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Luca Guerreschi
Leib, Seele und Subjektivität nach Nietzsche.
Internationale Perspektiven auf ein Problem im
Wandel
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Guerreschi, L. (2021). Leib, Seele und Subjektivität nach Nietzsche. Internationale Perspektiven auf ein
Problem im Wandel. In Nietzsche-Studien (Vol. 50, Issue 1, pp. 340–360). Walter de Gruyter GmbH.
https://doi.org/10.1515/nietzstu-2021-0018.
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Nietzsche-Studien 50 (2021), 340–360
Luca Guerreschi
Leib, Seele und Subjektivität nach Nietzsche.
Internationale Perspektiven auf ein Problem
im Wandel
1. Manuel Dries (Hg.), Nietzsche on Consciousness and the Embodied Mind. Berlin/
Boston: De Gruyter 2018, 351 S., ISBN 978-3110246537.
2. Christian Benne / Enrico Müller (Hg.), Ohnmacht des Subjekts– Macht der Per-
sönlichkeit. Basel: Schwabe 2014, 448 S., ISBN 978-3796533433.
3. Felice Ciro Papparo, Qualcosa del corpo. Nietzsche e la scena dellanima. Pisa:
Edizioni ETS 2016, 184 S., ISBN 978-8846744401.
4. Maurizio Scandella, Nietzsche e l’incorporazione delle coscienze. Pisa: Edizioni
ETS 2012, 122 S., ISBN 978-8846732262.
Abstract: Nietzsche’s reflection on the constitution of human subjectivity is an essential
moment of his philosophy. As historical and academic conditions change, distinct interpre-
tations of this reflection often contradict each other. This review essay aims to offer an insight
into this situation. The anthology edited by Dries, which focuses on the concepts of “con-
sciousness” and the “embodied mind,” presents innovative readings from the perspective
of the philosophy of mind. However, this collection is marred by an insufficient comparison
with the embodiment debate. Second, Benne and Müller’s volume shows how the concepts
of “person” and “personality” are used by Nietzsche to describe the complexity of human
subjectivity after the dissolution of the metaphysical subject. Third, Papparo’s monograph
denotes with clarity the positive and productive aspects of the concept of soul in Nietzsche,
but it is unsatisfactory from a scientific point of view. Finally, Scandella’s book succeeds on
the contrary in highlighting some significant themes that have been overlooked in previous
contributions. From a theoretical point of view, this review points out some shortcomings of
the naturalistic interpretations of Nietzsche, which seem inadequate not only to grasp the
complexity of his conception of human subjectivity, but also to show its actuality.
Keywords: Body, Embodiment, Mind, Soul, Subjectivity, Personality
1. In letzter Zeit hat sich die philosophische Diskussion über das Phänomen der Leiblichkeit
derart intensiviert, dass geradezu ein „corporeal turn“ im gegenwärtigen Denken ausgerufen
wurde.1 Die Aufwertung des lebendigen und subjektiv erlebten Leibes sowie dessen Ver-
hältnis zum objektiv gegebenen Körper, die zunächst von Edmund Husserl, erst recht aber
von Helmuth Plessner und Maurice Merleau-Ponty betont wurde, findet heute ein interna-
tionales Echo wie selten zuvor. Ein wichtiger Grund dafür ist das zunehmende Interesse an
der körperlich-leiblichen Dimension, das sich ebenfalls in der wissenschaftlichen Forschung
bemerkbar macht. In innovativen Bereichen der Psychiatrie und Psychopathologie, der
1 Vgl. Emmanuel Alloa / Thomas Bedorf / Christian Grüny / Tobias Nikolaus Klass (Hg.), Leiblich-
keit. Geschichte und Aktualität eines Konzepts, Tübingen 2012, 1.
Rezensionen  341
Neurowissenschaften und in den kognitionswissenschaftlichen Strömungen, die sich auf die
Begriffe „Verkörperung“ (embodiment) und „verkörperter Geist“ (embodied mind) berufen,
verschiebt sich der Fokus allmählich von dem, was sich nur innerhalb des Kopfes ereignet,
auf den gesamten Leib und auf die leiblichen Interaktionen mit der Welt. Im Zusammenhang
dieser fächerübergreifenden Debatten ist der Beitrag, den die Philosophie Nietzsches dazu
liefern könnte, bisher unberücksichtigt geblieben. Der Sammelband Nietzsche on Conscious-
ness and the Embodied Mind, herausgegeben von Manuel Dries, unternimmt erste Schritte in
diese Richtung.
Manuel Dries betont in der theoretischen Einführung des Bandes, dass Nietzsches Refle-
xionen über Bewusstsein und Selbstbewusstsein nicht, wie eine flüchtige Lektüre einschlä-
giger Textstellen suggerieren könnte, mit einer einseitigen Kritik ihrer Rolle und Funktion
verwechselt werden dürfen. Aus der kategorialen Umgestaltung des überlieferten Subjektbe-
griffs, die in den Werken Nietzsches oft mit unverkennbar kritischen Akzenten durchgeführt
wird, zeige sich vielmehr das (Selbst-)Bewusstsein als „part of a larger, dynamic, embodied
and embedded system of drives, affects, and unconscious and conscious mental states (with
nonconceptual and conceptual content)“ (5). Nimmt man diesen vorläufigen Befund in den
Blick, so stellt sich heraus, dass es auch in der gegenwärtigen Forschung über den embodied
mind hoch an der Zeit ist, Nietzsches Denken wahr- und ernst zu nehmen.
Vor diesem Hintergrund möchte Christa Davis Acampora in ihrem Aufsatz Nietzsche and
Embodied Cognition Nietzsche „in dialog with contemporary research in the area of embo-
died cognition“ (17) setzen und dadurch einen theoretischen Rahmen für die zukünftige
Forschung auf diesem Gebiet bestimmen (18). Zu diesem Zweck nimmt sie überwiegend auf
Sekundärliteratur Bezug, wobei allerdings wichtige Autoren wie Anthony Chemero, Shaun
Gallagher, John Haugeland, Alva Noë oder Thomas Fuchs kaum oder überhaupt nicht dis-
kutiert werden. Auch das im Wortsinne grundlegende und bis heute prägende Buch The
Embodied Mind von Francisco Varela, Evan Thompson und Eleanor Rosch2 findet nur ein
einziges Mal Erwähnung– wohlgemerkt: im gesamten Band– und dies im Rahmen einer
indirekten Quelle (28). In der Hauptsache identifiziert Acampora in Nietzsches Auffassun-
gen von Leib, Sprache, Sinnlichkeit und Bewusstsein Themen, die für einen Vergleich mit
den embodied cognition theories (ECTs) produktiv eingesetzt werden könnten (28–35). Anstatt
bloß auf bestehende Affinitäten zu setzen, solle sich die diesbezügliche Forschung jedoch
auf die Frage konzentrieren, inwiefern Nietzsches Philosophie zur Erneuerung der theore-
tischen Voraussetzungen, Begriffe und Prinzipien, von denen aus die ECTs kognitive Phä-
nomene erforschen, beitragen könne. Wie dies laut Acampora konkret aussehen soll, wird
im letzten Teil des Aufsatzes erläutert (38–44). In ihm beschränkt sie sich allerdings darauf,
drei Inhaltspunkte von Günter Abels einflussreichem Aufsatz über Nietzsches Philosophie des
Geistes3 auf die ECTs anzuwenden. So geht Acampora zwar nicht fehl, wenn sie schreibt,
that our concept of the organism (generally construed as a thing) is in need to reform“ (41),
und in Anschluss an Abels Deutung von Nietzsche für ein auch die traditionelle Auffassung
2 Francisco Varela / Evan Thompson / Eleanor Rosch, The Embodied Mind, Cambridge, MA 1991.
3 Günter Abel, „Bewusstsein– Sprache– Natur. Nietzsches Philosophie des Geistes“, in: Nietzsche-
Studien 30 (2001), 1–43. Acampora bemängelt mit Recht, die anglophone Nietzsche-Forschung habe
diesem Aufsatz vor dessen englischer Übersetzung im Jahr 2015 nicht die nötige Aufmerksamkeit ge-
schenkt (38). Als wenigstens genauso relevant für das Thema „Nietzsche and embodied cognition
sei hier nach demselben Kriterium hingewiesen auf: Günter Abel, „Interpretatorische Vernunft und
menschlicher Leib“, in: Mihahilo Djurić (Hg.), Nietzsches Begriff der Philosophie, Würzburg 1990,
100–130.
342  Rezensionen
des Lebendigen modifizierendes Denken in Prozessen plädiert. Bei einer tieferen Beschäf-
tigung mit den ECTs, die als enactive approach to cognition bezeichnet werden, hätte sich
dennoch herausgestellt, dass die angestrebte Reform schon zu weiten Teilen vollzogen ist.
So wird in dieser heute dominierenden Strömung der Verkörperungstheorien z.  B. folgende
Einsicht vertreten: „a living organism is not so much a ‚thing‘, but rather a process“.4 Und
gerade mit Blick auf den enactive approach hätte sich auch die weiterführende, Abels Nietz-
sche-Verständnis kennzeichnende Dekonstruktion des Begriffs Organismus, die Acampora
hingegen auf die deutlich weniger biozentrische extended mind hypothesis von Andy Clark
und David Chalmers kritisch bezieht, als besonders treffend erweisen können. Ein mehr
oder minder latenter Biologismus, wonach u.  a. der Mensch mit seinem Organismus gleich-
gesetzt wird, haftet vor allem dieser Bewegung innerhalb der ECTs an, könnte aber mithilfe
von Nietzsches Auffassung des menschlichen Leibes positiv verändert werden. In diesem
Zusammenhang gilt es weiterhin zu beachten, dass Nietzsche sich sowohl über den Leib als
auch über den Körper des Menschen äußert.5 In Acamporas Aufsatz, in dem nicht einmal die
Frage nach einer möglichen Synonymie beider Termini im Nietzsche-Korpus gestellt wird,
ist hingegen nur von einem nicht weiter definierten „body“ die Rede. Dass die Körper-Leib-
Unter scheidung– unabhängig von Nietzsche, aber im Hinblick auf die phänomenologische
Tradition– unterdessen in der anglophonen Forschung über embodied mind bzw. embo-
died cognition zunehmend thematisiert wird,6 bleibt ebenfalls unberücksichtigt. Den mit
der besagten Forschung vertrauten Lesern dürfte zudem ins Auge fallen, dass gerade dort,
wo Acampora die auf Abels Interpretation zurückgehenden Konzeptionen von „Emergence
and Continuum“ (43  f.) als „particularly useful for theorists of embodied cognition“ (44)
empfiehlt, die von ebenjenen Theoretikern vertretene emergentistische These einer „deep
continuity of life and mind7 nicht erwähnt wird. Auch die Abwesenheit von Problemen der
Affektivität und Perspektivität, welche für Nietzsche eine ausgeprägt leibliche Dimension
annehmen und zugleich im Zentrum des Interesses der ECTs stehen,8 fällt besonders auf.
Dem Anliegen Acamporas, Nietzsche in einen kritischen Dialog mit den Untersuchungen zur
embodied cognition zu setzen, ist in seinen programmatischen Zügen ohne Zweifel zuzustim-
men. Die spezifischen Forschungslinien und -desiderate, die sie aufzeigt, erscheinen indes-
sen als nur begrenzt tauglich.
4 John Stewart, „Foundational Issues in Enaction as a Paradigm for Cognitive Science. From the
Origin of Life to Consciousness and Writing“, in: John Stewart / Oliver Gapenne / Ezequiel A. Di Paolo
(Hg.), Enaction. Toward a New Paradigm for Cognitive Science, Cambridge, MA 2010, 131: 2.
5 Vgl. z.  B. Nachlass 1883, 9[44], KSA 10.359  f.
6 Vgl. z.  B. Robert Hannah / Evan Thompson, „The Mind-Body-Body-Problem“, in: Theoria et His-
toria Scientiarium 7/1 (2003), 23–42, und Shaun Gallagher / Dan Zahavi, The Phenomenological Mind.
An Introduction to Philosophy of Mind and Cognitive Science, London 2008, 136  ff. Vgl. auch den– aller-
dings nach dem hier zur Diskussion stehenden Sammelband erschienenen– Aufsatz von Thomas
Fuchs, „The Circularity of the Embodied Mind“, in: Frontiers in Psychology 11 (2020), 113.
7 Vgl. z.  B. Evan Thompson, Mind in Life. Biology, Phenomenology, and the Sciences of Mind, Cam-
bridge, MA 2007, insb. 157  ff., und Peter Godfrey-Smith, „Spencer and Dewey on Life and Mind“, in:
Margaret A. Boden (Hg.), The Philosophy of Artificial Life, Oxford 1994, 314331.
8 Zur Affektivität vgl. z.  B. Giovanna Colombetti, The Feeling Body. Affective Science Meets the Enac-
tive Mind, Cambridge, MA 2014. Zur Perspektivität aus verkörperungstheoretischer Sicht vgl. insb.:
Francisco J. Varela, „Organism. A Meshwork of Selfless Selves“, in: Alfred Tauber (Hg.), Organism and
the Origins of Self, Dordrecht 1991, 79–107, sowie Francisco J. Varela, „Patterns of Life. Intertwining
Identity and Cognition“, in: Brain and Cognition 34 (1997), 72–87.
Rezensionen  343
Hatte Dries in der Einleitung des Bandes das Bewusstsein, so wie Nietzsche es versteht,
als Teil eines leiblich-verkörperten, aber noch etwas unbestimmt anmutenden „Systems“
bezeichnet, so wird dieses in seinem Aufsatz Early Nietzsche on History, Embodiment and
Value namentlich genannt: „Nietzschean selves are best understood as complex, embodied
systems of drives with affective orientations, as well as embodied unconscious and consci-
ous values“ (49). Obwohl die in dieser Formel resümierte Konzeption des Selbst sich erst in
den späteren Werken manifest entfalte, lasse sie sich nicht nur bereits in nuce in der zweiten
Unzeitgemässen Betrachtung (1874) ausfindig machen, sondern bilde sogar die Folie für ein
angemessenes Verständnis dessen, was dort als „historische Krankheit“ (UB II, HL 10, KSA
1.329  ff.) kritisiert werde. Der historische Sinn, wie von Nietzsche beschrieben, funktioniere
nämlich wie ein Trieb, der sich auf die individuelle und kulturelle Entwicklung auch patho-
gen auswirken könne: Die modernen Gelehrten verhielten sich infolgedessen „like compul-
sive eaters who suffer from a digestive disorder“ (56). In einem weiteren, zwar etwas gewag-
ten, aber gut argumentierten Schritt deutet Dries die tieferen Ursachen dafür anhand der
Literatur über embodied cognition aus. Unter Berücksichtigung der Begriffe „structural cou-
pling“ und „perturbation9 ließe sich die historische Krankheit auf einen Mangel an „deep
embodiment“ (66) zurückführen. Sieht man über die Frage hinweg, ob technische Katego-
rien aus der biologischen und kognitionswissenschaftlichen Forschung sich überhaupt auf
das Vorhaben der Unzeitgemässen Betrachtungen projizieren lassen, so kann gesagt werden,
dass der Aufsatz den Diskurs über Nietzsche und den verkörperten Geist auf den historischen
Horizont produktiv zu erweitern vermag.
In Becoming Reasonable Bodies. Nietzsche and Paul Churchlands Philosophy of Mind
setzt Helmut Heit, dem Titel gemäß, Nietzsche in Vergleich mit dem eliminativen Materia-
lismus, wie dieser heute noch von Paul Churchland vertreten wird. In den 1960er-Jahren
als Position vor allem von Paul K. Feyerabend und Richard Rorty eingenommen, später von
Rorty jedoch zurückgewiesen, behauptet der eliminative Materialismus, dass die psycho-
logisch-mentalen Begriffe und Phänomene, statt auf ihre physikalisch-neuronalen Korrelate
reduziert zu werden, vielmehr aus unserer Sprache und unserem Weltbild verschwinden
sollten. Begriffe wie „Gefühl“ oder „Wunsch“ seien vergleichbar mit „dämonischer Beses-
senheit“ und „Phlogiston“, deren Referenten nie auf ein materielles Substrat zurückgeführt
werden konnten, weil es solche Referenten einfach nicht gibt. Sie wurden vielmehr im Zuge
des wissenschaftlichen Fortschritts durch „Epilepsie“ und „mittlere kinetische Energie der
Moleküle“ ersetzt. Und genau diese Idee wissenschaftlichen Fortschritts spielt eine promi-
nente Rolle für den eliminativen Materialismus, auch in der Variante Churchlands. Wie Heit
betont: „Research in neural networks will– so he believes– set the foundations to solve
problems, which have been misconceived and therefore remained unsolved in Western phi-
losophy since its early Greek beginnings“ (77, meine Kursivierungen). Der Zukunftsmodus
macht deutlich, dass der eliminative Materialismus auf einer Prophezeiung, auf einem Glau-
bensartikel, auf einem letzthin unwissenschaftlichen Boden fußt, dem präzise metaphysi-
sche Überzeugungen zugrunde liegen.10 In der damit zusammenhängenden Angewiesenheit
auf einen szientistischen Optimismus einerseits und auf einen metaphysischen Realismus
9 Vgl. dazu Humberto R. Maturana / Francisco J. Varela, Autopoiesis and Cognition. The Realization
of the Living, Dordrecht 1980, und Humberto R. Maturana / Francisco J. Varela, The Tree of Knowledge.
The Biological Roots of Human Understanding, Boston 1987.
10 Schon Popper wies auf diesen prophetischen Charakter hin, weswegen er den eliminativen Mate-
rialismus auch „promissory materialism“ nannte. Vgl. Karl R. Popper / John C. Eccles, The Self and Its
Brain, 2.Aufl., Berlin 1981, 96.
344  Rezensionen
andererseits sieht Heit über manche eher beiläufige Konvergenzen hinaus vor allem eine
grundsätzliche Inkompatibilität der Positionen Churchlands mit der Philosophie Nietzsches.
Die Konsequenz, die daraus gezogen wird, lautet wie folgt: Nietzsches „philosophy of mind
is ultimately not eliminativist but pluralist“ (85).
Mattia Riccardi und João Constâncio beschäftigen sich ebenfalls, wie Heit, mit dem
Problem des psychophysischen Zusammenhangs; sie behandeln es nun in Hinsicht auf die
zentralen Fragen der mentalen Verursachung und der Freiheit. Der Text von Riccardi, Nietz-
sche on the Superficiality of Consciousness, geht der auch in weiteren hier zu besprechenden
Beiträgen und überhaupt in letzter Zeit häufig diskutierten Frage nach, ob und inwieweit
Nietzsche eine epiphänomenalistische Position zugeschrieben werden soll. Es ist daher
angebracht, zwei Merkmale derselben minimal zu präzisieren. Unter Epiphänomenalismus
wird die These verstanden, „that mental events are caused by physical events in the brain,
but have no effects upon any physical events“.11 Weniger radikal als der Eliminativismus,
spricht der Epiphänomenalismus den mentalen Zuständen als solchen nicht jegliche Realität
ab, sondern erkennt diesen nur eine kausale Unwirksamkeit auf das Handeln zu. Denn das
Gegenteil brächte den Epiphänomenalisten zufolge einen Verstoß gegen die Naturgesetze
mit sich; man wäre dabei etwa zu der Konsequenz verpflichtet, „that the molecules that are
part of your body behave, at least sometimes, in ways different from the way they would if
they weren’t part of a living body animated by mental processes.“12
Nun liefert Riccardi eine elegante und streng argumentierte Verteidigung der These,
Nietzsche habe einen epiphänomenalistischen Standpunkt avant la lettre vertreten. In den
Fokus der Aufmerksamkeit wird hierzu FW 354 (Vom Genius der Gattung) gerückt.
Aus dem Aphorismus, der sowohl in quellenanalytischer Hinsicht (Leibniz, Liebmann) wie
auch mithilfe von Kategorien der gegenwärtigen Philosophie des Geistes (Rosenthal) erörtert
wird, destilliert Riccardi– in typisch analytischer Manier– zwei theoretische claims heraus.
Sie werden superfluousness claim (SC) bzw. falsification claim (FC) genannt und lauten wie
folgt:
(SC): mental attitudes could– and most of the time actually do– occur and sustain our agency
without becoming conscious.
(FC): in becoming conscious, the content of mental attitudes is re-translated in light of a socially
developed and acquired „theory of mind“. (100)
Der Aspekt der Überflüssigkeit (SC), wie dieser im Aufsatz weiter ausgearbeitet wird, ist hier
stärker zu fokussieren. Im Fluss unserer miteinander „causally connected, unconscious
mental states“ (105) träten nur einige von ihnen ins Bewusstsein, d.  h., ihr Inhalt werde pro-
positional artikulierbar. Weil uns nur die bewusst gewordenen Zustände introspektiv zugäng-
11 William Robinson, „Epiphenomenalism“, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, https://
plato.stanford.edu/archives/sum2019/entries/epiphenomenalism/.
12 Jaegwon Kim, „‚Downward Causation‘ in Emergentism and Nonreductive Physicalism“, in: Ansgar
Beckermann / Hans Flohr / Jaegwon Kim (Hg.), Emergence or Reduction? Essays on the Prospects of
Nonreductive Physicalism, Berlin 1992, 118–138: 120. Vgl. auch Robinson, „Epiphenomenalism“: „The
central motivation for epiphenomenalism lies in the premise that whenever there is a sufficient cause
of a physical event, there is a sufficient physical cause of that event. If a mental event is something
other than a physical event, then for it to make any causal contribution of its own in the physical
world would require a violation of physical law“ (meine Kursivierung).
Rezensionen  345
lich seien, schrieben wir ihnen auf vielfältige, aber illusorische Weise Kausalverhältnisse zu,
die allein der unbewussten Sphäre zugehörten. Die einzig reale kausale Wirksamkeit ver-
binde hingegen: unbewusste Zustände unter ihnen; einen unbewussten Zustand mit dessen
bewusster Form; unbewusste Zustände und Handlungen. Demnach ist es durchaus möglich,
dass ein bewusst gewordener mentaler Zustand– etwa meine Lust, noch eine Zigarette zu
rauchen– mich dazu motiviert, das Schreiben dieser Rezension kurz zu unterbrechen. Dafür
sei freilich nicht entscheidend, ob sich mir der Drang zu rauchen qua bewusster Vorstellung
manifestiert oder nicht. Die von Riccardi daraus gezogene Konsequenz lautet: „Nietzsche
endorses a weak, but still substantial version of epiphenomenalism about consciousness, for
he claims that the causal powers of a given mental state M do not depend on M’s being cons-
cious or not“ (109, meine Kursivierung).
Demgegenüber bleibt zu erwägen, ob diese Version des Epiphänomenalismus noch als
solcher bezeichnet werden darf. Auf den ersten Blick scheint die Frage wenigstens zum Teil
bejaht werden zu müssen: Der superfluousness claim, so wie Riccardi ihn auffasst, stimmt
ohne Zweifel mit dem Epiphänomenalismus überein, insofern die kausale Wirkung mentaler
auf weitere mentale Zustände (mental-to-mental causation) auf der Ebene des Bewusstseins
geleugnet wird. Im Übrigen lassen nicht wenige Äußerungen Nietzsches diese Interpretation
ganz offensichtlich zu: „Daß ein Gedanke unmittelbar Ursache eines anderen Gedankens
wäre, ist nur scheinbar.“ (Nachlass 1885/86, 1[61], KSA 12.26) Indem Riccardi die psycho-
physische Kausalität (mental-to-physical causation) nicht gänzlich ablehnt, sondern nur auf
die Ebene unbewusster, aber ebenso mentaler Zustände verlegt, scheint er hingegen den
zwei Grundprämissen des Epiphänomenalismus zu widersprechen. Diese bestehen in der
kausalen Geschlossenheit des physischen Bereichs (causal closure of the physical domain)
einerseits und in der gegenseitigen Ausgeschlossenheit kausaler Erklärungen (explanatory
exclusion) andererseits. Das Prinzip der causal closure besagt, dass jedes physikalische
Ereignis immer durch eine vollständige und unabhängige Kausalkette erklärt werden kann,
die aus lauter physikalischen Ereignissen besteht. Explanatory exclusion wird hingegen das
Prinzip genannt, wonach es für jedes Ereignis, das verursacht wurde, eine alleinige voll-
ständige und unabhängige Kausalkette gibt, die es zureichend erklärt. Aus der Vereinigung
beider Prinzipien ergibt sich, dass ein physikalisches Ereignis– die Körperbewegung, sich
eine Zigarette anzuzünden– nur durch weitere physikalische Ereignisse verursacht werden
kann. Eine psychophysische Kausalität ist daher aus epiphänomenalistischer Sicht nicht
gegeben.13 Eine Version des Epiphänomenalismus, welche– wie die hier von Riccardi ver-
tretene– die Existenz von „causally efficacious mental states“ (108) annimmt, scheint somit
kein Epiphänomenalismus zu sein.
Mit seinem Aufsatz Nietzsche on Will, Consciousness, and Choice. Another Look at Nietz-
schean Freedom zielt Constâncio auf den Nachweis, dass Nietzsches Zurückweisung der
Willensfreiheit, anstatt eine rein negative Bedeutung zu haben, ein neues, positives Konzept
sowohl von Freiheit als auch von Willen mit sich bringt. In einem ersten Schritt arbeitet Con-
stâncio die u.  a. in JGB 19 vorgebrachte Einsicht heraus, jeder bewusst ausgeführte Willens-
akt sei als Resultat komplexer Machtdynamiken anzusehen, die unter unbewusst-triebhaf-
ten Kräften stattfinden. Aus genau diesem Grund habe Nietzsche die Freiheit des Willens
im Sinne eines einfachen Kausalverhältnisses zwischen bewusstem Denken und auszufüh-
render Handlung als illusorisch abgelehnt. Daraus folgert aber Constâncio keinen blinden
Determinismus, der den Menschen vollständig seiner Triebhaftigkeit auslieferte, sondern
13 Vgl. Peter Bieri, „Trying out Epiphenomenalism“, in: Erkenntnis 36/3 (1975), 283309, und Jaegwon
Kim, Supervenience and Mind. Selected Philosophical Essays, Cambridge 1993, 92108 und 237264.
346  Rezensionen
einen mit einem gewissen Grad von Freiheit („relative freedom“) kompatiblen „necessitaria-
nism“ (129).
Friedrich Ulfers und Mark Daniel Cohen bemängeln in ihrem Beitrag Nietzsche’s Pan-
psychism and the Equation of Mind and Matter, dass man bisher Nietzsches Reflexionen über
den Menschen große Aufmerksamkeit geschenkt, „his views regarding the nature of the uni-
verse as it is in itself“ (146) jedoch nicht gleichermaßen in den Blick genommen habe. Dem
entgegen nehmen sich die Autoren vor, Nietzsche als einen genuin ontologischen Denker
erscheinen zu lassen. Gegenstand seiner Ontologie sei nichts weniger als „the essence of the
real“, „the nature of the world“ (147) bzw., um es noch einmal deutlich zu sagen, „the world
as it is in itself“ (145). Selbst wenn man den Zweifel darüber ausblendet, ob eine Konzeption
der Welt, wie sie an sich selbst ist, in irgendeiner Hinsicht mit Nietzsches Denken kompatibel
sein kann, bleibt noch zu bedenken, dass für Ulfers und Cohen die besagte Natur, Essenz
oder Beschaffenheit der Welt an sich eindeutig „beyond the limit of ordinary experience“
(145) liegt. Streng genommen ergibt sich daraus das Bild eines metaphysischen Nietzsche,
der ernsthaft hinter Kant zurückzufallen droht. Wenn man aber solche Prämissen teilt, mag
der im Aufsatz unternommene Versuch überzeugen, eine in sich kohärente Lehre des Pan-
psychismus auf dem Nachlass vor allem der 1870er-Jahre aufzubauen.
Einen ontologischen, aber überzeugenderen Standpunkt vertritt auch Frank Chouraqui
in On the Place of Consciousness within the Will to Power. Im Mittelpunkt seines Beitrags
steht noch einmal das Problem der mentalen Verursachung bei Nietzsche, die bei aller Kritik
an dem herkömmlichen Kausalitätsbegriff doch nicht voreilig als bloße Illusion liquidiert
werden dürfe. Ideen als solchen, wie Chouraqui mit präzisen Textbeispielen belegt, wohnt
für Nietzsche ein welt- und wirklichkeitsveränderndes Potenzial inne, ohne welches auch
sein eigenes philosophisches Projekt sinnlos erscheinen würde: „Nietzsche’s insistence on
the strategic importance of ideas and acts of consciousness for his task gives consciousness
an importance that no naturalistic account has been able to acknowledge in a satisfactory
manner“ (164). Selbst dessen polemische Äußerungen über einen nur symptomartigen oder
gar oberflächlichen Charakter des Bewusstseins seien folglich nicht epiphänomenalistisch,
d.  h. als Negationen eines solchen aktiven, transformativen Vermögens zu missdeuten; sie
würden sich vielmehr gegen die Hypostasierungen wenden, die das Bewusstsein in der phi-
losophischen Tradition häufig erfahren hat. Vor diesem kritischen Hintergrund gliedert sich
Chouraquis positiver Vorschlag, den Fragen nach Handlungsfähigkeit (agency) und men-
taler Verursachung im Zusammenhang mit einer monistischen Ontologie des Willens zur
Macht als „universal explanatory hypothesis“ (164) nachzugehen. Einmal abgesehen von
den Schwierigkeiten, auf die man stößt, wenn Nietzsche Monismen, Ontologismen und über-
haupt metaphysische Doktrinen unterstellt werden, liegt der durchaus berechtigte Fokus des
Aufsatzes darin, die Wechselwirkungen zwischen (eher) psychischen und (eher) physischen
Ereignissen anhand eines dynamisch-relationalen Prinzips, genannt Wille zur Macht, von
neuem aufzufassen. Das Hauptresultat der Argumentation Chouraquis besteht demnach in
der Ausarbeitung eines Konzepts von agency als „concurrent or mutual dependence“ (178),
womit sich die traditionelle (und von Nietzsche mehrfach angegriffene) Kategorie der Kausa-
lität aus Sicht des Autors ersetzen ließe.
Die Texte von Lawrence J. Hatab und Benedetta Zavatta gehen auf Probleme der Sprach-
philosophie ein. In Taking Ourselves into Selfhood. Nietzsche on Consiousness and Language
in Gay Science 354 verbindet Hatab die Vermutung, „dass B ewusstsein überhaupt
sich nur unter dem Druck des Mittheilungs-Bedürfnisses entwickelt
hat“ (FW 354, KSA 3.591), mit Ergebnissen aus der gegenwärtigen Entwicklungspsycho-
logie, laut denen das (Selbst-)Bewusstsein ebenfalls als ein soziolinguistisch bestimmtes
Phänomen anzusehen ist. Aber auch unmittelbare und unvermittelte Sprachformen, die sich
Rezensionen  347
nicht im Bewusstsein widerspiegeln würden, untersucht Hatab bei Nietzsche– dies jedoch
without detailed discussion, simply to put the matter in play for consideration“ (190).
In ihrem sehr soliden Beitrag The Figurative Patterns of Reason. Nietzsche on Tropes as
Embodied Schemata streicht hingegen Zavatta eine bisher kaum bemerkte, aber kardinale
Kontinuität zwischen Nietzsches Philosophie und der gegenwärtigen Diskussion über embo-
died mind heraus. In einem ersten Schritt rekonstruiert sie Momente der philosophischen
und semasiologischen Debatte über die Rhetorik im 19.Jahrhundert. So wurde damals der
Standpunkt vertreten, dass Metapher, Metonymie und Synekdoche nicht einfach nur Rede-
figuren, sondern Allgemeingesetze des menschlichen Geistes darstellten. Die Autorin zeigt
folglich, wie Nietzsche diesen Diskurs in den Basler Vorlesungen und in Ueber Wahrheit
und Lüge im aussermoralischen Sinne (1873) rezipierte und radikalisierte. Nicht nur habe der
frühe Nietzsche in der Rhetorik im Allgemeinen als Kunst, den eigenen Gesichtspunkt mit
sprachlichen Mitteln Geltung zu verschaffen, einen unbewussten künstlerisch-schaffenden
Urtrieb des Menschen am Werk gesehen. Auch die drei genannten Tropen im Besonderen
nähmen eine konstitutive Rolle im Sprechen und Denken ein. Das synekdochische Verfahren
pars pro toto stelle einen Wesenszug der begrifflichen Abstraktion dar, während die metony-
mische Vertauschung von Ursache und Wirkung, oder besser: das Hinzufügen einer erdichte-
ten, imaginierten Ursache, jedem Phänomen in unserem Denken der Kausalität gleicherma-
ßen wesentlich angehöre. Die Metapher schließlich, verstanden im weitesten Sinne als eine
analogische Übertragung von einem auf ein anderes Gebiet, beschreibe in akkurater Weise
die Arbeit unserer begrifflichen Kategorien. Nun argumentiert Zavatta einerseits dafür, dass
die soeben geschilderten Prozeduren, obschon sie ab 1875 nicht mehr namentlich genannt
werden, noch in der theoretischen Philosophie des mittleren und späten Nietzsche ihren
Niederschlag fänden. Andererseits habe er damit auch die Arbeit der US-amerikanischen
Sprachwissenschaftler George Lakoff und Mark Johnson, Pioniere der Studien über embo-
died mind, unter wichtigen Aspekten antizipiert. Lakoff und Johnson haben mit den Mitteln
der kognitiven Linguistik gezeigt, dass unsere Sprache, unser begriffliches System, unser
Denken und Handeln eine tiefe metaphorische Struktur aufweisen, die auf einer basalen
Ebene mit unserem leiblichen Dasein und räumlichen Orientierungsvermögen zusammen-
hängen.14 Demgegenüber betont Zavatta mit Recht, dass im Blick auf solche Resultate nicht
nur Nietzsches Auffassungen von Rhetorik und Sprache eine weitere Dimension von Aktu-
alität annehmen. Auch der Anspruch von Lakoff und Johnson, mit der eigenen Arbeit die
Western philosophical tradition15 insgesamt herausgefordert zu haben, lasse sich durch
einen Vergleich mit Nietzsche wenigstens relativieren. Dass diesem Vergleich im Aufsatz
lediglich zwei Seiten eingeräumt werden, macht allerdings den eher programmatischen Cha-
rakter eines Vorhabens deutlich, das vertieft zu erforschen sich lohnen würde.
In Selbstverleugnung– Selbsttäuschung. Nietzsche and Schopenhauer on the Self beschäf-
tigt sich Anthony Jensen mit der „dissolution of subjectivity and individuality“ (217), wie sie
nach Schopenhauer im Akt der ästhetischen Anschauung gegeben ist. Gegen die Auffassung,
dass das Individuum dabei und überhaupt in ein „reines, willenloses, schmerzloses, zeitlo-
ses Subjekt der Erkenntnis“ aufgehen könne, hat sich Nietzsche wiederholt und vehement
positioniert.16 Hinter diesem spezifischen, aber entscheidenden Dissens liege allerdings ein
14 Vgl. dazu George Lakoff / Mark Johnson, Metaphors We Live by, Chicago 1980, insb. 14  ff. Vgl. auch
George Lakoff / Mark Johnson, Philosophy in the Flesh. The Embodied Mind and its Challenge to Wes-
tern Thought, New York 1999.
15 Lakoff / Johnson, Metaphors We Live by, x.
16 Vgl. FW 99 und GM III 12.
348  Rezensionen
viel komplexeres und differenzierteres Verhältnis zu Schopenhauer als die darin scheinbar
implizierte Ablehnung. Selbst in der vollkommenen Umkehrung der ästhetischen „Selbst-
verleugnung“, die der mittlere und spätere Nietzsche nicht zuletzt mit einem starken Akzent
auf die unabdingbar leiblich-verkörperte Verfasstheit des Menschen auch in der ästhetischen
Erfahrung durchführt, seien Motive der Philosophie Schopenhauers deutlich zu erkennen.
Christian J. Emden beschäftigt sich in seinem Aufsatz On Natural Beings. Nietzsche and
Philosophical Naturalism mit der Frage, welche Variante des philosophischen Naturalismus
sich besser dafür eignet, dem Denken Nietzsches zugeschrieben zu werden. Dabei greift er
Argumente und Materialien aus seiner Monografie Nietzsche’s Naturalism17 auf. Den klas-
sischen physikalistischen Naturalismus aufgrund seiner ontologischen Unterstellungen
und reduktionistischen Verfahrensweisen verwerfend, stellt Emden die Behauptung auf,
dass Nietzsche einen schwache methodologische (W.V.O. Quine) und eine starke pragmati-
sche Form von Naturalismus (JosephT. Rouse) vertreten habe (239). Somit gehöre zwar das
menschliche Handeln im Ganzen („human agency as a whole“) der Natur zu, weshalb die
soziale und normative Dimension „needs to be related back to nature“ (247). Die Art dieser
Rückbindung sei aber nicht reduktionistisch. Auch stehe immer noch fest, dass jedes Ver-
ständnis der menschlichen Erfahrungswelt– unter allen, mithin auch den psychologischen,
ethischen, politischen Aspekten– eine Analogie zu den Naturwissenschaften nachzuwei-
sen habe, um als sinnvoll angesehen werden zu können. Allerdings liege der Fokus dabei
nicht so sehr auf einer methodischen, sondern auf einer allgemeineren Kontinuität mit weit
verstandenen „scientific practices“ (239), die sich wechselseitig mit „social practices“ (248)
bedingen würden. Noch wichtiger sei, dass ein konkreter Naturbegriff den genannten Prak-
tiken nicht vorangehe, sondern in und von ihnen kontinuierlich gestaltet und umgestaltet
werde (237). Es handelt sich so um eine subtile und verhältnismäßig liberale Position, derer
sich Emden zuletzt bedient, um das Projekt der Genealogie der Moral (1887) als eine Natura-
lisierung des Normativen zu deuten.
Die These, dass Nietzsche als Vorläufer einer solchen naturalistischen Philosophie
anzusehen sei, wird durch zahlreiche Verweise auf von ihm zur Kenntnis genommene bio-
und physiologische Texte untermauert. Der Gebrauch der Quellen, in dem Emden ohne
Zweifel seine Überlegenheit gegenüber der breiten Mehrheit der angloamerikanischen Nietz-
sche-Forschung zeigt, weist dennoch eine gewisse Einseitigkeit auf. Liest man die Rekon-
struktionen des Aufsatzes, so kann der Eindruck entstehen, als hätte Nietzsche den Inhalt
seiner vielfältigen naturwissenschaftlichen Lektüren unmittelbar übernommen und als
Stützpunkte eines eigenen naturalistischen Denkens verwendet. Diese Vorstellung erscheint
nicht nur deswegen zweifelhaft, weil Nietzsche sich durchaus auch mit kritischem bzw. relati-
vierendem Ton ebenso über die im Aufsatz zitierten Autoren18 wie allgemein über das wissen-
schaftliche Unternehmen äußert.19 Zu beachten ist vielmehr, dass aus dem Interesse eines
Philosophen für die Naturwissenschaften nicht notwendig die Vertretung eines bestimmten
-ismus, insbesondere nicht ein „commitment to philosophical naturalism“ (245) folgen
17 Christian J. Emden, Nietzsche’s Naturalism. Philosophy and the Life Sciences in the Nineteeth Cen-
tury, Cambridge 2014.
18 Für eine kritische Auseinandersetzung mit den auch von Emden angeführten Quellen, die aber
nicht auf einen philosophischen Naturalismus Nietzsches schließt, siehe Andrea Orsucci, Dalla bio-
logia cellulare alle scienze dello spirito. Aspetti del dibattito sull’individualità nell’Ottocento tedesco,
Bologna 1992.
19 Vgl. z.  B. GT, Versuch einer Selbstkritik 2, sowie FW 373 und 344.
Rezensionen  349
muss.20 Im Blick darauf lässt sich nicht darüber hinwegsehen, dass Nietzsche– auch inner-
halb ein und desselben Werks– sehr wohl in naturalistischer (JGB 230), aber zugleich auch
in explizit anti-naturalistischer Hinsicht (JGB 12 und 21) argumentiert. Man kann schließlich
diese Beobachtung zuspitzen und fragen, ob solcherart überraschende Perspektivenwechsel
nicht vielleicht strategisch eingesetzt werden, um festgelegte philosophische -ismen, wie
den Naturalismus, von innen her zu subvertieren und ad absurdum zu führen.
Nietzsches Kritik an englischen Denkern wie Herbert Spencer sowie allgemein an dem
Ungeschick der Naturalisten“ (JGB 12), welche dem heutigen philosophischen Naturalismus
den Weg ebneten, erklärt Emden damit, dass ihm deswegen eine raffiniertere Form von Natu-
ralismus zuzuschreiben sei (235  f.). Anders argumentiert Maria Cristina Fornari in „Shadows
of God“ and Neuroethics. Fornari hält Nietzsche für „a most acute critic of the naturalistic
fallacy“ (262). Als einen solchen Fehlschluss wies er, wie die Autorin an seiner Beschäfti-
gung mit Spencer sichtbar macht, schon seinerzeit die Tendenz zurück, das Normative auf
das Natürliche gründen zu wollen: „Der Werth des Altruism“, notiert Nietzsche, „ist nicht
das Ergebniß der Wissenschaft“ (Nachlass 1880/81, 8[35], KSA 9.390). Vor diesem Hinter-
grund stellt Fornari eine Reihe gegenwärtiger Versuche in Frage, die Gültigkeit moralischer
Normen und Systeme unter Rekurs auf neurowissenschaftliche Beobachtungen zu recht-
fertigen. Anstatt jeden neuroethischen (oder anderweitigen) Naturalisierungsversuch unein-
geschränkt zu begrüßen, scheint also die Aufgabe der Philosophen, welche die Genealogie
der Moral zum Vorbild nehmen, nicht zuletzt darin zu bestehen, ein gewisses Maß an Skepsis
und Verdacht auch gegenüber den Naturalisierungen zu hegen.
Charlie Huenemann eröffnet seinen Text Nietzsche and the Perspective of Life mit einer
klassischen (und schon vielfach beantworteten) Frage: Angenommen, dass alles, was es
gibt, und insbesondere unsere Werte und Wertungen für Nietzsche relativen, perspektivi-
schen und– so lässt sich ergänzen– interpretativen Charakters sind, ist nicht gerade diese
Wertung selbst ihrerseits nur eine Perspektive unter anderen? Ist nicht „auch dies nur Inter-
pretation“– und, wenn ja, „umso besser“ (JGB 22)? Oder meinte Nietzsche stattdessen– wie
Huenemann findet– den in seiner eigenen Philosophie vertretenen Werten und Wertungen,
wie etwa der kritischen Wertung der christlichen Moral, gebühre eine Sonderstellung, „a
special grounding the others lacked“ (273)? Eine solche Überlegenheit liegt Huenemann
zufolge darin begründet, dass Nietzsches Philosophie, anders als die ihr vorangehenden
moralischen Systeme, die Werte des Lebens in Schutz genommen und dessen Interessen ver-
treten habe. Gemeint sei jedoch mit „Leben“ eine zugegebenermaßen „implausible“ (275),
großgeschriebene „theoretical entity (called ‚Life‘), which has values and a perspective“
(274). Der damit postulierten Entität „Leben“ wird folglich, trotz ihrer eminent theoretischen
Natur, die Fähigkeit zugeschrieben, sich in spezifischen Weisen zu verhalten. Sie ignoriere
etwa alle Entitäten, die nicht über eine eigene Perspektive verfügen, und sei indessen darauf
aus, die Anzahl der mit Perspektiven ausgestatteten Entitäten zu vermehren. Diese originelle,
aber unplausible Hypothese führt indes letzten Endes zu einem plausiblen, aber nicht beson-
ders originellen Befund. Diejenige des „Lebens“ erweise sich, nachdem bekannte Argumente
über die Kommensurabilität der Perspektiven im Perspektivismus gesichtet wurden, doch
als eine weitere Perspektive unter anderen. Ein Leben im Sinne des „Lebens“ zu führen, sei
dennoch anderen moralischen Wertesystemen vorzuziehen, weil dadurch eine gesunde,
wenn auch konflikthafte Pluralisierung der Perspektiven gefördert und somit dem Nihilis-
mus entgegengewirkt werde.
20 Vgl. dazu Geert Keil / Herbert Schnädelbach, „Naturalismus“, in: Geert Keil / Herbert Schnädel-
bach (Hg.), Naturalismus. Philosophische Beiträge, Frankfurt a.M.2000, 7–45.
350  Rezensionen
Zum Thema embodiment kehrt Vanessa Lemm in Truth, Embodiment, and Probity
(Redlichkeit) in Nietzsche in politischer Hinsicht zurück. Die Autorin deutet Momente von
Nietzsches Denken im Lichte einer von ihr getroffenen Unterscheidung zwischen „political
or conventional“ und „philosophical truth“. Während die politische Wahrheit geteilte und
stillschweigend angenommene Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens bezeichne,
verfolge die philosophische Wahrheit den Zweck, ebensolche, für unabänderlich gehaltene
Normen als bloße Illusionen oder Meinungen zu demaskieren (292). Doch die Pointe ihrer
Argumentation liegt darin, dass beide Wahrheitsformen einverleibt sein müssten, um einen
praktischen Geltungsanspruch zu erheben. So sieht Lemm in der „political truth“ einen jener
uralt einverleibten Grundirrthümer[]“ (FW 110) am Werk, denen Nietzsche wichtige Seiten
widmet. Gemeint ist damit „das Gleichmachen, das Assimiliren“ (Nachlass 1885, 40[33], KSA
11.645): Dies werde nun auf eine politische Ebene übertragen, „where Einverleibung designa-
tes a dominating equalization“ (297). Als Alterative dazu gelte die Praxis der Redlichkeit, die
Lemm mit Foucaults Konzept der Parrhesia in Verbindung bringt. Nietzsches Auffassung von
Redlichkeit sei so als die höchste Ausgestaltung der „philosophical truth“ anzusehen, deren
Einverleibung in einem politischen Offensein zu dem Anderen hin münde.
Der bemerkenswerte Beitrag von Keith Ansell-Pearson über die Epikur-Rezeption bei
Marx und Nietzsche, betitelt When Wisdom Assumes Bodily Form, schließt den Band ab.
Hervorgehoben wird, dass sowohl Marx wie später auch Nietzsche in Epikurs Anliegen,
den Menschen von der Angst vor den Göttern, vorm Tod oder vom Aberglauben zu befreien,
den Geist der Aufklärung bereits tätig sahen. Hielt aber Marx es für geboten, diese– wie
jede– Philosophie der Freiheit in eine politische Aktion gesellschaftlicher Änderung und
kollektiver Befreiung weiterzuführen, so habe Nietzsche aus der epikureischen Lehre viel-
mehr eine individualistische Ethik der Selbstkultivierung entnommen, die sich vorzüglich
an eine „avant-garde of free spirits“ (322) richtete. In einer Anthologie, die sonst durch ihre
starke Fokussierung auf Probleme der theoretischen Philosophie gekennzeichnet ist, bieten
dieser und der vorangehende Aufsatz jeweils für sich einen tiefgreifenden Ausblick ethisch-
politischer Art.
Abschließend kann die Qualität des Sammelbandes in zweierlei Hinsicht bewertet
werden: Über die bisher genannten Kritikpunkte hinaus ist deutlich zu betonen, dass sich
die meisten Texte auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau bewegen. Zur Nietzsche-For-
schung, die sich für Probleme der Philosophie des Geistes und des Bewusstseins interes-
siert, wird somit ein zusätzlicher, innovativer und differenzierter Beitrag geleistet. Der gra-
vierendste und bereits angedeutete Schwachpunkt des Bandes scheint mir hingegen schon
in der Präposition des Titels implizit vorhanden zu sein: Nietzsche on Consciousness and the
Embodied Mind. Da der Begriff „embodied mind“ erst am Ende des 20.Jahrhunderts geprägt
wurde, ist es evident, dass Nietzsche über ihn kaum etwas sagen konnte. Falls aber in einem
nicht trivialen Sinn behauptet werden soll, dass seine Philosophie das mit diesem Begriff
verbundene Verständnis der Subjektivität unter wichtigen Aspekten vorweggenommen
habe– oder, besser noch, ihm etwas Wesentliches hinzuzufügen wusste–, so darf erwartet
werden, dass man genau weiß, was unter embodied mind verstanden wird. Mit der gegen-
wärtig noch stattfindenden Debatte darüber und der ihr zugehörigen Literatur beschäftigt
sich allerdings die absolute Minderheit der Aufsätze– und selbst wenn dies erfolgt, mit der
partiellen Ausnahme von Acampora, nur am Rande. Die Diskussion über Nietzsche, die Ver-
körperung (embodiment) und den verkörperten Geist (embodied mind) wird deswegen mit
dieser Sammlung eröffnet, aber sicher nicht abgeschlossen.
Rezensionen  351
2. Der von Christian Benne und Enrico Müller herausgegebene Sammelband Ohnmacht
des Subjekts– Macht der Persönlichkeit enthält 24 überwiegend auf Deutsch geschriebene,
jedoch von Autoren verschiedener Länder verfasste Beiträge, die zunächst 2012 auf einem
Kongress in Naumburg präsentiert wurden. Wenngleich eine thematische Kontinuität mit der
zuvor besprochenen englischsprachigen Anthologie besteht– auch hier werden Probleme
erörtert, die um die Konstitution der menschlichen Subjektivität bei und im Ausgang von
Nietzsche kreisen–, unterscheiden sich die beiden Bände in mehrerer Hinsicht, dabei vor
allem bei den methodischen Herangehensweisen, deutlich voneinander.
Der umfang- und lehrreiche Aufsatz von Benne und Müller Das Persönliche und seine
Figurationen bei Nietzsche, der den Band eröffnet, bietet einen systematischen Überblick zur
Komplexität der Problematik. Die Leitfrage des Beitrags ist, ob und inwiefern die Auflösung
der metaphysischen Subjektkonzeptionen, für die Nietzsche verantwortlich war, eine philo-
sophische Aufwertung der Person und der Persönlichkeit mit sich bringt. Dass Nietzsche trotz
(oder gerade wegen) seiner Kritik am Subjektbegriff einzelnen Subjekten große Aufmerksam-
keit widmet, dass in seiner Philosophie geradezu eine systematische Tendenz herrscht, „ad
hominem zu argumentieren“ (17) und die Philosophie selbst zu personalisieren, dürften seine
Leser wissen. Weniger offenkundig (und daher oft übersehen) ist hingegen der Umstand,
auf den Benne und Müller aufmerksam machen, dass Nietzsches Insistenz auf die „Person“,
im Spätwerk zunehmend als „Rolle“, „Maske“ und „Typus“ thematisiert, bei genauem Hin-
sehen zur Ablehnung der These führt, er habe die seelisch-immaterielle Verfasstheit des
Menschen einfach durch den Leib ersetzt. Indessen bezeichneten „Person“, „Persönlichkeit“
und deren gesamtes Bedeutungsfeld, von dem Nietzsche extensiven Gebrauch macht, eine
dritte[] Instanz, […] von der her Leib und Seele erst ihren Sinn erhalten“ (19). Davon aus-
gehend arbeitet der Aufsatz eine „Theorie der Persönlichkeit“ in Nietzsches Schriften heraus,
die eine jede „Reduktion des Menschen auf sein […] mentales oder physisches Wesen“ (20)
von vornherein außer Kraft setzen soll.
Die weiteren Aufsätze werden unter den Gesichtspunkten einer „Theorie“, einer „Praxis“
und einer „Ästhetik der Persönlichkeit“ in entsprechende und weiter unterteilte Sektionen
des Bandes geordnet. Die erste, Theorie der Persönlichkeit I: Zur Theoretisierbarkeit der
Person, versammelt Texte von Werner Stegmaier, Chiara Piazzesi, Henry Kerger und Jakob
Dellinger. Stegmaier führt Hegel, Nietzsche und Luhmann unter dem Aspekt des Begriffs der
Persönlichkeit zusammen. Auf diese Weise werden sonst kaum bemerkte theoretische Linien
der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte aufgezeigt, die Stegmaier abschließend in
sein Projekt einer „Philosophie der Orientierung“21 aufnimmt und fortführt. Piazzesi geht
der Frage nach, welche postnihilistische „psychologische Umgestaltung“ (96) eine „perspek-
tivische Epistemologie“ (93) nötig hätte– dass es bei Nietzsche dergleichen wie die im letzte-
ren Ausdruck implizite Theorie faktisch gibt, wird dabei vorausgesetzt. In den Fokus nimmt
Kerger demgegenüber den sozioökonomisch-juridischen Leitfaden der zweiten Abhandlung
der Genealogie der Moral und untersucht dort die „sozialen Grundlagen einer Personalität
des Handelns“ (109). Besondere Beachtung finden dabei Probleme des römischen Rechts
und der gegenwärtigen Sozialphilosophie, die mit Einsichten Nietzsches verglichen werden.
Mittels eingehender Textanalysen reflektiert sodann Dellinger über die internen Selbstbezüg-
lichkeiten von Nietzsches Personalisierung der Philosophie: „Ist z.  B. auch der Satz“, so fragt
Dellinger etwa, „dass jede Philosophie ‚Selbstbekenntnis ihres Urhebers‘ ist, bloß ‚Selbst-
bekenntnis ihres Urhebers‘ […]?“ (133).22 Dass die Antwort darauf positiv ausfallen muss, ist
21 Vgl. Werner Stegmaier, Philosophie der Orientierung, Berlin 2008.
22 Vgl. JGB 6.
352  Rezensionen
naheliegend. Der Sachverhalt verkompliziert sich aber erheblich, wenn man die Texte, in
denen Nietzsche selbst die eigene Philosophie auf deren Urheber zurückführt, d.  h. vornehm-
lich die Vorreden von 1886, nach demselben Kriterium beurteilt und sich dabei fragt, wer
oder was jener Urheber sein soll. Demgegenüber hält Dellinger daran fest, dass es sich bei
dem dort beschriebenen Selbst um ein von der jeweiligen Sprecherinstanz auf der einen und
dem empirischen Autor auf der anderen Seite zu unterscheidendes „Produkt des textuellen
Geschehens“ (145) handelt. Im Blick auf einen solchen Prozess der Selbstdarstellung lasse
sich überdies nicht einmal ausschließen, dass wir es dabei mit einem gezielten „Täuschungs-
manöver“ (144) zu tun hätten. Zu teilweise vergleichbaren Resultaten kommen auch manche
der noch zu besprechenden Beiträge zur Persönlichkeits-Praxis.
Unter dem Titel Theorie der PersönlichkeitII: Subjektkritik und Konstituierung der Person
stehen Aufsätze von Christine Daigle, Elke Wachendorff, Corinna Schubert und Martin
Endres zusammen. Daigle liest (proto-)phänomenologische Motive in Nietzsches Äußerun-
gen über die Konstitution der menschlichen Subjektivität und deren Weltverhältnis; es sind
Motive, die sie dann ihrerseits gegen epiphänomenalistische Deutungen des Bewusstseins
geltend macht. Hierzu bemerkt die Autorin, dass ein Bewusstsein, sei es auch „überflüssi-
gen“ Ursprungs, doch gerade laut Nietzsche nicht nur gegeben ist, sondern sich zur Welt
aktiv-gestaltend verhält. Dieses Verhältnis solle nun erklärt, nicht aber geleugnet werden.
Statt von derlei Leugnungen zeuge Nietzsches ausgeprägter Augenmerk auf den Leib und
auf die Physiologie seiner Zeit vielmehr vom Bemühen, den Charakter des Bewusstseins als
embodied consciousness“ (158) sichtbar zu machen. Daran zeigt sich– so lässt sich ein
vorläufiger Schluss auch aus Daigles Argumentation ziehen–, dass erst die Überwindung
epiphänomenalistischer und verwandter Positionen es möglich macht, die als embodi-
ment bezeichnete Struktur des Geistes zu begreifen. Elke Wachendorff hebt hingegen die
Bedeutung der vielfältigen akustisch-musikalischen Begriffe und Metaphern in Nietzsches
Werk nachdrücklich hervor, rekonstruiert sie anhand des Einflusses, den Kant, Schopen-
hauer und Lange darauf ausübten, und entwickelt auf dieser Basis eine „Konzeption der
Person als diaphanes System“. Letztere fußt auf der falschen Etymologie, die das Substantiv
persona“ aus dem Verb „personare“ (durch-klingen) ableitet und mit der Nietzsche, wie
Benne und Müller in ihrem einleitenden Aufsatz ebenfalls zeigen (vgl. 24  f.), in vielfacher
Hinsicht spielte. Auch Corinna Schubert greift manche Themen auf, die in der Einleitung der
Herausgeber erörtert werden, aber hier ebenfalls, wie bei Wachendorff, in einem anderen
Licht erscheinen. Ihr Beitrag beschäftigt sich mit der plastischen Vielfältigkeit des Subjekts,
die erst sichtbar wird, nachdem der Begriff desselben als Einheit dekonstruiert wurde.
Dieses nunmehr klassische Thema wird von Schubert zunächst mit Blick auf die textgene-
tische Entwicklung einschlägiger Nachlassnotizen anhand von KGW IX rekonstruiert und
folglich auf ein pluralistisches Konzept der Person(en) (personae) qua Maske(n) zurück-
bezogen.
Von der KGW IX macht Endres in seinem kurzen und anspruchsvollen Aufsatz einen
noch intensiveren Gebrauch als Schubert. Er untersucht die Konstitution der Subjektivität
in und durch die Sprache“ (196), die bei Nietzsche einen ambivalenten Charakter annehme.
Die gemeinte Ambivalenz werde aber nicht nur auf der abstrakten Begriffsebene themati-
siert, sondern auch konkret in Nietzsches philosophischer Schreibpraxis in Form einer „pro-
duktiven Infragestellung des eigenen sprachlichen Tuns“ sichtbar (198). Letzteres lasse sich
exemplarisch an einer Vorstufe zu GD, Streifzüge eines Unzeitgemässen 26 zeigen, die sich
im Band6 der KGW IX findet. Die Stelle, die von sprachphilosophischen Problemen der Mit-
teilungsfähigkeit handelt, wird von Endres ausführlich kommentiert und mit dem entspre-
chenden Text der Götzen-Dämmerung (1889) kritisch verglichen. Auffällig ist jedoch, dass im
Aufsatz lediglich die Faksimilierung des nur von den sehr wenigen Nietzsche-Spezialisten
Rezensionen  353
entzifferbaren Manuskripts, nicht aber die ebenfalls in KGW IX enthaltene diplomatische
Transkription der Handschrift wiedergegeben ist.
Den darauffolgenden Teil über Praxis der PersönlichkeitI: Exempel, Polemik, Figuration
eröffnet ein instruktiver Aufsatz von James Conant. Auf der Basis der Emerson-Rezeption
in Schopenhauer als Erzieher (1874) liefert Conant vor allem eine bemerkenswerte Interpre-
tation von Nietzsches Ansicht, dass „des Einzelnen Leben den höchsten Werth, die tiefste
Bedeutung“ erst dann erhält, wenn man „zum Vortheile der seltensten und werthvollsten
Exemplare“ der Menschheit lebt (UB III, SE 6, KSA 1.384). Entgegen US-amerikanischer Deu-
tungen dieser Stelle als antidemokratisches Bekenntnis, unterstreicht Conant vielmehr, dass
es sich hierbei um den Kommentar eines in Anführungszeichen gesetzten und durch den
gewiss nicht antidemokratisch gesinnten Ralph Waldo Emerson inspirierten Satzes handelt,
der im Original lautete: „The great men are our exemplars“ (214). Das Wort „Exemplar“, das
Nietzsche vom Englischen ins Deutsche überträgt, sei hier nicht im Sinne von „Einzelfälle“,
sondern von „Beispiele“ zu verstehen. Insofern deute der Begriff des Exemplarischen auf
eine vorbildliche Funktion hin, die ebensolche exemplarische Menschen für uns alle erfüll-
ten und die darin bestehe, uns zur Realisierung noch latenter, bewunderungswerter Lebens-
möglichkeiten aufzufordern. Es schließen sich Beiträge von Dirk R. Johnson, Dirk Rose und
Heinrich Detering an. Während Johnson die falsche Alternative zwischen postmodernen und
naturalistischen Nietzsche-Deutungen zu überwinden versucht, dabei freilich den Terminus
postmodernism“ unscharf als Synonym zum Relativismus schlechthin verwendet und nicht
einmal eine einzige der angeblich dazugehörigen Interpretationen nennt, vertieft Rose einen
zentralen Aspekt von Nietzsches Gepflogenheit, polemische Argumente ad hominem zu ver-
wenden. Es ist bekannt, dass Nietzsche sich nach eigener Aussage „der Person nur wie eines
starken Vergrösserungsglases“ (EH, Warum ich so weise bin 7) bedient, um allgemeine Ten-
denzen der Kultur zu kritisieren. Der polemische Rekurs auf die Person sei somit als integra-
ler Bestandteil des genealogischen Verfahrens anzusehen und zeige, dass Ideen „keine fest-
stehenden, überindividuellen und überhistorischen Entitäten darstellen“ (240), sondern mit
je spezifischen, persönlichen, d.  h. nach Nietzsche auch affektiven, triebhaften, physio-psy-
chologischen Bedingungen ihrer Urheber maßgeblich zusammenhängen. Insofern dürften
derartige polemische Strategien nicht voreilig als philosophische Fehlschlüsse abgetan
werden. Ganz im Gegenteil gebühre Nietzsche das Verdienst, die persönliche Polemik zur
genuin philosophischen Denk- und Schreibform erhoben zu haben. Auch Detering nimmt in
seiner breit angelegten Studie Nietzsches philosophische Schriften aus einer literaturtheo-
retischen Perspektive in den Blick. Analysiert wird die darin eingesetzte Varietät an Erzähl-
verfahren, die zum Teil auch fest etablierte narrative Formen und Normen zu subvertieren
vermöge.
Die Aufsätze von Mark-Georg Dehrmann, Jorge L. Viesenteiner, Christian Niemeyer,
Anna maria Lossi und Gabriella Pelloni sind in der mit Praxis der PersönlichkeitII: Inszenie-
rung der Autorschaft betitelten Sektion des Bandes enthalten. Die vier letztgenannten Autoren
widmen ihre Studien dem Problem der Autorschaft in den Schriften von 1888. Während Vie-
senteiner Strategien der Selbstinszenierung in der Götzen-Dämmerung untersucht und dabei
ein vielschichtiges Moment der Distanznahme zu sich selbst hervorhebt, geht Niemeyer auf
die biografischen Kontexte und zwischenmenschlichen Beziehungen ein, die sowohl den
persönlichen Hintergrund für die Entstehung von Ecce homo (1888) ausmachten wie auch
ihrerseits die darin aufgeführte Inszenierung der eigenen Person und des eigenen Werkes
bedingten. Anders als Niemeyer sieht hingegen Lossi in Ecce homo, dessen Zugehörigkeit
zum Genre der intellektuellen Biografie sie mit überzeugenden literaturtheoretischen Argu-
menten bestreitet, ein „literarisches Selbst-Experiment“ (316  f.), in dem es eben nicht um die
Person Friedrich Nietzsche geht. Betont werden vielmehr die selbstparodistischen, „wider-
354  Rezensionen
sprüchlichen bis schizophrenen Aspekte einer philosophisch-literarischen Persönlich-
keit“ (328), der gegenüber die lebensgeschichtliche Vergangenheit Nietzsches nur noch als
gänzlich dem Zukunftsmodus untergeordnete Maskerade vorhanden sei. Ins Zentrum ihres
Beitrags rückt auch Pelloni das Problem der Selbsterzählung in Ecce homo, konzentriert sich
aber primär auf die dort gelieferte Beschreibung der Lebensumstände, die zur Konzeption
von Also sprach Zarathustra (1883–1885) führten. Mit diesem Werk beschäftigt sich auch der
Aufsatz von Dehrmann, in dem er fragt, weshalb von den Werken Nietzsches, die ab 1886 als
Neuausgabe erschienen, nur der Zarathustra nicht mit einer neuen Vorrede versehen wurde.
Für diese nur scheinbar negative Sonderstellung liefert Dehrmann in gleichem Maße philoso-
phische und literaturtheoretische Erklärungen, welche die Eigentümlichkeit von Nietzsches
spätem Schreiben berücksichtigen und auf deren Basis die Unmöglichkeit festgestellt wird,
dieses Buch als ein überwundenes Werk zu betrachten, wie es die Perspektive der anderen
nachträglichen Vorreden erfordert habe. Somit hebt Dehrmann, ähnlich wie Lossi in Bezug
auf Ecce homo, die unabdingbare Zukunftsgerichtetheit von Also sprach Zarathustra hervor.
Der Teil, der den Titel Ästhetik der PersönlichkeitI: Person als Ästhetisches Urteil und
Stil trägt, umfasst Aufsätze von Rüdiger Görner, Renate Reschke und Carlotta Santini. Bietet
Görner einen Überblick darüber, wie sich Nietzsches Subjektkritik mit ästhetischen Mitteln
besser verstehen lasse, so vertiefen Reschke und Santini dessen Verhältnis zu zwei spezi-
fischen, ihm vorbildhaft erscheinenden Persönlichkeiten der Literaturgeschichte: Stendhal
und Homer. Systematisch stellt Reschke den Zusammenhang von Leidenschaft und Sub-
jektivität in den Mittelpunkt ihres Aufsatzes. Wenngleich Nietzsche eingesehen habe, dass
die Leidenschaften dem Menschen als eine „natürliche[] Kraft“ (Nachlass 1871, 9[85],
KSA 7.305) gegenüberträten, habe er sich von vornherein ebenso vor Augen geführt, dass
sie zugleich „kulturell sublimiert“ (368), d.  h. je nach Gesellschaftsform und historischem
Zeitalter anders bestimmt würden. Bereits dabei ist deutlich zu beobachten, wie fern Nietz-
sche einer naturalistischen Erklärung der für die menschliche Subjektivität unerlässlichen,
weil wesenskonstitutiven Leidenschaften war. Statt aber zu einem bloß positiven Kulturalis-
mus zu führen, nehme die Erörterung der Leidenschaften bei ihm eine dezidiert kulturkri-
tische Gestalt an. Charakteristisch für unser modernes Zeitalter sei laut Nietzsche etwa die
Tendenz, die „wirkliche Leidenschaft“, die sich höhere und äußere Zwecke setze, zu einer
gröberen, nach der eigenen unmittelbaren Befriedigung trachtenden „Leidenschaftlichkeit“
zu machen. Diese und weitere „kulturkritische[] Invektiven“ (373) sowie zahlreiche philo-
sophische Aufwertungen der (großen, wirklichen) Leidenschaften habe Nietzsche in einer
aufmerksamen Auseinandersetzung mit dem Werk Stendhals entfaltet– so die These, die
Reschke mit zahlreichen Textvergleichen belegt. Daraus ergibt sich das Bild eines Intellek-
tuellen, Stendhal, den Nietzsche in dreifacher Hinsicht, literarisch, kulturkritisch und psy-
chologisch, uneingeschränkt wertschätzte; vom französischen Schriftsteller scheint er sich
tatsächlich, und im Gegensatz zu anderen ihm verwandten Geistern, nie wirklich distanziert
zu haben. Es bleibt Homer. Die Hintergründe von Nietzsches ambivalenter Positionierung in
der damaligen Debatte über die homerische Frage werden von Santini einer philologischen
Analyse unterzogen, aus der zugleich epistemologische Implikationen folgen. Ihr Ausgangs-
punkt ist eine Aussage aus dem Nachlass der späten 1860er-Jahre, die das „literaturhistori-
sche Bewusstsein im archaischen und vor-klassischen Altertum […] als eine Form der ‚literar-
historischen Mythologie‘ bezeichnet“ (386).23 Gemeint sei damit die Fülle an sagenhaften,
wenn nicht halbgöttlichen Dichterfiguren, denen in der Antike literarische Werke zugeschrie-
ben wurden. Das Wort „Mythologie“ sei aber in dem Zusammenhang nicht negativ beladen,
23 Vgl. Nachlass 1868/69, 74[41], KGW I 5.125.
Rezensionen  355
sondern es werde gegen die Haltung der modernen Altertumswissenschaften, die die antiken
Wahrnehmungs- und Überlieferungsformen der Vergangenheit mit Skepsis betrachteten, in
geradezu polemischer Weise angeführt. Es liegt nahe, dass die Figur Homers, in der Antike
mythologisiert, aber von der modernen klassischen Philologie zunehmend dekonstruiert,
einen solchen Widerspruch am deutlichsten verkörpert. Mit seinen Basler Homer-Forschun-
gen habe Nietzsche nun dafür plädiert, die mythologische Konstruktion der Antike, die hier
den Namen Homer trägt, in ihrer Funktion und vollen Tragweite ernst zu nehmen. So wirft
Santini ein interessantes Licht auf die Frage nach dem Wahrheitswert des Mythos beim
frühen Nietzsche– und überhaupt.
Der letzte Teil des Bandes, Ästhetik der Persönlichkeit II: Spiel, Stimmung, Diätetik,
enthält drei Aufsätze von Damir Smiljanić, Friederike Reents und Anthony Mahler. Smil-
janić skizziert eine „Typologie der Spielformen“, in die sich Nietzsches Schreibformen als
Angriffs-, Versteck- oder Rollenspiele einstufen ließen. Vor diesem Hintergrund nimmt sich
der Autor vor, eine „Spieltheorie der personalen Identität“ bei Nietzsche zu entwickeln, die
in seinem Beitrag jedoch „nur angedeutet, keineswegs erschöpfend behandelt“ (407) wird.
Reents untersucht hingegen einen weiteren, psychologischen Aspekt der menschlichen Sub-
jektivität: die Stimmung, welcher der junge Nietzsche schon eine kurze, unveröffentlicht
gebliebene Abhandlung widmete.24 Auf diesen und spätere Texte aufbauend, schlägt Reents
vor, das Projekt der Umwertung aller Werte als eines der „Umstimmung“ zu verstehen (412,
416). Schließlich beschäftigt sich Mahler mit Nietzsches Verhältnis zur Tradition der Diätetik
und deutet den Begriff der Selbstüberwindung als „a dietetic enterprise“ (427). In diesem
Zusammenhang wird u.  a. der Einfluss rekonstruiert, den die diätetische Abhandlung Dis-
corsi della vita sobria (1558) des venezianischen Humanisten Luigi Cornaro (14841566) auf
Nietzsche zunächst positiv ausübte, um dann in der Götzen-Dämmerung in eine vorbehalts-
lose Zurückweisung umzuschlagen.25 Dessen ungeachtet habe Nietzsche weiterhin an einem
Grundsatz der Diätetik von Antike und Renaissance festgehalten: „personality is dietetically
determined“ (427). Ein kurzer literarischer Text von Martin Mosebach, ein Auszug aus dem
Roman Das Blutbuchenfest von 2014, bereichert die Sammlung und bildet deren Abschluss.
Die relative Heterogenität der erörterten Themen macht es nicht leicht, einen oder
mehrere rote Fäden des Bandes in einem Resümee zu identifizieren. Die Konzeption der
(personalen) Subjektivität, die aus den Beiträgen hervorgeht, nimmt nie explizit naturalis-
tische, sondern von Mal zu Mal– aber nicht nur– narratologische, sprachphilosophische,
proto-phänomenologische, ästhetische, historische, juridische, politische, psychologische,
autobiografische, selbstinszenierende und -maskierende Züge an. Auch ist zu beobachten,
dass das kritische, skeptische, dekonstruktive Moment der Philosophie Nietzsches hier viel
stärker in den Vordergrund tritt als in der Sammlung, die Manuel Dries herausgegeben hat.
In methodischer Hinsicht ist der Band, der Haltung der deutschsprachigen Nietzsche-For-
schung entsprechend, durch eine ausgeprägte Aufmerksamkeit auf den Autor, das Werk, den
Text und das geschriebene Wort gekennzeichnet. Dies kann je nach Ziel und Rezipienten
als Stärke, aber auch als Hindernis angesehen werden. Obschon nicht alle Aufsätze, wie
für einen Kongressband nicht selten, auf derselben qualitativen Stufe liegen, wird sich das
Gesamtbild, das aus der Lektüre entsteht, mit großer Wahrscheinlichkeit auch für Spezialis-
ten als sehr instruktiv erweisen.
24 Vgl. Nachlass 1864, 17[5], KGW I 2.371  ff.
25 Vgl. GD, Die vier grossen Irrthümer 1 und 2.
356  Rezensionen
3. Aus der durchaus berechtigten Aufmerksamkeit für den Leib als konstitutives Moment der
menschlichen Subjektivität nach Nietzsche, dem viele der bisher besprochenen Forschungs-
beiträge gewidmet sind, kann allerdings– wie schon mehrmals angedeutet– nur ein par-
tielles Bild seines Denkens entstehen. Es besteht die Gefahr, dass die Umkehrung der Leib-
verachtung auf eine Verachtung der Seele hinausläuft. Dass dies bei Nietzsche ausdrücklich
nicht der Fall ist, zeigt Felice Ciro Papparo in seiner Monografie Qualcosa del corpo. Nietzsche
e la scena dellanima (dt.: Etwas des Leibes. Nietzsche und der Schauplatz der Seele).26
Schon angesichts des stark beeinträchtigten gesundheitlichen Zustands, den Nietzsche
zeit seines Lebens ertragen musste, erscheine sein Lob der Leiblichkeit in einem befremden-
den Licht. Auf die strikt philosophische Ebene übertragen, ließe sich dann die Hinwendung
zum Leib nicht als eine Bewegung verstehen, die sich zum Schaden der Seele vollziehe und
diese gänzlich hinter sich bringe (33  f.). Papparo hebt vielmehr hervor, dass Nietzsche die
Seele– zwar nicht mehr im religiösen Sinne verstanden– als eine „Hypothese“ ansehe, die
ihre Möglichkeiten, etwas Wesentliches über die menschliche Subjektivität auszusagen, noch
nicht ausgeschöpft habe. Noch nicht, obwohl sich in der Rede von der „Seele“ zugleich die
abendländische Tradition der Verachtung des Leibes sedimentierte (132). Um „Verfeinerun-
gen der Seelen-Hypothese“, nicht um eine naturalistische Abschaffung oder Eingrenzung
derselben gehe es Nietzsche.27 Entlang dieser zentralen Beobachtung diskutiert Papparo
zahlreiche, darunter einige in der Sekundärliteratur wenig beachtete Texte, in denen Nietz-
sche– oft mit einer gewissen und für einige vielleicht doch überraschenden Aufwertung
den Begriff „Seele“ erörtert.
Zentral ist dabei eine von Papparo gezogene Parallele zwischen der (dem Band titel-
gebenden) Sentenz des Erwachten und Wissenden: „Seele ist nur ein Wort für ein Etwas
am Leibe“ (ZaI, Von den Verächtern des Leibes)– und einer Definition bei Aristoteles, der
zufolge die Seele σώματος δετι, etwas des Leibes sei (82). Dass letztere Passage aus De anima
im Zarathustra wörtlich aufgenommen und nur durch die Ergänzung „ein Wort für“ über-
arbeitet wurde, wie Papparo nachgewiesen haben möchte, ist eine zwar suggestive, aber
philologisch unterbestimmt bleibende These. Sie hat ihre Grundlage in der Übersetzung
Nietzsches durch Ferruccio Masini, der aus triftigen stilistischen Gründen die italienische
Genitivform (complemento di specificazione) verwendet: „una parola per indicare qualcosa
del corpo“ (ZaI, Von den Verächtern des Leibes).28 Liest man hingegen das Original, so ist
immerhin zu bedenken, warum Nietzsche, anders als Aristoteles, nicht „etwas des Leibes“
schreibt. Jenseits der sprachlichen Einzelheiten ist dieses Beispiel repräsentativ als Cha-
rakteristikum der gesamten Arbeit. Obwohl ihr Vorhaben ein unbestreitbares Potenzial in
sich birgt, neue Perspektiven auf bekannte Probleme zu öffnen, werden die vielen in ihr ent-
haltenen originellen Einfälle immer wieder von einem ungenauen Umgang mit den Texten
und von argumentativen Schwächen unterminiert.
Dies lässt sich mit einem resümierenden Blick auf die Gesamtstruktur der Monografie
erweitern. Die zwölf eher kurzen Kapitel des Bandes kreisen um folgende Themenkom-
plexe: Nietzsches philosophische Psychologie, verstanden als eine „Wissenschaft der Seele“
(scienza dell’anima), die sich sowohl von der naturalistischen Psychologie wie auch von der
Metaphysik unterscheidet (Kap.1, 2); Seele und Sprache (Kap.3, 4, 7); Traumerfahrung und
waches Seelenleben (Kap.5); das Physiologische als „das Unbekannte“ (Kap.6); Gedächt-
26 Alle Übersetzungen aus dem Italienischen sind vom Verfasser.
27 Vgl. JGB 12.
28Così parlò Zarathustra. Un libro per tutti e per nessuno, in: Opere, hg. v. Giorgio Colli und Mazzino
Montinari, Mailand 1973, Bd. VI/1, 34.
Rezensionen  357
nis (Kap.8); Rhythmus (Kap.9); leibliche Intuition („ein Zugleich-denken“, Nachlass 1885,
34[124], KSA 11.462) (Kap.10); Kunst und Schematismus (Kap.11) und Zeitlichkeit (Kap.12).
Bei diesen Stichpunkten handelt es sich um sehr approximative Schematisierungen seitens
des Rezensenten, wobei der Text insgesamt viele weitere Themen berührt, ohne dass sich
durchgängig ein deutlicher argumentativer Leitfaden erkennen lässt. Nach Selbstauskunft
des Autors wird in der Arbeit tatsächlich keine „einheitliche und erschöpfende Rekon-
struktion des Themas“, wohl aber eine „Sondierung“ desselben in Nietzsches Texten vor-
genommen, die durch eine „fluktuierende Darstellung“ (29) gekennzeichnet ist. So werden
ufig Gedanken frei assoziiert, dabei die unterschiedlichsten Textstellen Nietzsches, auch
im Rahmen eines einzigen Satzes, unvermittelt in Verbindung gebracht. Der emphatische
Schreibstil, in den sehr häufig Kursivschriften und Ausrufezeichen integriert sind, könnte
dann bei manchem Leser den Verdacht erregen, dass der Autor einen Mangel an Systema-
tizität durch emotionale Betonungen zu kompensieren versucht. Auch die Zitierweise ent-
spricht nicht durchgängig dem akademischen Standard: Ausdrücke wie z.  B. „im sechzehn-
ten Kapitel der Genealogie“ (141) bleiben ohne genauere Angaben unverständlich; Passagen
aus Nietzsches Werk werden wiederholt ohne bibliografischen Verweis wiedergegeben (vgl.
z.  B. 128  f.). Auch trägt ein fehlendes Literaturverzeichnis nicht zu einem positiven Gesamt-
eindruck bei. Der Band vermag insofern wissenschaftlich nicht zu überzeugen.
4. Die schmale, auf Italienisch geschriebene Monografie von Maurizio Scandella, Nietzsche
e l’incorporazione delle coscienze (dt.: Nietzsche und die Einverleibung der Bewusstseine),
geht ihrerseits der Frage nach, wie die Konstitution der menschlichen Subjektivität für und
nach Nietzsche anzusehen ist. Die Antwort darauf fasst Scandella anhand eines relationalen
und intersubjektiven Phänomens auf, das im Buch als „Einverleibung der Bewusstseine“
bezeichnet wird. Dadurch wird eine weitere Perspektive auf manche der zuvor diskutierten
Probleme geboten. Der Band ist die überarbeitete Fassung einer Magisterarbeit, die der Ver-
fasser, betreut von Carlo Sini, an der Universität Mailand vorlegte. In methodischer Hinsicht
ist die Studie demgemäß nach einem für universitäre Abschlussarbeiten typischen Muster
strukturiert, d.  h., es wird ein in drei Kapitel unterteilter „Weg in Nietzsches Denken“ (5)
gebahnt.
Im Zentrum des ersten Kapitels stehen zunächst die Schriften Fatum und Geschichte und
Willensfreiheit und Fatum, in denen der 17-jährige Nietzsche 1862 zum ersten Mal das Verhält-
nis von Freiheit und Notwendigkeit philosophisch reflektiert. Ohne den Stellenwert dieser
Texte allzu sehr zu überschätzen, entdeckt Scandella in ihnen philosophische Probleme, auf
welche die späteren Werke aus seiner Sicht „im Modus eines stetigen Überdenkens und Ver-
tiefens“ (19) zurückkämen: das Verständnis des Geistes als graduelle Erscheinung aus der
Leiblichkeit (corporeità); das Gute als Sublimierung des Bösen; die Entstehung aller Phäno-
mene aus ihrem Gegenteil; die Auseinandersetzung mit den Grenzen, welche die Sprache
dem Denken setzt. Dass es sich hierbei um ein Zurückprojizieren oder gar Hineinlesen der
Gedanken eines großen Philosophen auf die Arbeit eines hochbegabten Schülers handeln
kann, dessen ist sich der Autor ohnehin bewusst (vgl. 23  f.). Unbestreitbar ist allerdings, wie
auch Scandella unterstreicht, dass in diesen beiden Texten des Schülers Nietzsche bereits
jene Reflexion über Freiheit und Notwendigkeit ansetzt, die später in die bekannte, unerbitt-
liche Kritik des freien (wie des unfreien) Willens münden wird. Im Angesicht der Rolle, die
der Aspekt der Notwendigkeit bei der Ausarbeitung des Begriffs „Wille zur Macht“ einnimmt,
folgt dann eine Reflexion über dessen Charakter als Grund der Subjektivität. Ein starker Ein-
fluss der Deutungen Heideggers wird nun sehr explizit deutlich. Wenngleich gewisse Grenzen
seiner Nietzsche-Interpretation thematisiert werden, ist hier expressis verbis vom Willen zur
Macht als dem „Prinzip von Nietzsches Metaphysik“ (28) die Rede. In den letzten Abschnit-
358  Rezensionen
ten des Kapitels kommt Scandella auf den apollinisch-dionysischen Antagonismus und auf
die Figur des Sokrates in der Geburt der Tragödie (1872) zu sprechen. Dass das Apollinische
und Dionysische ihrerseits als „metaphysische Prinzipien“– wenn auch perspektivischer,
pluralistischer, dynamischer Art– bzw. als „Prinzipien von Nietzsches jüngerer Metaphysik
(33) angesprochen werden, mag womöglich dem Einfluss des Heidegger-Experten Carlo Sini
geschuldet sein.
Zu Beginn des zweiten Kapitels identifiziert Scandella gewisse Analogien zwischen Nietz-
sches Auffassungen der Subjektivität und denen von Charles S. Peirce. Die Analyse, durch-
geführt auf acht Seiten, vermag der Aufgabe eines Vergleichs zwischen beiden Autoren nicht
gerecht zu werden. Bedeutsamer ist hingegen, dass Scandella einige Seiten (58–60, 66–68)
den Notizen widmet, die Nietzsche im Jahr 1868 in Vorbereitung auf seine nie verfasste Dis-
sertation zum Thema „der Begriff des Organischen bei Kant“ (Nietzsche an Paul Deussen,
Ende April / Anfang Mai 1868, Nr.568, KSB 2.269) sammelte. Wie schon der Titel andeutet,
ist dies ein für die Forschung über Nietzsche und die Begriffe embodiment bzw. embodied
mind nicht irrelevantes Dokument, welches jedoch in den Beiträgen des besprochenen Sam-
melbands Nietzsche on Consciousness and the Embodied Mind keine Erwähnung findet. Es
scheint daher angebracht, zumindest auf einen auch von Scandella hervorgehobenen Inhalt
dieses Notizhefts hinzuweisen. Bereits hier fasst Nietzsche das lebendige Individuum nicht
mehr unter der Kategorie der Einheit, sondern als irreduzible Multiplizität auf (60).29 Der
weiterführende Schluss, den Nietzsche daraus zieht, ist sehr radikal: „Es giebt in Wirklich-
keit kein<e> Individuen, vielmehr sind Individuen und Organism nichts als Abstraktionen.“
(Nachlass 1868, 62[28], KGW I 4.560) Die frühe Abkehr vom Begriff des Organismus, einem
Grundkonzept biologistisch-naturalistischer Positionen, ist ebenfalls im Hinblick auf Nietz-
sches reifes Leibverständnis, mithin auch zwecks eines Vergleichs mit dem embodied mind zu
berücksichtigen. Tatsächlich zeigt Scandella, sich auf Die fröhliche Wissenschaft (18821887)
konzentrierend, wie diese Gedanken ihre Vollendung im späteren Werk finden (62–67). Die
nachfolgende Darlegung über das Vorstellen und über das Perspektivische (68–90) geht zwar
nicht wesentlich über in der Literatur schon bekannte Ergebnisse hinaus, kann dennoch in
einer Arbeit zur Subjektivität bei Nietzsche als systematisch notwendig erscheinen.
Der Diskurs über Leiblichkeit wird im dritten und letzten Kapitel mit Blick auf das
Problem der Intersubjektivität weitergeführt. Hierzu vertritt Scandella die Auffassung, dass
der menschliche Leib in Nietzsches Sicht als „konstitutiv sozial“ (91) anzusehen sei. Um diese
These zu untermauern, wird ein längeres Nachlassfragment (Nachlass 1881, 11[182], KSA
9.509–512) herangezogen, in dem Nietzsche den biologischen Begriffsapparat von Wilhelm
Roux ins politische Feld ausdehnt (93–98). Freilich interpretiert Scandella dies nicht als einen
Versuch, das gesellschaftliche Leben durch naturwissenschaftliche Kategorien zu erklären.
Ganz im Gegenteil habe Nietzsche mit solchem und ähnlichen intellektuellen Experimen-
ten zu zeigen beabsichtigt, dass selbst die von der Biologie als Natur ausgewiesenen Phä-
nomene nichts ontologisch Ursprüngliches, keine Letztgegebenheiten sind, sondern dass
es sich dabei auch um unbewusste Anthropomorphismen handeln kann, die vom sozialen
Bereich zurück auf das Bios übertragen werden. Dem Menschen sei insofern alles, auch seine
organische Natur, immer schon in Sozialverhältnissen gegeben. Der abschließende Teil des
Kapitels behandelt sodann den intersubjektiven Charakter des Bewusstseins, so wie dieser
sich bekanntermaßen in Ueber Wahrheit und Lüge und FW 354 profiliert.
Zum Schluss fällt auf, dass der Begriff „Einverleibung der Bewusstseine“, den der Band
im Titel trägt, nicht genauer erläutert wird. Dieser Bezeichnung scheint somit, wie auch aus
29 Vgl. Nachlass 1868, 62[46], KGW I 4.570.
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der Schlussbetrachtung der Arbeit hervorgeht (115), die Funktion eines einheitsstiftenden
Generalnenners der darin enthaltenen Ausführungen zuzukommen. Sieht man von ihr ab, so
bleibt zu bedenken, dass auf verhältnismäßig wenigen Seiten sehr viele Themen behandelt
werden, was gelegentlich zu Lasten der Ausführlichkeit und der Kohäsion geschieht, jedoch
nichts an den originellen Momenten dieser noch etwas schulmäßigen, aber durchaus lesens-
werten Monografie ändert.
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