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von Berg, Markus; Steffens, Jochen; Müllensiefen, Daniel; Weinzierl, Stefan (2020): Gibt es
raumakustische Hörexpertise?. In: Fortschritte der Akustik - DAGA 2020: 46. Deutsche Jahrestagung für
Akustik. Berlin: Deutsche Gesellschaft für Akustik e.V. pp. 858–861.
Markus von Berg, Jochen Steffens, Daniel Müllensiefen, Stefan Weinzierl
Gibt es raumakustische Hörexpertise?
Published versionConference paper |
Gibt es raumakustische H¨
orexpertise?
Markus von Berg1,2, Jochen Steens1,2, Daniel M¨
ullensiefen3, Stefan Weinzierl1
1TU Berlin, Fachgebiet Audiokommunikation, Einsteinufer 17c, 10587 Berlin
2Hochschule D¨
usseldorf, Institute of Sound and Vibration Engineering (ISAVE), M¨
unsterstraße 156, 40476 D¨
usseldorf
3Goldsmiths College, University of London, New Cross, London, SE14 6NW
Email: markus.vonberg@hs-duesseldorf.de
Einleitung
Die Expertise ist ein h¨
aug in Anspruch genomme-
nes Kriterium bei der Auswahl von Teilnehmern f¨
ur
H¨
orversuche. Hierbei wird regelm¨
aßig auf eine professio-
nelle Besch¨
aftigung mit Akustik, Tontechnik oder Musik
verwiesen, unter der Annahme, dass Personen aufgrund
ihres Sachverstands zum einen mit den im H¨
orversuch
verwendeten Begrien und Konzepten vertraut sind und
zum anderen aus ihrer professionellen Erfahrung eine
erh¨
ohte Sensitivit¨
at f¨
ur die pr¨
asentierten Stimuli resul-
tiert. Eine einheitliche Denition von Experten und Lai-
en exitiert im Kontext von H¨
orversuchsdurchf¨
uhrungen
allerdings nicht [1] anders als etwa im Bereich der Le-
bensmittelindustrie, in der es einen internationalen Stan-
dard zur Kategorisierung und Schulung von Teilnehmern
an sensorischen Experimenten gibt (ISO 8586 [2]). Dar-
in werden Sachverstand und sensorische Sensibilit¨
at als
zwei unabh¨
angige Kompetenzen unterschieden.
In H¨
orversuchen zur Raumakustik wurden verschiedene
Dimensionen wie St¨
arke, Halligkeit oder Klarheit her-
ausgearbeitet, um die perzeptive Wirkung von Raum-
klang zu erfassen [3]. Im Zuge dessen stellt sich einer-
seits die Frage, inwieweit Teilnehmer eines raumaku-
stischen H¨
orversuch auch kleine Unterschiede in diesen
klanglichen Dimensionen erkennen k¨
onnen. Andererseits
ist die Frage von Interesse, ob aus dem Klang eines
Raums Informationen ¨
uber dessen physikalischen Eigen-
schaften gewonnen werden k¨
onnen, inwiefern H¨
orer also
nicht nur zwei R¨
aume anhand ihrer St¨
arke und Halligkeit
unterscheiden k¨
onnen, sondern daraus auch die richtigen
Schl¨
usse im Hinblick auf die Gr¨
oße der Raums und die
darin verbauten Materialien ziehen k¨
onnen ([4],[5]). Ei-
ne hohe sensorische Sensibilit¨
at in Kombination mit der
Kompetenz, die sensorische Empndung bestimmten Ei-
genschaften ihrer Quelle zuschreiben zu k¨
onnen, wurde
im Rahmen dieser Studie als raumakustische H¨
orexpertise
deniert. Es sollte untersucht werden, inwiefern sich die
Unterscheidung von Sachverstand und perzeptiven Er-
kennungsleistung aus der ISO 8586 auch auf den Audio-
bereich ¨
ubertragen l¨
asst und ob, wie bisher ¨
ublich, die
perzeptiven F¨
ahigkeiten auf Basis der musikalischen und
fachlichen Qualikationen abgesch¨
atzt werden k¨
onnen.
Methode
Zur Beantwortung dieser Frage wurde ein H¨
orversuch
mit 102 Personen im Alter zwischen 16 und 59 Jah-
ren x =25,8 Jahre; SD=7,9; 69,6 % m¨
annlich) durch-
gef¨
uhrt. Dies erfolgte an der TU Berlin, der Hochschule
D¨
usseldorf, der Goldsmiths, University of London und
dem Albert-Einstein-Gymnasium in Kaarst.
Der Versuch kombinierte verschiedene H¨
ortests mit
Selbstausk¨
unften und expliziten Fragen zu Fachwis-
sen, Erfahrung mit Raumakustik und Musikalit¨
at. Die
H¨
ortests sollten verschiedene Aspekte der auditorischen
Verarbeitung erfassen, welche bei der Wahrnehmung und
anschließender Interpretation raumakustischer Klang-
merkmale als erforderlich angesehen werden. Die Selbst-
einsch¨
atzung von Wissen, Erfahrung und musikalischem
Hintergrund sollte ferner zeigen, inwiefern Merkmale,
welche in bisheriger Forschung als Eignungskriterien f¨
ur
Versuchspersonen genutzt wurden [4, 6], tats¨
achlich mit
perzeptiven Erkennungsleistungen assoziiert sind.
In den H¨
ortests wurden die jeweils untersuchten
F¨
ahigkeiten der Probanden nach der probabilistischen
Testtheorie (item response theory, IRT) [7] als latente
Variablen modelliert. Gem¨
dieser Theorie wird diese
F¨
ahigkeit einer Person als linearer Pr¨
adiktor f¨
ur die Ant-
worten auf verschiedene Testitems gesch¨
atzt, die im Mo-
dell durch spezische Itemparameter charakterisiert wer-
den. Da die Ratewahrscheinlichkeit in den Itemparame-
tern modelliert wird und die F¨
ahigkeiten der Probanden
von der Anzahl an Testdurchf¨
uhrungen unabh¨
angig ist,
sind keine Wiederholungen eines Items notwendig, um die
Reliabilit¨
at der Ergebnisse zu gew¨
ahrleisten [7]. Stattdes-
sen bestand der Test aus einer gewissen Anzahl von im
Prinzip identischen Testitems mit variablem Schwierig-
keitsgrad.
F¨
ur die im folgenden dargestellten R¨
aume wurden binau-
rale Raumimpulsantworten (BRIRs) mit der raumakusti-
schen Simulations-Software RAVEN [8] simuliert. In der
Simulation wurden Spiegelschallquellen erster und zwei-
ter Ordnung berechnet und ein Raytracing mit 200 000
Partikeln durchgef¨
uhrt. In den ersten beiden H¨
ortests
wurde ein einfacher Quaderraum mit einem Volumen von
1200 m2und einer B¨
uhne in Form eines um 1 m erh¨
ohten,
4,5 m tiefen Plateaus verwendet, auf dem die Quelle mit-
tig platziert wurde. Im dritten H¨
ortest wurden simple
Quaderr¨
aume eingesetzt, in denen Quelle und Empf¨
anger
mittig platziert wurden. Alle Wand¨
achen wurden mit
dem gleichen Material simuliert und die Absoprtions- und
Streugrade iterativ f¨
ur die gegebenen Zielnachhallzeiten
(vgl. Abbildung 1) approximiert. Da nicht f¨
ur alle Schall-
quellen Richtcharakteristika verf¨
ugbar waren, wurde in
allen F¨
allen eine omnidirektionale Schallabstrahlung si-
muliert. Der Abstand zwischen Quelle und Empf¨
anger
DAGA 2020 Hannover
858
betrug in den H¨
ortests 1+2 10 m und im H¨
ortest 3 5 m.
Die BRIRs wurden mit nachhallfreien Instrumentalauf-
nahmen gefaltet und ¨
uber unterschiedliche Kopfh¨
orer
wiedergegeben (Sennheiser HD650, STAX SR-303, AKG
K702, Beyerdynamic DT770 Pro), welche durch regula-
risierte Inversion jeweils individuell entzerrt waren. Die
Abh¨
orlautst¨
arke wurde in einem Vorversuch von drei Ex-
perten auf einen f¨
ur die Kombination von Quelle und
Raum plausiblen Wert eingestellt und an allen Stand-
orten reproduziert. In allen Tests wurden die Items in
zuf¨
alliger Reihenfolge pr¨
asentiert.
Der gesamte Versuch wurde ¨
uber ein Web-Interface im-
plementiert, um exibel auf das Versuchsinterface und
die Antwortdaten zugreifen zu k¨
onnen. Von den ersten
beiden H¨
ortests gab es zwei Varianten, von denen jeder
Versuchsperson immer nur jeweils eine pr¨
asentiert wur-
de, um die Dauer der Versuchsdurchf¨
uhrung zu begren-
zen. An allen Durchf¨
uhrungsorten wurden insgesamt 54
Personen mit der ersten und 48 mit der zweiten Variante
getestet.
H¨
ortest 1
Im ersten H¨
ortest sollte zun¨
achst die generelle Sensibi-
lit¨
at f¨
ur raumakustische Klangmerkmale untersucht wer-
den. Dazu wurden 21 Stimuli auf einer Skala angeord-
net. Es handelte sich jeweils um das gleiche, kurze Cello-
St¨
uck (Dauer: 1,6 Sekunden) als Quellsignal und einen
Raumklang, der auf jeder Stufe der Skala so moduliert
wurde, dass ein bestimmtes raumakustisches Merkmal
von links nach rechts gleichm¨
aßig zunahm. Zus¨
atzlich
wurde den Versuchspersonen eine Referenz pr¨
asentiert,
welche auf dieser Skala wiedergefunden werden musste.
Die Abweichung der Antwort der Versuchsperson von der
tats¨
achlichen Position der Referenz auf der Skala zeig-
te, welche Unterschiede im jeweiligen raumakustischen
Merkmal von der Person nicht mehr wahrgenommen wer-
den konnten.
Es existierten jeweils f¨
unf zuf¨
allig angeordnete Items. In
der ersten Variante dieses Tests wurde die Nachhallzeit
auf der Skala gleichm¨
aßig von links nach rechts frequenz-
unabh¨
angig erh¨
oht. In der zweiten Variante variierte
stattdessen die Klangfarbe des Nachhalls. Dazu wurde
ausgehend von einer frequenzunabh¨
angigen Nachhallzeit
das Spektrum derselben schrittweise so moduliert, dass
sie zunehmend zu hohen Frequenzen abel und zu tiefen
anstieg. Abbildung 1 zeigt eine Auswahl der jeweils gene-
rierten Nachhallzeiten.
H¨
ortest 2
Der zweite H¨
ortest sollte die F¨
ahigkeit der Teilnehmer
erfassen, etwaige klangliche Eekte des R¨
aumes in einem
Audiosignal zu erkennen. Dazu wurden drei Stimuli
pr¨
asentiert, bei denen es sich jeweils um verschiedene
Ausz¨
uge eines Klavierst¨
ucks (Dauer: 5–7 Sekunden)
handelte. Zwei dieser Klavierpassagen wurden mit der
gleichen, die dritte mit einer anderen Raumimpulsant-
wort gefaltet. Die Aufgabe der Versuchsperson war
es nun zu erkennen, bei welchen der drei Stimuli der
Abbildung 1: Modulation der Nachhallzeit (links) bzw. des
Nachhallzeitspektrums (rechts) in den ersten beiden H¨
ortests.
Aus Gr¨
unden der Lesbarkeit ist bei der variablen Nachhall-
zeit nur jede zweite und bei der spektralen Variation nur jede
dritte Modulationsstufe dargestellt.
Raumklang gleich war. Dabei wurde, wie im ersten
Test, entweder mit variabler Nachhallzeit oder mit
variabler spektraler Verteilung des Nachhalls getestet.
Es gab 20 zuf¨
allig angeordnete Testitems, bei denen ein
Raum stets der gleiche blieb und der andere sich in der
Modulation des jeweiligen Parameters zunehmend vom
ersten unterschied, um so variable Schwierigkeitsgrade
zu erzeugen. Innerhalb einer Durchf¨
uhrung wurde in
den ersten beiden H¨
ortests immer der gleiche Parameter
variiert.
H¨
ortest 3
Im dritten Test mussten drei R¨
aume, die alle die gleiche
Nachhallzeit besaßen, der Gr¨
oße nach sortiert werden.
Wie im ersten H¨
ortest wurde dreimal die gleiche Cello-
sequenz mit unterschiedlichem Raumklang als Stimulus
pr¨
asentiert. Es gab 14 Testitems, bei denen die Unter-
schiede in den Raumvolumina gleichm¨
aßig anstiegen.
Da sich die Raumgr¨
oßen nicht nur unterschieden, sondern
in eine explizite Reihenfolge gebracht werden mussten,
lieferte dieser Test zwei Resultate. Zun¨
achst mussten die
Versuchspersonen die R¨
aume anhand klanglicher Merk-
male in eine bestimmte Reihenfolge bringen. Wurden
die Stimuli beispielsweise (wie von vielen Teilnehmern
berichtet) der Lautheit nach angeordnet, musste die
Versuchsperson in einem zweiten Schritt entscheiden,
welcher mutmaßliche Zusammenhang zwischen Lautheit
und Raumgr¨
oße besteht, also z. B. ob kleine oder gr¨
oßere
R¨
aume die Lautheit eines Schallsignals erh¨
ohen. Auf
diese Weise wurde einerseits die Sortierleistung einer
Person erfasst und andererseits die F¨
ahigkeit, den
Zusammenhang zwischen Raumgr¨
oße und klanglichen
Unterschieden korrekt herstellen zu k¨
onnen.
Abfrage von Erfahrung und Wissen
Um die fachliche Expertise zu erfassen, sollten die Pro-
banden zun¨
achst die bisherige Erfahrung mit Raumaku-
stik im Rahmen akademischer, musikalischer und aufnah-
mebezogener T¨
atigkeiten auf einer f¨
unfstugen Skala von
noch nie‘ bis sehr oft‘ angeben. Zudem wurden in einem
kurzen Quiz acht spezische Fragen zu verschiedenen
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Aspekten der Raumakustik gestellt. Die Fragen konzen-
trierten sich sowohl auf allgemeinere Themen, wie z. B.
Einussgr¨
oßen auf die Schallgeschwindigkeit, als auch auf
spezielle Sachverhalte wie die statische Schalldruckvertei-
lung von Raumresonanzen. Bei jeder Frage gab es jeweils
vier Antwortoptionen, von denen nur eine richtig war.
Die Musikalit¨
at der Teilnehmer wurde mithilfe des
Gold-MSI zur Erfassung der musikalischen Erfahrenheit
[9] erhoben. Ausgew¨
ahlt wurden die 25 Fragen, welche
den Facetten Musikalische Wahrnehmungsf¨
ahigkeiten,
Aktiver Umgang mit Musik und Musikalisches Training
zuzuordnen sind.
Ergebnisse
Erfahrung mit Raumakustik
In jeder Kategorie raumakustischer Erfahrung gaben ca.
40–50 % der Probanden an, noch nie in dieser Form mit
Raumakustik Kontakt gehabt zu haben. Tabelle 1 zeigt
die Antwortverteilungen in allen drei Kategorien.
Tabelle 1: Selbstauskunft zur Erfahrung mit Raumakustik
in verschiedenen Kontexten.
Kontakt akademisch musikalisch Aufnahmen
noch nie 51,96 % 39,22 % 44,12 %
selten 13,73 % 22,55 % 16,67 %
ab und zu 12,75 % 22,55 % 25,49 %
regelm¨
aßig 18,63 % 13,73 % 8,82 %
sehr oft 2,94 % 1,96 % 4,90 %
H¨
ortests
Aus den H¨
ortests und dem Quiz wurden nach der pro-
babilistischen Testtheorie F¨
ahigkeitsgrade berechnet. Im
dritten H¨
ortest wurde dabei nur die Sortierleistung be-
trachtet und zus¨
atzlich f¨
ur jeden Probanden in einer
bin¨
aren Variable gespeichert, ob er oder sie den Zusam-
menhang zwischen Raumklang und -gr¨
oße in mindestens
vier Items korrekt herstellen konnte oder nicht. Weder
f¨
ur die Probandengruppe, die mit variabler Nachhallzeit
getestet wurde, noch f¨
ur die, die mit variabler Nachhall-
klangfarbe getestet wurde, ergaben sich signikante Kor-
relationen zwischen den F¨
ahigkeitsgraden aus den einzel-
nen H¨
ortests. Die Ergebnisse der H¨
ortests waren f¨
ur eine
Faktorenanalyse zur Extraktion einer zentralen Kompe-
tenz aus den drei Tests ungeeignet (Kaiser-Meyer-Olkin-
Kriterium [KMO] = 0,45 bei der Nachhallzeit und KMO
= 0,44 bei der Klangfarbe).
Daher wurde f¨
ur die einzelnen F¨
ahigkeitsgrade aus den
H¨
ortests und die korrekte Interpretationsleistung der
Personen im dritten H¨
ortest separat getestet, inwie-
fern sich diese durch die Ergebnisse des Quizes, die
Gold-MSI-Faktorwerte oder die Angaben zur Erfah-
rung vorhersagen lassen. Mit Hilfe einer Step-Forward-
Selection wurden, ausgehend von der Variable mit der
h¨
ochsten Korrelation mit dem jeweiligen H¨
ortestergebnis,
schrittweise weitere Pr¨
adiktoren hinzugef¨
ugt, um das
Akaike-Informationskriterium (AIC) des Regressionsmo-
dells zu minimieren. Weder f¨
ur die Sortierleistung noch
f¨
ur die korrekte Interpretation der Raumgr¨
oße im dritten
H¨
ortest ergaben sich signikante Pr¨
adiktionseekte.
Tabelle 2 zeigt, welche Variablen in den ¨
ubrigen Mo-
dellen enthalten waren und welche davon signikante
Pr¨
adiktionseekte ergaben. Zudem ist das korrigierte R2
als Maß der Eektst¨
arke angegeben. Im Fall der varia-
blen Nachhallzeit war im ersten H¨
ortest die Leistung
im Quiz und im zweiten die Selbstauskunft zur aka-
demischen Auseinandersetzung der einzige signikante
Pr¨
adiktor, wobei die Varianzaufkl¨
arung im zweiten Test
mit R2= 0,30 deutlich h¨
oher lag als beim ersten Test
(R2= 0,17). Beim Test mit variabler Klangfarbe ergab
hingegen der Gold-MSI-Faktor Aktiver Umgang mit Mu-
sik bei beiden H¨
ortests einen signikanten Eekt und im
ersten H¨
ortest zudem ebenfalls das Ergebnis der Fach-
fragen. In diesem Fall war die Eektst¨
arke beim ersten
H¨
ortest mit R2= 0,24 gr¨
oßer als das R2= 0,13 des
zweiten Tests.
Tabelle 2: Pr¨
adiktionseekte f¨
ur die ersten beiden H¨
ortests
(HT1 bzw. HT2), getestet mit variabler Nachhallzeit (NHZ)
und Nachhallklangfarbe (NHK). Als Pr¨
adiktoren wurden ne-
ben dem Quiz die Gold-MSI Faktoren Musikalische Wahr-
nehmungsf¨
ahigkeiten (MSI-W), Aktiver Umgang mit Musik
(MSI-U) und Musikalisches Training (MSI-T) und die akade-
mische (Erf-A), musikalische (Erf-M) und aufnahmebezoge-
ne Erfahrung mit Raumakustik (Erf-R) getestet. Das Symbol
markiert das Vorzeichen des Regressionskoezienten. Signi-
kante Eekte sind mit (*) markiert.
Var. H¨
ortestergebnis
HT1
NHZ
HT2
NHZ
HT1
NHK
HT2
NHK
Quiz +* + +*
MSI-W
MSI-U + +* +*
MSI-T
Erf-A + +*
Erf-M
Erf-R
R20,17 0,30 0,25 0,13
Diskussion
In dieser Pilotstudie zur Messung raumakustischer
H¨
orexpertise wurde untersucht, wie die Leistung
in H¨
ortests zur Raumakustik mit Erfahrung, Fach-
wissen und musikalischem Hintergrund der Person
zusammenh¨
angen. Es wurde beobachtet, dass die Erken-
nungsleistung bei einer Ver¨
anderung der Nachhallzeit
mit dem theoretischen Fachwissen einer Person und
die Erkennung von spektralen Variationen der Nach-
hallklangzeit vor allem mit dem aktiven Umgang mit
Musik im Alltag zusammenh¨
angen. F¨
ur die konkrete
inhaltliche Interpretation eines geh¨
orten raumakusti-
schen Eektes, in diesem Fall die korrekte Zuordnung
eines Gr¨
oßenunterschieds zweier R¨
aume zu Dierenzen
in deren Nachhallcharakteristik, konnte kein aussage-
kr¨
aftiger Pr¨
adiktor gefunden werden. Eine zentrale,
¨
ubergeordnete Kompetenz konnte auf Grundlage der
vorliegenden Daten nicht ermittelt werden.
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Dass Fachkenntnisse und akademische Erfahrung die Lei-
stung in H¨
ortests verbessern, erscheint ebenso plausibel
wie die Tatsache, dass eine aktive Besch¨
aftigung mit Mu-
sik f¨
orderlich ist [6]. Bemerkenswert ist jedoch, dass das
formale musikalische Training keine relevante Einuss-
gr¨
oße jenseits der vorhandenen Interkorrelation des ent-
sprechenden Gold-MSI-Faktor mit dem zum aktiven Um-
gang mit Musik (r= 0,34) zu sein scheint. Die Eekte
von Wissen und musikalischem Hintergrund h¨
angen of-
fenbar selbst dann, wenn in beiden F¨
allen Raumkl¨
ange
verglichen werden, vom konkreten klanglichen Parame-
ter ab. Inwiefern Fachkenntnisse und Musikalit¨
at als Eig-
nungskriterien angenommen werden k¨
onnen, variiert al-
so mit der konkreten Aufgabenstellung und den klangli-
chen Parametern im Versuch. Die insgesamt eher nied-
rigen R2-Indizes der Pr¨
adiktionseekte deuten zudem
darauf hin, dass die Ergebnisse der H¨
ortests neben den
betrachteten Modellparametern von weiteren Faktoren
abh¨
angen, die sowohl personenbezogener als auch situa-
tiver Natur sein k¨
onnen.
Aus zeitlichen Gr¨
unden konnte jede Person in den ersten
beiden H¨
ortests nur mit einem Parameter getestet wer-
den. Aufgrund der limitierten Anzahl verf¨
ugbarer Pro-
banden wurden außerdem nur zwei verschiedene Para-
meter eingesetzt. Es bleibt oen, wie das Verh¨
altnis der
Ergebnisse derselben Person beim Test mit Nachhallzeit
und dem mit Nachhallklangfarbe ist und wie sich Fach-
wissen und die Ergebnisse des Gold-MSI auf Tests mit
anderen raumakustischen Klangparametern auswirken.
Beides sollte in nachfolgenden Studien untersucht wer-
den.
F¨
ur die inhaltliche Interpretation klanglicher Eindr¨
ucke,
die ¨
uber die Sortieraufgabe des dritten H¨
ortests abge-
fragt wurde, ließen sich bei keinem dieser Merkmale
signikante Pr¨
adiktionseekte erkennen. Nach den
Versuchsdurchf¨
uhrungen wurde in kurzen Nachbespre-
chungen versucht, die Vorgehensweise der Probanden
in diesem Test nachzuvollziehen. Dabei zeigte sich
einerseits, dass auch fachlich ungebildete Personen,
die z. B. in der Kindheit praktische Erfahrungen mit
musikalischen Darbietungen gemacht haben, die Raum-
gr¨
oßen tendenziell korrekt dem Klang zuordnen konnten.
In Zukunft sollte daher diese Erfahrung pr¨
aziser und
umfassender abgefragt werden, um deren Rolle bei
der Interpretation von Raumklang besser abbilden
und verstehen zu k¨
onnen. Dar¨
uber hinaus ergab das
qualitative Feedback im Anschluss an die individuellen
Tests, dass einige, tendenziell unerfahrene Probanden
die Deutungshypothese nach den ersten Items ge¨
andert
haben. Der Versuch, die konkreten physikalischen Ursa-
chen der Klangunterschiede zu bestimmen, f¨
uhrte dabei
zu Verunsicherung und zu ¨
Anderungen der Antworten.
Auch wenn dies teils zu inkorrekten Schlussfolgerungen
f¨
uhrte, entstanden oenbar Trainingseekte, die eben-
falls in Zukunft n¨
aher untersucht werden sollten. Diese
Trainingeekte und die grobe Abfrage von Erfahrung
k¨
onnten m¨
ogliche Gr¨
unde sein, warum sich keine signif-
kanten Pr¨
adiktionseekte in diesem Test erkennen ließen.
Die Ausgangsfrage war, ob raumakustische H¨
orexpertise
als eine zentrale Kompetenz existiert. Die Ergebnisse
dieser Pilotstudie deuten darauf hin, dass es sich hierbei
eher um ein komplexeres Konstrukt handelt, das sich
einerseits in rein perzeptive und kognitive Leistungen
und andererseits in verschiedene Parameter raumaku-
stischer Klangwahrnehmung aufteilt. Diese k¨
onnen
durch jeweils unterschiedliche fachliche oder muskalische
Kompetenzen vorhergesagt werden.
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