5/10
5/20
10/0
10/10
10/20
20/0
20/10
20/20
Referenzprobe
geschliffene Probe
Verfahrgeschwindigkeit [m/min]/Abstand des Messpunktes von der Spurmitte [mm]
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
Oberflächenenergie [mN/m]
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN]
Abbildung 5.1.1-5: Abhängigkeit der Oberflächenergie von der Position des Messpunktes auf der Plasmabehandlungsspur
80
5.1.2 Variation des Abstandes zwischen Plasmadüse und Substrat
In dieser Versuchsreihe soll am Grundanstrich untersucht werden, welchen Einfluss der Abstand
zwischen der Probe und der Düse auf die Oberflächenenergie des Substrats hat und bei welchem
Abstand der Düse keine Effekte auf die Oberflächenenergie vorliegen. Für die Beantwortung der zwei-
ten Fragestellung ist ein Vergleich der Oberflächenenergiewerte der plasmabehandelten Proben mit
dem Oberflächenenergiewert einer ausschließlich mit Isopropanol vorgereinigten Probe (Referenzpro-
be) erforderlich. Von den Ergebnissen der Messungen wird erwartet, dass mit zunehmendem Abstand
der Düse zum Substrat die Oberflächenenergie des Substrats abnimmt. Denn mit zunehmendem Ab-
stand nimmt vermutlich die Anzahl energiereicher und reaktiver Plasmaspezies, die auf die Substrat-
oberfläche treffen, ab, da die Teilchen vor einem
Aufprall bereits größtenteils mit der Umgebungsluft
reagiert haben. Demnach steigt die Behandlungsintensität mit abnehmendem Düsenabstand.
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
ächenenergie [mN/m]
2 4 6 8 10 12 15 Referenzprobe geschliffene
Probe
Abstand zwischen Plasmadüse und Grundanstrich [mm]
Oberfl
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
Abbildung 5.1.2-1: Einfluss der Variation des Abstandes der Plasmadüse auf die Oberflächenenergie des Grundanstrichs
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
Die Darstellung der Ergebnisse in Abbildung 5.1.2-1 bestätigt die Erwartungen. Auf der Abszisse sind
die variierten Behandlungsabstände (bei konstanter Verfahrgeschwindigkeit der Düse von 20 m/min)
dargestellt, auf der Ordinate die Werte zu den Oberflächenenergien. Die Ergebnisse zeigen, dass der
polare Teil der Oberflächenenergie mit abnehmendem Abstand der Düse zum Substrat tendenziell
zunimmt. Der disperse Teil der Oberflächenenergie bleibt dabei weitgehend konstant. Folglich erhöht
sich insgesamt die Oberflächenenergie. Aus der Interpretation der Ergebnisse folgt, dass die Intensität
der Plasmabehandlung mit verringertem Abstand der Düse zum Substrat steigt.
81
Da der Oberflächenenergiewert bei einem Abstand von 15 mm geringfügig über dem der Referenz-
ach einer
Schleifbehandlung. Der Anteil des polaren Teils der Oberflächenenergie ist deutlich höher als der der
geschliffenen Probe. Er beträgt ungefähr das Doppelte. Bei einem Abstand von 4 mm führt die starke
Erhöhung des polaren Teils sogar dazu, dass die Oberflächenenergie des plasmabehandelten Substrats
die Oberflächenenergie der geschliffenen Probe übersteigt. In der industriellen Praxis sind jedoch Ab-
stände bis zu 4 mm aufgrund des Kollisionsrisikos der Plasmadüse mit gewölbten Flugzeugbauteil-
oberflächen auszuschließen. Der Behandlungsabstand sollte daher bei einer automatisierten Plasmabe-
handlung mindestens 6 mm betragen. Ob ein Behandlungsabstand zwischen 6 mm und 10 mm für eine
hohe Haftung der Außenbeschichtung auf dem Substrat ausreicht, wird im Rahmen von Haftungstests
untersucht (siehe Abschnitt 5.5.2). Bei den folgenden Untersuchungen (Variation der Anzahl an Plas-
mabehandlungen und Variation der Lagerungszeit), deren Ergebnisse in den Abschnitten 5.1.3 und
5.1.4 dargestellt werden, wird ein konstanter Abstand der Plasmadüse von 8 mm gewählt.
5.1.3 Variation der Anzahl an Plasmabehandlungen
Eine weitere Möglichkeit zur Erhöhung der Behandlungsintensität ist neben der Reduzierung der
Verfahrgeschwindigkeit und des Behandlungsabstands der Plasmadüse die Erhöhung der Anzahl an
ch einer möglichen Schädigung des Substrats durch einen zu hohen Wärmeeintrag aufweist als bei
iner Behandlung mit langsamer Verfahrgeschwindigkeit oder geringem Behandlungsabstand. Indust-
Beschreibung des Gehalts polarer Gruppen wird auch der Anteil des polaren Teils der Oberflächen-
energie an der Gesamtoberflächenenergie genutzt. Er wird auch als Polarität bezeichnet (Wu/1982).
probe liegt, ist anzunehmen, dass bei diesem Abstand kaum ein Behandlungseffekt des Plasmas auf
das Substrat vorliegt. Unterhalb von 10 mm ist eine signifikante Zunahme der Oberflächenenergie
zu erkennen. Der Oberflächenenergiewert der Probe, die mit einem Abstand der Düse von 10 mm
plasmabehandelt worden ist, ist ca. 12% höher als der der Probe, die mit einem Abstand von 15 mm
behandelt worden ist. Für eine Behandlung in der industriellen Praxis bedeutet dies, dass der Behand-
lungsabstand unterhalb von 10 mm liegen sollte, da sich erst bei diesem Abstand deutliche Effekte der
Plasmabehandlung auf die Oberflächenenergie zeigen. Bei einem Vergleich der Oberflächenenergie
der plasmabehandelten Proben mit der der geschliffenen Probe ist zu erkennen, dass sich bei einem
Abstand zwischen 6 mm und 10 mm die Oberflächenenergiewerte der plasmabehandelten Proben
nicht signifikant voneinander unterscheiden, sie liegen in der gleichen Größenordnung wie n
Plasmabehandlungen. Diese Methode ist besonders interessant, da sie ein geringeres Risiko hinsicht-
li
e
riell kann solch ein Behandlungsprinzip durch mehrere hintereinander geschaltete Plasmadüsen oder
durch mehrfach hintereinander durchgeführte Plasmabehandlungen realisiert werden.
In diesem Abschnitt wird dargestellt, inwieweit die Erhöhung der Oberflächenenergie bei einer Plas-
mabehandlung begrenzt ist bzw. wann eine Sättigung mit (polaren) funktionellen Gruppen an der
Oberfläche bei einer Mehrfachbehandlung eintritt. In der Praxis bedeutet dies, dass nach Erreichen
eines eventuell vorliegenden Sättigungspunktes keine Weiterbehandlung erfolgen sollte, da dies hin-
sichtlich einer weiteren Anreicherung mit funktionellen Gruppen nicht mehr effektiv wäre. Zur
82
Die Diagramme in den Abbildungen 5.1.3-1 bis 5.1.3-3 zeigen die Ergebnisse der Untersuchungen, die
mit einer variierten Anzahl an Plasmabehandlungen erfolgt sind. Die Behandlungszahl beträgt zwi-
schen 0 und 40 Zyklen. Die Verfahrgeschwindigkeit der Düse beträgt 20 m/min, der Behandlungsab-
stand 8 mm. Zwei Messreihen (A und B) sind dazu am Grundanstrich, jeweils eine am Antistatiklack
und am Antierosionslack erfolgt. Die Messung der Referenzprobe beim Grundanstrich erfolgte sepa-
riert von den Messreihen A und B, im Diagramm ist das Messergebnis dazu gesondert gekennzeichnet.
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
0 (Referenzprobe)
1 (Messreihe A)
1 (Messreihe B)
2 (Messreihe A)
2 (Messreihe B)
3 (Messreihe A)
3 (Messreihe B)
4 (Messreihe A)
4 (Messreihe B)
5 (Messreihe A)
5 (Messreihe B)
10 (Messreihe A)
10 (Messreihe B)
15 (Messreihe A)
15 (Messreihe B)
20 (Messreihe A)
20 (Messreihe B)
25 (Messreihe A)
25 (Messreihe B)
30 (Messreihe A)
35 (Messreihe A)
35 (Messreihe B)
40 (Messreihe A)
Anzahl der Plasmabehandlungen am Grundanstrich [-]
Oberflächenenergie [mN/m]
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
Abbildung 5.1.3-1: Einfluss der Variation der Anzahl der Plasmabehandlungen auf die Oberflächenenergie des Grundanstrichs
0,0
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
60,0
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
10,0
20,0
30,0
40,0
Oberflächenenergie [mN/m]
50,0
0 (Referenzprobe)
1
2
3
4
5
10
15
20
25
30
35
40
Anzahl der Plasmabehandlungen am Antistatiklack [-]
Abbildung 5.1.3-2: Einfluss der Variation der Anzahl der Plasmabehandlungen auf die Oberflächenenergie des Antistatiklacks
83
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
[mN/m]
0 (Referenzprobe)
1
2
3
4
5
10
15
20
25
30
35
40
Anzahl der Plasmabehandlungen am Antierosionslack [-]
Oberflächenenergie
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN/m]
Abbildung 5.1.3-3: Einfluss der Variation der Anzahl der Plasmabehandlungen auf die Oberflächenenergie des Antierosionslacks
eil
er Oberflächenenergie mit steigender Anzahl an Plasmabehandlungen zunimmt. Jedoch ist diese Zu-
nahme begrenzt, wie besonders am Entwicklungsverlauf der Polarität deutlich wird. Die Entwicklung
der Polarität der getesteten Substratoberflächen in Abhängigkeit von der Behandlungszahl ist in Ab-
bildung 5.1.3-4 dargestellt.
Beim Grundanstrich ist eine Zunahme der Polarität bis zu einer Anzahl von 25 Behandlungen zu er-
kennen, beim Antistatiklack eine Zunahme bis zu einer Anzahl von 15 Behandlungen. Die Polarität
beträgt beim Grundanstrich nach 25 Behandlungen fast 50%, beim Antistatiklack nach 15 Behandlun-
gen fast 40%. Die Polaritäten beider Oberflächen nehmen nach einer Weiterbehandlung nicht mehr zu.
Möglicherweise sind bei dieser Anzahl an Plasmabehandlungen die Oberflächen des Grundanstrichs
und des Antistatiklacks mit polaren funktionellen Gruppen gesättigt.
Die Ergebnisse der Untersuchungen an allen drei Substratoberflächen zeigen, dass der polare T
d
84
Bei der Oberflächenenergie des Antierosionslacks fällt auf, dass die Oberflächenenergie der Vorbe-
schichtung bereits nach der ersten Plasmabehandlung einen relativ hohen polaren Teil hat. So beträgt
die Polarität des Antierosionslacks nach der ersten Behandlung ca. 50% und ändert sich kaum noch
nach einer Weiterbehandlung. Zum Vergleich: Die Polarität des Grundanstrichs beträgt nach der ersten
Behandlung erst ca. 35%, die des Antistatiklacks beträgt nur ca. 20%. Womöglich befindet sich die
Oberfläche des Antierosionslacks bereits nach der einer Behandlung an der Grenze der maximalen
Aufnahmekapazität für (polare) funktionelle Gruppen, so dass eine Weiterbehandlung nach der ersten
Behandlung zu keinen signifikanten Veränderungen der Konzentration polarer funktioneller Gruppen
und damit der Polarität führt. Für den Grundanstrich und den Antistatiklack scheint dies, wie bereits
gesagt, nicht der Fall zu sein.
Grundanstrich
30
40
50
60
olarität [%]
Antistatiklack
Antierosionslack
20
P
0
10
Referenzprobe)
1
2
3
4
5
10
15
20
25
30
35
40
0 (
Anzahl der Plasmabehandlungen an unterschiedlichen Substratoberflächen [-]
Abbildung 5.1.3-4: Einfluss der Anzahl an Plasmabehandlungen auf die Polarität unterschiedlicher Substratoberflächen
85
5.1.4 Variation der Lagerungszeit nach der Plasmabehandlung
Im Vordergrund dieser Untersuchungen steht die Beantwortung der Fragestellung, wie lange der Be-
handlungseffekt der Plasmabehandlung an einer Vorbeschichtung anhält. Dazu werden zu unterschied-
lichen Zeitpunkten nach der Plasmabehandlung die Oberflächenenergiewerte des Grundanstrichs im
Rahmen von drei Messreihen (A, B und C) bestimmt. Die Proben werden sowohl in einer gewöhnli-
chen Luftatmosphäre als auch in einer Atmosphäre, die mit dem organischen Lösemittel Isopropanol
stark angereichert ist, gelagert. Isopropanol ist ein häufig verwendetes Lösemittel in der Lackierverar-
beitungsindustrie. Die erzeugte Lösemittelatmosphäre stellt zwar eine Situation dar, die in der indust-
riellen Praxis nicht eintritt, soll aber dazu dienen, die Stabilität der plasmaaktivierten Oberfläche ge-
genüber Extrembedingungen zu testen. Der Zeitraum zwischen der Behandlung und der Messung des
andwinkels soll der industriellen Lagerungszeit des zu lackierenden Bauteils entsprechen. Es wird
erwartet, dass in beiden Atmosphären mit zunehmender Lagerungszeit der polare Teil der Oberflä-
chenenergie infolge der Umorientierung der eingebauten (polaren) funktionellen Gruppen abnimmt.
Die Abbildung 5.1.4-1 zeigt die Ergebnisse zu den Proben, die nach der Plasmabehandlung in Luftat-
mosphäre gelagert worden sind. Zu sehen ist, dass die polaren Teile der Oberflächenenergiewerte bis
zu einer Lagerungszeit von 24 h stabil sind. Nach 120 h sinkt der polare Teil der Oberflächenenergie
deutlich und verändert sich kaum noch. Die dispersen Teile der Oberflächenenergie bleiben zu allen
Zeitpunkten nahezu konstant. Die starke Abnahme des polaren Teils der Oberflächenenergie nach
120 h kann darauf hinweisen, dass die Haftung einer Beschichtung, die zu diesem Zeitpunkt auf einer
plasmabehandelten Probe aufgetragen wird, geringer ist als die einer Beschichtung nach 24 h. Haf-
tungsuntersuchungen mit dem Gitterschnitttest bestätigen diese Vermutung (siehe Anhang A3).
R
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
0 (Messreihe A)
0 (Messreihe B)
0 (Messreihe C)
2 (Messreihe A)
2 (Messreihe B)
2 (Messreihe C)
24 (Messreihe A)
24 (Messreihe B)
24 (Messreihe C)
120 (Messreihe A)
120 (Messreihe B)
120 (Messreihe C)
240 (Messreihe A)
240 (Messreihe B)
240 (Messreihe C)
480 (Messreihe A)
480 (Messreihe B)
480 (Messreihe C)
720 (Messreihe A)
720 (Messreihe B)
720 (Messreihe C)
Lagerungszeit des plasmabehandelten Grundanstrichs in einer Luftatmosphäre [h]
Oberflächenen
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN]
ergie [mN/m]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN]
Abbildung 5.1.4-1: Abhängigkeit der Oberflächenenergie des Grundanstrichs von der Lagerungszeit in einer Luftatmosphäre
86
tersuchungen der Proben,
e-
Die Abbildung 5.1.4-2 zeigt in einem Diagramm die Ergebnisse zu den Un
die nach der Plasmabehandlung in lösemittelhaltiger Atmosphäre gelagert wurden. Insgesamt ist zu
erkennen, dass die Werte der polaren Teile der Oberflächenenergien während der Lagerung tendenziell
abnehmen, während die dispersen Teile zunehmen. Bereits nach 24 h ist der Wert des polaren Teils
der Probe im Vergleich zu dem Wert der Probe zum Anfangszustand bzw. nach 2 h deutlich gesunken.
Vermutlich nimmt gleichzeitig wie bei dem Versuch an der Luftatmosphäre die Konzentration sauer-
stoffhaltiger funktioneller Gruppen mit zunehmender Lagerungszeit infolge der Reorientierung der
Moleküle an der Substratoberfläche ab, die zu erhöhten Randwinkeln der Testflüssigkeit Wasser und
kleinen Randwinkeln der unpolaren Testflüssigkeiten auf der Substratoberfläche führt. Der disperse
Teil der Oberflächenenergie nimmt tendenziell mit der Zeit zu. Vermutlich wird durch die lösemittel-
haltige Umgebungsatmosphäre die Substratoberfläche mit der Zeit angequellt und dadurch rauer. Folg-
lich werden aufgrund von Kapillareffekten an der rauen Substratoberfläche niedrigere Randwinkel für
die unpolare Testflüssigkeit Dijodomethan und die schwach polare Testflüssigkeit Ethylenglykol g
messen, die sich dann bei der Auswertung nach Owens und Wendt (1969) als erhöhter disperser Teil
der Oberflächenenergie widerspiegeln. Die Veränderung der Randwinkel der Testflüssigkeiten in Ab-
hängigkeit von der Lagerungszeit der Proben in der Lösemittelatmosphäre ist im Anhang dieser Arbeit
dargestellt (siehe Anhang A2).
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
mN/m]
0 (Messreihe A)
0 (Messreihe B)
0 (Messreihe C)
2 (Messreihe A)
2 (Messreihe B)
2 (Messreihe C)
24 (Messreihe A)
24 (Messreihe B)
24 (Messreihe C)
120 (Messreihe A)
120 (Messreihe B)
120 (Messreihe C)
240 (Messreihe A)
240 (Messreihe B)
240 (Messreihe C)
480 (Messreihe A)
480 (Messreihe B)
480 (Messreihe C)
720 (Messreihe A)
720 (Messreihe B)
720 (Messreihe C)
Lagerungszeit des plasmabehandelten Grundanstrichs in einer Lösemittelatmosphäre [h]
Oberflächenenergie [
polarer Teil der Oberflächenenergie [mN]
disperser Teil der Oberflächenenergie [mN]
Abbildung 5.1.4-2: Abhängigkeit der Oberflächenenergie des Grundanstrichs von der Lagerungszeit in einer lösemittelhaltigen
Atmosphäre
87
5.2 Untersuchungen zur Oberflächenchemie und Topografie an einem
ausgewählten Substrat
Der Einfluss der unterschiedlichen Plasmabehandlungsparameter (Verfahrgeschwindigkeit der Düse,
Abstand zwischen Düse und Substrat und Anzahl der Plasmabehandlungen) auf die chemische
Zusammensetzung und die Topografie der Substratoberfläche soll in diesem Abschnitt betrachtet
werden. Hierzu wird die Modifikation der Grundanstrichoberfläche per Röntgenphotoelektronen-
spektroskopie (XPS), Rasterelektronenmikroskopie (engl. Scanning Electronic Microscopy, SEM) und
chemischer Rasterkraftmikroskopie (engl.: Chemical Force Microscopy, CFM) analysiert. Mit der
SEM werden Draufsichtaufnahmen von der Oberfläche erstellt, die auch durch lichtmikroskopische
Querschnittsaufnahmen ergänzt werden. Von den durchgeführten Untersuchungsmethoden stellen die
XPS, SEM und CFM deutlich aufwändigere Verfahren als die Randwinkelmessung dar. Daher wird
der Einfluss der Plasmabehandlung mit diesen Messverfahren nicht an allen, sondern an einer
ausgewählten Substratoberfläche mit definierten Behandlungsparametern aus Abschnitt 5.1 untersucht.
5.2.1 Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse
Röntgenphotoelektronenspektroskopie
Zur Untersuchung des Einflusses
der Verfahrgeschwindigkeit der Düse auf die Oberflächenenergie des
ubstrats wurde herausgefunden, dass mit abnehmender Verfahrgeschwindigkeit der polare Teil der
Oberflächenenergie zunimmt. Welche chemischen Veränderungen genau zu dem Anstieg des polaren
Teils geführt haben, konnte mit der Randwinkelmessung bzw. der Bestimmung der
Oberflächenenergie nicht detailliert ermittelt werden. Näheren Aufschluss dazu sollen die Untersu-
chungsergebnisse der Röntgenphotoelektronenspektroskopie (XPS) liefern. Die Abbildung 5.2.1-1
zeigt in einem Balkendiagramm die Auswertung der Analyse. Die Oberflächenkonzentration der Ele-
mente Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Silizium und Magnesium plasmabehandelter Proben
(Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse von 2 m/min und 20 m/min) sowie einer Referenzprobe
und einer geschliffenen Probe sind im Diagramm angegeben. Der per XPS-Analyse detektierte Koh-
lenstoff ist grundlegender Bestandteil der Polymerkomponenten einer organischen Beschichtung. Der
detektierte Sauerstoff ist hauptsächlich Bestandteil der Polyurethangruppen der Beschichtung, eben-
falls gilt dies für den Stickstoff. Das ermittelte Silizium kann vermutlich teilweise auf den Füllstoff
Talkum zurückgeführt werden. Talkum hat die chemische Formel Mg3Si4O10(OH)2. Da bei der XPS-
Analyse auch Magnesium detektiert wurde, wird diese Vermutung zusätzlich bestärkt. Das Verhältnis
der Konzentration zwischen Magnesium und Silizium entspricht jedoch nicht dem stöchiometrischen
sind. Dabei handelt es sich wahrscheinlich unter anderem um or-
ganische Siliziumverbindungen. Das hochaufgelöste XPS-Spektrum von Silizium weist nämlich auch
auf das Vorhandensein siliziumorganischer Verbindungen hin (siehe Anhang B8).
S
Verhältnis von 1,3, sondern liegt bei 2,3. D. h., dass weitere siliziumhaltige Verbindungen neben Tal-
kum in der Beschichtung enthalten
88
31,80
24,87
21,40
26,20
8,65
2,38 4,30
51,16
58,30
4,87
1,19 1,60 4,30
2,15 1,30 0,85 2,40
7,80
0
10
20
30
40
50
60
2 20 Referenzprobe geschliffene Probe
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse am Grundanstrich [m/min]
Elementkonzentration [Atom%]
70,27 69,20
70
80
O
N
C
Si
Mg
Abbildung 5.2.1-1: Einfluss der Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadü
Grundanstrichoberfläche (Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
se auf die Elementkonzentration der
Wahrscheinlich liegen Stickstoff und Silizium in geringerer Konzentration an der Substratoberfläche
als in der Polymermatrix vor, wie das Ergebnis einer chemischen Tiefenprofilanalyse eines Messbe-
reichs einer unbehandelten Probe vermuten lässt (siehe Abbildung 5.2.1-2). Erklärungen hierfür kön-
nen die Anlagerung von Adsorbatschichten auf der Probenoberfläche und das Herabsetzen (schwerer)
siliziumhaltiger Stoffe (z.B. Füllstoffe) in die unteren Bereiche der Polymermatrix des Beschichtungs-
stoffes während seines Aushärtungsprozesses sein.
0
0,5
1
1,5
2
2,5
3
3,5
4
4,5
0 100 200 300 400 500 600
Probentiefe [nm]
Elementkonzentration [Atom-%]
Si
N
Abbildung 5.2.1-2: Chemisches Tiefenprofil der Elemente Silizium und Stickstoff des Grundanstrichs
(Referenzprobe)
89
Bei den plasmabehandelten Proben ist zu sehen, dass die Sauerstoffkonzentration mit abnehmender
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse zunimmt. Die Konzentration an Kohlenstoff bleibt nach der
Plasmabehandlung mit 20 m/min weitgehend konstant, bei einer Behandlung mit 2 m/min ist eine
deutliche Abnahme der Konzentration des Kohlenstoffs zu erkennen. Der Anstieg der Sauerstoff-
konzentration lässt sich durch den Einbau von Sauerstoffspezies in die Polymeroberfläche erklären.
Der eingebaute Sauerstoff kann einerseits aus dem Luftplasma oder aus der Umgebungsluft stammen,
deren Sauerstoff nach der Plasmabehandlung mit der reaktionsfreudigen Substratoberfläche reagiert
hat. Sowohl nach einer Plasmabehandlung mit 2 m/min als auch nach einer Schleifbehandlung erhöht
sich die Konzentration silizium- und stickstoffhaltiger Verbindungen. Signifikant ist der Anstieg der
Siliziumkonzentration, der insbesondere bei einem Vergleich der XPS-Analyseergebnisse mit denen
weiterer Referenzproben des Grundanstrichs auffällt. Gewöhnlicherweise ist die gemessene Konzent-
ration des Siliziums an den (unbehandelten) Referenzmesspunkten nicht höher als 2,8%, wie die Er-
gebnisse aus weiteren Versuchsreihen an neun verschiedenen Referenzmesspunkten zeigen (siehe
Abschnitte 5.2.2 und 5.2.3).
Der Anstieg der Silizium- und Stickstoffkonzentration nach der Plasmabehandlung kann durch
on besteht z.B. die Möglichkeit, dass aus dem Luftplasma Stickstoff in die Substratoberfläche einge-
aoxidativen und vermutlich
auch auf thermischen Degradationsprozessen. Er ist vermutlich deutlich geringer als bei einer Schleif-
behandlung, bei der der Materialabtrag erfahrungsgemäß ca. 10 µm beträgt. Durch den thermischen
Eintrag des Plasmas werden möglicherweise auch Adsorbatschichten an der Substratoberfläche ent-
fernt, so dass darunter liegende silizium- und stickstoffhaltige Verbindungen nach der Plasmabehand-
lung eher im XPS detektiert werden. Ebenfalls kann es sein, dass Transportprozesse innerhalb des
Substrats zum Anstieg der Siliziumkonzentration nach der Plasmabehandlung beigetragen haben.
Durch einen erhöhten Wärmeeintrag können beispielsweise organische Siliziumverbindungen ange-
regt worden sein, verstärkt aus dem Bulk des Substrats an die Oberfläche zu migrieren. Nähere Details
zu den Oberflächentemperaturen während der Plasmabehandlung enthält der Abschnitt 5.3 in dieser
Arbeit. Zusammengefasst kann davon ausgegangen werden, dass eine Synergie unterschiedlicher Ef-
fekte des Plasmas auf das Substrat vorliegt, die zum Anstieg der Silizium- und Stickstoffkonzentration
nach einer Plasmabehandlung mit niedriger Verfahrgeschwindigkeit führt. Die Abbildung 5.2.1-3
zeigt die Oberflächenkonzentration der funktionellen Gruppen der Referenzprobe, der geschliffenen
Probe und der Proben nach unterschiedlichen Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse. Angegeben
verschiedene Effekte des Plasmas erklärt werden. Hinsichtlich der Erhöhung der Stickstoffkonzentra-
ti
baut worden ist. Ferner kann nach einer Plasmabehandlung mit einer niedrigen Verfahrgeschwindig-
keit der Plasmadüse ein geringfügiger Abtrag oberer Moleküllagen und Polymerfragmente an der Sub-
stratoberfläche dazu geführt haben, dass Stickstoff (als Bestandteil der Polyurethangruppen) und fer-
ner Silizium freigelegt werden, die in höherer Konzentration in den tieferen Bereichen der Beschich-
tung vorliegen als an der Oberfläche. Der Materialabtrag beruht jedoch nicht wie bei einer Schleifbe-
handlung auf einem mechanischen Abtragsprozess, sondern auf plasm
90
sind auf der Ordinate die Konzentration von aliphatischen Gruppen (C-H), Hydroxyl- und
Ethergruppen (C-O-R), Keto- und Aldehydgruppen (C=ORR) sowie Carboxyl- und Estergruppen
(C=OOR). Die Ergebnisse zeigen, dass bei einer Plasmabehandlung der Substrate mit einer
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse von 20 m/min die Konzentration der C-O-R-, C=ORR- und
C=OOR-Gruppen zunimmt. Die Konzentration der C-H-Gruppen nimmt dagegen ab. Bei den
C=ORR-Gruppen ist bei der mit 2 m/min plasmabehandelten Probe im Vergleich zu der Probe, die mit
20 m/min behandelt worden ist, eine geringfügige Abnahme der Konzentration festzustellen. Ob der
Konzentrationsunterschied auf eine Wechselwirkung der Grundanstrichoberfläche mit dem Plasma
zurückzuführen ist oder auf die unterschiedliche chemische Beschaffenheit der Probenoberflächen,
kann nicht gesagt werden. Sollte die Abnahme der Konzentration der Aldehydgruppen auf einen Ef-
fekt des Plasmas zurückzuführen sein, kann eine mögliche Erklärung dafür sein, dass ein Teil an der
Oberfläche bestehender Aldehydgruppen zu Carboxylgruppen oxidiert worden ist. Die Konzentration
der C=ORR-Gruppen nimmt dabei folglich ab und die Konzentration der C=OOR-Gruppen zu. Die
Zunahme der C=OOR-Gruppen kann aber auch zum Teil darauf beruhen, dass durch einen Abtrag
Polyurethangruppen aus der Polymermatrix, die bei der Auswertung der XPS-Analyse als C=OOR-
Gruppen erfasst werden, freigelegt werden. Dieser Effekt liegt vermutlich insbesondere an der ge-
schliffenen Probe vor. Zu erwarten ist, dass die eingebauten funktionellen Gruppen zu einer erhöhten
Wechselwirkung des Substrats mit einem darauf aufgetragenen Epoxid-Außengrundanstrich führen.
Studien an Polyethylen haben beispielsweise gezeigt, dass der Einbau sauerstoffhaltiger funktioneller
Gruppen an der Polymeroberfläche die adhäsiven Wechselwirkungen zwischen einer Epoxid-Schicht
und einer modifizierten Polyethylenoberfläche erhöht (Chew et al./1984). So kann es zu Reaktionen
von Epoxid-Gruppen der Beschichtung mit Hydroxyl- und Carboxylgruppen des Substrats kommen.
12,62 11,30
4,60
10,20
7,93 8,70
4,90 4,90
33,24 30,60
27,60 25,60
46,22
49,40
62,90
59,40
0
10
20
30
40
50
60
70
2 20 Referenzprobe geschliffene Probe
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse am Grundanstrich [m/min]
Konzentration der funktionellen Gruppen [%]
C=OOR
C=ORR
C-O-R
C-H
Abbildung 5.2.1-3: Einfluss der Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse auf die Konzentration funktioneller Gruppen
der Grundanstrichoberfläche
91
Rasterelektronen- und Lichtmikroskopie
Die Abbildungen 5.2.1-4 bis 5.2.1-6 zeigen eine Auswahl von Ergebnissen der Rasterelektronenmik-
roskopie, die an einem Labor der Airbus Operations GmbH am Grundanstrich durchgeführt worden
ist. Die Abbildungen beinhalten Draufsichtaufnahmen von einem Messbereich einer Referenzprobe
und von Probenmessbereichen, die mit 2 m/min und 20 m/min plasmabehandelt worden sind.
Generell weisen sowohl die Messbereiche der plasmabehandelten Proben als auch der Referenzprobe
geöffnete Poren unterschiedlicher Größe auf. Visuell sind keine besonderen Auffälligkeiten festzustel-
len, die zu der Vermutung führen können, dass eine topografische Veränderung der Substratoberfläche
durch eine Plasmabehandlung mit einer Behandlungsgeschwindigkeit von 20 m/min oder mit
2 m/min herbeigeführt worden ist. Für die Verfahrgeschwindigkeit von 2 m/min wurde aufgrund der
Ergebnisse der XPS-Analyse eigentlich erwartet, einen Abtragseffekt des Plasmas an dem untersuch-
ten Messbereich der Substratoberfläche anhand der SEM-Aufnahmen visuell erkennen zu können.
Dass dies nicht möglich ist, kann mehrere Gründe haben. Ein Grund hierfür kann das nicht ausrei-
chende Auflösungsvermögen des SEM-Verfahrens sein oder die Beeinflussung der Substratoberfläche
bei der Probenpräparation. Das Besputtern der plasmabehandelten Oberfläche kann dazu geführt ha-
ben, dass topografische Veränderungen nach einer Plasmabehandlung, die im Nanometer-Bereich
liegen, durch die aufgetragene Sputterschicht überdeckt werden. Um Veränderungen der Topografie
nach einer Plasmabehandlung der Oberfläche zu erfassen, ist daher möglicherweise ein sensibleres
Messverfahren erforderlich, aber auch ein Verfahren, das im Rahmen seiner Probenpräparation nicht
zu relevanten Veränderungen der Topografie der Probenoberfläche führt. Dazu wird in einer weiteren
Untersuchungsreihe ein chemisches Rasterkraftmikroskop verwendet, das ein höheres Auflösungs-
vermögen als die SEM hat und dem ein anderweitiges Messprinzip zugrunde liegt. Die dargestellten
Ergebnisse der SEM konnten durch Messungen am reproduziert werden.
Fraunhofer-Institut
Abbildung 5.2.1-4: SEM-Draufsichtaufnahme vom Grundanstrich (Referenzprobe)
Poren
92
Poren
Abbildung 5.2.1-5: SEM-Draufsichtaufnahme vom plasmabehandelten Grundanstrich
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
Poren
Abbildung 5.2.1-6: SEM-Draufsichtaufnahme vom plasmabehandelten Grundanstrich
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 2 m/min)
93
Zusätzlich werden die rasterelektronischen Mikroskopieuntersuchungen durch lichtmikroskopische
Querschnittsaufnahmen ergänzt, die in der Abbildung 5.2.1-7 dargestellt sind. Die Ergebnisse dieser
Messmethode liefern wie die SEM keine Hinweis auf eine topografische Veränderung der Oberflä-
chenstruktur nach einer Plasmabehandlung. Ferner ist keine Veränderung der Polymerstruktur inner-
halb des Substrats durch einen zu hohen Wärmeeintrag des Plasmas festzustellen.
e
Abbildung 5.2.1-7: Querschnittsaufnahmen von der Referenzprobe und von plasmabehandelten Proben
(Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse: 20 m/min und 2m/min)
Chemische Rasterkraftmikroskopie
Die Abbildung 5.2.1-8 zeigt die Ergebnisse der Untersuchungen der chemischen Rasterkraftmikrosko-
pie an unterschiedlich vorbehandelten Grundanstrichoberflächen, die als Topografie- und
Adhäsionsmikroskopiebildaufnahmen visualisiert sind. Ein Messbereich liegt innerhalb eines Flä-
chenbereiches einer Probe, der mit 2 m/min plasmabehandelt worden ist, ein anderer Messbereich liegt
in einem Flächenbereich einer zweiten Probe, der mit 20 m/min plasmabehandelt worden ist. Bei der
zweiten Probe liegt außerhalb der plasmabehandelten Flächenbereichs zusätzlich ein (unbehandelter)
Referenzmessbereich vor. In den Adhäsionsmikroskopiebildaufnahmen entsprechen die dunklen Zo-
nen hydrophilen Bereichen, die helle Zonen hydrophoben Bereichen.
In der 2D-Topografiemikroskopiebildaufnahme des Referenzmessbereichs sind Krater und Erhebun-
gen an der Oberfläche zu sehen. Die Erhebungen sind hügelartige Strukturen und derförmige Verläu-
fe. Die hügelartig piebildaufnahme
als hydrophile Bereiche detektiert, die sich in einer hydrophoberen Umgebung befinden. Bei der hyd-
rophoben Umgebung der Strukturen handelt es sich vermutlich um die Polymermatrix der
Polyurethanbeschichtung. Bei den aderförmigen Verläufen kann es sich beispielsweise um nicht rea-
gierte Bereiche der Beschichtung oder Weichmachersubstanzen handeln. Teilweise werden die hydro-
philen hügelartigen und aderförmigen Strukturen – im Folgenden vereinfacht als Adern bezeichnet –
von hydrophoben Schichten überlagert.
Grundanstrich
Grundanst
Einbettmasse
EinbettmasseEinbettmasse
Grundanstrichoberfläche
Grundanstrichoberfläche G
r
undanstrichoberfläche
rich Grundanstrich
a
en und aderförmigen Strukturen werden in der Adhäsionsmikrosko
94
In der 2D-Topografiemikroskopiebildaufnahme des mit 20 m/min plasmabehandelten Messbereichs
sind wie im unbehandelten Bereich Krater und hügelartige Strukturen zu sehen. Es liegen aber keine
hervortretenden Adern vor. Stattdessen befinden sich schmale, längliche Vertiefungen an der
Oberfläche, die wie Rillen aussehen. Bei der mit 2 m/min plasmabehandelten Probe sind die
strukturellen Veränderungen an der Oberfläche deutlich stärker ausgeprägt als be
i der mit 20 m/min
lasmabehandelten Probe. Folglich unterliegt die Probe bei einer Plasmabehandlung mit 2 m/min
viel stärkeren Abtragseffekten als bei einer Behandlung mit einer Verfahrgeschwindigkeit von
20 m/min. In den Adhäsionsm andelter Messbereiche wer-
den die Rillen als hydrophile Verläufe mit Seitenverzweigungen detektiert. Die Verläufe ähneln in
ihrem Muster den Verläufen Adern des Referenzmessbereichs, mit dem Unterschied,
dass die Verläufe hier homogener verteilt sind und eine deutlich höhere Dichte aufweisen. Die Rillen
erscheinen in den Adhäsionsmikroskopiebildaufnahmen breiter als in der Topografiemikroskopie-
bild
Womöglich befinden sich am Randbereich der Rillen Abbauprodukte abgetragener Adern, die sich
nach der Plasm WOM (niede idierte Substanzen, innerhalb
dieser Arbeit in Anlehnung an Friedrich und Gähde [1980] auch einfach als „Molekularschutt“ oder
„molekulares Schuttmaterial“ bezeichnet) abgelagert haben. An der mit 2 m/min plasmabehandelten
Probe sind außerdem
in verteilt sind und auch auf Molekularschutt hinweisen, der sich infolge des intensiven Plasmaein-
er Oberfläche abgelagert hat. Bereits bei der Interpretation
er Ergebnisse der XPS-Analyse wurde ein Abtrags- bzw. Erosionseffekt bei einer Behandlung mit
p
ikroskopiebildaufnahmen beider plasmabeh
der detektierten
aufnahmen.
abehandlung als LM rmolekulare ox
noch hydrophile Ablagerungen zu erkennen, die über den gesamten Messbereich
fe
trags vermutlich als Abtragsrückstand an d
d
dieser Verfahrgeschwindigkeit vermutet. Inwieweit sich die dabei entstandenen Abtragsrückstände
negativ auf die Haftung einer Beschichtung auf der plasmabehandelten Probe auswirken, wird durch
Haftungsuntersuchungen im Rahmen dieser Arbeit überprüft (siehe Abschnitt 5.5). Bezüglich der
Adhäsionsmikroskopiebildaufnahmen in Abbildung 5.2.1-8 ist anzumerken, dass der Referenzmessbe-
reich und die plasmabehandelten Messbereiche in ihren Helligkeitsabstufungen nicht gleichskaliert
sind. Die Adhäsionsmikroskopiebildaufnahmen der plasmabehandelten Messbereiche sind stark auf-
gehellt. Das heißt, dass die plasmabehandelten Bereiche deutlich hydrophiler sind, als sie in den Auf-
nahmen dargestellt sind.
95
Adern
abgetragene Bereiche fein verteilte
hydrophile
Ablagerungen
fein verteilte hydrophile Ablagerungen
an Randbereichen der Rille
fein verteilte
hydrophile
Ablagerungen
an Randbereichen
der Rille
Rillen
Abbildung 5.2.1-8: CFM-Aufnahmen zur Topografie und zur Oberflächenhydrophobie des Referenzmessbereichs und
plasmabehandelter Messbereiche (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 2m/min und 20 m/min)
96
Topografische Nahaufnahmen in Abbildung 5.2.1-9 zeigen die dreidimensionale Beschaffenheit einer
Ader und einer Rille. Die Höhenprofile beziehen sich auf die entlang der Strukturen eingezeichneten
gestrichelten Messwege. In der Abbildung ist zu sehen, dass die Höhe der betrachteten Ader ca.
50 nm, ihre Breite ca. 450 nm beträgt. Die Breite der betrachteten Rille beträgt ca. 100 nm, ihre Tiefe
ca. 30 nm. In Abbildung 5.2.1-10 sind Adhäsionsmikroskopiebildaufnahmen zum Referenzmessbe-
reich und zu einem mit 20 m/min plasmabehandelten Messbereich dargestellt, die in ihren Helligkeits-
abstufungen gleichskaliert sind. Bei Betrachtung der Aufnahmen ist zu sehen, dass die vermutete
Polymermatrix des plasmabehandelten Messbereichs deutlich dunkler als die des unbehandelten
Messbereichs ist. Dies verdeutlicht, dass die gesamte Oberfläche des Messbereichs durch die Plasma-
behandlung stark hydrophilisiert worden ist. Eine spektrale Auswertung der Adhäsionsergebnisse zu
den dargestellten Messbereichen ist den Histogrammen rechts daneben zu entnehmen. Sie legen die
Verteilung der gemessenen Adhäsionskräfte zwischen der CFM-Messsonde und den erfassten Mess-
punkten der n dar. Auf der Abszisse der Histogramme sind die gemessenen
Adhäsionskräfte dargestellt, auf der Ordinate ist in einer linearen Skalierung die Anzahl der gemesse-
nen Adhäsionskräfte angegeben. Je hydrophober ein Messpunkt ist, desto weiter rechts liegt der dazu
gemessene Wert der Adhäsionskraft auf der Abszisse. Der Verteilung liegen ungefähr 37000 Mess-
werte zugrunde. Das Histogramm zum unbehandelten Messbereich zeigt eine relativ breite Streuung
der Adhäsionskräfte, die auf eine heterogene chemische Oberflächenbeschaffenheit schließen lässt.
Die Breite der Streuung beträgt ca. 0,86 nN. Die Mitte der Verteilung befindet nN.
Für den plasmabehandelten Messbereich beträgt die Breite der Streuung ca. 0,13 ungefähr
85% schmaler als für den unbehandelten Messbereich, was auf eine Homogenisierung der chemischen
Oberflächenbeschaffenheit durch die Plasmabehandlung schließ bei
ca. 0,73 nN. Sie ist auf der Abszisse ungefähr um 0,92 nN von d nbehandelten
Messbereichs in Richtung einer Hydrophobieabnahme verschoben. Dies entspricht einer Verschiebung
der Verteilungsmitte um ca. 55%. Die Abnahme der Hydrophobie weist auf eine deutliche
Hydrophilisierung der Oberfläche durch den Einbau sauerstoffhaltiger funktioneller Gruppen infolge
der Plasmabehandlung hin. Die Reproduzierbarkeit dieses Ergebnisses wird durch das Resulat einer
Messung an einem zweiten Messbereich derselben plasmabehandelten Probenoberfläche bestätigt
(Lahidjanian et al./2009).
Zusammengefasst lässt sich aus den Untersuchungen entnehmen, dass die Oberfläche des Grundan-
druck-Plasmas kommen dafür in Frage. Ein maßgebender Effekt ist der Einbau sauerstoffhaltiger
funktioneller Gruppen an der Oberfläche, der über die XPS-Analyse festgestellt wurde. Ein weiterer
möglicher Effekt ist die Entfernung hydrophober Schichten und dadurch die Freilegung verdeckter
hydrophiler Adern an der Oberfläche. Inwieweit die dabei entstehenden Rückstände an der Substrat-
oberfläche nach einer Plasmabehandlung einen haftungsvermindernden Effekt in Bezug auf die fol-
genden Lackschichten haben, muss durch Haftungstests untersucht werden.
Flächenausschnitte danebe
sich bei ca. 1,65
nN. Sie ist
en lässt. Die Verteilungsmitte liegt
er Verteilungsmitte des u
strichs nach einer Plasmabehandlung stark hydrophilisiert wird. Mehrere Effekte des Atmosphären-
97
Ader
Rille
Abbildung 5.2.1-9: 3D-Topografie-Aufnahme des Referenzmessbereichs und eines plasmabehandelten Messbereichs
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min; Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
Abbildung 5.2.1-10: Spektrale Auswertung der CFM-Ergebnisse des Referenzmessbereichs und eines plasmabehandelten Messbe-
reichs (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min; Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
98
5.2.2 Variation des Abstandes zwischen Plasmadüse und Substrat
Röntgenphotoelektronenspektroskopie
Die Abbildungen 5.2.2-1 und 5.2.2-2 zeigen in Diagrammen die Ergebnisse der XPS-Analyse der Pro-
benoberflächen für unterschiedliche Abstände der Plasmadüse zum Substrat (2 mm bis 20 mm). Die
Messungen zum Abstand von 20 mm sind zweifach erfolgt (Messreihen A und B). Ferner sind Mes-
sungen an vier Referenzmessproben (Messreihen C, D, E und F) und an einer geschliffenen Probe
durchgeführt worden. Die Abbildung 5.2.2-1 zeigt auf der Ordinate die Konzentration der Elemente
Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Silizium, auf der Abszisse sind die variierten Behandlungsab-
stände zu trat dargestellt.
Bei den plasmabehandelten Proben ist zu sehen, dass die Kohlenstoffkonzentration bis zu einem Dü-
senabstand von 8 mm abnimmt, gleichzeitig ist ein Anstieg bei Sauerstoff festzustellen. Der Anstieg
der Sauerstoffkonzentration lässt sich, wie bereits beschrieben, durch den Einbau von Sauerstoffspezi-
es aus dem Luftplasma oder durch die nachträgliche Reaktion der Umgebungsluft mit der plasmabe-
handelten Oberfläche erklären. Wird der Einfluss des Abstands mit dem der Verfahrgeschwindigkeit
auf die chem mensetzung verglichen, so ist festzustellen, dass der Einfluss der
Verfahr-geschwindigkeit wesentlich stärker ist als der des Behandlungsabstands. Hinsichtlich der
Stickstoffkonzentration und der Siliziumkonzentration sind mit abnehmendem Abstand der Düse zum
Substrat keine signifikanten Veränderungen zu erkennen, die möglicherweise indirekt auf einen Ab-
plasmabehandelten Bereiche und Referenzbereiche liegen maximal bei 2,8%. Nur die
Siliziumkonzentration der geschliffenen Probe ist höher als 4%.
m Subs
ische Oberflächenzusam
trag bzw. Materialerosion durch einen zu intensiven Plasmaeintrag wie bei einer Plasmabehandlung
mit niedriger Verfahrgeschwindigkeit (2 m/min) hinweisen könnten. Die Siliziumkonzentrationen aller
27,14 27,88
23,07 22,03 21,52 21,72 21,54 21,42
26,20
8,97 8,12 8,57 8,2 4,24 7,53 7,59 4,34 7,80
60,34 59,83
65,41 66,81 69,19 66,55 66,95 69,20
58,30
1,86 2,46 1,72 1,90 1,60 2,74 2,72 1,63 4,30
0
10
20
30
40
50
60
70
80
2 (Messreihe A)
8 (Messreihe A)
20 (Messreihe A)
20 (Messreihe B)
Referenzprobe (Messreihe C)
Referenzprobe (Messreihe D)
Referenzprobe (Messreihe E)
Referenzprobe (Messreihe F)
geschliffene Probe (Messreihe G)
Abtand zwischen Plasmadüse und Grundanstrich [mm]
Elementkonzentration [Atom%]
O
N
C
Si
Abbildung 5.2.2-1: Einfluss der Variation des Abstandes der Plasmadüse auf die Elementkonzentration an der
Grundanstrichoberfläche (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
99
Wird die Entwicklung der Konzentration der funktionellen Gruppen in Abhängigkeit des Abstandes
sind ein tendenzieller Anstieg der Konzentration von der Plasmadüse vom Substrat betrachtet, so
C=OOR-Gruppen und eine gleichzeitige Abnahme der Konzentration der C-O-R- und C=ORR-
Gruppen mit abnehmendem Behandlungsabstand festzustellen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist,
wie bereits bei der Auswertung der Ergebnisse zur Variation der Verfahrgeschwindigkeit vermutet
wurde, dass der Anstieg der Konzentration der C=OOR-Gruppen zum Teil auf eine Oxidation an der
Oberfläche vorhandener C-O-R- und C=ORR-Gruppen zurückzuführen ist.
14,30
11,30
8,70 9,00 10,20
7,10 8,70
11,50
3,80 4,90
29,00 30,60 30,70
33,50
25,60
49,60 49,40 49,10
53,70
0
10
20
30
40
50
2 (Messreihe A) 8 (Messreihe A) 20 (Messreihe A) Referenzprobe
(Messreihe C)
geschliffene Probe
(Messreihe G)
Abstand zwischen Plasmadüse und Grund
Konzentration der funktionellen Gruppen [%]
59,40
anstrich [mm]
C=OOR
60
C=ORR
C-O-R
C-H
2: Einfluss der Variation des Abstandes der Plasmadüse auf die Konzentration funktioneller Gruppen an der
Grundanstrichoberfläche (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
Rasterelektronenmikroskopie
Die Ergebnisse zeigen, dass anhand der Rasterelektronenmikroskopie-Draufsichtaufnahmen visuell
keine auffälligen topografischen Unterschiede zwischen der Referenzprobe und der Probe nach einer
Plasmabehandlung mit einem Behandlungsabstand von 2 mm detektiert werden können (siehe Abbil-
dung 5.2.2-3 und 5.2.2-4). Die möglichen Gründe hierfür wurden bereits in Abschnitt 5.2.1 erörtert.
Da auch nach einer Plasmabehandlung mit geringem Behandlungsabstand visuell keine topografischen
Veränderungen mit der Rasterelektronenmikroskopie (SEM) festzustellen sind, ist wie nach einer
Plasmabehandlung mit langsamer Verfahrgeschwindigkeit davon auszugehen, dass hier eventuelle
Modifikationen der Oberflächenstruktur als sehr gering einzuschätzen sind und möglicherweise in der
Größenordnung von wenigen Nanometern (unterhalb des Auflösungsvermögens der SEM) liegen.
Abbildung 5.2.2-
100
Abbildung 5.2.2-3: SEM-Draufsichtaufnahme von der Referenzprobe des Grundanstrichs
Abbildung 5.2.2-4: SEM-Draufsichtaufnahme vom plasmabehandelten Grundanstrich
der
esspunkte beträgt auf den Proben zwischen 8 mm und 10 mm. Der maximale Abstand zwischen den
beiden äußeren Messpunkten beträgt demnach höchstens 50 mm.
(Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 2 mm)
5.2.3 Variation der Anzahl an Plasmabehandlungen
Röntgenphotoelektronenspektroskopie
Die Abbildung 5.2.3-1 zeigt in einem Balkendiagramm die Konzentration der Elemente Sauerstoff,
Kohlenstoff, Stickstoff und Silizium an der Oberfläche von Proben, die einer Mehrfachplasma-
behandlung unterzogen worden sind. Die Anzahl der Plasmabehandlungen sind: 0 (Referenzmessung),
10 und 35. Die Referenzmessungen sind an fünf verschiedenen Punkten auf einer Grundanstrich-Probe
erfolgt (Messpunkte A-E). Die Referenzmesspunkte liegen auf einer Messachse. Der Abstand
M
101
Die Messpunkte C-E sind nach einer großflächigen, 10-fachen Plasmabehandlung noch mal an der
gleichen Position gemessen worden. Dies ist ein Unterschied zu den vorherig dargestellten Versuchen,
(Einfluss der Verfahrgeschwindigkeit und der Einfluss des Abstandes der Plasmadüse). Bei jenen Ver-
suchen erfolgten die Messungen an Messpunkten, die auf unterschiedlichen Probenoberflächen gele-
gen waren. Wahrscheinlich war bei den Messungen zuvor ein größerer Einfluss der unterschiedlichen
chemischen Oberflächenbeschaffenheit der Proben auf die Messergebnisse gegeben. Das Ergebnis des
Messpunktes aus dem 35-fach plasmabehandelten Bereich stammt nicht von derselben Probe und ist in
der Ergebnisdarstellung der Abbildung 5.2.3-1 gesondert gekennzeichnet. Die Ergebnisse aus Abbil-
dung 5.2.3-1 zeigen, dass nach einer 10-fachen Behandlung der Grundanstrichoberfläche ein Anstieg
der Sauerstoffkonzentration vorliegt. Die Kohlenstoffkonzentration hat dabei stark abgenommen. Bei
einer 35-fachen Behandlung ist bei beiden Elementen keine wesentliche Veränderung ihrer Konzentra-
tionen mehr festzustellen. Ferner ist bei Silizium und Stickstoff nach einer 10-fachen Behandlung ein
tendenziell gerin r Silizium- und
tickstoffkonzentration nach einer Mehrfachbehandlung kann wie nach einer Plasmabehandlung mit
geringer Verfahrgeschwindigkeit (2 m/min) auf einen minimalen Abtrag oder einen thermisch indu-
zierten Transportprozess von Siliziumverbindungen innerhalb des Substrats zur Oberfläche hinweisen
(siehe Abschnitt 5.2.1). Der Anstieg der Siliziumkonzentration ist nach einer Mehrfachbehandlung
aber deutlich geringer als bei einer Plasmabehandlung der Probe mit einer geringen
Verfahrgeschwindigkeit (2 m/min). Bei einer geringen Verfahrgeschwindigkeit war fast eine Verdopp-
lung der Silziumkonzentration festzustellen gewesen.
gfügiger Konzentrationsanstieg zu erkennen. Die geringe Zunahme de
S
O
18,76 20,00 20,00 19,94 19,34
26,67 26,30 26,67 26,42
71,06 68,31 68,42 68,74 69,22
59,88 60,33 60,10 59,94
40
50
60
70
80
N
C
8,60 9,29 9,14 9,15 9,38 9,77 10,11 9,80 10,63
0,97 1,60 1,47 1,51 1,48 2,03 1,69 1,83 1,77
0
10
0 (Mes
20
30
spunkt A
)
0 (Messpunkt B
)
0 (Messpunkt C
)
0 (Messpunkt D
)
0 (Messpunkt E
10 (Messpunkt C
)
10 (Messpunkt D
)
10 (Messpunkt E
)
35
Anzahl der Plasmabehandlungen am Grundanstrich [-]
Si
ngen auf die Elementkonzentration
Referenzmesspunkte
Messpunkte im
plasmabehandelten Bereich
m onzentration [Atom%]entkEle
Abbildung 5.2.3-1: Einfluss der Variation der Anzahl der Plasmabehandlu
102
Um näher zu untersuchen, inwieweit neben plasmaerosiven Effekten auch der Wärmeeintrag des
Plasmas für den Siliziumkonzentrationsanstieg in Frage kommt, wurde ein Versuch durchgeführt, bei
dem die Messpunkte A und B vor der Behandlung mit einer Aluminumfolie verdeckt worden waren.
Die Plasmadüse wurde bei der Behandlung möglichst nicht über den verdeckten Bereich gefahren.
Dadurch wird ein direkter Einfluss des Plasmas auf die Oberfläche ausgeschlossen. Nach der Behand-
lung werden die Punkte A und B noch mal gemessen.
Abbildung 5.2.3-2 zeigt die Messergebnisse in einem Diagramm. An allen Messpunkten ist eine Zu-
nahme der Siliziumkonzentration nach der Plasmabehandlung zu erkennen, auch an den abgedeckten
Messpunkten A und B, wogegen bei Sauerstoff und Stickstoff keine signifikanten Veränderungen der
Konzentration festzustellen sind. Da die Messpunkte A und B keiner direkten Plasmabehandlung aus-
gesetzt worden sind, aber trotzdem nach der Plasmabehandlung ein Siliziumkonzentrationsanstieg an
diesen Punkten zu erkennen ist, können an diesen Messpunkten keine plasmaerosiven Effekte die Ur-
sache sein. Eine mögliche Erklärung ist, dass Wärme durch die Aluminiumfolie, die teilweise vom
warmen Plasmastrahl erfasst worden ist, zu den Messpunkten A und B geleitet worden sein ist und
dann in der Polymermatrix einen Transportprozess von Siliziumverbindungen angeregt hat. Folglich
kann der Anstieg der Siliziumkonzentration bei einer Plasmabehandlung also zum Teil auch auf ther-
mischen induszierten Effekten beruhen. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass eine mögliche
Materialerosion der Substratoberfläche bei einer Mehrfachbehandlung deutlich geringer ist als eine
nach einer Behandlung mit niedriger Verfahrgeschwindigkeit. Exemplarisch ist eine detaillierte Dar-
stellung zu den XPS-Spektren des Messpunktes D dem Anhang dieser Arbeit beigefügt (siehe Anhang
1-B8). B
20,00 19,89 20,27 20,12 20,00
26,67
19,94
26,30
19,34
26,67
9,29 9,44 9,16 9,05 9,14 9,77 9,15 10,11 9,38 9,80
68,31 67,89 68,02 68,00 68,42
59,88
68,74 69,22
60,33 60,10
1,60 1,75 1,59 1,71 1,47 2,03 1,51 1,69 1,48 1,83
0
10
20
30
40
50
60
70
80
0 (Messpunkt A)
10 (Messpunkt A)
0 (Messpunkt B)
10 (Messpunkt B)
0 (Messpunkt C)
10 (Messpunkt C)
0 (Messpunkt D)
10 (Messpunkt D)
0 (Messpunkt E)
10 (Messpunkt E)
Anzahl der Plasmabehandlungen am Grundanstrich [-]
Elementkonzentration [Atom-%]
O
N
C
Si
Abbildung 5.2.3-2: Elementkonzentration des abgedeckten und plasmabehandelten Bereichs im Vergleich
abgedeckter Bereich Bereich freigelegener
103
Die Abbildung 5.2.3-3 zeigt die Konzentration der funktionellen Gruppen vor und nach der
Mehrfachplasmabehandlung der Grundanstrichoberfläche. Bei einem Vergleich der Konzentration der
funktionellen Gruppen der Referenzmesspunkte A-E mit den Konzentrationen an den Messpunkten
nach einer 10-fach Behandlung ist festzustellen, dass nach der Plasmabehandlung eine Zunahme der
C=OOR- und C=ORR-Konzentration und eine Abnahme der C-O-R-Konzentration vorliegen. Die
Abnahme der C-O-R-Konzentration kann z.B. durch die Oxidation von an der Oberfläche bestehenden
Hydroxylgruppen zu Aldehyd- und Carboxylgruppen erklärt werden. Nach einer 35-fachen Behand-
lung nimmt die Konzentration der C=OOR-Konzentration dann weiterhin zu, während sich die Kon-
zentration der C-O-R-Gruppen kaum ändert und die der C=ORR-Gruppen abnimmt.
Der dargestellte Entwicklungsverlauf der Konzentration der sauerstoffhaltigen funktionellen Gruppen
in Abhängigkeit von der Anzahl der Plasmabehandlungen deutet an, dass die Funktionalisierung der
Oberfläche mit zunehmender Behandlungszahl in mehreren oxidativen Stufen hintereinander erfolgt.
Die letzte Stufe dieser mehrstufigen Oxidationsreaktionen beinhaltet die Bildung von C=OOR-
Gruppen, die möglichweise aus der Oxidation von C=ORR-Gruppen hervorgehen.
9,00 7,52
13,15 16,00
7,15
10,37
7,15 7,93 8,22
11,53
8,22 5,30
27,78 29,42 27,78 26,57
30,32
25,75 25,45 25,75 27,70
56,07
52,68
56,07 56,95
51,43 52,25 49,86 52,25 51,00
40
50
60
onellen Gruppen [%]
C=OOR
C=ORR
C-O-R
C-H
Referenzmesspunkte Messpunkte im plasmabehandelten Bereich
13,79
9,00 8,54 7,60
13,79
10,64
0
10
20
30
0 (Messpunkt A)
0 (Messpunkt B)
0 (Messpunkt C)
0 (Messpunkt D)
0 (Messpunkt E)
10 (Messpunkt C)
10 (Messpunkt D)
10 (Messpunkt E)
35
Anzahl der Plasmabehandlungen am Grundanstrich [-]
Konzentration der funkti
Abbildung 5.2.3-3: Einfluss der Variation der Anzahl der Plasmabehandlungen auf die Konzentration funktioneller Gruppen
104
Rasterelektronenmikroskopie
Die Abbildungen 5.2.3-4 und 5.2.3-5 zeigen rasterelektronenmikroskopische Draufsichtaufnahmen
von dem Messbereich einer Referenzprobe (unbehandelten Probe) und von dem Messbereich einer
Probe, die 40-fach plasmabehandelt worden ist. Die Ergebnisse zeigen, dass visuell anhand der SEM-
Draufsichtaufnahmen keine auffälligen topografischen Unterschiede zwischen dem Messbereich der
Referenzprobe und dem der plasmabehandelten Probe festzustellen sind. Die möglichen Gründe hier-
für wurden bereits in den Abschnitten 5.2.1 und 5.2.2 erörtert.
Poren
Abbildung 5.2.3-4: SEM-Draufsichtaufnahme von der Referenzprobe des Grundanstrichs
Poren
Abbildung 5.2.3-5: SEM-Draufsichtaufnahme vom plasmabehandelten Grundanstrich (40-fache Plasmabehandlung)
105
5.3 Untersuchungen zur Oberflächentemperatur des Substrats
Mittels einer Wärmebildkamera sind die Temperaturen der Substratoberfläche während der Plasma-
behandlung an Grundanstrich-Proben gemessen worden. Die Temperaturen sind entlang eines Mess-
weges A gemessen worden, der quer zur Verfahrrichtung der Düse an ihrem Rand gelegen ist. Der
Messweg ist schematisch in einer in Abbildung 5.3-1 dargestellten Wärmebildkameraaufnahme einge-
zeichnet.
Abbildung 5.3-1: Wärmekamerabildaufnahme der Probe bei der Plasmabehandlung mit einem eingez chneten Messweg A
ie Abbildungen 5.3-2 und 5.3-3 zeigen eine Auswahl von Temperaturmessdiagrammen. Auf der
e der Temperaturmessdiagramme ist die Messstrecke des Messweges A angegeben, auf der
Ordinate die Oberflächente r entlang des Messweges. Die Tabelle 5.3-1 führt die Ergebnisse
zum Einfluss der untersuchten Abstände und Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse auf die Ober-
flächentemperatur des Substrats in einer Übersicht auf. In dieser ist zu sehen, dass mit abnehmendem
Abstand der Plasmadüse die Oberflächentemperatur der Probe steigt. Die gemessene Höchstemperatur
beträgt bei einem Behandlungsabstand von 2 mm und einer Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min
ungefähr 70 °C. Diese Temperatur überschreitet nicht die im Rahmen eines industriellen Fertigungs-
prozesses an Verbundfaserwerkstoffen zugelassene maximale Temperatur von 80 °C. Noch höhere
Temperaturen entstehen bei einer langsamen Verfahrgeschwindigkeit der Düse. Bei einer
Verfahrgeschwindigkeit von 2 m/min und einem Behandlungsabstand von 8 mm werden Temperatu-
ren bis zu 85 °C erreicht. Hier wird die industriell zulässige Temperatur überschritten. Bei dieser
Verfahrgeschwindigkeit tritt aber keine sichtbare Zerstörung der Polymerstruktur der plasmabehandel-
ten Be siehe
bschnitt 5.2.1). Die Zersetzungstemperatur von Polyurethanpolymeren auf Polyester-Polyol-Basis
liegt bei ca. 200 °C (Salinas/2001).
Plasmadüse
Probe thermische Behandlungsspur
ei
D
Absziss
mperatu
schichtung ein, wie die lichtmikroskopischen Querschnittaufnahmen zuvor gezeigt haben (
A
106
Zwar liegt die Temperatur an der Oberfläche bei einer Plasmabehandlung mit 2 m/min deutlich unter
CFM-Analysen festgestellten Veränderungen der oberflächen-
hemischen Zusammensetzung (z.B. die deutliche Erhöhung der Siliziumkonzentration) und der Ober-
flächenstruktur auch auf thermische Einflüsse zurückzuführen sind.
200 °C, trotzdem kann ein Temperaturanstieg an der Substratoberfläche auf bis zu 85 °C möglicher-
weise ausreichen, um zu einer leichten thermischen Degradation, zu einer selektiven Entfernung flüch-
tiger Spezies an der Oberfläche oder zu thermisch induzierten Transportprozessen von beispielsweise
siliziumhaltigen Verbindungen innerhalb des Substrats an die Oberfläche zu führen. Es ist somit nicht
auszuschließen, dass die per XPS- und
c
Abbildung 5.3-2: Temperaturkurve zum Messweg A
(Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
Abbildung 5.3-3: Temperaturkurve zum Messweg A
(Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 2 mm)
Tabelle 5.3-1: Einfluss der Verfahrgeschwindigkeit und des Abstands der Plasmadüse auf die Oberflächentemperatur der Probe
Variation der Verfahrgeschwindigkeit [m/min]
(Abstand zwischen Plasmadüse und
Substrat:8 mm)
Oberflächentemperatur [°C]
Variation des Abstands [mm]
(Verfahrgeschwindigkeit der
Plasmadüse: 20 m/min)
Oberflächentemperatur [°C]
285270
475461
20 42 8 42
107
5.4 Untersuchungen zur Behandlungsbreite und -homogenität der
Plasmabehandlungsspur
5.4.1 Simulation der zykloiden Bahnbewegung des Plasmastrahls
Aus der Überlagerung der Rotations- und Translationsbewegung der Plasmadüse resultiert für die
Bahnbewegung des an der Oberfläche eintreffenden Plasmastrahls eine verlängerte Zykloide. Die
Gleichung für die Bewegung des rotierenden Plasmastrahls in x-Richtung als Funktion der Zeit t ist:
tvtrtx T
+
= )cos()(
ω
(5.4.1-1)
mit
Die Translationsgeschwindigkeit vT der Plasmadüse entspricht der Verfahrgeschwindigkeit der Düse.
Die Bewegungsgleichung des Plasmastrahls in y-Richtung als Funktion der Zeit t ist:
hls.Plasmastra des digkeitnsgeschwinTranslatio v
punkt Zeitt
ionDüsenrotat derenz Kreisfrequ ω
hlsPlasmastra des adiusRotationsr r
T
)sin()( trty =
ω
(5.4.1-2)
Die Behandlungsbreite des (linearen, nichtrotierenden) Plasmastrahls an der Oberfläche ist größer als
der Austrittsdurchmesser der Plasmadüse von 4 mm. Der Grund hierfür ist, dass sich der Plasmastrahl
zum einen durch den geneigten Austrittswinkel des Plasmastrahls aus der Düse und zum anderen
durch den Staudruck auf der Substratoberfläche nach außen hin verbreitert. Zur Geometrie der
Plasmadüse sei auf Abschnitt 3.1 dieser Arbeit hingewiesen. Um möglichst realitätsnahe Simulationen
der Behandlungsspuren erzeugen zu können, ist es vorher erforderlich, die Breite eines linearen Be-
handlungsstrahles auf einer Probe zu messen. Dazu erfolgt einer CFM-Messung quer zur
Verfahrrichtung der linearen B .
ehandlungsspur an einer Probenoberfläche
108
Abbildung 5.4-1-1 zeigt in einer schematischen Darstellung das Prinzip zur Messung der B
linearen Behandlungsspur per spektr
reite der
oskopisches Messverfahren mit einer CH3-terminierten
markieren, wurde
ges, der in der sche-
s-
unkten (Schrittweite der Messsonde) beträgt ca. 250 µm. Hohe gemessene Adhäsionskräfte weisen
auf einen hydrophoben bzw. sc
auf einen hydrophilen bzw. plasmabehandelten Bereich in der Behandlungsspur hin.
Rasterkraftmikroskopiemesssonde (CFM-Messsonde). Um die Spur deutlich zu
diese vierfach auf der Probe mit der Plasmadüse abgefahren. Entlang des Messwe
matischen Darstellung rot als Pfeil in Richtung der Messrichtung gekennzeichnet ist und quer zur
Verfahrrichtung der Behandlungsspur liegt, werden die Adhäsionskräfte zwischen der hydrophoben
CFM-Messsonde und der Probenoberfläche gemessen. Der Abstand zwischen den einzelnen Mes
p
hwach plasmabehandelten Bereich hin, geringe Adhäsionskräfte weisen
Abbildung 5.4.1-1: Schematische Darstellung des CFM-Spektroskopiemessweges quer zum Verfahrweg der Behandlungsspur der
nichtrotierenden Plasmadüse
Polypropylen-Probe lineare Behandlungs-
spur des Plasmastrahls
Verfahrrichtung der Düse
y
x
109
Die Ergebnisse der Untersuchung auf der Behandlungsspur zeigen, dass die Breite eines nicht-
rotierenden Plasmastrahls zwischen 8 mm und 10 mm an der behandelten Polypropylenoberfläche
beträgt. Innerhalb dieser Breite sind die gemessenen Adhäsionskräfte zwischen der CFM-Messonde
und der Probenoberfläche geringer als im umliegenden Bereich gewesen (siehe Abbildung 5.4.1-2).
Innerhalb des gekennzeichneten Bereichs liegen alle gemessenen adhäsiven Wechselwirkungskräfte
der Messpunkte unterhalb von durchschnittlich 1,2 nN, außerhalb dieses Bereichs sind zum Teil
sprunghafte Anstiege der Kräfte auf fast durchschnittlich 2 nN festzustellen. Auffällig ist, dass inner-
halb der gekennzeichneten Behandlungsspur keine symmetrische bzw. homogene Verteilung der ad-
häsiven Wechselwirkungskräfte der Messpunkte mit der Messsonde vorliegt. Dies bedeutet, dass keine
gleichmäßige Behandlung mit der Düse an der Probenoberfläche erfolgt ist. Die Intensität der Plasma-
ehandlung nimmt in Richtung des Messweges der CFM-Messsonde zu. Der Grund für die ungleich-
äßige Behandlung ist höchstwahrscheinlich der geneigte Austrittswinkel des Plasmastrahls aus der
Düse, der zu einer Behandlungsasymmetrie an der Spur führt.
b
m
Abbildung 5.4.1-2: CFM-Spektroskopiemessergebnisse zu einem Messweg quer zur Verfahrweg der nichtrotierenden Plasmadüse
y
110
Unter der Annahme, dass die Behandlungsbreite 8 mm beträgt, ergeben sich in Abhängigkeit von der
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse die in Abbildung 5.4.1-3 dargestellten Behandlungsspuren,
die auf den Gleichungen 5.4.1-1 und 5.4.1-2 basieren. Die Rotationszahl der Düse beträgt hier 2890
Umdrehungen pro Minute. Der zykloiden Bewegungsbahn des Plasmastrahls liegt entsprechend der
Düsengeometrie ein innerer Rotationsradius von 6,5 mm zugrunde. Die Ergebnisse der mathemati-
schen Simulation der Bewegungsbahn des Plasmastrahls zeigen, dass innerhalb einer Behandlungsspur
Bereiche vorliegen, die mit unterschiedlicher Häufigkeit vom Plasmastrahl erfasst werden. Je langsa-
mer die Verfahrgeschwindigkeit der rotierenden Plasmadüse ist, desto höher ist die Häufigkeit der
Behandlungen innerhalb einer Behandlungspur. Ferner zeigen die Ergebnisse, dass ab einer Translati-
onsgeschwindigkeit vT bzw. einer Verfahrgeschwindigkeit von 40 m/min Bereiche innerhalb der Be-
handlungsspur vorliegen, die theoretisch nicht mehr vom Plasmastrahl erfasst werden. Für die Anwen-
dung in der industriellen Praxis bedeutet dies, dass die Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse unter-
halb von 40 m/min sein sollte, da vermutlich höhere Behandlungsgeschwindigkeiten zu einer Reduzie-
ng der Haftung der Außenbeschichtung auf dem Substrat führen. Inwieweit diese Vermutung zu-
trifft, wird durch verschiedene Haftungsuntersuchungsmethoden in Abschnitt 5.5 dargestellt.
ru
Rotationsrichtung der Düse
Verfahrrichtung der Düse
S
Abbildung 5.4.1-3: Einfluss unterschiedlicher Verfahrgeschwindigkeiten auf die Behandlungshomogenität der Verfahrspur
p
urmitte
S
p
urmitte
S
p
urmitte
S
p
urmitte
111
5.4.2 Rasterkraftmikroskopische Analyse von Plasmabehandlungsspuren
Spektroskopische CFM-Messungen sind entlang und quer zu der Verfahrrichtung von Behandlungs-
spuren der Plasmadüse an Probenoberflächen erfolgt, um die Breite und die Homogenität der Düsen-
behandlung bzw. Behandlungsspur detailliert zu beschreiben. Die Abbildung 5.4.2-1 enthält schemati-
sche Darstellungen zum Verfahrensprinzip der Messung mit Angabe der Messwege der CFM-
Messung an den untersuchten Proben. Die Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse betrug bei der
Behandlung 20 m/min.
Grundanstrich-Probe Polypropylen-Probe
zykloide Behandlungs-
spur des Plasmastrahls
zykloide Behandlungs-
spur des Plasmastrahls
Verfahrrichtung
der Düse
tionsrich
Abbildung 5.4.2-1: Schematische Darstellung der CFM-Spektroskopiemesswege A und B entlang und quer zum Verfahrweg der
Plasmadüse (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
In den Abbildungen 5.4.2-2 und 5.4.2-3 sind die Ergebnisse der CFM-Messungen entlang und quer zu
der Verfahrrichtung bei einer Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min dargestellt. Die Messung entlang
der Verfahrrichtung der Plasmadüse erfolgte auf einer Grundanstrichoberfläche (Messweg A), die
Messung quer zur Verfahrrichtung wurde an Polypropylen durchgeführt (Messweg B). Auf der Abs-
zisse ist die Bewegungsrichtung der CH3-terminierten CFM-Messsonde, auf der Ordinate sind die
gemessenen hydrophoben Wechselwirkungskräfte zwischen der Messsonde und der Probenoberfläche
angegeben. Der Abstand der Messpunkte (Schrittweite der Messsonde) beträgt 250 µm bzw. 500 µm.
Je höher die Behandlungsintensität der Plasmabehandlung an dem
desto niedriger ist die gemessene hydrophobe Wechselwirkungskraft.
jeweiligen Messpunkt gewesen ist,
X X
y
y
Rota
der Düse tung
112
Das Ergebnis in Abbildung 5.4.2-2 zeigt, dass entlang des Verfahrweges der rotierenden Plasmadüse
ich (Referenzmessbereich) mit dem Fehlerbalken eingezeichnet. Die gemes-
enen adhäsiven Wechselwirkungskräfte der Probe mit der Messsonde betragen ca. 6 nN. Der Ver-
d
samten Verfahrwegs der Plasmadüse deutlich herabgesetzt wird. Des Weiteren ist zu erkennen, dass
die Ergebnisse der CFM-Spektroskopie prinzipiell mit denen der simulierten Behandlungsspur über-
einstimmen. Bei der simulierten Behandlungsspur wurden ebenfalls quasiperiodisch auftretende Be-
reiche mit schwächerer Behandlung wie bei der CFM-Messung festgestellt, wie der Vergleich in
Abbildung 5.4.2-2 zeigt.
ein homogener Behandlungseffekt vorliegt. Die gemessenen adhäsiven Wechselwirkungskräfte zwi-
schen der Messsonde und den Messpunkten der Probenoberfläche liegen überwiegend unterhalb von
0,5 nN. Zu sehen sind quasiperiodische Bereiche mit leicht schwächerer Behandlung, die durch höhere
Wechselwirkungskräfte gekennzeichnet sind. Sie liegen oberhalb von 0,5 nN. Zum Vergleich dazu ist
im Diagramm auch die Adhäsionskraft zwischen der CFM-Messsonde und einem Messpunkt aus ei-
nem unbehandelten Bere
s
gleich verdeutlicht, dass nach einer Plasmabehandlung die Oberflächenhy rophobie entlang des ge-
y
X
X
Abbildung 5.4.2-2: Ausschnitt aus einer simulierten Behandlungsspur und CFM-Spektroskopiemessergebnisse zum Messweg A
entlang des Verfahrwegs der Plasmadüse (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
113
Auch quer zur Verfahrrichtung der Plasmadüse ist die Plasmabehandlung weitgehend homogen. Die
Breite der Behandlungsspur beträgt ca. 22 mm (siehe Abbildung 5.4.2-3). Die gemessenen adhäsiven
Wechselwirkungskräfte liegen innerhalb des gekennzeichneten Bereichs der Behandlungsspur unter-
halb von 1 nN. Tendenziell ist innerhalb der Behandlungsspur eine sehr leichte Behandlungsasym-
metrie zu erkennen, die auf geringfügig inhomogene Behandlungseffekte der Plasmadüse an der Pro-
benoberfläche hinweisen kann. Eine Seite der Behandlungsspur (mit den höheren
Adhäsionskräften) scheint geringfügig stärker behandelt worden zu sein als die andere Seite. Außer-
halb des 22 mm breiten Bereichs liegen die gemessenen Wechselwirkungskräfte zum Teil bei
6 nN und weisen sehr hohe Streuungen auf. Bereiche mit hohen Messkräften und hohen Streuungen
der Messwerte zeigen, dass kaum Behandlungseffekte des Plasmas an diesen Stellen vorliegen.
Das Ergebnis zur Untersuchung einer einzelnen Behandlungsspur bedeutet in Hinblick auf eine flächi-
ge Behandlung, dass ein Spurabstand von 20 mm zwischen den Behandlungsspuren völlig ausreichend
ist, um eine vollständig flächendeckende Plasmabehandlung von Substratoberflächen vorzunehmen.
Ein Versatz der Düse von
20 mm führt bei einer flächigen Behandlung der Substratoberfläche zu kei-
en unbehandelten Bereichen. Bei einem Spurabstand von 20 mm würde sogar eine Überlappung von
mindestens 2 mm erfolgen, die in der industriellen Praxis eine zusätzliche Prozesssicherheit bietet.
n
Abbildung 5.4.2-3: CFM-Spektroskopiemessergebnisse zum Messweg B quer zum Verfahrweg der Plasmadüse
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
Behandlungsbreite: ca. 22 mm
y
114
Abbildung 5.4.2-4 stellt schematisch die Versuchsdurchführung der CFM-Spektroskopie an einer Pro-
be dar, die mit einer Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse von 80 m/min behandelt worden ist.
Grundanstrich-Probe
Abbildung 5.4.2-4: Schematische Darstellung der CFM-Spektroskopiemesswege C und D entlang und quer zum Verfahrweg der
Plasmadüse (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 80 m/min)
Abbildung 5.4.2-5 zeigt die Ergebnisse der CFM-Spektroskopie entlang des Verfahrweges der Plas-
madüse (Messweg C). Zwischen den beiden plasmabehandelten Bereichen auf der Behandlungsspur
ist eindeutig ein schwach behandelter mit einer Breite von ca. 15 mm zu erkennen. Vermutlich handelt
es sich um einen schwach behandelte Zone, die bereits bei der Simulation der Behandlungsspuren als
quasiperiodisch auftretender Bereich festgestellt worden war. Solch ein schwach behandelter Bereich
nach einer Behandlung mit einer Verfahrgeschwindigkeit von 80 m/min ist viel deutlicher ausgeprägt
als nach einer Behandlung mit einer Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min.
Abbildung 5.4.2-5: CFM-Spektroskopiemessergebnisse zum Messweg C entlang des Verfahrwegs der Plasmadüse
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 80 m/min; Abstand der Plasmadüse: 8 mm )
Rotationsrichtung
der Düse
Grundanstrich-Probe
zykloide
Behandlungsspur
des Plasmastrahls
zykloide
Behandlungsspur
des Plasmastrahls
x x
y
y
schwach plasmabehandelte Bereiche
ca. 15 mm
x
115
Eine stark ausgeprägte Behandlungsasymmetrie ist entlang des Messweges D zu erkennen, der quer
zum Verfahrweg der Plasmadüse liegt. Das CFM-Messergebnis bestätigt das Ergebnis der mathemati-
schen Sim mulierten Behandlungsspur sind drei unterschiedlich stark plasm
handelte Bereiche bei den CFM-Spektoskopiemessergebnissen zu erkennen (siehe Abbildung 5.4.2-6).
ulation. Wie bei der si abe-
Abbildung 5.4.2-6: Ausschnitt aus einer simulierten Be r und CFM-Spektroskopiemessergebnisse zum Messweg D
quer zum Verfahrweg der Plasmadüse (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 80 m/min; Abstand der Plasmadüse: 8 mm)
Die CFM-Spektroskopiemessergebnisse beider Behandlungsspuren (20 m/min und 80 m/min) geben
die Ergebnisse der Simulationen der Behandlungsspuren aus Abbildung 5.4.1-3 gut wieder. Insgesamt
wurde mit den Ergebnissen der CFM-Spektroskopie aufgezeigt, dass bei einer Behandlungsgeschwin-
digkeit von 20 m/min und einem Spurabstand von 20 mm eine flächendeckende Behandlung der Sub-
stratoberfläche möglich ist. Für die folgenden Haftungsuntersuchungen werden daher die Proben mit
einem Spurabstand von 20 mm flächig plasmabehandelt.
handlungsspu
schwach plasmabehandelter Bereich
stark plasmabehandelter Bereich
schwach plasmabehandelter Bereich
y
x
y
0 5 10 15 25 30 [mm]
20
116
5.5 Untersuchungen zur Haftung der Außenbeschichtung an einem
ausgewählten Substrat
Im Mittelpunkt dieses Abschnitts wird die Fragestellung betrachtet, welchen Effekt die jeweiligen
Behandlungsparameter (Verfahrgeschwindigkeit der Düse, Abstand zwischen Düse und Substrat so-
wie Anzahl der Plasmabehandlungen) auf die Haftung der Außenbeschichtung auf dem Substrat ha-
ben. Der Spurabstand beträgt bei allen Behandlungen 20 mm. Die Haftung des Außengrundanstrichs
auf dem Grundanstrich wird mittels verschiedener Haftungstestmethoden untersucht. Diese Testme-
der Gitterschnitttest, der Stirnabzugstest und der Hochdruckwasserstrahltest.
5.5. schwindigkeit der Plasmadüse
Generell wird erwartet, dass die Haftung der Außenbeschichtung auf den plasmabehandelten
Substraten höher ist als auf der Referenzprobe, die vor der Applikation der Beschichtung lediglich mit
Isopropanol gereinigt wurde. Die chemische Veränderung der Grundanstrichoberfläche infolge einer
Plasmabehandlung führt, wie in Abschnitt 5.2 dargestellt wurde, zu einer Erhöhung der Oberflächen-
energie und kann in einer verbesserten Benetzung der Außenbeschichtung auf dem Substrat resultie-
ren. Eine verbess u einem Beschich-
tung und dem Substrat und damit zu einem Anstieg der Wechselwirkungen zwischen beiden Phasen
führen. Inwieweit sich das Benetzungsverhalten der Außenbeschichtung auf dem Substrat verändert,
wird in Abschnitt 5.5.4 näher betrachtet. Außerdem können durch den Einbau sauerstoffhaltiger
Gruppen an der Substratoberfläche Bind n in chemische Wech-
selwirkung mit reaktiven funktionellen Gruppen des Außengrundanstrichs treten können.
In Bezug auf den Einfluss der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse wird vom Prinzip her erwartet,
dass mit abnehmender Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse die Haftung der Außenbeschichtung
auf dem Substrat steigt. Die Zunahme der Stärke der Haftung wird wahrscheinlich begrenzt sein, da
unterhalb einer bestimmten Behandlungsgeschwindigkeit infolge einer zu intensiven Behandlung
überwiegend Degradationsprozesse an der Substratoberfläche erfolgen. Dabei können
Molekülfragemente entstehen, die als Weak Boundary Layer die adhäsiven Wechselwirkungen zwi-
adüse sollte zu einer Abnahme der Haftung der Außenbeschichtung
thoden sind
1 Variation der Verfahrge
erte Benetzung kann wiederum z erhöhten Kontakt zwischen der
ungspartner geschaffen werden, die dan
schen Substrat und Beschichtung negativ beeinträchtigen können. Auch eine zu hohe
Verfahrgeschwindigkeit der Plasm
auf dem Substrat führen, da die Einwirkdauer des Plasmas auf das Substrat nicht genügt, um die Ober-
fläche effektiv zu funktionalisieren. Ferner werden nicht alle Bereiche innerhalb der Behandlungsspur
vom Plasma erfasst, wie in Abschnitt 5.4.1 anhand der Simulation der Behandlungsspuren gezeigt
wurde. Daher wird erwartet, dass es im Rahmen der Haftungstest an den Proben, die mit
Verfahrgeschwindigkeiten ab 40 m/min behandelt worden sind, zu Enthaftungen der Beschichtung auf
dem Substrat kommt.
117
rsicht die Ergebnisse der Gitterschnitttests der Proben, die
der Oberflä-
chen nicht reduziert werden darf. Für Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse von 2 m/min und
tterschnittergebnis der geschliffenen
kann gesagt
Ergebnisse der Gitterschnitttests
Die Tabelle 5.5.1-1 beinhaltet in einer Übe
keiner vorherigen 14 d Wasserauslagerung unterzogen worden sind. Die Ergebnisse zeigen, dass die
Haftung der Beschichtung auf den plasmabehandelten Substraten stärker ist als auf der Referenzprobe.
Für die Referenzprobe wurden Gitterschnittkennwerte zwischen Gt 3 und Gt 5 bestimmt. Hier lagen
nach dem Haftungstest eindeutig großflächige Adhäsionsbruchzonen auf der Probe vor. Mit den ge-
nannten Kennwerten werden die industriellen Anforderungen in Hinblick auf eine hohe Haftung nicht
erreicht. Damit wird aufgezeigt, dass eine Vorbehandlung auf eine einfache Reinigung
20 m/min wurden Gitterschnittkennwerte gemessen, die dem Gi
Probe entsprechen. Die Gitterschnittwerte betragen bei der geschliffenen Probe und für die
Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmadüse von 2 m/min und 20 m/min zwischen Gt 1 und Gt 2. Erst
bei einer Verfahrgeschwindigkeit von 40 m/min ist eine deutliche Abnahme der Haftung zu erkennen.
Hier liegen überwiegend Kennwerte von Gt 3 vor. Dass die Haftung bei einer Verfahrgeschwindigkeit
der Plasmadüse von 40 m/min abnimmt, kann durch die Ergebnisse der Simulation der Plasmabehand-
lungsspuren erklärt werden. Ab einer Verfahrgeschwindigkeit von 40 m/min wurden unbehandelte
Bereiche innerhalb der simulierten Behandlungsspur festgestellt. An solchen unbehandelten Stellen
kann es daher folglich nach einer Plasmabehandlung von Oberflächen mit einer Verfahr-
geschwindigkeit, die größer als 40 m/min ist, zu einer lokalen Reduzierung der Haftung der Beschich-
tung auf dem Substrat kommen. Dies führt bei einer mechanischen Belastung der beschichteten Ober-
fläche, wie z.B. durch den Gitterschnitttest, zu einer Delamination. Zusammengefasst
werden, dass die Haftung der Außenbeschichtung auf den vorbehandelten Proben stärker ist als auf
den Referenzproben und dass bei einer Plasmabehandlung mit 20 m/min ähnliche Gitterschnittergeb-
nisse erreicht werden wie nach einer Schleifbehandlung.
Tabelle 5.5.1-1: Gitterschnittergebnisse zum Einfluss der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse auf die Haftung
(Abstand der Plasmadüse zum Substrat: 8mm)
Verfahrgeschwindigkeit
der Plasmadüse [m/min] Ergebnis [Gt]
1-2
1
1-2
2
1-2
1
3
3
2-3
5
40
20
5
3
1-2
1-2
1-2
Referenzprobe
geschliffene Probe
2
118
en eine Auswahl von Proben nach dem Gitterschnitttest. Die Abbildungen 5.5.1-1 bis 5.5.1-4 zeig
großflächiger Adhäsionsbruch
zwischen Außengrundanstrich und
Grundanstrich
Abbildung 5.5.1-1: Referenzprobe nach dem Gitterschnitttest
Abbildung 5.5.1-2: Geschliffene Probe nach dem Gitterschnitttest
Gt 5
Gt 1
Gt 1
Abbildung 5.5.1-3: Plasmabehandelte Probe nach dem Gitterschnitttest (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
Gt 3
A
dhäsionsbruch zwischen
Außengrundanstrich und Grundanstrich
Abbildung 5.5.1-4: Plasmabehandelte Probe nach dem Gitterschnitttest (Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 40 m/min)
119
Die Tabelle 5.5.1-2 beinhaltet die Ergebnisse von Gitterschnitttests beschichteter Proben nach einer
plas-
abehandelten Proben geringer ist als auf einer geschliffenen oder den mit 20 m/min plasmabehandel-
ten Probe. Eine mögliche Erklärung ist, dass sich bei einer Plasm ndlung mit 2 m/min infolge
starker thermischer und erosiver Effekte des Plasmas molekulares Schuttmaterial gebildet hat, das die
Haftung beeinträchtigt. Diese Vermutung wird durch die Erge ssungen,
die Hinweise auf einen Materialabtrag liefern, bestärkt. Nach d
Probe können sich Wassermoleküle an dem molekularen Schuttmaterial an der Grenzschicht zwischen
dem Grundanstrich und dem Außengrundanstrich angelagert und dadurch die Grenzschicht angelöst
haben. Die Haftkräfte zwischen dem Substrat und der Beschichtung werden dadurch geschwächt und
eine Lackdelamination beim en Probe begünstigt. Wer-
en zusätzlich die Ergebnisse der Oberflächenenergien aus Abschnitt 5.1.1 berücksichtigt, so wird
deutlich, dass eine hoher polarer Teil der Oberflächenenergie d strats nach einer intensiven
Plasmabehandlung (mit 2 m/min) nicht unbedingt mit einer hohen Haftung des Beschichtungsstoffs
auf dem Substrat korrelieren muss. Denn nicht nur die Funktionalisierung der Substratoberfläche mit
polaren Gruppen, sondern auch deren Anreicherung mit haftungsverminderndem, hydropilen Moleku-
larschutt führt zu hohen Oberflächenenergien.
Tabelle 5.5.1-2: Gitterschnittergebnisse zum Einfluss der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse auf die Haftung nach
14 d Wasserauslagerung (Abstand der Plasmadüse zum Substra 8mm)
14 d Wasserauslagerung. Zu sehen ist, dass die Haftung der Beschichtung auf den mit 2 m/min
m
abeha
bnisse von CFM- und XPS-Me
er Wasserauslagerung der beschichteten
Abziehen des Klebebands von der beschichtet
d
es Sub
t:
Verfahrgeschwindigkeit
der Plasmadüse [m/min] Ergebnis [Gt]
3
3
1
1
1
1
5
5
5
1
1
1
Referenzprobe
geschliffene Probe
2
20
ie Abbildung 5.5.1-5 zeigt eine wasserausgelagerte Probe nach dem Gitterschnitttest. D
Abbildung 5.5.1-5: Wasserausgelagerte plasmabehandelte Probe nach dem tterschnitttest
Gt 3
A
dhäsionsbruch
anstrich zwischen Grund
und Aengrundanstrich
Gi
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 2 m/min)
120
Ergebnisse der Stirnabzugstests
Die Ergebnisse der Messungen der Stirnabzugstests zeigen keinen eindeutigen Zusammenhang zwi-
schen den Verbundfestigkeitswerten und den Verfahrgeschwindigkeiten der Plasmabehandlung, weil
zum Teil hohe Streuungen bei den Messwerten innerhalb der Versuchsreihe vorliegen (siehe Abbil-
dung 5.5.1-6). Bei allen plasmabehandelten Proben sind visuell Kohäsionsbrüche innerhalb des
Grundanstrichs (Substrats) festzustellen. Die geschliffenen Proben zeigen wie die plasmabehandelten
Proben ebenfalls einen kohäsiven Bruch im Grundanstrich nach dem Test auf. Dagegen weist die Re-
ferenzprobe, die nur mit Isopropanol gereinigt wurde, einen Adhäsionsbruch an der Grenzschicht zwi-
schen Außengrundanstrich und Grundanstrich auf. Die gemessene Verbundfestigkeit der Referenzpro-
be ist deutlich geringer als die der plasmabehandelten und der geschliffenen Proben. Folglich zeigt
sich hier eine Erhöhung der Haftung sowohl nach einer Plasmabehandlung als auch nach einer
Schleifbehandlung. Der geringste Verbundfestigkeitswert für eine plasmabehandelte Probe beträgt
nach einem Kohäsionsbruch durchschnittlich 0,82 MPa, für die (unbehandelte) Referenzprobe beträgt
er nach einem nahezu reinen Adhäsionsbruch durchschnittlich 0,41 MPa. Da der Bruch im Verbund an
der schwächsten Stelle erfolgt, ist davon auszugehen, dass bei den plasmabehandelten Proben die ad-
häsiven Kräfte pro Flächeneinheit an der Grenzschicht zwischen Beschichtung und plasmabehandel-
tem Substrat mindestens 0,82 MPa betragen. So kann davon ausgegangen werden, dass die Adhäsi-
onsk ser-
gebnisse des Stirnabzu en den gleichen Aus-
gangszustand haben sowie die Messungen an diesen unter identischen Bedingungen abgelaufen sind)
nach einer Schleif- oder Plasmabehandlung um mindestens 100% zunehmen.
räfte (unter Vernachlässigung der in Abschnitt 4.3.2 genannten Einflussfaktoren auf die Mes
gstests bzw. unter der Annahme, dass die einzelnen Prob
1,12
1,23
0,82
1
Verbund
0,41
1,36
1,58
0
0,5
1,5
2
2,5
2 20 40 60 Referenzprobe geschliffene Probe
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse [m/min]
festigkeit [MPa]
Abbildung 5.5.1-6: Stirnabzugstestergebnisse zum Einfluss der Verfahrgesch indigkeit der Plasmadüse auf die Haftung
w
121
Die Abbildungen 5.5.1-7 bis 5.5.1-10 zeigen eine Auswahl von Prüfstempelunterseiten und beschich-
teten Proben nach der Durchführung der Stirnabzugstests.
A
dhäsionsbruch zwischen Außengrundanstrich
und Grundanstrich
Außengrundanstrich
Abbildung 5.5.1-7: Stempelunterseite (links) und Probe (rechts) nach Stirnabzugstest an der Referenzprobe
Abbildung 5.5.1-8: Stempelunterseite (links) und Probe (rechts) nach Stirnabzugstest an der geschliffenen Probe
Abbildung 5.5.1-9: Stempelunterseite (links) und Probe (rechts) nach Stirnabzugstest an einer plasmabehandelten Probe
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
Abbildung 5.5.1-10: Stempelunterseite (links) und Probe (rechts) nach Stirnabzugstest an einer plasmabehandelten Probe
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 60 m/min)
ine detaillierte Darstellung zu den Messkurven der Stirnabzugstests ist dem Anhang dieser Arbeit zu
entnehmen (siehe Anhang D1-D6).
E
Kohäsionsbruch im Grundanstrich
Grundanstrich
Grundanstrich Kohäsionsbruch im Grundanstrich
Grundanstrich Kohäsionsbruch im Grundanstrich
122
Ergebnisse der Hochdruckwasserstrahltests
Die Ergebnisse der Hochdruckwasserstrahltests in Tabelle 5.5.1-3 zeigen, dass die Haftung der
Beschichtung auf den pl strate ie
Referenzprobe wird nach einer Testdauer von we Kennwert von 5 nach einer
Wasserbestrahlung mit 50 bar bestimmt. Es liegt eindeutig ein Adhäsionsbruch zwischen dem
Außengrundanstrich und dem Grundanstrich vor (siehe Abbildung 5.5.1-11). Die Haftung der Be-
schichtung auf dem Substrat ist in diesem Fall sehr gering. Für eine Verfahrgeschwindigkeit der Plas-
madüse von 20 m/min liegt wie bei der geschliffenen Probe ein Kennwert von 0-1 vor (siehe Abbil-
dung 5.5.1-12 und 5.5.1-13), was einer hohen Haftung entspricht. Ähnliche Ergebnisse lieferten auch
Messungen m
Eine Abnahme der Haftung ist teilweise an den Proben zu erkennen, die mit 2 m/min plasmabehandelt
worden sind. Dieses Ergebnis wurde im Prinzip durch Gitterschn age-
rung bestätigt. Jedoch ist bei den Stirnabzugstest und den Gitterschnitttests ohne vorherige Wasserla-
gerung keine Abnahme der Haftung für diese Verfahrgeschwindigkeit festzustellen, was die Vermu-
tung bestärkt, dass die Abnahme der Haftung auf eine Wechselwirkung der Grenzschicht im Verbund
mit Wasser zurückzuführen ist. Infolge einer zu intensiven Plasmabehandlung mit 2 m/min haben sich
möglicherweise relativ hohe Mengen an Molekularschutt gebildet. Während der Wasserauslagerung
der bes schicht
zwischen Grundanstrich und Außengrundanstrich angelagert und dadurch die Grenzschicht angelöst
haben. Die Haftkräfte zwischen der Besc ht und
eine Lackdelamination der Beschichtung bei der Wasserbestrahlung begünstigt. Weiterhin zeigen die
Ergebnisse der Hochdruckwasserstrahltests, dass die Haftung ab einer Verfahrgeschwindigkeit der
Plasmadüse von 40 m/min abnimmt (siehe Tabelle 5.5.1-3 und Abbildung 5.5.1-14). Dies stimmt mit
der Deutung der Ergebnisse der Simulation der Plasmabehandlungsspur aus Abschnitt 5.4.1 und dem
Ergebnis des Gitterschnitttests überein. Die Simulationen zeigten, dass keine flächendeckende Be-
hand
Tabelle 5.5.1-3: Hochdruckwas sse zum Ein
adüse z
asmabehandelten Sub n stärker ist als auf der Referenzprobe. Für d
niger als 30 s ein
it dem Gitterschnitttest und dem Stirnabzugstest.
itttests mit vorheriger Wasserl
chichteten Probe können sich Wassermoleküle an dem Molekularschutt an der Grenz
dem Substrat und hichtung werden dadurch geschwäc
lung der Probenoberflächen bei 40 m/min und 80 m/min vorliegt.
serstrahltestergebni
(Abstand der Plasm
fluss der Verfahrgeschwindigkeit auf die Haftung
um Substrat: 8 mm)
Verfahrgeschwindigkeit
der Plasmadüse [m/min] Wasserstrahldruck [bar]
Abstand zwischen der
Wasserstrahldüse und
der Probe [mm]
Testdauer [min] Ergebnis [-]
125 50 4 4
125 50 4 2
125 50 4 0
125 50 4 0-1
125 50 4 0-1
125 50 4 2-3
4 1
125 50 4 3
125 50 4 3
150 50 4 0-1
2
geschliffene Probe
20
80
125 50 4 1
125 50
40
Referenzprobe 50 100 < 0,01 5
125 50 4 0-1
123
Die Abbildungen 5.5.1-11 bis 5.5.1-14 zeigen eine Auswahl von Proben nach dem Hochdruckwasser-
strahltest.
Kennwert 5
Abbildung 5.5.1-11: Referenzprobe nach dem Hochdruckwasserstrahltest
großflächiger Adhäsionsbruch zwischen Außengrundanstrich und Grundanstrich
Kennwert 0-1
Abbildung 5.5.1-12: Geschliffene Probe nach dem Hochdruckwasserstrahltest
124
Kennwert 0-1
Abbildung 5.5.1-13: Plasmabehandelte Probe nach dem Hochdruckwasserstrahltest
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
Kennwert 2-3
Ab t
Adhäsionsbruch zwischen Außengrundanstrich und Grundanstrich
bildung 5.5.1-14: Plasmabehandelte Probe nach dem Hochdruckwasserstrahltes
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 40 m/min)
125
Die Tabelle 5.5.1-4 enthält eine Übersicht mit einer Au issen der unterschiedlichen
verwendeten Haftungsuntersuchungsmethoden. Die Tabelle stellt die Haftungsergebnisse beschichte-
ter, plasmabehandelter Grundanstrich-Proben und die Haftungsergebnisse beschichteter, geschliffener
Grundanstrich-Proben in einem Vergleich gegenüber dar. Zu den Stirnabzugstestergebnissen ist auf-
grund der hohen Streuung der Ergebnisse keine fundierte Aussage möglich. Die Tabelle zeigt bei allen
Testmethoden (bis auf die Stirnabzugstests), dass nach einer Plasmabehandlung mit einer Verfahr-
geschwindigkeit der Plasmadüse von 20 m/min gleiche Haftungsergebnisse erreicht werden wie nach
einer Schleifbehandlung. Bei einer Verfahrgeschwindigkeit von 40 m/min gilt dies nicht. Hier liegt
wahrscheinlich eine zu schnelle Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse vor. Diese Behandlungsge-
schwindigkeit führt zu keiner ausreichenden flächendeckenden Vorbehandlung und Modifikation der
Substratoberfläche, um eine starke Haftung der Beschichtung auf der vorbehandelten Probe zu errei-
chen. Bei einer Verfahrgeschwindigkeit von 2 m/min sind in Abhängigkeit von der verwendeten
Testmethode Unterschiede in den Ergebnissen festzustellen. Testverfahren, die mit einer Lagerung der
Proben in Wasser verbunden sind, zeigen an den mit 2 m/min plasmabehandelten Proben eine geringe-
re Haftung der Beschichtung auf als auf den geschliffenen Proben. Dagegen ist unter trockenen Bedin-
gungen kein Unterschied zwischen den mit 2 m/min behandelten Proben und den geschliffenen Proben
festzustellen. Dieser Unterschi einer Verfahrgeschwindigkeit
on 2 m/min eine Überbehandlung der Probenoberfläche erfolgt, die vermutlich zur Entstehung von
ydrophilem Molekularschutt führt. Das Schuttmaterial wirkt sich aber bei Haftungsuntersuchungen
erst dann negativ auf das Verbundsystem aus, wenn das sser belastet wird. Vermut-
lich lagert sich Wasser bei der Wasserauslagerung an der mit hydrophilem Schuttmaterial angereicher-
ten Grenzschicht an und löst dadurch den Verbund zwischen der Beschichtung und dem Substrat auf.
Um die Prozessparameter zu ermitteln, mit denen eine hohe Haftung der Beschichtung erreicht werden
kann, sollte das Testverfahren gewählt werden, das am härtesten ist. Der Hochdruckwasserstrahltest
und der Gitterschnitttest mit Wasserauslagerung sind aufgrund der erzeugten Lackenthaftungen ge-
genüber dem Gitterschnitttest ohne Wasserauslagerung oder dem Stirnabzugstest als härtere Methoden
einzustufen. Der Hochdruckwasserstrahltest zeichnet sich gegenüber dem Gitterschnitttest mit Was-
serauslagerung durch seinen geringeren Zeitaufwand und einfache Durchführbarkeit aus. Deshalb wird
das Testverfahren in den folgenden Versuchen verwendet. Bei Vorliegen nicht eindeutiger Ergebnisse
wird das Testverfahren dur
Tabelle 5.5.1-4: Übersicht über die Ergebnisse der Haftungstestverfahren an den vorbehandelten Grundanstrich-Proben
swahl von Ergebn
ed kann dadurch erklärt werden, dass bei
v
h
System durch Wa
ch den Gitterschnitttest mit Wasserauslagerung ergänzt.
keine Aussage möglich
(hohe Streuung der Messwerte)
keine keine Aussage möglich
(hohe Streuung der Messwerte)
Haftung gleich
Haftung gleich
Haftung geringer
Aussage möglich
(hohe Streuung der Messwerte)
Haftung geringer
Haftung gleich
Haftung gleich
Stirnabzugstest
(ohne Wasserauslagerung)
Hochdruckwasserstrahltest
(mit Wasserauslagerung)
Haftung geringer
nicht gemessen
Haftung geringer
Gitterschnitttest
(ohne Wasserauslagerung)
Gitterschnitttest
(mit Wasserauslagerung)
Haftungstestverfahren Haftungsergebnis:
Plasmabehandlung mit 20 m/min
verglichen mit Schleifbehandlung
Haftungsergebnis:
Plasmabehandlung mit 2 m/min
verglichen mit Schleifbehandlung
Haftungsergebnis:
Plasmabehandlung mit 40 m/min
verglichen mit Schleifbehandlung
126
5.5.2 Variation des Abstandes zwischen Plasmadüse und Substrat
Ergebnisse der Hochdruckwasserstrahltests
In Tabelle 5.5.2-1 zeigen die Ergebnisse zum Einfluss des Abstands der Plasmadüse auf die Haftung,
dass die Haftung erst ab einem Abstand von 12 mm stark abnimmt. Das Haftungsergebnis bestätigt
das Ergebnis der Oberflächenenergiemessungen, bei denen eine signifikante Abnahme der
Oberflächenenergie des Substrats bei einer Plasmabehandlung mit 12 mm Abstand festgestellt wurde.
Zwischen 2 mm und 10 mm werden ähnliche Haftungsergebnisse wie nach einer Schleifbehandlung
erreicht. Die gemessenen Haftkennwerte liegen zwischen 0 und 1. Für eine industrielle Anwendung
bedeutet dies, dass der Abstand der Plasmadüse vom Substrat nicht mehr als 10 mm betragen darf.
Tabelle 5.5.2-1: Hochdruckwasserstrahltestergebnisse zum Einfluss des Abstands der Plasmadüse auf die Haftung
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min)
Abstand zwischen
der Plasmadüse und
dem Substrat [mm]
Wasserstrahldruck [bar]
Abstand zwischen der
Wasserstrahldüse
und der Probe [mm]
Testdauer [min] Ergebnis
[-]
125 50 4 0-1
125 50 4 0
125 50 4 0-1
125 50 4 0-1
125 50 4 0
125 50 4 0
125 50 4 4-5
125 50 4 1-2
Referenzprobe 125 100 < 0,5 5
125 50 4 0-1
150 50 4 0-1
geschliffene Probe
2
12
8
10
5.5.3 Variation der Anzahl an Plasmabehandlungen
Ergebnisse der Hochdruckwasserstrahltests
Die Ergebnisse in Tabelle 5.5.3-1 zeigen, dass nach einer 35-fachen Plasmabehandlung kein negativer
Einfluss auf die Haftung des Außengrundanstrichs auf dem Substrat festzustellen ist. Das Ergebnis des
Hochdruckwasserstahltests einer 35-fach plasmabehandelten Probe ist ähnlich wie das einer einfach
plasmabehandelten Probe bzw. geschliffenen Probe. Das Ergebnis ist im Einklang mit den Ergebnis-
sen der XPS-Analyse, bei der keine auffällig hohe Siliziumkonzentration festgestellt worden war, die
wiederum indirekt auf die Entstehung haftungsvermindernder Degradationsprodukte hingewiesen
hätte.
Tabelle 5.5.3-1: Hochdruckwasserstrahltestergebnisse zum Einfluss der Anzahl an Plasmabehandlungen auf die Haftung
Anzahl der Plasmabehandlungen Wasserstrahldruck
[bar]
Abstand zwischen der
Wasserstrahldüse
und der Probe [mm]
Testdauer
[min]
Ergebnis
[-]
125 50 4 0-1
125 50 4 0-1
125 50 4 0-1
125 50 4 0
0 (Referenzprobe) 125 50 < 0,5 5
125 50 4 0-1
150 50 4 0-1
1
35
geschliffene Probe
127
5.5.4 Berechnung der Adhäsionsarbeit
In den Abbildungen 5.5.4-1 bis 5.5.4-3 ist das unterschiedliche Benetzungsverhalten von Tropfen des
ndelten Grundanstrichoberflächen dargestellt. Der Außengrundanstrichs auf verschiedenartig vorbeha
Randwinkel der Tropfen ist in den Abbildungen angegeben. Zu sehen ist, dass der Randwinkel des
Lacktropfens nach einer Schleif- oder Plasmabehandlung abnimmt, d.h., die Benetzbarkeit des
Substrats nimmt nach einer Vorbehandlung zu. Der relative Fehler der Messwerte beträgt weniger als
3% und ist hinsichtlich seines Einflusses auf die Messergebnisse als gering zu bewerten.
Tropfen des Außengrundanstrichs
Abbildung 5.5.4-1: Randwinkel eines Beschichtungstropfens auf der Grundanstrich-Referenzprobe
Abbildung 5.5.4-2: Randwinkel eines Beschichtungstropfens auf einer geschliffenen Grundanstrich-Probe
Abbildung 5.5.4-3: Randwinkel eines Beschichtungstropfens auf einer plasmabehandelten Grundanstrich-Probe
Substrat
bstrat
Substrat
Su
Tropfen des Außengrundanstrichs
Tropfen des Außengrundanstrichs
°
±
°= 9,02,36
θ
°±°= 7,05,32
θ
°±°= 5,06,29
θ
128
Mittels der gemessenen Randwinkel und der Oberflächenspannung des flüssigen Außengrundanstrichs
f hinweisen,
dass die Haftung der Außenbeschichtung auf einem plasmabehandelten Substrat höher ist als auf einer
geschliffenen Probe. Der prozentuale Anstieg der Adhäsionsarbeit nach einer Vorbehandlung ist deut-
lich geringer als der prozentuale Anstieg der experimentell ermittelten Verbundfestigkeiten. Ferner
unterscheiden sich die in mN/m umgerechneten Verbundfestigkeitswerte der Stirnabzugstests sehr
stark von den berechneten Adhäsionsarbeiten – mindestens um den Faktor 2000. Es zeigt sich, dass
das Benetzungsmodell nach Young-Dupré nur bedingt die Realität an den untersuchten reaktiven
Lacksystemen beschreibt. Diese Diskrepanz zw thermodynamischen Adhäsionsmodell und
den Ergebnissen der Haftungsuntersuchungen verdeutlicht, dass die erhöhte Haftung nicht nur auf eine
verbesserte Benetzbarkeit der Substratoberfläche, uf weitere Adhäsionseffekte zurück-
zuführen ist. Insbesondere sind hierbei die Diffusion und die chemische Bindung als Einflussfaktoren
zu nennen. Eine Anlösung der Substratoberfläche Außengrundanstrich enthaltenen Lö-
semittel kann eine Diffusion der Polymermoleküle des Adhäsivs in das Substrat begünstigen und so
die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es zur Entstehung chemischer Bindungen und damit hoher Haf-
tung kommt. Vermutlich treten Diffusionsphänomene insbesondere zwischen Beschichtungen und
Substraten auf, die sich in ihren chemischen igenschaften und ihrer Zusammensetzung sehr ähneln.
werden nach Gleichung 2.4.2.2-2 die Adhäsionsarbeiten mit den Standardabweichungen berechnet.
Die Oberflächenspannung wurde mit dem Wilhelmy-Verfahren bestimmt. Sie beträgt durchschnittlich
32,3 mN/m. Die Ergebnisse in Abbildung 5.5.4-4 zeigen hier, dass die Adhäsionsarbeit des Außen-
grundanstrichs auf dem vorbehandelten Grundanstrich höher ist als auf dem unbehandelten Grundan-
strich (Referenzprobe). Der Wert der Adhäsionsarbeit der plasmabehandelten Probe ist geringfügig
höher als der der geschliffenen Probe, nämlich ca. 2%. Dies kann möglicherweise darau
ischen dem
sondern auch a
durch die im
E
42,5
43,0
43,5
44,0
44,5
45,0
45,5
Referenzprobe geschliffene Probe plasmabehandelte Probe
Adhäsionsarbeit [mN/m]
Abbildung 5.5.4-4: Berechnete Adhäsionsarbeiten nach Young terschiedlich vorbehandelten Grundanstrichoberflächen
Untersuchungen zum Benetzungsverhalten des Antierosionslack haben
gezeigt, dass
lung stark abnimmt und geringer als auf einer geschliffenen Probe ist (siehe Anhang E).
-Dupré auf un
Decklacktropfens auf dem
auch der Randwinkel des Decklacktropfens auf dem Substrat nach einer Plasmabehand-
129
5.6 Plasmabehandlung verschiedenartiger Substrate mit definierten
Prozessparametern
Im Rahmen dieses Abschnitts wird erörtert, ob die am Grundanstrich festgestellten Effekte einer
Plasmabehandlung auf die oberflächenchemische Zusammensetzung und die Haftung ebenfalls am
Antistatiklack und am Antierosionslack eintreten. Dazu werden der Antistatik- und Antierosionslack
des Seitenleitwerks mit definierten Prozessparametern behandelt. Als Behandlungsparameter werden
eine Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min und ein Abstand der Plasmadüse zum Substrat von 8 mm
gewählt, da auf dem Grundanstrich mit diesen Behandlungsparametern ähnliche Resultate für die Haf-
tung der Beschichtung auf dem Substrat erreicht wurden wie nach einer Schleifbehandlung. Ferner
haben die Simulation der Behandlungsspuren und die Spektroskopieergebnisse gezeigt, dass bei einer
Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min keine unbehandelten Bereiche innerhalb der Behandlungsspur
vorliegen. Erwartet wird, dass beim Antistatiklack und beim Antierosionslack ähnliche chemische
Effekte an der Oberfläche auftreten wie beim Grundanstrich, da der Antistatiklack und der Antierosi-
onslack nämlich ebenfalls wie der Grundanstrich auf Polyurethanbasis sind.
5.6.1 Untersuchungen zur Oberflächenchemie
Wie beim Grundanstrich ist auch beim Antistatiklack und Antierosionslack nach einer Plasmabehand-
lung eine Veränderung der oberflächenchemischen Zusammensetzung festzustellen. Insgesamt führt
die Plasmabehandlung bei beiden Substratoberflächen zu einer Erhöhung des Sauerstoffanteils und
einer Abnahme des Kohlenstoffanteils (siehe Abbildung 5.6.1-1). Beim Antistatiklack steigt nach der
Plasmabehandlung nur die Konzentration der C=ORR-Gruppen. Die Konzentration der C-O-R-
Gruppen nimmt dagegen ab, was zum Teil auf eine Oxidation dieser Gruppen zu C=ORR-Gruppe
n
hinweisen kann. Beim Antierosionslack nimmt die Konzentration der C-O-R- und C=ORR-Gruppen
zu (siehe Abbildung 5.6.1-2). In Abschnitt 5.1 wurde dargestellt, dass nach einer Plasmabehandlung
des Grundanstrichs, Antistatiklacks und Antierosionslacks eine Erhöhung des polaren Teils der Ober-
flächenenergie vorliegt. Als Grund hierfür wurde die Anreicherung der Oberfläche mit sauerstoffhalti-
gen funktionellen Gruppen durch die Plasmabehandlung vermutet. Die Ergebnisse der XPS-Analyse
bestätigen diese Vermutung. Nach der Schleifbehandlung des Antistatiklacks ist ähnlich wie beim
Grundanstrich eine deutliche Zunahme der Konzentration der C=OOR-Gruppen festzustellen, die da-
rauf zurückgeführt werden kann, dass durch den mechanischen Abtrag Polyurethangruppen innerhalb
des Polymerbulks freigelegt und bei der XPS-Analyse als C=OOR-Gruppen detektiert werden. Be-
stärkt wird diese Vermutung dadurch, dass auf der geschliffenen Antistatiklack-Probe ein signifikanter
Anstieg der Stickstoffkonzentration festzustellen ist. Stickstoff ist charakteristischer estandteil der B
Polyurethangruppe. Im Gegensatz zum Grundanstrich und Antistatiklack ist beim Antierosionslack
jedoch kein signifikanter Anstieg der Konzentration des Stickstoffs und der C=OOR-Gruppen festzu-
stellen. Dies kann vor allem durch die schlechte Schleifbarkeit des gummielastischen Antierosions-
lacks begründet sein.
130
69,20 70,90 72,80 78,30 77,00 75,30
73,70
70
80 O N C Si
58,30 58,10
60
21,40 26,20 21,50
31,00
22,10 17,40 19,00 19,60
7,80
2,40 2,80 4,00 4,00 3,90 4,40
1,10 0,30 0,10 0,30
25,10
4,30
4,10
2,00
1,20
4,30
1,60 3,00
0
10
20
30
40
50
Referenzprobe
geschliffene
Probe
plasmabehandelte
Probe
Referenzprobe
geschliffene
Probe
plasmabehandelte
Probe
Referenzprobe
geschliffene
Probe
plasmabehandelte
Probe
Grundanstrich Antistatiklack Antierosionslack
Elementkonzentration [Atom%]
Abbildung 5.6.1-1: Elementkonzentration an der Oberfläche der unterschiedlichen Substrate
4,60
10,20
0,40 2,10 0,10 2,30 2,70 1,90
4,90 8,70 11,00 10,80 13,70 9,40 8,80 10,50
27,60 25,60
30,60 26,40 22,80 22,80 21,30 21,40 24,30
62,90 59,40 62,20 63,30 63,40
11,30
4,90
49,40
0
10
20
30
40
50
60
Referenzprobe
geschliffene
Probe
plasmabehandelte
Probe
Referenzprobe
geschliffene
Probe
plasmabehandelte
Probe
Referenzprobe
geschliffene
Probe
plasmabehandelte
Probe
64,30 67,10 67,10
70
Grundanstrich Antistatiklack Antierosionslack
Konzentration der funktionellen Gruppen [%]
C=OOR
C=ORR
C-O-R
C-H
Abbildung 5.6.1-2: Konzentration der funktionellen Gruppen an der Oberfläche der unterschiedlichen Substrate
Für die Haftung einer Epoxid- oder Polyurethanbeschichtung auf den plasmabehandelten Substraten
bedeuten die Ergebnisse aus Abbildung 5.6.1-1 und 5.6.1-2, dass die chemische Modifikation der
Oberfläche vermutlich eine Erhöhung der Haftung der darauf aufgetragenen Beschichtung zur Folge
hat. Durch die Erhöhung der Konzentration funktioneller Gruppen wie Hydroxyl- und Carboxyl-
gruppen stehen nämlich mehr chemische Bindungspartner für reaktive Gruppen der Außenbeschich-
tung zur Verfügung, die entsprechend den in Abbildung 2.2.1-2 dargestellten Reaktionsmechanismen
chemisch reagieren können und damit zu einer hohen Haftung führen.
131
132
Inwieweit es zu einer Erhöhung der Haftung der Beschichtung auf dem Antistatiklack und dem Anti-
erosionslack nach der Plasmabehandlung kommt, wird in Abschnitt 5.6.2 dargestellt.
5.6.2 Untersuchungen zur Haftung der Außenbeschichtung
Die Ergebnisse zur Haftungsuntersuchung mit dem Hochdruckwasserstrahltest am beschichteten
Antistatiklack und am Antierosionslack zeigen, dass bei einer Plasmabehandlung mit den definierten
Prozessparametern ähnliche Ergebnisse wie nach einer Schleifbehandlung erreicht werden.
Haftung des Außengrundanstrichs auf dem Antistatiklack
Abbildung 5.6.2-1 zeigt eine Auswahl beschichteter Antistatiklack-Proben nach dem Hochdruckwas-
serstrahltest.
Kennwert 5 Kennwert 1 Kennwert 0-1
Adhäsionsbruch zwischen
Außengrundanstrich und Antistatiklack
Abbildung 5.6.2-1: Antistatiklack-Proben nach dem Hochdruckwasserstrahltest
Die Referenzprobe zeigt deutliche Lackdelaminationen, nachdem sie nur 2 s lang mit geringem Was-
serdruck bestrahlt wurde. Die Haftung des Außengrundanstrichs auf dem unbehandelten Anti-
statiklack ist folglich sehr schwach. Die geschliffene und die plasmabehandelte Probe weisen beide
dagegen eine ähnlich hohe Beständigkeit gegenüber dem hohen Druck des Wasserstrahls auf. Es kam
bei diesen Proben zu keinen signifikanten Lackdelaminationen. Beide Vorbehandlungsverfahren füh-
ren zu einer deutlich verstärkten Haftung des Außengrundanstrichs auf dem Antistatiklack. Die Tabel-
le 5.6.2-1 enthält eine Übersicht über die ermittelten Ergebnisse.
Tabelle 5.6.2-1: Hochdruckwasserstrahltestergebnisse zur Haftung des Außengrundanstrichs auf dem Antistatiklack
(Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min; Abstand zwischen Plasmadüse und Substrat: 8 mm)
Probentyp Wasserstrahldruck [bar]
Abstand zwischen der
Wasserstrahldüse und
der Probe [mm]
Testdauer [min] Ergebnis [-]
Referenzprobe maximal 50 50 0,03 5
125 50 4 0-1
125 50 4 1
125 50 4 0-1
125 50 4 0-1
geschliffene Probe
plasmabehandelte Probe
Haftung des Decklacks auf dem Antierosionslack
Die Bewertung der Haftungsergebnisse der Hochdruckwasserstrahltests am beschichteten Antierosi-
onslack erweist sich deutlich schwieriger als beim Antistatiklack, da sich die Bruchstelle der Probe
die Vorbeschichtung vom
t aus dem
obe mit denen der vorbehandelten
untersuchung mit der Gitterschnitttestmethode mit vorheriger 14 d Wasserauslagerung
durchgeführt, um m it dieser Testme erschied in der Stärke der Haftung
von Außenbeschichtungen auf vorbehandelten und unvorbehandelten Proben (Referenzprobe) aufzei-
gen zu können. Ferner kann im Zuge der Gitterschnitttests nochmals gleichzeitig überprüft werden, ob
rschnittkennwerte erreicht werden.
unterhalb der Vorbeschichtung befindet. Bei allen Proben hat sich
chromathaltigen Haftvermittler gelöst (siehe Abbildung 5.6.2-2). Folglich ist hieraus zu deuten, dass
die Haftung der Außenbeschichtung auf dem Antierosionslack stärker ist als die Haftung des Antiero-
sionslacks auf dem Haftvermittler. Eine Erhöhung der Haftung nach einer Vorbehandlung is
Vergleich der Hochdruckwasserstrahlergebnisse der Referenzpr
Proben aber daraus nicht zu erkennen. Daher wurde zusätzlich zum Hochdruckwasserstrahltest noch
eine Haftungs
öglicherweise m thode einen Unt
die industriell geforderten Gitte
Abbildung 5.6.2-2: Antierosionslack-Proben nach dem Hochdruckwasserstrahltest
Die Ergebnisse des
sowohl bei der Referenzprobe als auch an den vorbehandelten Proben hohe Verbundfestigkeiten
zwischen der Beschichtung und dem Substrat vorliegen. Die Gitterschnittkennwerte aller Proben
betragen Gt 0 und erfüllen damit die industriellen Anforderungen aus der Luftfahrt. Jedoch ist wie bei
den Ergebnissen des Hochdruckwasserstrahltests nicht zu erkennen, wie stark die Erhöhung der Haf-
ng der Beschichtung auf dem Substrat nach einer Vorbehandlung des Antierosionslacks ist.
Adhäsionsbruch zwischen Haftvermittler und Antierosionslack
Gitterschnitttests mit vorheriger Wasserauslagerung in Tabelle 5.6.2-2 zeigen, dass
tu
133
Tabelle 5.6.2-2: Gitterschnitttestergebnisse zur Haftung des Decklacks auf dem Antierosionslack nach 14 d Wasserauslagerung
Probentyp Ergebnis [Gt]
0
0
0
0
0
0
0
0
0
Referenzprobe
geschliffene Probe
plasmabehandelte Probe
Dass auch an den Referenzproben eine hohe Haftung der Beschichtung auf dem Substrat vorliegt,
kann darauf zurückzuführen sein, dass das Adhäsiv und das Adhärens die gleiche chemische
Filmbildnerbasis haben. Sowohl die Beschichtung als auch das Substrat sind nämlich auf
Polyurethanfilmbildnerbasis. Bei den Verbundsystemen Grundanstrich/Außengrundanstrich und
Antistatiklack/Außengrundanstrich war dies nicht gegeben. Dort waren der Grundanstrich und der
Antistatiklack auf Polyurethanbasis, der Außengrundanstrich jedoch auf Epoxidbasis. Vermutlich wird
der Antierosionslack, der wahrscheinlich das gleiche Löslichkeitsverhalten wie der Decklack aufweist,
urch die Lösemittel der darauf aufgetragenen Polyurethan-Decklackschicht angelöst. Diffusionspro-
esse werden hselwirkung
zwischen Polymermolekülen des Substrats und der Beschichtung erhöht. Dies hat dann wiederum eine
hohe Haftung zur Folge. Möglicherweise bedeutet das Ergebnis für die Anwendung in der industriel-
len Praxis, dass für das System Decklack/Antierosionslack keine mechanische oder chemische Vorbe-
handlung an Flugzeugbauteiloberflächen mit Antierosionslack erforderlich ist, sondern eine einfache
Reinigung zum Erreichen hoher Haftung ausreichen kann. Eine notwendige Voraussetzung ist hierfür
wahrscheinlich, dass der Antierosionslack nicht vollständig durchgehärtet ist. Insgesamt zeigen die
Haftungstestergebnisse, dass nach einer Plasmabehandlung mit den gewählten Behandlungsparame-
tern mindestens eine genauso starke Haftung der Beschichtung auf den untersuchten Substraten
(Grundanstrich, Antistatiklack und Antierosionslack) erreicht wird wie nach einer konventionellen
Vorbehandlung.
5.7 Einfluss der Vorbehandlung auf die Welligkeitsstrukturen der
Außenbeschichtung
Die Untersuchunge tmikroskop haben
ezeigt, dass die Topografie nach einer Plasmabehandlung im Nanometerbereich verändert wird. Nach
d
z folglich begünstigt und damit die Wahrscheinlichkeit einer verstärkten Wec
n der Grundanstrichoberfläche mit dem chemischen Rasterkraf
g
einer Plasmabehandlung tritt keine so starke Veränderung der Oberflächenstruktur des Substrats wie
nach einer Schleifbehandlung ein. Im Rahmen dieses Abschnitts wird gezeigt, wie die Welligkeits-
strukturen der über dem Substrat liegenden Lackschichten infolge der Substitution einer Schleifbe-
handlung durch eine Plasmabehandlung beeinflusst werden. Die Oberflächenbeschaffenheit des SLW
wird dabei an den Proben simuliert. Die Untersuchungen erfolgen an drei verschiedenen Substratober-
134
flä -
he werden mit denselben Applikations- und Beschichtungsstoffparametern lackiert.
Die Plasmabehandlung erfolgt mit den in Abschnitt 5.6 genannten Prozessparametern. Die Beschich-
tungsstoffe werden innerhalb von 15 min nach ihrer Anmischung auf die Proben aufgetragen.
T-Wert-Messung an Grundanstrich-Probenoberflächen
Die Abbildung 5.7-1 zeigt den Einfluss der Plasma- und der Schleifbehandlung auf die Welligkeits-
chen: Grundanstrich, Antistatiklack und Antierosionslack. Die Proben innerhalb einer Versuchsrei
strukturen beschichteter Grundanstrich-Proben.
Auf allen Proben ist keine wesentliche Veränderung der T-Werte nach der Applikation des Außen-
grundanstrichs festzustellen. Nach dem Auftrag des darauffolgenden Decklacks steigen die T-Werte
bei allen Proben deutlich an. Die T-Werte der decklackbeschichteten, plasmabehandelten Probe und
der T-Wert der Referenzprobe liegen in der gleichen Größenordnung (bei ca. 13 Einheiten). Es liegt
kein signifikanter Unterschied zwischen den T-Werten beider Oberflächen vor, was zu der Vermutung
führt, dass die Plasmabehandlung der Substratoberflächen kaum einen Effekt auf die Ausprägungs-
stärke der an der Decklackoberfläche gebildeten Welligkeitsstrukturen hat.
Die T-Werte der decklackbeschichteten, geschliffenen Probe sind ca. drei Einheiten höher als die der
decklackbeschichteten, plasmabehandelten Proben, was einem prozentualen Unterschied von ca. 20%
entspricht. Dies bedeutet, dass die Schleifbehandlung des Grundanstrichs einen deutlich orangenhaut-
reduzierenden Effekt auf die Oberflächenbeschaffenheit des Decklacks hat.
7,8 7,2
8,3 7,8
6,9
6,0
8,0
13,2
16,1
12,7
10,0
12,0
14,0
16,0
18,0
T-Wert [-]
Versuch: T-Wert der Referenzprobe
Versuch: T-Wert der Probe nach Schleifbehandlung
Versuch: T-Wert der Probe nach Plasmabehandlung
8,7
0,0
2,0
4,0
Grundanstrich Außengrundanstrich Decklack
Abbildung 5.7-1: T-Wert-Messergebnisse der Grundanstrich-Probe (siehe Aufbau 1 aus Abschnitt 3.2)
135
T-Wert-Messung an Antistatiklack-Proben
Die Abbildung 5.7-2 zeigt die Ergebnisse der Untersuchungen zum Einfluss der Plasma- und der
hen der
eschliffenen Probe und der Referenzprobe bzw. der plasmabehandelten Probe zu sehen. Die T-Werte
er Referenzprobe. Zwischen der Refe-
iten. Nach der Applikation des Decklacks steigen die
eschichtung oder bei der
Schleifbehandlung auf die Welligkeitsstrukturen beschichteter Antistatiklack-Proben.
Bereits nach der Applikation des Außengrundanstrichs ist ein deutlicher Unterschied zwisc
g
der geschliffenen Probe sind ca. vier Einheiten höher als die d
renzprobe und der plasmabehandelten Probe liegt kein signifikanter Unterschied der T-Werte vor. Die
T-Werte beider Proben betragen ca. sechs Einhe
T-Werte für alle Proben. Zwischen der decklackbeschichteten, plasmabehandelten Probe und der deck-
lackbeschichteten Referenzprobe liegt überraschenderweise ein T-Wert-Unterschied von ca. zwei Ein-
heiten vor. Eigentlich wurde erwartet, dass kaum ein Unterschied zwischen beiden Proben festzustel-
len sein sollte, da zum einen beim Grundanstrich kein Unterschied vorgelegen hatte und zum anderen
beide Proben sich vor der Applikation des Außengrundanstrichs im gleichen Ausgangzustand befun-
den hatten. Eine Erklärung ist, dass anderweitige Einflussfaktoren zu dieser Divergenz geführt haben.
Beispielsweise kann es Unterschiede bei der manuellen Applikation der B
Lagerung der Proben während der Trocknungsphase gegeben haben.
6,0 6,1
9,4
6,8
13,5
10,0
7,8
11,2
6,3
0,0
2,0
4,0
6,0
8,0
10,0
12,0
14,0
Grundanstrich Außengrundanstrich Decklack
T-Wert [-]
Versuch: T-Wert der Referenzprobe
Versuch: T-Wert der Probe nach Schleifbehandlung
Versuch: T-Wert der Probe nach Plasmabehandlung
Antistatiklack
Abbildung 5.7-2: T-Wert-Messergebnisse der Antistatiklack-Probe (siehe Aufbau 2 aus Abschnitt 3.2)
136
T-Wert-Messung an Antierosionslack-Proben
.
Die Abbildung 5.7-3 zeigt die Ergebnisse der Untersuchungen zum Einfluss der Plasma- und der
Schleifbehandlung auf die Welligkeitsstrukturen beschichteter Antierosionslack-Proben
Die T-Werte der beschichteten Referenzproben, der decklackbeschichteten, geschliffenen Proben und
der decklackbeschichteten, plasmabehandelten Proben liegen in der gleichen Größenordnung. Auffal-
lend ist, dass sich die T-Werte des Antierosionslacks nach einer Schleifbehandlung nicht erhöhen.
Dieses kann auf die hohe Elastizität und die daraus resultierende geringe Schleifbarkeit des Antierosi-
onslacks zurückzuführen sein. Beim Anschleifen des Antierosionslackes tritt nämlich keine Eineb-
nung, sondern lediglich ein Verkratzen der Oberfläche auf.
6,6
7,3
7,3
13,6 13,6 13,7
10,0
12,0
14,0
16,0
8,0 7,5 7,6
0,0
2,0
4,0
6,0
8,0
Grundanstrich Antierosionslack Decklack
T-Wert [-]
Versuch: T-Wert der Referenzprobe
Versuch: T-Wert der Probe nach Schleifbehandlung
Versuch: T-Wert der Probe nach Plasmabehandlung
Abbildung 5.7-3: T-Wert-Messergebnisse der Antierosionslack-Probe (siehe Aufbau 3 aus Abschnitt 3.2)
Bezug nehmend auf die Zieldefinition dieses Abschnitts lässt sich feststellen, dass sich der
Ersatz des Schleifprozesses durch eine Plasmabehandlung signifikant auf die T-Werte der beschichte-
ten Grundanstrich- und Antistatiklackoberflächen auswirkt. Die Welligkeitsstrukturen der Decklack-
schicht sind auf den plasmabehandelten Grundanstrich- und Antistatiklackproben stärker ausgeprägt
als auf den geschliffenen Proben. Auf dem Antierosionslack ist kein signifikanter Effekt der Schleif-
behandlung f
es großen Flächenanteils, den der Grundanstrich und der Antistatiklack an dem Bauteil haben, eine
Abnahme der Qualität des optischen Erscheinungsbildes zu erwarten ist. Jedoch sei angemerkt, dass
trotz der Qualitätsabnahme die Qualitätskriterien nachwievor erfüllt werden.
estzustellen. Für das Seitenleitwerk bedeutet dieses Ergebnis insgesamt, dass aufgrund
d
Antistatiklack
137
5.8 Reduzierung von Welligkeitsstrukturen durch Veränderung der
Beschichtungsparameter
Die Ergebnisse aus Abschnitt 5.7 haben gezeigt, dass die Schleifbehandlung einen starken Einfluss auf
den Orange Peel decklackbeschichteter Oberflächen hat und ein Austausch der Schleifbehandlung
durch eine Plasmabehandlung zu einem Qualitätsverlust des optischen Erscheinungsbildes auf be-
schichteten Grundanstrich- und Antistatiklackoberflächen führt. Inwieweit es möglich ist, diesen Qua-
litätsverlust durch eine fertigungstechnisch einfach realisierbare Veränderung der Verarbeitungspara-
meter der Außenbeschichtung zu reduzieren, soll in diesem Abschnitt näher untersucht werden. Nach
mith et al. (1961) sind die Viskosität, die Oberflächenspannung und die Dicke einer Beschichtung die
maßgebenden Einflussgrößen auf den Verlauf und damit den Orange Peel einer Beschichtung. Je
niedriger die Viskosität des Beschichtungsstoffes ist, desto schwächer sollten nach Smith et al. (1961)
die Welligkeitsstrukturen des Beschichtungsstoffes nach seinem Verlauf auf dem Substrat ausgeprägt
sein. Je höher die Schichtdicke der Beschichtung ist, desto schwächer sind die Welligkeitsstrukturen
an der beschichteten Oberfläche ausgeprägt.
Da die Viskosität und die Oberflächenspannung keine fertigungstechnisch direkt beeinflussbaren
Größen sind, soll zuerst untersucht werden, inwieweit eine Abhängigkeit der beiden genannten Größen
von dem Verarbeitungszeitpunkt des Beschichtungsstoffes (Zeitpunkt der Applikation des Beschich-
tungsstoffes nach dessen Anmischung) vorliegt und dadurch eine Einflussnahme auf den Verlauf der
Beschichtung möglich ist. Denn der Verarbeitungszeitpunkt ist eine industriell einfach zu steuernde
Größe. Sollte sich bei den Untersuchungen herausstellen, dass die Viskosität der Beschichtung zu ei-
nem späteren Verarbeitungszeitpunkt steigt – was in folge der Verlängerung der Polymerketten mit
zunehmender Reaktionszeit zu erwarten ist – dann kann in der industriellen Praxis durch eine frühzei-
tige Applikation des Beschichtungsstoffes nach seiner Anmischung dessen Verlauf verbessert und
vermutlich dadurch der optische Qualitätsverlust auf einem plasmabehandelten Substrat reduziert wer
den. Ferne selbst das
ptische Erscheinungsbild der Endschicht stärker beinflusst.
S
-
r ist es interessant herauszufinden, ob der Außengrundanstrich oder der Decklack
o
138
Die Tabellen 5.8-1 und 5.8-2 beschreiben die Entwicklung der Viskositäten und der Oberflächen-
zu folgenden Zeitpunkten nach der Anmischung der
stoffe zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach ihrer Anmischung
spannungen des flüssigen Außengrundanstrichs und des Decklacks in Abhängigkeit von der Zeit.
ie Tabellen enthalten MessergebnisseD
Beschichtungsstoffe: 0 min bis 15 min (Anfang der Verarbeitungszeit), 60 min und 120 min (Ende der
Verarbeitungszeit). Die Oberflächenspannungen wurden nach der Du Noüy-Ring-Messmethode
bestimmt. Die Ergebnisse in Tabelle 5.8-1 zeigen, dass die Viskositäten des Außengrundanstrichs
und des Decklacks sowohl bei niedriger als auch bei hoher mechanischer Einwirkung mit
zunehmender Zeit nach ihrer Anmischung steigen. Am Außengrundanstrich ist nach 2 h bei
niedriger mechanischer Einwirkung eine Zunahme der Viskosität um ca. 40%,
am Decklack eine Zunahme um ca. 20% im Vergleich zum Anfangszustand festzustellen. Bei hoher
mechanischer Einwirkung ist am Außengrundanstrich eine Zunahme um ca.
80%, am Decklack eine Zunahme um ca. 20% zu erkennen. Insgesamt zeigt das Ergebnis der Viskosi-
tätsuntersuchung, dass die Viskosität des Außengrundanstrichs in Abhängigkeit von dem Verarbei-
tungszeitpunkt einer stärkeren Veränderung unterliegt als die Viskosität des Decklacks.
Tabelle 5.8-1: Viskosität der Außenbeschichtungs
(Scherrate .
γ = 10/s)
(
Scherrate .
γ
= 1000/s
)
Messzeitpunkt nach Anmischung der Beschichtung [min] 0 60 120
Außengrundanstrich: Viskosität η [mPas] bei einer Scherrate von 10/s 134 157 188
Außengrundanstrich: Viskosität η [mPas] bei einer Scherrate von 1000 1/s 57 76 103
Decklack: Viskosität η [mPas] bei einer Scherrate von 10/s 29 31 34
Decklack: Viskosität η [mPas] bei einer Scherrate von 1000/s 27 29 32
Bei der Messung der Oberflächenspannung sind keine signifikanten Veränderungen der Oberflächen-
spannungswerte zu den unterschiedlichen Messzeitpunkten festzustellen, wie Tabelle 5.8-2 zeigt. Die
gemessenen Werte der Oberflächenspannungen sowohl vom Außengrundanstrich als auch vom Deck-
lack bleiben nach 2 h nahezu gleich. Die Oberflächenspannungen betragen vom Außengrundanstrich
ca. 30 mN/m und vom Decklack ca. 27 mN/m. Angemerkt sei, dass die Ergebnisse der Messungen
nach der Du Noüy-Ring-Methode durch die Ergebnisse der Messungen nach der Wilhelmy-
Plattenmethode bestätigt werden.
Tabelle 5.8-2: Oberflächenspannung der Außenbeschichtungsstoffe zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach ihrer Anmischung
Messzeitpunkt nach Anmischung der Beschichtung [min] 15 60 120
Außengrundanstrich: Oberflächenspannung σ
l
[mN/m] 30,1 30,5 30,6
Decklack: Oberflächenspannung σ
l
[mN/m] 26,9 26,2 27,0
Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse, dass die Viskosität beider Außenbeschichtungsstoffe in Ab-
hängigkeit vom Verarbeitungszeitpunkt wesentlich stärkeren Veränderungen unterliegt als die Ober-
flächenspannung. Unter der Voraussetzung, dass die Gleichung 2.5-1 im Prinzip auch für die unter-
suchten Lacksysteme dieser Arbeit gilt, bedeuten die Ergebnisse für den Verlauf der Beschichtung,
dass ein später Verarbeitungszeitpunkt der Beschichtung nach ihrer Anmischung einen verschlechter-
ten Verlauf und damit niedrige T-Werte zur Folge haben sollte.
139
Die Abbildung 5.8-1 zeigt die Schichtdicken des Außengrundanstrichs (links) und des Decklacks
(rechts), die für die Untersuchung des Einflusses der Schichtdicke beider Lacke auf die Oberflächen-
.
welligkeit der Endschicht des Beschichtungsaufbaus, der Decklackschicht, aufgetragen wurden. Für
den Außengrundanstrich wurden Schichtdicken von durchschnittlich 29 µm (A) und 54 µm (B) aufge-
tragen. Die 29 µm liegen innerhalb des vom Lackerhersteller vorgegebenen Schichtdickenbereichs für
den Außengrundanstrich (von 15 µm bis 30 µm). Die Schichtdicke von durchschnittlich 54 µm lag
außerhalb dieses Bereichs und diente in der Untersuchung nur dazu, den Effekt einer hohen Schicht-
dicke des Außengrundanstrichs auf die Orangenhaut zu erfassen. Um auch den Einfluss der Schichtdi-
cke des Decklacks auf die Welligkeitsstrukturen der Endschicht zu untersuchen, wurden in einer wei-
teren Versuchsreihe eine Decklackschichtdicke von durchschnittlich 53 µm (C) und in einer anderen
eine höhere von durchschnittlich 81 µm (D) aufgetragen. Die beiden Schichtdicken C und D liegen
innerhalb des vom Lackhersteller empfohlenen Decklackschichtdickenbereichs (von 50 µm bis
150 µm). In der Praxis werden Decklackschichtdicken von ca. 50 µm bei stark deckenden (dunklen)
Farben aufgetragen, bei hellen Farben kann die Schichtdicke oberhalb von 100 µm liegen
29
53
54
10
20
30
40
50
Schichtdicke [µ
Schichtdicke B
Schichtdicke A
Schichtdicke C
81
60
70
80
90
Außengrundanstrich Decklack
m]
Abbildung 5.8-1: Schichtdickenvariation am Außengrundanstrich und am Decklack
ng des Lacks).
Schichtdicke D
0
Die Abbildung 5.8-2 stellt in einem Diagramm die Ergebnisse zu den Untersuchungen des Einflusses
des Verarbeitungszeitpunkts und der Schichtdicke des Beschichtungsstoffes auf die Welligkeitsstruk-
turen beschichteter Antistatiklack-Proben dar. Auf der Abszisse des Diagramms sind die variierten
Beschichtungsparameter dargestellt. Bei der Variation der Verarbeitungszeitpunkte werden zwei Zeit-
punkte betrachtet: der Anfang der Verarbeitungszeit (maximal 15 min nach Anmischung des Lacks)
und das Ende der Verarbeitungszeit (ca. 120 min nach Anmischu
140
Anderweitige Verarbeitungsparameter (z.B. der Lackvolumenstrom, Spritzdüsentyp) werden bei der
Variation der Verarbeitungszeitpunkte nicht verändert. Bei der Variation der Schichtdicken gilt das-
selbe Prinzip, dass die restlichen Parameter nicht verändert werden. Als Referenzsystem wird in der
Untersuchung eine Probe verwendet, die geschliffen und am Anfang der Verarbeitungszeit mit indus-
triell durchschnittlichen Schichtdicken (A+C) beschichtet worden ist.
Die Ergebnisse der Untersuchung an den Decklackoberflächen zeigen, dass auf geschliffenen Proben,
die am Anfang der Verarbeitungszeit mit den Schichtdicken A+B lackiert worden sind, höhere T-
Werte erzielt werden als auf plasmabehandelten Proben – unabhängig davon, welcher Einflussfaktor
der Lackverarbeitung an der plasmabehandelten Probe verändert wird.
0,0
2,0
4,0
6,0
8,0
10,0
12,0
14,0
16,0
18,0
Anfang der VZ des AG und DL
(Schichtdicken A+C)
Ende der VZ des AG
(Schichtdicken A+C)
Ende der VZ des DL
(Schichtdicken A+C)
hohe Schichtdicke des AG
(Schichtdicken B+C)
hohe Schichtdicke des DL
(Schichtdicken A+D)
Veränderter Verarbeitungsparameter der Außenbeschichtung
T-Wert der Decklackoberfläche [-]
T-Wert nach Schleifbehandlung
T-Wert nach Plasmabehandlung
AG: Außengrundanstrich
DL: Decklack
VZ: Verarbeitungszeit
Abbildung 5.8-2: Einfluss des Verarbeitungszeitpunkts und der Schichtdicke der Außenbeschichtungsstoffe auf den T-Wert
Der T-Wert der zu chteten, geschlif-
nen Probe beträgt im Durchschnitt 15,3 Einheiten. Der T-Wert der zum Ende der Verarbeitungszeit
eitsstrukturen an der
m Anfang der Verarbeitungszeit des Außengrundanstrichs beschi
fe
beschichteten, plasmabehandelten Probe beträgt im Durchschnitt 9,7 Einheiten. Der T-Wert-
Unterschied zwischen beiden Oberflächen beträgt somit ca. 40%. Jedoch beträgt der Unterschied
des T-Werts zwischen einer plasmabehandelten und einer geschliffenen Probe, die beide gleichzeitig
am Anfang der Verarbeitungszeit des Beschichtungsstoffes lackiert worden sind, nur 20% (siehe Ab-
bildung 5.7-2). Der Vergleich des T-Wert-Unterschieds verdeutlicht den Einfluss des Verarbeitungs-
zeitpunkts des Beschichtungsstoffes auf die Stärke der Ausprägung der Welligk
141
beschichteten Oberfläche und bestätigt die Erwartungen, die aus den Viskositätsmessungen der Be-
schichtungsstoffe hervorgegangen sind. Die Messungen zeigten nämlich, dass mit zunehmender Ver-
arbeitungszeit der Beschichtungsstoffe die Viskosität zunimmt. So zeigen, wie erwartet, die Versuchs-
ergebnisse im Einklang mit der Gleichung 2.5-1: Je später der Beschichtungsstoff nach dessen
Anmischung aufgetragen wird, desto stärker sind die Welligkeitsstrukturen an der lackierten Oberflä-
e, die zum Ende der Verarbei-
ngszeit des Außengrundanstrichs beschichtet worden ist, betragen ca. 10 Einheiten, die auf der Probe
zum Ende der Verarbeitungszeit des n höher und betragen ca. 11 Einheiten. Der Unter-
schied kann möglicherweise dadurch erklärt werden, dass der Außengrundanstrich in Abhängigkeit
vom Verarbeitungszeitpunkt größeren Viskositätsunterschieden unterliegt als der Decklack, wie in
Tabelle 5.8-1 dargestellt ist. Stark ausgeprägte Welligkeitsstrukturen der Außengrundanstrichoberflä-
che bewirken wiederum, dass es an der darauffolgenden Decklackschicht ebenfalls zur Ausbildung
starker Welligkeiten des Decklacks auf dem welligen Außengrundanstrich kommt. Ferner zeigen die
Ergebnisse aus Abbildung 5.8-2, dass die Erhöhung der Schichtdicke des Außengrundanstrichs oder
des Decklacks zu solch einer Erhöhung der T-Werte führt, dass sogar annähernd die T-Werte der ge-
schliffenen, zum Anfang der Verarbeitungszeit beschichteten Probe erreicht werden. So werden bei-
spielsweise auch hier T-Werte erreicht, die in der Größenordnung von 14 Einheiten liegen. Da in der
Praxis Decklackschichtdicken bis zu 150 µm aufgetragen werden können, ist davon auszugehen, dass
bei noch höheren Schichtdicken als die getesteten noch höhere T-Werte auf den plasmabehandelten
Proben erreicht werden. Werden die Viskosität bzw. der Verarbeitungszeitpunkt und die Schichtdicke
der Außenbeschichtungsstoffe miteinander als Einflussgrößen verglichen, so ist festzustellen, dass die
Welligkeitsstrukturen der Decklackschicht stärker durch die Schichtdicke beeinflusst werden als durch
die Viskosität, was im Prinzip auch mit der Gleichung 2.5-1 übereinstimmt. Denn nach dieser Glei-
chung geht die Schichtdicke als dritte Potenz in die Funktion ein, die den Verlauf bzw. die Wellig-
kei er
eschichtung korreliert, geht dagegen lediglich linear in die Funktion ein.
che ausgeprägt, was sich dann in Form niedriger T-Werte widerspiegelt. Desweiteren weisen die Er-
gebnisse dieser Versuchsreihe darauf hin, dass der Verarbeitungszeitpunkt des Außengrundanstrichs
einen stärkeren Einfluss auf die Ausprägung der Welligkeitsstrukturen der Decklackschicht hat als der
der Verarbeitungszeitpunkt des Decklacks. Die T-Werte auf der Prob
tu
Decklacks liege
tsstrukturen der Beschichtung beschreibt. Die Viskosität, die mit dem Verarbeitungszeitpunkt d
B
Um den optischen Qualitätsverlust auf einem plasmabehandelten Substrat annähernd auszugleichen,
ist eine industriell einfache und praktikable Vorgehensweise, möglichst frühzeitig den Beschichtungs-
stoff, und dies gilt insbesondere für den Außengrundanstrich, nach seiner Anmischung auf das La-
ckierobjekt zu applizieren und vor allem höhere Schichtdicken an Außengrundanstrich oder Decklack
darauf aufzutragen. Hierfür müssen die industriell zugelassenen Schichtdicken nicht überschritten
werden. Anzumerken sei hier nochmals, dass die industriellen Qualitätsanforderungen hinsichtlich des
optischen Erscheingsbildes, auch ohne eine Schichtdickenerhöhung bzw. Veränderung der Verarbei-
tungsparameter der Beschichtung erfüllt werden.
142
6 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Die Plasmabehandlung von Polymeren zeichnet sich durch eine hohe Prozessgeschwindigkeit und eine
gute Umweltverträglichkeit aus. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Einfluss industriell
relevanter Prozessgrößen der Atmosphärendruck-Plasmabehandlung mit einer rotierenden Plasmadüse
auf diverse luftfahrtspezifische Vorbeschichtungssysteme (Grundanstrich, Antistatiklack und Antiero-
sionslack) auf Polyurethanbasis, die bei der Applikation des Außenbeschichtungssystems (Außen-
grundanstrich oder Decklack) als Substratoberflächen an Bauteilwerkstoffen des Flugzeugherstellers
Airbus fungieren. Die betrachteten Prozessgrößen der Plasmabehandlung sind die Verfahrgeschwin-
digkeit, der Behandlungsabstand der Plasmadüse, die Anzahl der Plasmabehandlung und die Lage-
rungszeit der Substrate zwischen einer Plasmabehandlung und dem Auftrag der Außenbeschichtung.
Der Einfluss dieser Prozessgrößen auf die strukturelle und chemische Beschaffenheit der Substratober-
flächen wurde untersucht, um die Prozessparameter für eine industrielle Behandlung ausgewählter
Vorbeschichtungen zu ermitteln. Die Art der Modifikation der Substratoberflächen wurde dabei mit-
tels diverser Analyseverfahren charakterisiert und deren Einfluss auf die Haftung und die Welligkeits-
strukturen nachfolgend aufgebrachter Lackschichten (Außengrundanstrich und Decklack) dargestellt.
Randwinkelmessungen an unterschiedlichen Substratoberflächen haben gezeigt, dass eine Plasma-
behandlung zu einer Erhöhung des polaren Teils der Oberflächenenergie und damit zu einer Erhöhung
der gesamten Oberflächenenergie führt. Ferner konnte durch chemische Rasterkraft-
mikroskopieuntersuchungen an einer ausgewählten Substratoberfläche eine signifikante Hydro-
philisierung der Oberfläche nach einer Plasmabehandlung aufgezeigt werden. Die Erhöhung des pola-
ren Teils der Oberflächenenergie und die Oberflächenhydrophilisierung konnten durch Röntgen-
Photoelektronenspektroskopie (XPS)-Analysen anhand des Anstiegs der Konzentration sauerstoff-
haltiger funktioneller Gruppen an der Oberfläche erklärt werden. Die funktionellen Gruppen können
C-O-R- (Hydroxyl- oder Ether-), C=ORR- (Carbonyl-) oder C=OOR- (Ester- oder Carboxyl-) Grup-
pen sein. Weiterhin konnte durch Randwinkelmessungen an einem ausgewählten Substrat gezeigt
werden, dass dessen Oberflächenenergie in einer gewöhnlichen Luftatmosphäre bis zu 24 h, in einer
stark lösemittelhaltigen Umgebungsatmosphäre bis zu 2 h unverändert bleibt.
rderungen genügen.
Als ein möglicher geeigneter Prozessparametersatz für eine industrielle Vorbehandlung der untersuch-
ten Substratoberflächen wurden mit einer rotierenden Plasmadüse der Firma Plasmatreat (Typ RD
1004, Durchmesser 20 mm) eine Rotationsgeschwindigkeit der Plasmadüse von 2890 U/min, ein
Spurabstand von 20 mm, ein Behandlungsabstand von 8 mm und eine Verfahrgeschwindigkeit der
Plasmadüse von 20 m/min ermittelt. Verschiedene Haftungstestmethoden an beschichteten Substraten
haben gezeigt, dass die Wahl der genannten Plasmaprozessparameter bei einer Vorbehandlung zu Haf-
tungsergebnissen führt, die denen beschichteter Substrate nach einer konventionellen Vorbehandlung
per Schleifen entsprechen und somit den industriellen Qualitätsanfo
143
Mittels einer mathematischen Simulation und spektroskopischer Oberflächenuntersuchungen mit einer
erden, dass eine Verfahr-
chemischen Rasterkraftmikroskopiemesssonde konnte dargestellt w
geschwindigkeit der Plasmadüse von 20 m/min zu einer durchgehend flächendeckenden Behandlungs-
spur an der Oberfläche führt. Die Behandlungsbreite einer einzelnen Behandlungsspur beträgt ca.
22 mm. Des Weiteren wurde anhand einer Simulation der zykloiden Bewegungsbahn des Plasma-
strahls herausgefunden, dass ab einer Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse von 40 m/min keine
flächendeckende Behandlung mehr erfolgt, da nicht alle Bereiche innerhalb der Behandlungsspur vom
rotierenden Plasmastrahl erfasst werden. Dieses Ergebnis wurde durch Haftungsuntersuchungen per
Hochdruckwasserstrahltests an flächig behandelten Proben bestätigt. Denn nach einer Behandlung mit
dieser Verfahrgeschwindigkeit wurden bei den Haftungstests Delaminationen an der Außenbeschich-
tung festgestellt. Je höher die Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse ist, desto größer sind die
schwachbehandelten Bereiche innerhalb der Behandlungsspur ausgeprägt. Mittels spektroskopischer
Rasterkraftmikroskopieuntersuchungen entlang der Verfahrspur einer mit 80 m/min behandelten Probe
konnten eindeutig schwach behandelte bzw. unbehandelte Bereiche aufgezeigt werden, die bei Hoch-
druckwasserstrahltests die festgestellten Delaminationen der Beschichtung auf einem mit 80 m/min
plasmabehandelten Substrat erklären können. Auch bei einer geringen Verfahrgeschwindigkeit der
Plasmadüse (2 m/min) wurden nach einer Wasserauslagerung der Proben Delaminationen der darauf
applizierten Lackschicht im Rahmen der Haftungstests festgestellt, obwohl keine unbehandelten Be-
reiche innerhalb der Plasmabehandlungsspur vorliegen. Vermutlich entstehen infolge eines zu hohen
thermischen Eintrags in das Substrat – Temperaturen von über 85 °C wurden durch thermografische
Analysen an der Oberfläche gemessen – und plasmaerosiver Effekte oxidative Degradationsprodukte,
die die Wechselwirkung zwischen dem Substrat und der aufgetragenen Beschichtung beeinflussen
können. Bei den Haftungsuntersuchungen, die mit einer vorherigen Auslagerung der Proben unter
wässrigen Umgebungsbedingungen verbunden waren, wird möglicherweise die mit hydrophilen Mo-
lekülfragmenten angereicherte Grenzschicht durch in das Verbundsystem hineindiffundiertes Wasser
angelöst, was dann zu einer Delamination der auf das Substrat applizierten Schicht bei einer mechani-
schen Belastung führt. Durch rasterkraftmikroskopische Aufnahmen plasmabehandelter Substratober-
flächen wurden sowohl nach einer Behandlung mit einer Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse von
2 m/min als auch nach einer Behandlung mit einer Verfahrgeschwindigkeit von 20 m/min leichte
Oberflächenabtragseffekte festgestellt. Die Veränderungen der Topografie waren nach einer Behand-
lung mit 2 m/min wesentlich deutlicher ausgeprägt als bei einer Behandlung mit 20 m/min. Die raster-
kraftmikroskopischen Aufnahmen der Oberfläche zeigen für 2 m/min einen eindeutig stärkeren Abtrag
der Oberfläche als für 20 m/min, was zu der Annahme der Entstehung größerer Mengen von Degrada-
tionsprodukten bei einer Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse von 2m/min führt und somit den
negativen Einfluss des Molekularschutts bei den Haftungstests unter Wassereinwirkung erklären kann.
144
Die aus den Ergebnissen der Rasterkraftmikroskopie hervorgehende Vermutung eines Materialabtrags
wird im Zusammenhang mit den Untersuchungsergebnissen von XPS-Analysen bestärkt. Nach einer
Plasmabehandlung der Oberfläche mit einer geringen Verfahrgeschwindigkeit (2 m/min) wurde ein
starker Anstieg der Siliziumkonzentration ähnlich wie nach einer Schleifbehandlung festgestellt. Über
ein chemisches Tiefenprofil an einem Messbereich einer unbehandelten Probe wurde herausgefunden,
dass Silizium unterhalb der Substratgrenzschicht in höherer Konzentration vorliegt als an der Oberflä-
che. Die Zunahme der Siliziumkonzentration bestärkt daher die Annahme, dass obere Moleküllagen
infolge einer intensiven Plasmabehandlung entfernt werden und dadurch tiefer gelegene Bereiche mit
höherer Siliziumkonzentration als an der Substratoberfläche freigelegt werden.
Im Vergleich zur Behandlungsgeschwindigkeit ist der Einfluss des Behandlungsabstands der Plasma-
düse auf die Haftung der Beschichtung auf dem Substrat als weniger kritisch einzustufen. Auch nach
einer Behandlung mit sehr geringem Abstand der Düse zum Substrat konnte bei Haftungstests keine
Enthaftung der Beschichtung auf dem Substrat infolge einer möglicherweise zu intensiven Plasmabe-
handlung der Oberfläche festgestellt werden. Nach einer Behandlung mit einem Abstand der Plasma-
düse von 2 mm kam es zu keinem signifikanten Anstieg der Siliziumkonzentration, der vermutlich auf
einen Materialabtrag hinweisen kann, und auch nicht zu solch hohen Oberflächentemperaturen, wie sie
bei einer Plasmabehandlung mit geringer Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse gemessen wurden.
Des Weiteren wurde bei den Untersuchungen der Einfluss einer hohen Anzahl an Plasmabehandlun-
gen auf die Haftung betrachtet. Hierbei wurde bis zu einer 40-fachen Plasmabehandlung kein negati-
ver Effekt auf die Haftung festgestellt. Die Haftungstests haben keine Enthaftung der Außenbeschich-
tung auf dem mehrfach plasmabehandelten Substrat aufgezeigt. Ferner waren auch hier bei der XPS-
Analyse keine signifikanten Veränderungen der Siliziumkonzentration festzustellen gewesen, die wie
nach einer Behandlung mit einer langsamen Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse Hinweise auf
entstandene Degradationsprodukte liefern konnten.
Untersuchungen zum Einfluss der Plasmabehandlung von Substratoberflächen auf das optische Er-
scheinungsbild nachfolgender Decklackschichten haben gezeigt, dass bei geringen Lackschichtdicken
die Welligkeitsstrukturen der Decklackschicht auf geschliffenen Substratoberflächen überwiegend
schwächer ausgeprägt sind als auf unbehandelten oder plasmabehandelten Oberflächen. Durch die
Applikation höherer Decklackschichtdicken, die immer noch deutlich innerhalb des vom Lackherstel-
ler empfohlenen industriellen Schichtdickenbereichs liegen, kann aber dieser Effekt ausgeglichen
werden. Anzumerken sei hier, dass auch ohne solch eine Maßnahme die industriell geforderten Quali-
tätswerte hinsichtlich des optischen Erscheinungsbildes erreicht werden würden.
Die Untersuchungen dieser Arbeit haben sich auf die Plasmabehandlung einer Auswahl luftfahrtspezi-
fischer Vorbeschichtungssysteme auf Polyurethanbasis konzentriert. Insgesamt konnte mit den durch-
geführten Untersuchungen aufgezeigt werden, dass eine Atmosphärendruck-Plasmabehandlung zur
industriellen Vorbehandlung der getesteten luftfahrtspezifischen Lacksysteme prinzipiell möglich ist.
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Anhang
A1: Randwinkeluntersuchungsergebnisse: Variation der Lagerungszeit in einer Luftatmosphäre
(Messreihe A)
49,6 51,7 50,2
60,1
57,1
64,0 63,2
45,8 46,1 45,1
49,6
44,2
48,5 46,7
21,4 22,0
32,2 33,5
31,2
23,8 23,8
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
0 2 24 120 240 480 720
Lagerungszeit in einer Luftatmosphäre [h]
Randwinkel [°]
Wasser
Dijodomethan
Ethylenglykol
A2: Randwinkeluntersuchungsergebnisse: Variation der Lagerungszeit in einer Lösemittelatmosphäre
(Messreihe A)
50,1
57,1
65,6
60,8
64,5
69,1 69,2
44,3 43,9 42,0
33,7 34,3
30,5 28,2
21,4 23,5
35,2 35,9
33,2
35,9 34,4
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
80,0
0 2 24 120 240 480 720
Lagerungszeit in einer Lösemittelatmosphäre [h]
Randwinkel [°]
Wasser
Dijodomethan
Ethylenglykol
i
A3: Gitterschnitttestergebnisse: Variation der Lagerungszeit in einer Luft-/Lösemittelatmosphäre
Zeit [h] Luftatmosphäre Lösemittelatmosphäre Schichtdicke [µm]
1 65,2
1-2 75,0
1 68,2
1 2 64,8
0 1 67,7
0-1 1-2 62,9
2 0-1 66,1
2 1 65,8
2 1 63,6
4 3-4 68,9
3-4 3-4 69,7
4 3-4 70,7
2 2-3 58,0
2 2-3 52,6
2 2-3 56,8
2 2 55,8
2-3 2 66,7
2-3 2-3 65,8
1-2 2-3 64,1
2 2 62,7
2 2 63,6
0
2
ohne Wasserauslagerung ( 7 d Luft)
720
24
120
240
480
B1: Röntgenphotoelektronenspektroskopie: vor 10-fach-Plasmabehandlung (Messpunkt D)
Übersichtspektrum
ii
B2: Röntgenphotoelektronenspektroskopie: vor 10-fach-Plasmabehandlung (Messpunkt D)
Hochaufgelöste Sauerstoff O1s-Umgebung
iii
B3: Röntgenphotoelektronenspektroskopie: vor 10-fach-Plasmabehandlung (Messpunkt D)
Hochaufgelöste Kohlenstoff C1s-Umgebung
iv
B4: Röntgenphotoelektronenspektroskopie: vor 10-fach-Plasmabehandlung (Messpunkt D)
Hochaufgelöste Silizium Si 2p-Umgebung
v
B5: Röntgenphotoelektronenspektroskopie: nach 10-fach-Plasmabehandlung (Messpunkt D)
Übersichtsspektrum
vi
B6: Röntgenphotoelektronenspektroskopie: nach 10-fach-Plasmabehandlung (Messpunkt D)
Hochaufgelöste Sauerstoff O1s-Umgebung
vii
B7: Röntgenphotoelektronenspektroskopie: nach 10-fach-Plasmabehandlung (Messpunkt D)
Hochaufgelöste Kohlenstoff C1s-Umgebung
viii
B8: Röntgenphotoelektronenspektroskopie: nach 10-fach-Plasmabehandlung (Messpunkt D)
Hochaufgelöste Silizium Si 2p-Umgebung
siliziumorganische Verbindung
ix
C: Gitterschnitttest nach 14 d Wasserauslagerung
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 2 m/min
Abstand der Plasmadüse: 8 mm
x
D1: Stirnabzugstestergebnisse: Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse
Referenzprobe
xi
D2: Stirnabzugstestergebnisse: Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse
geschliffene Probe
xii
D3: Stirnabzugstestergebnisse: Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 2 m/min
Abstand der Plasmadüse: 8 mm
xiii
D4: Stirnabzugstestergebnisse: Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 20 m/min
Abstand der Plasmadüse: 8 mm
xiv
D5: Stirnabzugstestergebnisse: Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 40 m/min
Abstand der Plasmadüse: 8 mm
xv
D6: Stirnabzugstestergebnisse: Variation der Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse
Verfahrgeschwindigkeit der Plasmadüse: 60 m/min
Abstand der Plasmadüse: 8 mm
xvi
E: Messung des Randwinkel des Decklackstropfens auf dem Antierosionslack
°±°
=
9,04,30
θ
Substrat
°±°
=
5,09,26
θ
Substrat
°±°
=
7,00,23
θ
Substrat
xvii