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[en] (orig)
Untersuchung von Deflagrationen selbstzersetzlicher
Feststoffe und Entwicklung einer neuartigen
Prüfmethode zur Beurteilung der
Deflagrationsfähigkeit in geschlossenen Systemen
vorgelegt von
Master of Science
Steffen Salg
von der Fakultät II - Mathematik und Naturwissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. rer. nat. Martin Lerch
Gutachter: Prof. Dr. rer. nat. Reinhard Schomäcker
Gutachter: Prof. Dr.-Ing. habil. Ulrich Krause
Gutachter: Dr. rer. nat. Marcus Malow
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 14. Juni 2019
Berlin 2019
Abstract
The deflagration behavior of self-reactive solids was investigated under different bounda-
ry conditions. In addition, a new test method was developed with which the deflagration
behavior can be assessed in closed systems. Three new measuring systems with different
volumes and geometries were put into operation on a laboratory scale. The use of the new
measuring systems allows to assess the deflagration behavior under different boundary
conditions, which are relevant for large-scale deflagrations. As part of the development
of the new measurement systems, the required sample volume for a deflagration test has
been reduced by a factor of ten.
The rate of deflagration depends primarily on the temperature, pressure and vessel
geometry and size respectively. The influence of pressure can be described by the equa-
tion u=a·pn+b, where nis usually between 0,5 and 1. In addition, the ignition point
and bulk density affect the deflagration rate. Since the maximum reaction temperature
depends on the kinetics of the heat transfer in the center of the reaction front and this
correlates positively with the pressure, generally all factors which cause an increase in
the pressure in the reaction center lead to an increase in the deflagration rate.
As a measure of the deflagration rate, the linear propagation rate and the pressure
rise rate can be used. If the propagation form is known, one parameter can be calculated
from the other. By normalizing the pressure rise rates, it is possible to convert the values
measured in one vessel type to another vessel type. Thus, in principle, the deflagration
behavior can be predicted at any fill levels and pressures.
Furthermore, it has been shown that the risk of deflagration can be significantly re-
duced if deflagration-capable substances are handled at reduced pressure. The delayed
initiation and slowdown of deflagration at reduced pressure is due to the lower effective
thermal conductivity.
Contrary to popular belief that deflagrations only occur at decomposition energies
of more than 500 J/g, this work has shown that deflagrations are already possible at
220 J/g when ignited from below.
The use of the various measuring systems should be based on the respective question.
When isobaric operation at a pressure of 1 bar is desired, it is recommended to use
either the previous standard methods or to operate the 4-L pressure vessel open. In a
quasi-isobaric mode with a pressure of p06= 1 bar, the 18-L pressure vessel or other
combinations of 4-L pressure vessel and expansion vessel should be used. In isochoric
mode of operation, the 200-mL pressure vessel with ignition from above or the 4-L
pressure vessel should be used.
II
Zusammenfassung
Das Deflagrationsverhalten selbstzersetzlicher fester Stoffe wurde bei unterschiedlichen
Randbedingungen untersucht. Darüber hinaus wurde eine neue Prüfmethode entwickelt,
mit welcher das Deflagrationsverhalten in geschlossenen Systemen beurteilt werden kann.
Es wurden drei neue Messsysteme mit verschiedenen Volumina und Geometrien im La-
bormaßstab in Betrieb genommen. Die Verwendung der neuen Messsysteme erlaubt es,
das Deflagrationsverhalten unter verschiedenen Randbedingungen, die bei Deflagratio-
nen im großtechnischen Maßstab relevant sind, zu beurteilen. In Zuge der Entwicklung
der neuen Messsysteme wurde die erforderliche Probenmenge für eine Deflagrationsprü-
fung um den Faktor 10 reduziert.
Die Deflagrationsgeschwindigkeit hängt in erster Linie von der Temperatur, dem Druck
und der Behältergeometrie bzw. -größe ab. Der Einfluss des Drucks lässt sich mit der
Gleichung u=a·pn+bbeschreiben, wobei nin der Regel zwischen 0,5 und 1 liegt.
Darüber hinaus beeinflussen die Anzündungsstelle und die Schüttdichte die Deflagrati-
onsgeschwindigkeit. Da die maximale Reaktionstemperatur von der Kinetik des Wär-
meübergangs im Zentrum der Reaktionsfront abhängt und diese positiv mit dem Druck
korreliert, führen im Allgemeinen alle Faktoren, die eine Erhöhung des Drucks im Reak-
tionszentrum bewirken, zu einer Erhöhung der Deflagrationsgeschwindigkeit.
Als Maß für die Deflagrationsgeschwindigkeit können die lineare Ausbreitungsrate
und die Druckanstiegsrate herangezogen werden. Wenn die Ausbreitungsform bekannt
ist, kann die eine Kenngröße aus der anderen berechnet werden. Durch eine Normierung
der Druckanstiegsraten ist es möglich, die Werte, die in einem Behältertyp gemessen
wurden, auf einen anderen Behältertyp umzurechnen. So kann prinzipiell das Deflagra-
tionsverhalten bei beliebigen Füllgraden und Drücken vorhergesagt werden.
Weiterhin wurde gezeigt, dass das Risiko des Auftretens einer Deflagration erheblich
reduziert werden kann, wenn deflagrationsfähige Substanzen bei reduziertem Druck ge-
handhabt werden. Die verzögerte Auslösung und Verlangsamung einer Deflagration bei
reduziertem Druck ist auf die geringere effektive Wärmeleitfähigkeit zurückzuführen.
Entgegen der verbreiteten Auffassung, dass Deflagrationen nur bei Zersetzungsenergi-
en von mehr als 500 J/g auftreten, wurde in dieser Arbeit gezeigt, dass Deflagrationen
bereits ab 220 J/g möglich sind, wenn die Anzündung von unten erfolgt.
Die Verwendung der verschiedenen Messsysteme sollte sich an der jeweiligen Frage-
stellung orientieren. Eine Empfehlung ist, bei isobarer Fahrweise und einem Druck von
1 bar entweder die bisherigen Standardmethoden zu nutzen oder den 4-L-Druckbehälter
offen zu betreiben. Bei quasi-isobarer Fahrweise und einem Druck p06= 1 bar sollte
der 18-L-Druckbehälter oder eine andere Kombination aus 4-L-Druckbehälter und Aus-
gleichsbehälter genutzt werden. Bei isochorer Fahrweise sollte der 200-mL-Druckbehälter
mit Anzündung von oben oder der 4-L-Druckbehälter genutzt werden.
III
Danksagung
Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Reinhard Schomäcker für die Ermöglichung
dieser Arbeit, die Betreuung während der gesamten Zeit und die Übernahme des Erst-
gutachtens. Sein fortwährendes Interesse, die gewährten Freiheiten und die stete Dis-
kussionsbereitschaft trugen sehr zum Fortgang der Arbeit bei. Herzlichen Dank für die
wertvollen Impulse und das in mich gesetzte Vertrauen.
Herrn Prof. Dr. Ulrich Krause danke ich für sein Engagement und Interesse schon wäh-
rend der Erstellung der Arbeit. Herzlichen Dank für die Übernahme des Zweitgutachtens
und die fachlichen Diskussionen, die diese Arbeit bereicherten.
Herrn Dr. Marcus Malow danke ich für die Betreuung an der BAM, die angeneh-
me Arbeitsatmosphäre und die interessanten Diskussionen. Herzlichen Dank für all die
Ratschläge, Hilfestellungen und für die Übernahme des Drittgutachtens.
Frau Dr. Heike Michael-Schulz danke ich für die Integration in ihr Team, die stete
Diskussionsbereitschaft, die vielen Ratschläge und großzügige Unterstützung, auch bei
der Vorbereitung auf eine neue Aufgabe nach der Doktorarbeit.
Herrn Dr. Klaus-Dieter Wehrstedt danke ich für die freundliche Aufnahme im Fachbe-
reich 2.2, die fortwährende Unterstützung und das Interesse an meiner Arbeit. Ebenso
danke ich Herrn Prof. Dr. Thomas Schendler für das entgegengebrachte Vertrauen und
die Unterstützung während meiner Zeit an der BAM.
Einen großen Dank spreche ich meinem Zimmernachbarn Paul Blankenhagel aus. Er
machte den langen Promotionsalltag erträglich, sorgte für die nötige Abwechslung und
war ein großartiger Diskussionspartner und Ratgeber.
Für die unzähligen kleinen und großen Beiträge aller beteiligten Personen chte
ich mich sehr herzlich bedanken. Hier sind in erster Linie Herr Gebauer, Herr Kebben
und Herr Nauendorf zu nennen. Insbesondere danke ich Frau Fourier und Herrn Zirker,
deren Engagement bei der Durchführung von Standard-Messungen (DSC und Wärme-
leitfähigkeit) eine große Entlastung darstellte. Die Vielzahl an Messungen an den neu-
en Messsystemen konnte nur durch die tatkräftige Unterstützung meiner studentischen
Praktikanten Oliver Klippel, Haider El-Athman, Sergey Durakov, Marlon Winter, Nisha
Modi und Selina Heß realisiert werden. Vielen Dank für euren unermüdlichen Einsatz.
Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen des Doktorandenprogramms der Bundes-
anstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin. Den Verantwortlichen, die
die Durchführung meines Forschungsvorhabens ermöglicht haben, spreche ich meinen
ausdrücklichen Dank aus.
Nicht zuletzt danke ich Anja, meiner Familie und meinen Freunden für die immer-
währende Unterstützung während des Studiums sowie der Promotion und die viele Zeit
die ihr mir geschenkt habt.
IV
Inhaltsverzeichnis
Abstract II
Zusammenfassung III
Danksagung IV
Symbolverzeichnis VII
1 Einleitung 1
1.1 Motivation und Hintergründe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2 Ausgangssituation und Zielstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
2 Theoretische Grundlagen 4
2.1 Arten von Explosionen und Charakterisierung von Deflagrationen . . . . 4
2.1.1 Hinweise auf Deflagrationsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2.1.2 Schutzmaßnahmen zur Vermeidung von Deflagrationen . . . . . . 8
2.2 Methoden zur Prüfung der Deflagrationsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . 11
2.2.1 Standardmethoden nach geltendem Regelwerk . . . . . . . . . . . 11
2.2.2 Literaturbekannte Methoden mit geschlossenen Messsystemen . . 13
2.3 Beschreibung des Deflagrationsverhaltens . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.3.1 Schematische Betrachtung des Ausbreitungsmechanismus . . . . . 16
2.3.2 Einflussfaktoren auf das Deflagrationsverhalten . . . . . . . . . . 20
2.3.3 Definition von Initiierungs- und Ausbreitungsphase . . . . . . . . 25
2.4 Grundlagen aus der Reaktions-, Verfahrens- und Sicherheitstechnik . . . 26
2.4.1 Definition grundlegender Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
2.4.2 Wärmetransport in porösen Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.4.3 Dynamische Differenzkalorimetrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
3 Experimentelle Methoden 31
3.1 VerwendeteSubstanzen............................ 31
3.1.1 Substanzauswahl ........................... 31
3.1.2 Stoffdaten............................... 36
3.2 Versuchsaufbauten und -durchführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.2.1 Entwicklung der neuen Messsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.2.2 Anzündquellen ............................ 39
3.2.3 Offene Systeme: VDI-Test und UN-Test-C.2 . . . . . . . . . . . . 41
3.2.4 Geschlossenes System 1: 4-L-Druckbehälter . . . . . . . . . . . . . 43
3.2.5 Geschlossenes System 2: 200-mL-Druckbehälter . . . . . . . . . . 46
V
3.2.6 Geschlossenes System 3: 18-L-Druckbehälter . . . . . . . . . . . . 47
3.3 Kenngrößen zur Beschreibung des Deflagrationsverhaltens . . . . . . . . . 48
4 Ergebnisse und Diskussion 50
4.1 Charakterisierung der neuen Messsysteme und Festlegung standardisier-
ter Versuchsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
4.1.1 Festlegung einer geeigneten Anzündleistung der Glühkerze . . . . 51
4.1.2 Wärmetransportbedingungen in den Messsystemen und ihre Druck-
abhängigkeit.............................. 52
4.2 Messergebnisse zum Deflagrationsverhalten aller untersuchter Substanzen
und Vergleich mit DSC-Ergebnissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
4.3 Deflagrationsverhalten bei Variation verschiedener Einflussgrößen . . . . 63
4.3.1 Einfluss der Einwaage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
4.3.2 Einfluss der Füllhöhe und Wahl einer optimalen Füllhöhe . . . . . 64
4.3.3 Einfluss des Rohrdurchmessers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
4.3.4 Einfluss der Schüttdichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
4.3.5 Einfluss der Konzentration an reaktiver Substanz . . . . . . . . . 66
4.3.6 Einfluss der Stelle der Anzündung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
4.3.7 Einfluss der Verweilzeit der Zersetzungsgase im Prüfrohr . . . . . 68
4.4 Vergleich der Ergebnisse in den verschiedenen Messsystemen . . . . . . . 69
4.4.1 Messunsicherheit und Reproduzierbarkeit der Ergebnisse . . . . . 69
4.4.2 Vergleich der Absolutwerte der Kenngrößen . . . . . . . . . . . . 73
4.4.3 Normierung der Druckanstiegsrate und Umrechnung auf beliebige
Randbedingungen........................... 75
4.5 Druckabhängigkeit des Deflagrationsverhaltens . . . . . . . . . . . . . . . 79
4.5.1 Verhalten bei reduziertem Druck . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
4.5.2 Verhalten bei erhöhtem Druck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
4.6 Analytische Berechnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
4.6.1 Zusammenhang zwischen den Kenngrößen Druckanstiegsrate und
lineare Ausbreitungsrate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
4.6.2 Bilanzierung von Energie- und Stoffumsatz . . . . . . . . . . . . . 100
4.7 Weiterentwicklung von Schutzmaßnahmen zur Reduktion von Deflagrati-
onsrisiken ...................................105
5 Zusammenfassung und Ausblick 109
5.1 Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse . . . . . . . . . . . . . . 110
5.2 Empfehlungen für Untersuchungen des Deflagrationsverhaltens . . . . . . 113
A Zusätzliche experimentelle Daten und Abbildungen 115
Literaturverzeichnis 123
VI
VII
Symbolverzeichnis
Lateinische Symbole
AFläche
bBreite
cA0Anfangskonzentration der Komponente A
cpWärmekapazität
dDurchmesser
EAAktivierungsenergie
FWWärmeaustauschfläche
HGesamthöhe (Prüfrohr)
hHöhe (Prüfrohr)
RHReaktionsenthalpie
k0Präexponentieller Faktor
kWWärmeübergangskoeffizient
mMasse
mReaktionsordnung
MMolare Masse
nStoffmenge
pDruck
PLeistung
QWärme
RAllgemeine Gaskonstante
rRadius
rReaktionsgeschwindigkeit
sSteigung
St Stanton-Zahl
tZeit
tInd Induktionszeit
TTemperatur
T0Anfangstemperatur
Tad Adiabatische Temperaturerhöhung
Tmax Experimentell ermittelte maximale Temperaturerhöhung
TKTemperatur des Kühlmediums
tRReaktionszeit
uLineare Ausbreitungsrate, Geschwindigkeit, Deflagrationsgeschwindigkeit
VVolumen
VSch Schüttvolumen
Vges Gesamtvolumen
VRReaktionsvolumen
wiMassenanteil der Komponente i
VIII
XUmsatz
¯xArithmetisches Mittel
xiStoffmengenanteil der Komponente i
zFüllgrad
Griechische Symbole
γRelativer Fehler
Porosität, Lückengrad
ϑTemperatur
λWärmeleitfähigkeit
νAStöchiometrischer Koeffizient der Komponente A
πKreiszahl
ρDichte
σStandardabweichung
τVerweilzeit bzw. Reaktionszeit
Exponent
bZersetzungsgas-Region
Indizes
0Anfangszustand, initialer Wert
avg Mittel
bZersetzungsgas-Region
CKritisch
EEdukt
eff Effektiv
fFeste Phase
fl Flüssige Phase
gGasphase
ges Gesamt
mArithmetisches Mittel
max Maximum, Maximalwert
mess Messsystem: Behältertyp, in dem experimentelle Daten erzeugt wurden
NNormierte Größe
PProdukt
Pk Partikel
rad Strahlung
rel Relativ
ziel Zielsystem: Behältertyp, für welchen Daten berechnet werden
IX
Abkürzungen
ACVA Azocyanovaleriansäure
ADCA Azodicarbonamid
DSC Differential Scanning Calorimetry (Dynamische Differenzkalorimetrie)
IMD Imidazolderivat
UN United Nations (Vereinte Nationen)
VDI Verein Deutscher Ingenieure
X
1 Einleitung
1.1 Motivation und Hintergründe
Die Deflagration von Stoffen ist immer wieder Ursache von sicherheitsrelevanten Vorfäl-
len, die hohe Personen- und Sachschäden zur Folge haben. Im Jahr 1992 ereignete sich
während der Herstellung einer Azodicarbonamid (ADCA)-Zubereitung eine Explosion,
die erheblichen Schaden in einer Produktionsanlage und an Gebäuden in der Umge-
bung verursachte [1]. Zur Herstellung der ADCA-Zubereitung wurden gewöhnlicherweise
850 kg ADCA in einem 3,7 m3Nautamixer mit einer wässrigen Lösung aus Salzen ver-
mischt und das Produkt anschließend über einen Zeitraum von mehreren Stunden unter
Vakuum getrocknet, wobei die Temperatur im Gemisch durch aktive Mantelheizung bis
auf 65 Canstieg. Nach einer Stunde wurde das Vakuum mit Stickstoff gebrochen und ei-
ne Probe entnommen, um die Qualitätsanforderungen zu überprüfen. Danach wurde die
Zubereitung abgekühlt und anschließend zum Sieben und Verpacken aus dem Mixer ge-
nommen. Innerhalb von vier Jahren wurden so etwa 300 Tonnen der ADCA-Zubereitung
hergestellt.
Die Explosion des Mixers im Jahr 1992 trat ca. 75 Minuten nachdem das Vakuum zur
Probennahme gebrochen wurde auf. Nur fünf Minuten vor der Explosion war der Behäl-
ter von einem Arbeiter inspiziert worden, wobei keine Unregelmäßigkeiten festgestellt
wurden. Die Spezifikation des Produktes und die Temperaturen während der Trocknung
lagen im üblichen Bereich. Es gab keinerlei Hinweise auf eine mögliche Explosion. Spätere
Untersuchungen haben als wahrscheinlichste Ursache einen durch mechanische Reibung
hervorgerufenen Wärmeeintrag identifiziert, der zu einer unterhalb der Produktmasse
initiierten Deflagration mit sehr hoher Umsatzrate führte.
Eine Rekonstruktion des Ereignisses ergab, dass bei einem Druck von 10bar (Über-
druck) der Deckel des Einstiegslochs abgeworfen wurde und der Behälter selbst bei einem
Überdruck von 27 bar geborsten ist. Weiterhin wurde gezeigt, dass sich nicht die gesamte
Menge der ADCA-Zubereitung umgesetzt hatte, sondern eine signifikante Restmenge an
Produkt in der Umgebung des Behälters gefunden wurde.
Dieses Szenario verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Deflagrationsfähigkeit korrekt zu
bewerten und bei bekannten deflagrationsfähigen Substanzen die erforderlichen Sicher-
heitsvorkehrungen zu treffen, um die Anzündung eines Produktes zu verhindern. Obwohl
der Prozess über einen langen Zeitraum hinweg sicher betrieben wurde, kam es wie aus
dem Nichts zu einer Deflagration mit beträchtlichen, glücklicherweise ausschließlich ma-
teriellen Schäden.
Personen- und Sachschäden zukünftig zu verhindern sind, genauso wie der wissen-
schaftliche Erkenntnisgewinn, Motivation, die Forschung auf diesem Themengebiet fort-
1
zuführen. Die konkreten Ziele dieser Arbeit werden in Abschnitt 1.2 beschrieben.
Zur thematischen Einordnung dieses Forschungsgebiets werden im Folgenden einige
Hintergrundinformationen gegeben. Die Bewertung der Stabilität reaktiver Substanzen
während der Lagerung, des Transports und der Verarbeitung ist eine Disziplin in der
chemischen Sicherheitstechnik. Die chemische Sicherheitstechnik lässt sich in ihrem Ur-
sprung als ein Teilgebiet der technischen Chemie auffassen, das sich in den letzten Jahr-
zehnten zu einer eigenen Fachdisziplin entwickelt hat. Heute umfasst die Disziplin der
Anlagen- und Sicherheitstechnik vielfältige Ausprägungen und Ansätze, die das Ziel des
sicheren Führens verfahrenstechnischer Prozesse aus verschiedensten Blickwinkeln be-
trachten. Die fortschreitende Entwicklung in der chemischen Industrie in den 1960er
Jahren führte zu immer komplexeren Produktionsanlagen, die immer schwerer kontrol-
lierbar waren [2]. Störungen, Ausfälle und die damit verbundenen negativen Effekte
führten zu der Notwendigkeit, durch vorbeugende Maßnahmen den sicheren Betrieb der
Anlagen zu gewährleisten.
Die Entwicklung des Fachgebiets der Sicherheitstechnik beschleunigte sich immer
dann, wenn größere Ereignisse zu beklagen waren. Beispiele hierfür sind Seveso (1976),
Bhopal (1984) und Basel (1986) [2]. Zum heutigen Zeitpunkt haben wir im Vergleich zu
den Anfängen dieser Disziplin ein hohes Schutzniveau erreicht. Die Herausforderungen
dieser Tage sind, dieses Schutzniveau mindestens beizubehalten, aber auch weiterzu-
entwickeln. Um das Fachgebiet der chemischen Sicherheitstechnik weiterzuentwickeln,
ist sowohl grundlagen- als auch anwendungsorientierte Forschung unerlässlich. Ein Teil-
gebiet der chemischen Sicherheitstechnik ist der Explosionsschutz. Einen Beitrag zur
Forschung auf diesem Gebiet liefert diese Arbeit, die sich mit der Beurteilung der De-
flagrationsfähigkeit selbstzersetzlicher Feststoffe beschäftigt.
Die Sicherheitstechnik kann auch als Instrument zum nachhaltigen Betreiben verfah-
renstechnischer Anlagen aufgefasst werden. Vor der Inbetriebnahme einer Anlage ist
angesichts sicherheitstechnischer Betrachtungen ein hoher zusätzlicher Investitionsauf-
wand zu leisten, dessen Nutzen sich teilweise nicht sofort erschließt. Auch während des
Betriebs von Produktionsanlagen sowie während Lagerung und Transport von Chemika-
lien verursachen sicherheitstechnische Restriktionen oft zusätzliche Kosten oder geringere
Einnahmen. Letztendlich gewährleisten Investitionen in Sicherheit jedoch das Ausblei-
ben von Schadensereignissen sowie die Anlagenverfügbarkeit. Da bei solchen Ereignissen
auch die Gesundheit und das Leben von Menschen betroffen sein kann, sollten allein aus
diesem Grund Ausgaben für Sicherheit indiskutabel sein. Neben unmittelbaren Auswir-
kungen auf den Menschen können Havariefälle Umweltschäden hervorrufen. Aber auch
aus finanzieller Sicht lohnt sich oft die Investition in Sicherheit. Die Einbußen durch
Sachschäden, Produktionsausfälle und Verlust von Anlagen können so beträchtlich sein,
dass sie die Investitionen, die zum Verhindern solcher Schäden dienen, um ein Vielfaches
übersteigen.
2
1.2 Ausgangssituation und Zielstellungen
Die Standard-Prüfmethoden sind gut geeignet, um die generelle Deflagrationsfähigkeit
von chemischen Substanzen festzustellen und um die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer
Deflagration in der Standardapparatur anzugeben. Sie werden für Einstufungen nach
Gefahrstoff- und Transportrecht verwendet, weisen jedoch gewisse Defizite auf, um das
wahre Deflagrationsverhalten in der Verarbeitung und Handhabung von Stoffen, also
im Produktionsumfeld, zu bestimmen. Das Ergebnis, das mit den Standardprüfmetho-
den erhalten wird, ist oft nicht auf Anlagen mit beliebigen Geometrien und Verfahren,
die bei verschiedenen Bedingungen (Vakuum, Überdruck, von Luft verschiedene Gase)
betrieben werden, übertragbar. Dies liegt daran, dass die nach dem Regelwerk stan-
dardmäßigen Prüfungen in einem offenen System durchgeführt werden. Anweisungen
für einen konkreten Versuchsaufbau in einem geschlossenen System, innerhalb dessen
beliebige Prozessbedingungen (Druck, Gasatmosphäre, etc.) einstellbar sind, fehlen im
heute gängigen Regelwerk.
Daraus leitet sich das Ziel dieser Arbeit ab. Es soll eine neue Prüfmethode entwickelt
werden, mit der das Deflagrationsverhalten bei variabel einstellbaren Versuchsbedin-
gungen untersucht werden kann. Die neu entwickelten Messsysteme sollen umfassend
charakterisiert und so weit standardisiert werden, dass sie als zusätzliche Methode zur
Prüfung der Deflagrationsfähigkeit Eingang in das gängige Regelwerk finden. Neben der
Entwicklung der Prüfmethode wird ein weiteres Ziel verfolgt. Das Deflagrationsverhalten
soll unter verschiedenen Bedingungen untersucht und daraus sollen allgemeine Gesetz-
mäßigkeiten und Zusammenhänge abgeleitet werden. Dies verbessert das grundlegende
Verständnis über Deflagrationen.
Weitere Ziele und einzuhaltende Randbedingungen sind die Folgenden. Die benötigte
Probenmenge zur Durchführung einer Deflagrationsprüfung soll auf das minimal notwen-
dige Maß reduziert werden. Bei den Standardmethoden wird eine Substanzmenge von
265 cm3für einen Versuch benötigt. Normalerweise müssen mindestens zwei Versuche
durchgeführt werden, um die Reproduzierbarkeit sicherzustellen. Substanzen im frühen
Entwicklungsstadium, wie beispielsweise pharmazeutische Wirkstoffe, liegen jedoch oft
nur in geringen Mengen vor. Muss für eine solche Substanz eine Deflagrationsprüfung
durchgeführt werden, bedeutet das eine hohe finanzielle Belastung für den Auftraggeber.
Aus diesem Grund besteht das Bestreben bei der Entwicklung einer neuen Prüfmethode,
die minimal nötige Substanzmenge zu verwenden und gleichzeitig das Deflagrationsver-
halten zuverlässig zu beurteilen.
Die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus der Laborprüfung auf den Produktionsmaß-
stab ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Es soll möglich sein, die Laborprüfung unter den
gleichen Bedingungen (Gasatmosphäre, Druck, Temperatur) durchzuführen, wie sie in
der Produktion vorliegen. Mit den neuen Systemen sollen reproduzierbare, belastbare
Ergebnisse erhalten werden, mit denen das Deflagrationsverhalten unter realen Bedin-
gungen vorhergesagt werden kann.
3
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Arten von Explosionen und Charakterisierung von
Deflagrationen
Als Explosion wird nach der sicherheitstechnischen Regel der Kommission für Anlagen-
sicherheit (TRAS) Nr. 410 ein physikalisch-chemischer Vorgang verstanden, bei dem es
durch sehr schnelle Energie- und/oder Gasfreisetzung in einem Volumen zu einer star-
ken Druckerhöhung kommt [3]. Je nach Ausbreitungsart lassen sich folgende Arten von
Explosionen unterscheiden:
Wärmeexplosionen,
Deflagrationen,
Detonationen.
Die Grundlage von Betrachtungen zu Wärmeexplosionen ist einerseits die Wärme-
produktionsrate einer exothermen Reaktion, die innerhalb einer vorgegebenen Stoffmen-
ge stattfindet, und andererseits der abführbare Wärmestrom von dieser Stoffmenge an
die Wand und/oder Umgebung. Solange der abführbare Wärmestrom größer als die
Wärmeproduktionsrate ist, ist das System thermisch unterkritisch und es stellt sich ein
Gleichgewicht zwischen Wärmeproduktion und Wärmeabfuhr ein. Es kann jedoch aus
verschiedenen Ursachen zu der Situation kommen, dass die Wärmeproduktionsrate den
abführbaren Wärmestrom übersteigt. Dann erwärmt sich die vorgegebene Stoffmenge
und die exotherme Reaktion beschleunigt sich mit steigender Temperatur. Nach einer
gewissen Induktionszeit geht die Reaktion durch, es tritt eine Wärmeexplosion auf.
Die stationäre Wärmeexplosionstheorie findet ihren Ursprung in den Arbeiten von Se-
menov [4]. Das Modell von Semenov ist vor allem bei Gasen und Flüssigkeiten anwend-
bar. Bei Feststoffen tritt im Gegensatz zu Flüssigkeiten oder Gasen, wie in der Theo-
rie von Frank-Kamenetzki beschrieben, der Wärmewiderstand innerhalb des Schüttguts
auf [5]. Der Wärmeübergang an der Grenzfläche der Schüttung zur äußeren Umgebung
ist im Vergleich zum Wärmeübergang innerhalb der Substanz unendlich gut.
Auf Grundlage dieser Modelle gab es in den letzten Jahrzehnten Weiterentwicklungen
und Detailbetrachtungen, beispielsweise um reale Schüttgüter, beliebige Geometrien und
andere Randbedingungen besser beschreiben zu können [6,7]. Da die Wärmeexplosion
nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, wird darauf nicht weiter eingegangen,
sondern auf die einschlägige Literatur verwiesen [8–11].
Eine Deflagration ist laut TRAS 410 „eine Reaktion, die an einer vorgegebenen Stoff-
menge örtlich begrenzt auslösbar ist und die sich von dort selbständig durch die gesamte
4
Stoffmenge hindurch in Form einer Reaktionsfront fortpflanzt. Die Fortpflanzungsge-
schwindigkeit der Reaktionsfront ist niedriger als die Schallgeschwindigkeit im Stoff. Bei
einer Deflagration können große Mengen an heißen Gasen freigesetzt werden, die unter
Umständen auch brennbar sind. Die Deflagrationsgeschwindigkeit nimmt mit der Tem-
peratur und in der Regel auch mit dem Druck zu“ [3]. Die Reaktion wird durch die
freigesetzte Wärme der exothermen Reaktion aufrecht erhalten. In geschlossenen Sys-
temen führt die Gasbildung zum Druckaufbau und kann, wenn die Auslegungsgrenzen
des Behälters überschritten werden, zum Bersten desselben führen. Außerdem können
in der Gasphase weitere Reaktionen auftreten, es besteht die Gefahr einer Gasphasen-
explosion. Auch der feste Deflagrationsrückstand kann brennbar sein, da er meist noch
nicht durchoxidiert ist [12].
Der Enddruck einer Deflagration in der Gasphase beträgt in etwa das Zehnfache des
Anfangsdrucks [8]. Bei Deflagrationen in der festen Phase findet oft eine Phasenumwand-
lung statt. Im schlimmsten Fall können pro Kilogramm Produkt bis zu einem Kubikmeter
Gas entstehen. Wenn die gesamte Menge des Feststoffs zu Gas umgesetzt wird, beträgt
der zu erwartende Enddruck das Tausendfache des Anfangsdrucks. Bei Detonationen
kann das Verhältnis von maximalem Druck zu Anfangsdruck noch wesentlich höher als
bei Deflagrationen sein [13].
Im Gegensatz zu Wärmeexplosionen kennzeichnet Deflagrationen oder Detonationen
eine Initiierung durch Fremdeinwirkung, also eine Fremdzündung. Nach einer lokalen
Anzündung wandert die Reaktionszone als lokal definierte Front durch eine vorgegebene
Substanzmenge hindurch [14]. Dementsprechend ist der Ort der maximalen Tempera-
tur instationär, während er bei einer Wärmeexplosion in der Regel stationär ist. Eine
Wärmeexplosion wird in der Regel durch die exotherme Reaktion des Reaktionsgemischs
selbst ausgelöst. Daher wird in diesem Zusammenhang, vor allem bei Schüttgütern, auch
von einem Selbstentzündungsvorgang gesprochen.
Die gesamte vorgelegte Stoffmenge kann unmittelbar zu Beginn einer Deflagration
oder Detonation eine Temperatur aufweisen, die weit unter ihrer Zersetzungstemperatur
liegt. Unter anderem dieser Umstand birgt eine besondere Gefahr von Deflagrationen
oder Detonationen. Eine weitere kritische Eigenschaft von Deflagrationen ist, dass sie
auch bei Abwesenheit von Sauerstoff auftreten [2]. Infolgedessen ist eine Inertisierung als
normalerweise im Explosionsschutz mögliche Schutzmaßnahme wirkungslos [15]. Dies ist
ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zu Selbstentzündungsvorgängen von Schüttgütern,
bei welchen die Reaktion einer Substanz mit Luft bzw. dem darin enthaltenen Sauerstoff
maßgeblich ist.
Deflagrationen und Detonationen können unter anderem anhand ihrer Ausbreitungs-
geschwindigkeit unterschieden werden. Sie ist bei Deflagrationen langsamer als Schall
im jeweiligen Medium, bei Detonationen schneller. Charakteristisch für Detonationen
ist außerdem die Weiterleitung über eine Stoßwelle, die von der freigesetzten Wärme
unterhalten wird [3].
Deflagrationen können während der Verarbeitung von chemischen Substanzen, also
im Produktionsumfeld, auftreten. Insbesondere bei Trocknungs- oder Mahlprozessen ist
ein erhöhtes Risiko gegeben. Eine Trocknung von Substanzen findet normalerweise bei
erhöhter Temperatur statt. Oft werden Apparate, beispielsweise Mischer, mit beweg-
5
ten Teilen verwendet. Abweichungen vom gewünschten Prozess können zu einer lokalen
Überhitzung führen und so eine Deflagration auslösen. Beispielsweise können sich an
der Behälterwand Produktanbackungen bilden, die durch Reibkräfte überhitzt werden.
Ein weit verbreitetes Szenario ist, dass ein Fremdkörper in einen Mischer gelangen kann
und zwischen Mischwelle und Behälterwand reibt. Beim Trocknen mit bewegten Teilen
können solche Fehlfunktionen nie vollständig ausgeschlossen werden. Es können auch
Glimmnester in der Substanz entstehen, die als Zündquelle wirken, wenn sie eine gewisse
Mindestgröße überschreiten [10,16]. Solche Glimmnester können mit dem Produktstrom
in andere Teile einer Anlage gefördert werden. Beispielsweise können während einem
Mahlvorgang Glimmnester entstehen, die dann in einem Auffangbehälter eine Deflagrati-
on auslösen. Weitere Einblicke zur Bedeutung von Deflagrationen im Produktionsumfeld
gibt Zwahlen [17].
Ebenso relevant sind die Lagerung und der Transport von deflagrationsfähigen Sub-
stanzen. Immer wenn eine Temperatureinwirkung auf einen Lager- oder Transportbehäl-
ter gegeben ist, die zu einer lokalen Überhitzung führt, kann eine Deflagration ausgelöst
werden. Wenn die damit verbundene Energiefreisetzung auf weitere Lager- oder Trans-
portbehälter einwirkt, können auch Sekundärereignisse initiiert werden. Im Gefahrstoff-
und Transportrecht sind gewisse Klassen vorgesehen, um solche unerwünschten Folge-
wirkungen zu vermeiden.
Im Transportrecht ist die Deflagrationsfähigkeit für die Einstufung selbstzersetzlicher
Stoffe der Unterklasse 4.1 und organischer Peroxide der Unterklasse 5.2 relevant. Im
Fließdiagramm für selbstzersetzliche Stoffe und organische Peroxide ist neben einer De-
tonationsprüfung und einer Koenen-Prüfung eine Bewertung der Deflagrationsfähigkeit
(UN Test C.1 und C.2) vorgesehen [18, S. 224-225]. Daneben kann die Durchführung
weiterer Prüfungen notwendig sein, je nachdem welcher Weg, der von den jeweiligen
Prüfergebnissen abhängig ist, im Fließdiagramm durchschritten wird.
2.1.1 Hinweise auf Deflagrationsfähigkeit
Hinweise auf explosive bzw. selbst-reaktive Eigenschaften oder auf generelle Instabilität
einer Verbindung sind durch bestimmte funktionelle Gruppen gegeben [18, S. 488-490]:
ungesättigte C-C-Bindung,
C-Metall, N-Metall,
Aneinandergrenzende N- oder O-
Atome,
N-O,
N- oder O-Halogenide,
S=O,
P-O,
Gespannte Ringverbindungen.
Liegen solche Gruppen in einer Verbindung vor, sollten entsprechende Prüfungen
durchgeführt werden. Weitere Kriterien sind die Onset-Temperatur und Zersetzungs-
energie in Differential-Scanning-Calorimetry (DSC)-Messungen (zur Erläuterung des
Messprinzips vgl. Abschnitt 2.4.3). Kritisch sind niedrige Onset-Temperaturen und ho-
6
he Zersetzungsenergien. Deflagratives Verhalten ist insbesondere bei Zersetzungsenergi-
en > 500 J/g in Betracht zu ziehen. In bestimmten Fällen können auch Verbindungen
deflagrieren, die kleinere Zersetzungsenergien aufweisen.
Wesentlich für die Frage, ob sich eine Deflagration in einem Stoff ausbreitet, sind
zwei Kriterien. Erstens muss der Energiegehalt hinreichend groß sein (energetische Vor-
aussetzung). Zweitens muss die freigesetzte Energie hinreichend schnell auf benachbarte
Teilchen übertragen werden (kinetische Voraussetzung) [17]. Die energetische Vorausset-
zung ist erfüllt, wenn der adiabate Temperaturanstieg ausgehend von der Temperatur,
bei der das Produkt verarbeitet wird, zu einer höheren Temperatur als der Zersetzung-
stemperatur führt:
TP rodukt + Tad > TZersetzung.(2.1)
Der zu erwartende adiabate Temperaturanstieg kann aus der in einer DSC-Messung be-
stimmten Zersetzungsenergie und der Wärmekapazität des Produktes abgeschätzt wer-
den. Ob die kinetische Voraussetzung erfüllt ist, kann nicht ohne Weiteres beurteilt
werden und hängt von einer Vielzahl an Faktoren ab. Wesentlich ist die Kinetik der
Zersetzungsreaktion (Aktivierungsenergie und Reaktionsgeschwindigkeit). Weitere Ein-
flussfaktoren sind [17]:
Wärmeleitfähigkeit,
Wärmekapazität,
Porosität und Schüttdichte,
Partikelgröße und -form,
Feuchte,
Verunreinigungen,
Gasentwicklung,
Anfangsdruck,
Behältergeometrie,
Stelle der Anzündung.
Ein weiterer Parameter ist die Schmelztemperatur. Schmilzt die Substanz vor Zer-
setzungsbeginn, tritt eine Energiesenke auf, die in der Energiebilanz zu berücksichtigen
ist. Ebenso ist die Phasenänderung bei der Betrachtung der Kinetik zu berücksichtigen.
Aufgrund der besseren Wärmeleitfähigkeit der Schmelze ist erst bei wesentlich höheren
Zersetzungsenergien mit einer Deflagration zu rechnen [19]. Je weiter die Schmelztempe-
ratur unter der Zersetzungstemperatur liegt und je geringer die Zersetzungsenergie ist,
desto unwahrscheinlicher ist eine Deflagration. Wird eine Substanz mit einer Schmelz-
temperatur, die geringer als die Zersetzungstemperatur ist, mit einem Inertstoff ver-
mischt, begünstigt dies eine Deflagration. Dann wird die flüssige Phase der reaktiven
Substanz am Inertstoff adsorbiert und der Inertstoff dient als Trägermaterial [20].
Allgemein können endotherme Phasenumwandlungen den Ausbreitungsvorgang ver-
langsamen oder verhindern. Dazu zählt neben Schmelzen vor Zersetzungsbeginn bei-
spielsweise auch das Verdampfen von Restfeuchte aus dem Produkt. Wie Grewer expe-
rimentell bestätigte, besteht zwischen dem Gehalt an Restfeuchte und Deflagrationsge-
schwindigkeit ein direkter Zusammenhang [21].
7
Viele der zuvor genannten Einflussfaktoren auf das Deflagrationsverhalten können
theoretisch nicht genau bestimmt werden. Daher ist zur Beurteilung, ob sich eine De-
flagration selbstständig ausbreitet, immer ein Experiment notwendig. Neben der Prü-
fung, ob ein Produkt deflagrationsfähig ist, muss festgelegt werden, welche Konsequenzen
für den Umgang mit einem deflagrationsfähigen Produkt folgen. Es sind nicht alle de-
flagrationsfähigen Produkte hinsichtlich Wahrscheinlichkeit und Schadensausmaß eines
Ereignisses gleich gefährlich. Bei der Lagerung und im Transport resultieren je nach
Prüfergebnis, im Zusammenhang mit weiteren Prüfungen, verschiedene erlaubte Verpa-
ckungsgruppen.
Im Produktionsumfeld ist eine Expertenbeurteilung notwendig, auf welche Art und
Weise ein deflagrationsfähiges Produkt verarbeitet werden darf. Fink und Zwahlen ha-
ben diesbezüglich ein Konzept erstellt, das als Grundlage für weitere Betrachtungen
dient [22]. Nach diesem Konzept wird eine Einteilung deflagrierender Substanzen in drei
Klassen, sogenannte Gefahrenklassen Deflagration (GKD)“, vorgenommen. Je nachdem
welcher Klasse ein Produkt zugeordnet wird resultieren verschiedene Verarbeitungsfor-
men. Die Autoren erstellten eine systematische Übersicht, welche Apparaturen je nach
GKD zulässig sind und mit welchen Schutzeinrichtungen sie ausgestattet werden müssen.
Die Einteilung soll anhand folgender Kriterien erfolgen:
Schmelztemperatur,
Brennzahl,
Zersetzungsenergie,
Ungefähre Auslösetemperatur,
Einschaltzeit der Anzündquelle,
Volumen der Zersetzungsgase,
Brennbarkeit der Zersetzungsgase,
Fortpflanzungsgeschwindigkeit,
Deflagriert bei Raumtemperatur,
Deflagriert von oben nach unten.
Die betrachteten Apparaturen erstrecken sich auf verschiedene Arten von Trocknern
und Mischern, auf Trockenschränke, auf Vorbrecher, Mühlen, Schnecken, Siebe und Auf-
fangbehälter. In vielen Fällen ist eine Möglichkeit der Flutung mit Wasser bereitzuhalten.
Die Flutung kann an eine Temperatur- und/oder Drucküberwachung, an eine Detektion
von Zersetzungsgasen oder andere geeignete Indikatoren gekoppelt sein.
Da dieses Konzept Ende der 1980er Jahre entwickelt wurde, müsste es überarbeitet
werden, um es dem heutigen Stand des Wissens anzupassen. Es gibt eine grundsätzliche
Idee, wie ein Schutzkonzept gestaltet werden kann.
2.1.2 Schutzmaßnahmen zur Vermeidung von Deflagrationen
Um Deflagrationen zu vermeiden, werden die folgenden Schutzmaßnahmen empfohlen:
Vermeiden von Zündquellen, beispielsweise heiße Oberflächen, Glimmnester, Pro-
duktanbackungen, Fremdkörper. Zündquellen können zwar nicht restlos ausge-
schlossen werden, aber das Risiko, dass sie vorliegen, kann reduziert werden.
8
Es sollten generelle Verfahrensänderungen in Betracht gezogen werden. Um Zünd-
quellen zu vermeiden ist es beispielsweise zweckdienlich, auf mechanisch beanspru-
chende Verarbeitungsmethoden zu verzichten.
Die nasse Verarbeitung bzw. Verarbeitung eines Produktes mit hoher Restfeuchte
senkt das Deflagrationsrisiko [17].
Als organisatorische Maßnahme ist es zweckmäßig, Produktmengen möglichst ge-
ring zu halten, auch die Mengen anderer Produkte im weiteren Gefahrenbereich.
Durch eine Modifikation der Rezeptur, beispielsweise durch Verwendung ausge-
wählter Zusatzstoffe, kann erreicht werden, dass ein Produkt nicht mehr deflagriert
(Phlegmatisierung, gezielte Verunreinigung) [17].
Die Deflagrationsfähigkeit und -geschwindigkeit hängen von der Temperatur und
vom Druck ab. Es ist ratsam, bei möglichst geringen Temperaturen und Drücken
zu arbeiten.
Diese Arbeit leistet einen Beitrag zur Ausgestaltung von Schutzmaßnahmen, bei denen
durch die Verarbeitung bei reduziertem Druck eine Verringerung des Deflagrationsrisikos
erreicht wird. Die entsprechenden experimentellen Beobachtungen zum Deflagrationsver-
halten bei reduziertem Druck werden in Abschnitt 4.5 beschrieben. Bei der konkreten
Ausgestaltung solcher Schutzmaßnahmen sind die Erläuterungen in Abschnitt 4.7 zu
beachten.
In bestimmten Fällen genügen die genannten vorbeugenden Maßnahmen nicht, um
eine Deflagration mit Sicherheit auszuschließen. Um den „Dennoch-Fall“ abzusichern,
werden folgende Gegenmaßnahmen zur Begrenzung der Auswirkungen empfohlen:
Um eine anlaufende Deflagration zu erkennen, bieten sich die Detektion von Zerset-
zungsgasen, Temperatur- und/oder Drucküberwachung an. Wenn die Zersetzungs-
gase zuvor analysiert wurden und ein spezifisches Gas entsteht, das leicht detektiert
werden kann (ausreichende Menge, geringe Querempfindlichkeit), ist insbesondere
dieser Weg zielführend. Aufgrund der Nachteile der punktuellen Temperaturmes-
sung ist eine Drucküberwachung der Temperaturüberwachung vorzuziehen.
Bei Deflagrationssperren wird der Rohrdurchmesser so weit reduziert, dass die De-
flagration aufgrund der Wärmeverluste nach außen erlischt. Je geringer der Rohr-
durchmesser ist, desto größer ist der Anteil an Wärmeverlusten. Die Reaktionszone
wird mit sinkendem Durchmesser breiter und löst sich bei Unterschreiten des Min-
destrohrdurchmessers auf. Dieses Prinzip wird auch als Quenchen“ bezeichnet.
Der Mindestrohrdurchmesser ist auch als Löschdurchmesser bekannt. Auf weitere
Details hierzu wird in Abschnitt 2.3.2 (Abhängigkeit des Deflagrationsverhaltens
von der Gefäßgeometrie) eingegangen.
In geschlossenen Behältern ist eine Druckentlastungseinrichtung vorzusehen (Si-
cherheitsventil, Berstscheibe). Um Sekundärereignisse in der Peripherie zu vermei-
den, sollte der abgeführte Gasstrom beispielsweise durch einen Nasswäscher geführt
werden, um mitgerissene glimmende Partikel zu löschen.
9
Zum wirksamen Bekämpfen einer Deflagration sind konventionelle Feuerlöschtech-
niken nicht zielführend. Sie zielen normalerweise darauf ab, dem Feuer den Sauer-
stoff zu entziehen. Da sich eine Deflagration auch ohne Sauerstoff ausbreitet, bleibt
nur das Fluten mit Wasser. Dabei wird unter Ausnutzung der hohen Wärmeka-
pazität von Wasser die freigesetzte Wärme abgeführt. Es ist auf eine ausreichende
Benetzung des Produktes mit Wasser zu achten. Gegebenenfalls muss ein grenz-
flächenaktiver Zusatz verwendet werden. Außerdem ist ein möglicher Druckaufbau
durch die Verdunstung des zugeführten Wassers in Betracht zu ziehen. Dies ist ins-
besondere dann gegeben, wenn die Temperatur schon signifikant erhöht ist bzw.
wenn schon eine größere Produktmenge von der Zersetzung erfasst ist [17]. Dies
zeigt, dass ein möglichst frühzeitiges Erkennen und Bekämpfen einer Deflagration
essentiell ist.
In bestimmten Fällen kann eine explosionsdruckfeste Bauweise in Betracht gezogen
werden.
Deflagrationsereignisse können in der betrieblichen Verfahrens- und Anlagensicherheit,
aber auch bei der Lagerung und im Transport ein großes Gefahrenpotential darstellen.
Die Kenntnis des Deflagrationsverhaltens von energiereichen Stoffen/ Gemischen ist ein
wichtiger Faktor bei der Durchführung von Sicherheitsanalysen und bei der Erstellung
von Schutzkonzepten. Um das Deflagrationsverhalten energiereicher Stoffe/ Gemische
festzustellen, sind verschiedene Prüfmethoden verfügbar, die im folgenden Abschnitt
erläutert werden.
10
2.2 Methoden zur Prüfung der Deflagrationsfähigkeit
2.2.1 Standardmethoden nach geltendem Regelwerk
Die chemische Industrie in Deutschland nutzt zur Beurteilung der Deflagrationsfähig-
keit entweder die anerkannten Methoden nach UN-Prüfhandbuch bzw. VDI 2263-1 oder
eigene Messsysteme, deren Aufbau meist in Anlehnung an das bestehende Regelwerk
gewählt wurde.
Deflagrationsprüfungen sind im UN-Prüfhandbuch [18] im Abschnitt 23 unter Prüfrei-
he C (S. 253 ff.) beschrieben. Die Prüfreihe C besteht aus dem „Time/Pressure Test
(C.1)“ und dem „Deflagration Test (C.2)“. Zusätzlich zu den UN-Methoden ist die VDI-
Richtlinie 2263, Blatt 1, Abschnitt 1.6 [23] eine weitere Quelle für Vorschriften hinsicht-
lich einer Deflagrationsprüfung. Diese Prüfmethode ist dem UN Test C.2 ähnlich. Diese
Methoden werden als Standardprüfmethoden international akzeptiert und angewendet.
Die folgenden Ausführungen geben die wichtigsten Eigenschaften dieser Methoden
wieder. Weitere Details zum Versuchsaufbau und der -durchführung finden sich im ex-
perimentellen Teil dieser Arbeit (Abschnitt 3.2) oder im UN-Prüfhandbuch bzw. in der
VDI-Richtlinie 2263-1 [18,23].
UN Test C.1: Time/Pressure Test
Der Time/Pressure Test wird in einem geschlossenen Behälter mit einem Innenvolumen
von 16 cm3durchgeführt. Eine Probe mit einer Masse von 5 g wird mit einem pyrotech-
nischen Zünder (primed cambric) gezündet und der zeitliche Druckverlauf aufgezeichnet.
Angesichts der Zeit für den Druckanstieg zwischen 6,9 bar und 20,7 bar wird das defla-
grative Potential einer Probe beurteilt.
UN Test C.2: Deflagration Test und VDI Test 2263-1
Beim UN Test C.2 und der Prüfung aus VDI 2263-1 handelt es sich um ähnliche Prüf-
methoden, die sich nur in ihren Details unterscheiden. Sie werden in einem offenen
System durchgeführt. Dieses ist ein zylindrisches, unten geschlossenes Gefäß mit einem
Durchmesser von ca. 5 cm und einer Höhe von ca. 20 cm. In der Mitte des Gefäßes sind
mehrere Thermoelemente vertikal versetzt angebracht. Unter Verwendung des bekann-
ten Abstands zwischen den Temperaturmesspunkten und aus der zeitlichen Versetzung
der Temperatursignale kann die lineare Ausbreitungsgeschwindigkeit einer Deflagration
berechnet werden. Darüber hinaus kann die lineare Ausbreitungsgeschwindigkeit visu-
ell beobachtet werden. Die Probe kann nach VDI 2263-1 mit einer Glühwendel, einer
Glühkerze, einem Mikrobrenner oder einer Zündmischung (Silizium/Bleidioxid im Ge-
wichtsverhältnis 3:2) angezündet werden. Im UN Test C.2 ist ein Gasbrenner zum An-
zünden der Probe vorgesehen. Diese Versuchsanordnung wurde erstmals von Yoshida
veröffentlicht [24].
Die Bewertung des Deflagrationsverhaltens gemäß Prüfreihe C hängt von den Ergeb-
nissen des UN Tests C.1 und/oder UN Tests C.2 ab. Die Einstufungskriterien der beiden
Prüfungen werden in Tabelle2.1 dargestellt.
11
Tabelle 2.1: Einstufungskriterien der UN Tests C.1 und C.2 gemäß UN-Prüfhandbuch
[18]
Einstufung UN Test C.1 UN Test C.2
Deflagrationsfähigkeit Zeit für Druckanstieg Deflagrationsrate u
zw. 6,9 bar und 20,7 bar [mm/s]
ja, schnell < 30 ms > 5
ja, langsam 30 ms 0,35 u5
nein 20,7 bar nicht erreicht < 0,35
Das Gesamtergebnis der Prüfreihe C resultiert aus den folgenden Entscheidungskrite-
rien.
1. Wenn in einer der beiden Prüfungen das Ergebnis ja, schnell“ erhalten wird, wird
das Deflagrationsverhalten als ja, schnell“ bewertet.
2. Wenn das Ergebnis im UN Test C.2 ja, langsam“ lautet, wird das Deflagrations-
verhalten als ja, langsam“ bewertet.
3. Eine Substanz wird als „nicht deflagrationsfähig“ bewertet, wenn das Ergebnis des
UN Tests C.2 „nein“ ist.
Die Kriterien 2 und 3 setzen voraus, dass das Ergebnis des UN Tests C.1 nicht ja,
schnell“ ist (Kriterium 1).
Der UN Test C.2 oder die VDI-Methode werden am häufigsten angewendet, um ener-
giereiche Stoffe/ Gemische hinsichtlich ihres Deflagrationsverhaltens einzustufen. Sie
sind gut geeignet, um die Deflagrationsfähigkeit einer Substanz festzustellen. Da diese
Prüfungen jedoch in einem offenen System durchgeführt werden, unterliegen sie gewis-
sen Einschränkungen. Die fehlende Möglichkeit, die bei einer Deflagration entstehen-
den Gasmengen anhand des Drucks zu bestimmen, ist hierbei der wichtigste Faktor.
Chemische Produktionsprozesse werden unter verschiedenen nicht-atmosphärischen und
atmosphärischen Bedingungen betrieben. Variabel sind beispielsweise der umgebende
Druck (Unterdruck, Umgebungsdruck oder Überdruck), die Temperatur oder die umge-
bende Gasatmosphäre (Luft, Stickstoff, Argon, etc.). Nach den Beschreibungen in UN
Test C.2 oder VDI 2263-1 ist jedoch nur das Deflagrationsverhalten unter atmosphäri-
schen Bedingungen (Luft, Umgebungsdruck) beobachtbar. Um diese Einschränkungen
zu überwinden, wird vorgeschlagen, die Deflagrationsprüfung in einem geschlossenen
System durchzuführen.
Ein gewisser Ansatz, zur Beurteilung des Deflagrationsverhaltens auch geschlossene
Systeme heranzuziehen, ist bereits im Regelwerk gegeben. Im UN Test C.1 wird der zeit-
liche Druckverlauf betrachtet. Auch die VDI-Richtlinie 2263-1 weist auf die grundsätzli-
che Möglichkeit hin, die Prüfung in einem geschlossenen System durchzuführen, schlägt
allerdings keine konkreten Versuchsaufbauten vor. Laut UN-Regelwerk gelangt man erst
durch eine Kombination aus UN Test C.1 und UN Test C.2 zu einer Einstufung. Im
UN Test C.1 kann der zeitliche Druckverlauf, aber nicht der zeitliche Temperaturverlauf
12
registriert werden. Im UN Test C.2 oder VDI Test kann der zeitliche Temperaturverlauf,
aber nicht der zeitliche Druckverlauf registriert werden. Der UN Test C.1 wäre ein erster
Ansatz für die Prüfung in einem geschlossenen System. Aufgrund der geringen Proben-
menge von 5 g und der geringen Höhe des Gefäßes (5 cm) kann jedoch nicht geprüft
werden, ob sich eine Deflagration nach Fremdzündung selbstständig ausbreitet oder wie-
der zum Erliegen kommt. Eine Kombination von offenem und geschlossenem System in
einem neuen Messsystem ermöglicht es, die Vorteile beider Methoden in einer einzigen
zu vereinen.
2.2.2 Literaturbekannte Methoden mit geschlossenen
Messsystemen
Geschlossene Systeme zur Beurteilung des Deflagrationsverhaltens unter Druck wurden
bisher unter anderem von Klais und Niemitz [19], von Antelmann [25] und von Gre-
wer [20] verwendet. Grewer gibt einen Überblick über den Stand der Forschung hinsicht-
lich des Deflagrationsverhaltens und bisher verwendeter Messsysteme [20, S. 127-165].
Seine Ausführungen werden im Folgenden auszugsweise wiedergegeben und um eigene
Beobachtungen ergänzt.
Erste Testmethoden für Deflagrationen unter Druck wurden in Zuge der Forschung
an Raketentreibstoffen und Explosivstoffen entwickelt. Generell sind zwei Arten von
Messsystemen zu unterscheiden:
1. Messung bei einem bestimmten Druck, der während des Experiments konstant
gehalten wird. Dies wird in der Regel durch Verwendung sehr großer Behältervo-
lumina im Vergleich zum Probenvolumen realisiert. Alternativ wäre die Verwen-
dung von Überströmventilen oder eine Kombination aus Beidem möglich. Auf-
grund der Fehleranfälligkeit in der praktischen Umsetzung (Ventil kann bei zwei-
phasigem Ausströmen schnell verstopfen) wird meist die erstgenannte Variante
favorisiert. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit wird durch Temperaturmessung an
mehreren Punkten oder durch visuelle Beobachtung beurteilt.
2. Messung bei veränderlichem Druck. Die Gasentwicklung in einem geschlossenen
System führt zum Druckanstieg während der Deflagration. Die Ausbreitungsge-
schwindigkeit kann anhand der Druckanstiegsrate, durch Temperaturmessung an
mehreren Punkten oder durch visuelle Beobachtung beurteilt werden.
Je nach Fragestellung ist eine der beiden Arten von Messsystemen besser geeignet.
Beispiele für Messsysteme der ersten Art sind
sogenannte „Strang-Brenner“, bei denen ein dünner Strang der zu untersuchenden
Probe in ein verhältnismäßig großes Behältervolumen eingebracht wird. Eine kon-
krete Versuchsanordnung wurde beispielsweise von Crawford veröffentlicht [26–29].
die Verwendung von Pufferbehältern, die mit dem eigentlichen Reaktionsgefäß ver-
bunden werden. Ein solches Messsystem wurde beispielsweise von der Niederlän-
dischen Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung (TNO)
13
veröffentlicht [30]. In diesem Fall wurde ein Pufferbehälter mit einem Volumen
von 50 L verwendet.
Messsysteme der zweiten Art bestehen in der Regel aus einem druckfesten, verschließ-
baren Reaktionsgefäß und Messeinrichtungen für Druck und Temperatur.
Klais und Niemitz beispielsweise haben solche Druckbehälter verwendet. Ihr Volu-
men betrug zwischen 0,2 L und 0,75 L. Die Anzündung erfolgte mit einem durchschmel-
zenden Draht oder mit einer Silizium/Bleidioxid-Mischung, die an der Oberfläche der
Probe überschichtet wird. Aufgrund der Gasentwicklung während der Zersetzung und
angesichts des hohen Füllgrads wurde ein Druckanstieg im Bereich von zwei Größenord-
nungen, von 1 bar bis ca. 100 bar erhalten.
Weitere Methoden
Neben den erläuterten Arbeiten, die sich speziell mit Deflagrationen in kondensierter
Phase beschäftigten, sind weitere Methoden bekannt. Sie haben breitere Anwendungs-
möglichkeiten, können aber auch zur Untersuchung von deflagrativen Zersetzungsreak-
tionen genutzt werden.
Antelmann untersuchte das Deflagrationsverhalten von Azodicarbonamid (ADCA)
bei verschiedenen Einwaagen in Druckbehältern mit einem Volumen von 89 mL bzw.
189 mL. Sie gab einen positiven Zusammenhang zwischen Einwaage und Druck- bzw.
Druckanstiegsmaxima an, konnte jedoch aufgrund der geringen Datendichte keine Aus-
sage treffen, ob ein linearer oder potentieller Zusammenhang vorliegt [25, S. 61 f.].
Whitmore, Cutler et al. führten Untersuchungen in Mini-Autoklaven, unter besonderer
Betrachtung von Azodicarbonamid, durch, mit dem Ziel, aus den Messergebnissen die
Dimensionierung von Druckentlastungseinrichtungen abzuleiten [31]. Sie verglichen die
Qualität ihrer Ergebnisse mit denen der gängigen UN-Testmethoden „Deflagrationsprü-
fung“, „Druck/Zeit-Prüfung“ und „Koenen-Test“ und kamen zu dem Schluss, dass Prü-
fungen in geschlossenen Druckgefäßen („closed vessel test“) zur Beantwortung ihrer Fra-
gestellung besser geeignet sind, als die der Einstufungstests aus dem UN-Prüfhandbuch.
Dies scheint vor allem für moderat energiereiche Stoffe, wie selbstzersetzliche Substan-
zen der UN Unterklasse 4.1 der Fall zu sein (beispielsweise ADCA). Da Untersuchungen
in solchen Mini-Autoklaven oft eine bessere Diskriminierung und Einstufung erlauben,
wäre ihre Weiterentwicklung wünschenswert.
Zu einer solchen Einschätzung gelangt auch eine Veröffentlichung von Brown, Mak
et al. [32]. Sie haben die Defizite der UN-Methoden, unter anderem der UN Tests C.1
und C.2, näher identifiziert und als Abhilfe die Einführung von Closed Pressure Vessel
Tests (CPVT)“ vorgeschlagen. Die Ergebnisse weiterer Untersuchungen zur Entwicklung
und Verwendung solcher Testmethoden wurden beispielsweise von Whitmore und Baker
[33, 34], Wehrstedt, Knorr et al. [35], Mak, Kersten et al. [36] und Knorr, Koseki et
al. [37] veröffentlicht.
14
Vorteile geschlossener Systeme
Die Durchführung von Deflagrationsexperimenten in geschlossenen Systemen bringt ei-
nige Vorteile mit sich. Zunächst werden durch die Möglichkeit der Druckmessung zusätz-
liche Kenngrößen erhalten, nämlich der maximale Druck und die Druckanstiegsrate, die
zur Beschreibung des Deflagrationsverhaltens herangezogen werden können. Im Rahmen
dieser Arbeit wird unter anderem erörtert, die Druckanstiegsrate alternativ zur linearen
Ausbreitungsrate als Maß für die Deflagrationsgeschwindigkeit heranzuziehen. In Zuge
dessen wird der Zusammenhang zwischen diesen beiden Kenngrößen analysiert.
Die Kenntnis der Druckanstiegsraten ist eine wichtige Information im Produktions-
umfeld, um Sicherheitsanalysen durchzuführen und um geeignete Schutzmaßnahmen zu
treffen, beispielsweise um Druckentlastungseinrichtungen oder Auffangbehälter adäquat
zu dimensionieren. Aus den gemessenen Druckverläufen können rechnerisch die entste-
hende Gasmenge und die Gasentwicklungsrate abgeschätzt werden [38–40]. Diese Größen
können alternativ, bei Verwendung geeigneten Messequipments, auch direkt gemessen
werden, wobei der messtechnische Aufwand bei der erstgenannten Variante wesentlich
geringer ist.
Die Verwendung eines geschlossenen Systems bietet eine einfache Möglichkeit, die bei
einer Reaktion entstehenden Gase aufzufangen. Dies ermöglicht eine qualitative und
quantitative Analyse der Reaktionsprodukte. Die Analyse kann simultan zur Reaktion
oder nach Beendigung dieser erfolgen.
Weiterhin kann in einem geschlossenen System unter beliebigen Gasatmosphären ge-
arbeitet werden. Ebenso können Experimente bei erhöhtem oder reduziertem Druck
durchgeführt werden. Bedingungen, die im Produktionsprozess herrschen, können somit
im Labormaßstab nachgestellt werden.
15
2.3 Beschreibung des Deflagrationsverhaltens
Das Deflagrationsverhalten wird an dieser Stelle genauer charakterisiert. Zunächst wird
schematisch betrachtet, welche Vorgänge in der Reaktionszone stattfinden und auf wel-
che Art und Weise sich die Reaktionsfront ausbreitet. Danach werden die einzelnen Pha-
sen eines Experimentes genauer beschrieben und voneinander abgegrenzt. Schlussendlich
werden die maßgeblichen Kenngrößen zur Beschreibung des Deflagrationsverhaltens de-
finiert.
2.3.1 Schematische Betrachtung des Ausbreitungsmechanismus
Margolis, Telengator et al. haben im Verlauf vieler Jahre mathematische Modelle zur
Beschreibung des Deflagrationsmechanismus entwickelt und immer weiter verfeinert. Die
erste Veröffentlichung zu diesem Thema geht auf das Jahr 1987 zurück [41]. Allen Be-
trachtungen gemein ist, dass eine örtlich begrenzte Reaktionszone mit fortschreitender
Reaktionszeit durch eine vorgegebene, ruhende Substanzmenge wandert. Die Bestand-
teile und die Struktur dieser Reaktionszone wurden im Laufe der Jahre immer wieder
hinterfragt und an reale Beobachtungen und neue Erkenntnisse angepasst. In Abbil-
dung 2.1 wird dieses Prinzip schematisch dargestellt. Die Reaktionsfront wandert von
rechts nach links.
Unver-
brauchtes
Schüttgut
Zerset-
zungsgas
Reaktionszone
Schmelzschicht
fest
(Pulver)
gasförmig
+ fester
Rückstand
Abbildung 2.1: Schemazeichnung der Ausbreitung einer Deflagration mit Druckausgleich
[42, S. 71]
In den frühen Ansätzen wurden drei Bereiche unterschieden [42]. Der erste Bereich
ist dadurch gekennzeichnet, dass heiße Zersetzungsgase in den noch nicht reagierten
Feststoff eindringen und diesen aufheizen. In dem Bereich, in dem der Feststoff sei-
ne Schmelztemperatur erreicht, liegt eine Schmelzschicht vor. Die entstandene flüssige
Phase wird weiter erwärmt bis die Zersetzungstemperatur erreicht ist. Der zweite Be-
reich ist das eigentliche Reaktionszentrum, in der der Reaktant aus der flüssigen Phase
16
heraus zu gasförmigen Produkten reagiert. Im dritten Bereich liegen die gasförmigen
Reaktionsprodukte vor. Sekundäre Reaktionen in der Gasphase sind möglich.
Zunächst wurden nicht-poröse Strukturen betrachtet und eine einstufige exotherme
Vergasungsreaktion von einer flüssigen Phase zu einer gasförmigen Phase modelliert [43].
In einer Erweiterung wurde eine zusätzliche Reaktion in der Gasphase berücksichtigt [44].
Als zum ersten Mal die Porosität einer Probe berücksichtigt wurde, konnte gezeigt
werden, dass die maximale Reaktionstemperatur im Vergleich zum nicht-porösen Fall
niedriger ist, weil Energie zum Erwärmen der in den Poren befindlichen Gase benö-
tigt wird [45]. Dementsprechend reduziert sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit. Die
maximale Reaktionstemperatur und die Ausbreitungsgeschwindigkeit unterliegen einem
exponentiellen Zusammenhang. Die Wärmediffusion in die Poren der noch nicht reagier-
ten festen Phase wirkt destabilisierend und führt zu instationären Deflagrationen [46].
In einem weiteren Schritt wurde die veränderliche Dichte der Gasphase aufgrund der
thermischen Expansion des Gases berücksichtigt [42]. Es wurde gezeigt, dass neben der
Wärmediffusion in die Poren auch die thermische Expansion der Gase destabilisierend
auf die Deflagration wirkt. Dies führt insgesamt zu instationären und nicht-planaren
Reaktionsfronten.
Die bisherigen Untersuchungen waren auf Deflagrationen mit Druckausgleich ausge-
richtet. In weiteren Arbeiten wurde untersucht, wie unter Einschluss des Materials in
einem geschlossenen System der steigende Druck die Deflagrationsausbreitung beein-
flusst. Der Druckanstieg während der Reaktion führt dazu, dass die Zersetzungsgase
in den noch nicht reagierten porösen Feststoff eindringen. Während bei einer Deflagra-
tion mit Druckausgleich ausschließlich konduktiver Wärmetransport in die Poren des
Feststoffes stattfindet, tritt unter Einschluss zusätzlich ein konvektiver Wärmetransport
durch die Konvektion der heißen Zersetzungsgase in den Feststoff auf. Dies führt zu
adiabaten Bedingungen in der Reaktionszone und somit höheren Temperaturen. Da-
durch wird die Ausbreitungsgeschwindigkeit erhöht [47]. Außerdem führt die Annahme
einer quasi-stationären Gasphase dazu, dass sich eher eine ebene, stationäre Reaktions-
zone ausbildet und die Deflagration somit stabilisiert wird [47]. Wenn Zersetzungsgase
in die Poren des Feststoffs eindringen, können feine Partikel leichter entzündet werden,
als grobe [19].
Weitere Betrachtungen haben gezeigt, dass bei mäßigem Überdruck keine flüssige Pha-
se vorliegt, sondern der Feststoff sublimiert oder pyrolysiert und letztlich die gasförmigen
Zwischenprodukte in einer Gasphasenreaktion zu den finalen Produkten umgesetzt wer-
den [48]. Demgemäß entfällt die zuvor vermutete Schmelzschicht zwischen fester und
flüssiger Phase. Außerdem dringen durch den Überdruck nicht nur gasförmige Reakti-
onsprodukte in den Feststoff ein, sondern auch gasförmige Edukte. Dass diese auch im
Bereich des Feststoffs reagieren, ist denkbar. Die Abbildung 2.2 zeigt schematisch die
erläuterte Struktur.
Zusätzlich zu den genannten Bestandteilen liegt ein ausgedehnter Bereich vor, in dem
die Gasphase erwärmt wird, bevor in einem sehr schmalen Bereich die reaktive Umset-
zung der gasförmigen Zwischenprodukte zu den Endprodukten erfolgt. Ebenso ist in der
Abbildung 2.2 der Bereich des porösen Feststoffs eingezeichnet, in den die gasförmigen
Verbindungen angesichts des Überdrucks eindringen. Daneben befindet sich der Bereich,
17
Bereich statt [51]. Hinzu kommt, dass bei bestimmten Bedingungen die Gasphasenre-
aktion in den Feststoff hinein dringt, was auch als Verbrennung unter der Oberfläche“
bekannt ist [52]. Wenn dieses Phänomen auftritt, folgt eine zusätzliche Erhöhung der
Ausbreitungsgeschwindigkeit, da die Energiefreisetzung der Gasphasenreaktion inner-
halb des Feststoffs zu einer effizienteren Erwärmung führt. Da diese Gasphasenreaktio-
nen verteilt innerhalb des Feststoffes auftreten, wird auch von einem Bereich verteil-
ter Multiphasen-Reaktionen gesprochen. Ob Gasphasenreaktionen innerhalb des Fest-
stoffes auftreten hängt im Wesentlichen vom Verhältnis der Aktivierungsenergien der
Feststoffphasen- und Gasphasenreaktion und vom Druck ab. Liegen die Aktivierungs-
energien in einem ähnlichen Bereich und/oder ist der Überdruck beträchtlich, ist das
Auftreten solcher Gasphasenreaktionen innerhalb des Feststoffs wahrscheinlich. So lässt
sich die Beschleunigung einer Deflagration mit zunehmendem Druck durch mehrere Ef-
fekte erklären.
Den bisher erläuterten Arbeiten war gemein, dass von einem unendlich hohen Wär-
meübergangskoeffizienten zwischen den Phasen ausgegangen wurde. Bei hohem Anteil
konvektiven Wärmetransports ist diese Annahme nicht weiter vertretbar. Aufgrund der
hohen Geschwindigkeit der Gasströmung findet kein vollständiger Temperaturausgleich
zwischen den Phasen statt. Der konvektive Wärmetransport ist in der Realität endlich.
Es kommt zur Wärmeakkumulation innerhalb des Zentrums der Feststoffphasenreak-
tion und die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer Deflagration erhöht sich. Es wird von
einem zweistufigen Temperaturprofil ausgegangen: einer lokal erhöhten Temperatur im
Zentrum der Feststoffphasenreaktion und einer niedrigeren Temperatur im übrigen Re-
aktionsbereich. Hoher Druck erhöht die Reaktionsrate, was den Temperaturausgleich
erschwert. Dies begünstigt den Übergang von konduktiver zu konvektiver Ausbreitung.
Dieser Übergang ist bei Berücksichtigung der genannten Annahmen stärker ausgeprägt
und findet im Vergleich zu den bisherigen Modellrechnungen bei geringeren Überdrücken
statt [53]. In Abbildung 2.3 ist dieser Unterschied ersichtlich. Wie bereits erläutert führt
stärkere Konvektion zur Erhöhung der Ausbreitungsgeschwindigkeit.
Ausbreitungsrate u
Druck pb
g
(b) (a)
Abbildung 2.3: Zusammenhang zwischen Ausbreitungsrate und Überdruck bei unendlich
hohem Wärmeübergangskoeffizienten (a) und bei endlichem Wärmeüber-
gangskoeffizienten (b) [53, S. 1687]
19
Die Berücksichtigung eines endlichen Wärmetransports führt zu einer besseren Über-
einstimmung der theoretisch berechneten Werte mit experimentellen Daten. Daher scheint
diese Erweiterung zu einer signifikanten Verbesserung des Modells zu führen.
Schlussendlich ist festzuhalten, dass der Ausbreitungsmechanismus von Deflagratio-
nen sehr vielfältig und komplex sowie abhängig von den Stoffeigenschaften und den
Reaktionsbedingungen ist. Es sind mehrere Wege für die Umsetzung des Feststoffes mit
verschiedenen Übergangszuständen möglich. Die in der Realität auftretenden Vorgän-
ge sind nicht direkt untersuchbar, weshalb mit Modellvorstellungen gearbeitet werden
muss, welche die Realität möglichst gut beschreiben sollen.
2.3.2 Einflussfaktoren auf das Deflagrationsverhalten
Maß für die Deflagrationsgeschwindigkeit
Die Deflagrationsgeschwindigkeit wird als die Geschwindigkeit aufgefasst, mit der sich
die Reaktionsfront innerhalb einer Substanz ausbreitet. Dementsprechend ist die nahe-
liegende Methode zur Bestimmung der Deflagrationsgeschwindigkeit, Temperatursignale
an verschiedenen Stellen in einer vorgegebenen Geometrie (zum Beispiel Zylinderform)
zu messen und anhand des zeitlichen Versatzes dieser Signale und dem bekannten Ab-
stand zwischen den Messstellen die Geschwindigkeit zu berechnen. Näherungsweise kann
die Deflagrationsgeschwindigkeit auch aus dem zeitlichen Druckgradienten abgeschätzt
werden. In Abbildung 2.4 werden die relevanten Größen dargestellt.
H
h
X = h/H
Reaktionsfront
A =
h
g + f
f
Abbildung 2.4: Schema der Reaktionsausbreitung im Prüfrohr, g + f: gasförmig und fest
(abreagiertes Material), f: fest (unverbrauchtes Material)
Wenn eine Zylindergeometrie vorliegt und die Reaktionsfront sich als ebene Fläche
entlang des Prüfrohrs ausbreitet (in Abbildung 2.4 von oben nach unten), hat Grewer
das folgende Vorgehen vorgeschlagen [20]. Das Verhältnis von Druck pzu maximalem
Druck pmax entspricht näherungsweise dem Verhältnis von Höhe hder Schüttung, die
20
schon abreagiert ist, zur Gesamthöhe H:
p
pmax
=h
H.(2.2)
Umstellen der Gleichung 2.2 nach hund Ableiten nach der Zeit führt zu Gleichung 2.3:
u=dh
dt=H
pmax
dp
dt.(2.3)
Mit dieser Gleichung kann die lineare Ausbreitungsrate aus der Druckanstiegsrate abge-
schätzt werden. Eine tiefergehende Betrachtung wird in Abschnitt 4.6.1 vorgenommen.
Im Allgemeinen ist die allumfassende Reaktionsgeschwindigkeit, die in einem geschlos-
senen System mit beliebiger Geometrie durch den Druckgradienten gemessen wird, von
folgenden Faktoren abhängig:
Reagierende Oberfläche, wiederum abhängig von der Ausbreitungsform und Geo-
metrie (beispielsweise Kugelform oder als Fläche),
Lineare Ausbreitungsgeschwindigkeit, wiederum abhängig von der Geschwindig-
keitskonstanten der chemischen Reaktion, dem Wärme- und Stofftransport, den
Reaktionsbedingungen (Druck, Temperatur) und der Stelle der Anzündung.
In welcher Weise die genannten Faktoren wirken, wird im Folgenden erläutert.
Abhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit vom Druck
Die Abhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit uvom Druck pwurde unter anderem
von Grewer, Klais und Niemitz betrachtet [19, 20]. Im Allgemeinen gilt der folgende
Zusammenhang [20].
u=a·pn+b(2.4)
Der Parameter bist meistens vernachlässigbar. aund nsind positive reelle Zahlen,
deren Werte experimentell bestimmt werden müssen.
Abhängig davon, ob Experimente in einem Messsystem der ersten Art, also bei kon-
stantem Druck, oder in einem Messsystem der zweiten Art, also bei veränderlichem
Druck, durchgeführt werden (vgl. Abschnitt 2.2.2), erhält man verschiedene Ergebnis-
se für den Exponenten n. Je nach Herangehensweise wird der Einfluss verschiedener
Faktoren in dem in Gleichung 2.4 angegebenen Zusammenhang abgebildet. Werden die
Experimente jeweils bei konstantem Druck durchgeführt, liegt der Wert des Exponenten
nüblicherweise zwischen 0,5 und 1 [20].
Experimente bei veränderlichem Druck, wie sie von Klais und Niemitz durchgeführt
wurden, lieferten für verschiedene Substanzen Werte des Exponenten nzwischen 2
und 3, das heißt die Deflagrationsgeschwindigkeit steigt exponentiell mit zunehmendem
21
Druck [19,54]. Hier wurde zur Beurteilung des Zusammenhangs nur ein einziges Experi-
ment durchgeführt und zu verschiedenen Zeitpunkten ausgewertet. Bei dieser Herange-
hensweise wird jedoch nicht die reine Druckabhängigkeit der Deflagrationsgeschwindig-
keit untersucht. Eine Beschleunigung der Reaktion tritt auch aufgrund der Temperatu-
rabhängigkeit der Geschwindigkeitskonstanten, aufgrund der Kompression der Gaspha-
se und aufgrund der Vergrößerung der Reaktionsoberfläche mit zunehmendem Reakti-
onsfortschritt ein. So wird die Druckabhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit mit
dieser Betrachtungsweise überschätzt. Diese Fragestellung und experimentelle Beobach-
tungen werden in Abschnitt 4.5.2.2 vertiefend betrachtet.
Abhängigkeit des Deflagrationsverhaltens von der Gefäßgeometrie
Die Geometrie von Gefäßen, Apparaten und Behältern hat einen Einfluss auf das De-
flagrationsverhalten. Sie beeinflusst zusammen mit der Stelle der Anzündung, ob sich
eine Deflagration kugelförmig oder als planare Reaktionsfront ausbreitet. Die makrosko-
pische Reaktionsgeschwindigkeit und die Gasentwicklungsrate hängen von der Art der
Ausbreitung ab. Im Vergleich zu einer kreisförmigen Oberfläche ist die Oberfläche einer
Halbkugel doppelt so groß und die einer Kugel viermal so groß. In geschlossenen Syste-
men führt der steigende Druck zu einer Beschleunigung der Reaktion. Daher wird sich
die makroskopische Reaktionsgeschwindigkeit beim Vergleich der Ausbreitungsarten um
ein Mehrfaches der angegebenen Faktoren verändern.
In Rohrleitungen wird eine kugel- oder halbkugelförmige Ausbreitung durch die Rohr-
wände begrenzt. Die Deflagration breitet sich dann linear entlang des Rohres aus. Die
Reaktion unterhält sich selbst durch die freigesetzte Wärme, die auf das noch nicht umge-
setzte Material übertragen wird. Solange kein adiabates System vorliegt, tritt neben der
Wärmequelle durch die exotherme Reaktion eine Wärmesenke durch die Wärmeverluste
über die Rohrwand nach außen auf. Dies ist in Abbildung 2.5 schematisch dargestellt.
Hier bewegt sich die Deflagration von oben nach unten.
Im Reaktionszentrum liegt angesichts der Wärmefreisetzung durch die exotherme Re-
aktion die maximale Temperatur vor. Das noch nicht reagierte Produkt und die äußere
Umgebung weisen Raumtemperatur auf. Im Bereich der Zersetzungsgase hängt die Tem-
peratur von der Entfernung zur Reaktionsfront und von der Zeit ab. Außerdem ist das
Temperaturprofil abhängig davon, ob das System offen oder geschlossen ist. Bei einem of-
fenen System wären die Wärmeverluste angesichts des konvektiven Transports der heißen
Zersetzungsgase nach außen wesentlich höher. Bei einem geschlossenen, nicht-adiabten
System können Wärmeverluste über die Wand auftreten. Gleichzeitig führt die Gasent-
wicklung zu einer Druckerhöhung und somit zur Freisetzung von Kompressionswärme in
der Gasphase.
Die Bilanzierung der Wärmeströme innerhalb der Reaktionszone liefert folgendes Er-
gebnis. Die Wärme ˙
QExo, die im Reaktionszentrum durch die exotherme Reaktion frei-
gesetzt wird, wird nach unten auf nicht reagiertes Produkt übertragen. Daneben können
Wärmeverluste ˙
QVerlust über die Rohrwand und durch die Konvektion der heißen Zerset-
zungsgase auftreten. Für den Erhalt der Deflagration muss die freigesetzte Wärmemenge
˙
QExo größer sein, als die Summe aus Wärmeverlusten ˙
QVerlust und Aktivierungsenergie
22
gasförmig
+ fest
fest f
g + f
QExo > QVerlust + EA
Deflagration
QExo < QVerlust + EA
Keine Deflagration
bb
g + f
f
QExo < QVerlust + EA
Keine Deflagration
b
d1
p1
d2< d1
p2= p1
d3= d1
p3< p1
Abbildung 2.5: Abhängigkeit des Wärmeverlusts ˙
QVerlust über die Wand vom Rohrdurch-
messer dund vom Druck p,˙
QExo: freiwerdender Wärmestrom, EA: Ak-
tivierungsenergie
EAder exothermen Reaktion.
Der freigesetzte Wärmestrom ist bei konstanter Substanzdichte und Breite der Reak-
tionszone bproportional zur Querschnittsfläche. Der Wärmeverlust über die Rohrwand
hängt von der Wärmeaustauschfläche, von der Temperaturdifferenz zwischen Reakti-
onszone und äußerer Umgebung, und vom Material ab. Die Wärmeaustauschfläche ist
proportional zur Breite der Reaktionszone b.
Je geringer der Rohrdurchmesser ist, desto größer ist der Anteil des Wärmeverlusts
relativ zur freigesetzten Wärme. Es gibt einen kritischen Rohrdurchmesser dquench, bei
dem der Wärmeverlust über die Wand zu groß wird, sodass nicht mehr genügend Ener-
gie zur Aufrechterhaltung der Reaktion vorhanden ist. Die Deflagration erlischt. Für die
Ausbreitung einer Deflagration ist ein gewisser Mindestrohrdurchmesser nötig, der von
dem Wärmeübergangskoeffizienten, von der Reaktionskinetik und vom Energiegehalt der
deflagrierenden Substanz abhängt. Dieser kritische Rohrdurchmesser wird auch Lösch-
durchmesser genannt. Die lineare Ausbreitungsrate, die von der Reaktionskinetik und
von Wärme- und Stofftransportprozessen abhängt, wirkt sich auf den Löschdurchmesser
aus. Je geringer die lineare Ausbreitungsrate ist, desto größer sind die Wärmeverluste
über die Rohrwand und desto größer ist der Löschdurchmesser.
Weiterhin ist der Löschdurchmesser temperatur- und druckabhängig. Je höher die
Temperatur des Reaktionsgemisches ist, desto geringer ist der Löschdurchmesser. Eine
Erhöhung der Temperatur an der Rohraußenseite verringert zudem die Temperaturdiffe-
renz zwischen Reaktionszone und äußerer Umgebung und demzufolge die Wärmeverluste
über die Rohrwand. Die Breite der Reaktionszone hängt vom Druck ab. Je höher der
Druck ist, desto dünner ist die Reaktionszone und desto kleiner ist der Löschdurchmes-
ser. Löschdurchmesser und Druck verhalten sich näherungsweise umgekehrt proportional
23
zueinander [55].
dquench 1
pm,mit m1(2.5)
Einfluss der Anzündungsstelle auf das Deflagrationsverhalten
In Schüttgütern, die in technischen Apparaten, Verpackungen oder sonstigen Gefäßen
vorliegen, kann generell die Unterscheidung getroffen werden, ob die Anzündung an der
Oberfläche oder innerhalb der Schüttung erfolgt. Je nach Geometrie breitet sich die
Reaktionsfront dann kugel- bzw. halbkugelförmig oder als ebene Fläche aus. Die Aus-
breitungsform wird neben der Geometrie auch von der Stelle der Anzündung bestimmt
und sie hat einen gewissen Effekt auf die makroskopische Reaktionsgeschwindigkeit.
Wesentlich stärker ist jedoch der Effekt, der durch die Strömungsrichtung der entste-
henden Zersetzungsgase relativ zur Deflagrationsrichtung erzeugt wird, welche von der
Stelle der Anzündung abhängt. Die maßgebliche Frage ist, ob ein konvektiver Stofftrans-
port der heißen Gase durch das noch nicht reagierte Produkt stattfindet oder nicht. Wenn
er stattfindet, wird das noch nicht reagierte Produkt erwärmt, bevor die Reaktionsfront
den entsprechenden Bereich erreicht. Dies führt zu einer höheren Reaktionstemperatur
und zu einer höheren Deflagrationsgeschwindigkeit.
Liegt ein Prüfrohr vor, wie in Abschnitt 2.2.1 beschrieben, sind grundsätzlich zwei
Grenzfälle zu unterscheiden: Anzündung von unten oder Anzündung von oben. Es wird
von einem offenen System ausgegangen, bei dem die Gase frei in die Atmosphäre entwei-
chen. Die Auswirkungen eines entstehenden Überdrucks in einem geschlossenen System
wurden bereits diskutiert. Bei Anzündung von oben breitet sich die Reaktionsfront von
oben nach unten aus und die Gase entweichen in die Gegenrichtung. Das noch nicht
reagierte Produkt wird nicht von den Zersetzungsgasen durchströmt. Bei Anzündung
von unten ist das Gegenteil der Fall: die Zersetzungsgase durchströmen das noch nicht
reagierte Produkt und erwärmen es aufgrund des konvektiven Stoff- und Wärmetrans-
ports. Aufgrunddessen breitet sich eine von unten angezündete Deflagration in etwa um
den Faktor 10 schneller aus [20].
Gleichzeitig bilden sich bei einer unten angezündeten Deflagration Kanäle und Blasen
in der noch nicht reagierten Substanz, die zu unregelmäßigen, langen Reaktionsfronten
führen. Teilweise wurden auch sekundäre Anzündungen weit vor der eigentlichen Reak-
tionszone aufgrund des lokalen Ausbildens von Hot Spots beobachtet. Durch den hohen
Zufallseinfluss, dem diese Vorgänge unterliegen, sind schwer reproduzierbare Ergebnisse
bei Anzündung von unten die Folge. Reproduzierbare Ausbreitungsraten können nur bei
Anzündung von oben gemessen werden [20].
Neben der Beeinflussung der Ausbreitungsgeschwindigkeit kann die Stelle der Anzün-
dung auch dafür maßgeblich sein, ob eine Deflagration überhaupt ausgelöst wird. Es sind
Substanzen bekannt, die zwar von unten nach oben, jedoch nicht von oben nach unten
deflagrieren.
Ein Sonderfall liegt bei der Deflagration von Flüssigkeiten vor. Durch eigene experi-
mentelle Beobachtungen wurden die folgenden Erkenntnisse gewonnen. Bei Flüssigkei-
ten ist die Auslösung einer Deflagration von unten mit konventionellen Anzündquellen
24
nicht möglich. Die nötige Leistung, die zu einer lokalen Überhitzung führen würde, wird
mit konventionellen Anzündquellen nicht erreicht. Aufgrund des guten Wärmetransports
durch Konvektion in Flüssigkeiten wird die zugeführte Energie in der gesamten Substanz
verteilt. Es kommt zur Wärmeexplosion.
Eine Anzündung von Flüssigkeiten von oben ist auch mit konventionellen Anzünd-
quellen möglich. Die erwärmten Teilchen sammeln sich aufgrund ihrer geringeren Dichte
an der Flüssigkeitsoberfläche. Bei Erreichen der Zersetzungstemperatur findet die lokale
Initiierung einer Deflagration statt.
2.3.3 Definition von Initiierungs- und Ausbreitungsphase
Für die vorliegende Arbeit wird die folgende Definition vorgenommen. In der experi-
mentellen Betrachtung wird zwischen einer Initiierungs- und Ausbreitungsphase unter-
schieden. Die Initiierungsphase deckt den Zeitraum vom Einschalten der Anzündquelle
bis zur vollständigen, selbstständig fortschreitenden Deflagration ab. In dieser Phase
wird die zu untersuchende Substanz durch den Energieeintrag der Anzündquelle (heiße
Oberfläche) so lange lokal erwärmt, bis die Zersetzungstemperatur erreicht ist und eine
stabile, selbstständig voran schreitende Zersetzung auftritt. Da die Schüttung innerhalb
des Prüfrohrs in der Praxis nicht perfekt homogen ist, breitet sich die Wärme im Nahbe-
reich um die Anzündquelle etwas ungleichmäßig in alle Raumrichtungen aus. Dies führt
zu einem inhomogenen Temperaturprofil und zu im Raum verteilten Hot Spots. An solch
einem Hot Spot wird am ehesten die Zersetzungstemperatur erreicht und die Reaktion
somit ausgelöst.
Unmittelbar daran schließt sich die Ausbreitungsphase an, welche bis zum Reaktions-
ende andauert. Aufgrund der exothermen Zersetzung einer geringen Substanzmenge an
der Stelle des Hot Spots wird Energie freigesetzt, die auf benachbarte Teilchen übertra-
gen wird. Dies führt dazu, dass diese Teilchen wiederum die erforderliche Temperatur
zur Auslösung der Reaktion überschreiten und sich selbst exotherm zersetzen. Die dabei
freiwerdende Energie wird wiederum auf benachbarte Teilchen übertragen und auf diese
Art und Weise breitet sich die Reaktion durch die ganze Substanz hindurch aus, bis
die gesamte Menge umgesetzt wurde. Dabei entstehen heiße Zersetzungsgase, die auch
brennbar sein können.
25
2.4 Grundlagen aus der Reaktions-, Verfahrens- und
Sicherheitstechnik
2.4.1 Definition grundlegender Größen
Die Reaktionsgeschwindigkeit rist definiert als die auf den stöchiometrischen Koeffizi-
enten νibezogene Änderung der Stoffmenge neiner Komponente ipro Zeiteinheit:
r=1
νi
dni
dt.(2.6)
Zweckmäßigerweise kann die Reaktionsgeschwindigkeit, vor allem bei homogenen Reak-
tionen, auf das Volumen des Reaktionsgemisches VRbezogen werden:
r=1
νi
1
VR
dni
dt.(2.7)
Je nach Anwendung werden auch andere Bezugsgrößen genutzt, beispielsweise die Mas-
se des Reaktionsgemischs, oder bei heterogenen Reaktionen die Grenzfläche zwischen
beiden Phasen oder die Masse eines Reaktionsteilnehmers [9]. In vielen Fällen ist der
genaue Mechanismus einer Reaktion nicht bekannt. Daher wird die Reaktionsgeschwin-
digkeit häufig mit einem formalkinetischen Ansatz beschrieben (hier für eine Reaktion
eines Edukts A mit dem Edukt B):
r=k(T)·cm1
A.·cm2
B.(2.8)
Der Parameter mist als Reaktionsordnung definiert, die in einfachen Fällen 0, 1 oder 2
betragen kann. Der Parameter kist die Reaktionsgeschwindigkeitskonstante, die gemäß
der Arrhenius-Gleichung von der Temperatur Tabhängt:
k(T) = k0·exp EA
R·T.(2.9)
In dieser Gleichung steht außerdem die allgemeine Gaskonstante R. Durch die Anpassung
der Parameter Aktivierungsenergie EA, präexponentieller Faktor k0und Reaktionsord-
nung mwird ein formalkinetisches Modell erhalten, das experimentell ermittelte Werte
möglichst gut beschreibt. Die Temperaturabhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeits-
konstanten lässt sich näherungsweise mit der empirischen Reaktionsgeschwindigkeits -
Temperaturregel nach van’t Hoff beschreiben. Demnach bedeutet eine Temperaturer-
höhung um 10 K eine Erhöhung der Reaktionsgeschwindigkeit um etwa das Zwei- bis
Dreifache [56].
Der Fortschritt einer chemischen Reaktion wird mit dem Umsatz Xbeschrieben. Die-
ser ist definiert als verbrauchte Menge einer Komponente iim Verhältnis zur insgesamt
eingesetzten Menge dieser Komponente:
X=ni0ni
ni0
.(2.10)
26
Bei der Bilanzierung chemischer Reaktoren werden Differentialgleichungen zur Be-
schreibung des Stoff- und des Energieumsatzes verwendet. Dabei wird die Stoffbilanz
und die Wärmebilanz jeweils durch eine eigene Differentialgleichung beschrieben. Es
hängt vom verwendeten Reaktortyp, von der Fahrweise (kontinuierlich oder diskontinu-
ierlich) und von weiteren Bedingungen ab, wie die Gleichungen im Einzelfall aussehen.
Eine umfassende Beschreibung verschiedener Reaktoren und Reaktionsbedingungen fin-
det sich in Baerns et. al [9].
Die Stoff- und Wärmebilanzen sind miteinander gekoppelt und nicht getrennt vonein-
ander lösbar. Daher sind zur Lösung dieser Bilanzgleichungen in der Regel numerische
Methoden erforderlich. Die Wärmebilanz lässt sich auch anhand der Kopplungsglei-
chung ausdrücken, die den Zusammenhang zwischen Reaktortemperatur und Umsatz
beschreibt:
TT0+St(TTK) = Tad ·X. (2.11)
Demnach besteht zwischen Reaktortemperatur Tund Umsatz Xein einfacher linearer
Zusammenhang. Der Parameter St ist die Stanton-Zahl. Sie gibt die relative Kühlinten-
sität an:
St =kW·FW
˙
V·ρ·cp
=kW·FW·τ
VR·ρ·cp
.(2.12)
Der Parameter kWist der Wärmedurchgangskoeffizient und der Parameter FWdie Wär-
meaustauschfläche. Der Parameter τist je nach Reaktortyp die Verweilzeit bzw. die
Reaktionszeit. Die Stanton-Zahl wird auf das Volumen VR, die Dichte ρund die Wär-
mekapazität cpdes Reaktionsgemischs bezogen. Tad ist die adiabatische Temperatur-
erhöhung:
Tad =RH·cA0
νA·ρ·cp
.(2.13)
Sie gibt die Temperatur an, die sich im Reaktor einstellen würde, wenn die gesamte wäh-
rend der Reaktion entstehende Wärme im Reaktionsgemisch verbliebe. Zur Berechnung
dieser kann die Reaktionsenthalpie RHund die Anfangskonzentration der Unterschuss-
komponente cA0eingesetzt werden.
Die Kopplungsgleichung gilt grundsätzlich für alle Reaktoren. Bei Vorliegen adiabater
Bedingungen reduziert sich diese zu:
TT0= Tad ·X. (2.14)
2.4.2 rmetransport in porösen Medien
Poröse Medien sind im Allgemeinen durch eine geordnete oder regellose Anordnung
von Einzelkörpern (Partikel) verschiedener Form gekennzeichnet. Sie lassen sich anhand
der Größe der einzelnen Partikel und der Porosität in Kategorien einteilen. Grund-
sätzlich werden die Kategorien Wärmedämmstoffe und Schüttungen unterschieden [57].
27
Wärmedämmstoffe weisen im Allgemeinen hohe Porositäten und geringe Partikelgrö-
ßen auf, während Schüttungen niedrigere Porositäten und größere Partikeldurchmesser
haben [58]. Im Rahmen dieser Arbeit wird unter Schüttungen oder Schüttgütern eine
Anordnung von Partikeln in Pulverform verstanden, wobei die Porosität in etwa bei 0,5
und die Partikelgrößen im Bereich zwischen 1µmund 100 µmliegen.
Das Gesamtvolumen einer Schüttung Vsetzt sich additiv aus dem Feststoffvolumen Vf
und dem Zwischenkornvolumen Vg(auch: Lücken- oder Hohlraumvolumen) zusammen
[59]:
V=Vg+Vf.(2.15)
Die Schüttporosität (auch: Lückengrad, Porosität) ist definiert als Hohlraumvolumen-
anteil am Gesamtvolumen:
=Vg
V.(2.16)
Die Schüttdichte ρbed gibt das Verhältnis von Schüttmasse mzu Schüttvolumen Van:
ρbed =m
V.(2.17)
Zwischen Schüttdichte ρbed, Partikeldichte ρP k und Porosität besteht der Zusammen-
hang
ρbed =ρP k (1 ).(2.18)
Der Wärmetransport in porösen Medien findet über vier Mechanismen statt: Strah-
lung, Festkörperkontaktleitung, Gasleitung und Festkörper-Gas-Kopplung [58]. Sie wer-
den in Abbildung 2.6 anhand einer geordneten, monodispersen Kugelschüttung darge-
stellt.
Die effektive Wärmeleitfähigkeit eines Schüttguts λeff setzt sich aus den Anteilen der
einzelnen Wärmetransportmechanismen zusammen:
λeff (ϑ) = λf+λg(ϑ) + λrad(ϑ) + λKopplung(ϑ)(2.19)
Abbildung 2.6: Wärmetransportmechanismen in porösen Medien: Strahlung (1), Fest-
körperkontaktleitung (2), Gasleitung (3) und Festkörper-Gas-Kopplung
(4) [58]
28
Ausgenommen der Festkörperkontaktleitung λfist der Wärmetransport über die ein-
zelnen Mechanismen temperaturabhängig. Die Beiträge der Gasleitung λgund der Festkörper-
Gas-Kopplung λKopplung sind zudem druckabhängig. Der Anteil der einzelnen Wärme-
transportmechanismen am Gesamtwärmetransport wird für verschiedene Druckzustände
in Abbildung 2.7 dargestellt.
Abbildung 2.7: Anteil der einzelnen Wärmetransportmechanismen am Gesamtwärme-
transport für verschiedene Druckzustände (links: 0 bar, rechts: 1 bar) [58]
Aus dieser Abbildung ist zu entnehmen, dass bei atmosphärischem Druck und niedri-
gen Temperaturen der wesentliche Beitrag zum Gesamtwärmetransport durch Festkörper-
Gas-Kopplung erfolgt. Bei atmosphärischem Druck und hohen Temperaturen trägt hin-
gegen die Wärmestrahlung den wesentlichen Teil zum Gesamtwärmetransport bei.
In Vakuum entfallen die Beiträge der Festkörper-Gas-Kopplung und der Gasleitung.
Bei niedrigen Temperaturen erfolgt hierbei der wesentliche Teil des Wärmetransports
über Festkörperkontaktleitung. Bei hohen Temperaturen dominiert die Wärmestrahlung.
Zur Vertiefung des Themas kann beispielsweise Parzinger herangezogen werden [58].
Er gibt einen umfassenden Überblick über die Vielzahl an verfügbaren Modellen und die
zugrunde liegende Literatur.
Einflussfaktoren auf den rmetransport
Der Wärmestrom in den jeweiligen Schüttungen hängt während der Initiierungsphase
von einer Reihe an Faktoren ab. Diese sind die
Partikelgrößen und -form,
Porosität und Schüttdichte,
Temperatur und Druck,
Wärmekapazität der Schüttung,
Wärmeleitfähigkeit der festen Phase und der Gasphase,
Wärmekapazität und -leitfähigkeit des Prüfrohres,
29
Wärmeverluste über die Systemgrenzen des Prüfrohrs.
Die beiden letztgenannten Punkte werden bei den verschiedenen Substanzen als kon-
stant angenommen. Sie beeinflussen zwar generell den Wärmestrom in einer Schüttung,
der Einfluss ist jedoch bei allen Substanzen der gleiche. Die anderen Punkte spiegeln
sich in der effektiven Wärmeleitfähigkeit, die für die verwendeten Substanzen bei Raum-
temperatur und bei atmosphärischem Druck experimentell bestimmt wurde (siehe Ab-
schnitt 3.1.2).
2.4.3 Dynamische Differenzkalorimetrie
Eine einfache Methode zum Screening des Energiegehalts von Substanzen ist die dy-
namische Differenzkalorimetrie (engl.: Differential Scanning Calorimetry (DSC)). Dabei
werden wenige Milligramm einer Probe in einen Tiegel gefüllt und in einem Ofen ei-
nem Temperaturprogramm unterzogen. Ein zweiter, leerer Tiegel dient als Referenz. Die
Differenz der Wärmeströme zwischen dem Probe-Tiegel und dem Referenz-Tiegel wird
bestimmt und dadurch die Wärmeaufnahme oder Wärmeabgabe einer Probe festgestellt.
Neben der Bestimmung des Energiegehalts wird gemessen, bei welcher Temperatur eine
chemische Reaktion oder physikalische Umwandlung einsetzt (Onset-Temperatur) und
bei welcher Temperatur die maximale Reaktionsleistung auftritt (Peak-Temperatur). In
der vorliegenden Arbeit ist die Onset-Temperatur TOnset definiert als die Stelle an der das
Messsignal erstmals von der Basislinie abweicht. Aufgrund der geringen Probemengen
bieten sich DSC-Messungen insbesondere auch zum Screening unbekannter Substanzen
an. Proben mit sehr hohem Energiegehalt können gefahrlos vermessen werden.
Bei DSC-Messungen werden die dynamische und die isoperibole Fahrweise unterschie-
den. Bei der dynamischen Fahrweise werden die Probe und die Referenz mit einer defi-
nierten Heizrate, beispielsweise 2 K/min, aufgeheizt. So kann die Probe in einem großen
Temperaturbereich untersucht werden. Bei der isoperibolen Fahrweise wird die Probe
über einen längeren Zeitraum, beispielsweise 24 h, bei einer konstanten Ofentempera-
tur gelagert. Für weiterführende Betrachtungen können beispielsweise Hemminger und
Cammenga [60] oder Höhne et. al [61] herangezogen werden.
30
3 Experimentelle Methoden
3.1 Verwendete Substanzen
3.1.1 Substanzauswahl
Zur Durchführung der Experimente wurden vier Beispielsubstanzen gewählt. Es handelt
sich um pulver- oder granulatförmige Feststoffe mit unterschiedlichen Eigenschaften. Die
verwendeten Substanzen sind:
Azodicarbonamid (ADCA)
Azocyanovaleriansäure (ACVA)
Imidazolderivat (IMD)
Euparen
Sie wurden sowohl in reiner Form, als auch in einer Mischung mit Kieselgur oder
Calciumsulfat verwendet. Kieselgur und Calciumsulfat wurden als Inertstoff eingesetzt.
Sie dienen der Verdünnung und Abschwächung der Reaktivität der Reinstoffe. Dadurch
wurden die Anzahl der Freiheitsgrade und die Variationsmöglichkeiten erhöht. Durch die
Wahl verschiedener Mischungsverhältnisse waren letztendlich 12 verschiedene Proben im
Substanzpool, welche in Tabelle 3.1 aufgeführt sind. Die gewählten Mischungsverhältnis-
se werden jeweils in Massenprozent angegeben. Neben den Probennamen werden in Ta-
belle 3.1 die Ergebnisse aus dynamischen DSC-Messungen in Edelstahltiegeln (Aufheiz-
rate = 5 K/min) sowie die Lage der Schmelzpunkte dargestellt. Dies gibt einen Überblick
über den jeweiligen Energiegehalt einer Probe und ihrer Onset- und Peak-Temperatur.
Die Wahl der Substanzen basierte auf mehreren Kriterien. Eine Grundvoraussetzung
war, dass die Stoffe im normalen Laborumfeld handhabbar sind. Folglich waren Ver-
bindungen mit hochgiftiger oder kanzerogener Wirkung ausgeschlossen. Hinsichtlich der
Entstehung einer Deflagration wurden Substanzen ausgewählt, die aus der festen Pha-
se, aus der Schmelze und aus der flüssigen Phase heraus deflagrieren. In Tabelle 3.1
lassen sich diese Unterschiede anhand der Lage des Schmelzpunktes relativ zur Onset-
Temperatur der Substanz erkennen.
Zudem wurden die Substanzen mit der Maßgabe ausgewählt, sich in ihrem Deflagra-
tionsverhalten zu unterscheiden. Die Induktionszeit und Deflagrationsgeschwindigkeit
sollten jeweils verschieden sein. Neben schnell und langsam deflagrierenden Stoffen wur-
den auch solche gewählt, die im Grenzbereich zwischen „langsam deflagrationsfähig“ und
„nicht deflagrationsfähig“ liegen. Die Substanzen unterscheiden sich außerdem in der
während der Zersetzung entwickelten Gasmenge, wodurch eine Variation des Druckan-
stiegs in geschlossenen Systemen gegeben ist. Durch die Wahl geeigneter Mischungsver-
hältnisse der reaktiven Substanzen mit den Inertsubstanzen Kieselgur und Calciumsulfat
31
Tabelle 3.1: Schmelz-, Onset-, Peaktemperatur Tund Zersetzungsenthalpie Qder ver-
wendeten Substanzen (Reinstoffe und Mischungen mit Inertsubstanz, Mi-
schungsverhältnisse in Massenprozent), außer TSchmelz ermittelt in dynami-
schen DSC-Messungen in Edelstahltiegeln mit Aufheizrate = 5 K/min.
Substanz TSchmelz TOnset TP eak Q
[C] [C] [C] [J/g]
ADCA > T (Onset)1180 208 1200
ADCA/SiO2(80/20) > T (Onset)1180 207 1100
ADCA/SiO2(50/50) > T (Onset)1175 205 730
ADCA/CaSO4(32/68) > T (Onset)1180 207 430
ADCA/SiO2(30/70) > T (Onset)1150 194 340
ADCA/SiO2(20/80) > T (Onset)1145 197 250
ACVA 120 [62] 75 125 580
ACVA/SiO2(50/50) > T (Onset)1105 129 220
IMD T (Onset)1145 160 620
IMD/SiO2(50/50) > T (Onset)1110 153 280
Euparen 902155 193 1250
Euparen/SiO2(50/50) 932190 210 570
wurden gezielt Proben erhalten, die gerade noch oder gerade nicht mehr deflagrieren.
In Tabelle 3.2 ist eine Übersicht über das Deflagrationsverhalten der Reinstoffe gege-
ben. Die verwendeten Substanzen und ihre Eigenschaften werden anschließend einzeln
erläutert.
Tabelle 3.2: Allgemeine Übersicht über das Deflagrationsverhalten der untersuchten
Substanzen (Induktionszeiten auf 10 s gerundet)
Substanz Gasbildung Induktionszeit Deflagrationsgeschwindigkeit
[s] [mm/s] [mm/s]
Anz. unten Anz. oben
ADCA groß 20 13 0,4
ACVA gering 10 25 0,73
IMD gering 90 5 0,1
Euparen/SiO2(50/50) gering 130 0,2 keine
1Abgeleitet aus Versuchsbeobachtungen
2Ungefährer Wert in der DSC ermittelt
350 %-ige Mischung mit Kieselgur
32
Azodicarbonamid (ADCA)
Azodicarbonamid (ADCA, C2H4N4O2) ist ein deflagrationsfähiger Stoff, der in der Kunst-
stoffindustrie als Treib- und Blähmittel eingesetzt wird, um Schaumstrukturen zu er-
zeugen. Aufgrund seiner Effektivität (220 mL Gasausbeute/g ADCA) findet es wei-
te Verbreitung und ist von hoher Bedeutung in Kunststoff- und Kautschukanwendun-
gen [63,64]. Azodicarbonamid enthält als funktionelle Gruppen die Azogruppe –N=N–,
zwei Aminogruppen –NH2und zwei Carbonylgruppen –CO–. Die Azogruppe ist als eine
reaktive Gruppe bekannt, die auf die Instabilität einer Verbindung hindeutet [19,65].
Die Zersetzung von ADCA ist komplex und Gegenstand verschiedener Forschungsar-
beiten [66–71]. Die Veröffentlichungen der letzten zehn Jahre nehmen zwei verschiede-
ne Mechanismen an, die abhängig von der Temperatur unterschiedlich stark ausgeprägt
sind. Nach Reaktionsmechanismus 1 wird zunächst Stickstoff, Kohlenmonoxid und Harn-
stoff gebildet, welcher zu Ammoniak und Cyansäure weiter reagiert (Gleichung (3.1)).
Nach Reaktionsmechanismus 2 reagieren zwei Moleküle ADCA zu jeweils einem Mole-
kül Hydrazodicarbonamid und Stickstoff, sowie zwei Molekülen Cyansäure (Gleichung
(3.2)) [72].
(3.1)
(3.2)
Aus Hydrazodicarbonamid entstehen Urazol und Ammoniak:
(3.3)
Cyansäure neigt zur Trimerisierung. Cyansäure und das Trimer Cyanursäure stehen im
Gleichgewicht mit ihren Tautomeren Isocyansäure bzw. Isocyanursäure:
33
(3.4)
Als weiteres festes Reaktionsprodukt entsteht Cyamelid durch die Polymerisation von
Cyansäure bzw. Cyanursäure. Neben diesen molekularen Reaktionen ist es wahrschein-
lich, dass radikalische Reaktionen auftreten [73]. Levai et al. zeigten, dass komplexe
radikalische Übergangszustände auftreten [70]. Sie gaben auch an, dass der Reaktions-
weg beispielsweise davon abhängt, ob während der Zersetzung Schaum entsteht, welcher
Stofftransportvorgänge und infolgedessen einzelne Reaktionen beeinflusst.
Aufgrund der Vielzahl an Reaktionen, deren Umsatz jeweils abhängig von den Re-
aktionsbedingungen ist, kann nicht theoretisch vorhergesagt werden, wie groß die Men-
genanteile der einzelnen Reaktionsprodukte sind. Diese Mengenanteile wurden daher
experimentell untersucht, indem ADCA unter Luft thermisch zersetzt wurde [74]. Eine
Analyse ergab, dass bei der Zersetzung von ADCA
32 gew.% gasförmige Produkte,
41 gew.% feste Produkte,
27 gew.% Sublimat
entstehen. Dabei bestehen die gasförmigen Produkte aus
65 vol.% Stickstoff,
32 vol.% Kohlenmonoxid,
3 vol.% andere Gase (Ammoniak, Kohlendioxid etc.).
Die festen Produkte und das Sublimat bestehen unter anderem aus
39 gew.% Urazol,
26 gew.% Cyanursäure,
2 gew.% Hydrazodicarbonamid,
1 gew.% Cyamelid.
34
Die Aktivierungsenergie der Zersetzungsreaktion von ADCA wurde aus DSC-Messung-
en mit unterschiedlichen Heizraten bestimmt. Aus zwei verschiedenen, voneinander un-
abhängigen Quellen ist der Wert 186 kJ/mol bekannt [25, 75]. Diese Untersuchungen
zeigten außerdem, dass die Zersetzung autokatalytisch verläuft.
Die Berechnung der Sauerstoffbilanz eines Moleküls erlaubt eine erste Abschätzung,
ob eine Substanz tendenziell explosionsgefährlich ist. Ist sie größer als -200, sind Hinweise
auf explosive Eigenschaften gegeben [18]. Die Sauerstoffbilanz von ADCA beträgt -55,1,
das heißt es ist von explosiven Eigenschaften auszugehen [76].
Azocyanovaleriansäure (ACVA)
Eine weitere verwendete Azoverbindung ist die Azocyanovaleriansäure (ACVA), welche
ebenfalls in der Kunststoffindustrie Anwendung findet. Sie dient als Radikalstarter bei
Polymersynthesen [77]. ACVA enthält als funktionelle Gruppen die Azogruppe –N=N–,
zwei Cyanidgruppen –CN und zwei Carboxylgruppen –COOH. Die Azogruppe und die
Cyanidgruppen deuten auf instabile Eigenschaften der Verbindung hin. Die Strukturfor-
mel von ACVA wird in Abbildung 3.1 dargestellt.
Imidazolderivat (IMD)
Als dritte Substanz wurde ein Imidazolderivat (IMD) ausgewählt. Die genaue Struktur
dieser Verbindung oder weitere Informationen sollen nicht veröffentlicht werden. Auf-
grund der in Tabelle 3.1 dargestellten DSC-Messungen und Stoffdaten, die im folgenden
Abschnitt 3.1.2 aufgeführt werden, ist die Substanz hinreichend charakterisiert.
Euparen, Dichlofluanid
Euparen war ein Pflanzenschutzmittel, das als Wirkstoff Dichlofluanid (1,1-Dichlor-
N-((dimethylamino)sulfonyl)-1-fluor-N-phenyl-methansulfenamid) enthielt. Es verlor im
Jahr 2003 seine Zulassung und wird demzufolge heute nicht mehr hergestellt [78]. Es
gab ein Folgeprodukt „Euparen M WG“ mit Wirkstoff Tolyfluanid, dessen Zulassung
im Jahr 2010 widerrufen wurde [79]. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde die
erstgenannte Verbindung Dichlofluanid verwendet. Dichlofluanid enthält eine Vielzahl
funktioneller Gruppen, darunter eine tertiäre Aminogruppe, eine Sulfonylgruppe und C-
Halogen-Gruppen. Die beiden letztgenannten Gruppen deuten auf instabile Eigenschaf-
ten der Verbindung hin. Die Strukturformel von Dichlofluanid wird in Abbildung 3.2
dargestellt.
Kieselgur und Calciumsulfat
Kieselgur ist ein feines, weißes und hochporöses Pulver, das hauptsächlich aus nichtkris-
tallinem Siliziumdioxid besteht. Es ist aufgrund seiner Materialeigenschaften vielseitig
in der Industrie einsetzbar. Kieselgur ist reaktionsträge, sehr feuerbeständig und besitzt
eine Schmelztemperatur von ca. 1700 C[80]. Calciumsulfat ist ein weißer, geruchloser
Feststoff mit einer Zersetzungstemperatur von ca. 700 C[62].
35
Abbildung 3.1: Azocyanovaleriansäure
(ACVA) Abbildung 3.2: Dichlofluanid
3.1.2 Stoffdaten
Die effektive Wärmeleitfähigkeit, Wärmekapazität, Dichte und Partikelgrößen der ver-
wendeten Substanzen bzw. Schüttgütern werden in Tabelle 3.3 dargestellt.
Die effektive Wärmeleitfähigkeit bezieht sich auf das Schüttgut, wie es im Deflagrati-
onstest verwendet wird. Sie wurde experimentell mit dem Hot-Disk-Verfahren bestimmt.
Eine Beschreibung des zugrunde liegenden Messprinzips gibt beispielsweise He [81]. Die
anderen Größen beziehen sich auf den intrinsischen Wert der Substanz selbst.
Die Wärmekapazität wurde experimentell mit der Pyris Diamond DSC bestimmt. Die
Dichte wurde den jeweiligen Sicherheitsdatenblättern entnommen. Die Partikelgrößen
wurden volumetrisch mit der Methode der Laserlichtbeugung bestimmt. Die Partikel-
größen aller verwendeter Substanzen liegen in einem ähnlichen Bereich.
Die Wärmekapazität und die Wärmeleitfähigkeit sind temperaturabhängig. Sie neh-
men normalerweise mit steigender Temperatur zu. In Tabelle 3.3 werden die Stoffda-
ten bei Raumtemperatur dargestellt. Die effektive Wärmeleitfähigkeit von ADCA/SiO2
(50/50) bei 80 Cwurde experimentell zu λeff = 0,122 W/(m K) bestimmt.
Tabelle 3.3: Effektive Wärmeleitfähigkeit, Wärmekapazität, Dichte und Median der Par-
tikelgrößen der verwendeten Substanzen bei 20 C, Mischungsverhältnisse in
Massenprozent
Substanz λeff cpρ dP
[W/(m K)] [J/g K] [g/cm3] [µm]
ADCA 0,084 1,20 1,65 [82] 7,5
ADCA/SiO2(50/50) 0,085 0,93 - 15,5
ADCA/CaSO4(32/68) 0,118 0,90 - 10,8
ADCA/SiO2(30/70) - 0,86 - 11,9
ADCA/SiO2(20/80) - 0,88 - 12,7
ACVA - 1,38 - -
ACVA/SiO2(50/50) 0,083 0,96 - 15,5
IMD 0,045 1,25 - 3,3
IMD/SiO2(50/50) 0,062 0,96 - 5,5
Euparen/SiO2(50/50) - 0,84 - 11,4
SiO20,077 0,64 2,21 [80] 10,5
36
Anhand der effektiven Wärmeleitfähigkeit wird festgestellt, ob die Geschwindigkeit
des Wärmetransports in den verschiedenen Schüttgütern als gleich oder unterschiedlich
eingeordnet werden kann. Wie aus Tabelle 3.3 hervor geht, liegen die Werte zwischen
λ= 0,045 W/(m K) und λ= 0,163 W/(m K).
Die effektive Wärmeleitfähigkeit der Schüttungen ist etwas höher als die Wärmeleit-
fähigkeit von Luft (λ= 0,0262 W/(m K) [83]), jedoch wesentlich geringer als die Wär-
meleitfähigkeit von Metallen (λ8 W/(m K) bis 400 W/(m K) [84]).
Die effektive Wärmeleitfähigkeit liegt bei den verwendeten Substanzen jeweils in einem
ähnlichen Bereich. Insbesondere unterscheidet sich die effektive Wärmeleitfähigkeit der
reaktiven Substanzen nicht wesentlich von der von Kieselgur. Daher ist das instationäre
Temperaturprofil in Kieselgur weitestgehend mit den Temperaturprofilen der reaktiven
Substanzen vergleichbar. In Abschnitt 4.1.2.1 wird die experimentell bestimmte Tempe-
raturverteilung in einer Kieselgur-Schüttung innerhalb der Versuchsapparatur diskutiert.
37
3.2 Versuchsaufbauten und -durchführung
3.2.1 Entwicklung der neuen Messsysteme
Die Bezugspunkte in der Entwicklung eines optimierten Messsystems zur Beurteilung
der Deflagrationsfähigkeit waren die bestehenden Systeme, welche in VDI 2263-1 (Ab-
schnitt 1.6) und im UN-Prüfhandbuch (UN Test C.2) beschrieben sind. Sie gelten als
Stand der Technik, haben sich seit vielen Jahren etabliert und sind als Standard- De-
flagrationsprüfungen allgemeinhin akzeptiert. Für diese Arbeit dienen sie als Referenz-
methoden. Die neu entwickelten Messsysteme sollen mindestens die Leistungsfähigkeit
und Ergebnisqualität der Referenzmethoden erreichen. Außerdem sollten die Aufbauten
in ihren Grundzügen nicht verändert werden, bewährte Merkmale, wie zum Beispiel die
Verwendung eines zylinderförmigen Probengefäßes, sollten beibehalten werden.
Ein drittes Messsystem, der UN Test C.1, der ebenfalls zu den gängigen Prüfmethoden
zur Beurteilung der Deflagrationsfähigkeit zählt, wurde im Rahmen einer Abschlussar-
beit verwendet [76]. Dabei wurde die Eignung zur Beurteilung des Deflagrationsverhal-
tens unter verschiedenen Randbedingungen untersucht. Es wurde gezeigt, dass in diesem
Messsystem die Höhe der Schüttung aufgrund der begrenzten Höhe des Probenbehälters
zu gering ist, um die selbstständige Ausbreitungsfähigkeit einer Deflagration zu beurtei-
len. Des Weiteren ist in diesem Druckbehälter keine Möglichkeit zur Temperaturmessung
gegeben. Aufgrund dieser Nachteile wurde die Verwendung dieses Messsystems nicht wei-
ter in Betracht gezogen. Die Auseinandersetzung damit brachte jedoch wichtige Impulse
für eine geeignete Dimensionierung der neuen Messsysteme.
Im ersten Entwicklungsschritt wurde ein Druckbehälter mit einem ausreichenden Vo-
lumen verwendet, damit die in VDI 2263-1 beschriebene Messanordnung innerhalb des
Behälters aufgebaut werden kann. Dies ermöglichte ein Druckbehälter mit einem Volu-
men von 4 L. Die Idee dahinter war, mit dem neuen System eine Möglichkeit zur Messung
unter Druck vorzusehen und dabei möglichst wenig Änderungen am bestehenden System
vorzunehmen. Die Details zur Gestaltung des Versuchsaufbaus werden in Abschnitt 3.2.4
beschrieben. Die grundlegenden Arbeiten zur Entwicklung des 4-L-Druckbehälters wur-
den im Rahmen einer Abschlussarbeit vorgenommen [76].
Das neue Messsystem wurde umfassend getestet, indem Vergleichsmessungen im neu-
en und alten System durchgeführt wurden. Die Ergebnisse dieser Messungen sind, dass
die Durchführung der Deflagrationsprüfung im 4-L-Druckbehälter zur gleichen oder zu
einer konservativeren Beurteilung und Einstufung führen würde. Auf die Reproduzier-
barkeit der Ergebnisse in den einzelnen Messsystemen wird in Abschnitt 4.4.1 eingegan-
gen. Nachdem die Eignung dieses Messsystems grundsätzlich sichergestellt war, wurden
zahlreiche Messreihen mit dem 4-L-Druckbehälter durchgeführt.
Um die Leistungsfähigkeit der Prüfmethode zu verbessern und um gewisse Limitatio-
nen zu überwinden, wurde ein weiteres Messsystem, nämlich der 200-mL-Druckbehälter
entwickelt. Eine Limitation des 4-L-Druckbehälters ist, dass bei einer gegebenen Pro-
benmenge der maximale Druck relativ niedrig ist. Bei der Deflagration von 85 g AD-
CA beträgt der maximale Druck 18 bar. Eine weitere Möglichkeit zur Verbesserung des
Versuchsaufbaus wurde darin gesehen, den Substanzverbrauch pro Prüfung weiter zu
38
reduzieren. Nachdem bei Messungen im 4-L-Druckbehälter bereits gezeigt wurde, dass
eine Füllhöhe von 9 cm ausreicht, wurde experimentell untersucht, inwieweit der Rohr-
durchmesser reduziert werden kann (Abschnitt 4.3.3). Hierbei war zu beachten, dass der
Mindestrohrdurchmesser größer sein muss, als der Löschdurchmesser bei den gewählten
Versuchsbedingungen (Druck, Temperatur, Wärmeübergangskoeffizient, Prüfsubstanz).
Bei einem Rohrdurchmesser von 3 cm und einem Behältervolumen von 200 mL wurden
die gewünschten Anforderungen erreicht.
Das dritte Messsystem, das im Rahmen dieser Arbeit erstmalig verwendet wurde, ist
der 18-L-Druckbehälter. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um eine Erweiterung
des 4-L-Druckbehälters. Dieser wurde mit einem Ausgleichsbehälter mit einem Volumen
von 14 L verbunden. Damit war es möglich, Messungen bei erhöhtem oder verminder-
tem Druck durchzuführen, wobei der Druck während der Messung annähernd konstant
gehalten wird. Mit diesem Messsystem wurden nur wenige Versuche durchgeführt. Die
Validierung des Systems ist insofern gegeben, dass sich der Versuchsaufbau nur dadurch
von dem des 4-L-Druckbehälters unterscheidet, dass eine Verbindung zu einem Aus-
gleichsbehälter hergestellt wurde und ein Prüfrohr mit einem Durchmesser von 3 cm
verwendet wurde, um den Druckanstieg während der Deflagration gering zu halten. So
kann dieses System grundsätzlich zur Beurteilung des Deflagrationsverhaltens bei kon-
stantem Druck verwendet werden. Es ist allerdings insbesondere bei diesem Messsystem,
vor allem bei geringen Drücken, ein mögliches Quenchen einer Deflagration aufgrund des
Löschdurchmessers in Betracht zu ziehen. Da in diesem Messsystem keine signifikante
Druckerhöhung entsteht, kommt diesem Sachverhalt aufgrund des geringen Rohrdurch-
messers eine hohe Bedeutung zu.
3.2.2 Anzündquellen
Zur Initiierung einer Deflagration sind grundsätzlich verschiedene Anzündquellen ge-
bräuchlich. Nach VDI 2263-1 können beispielsweise eine Glühwendel, eine Glühkerze,
ein Mikrobrenner oder eine Zündmischung (Silizium/Bleidioxid im Gewichtsverhältnis
3:2, Thermitmischung) verwendet werden. Es ist notwendig, dass der Energieeintrag der
Anzündquelle bei jedem Versuch identisch ist. Nur dann macht die Ermittlung und der
Vergleich von Induktionszeiten Sinn.
In einer Abschlussarbeit wurden Glühwendel und Glühkerze vergleichsweise verwen-
det [76]. Es wurde festgestellt, dass die Glühwendel zwar höhere Temperaturen er-
reicht, aber eine kleinere Oberfläche hat als die Glühkerze. Demzufolge ist der Gesamt-
Wärmestrom bei Verwendung einer Glühkerze größer. Infolgedessen traten in den Expe-
rimenten Grenzfälle auf, die mit der Glühkerze angezündet werden konnten, jedoch nicht
mit der Glühwendel. Der stärkere Energieeintrag der Glühkerze ist der ausschlaggeben-
de Grund, weshalb sie im Vergleich zur Glühwendel bevorzugt wird. Weitere Vorteile
der Glühkerze sind die einfache Handhabbarkeit und technische Implementierbarkeit in
den einzelnen Messsystemen. Sie wird, wie bei der Beschreibung der Messsysteme (Ab-
schnitt 3.2) noch im Detail erläutert wird, entweder direkt in das Prüfrohr geschraubt
oder mit einem Adapter durch den Autoklaven geführt. Weiterhin ist ihre Zuverlässigkeit
und mechanische Unempfindlichkeit höher, als die einer Glühwendel. Die Glühkerze hält
39
bei einer elektrischen Leistung von 40 W ihre Temperatur von ca. 600 Cfür eine Stunde.
Die Oberflächentemperatur der Glühkerze ist durch die angelegte elektrische Leistung
im Bereich zwischen 150 Cbis 1000 Cbeliebig einstellbar. Voruntersuchungen haben
gezeigt, dass die Oberflächentemperatur bei einer bestimmten elektrischen Leistung gut
reproduzierbar ist. Eine Glühkerze spiegelt gut die realen Bedingungen wider. Typische
Deflagrationsszenarien in der Realität sind beispielsweise, dass heiße Fremdkörper in ein
Schüttgut fallen oder aufgrund von Fehlfunktionen oder Abweichungen vom Sollbetrieb
heiße Oberflächen entstehen.
Wenn mit einer Zündmischung angezündet wird, wird die Probe mit wenigen Gramm
der Zündmischung überschichtet und die Zündmischung wird mit einer Glühwendel oder
Glühkerze angezündet. Um Flüssigkeiten anzuzünden, kann die Zündmischung in einer
Latexhülle an der Glühwendel bzw. Glühkerze befestigt werden [85]. Der eigentliche
Wärmeeintrag findet durch die Zündmischung statt, welche in kurzer Zeit sehr hohe
Temperaturen an der Oberfläche der Probe entwickelt. Die zugeführte Wärmemenge ist
während der Zeit, in der die Zündmischung wirksam ist (einige Sekunden) wesentlich
höher, als bei Anzündung mit Glühkerze. Nachteilig ist jedoch die kurze Zeitdauer des
Wärmeeintrags.
Die Verwendung eines Mikrobrenners kommt vor allem bei offenen Messsystemen in
Frage. Die Flamme des Brenners ist schwer kontrollierbar und es wäre im Vergleich
zu den anderen Anzündquellen ein hoher Aufwand erforderlich, um bei jedem Versuch
einen konstanten Energieeintrag zu garantieren. In geschlossenen Systemen kommt das
Problem der generellen technischen Realisierung hinzu. Es sollen Versuche in beliebigen,
definierten Gasatmosphären durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang erscheint
die Verwendung eines Mikrobrenners, der Sauerstoff zur Verbrennung benötigt, nicht
sinnvoll. Selbst wenn der Sauerstoff von außen zugeführt würde, kann nicht garantiert
werden, dass die Gasatmosphäre im Inneren des Messsystems von der Anzündquelle
nicht beeinflusst wird, beispielsweise bei einer unvollständigen Verbrennung. Aufgrund
der geschilderten Nachteile wurde von der Verwendung eines Mikrobrenners in den ent-
wickelten Messsystemen abgesehen.
Aufgrund der beschriebenen Vorteile wurde die Glühkerze als Standard-Anzündquelle
in den entwickelten Messsystemen ausgewählt. Bei schwer anzündbaren Substanzen kann
zusätzlich eine Zündmischung verwendet werden. Die gesammelten experimentellen Er-
fahrungen zeigen, dass die Glühkerze eine Lebensdauer von mindestens zwei Wochen bei
täglichem Messbetrieb aufweist. Alterungseffekte der Glühkerze wurden nicht beobach-
tet. In der Regel versagte die Glühkerze bei übermäßiger Belastung, beispielsweise wenn
viele Messungen mit langer Einschaltzeit (t > 5min) durchgeführt wurden. Bei kurzen
Einschaltzeiten (t < 1min) war die Glühkerze auch über Zeiträume von mehr als zwei
Wochen verfügbar.
40
3.2.3 Offene Systeme: VDI-Test und UN-Test-C.2
Versuchsaufbau
Für die Deflagrationsprüfung nach VDI 2263-1 stand der standardmäßige Versuchsauf-
bau zur Verfügung, wie er in der VDI-Richtlinie beschrieben ist [23]. Um Auswirkungen
auf die Prüfergebnisse zu studieren, wurden gewisse Details des Aufbaus abgewandelt.
So wurden neben dem vorgesehenen Glasrohr auch Stahlrohre verwendet, und die Rohr-
durchmesser wurden zwischen 20 mm und 50 mm variiert. Die Länge der Rohre betrug
20 cm bis 28 cm. Die Versuchsanordnung wird in Abbildung 3.3 dargestellt.
Abbildung 3.3: Versuchsanordnung der Deflagrationsprüfung laut VDI 2263-1 [23]
In der Mitte des Rohrquerschnitts wurden vier Thermoelemente angebracht, die bei
Versuchen mit 9 cm Füllhöhe einen definierten Abstand von 2 cm zueinander hatten. Da-
bei kamen 1,5 mm NiCr-Ni–Mantelthermoelemente zum Einsatz. Die Temperatursignale
wurden mit einer Delphin Box der Firma Delphin Systems GmbH erfasst und über einen
RS-232/422-Converter an den Messrechner übertragen. Dort wurden die Temperatur-
Zeit-Verläufe mit Hilfe der Software „MessHaus“ (Firma Delphin Systems GmbH) wäh-
rend der Messung angezeigt und abgespeichert. Die Abtastfrequenz lag bei einem Wert
pro Sekunde.
Die Anzündquelle (Glühdraht oder Glühkerze) war an der Rohrunterseite positio-
niert und mittels eines Labornetzgeräts konnte eine gewünschte Leistung eingestellt
werden. Es kam das Labornetzgerät „Power Supply EA PS 9032-20“ der Firma Elektro-
Automatik GmbH und Co. KG zum Einsatz, welches eine Spannung zwischen 0 V und
32 V DC sowie eine Stromstärke zwischen 0 A und 20 A ausgibt.
Der Aufbau des UN Tests C.2 (Deflagration Test) entsprach den Vorgaben des UN-
Prüfhandbuchs [18, S. 261]. Das verwendete Dewar-Gefäß wird in Abbildung 3.4 skiz-
ziert, in der auch die Markierungen der Temperaturmessstellen enthalten sind.
41
Abbildung 3.4: Versuchsanordnung der Deflagrationsprüfung laut UN Test C.2 [18]
Die Füllhöhe liegt 20 mm unterhalb des oberen Randes (Bereich A). Der Bereich B
dient mit einer Länge von 30 mm als Anlaufstrecke der Deflagration. Im Bereich C (Län-
ge: 50 mm) wird die Ausbreitungsrate bestimmt. Die Temperaturaufzeichnung erfolgte
mit Temperaturmessschreibern.
Versuchsdurchführung
Die Versuche an der Apparatur, die in VDI 2263-1 beschrieben ist, wurden im Rah-
men einer Masterarbeit bei Bayer Technology Services GmbH im sicherheitstechnischen
Laboratorium der Abteilung „Process and Plant Safety“ durchgeführt [76]. Das Messsys-
tem wurde unter einem Laborabzug bei normalen atmosphärischen Bedingungen (Um-
gebungsdruck, offenes System) betrieben.
Das Prüfrohr wurde in der Regel bis zu einer Höhe von 9 cm befüllt, sodass bei je-
dem Versuch ein gleiches definiertes Volumen vorlag. Für Standard-Versuche wurde eine
lose Schüttung der Substanz eingegeben. Bei den Versuchen mit erhöhter Schüttdich-
te wurden jeweils 15 g der Substanz eingegeben und anschließend mit einem an einer
Stativstange befestigten Gummistopfen verdichtet. Diese Prozedur wurde solange wie-
derholt, bis die gewünschte Füllhöhe erreicht war. Nach dem Einfüllen wurde die Masse
der eingegebenen Substanz bestimmt, sodass bei jeder Messung die Schüttdichte ange-
geben werden kann.
Anschließend wurde das Rohr an der Klemme einer Stativstange befestigt und die
vier Thermoelemente wurden so angebracht, dass sie sich in der Mitte der Schüttung
befanden. Dabei war das untere Thermoelement ca. 1 cm oberhalb der Anzündquelle
positioniert. Bei Verwendung kleinerer Rohre wurden diese vor dem Befüllen in das
große Rohr gestellt und mit geeigneten Distanzstücken im oberen Bereich fixiert. Bei
Versuchen mit erhöhter Anfangstemperatur wurde das Prüfrohr mit einer elektrischen
Heizmanschette vor Versuchsbeginn auf die gewünschte Temperatur erwärmt.
42
Eine Messung begann mit dem zeitgleichen Anlegen einer elektrischen Leistung und
dem Starten der Temperatur-Zeit-Aufzeichnung. Da sich die Anzündquelle während der
Messung erwärmt, steigt der elektrische Widerstand und somit die angelegte Spannung.
Um diesen Anstieg zu korrigieren, wurde die elektrischen Leistung während einer Mes-
sung durch Regelung der Stromstärke konstant auf dem gewünschten Wert gehalten.
Nachdem keine Reaktion mehr zu verzeichnen war, wurde die Messung gestoppt. Wenn
eine Substanz nicht zu deflagrieren begann, wurde der Versuch in der Regel nach fünf
Minuten beendet.
Der Beginn und die Ausbreitung einer Deflagration wurden mittels vier Thermoele-
menten detektiert, die in einem bestimmten Abstand voneinander angebracht waren.
Der Abstand betrug bei den Messungen mit 9cm Füllhöhe 2 cm und wurde bei anderen
Füllhöhen proportional angepasst.
Die Deflagrationsprüfungen im Messsystem des UN-Tests C.2 wurden in einem Bun-
kerraum der Bundesanstalt für Materialprüfung und -forschung (BAM) durchgeführt.
Die Probe wurde vor dem Versuch in einem Ofen auf eine Temperatur von 50 Cer-
wärmt. Die Anzündung der Probe erfolgte mit einem Gasbrenner von oben.
3.2.4 Geschlossenes System 1: 4-L-Druckbehälter
Versuchsaufbau
Der Aufbau einer Deflagrationsprüfung innerhalb eines 4-L-Autoklaven wurde mit dem
Ziel entwickelt, eine vergleichbare Versuchsanordnung wie in VDI 2263-1 innerhalb eines
geschlossenen Systems zu erhalten. Das Messsystem ist in den Abbildungen 3.5 und A.1
(Bild im Anhang) dargestellt.
1
D
T
3
T
0-100
Grad
mV
10-50
I-25
5
4
D
7
6
9
10
11 8
12
13
2
1) Autoklav mit Heizmantel
2) Probenhalterung, Prüfrohr
3) Thermoelemente T1, T2, T3
4) Thermoelement Gasraum
5) Berstscheibe
6) Kompressor
7) Vakuumpumpe
8) Vakuum-Manometer
9) Ventil Gaseinlass
10) Ventil Gasauslass
11) Drucksensor
12) A/D-Wandler
13) Computer
Abbildung 3.5: Fließbild des 4-L-Autoklaven
43
Der Autoklav ist für einen statischen Druck von 400 bar bei einer Temperatur von
400 Causgelegt. Ebenso hält er einem Vakuum bis zu 5 mbar zuverlässig stand. Die
Berstscheibe wurde so ausgewählt, dass der Berstdruck der Berstscheibe 50 % der maxi-
mal zulässigen Druckbelastung des Behälters nicht übersteigt. Der Autoklav wurde auf
einem hydraulisch höhenverstellbaren Tisch montiert. Der Deckel wurde über dem Auto-
klaven in einer festen Position fixiert. Zum Verschließen des Autoklaven wurde der Tisch
nach oben bewegt, zum Öffnen nach unten. Dies bietet die Möglichkeit, die schweren
Teile unter geringem Krafteinsatz bewegen zu können. Darüber hinaus konnten außen
an dem starr an der Halterung montierten Deckel Anbauteile (Rohre, Messsensoren etc.)
installiert werden, die während des Öffnens und Schließens des Autoklaven nicht ab- oder
angebaut werden müssen. An der Wandung des Autoklaven wurde ein Aluminiumheiz-
mantel mit Thermoelement angebracht. Zur Regelung der Temperatur des Heizmantels
wurde ein West 6100+ Temperature Controller“ der Firma ISE, Inc. verwendet.
Am Deckel befinden sich die Durchführungen für Gaseinlass und -auslass, Thermo-
elemente, Berstscheibe und Anzündvorrichtung. Es wurden 1/4”-Rohre mit Swagelok-
Verbindungen zur Ein- und Ausleitung von Gasen verwendet. An den Rohrenden be-
fanden sich elektrisch fernsteuerbare Ventile. An der Rohrleitung für den Gasauslass
wurde ein piezoresistiver Druckaufnehmer des Typs PA-10 von der Firma Keller AG an-
gebracht. Er hat einem Messbereich von 0 bara bis 200 bara, eine Auflösung von 0,1 bar
und eine Ansprechzeit von 10 ms. Das Messsignal wurde von einem piezoresistiven Ver-
stärker des Typs 4603B10 der Firma Kistler Instrumente AG erfasst. Bei Versuchen
unter reduziertem Anfangsdruck wurde zusätzlich ein manuelles Manometer verwendet,
mit dem der Druck im Bereich zwischen 0 mbara und 1500 mbara auf 10 mbar genau
abgelesen werden konnte.
Analog zum Versuchsaufbau des offenen Systems wurden drei Thermoelemente (T1,
T2, T3) zur Temperaturmessung mittig innerhalb des Prüfrohrs in unterschiedlichen
Höhen platziert. Es wurden 1,5 mm NiCr-Ni–Mantelthermoelemente vom Typ K ver-
wendet. Thermoelement 1 (T1) war in einer Höhe von 4 cm, T2 in einer Höhe von 6,5 cm
und T3 in einer Höhe von 8,5 cm angebracht, jeweils gemessen vom Boden des Prüfroh-
res. Die Temperaturmessstellen wurden für einzelne Experimente im Bedarfsfall variiert.
Ein weiteres Thermoelement wurde außerhalb des Prüfrohres in der Nähe des Bodens
des Autoklaven positioniert. Die Thermoelemente wurden an eine SAM-Modulbox S1
der Firma Bedo Elektronik GmbH angeschlossen.
Die einzelnen Signale der SAM-Modulbox und des Druckmesswandlers wurden über
eine Multi Choice USB-Box der Firma Goldammer GmbH an den Messrechner gesen-
det. Dort wurden die Druck- und Temperaturverläufe in einem „LabView“-Programm
angezeigt und gespeichert.
Das Prüfrohr mit einem Innendurchmesser von 48 mm und einer Höhe von 13,5 cm
wurde am Deckel des Autoklaven aufgehängt. Für Standardversuche wurde es bis zu
einer Höhe von 9 cm mit Substanz befüllt. Der Abstand des Prüfrohrs zum Boden des
Autoklaven betrug 0,5 cm und der Abstand zum Deckel 1,5 cm. Zur Aufhängung wurden
zwei Gewindestangen verwendet. Dieses Konstrukt erfüllte neben der Rohr-Aufhängung
eine zweite Funktion, nämlich dass der Anzündstrom durch die Gewindestangen zur
Glühkerze geleitet wird.
44
Versuchsdurchführung
Die Autoklavenversuche wurden in einem Bunkerraum der BAM durchgeführt. Über
einen räumlich getrennten Bedienstand im Bunker-Vorraum wurden die Messungen ge-
startet und beendet.
Prinzipiell wurde bei der Vorbereitung der Proben gleich vorgegangen, wie bei den
Experimenten am offenen System. In Zuge der experimentellen Arbeiten wurde jedoch
der Einfüllprozess der Probe in das Prüfrohr verbessert. Während bei den Experimenten
am offenen System ausschließlich auf das Volumen der Schüttung geachtet wurde, wurde
bei Experimenten im geschlossenen System auch die Masse beachtet. Da das Einfüllen
einem gewissen Zufallseinfluss unterliegt, kann die Masse der Proben variieren, wenn
ausschließlich darauf geachtet wird, bei jeder Probe ein gleiches Schüttvolumen zu er-
halten. Dies führt zu Proben mit unterschiedlichen Schüttdichten und verschlechtert die
Reproduzierbarkeit einzelner Messungen.
Aus diesem Grund wurde ein einheitliches und standardisiertes Schema zum Einfüllen
der Proben in das Prüfrohr etabliert, welches gewährleistet, in jeder Messung identisch
vorbereitete Proben zu verwenden. Der wichtigste Aspekt hierbei ist die Verwendung
von Proben mit jeweils konstanter Schüttdichte. Das heißt, dass nicht nur das Volumen,
sondern auch die Masse einer bestimmten Substanz für alle Versuche, bei sonst gleichen
Parametern, identisch war.
Bei der Herstellung von Schüttungen mit geringer Schüttdichte wurde wie folgt vor-
gegangen. Es wurde eine definierte und immer gleiche Masse an Substanz eingefüllt (bei
sonst gleichen Paramtern). Diese Masse war so kalkuliert, dass die Füllhöhe ca. 0,5 cm
bis 1 cm über der gewünschten Füllhöhe lag. Durch Klopfen während des Einfüllens wur-
de die Schüttung ein wenig verdichtet, sodass sie nach unten bis zu der Stelle sank, an
der die gewünschte Füllhöhe markiert war. Der Abstand zur Rohroberseite wurde mit
einem Zollstock nachgemessen, um auf jeweils 3 mm genau gleiche Füllhöhen zu erhalten.
Somit war sichergestellt, dass bei allen Versuchen Schüttungen mit identischer Schütt-
dichte vorlagen. Als Richtwert wurde etabliert, in etwa 5 % mehr Masse in das Prüfrohr
einzuwiegen als zum Herstellen einer vollkommen losen Schüttung nötig wäre.
Schüttungen mit hoher Schüttdichte wurden mit einer definierten Kraft in mehreren
Schritten während des Einfüllens verdichtet. Es wurden jeweils 12 g Substanz in das
Rohr gegeben und mit einer Kraft von 80 N verdichtet. Zum Verdichten wurde das
Rohr auf eine Kraftmessdose mit einer Querschnittsfläche von 8,55 cm2gestellt und
die Substanz mit einer zylinderförmigen Vorrichtung angedrückt. Dabei wirkte auf die
Substanz ein Druck von 9,36 ·104N/m2. Es wurden so oft einzelne Teilmengen zugegeben
und verdichtet, bis die gewünschte Füllhöhe exakt erreicht war. Im Unterschied zu den
Versuchen in der offenen Apparatur wurde hier mit jeweils konstanter und definierter
Kraft verdichtet, sodass von gleichmäßigeren Schüttungen auszugehen ist.
Nachdem das Prüfrohr befüllt war, wurde es an der vorgesehenen Vorrichtung am Au-
toklavendeckel aufgehängt. Dabei wurde beachtet, die Schüttung durch die Thermoele-
mente wenig zu beeinflussen, indem das Rohr von unten in einer senkrechten Achse nach
oben bis zur gewünschten Position geführt wurde. Anschließend wurden die Gewinde-
stangen auf beiden Seiten jeweils miteinander verbunden und der Autoklav verschlossen.
45
An dieser Stelle muss unterschieden werden, bei welchen Bedingungen der einzelne
Versuch durchgeführt wird. Für Versuche unter atmosphärischen Bedingungen wurde
nach dem Verschließen nichts weiter unternommen und der jeweilige Versuch direkt
gestartet. Für Versuche unter nicht-atmosphärischen Bedingungen musste vor Initiierung
der Reaktion die gewünschte Gasatmosphäre hergestellt werden.
Die Einstellung reduzierter Anfangsdrücke erfolgte mithilfe einer Vakuumpumpe. Das
Innere des Druckbehälters wurde insgesamt dreimal evakuiert und jeweils mit Stickstoff
gespült. Während des dritten Evakuierens wurde der gewünschte Druck mithilfe eines
zugeschalteten Vakuum-Manometers eingestellt. Es wurde langsam evakuiert (3 mbar/s),
um die Schüttung nicht zu beeinflussen. Sobald der gewünschte Druck erreicht war,
wurde das entsprechende Ventil am Gasausgang sofort verschlossen. Danach wurde der
eigentliche Versuch gestartet. Während eines Versuchs wurde der Versuchsraum nicht
evakuiert, es fand kein Stoffaustausch mit der Umgebung statt. Erhöhte Anfangsdrücke
wurden hergestellt, indem Stickstoff in den Druckbehälter geleitet und das Ventil am
Gaseinlass sofort verschlossen wurde, als der gewünschte Druck erreicht war.
Eine Messung wurde mit dem simultanen Einschalten des Labornetzgeräts und des
Messprogramms begonnen. Während einer Messung wurde die angelegte elektrische Leis-
tung durch Regelung der Stromstärke konstant bei 40 W gehalten. Nachdem keine Re-
aktion mehr zu verzeichnen war, wurde das Labornetzgerät ausgeschaltet und einige
Zeit später die Messung beendet. Zur Druckentlastung wurde das Ventil am Gasauslass
geöffnet, und anschließend der Bunkerraum belüftet.
3.2.5 Geschlossenes System 2: 200-mL-Druckbehälter
Der 200-mL-Autoklav wurde prinzipiell in die gleiche Versuchsanordnung eingebettet
wie der 4-L-Autoklav (vgl. Abbildung 3.5). Der Aufbau des 200-mL-Autoklaven wird in
Abbildung 3.6 schematisch dargestellt. In diesem Messsystem sind alle Möglichkeiten,
beliebige Gasatmosphären herzustellen (Unter-/Überdruck, Stickstoffatmosphäre oder
andere), wie im 4-L-Druckbehälter gegeben. Ebenfalls wurde die bewährte Nutzung ei-
nes Probenhalters in Form eines Prüfrohrs beibehalten, sodass die Probe nicht direkt in
den Autoklaven eingefüllt werden musste. Dies ermöglichte, nahezu die gesamte Höhe
des Autoklaven auszunutzen und weiterhin eine mögliche Lauflänge für die Reaktions-
front von 9 cm zu gewährleisten. Gleichzeitig konnte die Apparatur zu ca. 33 % befüllt
betrieben werden (Volumenanteil der Probe und Einbauten am Gesamtvolumen).
Als Prüfrohr wurde ein Stahlrohr mit einem Innendurchmesser von 2,6 cm und mit
einer Höhe von 9 cm verwendet, welches bis zum oberen Rand mit der Probe befüllt
wurde. Die Probe wurde von unten oder von oben mit einer Glühkerze angezündet.
Die Temperaturmessstellen befanden sich ausgehend vom Boden des Prüfrohrs (An-
zündung unten) bzw. ausgehend von der Oberkante des Rohrs (Anzündung oben) auf
einer Höhe von 3,5 cm, 5 cm und 7 cm. Das erste Thermoelement war jeweils 1,5 cm von
der Spitze der Glühkerze entfernt. Die Positionsangaben und die Reihenfolge der Num-
merierung der Thermoelemente von T1 bis T3 erfolgen immer in Ausbreitungsrichtung
der Reaktionsfront. Die Versuche wurden auf gleiche Art und Weise durchgeführt, wie
die im 4 L Autoklaven.
46
Druck Temperatur
T3
T2
T1
Abbildung 3.6: Schematischer Aufbau des 200-mL-Autoklaven
3.2.6 Geschlossenes System 3: 18-L-Druckbehälter
Dieses Messsystem bestand in seinem Kern aus dem 4-L-Druckbehälter, der mit einer
Rohrleitung (Durchmesser: 3 cm) mit einem Ausgleichsbehälter mit einem Volumen von
14 L verbunden wurde. Als Prüfrohr wurde ein Stahlrohr mit 2,6 cm Innendurchmes-
ser und mit einer Höhe von 9 cm verwendet, analog zum 200-mL-Druckbehälter. Das
Prüfrohr wurde bis zum oberen Rand mit der Probe befüllt. So wurde ein günstiges
Verhältnis von Probevolumen zu Behältervolumen für den Zweck, den Druck während
eines Experiments annähernd konstant zu halten, erreicht.
Abgesehen von den beschriebenen Veränderungen waren der Versuchsaufbau und die
Versuchsdurchführung analog zu dem des 4-L-Druckbehälters, wie in Unterabschnitt
3.2.4 erläutert wurde. Bei der Verbindung zwischen 4 L- und 14 L-Druckbehälter ist ein
ausreichender Rohrquerschnitt zu verwenden, damit auch bei hohen Gasbildungsraten
der Druckausgleich zwischen den beiden Behältern in jedem Zeitpunkt gegeben ist.
47
3.3 Kenngrößen zur Beschreibung des
Deflagrationsverhaltens
Zur Beschreibung des Deflagrationsverhaltens wurden Kenngrößen verwendet, die einen
quantitativen Vergleich der einzelnen Experimente ermöglichen. Typischerweise wurden
während einer Deflagrationsprüfung der zeitliche Druck- und Temperaturverlauf aufge-
zeichnet. Ein beispielhaftes Messdiagramm wird in Abbildung 3.7 dargestellt.
Abbildung 3.7: Zeitlicher Druck- und Temperaturverlauf bei einem Versuch mit ADCA
Zur Versuchsauswertung und -beurteilung wurden sechs Kenngrößen in Betracht ge-
zogen: die Induktionszeit, der maximal erreichte Druck bzw. die maximal erreichte Tem-
peratur, die lineare Ausbreitungsrate und die Druck- bzw. Temperaturanstiegsrate.
Als Induktionszeit wurde die Zeit vom Einschalten der Anzündquelle bis zum ersten
Temperaturanstieg definiert. Die Anzündquelle wurde bei allen Versuchen in t = 0 s
eingeschaltet. Für die Ermittlung der Induktionszeit wurde das Thermoelement heran-
gezogen, welches in etwa 2 cm von der Glühkerze entfernt war. Die Induktionszeit wurde
an der Stelle abgelesen, an der der erste deutliche Temperaturanstieg erkennbar war.
Diese Stelle wurde durch folgendes Kriterium definiert:
sgesuchterZeitpunkt =sBasislinie +smax
2.(3.1)
Es besagt, dass die Steigung sim gesuchten Zeitpunkt dem Mittelwert der Steigun-
gen der Basislinie und der maximalen Steigung der Kurve entsprechen muss. Ausgehend
48
von der Basislinie, das heißt im Diagramm von links kommend, wird die erste Stelle
ausgewählt, für die dieses Kriterium erfüllt ist. An dieser Stelle wird die entsprechende
Induktionszeit abgelesen. Um zu überprüfen, dass dieser Temperaturanstieg tatsächlich
eine beginnende Deflagration anzeigt, muss im gleichen Zeitintervall auch ein Druckan-
stieg gegeben sein.
Der maximal erreichte Druck wurde direkt aus den Messdiagrammen abgelesen. Die
Kinetik der Zersetzungsreaktion lässt sich anhand der drei Kenngrößen lineare Aus-
breitungsrate [mm/s], Druckanstiegsrate [bar/s] und Temperaturanstiegsrate [C/s] be-
schreiben. Die lineare Ausbreitungsrate wurde aus dem zeitlichen Versatz der Tempera-
tursignale bestimmt. Daraus lässt sich ein unmittelbarer Rückschluss auf das Fortschrei-
ten der Zersetzungsfront ziehen. Es wurden jeweils Werte für die Wegstrecke zwischen
der ersten und zweiten sowie zwischen der zweiten und dritten Temperaturmessstelle
ermittelt und daraus ein zeitlich gewichteter Mittelwert gebildet.
Die maximale Druckanstiegsrate wurde durch Anlegen einer Tangente an die steilste
Stelle des zeitlichen Druckanstiegs ermittelt. Ebenso wurde die maximale Temperaturan-
stiegsrate ermittelt. Neben den maximalen Anstiegsraten werden auch mittlere Druck-
bzw. Temperaturanstiegsraten angegeben. Diese beziehen sich auf den durchschnittli-
chen zeitlichen Anstieg des Druckes bzw. der Temperatur im Bereich zwischen 20 %
und 80 % des gesamten Druck- bzw. Temperaturanstiegs. Für die Ermittlung der Tem-
peraturanstiegsrate wurde das Thermoelement herangezogen, welches in etwa 2 cm von
der Glühkerze entfernt war. Darüber hinaus wurde eine gesamte Druckanstiegsrate er-
mittelt. Sie gibt die durchschnittliche Steigung der Druckkurve im Bereich des gesamten
Druckanstiegs, das heißt von Beginn der Druckentwicklung zum Zeitpunkt tStart bis zum
Auftreten des Maximalwerts pmax zum Zeitpunkt tEnde, an:
p
t!ges
=pmax p0
tEnde tStart
.(3.2)
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden vor allem die lineare Ausbreitungsrate und
die Druckanstiegsrate als Maß für die Deflagrationsgeschwindigkeit verwendet.
49
4 Ergebnisse und Diskussion
In dieser Arbeit werden zwei wesentliche Schwerpunkte gelegt. Einerseits werden die
neu entwickelten Messsysteme umfassend charakterisiert und miteinander verglichen.
Andererseits wird das Deflagrationsverhalten unter verschiedenen Bedingungen (An-
fangsdruck, Füllgrad, Rohrdurchmesser und weitere Parameter) untersucht, um neue
Erkenntnisse über diese Reaktionsart zu erlangen. Da beide Schwerpunktthemen inein-
ander greifen und unauflösbar miteinander gekoppelt sind, werden sie in einem gemein-
samen Kapitel behandelt.
4.1 Charakterisierung der neuen Messsysteme und
Festlegung standardisierter Versuchsbedingungen
Definition eines Standardversuchs
Um Ergebnisse verschiedener Substanzen zu vergleichen, müssen standardisierte Ver-
suchsbedingungen festgelegt werden. Die Vielfalt an möglichen Randbedingungen (Tem-
peratur, Druck, Gasphase etc.) macht es erforderlich, bestimmte Parameter zu definieren,
die einen Standardversuch kennzeichnen. Diese sind:
Prüfrohr mit einem Durchmesser von 48 mm im 4-L-Druckbehälter und in der
VDI-Methode bzw. 26 mm im 200-mL-Druckbehälter
Füllhöhe: 9 cm
Leicht verdichtete Schüttung mit ca. 5 % mehr Masse als bei vollkommen loser
Schüttung
Anfangstemperatur T0: Raumtemperatur
Anfangsdruck p0: atmosphärischer Druck
Gasphase: Luft
Im Verlauf dieser Arbeit wird mehrmals auf die Ergebnisse von Standardversuchen zu-
rück gegriffen.
50
4.1.1 Festlegung einer geeigneten Anzündleistung der Glühkerze
Die Induktionszeit wird in dieser Arbeit als Kenngröße zur Beschreibung des Deflagrati-
onsverhaltens verwendet. Da sie von der Oberflächentemperatur der Glühkerze abhängt,
ist es ein wichtiger Bestandteil der Versuchsbedingungen, in jedem Experiment identische
Oberflächentemperaturen zu verwenden. Andernfalls wären die jeweiligen Induktionszei-
ten nicht reproduzierbar und vergleichbar. Die Oberflächentemperatur hängt wiederum
von der Anzündleistung der Glühkerze ab. Sie kann nicht unmittelbar eingestellt werden,
sondern wird durch die Wahl einer bestimmten Anzündleistung geregelt.
Um die Oberflächentemperatur in Abhängigkeit von der gewählten Anzündleistung
festzustellen, wurden im Vorfeld Kalibriermessungen durchgeführt. Dazu wurden mit-
tels Labornetzgerät verschiedene elektrische Leistungen eingestellt und die entsprechen-
de konstante Oberflächentemperatur, die sich nach einer gewissen Wartezeit einstellt,
notiert. Die Glühkerze befand sich dabei entweder in Umgebungsluft oder innerhalb ei-
ner Inertsubstanz (Kieselgur). Zur Temperaturmessung wurde ein Thermoelement an
der Oberfläche der Glühkerze positioniert. Die Temperatur wurde kontinuierlich auf-
gezeichnet. Die entsprechenden Ergebnisse werden in Abschnitt 4.1.2 diskutiert. Die
Oberflächentemperaturen, die im stationären Zustand in Abhängigkeit der jeweiligen
Anzündleistung bestimmt wurden, werden im Anhang in Tabelle A.1 dargestellt.
Um den Einfluss der Anzündleistung auf die Induktionszeit aufzuzeigen, wurde eine
Messreihe mit ADCA durchgeführt (Standardversuche im offenen Messsystem). Die Er-
gebnisse werden in Abbildung 4.1 dargestellt.
0 10 20 30 40 50 6 0 70 80 90 100
0
50
100
150
200
250
300
Induktionszeit [s]
Anzündleistung [W ]
Modell
Allometric 1
Gleichung
y = a*x^b
Chi-Quadr
Reduziert
65,53208
Kor. R-Quadra
0,98087
W ert Standardfehler
Induktionszeit
a 6458,3200 906,91148
b -1,54271 0,06005
Abbildung 4.1: Abhängigkeit der Induktionszeit von der Anzündleistung der Glühkerze
bei reinem ADCA (Standardversuche im offenen Messsystem)
51
Es ist zu erkennen, dass die Induktionszeit mit sinkender Anzündleistung steigt. Der
Kurvenverlauf nähert sich asymptotisch einer Anzündleistung an, bei der die Oberflä-
chentemperatur in etwa der Onset-Temperatur aus DSC-Messungen entspricht. Dieser
Grenzwert liegt im vorliegenden Fall bei ca. 180 C. Bei hoher Anzündleistung nähert
sich die Induktionszeit dem Wert tInd = 10 s an. Die Abbildung 4.1 zeigt darüber hinaus,
dass die Induktionszeit von ADCA bei geringer Anzündleistung sehr sensitiv gegenüber
einer Änderung der Anzündleistung ist, im Gegensatz zu höheren Anzündleistungen.
Die Festlegung einer bestimmten Anzündleistung ein wichtiger Schritt zur Standar-
disierung der Versuchsbedingungen. Die Anforderungen an das zu entwickelnde Mess-
system beinhalten, dass die Glühkerze für einen Zeitraum von ca.10 min zuverlässig
verfügbar ist. Außerdem soll die Glühkerze für mehrere Versuche wiederholt einsetzbar
sein und dabei ein reproduzierbares Verhalten aufweisen.
Da eine Glühkerze nicht dafür ausgelegt ist, sehr hohe Temperaturen (> 1000 C)
über einen längeren Zeitraum zu halten, darf die Oberflächentemperatur nicht beliebig
hoch eingestellt werden [86]. Bei hohen Temperaturen gibt es erstens starke Tempera-
turschwankungen und zweitens ist dann die Lebensdauer der Glühkerze begrenzt.
Dennoch muss die Oberflächentemperatur der Glühkerze ausreichend hoch sein, damit
auch bei schwer anzündbaren Substanzen eine Deflagration initiiert werden kann. Au-
ßerdem ist es zur Initiierung einer lokalen Umsetzung erforderlich, in kurzer Zeit einen
hohen Energieeintrag zu gewährleisten.
Durch die zuvor erläuterte Studie zur Abhängigkeit der Induktionszeit von der An-
zündleistung, durch Kalibriermessungen und durch Testmessungen mit reaktiven Sub-
stanzen wurde festgestellt, dass bei einer elektrischen Leistung von 40 W ein guter Kom-
promiss zwischen hoher Oberflächentemperatur und Zuverlässigkeit bzw. Langlebigkeit
der Glühkerze herrscht. Bei diesem Standardwert beträgt die Oberflächentemperatur
innerhalb einer Kieselgur-Schüttung ca. 850 Cund in Luft ca. 630 C.
4.1.2 rmetransportbedingungen in den Messsystemen und ihre
Druckabhängigkeit
Neben der Festlegung der standardmäßigen Anzündleistung ist die Zeitabhängigkeit der
Oberflächentemperatur der Glühkerze ein weiterer wichtiger Parameter. Bei geringen
elektrischen Leistungen, wie sie hier verwendet wurden, dauert es mehrere Minuten,
bis die Glühkerze eine stationäre Oberflächenendtemperatur erreicht. Die Initiierung
einer Deflagration findet meist statt, bevor diese Temperatur erreicht wurde. Um die
genaue zeitabhängige Temperaturverteilung im Messsystem zu charakterisieren, wurden
entsprechende Messungen durchgeführt, zum einen bei atmosphärischem Druck und zum
anderen bei reduziertem Druck.
4.1.2.1 Wärmetransportbedingungen bei atmosphärischem Druck
Zur Charakterisierung der Wärmetransportbedingungen in den Messsystemen wurden
Aufheizkurven mit der Inertsubstanz Kieselgur aufgenommen. Einerseits soll die tat-
sächliche Temperatur der Anzündquelle und der Substanz in deren unmittelbaren Nähe
52
zum Zeitpunkt des Deflagrationsbeginns abgeschätzt werden. Andererseits ist es zur
Interpretation der reaktiven Versuche essentiell, die zeitliche und räumliche Tempera-
turverteilung im Schüttgut vor dem Zeitpunkt des Deflagrationsbeginns zu kennen.
Bei diesen Messungen wurde der in Abschnitt 4.1.1 festgelegte Standardwert der An-
zündleistung von P= 40 W verwendet. Sie wurden in beiden neuen Messsystemen, al-
so im 4-L-Druckbehälter und im 200-mL-Druckbehälter, durchgeführt. Die gemessenen
Temperaturkurven werden am Ende dieses Abschnitts verglichen.
Zunächst werden die Messungen im 4-L-Druckbehälter erläutert. Die Messanordnung
war weitestgehend identisch mit derjenigen der reaktiven Versuche. Einzig die Position
der Thermoelemente wurde so verändert, dass der Temperaturverlauf an den relevanten
Positionen erhoben werden konnte. Die erste Messstelle befand sich in 2 cm Höhe und
berührte die Spitze der Glühkerze. Die anderen beiden Messstellen befanden sich mittig
im Prüfrohr bei einer Höhe von 4 cm bzw. 8,5 cm, also 2 cm bzw. 6,5 cm von der Spitze
der Glühkerze entfernt. Die Gesamthöhe des Schüttguts betrug 9 cm.
In Abbildung 4.2 werden die Aufheizkurven der Glühkerze dargestellt. Neben den
Temperaturkurven, die in der Kieselgur-Schüttung gemessen wurden, ist zum Vergleich
zusätzlich die Aufheizkurve der Glühkerze in Luft eingezeichnet. Um diese Kurve zu
erhalten, wurde die Glühkerze freistehend in Luft aufgeheizt, wobei ein Thermoelement
an der Oberfläche der Glühkerze fixiert war.
0 100 200 300 400 500 600
0
100
200
300
400
500
600
700
800
Temperatur T [°C]
Zeit t [s]
T GK (Luft)
2 cm (SiO
2
)
4 cm (SiO
2
)
8,5 cm (SiO
2
)
0 20 40 60 80 100 120
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
550
Temperatur T [°C]
Zeit t [s]
T Onset
T GK (Luft)
2 cm (Si O
2
)
4 cm (Si O
2
)
8,5 cm (SiO
2
)
Abbildung 4.2: Aufheizkurven in Kieselgur, gemessen im 4-L-Druckbehälter an ver-
schiedenen Positionen, und Aufheizkurve der Glühkerze in Luft; rechts:
zusätzlich DSC-Onset-Temperatur verschiedener Substanzen (Dreiecke)
und Induktionszeiten dieser Substanzen (senkrechte Strichlinie); p=
1 bar
Aus den Messergebnissen geht hervor, dass die Temperatur der Glühkerze in den ersten
drei Minuten der Messung stark zeitabhängig ist. Die Glühkerze heizt über einen längeren
Zeitraum auf und erreicht ihre stationäre Endtemperatur von 850 Cnach ca. zehn Mi-
nuten. Hierbei fällt eine Differenz zwischen der Endtemperatur in Kieselgur und in Luft
auf. In Luft strahlt die Wärme von der Glühkerze ungehindert in alle Raumrichtungen
ab, während in Kieselgur die Verteilung der abstrahlenden Wärme durch das Schüttgut
53
beeinträchtigt wird. Im Bereich um die Glühkerze liegen Wärmestaubedingungen vor,
die Wärme wird von den Partikeln aufgenommen, welche sich dadurch erwärmen. Die
gemessene Temperatur der in Luft freistehenden Glühkerze unterliegt außerdem gewis-
sen Schwankungen. Sie kommen zustande, weil der Messfühler nicht perfekt von der Luft
isoliert werden kann. Die Temperatur, die an der 2 cm-Marke in der Kieselgur-Schüttung
abgegriffen wurde, ist zur Charakterisierung der tatsächlichen Temperatur im Schüttgut
aussagekräftiger.
Durch einen Vergleich der Induktionszeiten einiger Substanzen mit der Aufheizkurve
der Glühkerze an der 2 cm-Marke kann ungefähr abgeschätzt werden, welche Temperatur
zum Zeitpunkt des Deflagrationsbeginns im Bereich der Zündstelle herrscht. In Abbil-
dung 4.2 (rechts) sind die Induktionszeiten von ADCA, ACVA und IMD (Reinstoffe
und Mischungen) bei Standardversuchen markiert. Sie liegen unter 100 s, also in dem
Bereich, in dem die Glühkerzentemperatur stark zeitabhängig ist. Es ist zu erkennen,
dass die Temperatur des Schüttguts in unmittelbarer Nähe der Glühkerze zum Zeitpunkt
des Deflagrationsbeginns maximal 300 Cbeträgt.
An der Stelle der jeweiligen Induktionszeit wurde zusätzlich die entsprechende Onset-
Temperatur aus dynamischen DSC-Messungen mit einer Aufheizrate von 5 K/min einge-
zeichnet. Diese Onset-Temperatur kann ebenfalls als Anhaltspunkt für die tatsächliche
Zersetzungstemperatur dienen.
Der Vergleich der Temperaturwerte zeigt, dass anhand der Aufheizkurve nur eine gro-
be Abschätzung möglich ist, in welchem Temperaturbereich die Zersetzung startet. Die
Stelle der Zündung liegt nicht notwendigerweise exakt an der Stelle der Temperatur-
messung. Die Temperatur an der Stelle der Zündung kann daher von der gemessenen
Temperatur abweichen. Die Onset-Temperatur aus DSC-Messungen kann eher als An-
haltspunkt für die tatsächliche Zersetzungstemperatur dienen. Dies wird auch durch die
in Abschnitt 4.1.1 erläuterte Beobachtung, dass die minimale Oberflächentemperatur
der Glühkerze, bei der gerade noch eine Anzündung beobachtet wurde, der DSC-Onset-
Temperatur entspricht, bestätigt.
Die Messstellen bei 4 cm bzw. 8,5 cm liefern weitere Informationen über die Tempera-
turverteilung innerhalb der Schüttung. Anhand dieser wird beurteilt, an welchen Stellen
die Substanz eventuell schon vor dem Deflagrationsbeginn durch den Energieeintrag der
Glühkerze aufgeheizt war. An der 4 cm-Marke weicht die Temperatur erstmals nach ca.
200 s leicht von der Anfangstemperatur von 21 Cab. Nach 5 min erreicht die Tempe-
ratur 28 Cund nach 10 min beträgt die Temperatur 55 C. Die Temperatur bei 8,5 cm,
also nahe am oberen Ende der Schüttung, bleibt während der Messung weitestgehend
konstant. Sie beträgt nach 10 min Messzeit 28 C.
Die Induktionszeit der untersuchten reaktiven Substanzen liegt beim größten Teil der
Messungen unter 200 s. Lediglich bei einigen Messungen bei reduziertem Druck war die
Induktionszeit größer. Daraus wird geschlossen, dass die Substanz zum Zeitpunkt der
Zündung tatsächlich nur lokal im Bereich um die Glühkerze erwärmt ist. Die Bereiche,
die mehr als 2 cm von der Glühkerze entfernt sind, weisen zum Zeitpunkt der Zündung
Raumtemperatur auf, das heißt es kommt zu keinem signifikanten Temperaturanstieg
durch den Energieeintrag der Anzündquelle. Daraus wird gefolgert, dass die 4 cm-Marke
eine gute Position zum Ablesen der Induktionszeit ist.
54
Unterscheidung eines Temperaturanstiegs durch eine beginnende Reaktion von
einem Temperaturanstieg durch den Energieeintrag der Anzündquelle
Anhand des Verlaufs der Temperaturkurven ist eine Unterscheidung möglich, ob eine
Temperaturerhöhung aufgrund einer Reaktion oder aufgrund der heißen Anzündquelle
gegeben ist. Die relevante Stelle, an der bei Deflagrations-Messungen der Temperaturan-
stieg beurteilt wird, ist die 4 cm-Marke. An dieser Stelle werden die Temperaturkurven,
gemessen in Inertsubstanz und bei Deflagrationen, miteinander verglichen. Anhand von
Abbildung 4.2 wurde bereits erläutert, dass an der 4 cm-Marke eine Temperaturerhö-
hung durch die Anzündquelle erst nach ca. 200 s gemessen wurde. Das heißt, dass diese
Fragestellung nur für Induktionszeiten tInd > 200 s relevant ist.
Die Steigung der Temperaturkurven ist ein sicheres Kriterium, um eine beginnende
Deflagration auch bei langen Induktionszeiten eindeutig von einem durch die Anzünd-
quelle hervorgerufenen Temperaturanstieg abzugrenzen. Eine Übersicht über die erhal-
tenen Temperaturgradienten an verschiedenen Stellen des Prüfrohrs wird in Tabelle 4.1
gegeben.
Tabelle 4.1: Typische Temperaturgradienten dT
dt [K/s] beim Erwärmen von Kieselgur für
t= 10 min und bei Deflagrationen in den beiden Messsystemen
Höhe zTemperaturgradienten dT
dt [K/s]
Inert Reaktiv
[cm] 4-L 200-mL 4-L 200-mL
2 4 0,9 - -
4 0,1 0,2 10 - 100 10 - 400
5 - 0,2 - -
8,5 0,03 - - -
Die Temperaturgradienten in Inertsubstanz, die an der 4cm-Marke, also 2 cm von der
Glühkerze entfernt gemessen wurden, liegen in der Regel um mindestens zwei Größen-
ordnungen unter den Temperaturgradienten, die bei Deflagrationen gemessen wurden.
Selbst in Ausnahmefällen, bei sehr langsamen Deflagrationen und bei Grenzfällen, be-
tragen die Temperaturanstiegsraten mindestens 1 K/s. Dies ist eindeutig von den sehr
geringen Temperaturgradienten unterscheidbar, die aus der Erwärmung durch die An-
zündquelle resultieren.
Aus den erläuterten Untersuchungen in Inertsubstanz und dem Vergleich mit einer
Vielzahl an Deflagrationsmessungen wurden Kriterien abgeleitet, anhand derer eine De-
flagration in der Testanordnung erkannt und von einer möglichen Erwärmung der Sub-
stanz durch die Anzündquelle unterschieden wird:
Temperaturgradient > 0,5 K/s,
Druckanstieg liegt im gleichen Zeitbereich vor.
Zur Beurteilung der Induktionszeit wird das Thermoelement in ca. 2 cm Entfernung
zur Glühkerze herangezogen. Eine Störung durch die Anzündquelle besteht hierbei
55
nicht. Bei langen Induktionszeiten ist eine klare Unterscheidung zur Wärmetönung
durch die Anzündquelle möglich.
Weitere Thermoelemente in größerer Entfernung zur Glühkerze zeigen ebenfalls
einen zeitlich versetzten Temperaturanstieg.
Das Produkt ist nach der Messung umgesetzt.
Nicht vollständige Deflagrationen werden nach Ausbau erkannt: abreagierte und
unreagierte Bereiche sind im Prüfrohr in der Regel gut unterscheidbar.
Vergleich von 4-L-Druckbehälter und 200-mL-Druckbehälter
Zum Vergleich der Wärmetransportbedingungen in den beiden neu entwickelten Mess-
systemen sind die zeitlichen Temperaturverläufe in Abbildung 4.3 dargestellt. Weite-
re Messkurven zum Wärmetransport im 200-mL-Druckbehälter sind in den Abbildun-
gen A.2 bis A.8 im Anhang dargestellt. Zur Messung dieser Temperaturkurven wurde
ebenfalls die Inertsubstanz Kieselgur verwendet. Die Substanz wurde mit der Glühkerze
für 30 min erwärmt.
0 500 1000 150 0
0
50
100
150
200
250
Tempe ratur T [°C]
Zeit t [s]
200 mL, 3,5 cm
200 mL, 5 cm
4 L, 4 cm
4 L, 8,5 cm
Abbildung 4.3: Vergleich der zeitlichen Temperaturverläufe beim Erwärmen von Kiesel-
gur im 4-L- und im 200-mL-Druckbehälter, p= 1 bar
Die lange Messzeit wurde in diesem Fall gewählt, weil nach kurzen Zeiten t < 300 s
kaum Unterschiede in den Temperaturverläufen an den relevanten Messstellen bei 4 cm
(4-L) und bei 3,5 cm bzw. 5 cm (200-mL) zu detektieren waren. Insbesondere konnte
56
durch die Messungen gezeigt werden, dass auch im 200-mL-Druckbehälter bei Zeiten
t < 200 s am ersten Thermoelement bei 3,5 cm keine Störung durch die Erwärmung der
Anzündquelle besteht.
Im 200-mL-Druckbehälter weicht die Temperatur an der 3,5 cm-Marke erstmals nach
120 s leicht von der Anfangstemperatur von 21 Cab. Nach 5 min erreicht die Temperatur
36 Cund nach 10 min beträgt die Temperatur 112 C. Selbst die Temperaturkurve an der
5 cm-Marke übersteigt nach 5 min Messzeit die Temperaturkurve an der 4 cm-Marke im
4-L-Druckbehälter. Daraus wird gefolgert, dass die Substanz im 200-mL-Druckbehälter
schneller erwärmt wird, als im 4-L-Druckbehälter. Dies ist auf den geringeren Rohr-
durchmesser, die geringere Substanzmenge und auf Wärmeleitungseffekte in der Rohr-
wand zurückzuführen, wie im nächsten Absatz erläutert wird. Nach längerer Messzeit
ist zu erkennen, dass die Temperatur im 200-mL-Druckbehälter etwas höher ist, als im
4-L-Druckbehälter. Nach ca. 30 Minuten wurde im 200-mL-Druckbehälter eine Tempe-
ratur von 230 Cbei 3,5cm und 180 Cbei 5 cm im Zentrum der Schüttung gemessen,
während im 4-L-Druckbehälter eine Temperatur von 150 Cbei 4 cm gemessen wurde
(vgl. Abbildung 4.3). Wie anhand der in Tabelle 4.1 aufgeführten Temperaturgradienten
gezeigt wurde, ist auch im 200-mL-Druckbehälter eine eindeutige Unterscheidung zwi-
schen Temperaturerhöhung durch eine Deflagration bzw. durch den Wärmeeintrag der
Glühkerze möglich.
Im 200-mL-Druckbehälter wurde zudem untersucht, wie die Wärmeleitung in den
Wänden des Prüfrohrs das Erwärmen des Schüttguts beeinflusst. Dazu wurden die Ther-
moelemente auf gleicher Höhe radial im Prüfrohr verteilt. Ein Thermoelement war je-
weils mittig im Zentrum des Prüfrohrs angebracht. Die anderen beiden Thermoelemente
befanden sich in der Nähe der Rohrwände. Außerdem wurde die Position der Thermoele-
mente vertikal variiert. Es wurden die Höhen 1,3 cm, 2,3 cm, 3,9 cm und 4,3 cm gewählt.
Die entsprechenden Messkurven sind in den Abbildungen A.3 bis A.6 im Anhang dar-
gestellt.
An den radial verteilten Messstellen sollte jeweils bei gleicher Höhe verglichen werden,
in welchem Bereich sich die Substanz schneller erwärmt: im Zentrum des Prüfrohrs oder
in Wandnähe. Die Temperaturkurven im Zentrum des Prüfrohrs lagen bei den Höhen
1,3 cm und 2,3 cm zu jedem Zeitpunkt oberhalb der Temperaturkurven in Wandnähe. Bei
den Höhen 3,9 cm und 4,3 cm wurde beobachtet, dass sich die Substanz in Wandnähe
zu Beginn der Erwärmungsphase schneller erwärmt, als im Zentrum. Erst nach einer
Zeit von 20 bis 30 Minuten übersteigt die Temperatur im Zentrum die Temperatur
in Wandnähe, jeweils bei gleicher Höhe der Messstelle. Daraus wird gefolgert, dass die
Wärmeleitung in der Rohrwand, die im Vergleich zur Wärmeleitung im Schüttgut schnell
ist, signifikant zur Erwärmung des Schüttguts in Wandnähe beiträgt.
Theoretisch wäre zu erwarten, dass der Grenzwert der Höhe, bis zu dem die Tempe-
ratur im Zentrum zu jedem Zeitpunkt höher, als die Temperatur in Wandnähe ist, bei
einer Höhe von ca. 3,3 cm liegt. An dieser Stelle entspricht der Abstand zur Glühker-
ze dem Radius des Prüfrohrs. Es wird angenommen, dass bei höherer Temperatur die
Wärmeverluste im Außenbereich des Prüfrohrs durch freie Konvektion und Strahlung
zunehmen, sodass dann der Wärmetransport innerhalb der Schüttung einen größeren
Beitrag zum Erwärmen des Schüttguts hat.
57
4.1.2.2 Wärmetransportbedingungen bei reduziertem Druck
Die Wärmetransportbedingungen in Schüttgütern hängen vom Druck ab. Im Theorieteil
wurde in Abschnitt 2.4.2 aufgezeigt, wie die Anteile der einzelnen Wärmetransportme-
chanismen am Gesamtwärmetransport in Vakuum und unter atmosphärischem Druck
sind. In Vakuum entfallen die Beiträge der Gasleitung und der Festkörper-Gas-Kopplung.
Daher ist bei reduziertem Druck von einem langsameren Wärmetransport auszugehen.
Aufgrund der Verdichtung der Gasphase wird bei erhöhtem Druck ein schnellerer Wär-
metransport vermutet.
Die Versuche zum Wärmetransport in Inertsubstanz sollen unter anderem eine bes-
sere Interpretation des Deflagrationsverhaltens unter verringertem Druck ermöglichen,
welches in Abschnitt 4.5.1 diskutiert wird. Bekannterweise sinkt die Wärmeleitfähig-
keit eines Gases mit sinkendem Druck. Unter perfektem Vakuum liegt die Wärmeleit-
fähigkeit bei 0 W/(m K). Bezogen auf das hier vorliegende Schüttgut bedeutet dies,
dass bei Unterdruck der Wärmetransport im Wesentlichen über die Kontaktpunkte der
Feststoffpartikel erfolgt, da die Wärmeleitfähigkeit der gasförmigen Atmosphäre, die die
Hohlräume ausfüllt, stark reduziert ist [87]. Der Anteil des Wärmetransports über die
Kontaktpunkte der Feststoffpartikel ist aufgrund der kleinen Flächen generell gering. Bei
höheren Temperaturen ist ein wesentlicher Beitrag von Strahlung zum Wärmetransport
gegeben. Daher ist die effektive Wärmeleitfähigkeit der Schüttung bei Unterdruck und
Raumtemperatur geringer, als bei Umgebungsdruck.
Die quantitative Änderung der Wärmetransportgeschwindigkeit bei Druckänderun-
gen wurde experimentell untersucht. Mithilfe der Experimente kann angegeben werden,
wie das tatsächliche Temperaturprofil mit den verwendeten Schüttgütern und dem ver-
wendeten Messsystem in Abhängigkeit des Drucks ist. So können die unterschiedlichen
Deflagrationsergebnisse bei einer Variation des Anfangsdrucks möglicherweise durch un-
terschiedliche Wärmetransportgeschwindigkeiten erklärt werden.
Für diese Experimente wurde die in Abschnitt 4.1.2.1 beschriebene Messanordnung
im 4-L-Druckbehälter verwendet. Analog zu den bereits beschriebenen Messungen bei
atmosphärischem Druck wurden die Aufheizkurven in Kieselgur bei reduziertem und
bei erhöhtem Druck aufgenommen. Die Glühkerze wurde bei allen Experimenten nach
t= 30 min ausgeschaltet. Zum Vergleich der Ergebnisse werden in Abbildung 4.4 die
zeitlichen Temperaturverläufe dargestellt, die an der Messstelle bei z= 4 cm aufgenom-
men wurden. Zwei Bereiche werden näher betrachtet: erstens die Anfangsphase, bei der
das Schüttgut eher geringe Temperaturen aufweist (0 < t< 500 s) und zweitens die
Situation nach ca. 30 min, bei der sich nahezu ein stationärer Zustand aus Wärmezu-
fuhr durch die Glühkerze und Wärmeabfuhr an die Umgebung einstellt. Ein vollständig
stationärer Zustand stellt sich erst nach längerer Zeit als 30 min ein.
In der Anfangsphase ist zu erkennen, dass die Schüttung umso langsamer aufheizt, je
niedriger der Druck ist. So dauert es bei einem Druck von 10 mbar ca. 2,5 mal länger
bis die Temperatur an der Messstelle bei 4 cm ansteigt, als bei Umgebungsdruck. Bei
erhöhtem Druck steigen die Temperaturkurven früher an, als bei Umgebungsdruck.
An der 4 cm-Marke beträgt der Abstand zur Spitze der Glühkerze 2 cm. An diesem
Punkt wird der Onset der Temperaturkurven bestimmt. Dieser ist definiert als der Zeit-
58
0 100 200 300 400 500
10
20
30
40
50
Temperatur T [°C]
Zeit t [s]
10 mbar
100 mbar
500 mbar
1000 mbar
5000 mbar
25000 mbar
0 500 1000 1500 2 000
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
200
Temperatur T [°C]
Zeit t [s]
10 mbar
100 mbar
500 mbar
1000 mbar
5000 mbar
25000 mbar
Abbildung 4.4: Zeitliche Temperaturverläufe bei verschiedenen Drücken, gemessen im
4-L-Druckbehälter in Kieselgur bei einer Höhe von 4 cm, T(Glühkerze)
850 C. Die Glühkerze wurde bei allen Messungen nach t= 30 min
ausgeschaltet.
punkt, an dem die Temperaturkurve erstmals von der Basislinie abweicht, das heißt
wenn ein Temperaturanstieg gemessen wird. Der Wert entspricht der Zeitdauer, die die
Wärmefront benötigt, um 2cm der Schüttung zu durchwandern. Alle Werte zur Quan-
tifizierung der Kurven werden in Tabelle A.2 im Anhang dargestellt.
Die maximale Steigung der Kurven ist bei reduziertem Druck und bei Umgebungs-
druck in etwa identisch. Bei erhöhtem Druck ist die maximale Steigung geringer. Eben-
falls auffällig ist, dass die Temperaturmaxima bei Überdruck wesentlich geringer sind,
als bei atmosphärischem Druck oder bei Unterdruck. Sie scheinen mit steigendem Druck
geringer zu werden. Bei einem Druck von 25 bar (abs) liegt das Temperaturmaximum nur
noch bei 69 C. Es wird angenommen, dass durch den höheren Druck und der dement-
sprechend höheren Dichte der Gasphase die freie Konvektion an der Außenseite des
Prüfrohrs verstärkt wird und daher die Wärmeverluste über die Rohrwand höher sind.
Aus diesen Beobachtungen lässt sich das folgende Zwischenergebnis ableiten. Eine
Variation des Drucks führt zu zwei konkurrierenden Effekten. Einerseits ist die effekti-
ve Wärmeleitfähigkeit im Schüttgut umso besser, je höher der Druck ist. So steigt der
Wärmestrom innerhalb des Schüttguts mit steigendem Druck und das Schüttgut wird
zunächst schneller erwärmt. Andererseits ist der Wärmetransport in der Gasphase in der
Umgebung des Prüfrohrs ebenfalls besser, je höher der Druck ist. Dies führt zu einer hö-
heren Wärmebabfuhr und somit zu geringeren Temperaturen innerhalb des Schüttguts.
Der zweite Effekt ist umso ausgeprägter, je größer die Temperaturdifferenz zwischen
Schüttgut und Umgebung ist. Bei geringen Temperaturen wirkt sich zunächst nur der
erste Effekt aus. Nach längerer Erwärmungsphase und demzufolge höherer Temperatur
des Schüttguts setzt die Wirkung des zweiten Effektes ein. Der zugeführte Wärmestrom
durch die Glühkerze wird als konstant angenommen, da eine konstante elektrische Leis-
tung eingestellt wurde. In der Gasphase in der Umgebung des Prüfrohrs wurde bei
atmosphärischem Druck eine maximale Temperatur von 45 Cund bei einem Druck von
59
10 mbara eine maximale Temperatur von 80 Cgemessen. Dies bekräftigt die Vermutung,
dass die Gasphase bei reduziertem Druck isolierend wirkt, während sich mit steigendem
Druck zunehmend freie Konvektion an der Außenseite des Prüfrohrs ausbildet. Diese
führt zu einem besseren Wärmetransport im Gasraum des Autoklaven und Abgabe der
Wärme an die Autoklavenwand.
Zur Beurteilung des Zusammenhangs zwischen Wärmetransportgeschwindigkeit und
Druck wird die Stelle des maximalen Temperaturanstiegs herangezogen. In Abbildung 4.5
wird die Zeitdauer bis zum maximalen Temperaturanstieg an der 4 cm-Marke in Abhän-
gigkeit des anliegenden Drucks dargestellt.
0 200 400 600 8 00 1000
850
900
950
1000
1050
1100
1150
1200
Zeitpunk t des maximalen
Wärmestroms t [s]
Druck p [mba r] N
2
M odell ExpDec1
Gleichung y = A1* exp(- x/t 1) + y 0
y0 879, 00767 ± 8, 56523
A1 364,58503 ± 16, 67883
t1 135,78105 ± 15, 74593
Chi-Q uadr Reduziert 183,72476
R-Q uadrat (CO D) 0,99406
Kor. R-Quadrat 0, 99009
Abbildung 4.5: Zeitdauer bis zum maximalen Temperaturanstieg an der 4cm-Marke in
Kieselgur bei verschiedenen Drücken (4-L-Druckbehälter)
Es ist ein exponentieller Zusammenhang zu erkennen, der mit folgender Funktion
beschreibbar ist:
t[s] = 365 ·e7,36·103p[mbar] + 879.(4.1)
Unter Verwendung des 4-L-Druckbehälters wurden umfangreiche Messreihen bei ver-
schiedenen Drücken durchgeführt. Zur Überprüfung, ob die gefundenen Zusammenhänge
auch im 200-mL-Druckbehälter gelten, wurden in diesem Messsystem ebenfalls einzel-
ne Messungen bei reduziertem Druck durchgeführt. Diese sind in den Abbildungen A.7
und A.8 im Anhang dargestellt. Es ist ersichtlich, dass auch im 200-mL-Druckbehälter
der Wärmetransport bei einem Druck von 10 mbar langsamer als bei atmosphärischem
Druck ist.
60
Im 200-mL-Druckbehälter wurde außerdem beobachtet, dass unter reduziertem Druck
bei großer Entfernung zur Anzündquelle Bereiche in Wandnähe schneller erwärmt wer-
den als jene im Zentrum, und dass dieser Unterschied größer ist, als bei atmosphärischem
Druck (vgl. Abschnitt 4.1.2.1). Auch anhand dessen kommt der Effekt der verminderten
effektiven Wärmeleitfähigkeit im Schüttgut bei reduziertem Druck zur Geltung. Gleich-
zeitig verdeutlicht dies den Einfluss der Wärmeleitung über die Rohrwand.
4.2 Messergebnisse zum Deflagrationsverhalten aller
untersuchter Substanzen und Vergleich mit
DSC-Ergebnissen
In Tabelle 4.2 werden die experimentell im 4-L-Druckbehälter ermittelten Kenngrößen
aller verwendeten Substanzen dargestellt. Diese Kenngrößen wurden bei Anzündung
von unten ermittelt. In dieser Tabelle sind außerdem die Onset-Temperatur TOnset und
die Zersetzungsenergie Q, die in dynamischen DSC-Messungen mit einer Heizrate von
5 K/min bestimmt wurden, enthalten.
An dieser Stelle ist zu betonen, dass auch bei Mischungen mit Zersetzungsenergi-
en Q < 500 J/g Deflagrationen beobachtet wurden. Gemäß UN-Prüfhandbuch werden
Deflagrationsprüfungen zur Anwendung des Aufnahmeverfahrens für die Klasse 1 ab ei-
ner Zersetzungsenergie von 500 J/g empfohlen. Zur Anwendung des Klassifizierungsver-
fahrens für selbstzersetzliche Stoffe (Unterklasse 4.1) wird die Durchführung von De-
flagrationsprüfungen ab einer Zersetzungsenergie von 300 J/g empfohlen [18]. Die ge-
ringste Zersetzungsenergie, bei der eine Deflagration beobachtet wurde, beträgt 220 J/g
(ACVA/SiO2(50/50)). Bei einer weiteren Mischung mit einer Zersetzungsenergie von
280 J/g wurde ebenfalls eine Deflagration beobachtet (IMD/SiO2(50/50)). Beiden ange-
führten Beispielen ist gemein, dass die Onset-Temperatur mit 105 Cbzw. 110 Crelativ
gering ist. Wie allgemein bekannt ist, begünstigt dies eine Deflagration. Darüber hinaus
traten bei weiteren Mischungen mit Q= 340 J/g und Q= 430 J/g Deflagrationen auf.
Aus diesen Beobachtungen wird geschlussfolgert, dass bei Zersetzungsenergien Q <
500 J/g Deflagrationen nicht restlos ausgeschlossen werden können. Insbesondere bei
niedrigen Onset-Temperaturen und wenn bestimmte funktionelle Gruppen auf deflagra-
tives Verhalten hindeuten, sollten auch bei Zersetzungsenergien Q < 500 J/g Deflagrati-
onsprüfungen durchgeführt werden. Es ist anzumerken, dass die Deflagrationen jeweils
bei Mischungen eines Reinstoffs, dessen Zersetzungsenergie Q > 500 J/g ist, mit einer
Inertsubstanz auftraten. Beim Vorliegen solcher Mischungen ist demzufolge besondere
Aufmerksamkeit geboten.
61
Tabelle 4.2: Kenngrößen aller verwendeten Substanzen bei einem Standardversuch im 4-L-Druckbehälter (Anzündung von
unten) und Ergebnisse aus dynamischen DSC-Messungen mit einer Heizrate von 5 K/min
Substanz tInd u pmax (dp/dt)max (dp/dt)avg Tmax (dT/dt)max (dT/dt)avg TOnset Q
[s] [mm/s] [bar] [bar/s] [bar/s] [C] [C/s] [C/s] [C] [J/g]
ADCA 22 12,7 19,0 4,9 3,9 319 48 37 180 1200
ADCA/SiO2(80/20) 23 - 12,0 1,6 1,2 306 51 28 180 1100
ADCA/SiO2(50/50) 31 10,8 5,2 0,5 0,1 249 44 29 175 730
ADCA/CaSO4(32/68) 84 0,5 2,8 0,008 0,003 257 3 0,4 180 430
ADCA/SiO2(30/70) 91 1,3 2,1 0,01 0,006 242 14 9 150 340
ADCA/SiO2(20/80) Lokale Reaktion im Bereich der Anzündquelle 145 250
ACVA 9 25,0 2,3 0,23 - 307 68 - 75 580
ACVA/SiO2(50/50) 27 7,1 1,8 0,009 0,001 282 11 11 105 220
ACVA/SiO2(30/70) 122 0,3 1,6 0,02 0,0008 239 2,6 0,9 - -
IMD 89 5,0 1,4 0,02 0,01 367 37 30 145 620
IMD/SiO2(80/20) 111 7,6 1,4 0,004 0,002 272 16 9 - -
IMD/SiO2(50/50) 85 1,3 1,3 0,001 0,0008 278 5 2 110 280
Euparen/SiO2(50/50) 142 0,2 2,4 0,009 0,006 345 6 4 190 570
62
4.3 Deflagrationsverhalten bei Variation verschiedener
Einflussgrößen
Der Einfluss verschiedener Faktoren auf das Deflagrationsverhalten und auf die Versuch-
sergebnisse in den Messsystemen wurde untersucht. Damit wird einerseits das Deflagra-
tionsverhalten bei verschiedenen Bedingungen charakterisiert. Andererseits können die
Messsysteme mithilfe der gewonnenen Daten umfassend beschrieben und die Auswir-
kungen der Variation konkreter Einflussparameter angegeben werden. Diese Erkennt-
nisse flossen bei der Festlegung und Optimierung der Geometrie und Dimensionierung
der Messsysteme ein. Darüber hinaus werden in diesem Abschnitt Empfehlungen gege-
ben, welche Faktoren bei der Versuchsvorbereitung beachtet werden sollen, um möglichst
repräsentative Proben und Versuchsbedingungen zu erhalten.
4.3.1 Einfluss der Einwaage
Es wurde untersucht, wie die Probeneinwaage den maximalen Druck und die Deflagra-
tionsgeschwindigkeit beeinflusst. Dazu wurden mehrere Experimente mit verschiedenen
Einwaagen durchgeführt. Bei einer Variation der Einwaage wird notwendigerweise eine
der Größen Schüttdichte, Rohrdurchmesser oder Füllhöhe ebenfalls verändert. In die-
sem Fall wurde die Füllhöhe bei Variation der Einwaage proportional angepasst und die
anderen Größen konstant gehalten. Wie Abbildung 4.6 zeigt, ist der maximale Druck
annähernd linear abhängig von der Einwaage.
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
5
10
15
20
25
Maximaler Druck p
max
[bar] (abs)
Einwaage m [g]
G leichung y = a + b*x
Pearso n R 0,98654
Kor.
R-Q uadrat
0,97158
Schnitt punkt
mit der
Y - Achse
-4, 5 422
Steigung 0,27204
Abbildung 4.6: Maximaler bei der Deflagration von ADCA auftretender Druck im 4-L-
Druckbehälter in Abhängigkeit von der Einwaage (Schüttdichte, Rohr-
durchmesser konstant; Füllhöhe veränderlich)
63
Dies ist dadurch zu erklären, dass das gebildete Gasvolumen direkt proportional zur
Einwaage ist. Es muss berücksichtigt werden, dass nicht nur die Gasbildung der Re-
aktion zu einem Druckanstieg führt, sondern auch der Temperaturanstieg. Bei höherer
Einwaage ist die absolut freigesetzte Wärmemenge größer und sie verteilt sich auf das
gleiche Behältervolumen. Das heißt, dass zumindest kurzzeitig, solange kein Wärme-
austausch mit der Umgebung (Wand des Druckbehälters) stattfindet, in der Gasphase
eine höhere Temperatur entstehen müsste. Dies würde zu einem höheren dynamischen
maximalem Druck und so zu einem überproportionalen Druckanstieg mit steigender
Einwaage führen. Dieser Effekt ist jedoch im Vergleich zur Änderung der Einwaage als
gering einzuschätzen.
In Abbildung 4.7 wird der Zusammenhang zwischen mittlerer Druckanstiegsrate und
Einwaage dargestellt. Ob es sich hierbei um lineares Verhalten handelt, kann nicht mit
Sicherheit angegeben werden, da die Streuung der Ergebnisse bei den drei durchgeführten
Wiederholungsmessungen sehr hoch ist. Es ist jedoch die Tendenz erkennbar, dass mit
steigender Einwaage auch die mittlere Druckanstiegsrate steigt. Dieser Zusammenhang
ist abhängig von der verwendeten Geometrie und lässt sich nicht auf beliebige Mengen
hochskalieren. Jedoch nimmt die Deflagrationsgeschwindigkeit schon bei einer zylinder-
förmigen Geometrie des Prüfrohrs, das nur die lineare Ausbreitung der Reaktionsfront
in eine Raumrichtung zulässt, mit steigender Einwaage zu. Da mit steigender Einwaage
der Druck im Behälter größer ist, kommt es zu einer Verdichtung der Reaktionszone, ei-
ner besseren Wärmeübertragung und so zu einer Beschleunigung der Deflagration (vgl.
Abschnitt 2.3.1). Es ist zu erwarten, dass bei einer kugelförmigen Ausbreitung der Reak-
tionsfront, die in größeren Behältern, deren Durchmesser ungefähr der Höhe entspricht,
zu erwarten wäre, die Deflagrationsgeschwindigkeit noch in stärkerem Maße mit steigen-
der Substanzmenge zunimmt.
4.3.2 Einfluss der Füllhöhe und Wahl einer optimalen Füllhöhe
Die Füllhöhe des Prüfrohres bestimmt die potentiell mögliche Lauflänge für eine Defla-
gration. Durch Variation der Füllhöhe wurde untersucht, welche Lauflänge mindestens
nötig ist, um die Deflagrationsfähigkeit, gerade bei Grenzfällen, zuverlässig zu beurteilen.
Bei der Wahl einer optimalen Füllhöhe sind zwei Anforderungen zu beachten. Ers-
tens ist eine Mindest-Füllhöhe erforderlich, um zu beurteilen, ob sich eine Deflagration
selbstständig ausbreitet oder nach einer gewissen Wegstrecke wieder erlischt. Dazu sollte
ein Bereich hinreichender Länge und in genügendem Abstand zur Anzündquelle vorlie-
gen, der nicht durch den Energieeintrag der Anzündquelle vorgewärmt wird. Zweitens
ist durch die Füllhöhe vorgegeben, in welchem Abstand die Temperaturmessstellen zu-
einander angeordnet werden können. Je größer die Messstrecke, desto kleiner wird der
relative Fehler, der bei der Ermittlung der linearen Ausbreitungsrate auftreten kann.
Bei Experimenten mit partiell deflagrierenden Substanzen wurde gezeigt, dass die
Reaktion im Bereich um die Anzündquelle startet und bei einer Rohrlänge von 4 cm bis
5 cm wieder erlischt. Daraus wurde gefolgert, dass eine Füllhöhe von 9 cm ausreicht, um
vollständige von partiellen Deflagrationen zu unterscheiden.
Aufgrund der Wärmetransportbedingungen, die im Abschnitt 4.1.2 erläutert wurden,
64
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
0
1
2
3
4
5
6
7
Mittlere Druckanstiegsrate (dp/dt)
avg
[bar/s]
Einwaage m [g]
Abbildung 4.7: Mittlere Druckanstiegsrate bei der Deflagration von ADCA im 4-L-
Druckbehälter in Abhängigkeit von der Einwaage (Schüttdichte, Rohr-
durchmesser konstant; Füllhöhe veränderlich)
wurde gezeigt, dass bei einem Abstand von 2 cm (4-L-Druckbehälter) bzw. 1,5 cm (200-
mL-Druckbehälter) zur Spitze der Glühkerze keine Störung durch den Energieeintrag der
Anzündquelle besteht. Ausgehend vom ersten Thermoelement steht dementsprechend
eine Temperatur-Messstrecke von 5 cm bzw. 5,5 cm zur Verfügung. Die Anlauflänge bis
zum ersten Messpunkt beträgt 3,5 cm bzw. 4 cm. Nach dieser Strecke hat sich eher eine
gleichmäßige Reaktionsfront ausgebildet, als im Nahbereich um die Glühkerze.
Der Abstand zwischen den Temperaturmessstellen ist durch die Länge der Messstrecke
und die Anzahl der Messstellen vorgegeben. Es wurde ein Abstand von jeweils ca. 2 cm
gewählt.
4.3.3 Einfluss des Rohrdurchmessers
Der Rohrdurchmesser ist ebenfalls eine wichtige Größe. Um den Substanzverbrauch zu
reduzieren ist das Bestreben, diesen so gering wie möglich zu wählen. Allerdings steigen
mit sinkendem Rohrdurchmesser die proportionalen Wärmeverluste über die Wand. Dies
führt ab einem kritischen Durchmesser (Löschdurchmesser) dazu, dass die Deflagration
erlischt bzw. erst gar nicht startet. Daher wurde untersucht, welcher Mindestrohrdurch-
messer nötig ist, um die Deflagrationsfähigkeit, insbesondere bei Grenzfällen, zuverlässig
zu erkennen.
Es wurden Versuche mit Rohrdurchmessern zwischen 2 cm und 5 cm durchgeführt. Bei
einem Rohrdurchmesser von 2 cm wurde bei einzelnen Substanzen, die im 5cm-Rohr
langsam deflagrieren, keine Deflagration beobachtet. Bei einem Durchmesser von 3 cm
65
und der Verwendung des 200-mL-Druckbehälters wurde bei diesen Substanzen eine De-
flagration beobachtet. Es wurde keine Substanz vermessen, die im 5 cm-Rohr deflagrierte
und im 3 cm-Rohr im 200-mL-Druckbehälter nicht deflagrierte.
Um ausgehend von diesen Beobachtungen eine allgemeinere Aussage für ein breites
Spektrum an Substanzen zu machen, wurde das folgende Vorgehen festgelegt.
Als standardmäßiger Deflagrationstest werden das 5 cm-Rohr im 4-L-Druckbehälter
oder das 3 cm-Rohr im 200-mL-Druckbehälter empfohlen. In Grenzfällen, bei denen nur
eine lokale Anzündung und keine vollständige Ausbreitung auftritt, soll die Messung bei
einem um den Faktor 10 höheren Druck wiederholt werden, um einen gewissen Sicher-
heitspuffer zu erlangen. Gemäß der Gleichung 2.5 verringert sich dann der Löschdurch-
messer in etwa um den gleichen Faktor.
4.3.4 Einfluss der Schüttdichte
Der Einfluss der Schüttdichte wurde untersucht, indem Experimente mit unverdichte-
ten Schüttungen und mit unterschiedlich stark verdichteten Schüttungen durchgeführt
wurden. Aus den Ergebnissen ist kein klarer Trend hinsichtlich einer signifikanten Ver-
änderung des Deflagrationsverhaltens bei Variation der Schüttdichte ablesbar.
Es wurde jedoch eine Beobachtung gemacht, die in die Vorschriften zur Versuchs-
durchführung eingeflossen ist. Bei leicht verdichteten Schüttungen wurde eine geringere
Streuung der Ergebnisse erhalten. Bei vollkommen losen Schüttungen herrscht ein großer
Zufallseinfluss hinsichtlich ihrer Beschaffenheit. Es wird angenommen, dass innerhalb des
Schüttguts Bereiche mit geringerer Schüttdichte ebenso vorliegen, wie Bereiche mit hö-
herer Schüttdichte. Durch eine leichte Verdichtung des Schüttguts wird erreicht, dass
sich die Partikel im gesamten Volumen gleichmäßiger verteilen und so eine homogenere
Schüttung entsteht. Dies verbessert nicht nur die Homogenität innerhalb einer bestimm-
ten Probe, sondern gewährleistet auch eine ähnliche Beschaffenheit von Probe zu Probe
und führt zu einer besseren Reproduzierbarkeit des Deflagrationsverhaltens.
In einer Literaturstelle von Grewer findet sich die Angabe, die Deflagrationsgeschwin-
digkeit sei in Schüttgütern mit geringer Schüttdichte höher, da sich die Reaktionszone im
Stoff leichter ausbreiten kann [20]. Dies ist insofern in Frage zu stellen, dass bei geringer
Schüttdichte auch die Energiedichte niedriger ist und dementsprechend eine geringere
Wärmefreisetzung pro Volumenelement erfolgt. Dementsprechend ist die Reaktionstem-
peratur und infolgedessen die Reaktionsgeschwindigkeit geringer. Es ist abhängig vom
Einzelfall, welcher der beiden Effekte überwiegt. Daher kann hierzu keine allgemeingül-
tige Aussage getroffen werden.
4.3.5 Einfluss der Konzentration an reaktiver Substanz
Die Reinstoffe wurden mit einer inerten, nicht reagierenden Substanz (Kieselgur oder
Calciumsulfat) vermischt. Die Konzentration an reaktiver Substanz in diesen Mischun-
gen bestimmt, ob eine Probe noch deflagrationsfähig ist oder nicht. So wurden Beispiel-
substanzen mit abgeschwächter Reaktivität erhalten, die bei der Untersuchung der zuvor
genannten Einflussfaktoren verwendet wurden (Grenzfälle).
66
Bei ADCA wurde die Grenzkonzentration bestimmt, bei der keine Deflagration mehr
auftritt. Bei einem ADCA-Anteil von 20 % wurde nur noch eine lokale Reaktion im Be-
reich der Anzündquelle beobachtet, die sich nicht selbstständig ausbreitete. Bei einem
ADCA-Anteil von 10 % wurde keine Reaktion mehr beobachtet. Bei sehr reaktiven Sub-
stanzen, zum Beispiel ADCA und ACVA, die in sehr kurzer Zeit abreagieren, führt eine
Verdünnung mit Inertstoff zu einer gleichmäßigeren Deflagration.
Außerdem dient der Inertstoff Kieselgur als Trägermaterial für schmelzende Reak-
tanden bzw. um das Schmelzen der Substanz vor Zersetzungsbeginn zu verhindern. In
manchen Fällen wird auf diese Weise erst eine Deflagration ermöglicht. Der endotherme
Effekt durch das Schmelzen vor Zersetzungsbeginn kann dazu führen, dass die erforder-
liche Temperatur zur Initiierung einer Deflagration nicht erreicht wird. Darüber hinaus
ist eine Deflagration in der flüssigen Phase, je nach Stelle der Anzündung, aufgrund von
auftretender Konvektion schwerer zu initiieren.
4.3.6 Einfluss der Stelle der Anzündung
Die Anzündung von oben oder von unten beeinflusst in erster Linie die Deflagrationsge-
schwindigkeit. Die theoretischen Zusammenhänge wurden in Abschnitt 2.3.2 erläutert.
Im 200-mL-Druckbehälter wurde sowohl von oben als auch von unten angezündet.
Bei ADCA/SiO2(50/50) wurden hierbei keine Unterschiede hinsichtlich der Deflagra-
tionsgeschwindigkeit bei Anzündung von oben oder von unten festgestellt. Bei dieser
Substanz ist die Gasbildung beträchtlich. Der hohe Füllgrad führt dazu, dass die ent-
stehenden Gase bei Anzündung von oben nicht frei zur Atmosphäre entweichen und
abströmen können. Stattdessen bedingt der steigende Druck, dass Verbrennungsgase in
das noch nicht reagierte Material gepresst werden. Die Ergebnisse zeigen, dass der Effekt
des steigenden Druckes den Vorerwärmungseffekt durch den konvektiven Stofftransport
der Gase bei Anzündung von unten bei weitem überwiegt.
Bei der Substanz IMD/SiO2(50/50), bei der die Gasbildung während der Reaktion
gering ist, wurde im 200-mL-Druckbehälter ein Unterschied zwischen Anzündung von
oben und Anzündung von unten beobachtet. In diesem Fall war bei Messungen, die bei
atmosphärischem Druck initiiert wurden, die lineare Ausbreitungsrate bei Anzündung
von unten um den Faktor 5 größer, als bei Anzündung von oben. Bei Anzündung von
oben lag der Wert bei 0,1mm/s, also unter dem Grenzwert von 0,35 mm/s, ab welchem
gemäß Regelwerk eine langsame Deflagration vorliegt. Das heißt bei Anzündung von
oben würde die Substanz als „nicht deflagrationsfähig“ eingestuft werden.
In den offenen Messsystemen wurde auch bei ADCA, also bei einer Substanz, die mit
großer Gasbildung deflagriert, ein signifikanter Unterschied zwischen Anzündung von
oben oder von unten festgestellt. In der VDI-Methode wurde von unten angezündet, im
UN-Test C.2 von oben. Bei Anzündung von unten war die Deflagrationsgeschwindigkeit
in etwa um den Faktor 40 höher (12mm/s bei VDI-Methode, 0,3 mm/s im UN-Test C.2).
Dabei begünstigt die Vorerwärmung der Probe auf 50 Cund die bessere Wärmeisolie-
rung des Dewars noch die Ausbreitungsgeschwindigkeit im UN-Test C.2.
Diese Beobachtungen zeigen, dass die Stelle der Anzündung einen bedeutenden Ein-
fluss auf die Deflagrationsgeschwindigkeit hat, wenn eine unverdämmte Deflagration
67
auftritt oder wenn die Gasbildung bei einer Deflagration gering ist. Bei Deflagratio-
nen, bei denen eine starke Druckerhöhung auftritt, überwiegt der Effekt des steigenden
Drucks, welcher auch bei Anzündung von oben zu einer hohen Deflagrationsgeschwin-
digkeit führt.
4.3.7 Einfluss der Verweilzeit der Zersetzungsgase im Prüfrohr
Eine allgemeine Beobachtung, die bei den verschiedenen Experimenten gemacht wur-
de, ist Folgende. In Experimenten, bei denen die entstehenden Gase schnell entweichen
konnten, breitet sich die Deflagration langsamer aus als bei Experimenten, bei denen die
Zersetzungsgase eine größere Verweilzeit im Prüfrohr hatten. Dies wurde beobachtet bei
Versuchen mit verschiedenen
Füllgraden,
Anzündstellen,
Schüttdichten,
Drücken (Unterdruck und Überdruck).
Die Verweilzeit der Zersetzungsgase im Prüfrohr ist größer, je höher der Füllgrad,
die Schüttdichte und der Druck ist. Ebenso ist die Verweilzeit der Gase größer, wenn
von unten angezündet wird, da diese dann durch die Substanzschüttung wandern be-
vor sie aus dem Prüfrohr entweichen. Dagegen strömen die Gase bei Anzündung von
oben direkt nach oben ab, ohne noch unzersetztes Produkt zu durchströmen. Dabei
unterscheidet sich die Deflagrationsgeschwindigkeit von beispielsweise ADCA um eine
Größenordnung. Das Ausmaß dieses Effekts wird umso größer, je höher die Gasbildung
der jeweiligen Substanz während der Zersetzung ist. Beobachtungen bei Versuchen im
offenen Messsystem legen den Schluss nahe, dass bei Substanzen mit starker Gasentwick-
lung, so zum Beispiel bei ADCA, während des Experimentes kurzzeitig ein Überdruck
innerhalb des Prüfrohrs entsteht. Die Gasbildung erfolgt schneller als der Stofftransport.
Hier wirkt die Substanzschüttung als Barriere für das Abströmen der Gase.
Es ist bekannt, dass die Hinderung der Verbrennungsprodukte am Abströmen den
Wärmeübergang auf das unumgesetzte Material in der Verbrennungszone intensiviert
und die Deflagrationsgeschwindigkeit erhöht [88]. An dieser Stelle ist zu betonen, dass
dieser Zustand nicht nur durch hohe Drücke oder hohe Füllgrade erreicht wird, sondern
auch durch hohe Substanzmengen oder verdichtete Schüttungen.
68
4.4 Vergleich der Ergebnisse in den verschiedenen
Messsystemen
4.4.1 Messunsicherheit und Reproduzierbarkeit der Ergebnisse
Die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse in den jeweiligen Messsystemen ist eine notwen-
dige Voraussetzung zur sicheren Beurteilung der Deflagrationsfähigkeit. Zur Ermittlung
der Messunsicherheit wurden im Messsystem nach VDI 2263-1, im 4-L-Druckbehälter
und im 200-mL-Druckbehälter mehrfache Messungen mit identischen Parametern durch-
geführt. In den beiden neuen Messsystemen wurden jeweils 20 identische Versuche durch-
geführt. Mit dem Messsystem nach VDI 2263-1 wurden 6 identische Versuche durchge-
führt. Dabei wurden die in Tabelle 4.3 angegebenen Parameter gewählt. Sie wurden so
gewählt, dass für die verschiedenen Wertebereiche und Versuchsbedingungen eine Aus-
sage zur Reproduzierbarkeit getroffen werden kann.
Tabelle 4.3: Parameter der Wiederholungsmessungen in den jeweiligen Messsystemen
Parameter VDI 4-L 200-mL (1) 200-mL (2)
Rohrdurchmesser [mm] 48 48 26 26
Substanz ADCA ADCA ADCA/SiO2(50/50) ADCA/SiO2(50/50)
Einwaage [g] 85,0 85,0 23,0 23,0
Schüttdichte [g/cm3] 0,52 0,52 0,48 0,48
Anfangsdruck [bar] 1 1 1 40
Anzündstelle unten unten unten oben
Für jede Kenngröße wurde jeweils der Mittelwert ¯x, die Standardabweichung σund
die relative Abweichung vom Mittelwert γ=σ
¯x(relativer Fehler) bestimmt. Sie werden in
Abbildung 4.8 dargestellt. Die exakten Zahlenwerte werden in Tabelle A.3 im Anhang
dargestellt. Es ist zu betonen, dass bei den Messreihen im 200-mL-Druckbehälter bei
verschiedenen Anfangsdrücken gearbeitet wurde. Daher können die Absolutwerte der
ermittelten Kenngrößen an dieser Stelle nicht verglichen werden. Für einen Vergleich
der Absolutwerte ist Abschnitt 4.4.2 heranzuziehen. An dieser Stelle wird ausschließlich
auf die Reproduzierbarkeit bzw. die Messunsicherheit eingegangen.
Zunächst werden die Charakteristiken der Referenzmethode erläutert. Durch Experi-
mente mit dem Standard-Messsystem wurde der derzeitige Stand der Technik analysiert.
Während die Induktionszeit tInd mit einem Mittelwert von 28 s gut reproduzierbar ist,
weisen die lineare Ausbreitungsrate uund die maximale bzw. mittlere Temperaturan-
stiegsrate dT
dt max bzw. dT
dt avg hohe Schwankungen auf. Die lineare Ausbreitungsrate
sticht dabei mit einem relativen Fehler von 58 % vom Mittelwert heraus. Die hohen
Schwankungen sind auf den Zufallseinfluss der entstehenden Gase zurückzuführen. Die-
se Problematik wurde in Abschnitt 2.3.2 erläutert und wird im Laufe dieses Abschnitts
wieder aufgegriffen.
Aufgrund des zufallsgetriebenen Verlaufs einer Deflagration muss auch in den neuen
Messsystemen von einer hohen Messunsicherheit ausgegangen werden. Die Charakteris-
69
VDI 2263, u
4 L, u
200mL, u
200mL, o
0
5
10
15
20
25
30
Induktion szeit [s]
4 L, u
200mL, u
200mL, o
0
20
40
60
80
Max. Druck [bar]
VDI 2263, u
4 L, u
200mL, u
200mL, o
0
10
20
30
40
50
Ausbreitungsrate [m m/s]
4 L, u
200mL, u
200mL, o
0
5
10
15
20
25
30
Mittlere Druckanstiegsrate [bar/s]
VDI 2263, u
4 L, u
200mL,u
200mL,o
0
50
100
150
200
250
300
350
Max. Temperatur [°C]
VDI 2263, u
4 L, u
200mL,u
200mL,o
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
Max. Temperaturanstiegsrate [°C/s]
Abbildung 4.8: Reproduzierbarkeit der Ergebnisse in den verwendeten Messsystemen,
Versuche mit ADCA 100 %-ig (VDI 2263 und 4L) und 50 %-ig (200mL),
u: Anzündung von unten, o: Anzündung von oben,
200mL, o: p0=40 bar, alle anderen: p0=1bar
tiken der neuen Messsysteme werden im Folgenden erläutert. Dabei wird auch darauf
eingegangen, ob möglicherweise durch die Verwendung einer weiteren Messgröße, des
zeitlichen Drucksignals, besser reproduzierbare Kenngrößen zur Beschreibung der Defla-
grationsgeschwindigkeit erhalten werden.
Es ist zu erkennen, dass die Reproduzierbarkeit der einzelnen Kenngrößen unter-
schiedlich gut ist. Teilweise ist die Reproduzierbarkeit einer Kenngröße unabhängig
vom verwendeten Messsystem. Teilweise treten auch zwischen den Messsystemen ge-
wisse Schwankungen auf.
Die geringste Streubreite ist bei der Kenngröße „Maximale Temperatur“ zu beobach-
ten. Hier macht die Standardabweichung maximal 3 % vom Mittelwert aus.
Auch die Kenngröße „Maximaler Druck“ ist mit einem relativen Fehler von maxi-
mal 8 % gut reproduzierbar. Sie ist beispielsweise wichtig bei der Beurteilung, ob die
Auslegungsgrenzen eines Behälters bei einer Deflagration überschritten werden.
Die Reproduzierbarkeit der Induktionszeit liegt mit einer maximalen relativen Ab-
weichung von 18 % im 4-L-Druckbehälter in einem akzeptablen Bereich. Die Standard-
abweichung beträgt bei allen Messsystemen maximal 4s. Verglichen mit dem Zeitraum
70
von 5 Minuten, innerhalb dessen im Regelfall eine Zündung der Substanz abgewartet
wird, sind die Schwankungen marginal. Generell ist es sinnvoll und für die praktische
Anwendung vollkommen ausreichend, die Induktionszeit auf volle 10 s zu runden.
Bei den Kenngrößen „Maximale Temperatur“, „Maximaler Druck“ und „Induktions-
zeit“ sind keine signifikanten Schwankungen der Messunsicherheit beim Vergleich der
Messsysteme zu beobachten.
Die Reproduzierbarkeit der mittleren Druckanstiegsrate ist im 4-L-Druckbehälter mit
einem relativen Fehler von 62 % nicht gut. Im 200-mL-Druckbehälter war sie mit ca.
40 % besser reproduzierbar, wobei die relative Standardabweichung auch hier hoch ist.
Der relative Fehler der maximalen Druckanstiegsrate ist jeweils ähnlich wie der der mitt-
leren Druckanstiegsrate. Die genauen Zahlenwerte können der Tabelle A.3 im Anhang
entnommen werden.
Die gesamte Druckanstiegsrate, die gemäß Gleichung 3.2 definiert ist, ist in der Regel
besser reproduzierbar, das heißt die relative Streuung ist im 4-L-Druckbehälter und im
200-mL-Druckbehälter bei Anzündung von unten im Vergleich zur mittleren Druckan-
stiegsrate halb so groß.
Ein hoher relativer Fehler ist auch bei der Kenngröße „Ausbreitungsrate“ gegeben.
Bei der VDI-Methode und im 4-L-Druckbehälter beträgt die Streubreite ca. 60 % vom
Mittelwert. Besser ist die Reproduzierbarkeit im 200-mL-Druckbehälter. Bei Anzündung
von unten liegt die prozentuale Abweichung vom Mittelwert bei 45 %, bei Anzündung
von oben bei 28 %.
Bei den Kenngrößen „lineare Ausbreitungsrate“ und „Druckanstiegsrate“ ist auffällig,
dass die Streuung der Ergebnisse bei beiden Kenngrößen im 200-mL-Druckbehälter um
20 % bis 30 % geringer ist, als im 4-L-Druckbehälter oder bei der VDI-Methode. Dies ist
einerseits auf den geringeren Rohrdurchmesser im 200-mL-Druckbehälter zurückzufüh-
ren. Aufgrund dessen sind gleichmäßigere Reaktionsfronten zu erwarten. Andererseits
wurde bei den dargestellten Messungen im 200-mL-Druckbehälter 50 %-iges ADCA ver-
wendet, im Gegensatz zu 100 %-igem ADCA im 4-L-Druckbehälter und in der VDI-
Methode. Wie in Abschnitt 4.3.5 beschrieben wurde, führt eine Verdünnung von ADCA
mit einer Inertsubstanz zu einer gleichmäßigeren Deflagration.
Die relative Standardabweichung der maximalen Temperaturanstiegsrate liegt bei der
VDI-Methode, im 4-L-Druckbehälter und im 200-mL-Druckbehälter bei Anzündung von
unten bei ca. 30 %, bei Anzündung von oben ist sie mit 20 % geringer. Die Reproduzier-
barkeit der mittleren Temperaturanstiegsrate ist meistens schlechter (vgl. Tabelle A.3).
Sie liegt bei der VDI-Methode bei 38 %, im 200-mL-Druckbehälter bei Anzündung von
unten bei 59 % und bei Anzündung von oben bei 37%. Nur im 4-L-Druckbehälter liegt
die relative Streuung der mittleren Temperaturanstiegsrate ähnlich wie die der maxima-
len Temperaturanstiegsrate bei ca. 30 % . Die Streuung ist zwar relativ hoch, fällt aber
nicht stark ins Gewicht, da die Kenngröße „Temperaturanstiegsrate“ für die Interpreta-
tion des Deflagrationsverhaltens nachrangig ist und selten herangezogen wird.
Die hohe Streuung der Kenngrößen Ausbreitungsrate, Druck- und Temperaturan-
stiegsrate, die ein Maß für die Deflagrationsgeschwindigkeit darstellen, ist durch den
Zufallseinfluss, dem die Reaktion unterliegt, zu erklären. Das heißt, dass nicht die Mess-
methoden einen hohen zufälligen Fehler aufweisen, sondern die untersuchte Reaktion
71
selbst aufgrund der Komplexität der zugrunde liegenden physikalisch-chemischen Zu-
sammenhänge gewisse Variationen zeigt. Diese werden vor allem durch den Zufallsein-
fluss der durch die Schüttung aufsteigenden Gase hervorgerufen. Sie formen Kanäle und
Blasen in der noch nicht reagierten Substanzprobe, die zu unregelmäßigen langen Re-
aktionsfronten führen [20]. Dadurch können auch sekundäre Anzündungen durch lokale
Überhitzung weit vor der eigentlichen Reaktionszone entstehen, die die Ausbildung ei-
ner linearen, homogenen Reaktionsfront stören. Weiterhin können Folgereaktionen in der
Gasphase auftreten, die wiederum vom bisherigen Reaktionsverlauf abhängen [89].
Es wird vermutet, dass die Bildung von Reaktionskanälen vor allem die Kenngrößen
beeinträchtigt, die durch Temperaturmessung ermittelt werden. Die Temperatur kann
nur punktuell an einer bestimmten Stelle bestimmt werden, wobei sich Reaktionskanäle
willkürlich in verschiedenen Bereichen bilden. Im Gegensatz dazu liefert die Druckmes-
sung eine integrale Information über den Druck im gesamten Messraum und damit über
den Stoffumsatz.
Aus diesem Grund liegt die Vermutung nahe, dass die Ausbreitungsrate, die aus der
Temperaturmessung ermittelt wird, als Kenngröße gegenüber der Druckanstiegsrate auf-
grund ihrer zu erwartenden schlechteren Reproduzierbarkeit eine geringere Aussagekraft
hat. Es wurde jedoch experimentell gezeigt, dass die Reproduzierbarkeit der Druckan-
stiegsrate nicht besser ist. Insgesamt ist auffällig, dass alle Kenngrößen, die die Ge-
schwindigkeit der Deflagration beschreiben, also die Ausbreitungsrate, die Druck- und
die Temperaturanstiegsrate, mit einer hohen Streuung behaftet sind. Der Zufallseinfluss,
der insbesondere aus der Gasbildung resultiert, scheint die Ausbreitung der Reaktions-
front insgesamt zu beeinflussen.
Die Theorie, dass die Gasbildung einen signifikanten Teil zur hohen Streuung bei-
trägt, wird von der Beobachtung gestützt, dass bei Anzündung von oben die Streuung
der Ausbreitungsrate und der Temperaturanstiegsrate geringer ist, als bei Anzündung
von unten. In Abschnitt 2.3.2 wurde auch diskutiert, dass bei Anzündung von oben
eine geringere Streuung, als bei Anzündung von unten, zu erwarten ist. Trotz der ho-
hen Streuung wird die Anzündung von unten in bestimmten Bereichen der industriel-
len Verfahrens- und Anlagensicherheit favorisiert, denn diese Methode ist sensitiver im
Erkennen von deflagrationsfähigen Substanzen. Der Effekt des Vorwärmens durch die
heißen Zersetzungsgase begünstigt die Ausbreitung einer Deflagration.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass drei der sechs Kenngrößen, nämlich die In-
duktionszeit, die maximale Temperatur und der maximale Druck, gut reproduzierbar
sind. Die drei Kenngrößen mit einer weniger guten Reproduzierbarkeit sind die Ausbrei-
tungsrate, die Druck- und Temperaturanstiegsrate. Der Grund für die hohe Streuung
dieser Kenngrößen liegt in der Reaktion selbst, deren Ablauf von zufälligen Faktoren
bestimmt wird. Diese intrinsisch vorhandene Streuung muss in Kauf genommen und
bei der Interpretation von Versuchsergebnissen berücksichtigt werden. Die Apparatu-
ren, Probenvorbereitung und Versuchsdurchführung wurden so weit optimiert, dass der
Beitrag der Messmethoden zum zufälligen Fehler auf das geringst mögliche Maß reduziert
wurde.
72
4.4.2 Vergleich der Absolutwerte der Kenngrößen
Nachdem die Messunsicherheit diskutiert wurde, werden an dieser Stelle die Absolut-
werte der Ergebnisse erläutert. Es wird verglichen, welche Werte der Kenngrößen in
den verschiedenen Messsystemen erhalten werden. So sollen die neu entwickelten Mess-
systeme charakterisiert und es soll gezeigt werden, ob die Ergebnisse von den neuen
Messsystemen mit denen der bestehenden Methoden vergleichbar sind. Dies trägt zur
Validierung der neu entwickelten Messsysteme bei und gewährleistet, dass belastbare
Ergebnisse erzeugt werden.
In diesem Abschnitt werden die Messsystem-spezifischen Einflüsse auf die Kenngrö-
ßen herausgestellt. Zum Vergleich der normierten Kenngrößen, die um die Messsystem-
spezifischen Einflüsse korrigiert wurden, sei auf Abschnitt 4.4.3 verwiesen.
Zum Vergleich der Absolutwerte kann die Abbildung 4.8 mit einer Einschränkung her-
angezogen werden. Im 200-mL-Druckbehälter wurde, anders als in den anderen beiden
Messsystemen, nicht reines ADCA sondern 50 %-iges ADCA verwendet. Daher werden
die Ergebnisse aus Versuchen mit reinem ADCA für die Kenngrößen „maximaler Druck,
Temperatur- und Druckanstiegsrate“ in Abbildung 4.9 dargestellt. Der Nachteil ist in
diesem Fall, dass im 200-mL-Druckbehälter mit reinem ADCA nur drei Wiederholungs-
messungen durchgeführt wurden und somit kein belastbarer Wert der Messunsicherheit
ermittelt wurde. Hier wird der Mittelwert aus den drei durchgeführten Messungen ange-
geben. Als Orientierung kann die angegebene Messunsicherheit bei den entsprechenden
Kenngrößen in Abbildung 4.8 dienen. Die verbleibenden Kenngrößen bei reinem AD-
CA, die an dieser Stelle nicht noch einmal dargestellt werden, werden in der Diskussion
erläutert.
Die Induktionszeit ist im Rahmen der Messunsicherheit in allen Messsystemen iden-
tisch. Bei atmosphärischem Druck konnte kein signifikanter Unterschied in der Indukti-
onszeit von 100 %-igem und 50 %-igem ADCA festgestellt werden.
VDI 2263
4 L
200mL
0
10
20
30
40
50
Mittlere
Temperaturanstiegsrate [°C/s]
4 L
200mL
0
5
10
15
20
25
Mittlere Druckanstiegsrate [bar/s]
4 L
200mL
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
Max. Druck [bar]
Abbildung 4.9: Vergleich der Ergebnisse in den verwendeten Messsystemen, Versuche
mit ADCA
73
Die maximale Temperatur ist im offenen Messsystem nach VDI 2263-1 um gut 50 K
geringer, als im 4-L-Druckbehälter. Hier kommt der Effekt zum Tragen, dass die ent-
stehenden heißen Zersetzungsgase im offenen Messsystem schnell zur Atmosphäre hin
entweichen. Im 200-mL-Druckbehälter beträgt die maximale Temperatur bei reinem AD-
CA ca. 400 C. Sie ist um ca. 80 Chöher, als im 4-L-Druckbehälter und in etwa um den
gleichen Wert höher, als bei 50 %-igem ADCA.
Die mittlere Temperaturanstiegsrate ist im Messsystem nach VDI 2263-1 ebenfalls
geringer, als in den beiden geschlossenen Messsystemen. Dies deckt sich mit der Beob-
achtung zur maximalen Temperatur und kann in analoger Weise erklärt werden.
Die lineare Ausbreitungsrate ist im VDI-Test und im 4-L-Druckbehälter identisch. Sie
liegt im Mittel bei ca. 12 mm/s (vgl. Abbildung 4.8 bzw. Tabelle A.3). Die Ursache dafür
könnte unter anderem sein, dass innerhalb des Prüfrohrs aufgrund der Gasbildung ein
Überdruck entsteht. Dies wurde im VDI-Test visuell beobachtet. Die Gasbildungsrate ist
bei Versuchen mit reinem ADCA so hoch, dass bei Anzündung von unten das Schüttgut
um mehrere Zentimeter angehoben wird. Darüber hinaus ist der mittlere Druck im 4-
L-Druckbehälter relativ gering. Somit wird kaum eine Beschleunigung der Deflagration
aufgrund des während der Reaktion steigenden Drucks erreicht. Vermutlich überwiegt
in diesem Fall der Effekt des entstehenden Überdrucks innerhalb des Prüfrohrs.
Die lineare Ausbreitungsrate ist im 18-L-Druckbehälter mit 0,3mm/s wesentlich ge-
ringer als im 4-L-Druckbehälter oder im VDI-Test. Dies ist mit den höheren Wärmever-
lusten über die Rohrwand aufgrund des kleinen Prüfrohrs zu erklären. Darüber hinaus
ist aufgrund des großen Volumens des Gasraums von einem schnellen konvektiven Stoff-
transport der heißen Zersetzungsgase und der Verteilung dieser im Gasraum auszugehen.
Damit wird ein hoher Teil der Reaktionswärme aus dem Prüfrohr abgeführt, was zu ei-
ner Reduktion der Ausbreitungsgeschwindigkeit führt. Gleichzeitig bleibt aufgrund der
quasi-isobaren Bedingungen eine Beschleunigung der Deflagration aus. Im Gegensatz da-
zu führt im 200-mL-Druckbehälter, in welchem das gleiche Prüfrohr verwendet wurde,
der ansteigende Druck zu einer wesentlich schnelleren Deflagration als in den Mess-
systemen mit geringerem Füllgrad. Die höheren Wärmeverluste des 3 cm-Prüfrohrs im
Vergleich zum 5 cm-Prüfrohr werden durch die Verdichtung der heißen Zersetzungsgase
im relativ kleinen Gasraum des 200-mL-Druckbehälters überkompensiert. Messungen im
18-L-Druckbehälter sind vor diesem Hintergrund zu betrachten und es ist sicherzustel-
len, dass die damit ermittelten Ergebnisse aussagekräftig für den realen Anwendungsfall
sind. Die Messsysteme 4-L- und 200-mL-Druckbehälter sind sensitiver im Erkennen de-
flagrativen Verhaltens.
Die lineare Ausbreitungsrate von 100 %-igem ADCA wurde im 200-mL-Druckbehälter
nicht bestimmt. Sie müsste höher sein, als die von 50 %-igem ADCA, welche im Mittel
11 mm/s beträgt.
Sowohl die mittlere Druckanstiegsrate als auch der maximale Druck sind im 200-
mL-Druckbehälter in etwa um den Faktor 4 höher, als im 4-L-Druckbehälter. Dies ist
mit dem höheren Füllgrad im 200-mL-Druckbehälter zu erklären. Aufgrund des höhe-
ren Drucks ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit im 200-mL-Druckbehälter größer, als im
4-L-Druckbehälter. Der Effekt des höheren Drucks überwiegt deutlich den Effekt des ge-
ringeren Rohrdurchmessers. Die geringere Querschnittsfläche würde bei gleicher linearen
74
Ausbreitungsrate zu einer geringeren Gasbildungsrate führen.
Es ist zu beachten, dass die Verwendung eines geschlossenen Messsystems prinzipiell
zu einer anderen Einstufung führen kann, als die Verwendung eines offenen Systems. Wie
die Ergebnisse des 200-mL-Druckbehälters zeigen, ist die Deflagrationsgeschwindigkeit
im geschlossenen System größer, als im offenen. Die Messung in einem offenen System
ist nicht konservativ, wenn geschlossene Systeme, bei denen ein Druckaufbau möglich
ist, bewertet werden sollen.
In diesem Abschnitt wurden die absolut gemessenen Werte verglichen. Es wurde ge-
zeigt, dass hinsichtlich der Kenngrößen, die aus dem Drucksignal abgeleitet werden,
signifikante Unterschiede zwischen den Messsystemen zu beobachten sind. Universeller
anwendbar sind normierte Kenngrößen, die unabhängig vom Einfluss des verwendeten
Messsystems sind. Eine solche Normierung der gemessenen Druckanstiegsraten wird im
folgenden Abschnitt vorgenommen.
4.4.3 Normierung der Druckanstiegsrate und Umrechnung auf
beliebige Randbedingungen
Da in den einzelnen Messystemen mit verschiedenen Füllgraden, Probenmengen und
Prüfrohren gearbeitet wird, sind die gemessenen Kenngrößen hinsichtlich der Deflagrati-
onsgeschwindigkeit mit Messsystem-spezifischen Einflüssen behaftet. Vor allem aufgrund
der unterschiedlichen Füllgrade der Messsysteme entsteht während einer Deflagration ein
unterschiedlich hoher Druck. Die gemessenen Druckdifferenzen pzwischen Anfangs-
und Enddruck liegen bei Betrachtung aller durchgeführten Experimente im Bereich zwi-
schen 1 bar und ca. 160 bar. Um die Messsystem-spezifischen Einflüsse zu eliminieren,
wird zunächst eine Normierung der Ergebnisse vorgenommen.
Normierung der Ergebnisse
Die Normierung der gemessenen Druckanstiegsraten dp
dt erfolgt bezüglich
der Einwaage an Substanz m,
der reagierenden Oberfläche A,
dem Behältervolumen Vges,
und dem mittleren Druck pm.
Die normierte Druckanstiegsrate dp
dt Nfür einen bestimmten Behältertyp berechnet sich
nach folgender Gleichung:
dp
dt !N
=dp
dt ·Vges
m·A·pm
.(4.2)
Die reagierende Oberfläche Aentspricht bei den verwendeten Messsystemen näherungs-
weise der Querschnittsfläche des Prüfrohrs. Bei anderen Geometrien und Ausbreitungs-
formen ist die reagierende Oberfläche entsprechend zu wählen.
75
Als Bezugswert für die Korrektur der Druckabhängigkeit wurde der mittlere Druck pm
und nicht etwa der Anfangs- p0oder Maximaldruck pmax gewählt. Der mittlere Druck pm
beinhaltet sowohl die Information über den Anfangsdruck p0, als auch die Information
über den Maximaldruck pmax:
pm=p0+pmax p0
2=p0+pmax
2.(4.3)
Die Werte werden nicht hinsichtlich der Temperatur korrigiert. Prinzipiell beeinflusst
die Temperatur in der Gasphase den dynamischen Druckverlauf und damit die Druckan-
stiegsrate. Es wird angenommen, dass dieser Einfluss in allen verwendeten Messsystemen
ähnlich ist, die resultierenden Ungenauigkeiten werden in Kauf genommen.
Außerdem erfolgt keine Normierung hinsichtlich der unterschiedlichen Wärmeverluste
und Wärmeaufnahme der Prüfrohre. Diese unterscheiden sich aufgrund der Abmessun-
gen, insbesondere aufgrund der unterschiedlichen Verhältnisse von Oberfläche zu Volu-
men, Wandstärken und Höhen. Ebenso ist das freie Gasvolumen in den verwendeten
Druckbehältern ein anderes. Dies führt zu unterschiedlichen Wärmeverlusten innerhalb
des Prüfrohrs durch Konvektion der heißen Zersetzungsgase im Gasraum des Behälters
während der Reaktion.
In der Tabelle 4.4 ist die normierte mittlere Druckanstiegsrate in den verschiedenen
Messsystemen dargestellt. Es wurden Daten verschiedener Versuche gewählt, bei de-
nen neben dem Messsystem das Mischungsverhältnis der Probe und der Anfangsdruck
variiert wurden.
Tabelle 4.4: Vergleich der normierten mittleren Druckanstiegsrate bei verschiedenen
Messsystemen, Mischungsverhältnissen und Drücken
Messsystem Substanz pmdp
dt avg,N
[bar]h103bar
s
m3
g·m2·bar i
18 L ADCA 2 5,5
4 L ADCA 10 9,9
200 mL ADCA 43 10,7
200 mL ADCA/SiO2(50/50) 13 7,3
200 mL ADCA/SiO2(50/50) 60 6,6
Es ist zu erkennen, dass die normierten mittleren Druckanstiegsraten unabhängig von
den jeweiligen Randbedingungen in einem ähnlichen Bereich liegen. Das Ergebnis der
Normierung wird demzufolge als zufriedenstellend angesehen. Gewisse Schwankungen
der normierten Druckanstiegsraten kommen zustande, weil die Verwendung des mittle-
ren Drucks zur Korrektur der Druckabhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit eine
Näherung ist, die den tatsächlichen zeitlichen Druckverlauf während eines Experimentes
nicht genau auflöst und weil die Druckanstiegsraten nicht bezüglich der Temperatur kor-
rigiert wurden. Da die Schwankungen in einem akzeptablen Bereich liegen, ist in diesem
Fall keine genauere Betrachtung notwendig. Die vorgeschlagene Normierung ermöglicht,
76
die Kenngrößen, die in einem bestimmten Behältertyp erzeugt wurden, mit geringem
Aufwand für andere Randbedingungen umzurechnen.
Soll die Druckanstiegsrate in einem bestimmten Behältertyp (Zielsystem) unter Ver-
wendung der Messergebnisse aus einem anderen Behältertyp (Messsystem) berechnet
werden, kann beruhend auf Gleichung 4.2 folgender Ansatz gewählt werden:
dp
dt !ziel
= dp
dt !N
·mziel ·Aziel ·pm,ziel
Vges,ziel
= dp
dt !mess
·Vges,mess
mmess ·Amess ·pm,mess
·mziel ·Aziel ·pm,ziel
Vges,ziel
.(4.4)
Die Querschnittsfläche Aziel und das Behältervolumen Vges,ziel des Zielsystems sind be-
kannt. Die Einwaage mziel kann bei bekannter Schüttdichte skaliert werden. Der mittlere
Druck pm,ziel ergibt sich gemäß:
pm,ziel =p0,ziel +pmax,ziel
2.(4.5)
Der maximale Druck pmax,ziel kann unter Verwendung des idealen Gasgesetzes abge-
schätzt werden:
p·V=n·R·T(4.6)
pmax,ziel =nziel ·R·Tziel
Vziel
.(4.7)
Die Stoffmenge der gebildeten Gase nziel ist proportional zur Einwaage des Eduktes m:
nziel =nmess
mmess
·mziel.(4.8)
Die Stoffmenge der gebildeten Gase nmess im verwendeten Behältertyp kann mithilfe des
idealen Gasgesetzes abgeschätzt werden:
nmess =pmax,mess ·Vmess
R·Tmess
.(4.9)
Für die Temperaturen Tziel und Tmess kann näherungsweise die maximale Reaktion-
stemperatur angesetzt werden. Zusammenfassend ergibt sich für den maximalen Druck
pmax,ziel im Zielsystem:
pmax,ziel =pmax,mess ·Vmess ·mziel ·Tziel
mmess ·Vziel ·Tmess
.(4.10)
An dieser Stelle werden die Werte der mittleren Druckanstiegsrate (dp/dt)avg,mess, die
im 18-L- und 200-mL-Druckbehälter gemessen wurden, mit Gleichung 4.4 auf die Bedin-
gungen umgerechnet, die im 4-L-Druckbehälter herrschen. Die berechneten Ergebnisse
(dp/dt)avg,4L,ber werden anschließend den tatsächlich gemessenen Werten (dp/dt)avg,4L,exp
im 4-L- Druckbehälter gegenübergestellt. Die Ergebnisse sind in Tabelle 4.5 dargestellt.
77
Tabelle 4.5: Umrechnung der mittleren Druckanstiegsrate aus einem beliebigen Behäl-
tertyp auf die Bedingungen im 4-L-Druckbehälter, Vergleich mit den tat-
sächlich gemessenen Werten im 4-L-Druckbehälter
Ursprüngl. Substanz pmdp
dt avg,mess dp
dt avg,4L,ber dp
dt avg,4L,exp
Behältertyp [bar] [bar/s] [bar/s] [bar/s]
18 L ADCA 2 0,006 3,6 3,9
4 L ADCA 10 3,9 3,9 3,9
200 mL ADCA 43 30 3,9 3,9
200 mL ADCA/SiO2(50/50) 13 6 2,7 2,6
200 mL ADCA/SiO2(50/50) 60 22 2,4 2,6
Der Vergleich der berechneten Werte mit den tatsächlich gemessenen Werten ergibt ei-
ne sehr gute Übereinstimmung. Dies zeigt, dass die Umrechnung von einem Behältertyp
auf einen anderen möglich ist. Prinzipiell ist mit dieser Vorgehensweise die Druckan-
stiegsrate für beliebige Behältertypen und Randbedingungen berechenbar. Das Verfah-
ren wurde bisher nur im Labormaßstab und für ähnliche Geometrien angewendet. Soll
zu einem größeren Maßstab oder für andere Geometrien extrapoliert werden, sollten
entsprechende Validierungsexperimente durchgeführt werden, um die Zulässigkeit der
Extrapolation zu gewährleisten.
78
4.5 Druckabhängigkeit des Deflagrationsverhaltens
Die Druckabhängigkeit des Deflagrationsverhaltens wurde unter Verwendung der neu
entwickelten Messsysteme untersucht. Aufgrund des besonderen Verhaltens bei reduzier-
tem Druck wird das Verhalten bei reduziertem bzw. bei erhöhtem Druck in getrennten
Unterabschnitten beschrieben.
Das Deflagrationsverhalten bei atmosphärischem Druck wird als Referenzmaßstab her-
angezogen und in den beiden folgenden Unterabschnitten mehrmals referiert. Detaillier-
te Erläuterungen und experimentelle Ergebnisse zum Verhalten bei atmosphärischem
Druck finden sich beispielsweise in den Abschnitten 4.2 bis 4.4.
4.5.1 Verhalten bei reduziertem Druck
Das Deflagrationsverhalten bei vermindertem Druck wurde eingehend untersucht. Es
wurden Versuche mit verschiedenen Substanzen und bei verschiedenen Anfangsdrücken
durchgeführt. Ein Versuch wurde jeweils bei einem gewünschten Anfangsdruck gestartet.
Während eines Versuchs wurde der Versuchsraum nicht evakuiert. Die Unterdruckquelle
war während der Versuche abgetrennt und der Versuchsraum war vollständig verschlos-
sen. Dementsprechend führte die Gasbildung während der Reaktion zum Druckanstieg
und zum Brechen des Vakuums.
In diesem Abschnitt werden die bei Unterdruck durchgeführten Untersuchungen er-
läutert und die gefundenen Zusammenhänge diskutiert. Die Ergebnisse für verschiedene
Substanzen werden dargestellt und theoretische Erklärungen für die deutlichen Unter-
schiede zwischen bei reduziertem Druck gestarteten Deflagrationen und bei Atmosphä-
rendruck gestarteten Deflagrationen gegeben.
Schon unmittelbar aus den einzelnen Messdiagrammen ist abzulesen, dass sich eine
Deflagration der untersuchten Substanzen bei Unterdruck rein qualitativ von einer Defla-
gration bei Atmosphärendruck unterscheidet. In Abbildung 4.10 ist das Messdiagramm
eines Versuchs mit ADCA bei 10 mbar Anfangsdruck abgebildet. Darin fällt ein dreistu-
figer Temperaturverlauf auf. Solch ein stufenhafter Temperaturanstieg ist bei keiner der
Reaktionen dieser Substanz bei atmosphärischem Druck aufgetreten. Ebenso ist zu er-
kennen, dass der Druck erst 180 s nach dem Einschalten der Anzündquelle ansteigt. Erst
an dieser Stelle tritt eine vollständig durchgehende Reaktion auf. Würde die Wärme-
quelle vor dem Durchgehen der Reaktion abgeschaltet werden, würde die Deflagration
zum Erliegen kommen. Dies wurde durch gezielte Experimente bestätigt und wird in
Abschnitt 4.7 erläutert.
Darüber hinaus sind die in Abbildung 4.10 dargestellten Temperaturanstiege eindeutig
von jenen unterscheidbar, die von der Erwärmung der Anzündquelle stammen (s. Ab-
schnitt 4.1.2.1). Der betrachtete Zeitraum liegt unter 200 s. Innerhalb dieser Zeit wurde
keine Erwärmung der Substanz durch die Anzündquelle in 2 cm Abstand zur Glühkerzen-
spitze festgestellt. Ein zweites Kriterium sind die typischen Temperaturgradienten bei
Reaktionen bzw. bei einer Erwärmung durch die Anzündquelle. Der maximale Tempera-
turgradient bei T1 beträgt 12 K/s. Dementgegen liegen typische Temperaturgradienten
bei der Erwärmung einer Substanz mit der Glühkerze bei 0,1 K/s bis 0,2 K/s. Somit
79
0 50 100 150 200 250 300
0
2
4
6
8
10
12
14
16
18
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T1
T2
T3
0
50
100
150
200
250
300
Temperatur T [°C]
Abbildung 4.10: Messdiagramm eines Versuchs mit ADCA bei einem Anfangsdruck von
10 mbar im 4-L-Druckbehälter (Einwaage: 85,0 g, Füllhöhe: 9 cm)
kann ausgeschlossen werden, dass die Temperaturerhöhung durch die Energiezufuhr der
Anzündquelle hervorgerufen wird.
Bei Deflagrationen unter vermindertem Druck liegt ein besonderes Verhalten vor, das
bei atmosphärischem Druck oder bei Überdruck nicht beobachtet wurde. Unmittelbar
nach dem ersten Temperaturanstieg tritt noch keine selbstständig fortschreitende Zer-
setzung auf. Erst nach längerer Wartezeit, währenddessen kontinuierlich Energie durch
die Anzündquelle zugeführt wird, tritt eine stabile Deflagration auf. Dies ist daran zu
erkennen, dass nach einer gewissen Wartezeit parallel zur Temperaturerhöhung auch der
Druck ansteigt.
Anhand der Temperaturanstiege ist eindeutig zu erkennen, dass vor dem Zündzeit-
punkt, an dem eine stabile, sich selbst unterhaltende Deflagration initiiert wird, bereits
lokale Reaktionen auftreten. Vermutlich bildet sich aufgrund des verminderten Wärme-
transports zunächst keine stabile Deflagration aus. Die lokal auftretenden Reaktionen
führen einerseits zu einer Wärmefreisetzung, da die freigesetzte Wärme jedoch nicht
schnell genug auf benachbarte Partikel übertragen wird, tritt keine unmittelbare Zün-
dung der benachbarten Partikel auf. Durch die Reaktionen bildet sich andererseits eine
geringe Gasmenge. Dies führt zu einer marginalen Druckerhöhung und somit zu einer
Verbesserung des Wärmetransports. Diese Vorgänge scheinen während einer im ange-
führten Beispiel 2-minütigen Phase stattzufinden und sie führen in ihrer Summe zu
Bedingungen, die eine stabile Deflagration ermöglichen. Im Unterschied zu einer Defla-
80
gration bei atmosphärischem Druck, bei welcher der Zeitpunkt des ersten Reaktionsbe-
ginns gleichzusetzen ist mit dem Zeitpunkt, an dem die Deflagration sich selbstständig
ausbreitet, fallen bei Deflagrationen unter vermindertem Druck diese beiden Zeitpunkte
auseinander.
In diesem Zusammenhang ist eine detailliertere Betrachtung von Zündvorgängen inter-
essant. Es ist bekannt, dass Glimmnester, wenn sie eine gewisse Mindestgröße aufweisen,
als Zündquelle fungieren können [10, 16]. Während des Glimmens entstehen Gase und
feste Reaktionsprodukte. Diese lagern sich in einer Grenzschicht um das Glimmnest an.
Sie können als Barriere wirken und die lokale Zündwirksamkeit des Glimmnests reduzie-
ren [90]. Diese Erkenntnisse wurden im Zusammenhang mit der Bewertung von oxida-
tiven Selbsterhitzungsvorgängen gewonnen, das heißt sie spielen bei Wärmeexplosionen
eine Rolle (vgl. Abschnitt 2.1).
Deflagrationen treten auch ohne die Anwesenheit von Sauerstoff auf und unterscheiden
sich von oxidativen Selbsterhitzungsvorgängen in ihrem Ausbreitungsmechanismus. Prin-
zipiell können jedoch bestimmte Methoden und Ergebnisse aus solchen Betrachtungen
für die Bewertung von Initiierungsbedingungen von Deflagrationen übertragen werden.
In Fällen, in denen die Ausbreitung einer Deflagration aufgrund der Wärmetransportbe-
dingungen ohnehin gehemmt ist, kann einer als Barriere wirkenden Grenzschicht erhöhte
Bedeutung zukommen. Sie kann zusätzlich zur Hemmung einer Deflagrationsausbreitung
beitragen.
Abhängigkeit der Induktionszeit vom Anfangsdruck bei reduziertem Druck
Die Abhängigkeit der Induktionszeit vom Anfangsdruck wurde genauer untersucht. Dazu
wurden mehrere Experimente durchgeführt, die bei verschiedenen Anfangsdrücken p0
1bar gestartet wurden. Bei der Bestimmung der Induktionszeit wurde beachtet, die Zeit
bis zum tatsächlichen Durchgehen der Reaktion zu bestimmen, nicht bis zum ersten
Temperaturanstieg. Das tatsächliche Durchgehen der Reaktion ist daran erkennbar, dass
neben einem Temperaturanstieg auch ein Druckanstieg auftritt. Die Induktionszeiten bei
verschiedenen Drücken werden in Abbildung 4.11 dargestellt. Es ist zu erkennen, dass bei
allen untersuchten Substanzen die Induktionszeit mit sinkendem Anfangsdruck steigt.
Bei einigen Substanzen ist die Druckabhängigkeit der Induktionszeit stark ausgeprägt,
bei anderen weniger stark.
Zur Quantifizierung des Zusammenhangs zwischen Induktionszeit und Anfangsdruck
wurden die Kurven mathematisch angepasst. Bei Unterdruck kann dieser Zusammen-
hang für die untersuchten Substanzen am Besten mit abfallenden Exponentialfunktionen
der allgemeinen Form
tInd =a·eb·p0+t0(4.11)
beschrieben werden. Die Parameter, die jeweils die besten Anpassungsgüten, das heißt
das größte Bestimmtheitsmaß, lieferten, werden in Tabelle 4.6 dargestellt.
Es ist zu erkennen, dass die Krümmung der Kurven bei allen Substanzen in einem
ähnlichen Bereich liegt. Die Kurven sind unterschiedlich stark gestreckt, wodurch ei-
ne unterschiedliche Sensitivität der Induktionszeit gegenüber einer Druckänderung zum
81
0 200 400 600 800 1000
0
100
200
300
400
500
ADCA/CaSO
4
(32/68)
ADCA
ACVA/SiO
2
(50/50)
IMD/SiO
2
(50/50)
Induktionszeit t [s]
Anfangsdruck p
0
[mbar] N
2
Abbildung 4.11: Abhängigkeit der Induktionszeit vom Anfangsdruck (p1 bar)
Ausdruck kommt. Die Ursache für die unterschiedlichen Sensitivitäten wird später in
diesem Abschnitt diskutiert.
An dieser Stelle wird erörtert, worin die Ursachen für die starken Veränderungen der
Induktionszeit bei reduziertem Druck zu suchen sind. Zwei Faktoren sind für das De-
flagrationsverhalten wesentlich: erstens die Zersetzungsreaktion der Substanz, die aus
einzelnen Parallel- und Folgereaktionen besteht, und deren intrinsischen Kinetik, sowie
zweitens die Wärmetransportbedingungen. Beide Faktoren beeinflussen die makroskopi-
sche Reaktionsgeschwindigkeit.
Die intrinsische Kinetik der Zersetzungsreaktion scheint nicht vom Druck abzuhängen,
da im ersten Reaktionsschritt kein gasförmiger Reaktionspartner beteiligt ist. Möglicher-
weise werden bei reduziertem Druck gasbildende Folgereaktionen bevorzugt. Dies sollte
jedoch keinen Einfluss auf die Induktionszeit haben, weshalb nicht davon ausgegangen
wird, dass ein unmittelbarer Einfluss des reduzierten Drucks zu Beginn eines Experi-
ments auf die intrinsische Kinetik gegeben ist.
Der Einfluss des Drucks auf die Wärmetransportbedingungen hingegen ist signifikant.
In Abschnitt 4.1.2.2 wurde bereits erläutert, dass die Wärmetransportbedingungen in
einem Schüttgut vom Druck abhängen. Die Abbildung 4.5 zeigt, dass die zeitliche Ab-
hängigkeit des Wärmetransports vom Druck signifikant ist. Die angepassten Werte für
diese Kurve (Gleichung 4.1) wurden erneut in Tabelle 4.6 aufgenommen.
Ein Vergleich dieser Werte mit den Parametern für die Induktionszeit-Abhängigkeit
zeigt, dass die Veränderungen im reaktiven und im nicht-reaktiven Experiment ähnlich
82
Tabelle 4.6: Parameter der Exponentialfunktionen, angepasst für die jeweiligen Substan-
zen entsprechend Gleichung 4.11
Substanz a b t0
ADCA/CaSO4(32/68) 430 4,60E-03 91,1
ADCA 174 2,20E-03 3,4
ACVA/SiO2(50/50) 15,9 3,59E-03 28
IMD/SiO2(50/50) 82,1 4,79E-03 87,8
SiO2365 7,36E-03 879
sind. Die Krümmung der Kieselgur-Kurve ist der Krümmung bei den reaktiven Sub-
stanzen ähnlich. Die Streckung liegt innerhalb des Bereichs, der durch die reaktiven
Substanzen vorgegeben wurde. Der Achsenabschnitt ist bei der Kieselgur-Kurve wesent-
lich höher, da die Temperaturerhöhung durch den Energieeintrag der Anzündquelle erst
wesentlich später auftritt, als die Temperaturerhöhung durch eine Deflagration.
Daraus wird die Erkenntnis gewonnen, dass die Abhängigkeit der reaktiven Kurven
und der nicht-reaktiven Kurve vom Druck ähnlich ist. Aufgrunddessen wird geschlussfol-
gert, dass sich die Erhöhung der Induktionszeit bei sinkendem Druck ausschließlich durch
die geringere Wärmetransportgeschwindigkeit bei reduziertem Druck erklären lässt.
Interpretation der unterschiedlichen Sensitivität gegenüber einer Druckänderung
von Induktionszeit und Deflagrationsgeschwindigkeit bei verschiedenen
Substanzen und Messsystemen
Die Sensitivität der Induktionszeit und Deflagrationsgeschwindigkeit unterscheidet sich
je nach verwendetem Messsystem und Substanz. Als Basis für vergleichende Betrach-
tungen werden die Ergebnisse zum Deflagrationsverhalten bei 10mbar und bei 1 bar
herangezogen. In Tabelle 4.7 wird überblicksartig dargestellt, um welchen Faktor sich
die Induktionszeit bei 10 mbar erhöht bzw. um welchen Faktor sich die Deflagrations-
geschwindigkeit bei 10 mbar erniedrigt, jeweils im Vergleich zum entsprechenden Ex-
periment bei 1 bar. Die individuellen Ergebnisse der einzelnen Versuche finden sich in
Tabelle A.5 im Anhang.
Im 4-L-Druckbehälter schwankt die Sensitivität der Induktionszeit gegenüber einer
Druckänderung zwischen Faktor 2 und 8, je nach verwendeter Substanz. Im 200-mL-
Druckbehälter liegen diese Verzögerungsfaktoren in einem engeren Bereich, nämlich zwi-
schen 2 und 3.
Hinsichtlich der Änderung der Deflagrationsgeschwindigkeit sind keine signifikanten
Veränderungen bei verschiedenen Substanzen zu beobachten. Deutliche Unterschiede
sind jedoch beim Vergleich der beiden Messsysteme gegeben. Im 4-L-Druckbehälter ist
die Deflagrationsgeschwindigkeit bei 10 mbar in etwa um den Faktor 6 niedriger, als bei
1 bar. Im 200-mL-Druckbehälter beträgt dieser Faktor 1 bis 2.
83
Tabelle 4.7: Vergleich der Induktionszeiten und Deflagrationsgeschwindigkeiten bei
10 mbar und bei 1 bar für verschiedene Substanzen und verschiedene Mess-
systeme; o: Anzündung von oben; Temperaturdifferenz zwischen DSC-
Onset-Temperatur TOnset und Anfangstemperatur T0
Substanz 4-L-Druckbehälter 200-mL-Druckbehälter TOnset T0
tInd(10 mbar)
tInd(1 bar)
u(1 bar)
u(10 mbar)
tInd(10 mbar)
tInd(1 bar)
u(1 bar)
u(10 mbar)
[-] [-] [-] [-] [C]
ADCA 8 6 3 - 160
ADCA, o - - 2 - 160
ADCA/SiO2(50/50) - - 2 2 155
ADCA/CaSO4(32/68) 6 6 3 - 160
ADCA/CaSO4(32/68), o - - 2 - 160
ACVA/SiO2(50/50) 2 5 2 1 85
IMD/SiO2(50/50) 2 7 - - 90
SiO2(Inertsubstanz) 3 - - - -
Vergleich der Messsysteme
Auffällig ist, dass beide betrachtete Kenngrößen, die Induktionszeit und die lineare Aus-
breitungsrate, im 200-mL-Druckbehälter weniger sensitiv gegenüber einer Reduktion des
Drucks sind, als im 4-L-Druckbehälter. In der Diskussion zur Abhängigkeit der Induk-
tionszeit vom Anfangsdruck wurde herausgearbeitet, dass die schlechte effektive Wär-
meleitfähigkeit des Schüttguts bei reduziertem Druck als Barriere für die Initiierung
einer Deflagration wirkt. Es ist davon auszugehen, dass sich diese druckbedingten Wär-
metransporteffekte unterschiedlich stark auswirken, je nachdem wie die Geometrie des
Prüfrohrs ist.
Im 200-mL-Druckbehälter wird ein Prüfrohr mit kleinerem Durchmesser, als im 4-L-
Druckbehälter verwendet. Das verwendete Substanzvolumen im 200-mL-Druckbehälter
beträgt entsprechend in etwa 1/3 des Volumens im 4-L-Druckbehälter. Der Wärmeein-
trag durch die Glühkerze ist hingegen unverändert. Das bedeutet, dass in der gleichen
Zeiteinheit ein größeres Substanzvolumen relativ zum Gesamtvolumen des Schüttguts er-
wärmt wird. Zudem trägt im kleineren Prüfrohr auch die Wärmeleitung in der Rohrwand
und im Boden signifikant zur Erwärmung des Schüttguts bei, wie in Abschnitt 4.1.2.1
beschrieben wurde. Da der Abstand zwischen Wärmequelle und Rohrwand geringer ist,
ist eine schnellere Verteilung der durch die Glühkerze eingebrachten Wärme über den
gesamten Rohrquerschnitt gewährleistet. Bei reduziertem Druck und demzufolge gerin-
ger effektiven Wärmeleitfähigkeit des Schüttguts führt die wirkungsvollere Erwärmung
der Substanz dazu, dass früher eine stabile Deflagration entsteht.
Darüber hinaus ist im 200-mL-Druckbehälter der Füllgrad höher. Dies führt zu einem
schnelleren Druckanstieg und damit zu einer Beschleunigung der Deflagration. Während
im 4-L-Druckbehälter bei ADCA ein Druckanstieg von ca. 20 bar verzeichnet wird, be-
trägt der Druckanstieg im 200-mL-Druckbehälter mit der gleichen Substanz ca. 80 bar.
84
Ein Einfluss des reduzierten Drucks auf die lineare Ausbreitungsrate ist lediglich in der
Anfangsphase der Deflagration gegeben. Nach kurzer Reaktionszeit steigt der Druck in-
folge der Gasentwicklung und letztlich findet ein Großteil der Reaktion bei erhöhtem
Druck statt. Die Unterschiede in der linearen Ausbreitungsrate sind demzufolge ledig-
lich darauf zurückzuführen, dass der Anfangsdruck bei der Deflagration geringer war.
Da im 200-mL-Druckbehälter der Druck schneller ansteigt als im 4-L-Druckbehälter, ist
die Sensitivität der linearen Ausbreitungsrate bei einer Reduktion des Anfangsdrucks im
200-mL-Druckbehälter entsprechend geringer.
Es ist festzuhalten, dass die Sensitivität des Deflagrationsverhaltens gegenüber ei-
ner Reduktion des Anfangsdrucks im 200-mL-Druckbehälter geringer ist, als im 4-L-
Druckbehälter. Überträgt man Laborergebnisse auf reale Anwendungsfälle, beispielswei-
se auf großtechnische Reaktoren, müssen die diskutierten Randbedingungen berücksich-
tigt werden. Es muss sichergestellt werden, dass die Randbedingungen, beispielsweise
der Füllgrad, der Druck und die Substanzmenge relativ zur Größe und Leistung po-
tentieller Anzündquellen, im Labor- und im großtechnischen Maßstab vergleichbar sind,
damit die im Labor ermittelten Kenngrößen, beispielsweise die Induktionszeit und die
lineare Ausbreitungsrate, auch im großtechnischen Maßstab Gültigkeit besitzen. Dies ist
insbesondere zu beachten, wenn eine Verarbeitung bei reduziertem Druck als Schutz-
maßnahme genutzt werden soll.
Vergleich der Substanzen
Die Unterschiede im Deflagrationsverhalten bei reduziertem Druck sind, wie zuvor er-
läutert, im 4-L-Druckbehälter größer als im 200-mL- Druckbehälter. Daher wird das
Deflagrationsverhalten verschiedener Substanzen im Folgenden anhand der Ergebnisse
des 4-L-Druckbehälters vergleichend diskutiert. Es wird untersucht, warum einige Sub-
stanzen hinsichtlich ihrer Induktionszeit sensitiver und andere weniger sensitiv gegenüber
einer Druckänderung sind. Dafür wird die Initiierungsphase einer Deflagration, also die
Phase zwischen Einschalten der Anzündquelle und Durchgehen der Reaktion, genauer
betrachtet.
Wie in Abschnitt 2.3.3 beschrieben, wird die Substanz während der Initiierungsphase
so lange erwärmt, bis eine selbstständig voranschreitende Zersetzung beginnt. Maßgeb-
lich für den Reaktionsbeginn ist die jeweilige Zersetzungstemperatur. Es hängt von der
Anfangstemperatur, von der Höhe der Zersetzungstemperatur und von der Wärmetrans-
portgeschwindigkeit ab, wie schnell diese Temperatur erreicht wird.
Die Anfangstemperatur ist bei den dargestellten Ergebnissen identisch (Raumtempe-
ratur). Die Wärmetransportgeschwindigkeit wird ebenfalls als identisch angenommen.
Wie in Abschnitt 3.1.2 gezeigt wurde, liegen die hierfür relevanten Stoffdaten in einem
ähnlichen Bereich, sodass diese Annahme valide erscheint. Der Parameter, der sich bei
einem Experiment mit einer anderen Substanz ändert, ist die Zersetzungstemperatur.
Im Folgenden wird die Vermutung überprüft, ob die Zersetzungstemperatur dafür aus-
schlaggebend ist, um welchen Faktor sich die Induktionszeit bei reduziertem Druck er-
höht. Die Zersetzungstemperatur wird dabei näherungsweise mit der Onset-Temperatur
aus der DSC gleichgesetzt. Die Temperaturdifferenz Tzwischen DSC-Onset-Temperatur
85
TOnset und Anfangstemperatur T0kann der Tabelle 4.7 entnommen werden.
Es ist ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Erhöhung der Induktionszeit bei
reduziertem Druck und der DSC-Onset-Temperatur zu erkennen. Bei großem Tist der
Erhöhungsfaktor der Induktionszeit wesentlich größer, als bei kleinem T. ADCA und
ADCA/CaSO4(32/68), deren Onset-Temperatur bei ca. 180 Cliegt, reagieren wesent-
lich sensitiver gegenüber einer Druckänderung als ACVA/SiO2(50/50) und IMD/SiO2
(50/50), deren Onset-Temperatur mit ca. 110 Cgeringer ist. Hierbei ist sowohl die ab-
solute Verzögerung als auch die relative, auf die Induktionszeit bei Umgebungsdruck
bezogene Verzögerung größer.
Daraus wird die Aussage abgeleitet, dass eine hohe Zersetzungstemperatur zu einer
stärkeren Sensitivität gegenüber einer Druckänderung führt. Bei höherer Zersetzung-
stemperatur muss die Substanz länger erwärmt werden, bis die zur Initiierung der Reak-
tion nötige Temperatur erreicht wird. Die stark reduzierte effektive Wärmeleitfähigkeit
bei reduziertem Druck wirkt über einen längeren Zeitraum und damit stärker, als bei
niedriger Zersetzungstemperatur.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass verminderter Druck immer zu einer Verzöge-
rung der Deflagration bei den untersuchten Substanzen führt. Eine Verarbeitung und
Handhabung dieser Substanzen bei vermindertem Druck reduziert das Risiko des Auf-
tretens einer Deflagration. Je höher die Zersetzungstemperatur der einzelnen Substanzen
ist, desto größer ist die Wirkung, die durch eine Reduktion des Druckes erzielt werden
kann.
4.5.2 Verhalten bei erhöhtem Druck
In diesem Abschnitt wird die Abhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit vom Druck
betrachtet, wobei der Bereich erhöhten Anfangsdrucks im Vordergrund steht. Einerseits
werden Messreihen mit variiertem Druck erläutert, wodurch gezielt dessen Einfluss auf
das Deflagrationsverhalten studiert werden kann. Andererseits wird darauf eingegan-
gen, wie bei einer Deflagration unter Einschluss der während einer Messung ansteigende
Druck die Deflagrationsgeschwindigkeit beeinflusst. Zur Beantwortung dieser Fragestel-
lungen werden Experimente herangezogen, die im 18-L-Druckbehälter und im 200-mL-
Druckbehälter durchgeführt wurden.
4.5.2.1 Quasi-isobare Versuche mit Ausgleichsbehälter
Als Startpunkt der Untersuchungen wurde ein Messsystem mit hinreichend großem Vo-
lumen verwendet, sodass während der Deflagration nur eine marginale Druckerhöhung
stattfindet. Mit diesem Messsystem war es möglich, auch bei erhöhtem Druck unter an-
nähernd isobaren Bedingungen zu arbeiten. Dieses Messsystem bestand in seinem Kern
aus dem 4-L-Druckbehälter, der ohnehin für viele Messreihen in dieser Arbeit verwendet
wurde. Dieses Reaktionsgefäß wurde mit einem Ausgleichsbehälter verbunden, sodass
das Gesamtvolumen des Versuchsraums 18 L betrug.
Die Versuche wurden bei 1bar und bei 5 bar durchgeführt. Dadurch, dass eine margina-
le Druckerhöhung zugelassen wurde, kann weiterhin die Druckanstiegsrate zum Vergleich
86
der Versuche herangezogen werden. Die Druckerhöhung sollte maximal ca. 2 bar betra-
gen. Das sind ca. 10 % der üblicherweise auftretenden Druckerhöhung bei vergleichbaren
Standard-Versuchen im 4-L-Druckbehälter. Somit gelten die gewählten Bedingungen als
annähernd isobar und der Einfluss des sich ändernden Drucks während der Reaktion ist
weitestgehend eliminiert.
Die Versuche wurden unter Stickstoffatmosphäre durchgeführt. Die Deflagrationsge-
schwindigkeit wurde jeweils anhand der Kenngrößen „Druckanstiegsrate“, „Temperatur-
anstiegsrate“ und „lineare Ausbreitungsrate“ bestimmt. Anhand dieser Kenngrößen wird
beurteilt, in welchem Maß der anliegende Druck die Ausbreitungsgeschwindigkeit der
Deflagration von ADCA beeinflusst. Pro Versuch wurden jeweils 28 g ADCA eingesetzt.
Die Probe wurde in ein kleines Prüfrohr eingefüllt, das sonst im 200-mL-Druckbehäler
verwendet wurde. Es wurde bis zum oberen Rand mit der Probe befüllt. Die experimen-
tellen Druck- und Temperaturverläufe bei dem 1 bar- und 5 bar-Druckniveau werden in
Abbildung 4.12 dargestellt.
0 50 100 150 200 250 300
1,0
1,2
1,4
1,6
1,8
2,0
2,2
2,4
Druck p [bar]
Zeit t [s]
T1
T2
T3
Druck
0
50
100
150
200
250
300
Temperatur T [°C]
0 50 100 150 200 250 300
5,0
5,2
5,4
5,6
Druck p [bar]
Zeit t [s]
T1
T2
T3
Druck
0
50
100
150
200
250
300
Temperatur T [°C]
Abbildung 4.12: Zeitlicher Druck- und Temperaturverlauf bei einem Versuch mit ADCA
bei 1 bar (links) und bei 5 bar (rechts), quasi-isobare Versuche im 18-
L-Druckbehälter
Beim Vergleich der zeitlichen Druck- und Temperaturverläufe fällt auf, dass die Defla-
gration beim 5 bar-Druckniveau wesentlich schneller verlief, als beim 1 bar-Druckniveau.
Die tatsächliche Druckerhöhung in den Experimenten betrug bei dem 1bar- und 5bar-
Druckniveau: 1,3 bar und 0,6 bar. Durch die Druckerhöhung wird nicht der Anfangsdruck
des höheren Druckniveaus erreicht, wodurch sich die beiden Druckniveaus eindeutig von-
einander abgrenzen lassen. Die angegebene Druckerhöhung für das 5 bar-Druckniveau ist
dadurch verfälscht, dass während dieses Experiments leichte Undichtigkeiten auftraten.
Daher sollen die Druckwerte des 5 bar-Experiments nicht weiter interpretiert werden.
Aus den einzelnen Versuchen wurden die üblichen Kenngrößen ermittelt. In diesem Fall
sind nur die Kenngrößen von Interesse, die Auskunft über die Deflagrationsgeschwindig-
keit geben. Sie sind in Tabelle 4.8 dargestellt. Pro Druckniveau wurden zwei Experimente
durchgeführt. Sie waren ausreichend gut reproduzierbar. Die dargestellten Werte sind
87
Mittelwerte aus jeweils zwei Versuchen. Infolge von kurzzeitig leichten Undichtigkeiten
bei den 5 bar-Experimenten konnte die Druckanstiegsrate des 5 bar-Druckniveaus nicht
ausgewertet werden.
Tabelle 4.8: Einfluss des Drucks auf die Deflagrationsgeschwindigkeit, quasi-isobare Ver-
suche mit ADCA im 18-L-Druckbehälter
p0dp
dt max dp
dt avg dp
dt ges dT
dt max dT
dt avg u
[bar] [bar/s] [bar/s] [bar/s] [C/s] [C/s] [mm/s]
1 0,03 0,006 0,007 18 9 0,3
5 n.a. n.a. n.a. 114 29 1,1
Zunächst wird die Abhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit vom Druck ange-
geben, wobei sich die Einflussgröße selbst nur geringfügig ändert. Das heißt, es werden
die beiden Messungen bei jeweils annähernd konstantem Druck miteinander verglichen.
Bei 5 bar ist die lineare Ausbreitungsrate um den Faktor 3,7 höher, als bei 1bar. Ange-
nommen der in Gleichung 2.4 beschriebene Zusammenhang u=a·pn+bgilt, läge der
Parameter nin diesem Fall bei n= 0,8.
Darüber hinaus ist es interessant, eine Deflagration bei annähernd konstantem Druck
mit einer Deflagration unter Einschluss zu vergleichen. Dazu werden neben den Ergebnis-
sen aus dem 18-L-Druckbehälter die Ergebnisse aus Versuchen im 200-mL-Druckbehälter
herangezogen. Alle Versuchsparameter (Einwaage, Prüfrohr, etc.) waren identisch. Der
einzige veränderte Parameter ist das Volumen des Druckbehälters. In Tabelle 4.9 werden
die jeweiligen Ausbreitungsraten aufgeführt.
Tabelle 4.9: Deflagration von ADCA bei annähernd konstantem Druck (18-L-
Druckbehälter) im Vergleich zur Deflagration von ADCA unter Einschluss
(200-mL-Druckbehälter)
Messsystem Füllgrad p0p u
[1] [bar] [bar] [mm/s]
18 L 0,003 1 1,3 0,3
200 mL 0,24 1 87,7 2,0
Es ist ersichtlich, dass die Geschwindigkeit der Deflagration unter Einschluss um den
Faktor 6-7 höher ist, als die Geschwindigkeit der Deflagration bei annähernd konstantem
Druck.
Wie in diesem Abschnitt gezeigt wurde, ist ein eindeutiger Einfluss des Drucks auf die
Deflagrationsgeschwindigkeit gegeben. Eine detaillierte Untersuchung der Abhängigkeit
der Deflagrationsgeschwindigkeit vom Druck, auch bei höheren Drücken, wurde unter
Verwendung des 200-mL-Druckbehälters durchgeführt.
88
4.5.2.2 Versuche im 200-mL-Druckbehälter
Bei der zuvor beschriebenen Kombination aus 4 L Autoklav und 14 L Ausgleichsbehäl-
ter würde ein relativ großes Stickstoffvolumen benötigt, um umfangreiche Messreihen bei
verschiedenen Druckstufen und mit verschiedenen Substanzen durchzuführen. Um dieses
Problem zu umgehen, wurden weitere Studien zur Druckabhängigkeit des Deflagrations-
verhaltens mit dem 200-mL-Autoklaven durchgeführt. Bei einem einzelnen Experiment
wurde zwar der Druck nicht konstant gehalten, dennoch war es durch eine Variation des
Anfangsdrucks in einem großen Druckbereich möglich, das Deflagrationsverhalten bei
verschiedenen Drücken zu studieren. Es wird angenommen, dass der Einfluss des anstei-
genden Drucks auf die Deflagrationsgeschwindigkeit während eines Experiments jeweils
gleich ist.
Der Anfangsdruck wurde zwischen 1 bar und 60 bar variiert. Die Druckdifferenz zwi-
schen Maximaldruck und Anfangsdruck betrug bei Experimenten mit ADCA/SiO2(50/50)
bei geringen Anfangsdrücken 25 bar und bei hohen 40 bar. Sie ist kleiner als die maxi-
male Variation des Anfangsdrucks. Somit wurde der mittlere Druck, der während den
Experimenten auftrat, signifikant verändert.
Unter Verwendung des 200-mL-Druckbehälters wurde die Abhängigkeit der Indukti-
onszeit und die Abhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit vom Druck bei erhöhtem
Druck untersucht. Die Ergebnisse werden im Folgenden erläutert.
Druckabhängigkeit der Induktionszeit
Zur Untersuchung der Druckabhängigkeit der Induktionszeit wird auf Experimente mit
ADCA, ACVA und IMD (jeweils 1:1-Mischungen mit Kieselgur) zurückgegriffen. Die
Ergebnisse sind in Tabelle A.4 dargestellt. Bei ADCA/SiO2(50/50) liegen ausreichend
Daten mit Anzündung von oben und unten vor. Bei den anderen beiden Mischungen
wurde hauptsächlich von oben angezündet. Bei einer Studie der Ergebnisse wurde im
Bereich von 1 bar bis 60 bar keine signifikante Änderung der Induktionszeit bei Variation
des Druckes festgestellt. Dementsprechend wird geschlussfolgert, dass die Induktionszeit
im Bereich erhöhten Anfangsdrucks unabhängig vom Druck ist.
Druckabhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit
Die Druckabhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit wird an dieser Stelle etwas aus-
führlicher betrachtet. Sie wird hier mit den beiden Kenngrößen „Druckanstiegsrate“ und
„lineare Ausbreitungsrate“ charakterisiert. Da sich der Druck während eines Experiments
ändert, wird als Referenzwert jeweils der mittlere Druck angegeben, der während eines
Experiments herrscht.
An dieser Stelle wird die mittlere Druckanstiegsrate und nicht die maximale Druck-
anstiegsrate verwendet. Sie gibt die durchschnittliche Steigerung des Druckes während
eines Experimentes wieder, genauso wie die lineare Ausbreitungsrate einen durchschnitt-
lichen Wert der Geschwindigkeit der Reaktionsfront angibt. Beide Werte sind ein Maß
für die durchschnittliche Geschwindigkeit der Deflagration. Darüber hinaus wird bei
89
Verwendung der mittleren Druckanstiegsrate der Anfang und das Ende einer Deflagra-
tion nicht beachtet, also die Bereiche, in denen die Druckentwicklung allmählich ein-
setzt bzw. allmählich abklingt. Ebenso ist der Sachverhalt bei der Messung der linearen
Ausbreitungsrate. Die Temperaturmessstellen befinden sich mittig im Prüfrohr mit aus-
reichender Entfernung zur Anzündquelle und zum Ende der Deflagrationslaufstrecke.
So wird die Deflagrationsgeschwindigkeit in vergleichbaren Zeitbereichen detektiert. Für
sicherheitstechnische Betrachtungen, wenn beispielsweise Schutzmaßnahmen abgeleitet
werden sollen oder das schlimmstmögliche Ausmaß der Deflagration angegeben werden
soll, müsste die maximale Druckanstiegsrate verwendet werden.
Die Messreihen wurden mit zwei verschiedenen Substanzen durchgeführt, die Anzün-
dung erfogte von oben. Die Ergebnisse, die bei Versuchen mit ADCA/SiO2(50/50) er-
halten wurden, sind in der Abbildung 4.13 dargestellt. Sie sind vor dem Hintergrund zu
betrachten, dass die Standardabweichung, die bei 40bar Anfangsdruck ermittelt wurde,
für die lineare Ausbreitungsrate 11 mm/s und für die mittlere Druckanstiegsrate 9 bar/s
beträgt (vgl. Abschnitt 4.4.1). Bei niedrigeren Drücken wird von einer geringeren Unsi-
cherheit ausgegangen, bei höheren Drücken von einer etwas höheren Unsicherheit.
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
0
10
20
30
40
50
Lineare Ausbreitungs-
rate u [mm/s]
Mittlerer Druck p
m
[bar]
0 10 20 30 4 0 50 60 70 80 90
0
5
10
15
20
25
30
Mittlere Druckanstiegsrate [bar/s]
Mittlerer Druck p
m
[bar]
Abbildung 4.13: Abhängigkeit der linearen Ausbreitungsrate (links) und der mittle-
ren Druckanstiegsrate (rechts) vom mittleren Druck bei ADCA/SiO2
(50/50) im 200-mL-Druckbehälter, Anzündung von oben
In Abbildung 4.13 ist ersichtlich, dass die lineare Ausbreitungsrate bei niedrigem Druck
ca. 20 mm/s und bei hohem Druck ca. 40 mm/s beträgt. Die mittlere Druckanstiegsra-
te beträgt bei niedrigem Druck ca. 5 bar/s, bei hohem Druck ca. 20 bar/s. Trotz der
angegebenen Unsicherheit sind die Unterschiede der Werte groß genug, um festzustel-
len, dass die Deflagrationsgeschwindigkeit mit steigendem Druck zunimmt. Ein genauer
Zusammenhang zwischen Druck und linearer Ausbreitungsrate bzw. mittlerer Druckan-
stiegsrate lässt sich angesichts der hohen Unsicherheit nicht ermitteln.
Eine zweite Messreihe wurde mit IMD/SiO2(50/50) durchgeführt. Diese Substanz
ist bei Anzündung von oben als Grenzfall zwischen „langsam deflagrationsfähig“ und
„nicht deflagrationsfähig“ einzustufen. Die Gasentwicklung ist gering, dementsprechend
90
fällt auch die Druckanstiegsrate sehr klein aus. Im Gegensatz dazu tritt bei Anzündung
von unten eine schnelle Deflagration auf. Der Druck steigt bei entsprechenden Versuchen
im 200 mL Druckbehälter um 1 bar bis 2 bar, bei hohen Anfangsdrücken um max. 5 bar
an. Im Vergleich dazu liegt der maximale Druckanstieg bei ADCA/SiO2(50/50) bei
20 bar (niedrige Anfangsdrücke) bzw. 50 bar (hohe Anfangsdrücke). Die Ergebnisse, die
bei Versuchen mit IMD/SiO2(50/50) und Anzündung von oben erhalten wurden, sind
in der Abbildung 4.14 dargestellt.
0 10 20 30 40 50 60 70
0,00
0,02
0,04
0,06
0,08
0,10
0,12
0,14
0,16
0,18
Lineare Ausbreitungsrate u [mm/s]
Mittlerer Druck p
m
[bar]
0 10 20 30 40 50 60 70
0,000
0,002
0,004
0,006
0,008
0,010
0,012
0,014
0,016
0,018
0,020
Mittlere Druckanstiegsrate [bar/s]
Mittlerer Druck p
m
[bar]
Abbildung 4.14: Abhängigkeit der linearen Ausbreitungsrate (links) und der mittleren
Druckanstiegsrate (rechts) vom mittleren Druck bei IMD/SiO2(50/50)
im 200-mL-Druckbehälter, Anzündung von oben
Darin ist zu erkennen, dass die lineare Ausbreitungsrate konstant bei ca. 0,1 mm/s
liegt. Die mittlere Druckanstiegsrate liegt bei ca. 0,01 bar/s. Bei niedrigem Druck ist
sie etwas geringer, bei hohem Druck ist sie etwas höher. Die Unsicherheit der mittleren
Druckanstiegsrate liegt für diese Substanz bei ca. 30 %. Angesichts dessen kann ein
Trend einer mit steigendem Druck leicht steigenden Druckanstiegsrate erkannt werden.
Abschließend ist als Schlussfolgerung aus den beiden durchgeführten Messreihen fest-
zuhalten, dass die Deflagrationsgeschwindigkeit mit steigendem Druck zunimmt. Wie
stark diese Zunahme ausfällt, ist unter anderem von der Gasentwicklung bei der Zerset-
zungsreaktion abhängig. Aufgrund der Unsicherheit, die sich aus dem schwer reprodu-
zierbaren Deflagrationsverhalten ergibt, kann der quantitative Zusammenhang zwischen
Ausbreitungsrate und Druck nur ungenau angegeben werden.
Anknüpfend an Abschnitt 2.3.2 wird der literaturbekannte Zusammenhang zwischen
Ausbreitungsrate uund Druck p[20] eingehender diskutiert und mit eigenen Messdaten
ergänzt:
u=a·pn+b. (4.12)
Nach Grewer liegt ngewöhnlicherweise zwischen 0,5 und 1 [20], das heißt die Deflagra-
tionsgeschwindigkeit steigt unterproportional mit dem Druck.
91
Diese Werte gelten, wenn isoliert der Einfluss des Drucks auf die Deflagrationsge-
schwindigkeit untersucht wird. Dazu ist es nötig, mehrere jeweils isobare Messungen
bei verschiedenen Druckniveaus zu vergleichen. Hierfür ist die Verwendung eines Mess-
systems mit einem Pufferbehälter geeignet, sodass der Druck während der Reaktion
annähernd konstant bleibt, beispielsweise der 18-L-Druckbehälter. So ist gewährleistet,
dass sich die zu untersuchende Einflussgröße während eines Experimentes nicht selbst
ändert.
Wird im Gegensatz zum Vergleich mehrerer Messungen bei verschiedenen Drucknive-
aus nur ein einziges Experiment herangezogen, werden andere Werte für nerhalten. In
diesem Fall muss ein Experiment unter Einschluss durchgeführt werden, um während
der Reaktion einen gewissen Druckanstieg zu erhalten. Dann wird die jeweils momen-
tane Druckanstiegsrate dp
dt gegen den zum jeweiligen Zeitpunkt herrschenden Druck p
aufgetragen und auf diese Art und Weise die Druckabhängigkeit der Deflagrationsge-
schwindigkeit ermittelt. Bei dieser Vorgehensweise muss jedoch bedacht werden, dass
während einer Deflagration nicht nur der steigende Druck zur Beschleunigung führt,
sondern auch andere Faktoren, beispielsweise die Vergrößerung der Reaktionsoberflä-
che mit zunehmendem Umsatz. In diesem Fall werden auch andere Faktoren, welche
die Deflagration beschleunigen, formal der Wirkung des Drucks zugeschrieben und der
Druckeinfluss dadurch überschätzt.
Eigene Experimente, beispielsweise Messungen mit ADCA, haben gezeigt, dass bei
dieser Variante gewöhnlicherweise Werte für nzwischen 2 und 3 erhalten werden. Solche
Ergebnisse wurden beispielsweise auch von Klais und Niemitz veröffentlicht [19]. Um die
Abhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit vom momentanen Druck während eines
einzigen Experiments zu bestimmen, sollte die Druckdifferenz zwischen Maximal- und
Anfangsdruck ca. 100 bar betragen, damit ein ausreichender Bereich zur Anpassung der
Kurve vorliegt.
Messungen unter Einschluss, das heißt bei veränderlichem Druck, beantworten die Fra-
ge, wie stark sich eine Deflagration in einem geschlossenen System mit fortschreitender
Reaktionszeit beschleunigt. Die Beschleunigung ist von mehreren Faktoren abhängig,
die alle im angegebenen Ergebnis abgebildet sind. Zur Beurteilung der reinen Druck-
abhängigkeit der Deflagrationsgeschwindigkeit ist eine Betrachtungsweise mit mehreren
Messungen bei verschiedenen Drücken und jeweils konstantem Druck bei jeder Messung
nötig. Je nach Fragestellung sollten die dazu passenden Versuchsbedingungen gewählt
werden.
92
4.6 Analytische Berechnungen
4.6.1 Zusammenhang zwischen den Kenngrößen Druckanstiegsrate
und lineare Ausbreitungsrate
Im Folgenden wird betrachtet, wie die Druckanstiegsrate und die lineare Ausbreitungsra-
te zusammenhängen und welche der Beiden möglicherweise besser zur Beschreibung der
Deflagrationsgeschwindigkeit geeignet ist. Für eine bestimmte Geometrie kann die eine
Kenngröße aus der anderen berechnet werden. Zunächst wird der rechnerische Zusam-
menhang erläutert. Die experimentell gemessene Druckanstiegsrate wird in der Rech-
nung als gegebene Größe verwendet und folglich die lineare Ausbreitungsrate berechnet.
Anschließend werden zur Validierung der Rechnung die berechneten Werte mit den expe-
rimentell gemessenen Werten verglichen. Wenn es möglich ist, die lineare Ausbreitungs-
rate aus dem zeitlichen Druckverlauf zu berechnen, wäre die Temperaturmessung an
verschiedenen Messstellen zur Ermittlung der Deflagrationsgeschwindigkeit nicht mehr
notwendig, und es würde eine Reduktion des experimentellen Aufwands erreicht werden.
Für die folgenden Betrachtungen werden die experimentellen Daten der Versuche mit
ADCA und ADCA/SiO2(50/50) im 200-mL-Druckbehälter bei verschiedenen Anfangs-
drücken und bei Anzündung von oben bzw. unten verwendet. Vor allem durch die Va-
riation des Anfangsdrucks ergeben sich verschiedene lineare Ausbreitungsraten. Die we-
sentlichen Größen für die Berechnung sind schematisch in Abbildung 4.15 dargestellt.
f
H
h
X = h/H
Reaktionsfront
Volumenelement i
zur Berechnung des
i-ten Zeitschritts
A =
h
g + f
Abbildung 4.15: Schema der Reaktionsausbreitung im Prüfrohr, g + f: gasförmig und
fest (abreagiertes Material), f: fest (unverbrauchtes Material)
Der zeitliche Druckanstieg resultiert aus der Gasentwicklung der Reaktion. Daneben
führt die Energiefreisetzung der Reaktion und der damit verbundene Temperaturanstieg
zu einer Druckerhöhung. Die Gasentwicklung resultiert unmittelbar aus der chemischen
Reaktion und dementsprechend ist der zeitliche Druckanstieg unmittelbar mit der Reak-
tionsgeschwindigkeit verknüpft. Der momentane Druck pim Verhältnis zum maximalen
93
Druck pmax ist ein Maß für den Umsatz
X=p
pmax
.(4.13)
Wenn eine Messung bei einem Anfangsdruck p06= 0 bar startet, sind die einzusetzenden
Werte um den Anfangsdruck zu korrigieren:
X=pp0
pmax p0
.(4.14)
Die lineare Ausbreitungsrate wird anhand des zeitlichen Versatzes der Temperatur-
anstiegsmaxima an den drei Messstellen gemessen, die innerhalb der Schüttung vertikal
verteilt sind. Sie gibt somit eine Information über die Geschwindigkeit, mit der die Reak-
tionsfront innerhalb der Schüttung voran schreitet. Wenn die Reaktionsfront gemäß der
Idealvorstellung als homogene Front durch die Schüttung wandert, dient die momentane
Position der Reaktionsfront him Verhältnis zur Länge der Schüttung Hals Maß für den
Umsatz
X=h
H.(4.15)
Aus den Gleichungen 4.14 und 4.15 folgt der Ausdruck
pp0
pmax p0
=h
H,(4.16)
der, wie in Abschnitt 2.3.2 beschrieben, in ähnlicher Form von Grewer vorgeschlagen
wurde [20]. Umstellen der Gleichung 4.16 nach hund Ableiten nach der Zeit führt zu
Gleichung 4.17. Die Änderung der Position der Reaktionsfront mit der Zeit dh
dt entspricht
der linearen Ausbreitungsrate u.
u=dh
dt =H
pmax p0
dp
dt (4.17)
Eine stetige Information über die lineare Ausbreitungsrate in jedem Zeitpunkt ist expe-
rimentell nicht zugänglich, wenn diskret verteilte Temperaturmessstellen verwendet wer-
den. Um die berechneten Werte mit den experimentellen Daten vergleichen zu können,
werden auch zeitlich gemittelte Größen der Druckanstiegsrate verwendet. Dementspre-
chend werden die Differentialquotionten mit den Differenzenquotienten ersetzt:
u=h
t=H
pmax p0
p
t.(4.18)
Die linearen Ausbreitungsraten werden durch Einsetzen der experimentellen Daten in
Gleichung 4.18 berechnet. Es ist noch die Frage zu klären, welcher Wert der Druckan-
stiegsrate für die Berechnung verwendet werden soll. Grundsätzlich kommen dafür die
maximale, die mittlere und die gesamte Druckanstiegsrate in Frage. Für sicherheitstech-
nische Betrachtungen wird gewöhnlicherweise der chste zu erwartende Wert, in diesem
94
Fall also die maximale Druckanstiegsrate, verwendet. Die lineare Ausbreitungsrate stellt
jedoch eher einen durchschnittlichen Wert der Geschwindigkeit der Reaktionsfront dar.
Sie wird anhand des Zeitversatzes an den Temperaturmessstellen berechnet, die jeweils
1,5 cm bzw. 2 cm voneinander entfernt sind. Der maximale Wert der linearen Ausbrei-
tungsrate wurde demzufolge experimentell nicht bestimmt. Das bedeutet, dass die beste
Übereinstimmung zwischen der berechneten und der experimentellen Ausbreitungsrate
erwartet wird, wenn die mittlere oder die gesamte Druckanstiegsrate bei der Berechnung
verwendet werden.
Zur Überprüfung, in welchem Fall tatsächlich die beste Übereinstimmung erzielt wird,
wurde die Rechnung jeweils mit den drei verfügbaren Werten der Druckanstiegsrate
durchgeführt. Die Ergebnisse sind in Abbildung 4.16 grafisch dargestellt.
0 10 20 30 40 50 60 7 0
0
10
20
30
40
50
60
70
u (berechnet)
= u (exp)
(dp/dt)_max
(dp/dt)_avg
(dp/dt)_ges
u (berechn et) [mm/s]
u (exp) [mm/s]
Abbildung 4.16: Vergleich von experimentellen und berechneten Werten der linearen
Ausbreitungsrate. Die Legende gibt an, welche Art der Druckanstiegs-
rate als Inputgröße der Berechnung fungierte.
Es ist zu erkennen, dass bei der Rechnung mit der maximalen Druckanstiegsrate die
experimentell bestimmten linearen Ausbreitungsraten stark überschätzt werden. Bei Ver-
wendung der mittleren Druckanstiegsrate werden die experimentellen Werte ebenfalls
leicht überschätzt. Die beste Übereinstimmung zwischen berechneten und experimen-
tellen Werten ergibt sich, wenn die gesamte Druckanstiegsrate herangezogen wird. Hier
werden die experimentellen Werte meist gut durch die berechneten Werte vorher gesagt.
Nur bei hohen linearen Ausbreitungsraten (> 30 mm/s) wird der experimentelle Wert
leicht unterschätzt.
Bei linearen Ausbreitungsraten, die kleiner als 30 mm/s sind, kann die Gleichung 4.18
verwendet werden, um aus der Druckanstiegsrate die lineare Ausbreitungsrate zu berech-
95
nen. Als Inputgröße der Berechnung sollte die gesamte Druckanstiegsrate und außerdem
ein Sicherheitszuschlag von 10 % verwendet werden. Dann liegen alle berechneten Werte
über den experimentellen Werten. Bei linearen Ausbreitungsraten, die größer als 30mm/s
sind, müsste ein Sicherheitszuschlag von 60 % gewählt werden, damit die beiden berech-
neten Werte über den experimentellen Werten liegen.
Wenn weitere Informationen über die entwickelte Gasmenge bei der Zersetzung ei-
ner Substanz bekannt sind, kann die Berechnung alternativ mit einem anderen Ansatz
erfolgen. Bei diesem Ansatz wird der theoretische Zusammenhang zwischen Druckan-
stiegsrate und linearer Ausbreitungsrate herangezogen. Für diese Herleitung wird das
ideale Gasgesetz und die Stöchiometrie der Reaktion verwendet, um aus der Änderung
des Drucks auf den Massenumsatz des Eduktes zu schließen. Die thermische Zustands-
gleichung eines idealen Gases lautet:
p·V=n·R·T=m
M·R·T. (4.19)
Die zeitliche Änderung des Druckes resultiert aus der Gasentwicklung, also aus der zeit-
lichen Änderung der Masse der Gase, die durch die Zersetzungsreaktion entstehen:
p
t·V= m
t!P g
·1
M·R·T(4.20)
Aus experimentellen Untersuchungen ist bekannt, dass bei der Zersetzung von ADCA
pro Gramm Edukt 0,32 g gasförmige Produkte entstehen [74]. Aus anderen Quellen ist die
Information verfügbar, dass die Gasausbeute bei der Zersetzung von ADCA 220 mL/g
beträgt [63, 91]. Wenn eine Dichte von 1,25 kg ·m3zugrunde gelegt wird (Wert ent-
spricht der Dichte von Stickstoff und Kohlenstoffmonoxid bei Normalbedingungen, wel-
che von den gasförmigen Produkten die Hauptzersetzungsprodukte sind), entspricht dies
einer Masse von 0,28 g. Die beiden Werte stimmen somit in ihrer Größenordnung überein
und können für die weitere Berechnung verwendet werden. Demzufolge besteht zwischen
der zeitlichen Änderung der Eduktmasse m
tEund der zeitlichen Änderung der Masse
der gasförmigen Produkte m
tP g der folgende Zusammenhang:
m
t!P g
= 0,32 · m
t!E
.(4.21)
Generell kann der Zusammenhang zwischen Eduktmasse und Masse an gasförmigen
Produkten aus der Stöchiometrie der Reaktion gewonnen werden, sofern diese bekannt
ist. Die lineare Ausbreitungsrate uwird aus dem zeitlichen Massenumsatz des Eduktes
berechnet. Es wird angenommen, dass sich die Reaktionsfront mit konstanter Geschwin-
digkeit ausbreitet.
u=h
t= m
t!E
·H
mges
(4.22)
96
Dieser Term kann auch als Division des zeitlichen Massenumsatzes durch den Aus-
druck mges/H aufgefasst werden. Dieses Verhältnis gibt die Gesamtmasse an vorgelegtem
Edukt innerhalb des Zylindervolumens bezogen auf die Gesamtlänge der Schüttung, al-
so eine Massendichte, an. Einsetzen von Gleichung 4.21 in Gleichung 4.20 liefert den
Zusammenhang zwischen Edukt-Massenumsatz und Druckgradient:
m
t!E
=1
0,32 ·p
t·V·M
R·T.(4.23)
Einsetzen von Gleichung 4.23 in Gleichung 4.22 führt zum gewünschten Zusammenhang
zwischen linearer Ausbreitungsrate uund Druckanstiegsrate p
t:
u=V·M·H
R·T·0,32 ·mges
·p
t.(4.24)
Theoretisch ist zu erwarten, dass gilt:
V·M·H
R·T·0,32 ·mges
=konst. (4.25)
Dementsprechend ist der theoretische Zusammenhang zwischen linearer Ausbreitungs-
rate und Druckanstiegsrate vollständig linear.
Nutzt man erneut den Zusammenhang zwischen Eduktmasse und Masse der gasför-
migen Produkte
mges =mE=mP g
0,32 (4.26)
und ersetzt den Ausdruck
V·M
R·T·mP g
=1
pmax p0
(4.27)
gemäß der idealen Gasgleichung (Gleichung 4.19), ist zu erkennen, dass das Ergebnis
exakt dem in Gleichung 4.18 angegebenen Ergebnis entspricht.
Im Folgenden werden dennoch die entsprechenden experimentellen Werte in Glei-
chung 4.24 eingesetzt, um zu überprüfen, ob die Verwendung dieser Werte zum gleichen
Ergebnis führt, wie in der zuvor durchgeführten Rechnung mit Gleichung 4.18. So kann
überprüft werden, ob die Anwendung der idealen Gasgleichung in diesem Fall gerechtfer-
tigt ist. Dafür sind Kenntnisse zur molaren Masse M, zur Temperaturentwicklung T(t)
und zum freien Gasvolumen Vnotwendig.
Die molare Masse wird anhand der Hauptbestandteile der gasförmigen Produkte,
Stickstoff und Kohlenstoffmonoxid (insgesamt 97 Vol.-% Anteil am gesamten Gaspro-
duktvolumen [74]), mit 28 g/mol bestimmt. Die Temperatur ist während der Reaktion
nicht konstant. Ausgehend von Raumtemperatur zu Beginn der Reaktion steigt sie auf
einen maximalen Wert von ca. 350 Cbei einer 50 %-igen ADCA-Kieselgur-Mischung.
Das freie Gasvolumen ergibt sich aus dem Volumen des Behälters und der Rohrleitungen
97
bis zum Absperrventil abzüglich der Volumina von Einbauten und der Substanzschüt-
tung. Es beträgt 152 mL. Während der Reaktion nimmt das freie Gasvolumen zu, da
das Feststoffvolumen abnimmt. Bei der Zersetzung von reinem ADCA liegt nach der
Reaktion noch ca. ein Drittel des ursprünglichen Feststoffvolumens vor.
Die Änderung der Temperatur und des Volumens während der Reaktion müssen in der
Berechnung prinzipiell berücksichtigt werden. Die Berechnungsvariante mit der chsten
Genauigkeit wäre eine zeitaufgelöste Berechnung, bei der die experimentell gemessenen
Temperaturen in jedem Zeitpunkt eingesetzt werden. Eine solche Berechnung wurde
mit einer Auflösung von 0,01 s durchgeführt. Dabei werden jeweils die momentane Tem-
peratur im Reaktionsraum und das momentane freie Gasvolumen verwendet. Die ge-
wünschte lineare Ausbreitungsrate ergibt sich als Mittelwert der Einzelergebnisse jedes
Zeitschritts. Die Temperatur wird an der Temperaturkurve T2 stellvertretend für die
mittlere Gastemperatur im Behälter abgelesen. Hinsichtlich der Volumenabnahme wird
unterschieden, ob reines ADCA oder eine 50 %-ige Mischung vorliegt. Es wird angenom-
men, dass sich das Volumen über die Reaktionszeit mit konstanter Rate ausgehend von
100 % auf 33 % beim Reinstoff bzw. auf 66 % bei der 50%-igen Mischung verringert.
Eine Alternative zur zeitaufgelösten Berechnung ist die Verwendung von zeitlich ge-
wichteten Mittelwerten der Temperatur und des Volumens. Da bei dieser Variante die
Streuung der experimentellen Temperaturwerte nicht in die Rechnung eingeht, ist die
Streuung der Ergebnisse in diesem Fall etwas geringer, als bei der zeitaufgelösten Vari-
ante. Beide Varianten führen zu einer relativ guten Übereinstimmung mit den experi-
mentellen Werten. Die Ergebnisse sind grafisch in Abbildung 4.17 dargestellt.
0 5 10 15 20 25 30 35 40
0
5
10
15
20
25
30
35
40
MW für T und V innerhalb
eines Experim ents
Zeitaufgel öst
y = x
u (berechnet) [mm/s]
u (exp) [mm/s]
Gle i chung y = a + b*x
Zeichnen Mittelwe rte Zeitaufg e löst
Gewichtung Kei ne Ge wichtung
Schnittpunkt mit de r Y-Achse 0,97 32 3 ± 1,66 45 8 1,095 13 ± 1,883 21
Stei g ung 0 ,98 42 2 ± 0,07 20 2 0 ,992 79 ± 0,081 47
Fe hler der Summe de r Qua drate 30 ,56 0 9 1 39 ,11 5 8 2
Pe arson R 0 ,98 6 8 8 0 ,98 3 5 8
R-Quad rat(COD) 0,973 9 3 0 ,96 7 4 2
Ko r. R-Quad rat 0,96 8 7 1 0 ,96 0 9 1
Abbildung 4.17: Vergleich der berechneten und experimentellen Ausbreitungsraten
98
Es zeigt sich, dass die lineare Ausbreitungsrate unter Verwendung der gesamten Druck-
anstiegsrate dp
dt ges nach Gleichung 3.2 und Berechnung gemäß Gleichung 4.24 gut vor-
her gesagt werden kann. Im Gegensatz zu den Ergebnissen bei Verwendung von Glei-
chung 4.18 wird im gesamten Wertebereich eine gute Übereinstimmung von experimen-
tellen und berechneten Werten erzielt. Auch bei hohen linearen Ausbreitungsraten (u
> 30 mm/s) werden die experimentellen Werte nicht unterschätzt, was bei Verwendung
von Gleichung 4.18 der Fall ist. Damit alle berechneten Werte über den experimentellen
Werten liegen, ist ein Sicherheitszuschlag von 15 % nötig.
Ein Vergleich der beiden Berechnungsvarianten zeigt, dass die zeitaufgelöste Berech-
nung gegenüber der Verwendung von zeitlich gemittelten Temperaturen und Volumina
keine signifikanten Vorteile bringt. Daher ist eine Rechnung mit den Mittelwerten aus-
reichend und eine zeitaufgelöste Berechnung nicht erforderlich.
Letztlich sind in Abbildung 4.18 die experimentellen und berechneten Ausbreitungsra-
ten in Abhängigkeit der jeweiligen Druckanstiegsrate dargestellt. Über den betrachteten
024681012
0
5
10
15
20
25
30
35
40
u (experimentell)
u (Gleichung 4.24)
u (Gleichung 4.24), MW für T
und V über alle Datenpunkte
u (Gleichung 4.18)
u [mm/s]
dp/dt_ges [bar/s]
Gleichung y = a + b*x
Fehler der Summe
der Quadrate
5,3716 9,19179 3,73605E-27
Pearson R 0,99525 0,99282 1
Kor. R-Quadrat 0,98736 0,98092 1
Wert Standardfehler
u (exp) Steigung 2,93722 0,16591
u (berechnet) Steigung 3,11997 0,21702
Gleiche T und V Steigung 3,23433 4,37537E-15
Abbildung 4.18: Experimentelle und berechnete lineare Ausbreitungsraten in Abhängig-
keit der jeweiligen Druckanstiegsrate
Wertebereich der Druckanstiegsraten ist die Berechnung der linearen Ausbreitungsraten
mit Gleichung 4.24 möglich. Die Steigungen von experimenteller und berechneter Gera-
de unterscheiden sich geringfügig. Bei einer Extrapolation zu höheren oder niedrigeren
Werten wäre die Abweichung zwischen experimentellen und berechneten Werten etwas
höher.
Die Streuung der rechnerischen Geraden ist dadurch bedingt, dass für jeden Daten-
punkt individuelle experimentelle Daten für Temperatur und Volumen eingesetzt wur-
den. Bildet man einen Mittelwert dieser Daten über alle Datenpunkte, erhält man einen
99
vollständig linearen Zusammenhang, wie aus Gleichung 4.24 hervor geht. Für die vorlie-
genden Daten ergab sich ein Mittelwert der Temperatur von 492 K und ein Mittelwert des
freien Gasvolumens von 168 mL. Eine perfekte Übereinstimmung zwischen experimentel-
ler und berechneter Gerade ergäbe sich beispielsweise bei einer Temperatur von 541 K,
einem freien Gasvolumen von 168 mL und einer Addition eines Offsets von 1,6 mm/s.
Die Sensitivität des Ergebnisses bei einer Veränderung der Temperatur oder des freien
Gasvolumens wurde untersucht. Die jeweiligen Bezugsgrößen sind die oben genannten
Mittelwerte über alle Datenpunkte von 492 K und 168 mL. Eine Veränderung der Tem-
peratur oder des freien Gasvolumens beeinflusst die Steigung der Geraden, wie aus Glei-
chung 4.24 ersichtlich ist. Die Temperatur wurde ausgehend vom Bezugswert um 50 K
erhöht bzw. erniedrigt. Im betrachteten Wertebereich liegt die resultierende maximale
Abweichung von der ursprünglichen Geraden bei 5mm/s. Das freie Gasvolumen wur-
de innerhalb des möglichen Wertebereichs verändert. Dieser liegt zwischen 152 mL und
200 mL. Bei 200 mL liegt die maximale Abweichung von der ursprünglichen Geraden
bei 8 mm/s, bei 152 mL bei 4 mm/s. So lässt sich feststellen, dass das Ergebnis unter
Berücksichtigung der generell vorliegenden Messunsicherheit eine relativ geringe Sensiti-
vität gegenüber einer Änderung der Temperatur oder des freien Gasvolumens aufweist.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Berechnung der linearen Ausbreitungs-
rate aus der Druckanstiegsrate generell möglich ist. Es wurden zwei verschiedene Be-
rechnungsverfahren herangezogen, wobei bei Betrachtung des gesamten Wertebereichs
die Ergebnisse der zweiten Variante (Gleichung 4.24) eine bessere Übereinstimmung mit
den experimentellen Werten aufweisen.
Die Berechnung der linearen Ausbreitungsrate aus der Druckanstiegsrate liefert brauch-
bare Ergebnisse, wenn in der Messung ein hinreichend hoher Druck entsteht. In Fällen,
in denen der entstehende Druck gering ist, sind die in der Berechnung verwendeten Grö-
ßen mit einem hohen relativen Fehler behaftet. Daher wird in solchen Fällen keine gute
Übereinstimmung zwischen berechnetem Wert und experimentellem Wert erzielt. Solche
Fälle liegen in der vorliegenden Arbeit beispielsweise bei den Substanzen IMD, ACVA
und ihren Mischungen mit Kieselgur vor.
4.6.2 Bilanzierung von Energie- und Stoffumsatz
Nachdem der Zusammenhang zwischen den Kenngrößen „Druckanstiegsrate“ und „linea-
re Ausbreitungsrate“ untersucht wurde, wird in einem weiteren Schritt die Temperatur-
entwicklung in die Betrachtungen mit einbezogen. Mit der Temperaturentwicklung als
Maß für den Energieumsatz, und der Druckanstiegsrate oder der linearen Ausbreitungs-
rate als Maße für den Stoffumsatz kann auf diese Weise ein Zusammenhang zwischen
Stoff- und Energiebilanz hergestellt werden. Zunächst wird die Zeit- und Ortsabhän-
gigkeit der Reaktion genauer betrachtet. Zweckmäßigerweise wird das Messsystem in
Abbildung 4.19 beschrieben. Darin ist die Position der Reaktionsfront zu verschiedenen
Zeitpunkten eingezeichnet. Abhängig von der jeweiligen Messstelle werden die entspre-
chenden Daten über den zeitlichen Temperatur- und Druckverlauf, wie in Abbildung 4.20
dargestellt, gewonnen.
Die Reaktion wandert in Form einer Front von oben nach unten durch das vorgeleg-
100
p
Vges
Vges
T1
T3
T2
H
A =
VSch
m
tstart
tend
t1
t2
t3
π
Abbildung 4.19: Schemazeichnung der Messanordnung im 200 mL Autoklaven: Position
der Reaktionsfront zu verschiedenen Zeitpunkten
te Schüttgut. Der Umsatz ist dabei gleichzeitig vom Ort und von der Zeit abhängig.
Im Gegensatz zu der Annahme einer Propfenströmung im idealen Strömungsrohr ist
die Anfangskonzentration des Reaktanden an jedem Ort gleich. Betrachtet man eine
bestimmte Stelle, ergibt sich dort die Reaktionsgeschwindigkeit aus der Geschwindig-
keitskonstanten und der Konzentration des Reaktanden. Die Geschwindigkeitskonstante
hängt gemäß des Arrhenius-Ansatzes von der Temperatur ab. Zersetzungsreaktionen
können oft mit einem Geschwindigkeitsgesetz erster Ordnung beschrieben werden. Bei
der Zersetzung von ADCA liegt ein autokatalytischer Mechanismus vor. Darüber hinaus
ist bei Deflagrationen zu berücksichtigen, dass
solange die Ausbreitung der Reaktionsfront nicht in zwei Raumrichtungen begrenzt
wird, die Reaktionsoberfläche mit der Zeit zunimmt,
bei Deflagrationen in geschlossenen Systemen die Deflagrationsgeschwindigkeit mit
steigendem Druck zunimmt.
Um den Stoff- und Energieumsatz zu beschreiben, ist daher eine orts- und zeitaufgelöste
Betrachtung notwendig.
In Abschnitt 2.4.1 wurden die theoretischen Grundlagen zum Zusammenhang zwi-
schen Energie- und Stoffumsatz genannt. Wenn bei einer Reaktion adiabate Bedingungen
vorliegen, kann der Reaktionsfortschritt anhand des zeitlichen Temperaturverlaufs, des
zeitlichen Druckverlaufs, und anhand der linearen Ausbreitungsrate beurteilt werden.
Alle drei Alternativen sollten zum gleichen Ergebnis führen. Bei der betrachteten Art
101
t3
t2
t1tend t
T
P
t
tstart
T1 T2 T3
Abbildung 4.20: Maßgebende Zeitpunkte für die Auswertung der Temperatur- und
Druckkurven
von Reaktion liegt aufgrund der Orts- und Zeitabhängigkeit des Umsatzes ein Sonderfall
vor, bei dem nicht ohne Weiteres aus dem Temperaturverlauf an einer bestimmten Stelle
auf den Energieumsatz der Gesamtreaktion geschlossen werden kann. Darauf wird am
Ende dieses Abschnitts eingegangen.
Zunächst wird überprüft, ob an einer bestimmten Stelle innerhalb des Prüfrohrs adia-
bate Bedingungen vorliegen. Dazu wird die rechnerische adiabatische Temperaturerhö-
hung Tad mit der experimentell ermittelten maximalen Temperaturerhöhung Tmax
verglichen.
Berechnung der adiabatischen Temperaturerhöhung Tad
Zur Berechnung der adiabatischen Temperaturerhöhung Tad wird Gleichung 2.13 um-
geformt zu
Tad =RH·cA0
νA·ρ·cp
=RH·n
V
νA·m
V·cp
=RH·n
νA·m·cp
=RH
νA·M·cp
.(4.28)
Für die Reaktionsenthalpie wird näherungsweise die in der DSC gemessene Wärme-
menge eingesetzt. Gemäß Reaktionsmechanismus 1 ist der stöchiometrische Koeffizient
von ADCA νA= 1. Die Wärmekapazität von ADCA wurde mit der DSC bestimmt. Sie
ist linear von der Temperatur abhängig. Da die Reaktion in einem Temperaturbereich
102
zwischen 20 Cund 400 Cstattfindet, wurde eine gemittelte, zeitlich gewichtete Reak-
tionstemperatur von ca. 230 Cbestimmt. Die Wärmekapazität von ADCA bei 230 C
beträgt 1,9 J ·g1·K1.
Mit diesen gegebenen Werten wird die adiabatische Temperaturerhöhung mit Glei-
chung 4.28 berechnet. Sie beträgt Tad = 632 K.
Basis für die experimentellen Daten sind die Standard-Experimente mit ADCA im
200-mL-Druckbehälter. Die experimentelle maximale Temperaturerhöhung Tmax wird
als Mittelwert aus 3 identischen Versuchen mit ADCA bestimmt. Sie beträgt Tmax =
373 K.
Die berechnete adiabatische Temperaturerhöhung ist somit wesentlich höher, als die
experimentell gemessene. Dies lässt sich dadurch erklären, dass heiße Zersetzungsgase
schnell abströmen und sich im Gasraum des Druckbehälters verteilen. Durch diesen kon-
vektiven Stofftransport wird Wärme aus dem Prüfrohr abgeführt, weshalb nicht davon
ausgegangen werden kann, dass innerhalb des Prüfrohrs adiabate Bedingungen vorlie-
gen. Betrachtet man den gesamten Druckbehälter als Bilanzraum, wäre innerhalb der
kurzen Reaktionszeit von maximal 10 s von adiabaten Bedingungen auszugehen.
Prinzipiell kann auch bei nicht-adiabaten Bedingungen aus der Temperatur zu einem
bestimmten Zeitpunkt auf den Umsatz geschlossen werden. Dabei wird die Annahme
getroffen, dass die Wärmeverluste aufgrund des konvektiven Stofftransports der heißen
Zersetzungsgase unabhängig von der momentanen Temperatur sind. Für diese Betrach-
tung muss in Gleichung 2.14 die adiabatische Temperaturerhöhung Tad durch die ex-
perimentell ermittelte maximale Temperaturerhöhung Tmax ersetzt werden:
TT0= Tmax ·X. (4.29)
Wenn entweder entlang der Ortskoordinaten oder entlang der Zeitkoordinate (stationärer
Zustand) eine homogene Temperaturverteilung herrscht, kann gemäß
X=TT0
Tmax T0
.(4.30)
der Umsatz aus der Temperatur-Zeit-Kurve bzw. aus der Temperatur-Orts-Kurve ermit-
telt werden. Aufgrund der punktuellen Temperaturmessung und der orts- und zeitab-
hängigen Temperaturverteilung wäre im vorliegenden Fall ein unverhältnismäßig hoher
Aufwand erforderlich, um aus der Temperatur-Zeit-Kurve den momentanen Umsatz zu
einem Zeitpunkt tabzuleiten. Darüber hinaus müssten Annahmen über die stetige Tem-
peraturverteilung entlang der Ortskoordinate getroffen werden. Daher ist der Vergleich
von Stoff- und Energieumsatz bei dieser Art von Reaktion nicht ohne Weiteres möglich.
Wenn nicht nur eine punktuelle Temperaturmessung erfolgt, sondern entlang der Höhe
des Prüfrohrs eine stetige Temperaturinformation verfügbar ist, könnte die Temperatur
im Prüfrohr als Funktion der Zeit und des Orts betrachtet werden. Auf diese Weise
könnte der Zusammenhang zwischen Stoff- und Energieumsatz hergestellt werden.
Es ist jedoch vor dem Hintergrund, dass der jeweilige Umsatz im vorliegenden Fall
auf deutlich einfachere Art und Weise bestimmt werden kann, nicht erforderlich, diesen
103
experimentellen und rechnerischen Aufwand zu betreiben. Zum Zeitpunkt, an dem an
einer bestimmten Stelle ein Temperaturanstieg gemessen wurde, wurde die Substanz-
menge, die zwischen dieser Messstelle und dem Beginn der Deflagrations-Laufstrecke
liegt, umgesetzt (vgl. Abschnitt 4.6.1):
X(t) = h(t)
H.(4.31)
Mit diesem Ansatz kann auf einfache Art und Weise der Umsatz zu einem bestimmten
Zeitpunkt ermittelt werden.
104
4.7 Weiterentwicklung von Schutzmaßnahmen zur
Reduktion von Deflagrationsrisiken
Die Erkenntnisse zum Deflagrationsverhalten bei reduziertem Druck sollen zur Weiter-
entwicklung von Schutzmaßnahmen genutzt werden. Wie in Abschnitt 4.5.1 erläutert,
kann eine Verarbeitung und Handhabung der experimentell untersuchten Substanzen
bei vermindertem Druck das Risiko des Auftretens einer Deflagration reduzieren. Da die
Erhöhung der Induktionszeit bei vermindertem Druck auf die Reduktion der effektiven
Wärmeleitfähigkeit des Schüttguts zurückzuführen ist, wird vermutet, dass sich diese
Ergebnisse auch auf andere pulverförmige Substanzen, die in Form eines Schüttguts
vorliegen, übertragen lassen.
Soll eine Verarbeitung bei verringertem Druck als Schutzmaßnahme etabliert wer-
den, sind verschiedene Aspekte zu beachten. Zuerst muss ein besonderes Augenmerk
auf die Übertragbarkeit der Laborergebnisse auf den großtechnischen Maßstab gelegt
werden. Der Vergleich der Ergebnisse in den beiden neu entwickelten Messsystemen hat
gezeigt, dass es von der jeweiligen Geometrie abhängt, um welchen Faktor der Deflagra-
tionsbeginn bei verringertem Druck verzögert wird (vgl. Abschnitt 4.5.1). Daher muss
sichergestellt werden, dass die im Labor ermittelten Kenngrößen auch im großtechni-
schen Maßstab Gültigkeit besitzen. Mit den beiden im Rahmen dieser Arbeit entwickel-
ten Messsystemen stehen zwei unterschiedliche Systeme zur Verfügung, um den beiden
genannten Faktoren Rechnung zu tragen.
Außerdem wurde in Abschnitt 4.5.1 gezeigt, dass die Verzögerung des Deflagrationsbe-
ginns umso größer ist, je größer der Abstand zwischen Verarbeitungstemperatur und Zer-
setzungstemperatur der Substanz ist. Daher ist es ratsam, die Verarbeitungstemperatur
möglichst niedrig zu wählen. Ebenso ist es von Vorteil, wenn die Zersetzungstemperatur
einer Substanz möglichst hoch ist.
Ein anderer Aspekt betrifft die konkrete organisatorische Umsetzung der Verarbei-
tung bei verringertem Druck als Schutzmaßnahme. Wenn eine Verarbeitung bei ver-
ringertem Druck erfolgt, muss nach Beendigung der Verarbeitungsphase zu einem ge-
wissen Zeitpunkt das Vakuum gebrochen werden, um den Behälter zu entleeren und
die Substanz dem nächsten Verarbeitungsschritt zuzuführen. Die entsprechenden Zu-
sammenhänge wurden unter Verwendung der Substanzen ADCA/SiO2(50/50) und
Euparen/SiO2(50/50) gezielt untersucht.
Die Experimente haben gezeigt, dass der Wahl einer geeigneten Wartezeit zwischen
Abschalten einer potentiellen Anzündquelle und Brechen des Vakuums eine hohe Bedeu-
tung zukommt. Wird diese Wartezeit zu kurz gewählt, ist eine Deflagration der Substanz
möglich, die zuvor aufgrund des verringerten Drucks verhindert wurde. Das System be-
nötigt eine angemessene Zeit zur thermischen Relaxation [92]. Die Wartezeit soll ande-
rerseits nicht zu lang gewählt werden, da sich dadurch die Verarbeitungsdauer erhöht
und die Raum-Zeit-Ausbeute verringert.
In den durchgeführten Messungen wurde beobachtet, dass auch bei einem nachträgli-
chen Brechen des Vakuums, nachdem die Glühkerze bereits wieder abgeschaltet worden
ist, eine Deflagration auftreten kann. Durch die fokussierte Betrachtung sollen geeig-
105
nete Bedingungen zur Ausgestaltung einer entsprechenden Schutzmaßnahme abgeleitet
werden. Die Vorgehensweise wird im Folgenden erläutert.
Es wurden zunächst herkömmliche Prüfungen der Deflagrationsfähigkeit bei atmo-
sphärischem Druck (p0=1000mbar) und bei reduziertem Druck (p0=100 mbar) durch-
geführt. Daraus wurden Informationen über das Deflagrationsverhalten der beiden Sub-
stanzen bei den verschiedenen Bedingungen erhalten. Insbesondere wurden die Induk-
tionszeiten bestimmt, welche in Tabelle 4.10 dargestellt werden. Die zeitlichen Druck-
und Temperaturverläufe während der Messungen sind in den Abbildungen 4.21 und 4.22
dargestellt.
Tabelle 4.10: Induktionszeiten von ADCA/SiO2(50/50) und Euparen/SiO2(50/50) bei
atmosphärischem Druck und bei Unterdruck
Substanz Induktionszeit [s]
p0= 1000 mbar p0= 100 mbar
ADCA/SiO2(50/50) 30 290
Euparen/SiO2(50/50) 130 280
0 20 40 60 80
0
1
2
3
4
5
6
Temperatur T [°C]
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T Substanz
T Gasraum
0
50
100
150
200
250
0 100 200 300 400 500 600 700
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T1
T2
T3
T Gasraum
0
50
100
150
200
Temperatur T [°C]
Abbildung 4.21: Zeitlicher Druck- und Temperaturverlauf während einer Messung von
ADCA/SiO2(50/50) bei Atmosphärendruck (links) und bei Unterdruck
(rechts)
Daran anschließend wurden jeweils zwei verschiedenartige Experimente mit den bei-
den Substanzen durchgeführt. Sie sind in den Abbildungen 4.23 und 4.24 dargestellt. Der
Anfangsdruck betrug bei allen Experimenten 100 mbar. Beim ersten Experiment wurde
die Glühkerze für 60 s (ADCA/SiO2(50/50)) bzw. 130 s (Euparen/SiO2(50/50)) erhitzt
und nach diesem Zeitraum abgeschaltet. Unmittelbar danach wurde der reduzierte Druck
durch Zugabe von Stickstoff aufgehoben. Bei ADCA/SiO2(50/50) folgte nach wenigen
Sekunden eine vollständige Deflagration. Die Temperatur stieg auf ca. 250 Cund die
Ausbreitungsgeschwindigkeit betrug ca. 9 mm/s. Bei Euparen/SiO2(50/50) erfolgte die
106
0 100 200 300 400 500 600 700
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
2,5
3,0
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T1
T2
T3
T Gasraum
0
50
100
150
200
250
300
350
400
Temperatur T [°C]
0 200 400 600 800 1000 1200
0,0
0,2
0,4
0,6
0,8
1,0
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T1
T2
T3
T Gasraum
0
50
100
150
200
250
300
Temperatur T [°C]
Abbildung 4.22: Zeitlicher Druck- und Temperaturverlauf während einer Messung von
Euparen/SiO2(50/50) bei Atmosphärendruck (links) und bei Unter-
druck (rechts)
Zugabe von Stickstoff in zwei Schritten. Im ersten Schritt wurde solange Stickstoff zuge-
geben, bis der Druck im Versuchsraum ca. 500 mbar betrug. Infolgedessen setzte unmit-
telbar eine Deflagration ein. Die Temperaturen stiegen auf ca. 250 C(T1), 150 C(T2)
bzw. 70 C(T3) an, der Druck stieg auf ca. 700 mbar an. Etwa fünf Minuten, nachdem
zum ersten Mal Stickstoff zugegeben wurde, wurde ein zweites Mal Stickstoff zugegeben.
Der Druck betrug nach Beendigung der Zugabe ca. 1,8 bar und stieg im weiteren Verlauf
der Messung bis auf 2,2 bar an. Die Temperaturen stiegen daraufhin erneut an und er-
reichten ca. 300 C(T1), 270 C(T2) und 130 C(T3). Die Ausbreitungsgeschwindigkeit
betrug ca. 1 mm/s. Diese Experimente zeigen, dass das Brechen des Vakuums unmittel-
bar nach Abschalten der Anzündquelle zu einer vollständigen Deflagration führen kann.
Beim zweiten Experiment wurde die Glühkerze erneut für 60 s (ADCA/SiO2(50/50))
bzw. 130 s (Euparen/SiO2(50/50)) erhitzt und nach diesem Zeitraum abgeschaltet.
Der Unterdruck wurde weiterhin beibehalten und es wurde eine gewisse Zeit gewar-
tet (bei ADCA/SiO2(50/50): 10 min, bei Euparen/SiO2(50/50): 50 min). Bei beiden
Substanzen war während des gesamten Versuchs keine Deflagration zu beobachten. Bei
ADCA/SiO2(50/50) blieb die Temperatur unter 35 C, der Druck blieb konstant bei
100 mbar. Zehn Minuten nach dem Abschalten der Glühkerze wurde der Unterdruck
durch Zugabe von Stickstoff aufgehoben. Auch danach war keine Deflagration zu beob-
achten. Bei Euparen/SiO2(50/50) blieb die Temperatur unter 45 C, der Druck blieb
konstant bei 100mbar. Etwa 50 Minuten nach dem Abschalten der Glühkerze wurde der
Unterdruck durch Zugabe von Stickstoff aufgehoben. Auch danach war keine Deflagra-
tion zu beobachten.
Diese Versuche haben gezeigt, dass durch das Aufrechterhalten des reduzierten Drucks
nach dem Abschalten potentieller Anzündquellen eine Deflagration vermieden werden
kann. Es wird angenommen, dass ähnliche Resultate bei anderen Substanzen auftreten.
Dies wäre im Einzelfall durch entsprechende Versuche zu bestätigen.
Werden in der industriellen Verarbeitung und Handhabung von deflagrationsfähigen
Substanzen Vakuumbedingungen gewählt, um einen Sicherheitspuffer zu erlangen, ist
107
0 20 40 60 80 100 120 140
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
2,5
3,0
3,5
4,0
4,5
5,0
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T1
T2
T3
T Gasraum
0
50
100
150
200
250
Temperatur T [°C]
0 100 200 300 400 500 600
0,0
0,2
0,4
0,6
0,8
1,0
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T1 T2 T3
T Gasraum
18
20
22
24
26
28
30
32
34
36
Temperatur T [°C]
Abbildung 4.23: Zeitlicher Druck- und Temperaturverlauf bei ADCA/SiO2(50/50) mit
(links) und ohne (rechts) Brechen des Vakuums. Einschaltzeit der Glüh-
kerze: 60 s, Druck p0=100 mbar
0 200 400 600 800 1000
0,0
0,5
1,0
1,5
2,0
2,5
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T1
T2
T3
T Gasraum
0
50
100
150
200
250
300
350
Temperatur T [°C]
0 500 1000 1500 2000 2500
0,0
0,2
0,4
0,6
0,8
1,0
Druck p [bar]
Zeit t [s]
Druck
T1
T2
T3
T Gasraum
20
25
30
35
40
45
Temperatur T [°C]
Abbildung 4.24: Zeitlicher Druck- und Temperaturverlauf bei Euparen/SiO2(50/50) mit
(links) und ohne (rechts) Brechen des Vakuums. Einschaltzeit der Glüh-
kerze: 130 s, Druck p0=100 mbar
es ein wichtiger Auslegungsbestandteil, nach dem Abschalten von potentiellen Anzünd-
quellen eine geeignete Wartezeit zu berücksichtigen, bis das Vakuum gebrochen werden
kann. Im Betriebsmaßstab könnte eine nachträgliche einsetzende Deflagration zu einem
massiven Schadensereignis führen.
108
5 Zusammenfassung und Ausblick
Das Ziel der Arbeit war einerseits, das Deflagrationsverhalten von selbstzersetzlichen
festen Stoffen bei unterschiedlichen Randbedingungen zu untersuchen und auf der Basis
von experimentellen Beobachtungen allgemeine Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge
abzuleiten. Darüber hinaus sollte eine neue Prüfmethode entwickelt werden, mit der
das Deflagrationsverhalten bei variabel einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht
werden kann.
Im Rahmen dieser Arbeit wurden insgesamt fünf verschiedene Messsysteme zur Be-
stimmung und Beurteilung des Deflagrationsverhaltens unter verschiedenen Randbedin-
gungen verwendet. Zwei der Messsysteme sind der UN Test C.2 und die Prüfmethode
nach VDI 2263-1, welche als gängige Standardmethoden zur Beurteilung des Deflagra-
tionsverhaltens in offenen Messsystemen gelten. Die anderen drei verwendeten Mess-
systeme 4-L-, 200-mL und 18-L-Druckbehälter wurden neu entwickelt, wobei der 18-L-
Druckbehälter eine Erweiterung des 4-L-Druckbehälters darstellt. Die neu entwickelten
Messsysteme erlauben es, das Deflagrationsverhalten innerhalb eines geschlossenen Sys-
tems und bei verschiedenen Randbedingungen zu beurteilen. Die Vorteile der Verwen-
dung eines geschlossenen Systems sind vielfältig und wurden in Abschnitt 2.2.2 beschrie-
ben. So wird durch die Druckmessung eine weitere Messgröße zur Charakterisierung des
Deflagrationsverhaltens erhalten. Außerdem erlaubt die Verwendung eines geschlosse-
nen Systems, beliebige Versuchsbedingungen (Gasatmosphäre, Druck) zu wählen, die
beispielsweise für Produktionsbedingungen repräsentativ sind.
Bereits in Zuge der Entwicklung des 4-L-Druckbehälters wurde hinsichtlich der Re-
duktion der benötigten Probenmenge pro Prüfung ein großer Fortschritt erzielt. Der
Substanzverbrauch pro Prüfung konnte um 50 % reduziert werden. Durch Vergleichs-
messungen wurde gezeigt, dass eine Füllhöhe von 9 cm zur Beurteilung der Ausbrei-
tungsfähigkeit einer Deflagration ausreicht.
In einem weiteren Entwicklungsschritt wurde ein zweites Messsystem aufgebaut, näm-
lich der 200-mL-Druckbehälter. Durch Reduktion des Durchmessers des Prüfrohrs wurde
erreicht, dass in diesem Messsystem nur noch 20 g einer Probe zur Untersuchung des De-
flagrationsverhaltens benötigt werden. Im Vergleich zu den bestehenden Methoden, bei
denen pro Prüfung eine Substanzmenge von ca. 200 g benötigt wird, stellt dies eine Ver-
besserung um den Faktor 10 dar. Eine wesentliche Motivation für die Entwicklung des
200-mL-Druckbehälters war, neben der Reduktion der benötigten Probenmenge, das De-
flagrationsverhalten bei erhöhtem Druck und in einem großen Druckbereich untersuchen
zu können. Im 200-mL-Druckbehälter wurde aufgrund des höheren Füllgrads ein maxi-
maler Druck von 160 bar erreicht, wohingegen der maximale Druck im 4-L-Druckbehälter
ca. 20 bar betrug.
Das dritte Messsystem, das im Rahmen dieser Arbeit erstmalig verwendet wurde,
109
ist der 18-L-Druckbehälter. Damit war es möglich, Messungen bei erhöhtem oder ver-
mindertem Druck durchzuführen, wobei der Druck während der Messung durch einen
Ausgleichsbehälter annähernd konstant gehalten wird.
5.1 Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse
Zuerst wurden die neuen Messsysteme charakterisiert und standardisierte Versuchsbe-
dingungen festgelegt. Bei der Untersuchung der Abhängigkeit der Induktionszeit von der
Anzündleistung der Glühkerze wurde gezeigt, dass es zweckmäßig ist, alle Reaktionen
standardmäßig mit einer Anzündleistung von P= 40 W zu initiieren. Darüber hinaus
konnte gezeigt werden, dass die Induktionszeit mit abnehmender Anzündleistung steigt
und sich asymptotisch einem Grenzwert annähert, bei dem die Oberflächentemperatur
der Glühkerze in etwa der Zersetzungstemperatur der betrachteten Substanz entspricht.
Anschließend wurden die Wärmetransportbedingungen im 200-mL- und 4-L- Druck-
behälter untersucht und bei verschiedenen Drücken umfassend charakterisiert. Daraus
wurden unter anderem Kriterien abgeleitet, anhand derer ein Temperaturanstieg durch
eine beginnende Reaktion eindeutig von einem Temperaturanstieg durch den Wärme-
eintrag der Anzündquelle unterscheidbar ist. Die entsprechenden Temperaturgradienten
unterscheiden sich beispielsweise um zwei Größenordnungen. Da an der Temperatur-
messstelle, an der die Induktionszeit bestimmt wird, ein Temperaturanstieg durch den
Wärmeeintrag der Anzündquelle erst nach 200 s detektiert wurde, kommt diesem ohne-
hin nur bei Induktionszeiten von mehr als 200 s Bedeutung zu.
Das Deflagrationsverhalten der gewählten Beispielsubstanzen wurde bei verschiedenen
Bedingungen untersucht. Bei Anzündung von unten wurde gezeigt, dass auch bei Zerset-
zungsenergien von weniger als 300 J/g deflagratives Verhalten auftreten kann. Dies ist
bedeutend, da gemäß UN-Prüfhandbuch die Durchführung von Deflagrationsprüfungen
erst bei einer Zersetzungsenergie von mehr als 300 J/g empfohlen wird [18]. Insbesondere
bei niedrigen Onset-Temperaturen und Mischungen mit Reinstoffen, die deflagrations-
fähig sind, ist solches Verhalten in Betracht zu ziehen.
Die Untersuchung der wichtigsten Einflussfaktoren auf das Deflagrationsverhalten lie-
ferte neben dem Erkenntnisgewinn an sich wichtige Informationen zur Ausgestaltung
der Messsysteme. So wurde gezeigt, dass der maximale Druck annähernd linear von der
Einwaage abhängt. Die Druckanstiegsrate ist abhängig von der Ausbreitungsform. Es
wurde jedoch schon bei einer planaren Ausbreitungsform beobachtet, dass die Druck-
anstiegsrate mit steigender Einwaage zunimmt, was vermutlich auf den höheren Druck
aufgrund der größeren Menge an Zersetzungsgasen zurückzuführen ist.
Versuche mit verschiedenen Füllhöhen haben gezeigt, dass eine Füllhöhe von 9 cm
ausreicht, um vollständige von partiellen Deflagrationen zu unterscheiden und damit
die Frage zu beantworten, ob sich eine Deflagration selbstständig ausbreitet oder nach
lokaler Initiierung wieder erlischt.
Eine Variation der Rohrdurchmesser ergab, dass ein Mindestrohrdurchmesser von
26 mm zu verwenden ist. Bei geringeren Durchmessern wurde bei einigen Substanzen der
Löschdurchmesser unterschritten und demzufolge keine Deflagration beobachtet, obwohl
110
sie bei größerem Durchmesser prinzipiell deflagrationsfähig sind. Geringe Rohrdurch-
messer sind insbesondere dann weniger problematisch, wenn während der Reaktion ein
Druckaufbau gegeben ist, da der steigende Druck die Ausbreitung einer Deflagration
begünstigt.
Hinsichtlich der Schüttdichte wurde gezeigt, dass bei homogeneren Schüttungen besser
reproduzierbare Ergebnisse resultieren. Aus diesem Grund wurde ein Schema zur Vorbe-
reitung von losen und verdichteten Schüttungen etabliert, das ermöglicht, homogenere
Schüttgüter zu erhalten. Bei losen Schüttungen wurde 5 % mehr Masse verwendet, als
zur Herstellung einer vollkommen losen Schüttung nötig wäre. Das einheitliche Schema
zur Probenvorbereitung ermöglicht, bei Wiederholungsversuchen generell mit identischer
Masse, Füllhöhe und Schüttdichte zu arbeiten. Zur Herstellung verdichteter Schüttun-
gen wurden kleinere Einzelportionen der Substanz in das Prüfrohr gegeben und jeweils
mit einer definierten Kraft von 80 N verdichtet, damit die Schüttdichte über die gesamte
Länge des Prüfohrs identisch ist.
Es wurde festgestellt, dass im Allgemeinen die Verweilzeit der Zersetzungsgase im
Prüfrohr dafür maßgeblich ist, wie sehr sich eine Deflagration beschleunigt. Neben Defla-
grationen in geschlossenen Systemen ist es insbesondere problematisch, wenn hohe Sub-
stanzmengen oder verdichtete Schüttungen vorliegen, bei denen Zersetzungsgase schwer
entweichen können.
Der Einfluss der Anzündstelle auf das Deflagrationsverhalten ist abhängig von den
Versuchsbedingungen. Unterschiede bei Anzündung von oben und unten wurden vor
allem bei unverdämmten Deflagrationen oder bei geringen Druckanstiegen während einer
Deflagration beobachtet.
Eine Betrachtung der Messunsicherheit ergab, dass die Induktionszeit, die maximale
Temperatur und der maximale Druck gut reproduzierbar und die Ausbreitungsrate, die
Druck- und Temperaturanstiegsrate weniger gut reproduzierbar sind. Die Ursache für
die eingeschränkte Reproduzierbarkeit ist in der Reaktion selbst zu suchen, deren Ablauf
von zufälligen und unberechenbaren Faktoren bestimmt wird.
Für die Absolutwerte ergaben sich folgende Ergebnisse. Die Induktionszeit ist unab-
hängig vom betrachteten Messsystem. Die maximale Temperatur und die Temperaturan-
stiegsrate sind im offenen Messsystem geringer, als in den geschlossenen. Für die lineare
Ausbreitungsrate gilt:
u(18-L) < u (4-L) =u(VDI) < u (200-mL).(5.1)
Der maximale Druck und die Druckanstiegsrate sind im 200-mL-Druckbehälter in
etwa um den Faktor 4 höher, als im 4-L-Druckbehälter.
Eine Normierung der Messergebnisse erlaubt die Umrechnung der Druckanstiegsra-
te aus einem Behältertyp auf einen anderen. Die normierten Druckanstiegsraten, die
um den Einfluss der Einwaage, der reagierenden Oberfläche, des Behältervolumens und
des mittleren Drucks korrigiert wurden, liegen bei allen Behältertypen in der gleichen
Größenordnung. So kann die Druckanstiegsrate, die in einem Messsystem experimentell
bestimmt wurde, auf beliebige Randbedingungen umgerechnet werden.
Die Druckabhängigkeit des Deflagrationsverhaltens wurde eingehend untersucht. Die
wesentliche Erkenntnis aus den Versuchen bei vermindertem Druck ist, dass reduzier-
111
ter Druck das Risiko des Auftretens einer Deflagration beträchtlich reduzieren kann.
Beispielsweise haben Messungen im 4-L-Druckbehälter gezeigt, dass Deflagrationen von
Azodicarbonamid bei einem Anfangsdruck von 10 mbar (abs) eine um den Faktor 8 hö-
here Induktionszeit aufweisen, als bei atmosphärischem Druck, und dass die Ausbrei-
tungsgeschwindigkeit um den Faktor 6 geringer ist. Ähnliche Zusammenhänge wurden
mit Mischungen von Azocyanovaleriansäure und des Imidazolderivats mit Kieselgur bzw.
Calciumsulfat gezeigt.
Die Induktionszeit ist bei verringertem Druck umso höher, je höher die Zersetzung-
stemperatur der jeweiligen Substanz ist. Außerdem sind die beobachteten Veränderun-
gen von Induktionszeit und Deflagrationsgeschwindigkeit im 4-L-Druckbehälter größer,
als im 200-mL-Druckbehälter. Anhand der Versuche zur Charakterisierung der Wärme-
transportbedingungen in den Messsystemen konnte gezeigt werden, dass die gehemmte
Deflagration bei reduziertem Druck auf die verminderte effektive Wärmeleitfähigkeit
innerhalb des Schüttguts zurückzuführen ist.
Im 4-L-Druckbehälter wurden auch Versuche bei erhöhtem Anfangsdruck bis zu 5 bar
durchgeführt. Dabei veränderte sich die Deflagrationsgeschwindigkeit mit steigendem
Druck kaum. Dies ist dadurch zu erklären, dass der Druckanstieg eines Experimentes in
etwa um den Faktor 4 größer war, als die maximale Variation des Anfangsdrucks. Somit
beeinflusste die Variation des Anfangsdrucks p0im Vergleich zum Druckanstieg kaum
den mittleren Druck pm, der letztlich die Deflagrationsgeschwindigkeit bestimmt.
Zur Untersuchung der Druckabhängigkeit bei erhöhtem Druck wurden vor allem die
Ergebnisse aus dem 18-L- und dem 200-mL-Druckbehälter herangezogen. Im 18-L- Druck-
behälter herrschten aufgrund des großen Behältervolumens und der geringen Probenmen-
ge quasi-isobare Bedingungen. Die Deflagrationsgeschwindigkeit war bei 5 bar um den
Faktor 3,7 höher, als bei 1 bar. Angenommen der in Gleichung 2.4 beschriebene Zusam-
menhang u=a·pn+bgilt, läge der Parameter nin diesem Fall bei n= 0,8. Außerdem
ist die Deflagrationsgeschwindigkeit bei einer Deflagration unter Einschluss, das heißt
bei hohem Füllgrad und dementsprechendem Druckanstieg, um den Faktor 6-7 höher,
als bei quasi-isobaren Bedingungen.
Eine intensive Untersuchung der Druckabhängigkeit bei höheren Drücken wurde mit
dem kleineren 200-mL-Messsystem durchgeführt. Die Messreihen erfolgten mit verschie-
denen Anfangsdrücken bis zu 60 bar. Bei den Versuchen wurde erkannt, dass die Defla-
grationsgeschwindigkeit umso größer ist, je höher der während einer Deflagration herr-
schende mittlere Druck ist. Hinsichtlich der Induktionszeit wurden keine signifikanten
Veränderungen bei erhöhtem Druck beobachtet.
Aus den isochoren und quasi-isobaren Versuchen sowie durch Literaturbetrachtungen
wurde geschlussfolgert, dass der Parameter nin Gleichung 2.4 zwischen 0,5 und 1 liegt,
wenn eine Deflagration bei konstantem Druck stattfindet und isoliert der Einfluss des
Drucks betrachtet wird (mehrere Versuche bei verschiedenen Drücken). Wenn ein ein-
ziger Versuch mit ansteigendem Druck ausgewertet wird, liegt nzwischen 2 und 3. In
diesem Fall führen allerdings neben dem Druckanstieg noch andere Faktoren zu einer
Beschleunigung der Deflagration, das heißt der reine Druckeinfluss wird hierbei über-
schätzt.
Die Beobachtungen zum Deflagrationsverhalten bei verringertem Druck lassen sich
112
unter anderem bei der Auslegung von Schutzmaßnahmen für den Umgang mit deflagra-
tionsfähigen Substanzen nutzen. In Abschnitt 4.7 wurde gezeigt, dass bei der Verarbei-
tung unter verringertem Druck auch nach dem Abschalten potentieller Anzündquellen
eine angemessene Wartezeit zur thermischen Relaxation des Systems eingehalten wer-
den muss. Entsprechende Experimente haben gezeigt, dass eine zu frühe Aufhebung des
reduzierten Drucks zu einer vollständigen Deflagration führt.
Der theoretische Vergleich des Zusammenhangs zwischen linearer Ausbreitungsrate
und Druckanstiegsrate ergab, dass die eine Kenngröße aus der anderen berechnet wer-
den kann. Ein Vergleich der berechneten Werte mit den tatsächlich gemessenen ergab
eine gute Übereinstimmung. Für eine konservative Abschätzung sollten die berechneten
Werte mit einem Sicherheitszuschlag von 15 % versehen werden.
5.2 Empfehlungen für Untersuchungen des
Deflagrationsverhaltens
Die 4-L- und 200-mL-Druckbehälter weisen im alltäglichen Betrieb eine hohe Zuver-
lässigkeit und Verfügbarkeit auf und sind somit gut zur Durchführung von Deflagra-
tionsprüfungen geeignet. Sowohl die Qualität der Ergebnisse, als auch die praktische
Handhabbarkeit erreichen das Niveau, das bei Verwendung der bestehenden Methoden
nach gängigem Regelwerk gegeben ist.
Die neuen Messsysteme können mitunter zu einer strengeren Einstufung als in den
bisherigen Standardmethoden führen, weil sich die Deflagration in geschlossenen Syste-
men aufgrund des Druckanstiegs beschleunigt. Die Anwendung offener Messsysteme zur
Bewertung von Deflagrationen in geschlossenen Systemen wäre nicht konservativ.
Es ist festzuhalten, dass jedes der verwendeten Messsysteme für einen bestimmten
Einsatzzweck Stärken besitzt. Die Wahl sollte auf dasjenige fallen, das am Besten zur
Beantwortung der jeweiligen Fragestellung geeignet ist. Ausschlaggebende Faktoren zur
Entscheidung für ein bestimmtes Messsystem können beispielsweise die Volumenver-
hältnisse (Probe- zu Behältervolumen), Fahrweise (isobar, isochor) oder die verfügbaren
Probenmengen sein.
Eine generelle Empfehlung ist, bei isobarer Fahrweise und einem Druck von 1 bar
entweder die bisherigen Standardmethoden zu nutzen oder den 4-L-Druckbehälter of-
fen zu betreiben. Bei quasi-isobarer Fahrweise und einem Druck p06= 1 bar sollte der
18-L-Druckbehälter oder eine andere Kombination aus 4-L-Druckbehälter und Aus-
gleichsbehälter genutzt werden. Bei isochorer Fahrweise sollte der 200-mL-Druckbehälter
mit Anzündung von oben oder der 4-L-Druckbehälter genutzt werden. Der 200-mL-
Druckbehälter zeichnet sich durch den geringen Substanzverbrauch pro Prüfung bei
gleichzeitig großem Druckanstieg aus, sodass das Deflagrationsverhalten in einem großen
Druckbereich beobachtet werden kann.
Für die korrekte Bewertung der Deflagrationsfähigkeit ist es jedoch unerlässlich, die
konkreten Versuchsbedingungen fachkundig auszuwählen und an die jeweiligen realen
Fragestellungen anzupassen. Insbesondere bei der Verwendung von Prüfrohren mit ge-
113
ringen Durchmessern ist die Problematik des Löschdurchmessers, der für jede Substanz
individuell ist, zu beachten.
Zukünftige Aktivitäten zur Weiterentwicklung der Prüfmethoden für die Untersuchung
des Deflagrationsverhaltens sollten sich darauf konzentrieren, das Deflagrationsverhal-
ten mit strömungsmechanischen Rechenmethoden zu simulieren. Die Erkenntnisse, die
in dieser Arbeit auf der Basis von experimentellen Daten gewonnen wurden, könnten
zur Validierung solcher Rechnungen dienen. Das Ziel einer strömungsmechanischen Si-
mulation wäre eine Reduktion des experimentellen Aufwands, um das Deflagrationsver-
halten unter beliebigen Randbedingungen vorherzusagen. Zusätzlich zu strömungsme-
chanischen Betrachtungen könnte die Anwendung von Methoden zur Untersuchung von
Struktur-Eigenschafts-Beziehungen zu einem Fortschritt in der Forschung zum Deflagra-
tionsverhalten führen.
114
A Zusätzliche experimentelle Daten
und Abbildungen
1. Autoklav mit Heizmantel
2. Probenhalterung, Prüfrohr
3. Thermoelement Gasraum
4. Berstscheibe
5. Anschluss für Anzündleitung
6. Gaseinlass
7. Gasauslass
8. Drucksensor
9. Fernsteuerbare Ventile
10. Durchführung der Thermoelemente
11. Aufhängung des Prüfrohrs und An-
zündvorrichtung
Abbildung A.1: Versuchsaufbau des 4-L-Druckbehälters
115
Tabelle A.1: Oberflächentemperatur einer Glühkerze in Luft bei verschiedenen Anzünd-
leistungen im stationären Zustand
Anzündleistung Oberflächentemperatur Glühkerze
im stationären Zustand
[W] [C]
8 195
16 320
24 456
32 530
40 630
48 690
56 790
64 830
72 835
80 877
Tabelle A.2: Charakteristische Werte der Temperatur-Zeit-Kurven bei verschiedenen
Anfangsdrücken p0, gemessen im 4-L-Druckbehälter in Kieselgur bei einer
Höhe von 4 cm, T (Glühkerze) 850 C. Die Glühkerze wurde bei allen
Experimenten nach t = 30 min ausgeschaltet.
p0Onset Zeit bis T = 50 CZeit bis (dT/dt)max (dT/dt)max Tmax
[mbar] [s][s] [s] [K/s] [C]
10 186 901 1222 0,12 154
100 105 692 1041 0,12 163
250 88 614 948 0,13 167
500 80 580 900 0,13 165
750 77 575 872 0,12 152
1000 73 580 873 0,12 150
5000 72 544 763 0,10 125
25000 53 672 543 0,08 69
116
0 500 10 00 1500 2 000
0
50
100
150
200
250
300
350
400
Tempe ratur [°C]
Zeit [s]
2cm zentral
3,5cm zentral
5cm zentral
Abbildung A.2: Zeitliche Temperaturverläufe beim Erwärmen von Kieselgur im 200-mL-
Druckbehälter, Messstellen zentral im Prüfrohr bei verschiedenen Hö-
hen, p= 1 bar
0 500 1000 1500 20 00 2500
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
550
600
Tempe ratur [°C]
Zeit [s]
1,3 links
1,3 zentral
1,3 rechts
Abbildung A.3: Zeitliche Temperaturverläufe beim Erwärmen von Kieselgur im 200-mL-
Druckbehälter, Messstellen bei einer Höhe von 1,3 cm zentral und wand-
nah (links und rechts), p= 1 bar
117
0 500 1000 1500 2000 25 00 3000
0
50
100
150
200
250
300
350
Tempe ratur [°C]
Zeit [s]
2,3 links
2,3 zentral
2,3 rechts
Abbildung A.4: Zeitliche Temperaturverläufe beim Erwärmen von Kieselgur im 200-mL-
Druckbehälter, Messstellen bei einer Höhe von 2,3 cm zentral und wand-
nah (links und rechts), Anfangstemperatur der Substanz: 50 C, Umge-
bungstemperatur: 20 C,p= 1 bar
0 500 10 00 1500 2 000
0
50
100
150
200
250
Tempe ratur [°C]
Zeit [s]
3,9 links
3,9 zentral
3,9 rechts
Abbildung A.5: Zeitliche Temperaturverläufe beim Erwärmen von Kieselgur im 200-mL-
Druckbehälter, Messstellen bei einer Höhe von 3,9 cm zentral und wand-
nah (links und rechts), p= 1 bar
118
0 500 1000 150 0
0
50
100
150
200
Tempe ratur [°C]
Zeit [s]
4,3 links
4,3 zentral
4,3 rechts
Abbildung A.6: Zeitliche Temperaturverläufe beim Erwärmen von Kieselgur im 200-mL-
Druckbehälter, Messstellen bei einer Höhe von 4,3 cm zentral und wand-
nah (links und rechts), p= 1 bar
0 500 1000 1500 20 00 2500
0
25
50
75
100
125
150
Tempe ratur [°C]
Zeit [s]
3,9 links
3,9 zentral
3,9 rechts
Abbildung A.7: Zeitliche Temperaturverläufe beim Erwärmen von Kieselgur im 200-mL-
Druckbehälter, Messstellen bei einer Höhe von 3,9 cm zentral und wand-
nah (links und rechts), p= 10 mbar
119
0 500 1000 150 0
0
25
50
75
100
125
Tempe ratur [°C]
Zeit [s]
4,9 links
4,9 zentral
4,9 rechts
Abbildung A.8: Zeitliche Temperaturverläufe beim Erwärmen von Kieselgur im 200-mL-
Druckbehälter, Messstellen bei einer Höhe von 4,9 cm zentral und wand-
nah (links und rechts), p= 10 mbar
120
Tabelle A.3: Reproduzierbarkeit der Ergebnisse in den verwendeten Messsystemen, Versuche mit ADCA 100 %-ig (VDI 2263
und 4L) und 50 %-ig (200mL); u: Anzündung von unten, o: Anzündung von oben; 200mL, o: p0=40 bar, alle
anderen: p0=1bar. Die jeweiligen Versuchsparameter sind in Tabelle 4.3 dargestellt. Relativer Fehler γ=σ
¯x
Messsystem tInd u pmax dp
dt max dp
dt avg
¯x σ γ ¯x σ γ ¯x σ γ ¯x σ γ ¯x σ γ
[s] [s] [1] [mm/s] [mm/s] [1] [bar] [bar] [1] [bar/s] [bar/s] [1] [bar/s] [bar/s] [1]
VDI 2263, u 28 2 0,07 12 7 0,58
4 L, u 22 4 0,18 13 8 0,62 19 1 0,05 4,9 3,2 0,65 3,9 2,4 0,62
200mL, u 29 4 0,14 11 5 0,45 26 2 0,08 7,4 2,5 0,34 6,1 2,4 0,39
200mL, o 20 2 0,05 40 11 0,28 81 6 0,07 29,3 12,3 0,42 22,0 9,0 0,41
Messsystem dp
dt ges Tmax dT
dt max dT
dt avg
¯x σ γ ¯x σ γ ¯x σ γ ¯x σ γ
[bar/s] [bar/s] [1] [C] [C] [1] [C/s] [C/s] [1] [C/s] [C/s] [1]
VDI 2263, u 257 6 0,02 24 7 0,29 16 6 0,38
4 L, u 2,0 0,6 0,30 319 4 0,01 48 16 0,33 37 11 0,30
200mL, u 2,7 0,6 0,22 336 10 0,03 90 28 0,31 61 36 0,59
200mL, o 11,1 3,1 0,28 312 8 0,03 368 75 0,20 331 121 0,37
121
Tabelle A.4: Induktionszeiten verschiedener Substanzen bei verschiedenen Anfangs-
drücken und bei Anzündung von oben bzw. unten, Messungen im 200-mL-
Druckbehälter
p0ADCA/SiO2(50/50) ACVA/SiO2(50/50) IMD/SiO2(50/50)
Anz. unten Anz. oben Anzündung oben Anzündung oben
tInd tInd tInd tInd
[bar] [s] [s] [s] [s]
1 29 23 15 46
3 - 19 - -
5 - 22 14 50
7 - 20 - -
8 - 21 - -
10 18 20 10 52
12 - 20 - -
15 - 17 17 47
18 - 22 - -
20 16 19 11 50
22 - 21 - -
25 - 17 17 47
28 - 21 - -
30 22 19 12 49
35 - 18 14 53
40 27 20 11 51
45 - 18 17 52
50 22 22 13 49
55 - 19 16 48
60 - 18 15 53
Tabelle A.5: Vergleich der linearen Ausbreitungsraten verschiedener Substanzen bei
1000 mbar und bei 10 mbar
Substanz p0= 1 bar p0= 10 mbar Messsystem
u u
[mm/s] [mm/s]
ADCA 12,7 2,2 4-L
ADCA/SiO2(50/50) 11,0 5,6 200-mL
ADCA/CaSO4(32/68) 0,6 0,1 4-L
ACVA/SiO2(50/50) 7,1 1,5 4-L
ACVA/SiO2(50/50) 0,6 0,6 200-mL
IMD/SiO2(50/50) 1,3 0,2 4-L
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