Antisemitismus als
Problem und Symbol
Berliner Forum
Gewaltprävention
Landeskommission
Berlin gegen Gewalt
Nr. 52
Phänomene und
Interventionen in Berlin
Michael Kohlstruck
Peter Ullrich
Antisemitismus
als Problem und
Symbol
Phänomene und
Interventionen in Berlin
Michael Kohlstruck und Peter Ullrich
unter Mitarbeit von Franziska Paul und Jakob Quentin
4
Inhaltsverzeichnis
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Vorwort Staatssekretär für Sport und Verwaltung 8
Vorwort Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung 10
Vorbemerkung und Dank 11
Zusammenfassung 12
Summary 14
1 Einleitung 16
2 Theoretischer Rahmen und Hintergründe 18
2.1 Antisemitismus:BegriffeundErscheinungen 18
2.2 AntisemitismusinderöffentlichenKommunikation 20
2.3 Interventionen gegen Antisemitismus –
rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen 23
2.3.1 Polizei, Justiz und Verfassungsschutz 24
2.3.2 Bundesprogramme gegen Rechtsextremismus 25
2.4 Berlin als Untersuchungsfeld 26
3 Design und Methoden 28
4 Erfassung von Antisemitismus:
Herangehensweisen und Befunde 30
4.1 PolizeilicheDeliktstatistiken 30
4.1.1 Hellfeld-Dunkelfeld-Problematik 32
4.1.2 Beschränkung auf Zähldelikte 32
4.1.3 Problem der Motivklärung 33
4.1.4 Zuordnungspraxis 33
4.2 Antisemitismus-Monitoring: Register und Chroniken 35
4.2.1 Registerstellen 35
Impressum:
Berliner Forum
Gewaltprävention
Das BFG erscheint
unregelmäßig.
EswendetsichanMitarbei-
terinnen und Mitarbeiter von
Institutionen, Verwaltungen,
Verbänden und an die inte-
ressierte Öffentlichkeit als
Forum zur Diskussion und
Information über Prävention.
Herausgeberin:
Landeskommission Berlin
gegen Gewalt
Vorsitzender:
Andreas Statzkowski
Staatssekretär für Sport und
Verwaltung
Senatsverwaltung für Inneres
und Sport
Klosterstr. 47,
10179Berlin-Mitte
Telefon:(030)90223-2913
Fax: (030)90223-2921
E-Mail:
berlin-gegen-gewalt@
seninnsport.berlin.de
Internet:
www.berlin.de/gegen-gewalt
5
Antisemitismus als Problem und Symbol — Inhaltsverzeichnis
4.2.2 ChronikantisemitischerAngriffe(ReachOut) 36
4.2.3 Berichte des Verfassungsschutzes 37
4.2.4 Chronik der Antisemitismus-AG des Vereins
DemokratischeKulture.V. 38
4.2.5 VorfallsverzeichnisderSchulverwaltung 39
4.2.6 GesamteinschätzungdesAntisemitismusmonitorings 39
4.3 Blickeins„Milljöh“–Expert/innenperspektivenimFeld 40
4.4 PerspektivenjüdischerOrganisationen 42
4.5 Zusammenfassung 44
5 Sichtweisen auf Antisemitismus:
Bewertungen, Konzepte und Kontexte 45
5.1 Globaleinschätzungen 45
5.2 Unsicherheiten mit Antisemitismus-Konzepten 47
5.2.1 SchwierigkeitenderDefinitionvonAntisemitismus 47
5.2.2 ExzeptionalismusdesAntisemitismus 52
5.3 Kontextualisierungen:
Anschlussdiskurse, Trägergruppen und Zeitbezüge 53
5.4 EntgrenzendeVerwendungdesAntisemitismuskonzepts 56
6 Auseinandersetzungen mit Antisemitismus 57
6.1 Anti-antisemitischer Diskurs 57
6.1.1 ÖffentlicheStellungnahmen 57
6.1.2 Mobilisierung 58
6.1.3 Lobbyarbeit 58
6.2 Beratung 58
Redaktion:
Cornelia Haase
Karin Hautmann,
Dr. Carolin Quenzer
Ute Vialet
Autor/innen:
Dr. Michael Kohlstruck
Dr. Dr. Peter Ullrich
Franziska Paul
Jakob Quentin
Nachdrucke sind nur mit
Quellenangabe gestattet und
bedürfen der Zustimmung
der Autorin oder des Autors.
ISSN1617-0253
V.i.S.d.P.:
Ute Vialet
Nr.52-2014
15. Jahrgang
Druckauflage:
1.500Exemplare
Gestaltung:
Greggor Diessner
Druck:
MOTIVOFFSET
Druckerei
6
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
6.3 Bildungsangebote in Schule, Jugendhilfe und
Multiplikator/innen-Fortbildung 59
6.3.1 Träger,Angebote,ZielgruppenundFormate 59
6.3.2 FortbildungenundihreAdressat/innen 60
6.3.3 Themenaufgeschlossenheit bei Lehrkräften 61
6.3.4 Jugendbildungsarbeit: Adressaten, Konzeptionen, Inhalte 62
6.3.5 Methoden in der Jugendbildungsarbeit 66
7 Arbeitsbedingungen der Akteure
7.1 Akteurstypen und Rechtsformen 72
7.2 Arbeitsbedingungen schwach institutionalisierter Akteure 72
7.2.1 Beschäftigungsverhältnisse 73
7.2.2 Ausstattung 74
7.3 Netzwerke, Kompetenz- und Wissenstransfer 74
7.4 Fortbildungen für Bildungsträger 75
7.5 Inhaltliche Akzentsetzungen durch
staatliche Förderprogramme 76
7.6 Probleme, Wünsche und Bedarfe 77
7.7 Resümee 77
8 Zusammenfassung und Diskussion 79
8.1 EinschätzungzumAntisemitismusinBerlin–
WissensstandundBedingungsfaktoren 80
8.2 AuseinandersetzungenmitAntisemitismus 82
8.2.1 AnalytischeRekonstruktionderBildungspraxis 83
8.2.2 Situations-undZielgruppenrelevanz 83
7
Antisemitismus als Problem und Symbol — Inhaltsverzeichnis
8.3 AntisemitismusdiskursundBildungsarbeit 84
8.4 Exkurs:AntisemitischePhänomeneunter
jungenMuslimen 85
8.4.1 Umfrageforschung 86
8.4.2 QualitativeForschungen 88
8.4.3 Hauptbefunde 89
8.4.4 PraktischeEmpfehlung 89
8.5 Handlungsempfehlungen 90
8.5.1 EmpfehlungenzurKommunikationüberAntisemitismus 91
8.5.2 EmpfehlungenzurBildungsarbeitzumThemaAntisemitismus92
8.6 Forschungsbedarfe 93
9 Anhang 95
Abkürzungsverzeichnis 95
Literatur 97
Anlaufstellen zum Thema Antisemitismus in Berlin 106
Materialien für die Bildungsarbeit 126
Verzeichnis der Tabellen 135
Abbildungsverzeichnis 135
Veröffentlichungen
der Landeskommission Berlin gegen Gewalt 136
8
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Liebe Leserin, lieber Leser,
ichfreuemichaußerordentlich,Ihnendie52.VeröffentlichungdesBerlinerForumsfürGewaltpräventionvorstellen
zu können, dessen Inhalt vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin erarbeitet
wurde.
AntisemitismusisteinvielschichtigesundkomplexesPhänomenmitunterschiedlichstenErscheinungsformen,demdas
LandBerlinentschiedenentgegentritt.IndenvergangenenJahrenwurdedasThemahäufigdiskutiertunddurchgezielte
MaßnahmenumfangreicheAufklärungbetrieben.
Mit diesem Forschungsbericht wird jedoch erstmals ein umfassendes Bild skizziert, welches die Ausprägungen und
ErscheinungsformeninBerlinindenJahrenvon2010bis2013darstellt,derenUrsachenerforschtundEmpfehlungen
übermöglicheAnsatzpunktefürdieBildung,BeratungundAufklärungaufzeigt.
Der vorliegende Forschungsbericht ist demzufolge für alle Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker, lokalen
AkteurinnenundAkteure,pädagogischenMitarbeiterinnenund–Mitarbeiter,LehrerinnenundLehrer,ElternundAnge-
hörige,Institutionen,Vereine,OrganisationeninBerufundFreizeitsowieMedienvertreterinnenundMedienvertreter,die
einen aktiven Beitrag gegen Antisemitismus leisten möchten. Der Bericht soll über die Vielfalt antisemitischer Dynamiken
in Berlin informieren und Sie alle darin unterstützen, sich noch entschlossener gegen jegliche Form des Antisemitismus
einzusetzen.
DerBerlinerSenatfördertjährlichnahezu40BerlinerProjekte,diesichmitmenschenfeindlichenEinstellungenund
RechtsextremismusinallenErscheinungsformenauseinandersetzen.ImRahmender„LandeskonzeptionfürDemokratie
und gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus“ und dem damit verbundenen „Landesprogramm gegen
Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus“ wird in Berlin in verschiedenen Themenfeldern und für unterschied-
liche Zielgruppen den rechtsextremen Phänomenen entgegengewirkt.
ExemplarischmöchteichandieserStellefolgendeOrganisationenundProjektenennen:DieMobileBeratunggegen
RechtsextremismusdesVereinsfürDemokratischeKultur–InitiativefürurbaneDemokratieentwicklunge.V.,ReachOut-
OpferberatungundBildunggegenRechtsextremismus,RassismusundAntisemitismusdesVereinsARIBAe.V.,dasMobile
BeratungsteamOstkreuzderStiftungSPI,dasAnne-Frank-ZentrumBerlin,dasProjektSchuleohneRassismus–Schule
mit Courage der Aktion Courage e. V. sowie das Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin, ein Projekt unter der Trägerschaft
des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg.
Vorwort
9
Antisemitismus als Problem und Symbol — Vorwort
Besonders erwähnenswert sind ferner das Berliner Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus, das ein zentrales
Vernetzungs-undKooperationsgremiumfürExpertinnenundExpertendarstellt,dieprofessionellimBereichRechtsex-
tremismus, Rassismus und Antisemitismus in der Beratungs- und Projektarbeit tätig sind sowie der Berliner Ratschlag
für Demokratie, der von Berliner Persönlichkeiten gegründet wurde, die sich für eine nachhaltige Kultur des Respekts
und der Vielfalt in unserer Gesellschaft einsetzen.
EsistmeinInteresse,allepolitischen,sozialenundgesellschaftlichenKräftefüreindemokratischesMiteinanderin
dieser Stadt zu aktivieren. Die Landeskommission Berlin gegen Gewalt unterstützt und begleitet diese Aktivitäten in
vielfältiger Weise.
FürIhrenganzpersönlichenEinsatzwünscheichIhnenvielErfolg.
Andreas Statzkowski
Vorsitzender der Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Staatssekretär für Sport und Verwaltung
10
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
AufdenerstenBlicksinddiebeidenAutorendieserStudienichtzubeneiden:WährendsieimSommer2014anihren
Schreibtischen damit beschäftigt sind, das nun vorliegende Manuskript fertigzustellen, wird quasi vor ihren Augen auf
denBerlinerStraßendasStückneuaufgeführt,dassiegeradefacetten-wieperspektivenreichbeschreiben:EineWelle
von Antisemitismus bislang ungeahnten Ausmaßes rollt durch deutsche Städte, sagen die einen. Falsch, meinen andere,
dies sei doch lediglich das sommerlich-maskuline Austoben bekannter, vorwiegend anti-israelischer Ressentiments.
Man analysiert und streitet im Fernsehen und Feuilleton, grenzt sich ab, schließt aus und vereint sich schließlich zu
einer Großkundgebung gegen Antisemitismus am Brandenburger Tor, die eher an einen Staatsakt erinnert als an eine
Demonstration.
AufdenzweitenBlick,oderbesser:nachintensiverLektüreistesjedochgenauumgekehrt:dieEreignissedesBerliner
SommersbestätigendieErgebnissedieserStudiebisinsDetail,unddamitletztlichdieQualitätderArbeit,dieSorgfalt
vonRechercheundInterpretation.OhnedenErgebnissenimEinzelnenvorgreifenzuwollen,istesdochkeineÜberra-
schung, dass sowohl in der Perspektive der hier zu Wort kommenden Berliner Akteure als auch in den Diskussionen der
vergangenen Wochen ganz bestimmte Menschen im Zentrum stehen, wenn es um aktuellen Antisemitismus geht: Junge
Männer,dieentwederüberethnische(„mitMigrationshintergrund“)oderreligiöse(„Muslime“)Zuschreibungenzueiner
vermeintlichhomogenen„Trägergruppe“formiertwerden.Interessantwirdesdann,wennmandiesesErgebnismit
anderenAussageninBeziehungsetzt:EtwamitderPolizeistatistik,dieantisemitischeDelikteinbeeindruckendgroßer
Mehrheitdem(nichtmigrantischen)rechtsextremenSpektrumzuordnet.OdermitdenErfahrungenvonMitarbeitern
etablierter Bildungseinrichtungen wie Museen oder Gedenkstätten, die antisemitische Äußerungen von Besucher/innen
imreifenAlterkonstatieren-wasimÜbrigenmitdeminderGeschichtederBundesrepublikinregelmäßigenAbständen
thematisierten „Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft“ korrelieren würde.
DievorliegendeUntersuchungmachtalsodeutlich,inwelchhohemMaßedieErfahrung,EinschätzungundUrsachen-
analysealljenerPhänomene,dieunterdemOberbegriff„Antisemitismus“verhandeltwerden,vomjeweiligeninsti-
tutionellen,politischen,diskursiven,kurz:sozialenKontextderjenigengeformtist,diedamitinihremberuflichenwie
privaten Alltag konfrontiert sind und die für diese Studie interviewt wurden: Polizist/innen und Verfassungsschützer/
innen, Pädagog/innen und Aktivist/innen sowie, last but not at all least, Jüdinnen und Juden in Berlin. Dies allerdings
gilt auch für „die großen Abwesenden“ unter den hier Interviewten: die Wissenschaftler/innen und Journalist/innen,
diedieregelmäßigaufflammendenDebattenmaßgeblichmitbestimmenundmitihrenunterschiedlichen,jamanchmal
entgegengesetztenEinschätzungensicherzurpluralenDebattenkulturdiesesLandesbeitragen,aberbeivielenLeser/
innen oder Hörer/innen eher zu einem allgemeinen Gefühl der Verwirrtheit. Insofern wäre eine Untersuchung wün-
schenswert, die auch die Akteure in Wissenschaft und Medien in den Blick nimmt, die eben nicht jenseits oder gar über
denNiederungendersozialenundpolitischenRealitätstehen,sosehrdieRedevon„wissenschaftlicherObjektivität“
oder „unparteiischer Berichterstattung“ dies auch suggerieren mag.
SpätestensandiesemPunktwirdklar,dassdieErgebnissevonMichaelKohlstruckundPeterUllrichinihrergrundsätz-
lichen Bedeutung weit über Berlin hinausreichen. Aber bevor wir uns nun an die Planung großangelegter, möglichst
internationaler Vergleichsstudien machen, wünsche ich mir und uns anregende, kontroverse und vielleicht sogar wei-
terführende Diskussionen in dieser Stadt und vor allem mit all jenen Akteuren, die durch ihre Bereitschaft zum Interview
diese Arbeit erst möglich gemacht haben. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt.
Vorwort
Stefanie Schüler-Springorum
Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin
11
Antisemitismus als Problem und Symbol — Vorwort
DasForschungsprojekt„AntisemitismusinBerlin2010-2013“wurdevonderLandeskommissionBerlingegenGewalt
gefördert.DieProjektleitunglagbeiProf.Dr.WernerBergmann.EinProjektbeiratmitVertreter/innenunterschiedlicher
Fachrichtungen und aus der Verwaltung hat das Projekt begleitet. Der Beirat hat einmal zu Beginn und einmal gegen
EndedesForschungsprojektesgetagtsowieeinenEntwurfdesBerichtesdiskutiert.AlsMitgliederdesBeiratshabendas
Projekt begleitet:
Dipl.-Politologin Ute Vialet, Regierungsdirektorin, Leiterin der Geschäftsstelle der Landeskommission Berlin gegen Ge-
walt,SenatsverwaltungfürInneresundSportBerlin(Vertretung:ChristineBurck,Dipl.-Verwaltungswirtin,ErsteKrimi-
nalhauptkommissarin,KarinHautmann,M.A.,Dipl.-Sozialpädagogin).
PD Dr. Heike Walk,TUBerlin,ZentrumfürTechnikundGesellschaft(ZTG),GeschäftsführerindesInstitutsfürProtest-
undBewegungsforschung(i.G.).
Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, FB Polizei und Sicherheitsmanagement, Pro-
fessur für Politikwissenschaft.
Dr. sc. Eckhard Priller,WissenschaftszentrumBerlinfürSozialforschung(WZB),LeiterderProjektgruppeZivilengagement.
Prof. Dr. Wilfried Schubarth,UniversitätPotsdam,DepartmentErziehungswissenschaften,ProfessurfürErziehungs-und
Sozialisationstheorie.
FürKommentarezumEntwurfdesBerichtsdankenwirdemBeirat,denMitarbeiterinnenderLandeskommissionBerlin
gegenGewaltsowieDr.RainerErbundDr.DilekGüven.
DankgehtauchanMarianneHenryfürdasAnfertigenvonTranskriptionen,anRobinKendonfürdieÜbersetzungdes
Abstracts und nicht zuletzt an die studentischen Mitarbeiter/innen und Praktikant/innen Sebastian Bähr, Randi Becker,
RamonaHuber,Carl-EricLinsler,ClemensJakobPoldrackundIdaLuiseWittenbergfürihreMitarbeit.Beidenbefragten
Expert/innenbedankenwirunsfürihreBereitschaftzuInterviewsundbeimLandeskriminalamtBerlinfürdiefreundliche
Bereitschaft,anforderungsspezifizierteDatenzusammenstellungenzurVerfügungzustellen.
Vorbemerkung und Dank
12
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
AusgangspunktderUntersuchungwarderEindruck,dassdieEinschätzungenvonArtundAusmaßaktuellerantisemi-
tischerPhänomeneinBerlinuneinheitlichausfallen:Esfindensichebensoskandalisierendewieauchneutralisierende
Bewertungen. Wie erklären sich derartige Unterschiede? Wer beobachtet das Ausmaß von Antisemitismus und mit wel-
chen Instrumentarien wird dabei gearbeitet? Weitere Fragen kamen hinzu: Welche Konzepte von Antisemitismus liegen
denLageeinschätzungenzugrunde?InBerlinexistierenvieleFreieTrägerundNGOs,dieBildungsarbeitzumThema
Antisemitismus anbieten. Unter welchen institutionellen, organisatorischen und förderungspolitischen Rahmenbedin-
gungen erfolgt diese Arbeit? Wen erreichen diese Angebote und wie wird die Auseinandersetzung mit Antisemitismus
pädagogisch ausgestaltet? Was sollte dabei künftig berücksichtigt werden?
BeiderBeantwortungdieserFragenwerdenzweizentraleAspekteinRechnunggestellt:Esgibt,erstens,antisemitische
Erscheinungen–vonVorurteilenübersprachlicheÄußerungenbishinzustrafbarenHandlungen.Konstitutivfüranti-
semitischePhänomenesinddieEbenenvonWelterklärungundpraktischerDiskriminierung,wobeidasVerhältnisvon
Ideologie und Praxis jeweils unterschiedlich ausfallen kann. Die Thematisierung von aktuellen antisemitischen Phäno-
menen erfolgt, zweitens, vor dem Hintergrund des historischen Genozids an den Juden durch das nationalsozialistische
Deutschland heute unter der Geltung der staats- und gesellschaftspolitisch institutionalisierten Norm des Anti-Antise-
mitismus. Antisemitismus ist deshalb angemessen nur in der Doppelperspektive auf Problem und Symbol zu betrachten.
Der hohe Symbolwert des Anti-Antisemitismus für das politische Selbstverständnis der Bundesrepublik wird deutlich
in der besonderen Aufmerksamkeit gegenüber antisemitischen Phänomenen und des mit ihnen assoziierten hohen
Gefahrenmoments(Exzeptionalismus).VerbundenistdieshäufigmiteinemvereinheitlichendenSprachgebrauch:An-
tisemitische Phänomene, die sich hinsichtlich der Akteure, der Formen, der Kontexte und nicht zuletzt auch des straf-
rechtlichenGewichtsunddesmoralischenUnwertshochgradigunterscheiden,werdenalsErscheinungsformen„des
Antisemitismus“,alsoeinesinsichvermeintlicheinheitlichenProblemsinterpretiert(Unifizierung).
UntersuchtwurdendreiGruppenvonAkteuren:staatlicheAkteure,jüdischeOrganisationenundFreieTrägerbzw.NGOs
mitBildungsangeboten,diesichzwischen2010und2013inBerlininbesondererWeisemitdemThemaAntisemitismus
befassthaben.ÜberExpert/inneninterviewsunddieAuswertungvonpubliziertenDokumentenwurden33Akteure
genaueruntersucht.ErgebnissewerdenfürvierBereichevorgelegt:
Die Beobachtung von Antisemitismus erfolgt durch Innenbehörden und zivilgesellschaftliche Kräfte. Von keinem der
Akteure kann ein vollständiges Bild antisemitischer Phänomene vorgelegt werden: Dies geht teils auf die verwendeten
Antisemitismus-Konzeptezurück,teilsaufuneinheitlicheErfassungskriterien,aufUnterschiedeindenBeobachtungs-
feldernundschließlichaufUnwägbarkeiteninderPraxis.WährenddieInnenbehördeninderErfassungundBewertung
antisemitischerEreignisseanrelativengegesetzlicheVorgabengebundensind,beziehengesellschaftlicheTrägerauch
„weichere“Phänomeneein,diesichnaturgemäßschwererobjektivierenlassen.ÜberdasAusmaßvonAntisemitismus
unddominanteTrägergruppenlassensichdeshalbnurmitgroßenEinschränkungenverbindlicheAussagentreffen.
EineSystematisierungvonErfassungskriterienderzivilgesellschaftlichenAkteuresowieweitereForschungistdaher
wünschenswert.
Die Untersuchung bestätigt den Ausgangseindruck, dass sich im Akteursfeld das Spektrum der maßgeblichen Konzepte,
Bewertungen und Kontextualisierungen des Antisemitismus zwischen den beiden Polen von pessimistischen und abwä-
genden Positionen entfaltet. Summarisch-abstrahierenden Bewertungen stehen kontextualisierende und konkretisie-
rendeBeschreibungenundErklärungsversucheantisemitischerPhänomenegegenüber.TypischfürvieleBildungsanbie-
tersindUnsicherheiteninderbegrifflichenBestimmungvonAntisemitismusbishinzumFehlenexpliziterDefinitionen.
GleichwohlwirdhäufigeineSonderstellungdesAntisemitismusgegenüberanderenFormenvonRassismusbetont.In
den Widersprüchen und argumentativen Leerstellen dokumentiert sich der exzeptionelle Rang des Themas und damit
diedominantePrägungdurcheineKulturhistorischenErinnerns.
Zusammenfassung
13
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung
Die Auseinandersetzungen mit Antisemitismus erfolgt in fünf Bereichen: Neben Beobachtung/Dokumentation und Straf-
verfolgungstehenderöffentlicheanti-antisemitischeDiskurs,BeratungsangeboteundBildungsarbeit.EinSchwerpunkt
derUntersuchungliegtaufBildungsmaßnahmenfürjungeLeute,dieinKooperationenzwischenfreienTrägern/NGOs
undSchulensowieEinrichtungenderJugendhilfedurchgeführtwerden.HinsichtlichderkonzeptionellenAnlagederBil-
dungsangebote lässt sich ein Typ indirekter, kontextualisierender Befassung mit Antisemitismus vom Typ einer direkten,
abstrakten Behandlung unterscheiden. Problematisiert werden Methoden, die in Spannung zum Kern des Ausgangspro-
blemsAntisemitismusstehenoderdievorliegendeErfahrungennurpartiellrezipieren.
Die Rahmenbedingungen für die Arbeit der Freien Träger sind in hohem Maße von den Förderprogrammen des Landes
und des Bundes geprägt. Hier besteht seit längerer Zeit der Widerspruch zwischen der faktischen Institutionalisierung
vonschulergänzendenBildungsangebotendurchfreieTräger/NGOsundeinernurtemporärenAbsicherungihrerLeis-
tungen. Damit wird die Kontinuität praktischer Kompetenzen gefährdet und ein Sektor mit prekären Beschäftigungs-
bedingungengeschaffen.
Die generellen Empfehlungen ziehen Konsequenzen aus den Analysen des Diskurses über Antisemitismus und plädie-
renfüreinenreflektiertenSprachgebrauch,konkreteGefahreneinschätzungenantisemitischerPhänomenesowieeine
selbstreflexivePerspektiveallerDiskursteilnehmer/innen.FürdiekünftigeBildungsarbeitwirdempfohlen,diekonzepti-
onelle und methodische Ausrichtung der Arbeit in noch stärkerem Maß auf die jeweiligen Zielgruppen und deren Fragen
abzustimmen und damit die Behandlung des Antisemitismusthemas zunehmend vom politisch-symbolischen Diskurs
zuentkoppeln.DerExkurszuUntersuchungenvonAntisemitismusbeijungenMuslimenaufBundesebenemündetin
dieEmpfehlung,Förderprogrammeaufeinegenerelle,bevölkerungsweiteUnterstützungvonInformations-undOrien-
tierungsbedarfen auszurichten, um Gruppenstigmatisierungen zu vermeiden.
Der ServiceteilenthältÜbersichtenüberdieAkteure,dieinderaktuellenAuseinandersetzungmitAntisemitismusaktiv
sind, und ein Verzeichnis von neueren Medien für die Bildungsarbeit.
14
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
The starting point of the study was the impression that estimates of both the kind and the extent of current anti-Semitic
phenomena in Berlin vary considerably. Both scandalising and neutralising assessments can be found. How can such dif-
ferences be best explained? Who is monitoring the extent of anti-Semitism and what methods are being used? Additional
questions were raised: which concepts of anti-Semitism form the basis of the assessments? In Berlin many associations
andNGOscarryouteducationalworkonanti-Semitism:whataretheinstitutional,organisationalandfinance-political
frameworks for this work? Who is reached by their work and what educational concepts for dealing with anti-Semitism
are used? What should be taken into account in future work?
To answer these questions two central aspects are taken into account: Firstly, anti-Semitic phenomena do exist - ranging
from prejudice through verbal utterances to criminal acts. Anti-Semitic phenomena are comprised of two elements:
theoretical world view and practical discrimination, whereby the ratio of ideology and practice can vary considerably.
Secondly, the discussion of current anti-Semitic phenomena takes place today against the backdrop of the historic
genocide of the Jews by Nazi Germany and within the framework of the stately and socio-politically institutionalised
norm of anti-anti-Semitism. Anti-Semitism can therefore only adequately be considered by viewing it as both problem
and symbol.
The high symbolic value of anti-anti-Semitism for the political self-understanding of the Federal Republic can clearly be
seen in the special attention given to anti-Semitic phenomena and the high level of threat assigned to them (exceptio-
nalism).Thisisoftenaccompaniedbyunifyinglanguageusage:anti-Semiticphenomenathatvarygreatlyintermsof
their perpetrators, forms, contexts and not least in terms of criminal severity and moral threat, are all interpreted as
beingappearancesof“anti-Semitism“,thatis,ofonesupposedlyuniformproblem(unification).
Three groups of actors were examined: state authorities and institutions, Jewish organisations, and associations or
NGOswitheducationalprojects,allofwhomdealtparticularlywiththeissueofanti-Semitismbetween2010and2013
inBerlin.Expertinterviewsandtheanalysisofpublisheddocumentswereusedtoexamine33actorsindetail.
The report presents results for four areas: the observation of anti-Semitism is carried out by Berlin State authorities
and civil society groups. None of these is able to submit a complete picture of anti-Semitic phenomena. This is partly
duetotheconceptsofanti-Semitismused,partlytonon-uniformdescriptioncriteria,butalsotodifferencesinthefields
observed and many uncertainties in practice. While state authorities are bound by relatively narrow legal requirements
in the detection and assessment of anti-Semitic incidents, civil society organizations also include “softer” phenomena,
which by nature are harder to classify. Reliable statements about the extent of anti-Semitism and which are the do-
minant groups of perpetrators are therefore subject to severe limitations. A systematisation of civil society observers’
detection criteria is therefore desirable, as is further research.
Theinvestigationconfirmedtheinitialimpressionthatamongsttheprotagonistsworkinginthefieldthespectrumof
definingconcepts, assessments and contextualisations of anti-Semitism varies between more pessimistic and more
balanced positions. Summarised, abstract assessments on the one hand are complemented by contextualising and
substantiating descriptions and attempts to explain anti-Semitic phenomena on the other. Typical of many educational
providersisuncertaintyintheconceptualdefinitionofanti-Semitism,includingtheabsenceofexplicitdefinitions.Atthe
same time it is often stressed that anti-Semitism occupies a special position over other forms of racism. The contradic-
tions and argumentative voids reveal the exceptional status of the subject and how a culture of historical remembrance
has left its mark.
Summary
15
Antisemitismus als Problem und Symbol — Summary
The approaches to dealing with anti-Semitismtakeplaceinfiveareas.Theseare,inadditiontoobservation/documen-
tationandcriminalprosecution:publicanti-anti-Semiticdiscourse,advice/supportwork,andeducation.Onemajorfocus
oftheinvestigationisoneducationalprojectsforyoungpeoplecarriedoutintheformofcooperationbetweenNGOs,
schools and youth support service institutions. The conceptual approaches of the education projects dealing with anti-
Semitism can be divided into indirect, contextualising approaches and direct, abstract treatments. Methods that depart
from the core of the actual problem of anti-Semitism or only partially draw on known experience are discussed critically.
The frameworkfortheworkoftheNGOsisdeterminedtoagreatextentbythefinancialprogrammesofthestateand
federal governments. For a long time there has been a contradiction between the de facto institutionalisation of the
NGOs’extra-curriculareducationprovisionsandthelackofsecurefunding.Thisplacesthecontinuityofpracticalskills
at risk and has resulted in a sector with precarious employment conditions.
The general recommendations given in the report draw conclusions from the analyses of the discourse about anti-
Semitism and call for awareness in the use of language, real assessments of the danger of anti-Semitic phenomena as
well as a self-critical approach by all discourse participants. The authors further recommend that the conceptual and
methodological orientation of education projects to anti-Semitism be improved in future so as to better target the par-
ticipant groups and their issues, and thus increasingly decouple the educational treatment of anti-Semitism from the
political-symbolic debate. The digression on studies of anti-Semitism among young Muslims leads to the recommenda-
tionthatfinancialprogrammesbealignedtowardsthegeneralneedsforinformationandorientationofthepopulation
asawholeinordertoavoidstigmatisingspecificgroups.
The service section contains an overview of organisations and institutions currently active on anti-Semitism and a
directory of recent media for educational work.
16
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Berlin ist bekannt für seine „Spätis“, kleine Läden, die auch abends und am Wochenende Getränke, Snacks, Zeitungen
undvielesandereverkaufen.Vorkurzemtrugsichineinemsolchen„Späti“folgendeSzenezu:Einoffensichtlichan-
getrunkenerundleichtverletzterMann,betritt„Union,Union,Union“(BerlinerFußballverein)rufenddenLaden.Er
fragt den vietnamesischen Verkäufer im aggressiven Tonfall, ob dieser „eine Krankenschwester in der Familie“ habe.
Anschließend dreht er sich zu einem weiteren Kunden, stößt diesen an und fragt „Willst du mir helfen oder bist du ein
Jude?“.DerAngesprochenenimmtetwasAbstandgegendiekörperlicheÜbergriffigkeitein,verbittetsichsolcheRede-
weisen und bekommt zur Antwort „Scheiß Israel“.1
Wie in einem Brennglas verdichtet sich in dieser Geschichte, was auch Ausgang der vorliegenden Studie ist. Distan-
zierungen, Vorbehalte bis hin zu Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden gehören in dieser Stadt, wie in anderen auch,
zum Alltag. Dies verbindet sich mit verschiedenen anderen Problematiken. In der Form beispielsweise mit körperlicher
Gewalt und Männlichkeitsinszenierungen im Fußballfanmilieu, inhaltlich mit abwertenden Stereotypen (Juden würden
nichthelfen)unddemNahostkonflikt(„ScheißIsrael“),abermöglicherweiseauchmitanderemRassismus.Zugleich
gibtesauchAbwehrverhalten(dieZurückweisung).Jüdinnen und Juden waren bei dieser Szene gar nicht anwesend,
auch kein anderer ersichtlicher Bezug zum Judentum. Anhand dieser Geschichte lassen sich also viele Fragen stellen.
Was verbindet dieser Mann mit Jüdinnen und Juden? Woher kommt seine aggressive Ablehnung? Ist sie Ausdruck eines
antisemitischen Weltbildes oder Teil eines allgemeineren Rassismus, eine Provokationsstrategie oder der vermeintlich
erfolgversprechende Versuch eines situativen Bündnisses „unter Männern“? Welche Gefahr geht von der Person aus?
FolgtausderfeindseligenEinstellungwomöglichdieNeigungzutätlichenAn-oderÜbergriffen?Wasbedeutetdiesfür
diemöglichenOpferundAngehörigeihrerGruppe,alsoJüdinnenundJudenselbst?WelcheZustimmungoderAblehnung
erfährt eine solche Positionierung in der Gesellschaft?
Wir können die Fragen für diese konkrete Person nicht beantworten. Aber auch das ist wiederum typisch. Denn es besteht
unterAkteuren,diesichmitderThematikAntisemitismusbefassen,übervieleTeilfragenkaumEinigkeit.Esexistieren
vielmehrsehrunterschiedlicheAuffassungenbezüglichdesCharaktersdesAntisemitismus(WasgiltalsAntisemitismus
undwasnicht?),zumquantitativenUmfangvonantisemitischenPhänomenen,ihrerqualitativen(politischen,mora-
lischenusw.)BewertungundzudenangemessenenStrategienihrerAbwehr.DieserDiskurs über Antisemitismus ist
vielfach präsent: in Skandalisierungen von Vorfällen oder der Präsentation und Diskussion von Umfragebefunden, in
Gedenkveranstaltungen oder einer Vielzahl pädagogischer Programme. Das zeigt, dass Antisemitismus doppelt rele-
vant ist: als reales Phänomen von Distanz oder Gruppenfeindschaft und als Gegenstand immer wieder aufbrechender
Deutungskonflikte(Bergmann1997),dieoftmassenmedialausgetragenwerdenundfürtiefgreifendeUnsicherheiten
undAmbivalenzenderpolitischenKulturderBundesrepublikstehen,welcheinsbesonderemitderErinnerunganden
nationalsozialistischen Judenmord zusammenhängen, aber auch von anderen Themen, wie der Rezeption des Nahost-
konflikts,überlagertwerden.
DieDeutungskonflikteumAntisemitismus,derSchweregradvonAntisemitismusvorwürfenunddieUneinigkeitinÖffent-
lichkeitundWissenschaftinDefinitionsfragenführenzueinerSituationderUnsicherheit.Nichtzuletztimpädagogischen
FeldTätigestehenhiervoreinergroßenHerausforderung.SiestehenunterderErwartungderBehandlungdesmoralisch
aufgeladenen Themenkomplexes und des Abbaus von Antisemitismus und sind – wie andere Zeitgenoss/innen – zugleich
häufiginihreneigenenOrientierungenverunsichert.
1 Erinnerungsprotokoll,30.4.2014.
1 Einleitung
17
Antisemitismus als Problem und Symbol — Einleitung
HiersetztdievorliegendeStudiean.EineMöglichkeitzurVerringerungvonUnsicherheitbestehtinderSchaffungvon
Transparenz.WelchesWissenüberVorkommenundErscheinungsweisenvonJudenfeindschaftinBerlingibteseigent-
lich?WobestehenWissenslücken,wogibtesDifferenzeninderLageeinschätzung?Wasisteigentlichjeweilsgemeint,
wenn von „Antisemitismus“ die Rede ist? Wie wird Antisemitismus wahrgenommen und thematisiert? Wie reagieren
Betroffene,wiedievornehmlichausFörderprogrammenfinanziertenfreienTrägerundwiediefürdieInnereSicherheit
zuständigen Behörden?
Die Studie soll also das fragmentarische Wissen zusammentragen, welches wir über Antisemitismus in Berlin haben
(Kapitel4).Esisteinerseitsbekannt,dassinsbesonderewissenschaftliche,alsomethodischkontrollierteErkenntnisse,
nur sehr begrenzt vorhanden sind. Deswegen soll andererseits immer auch eine Metaperspektive eingenommen wer-
den.Esgeht–aufBasiseinerAkteursanalyse–umdieErhellungderHintergründeunterschiedlicherEinschätzungen.
Dabei zeigt sich, dass eine Vielzahl von Faktoren, darunter politische, konzeptuelle, organisationssoziologische und
förderrechtliche,EinflussaufkursierendeProblemsichtenundThematisierungsweisenhat.DieOffenlegungundkri-
tischeReflexiondarüber,wieundwarumbestimmteEinschätzungenundErklärungenvonAntisemitismuszustande
kommen, ermöglichen ein Verstehen der sich teilweise direkt widersprechenden Befunde und stellen die Basis für einen
differenzierten,bewussterenundsichererenUmgangmitderThematikdar.InsbesonderedenunterschiedlichenAnti-
semitismuskonzepten und ihren jeweiligen diskursiven Bezugnahmen soll Aufmerksamkeit geschenkt werden (Kapitel
5).Außerdemwirdgefragt,welcheAntworten,insbesonderepädagogischerArt,aufAntisemitismuserfolgen(Kapitel
6).HiergehtesumdieVerdeutlichungvonErfahrungenmitbestehendenStrategienundKonzepten,dieGegenstand
öffentlichfinanzierterFörderungdurchverschiedeneBundes-undLandesprogrammesind.Kapitel7schließlichanaly-
siert die Rahmenbedingungen der Arbeit, der großen Behörden und Bildungsinstitutionen einerseits und der kleinen, oft
unterrelativprekärenBedingungenagierendenzivilgesellschaftlichenTrägeraufderanderenSeite.DieEinzelbefunde
werdenschließlichim8.KapitelzueinerDeutungzusammengeführt,diedieEinschätzungenzuAusmaßundBedeutung
von Antisemitismus in Berlin zusammenfasst und in einer wissenssoziologischen Modellierung die konzeptionellen
Logiken, die praktischen Handlungserwartungen und die Rahmenbedingungen verdeutlicht, die zu den divergierenden
EinschätzungenundAntwortenführen.
DieStudieverfolgtinsgesamtdasZiel,miteinersachlichenDarstellungderverschiedenenEinschätzungenundKonzepte
eineOrientierungsbasis,nichtzuletztfürMultiplikator/innenzuschaffen,umsituationsangemesseneHandlungssicher-
heitzuerhöhen.ErgänztwirddiesdurchHandlungsempfehlungen,identifizierteForschungsbedarfeundeinenService-
teil.DieserbestehtauseinerÜbersichtderOrganisationenundInstitutionen,diesichinBerlinmitdemThemenfeld
Antisemitismus befassen und ihrer jeweiligen Angebote: Beratung, Recherche/Dokumentation, Bildungsangebote. Der
zweite Teil des Serviceteils umfasst Materialien für die Bildungsarbeit.
18
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
VierwesentlicheRahmenbedingungensindfürdievorliegendeStudiecharakteristisch.Erstens:DieUntersuchungfindet
vor dem Hintergrund einer extensiven Auseinandersetzung mit Antisemitismus in verschiedenen wissenschaftlichen
Disziplinenstatt(2.1).Zweitens:AntisemitismushatalsgeneralisiertesnegativespolitischesSymboleinehoheBe-
deutung für die heutige politische Kultur der Bundesrepublik und ist auch deshalb Gegenstand vielfältiger politischer
AuseinandersetzungenundMetathematisierungen(2.2).Drittens:FürdieAbwehrvonAntisemitismusgibtesstruktu-
relle Rahmenbedingungen, die für die im Feld konkret tätigen Akteure handlungsprägend sind. Dies sind zum einen die
Strafverfolgung durch Polizei und Justiz auf Basis des Strafrechts; sie wird ergänzt durch geheimdienstliche Beobachtung
des Feldes. Zum anderen begründen insbesondere verschiedene Förderprogramme auf Bundes- und Landesebene einen
HandlungsrahmenfürzivilgesellschaftlicheOrganisationen,dienebengrundständigenpädagogischenEinrichtungen
oderMuseenfüreinenGroßteilderAktivitätenimThemenbereichAntisemitismusverantwortlichzeichnen(2.3).Viertens
schließlichistaufeinigeSpezifikadesUntersuchungsortsBerlineinzugehen(2.4).
ImFolgendenwerdendieseVoraussetzungenerläutert.DabeiwerdenwesentlicheBegriffeeingeführtsowiekonzep-
tionelle Zugänge zum Untersuchungsgegenstand dargestellt. Insbesondere geht es dabei um die Begründung einer
selbstreflexivenForschungsperspektivederAntisemitismusforschung,dienebendemKerngegenstandantisemitischer
Phänomene zugleich die gesellschaftlichen Thematisierungsweisen und Debatten um Antisemitismus sowie deren Be-
dingungen und Folgen wissenssoziologisch untersucht.
2.1 Antisemitismus:BegriffeundErscheinungen
Mit dem Thema Antisemitismus sind in der Wissenschaft sehr unterschiedliche konzeptuelle Zugänge verbunden. In
dieserHinsichtunterscheidetsichdiewissenschaftlicheAuseinandersetzungnurwenigvomöffentlichenDiskurs.Die
wissenschaftlicheDebattedifferenziertsichinihrenFociaufjeverschiedeneErscheinungsformen,differierendeErklä-
rungsansätze,zeitlicheundsonstigekontextuelleVerortungenundhinsichtlichderWeitedesAntisemitismusbegriffs.
GrundlegendkannmaneinenweitgefasstenundverschiedenengeBegriffevonAntisemitismusunterscheiden.
„Antisemitismus“ als Sammel- oder Containerbegriff bezeichnet alle individuellen und kollektiven Phänomene, in denen
sich ein negatives Verhältnis gegenüber dem Judentum dokumentiert. Antisemitische Phänomene sind dadurch ge-
kennzeichnet, dass eine innere Homogenität des Judentums unterstellt wird und Juden als solchen2 bestimmte negativ
bewerteteEigenschaftenoderVerhaltensweisenzugerechnetwerden.EinnegativesVerhältniszudieserKategoriewird
gegenübereinzelnenPersonen,Gruppen,demEigentumoderInstitutioneneingenommen,soweitsieausantisemiti-
scher Perspektive dem Judentum zugerechnet werden und insoweit als Repräsentanten gelten. In dieser Weise wird der
AntisemitismusbegriffauchindieserArbeitverwendet,sofernkeinenähereSpezifizierungerfolgt.Engere Konzepte von
Antisemitismus liegen implizit oder explizit den bekannten Zusammensetzungen zugrunde: „Religiöser Antisemitismus“,
„sozialer Antisemitismus“, „politischer Antisemitismus“, „nationalistischer Antisemitismus“, „rassistischer Antisemi-
tismus“, „sekundärer Antisemitismus“ und „antizionistischer Antisemitismus“ werden nach der Art der Begründungen
oderdenFunktionenunterschieden,diediejeweiligenantisemitischenPhänomeneaufweisen(vgl.ExpertenkreisAnti-
semitismus2011:11f.).
DasWortAntisemitismushateinensehrspezifischenEntstehungshintergrund.DerBegriffdienteursprünglichalsEigen-
bezeichnungeinerbürgerlich-intellektuellenBewegungimletztenDritteldes19.Jahrhunderts,diesichgegendierecht-
licheEmanzipationderJüdinnenundJudeninDeutschlandwendete.DavonausgehendwurdeAntisemitismusjedochzu
einerSammelbezeichnungfürverschiedensteantijüdischeBestrebungenundErscheinungenausgeweitet.Diesdiente
zunächststrategischenKoalitionsbildungenderheterogenenantijüdischenOrganisationenundPersonenverschiedener
europäischerLänder(ausführlichdazuEngel2009),löstesichaberauchzunehmendvondiesen.DamitwurdederBe-
2 MitdieserBestimmungwirdmarkiert,dassnichtjedeJüdinnenundJudentreffendeFeindschaft,dienurmehroderwenigerzufälligeinjüdischesGegenüber
trifftalsAntisemitismusaufgefasstwerdenkannunddasssichAntisemitismuszugleichauchohnekonkretesjüdischesGegenüberäußernkann,beispiels-
weise in der pejorativen Bezeichnung von Nichtjuden mit judenfeindlichen Stereotypen.
2 Theoretischer Rahmen und Hintergründe
19
Antisemitismus als Problem und Symbol — Theoretischer Rahmen und Hintergründe
griffmehrundmehrvoneinerSelbst- zu einer Fremdbezeichnung im politischen und damit auch zu einer analytischen
KategorieimwissenschaftlichenDiskurs,diefortandurchausauchaufhistorischweiterzurückliegendeErscheinungen
angewandt wurde. Mit diesem Bedeutungswandel verbunden war auch eine immense konzeptuelle Ausweitung, auf
diewiederummitverschiedenenVersuchenderSpezifizierungoderderBildungvonAlternativbegrifflichkeitenreagiert
wurde,bspw.„Allosemitismus“(Bauman1995)oderverschiedenenicht-terminologischeSammelbezeichnungenwie
„Judenfeindschaften“.
ImGegensatzzudensehrvieledistinktePhänomeneumfassendenundunifizierendenVorstellungenwiederdes„lon-
gesthatred“(soderTiteleinesFilmesüberAntisemitismusundeinesBuchesdesHistorikersRobertWistrich,1991)
istheutezunächsteine,wenngleichnichtunumstrittene,DifferenzierungzwischenverschiedenenhistorischenStufen
oder Phasen verbreitet.3IndieserwirdzunächstderAntisemitismusalsgenuinmodernesPhänomen,welchesim19.
Jahrhundert entsteht, vom christlichen grundierten Antijudaismus unterschieden. Der Antijudaismus war in erster Linie
religiös begründet und Ausdruck von Glaubenskonkurrenzen. Zum „modernen Antisemitismus“ besteht nur eine lose
Kontinuität.
Das19.JahrhundertbrachteAusprägungenvonAntisemitismushervor,dieimWissenshorizontdieserZeitverstanden
werden müssen. Dazu gehören biologistisch argumentierender Rassenantisemitismus (welcher Antisemitismus als Phä-
nomenimgrößerenFelddesRassismusverortet)undimKontextderNationalstaatsbildungenentstehendernationalis-
tischgrundierterAntisemitismus.EinimgewissenSinneeinigendesMomentdiesesmodernen Antisemitismus(häufig
wirdhierauchvon„klassischemAntisemitismus“gesprochen)liegtinderReaktionaufEntwicklungenundProblemlagen
derkapitalistischenModerneundderAufklärung.JudenundJüdinnenwerdenursächlichmitderAuflösungtraditioneller
Lebensformen und Zugehörigkeitsmuster in Verbindung gebracht. Unzufriedenheit mit Prozessen der Individualisierung,
Liberalisierung,Urbanisierung,RationalisierungundDifferenzierungdersichrapidewandelndenWeltwirdursächlich
demJudentumzugeschrieben(Bergmann/Wyrwa2011).DeshalbbegreiftShulamitVolkovdenAntisemitismusimdeut-
schenKaiserreichals„kulturellenCode“desantimodernen,reaktionärenLagers(Volkov2000).WeitereFormenwerden
z.T. gesondert thematisiert. Dazu gehört der Vernichtungsantisemitismus des Nationalsozialismus, ein Terminus der
AntisemitismusalsrassistischmotivierteundstaatlichgetrageneGewalt-undVernichtungspraxisbenennt.Eineneue
Begründung von Antisemitismus nach dem nationalsozialistischen Judenmord lässt sich hingegen beim sogenannten
sekundären Antisemitismus beobachten. Dieser beinhaltet Phänomene der Judenfeindschaft, die sich aus der Abwehr der
ErinnerungandieVerbrechendesNSbegründen.DazugehörenPhänomenewiedienachträglicheRechtfertigungdes
eigenenAntisemitismusdurchdieTätergeneration(Schönbach1961),dasLeugnenderShoahoderdieVerantwortlich-
machungvonJudenfürdieanihnenbegangenenVerbrechen.JüngereDiskussionen(Rabinovici,Speck,Sznaider2004)
postuliertenzudemeinensogenannten„neuenAntisemitismus“,dersichinsbesondereimKontextdesNahostkonflikts
und in der Feindschaft gegen Israel zeige und welcher durch neue Trägergruppen (Muslime, globalisierungskritische
Bewegungen,diepolitischeLinke,vgl.Ullrich2010)geprägtsei.DietatsächlicheNeuartigkeitdieserPhänomene,sowohl
hinsichtlich der Trägergruppen als auch hinsichtlich ihrer semantischen Struktur wird jedoch sehr in Frage gestellt (Holz
2005a;Holz2005b).AlternativundinhaltlichspezifischerwirdindiesemKontextauchvonantisemitischemAntizionis-
mus oder israelbezogenem Antisemitismus gesprochen.
In gegenwartsbezogener Perspektive sind insbesondere verschiedene Realitätsebenen bei der Beobachtung von Anti-
semitismuszuunterscheiden.DiewohlprominentesteRollekommtdabeider(sozialpsychologischen)Einstellungsfor-
schung zu, die in einer Konzeptualisierung von Antisemitismus als mentalen/kognitiven Phänomenen die Verbreitung
antisemitischerAnsichteninderBevölkerungmisstundsehrhäufigalsallgemeinererIndikatorfürdasAusmaßvon
Antisemitismus rezipiert wird.4DieProminenzderEinstellungsforschunghängtmöglicherweisedamitzusammen,dass
sich diese Forschungsperspektive am leichtesten mit dem Alltagsverständnis von Antisemitismus als einem Vorurteil in
Einklangbringenlässt.
EingroßesProblemdieserUmfrageforschung,dieZustimmung/AblehnungbezüglichvorgegebenerItemsmisst,liegt
darin,dassmöglicherweiseerstimMomentderBefragungMeinungenoderEinstellungenzuThemenproduziertwer-
den,zudenenbisdatonurdiffuseVorstellungenexistierten.DeshalbbeschäftigtsicheingroßerTeilderwissenschaft-
3 Einenkonzisenundgutverständlichen,einführendenÜberblicküberdieAntisemitismuskonzeptionenunddiePeriodisierungenbietetSpäti(2005:21–37);
einenweitenhistorischenÜberblickeröffnetBergmann(2002);speziellfürdas19.Jahrhundert:Rürup(1975)).
4 Wichtig zu erwähnen sind hier insbesondere die Langzeitstudie der Bielefelder Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer zu „Gruppenbezogener Menschen-
feindlichkeit“(imUntersuchungszeitraumHeitmeyer2011)unddieLeipzigerMitte-StudienzurechtsextremenEinstellungenderForschungsgruppeum
OliverDeckerundElmarBrähler(imUntersuchungszeitraumDeckeru.a.2010;Ullrichu.a.2012;Decker,Brähler,undKiess2013;Decker,Kiess,undBrähler
2014);zusammenfassendzudenErgebnissenderempirischenEinstellungsforschungBergmann(2010)undBergmann/Münch(2012).
20
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
lichen Literatur mit vorliegenden antisemitischen Zeugnissen wie Texten oder Redensarten, Bildern und Filmen sowie
im kollektiven Zeichenvorrat vorhandenen Symbolen. Insbesondere kommunikations- bzw. diskursorientierte Ansätze
(Holz2001;Haury2002;JägerundJäger2003;Jäger2005;Schäuble2012,Ullrich2013;Globisch2013)untersuchen
antisemitischeSinnkonstruktionenunddenWandelantisemitischerAusdrucksformen.Dabeiwirdhäufigbetont,dass
Antisemitismus eine Ideologie, ein Weltbild oder ein Welterklärungsmuster darstellt, welches eine komplexe, unverstan-
dene gesellschaftliche Realität verschwörungsideologisch deutet. Auf welche konkreten Problemlagen Antisemitismus
damit eine Reaktion darstellt, wird jedoch in erklärenden Antisemitismustheorien unterschiedlich bewertet. So deuten
mancheAnsätzeAntisemitismusvorallemimKontextkollektiverIdentitätskonstruktionen(Nation,Religion),andere
mehr im Kontext versachlichter Sozialbeziehungen im Kapitalismus.
Antisemitismus weist jedoch nicht nur eine Sinnebene auf, sondern ist immer wieder Ausgangspunkt oder Begründungs-
muster diskriminierender und gewalttätiger Praxis geworden. Dies ist Gegenstand der Untersuchungen zu antijüdischer
GewaltundanderenInteraktionsphänomenen(vgl.unteranderemHoffmann/Bergmann/Smith2002).Diesekönnen
sich als verbale/physische Gewalt gegen Personen und Sachen oder als institutionell regulierte oder gestützte Diskri-
minierungspraxis manifestieren. Zugleich kann Antisemitismus als Programm Kristallisationspunkt sozialer/politischer
Bewegungenwerden(vgl.Erb/Kohlstruck2015;Pfahl-Traughber2011).5
AntisemitismusalsSammelbegriff(ebensowiedieobengenanntenverschiedenenAntisemitismus-Konzepte)umfasst
damitimmerzweiDimensionen.DieEinheitdieserBedeutungsmomenteistcharakteristischfürAntisemitismuskon-
zepte: Alte Verschwörungstheorien wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ oder aktuelle Traktate stellen ersichtlich
falsche oder prinzipiell nicht überprüfbare Behauptungen über eine angebliche Macht „der Juden“ in Geschichte und
Gegenwart auf. Damit werden Phänomene „erklärt“, die ansonsten undurchschaut und insofern bedrohlich bleiben
würden. Antisemitismuskonzepte enthalten das funktionale Bedeutungsmoment einer Erklärung von historischen und
aktuellengesellschaftlich-politischenEntwicklungen,diealsnegativerfahrenwerden.„Antisemitismus“meintzweitens
auch eine praktizierte soziale Gruppenfeindschaft und bezieht sich damit auf Beleidigungen gegenüber als jüdisch
geltenden Personen, Diskriminierungen und alle strafrechtlich relevanten Delikte. Das Bedeutungsmoment der Welter-
klärungmanifestiertsichnichtnotwendigerweiseauchhandlungspraktisch:Obundinwieweitderartigepropagandisti-
sche Machwerke konkrete Handlungen anleiten, hängt in hohem Maße von den politischen Rahmenbedingungen, den
Milieu- und Gruppenkontexten sowie konkreten Situationen ab.
2.2 AntisemitismusinderöffentlichenKommunikation
Zu den heutigen Kontextbedingungen von Antisemitismus gehören vielfältige Reaktionen, Bearbeitungs- und Bewälti-
gungsversuche, kurz: neben dem antisemitischen Diskurs existiert auch ein Diskurs über Antisemitismus. Diese komplexe
Konstellation soll im Folgenden anhand der Konzepte Kommunikationslatenz, Symbolcharakter des Antisemitismus,
AusweitungundUnifizierungdesAntisemitismusbegriffssowieDynamikenderAntisemitismusdebatteerläutertwerden.
Dies dient zugleich zur Begründung der für diese Untersuchung grundlegenden Perspektive von wissenssoziologischer
Antisemitismusforschung; es ist die Sicht einer Beobachtung zweiter Ordnung oder einer Beobachtung der Beobachter/
innen.
Bergmannhatdaraufhingewiesen,dassdieTabuisierungundVerfolgungvonAntisemitismusinderÖffentlichkeit
ihrenBeitragzumüberJahrzehntekontinuierlichenRückgangantisemitischerEinstellungengeleistethat(Bergmann
1994).Antisemitismusistjedochnichtnurgeschwunden,soBergmannundErb(1986;1991;vgl.auchMarin1979),
sondern wurde in Teilen in die Kommunikationslatenz gedrängt. Das bedeutet, dass ein Teil der antisemitisch einge-
stelltenPersonenwegendesLatenzdrucksdurchdieVorurteilsrepressionihrenAntisemitismusnichtoffenodernurin
GegenwartvonGleichgesinntenäußert(Konsensgruppenkommunikation,vgl.BeyerundLiebe2013).Teilweiselassen
sich antisemitische Inhalte jedoch als verschlüsselte „Umwegkommunikation“ in verwandten, aber weniger tabuisierten
Themenbereichenbeobachten(vgl.BergmannundHeitmeyer2005).ZudiesenaffinenThemenfeldernwirdinsbesondere
KritikanIsraelgezählt.InderAnalyseundBewertungvonKommunikationsbeiträgenmüssenentsprechendzweiEbenen
Beachtungfinden:diesubstanzielleBerechtigung/derWahrheitsgehaltderAussageaufdemgewähltenThemenfeldund
5 Die unterschiedliche Wertigkeit der Betrachtungs- und Realitätsebenen antisemitischer Phänomene in den einzelnen Ansätzen resultieren auch aus diszi-
plinären und theoretischen Vorentscheidungen. Insbesondere der Gegensatz zwischen methodologischem Individualismus (dieser begreift Gesellschaft vor
allemalsResultatderAggregationmenschlicherHandlungen)undmethodologischen„Kollektivismus“(einerGesellschaftsauffassung,diedemSozialen
eine eigene Realität sui generiszusprichtundSozialesausSozialemerklärt)bildetsichhierab.DasserstereSichtweisealltagsnäherist,magnebeneinem
allgemeinen Zahlenfetisch dazu beitragen, dass damit verbundene Konzepte eine stärkere mediale Rezeption erfahren. Dies führt jedoch zu einer oft pro-
blematischenpersonalisierendenZuschreibungvonAntisemitismus(Ullrich2013:63ff.).
21
Antisemitismus als Problem und Symbol — Theoretischer Rahmen und Hintergründe
die Frage danach, ob es sich tatsächlich um eine Umwegkommunikation handelt, die eigentlich einem anderen, nicht
offensichtlichenZweck,nämlichderÄußerungantisemitischerSinngehaltedient.
Mit dieser strukturellen Ambivalenz in der Deutbarkeit von Umwegkommunikation ist eine der zentralen konzeptuellen
Problematiken benannt, die dafür sorgen, dass Antisemitismus neben seiner Bedeutung als eine Bedrohung basaler
demokratischer und humanistischer Werte zugleich Gegenstand dauerhafter Kontroversenist.Derenhäufigextremzu-
gespitzter,aufgeheizterundteilweiseantagonistischerCharaktererklärtsichjedochnichthinreichenddurchbegriffliche
Unschärfen.DazusindvielmehrzweiweitereAspektedesAntisemitismuszudifferenzieren.DieSituationinderBundes-
republikistinsbesonderedadurchgekennzeichnet,dassmit„Antisemitismus“einerseitsPhänomeneaufderEbenedes
VerhältnisseszwischenJudenundNichtjudenbezeichnetwerden(semantischerodersubstantiellerAspekt),andererseits
„Antisemitismus“zugleichdieBedeutungeinesgeneralisiertennegativenpolitischenSymbolsinderöffentlichenKom-
munikationerhaltenhat(pragmatischerodersymbolischerAspekt).DasgehtaufverschiedeneEntwicklungenzurück.
„Antisemitismus“ ist in der Folge des Genozids an den europäischen Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische
DeutscheReichzueinerdiskursivenRepräsentanzdiesesMakroverbrechensgeworden.Einangemessenerkritischer
Umgang mit antisemitischen Phänomenen ist heute eine zentrale Frage des politischen Selbstverständnisses Deutsch-
lands. „Antisemitismus“ bezeichnet in dieser Hinsicht nicht ein soziales oder politisches Problem neben anderen, sondern
eine Herausforderung für die staatliche Selbstlegitimation und Identitätskonstruktion des postnationalsozialistischen
Deutschland.DamiterklärensichzueinemgroßenTeildieemotionalenundmoralischenAufladungeninderallgemei-
nenöffentlichenKommunikation,dieangesichtsdergrundsätzlichenMeinungsdifferenzenzumThemavorallemdurch
stabilisierendepolitischeRitualeaufrechterhaltenwerden(Ullrich2013:Kapitel5).
DiesverdeutlichtsichinderVielzahlvonPositionenimoffiziellenpolitischenDiskurs,diedaspolitischeSelbstver-
ständnis der Bundesrepublik sehr stark im Verhältnis zum historischen Nationalsozialismus bestimmen. Damit wird ein
Selbstverständnis proklamiert, das die politische Identität des heutigen Deutschland wesentlich negativ, nämlich als
Abkehr von der Weltanschauung und der Politik des historischen Nationalsozialismus versteht. Deutlich wird dies etwa
anöffentlichkeitswirksamvorgetragenenundals„LehrenausderdeutschenGeschichte“begründetenBekenntnissen.
BundeskanzlerinMerkelhatimMärz2008vorderKnessetvon„derbesonderenhistorischenVerantwortungDeutsch-
lands für die Sicherheit Israels“ gesprochen. „Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson
meinesLandes.“(Merkel2008;ähnlichGysi2008).AuchdieRechtsprechungdesBVerfGdokumentierteinderartiges
historischdominiertesSelbstverständnis.InderEntscheidungzurFragederRechtmäßigkeitderNovellierungdes§
130StGB(Volksverhetzung)vomNovember2009wirdausdrücklichhervorgehoben,dasseinSonderrechtbezogenauf
rechtsextreme Meinungsäußerungen legal und legitim sei. Die Begründung weist dem NS-Regime die zentrale Rolle für
dasheutigeSelbstverständnisderBundesrepublikzu:Es„hatfürdieverfassungsrechtlicheOrdnungderBundesrepublik
Deutschland eine gegenbildlich identitätsprägende Bedeutung, die einzigartig ist und allein auf der Grundlage allge-
meinergesetzlicherBestimmungennichteingefangenwerdenkann.“(BVerfG,1BvR2150/08,Rdnr.65;vgl.Kohlstruck
2013).MitdiesenundähnlichenPositionierungenwirdeinerseitsgewürdigt,dasseinstaatlichesSelbstverständnisnicht
ahistorisch formuliert werden kann und sich auf die eigene Vorgeschichte beziehen muss. Zum anderen wird nun aber
dem Nationalsozialismus nicht lediglich eine relevante Bedeutung als Vorgeschichte attestiert; er wird darüber hinaus als
zentraler Bezugspunkt der heutigen normativen Selbstverständigung betrachtet. Mit der Formulierung „gegenbildlich
identitätsprägend“werdendieMöglichkeiten,dasheutigestaatlicheSelbstbildzubestimmen,verpflichtendindiesen
historischen Bezugsrahmen eingepasst.
DieseKonstellationhaterheblicheAuswirkungenaufdasallgemeineVerständnisdesBegriffsAntisemitismus,mitdem
imKontextderpolitischenÖffentlichkeitderBundesrepublikprimärdieVernichtungdereuropäischenJüdinnenund
Juden assoziiert ist. Damit ist zugleich ein exzeptioneller moralischer Maßstab aufgerufen.6Erfordertinsbesondere
nationalistisch-affirmativepolitischeLegitimitätskonstruktionenstarkheraus.DieserlegitimatorischenHerausforde-
rungwirdinverschiedenerWeisebegegnet–imExtremfallmitderLeugnungundBagatellisierungderNS-Verbrechen
undsekundäremAntisemitismusoderauch–imanderenExtrem–mitderradikalenIdentifikationmitJüdinnenund
Juden(Philosemitismus)sowiederÜbertragungdieserIdentifikationaufdenZionismusunddenStaatIsrael.Derbe-
sondere moralische Maßstab bestimmt zugleich die bei dieser Thematik vorherrschende Kommunikationsform, die der
SoziologeNiklasLuhmannalsMoralkommunikationbeschriebenhat(Luhmann1978).DerenCharakteristikumeiner
6 Dass diese partikularistische Identitätskonstruktion und die ihr zugrundeliegende Geschichtsdeutung insbesondere in heterogenen Bevölkerungen mit
verschiedenenHerkünftenAusgangspunktrassistischerAusschlüsseseinkann,hatUllrich(2013:91ff.)imAnschlussanCengizBarskanmazals„Deutschen
Exzeptionalismus“beschrieben.
22
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
klarenTrennungundEntgegensetzungvongut/böseoderlegitim/illegitimblockiertmanchmaldienüchterneErfassung
und Bewertung von antisemitischen Phänomenen niedrigeren Schweregrades oder unklarer Zuordenbarkeit. Zugleich
fördertsieeinetypischeDynamikdesRedensüber„AntisemitismusinöffentlichenKonflikten“(Bergmann1997),dieals
„MechanismusdesantisemitischenSkandals“(Benz2004:13)beschriebenwurde,dernachEntdeckungundempörter
Skandalisierung vor allem auf Stigmatisierung und Ausschluss zielt. Die typischen Skandale fokussierten deshalb vorran-
gigeinzelnePersonenoderOrganisationenundbefördernsoeineindividualisierendeSichtaufAntisemitismus,dieinder
Tendenz die strukturelle und gesamtgesellschaftliche Problematik des antisemitischen Diskurses als „Antisemitismus
deranderen“(Ullrich2013:78)externalisiert.7 Dies kann so weit gehen, dass Antisemitismusvorwürfe ohne Substanz
inAnschlaggebrachtundweitrezipiertwerden–mitwiederumbeträchtlichenFolgenfürBetroffene.8 Die andere Seite
dieserDynamikistdiehäufigebensoradikaleZurückweisungjedwederAntisemitismusvorwürfe.Diesliegteinerseits
inderLogikantisemitischerWeltbilderbegründet,diesichhäufigalsrationaleundwohlbegründeteAbwehrgegenGe-
fahren beschreiben, die angeblich von den Jüdinnen und Juden ausgehen (während man sich selbst nicht als Bedrohung
oderAusgangspunktvonAggressionsehenkann).AndererseitsträgtauchderimmenseStigmatisierungscharaktervon
AntisemitismusvorwürfenalsSymbol(obenauchalsLatenzdruckbeschrieben)zudiesenAbwehrtendenzenbei.Denn
dieserbegünstigtdasritualhafteAnbringenauchentdifferenzierenderoderüberzogenerAntisemitismusvorwürfemit
entsprechenden empörten Zurückweisungen. Die Gesamtdynamik des Antisemitismusdiskurses als „Stellungskrieg“ um
das(Nicht-)ZutreffenvonAntisemitismusvorwürfenistdennauchnichtinersterLinieaufErkenntnisgewinnausgerichtet
und birgt die Gefahr der ritualisierten Abrufung und kontinuierlichen Reproduktion binärer Schemata.
EineweitereimpliziteVoraussetzungeinersolchenunterkomplexenAntisemitismusdiskussionisthierzunochzuer-
örtern.DesÖfterenwurdeundwird„Antisemitismus“alsinsicheinheitlichesPhänomenkonzipiert,ohnenachEr-
scheinungsformen,HandlungsebenenundSchwerederAuswirkungendifferenziertzuwerden.StrafbareHandlungen
unterschiedlichenrechtlichenundmoralischenGewichts,Ideologieproduktion,öffentlicheMeinungsäußerungenvon
Privatleuten,jugendlichesProvokationsverhaltenunddieErgebnissevonEinstellungsforschungenwerdenaufdiese
WeiseausihrenZusammenhängengelöst;damitwirdvondenjeweiligenspezifischenFormbestimmungen(also:Straf-
tat,latenteEinstellung,aktiveMeinungsäußerung,Provokationsverhaltenetc.)abstrahiertundlediglichdieabstrakte
KomponenteeinesnegativenVerhältnisseszumJudentumberücksichtigt.ImErgebniswerdensehrheterogeneund
komplexeSachverhaltezu„ErscheinungendesAntisemitismus“vereinheitlichtundderBegriffsystematischüberfordert
(Jäger2005:110f.,126).DieseTendenzdesentdifferenzierendenGebrauchsvonAntisemitismus,welchernichtzuletzt
Abstufungenoder„Grauzonen“(Ullrich2013:52)de-thematisiertunddieofteherfragmentarischeundbrüchigeExis-
tenzweisevonantisemitischenPhänomenenzugunsteneinerscheinbarenEinheitlichkeitignoriert,nennenwirimFol-
gendenUnifizierungdesAntisemitismus.Sprichtmanvon„demAntisemitismus“,solassensichdiesemAllgemeinbegriff
gleichermaßensowohldiehistorischeErmordungdereuropäischenJudenwieheutigeantisemitischePhänomenesubsu-
mieren – ungeachtet ihrer unterschiedlichen historischen Kontexte und in Absehung von ihrer konkreten Ausgestaltung,
ihrertatsächlichenGefahrfürJüdinnenundJudenundanderermöglicherFolgen(vgl.Zuckermann2009:106).Erst
diese Art der – fachlich unangemessenen – Abstraktion von historisch-konkreten Phänomenen und eine anschließende
verselbständigteVerwendungdesAbstraktionsbegriffsAntisemitismuserlaubendiepolitisch-moralischeAufladung,
dieobenals„Exzeptionalismus“erläutertwordenist.DamitbestehtdieTendenz,Antisemitismusalseinedämonisierte
Kategoriezuverwenden,hinterderdierealeVielfaltvonErscheinungsformenundSchweregradenverschwindet.Diese
Tendenz ist, wie später zu zeigen sein wird, hoch relevant für die Begründungen von gegen Antisemitismus gerichteten
Interventionen und zugleich ein konzeptionelles Problem für die konkrete, insbesondere pädagogische Umsetzung, die
auf genaue Kontextualisierungen der zu bearbeitenden Phänomene angewiesen ist.
DieProblematikeinesunifizierendenGebrauchsdesWortesAntisemitismuswirddurchdieAusweitungderAnwendung
des Antisemitismuskonzepts weiter verstärkt. Auch wenn man von im wissenschaftlichen Diskurs eher randständigen
Konzepten wie „struktureller Antisemitismus“ absieht – dieser bezeichnet dem Antisemitismus strukturanaloge Phä-
nomene, die jedoch kein jüdisches Anderes haben – gibt es doch eine Vielzahl von Phänomenen, deren antisemitischer
CharakterzurechtGegenstandderDebatteist.AntisemitischeDiskurse(wiealleanderenauch)existierennichtisoliert,
siesindeingebettetindiskursiveKontexte,verwobenmitanderenDiskursen.ÄhnlichwieinderquantitativenEinstel-
7 WeitereBeispielefürdieDiskursstrategiederExternalisierungvonAntisemitismussinddieextremismustheoretischbegründetenDarstellungenvon
„rechtem“,„linkem“und“islamistischem“AntisemitismusinVerfassungsschutzberichten,dietrotzhochgradigdifferenterQuantitätundQualitätdie
Phänomene in diesen drei Feldern nivellieren und zugleich exklusiv an den „Rändern“ des politischen Spektrums verorten.
8 InstruktivdafüristdietendenziöseStudieüberangeblichenAntisemitismusinderParteidieLinke(SalzbornundVoigt2011),diesichinallenwesentlichen
Punktennichtalsstichhaltigerwies(UllrichundWerner2011).
23
Antisemitismus als Problem und Symbol — Theoretischer Rahmen und Hintergründe
lungsforschung, wo Schwellenwerte mit einem gewissen Willkürcharakter die Grenze zwischen Antisemitismus und
Nicht-Antisemitismus markieren, müssen auch in der qualitativen Forschung Grenzen markiert werden. Diese Grenz-
ziehung ist insbesondere dort kompliziert, wo sich unterschiedliche diskursive bzw. Handlungskontexte überlagern oder
vermischen. Die hier angerissene Problematik zeigt sich insbesondere in der Debatte um den antisemitischen Charakter
von Antizionismus oder bestimmten Formen der Kritik an oder Feindschaft gegenüber Israel.
Antizionismus, die weltbildhafte Ablehnung des jüdisch-israelischen Nationalismus, wird mittlerweile in verschiedenen
DarstellungenalsgenuineHauptformdesAntisemitismusgeführt(bspw.Benz2004:20).WährendkaumZweifeldaran
bestehen, dass es einen antisemitischen Antizionismusgab(vgl.bspw.Haury2002;Holz2001;Kloke1994;Weiß2005)
undgibt(Holz2005b;Ullrich2008;Ullrich2013;Globisch2013),9 ist strittig, inwiefern und unter welchen Vorausset-
zungenaktuelleÄußerungenoderVerhaltensweisendieserKategoriezugeordnetwerdenkönnen(Klug2013a).Sosind
beispielsweise Anschläge auf Jüdinnen und Juden, die für die israelische Politik in Haftung genommen werden oder kor-
respondierendeEinstellungen,alsantisemitischzuklassifizieren.Dochviele,teilsradikaleKritikenamZionismusoder
anderPolitikIsraelsbeziehensicheinerseitsaufeinenrealenKonflikt(denmanunterschiedlichbewertenkann)und
können zudem auch antisemitische Inhalte transportieren oder durch solche motiviert sein, wobei hier jedoch zwischen
verschiedenenEbenen,insbesondereMotivlagen,manifestenInhaltenundRezeptionsoptionenunterschiedenwerden
muss(Ullrich2013:52f.,86ff.,Scherr/Schäuble2007).
Daraus resultiert die grundsätzliche, aber in der Natur der Sache liegende Unsicherheit (insbesondere, wenn über Mo-
tivespekuliertwird),obproblematischeÄußerungenzugespitzteKritikoderAntisemitismusdarstellen.InvielenFällen
besteht dann beispielsweise lediglich die Möglichkeit einer antisemitischen Lesart, die aber keineswegs zwingend ist,
weshalb in solchen Fällen von Anschlussfähigkeit an Antisemitismus gesprochen wird. Die Realisierung als Antisemitis-
mus hängt in solchen Fällen unter anderem vom Rezeptionskontext ab. Dass sich divergierende nahostpolitische und
antisemitismusanalytische Positionen de facto überlagern, führt zu der oben beschriebenen binären Diskurspolarisie-
rung.InihrverschmelzendiebeidenthematischenFelderoderDiskurssträngeNahostkonfliktundAntisemitismuszu
hoch problematischen Positionierungskoalitionen. In diesen wird ein einfacher Dualismus stabilisiert: auf der einen
Seite stehen antisemitismuskritische und zugleich tendenziell pro-israelische Positionen, auf der anderen Seite pro-
palästinensische und zugleich antisemitismusverharmlosende Standpunkte. So entsteht der für die Diskursdynamik
prägendeEindruck,beideDimensionenderDebatteseienpersedeckungsgleichundeineanderePositionskombination
(beispielsweiseanti-antisemitischundisraelkritisch)seinichtmöglich(Ullrich2013:44f.).
DasAufeinanderprallenderartigverhärteterFrontenwiederumprägteineKonfliktdynamikganzeigenerArt,diesich
auch von ihrem Ausgangsgegenstand lösen und in gewissem Sinne verselbständigen kann. Wir können daher von einer
fürunsereUntersuchunghochrelevantenzweitenEbenedesUntersuchungsgegenstandesausgehen:nebendemanti-
semitischen Diskurs müssen der Diskurs über Antisemitismus und die thematisch anschließenden Phänomenbereiche
wiePhilosemitismusoderdieBefangenheitindemThemenfeldberücksichtigtwerden.Eswurdedahervorgeschlagen,
AntisemitismusauchalsTeildesdiskursivenFeldes„Israel/dieJuden/Zionismususw.“(Jäger2005)zuuntersuchen.
DiesgiltumsomehrinderBundesrepublik,denndas„GesprächüberJudenfindetimHorizontvonSchuld,moralischem
Versagen, Anklage und kulturell tradiertem antijüdischem Ressentiment statt. Deshalb wird das Thema von Vielen als
belastetundunangenehmempfunden.“(Bergmann,Erb1991:504).
2.3 Interventionen gegen Antisemitismus – rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen
NebenderöffentlichendiskursivenAuseinandersetzungumAntisemitismuswerdenimFolgendenzweiweitereFelder
der Intervention dargestellt. Beide sind noch stärker als der bis hier beschriebene Diskurs mit staatlichem Handeln
verbunden. Zum einen sind verschiedene antisemitische Phänomene strafrechtlich relevant und damit Gegenstand
polizeilicher Tätigkeit. Auch die Verfassungsschutzbehörden, also Geheimdienste, beobachten das Themenfeld. Sie fo-
kussieren in besonderem Maße die verhärteten und qualitativ stärkeren antisemitischen Phänomene. Zum zweiten ist
auch die Bildungsarbeit gegen Antisemitismus stark von der Rahmensetzung der staatlichen Bildungs- und Sozialpolitik
geprägt. Insbesondere Förderprogramme gegen Rechtsextremismus stellen einen strukturbildenden Handlungsrahmen
9 DiezeigtsichimSommer2014,alseineerneutetraurigeZuspitzungderEreignisseinIsraelundimGazastreifenauchzueinerVielzahlexplizitjudenfeind-
licherManifestationenundÜbergriffeimRahmenisraelkritischerundisraelfeindlicherProtesteführte:Am17.7.wurdeaufdemKurfürstendammwieder-
holtdieParolegebrüllt„Jude,Jude,feigesSchwein,kommherausundkämpfallein“(DerTagesspiegel,23.7.2014,S.8).BeiderDemonstrationanlässlich
desAl-Quds-Tagesam25.7.2015inBerlinstimmteeine20bis30PersonenstarkeGruppedieParolean„Israelvergasen!“(DerTagesspiegel,26.7.2014,S.
16).InderNachtdes28./29.7.2014wurdeinWuppertaleinBrandanschlagaufeineSynagogeverübt(FAZ,30.7.2014,S.4).
24
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
füreineVielzahlvonzivilgesellschaftlichenOrganisationendar.DieseProgrammerichtensichmit„weicheren“Mitteln
aufPhänomene,diealsleichterform-undbeeinflussbareingeschätztwerden.
2.3.1 Polizei, Justiz und Verfassungsschutz
Strafrechtlich relevant sind nur solche antisemitischen Phänomene, die als äußeres Verhalten beobachtet werden kön-
nen.„EsliegtwederinderAufgabenochinderBefugniseinesRechtsstaates,dieGedankenundEinstellungenseiner
Bürgerzureglementieren.Diesistnichtnurfaktischunmöglich,esistauchnormativalsregulativerEingriffindie
intimsteSphäredesEinzelnen–inseineGedankenundseinGewissen–untersagt.“(Lagodinsky2013:98).Sprachliche
Äußerungen, deren antisemitische Qualität im Gehalt des Gesagten, nicht in einem möglicherweise zugrunde liegenden
antisemitischen Motiv liegen, markieren die Schwelle zu möglichen Straftaten. Da es im deutschen Strafrecht keinen
Straftatbestand Antisemitismus als solchen gibt, ist die Strafbarkeit von Verhaltensweisen davon abhängig, inwieweit
diese allgemein formulierte Straftatbestände erfüllen.
Im Wesentlichen existieren in der Literatur zwei Typologien für antisemitische Straftaten: Teils wird nach Gewaltdelikten,
PropagandadeliktenundVolksverhetzungsdeliktenunterschieden(Pfahl-Traughber2011b),teilsnachKommunikati-
onsdelikten,GewaltdeliktenundOrganisationsdelikten(Kalinowsky1995).ImHinblickaufdenhierverfolgtenZweck
einesknappenÜberblicksreduzierenwirdiegenanntenEinteilungenaufKommunikationsdelikteundGewaltdelikte:Zu
den Kommunikationsdelikten gehören etwa Beleidigungen, Verleumdungen und Propagandadelikte, zu den Gewaltde-
likten vornehmlich Sachbeschädigungen und Körperverletzungen bzw. Tötungsdelikte mit explizit formulierter oder aus
dem Kontext hervorgehender antisemitischer Zielrichtung.
Die Strafverfolgung durch Polizei und Justiz stützt sich auf eine ganze Reihe von Straftatbeständen. Für die hier als
„Kommunikationsdelikte“ zusammengefassten Delikte sind dies: Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswid-
rigerOrganisationen(§86),VerwendenvonKennzeichenverfassungswidrigerOrganisationen(86a),Volksverhetzung
(§130StGB),Beleidigung(§185),übleNachrede(§186),VerunglimpfungdesAndenkensVerstorbener(§189).Beiden
GewaltdeliktensindStrafrechtsparagraphenrelevant,die„StraftatengegendasLeben“(§§211-213)bzw.„Straftaten
gegendiekörperlicheUnversehrtheit“(§§223-227)normieren.DieSchändungvonjüdischenFriedhöfenerfülltkeinen
eigenen Straftatbestand. Je nach dem konkreten Kontext können unterschiedliche Straftatbestände zugeordnet werden.
DazugehörenBrandstiftung(§§306a-d),Hausfriedensbruch(§§123,124),Sachbeschädigung(§303)bzw.gemein-
schädlicheSachbeschädigung(§304)undStörungderTotenruhe(§168;vgl.Pfahl-Traughber2011b).
ÜberdenUmfangderrechtskräftigwegeneinesantisemitischenDeliktsVerurteiltenwirdkeineStatistikgeführt.Die
Strafverfolgungsstatistik orientiert sich an den Straftatbeständen. Da ein Straftatbestand Antisemitismus nicht existiert,
können auch keine entsprechenden Verurteiltenzahlen erhoben werden.
Die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder haben die gesetzlich verankerte Aufgabe, Bestrebungen
zubeobachten,diesichgegendieverfassungsmäßigeOrdnungsowiegegendenBestanddesBundesoderderLänder
richten.ÜberderartigeBestrebungenberichtensiegegenüberderExekutive,derLegislativeundgegenüberderÖffent-
lichkeit. Grundlage für die Arbeit der Berliner Verfassungsschutzbehörde ist das Verfassungsschutzgesetz Berlin (VSG
Berlin).DerGesetzestextenthältwederdenBegriffAntisemitismusnochdenTerminusExtremismus.Antisemitismus
darf vom Verfassungsschutz deshalb nur insoweit beobachtet werden, wie er Ideologie oder politische Programma-
tikvonEinzelpersonen,PersonenzusammenschlüssenoderOrganisationenist,diedasKriteriumverfassungsfeindli-
cher Aktivitäten erfüllen. „Stammtischparolen, Nachbarschaftsgetuschel, Judenwitze am Arbeitsplatz oder auf dem
SchulhofwerdenvomVerfassungsschutznichterfasst“–soderfrühereSenatorfürInneresundSport,EhrhartKör-
ting(Verfassungsschutz2006:3).AntisemitischeIdeologiewirdinnerhalbeinesSchemasdokumentiert,dasvonden
Verfassungsschutzbehörden für die Beobachtung ‘verfassungsgefährdender Bestrebungen‘ verwendet wird. Demnach
wird unterschieden zwischen den Kategorien „Rechtsextremismus“, „Linksextremismus“, „Ausländerextremismus“ so-
wie„Islamismus“.DieallgemeineÖffentlichkeitwirdmitdemjährlicherscheinendenVerfassungsschutzberichtüber
verfassungsgefährdende Akteure mit antisemitischer Ideologie oder politischer Programmatik informiert. Zusätzlich
wurde in der Vergangenheit in gesonderten Publikationen über „Antisemitismus im extremistischen Spektrum Berlins“
(Verfassungsschutz2004;2006)informiert.
25
Antisemitismus als Problem und Symbol — Theoretischer Rahmen und Hintergründe
2.3.2 Bundesprogramme gegen Rechtsextremismus
DiefremdenfeindlicheundrassistischeGewaltwelleunddasrelativeErstarkendespolitischenRechtsextremismusnach
1990habenaufBundes-undLänderebenezurAuflagevonFörderprogrammengeführt;siebedeuteteneinepolitische
AnerkennungderExistenzvonfremdenfeindlicherundrassistischerGewaltsowievonRechtsextremismusundsollten
mit einem unterschiedlich breiten Spektrum von Maßnahmen Gewalt reduzieren, Rechtsextremismus in seinen verschie-
denenFacetten,darunterauchAntisemitismus,zurückdrängenunddieindividuellenOpferunterstützen.
Daszwischen1992und1996(inzweiModellphasen)untereinerCDU-Regierungaufgelegte„Aktionsprogrammgegen
AggressionundGewalt“(AgAG)umfasstenebendemjugendpolitischenAufbaueinerJugendhilfeinfrastrukturinden
neuen Bundesländern Arbeitsansätze zur Reduzierung von sozial gefährlichen Aspekten von Rechtsextremismus, ohne
dass sich eine Frontstellung gegen politische Bewegungen und Ideologien im Namen des Programms niedergeschlagen
hätte(vgl.Bohn1998).DiesändertesichmitdenBundesprogrammen,dienachdemvonSPD-BundeskanzlerSchröder
imOktober2000ausgerufenen„AufstandderAnständigen“folgten(vgl.zumFolgendenManthe2013).Siewurdenzu-
nächstindezidierterFrontstellunggegenRechtsextremismus,dannunterderschwarz-gelbenKoalitionzwischen2009
und2013alsProgrammgegen„Extremismus“imAllgemeinenausgerichtet(vgl.Hafeneger2012).DasimJanuar2015
startende Programm „Demokratie leben“ schwächt die extremismustheoretische Ausrichtung wiederum ab.
Dasvon2001bis2006laufendeProgrammdesBundesministeriumsfürFamilie,Senioren,FrauenundJugend(BMFSFJ)
„Jugend für Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ umfasste
die drei Programmteile „Civitas – initiativ gegen Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern“, „Xenos – Leben und
ArbeiteninVielfalt“und„MaßnahmengegenGewaltundRechtsextremismus“(„Entimon“).DiesesProgrammwurdein
direkterReaktionaufzweiantisemitischeEreignisseinDüsseldorfaufgelegt:Am27.7.2000explodierteeineRohrbom-
be an einem S-Bahnhof. Dabei wurde eine Gruppe von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion schwer verletzt,
daruntersechsJuden.Kurzdarauf,am2.Oktober2000folgteeinBrandanschlagaufdieNeueSynagogeinDüsseldorf.
Der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, hatte Bundeskanzler Schröder daraufhin
zu einem sichtbaren Handeln der Bundesregierung gegen Rechtsextremismus aufgefordert. Antisemitismus wurde ein
explizites Thema in den Programmen, da sie nicht zuletzt durch antisemitische Gewalttaten veranlasst worden waren.
DaszweiteProgramm„Vielfalttutgut–JugendfürVielfalt,ToleranzundDemokratie“(2007bis2010)förderteunter
anderemzirka20ModellprojektezumThemencluster„AuseinandersetzungmithistorischemundaktuellemAntisemi-
tismus“.EinzweiterFörderbereichwarausdrücklichdem„AntisemitismusbeijugendlichenMigranten“gewidmet.Damit
sollten neue Zielgruppen angesprochen und neue pädagogische Materialien entwickelt werden. Auch innerhalb eines
drittenSchwerpunkts,dersog.„LokalenAktionspläne“(LAP)wurdenArbeitsansätzezumAntisemitismusgefördert.
DasdritteProgramm„Toleranzfördern–Kompetenzstärken“,daszwischen2011und2014lief,enthieltebenfallsdas
Themencluster„AuseinandersetzungmithistorischemundaktuellemAntisemitismus“.ErhaltenbliebdabeidasFeld
„Zeitgemäße Konzepte für die Bildungsarbeit zum Holocaust“, das erweitert wurde um das historisch-politische Lernen
in der Integrationsgesellschaft. Von einer ausdrücklichen Fokussierung von jugendlichen Migrant/innen nahm man
nun Abstand und förderte stattdessen Projekte zum Thema „Aktueller Antisemitismus in der Integrationsgesellschaft“.
Weitergeführt wurde in den LAPs die Befassung mit Antisemitismus, etwa als Lokalforschung von Laien zur NS-Zeit.
Dieseit2001kontinuierlichlaufendenFörderprogrammedesBundesstelleninsbesonderefürdieJugendbildungsarbeit
zumThemaAntisemitismuseinezentraleRahmenbedingungdar:DurchdiefinanzielleFörderungwerdenfreieTräger
undNGOsangeregt,ArbeitsansätzezumThemenfeldAntisemitismuszuentwickelnunddurchzuführen.Dadurchwird
zunächstdasThemaAntisemitismusalssolchesaufderöffentlichenAgendarelevanterThemengehalten.Darüber
hinaus wird durch die Förderrichtlinien der Programme eine politische Steuerung der inhaltlichen Akzentsetzungen
angestrebt. Dafür steht etwa die erwähnte Vorgabe, Projekte für die Zielgruppe jugendlicher Migrant/innen oder für
„die Integrationsgesellschaft“ zu entwickeln. Diese politische Steuerung war in unterschiedlichem Maße erfolgreich (vgl.
Manthe2013).SchlussendlichbedeutetdieregierungsamtlicheEntscheidungfürbestimmteFörderschwerpunkteauch
eineindirekteBeteiligungandenöffentlichenDiskursenzuTrägern,FormenundGefahrenvonAntisemitismus.Dieser
Gesichtspunkt wird in Kapitel 7 vertieft.
26
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
DerBundkannimBereichderKinder-undJugendhilfenach§83SGBVIIIlediglichAnregungsaufgabenübernehmen(vgl.
Haubrich/Lüders2007;Bischoffetal.2011:224).DamitisteineBeschränkungaufModellprojekteverbunden,diesichals
„exemplarischeFeldexperimenteverstehen(lassen),indenenstellvertretendfürdenjeweiligenBereichErfahrungenins-
besonderemitinnovativenAnsätzengesammeltwerdensollen.“(Haubrich/Lüders2007:184).DieArtderFinanzierung
derartiger Projekte hängt von der Ausgestaltung des jeweiligen Bundesprogramms ab. Für den Untersuchungszeitraum
2010bis2013galtenRegelungen,dieKofinanzierungeninHöhebiszu50%vorsahen.
2.4 Berlin als Untersuchungsfeld
BerlinalsUntersuchungsfeldzumThemaAntisemitismusweistimVerhältniszuanderenBundesländernspezifische
Merkmale auf. Sie beziehen sich einmal auf Charakteristika der Stadt, insbesondere ihrer Sozialstruktur, zum anderen
auf die Zahl der hier ansässigen Akteure, die zum Thema Antisemitismus aktiv sind und schließlich auf die Landespolitik
in Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Berlin ist Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt der Bundesrepublik;
alseinzigedeutscheStadtvereintsieeinenost-undeinenwestdeutschenTeil.BerlinistaucheinOrtmitinternatio-
nalerAnziehungskraftundgleichzeitigprekärerfinanziellerSituation–derSlogan„Armabersexy“bringtdiesaufden
Punkt. Dies bedeutet vor allem große Heterogenität der Sozialstruktur. In unserem Kontext von Interesse ist insbeson-
dere die Bevölkerungszusammensetzung in religiöser und ethnischer Hinsicht. Schließlich ist Berlin auch die ehemalige
Reichshauptstadt,inderwährenddesNS-RegimesdieEntrechtung,VerfolgungundErmordungdereuropäischenJuden
beschlossen wurde. Daran wird heute an vielen Gedenkorten erinnert. Herausragende Bedeutung haben in diesem Zu-
sammenhang die „Topographie des Terrors“, die „Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz“ und das
„DenkmalfürdieermordetenJudenEuropas“.
„In keiner anderen deutschen Stadt ist das Spektrum jüdischen Lebens so vielfältig wie in Berlin - ob nun orthodox,
liberal oder säkular“ heißt es auf den Berliner Seiten von haGalil.10InBerlinhatseit1999derZentralratderJudenin
DeutschlandseinenSitz.DiegrößtejüdischeGemeinde(mitca.12.000Mitgliedern)findetsichhier.DieStiftung„Neue
Synagoge Berlin - Centrum Judaicum“ arbeitet die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Berlin auf und repräsentiert
jüdische Kultur. Das Jüdische Museum Berlin stellt jüdische Geschichte für ein breites Besucherfeld dar und gehört zu
den Besuchermagneten der Stadt mit steigenden Besucherzahlen. Zugleich gibt es eine wachsende Gruppe israelischer
Bewohner/innenBerlins.Schätzungengehenvon15-30.000Personenaus.11
BerlingehörtzudenRegionenimBundesgebiet,die2012einenAnteilvonPersonenmitMigrationshintergrundvon
mindestens25%aufweisen.12DieaktuellstenZahlenfürBerlingebendenStandEnde2013wieder.Melderechtlichregis-
triertwarenam31.12.20133,517Mio.Einwohner.Davongeltenrund999.000alsPersonenmitMigrationshintergrund.
DiesentsprichteinemAnteilvon28%.ImHinblickaufdenKonfliktzwischenIsraelunddenPalästinensernundseine
Bewertungen sind die Berliner Bevölkerungsanteile von türkischstämmigen Personen und Araber/innen relevant: Die
rund177.000türkischstämmigenPersonenmachenrund5%derBerlinerBevölkerungaus,dierund76.000Personen
ausLändernderArabischenLigaca.2%(vgl.AmtfürStatistikBerlinBrandenburg2014).
In Berlin existieren vergleichsweise viele Akteure, die als politische Aktivist/innen, als Berater/innen, Beobachter/innen
und Bildungsanbieter zum Thema Antisemitismus tätig sind. Der Aktionsradius reicht auch bei den kleineren Akteuren
überBerlinhinausundbeziehtmeistmindestensauchdasLandBrandenburgmitein.AndereNGOsundfreieTrägersind
ohnehin bundesweit aktiv. Dies hängt im Wesentlichen mit dem Hauptstadtstatus zusammen, der für Lobbyist/innen
undOrganisationenmitbundesweiterReichweitedenpolitischgünstigstenStandortausmacht.DiehoheKonzentration
vonOrganisationen,diezumThemaAntisemitismusmiteinerbundesweitenAusstrahlungarbeitenundhierihrenSitz
haben,stellteincharakteristischesSpezifikumBerlinsdar.
Berlin hat im Verhältnis zu anderen Bundesländern früh mit einer gezielten landespolitischen Unterstützung der kriti-
schenAuseinandersetzungmitVorurteilenundGruppenfeindschaftenbegonnen.ImSeptember2000beschlossderSe-
natein„10-Punkte-ProgrammgegenRechtsextremismus,FremdenfeindlichkeitundAntisemitismus“(Senatsbeschluss
Nr.537/00vom12.9.2000).IneinerVorlagedesSenatsandasAbgeordnetenhauswurdeaufGrundlageeinesBerichts
der„LandeskommissionBerlingegenGewalt“eineerstekonzeptionelleGrundlageskizziert(AH-Drs.14/700).Erstmals
10 http://www.berlin-judentum.de/gruppen/index.htm[2014-07-16].
11 http://www.taz.de/!142113/[2014-07-16].„DerTagesspiegel“,7.10.2013,S.9.
12 Neben den beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg sind dies das nördliche Baden-Württemberg, das südliche Hessen und das südliche Nordrhein-
Westfalen(vgl.StatistischesBundesamt2013:16).
27
Antisemitismus als Problem und Symbol — Theoretischer Rahmen und Hintergründe
wurdenentsprechendeMaßnahmenimHaushaltsplan2002etatisiert,seit2003existiertdas„Landesprogrammgegen
Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“, das später umbenannt wurde in „Landesprogramm
gegenRechtsextremismus,RassismusundAntisemitismus“(vgl.Integrationsbeauftragter2006).RundzehnJahrefrü-
her als beispielsweise der Stadtstaat Hamburg hat Berlin damit ein Programm zur kritischen Auseinandersetzung mit
Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit/Rassismus und Antisemitismus aufgelegt. Die seither erfolgte, kontinuierliche
Förderung von Projekten zur Beratung, zur Dokumentation und zur Bildungsarbeit zum Themenkomplex Vorurteile und
GruppenfeindschaftenhatzurEtablierungeinerbreitenTrägerlandschaftmitunterschiedlichenTätigkeitsschwerpunk-
tenbeigetragen(vgl.Kapitel6).
DiefinanzielleFörderungvonProjektenimRahmendesBerlinerLandesprogrammserfolgtals„Zuwendung“,dasheißt
als prinzipiell freiwillige Leistung des Landes. Gemäß der Landeshaushaltsordnung dürfen Zuwendungen nur ausnahms-
weisezurVollfinanzierungbewilligtwerden.PraktiziertwirddeshalbeineFehlbedarfsfinanzierung.DasLandespro-
gramm deckt die zuwendungsfähigen Ausgaben, soweit der Zuwendungsempfänger diese nicht durch eigene oder Mittel
Dritterdeckenkann.FürdenAnteildeszufinanzierendenFehlbedarfsgibteskeinefestenVorgaben,sodassauchbereits
dasVorhandenseinsehrkleinerEigenmittelanteiledieVoraussetzungfüreineZuwendungausdemLandesprogramm
erfüllt.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Berlin als Untersuchungsfeld zum Thema Antisemitismus und Anti-An-
tisemitismusinverschiedenerHinsichteinspezifischesProfilaufweist.AufgrunddesrelativhohenMigrantenanteils
anderWohnbevölkerungkannangenommenwerden,dassnebendennationalspezifischenAufladungendesThemas
Antisemitismus im Kontext der NS-Geschichte auch aktuelle politische Valenzen besonders relevant sind. Zuwanderer
ausdenAnrainerstaatendespalästinensisch-israelischenKonfliktssowieausdergleichfallsmuslimischenTürkeisind
aufgrundihrerspezifischenzeitgeschichtlichenundaktuellenErfahrungenmiteinergeringerenWahrscheinlichkeitals
Deutsche ohne Migrationsgeschichte bereit, dem Anti-Antisemitismus den hohen Rang eines staatlichen Legitimitäts-
symbols zuzuerkennen. Man kann annehmen, dass vor diesem Hintergrund das Ausmaß an alternativen Rahmendeu-
tungen, abweichenden Meinungen und Verstößen gegen die anti-antisemitische Norm der politischen Kultur höher ist
als dies bei einem geringeren Migrantenanteil der Fall wäre. Wenn sich in Berlin vor diesem Hintergrund möglicherweise
KonfliktezwischenherkömmlichenundneuenDeutungendesAntisemitismus-KomplexesstärkeralsinanderenRegi-
onen der Bundesrepublik abzeichnen, so ist die Stadt auf solche Veränderungen in der politischen Kultur vorbereitet.
Das Thema Antisemitismus gehört für viele, auch bundesweit tätige Akteure im politischen Diskurs, in der Beratung,
in der Dokumentation und in der Bildungsarbeit zu angestammten Arbeitsbereichen. Das existierende breite Spektrum
voneinschlägigausgewiesenenTrägerngehtnichtzuletztaufdieseit2003erfolgteöffentlicheFörderungdurchdas
Landesprogramm gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zurück.
28
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Zur Bearbeitung der Forschungsfragen wurde in folgender Weise verfahren: In einem ersten Schritt wurde eine Akteurs-
liste erstellt. Sie enthält in drei Abteilungen die genauer untersuchten Akteure, die sich in Berlin im Untersuchungs-
zeitraum(2010bis2013)inbesondererWeisemitdemThemaAntisemitismusbefassen.Aufgenommenwurdenals
Typ 1 Senatsverwaltungen und die ihnen nachgeordneten Behörden, darunter insbesondere die der Inneren Sicherheit
(PolizeiundVerfassungsschutz).ZudiesenimweiterenSinnestaatlichenAkteurengehörenauchdieBildungs-unddie
Jugendverwaltung.ZuTyp2wurdenjüdischeOrganisationeneinschließlichjüdischerSchulengerechnet,diepotentiell
vonAntisemitismusBetroffenerepräsentieren,undzuTyp3Nichtregierungsorganisationen,freieTrägerundandere
AnbietervoneinschlägigenBildungsangebotenzumThemaAntisemitismusinSchule,JugendhilfeundErwachsenen-
bildung. Diese Liste umfasst insgesamt 43 Akteure. Nicht berücksichtigt wurde der Bereich der Wissenschaft (dessen
Erkenntnisse,insofernsiehierrelevantsind,natürlicheinflossen),allgemeinpolitischeAkteure(darunterpolitische
ParteienundStiftungen),bundesweitagierendeOrganisationenohnespezifischenBerlinbezugundsolcheBildungsan-
bieter, für die Antisemitismus lediglich ein Thema innerhalb eines breiten Spektrums ist.
DieseAkteurewurdenperE-MailnachihrerBereitschaftzueinemInterviewzumThema„AntisemitismusinBerlin“ge-
fragt.EinkleinerTeilwardazunichtbereit.DafürwurdenverschiedenenGründeangegeben:InnerhalbderVerwaltungen
wurde von der Leitungsebene auf nachgeordnete Dienststellen bzw. freie Träger verwiesen, die aufgrund ihrer jeweiligen
PraxiseinehöhereKompetenzhätten.EinigefreieTrägerrechnetendasThemaAntisemitismus–entgegenunseren
Annahmen – nicht oder nicht mehr zu den eigenen Schwerpunkten. Wiederum andere hielten es mit ihrem eigenen Rol-
lenverständnis für unvereinbar, zum Thema Antisemitismus Stellung zu nehmen. Die Gesamtzahl der Akteure, die für
Interviews zur Verfügung standen, verringerte sich dadurch um zehn auf 33.13Mit29Vertreter/innenderverbliebenen
Akteure wurden Interviews geführt. Davon waren fünf telefonische Kurzinterviews. 24 Interviews wurden persönlich ge-
führt und – bis auf eines – ganz oder teilweise aufgezeichnet. Die Interviews wurden auf Basis eines Leitfadens zwischen
dem4.6.unddem15.10.2013durchgeführt.Methodologischhandeltessichdabeiumleitfadengestütztequalitative
Expert/inneninterviews(vgl.Hopf2000;Meuser/Nagel2009;2011).DieInterviewswurdeninsofernteilstandardisiert
geführt, als die Befragten alle zu den gleichen Themen befragt und dabei teilweise auch die gleichen Fragen verwendet
wurden.DieInterviewsdauertenzwischen60und90Minuten.DieAufzeichnungenwurdenvollständigtranskribiert.
Dabei wurden alle Personennamen durch Symbole ersetzt und andere Wiedererkennungsmarker, beispielsweise sprach-
licheAuffälligkeiten,ausgeglichen,umeinegrößtmöglicheAnonymisierungderInterviewszuerreichen.
Für die 43 Akteure des Ausgangssamples wurde im Internet systematisch nach Dokumenten recherchiert, die Aufschluss
zu der jeweiligen Perspektive und der Bearbeitung des Themas Antisemitismus geben. Die Interviewten wurden überdies
nach zentralen Dokumenten ihrer Arbeit gefragt. Für 25 Akteure wurden auf diesen beiden Wegen thematisch relevante
Dokumente aus dem Untersuchungszeitraum ermittelt. Dabei handelte es sich um Fachpublikationen zum Thema, päd-
agogische Konzepte, Selbstdarstellungen, Stellungnahmen bzw. Presseerklärungen oder Ankündigungen von Veranstal-
tungen. Für die einzelnen Akteure wurde die Zahl der Dokumente auf vier thematisch besonders ausgewiesene begrenzt;
damitwargewährleistet,dassjährlichpublizierteBerichte(etwa:Verfassungsschutzberichte,Schattenberichte)fürden
gesamten Untersuchungszeitraum einbezogen werden konnten. Um das Material in zeitlicher Hinsicht zu begrenzen,
wurdenAkteureundihreTextproduktionnurfürdenZeitraum2010bis2013indenBlickgenommen.DieserZeitraum
wirdals„erweiterteGegenwart“behandeltwieeinZeitpunkt;EntwicklungeninnerhalbdieseskurzenZeitraumswerden
nicht berücksichtigt.
13 Die Brisanz des Themas ist auch daran ersichtlich, dass einige Akteure nur zögerlich teilnehmen wollten, denn es gab durchaus Sorgen über die – politisch
möglicherweisefolgenreichen–ErgebnisseundihreVerwendung.
3 Design und Methoden
29
Antisemitismus als Problem und Symbol — Design und Methoden
Die Interviewtranskripte und die Dokumente wurden als digitale Dateien zu einer projektbezogenen sogenannten „Her-
meneutischenEinheit“innerhalbderqualitativenDatenanalysesoftware„Atlas.ti“zusammengefasst.AufGrundlage
einerEinteilunginviergroßeThemenbereiche(AusmaßundArtvonAntisemitismus,KonzepteundKategorieninder
BeobachtungvonAntisemitismus,AuseinandersetzungmitAntisemitismusundRahmenbedingungendieserArbeit)
wurden alle Transkriptionen und ein Teil der Dokumente codiert. Die allermeisten Kategorien wurden im inhaltsana-
lytischenAuswertungsprozessausdemMaterialselbstgeneriert(opencoding);andereergabensichdirektausden
Fragestellungen des Projektes.
In der Darstellung wird in folgender Weise auf die Transkriptionen und Dokumente verwiesen: „I“ steht für „Interview-
transkript“,„D“für„Dokument“.EsfolgtdanndieNummer,unterderdiebetreffendeDateiinnerhalbderHermeneu-
tischenEinheitdesProgramms„Atlas.ti“verzeichnetist(alsobspw.„I30“,„D15“).EckigeKlammernindenzitierten
TextenstammenvondenAutor/innenderStudieundenthaltenAuslassungszeichenoderErläuterungen.Satzabbrüche
in den Interviews werden mit „//“ gekennzeichnet. Die Zitate aus den Materialien sind typographisch vom Haupttext
abgesetzt. Sie wurden teilweise redaktionell bearbeitet, um die Lesbarkeit zu erhöhen.
30
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Antisemitismus wird weithin als relevantes Problem unserer Gesellschaft gesehen – auch in Berlin. Man kann sogar
von einem relativen öffentlichen Konsens in dieser Frage ausgehen. Hinter diesem allgemeinen Konsens verbergen sich
jedochimEinzelnenhochgradigdivergente konkrete Problemsichten. Dies liegt einerseits am unbefriedigenden Stand
gesicherten(systematischwissenschaftlicherhobenen)WissensüberErscheinungsformenundAusmaßderVerbrei-
tung von Antisemitismus. Andererseits resultieren die Sichtweisen aus unterschiedlichen institutionellen Logiken und
inhaltlich-programmatischen Anliegen der unterschiedlichen Akteure im Themenfeld.
DiesesKapitelsolldieverschiedenenEinschätzungenzuVorkommenundAusmaßvonAntisemitismusinBerlindarstel-
len, die von den untersuchten Akteuren formuliert werden. Wir unterscheiden vier grundlegende Typen oder Qualitä-
ten von erfahrungsgesättigten Problemeinschätzungen zu Vorkommen und Ausmaß von Antisemitismus in Berlin. Sie
dienenunterschiedlichenZweckenundhabenjeweilseigeneDatenarten,ErhebungsmodiundBeobachtungsfelderzur
Grundlage.SieallewerdenjedochindenöffentlichenDiskursimmerwiederalsIndikatoren für das Ausmaß von Antise-
mitismus insgesamt eingebracht;siewerdendeshalbhiergleichrangigdargestellt,auchwennsieimEinzelnenwegen
ihrerdivergierendenZweckbestimmungenundKonstruktionslogikennursehrbedingtvergleichbarsind.Eshandeltsich
imEinzelnenum:
• Deliktstatistiken des Kriminalpolizeilichen Meldedienstes beim Landeskriminalamt („Politisch motivierte Kriminali-
tät“,kurzPMK),dieantisemitischeStraftatenverzeichnen
• Chroniken und Sammlungen antisemitischer Vorfälle
• Selektive Feldbeobachtungen,insbesondereimRahmenvon(sozial-)pädagogischerArbeitund(Opfer-)Beratung
• SichtweisenvonJüdinnenundJudenalsunmittelbarundpotenziellvonAntisemitismusBetroffenen
DieOrdnungfolgteinerIdealtypisierung,dennzwischenallenBereichengibtesInformationsaustauschundeinzelne
Akteure und ihre Tätigkeiten sind mehreren Bereichen zuzuordnen.
4.1 Polizeiliche Deliktstatistiken
PolizeilicheDeliktstatistiken,dieauchantisemitischeStraftatenerfassen,werdenbeimLandeskriminalamt(LKA),wel-
ches generell für politische Kriminalität zuständig ist, erstellt (Kriminalpolizeilicher Meldedienst – politisch motivierte
Kriminalität,KPMD-PMK).DasLKAverfügtübereineigenesReferat,dasfürdiestatistischeErfassungzuständigist.14 Im
Untersuchungszeitraum2010bis2013bewegtesichdieZahlderantisemitischmotiviertenDeliktezwischenminimal129
(2011)undmaximal208(2012).Diesehaben–imEinklangmitderbundesweitenTendenz(ExpertenkreisAntisemitismus
2011)–inweitüberwiegenderZahleinenrechtsradikalenHintergrund.ImgesamtenZeitraumkameszukeinerleials
terroristischklassifiziertenDeliktenundnurzuvereinzeltenGewaltdelikten.DasGrosmachenPropagandadelikteaus,
insbesondereFällevonVolksverhetzung(vgl.dazuAbschnitt2.3.1).
14 DiefolgendeDarstellungbeziehtsichaufdiezitiertenVeröffentlichungen,einInterviewmitMitarbeiter/innendesfürdiestatistischeErfassungzuständigen
Referats(I78)sowieaufdievomLKAzurVerfügunggestelltendetailliertenstatistischenAufschlüsselungenderKPMD-PMK(D1,D2).
4 ErfassungvonAntisemitismus:
Herangehensweisen und Befunde
31
Tabelle 1: Antisemitische Straftaten15
Die PMK-Zahlen erscheinen als einzige „belastbare“ Statistik zum Ausmaß zumindest derjenigen antisemitischen Phä-
nomene, die justiziabel sind. Als einziger Quelle objektivierter Daten kommt der PMK eine große Bedeutung für die
öffentlicheWahrnehmungvonAntisemitismuszu.UmdievorliegendenZahlenjedochrichtigeinzuschätzen,istes
wichtig nachzuvollziehen, in welcher Weise sie zustande kommen. DazusinddaspolizeilicheKlassifikationssystem(vgl.
denfolgendenExkurs)sowiediekonkreteAufnahme-undZuordnungspraxis genauer zu beleuchten.17
ViergrundsätzlicheProblemewerdendeutlich:(1)dieHellfeld-Dunkelfeld-Problematik,(2)dieBeschränkungaufsog.
Zähldelikte,(3)dasProblemderMotivklärungundschließlich(4)diePraxisderZuordnungderFällezudenKategorien
derStatistik.DieseausderStrukturdergeltendenPMK-StatistikunddergegenwärtigenPraxisderStatistikpflegere-
sultierenden Probleme können zu einer systematischen Unterschätzung von Antisemitismus beitragen, wenn man das
von der polizeilichen Statistik gezeichnete Bild als Abbild der Realität missversteht.18
15 Quelle: vom LKA zur Verfügung gestellt; es gibt geringfügige Abweichungen der hier feinaufgeschlüsselten Daten zu den Angaben im jeweiligen Verfas-
sungsschutzbericht, die aber in der Ausgabe des jeweiligen Folgejahres auch korrigiert wurden. Dies hat seine Ursache wahrscheinlich darin, dass die PMK
jederzeit aktualisiert werden kann, bspw. je nach Ausgang eines Verfahrens, welches eine nachträgliche Neubewertung erfordert. Diese prinzipiell bestehen-
de Möglichkeit wird de facto aber fast nicht genutzt.
16 Diesbeziehtsichfastausschließlichauf§130StGB(Volksverhetzung).
17 DieUnterscheidungreflektierteinenDoppelcharakterderPolizei.DieseistalsOrganisationdurchGesetze,Einsatzleitlinienundbspw.interneDefinitions-
systemeformal-bürokratischstrukturiert(Polizeikultur).AndererseitsgibtesinderInstitutioneinalltäglichesHandelninhabitualisiertenRoutinenundoft
gruppennormgeprägten Interaktionen (Polizistenkultur oder cop culture),vgl.dazuBehr(2000;2003).
18 „DieKriminal-undStrafrechtspflegestatistikenmessen(…)jeweilsdieErgebnissederTätigkeitundderSachverhaltsbewertungvonPolizei,Staatsanwalt-
schaftoderGericht.SiegebenalsTätigkeitsnachweiseAufschlussüberdieindeneinzelnenAbschnittendesStrafverfahrensstattfindendenRegistrierungs-,
Definitions-undAusfiltrierungsprozesse.“(Heinz2004:385).
Antisemitismus als Problem und Symbol — Erfassung von Antisemitismus
Deliktqualität 2010 2011
Gesamt
Rechts
Ausländer
Sonstige
Gesamt
Rechts
Ausländer
Sonstige
Terrorismus --------
Gewalt 41303120
Propaganda 23 23 0 0 21 20 10
Sonstige Delikte15 121 108 58105 9384
Gesamt 148 132 8 8 129 114 11 4
Deliktqualität 2012 2013
Gesamt
Rechts
Ausländer
Sonstige
Gesamt
Rechts
Ausländer
Sonstige
Terrorismus -- - - ----
Gewalt 63 3 087 1 -
Propaganda 29 28 1040 37 3 -
Sonstige Delikte15 173 167 4 2 144 131 85
Gesamt 208 195 8 2 192 175 12 5
32
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Exkurs:DasKlassifikationssystemKPMD-PMK
DieEinordnungvon DeliktenimKriminalpolizeilichenMeldedienst (KPMD)folgtdendurch dasBKAzentralzur
Verfügunggestellten„InformationenzumpolizeilichenDefinitionssystemPolitischmotivierteKriminalität(PMK)“,
welchessichinseinenZuordnungenvonderallgemeinenPolizeilichenKriminalstatistik(PKS)unterscheidet.Eser-
fasstDeliktemit(1)politischenZielen,(2)gegendiefreiheitlich-demokratischeGrundordnungoder(3)auswärtige
BelangederBRDgerichteteund(4)gegenPersonen/Institutionen/ObjekteaufgrundeinerGruppenzugehörigkeit
gerichteteDelikte.Unterschieden werdenfünfKlassifikationsdimensionen:Deliktsqualität (Terrorismus,Gewalt,
Propagandadelikte, Sonstiges), Themenfeld (Hasskriminalität - darunter: Fremdenfeindlichkeit und Antisemitis-
mus,Kernenergie,Separatismus,weitere),Phänomenbereich(links,rechts,Ausländerkriminalität,sonstige/nicht
zuzuordnen),internationaleBezüge(Herkunfts-oderBezugsland),extremistischeKriminalität(gegendieVerfas-
sungsordnunggerichteteKriminalität?).Hervorzuhebenistferner,dassderGewaltbegriffimDefinitionssystemPMK
weitergefasstistalsinderPolizeilichenKriminalstatistik(PKS),inderdienichtalspolitischgeltendenStraftaten
erfasstwerden(Singer2004:35).
4.1.1 Hellfeld-Dunkelfeld-Problematik
Grundsätzlich erfassen polizeiliche Statistiken nur das so genannte Hellfeld der Kriminalität, also diejenigen Straftaten,
diederPolizeizurKenntnisgelangen–seiesdurchAnzeigenoderdurchErmittlungstätigkeit.Demgegenübersteht
das so genannte Dunkelfeld, also diejenigen Straftaten, die zwar verübt, aber nicht erfasst werden. Generell und delik-
tunabhängiggilt,dassbeispielsweisenichtalleOpferAnzeigeerstattenoderdasseineAnzeigeausbleibt,weilbspw.
einPropagandadeliktkeinkonkretes(personales)Opferhat.ImkonkretenThemenbereichgibtesdeutlicheHinweise
aufeinerheblichesDunkelfeld.Interviewpartnerverwiesenbeispielsweisedarauf,dassOpferantisemitischerÜbergriffe
bewusstaufAnzeigenverzichteten(I95).AlsGründewurdenunteranderemDrohungenderTäter(insbesondereim
BereichFußball)benannt,dieBetroffenevomGangzurPolizeiabhielten.Andererseitsstellenmöglicherweiseauch
KompetenzenundthematischeSensibilitätbeiderPolizeieinProblemdar.EinErfassenantisemitischerSinngehalte
istgeradebeiSymbolenausländischerOrganisationenundnichtdeutschsprachigenÄußerungen/Slogansusw.proble-
matisch.VonInterviewtenwurdeauchdieBeobachtunggeäußert,dassOpferantisemitischerÜbergriffesichnichtan
OpferberatungsstellenoderSicherheitsorganewenden,sonderneherandiejüdischeGemeinde(I92,I93).DerPolizei
wirdvonzivilgesellschaftlichenBefragtenteilweisemangelndeBereitschaftattestiert,dieOpferperspektiveundjeweilige
rassistische/antisemitischeHintergründeernstzunehmen(vgl.u.a.Mendelsohn2013).AndersalsinanderenBundes-
länderngabesinBerlinaberschonmehrereeinschlägigeSchulungenüberErscheinungsformenvonAntisemitismusfür
Polizeiangehörige und es wurde auch wachsende Sensibilität konstatiert.
An dieser Stelle können keine Mutmaßungen über die Größe des Dunkelfeldes angestellt werden. Sehr verschiedene
FaktorenbeeinflussendessenAusmaß(unteranderemSchweredervorkommendenDelikte,BeziehungzwischenTäter
undOpfer,Unterstützungserwartung,vgl.Köllisch2004).IndizienfürdieGrößedesDunkelfeldesliefernunteranderem
BefragungenvonTäter/innenundOpfern(Dörmann2004:9ff.).FürBerlinliegthierkeineStudievor.19 Zusammenfas-
send kann konstatiert werden, dass die Gesamtzahl tatsächlich verübter antisemitischer Straftaten wohl deutlich über
dem in der PMK statistisch erfassten Ausmaß liegt.
4.1.2 Beschränkung auf Zähldelikte
In der PMK wird jeder Vorfall nur über ein einziges so genanntes Zähldelikt erfasst. Dies bedeutet, dass im Fall von Tat-
einheit(beispielsweiseeinesPropagandadeliktsundeinerKörperverletzungundgegebenenfallsweitererStraftaten)nur
ein einziges Delikt in der Statistik berücksichtigt wird. Als Zähldelikt gilt die Straftat mit der höchsten Strafandrohung;
alleweiterenDeliktewerdennichtstatistischerfasst.EineVorstellungvomtatsächlichenquantitativenundqualita-
tiven Charakter der verzeichneten Vorgänge „hinter“ dem Zähldelikt ist somit polizeistatistisch ausgeschlossen. Die
PMKliefertdamitstrukturellkonservativeEinschätzungen,Wertealso,diedasAusmaßvonAntisemitismustendenziell
verkleinern.DieswirdinsbesonderevonOpfervertretungenkritisiert.20
19 AktuelleZahlenzujüdischenAntisemitismuswahrnehmungenundViktimisierungserfahrungenlieferteineeuropaweiteStudieEuropeanUnionAgencyfor
FundamentalRights(FRA)(2013),vgl.kritischdazuKlug(2013b).
20 „DieStatistikzähltnurStraftatbestände–wennesfünfVerletztegibt,istdaseineTat“,soHelgaSeybvonReachOutinderTageszeitung„NeuesDeutsch-
land“(Mendelsohn2013).
33
Antisemitismus als Problem und Symbol — Erfassung von Antisemitismus
4.1.3 Problem der Motivklärung
„Antisemitisch ist der Teil der Hasskriminalität, der aus einer antijüdischen Haltung heraus begangen wird“ (Bundes-
kriminalamt,KommissionStaatsschutz2010:8).DiesesehrknappeBestimmungvonAntisemitismusimpolizeilichen
KlassifikationssystemschränktdasBeobachtungsfeldaufTatenein,dieauseinersubjektivantijüdischenHaltungheraus
begangen werden. Dies liegt im Strafrecht begründet, welches auf die Sanktionierung von Täterschaft und damit auf eine
individuelle Zurechenbarkeit ausgerichtet ist. Die Schwere der Schuld wird vor Gericht nicht zuletzt durch die Tatmotive
bestimmt. Allerdings besteht zu tatsächlichen Tatmotiven außer im Falle eines Geständnisses mit expliziter Motivangabe
keinZugang.NachAuskunftdesLKAwirddeshalbausdenUmständen(Zielobjekt/-person,Tat,Äußerungen,Erkennt-
nisseüberden/dieTatverdächtigen)vonpolizeilicherSeiteeinMotivkonstruiert.Esobliegtalsoderaufnehmenden
DienststelleeinHassmotivzukonstatieren.DamitoperiertmandichtanundwohlauchjenseitsderGrenzederObjek-
tivierbarkeit.21Zudemistentscheidend,obdaskonstatierteMotivtatauslösendist.EinejudenfeindlicheBeschimpfung
imRahmenbeispielsweiseeinesStreitsumeinenParkplatz,würdenichtohneweiteresalsantisemitischklassifiziert.
KategorialeZuordnungsproblemetretenauspolizeilicherSichtvorallembeiDeliktenauf,diesichaufdenNahostkonflikt
beziehen. Zwei Beispiele wurden im Interview als Grenzfälle genannt, bei denen man genau überlegen müsse, ob sie als
antisemitischzuklassifizierenseien:eindenHitlergrußzeigenderPalästinenserundderRuf„JudenrausausIsrael“22
4.1.4 Zuordnungspraxis
DieProblematikder(hypothetischen)Motivationsunterstellungwirdnochdadurchverschärft,dassdasgesamteKlas-
sifikationssystemundseineAnwendungvonkategorialenDisparitätengeprägtsind.
AmauffälligstenistdieProblematikderZurechnungzudenPhänomenbereichen,insbesonderebeiderKategorie„Aus-
länderkriminalität“. Diese Zuordnung erfolgt bei Nichtdeutschen und bei deutschen Staatsbürger/innen mit Migrati-
onshintergrund. Die Zuordnung zum Phänomenbereich rechts hingegen erfolgt quasi automatisch bei Verwendung von
BezügenaufdenNationalsozialismus(bspw.beiHakenkreuzschmierereienaufeinemjüdischenFriedhof).DiesePraxis
impliziert dass es für die PMK den Fall von rechtsextremen Migrant/innen nicht geben kann oder dass NS-Symbole nur
vonNS-affinenTatverdächtigenverwendetwerden.DiesübersiehtunteranderemdenallgemeinenDiffamierungs-
charakterentsprechenderSymboleundihrenmöglichenreinstrategischenEinsatz.DieseSituation,insbesonderedie
Zuordnung von Deutschen zum Bereich „Ausländerkriminalität“, ist aus der Sicht eines abstrakten (ohne Ansehen der
PersonanobjektivenTatbeständenorientierten)RechtsmitgrundgesetzlichgarantierterGleichheitallerStaatsbürger/
innen vor dem Gesetz problematisch. Denn es handelt sich bei der PMK ja nicht nur um eine – durch gewisse und teils
unvermeidlicheEinschränkungenbeeinträchtigte–schlichteStatistik,sondernumdasErgebniseinerKettevonObjek-
tivierungen auf Basis von teils recht vagen Zuschreibungen, das handlungsleitend ist und gesellschaftliche Diskurse
mitbestimmt.23
Während in der PMK grundsätzlich die weit überwiegende Zahl der als antisemitisch registrierten Delikte einem rechts-
radikalen Hintergrund zugeordnet wird, unterscheidet sich der registrierte Kreis der Tatverdächtigen im Bereich der
verzeichneten Gewaltdelikte. Dort überwiegen teilweise die der Kategorie „Ausländer“ zugerechneten Fälle diejenigen
mit rechtsradikalem Hintergrund. Dies ließe den Schluss zu, dass das Betätigungsfeld Rechtsradikaler sich besonders auf
Propagandadelikte konzentriert, während Gewaltdelikte, die allerdings insgesamt nur in sehr geringer Zahl vorkommen
(3-6proJahr)möglicherweiseehervonMigrant/innen(imSinnederStatistik)verübtwerden.Allerdingslässt,ganz
abgesehen von der oben kritisierten Zurechnungsproblematik, die geringe Gesamtzahl bei zudem im Verlauf sehr un-
gleicher Verteilung hier keinen gültigen Schluss zu; sie wirft vielmehr eine zukünftig weiter zu verfolgende Fragestellung
für die Forschung auf. Insgesamt liefern die polizeilichen Daten also bestenfalls schwache Indizien für eine relativ große
21 EsgibtfürdenFallderZuordnungsschwierigkeitenverwaltungsinterneVerfahren.IstdemrundumdieUhrbesetzenSteuerungsdienst,demdieEntschei-
dung über die Zuständigkeit des LKA (also über das Vorliegen einer politischenStraftat)obliegt,eineZuordnungnichtmöglich,sindjederzeitReferatsleiter
erreichbar.BeibestehendemZweifelentscheidetdiemorgendlicheRundederDezernats-undAbteilungsleiter.BehilflichbeiderKlassifikationistzudemein
Zuständigkeitssachregister, eine kleinteilige „deliktisch-phänomenologische“ Aufstellung. Doch für die Lösung des Motivunterstellungsproblems gibt es aus
prinzipiellen Gründen keine endgültige Lösung.
22 Dieswurdenichtnäherbegründet,esistaberanzunehmen,dassderBezugzumNahostkonfliktauchdiestrategischeVerwendungabwertenderRedeweisen
ohne antisemitische Gesinnung als Deutung nahelegt.
23 Dieser Umstand wurde auch im Zusammenhang mit den Debatten um die Statistiken zu rechtsextremen Tötungsdelikten betont: In der Großen Anfrage der
FraktionDieLinkeimDeutschenBundestag(BT-Drs.17/5303)heißtes:„DiePMKistdieGrundlagefürdieSensibilisierungderÖffentlichkeitfürGefähr-
dungslageninbestimmtenDeliktbereichen.“(BT-Drs.17/7161:3).
34
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
BedeutungmuslimischerodermigrantischerTatverdächtiger.InderöffentlichenBerichterstattungüberAntisemitismus
nehmen diese jedoch einen immer prominenteren Platz ein.
Resümierend lässt sich festhalten, dass die Statistik „Politisch motivierte Kriminalität“ nur sehr eingeschränkt geeignet
ist, Auskunft über die Verbreitung von Antisemitismus und seine Trägergruppen zu erteilen. Sie kann das polizeiliche
Hellfeld antisemitisch motivierter Straftaten erfassen und eventuell, wenn man ihre Konstruktionsprinzipien genau
kennt undeineKontinuitätinihrenZustandekommenunterstellt(dieallerdingsdurchdenEinflussaktuellerEreignis-
seundmedialerDebattenaufdiePolizeiarbeitnurbegrenztgegebenist),alsgroberIndikatorfürVeränderungenim
Zeitverlauf dienen. Für den von manchen Akteuren konstatierten steten Anstieg antisemitischer Vorfälle lässt sich mit
diesemHilfsmitteljedenfallskeinNachweiserbringen.ImGegenteil–nacheinemPeakumdasJahr2005verzeichnet
diePMKfürBerlineinenRückgangderDelikte,beiuneinheitlicherTendenz(vgl.Abbildung1).
SpezifischesWissenüberdieBesonderheitenderSituationinBerlinließesichauseinemVergleichmitanderenGroß-
städten oder mit der bundesweiten PMK-Statistik ziehen. Hierzu müssten jedoch die Delikte mit Bevölkerungszahlen,
Bevölkerungsstruktur,generellemDeliktaufkommenundweiterenFaktorenstatistischinBeziehunggesetztwerden;
außerdemgälteessicherzustellen,dassdieErfassungbeidenjeweiligenPolizeistellenidentischvonstattenginge.Dies
kannindieserUntersuchungnichtgeleistetwerden.WirhabenjedochkursorischdieEntwicklungderDeliktziffernBerlins
mit Bremen, Hamburg und der Bundesstatistik verglichen. Hier fällt insbesondere auf, dass alle Verläufe einen Tiefpunkt
imJahr2011mitanschließendemerneutenAnstiegaufweisen.DasDeliktaufkommeninBerlinist5-7malhöherals
beispielsweise in Hamburg, das lediglich etwa die Hälfte der Bevölkerung Berlins aufweist.
Abbildung 1: Antisemitische Delikte in Berlin 2003-2012 (Quelle: LKA/KPMD-PMK)
400
350
300
250
200
150
100
50
0
2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013
gesamt AusländerRechts Linksnicht zuzuordnen
35
Antisemitismus als Problem und Symbol — Erfassung von Antisemitismus
4.2 Antisemitismus-Monitoring: Register und Chroniken
EinenzweitenTyprelativkontinuierlicherfassterDatenzumVorkommenvonAntisemitismus(undanderem)bietenver-
schiedene Sammlungen von Vorfällen, Register oder Chroniken. Sie ermöglichen ein mehr oder weniger kontinuierliches
Monitoring antisemitischer und anderer diskriminierender Vorkommnisse, auch und gerade solcher, die unterhalb der
Strafbarkeitsschwellebleiben.DiebegrifflicheBasisderErfassungistbeidenmeisteneinsehrweitesKonzeptvonAn-
tisemitismus, das beispielsweise hinsichtlich des Schweregrads und der erfassten Handlungsebenen von so genanntem
Alltagsantisemitismus und „Verbalantisemitismus“24bishinzukörperlichenAngriffenreichtundsichdamitgrundlegend
vom zuvor dargestellten und deutlich engeren polizeilichen Raster unterscheidet. Auch diese Chroniken bieten jedoch
keineswegs ein vollständiges Abbild des gesellschaftlichen Vorkommens antisemitischer Phänomene, weil sie zum Teil
nur in einigen Stadtbezirken geführt werden und sehr stark von Informationsbereitstellung durch verschiedene Zuträ-
ger/innen,nichtzuletztderallgemeinenBevölkerung,abhängigsind.EinesystematischeundeinheitlicheErfassung
ist auf diese Weise nicht möglich. Die verschiedenen Stellen, die Chroniken erstellen, sind untereinander vernetzt und
tauschenInformationenüberVorfälleunddieArtihrerErfassungaus;sieversuchen,dieBarrierenfürdieMeldungvon
Vorfällen möglichst gering zu halten bzw. ergänzen diese zusätzlich durch eigene Recherchen. Deswegen bieten ihre
DarstellungenvorallemeinenEinblickindieBreitedesSpektrumsantisemitischerundandererVorfälle.
4.2.1 Registerstellen
Die Berliner Register haben den Zweck rechtsextreme, rassistische, antisemitische, homophobe und vergleichbare Vorfäl-
le in den Berliner Bezirken zu dokumentieren.25SosolleneinerseitsdiskriminierendeHandlungenundAngriffebekannt
werden, auch wenn sie nicht polizeilich erfasst/bearbeitet werden, und zugleich sollen sie der Sensibilisierung für die
verzeichneten Problematiken dienen. Das Besondere der Registerstellen ist ihre lokale Verwurzelung. Fest etablierte
RegisterstellengibtesbisherallerdingsnurindenöstlichenBerlinerBezirken,wenngleicheineErweiterungauchaufden
Westteil der Stadt begonnen wurde.26 Was letztlich im Register für den Bezirk zusammenläuft, kann von Bürger/innen
an verschiedenen, dezentralen Stellen oder telefonisch gemeldet werden. Die Dokumentation der Vorfälle erfolgt vor
allem als Chronik. Diese verbindet eine meist knappe Beschreibung der Vorfälle mit der Nennung des jeweiligen Datums
unddesOrtsdesGeschehens.TeilweisesinddieVorfälleauchaufinteraktivenKartenimNetzzuverorten.Zumanderen
erfolgt eine jährliche statistische Zusammenfassung, welche nach Art (bspw. Sachbeschädigung, Pöbelei/Beleidigung,
Angriff,Veranstaltung)undInhalt(insbesonderegegenwelcheGruppesichderVorfallrichtet,bpsw.:Rassismus,Anti-
semitismus,Islamophobie)dererfasstenVorfälledifferenziert.EinenumerischeAuflistungliegtabererstfürdasJahr
2013fürallezudiesemZeitpunktbestehendenRegistervor;fürdieVorjahrebestehengrößereLücken.27 Dies soll sich
in Zukunft ändern. Die einzelnen antisemitischen Vorfälle umfassen ein großes Spektrum, wie die folgende Zitate aus
denRegisterchronikenbeispielhaftverdeutlichen(D31;D32;I109):
- „In der Scheiblerstraße in Baumschulenweg wird eine mit blauem Lack aufgetragene Schmiererei an einer Telefonzelle
entdeckt.Sielautet“FuckCops/Juden”.EswurdeAnzeigeerstattet.“(14.6.2013)
- „Die Wohnungstür einer Frau, die sich in einer Initiative für Stolpersteine in Berlin engagiert, wird in der Nacht mit
einerantisemitischenParolebeschmiert.IhrBriefkastenwirdmiteinemFeuerwerkskörpergesprengt“(13.5.2013)
- „EinMannwirdinderMeranerStraßegegen6.30UhrvonzweiunbekanntenMännernantisemitischundhomophob
beleidigt,angegriffen,dadurchverletzt,undberaubt“(13.3.2013)
24 Bei„Verbalantisemitismus“(Schwarz-FrieselundReinharz2013)handeltessichumeinerelativunspezifischeSammelkategorie,dieKommunikationensehr
unterschiedlichenCharakters(insbesondereinderAnalysevonMedien,InternetforenundBriefzuschriften)erfasst.Darunterfallenaggressiveundwelt-
bildhafteantisemitischePamphleteebensowiePositionen,dielediglichuntereinenreinformellenundextremweitgefasstenBegriffvonAntisemitismus
subsumiertwerdenkönnenundteilweiseauchnichtantisemitischbegründeteKritikenanIsraelsPolitikundoppositionellePositionenzudemVerpflich-
tungsverhältnisderBundesrepublikgegenüberIsrael.„Alltagsantisemitismus“istebensoeineKategorieausderPraxis,die,ohnedieEinschränkungauf
verbale Vorkommnisse, die leichten, fragmentarischen, weniger ausgeprägten Formen antisemitischer Phänomene erfasst. Darunter fallen beispielsweise
dieBekundungeinersozialenDistanzzuJüdinnenundJudenoderbestimmteRedensarten(wie„Jude“alsSchimpfwort).
25 EineausführlicheDarstellungderBerlinerRegisterfindetsichaufderSeitederOpferberatungsstelleReachOut:http://www.reachoutberlin.de/index.php?m
odule=htmlpages&func=display&pid=11&cm=4&cb=8[2014-01-28]undinderBroschüre„DieBerlinerRegister“(RegisterBerlin2013).
26 DerSenatunterstütztdiebezirklicheEinrichtungvonRegisterstellenfinanziell.BegonnenhatdieArbeitindenwestlichenBezirkenCharlottenburg-
WilmersdorfundNeuköllnsowiezusätzlichdemOst-West-BezirkFriedrichshain-Kreuzberg.NeuerdingsstehtaucheineMitarbeiterinmit10Stunde/Woche
zur Koordinierung der Berliner Register zur Verfügung. Dies soll in näherer Zukunft sicherstellen, dass in allen Bezirken Registerstellen aufgebaut und
koordiniertwerden,ihreKategorienschemataangeglichenwerdenundsomiteineErfassungfürganzBerlinmöglichist.
27 Deswegen wird hier auf eine Präsentation der wenig aussagekräftigen Zahlen verzichtet.
36
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
- „Ein43-jährigerMannwirdinderJVAPlötzenseeamFriedrich-Olbricht-Dammgegen19.55Uhrvonzwei25-jährigen
MännernaufgrundseinesjüdischenGlaubensmiteinemWassereimerattackiertundverletzt“(19.3.2013)
- „NachdemeineMarzahn-HellersdorferEinrichtungam29.11.2012zweiStolpersteine(zurErinnerunganzweiim
Konzentrationslager Theresienstadt ermordete Jüdinnen in einer Marzahner Straße verlegt hatte, wurde in der Nacht
vom6.aufden7.12.2012einDavidsternandieEingangstürderEinrichtungaufgesprüht“(18.12.2012)
- „EinFußballfanäußerteineinemRegionalzugamOstkreuz‚Deutschewehrteuch,kauftnichtbeiJuden‘“(26.9.2012)
- „Rund um die Haltestellen von Bus und Straßenbahn in der Pietschkerstraße in Johannisthal wurden zahlreiche
AufkleberderJNangebracht.ThemenwarenunteranderemSolidaritätmitPalästinaundHeimatschutz“(4.7.2012)
- „In der Bergmannstr. wurde ein Wahlplakat einer SPD-Kandidatin, die jüdischen Glaubens ist, mit einem Davidstern
beschmiert“(28.08.2011)
- „Am27.Augustbeteiligtensichca.800Personen,unterihnenIslamistInnen,türkischeFaschistenundantiimperische
Linke an dem antisemitischen Marsch zum „Al-Quds”-Tag. Die Teilnehmer zeigten eine Fahne der Terrororganisation
HizbollahundzeigtenantisemitischeSchilder.AnGegenprotestenbeteiligtensichca.350Menschen“(27.8.2013)
4.2.2ChronikantisemitischerAngriffe(ReachOut)
EineweitereChronikführt„ReachOut–BeratungsstellefürOpferrechter,rassistischerundantisemitischerGewalt“.
AndersalsdieRegisterstellen,verzeichnetdieChronikentsprechenddesspezifischenArbeitsgebietesvonReachOut
nursogenannte„Angriffe“undnichtbspw.reinePropagandavorfälle.IndieChronikgehenPolizeimeldungen,Presse-
berichte,VorfälleausdenRegisterberichtenunddirektderOrganisationzugänglichgemachteBerichteausersterHand
ein.Sieistonlineverfügbar(inJahreszusammenfassungenseit2005undmitjeweilsaktuellemStanddeslaufenden
Jahres).ErgänztwirddieChronikdurcheineOnline-Karte,aufderdieOrtederVorfälleverzeichnetsindundeineauch
inBuchformpublizierteAusstellungderfotografiertenTatorte.DievonReachOuterstelltenChronikensindwiederum
auch eine wichtige Quelle für die „Berliner Zustände“, einen sogenannten „Schattenbericht über Rechtsextremismus und
Rassismus“,dervonderMobilenBeratungsstellegegenRechtsextremismus(MBR)unddemapabize.V.herausgegeben
wird. Dieser jährliche Bericht verbindet aktuelle Analysen in Aufsatzform mit der Verbreitung der jährlichen Chronik.
Die Chronik leistet gerade in Verbindung mit den Hintergrundberichten, die gelegentlich auch einzelne Vorfälle genauer
beschreiben,etwas,waskeineStatistikkann:sievermittelneinenEindruckvonderkonkretenWirklichkeitderAn-und
Übergriffe,insbesondere,wassiefürdieOpferbedeutenkönnen.DamitwirdeineEbeneöffentlichzugänglich,diein
abstrakten Statistiken nicht eingefangen werden kann. Antisemitische Vorfälle spielen in der Chronik im Vergleich zu
rassistischen oder homophoben Vorfällen allerdings eine untergeordnete Rolle.
EineStärkederChronikvonReachOutliegtinderSpezifitäthinsichtlichdererfasstenPhänomene,dieals„Angriffe“
bezeichnet werden, also Gewalt gegen Personen und Sachen. Doch auch sie erlaubt keine verlässlichen Rückschlüsse
aufdastatsächlicheAusmaßoderdiequantitativeEntwicklungvonantisemitischmotivierterGewalt.Dieentscheiden-
deFunktionliegtvielmehrinihremVerdeutlichungscharakter,derdieExistenzantisemitischerGewalt,soweiterfasst,
skandalisierbar macht.
Jahr 2010 2011 2012 2013
Gesamt 109 158 139 185
Tatmotiv
antisemitisch 8568
Tabelle 2: ReachOut-Chronik, 2010-2013 (Quelle: Koordinierungsstelle Berliner Register und ReachOut 2014)
37
Antisemitismus als Problem und Symbol — Erfassung von Antisemitismus
4.2.3 Berichte des Verfassungsschutzes
Auch der Verfassungsschutzbericht informiert regelmäßig über Antisemitismus. Antisemitismus bezeichnet kein eigen-
ständigesBeobachtungsfeldderBehörde(vgl.Abschnitt2.3.1),sonderneinezentraleDimensionderals„extremistisch“
eingestuften beobachteten Aktivitäten.28FürquantitativeEinschätzungengreifendieVerfassungsschutzberichteauf
dieZahlendespolizeilichenStaatsschutzeszurück.DiequalitativenEinschätzungendesVerfassungsschutzesbasieren
allerdings auch auf darüber hinaus gehenden eigenen Informationen: Die Feldbeobachtung erfolgt anhand der Auswer-
tungöffentlichzugänglicherQuellensowiemitgeheimdienstlichenMitteln;MethodenundErgebnisseentziehensich
im letztgenannten Fall einer unabhängigen Nachprüfbarkeit.
DerBerlinerVerfassungsschutzdefiniertAntisemitismusals„einebesondereFormdesRassismus[…]Darunterversteht
man die Feindschaft gegenüber den Juden als Gesamtheit aufgrund stereotypischer rassistischer, sozialer, politischer
und/oderreligiöserVorurteile.“(SenInnSport2012:189).ImVerfassungsschutzberichtfürdasJahr2013wirddiese
DefinitionumeineempirischeBeobachtungergänzt:„RegelmäßigwerdendieseVorurteileauchmitKritikamStaat
IsraelundseinerPolitikverbunden.“(SenInnSport2014:76,Anm.43,Internet-Version).
Antisemitismus wird im Untersuchungszeitraum bei extremistischen Akteuren aus den Bereichen „Islamismus“ und
„Rechtsextremismus“verzeichnet:NamentlichaufgeführtwerdeneinzelneislamistischeOrganisationenundihreRe-
präsentanten,dieinöffentlichenRedenimInlandantisemitischeKlischeesverwendenoderdenHolocaustleugnen.
DargestelltwirddarüberhinausdasWirkenvonislamistischenOrganisationen,dieüberimAuslandbetriebeneFern-
sehsender Tötungsaufrufe und antisemitische Hetze verbreiten.
AntisemitismusgehörtkonstitutivzurIdeologietraditionellerrechtsextremerOrganisationenundBewegungen.Ebenso
wird über einzelne rechtsextreme Musikbands mit antisemitischen Texten berichtet. Die NPD formuliere ihre antisemi-
tische Position in den letzten Jahren stärker als eine Kritik an Israel. Antizionismus werde von der NPD als Tarnung für
Antisemitismusverwendet(SenInnSport2012:220).AntisemitischePositionenfindensichdanebenauchindersog.
„Reichsbewegung“undbeirechtsextremenMusikbands(SenInnSport2013:95).
DiemitderEntstehungder„Pro-Bewegung“verbundeneFrontstellunggegendenIslamundeineangeblicheIslamisie-
rungEuropashabenzueinerBeobachtungvonrechtspopulistischenAkteurendurchdenVerfassungsschutzgeführt.
Der Verfassungsschutz bewertet Teile dieser Bewegung als rechtsextremistisch. Sie unterscheiden sich von traditionellen
rechtsextremen Akteuren nicht zuletzt dadurch, dass sie ein prinzipiell positives Verhältnis zu Israel als vermeintlichen
Bündnispartner im Kampf gegen eine konstatierte „Islamisierung“ einnehmen und Antisemitismus keine systematische
Funktion in ihrer Weltanschauung hat.29 Dies führe zu neuen Kontroversen um die Bedeutung des Antisemitismus für
das eigene Selbstverständnis innerhalb des rechtsextremen Spektrums.
DieVerfassungsschutzbehördeistgesetzlichverpflichtet,ihreBeobachtungsschwellehöheranzusetzenalsdiesbei
zivilgesellschaftlichen Akteuren der Fall ist. Werden die gesetzlichen Vorgaben eingehalten, so werden keine antisemiti-
schen Gesinnungen und okkasionelle antisemitische Äußerungen registriert; statt dessen hat sich die Behörde in ihren
Beobachtungen auf Fakten und gerichtlich überprüfbare Anhaltspunkte für politisch motivierte und zielgerichtete Ge-
fährdungen der rechtlich-politischen Grundordnung zu beschränken. Das bedeutet, dass Antisemitismus als explizierte
Ideologie und politische Programmatik von Akteuren in den Blick kommt, die organisiert sind, eine gewisse zeitliche
Beständigkeit aufweisen und sich selbst als politische Akteure mit einer entsprechenden Zielsetzung verstehen und
darstellen.ImUntersuchungszeitraumtreffendieseKriterien–wieobengezeigt–aufeinigewenigeislamistischeund
rechtsextremeOrganisationenzu.AntisemitismusalsIdeologie,WeltanschauungundProgrammatikistlautVerfas-
sungsschutz in einem kleinen Segment solcher radikaler Aktivisten zu beobachten, bei denen man dies ohnehin erwartet;
derWeltanschauungsantisemitismusistleichtidentifizierbar,daerklarexpliziertwirdundkonstitutivesElementdes
jeweiligen Selbstverständnisses ist.
Innerhalb der heutigen Konstellation von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Beobachtern von Antisemitismus sollen
die rechtlichen Grundlagen von Verfassungsschutz und Polizei die Prinzipien des liberalen Rechtsstaats repräsentieren:
DieStrafverfolgungunddiestigmatisierendeöffentlicheErwähnungimVerfassungsschutzberichtsindgesetzlichandas
Vorliegen bestimmter enger Voraussetzungen gebunden. Der polizeiliche Tatverdacht wird vor den Strafgerichten ver-
28 Vgl.zuderDiskussionumdasKonzeptdespolitischenExtremismusKulturbüroSachsenetal.(2010);Feustel/Stange/Strohschneider(2012).
29 DieFragemussoffenbleiben,mitwelchemRechtrechtspopulistischeAkteurevomVerfassungsschutzbeobachtetwerden;radikalePositionierungeninden
öffentlichenDiskussionensindnichtgleichbedeutendmiteinerpotentiellenGefährdungderpolitischenOrdnung.
38
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
handeltunddieVergabedesExtremismusetikettsdurchdenVerfassungsschutzkannprinzipiellrechtsstaatlichimZuge
von Verwaltungsgerichtsverfahren überprüft werden.30 Dass sich die Ämter insgesamt nicht lediglich als eine beobach-
tendeStabsstellederExekutiveverstehen,sondernselbstpolitischintervenierenundals„PartnerderZivilgesellschaft“
auftreten,isthinreichenddokumentiert(vgl.etwa:Kohlstruck2010,Weiterdenkenetal.2013).
Unter dem hier behandelten Aspekt der Beobachtung von Antisemitismus lässt sich die für den Verfassungsschutz
charakteristische Beschränkung auf die Beobachtung von ideologisch konsistentem Antisemitismus in einem doppelten
SinnealsKorrektivderteilweisekriterienschwachenöffentlichenDiskursezuAntisemitismuslesen.Erstenserinnertdie
relativ hohe Beobachtungsschwelle daran, dass antisemitische Phänomene mit abgestuften Gefahren verbunden sind.
DiessprichtfürfallbezogeneEinschätzungenundgegendiepauschaleAnnahme,antisemitischePhänomeneseienper
se gleichbedeutend mit einer maximalen Bedrohung. Zweitens macht die vom Verfassungsschutz schwerpunktmäßig
dokumentierteExistenzvonAntisemitismusalsbewussterundgewollterideologisch-politischerOptionaufdieverscho-
benenProportionenindenöffentlichenWahrnehmungenderletztenJahre(hinzu„weicheren“Formenvorallembei
Jugendlichen)aufmerksam(vgl.Erb2007).
Nebendenbisherdargestellten,gibtesweitereVerzeichnissevonVorfällen/Ereignissen,diejedochnichtodernur
teilweiseöffentlichzugänglichsindundvorrangigfürdieArbeitderjeweiligensammelndenStelleVerwendungfinden.
Diese werden im Folgenden vorgestellt.
4.2.4 Chronik der Antisemitismus-AG des Vereins Demokratische Kultur e.V.
AusschließlichantisemitischeVorfälleerfasstdieAntisemitismus-AGbeimVereinDemokratischeKulture.V.(VDK).An-
dersalsindieChronikvonReachOutgehenhierauchFälleausdemInternetundandereeherkommunikativeoder
diskursiveEreignisse(imUnterschiedzukonkretenAngriffen)ein;daserfassteFeldistalsonochbreiterundverfolgtden
Zweck der aktuellen Kenntnis von Vorgängen im Phänomenbereich. Die gesammelten Informationen dienen primär der
eigenenBeratungstätigkeitundwerdenbeikonkretemBeratungsbedarfdurchVDK/MBRentsprechendaufbereitet.Eine
ÜbersichtüberdieerfasstenVorfälleaufBasisderArbeitsdefinitionAntisemitismusdesEuropeanMonitoringCentreon
RacismandXenophobia(EUMC,EuropeanForumonAntisemitism2005)wurdeerstmalsfürdenBeobachtungszeitraum
2013auchveröffentlicht.31 Die statistische Aufschlüsselung unterscheidet Inhalte, Form und lokale Verteilung der 47
verzeichneten Vorfälle. Lediglich ein Drittel davon wird als ausschließlich antisemitisch motiviert eingeschätzt.
30 DafürzweiBeispiele:DasBVerfGhatdieErwähnungderZeitung„JungeFreiheit“imVerfassungsschutzberichtdesLandesNordrhein-WestfalenfürdieJahre
1994und1995fürrechtswidrigerklärt,daderNachweisvonverfassungsfeindlichenBestrebungennichterbrachtwerdenkonnte(vgl.BVerfGE113,S.63-
88,Aktenzeichen:1BvR1072/01.Die38JahreandauerndeÜberwachungdesBremerRechtsanwaltsundJournalistenRolfGössnerdurchdasBundesamt
fürVerfassungsschutzwurdevomVerwaltungsgerichtKölnam3.2.2011fürdiegesamteDauerfürrechtswidrigerklärt(vgl.Gössner2011).
31 GemeinsamePressekonferenzvonReachOutunddenBerlinerRegistern,12.3.2014;vgl.auchSteinitz(2014).DieArbeitsdefinitionsollkünftigauchdie
GrundlagederErfassungantisemitischerVorfälledurchalleBerlinerRegisterdarstellen.
Inhaltliche Zuordnung Zuordnung nach Form der Fälle Stadtbezirke
SekundärerAntisemitismus(14) Sachbeschädigungen(22) Friedrichshain-Kreuzberg(9)
Sonstige(14) Tätliche Angriffe und Bedrohungen
(8)
Tempelhof-Schöneberg(7)
ModernerAntisemitismus(10) Demonstrationen, Veranstaltungen
(6)
Charlottenburg-Wilmersdorf, Mitte
(je6)
Israel-bezogenerAntisemitismus(9) Beschimpfungen(6) Lichtenberg-Hohenschönhausen(5)
Propaganda,Parolen(5) Pankow(4)
Treptow-Köpenick(3)
Marzahn-Hellersdorf, Neukölln,
Steglitz-Zehlendorf(je2)
Tabelle 3: Chronik antisemitischer Vorfälle der AG Antisemitismus des VDK (2014)
39
Antisemitismus als Problem und Symbol — Erfassung von Antisemitismus
DiedurchdieZahlensuggeriertequantitativeErfassungvonVerteilungenimPhänomenbereichdarfjedochnichtüber-
bewertetwerden.DieErfassungfolgtkeinemklardefiniertenMuster,sondernvorallemeinerLogikderbeispielhaften
Verdeutlichung.SostehenvielederaufgeführtenVorfällefürwiederummehrereEinzelereignisse.Vonmindestens25
Treffenantisemitischer,verschwörungstheoretischerGruppierungen(„Neuschwabenland-Treffen“)wurdennichtalle
in die Chronik übernommen. Gleiches gilt für Schmierereien auf Wahlplakaten und Beschädigungen von Stolpersteinen
zumGedenkenanimNationalsozialismusermordetejüdischeBerliner/innen.AlleininderNachtaufden6.Juni2013
wurden50dieserStolpersteinemitschwarzemLacküberzogen(KoordinierungsstelleBerlinerRegisterundReachOut
2014).NachAuskunftderUrheberderStatistikwurdenVorfälleinGebietenmitbisdatogeringerantisemitischerAk-
tivitätzudemhäufigererfasstalssolcheausStadtvierteln,diealseinschlägiggelten.Bisherbleibtalsounklar,welche
Bedeutung der Zahl von 47 Vorfällen tatsächlich zukommt.
Auch die Funktion dieser Chronik liegt also eher in der Verdeutlichung der Tatsache einer nicht unerheblichen Anzahl
antisemitischer Vorfälle und zugleich insbesondere der Breite antisemitischer Phänomene, nicht jedoch in einer zuver-
lässigenstatistischenAbbildungderVerteilungoderEntwicklungverschiedenerantisemitischerPhänomene.32
4.2.5 Vorfallsverzeichnis der Schulverwaltung
BerlinerSchulensindangehalten,bestimmtebesondereVorfälleundÜbergriffe–einschließlichrechtsradikaleund
antisemitische - zu melden, damit beispielsweise schulpsychologische oder andere Interventionen erfolgen können. Die
entsprechende interne Statistik wird beim Schulpsychologischen Dienst der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und
Wissenschaft geführt. Sie erfasst unter anderem Datum des Vorfalls, Schule, Schulart, Bezirk, Deliktsart, Schweregrad
(dreistufigesSystem),AlterderverursachendenPerson,HerkunftundeinekurzeinhaltlicheBeschreibungdesVorgangs.
Für die Schuljahre im Untersuchungszeitraum wurden jeweils zwischen vier und sechs Vorfälle erfasst, die sämtlich der
Deliktsgruppe verfassungsfeindliche Äußerungen zugeordnet wurden; dies waren mehrheitlich Beschimpfungen und
Beleidigungen,zumTeilinVerbindungmitBedrohungoderkörperlichenAn-undÜbergriffen.EtwagleichvieleVorfälle
werden „deutschen“ oder „migrantischen“ Kindern/Jugendlichen zugeordnet; einige sind in dieser Hinsicht nicht klas-
sifiziert.
Auskünfte von Pädagog/innen deuten darauf hin, dass das Meldeverhalten je nach Schule und Lehrer/in unterschiedlich
ausgeprägt ist und eine Meldung zudem einen gewissen Zusatzaufwand darstellt. Daher ist auch in diesem Feld davon
auszugehen,dassdieStatistiknurwenigüberdastatsächlichequantitativeVorkommenaussagt,aberqualitativeEin-
blickeindieArttatsächlicherVorfälleerlaubt(vgl.Kohlstrucketal.2012:78f.)
4.2.6 Gesamteinschätzung des Antisemitismusmonitorings
Die Stärke der Vorfallsregister und Chroniken liegt in der raumzeitlich konkreten Dokumentation der Vielfalt antise-
mitischer Phänomene. Diese Informationen dienen der Presseberichterstattung, sind Material für die Gestaltung der
politischenundpädagogischenArbeitundvorallemeineStimmedervonAntisemitismusBetroffenen.DieseNähezum
GegenstandundOrientierungandenErfordernissenderpraktischenArbeitinsbesonderezivilgesellschaftlicherOrga-
nisationen,diefürdiemeistenerwähntenBeispieleprägendist,sindzugleichihreSchwäche.DieErfassungssysteme
sindallesanderealseinheitlich.GenaueDefinitionenüberdiekategorisiertenGegenständeliegenoftnichtvor.Exakte
Aussagen über den tatsächlichen antisemitischen Gehalt der erfassten Vorfälle sind nur zum Teil möglich. Dies liegt
auchdaran,dassteilweisegenaueSchilderungenerfolgen(bspw.WortlauteinerBeleidigung),teilweiseaberbloße
Interpretationengeliefertwerden(bspw.„einePersonwirdantisemitischbeschimpft“).Dieshängt,wiegesagt,z.T.mit
den konkreten Zwecken der Chroniken zusammen, die nicht statistischen Zwecken im engeren, wissenschaftlichen Sinne
dienen,liegtaberteilweiseauchindenrestringiertenRahmen-/ArbeitsbedingungendermitihrerErstellungBefassten
(sieheobenundKapitel7).
32 EswäredaherempfehlenswertaufdieQuantifizierunggänzlichzuverzichtenoderklareAufnahme-undErhebungskriterienzudefinieren.Diesistbeson-
ders wichtig, weil man davon ausgehen kann, dass spätestens mit dem Vorliegen von Zahlen für weitere Jahre auch Vergleiche gezogen werden; dies wäre
aber methodisch unzulässig.
40
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
4.3 Blicke ins „Milljöh“ – Expert/innenperspektiven im Feld
EinedritteArtvonExpertiseresultiertausgroßerNähezumPhänomenbereich.VerschiedeneAkteuresindaufgrundihrer
beruflichenPraxisoderihresehrenamtlichenEngagementsinbestimmten(sub)kulturellenMilieusoderSettings„nah
dran“undkönnenausdieserPerspektivekonkreteErfahrungen,ErlebnisseunddarausresultierendeEinschätzungen
zumGesamtbildbeisteuern.SieverfügenüberExpertisezuantisemitischenPhänomenen,oftaufgrundihrerpädagogi-
schenTätigkeitimThemenbereich.DieseArtdesExpert/innenwissenshatalsowenigerdasGesamtbildimBlick,verfügt
aberüberdetaillierteEinblickeindiejeweiligensozialräumlichenKonstellationen.EinerheblicherTeilderInformationen
über Antisemitismus in Berlin, der sich teilweise auch in Publikationen, Chroniken und Analysen anderer Akteure im Feld
niederschlägt,stammtausdieserprofessionellenErfahrungsweltvonPädagog/innen,Museums-Guides,Streetworker/
innen,Sozialarbeiter/innenundPsycholog/innen,dieinspezifischenSettingsmitAntisemitismuskonfrontiertsind.
Akteure,dieinersterLinieOpferberatenundvertreten,wissenvorallem,wasBetroffenheitheißenkann.IhreArbeit
dient primär der Unterstützung derOpfer,dochdurchsiewerdenauchindividuelleundgarnichtsoindividuelleSchicksa-
levonAntisemitismusBetroffenerbekanntundkönnensoEingangindieÖffentlichkeitsarbeitundandereInterventions-
strategienfinden(dazuKapitel6undAbschnitt2.3.2).EinezweitewichtigeFunktionderhierbesprochenenFeldzugänge
bestehtimAufschließennicht-odernurteilöffentlicherAreale.AntisemitischeAlltagskommunikationverbleibtoftin
Peer Groups, so dass ihr Vorhandensein entweder nicht bemerkt wird oder in ihrer Bedeutung schwer einzuschätzen ist.
Die Zwanglosigkeit bestimmter Gruppensituationen – sei es bei Museumsführungen mit der Klasse oder Kolleg/innen
oderbeim„Abhängen“imJugendclub–senktdasEmpfindenvonKontrolldruckundlässtandernortszurückgehaltene
Ansichten und Praxen hervortreten.
Die wichtigste Zielgruppe der im weiteren Sinne sozialen und pädagogischen Arbeit im Feld stellen Jugendliche dar. Deren
ÄußerungeninSchulenundJugendhilfe-EinrichtungenwerdenvoneinemBefragtendendreiKategorienzugeordnet,
dieauchfürdieErfassungderpolitischenKriminalitätmaßgeblichsind:rechtsextremesSpektrum,islamischeMilieus
undlinksradikalesLager(I81).DieInterviewäußerungeninsgesamtunddieausgewertetenDokumentezeigenindes,
dassideologischgefestigteÜberzeugungeninderWahrnehmungderbefragtenExpert/innenbeidenSchüler/innen
undAuszubildendeninBildungsmaßnahmenseltenanzutreffensind.Manhatesdortüberwiegendmitantisemitischen
Äußerungen zu tun, die nicht im Antisemitismus als einer stabilen Ideologie verankert sind. Keine/r der Befragten hat
von einer Klientel berichtet, die an antisemitischen Gewalttaten beteiligt gewesen wäre. Für derartige Sachverhalte
wurden in der Forschung verschiedene Bezeichnungen gefunden. Dan Diner hat von Partikeln eines Ressentiments
mit„antisemitierendem“Charaktergesprochen(Diner2004:310).HeikeRadvanbeobachtet„antisemitischeMythen
alsfragmentierteElementederAlltagskommunikation“(Radvan2010:86ff.).WolframStenderkonstatierteine„‘neue
Unübersichtlichkeit‘vonAlltagsantisemitismen“(Stender2013:96)undPeterUllrichunterscheidetzwischen„dem
AntisemitismusalsStruktur(substantivischeVerwendungsweise)undauftretendenantisemitischenSinngehalten(ad-
jektivischeVerwendungsweise)“(Ullrich2013:54).„AntisemitischeÄußerungenohne(konsistenten)Antisemitismus“
–aufdieseFormellässtsichdieEinschätzungderJugendlichendurchunsereGesprächspartnerbringen.
Dieser Befund kann prinzipiell mehrere Ursachen haben: Ideologisierte Antisemit/innen geben sich in Bildungsprojekten
nicht zu erkennen, sie nehmen an solchen Angeboten erst gar nicht teil oder weltanschauliche Festlegungen sind für
die hier betrachtete Klientel entwicklungs- und altersuntypisch. Für diese letztgenannte Hypothese sprechen Beobach-
tungen,dievonInterviewtenausdemAusstellungsbereichgemachtwurden(I95;I96).SiehaltendieFokussierungauf
jungeLeuteindenöffentlichenDebattenumAntisemitismusfürunangemessen.
Undwas[…]regelmäßigeÄußerungenvonErwachsenensind,wennmaneineFührunggegebenhatunddannein
Erwachsenerzumirsagt,ja,istesnichttraurig,dassausgerechnetdieJuden,diedaserlebthaben,dasGleiche
mit den Palästinensern machen. Also, das würde ich als eine antisemitische Äußerung, Kategorie vielleicht auch
sekundärerAntisemitismusberührend,nehmen,aberdaspassierthäufigerbeiErwachsenen.(I95)
41
Antisemitismus als Problem und Symbol — Erfassung von Antisemitismus
AufderGrundlagederEintragungenimGästebucheinerAusstellungbestätigtdieInterviewteüberdiesdieinderFor-
schunggemachteBeobachtung,dasssichantisemitischeÄußerungenimZeitverlaufnichtingleichbleibenderHäufigkeit
oderdurchgängiglinearverlaufendenEntwicklungenfinden;immerwiederkommteszuverdichtetenThematisierungs-
wellen,dieimZusammenhangmitaktuellenEreignissen(öffentlichenDiskurs-KonfliktenimInland,besonderenEreig-
nissenoderintensiveBerichterstattungüberdenisraelisch-palästinensischenKonfliktetc.)stehen.33
DiesebeidenfundamentalenRelativierungenzuderZielgruppederKinder,JugendlichenundjungenErwachsenen
vorausgeschickt, bleibt die Frage nach den konkreten antisemitischen Phänomenen. Aus der Sicht der freien Bildungs-
akteurespielenfolgendeVorstellungenundÄußerungeneineRolle:EswerdenStereotypenwiedieVorstellungvom
ReichtumderJuden(I96),ihrer„Schlauheit“(I107)oderihrerpolitischenundwirtschaftlichenMacht(I102)repro-
duziert.„DuJude“wirdalsSchimpfwortaufSchulhöfenverwendet(I100).AntisemitischeÄußerungenimSinnevon
herabsetzendenundfeindlichenAllaussagenüberJudenoderIsraelfindensichimKontextvonStellungnahmenzum
NahostkonfliktbeiKindernauspalästinensischen,libanesischenundarabischstämmigenFamilien(I100;I102;I107).
EinschlägigePropagandameldungenausdemInternetodervonarabischenRundfunksendernüberillegitimeisraelische
Gewaltakte gegenüber Palästinenser/innen werden als objektive Information betrachtet und im Freundeskreis mündlich
oderüberdiedigitalenKommunikationsnetzeverbreitet.EinkonkretesBeispiel:DerFilm„TalderWölfe–Palästina“
(2011)wirdnichtalseindemAction-GenrezuzurechnendernationalistischertürkischerSpielfilmverstanden;erwird
vondenjugendlichenZuschauernvielmehralsDokumentarfilmfehlinterpretiert,sodasssiedieDarstellungeninden
antisemitischenPassagenalsverbürgteRealitätenverstehenunduntereinanderkommunizieren(I101).Antiisraelische
und antisemitische Propaganda, die sie innerhalb der digitalen Kommunikationsnetze – von Freunden weitergeleitet –
erhalten, wird ebenso für bare Münze genommen.
BeivielenJugendlichenwirddieunreflektierteVorstellungeinerUnvereinbarkeitderKategorien„Jude“und„Deutscher“
beobachtet.ObdiesunmittelbaralseinNachwirkenvonNS-Ideologieverstandenwerdenmussoderobhiernichtstärker
topologischeVersatzstückederoffiziellenundoffiziösenDiskursezurNS-VergangenheitsbewältigungeineRollespielen,
kannandieserStelleoffenbleiben.Bemerkenswertist,dassstrukturelleinegleicheUnvereinbarkeit„Deutscher“und
„Ausländer“beiSelbstidentifikationenunterälterenSchülern/inneneineRollespielt.SoweitsieeineAnerkennungals
gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder vermissen, stellen sie sich als „Ausländer“ vor – unabhängig von ihrer tat-
sächlichenStaatsbürgerschaft(I104).
VonBefragtenwirdderEindruckgeschildert,dassdieÄußerungeneinzelnerPersonenhäufigkeineinheitlichesBilder-
geben und dass diejenigen, die sich etwa zu Beginn einer Bildungsveranstaltung antisemitisch positionieren, im weiteren
VerlaufdurchauszudifferenziertenMeinungenfinden.
EinTeilderuntersuchtenBildungsprojektearbeitetmitGruppen,dieeinenhohenAnteilJugendlichermitMigrations-
hintergrundhaben.InReflexiondieserbesonderenGruppenzusammensetzungundinEinklangmitVerschiebungenim
gesamtgesellschaftlichen Diskurs wird vor allem immer wieder über Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen
berichtet.EinigeAkteurezieheneinesehrdüstereBilanzüberdasdortigeVorkommenvonAntisemitismus:
Meine persönliche Beobachtung, was die muslimische Community angeht, ist Antisemitismus eine Katastrophe.
Das heißt, ich begegne dem tagtäglich, in Schulen ist es unglaublich vorhanden. Und in meiner persönlichen Be-
obachtung ist es vorhanden. Und es sind von Verschwörungstheorien bis religiös argumentierter Antisemitismus,
bis Holocaustverleugnung, bis Israelkritik, die Israel, also es ist keine Israelkritik, die legitim wäre, sondern wo
fürselbstverständlichgenommenwird,dassIsraelkeinExistenzrechthatundsoweiterundsofort.Alsomeine
persönlicheBeobachtung[…]ist,dassdasThemaAntisemitismuseinenormgroßesProblemindenmuslimischen
Milieus ist. Das Problem ist, dass viele Vereine, viele muslimische Vertreter das nicht wahrnehmen wollen. Und
nicht wie bei allen anderen Themen, das heißt, es wird verharmlost, es wird kleingeschrieben, aber was nach
außenpräsentiertwird,istnicht,waseigentlichimHinterhofundsoweiterpassiert.(I105)
33 InderempirischenMeinungs-undEinstellungsforschungsprichtmanvon„Periodeneffekten“,alsodemkurzfristigenAnstiegantisemitischerEinstellungs-
werteinReaktionaufjeweilsaktuelleDebattenundEreignisse(vgl.etwaBergmann/Münch2012:327f.).
42
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
DiesisteinesehrzugespitzteMeinung(ähnlichI101).IhrgegenüberstehenvorsichtigereEinschätzungenwiediefol-
gende, aus einem Projekt, das sich mit Antisemitismus im Migrationskontext befasst:
Also Antisemitismus ist nicht das Hauptproblem oder das einzige Problem, sondern da gibt‘s viele andere The-
men von Rassismuserfahrung in der Schule über Probleme mit Religion in welche Richtung auch immer. Insofern
findeichdasschwerauchwirklichzusagen,dasProblemistsogroß,alsoinZahlensowiesonicht.Aberesist
auf jeden Fall ein Problem, was da ist. Wobei wir eben jetzt auch gerade in dem neuen Projekt merken, dass es
wirklichsehrstarkdavonabhängt,wiefiteinfachdasFachpersonaldaist,wiesensibilisiertdiesind.Obdiesich
imTeamübersolcheThemenaustauschen.AlsoesgabdaebenauchsehrunterschiedlicheEinschätzungenvon
‚DasisteinRiesenproblembeiuns‘über‚BeiunsistdasgarkeinProblem‘.Wowahrscheinlichimmerauchviel
Wahrheitdrinist,aberdasnatürlichauchvielmitderWahrnehmungdannderJugendarbeiterzutunhat.(I106)
Beide Zitate verdeutlichen beispielhaft, so dass an dieser Stelle nicht auf die Vielzahl unterschiedlichster Milieueinblicke
imEinzelneneingegangenwerdenmuss,wasdieNähezumGegenstandleistenkann.ImFallderersteninterviewten
Person(I105)sindessprachlicheFähigkeitenundregelmäßigerpersönlicherAustausch,diegenaueEinblickeinansons-
ten medial sehr stereotyp präsentierte Milieus ermöglichen. Diese werden von der befragten Person zwar kritisiert, aber
um sie im Kontext multipler Ausgrenzungsmechanismen bearbeiten zu können. Im zweiten Fall alltäglichen sozialar-
beiterischen Umgangs ist die anerkennungsbasierte Position verantwortlich für eine komplexe Sicht, die antisemitische
Phänomene nicht isoliert, sondern beispielsweise auch in Auseinandersetzung mit Rassismus in der Mehrheitsgesell-
schaftkontextualisiert.DieseprototypischenEinschätzungenveranschaulichendieSpannbreitederÄußerungeninden
Interviews.AufForschungenzumAntisemitismusunterjungenMuslimengehtderExkurs(Abschnitt8.5)gesondertein.
4.4 Perspektiven jüdischer Organisationen
JüdischePerspektivensindfürdieEinschätzungderSituationdesAntisemitismusauszweiGründenbesonderswichtig:
sie sind oft stärker als andere Bevölkerungsgruppen für Antisemitismus sensibilisiert und sie sind diejenigen, die unter
UmständentatsächlichdieBetroffenenperspektiveder(potenziellen)Opferkennen.DieinjüdischenEinrichtungenver-
kehrendenPersonengehörenzudenObjektendesAntisemitismus.ZudemwendensichkonkretBetroffeneauchhäufig
genau an diese Stellen, da sie hier möglicherweise eine größere Resonanz für ihre Anliegen und Sorgen erwarten, als
dies bei staatlichen oder anderen Stellen der Fall ist. Wir haben für die Studie die jüdische Gemeinde sowie verschiedene
jüdischeSchulen,VereineundNGOsbefragt.
Mehrere jüdische Schulen wurden im Projektrahmen befragt, weil berichtet wurde, dass jüdische Schüler/innen gerade
aufgrundantisemitischerErfahrungenvonihrenElternaufsolcheSchulengeschicktwurden(I84).DiebefragtenSchul-
leiter/innen und Sozialpädagog/innen konnten solche Umschulungen und antisemitischen Viktimisierungserfahrungen
ihrerSchüler/innenallerdingsnurfürEinzelfälle,diezumTeilweitzurücklagen,jedochnichtalsgenerelleTendenz
bestätigen(I86;I87;I88;I89).EsgibtjedochauchAnmeldungenanjüdischenSchulen,umsichvonvornherein–ohne
Vorliegen von konkreten Diskriminierungserfahrungen –, der Konfrontation mit muslimischen Mitschüler/innen zu ent-
ziehen. Der Vorteil des Besuchs einer jüdischen Schule für Jüdinnen und Juden liege insbesondere in der Minimierung
vonDifferenzerfahrungen,daFeiertage,religiöseSpeisevorschriftenundähnlichesdortnichtalsBesonderheitjüdischer
Schüler/innenineinerMinderheitensituationauffielen(I86).
DeutlichproblematischerscheintsichdieSituationfürJugendlichewieauchErwachseneimSportdarzustellen.Vertreter
von jüdischen Sportteams berichten von einer Vielzahl antijüdischer Vorfälle.34 Zum Repertoire der Anfeindungen in
diesemFeldgehöreninsbesondereverbaleAngriffeundBeleidigungen:
Alsowirhattenzuletzt[…]hattenwireinSpiel[…]gegeneinensogenanntennormalendeutschenVereinund
dannkamenverletzteSpielervomGegnerundbeiunswirdimmereinkleinerEintrittbezahltunddannhabendie
sichgeweigert,anderKassewaszubezahlen.EsistjaihrePflicht,dawaszubezahlen,wennsiedasSpielsehen
34 ZuAntisemitismusundRassismusimBerlinerFußballvgl.Schmitt/Müttel(2013)undAnchuelo(2012).
43
Antisemitismus als Problem und Symbol — Erfassung von Antisemitismus
wollen. Und dann sind die dann ja erstmal mit dem Spruch abgezogen: „Für die Juden geben wir kein Geld.“ Also
dasistsodasAlltägliche.Oder:„DieJudenkriegenvonunskeinGeld“oderso.DaswarenauchSpielerausder
bestimmtenEckevomAnsehenher.(I60)
Diese,meistverbalenÜbergriffe,werdeneinerseitsRechtsradikalenund–aktuellimVordergrundstehend–arabisch-
oder türkischstämmigen Personen zugeschrieben, die verschiedene Beschimpfungen oft auch mit dem Thema Nahost-
konfliktundIsraelinVerbindungbringenwürden.Gelegentlichsinddiesesomassiv,dassesauchmedialeBerichterstat-
tunggibt,wieimMärz2012alsFans,SpielerundTrainerdes„BSVHürtürkel“dieGegnervomTUSMakkabibeleidigten.
UnteranderemsollderTrainernacheinemTreffergesagthaben“JetzthabeicheuchJudengefickt!“undwurdedeshalb
auch für einige Monate gesperrt.35EineimOpfererlebenbeachtlicheZahlvonwenigerspektakulärenVorfällenwird
dabei aus unterschiedlichen Gründen weder polizeilich noch sportgerichtlich verfolgt. Unter den Geschädigten besteht
keineEinigkeitüberdasangemesseneVorgehen:Entwederdauerhaftundmassivzuskandalisieren,publikzumachen
undanzuzeigen(auchbeikleinerenVorfällen),oderdochsicheherinZurückhaltungzuüben,umnichtals„Stören-
friede“ zusätzlich aufzufallen. Berichtet wird aber auch von Vorfällen, die mit massiven Drohungen an die Adresse der
Opferverbundenwaren,umdiesevoneinerAnzeigeabzuhalten(I85).VonverschiedenenVertreter/innenjüdischer
Organisationenwurdeerwähnt,dassauchnegativeErwartungengegenüberderPolizeioderderSportgerichtsbarkeit
von Anzeigen abhielten. So herrscht bei manchen Skepsis gegenüber der Bereitschaft, als antisemitisch empfundene
Vorfälleauchalssolcheanzuerkennen(I60;I63).EswirdvonFällenberichtet,indenenUnternehmenantisemitisch
konnotierteMobbingfälleausPublicitygründenliebernichtverfolgen(I83).Undeswirdresignativangenommen,dass
bei einer Vielzahl von Delikten, wie Schmierereien, ohnehin nur selten Tatverdächtige ermittelt würden. Dies führe aus
SichtjüdischerInterviewtersystematischzuniedrigenStatistiken(I60;I82;I83;sieheAbschnitt4.2.1).Dastatsächliche
Delikt-bzw.Vorfallsaufkommen,geradeimniedrigschwelligenBereichderPöbeleienundGraffiti,wirdvonihnenhäufig
als sehr hoch eingeschätzt:
EsgibtsehrvieleGemeindemitglieder,sehrsehrvieleGemeindemitglieder,unddiesindbetroffenePersonen.
Und trotzdem, entweder wird der Fall bei der Polizei nicht bekannt oder wenn er bekannt ist bei der Polizei, dann
wird er als nicht strafrelevant eingestuft oder wird nicht weiter strafrechtlich verfolgt etc. solche Vorfälle sind
massenhaft.(I83)
EinegroßeRolleindenDarstellungenjüdischerInterviewterspielendaherHandlungsstrategienderVermeidungund
desZurücknehmensausAngstvorAngriffen(bzw.DiskussionenumangemesseneStrategien).Insbesonderewerden
SymbolederZugehörigkeitzurjüdischenReligionsgemeinschaftinderÖffentlichkeitabgelegtoderüberdecktundbe-
stimmte Stadtviertel eher nicht oder nur ungern frequentiert:
Ichwürdemichniemalstrauen,mitmeinertraditionellenKopfbedeckung,dieoffenzuzeigenunddamitdurch
NeuköllnoderMoabitoderWeddingzulaufen.(I82)
Ähnlich wird in einer jüdischen Schule die Kippa verborgen oder die Kinder werden von Wachschutz begleitet, allerdings
ohnedassbisherÜbergriffeerlebtwurden(I88).
Charakteristisch für die jüdischen Perspektiven ist, dass einzelne Vorkommnisse von herausragender symbolischer
BedeutungimZentrumdereigenenBedrohungswahrnehmungstehen.DiesgiltinsbesonderefürdenÜberfallaufRab-
bi Daniel Alter oder – im Fall des TUS Makkabi (in Publikationen36undmündlichenDarstellungen)–fürdaserwähnte
SkandalspielgegenHürtürkelimJahr2012.DiesenEreignissenwirdeinemblematischerCharakterzuerkanntundsie
werden als typisch präsentiert. Nicht immer erfolgt eine detaillierte Beschreibung tatsächlich vergleichbarer weiterer
35 http://www.tagesspiegel.de/sport/berlinsport/punktabzug-fuer-huertuerkel-kein-aufstieg-fuer-antisemitismus/6715082.html[2014-04-03].
36 http://www.tus-makkabi.de/fileadmin/tus-makkabi/Makkabi_2012.pdf[2014-04-03].
44
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Ereignisse.Darauslässtsichmöglicherweiseschlussfolgern,dassessichbeidenemblematischenVorfällenwenigerum
typische handelt, als vielmehr um besonders zugespitzte Vorkommnisse, in denen sich eine Grundwahrnehmung von
(potenzieller)BedrohungmiteinemextremenundängstigendenRealisierungsszenarioundverschiedenenkleineren
Vorkommnissen verbindet.
EsgehtmirumdasGefühlvonBedrängnis,waswirinderjüdischenGemeinschafthaben.[…]EsgibtFälle,[…]
andenSchulen.[…]EsgibtaufdemSportplatzdaProbleme.EsgibtGraffiti,dassiehtmanoftgenug.Unddas
istjedembewusst.[…]WennDemonstrationeninBerlinstattfinden,wieneulichderal-Quds-Tag,waseinAnti-
Israel-Tag ist, von der iranischen Regierung gesteuert, und da gab es mehrere dutzende Hisbollah-Fahnen und mit
einerWaffedarauf,eineOrganisation,dieöffentlichantisemitischist,unddiekönnenfreihierihreHassideologie
verbreiten.DasmachtauchAngst.DasisteinsehrbeunruhigendesGefühl.(I84)
Dieses Bedrohungsgefühl ist stark und weit verbreitet, kann also als eine Art Grundstimmung eines Teils der jüdi-
schenBevölkerungangesehenwerden(vgl.EuropeanUnionAgencyforFundamentalRights(FRA)2013).Dazumuss
man allerdings zwei Wahrnehmungen unterscheiden. Die eine, grundsätzlichere, verbindet sich mit medial vermittelten
PhänomenenundbundesweitenDiskursen,wiederDebatteumdieBeschneidung(Çetin,VossundWolter2012),die
alsBedrohungjüdischenLebensinderBundesrepublikwahrgenommenwerden.Berlinspezifischfokussiertsichdie
Viktimisierungsfurcht mehr auf als bedrohlich wahrgenommene Gruppen und deren hohe quantitative Bedeutung in
der Bevölkerungsstruktur mancher Stadtteile.
Die hier als „jüdisch“ vorgestellte Sichtweise, die Bedrohungen in den Vordergrund stellt, umfasst Positionen von mehr
oderwenigeraktivimThemenfeldEngagiertenundistnichtunumstritten.AufBittenunseresTeamsumGesprächs-
terminebeijüdischenEinrichtungenwurdeteilsauchzurückhaltendreagiert:ManhabezudiesemThemanichtviel
zuberichten.VölligandersstelltsichdieSituationausSichtvonjüdischenPersonenundOrganisationendar,dieTeil
der Palästinasolidarität sind, in Berlin vertreten durch die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“. In ihren
Publikationen wird Antisemitismus durchaus thematisiert, jedoch in erster Linie als abzuwehrender Vorwurf, der dazu
diene,KritikanIsraelzudelegitimieren(vgl.Ullrich2008:178ff.).DaesausdieserRichtungkeineStellungnahmenzur
spezifischenBerlinerSituationgibt,wareinedetailliertereAuswertungnichtmöglich.
Die Bedrohungswahrnehmung darf also nicht ohne weiteres mit der Sichtweise der Jüdinnen und Juden in Berlin gleich-
gesetzt werden, zu der es bisher nur diesen indirekten Zugang gibt. Als Fazit lässt sich jedoch festhalten, dass mit Anti-
semitismus befasste jüdische Akteure von einer durchaus hoch relevanten Bedrohung ausgehen, deren ganzes Ausmaß
aus ihrer Sicht nicht ausreichend bekannt ist und gewürdigt wird.
4.5 Zusammenfassung
EslassensichviergrundlegendeArtenerfahrungsgestützterZugängezuAntisemitismusinBerlinunterscheiden.Keines
derbestehendenErfassungssystemeistinderLage,Existenz,Art,Ausmaß,HintergründeundVerteilungallerantise-
mitischen Phänomene verlässlich abzubilden. Die einzelnen Akteure erfassen mit unterschiedlichen Mitteln und auf
BasisunterschiedlicherAntisemitismusbegriffeverschiedenePhänomene.FürdieInterpretationdieserDatenunddie
BewertungihrerAussagekraftisteinhohesMaßankritischemReflexionswissennötig.AllevierTypensindmitstarken
Problemenbehaftet,sodasssiezwarverschiedenartigewichtigeEinblickeindasFeldgeben,jedochauchinihrerAd-
ditionnureinevageGesamteinschätzungerlauben.EinegenaueGesamtdarstellungderVerbreitungantisemitischer
PhänomeneinBerlinistmitdenvorliegendenErhebungenundQuellennichtmöglich.Eskonnteaberverdeutlichtwer-
den,dasshandlungsfeldspezifischeLogikenursächlichfürdieDivergenzderverschiedenenEinschätzungensind.Dazu
gehörenunterschiedlichweiteAntisemitismusbegriffe,unterschiedlichstarkeBindunganRechtsnormenund(formale/
verwaltungsinterne)VerfahrensregelungensowieunterschiedlicheLogikenderErfassung(ausführlichKapitel8).
Bei der unbefriedigenden Datengrundlage ist es wenig überraschend, dass auch die allgemeineren Bewertungen und
EinschätzungenzurRelevanzundEntwicklungvonAntisemitismus,dieimfolgendenKapiteldargestelltwerden,weit
auseinandergehen und teils hoch widersprüchlich sind.
45
Antisemitismus als Problem und Symbol — Sichtweisen auf Antisemitismus
Im Folgenden soll sich die Darstellung von den konkreten daten- oder erfahrungsgesättigten Zugängen zu antisemi-
tischen Phänomenen lösen und sich mehr den evaluativen Aspekten in den Problembeschreibungen der untersuchten
Akteure sowie weiteren Aspekten der verbreiteten Antisemitismuskonzepte zuwenden. Dazu werden in einem ersten
Schritt Globaleinschätzungen zum Thema Antisemitismus untersucht, also die Darstellungen zu Ausmaß, Relevanz und
EntwicklungdesAntisemitismusunabhängigvondenimvorherigenKapitelbehandeltenErfassungssystemen.Einschät-
zungenalso,diekeineswegsimmerdurchspezifischeErhebungenoderFeldbeobachtungenuntermauertseinmüssen.
Diese variieren zwischen den Polen pessimistischer und abwägender Positionen. Dabei wird, zweitens, deutlich, dass
UnterschiedeindenEinschätzungennichtnurausunterschiedlichweitenAntisemitismuskonzeptenherrühren,wobei
dies einen zentralen Faktor darstellt, sondern dass im Umgang mit dem Konzept Antisemitismus selbst starke Unsicher-
heitenauftreten.DieseUnsicherheitenkorrespondierenabernichtnotwendigerweisemiteinervorsichtigenoderrefle-
xivenVerwendungdesBegriffs.StattdessenwirdAntisemitismusoftinKonkurrenzzuanderenGruppenfeindschaften
herausgehoben und mit einer ganz eigenen Wertigkeit versehen. Angesichts fehlender expliziter Benennung müssen,
drittens, verschiedene Bedeutungsebenen der Antisemitismuskonzepte der untersuchten Akteure rekonstruiert wer-
den,insbesonderedurchdievorfindbarenKontextualisierungenvonAntisemitismus:ImZusammenhangmitwelchen
allgemeineren Problemstellungen wird Antisemitismus thematisiert? Welche Anschlussdiskurse lassen sich ausmachen?
Welche Gruppen werden als Träger benannt? Welche zeitlichen Bezüge werden hergestellt? Welche Referenzkonzepte
dienen als Begründungsmuster? Diese Dimensionen werden schließlich, viertens, zusammengefasst. Dabei wird deut-
lich, dass die Praxis der Verwendung von „Antisemitismus“ einer entgrenzenden Dynamik zu unterliegen scheint; eine
begrifflichePräzisioninderWahrnehmungundBeschreibungderAusgangsproblemewirddamiterschwert.
5.1 Globaleinschätzungen
DieimvorigenKapitelpräsentiertenSichtweisenaufAntisemitismuswaren(wenngleichjeweilsperspektivisch)erfah-
rungsbasiert,d.h.siefußtenaufErhebungen,RecherchenoderExpert/innenwissen.VondiesenEinschätzungenlassen
sichjedochsolcheunterscheiden,die–häufiglosgelöstvonkonkreterEmpirie–Antisemitismus,seineBedeutungund
Entwicklunggenerellundabstrakteinschätzenundeinordnen.DieseallgemeinenSichtweisensollenimFolgendendar-
gestelltwerden.EsgehtkonkretumFragenwie:WelcheBedeutungwirddemAntisemitismusinsgesamtzugeschrieben
insbesondereimVergleichmitanderenPhänomenenvonUngleichwertigkeitsideologien?WiewirdseineEntwicklung
eingeschätzt? Mit welcher Dringlichkeit ist die Antisemitismusthematik verbunden?
Esistnichtweitererstaunlich,dassdieMehrheitderjenigenAkteure,derenTätigkeithauptsächlichoderzuwesentlichen
Teilen im Feld Antisemitismus liegt, diesen auch und gerade in Berlin für ein relevantes Problem halten, was praktisch
alle Interviews und Dokumente bestätigen. Dies ist die notwendige Voraussetzung der eigenen Arbeit im Themenfeld; sie
findetsichzudembestätigtimöffentlichenDiskursüberAntisemitismus.DeshalbkanneinegenerelleHochrelevanzein-
schätzung als unhinterfragte Grundannahme eines großen Teils der befragten Akteure konstatiert werden.
UndtrotzdembestehtimDetailkeineÜbereinstimmung.HinsichtlichdesRelevanzaspektesseienimFolgendenpes-
simistischevonabwägenderenEinschätzungenunterschieden.37HinsichtlichderAnnahmenüberEntwicklungendes
AntisemitismusseienZunahme,AbnahmeundwellenförmigeEntwicklungseinschätzungenzudifferenzieren.
Pessimistische Positionen
UndwennmandavorbeimussundalsJudeidentifiziertwird,danngehörtdiePöbelei,dieAnmache,dieProvo-
kationzumNormalen.Dasistnormal.(I83)
37 Bergmann(2002)istinähnlicherWeisederFragenachEinschätzungendesAntisemitismusdurchdieviertypisiertenMeinungslagerderAntisemit/innen,
der Konservativen, der linksliberalen Anti-Antisemit/innen und der Jüdinnen/Juden nachgegangen.
5 Sichtweisen auf Antisemitismus:
Bewertungen, Konzepte und Kontexte
46
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Diese jüdische Sicht steht für einen Teil der Darstellungen, die – auch von anderen Akteuren im Feld vertreten – davon
ausgehen,dassdasVorkommenantisemitischerErscheinungeneinhochproblematischesAusmaßalltäglicherBedro-
hungerreichthat.DiesbeziehtsichbesondersaufErscheinungsformenvonAntisemitismusunterMuslimen(I83;I91;
D34;D51).DieentsprechendenSchilderungensindvonstarkgeneralisierendemCharakter.Siegehenmeistmitder
Annahmeeinher,dassAntisemitismusunterschätztwird(vgl.BergmannundErb1991:517).Sowird,mithäufigauch
bild- und kollektivsymbolreicher Sprache und Argumentation sowie in mobilisierendem Sprachduktus ein dramatisches
Szenario gezeichnet, wie es in der folgenden Darstellung zum Ausdruck kommt.
Terroranschläge,körperlicheGewalt,Drohanrufe,Brandsätze,Schändungen,Graffiti,aggressiveStatementsvon
Politikern oder Hate Sites im Internet: Seit einigen Jahren steigt die Zahl antisemitischer Bedrohungen und An-
griffe.DasKlimaistrauergeworden.[…]AnstiegantisemitischerVorfälleinEuropa[…]DerAntisemitismushat
eine neue Qualität erreicht: Antisemitische Äußerungen stoßen in privaten Gesprächen, in der Schule und in der
ÖffentlichkeitimmerselteneraufWiderspruch.(D41)
Der Inhalt, die Beschreibung einer Vielzahl äußerst bedrohlicher antisemitischer Phänomene und deren Zunahme auf
mehrerenEbenen(Bedrohungen,Angriffe,privateundöffentlicheKommunikationen)korrespondierenmiteinerfor-
malenKlimax-Struktur(stufenartigeSteigerung).SolchePositionenwerden–verständlicherweise–insbesonderevon
einigenjüdischenAkteuren(I57;I58;I59,I60)sowievonmonothematischsehrstarkengagiertenzivilgesellschaftlichen
Akteuren(I69;I75)vertreten.
Abwägende Positionen
Die hier als abwägend bezeichneten Positionen zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie Antisemitismus ei-
nerseits als relevantes Problem thematisieren, es aber - anders als die pessimistischen Positionen - stärker in ein
Gesamtbild einbetten und somit nicht im negativen Sinne relativieren, sondern in Relation setzen.
Dies erfolgt zum einen durch den Vergleich mit anderen als verwandt wahrgenommenen Phänomenen. So wird aus
der Beratungspraxis berichtet, dass Rassismus oder Homophobie eine größere Rolle für die eigene Arbeit spielten, ein
umfangsbezogen größeres Problem darstellten38 bzw. weniger erforscht und weniger gut bekannt seien. Dies hat jedoch
mehrereGründe.ObjektiveUnterschiedeimFallaufkommen(beispielsweiseZahlenantisemitischerundrassistischer
Übergriffe),GrößederpotenziellbetroffenenGruppe(esgibtwenigerJüdinnenundJudeninBerlinalsMigrant/innen
ofColour),Enge/WeitedeseigenenTätigkeitsfeldesunddieNeigungvonOpfernzubestimmtenBeratungsanbietern
beeinflussendieProblemwahrnehmung(D29;I93;I94).39
Zum zweiten spielt Kontextualisierung antisemitischer Phänomene eine Rolle. Diese Kontextualisierung erfolgt insbe-
sonderedurcheinenkritischenBlickaufdieMehrheitsgesellschaft.Sowird,wieobenbeschrieben,inErwägunggezogen,
inwiefern antisemitische Äußerungen unter Umständen weniger Ausdruck entsprechender Weltbilder sind, sondern eine
strategischeAbgrenzungvondenRitualenderpolitischenKulturderMehrheitsgesellschaft(I65)oderimFallenahost-
konfliktbezogenerPhänomeneAusdruckvonKonfliktdynamikenrealerKonflikteundnichtgeneralisierteFeindschaft
gegen Jüdinnen und Juden. Aus Schulen wurde berichtet, dass es im Falle von Schulwechseln sehr unterschiedliche
WahrnehmungenzwischenElternundbeteiligtenSchulengebenkann,obVerhaltensauffälligkeitendesKindesoderdie
ZugehörigkeitzumJudentumausschlaggebendfürKonfliktewaren(I90).
Zum dritten gibt es bei einigen Akteuren eine hohe Sensibilität gegenüber dem Stigmatisierungscharakter des Antise-
mitismusvorwurfs, insbesondere, wenn er sich mit rassistischen Diskursen vermischt. Dies kann Ausgangspunkt einer
kritischenSelbstreflexionsein,dieinsbesonderefürdiejenigenAkteurewichtigist,diesichmitAntisemitismusunter
Muslimenbeschäftigen.SiemüsseninihrenEinschätzungeneinenAusgleichfindenzwischenderThematisierungdes
real bestehenden Problems und gleichzeitig dem Unterlaufen eines sich abzeichnenden rassistischen Diskurses, der
38DieseSichtweisewirdbeispielsweisevondenMitte-Studiengestützt,inderen2012erAuflage(Decker,Kiess,undBrähler2012)mitdemFragebogenzur
RechtsextremenEinstellung–LeipzigerForm(FR-LF)Antisemitismusfür8,6%derBevölkerungkonstatiertwurde,Ausländerfeindlichkeitfür25,1%.Inge-
trenntenZusatzmodulenderBefragungwurdenbei11,5%derBevölkerungprimärerAntisemitismusundbei23,8%sekundärerAntisemitismuskonstatiert
(Ullrichu.a.2012:79),Islamfeindschafthingegenbei36,3%(Deckeru.a.2012).AuchnachdenGMF-StudienistAntisemitismuswenigerstarkverbreitet
alsfastalleanderenDimensionendesUngleichwertigkeitssyndroms(Heitmeyer2011:38f.).
39 ZudenBedingungsfaktorenvgl.Kapitel8.
47
Antisemitismus als Problem und Symbol — Sichtweisen auf Antisemitismus
Antisemitismus zu einem vor allem muslimischen Phänomen macht und damit einer Problemexternalisierung dient
(I64;I65;I76).
ViertensschließlichgibtesdieEingrenzungaufdengenauenAuftretensbereichdesProblematisierten.Dasheißt,Anti-
semitismuswirdmöglichstspezifischverortet(inMilieus,politischenStrömungen,bestimmtenStadtviertelnoderge-
sellschaftlichenFunktionsbereichen),bspw.,wenneineMuseumspädagogineinschätzt,dasssiewenigerantisemitische
ÄußerungenbeiJugendlichenalsbeiderenLehrer/innenfeststellt(I73;I76).EineweiterewichtigeUnterscheidungistdie
zwischenantisemitischenÄußerungenundderKlassifikationvonPersonenalsantisemitisch(I83;I95).
DiesePolarisierungderRelevanzeinschätzungenfindensichzumTeilauchindenEinschätzungenzurEntwicklungdes
Antisemitismus wieder. Der pessimistische Typ neigt mehr zu einer dramatisierenden Sicht, Typ zwei eher zur abwägenden,
vorsichtigerenoderkomplexerenEinschätzungendeszeitlichenVerlaufsdesAuftretensantisemitischerPhänomene.
Ansichten, dass Antisemitismus abnehme, spielen tatsächlich nur eine Nebenrolle und beziehen sich in der Regel nicht
aufdieGesamtlage(außerI96),sondernaufspezifischeSektoren.Sowirderwähnt,dassschwereVorfälleanSchulen
oderimBereichSportfrüherdurchaus,aberindenvergangenenJahrennichtmehrvorgekommenseien(I85;I86).Von
einemgenerellniedrigenStandwirdsektoralberichtet.Sowerden–entgegeneinerVielzahlandererEinschätzungen–
sowohl eine multikulturelle Schule in Neukölln als auch der Bezirk Moabit als Beispiele unproblematischen und positiven
Zusammenlebensgenannt(I95).
EskommtnurvereinzeltzuÄußerungen,dieinderGrundtendenz–allerdingsebensosektoraleingegrenzt–einegewisse
GelassenheitsignalisierenodervoreinerÜberschätzungderVirulenzantisemitischerPhänomenewarnen:
Und in sehr seltenen Fällen gibt es dann schon auch antisemitische Anspielungen oder Verweise auf den Nah-
ostkonflikt.Aberauchvielselteneralsdaslandläufigauchangenommenwird.[…]InderBezirksstatistikführt
Neuköllnbeiunsan[…]Schulklassen,(dieausdemBezirkNeukölln[…]kommen).Dementsprechend(habenwir)
auch einen hohen Anteil an Jugendlichen aus, wie es manchmal formuliert wird, muslimischen Milieus, oder die
Muslimesind.UnddassjetztdeswegenständigaufdenNahostkonfliktgezeigtwirdhierimKontextderAusein-
andersetzungmitNSundHolocaust,daskönntenwirnichtbestätigen.(I96)
Andere betonen eher den wellenförmigen Charakter des Auftretens antisemitischer Phänomene, besonders im Zusam-
menhangmitbreitwahrgenommenenDiskursereignissen,beispielsweiseGewalteskalationenimNahostkonflikt.
EinerheblicherTeildesDiskursessiehtjedochvorallemnegativeTendenzen.DabeisindbestimmteTopoibesonders
stark vertreten. Vor allem im Alltag und dem normalen Leben der so genannten „Mitte der Gesellschaft“ und an Schulen
wirdeinAbsinkenderTabuisierungsschwelledesAntisemitismusgesehen(unteranderemD18;D41;D44).Besonders
dramatischeZunahmeratenwerdenimBereichantisemitischerGewalt(D12;D41)konstatiert,insbesondereverursacht
vonmuslimischenJugendlichenmitBezugzumNahostkonflikt(D12;D38;I100).
5.2 Unsicherheiten mit Antisemitismus-Konzepten
5.2.1SchwierigkeitenderDefinitionvonAntisemitismus
EinewichtigeUrsachefürdieDivergenzindenEinschätzungenzumAntisemitismusunddemspekulativenCharakter
mancher Verlaufsdiagnose kann man in einer prinzipiellen Unsicherheit im Umgang mit den Phänomenen generell und
imVerständnisdesBegriffsAntisemitismusimBesonderenvermuten.DerfolgendeInterviewausschnittistindieser
HinsichtsehroffenimUmgangmitderProblematik:
Wir haben einen Workshop zu Nationalsozialismus, wo natürlich - Antisemitismus, Rassenideologie - solche
Begriffevorkommenundauchverhandeltwerden.UndwirhabeneinenWorkshopzumNahostkonflikt,woauch
Antisemitismus nicht explizit als Thema erst mal vorgegeben ist, aber natürlich durchaus ein Ziel des Workshops
auch ist. Sozusagen antisemitische Bilder oder Versatzstücke von sekundärem Antisemitismus erst mal zu irri-
48
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
tieren und im besten Fall natürlich auch zu durchbrechen. Genau, aber wir haben und da liegt vielleicht auch ein
bisschendieProblematikindieserbreitenthematischenStreuung,dasswireigentlichkeinekonkreteDefinition
von Antisemitismus haben, mit der wir arbeiten. Natürlich gibt es die Unterscheidung zwischen klassischem,
modernenAntisemitismusundsekundäremAntisemitismus.EsgibteinenSchwerpunktaufBeschäftigungmit
AntisemitismusinderAuseinandersetzungmitdemNahostkonfliktunddaswaresimPrinzip.Undgenauerde-
finierthabenwirdaseigentlichmeinesWissensnachnicht,zumindestnichtsolangeichdabeibin,wasnatürlich
auch,wasichzumindestganzpersönlich,dasistmeinepersönlicheEinschätzung,auchalseinProblemansehe.
WeilderBegriffschwammigbleibtundmöglicherweisedadurchauchschwergreifbarist,wennantisemitische
ÄußerungenauftauchenimArbeitsprozessmitdenJugendlichen.(I104)
Diese hier explizit formulierte Unsicherheit ist ernst zu nehmen und auf ihre Folgen hin zu untersuchen: Was bedeutet
eseigentlich,wennmansich(indiesemFallinderBildungsarbeit)mitAntisemitismusbefasst,ohneübermehrals
einenimplizitenAntisemitismusbegriffzuverfügen?EinsolchesimplizitesVerständnisträgtalsGrundlagepraktischer
Arbeit nur so weit, wie das implizite Wissen geteilt wird. Möglicherweise ist dies in der Bildungsarbeit nicht immer für
alle Teamer/innen der Fall. Irritationen sind damit vorprogrammiert – ein Problem, das dieser befragten Person bewusst
ist. Diese selbstkritische Perspektive ist aber eine Ausnahme, was allerdings nicht heißt, dass die Problematik nur eine
peripherewäre.KonzeptuelleUnsicherheitensindvielmehrkennzeichnendfüreinengroßenTeilderInterviews.ImEin-
zelfallkanndiessogarsoweitgehen,dassdieSchwierigkeitderBestimmungeinesAntisemitismusbegriffsindiebrüske
Verneinung der Notwendigkeit eines solchen umschlägt:
UnddasistmitdemBegriffAntisemitismus,dasistjetztnichtunserSchwerpunkt[…].Wirsindnichtdaraufange-
wiesen,findeich,einewissenschaftlicheDefinitionzuhaben,sondernwirsehen,wowasproblematischwird.Also
wo gibt es Vorteile, wo gibt es abwertende Positionen? Und ich würde das auch noch mal unterscheiden von so
einer Hasspropaganda. Das ist, wobei, da wird es theoretisch, also da wird es dann doch wieder wissenschaftlich.
Alsowissenschaftlichwürdeichdasunterscheiden,inderPraxisistHasspropagandaHasspropaganda.(I110)
DiesesZitatverdeutlichtzugleichdieProblemeeinesbloßimplizitenAntisemitismusbegriffs.Diehierzutagetretende
Position,dass„wirsehen,wasproblematischwird“,istselbstnichtunproblematisch,weilsieineinerantibegrifflichen
GrundhaltungeinerBeliebigkeitundSubjektivitätinderZuschreibungvonAntisemitismusTürundToröffnet.40
DochdiesePositionistein–wenngleichsymptomatisches–Extrem.TypischistvielmehreinebeiDefinitionsversuchen
indenInterviewsoffenbarwerdendegrundsätzlicheUnsicherheitinderbegrifflichenBestimmungvonAntisemitismus.
SoentstehenProtodefinitionen,diedurchdieAufzählungverschiedenerkonstitutiverundassoziierterMerkmalesowie
durch die Beschreibung von Formen und Ausprägungen gekennzeichnet sind. Man kann dies als additiv-suchendes
Definierenbezeichnen.InteressanterweisegiltdiesnichtnurfürInterviews,sondernauchfürverschiedenepublizierte
Dokumente. Die Unsicherheit kann also nicht allein auf die Gesprächssituation zurückgeführt werden, in der natürlich
Wissen ad hoc und entsprechend weniger elaboriert ausformuliert wird als beim Verfassen schriftlicher Texte. Auch
hierfür soll wieder ein ausführliches Textbeispiel analysiert werden, in dem wesentliche und typische Momente der
terminologischen Schwierigkeiten deutlich werden.
I:UndhabenSievielleichteinenArbeitsbegriffvonAntisemitismus?Alsoauch,woSiesagenkönnen,dasist
Antisemitismus und das nicht. Gibt‘s da irgendwie, vielleicht im Projekt auch, eine Arbeitsgrundlage oder eine
Definition?Oderwiewirddassogehandhabt?
40 Natürlich sollte man Hasspropaganda jedweder Art bearbeiten und kann sie auch erkennen, ohne in jeder Situation zwischen Antisemitismus und anderen
abwertendenDiskursenunterscheidenzumüssen(insbesondereinderpädagogischenBearbeitung).DiehierzitierteOrganisationistjedocherstenssehr
stark diskurspolitisch orientiert. Hier sollten klare Maßstäbe gelten. Angesichts des Symbolcharakters des Anti- Antisemitismus und angesichts der umstrit-
tenenEinordnungvielerPhänomenewirktdieseHaltungunseriös.
49
Antisemitismus als Problem und Symbol — Sichtweisen auf Antisemitismus
E:Ja,alsoichsageinfachso,besondersfürMenschen,dieausdemNahostkonfliktkommen,spieltderNahost-
konflikteineriesengroßeRolle.WennMenschengegenSiedlungspolitiksind,wennMenschengegenNetanjahu
sind,wennMenschenbehaupten,IsraelisteinrassistischesLand,wennMenschenbehaupten,Israel(besetzt)
bestimmte Gebiete, dann ist das kein Antisemitismus meiner Meinung nach. Ich bin dahingekommen, ich hab
das auch in Israel praktiziert, ich war auch links sozusagen, immer noch in Israel, was die Politik angeht, und
wünschemirZweistaatenlösungundsoweiter.Fürmichwird‘sproblematisch,wennIsraelsExistenzinFrage
gestellt wird. Und wenn nicht von Israelis die Rede wäre, sondern von Juden. Und das beobachte ich sehr oft bei
Jugendlichen. Dass sie nicht in der Lage sind, zwischen Israeli und Jude zu unterscheiden. Auf der anderen Seite
teile ich eigentlich Antisemitismus eigentlich in drei Teile, was die muslimische Community angeht.
EinAntisemitismus,dermitdemNahostkonfliktverbundenist,wozumBeispieldieserKonfliktsehrschwarzweiß
gezeigtwird.ZumBeispieldiePalästinensersindimmerdieOpfer,dieIsraelissindimmerdieTäter.Esreicht
manchmal,nurKarikaturenzusehen,umzusehen,wievielParallelenauchzuderPropagandaausden30er
und40erJahreninDeutschland,wieimmerdiejüdischenSoldatenmitgroßerNasegezeigtwerden,woganzviel
Blutdabeiistundsoweiterundsofort.(I105)
DerInterviewerfragtnacheinerDefinitionvonAntisemitismusfürdieArbeitimbetreffendenProjekt.DieAntwort
beginntmitderThematisierungdesNahostkonfliktsundvonindiesemKontexthäufigkritisiertenMeinungen(Charak-
terisierungIsraelsalsrassistisch).DabeiwirdbestimmteKritikanIsraelalsnichtantisemitischeingeschätzt.Danach
folgt eine Wende; es werden Dinge aufgezählt, die die Befragte Person als „problematisch“ erachtet (Infragestellung von
IsraelsExistenzrecht,GleichsetzungJüdinnen/JudenundIsraelis).DannfolgteinweitererThemenwechsel,indemeine
UnterscheidungvondreiArten(„Teilen“)desAntisemitismusangekündigtwirdundeineerläutertwird.
DerAnschlussdiskurszumAntisemitismusindieserInterviewsequenzistalsovonBeginnanderNahostkonflikt.Es
kommt zu keiner generellen oder kontextunabhängigen Bestimmung von Antisemitismus, auch zu keiner, die sich auf
einenanderen(beispielsweisedeneuropäischenoderdeutschen)Kontextbezieht.41EineeigentlicheDefinitionoder
Benennung allgemeiner Merkmale des Antisemitismus wird entweder schlicht vorausgesetzt oder umgangen. Was statt-
dessenthematisiertwird,sindElementedessen,wasmitAntisemitismusverbundenistoderauchnurassoziiertwird.
Damitbleibtauchoffen(vorallemimMittelteildesZitats),obetwasals„problematisch“oder„antisemitisch“gesehen
wird, und ob zwischen beiden Charakterisierungen überhaupt ein Unterschied besteht, oder ob sie synonym verwendet
werden(vgl.auchI106).
WashierinallerDeutlichkeitzutagetritt,hatBrianKlugbereitsineinerphilosophischenBegriffsreflexiondesWortesAn-
tisemitismusthematisiert.WennesumJüdinnenundJudengeht,soKlug(2013a),gibtesdieTendenz,alles,wasmanals
‚foul‘(faul,schlecht,übel)empfindet,alsantisemitischzubezeichnen,alswärendieseCharakterisierungenSynonyme,
als wäre das Gegenteil von „unproblematisch“ „antisemitisch“. Man kann also annehmen, dass das additiv-suchende
DefiniereneinenWegdarstellt,abgelehntePositionenundPraktikenalsnegativzumarkierenundmitAntisemitismus
zuassoziieren(weildieserKonneximplizitvorausgesetztist),ohnesichaufeinenachprüfbareEinordnung,dieeineklare
Unterscheidung zwischen Antisemitismus/Nicht-Antisemitismus zuließe, festlegen zu müssen. Problematisch scheint in
diesem Zusammenhang nicht die Schwierigkeit in der Zuordnung konkreter sozialer Phänomene zur Kategorie, die ja
durch die Komplexität und Ambiguität des Gegenstands selbst bedingt sein kann,42 sondern das Nichtanerkennen dieser
Unsicherheit,dieeine„eindeutige“EinordnungbestimmterkritikablerPhänomenevorallemimmernahelegt.
In den Interviews sind explizite Antisemitismusdefinitionen Ausnahmen, obwohl sie in der Regel abgefragt wurden. Das
ist für die praktische Arbeit der meisten Befragten auch nicht per se problematisch – zumindest wenn es um die Bearbei-
tung von verschiedenen antidemokratischen Tendenzen geht, die in einem weiter gefassten Tätigkeitsfeld ohnehin der
Bearbeitungwertsind.SowiesokönnenDefinitionen,diederStrengewissenschaftlicherAnsprücheangemessensind,
nichtderMaßstabfürpraktischeTätigkeitsein.WichtigeralsDefinitionensindfürdieBefragteneherReferenzkonzepte,
41 Die interviewte Person arbeitet hauptsächlich mit muslimischen Jugendlichen; daher ist das Gespräch schon mehr in diese Richtung gelenkt. Trotzdem ist
dieSequenzmitihrenfaktischen(De-)Thematisierungsstrategienauffällig,danacheinerallgemeinenDefinitiongefragtwurde.
42 Vgl.dazudasKonzeptder„Grauzone“(Ullrich2013:84ff.)
50
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
die entweder aus der Wissenschaft kommen oder direkt für die Praxis entwickelt wurden. Diese stecken, ohne sklavisch
operationalisiertzuwerden,einenetwasweiterenOrientierungsrahmenab.WelchesReferenzkonzeptaberalsOrien-
tierung dient, kann, wenn diese Referenz nicht nur eine rein deklaratorische ist, durchaus folgenreich für die Arbeit sein.
NurineinemInterview(undeherbeiläufiginmanchenDokumenten)wirdAntisemitismusalsDifferenzkonstruktionfür
dieIdentitätsstiftungderEigengruppeinAbgrenzungzumjüdischenAnderenalszentralesReferenzkonzeptbenannt
(I96),wieesinunterschiedlichenAusprägungenvondenAntisemitismusforscher/innenHolz(2001)undScherr/Schäuble
(2008)vertretenwird.
Ansonsten dominieren zwei Referenzkonzepte. Dies ist einmal das Konzept der „gruppenbezogenen Menschenfeindlich-
keit(GMF)“(D26;I61;I69;I70;I80;I76;I91;I103;I106),dasausderwissenschaftlichenForschungzuVorurteilenstammt
(Heitmeyer2002).DemGMF-KonzeptliegtdieEinsichtzugrunde,dassindividuelleVorurteilehäufigalsKombination
vonabwertendenEinstellungengegenübermehrerengesellschaftlichenGruppenexistieren;insofernwirdvoneinem
SyndromvonVorurteilengesprochen(Heitmeyer/Grau2013:27).DerBegriff„GMF“wurdebewusstalsNeologismus
geprägt.DiesprachlicheInnovationsollteinderÖffentlichkeit„anecken“undinderFolgeeingesellschaftspolitisches
InteresseaufdiebehandeltenSachfragenlenken(Heitmeyer2012b:323).DaszugrundeliegendeVerständnisvonSozi-
alwissenschaftweistdiesernebenderWissensproduktionaucheineVerantwortungzu,dieAufmerksamkeitderÖffent-
lichkeitundderPolitikbeharrlichaufgemeinwohlgefährdendeEntwicklungenzulenken.DazuwerdenauchVorurteile
gerechnet.
DieamBielefelderInstitutfürKonflikt-undGewaltforschungzwischen2002und2012jährlichdurchgeführtenUntersu-
chungenzurVerbreitungeinzelnerElementeundderinnerenZusammenhängedesVorurteil-SyndromswurdenimLaufe
derZeitkonzeptionellfortentwickelt.DieletzteUntersuchungswelle2012hatabwertendeVorurteilegegenüberzwölf
gesellschaftlich schwachen Gruppen untersucht. Von Anfang an waren auch antisemitische Vorurteile Gegenstand der
Untersuchungen,inderErhebungdesJahres2004bildeteAntisemitismuseinSchwerpunkt.Hervorzuhebenist,dassin
dieAuswertungenkeineDatenvonPersonenmitMigrationshintergrundeingegangensind(Heitmeyer2012a).
ImvorliegendenKontextsindzweiBeobachtungenwichtig:(1)DasAbstraktumAntisemitismuswirdimForschungsins-
trumentariumderGMF-Forschungenausdifferenziert,umverschiedeneinhaltlicheAusrichtungenvonantisemitischen
Vorurteilenangemessenerfassenzukönnen.DiesesdifferenzierungslogischeVorgehenentsprichtdenStandardswis-
senschaftlicherSozialforschung(vgl.Abschnitt8.5).UnterschiedenwirddabeizwischenfünfFacetten.„Klassischer
Antisemitismus“ steht für eine Abwertung von Juden mittels tradierter Stereotype, „Sekundärer Antisemitismus“ wird
verstanden als Relativierung, Verharmlosung und Leugnung des Genozids an den Juden im Zweiten Weltkrieg, „antise-
mitische Separation“ bezeichnet eine Abwertung von in Deutschland lebenden Juden, die auf Zweifel an ihrer Loyalität
zuDeutschlandzurückgeht;als„israelbezogenerAntisemitismus“wirddieÜbertragungderKritikanderisraelischen
RegierungspolitikaufalleJudenbezeichnet;„NS-vergleichendeIsraelkritik“identifiziertdieisraelischePalästinapolitik
mitdernationalsozialistischenJudenpolitik(Heyder/Iser/Schmidt2005;ähnlichauchZick/Küpper2007).Dieseinternen
DifferenzierungenstellenkeineWesensdefinitionenvonAntisemitismusdar,sondernsollen–wiegesagt–dieVoraus-
setzungen für ein möglichst eindeutiges Verständnis der vorgelegten Items bei den Befragten ermöglichen.
(2)Bemerkenswertist,dasssichdieuntersuchtenPraxisakteureinihrenGMF-Bezugnahmennichtaufdiedargestellte
AuffächerungvonverschiedenenDimensionenantisemitischerVorurteilebeziehen,sondernaufdasSyndromkonzept
als solches. Damit rückt man den Sachverhalt in den Vordergrund, dass Vorurteile in der Regel zugleich gegenüber meh-
reren schwachen gesellschaftlichen Gruppen existieren und untereinander in unterschiedlich starken Zusammenhängen
stehen(Zick/Küpper2007:15).AufdasGMF-Konzeptwirdrekurriert,umdieempirischeTatsachevonVorurteilskombi-
nationenzubetonen,unduminderöffentlichenAufmerksamkeitundderpädagogischenBearbeitungderVorstellung
entgegenzuwirken,dermoralischeUnwertvonsozialerAbwertunghingemitderjeweilsbetroffenenBevölkerungsgrup-
pe zusammen. Implizit oder explizit ist damit die These vertreten, dass Vorurteile als solche problematisch sind und eine
gruppenbezogene Hierarchisierung ethisch nicht begründet werden kann.
DaszweitewichtigeReferenzkonzept,die„ArbeitsdefinitionAntisemitismus“derEUMC(EuropeanForumonAntisemi-
tism2005),wurdeexplizitfüreinepolitisch-pädagogischePraxisentwickeltundscheintdasimFeldderzeiteinfluss-
reichsteReferenzkonzeptdarzustellen(D8;D15-18;D35;D109;I81;I58;I59;I62;I81;I83;I84;I92;I99;I193;I106).
GelegentlichfindenauchbeideEingangindieArbeitderBefragten.
51
Antisemitismus als Problem und Symbol — Sichtweisen auf Antisemitismus
DieEUMC-DefinitionkonzipiertAntisemitismusals„einebestimmteWahrnehmungvonJuden,diesichalsHassge-
genüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische
Einzelpersonenund/oderderenEigentum,sowiegegenjüdischeGemeindeinstitutionenoderreligiöseEinrichtungen.“
DiesemdefinitorischenMinimalkern„BestimmteWahrnehmungvonJuden“,gerichtet„gegenjüdischeodernicht-jüdi-
sche“ Personen und Institutionen, der selbst relativ unbestimmt ist, folgt, wie schon im ersten Nebensatz („die sich als
Hass…ausdrückenkann“),eineAufzählungverschiedenerFormen,indenensichAntisemitismusmanifestierenkann.
Eszeigtsichalso,dassdieschonkonstatierteUnsicherheitinderBestimmungdeseigenenTätigkeitsbereichsimzent-
ralenReferenzkonzepteineParallele,möglicherweisez.T.auchihreUrsache,hat.Esistandernorts(UllrichundWerner
2011)schondraufhingewiesenworden,dassdieEUMC-DefinitionehereinenVerdeutlichungscharakterhatundein
Instrument zur Sensibilisierung gegenüber möglicherweise antisemitischen PhänomenendarstelltalseineDefinition,
dieeineAbgrenzungantisemitischervonnichtantisemitischenPhänomenenerlaubenwürde.EinepositiveGegenstands-
bestimmungerfolgtnicht,ebensowenigeinenegative/differenzielle(durchAbgrenzungvonanderenPhänomenen)43.
DieArbeitsdefinitionistdurcheineAmbivalenzgekennzeichnet.DerWortlautdesTextesbesagt,dassverschiedene
aktuelle Beispiele Ausdruck von Antisemitismus sein können, der innere Textkontext (beispielsweise die Benennung des
DokumentesalsDefinition)kannaberfürschnelleLeser/innennahelegen,dasssieessind. Insbesondere die praktische
AnwendungunddabeidiedrohendeAuflösungdieserAmbivalenzdergestalt,dassdiemöglichen Merkmale als Wesens-
merkmale rezipiert werden, ist damit problematisch.44DennunterdenaufgezähltenMerkmalenbefindensichviele,die
zumindestmehrdeutigsind.EinegroßeBreitederAnwendungdesAntisemitismusbegriffsistdamitnahegelegt,auch
weilunklarbleibt,obdieBeispiel-MerkmaleeinzelnodernurinKombination(alsSyndrom)alseinKennzeichenvon
Antisemitismus fungieren.
DieBenennungderDefinitionals„Arbeitsdefinition“istauchinsofernirreführendalssieseitihremBestehenkeiner
grundlegenden Revision unterzogen wurde.45 Das konkrete Ziel, eine Handreichung für die Praxis zu etablieren, wurde
inBerlinoffensichtlicherreicht.ZugleichistdamitaberauchdiePraxisimFeldAntisemitismusäußerststarkvonden
SchwierigkeitendieserDefinitiongeprägt.
Man kann also zusammenfassen, dass mit dem Referenzkonzept GMF ein breites Feld von Gruppenfeindschaften the-
matisiertundbearbeitetwerdenkann,worinAntisemitismuseineDimensionnebenanderendarstellt.WenndasEUMC-
Konzept als Referenz dient, wird zwar nominell ein enger Fokus auf Antisemitismus gesetzt, dann aber ziemlich unscharf
eine große Bandbreite von Phänomenen subsumiert.
EinezentraleHerausforderungfürdasHandlungsfeldderArbeitgegenAntisemitismusbestehtinderVielfaltdermittel-
bar und unmittelbar angesprochenen Phänomene. Unabhängig von den Referenzkonzepten gerät eine Vielzahl hetero-
gener Aspekte in den Blick der Befragten. Auch wenn die Interventionen sich oft auf abgegrenzte Teilaspekte beziehen
(vgl.Kapitel6),bestehtinderBeschreibungvonAntisemitismusAufmerksamkeitfürverschiedeneFormtypen.Darunter
fallenAggressionengegenPersonenoderSachen,Diskursphänomene(Deutungsmuster,Weltbilder),interaktive(direkt
gegenandereMenschengerichtete),verbalewiementalePhänomene(Einstellungen).UndauchininhaltlicherHinsicht
gibt es die Beschäftigung mit antisemitischen Phänomenen unterschiedlichen Charakters und unterschiedlicher Intensi-
tätbzw.Schwere:Differenzkonstruktion,Distanz,ZuschreibungvonKollektiveigenschaften,Abwertung,Welterklärung
und Bekämpfung.
Zusätzlich zu den besonders herausgehobenen Referenzkonzepten sind weitere wissenschaftliche Konzepte Teil der
Auseinandersetzung mit Antisemitismus, vor allem in der Unterscheidung unterschiedlicher historischer Typen (Anti-
judaismus, klassischer oder moderner Antisemitismus, Vernichtungsantisemitismus, sekundärer Antisemitismus, an-
tisemitischerAntizionismus).UnabhängigvonderUnsicherheitimUmgangmitdemKernbegriffkönnendiemeisten
Akteure im Feld auf ein breites theoretisches Wissen zurückgreifen.
43 DiedifferenzielleMarkierungvonnichtantisemitischerKritikanIsrael(dieAnwendungdergleichenMaßstäbewieinvergleichbarenFällen)kannebenso
wenigeineausreichendeBestimmungdarstellen:DoppelteStandardssindeingenerellesPhänomeninderKonfliktwahrnehmungvonInvolvierten,auchin
ganzanderenthematischen/regionalenKontexten.VergleichedazudieKriterienfüreinenichtantisemitischeKritikanIsrael(Ullrich2011).
44 DieFolgeneinessolchensorglosenUmgangsmitderDefinitionsindauchinwissenschaftlichenOrganennachzulesen.SowurdeineinerVeröffentlichung
(SalzbornundVoigt2011;zurKritikvgl.UllrichundWerner2011)das,wasinderArbeitsdefinitionnochalsBeispiel möglichen Antisemitismus‘ in Zusam-
menhangmitIsraelaufgeführtwurde,zu„zentralenCharakteristika“und„Kernbestandteilen“ineinemvondenAutorenunseresErachtensfälschlich
konstatierten„gegenwärtigenMinimalkonsensinderAntisemitismusforschung“.FüreinesolchewissenschaftlicheAnwendungwardieArbeitsdefinition
weder gedacht noch ist sie dafür geeignet.
45 Ursprünglichunter:http://fra.europa.eu/fraWebsite/material/pub/AS/AS_WorkingDefinition-draft.pdf;aktuellistdie„Arbeitsdefinition“zufindenunter:
www.european-forum-on-antisemitism.org/working-definition-of-antisemitism/deutsch-german/(2014-05-04).
52
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
5.2.2ExzeptionalismusdesAntisemitismus
EinebesonderekonzeptuelleSpannung,dieimmerwiederexplizitoderimplizitthematisiertwirdunddieeinweiterer
Ausdruck der terminologischen Unsicherheiten ist, besteht in der Frage der Vergleichbarkeit von Antisemitismus mit
anderenPhänomenen,insbesondereRassismusbeziehungsweisederSubsumierbarkeitbeideruntereinembegriffli-
chen Rahmen. Für verschiedene Akteure ist dies als Subsumtion unter „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, wie
bereitsausgeführt,selbstverständlich.InmehrerenTextenwirdAntisemitismusalseine,wenngleichdurchspezifische
Merkmale gekennzeichnete Form des Rassismusverstanden(D4;I79;I82;I91).AnderelegengroßenWertaufdiebe-
grifflicheFassungdesAntisemitismusinAbgrenzungzumRassismus(I80;I83;I96)
WissenSie,ausmeinerSicht,damalswurdeschon[…]verstärktgegenRassismusvorgegangeninderÖffentlich-
keit[…]undauchgegenRechtsextremismusunddieseganzendemokratiefeindlichenPhänomene.Aberdieser
UnterschiedzwischenRassismusundAntisemitismuswurdenichtrichtigwahrgenommen.[…]DieMethoden
fürdieRassismusbekämpfung,diekannmannichtzwangsläufigzurAntisemitismusbekämpfunganpassen.
Von mir wurde der Trend so wahrgenommen, dass Antisemitismus als eine Form von Rassismus bezeichnet und
untergeordnet wurde. Und das fanden wir, nicht nur ich, viele Menschen fanden das nicht gut, und dass man
dagegeneinenAkzentsetzensollte.(I83)
DabeiwerdenzweiEbenenderProblematikangesprochen,zumeinendiederangemessenen„Bekämpfungsmethoden“,
zumanderendieder„Unterordnung“,dieaufdasPhänomenderOpferkonkurrenzverweist.
Wie in dieser Verhältnisklärung gegenüber dem Rassismus, lässt sich in mehreren Interviews und Dokumenten das Be-
mühenfinden,sehrnachdrücklicheineBesonderheitdesAntisemitismuszukonstatieren,dieüberdiekonkreteBestim-
mungseinerSpezifikhinausgeht.VielmehristdieinhaltlicheSpezifik zusätzlich mit einer herausragenden Wertigkeit
konnotiert. Der Bezug zum Nationalsozialismus und die bereits ausgeführte Symbolbedeutung von Antisemitismus
bildendafür–teilsimplizit,teilsexplizit–denHintergrund.WirbezeichnendiesalsExzeptionalismusdesAntisemitis-
musbegriffs(Barskanmaz2011;Ullrich2013:99ff.).DazuzweiBeispielzitate:
Da sind wir natürlich immer auf diesem// Da bewegen wir uns in dieser Grauzone oder in diesem gefährlichen
Wasser, dass dann Antisemitismus wie eine Diskriminierungsform wie andere gesehen wird. Wir sind uns schon
dessen bewusst, dass Antisemitismus nochmal was ganz besonderes ist, zum Beispiel in Abgrenzung zu Rassis-
mus.(I96)
Antisemitismus muss sozusagen als eigenständiges Phänomen behandelt werden. Kann also nicht behandelt
werden,wieeinedergewöhnlichenGruppenfeindschaften.(I79)
EineigenesKapitelwidmetsichdemAntisemitismus,weildiesernichtmitder„üblichen“Diskriminierunggleich-
gesetztwerdenkann.(D38)
DasletzteBeispiel(ausderEinleitungeinesBildungsmaterialsfürSchüler/innen)istsicherlichnichtderartintendiert,
dass„‘übliche‘Diskriminierungen“verharmlostoderkleingeredetwerdensollen.Dafürfindensichkeinekonsistenten
Hinweise im Text, der verschiedene Arten von Gruppenfeindschaften und Diskriminierung thematisiert, um sie bekämp-
fenzukönnen.DochverdeutlichtsichandieserStelleeinediskursiveStruktur,diedenAntisemitismusquasi‚trotzdem‘
noch einmal zusätzlich herausstellt. Gerade in dieser widersprüchlichen Koinzidenz einer Gleichbehandlung der Diskrimi-
nierungsformen und einer Ungleichsetzung verdeutlicht sich der herausragende symbolische Aspekt des Antisemitismus.
EinsolcherExzeptionalismusstelltjedocheineGratwanderungdarundgehtmitProblemeneinher,dieamfolgenden
Textbeispiel aus der gleichen Broschüre analysiert werden sollen.
53
Antisemitismus als Problem und Symbol — Sichtweisen auf Antisemitismus
Die Annahme, nicht alle Menschen seien gleichwertig, ist dem Antisemitismus noch mit anderen Formen der
DiskriminierungunddembiologistischargumentierendenRassismusgemeinsam.EineSonderstellungnimmtder
Antisemitismus allerdings ein, weil er sich nicht in die Kategorien der Diskriminierung auf Grund des Glaubens,
derHerkunft,derkulturellenEigenheiten,derkörperlichenMerkmaleunddesGeschlechtsdrängenlässt.Im
Antisemitismus fallen in der Regel mehrere oder gar alle diese Kriterien zusammen. Zum anderen unterliegt der
Antisemitismus historisch und aktuell in seiner Begründung permanenten Metamorphosen. Nicht zuletzt kommt
dem Antisemitismus auf Grund der Shoah gegenüber anderen Formen der Diskriminierung eine Sonderstellung
zu.(D38)
DasZitatzeigtdeutlichdieÜberlagerungverschiedenerAspektedesAntisemitismusdiskurses,nämlichderbegriffli-
chenBestimmungunddermoralischenBewertung(diehäufiganhandderVergleichsfolieRassismusundanhanddes
Holocaust-Bezugsvorgenommenwerden).EineBestimmungderSpezifikdesAntisemitismusistauchnotwendig,46 um
überhaupt über Antisemitismus sprechen zu können, also Klarheit über den behandelten Gegenstand zu erlangen. Prob-
lematischisteshingegen,wenndieBestimmungundBenennungseinerSpezifitätinselektiveWahrnehmungumschlägt.
DieserührtteilsausderUngleichgewichtigkeitder(präsentierten)KenntnisseüberdieverhandeltenGegenstände.So
ist es, dies zeigt die intersektionelle Forschung zur Diskriminierung, eben nicht nur, wie im Zitat impliziert, für den An-
tisemitismus, sondern auch für Rassismus im Allgemeinen typisch, dass sich verschiedene Diskriminierungsmerkmale
verbinden(Crenshaw1989;Crenshaw1991;Knapp2007).UndselbstverständlichsindMetamorphosenauchfürandere
Gruppenfeindschaftsphänomene typisch (sichtbar beispielsweise in der Verschiebung vom rassisch-ethnisch fundierten
zumkulturellenRassismus).DasBeispielzeigt,dassdieKehrseitedesExzeptionalismuseineMystifizierungdesAntise-
mitismus sein kann, durch die dieser als komplex und wandelbar implizit anderen Diskriminierungen gegenübergestellt
wird, die entsprechend eindimensional und statisch konzipiert werden.
5.3 Kontextualisierungen: Anschlussdiskurse, Trägergruppen und Zeitbezüge
Die Vergleiche des Antisemitismus mit dem Rassismus und die ebenso vorhandenen Abgrenzungsbemühungen zwischen
beiden haben bereits einen wichtigen Kontext der Antisemitismuswahrnehmungen eingeführt: Rassismus und andere
Formen von Gruppenfeindschaften. Antisemitismus wird auf einem sehr allgemeinen Level auch mehrheitlich verstanden
als eine Form der Ausgrenzung, Diskriminierung oder Benachteiligung neben anderen, die Gegenstand der Beschäftigung
und Intervention ist, weil sie grundlegenden Werten, insbesondere Demokratie und Menschenrechten entgegensteht.
DiesePositionvertreten,wieobenbeschrieben,auchdiejenigen,diedemAntisemitismusbesondereSpezifikaodergar
einebesondere(moralische)Wertigkeitzusprechen.
UmDifferenzierungenindenSichtweisenaufAntisemitismuszuverstehen,istesdeshalbnötig,dieEbenesolcherde-
klaratorischen Allgemeinplätze zu verlassen und die Thematisierungen von Antisemitismus genauer hinsichtlich ihrer
KontextbezügeoderdiskursivenAnschlüssezuanalysieren(vgl.Ullrich2012;UllrichundKeller2014).Dieskannauch
durch Analyse der referenzierten Trägergruppen von Antisemitismus geschehen.
Bei einigen Befragten ist der allgemein akzeptierte Demokratie- und Antidiskriminierungsbezug tatsächlich der zentrale
Bezugskontext per se. Ansonsten werden folgende speziellere Kontext- und Milieubezüge hergestellt:
• Rechtsextremismus
• Die „Mitte“
• Islam/Islamismus
• Nahostkonflikt
• Die Linke
• Migration
• Jugend
46 SomussAntisemitismusselbstverständlichalsTeileinesumfassenderenrassistischenDiskursesverstandenwerdenundkanntrotzdemspezifischeEigen-
schaften aufweisen, die ihn in einzelnen Aspekten von anderen Formen oder gar der Mehrheit anderer Rassismen deutlich abheben.
54
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Antisemitismus im Rechtsradikalismus wird einerseits als „klassische“ oder genuine Form des Antisemitismus benannt.
TrotzeinerVielzahlvonNennungenfindetrechtsradikalerAntisemitismusoftnurinAufzählungenverschiedenerTypen
oderErscheinungsformendesAntisemitismusErwähnung.ErwirdzudemeheramStadtrandodergaraußerhalbBerlins
verortet. Zwei Hintergründe sind zu vermuten. Zum einen ist Antisemitismus organisierter Neonazis mit festem Weltbild
kaumeinerpädagogischenInterventionzugänglich.EntsprechendgeratendieweicherenoderzugänglicherenFormen
eher in den Bereich des Handelns der Akteure im Feld. Dies fällt mit den oben beschriebenen generellen Verschiebungen
desAntisemitismus-Diskurseszusammen(vgl.Abschnitt2.2).
Der Topos „Mitte der Gesellschaft“ greift einen Aufmerksamkeitsfokus jüngerer Forschungen zum Rechtsextremismus
undAntisemitismusauf(Deckeru.a.2010;Decker,KiessundBrähler2012;Schwarz-Friesel/Reinharz2013;Kohlstruck
2011a),derseinenUntersuchungsgegenstandauchinarriviertenbürgerlichenSchichtenvorfindet–dermeistrecht
unbestimmtbleibenden„Mitte“.DiesewirdalsTrägerimProzessderErosionanti-antisemitischerTabusgesehen.Un-
abhängigvonderanalytischenSchwächedesMitte-Begriffs,diedarinihremPendant„Extremismus“innichtsnachsteht,
ist diese Perspektive mit einer praxisrelevanten Botschaft verbunden. Antisemitische Phänomene (unterschiedlicher
Intensitätsgrade)lassensichnichtexternalisieren,indemmansie„extremistischenRändern“zuschiebt.Stattdessen
ist, wenn man ernst nimmt, dass es sich bei Antisemitismus um ein genuin soziales Phänomen handelt, das seinen
NiederschlaginkulturellundinstitutionelltradiertenSymbolen,inSpracheundkollektivenPraxenfindet,eineReflexion
darübermöglich,inwieweitdiegesamteGesellschaftvonantisemitischenElementenbeeinflusstodergeprägtist.Dies
erlaubtzugleicheineDifferenzierungzwischenunterschiedlichenGradenderBeeinflussungabseitsderbinärenund
personalisierenden Kategorisierung Antisemit/Nicht-Antisemit.
Der Islam und die Muslime,geratenaufzweiverschiedeneArtenundWeisenindenBlick.EinThematisierungskontext
ist der islamistische Antisemitismus, der in radikal-religiösen Bewegungen seine Hauptträger hat und oft auch religiös
begründetwird.SowohlAkteureausmuslimischenLändernalsauchderenEinflussaufMuslimeinderBundesrepublik
sind Teil der Auseinandersetzung. Fast immer mit diesem Strang der Diskussion verbunden ist jedoch der zweite Aspekt,
derAntisemitismusunterMuslimenmitBezugzumNahostkonfliktthematisiert.Siewerdenalsdirektoderindirekt
Betroffene,InvolvierteaberauchideologischverführtebeziehungsweiseaufgeputschteTräger/innenvonJudenfeind-
schaft erörtert. In den meisten Interviews kommt diesem Kontext eine Zentralstellung zu. Deswegen ist schon darauf
hingewiesen worden, dass hier eine Spannung zwischen realem Problemvorkommen (israelbezogener und islamisierter
Antisemitismus)undteilweiseprojektiverZuschreibungmitdemwillkommenenEffekteinerProblemexternalisierung
vorliegen könnte. Die Bedeutung dieser bei einigen Akteuren nachdrücklichen Fokussierung auf arabische und türkische
Jugendliche wird unter anderem dann deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass es in unserem Material fast keiner-
leiThematisierungantisemitischerTendenzeninanderen(europäischen,weißen)Migrant/innengruppengibt–trotz
vorhandenenwissenschaftlichenWissensüberdessenExistenz(Wetzel2010;Scherr/Schäuble2008).47 Das Christentum
und die christlichen Kirchen als Äußerungs- oder Bedingungskontext von Antisemitismus werden nur am Rande erwähnt.
Damit ist der dritte Kontext schon aufgerufen: der Nahostkonflikt.Derisraelisch-palästinensischeKonfliktstelltdas
zentrale Referenzereignis aktueller Antisemitismusdiskussionen dar, auch bei den befragten Berliner Akteuren. Meist
geht es um die Benennung von bestimmten Formen der Kritik an und Feindschaft gegenüber Israel sowie weltbildhaf-
ten Antizionismus, die als neue oder aktuell dominante Form des Antisemitismus eingeführt werden. Damit hat sich
ein Bedeutungswandel mittlerweile fest etabliert. Aus der Möglichkeit, dass Kritik an Israel und Antizionismus anti-
semitisch sein können,seiesmotivationaloderhinsichtlichdersemantischenEinbettunginantisemitischeDiskurse
(vgl.Holz2005b;Zuckermann2005),wurdedievielfachunterhinterfragteGewissheit(diesgiltfürBefragteausallen
Akteursgruppen),dassIsraelkritikoderAntizionismuszumDefinitions-oderKernbereichdesAntisemitismusbegriffs
gehörten. Zugleich wird aber in einigen Interviews betont, dass zwischen legitimer und nicht legitimer Kritik an Israel
unterschieden werden müsse.
IndieserSpannungverdeutlichtsichdieobenschonerwähnteProblematik,dassbegrifflichzweiEbenenvermischt
werden.EswirddasAbwägenvonberechtigterundnichtberechtigterKritikanderisraelischenBesatzungundAntise-
mitismus/Nicht-Antisemitismus(alsozweierzunächstdistinkterProblem-oderAnalyseebenen)zueinerKonfliktlinie
vereinigt, auf der sich legitime Kritik und Antisemitismus gegenüberstehen. Mit dieser Reduktion der Thematik auf
47 BeispielhaftistdiesesInterviewzitat:„Dennesistganzklar,dassesletztenEndesauchdavonabhängigistinwelchemStadtteiloderinwelcherRegionvon
Deutschland man wohnt. In Neukölln und Wedding haben wir virulente Probleme mit arabisch-türkisch-islamischem Antisemitismus. Wenn man weiter in
dieweiteröstlichgelegenenStadtteilegeht,dannverschiebensichdadieSchwerpunkte.“(I82)DieangesprochenenVerschiebungenwerdennichtweiter
ausgeführt.
55
Antisemitismus als Problem und Symbol — Sichtweisen auf Antisemitismus
einenbinärenWiderspruchwirdeinTeilderKomplexitätderSacheeinerleichterenKlassifizierbarkeitgeopfert.Die
ErleichterungindermoralischenEinordnung,diemitdieserOptionverknüpftist,erweistsichalsBumerang,weildie
Verschiedenheit der Kontexte, in denen Feindschaft gegenüber Israel entsteht, zugunsten einer monokausalen Antise-
mitismusthese unterkomplex beleuchtet zu werden droht.
ImZusammenhangmitdemThemenkomplexNahostkonflikt/Antisemitismus/Antizionismus/KritikanIsraelwirdauch
die politische Linke in vielen Interviews behandelt. Dies erfolgt jedoch eher en passant in Aufzählungen und ohne weitere
Elaboration.DieLinkeistsomitimAufmerksamkeitsfokus,abernichtTeilexpliziterBeschäftigungderbefragtenAkteure.
Diese Situation würde sich wohl anders darstellen, wenn auch allgemeinpolitische Akteure, wie Parteien und Stiftungen,
befragtwordenwären(vgl.beispielsweiseUllrich2013;IonescuundSalzborn2014).
DieKontexteNahostkonfliktundIslamverknüpfensichzudemnochmitzweiweiterenFeldern.Zumeinenwirdmuslimi-
scher Antisemitismus in mehreren Interviews und Dokumenten als Antisemitismus muslimischer Jugendlicher bzw. jun-
ger Männerthematisiert.MitdieserFokussierungsindauchmehrereErklärungsansätzefürproblematisiertepolitische
Phänomene, die als Antisemitismus aufgefasst werden, aufgerufen: der Islam, die familiären Beziehungen in Länder des
NahenOstens,aberauchJugendlichkeitundMännlichkeit.EinigepädagogischeProjektehabendiesenGedankenschon
aufgegriffenundarbeiten–auchwennAntisemitismusdasdeklarierteAusgangsproblemihresArbeitsansatzesist–auf
diesenverschiedenenEbenenvonSelbstinszenierungenundGruppenidentitätskonstruktionen.Allerdingsbestehtdie
Gefahr, dass aufgrund der hohen Symbolbedeutung von Antisemitismus dieser als ideologischesErklärungsmomenteine
bevorzugte Stellung zugesprochen bekommt und alternative oder ergänzende Deutungen (beispielsweise als Phänomen
vonJugendgewaltundMännlichkeitsinszenierungen,welchebiszueinemgewissenGradinhaltlichunspezifischeOpfer
wählen)nichtimnötigenAusmaßBeachtungfinden.JugendundMännlichkeitwerdenalserklärendeVariablenfür
Vorfälle nicht ausreichend gewürdigt.
DieAnschlussdiskurseNahostkonflikt/Muslime/IslamrufenaucheinenumfassenderenMigrationsdiskursmitauf.Ge-
legentlich wird dieser auch ohne besonderen Fokus auf Muslime als Herausforderung der Arbeit gegen Antisemitismus
ineiner„multikulturellenGesellschaft“oder„derEinwanderungsgesellschaft“gefasst.AuchhierlassensichwiederPo-
sitionen unterscheiden, die nur die verschiedenen Gruppen als unterschiedliche Träger von Antisemitismus benennen48
und solche, die komplexere Zusammenhänge von Migration und Mehrheitsgesellschaft thematisieren. Dazu gehört
dieRolledesNationalsozialismusbeimExportvonAntisemitismusinandereLänder(I91)unddieschonthematisierte
Problematik, die sich aus der Universalisierung deutscher erinnerungskultureller Ansprüche in kulturell heterogener
GesellschaftmitverschiedenenErinnerungsgemeinschaftenergeben.
Arbeitsprägende räumliche Kontextualisierungen sind in der Regel lokale oder nationale; im Kontext der Thematisierung
vonMuslimenundnahostkonfliktbezogenerantijüdischerGewaltimvergangenenJahrzehntwirddieProblematikauch
alseuropäischegedeutetundTrägergruppenundOrganisationenausnahöstlichenLändern(Türkei,Iranusw.)finden
Erwähnung.
EinzentralerSchlüsselzumVerständnisderdiskussionsinternenWidersprüchesinddiezeitlichenKontextualisierungen.
Die Mehrheit der Befragten, mit der Ausnahme von gezielt historisch ausgerichteten Institutionen wie Museen zur Ge-
schichte des Nationalsozialismus oder der Judenverfolgung, thematisiert Antisemitismus dominant als ein Problem im
Hier und Jetzt; dies verdeutlicht sich in allen oben genannten thematischen Kontexten. Darüber hinaus gibt es, gerade
in der auf Antisemitismusprävention angelegten pädagogischen Arbeit einen impliziten Zukunftsbezug. Beides jedoch
findetvordemHintergrundeinesomnipräsentenVergangenheitsbezugsstatt.DieZeitdesNationalsozialismusistinden
pädagogischenSettings(zumBeispielAusstellungen),indenprogrammatischenBegründungenderFörderprogramme
undEinzelprojekte,imöffentlichenDiskursundzumTeilnatürlichindenbearbeitetenPhänomenenselbst(bspw.Holo-
caustleugnung,GleichsetzungisraelischerundnationalsozialistischerPolitik)ubiquitär.Problematischistdabei,wiees
auchvonExpert/innenundPraktiker/innenimFeldschonlangethematisiertwurde(vgl.Mesethetal.2004),dassdamit
ein moralischer Maßstab etabliert wird, der so anspruchsvoll, so uneinholbar ist,49 dass er eine Bearbeitung aktueller
antisemitischer Phänomene manchmal mehr behindert als befördert. Dem liegt das generelle Problem zugrunde, dass
auseinermoralischenVerabsolutierungvonhistorischenEreignissennotwendigerweiseunaufhebbareProblemefür
48 Beispielhaft:„EskommtausverschiedenenEcken,manchmalausGruppenvonEinwanderernunddagibtesverschiedeneGruppenundverschiedeneAus-
prägungenvonAntisemitismus.“(I84)
49 AngesichtsdesschierenAusmaßes,desunbeschreiblichenLeidsundderzugleichkühlenEffizienzdesNS-JudenmordeswurdeAuschwitzmitderMetapher
des„Zivilisationsbruchs“(Diner1987;vgl.Claussen2005)bezeichnet.DamitverbindetsichdieThese,dasGeschehenseimoralischunfassbarundwissen-
schaftlich kaum abschließend erklärbar.
56
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
die Handlungsebene erwachsen: „Mit einer Schuld, die jenseits des Verbrechens steht, und einer Unschuld, die jenseits
derGüteoderderTugendliegt,kannmanmenschlich-politischüberhauptnichtsanfangen“(Arendt1987:90f.).Jeder
Versuch,imkonkretenpolitischenoderpädagogischenHandelneinemalsabsolutinterpretiertenEreignisgerechtzu
werden, ist notwendigerweise durch eine konstitutive Unangemessenheit gekennzeichnet.
5.4 Entgrenzende Verwendung des Antisemitismuskonzepts
Esisteingangsdaraufverwiesenworden,dassinderwissenschaftlichenAntisemitismusliteratureinegewisseSpannung
zwischensehrweitenundengeren,spezifischenAntisemitismusbegriffenbesteht.Diesstelltsichimhieruntersuch-
tenFeldetwasandersdar.EsdominierenfastvollständigsehrweiteAntisemitismusbegriffe.Diesesindaberbeiden
meistenBefragtenkeineBegriffeimSinneeinerDefinition,sonderntentativeMarkierungeneinesPhänomenfeldes,
welchesdurchmöglicheAusprägungenundvorkommendeElementeassoziativerschlossenwird(„additivsuchendes
Definieren“).
Antisemitismus wird mit verschiedenen Kontexten in Bezug gesetzt, wobei muslimischem und israelbezogenem Anti-
semitismuseineherausragendeStellungzukommt.TrotzdieserdominantenOrientierungaufgegenwärtigePhäno-
mene, ist als zeitliche Kontextualisierung und moralisches Begründungsmuster für die Notwendigkeit der Bekämpfung
des Antisemitismus der Bezug zum nationalsozialistischen Judenmord allgegenwärtig. Damit zusammen hängt auch
diebesonderemoralischeWertigkeit,diedemAntisemitismuszugesprochenwird(Exzeptionalismus).Diesermoralisch
hochgradigaufgeladeneExzeptionalismusistzugleichalseinErklärungsfaktorfürdieimFeldweitverbreitetenpessimis-
tischen Sichtweisen zu verstehen: Summarisch wird ein hoher Problemstand konstatiert und von einigen überdies eine
ZunahmevonAntisemitismusangenommen.ErmöglichtwirddiesdurchdiehäufigbeobachtbareunifizierendeVerwen-
dungdesAntisemitismusbegriffs.Siebestehtdarin,antisemitischePhänomeneaufverschiedenenBeobachtungsebe-
nen(Bewusstsein,Verhalten,Handlung)undinunterschiedlichensozialenKontexten(individuellePersonen,informelle
Gruppen,Milieus,Organisationenetc.)zueinemeinzigen,insichvermeintlichhomogenenProblemzuvereinheitlichen.
Mansprichtvon„ErscheinungsformendesAntisemitismus“(D41)undimpliziertdamitdasunhistorischeDenkmodell
einesidentischenInhalts,deringeschichtlichwechselndenFormenbeobachtetwerdenkann.EineUnifizierungsachlich,
zeitlich und sozial unterschiedlich gelagerter antisemitischer Phänomene zu „dem Antisemitismus“ ist in vielen Fällen
lediglicheinsprachlicherKunstgriff,demkeineEinheitlichkeitimGegenstandentspricht.
57
Antisemitismus als Problem und Symbol — Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
6 Auseinandersetzungen
mit Antisemitismus
Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus als realer und symbolischer Herausforderung wird heute in Berlin seitens
derPolitikundderZivilgesellschaftauffünfEbenengeführt.DiessinddiesystematischenBeobachtungenundDokumen-
tationenvonantisemitischenEreignissen,dieStrafverfolgung,deranti-antisemitischeDiskurs,Beratungsarbeitsowie
Bildungsangebote. Die genannten fünf Grundtypen einer aktiven Auseinandersetzung mit Antisemitismus verteilen sich
ungleichmäßigaufdievonunsgenaueruntersuchten33Akteure:EinigeAkteurekonzentrierensichaufeineneinzigen
ArbeitsbereichundofferierenetwaausschließlichBildungsangebote,andereAkteureverbindendieBildungsarbeitmit
einer aktiven Beteiligung am anti-antisemitischen politischen Diskurs.
DieBeobachtungantisemitischerEreignissedurchstaatlicheundzivilgesellschaftlicheStellenistobenbereitseingehen-
derbehandeltworden(Kapitel4).DiebundeseinheitlichdurchgeführteStrafverfolgungsstatistikerfasstrechtskräftig
abgeurteilte Personen, die sich wegen Vergehen oder Verbrechen vor Gericht verantworten mussten. Wie oben darge-
stellt(Abschnitt2.3.1)könnenantisemitischeDelikteeineVielzahlvonStraftatbeständenerfüllen,währendeinStraftat-
bestand Antisemitismus als solcher nicht existiert. Infolgedessen können in der Strafverfolgungsstatistik keine Zahlen
von einschlägigen Verurteilungen vorliegen. Dieses Forschungsthema würde also aufgrund des Quellenproblems eine
eigeneumfangreicheErhebungerfordern.IndenfolgendenAbschnittenwerdendieübrigendreiInterventionsfelderdes
anti-antisemitischen Diskurses, der Beratung und der Bildungsangebote genauer dargestellt.
6.1 Anti-antisemitischer Diskurs
Als antisemitisch geltende Vorfälle werden von Landes- und Kommunalpolitikern regelmäßig scharf verurteilt. Bekräftigt
werdendieNotwendigkeiteinerbesonderenAufmerksamkeitfürdieseProblematikunddieVerpflichtungzueinerklugen
Präventionsarbeit.DieTriasvonVerurteilung,SensibilitätsverpflichtungundPräventionsaufgabenwirdteilweiseals
Ausdruck der Verantwortung verstanden, die aus der deutschen Schuld am nationalsozialistischen Judenmord resultiert.
ImBereichderZivilgesellschaftbestehtderantisemitismuskritischeDiskursimWesentlichenausdreiElementen:(1)
EineaktiveVerbreitungvonInformationenüberEreignisse,diealsantisemitischbewertetwerden,inVerbindungmit
ihrerkritischenKommentierung.(2)EinzelaufrufeandieallgemeineÖffentlichkeitzuStellungnahmenbeziehungsweise
zuverschiedenenFormeneinerpolitischenSolidarität(Demonstrationen,Unterschriftenlisten,andereAktivitäten)oder
breiterangelegteKampagnen.(3)LobbyarbeitzugunstenderAntisemitismusbekämpfung.DemWirkungsortBerlinwird
in diesem Zusammenhang eine besonderer Bedeutung zugesprochen: In Berlin haben viele überregional aktive zivilge-
sellschaftlicheTrägerihrenSitz(I84).DaswidersprichtnichtdemEindruckeinzelnerInterviewter,dassandernortsteil-
weisemehrgeleistetwirdalsinBerlin(I105),sondernbesagt,dassinBerlinansässigeAkteurehäufigbundesweitagieren.
6.1.1ÖffentlicheStellungnahmen
ZivilgesellschaftlicheAkteureverfolgendieEntwicklungantisemitischerEreignisseundnehmeninausgewähltenak-
tuellenFällenöffentlichStellung(I83).DiesgeschiehtinPresseerklärungen,überE-Mail-VerteilerodereigeneInter-
netseiten(I82).EinzelneAkteurekooperierenmiteinander,umlängerfristigangelegteFalldokumentationinternzu
erarbeiten(I82)oderzupublizieren(D27-D29;vgl.Abschnitt4.2).DieErarbeitungvonAusstellungenzuaktuellenund
zeitgeschichtlichen Aspekten des Themas Antisemitismus stellt eine weitere Facette der Beteiligung beziehungsweise
derInitiierungvonöffentlichenDiskursendar(I99).Mitarbeiter/inneneinigerderuntersuchtenAkteurehabenBeiträge
zur pädagogisch-fachlichen sowie zur wissenschaftlichen Diskussion zu aktuellen antisemitischen Phänomenen veröf-
fentlicht. Dies geschieht auch in eigener, individueller Verantwortung und nicht im Namen der Träger.
Die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure in Berlin am antisemitismuskritischen Diskurs schließt auch Stellung-
nahmenauseinerBeobachterperspektiveein,diedieöffentlichenAuseinandersetzungenumDefinitionsfragenvon
AntisemitismusoderParteinahmenimKonfliktzwischenIsraelundPalästinensernselbstzumThemamachen,soweit
diesealsantisemitischoderantiisraelischkritisiertwerden.EinBeispielistdieKommentierungderAufnahmevonTex-
ten des Journalisten Jakob Augstein in die Liste der zehn wichtigsten antisemitischen/antiisraelischen Beschimpfungen
58
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
durchdasSimon-Wiesenthal-CenterinLosAngelesimJahr2012unddieBewertungenderBDS-Kampagne(„Boykott,
Desinvestitionen,Sanktionen“)auchdurchAkteureinBerlin(D21-D25).
6.1.2 Mobilisierung
Die Informations- und Pressearbeit wird ergänzt durch Aktionen und Kampagnen, die direkt auf eine Aktivierung der
allgemeinenÖffentlichkeitzielen.EinBeispielsinddie„AktionswochengegenAntisemitismus“.DieFokussierungen
richtensichaufzeitgeschichtlicheundaufaktuelleThemenundAnlässe,alsoetwaAktionenmitBezugaufdasErinne-
rungsdatum9.NovemberoderhinsichtlichaktuellerantisemitischerPositionengegenüberIsrael(I99).Antisemitismus
wird dabei als Problem verstanden, das nicht von einzelnen Trägern alleine bearbeitet werden soll und kann, sondern
das als allgemeines Problem „der Gesellschaft“ zugewiesen wird.
WirhabenmehrereSäulen.EineistganzklarÖffentlichkeitsarbeit,Kampagnenarbeit,Aufklärungsarbeit,eher
rausgehen und ein bisschen laut und ein bisschen mit Nachdruck auf unsere Themen zu verweisen, wobei wir
vom Gestus her auch immer sagen, das ist eure Aufgabe. Wir geben die Verantwortung immer in die Gesellschaft
undsagen,allemüssendastun.(I100)
ZuderKampagnenarbeitgehörenunteranderemPlakataktionen(I100)oderöffentlicheStellungnahmenzugunsten
vonMinderheitenrechten(D21).DieTatsache,dasssichvondenuntersuchten33AkteurenachtihremeigenenSelbst-
verständnis zufolge am politischen Diskurs beteiligen, bedeutet nicht, dass in allen gesellschaftlichen Bereichen antise-
mitischePhänomenemitdergleichenAufmerksamkeitbeobachtetunddergleichenEntschiedenheitzurückgewiesen
werden. Aus dem Sportbereich wird berichtet, dass antisemitische Äußerungen unterschiedlichen Gewichts üblich sind
unddassauchingravierendenFällendieGeschädigtendieverbandsinternenSanktionenfürunzureichendhalten(I85).
6.1.3 Lobbyarbeit
EinigezivilgesellschaftlicheTrägerverstehensichalsLobbyist/innen,dieimdirektenGesprächmitPolitikundVerwal-
tungversuchen,aufEntscheidungeninihremSinneEinflusszunehmen(I100).FürzweiAkteureistdieseineAufgabe
neben anderen, für einen dritten stellt es die zentrale Aufgabe dar.
Also wir sind ein Akteur, der einfach seit längerem aktiv ist. Und wenn es Themen gibt, auch so Themen wie Ver-
stetigung von Programmen gegen Antisemitismus, lassen wir keine Gelegenheit aus, vorzuführen, wie wichtig
dasist,beipolitischenGesprächspartnern.(I84)
Wir arbeiten sehr eng mit Berlin, der Senatsverwaltung, und die haben auch viele eigene Ressourcen investiert in die
Programme,diewirmitdenengemeinsamentwickelthaben.Dassollauchsein,dennamEndewollenwirIdeen,Pro-
grammeanstoßen,aberwirsindkeinBildungsinstitutindemSinne.WirsindeinepolitischtätigeOrganisation.(I84)
Folgt man den Darstellungen in den Interviews, ist die Aufnahme des Themas Antisemitismus in den Namen des Akti-
onsprogrammsderBundesregierung2001aucheineFolgedirekterLobbyarbeit.50
6.2 Beratung
Die Beratungsangebote im Themenfeld Antisemitismus beziehen sich auf verschiedene Aspekte. Dazu gehören die Beratung
von Geschädigten, die Beratung bei der Planung und Durchführung von thematisch einschlägigen Bildungsangeboten und
anderenProjektensowiedieBeratungvonOrganisationenbeiderVerbesserungihrerdemokratischenOrganisationskultur.
DieBeratungvonGeschädigtenwirdvonjüdischenOrganisationenundnichtjüdischenfreienTrägernpraktiziert.Zum
BasisangebotgehörtdieunmittelbareErreichbarkeiteineserstenAnsprechpartnersübereinetelefonischeHotline.Es
50 Das von der Bundesregierung aufgelegte Aktionsprogramm „Jugend für Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und
Antisemitismus“liefvon2001bis2006.Vgl.zurEvaluation:LynenvonBerg/Palloks/Steil(2007).
59
Antisemitismus als Problem und Symbol — Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
wirdergänztumdieVermittlungvonpsychologischer,medizinischer,juristischeroderanderweitigerfallspezifischer
Unterstützung(I83).DieArtderUnterstützungunddasAusmaßanDiskretionorientierensichanderjeweiligenProblem-
lageunddenPräferenzenderBetroffenen.DieBeratungvonOpfernantisemitischerAktionenistdieArtvonBeratung,
dieimengsteninnerenZusammenhangmitAntisemitismussteht.NachEinschätzungenvonbefragtenExpert/innenin
BeratungseinrichtungentendierenjüdischeOpferstärkerzuBeratungsangebotenvonjüdischenOrganisationenalszu
dennichtkonfessionellenOpferberatungsstellen.
Sowohl seitens der Bildungsverwaltung wie von freien Trägern werden Beratung für einzelne Lehrkräfte oder Schulen bei
der Planung und/oder Durchführung von Bildungsveranstaltungen angeboten. Freie Träger führen prozessbegleitende
Beratung von Projekten durch.
AusderBildungsverwaltungwievonfreienTrägernwerdenauchBeratungenangeboten,diesichaufdieEntwicklungvon
OrganisationskulturenimGanzenbeziehen.BeiSchulenstehtdabeiunterdemStichworteiner„demokratischenSchulkul-
tur“ die Verbesserung von Partizipationsverfahren im Mittelpunkt. Beratungsangebote, die sich auf eine themeneinschlä-
gigeExpertisestützen,könnenauchvonanderenOrganisationenundEinzelpersoneninAnspruchgenommenwerden.
Bei den projektbezogenen Beratungen, stärker noch bei den organisationsbezogenen ist die Auseinandersetzung mit An-
tisemitismus nicht die einzige Thematik; die Probleme der Nachfrager/innen und die korrespondierende Ausrichtung der
BeratungsindallgemeinerangelegtundlassensichuntergenerellenAufgabensubsumieren.DiessinddieEtablierung
vonWillensbildungs-undEntscheidungsverfahrenderverschiedenenamSchulgeschehenbeteiligtenStatusgruppen
(„Demokratie“)oderdieStärkungvonOrganisationsmitgliedernimUmgangmiteinerethnisch,nationaloderkulturell
heterogenen Klientel wie generell die Stärkung von Kompetenz im Umgang mit einer vieldimensional verstandenen
„Vielfalt“oder„Diversity“.GeradeauchinSchulenwirdmitderEtablierungdesDemokratieprogrammseinegenerali-
sierte Perspektive verfolgt, in der die Auseinandersetzung auch mit Antisemitismus enthalten ist, ohne dass diese jedoch
einen thematischen Fokus darstellt.
6.3 Bildungsangebote in Schule und Jugendhilfe sowie Multiplikator/innen-Fortbildung
Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen die untersuchten Bildungsangebote zum Themenfeld Antisemitis-
mus. Die Fragestellung konzentriert sich dabei auf zivilgesellschaftliche Akteure, für die Antisemitismus im Untersu-
chungszeitraumzuihrenzentralenThemenfelderngehörteunddieausöffentlichenMittelnfinanziertwurden.
6.3.1 Träger, Angebote, Zielgruppen und Formate
Prinzipiell werden von den untersuchten freien Trägern Bildungsangebote für verschiedene Altersstufen und unter-
schiedlicheinstitutionelleKontexteentwickelt.Vonden33untersuchtenAkteurenbieteninsgesamt20auchoderinder
Hauptsache Bildungsmaßnahmen an. Zu den Adressaten gehören Kinder bzw Jugendliche in Schulen und im Rahmen
der Jugendhilfe, Fortbildungen für erwachsenes pädagogisches Personal und Mitarbeiter von Verwaltungen sowie Bil-
dungsangebotefürdieallgemeineJugend-undErwachsenen-Öffentlichkeit.
Der allergrößte Teil der Angebote wird in konkreten Kooperationsbeziehungen zwischen den Trägern auf der einen
SeiteundSchulensowieEinrichtungenderJugendhilfeaufderanderenSeitegeplant,entwickeltunddurchgeführt.Die
praktisch durchgeführten Bildungsangebote stehen damit hinsichtlich der Teilnehmenden wie der Inhalte und Methoden
jeweils unter dem Anspruch einer hohen Passgenauigkeit hinsichtlich der konkreten Adressatengruppen, deren Voraus-
setzungen und – im Falle von Multiplikatoren – deren eigener Aufgaben und Tätigkeit.
Die Angebote der Träger sind in vielen Fällen durch die Nachfrage von Seiten der Schulen und Jugendeinrichtungen be-
stimmt.Organisationen,dieProjektegegenAntisemitismusdurchführen,werdenvonSchulenoderJugendeinrichtungen
aufgrundeinesaktuellenBedarfesbeauftragt(I103;I104;I107).
„[…]undbeidenSchülerprojekttagenhabenwirschonvieleAnfragen.Undwasichdainteressantfinde,istdass
das sehr von der politischen Lage variiert. Also, wenn was los ist, gibt‘s mehr Anfragen, also wenn in den Medien
heftigere Debatten, also zum Beispiel mit der Gaza-Flottille, das war glaub‘ ich so das Jahr, wo wir am meisten
Projekttagedurchgeführthaben,dannspiegeltsichdashierauchwider.“(I103)
60
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
EinTeilderSchulanfragenanfreieTrägererfolgtaufgrundderDiagnoseeinesbesonderenProblemsseitensderverant-
wortlichen Lehrkräfte. Aus Sicht der freien Träger nehmen Lehrkräfte in besonderem Maße antisemitische Äußerungen
inderSchülerschaftwahrundsehensichunterHandlungsdruck:„Wirmüssenetwastun“.DieSuchenachExpert/innen
führt sie zu den einschlägigen Trägern. Bemerkenswert ist diese Abfolge, da es eher einem medizinischen als einem
pädagogischen Modell des Handelns entspricht: Die Wahrnehmung von Symptomen eines unterstellten komplexen
Problems führt zum Ruf nach Spezialist/innen. Sie gehören nicht zu dem sozialen System, innerhalb dessen Probleme
konstatiert worden sind, sondern kommen von außerhalb. Mit geeigneten Maßnahmen sollen sie das Problem bearbeiten
oderMöglichkeitenseinerBearbeitbarkeitaufzeigen(I103;I100).
EinhäufigangefragtesThemaistAntisemitismus„immigrantischenKontext“bzw.„inmuslimischgeprägtenBevölke-
rungsgruppen“oder„inderEinwanderungsgesellschaft“–sodietypischenFormulierungen.
„Was wir versuchen, ist vor allem Schulen bzw. Schulklassen anzusprechen mit einem hohen Anteil an Schülern mit
Migrationshintergrund. Also vor allem heterogene und/oder bildungsferne Klassen, das ist eigentlich das Hauptziel-
publikumfürunsereWorkshopsundoftsindgenauaufsieunsereWorkshop-Inhalteeigentlichzugeschnitten.“(I104)
InmanchenFällenentwickelnfreieTrägerbestimmteAngeboteinEigeninitiative.ImRegelfallaberwerdenImpulseund
BedarfevondenSchulen,JugendeinrichtungenundProjektförderernaufgegriffen.
6.3.2 Fortbildungen und ihre Adressat/innen
FreieTrägerführenthematischeinschlägigeFortbildungenfürSozialpädagog/inneninJugendeinrichtungen(I106;I107)
sowieauchfürnichtpädagogischesPersonaldurch,alsoetwaSozialarbeiter/innen(I94;I99;I100)undfürMitarbeiter/
innenvonBezirksämternundBehördenderInnerenSicherheit(I101;I107).
VonBehördenderInnerenSicherheitwerdenFortbildungendurchgeführtzurErhöhungderQualifikationendeseigenen
PersonalshinsichtlichfremdsprachlicherKompetenzundsachlicherZusammenhänge(I79).DabeikooperierendieBe-
hördenuntereinanderundauchmitExpert/innen,diebeizivilgesellschaftlichenTrägernbeschäftigtsind(I79).Inähnli-
cher Weise wird von Bildungs- bzw. Kulturinstitutionen über vor Jahren bereits laufende Maßnahmen zur Fortbildung des
eigenenPersonalsberichtet.AuchhierzuwerdenexterneExpert/inneneingeladen(I103;I101;I107).AlsFortbildungen
lassensichauchdieVeranstaltungenvonzivilgesellschaftlichenTrägernklassifizieren,diederKompetenzerhöhungin
derAnti-Rechts-Bewegungdienen(I98).
ImBereichderBildungsverwaltungwerdendieQualifizierungenderinderFortbildungtätigenLehrkräftevoneiner
eigenenStellekoordiniert.DasThemaAntisemitismusistdabeiintegriertindieumfassendereAufgabederEntwicklung
einerdemokratischenSchulkultur(I81).VorunseremUntersuchungszeitraumwurdenüberdiesModellprojektezurQua-
lifizierungvonFortbildner/innenbzw.unmittelbarvonLehrkräftendurchgeführt(I81).
Angebotene Formate:
• EinmaligeEinheitenunterschiedlicherDauer,dieindenSchulalltagintegriertwerden;
• IndenSchulstundenplanintegrierteBlockworkshopsvonmindestenszweiSchulstunden,dieinderSchulestatt-
findenundvonexternemPersonaldurchgeführtwerden;
• TagesworkshopsoderProjekttage;
• mehrtägigeSeminare,diemeistaußerhalbvonSchulenstattfinden(Jugendbildungsstätte);
• beieintägigenVeranstaltungenwerdenhäufigandereEinrichtungen(Museen,Ausstellungen,Gedenkorte,Bil-
dungsstätten)inBerlinaufgesucht;
• andereFormateumfassenlängereZeiträumeundsprechensowohljungeLeutewieLehrkräftean.
61
Antisemitismus als Problem und Symbol — Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
DieBefassungmitAntisemitismus(inVerbindungmitRechtsextremismus)istindieAusbildungvonReferendar/innenfür
dieFächerGeschichteundpolitischeBildungintegriert(I81).AuchdabeiwurdevorBeginndesUntersuchungszeitraums
undwirdinnerhalbdesselbenzwischenstaatlichenundzivilgesellschaftlichenAkteurenkooperiert(I96;I92;I101;I102).
EineKooperationzwischenjüdischenOrganisationenundderAus-bzw.FortbildungvonLehrkräftenistwährendder
LaufzeitdesUntersuchungsprojektsbegonnenworden(I82).FortbildungenfürLehrkräftewerdenauchaußerhalbvon
KooperationsbeziehungeninderalleinigenVerantwortungfreierTrägerangeboten(I94;I107).
6.3.3 Themenaufgeschlossenheit bei Lehrkräften
Wie stehen Lehrkräfte zum Themenkomplex Antisemitismus, in welcher Weise positionieren sie sich zu der Norm des
Anti-Antisemitismus? Aus dem Bereich der Bildungsverwaltung wurde dazu im Interview ad hoc eine Vierer-Typologie
angeboten:
DarausentstehtdannsoeinVakuum,wodieLehrkraft,wiewiresbeobachten,[mehrere]Alternativenhat,
erstens, dies Thema rein nach dem Schulbuch und als Gegenstand zu vermitteln, zweitens, dafür bietet der
Rahmenplan leider auch die Möglichkeit, den Schülern völlig selbst zu überlassen, ob sie sich mit dem Thema
beschäftigenwollen,drittens,wenndiesThemaaufkommt,wegzutauchen,sichselbernichtzupositionieren,
und viertens, das ist aber leider nicht die Regel, das Thema zu nutzen, um soziale und moralische Kompetenzen
imweitestenSinnezuvermitteln,wiewirdasinunserenProjektenauchmachen.(I81)
Diese erfahrungsgestützte Unterscheidung wird von anderen Befragten ergänzt. Im Mittelpunkt unseres Interesses steht
dabei der im obigen Zitat als dritter Typ genannte „Wegtaucher“. Warum tauchen Lehrkräfte bei diesem Thema weg?
DafürlassensichaufBasisderInterviewsfünfVariantenidentifizieren:
(1)EineersteVariantekannalsÜberforderunggekennzeichnetwerden.LehrkräftesehendieAnforderungen,sehensich
aber zu einem pädagogischen Handeln nicht in der Lage. Als Grund wird von ihnen selbst fehlende Kompetenz genannt
(I82;I91;I99;I105).
(2)RisikovermeidungistcharakteristischfürdiezweiteVariante,derErfahrungen,AnnahmenundUnterstellungen
hinsichtlichmigrantischerSchüler/innenzugrundeliegen(I81).WasnegativalsAngstvorBedrohungenbeschrieben
wird, kann positiv zu einem Bündnis mit Schüler/innen führen: Das Thema Antisemitismus wird nicht behandelt, da
Lehrkräfteannehmen,Schüler/innenmitarabischemHintergrundfühltensichdavonbehelligt.EingutesEinvernehmen
will man nicht durch die Behandlung des Themas aufs Spiel setzen. Manche Lehrkraft befürchtet, die Kontrolle über den
ThematisierungsrahmenindenKlassenmiteinemhohenAnteilarabischstämmigerSchüler/innenzuverlieren(I81).
EineVariantediesesTypsistinderSichtvonfreienTrägerncharakterisiertdurcheineoffenzuTagetretendeVorein-
genommenheitgegenübermigrantischenJugendlichen.InAufnahmevonMotivendesaktuellenöffentlichenDiskurses,
der den aktuellen Antisemitismus vornehmlich in muslimischen Milieus mit Migrationshintergrund lokalisiert, begegnet
mansolchenSchüler/innenmitUnterstellungen.EinkorrespondierendesProvokationsverhaltenseitensderSchüler/
innenistfürdieexternenBeobachterdannnichtüberraschend(I95).
(3)EineNichtbefassungmitdemThemahatzudemmitpolitischenAufladungendesThemenkomplexeszutun:Zum
aktuellenöffentlichenDiskursgehörenAntisemitismus-VorwürfegegenüberderDDR(vgl.u.a.AmadeuAntonioStiftung
2010,kritischdazu:Joseph2008,Pätzold2010).DavonfühltsicheinTeilderLehrkräfteangesprochen,diebereitsinder
DDR tätig gewesen waren. Sie verwahren sich gegen den Vorwurf, ihre damalige Palästina-Solidarität sei antisemitisch
begründet gewesen. Vor dem Hintergrund, dass retrospektive Antisemitismusvorwürfe auch politisch-strategische Funk-
tionenhabenkönnen,nehmensiegegenüberdemThemenkomplexAntisemitismuseinereservierteHaltungein(I81).
DiemangelndeBereitschaft,AntisemitismusphänomeneaufderObjekt-Ebenezuthematisieren,gehtinsolchenFällen
aufEffektederDiskurs-DimensiondesThemenkomplexeszurück.
(4)EineweitereVariantederVermeidungeinerThematisierungvonAntisemitismusbestehtdarin,dieseunterdemLa-
belNahostkonfliktthematischzuverschieben.EinTeilderLehrkräfteverstehtaktuelleantisemitischePhänomeneals
ReaktionaufisraelischePolitik.AuchwennantisemitischeAkteimEinzelnenalsillegaloderillegitimbewertetwerden,
siehtmandieeigentlichenUrsachenfüraktuellenAntisemitismusimpolitisch-militärischenKonfliktzwischenIsraelund
62
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
denPalästinensern.AntisemitismusweistindieserPerspektivekeineEigenständigkeitauf,sondernisteinFolgephäno-
mendiesesKonflikts.DiesistdieBegründungdafür,sichselbstgarnichtodernursekundärfüreineThematisierungim
RahmenderSchuleverantwortlichzusehen(I95;I102).
(5)ErgänztwerdenmusseinefünfteVariante:ManistaneinerVertiefungdesThemasdesinteressiert,ohnedasserkenn-
barwäre,obdiesspezifischmitdemInhaltodereinemdamitverbundenen–tatsächlichenoderbefürchteten–relativen
Arbeitsmehraufwandzusammenhängt(I102).
Festgehaltenwerdenmussjedochausdrücklich,dassesdieEngagiertengibt,diesichintensivvorbereitenundeinen
fachlichenUmgangmitdemThemaAntisemitismusinSchuleundSozialraumpraktizieren(I107;I82).
Die Frage, warum Lehrkräfte vor dem Thema „wegtauchen“, wurde ausführlich behandelt; die dargestellten Varianten
belegenausderSichtderBefragtenunsereThesevonderAufladungdesThemenkomplexes.„Antisemitismus“be-
zeichnetheuteinDeutschlandnichtlängermehrnurdieEbenedesabwertendenoderdiskriminierendenVerhältnisses
von Nicht-Juden zu Jüdinnen und Juden, sondern ist zum Code im politischen und kulturellen Leben geworden. Dabei
handelt es sich um einen mehrdeutigen Code, der – anders als dies für das deutsche Kaiserreich analysiert worden ist
–keineeindeutigenRückschlüsseaufeinebestimmteSubkulturzulässt(vgl.Volkov2000).Dieheterogenenundteils
widersprüchlichen Bewertungen des Themenkomplexes Antisemitismus unter Lehrkräften haben zur Folge, dass ein Teil
der von verschiedenen Anbietern geplanten und angekündigten Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte in Berlin
– sowohl während wie auch vor unserem Untersuchungszeitraum – aus Mangel an Anmeldungen nicht durchgeführt
werdenkonnten.DieserBefundfindetsichsowohlbeiBefragtenausdemstaatlichenwieausdemzivilgesellschaftlichen
Bereich(I81;I96;I103).
6.3.4 Jugendbildungsarbeit: Adressaten, Konzeptionen, Inhalte
EineReihevonBildungsangebotenfürjungeLeutekooperierenmitBerlinerSchulen,anderemitJugendfreizeiteinrich-
tungen Die oben erwähnte Nachfrage seitens der Schulen führt dazu, dass in starkem Maße mit Klassen gearbeitet wird,
dieeinehoheethnisch-kulturelleHeterogenitätaufweisen.EinzelneAngeboterichtensichdirektanSchuleninsozialen
Brennpunkten.ErreichtwerdenmitdenverschiedenartigenAngebotenjungeLeuteunterschiedlichenBildungsniveaus.
VondenSchulstufenherwerdendieIntegriertenSekundarschulen(ISS),undGymnasienmitSekundarstufeIIgenannt.
KlassenanBerufsschulenoderOberstufenzentren(OSZ)gehörenebensozudenerreichtenAdressatenwieGruppen
vonSchulverweigerern.AusdrücklichgenanntalsWohnregionenvonTeilnehmendenwerdendieOrtsteileNeukölln,
Moabit,Wedding,Mitte,KreuzbergundMarzahn.DieAltersspannereichtvonca.10bisca.25Jahren,diemeisten
sindJugendlichezwischen14und18Jahren.BeieinigenAnbieterngehörtdieArbeitmitherkunftsgemischtenKlassen
und mit Zielgruppen mit niedrigen Bildungsabschlüssen ausdrücklich zum Konzept; andere beschreiben die faktisch
erreichteHauptzielgruppealsmuslimischsozialisierteJugendlicheundjungeErwachsenebzw.alsjungeLeutemitMi-
grationshintergrund. Bemerkt wurde in diesem Zusammenhang auch, dass die Kategorie „muslimisch sozialisiert“ oder
„Migrationshintergrund“imHinblickaufdieBearbeitungdesisraelisch-palästinensischenKonfliktszuunpräzisesei:
Demnach müsse zwischen türkischstämmigen und arabisch-palästinensischen Teilnehmer/innen deutlich unterschie-
denwerden,davonderletztgenanntenGruppeeingrößererTeilintensiv–direktodervermittelt–indiesenKonflikt
involviert sei. Festzuhalten bleibt, dass viele Bildungsprojekte mit jungen Leuten arbeiten, die vergleichsweise niedrige
formelle Bildungsabschlüsse haben bzw. anstreben. Damit unterscheiden sich die untersuchten Angebote positiv von
vielen anderen Bereichen der politischen Bildungsarbeit.
6.3.4.1 Zwei Grundtypen von Bildungsarbeit
Im Sinne einer idealtypischen Unterscheidung lassen sich die untersuchten Bildungsangebote im Spannungsfeld zwi-
schen den beiden Polen der indirekten und der direkten Thematisierung von Antisemitismus einordnen. Für den ersten
Ansatztyp ist es charakteristisch, antisemitische Phänomene primär im Kontext konkreter historischer und aktueller
Ereignissebzw.imZusammenhangmitdenbiographischenProzessenderBildungsteilnehmerzubetrachtenundpä-
dagogischaufzugreifen.ErkanninsofernauchalskonkretisierenderunderfahrungsbezogenerTypbezeichnetwerden.
Der zweite Typ geht von jeweils explizierten Konzepten von Antisemitismus aus. Im Zentrum dieser Ansätze steht die
KategorieAntisemitismusalssolche;siewirdalsbegrifflicherFilterverwendet,umaktuelleundhistorischePhänomene
zuidentifizierenunddamitzubehandlungsbedürftigenundbehandlungswürdigenThemeninnerhalbdereigenenpäd-
agogischen Arbeit zu machen. Dieser Typ kann auch abstrahierender oder kognitiver Typ genannt werden.
63
Antisemitismus als Problem und Symbol — Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
Als „idealtypisch“ wird die Unterscheidung bezeichnet, da ihr analytisch gewonnene Kriterien zugrunde liegen; es han-
delt sich um eine externe Unterscheidung aus der Außensicht, nicht um eine Unterscheidung, die sich als solche in
denQuellen(DokumenteundInterviews)findet.Vorabmussauchdaraufhingewiesenwerden,dassessichumeine
UnterscheidunghinsichtlichderkonzeptionellenAusrichtungaufderEbeneeinzelnerBildungsangeboteundnichtder
untersuchten Träger handelt. Die Art der Angebote eines Trägers kann sich im Zeitverlauf aufgrund der praktischen
Erfahrungenverändern.
6.3.4.1.1 Indirekte Behandlung von Antisemitismus
FürdenerstenTypistescharakteristisch,dieBearbeitungdesThemenkomplexesAntisemitismusalsElementoder
TeilaspekteinesübergeordnetenThemas,einerProblem-oderAufgabenstellungzukonzipieren.EinesolcheEinbettung
liegtvor,wenndasThemaimRahmenderEntwicklungeinerdemokratischenSchulkultureingeführtwird,oderwenn
esineinenZusammenhangmitanderenVorurteilen(etwagemäßdemGMF-Modell)eingeordnetwird.Vonzentraler
Bedeutung ist daneben natürlich die Integration des Themas in Prozesse personenbezogener Bildung. Ansätze, die
thematisch und funktional kontextualisieren, sind in verschiedener Hinsicht stärker teilnehmerorientiert als auf das An-
tisemitismusproblemorientiert.Dashängtdamitzusammen,dasssie–seiesreflektiert-strategisch,seiesinstitutionell
durch ihre jeweiligen Hauptthemen oder sei es pädagogisch-intuitiv – nicht vor dem Problem stehen, die Teilnehmer/
innen als Problemträger betrachten und ansprechen zu müssen. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der methodischen Frage
einer Vermittlung ihrer eigentlichen Themen, also etwa Geschichte/Zeitgeschichte, Religion oder aktuelle Politik bzw.
derVeränderungvonOrganisationskulturendurchdieEinführungvonAktivierungs-undPartizipationsverfahren(„De-
mokratischeSchulkultur“,„FörderungvonZivilcourage“etc.;I97)oderderAusrichtungvonindividuellenLernprozessen
innerhalbvonSubjektbildungsprozessen.GeradeletzteresimpliziertspezifischePrioritätssetzungen.Manwähltden
Zugangnichtübereinzelnediskursiv-expliziteProblemthemen,sondernüberdieErfahrungenderjungenLeute.
Da bewegen wir uns in dieser Grauzone oder in diesem gefährlichen Wasser, dass dann Antisemitismus wie
eine Diskriminierungsform wie andere gesehen wird. Wir sind uns schon dessen bewusst, dass Antisemitismus
nochmal was ganz besonderes ist, zum Beispiel in Abgrenzung zu Rassismus. Aber wenn man jetzt von der Le-
benswelt der Jugendlichen ausgeht, und an die wollen wir mit unserer pädagogischen Arbeit ja anknüpfen, dann
glaube ich, ist es wichtig, sich dieser theoretischen Diskurse bewusst zu sein. Aber in der Auseinandersetzung
mit den Jugendlichen sind sie, glaube ich, führen sie nicht so viel weiter. Weil die Jugendlichen nehmen dann in
ihrer Umgebung eben auch Homophobie und Islamfeindschaft und Sexismus und andere Ausgrenzungsformen
wahr. Und dann aus einer pädagogischen Perspektive zu sagen, das interessiert uns nicht, weil wir reden hier jetzt
nur über Antisemitismus, ist glaube ich ein pädagogischer Ansatz, den wir als sehr schwierig und auch nicht als
zielführendsehenwürden.Sondernunsgehtesebenimmerdarum,auchbeidenErfahrungenderJugendlichen
anzuknüpfen,ihneneineStimmezugeben,ihnenauchRäumezugeben,dasssieüberihreeigenenErfahrungen
auch sprechen können. Und dann, vielleicht in einem zweiten Schritt, stärker auch analytisch heranzugehen im
Sinne dessen, was ist überhaupt Diskriminierung und was ist Mobbing oder was sind Vorurteile, also wo gibt es
daauchstrukturellUnterschiede,undwasistsozusagennochmaldieBesonderheitdesAntisemitismus.(I96)
EinwichtigerUnterschiedbetrifftauchdieexpliziteVerwendungdesWortesAntisemitismus.InderFolgedieserindi-
rektenBearbeitungdesThemaswirddifferenziertenAntisemitismus-DefinitionenhäufigkeinehoheBedeutungbeige-
messen(I107).
Aber es hat uns auch gezeigt, dass es gar nicht hilfreich ist, mit so einem konfrontativen Thema //oder den
konfrontativenZugangzuwählen,sonderneherüberIdentität,überReligion,religiösesErleben,überDiskrimi-
nierung, über viele Themen, um die es im Kern geht, aber ohne über die Schablone Antisemitismus zu reden, um
dannzumBeispielauchempathischeReaktionenzuermöglichen.(I91;vgl.auchI106)
Das Thema Antisemitismus wird von den untersuchten Bildungsakteuren innerhalb von drei weit gespannten inhaltli-
chen Kontexten behandelt. Sie variieren je nach den originären Aufgaben und den Tätigkeitsschwerpunkten der Bildungs-
64
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
träger.DiedreiKontextesind:(1)HistorischeundzeitgeschichtlicheThemen,(2)kulturelleundreligiöseThemen,(3)
politischeundgesellschaftlichaktuelleThemen.DiejeweiligeEinbettungbezeichneteinenRahmenunddieAkzentset-
zung des jeweiligen Trägers, schließt jedoch die Behandlung von anderen Aspekten nicht aus: In Bildungsveranstaltun-
gen eines Trägers mit dem Hauptakzent historischer Bildung werden auch aktuelle gesellschaftliche Phänomene, etwa
Integrationsprozesse von Migrant/innen thematisiert. Zu den historischen Themen gehören vor allem das NS-Regime
und der Genozid an den europäischen Juden. Als Vorgeschichte werden Antijudaismus im Mittelalter und der moderne
AntisemitismusimletztenDritteldes19.JahrhundertssowiedessenBedeutungfürdieNS-Ideologieund-Praxisbe-
handelt.KulturelleundreligiöseThemensindetwatraditionelleRollenmuster(etwaimBereichderGeschlechterrollen)
und die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam. Als „politische und gesellschaftliche“ werden die Themen
zusammengefasst, die das zivile und demokratisch geregelte Zusammenleben in einer heterogen zusammengesetzten
Bevölkerungbetreffen.HäufigwirdesunterdemAspektseinerProblematik(StichworteVorurteile,Gruppenfeindschaf-
ten,Diskriminierung)undnichtunterderAufmerksamkeitfürseinGelingenangesprochen.ZudieserThemengruppe
gehörtauchdieBefassungmitdenKonfliktenzwischenIsraelunddenPalästinenser/innen.
6.3.4.1.2 Direkte Thematisierung von Antisemitismus
Der direkte oder abstrahierende Ansatz macht Antisemitismus innerhalb des pädagogischen Feldes ausdrücklich zum
ThemaunddamitfüralleBeteiligtenidentifizierbaralszentralenGegenstanddesLernens.Flyer,mitdenenProjekte
beworbenwerden,enthaltenalsoetwaausdrücklichdasWortAntisemitismus(D40;D50).Antisemitismuskannindieser
gegenständlichenPerspektivealsSammelbegrifffürhistorischeSachverhalteoderaktuellePhänomeneinunterschied-
licherWeisebehandeltwerden.DieseRichtunggehtvoneinemjeweilsbestimmtenKonzeptoderBegriffvonAntise-
mitismus aus. Die behandelten antisemitischen Vorstellungen und judenfeindlichen Praktiken werden nach Maßgabe
desjeweilsvorausgesetztenBegriffsvonAntisemitismusausgewählt.Insofernkannvoneinerdeduktivverfahrenden
Bildungsarbeitgesprochenwerden.AntisemitismuswirddamitalseigenständigesThemadefiniert,dasalssolchesdas
begrifflichexplizitekonzeptionelleZentrumderBildungsangeboteausmacht.
DerdirekteAnsatzhateinestarkeNähezuabstraktbegrifflichenangelegtenDifferenzierungen,insbesonderezuden
DiskussionenumangemesseneAntisemitismus-Definitionen.DieshängtmitseinerkategorialenAusrichtungaufAnti-
semitismusalsZentralthemaderpädagogischenArbeitzusammen:FürdieseAnsätzeistderBezugaufabstrakteDefini-
tionenvonAntisemitismuswichtig,daerstmittelseinersolchenDefinitiondiePhänomeneidentifizierbarwerden,diein
denBildungsangebotenbehandeltwerden.ÜberdiejeweilszugrundegelegteDefinitionwerdenPhänomeneausgewählt,
dieimLichtedesThemasAntisemitismusrelevantwerden,dieDefinitionenschaffendieEinheitunddenZusammenhang
undspieleninsofernbeidenabstrahierendansetzendenProjekteneinegroßeRolle(I106).Diekategorial-abstrahierende
Perspektive ist eng verbunden mit der Durchsetzung des Anti-Antisemitismus als einer zentralen Legitimitätsnorm im
öffentlichenDiskurs(vgl.obenAbschnitt2.2).DerKognitionsansatzübersetztdieseAnti-Antisemitismus-Normweitge-
hend ungebrochen in das Feld der Bildungsarbeit.
DieseAnsätzesindoftverbundenmiteinemEngagementdesTrägersinderKampagnenarbeit,d.h.einemSkandali-
sierenvonAntisemitismusinderÖffentlichkeitundHandlungsappellen(I99).SowohlderöffentlichenSkandalisierung
antisemitischerEreignisseals„Antisemitismus“(„AktionswochengegenAntisemitismus“)wiederkonzeptionellenOri-
entierung der Bildungsarbeit an der Kategorie Antisemitismus liegt eine entkonkretisierende Perspektive zugrunde. Man
denkt in hohem Maße von der Aufgabe her, Antisemitismus als eigenständiges Problem zu thematisieren. Dies schlägt
sich in Konzepten nieder, die ausdrücklich als eine „Pädagogik gegen Antisemitismus“ formuliert werden.
Wir entwickeln neue pädagogische Ansätze im Themenfeld Antisemitismus, die sich den aktuellen Herausforde-
rungenstellt.Klassischnicht-rassistischeAnsätzeundAnsätzedersogenanntenHolocaust-Educationwerden
den inhaltlichen Besonderheiten, Referenzpunkten und Funktionen antisemitischer Positionierungen aktueller
Prägungen nicht vollumfänglich gerecht. Daher erachten wir eine eigenständige Pädagogik gegen Antisemitis-
mus für notwendig, die die Themenfelder, Wahrnehmungsbezüge sowie die Anknüpfungspunkte für antisemiti-
schesDenkenundHandelnineinerspezifischenWeisebearbeitet.(D34)
Nur für Fälle des abstrahierenden Typs wird über Formate berichtet, die für kognitive Bearbeitungen charakteristisch
sind,alsoetwaexterneFachreferent/innenoderPodiumsdiskussionen(I106).AnsätzediesesTypsstellendieVermittlung
65
Antisemitismus als Problem und Symbol — Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
kognitiven Wissens über Antisemitismus in den Vordergrund (etwa Unterscheidungen zwischen „klassischem Antisemi-
tismus“,„rassistischemAntisemitismus“,„sekundäremAntisemitismus“).
6.3.4.1.3 Typenvergleich
Die beiden konzeptionellen Grundtypen weisen in mehreren Hinsichten markante Unterschiede auf. Im Folgenden wird
dies dargestellt für die Behandlung antisemitischer Kommunikation im Kontext des israelisch-palästinensischen Kon-
flikts.DieAnsätzedesindirektenTypssind–wiediefolgendePassagezeigt–hierrechtzurückhaltend:Inwieweitdie
antisemitischePropagandaaufeinantisemitischesWeltbildzurückgeht,inwieweitsierelativoberflächlichesGeredeist,
obsieeineFolgedesKonfliktsistoderbereitsunabhängigdavonexistierthat,lässtsichnichtanhandderPropaganda
allein entscheiden.
Also wissenschaftlich würde ich das unterscheiden, in der Praxis ist Hasspropaganda Hasspropaganda. Und
insofern etwas problematisches, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben. So. Und das kann, muss aber
nicht, im Kontext einer antisemitischen Weltanschauung stehen. Wenn ich sage, die Israelis sind Schweine, weil
sie die Kinder im Libanon morden und ich habe diese und jene Geschichte gehört, dann ist das – und das sind
haarsträubendeGeschichten–dannistdasHasspropaganda.ErfülltfürmichabernichtgleichdenUmstandeines
antisemitischenWeltbildes.So.UnddieGrenzensindabertotalfließend.So.Unddaskannnatürlichauchsein,
dassdaauchmehrdahintersteckt.(I107)
Der Typ direkter Thematisierung fokussiert bei der Behandlung dieses Themas auf die antisemitische Kommunikation,
die verwendeten sprachlichen Bilder und die Ikonographie der antiisraelischen Propaganda.
DannnatürlichdenjaNahostkonfliktwürdeichgarnichtextrabeschreiben,weilichdenke,dassebensehrviele
Formen des modernen Antisemitismus eben einfach auch nach Nahost sozusagen gebracht wurden und jetzt
ebensozusageneineneueRenaissancehaben,aufgrunddesKonfliktesdort.Aberwennmansichsozusagen
Bilderanschaut,dieebeninnerhalbdesNahostkonfliktskursieren,kannmandieteilweiseeinszueinsgegen
Bilderausdem19.Jahrhundert,Anfang20.Jahrhundertslegenunddawirklichfastdeckungsgleich.(I101)
DerrealeKonflikttrittindenHintergrund;imVordergrundstehtstattdessendiehoheÄhnlichkeitzwischenhistorischen
und zeitgenössischen antisemitischen Judenbildern. Dieses Zitat veranschaulicht sehr deutlich den deduktiv-abstrakten
ZugangindiesemFallezumNahostkonflikt.DieimKontextdieseralsTerritorial-,Legitimitäts-undIdentitätskonflikt
(Diner2004)beschriebenenAuseinandersetzungauftretendeantisemitischePropagandawirdprimäralsManifestation
von Antisemitismus verstanden.
Auch in anderer Hinsicht werden die Unterschiede zwischen den beiden Grundtypen deutlich. Bewusst kontextualisie-
rende Bildungsangebote sehen den Zusammenhang zwischen antisemitischen Äußerungen und den Identitätsgefühlen
und Selbstzuordnungspraktiken nicht deduktiv von der Kategorie Antisemitismus her, sondern auch von der alters- und
entwicklungspsychologischen Aufgabe der Identitätsbildung und -darstellung. Wenn – wie es ein Interviewter formuliert
hatte – „das Angebot an Identitäten in Deutschland für Jugendliche mit Migrationshintergrund mangelhaft ist“ , ist
oft „eine pauschale Identifikation“ mit einem lediglich abstrakt benannten Kollektiv („die Palästinenser“, „die Araber“
etc.)eineFolge(I104).FürdendirektenAnsatzsindantisemitischeRedeweisenvonTeilnehmendenprimäreinSkandal,
mindestens aber ein unmittelbar lösungsbedürftiges Problem, während für den indirekten Ansatz die Fragen nach der
subjektiven Funktionalität im Vordergrund steht.
Schließlich verbinden sich mit den beiden Grundtypen unterschiedliche Zielsetzungen der jeweils eigenen Arbeit. Unter-
scheidenlassensichdreiZiele:(1)EineHorizonterweiterungundNeuorientierungderBildungsteilnehmer,(2)dieaus-
drücklicheThematisierungvonAntisemitismusund(3)dasEngagementgegenAntisemitismus(vgl.Kohlstruck2011b).
(1)Neuorientierungbedeutet,dassdiebeidenBildungsteilnehmernexistierendenVorurteileundihreRedeweiseirritiert
werden und dass sie durch geeignete Impulse veranlasst und unterstützt werden, die ihnen zunächst selbstverständlich
erscheinendenAnnahmen,Projektionenetc.zubedenkenundzuverändern.EsgehtdabeiumihrimplizitesWissen,
66
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
ihreMeinungenundEinstellungensowieumdiePraxisihresalltäglichenRedens.Irritationen,konstruktiveFragen
und alternative Deutungen können angeboten werden, ohne dass die Vokabel Antisemitismus verwendet wird. Selbst
ausdrücklich normative Interventionen sind ausreichend begründbar über den generellen Grundsatz, dass über soziale
Gruppennichtpauschalundnichtherabsetzendgesprochenwerdensoll.(2)MitderausdrücklichenThematisierung
antisemitischerPhänomenealssolcherstehtdiekognitiveErarbeitungvonexplizitemWissenimZentrum.Damitist
sowohl die sachlich-analytische Behandlung tradierter negativer Judenbilder, also die diskursiven Kontinuitäten im
VerhältnisvonNicht-JudenzuJudeneinbezogen,wieeinzelneEreignisseinderGeschichtevonFeindschaftengegen
Juden.(3)SchließlichwirdvoneinigenTrägernausdrücklichdasZielverfolgt,dieBildungsteilnehmer/innenzueinem
EngagementgegenAntisemitismus(undweitereGruppenfeindschaften)zuermunternundihnendasdazuerforderliche
Selbstvertrauen sowie das nötige fachliche Wissen und das methodische Rüstzeug zu vermitteln.
Diese Ziele lassen sich in der Weise hierarchisieren, dass das letztgenannte Ziel das voraussetzungsreichste und in
verschiedenerHinsichtdasanspruchsvollstedarstellt:Esverbindetemotionale,sozialeundkognitiveFähigkeitenmit
öffentlichemHandeln.Erforderlichsinddazuselbstbezogene,sozialeundgesellschaftlich-historischeKompetenzen.
Die Zielebene eins ist demgegenüber einfacher strukturiert und hebt vor allem auf Kompetenzen im Verhältnis der
Teilnehmenden zu sich selbst ab. Die Thematisierung von Antisemitismus, von antisemitischen Diskursen und Praktiken
als Wissensgegenstand nimmt eine mittlere Stellung ein. Hier sind neben den selbstbezogenen Kompetenzen vor allem
kognitiv-intellektuelle Fähigkeiten gefragt.
Die erste Zielsetzung lässt sich dem Typ indirekter Behandlung zuordnen, während die beiden weitergehenden Ziele dem
zweiten Typ zuzurechnen sind. Bezogen auf aktuelle Debatten um politische Bildungsarbeit, bewegen sich die basalen
Ziele im Bereich des „sozialen Lernens“ zum Antisemitismus, während die beiden anderen stärker zu einer kognitiv und
handlungsbezogenenDimension,einem„politischenLernen“,gehören(vgl.Bremer/Kleemann-Göhring2010).
6.3.5 Methoden in der Jugendbildungsarbeit
Welche Methoden werden in der Jugendbildungsarbeit verwendet? Inwieweit handelt es sich dabei um Methoden, die
fürdasThemenfeldspezifischsind?WirdindenInterviewsübermethodischeAnsätzeberichtet,dieimThemenfeld
Antisemitismus problematisch sind? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen. In den Interviews
wurde auch über die Medien berichtet, die zur Vorbereitung oder in der pädagogischen Arbeit selbst verwendet werden.
EineÜbersichtzudiesenMaterialienfindetsichimAnhang.
Die untersuchten Bildungsangebote verwenden das Spektrum von Methoden und Techniken in der heute existierenden
Breite.Dazugehörenunteranderem:DerBesuchvonAusstellungenmitFührungsvortrag,dieErarbeitungvonTeilen
einer zeitgeschichtlichen Ausstellung in Teilnehmer/innen-Kleingruppen mit anschließender Präsentation für alle An-
wesenden, Rollenspiele, Kleingruppenarbeit, der gemeinsame Besuch von Podiumsdiskussionen oder das aktive Pro-
duzierenvonFilmclipsinArbeitsgruppenmitanschließenderPräsentationimeigenenOSZ.Berichtetwirdweiterüber
GesprächsrundenmitnichthierarchischerSitzordnung(I83),theaterpädagogischeMethoden(etwadieErarbeitungeiner
szenischenCollage),ThemenerarbeitunginQuiz-FormdurchkonkurrierendeGruppen,Rollenspiele,Inszenierungen
simulierterrassistischerÜbergriffeinderÖffentlichkeit,„PeerEducation“-Ansatz.FilmewerdeninderWeisegenutzt,
dassdieTeilnehmendenvorabgestellteFragenbeantwortenoderdassnachdemgemeinsamenFilmkonsumeinoffe-
nerAustauschstattfindet.AnFilmen,dieinderPraxisverwendetwerdenoderunterMultiplikatorendiskutiertwerden,
wurdengenannt:DerInterviewfilm„LebenundLebenlassen.SechsFragenanBerlinerKöpfe“vonSharonBrauner51
(2002),derBeitragzurSendung„Kontraste“mitdemTitel„Bespuckt,Beleidigt,Boykottiert–EindeutscherJudegibt
auf“vonAnjaDehne(2003),„ToDieinJerusalem“vonHillaMedalia(2007),„WirweigernunsFeindezusein.Den
Nahost-Konfliktverstehenlernen-DeutscheJugendlichebegegnenIsraelisundPalästinensern“vonStefanieLandgraf
undJohannesGulde(2011).
Die Breite des eingesetzten methodischen Repertoires macht deutlich, dass für die verschiedenen Arten der Auseinander-
setzung mit Antisemitismus die gleichen Ansätze verwendet werden und werden können wie in anderen Bereichen der
Jugendbildungsarbeit. Wie in der außerschulischen Jugendbildung generell, dominieren handlungsorientierte Methoden,
diedastätigeMitwirkenderTeilnehmerinitiieren(vgl.Schröder2011).NurwenigeMethoden,etwadasGesprächmit
51 Quelle:http://www.leben-und-leben-lassen.com/[28.6.2014]
67
Antisemitismus als Problem und Symbol — Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
jüdischen Zeitzeugen der NS-Zeit, die den Genozid überlebt haben, oder der auf ausdrücklichen Wunsch der Teilnehmen-
dendurchgeführteBesuchineinerKZ-GedenkstätteweiseneinenspezifischenThemenbezugauf.
Neben dem breiten Methodenspektrum spielt das Prinzip der Teilnehmer/innenorientierung eine große Rolle in den
untersuchten Arbeitsansätzen. Teilnehmer/innenorientierung wird hier als ein allgemeiner elementarer Grundsatz der
außerschulischenJugendbildungsarbeitverstanden;zusammenmitdenGegenbegriffenwieLehrer/innenorientierung
oder Curriculumorientierung konstituiert dieses Prinzip ein Spannungsfeld zwischen Fremd- und Selbstbestimmung
bezogenaufLernziele,LernwegeundLerninhalte(vgl.Henze2007).DieTeilnehmerorientierungkannsichmanifestieren
inFreiwilligkeit,Partizipation,LebensweltbezugundOrientierungandenStärkenderTeilnehmenden(vgl.Bielenberg
2012).
Die allermeisten Bildungsträger praktizieren eine Teilnehmerorientierung als didaktisches Prinzip, d.h. sie konzipieren
Phasen,indenendieTeilnehmendenvonihreneigenenlebensweltlichenErfahrungenberichtenoderangeregtwerden,
ineine„reflexiveIdentitätskommunikation“einzutreten(I104).Diesbedeutet,dassineinzelnendidaktischenEinheiten
die Teilnehmererfahrungen ausdrücklich zur Geltung kommen; es bedeutet nicht, dass der konzeptionelle Grundtyp
oderdasThemaderVeranstaltungvondenTeilnehmendendefiniertwerden.Teilnehmerorientierungi.S.einerWert-
schätzungderindividuellenPersonenspielteinegroßeRolle.EinBildungsanbieterhatdieErfahrunggemacht,dass
spezielldieauchintürkischerundarabischerSprachegedrucktenAnkündigungsflyerbeiTeilnehmendenmiteinem
Migrationshintergrund auf positive Resonanz stoßen. Die Angebote selbst wurden alle in deutscher Sprache durchge-
führt. Teilnehmerorientierung bezieht sich auch auf die Gestaltung der Räumlichkeiten, in denen sich die jungen Leute
bewegen.LernorteaußerhalbderSchulestellenofteinenerfrischendenKontrastzudenSchulbaulichkeitendar.Eine
freundliche Umgebung ist Teil einer „Willkommenskultur“ und stellt ein Lernarrangement dar, das emotionale und
kognitiveProzessebegünstigt(I100).
Freie Bildungsträger können dem Prinzip der freiwilligen Teilnahme an schulexternen Bildungsangeboten einen höheren
Rang einräumen als dies die Schule selbst kann. Diese Variante einer Teilnehmerorientierung spricht die potentiellen Teil-
nehmer/innenalsmündigeSubjektean,aufderenEntscheidungesankommtunddiegefragtwerden,obsiebestimmte
religiösoderhistorischdefinierteOrteaufsuchenmöchten.EinekonsequenteBefolgungdesFreiwilligkeitsprinzipssollte
insbesondere im Zusammenhang mit interreligiösen Arbeitsansätzen genau bedacht werden: Informationen zu und
DiskussionenüberReligionsgemeinschaftenkönnenanneutralenOrtenoderaberauchindenjeweiligenGotteshäusern
stattfinden.ImerstenFallmussniemandzumBetretenvonsakralenRäumen(mitihrenjeweiligenVerhaltensvorschrif-
ten)veranlasstwerden,derdiesnichtfreiwilligmöchte.GeradebeiderArbeitmitminderjährigenPersonenkönnenaus
derenAblehnung,Gebets-undGottesdiensträumezubetreten,ProblemebeiderWahrnehmungderAufsichtspflicht
resultieren.
WasdasFehleneinerTeilnehmer/innenorientierungbedeutenkann,wirdauseinemweiterenInterviewdeutlich:Ein
freier Träger hatte es der Schule überlassen, über ein geplantes Projekt zu informieren. Die Schule hatte dann zwar den
Workshop als solchen angekündigt und auch die vorgesehenen Medien und Technik erwähnt. Das Thema Antisemitismus
aber wurde den Schüler/innen nicht mitgeteilt. Als dann die Teamer/innen an die Schule kamen, protestierte ein Teil der
Schüler/innengegendasThemaunddasVerfahrenderAnkündigung(I102).
Unabhängig von der oben dargestellten Unterscheidung zwischen zwei Grundtypen werden im Folgenden ausgewählte
methodische Aspekte behandelt. Thematisiert werden Methoden insoweit mit ihnen inhaltliche Implikationen verbunden
sind.
6.3.5.1 Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart
Die Bildungsanbieter mit einem originären Schwerpunkt in der historisch-politischen Bildung sehen sich mit zwei Aufga-
benkonfrontiert:EinmalmöchtensiejungeMenschenfürdieZeitdesNationalsozialismusinteressieren.Demstehtein
relativgroßerzeitlicherAbstandgegenüber(generationelleDistanz).EinTeilderTeilnehmerschaftkommtausFamilien
mit einer Migrationsgeschichte. Daraus folgt in der Sicht eines Teils der Adressaten wie für einige Bildungsanbieter ein
zusätzlichesProblem.Esbestehtdarin,dasseinInteressefürdiedeutscheGeschichtenichtprimärübereinenationale
Selbstidentifikationgewecktwerdenkann(migrantischeDistanz).DiemigrantischeDistanzwirddadurchbearbeitet,
dassmanzeitgeschichtlicheQuellengesuchthat,diesichaufdieHerkunftsländerderTeilnehmer/innenbzw.ihrerEltern
oderGroßelternbeziehen.DieEinbeziehungvonLändernderMittelmeerregionerlaubtesdenAdressaten,identifikato-
rischeBrückenzuLändernzusehen,zudenensiepositiv-emotionaleBeziehungenpflegen.
68
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
DiegenerationelleDistanzwirddurcheineVerschränkungvonzeitgeschichtlichenundaktuellenEreignissenbearbeitet.
Historische Dokumente von Antisemitismus aus der Zeit der Weimarer Republik formulieren Ab- und Ausgrenzungen, in
diejugendlicheTeilnehmerheutigeErfahrungenhineinlesenkönnen.DerAusschluss,dieEntrechtungunddieVerfolgung
vonJudennach1933werdendenjungenLeutendadurchnahegebracht,dassmansiemitheutigenErfahrungenvon
Nichtzugehörigkeit und Diskriminierung parallelisiert. Dabei lassen sich zwei Zeitperspektiven unterscheiden: Die Teil-
nehmerwerdennachihrenErfahrungenvonAusschlussundDiskriminierunggefragt,diedannthematischdieBrückezu
Diskriminierungen in der NS-Zeit bilden. Bei der anderen Perspektive werden Geschichten von heutigen Jugendlichen er-
zählt, die im gleichen Alter sind wie die historische Anne Frank während der Verfolgung als Jüdin. Während man in dieser
WeisevonderGegenwartzurVergangenheitübergeht,wirdderÜbergangvonderdamaligenzurheutigenPerspektive
anhandderAktualisierungenzeitgeschichtlicherEreignissevorgenommen.FolgendesBeispieldientzurVeranschauli-
chung:EineAusstellungmöchtedieFolgeneinerpolizeilichenHausdurchsuchunginderNS-Zeitveranschaulichen,indem
sie ein heutiges realistisch aufgebautes Jugendzimmer nach einer Hausdurchsuchung zeigt: Aufgerissene Schränke,
umgeworfene Stühle, ein durchwühltes Bett veranschaulichen anhand einer für die jungen Besucher/innen vertrauten
Umgebung die Praktiken des NS-Staates. In ähnlicher Weise wird verfahren, wenn Geschichten von Personen präsentiert
werden,diewährendderNS-ZeitimgleichenjugendlichenAlterwarenwiedieheutigenBesucher.EinInteressefürdie
damaligen Gegebenheiten und ein historisches Verstehen sollen dadurch erleichtert werden, dass hinsichtlich der the-
matisiertenPersonenundSettingsIdentifikationsbrückenfürdieTeilnehmendenvorbereitetwerden.DamitwirdeinTyp
deshistorischenVerstehensgepflegt,derstärkeraufformaleParallelenundaufstrukturelleÄhnlichkeiten–kurzauf
verbindendeElemente–setzt,alsdassdasFremde,dasUnverständlicheund„dasAndere“dieserZeitindenVordergrund
gerückt werden. Die NS-Vergangenheit wird in dieser pädagogischen Perspektive stärker mit der Gegenwart verbunden
als dies unter einer analytischen Sichtweise geschehen würde.
EineAufgabe,dieerstausdieseraufIdentifikation,ÄhnlichkeitundVertrautheitsetzendenpädagogischenAnnäherung
resultiert, ist die Markierung der qualitativen Unterschiedlichkeit zwischen einem Rechtsstaat und einer Diktatur. Inwie-
weiteseinzelnenAnsätzengelingt,beidenTeilnehmer/innenüberdasElementderÄhnlichkeitAufgeschlossenheitzu
gewinnen,undzugleichdasBewusstseinfürdiekategorialeDifferenzzwischenRechtsstaatundUnrechtsstaatzuunter-
stützen, ließe sich nur über eine direkte Beobachtung der Angebote bzw. eine Untersuchung der Teilnehmenden klären.
6.3.5.2 Begegnungsansatz
AusdenForschungenzursogenanntenKontakthypothese(Allport1954)istbekannt,dassunterbestimmtenBedingun-
gen der persönliche Kontakt zwischen Angehörigen von Gruppen, die sich als distinkte Gruppen wahrnehmen, Vorbehalte
undAblehnungenreduzierenkann.UnterdenfolgendenBedingungentretendieseEffektemiteinergroßenWahrschein-
lichkeitein(vgl.Dollase2001):DieGruppenmüsseninderKontaktsituationdengleichenStatushaben.Esmussein
kooperatives Arbeiten für ein gemeinsames Ziel geben, und die Mitglieder der Gruppen müssen sich persönlich näher
kennenlernen.DerKontaktsolltedurchAutoritätenoderRegelungenauflokalerEbenebefürwortetwerden.Ermuss
regelmäßigundineinemsozialenKlimastattfinden,dasvonallenBeteiligtenpositivwahrgenommenwird.
Intergruppenkontakte, die dem Konzept der Kontakthypothese folgen, werden von den Befragten unterschiedlich prak-
tiziert und bewertet. Bildungsangebote des direkten Typs akzentuieren sehr stark ein Verständnis von Antisemitismus
als Welterklärungsmodell; die Praxis einer konkreten Gruppenfeindschaft gegen tatsächliche oder vermeintliche Juden
wird als Folge solcher Verschwörungsvorstellungen verstanden. Die Dimension konkreter Gruppenfeindschaft wird damit
inihrerEigenständigkeitabgeschwächt.EntsprechendistdiepädagogischeArbeitinderWeiseausgerichtet,dassvor
allemdieBefassungmitSinnundFunktionenderartigerErklärungsmodelleimVordergrundsteht.
I: Gehört zu dem pädagogischen Konzept auch die Begegnung mit jüdischen jungen Leuten hier in Berlin oder
in Deutschland?
E:EsistnichtTeilunseresKonzeptes.AlsozumEinensozusagenfindetbeiunsaucheinStückweitneBegegnung
statt, weil wir eben auch jüdische Teamer haben und sozusagen die sich auch in der Regel zu erkennen geben
undwodannebenauchnochmalganzvieleFragenaufderEbenegestelltwerdenkönnen[…].Ansonstenfinden
wir das auch nicht unbedingt Teil von Antisemitismus, weil Antisemitismus ja auch hervorragend in Abwesenheit
von Juden und ganz in der Regel in der Abwesenheit von Juden funktioniert. Und dass letztlich sozusagen, was
da so drinne ist, diese Verschwörungstheorien, also was ich wirklich so als was schwer Bekämpfbares sehe, das
69
Antisemitismus als Problem und Symbol — Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
hebtdieBegegnungjanichtaufmitjemandem,derjüdischist.Daskrieg‘ichdamitnichtaus‘mKopfraus[…].
Sondern es geht eher darum, sozusagen in der Zeit an die Wurzeln zu gehen. Was macht solche Verschwörungen
vielleichtattraktiv?Undwasbedeutensie[…]?UnddasozusagenhilftmirnichtsoneBegegnung.(I101)
FürdiesenArbeitsansatzbleibenBegegnungenaußerBetracht,dadervorausgesetzteBegriffvonAntisemitismusdie
Dimension Welterklärung stark betont und die Dimension Diskriminierung abschwächt.
AndereBildungsakteurenutzenbewusstIntergruppenkontakteundbeziehensichaffirmativaufdieKontaktthese.Dazu
gehören Arbeitsansätze, bei denen sich Repräsentanten von Judentum, Christentum und Islam vor einem jugendlichen
Publikum austauschen und Fragen der Besucher beantworten. Demonstriert wird damit einmal, dass es zwischen den
Religionen neben den Unterschieden auch viele Gemeinsamkeiten gibt – dies sei für einen Teil des Publikums an sich
häufigschoneineÜberraschung.DarüberhinauspraktizierendieReligionsrepräsentantenuntereinandereinenzuge-
wandt-freundlichen Kommunikationsstil. Davon soll die Botschaft ausgehen, dass die gemeinsame Basis eines respekt-
vollenundsachlichenUmgangsvondentheologischenDifferenzenzwischendenReligionennichtberührtwird.Auch
dieseErfahrungseifürvieleimPublikumbeeindruckend.DasModelleines„RepräsentantenkontaktsmitZuschauer“
verspricht sich Impulse für die Zuhörer; soweit die Podiumsteilnehmer als Vertreter der je eigenen Religionsgemein-
schaftanerkanntwürdenundVorbilderdarstellten,demonstriertensiekonfliktreduzierendeVerhaltensmöglichkeiten.
Aus Sicht der Forschungen zur Kontakthypothese hat dieses Modell den Nachteil, dass die jungen Teilnehmer/innen
nicht in der Rolle von aktiv Handelnden vorgesehen sind; sie sind lediglich Zuhörer, die Fragen an die Religionsreprä-
sentantenstellenkönnen.EineweitereEinschränkungistimplizitschonangesprochenworden:EineAutoritätstellen
religiöse Repräsentanten lediglich für jene jungen Leute dar, die sich selbst als religiös verstehen. Insofern kann dieser
Arbeitsansatz nur die wirklich Religiösen bzw. diejenigen ansprechen, die sich aus Reputations- und Identitätsgründen
als Gläubige darstellen.
Implizit ist die Kontakthypothese auch für weitere Ansätze leitend. Dazu gehören Bildungsangebote, bei denen die
Teams bewusst heterogen zusammengesetzt sind und denen neben deutschen Staatsangehörigen auch israelische
Staatsbürger/innenjüdischenGlaubensangehören.DieswirdgegenüberdenTeilnehmendenoffenkommuniziert.Für
viele Teilnehmer/innen ist dies der erste wissentliche Kontakt mit Juden; berichtet wird von einer positiven Resonanz
aufdieseErfahrung(I102).
Im Rahmen anderer Arbeitsansätze werden Gruppenfahrten nach Israel durchgeführt oder in anderer Weise eine Part-
nerschaftzwischendeutschenundisraelischenSchulengestaltet.AuchhierstehtdieErwartungimHintergrund,dass
über einen direkten Kontakt mit einzelnen Angehörigen einer Fremdgruppe bestehende Stereotypen und Ressentiments
als gegenstandslos erfahren werden.
Den Befragten erschien der Begegnungsansatz an sich unproblematisch. Aus einer Außensicht aber stellen sich die fol-
genden Fragen: So sinnvoll Schul- und andere Partnerschaften zwischen Deutschland und dem Ausland im Allgemeinen
sind, so problematisch ist dies im Verhältnis zu Israel – wenigstens soweit damit explizit beansprucht wird, einen Beitrag
zur Bearbeitung des Themenkomplexes Antisemitismus zu leisten. Derartige deutsch-israelische Begegnungsprojekte
können bei jugendlichen Teilnehmenden ungewollt eine Gleichsetzung der Kategorien „Israelis“ und „Juden“ befördern
und damit einer angemessenen Problematisierung von heutigen Antisemitismus-Phänomenen zuwiderlaufen. Für eine
kritische Auseinandersetzung mit antisemitischen Phänomenen kommt es darauf an, diese grundsätzlich als negatives
VerhältnisgegenüberJudenalsJuden(undnichtgegenüberIsrael,IsraelisoderisraelischerStaatspolitik)zubegreifen;
weder bekennen sich alle israelischen Staatsangehörigen zur jüdischen Religion; noch verstehen sich alle Israelis als
Teil eines jüdischen Volkes. Weder repräsentiert Israel „die Juden“ noch sind die in aller Welt lebenden Juden Vertreter/
innen Israels noch stimmen sie alle der jeweiligen israelischen Regierungspolitik zu. Von kritischen Beobachtern an-
tisemitischerEntwicklungenwirdzuRechtdaraufaufmerksamgemacht,dassdieIdentifikationvon„Jude“,„Israel“
und„Zionismus“einzentralesargumentativesMusterinantisemitischenÄußerungendarstellt(Taguieff2004:196;
Zuckermann2010:107,112,121).DasObjektdesAntisemitismusistderJudeals„Jude“(Klug2004)–nichtderIsraeli;
antisemitischeÄußerungengegenüberIsraelundIsraelisberuhenvielmehraufderunzutreffendenAnnahme,„Israel“
seisoetwaswiedieManifestationdes(wiederumfälschlicherweiseunterstellten)jüdischenKollektivcharakters.
70
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Begegnungen zwischen Israelis und Deutschen sind ebenso sinnvoll wie der deutsch-französische oder der deutsch-
polnischeJugendaustausch.SoweitdamitjedochderAnsprucheinesspezifischenanti-antisemitischenAnsatzeser-
hoben wird, stellen sich fast unweigerlich Zuordnungs- und Zuschreibungsprobleme ein, die gerade auch jugendliche
Teilnehmer/innen intellektuell leicht überfordern können. Der Antisemitismuskomplex ist nicht zuletzt deshalb so stark
aufgeladen,dadefactodiePraxisillegitimerZuordnungenundGleichsetzungen(etwavon„Israel“und„dieJuden“)in
denöffentlichenDiskursendominiert.Arbeitsansätzemiteinemdezidiertanti-antisemitischenAnspruchsindhierzu
besonderer Klarheit aufgerufen.
6.3.5.3 Erfahrungen
Die befragten Bildungsträger bewerten – wie kaum anders zu erwarten – ihre eigene Praxis grundsätzlich positiv. Sie
betonen dabei vor allem die ergänzende Funktion, die die Angebote der freien Träger im Verhältnis zum schulischen
Unterrichthaben.ÜberdasobenbereitszumThemaTeilnehmerorientierung(Abschnitt6.3.5)Gesagtehinauswird
besondersaufzweiUmständeabgehoben:EinmaldieAbwechslungimpädagogischenPersonaldurchfreieTrägerund
zumanderendashäufigpraktizierteLernenamanderenOrt.DasveränderteSettingführtausSichtderBefragtenzu
einem anregenden Lernarrangement.
DieoffeneAuseinandersetzungüberThemen,diedieJugendlicheninteressieren,darunterteilsauchbrisanteThemen,
stoßenbeidenmeistenTeilnehmendenaufguteResonanz.AufeineeinfacheFormelgebracht:Esinteressiertjunge
Leute in der Regel, wie Ältere über bestimmte Themen denken, und was sie für richtig halten. In der Fachdiskussion ist
dieseErfahrungals„EntwicklungamAnderen“(LotharBöhnisch)bzw.als„bezogeneUrteilsbildung“(Schröder2011:
183)bezeichnetworden.„Mit‚bezogenerUrteilsbildung‘ist[…]gemeint,dasssichVorstellungenundWerturteileher-
ausbilden in der Auseinandersetzung mit anderen. Dabei haben wir es eher mit einer Reibung an Positionen des Anderen
zutunalsmiteinerautomatischenÜbernahmevonsolchen“(Schröder2004:242).DerBedarfderTeilnehmendenan
solchen Reibungen kommt ins Spiel, wenn sie mit ihren Positionierungen nicht von vornherein abgelehnt werden, und
wennsienichtdenEindruckgewinnen,siemüsstenbestimmtenAuffassungenzustimmen.EinrespektvollerUmgang,
eine freundliche Umgebung, die Suspendierung der schulischen Leistungsanforderungen und Selektionslogik fördern
die Bereitschaft, sich sachbezogen auseinanderzusetzen. Bei vielen Teilnehmer/innen beobachten die Pädagogen/innen
einen Zuwachs an Aufgeschlossenheit und eine erhöhte Bereitschaft, den eigenen Horizont zu erweitern. In einzelnen
Fällenwirdauchdavonberichtet,dassTeilnehmer/innensichfürihreneugewonnene,differenzierteSichtderDingein
den digitalen Kommunikationsnetzen einsetzen und dort Diskussionen mit anderen Schüler/innen führen. Die an den
Kooperationen beteiligten Lehrkräfte – so die von uns befragten Bildungsakteure – begrüßten solche Arbeitsansätze, die
die herkunftsheterogene Zusammensetzung von Klassen im pädagogischen Konzept berücksichtigen.
In mehreren Interviews wurde auf systemische Aspekte von Schulen hingewiesen, die anlässlich der Teilnahme einzel-
ner Klassen an extern organisierten oder durchgeführten Bildungsveranstaltungen zum Tragen kamen. Schülerreisen
nachIsraelundindievonIsraelbesetztenGebietefindenhäufigzumEndederSekundarstufeIstatt.DieEindrücke
undEinsichten,diedieSchüler/innendabeigewinnen,kommendamitihnenalsIndividuenzugute,nichtaberanderen
Schüler/innen oder der Institution Schule. Sie verlassen mit Abschluss der zehnten Klasse die Schule; ihre Geschichten,
ErfahrungenundInformationenkönnensiedamitnichtandiejüngerenSchüler/innenweitergeben.EinweiteresBeispiel
betrifftdieRollevonLehrkräftenundanderenSchulangehörigenbeiderEntscheidungvonKlassenüberdieTeilnahme
an angebotenen Maßnahmen. Behandeln Lehrkräfte die externen Angebote eher nebensächlich oder geringschätzend,
erhöhtsichdieWahrscheinlichkeit,dassauchdieSchüler/innenselbstdasAngebotwenigerattraktivfinden.Einean-
gemesseneVorbereitungsolcherEntscheidungsprozessehatfolglichnebendenSchüler/innenweitereAkteursgruppen
andenSchuleneinzubeziehen.DieentsprechendeflankierendeUnterstützungderSchulevorausgesetzt–soeinGegen-
beispiel–kanndiePräsentationvonSeminarproduktenzumThemaAntisemitismusineinemOSZaufbreitepositive
Resonanz stoßen. Die Beispiele zeigen, dass wohl jeweils nur einzelne Klassen oder Kurse an externen Maßnahmen
teilnehmen. Die Teilnahmebereitschaft und die spätere Ausstrahlung hängen von einer positiven Unterstützung von
LehrkräftenundSchulleitungaboderauchvonderEntscheidung,zuwelchemZeitpunktReisendurchgeführtwerden.
ZugleichherrschteinerealistischeEinschätzungüberdieMöglichkeitenundinsbesonderedieGrenzenvonBildungsar-
beit:EineinwöchigesSeminarmitOSZ-Schüler/innenkannIrritationenundErgänzungenzudenVorstellungenanbieten,
diebeidenTeilnehmendenvorherrschen.Eswäre–soeinePädagogin–unrealistischzuerwarten,dasssichVorurteile
vollständigzerstreuten(I101).IndiegleicheRichtungweistdieBilanzimDokumenteinesanderenTrägers:
71
Antisemitismus als Problem und Symbol — Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
Die Herausforderung für mich: zu erreichen, dass es keinen Sinn mehr macht für die einzelnen, sich antisemiti-
scher Deutungen zu bedienen. Und dabei nicht zu stigmatisieren, sondern zu gucken, warum bedienen sich Leute
dieser Muster, und kann man ihnen nicht andere, bessere Instrumente zur Hand geben? Wer dann trotzdem
weiterhin antisemitische Argumentationen oder Stereotype reproduziert, entscheidet sich bewusst dafür. Da ist
dieGrenzederBildungsarbeiterreicht.(D35)
6.3.5.4 Empfehlungen der Befragten
VondenBefragtenselbstwurdeeineReihevonAnregungenformuliert,diesichteilsaufdieOrganisationunddieFormate
der Bildungsveranstaltungen, teils auf konzeptionelle Aspekte beziehen:
• KurzeEinheitenvonlediglichzweiSchulstunden,dievonexternenAnbieterngestaltetwerden,habensichausSicht
der freien Bildungsträger auch dann nicht als sinnvoll erwiesen, wenn sie Teil einer Reihe von derartigen Angeboten
darstellen. Die Untergrenze wird bei vier Schulstunden angesetzt.
• GewünschtwerdenFormateinderBildungsarbeit,dieübereinenProjekttaghinausgehen,unddadurcheinintensi-
veres Arbeiten auf Basis einer neuen Gruppensituation ermöglichen. Gemeinsames Verreisen oder der Aufenthalt in
einer Jugendbildungsstätte führen zu Gruppenprozessen, die von den Pädagogen sowohl hinsichtlich der sozialen
Kohäsion wie auch der inhaltlichen Themenbearbeitung als förderlich erlebt werden.
• Angeregtwird,dassverschiedeneBildungsanbietereinkombiniertesProgrammfürSchulklassenzurVerfügung
stellen,sodassdieSchulenwenigerPlanungs-undOrganisationsaufwandhätten.
• IndieCurriculavonAus-undFortbildungensolltenderThemenkomplexVorurteileundGruppenfeindschaftenauf-
genommen werden. Darin eingeschlossen ist die Vermittlung von Kenntnissen über Antisemitismus bzw. Kenntnisse
überdieöffentlicheThematisierungvonAntisemitismus,ohnedassdiesesThemaeinenbesonderenRangeinnimmt.
• ImZusammenhangmitdemTypderindirektenBearbeitungwurdeverschiedentlichdaraufhingewiesen,dassdie
FörderungvonMedienkompetenz(Internet,digitaleKommunikationsnetze)einegenerelleschulischeAufgabedar-
stelle,dieunabhängigvomThemaAntisemitismusbesteht.EineungenügendeMedienkompetenzvonSchüler/innen
mache sich aber im Zusammenhang mit antisemitischen Gerüchten und Verschwörungsbehauptungen besonders
bemerkbar.
72
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
In diesem Kapitel werden ausgewählte Aspekte der institutionellen, politischen und organisatorischen Rahmenbedin-
gungen behandelt, unter denen die Auseinandersetzungen mit Antisemitismus in Berlin erfolgen. Insbesondere werden
Charakteristika der verschiedenen Typen von Akteuren, Finanzierungsmodalitäten und Planungshorizonte, Arbeitsbe-
dingungen und Beschäftigungsverhältnisse sowie Weiterbildung und Kooperationen im Feld behandelt. Außerdem wird
auf Wünsche der befragten Akteure für die Weiterentwicklung der Arbeit im Themenfeld eingegangen.
7.1 Akteurstypen und Rechtsformen
UntersuchtwurdedieBefassungmitAntisemitismusbeidreiTypenvonAkteuren(vgl.Kapitel3):ZumerstenTypgehö-
renSenatsverwaltungenundnachgeordneteBehörden,zumzweitenTypjüdischeOrganisationenundzumdrittenTyp
NGOs,freieTrägerundandereEinrichtungen.DiestaatlichenAkteuresindgesetzlichverankerterTeildesInstitutio-
nengefügesdesLandesundwerdenausdemLandeshaushaltfinanziert.BeimzweitenTypistdasSpektrumderRechts-
formengrößer:DiesemTypwurdeeineKörperschaftdesöffentlichenRechtsmitverlässlicherZuweisungfinanzieller
MitteldurchdasLandzugerechnet,ebensoPrivatschulen,diealsErsatzschulenanerkanntsindundeinestaatlicheRe-
finanzierungerhaltenundjüdischeVereine.ÄhnlichweitgespanntsinddierechtlichenVerfasstheitenbeidenAkteuren
desdrittenTyps:BeidenNGOsunddenfreienBildungsträgerndominiertdieRechtsformdesVereins,zumTeilhandelt
essichumgemeinnützigeVereine.HinzukommeneinebundesunmittelbareStiftungdesöffentlichenRechtsundeine
gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts.
Die Rechtsformen bei den Akteuren des Typs zwei und drei geben für sich genommen noch keine Auskunft über die Art
und die Verlässlichkeit der Finanzierung: Vereine können allein auf die Finanzmittel ihrer Mitglieder angewiesen sein, die
durchdaszeitweiseEinwerbenvonFördermittelnergänztwerden,siekönnenaberaucheineverlässlicheDauerfinanzie-
rungdurchdasLanderhalten.ÜberdiesspieltnatürlichdieGrößeunddasAltereinesjuristischalsVereinorganisierten
AkteurseinezentraleRolle:EineglobalaufgestellteLobbyorganisationmiteinerhundertjährigenGeschichteistebenso
ein Verein wie ein auf Berlin begrenzter Träger, der erst auf ein knappes Jahrzehnt seiner Arbeit zurückblicken kann.
Vor diesem Hintergrund wird im Hinblick auf die Akteure des Typs zwei und drei lediglich unterschieden zwischen Ak-
teuren eines geringen und eines hohen Institutionalisierungsrades. Von einer starken Institutionalisierung wird hier
gesprochen,wennaußenwirksameEigenaktivitätenzumThemaAntisemitismusauchohneEinwerbungvontemporären
Fremdmittelnmöglichsind.EineschwacheInstitutionalisierungbedeutet,dassAktivitätennuraufGrundlagevontem-
porärenexternenFördermittelnmöglichsind.Andersgesagt:EinniedrigerInstitutionalisierungsgradistdanngegeben,
wenndieAktivitätendesTrägersaufFinanzierungenausöffentlichenProgrammendesBundesoderdesLandesange-
wiesensindbzw.aufMittelausanderenöffentlichenundprivatenQuellen.
7.2 Arbeitsbedingungen schwach institutionalisierter Akteure
Spenden und vor allem Projektförderungen sind die beiden Haupteinnahmequellen der schwach institutionalisierten
Akteure.PlanungsunsicherheitaufgrundderfinanziellenLagewirdbeidenmeistenOrganisationen,vorallembei
den freien Trägern, als ein enormes Problem angesehen. Die Akquise von Geldgebern zur Förderung der eigenen Pro-
jekte nimmt relativ viel Zeit in Anspruch. In dieser Zeit wird zwar konzeptionelle Leistung erbracht, diese wird aber
nichtfinanziert,sondernisteineVorleistungimHinblickauferwartetenPayoutodersiegehtzuLastenderinhaltlich-
pädagogischenArbeitandeneigentlichenProjekten.EinProjektkonnteerstdreiMonatespätermitderArbeitbe-
ginnen,weilzusätzlichzuderbewilligtenTeilfinanzierungnochweitereMitteleingeworbenwerdenmussten(176).
BeivielenOrganisationenherrschteinegroßeVerunsicherungundstrukturellverankertePlanungsunsicherheit,was
die Weiterexistenz der Projekte angeht.
7 Arbeitsbedingungen der Akteure
73
Antisemitismus als Problem und Symbol — Arbeitsbedingungen der Akteure
„Aber das ist jetzt in diesem Programm noch nicht so ganz gesprochen, ob und in welcher Form das weiter geht.
AlsomeineHoffnungist,dassesjetztab2014weitergeht.DasistnatürlichauchfürdenVereinfürunsdann
existenziell.“(I107)
„WeilwiroftnichtsovielGeldhaben,alsowirstehenfastvordemAus,weilwirnichtgenugGeldhaben.“(I105)
VieleOrganisationenausderfreienTrägerschaftnutzendieBundes-undLandesprogrammezurFinanzierungihrer
Arbeit. Für den Untersuchungszeitraum waren dies im Wesentlichen das Bundesprogramm „Toleranz fördern – Kompe-
tenzstärken“,dasvon2011bis2014lief,sowiedasBerlinerLandesprogrammgegenRechtsextremismus,Rassismus
und Antisemitismus.
DasBundesprogrammförderteinseinem„Schwerpunkt2“„Modellprojekte[…],dieinnovativeAnsätzezurBekämpfung
von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus entwickeln und erproben“.52ÜberdasProgrammwird
jeweilsdieHälfteeinerProjektfinanzierungbereitgestellt,sodassweitereFinanzquellengefundenwerdenmüssen.Das
erfordert einen Aufwand, der zu Lasten der inhaltlichen Arbeit geht.
„Und jetzt ist es nicht ganz so komfortabel. Also weil es einfach immer sehr viel mehr Aufwand ist, je mehr Geld-
gebermanhat,dieunterschiedlicheSachenwollenundAnforderungenhaben.“(I106)
EineähnlicheTeilfinanzierungbietetauchdasBerlinerLandesprogrammgegenRechtsextremismus,Rassismusund
Antisemitismus.AuchhiermusseinTeilderProjektfinanzierungaußerhalbdesLandesprogrammsakquiriertwerden.
ErfreulicherweiseistdieHöhediesesAnteilsnichtfestgeschrieben,sodassträgerspezifischeflexibleLösungenpraktiziert
werdenkönnen.DerAufwand,derzurausreichendenFinanzierunggeleistetwerdenmuss,wirdvonvielenOrganisati-
onenalshinderlichfürdieeigeneArbeitempfunden.EsmüssenAnträgegestelltundZwischen-undAbschlussberichte
angefertigt werden.
Gerade die zeitliche Begrenzung der Förderung trägt wenig zur Nachhaltigkeit von Projekten bei, da diese oft nicht
weitergeführt werden können, sondern neu konzipiert werden müssen. Der Grund dafür besteht in den Förderungsbe-
dingungen,dieinvielenFällennurModellprojektefördern,alsoinnovativeProjekte,dienachEndedesFörderungszeit-
raumes nicht fortgeführt werden können, da entsprechende Anschlussförderungen zur dauerhaften Installation von
Programmenfehlen.VieleOrganisationensinddementsprechendeinemInnovationszwangausgesetzt,regelmäßigneue
Modellprojekte zu entwickeln, um weiter gefördert zu werden.
Damit geht zugleich der Verlust personengebundenen Wissens, organisatorischer Routine und Kontinuität in der Zu-
sammenarbeit mit Kooperationspartnern einher. Für Beschäftigte bedeutet es zudem eine prinzipiell irreguläre Beschäf-
tigung. Dazu im Folgenden.
7.2.1 Beschäftigungsverhältnisse
Der Status der Finanzierung schlägt sich auch auf die Beschäftigungsverhältnisse nieder. So sind die Arbeitsverhältnisse
bei den freien Trägern vor allem gekennzeichnet durch befristete Verträge, Honorarverträge und Praktikumsstellen. In
denmeistenOrganisationengibteslediglicheinehalbeStelle,dieausdenbefristetenFörderungsmittelnfinanziertwird
und die zur Koordination und Konzeption der Arbeit genutzt werden kann. Dazu kommt ein Pool an mehreren freien
MitarbeiterInnen, die als Teamer in die Schulen, Jugendeinrichtungen, etc. gehen und auf Honorarbasis arbeiten. Die
meistenTeamerübendieHonorartätigkeitennebenanderenErwerbstätigkeitenbzw.nebendenTätigkeitenfürande-
re Bildungsträger aus. Auch ehrenamtliche Tätigkeit und unbezahlte Praktikumsstellen sind keine Seltenheit bei den
OrganisationeninfreierTrägerschaft.
52 Vgl.dieWebseitedesBMFSFJhttp://www.toleranz-foerdern-kompetenz-staerken.de/tfks_bundesprogramm.html(1.7.2014)
74
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
„[…]DasTeamsetztsichzusammenausHistorikerInnen,ichbinselberPolitikwissenschaftler,Religionswissen-
schaftlerInnen eher weniger und Pädagoginnen und Pädagogen. Alle haben fertig studiert und machen das eben
nebenanderenTätigkeitenfreiberuflich.“(I104)
„I: Ah ja. Und das Ganze ist dann für Sie eine hauptamtliche Tätigkeit, oder?
E:Ichbinselbstständig,aberimGrundeläuftdasdaraufhinaus.IchhabenocheinehalbeStelleineinemanderen
Projekt, wo ich angestellt bin. Und ansonsten läuft die Vereinsarbeit auf selbstständiger, auf Honorarbasis. Ich
machnebenbeinocheinpaarandereSachen.“(I107)
AkzeptiertwerdensolcheBeschäftigungsverhältnisseimWesentlichenvonzweiPersonengruppen:Einmalsinddies
PersonenimAlterzwischenca.20und30JahreninÜbergangsphasen,dieentwederparallelzueinemStudiumoder
inderZeitzwischendemStudiumbzw.einerBerufsausbildungundeinerangestrebtenAnstellungErfahrungeninder
politischen Arbeit und der Bildungsarbeit sammeln möchten.
„Und die Teammitglieder das sind zwischen fünf und sechs. Und das ist, wie das so ist, mit einer gewissen Fluk-
tuation, die sind zwischen zwanzig und dreißig, da ist der eine nach Istanbul inzwischen gegangen, der andere
nachBremenzumStudierenundeinerhatgeheiratet.DasheißtalsodaisteinbisschenFluktuationdrin.[…]Aber
damit muss man einfach, das ist ganz normal in diesen Teamer-Konzepten, weil so viel Geld gibt‘s dann auch
nichtzuverdienen.DiesindnatürlichalleinsoeinerÜbergangsphaseundinsofern.“(I107)
EinezweiteGruppebestehtausPersonen,diedauerhaftnichtinFormeinerVollzeitanstellungerwerbstätigseinkönnen
oderwollen.SiehabensichaufeineMischungaus(befristeten)TeilzeitanstellungenbeiverschiedenenTrägern,Honorar-
tätigkeitenalsAutoren,TeamerbeiBildungsmaßnahmenoderalspolitischeAkteuresowieZeitenvonErwerbslosigkeit
eingestellt. Dieser Personenkreis umfasst auch Personen, die älter als die erstgenannte Gruppe sind. Dieser Personen-
kreisstelltdie–teilweiseebenauchunbezahlte–KontinuitäthinsichtlichKompetenzundOrganisationswissensicher.
Die prekären Arbeitsbedingungen und die skizzierten persönlichen Voraussetzungen der Teamer führen zu Fluktuati-
onen.DiesewiederumzieheneinengewissenZusatzaufwandnachsich,insofernEinarbeitungenundTeamfindungs-
prozesse parallel zu den Bildungsveranstaltungen und der Aufrechterhaltung bzw. Fortführung der Projektorganisation
und-finanzierunganfallen.
7.2.2 Ausstattung
BeklagtwirdvondenschwachinstitutionalisiertenAkteurennebenderbeschriebenenPersonalstrukturaucheinehäufig
ungenügende Ressourcenausstattung. Das bezieht sich auf die zur Verfügung stehenden Honorare, die – folgt man den
VorgabenderMittelgeber–häufiglediglichfürdieunmittelbareBildungsarbeitverwendetwerdendürfen,nichtaber
fürdiekonzeptionelleArbeitunddenthemenbezogenenFortbildungsbedarf.EsmangeltalsovorallemanGrundaus-
stattung.
7.3 Netzwerke, Kompetenz- und Wissenstransfer
Berichtet wird in den Interviews durchweg über eine sehr gut entwickelte Vernetzung mit den thematisch gleich ausge-
richteten Akteure in Berlin. Hintergrund dafür ist zum einen das Landesprogramm gegen Rechtextremismus, Rassismus
und Antisemitismus, durch das aktiv die Vernetzung der geförderten Projekte angeregt wird. Viele der Bildungsträger ge-
höreneinemfestenNetzwerkzuFragenderschulischenundaußerschulischenBildungsarbeitan(„TaskforceEducation
onAntisemitism“).DieMitgliederdiesesNetzwerkskommenüberwiegendausBerlinundBrandenburg;dasNetzwerk
bestehtausVertreternderdreivonunsuntersuchtenAkteurstypen.MehrmalsjährlichstattfindendeArbeitstreffen
bietenInstitutionen,ProjektenundEinzelpersonenGelegenheitzumAustauschzupolitischen,methodisch-didaktischen
undtheoretischenFragen.NebenderDiskussioneigenerKonzepteundErfahrungenwerdenregelmäßigexterneExpert/
innen eingeladen, wodurch eine Verzahnung von Forschung und Praxis angestrebt wird.
75
Antisemitismus als Problem und Symbol — Arbeitsbedingungen der Akteure
„AlsonawirsindMitgliedinderTaskforceEducationonAntisemitism.DieSitzungbesucheichregelmäßig,find´
ich für mich ein ganz hervorragendes Gremium. Also wo man sich eben austauscht und wo alle auch immer mal
was aus ihren Projekten vorstellen, wo man sich Leute einlädt, die einem nochmal was, was weiß ich, jetzt vor
kurzemhattenwirjemandzudieserBeschneidungsdebatteda[…]undso.Alsodasfindeichimmersehrinter-
essantundebenauchhilfreich.“(I101)
Diese ausgeprägten Vernetzungsstrukturen begünstigen einen Austausch über pädagogische Konzepte und inhaltliche
Debatten. Gleichzeitig sind sie fruchtbar für Kooperationen untereinander, die sich etwa in der gegenseitigen Unter-
stützungbeiderErstellungvonArbeitsmaterialienund-medienniederschlägt.Gelegentlichwurdenauchgemeinsame
Projekte von verschiedenen Netzwerk-Mitgliedern durchgeführt.
DieTrägerimBereichBildungsarbeit(Typ3)sinduntereinanderstärkervernetztalsmitjüdischenOrganisationenund
staatlichen Behörden und als diese untereinander. Der höhere Vernetzungsgrad innerhalb der Akteurstyp-3-Gruppe ist
wohldaraufzurückzuführen,dasssichhierdiegrößteZahlvonschwachinstitutionalisiertenOrganisationenfindet.
Sich gegenseitig zu unterstützen und auszutauschen ist für schwach institutionalisierte Träger nicht nur im Sinne einer
effektiverenArbeithilfreich,sondernauchnotwendig,wennesumdenInformationsaustauschüberFördermittelund
somit um die Sicherung oder Fortführung von Projekten geht. Hier stehen die Träger aber teilweise auch in Konkurrenz
miteinander.Berichtetwurde,dasseinzelneBildungsträgerbestrebtsind,mitSchulenExklusivverträgeabzuschließen,
sodasskeineanderenAnbieterandenbetreffendenSchulenzumZugekommen.
DiebestehendenVernetzungenwerdennichtzuletztfüreinenKompetenz-undWissenstransfergenutzt.WerdenDefizite
inbestimmtenKompetenzbereicheneinerOrganisationerkannt,wirdmeisteineandereOrganisationherangezogen,die
eine/nExperten/ExpertinfürbestimmteThemenbereichebereitstellt.DieseFortbildungenwerdenauchoftfürmehrere
Organisationengeöffnet.Auchausdemwissenschaftlich-akademischenSektorwerdenExpert/innenzubestimmten
Themenkonsultiert.VieleOrganisationenentwickelnausihrerProjektarbeitauchMaterialienzuWeiterverwendung.
Sosollgewährleistetwerden,dasserprobteArbeitsansätzevonanderenOrganisationenweitergeführtwerdenkönnen,
auchwenndasUrsprungsprojektbereitsabgeschlossenwordenist.AuchdieBehördenpflegeneineninternenInfor-
mationsaustausch.EsfindenzudemKooperationenzwischenBehördenundfreienTrägernstatt,zumBeispielstelltdie
PolizeiihrestatistischenDatenanderenOrganisationenzurVerfügungoderBehördenlassensichzukonkretenThemen
vonExpert/innenausderfreienTrägerschaftberaten.
7.4 Fortbildungen für Bildungsträger
Der Themenbereich Fortbildung ist eng mit dem Thema Vernetzung verknüpft. So verwundert es nicht, dass das Ver-
netzungstreffendesbereitserwähntenNetzwerkesalswichtigeInformationsquellevonvielenAkteurengenanntwird.
AuchkleinereVernetzungstreffen,Arbeitstreffen,interneFachrunden,etc.findenstatt,umsichfachlichmiteinander
auszutauschenundaufdemLaufendenzuhalten.MancheOrganisationenverfügenübereineigenesBeratungsnetz-
werk, das bei Bedarf konsultiert werden kann.
„Wotragenwirdaszusammen?BeiunserenKoordinierungstreffen,unserenFachgesprächen,Fachrunden,Bun-
desfachtagenoderauchArbeitstreffen,diewirextradafüreinberufen,wennwirKonzepte,Ansätzeentwickeln.
Also,wirhabeneineMengeRücklauf,undwirhaben,wiegesagt,dasNetzwerkvonüber200Kooperationspart-
nern,aufdiewirzurückgreifenkönnen.“(I97)
AuchTagungenwerdenalsOrtederFortbildunggenannt,dadortzumeinenWissenvermitteltwirdundFachdiskus-
sionenstattfinden,aberauchNetzwerkarbeitgeleistetwird.ÄhnlichgeartetsindWorkshopsbzw.Fortbildungen,die
entwederinternfüreineOrganisationoderfürmehrereOrganisationenangebotenwerden.DieseWorkshopskonzen-
trierensichmeistaufbestimmteThemenbereiche,dieentwederpolitischaktuellsindoderfürdieOrganisation(en)
aktuellbesondereRelevanzbesitzen.AußerdemfindetFortbildungüberdenAustauschvonMaterialienstatt.Sosollen
76
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
fachliche Kompetenzen weitergegeben werden, indem das Konzept und die Inhalte der Projektarbeit verschriftlicht
werdenundsoeinergrößerenMengevonAkteurenimFeldzugänglichgemachtwerden.Qualifizierungenerfolgenauch
auf autodidaktischem Wege über Bücher, Zeitschriften und, als wichtiges Medium auch zur Vernetzung, das Internet.
7.5 Inhaltliche Akzentsetzungen durch staatliche Förderprogramme
Schwach institutionalisierte Träger sind in ihren Bildungsaktivitäten nahezu vollständig von fremden Finanzgebern
abhängig. Wollen sie als Träger überhaupt aktiv bleiben, haben sie folglich die Themen, Zielgruppen und teilweise auch
methodischen Konzepte ihrer geplanten Projekte an den jeweils aktuellen Förderrichtlinien zu orientieren. Bei den stark
institutionalisierten Trägern stellt sich die Situation in anderer Weise dar: Sie verfügen über eine unterschiedlich hohe
Sockelfinanzierung,mitdersieAufgabenerfüllen,dieinihrerDefinitionwieihrerAusführungzunächstunabhängig
vonProgrammförderungensind.NursoweitsiedarüberhinausauchvonzusätzlichenFörderungenprofitierenmöch-
ten, haben sie sich auf aktuelle Förderrichtlinien einzustellen. Je nach ihrem Institutionalisierungsrad sind Akteure
desTypszweiunddreiinsoferninunterschiedlichemMaßevondeninhaltlichenunddenorganisatorisch-finanziellen
Akzentsetzungen der Förderrichtlinien abhängig. Unabhängig von der Finanzierung verfügen die schwach wie die stark
institutionalisiertenTrägerüberspezifischeunmittelbareFeldkenntnisse,dieindieserWeiseinderRegelwederinder
Verwaltung noch der Politik vorhanden sind. Die teilweise über viele Jahre praktizierte Beobachtung, Beratung und Bil-
dungsarbeit,dieKenntnislokalerundregionalerProblemphänomene,ihrerVeränderungsdynamikenunddieErfahrung
mitunterschiedlichenZielgruppeninderpädagogischenArbeitstelleneinspezifischesWissenskapitalderAkteuredar.
Sie sind in einem besonders hohen Maße mit verschiedenen sozialen Wirklichkeiten vertraut und „haben ihre Hand am
Puls der Zeit“.
Die Formulierung der programmatischen Namen von Förderprogrammen und die Ausgestaltung von Förderrichtlinien
ist eine Angelegenheit, die in der Verantwortung des jeweiligen Ministeriums bzw. Senatsverwaltung liegt; hierzu wer-
denvondenoftlangjährigenunderfahrenenMitarbeiter/innenderVerwaltungexterneExpert/innenherangezogen.
AußerdemwerdenLobbyist/innenvorstellig,derenerklärtesZieldieErhöhungihrespolitischenEinflussesinFormvon
Deutungsmachtist.IndenInterviewshabeneinigederBefragtenüberihreeigeneEinflussnahmeunddievonweiteren
Interessenvertreter/innenbeiderAusgestaltungderBundesprogrammeseitdemJahr2000berichtet(vgl.Abschnitt
6.1.3).WieinanderenThemenbereichenwerdenjedochauchhiernichtallegehört,diesichselbstfürExpert/innenhal-
ten;naturgemäßkönnenauchnichtalleLobbyist/innen-PositioneningleichemMaßebeiderendgültigenEntscheidung
über Programmschwerpunkte und Richtlinien berücksichtigt werden.
DiekonkreteSchwerpunktsetzungvonFörderprogrammenunddieExpertiseeinzelnerTrägerkönnenaufgrunddieser
KonstellationvonErfahrungs-undEntscheidungskompetenzinWiderspruchzueinandergeraten.VoneinigenBildungs-
trägernwurdeeinUnverständnisüberSchwerpunktederProgrammentscheiderbekundet.Dasbetrifftinnerhalbdes
Themenfeldes Antisemitismus vor allem die Akzentsetzung auf muslimische Jugendliche. Von einigen Trägern wird diese
FokussierungsowohlinderöffentlichenDiskussion(vgl.Abschnitt2.2)wieauchindenpolitischenSteuerungenvon
Bildungsprojekten über die Berliner Landeskonzeption als unangemessen wahrgenommen.
„WeilesistehersomeinEindruck,dassdamanchmalsehrstarkaufdieMuslimederFokus.Alsobeidenganzen
Studien. Und dass manchmal so man nicht so gern die eigene Wäsche oder die eigene, ich mein, das gehört dazu,
aberso,dahatsichderFokus,ausmeinemEindruckdochzusehrverschoben.DafürkriegtmanauchdieGelder
[…].“(I103)
IndiegleicheRichtunggehendieobenangeführtenEinsprüchevonPädagog/innendagegen,JugendlichealsProb-
lemträgerindenMittelpunktöffentlicherDebattenumAntisemitismuszustellen(vgl.Abschnitt4.3).DieInterviewten
verweisen damit auf einen wichtigen Umstand: Programmkonzeptionen und Förderkriterien und die entsprechend aus-
gerichtetenProjektesindkeineneutralenInstrumente,sondernsiewirkenaktivandenöffentlichenDiskursenmit,die
die aktuell als relevant geltenden Problemträger und die thematischen Anschlüsse des allgemeinen Problems Antise-
mitismus konkretisieren. Die ausdrückliche Nennung bestimmter Problemträgergruppen in staatlichen Konzeptionen
undProgrammenkommtderamtlichenDefinitioneinesbesonderensozialenProblemsgleich.InderBerlinerLandes-
konzeptionfindetsicheinederartigeHervorhebung(IntMig2008:18;vgl.Roth/Gesemann/Aumüller2010:136-144).
77
Antisemitismus als Problem und Symbol — Arbeitsbedingungen der Akteure
7.6 Probleme, Wünsche und Bedarfe
Die von den Befragten geäußerten Wünsche und Bedarfe zu den Rahmenbedingungen sind einerseits Spiegelbilder der
in diesem Kapitel beschriebenen Förderpraxen und Arbeitsbedingungen, soweit diese als einschränkend, belastend oder
hemmendwahrgenommenwerden.Sielassensichstichwortartigaufführen,dasieentwederimvorliegendenBericht
oder anderweitig bereits hinreichend dargestellt wurden.
• VerstetigungbeiderFinanzierungvonProjekten,umArbeitserfahrungenundpersonelleKontinuitätenzugewähr-
leisten
• Relativierungbzw.AufhebungderVerpflichtungzurEntwicklungvonModellprojektenimRahmenderBundesförde-
rung. Stattdessen: Fortführung von bewährten Ansätzen.
• AngemesseneAusstattung,dieAktivitätenüberdieunmittelbarepädagogischeArbeithinauserlaubt(Fortbildung,
Teambildung,Anschlussanträgeerarbeitenetc.)
• ReduzierungvonVerwaltungsaufwand
• VerringerungdesAufwandesinderAkquisevonfinanziellerFörderung.BeivielenTrägernbeanspruchtdies–gerade
inderVorbereitungneuerProjektezumEndebewilligterFörderzeiträume–ca.10-20%derArbeitszeit.
AndereProblemfelderbetreffennichtEntscheidungenderpolitischenEbene,sondernbeziehensichaufdiegesellschaft-
liche Anerkennung des von den Trägern bearbeiteten Problems Antisemitismus bzw. auf Unterstützung ihrer jeweiligen
ProblemdefinitionenseitensderWissenschaft:MehrfachwirdderWunschgeäußert,dassesstärkeralsbishereinBe-
wusstseinfürdieWichtigkeitdesEngagementsgegenAntisemitismusgebenmüsse.DasEngagementgegenAntisemi-
tismusdienederStärkungunddemErhalteinerdemokratischenZivilgesellschaft.Esmüssezudemeinegesellschaftliche
Kulturvorherrschen,indereingegriffenundunterstütztundnichtweggeschautwird.
„WasichmirfürmeineArbeitwünsche,alspolitischenErfolgwäre,dasswirmöglichstbreit,möglichstweitund
umfassend in unserer Gesellschaft verankern das Bewusstsein, dass der Kampf gegen Antisemitismus, das ist
kein Kampf für mich und kein Kampf für die jüdische Gemeinschaft. Das hilft uns zwar. Aber es ist in erster Linie
einKampffürdieStärkungunddenErhaltjederdemokratischenZivilgesellschaft.“(I82)
Von manchen Befragten wird eine wissenschaftliche Bestätigung für die gesellschaftliche Relevanz der eigenen Arbeits-
feldergewünscht.Esmussoffenbleiben,obdamitdereigeneZweifelandenauchdurchdieFörderrichtlinienbedingten
Arbeitsschwerpunkten besänftigt werden soll oder ob in diesem Fall die trägereigene Problemdiagnose mit der Pro-
grammsicht kongruent ist:
„Ich habe mitbekommen zum Beispiel, dass es kaum Studien gibt, die zum Beispiel nachweisen, ob unter Muslimen
Antisemitismus mehr auftritt, als in der Mehrheitsgesellschaft. Und da gibt es kaum Studien. Und das ist zum Bei-
spiel ein Bedarf, den wir unbedingt brauchen. Wir brauchen eine, auch bei dieser Bundestagsstudie kommt das nicht
sorüber.Dasheißt,eswirdnichtsoexplizitgeforscht.UnddassindSachen,diewirunbedingtbrauchen.“(I105)
7.7 Resümee
SeitdemJahr2000werdenBundesprogrameaufgelegt,die–ungeachtetihreskonkretenNamens–Bildungsprojekte
zur kritischen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Vorurteilen und Gruppenfeindschaften, darunter auch An-
tisemitismusfördern.EbensoaltsinddieKlagenvonProjektträgernüberDiskontinuitäteninderFörderung,fehlende
Nachhaltigkeit,ProblemebeiderKofinanzierung,überhöhtenVerwaltungsaufwandunddergleichenmehr.Vermutlich
werdenauchkünftigeFelduntersuchungenundEvaluationenderartigeEinschätzungenprotokollieren.Dochdarfdies
nicht übersehen lassen, dass die Projektförmigkeit mit all ihren Nachteilen für die teilweise prekär Beschäftigten eine
78
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
angemessene Form ist, mittels der Innovationen entwickelt und überhaupt „Neues in die Welt kommt“. Insofern weist
diese Form auch Vorzüge für die pädagogische Arbeit auf. Geschätzt wird an den das schulische Angebot ergänzenden
Angeboten gerade der nichtschulische Charakter: eine stärkere Teilnehmerorientierung als in der Schule, eine relativ
hohelebensweltlich-kulturelleNäheundeinegeringeAltersdifferenzderTeamer/innenzudenZielgruppen.DieseLeis-
tungsmerkmale gehen zu einem gewissen Teil auch darauf zurück, dass das pädagogische Personal der freien Bildungs-
trägerzueinemhohenAnteilselbstineinerLebensaltersphaseist,indertypischerweisemehrbiographischeOptionen
offensindalsinspäterenJahren:Studienfach-undBerufswahlsindhäufignochnichtdefinitivbestimmt,ähnlichver-
hält es sich mit der Frage einer Familiengründung oder auch der Wahl des dauerhaften Wohnortes. Die Vertrautheit
mit aktuellen jugendkulturellen Szenen und ihren Stilen (Kleidung, Musik, Medien, Drogen- und Genussmittelkonsum,
Treffpunkte)basiertaufkonkretenErfahrungenundpartiellerInvolviertheitundlässtsichnichtalleinüberabstraktes
Wissenerwerben.NeuemethodischeIdeenunddieEntwicklungexperimentierenderAnsätzegehenauchdaraufzurück,
dass das junge pädagogische Personal selbst neu im Feld ist und mit einem frischen Blick auf Adressaten und Themen
schaut.AlsimpulsgebendesVerfahrenistdieFörderungvonModellprojektenaufjungesundflexiblesPersonalange-
wiesen,dassichselbstweniginRoutinenundFestlegungenbewegt.Kurz:Essprichteinigesdafür,dassdasspezifische
Alternativpotential, das an den Angeboten der freien Bildungsträger im Vergleich zu der schulischen Themenbehandlung
geschätzt wird, nicht trotz, sondern wegen der Projektförmigkeit der Förderung entsteht.
Derartigenzielgruppen-undmethodenspezifischenVorzügeeinzelner,projektförmigorganisierterBildungsangebote
stehen die deutlich schwerer wiegende Nachteile gegenüber, die in der Struktur des Angebots als solcher begründet sind.
ZumwiederholtenMalistalsozukonstatieren(vgl.Kohlstruck2003):ProjektcharakteraufStrukturebenebedeutet,dass
die Sicherstellung von Wissens- und Tätigkeitskompetenzen und damit die Kontinuität einer verlässlichen Infrastruktur
der politischen Bildungsarbeit systematisch ausgeblendet bleibt. Dadurch kann das bereits erreichte Qualitätsniveau bei
künftigen Angeboten nicht garantiert werden. Das Unterlaufen der Standards „Guter Arbeit“ bedeutet für die in diesem
BereichTätigenungesicherteBeschäftigungs-undAufstiegsperspektivensowieerheblicheEinschränkungenbeiderVer-
einbarkeit von Beruf und Familie. Insgesamt kann von einem fragwürdigen Umgang mit gesellschaftlich akkumuliertem
(undfinanziertem)WissenundKönnengesprochenwerden.
79
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung und Diskussion
BeiallerEindeutigkeitinderAblehnungundBekämpfungvonAntisemitismusdurchzivilgesellschaftlicheundstaatliche
Akteure, trotz aller Versuche diskursiv-symbolischen Gegensteuerns von Seiten der Politik, trotz polizeilicher Repression
und pädagogischer Intervention ist man nach wie vor mit antisemitischen Phänomenen konfrontiert. Jedoch besteht
wederEinigkeitinderEinschätzungihrerBedeutungundihresAusmaßes,nochhinsichtlichdesVerständnisses,wasmit
„Antisemitismus“eigentlichüberhauptthematisiertwird.IndiesenFragengibtesdifferierendeAnsichten,diehalbwegs
friedlich koexistieren ebenso wie emotional hoch aufgeladene Deutungskämpfe. Diesem Zustand entspringt der Titel der
Studie:„AntisemitismusalsProblemundSymbol“.BeideEbenenvonAntisemitismusunddieBegrifflichkeitenzuihrer
AnalysesollenhiernocheinmalkurzinErinnerunggerufenwerden,ummitdiesemAnalyserahmendieErgebnisseder
Studiezusammenzufassenundzureflektieren.
Die in Berlin beobachtbaren antisemitischen Phänomene bedrohen in unterschiedlichem Maße die praktische Geltung
universeller Menschenrechte und demokratischer Werte und stellen eine Gefahr für Jüdinnen und Juden dar. Zum Anti-
semitismus gehören verschwörungsideologische irrationale Weltbilder sowie abwertende und diskriminierende Praxen.
Dazu kommen verschiedene antisemitische Phänomene minder starken beziehungsweise weniger stabil ausgeformten
Charakters.
„Exzeptionalismus“ des Antisemitismus bedeutet, dass antisemitische Positionen im Vergleich mit anderen Gruppen-
feindschaftsphänomeneninderpolitischenÖffentlichkeitmiteinerbesonderenmoralischenWertigkeitversehenund
daher stark tabuisiert sind. Das Tabu wird gesichert durch einen besonderen Typ von Kommunikation, sogenannte mo-
ralische Kommunikation. Als moralische Kommunikation werden Kommunikationen bezeichnet, die über Achtung und
Missachtung von Kommunikationsteilnehmer/innen entscheidet. Wer gegen das Tabu verstößt, äußert nicht lediglich
einepartiellodervollständigefalscheAuffassung,diezukritisierenist,sondernerverfälltderpersönlichenDiskredi-
tierung,d.h.derBetreffendewirdausdemKommunikationszusammenhangderseriösenDemokratenausgeschlossen.
AuchdasRedenüberAntisemitismusstehtunterdemZwangeinerlediglichbinärenOption:anti-antisemitischeoder
antisemitisch – ein Drittes ist in der Struktur dieser moralisch hoch aufgeladenen Kommunikation nicht vorgesehen. Dies
steht jedoch im Widerspruch zur Vielfalt und Divergenz antisemitischer und verwandter Phänomene.
Die Ursachen dafür liegen in einer weiteren Bedeutungsebene der Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Das Verhält-
niszumThemenkomplexAntisemitismushatinderheutigenöffentlichenKommunikationeinehohelegitimatorische
Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland – Berlin stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Anders gesagt: Das
Verhältnis zum Antisemitismus ist ein zentrales staatliches und gesellschaftliches Legitimationssymbol.Einealsunzu-
reichendbewerteteEntschiedenheitimKampfgegenAntisemitismusstelltdieQualitätderBundesrepublikalsdemo-
kratisches Staatswesen und Gesellschaft in Frage. Zugleich ist der Anti-Antisemitismus ein Gradmesser für das „Lernen
aus der Geschichte“ Inwieweit die Bundesrepublik sich tatsächlich hinreichend von ihrem Vorgängerstaat distanziert
und inwiefern sie aus „dieser Geschichte gelernt“ hat, wird am Verhältnis zum Antisemitismus abgelesen.
Das Reden über antisemitische Phänomene erfolgt aufgrund dieser vorrangig moralischen und nicht analytischen Kom-
munikationhäufigineinerunifizierendenRedeweise.DamitisteineentdifferenzierendeSichtaufantisemitischePhäno-
mene gemeint, die unabhängig von den beobachteten Wirklichkeitsebenen vereinheitlichend von „dem Antisemitismus“
spricht (Unifizierung).DieseArtdesöffentlichenRedensübersiehtdiegroßenUnterschiede,diezwischenbloßenMeinun-
gen, gelegentlichen klischeehaften Äußerungen über „die Juden“, strafbarem Verhalten und einem ideologischen oder
einem politisch-programmatischen Antisemitismus bestehen. Unterschiede bestehen sowohl hinsichtlich des Zustan-
dekommens der verschiedenartigen Phänomene wie natürlich auch in Bezug auf die Folgen – sei es für Juden/Jüdinnen
alsprimärBetroffene,seiesfürdasSelbstverständniseinerpluralenGesellschaftineinemdemokratischenRechtsstaat.
DiemittelsdieserKonzeptecharakterisierteöffentlicheKommunikationüberAntisemitismusstelltdenkulturellenund,
wie gezeigt, auch rechtlich stabilisierten Rahmen dar, innerhalb dessen die untersuchten staatlichen und zivilgesell-
schaftlichenAkteureagieren.DiefolgendenÜberlegungensollenunterteilweisemRückgriffaufdieseKonzeptezusam-
menfassen,wiedieimFeldoffensichtlichenDifferenzenderProblemeinschätzungenzustandekommen(wozuweitere
8 ZusammenfassungundDiskussion
80
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
organisationsoziologischeFaktoreneinbezogenwerden)undwelcheFolgendiesfürInterventionsstrategienhat.Dabei
sollenDesideratederForschungundEmpfehlungenzumweiterenUmgangmitAntisemitismusformuliertwerden.
8.1 Einschätzung zum Antisemitismus in Berlin – Wissensstand und Bedingungsfaktoren
NimmtmandasfragmentarischeWissenzurGrundlageeinersynoptischenEinschätzung,lassensich–mitallergebote-
nen Vorsicht – einige sehr allgemeine Tendenzen zum Vorkommen von Antisemitismus in Berlin ausmachen: Antisemiti-
sche Phänomene weisen eine große Heterogenität hinsichtlich ihrer Art und Schwere sowie der Auftretensbedingungen
undzugrundeliegendenMotiveauf.ImUntersuchungszeitraumfindensichkeineHinweiseaufeineklareEntwick-
lungstendenz,wenngleicheinbesondersschwererVorfall(derÜberfallaufdenRabbinerDanielAlter)möglicherweise
zu einer breiteren Thematisierung geführt hat. Antisemitische Vorfälle verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet.
Vereinzelt ausgemachte lokale Schwerpunkte wie der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg könnten unter Umständen auch
das Resultat einer selektiven Beobachtung sein. Antisemitismus kommt sowohl bei herkunftsdeutschen wie auch bei mi-
grantischen Bevölkerungsteilen vor. Letztere, insbesondere arabische, türkische oder genereller muslimische Menschen
(hierwiederumbesondersMännerundJugendliche)geratenalsTrägergruppenimmermehrindenFokusderDebatte
(allerdingsauchbegleitetvonderWahrnehmungeinesvorgeblichneuenAntisemitismusder„Mitte“),währendorga-
nisierter Antisemitismus, beispielsweise im Rechtsextremismus weniger prominent behandelt wird, insbesondere, was
die Interventionsstrategien angeht. Trotz dieser Bedeutungsverschiebungen bleibt der historische Nationalsozialismus
als Bezugsrahmen der Relevanzsetzung und moralischen Bewertung omnipräsent.
DieWahrnehmungderExistenzundderBedeutungvonAntisemitismusunterliegteinerVielzahlvonEinflüssen.Inder
folgendenDarstellungsollengenerelleFaktorenvonakteursspezifischenunterschiedenwerden.DerSchwerpunktwird
aufderzweitenEbeneliegen,umsodieErgebnissezudenuntersuchtenBerlinerAkteurenkonkretdeutenundbewerten
zu können.
ZunächstalsozudenallgemeinenFaktoren:GrundsätzlicheBedeutungkommtdertatsächlichenExistenzantisemiti-
scher Phänomene zu. Dies hängt von verschiedenen Bedingungen ab: dem Vorliegen judenfeindlicher Weltbilder oder
Einstellungen,derNeigungundBereitschaft,dieseinHandlungenumzusetzen,dergesellschaftlichen(Nicht-)Akzeptanz
(Legitimität)unddenentsprechendenReaktionen(insbesondereStrafandrohung).FürdenVergleichmitanderenPhä-
nomenenvonGruppenfeindschaft,vorallemhinsichtlichihrerInteraktionskomponenten(Beleidigungen,Angriffeusw.)
istnochdieGrößeundWahrnehmbarkeitderOpfergruppeentscheidend(Differenzzwischenrelativerundabsoluter
Bedeutung).DerTeildesobjektivenAuftretens,derbekanntwird,istwiederumabhängigvomMeldeverhalten(Modus
passivenVerzeichnens)undvonAnstrengungenzurErfassungdesVorkommens(aktiverModus,bspw.durchRecher-
che).DieAufmerksamkeitkannwiederummitbestimmtenbesondersmedienträchtigenEreignissenwachsen.Auchdie
BereitschaftderOpfer,Vorfällezumeldenistwichtig.
Jüdinnen und Juden sowie Antisemitismus haben eine sehr große Repräsentanz in der Berliner politischen und medialen
Öffentlichkeit.DiehoheAufmerksamkeit,dieaufsGanzegesehendemAntisemitismuskomplexentgegengebrachtwird,
darf aber nicht so verstanden werden, als wenn damit in allen gesellschaftlichen Bereichen antisemitische Äußerungen
gleichermaßenverpöntwärenundsanktioniertwürden.ManhatvordemHintergrundderErfahrungenaus(nichtöf-
fentlicher)AlltagskommunikationundAlltagsverhalten,insbesondereausdemSportbereich„weißeFlecken“inder
Durchsetzung des Antisemitismus-Tabus zu konstatieren. Auch die jüngsten antisemitischen Ausschreitungen im Zuge
derProtestegegendenGaza-KriegimSommer2014stehendafür.53 Für die direkt Geschädigten ist dies umso enttäu-
schender,alsdasüberdiedominantenMedienundvondenpolitischenElitenvermittelteBilddiesteteBekräftigung
eines anti-antisemitischen Konsenses vermittelt.
Auf das objektive Ausmaß der Phänomene und die Möglichkeiten ihrer Dokumentation gehen indes die konkreten La-
geeinschätzungennurzueinemTeilzurück.EbensorelevantsindauchdievorliegendenInterpretationsschemata.Beim
Thema Antisemitismus haben wir das Vorliegen einer dominanten Hochrelevanzeinschätzung konstatiert, die aber nicht
vonallengeteiltwird.Wichtigzuvermerkenist,dassansonstenhochrelevantepolitischeKonfliktlinienhierkeineaus-
reichendeErklärungskraftbesitzen.ZwaristAntisemitismuseinbesonderesProbleminnerhalbderextremenRechten.
Die Einschätzungen von AntisemitismusdifferierenjedochinallenLagerndesdemokratischenSpektrums.
53 IndiesemZusammenhangvonEreignissen,dienichtdenUntersuchungszeitraumderStudieumfassen,istauchdeutlichgeworden,dassdieAnstrengungen
zur Verbesserung der polizeilichen Souveränität im Umgang mit Antisemitismus aus Sicht mancher Akteure im Themenfeld noch lange nicht ausreichend
sind.SokamestrotzPräsenzvonSymbolenverbotenerOrganisationen,AngriffenaufPassant/innenundjudenfeindlichenBeschimpfungenzukeinem
EinschreitenderPolizei.
81
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung und Diskussion
Umzuverdeutlichen,welcheverschiedenenorganisationalenLogiken,kontextuellenEinbettungenundäußerenRestrik-
tionendiekonkretenLageeinschätzungenderAkteureimFeldbeeinflussen,sollimFolgendenkontrastiv,anhandzweier
Akteure dargestellt werden, wie unterschiedliche Ausprägungen der genannten Dimensionen in sehr unterschiedliche
Problemeinschätzungeneinmünden.DabeiwirddieBerlinerPolizeieineridealtypisiertenzivilgesellschaftlichenOrga-
nisationgegenübergestellt,dieBildungsprojekteimBereichAntisemitismusdurchführtunddafürauchdieEntwick-
lungenimThemenfelddurcheinVorfallsregisterverfolgt.WirnennendiesefiktiveOrganisation„InitiativeAufklärung
und Bildung gegen Antisemitismus – IABA e.V.“. Mit dieser Gegenüberstellung soll ein Problem entschlüsselt werden,
welchesunteranderemdenAnstoßfürdievorliegendeForschungsarbeitgab.EshandeltsichumdieFrage,warum
dieEinschätzungenzuAntisemitismussoextremauseinandergehen,amZugespitztestensichtbarindenniedrigen
DeliktziffernderPolizeistatistikeiner-unddenGlobaleinschätzungeneinesomnipräsentenAntisemitismuspolitischer
Akteure andererseits.
Zunächst unterscheidet sich beider Akteure Logik der Problemwahrnehmung. Während die polizeiliche Statistik einer
passiven Logik des Verzeichnens folgt, die von an sie herangetragenen Anzeigen abhängig ist, folgt IABA e.V. in ihrer
ArbeiteinerLogikdesAufspürens.InformationenverschiedensterQuellen(wobeidiederPolizeinureinenTeildarstellen)
werden mit eigenen aktiven Recherchen kombiniert und so ein größerer Bereich in den Blick genommen.
ZumzweitenunterscheidetsichaufderEbenederKonzeptedie Wahrnehmungsoffenheit. Im Fall der Polizei gibt es eine
gesetzliche geregelte und institutionell-bürokratisch abgesicherte Fokussierung auf strafrechtlich relevante Vorkom-
men,beidenenwiederumeinantisemitischesMotivkonstruiertwerdenkann.WährenddieseinestarkeEngführungmit
sich bringt, verzeichnet IABA neben strafrechtlich Relevantem auch eine Vielzahl von Phänomenen, die entweder nicht
strafbewehrt sind (inklusive weniger schwerer Formen von Alltagsantisemitismus und verschwörungslogischen Diskur-
sen)odernichtzurAnzeigegelangtsind.FernerthematisiertIABA(potenziell)strafrechtlichrelevanteSachverhalte,die
sieandersbewertetalsdiePolizei.ZuunterscheidensindalsoeineinhaltlicheEbenemitengerenundweiterenAufnah-
mefokiundeineinstitutionelle,dasichderGradderBindungbeiderOrganisationstypenanformalisierteProzeduren
stark unterscheidet. Allerdings sind der Formalisierung auch bei der Polizei Grenzen gesetzt. Die Motivkonstruktion ist
unweigerlich auch durch ein Moment der Unbestimmtheit geprägt. Doch ist es insgesamt für die IABA leichter, in eine
Schätzlogikzuverfallen.Dieswirddadurchunterstützt,dasssiemitder„ArbeitsdefinitionAntisemitismus“desEUMC
aufeinerbegrifflichsehrweitgefasstenGrundlageoperiertundessomitnaheliegt,auchimZweifelsfallliebermehrals
weniger Phänomene als tätigkeitsrelevant zu erfassen.
Daher unterscheidet sich zum dritten die Logik der Themenbefassung.DiePolizeihateinegesetzlichdefinierteZustän-
digkeit.ObwohlauchinderPolizeibestimmtorganisationentypischeProzesseablaufen(Differenzierung,Spezialisie-
rung,SelbstlegitimierungundOrganisationserhaltungsstreben),bleibtAntisemitismuseinThemenfelduntervielenan-
deren,dasimGrundefürdieBearbeitungzugewiesenwurde.EsgibtkeinenGrundzurAnnahme,dassinnerinstitutionelle
Logiken zu einer herausragenden Bedeutung dieses Themas beitragen, die mit der Situation der zivilgesellschaftlichen
Organisationvergleichbarwäre.54AndersbeiIABA.EshandeltsichumeinezivilgesellschaftlicheOrganisation,diemit
einem politischen und pädagogischen Anspruch gegründet wurde. Antisemitismus ist für sie ein Hauptthema und für
einen Teil der Involvierten das zentrale Arbeitsfeld. Die Beteiligten sind zudem zu großen Teilen in politisch-moralischen
Milieus verwurzelt, in denen ein „Kampf gegen Antisemitismus“ eine große identitätsstiftende Bedeutung hat.55 Auch sie
folgenzwarzugewissenTeileneineräußerenAngebotsstruktur(Förderprogramme),habensichaberzunächstselbst
explizit für dieses Thema als ihr besonderes Anliegen entschieden und damit schon selbst eine Vorentscheidung für die
HeraushebungdiesesThemasausdemKontextvergleichbareroderverwandterPhänomenegetroffen.Diessorgteiner-
seitsfüreinhohesMaßanExpertiseundSpezialwissenimThemenfeldbeiIABA,kannaberandererseitsauchzueiner
Art von „Betriebsblindheit“ führen, wenn die Fokussierung auf ein Problem sämtliche Relationen in den Hintergrund
treten lässt.56
54 Der staatspolitische Symbolcharakter von Anti-Antisemitismus sorgt hier jedoch auch für einen Handlungsdruck.
55 EsgibteinestarkeBedeutungderMitgliedschaftslogikimVergleichzur(aufElitenundEntscheidergerichteten)Einflusslogik(SchmitterundStreeck1981;
Streeck1994;Roose2003).
56 In der Antisemitismusforschung wird dieses Phänomen als „cherry picking“ thematisiert. Auf der Suche nach Antisemitismus wird man an vielen Stellen fün-
dig.Esistjedochnichtbefriedigend,solcheFundstellenaneinanderzureihen,wennmannichtzugleichauchdeutlichmachenkann,welcheRelevanzdiese
FundefürdasuntersuchteFeld(bspw.eineOrganisation)habenundinwelchemVerhältnisdiesezuanderendrängendenProblemenstehen,alsokurz:wie
charakteristischundprägendderjeweiligeAntisemitismusist.UnteranderemüberdieNotwendigkeitsolcherbegrifflichenDifferenzierungengibtesauchin
derForschungeinegewisseLagerpolarisierungzwischenpessimistischenundeherabwägendenEinschätzungenzumAntisemitismus.
82
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
DieseDifferenzwirdnochverstärktdurchdieLogik der Legitimation. Die Polizei ist zwar gefordert, ihre Arbeit zu begrün-
denundzurechtfertigen,aberwederdieOrganisationalsGanzesnochdieBefassungmitdemThemenbereichstehen
grundsätzlichzurDisposition.DiePolizeiistdaher(zumindestimdirektenVergleichmitIABA)bestenfallsdurchaktuelle
EntwicklungenundpolitischenDruckinderZwangslage,sichdurchdramatisierendeProblemsichtenineinemThemen-
feldselbstzulegitimieren.IABAhingegenstehtunterdauerhaftemLegitimationsdruck.DieÖffentlichkeit,diePolitik
und insbesondere die Fördermittelgeber müssen kontinuierlich von der Notwendigkeit der eigenen Arbeit überzeugt
werden.Hiervermischensich,angeregtdurchprogrammgeförderteModellprojekteundKettenfinanzierungen,inhalt-
liche mit Selbsterhaltungsmotiven, da Bildungsprogramme, Dokumentationssysteme, aber auch Arbeitsplätze und die
OrganisationselbstbeidenwenigerinstitutionalisiertenAkteurenimmerzurDispositionstehen.DieseStrukturfördert
die für IABA typischen irregulären und prekären Beschäftigungsverhältnisse mit hohen Anreizen zur Selbstausbeutung,
weilpolitischeMissionundmaterielleAbhängigkeit(Beschäftigungsinteresse)beziehungsweiseOrganisationserhalt
sich gegenseitig immens verstärken.
AusderSummedergenanntenGründeergebensichdietendenziellniedrigenEinschätzungendesAusmaßesvonAn-
tisemitismus durch die Polizei, die durch manifeste Restriktionen und weichere Anreize zu einer Begrenzung auf ein
enges Themen- und Phänomenfeld führen. Die gleichen Aspekte, sorgen durch ihre meist gegenteilige Ausprägung im
FallderzivilgesellschaftlichenOrganisationzueinertendenziellhohenSichtaufAusmaßundVorkommenvonsowie
Bedrohung durch Antisemitismus. Im extremen Fall führt dies zur Polarisierung in nivellierende oder bagatellisierend
lesbareEinschätzungenaufdereinenSeiteunddramatisierendeEinschätzungenubiquitärenAlltagsantisemitismus
mitdauerhaftergewalttätigerRealisierungsoptionaufderanderen.ErstdasWissenumdiehieraufgeführtenFaktoren
unddievorn(Kapitel2)expliziertenjeweiligenorganisationsspezifischenProzessederKonstruktionvonLageeinschät-
zungenerlaubeneinekritischeBewertungundEinordnungderverschiedenenProblemsichten,ihrerMöglichkeitenund
Begrenzungen.
8.2 Auseinandersetzungen mit Antisemitismus
In Berlin existiert ein breites Spektrum an Akteuren, die in unterschiedlichen Formaten und in unterschiedlichen Arbeits-
ansätzen den Themenkomplex Antisemitismus bearbeiten. Unterschieden wurde zwischen systematischen Beobach-
tungenundDokumentationenvonantisemitischenEreignissen,derStrafverfolgung,demanti-antisemitischenDiskurs,
einer vielfältig ausgerichteten Beratungsarbeit sowie Bildungsangeboten. Im Rahmen der Untersuchung wurde der
AkzentaufdieöffentlichgefördertenBildungsangebotegelegt.DazugehörenFortbildungenfürMultiplikator/innen
(vgl.Abschnitt6.3.2)undpädagogischeAngebotefürjungeLeute.DiefolgendenÜberlegungenbeziehensichaufdie
letztgenannten Angebote.
DieArbeitvonfreienBildungsträgernwirdzumganzüberwiegendenTeilinKooperationmitSchulenvollzogen.Es
gehört zu den ausgesprochenen Vorzügen der in Berlin praktizierten Auseinandersetzung mit Antisemitismus, dass die
Bildungsangebote in hohem Maße konzeptionell auch auf die Arbeit mit jungen Leuten mit niedrigem Bildungsniveau
eingestelltsindunddasssiedieseZielgruppentatsächlichauchinerheblichemMaßeerreichen.Dieansonstenhäufig
zu beobachtende Fokussierung auf bildungsprivilegierte junge Leute wiederholt sich in diesem Feld nicht.
Der Forschungsbericht stützt sich – wie gesagt – lediglich auf Interviews mit Akteuren, die Bildungsangebote konzipieren
oder durchführen; weder wurden Bildungsveranstaltungen durchgeführt noch wurden Teilnehmer/innen befragt. Unter
diesemmethodischenVorbehaltstehtdieEinschätzung,dassdiePraxisderBildungsarbeiteineeigeneRealitätentfaltet,
die wohl teilweise auch unabhängig von dem steuernden Thema Antisemitismus ist. Dies ist in den themenunabhängi-
genElementendesSettingsbegründet:EinmalerweistsichdieErgänzungvonschulischenAngebotendurchAngebote
von externen Trägern als sinnvoll. Dies hängt zusammen mit Rahmenbedingungen, die insgesamt die mit der Schule
verbundenen Leistungsanforderungen und ihre gesellschaftlichen Selektionsaufgabe suspendieren. Zweitens arbeiten
die untersuchten pädagogischen Projekte stark nach den Prinzipien einer Teilnehmer/innenorientierung. Methodisch
wirddadurchdasZieleinerSubjektbildungunterstrichen.InderFolgescheinthäufigeineBildungskulturzuentstehen,
derenDifferenzzumschulischenLernenvondenTeilnehmendenpositiverlebtwird;siescheineneinewichtigeErgän-
zungzureinschulischenAngebotendarzustellen.IhreExistenzundihreQualitätsindnichtvomTypderBehandlung
des Themas Antisemitismus abhängig.
83
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung und Diskussion
8.2.1AnalytischeRekonstruktionderBildungspraxis
Unterscheiden lassen sich die untersuchten Bildungsangebote nach der Art ihrer Befassung mit dem Antisemitismus-
Komplex(Abschnitt6.3.4).DerTypderindirektenBefassungistgekennzeichnetdurcheinekontextualisierteHeran-
gehensweise an das Thema Antisemitismus. Zu den Kontexten können historische und zeitgeschichtliche, kulturelle
sowie aktuelle Themen der Gesellschaftspolitik und der internationalen Politik gehören sowie Fragen der individuellen
und kollektiven Identitäten der Bildungsteilnehmer/innen. Dieser Typ kann insofern auch als erfahrungsbezogener
oderkonkretisierenderAnsatzbezeichnetwerden.DerzweiteGrundtyp(direkteBearbeitung)hingegenverfährtabstra-
hierendundsetztdeduktivbeijeweilsbestimmtenAntisemitismus-Definitionenein.Ausgehendvondenkategorialen
Bestimmungen werden historische und aktuelle antisemitische Phänomene vorgestellt, problematisiert und in ihren
jeweiligen gesellschaftlichen Funktionsweisen analysiert. Dieser Typ ist durch eine kognitive oder abstrahierende Her-
angehensweise charakterisiert.
Der Sache nach werden von den Bildungsträgern verschiedenartige Aufgaben der eigenen Bildungsarbeit angesprochen.
EslassensichdabeidreiKomplexeunterscheiden:(1)ThematisierungvonMeinungen,Einstellungen,Haltungen,Gefüh-
lenundalltäglichenRedeweisenbeiSchüler/innen,(2)dieEbeneeinergegenständlichenBefassungmitAntisemitismus
alsexplizitemThema,alsoseinerStrukturundGeschichteund(3)dieMotivierungundMobilisierung,sichaktivgegen
Antisemitismus in ihrem schulischen und lokalräumlichen Umfeld zu positionieren. Aus unserer Außensicht lassen sich
dieseZieleineineraufstufendenLogikanordnen:EineraktivenBeteiligungananti-antisemitischenAktivitätenimeige-
nenUmfeldodereinerweiterenÖffentlichkeitgehtsinnvollerweiseeinekognitiveBefassungmitAntisemitismusvoraus,
umKenntnissezudiesemThemazuerwerben.Dieswiederumbasiertaufeiner„Eingangsstufe“.Hierwirdüberhaupterst
die Bereitschaft zum Nachdenken und zur Selbstbesinnung geweckt; auf diesem Wege können die eigenen Vorstellungen,
Gefühle und Meinungen, die man als Angehörige/r verschiedener Milieus und sozialer Gruppen in der Regel unbesehen
übernimmt,GegenstandeinerSelbstreflektionwerden.UnseranalytischesModellverbindetdamiteineüblicherweise
als „soziales Lernen“ bezeichnete Basisstufe mit dem „Dreischritt der politischen Bildung“, das heißt also der Trias von
„Wissenvermitteln,UrteilsbildungermöglichenundzurMitwirkunganregen“(Schröder2011:176).ImErgebniswürde
man „Wissen vermitteln“ auf einer zweiten Stufe ansiedeln und „Urteilsbildung ermöglichen“ als umgreifende Aufgabe
verstehen.Urteilsbildungfördernheißtdemnach:(1)Alltagsbewusstseinreflektieren,(2)Gegenstandswissenvermitteln,
(3)ZurMitwirkunganregen.
DieUnterscheidungvonzweiGrundtypeninderBearbeitungdesThemasunddreiAufgabenniveausistTeilderErgeb-
nisse der empirischen Untersuchung. Zugleich kann die analytische Rekonstruktion des Feldes auch für die künftige
Bildungspraxis genutzt werden: Die dargestellten Grundtypen und die rekonstruierten Aufgaben der Bildungsarbeit
stellen Instrumente dar, deren praktischer Wert nur im Hinblick auf bestimmte konkrete Zielgruppen und Problemla-
gen bestimmt werden kann. Weder ist der Typ einer indirekt verfahrenden Thematisierung noch der Typ einer direkten
AuseinandersetzungmitAntisemitismusansich„derrichtige“.DasgleichegiltfürdiedreiAufgabenkomplexe:Obes
mit einer konkreten Bildungsmaßnahme um erste Impulse zu einem Nachdenken über eigene Vorurteile geht, ob Wissen
über Geschichte und Gegenwart antisemitischer Phänomene vermittelt werden soll oder ob überdies zu einem zivilge-
sellschaftlichenEngagementmotiviertwerdensoll,lässtsichnichtabstraktklären.DieAntwortenbestimmensichim
Hinblick auf die jeweiligen Voraussetzungen, Wünsche und Interessen der Zielgruppen und auf die konkreten Situatio-
nen,indenenBildungsmaßnahmenstattfinden.DieUnterscheidungvondreiAufgabenniveauslässtsichüberdiesauch
im Sinne der Abfolge und Aufstufung von Bildungsangeboten nutzen.
8.2.2Situations-undZielgruppenrelevanz
Letztlich können nur solche Themen und Fragen sinnvoll behandelt werden, für die sich Teilnehmer/innen interessieren,
dasheißtzudenensiebereitseineeigeneVerbindungaufgebauthabenoderaufbauenkönnen.DiesesEigeninteresse
wiederum kann sich mit unmittelbar lebensrelevanten Themen verbinden, aber natürlich auch auf abstrakte Gegen-
stände beziehen. Das Thema Antisemitismus kann auch als abstrakter Gegenstand und insofern wissenschaftsanalog
behandelt werden. Das wird vor allem dann sinnvoll sein, wenn man die Teilnehmer/innen nicht als Problemträger
betrachtet.EingroßerTeilderBildungsmaßnahmen,überdieindenInterviewsberichtetwurde,basiertallerdingsauf
anderen Voraussetzungen: Lehrkräfte oder andere Multiplikator/innen diagnostizieren ein Problem „mit Antisemitis-
mus“inihrenEinrichtungenundsetzensichdaraufhinmitExpert/inneninVerbindung,umdasProblemzubearbeiten.
In derartigen Fällen ist Antisemitismus nicht mehr ein bloßes Thema, sondern ein aktuelles Problem und die Bildungs-
teilnehmer/innen werden de facto als Problemträger wahrgenommen. Mit einer solchen Problemlage verändert sich
84
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
die ganze Konstellation: Die Teilnehmer/innen stehen unter dem moralisch schwerwiegenden Antisemitismus-Verdacht,
die Pädagog/innen stehen unter einem gleichfalls moralisch hoch besetzten Handlungsdruck: Sie müssen Meinungs-
oder Haltungsänderungen bei ihren Adressaten „bewirken“. Das ganze Setting hat mehr Ähnlichkeit mit einer unter
AufklärungsdruckstehendenkriminalistischenErmittlergruppealsmiteinersinnvollenLernsituation.Inderartigen
Konstellationen wird man eine direkte Bearbeitung von Antisemitismus als bloßes Thema nicht durchführen können, da
nunimBegriffAntisemitismusThemaundVorwurfamalgamiertsind.DieAdressatenwerdensichwieklugeAngeklagte
ineinemrechtsstaatlichenVerfahrenverhalten:IhrVerhaltenwirdvonderExistenzeinerAnklageunddemVersuch
derenNeutralisierungdominiertundnichtvonNeugier,Interesse,ReflexionsbereitschaftundMeinungsänderung.Der
Psychologe Klaus Holzkamp hat für die Schule diese Konsequenz als eine „Normalisierung auf defensives Lernen“ hin
bezeichnet: „Weitgehende Zurückdrängung jedes eigenen Lerninteresses unter dem Druck des Zwanges zur Bedrohungs-
abwehr(…),damitOrientierungdesLernensnichtaninhaltlichenKriterien,sondernvorwiegendandenErwartungen
desüberSanktions-undDisziplinarmachtverfügendenLehrers“(Holzkamp1994:46).
AussichtsreichsinddeshalbdievielenuntersuchtenAnsätze,beidenendieAdressatennichtalszuerziehendeObjekte
betrachtetwerden,sondernalsSubjekte,dieinihrenKompetenzenundihrenOrientierungsfähigkeitengefördertwer-
den. Dazu müssen Gegenstände gefunden werden, die sie in ihre subjektive Lernagenda aufnehmen können und wollen.
EsempfehlensichkontextualisierteundandenInteressenderTeilnehmendenausgerichteteThemen.Diepädagogischen
Impulsesinddaraufgerichtet,diekulturellenundgesellschaftlichenWissensvorräte,DiskurseundpolitischenEntschei-
dungen zum Lerngegenstand zu machen, die generell zu Vorurteilen, Diskriminierung und Verfolgung und damit zu
BeeinträchtigungeneinesselbstbestimmtenLebensführen(vgl.Holzkamp1994).
8.3 Antisemitismusdiskurs und Bildungsarbeit
DieanhandderTriasvonExzeptionalismus,LegitimationssymbolundUnifizierungcharakterisierteherrschendeKom-
munikationskulturzuAntisemitismusweistTendenzeneinersystematischenEntkonkretisierungundabstraktenÜber-
formung bei der Beschreibung von Phänomenen der Alltagskommunikation und des Alltagsbewusstseins auf. Die axi-
omatisch vorausgesetzte Hochrelevanz des Themas Antisemitismus bei den meisten untersuchten Akteuren57 fördert
Wahrnehmungen und Bewertungen, die das Vorhandensein antisemitischer Phänomene oder eines ideologisiert-politi-
schenAntisemitismuskonstatieren,ohnedassdafürdieüblichenÜberprüfungskriteriengeltenwürden.
AlsmedialeEntsprechungdessenseihieraufdieBerichterstattungzueinemÜberfallaufeinenIsraeliverwiesen:„Der
Tagesspiegel“meldeteam27.4.2014,dassein31-JährigervonmehrerenpalästinensischenJugendlichenbeleidigtund
geschlagenwordenist.DieTäterhattenihrOpferzunächstnachseinerNationalitätgefragt;alsersichalsIsraeli
bezeichnete,stelltensiesichalsPalästinenservor,äußertensichabfälligüberIsraelundverletztenihrOpferdurch
Fausthiebe.MitderÜberschrift„AntisemitischerÜberfall:MannausIsraelgeschlagen“dokumentiertdieZeitung,dass
sieihrerjournalistischenSorgfaltspflichtnurmitEinschränkungennachgekommenist.IndieserWeisewurdesieauch
inentsprechendenForenundVerteilernkolportiert.DieerwähnteMeldungundeinezweitevom15.5.2014zumglei-
chen Vorfall enthalten keine hinreichenden Informationen, die es rechtfertigen würden, hier von einem antisemitischen
Phänomen auszugehen. Gleichwohl wird dieses Attribut in beiden Meldungen vergeben.58 Die eventuell vorhandenen
antisemitischenMotivewerdenalsevidentbetrachtet,sodassdieMöglichkeiteines(nahost-)politischenKonfliktsnicht
in Betracht gezogen wird.
In gewissem Sinne operiert man auf der Basis einer Voraussetzung, die mit der besonderen Bedeutung des Antisemi-
tismus-Komplexes in der politischen Kultur korrespondiert und die darin besteht, dass Antisemitismus mindestens als
weitverbreitetesdiffusesPhänomeninderBevölkerungangenommenwird.UnterdieserVoraussetzungwerdendie
Begründungsverpflichtungenverringert.DiesstehtallerdingsimKontrastzudenFolgen,diemanbeieinemerhärteten
Antisemitismus zu gewärtigen hat und die als Kommunikationsausschluss beschrieben wurden. Mit einer gewissen
beweispflichtentlastetenUnbekümmertheitscheintdasUrteil„Antisemitismus“vergebenwerdenzukönnen.
Dieses Phänomen zeigte sich in vielen Interviews dergestalt, dass von den Befragten über Antisemitismus oder antisemi-
tische Tendenzen berichtet wurde, ohne dass dabei ein explizierbares Konzept von Antisemitismus verfügbar war. Fragen
57 DiesistbeiOrganisationen,derenArbeitimThemenfeldAntisemitismusangesiedeltist,nichtsehrüberraschend.Gesamtgesellschaftlichgibtes,wie
erwähnt, auch das Gegenstück, die per se vorgenommene Unterstellung, Antisemitismus sei kaum existent oder werde übertrieben (bspw. bei radikal pro-
palästinensischenGruppierungenoderimrechtsextremenSpektrum).
58 „DerTagesspiegel“,24.4.2014,S.10und15.5.2014,S.10.Die„JüdischeAllgemeine“(28.4.2014)hingegenformuliertsachlicher,wasvorgefallenist.Ihre
Überschriftlautet„ArabischeJugendlicheattackierenIsraeli“.
85
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung und Diskussion
nachdemzugrundeliegendenKonzeptvonAntisemitismuswurdenhäufigfalladditivundinsuchendenFormulierungen
beantwortet. Die empirischen Referenzen bestanden meist aus den sog. GMF- oder Mitte-Studien, auf die pauschal
verwiesenwurdebzw.ausVerweisenaufEinzelfällewiederAttackeaufeineTanzgruppederJüdischenGemeindein
HannoverimJuni2010oderdemÜberfallaufRabbiAlterimSommer2012inBerlin.
Wieobenbereitsangemerkt,istesfürdiepädagogischePraxisnichtperseeinDefizit,wennsienichtüberbegrifflich
feindifferenzierteKonzeptevonAntisemitismusverfügt.PädagogischeArbeitfolgtschließlicheineranderenLogikals
die Forschung. Problematisch scheint es indes zu sein, wenn nicht mehr über konkrete Phänomene gesprochen wird,
die darstellbar sind und bei denen den Handlungsmotiven konkreter Personen und Gruppen nachgegangen werden
kann.StattdessenscheinenBesorgnis-undAlarmtendenzeninderöffentlichenDebatteanerkanntzuwerden,deren
Beweiskraft überwiegend darin liegt, dass sie mit einem zentralen politischen Legitimitäts-Symbolismus kompatibel
sind.SoweitBildungsarbeit(miss-)verstandenwirdalsPräventionsmaßnahmepädagogischerArtgegenAntisemitismus,
kommteinweiteresProblemhinzu:EinetransthematischangelegteBildungsarbeitistderFörderungderSubjekthaftig-
keitihrerAdressatenverpflichtet(vgl.Scherr2010).ImUnterschiedhierzuunterstelltsicheine„Präventivpädagogik“
dem sehr viel enger gefassten Auftrag, sozial missliebige und gefährliche Vorstellungen, Denkweisen oder Haltungen
zureduzieren.DieseeingeschränktetechnokratischePerspektiveerstmachteserforderlich,übereinenBegriffvon
Antisemitismus und Wirkungsmodelle zu verfügen, mit denen Art und Umfang der Ausgangsprobleme, die Qualität der
MaßnahmeselbstsowiediedurchdieeigeneArbeithervorgerufenenEffektebeidenAdressatenalsmessbareGrößen
überprüft werden können.
Die mit der Praxis verzahnten konzeptionellen Weiterentwicklungen bei einigen der untersuchten Bildungsanbieter
habenzueinemexpliziertenVerständnisderspezifischenMöglichkeitendereigenenArbeitgeführt.Dazugehörtinsbe-
sondere auch, Ziele und Grenzen von Bildungsarbeit als solcher zu benennen:
Zu erreichen, dass es keinen Sinn mehr macht für die einzelnen, sich antisemitischer Deutungen zu bedienen.
Und dabei nicht zu stigmatisieren, sondern zu gucken, warum bedienen sich Leute dieser Muster, und kann man
ihnen nicht andere, bessere Instrumente zur Hand geben? Wer dann trotzdem weiterhin antisemitische Argu-
mentationen oder Stereotype reproduziert, entscheidet sich bewusst dafür. Da ist die Grenze der Bildungsarbeit
erreicht.(D35)
DasinBerlinexistierendebreiteBildungsangebotzumThemaAntisemitismushateinerseitssicherEinflüsseaufdie
Bildungsteilnehmer/innen.ZumanderenlässtsicheinewohlunbeabsichtigteWirkungderBildungsarbeitaufdenöffent-
lichen Diskurs über Antisemitismus feststellen: Bildungsarbeit wendet sich in der Hauptsache an diejenigen, bei denen
man–ganzimSinnedesobigenZitats–aufgrundihresAltersundihrerEntwicklungsphaseeinegewisseOffenheitund
Orientierungssucheannimmt.ÜberzeugteAntisemitenscheineninderRegelnichtanti-antisemitischüberzeugbarzu
sein und bewegen sich insofern außerhalb des Handlungshorizonts von Bildungsanbietern. Dies führt dies bei vielen Be-
fragten dazu, dass sie antisemitische Phänomene vornehmlich unter der Perspektive von potentiellen Bildungsaufgaben
wahrnehmenundbeschreiben.DamitverschiebtsichderFokusderöffentlichenDiskurseteilweisewegvompolitischen
undideologischenAntisemitismus(vgl.Erb2007;Farschid2007)hinzuweicherenantisemitischenPhänomenenunter
jungen Leuten. Festgehalten aber werden muss, dass es nach wie vor einen dogmatischen Antisemitismus gibt, dem als
Überzeugungssystemschwerbeizukommenzuseinscheint.
8.4 Exkurs: Antisemitische Phänomene unter jungen Muslimen
EsgibtinderöffentlichenDebatteüberAntisemitismuseinehoheAufmerksamkeitfürantisemitischePhänomene,die
von jungen Muslimen ausgehen oder ihnen zugeschrieben werden. Auch in der bisherigen Auswertung der Interviews
und Materialien wurde das Thema „muslimischer Antisemitismus“ bereits mehrfach angeschnitten. Aufgrund dieser he-
rausgehobenenBedeutungwirdeshierineinemExkursgesondertbehandelt,dersystematischErgebnissevonneueren
bundesweitangelegten–undinsofernberlinunspezifischen–Studienzusammenfasst.SiewerdendurchBefundeaus
hermeneutisch-interpretierenden Forschungen, zum Teil auch aus Berlin, ergänzt. Sie bieten eine Basis zur Bewertung
derDebatteundfürEmpfehlungenzurAusrichtungvonProgrammenan.
86
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
InBerlinlebenrund2,08Mio.Personen,diekeinerReligionsgemeinschaftangehören,rd.941.000PersonensindMit-
gliederderbeidengroßenchristlichenKonfessionenundrund249.000PersonensindMuslime(AmtfürStatistik2013:
33,162f.).59 Bereits diese Angaben zeigen, dass es sich bei den religiösen Gruppen um rein statistische Zusammenfas-
sungenhandelt,nichtumlebenswirklichesozialeEinheiten:EsliegtaufderHand,dassdasstatistischeMerkmaleiner
Religionszuordnung für sich genommen nur zu unzureichenden Schlussfolgerungen über die Lebensverhältnisse, das
HandelnundDenkenderbetreffendenindividuellenPersonenführenkann.GleichwohlwirdeineDebatteumdieFrage
geführt,obeseinenspezifischenmuslimischenAntisemitismusgibt,wieersichmöglicherweisevonanderenantisemiti-
schen Phänomenen unterscheidet, welches Ausmaß er hat und wie mit ihm umzugehen ist. Diese Debatte steht in enger
VerbindungmitpolitischenundmilitärischenEreignissen.DieeinschlägigenDiskussionenhabenimJahr2000mitder
zweitenIntifadabegonnenundsinddurchdieAnschlägeindenUSAvom11.9.2001verstärktworden.Seitdemwirdzu
diesem Thema intensiver geforscht und lebhafter diskutiert.
8.4.1Umfrageforschung
Untersuchungen zu antisemitischen Phänomenen unter jungen Leuten, die muslimisch sozialisiert sind, wurden sowohl
als breit angelegte Umfrageforschungen wie auch als qualitative Forschungen angelegt. Beide Typen von Forschungen
differenzierendenAntisemitismusbegriff.BeidenSurvey-Untersuchungenistdieserforderlich,umgeeigneteItemsfür
dieErhebungzuformulieren,beidenqualitativenForschungengehörteineAusfächerungdesAntisemitismus-Begriffs
aufBasisderBedeutungsbeimessungderBefragtenzudenErgebnissen(vgl.Glaser/Hohnstein2012).
DieUntersuchungvontürkischenJugendlichenausderzweitenHälfteder1990erJahrefragtunteranderemimZu-
sammenhang von subjektiven Bedrohungsgefühlen nach ihrer Bewertung des Zionismus. Rund ein Drittel der rund
1.200befragten15-bis21-JährigenSchülernundAuszubildendenausNordrhein-WestfalenstimmtdemItemzu„Der
ZionismusbedrohtdenIslam“,knapp40%sindderAuffassung„DerZionismus,dieEGunddieUSAbedrohendenIs-
lam“(Heitmeyer/Müller/Schröder1997:267,271).DieStudieverstehtdiesenBefundals„verdecktenAntisemitismus“
(181).DieseUntersuchungbeziehtsichnuraufjungeLeutetürkischerHerkunft.SpätereForschungenbeziehenauch
Vergleichsgruppen ein.
DazugehörtdieStudievonBrettfeld/WetzelsausdemJahr2007.SieuntersuchtIntegrationundIntegrationsbarrieren
undReligionvonMuslimensowiederenEinstellungenzuDemokratie,Rechtsstaatundpolitisch-religiösmotivierter
Gewalt. Verglichen wurden drei Gruppen: Junge Muslime, Nichtmuslime mit Migrationshintergrund und einheimische
jungeLeuteindenStadtregionenBerlin(West),Hamburg,KölnundNürnberg(275).IngesondertenUntersuchungen
wurden SchülerInnen und Studierende aus diesen drei Gruppen befragt. Antisemitismus wurde hier als religiöses Vorur-
teil untersucht. Die drei Gruppen wurden mittels des Items „Menschen jüdischen Glaubens sind überheblich und geld-
gierig“ befragt, den nichtmuslimischen Befragten wurde das Item vorgelegt „Muslime sind intolerant und gewalttätig“,
während das entsprechende Item für die Muslime lautete: „Christen sind intolerant und gewalttätig“. Bezogen auf die
rund2.600befragtenSchülerundSchülerinnender9.und10.JahrgangsstufelauteteinErgebnis:„Zwischendendrei
GruppenfindensichzudemauffälligeUnterschiede:BezogenaufantisemitischeVorurteilsbekundungenäußernjunge
Muslimenmit15,7%diehöchsteZustimmung.BeidenNichtmuslimenmitMigrationshintergrundliegtdieseQuotebei
7,4%undbeideneinheimischenJugendlichenbei5,4%.“(275).
Dieser Befund, der für die Studierenden ähnlich ausfällt, scheint zu bestätigen, dass religiöse antisemitische Vorurteile
bei jungen Muslimen in höherem Maße vorhanden sind als bei Nichtmuslimen. Die weitere Analyse zeigt jedoch, inwiefern
dieserEindruckoberflächlichbleibt:StelltmannämlichdasBildungsniveauderElternderBefragtenundihreigenes
Bildungsniveau in Rechnung, vergleicht man also die befragten Muslime mit Nichtmuslimen des gleichen Bildungshinter-
grundes, so verschwinden die Unterschiede. Nichtmuslimische Befragte mit ähnlichem formellem Bildungsniveau weisen
die gleichen Anteile an religiösen Vorurteilen gegenüber Juden auf.60 Dies gilt auch gegenüber den Christ/innen als dritter
Glaubensgruppe. Auf Seiten der Muslime ist die religiöse Intoleranz in der Tendenz niedriger als bei den einheimischen
Nichtmuslimen(Brettfeld/Wetzels2007:338).
Diese Studie macht also deutlich, was auch in Forschungen zur Kriminalität von Personen mit Migrationshintergrund
bekanntist(Ohder2012):NichtdasMerkmal„muslimischerGlaube“oder„Migrationshintergrund“,sondernsozial-
strukturelleMerkmale(Bildungsniveau,Einkommenetc.)sindfüreinehöhereBelastungursächlich.DaderAnteilder
59 Stand:31.12.2011/31.12.2012.
60 Für die untersuchten Studierenden macht die Studie in dieser Hinsicht keine Aussagen.
87
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung und Diskussion
Bildungsbenachteiligten unter den in Deutschland lebenden Muslimen höher ist als bei den Nichtmuslimen, kann der
Eindruckentstehen,dieGlaubenszugehörigkeitalssolcheseiausschlaggebend.
ManselundSpaiserhaben2008/09gruppenabwertendeVorurteile(GMF)beivierGruppenimVergleichuntersucht:
Deutsche ohne Migrationshintergrund, Aussiedler, Jugendliche aus muslimischen Sozialisationskontexten, Jugendliche
mitsonstigemMigrationshintergrund(Mansel/Spaiser2010:16;Mansel/Spaiser2012).Insgesamtwurdenrund2.400
Jugendlicheder10.und11.Jahrgangsstufe(15,17)ausvierwestdeutschenRegionenbefragt.InnerhalbdesSpektrums
antisemitischerEinstellungenwurdenvierAspektebeidenvierGruppenvergleichenduntersucht:israelbezogenerAn-
tisemitismus, religiöser Antisemitismus, Sympathie für palästinensischen Widerstand und Verständnis für israelische
Politik(Mansel/Spaiser2010:23).
Festgestellt werden markante Unterschiede zwischen den vier Gruppen, die teilweise intern weiter unterschieden wur-
den.AufeinervierstufigenAntwortskalastimmten41,5%derarabischstämmigenJugendlichendemStatement„Durch
die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer“ völlig zu. Bei den türkischstämmigen Jugendlichen
warenes25,6%.BeidenDeutschenohneMigrationshintergrundbetrugderProzentsatz2,9undbeidenJugendlichen
mitsonstigemMigrationshintergrund3,1(24).AuchdemItem„BeiderPolitik,dieIsraelbetreibt,kannichgutverstehen,
dass man etwas gegen Juden hat“ stimmen mehr als zehnmal so viele Jugendliche aus muslimischen Sozialisations-
kontextenvölligzuwieDeutscheohneMigrationshintergrund(24).DieUnterschiedezwischendenGruppenfallenbeim
religiösen Antisemitismus etwas geringer aus: Rund Jeder fünfte der arabischstämmigen Jugendlichen stimmt dem Item
„In meiner Religion sind es die Juden, die die Welt ins Unheil treiben“ völlig zu; das sind zehnmal so viele wie etwa bei
denDeutschenohneMigrationshintergrund(Mansel/Spaiser2010:25).
EinkomplexesErklärungsmodellfürantisemitischeEinstellungenwurdelediglichfürden„israelbezogenenAntisemi-
tismus“ bei muslimisch sozialisierten Jugendlichen erstellt. Mansel/Spaiser legen ihrer Untersuchung die Theorie der
sozialenIdentitätzugrunde.DemnachsindIndividuenbestrebt,einenegativeBewertungihrerEigengruppeaufver-
schiedenenWegenzukompensieren.EineMöglichkeitbestehtdarin,eineVergleichsgruppeheranzuziehen,überderen
Herabsetzungmansichselbstaufwertet(51).DiesesModellwirdfürdieErklärungdesisraelbezogenenAntisemitismus
verwendet.ZurnegativenBewertungderEigengruppetragenDiskriminierungserfahrungeninderSchuleunddienegati-
vegesellschaftlicheKommunikationüberMuslimebei.EinflussaufdieAufwertungderEigengruppeübereineAbwertung
Israels oder der Juden haben auch die transnationale Mediennutzung und politische Sozialisation durch Moscheebesuche
(Mansel/Spaiser2010:51).
EbenfallsmitVergleichsgruppenarbeitetdieStudie„LebensweltenjungerMuslimeinDeutschland“,diemitderZiel-
stellung erarbeitet wurde, ein Instrumentarium zur Prävention islamistischer Radikalisierungsprozessen bereitzustellen
(Frindteetal.2011).UntersuchtwerdendeutscheNichtmuslime,deutscheMuslimeundnichtdeutscheMuslimeimAlter
zwischen14und32Jahren(122).DieUntersuchungerfolgtealsPanelbefragunginzweiWellen.DiefolgendenErgebnisse
beziehensichaufdieersteUntersuchungswelleEnde2009,beider923Personenbefragtwurden(138,243).
DieseStudiegehtvoninsgesamtfünfFacettenantisemitischerEinstellungenaus;tatsächlichuntersuchtwerdendavon
zweiFacetten.Antisemitismuswirdoperationalisierteinmalals„antizionistischeEinstellungen“undzweitensals„is-
raelkritischeEinstellungen“(157f.,222).AntizionistischeEinstellungenwerdenüberdasItemerhoben„Eswärebesser,
wenndieJudendenNahenOstenverlassenwürden“.IsraelkritischeEinstellungenwerdenabgefragtmit„Israelistallein
schuldiganderEntstehungundAufrechterhaltungderKonflikteimNahenOsten.“(157).Untersuchtwurdenindrei
TeilstichprobendeutscheNichtmuslime,deutscheMuslimeundnichtdeutscheMuslime(159).Eszeigensichsignifikante
Unterschiede zwischen den drei Gruppen: Die deutsche Nichtmuslime geben weniger Vorurteile gegenüber den Juden
bzw.IsraelanalsdiebeidenMuslimgruppen(218f.).„KeinedermuslimischenGruppierungen(...)weistsoniedrigaus-
geprägte‚VorurteilegegenJuden‘aufwiediedeutschenNichtmuslime.“(249)
EsbestehendeutlicheUnterschiedeimAusmaßdergemessenenVorurteilederMuslimenachihrerethnisch-kulturellen
Herkunft. Unterschieden wird zwischen sieben Herkunftsregionen. Die höchsten Werte werden bei den Muslimen fest-
gestellt,dieimNahenOstenundderarabischenHalbinselgeborenwurden,dieniedrigstenWertebeidenvomBalkan
stammenden(230).InnerhalbderGruppederMuslimespielendieVariablenAlterundberuflicherStatuseineRolle:Die
Älteren und die Schüler bzw. Studierenden weisen niedrigere Vorurteilsraten auf als die Jüngeren und die Hausfrauen/-
männersowiedieAuszubildenden(247).
88
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
EineGemeinsamkeitderausgewähltenStudienbestehtinihrerDifferenzierungdesAntisemitismus-Begriffs.Alsstan-
dardisierte Befragungen müssen sie gemäß der Methodologie der empirischen Sozialforschung den abstrakten Allge-
meinbegriffAntisemitismusintransparenterWeiseoperationalisieren,umpräziseItemsformulierenzukönnenund
letztlichvalideErgebnissezuerzielen.DieseKonkretisierungendokumentierensichinderIdentifikationvoninhaltlichen
FacettendesAntisemitismus-Begriffs.InderaktuellenempirischenForschungarbeitetmanhierbeimitunterschiedlichen
Modellen.Frindteetal.unterscheidenzwischenmanifestenantisemitischenEinstellungen,latentemAntisemitismus,
sekundäremAntisemitismus,antizionistischenEinstellungenundisraelkritischenEinstellungen.EbenfallsfünfFacetten
werdenindenGMF-Forschungenverwendet(vgl.obenAbschnitt5.2.1).Mansel/SpaiserfügendiesenfünfFacettendie
sechstedesreligiöslegitimiertenAntisemitismushinzu(2010:22f.;vgl.Möller2012).
DievonderUmfrageforschungidentifiziertenverschiedenenantisemitischenPhänomene(„Facetten“)gehenteilweise
auf unterschiedliche Ursachen zurück und lassen sich deshalb nicht bei allen Untersuchungsgruppen gleichermaßen
beobachten(Mansel/Spaiser2010:23).Festzuhaltenbleibt:DieseunterschiedlichangesetztenOperationalisierungen
erfasseneinetheoretischeundempirischeKomplexität,diemitderproblematischenunifizierendenVerwendungsweise
desAntisemitismusbegriffsimöffentlichenDiskursinWiderspruchsteht(vgl.Abschnitt2.2).
8.4.2QualitativeForschungen
Neben den Umfrageforschungen liegen verschiedene qualitativ ausgerichtete Untersuchungen vor, die nach den inneren
undäußerenKontextenunddemsubjektivenSinnfragen,dendieUntersuchtenmitdemEinnehmenvonantisemitischen
PositionenoderdemGebrauchantisemitischerStereotypenverbinden.DiespezifischeLeistungderhermeneutisch-in-
terpretierenden Forschungen besteht in der detaillierten Analyse von einzelnen Deutungsmustern zum Themenkomplex
Antisemitismus; ihre Aufgabe ist die Rekonstruktion der jeweiligen Strukturlogik, die der Darstellung von interviewten
Personen oder Gruppen zugrunde liegen. Derartige Forschungen können keine Aussagen zum Verbreitungsgrad be-
stimmter Deutungsmuster machen.
EinedifferenzierteTypologieantisemitischenRedensfindetsichinderStudievonAlbertScherrundBarbaraSchäuble,die
in verschiedenen Jugendkulturen Gruppendiskussionen durchgeführt haben. Sie haben mit engagierten Anti-Antisemit/
innen gesprochen, mit durchschnittlichen jungen Leuten homogen deutscher Herkunft, mit multinational zusammenge-
setztenJugendgruppenundmitrechtsextremOrientiertensowieOrganisierten.Aussagenmiteinemmanifestantisemi-
tischenInhaltlassensichinvierverschiedenenKontextenidentifizieren:(1)AntisemitischeFragmenteinwidersprüchli-
chenArgumentationenvonjungenLeuten,diesichgeradealsanti-antisemitischverstehen.(2)AlsArgumentationenim
Kontexteinesidentitätsrelevantenrechtsextremen,aberdeshalbnichtnotwendigauchoffenantisemitischenSelbstver-
ständnisses.(3)ImZusammenhangmitpolitisch-religiösenSelbstdefinitionenalsMoslemineinemnichtmuslimischen
Land,dieeinenoffenenAntisemitismuseinschließenkönnen.(4)SchließlichwerdenantisemitischeAussagenauchvon
jungen Leuten formuliert, die sich in historisch-generationeller Distanz zum Nationalsozialismus sehen und eine positiv
bewertetenationaleIdentitätbeanspruchen(Scherr/Schäuble2007:46).Typ3wirdalseineVerarbeitungvonBenachtei-
ligungserfahrungen verstanden, bei der man sich der Interpretationsangebote islamistischer Fundamentalisten bedient.
GanzähnlichwiedieErklärungeninderStudievonMansel/Spaiser(2010)liegtdenantisemitischenÄußerungendieses
Typs„eineSichtweisederMuslimealsOpferungerechterVerhältnisseundvonDiskriminierung(zugrunde),während
JudenalsTäterundPrivilegiertedargestelltwerden.“(Scherr/Schäuble2007:40).
GünterJikeli(2012)hatebenfallsaufdieExistenzunterschiedlicherinhaltlicherAkzentsetzungeninantisemitischen
Aussagen hingewiesen. Quelle seiner Analysen von Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen dreier europäischer
Metropolen,darunterBerlin,sind100narrativeInterviews.InihnenfanderklassischenAntisemitismus,israelbezogenen
Antisemitismus, mit dem Islam begründeten Antisemitismus und antisemitische Argumentationsmuster ohne argumen-
tative Begründungen. Diese Phänomene seien jedoch meist von fragmentarischem oder nicht weltbildhaft gefestigtem
Charakter.AndereUntersuchungenmitBerlinbezuglegendiesebenfallsnahe(Jikeli2012:308;Fréville/Harms/Karaka-
yali2010:189).EinejüngereStudiegehtdenUmgangsweisenarabisch-undtürkischstämmigerJugendlicherausBerlin
mitdemHolocaustnach.AuchsiekommtzudemErgebnis,dassantisemitischenÄußerungenundEinstellungennur
vollständig verstanden werden können, wann man das höhere Ausmaß an Diskriminierungserfahrungen dieser Gruppe
inderMehrheitsgesellschaft(Gryglewski2013;vgl.Mansel/Spaiser2010:4,32ff.)mitindieAnalyseeinbezieht.Die
BeiträgevonFollert/Stender(2010)undSchu(2012)weisenindiegleicheRichtung.Damitkommenauchdiestrategi-
schen Momente ins Blickfeld: Antisemitische Äußerungen können als trotziger Bruch eines Konsenses der nicht inklusi-
ven Mehrheitsgesellschaft fungieren, mit denen oppositionelle soziale Identitäten markiert werden. Diese Phänomene
89
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung und Diskussion
müssenalsoimKontextintersektionellerDiskriminierungspraxenund-erfahrungensowieOpferkonkurrenz(Fréville/
Harms/Karakayali2010:197)verstandenwerden.
8.4.3Hauptbefunde
Die Untersuchungen haben nicht reales Verhalten erforscht und nur in einzelnen Fällen wurden Handlungsbereitschaften
bekundet.FürdieEinschätzungmöglicherGefahrenpotentialeistdieseinwichtigerGesichtspunkt:Untersuchtwurden
EinstellungenundArgumentationen,nichtVerhaltensweisenundHandlungen.Einstellungen,MeinungenundDeutungs-
schemataführennichtunmittelbarzuHandlungen.EinGefährdungspotentialbestehtmittelbar,insofernsiemögliche
Grundlagen problematischer Verhaltensweisen darstellen.
DieBezugsobjektederEinstellungenwerdenunterschiedlichdefiniert:JudentumalsReligion,IsraelalsStaat,Zionismus
als politische Bewegung. Inwieweit Kritik an israelischer Regierungspolitik oder Antizionismus zu Recht als Aspekt von
Antisemitismusgilt,wärejeweilseigenszuprüfen(vgl.Ullrich2013:51ff.).Esistobenbereitsdaraufhingewiesenwor-
den,inwieweitdieumstandsloseGleichsetzungvonIsraelundJudensowiedieIdentifikationvonZionismusundJuden
problematischsind(Abschnitt6.3.5).UnabhängigvondererforderlichenKlarheitundPräzisionbeiProblembeschrei-
bungen,stehtaußerFrage,dassdieerhobenennegativenEinstellungenihrenpotentiellsozialschädlichenCharakter
nicht verlieren, wenn sie nicht im engeren Sinne als antisemitisch, sondern als israelfeindlich oder als antizionistisch
kategorisiertwerden.Siekönnen,fallsweiterespezifischeVoraussetzungenerfülltsind,mitdazubeitragen,dasses
zuBedrohungenundAngriffenaufjüdischebzw.alsjüdischgeltendePersonenundEinrichtungenkommenkann(vgl.
Lapeyronnie2005).61
DasAusmaßvonantisemitischen,antiisraelischenundantizionistischenEinstellungenundMeinungenist–aufsGanze
gesehen – unter muslimischen jungen Leuten höher als in nichtmuslimischen Bevölkerungsteilen. Diese auf Basis der
obengenanntenStudiengetroffeneFeststellungistallerdingsinsofernproblematischalsdieKategorisierung„Junge
Muslime“ selbst lediglich die Merkmale „Alter“ und „Religion“ berücksichtigt und andere wichtige soziale Merkmale
(unteranderemformellesBildungsniveau,Einkommen)ausklammert.DerBefundeinererhöhtenBelastungmuslimi-
scherBevölkerungsteilemitantisemitischen,antizionistischenundisraelkritischenEinstellungenundDeutungengeht
insofern auf eine selektive Perspektive zurück.
Antisemitische, antiisraelische und antizionistische Positionierungen stehen in empirisch nachweisbaren Zusammen-
hängen mit sozialen Benachteiligungen, erfahrener Diskriminierung und Abwertung der sozialen Identität.
EsscheinenderzeitkeineStudienvorzuliegen,diesichmitdenUrhebernundUmständenvonantisemitischenGewalt-
delikten befassen. Die für Berlin vorliegenden Statistiken weisen bei der Beteiligung an antisemitischen Gewaltdelikten
eine vergleichsweise stärkere Beteiligung von Personen muslimischen Glaubens auf. Hier besteht also derzeit weiterer
Forschungsbedarf.
Festzuhalten bleibt, dass eine pauschalisierende Rezeption von vorliegenden Studien zu antisemitischen Phänomenen
unter jungen Muslimen unangemessen ist. „Den Antisemitismus“ von jungen Muslimen haben die Forschungen nicht
untersucht,siehabensichvielmehrmitantisemitischenEinstellungenundÄußerungeninunterschiedlicheninhaltlichen
und sozialen Kontexten befasst. Die Standards sowohl der quantitativen wie die der qualitativen Forschung sind dabei
aufDifferenzierungunddamitaufnicht-unifizierendeVerwendungendesAntisemitismusbegriffsausgerichtet.
8.4.4PraktischeEmpfehlung
ErheblicheUnterschiedezwischenmuslimischenundnichtmuslimischenjungenLeutenbestehenimVerhältniszuIsrael,
zumZionismusoderdenJudenimKontextdesisraelisch-palästinensischenKonflikts.Diesererweistsichalsderzentrale
Kristallisationskern von israelkritischen, antizionistischen und antisemitischen Haltungen bei muslimischen Jugend-
lichen.Fürden(mutmaßlich)kleinerenTeilgehendieParteinahmenfürPalästinenser/innenundeinegeneralisierte
FeindschaftgegenJüdinnenundJudenaufunmittelbareeigeneleidvolleErfahrungenbzw.aufErfahrungenderEltern-
undGroßelterngenerationimnahöstlichenKonfliktgeschehenzurück.FürdievermutlichgrößereZahlmuslimischer
jungerLeutesindradikalpropalästinensischeIdentifikationsbekundungensowiedieFeindbilder„Israel“oder„dieJuden“
nichtindieserWeiseerfahrungsbasiert.SiesindElementeinGroßnarrativen,indeneneinegenerelleUnterdrückung
61 Vgl.zudiesenAspektenauchdiedifferenziertenAusführungenimAntisemitismus-BerichtdesEUMC2002/2003(EUMC2004:11-14).
90
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
dermuslimischenWeltdurch„denWesten“beklagtwirdoderdieErfahrungenvontatsächlicherwievermeintlicher
Unterprivilegierung,DiskriminierungundRassismusvonMigrant/inneninEinwanderungsländernverarbeitetwerden
(vgl.Mansel/Spaiser2012).Antiisraelische,antizionistischeundantisemitischeDeutungsmusterundEinstellungensind
insofernbezogenaufdieaktuellenErfahrungen,aufheutigeindividuelleSelbstbilderunddieKonstruktionsozialer
Identitäten in der Bundesrepublik funktional, d.h. ihre Verwendung hat einen Nutzen für die jeweilige soziale Selbstdar-
stellungunddiepolitisch-weltanschaulicheOrientierungihrerAnwender/innen.DiesersubjektiveSinnkann–aufder
EbenedesVerhältnisseszwischenJudenundNichtjuden–inderAufwertungderEigengruppedurchAbwertungderals
Bedrohungkonstruierten„Juden“liegen,erkann–aufderEbenederDiskurseüberAntisemitismus–auchinderKon-
stitutioneinerreligiös-kulturellverstandenenEigengruppealsOppositiongegenüberdemoffiziellenAntisemitismus-
tabu liegen. Die funktionale Perspektive auf die Verwendung von Feindbildern speziell bei Angehörigen von ethnisch,
kulturelloderreligiös(selbst-)definiertenMinderheitenführtzueinergleichfallsfunktionalenundgrundsätzlichen
PerspektivebeiderVeränderungvonVorurteilenundproblematischenDeutungsmustern(vgl.dazuMöller2007,2012).
Allgemein lässt sich die Aufgabe als die einer Reduzierung von kollektiven Abwertungen und Diskriminierungen ent-
langreligiöserUnterscheidungeninderöffentlichenKommunikationbezeichnen.InVerbindungmiteinemAbbauvon
Unterprivilegierung, Diskriminierung und Rassismus gegenüber migrantischen Gruppen soll damit die subjektive Not-
wendigkeit verringert werden, problematische Selbstzuordnungen und Feindbilder zu verwenden. Daraus folgt hier die
konkreteEmpfehlung,FörderprogrammefürpädagogischeMaßnahmennichtaufeinzelneMinderheitenauszurichten,
die als Problemträger konstruiert werden.
PrinzipiellstehenindieserFragezweiOptionenoffen:EinmalkönnengesellschaftlicheTeilgruppenalsbesondersbelas-
teteAntisemitismusträgerexplizitbenanntwerden.MiteinersolchenHervorhebungwirddenbetreffendenGruppenein
besonderer Bildungs- und Förderungsbedarf attestiert. Zum anderen aber werden sie als Normverletzter markiert, die
denAnti-Antisemitismus,nichtzuletzteinzentralesstaatlichesLegitimitätssymbolnegieren.EinesolcheStigmatisie-
runganstelleeinerAnalysekomplexerBedingungsgefüge(vgl.Abschnitt8.5.1)kannnichtsinnvollsein,wenngleichzeitig
IntegrationundPartizipationvonPersonenmitMigrationshintergrundpropagiertwerden.DiezweiteOptionbesteht
darin, für das staatliche Bildungssystem und zusätzlich geförderte Maßnahmen von einem generalisiert formulierten
Bildungsbedarfauszugehen,derdieEtablierungvonWertenwieDemokratie,RespektundAnerkennungzumZielhat.
DiezweiteOptionvermeidetungewolltesekundäreStigmatisierungenundentkoppeltdieAufgabe,imBildungssystem
zivildemokratischeOrganisationskulturen,PraktikenundindividuelleOrientierungenzuetablierenvomallgemeinen
Antisemitismus-Diskursundseinenpolitisch-symbolischenAufladungen.
Damit entgeht man auch der Gefahr, mittels der Formulierung von Programmkonzepten an zirkulären Selbstbestäti-
gungenvonmöglicherweiseverzerrtenProblem-Diagnosenmitzuwirken:Öffentlichwird,wieerwähnt,inderRegelüber
antisemitische Phänomene in der Weise diskutiert als habe man es dabei mit einem konsistenten politischen oder welt-
anschaulichenAntisemitismuszutun.Einstellungsbefunde,einzelneÜbergriffe,bewusstprovokantePositionierungen
zurdeutschenErinnerungskulturoderschlichteinseitigeParteinahmenimisraelisch-palästinensischenKonfliktwerden
alsErscheinungen„desAntisemitismus“behandelt.DabeigehtdieAufmerksamkeitfüreinenwirklichideologischkon-
sistentenundpolitisch-programmatischenAntisemitismus(etwaimRechtsextremismusoderimIslamismus(Erb2007;
Farschid2007)zurückundmankonzentriertsichaufleichtzugängliche,sichtbareundscheinevidentePhänomene.
Dazu gehört auch die These, „der Antisemitismus“ sei unter muslimischen Jugendlichen relativ stark ausgeprägt. Folgt
maninderFormulierungvonFörderrichtliniensolchenöffentlichenAkzentsetzungenundmarkiertSchwerpunkteim
Bereicheines„AntisemitismusinderEinwanderungsgesellschaft“,sowirddamitoffiziösdieExistenzeinesbesonderen
sozialen Problems attestiert.
8.5 Handlungsempfehlungen
An verschiedenen Stellen der vorliegenden Studie ist deutlich geworden, in welch hohem Maße die Thematisierung
vonAntisemitismusinBerlinvondenEigenartengeprägtwird,diegenerelldenöffentlichenDiskursinDeutschland
zu diesem Thema bestimmen. Mit der Hochvalenz des Themas als politisches Legitimitätssymbol, den Bedingungen
derMoralkommunikation,derentdifferenzierendenundsichtendenziellverselbständigendenSprechweisenüber„den
Antisemitismus“,derpolitischenSteuerungeinerFörderungderThemenbehandlungalssolchersowiederoffiziösen
Fokussierung auf bestimmte Themenaspekte und Trägergruppen ragen allgemeine Diskurs- und Politikbedingungen in
denBereichvonSchulpädagogikundexternerBildungsarbeit.DiesestarkeVerschränkungmachteserforderlich,Emp-
fehlungen getrennt für den Antisemitismus-Diskurs und für die Bildungsarbeit zu formulieren.
91
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung und Diskussion
8.5.1EmpfehlungenzurKommunikationüberAntisemitismus
EsmagetwasIllusorischeshaben,EmpfehlungenfürdenDiskurszugeben,wissenwirdochzugut,dassgesellschaftliche
DiskursealsregelgeleitetePraxenderKonstitutionsozialerWirklichkeit(Foucault2008;Foucault1997)entsprechenden
Steuerungsversuchen gegenüber zumindest eine gewisse Resistenz zeigen – ohne dass Wandel deswegen ausgeschlos-
senwäre(Keller2008).WirversuchenunstrotzdeminEmpfehlungen–ausdemaufklärerischenImpulsheraus,dass
auch bei komplizierten Themen kommunikative Verständigung möglich sein muss.
Genauer Sprachgebrauch
DerBegriff„antisemitischePhänomene“(adjektivischerGebrauch)istinderStudieweitgefasst.Eristgeeignet,auch
alltägliche, nicht strafrechtlich relevante Phänomene zu bezeichnen, die in anderen Studien als „Antisemitismen“, „frag-
mentierterAntisemitismus“oderschlichtalswidersprüchlicheElementevonAlltagsbewusstseinbeschriebenwerden.
DerengereBegriffAntisemitismus(substantivischerGebrauch)istdemgegenüberfürsolchePhänomenezureservieren,
bei denen die Ablehnung von Juden als Juden ideologisch oder in anderer Weise weltanschaulich verankert ist bzw. als
Teil eines politischen Programms formuliert wird.
Abzuraten ist von der Annahme, man habe es in der historischen Wirklichkeit mit einem in sich identischen Antisemitis-
mus zu tun, der im Laufe der Geschichte lediglich sein Gesicht gewechselt habe oder verschiedene Formveränderungen
durchlaufenhabe;einesolcheIdentitätistallenfallsfürAntisemitismusalsWeltanschauungaufderEbenederSemantik
feststellbar(undauchdasnurfürgewisseZeiten).NureinTeilderheutigenantisemitischenPhänomeneaberkannals
Weltanschauung oder als weltanschauungsbasiert beschrieben werden. Gegen die Annahme einer substantiellen histo-
rischen Kontinuität spricht der Wandel der konstitutiven Kontextbedingungen. Die sachlich-qualitativen Unterschiede
derhistorischenKontextezwischendemsog.„klassischenAntisemitismus“imletztenDritteldes19.Jahrhunderts,der
Praxisdesnationalsozialistischen„Vernichtungsantisemitismus“,einem„sekundärenAntisemitismus“seitdemEnde
des Zweiten Weltkriegs und einem auf den Staat Israel ausgerichteten vermeintlich „neuen Antisemitismus“ sind der-
art weitreichend, dass demgegenüber das negative Verhältnis zu Juden und Judentum als formelle Gemeinsamkeit der
genanntenPhänomenkomplexewenigErklärungskraftaufweist.
Mögliche Gefahren konkret, nicht abstrakt einschätzen
HinsichtlichdersozialenRelevanz(Gefahrengrad,Bedrohungetc.)vonaktuellenantisemitischenPhänomenensollten
zunächst die gemeinten Phänomene konkret benannt und möglichst ausführlich beschrieben werden. Dies erlaubt es
auch Unbeteiligten, sich ein eigenes Urteil zu bilden und sich möglicherweise zu solidarischem Handeln zu entschließen.
Diese Möglichkeiten werden eingeschränkt, wenn nur abkürzend-kategorial von „antisemitischen Vorfällen“ die Rede ist.
EinesozialeoderpolitischeRelevanzantisemitischerPhänomeneistzunächstinAbhängigkeitvonderHandlungsebene
alssolcher(Meinung,Einstellung,Mentalität,individuellePraxis,Ideologie/Diskurs,Rechtsnormen,Rechtspraxis,Politi-
scheEntscheidungen,PraxisvonPolitiketc.)zubestimmen.EinesozialeoderpolitischeGefahrantisemitischerPhäno-
mene hängt im weiteren von den jeweiligen Kontexten, d.h. den politischen Kräfteverhältnissen, konkreten sozialen Prak-
tiken in geschichtlich-konkreten Zeiten und Räumen, den beteiligten Akteuren und den Situationen ab. Damit kann auch
die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass nicht alle antisemitischen Phänomene die gleiche Bedrohungsqualität
fürJuden/JüdinnenalspotentiellunmittelbareOpferbzw.fürdieOrdnungeinerpluralenGesellschaftaufweisen.62 Die
SolidaritätmitvonAntisemitismusBetroffenendarfdurchsolcheDifferenzierungenjedochnichtgeschmälertwerden.
Involviertheitenselbstreflexivbedenken
DieöffentlichenDebattenundprivatesRedenüberAntisemitismussindhäufiggeprägtdurchSkandalisierung,Kampf-
rhetorik, Parteinahmen und tiefe Abgrenzungen, bekenntnishaften Positionierungen und Grundsätzlichkeiten. Das do-
minantemoralischeGefühlistdieEmpörung.DasThemaistaufeineunheilvolleWeisemitExternalisierungstendenzen
verbunden: Antisemiten sind ohnehin immer die Anderen, doch auch die These der Instrumentalisierung von Antise-
mitismusvorwürfen zu machtpolitischen Zwecken gehört mittlerweile zum Altbestand routinisierter Politrhetorik. Das
62 DieseDifferenzierungsforderungstelltsichinsbesondereausdemKontextnahostbezogenerDiskussionen,woverschiedenelegitimeDeutungsmuster
miteinander konkurrieren und oft gegeneinander ausgespielt werden (bspw. antirassistische, menschenrechtliche und völkerrechtliche gegen anti-antisemi-
tische).
92
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
ThemascheintineinenBelagerungsringausfestgefügtengedanklichenundsprachlichenWendungenundReflexen
eingeschlossen zu sein. Der individuellen Beteiligung an der Thematisierung von Antisemitismus täte ein Zurücktreten
vondenbisherigenSelbstverständlichkeitenundeingespieltenKonfliktkonstellationengut.EinigeFragenkönnenhelfen,
ausgetretene Weg zu verlassen: Was lässt das Thema für mich emotional wichtig werden? Welchen Sinn haben für mich
persönlich Abgrenzungen und Ausgrenzungen? Welche Art von Wir-Ihr-Gruppenverhältnis konstruiere ich mit meiner
StellungnahmefürmichunddieGegenseite?WelcheBedeutungmesseichhistorischenEreignissenbei,welchesGewicht
möglichenkünftigenEntwicklungen?WelcheKonfrontationswirkunggehtvonmeinen„mächtigenHauptwörtern“aus?
In welchem Verhältnis stehen „Bekämpfung“ und „Gestalten“? Welchen Raum lasse ich in meinen Positionierungen
denjenigen,diesichantisemitischangegriffenfühlen?Inwieweitbinichbereit,mitihnendirektüberdieseErfahrungen
zusprechen?WiestehenmeineKategorienvonAntisemitismuszudenPerspektivenBetroffener?Vielleichtsinddiese
FragenhilfreichfürdasErreicheneinerPerspektive,dieselbstreflexivist,ohneegozentrischzuseinundsensibelohne
irrational zu werden.
8.5.2EmpfehlungenzurBildungsarbeitzumThemaAntisemitismus
Die folgenden Gesichtspunkte sollten bei der Konzipierung von Förderprogrammen und in der unmittelbaren Praxis der
Jugendbildungsarbeit berücksichtigt werden.
DieRahmenbedingungensolltenesermöglichen,sowohlBewährtesweiterzuführenwiedieEntwicklungvonNeuemzu
fördern: An erster Stelle geht es darum, das Moment der personellen Kontinuität in der pädagogischen Arbeit und der
Verlässlichkeit, der professionellen methodischen Fachlichkeit und einer Souveränität in der Themenbearbeitung zu
sichern.SchuleundJugendhilfesollteninKooperationmitNGOsundfreienBildungsträgernalleArtenvonHemmnis-
senbearbeiten,diedenzivildemokratischenOrganisationskulturenundderAnerkennungvonindividuellenPersonen
entgegenwirken. Das schließt die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Gruppenfeindschaften, mit praktischen Dis-
kriminierungen und mit strafbarem Verhalten ein. Die schulische Bearbeitung von Phänomenen, die die Normen von
Zivilität, Demokratie und Anerkennung verletzen, kann – soweit man dies auf Basis der Selbstauskünfte der befragten
Bildungsakteure überhaupt beurteilen kann – durch die Mitwirkung freier Bildungsträger sinnvoll unterstützt werden.
NebendemMomentderKontinuitätmussdieErmöglichungvonInnovationundKreativitätstrukturellberücksichtigt
werden. Dies ist die Domäne von Programmen, die zeitlich befristete Projekte anregen. Das Verhältnis zwischen dem Kon-
tinuitäts- und dem Innovationsmoment sollte nach dem jeweiligen Bedarf bestimmt werden. Derzeit besteht bei vielen
BeobachternderEindruck,dassindenletztenJahrenimRahmenvonBundes-undLandesprogrammeninausreichen-
demMaßeinnovativepädagogischeModelleentwickeltwordensindundderAkzentnunstärkeraufdieÜberführung
gelungener Projektideen in die Praxis der Regelangebote gelegt werden sollte.
Jugendbildungsmaßnahmen zum Antisemitismus-Komplex werden in einem doppelten Referenzsystem gefördert, kon-
zipiert und durchgeführt. Neben dem im weiteren Sinne pädagogischen Bezugssystem (Jugendbildung, Jugendarbeit,
JugendhilfeundSchule)spieltdaspolitischeBezugssystemdesAntisemitismus-DiskurseseinegroßeRolle(vgl.Ab-
schnitt2.2).InnerhalbdiesesDiskurseswird„Antisemitismus“inderRegelnichtlediglichalseinbloßerSammelbegriff
verwendet.EsdominiertdieVerwendungalseineverselbständigteabstrakteKategorie.Damitwirdsuggeriert,esgebe
AntisemitismusalseineeigenständigeKraft,derenimmergleicheSubstanzinverschiedenen„Erscheinungsformen“
(wie:klassisch-modernerAntisemitismus,sekundärerAntisemitismus,„neuer“Antisemitismusetc.)sichtbarwerde.
Begleitet wird dies von der meist stillschweigenden Annahme, dieser abstrakt kategorial gedachte Antisemitismus sei
mitkonstanthohenBedrohungenvonJudenoderderzivilenOrdnungalsGanzerverbunden.Insofernwird„Antisemitis-
mus“ im politischen Diskurs nicht lediglich als eine verselbständigte abstrakte, sondern überdies als eine dämonisierte
Kategorie verwendet.
Vor diesem Hintergrund besteht die wichtigste und grundsätzlichste Anregung darin, die pädagogischen Bearbeitungen
des Themas Antisemitismus in Zukunft noch stärker innerhalb des Referenzrahmens pädagogischer Professionen als
im politischen Referenzrahmen zu betreiben. So trivial diese Anregung klingen mag, so weitreichend sind ihre Folgen.
Die Frage, ob und in welcher Weise Antisemitismus in pädagogischen Kontexten bearbeitet werden soll, ist damit keine
Frage politischer Steuerung und Programmausrichtung, sondern wird zu einer Frage, die in angestammten schulpädago-
gischen, sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Handlungsfeldern zu entscheiden sein wird. Mit anderen Worten:
DiepädagogischenProfessionensolltensichaufihrefachlicheAutonomie,ihreErfahrungenundihrWissenbesinnen
und nach ihren genuin pädagogischen Standards verfahren und diese sicherstellen.
93
Antisemitismus als Problem und Symbol — Zusammenfassung und Diskussion
Zu solchen fachlichen Standards gehört es, dass mindestens in Fortbildungen für pädagogisches Personal das Antise-
mitismus-Thema auch als das umkämpfte diskursive Feld behandelt wird, das es heute in Deutschland ist: Antisemitis-
musals(verschwörungslogische)WelterklärungundalsPhänomenimVerhältniszwischenJudenundNichtjudenmit
verschiedenen Ausprägungen von Vorurteil, Feindschaft oder Diskriminierungspraxis; Anti-Antisemitismus als Norm der
politischen Kultur im Verhältnis zur deutschen Geschichte und als staatliches Legitimationssymbol, Anti-Antisemitismus
in Kombination mit Israelsolidarität als Regierungsposition und schließlich instrumentalisierte Antisemitismusvorwürfe
als politische Macht- und Delegitimierungsstrategien. Gerade die Reduzierung von Fortbildungen auf die beiden erstge-
nannten Aspekte führt zu Verunsicherung im Umgang und Ablehnungen des Themas und zu den berichteten Reaktanzen.
OrientierunganFachlichkeitbedeutetebensodieEntscheidungübereineindirekteoderdirektexpliziteBearbeitung
vonAntisemitismuskonkret,alsoimHinblickaufdiejeweiligeZielgruppeundihreSituationzutreffen.Dazugehört
auch,sichalsBildungsträgerüberdieExistenzverschiedenerAufgabenniveausimKlarenzuseinundauchdiesenicht
abstrakt,sondernfürkonkretespädagogischesHandelnmitjeweilsbestimmtenGruppenzudefinieren.DieseAnregung
wird hier expliziert formuliert, da sich in einigen Interviews weder ein geklärtes Verhältnis zum eigenen pädagogischen
Grundansatz dokumentiert hat noch zu der Tatsache, dass die politische Jugendbildungsarbeit verschiedene Aufgaben
erfüllenkann.Esistwünschenswert,dassderdefactojeweilsverfolgteAnsatzbeidenBildungsträgernreflektiertund
nach außen expliziert wird. Das oben entwickelte Stufenschema der pädagogischen Ziele und die Unterscheidung von
zweiTypenderThemenbearbeitung(Abschnitt6.3.4)könnendabeieineOrientierungbieten:
Schließlich kann sich eine stärkere Verlagerung der pädagogischen Behandlung von Antisemitismus in den pädagogi-
schen Referenzrahmen auf Fachdiskussionen stützen, die seit Jahren um das verwandte Thema einer Arbeit mit rechts-
extremOrientiertengeführtwerden(vgl.zuletzt:Becker/Palloks2013;Baer/Möller/Wiechmann2014).AuchdieDis-
kussionen um das Verhältnis von Prävention und Pädagogik enthalten für strukturanaloge Problemstellungen in der
AuseinandersetzungmitAntisemitismuseinhohesAnregungspotential(vgl.Papenkort2009;Lüders2011;Krafeld2012).
8.6 Forschungsbedarfe
ForschungsbedarflässtsichimAnschlussandieseStudieinverschiedeneRichtungenformulieren.ImVerlaufderErar-
beitung der Studie sind interessante Hinweise oder Anfangserkenntnisse aufgetaucht, die eine Vertiefung nahelegen.
Zunächst einmal sind einige Wissenslücken über Ausmaß und Verbreitung von Antisemitismus in Berlin deutlich gewor-
den. Im Gegensatz zu omnipräsenten Mutmaßungen liegen keine umfassenden Studien vor, die verlässliche Aussagen
dazu zuließen. Dies gilt für antisemitische Delikte, für die nur die oben problematisierten Zahlen des LKA vorliegen
(Abs.4.1).DiesgiltebensofürEinstellungeninderBevölkerung–vorliegendeStudiennehmenkeineDifferenzierung
nach Bundesländern oder Städten vor. Und dies gilt für die Vielzahl antisemitischer Vorfälle, die bisher nur durch das
unsystematische Monitoring erfasst werden. Zukünftige Forschung über Antisemitismus in Berlin, die es erlauben wür-
de,manchenEindruckmitwirklichemWissenzuunterlegen,müsstenichtnurdieseverschiedenenPhänomenbereiche
erfassen,sondernauchhochgradignachverschiedenensozialenGruppenundRäumendifferenzieren.Dennauchkon-
statierteBinnendifferenzenzwischenBezirkenberuhenoftaufanekdotischerEvidenzundUnterschiedezwischenreligi-
ösen und ethnischen Gruppen sind nicht ausreichend erforscht. Zwar existiert thematische Forschung zu muslimischen
Jugendlichen, nicht jedoch mit gleicher Fokussierung zu ihren Pendants christlicher, atheistischer und sonstiger Prove-
nienz.UnsereStudiehatHinweisedafürerbracht,dasseshinsichtlichDeliktaufkommenundDeliktartenUnterschiede
Tabelle 4: Ansätze und Lernziele der Bildungsarbeit
Indirekte Themenbearbeitung Direkte Themenbearbeitung
Lernziele:
EngagementgegenAntisemitismus
Ausdrückliche Informationen zu
Antisemitismus in Geschichte und
Gegenwart
Horizonterweiterung/Neuorientierung
94
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
beispielsweise zwischen deutschstämmigen Rechtsradikalen und Tatverdächtigen mit Migrationsgeschichte gibt. Doch
essindbishernurHinweise.AuchverdienendiedivergentenDeliktzifferninHamburgundBerlinAufklärung–mitder
grundlegenden Frage nach den Auswirkungen von städtischer Sozialstruktur und jeweiligem Sicherheitsregime. Viel für
eine zu verbessernde Praxis könnte man wahrscheinlich aus ethnographischen Studien über Aufzeichnungspraxen und
UmgangsweisenmitOpfernbeidenSicherheitsbehördenlernen.
Hinsichtlich Art und Umfang antisemitischer Phänomene existiert insbesondere keine Untersuchung, die sich mit Be-
deutung und Wirkung organisierten, dezidiert ideologischem und politischem Antisemitismus in der Bundeshauptstadt
befasst.EinersolchenFragestellungwäresinnvollsichernichtinderBeschränkungaufeinzelneBundesländernach-
zugehen,sondernineinerbegründetenAuswahlvonStadtstaatenundFlächenländern.EinAusbauderbestehenden
Monitoringsysteme, der mehr methodische Stringenz erlauben würde, wäre hier ein erster Schritt. Dabei sollten auch
ErscheinungenindenBlickgenommenwerden,diesichteilweiseausantisemitischenDiskursenspeisen,aberinsich
widersprüchliche Phänomene darstellen. Dazu zählen insbesondere verschwörungsideologische Zusammenschlüsse,
diesichregelmäßiginBerlintreffen(Reichsbürgerbewegung,Neuschwabenlandtreffen,Thruther-Szene,Chemtrails-
Verschwörungsideologen).DieseobskurenGruppierungenwurdenindenInterviewsnichtangesprochen,wohldasie
bisher sehr randständig waren. Mit den „Montagsmahnwachen gegen den Frieden“ gab es jedoch erstmals auch grö-
ßere nichtvirtuelle Foren und mediale Aufmerksamkeit für diese Szene – und auf den Mahnwachen hohe Zustimmung
zumindestzuantizionistischemAntisemitismus(Daphietal.2014).
DarüberhinauswurdeaufeineunangemesseneFokussierungderöffentlichenDiskussionaufjungeLeutehingewiesen.
AntisemitischePhänomeneinderErwachsenenbevölkerungsind–siehtmanvondenUmfrageuntersuchungenmit
ihrenstandardisiertenErhebungsinstrumentenab–bislangweitwenigeruntersucht.DenkbaristdieÜbernahmevon
Ansätzen, die sich in den Untersuchungen zu jungen Leuten bewährt haben. Hier wäre in erster Linie auf Gruppendis-
kussionenzuverweisen(vgl.DeckerundGöpner2008).AuchzudenSichtweisenvonAntisemitismusBetroffenergibtes
Klärungsbedarf.DiefürEuropavorliegendeGlobalstudie(EuropeanUnionAgencyforFundamentalRights(FRA)2013)
istinihrerAnalysekraft,insbesonderefürspezifischeKontextesehrbegrenzt(Klug2013b).DieHinweise,dasskonkrete
jüdischeViktimisierungserfahrungendurchstaatlicheStellenundVereine(zumBeispielimSport)nichtausreichend
gewürdigt werden63 und dass existente Hilfesysteme von Jüdinnen und Juden wenig genutzt werden, müsste durch
dezidierte Befragungen untersucht werden.
Auskunft über die Bildungsmaßnahmen erhielten wir im Rahmen der vorliegenden Studie lediglich von denjenigen, die als
RepräsentantenvonTrägernoderalsAngehörigederpädagogischenTeamsbefragtwurden.InErgänzunghierzuwären
Beobachtungen von praktisch durchgeführten Bildungsmaßnahmen sinnvoll, die durch Befragungen von Teilnehmer/
innen ergänzt werden können. Mit diesem methodischen Instrumentarium könnte man Aufschluss über die Rezeption
vonpädagogischenEinheitengewinnen.
Einweiterer,hiernurknappangesprochenerAspektbetrifftdasVerhältnisvonLehrkräftenzumThemenkomplexAnti-
semitismus(vgl.Abschnitt6.3.3).AuchzudieserFragewäreeineeigenständigeempirischeUntersuchungsinnvoll:Wie
gehen Lehrkräfte mit der Herausforderung antisemitischer Phänomene um? Unterscheiden sich mögliche Strategien
nach generationeller Zugehörigkeit oder der Sozialisation in der alten Bundesrepublik bzw. der DDR? Wie wird das Thema
Antisemitismus in der praktischen Ausbildung behandelt? Welche Bedarfe formulieren die Lehrkräfte selbst?
63 Dies ist wohl kein Widerspruch zur hohen symbolischen Bedeutung von Antisemitismus, sondern geradezu dessen Ausdruck.
95
Antisemitismus als Problem und Symbol — Abkürzungsverzeichnis
9.1 Abkürzungsverzeichnis
AgAG Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt
AH-Drs. Drucksache des Abgeordnetenhauses von Berlin
AJC American Jewish Committee
Apabiz Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum e.V.
APuZ „Aus Politik und Zeitgeschichte“, Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung
BDS Boykott, Desinvestitions- und Sanktionsaktivitäten
BMFSFJ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
BT-Drs. Drucksache des Deutschen Bundestages
BVerfG Bundesverfassungsgericht
BVerfGE EntscheidungendesBundesverfassungsgerichts
DeGeDe Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik
EUMC EuropeanMonitoringCentreonRacismandXenophobia
FR-LF FragebogenzurrechtsextremenEinstellung–LeipzigerForm
FRA EuropeanUnionAgencyforFundamentalRights
GMF Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
IABAe.V. InitiativeAufklärungundBildunggegenAntisemitismus–BezeichnungfüreinefiktiveOrganisation
im Rahmen der idealtypischen Modellierung
IntMig Beauftragte/r für Integration und Migration des Berliner Senats
JVA Justizvollzugsanstalt
KIgA Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus
KPMD-PMK Kriminalpolizeilicher Meldedienst – Politisch motivierte Kriminalität
LADS Landesantidiskriminierungsstelle Berlin
LaG Lernen aus der Geschichte
LAP Lokale Aktionspläne
LISUM Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg
LKA Landeskriminalamt
lbgtiq lesbians, bisexuals, gay men, transgender, intersexuals and queer
LSBTI Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle
MBR Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus
9 Anhang
96
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
NGO Non-GovernmentalOrganization(deutsch:Nichtregierungsorganisation)
OSZ Oberstufenzentrum
PKS Polizeiliche Kriminalstatistik
PMK PolitischmotivierteKriminalität(PolizeilicheStatistik)
RAA Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie Berlin
Rdnr. Randnummer
SenInnSport Senatsverwaltung für Inneres und Sport
SGB Sozialgesetzbuch
StGB Strafgesetzbuch
VDK Verein für demokratische Kultur in Berlin
VSG Verfassungsschutzgesetz Berlin
WZB Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
ZTG Zentrum Technik und Gesellschaft
97
Antisemitismus als Problem und Symbol — Literatur
9.2 Literatur
AmadeuAntonioStiftung(Hg.)(2010):„Dashat‘sbeiunsnichtgegeben!“:AntisemitismusinderDDR.DasBuchzur
Ausstellung der Amadeu Antonio Stiftung. Berlin.
AmtfürStatistikBerlinBrandenburg(Hg.)(2013):StatistischesJahrbuchBerlin2013.Potsdam.
AmtfürStatistikBerlinBrandenburg(Hg.)(2014):AbgestimmterDatenpoolBerlin.Einwohnerregisterstatistik.
Anchuelo, André (2012): Hass im Spiel. jungle world, Nr. 21, Abschn. inland. http://jungle-world.com/
artikel/2012/25/45684.html[2014-09-18].
Baer,Silke;Möller,Kurt;Wiechmann,Peer(Hg.)2014:VerantwortlichHandeln.PraxisderSozialenArbeitmitrechtsex-
tremorientiertenundgefährdetenJugendlichen.Opladen.
Barskanmaz,Cengiz(2011):Rasse-UnwortdesAntidiskriminierungsrechts?In:KritischeJustiz,Jg.44,Nr.4,382–389.
Bauman,Zygmunt(1995):GroßeGärten,kleineGärten.Allosemitismus.Vormodern,Modern,Postmodern.In:Werz,
Michael(Hg.):AntisemitismusundGesellschaft.ZurDiskussionumAuschwitz,KulturindustrieundGewalt,44–61.
Frankfurt a.M.
Becker,Reiner;Palloks,Kerstin(Hg.)(2013):JugendanderrotenLinie.AnalysenvonundErfahrungenmitInterventi-
onsansätzen zur Rechtsextremismusprävention. Schwalbach.
Behr,Rafael(2000):Copculture-derAlltagdesGewaltmonopols.Männlichkeit,HandlungsmusterundKulturinder
Polizei. Wiesbaden.
Behr,Rafael(2003):PolizeikulturalsinstitutionellerKonfliktdesGewaltmonopols.In:Lange,Hans-Jürgen(Hg.):Die
PolizeiderGesellschaft.ZurSoziologiederInnerenSicherheit,177–194.Opladen.
Benz,Wolfgang(2004):WasistAntisemitismus?München.
Bergmann,Werner(1986):Kommunikationslatenz,MoralundöffentlicheMeinung-TheoretischeÜberlegungenzum
AntisemitismusinderBundesrepublikDeutschland.In:KölnerZeitschriftfürSoziologieundSozialpsychologie38,
209–222.
Bergmann,Werner(1994):EffekteöffentlicherMeinungaufdieBevölkerungsmeinung.DerRückgangderantisemiti-
schenEinstellungenalskollektiverLernprozess.In:Neidhardt,Friedhelm(Hg.):Öffentlichkeit,öffentlicheMeinung,
sozialeBewegungen,296–319.Wiesbaden.
Bergmann,Werner(1997):AntisemitismusinöffentlichenKonflikten.KollektivesLerneninderpolitischenKulturder
Bundesrepublik1949-1989.Frankfurta.M.
Bergmann,Werner(2002):DieBeobachterbeobachten.ZurEinschätzungdesAntisemitismusinderBundesrepublik
Deutschland.In:Benz,Wolfgang;Königseder,Angelika(Hg.):JudenfeindschaftalsParadigma.StudienzurVorur-
teilsforschung,31-39.Berlin.
Bergmann,Werner;Erb,Rainer(1986):Kommunikationslatenz,MoralundöffentlicheMeinung.TheoretischeÜberle-
gungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsy-
chologie,Jg.38,223-246.
Bergmann,Werner;Erb,Rainer(1991):‚MiristdasThemaJudenirgendwieunangenehm‘.Kommunikationslatenzund
Wahrnehmung des Meinungsklimas im Fall des Antisemitismus. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsy-
chologie,Jg.43,Nr.3,502–519.
Bergmann,Werner;Heitmeyer,Wilhelm(2005):Antisemitismus.VerliertdieVorurteilsrepressionihreWirkung?In:Heit-
meyer,Wilhelm(Hg.):DeutscheZustände.Folge3,224–238.Frankfurta.M.
Bergmann,Werner;Münch,AnnaVerena(2012):AntisemitismusinDeutschland1996und2006:EinVergleich.In:Jahr-
buchfürAntisemitismusforschung21,325-369.
98
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Bergmann,Werner;Wetzel,Juliane(2005):PrüfsteinderDemokratie.AntisemitismusundAntizionismusinDeutschland
von1945-2004.In:Tribüne,Jg.44,Heft173,156-166.
Bergmann,Werner;Wyrwa,Ulrich(2011):AntisemitismusinZentraleuropa.Deutschland,ÖsterreichunddieSchweiz
vom18.JahrhundertbiszurGegenwart.Darmstadt.
Beyer,Heiko;Liebe,Ulf(2013):Antisemitismusheute.ZurMessungaktuellerErscheinungsformenvonJudenfeindlichkeit
mithilfedesfaktoriellenSurveys.In:ZeitschriftfürSoziologie,Jg.42,Heft3,186–200.
Bielenberg,Ina(2012):PolitischeBildungkreativ.ÜberdiegelingendeVerbindungvonKulturellerundPolitischerBil-
dung.In:Bockhorst,Hildegard;Reinwand,Vanessa-Isabelle;Zacharias,Wolfgang(Hg.):HandbuchKulturelleBildung,
676-772. München.
Bleeker-Dohmen,Roelf;Strasser,Hermann(2005):DenkverbotoderkritischeReflexion?VonTäternundOpfernder
Antisemitismusdebatten.In:Klein,BirgitE.;Müller,ChristianeE.(Hg.):Memoria.WegejüdischenErinnerns,807-821.
Berlin.
Bohn,Irina(1998):Jugend-Gewalt-jugendpolitischerUmgang.EineBilanzdesAktionsprogrammsgegenAggression
und Gewalt. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 31, 37-45.
Bremer,Helmut;Kleemann-Göhring,Mark(2010):DemokratiepädagogikoderpolitischeBildung:Gegensatzoderfal-
scheAlternative?In:AußerschulischeBildung.MaterialienzurpolitischenJugend-undErwachsenenbildung,Ausgabe
3/2010,226-233.
Bröckling,Ulrich(2005):Projektwelten.AnatomieeinerVergesellschaftungsform.In:Leviathan,Nr.33,3,364-383.
Bundeskriminalamt,KommissionStaatsschutz(2010):InformationenzumpolizeilichenDefinitionssystemPolitischmo-
tivierteKriminalität(PMK).
Çetin,Zülfukar;Voss,Heinz-Jürgen;Wolter,SalihAlexander(2012):Interventionengegendiedeutsche„Beschneidungs-
debatte“. Münster.
Claussen,Detlev(2005):GrenzenderAufklärung.DiegesellschaftlicheGenesedesmodernenAntisemitismus.Frankfurt
a.M.
Crenshaw,KimberléWilliams(1989):DemarginalizingtheIntersectionofRaceandSex.ABlackFeministCritiqueofAn-
tidiscriminationDoctrine,FeministTheoryandAntiracistPolitics.In:TheUniversityofChicagoLegalForum,139-167.
Crenshaw,KimberléWilliams(1991):MappingtheMargins.Intersectionality,IdentityPoliticsandViolenceagainstWo-
menofColor.In:StanfordLawReview,Jg.43,Nr.6,1241-1299.
Daphi,Priska;Rucht,Dieter;Stuppert,Wolfgang;Teune,Simon;Ullrich,Peter(2014):OccupyFrieden.EineBefragungvon
Teilnehmer/innen der „Montagsmahnwachen für den Frieden“. Forschungsbericht. Berlin. https://protestinstitut.
files.wordpress.com/2014/06/occupy-frieden_befragung-montagsmahnwachen_protestinstitut-eu_rev.pdf[2014-
09-18].
Decker,Oliver;Brähler,Elmar;Kiess,Johannes(Hg.)(2013):RechtsextremismusderMitte.Einesozialpsychologische
Gegenwartsdiagnose. Forschung psychosozial. Gießen.
Decker,Oliver;Göpner,Franziska(2008):EinBlickindieMittezurEntstehungrechtsextremerunddemokratischerEin-
stellungeninDeutschland.Berlin.http://library.fes.de/pdf-files/do/05433.pdf[2014-09-18].
Decker,Oliver;Kiess,Johannes;Brähler,Elmar(2012):DieMitteimUmbruch.RechtsextremeEinstellungeninDeutsch-
land2012.Bonn.http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_12/mitte-im-umbruch_www.pdf[2014-09-18].
Decker,Oliver;Kiess,Johannes;Brähler,Elmar(2014):DiestabilisierteMitte.RechtsextremeEinstellunginDeutschland
2014.HerausgegebenvonKompetenzzentrumfürRechtsextremismus-undDemokratieforschungderUniversität
Leipzig.Leipzig.https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/mitte_leipzig_internet.pdf[2014-09-18].
Decker,Oliver;Schilling,Benjamin;Kiess,Johannes;Brähler,Elmar(2012):IslamfeindschaftundIslamkritik.In:Decker,
Oliver;Kiess,Johannes;Brähler,Elmar:DieMitteimUmbruch.RechtsextremeEinstellungeninDeutschland2012,
herausgegebenvonRalfMelzer,86–100.Bonn.
99
Antisemitismus als Problem und Symbol — Literatur
Decker,Oliver;Weißmann,Marliese;Kiess,Johannes;Brähler,Elmar(2010):DieMitteinderKrise.RechtsextremeEin-
stellungeninDeutschland2010.Berlin.
DerBeauftragtedesSenatsfürIntegrationundMigration(IntMig)(Hg.)(2008):Demokratie.Vielfalt.Respekt.DieBerliner
LandeskonzeptiongegenRechtsextremismus,RassismusundAntisemitismus(06.05.2008).Berlin.http://www.berlin.
de/imperia/md/content/lb_ads/demokratie/landeskonzeption_g_rechtsextremismus_bf.pdf?start&ts=1376660443
&file=landeskonzeption_g_rechtsextremismus_bf.pdf[4.9.2014]
DerPolizeipräsidentinBerlin(Hg.)(2013):LagedarstellungPolitischmotivierteKriminalitätinBerlin2012.Berlin.www.
berlin.de/imperia/md/content/polizei/kriminalitaet/pks/jahresbericht_pmk_2012.pdf?start&ts=1366014606&
file=jahresbericht_pmk_2012.pdf
Diner,Dan(1987):ZwischenAporieundApologie.ÜberGrenzenderHistorisierbarkeitdesNationalsozialismus.In:ders.
(Hg.):IstderNationalsozialismusGeschichte?ZuHistorisierungundHistorikerstreit,62-73.Frankfurta.M.
Diner,Dan(2004):DerSarkophagzeigtRisse.ÜberIsrael,PalästinaunddieFrageeines„neuenAntisemitismus“.In:
Rabinovicietal.,310-329.
Dollase,Rainer(2001):FremdenfeindlichkeitverschwindetimKontaktvonMenschzuMensch.ZurReichweitederKon-
takthypothese. In: Diskurs, H. 2, S. 16-21.
Dörmann,Uwe(2004):Zahlensprechennichtfürsich.AufsätzezuKriminalstatistik,DunkelfeldundSicherheitsgefühl
aus drei Jahrzehnten. München.
Engel,David(2009):AwayfromaDefinitionofAntisemitism.AnEssayintheSemanticsofHistoricalDescription.In:
Cohen,Jeremy;Rosman,MurrayJay:RethinkingEuropeanJewishhistory,30–53.Oxford/Portland.
Erb,Rainer(2007):OrganisierteAntisemiten.In:AusPolitikundZeitgeschichte,Nr.31,19-26.www.bpb.de/apuz/30332/
organisierte-antisemiten
Erb,Rainer;Kohlstruck,Michael(2015):DieFunktionvonAntisemitismusundFremdenfeindschaftfürdierechtsextreme
Bewegung.In:Braun,Stephan;Geisler,Alexander;Gerster,Martin(Hg.):StrategienderextremenRechten.Wiesbaden.
European Forum on Antisemitism (2005): Arbeitsdefinition Antisemitismus. http://www.european-forum-on-
antisemitism.org/working-definition-of-antisemitism/deutsch-german/[2014-09-18].
EuropeanMonitoringCentreonRacismandXenophobia(EUMC)(Hg.):ManifestationsofantisemitismintheEU2002-
2003.Wien.
EuropeanUnionAgencyforFundamentalRights(FRA)(2013):DiscriminationandhatecrimeagainstJewsinEUMem-
berStates.ExperiencesandPerceptionsofAntisemitism.Luxembourg.http://fra.europa.eu/sites/default/files/
fra-2013-discrimination-hate-crime-against-jews-eu-member-states_en.pdf[2014-09-18].
ExpertenkreisAntisemitismus(2011):AntisemitismusinDeutschland.Erscheinungsformen,Bedingungen,Präventions-
ansätze.BerichtdesunabhängigenExpertenkreisesAntisemitismus.Berlin.http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/
Downloads/DE/Themen/Politik_Gesellschaft/EXpertenkreis_Antisemmitismus/bericht.pdf[2014-09-18].
Farschid,Olaf(2007):AntisemitismusbeiislamistischenGruppen.In:MinisteriumdesInnerndesLandesBrandenburg,
ReferatV/2.(Hg.):Antisemitismus.GleichklangzwischendenExtremen.EineVeranstaltungdesVerfassungsschutzes
am22.November2007inPotsdam,14-23.
Feustel,Susanne;Stange,Jenny;Strohschneider,Tom(2012):Verfassungsfeinde?WiedieHütervonDenk-undGewalt-
monopolen mit „Linksextremismus“ umgehen. Hamburg.
Follert,Guido;Stender,Wolfram(2010):„DaskommtjetztwirklichnurausdermuslimischenWelt“.Antisemitismusbei
Schülern in der Wahrnehmung von Lehrern und Sozialarbeitern - Zwischenergebnisse aus einem Forschungsprojekt.
In:Stenderetal.,199-223.
Foucault,Michel(1997):DieOrdnungderDinge.EineArchäologiederHumanwissenschaften.Frankfurta.M.
Foucault,Michel(2008):ArchäologiedesWissens.Frankfurta.M.
100
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Fréville,Gabriel;Harms,Susanna;Karakayali,Serhat(2010):‚Antisemitismus-einProblemuntervielen‘.Ergebnisseeiner
BefragunginJugendclubsundMigrant/innen-Organisationen.In:Stender,Wolfram;Follert,Guido;Mihri,Özdogan
(Hg.):KonstellationendesAntisemitismus.AntisemitismusforschungundsozialpädagogischePraxis,Nr.8,185–198.
Wiesbaden.
Frindte,Wolfgang;Boehnke,Klaus;Kreikenbom,Henry;Wagner,Wolfgang(2011):LebensweltenjungerMuslimein
Deutschland.Einsozial-undmedienwissenschaftlichesSystemzurAnalyse,BewertungundPräventionislamistischer
Radikalisierungsprozesse junger Menschen in Deutschland. Berlin.
Glaser,Michaela;Hohnstein,Sally(2012):EthnozentrismusundAntisemitismusinMigrationskontexten-einÜberblick
überdenForschungsstand.In:Greuel/Glaser,Michaela(Hg.),10-25.
Globisch,Claudia(2011):„DeutschlandunsDeutschen,TürkeidenTürken,IsraelisrausausPalästina“.Einigeklärende
Bemerkungen.ZumVerhältnisvonEthnopluralismusundAntisemitismus.In:Globisch,Claudia;Pufelska,Agnieszka;
Weiß,Volker(Hg.):DieDynamikdereuropäischenRechten.Geschichte,KontinuitätundWandel,203-225.Wiesbaden.
Globisch,Claudia(2013):RadikalerAntisemitismus.Inklusions-undExklusionssemantikenvonlinksundrechtsin
Deutschland. Wiesbaden.
Gössner,Rolf(2011):RechtsstaatswidrigeDauerüberwachung.VierJahrzehnteuntergeheimdienstlicherBeobachtung
des Verfassungsschutzes. In: Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF-Kom-
munikation),Heft1/2011,21-25.
Greuel,Frank;Glaser,Michaela(Hg.)(2012):EthnozentrismusundAntisemitismusbeiJugendlichenmitMigrationshin-
tergrund.ErscheinungsformenundpädagogischePraxisinderEinwanderungsgesellschaft,Halle.
Gryglewski,Elke(2013):AnerkennungundErinnerung.Zugängearabisch-palästinensischerundtürkischerBerlinerJu-
gendlicher zum Holocaust. Berlin.
Gysi,Gregor(2008):DieHaltungderdeutschenLinkenzumStaatIsrael(rlsStandpunkte9/2008).RosaLuxemburg
Stiftung.http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Standpunkte_0809.pdf[2014-09-18].
Hafeneger,Benno(2012):NeueförderungspolitischeDirektiven:ExtremismusklauselundExtremismusbekämpfungs-
programme.In:Ahlheim,Klaus;Schillo,Johannes(Hg.):PolitischeBildungzwischenFormierungundAufklärung,
144-155. Hannover.
Haubrich,Karin;Lüders,Christian;Struhkamp,Gerlinde(2007):Wirksamkeit,Nützlichkeit,Nachhaltigkeit.WasEva-
luationenvonModellprogrammenrealistischerWeiseleistenkönnen.In:Schröder,UteB.;Streblow,Claudia(Hg.):
Evaluationkonkret.Fremd-undSelbstevaluationsansätzeanhandvonBeispielenausJugendarbeitundSchule,183-
201.Opladen.
Haury,Thomas(2002):Antisemitismusvonlinks.KommunistischeIdeologie,NationalismusundAntizionismusinder
frühen DDR. Hamburg.
Haury,Thomas(2004):DerneueAntisemitismusstreitderdeutschenLinken.In:Rabinovici,Doron;Speck,Ulrich;Sznai-
der,Natan(Hg.):NeuerAntisemitismus?EineglobaleDebatte,144-167.Frankfurta.M.
Hecht-Galinski,Evelyn(2012):DaselfteGebot:Israeldarfalles.KlartexteüberAntisemitismusundIsrael-Kritik.Heidel-
berg.
Heinz,Wolfgang(2004):„Alle5SekundengeschiehthiereineStraftat“-„Werhierwohnt,lebtaufNummersicher“.Von
SchwierigkeitenundFehlernderBerichterstattungüberKriminalität.In:Dörmann,Uwe(Hg.):Zahlensprechennicht
fürsich.AufsätzezuKriminalstatistik,DunkelfeldundSicherheitsgefühlausdreiJahrzehnten,359-412.München.
Heitmeyer,Wilhelm(2011):ErfahrungenmitdergesellschaftlichenVerantwortungderWissenschaft.EineBilanznach
zehnJahren.In:Heitmeyer,Wilhelm(Hg.):DeutscheZustände.Folge10,321-329.Berlin.
Heitmeyer,Wilhelm(Hg.)(2002):DeutscheZustände.Folge1.Frankfurta.M.
Heitmeyer,Wilhelm(Hg.)(2011):DeutscheZustände.Folge10.Berlin.
101
Antisemitismus als Problem und Symbol — Literatur
Heitmeyer,Wilhelm;Grau,Andreas(2013):GruppenbezogeneMenschenfeindlichkeitimlokalenRaumundbürgerschaft-
lichesEngagement.In:Grau,Andreas;Heitmeyer,Wilhelm(Hg.):MenschenfeindlichkeitinStädtenundGemeinden,
11-33. Weinheim, Basel.
Heitmeyer,Wilhelm;Müller,Joachim;Schröder,Helmut(1997):VerlockenderFundamentalismus.TürkischeJugendliche
in Deutschland. Frankfurt a.M.
Henze,Christa(2007):Orientierungen.In:Weißeno,Georg;Hufer,Klaus-Peter;Kuhn,Hans-Werner;Massing,Peter;
Richter,Dagmar(Hg.):WörterbuchPolitischeBildung,255-263.Schwalbach/Ts.
Heyder,Aribert;Iser,Julia;Schmidt,Peter(2005):IsraelkritikoderAntisemitismus?MeinungsbildungzwischenÖffent-
lichkeit,MedienundTabus.In:Heitmeyer,Wilhelm(Hg.):DeutscheZustände.Folge3,144-165.Frankfurta.M.
Hoffmann,Christhard;Bergmann,Werner;Smith,HelmutWalser(Hg.)(2002):ExclusionaryViolence.AntisemiticRiots
in Modern German History. Ann Arbor.
Holz,Klaus(2001):NationalerAntisemitismus.WissenssoziologieeinerWeltanschauung.Hamburg.
Holz,Klaus(2005a):NeuerAntisemitismus?WandelundKontinuitätderJudenfeindschaft.In:Mittelweg,Jg.36,Nr.2,
1–17.
Holz,Klaus(2005b):DieGegenwartdesAntisemitismus.Islamistische,demokratischeundantizionistischeJudenfeind-
schaft. Hamburg.
Holzkamp,Klaus(1994):AntirassistischeErziehungalsÄnderungrassistischer„Einstellungen“?In:DasArgument,H.
203,41-58.
Hopf,Christel(2000):QualitativeInterviews-einÜberblick.In:Flick,Uwe;Kardorff,Ernstv.;Steinke,Ines(Hg.):Quali-
tativeForschung.EinHandbuch,349-360.Reinbek.
Ionescu,Dana;Salzborn,Samuel(Hg.)(2014):AntisemitismusindeutschenParteien.Baden-Baden.
Jäger,Siegfried(2005):ZurdiskursivenDynamikdesRedensüberAntisemitismus-ÜberlegungenzudenEUMC-Berichten
2003und2004zumThema‚Antisemitismus‘.In:Zuckermann2005,110–139.
Jäger,Siegfried;Jäger,Margarethe(2003):MedienbildIsrael.ZwischenSolidaritätundAntisemitismus.Münster.
Jikeli,Günther(2012):AntisemitismusundDiskriminierungswahrnehmungenjungerMuslimeinEuropa.Essen.
Joseph,Detlef(2007):VomangeblichenAntisemitismusderDDR.Berlin.
Kalinowsky,HarryH.(1995):AntisemitismusundStrafrecht.In:Friedrich-Ebert-Stiftung,Forschungsinstitut(Hg.):Anti-
semitismusundFremdenfeindlichkeit.HerausforderungfürdieDemokratie,91-109.Bonn.
Keller,Reiner(2008):WissenssoziologischeDiskursanalyse.GrundlegungeinesForschungsprogramms.Wiesbaden.
Kloke,Martin(1994):IsraelunddiedeutscheLinke.ZurGeschichteeinesschwierigenVerhältnisses.Schriftenreihedes
Deutsch-IsraelischenArbeitskreisesfürFriedenimNahenOsten.Frankfurta.M.
Klug,Brian(2013a):Interrogating‘newanti-Semitism’.In:EthnicandRacialStudies,Jg.36,Nr.3,468–82.
Klug,Brian(2013b):Anti-SemitismandtheJewishFutureinEurope.In:CouncilforEuropeanStudies-Review&Critical
Commentary.
Knapp,Gudrun-Axeli(2007):Intersectionality–einneuesParadigmaderGeschlechterforschung?In:Casale,Rita;Rend-
torff,Barbara(Hg.):WaskommtnachderGenderforschung?ZurZukunftderfeministischenTheoriebildung.Bielefeld.
Kohlstruck,Michael(2003):DerDoppelcharakterderrechtsradikalenJugendkulturunddasKontinuitätsprobleminder
Jugendarbeit.In:Benz,Wolfgang;Benz,Ute(Hg.):JugendinDeutschland.Opposition,KrisenundRadikalismuszwi-
schendenGenerationen,189-210.München.
102
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Kohlstruck,Michael(2010):ZuraktuellenDebatteumpolitischeGewaltinderMetropoleBerlin.In:Friedrich-Ebert-
Stiftung,ForumBerlin(Hg.):ExpertisenfürDemokratie,Heft2,1-20.http://library.fes.de/pdf-files/do/07342.pdf
[2014-09-18].
Kohlstruck,Michael(2011a):DerRechtsextremismusunddieMitte.In:Otten,HenriqueRicardo;Sicking,Manfred(Hg.):
KritikundLeidenschaft.VomUmgangmitpolitischenIdeen,85–94.Bielefeld.
Kohlstruck,Michael(2011b):Bildung„gegenrechts“.In:Hafeneger,Benno(Hg.):HandbuchAußerschulischeJugendbil-
dung.Grundlagen-Handlungsfelder–Akteure,307-323.Schwalbach.
Kohlstruck,Michael;Glock,Birgit;Linsler,Carl-Eric;Dobberke,Konstanze(2012):DiePraxisvonVorurteils-undGewalt-
prävention in zwei Berliner Quartieren. In: Berliner Forum Gewaltprävention, Nr. 47, 11-126.
Köllisch,Tilman(2004):VomDunkelfeldinsHellfeld.AnzeigeverhaltenundPolizeikontaktebeiJugenddelinquenz.Frei-
burgimBreisgau.http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/1686/pdf/Koellisch_Dissertation.pdf[2014-09-18].
KoordinierungsstelleBerlinerRegister;ReachOut(2014):Pressemappe.GemeinsamePressekonferenzvonReachOut
unddenBerlinerRegisternzuVorfällenundAngriffenmitrassistischem,antisemitischem,lbgtiq*feindlichemund
rechtsextremem Hintergrund.
Krafeld,FranzJosef(2012):BedarfeseinerspeziellenPädagogikgegenRechts?Nein,aber!In:Bundschuh,Stephan;
Drücker,Ansgar;Scholle,Thilo(Hg.):WegweiserJugendarbeitgegenRechtsextremismus.Motive,Praxisbeispieleund
Handlungsperspektiven,49-60.Schwalbach.
Kulturbüro Sachsen; Weiterdenken, Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen; Forum für Kritische Rechtsextremismusforschung;
StudierendenratderTUDresden,Ref.PolitischeBildung(Hg.)(2010):GibtesExtremismus?Extremismusansatzund
ExtremismusbegriffinderAuseinandersetzungmitNeonazismusund(anti)demokratischenEinstellungen.Dresden.
Lapeyronnie,Didier(2005):AntisemitismusimAlltagFrankreichs.In:JournalfürKonflikt-undGewaltforschung,Jg.7,
Nr.1,28-49.
Lüders,Christian(2011):VonderscheinbarenSelbstverständlichkeitpräventivenDenkens.In:DJIImpulse,Nr.94,4-6.
Luhmann,Niklas(1978):SoziologiederMoral.In:Luhmann,Niklas;Pfürtner,StephanH.:TheorietechnikundMoral,
8-116.Frankfurta.M.
LynenvonBerg,Heinz;Palloks,Kerstin;Steil,Armin(2007):InterventionsfeldGemeinwesen.Evaluationzivilgesellschaft-
licher Strategien gegen Rechtsextremismus. Weinheim, München.
Mansel,Jürgen;Spaiser,Victoria(2010):SozialeBeziehungen,KonfliktpotentialeundVorurteileimKontextvonErfahrun-
gen verweigerter Teilhabe und Anerkennung bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Abschlussbericht.
Bielefeld.http://www.vielfalt-tut-gut.de/content/e4458/e8260/Uni_Bielefeld_Abschlussbericht_Forschungsprojekt.
pdf[2014-09-18].
Mansel,Jürgen/Spaiser,Victoria(2012):AntisemitischeEinstellungenbeiJugendlichenausmuslimischgeprägtenSozi-
alisationskontexten.EigeneDiskriminierungserfahrungenundtransnationaleEinflüssealsHintergrundfaktoren.In:
Heitmeyer,Wilhelm(Hg.)(2011),220-241.
Manthe,Barbara(2013):DasThemaAntisemitismusindenBundesprogrammengegenRechtsextremismus.In:Detzner,
Milena;Drücker,Ansgar(Hg.):Antisemitismus-eingefährlichesErbemitvielenGesichtern.HandreichungzuTheorie
undPraxis,77-79.Düsseldorf.
Marin,Bernd(1979):Einhistorischneuartiger‚AntisemitismusohneAntisemiten‘?BeobachtungenundThesenam
BeispielÖsterreichsnach1945.In:GeschichteundGesellschaft,Jg.5,Nr.4,545-69.
Mendelsohn,Ben(2013):Über‚Normalrassisten‘reden.InitiativengegenRechtshaltenStatistikzupolitischmotivierten
Straftatenfürungenügend.In:NeuesDeutschland,Oktober21,Abschn.Berlin.
Merkel,Angela(2008):Verantwortung,Vertrauen,Solidarität.RedevonBundeskanzlerinAngelaMerkelam18.März
2008vorderKnessetinJerusalem,hrsg.vomPresse-undInformationsamtderBundesregierung.Berlin.
103
Antisemitismus als Problem und Symbol — Literatur
Meseth,Wolfgang;Proske,Matthias;Radtke,Frank-Olaf(2004):NationalsozialismusundHolocaustimGeschichtsun-
terricht.ErsteempirischeBefundeundtheoretischeSchlussfolgerungen.In:Meseth,Wolfgang;Proske,Matthias;
Radtke,Frank-Olaf(Hg.):SchuleundNationalsozialismus.AnspruchundGrenzendesGeschichtsunterrichts,95-146.
Frankfurt a.M.
Meuser,Michael;Nagel,Ulrike(2009):ExperteninterviewundderWandelderWissensproduktion.In:Bogner,Alexander;
Littig,Beate;Menz,Wolfgang(Hg.):DasExperteninterview.Theorie,Methode,Anwendungsfelder,35-60.Wiesbaden.
Meuser,Michael;Nagel,Ulrike(2011):Experteninterview.In:Bohnsack,Ralf;Marotzki,Winfried;Meuser,Michael(Hg.):
HauptbegriffeQualitativerSozialforschung,57f.Opladen.
Möller,Kurt(2012):AntisemitismusbeiJugendlicheninDeutschland.Formen,Ausmaße,spezifischeAusprägungenund
Begünstigungsfaktoren.In:DeutscheJugend,Nr.60,12/2012.
Ohder,Claudius(2012):AusmaßundUrsachenfürDelinquenzundJugendkriminalitätbeiMigranten.VortragamDeut-
schenInstitutfürUrbanistikam5.11.2012.(Präsentation).
Papenkort,Ulrich(2009):IstPädagogikPrävention?EinekritischeAnfrage.In:UnsereJugend,Nr.61,Heft02/2009,
83-89.
Pätzold,Kurt(2010):DieMärvomAntisemitismus.MitdemBegleitbuchzurWanderausstellung„‘Dashatesbeiuns
nichtgegeben!‘-AntisemitismusinderDDR“beginnteinneuesKapitelderAnti-DDR-Propaganda.Berlin.
Pfahl-Traughber,Armin(2011):AntisemitischmotivierteStraftatenvonBeleidigungenbiszuGewalttaten.EineAnalyse
zuAusmaß,Deliktarten,EntwicklungundTätern.In:Fünfsinn,Helmut;Pfahl-Traughber,Armin(Hg.):Extremismus
undTerrorismusalsHerausforderungfürGesellschaftundJustiz.AntisemitismusimExtremismus,170-185.Brühl.
Rabinovici,Doron;Speck,Ulrich;Sznaider,Natan(Hg.)(2004):NeuerAntisemitismus?EineglobaleDebatte.Frankfurt
a.M.
Radvan,Heike(2010):PädagogischesHandelnundAntisemitismus.EineempirischeStudiezuBeobachtungs-undIn-
terventionsformeninderoffenenJugendarbeit.BadHeilbrunn.
RegisterBerlin(2013):DieBerlinerRegisterzurErfassungrassistisch,antisemitisch,homophobundrechtsextremge-
prägter Vorfälle in Berlin. Berlin.
Roose,Jochen(2003):UmweltorganisationenzwischenMitgliedschaftslogikundEinflusslogikindereuropäischenPo-
litik.In:Klein,Ansgar;Koopmans,Ruud;Trenz,Hans-Jörg;Klein,Ludger;Lahusen,Christian;Rucht,Dieter(Hg.):
Bürgerschaft,ÖffentlichkeitundDemokratieinEuropa,141–58.Opladen.
Roth,Roland-;Gesemann,Frank;Aumüller,Jutta(2010):AbschlussberichtzurEvaluationdesBerlinerLandesprogramms
gegenRechtsextremismus,RassismusundAntisemitismus.Berlin.http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb_
ads/demokratie/evaluationsbericht_landesprogramm_bf.pdf?start&ts=1376660402&file=evaluationsbericht_lan-
desprogramm_bf.pdf[2014-09-18].
Rürup,Reinhard(1975):EmanzipationundAntisemitismus.Studienzur„Judenfrage“derbürgerlichenGesellschaft.
Göttingen.
Salzborn,Samuel;Voigt,Sebastian(2011):AntisemitenalsKoalitionspartner?DieLinksparteizwischenantizionistischem
AntisemitismusunddemStrebennachRegierungsfähigkeit.In:ZeitschriftfürPolitik,Jg.58,Nr.3,290-309.
Schäuble,Barbara(2012):„Andersalswir“.DifferenzkonstruktionenundAlltagsantisemitismusunterJugendlichen.
Berlin.
Scherr,Albert(2010):SubjektivitätalsSchlüsselbegriffkritischerBildung.In:KritischepolitischeBildung.EinHandbuch,
303-314.Schwalbach.
Scherr,Albert;Schäuble,Barbara(2007):„IchhabenichtsgegenJuden,aber...“.AusgangsbedingungenundPerspektiven
gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus, Berlin (http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/
files/pdfs/ich_habe_nichts_2.pdf[2014-09-24].
104
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Scherr,Albert;Schäuble,Barbara(2008):‚Wir‘und‚dieJuden‘.GegenwärtigerAntisemitismusalsDifferenzkonstruktion.
In:BerlinerDebatteInitial,Jg.19,Nr.1/2,3–14.
Schmitt,Maximilian;Müttel,Kea(2013):DieBerlin-Liga.EinewidersprüchlicheKlasse.In:TransparentMagazin,Nr.5.
http://transparent-magazin.de/blog/die-berlin-liga-eine-widerspruchliche-spielklasse/[2014-09-18].
Schmitter,PhilippeC.;Streeck,Wolfgang(1981):TheOrganizationofBusinessInterests.AResearchDesigntoStudythe
AssociativeActionofBusinessinAdvancedIndustrialSocietiesofWesternEurope,81-83.Berlin.
Schönbach,Peter(1961):ReaktionenaufdieantisemitischeWelleimWinter1959/1960.FrankfurterBeiträgezurSo-
ziologie, Sonderheft 3. Frankfurt a.M.
Schröder,Achim(2004):Sichbildenamanderen.ProfessionelleBeziehungeninderJugendarbeit.In:Hörster,Reinhard;
Küster,Ernst-Uwe;Wolff,Stephan(Hg.):OrtederVerständigung.BeiträgezumsozialpädagogischenArgumentieren.
Burkhard Müller zum 65. Geburtstag gewidmet, 231-243. Freiburg.
Schröder,Achim(2011):PolitischeJugendbildung.In:Hafeneger,Benno(Hg.):HandbuchaußerschulischeJugendbildung.
Grundlagen-Handlungsfelder–Akteure,173-186.Schwalbach/Ts.
Schwarz-Friesel,Monika;Reinharz,Jehuda(2013):DieSprachederJudenfeindschaftim21.Jahrhundert.Berlin/Boston.
Schu,Anke(2012):BiografieundAntisemitismus.ZumZusammenhangvonbiografischerErfahrungunddemGebrauch
antisemitischerKonstruktionen.In:Greuel/Glaser(Hg.),26-53.
SenatsverwaltungfürArbeit,IntegrationundFrauen(Hg.)(2013):DasLandesprogrammgegenRechtextremismus,
RassismusundAntisemitismus.http://www.berlin.de/lb/ads/sub/demokratie/konzept/progr/index.html[2014-09-18].
SenatsverwaltungfürInneresundSport,Abt.Verfassungsschutz(Hg.)(2006):AntisemitismusimextremistischenSpek-
trumBerlins.(2.Aufl.).Berlin
SenatsverwaltungfürInneresundSport,Abt.Verfassungsschutz(Hg.)(2012):Verfassungsschutzbericht2011.Berlin.
SenatsverwaltungfürInneresundSport,Abt.Verfassungsschutz(Hg.)(2013):Verfassungsschutzbericht2012.Berlin.
SenatsverwaltungfürInneresundSport,Abt.Verfassungsschutz(Hg.)(2014):Verfassungsschutzbericht2013.Berlin
(Internetversion).
Singer,JensPeter(2004):ErfassungderpolitischmotiviertenKriminalität.IneinemneuenDefinitionssystemmitmehr-
dimensionalenAnalysemöglichkeiten.In:Kriminalistik,Jg.58,Nr.1,32-37.
Späti,Christina(2005):DieschweizerischeLinkeundIsrael.Israelbegeisterung,AntizionismusundAntisemitismuszwi-
schen1967und1991.Essen.
Steinitz,Benjamin(2014):AntisemitismusinBerlin-HerausforderungenbeiderErfassungantisemitischerVorfälle.In:
Apabiz,MBR(Hg.):BerlinerZustände.EinSchattenberichtüberRechtsextremismus,RassismusundAntisemitismus
imJahr2013,92–96.Berlin.
Stender,Wolfram;Follert,Guido;Özdogan,Mihri(Hg.)(2010):KonstellationendesAntisemitismus.Antisemitismusfor-
schung und sozialpädagogische Praxis. Wiesbaden.
Streeck,Wolfgang(1994):StaatundVerbände:NeueFragen.NeueAntworten?In:Streeck,Wolfgang(Hg.):Staatund
Verbände, Nr. 25,7–34. Sonderheft der Politischen Vierteljahresschrift. Wiesbaden.
Taguieff,Pierre-André(2004):AngesichtseinerneuenJudeophobie.EineHerausforderungfürFrankreich.In:Braun,
Christinav.;Ziege,Eva-Maria(Hg.):Das‚beweglicheVorurteil‘.AspektedesinternationalenAntisemitismus,193-
199.Würzburg.
Ullrich,Peter(2008):DieLinke,IsraelundPalästina.NahostdiskurseinGroßbritannienundDeutschland.Berlin.
Ullrich,Peter(2010):DerNahostkonflikt–SpielfeldfüreinenneuenAntisemitismusvonlinks?EininternationalerDis-
kursvergleich.In:Hawel,Marcus;Blanke,Moritz(Hg.):DerNahostkonflikt.BefindlichkeitenderdeutschenLinken,
67–80.Berlin.
105
Antisemitismus als Problem und Symbol — Literatur
Ullrich,Peter(2011):Antisemitismus,ShoaunddeutscheVerantwortung.Die(Nach-)WirkungendesNationalsozialismus
im Nahostdiskurs. In: Königsweg der Befreiung oder Sackgasse der Geschichte? BDS - Boykott, Desinvestition und
Sanktionen.AnnäherungenaneineaktuelleNahostdebatte,23–38,41–42.Berlin.
Ullrich,Peter(2012):Kulturvergleich,diskursiveGelegenheitsstrukturenundlinkeNahostdiskurse.Entwurfeinerwis-
senssoziologischen und diskurstheoretischen Perspektive für die Protestforschung. In: Keller, Reiner; Truschkat, Inga
(Hg.):MethodologieundPraxisderWissenssoziologischenDiskursanalyse.InterdisziplinärePerspektiven,Nr.1,315-
337. Theorie und Praxis der Diskursforschung. Wiesbaden.
Ullrich,Peter(2013):Deutsche,LinkeundderNahostkonflikt.PolitikimAntisemitismus-undErinnerungsdiskurs.Göt-
tingen.
Ullrich,Peter;Decker,Oliver;Kiess,Johannes;Brähler,Elmar(2012):Judenfeindschaften-alteVorurteileundmoderner
Antisemitismus.In:Decker,Oliver;Kiess,Johannes;Brähler,Elmar:DieMitteimUmbruch.RechtsextremeEinstellun-
geninDeutschland2012,herausgegebenvonRalfMelzer,68–86.Bonn.http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.
de/pdf_12/mitte-im-umbruch_www.pdf[2014-09-18].
Ullrich,Peter;Keller,Reiner(2014):ComparingDiscoursebetweenCultures.Adiscursiveapproachtomovementknow-
ledge.In:Baumgarten,Britta;Daphi,Priska;Ullrich,Peter(Hg.):ConceptualizingCultureinSocialMovementResearch.
Basingstoke.
Ullrich,Peter;Werner,Alban(2011):Ist»DIELINKE«antisemitisch?ÜberGrauzonender»Israelkritik«undihreKritiker.
In:ZeitschriftfürPolitik,Jg.58,Nr.4,424–441.
Volkov,Shulamit(2000):AntisemitismusalskulturellerCode.In:AntisemitismusalskulturellerCode.ZehnEssays,13-
36. München.
Weiß,Volker(2005):‚Volksklassenkampf‘.-dieantizionistischeRezeptiondesNahostkonfliktsindermilitantenLinken
derBRD.In:Zuckermann(Hg.),214-238.
Weiterdenken,Heinrich-Böll-StiftungSachsen;KulturbüroSachsen(Hg.)(2013):KritikzudenVerfassungsschutzbe-
hördenundPerspektivenjenseitsderÄmter.ErweiterterTagungsbandzurTagungam1.Februar2013inDresden.
Dresden.
Wetzel,Juliane(2010):Antisemitismusheute.In:LaG-Magazin,Nr.11,4–6.
Zick,Andreas;Küpper,Beate(2007):AntisemitismusinDeutschlandundEuropa.In:APuZ,12-19.
Zuckermann,Moshe(2009):VerdinglichteSühne.VonInteressenundBefindlichkeiten.Anmerkungenzudendeutsch-
israelischenBeziehungen.In:Holz,Klaus;Kauffmann,Heiko;Paul,Jobst(Hg.):DieVerneinungdesJudentums.Anti-
semitismusalsreligiöseundsäkulareWaffe,100-107.Münster.
Zuckermann,Moshe(2010):Antisemit!EinVorwurfalsHerrschaftsinstrument,Wien.
Zuckermann,Moshe(Hg.)(2005):Antisemitismus-Antizionismus-Israelkritik.(TelAviverJahrbuchfürdeutscheGe-
schichte,Bd.XXIII).Göttingen.
106
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Fortbildung von Multiplikator/innen und pädagogischem Personal
Pädagogische Angebote/ Jugendhilfe-Bereich
Pädagogische Angebote/Schulbereich
Recherche/Dokumentation
(Opfer-)Beratung
Amadeu Antonio Stiftung Linienstraße139
10115Berlin
http://www.amadeu-antonio-stiftung.de
(030)24088610 •••••
American Jewish Committee (AJC)
Leipziger Platz 15
Mosse Palais
10117Berlin
http://www.ajc-germany.org/
(030)2265940 •
Amira
(Träger: VDK e.V.)
Chausseestraße29
10115Berlin
http://www.amira-berlin.de
(030)24045430 • •
Anne-Frank-Zentrum RosenthalerStraße39
10178Berlin
http://www.annefrank.de
(030)288865600 •• •
Antidiskriminierungs–netzwerk Berlin
des TBB
Oranienstraße53
10969Berlin
http://www.adnb.de
(030)61305328 • • •
Antidiskriminierungs–stelle des Landes
Berlin (LADS)
Oranienstr.106
10969Berlin
http://www.berlin.de/lb/ads/
(030)90281866 • • •
Apabiz - „Antifaschistisches Presse-
archiv und Bildungszentrum e.V.“
LausitzerStraße10
10999Berlin
http://www.apabiz.de
(030)6116249 ••
9.3 Anlaufstellen zum Thema Antisemitismus in Berlin
In Berlin existieren viele Angebote von fest etablierten Institutionen und tempo-
rären Projekten für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Dazu gehören
Beratung, Schulung oder pädagogische Programme. Die folgende tabellarische
ÜbersichtermöglichteineOrientierungüberdiejeweiligenTätigkeitsfelderder
verschiedenen Akteure. Im Anschluss werden die Akteure kurz einzeln vorge-
stellt; Kontaktinformationen sind dem beigefügt.
107
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Fortbildung von Multiplikator/innen und pädagogischem Personal
Pädagogische Angebote/ Jugendhilfe-Bereich
Pädagogische Angebote/Schulbereich
Recherche/Dokumentation
(Opfer-)Beratung
Archiv der Jugendkulturen
Projekt: „New Faces“
Fidicinstraße 3 | Haus D
10965Berlin
http://www.jugendkulturen.de/new-faces.html
(030)6942934 •••
Bildungsteam
Berlin-Brandenburg
Cuvrystraße20
10997Berlin
http://www.bildungsteam.de
(030)61076544
• •
Centrum Judaicum OranienburgerStraße28/30
10117Berlin
http://www.centrumjudaicum.de/
(030)88028300
•
„Geschichte in Bewegung“
(Träger: Gesicht zeigen)
Koppenstraße93
10243Berlin
http://www.geschichte-in-bewegung.de
(030)303080825
• •
Gesicht Zeigen -
Ausstellung 7xjung
Koppenstraße93
10243Berlin
http://www.7xjung.de
(030)30308080
•
Haus der Wannsee-Konferenz AmGroßenWannsee56-58
14109Berlin
http://www.ghwk.de
(030)8050010 •• •
Heroes Hermannstr. 22
12049Berlin
http://www.heroes-net.de
(030)50918060
•••
108
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Fortbildung von Multiplikator/innen und pädagogischem Personal
Pädagogische Angebote/ Jugendhilfe-Bereich
Pädagogische Angebote/Schulbereich
Recherche/Dokumentation
(Opfer-)Beratung
Infoportal Charlottenburg-Wilmersdorf
SJD - Die Falken Landesverband
Berlin
Schlossstr.19
14059Berlin
http://www.infoportal-cw.tk/
(01575)7652025
•
Jahresbericht zu Demokratieentwick-
lung in Marzahn-Hellersdorf
Alice-Salomon-Platz 3
12627 Berlin
http://www.mbt-ostkreuz.de/ostkreuz/polis-/
index.php
(030)99275096
•
ju: an
(Träger: Amadeu Antonio Stiftung)
Linienstraße139
10115Berlin
http://www.projekt-ju-an.de
(030)24088610
• •
Jüdische Gemeinde
zu Berlin
OranienburgerStr.28-31
10117Berlin
http://www.jg-berlin.org/
(030)880280 •
Jüdische Stimme für gerechten Frieden
in Nahost
Greifswalder Straße 4
10405Berlin
http://www.juedische-stimme.de/
(030)3962147 •
Jüdisches Forum für Demokratie und
gegen Antisemitismus
Postfach040207
10061Berlin
http://jfda.de/
(030)30875424 •••••
Jüdisches Museum
Bildungsabteilung
Lindenstraße9-14
10969Berlin
http://www.jmberlin.de/ksl
(030)25993300 •• •
109
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Fortbildung von Multiplikator/innen und pädagogischem Personal
Pädagogische Angebote/ Jugendhilfe-Bereich
Pädagogische Angebote/Schulbereich
Recherche/Dokumentation
(Opfer-)Beratung
Kreuzberger Initiative gegen Antisemi-
tismus (KIgA e.V.)
Oranienstraße34
10999Berlin
http://www.kiga-berlin.org
(030)830309
130 ••••
Landeskommission Berlin gegen Gewalt Klosterstraße 47
10179Berlin
http://www.berlin.de/lb/lkbgg/
(030)90223
-2913oder
-2040
•••
Landesinstitut für Schule und Medien
Berlin-Brandenburg (LISUM)
Struveweg
14974Ludwigsfelde-Struveshof
http://www.lisum.berlin-brandenburg.de
(03378)2090 • •
Lichtenberger Register Ahrenshooper Straße 7
13051Berlin
http://www.licht-blicke.org/?page_id=110
(030)99270555 •
MAXIME Wedding
MAXIMEWedding
Maxstraße20
13347 Berlin
http://www.violence-prevention-network.de/
projekte-mainmenu-37/maximewedding
(030)54467779 • • •
Miphgasch
(hebr.: „Begegnung“)
Samariterstraße 27
10247Berlin
http://www.miphgasch.de
(030)47474805 •••
Mobile Beratung gegen
Rechtsextremismus
Chausseestraße29
10115Berlin
http://www.mbr-berlin.de
(030)24045430 • • •
110
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Fortbildung von Multiplikator/innen und pädagogischem Personal
Pädagogische Angebote/ Jugendhilfe-Bereich
Pädagogische Angebote/Schulbereich
Recherche/Dokumentation
(Opfer-)Beratung
Mobiles Beratungsteam
‚Ostkreuz‘ der Stiftung SPI
Voltairestr. 3
10179Berlin
http://www.mbt-ostkreuz.de
(030)41725628 •
•
Pankower Register FehrbellinerStr.92
10119Berlin
http://www.pankower-register.de/
(030)4437179 •
Polizei Tempelhofer Damm 12
12101Berlin
http://www.berlin.de/polizei/praevention/
index.html
(030)46640 •
ReachOut Oranienstraße159
10969Berlin
http://www.reachoutberlin.de
(030)69568339 • •
•
Register Berlin
Kati Becker - Ariba e. V.
Oranienstr.159
10969Berlin
http://www.berliner-register.de/
(0152)04425746 •
Register
Friedrichshain-Kreuzberg
Kreutzigerstr. 23
10247Berlin
http://www.register-friedrichshain.de/
(030)74078831 •
Register Treptow-Köpenick HasselwerderStr.38-40
12439Berlin
http://berliner-register.de/treptow-koepenick
(030)65487293 •
111
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Fortbildung von Multiplikator/innen und pädagogischem Personal
Pädagogische Angebote/ Jugendhilfe-Bereich
Pädagogische Angebote/Schulbereich
Recherche/Dokumentation
(Opfer-)Beratung
Schule ohne Rassismus -
Schule mit Courage
Ahornstr. 5
10787Berlin
http://www.schule-ohne-rassismus.org
(030)2145860
•••
tacheles reden! e.V.
FrankfurterAllee100
10247Berlin
http://www.tacheles-reden.de
•
•
„Taskforce Education on Antisemitism“
(Träger: AJC)
Leipziger Platz 15
Mosse Palais
10117Berlin
http://www.ajc-germany.org/de/ taskforce-ed-
ucation-antisemitism
(030)2265940 • •
•
ufuq Lohmühlenstr. 65
12435 Berlin
http://www.ufuq.de
(030)20654522 • • • •
Verfassungsschutz Berlin Klosterstr. 47
10179Berlin
www.verfassungsschutz-berlin.de
(030)901290 •
ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur
gGmbH
Ebertystr.46
10249Berlin
www.zentrum-demokratische-kultur.de
(030)42018690 • •
•
112
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Amadeu Antonio Stiftung
Stiftung zur Stärkung einer demokratischen Zivilgesellschaft
DasZielderAmadeuAntonioStiftungseitihrerGründung1998istes,einedemokratischeZivilgesellschaftzu
stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet. Die Stiftung hat in
ganzDeutschlandüber640lokaleInitiativenundProjekteindenBereichendemokratischeJugendkultur,Schule,
OpferschutzundOpferhilfe,kommunaleNetzwerkesowieHilfsangebotefürAussteigerinnenundAussteigerausder
Neo-Naziszene unterstützt.
Amadeu Antonio Stiftung
Linienstraße139
10115Berlin
http://www.amadeu-antonio-stiftung.de
(030)24088610
Träger von ju:an
American Jewish Committee (AJC)
Für Demokratie, Menschenrechte, Völkerverständigung und die Sicherheit von Jüdinnen und Juden
DasAmericanJewishCommittee(AJC)wurde1906inNewYorkvonamerikanischenJudenvorwiegenddeutscher
Herkunft mit der Zielsetzung gegründet, sich weltweit für Demokratie, Menschenrechte, Völkerverständigung und
dieSicherheitvonJüdinnenundJudeneinzusetzen.Seit1998unterhältdasAJCinBerlindasLawrence&LeeRamer
Institute for German-Jewish Relations zur Intensivierung des transatlantischen und speziell des deutsch-amerika-
nisch-jüdischen Dialogs.
AJCBerlinOffice
Leipziger Platz 15
Mosse Palais
10117Berlin
http://www.ajc-germany.org
(030)2265940
TrägerderTaskforceEducationonAntisemitism
Amira (Projekt ausgelaufen)
Pädagogisches Material zum Thema Antisemitismus für Jugendliche mit Migrationshintergrund
Amira hat eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus gefördert, ohne
dabei stigmatisierende Klischees zu bedienen. Das Projektteam hat Fortbildungen für Jugendarbeiter/innen sowie
Angebotefürderen(sozial-)pädagogischePraxiserarbeitet,diesichinsbesondereanJugendlichemittürkischem
und kurdischem sowie palästinensischem und libanesischem Migrationshintergrund richtet.
Amira
c/o VDK e.V.
Chausseestraße29
10115Berlin
http://www.amira-berlin.de
(030)24045430
Getragen von VDK; Nachfolgeprojekt ju:an
113
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Anne-Frank-Zentrum
Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam
DiePartnerorganisationdesAnneFrankHausesinAmsterdamrücktdeutschlandweitdieErinnerunganAnneFrank
undihrberühmtesTagebuchindenBlickpunkt.DasAnneFrankZentrumzeigtdieAusstellung»AnneFrank.hier
&heute«inBerlin,führtWanderausstellungsprojekteinganzDeutschlanddurch,entwickeltzeitgemäßeAngebote
zur Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des Holocaust und bietet Projekttage, Seminare und Fortbil-
dungen an.
Anne-Frank-Zentrum
RosenthalerStr.39
10178Berlin
http://www.annefrank.de
(030)288865600
Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg
Das Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin ist ein Projekt in der Trägerschaft des Türkischen Bundes in Berlin-Bran-
denburg(TBB)
Zu den Zielen und Aufgaben des ADNB des TBB gehören die Förderung von Gleichbehandlung, die Sensibilisierung
der Öffentlichkeit, die Beratung der von Diskriminierung Betroffenen und deren Unterstützung. Die Arbeit des ADNB
des TBB basiert auf einem Drei-Säulen-System: 1. Vernetzung, 2. Beratung, Intervention und Prävention, 3. Bil-
dungs- und Öffentlichkeitsarbeit.
Antidiskriminierungsnetzwerk
Berlin des TBB
Oranienstraße53
10969Berlin
http://www.adnb.de
(030)61305328
Antidiskriminierungsstelle des Landes Berlin (LADS)
Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung
DieLandesstellearbeitetaufderBasisdesAllgemeinenGleichbehandlungsgesetzes(AGG)undkoordiniertdieAn-
tidiskriminierungsarbeit des Berliner Senats. Zu ihren Aufgaben gehört die Sensibilisierung von Gesellschaft, Wirt-
schaft, Verwaltung und Politik für das Recht auf Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung sowie Öffentlichkeits-
arbeit und Unterstützung bei der Umsetzung des AGG.
Senatsverwaltung für Arbeit,
Integration und Frauen
Antidiskriminierungsstelle
Oranienstr.106
10969Berlin
http://www.berlin.de/lb/ads
(030)90281866
114
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Apabiz - „Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum e.V.“
Das Apabiz bietet vielfältige Materialien an, die über Rechtsextremismus aufklären und Argumente liefern.
Schwerpunkte der Arbeit sind ein umfangreiches Archiv und Bildungsarbeit zum Thema. Darüber hinaus initiiert das
Apabiz weitere Projekte und widmet sich insbesondere der Förderung und Vernetzung von Initiativen gegen Rassis-
mus, Antisemitismus und Neofaschismus. Das Apabiz arbeitet eng mit antifaschistischen Jugendgruppen, Bildungs-
trägern, Gewerkschaften und kulturellen Projekten zusammen.
Antifaschistisches Pressearchiv
undBildungszentrume.V.(Apabiz)
LausitzerStraße10
10999Berlin
http://www.apabiz.de
(030)6116249
Archiv der Jugendkulturen - Projekt: „New Faces“
ModellprojektzuaktuellemAntisemitismusinderEinwanderungsgesellschaft
Das Modellprojekt „New Faces“ setzt mit jugendkulturell ausgerichteten Workshops und multimedialen Werkstätten
an. Präventiv sowie in akuten Konflikten wird auf den aktuellen Antisemitismus unter gemischten Jugendgruppen,
aberauchunterErwachsenenreagiertundderVielschichtigkeitdesPhänomensRechnunggetragen.Eswirdmit
verschiedenen Methoden aus der politischen Bildungsarbeit sowie mit jugendkulturellen und medienpädagogischen
Ansätzen gearbeitet.
Archiv der Jugendkulturen e. V.
Fidicinstraße 3 | Haus D
10965Berlin
http://www.jugendkulturen.de/new-faces.
html
(030)6942934
Bildungsteam Berlin-Brandenburg
Bildungsprojekte zum Thema Diversity
Der Verein Bildungsteam Berlin Brandenburg e.V. konzipiert, plant und realisiert Bildungsprojekte zum Thema
Diversity. Weitere Schwerpunkte bilden die Bereiche Geschlechterverhältnisse, Sexualität, Migrationsgesellschaft,
Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus. Die Hauptzielgruppe des Bildungsteams sind bildungsbenachteilig-
te Jugendliche sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.
Bildungsteam Berlin-Brandenburg
Cuvrystraße20
10997Berlin
http://www.bildungsteam.de
(030)61076544
115
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Centrum Judaicum
Informationsstelle für jüdisches Leben
Die Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum hat die Aufgabe, die Geschichte der Juden in der Region Ber-
linaufzuarbeiten.EswillandieLeistungenderjüdischenBevölkerungerinnernunddasGedenkenandiejüdischen
Opferbewahren.EsarchiviertdieentsprechendenDokumente,arbeitetsieaufundpubliziertsie.Dazuarbeitetdie
Stiftung mit anderen jüdischen wie nicht-jüdischen Institutionen zusammen an wechselnden Ausstellungen zu jüdi-
scher Geschichte.
Stiftung Neue Synagoge Berlin –
Centrum Judaicum
OranienburgerStraße28/30
10117Berlin
http://www.centrumjudaicum.de
(030)88028300
„Geschichte in Bewegung“
AchtEinrichtungenderhistorisch-politischenBildungbietenWorkshop-ReihenfürSchulklassenan
Für viele Jugendliche ist der Unterricht über den Holocaust abgekoppelt von ihrer Lebenswelt, ohne Verbindung zur
Gegenwart. Daher hat das Berliner Netzwerk „Geschichte in Bewegung“ ein neues Angebot konzipiert. Das Netz-
werk bietet acht dreitägige integrierte Angebote an. Jede Sequenz ist einem Schwerpunktthema gewidmet und führt
Schüler/inneninmehrereHäuser.DreiTage–dreiOrte–dreiAnsätze.
GesichtZeigen!
Für ein weltoffenes Deutschland e.V.
Koppenstraße93
10243Berlin
http://www.geschichte-in-bewegung.de
(030)303080825
Getragen von Gesicht zeigen
Gesicht Zeigen - Ausstellung 7xjung
Künstlerische Ausstellung für Jugendliche zum Thema Nationalsozialismus
7xjung ist eine künstlerische Ausstellung, die in sieben Themenräumen heutige Lebenswelten von Jugendlichen
inszeniert und so persönliche, emotionale und sinnliche Zugänge zur Zeit des Nationalsozialismus schafft. Die Aus-
stellungisteinLernort,derErfahrungenvonAusgrenzung,AntisemitismusundDiskriminierungbehandelt–und
zeigt,wasmandagegentunkann.EswerdenProjekttagefürSchulklassenundJugendgruppenangeboten.
GesichtZeigen!
Für ein weltoffenes Deutschland e.V.
Koppenstraße93
10243Berlin
http://www.7xjung.de
(030)30308080
116
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Haus der Wannsee-Konferenz
Gedenk- und Bildungsstätte mit einer ständigen Ausstellung in den historischen Räumen der Wannsee-Konferenz
Neben der ständigen Ausstellung und einer Spezialbibliothek bietet das Haus der Wannsee-Konferenz differenzierte
pädagogischeAngebotefürJugendlicheundSchulklassen,fürErwachsenesowiefürMitgliedervonStudien-oder
Fachseminaren und Lehrerkollegien.
Haus der Wannsee-Konferenz
AmGrossenWannsee56-58
14109Berlin
http://www.ghwk.de
(030)8050010
Heroes
Projekt für Gleichberechtigung
IndemProjektengagierensichjungeMänneraus„Ehrenkulturen“gegendieUnterdrückungimNamenderEhre
und für die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern sowie gegen Antisemitismus. Sie setzen
sichinregelmäßigenTrainingsmitThemenwieEhre,Identität,GeschlechterrollenundMenschenrechtenausein-
anderundwerdenamEndederTrainingsphasezuanerkanntenHEROESzertifiziert,diedannwiederumWorkshops
für Schulklassen, Ausbildungsstätten oder Jugendeinrichtungen leiten.
Heroes
Hermannstraße 22
12049Berlin
http://www.heroes-net.de
(030)50918060
Infoportal Charlottenburg-Wilmersdorf
Erfassungrechter,rassistischer,antisemitischer,homo-undtransphoberEreignisse
KernaufgabedesInfoportalsistdieprofessionelleErarbeitungeinerChronologiezurErfassungrechter,rassisti-
scher,antisemitischer,homo-undtransphoberEreignisseinCharlottenburg-Wilmersdorf.Beteiligtsinddieanderen
RegisterstelleninBerlinunddieOpferberatungReachOut.
SJD - Die Falken Landesverband
Berlin
Schlossstr.19
14059Berlin
http://www.infoportal-cw.tk
(01575)7652025
117
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Jahresbericht zu Demokratieentwicklung – Register Marzahn-Hellersdorf
Dokumentation antisemitischer, rechtsextremer und rassistischer Vorkommnisse in Marzahn-Hellersdorf
Seit2008erstelltdiebezirklicheKoordinierungsstellefürDemokratieentwicklungamOrtderVielfaltMarzahn-
Hellersdorf(Polis*)einenJahresberichtzurDemokratieentwicklung(ehemalsRechtsextremismus-Verzeichnis)in
Marzahn-Hellersdorf, der alle Vorkommnisse im Zusammenhang mit antisemitischen, rechtsextremen und rassisti-
schenWahrnehmungenerfasst.DieaktuellenErgebnissewerdenjeweilsaufeinergemeinsamenPresse-Konferenz
mit den Registern von Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg, Pankow und Treptow-Köpenick vorgestellt.
Polis*
Alice-Salomon-Platz 3
12627 Berlin
http://www.mbt-ostkreuz.de/ostkreuz/
polis-/index.php
(030)99275096
GetragenvonMobilesBeratungsteam»Ostkreuz«
ju:an
Modellprojekt gegen Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit
Gemeinsam mit Jugendfreizeiteinrichtungen aus Berlin und Hannover entwickelt die Amadeu Antonio Stiftung mit
dem Modellprojekt „ju:an“ langfristige Strategien, um Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener
Menschenfeindlichkeit wirkungsvoll pädagogisch zu begegnen. Das Projekt richtet sich zum einen an pädagogische
FachkräfteausderJugendarbeitundzumanderenandiejungenEinrichtungsbesucher/innen,fürdie–undmit
denen!–bisMitte2014unterschiedlicheAktionenundProjekteumgesetztwerden.
Amadeu Antonio Stiftung
Linienstraße139
10115Berlin
http://www.projekt-ju-an.de
(030)24088610
Getragen von Amadeu Antonio Stiftung
Jüdische Gemeinde zu Berlin
Kulturelle und gesellschaftliche Vertretung jüdischen Lebens in Berlin.
Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist alsEinheitsgemeindeorganisiert,dieorthodoxe,konservativeundliberaleSyna-
gogenumfasst.Mitmehrals11.000Mitgliedern istdiejüdischeGemeindezuBerlindiegrößtejüdischeGemeindein
Deutschland. Sie bietet ihren Mitgliedern eine weit gefächerte jüdische Infrastruktur, die alles umfasst, was für ein
jüdischesreligiösesLebennotwendigist:NeunSynagogen,zweirituelleTauchbäder,mehrereSchulen,Erwachse-
nenbildung,Pflegeheim,betreutesWohnen,SeniorenwohnheimundeinambulanterPflegedienst.
Jüdische Gemeinde zu Berlin
OranienburgerStraße28-31
10117Berlin
http://www.jg-berlin.org
(030)880280
118
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost
EngagementfüreinengerechtenFriedenzwischenIsraelundPalästina
Die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” will über die Notwendigkeit und Möglichkeit eines gerechten
Friedens zwischen Palästina und Israel informieren und die Bundesregierung auffordern, ihre außenpolitischen und
ökonomischen Möglichkeiten im Interesse der Herstellung eines lebensfähigen, souveränen Staates Palästina auf
integriertem Hoheitsgebiet und innerhalb sicherer Grenzen zu nutzen und aktiv zur Verwirklichung eines dauerhaf-
ten und für beide Nationen lebensfähigen Friedens beizutragen.
Jüdische Stimme
für gerechten Frieden in Nahost
Greifswalder Straße 4
10405Berlin
http://www.juedische-stimme.de
(030)3962147
Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus
Bildungs-, Öffentlichkeits- und Kulturarbeit für Demokratie und gegen Antisemitismus
Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus ist ein gemeinnütziger Verein, der sich vor allem
durch Bildungs-, Öffentlichkeits- und Kulturarbeit der Stärkung des demokratischen Staatswesens als auch dem
KampfgegenAntisemitismuswidmet.ErberätbeiantisemitischenVorfällen,führteinunabhängigesMonitoring
durch, ist engagiert in der politischen Bildungsarbeit in Projekten, Veranstaltungen und im interreligiösen Dialog
und ist Ansprechpartner für Pressevertreter/innen.
Jüdisches Forum für Demokratie
und gegen Antisemitismus
Postfach040207
10061Berlin
http://jfda.de
(030)30875424
Jüdisches Museum Bildungsabteilung
Unterschiedliche Bildungsangebote für Kinder, Schüler/innen und Lehrer/innen
Die Bildungsabteilung des Jüdischen Museums bietet unterschiedliche Bildungsangebote für Kinder, Schüler/innen
und Lehrer/innen an. Neben thematisch ausgerichteten Führungen durch das Museum finden Workshops, Projekt-
tage und Lehrerfortbildungen statt. Auf der Homepage des Jüdischen Museums gibt es zudem Info- und Unter-
richtsmaterial sowie Lernangebote für Kinder.
Jüdisches Museum
Lindenstraße9-14
10969Berlin
http://www.jmberlin.de/ksl
(030)25993300
119
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.)
Zivilgesellschaftliche Initiative gegen Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft
KIgA e.V. gehört bundesweit zu den ersten zivilgesellschaftlichen Initiativen, die sich der Herausforderung gestellt
haben, Konzepte für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft zu
entwickeln.Seit2003erarbeitetdieKIgAmodellhafteundlebensweltlichorientiertepädagogischeAnsätzeund
Materialien für die schulische und außerschulische Bildung und behandelt die Bereiche Antisemitismusprävention,
Islamismusprävention und historisch-politische Bildung.
Kreuzberger Initiative
gegenAntisemitismus(KIgAe.V.)
Oranienstraße34
10999Berlin
http://www.kiga-berlin.org
(030)830309130
Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Gremium zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt in Berlin
Die Landeskommission Berlin gegen Gewalt als das zentrale Präventionsgremium des Landes Berlin hat das Ziel,
gemeinsam mit anderen Gewalt und Kriminalität in Berlin zu verringern. Gewalt- und Kriminalitätsprävention ist
nichtnureinestaatliche,sondernaucheinegesellschaftlicheAufgabe.Esgiltdaher,nebendemstaatlichenauch
dasEngagementgesellschaftlicherKräfteundvonBürgerinnenundBürgernweiterzuentwickelnbzw.zumobilisie-
ren und im Sinne gemeinsamer Verantwortung in aktive Präventionsarbeit umzusetzen.
Landeskommission Berlin gegen
Gewalt
Klosterstraße 47
10179Berlin
http://www.berlin.de/gegen-gewalt
(030)90223-2913oder-2040
Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM)
EinrichtungderLänderBerlinundBrandenburgfürdiegemeinsameBildungsregion
DasLandesinstitutfürSchuleundMedienBerlin-Brandenburg(LISUM)istAnsprechpartnerinSachenUnterrichts-,
Schul- und Personalentwicklung sowie für Medienbildung. Das LISUM ist bundesweit das einzige pädagogische
Landesinstitut, das für zwei Länder tätig ist. Berlin und Brandenburg wollen auf diese Weise Ressourcen in der Bil-
dungsregion bündeln, Synergieeffekte erzielen und so in wichtigen Feldern der Bildungspolitik eine Harmonisierung
der bestehenden Systeme anstreben.
Landesinstitut für Schule und Medien
Berlin-Brandenburg(LISUM)
Struveweg
14974Ludwigsfelde-Struveshof
http://www.lisum.berlin-brandenburg.de
(03378)2090
120
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Lichtenberger Register
Dokumentation rechtsextremer Aktivitäten im Bezirk Lichtenberg
Das Lichtenberger Register ist Teil der Netzwerkstelle Licht-Blicke, welche rechtsextreme Aktivitäten im Bezirk Lich-
tenbergregistriertunddokumentiert.InverschiedenenKategorienwerdenÜbergriffe,Bedrohungen,Propaganda
und Veranstaltungen aufbereitet und halbjährlich veröffentlicht. Das Register entsteht in Zusammenarbeit mit ei-
ner Vielzahl lokaler Initiativen und Akteure.
LICHT-BLICKE
Netzwerk für Demokratie
Ahrenshooper Straße 7
13051Berlin
http://www.licht-blicke.org/?page_id=110
(030)99270555
MAXIME Wedding
Interkulturelles Präventionsprojekt
MAXIMEWeddinggehtdenFragennach,wiesichdieDialogfähigkeitzwischenMenschenmitunterschiedlichem
kulturellem und religiösem Hintergrund befördern lässt, wie die Desintegration und Radikalisierung gefährdeter
Jugendlicher verhindert werden kann, und wie sich Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft abbauen lassen. Hierzu
werden interreligiöse Workshops, Anti-Gewalt- und Kompetenz-Trainings sowie Fortbildungen angeboten.
MAXIMEWedding
Interkulturelles Präventionsprojekt
Maxstraße20
13347 Berlin
http://www.violence-prevention-network.
de/projekte-mainmenu-37/maximewed-
ding
(030)54467779
Miphgasch (hebr.: „Begegnung“)
Verein zur Förderung interkultureller und internationaler Begegnungen zwischen jungen Menschen und Familien
Im Mittelpunkt der Arbeit von Miphgasch steht die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sowie mit
GeschichteundGegenwartvonAntisemitismusundRassismus.EswerdenProjekttagefürSchulklassenundJugend-
gruppen angeboten, bei denen junge Menschen eingeladen werden, sich aus neuen Perspektiven mit den Themen-
feldern Nationalsozialismus, Nahost und Religion auseinanderzusetzen.
Miphgasch/Begegnung e.V.
Samariterstraße 27
10247Berlin
http://www.miphgasch.de
(030)47474805
121
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus
Beratung und Unterstützung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus
DieMobileBeratunggegenRechtsextremismusBerlin(MBR)bietetalljenenBeratungundUnterstützungan,die
mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus konfrontiert sind und sich für die Stärkung demokratischer
Kultur einsetzen wollen. Unter Berücksichtigung der jeweiligen lokalen Gegebenheiten entwickelt die MBR gemein-
sammitdenMenschenvorOrtsituationsbezogeneHandlungsstrategien,informiertundbegleitetdieUmsetzung
von lokalen und integrierten Kommunalanalysen.
Mobile Beratung gegen Rechtsextre-
mismusBerlin(MBR)
Chausseestraße29
10115Berlin
http://www.mbr-berlin.de
(030)24045430
Getragen von VDK
Mobiles Beratungsteam ‚Ostkreuz‘ der Stiftung SPI
Mobile Beratung für Demokratieentwicklung, Menschenrechte und Integration der Stiftung SPI Berlin
»Ostkreuz«istdasMobileBeratungsteam(MBT)fürDemokratieentwicklung,MenschenrechteundIntegration
derStiftungSPIBerlin.DasMBT»Ostkreuz«berätundbegleitet,vernetztundqualifiziertlokaleAkteur/innen
undOrganisationenzuFragenundProblemstellungenimZusammenhangmitRechtsextremismus,Rassismus,
Antisemitismus, Islam- und Muslimfeindlichkeit, ethnozentriertem und bekenntnisbezogenem Kulturalismus und
Chauvinismus sowie Homophobie bzw. LSBTI-Feindlichkeit.
Stiftung Sozialpädagogisches Institut
„Walter May“
MobilesBeratungsteam»Ostkreuz«
Voltairestraße 3
10179Berlin
http://www.mbt-ostkreuz.de
(030)41725628
Getragen von SPI
Pankower Register
Dokumentation rassistisch, antisemitisch, homophob und rechtsextrem motivierter Angriffe, Vorfälle und Propa-
ganda
Das Pankower Register sammelt und dokumentiert rassistisch, antisemitisch, homophob und rechtsextrem mo-
tivierte Angriffe, Vorfälle und Propaganda für den Bezirk Pankow, um damit politisch und öffentlichkeitswirksam
arbeiten zu können. Das Register wird jährlich in der Bezirksverordnetenversammlung vorgestellt und einer breiten
ÖffentlichkeitüberVeranstaltungenundÖffentlichkeitsarbeitbekanntgemacht.EsbestehteinNetzwerkvonAn-
laufstellen, bei denen Vorfälle gemeldet werden können und Betroffene sowie Zeug/innen Unterstützung erfahren.
[moskito]–Netzwerkstellegegen
Rechtsextremismus
FehrbellinerStr.92
10119Berlin
http://www.pankower-register.de
(030)4437179
Getragen von Pfefferwerk
122
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Polizei
Kriminalprävention unter anderem zu Antisemitismus
Die Zentralstelle für Prävention der Polizei Berlin nimmt sowohl strategisch-konzeptionelle Grundsatz- und Koor-
dinationsaufgaben als auch operative Aufgaben im Bereich der Kriminalprävention wahr. Neben Themenbereichen
wieCybersicherheit,Extremismus,Opferschutzundweiteren,gehörtAntisemitismuszumBereichderPräventions-
arbeit der Polizei Berlin
Landeskriminalamt
LKA Präv
Zentralstelle für Prävention
Platz der Luftbrücke 6
12101Berlin
http://www.berlin.de/polizei
/praevention/index.html
(030)46640
ReachOut
BeratungsstellefürOpferrechter,rassistischerundantisemitischerGewaltinBerlin
NebenderUnterstützungundBeratungfürOpferrechter,rassistischerundantisemitischerGewaltunterstütztund
berätReachOutauchAngehörige,Freund/innenderOpferundZeug/inneneinesAngriffs.DieSituationunddiePer-
spektivederOpferrassistischer,rechterundantisemitischerGewaltstehenimZentrumderArbeit.ReachOutbietet
zudem antirassistische, interkulturelle pädagogische Programme an und recherchiert rechtsextreme, rassistische
und antisemitische Angriffe in Berlin und veröffentlicht dazu eine Chronik.
ReachOut
Oranienstraße159
10969Berlin
http://www.reachoutberlin.de
(030)69568339
Register Berlin
Zusammengeführte Darstellung der unterschiedlichen Registerstellen Berlins
Register sind Dokumentationen von rassistisch, antisemitisch, lbgtiq-feindlich, antiziganistisch, rechtsextrem und
anderen diskriminierend motivierten Vorfällen, die sich in den Berliner Stadtbezirken ereignen. Diese Vorfälle wer-
den von Bürger/innen bei verschiedenen Anlaufstellen, die über die Bezirke verteilt sind, gemeldet und an die Koor-
dinierungsstellen der Register weitergeleitet. Dort werden sie gesammelt, ausgewertet und veröffentlicht.
Kati Becker
Ariba e. V.
Oranienstr.159
10969Berlin
http://www.berliner-register.de
(0152)04425746
123
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Register Friedrichshain-Kreuzberg
Dokumentationvonrassistischen,rechtsextremen,antisemitischen,homophobenundähnlichenEreignissen
DasRegistererfasstEreignissemitrassistischen,rechtsextremen,antisemitischen,homophobenoderähnlichen
HintergründeninFriedrichshain-Kreuzberg,dievonBürger/innenundProjektpartnerngemeldetwerden.Esergänzt
behördlicheStatistiken,weilesauchEreignisseeinbezieht,dienichtzurAnzeigegebrachtwurdenoderkeinestraf-
rechtliche Relevanz besitzen. Recherche und Auswertung finden in enger Zusammenarbeit mit der Mobilen Bera-
tunggegenRechtsextremismus(MBR)undderOpferberatungsstelleReachOutBerlinstatt.
Initiative gegen Rechts
und Register Fh-Kb
Kreutzigerstr. 23
10247Berlin
http://www.register-friedrichshain.de
(030)74078831
Register Treptow-Köpenick
Erfassungrassistischer,antisemitischer,rechtsextremerunddiskriminierenderVorfälleinTreptow-Köpenick
SeitNovember2007erfasstdasRegisterrassistische,antisemitische,rechtsextremeunddiskriminierendeVorfälle
inTreptow-Köpenick.ÜberdieengeZusammenarbeitmitanderenInitiativenundOrganisationenwerdennicht
nur Vorfälle gemeldet, sondern es ist auch möglich, auf diese zu reagieren, Protest und Solidarität zu organisieren,
Gleichgesinnte zusammenzubringen oder Betroffene zu unterstützen. Das Register beschreibt zwar in erster Linie
dieEntwicklungderrechtsextremenSzene,aberistaucheinSprachrohrfürjeneMenschen,dieAusgrenzungund
Gewalt erfahren.
Koordinierungsstelle Register
c/oVillaOffensiv
HasselwerderStr.38-40
12439Berlin
http://berliner-register.de/treptow-koe-
penick
(030)65487293
Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage
Projekt von und für Schüler/innen gegen alle Formen von Diskriminierung
SchuleohneRassismus-SchulemitCourage(SOR-SMC)isteinProjektvonundfürSchüler/innen,diegegenalle
Formen von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, aktiv vorgehen und einen Beitrag zu einer gewaltfreien,
demokratischenGesellschaftleistenwollen.AufInitiativevonSchüler/innenkanneineSchulezueinerSOR-SMC
werden,wenndieInitiator/innendieUnterschriftenvonmindestens70%allerdirektenAngehörigenihrerSchule
sammeln.
Schule ohne Rassismus - Schule mit
Courage
Ahornstraße 5
10787Berlin
http://www.schule-ohne-rassismus.org
(030)2145860
124
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
tacheles reden! e.V.
Verein gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus
„Tachelesreden!“betreibtpolitischeBildungsarbeitundAufklärungüberStrukturenundMechanismendesAntise-
mitismus, um langfristig gegen einen rechten Mainstream in der Gesellschaft anzuarbeiten. Der Verein organisiert
Veranstaltungen(Vorträge,Filmvorführungen,Ausstellungen,schulischeundaußerschulischeProjekte),diedas
Fortleben der nationalsozialistischen Ideologie thematisieren und versucht, Handlungs- und Aktionswege gegen
jede Ausdrucksform von Autoritarismus, Nationalismus und Diskriminierung zu vermitteln.
tachelesreden!e.V.
FrankfurterAllee100
10247Berlin
http://www.tacheles-reden.de
„Taskforce Education on Antisemitism“
NetzwerkvonunabhängigenProjekten,InstitutionenundEinzelpersonengegenAntisemitismus
DieTaskForceEducationonAntisemitismbeimAmericanJewishCommitteeisteinNetzwerkvonunabhängigen
Projekten,InstitutionenundEinzelpersonen,diesichinderpädagogischenPräventionundBearbeitungvonAntise-
mitismus engagieren. Rückgrat der Arbeit sind die ca. alle sechs Wochen stattfindenden Veranstaltungen, in denen
über die eigene Arbeit reflektiert wird.
Leipziger Platz 15
Mosse Palais
10117Berlin
http://www.ajc-germany.org/de/
taskforce-education-antisemitism
(030)2265940
Getragen von AJC
ufuq
Publizistische,wissenschaftlicheundpädagogischeArbeitzurGestaltungder„EinbürgerungdesIslam“
Im Verein ufuq.de arbeiten Islam- und Sozialwissenschaftler/innen an der Schnittstelle von Wissenschaft, Medien,
Jugendkultur und pädagogischer Praxis zum Thema „Islam in Deutschland“. Ufuq.de bietet Informationen zu isla-
mischen Jugendkulturen sowie arabischen und türkischen Medien, außerdem Beratung, Fortbildungen und Materi-
alien für Multiplikator/innen und nicht zuletzt politische Bildung mit muslimischen Jugendlichen gegen demokra-
tiefeindlicheEinstellungen.
ufuq.de
Wissmannstraße20
12049Berlin
http://www.ufuq.de
(030)98341051
125
Antisemitismus als Problem und Symbol — Anlaufstellen
Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK)
Träger verschiedener Projekte gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus
DerVereinfürDemokratischeKulturinBerline.V.(VDK)istTrägerderMobilenBeratunggegenRechtsextremismus
Berlin(MBR)unddesProjektsAuseinandersetzungmitRechtsextremismusinkommunalenGremienBerlins–Doku-
mentation und Analyse. Aus der Arbeit der MBR heraus sind weitere Projekte zu Antisemitismus sowie zu Rechtsex-
tremismus in den Bezirksverordnetenversammlungen entstanden.
MBR
Chausseestraße29
10115Berlin
http://www.mbr-berlin.de/uber-uns/tra-
gerverein
(030)24045430
TrägervonAmiraundMobileBeratunggegenRechtsextremismusinBerlin(MBR)
Verfassungsschutz Berlin
Nachrichtendienst des Landes Berlin
Der Verfassungsschutz Berlin ist der Nachrichtendienst des Landes Berlin. Seine Aufgabe ist es, Gefahren für die
freiheitliche demokratische Grundordnung sowie den Bestand des Bundes und der Länder zu identifizieren, darüber
zu informieren und Gegenmaßnahmen zu ermöglichen. Der Tätigkeitsbereich des Verfassungsschutzes Berlin um-
fasstauchdieBeobachtungantisemitischerGruppenundEinzelpersonen.
Verfassungsschutz Berlin
Klosterstr. 47
10179Berlin
www.verfassungsschutz-berlin.de
(030)901290
ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH
UnabhängigeBeobachtungs-undBeratungsstellefürMenschenrechteundgegenExtremismus
Die ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH ist bundesweit für die Würde, Freiheit und Rechte jedes Men-
schenineinerMenschenrechtenverpflichtetenOrdnungtätig.DieAngebotederZDKdienendemSchutzvorfrei-
heitsfeindlichem Handeln. Als unabhängige Beobachtungs- und Beratungsstelle dokumentiert und analysiert die
ZDK Bestrebungen gegen die Menschenwürde und Freiheitsrechte, organisiert Veranstaltungen, bietet Aussteiger/
innen-ProgrammegegenExtremismusanundführtBeratungenundCoachingsdurch.
ZDK Gesellschaft Demokratische
Kultur gGmbH
BürogemeinschaftEbertystr.
Ebertystraße46
10249Berlin
www.zentrum-demokratische-kultur.de
(030)42018690
126
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Titel Aktiv gegen Antisemitismus
Herausgeber AmericanJewishCommittee(AJC),SenatsverwaltungfürBildung,WissenschaftundForschung
(SenBildWiss),LandesinstitutfürSchuleundMedien(LISUM)
Jahr 2010
Beschreibung „Aktiv gegen Antisemitismus“ ist ein Bildungsprogramm zur Sensibilisierung und Motivation von
Kindern und Jugendlichen, aktiv gegen Antisemitismus und für ein auf gegenseitigem Respekt
basierendes Miteinander einzutreten.
Bezug Bestellenbei:LandesinstitutfürSchuleundMedien(LISUM)Berlin-Brandenburg,Struveweg,
14974Ludwigsfelde-Struveshof.
Titel „Alle Juden sind…“ – 50 Fragen zum Antisemitismus
Herausgeber AnneFrankHaus(Amsterdam)
Verlag Verlag an der Ruhr
Jahr 2005
Beschreibung In Form von Fragen und Antworten klärt das Buch über zentrale judenfeindliche Stereotype auf
undgibtEinsichtindaskomplexeProblemdesAntisemitismusvonseinerEntstehungbisheute.
Bezug Bestellen unter: http://www.annefrank.de/onlineshop
Titel „Anne Franks Geschichte“ für interaktive Whiteboards
Herausgeber AnneFrankZentrum(Berlin),AnneFrankHaus(Amsterdam)
Beschreibung UnterrichtsmaterialfürdenGeschichts-,Sach-,Deutsch-,Religions-oderEthikunterrichtder
Klassen 5 und 6 idealerweise zur Vorbereitung eines Ausstellungsbesuchs.
Link Download: http://www.annefrank.de/projekte-angebote/materialien/whiteboard
Titel Antisemitismus – ein gefährliches Erbe mit vielen Gesichtern. Handreichung zu Theorie und Praxis
Herausgeber Detzner, Milena; Drücker, Ansgar
Verlag Informations-undDokumentationszentrumfürAntirassismusarbeite.V.(IDA)
Jahr 2013
Beschreibung Reader für Multiplikator/innen in der Jugend- und Bildungsarbeit
Bezug Bestellen unter: http://www.idaev.de/publikationen/bestellformular
Titel Antisemitismus als Problem in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit
Herausgeber Brühl, Christian; Meier, Marcus
Jahr 2014(3.Auflage)
Beschreibung Pädagogische und didaktische Handreichungen für Multiplikatoren und Multiplikatorinnen
Bezug Bestellen unter:
http://www.mbr-koeln.de/materialien/ibs-veroeffentlichungen/bestellformular
Titel Bausatz – Das Hinterhaus
Herausgeber AnneFrankZentrum(Berlin)
Beschreibung Bausatz des Verstecks von Anne Frank für die Klassenstufen 5 bis 7. Der Bausatz soll helfen, sich
das Versteck und die Lebenssituation der acht Untergetauchten plastisch vorstellen zu können.
ErgänzendzumBausatzkönnenUnterrichtsmaterialienaufderHomepagedesAnneFrankZent-
rums heruntergeladen werden.
Bezug Bestellen und Download unter:
http://www.annefrank.de/projekte-angebote/materialien/bausatz
9.4 Materialien für die Bildungsarbeit
127
Antisemitismus als Problem und Symbol — Materialien
Titel Berlin schaut hin. Das Landesprogramm gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitis-
mus
Herausgeber Der Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration (Senatsverwaltung für
Integration,ArbeitundSoziales)
Jahr 2011
Beschreibung Broschüre zum Berliner Landesprogramm gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemi-
tismus. Das Landesprogramm ist ein Förderprogramm angesiedelt bei der LADS.
Bezug Download: http://www.berlin.de/lb/ads/sub/demokratie/konzept/progr
Titel Berliner Forum Gewaltprävention
Herausgeber LandeskommissionBerlingegenGewalt(SenatsverwaltungfürInneresundSport)
Jahr Seit1999
Beschreibung InunregelmäßigenAbständenerscheinendePublikation.EswerdenunterschiedlicheThemen-
komplexe behandelt sowie Tagungen, Wettbewerbe und andere Veranstaltungen der Landeskom-
mission Berlin gegen Gewalt dokumentiert, die in Zusammenarbeit mit den Kooperationspart-
nern und Förderern durchgeführt werden.
Link Download: http://www.berlin.de/lb/lkbgg/publikationen/berliner-forum-gewaltpraevention
Titel Berliner Zustände. Ein Schattenbericht über Rechtsextremismus und Rassismus
Herausgeber Apabiz e.V.; Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin
Jahr Seit2006Jährlich
Beschreibung Jährlicher Bericht zu wesentlichen Tendenzen von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemi-
tismus
Link Download:
http://www.mbr-berlin.de/materialien/publikationen-handreichungen/berliner-zustande
Titel Bildung im Spannungsfeld von islamistischer Propaganda und Muslimfeindlichkeit – eine Work-
shopreihe mit Jugendlichen
Herausgeber KreuzbergerInitiativegegenAntisemitismus(KIgAe.V.)
Jahr 2012
Beschreibung Die Broschüre dokumentiert eine Workshopreihe für Jugendliche, die sich dem komplexen Span-
nungsfeld zwischen islamistischer Propaganda und Muslimfeindlichkeit widmete.
Bezug Download: http://www.kiga-berlin.org
Titel Das offene Schweigen. Zu Fallstricken und Handlungsräumen rassismuskritischer Bildungs- und
Sozialarbeit
Herausgeber Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.
Jahr 2012
Beschreibung DieBroschüredokumentiertdiewichtigstenInformationenundErgebnissedergleichnamigen
Tagung. Die Beiträge legen ihren Schwerpunkt auf eine kritische Analyse in Hinblick auf die The-
matisierung von Antisemitismus und Rassismus in der Bildungs- und Sozialarbeit sowie inner-
halb der Gesellschaft.
Bezug Download: http://www.anti-bias-werkstatt.de/sites/default/files/broschuere-das-offene-schwei-
gen.pdf
128
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Titel Demokratie gemeinsam erleben. Hands Across the Campus. Eine Handreichung für Multiplikato-
ren
Herausgeber American Jewish Committee, LISUM, RAA Brandenburg
Jahr 2008
Beschreibung Die Handreichung für Multiplikatoren möchte durch vielfältige Programmeinheiten Demokratie
als ganzheitliche Lebenskultur erlebbar machen.
Link Download:
http://www.raa-brandenburg.de/Portals/4/media/UserDocs/HANDS_RZ_PDF_ANSICHT.pdf
Titel „Die Judenschublade – junge Juden in Deutschland“ – Ein Dokumentarfilm mit Arbeitsmaterialien
Autor/innen Gorelik, Lena; Mehring-Fuchs, Margarethe; Weber, Larissa
Herausgeber AnneFrankZentrum(Berlin),AnneFrankHaus(Amsterdam)
Verlag Lingua Video
Jahr 2005
Beschreibung Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. Zielgruppe sind Jugendliche
zwischen14und19Jahren
Bezug Bestellen(mitCD)unter:http://www.annefrank.de/onlineshop
Titel Die Wannsee-Konferenz als Unterrichtsgegenstand. Anregungen und Dokumente für die Sekun-
darstufe II
Autor/innen Kaiser, Wolf
Herausgeber Haus der Wannseekonferenz – Gedenk- und Bildungsstätte
Jahr 2012
Beschreibung Handreichung für Pädagoginnen und Pädagogen zur Arbeit mit Schüler/innen der Sekundarstufe
II mit entsprechenden Dokumenten.
Bezug Download: http://www.ghwk.de
Titel Ein Schmuggelfund aus dem KZ – Erinnerung, Kunst & Menschenwürde. Projektmappe für einen
fächerübergreifenden Unterricht
Autor/innen Jaiser, Constanze; Pampuch, Jacob David
Herausgeber Haus der Wannsee-Konferenz
Verlag Metropol-Verlag
Jahr 2012
Beschreibung DieProjektmappeisteinAngebotfürdieSekundarstufeabKlassenstufe9undbehandeltdie
Lebensbedingungen in historischen Konzentrationslagern sowie das generelle Thema „Men-
schenwürde“.
Bezug ZubeziehenüberdenBuchhandel:ISBN978-3-86331-073-8
Titel „Entdecke das Haus“ – Modul für interaktive Whiteboards
Herausgeber Anne Frank Haus
Beschreibung DigitalesUnterrichtsmaterialfürdieKlassen5und6ermöglichtdieErkundungdesAmsterda-
merHinterhauses,indemsichAnneFrankundsiebenweitereMenschenvon1942bis1944vor
den Nationalsozialisten versteckten.
Link Download: http://www.annefrank.de/projekte-angebote/materialien/whiteboard-modul-ent-
decke-das-haus
129
Antisemitismus als Problem und Symbol — Materialien
Titel Fiktion als Wahrheit: israelbezogener Antisemitismus in Film und Internet; Handreichung zur
Mediennutzung in heterogenen Jugendgruppen und Milieus am Beispiel des Spielfilms „Tal der
Wölfe – Palästina“
Autor/innen Thoma, Hanne; Seidel, Ingolf; Banse, Christian
Herausgeber AJCAmericanJewishCommitteeBerlinOffice;TaskforceEducationonAntisemitism
Jahr 2012
Beschreibung Anliegen dieser Handreichung ist es, sich anhand des exemplarischen Bezugs auf „Tal der Wölfe –
Palästina“ grundsätzlicher mit der Thematik des Transfers von israelbezogenem Antisemitismus
via Medien zu beschäftigen.
Bezug EinsehbarindenBibliothekendesZentrumsfürAntisemitismusforschungunddesHausesder
Wannseekonferenz.
Titel Film ab! Clips gegen Antisemitismus: Methoden für die pädagogische Arbeit
Herausgeber ver.di Jugendbildungsstätte BerlinKonradshöhee.V.;Volpert,Tatjana
Jahr 2014
Beschreibung MethodensammlungfürLehrer/innenundBildungsarbeiter/innen;geeignetfürdenEinsatzin
derMittel-undOberstufeebensowieinderaußerschulischenBildungsarbeit.
Bezug Bestellenunter:[email protected]
Titel Filme gegen Antisemitismus?! Dokumentar- und Spielfilme als Mittel in der Pädagogik gegen Ju-
denfeindschaft – Erfahrungen aus der Projektarbeit
Herausgeber Amadeu Antonio Stiftung, BildungsBausteine Berlin-Brandenburg, Kreuzberger Initiative gegen
Antisemitismus(KIgA)
Link Download:
http://www.conact-org.de/downloads/andere_news/Was_tun_gegen_Antisemitismus_Bei-
trag_2010.pdf
Titel Filmpaket „Wie wollen wir leben?“
Autor/innen Müller,Jochen;Nordbruch,Götz;Yağcı,Nalan;Ünlü,Deniz;Omar,Jenny
Herausgeber Ufuq.de; HAW Hamburg
Jahr 2013
Beschreibung Materialien, Methoden und Anregungen für Pädagog/innen in Schule und Jugendarbeit zu den
Themen Religion und Alltag, Scharia und Geschlechterrollen, Islamfeindlichkeit und Rassismus,
Propaganda im Internet, Demokratie und Salafismus
Bezug Bestellen unter: http://ufuq.de
Titel Fit machen für Demokratie: Ein Grundwerte-Curriculum „Hands for Kids“
Herausgeber LISUM,AmericanJewishCommittee(AJC),RAABrandenburg,DeGeDe
Verlag Monsenstein und Vannerdat
Jahr 2012
Bezug Bestellenbei:JewishCommittee(AJC),LandesinstitutfürSchuleundMedienBerlin-Brandenburg
(LISUM),DeutscheGesellschaftfürDemokratiepädagogik,LandesverbandBerlin-Brandenburg
(DeGeDe).
Buchhandel:ISBN978-3-940987-61-7
130
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Titel Fixiert. Fotografische Quellen zur Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa –
Eine pädagogische Handreichung.
Autor/innen Kreutzmüller, Christoph; Werner, Julia
Herausgeber Haus der Wannsee-Konferenz
Verlag Hentrich & Hentrich
Jahr 2012
Beschreibung Pädagogische Handreichung zur Arbeit mit Fotos im Unterricht.
Bezug Buchhandel:ISBN978-3-942271-60-8
Titel GeschichteN teilen. Dokumentenkoffer für eine interkulturelle Pädagogik zum Nationalsozia-
lismus
Autorinnen Ehricht,Franziska;Gryglewski,Elke
Herausgeber Miphgasch/Begegnung e.V., Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Verlag Haus der Wannsee-Konferenz
Jahr 2009
Beschreibung ArchivmaterialüberdieErfahrungenvonMenschenimNationalsozialismusundbisherkaum
beachtete Zusammenhänge der nationalsozialistischen Geschichte in thematischen Mappen
mit Fotos, Berichten von Zeitzeugen und historischen Dokumenten; für die schulische und
außerschulische historisch-politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen aller Schultypen ab
Klasse9;Umfang:10Themenordner,Begleitheft,CD-Rom
Bezug Buchhandel:ISBN978-3-9808517-9-4
Oderbestellenunter:[email protected],Tel.:030/805001-0.
Titel Geschichtscomic „Die Suche“
Autor/innen Heuvel,Eric;vanderRol,Ruud;Schippers,Lies
Herausgeber Anne Frank Haus
Jahr 2007
Beschreibung EinlebensweltlicherZugangzuhistorischemAntisemitismusunddernationalsozialistischen
Judenverfolgung.
Bezug Comic und Begleitmaterial zu bestellen unter: http://www.annefrank.de/onlineshop
Titel Handbuch Islam & Schule. Ein Handbuch für Pädagoginnen und Pädagogen
Herausgeber Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
Jahr 2014
Beschreibung Das Handbuch bietet Strategien und Informationen für Pädagoginnen und Pädagogen, um
sich mit dem Thema Islam im schulischen Kontext auseinanderzusetzen.
Bezug Bestellen unter: http://www.schule-ohne-rassismus.org
Titel Kritik oder Antisemitismus? – eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezo-
genem Antisemitismus
Herausgeber Amadeu Antonio Stiftung
Beschreibung DieBroschüreistTeildesModellprojektes„israelbezogenerAntisemitismusinOst-und
Westdeutschland. Aktionswochen gegen Antisemitismus“ der Amadeu Antonio Stiftung
Link Download:http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aas-israel-2012.pdf
131
Antisemitismus als Problem und Symbol — Materialien
Titel Linke, Nahostkonflikt, Antisemitismus. Wegweiser durch eine Debatte. Eine kommentierte
Bibliographie
Autor Peter Ullrich
Herausgeber Rosa-Luxemburg-Stiftung,ANALYSEN,PolitischeBildung
Jahr 3.Auflage2014
Beschreibung Ziel dieser kommentierten Bibliografie ist es, zu einer Versachlichung der Diskussion bei-
zutragen. Sie will den einseitigen Positionen, schablonenhaften Schuldzuschreibungen und
ritualisierten Phrasen komplexere Perspektiven entgegensetzen, Zugang zu Hintergrund-
wissenund«Fakten»sowiezudenBedingungenermöglichen,diedieseerstzusolchen
machen,undsomitAnregungenzur(selbst-)kritischenReflexiongeben.DiewichtigstenVer-
öffentlichungen zur Thematik werden dafür kurz vorgestellt. Verweise zu Kurztexten sollen
die Nutzung für die Bildungsarbeit erleichtern.
Bezug Download:
http://www.rosalux.de/publication/38659/linke-nahostkonflikt-antisemitismus.html
Titel »Man Wird Ja Wohl Israel Noch Kritisieren Dürfen … ?!« Über legitime Kritik,
israelbezogenen Antisemitismus und pädagogische Interventionen
Herausgeber Amadeu Antonio Stiftung
Jahr 2012
Beschreibung Broschüre über legitime Kritik, israelbezogenen Antisemitismus und pädagogische Interven-
tionen
Bezug Download: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de
Titel Materialien für Schulen – Lernen und Lehren mit dem Museum
Herausgeber Jüdisches Museum Berlin
Jahr Band1:2004;Band2:2006;Band3:2009
Beschreibung Pädagogische Arbeitsmaterialien für Schulen in drei Bänden. Band 1 „Kommentierte Doku-
mente zur Geschichte der Juden im Nationalsozialismus“. Band 2 „Kommentierte Quellen
zur Jüdischen Lebenswelt“. Band 3 „Kommentierte Dokumente zur Geschichte der Juden im
19.Jahrhundert.DeutscheundJudenzugleich“
Bezug Bestellen unter: http://www.jmberlin.de
Titel Menschenrechtsbildung in KZ-Gedenkstätten?
Herausgeber Haus der Wannsee-Konferenz
Verlag Deutsche Vereinigung für Politische Bildung - NW e.V.
Jahr 2012
Beschreibung DieseAusgabederZeitschriftPolitischesLernen(Nr.3-4/2012)richtetsichanLehrkräfteder
Fächer Politik und Geschichte und behandelt die Frage, inwieweit an Gedenkstätten, insbe-
sondere KZ-Gedenkstätten, Menschenrechtsbildung betrieben werden kann und soll.
Bezug DieZeitschriftkanninBibliothekenentliehenwerden.ISSN0973-2946
132
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Titel „Nicht durch formale Schranken gehemmt“. Ein neues didaktisches Buch zur Geschichte der
Polizei im Nationalsozialismus
Autor/innen Kaiser,Wolf;Köhler,Thomas;Gryglewski,Elke
Herausgeber Haus der Wannsee-Konferenz
Verlag Bundeszentrale für politische Bildung
Jahr 2012
Beschreibung Unterrichts- und Arbeitsbuch zur Geschichte der deutschen Polizei im Nationalsozialismus.
Das Material kann sowohl für die Aus- und Fortbildung von Polizist/innen an den Fachhoch-
schulen und Fortbildungszentren der Länder als auch an Universitäten und Schulen einge-
setzt werden.
Bezug Bestellen unter: http://www.bpb.de/shop
Titel Pädagogische Ansätze zur Bearbeitung von Antisemitismus. Die Ergebnisse des Modellpro-
jekts „amira – Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus“
Herausgeber VereinfürDemokratischeKulturinBerline.V.(VDK);amira–AntisemitismusimKontextvon
Migration und Rassismus
Jahr 2010
Beschreibung In dreijähriger Zusammenarbeit entwickelte Zugänge und Methoden für eine nicht stigmati-
sierende Bearbeitung von Antisemitismus bei Jugendlichen vor allem mit türkischem, kurdi-
schem und arabischem Migrationshintergrund.
Bezug Download: http://amira-berlin.de
Titel Perspektivwechsel. Theoretische Impulse – Methodische Anregungen
Herausgeber ZentralwohlfahrtsstellederJudeninDeutschlande.V.(ZWST)
Jahr 2010
Beschreibung DieBroschüregibtAkteurenausderJugend(bildungs)arbeitInformationenundMethoden
zumUmgangmitDiskriminierungundVorurteilenandieHand.Einleitendfindensichtheo-
retische Grundlagen des Anti-Bias-Ansatzes und methodisch-didaktische Grundprinzipien
des Projektes.
Bezug Download: http://www.zwst-perspektivwechsel.de/pdf/pw-broschuere-methodenbuch-web.pdf
Titel Schule ohne Rassismus Handbuch 1 & 2
Herausgeber Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
Jahr 2003
Beschreibung Die beiden Handbücher für Grund- und Sekundarstufe beschäftigen sich mit den vielfältigen
Formen von Diskriminierung, insbesondere mit Rassismus.
Bezug Bestellen unter: http://shop.jugendkulturen.de
Titel Themenblätter im Unterricht/Nr.93: Antisemitismus
Autor Patrick Pilarek
Herausgeber Bundeszentrale für politische Bildung/bpb
Jahr 2014(2.Auflage)
Beschreibung Im Themenblatt „Antisemitismus“ wird kurz und knapp die lange Geschichte der Judenfeind-
lichkeit und ihre katastrophalen Folgen thematisiert. Auf dem doppelseitigen Arbeitsblatt
werden Argumentationsmuster des Antisemitismus veranschaulicht, indem konkrete Bei-
spiele und Vorfälle zur Diskussion gestellt werden. Ziel des Unterrichts sollte sein, zu Sensi-
bilität im Alltag zu motivieren.
Bezug Bestellen unter: http://www.bpb.de/shop
Download: http://www.bpb.de/shop/lernen/themenblaetter/126535/antisemitismus
133
Antisemitismus als Problem und Symbol — Materialien
Titel Themenheft: „Fatma ist emanzipiert, Michael ein Macho!?“
Herausgeber Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
Jahr 2012
Beschreibung ImThemenheft:„Fatmaistemanzipiert,MichaeleinMacho!?GeschlechterrollenimWan-
del“ gehen Jugendliche aus ganz Deutschland der Frage nach: „Wie wollen wir im Land der
Vielfaltzusammenl(i)eben?“IhreReportagen,InterviewsundPorträtsbietenungewöhnliche
EinblickeininterkulturelleLebenswelten.SiebehandelnFragenderLust,derindividuellen
Freiheit,derMoralundderVerantwortung.WeitereThemensinddieGeschichtederEmanzi-
pation, das umkämpfte Recht auf Selbstbestimmung und die Liebe in Zeiten der Migration.
Bezug Bestellen unter: http://www.schule-ohne-rassismus.org
Titel Themenheft: „Islam & Ich“
Herausgeber Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
Jahr 2012
Beschreibung Das Themenheft „Islam & Ich“ informiert über buntschillernde Szenerien des jugendlichen
muslimischen Lifestyles und die vielfältige Musik, die sich auf den Islam bezieht. Weitere
KapitelermöglicheneinentieferenEinblickindieWeltdesRessentimentsundderGewalt
der Muslimhasser, der radikalen Islamisten und der terroristischen Dschihadisten.
Bezug Bestellen unter: http://www.schule-ohne-rassismus.org
Titel Themenheft: „Rassismus. Erkennen & Bekämpfen“
Herausgeber Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
Jahr 2013
Beschreibung DasThemenheftinformiertüberdieEntstehung,dieGeschichteunddieheutigenFormen
desRassismus.EsthematisiertdenalltäglichenRassismusindenMedien,Behörden,inder
Schule und will dazu beitragen, rassistische Denk- und Argumentationsmuster zu erkennen
und eindeutig beim Namen zu nennen.
Bezug Bestellen unter: http://www.schule-ohne-rassismus.org
Titel Unterrichtsmaterialien und Lehrkräftehandreichung „Antisemitismus in Europa“
Herausgeber AnneFrankHaus(Amsterdam),OrganisationfürSicherheitundZusammenarbeitinEu-
ropa(OSZE),BundeszentralefürpolitischeBildung(bpb),ZentrumfürAntisemitismusfor-
schung
Verlag BundeszentralefürpolitischeBildung(bpb)
Jahr 2008
Beschreibung Bestehend aus drei Bausteinen sollen die Unterrichtsmaterialien Lehrkräfte dabei unter-
stützen,europäisch-jüdischeGeschichtezuvermittelnundüberEntstehung,Traditionen
undStereotypederJudenfeindschaftvomMittelalterbisheuteaufzuklären.Entwickelt
wurdendieMaterialienfürdieschulischeBildungsarbeitabKlasse9sowiefürdieaußer-
schulischeBildungsarbeit.EineergänzendeHandreichungfürPädagoginnenundPäda-
gogen enthält wichtige Hintergrundinformationen sowie weiterführende Literatur- und
Materialhinweise.
Bezug Bestellen unter: http://www.bpb.de/shop
134
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Titel Verfassungsschutzbericht
Herausgeber Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Abteilung Verfassungsschutz
Jahr Jährlich
Beschreibung AktuelleEntwicklungenindenBeobachtungsfeldernRechtsextremismus,Linksextremismus,
Islamismus und Ausländerextremismus sowie in den Bereichen Wirtschaftsschutz und Spio-
nage
Bezug Download: http://www.berlin.de/sen/inneres/verfassungsschutz
Titel Von Anne Frank zum Nahostkonflikt? – Zur Auseinandersetzung mit historischem und aktu-
ellem Antisemitismus. Entwicklung pädagogischer Materialien. Projektdokumentation 2007-
2010
Herausgeber AnneFrankZentrum(Berlin)
Jahr 2010
Beschreibung DokumentationdesModellprojekts„EntwicklungundErprobungeinesMaterialpaketszur
AuseinandersetzungmithistorischemundaktuellemAntisemitismus“von2007bis2010.
Bezug Download: http://www.annefrank.de
Titel Widerspruchstoleranz – Ein Theorie-Praxis-Handbuch zu Antisemitismuskritik und Bildungs-
arbeit
Herausgeber KreuzbergerInitiativegegenAntisemitismus(Kigae.V.)
Jahr 2013
Beschreibung Die KIgA verknüpft mit diesem Handbuch Analyse und Hintergrundwissen mit pädagogi-
schen Praxishilfen. So sollen Unsicherheiten abgebaut und die Thematisierung von Antise-
mitismus an Schulen ermöglicht werden.
Link Download:http://www.kiga-berlin.org/uploads/KIgA_Widerspruchstoleranz_2013.pdf
Titel Woher kommt der Judenhass? Was kann man dagegen tun? Ein Bildungsprogramm
Herausgeber BildungsteamBerlin-Brandenburge.V./TachelesReden!e.V
Verlag Verlag an der Ruhr
Jahr 2007
Beschreibung Handreichung für pädagogische Fachkräfte mit Methoden und Konzepten für die Schule und
dieJugend-undErwachsenenbildung;Schulformen:Jugendarbeit,SekI,SekII,Berufsschule;
Schulfächer:Geschichte,Gesellschaftslehre,Politik,Religion,Sozialkunde,Sozialwissen-
schaften/Politik,Projektunterricht;Altersstufen:12-19
Bezug Download: http://www.bildungsbausteine.de
OderBuchhandel:ISBN978-3834601582
Titel ZusammenDenken. Reflexionen, Thesen und Konzepte zu politischer Bildung im Kontext von
Demokratie, Islam, Rassismus und Islamismus – ein Projekthandbuch
Herausgeber Aycan Demirel, Mirko Niehoff im Auftrag der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus
(KIgAe.V.)
Jahr 2013
Beschreibung Die Publikation umfasst neben Fachbeiträgen und Hintergrundanalysen programmatische
Thesen und methodisch-didaktische Konzepte zur Islamismusprävention an Schulen. Bil-
dungskonzepte für Schüler/-innen der Sekundarstufen I und II werden ausführlich beschrie-
ben.
Bezug Download: http://www.kiga-berlin.org
135
Antisemitismus als Problem und Symbol — Verzeichnis
Verzeichnis der Tabellen
Tabelle 1: Antisemitische Straftaten 31
Tabelle2:ReachOut-Chronik,2010-2013
(Quelle:KoordinierungsstelleBerlinerRegisterundReachOut2014) 36
Tabelle3:ChronikantisemitischerVorfällederAGAntisemitismusdesVDK(2014) 38
Tabelle4:AnsätzeundLernzielederBildungsarbeit 93
Abbildungsverzeichnis
Abbildung1:AntisemitischeDelikteinBerlin2003-2012(Quelle:LKA/KPMD-PMK) 34
136
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Gewalt hat keinen Wert. Du schon. – Stationen des Wertedialogs von Innensenator Henkel,2014
Auch als Download verfügbar unter: www.berlin.de/lb/lkbgg/publikationen/weitere-publikationen/artikel.31242.php
Adressen gegen Gewalt,2014
Als Download verfügbar unter: www.berlin.de/lb/lkbgg/
Sexuelle Gewalt – Wo stehen wir heute? Ein Überblick über die Zugänge zu Vergewaltigung und sexueller Gewalt in
Großbritannien,Prof.LizKelly,2008
Gewalt der Sprache – Sprache der Gewalt,Prof.Dr.SybilleKrämer,2005
Veröffentlichungen
der Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Broschüren
Hefte aus der Reihe Berliner Forum Gewaltprävention (BFG)
Als Download unter: http://www.berlin.de/lb/lkbgg/publikationen/berliner-forum-gewaltpraevention/
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 51, 2014
Handreichung Selbstevaluation
Handlungsempfehlungen für Projekte im Bereich der Jugendgewaltprävention
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 50, 2013
Das Rechtskundepaket - Rechtskunde-Projektwochen an Berliner Schulen
Dokumentation eines Präventions- und Bildungsprojekts
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 49, 2013
Dokumentation des Berlin-Brandenburger „Fachtages gegen Rechtsextremismus/Kommunale Netzwerke, Beratung,
BildungundAufklärung“am12.Juni2013inderStaatskanzleiPotsdam
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 48, 2013
Dokumentationdes12.BerlinerPräventionstagesvom16.Oktober2012
„SchöneneueWelt–totalvernetzt!FluchoderSegen?“
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 47, 2012
Die Praxis von Vorurteils- und Gewaltprävention in zwei Berliner Quartieren - Forschungsbericht der Arbeitsstelle
Jugendgewalt und Rechtsextremismus am Zentrum für Antisemitismusforschung
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 46, 2012
Dokumentationdes11.BerlinerPräventionstagesvom03.11.2011
„Brücken bauen – Respekt fördern – Vielfalt gestalten“
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 45, 2011
JugendlichealsTäterundOpfervonGewaltinBerlin
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 44, 2011
„Intensivtäter“ in Berlin Teil III
Haftverläufe und Ausblicke auf die Legalbewährung junger Mehrfachtäter
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 43, 2010
ErgebnissederwissenschaftlichenBegleitungvonModellprojektenderLandeskommissionBerlingegenGewaltzur
SteigerungderErziehungskompetenzvonElternmitMigrationshintergrundundzurSteigerungderKonfliktlösungs-
kompetenz von männlichen Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
137
Antisemitismus als Problem und Symbol —Veröffentlichungen
Veröffentlichungen
der Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Adresse für Bestellungen
Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Klosterstr. 47
10179Berlin
Telefon (030)90223–2913
Fax (030)90223–2921
www.berlin.de/gegen-gewalt
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 42, 2010
AnalysederGewaltam1.Mai2009inBerlin
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 41, 2010
Dokumentationdes10.BerlinerPräventionstagesam10.11.2009
EvaluationundQualitätsentwicklunginderGewalt-undKriminalitätsprävention
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 40, 2010
Schnittstellenanalyse zum Themenkomplex Sexuelle Gewalt
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 39, 2009
Was tun gegen rechte Gewalt? Forschungsbericht der Arbeitsstelle Jugendgewalt und Rechtsextremismus
amZentrumfürAntisemitismusforschung,September2009
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 38, 2009
DokumentationderVeranstaltung„Jugendgewalt:WasleistenTrainings,KurseundSeminare“am7.10.2008
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 37, 2009
Plakatwettbewerb der Landeskommission Berlin gegen Gewalt für ein respektvolles Miteinander gegen Rechtsextre-
mismus„Vielfaltentdecken.Neugierempfinden.Zusammenhaltstärken.Machmit!“
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 36, 2009
Dokumentationdes9.BerlinerPräventionstagesam14.10.2008
Kinder- und Jugenddelinquenz
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 35, 2008
Dokumentationdes8.BerlinerPräventionstagesam31.10.2007
Schwerpunkte:InWürdeaufwachsen(Prof.Dr.KlausHurrelmann),StärkungvonErziehungskompetenzen,Frühe
Hilfen,ZusammenarbeitvonElternundSchule,Erziehungspartnerschaften,KoordinierterKinderschutz
138
Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 52
Notizen
Notizen
140
Landeskommission Berlin gegen Gewalt
c/o Senatsverwaltung für Inneres und Sport
Klosterstr. 47,
10179Berlin-Mitte
Telefon (030)90223–2913
Fax (030)90223–2921
www.berlin.de/gegen-gewalt