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[en] (orig)
Konzeption und Analyse einer magnetisch-elektrisch
leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe zum Einsatz in
einem landwirtschaftlichen Fahrzeug
vorgelegt von
M. Sc.
Matthias Lang
ORCID: 0000-0003-4221-6929
von der Fakultät V Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
Dr.-Ing.
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. Paul-Uwe Thamsen
Gutachter: Prof. Dr.-Ing. Henning Jürgen Meyer
Gutachter: Prof. Dr.-Ing. Peter Pickel
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 02. Dezember 2020
Berlin 2020
Vorwort
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als externer Doktorand bei Herrn
Prof. Dr. Meyer am Lehrstuhl für Konstruktion von Maschinensystemen an der Techni-
schen Universität Berlin und wurde von der Firma John Deere GmbH & Co. KG unterstützt.
Mein Dank gilt meinem Doktorvater Herrn Prof. Dr. Meyer für das entgegengebrach-
te Interesse und die Bereitschaft zur Betreuung dieser Arbeit. Sein Vertrauen und die
wertvollen Anregungen trugen wesentlich zum Gelingen dieser Arbeit bei.
Herrn Dr. Fritz und Herrn Dr. Gugel danke ich für die inhaltliche und organisatorische
Betreuung innerhalb der Firma. Durch ihre kollegiale, freundliche und unbürokratische
Zusammenarbeit konnte ich meine Ausarbeitung abteilungsübergreifend in großer Freiheit
durchführen. Die zielführenden Diskussionen, die mir jederzeit entgegengebrachte Unterstüt-
zung und das angenehme Arbeitsklima in der Firma chte ich hier besonders hervorheben.
Für ihre verlässliche Hilfe, das gezeigte Interesse und die kollegiale Unterstützung chte
ich mich auch bei allen weiteren Personen bedanken, die ihren Teil zum Gelingen dieser
Arbeit durch Mitwirkung im Rahmen der Prüfstandsuntersuchungen, Beschaffungsprozesse,
Organisation von Bauteiltransporten und Dienstreisen sowie im Rahmen technischer Frage-
stellungen beigetragen haben. Der Firma John Deere GmbH & Co. KG sei an dieser Stelle
ebenfalls für die großzügige finanzielle Unterstützung des Forschungsvorhabens gedankt.
1
Kurzfassung
In landwirtschaftlichen Fahrzeugen haben sich in den letzten Jahren neben den manuellen
Schaltgetrieben und den Lastschaltgetrieben auch die Stufenlosgetriebe etabliert. Diese
ermöglichen eine Anpassung der Fahrzeuggeschwindigkeit unabhängig von der Drehzahl
des Verbrennungsmotors und nutzen dafür üblicherweise ein kontrollierendes Element zur
Drehzahlüberlagerung. Stand heute ist dieses kontrollierende Element eine mechanische
Umlaufgetriebestufe, deren Abtriebsdrehzahl durch zwei Eingangsdrehzahlen, konkret die
des Verbrennungsmotors und die eines variablen Antriebs, üblicherweise ein Hydromotor,
bestimmt wird. Es ist absehbar, dass die Hydromotoren in diesen Anordnungen zukünftig
durch Elektromotoren ersetzt werden können. Zusätzlich haben Forschungsergebnisse der
jüngsten Vergangenheit gezeigt, dass das Getriebeelement zur Drehzahlüberlagerung nicht
nur mechanisch, sondern auch magnetisch ausgeführt werden kann und ein gegebenenfalls
vorhandener Elektromotor direkt in dieses Element integriert werden kann, was zu einer
signifikanten Reduktion der Teilezahl führt. Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit war es,
der Frage nachzugehen, ob ein Konzept für ein stufenloses, elektrisch leistungsverzweigtes
Getriebe mit magnetischer Umlaufgetriebestufe und darin integrierter elektrischer Maschine
für den Einsatz in einem landwirtschaftlichen Fahrzeug theoretisch existiert und ob dieses
Konzept konstruktiv, technisch und wirtschaftlich sinnvoll in Traktorgetriebe der aktuellen
und fiktiver zukünftiger Generationen integriert werden kann. In dieser Arbeit wurde
nachgewiesen, dass ein solches Konzept existiert und vielfältige Potenziale bietet, bei der
Neukonstruktion von Getrieben dezidierte Schwerpunkte zu setzen und sich daher zum
Einsatz in bestimmten Leistungs- und Ausstattungsklassen von Traktoren eignet. Diese
Erkenntnis steht insofern konform zur bisherigen Lehrmeinung, als dass das Konzept des
im Rahmen dieser Arbeit entwickelten Getriebes große Parallelen zu existierenden Getrie-
ben aufweist, die mit mechanischer Umlaufgetriebestufe und Hydromotor realisiert sind.
Weiterhin sind in der Automobilindustrie Bestrebungen und Entwicklungen zu erkennen,
magnetische Umlaufgetriebestufen für den Einsatz in Hybridfahrzeugen zu ertüchtigen,
was deren grundsätzliche Einsatzmöglichkeit in Fahrzeuggetrieben unterstreicht. Besonders
für zukünftig zu erwartende Entwicklungen im landwirtschaftlichen Bereich, die darauf
abzielen, dass eine immer größer werdende Anzahl an Traktoranbaugeräten elektrifiziert
und vom Traktor mit elektrischer Leistung versorgt werden müssen, stellen die im Rahmen
dieser Arbeit vorgestellten Konzepte attraktive Lösungen dar. Ein Aspekt, der noch weiterer
empirischer Untersuchungen bedarf, ist die detaillierte Untersuchung der im Rahmen dieser
Arbeit aufgezeigten Alternativkonzepte, da sich die durchgeführten Messungen zunächst
auf ein einzelnes ausgewähltes und dann konstruktiv umgesetztes Konzept beschränken.
3
Abstract
Continuously variable transmissions have been established in agricultural vehicles besides
manual and power shiftable transmissions within the last few years. With continuously
variable transmissions, the vehicle speed can be adjusted independent from the speed of the
combustion engine, usually making use of a controlling element for superpositioning of speed.
As of today, this controlling element usually is formed by a mechanical circumferential
gearbox unit whose output speed is controlled by two independent input speeds, specifically
the one of the combustion engine and the one of a variable drive, usually a hydraulic
motor. The hydraulic motors in these arrangements are expected to be replaced by electric
motors in the future. Furthermore, scientific research in the last few years has shown
that circumferential gearbox units can not only be realized using a mechanical principle
but also using a magnetic one. Additionally, a possibly present electrical motor in these
arrangements can be integrated directly into a magnetic circumferential gearbox unit, leading
to a significant reduction in part count. The goal of this work was to provide answers to the
question, whether there is a concept for an electric power split transmission with a magnetic
circumferential gearbox unit and inbuilt electrical machine and whether this concept can
be integrated in tractor transmissions of current and fictitious future tractor generations in
terms of technical feasibility, space claim and economics. Within the scope of this work, it
could be shown that there is such a concept, providing diverse opportunities to emphasize
dedicated design goals when designing new transmissions which is therefore suitable for
application in certain power and technology classes of tractors. These results are compliant
to the current state of the art regarding engineering research, as the transmission that was
developed within this work shows many similarities to existing power split transmissions
that are equipped with mechanical circumferential gearbox units and hydraulic motors.
There is a tendency in automotive to qualify magnetic circumferential gearbox units for
application in hybrid power trains, underlining their basic usage potential. Especially for
expected future developments in agriculture regarding electrification of mounted implements
that need to be powered by the tractor, the transmission concepts drafted within the scope
of this work provide attractive solutions. One part requiring additional empiric research
is the detailed investigation of the alternative concepts developed in this work, whereof a
single one was selected, built and studied.
5
Inhaltsverzeichnis
Formelgrößenverzeichnis 9
Abkürzungsverzeichnis 15
Abbildungsverzeichnis 17
Tabellenverzeichnis 19
1 Einleitung 21
1.1 Motivation.................................... 21
1.2 Methodische Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2 Theoretische Grundlagen 25
2.1 Definitionen und Abgrenzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.1.1 Traktorgetriebe............................. 25
2.1.2 Umlaufgetriebe ............................. 25
2.1.3 Stufenlosgetriebe ............................ 26
2.1.4 Leistungsverzweigte Getriebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
2.1.5 Magnetische Getriebestufen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
2.1.6 Permanenterregte Synchronmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . 35
2.1.7 Hydraulisch leistungsverzweigte Stufenlosgetriebe . . . . . . . . . . 35
2.1.8 Nachteile aktueller Getriebegenerationen . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.2 Methoden .................................... 40
2.2.1 Methodische Konstruktion nach VDI 2221 . . . . . . . . . . . . . . 40
2.2.2 WOLF-Schema ............................. 40
2.2.3 Matrix-Rechenverfahren nach Stangl . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
2.3 Ziele und Forschungsfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetrie-
bestufe 45
3.1 Anforderungen an ein Traktorgetriebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
3.1.1 Anforderungsliste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
3.1.2 Bedeutung der Anforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
3.2 Getriebesynthese ................................ 51
3.2.1 Synthese einer Variatorsektion mit dem WOLF-Schema . . . . . . . 51
3.2.2 Interpretation der Ergebnisse der Synthese . . . . . . . . . . . . . . 52
3.3 Getriebeanalyse................................. 57
3.3.1
Analyse der Drehmomente und Drehzahlen mittels Matrix
-
Rechenverfahren nach Stangl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
3.3.2 Bedeutung der Ergebnisse der Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . 62
7
Inhaltsverzeichnis
3.3.3 Vergleich des gefundenen Konzeptes mit existierenden Stufenlosge-
trieben.................................. 64
3.3.4 Analyse und Abschätzung des Wirkungsgrades . . . . . . . . . . . . 69
3.3.5 Analyse des Potenzials für elektrische Leistung auf Anbaugeräten . 94
3.4 Ausführung der Konstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
3.4.1 Schema des Prüfstandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
3.4.2 Lagerlebensdauerberechnung mit ROMAX . . . . . . . . . . . . . . 103
3.4.3 Auslegung des magnetisch-elektrischen Teils . . . . . . . . . . . . . 109
3.4.4 Ergebnisse der Auslegung und Bedeutung für das weitere Vorgehen 109
3.5 Messungen am Prüfgetriebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
3.5.1 Auswertung der Messergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
3.5.2 Betrachtung der Messunsicherheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
3.6 Weitere Beobachtungen im Prüfbetrieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
4 Bewertung hinsichtlich Eignung zum Einsatz in einem landwirtschaftlichen
Fahrzeug 121
4.1 Vorteile gegenüber den betrachteten elektrischen Stufenlosgetrieben . . . . 121
4.1.1 Wirkungsgrad.............................. 122
4.1.2 Kosten.................................. 122
4.1.3 Bauraum ................................ 122
4.1.4 Modularität und Skalierbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
4.1.5 Überlastsicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
4.2 Nachteile gegenüber aktuellen Getrieben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
4.2.1 Drehmoment, Kapazität und Leistungsdichte . . . . . . . . . . . . . 125
4.2.2 Reparatur und Wartung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
4.2.3 Komplexität............................... 126
4.2.4 Zusammenbau.............................. 127
4.3 Vergleich der Vor- und Nachteile und abschließende Empfehlung . . . . . . 128
5 Zusammenfassung und Fazit 129
5.1 Reflexion der Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
5.2 Beantwortung der Forschungsfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
5.3 KritischeBetrachtung ............................. 134
5.4 Ausblick..................................... 136
Literatur 139
A Rückführung der Gleichung 2.5 auf die WILLIS-Gleichung 147
B Anforderungsliste 151
C Herleitung der Drehrichtungen der WOLF-Schemata 153
8
Formelgrößenverzeichnis
Symbol Einheit Bezeichnung
Lateinische Formelzeichen
AmPa s flüssigkeitsspezifische Konstante
bBL mm Dicke der Belaglamellen
bges mm Gesamtdicke des Lamellenpakets
bSL mm Dicke der Stahllamellen
BTBetrag der magnetischen Flussdichte
B1,harm T
Betrag der magnetischen Flussdichte des sich relativ zum Rotor
bewegenden Feldes
B1T
Betrag der magnetischen Flussdichte des sich relativ zum Rotor
nicht bewegenden Feldes
CCflüssigkeitsspezifische Konstante
DCflüssigkeitsspezifische Konstante
fHz Frequenz
f1,harm Hz Frequenz des sich relativ zum Rotor bewegenden Feldes
fT S,M Hz Drehfrequenz des Modulationsrings
fT S,R Hz Drehfrequenz des Rotors
fT S,S Hz Frequenz des elektromagnetischen Drehfeldes im Stator
f1Hz Frequenz des sich relativ zum Rotor nicht bewegenden Feldes
FGNGewichtskraft aus Traktorleergewicht
FZNZugkraft an allen vier Rädern
hmm Lüftspiel
i0- Standübersetzung
i0,mag - Standübersetzung magnetische Umlaufgetriebestufe
i0,mech - Standübersetzung mechanische Umlaufgetriebestufe
i12,F D - Übersetzung des Endantriebs von Element 1 zu Element 2
i12 - Standübersetzung von Element 1 zu Element 2
i1s,F D - Übersetzung des Endantriebs von Element 1 zur Stegwelle
i21 - Standübersetzung von Element 2 zu Element 1
i2s- Übersetzung zwischen Zentralwelle 2 und Steg
iA- Übersetzung des Ganges A
iB- Übersetzung des Ganges B
INANennstromstärke der elektrischen Maschine
IN,T S AMaximale Stromstärke im Stator
k- Faktor für die Teilung der ferromagnetischen Segmente
ke- Proportionalitätsfaktor spezifische Wirbelstromverlustleistung
9
Formelgrößenverzeichnis
Symbol Einheit Bezeichnung
ke,M43 -
Proportionalitätsfaktor spezifische Wirbelstromverlustleistung
für M43
kh- Proportionalitätsfaktor spezifische Hystereseverlustleistung
kh,M43 -
Proportionalitätsfaktor spezifische Hystereseverlustleistung für
M43
km- Faktor für die Teilung der Polpaare
K1- Geradensteigung
K2- Geradensteigung
K3- Geradensteigung
K4- Geradensteigung
mRot,F e kg Masse des Rotoreisens
mRot,M kg Masse der Rotormagnete
mRot kg Masse des Rotoreisens und der Rotormagnete
mT S,MF e kg Masse der modulierenden Segmente des Modulationsrings
mT S,S kg Masse des Statoreisens
M1N m Drehmoment an Element 1
M1,mag N m
Drehmoment der Welle 1 der magnetischen Umlaufgetriebestufe
M1,mech N m
Drehmoment der Welle 1 der mechanischen Umlaufgetriebestufe
M2,mag N m
Drehmoment der Welle 2 der magnetischen Umlaufgetriebestufe
M2,mech N m
Drehmoment der Welle 2 der mechanischen Umlaufgetriebestufe
MCoils N m
Drehmoment des Stators der magnetischen Umlaufgetriebestufe
Mel N m Drehmoment der elektrischen Maschine
Mel,max N m Maximales Drehmoment der elektrischen Maschine
Mel,n,T S -
Normiertes Drehmoment der magnetisch-elektrischen Umlaufge-
triebestufe
Mel,n - Normiertes Drehmoment der elektrischen Maschine
Mel,T S,max N m
Maximales Drehmoment der magnetisch-elektrischen Umlaufge-
triebestufe
Mel,T S N m Drehmoment der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
MfN m Verlustmoment offener Lamellenkupplungen
Mh,max Nm Maximales Drehmoment des Hydrostaten
Mh,n - Normiertes Drehmoment des Hydrostaten
Ms,mech Nm
Drehmoment der Stegwelle der magnetischen Umlaufgetriebe-
stufe
Ms,mech Nm
Drehmoment der Stegwelle der mechanischen Umlaufgetriebe-
stufe
n1min1Drehzahl der Zentralwelle 1
n1,mag min1Drehzahl der Welle 1 der magnetischen Umlaufgetriebestufe
n1,mech min1Drehzahl der Welle 1 der mechanischen Umlaufgetriebestufe
n2min1Drehzahl der Zentralwelle 2
n2,mag min1Drehzahl der Welle 2 der magnetischen Umlaufgetriebestufe
n2,mech min1Drehzahl der Welle 2 der mechanischen Umlaufgetriebestufe
nCoils,v min1virtuelle Drehzahl des elektromagnetischen Feldes
nControl min1Drehzahl des kontrollierenden Elements
nEmin1Drehzahl des Dieselmotors
10
Formelgrößenverzeichnis
Symbol Einheit Bezeichnung
nel min1Drehzahl der elektrischen Maschine
nel,n - Normierte Drehzahl der elektrischen Maschine
nel,N min1Nenndrehzahl der elektrischen Maschine
nOUT 1min1Drehzahl der Ausgangswelle 1
nOUT 2min1Drehzahl der Ausgangswelle 2
nsmin1Drehzahl des Stegs
ns,mag min1Drehzahl der Stegwelle der magnetischen Umlaufgetriebestufe
ns,mech min1Drehzahl der Stegwelle der mechanischen Umlaufgetriebestufe
N1- Polpaarzahl des inneren Rotors
N2- Anzahl der ferromagnetischen Segmente des Modulationsrings
N3- Polpaarzahl des äußeren Rotors
Nm,k - Anzahl der Polpaare auf Magnetring 2
Np- Anzahl der Polpaare auf Magnetring 1
Np,r - Polpaarzahl des Rotors
Np,S - Polpaarzahl des Stators
NRF - Anzahl der Reibflächen
Ns- Anzahl der ferromagnetischen Segmente des Modulationsrings
pV,F e,N,M 43 W kg1spezifische Eisenverlustleistung im Nennbetrieb für M43
pV,F e,N W kg1spezifische Eisenverlustleistung im Nennbetrieb
pV,F e W kg1spezifische Eisenverlustleistung
pV,Hy,N W kg1spezifische Hystereseverlustleistung im Nennbetrieb
pV,Hy W kg1spezifische Hystereseverlustleistung
pV,W i,N W kg1spezifische Wirbelstromverlustleistung im Nennbetrieb
pV,W i W kg1spezifische Wirbelstromverlustleistung
Pan kW Antriebsleistung des Hydrostaten
Pel kW zur Verfügung stehende elektrische Leistung
Pel,N kW Nennleistung der elektrischen Maschine
Pf(n=1 min1)mW
Verlustleistung offene Lamellenkupplung bei Relativdrehzahl
1min1
PhkW Leistung des Hydrostaten
Pmax,Engine kW maximale Leistung des Verbrennungsmotors
Pmax,mech kW maximale Leistung der mechanischen Umlaufgetriebestufe
Pmech,max kW maximale Leistung des mechanischen Pfades
PMG kW
Leistung der an den Inverter angeschlossenen elektrischen Ma-
schine
PMG1,akt kW aktuelle Leistung der elektrischen Maschine 1
PMG1,max,G kW maximale generatorische Leistung der elektrischen Maschine 1
PMG2,akt kW aktuelle Leistung der elektrischen Maschine 2
Pvar,max kW maximale Leistung des variablen Pfades
PVkW Verlustleistung des Getriebes
PV,Cu,N kW Kupferverluste der elektrischen Maschine im Nennbetrieb
PV,Cu,T S kW Stromwärmeverlustleistung des Stators
PV,el,N kW Verlustleistung der elektrischen Maschine im Nennbetrieb
PV,F e,N kW Eisenverluste der elektrischen Maschine im Nennbetrieb
11
Formelgrößenverzeichnis
Symbol Einheit Bezeichnung
PV,F e,N,Hy kW
Hystereseverlustleistung der elektrischen Maschine im Nennbe-
trieb
PV,F e,N,W i kW
Wirbelstromverlustleistung der elektrischen Maschine im Nenn-
betrieb
PV,F e,T S,M kW Eisenverlustleistung des Modulationsrings
PV,F e,T S,R kW Eisenverlustleistung des Rotors
PV,F e,T S,S kW Eisenverlustleistung des Stators
PV,h kW Verlustleistung des Hydrostaten
PV,Hy kW Hystereseverlustleistung
PV,Hy,T S,M kW Hystereseverlustleistung des Modulationsrings
PV,Hy,T S,S kW Hystereseverlustleistung des Stators
PV,Inv kW Verlustleistung des Inverters
PV,Inv,B WBasisverlustleistung des Inverters
PV,Rot kW Verlustleistung des Rotors
PV,Rot,Hy kW Hystereseverlustleistung des Rotors
PV,Rot,W i kW Wirbelstromverlustleistung des Rotors
PV,W i kW Wirbelstromverlustleistung
PV,W i,T S,M kW Wirbelstromverlustleistung des Modulationsrings
PV,W i,T S,R kW Wirbelstromverlustleistung des Rotors
PV,W i,T S,S kW Wirbelstromverlustleistung des Stators
ramm Außenradius der Reibfläche
rimm Innenradius der Reibfläche
RCu mΩ Wicklungswiderstand der Kupferwicklungen
RCu,T S mΩ
gesamter Wicklungswiderstand der Kupferwicklungen (dreipha-
sig)
SF- Sicherheitsfaktor
t- Zeitanteil
ti- Zeitanteil des Bereichs i
UNVNennspannung der elektrischen Maschine
w1- Exponent der Leistungsflussrichtung
Xmin1Drehzahlvorgabe
Ymin1Drehzahlvorgabe
ZNm Drehmomentvorgabe
Griechische Formelzeichen
γWinkel der Rotordrehung
η- Wirkungsgrad des Getriebes
η0- Umlaufwirkungsgrad bei unbekannter Leistungsflussrichtung
η12 - Wirkungsgrad für Leistungsfluss von Element 1 zu Element 2
η21 - Wirkungsgrad für Leistungsfluss von Element 2 zu Element 1
ηel - Wirkungsgrad der elektrischen Maschine
ηF D - Wirkungsgrad des Endantriebs
ηInv - Wirkungsgrad des Inverters
ηInv,L - Lastwirkungsgrad des Inverters
12
Formelgrößenverzeichnis
Symbol Einheit Bezeichnung
ηStufe - Wirkungsgrad einer einzelnen Stufe
ηStufe,A - Wirkungsgrad einer einstufigen Außenverzahnung
ηStufe,I - Wirkungsgrad einer einstufigen Innenverzahnung
ηStufe,SB - Wirkungsgrad einer einzelnen spiralverzahnten Kegelradstufe
ηt,h - Wirkungsgrad des Hydrostaten
ηUml - Umlaufwirkungsgrad
ϑCTemperatur
ϑ3
CGetriebeauslegungstemperatur
µmPa s dynamische Viskosität
µ1mPa s dynamische Viskosität bei Temperaturpunkt 1
µ3mPa s dynamische Viskosität bei Temperaturpunkt 3
µϑmPa s dynamische Viskosität bei der Temperatur ϑ
ν100 Cmm s1kinematische Viskosität bei 100 C
ν40 Cmm s1kinematische Viskosität bei 40 C
π- Kreiszahl
ρkg m3Dichte
ωs1Winkelgeschwindigkeit
ω1s1Winkelgeschwindigkeit von Element 1
ωBL s1Winkelgeschwindigkeit der Belaglamellen
ωSL s1Winkelgeschwindigkeit der Stahllamellen
ωss1Winkelgeschwindigkeit der Stegwelle
1s1Drehzahl des inneren Rotors
2s1Drehzahl des Modulationsrings
3s1Drehzahl des äußeren Rotors
13
Abkürzungsverzeichnis
Abkürzung Bedeutung
CVT Continuously Variable Transmission Stufenlosgetriebe
DDS Differential Drive Shaft Getriebeausgangswelle
DLG Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft
DRNR Double Row Needle Roller (Bearing) zweireihiges Nadellager
EC European Commission (Europäische Kommission)
EDV Elektronische Datenverarbeitung
eCVT
Electrical Continuously Variable Transmission elektrisches Stu-
fenlosgetriebe
eIVT
Electrical Infinitely Variable Transmission elektrisches unendlich
stufenloses Getriebe
GFK Glasfaserverstärkter Kunststoff
hCVT
Hydraulical Continuously Variable Transmission hydraulisches
Stufenlosgetriebe
hIVT
Hydraulical Infinitely Variable Transmission hydraulisches un-
endlich stufenloses Getriebe
HMP Hydraulikmotor/-pumpe
IPM
Intelligent Power Management intelligente Leistungsregulierung
ISO
International Organization for Standardization Internationale
Organisation für Normung
IVT Infinitely Variable Transmission unendlich stufenloses Getriebe
MG Motor-Generator
PTO Power Take-Off Nebenabtrieb, Zapfwelle
RB Radial Ball (Bearing) Radialkugellager
sE Small Electrical Machines kleine elektrische Maschinen
TR Tapered Roller (Bearing) Kegelrollenlager
VDI Verein Deutscher Ingenieure
VM Verbrennungsmotor
15
Abbildungsverzeichnis
2.1 Typische Einteilung von CVTs mit Leistungsverzweigung nach [RR05] . . 28
2.2
Mechanische Umlaufgetriebestufe und magnetische Umlaufgetriebestufe,
vgl.[Lat13] ................................... 31
2.3
Vereinfachtes Strichdiagramm hydrostatisches Stufenlosgetriebe ZF Terra-
Maticnach[Ren14]............................... 35
2.4
Strichdiagramm hydrostatisches Stufenlosgetriebe für die Baureihen Case
IH Maxxum und New Holland T6 nach [RGS15] . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.5
Strichdiagramm hydrostatisches Stufenlosgetriebe für die Baureihen Case
IH Puma und Magnum sowie New Holland T7 und T8 nach [GR10] . . . . 37
2.6 Strichdiagramm hydrostatisches Stufenlosgetriebe Jarchow, nach [JHB83] . 38
3.1 WOLF-Schema1.1 ............................... 53
3.2 WOLF-Schema2.1 ............................... 53
3.3 WOLF-Schema2.2 ............................... 53
3.4
Drehrichtungen der elektrischen Maschine für aktiven Stillstand, Möglich-
keit1.1 ..................................... 55
3.5 Benennung der Wellen und Anschlüsse, WOLF-Schema 2.2 . . . . . . . . . 58
3.6
Maximal in der magnetischen Umlaufgetriebestufe auftretendes Drehmoment
und maximal in der mechanischen Umlaufgetriebestufe auftretendes
Blindleistungsverhältnis, WOLF-Schema 2.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
3.7
WOLF-Schema Planetensätze Stufenlosgetriebe ZF TerraMatic, Fahrbereich
F1 ........................................ 64
3.8
WOLF-Schema der Variatorsektion hydrostatisches Stufenlosgetriebe für
die Baureihen Case IH Maxxum, Puma und Magnum sowie New Holland
T6,T7undT8 ................................. 65
3.9
Strichdiagramme von möglichen Realisierungen als Traktorgetriebe,
WOLF-Schema2.2 ............................... 68
3.10
Vereinfachte Strichdiagramme zur Wirkunsgradberechnung für die betrach-
tetenGetriebe ................................. 89
3.11 Berechnete Triebstrangwirkungsgrade der verschiedenen Getriebe . . . . . 90
3.12
Berechnete Triebstrangwirkungsgrade für hydrostatische und elektrische
Stufenlosgetriebe ................................ 92
3.13
Berechnete und gemessene Triebstrangwirkungsgrade der hydrostatischen
Stufenlosgetriebe ................................ 93
3.14
Maximal zur Verfügung stehende elektrische Leistung in Abhängigkeit von der
Fahrgeschwindigkeit bei verschiedenen Drehzahlen des Verbrennungsmotors 97
3.15 Vergleich der Offboard-Leistung der verschiedenen Getriebetopologien . . . 98
3.16 Strichdiagramm Prüfstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
3.17 Schematische Darstellung des Prüfstandsgetriebes . . . . . . . . . . . . . . 101
17
Abbildungsverzeichnis
3.18 Geschwindigkeitsverteilung nach [Res04] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
3.19 Standardkollektiv nach [Ren04], zit. nach [Res04] . . . . . . . . . . . . . . 106
3.20 Schädigungssumme für die einzelnen Lager . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
3.21 Schematische Darstellung des Prüfstandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
3.22
Statorwirkungsgrad der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe bei
konstanter Rotordrehzahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
3.23
Drehmoment an Rotor, Modulationsring und Stator in Abhängigkeit von
derStatorstromstärke.............................. 115
3.24
Volllastwirkungsgrad der Prüfstandsgetriebestufe über der sich ergebenden
Fahrgeschwindigkeit............................... 116
18
Tabellenverzeichnis
3.1 Drehzahlmatrix für WOLF-Schema 2.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.2 Drehmomentmatrix für WOLF-Schema 2.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.3 Zeitanteile Standardkollektiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
19
1 Einleitung
Bis zu 5 % Kraftstoffeinsparung auf Komponentenebene sind durch neue Getriebekonzepte
möglich. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der EC zur Überarbeitung der Direktive
97/68/EC für Non Road Mobile Machinery [RA10]. Leistungsverzweigte Getriebe können
nach Untersuchungen der DLG Kraftstoffeinsparungen von bis zu 15% gegenüber bisher
verwendeten Schaltgetrieben realisieren. Durch Stufenlosgetriebe ergeben sich darüber hin-
aus weitere Kraftstoffeinsparungen (ca. 10 %) durch die Möglichkeit zur Optimierung des
Verbrennungsmotorbetriebs [Jac10]. „Die Fahrgeschwindigkeiten von Traktoren betragen in
Europa typisch bis 50
km/h
(vereinzelt 60
km/h
), wobei Volllast ab etwa 4
km/h
möglich
ist. Getriebespreizungen von über 100 (unter Vollast bis etwa 15), ein hoher Automatisie-
rungsgrad sowie viele Maßnahmen zur Energieeinsparung haben dabei zu sehr komplexen
Konzepten geführt“ [Ren14]. Inzwischen bieten fast alle Traktorenhersteller stufenlose
Getriebe an [Sti13]. Diese sind im Allgemeinen leistungsverzweigt mit einem hydraulischen
variablen Pfad ausgeführt, der zusammen mit einer mechanischen Leistungsverzweigungs-
und Leistungssummierungseinheit üblicherweise eine Stirnradstufe und ein Planetenge-
triebe den Variator bildet. Diesem nachgeschaltet sind meist mehrere Fahrbereiche, die
in Synchronpunkten unter Last geschaltet werden. Wissenschaftliche Forschungsergebnis-
se in der jüngsten Vergangenheit haben gezeigt, dass eine Leistungsverzweigungs- oder
Leistungssummierungseinheit nicht nur mechanisch, sondern auch mit einem magnetischen
Wirkprinzip ausgeführt werden kann. Eine magnetische Umlaufgetriebestufe besteht aus
einem inneren Ring mit einer Anzahl magnetischer Pole, einem modulierenden Ring und
einem äußeren Ring mit einer zweiten Anzahl magnetischer Pole. Der modulierende Ring
besteht aus abwechselnd ferromagnetischen und paramagnetischen Segmenten, die das
durchdringende Magnetfeld leiten und modulieren. Der Wirkungsgrad magnetischer Um-
laufgetriebe soll den ohnehin schon hohen Wirkungsgrad des mechanischen Pendants noch
übertreffen [Lat13].
1.1 Motivation
Diese Entwicklungen sind insofern von wissenschaftlichem Interesse, als dass bereits be-
kannt ist, dass in einer magnetischen Umlaufgetriebestufe Magnete durch einen Stator
mit Spulenwicklung ersetzt werden können. Dadurch wird eine elektrische Maschine in
eine Umlaufgetriebestufe integriert. Elektrisch leistungsverzweigte Getriebe beinhalten zwei
elektrische Maschinen. Es ergibt sich die Frage, ob ein komplexes, stufenloses, elektrisch
leistungsverzweigtes Getriebe entwickelt werden kann, welches die Leistungsverzweigung
mit einem magnetischen Wirkprinzip realisiert und zusätzlich eine der beiden für die Leis-
tungsverzweigung nötige elektrische Maschine direkt in das Getriebe integriert. Ein solches
Getriebe könnte die oben genannten quantifizierten Potenziale zur Kraftstoffeinsparung
vereinen. Gerade im Hinblick auf die immer strenger werdenden Abgasvorschriften sowie
die Endlichkeit der fossilen Energieträger und daraus resultierender langfristig steigender
21
1 Einleitung
Kraftstoffpreise wäre eine solche Entwicklung wünschenswert.
Im Rahmen dieser Dissertation sollen die Potenziale untersucht werden, die die stufenlose
Leistungsverzweigung mit einem magnetischen Wirkprinzip in Verbindung mit der Integra-
tion der elektrischen Maschine direkt in das Getriebe in Form einer neuartigen Variatorstufe
birgt. Es soll dabei explizit untersucht werden, ob der Einsatz einer solchen neuartigen
Variatorstufe in einem Stufenlosgetriebe eines landwirtschaftlichen Fahrzeugs grundsätzlich
bezüglich der auftretenden Drehmomente und Leistungen möglich ist und ob der Einsatz
wirtschaftlich ist. Weiterhin soll darauf eingegangen werden, ob sich hieraus Vorteile im
Bezug auf den Bauraum, den Wirkungsgrad sowie Montage und Wartung ergeben. Es soll
hierbei nicht explizit untersucht werden, welchen quantitativen Einfluss ein dieser Stufe
nachgeschaltetes Gruppengetriebe und eine mögliche Optimierung desselben hat. Nötige
Gangstufen sollen lediglich theoretisch thematisiert werden. Weiterhin soll nicht auf die
Leistungsverzweigung mit rein magnetischem Wirkprinzip, d.h. auf eine Umlaufgetriebestufe
nur mit Permanentmagneten und modulierenden Segmenten, eingegangen werden. Hierzu
liegen bereits ausreichend Forschungsergebnisse vor. Es kann zudem bereits zum jetzigen
Zeitpunkt davon ausgegangen werden, dass ein Einsatz einer solchen Umlaufgetriebestufe in
einem stufenlosen elektrisch leistungsverzweigten Traktorgetriebe der aktuellen Generation
durch die Menge des benötigten Magnetmaterials unwirtschaftlich ist.
Der Themenschwerpunkt dieser Dissertation soll die theoretische Synthese und anschließen-
de praktische Prüfstandsuntersuchung eines Variatorkonzeptes für ein stufenloses, elektrisch
leistungsverzweigtes Traktorgetriebe zukünftiger Generationen bilden.
Hierbei wird erwartet, dass nach Abschluss der Untersuchungen Empfehlungen zum wei-
teren Einsatz oder zur weiteren Entwicklungsrichtung eines solchen Variatorkonzeptes
gegeben werden können. Es wird weiterhin erwartet, dass eine Beurteilung stattfinden
kann, in welchen Leistungsklassen und -grenzen sowie in welchen Traktorsegmenten (von
Basisausstattung bis Premium) der Einsatz eines solchen Variatorkonzeptes sinnvoll ist.
1.2 Methodische Vorgehensweise
Zur Untersuchung der thematisierten Variatorstufe wird folgende methodische Vorgehens-
weise gewählt: Als Methode zur Entwicklung und Synthese einer Getriebestufe kommt
insbesondere das sog. WOLF-Schema [Ges88] infrage. Das WOLF-Schema ermöglicht die
Konzeption von mehrwelligen Umlaufgetriebestufen frei von konstruktiven Einschränkun-
gen. Hiermit können Konzepte entwickelt werden, die im weiteren Verlauf in eine Vielzahl
konstruktiver Lösungen umgesetzt werden können. Die Methode bietet sich daher beim
Neudesign einer Getriebestufe besonders an, da hierdurch nicht schon durch konkrete kon-
struktive Ausführungen ein bestimmtes Konzept festgelegt wird. Mit dem WOLF-Schema
wird lediglich die Anordnung von Summen- und Differenzwellen in einer Getriebestufe
festgelegt, aus welcher sich die Kinetik einer solchen eindeutig ergibt. Das entwickelte
WOLF-Schema führt dann durch Wahl der Standgetriebeübersetzungsverhältnisse und
deren Vorzeichen zu einer größeren Zahl an konstruktiven Lösungen, von denen die kinema-
tisch und wirtschaftlich günstigste ausgewählt werden kann.
Zur Berechnung einer entwickelten Getriebestufe kommt das Matrix-Rechenverfahren nach
Stangl [Sta06] infrage. Hierbei handelt es sich um ein systematisches und damit prin-
zipiell auch rechnergeeignetes Verfahren zur Berechnung komplexer Getriebestrukturen.
Das Verfahren basiert darauf, jeder Komponente und damit jeder Drehzahl und jedem
22
1.2 Methodische Vorgehensweise
Drehmoment innerhalb des Getriebes eine Unbekannte zuzuordnen. Anschließend wird ein
Gleichungssystem mit einer Anzahl an Gleichungen und Vorgaben in Höhe der Anzahl der
Unbekannten aufgestellt und das Gleichungssystem gelöst. Die Lösung kann rechnergestützt
durch Invertieren der Gleichungsmatrix erfolgen.
Zur konstruktiven Realisierung einer entwickelten und kinematisch und kinetisch berechne-
ten Getriebestufe kommt das Verfahren nach VDI 2221 infrage [VDI93]. Hierbei handelt es
sich um ein systematisches Vorgehen, welches mehrere verschiedene Arbeitsschritte und
Methoden beinhaltet. Das Verfahren ist im konstruktiven Bereich bekannt und bewährt.
Die Methoden werden nach folgenden Kriterien gewählt: Methoden, die für Kreativität
sowie für Synthese und Entwicklung zur Anwendung kommen, sollen in einem frühen
Entwicklungsstand die konstruktive Freiheit möglichst wenig einschränken und einen großen
Lösungsraum erschließen. Dies ist insbesondere durch Verwendung des WOLF-Schemas
gewährleistet.
Berechnungsmethoden sollen schnell, systematisch und unanfällig für Fehler sein und sich
zusätzlich ohne großen Aufwand auf andere Konzepte übertragen lassen. Dies ist wiederum
insbesondere beim Matrix-Rechenverfahren nach Stangl der Fall, da die Gleichungen nach
einem einfachen Verfahren aufgestellt werden. Dieses Verfahren führt zu einer höheren
Anzahl von Unbekannten als bei einer schrittweisen, für jedes Getriebekonzept einzeln
entwickelten Berechnung, dafür aber zu einfacheren Gleichungen, die sich schematisch
aufstellen lassen. Es ist somit unanfällig für Fehler und kann bei Konzeptänderungen sehr
schnell angepasst werden.
Methoden zur konstruktiven Realisierung von Konzepten sollen ein breites Lösungsfeld
ermöglichen, aber gleichzeitig die Anzahl an letztendlich zu untersuchenden Lösungen
sinnvoll reduzieren und konsolidieren. Sie sollen durch Kombination, Rekombination und
Synthese zu einem konstruktiv hochwertigen und wirtschaftlich attraktiven Produkt führen.
Weiterhin soll durch die verwendete Methode sichergestellt werden, dass das letztendlich
entwickelte Produkt auch den zu Anfang festgelegten Anforderungen entspricht. Die Me-
thode soll ein iteratives Vorgehen ermöglichen, da bei einer Neuentwicklung, wie sie im
Rahmen dieser Dissertation vorgenommen wird, davon ausgegangen werden kann, dass
Erkenntnisse im Verlauf der Arbeit zu notwendigen Änderungen in einer früheren Phase
führen. All diese Punkte werden von der systematischen Konstruktionsweise, die in der
VDI 2221 beschrieben wird, in besonderem Maße erfüllt. Es wird auf die Verwendung
rechnergestützter Syntheseprogramme verzichtet. Es kann erwartet werden, dass durch
die hohe Anzahl an Randbedingungen, die an das Getriebe gestellt werden, eine Synthese
mit rechnergestützten Verfahren kaum Mehrwert gegenüber einer systematischen Synthese
mit dem WOLF-Schema bietet, da der Lösungsraum schon stark eingeschränkt ist. Der
Aufwand für die Realisierung einer automatisierten Getriebesynthese steht hier in keinem
guten Verhältnis zum Ergebnis.
Durch die hohe erwartete Komplexität der Getriebestufe soll auf eine alternativ zum Matrix-
Rechenverfahren nach Stangl mögliche Schritt-für-Schritt-Berechnung mit eigens für jedes
Konzept aufgestellten Gleichungen verzichtet werden. Zwar benötigt ein solches Berech-
nungsverfahren weniger Einarbeitungszeit, ist aber bei Anwendung auf mehrere verschiedene
Konzepte mit einem höheren Aufwand verbunden und zudem anfälliger für Fehler. Es wird
erwartet, dass mit dem WOLF-Schema eine Anordnung von Umlaufgetrieben und eine
Festlegung der Lage von Summen- und Differenzwellen gefunden werden kann, die die kine-
matischen Bedingungen, also die Anforderungen bezüglich Drehrichtung und abhängigem
23
1 Einleitung
Drehzahlverhalten, an die Getriebestufe erfüllen kann. Es wird weiterhin erwartet, dass die
mit dem WOLF-Schema gefundene Anordnung mit dem Matrix-Rechenverfahren verifiziert
werden kann. Hierdurch kann dann ein konkretes Konzept entwickelt werden, welches neben
den kinematischen auch die kinetischen Randbedingungen, also die Anforderungen nach ma-
ximal auftretenden Drehmomenten, Blindleistungen usw., erfüllt. Durch eine anschließende
methodische Konstruktion nach VDI 2221 wird erwartet, dass eine Getriebestufe entwickelt
werden kann, die entweder für den Einsatz im Standard- oder im Premiumsegment oder in
beiden Segmenten geeignet ist.
Limitierungen können im Bereich der Leistung und des übertragbaren Drehmomentes
auftreten. Zu Beginn der Dissertation kann nicht abgesehen werden, ob ein Konzept zum
Einsatz in allen Leistungsklassen geeignet ist. Es ist daher denkbar, dass der Einsatz eines
solchen Getriebekonzeptes durch die Randbedingungen für bestimmte Leistungsklassen
aufgrund technischer oder wirtschaftlicher Gründe verworfen werden muss. Diese Schwie-
rigkeit soll dadurch umgangen werden, dass zunächst versucht wird, ein Getriebekonzept
für die chste infrage kommende Leistungsklasse zu finden, welches im Premiumsegment
zum Einsatz kommen soll. Kann ein solches Getriebekonzept gefunden werden, so kann es
wahrscheinlich durch Skalierung und Reduktion von Funktionen für den Einsatz in niedri-
geren Leistungsklassen und im Standardsegment angepasst werden. Zeigen sich im Verlauf
der Arbeit technische Limitierungen im Bereich großer Leistungen, so soll die Entwicklung
zunächst für die kleinste infrage kommende Leistungsklasse fortgeführt werden. Dann kann
überlegt werden, zunächst ein Getriebekonzept für das Standardsegment zu entwickeln.
Wenn ein solches Getriebe gebaut und auf dem Prüfstand vermessen wird, dann können
hieraus Abschätzungen getroffen werden, ob durch Skalierung unter Berücksichtigung der
zukünftigen Entwicklung hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der zum Einsatz kommenden
Komponenten ein Einsatz auch in höheren Leistungsklassen denkbar ist.
Aus der zuvor beschriebenen Vorgehensweise ergibt sich die Gliederung dieser Dissertation:
Zunächst sollen im Rahmen der Darstellung der theoretischen Grundlagen Definitionen
vereinbart werden. Dies ist bei den betrachteten neuen Technologien für nachfolgende Berech-
nungen von zentraler Bedeutung. Dieser Abschnitt soll ferner zur späteren Referenzierung
dienen und die Definitionen und Vereinbarungen für zukünftige Entwicklungen beibehalten
werden. Definitionen sollen sich wenn möglich aus Analogien ergeben und Grundlagenwerke
im Bereich der Umlaufgetriebe referenzieren. Anschließend sollen die Methoden erläutert
und beschrieben werden, um dem Leser zu ermöglichen die Entwicklung nachzuvollziehen.
Die Erläuterung der Methoden soll der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse dienen. Auf
der Basis der theoretischen Grundlagen sowie der Methodik sollen die Forschungsfragen
aufgestellt werden, anschließend soll die Konzeption einer magnetisch-elektrischen Umlaufge-
triebestufe vorgenommen werden. Hierbei sollen, wie oben beschrieben, gemäß VDI 2221 die
Anforderungen an ein Traktorgetriebe in einer Liste festgehalten werden. Daran schließt sich
eine Synthese und Analyse einer Getriebestufe an, die im Folgenden konstruktiv umgesetzt
wird. Die am geeignetsten erscheinende Lösung soll als Prüfstandsgetriebe realisiert werden.
Aufbauend auf den Messergebnissen des Prüfstandsbetriebs soll die Umlaufgetriebestufe
bewertet werden. Hierbei sollen zunächst die Vor- und Nachteile einer solchen Umlaufge-
triebestufe herausgearbeitet werden und diese anschließend miteinander verglichen werden.
Ein Fazit und ein kurzer Ausblick beschließen die Dissertation. In diesem Teil soll eine
kritische Reflexion der Vorgehensweise stattfinden sowie die aufgestellten Forschungsfragen
beantwortet werden.
24
2 Theoretische Grundlagen
Im Folgenden werden zunächst die theoretischen Grundlagen betrachtet, die zum Verständnis
und zur Durchführung der geplanten methodischen Vorgehensweise notwendig sind.
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
Der erste Teil dieses Kapitels widmet sich der Definition wesentlicher, zum Verständnis der
nachfolgenden Diskussion notwendiger Fachbegriffe. Hierbei werden sowohl Definitionen
aus der Literatur übernommen als auch neue Definitionen vereinbart, um eine Konsistenz
mit aktuellen Forschungsvorhaben zu erreichen und eine stringente Basis für detailliertere
Erläuterungen im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu erzeugen.
2.1.1 Traktorgetriebe
Jedes Jahr werden weltweit rund zwei Millionen Traktoren mit Motorleistungen oberhalb von
20
kW
gefertigt. Das Getriebe mit Hinterachse, Bremsen, Wellen und Vorderachsenanschluss
ist dabei die teuerste Komponente mit 25 bis 30 % der Gesamtkosten. Aufgrund der vielfäl-
tigen Anforderungen weltweit existieren heute die unterschiedlichsten Getriebekonzepte für
Traktoren. Global agierende Unternehmen müssen heute alle Funktionen und Technologie-
stufen (von ganz einfach bis sehr aufwendig) abdecken. Während in weniger entwickelten
Ländern bzw. den sogenannten Emerging Markets Konstruktionen einfacher Getriebe mit
wenigen Gängen gefragt sind, die sich im europäischen Raum kaum noch wirtschaftlich
herstellen lassen, wächst die Komplexität im Premiumbereich weiter an. Hier kommen
synchronisierte, lastschaltbare Automatikgetriebe und Stufenlosgetriebe zum Einsatz, die
sich durch eine hohe Anzahl an Gangstufen, mehrere einstellbare Zapfwellendrehzahlen und
zuschaltbarem Allradantrieb auszeichnen [Ren14].
2.1.2 Umlaufgetriebe
In nahezu allen Traktoren kommen Umlaufgetriebestufen in Form von Planetensätzen zum
Einsatz, in den niedrigen Technologiestufen als Endübersetzungsstufe in den Radnaben,
in den höheren Technologiestufen auch zusätzlich als Elemente für Leistungsverzweigung
und -summierung, Reversierung, Kriechgang und als komplexe Koppelelemente in Automa-
tikgetrieben. Ein Umlaufgetriebe entsteht aus einem Standgetriebe, wenn dessen Gehäuse
nicht mehr länger mit dem Fundament verbunden ist, sondern drehbar gelagert wird und
dessen Drehachse zu einer weiteren Welle ausgebildet wird [Mül98]. Kennzeichnend für alle
Arten von Umlaufgetrieben ist, dass deren im Standgetriebe ursprünglich stillstehenden
Übertragungselemente bei Erweiterung zum Umlaufgetriebe nicht mehr stillstehen, sondern
mit dem als neue Welle entstandenen Steg umlaufen. Müller liefert hier konkrete Vorschläge
zur Benennung: War das einfache Übersetzungsgetriebe ein Rädergetriebe [...], so entsteht
25
2 Theoretische Grundlagen
daraus ein ‚Umlaufrädergetriebe‘“. Die Achsen seiner ursprünglich stillstehenden Übertra-
gungselemente kreisen nun um die zentrale Achse und die Übertragungselemente drehen sich
zusätzlich um sich selbst, wie Planeten die Sonne umkreisen. Daher haben diese Getriebe
den Namen Planetengetriebe erhalten. Robert Willis hat bereits im 19. Jahrhundert in
seinem Lehrbuch für Ingenieurstudenten die für alle Umlaufgetriebe gültige kinematische
Gleichung, auch WILLIS-Gleichung genannt, angegeben [Wil75]:
i0=i12 =n1ns
n2ns
(2.1)
Diese lässt sich übersichtlich darstellen als
n1i0n2(1 i0)ns= 0 (2.2)
Da diese Gleichung im weiteren Verlauf der Arbeit von hoher Bedeutung ist, sei sie an dieser
Stelle genannt. Auf deren detaillierte Herleitung sowie auf die Auflistung der weiteren für
Planetengetriebe gültigen Gleichungen sei an dieser Stelle verzichtet. Sie sind hinreichend
bekannt und in verschiedenen Lehrbüchern, zum Beispiel von Loomann [Loo09] oder Müller
[Mül98], erläutert und zusätzlich in der VDI-Richtlinie 2157 [VDI12a] zusammengefasst.
Willis nennt in seinem Lehrbuch vier besondere Einsatzmöglichkeiten, durch die sich alle
Bauarten von Umlaufgetrieben von üblichen zwangläufigen Standgetrieben unterscheiden.
Von besonderer Bedeutung im Rahmen dieser Arbeit ist die vierte Eigenschaft:
Zusammenführung (Überlagerung) von zwei oder mehr voneinander unabhängigen
Drehbewegungen auf ein gemeinsames Abtriebsglied [Mül98].
Damit eignen sich die Umlaufgetriebe ideal, um die in Abschnitt 1.1 beschriebenen Leis-
tungssummierungseinheiten in stufenlosen Getrieben zu realisieren.
2.1.3 Stufenlosgetriebe
Wie in Abschnitt 1.1 bereits erwähnt, haben sich in Traktoren in den letzten Jahren neben
den manuellen Schaltgetrieben und den Lastschaltgetrieben auch die Stufenlosgetriebe, engl.
continuously variable transmission (CVT), etabliert. Neben dem stets im Fokus stehenden
Kraftstoffverbrauch eines Traktors werden heutzutage an Getriebe auch steigende Anfor-
derungen an Bedien- und Fahrkomfort gestellt. Stufenlose Getriebe weisen einen hohen
Fahrkomfort auf. Sie ermöglichen eine stufenlose Anpassung der Ausgangsdrehzahl bei
konstanter Eingangsdrehzahl, d. h. bei konstanter Drehzahl des Dieselmotors. Der Motor
kann so je nach Anforderung in seinem Wirkungsgradbestpunkt, dem Punkt des maxi-
malen Drehmomentes, oder bei einer festgelegten konstanten Drehzahl für den Betrieb
von Anbaugeräten mit bestimmter, konstanter Zapfwellendrehzahl betrieben werden. Die
Motordrehzahl wird im chsten Gang entsprechend der zulässigen chstgeschwindigkeit
(40 bzw. 50
km/h
) abgeregelt. Der heute übliche Schongang ermöglicht das Erreichen der
zulässigen chstgeschwindigkeit mit reduzierter Motordrehzahl und sorgt so für kraft-
stoffsparende Transportarbeiten [See12] [RK11]. Nach der Art ihrer Leistungsübertragung
lassen sich Stufenlosgetriebe in mechanische, hydraulische und elektrische Stufenlosgetriebe
einteilen.
Da die Eingangsleistung eine mechanische Leistung ist, findet bei mechanischen Stufen-
losgetrieben keine Wandlung der Energieform statt. Die Wandlung von Drehzahl und
26
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
Drehmoment wird meist kraftschlüssig über eine Veränderung der Wirkdurchmesser der
Übertragungselemente vorgenommen. Verbreitet sind beispielsweise Umschlingungsgetriebe
wie das Multitronic-Getriebe von Audi [Fis+12] oder im Zuge neuerer Entwicklungen
auch Wälzgetriebe mit konischen Übertragungselementen wie das Konus-Ring-Getriebe
[SR16] oder Toroidgetriebe [FG16]. Mechanische Stufenlosgetriebe haben den Nachteil, dass
die gesamte Kraft meist über kleine Reibflächen übertragen wird und somit hohe lokale
Beanspruchungen auftreten.
Hydrostatische Stufenlosgetriebe bestehen aus einer Pumpe, die die Eingangsleistung in
hydraulische Leistung wandelt, und einem Hydraulikmotor. Indem mindestens eines dieser
beiden Aggregate verstellbar ausgeführt wird (z. B. Schrägachsen-Axialkolbenmaschine),
kann eine stufenlose Übersetzung realisiert werden. Durch diese Architektur lässt sich auch
der aktive Stillstand, d. h. der Stillstand der Ausgangswelle bei laufender Eingangswelle,
erreichen. Hydraulische Stufenlosgetriebe weisen üblicherweise einen niedrigen Wirkungs-
grad auf [Kle05]. Neben den beschriebenen hydrostatischen Stufenlosgetrieben gibt es noch
die hydrodynamischen Stufenlosgetriebe, die zusammen mit den hydrostatischen Stufenlos-
getrieben die Gruppe der hydraulischen Stufenlosgetriebe bilden. Wegen der komplexen
Drehzahleinstellung eignen sich diese nicht als Drehzahlwandler und damit als Fahrgetriebe.
Sie werden unter den Namen Trilok-Wandler oder Föttinger-Wandler als verschleißfreies
Anfahrelement vor allem in Automatikgetrieben eingesetzt [MPS04].
Kann mit einem Stufenlosgetriebe eine Ausgangsdrehzahl von 0 auch bei drehender Ein-
gangswelle und damit eine Übersetzung von 0 bzw. je nach Definition unendlich realisiert
werden, so spricht man auch von einem unendlich stufenlosen Getriebe, engl. infinitely
variable transmission (IVT). Elektrische Stufenlosgetriebe (eCVT oder eIVT) arbeiten
nach dem gleichen Prinzip wie hydraulische Stufenlosgetriebe (hCVT oder hIVT). Die
Eingangsleistung wird von einem Generator in elektrische Leistung gewandelt und zu einem
Motor geleitet. Als zusätzliches Wandlungselement dient ein Inverterzwischenkreis, der die
Frequenz wandelt und damit die Drehzahlanpassung übernimmt. Nachteilig bei elektrischen
Stufenlosgetrieben sind deren mäßiger Wirkungsgrad und hohes Gewicht [Rei18]. Vorteile
sind die gute Regelbarkeit, ein schnelles Ansprechverhalten, Wirkungsgradvorteile gegenüber
hydrostatischen Getrieben bei kleinen Geschwindigkeiten [Her08] [BSP14] [Kun13] und
Vorteile durch Integration. So kommt bei elektrischen Stufenlosgetrieben im Gegensatz zu
hydrostatischen Getrieben kein zusätzlicher wartungs- und kostenintensiver Hochdruck-
hydraulikkreislauf zum Einsatz. Stattdessen findet Elektrotechnik Verwendung, die im
Zuge der derzeit in der einschlägigen Fachpresse zu beobachtenden starken Aktivität rund
um den elektrischen Betrieb von Arbeitsantrieben auf Anbaugeräten (statt Zapfwellenbe-
trieb) und Nebenaggregaten möglicherweise in Zukunft ohnehin auf Traktoren integriert
ist. Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Umrichtertechnik, stetig kompakter bauende
Leistungselektronik und permanenterregte Wechselstrommotoren mit hohen Wirkungsgra-
den machen diese Technik auch für landwirtschaftliche Fahrzeuge zunehmend interessanter
[Rei18].
Stufenlosgetriebe bieten Funktions- und Leistungsvorteile, die einen höheren Anschaffungs-
preis rechtfertigen. Für die Zukunft ist ein Anstieg der stufenlosen Antriebssysteme zu
erwarten, da sie weiterhin ein Downsizing des Motors ohne Einschränkung der Leistungsfä-
higkeit ermöglichen. Ein großer Vorteil von Stufenlosgetrieben liegt in den Möglichkeiten,
das Gesamtsystem so weit abzustimmen, dass vorhandene Wirkungsgradnachteile in gewis-
27
2 Theoretische Grundlagen
sen Übersetzungsbereichen durch eine intelligente Regelungsstrategie kompensiert werden
[Aiz12].
2.1.4 Leistungsverzweigte Getriebe
Leistungsverzweigte Getriebe teilen die Eingangsleistung in einen meist mechanischen Pfad
mit fester Übersetzung und einen variablen Pfad (CVT-Einheit) auf. Auf der Ausgangsseite
werden beide Leistungsflüsse vereinigt. Die Wirkungsgrade von leistungsverzweigten Getrie-
ben liegen typischerweise oberhalb des Wirkungsgrades der CVT-Einheit aufgrund der hohen
Wirkungsgrade im mechanischen Pfad. Der Wirkungsgrad steigt mit sinkender Leistung im
variablen Pfad und weist seinen Bestpunkt auf, wenn die Leistung im variablen Pfad auf 0
fällt [RR05]. Für CVTs mit Leistungsverzweigung und Dreiwellenstandardplanetensätzen
gibt es zwei typische Gruppen, deren Betriebsverhalten sich maßgeblich unterscheidet:
Eingang Ausgang
Mechanischer Pfad
Variabler Pfad
Leistungsverzweigung,
festes Drehzahlverhältnis Leistungssummierung,
festes Drehmomentverhältnis
(a) eingangsgekoppelte Struktur
Eingang Ausgang
Mechanischer Pfad
Variabler Pfad
Leistungssummierung,
festes Drehzahlverhältnis
Leistungsverzweigung,
festes Drehmomentverhältnis
(b) ausgangsgekoppelte Struktur
Abbildung 2.1: Typische Einteilung von CVTs mit Leistungsverzweigung nach [RR05]
Die eingangsgekoppelte Struktur (Abbildung 2.1a) auch primäre Kopplung genannt
teilt die Eingangsleistung über ein festgelegtes Geschwindigkeitsverhältnis in den mechani-
schen und den variablen Pfad auf. Da die Geschwindigkeiten im Punkt der Leistungsverzwei-
gung in einem festen Verhältnis zueinander stehen und das Verhältnis der Drehmomente am
Eingang der beiden Pfade variiert, wird hier auch von Torque-Split-Architektur gesprochen.
Beim Anfahren aus dem Stand ergibt sich für eingangsgekoppelte Strukturen ein hoher
Anteil an zirkulierender Leistung [RR05] und daher niedrige Wirkungsgrade, die jedoch bei
Traktoren durch die Schlupfgrenze oder durch eine intelligente Gesamtabstimmung bzw.
Fahrstrategie (seriell hydraulisches bzw. seriell elektrisches Anfahren) gemildert werden
können. Im Vorwärtsbetrieb tritt negative zirkulierende Blindleistung auf. Die Bezeichnung
negativ rührt daher, dass die Leistung negativ durch den variablen Pfad läuft, also vom
Ausgang zum Eingang. Im Rückwärtsbetrieb tritt positive zirkulierende Blindleistung auf.
In diesem Fall muss die CVT-Einheit eine Gesamtleistung übertragen, die höher als die
Eingangsleistung und damit Motorleistung ist, was zu einem niedrigen Gesamtwirkungsgrad
führt. Der Wirkungsgradbestpunkt der eingangsgekoppelten Struktur tritt im Vorwärtsbe-
trieb bei stillstehender Variatorausgangswelle auf. In diesem Punkt fließt keine Leistung über
den variablen Pfad. Bei weiterer Erhöhung der Ausgangsdrehzahl tritt Leistungsverzweigung
auf, jetzt teilt sich die Eingangsleistung auf den mechanischen und den variablen Pfad auf
28
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
und wird vor dem Ausgang wieder summiert. Der Wirkungsgrad bei Rückwärtsfahrten
mit geringen Geschwindigkeiten ist mäßig. Wenn diese von Bedeutung sind, kann eine
mechanische Reversiereinheit eingesetzt werden, um akzeptable Wirkungsgrade zu liefern.
Der Wirkungsgradverlauf im Vorwärtsbetrieb kann dann auch im Rückwärtsbetrieb genutzt
werden. Wird dem Stufenlosgetriebe ein konventionelles Stufengetriebe nachgeschaltet, so
kann der Wirkungsgradbereich des stufenlosen Getriebes über der Fahrzeuggeschwindigkeit
analog zur Kennung eines Verbrennungsmotors mehrfach durchlaufen werden und es lassen
sich so kontinuierlich hohe Wirkungsgrade erreichen.
Die ausgangsgekoppelte Struktur (Abbildung 2.1b) teilt die Eingangsleistung über eine
Planetenstufe auf den mechanischen und den variablen Pfad auf. Diese Aufteilung erfolgt
stets mit einem festen Verhältnis der Drehmomente, während das Verhältnis der Drehzahlen
am Eingang der beiden Leistungspfade variiert. Daher wird hier auch von Speed-Split-
Architektur gesprochen. Für die ausgangsgekoppelte Struktur gilt, dass beim Anfahren
die Leistung im variablen Pfad zunächst gleich der Eingangsleistung ist, d. h. die gesamte
Leistung fließt über den variablen Pfad, was zu niedrigen Gesamtwirkungsgraden führt. Die
absoluten Verluste werden wiederum von der Schlupfgrenze gemildert. Bei Erhöhung der
Ausgangsdrehzahl tritt Leistungsverzweigung auf und es wird immer mehr Leistung über
den mechanischen Pfad übertragen. Die Leistung im mechanischen Pfad steigt proportio-
nal mit der Ausgangsdrehzahl an. Der Gesamtwirkungsgrad steigt daher linear, wenn für
beide Pfade konstante Wirkungsgrade angenommen werden. Bei stillstehender Variatorein-
gangswelle wird die Leistung rein mechanisch übertragen, was wie bereits erläutert zu den
besten Gesamtwirkungsgraden führt. Sobald die Variatoreingangswelle dann in die andere
Richtung zu drehen beginnt, tritt negative Blindleistung auf und der Wirkungsgrad fällt
linear ab. Im Rückwärtsbetrieb ändert die Sonnenwelle ihre Drehrichtung und wird damit
zur Eingangswelle der Planetenstufe. Es tritt positive Blindleistung auf, die zu niedrigen
Gesamtwirkungsgraden führt. Bei der ausgangsgekoppelten Struktur treten die niedrigen
Wirkungsgrade im Rückwärtsbetrieb im Gegensatz zur eingangsgekoppelten Struktur bei
hohen statt bei niedrigen Geschwindigkeiten auf. Wenn hohe Geschwindigkeiten im Rück-
wärtsbetrieb von großer Bedeutung sind, kann wiederum eine mechanische Reversiereinheit
verwendet werden, um gute Wirkungsgrade zu erreichen. Als Schlussfolgerungen für die
praktische Anwendung ergeben sich:
Leistungsverzweigte Stufenlosgetriebe können den Gesamtwirkungsgrad über den des
stufenlosen Pfades hinaus erhöhen.
Beide Prinzipien (eingangs- und ausgangsgekoppelt) sind von Bedeutung und werden
kommerziell hergestellt und verkauft.
Leistungsverzweigte CVTs können nicht den gesamten Geschwindigkeitsbereich ei-
nes Traktors abdecken, es sind zusätzliche mechanische Fahrbereiche erforderlich.
Je kleiner die bezogene Leistung des variablen Pfades ist, desto höher fällt der Ge-
samtwirkungsgrad aus, aber desto mehr zusätzliche mechanische Fahrbereiche sind
erforderlich.
Fahrstrategie und Getriebekonzepte sollten die Wirkungsgradvorteile in dem Punkt
berücksichtigen, in dem keine Leistung über den variablen Pfad fließt. Es ist vorteilhaft,
diesen Punkt in Bereiche der schweren Feldarbeit (z. B. 6 12
km/h
) und hoher
Transportgeschwindigkeiten zu legen.
29
2 Theoretische Grundlagen
Eingangsgekoppelte Strukturen können eine Ausgangsdrehzahl von 0 auch mit me-
chanischen Variatoren erreichen. Der prinzipbedingte Nachteil eingangsgekoppelter
Strukturen von sehr hohen Blindleistungsanteilen um den Stillstandspunkt wird für
Traktoren durch die Schlupfgrenze gemildert.
Um den Gesamtwirkungsgrad leistungsverzweigter Getriebe möglichst hoch zu halten, wird
bei praktischen Anwendungen ein solches Getriebe mit mehreren konventionellen mechani-
schen Schaltstufen kombiniert. Üblich sind zum Beispiel vier einzeln schaltbare mechanische
Gangstufen oder vier über eine vorgeschaltete Doppelkupplung mit verschiedenen Eingangs-
drehzahlen und -drehmomenten schaltbare Gangstufen (ergibt acht Gänge) [GR10].
Als besonderer Vorteil eingangsgekoppelter Strukturen im Hinblick auf die zukünftig zu
erwartenden Entwicklungen im Traktoren- und Anbaugerätebereich ergibt sich, dass für
diese Strukturen die Drehzahl der Eingangswelle des variablen Pfades immer in direktem
Verhältnis zur Drehzahl des Verbrennungsmotors steht. Besonders wenn eine eingangsgekop-
pelte Struktur mit einem elektrischen variablen Pfad umgesetzt wird, kann diese Tatsache
genutzt werden, um über die mit der Eingangswelle des variablen Pfades verbundene elek-
trische Maschine zusätzliche elektrische Leistung für Anbaugeräte oder für das Bordnetz
des Traktors zu generieren. Eine elektrische Maschine an der Eingangswelle des variablen
Pfades einer eingangsgekoppelten Struktur ist auf eine ähnliche Art an den Dieselmotor
des Fahrzeuges angebunden wie eine Lichtmaschine. Für die Zukunft kann daher erwartet
werden, dass die Funktionen dieser beiden elektrischen Maschinen in einer Maschine vereint
werden können.
2.1.5 Magnetische Getriebestufen
Mechanische Getriebestufen weisen eine hohe Drehmomentdichte auf und sind mit modernen
Fertigungsverfahren kostengünstig herzustellen. Als Nachteile mechanischer Getriebestufen
sind zu nennen, dass sie ein geräuschintensives Betriebsverhalten aufweisen, regelmäßige
Wartung und Schmierung benötigen und Reibungsverluste erzeugen. Um diese Nachteile zu
überwinden, wurde bereits 1901 in Form eines Patentes versucht, das Design mechanischer
Stufengetriebe auf ein magnetisches Wirkprinzip zu übertragen [Arm01]. Magnetische
Getriebestufen nutzen zur Kraft- bzw. Drehmomentübertragung keinen mechanischen
Kontakt, sondern magnetischen Fluss und daraus resultierende Lorentz- und Reluktanzkräfte.
Die in diesen anfänglichen Entwicklungen übertragbaren Drehmomente für magnetische
Getriebestufen waren verglichen mit den mechanisch übertragbaren Drehmomenten
gering, da durch die Natur des Designs mit parallelen Achsen stets nur ein kleiner Teil
der Magnete in Wechselwirkung miteinander stand, während der überwiegende größere
Teil der Magnete keine Kräfte auf das andere Rad übertragen konnte, ähnlich wie bei
einem mechanischen Stufengetriebe stets nur wenige Zähne das Drehmoment übertragen.
Eine wissenschaftliche Veröffentlichung, die breites Interesse im Bereich magnetischer
Getriebestufen ausgelöst hat, ist die über eine magnetische Hochleistungsgetriebestufe
von Atallah und Howe aus dem Jahr 2001 [AH01]. Die Getriebestufe verwendet erstmals
ein koaxiales Design von An- und Abtriebswelle, analog zu mechanischen Getriebestufen
mit koaxialer Lage von An- und Abtriebswelle wie Planetensätzen oder dem Harmonic-
Drive-Getriebe. Das Design von Atallah und Howe weist Analogien zu einer mechanischen
Planetenstufe auf:
30
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
High speed magnet rotor (HSR)
(Sun gear)
Steel pole piece rotor (PPR)
(Planet carrier)
Low speed magnet rotor (LSR)
(Ring gear)
Abbildung 2.2:
Mechanische Umlaufgetriebestufe und magnetische Umlaufgetriebestufe, vgl.
[Lat13]
Abbildung 2.2 zeigt den grundsätzlichen Aufbau des von Atallah und Howe vorgeschla-
genen neuartigen Designs verglichen mit einer mechanischen Planetenstufe, wie auch in
[Lat13] zu sehen. Setzt man die in Unterabschnitt 2.1.2 vorgeschlagene Benennung nach
Müller auf diese neuartige Getriebestufe um, so ergibt sich Folgendes: Das ursprüngliche
Getriebe war eine magnetische Getriebestufe. Deren ursprünglich stillstehende Übertra-
gungsorgane in Form der den Fluss modulierenden ferromagnetischen Segmente laufen nun
um, womit sich der Name magnetische Umlaufgetriebestufe ergibt. Zur Konkretisierung
kann dieser Name noch zu magnetische Dreiwellenumlaufgetriebestufe erweitert werden, da
auch magnetische Umlaufgetriebestufen mit mehr als drei drehenden Wellen denkbar sind.
Die umgangssprachlich naheliegende Benennung magnetische Planetenstufe ist nicht korrekt,
weist aber dennoch auf die bestehenden Analogien zum mechanischen Planetengetriebe
hin. Die Übertragungselemente in einer magnetischen Umlaufgetriebestufe drehen sich
nicht um sich selbst, sondern es rotieren lediglich deren Achsen um die zentrale Achse. Die
magnetische Getriebestufe besteht aus einem inneren und einem äußeren Ring, die jeweils
eine voneinander verschiedene Anzahl Magnetpolpaare aufweisen. Diese Magnetpolpaare
bestehen ihrerseits stets aus zwei nebeneinander angeordneten Bogensegmentmagneten
mit alternierender, radialer Polarisierung. Die Darstellung im Bild gibt für die einzelnen
Bogensegmentmagnete deren Polarisierung an, wobei die rote Einfärbung signalisiert, dass
die Polarisierung von innen nach außen vorliegt, während die grüne Einfärbung signalisiert,
31
2 Theoretische Grundlagen
dass die Polarisierung von außen nach innen vorliegt. Analog dazu weist das mechanische
Pendant ein inneres (Sonne) und ein äußeres Zahnrad (Hohlrad) auf, die jeweils eine vonein-
ander verschiedene Anzahl Zähne besitzen. Zwischen dem inneren Ring der magnetischen
Getriebestufe und dem äußeren Ring der magnetischen Getriebestufe befindet sich ein Ring
mit einer Anzahl Segmente, die alternierend ferromagnetisch und paramagnetisch sind.
Dieser Ring moduliert den magnetischen Fluss zwischen dem Innenring und dem Außenring.
Bei dem von Atallah und Howe vorgeschlagenen Design sind stets alle Magnete an der
Drehmomentübertragung beteiligt, wodurch das übertragbare Drehmoment bezogen auf
den Bauraum und die Menge an verwendetem magnetischen Material signifikant erhöht
werden konnte. Bei stillstehendem modulierenden Ring bildet sich ein festes Drehzahl- und
Drehmomentverhältnis zwischen dem Innenring und dem Außenring. Dieses Verhältnis
definiert wie auch beim mechanischen Planetensatz das Standübersetzungsverhältnis.
Eine Unterscheidung, wie sie für Sonne und Hohlrad des mechanischen Planetensatzes
möglich ist, wobei das Hohlrad stets mehr Zähne als die Sonne hat und die Verzahnung
des Hohlrads stets eine Innenverzahnung ist, kann für die magnetische Umlaufgetriebestufe
nicht vorgenommen werden. Daher werden deren beiden Zentralwellen basierend auf deren
sich einstellenden relativen Drehzahlen bei stillstehendem Modulationsring als High speed
magnet rotor (HSR) und Low speed magnet rotor (LSR) bezeichnet. Der HSR ist hierbei
immer der Ring, der die betragsmäßig höhere Drehzahl aufweist und damit der Ring, der
die geringere Anzahl an magnetischen Polpaaren aufweist. Die Anzahl an magnetischen
Polpaaren ist bei der magnetischen Umlaufgetriebestufe nicht an geometrische Größen
wie den Durchmesser der einzelnen Ringe gebunden, sondern kann frei gewählt werden.
Hierzu wird der Bogensegmentwinkel der einzelnen Magnete entsprechend vergrößert oder
verkleinert. Es ergibt sich somit die Möglichkeit, am äußeren Ring weniger Magnetpolpaare
zu verwenden als am inneren Ring. Dies würde bezogen auf das mechanische Pendant
einer Vertauschung von Sonne und Hohlrad entsprechen, die für mechanische Planetensätze
konstruktiv nicht realisierbar ist.
Für die Anzahl der Polpaare auf beiden Ringen und die Anzahl der ferromagnetischen
Segmente gilt nach [AH01] folgender elementarer Zusammenhang:
Nm,k =|km·Np+k·Ns|(2.3)
Mit
NpAnzahl der Polpaare auf Magnetring 1
Nm,k Anzahl der Polpaare auf Magnetring 2
NsAnzahl der ferromagnetischen Segmente des Modulationsrings
km
und
k
sind Faktoren für die Teilung der ferromagnetischen Segmente und der Polpaare,
die das grundlegende Übersetzungsverhältnis nicht beeinflussen, wie auch analog die Verän-
derung des Moduls bei der mechanischen Planetenstufe das Übersetzungsverhältnis nicht
beeinflusst. Es gilt
kmN
und
kZ
. Nach [AH01] gilt weiterhin, dass das übertragbare
Drehmoment maximal wird, wenn
km
zu 1 und
k
zu
±
1gesetzt wird. Weiterhinm ergibt
sich, dass die Anzahl der ferromagnetischen Segmente entweder aus der Summe der Anzahl
der Polpaare von Innen- und Außenring oder aus deren Differenz gebildet werden kann:
Ns=|Nm,k ±Np|(2.4)
32
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
So kann die Standübersetzung einer magnetischen Umlaufgetriebestufe nicht allein aus
der Anzahl der Polpaare von Innen- und Außenring bestimmt werden. Entscheidend ist
zusätzlich, ob die Anzahl der ferromagnetischen Segmente des modulierenden Rings aus
der Summe oder der Differenz der Polpaarzahlen gebildet wurde. Die Bestimmung der
Anzahl der ferromagnetischen Segmente des modulierenden Rings aus der Summe oder der
Differenz der Polpaarzahlen entscheidet über das Vorzeichen der Standübersetzung und
damit darüber, ob es sich bei der Getriebestufe um eine Plus- oder eine Minusgetriebestufe
handelt. Die Analogie zur mechanischen Planetenstufe bildet der Einsatz von inneren
und äußeren Planeten, die ebenfalls das Vorzeichen der Standübersetzung ändern. Wird
die Anzahl der ferromagnetischen Segmente mit der Summe der Polpaarzahlen gebildet,
handelt es sich um eine Minusgetriebestufe, andernfalls um eine Plusgetriebestufe. Das
übertragbare Drehmoment ist für eine magnetische Minusgetriebestufe höher als für eine
Plusgetriebestufe [AH01]. Analog ist auch das übertragbare Drehmoment für eine mecha-
nische Minusgetriebestufe (aufgrund geringerer Reibungsverluste) geringfügig höher als
für eine mechanische Plusgetriebestufe. Eine magnetische Minusgetriebestufe ist daher für
den Einsatz in einem Variatormodul des Getriebes eines landwirtschaftlichen Fahrzeugs
zu favorisieren. Abschließend ist anzumerken, dass die Wahl der Standübersetzung einer
magnetischen Umlaufgetriebestufe für die elementaren Größen Drehzahl, Momente und
Leistungen der Umlaufgetriebestufe entscheidend ist. Ausführungen mit dem HSR innen
oder außen und mit der Anzahl der ferromagnetischen Segmente gebildet aus der Summe
oder aus der Differenz der Polpaarzahlen sind dann nur konstruktive Varianten, die sich
kinematisch nicht voneinander unterscheiden. Analog unterscheiden sich auch verschiedene
konstruktive Ausführungen mechanischer Planetenstufen mit einer übereinstimmenden
Stand- oder Umlaufübersetzung kinematisch nicht voneinander [Mül98].
Willis postuliert in seinem Lehrbuch, dass die von ihm angegebene kinematische Gleichung
(Gleichung 2.2) für alle Umlaufgetriebe gültig ist [Wil75]. Zum Zeitpunkt des Erscheinens
seines Lehrbuchs war noch keine magnetische Umlaufgetriebestufe bekannt. [Gou+11] liefert
eine Gleichung, mit der sich die Drehzahlen einer magnetischen Umlaufgetriebestufe im
Dreiwellenbetrieb bestimmen lassen:
N1
N3
1+N2
N3
23= 0 (2.5)
Hierin sind
N1Polpaarzahl des inneren Rotors
N2Anzahl der ferromagnetischen Stäbe des modulierenden Rings
N3Polpaarzahl des äußeren Rotors
1Drehzahl des inneren Rotors
3Drehzahl des äußeren Rotors
2Drehzahl des modulierenden Rings
Im Anhang dieser Arbeit wird gezeigt, dass sich die Gleichung zurückführen lässt auf die
übersichtliche Form der WILLIS-Gleichung (Gleichung 2.2), die für Umlaufgetriebestufen
gilt:
n1i0n2(1 i0)ns= 0
33
2 Theoretische Grundlagen
Mit
n1Drehzahl der Zentralwelle 1
n2Drehzahl der Zentralwelle 2
nsDrehzahl des Stegs
i0Standübersetzung
Die WILLIS-Gleichung gilt damit auch für magnetische Umlaufgetriebestufen, wobei
ns
der
Drehzahl des modulierenden Rings entspricht.
Von besonderer Bedeutung bei der Betrachtung magnetischer Dreiwellen-Umlaufgetriebestu-
fen ist, dass wie in Abschnitt 1.1 bereits kurz umrissen die Möglichkeit besteht, den äußeren
Rotor mit seinen Magnetpolpaaren zu entfernen und durch einen Stator mit Spulen zu
ersetzen. Die Konstruktion dieses innengenuteten Stators kann hierbei nach allen Möglich-
keiten erfolgen, die auch für andere elektrische Maschinen mit innengenutetem Stator zur
Verfügung stehen. Legt man Wechselstrom an diese Spulen an, so entsteht dadurch ein rotie-
rendes elektromagnetisches Feld. Die Funktionsweise ähnelt der Funktionsweise bürstenloser
Motoren mit Permanentmagneten. Das elektromagnetische Feld ist in seiner Funktion dem
äußeren Rotor mit Permanentmagneten gleichwertig. Durch die Realisierung als Stator mit
Spulen entfällt hierbei ein drehendes Teil (der Außenrotor), was die Lagerung der gesamten
Umlaufgetriebestufe vereinfacht. Außerdem reduziert sich die Menge des benötigten magne-
tischen Materials um bis zu 70 % [CCC14]. Da die Werkstoffe für starke Permanentmagnete
einen hohen Anteil seltener Erden beinhalten, sind diese ein maßgeblicher Kostentreiber
für derartige magnetische Umlaufgetriebestufen. Magnetische Umlaufgetriebestufen mit
einem Außenrotor mit Permanentmagneten weisen sehr hohe Wirkungsgrade auf, da die
einzigen entstehenden Verluste die Ummagnetisierungsverluste (Hystereseverluste) in den
ferromagnetischen Segmenten des modulierenden Ringes und deren Wirbelstromverluste,
sowie ggf. Wirbelstromverluste in angrenzenden, elektrisch leitfähigen Bauteilen sind. Diese
Verluste sind in erster Linie abhängig von den anliegenden Drehzahlen und weitgehend
unabhängig vom übertragenen Drehmoment, da sie maßgeblich von der Frequenz und
der magnetischen Flussdichte bestimmt werden, welche im betrachteten Fall durch die
Permanentmagnete konstant ist [GHV03]. Ersetzt man den Außenrotor durch einen Stator,
so ergibt sich eine andere Abhängigkeit der Verluste. Die elektrische Energie wird in diesem
Fall direkt am für die Übertragung kritischen Luftspalt und an der für die Übertragung
kritischen Geometrie des modulierenden Ringes zur Erzeugung eines elektrischen Drehfeldes
verwendet. Die Stromstärke gilt als Maß für das übertragbare Drehmoment, welches eben
durch den Luftspalt und die Geometrie des modulierenden Rings bestimmt und beschränkt
wird. Daher ergeben sich die Verluste dann als in erster Linie abhängig vom übertragenen
Drehmoment. Generell sind die Wirkungsgrade magnetischer Umlaufgetriebestufen mit
zwei rotierenden Elementen und einem Stator niedriger als die Wirkungsgrade magnetischer
Umlaufgetriebestufen mit drei rotierenden Elementen [CCC14]. Hierbei muss Beachtung
finden, dass zum Antrieb des äußeren Rotors magnetischer Umlaufgetriebestufen ebenfalls
eine verlustbehaftete Energieübertragung (z. B. Antrieb durch einen Elektromotor über eine
Stirnradstufe mit im Motor und in der Verzahnung auftretenden Verlusten) stattfindet, was
die in magnetischen Umlaufgetriebestufen mit Stator auftretenden Verluste relativiert.
34
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
2.1.6 Permanenterregte Synchronmaschinen
Magnetische Umlaufgetriebestufen mit Stator arbeiten analog zu permanenterregten Syn-
chronmaschinen. Bei stillstehendem modulierendem Ring ist die Drehzahl des inneren Rings
immer proportional zur Frequenz, mit der das Statordrehfeld erzeugt wird. Diese Synchroni-
tät wird auch bei Belastung beibehalten, es entsteht kein Schlupf wie beim Asynchronmotor.
Durch die WILLIS-Gleichung, deren Gültigkeit in Unterabschnitt 2.1.5 gezeigt wurde,
stehen die Drehzahlen der beiden Rotoren und die Frequenz des Statorfeldes jederzeit in
einem festen Verhältnis zueinander. Es bedarf daher keiner speziellen Drehzahlregelung.
Ist eine Eingangsdrehzahl (z. B. durch Verbindung einer Welle mit der Motorwelle des
Dieselmotors und Messung deren Drehzahl) bekannt, so kann durch Einstellen der Frequenz
des Statorfeldes die Drehzahl des dritten Elementes festgelegt werden, ohne dass eine
Messung dieser Drehzahl oder der Aufbau eines Regelkreises notwendig ist.
2.1.7 Hydraulisch leistungsverzweigte Stufenlosgetriebe
Als Basis für im Rahmen der Arbeit zu ziehende Vergleiche bieten sich verschiedene,
sich bereits im Serieneinsatz befindliche Stufenlosgetriebe an. Diese arbeiten allesamt mit
einem hydraulischen variablen Pfad, in welchem eine verstellbare Hydropumpe variablen
Verdrängungsvolumenstroms mit einem festen Hydromotor konstanten Volumenstroms
verbunden ist.
Abbildung 2.3:
Vereinfachtes Strichdiagramm hydrostatisches Stufenlosgetriebe ZF Terra-
Matic nach [Ren14]
Abbildung 2.3 zeigt ein Strichdiagramm des von der ZF Friedrichshafen entwickelten und
gefertigten hydrostatischen Stufenlosgetriebes ZF TerraMatic, welches eine Weiterentwick-
lung des Stufenlosgetriebes ZF Eccom darstellt. Das Getriebe besteht aus vier in Reihe
35
2 Theoretische Grundlagen
angeordneten Planetensätzen
P1
,
P2
,
P3
und
P4
, mit denen vier Fahrbereiche realisiert sind
und das Wandlerkennfeld der Hydrostaten somit viermal durchlaufen werden kann. Der
Hauptteil des Getriebes, der die Gangstufen beinhaltet ist in Inline-Bauweise realisiert,
was bedeutet dass alle Elemente koaxial angeordnet sind. Erst die Hauptkupplung und die
Reversierkupplung, die hinter den Gängen angeordnet sind realisieren den Versatz zwischen
Eingangs- und Ausgangswelle. Diese Bauform ist vor allem im Automobilbereich verbreitet.
Jede Gangstufe des Getriebes kann somit vorwärts und rückwärts genutzt werden und es ist
ein Reversieren unter Last möglich. Die Firmen Case IH und New Holland verwenden einen
gemeinsamen Getriebebaukasten für ihre Baureihen, innerhalb dessen ein Konzept für ein
Stufenlosgetriebe zum Einsatz kommt und in zwei Leistungsklassen und Gangabstufungen
verwendet wird:
PTO
DDS
CLCR,H
L
R
H
Abbildung 2.4:
Strichdiagramm hydrostatisches Stufenlosgetriebe für die Baureihen Case
IH Maxxum und New Holland T6 nach [RGS15]
Abbildung 2.4 zeigt das Strichdiagramm des in den Baureihen Case IH Maxxum und
New Holland T6 zum Einsatz kommenden Stufenlosgetriebes. Das Getriebe wird auch in
den kleinen Traktoren der nächstgrößeren Baureihen Case IH Puma und New Holland T7
verbaut. Es handelt sich um ein einfaches Stufenlosgetriebe mit einem Variator mit zwei
unabhängigen Ausgangswellen, die für die beiden Fahrbereiche L und H verwendet werden.
Der Variator besteht hierbei aus einem reduzierten Wolfromsatz. Der Rückwärtsgang wird
auf der gleichen Variatorausgangswelle wie der langsame Vorwärtsgang L angeordnet, die
Drehrichtungsumkehr wird über ein Zwischenzahnrad vorgenommen. Dies ermöglicht es, die
zum Einsatz kommende Doppelkupplung, die im Synchronpunkt der beiden Vorwärtsgänge
unter Last umschaltet, auch zum Reversieren unter Last zu verwenden. Das Getriebe verfügt
damit über zwei Fahrbereiche im Vorwärtsbetrieb und einen Fahrbereich im Rückwärts-
36
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
betrieb. Ein ähnliches Stufenlosgetriebe kommt für die Traktoren der größeren Baureihen
zum Einsatz:
PTO
DDS
R2
CF2,F4,R1
F1
F2
F3F4
R1
CF1,F3,R2
Abbildung 2.5:
Strichdiagramm hydrostatisches Stufenlosgetriebe für die Baureihen Case
IH Puma und Magnum sowie New Holland T7 und T8 nach [GR10]
Abbildung 2.5 zeigt das Strichdiagramm des in den Baureihen Case IH Puma und Magnum
sowie New Holland T7 und T8 zum Einsatz kommenden Stufenlosgetriebes. Es handelt sich
hierbei um eine komplexere Version des in den kleineren Traktoren verbauten Getriebes.
Der Variator wird ebenfalls mit einem Wolfromsatz realisiert. Durch eine Erweiterung um
zusätzliche Synchronringe und eine Zwischenwelle für Rückwärtsfahrt anstelle eines einzelnen
Zwischenzahnrades ergeben sich bei diesem Getriebe vier Fahrbereiche im Vorwärtsbetrieb
und zwei Fahrbereiche im Rückwärtsbetrieb. Auffällig ist weiterhin der geänderte Antrieb
des hydrostatischen Wandlers. Diese Änderung ist für die Funktion des Getriebes ohne
Bedeutung. Eine weitere Art von Stufenlosgetrieben, welche in jedem Fall als Referenz
betrachtet werden muss, sind Stufenlosgetriebe nach dem von Jarchow 1982 vorgeschlagenen
System [JHB83]. Diese Art Stufenlosgetriebe, die im Folgenden als Jarchow-Getriebe
bezeichnet wird, wurde bereits 1982 zum Patent angemeldet. Der Patentschutz besteht
folglich nicht mehr und das Jarchow-Getriebe ist allgemein bekannt und darf beliebig
verwendet werden. Die grundlegende Struktur ist in Abbildung 2.6 dargestellt:
37
2 Theoretische Grundlagen
DDS
F2
R
F4F1
F3
K
Abbildung 2.6: Strichdiagramm hydrostatisches Stufenlosgetriebe Jarchow, nach [JHB83]
Abbildung 2.6 zeigt beispielhaft ein Jarchow-Getriebe. Kennzeichnend für diese Familie
von Stufenlosgetrieben ist, dass das die Geschwindigkeit kontrollierende Element in der
Originalanmeldung ein Hydromotor, auch denkbar mit einer elektrischen Maschine in
zwei voneinander unabhängigen Planetenstufen jeweils das Element mit dem kleinsten
Drehmoment (in Minusgetriebestufen die Sonne) antreibt.
2.1.8 Nachteile aktueller Getriebegenerationen
Die sich aktuell im Serieneinsatz befindlichen leistungsverzweigten Stufenlosgetriebe weisen
prinzipbedingte Nachteile auf, wenn man deren Hydromotoren und Hydropumpen durch
elektrische Maschinen ersetzt, ohne die grundlegende Getriebestruktur zu ändern. Um dem
Betriebsverhalten einer möglicherweise zum Einsatz kommenden elektrischen Maschine
entgegenzukommen, muss die elektrische Maschine stets mit den Sonnen der Planetenge-
triebestufen verbunden werden. So wird die Welle angetrieben, die eine hohe Drehzahl
und ein niedriges Drehmoment aufweist. Dies bringt konstruktive Herausforderungen mit
sich, die sich in erhöhtem Platzbedarf niederschlagen, da die Sonnen weit innen liegende
Bauteile sind, während die elektrischen Maschinen eher außen am Getriebe angeordnet
sein müssen. Um den Leistungsbereich der elektrischen Maschinen ideal ausnutzen zu
können, würde weiterhin eine zusätzliche Stirnradstufe zwischen der Sonnenwelle und der
elektrischen Maschine benötigt, die ein für Stirnradstufen hohes Übersetzungsverhältnis von
ungefähr 4 aufweisen müsste. Dies führt zu kostenintensiven Zahnrädern. Weiterhin führt
diese Stirnradstufe dazu, dass bei den aktuell zum Einsatz kommenden Variatormodulen
leistungsverzweigter Stufenlosgetriebe bei manchen Getriebearchitekturen im Punkt des
aktiven Stillstandes sehr hohe Drehzahlen in den elektrischen Maschinen auftreten würden.
Dies führt wiederum dazu, dass die Gefahr besteht die elektrische Maschine durch die
auftretenden Zentripetalkräfte zu beschädigen. Außerdem birgt ein solcher Betriebspunkt
ein weiteres Risiko: Wird der Traktor in den aktiven Stillstand geschaltet, so zirkuliert eine
hohe Menge Energie innerhalb des Getriebes. Versagt jetzt ein mechanisches Bauteil und
blockiert so einen Leistungspfad im Variatormodul, so kann es passieren, dass die zirkulie-
38
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
rende Leistung schlagartig zur sich bereits im Leistungsfluss befindlichen Ausgangswelle
geleitet wird. Der Traktor kann dann eine unerwartete Bewegung nach vorne oder hinten
machen und so nahe stehende Personen gefährden. Besonders kritisch ist dieses Verhalten zu
sehen, wenn für zukünftige Traktorgenerationen überlegt wird, ein langsames Bewegen des
Traktors im Zentimeterbereich über Bedienelemente an der Rückseite der Radabdeckung
zu ermöglichen, zum Beispiel zum Anhängen von Anbaugeräten. Die bedienende Person
steht bei dieser Tätigkeit zwischen Traktor und Anbaugerät. Ein unkontrolliertes Anfahren
des Traktors ist hierbei unbedingt zu vermeiden. Um den durch Einsatz von elektrischen
Maschinen auftretenden Herausforderungen im Punkt des aktiven Stillstands zu begegnen,
muss die zirkulierende Leistung im Getriebe in diesem Punkt sehr gering (nahezu 0) ausfal-
len, damit bei Ausfall von Systemen keine hohen Energiemengen den Traktor ruckartig und
unkontrolliert bewegen können. Hierfür kann beispielsweise ein zusätzlicher Gang durch
eine mechanische Koppelung von zwei drehenden Wellen im Variatormodul (und damit
Reduktion des kinematischen Freiheitsgrades um 1) integriert und somit seriell elektrisches
oder seriell hydraulisches Anfahren realisiert werden. Dadurch bedingt sind die Wirkungs-
grade in diesem Gang deutlich geringer als in den leistungsverzweigten Betriebsmodi des
Getriebes.
Als weiterer Nachteil ist zu nennen, dass die elektrischen Maschinen maßgeblich die Länge
des Getriebes bestimmen, da sie gegebenenfalls so montiert werden müssen, dass in dem
Bereich, in dem sie sich befinden, aus Platzgründen keine anderen Funktionen des Getriebes
parallel realisiert werden können. Die Länge der elektrischen Maschinen geht daher meist
direkt in die Länge des gesamten Getriebemoduls ein. Dies ist auch insofern als Nachteil zu
betrachten, als dass für das gleiche Getriebemodul verschieden große elektrische Maschinen
angeboten werden könnten, je nachdem wie viel elektrische Leistung auf Anbaugeräten
zur Verfügung gestellt werden soll. Dies kann auch dadurch realisiert werden, dass eine
elektrische Maschine größer ausfällt als die andere, wobei die jeweils größere dann die
Länge des Getriebes bestimmt. Im Zuge einer modularen Getriebebauweise bedeutet das
wiederum, dass alle Getriebe so lang werden müssen, dass die größte elektrische Maschine
daran verbaut werden kann, unabhängig davon, welche elektrische Maschine verbaut wird.
Dies steht dem Wunsch nach kurzen Radständen entgegen.
Da sich die Entwicklung der elektrischen Antriebs- und Hybridtechnik in landwirtschaftli-
chen Fahrzeugen noch in einem frühen Stadium befindet, wäre es derzeit aus Gründen der
einfachen Wartung wünschenswert, dass die elektrischen Maschinen so montiert werden,
dass deren Demontage möglich ist, ohne das Getriebe aus dem Traktor zu entfernen. Es ist
anzunehmen, dass in Zukunft bei weiterer Entwicklung und Steigerung der Zuverlässigkeit
und damit auch des Vertrauens in elektrische Maschinen diese Restriktion aufgehoben
werden könnte. Für die zukünftige Entwicklung elektrisch leistungsverzweigter Stufenlos-
getriebe ist es daher wünschenswert, die Nachteile der aktuellen Getriebegeneration zu
überwinden. So würde beispielsweise die Kontrolle eines äußeren Elementes (Hohlrad oder
Träger) im Variatormodul den Bauraum deutlich verkürzen, ein Wegfall des Kriechganges
würde die Kosten senken und den Wirkungsgrad bei geringen Geschwindigkeiten erhöhen
und eine konzentrische Anordnung der elektrischen Maschine zur Getriebeeingangswelle
würde den zukünftig zu erwartenden Entwicklungen im Bereich der elektrischen Antriebs-
technik Rechnung tragen.
Ob eine Entwicklung in diesem Sinne möglich ist und ob die Nachteile der aktuellen Getrie-
begeneration durch ein neuartiges, magnetisch-elektrisch leistungsverzweigtes Variatormodul
39
2 Theoretische Grundlagen
beseitigt werden können ist Gegenstand dieser Arbeit. Um diese Frage umfassend beantwor-
ten zu können wird eine methodische Vorgehensweise mit hohem Abstraktionsgrad gewählt,
deren Grundlagen im folgenden Abschnitt beschrieben werden.
2.2 Methoden
Der nachfolgende Teil dieses Kapitels erläutert die methodische Herangehensweise an die
Konzeption und Konstruktion eines solchen neuartigen, magnetisch-elektrisch leistungs-
verzweigten Getriebes. Wie in Abschnitt 1.2 beschrieben wird hierfür ein ganzheitlicher,
umfassender Ansatz gewählt, um sicherzustellen, dass alle infrage kommenden Lösungen
systematisch erfasst und beurteilt werden.
2.2.1 Methodische Konstruktion nach VDI 2221
Das Vorgehen bei der Konzeption und Konstruktion des Variatormoduls richtet sich nach
VDI 2221 [VDI93]: Zunächst erfolgt das Klären und Präzisieren der Aufgabenstellung.
Durch eine systematische Ermittlung der Anforderungen wird eine eindeutige und konkrete
Basis für die weiteren Entwicklungsschritte sichergestellt [PL11]. Die Anforderungen an
die Konstruktion werden ebenfalls gemäß VDI 2221 in einer Anforderungsliste dargestellt.
Zur weiteren Konzeption wird das Produkt dann in seine Einzelfunktionen zerlegt, wofür
anschließend in Einzelfällen (vor allem für ein magnetisch-elektrisch leistungsverzweigtes
Variatormodul) Lösungsprinzipien gesucht werden. Die prinzipiellen Lösungen werden in
realisierbare Module gegliedert, die im Rahmen von Vorentwürfen gestaltet werden. Hierbei
wird darauf geachtet, dass diese Module frei miteinander kombiniert werden können. Ein
gesamtes Produkt wird nicht gestaltet, die Vorentwürfe beschränken sich auf den Kerninhalt
der neuen Technologie, das magnetisch-elektrisch leistungsverzweigte Variatormodul. Indem
das hierfür geeignetste Modul mit anderen, bereits bekannten Modulen zum Beispiel für
Drehrichtungsumkehr oder für Gruppenschaltungen kombiniert wird, kann dieses Modul
zu einem Gesamtgetriebe entwickelt werden. Es wird davon ausgegangen, dass auf eine
methodische technisch-wirtschaftliche Bewertung, wie sie zum Beispiel in VDI 2225
3
[VDI12b] vorgeschlagen wird, verzichtet werden kann, da das Produkt aufgrund der hohen
und vielfältigen Anforderungen so stark limitiert ist, dass das geeignetste Modul zweifelsfrei
aufgrund der technischen Anforderungen ohne Betrachtung der wirtschaftlichen Einflüsse
identifiziert werden kann. Die Produktdokumentation ist zum einen durch diese Arbeit
und zum anderen durch die im Rahmen der Konstruktion und Berechnung erstellten
Begleitdokumente dargestellt.
2.2.2 WOLF-Schema
Eine abstrakte Möglichkeit zur Synthese komplexer Umlaufgetriebe liefert das WOLF-
Schema [Wol54]. Grundlage dieses Verfahrens ist der Gedanke, dass für die Synthese eines
Umlaufgetriebes dessen konkrete konstruktive Ausführung zunächst nicht betrachtet werden
muss, da für jedes geforderte kinetische Verhalten stets mehrere konstruktive Lösungen
existieren, die kinematisch gleichwertig sind [Mül98]. Nach Ermittlung der Standübersetzung
und des Standgetriebewirkungsgrades sind weitere Größen zunächst für die Berechnung
der elementaren Größen Drehzahl, Momente und Leistungen nicht relevant. Aus diesem
40
2.2 Methoden
Grund hat Wolf eine Darstellungsform eingeführt, welche Umlaufgetriebe durch einen Kreis
mit drei Strichen (den nach außen führenden Wellen) darstellt [Wol54]. Diese Darstel-
lungsform beschränkt sich auf die wesentlichen Größen einer Umlaufgetriebestufe. Die
genaue Darstellung dieser Symbole ist beispielsweise in [Ges88] erläutert. Die Stegwelle einer
Umlaufgetriebestufe wird im WOLF-Schema immer mit einem Strich dargestellt, welcher
den Kreis durchbricht, während die Striche, die die anderen beiden Wellen symbolisieren,
am Kreis enden. Weiterhin wird die Summenwelle mit einem Doppelstrich dargestellt. So
kann man auf den ersten Blick erkennen, ob es sich um ein Plus- oder ein Minusgetrie-
be handelt. Bei einem Minusgetriebe ist die Stegwelle stets auch die Summenwelle, im
WOLF-Schema schnell und eindeutig daran zu erkennen, dass der doppelte Strich den Kreis
durchbricht. An die einzelnen Wellen eines im WOLF-Schema dargestellten Umlaufgetriebes
können Drehmomente, Drehzahlen und Leistungen angetragen werden, um so auch komplexe
Probleme schrittweise lösen zu können. Das Antragen dieser Elementargrößen erfolgt oft
nur durch Vorzeichen (+ oder
), um Drehrichtungen ermitteln zu können oder einen
Überblick über Leistungsflüsse innerhalb komplexer Strukturen (v. a. bei Blindleistung) zu
erhalten. Mit dem WOLF-Schema wird daher in einem ersten Entwurfsschritt die für die
gewünschte Kinematik benötigte Lage von Summen- und Differenzwellen in einem ein- oder
mehrstufigen Umlaufgetriebe ermittelt. Diese ergibt sich aus dem geforderten Verhalten der
Drehrichtungen und aus Anforderungen hinsichtlich des möglichen Drehmomentes einzelner
Wellen sowie konstruktiven Vorgaben bzgl. Koppelwellen und freien Wellen.
2.2.3 Matrix-Rechenverfahren nach Stangl
Die Berechnung von Drehzahlen und Drehmomenten nach einem klassischen, analytischen
Verfahren bei dem die Drehzahl oder das Drehmoment jeder Komponente durch eine einzel-
ne, nach dieser Komponente aufgelöste komplexe Gleichung bestimmt wird ist aufwendig
und setzt Spezialkenntnisse voraus. Da sie auf Zuordnung und Aufstellung von komplexen
Gleichungen anhand der Betrachtung eines Strichdiagramms oder eines vorliegenden WOLF-
Schemas durch den Anwender aufbaut, ist sie darüber hinaus anfällig für Fehler und nicht
zur Umsetzung in der EDV geeignet. Aus diesem Grund wird im Rahmen dieser Arbeit ein
alternatives Rechenverfahren, erstmals vorgeschlagen von Stangl [Sta06] angewandt. Dieses
Verfahren, welches auch in der in der VDI-Richtlinie 2157 referenziert wird, basiert darauf,
ein System mit so vielen Unbekannten aufzustellen, wie das zu berechnende Getriebe Zahn-
räder und Kraft einleitende bzw. ausleitende Elemente hat. Das Verfahren ist vom einfachen
einstufigen Stirnradgetriebe bis hin zu hoch komplexen zusammengesetzten reduzierten
Umlaufgetrieben schematisch anwendbar. Es erzeugt in seiner einfachsten Ausprägung zur
Berechnung der Drehzahlen ein lineares Gleichungssystem, dessen Gleichungen je Zeile nur
zwei von 0 verschiedene Werte aufweisen. Ein solches lineares Gleichungssystem kann über-
sichtlich dargestellt werden. Weitere Vorteile dieses Verfahrens sind, dass die verwendeten
Gleichungen schematisch aufgestellt werden können und damit die Rechnerfähigkeit des
Verfahrens erhöht und die Fehleranfälligkeit reduziert wird. Mit dem Verfahren werden
Drehzahlgleichungen für jeden Stirnradeingriff aufgestellt, wobei reduzierte Geometrien wie
Planetenstufen immer dahin gehend erweitert werden, dass jedes Element nur noch einen
Eingriffspartner hat. So wird beispielsweise der Planet in einem Planetensatz gedanklich
auf zwei Planeten auf einer gemeinsamen umlaufenden Welle erweitert. Von diesen beiden
Planeten kämmt jetzt einer mit der Sonne, während der andere mit dem Hohlrad kämmt.
41
2 Theoretische Grundlagen
Dieses Vorgehen erzeugt zusätzliche Unbekannte, deren Berechnung durch zusätzliche,
einfache Gleichungen (eine Erweiterung der Willis-Gleichung auf zwei einzelne Gleichungen)
keine Schwierigkeit darstellt. Zudem liefert deren Einführung auch gegenüber der traditio-
nellen Berechnung direkt zusätzliche Ergebnisse, wie die Drehzahl der Planeten gegenüber
dem Steg oder das Drehmoment an den Planeten. Nach dem Aufstellen der Drehzahlglei-
chungen für jeden Stirnradeingriff werden Drehzahlgleichungen für diejenigen Elemente
aufgestellt, die durch eine Welle drehfest miteinander verbunden sind. Hierbei gilt, dass
deren Differenzdrehzahl immer gleich 0 ist. Dann werden ggf. Gleichungen für geschlossene
Kupplungen erzeugt, die wie die Wellengleichungen aufgestellt werden. Als Letztes müssen
noch Vorgabegleichungen gemäß des kinetischen Freiheitsgrades des Getriebes aufgestellt
werden, um ein lösbares Gleichungssystem zu erhalten. In einem zweiten Gleichungssystem
werden für die Drehmomente ebenfalls Gleichungen aufgestellt, wobei zunächst wieder
die Gleichungen für die Stirnradstufen aufgestellt werden. Diese Gleichungen weisen wie
die Gleichungen für die Drehzahlen je Zeile nur zwei von 0 verschiedene Werte auf. Nach
Aufstellen der Gleichungen für die Stirnradstufen werden die Gleichungen für die Elemente
aufgestellt, die durch eine Welle miteinander verbunden sind. Hierbei gilt, dass die Summe
der Drehmomente aller durch eine Welle verbundenen Teile stets 0 ergibt. Diese Gleichungen
sind für jeden eventuellen Schaltzustand sollte das Getriebe über schaltbare Kupplungen
verfügen getrennt aufzustellen. Zuletzt müssen wiederum Vorgabegleichungen für die
Drehmomente gemäß des statischen Freiheitsgrades des Getriebes aufgestellt werden. Für die
gewählten Berechnungspunkte werden die beiden Gleichungssysteme dann durch Invertieren
gelöst und es ergeben sich so direkt die Drehzahlen und Drehmomente aller Elemente
des Getriebes. Um verschiedene Betriebspunkte des Getriebes zu berechnen, nnen die
Vorgabegleichungen und die Gleichungen für geschlossene Kupplungen zum Beispiel mit
einer Tabellenkalkulationssoftware in Einzelschritten geändert werden und so jeder Betriebs-
punkt erfasst werden. Zum Berechnen der Leistungen aller Elemente des Getriebes ist es
ausreichend diese beiden Werte miteinander zu multiplizieren. Das Matrix-Rechenverfahren
nach Stangl bietet gegenüber einem klassischen, analytischen Verfahren, bei dem die Dreh-
zahl jeder Komponente durch eine nach dieser Komponente aufgelöste komplexe Gleichung
bestimmt wird, eine Reihe von Vorteilen: Das Aufstellen der Gleichungen ist für beliebig
komplexe Getriebe immer gleich einfach, da immer nur zwei im Eingriff stehende Teile
betrachtet werden, oder alle Teile, die drehfest miteinander verbunden sind. Liegt bereits ein
aufgestelltes Gleichungssystem vor, sind diese einfachen Gleichungen leicht zu überprüfen.
Durch die Einfachheit der aufzustellenden Gleichungen ist das Verfahren sehr schnell, und
es können innerhalb kürzester Zeit Aussagen zum Gesamtverhalten eines Getriebes getrof-
fen und dessen Drehzahl-Drehmoment-Diagramm erstellt werden. Da im Rahmen dieser
Arbeit ein Konzept hinsichtlich seiner Eignung bezogen auf Drehmomente und Leistungen
überprüft werden soll, wird ein Verfahren benötigt, welches schnell Ergebnisse liefert. Das
Matrix-Rechenverfahren nach Stangl ist hier besonders geeignet.
2.3 Ziele und Forschungsfragen
Aus der bisherigen Darstellung sowie der Betrachtung des Standes von Wissenschaft und
Technik und den einsetzbaren Methoden ergeben sich hinsichtlich der zu betrachtenden
Thematik folgende Forschungsfragen:
42
2.3 Ziele und Forschungsfragen
1.
Existiert ein Variatorkonzept für ein stufenloses, elektrisch leistungsverzweigtes Ge-
triebe, welches eine elektrische Maschine direkt in das Getriebe integriert?
Bei dieser Frage soll zunächst untersucht werden, ob ein solches gesuchtes Variatorkonzept
überhaupt theoretisch existiert. Durch die vielfältigen und hohen Anforderungen an Traktor-
getriebe und die besondere Charakteristik stufenloser Getriebe sowie Umlaufgetriebestufen
mit magnetischem Wirkprinzip und integrierter elektrischer Maschine ist zu erwarten, dass
bei der Synthese eines solchen Variatorkonzeptes bereits starke Limitierungen auftreten.
2.
Kann ein solches Variatorkonzept innerhalb des zur Verfügung stehenden Bauraumes
in Getrieben der aktuellen und zukünftigen Traktorgenerationen realisiert werden?
Durch modulare Bauweise sind die Schnittstellen von Traktorgetrieben bereits zu Beginn
der Entwicklung und langfristig festgelegt. Ein neues Getriebe muss sich zwischen die
bestehenden Schnittstellen einfügen, wichtige Randdaten wie der Abstand und die Lage
von Eingangs- zu Ausgangswelle, deren Drehrichtungen (relativ und absolut) sind für eine
gesamte Getriebefamilie definiert worden und können nicht verändert werden. Bei der
Entwicklung eines neuen Variatorkonzeptes kann davon ausgegangen werden, dass Bauraum
an gewissen Stellen eingespart wird, während an anderen Stellen zusätzlicher Bauraum
benötigt wird. Im Rahmen dieser Forschungsfrage ist zu klären, ob sich ein Getriebe mit dem
zu entwickelnden neuartigen Variatorkonzept in die bestehenden Grenzen der Bauräume
und Schnittstellen integrieren lässt.
3.
Ist der Einsatz eines solchen Variatorkonzeptes in Getrieben der aktuellen und zu-
künftigen Traktorgenerationen wirtschaftlich sinnvoll?
Die hochgradige Integration einer elektrischen Maschine und der Einbau von starken
Permanentmagneten sowie deren Handhabung birgt Risiken bei der Montage. Es handelt
sich um neue Technologien, deren volles Potenzial und Einfluss auf die Gesamtkosten eines
Traktorgetriebes noch nicht im Detail ersichtlich sind. Im Rahmen dieser Forschungsfrage
soll beantwortet werden, was die Kostentreiber in einem solchen neuen Variatorkonzept
sind und ob diesen an anderer Stelle Einsparungen in ausreichender Höhe gegenübergestellt
werden können, die einen Einsatz wirtschaftlich machen.
4.
In welchen Leistungssegmenten und in welchen Traktorkonfigurationen bietet sich der
Einsatz eines solchen Variatorkonzeptes besonders an?
Hierbei soll untersucht werden, ob das Variatorkonzept auf die Leistungsklassen des für
einen Einsatz infrage kommenden Traktorsegmentes ausgeweitet und skaliert werden kann,
oder ob es sich zum Einsatz innerhalb bestimmter Leistungsklassen besonders eignet.
Weiterhin soll beantwortet werden, ob sich ausgehend von dem entwickelten Variatorkonzept
eher ein Getriebe für das Standard- oder ein Getriebe für das Premiumsegment oder für
beide Segmente ergibt. So ist beispielsweise denkbar, dass anhand der Ergebnisse deutlich
wird, dass der Einsatz eines solchen Variatorkonzeptes wirtschaftlich sinnvoll ist, aber
Einschränkungen im Betriebsverhalten gegenüber Getrieben der aktuellen Generation mit
sich bringt. Dieses Ergebnis würde den Einsatz dann eher in Getrieben im Standardsegment
attraktiv machen. Andererseits kann sich auch ergeben, dass ein solches Variatorkonzept
Vorteile im Betrieb, Komfort und Wirkungsgrad mit sich bringt und finanziell einen höheren
Aufwand birgt als aktuelle Getriebe. Dieses Ergebnis würde den Einsatz im Premiumsegment
attraktiv machen.
43
2 Theoretische Grundlagen
5.
Welche Vor- und Nachteile ergeben sich durch den Einsatz eines solchen Variator-
konzeptes gegenüber stufenlosen, leistungsverzweigten Traktorgetrieben der aktuellen
Generation und gegenüber zu erwartenden elektrisch leistungsverzweigten Getrieben?
Im Rahmen dieser Forschungsfrage soll geklärt werden, in welchen Bereichen ein derartiges
Variatorkonzept Vorteile gegenüber Getrieben der aktuellen Generation aufweist. Da es
sich hierbei um eine Neuentwicklung handelt, ist noch offen, welche konkreten Vorteile
sich ergeben. Es wird zum Beispiel erwartet, dass sich durch Integralbauweise Vorteile im
Bereich Kosten und Bauraum ergeben, die andererseits Nachteile bei Reparatur, Wartung,
Modularität, Komplexität und Zusammenbau mit sich bringen könnten. Je nach gewähltem
Einsatzbereich und Segment können die Vor- und Nachteile gegenüber Getrieben der aktu-
ellen Generation auch unterschiedlich ausfallen. Es existiert derzeit noch kein elektrisch
leistungsverzweigtes Traktorgetriebe, eine zukünftige Markteinführung eines solchen durch
verschiedene Traktorhersteller scheint durchaus wahrscheinlich, da es sich um eine nahe-
liegende Weiterentwicklung hydraulisch leistungsverzweigter Getriebe handelt. Daher soll
das im Rahmen dieser Arbeit untersuchte Variatorkonzept auch auf seine Vor- und Nach-
teile gegenüber solchen zu erwartenden elektrisch leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben
zukünftiger Traktorgenerationen untersucht werden. Diese fiktiven elektrisch leistungsver-
zweigten Stufenlosgetriebe entstehen, indem bestehende hydraulisch leistungsverzweigte
Stufenlosgetriebe betrachtet werden, und deren Hydrostaten durch elektrische Maschinen
ersetzt werden.
Neben der Beantwortung der Forschungsfragen ist weiterhin Ziel im Rahmen der Arbeit,
ein Verständnis dafür zu entwickeln, ob und wie eine magnetisch-elektrische Umlaufge-
triebestufe mit einem Stator und zwei konzentrischen und ineinander laufenden Rotoren
funktioniert und wie diese betrieben bzw. im Rahmen des zum Einsatz vorgesehenen
Traktorgetriebekonzeptes weiterentwickelt werden kann.
44
3 Konzeption einer
magnetisch-elektrisch
leistungsverzweigten
Umlaufgetriebestufe
Auf den in Abschnitt 2.1 erläuterten theoretischen Grundlagen und Definitionen aufbauend
wird im zweiten Teil dieser Arbeit gezeigt, wie eine Variatorsektion nach dem Gegenstand der
Forschungsfragen entwickelt und untersucht werden kann. Hierbei findet die in Abschnitt 2.2
dargestellte methodische Vorgehensweise konsequent Anwendung.
3.1 Anforderungen an ein Traktorgetriebe
Wie in Unterabschnitt 2.2.1 erläutert, ist zunächst die Aufgabenstellung im Rahmen der
Zusammenstellung von Anforderungen in der Anforderungsliste zu konkretisieren und zu
präzisieren. Die vier Hauptanforderungen eines Fahrzeuggetriebes können zusammengefasst
werden zu:
Anfahren ermöglichen
Anpassung von Fahrgeschwindigkeit und Zugkraft an den jeweligen Bedarf vornehmen
(inklusive Rückwärtsfahrt ermöglichen)
Permanente Leistungsübertragung ermöglichen
Leistungsanpassung steuern
Neben den Hauptanforderungen werden an ein Getriebe noch zahlreiche weitere Nebenan-
forderungen auch Betriebsanforderungen genannt gestellt. Die Nebenanforderungen
lassen sich folgenden Gruppen zuordnen:
Betriebssicherheit
Kosten
Reparaturfreundlichkeit
Bedienbarkeit
Leistungsanpassung
Maße und Gewicht
45
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Variationsmöglichkeiten
Emissionen (Geräusche, Öl)
Speziell die technischen Anforderungen an ein Traktorgetriebe sind weltweit einem raschen
Wandel unterworfen, wobei auch hier neue Grenzwerte für Abgasemissionen die hauptsäch-
lichen Treiber sind. Kraftstoffeinsparung kann in einem ersten Ansatz vor allem durch den
Betrieb des Motors in seinem Wirkungsgradbestpunkt, also im Bereich seines geringsten
spezifischen Kraftstoffverbrauchs erreicht werden. Dies zieht einen Schongang für Transporte
bei gleichzeitig noch höheren Endgeschwindigkeiten und damit eine immer größer werdende
Spreizung nach sich [Gra+11].
3.1.1 Anforderungsliste
Gemäß [VDI93] werden die Anforderungen an die Konstruktion in einer Anforderungsliste
dokumentiert. Im speziellen Fall der im Rahmen dieser Arbeit zu entwickelnden Variatorsek-
tion ergeben sich folgende Anforderungen, die maßgeblich die Konzeption und Konstruktion
dominieren:
1. Alle Schaltpunkte müssen bei vollständiger Drehzahlsynchronität realisiert werden.
Diese Anforderung besagt, dass alle Schaltpunkte nur echte nahtlose Schaltpunkte sein
dürfen. Dies bedeutet, dass das gesamte Getriebe derart realisiert werden muss, dass bei
einem Gangwechsel keine einzige Komponente innerhalb des Getriebes ihre Drehzahl ändern
darf. Dies führt zu sehr angenehmen und kaum wahrnehmbaren Schaltpunkten.
2. Es muss jederzeit von jedem Gang in jeden anderen gewechselt werden können.
Diese Anforderung führt dazu, dass die einzelnen Gänge jeweils mit einer eigenen Kupplung
ausgestattet werden. Eine Verteilung der Gänge auf zwei Seitenwellen mit je einer Kupplung
und Vorwahl der Gänge durch Synchronringe ist durch diese Anforderung ausgeschlossen.
Die Anforderung trägt der Tatsache Rechnung, dass mit einem solchen Konzept große
Freiheiten bei der Ansteuerung und bei der Realisierung der Software für das Getriebe
entstehen. Das Getriebe ist so für alle Situationen gerüstet, die Schaltstrategie kann so
implementiert werden, dass der Wunsch der fahrzeugführenden Person jederzeit Vorrang hat.
Ein Wechsel des Ganges außerhalb von Schaltpunkten zieht eine Drehzahlanpassung von
Komponenten innerhalb des Getriebes nach sich und ist daher zwangsläufig kein nahtloser
Schaltpunkt. Die Vorteile, die sich im Betrieb daraus ergeben, wie z. B. das Überspringen
von Gängen oder schnelle Reaktionen auf eine plötzliche Veränderung der Fahrsituation,
überwiegen zum jetzigen Zeitpunkt die Nachteile, die hauptsächlich aus erhöhten Kosten
durch mehr Kupplungen bestehen. Es ist denkbar, dass diese Anforderung zu einem späteren
Zeitpunkt aufgehoben oder abgeschwächt wird.
3.
Es darf nur eine magnetisch-elektrische Dreiwellenumlaufgetriebestufe zum Einsatz
kommen.
Diese Anforderung limitiert den Einsatz von teuren Magnetmaterialien und elektrischen
Komponenten. Es ergeben sich hieraus Einschränkungen bei der Konzeption, da nicht alle
möglichen Konzepte mit nur einer magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe realisiert
werden können. Die Anforderung stellt sicher, dass sich die Kosten in einem überschaubaren
Rahmen bewegen.
46
3.1 Anforderungen an ein Traktorgetriebe
4. Das Getriebe muss alle Fahrbereiche vorwärts wie rückwärts durchfahren können.
Mit einem elektrisch leistungsverzweigten Getriebe in Torque-Split-Architektur ist Rück-
wärtsbetrieb grundsätzlich ohne Vorgelegewelle oder Reversiereinheit möglich. Durch die
besondere Charakteristik dieser Architektur ergeben sich bei Realisierung ohne Vorgele-
gewelle oder Reversiereinheit tendenziell niedrigere Wirkungsgrade im Rückwärtsbetrieb.
Die Anforderung 4 erzwingt ein Getriebe, dessen Betriebsverhalten im Vorwärtsbetrieb und
Rückwärtsbetrieb identisch ist. Dies bringt Vorteile bei der Schaltstrategie und Entwicklung
der Schaltsoftware mit sich. Außerdem vereinfacht diese Anforderung die Konzeption, da sie
auf den Vorwärtsbetrieb beschränkt werden kann, weil der Rückwärtsbetrieb kinematisch
identisch ist.
5. Aktiver Stillstand muss möglich sein.
Zusätzlich zur Unterbrechung des Leistungsflusses, welche jederzeit möglich sein muss
und üblicherweise durch eine Hauptkupplung bzw. Fahrkupplung realisiert wird ist diese
Anforderung den Hauptanforderungen eines Fahrzeuggetriebes zuzuordnen, mit ihr lässt
sich nämlich eine andere Art des Anfahrens realisieren. Aktiver Stillstand bedeutet, dass
das Getriebe sich im Leistungsfluss befindet und die Abtriebsdrehzahl durch den variablen
Pfad bei konstanter Motordrehzahl im Motorbetriebspunkt auf 0 abgesenkt wird. Der
Betriebspunkt des aktiven Stillstandes unterscheidet sich dahin gehend vom passiven
Stillstand, dass die Fahrkupplung eingelegt ist. Das Anfahren ist somit möglich, ohne dass
die Fahrkupplung Reibenergie beim Beschleunigen aufnehmen muss. Dies führt dazu, dass
die Fahrkupplung kompakter dimensioniert werden kann, da die eingetragene Wärmeenergie
deutlich geringer ausfällt als bei einer reibschlüssigen Kupplung, die als Anfahrelement dient.
Die Fahrkupplung wird weiterhin benötigt, um die Rückwärtsfahrt zu ermöglichen. Hierfür
wird die Fahrkupplung getrennt und die Rückwärtskupplung betätigt, was die Drehrichtung
am Getriebeeingang umkehrt. Hierdurch können alle Fahrbereiche des Getriebes vorwärts
und rückwärts genutzt werden. Dies führt zu einer einfachen Regelungsstrategie und
ermöglicht einen schnellen Wechsel von der Vorwärtsfahrt in die Rückwärtsfahrt und anders
herum, was speziell bei Arbeiten mit einem Frontlader von hoher Bedeutung ist. Neben
diesen konzeptionellen Randbedingungen ergeben sich quantitative Anforderungen:
6.
Die chste auftretende Drehzahl des elektromagnetischen Feldes soll 5000
min1
nicht überschreiten, da sich in ersten Betrachtungen gezeigt hat dass die auftretenden
Verluste sonst schwer beherrschbar sind.
7.
Die chste auftretende Leistung der elektrischen Maschine soll 100
kW
nicht über-
schreiten, da die Größe der elektrischen Maschine sonst in keinem guten Verhältnis
zur Größe des Verbrennungsmotors mehr steht.
8.
Das chste an beliebiger Stelle in der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
auftretende Drehmoment soll 950
Nm
nicht überschreiten, da es der hauptsächliche
Treiber für die radialen Abmessungen der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
ist.
9.
Die Motordrehzahl bei 60
km h1
soll 2100
min1
nicht überschreiten, was ein gängiges
Auslegungskriterium für einen Schongang für Transporte bei hoher Fahrgeschwindig-
keit darstellt.
47
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Selbstverständlich ergeben sich noch eine Vielzahl weiterer Anforderungen an das zu
entwickelnde Getriebe wie in Abschnitt 3.1 beschrieben. Da es sich hierbei um Nebenanfor-
derungen handelt, werden diese der Übersichtlichkeit halber nicht im Textteil dieser Arbeit
behandelt. Sie sind in der Anforderungsliste aufgeführt, die im Anhang zu finden ist.
3.1.2 Bedeutung der Anforderungen
Aus der Anforderung 1.4, dass alle Schaltpunkte in absoluter Drehzahlsynchronität stattfin-
den sollen, ergibt sich, dass die Variatorsektion des Getriebes zwei Ausgangswellen aufweisen
muss. Die Drehzahl der einen Welle muss bei steigender Drehzahl des kontrollierenden
Elementes (Stator) steigen, während die andere fallen muss. Nur so können mit dem Varia-
tor mehrere Gänge durchfahren werden, in dem das kontrollierende Element immer von
einer niedrigen Drehzahl zu einer hohen Drehzahl verstellt wird, dann im Synchronpunkt
der Gang gewechselt wird und anschließend das kontrollierende Element wieder in die
Gegenrichtung verstellt wird. Diese Charakteristik ist notwendig, um den stufenlosen Teil
dazu nutzen zu können, den Wirkungsgrad des Gesamtgetriebes über den des stufenlosen
Pfades zu erhöhen. Dies bringt eine Einschränkung des Wandlungsbereiches des Gesamtge-
triebes mit sich, der wiederum durch die verschiedenen Gänge begegnet wird. Um diese
benötigte Charakteristik unabhängig von der später zum Einsatz kommenden Anzahl von
Gängen realisieren zu können, lassen sich für die Synthese einer Variatorsektion für das
Getriebe folgende Synthesebedingungen aufstellen:
1.
Bei konstanter Drehzahl des Dieselmotors muss eine Erhöhung der Drehzahl des
kontrollierenden Elementes im variablen Pfad (Stator) bei einer Ausgangswelle zu
einer Erhöhung, bei der anderen zu einer Absenkung der Drehzahl führen.
Im Idealfall soll der Dieselmotor bei einer konstanten Drehzahl betrieben werden und die
Fahrgeschwindigkeit nur über das kontrollierende Element im variablen Pfad und Schaltung
der zur Verfügung stehenden Gänge realisiert werden. Wie oben beschrieben muss dafür
eine Erhöhung der Drehzahl des kontrollierenden Elementes im variablen Pfad (Stator)
bei einer Ausgangswelle zu einer Erhöhung, bei der anderen zu einer Absenkung der Dreh-
zahl führen. Trägt man die Drehzahlen der beiden Ausgangswellen über der Drehzahl des
kontrollierenden Elementes im variablen Pfad auf, so ergibt sich eine steigende und eine
fallende Gerade, die sich im Synchronpunkt, welcher der Drehzahl im Betriebspunkt des
Dieselmotors entspricht, schneiden. Da eine Ermittlung der Lage von Summen- und Diffe-
renzwellen, wie sie mit dem WOLF-Schema vorgenommen wird, ohne konkrete Zahlenwerte
vorgenommen werden kann, lässt sich diese Bedingung für die Getriebesynthese weiter
abstrahieren. Die Betriebsdrehzahl des Dieselmotors soll konstant sein. Da die Synthese
für jede beliebige Drehzahl des Dieselmotors funktionieren muss, kann diese Drehzahl auch
(für die Synthese) zu 0 angenommen werden. Dies vereinfacht die Bedingung dahin gehend,
dass durch die beiden Geraden, die sich ergeben, wenn man die Drehzahlen der beiden
Ausgangswellen über der Drehzahl des kontrollierenden Elementes aufträgt, jetzt sofort
erkennbar wird, dass bei einer Erhöhung der Drehzahl des kontrollierenden Elementes die
Drehzahl einer Ausgangswelle ein positives Vorzeichen aufweist, während das der anderen
negativ ist. Der Schnittpunkt der beiden Geraden liegt durch die gedankliche Festlegung
der Dieselmotordrehzahl auf 0 jetzt bei einer Ausgangsdrehzahl von 0 und damit auf der
x-Achse. Da von den beiden Geraden eine steigt und die andere fällt, müssen sie bei jeglicher
48
3.1 Anforderungen an ein Traktorgetriebe
Abweichung vom Schnittpunkt immer unterschiedliche Vorzeichen aufweisen. Mathematisch
lässt sich diese erste Synthesebedingung wie folgt ausdrücken:
nE=const. = 0 (3.1)
nOUT 1= +|K1| · nControl (3.2)
nOUT 2=−|K2| · nControl (3.3)
Hierbei entspricht
nEDrehzahl des Dieselmotors
nOUT 1Drehzahl der Ausgangswelle 1
nOUT 2Drehzahl der Ausgangswelle 2
nControl Drehzahl des kontrollierenden Elements
und
K1
und
K2
den Steigungen der beiden Geraden. Da die absoluten Drehzahlen der
beiden Ausgangswellen für die Ermittlung der Lage von Summen- und Differenzwellen ohne
Bedeutung sind, können die beiden Konstanten
K1
und
K2
zu 1 gesetzt werden, was die
Synthesebedingung weiter vereinfacht.
Die zweite Synthesebedingung ergibt sich aus der Tatsache, dass der Betriebspunkt des
Dieselmotors frei gewählt werden können muss:
2.
Bei konstanter Drehzahl des kontrollierenden Elementes im variablen Pfad (Stator)
muss eine Erhöhung der Drehzahl des Dieselmotors bei beiden Ausgangswellen zu
einer Erhöhung des Betrages der Drehzahl führen.
Befindet sich das Getriebe in einem bestimmten Betriebspunkt, dann muss eine Verschiebung
des Motorbetriebspunktes möglich sein, ohne dass sich die Schaltpunkte und Schaltlogik des
Getriebes ändern. Eine Verschiebung des Motorbetriebspunktes kann nötig sein, um auf ge-
änderte Lastsituationen zu reagieren, oder um zum Beispiel den Motor bei Transportfahrten
bei Maximalgeschwindigkeit mit niedriger Drehmomentanforderung bei einer niedrigeren
Drehzahl betreiben zu können. Daraus ergibt sich, dass die Drehzahlen der beiden Ausgangs-
wellen bei konstant gehaltener Drehzahl des kontrollierenden Elements im variablen Pfad
direkt proportional zur Drehzahl des Dieselmotors sein müssen. Mathematisch formuliert
lautet die Synthesebedingung wie folgt:
nControl =const. = 0 (3.4)
nOUT 1=K3·nE(3.5)
nOUT 2=K3· |K4| · nE(3.6)
Wobei
K3
und
K4
Konstanten für die Geradensteigung der beiden Ausgangsdrehzahlen,
aufgetragen über der Dieselmotordrehzahl, sind und mit dem Gleichungssystem lediglich
ausgedrückt wird, dass diese beiden Steigungen unterschiedliche Werte aufweisen können,
aber gleiches Vorzeichen (ob positiv oder negativ) aufweisen müssen. Für die Synthese mit
dem WOLF-Schema spielen absolute Werte keine Rolle, weshalb
K3
und
K4
ebenfalls zu 1
gesetzt werden können. Eine weitere Synthesebedingung ergibt sich aus Anforderung 1.6:
49
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
3.
Das kontrollierende Element im variablen Pfad darf nur mit einer Getriebestufe
verbunden sein.
Hieraus folgt, dass das kontrollierende Element nicht mit einer Koppelwelle verbunden
werden darf. Würde das kontrollierende Element (Stator) mit einer Koppelwelle verbunden
werden, so würde das bedeuten, dass beide Umlaufgetriebestufen des Variators als elek-
tromagnetische Umlaufgetriebestufen ausgeführt werden müssen. Dies ist im Zuge einer
Limitierung der Kosten und des zur Verfügung stehenden Bauraums zum jetzigen Zeitpunkt
zunächst zu vermeiden.
Neben den Synthesebedingungen, die sich aus den Anforderungen ableiten lassen, ergeben
sich noch weitere Bedeutungen der aufgestellten Anforderungen. Aus der Forderung, dass
alle Schaltpunkte bei absoluter Drehzahlsynchronität aller Elemente im Getriebe liegen
müssen, ergibt sich, dass auch die Drehzahl des kontrollierenden Elements im Variator
im Schaltpunkt konstant sein muss. Sind zwei Drehzahlen einer Umlaufgetriebestufe fest-
gelegt, dann ist auch die dritte bestimmt. Dies kann insofern als ein Nachteil angesehen
werden, als dass das kontrollierende Element in der untersuchten Getriebekonfiguration kein
physikalisches Trägheitsmoment mehr aufweist und seine Drehzahl innerhalb von Sekunden-
bruchteilen beliebig ändern kann. Im Gegensatz zu einer elektrischen Maschine, die über
eine Stirnradstufe mit einem Planetengetriebe verbunden ist und damit die kontrollierende
Funktion übernimmt, hat der Stator in einer elektromagnetischen Umlaufgetriebestufe
keine physikalische Drehzahl und auch kein Trägheitsmoment. Er erzeugt ein elektroma-
gnetisches Feld, welches mit einer bestimmten Frequenz wandert und dem damit eine
Drehzahl zugeschrieben werden kann. Um dieses Potenzial zu nutzen, müssten Schaltpunkte
zugelassen werden, bei denen Komponenten innerhalb des Getriebes ihre Drehzahl ändern.
Bei konstanter Drehzahl von Dieselmotor und Ausgang müssen hierbei Wellen innerhalb
des Getriebes durch Kupplungen oder durch das kontrollierende Element synchronisiert
werden. Es kann hierbei angenommen werden, dass ein Schaltpunkt, bei welchem Elemente
im Getriebe auf eine andere Drehzahl gebracht werden müssen, komfortabler ausfällt als
wenn er wie bei aktuell betrachteten Konzepten mit einer elektrischen Maschine, die ein
physikalisches Trägheitsmoment aufweist, realisiert wird. Die Schaltpunkte, bei denen Kom-
ponenten innerhalb des Getriebes ihre Drehzahl ändern, ergeben sich direkt aus der Nutzung
der Änderung der Drehzahl des kontrollierenden Elementes: Ändert sich eine Drehzahl in
einer Umlaufgetriebestufe, so kann eine zweite Drehzahl (die der Ausgangswelle) nur dann
konstant gehalten werden, wenn sich gleichzeitig die dritte Drehzahl ändert. Eine Änderung
von nur einer einzigen Drehzahl innerhalb der elektromagnetischen Umlaufgetriebestufe (die
des Stators) ist sonst nur dann denkbar, wenn gleichzeitig die Standübersetzung geändert
wird. Dies ist grundsätzlich durch elektrisches Umschalten der Anzahl der Spulen denkbar.
Aufgrund der Komplexität einer solchen Umschaltung und der benötigten zusätzlichen
elektrischen Komponenten soll diese Möglichkeit hier lediglich theoretische Erwähnung
finden und im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter behandelt werden.
Eine weitere Nutzung der Änderung der Drehzahl des kontrollierenden Elements im varia-
blen Pfad im Schaltpunkt lässt sich dadurch realisieren, dass das kontrollierende Element
beide Variatorstufen und damit beide Umlaufgetriebestufen direkt beeinflussen kann. Dies
führt wie in Synthesebedingung 3 bereits beschrieben dazu, dass beide Umlaufgetriebestufen
des Variators als elektromagnetische Umlaufgetriebestufen ausgeführt werden müssen und
wird deshalb zum jetzigen Zeitpunkt zunächst verworfen.
50
3.2 Getriebesynthese
3.2 Getriebesynthese
Im folgenden Abschnitt wird dargelegt, wie aus den in Abschnitt 3.1 erläuterten Anforderun-
gen und den daraus abgeleiteten Randbedingungen mittels der in Abschnitt 2.2 dargestellten
Methoden eine Getriebestufe bzw. ein komplettes Getriebe systematisch entwickelt werden
kann, wobei der Abstraktionsgrad schrittweise verringert wird.
3.2.1 Synthese einer Variatorsektion mit dem WOLF-Schema
Das WOLF-Schema der zu entwickelnden Variatorsektion besteht aus zwei einzelnen Um-
laufgetriebestufen (eine mit mechanischem und eine mit magnetischem Wirkprinzip), die
durch zwei Koppelwellen miteinander verbunden sind. Beide Koppelwellen sind gleich-
zeitig Anschlusswellen. Die zu entwickelnde Umlaufgetriebestufe weist zwei voneinander
unabhängige Ausgangswellen auf, von denen jeweils eine ein Drehmoment führt, während
das Drehmoment der anderen 0 ist. Damit ergibt sich je nach Betriebsart entweder ein
zwangläufiges, elementares Umlaufgetriebe mit einem kinematischen Freiheitsgrad von
2 und einem statischen Freiheitsgrad von 1 (vgl. [Mül98]) oder eine einfache Umlaufge-
triebestufe. In einem Betriebspunkt, in der eine Ausgangswelle, die auch Koppelwelle ist,
kein Drehmoment führt, wird die Welle zur inneren Koppelwelle; der nach außen führende
Anschluss kann, da er kein Drehmoment führt, gedanklich entfernt werden. Die Welle kann
nur noch Leistung von der einen Umlaufgetriebestufe zur anderen übertragen. In einem
Betriebspunkt, in der eine Ausgangswelle, die keine Koppelwelle ist, kein Drehmoment
führt, kann die Umlaufgetriebestufe, der diese Welle angehört, gedanklich komplett entfernt
werden. Durch die Gleichungen der Standübersetzung und über die Momentensumme am
Umlaufgetriebe können alle anderen Wellen jetzt auch kein Drehmoment mehr führen.
In diesem Fall ist die Berechnung auf ein einfaches Umlaufgetriebe reduziert. Aus der
Anforderungsliste und der Beschreibung der Bedeutung der Anforderungen (vgl. Unter-
abschnitt 3.1.1 und Unterabschnitt 3.1.2) ergeben sich im Getriebeschema nach WOLF
zwei prinzipielle Möglichkeiten der Realisierung. Diese unterscheiden sich in der Art des
Anschlusses des Dieselmotors voneinander. Bei vier nach außen geführten Wellen kann der
Dieselmotor entweder an eine freie Welle oder eine Koppelwelle angeschlossen werden. Eine
der vier nach außen geführten Wellen ist keine physische Welle, sondern der Statorring
der elektrischen Maschine, der nur Drehmoment in die magnetische Umlaufgetriebestufe
einleiten kann und deshalb keine Koppelwelle sein kann. Die beiden anderen Wellen ergeben
sich dann jeweils als die Ausgangswellen. Diese beiden grundsätzlichen Varianten werden
deshalb nach der Art des Anschlusses des Dieselmotors benannt.
Anschluss des Verbrennungsmotors an eine freien Welle
Wird der Motor an eine freie Welle angeschlossen, ergeben sich die Ausgangswellen als
die beiden Koppelwellen. Nach Synthesebedingung 1 müssen die Drehzahlen der beiden
Ausgangswellen bei stillstehendem Dieselmotor unterschiedliche Drehrichtungen, d.h. un-
terschiedliche Vorzeichen in der Drehzahl aufweisen. Im WOLF-Schema werden daher
unterschiedliche Vorzeichen an die beiden Ausgangswellen angetragen. Da sich die Vor-
zeichen der Drehzahl an mechanisch fest miteinander verbundenen Wellen nicht ändern
können, können die Vorzeichen bis zu den Anschlusswellen der Umlaufgetriebestufen fortge-
führt werden. Aus den Vorzeichen ergibt sich dann direkt die benötigte Lage der Summen-
51
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
und Differenzwellen in dem Planetensatz, der mit dem Dieselmotor verbunden ist. Ist der
Dieselmotor an eine freie Welle angeschlossen, ergibt sich somit, dass die zum Dieselmotor
führende Welle das Summendrehmoment führen muss. Mit der ermittelten benötigten Lage
von Summen- und Differenzwellen wird die Synthesebedingung 2 überprüft. Diese Anforde-
rung besagt, dass bei Stillstand der elektrischen Maschine (bzw. bei Drehzahl 0
min1
im
Stator) die beiden Ausgangswellen gleiches Vorzeichen aufweisen müssen. In das um die
Lage von Summen- und Differenzwellen in dem einen Planetensatz ergänzte WOLF-Schema
werden jetzt an den beiden Ausgangswellen gleiche Vorzeichen für die Drehzahl angetragen,
ob positiv oder negativ spielt hierbei keine Rolle. Durch die mechanisch feste Verbindung
der Ausgangswellen mit den Koppelwellen können diese Vorzeichen wieder bis zu den
Anschlusswellen der Umlaufgetriebestufen fortgeschrieben werden. Die Anordnung dieser
Vorzeichen kann nicht realisiert werden, wenn der Stator in der magnetischen Umlaufge-
triebestufe das Summendrehmoment führt. Diese Anordnung entfällt daher. Die beiden
anderen möglichen Lagen der Summenwelle in der magnetischen Umlaufgetriebestufe sind
identisch, da sie durch Spiegelung an der Horizontalen ineinander übergehen. Die übrig
bleibende Möglichkeit der Realisierung im WOLF-Schema wird WOLF-Schema 1.1 genannt.
Anschluss des Verbrennungsmotors an eine Koppelwelle
Wird der Verbrennungsmotor an eine Koppelwelle angeschlossen, so ergibt sich durch die
anderen Anforderungen, dass eine Abtriebswelle eine Koppelwelle ist und die andere Ab-
triebswelle keine Koppelwelle ist. Es wird wieder Bedingung 1 angesetzt und verschiedene
Vorzeichen für die Drehzahl der beiden Ausgangswellen bei stillstehendem Dieselmotor
angetragen. Daraus ergeben sich die Vorzeichen der Drehzahl der Koppelwellen. Da an
der Umlaufgetriebestufe, die mit beiden Ausgangswellen verbunden ist, zwangsläufig ver-
schiedene Drehrichtungen an den beiden Ausgangswellen auftreten, muss die übrige Welle
der Umlaufgetriebestufe, die mit dem Dieselmotor verbunden, ist die Summenwelle der
Stufe sein. Weitere Erkenntnisse lassen sich durch Bedingung 1 nicht gewinnen. Daher
wird mit der ermittelten Lage der ersten Summenwelle nun Bedingung 2 überprüft. Bei
stillstehender elektrischer Maschine bzw. Drehzahl 0
min1
im Stator werden an die beiden
Ausgangswellen gleiche Vorzeichen angetragen. Wie im zuvor betrachteten Fall ergibt sich
daraus, dass der Stator nicht das Summendrehmoment führen kann. Es bleiben somit für
den Fall, dass der Verbrennungsmotor mit einer Koppelwelle verbunden wird, ausgehend
von der WOLF-Symbolik zwei Lösungen übrig, die sich hinsichtlich ihres Betriebsverhaltens
unterscheiden. Die erste Lösung besteht darin, dass die zum Dieselmotor führende Welle, die
gleichzeitig Koppelwelle der beiden Getriebestufen ist, in beiden Stufen die Summenwelle
ist. Die zweite Lösung besteht darin, dass die aus der mechanischen Stufe zum Diesel-
motor führende Welle Summenwelle ist, während die aus der elektromagnetischen Stufe
zum Dieselmotor führende Welle eine Differenzwelle ist. Die Summenwelle der elektroma-
gnetischen Stufe ist in diesem Fall mit einer Ausgangswelle verbunden. Die beiden sich
hierbei im WOLF-Schema ergebenden Lösungsmöglichkeiten werden WOLF-Schema 2.1
und WOLF-Schema 2.2 genannt.
3.2.2 Interpretation der Ergebnisse der Synthese
Ausgehend von der auf hohem Abstraktionsgrad durchgeführten systematischen Synthese
mit dem WOLF-Schema bleiben drei Lösungsmöglichkeiten übrig, die einer weiteren Analyse
52
3.2 Getriebesynthese
zu unterziehen sind. Es wird erwartet, dass diese sich hinsichtlich ihres Betriebsverhaltens
unterscheiden.
MG
Engine
OUT2
OUT1
Abbildung 3.1: WOLF-Schema 1.1
MG
Engine
OUT2
OUT1
Abbildung 3.2: WOLF-Schema 2.1
MG
Engine
OUT2
OUT1
Abbildung 3.3: WOLF-Schema 2.2
53
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Abbildung 3.1, Abbildung 3.2 und Abbildung 3.3 zeigen die drei prinzipiellen Möglichkei-
ten für die Realisierung der Variatorsektion. Zum jetzigen Zeitpunkt sei davon ausgegangen,
dass daraus ein komplettes Traktorgetriebe entwickelt werden kann. Hierfür wird der Varia-
torsektion ein Modul zur Drehrichtungsumkehr vorgeschaltet und ein im Synchronpunkt
lastschaltbares Gruppengetriebe mit mindestens zwei Gängen nachgeschaltet.
Für alle Konzepte gilt, dass der Umschaltpunkt innerhalb des gleichen Ganges immer im
Betriebspunkt des Blockumlaufs auftritt, da nur dort die beiden Ausgangswellen OUT1 und
OUT2 die gleiche Drehzahl aufweisen. Da im Blockumlauf alle Wellen die gleiche Drehzahl
aufweisen, kann dieser Betriebspunkt bestimmt werden, sobald eine Drehzahl bekannt ist,
die diesem Betriebspunkt zugeordnet werden kann. Im Normalfall ist dies die Nenndrehzahl
des Dieselmotors, die für die für einen Einsatz infrage kommenden Traktorfamilien bei
2100
min1
liegt. Die Variatorausgangsdrehzahlen lassen sich daher durch zwei Geraden
(eine fallend, die andere steigend) darstellen, die sich bei der Ausgangsdrehzahl und damit
auch bei einer virtuellen Drehzahl des elektromagnetischen Feldes in der magnetischen
Umlaufgetriebestufe von 2100
min1
schneiden. Es ergeben sich daher für den aktiven
Stillstand zwei Schnittpunkte mit der x-Achse, welche einer Ausgangsdrehzahl von 0
min1
entsprechen. Jede der beiden Ausgangswellen des Variators kann daher zum Anfahren
verwendet werden. Anfahren soll grundsätzlich bei Motornenndrehzahl möglich sein (aktiver
Stillstand). Mit dem WOLF-Schema kann untersucht werden, welche Drehrichtung die
integrierte elektrische Maschine zum Anfahren aufweisen muss. Diese Untersuchung kann für
jedes der Konzepte vorgenommen werden, wobei jedes Konzept wiederum zwei Möglichkeiten
aufweist, einen Anfahrgang zu realisieren. Die Drehrichtung des Verbrennungsmotors muss
für diese Untersuchung angenommen werden. Die Drehrichtung der Verbrennungsmotoren
der bei der John Deere GmbH & Co. KG gefertigten Traktoren ist mathematisch positiv,
wenn die x-Achse im allgemeinen Fahrzeugkoordinatensystem nach DIN ISO 8855 betrach-
tet wird [DIN13]. Dies kann einfach aus der festgeschriebenen Drehrichtung der Zapfwelle
eines jeden Traktors [Rei18] und dem einstufigen, bei der John Deere GmbH & Co. KG
eingesetzten Zapfwellengetriebe abgeleitet werden [Dee19a]. Damit können nun folgende
Betrachtungen angestellt werden: Für jedes der ermittelten Getriebeschemata wird an
jeweils eine Ausgangswelle die Drehzahl 0 angetragen, während an den Motor eine positive
Drehrichtung angetragen wird. Die Drehrichtungen werden über die Koppelwellen fortge-
führt. Sind zwei Drehrichtungen an einer Umlaufgetriebestufe bekannt, kann über die Lage
der Summen- und Differenzwellen die dritte Drehrichtung bestimmt werden. Damit können
alle Drehrichtungen im jeweils betrachteten Konzept bestimmt werden. Dieses Verfahren
wird für jedes der Konzepte angewandt, wobei einmal die Ausgangswelle 1 und einmal die
Ausgangswelle 2 die Drehzahl 0 erhalten.
54
3.2 Getriebesynthese
MG
Engine
OUT2
OUT1
s
2
1
1'
2'
s'
0
+
0
0
++
+
(a) Welle OUT1 als Anfahrgang
MG
Engine
OUT2
OUT1
s
2
1
1'
2'
s'
0
+
00
+
+ +
+
(b) Welle OUT2 als Anfahrgang
Abbildung 3.4: Drehrichtung der elektrischen Maschine für aktiven Stillstand, Möglichkeit 1.1
Abbildung 3.4 zeigt die Drehrichtungen des elektromagnetischen Feldes für WOLF-
Schema 1.1 für jede Lage des Anfahrganges. Die vollständige Herleitung der Drehrichtungen
durch ein schrittweises Befüllen der WOLF-Schemata ist im Anhang gezeigt. Es ergibt sich,
dass bei WOLF-Schema 1.1 ein Anfahrgang mit der Koppelwelle, die mit der Summenwelle
der magnetischen Umlaufgetriebestufe verbunden ist, realisiert werden kann, wenn der
Stator der magnetischen Umlaufgetriebestufe eine negative Drehzahl aufweist, vgl. Ab-
bildung 3.4a. Zur Realisierung eines Anfahrganges mit der Koppelwelle, welche aus zwei
Differenzwellen besteht, muss der Stator der elektromagnetischen Umlaufgetriebestufe eine
positive Drehzahl aufweisen, vgl. Abbildung 3.4b. Da der Punkt des Blockumlaufs und damit
der Umschaltpunkt wie oben beschrieben ebenfalls bei einer positiven Drehzahl auftritt,
ist der Verstellbereich der elektrischen Maschine in einem solchen Fall limitiert und reicht
von einer positiven Drehzahl bis zur ebenfalls positiven Drehzahl des Blockumlaufs. Dieses
Betriebsverhalten ist nachteilig für das Gesamtgetriebe, da der komplette Betriebsbereich
negativer Drehzahlen des elektrischen Feldes nicht nutzbar ist. Dies führt zu einer deutlichen
Einschränkung der Spreizung im Bereich der elektrischen Maschine. Durch diese Einschrän-
kung des drehzahlmäßig nutzbaren Betriebsbereichs ist zu erwarten, dass deshalb manche
der auftretenden Drehmomente die bei der Realisierung des Anfahrganges mit der Koppel-
welle, die mit der Summenwelle der elektromagnetischen Umlaufgetriebestufe verbunden
ist, auftretenden Drehmomente um ein Vielfaches übersteigen. Eine solche Limitierung des
Einsatzbereiches des betrachteten Getriebes ist nicht zielführend. Aus diesem Grund wird
diese Möglichkeit ab diesem Punkt nicht weiter verfolgt. Mit der Synthesebedingung 1 lässt
sich für die übrig bleibende Möglichkeit der Lage des Anfahrganges zeigen, dass dieser nur
dann realisiert werden kann, wenn die mechanische Umlaufgetriebestufe als Minusgetriebe
ausgeführt wird. Indiziert man die Wellen wie in Abbildung 3.4 dargestellt nach Müller mit
1,2und sund betrachtet n2
ns
=i2s= 1 1
i12
(3.7)
so wird erkennbar, dass die Welle mit dem Index 2, also die Koppelwelle, die aus zwei
Differenzwellen besteht, bei geforderter negativer Standübersetzung
i12
stets schneller dreht
als die mit dem Verbrennungsmotor verbundene Welle, wenn die Differenzwelle mit dem
Index 1stillsteht. Dies ist von besonderer Bedeutung für den Anfahrgang, da die Bedingung
des Stillstehens der Welle mit dem Index 1hier erfüllt ist. Durch die mechanisch festen
55
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Verbindungen ergibt sich analog für das Anfahren, dass hierbei die Summenwelle in der
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe stillsteht, während die Differenzwelle mit dem
Index 2schneller dreht als der Verbrennungsmotor. Die Differenzdrehzahl zwischen Mo-
dulationsring der die Summenwelle in der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
ist und der Differenzwelle mit dem Index 2wiederum ist kritisches Auslegungskriterium für
die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe. Sie bestimmt maßgeblich die auftretenden
Eisen- und Magnetverluste. Um diese Relativdrehzahl unterhalb der geforderten 1500
min1
zu halten, wird deutlich, dass z. B. selbst bei der (relativ) groß gewählten Standübersetzung
der mechanischen Stufe von
i12
=
3ein Anfahren nur dann realisiert werden kann, wenn
die Dieselmotordrehzahl auf 1100
min1
abgesenkt wird. Dies ist grundsätzlich möglich. Da
die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe Kernuntersuchungselement in dieser Arbeit
ist, ist diese Limitierung zum jetzigen Zeitpunkt nicht wünschenswert, da zu erwarten
ist, dass sich hierdurch zu starke Einschränkungen ergeben. Aus diesem Grund werden
Möglichkeiten, bei denen der Verbrennungsmotor an eine freie Welle angeschlossen wird, für
den Forschungsteil dieser Arbeit nicht weiter betrachtet. Auf WOLF-Schema 1.1 wird in
einem späteren Teil dieser Arbeit erneut eingegangen und es kann als Alternative betrachtet
werden, wenn ein besseres Verständnis der Funktion und der Verluste der magnetisch-
elektrischen Umlaufgetriebestufe gewonnen wurde. Für die Möglichkeiten des Anschlusses
des Verbrennungsmotors an eine Koppelwelle ergibt sich, dass bei WOLF-Schema 2.1 ein
Anfahrgang realisiert werden kann, bei welchem die elektrische Maschine eine negative
Drehrichtung aufweist. Für die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe soll eine Mi-
nusgetriebestufe zum Einsatz kommen, da diese derzeit die wirkungsgradmäßig deutlich
günstigere Ausführung darstellt. Weiter sei angenommen, dass der Stator das Teil darstellt,
welches in den kritischen Betriebspunkten die chste Drehzahl und das geringste Moment
aufweist, um der physikalischen Natur der Konstruktion Rechnung zu tragen. Es kann dann
gezeigt werden, dass die Relativdrehzahl zwischen der Summenwelle und dem Rotor der
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe beim Anfahren nicht unterhalb der Drehzahl
des Dieselmotors realisiert werden kann. Wie oben bereits detailliert beschrieben, ist ein
solches Betriebsverhalten nicht gewünscht. Aus diesem Grund wird WOLF-Schema 2.1
ab diesem Punkt ebenfalls nicht weiter verfolgt und die weiteren Analysen beziehen sich
ausschließlich auf WOLF-Schema 2.2. Für WOLF-Schema 2.2 lässt sich zeigen, dass ein An-
fahrgang existiert, bei welchem die elektrische Maschine eine positive Drehrichtung aufweist,
und ein zweiter, bei welchem die elektrische Maschine eine negative Drehrichtung aufweist.
Um einen möglichst großen Betriebsbereich der elektrischen Maschine nutzen zu können,
ist hier der Gang als Anfahrgang vorzuziehen, der den aktiven Stillstand bei negativer
Drehrichtung der elektrischen Maschine ermöglicht, da sonst ähnliche Limitierungen wie
bei WOLF-Schema 2.1 auftreten. Mit diesen Festlegungen wird die Analyse fortgesetzt.
Die beiden möglichen WOLF-Schemata weisen jeweils Betriebsbereiche auf, in denen die
Ausgangswelle OUT2 kein Drehmoment und damit auch keine Leistung führt, sondern als
Koppelwelle zwischen den beiden Umlaufgetriebestufen wirkt. In diesen Betriebsbereichen,
in denen die Ausgangsleistung über die Welle OUT1 fließt, tritt damit zwangsläufig zirkulie-
rende Blindleistung in irgendeiner Form (positive zirkulierende Blindleistung oder negative
zirkulierende Blindleistung, abhängig von den Drehzahlen) auf. Das Auftreten dieser Blind-
leistung ist prinzipbedingt aus der Anforderung, dass das elektromagnetische Drehfeld nur
in eine Umlaufgetriebestufe einwirken kann, um nicht beide Umlaufgetriebestufen mit einem
magnetischen Wirkprinzip umzusetzen. Die Blindleistung ist damit unvermeidlich und mit
56
3.3 Getriebeanalyse
keiner konkreten konstruktiven Ausführung eines der beiden WOLF-Schemata aufzuheben.
Dies ist im weiteren Verlauf der Konzeption und Konstruktion sowie in anschließenden
Beurteilungen entsprechend zu berücksichtigen. Die zirkulierende Blindleistung führt dazu,
dass die mechanische Umlaufgetriebestufe in bestimmten Betriebspunkten eine Leistung
übertragen muss, die oberhalb der Motorleistung und damit der zur Verfügung stehenden
Eingangsleistung liegt. Da sich diese Leistungsüberhöhung in Form von Drehmoment äu-
ßert, kommt es in diesen Betriebspunkten zu erhöhten lastabhängigen Verlusten in der
mechanischen Umlaufgetriebestufe und damit zu einem niedrigeren Gesamtwirkungsgrad.
Zu untersuchen ist daher, ob der Wirkungsgrad des Gesamtgetriebes auf dem Niveau der
Wirkungsgrade von aktuellen leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben realisiert werden
kann, wenn diese mit elektrischen Maschinen ausgestattet wären. Weiterhin ist im folgenden
Abschnitt der Getriebeanalyse zu untersuchen, ob sich die Punkte niedrigen Wirkungsgrads
des weiter verfolgten WOLF-Schemas in Betriebspunkten realisieren lassen, die eine nied-
rige relative Nutzungsdauer aufweisen und so deren niedrige Effizienz für den gesamten
Energiebedarf eine untergeordnete Rolle spielt. Kann der Gesamtgetriebewirkungsgrad
nicht auf dem Niveau von aktuellen leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben realisiert wer-
den, so ist zu untersuchen, ob diese Einbußen im Wirkungsgrad durch Kostenersparnis in
Kauf genommen werden können. Möglicherweise eignet sich ein neuartiges Getriebe mit
einer Variatorsektion mit magnetischem Wirkprinzip auch als Alternative für zukünftige
elektrisch leistungsverzweigte Getriebe mit zwei unabhängigen Umlaufgetriebestufen in
Traktoren niedriger Leistungs- und Komfortklassen. In diesen Leistungsklassen wird dem
Treibstoffverbrauch keine so hohe Bedeutung zugemessen wie in den hohen Leistungs- und
Komfortklassen.
3.3 Getriebeanalyse
Über die im unmittelbar vorangehenden Abschnitt dargelegten Überlegungen zu Betriebs-
verhalten, die auf Vergleich relativer Drehrichtungen und einfachen Proportionalitätsver-
hältnissen aufbauen, konnte eines der WOLF-Schemata als besonders geeignet identifiziert
werden. Daher wird im nun folgenden Abschnitt dargelegt, wie dieses abstrakte Getriebe-
modell detaillierteren Analysen unterzogen wird, um quantifizierbare Aussagen bezüglich
der auftretenden Betriebskenngrößen treffen zu können und diese gegen die Anforderungen
vergleichen zu können.
3.3.1 Analyse der Drehmomente und Drehzahlen mittels Matrix-
Rechenverfahren nach Stangl
Das aus der Synthese hervorgehende Konzept wird mittels des in Unterabschnitt 2.2.3
vorgestellten Matrix-Rechenverfahrens nach Stangl analysiert. Hierfür erfolgt zunächst eine
Benennung der einzelnen Komponenten und Drehzahlen anhand der folgenden Abbildung:
57
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Coils
Engine
OUT2
OUT1
1,mech
2,mech
s,mech
s,mag
1,mag
2,mag
i0,mag
i0,mech
Abbildung 3.5: Benennung der Wellen und Anschlüsse, WOLF-Schema 2.2
Die Anschlusswellen der jeweiligen Umlaufgetriebestufen werden mit den Indizes 1,2und
s
(für Stegwelle bzw. im Falle der magnetischen Umlaufgetriebestufe für den Modulations-
ring) bezeichnet. Diesem Index wird ein zweiter Index (
mech
oder
mag
) nachgestellt, um zu
unterscheiden, ob die Welle der mechanischen oder der magnetischen Umlaufgetriebestufe
zugeordnet ist. Die Ausgangswellen werden zusätzlich zur eindeutigen Identifikation mit
OUT1 und OUT2 bezeichnet, die Spulen mit
Coils
und die Motorwelle mit
Engine
. Die
Standgetriebeübersetzungsverhältnisse der beiden Umlaufgetriebestufen werden analog zur
Benennung der Wellen mit
i0,mech
und
i0,mag
bezeichnet. Die Festlegung von Welle 1 und
Welle 2 in den jeweiligen Umlaufgetriebestufen ist willkürlich und hat keinen Einfluss auf
die weitere Analyse, da eine Vertauschung der beiden Zentralwellen für die Kinematik ohne
Bedeutung ist und lediglich die Standgetriebeübersetzung umkehrt. Je nach Standgetrie-
beübersetzung, die erst zu einem späteren Zeitpunkt ermittelt wird, kann dann festgelegt
werden, welche Zentralwelle mit dem Hohlrad und welche mit der Sonne verbunden werden
soll. Es wird die Drehzahlmatrix für das WOLF-Schema 2.2 aufgestellt:
58
3.3 Getriebeanalyse
Drehzahlen
1i0,mech 1i0,mech 0 0 0 0 0 0 0
0 0 0 1 i0,mag 1i0,mag 0000
1 0 0 0 0 0 0 0 0 1
0 0 0 1 0 0 0 1 0 0
0 1 0 0 0 1 0000
0 0 0 0 0 1 0 0 1 0
0 0 1 0 1 0 0 0 0 0
0 0 0 0 1 0 1 0 0 0
0 0 0 0 0 0 1 0 0 0
0 0 0 0 0 0 0 1 0 0
·
n1,mech
n2,mech
ns,mech
n1,mag
n2,mag
ns,mag
nEngine
nCoils,v
nOUT 1
nOUT 2
=
0
0
0
0
0
0
0
0
X
Y
Tabelle 3.1: Drehzahlmatrix für WOLF-Schema 2.2
Hierin sind die ersten beiden Zeilen die in Form der WILLIS-Gleichung zusammengefassten
Stufenbeziehungen des Getriebes, die Zeilen 3 bis 8 die Wellenbeziehungen (Bindungen) und
die Zeilen 9 und 10 die Vorgaben. Da das Getriebe über einen kinematischen Freiheitsgrad
von 2 verfügt, ergeben sich auch zwei Vorgabegleichungen, die durch die Vorgabe der
Drehzahl des Motors und durch die Vorgabe der Drehzahl des durch die Spulen erzeugten
elektromagnetischen Feldes realisiert werden. Um zu zeigen, dass diese Vorgaben beliebige
Werte annehmen können, sind die Werte im Lösungsvektor mit
X
und
Y
bezeichnet.
Um weiterhin darzustellen, dass es sich bei der Drehzahl des durch die Spulen erzeugten
elektromagnetischen Feldes nicht um eine physikalische Drehung handelt, sondern nur um
eine virtuelle Drehung, wird der Variable für die Drehzahl des durch die Spulen erzeugten
elektromagnetischen Feldes zusätzlich der Index
v
nachgestellt. Ebenso ergibt sich die
Drehmomentmatrix für WOLF-Schema 2.2:
Drehmomente
i0,mech 1 0 0 0 0 0 0 0 0
1 1 1 0 0 0 0 0 0 0
0 0 0 i0,mag 1 0 0 0 0 0
0 0 0 1 1 1 0 0 0 0
0 1 0 0 0 1 0 0 1 0
1 0 0 0 0 0 0 0 0 1
0 0 0 1 0 0 0 1 0 0
0 0 1 0 1 0 1 0 0 0
0 0 0 0 0 0 0 0 0
0 0 0 0 0 0 0 0 0
·
M1,mech
M2,mech
Ms,mech
M1,mag
M2,mag
Ms,mag
MEngine
MCoils
MOUT 1
MOUT 2
=
0
0
0
0
0
0
0
0
Z
0
Tabelle 3.2: Drehmomentmatrix für WOLF-Schema 2.2
Hierin sind die Zeilen 1 bis 4 die Stufenbeziehungen (Standübersetzung und Momenten-
summe am Umlaufgetriebe), die Zeilen 5 bis 8 die Wellenbeziehungen (starre Verbindungen)
59
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
und die Zeilen 9 und 10 die Vorgaben. Das Getriebe verfügt über einen statischen Frei-
heitsgrad von 2, also können bzw. müssen zwei Momente an zwei beliebigen Elementen
vorgegeben werden. Da das vorliegende Getriebekonzept darauf basiert, dass die Leistung
stets nur über eine von zwei Ausgangswellen fließt, muss eine Vorgabe stets lauten, dass
das Drehmoment an einer der beiden Ausgangswellen 0 ist. Diese Vorgabe ist in Zeile 10
mathematisch abgebildet. Um darzustellen, dass die Vorgabe entweder an Ausgangswelle 1
oder an Ausgangswelle 2 erfolgen muss, ist der Wert in der Koeffizientenmatrix mit einem
Stern angegeben. Die zweite Vorgabe für das Drehmoment kann an jedem Element erfolgen
und damit dynamisch an dem Element, welches im jeweiligen Betriebspunkt das Drehmo-
ment limitiert. Dieses Element ist entweder die leistungsführende Ausgangswelle, wenn das
Traktionslimit erreicht ist, die Motorwelle, wenn das Leistungslimit des Motors erreicht ist,
oder die Spulen, wenn das Leistungslimit der elektrischen Maschine erreicht ist. Um diese
Charakteristik in der Koeffizientenmatrix darzustellen, ist der Wert wiederum mit einem
Stern markiert und der Lösungsvektor mit der Variablen Zbefüllt.
Die Matrizen für die Drehzahlen und Drehmomente werden in Microsoft Excel implementiert
und durch Invertieren dynamisch gelöst. Für die Drehzahlvorgaben wird hierfür die Drehzahl
des Dieselmotors im Auslegungspunkt (2100
min1
) konstant gehalten und die Drehzahl des
elektromagnetischen Feldes innerhalb der durch die Anforderungsliste vorgegebenen Grenzen
in kleinen Schritten vom Minimum zum Maximum erhöht. Durch das dynamische Lösen der
Matrizen kann so jeder Betriebspunkt berechnet und tabellarisch aufgelistet werden. Die
Matrix für die Drehmomente wird gelöst, indem nach Berechnung der Drehzahlen zuerst die
aktive Ausgangswelle ermittelt wird und das Drehmoment der anderen Welle zu 0 gesetzt
wird. Anschließend werden mit dem maximal auf den Boden übertragbaren Drehmoment als
Vorgabe an der anderen Ausgangswelle die Drehmomente im Getriebe berechnet. Dann wird
überprüft, welches Element im jeweiligen Betriebspunkt das limitierende Element ist, die
Drehmomentvorgabe wird ggf. angepasst und an dem limitierenden Element vorgenommen
und die Drehmomente werden erneut berechnet. Die Berechnung erfolgt hierzu verlustfrei.
Um eine Auslegung dieser Variatorsektion in einem gesamten Traktorgetriebe vornehmen zu
können, werden den Ausgangswellen noch die beiden Gangstufen A und B nachgeschaltet,
die Drehzahlen bzw. Drehmomente über die jeweiligen Stirnradstufen berechnet und so die
Fahrzeuggeschwindigkeit und die Getriebeausgangsdrehmomente abgeleitet.
Für den Dieselmotor wird hier vereinfachend davon ausgegangen, dass er bei einer konstan-
ten Drehzahl von 2100
min1
betrieben wird und eine Leistung von 114
kW
bereitstellen
kann [Dee19c]. Hierbei handelt es sich um den leistungsstärksten bei John Deere in den
6R-Traktoren mit mittlerem Rahmen zum Einsatz kommenden Motor. Die Motoren in den
Traktoren von John Deere sind mit dem Intelligent Power Management (IPM) ausgestattet,
welches in bestimmten Situationen bei eingeschalteter Zapfwelle oder bei Transportarbei-
ten dem Traktor eine kontrollierte Leistungserhöhung zur Verfügung stellt, deren Höhe
abhängig von der Nennleistung des jeweiligen Traktors ist [Lan19]. Diese Zusatzleistung
ist für Fahrzeuge, deren Motor nicht bei konstanter Drehzahl betrieben werden kann, also
immer dann, wenn kein Stufenlosgetriebe zum Einsatz kommt, im Transportbereich ab
einer Motordrehzahl von 1600
min1
abrufbar, von wo aus sie bis zu einer Motordrehzahl
von 1900
min1
linear auf ihren Maximalwert von 30
kW
[Dee19c] ansteigt und dann bis zur
Nenndrehzahl von 2100
min1
konstant zur Verfügung steht [Dee19b]. Für die Auslegung
des Getriebes kann dies folgendermaßen vereinfacht werden: Von Straßenfahrt und damit
von Transportarbeiten spricht man bei Traktoren allgemein, wenn Geschwindigkeiten größer
60
3.3 Getriebeanalyse
20
km/h
gefahren werden [UK11]. Für ein gestuftes Getriebe kann davon ausgegangen
werden, dass die für IPM mindestens nötige Motordrehzahl von 1600
min1
bei 20
km/h
erreicht werden kann. Berechnet man dann mittels Dreisatz bei gleicher Gangabstufung die
sich bei 1900
min1
einstellende Fahrgeschwindigkeit, so ergibt sich diese zu ca. 24
km/h
.
Damit kann für den Motor in Kombination mit den im Rahmen dieser Arbeit betrachteten
Stufenlosgetrieben gelten, dass bis zu einer Fahrzeuggeschwindigkeit von 20
km/h
eine Leis-
tung von 114
kW
zur Verfügung steht. Ab einer Fahrzeuggeschwindigkeit größer 20
km/h
erhöht sich die zur Verfügung stehende Leistung linear auf bis zu 144
kW
, die erstmalig bei
einer Fahrzeuggeschwindigkeit von 24 km/herreicht werden.
Die maximale Leistung im elektromagnetischen Teil der Variatorsektion wird gemäß An-
forderungsliste auf 100
kW
festgelegt. Um für die Auslegung des Drehmomentes auf der
konservativ sicheren Seite zu sein, wird der größte für das Getriebe infrage kommende
Hinterachsreifen mit einem Reifenradius von 1,0
m
[Dee19c] und einer dazugehörigen Radna-
benübersetzung von 6,4 sowie einer Kegelradübersetzung auf das Hinterachsdifferential von
-4,154 gewählt [Dee13]. Diese Werte stammen von einem John-Deere-Traktor der Baureihe
6150R, die mechanisch identisch mit der Baureihe 6155R ist, da diese durch eine Anpassung
des Motors Mitte 2015 aus Ersterer hervorging, um den gestiegenen Abgasanforderungen
Rechnung zu tragen. Im Zuge dieser Anpassung konnte die Nennleistung des Traktors 6150R
von 150
PS
auf 155
PS
erhöht werden, woraus sich die Namensänderung ergab [Ash17]. Mit
einem zulässigen Gesamtgewicht von 11750
kg
[Dee19c] und dem Auslegungsreibbeiwert
zwischen Reifen und Untergrund von 0,635 [Ste77] ergibt sich damit eine maximal auf den
Boden übertragbare Zugkraft von 73,2
kN
und damit ein auf der Getriebeausgangswelle
(vor dem Hinterachsdifferenzial) auftretendes Auslegungsdrehmoment von 2866
Nm
. Für
den Rückwärtsgang wird an dieser Stelle vereinfachend davon ausgegangen, dass er in
Vorgelegebauweise mit einem Übersetzungsverhältnis von 1 realisiert wird. Diese Annahme
erspart die Berechnung der Rückwärtsfahrt, da sich alle Werte analog zur Vorwärtsfahrt
ergeben.
Das konzipierte Getriebe nach Konzept 1 kann jetzt mit einem Tabellenkalkulationspro-
gramm mittels Zielwertsuche und durch Anwendung von Makros folgendermaßen berechnet
werden: Als Erstes wird das Übersetzungverhältnis des Anfahrganges
iA
so berechnet, dass
beim Anfahren von der Summenwelle der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
maximal die nach Anforderungsliste erlaubten 950
Nm
übertragen werden müssen. Diese
Berechnung erfolgt im Punkt des Anfahrens, da hier das Drehmoment der Getriebeausgangs-
welle bekannt ist. Anschließend wird
i0,mag
so berechnet, dass der Betriebspunkt des aktiven
Stillstandes bei der chsten zulässigen Drehzahl des elektromagnetischen Feldes liegt.
Nun wird
i0,mech
beliebig innerhalb des nach dem WOLF-Schema zulässigen Bereichs von
0
> i0,mech
gewählt, wobei aus Gründen der konstruktiven Realisierbarkeit zunächst ebenfalls
i0,mech >
4gewählt wird. Die Übersetzung des 2. Ganges
iB
wird dann so bestimmt, dass
die Relativgeschwindigkeit in der elektrischen Maschine bei einer Fahrzeuggeschwindigkeit
von 60
km/h
und Motornenndrehzahl das nach Anforderungsliste erlaubte Maximum nicht
überschreitet. Da diese Berechnung nur eine unabhängige Variable hat (
i0,mech
), kann diese
nun systematisch variiert werden und ihr Einfluss auf andere wichtige Auslegungsgrößen
wie das maximal in der magnetischen Umlaufgetriebestufe auftretende Drehmoment oder
die maximal in der mechanischen Umlaufgetriebestufe auftretende Blindleistung ermittelt
werden.
61
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
3.3.2 Bedeutung der Ergebnisse der Analyse
Trägt man für WOLF-Schema 2.2 das maximal in der magnetischen Umlaufgetriebestufe
auftretende Drehmoment sowie die maximal in der mechanischen Planetenstufe auftretende
Leistung, bezogen auf die Motorleistung, über der Standübersetzung der mechanischen
Planetenstufe auf, so ergibt sich folgendes Diagramm:
0
0.5
1
1.5
2
2.5
3
3.5
4
4.5
0
500
1000
1500
2000
2500
3000
3500
-4
-3
-2
-1
0
Blindleistungsverltnis
max. Drehmoment magnetische Stufe/ Nm
Standübersetzung mechanische Stufe
i
0,mech
Drehmoment und Blindleistungsverltnis
Drehmoment magnetische Stufe
Blindleistungsverhältnis mechanische Stufe
Abbildung 3.6:
Maximal in der magnetischen Umlaufgetriebestufe auftretendes Drehmo-
ment und maximal in der mechanischen Umlaufgetriebestufe auftretendes
Blindleistungsverhältnis, WOLF-Schema 2.2
In Abbildung 3.6 dargestellt ist das maximal in der magnetischen Umlaufgetriebestufe
auftretende Drehmoment, abhängig von der Wahl der Standübersetzung der mechanischen
Umlaufgetriebestufe im Bereich 0
> i0,mech >
4. Der Punkt des maximal in der magne-
tischen Umlaufgetriebestufe auftretenden Drehmoments findet sich je nachdem, welchen
konkreten Wert
i0,mech
annimmt, in verschiedenen Betriebspunkten. Er tritt nie im ersten
Gang auf, da die Übersetzung dieses Gangs, in welchem die mechanische Planetenstufe
lastfrei läuft und somit das Getriebe als einfaches Umlaufgetriebe arbeitet, mit dem maximal
aus der Anforderungsliste möglichen Drehmoment berechnet wurde und das auftretende
Drehmoment somit immer genau dem möglichen Drehmoment entspricht. Er tritt im
Synchronpunkt der beiden höheren Gänge B1 und B2 auf und wird bestimmt von den
Blindleistungsverhältnissen in der mechanischen Planetenstufe, die wiederum von deren
Standübersetzung abhängen. Das maximal in der magnetischen Umlaufgetriebestufe auf-
tretende Drehmoment kann daher nicht aus der Wahl der Übersetzung des ersten Ganges
62
3.3 Getriebeanalyse
alleine bestimmt werden und seine Höhe in Abhängigkeit der unabhängigen Variable in der
Berechnung ist eine wichtige Bewertungsgröße für die weitere Auslegung des Getriebes. Im
Bereich von 0
> i0,mech >
1
,
5fällt das maximal in der magnetischen Umlaufgetriebestufe
auftretende Drehmoment zunächst hyperbelförmig ab, erreicht bei
1
,
5dann sein Minimum
und steigt anschließend linear wieder an. Der lineare Anstieg wird von einem unregelmäßigen
Teil unterbrochen. Dieser entsteht dadurch, dass bereits bei dieser Auslegung die IPM-
Funktion des Verbrennungsmotors berücksichtigt wurde. Ist
i0,mech >
1
,
9, dann fällt der
Synchronpunkt der beiden höheren Gänge in den Bereich, in dem das IPM voll ausgenutzt
wird. Das maximal in der magnetischen Stufe auftretende Drehmoment fällt in diesem
Bereich mit kleiner werdendem
i0,mech
zunächst hyperbelförmig ab, bevor es ab einem Wert
von
i0,mech <
1
,
5linear ansteigt. Für
1
,
9
> i0,mech >
2
,
7fällt der Synchronpunkt der
beiden höheren Gänge in den Bereich, in dem das IPM aktiv ist. Mit größer werdendem
iB
,
was sich aus kleiner werdendem
i0,mech
ergibt, fällt der Synchronpunkt jetzt in niedrigere
Geschwindigkeitsbereiche, wodurch die zur Verfügung stehende Leistung und damit auch
das auftretende Drehmoment durch das IPM sinkt. Daher fällt der Anstieg des maximal
in der magnetischen Stufe auftretenden Drehmoments mit fallendem
i0,mech
im Bereich
1
,
9
> i0,mech >
2
,
7weniger stark aus, als er es bei konstanter Leistung tun würde.
Für
2
,
7
> i0,mech
schließlich fällt der Synchronpunkt der beiden höheren Gänge in den
Geschwindigkeitsbereich, in dem IPM nicht genutzt werden kann. Das maximal in der ma-
gnetischen Umlaufgetriebestufe auftretende Drehmoment steigt jetzt mit fallendem
i0,mech
wieder linear an, die Steigung der Geraden entspricht dem linearen Abschnitt zwischen dem
Minimum und dem unregelmäßigen, durch IPM verursachten Teil. Weiterhin ist in dem
Diagramm der Wert aufgetragen, der sich ergibt, wenn die maximal in einem beliebigen
Betriebspunkt auftretende Leistung im mechanischen Planetensatz durch die maximale
Motorleistung (mit IPM) geteilt wird. Dieser Wert ist ein Maß für die im mechanischen
Planetensatz auftretende Blindleistung. Dieses Verhältnis steigt ausgehend von dem Wert 1
mit fallender Standübersetzung der mechanischen Planetenstufe zunächst linear an. Für
1
,
9
> i0,mech >
2
,
7ergeben sich dann durch oben erklärte Effekte Unregelmäßigkeiten
im weiteren Verlauf. Für
2
,
7
> i0,mech
schließlich steigt das Leistungsverhältnis in der
mechanischen Planetenstufe mit fallendem
i0,mech
wieder linear an, die Steigung der Ge-
raden entspricht dem linearen Abschnitt von 0
> i0,mech >
1
,
9. Es ist klar zu erkennen,
dass das Leistungsverhältnis in der mechanischen Planetenstufe mit steigendem Betrag
der Standübersetzung ebenfalls steigt. Im Sinne der Minimierung der auftretenden Blind-
leistung ist daher gefordert, das Standgetriebeübersetzungsverhältnis der magnetischen
Umlaufgetriebestufe betragsmäßig so klein wie möglich zu wählen, dass dabei noch die
Anforderung von 950
Nm
Drehmoment in der magnetischen Umlaufgetriebestufe eingehalten
wird. Aus dem Verlauf des maximal in der magnetischen Umlaufgetriebestufe auftretenden
Drehmoments lässt sich erkennen, dass die Anforderung von maximal 950
Nm
Drehmoment
an der Summenwelle nicht eingehalten werden kann. Zur weiteren Untersuchung ist daher
für die Auslegung der Punkt zu wählen, in dem das maximal in der magnetischen Umlauf-
getriebestufe auftretende Drehmoment sein Minimum aufweist. Es ist dann zu untersuchen,
ob das in der Anforderungsliste festgelegte maximale Drehmoment gegebenenfalls durch
günstige Auslegung der magnetischen Umlaufgetriebestufe erhöht werden kann. Für die
weitere Untersuchung wird daher
i0,mech
1
,
5gewählt. Das Übersetzungsverhältnis der
magnetischen Umlaufgetriebestufe ergibt sich dadurch zu i0,mag =2,25.
63
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
3.3.3 Vergleich des gefundenen Konzeptes mit existierenden
Stufenlosgetrieben
Das gefundene und weiter verfolgte Konzept bietet sich auf dem Abstraktionsgrad des
WOLF-Schemas für einen Vergleich mit den in Unterabschnitt 2.1.7 vorgestellten hydrau-
lisch leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben an. Zeichnet man von dem dort vorgestellten
Getriebe ZF TerraMatic (Abbildung 2.3) das WOLF-Schema im ersten Gang, so ergibt sich
folgendes Bild:
HMP2
OUT
Engine
P1 P2
P3
P4
Abbildung 3.7:
WOLF-Schema Planetensätze Stufenlosgetriebe ZF TerraMatic, Fahrbereich
F1
Abbildung 3.7 zeigt das WOLF-Schema der Planetenwalzen im Stufenlosgetriebe ZF Ter-
raMatic. Isoliert man die ersten beiden Planetensätze, so ist zu erkennen, dass das WOLF-
64
3.3 Getriebeanalyse
Schema dem in dieser Arbeit abgeleiteten Schema für WOLF-Schema 2.2 entspricht. Der
Hydrostat kann nur in ein Element kontrollierend eingreifen, während der Verbrennungsmo-
tor mit zwei Elementen, einmal über eine Summenwelle und einmal über eine Differenzwelle,
verbunden ist. Auch wenn beim ZF TerraMatic die Fahrbereiche nicht durch zwei von-
einander unabhängige Ausgangswellen aus einem Variator realisiert werden, sondern die
beiden Ausgänge abhängig vom gewählten Gang durch verschiedene Kupplungen nochmals
miteinander kombiniert werden, um die gewünschten Ausgangsdrehzahlen zu erreichen,
soll an dieser Stelle die Ähnlichkeit zum WOLF-Schema 2.2 hervorgehoben werden. Die in
Abbildung 2.4 und Abbildung 2.5 gezeigten Getriebe weisen große Ähnlichkeiten bezüglich
des Variators auf, der sich als Teil des Getriebes isolieren lässt. Das WOLF-Schema dafür
sieht wie folgt aus:
HMP2
OUT2
Engine
OUT1 P1 P2
Abbildung 3.8:
WOLF-Schema der Variatorsektion hydrostatisches Stufenlosgetriebe für
die Baureihen Case IH Maxxum, Puma und Magnum sowie New Holland
T6, T7 und T8
Abbildung 3.8 zeigt das WOLF-Schema der Variatorsektion des hydrostatischen Stufen-
losgetriebes für die Baureihen Case IH Maxxum, Puma und Magnum sowie New Holland T6,
T7 und T8. Dieses stimmt mit dem WOLF-Schema 2.2 überein. Das Baukastengetriebe von
Case IH und New Holland verwendet eine Variatorsektion bestehend aus einem reduzierten
Planetensatz, der auch als zwei einzelne Planetensätze angesehen werden kann, von denen
einer eine Plusgetriebestufe und der andere eine Minusgetriebestufe ist. Die Sonne, die mit
dem Verbrennungsmotor verbunden ist, ist einmal Differenzwelle in der Minusgetriebestufe,
die aus der großen Sonne, dem Doppelplaneten auf dem Planetenträger und dem mit dem
Hydrostaten verbundenen Hohlrad besteht, und einmal Summenwelle in der Plusgetriebes-
tufe, die aus der großen Sonne, dem Doppelplaneten auf dem Planetenträger und der kleinen
65
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Sonne besteht. Der Hydrostat kann damit nur ein Element einer Planetenstufe kontrollieren,
während der Verbrennungsmotor mit zwei Elementen verbunden ist, einmal über eine
Summenwelle und einmal über eine Differenzwelle. Beide Getriebe des Getriebebaukastens
von Case IH und New Holland verfügen über zwei komplett unabhängige Variatorausgangs-
wellen, von denen immer nur eine Leistung führt, während die andere ausgangsseitig kein
Drehmoment abgibt, sondern chstens im Falle der Koppelwelle Leistung zwischen den
beiden Planetenstufen transferiert. Die Tatsache, dass die sich im Serieneinsatz befindlichen
Stufenlosgetriebe das gleiche bzw. ein ähnliches WOLF-Schema verwenden wie das für
das im Rahmen dieser Arbeit zu untersuchende Getriebe, legt nahe, dass die Synthese für
ein Getriebe mit einer solchen Charakteristik sehr stark determiniert ist und so immer zu
ähnlichen Ergebnissen und damit auch Konzepten führt. Sie lässt weiterhin vermuten, dass
die Überlegungen zu den auftretenden deutlich höheren Drehmomenten und zur Leistungs-
limitierung des variablen Pfades im alternativ möglichen WOLF-Schema 2.1 korrekt sind
und auch von anderen Herstellern erkannt wurden.
Für das in Abbildung 2.6 gezeigte Jarchow-Getriebe ergibt sich, dass eine derartige Ausfüh-
rung der Anschlusswellen mit einem Getriebe, wie es im Rahmen dieser Arbeit betrachtet
werden soll, nicht möglich ist, da der Stator der elektrischen Maschine keine mechanisch
drehende Welle antreibt die mit zwei Elementen verbunden werden könnte, sondern ein
elektromagnetisches Drehfeld erzeugt. Um dieses Drehfeld in zwei voneinander unabhän-
gigen magnetischen Umlaufgetriebestufen zu nutzen, müsste folglich der Rotor und der
Modulationsring je zweimal vorhanden sein und der Stator darüber hinaus in seiner axialen
Länge verdoppelt werden, was dem Einsatz von zwei elektrischen Maschinen gleichkommt.
Diese Möglichkeit soll aus Kostengründen nicht betrachtet werden. Auf die Darstellung eines
WOLF-Schemas für das gezeigte Jarchow-Getriebe wird daher an dieser Stelle verzichtet.
Das im Rahmen dieser Arbeit betrachtete Getriebe soll dennoch mit einem Jarchow-Getriebe
verglichen werden, um sicherzustellen, dass nicht mit einem solchen Stufenlosgetriebe deut-
liche Vorteile erreicht werden können, die konstruktionsbedingt für das im Rahmen dieser
Arbeit untersuchte Getriebe dann nicht nutzbar wären. Einer der Vorteile eines Jarchow-
Getriebes ist, dass die beiden eingesetzten Umlaufgetriebestufen kinetisch unabhängig
voneinander sind. Das bedeutet, dass immer nur eine der beiden Stufen mit Drehmoment
belastet ist, während die Drehmomente an der anderen Stufe an allen drei Elementen
0 sind. Dies führt dazu, dass zwischen den beiden Umlaufgetriebestufen keine zirkulie-
rende Blindleistung auftreten kann, die durch die dann in den Planetenstufen wirkenden
Drehmomente zusätzliche Verluste verursacht. Blindleistung im Jarchow-Getriebe kann
dennoch entsprechend der Charakteristik von eingangsgekoppelten Strukturen über den
variablen Pfad auftreten. Nachteilig beim Jarchow-Getriebe ist, dass sich konzeptbedingt
beim Anfahren sehr hohe Drehzahlen am die Ausgangsdrehzahl kontrollierenden Element
ergeben, da mit dem in der jeweiligen Umlaufgetriebestufe die chste Drehzahl aufwei-
senden Element die Ausgangsdrehzahl 0 bei konstanter Motordrehzahl realisiert werden
muss. Das kontrollierende Element ist an die Umlaufgetriebestufen meist zusätzlich über
eine Stirnradstufe angeschlossen, die deren Drehzahl nochmals erhöht, um das benötigte
Drehmoment zu senken. Hieraus ergeben sich hohe, über den variablen Pfad zirkulierende
Blindleistungen und damit niedrige Wirkungsgrade beim Anfahren. Während die niedrigen
Wirkungsgrade beim Anfahren durch die lastunabhängigen Verluste eines Antriebsstrangs
nicht weiter ins Gewicht fallen, so dominiert die beim Anfahren auftretende Blindleistung
beim Jarchow-Getriebe die Auslegung des variablen Pfades und damit dessen Verlustcha-
66
3.3 Getriebeanalyse
rakteristik im gesamten Getriebebetriebsbereich. Die Verluste fallen dann auch bei höheren
Geschwindigkeiten hoch aus, da der variable Pfad auch wenn dann nicht mehr so viel
Leistung über den variablen Pfad fließt wie beim Anfahren durch die Überdimensionie-
rung jetzt erhöhte Verluste verursacht. Dieser Nachteil kann umgangen werden, indem das
Getriebe mit einem zusätzlichen üblicherweise seriell hydraulisch ausgeführtem An-
fahrgang ausgestattet wird (Kriechgang). Dieser kommt im traktionslimitierten Bereich
zum Einsatz, in dem die auf den Boden übertragbare Zugleistung geringer als die über den
variablen Pfad maximal übertragbare Leistung ist. Bei geschickter Auslegung ermöglicht
es dieser Anfahrgang, die im variablen Pfad benötigte Maximalleistung gegenüber einem
System ohne Kriechgang ungefähr auf den Faktor 0,5 zu reduzieren. Dies hat bedeutende
Vorteile hinsichtlich des Wirkungsgrades bei höheren Geschwindigkeiten zur Folge. Der
serielle Gang wird konstruktiv realisiert, indem der Verbrennungsmotor vom festen Pfad
des Getriebes getrennt wird und nur noch Leistung in den variablen Pfad einspeisen kann.
Das Getriebe wird durch Schließen mehrerer ausgangsseitiger Kupplungen oder Einlegen
von zwei ausgangsseitigen Synchronisierungen so verschaltet, dass die Ausgangsdrehzahl
des variablen Pfades direkt proportional zur Ausgangsdrehzahl des Getriebes ist. So kann
dann seriell hydraulisch angefahren werden. Diese Möglichkeit ist in Abbildung 2.6 gegeben,
indem die Kupplung
K
geöffnet und dann gleichzeitig beispielsweise die Synchronisierungen
für F1und F2eingelegt werden.
67
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
MG1
MG2
G1
G2
G1i
G10
G3
G4 CA
A1
B1
CB
CHiLo
PTO
DDS
CRev
CFwd OUT1
OUT2
A2
B2
i0,mag
i0,mech
(a)
MG1
MG2
G1
G2
G1i
G10
G3
G4
SHi
A11
A12
B12
CHi
CALo
CBLo
PTO
DDS
CRev
CFwd
OUT1 OUT2
A21
B11 B21
A22
B22
i0,mag
i0,mech
(b)
MG1
MG2
G1
G2
G1i
G10
G3
G4 CAHi
A11 A21
B21
CBHi
CALo
CBLo
PTO
DDS
CRev
CFwd
OUT1 OUT2
A12
B11
B12 A22
B22
i0,mag
i0,mech
(c)
MG1
MG2
G1
G2
G1i
G10
G3
G4 CAHi
A11
A12
B12
CBHi
CALo
CBLo
PTO
DDS
CRev
CFwd
OUT1 OUT2
A21
B11 B21
A22
B22
i0,mag
i0,mech
(d)
MG2
BA
CB
CHiLo
PTO
DDS
OUT1
OUT2
CFwd
CRev MG1
G1
G2
i0,mag
i0,mech
(e)
MG2
BA
CB
CHiLo
PTO
DDS
OUT1
OUT2
MG1 G2
CFwd
BRev
G1
i0,mag
i0,mech
(f)
Abbildung 3.9:
Strichdiagramme von möglichen Realisierungen als Traktorgetriebe, WOLF-
Schema 2.2
Abbildung 3.9 zeigt Strichdiagramme möglicher konstruktiver Umsetzungen von WOLF-
Schema 2.2. Auf der linken Seite jedes Konzeptes ist der Dieselmotor dargestellt, während
rechts der Durchgang zur Zapfwelle und die Getriebeausgangswelle mit Kegelrad zu erkennen
ist. Daran angeschlossen ist über die Stirnradstufe G1/G2 die erste elektrische Maschine
MG1. Die Räderkette G1, G1i, G10, G3 und G4 bildet zusammen mit den nasslaufenden
Lamellenkupplungen
CF wd
und
CRev
bei den Ausführungen nach Abbildung 3.9a, Abbil-
dung 3.9b, Abbildung 3.9c und Abbildung 3.9d den Rückwärtsgang in Vorgelegebauweise.
Alternativ ist der Rückwärtsgang auch als hinteres Modul im Getriebe wie bei Ausführung
nach Abbildung 3.9e oder als Planetensatz wie bei Ausführung nach Abbildung 3.9f realisier-
bar. Für alle Ausführungen gleich ist die Variatorsektion nach WOLF-Schema 2.2, welche
68
3.3 Getriebeanalyse
aus der magnetischen Umlaufgetriebestufe mit integrierter zweiter elektrischer Maschine
MG2 und Standübersetzung
i0,mag
und aus der mechanischen Umlaufgetriebestufe mit der
Sonne
S
, den Planeten
P
, und dem Hohlrad
R
besteht. Die beiden lastschaltbaren Gänge,
die hinter dem Variatormodul angeordnet sind, können auf verschiedene Arten konstruktiv
realisiert werden. Die Übersetzungen der Gänge sind durch die Stirnradstufen A1/A2 bzw.
bei verschiedenen Übersetzungsverhältnissen A11/A12 und A21/A22 sowie B1/B2 bzw.
B11/B12 und B21/B22 umgesetzt. Die Möglichkeit, im Bedarfsfall jederzeit von jedem
Gang in jeden anderen schalten zu können, wird durch die Kupplungen
CA
und
CB
sowie
innerhalb der Gänge für die beiden Ausgangswellen des Variators durch die Kupplungen
CHi
und
CLo
sichergestellt. Die beiden Ausgangswellen des Variators können auch da sie
nie gleichzeitig aktiv sein können durch eine Doppelkupplung
CHiLo
geschaltet werden wie
in den Ausführungen nach Abbildung 3.9a, Abbildung 3.9e und Abbildung 3.9f dargestellt.
Wird Gang
A
nicht durch eine Kupplung, sondern mit einer Bremse realisiert, erfolgt eine
Umbenennung zu
BA
. Analog werden die Kupplungen mit
CALo
,
CAHi
,
CBLo
und
CBHi
bezeichnet, wenn für die Gänge vier verschiedene Übersetzungsverhältnisse und damit vier
unabhängige Kupplungen, die nicht gleichzeitig betätigt werden, zum Einsatz kommen.
Gegebenenfalls können Kupplungen auch durch Synchronringe ersetzt werden, wie in Aus-
führung nach Abbildung 3.9b dargestellt. Damit entfällt die Möglichkeit, jederzeit von
jedem Gang in jeden anderen schalten zu können, da eine Umschaltung von den beiden mit
dem Synchronring betätigten Gängen mehr Zeit in Anspruch nimmt als eine Umschaltung
von einem mit einer Kupplung betätigten Gang in einen anderen, mit einer unabhängigen
anderen Kupplung betätigten Gang. Diese Möglichkeit sei daher nur der Vollständigkeit
halber hier aufgeführt. Den Ausgang des Getriebes bildet das Kegelrad des Hinterachsdiffe-
renzials. Es lässt sich zeigen, dass eine Verringerung der auftretenden Blindleistung erreicht
werden kann, wenn eine Konfiguration verwendet wird, die es ermöglicht, die Übersetzungen
der beiden Stirnradstufen des
A
-Ganges unterschiedlich voneinander zu wählen, während
die Übersetzungen der beiden Stirnradstufen des
B
-Ganges identisch sind. Dies führt zu
einer Verschiebung lediglich des Schaltpunktes von
A
nach
B
, der für die auftretenden
hohen Blindleistungen maßgeblich ist. Eine solche Umsetzung der Übersetzungsverhältnisse
ist zum Beispiel mit den Ausführungen nach Abbildung 3.9c und Abbildung 3.9d möglich.
3.3.4 Analyse und Abschätzung des Wirkungsgrades
Um Empfehlungen zum zukünftigen Einsatz eines Getriebes mit magnetisch-elektrischer
Umlaufgetriebestufe geben zu können, ist eine Betrachtung des Wirkungsgrades unabding-
bar. Die Betrachtung des Wirkungsgrades soll in verschiedenen Stufen ablaufen: Zunächst
sollen die Wirkungsgrade vereinfachter hydrostatischer Getriebe brechnet werden, die in
ihrer grundlegenden Struktur den Stufenlosgetrieben von ZF bzw. Case IH und New Hol-
land ähnlich sind. Anschließend soll für diese beiden Getriebe der Wirkungsgrad berechnet
werden, der sich ergeben würde, wenn man anstelle der Hydrostateinheiten elektrische
Maschinen verwenden würde. Es entstehen so fiktive elektrische Stufenlosgetriebe (feIVT).
Betrachtungen zum Bauraum sollen hierbei außen vor bleiben und die Analyse soll auf eine
akademische Betrachtung des Wirkungsgrades reduziert werden, selbst wenn eine spätere
konstruktive Realisierung eines sich daraus ergebenden Konzeptes nicht möglich erscheint.
Danach soll der Wirkungsgrad für das im Rahmen dieser Arbeit gefundene Getriebe mit
einer magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe berechnet werden, wobei die gefunde-
69
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
ne Variatorsektion den Kern darstellt, der auch die Verlustcharakteristik und damit die
Charakteristik des Wirkungsgrades bestimmt. Für die Elemente des Getriebes, die nicht
den Kern der Arbeit abbilden wie zum Beispiel die Reversiereinheit oder das Gruppen-
getriebe, sollen Vereinfachungen getroffen werden. Da Reversieren und Gruppenwechsel
im einfachsten Fall zu sehen bei den Getrieben von Case IH und New Holland nur
zusätzliche Zahneingriffe bedeuten, haben diese nur einen Einfluss auf die absolute Höhe des
Wirkungsgrades, nicht aber auf dessen Charakteristik, die maßgeblich von dem Betriebs-
verhalten der Planetenstufen und den Verlusten des variablen Pfades bestimmt wird. Die
berechneten Wirkungsgrade der hydrostatischen Getriebe und der fiktiven elektrisch leis-
tungsverzweigten Stufenlosgetriebe sollen dann mit dem berechneten Wirkungsgrad des im
Rahmen dieser Arbeit entwickelten Getriebes verglichen werden. Da für die hydrostatischen
Getriebe teilweise Messergebnisse zum Wirkungsgrad vorliegen, sollen diese Ergebnisse
ebenfalls dargestellt werden, um die Korrektheit der Berechnungsergebnisse, insbesondere
im Bezug auf die Charakteristiken der Wirkungsgrade zu belegen. Für die Berechnung der
Wirkungsgrade werden folgende Vereinfachungen getroffen:
Alle Getriebe werden am gleichen Motor und im gleichen Traktor betrieben.
Alle Getriebe verwenden die gleiche Endübersetzung in den Radnaben und die gleichen
Reifen, eventuelle Unterschiede zwischen den Getrieben hinsichtlich der Auslegung der
im Getriebe auftretenden Drehzahlen werden durch unterschiedliche Kegelraddifferen-
zialübersetzungen (Übersetzung von der Getriebeausgangswelle auf die Hinterachse)
realisiert.
Verluste für Kühlung und Hilfsantriebe werden nicht betrachtet. Diese Vereinfachung
ergibt sich durch das Verfahren, nach dem die gemessenen und vorliegenden Wirkungs-
grade ermittelt wurden. Die DLG bestimmt den Antriebsstrangwirkungsgrad wie
folgt: Zunächst wird für alle Fahrgeschwindigkeiten die maximale Zapfwellenleistung
gemessen. Anschließend wird für alle Fahrgeschwindigkeiten die Zugleistung gemessen
und durch die bei gleicher Geschwindigkeit erreichte Zapfwellenleistung geteilt [Wil16].
Da die Zapfwelle in den betrachteten Getrieben direkt mit dem Verbrennungsmotor
und damit auch mit der Getriebeeingangswelle verbunden ist, sind hier die Verluste für
Kühlung und Hilfsantriebe auch nicht berücksichtigt, da sie schon vor der Getriebeein-
gangswelle anfallen. Daher bietet es sich im Rahmen dieser Arbeit an, die für Kühlung
und Hilfsantriebe anfallenden Verluste im Rahmen des Triebstrangwirkungsgrades
nicht zu betrachten. Dies führt zusätzlich zu Vorteilen bei der Vergleichbarkeit mit
der Zielvorgabe von Renius [Ren94], bei der der Volllast-Triebstrangwirkungsgrad
ebenfalls als Quotient der Radnabenleistung und der Getriebeeingangsleistung gebildet
wird.
Die Berechnung der Verluste erfolgt ohne Iteration. Um Verluste korrekt zu berechnen,
muss die Berechnung iterativ erfolgen. So führen zum Beispiel die in der ersten
Verzahnungsstufe auftretenden Verluste dazu, dass das in der zweiten Verzahnungsstufe
auftretende Drehmoment niedriger ist als bei verlustfreier Berechnung und damit die
Verluste in der zweiten Verzahnungsstufe bereits niedriger ausfallen. Hierauf wird
im Rahmen dieser Arbeit verzichtet. Die Verluste im Getriebe werden so berechnet,
dass das Drehmoment an jedem Getriebeelement mittels Matrix-Rechenverfahren
verlustfrei berechnet wird und damit dann die Verluste an jedem Getriebeelement
70
3.3 Getriebeanalyse
berechnet werden. Die Verluste werden dann aufaddiert und von der im jeweiligen
Betriebspunkt zur Verfügung stehenden Leistung abgezogen bzw. der benötigten
Leistung hinzuaddiert, wenn der Betriebspunkt unterhalb der maximal möglichen
Motorleistung liegt, was vor allem im zugkraftlimitierten Bereich der Fall ist. Hierdurch
ergeben sich leicht höhere lastabhängige Verluste als in Realität, der Fehler ist aber für
die verschiedenen Konzepte ähnlich hoch und ermöglicht daher eine Vergleichbarkeit.
Lagerverluste werden nicht betrachtet. Lager verursachen Verluste durch Reibung
und durch Schmierung. Die Reibungsverluste sind lastabhängig, während die Schmie-
rungsverluste weitgehend lastunabhängig sind und nur von der Drehzahl bzw. Relativ-
geschwindigkeit der betrachteten Komponenten abhängen [LN94]. Der Aufwand zur
Ermittlung der Verluste in Lagern ist unverhältnismäßig hoch, da hierfür neben dem
Strichdiagramm die Einbausituation der Lager insbesondere zum Bestimmen von
Relativgeschwindigkeiten und der Lagertyp sowie eventuell weitere Parameter wie
Vorspannung bekannt sein müssen. Daher wird auf die Berechnung der Lagerverluste
verzichtet. Es kann davon ausgegangen werden, dass durch die gleichen Anforderungen
an die verschiedenen Getriebe die Verluste aus Lagern in etwa gleich hoch ausfallen.
Dies stellt sicher, dass die berechneten Wirkungsgrade untereinander weiterhin ver-
gleichbar sind, auch wenn sich gegenüber den gemessenen Wirkungsgraden hierdurch
ein Fehler einstellt. Der Fehler führt dazu, dass die berechneten Verluste niedriger
ausfallen als die tatsächlichen Verluste, was sich teilweise mit dem Fehler aus der vor-
hergegangenen Erklärung zur nichtiterativen Berechnung der lastabhängigen Verluste
kompensiert.
Vereinfachend werden alle Getriebe betrachtet, als wären alle Schaltelemente nasslau-
fende Lamellenkupplungen. Die Platzierung der Lamellenkupplungen in den jeweiligen
Getrieben wird im nachfolgenden Abschnitt thematisiert. Diese Vereinfachung er-
möglicht eine bessere Vergleichbarkeit der verschiedenen Konzepte, da eventuelle
Unterschiede in der Kupplungsauslegung und der Einsatz von Synchronisierungen
nicht betrachtet werden müssen. Der Einsatz von nasslaufenden Lamellenkupplungen
für jedes Schaltelement ermöglicht es, jederzeit beispielsweise in einer kritischen
Fahrsituation von einem beliebigen Gang in einen beliebigen anderen Gang zu
schalten, was mit Synchronisierungen üblicherweise nicht möglich ist. Im Sinne einer
universal einsetzbaren Fahrstrategie mit möglichst vielen Freiheiten sind unabhängige,
nasslaufende Lamellenkupplungen den Synchronisierungen zunächst vorzuziehen. Im
weiteren Entwicklungsverlauf der betrachteten Getriebe ist dann ein Ersatz der nass-
laufenden Lamellenkupplungen durch Synchronringe aus Kosten- und Effizienzgründen
bei gleichzeitiger Einschränkung der Fahr- und Schaltstrategie denkbar.
Vereinfachend werden die Wirkungsgrade aller Getriebe nur im Vorwärtsbetrieb be-
rechnet und das Strichdiagramm für die Verlustberechnung für die jeweiligen Getriebe
wird so gestaltet, dass es keinen Rückwärtsgang aufweist. Dies beschleunigt die Be-
rechnung. Zum jetzigen Zeitpunkt sei davon ausgegangen, dass der Rückwärtsgang für
jedes Getriebe in Vorgelegebauweise realisiert werden kann und die Wirkungsgrade bei
Rückwärtsfahrt sich daher aus den entsprechenden Wirkungsgraden bei Vorwärtsfahrt
durch Multiplikation mit einem konstanten Faktor für die zusätzlichen Zahneingriffe
ergeben. Die für den Vorwärts- und Rückwärtsgang nötigen Kupplungen werden als
71
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Verluste verursachende Elemente gemäß dem im nächsten Abschnitt vorgestellten
Modell berücksichtigt.
Verlustmodell offene Lamellenkupplungen
Geöffnete Kupplungen verursachen Verluste durch Ölscherung zwischen den Kupplungs-
scheiben und Kupplungslamellen. Die Berechnung und Simulation dieser Verluste ist häufig
Gegenstand von Diskussionen in der Fachliteratur und bietet aufgrund ihrer Komplexi-
tät genug Potenzial für dezidierte Forschungsarbeiten zu diesem Thema. Eine detaillierte
Berechnung der Verluste in offenen Lamellenkupplungen kann daher im Rahmen dieser Ar-
beit nicht erfolgen. Eine vereinfachte Umsetzung der Verluste offener Lamellenkupplungen
ist umsetzbar. Hierzu wird davon ausgegangen, dass die Verluste in offenen Lamellen-
kupplungen ausschließlich linear abhängig von der Differenzgeschwindigkeit zwischen den
Kupplungslamellen sind (newtonsches Modell). Die Integration in die Gesamtverluste der
betrachteten Getriebe folgt folgendem Schema: Für jedes Getriebe wird angenommen, dass
alle Gänge über Kupplungen und nicht über Synchronringe geschaltet werden. Ein Getriebe,
in welchem die Gänge mit Synchronringen vorgewählt werden, hat Nachteile gegenüber
einem Getriebe, in welchem die Gänge über unabhängige Kupplungen geschaltet werden, da
bei der Verwendung von Synchronringen die beiden mit einem gemeinsamen Synchronring
geschalteten Gänge nicht unter Last gewechselt werden können. Dafür ergeben sich bei
der Verwendung von Synchronringen gegenüber Kupplungen üblicherweise leichte Vorteile
im Bezug auf die Verlustleistung. Um die Getriebe bezüglich ihrer Funktionalität und
Flexibilität und ihrer Verluste vergleichbar zu machen wird daher an dieser Stelle vereinfa-
chend angenommen, dass alle Gänge über unabhängige, nasslaufende Lamellenkupplungen
geschaltet werden, auch wenn dies im vorliegenden realen Getriebe nicht der Fall ist. Es
kann davon ausgegangen werden, dass Synchronringe in den betrachteten Getrieben (z. B.
in dem Getriebe von Case IH und New Holland aus Abbildung 2.4) Verluste verursachen,
die charakteristisch mit denen einer offenen Lamellenkupplung vergleichbar sind und damit
den Wirkungsgrad in erster Linie nur in seiner Höhe und nicht in seiner Charakteristik
beeinflussen. Es wird weiterhin davon ausgegangen, dass die Fahrkupplung eines jeden
Getriebes am Getriebeeingang realisiert ist und jedes Getriebe einen in Vorgelegebauweise
realisierten Rückwärtsgang aufweist, dessen Kupplung im Vorwärtsbetrieb stets eine Rela-
tivdrehzahl zwischen den Lamellen aufweist, die der doppelten Motordrehzahl entspricht.
Für die Eingangskupplung da deren Drehzahl und Drehmoment in jedem betrachteten
Getriebe gleich ist wird dann ein Kennwert errechnet, der die Abhängigkeit der Verluste
von der Relativdrehzahl wiedergibt. Dieser Kennwert wird dann für alle Kupplungen in
den betrachteten Getrieben angesetzt, um deren Verluste in erster Näherung zu berech-
nen. Hierbei sei davon ausgegangen, dass alle Kupplungen für die jeweiligen Gänge bei
Zahnradpaaren immer an dem Zahnrad realisiert werden, welches das kleinere Drehmoment
aufweist, falls deren Anordnung nicht wie z. B. bei Inline-Getrieben wie dem ZF TerraMatic
(Abbildung 2.3) festgelegt ist. Damit ist sichergestellt, dass die maximalen an der Kupp-
lung auftretenden Drehmomente im Bereich des an der Eingangskupplung auftretenden
Drehmomentes liegen und der an dieser Kupplung ermittelte Kennwert damit realistisch
ist. Würden Kupplungen bei Zahnradpaaren am Zahnrad mit dem größeren Drehmoment
platziert, so würden diese eine geringere Relativgeschwindigkeit als bei Platzierung am
Zahnrad mit dem kleineren Drehmoment aufweisen, dafür müssten sie aber über eine
größere Reibfläche verfügen, was den Kennwert der drehzahlabhängigen Verluste vergrößern
72
3.3 Getriebeanalyse
würde. Die Festlegung, Kupplungen bei Zahnradpaaren am Zahnrad mit dem geringeren
Drehmoment zu realisieren, führt weiterhin dazu, dass verschiedene Konzepte auf einer
einheitlichen und unverfälschten Basis miteinander verglichen werden können und stellt
eine mögliche spätere Automatisierung des Berechnungsverfahrens sicher.
Nach [Rao10] kann das Verlustmoment offener Lamellenkupplungen im newtonschen Bereich
berechnet werden zu:
Mf=1
2NRF
πµ
h(︂r4
ar4
i)︂(ωSL ωBL)(3.8)
wobei
NRF
die Anzahl der Reibflächen,
µ
die dynamische Viskosität des Öls in der Kupplung,
h
das Lüftspiel,
ra
der Außenradius und
ri
der Innenradius der Reibflächen und
ωSL
die Winkelgeschwindigkeit der Stahllamellen sowie
ωBL
die Winkelgeschwindigkeit der
Belaglamellen ist. Die hintere Klammer steht damit für die Relativgeschwindigkeit in
der Kupplung. Als Öl kommt in Traktoren der John Deere GmbH & Co. KG ein eigens
entwickeltes Multifunktionsöl zum Einsatz. Da dessen Daten für eine Veröffentlichung
in einem akademischen Kontext nicht geeignet sind, werden stattdessen die Daten eines
Öls verwendet, welches die Werksnorm J20C erfüllt und welches damit als gleichwertiger
Ersatz verwendet werden kann. Es handelt sich um Divinol Spezialöl HGB des Herstellers
Zeller + Gmelin, welches die folgenden Kennwerte aufweist [Zel19]:
kinematische Viskosität bei 40 Cν40 C: 60 mm s1
kinematische Viskosität bei 100 Cν100 C: 9,6 mm s1
Dichte (bei 15 C)ρ: 875 kg m3
Die entsprechenden dynamischen Viskositäten ergeben sich bei als konstant angenommener
Dichte dadurch zu:
µ40 C=ν40 C·ρ(3.9)
µ40 C= 60 ·106m s1·875 kg m3= 52,5 mPa s (3.10)
µ100 C=ν100 C·ρ(3.11)
µ100 C= 9,6·106m s1·875 kg m3= 8,4 mPa s (3.12)
Mit der Gleichung nach Vogel-Cameron [Her14] [Wir12]
µϑ=A·eD
ϑ+C(3.13)
welche umgestellt werden kann zu
ln A+D
ϑ+Cln µϑ= 0 (3.14)
kann gefolgert werden:
ln A+D
ϑ1+Cln µ1= ln A+D
ϑ2+Cln µ2(3.15)
Für Mineralöle gilt C= 95 C. Hieraus folgt:
D=ln µ1ln µ2
1
ϑ1+C1
ϑ2+C
(3.16)
D=ln 52,5 mPa s ln 8,4 mPa s
1
(40 C + 95 C) 1
(100 C + 95 C)
(3.17)
D= 804 C(3.18)
73
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
wobei sich die Einheit von
D
aus Gleichung 3.13 per Definition zu
C
ergibt. Damit kann
Abestimmt werden zu
ln A= ln µ1D
ϑ1+C(3.19)
A=eln µ1D
ϑ1+C(3.20)
A=µ1·eD
ϑ1+C(3.21)
A= 52,5 mPa s ·e804 C
(40 C+ 95 C)= 0,136mPa s (3.22)
wobei sich die Einheit von
A
aus Gleichung 3.13 per Definition zu
mPa s
ergibt. Jetzt kann
die dynamische Viskosität des Öls bei der Getriebeauslegungstemperatur von
ϑ3
= 80
C
[Ste08] aus Gleichung 3.13 berechnet werden zu:
µ3=A·e
D
ϑ3+C
µ3= 0,136 mPa s ·e804 C
(80 C+ 95 C)
µ3= 13,5 mPa s
Um den Verlustkennwert der Kupplungen als Verlustleistung pro Relativumdrehung zu
bestimmen, wird aus dem Kupplungskatalog des Herstellers Ortlinghaus exemplarisch eine
Kupplung ausgewählt, die das vom Verbrennungsmotor maximal aufgebrachte Drehmo-
ment von 724
Nm
mit einem Sicherheitsfaktor von 1,5 im schlupffreien Betrieb [Ort19c]
übertragen kann. Die für Gleichung 3.8 relevanten Durchmesser
ra
und
ri
ergeben sich
aus einem Datenblatt [Ort19a] zu
ra
= 72
mm
und
ri
= 51
mm
, wobei hier die Kupplung
0022
-
39
-
Größe
-
003
-
00 zum Einsatz kommt, da sie die kleinste Kupplung ist, die im Nasslauf
das geforderte Moment unter Beachtung des Sicherheitsfaktors übertragen kann. Die Dicke
der Lamellen wird aus einem anderen Datenblatt des gleichen Herstellers [Ort19b] abgelesen
zu:
bSL = 2,3 mm für die Stahllamellen und
bBL = 2,4 mm für die Belaglamellen
Mit der aus dem Kupplungsdatenblatt abgelesenen Gesamtlänge des Lamellenpaketes von
bges
= 38
mm
und einem angenommenen Lüftspiel von
h
= 0
,
2
mm
[Kön19] kann damit die
Anzahl der Reibflächenpaare berechnet werden zu:
NRF = 2 ·bges
bSL +bBL + 2 ·h(3.23)
NRF = 2 ·38 mm
2,3 mm + 2,4 mm + 2 ·0,2 mm (3.24)
NRF 15 (3.25)
Da jetzt alle Werte bekannt sind, kann das Verlustmoment der Kupplung für die Rela-
tivdrehzahl 1 min1berechnet werden zu:
Mf=1
2NRF
πµ
h(︂r4
ar4
i)︂(ωSL ωBL)
Mf=1
2·15 ·π·13,5 mPa s
0,2 mm ·[︂(72 mm)4(51 mm)4]︂·(︄1 min1·2·π·1
60 s
min
0)︄
Mf= 3,35 mNm (3.26)
74
3.3 Getriebeanalyse
Bei der Relativdrehzahl 1 min1ergibt sich damit die Verlustleistung zu
Pf(n= 1 min1)=Mf·ω(3.27)
Pf(n= 1 min1)= 3,35 mNm ·2·π·1 min1·1
60 s
min
(3.28)
Pf(n= 1 min1)0,335 mW (3.29)
Der Verlustkennwert offener Lamellenkupplungen wird damit festgelegt zu 0
,
335
mW
pro
Relativdrehung pro Minute bzw. anschaulicher 335
W
pro 1000 Umdrehungen pro Mi-
nute Differenzdrehzahl. Für die Hinterachsbremse, die eine besondere Rolle bei der Ver-
lustbetrachtung aufweist, wird folgende Festlegung getroffen: Der Verlustkennwert der
Hinterachsbremse gemessen in Verlustleistung pro 1000 Umdrehungen pro Minute der
Hinterachse ergibt sich, indem der Verlustkennwert der offenen Lamellenkupplungen mit
dem Betrag der Kegelradübersetzung der Getriebeausgangswelle multipliziert wird. Diese
Erhöhung des Kennwertes trägt der Tatsache Rechnung, dass die Hinterachsbremse deutlich
niedrigeren Relativdrehzahlen ausgesetzt ist als die Kupplungen im Getriebe und ihre
geometrischen Abmessungen aufgrund des deutlich höheren auftretenden Drehmomentes
dazu führen, dass der Verlustkennwert deutlich höher ausfällt als in den Kupplungen im
Getriebe. Da die Hinterachsbremse gedanklich auf die Getriebeausgangswelle reduziert bzw.
transferiert werden kann, ist diese vereinfachte Berechnung des Verlustkennwertes zulässig,
sie erspart zudem die erneute, aufwendige Berechnung des speziellen Verlustkennwertes
der Hinterachsbremse. Die im Rahmen dieser Arbeit betrachteten Kupplungen existieren
entweder nicht oder ihre genaue Geometrie ist nicht bekannt, sodass die Berechnung mit
dem vereinfachten newtonschen Verfahren und einem einzigen Kennwert für alle Kupplungen
an dieser Stelle ein probates Mittel darstellt, welches durch seinen konsistenten Einsatz eine
mathematische Vergleichbarkeit der für die jeweiligen Getriebe berechneten Wirkungsgrade
sicherstellt.
Verlustmodell elektrische Maschinen und Inverter
Die Verluste eventuell im Getriebe vorhandener elektrischer Maschinen, mit Ausnahme der
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe, deren Verluste im nachfolgenden Abschnitt
thematisiert werden, werden nach folgendem Modell berechnet: Nach [JHB83] lassen sich
durch geschickt gewählte Konzepte bei Leistungsverzweigung in Kombination mit der bei
niedrigen Abtriebsdrehzahlen auftretenden Zugkraftlimitierung Konzepte finden, bei denen
die bezogene Zweigleistung im variablen Pfad ca. 0,34-mal der maximalen Antriebsleistung
des Fahrzeuges beträgt. Um hier eine breitere Anzahl an Konzepten untersuchen zu können
und nicht zu stark durch diese bezogene Leistung limitiert zu sein, wird die bezogene
Zweigleistung mit dem Sicherheitsfaktor 2 multipliziert und anschließend eine elektrische
Maschine gesucht, die eine Nennleistung von
Pel,N =Pvar,max
Pmech,max
·SF·Pmech,max = 0,34 ·2·144 kW = 97,9 kW (3.30)
aufweist. Diese erste überschlägige Überdimensionierung der elektrischen Maschinen stellt
zudem sicher, dass in einem möglichen Getriebe abhängig vom Betriebspunkt mit den inte-
grierten elektrischen Maschinen zusätzliche elektrische Leistung erzeugt werden kann, um
75
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
diese im Bordnetz oder auf Anbaugeräten zur Verfügung zu stellen. Als permanenterregte
Synchronmaschine hoher Leistungsdichte, die im Motor- und Generatorbetrieb zur Erzeu-
gung von elektrischer Leistung für eine magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe oder
als fiktiver Ersatz für Hydrostaten zur Modellierung eines elektrisch leistungsverzweigten
Stufenlosgetriebes verwendet werden kann, kommt hier das Modell G185-225 der Firma
Schabmüller infrage [Sch19], welches durch die folgenden Kenngrößen charakterisiert ist:
Nennspannung (dreiphasig): 480 V
Nennleistung im S1-Betrieb: 106 kW
Nenndrehzahl: 5500 min1
Nenndrehmoment: 185 Nm
Außendurchmesser: 225 mm
Länge: 290 mm
Mit dem angegebenen Wirkungsgrad
ηel >
95 % und der daraus folgenden konservativen
Annahme ηel = 95 % lassen sich damit die Verluste im Nennbetrieb berechnen zu:
PV,el,N =Pel,N ·(1 ηel) = 106 kW ·(1 0,95) = 5,3 kW (3.31)
Für eine erste Abschätzung kann in guter Näherung davon ausgegangen werden, dass
sich diese Verluste im Nennbetrieb zu gleichen Teilen in Kupferverluste und Eisenverluste
aufteilen [Jun16], sodass sich die Kupferverluste im Nennbetrieb ergeben zu:
PV,Cu,N =PV,el,N
2=5,3 kW
2= 2,65 kW (3.32)
Aus der Nennleistung ergibt sich weiterhin mit der Nennspannung auch die Nennstromstärke
zu:
IN=Pel,N
UN
=106000 W
480 V = 221 A (3.33)
Mit den Kupferverlusten kann dann der Wicklungswiderstand der Kupferwicklungen be-
rechnet werden:
RCu =PV,Cu,N
I2
N
=2650 W
(221 A)2= 54,3 mΩ (3.34)
An dieser Stelle wird weiterhin davon ausgegangen, dass das von der Maschine aufgebrachte
Drehmoment direkt proportional zur Stromstärke ist und bei einer Stromstärke von 221
A
ein Drehmoment von 185
Nm
erreicht wird, während über den gesamten Betriebsbereich
linear skaliert wird. Dann wird das normierte Drehmoment definiert zu:
Mel,n =Mel
Mel,max
(3.35)
wobei
Mel,max
sich aus dem Datenblatt zu 185
Nm
ergibt. Damit ergeben sich die Kupfer-
verluste in Abhängigkeit des von der Maschine aufgebrachten normierten Drehmomentes
zu:
PV,Cu = (Mel,n ·IN)2·RCu (3.36)
76
3.3 Getriebeanalyse
Ohne genauere Kenntnis der inneren Details der elektrischen Maschine, wie die Anzahl
der Pole im Rotor, die Blechstärke, die Anzahl der Windungen im Stator usw., können
die Eisenverluste in Abhängigkeit vom Betriebspunkt nach folgendem vereinfachten Mo-
dell berechnet werden: Zunächst wird davon ausgegangen, dass die Wirbelstromverluste
aufgrund dünner Blechdicken im Auslegungspunkt maximal genauso hoch sind wie die
Hystereseverluste [Wil19] [GHV98].
PV,F e,N =PV,Cu,N (3.37)
PV,F e,N =PV,F e,N,Hy +PV,F e,N,W i (3.38)
PV,F e,N,Hy =PV,F e,N,W i =1
2·PV,Cu,N (3.39)
PV,F e,N,Hy =PV,F e,N,W i =1
2·2,65 kW = 1,325 kW (3.40)
Die Eisenverluste bestehen daher dann aus Hystereseverlusten, welche proportional zur
Frequenz der Magnetfeldänderung sind, und aus Wirbelstromverlusten, welche proportional
zum Quadrat der Frequenz der Magnetfeldänderung sind [GHV98]. Diese wiederum ist
direkt proportional zur Drehzahl der elektrischen Maschine. Weiterhin wird die normierte
Drehzahl der elektrischen Maschine an dieser Stelle definiert zu:
nel,n =nel
nel,N
(3.41)
wobei
nel,N
sich aus dem Datenblatt zu 5500
min1
ergibt. Damit sind auch erhöhte Eisenver-
luste bei Betrieb im Feldschwächebereich bzw. bei Überdrehzahl berücksichtigt. Jetzt kann
weiterhin angenommen werden, dass die Eisenverluste bei Nenndrehzahl ihren Nennwert
PV,F e,N
erreichen, der sich bei Nenndrehzahl zu gleichen Teilen aus Hystereseverlusten
und Wirbelstromverlusten zusammensetzt. Diese steigen linear bzw. quadratisch mit der
Drehzahl an, wodurch sich für die Eisenverluste in Abhängigkeit vom Betriebspunkt der
elektrischen Maschine ergibt:
PV,F e =PV,F e,Hy +PV,F e,W i (3.42)
PV,F e =nel,n ·PV,F e,N,Hy +n2
el,n ·PV,F e,N,W i (3.43)
Für die insgesamt in einer elektrischen Maschine in Abhängigkeit vom Betriebspunkt
anfallenden Verluste gilt dann:
PV,el =PV,Cu +PV,F e (3.44)
PV,el = (Mel,n ·IN)2·RCu +nel,n ·PV,F e,N,Hy +n2
el,n ·PV,F e,N,W i (3.45)
Dieses Polynom ermöglicht eine bessere Abschätzung der Verluste in den elektrischen
Maschinen als eine Berechnung mit als konstant angenommenem Wirkungsgrad. Verglichen
mit der Realität werden in diesem Polynom eine Reihe von zusätzlichen Verlusten, wie
der Anstieg der Ummagnetisierungsverluste wegen Strom, der Stromverdrängungseffekt
und Basisverluste vernachlässigt [MVP12]. Die Integration dieser Verluste ist an dieser
Stelle mit unverhältnismäßig hohem Aufwand verbunden (vgl. [LDL10]) und ohne Kenntnis
von Details zu den elektrischen Maschinen kaum möglich. Die gesamte Verlustberechnung
kann als konservativ sicher angesehen werden, da sie auf Basis des niedrigsten angegebenen
77
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Wirkungsgrades im Nennbetrieb vorgenommen wurde, wodurch o. g. Effekte durch die
größer ausfallenden Kupfer- und Eisenverluste abgedeckt werden. Weiterhin wird an dieser
Stelle vereinfachend davon ausgegangen, dass die Verluste in dieser elektrischen Maschine im
motorischen und im generatorischen Betrieb mit dem gleichen Polynom aus Gleichung 3.45
berechnet werden können. Für die Verluste ist die Auswahl der elektrischen Maschine
von untergeordneter Bedeutung, da diese abhängig von Drehmoment und Drehzahl also
betriebspunktspezifisch und leistungsabhängig berechnet werden. Wenn ein Getriebe
untersucht wird, welches eine elektrische Maschine mit weniger als der hier festgelegten
elektrischen Nennleistung benötigt, dann werden deren Verluste auch automatisch geringer
ausfallen. Die Vorauswahl der elektrischen Maschine dient hier nur der überschlägigen
Ermittlung deren innerer Kenngrößen zur vereinfachten Verlustberechnung. Für die im
Wechselrichter auftretenden Verluste wird ein stark vereinfachtes Modell gewählt. Die
Verluste in Wechselrichtern setzen sich zusammen aus den Durchlassverlusten, den Schalt-
verlusten und der Basisversorgung [Bin16]. Diese werden mit komplexen Gleichungen aus
der Elektrotechnik zum Schaltverhalten der integrierten Schalttransistoren und Freilaufdi-
oden berechnet. Die Kenngrößen sind hochgradig abhängig von den tatsächlich verbauten
Modulen im Wechselrichter und deren Kennlinien und nur mit mehreren Vereinfachungen
und Approximationen durchführbar. Eine solche detaillierte Berechnung ist zum Zeitpunkt
der Arbeit nicht zweckmäßig. In [Bin16] werden die Basisverluste eines Wechselrichters
für einen Fahrantrieb mit einer Leistung von ca. 40
kW
mit ungefähr 50
W
angegeben.
Dieser Wert wird mit dem Faktor 3 multipliziert, um das für das im Rahmen dieser Arbeit
benötigte Leistungsniveau des Wechselrichters zu berücksichtigen. Die Basisverluste des im
Rahmen dieser Arbeit betrachteten Wechselrichters sollen daher
PV,Inv,B = 150 W (3.46)
betragen. Weiterhin wird der Wirkungsgrad des betrachteten Wechselrichters in [Bin16]
mit ηInv >0,98 angegeben, womit konservativ angenommen werden kann
ηInv,L = 0,98 (3.47)
wobei
ηInv,L
zur Berechnung der lastabhängigen Verluste verwendet wird. Um diese zu
berechnen, muss die Leistung der elektrischen Maschine bekannt sein, die mit dem Wechsel-
richter verbunden ist. Die Gesamtverluste des Wechselrichters ergeben sich dann zu:
PV,Inv =PV,Inv,B +PMG ·(1 ηInv,L)(3.48)
Bereits diese einfache Gleichung für die Verlustleistung im Wechselrichter erzeugt dessen
charakteristische Wirkungsgradkurve, deren Verlauf durch mehrere andere Quellen bestätigt
wird [FD19] [Bro18] [VMK08]. Die Basisverluste werden in der gewählten Größenordnung
relativ schnell von den lastabhängigen Verlusten dominiert, sodass deren konkrete Höhe und
damit die ursprüngliche Annahme keine signifikanten Auswirkungen auf die Gesamtverluste
im Wechselrichter hat, solange sie zumindest größenordnungsmäßig richtig ist. Für die im
Rahmen dieser Arbeit betrachteten Getriebe ist zusätzlich zu berücksichtigen, dass diese im
Normalfall über zwei elektrische Maschinen verfügen und damit auch zwei Wechselrichter
benötigen. Die Verluste sind entsprechend für jeden Wechselrichter einzeln zu berechnen
und zu berücksichtigen.
78
3.3 Getriebeanalyse
Verlustmodell magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe
Für die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe existiert kein Modell für die Verluste,
daher wird an dieser Stelle ein eigenes Modell entwickelt, welches Teile der Verlustberech-
nung für die elektrischen Maschinen mit neuen Ansätzen vereint. Die in der magnetisch-
elektrischen Umlaufgetriebestufe auftretenden Verluste setzen sich aus mehreren Teilen
zusammen:
Stromwärmeverluste in den Kupferwicklungen des Stators
Hysterese- und Wirbelstromverluste im Statoreisen
Hysterese- und Wirbelstromverluste im Eisen des Modulationsrings
Wirbelstromverluste in den Rotormagneten und im Rotorblechpaket
Da die Rotormagnete sehr stark sind und die Magnetisierung des Rotorblechpakets durch
die Rotormagnete dominiert wird, werden die in diesen beiden Komponenten auftretenden
Ummagnetisierungsverluste vernachlässigt. Die Firma Magnomatics Limited spezifiziert in
einem Datenblatt eine magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe mit einem Nenndrehmo-
ment von 1000
Nm
bei einem Durchmesser von 460
mm
und einer Länge von 300
mm
[Bla14].
Dies entspricht dem für das Getriebe im Rahmen dieser Arbeit benötigten Drehmoment von
ca. 950
Nm
. Rechnet man die den Abbildungen in [Kir13] entnehmbaren Größenverhältnisse
auf die oben spezifizierten Außenmaße um, so ergeben sich für eine Erstauslegung der
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe folgende mechanische Kenngrößen:
Außendurchmesser Stator: 390 mm, außerhalb davon Kühlung
Innendurchmesser Stator: 280 mm
Außendurchmesser Modulationsring: 275 mm
Innendurchmesser Modulationsring: 245 mm
Außendurchmesser Rotor: 243 mm
aktive Länge: 200 mm
Der Innenwiderstand der Kupferwicklungen und die maximale Stromstärke am Stator werden
festgelegt auf die Werte, die für die zuvor beschriebene elektrische Maschine ermittelt wurden,
da beide Maschinen eine Leistung in gleicher Höhe übertragen müssen. Ebenso werden
Nenndrehzahl (des elektromagnetischen Feldes) und Nenndrehmoment auf den gleichen
Wert festgelegt.
Innenwiderstand Kupferwicklungen insgesamt (dreiphasig) RCu,T S : 54,3 mΩ
magnetische Feldstärke im Modulationsring, Rotor- und Statoreisen B: 1,15 T
maximale Stromstärke im Stator IN,T S: 221 A
79
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Bei diesen Werten handelt es sich um Annahmen, die ohne Kenntnis der inneren Details der
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe getroffen werden. Die Berechnungsvorschriften
für die Verluste der im vorangehenden Abschnitt beschriebenen elektrischen Maschinen
kommen auch für die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe zum Einsatz. Es kann
davon ausgegangen werden, dass mit den Werten die grundsätzliche Verlustcharakteristik
gut erfasst werden kann. Selbst wenn später die Werte für die maximale Stromstärke und
maximale Drehzahl von den festgelegten Werten abweichen, ist das grundsätzliche Leis-
tungsniveau für die Maschine größenordnungsmäßig richtig gewählt und damit die Werte der
maximalen Stromstärke und maximalen Drehzahl wechselseitig voneinander abhängig. Fällt
die eine Größe höher aus, dann fällt die andere bei gleicher Maximalleistung automatisch
niedriger aus, was zu einer ähnlichen Verlustcharakteristik führt. Die Stromwärmeverluste
im Stator können mit diesen Daten direkt analog zu Gleichung 3.36 berechnet werden zu:
PV,Cu,T S = (Mel,n,T S ·IN,T S )2·RCu,T S (3.49)
wobei
Mel,n,T S
das normierte Drehmoment der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
Mel,n,T S =Mel,T S
Mel,T S,max
(3.50)
ist, welches per Definition immer am Modulationsring anliegt und aus dem im jeweiligen
Betriebspunkt am Modulationsring auftretenden Drehmoment geteilt durch das maximal am
Modulationsring mögliche Drehmoment berechnet wird. In einer magnetischen Umlaufge-
triebestufe finden mehrere Relativbewegungen von Magnetfeldern über elektrisch leitendes
Material statt. Nach der Lenz’schen Regel werden hierdurch Ströme induziert, die der
Ursache ihrer Entstehung entgegenwirken. Dadurch entstehen Wirbelstromverluste, die sich
in Wärmeenergie äußern. Durch die Änderung der Magnetfelder in den ferromagnetischen
Teilen der Umlaufgetriebestufe kommt es weiterhin zu Hystereseverlusten, die ebenfalls
einen Wärmeeintrag in das Eisenmaterial bedeuten. Diese Verluste treten im Statoreisen
auf, da sich hier das Magnetfeld, welches durch die Spulen erzeugt wird, gegenüber dem
unbeweglichen Statorblechpaket bewegt, und in den ferromagnetischen Segmenten des
Modulationsrings, da sich dieser durch ein Magnetfeld bewegt. Hierbei sei angenommen,
dass die Struktur, welche die ferromagnetischen Segmente trägt, aus unmagnetischem Ma-
terial z. B. laminierte Glasfaserstäbe besteht, um weitere parasitäre Verluste zunächst
auszuschließen. Wird die Struktur, die die ferromagnetischen Segmente trägt, aus elektrisch
leitfähigem, aber paramagnetischem Material (z.B. Aluminium, Edelstahl) gefertigt, so
treten dort zusätzlich Wirbelstromverluste analog zum Prinzip der Wirbelstrombremse
auf, die entsprechend zu berücksichtigen sind, Hystereseverluste treten in einem solchen
Material nicht bzw. nur in vernachlässigbarer Höhe auf. Wie bereits im vorherigen Abschnitt
dargelegt setzen sich die Eisenverluste in der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
ebenfalls aus Hysterese- und Wirbelstromverlusten zusammen. Grundsätzlich erfolgt die
Berechnung der Eisenverluste auf Basis einer diskreten Anzahl von Messwerten bei diskreten
Frequenzen und magnetischen Flussdichten. Da mit einfachen mathematischen Mitteln
eine analytische Berechnung der Verluste nicht möglich ist [Vah+09], wird ein in [Ion+08]
vorgestellter Ansatz zur näherungsweisen Berechnung herangezogen. Bei den hierin unter-
suchten Werkstoffen M43 und SP handelt es sich um typische Werkstoffe für elektrische
Maschinen, M43 als Elektroblech nach AISI-Standard mit einer Dicke von 0,35
mm
und
80
3.3 Getriebeanalyse
SP als nicht vollständig bearbeitetes Elektroblech. Für die Wirbelstromverlustleistung gilt
folgende Abhängigkeit:
PV,W i f2·B2(3.51)
mit
PV,W i Wirbelstromverlustleistung
fFrequenz
Bmagnetische Flussdichte des Magnetfeldes
Die Hystereseverluste wiederum sind abhängig von dem Flächeninhalt der materialabhängi-
gen Hystereseschleife und der Häufigkeit (Taktfrequenz), mit der diese durchfahren wird. Für
magnetische Werkstoffe gilt in guter Näherung, dass der Flächeninhalt der Hystereseschleife
proportional zu B2ist [Ion+08]. Damit folgt für die Hystereseverlustleistung:
PV,Hy f·B2(3.52)
mit
PV,Hy Hystereseverlustleistung
fFrequenz
Bmagnetische Flussdichte des Magnetfeldes
Dividiert man die Wirbelstromverlustleistung bzw. die Hystereseverlustleistung durch
die Masse der Teile, in denen diese Verluste entstehen, so erhält man die spezifischen
Verlustleistungen pV,W i und pV,Hy, die in W kg1angegeben werden. Hierbei gilt ebenfalls
pV,W i f2·B2(3.53)
und
pV,Hy f·B2(3.54)
wie auch für die Verlustleistungen. Die Proportionalität kann aufgelöst werden, indem
für beide spezifische Verlustleistungen ein Proportionalitätsfaktor eingeführt wird,
kh
für
die Hystereseverluste und
ke
für die Wirbelstromverluste. Für verschiedene Elektrobleche
lassen sich in zahlreichen Publikationen Werte für die spezifische Eisenverlustleistung,
üblicherweise in
W kg1
bei einer Frequenz von 50
Hz
und verschiedenen Flussdichten z. B.
1
T
angegeben, finden. Es sei wieder wie im vorherigen Abschnitt angenommen, dass sich die
spezifische Eisenverlustleistung im in den Publikationen angenommenen Auslegungspunkt
zu gleichen Teilen aus der spezifischen Hystereseverlustleistung und aus der spezifischen
Wirbelstromverlustleistung zusammensetzt. Dann gilt analog zu Gleichung 3.38:
pV,F e =pV,Hy +pV,W i (3.55)
pV,Hy =kh·f·B2(3.56)
pV,W i =ke·f2·B2(3.57)
pV,F e = (kh+ke·f)·(f·B2)(3.58)
81
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Mit
pV,Hy,N =pV,W i,N =pV,F e,N
2(3.59)
sowie der für M43 garantierten spezifischen Eisenverlustleistung von 4,0
W kg1
bei 50
Hz
und 1,5 T[EMT07] [Geb11] kann dann zunächst kh,M43 berechnet werden zu:
pV,F e,N,M 43
2=kh,M43 ·f·B2(3.60)
kh,M43 =pV,F e,N,M 43
2·f·B2=4,0 W kg1
2·50 Hz ·(1,5 T)2
= 0,018 W kg1Hz1T2
Anschließend wird ke,M43 analog berechnet zu:
pV,F e,N,M 43
2=ke,M43 ·f2·B2(3.61)
ke,M43 =pV,F e,N,M 43
2·f2·B2=4,0 W kg1
2·(50 Hz)2·(1,5 T)2
= 0,00036 W kg1Hz2T2
Mit den Annahmen, dass sämtliche geblechten Bauteile in der magnetisch-elektrischen Um-
laufgetriebestufe das Rotoreisen, die modulierenden Segmente und das Statoreisen aus
M43 bestehen, kann bei bekannter Masse dieser Teile für die jeweilige auftretende Frequenz
der Magnetfeldänderung und die jeweilige Magnetfeldstärke die auftretende Verlustleistung
bestimmt werden. Die Hystereseverlustleistung und Wirbelstromverlustleistung sind wie
bereits im vorangegangenen Abschnitt dargelegt unabhängig von der Last. Die Frequenz
bestimmt maßgeblich die Verluste, und diese wiederum ergibt sich aus der Relativdrehzahl
des Magnetfeldes gegenüber dem Material, welches ummagnetisiert wird. Für das Statoreisen
ergibt sich diese Frequenz aus dem Betrag der Winkelgeschwindigkeit des Statordrehfeldes
multipliziert mit der Anzahl Polpaare des Statordrehfeldes. Für den Modulationsring er-
gibt sich diese Frequenz aus dem Betrag der relativen Winkelgeschwindigkeit des Rotors
gegenüber dem Modulationsring multipliziert mit der Anzahl der Polpaare des Rotors.
Die Beträge sind zu verwenden, da die Ummagnetisierungsfrequenz keine negativen Werte
annehmen kann. Für die Wirbelströme ist die Drehrichtung unerheblich. Bei Berechnun-
gen, in denen die Ummagnetisierungsfrequenz quadratisch eingeht, kann auf die Beträge
verzichtet werden, da das Quadrat der Ummagnetisierungsfrequenz stets positiv ist. Im
Rotor treten ebenfalls Verluste auf. Im Luftspalt zwischen Rotor und Modulationsring
entstehen elektromagnetische Felder, die gegenüber dem von den Permanentmagneten des
Rotors erzeugten Magnetfeld schwanken. Diese Schwankungen haben mehrere Ursachen
[Hei90] und liegen unter anderem in der Nutung des Stators und den damit verbundenen
Ungleichmäßigkeiten in der Ausbildung des Magnetfeldes begründet. Diese Schwankun-
gen sind abhängig von der konkreten Geometrie der Nutung der elektrischen Maschine
[Jun16] [Hen06], die zum Zeitpunkt der Erstauslegung meistens noch nicht bekannt ist.
Eine detaillierte analytische Berechnung der Rotorverluste ist sowohl generell als auch im
Rahmen dieser Arbeit nicht möglich und auch nicht zweckmäßig. Die Rotorverluste sind von
Bedeutung, um eine Abschätzung über die Erwärmung der Magnete treffen zu können und
den Gesamtwirkungsgrad des Getriebes abschätzen zu können. Daher werden die Verluste
82
3.3 Getriebeanalyse
im Rotoreisen und in den Rotormagneten nach folgenden Annahmen berechnet: Zunächst
gilt
PV,Rot =PV,Rot,Hy +PV,Rot,W i (3.62)
wobei die Hystereseverluste vernachlässigt werden, da das von den Permanentmagneten
erzeugte Magnetfeld die Magnetisierung des Rotoreisens und auch der Rotormagnete
maßgeblich dominiert und so für die Verluste im Rotor hauptsächlich die Wirbelstromverluste
verantwortlich sind, die in den elektrisch leitfähigen Magneten und im Rotoreisen durch den
Anteil des Magnetfeldes auftreten, der sich relativ zum Rotor bewegt, wodurch übrig bleibt:
PV,Rot =PV,Rot,W i (3.63)
Die Wirbelstromverluste setzen sich zusammen aus den im Rotoreisen auftretenden Wir-
belstromverlusten und den in den Rotormagneten auftretenden Wirbelstromverlusten. Da
das Rotoreisen den gewichtsmäßig größten Teil hierbei ausmacht, werden diese Verluste
zusammengefasst als Rotorwirbelstromverluste, indem angenommen wird, dass der gesamte
Rotor aus Rotoreisen besteht, die Masse der Magnete wird der Masse des Rotoreisens
zugeschlagen und die Verluste werden dann mit den Kennwerten des Rotoreisens berechnet.
Weiterhin wird angenommen, dass gemäß Gleichung 3.57 gilt:
PV,Rot =PV,Rot,W i =mRot ·ke·f2·B2(3.64)
Wobei
mRot
die sich aus Rotoreisen und Rotormagneten ergebende Gesamtmasse ist,
f
die
Frequenz des Magnetfeldes im Luftspalt zwischen Rotor und Modulationsring also deren
relative Winkelgeschwindigkeit multipliziert mit der Anzahl Polpaare des Rotors und
B
die Stärke des Magnetfeldes. Hierbei handelt es sich um eine grobe Vereinfachung, da
die Stärke des Magnetfeldes, welches sich relativ zum Rotor bewegt, nur einen Bruchteil
der Stärke des im Luftspalt auftretenden Magnetfeldes aufweist. Da die Schwankungen
unter anderem durch die Nutung des Stators hervorgerufen werden, ist auf der anderen
Seite die Frequenz, mit der die Schwankungen auftreten, um ein Vielfaches höher als die
Winkelgeschwindigkeit des Magnetfeldes im Luftspalt multipliziert mit der Anzahl der
Polpaare des Rotors. Da beide Größen quadratisch in die Verlustleistung eingehen, kann in
erster Näherung oben angegebene Formel gelten. Die Annahme kann durch ein Beispiel
bestätigt werden. In [Hen06] sind Verläufe der Luftspaltflussdichte bei Last, aufgeteilt in
den Anteil, der sich relativ zum Rotor bewegt, und in den Anteil, der sich relativ zum Rotor
nicht ändert, angegeben. Bildet man für diese Kurven die Integrale von
B
über dem Winkel
γ
, um ein Maß für das Verhältnis der Magnetfeldstärke des Teils
B1
, der sich relativ zum
Rotor nicht bewegt, und des Teils
B1,harm
, der sich relativ zum Rotor bewegt, zu erhalten,
z. B. durch geometrische Approximation, so lässt sich zeigen dass:
∫︁B1,harm
∫︁B1 =B1,harm
B1
0,17 (3.65)
Gleichzeitig kann für das Verhältnis der Frequenzen des Teils
f1
, der sich relativ zum Rotor
nicht bewegt, und des Teils f1,harm, der sich relativ zum Rotor bewegt, abgelesen werden:
f1,harm
f1
= 6,0(3.66)
83
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Bildet man nun das Produkt der beiden Quadrate der Verhältnisse, so ergibt sich
(︃B1,harm
B1)︃2
·(︄f1,harm
f1)︄2
= 0,172·6,02= 1,04 1(3.67)
wodurch beispielhaft gezeigt ist, dass die Verluste im Rotor nach Gleichung 3.64 nähe-
rungsweise größenordnungsmäßig und qualitativ richtig bestimmt werden können. Die
Gesamtverluste in der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe lassen sich dann für
jeden Betriebspunkt ausdrücken durch:
PV,T S =PV,Cu,T S +PV,F e,T S,S +PV,F e,T S,M +PV,F e,T S,R (3.68)
PV,T S =PV,Cu,T S +
PV,Hy,T S,S +
PV,W i,T S,S +
PV,Hy,T S,M +
PV,W i,T S,M +
PV,W i,T S,R (3.69)
PV,T S =(︄Mel,T S
Mel,T S,max
·IN,T S)︄2
·RCu,T S +
mT S,S ·kh·fT S,S ·Np,S ·B2+
mT S,S ·ke·(fT S,S ·Np,S)2·B2+
mT S,M,F e ·kh· |fT S,M fT S,R| · Np,R ·B2+
mT S,M,F e ·ke·[(fT S,M fT S,R)·Np,R]2·B2+
(mRot,M +mRot,F e)·ke·[(fT S,M fT S,R)·Np,R]2·B2(3.70)
Wie auch bei den Verlusten in elektrischen Maschinen wird an dieser Stelle vereinfachend
davon ausgegangen, dass die Verluste in der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe im
motorischen und im generatorischen Betrieb mit dem gleichen Polynom aus Gleichung 3.70
berechnet werden können.
Verlustmodell Hydrostaten
Für die Hydrostaten wird vereinfachend davon ausgegangen, dass sie in beiden Betriebsarten
Betrieb als Hydropumpe und als Hydromotor die gleiche Verlustcharakteristik aufweisen
und dass diese weiterhin unabhängig von der Drehzahl und für beide Maschinen, egal ob
konstant oder verstellbar, gleich ist. Da keine veröffentlichten Daten zum Betriebsverhalten
und zu den Verlusten der Hydrostaten der verschiedenen Hersteller vorliegen, wird ein eige-
nes Verlustmodell erstellt. Der Wirkungsgradverlauf eines Schrägachsen-Hydraulikmotors
der Firma Hydro Leduc mit konstantem Schluckvolumen wird als Basisverlauf herangezogen
[Hyd16]. Die Motoren bieten sich hierfür an, da sie ähnliche Betriebspunkte hinsichtlich
des Schluckvolumens und der auftretenden Drücke und Drehzahlen aufweisen wie die Hy-
drostaten in den betrachteten hydraulischen Stufenlosgetrieben. Der Wirkungsgrad wird
dann normiert, sodass zu seiner Berechnung nicht länger der Druck des Hydraulikmediums
bekannt sein muss, sondern das Verhältnis des von der Hydraulikeinheit aufgebrachten
Drehmomentes zu dem von der Hydraulikeinheit maximal aufbringbaren Drehmoment. Da
84
3.3 Getriebeanalyse
der Druck des Hydraulikmediums und das von der Hydraulikeinheit aufgebrachte Drehmo-
ment zueinander direkt proportional sind, ist diese Umrechnung zulässig. Dies vereinfacht
die Berechnung des Wirkungsgrades des Gesamtgetriebes derart, dass nur noch das Dreh-
moment an den beiden hydraulischen Komponenten bestimmt werden muss, um deren
Wirkungsgrad und damit die im variablen Pfad auftretenden Verluste zu bestimmen. Indem
das maximal von den Hydraulikeinheiten aufbringbare Drehmoment gleichgesetzt wird mit
dem in der jeweiligen Getriebekonfiguration benötigten maximalen Drehmoment, werden die
Verluste in den Hydraulikeinheiten zusätzlich unabhängig von eventuellen Vorübersetzungen
zu den Hydraulikeinheiten gemacht. Diese Vereinfachung trägt der Tatsache Rechnung,
dass für jede Getriebekonfiguration eine ideale Kombination aus Vorübersetzung zu den
Hydraulikeinheiten und detaillierter Auslegung der Hydraulikeinheiten gefunden werden
kann, die zu besonders günstigen Wirkungsgraden führt. Die Berechnung des Wirkungs-
grades aus dem anliegenden Drehmoment im Verhältnis zum maximal zu erbringenden
Drehmoment eliminiert die Notwendigkeit, eine solche Optimierung vornehmen zu müssen.
Der Wirkungsgrad der Hydrostaten wird durch die folgende Gleichung dargestellt:
ηt,h =tanh (︄Mh
Mh,max
·5,2)︄·0,93 (3.71)
Die Verlustleistung eines Hydrostaten beträgt damit:
PV,h = (1 ηt,h)·Ph=(︄1tanh (︄Mh
Mh,max
·5,2)︄·0,93)︄·Ph(3.72)
Der Tangens hyperbolicus ermöglicht hier eine gute Übereinstimmung der sich erge-
benden Wirkungsgradkurve mit den zur Verfügung stehenden Daten des Schrägachsen-
Hydraulikmotors der Firma Hydro Leduc mit konstantem Schluckvolumen. Die beiden
Koeffizienten 5,2 und 0,93 dienen dazu, die Steigung und den Grenzwert des Tangens
hyperbolicus an die angegebene Wirkungsgradkurve bestmöglich anzupassen. Der Tan-
gens hyperbolicus in dieser einfachen Form führt weiterhin zu einer guten Umsetzbarkeit
in der EDV für die nachfolgende Wirkungsgradberechnung. Der grundsätzliche Verlauf
der Wirkungsgradkurve von Hydrostaten wird durch weitere Quellen bestätigt [HAW19]
[Exx16]. Da die Hydrostaten einen sehr charakteristischen Wirkungsgradverlauf haben,
der sich maßgeblich im Triebstrangwirkungsgrad des Gesamtgetriebes niederschlägt, kann
über die zur Verfügung stehenden Daten der Triebstrangwirkungsgrade der betrachteten
hydraulischen Stufenlosgetriebe im weiteren Verlauf der Arbeit zusätzlich beurteilt werden,
inwiefern das Verlustmodell für die Hydrostaten zutreffend ist.
Verluste in einstufigen Verzahnungen
Für den Wirkungsgrad
η
eines Getriebes und damit auch jeder einzelnen Getriebestufe gilt
nach [Mül98]
η= 1 + PV
Pan
(3.73)
woraus direkt folgt:
PV=Pan (1 η)(3.74)
85
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Wobei für den Wirkungsgrad ηStufe einer einzelnen Stufe nach [Mül98] gilt:
ηStufe 0,995 für eine Hohlradstufe (3.75)
ηStufe 0,990 für eine Stirnradstufe (3.76)
Der Wirkungsgrad einer Hohlradstufe sei im Folgenden mit
ηStufe,I
, der einer Stirnradstufe
mit
ηStufe,E
bezeichnet. Mit der Gleichung 3.74 und den oben angegebenen Werten lassen
sich dadurch die Verluste in einstufigen Verzahnungen rechnerisch und automatisiert unter
Anwendung der zu Beginn von Unterabschnitt 3.3.4 angegebenen Vereinfachungen berechnen.
Für den Wirkungsgrad spiralverzahnter Kegelräder, die üblicherweise für die Übertragung
von Drehmoment und Drehzahl von der Getriebeausgangswelle auf die Hinterachse verwendet
werden, wird
ηStufe 0,980 für eine spiralverzahnte Kegelradstufe (3.77)
angenommen [Ges12], was im Folgenden als ηStufe,SB bezeichnet wird.
Verlustmodell Planetenstufen
Die in den Planetenstufen auftretenden Verluste sind in hohem Maße abhängig vom konkre-
ten Betriebspunkt des Planetengetriebes. Ein Planetensatz überträgt Leistung immer als
Kupplungsleistung und Wälzleistung, wobei die Kupplungsleistung verlustfrei übertragen
wird und nur die Wälzleistung verlustbehaftet ist [Mül98]. Abhängig vom Betriebspunkt
beim Auftreten von Blindleistung können sich Vorzeichen von Wälz- und Kupplungsleistung
auch unterscheiden. Im Planetensatz treten dann zirkulierende Leistungen auf, die höher
sind als die Eingangsleistung und die Ausgangsleistung. Diese Leistungen belasten die Ver-
zahnungen im Planetensatz und die Verluste sind in diesen Betriebspunkten besonders hoch.
Die in den Planetenstufen anfallenden Verluste werden nach folgendem Verfahren bestimmt:
Zunächst werden mit dem Matrix-Rechenverfahren für den jeweiligen Betriebspunkt die
Drehzahlen der beiden Differenzwellen und der Summenwelle berechnet. Auf die Berechnung
der Drehzahlen der Planeten wird verzichtet, da diese Drehzahlen nur einen Einfluss auf die
Lagerverluste hätten, die wie zuvor beschrieben nicht betrachtet werden. Nach Müller gilt
für die Verlustleistung bezogen auf die gesamte Antriebsleistung eines Planetengetriebes im
Zweiwellenbetrieb
PV
Pan
= 1 ηUml (3.78)
sowie gleichzeitig als vereinfachte Berechnungsformel für den Umlaufwirkungsgrad für einen
beliebigen Betriebszustand
ηUml = 1 M1(ω1ωs) (1 ηw1
0)
ΣPan
(3.79)
was sich umformen lässt zu:
1ηUml =M1(ω1ωs) (1 ηw1
0)
ΣPan
(3.80)
Die rechte Seite von Gleichung 3.80 lässt sich jetzt mit der linken Seite von Gleichung 3.78
gleichsetzen und es ergibt sich:
PV
Pan
=M1(ω1ωs) (1 ηw1
0)
ΣPan
(3.81)
86
3.3 Getriebeanalyse
Die Verluste im Planetengetriebe entstehen nur durch die Wälzleistung, die ermittelt wird,
indem der Punkt des stillstehenden Steges betrachtet wird, der bei Überlagerung mit Block-
umlauf den Betriebspunkt ergibt. Da es sich in diesem Punkt um einen Zweiwellenbetrieb
handelt, kann es nur eine Antriebswelle und eine Abtriebswelle geben. So lassen sich bei
gleichzeitiger Definition von Welle 1 als Antriebswelle sowohl Σ
Pan
als auch
Pan
gleichwertig
ersetzen durch P1, was dann direkt beidseitig gekürzt werden kann. Übrig bleibt:
PV=M1(ω1ωs)(︂1ηw1
0)︂(3.82)
Der Exponent
w
1, der dem Vorzeichen des Produktes
M1(ω1ωs)
, entspricht stellt hierbei
sicher, dass die Verluste unabhängig vom tatsächlichen Leistungsfluss immer richtig berech-
net werden; ist das Produkt positiv, wird ηw1
0=η12, ist es negativ, ηw1
0= 121 [Mül98].
Einen Sonderfall nimmt hierbei die Radnabenübersetzung ein, die ebenfalls ein Plane-
tengetriebe ist, welches immer mit festgesetztem Hohlrad betrieben wird, während die
Hinterachse die Sonne antreibt und das Hinterrad mit dem Steg verbunden ist. Da die
Drehzahlverhältnisse somit immer gleich sind, ergibt sich ein konstanter Wirkungsgrad.
Dieser lässt sich aus Gleichung 3.80 berechnen, indem Σ
Pan
wieder gleichwertig ersetzt
wird durch
Pan
, da im Radnabengetriebe das Hohlrad immer stillsteht und es somit wie
oben immer nur eine Antriebswelle und eine Abtriebswelle geben kann. Per Definition und
durch Einsatz des Exponenten
w
1wird die Sonnenwelle zur Antriebswelle und
Pan
damit
zu
M1ω1
.
M1
lässt sich kürzen, was zeigt, dass der Wirkungsgrad im Radnabengetriebe
lastunabhängig ist. Übrig bleibt
ηF D = 1 (ω1ωs) (1 ηw1
0)
ω1
(3.83)
Mit der übersichtlichen Form der Willis-Gleichung (Gleichung 2.2) können im Betriebspunkt
des stillstehenden Hohlrades
n2
= 0 die Winkelgeschwindigkeiten
ω1
und
ωs
in ein konstantes
Verhältnis gesetzt werden, da nωgilt:
ωs
ω1
=1
1i12,F D
(3.84)
ω1kann dann in Gleichung 3.83 ausgeklammert und gekürzt werden, wodurch sich ergibt:
ηF D = 1 (︃1ωs
ω1)︃(︂1ηw1
0)︂(3.85)
was durch Einsetzen von Gleichung 3.84 schließlich zu
ηF D = 1 (︄11
1i12,F D )︄(︂1ηw1
0)︂(3.86)
wird. Der Exponent
w
1ergibt sich durch die Definition
M1ω1>
0zu +1 und kann damit
entfallen. Das Verhältnis der Drehzahlen
ns,F D
und
n1,F D
beträgt gemäß Anforderungsliste
6
,
4. Hierbei handelt es sich um die Umlaufübersetzung
i1s
nach [Mül98].
i12,F D
kann nach
[Mül98] daraus folgendermaßen berechnet werden:
i12,F D = 1 i1s,F D = 1 6,4 = 5,4(3.87)
87
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
η0
ergibt sich aus dem Produkt der Wirkungsgrade einer einstufigen Außenverzahnung und
einer einstufigen Innenverzahnung nach [Mül98] zu:
η0=ηStufe,I ·ηStufe,E = 0,995 ·0,990 = 0,98505 (3.88)
Setzt man diese Werte in Gleichung 3.86 ein, ergibt sich abschließend für den konstanten
Wirkungsgrad der Radnabenübersetzung:
ηF D = 1 (︄11
1(5,4))︄·(1 0,98505) = 0,98739 (3.89)
Für das aus dem Getriebe für die Baureihen Case IH Puma und Magnum sowie New
Holland T7 und T8 abgeleitete vereinfachte hydrostatische Wolfrom-Stufenlosgetriebe und
das daraus hervorgehende vereinfachte elektrische Wolfrom-Stufenlosgetriebe wurden die
Geschwindigkeiten der einzelnen Gänge wie folgt festgelegt: Bei dem Getriebe handelt es
sich um ein Getriebe mit einer bauartbedingten chstgeschwindigkeit von 50
km/h
. Der
Wirkungsgrad bei Getrieben mit variablem Pfad weist Buckel auf, deren niedrigste Punkte
stets die Randpunkte des Fahrbereiches sind, sodass die Fahrbereiche aus den Wirkungs-
gradmessungen abgelesen werden können. Aus Wirkungsgradmessungen des hydrostatischen
Stufenlosgetriebes für die Baureihen Case IH Puma und Magnum sowie New Holland T7
und T8 [Wil16] kann abgelesen werden, dass der erste Gang bis 7
km/h
und der zweite
Gang von 7
km/h
bis 14,5
km/h
verwendet wird. Skaliert man diese Geschwindigkeiten
zwecks Vergleichbarkeit mit dem im Rahmen dieser Arbeit betrachteten Getriebe linear für
eine chstgeschwindigkeit von 60
km/h
, so ergeben sich die Schaltpunkte bei 8,4
km/h
und 17,4
km/h
. Der Punkt, ab dem in den 4. Gang geschaltet wird, wird dann so gelegt,
dass im Schaltpunkt die Leistungen der elektrischen Maschinen bzw. der Hydrostaten be-
tragsmäßig gleich bleiben und lediglich ihr Vorzeichen ändern. Der Schaltpunkt ergibt sich
daher bei ca. 34,6
km/h
. Für das aus dem ZF-TerraMatic-Getriebe abgeleitete vereinfachte
Inline-Stufenlosgetriebe gestaltet sich die Festlegung der Schaltpunkte einfacher, da sie aus
[Ren14] direkt abgelesen werden können. Das Getriebe ist weiterhin ein Getriebe für eine
chstgeschwindigkeit von 60
km/h
, sodass hier keine Skalierung der Schaltpunkte nötig
ist. Der erste Gang wird bis 7,6
km/h
, der zweite von 7,6
km/h
bis 16
km/h
, der dritte
von 16
km/h
bis 33
km/h
und der vierte ab 33
km/h
verwendet. Mit den oben genannten
Vereinfachungen und Verlustmodellen ergeben sich die Strichdiagramme für die Verlust-
und Wirkungsgradberechnung der vier betrachteten Getriebe wie folgt:
88
3.3 Getriebeanalyse
C2
MG2
MG1
iDDS:GS ground
speed
C1C3C4
(a) Jarchow-Stufenlosgetriebe
C2
MG2
MG1
iDDS:GS ground
speed
C1C3C4
(b) Wolfrom-Stufenlosgetriebe
BG
C1
C2
C3
C4
MG2 MG1
iDDS:GS ground
speed
(c) Inline-Stufenlosgetriebe
MG2
C2
iDDS:GS ground
speed
C1C3C4
MG1
(d) neuartiges eIVT
Abbildung 3.10:
vereinfachte Strichdiagramme zur Wirkungsgradberechnung für die betrachteten
Getriebe
Abbildung 3.10 zeigt die vereinfachten Strichdiagramme, die sich aus den in den in
Abbildung 2.3, Abbildung 2.4 und Abbildung 2.6 betrachteten Getrieben unter Anwendung
oben beschriebener Vereinfachungen für die Wirkungsgradberechnungen ergeben. Für das
Wolfrom-Stufenlosgetriebe und das Inline-Stufenlosgetriebe werden die Maschinen MG1
und MG2 einmal als Hydrostaten und einmal als elektrische Maschinen betrachtet und
berechnet. Für diese Getriebe liegen Messergebnisse zum Wirkungsgrad vor, sodass diese mit
den berechneten Wirkungsgraden verglichen werden können und daraus eine Abschätzung
über die Güte der Berechnung für die Getriebe mit elektrischen Maschinen getroffen werden
kann. Das Jarchow-Getriebe und das im Rahmen dieser Arbeit entwickelte neuartige
magnetisch-elektrische Stufenlosgetriebe existieren nicht physisch, sodass es hierfür auch
keine Messergebnisse zum Wirkungsgrad gibt. Eine Berechnung mit Hydrostaten in den
beiden Getrieben liefert daher keinen Mehrwert und wird nicht durchgeführt. Ein Betrieb
mit Hydrostaten ist für das neuartige Getriebe nicht möglich. Für die betrachteten Getriebe
werden hinsichtlich Vorzeichen und Benennung von Komponenten folgende Vereinbarungen
getroffen:
Blickt man von der Seite des Hinterachsdifferenzials zur Seite des Verbrennungsmotors,
also in Fahrtrichtung bzw. positive x-Richtung im allgemeinen Fahrzeugkoordinaten-
system nach [DIN13], dann ist die Drehrichtung als positiv anzusehen, die sich dann
als entgegen dem Uhrzeigersinn darstellt.
Liefert der Dieselmotor Leistung, so weist dessen Leistung postives Vorzeichen auf.
Durch das Vorzeichen der Drehrichtung ergibt sich dann das Vorzeichen des Drehmo-
ments.
89
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Die Ausgangswelle, welche zum Anfahren verwendet wird, soll mit OUT1 bezeichnet
werden, die andere Ausgangswelle mit OUT2.
Die in festem Drehzahlverhältnis zum Dieselmotor stehende elektrische Maschine bzw.
der in festem Drehzahlverhältnis zum Dieselmotor stehende Hydrostat soll mit MG1
bezeichnet werden.
Die in ihrer Drehzahl frei einstellbare elektrische Maschine bzw. der in seiner Drehzahl
frei einstellbare Hydrostat soll mit MG2 bezeichnet werden.
Die Gänge sollen gemäß ihrer Reihenfolge in der Schaltstrategie mit den Kupplungen
C1
bis
C4
gekennzeichnet werden, eine eventuell nötige Bremse bei einem Getriebe in
Inline-Bauweise soll mit BGbezeichnet werden.
Die Triebstrangwirkungsgrade der betrachteten Getriebe ergeben sich unter Anwendung
aller beschriebenen Verlustmodelle wie folgt:
0.7
0.75
0.8
0.85
0.9
0.95
0
10
20
30
40
50
60
Triebstrangwirkungsgrad /
-
Fahrzeuggeschwindigkeit / km h
-
1
Triebstrangwirkungsgrad für verschiedene fiktive Getriebe
Wolfrom eIVT
Inline eIVT
Jarchow sE eIVT
neuartiges eIVT
Zielfunktion Renius
Abbildung 3.11: Berechnete Triebstrangwirkungsgrade der verschiedenen Getriebe
Abbildung 3.11 zeigt die berechneten Triebstrangwirkungsgrade für das fiktive elektrische
Wolfrom-Stufenlosgetriebe und das fiktive elektrische Inline-Stufenlosgetriebe sowie den
berechneten Triebstrangwirkungsgrad des im Rahmen dieser Arbeit betrachteten Getriebes.
Weiterhin in das Diagramm eingezeichnet ist die von Renius aufgestellte Zielfunktion für
den Triebstrangwirkungsgrad von Stufenlosgetrieben [Ren94]. Der nach Renius definier-
te Volllastwirkungsgrad ergibt sich aus dem Quotienten der Radnabenleistung und der
90
3.3 Getriebeanalyse
Getriebeeingangsleistung und entspricht damit den im Rahmen dieser Arbeit berechne-
ten Wirkungsgraden, die ohne Berücksichtigung von Verlusten für Motor, Kühlung und
Hilfsaggregate gewonnen wurden, was eine Vergleichbarkeit sicherstellt. Die berechneten
Wirkungsgrade aller betrachteten Getriebe liegen in weiten Bereichen über dem Grenzpoly-
gon von Renius, was dessen anspruchsvolle, aber nicht unrealistische Höhe unterstreicht.
Generell fällt auf, dass der Wirkungsgrad des im Rahmen dieser Arbeit betrachteten Getrie-
bes in weiten Teilen über dem Wirkungsgrad der aus den hydrostatisch leistungsverzweigten
Getrieben abgeleiteten fiktiven elektrisch leistungsverzweigten Getriebe liegt. Dies ist darauf
zurückzuführen, dass das im Rahmen dieser Arbeit entwickelte Getriebe weniger Kom-
ponenten aufweist, die lastabhängige Verluste verursachen. So ist zum Beispiel eine der
beiden elektrischen Maschinen im variablen Pfad ohne Stirnradstufe eingebunden, was die
lastabhängigen Verluste im variablen Pfad senkt und bei Getrieben mit zwei regulären
elektrischen Maschinen nicht möglich ist. Des Weiteren treten in dem neuartigen Getriebe
nur in einer mechanischen Planetenstufe Verzahnungsverluste auf. Die zweite Planetenstufe
ist in die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe integriert, in welcher keine Verluste
durch mechanisches Abwälzen auftreten können, da die Drehmomentübertragung kontaktlos
stattfindet. Der Wirkungsgrad des im Rahmen dieser Arbeit entwickelten Getriebes ist
daher maßgeblich abhängig von der in der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
erreichten Effizienz, die unter anderem wiederum von der Kühlung abhängt. Um ein sol-
ches Getriebe effizient zu gestalten, sind daher besonders Kenntnisse im Bereich dieser
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufen nötig. Um diese Kenntnisse zu erlangen, ist
der im weiteren Verlauf der Arbeit folgende Prüfstandsbetrieb gedacht. Vergleicht man je-
weils eines der hydrostatischen Stufenlosgetriebe mit seinem fiktiven elektrischen Äquivalent,
so ergibt sich folgendes Diagramm:
91
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
0.7
0.75
0.8
0.85
0.9
0.95
0
10
20
30
40
50
60
Triebstrangwirkungsgrad /
-
Fahrzeuggeschwindigkeit / km h
-
1
Triebstrangwirkungsgrad für hydrostatische Stufenlosgetriebe und
deren äquivalente elektrischen Stufenlosgetriebe
Wolfrom hIVT
Inline hIVT
Wolfrom eIVT
Inline eIVT
Abbildung 3.12:
Berechnete Triebstrangwirkungsgrade für hydrostatische und elektrische
Stufenlosgetriebe
Abbildung 3.12 zeigt die berechneten Triebstrangwirkungsgrade für das hydrostatische
Wolfrom-Stufenlosgetriebe und das hydrostatische Inline-Stufenlosgetriebe sowie die bereits
in Abbildung 3.11 gezeigten berechneten Wirkungsgrade der aus den hydrostatischen Ge-
trieben hervorgehenden fiktiven äquivalenten elektrischen Stufenlosgetriebe. Hierbei fällt
auf, dass die Wirkungsgrade des elektrischen Äquivalentes an den Rändern der einzelnen
Fahrbereiche stets höher als die Wirkungsgrade der hydrostatischen Getriebe ausfallen,
während sie in der Mitte der Fahrbereiche niedriger ausfallen. In der Mitte der Fahrbereiche
beträgt die über den variablen Pfad der Stufenlosgetriebe übertragene Leistung 0, die
Variatorausgangswelle steht still. Während dies bei hydrostatischen Stufenlosgetrieben über
ein Blockieren der Hydraulikleitungen so realisiert werden kann, dass der stillstehende
Hydrostat immer noch der Abstützung von Drehmoment dient, muss bei Getrieben mit
elektrischer Leistungsverzweigung hier ein Strom fließen, um das statische Magnetfeld
aufrechtzuerhalten und Drehmoment abstützen zu können. Das Verlustmodell der Inverter
weist darüber hinaus einen konstanten Anteil auf, der auch in der Mitte der Fahrberei-
che zum Tragen kommt, während das Verlustmodell der Hydrostaten keinen konstanten,
sondern nur einen lastabhängigen Anteil aufweist. In der Praxis ist zu erwarten, dass die
bei den hydrostatisch leistungsverzweigten Getrieben in der Mitte jedes Fahrbereiches zu
sehenden Spitzen nicht so ausgeprägt auftreten wie in der Berechnung, da im Betriebspunkt,
in dem die Leistung in den Hydrostaten 0 erreicht, einer der beiden Hydrostaten immer
noch dreht. Er pumpt dabei kein Öl, verursacht aber drehzahlabhängige Verluste durch
92
3.3 Getriebeanalyse
Reibung, die in dem im Rahmen dieser Arbeit verwendeten Verlustmodell für Hydrostaten
nicht berücksichtigt wurden. Trägt man die berechneten Wirkungsgrade der betrachte-
ten hydrostatischen Stufenlosgetriebe in einem Diagramm neben tatsächlich gemessenen
Wirkungsgraden ebenjener Getriebe auf, so ergibt sich folgendes Bild:
0.7
0.75
0.8
0.85
0.9
0.95
0
10
20
30
40
50
60
Triebstrangwirkungsgrad /
-
Fahrzeuggeschwindigkeit / km h
-
1
Triebstrangwirkungsgrad für verschiedene existierende Getriebe
Wolfrom hIVT berechnet
New Holland T7.230 gemessen
Inline hIVT berechnet
John Deere ZF Eccom gemessen
Zielfunktion Renius
Abbildung 3.13:
Berechnete und gemessene Triebstrangwirkungsgrade der hydrostatischen
Stufenlosgetriebe
Abbildung 3.13 zeigt die berechneten Triebstrangwirkungsgrade der hydrostatischen
Stufenlosgetriebe neben einzelnen, öffentlich verfügbaren Messdaten der entsprechenden
Getriebe. Für das New-Holland-T7.230-AC-Getriebe wurden die gemessenen Wirkungsgrade
bestimmt, indem zu jeder Nennfahrgeschwindigkeit zunächst die Zapfwellenleistung gemes-
sen wurde und anschließend die Radnabenleistung. Die Radnabenleistung wurde daraufhin
durch die gemessene Zapfwellenleistung dividiert, um den Triebstrangwirkungsgrad zu
erhalten. Diese Messung entspricht damit der Definition nach Renius, nach der sich der
Triebstrangwirkungsgrad als Quotient aus Radnabenleistung und Getriebeeingangsleistung
ergibt. Die für das New-Holland-T7.230-AC-Getriebe gemessenen Wirkungsgrade wurden
daraufhin für den Einsatz in obiger Grafik skaliert, so als würde das Getriebe eine chst-
geschwindigkeit von 60
km/h
ermöglichen. Dies dient der Vergleichbarkeit der gemessenen
mit den berechneten Wirkungsgraden. Für das ZF-TerraMatic-Getriebe stehen Messdaten
von der DLG zur Verfügung [Len01]. Hierbei wurde ein ZF-Eccom-Getriebe vermessen,
welches unmittelbar mit dem ZF-TerraMatic-Getriebe verglichen werden kann, da deren
innere Struktur nahezu identisch ist. Diese Messungen können nicht ohne Weiteres mit den
93
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Messdaten des New-Holland-T7.230-AC-Getriebe verglichen werden, da hier der Zugwir-
kungsgrad nicht als Quotient aus Radnabenleistung und Zapfwellenleistung, sondern als
Quotient aus Radnabenleistung und Motorleistung definiert ist. Diese Definition entspricht
eher dem tatsächlichen Triebstrangwirkungsgrad, da hierbei der gesamte Antriebsstrang
inklusive Verluste für Hilfsaggregate wie Lüfter berücksichtigt wird. Da aus dem Testbericht
der DLG hervorgeht, dass für den Antrieb von Nebenaggregaten ca. 12 % der Motorleistung
benötigt werden, kann der Triebstrangwirkungsgrad als Quotient aus Radnabenleistung
und Getriebeeingangsleistung in diesem Fall berechnet werden, indem der von der DLG
ermittelte Wirkungsgrad durch 0,88 geteilt wird. Da es sich bei dem vermessenen Getriebe
um ein Getriebe mit 50
km/h
chstgeschwindigkeit handelt, werden die Geschwindigkeiten
wiederum linear für 60
km/h
skaliert. Generell fällt beim Vergleich der gemessenen mit den
berechneten Wirkungsgraden auf, dass die Kurven eine gute Übereinstimmung aufweisen.
Die horizontale Lage ist durch Skalierung für die unterschiedlichen chstgeschwindigkei-
ten angepasst, der vertikale Verlauf der gemessenen Wirkungsgrade bestätigt, dass die
Bestimmung der Wirkungsgrade mit den getroffenen Modellen und Verinfachungen größen-
ordnungsmäßig und qualitativ korrekt ist. Auf diese gute Übereinstimmung sei an dieser
Stelle besonders hingewiesen, da hierdurch davon ausgegangen werden kann, dass die Güte
der Prognose der Wirkungsgrade für das neuartige magnetisch-elektrische Stufenlosgetriebe
ähnlich ist. Weiterhin fällt in dem Diagramm auf, dass wie prognostiziert die Spitzen der
berechneten Wirkungsgrade der hydrostatischen Getriebe in der Praxis nicht so ausgeprägt
sind, wie sie sich bei der Berechnung ergeben. chte man den Triebstrangwirkungsgrad
als Quotient aus Radnabenleistung zu abgegebener Motorleistung unter Berücksichtigung
der Verluste für Nebenaggregate und Kühlung definieren, so können die Wirkungsgrade
aus Abbildung 3.11 und Abbildung 3.13 mit dem konstanten Faktor von 0,88 multipliziert
werden, der sich aus den Messungen der DLG ergibt.
3.3.5 Analyse des Potenzials für elektrische Leistung auf
Anbaugeräten
Fast alle Hersteller von Anbaugeräten untersuchen derzeit, welche Vorteile sich durch eine
Elektrifizierung von Anbaugeräten ergeben können [JE16]. Um elektrifizierte Anbaugeräte
im Feld oder während Transportarbeiten mit elektrischer Energie versorgen zu können,
muss diese vom Traktor bzw. von der Zugmaschine erzeugt werden. Hierzu gibt es heu-
te bereits die Möglichkeit, den Traktor mit einem Front- oder Heckzapfwellengenerator
auszustatten, der die benötigte elektrische Leistung über die Zapfwelle erzeugen kann
[Joh15]. In zukünftigen, möglicherweise elektrifizierten Getrieben bietet sich die Möglichkeit,
die elektrische Leistung über die integrierten elektrischen Maschinen zu erzeugen und so
nicht mehr auf die Verwendung eines Zapfwellengenerators angewiesen zu sein. Dies bringt
Vorteile sowohl bei den Kosten als auch bei der Komplexität und Fehleranfälligkeit des
Gesamtsystems mit sich. Aus diesem Grund ist es nötig, die betrachteten Getriebekonzepte
hinsichtlich ihrer Möglichkeit, elektrische Leistung auf einem Anbaugerät oder auch im
Bordnetz zur Verfügung stellen zu können, zu untersuchen. Die Bereitstellung elektrischer
Leistung auf Anbaugeräten wird auch Electric Offboard Power oder einfach Offboard Power
bzw. Offboard-Leistung genannt. Nimmt man an, dass heutige, über die Zapfwelle betriebene
Anbaugeräte zukünftig elektrisch mit Leistung versorgt werden, so ergibt sich der Leistungs-
bedarf dieser Anbaugeräte im betrachteten Leistungssegment des Traktors zu mindestens
94
3.3 Getriebeanalyse
20
kW
, während kurzzeitige Spitzenleistungen über 40
kW
auftreten können [JE16] [DKG04].
Um die betrachteten Getriebe hinsichtlich ihrer Eignung für den Einsatz mit zukünftigen,
elektrifizierten Anbaugeräten beurteilen zu können, sei an dieser Stelle gefordert, dass die
Getriebe in jedem Betriebspunkt eine elektrische Leistung von 45
kW
an externe Verbraucher
zur Verfügung stellen können. Um elektrische Leistung auf Anbaugeräten zur Verfügung
stellen zu können, muss bei gegebenem Betriebspunkt der Verbrennungsmotor eine höhere
Leistung abgeben, die dann von den im Getriebe integrierten elektrischen Maschinen in
elektrische Leistung umgewandelt und am Anbaugerät zur Verfügung gestellt wird. Dies
bedeutet zunächst, dass auf Anbaugeräten zur Verfügung gestellte elektrische Leistung
immer im jeweiligen Betriebspunkt von der maximal möglichen Zugleistung subtrahiert
werden muss, da der Verbrennungsmotor nur eine begrenzte Leistung zur Verfügung stellen
kann. Im Betriebsbereich, in dem die Zugleistung des Traktors durch Traktion limitiert ist,
muss die elektrische Leistung nicht von der maximal möglichen Zugleistung subtrahiert
werden, sondern es kann zunächst die Leistung des Verbrennungsmotors bis an ihr Maximum
erhöht werden. In den betrachteten elektrischen leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben
fällt auf, dass stets eine elektrische Maschine mit einem Planetensatz bzw. im speziellen Fall
mit einer magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe verbunden ist, während die andere
über eine oder mehrere Stirnradstufen direkt mit dem Verbrennungsmotor verbunden ist.
Dies gilt unabhängig von der Art der Leistungsverzweigung. Um zusätzliche elektrische
Leistung für Anbaugeräte zu erzeugen, muss primär die elektrische Maschine, die in direkter
Verbindung mit dem Verbrennungsmotor steht, verwendet werden. Da die Drehzahlen
beider elektrischer Maschinen zur Erzeugung zusätzlicher elektrischer Leistung in einem
bestimmten Betriebspunkt nicht geändert werden können, muss diese zusätzliche elektrische
Leistung über eine Veränderung des Drehmomentes erzeugt werden. Dies ist aufgrund der
Gleichungen für Drehmomente an Umlaufgetriebestufen für die elektrische Maschine, die
mit der Umlaufgetriebestufe verbunden ist, nicht möglich, da sich sonst auch alle anderen
Drehmomente an der Umlaufgetriebestufe und damit auch das Drehmoment am Getrie-
beausgang ändern würden. Da das Drehmoment am Getriebeausgang vom Betriebspunkt
vorgegeben wird, ist dessen Änderung nicht möglich, da es sonst entweder zu Schlupf an den
Hinterreifen kommt oder die auf den Boden übertragene Zugleistung nicht mehr ausreicht,
um der im jeweiligen Betriebspunkt benötigten Zugleistung zu begegnen. Die mit dem
Verbrennungsmotor verbundene elektrische Maschine kann im jeweiligen Betriebspunkt
immer so verstellt werden, dass sie bei aktueller Drehzahl die meist direkt proportional zur
eingestellten Motordrehzahl ist das maximale generatorische Drehmoment und damit die
maximale generatorische Leistung liefert. Wird diese elektrische Maschine im betrachteten
Betriebspunkt bereits generatorisch betrieben, dann kann die generatorische Leistung bis
zum Maximum erhöht werden. Wird sie motorisch betrieben, kann das Drehmoment eben-
falls bis auf den Betriebspunkt der maximalen generatorischen Leistung verstellt werden.
Zusätzlich kann in einem solchen Betriebspunkt in dem die andere elektrische Maschine
zwangsläufig generatorisch betrieben wird die generatorische Leistung der mit der Umlauf-
getriebestufe verbundenen elektrischen Maschine zusätzlich am Anbaugerät zur Verfügung
gestellt werden. Die in jedem Betriebspunkt maximal zur Verfügung stehende elektrische
Leistung berechnet sich dann zu
Pel =PMG1,max,G +PMG2,akt wenn PMG2<0(3.90)
Pel =PMG1,max,G PMG1,akt wenn PMG20(3.91)
95
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
wobei stets per Definition gilt
PMG1,max,G <0(3.92)
sowie
|Pel|≤|PEngine|(3.93)
da die elektrische Leistung vom Dieselmotor erzeugt werden muss und auch wenn die
generatorische Kapazität der beiden elektrischen Maschinen im aktuellen Betriebspunkt
ausreichend ist die elektrische Leistung nicht größer sein kann als die vom Dieselmotor
maximal erreichte Leistung. Hierbei soll MG1 wie auch zuvor schon vereinbart stets die
elektrische Maschine sein, die unmittelbar mit dem Verbrennungsmotor verbunden ist,
während MG2 die elektrische Maschine ist, die mit der Umlaufgetriebestufe verbunden ist.
Das Betriebsverhalten der beiden elektrischen Maschinen ändert sich in den betrachteten
elektrisch leistungsverzweigten Getrieben analog zu den hydraulisch leistungsverzweigten
Getrieben in jedem Schaltpunkt von generatorisch zu motorisch bzw. für die andere Ma-
schine von motorisch zu generatorisch. Daher kann es in bestimmten Betriebspunkten
vorteilhaft sein, die Drehzahl des Verbrennungsmotors zu verändern, um die Schaltpunkte
zu verschieben und damit ein anderes Betriebsverhalten an den elektrischen Maschinen
zu erzeugen. Diese Möglichkeit entfällt, wenn der Betrieb eines Anbaugerätes mit einer
konstanten Zapfwellendrehzahl und damit einer konstanten Motordrehzahl erfolgt. Da einer
der Vorteile von elektrifizierten Anbaugeräten die Möglichkeit zum Betrieb ohne Zapfwelle
ist, sei diese Situation im Rahmen dieser Arbeit ausgeschlossen. Um die Möglichkeit der
Verstellung der Drehzahl des Verbrennungsmotors zu berücksichtigen, wird für das im
Rahmen dieser Arbeit betrachtete Getriebe die für jede Fahrgeschwindigkeit maximal auf
dem Anbaugerät zur Verfügung stehende elektrische Leistung bei den Motordrehzahlen
1600
min1
, 1900
min1
und 2200
min1
ermittelt und in einem Diagramm aufgetragen.
Hierbei findet die benötigte Zugleistung keine Beachtung. Es ergibt sich folgendes Bild:
96
3.3 Getriebeanalyse
0
20
40
60
80
100
120
140
160
0
10
20
30
40
50
60
Maximal mögliche Offboard
-
Leistung / kW
Fahrzeuggeschwindigkeit / km h
-
1
Offboard
-
Leistung neuartiges eIVT bei verschiedenen
Motordrehzahlen
1600 min¯¹
1900 min¯¹
2200 min¯¹
Abbildung 3.14:
Maximal zur Verfügung stehende elektrische Leistung in Abhängigkeit von
der Fahrgeschwindigkeit bei verschiedenen Drehzahlen des Verbrennungs-
motors
Abbildung 3.14 zeigt die maximal zur Verfügung stehende elektrische Leistung für das im
Rahmen dieser Arbeit betrachtete Getriebe über der Fahrgeschwindigkeit des Traktors bei
Drehzahlen des Verbrennungsmotors von 1600
min1
, 1900
min1
und 2200
min1
. Aus dem
Diagramm lässt sich ablesen, dass die Anpassung der Motordrehzahl vielfältige Möglichkeiten
bietet, die zur Verfügung stehende elektrische Leistung an die benötigte elektrische Leistung
anzupassen. Wird beispielsweise bei einer Fahrgeschwindigkeit von 28
km/h
und einer
Drehzahl des Verbrennungsmotors von 2200
min1
mehr elektrische Leistung benötigt als
zur Verfügung steht, so kann die Drehzahl des Verbrennungsmotors auf beispielsweise
1900
min1
gesenkt werden. Hierdurch wird das Fahrzeug in einem anderen Gang mit
anderem Betriebsverhalten betrieben und es steht bei gleicher Fahrgeschwindigkeit eine
höhere elektrische Leistung zur Verfügung. Die elektrische Leistung von 45
kW
kann mit dem
im Rahmen dieser Arbeit betrachteten Getriebe in jedem Betriebspunkt erreicht werden.
Trägt man zum Vergleich die maximal zur Verfügung stehende elektrische Leistung über
der Fahrgeschwindigkeit des Traktors bei einer Drehzahl des Verbrennungsmotors von
1900 min1für die verschiedenen Getriebe auf, so ergibt sich folgendes Diagramm:
97
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
0
20
40
60
80
100
120
140
160
0
10
20
30
40
50
60
Maximal mögliche Offboard
-
Leistung / kW
Fahrzeuggeschwindigkeit / km h
-
1
Offboard
-
Leistung für verschiedene fiktive Getriebe
Wolfrom eIVT
Inline eIVT
Jarchow sE eIVT
neuartiges eIVT
Abbildung 3.15: Vergleich der Offboard-Leistung der verschiedenen Getriebetopologien
Für das Jarchow-Getriebe mit Kriechgang wird deutlich, dass die bei niedrigen Ge-
schwindigkeiten zur Verfügung stehende elektrische Leistung für Anbaugeräte linear mit
der Zugleistung abnimmt. Hier wird die gesamte Zugleistung über den variablen Pfad
übertragen und als elektrische Leistung steht nur die Differenz zwischen der maximalen
generatorischen Leistung der eingangsseitigen elektrischen Maschine des variablen Pfades
und deren aktueller generatorischer Leistung die zum motorischen Betrieb der ausgangssei-
tigen elektrischen Maschine des variablen Pfades benötigt wird zur Verfügung. Durch die
Möglichkeit des Einsatzes von elektrischen Maschinen mit niedriger Leistung, die maßgeb-
lich für den hohen Triebstrangwirkungsgrad des Systems verantwortlich sind, ergeben sich
weiterhin niedrige Offboard-Leistungen am oberen Ende der jeweiligen Gänge. Diese können
teilweise kompensiert werden, indem die elektrische Maschine MG1 im Jarchow-Getriebe
mit einer höheren Leistung installiert wird als die elektrische Maschine MG2. Diese Leistung
ist dann nur dafür da, zusätzliche Offboard-Leistung zu erzeugen und die Höhe der Leistung
wird so gewählt, dass die Anforderungen hinsichtlich der Offboard-Leistung erfüllt werden
können. Die hierfür benötigte zusätzlich zu installierende elektrische Leistung ergibt sich
zu ca. 20
kW
. Der Wirkungsgrad wird hiervon nur geringfügig beeinflusst, da lediglich die
elektrische Maschine MG1 größer dimensioniert wird und hierdurch auch nur dort erhöhte
Verluste entstehen. Mit einer Lastpunktverschiebung, wie in Abbildung 3.14 gezeigt, kann
die geforderte Leistung von 45
kW
auch mit einem Jarchow-Getriebe erreicht werden. Dies
ist ab dem ersten leistungsverzweigten Gang, der ca. ab einer Geschwindigkeit von 4,5
km/h
benutzt werden kann, möglich. Darunter steht eingeschränkt elektrische Leistung zur Ver-
98
3.4 Ausführung der Konstruktion
fügung. Da auch bei niedrigen Geschwindigkeiten elektrische Leistung auf Anbaugeräten
benötigt wird, ist dies als Nachteil des Jarchow-Getriebes zu werten.
3.4 Ausführung der Konstruktion
Zum Nachweis der grundsätzlichen technologischen Machbarkeit und für weitere Untersu-
chungen wird aus dem möglichen Traktorgetriebe ein Prüfstand abgeleitet. Er entsteht,
indem der neuartige Kern des Getriebes isoliert als Prüfstand umgesetzt wird:
MG1
MG2
G1
G2
G1i
G10
G3
G4
i0,mag
i0,mech
CBHi
B12
B11
B2
A12
A11
A2
CBLo
G5
G6
G7
G8
PTO
DDS
CRev
CFwd
OUT1
OUT2
CAHi
CALo
Engine
Abbildung 3.16: Strichdiagramm Prüfstand
Abbildung 3.16 zeigt den Ausschnitt aus dem möglichen Gesamtgetriebe, der im Rah-
men des Prüfstandes untersucht werden soll. Hierfür wird die Variatorsektion, die den
Kern des neuartigen Getriebes bildet, isoliert als Prüfstandsgetriebe umgesetzt. Die bei-
den Ausgangswellen werden über Stirnradstufen realisiert. Die beiden Seitenwellen stellen
eine Erweiterung des in Abbildung 3.10d gezeigten Getriebes dar um eine vereinfachte
Prüfstandskonstruktion zu realisieren. Der Kern die Variatoreinheit kann in jedem der
Getriebe aus Abbildung 3.9 gefunden werden. Gemäß der Benennungen in Abbildung 3.9
sind die Zahnradnummern G1 bis G4 für die Drehrichtungsumkehr vorgesehen, so dass das
erste nach dem Variator verwendete Zahnrad, welches nicht Teil eines Planetensatzes ist
damit die Nummer G5 erhält. Ab dann wird fortlaufend weiter nummeriert, die Zahnräder
der Gänge werden mit dem Buchstaben der Gänge und dann in fortlaufender Nummerierung
bezeichnet, wobei bei doppelter Verwendung eines Abtriebszahnrades die beiden zugehörigen
99
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Antriebszahnräder eine weitere Ziffer hinten angestellt bekommen, die deren Reihenfolge
in der Schaltstrategie angibt. Die Reversiereinheit wird im Rahmen des Prüfstandes nicht
umgesetzt. Diese Änderung gegenüber dem Traktorgetriebe vereinfacht das Lager- und
Dichtungskonzept deutlich, ohne dass die Qualität der durchführbaren Messungen und
Ergebnisse spürbar darunter leidet. An die beiden Ausgangswellen werden ebenfalls elek-
trische Maschinen angeschlossen. Mit diesen kann das Verhalten des Abtriebs simuliert
werden. Gang A1 ergibt sich über das Zahnradpaar A11/A2 mit einem rechnerischen
Übersetzungverhältnis von
iA
=
1, was auch das Übersetzungsverhältnis des Ganges A2
ist. Dieser ergibt sich über das Zahnradpaar A12/A2. Analog ergibt sich Gang B1 über das
Zahnradpaar B11/B2 mit einem rechnerischen Übersetzungsverhältnis von
iB
=
3was
auch das Übersetzungsverhältnis des Ganges B2 ist, welcher sich über das Zahnradpaar
B12/B2 ergibt. Durch die Isolierung der Variatorsektion aus dem kompletten Getriebe
entfällt weiterhin die elektrische Maschine MG1. Da diese über eine feste Stirnradstufe mit
dem Dieselmotor verbunden ist, kann sie das Drehmoment am Eingang der Variatorsektion
verringern oder erhöhen. Dies ist im Prüfstandsbetrieb durch die den Dieselmotor abbildende
elektrische Maschine ohnehin möglich. Da die benötigte Leistung im Prüfstandsbetrieb
extern bezogen wird, wird auch die Wandlungsfunktion der elektrischen Maschine MG1
nicht benötigt.
100
3.4 Ausführung der Konstruktion
3.4.1 Schema des Prüfstandes
Die schematische Konstruktion des Prüfstandsgetriebes ist in Abbildung 3.17 dargestellt.
MG1
MG4
MG3
MG2
TR1
TR2
TR3 TR4
TR5 TR6
TR7 TR8
TR9 TR10
RB1
DRNR1
(DRNR2)
(DRNR3)
P1
S2
P2
S1
G5
G6
G7
G8
OUT1
OUT2
Engine
Kegelrollenlager Radialkugellager Nadellager Schmieröl Kühlöl
Statorwicklungen Magnete modulierende Segmente Zahnrad
Abbildung 3.17: Schematische Darstellung des Prüfstandsgetriebes
Abbildung 3.17 zeigt einen schematischen Längsschnitt mit hohem Abstraktionsgrad
durch die zu untersuchende Prüfstandsgetriebestufe inklusive der prüfstandsseitig angeschlos-
senen elektrischen Maschinen. Die Lager sind schematisch dargestellt und die Ölversorgung
ist gezeigt. Auf weitere Details wird aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet. Die
Eingangswelle, die im späteren Einsatz im Traktor vom Dieselmotor angetrieben wird,
ragt links aus dem Getriebe heraus und ist gemäß des in Abbildung 3.16 dargestellten
Strichdiagramms fest mit dem mit Permanentmagneten bestückten Rotor der magnetisch-
elektrischen Umlaufgetriebestufe und mit der größeren Sonne im Planetensatz verbunden.
Die beiden Ausgangswellen der Variatorsektion werden über Stirnradstufen mit den in
Fahrtrichtung des Traktors rechts und links symmetrisch liegenden Seitenwellen verbun-
den. Die Motoreingangswelle wird analog zur späteren Einbausituation im Traktor durch
das komplette Getriebe durchgeführt. Sie verfügt über keine Möglichkeiten zur Belastung
im Rahmen von Zapfwellenuntersuchungen, sondern dient hier im Getriebe lediglich zur
101
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Realisierung einer Lagersituation, wie sie einem späteren Serieneinsatz entsprechen würde.
Zur Lagerung aller sich drehenden Teile werden vorzugsweise Kegelrollenlager (TR1 bis
TR10) in angestellter Lagerung (X- oder O-Anordnung) verwendet. Diese Art von Lage-
rung ermöglicht einen spielfreien Einbau unter leichter Vorspannung und entspricht einer
vorteilhaften Situation im späteren Serieneinsatz. Sie spiegelt den Stand der Technik bei
den Traktorgetrieben der aktuellen Generation wider. Der Modulationsring wird auf der
Eingangsseite zusätzlich mit einem Radialkugellager (RB1) abgestützt. Die Doppelplaneten
werden mit je zwei Nadellagern gelagert (im Modell aus Berechnungsgründen realisiert als
doppelreihige Nadellager DRNR1; weil außerhalb der Schnittebene liegend nicht dargestellt
analog DRNR2 und DRNR3). Die Schmierung und Kühlung der Teile erfolgt mit Öl aus
der zentralen Welle, im oberen Teil des Schemas ist die Schmierölversorgung für die Lager
und die Ölversorgung gegen Passungsrost an den Lagersitzen dargestellt. Nicht dargestellt
ist der Ölfluss für die Versorgung von Steckverzahnungen, da im Schema keine Einzelteile,
sondern nur Wellen mit allen montierten Teilen als Ganzes dargestellt werden. Im unteren
Teil des Schemas ist gestrichelt die Kühlölversorgung für die integrierte elektrische Maschine
zu sehen. Die Stirnradstufen werden zusätzlich an der Eingriffsstelle zwangsgeschmiert,
auf die Darstellung dieser Schmierung wird aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet.
Da manche Teile des Getriebes bereits in dieser oder leicht veränderter Form in anderen
Traktorgetrieben der aktuellen Generation der John Deere GmbH & Co. KG Verwendung
finden, wird teilweise auf diese Teile zurückgegriffen, um einerseits die Entwicklungskosten
zu senken und andererseits auch Rückschlüsse auf den Einsatz dieser Teile in anderen
Getrieben ziehen zu können. So ergibt sich die Auswahl einer von mehreren konstruktiven
Lösungen bei manchen Teilen alleine aus der Ähnlichkeit zu bereits bestehenden Teilen.
Die Kühlung der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe wird von der Kühlung und
Schmierung der übrigen Bauteile getrennt. Sie wird realisiert, indem Öl zunächst von innen
durch den Rotor axial mittig in den Luftspalt zwischen Rotor und Modulationsring geleitet
wird, welches dann durch kleine Bohrungen im Modulationsring auf die Wickelköpfe des
Stators geschleudert wird und so entstehende Wärme abtransportiert. Die Kühlung des
Stators wird zusätzlich als Mantelkühlung mit Öl realisiert, aus Gründen der Übersicht-
lichkeit ist diese Kühlung im Schema ebenfalls nicht gezeigt. Hinsichtlich des Prüfstandes
werden für die Vorzeichen von Drehzahl und Drehmoment sowie für die Benennung der
Komponenten folgende Vereinbarungen getroffen:
Die elektrische Maschine, welche den Schnittpunkt der in festem Drehzahlverhältnis
zum Verbrennungsmotor stehenden elektrischen Maschine des Gesamtgetriebes mit
dem Verbrennungsmotor simuliert (Eingangsseite), soll MG1 genannt werden.
Die in das Getriebe integrierte elektrische Maschine soll MG2 genannt werden.
Die mit der Ausgangswelle OUT1 verbundene elektrische Maschine, die den Abtrieb
simuliert, soll MG3 genannt werden.
Die mit der Ausgangswelle OUT2 verbundene elektrische Maschine, die den Abtrieb
simuliert, soll MG4 genannt werden.
102
3.4 Ausführung der Konstruktion
3.4.2 Lagerlebensdauerberechnung mit ROMAX
Der Nachweis der Lagertragfähigkeit erfolgt mit dem Tool Romax Designer R14.7.0. Das
Programm verwendet für den Tragfähigkeitsnachweis die Berechnungsmethoden aus ISO 281
und deren Erweiterung bzw. Anpassung für die Berücksichtigung von Verkippung der Wellen
im Lager sowie den Einfluss des Schmierstoffs und dessen Verunreinigung. Der Prüfstand
wird als vereinfachtes Modell in Romax Designer R14.7.0 modelliert, wobei das Gehäuse
unberücksichtigt bleibt und die Betrachtung auf die rotierenden Teile beschränkt wird.
Die Stirnradstufen werden als Konzept-Zahnradpaare mit Schrägverzahnung modelliert,
Modifikationen wie Balligkeiten auf den Zahnflanken bleiben unberücksichtigt. Die me-
chanische Planetenstufe wird als detaillierte Planetenstufe modelliert, um Einflüsse wie
Verkippen der Wellen und ungleiche Lastverteilung auf den Planeten und damit ungleiche
Schädigung der Nadellager berücksichtigen zu können. Da in Romax Designer R14.7.0 kein
Modell für die magnetische Planetenstufe zur Verfügung steht, wird diese als mechanische
Planetenstufe in idealisierter Ausführung modelliert. Romax Designer R14.7.0 führt keine
Plausibilitätsprüfung auf konstruktive Realisierbarkeit durch, sodass die magnetische Um-
laufgetriebestufe als mechanische Planetenstufe modelliert werden kann, wobei das Hohlrad
fest mit der inneren Welle verbunden wird und die Sonne im Inneren der Umlaufgetriebe-
stufe mit idealen Konzeptlagern montiert wird. Die Drehzahl der Sonne entspricht dann
der Drehzahl des elektrischen Feldes und die mechanische Planetenstufe bildet die Kine-
matik der magnetischen Umlaufgetriebestufe exakt nach. Durch den Einsatz einer idealen
mechanischen Planetenstufe anstelle der magnetischen Umlaufgetriebestufe wird ebenfalls
sichergestellt, dass keine Kräfte an Stellen in das Modell eingeleitet werden, an denen
durch die magnetische Umlaufgetriebestufe auch keine Kräfte zu erwarten sind. Alle Lager
werden gemäß der Konstruktion des Prüfstandes in Romax Designer R14.7.0 modelliert,
d.h. auch deren Einbaubedingungen im Prüfstand wie Spiel am Innen- oder Außenring
durch Einsatz von Sicherungsringen für Bohrungen werden berücksichtigt. Als Schmierstoff
wird generisches Getriebeöl nach Spezifikation SAE 80W mit einer Verunreinigung von
17/14 nach ISO 4406 verwendet, was den Ansprüchen allgemeiner Maschinen sowie im
Speziellen Getriebeölpumpen entspricht [Par11]. Die Lager werden mit einem Lastkollektiv
beaufschlagt, welches sich wie folgt ergibt: Die Anforderung für die Gesamtarbeitsstunden
eines Traktorgetriebes in dem betrachteten Leistungsbereich beträgt 10.000
h
20.000
h
[Fis+12]. Für eine konservative Auslegung werden 20.000
h
gewählt. Diese 20.000
h
werden
auf die Fahrgeschwindigkeiten des Traktors gemäß der Geschwindigkeitsverteilungen von
Resch [Res04] verteilt.
103
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
0.1
1
10
Relative Nutzungsufigkeit / %
Fahrzeuggeschwindigkeit / km h
-
1
Relative Nutzungsufigkeit der Fahrzeuggeschwindigkeiten
2
4
6
8
10 12
14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50
Abbildung 3.18: Geschwindigkeitsverteilung nach [Res04]
Abbildung 3.18 zeigt die relative Nutzungsdauer eines Traktors bezogen auf Fahrgeschwin-
digkeiten zwischen 1
km/h
und 50
km/h
nach Resch, die eine Erweiterung der ursprünglichen
Annahmen von Renius [Ren87] darstellt. Für alle Geschwindigkeiten bis 20
km/h
, die den
Bereich der Feldarbeit darstellen [Len01], werden die Eingangsleistungen des Getriebes
festgelegt, indem die von der DLG verwendeten Zyklen [DLG16a] [DLG16b] gleichmäßig
gewichtet und die Eingangsleistungen dann nach ihrem relativen Zeitanteil aufgeteilt werden.
Für den DLG-Zyklus Pflügen 100 % wird beispielsweise eine Eingangsleistung von 100%
des Verbrennungsmotors angenommen, während für Pflügen 60 % eine Eingangsleistung
von 60 % der Maximalleistung des Verbrennungsmotors angenommen wird. Wenn in den
DLG-Zyklen Zapfwellenleistung benötigt wird oder Hydraulik zum Einsatz kommt, dann
wird an dieser Stelle angenommen, dass jede der beiden Varianten die am Motor zur
Verfügung stehende Leistung um jeweils 20
kW
reduziert [JE16] [DKG04]. Hierbei handelt
es sich um eine konservative Annahme, da die benötigten Leistungen für Zapfwellenbe-
trieb und Hydraulik 20
kW
durchaus übersteigen können. Durch die Annahme von 20
kW
wird dadurch tendenziell eine höhere Getriebeeingangsleistung angenommen. Welche Leis-
tung dann am Getriebeeingang anliegt, richtet sich danach, ob der Motor im aktuellen
Betriebspunkt an der durch IPM möglichen Leistungsgrenze betrieben wird oder nicht
(sog. Zapfwellenboost). Wird der Motor an der Leistungsgrenze betrieben, z. B. im Zyklus
Transport 100 % bei Geschwindigkeiten von 24
km/h
und mehr, dann wird die Leistung am
Getriebeeingang entsprechend reduziert. Steht noch genug Motorleistung zur Verfügung, um
Zapfwelle und/oder Hydraulik zu versorgen, dann verändert sich die am Getriebeeingang
104
3.4 Ausführung der Konstruktion
anliegende Leistung nicht. Das bedeutet, dass für Zyklen, die im Geschwindigkeitsbereich
unterhalb der niedrigsten für IPM infrage kommenden Geschwindigkeit (20
km/h
) liegen,
nur dann eine Reduktion der Getriebeeingangsleistung erfolgt, wenn ein Volllastbetrieb-
spunkt außerhalb des traktionslimitierten Bereichs vorliegt und Hydraulik sowie Zapfwelle
gleichzeitig aktiv sind. Für Geschwindigkeiten größer 20
km/h
werden die Getriebeein-
gangsleistungen gleichmäßig gemäß der beiden DLG-Zyklen für Transport aufgeteilt. Für
den Hauptarbeitsbereich des Traktors ergeben sich je Geschwindigkeit sechs Lastpunkte,
die aus je zwei DLG-Zyklen bestehen, deren Nutzungshäufigkeit gleichmäßig verteilt ist.
Für den Transportbereich beträgt die relative Nutzungsdauer je 50 % für die relativen
Getriebeeingangsleistungen von 100 % und 20 %. Der vergleichsweise hohe Anteil von 50 %
Volllast im Transportbereich wird durch den Umstand gemildert, dass der Transport nur
einen vergleichsweise geringen Anteil an der Gesamtnutzungsdauer des Traktors bei einer
angenommenen Geschwindigkeitsverteilung nach Resch (Abbildung 3.18) aufweist. Aus
der Geschwindigkeitsverteilung in Abbildung 3.18 und der Leistungsverteilung aus den
DLG-Zyklen ergeben sich insgesamt 176 Lastpunkte, die zusammen eine Betriebsdauer von
20.000
h
aufweisen. Das im Prüfstand realisierte Getriebe wird mit Romax Designer 14.7.0
mit diesem Lastkollektiv beaufschlagt, um nachzuweisen, dass das entwickelte Modul für
den Einsatz in einem Traktorgetriebe geeignet ist. Hierfür wird die Schädigungssumme aller
Lager betrachtet, die nach den 20.000
h
für jedes einzelne Lager den Wert von 100 % nicht
übersteigen darf. Ein weiteres Lastkollektiv, welches für das entwickelte Getriebe analysiert
werden kann, ergibt sich durch Verwendung des Standardkollektivs nach [Ren04], zit. nach
[Res04]. Das dort skizzierte Standardkollektiv kann durch die Gleichung
FZ
FG
= 0,75 ·√︄log (︃1
Σt)︃(3.94)
in guter Näherung beschrieben werden, wobei
FZ
für die Zugkraft an allen vier Rädern,
FG
für
die mit dem Traktorleergewicht bestimmte Gewichtskraft und Σ
t
für die Summenhäufigkeit
der Zeitanteile steht. Abbildung 3.19 zeigt die grafische Darstellung der Gleichung 3.94:
105
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
1.2
1.4
1.6
1.8
0.001
0.01
0.1
1
10
100
Summe Radumfangskräfte bezogen auf
Gewichtskraft (Leergewicht)
Summenufigkeit der Zeitanteile / %
Standardkollektiv Gesamt
Abbildung 3.19: Standardkollektiv nach [Ren04], zit. nach [Res04]
Aufgetragen in Abbildung 3.19 ist auf der horizontalen Achse die Summenhäufigkeit der
Zeitanteile in % und auf der vertikalen Achse die Summe der Radumfangskräfte bezogen auf
die durch das Traktorleergewicht entstehende Gewichtskraft. Dieser Wert kann über 1 liegen,
da der Traktor auch in Situationen genutzt wird, in denen das Gesamtgewicht deutlich
über dem Leergewicht liegt. Weiterhin werden dadurch verschiedene Bodenbeschaffenheiten
und die Schwankung des Reibbeiwertes zwischen Reifen und Boden berücksichtigt. Das
Standardkollektiv kann analog zu den aus den DLG-Zyklen entstandenen sechs Lastpunkten
in sechs Bereiche zerlegt werden, wobei für jeden Bereich der Durchschnitt der Summe der
Radumfangskräfte bezogen auf die durch das Traktorleergewicht entstehende Gewichtskraft
nach folgender Formel berechnet werden kann:
(︃FZ
FG)︃i
=1
ΣtiΣti1
·0,75 ·∫︂Σti
Σti1√︄log (︃1
Σt)︃(3.95)
Aufgrund der Komplexität des Integrals bieten sich hier numerische Lösungen an. Auf
eine analytische Herleitung des unbestimmten Integrals wird verzichtet. Die Abstufung der
sechs Bereiche wird exponentiell gewählt, um dem logarithmischen Verlauf der Funktion
Rechnung zu tragen. Jeder Bereich ist genau doppelt so groß wie der vorhergehende, wobei
die Gesamtdauer in sechs Teilbereiche zerlegt wird. Analog zu den DLG-Zyklen ergeben
sich folgende sechs Betriebsbereiche:
106
3.4 Ausführung der Konstruktion
Lastfall rel. Zeitanteil Faktor FZ/FG
LC1 0,508 0,258
LC2 0,254 0,499
LC3 0,127 0,656
LC4 0,0635 0,790
LC5 0,03125 0,922
LC6 0,01625 1,114
Tabelle 3.3: Zeitanteile Standardkollektiv
Aus den Radumfangskräften kann für jede Geschwindigkeit die Leistung des Traktors
berechnet werden, die unterhalb der zur Verfügung stehenden Leistung am Getriebeein-
gang liegen muss. Damit kann bestimmt werden, bei welchen Fahrgeschwindigkeiten die
Lastpunkte erreicht werden können. Ein hohes Verhältnis der Radumfangskräfte bezogen
auf die durch das Traktorleergewicht entstehende Gewichtskraft kann nur bei niedrigen
Geschwindigkeiten erreicht werden. Der Lastpunkt 1 kann im betrachteten Fahrzeug bis
zu einer Geschwindigkeit von 25
km/h
erreicht werden, sodass die Lastpunkte für die Be-
trachtung des Standardlastkollektivs entsprechend der relativen Geschwindigkeitsverteilung
nach Resch bis 25
km/h
gewählt werden. Geschwindigkeiten größer 25
km/h
werden nicht
betrachtet. Wenn bekannt ist, welche Lastpunkte bis zu welcher Geschwindigkeit erreicht
werden können, wird die Festlegung getroffen, dass die Gesamtverteilung der Lastpunkte
nach Tabelle 3.3 erfolgen soll, während die Verteilung auf die jeweiligen Geschwindigkeiten
gemäß deren Verhältnis der relativen Benutzungsdauer nach Resch erfolgen soll. Damit
können 54 Lastpunkte bestimmt werden, die wiederum eine Gesamtbetriebsdauer von
20.000 Stunden aufweisen. Abbildung 3.20 zeigt die berechnete Schädigungssumme für jedes
einzelne Lager nach Durchlauf aller 176 bzw. 54 Lastpunkte für beide Lastkollektive:
107
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
DRNR1
DRNR2
DRNR3
RB1
TR1
TR2
TR3
TR4
TR5
TR6
TR7
TR8
TR9
TR10
Lagerscdigung / %
Lager
Rechnerische Lagerscdigung nach 20.000 Betriebsstunden
maximale Lagerscdigung
Standardlastkollektiv
maximale Lagerscdigung
DLG-Lastkollektiv
Abbildung 3.20: Schädigungssumme für die einzelnen Lager
Wie aus Abbildung 3.20 ersichtlich wird, überstehen alle Lager beide Lastkollektive, die
chsten Schädigungssummen ergeben sich für die Lager der mechanischen Planetenstufe
und liegen knapp über 80 %. Für jedes Lager dargestellt ist die chste Schädigungssumme
aus den Berechnungsmethoden aus ISO 281 und deren Erweiterung bzw. Anpassung für die
Berücksichtigung von Verkippung der Wellen im Lager sowie den Einfluss des Schmierstoffs
und dessen Verunreinigung. Für die Planetenlager ist zu beachten, dass bei der Berechnung
mit Romax Designer R14.7.0. der Planetenträger nicht dreht. Aus diesem Grund ergeben
sich unterschiedliche Schädigungssummen für die einzelnen Planetenlager, während sie
eigentlich mathematisch und analytisch gleich hoch sein sollten. Aus diesem Grund wird
hierfür meist vereinfachend angenommen, dass jedes einzelne Planetenlager Schaden in
Höhe der chsten Schädigungssumme für alle drei Planetenlager erleidet. Zu beachten
ist weiterhin, dass die Lagerkonfiguration des Prüfstandes von der Konfiguration im kom-
pletten Getriebe abweicht: Zapfwelle und Eingangswelle sind mechanisch fest miteinander
verbunden. Diese Entscheidung wurde getroffen, um die Konstruktion und den Betrieb
des Prüfstandes zu vereinfachen und damit dessen Kosten zu senken. Eine solche mecha-
nische Verbindung ist in der Konfiguration im kompletten Traktorgetriebe nicht möglich,
da der Dieselmotor nur in eine Drehrichtung betrieben werden kann und zusätzlich die
Zapfwelle eine feste Drehrichtung aufweisen muss. Rückwärtsfahrt wird im kompletten
Traktorgetriebe entsprechend über eine Vorgelegewelle realisiert, was die Lagersituation
für die Eingangswelle der Variatorsektion entsprechend verändert. Weiterhin weisen die
Ausgangswellen des Variatormoduls des Prüflings Stirnradstufen auf, die in einer Konfi-
108
3.4 Ausführung der Konstruktion
guration als komplettes Getriebe nicht unbedingt zum Einsatz kommen würden, da der
Abtrieb auch koaxial erfolgen könnte und die Zahnräder für die einzelnen Gänge auf den
koaxial weiterführenden Ausgangswellen realisiert werden könnten. Weiterhin denkbar ist
auch eine Realisierung der Gänge über Planetensätze wie in Abbildung 3.9f gezeigt. Für
die Betrachtung im kompletten Getriebe bedeutet das, dass die Ausgangswellen an ihrem
hinteren Ende Axialkräfte erfahren können, denen durch eine entsprechend angepasste
Lagerung begegnet werden muss, bzw. keine Axialkräfte erfahren, wenn nur geradverzahnte
Planetensätze zum Einsatz kommen. Die Tatsache, dass die Schädigungssumme der Lager
85 % nicht überschreitet, trägt diesen Punkten Rechnung. Für die Erweiterung des Variator-
moduls zum kompletten Traktorgetriebe und den sich daraus ergebenden gegenüber dem
Prüfling veränderten Belastungssituationen für die Lager kann davon ausgegangen werden,
dass ausreichend Reserven vorhanden sind und dass ein tragfähiges Lagerkonzept auch im
gesamten späteren Traktorgetriebe realisiert werden kann.
3.4.3 Auslegung des magnetisch-elektrischen Teils
Eine detaillierte Auslegung des magnetisch-elektrischen Teils des Getriebes kann im Rahmen
dieser Arbeit nicht vorgenommen werden. Die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe
wird extern entwickelt. Als Hauptabmessungen werden die in Abschnitt 3.3.4 genannten
Maße verwendet. Mit den Wickelköpfen und Kabelabgängen ergibt sich für die letztendlich
gefertigte elektrische Maschine eine axiale Länge von ca. 380
mm
und mit dem Kühlmantel
ein Außendurchmesser von ca. 425
mm
. Es kann angenommen werden, dass für zukünftige
Neuentwicklungen einer solchen magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe diese Maße
in sinnvollen Grenzen variiert werden können, wenn das durch sie beschriebene Volumen
konstant bleibt. Der Stator wird mit 48 Nuten in verteilter Wicklung realisiert und der
Rotor mit 36 vergrabenen Permanentmagneten in V-Anordnung, die zusammen 9 Polpaare
bilden. Der Modulationsring mit 13 modulierenden Segmenten wird aus zwei Edelstahl-
scheiben aufgebaut, zwischen denen laminierte GFK-Stäbe verbaut werden. In die Lücken
zwischen den GFK-Stäben werden Blechpakete geschichtet, die die modulierenden Segmente
des Modulationsrings bilden. Der so zusammengesetzte Modulationsring wird mit einer
Glasfaserbandage überzogen, um den im Betrieb wirkenden Zentripetalkräften zu begegnen.
3.4.4 Ergebnisse der Auslegung und Bedeutung für das weitere
Vorgehen
Die Nenndrehzahl für Dieselmotoren zukünftiger Traktorgenerationen ist noch nicht bekannt.
Daher wurde eine Nenndrehzahl von 2100
min1
gewählt, was der Nenndrehzahl von Trakto-
ren der aktuellen Generation entspricht [Dee19c]. Die Auslegung auf diesem Drehzahlniveau
ist konservativ sicher, da sie die Anforderung an den Missbrauchsfall eine maximale
Motordrehzahl von 3000
min1
bei einer Fahrgeschwindigkeit von 80
km/h
verschärft.
Wird der Traktor bei einer Fahrgeschwindigkeit von 60
km/h
bereits mit einer Motordreh-
zahl von 2100
min1
betrieben, so ist die noch zur Verfügung stehende Drehzahldifferenz
kleiner, als wenn 60
km/h
schon mit einer Motordrehzahl von 1900
min1
erreicht werden.
Ebenso wird die integrierte elektrische Maschine durch die Wahl dieser leicht erhöhten
Motornenndrehzahl einer erhöhten Belastung ausgesetzt, da die Motordrehzahl dort direkt
die auftretenden Relativdrehzahlen bestimmt, die ihrerseits wiederum maßgeblich für die
109
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
auftretenden Verluste sind. Es kann daher angenommen werden, dass das Getriebe und auch
insbesondere die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe noch auf einem geringfügig
höheren Wirkungsgradniveau betrieben werden kann, wenn sich für zukünftige Traktor-
generationen eine Dieselmotornenndrehzahl einstellt, die unterhalb von 2100
min1
liegt.
Die Festlegung, ein Getriebe für eine chstgeschwindigkeit von 60
km/h
zu entwickeln, ist
insofern von Bedeutung, als dass dadurch in gewissen Maßen die Drehzahlen und damit
auch die Relativdrehzahlen in der integrierten elektrischen Maschine bestimmt werden. Der
Anteil an Traktoren, der eine chstgeschwindigkeit von 60
km/h
aufweist, ist gering, die
Anforderung, dass diese Geschwindigkeit mit dem Getriebe erreicht werden kann, lässt sich
alternativ auf zwei andere Arten verstehen: Zum einen wird durch diese Anforderung das
Verhalten des Getriebes im Missbrauchsfall der Traktor fährt im Schubbetrieb bergab
mit bis zu 80
km/h
verbessert, da die dann im Verbrennungsmotor auftretende Drehzahl
geringer ausfällt als bei einem Getriebe mit einer chstgeschwindigkeit von 50
km/h
. Zum
anderen kann diese Anforderung auch so verstanden werden, dass eine chstgeschwin-
digkeit von 50
km/h
bei einer reduzierten Drehzahl des Dieselmotors von entsprechend
1750
min1
erreicht werden soll. Dies entspricht genau 60
km/h
bei 2100
min1
und ist eine
gängige Anforderung für moderne Traktorgetriebe, um treibstoffsparende Transportarbeiten
zu ermöglichen.
3.5 Messungen am Prüfgetriebe
Mit dem Prüfstand sollen folgende Fragestellungen untersucht werden: Es ist zu betrachten,
ob die konzipierte magnetisch-elektrisch leistungsverzweigte Umlaufgetriebestufe hinsichtlich
der auftretenden Drehmomente und Leistungen grundsätzlich technisch realisierbar ist.
Diese Untersuchung steht in Relation zu den Forschungsfragen 2 und 4, die in Abschnitt 2.3
beschrieben wurden. Weiterhin ist zu untersuchen, ob die Kühlung im Betriebspunkt des
aktiven Stillstandes dauerhaft realisierbar ist. Diese Untersuchung bringt Erkenntnisse für
die zukünftige Auslegung von weiteren magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufge-
triebestufen, da hiermit der Betriebspunkt der maximal auftretenden (virtuellen) Drehzahl
bestimmt werden kann. Als Nächstes soll herausgearbeitet werden, wie der Wirkungsgrad
des Gesamtgetriebes vom Betriebspunkt abhängt. Diese Untersuchung geht den Forschungs-
fragen 4 und 5 nach und liefert darüber hinaus Erkenntnisse, inwieweit die realen Ergebnisse
mit den Annahmen aus den Abschätzungen zum Gesamtwirkungsgrad übereinstimmen.
Der Wirkungsgrad des Gesamtgetriebes liefert wichtige Erkenntnisse zur Beantwortung
der Forschungsfrage 3. Die schematische Darstellung des Prüfstandes ist in Abbildung 3.21
gezeigt:
110
3.5 Messungen am Prüfgetriebe
OUT1
Kern des neuen Getriebes
Engine
OUT2
integrierte
elektrische
Maschine
MG2
BW 410-150D
TSS214-300
Drehmomentaufnehmer
MCRT 84704V(1-4)
MG3
MG4
MG1
TSS214-300
Abbildung 3.21: Schematische Darstellung des Prüfstandes
Abbildung 3.21 zeigt in Analogie zu Abbildung 3.17 den grundsätzlichen Aufbau des
Prüfstandes. Die Getriebeeingangsseite (
Engine
,MG1) wird durch eine elektrische Maschine
der Firma BorgWarner Inc., Typ BW 410-150D abgebildet. Die beiden Ausgangswellen
(OUT1 und OUT2) werden mit elektrischen Maschinen (MG3 und MG4) der Firma
Schabmüller GmbH, Typ TSS214-300 verbunden. Zwischen äußeren Wellen und elektrischen
Maschinen wird je ein Drehmomentaufnehmer der Firma S. Himmelstein and Company,
Typ MCRT 84704V(1-4) gesetzt. Nicht dargestellt ist die Ölversorgung, die über flexible
Schläuche mit einer externen Einheit zur Ölkühlung und Ölaufbereitung realisiert wird.
Damit stehen am Prüfstand die folgenden Mess- und Regelgrößen zur Verfügung:
Drehzahl und Drehmoment am Getriebeeingang und an beiden Ausgangswellen OUT1
und OUT2, aufgenommen über Drehmomentaufnehmer MCRT 84704V(1
-
4) und
zusätzlich abgleichbar mit den Drehzahlgebern der externen elektrischen Maschi-
nen und deren Umsetzungstabellen für die Ableitung des Drehmomentes aus der
Stromaufnahme.
Frequenz, Spannung, Stromstärke und Leistung der integrierten elektrischen Maschine,
eingestellt am Inverter und gemessen zwischen Inverter und elektrischer Maschine.
Öltemperatur im Ölreservoir (Sumpf), gemessen über die Anlage zur Ölkühlung und
Ölaufbereitung des Prüfstandes.
Temperatur in der Mitte der Nuten der Statorspulenwicklung und in der Mitte des
Wickelkopfes der integrierten elektrischen Maschine, gemessen über dort eingebrachte
temperaturabhängige Widerstände (PT100).
Die Größen lassen sich zu verschiedenen weiteren Größen kombinieren, allen voran die
mechanische Leistung als Kombination aus Drehmoment und Drehzahl. Die integrierte
elektrische Maschine kann durch Berechnung einer fiktiven Drehfeldposition aus den Po-
sitionen der Positionsgeber der externen elektrischen Maschine am Eingang und der mit
dem Modulationsring in direkter Verbindung stehenden externen elektrischen Maschine am
111
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Ausgang OUT1 über eine eigene Umsetzungstabelle in den Betriebsmodi Gleichstromrege-
lung, Wechselstromregelung, Drehzahlregelung und Drehmomentregelung betrieben werden.
Die Drehzahlregelung stellt hierbei den wichtigsten Anwendungsfall für den Einsatz in
einem Traktorgetriebe dar. Durch die begrenzte Leistungsfähigkeit hinsichtlich Drehmoment
der verwendeten Schabmüller-TSS214-300-Elektromotoren als Lastmaschinen konnte das
Gesamtgetriebe bei maximal 41,3 % der Auslegungsmotorleistung betrieben werden. Ein
zusätzlicher Messdurchlauf des Lastwirkungsgrades wurde bei 20,8 % der Auslegungsmo-
torleistung durchgeführt. Für die Messungen des Lastwirkungsgrades wurden über der
sich ergebenden Fahrgeschwindigkeit je 80 Punkte aufgenommen, an denen die Messwerte
über eine Mittelwertbildung aus 10 im Abstand von mindestens 1
s
aufgenommenen Ein-
zelmessungen gebildet wurden. Die Datenaufnahme erfolgte elektronisch, um Ablesefehler
auszuschließen. Die Messungen wurden bei einer Öltemperatur von 70
C
und einem Schmier-
und Kühlöldruck von 0,2
bar
(über Atmosphäre) durchgeführt, wobei der Ölvolumenstrom
durch eingebrachte Drosselbohrungen limitiert wurde. Wie aus Abbildung 3.17 ersichtlich
und bereits zuvor erwähnt gibt im Prüfstandsbetrieb immer eine der beiden abtriebsseitigen
Maschinen MG3 und MG4 das Lastmoment vor, während die andere Maschine lastfrei
mitdreht.
112
3.5 Messungen am Prüfgetriebe
3.5.1 Auswertung der Messergebnisse
Trägt man den am Prüfstand gemessenen Wirkungsgrad im Stator der magnetisch-
elektrischen Umlaufgetriebestufe bei der erreichten maximalen Last (41,3 % der Ausle-
gungsmotorleistung) bei konstanter Rotordrehzahl von 2100
min1
über der resultierenden
(fiktiven) Drehzahl des Statorfeldes auf, so ergibt sich folgendes Diagramm:
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
0.8
0.9
1.0
-2000
-1000
0
1000
2000
3000
4000
Elektrischer Wirkungsgrad im Stator /
-
Resultierende Drehzahl des Statorfeldes / min
-
1
Elektrischer Wirkungsgrad im Stator
Wirkungsgrad berechnet
Wirkungsgrad gemessen
Abbildung 3.22:
Statorwirkungsgrad der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe bei
konstanter Rotordrehzahl
Die über den Stator zugeführte oder abgegebene Leistung ist eine direkte Messgröße
am Prüfstand. Das mechanische Drehmoment am Stator lässt sich aus den an den bei-
den anderen Komponenten der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe anliegenden
Drehmomenten abzüglich der abgeschätzten Schleppmomente ermitteln. Dieses wird mit
der fiktiven Statordrehzahl multipliziert, um so eine mechanische Leistung zu errechnen.
Dividiert man diese Leistung durch die gemessene zugeführte oder abgegebene elektrische
Leistung ergibt sich der Wirkungsgrad im Stator. Dieser Wirkungsgrad ist somit ein Maß
für die Umsetzung von elektrischer Leistung in mechanische Leistung im Motorbetrieb
sowie von mechanischer Leistung in elektrische Leistung im Generatorbetrieb. Für den
Bereich niedriger Frequenzen des Stators (resultierende Drehzahl im Bereich
±
500
min1
)
ist die elektrische Leistungsmessung mit hohen Unsicherheiten verbunden, da die Messung
bei den dann auftretenden niedrigen Frequenzen durch die Pulsbreitenmodulation bei
diesen Frequenzen technisch schwierig ist. Die Werte in diesem Frequenzbereich sind daher
besonders kritisch zu betrachten. Da das Diagramm bei konstanter Rotordrehzahl von
113
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
2100
min1
aufgenommen wurde, kann die Drehzahl des Modulationsrings mit den in Un-
terabschnitt 2.1.5 angegebenen Gleichungen aus den Drehzahlen von Rotor und Statorfeld
berechnet werden. Vergleicht man den aus den Messdaten errechneten Statorwirkungsgrad
mit den theoretischen Prognosen, die sich aus Abschnitt 3.3.4 herleiten lassen, so zeigt
sich, dass die Abschätzung qualitativ richtig ist. Damit ist auch naheliegend, dass die in
Abschnitt 3.3.4 vorgenommene Abschätzung der Eisenverluste und Magnetverluste quali-
tativ richtig ist. Eine unabhängige Messung von Eisenverlusten und Magnetverlusten ist
mit dieser Konstruktion bzw. dem verwendeten Versuchsaufbau nicht möglich. Der sich aus
den addierten Verlusten ergebende Wirkungsgrad und dessen qualitative Übereinstimmung
mit dem prognostizierten Wirkungsgrad lässt schlussfolgern, dass das verwendete Modell
grundsätzlich als valide angesehen werden kann. Um die quantitative Übereinstimmung zu
verbessern, können die verwendeten Kennzahlen und Kennwerte entsprechend angepasst
werden. Im Punkt der Drehzahl des Statorfeldes von 0
min1
ändert sich die Betriebsart
der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe von motorisch in generatorisch und umge-
kehrt. Auffällig ist, dass die Abweichung im linken der beiden Betriebsbereiche (motorischer
Betrieb) systematisch nur in eine Richtung von den Berechnungen vorliegt während die
Abweichung im generatorischen Betrieb in beide Richtungen gegenüber der Berechnung
verschoben ist. Dies legt die Vermutung nahe, dass das Rechenmodell für die Verluste
in der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe, insbesondere die getroffenen Annah-
men zur Verteilung von Wirbelstrom- und Hystereseverlusten sowie die Vereinfachung der
durch die Geometrie der Bauteile (Statornutung, Gestaltung der modulierenden Segmente,
Anschlussgeometrie) hervorgerufenen Zusatzeffekte, wie in Abschnitt 3.3.4 beschrieben,
noch Verbesserungspotenzial bietet. Weiterhin nicht experimentell erfasst und daher mit
den gleichen Annahmen wie für die Abschätzung des Wirkungsgrades in die Ergebnisse
mit einbezogen sind die Verluste des Inverters, da die Messung der elektrischen Leistung
am Prüfstand am Punkt zwischen Inverter und elektrischer Maschine stattfand. Da die
analytische Erfassung dieser Effekte mit dem verwendeten Versuchsaufbau nicht möglich ist,
sei dies hier als Potenzial für eine weitere Verbesserung erwähnt. Trägt man das an Rotor,
Modulationsring und Stator der integrierten elektrischen Maschine maximal gemessene
Drehmoment über der Stromstärke auf, so ergibt sich folgendes Bild:
114
3.5 Messungen am Prüfgetriebe
-500
-400
-300
-200
-100
0
100
200
300
400
90
100
110
120
130
140
150
160
170
Maximales Drehmoment / Nm
Stromstärke I
S
/ A
Drehmomente in der magnetischen Umlaufgetriebestufe
Stator berechnet
Stator gemessen
Rotor berechnet
Rotor gemessen
Modulationsring berechnet
Modulationsring gemessen
Abbildung 3.23: Drehmoment an Rotor, Modulationsring und Stator in Abhängigkeit von
der Statorstromstärke
Die Ergebnisse wurden gewonnen, indem das Getriebe an der Kurve der maximalen
übertragbaren Leistung (41,3 % der Auslegungsmotorleistung) betrieben wurde. Hierfür
wurde die Motordrehzahl und die Statordrehzahl bzw. dessen Frequenz vorgegeben, da
dies die Ansteuerung im Gesamtfahrzeug widerspiegelt. Weiterhin wurde das Drehmoment
an einem Ausgang vorgegeben, da die auf den Boden übertragbare Zugkraft bzw. die
maximale Motorleistung diesen Punkt bestimmt. Die andere Lastmaschine wurde lastfrei
betrieben, was ebenfalls eine Drehmomentvorgabe darstellt. Alle anderen Drehmomente und
Drehzahlen ergeben sich dann mechanisch oder durch die Regelung am Prüfstand, die das
Statordrehmoment und das Drehmoment an der Eingangsseite entsprechend so lange erhöht,
bis das vorgegebene Ausgangsdrehmoment erreicht ist. Das am Modulationsring anliegende
Drehmoment kann in den Gängen A1 und B1 über die Übersetzung der Stirnradstufe
aus dem Drehmoment der Ausgangsseite OUT1 berechnet werden. Das Drehmoment am
Rotor kann analog in den Gängen A1 und B1 direkt als Drehmoment an der Eingangs-
seite abgelesen werden. Das Drehmoment am Stator ist nicht messbar, da es über das
Gehäuse in das Fundament abgeleitet wird. Das Drehmoment des Stators kann aber über
die Gleichgewichtsbedingung (Summe aller Momente an der Umlaufgetriebestufe ist null)
berechnet werden. Wie im Diagramm zu sehen steigt das maximal übertragbare Drehmo-
ment an den drei Komponenten im betrachteten Stromstärkebereich nahezu linear mit
der Stromstärke an. Bei genauerer Betrachtung kann beobachtet werden, dass der Anstieg
degressiv ist. Dieses Verhalten ist auf erhöhte Stromwärmeverluste bei höherer Stromstärke
115
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
zurückzuführen. So führt eine höhere Stromstärke zu mehr Erwärmung, damit zu einem
höheren Widerstand der Kupferwicklungen und damit wiederum zu höheren Verlusten. Das
maximal übertragbare Drehmoment ist damit auch abhängig von der Kühlleistung und
Kühlstrategie der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe, der besondere Beachtung
zukommen sollte. Weiterhin in das Diagramm eingetragen sind einzelne errechnete Punkte
aus der Auslegung der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe, die von einem externen
Dienstleister vorgenommen wurde. Die Übereinstimmung mit den Berechnungen ist von
hoher Güte. Die leichte Abweichung wird darauf zurückgeführt, dass die Berechnung zwei-
dimensional vorgenommen wurde und sich in der Realität Randeffekte in den Wickelköpfen
ergeben, die das praktisch nutzbare Drehmoment geringfügig reduzieren.
Aus den Messungen der Drehmomente, Drehzahlen und Leistungen lässt sich der Voll-
lastwirkungsgrad der Prüfstandsgetriebestufe ableiten. Hierzu wurden ebenfalls die Daten
verwendet, die sich ergeben, wenn das Getriebe bei konstanten 41,3 % bzw 20,8 % der
Auslegungsmotorleistung betrieben wird bzw. diese Leistung reduziert wird, wenn die
Schlupfgrenze dies gebietet. Teilt man die gemessene Leistung an der jeweils aktiven
Ausgangswelle durch die jeweilige Eingangsleistung entweder nur die Leistung der Prüf-
standsmaschine MG1 bei generatorischem Betrieb der integrierten elektrischen Maschine
MG2 oder die Summe der Leistungen von MG1 und MG2 bei motorischem Betrieb der
integrierten elektrischen Maschine MG2 so ergibt sich folgendes Diagramm:
0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
0.8
0.9
1
0
10
20
30
40
50
60
Triebstrangwirkungsgrad /
-
Fahrzeuggeschwindigkeit / km h
-
1
Triebstrangwirkungsgrad neuartiges feIVT
100% Last berechnet
41,3% Last berechnet
41,3% Last gemessen
20,8% Last berechnet
20,8% Last gemessen
A1
A
2
B
1
B2
Abbildung 3.24:
Volllastwirkungsgrad der Prüfstandsgetriebestufe über der sich ergebenden
Fahrgeschwindigkeit
116
3.5 Messungen am Prüfgetriebe
In Abbildung 3.24 ist der aus den an den konkreten Messpunkten gemessenen Daten
abgeleitete Wirkungsgrad über der Geschwindigkeit des Fahrzeuges dargestellt, der bzw. die
sich ergeben würde, wenn die Prüfstandsgetriebestufe mit den in Unterabschnitt 3.1.1 und
Unterabschnitt 3.3.3 spezifizierten Gangstufen, Hinterachsdifferenzial, Endübersetzung und
Reifen betrieben werden würde. Der gemessene Wirkungsgrad der Prüfstandsgetriebestufe
wurde hierzu mit den festen Wirkungsgraden für die Stirn- und Kegelradstufen und die
Endübersetzung aus Unterabschnitt 3.3.4 multipliziert. Weiterhin wurden die theoretischen
Verluste der im Prüfgetriebe nicht vorhandenen elektrischen Maschine MG1 sowie der
Kupplungen berücksichtigt. Die Verluste der lastfrei mitgedrehten elektrischen Maschine
wurden mit Gleichung 3.45 berechnet und von den tatsächlich gemessenen Verlusten subtra-
hiert. Um Aussagen zum erwarteten Wirkungsgrad bei 100 % Last treffen zu können, der
auch in das Diagramm eingezeichnet ist, sind neben den aus den Messwerten abgeleiteten
Wirkungsgraden die sich aus Unterabschnitt 3.3.4 ergebenden theoretischen Wirkungsgrade
bei 41,3 % bzw. 20,8 % der Auslegungsmotorleistung aufgetragen. Die qualitative Überein-
stimmung der gemessenen Wirkungsgrade mit den berechneten Wirkungsgraden ist von
ähnlicher Güte wie die Übereinstimmung der gemessenen und berechneten Wirkungsgrade
für die existierenden hydrostatischen Stufenlosgetriebe in Unterabschnitt 3.3.4. Systema-
tische Abweichungen ergeben sich dadurch, dass der Kern des neuartigen Getriebes in
der Prüfstandsgetriebestufe aus Gründen von Kosten und Komplexität nicht vollständig
abgebildet ist. So wurde wie oben bereits geschrieben auf den Einsatz einer zusätzlichen
elektrischen Maschine zur vollständigen Abbildung des variablen Pfades verzichtet, wodurch
sich dessen Charakteristik nicht exakt in den Messungen wiederfindet. Auffallend ist, dass
der Grad der Übereinstimmung mit höherer Last steigt, was schlussfolgern lässt, dass
die lastunabhängigen Verluste im Modell als zu gering angenommen wurden und so bei
geringeren Lasten einen höheren Einfluss haben. Dies passt auch zu der Beobachtung,
dass die Abweichung der berechneten von den aus den Messergebnissen hervorgehenden
Wirkungsgraden bei höheren Geschwindigkeiten zunimmt. Die geschwindigkeitsabhängigen
Lagerverluste, die in der Prüfstandsgetriebestufe auftreten, sind in der Berechnung der
Verluste in Unterabschnitt 3.3.4 aus den dort dargelegten Gründen nicht berücksichtigt,
wohingegen die lastabhängigen Verzahnungsverluste im Modell durch die nichtiterative Be-
rechnung als zu groß erwartet werden können. So ergibt sich im Mittel eine gute qualitative
Übereinstimmung, die an den Rändern des Betriebsbereiches, insbesondere hin zu hohen
Geschwindigkeiten, Unschärfen aufweist. Besonders gut ist die Übereinstimmung in den
Gängen A1 und B1, während sie in den Gängen A2 und B2 etwas ungenauer ist. Vor allem
im Gang A2 wird dies auf die hohen zirkulierenden Blindleistungen in der mechanischen
Planetenstufe und die durch deren nichtiterative Berechnung hervorgerufenen Ungenau-
igkeiten zurückgeführt. Die Übereinstimmung mit dem Modell kann durch Gewichtung
der lastabhängigen und lastunabhängigen Verluste verbessert werden, ggf. ist an dieser
Stelle durch die grundsätzlich gute qualitative Übereinstimmung auch schon der Schritt
zu einem detaillierten, simulationsbasierten und iterativen Verlustmodell anzustreben. Die
grundsätzlich gute qualitative Übereinstimmung erlaubt die Schlussfolgerung, dass die
in Unterabschnitt 3.3.4 vorgestellten einfachen Verlustmodelle praktikabel sind, um den
sich aus Überlagerung vieler einzelner, im Detail sehr aufwendig zu erfassenden Verluste
ergebenden Gesamtwirkungsgrad eines komplexen Getriebes qualitativ zu erfassen und mit
anderen Getrieben zu vergleichen. Für das konkrete Getriebe kann außerdem der durch
die reduzierte Belastbarkeit der Prüfstandsmaschinen nicht durch Messungen ableitbare
117
3 Konzeption einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Umlaufgetriebestufe
Wirkungsgrad bei 100 % der Auslegungsmotorleistung prognostiziert werden, indem die
Abweichung der Wirkungsgrade zur Berechnung bei 41,3% bzw. 20,8 % der Auslegungs-
motorleistung auf 100% der Auslegungsmotorleistung extrapoliert und die berechneten
Wirkungsgrade um diesen Prozentsatz korrigiert werden.
3.5.2 Betrachtung der Messunsicherheiten
Für die Hauptmessung (41,3 % der Auslegungsmotorleistung als konstante Last) wurden
80 stationäre Betriebspunkte angefahren, an denen jeweils 10 Messungen im Abstand von
jeweils mindestens 1
s
vorgenommen wurden. Aus diesen Messwerten wurde anschließend
das arithmetische Mittel gebildet, um zufällige Fehler zu minimieren. Die Messwerte der
Drehmomentgeber wurden mit den Werten verglichen, die die Motoren durch ihre Umset-
zungstabellen im jeweiligen Betriebspunkt anzeigten. Die Abweichung dieser beiden Werte
betrug maximal 3 %. Die Messwerte der Drehmomentgeber können damit als verlässlich
und nahezu frei von systematischen Fehlern angesehen werden. Für die Messung der Dreh-
zahlen gilt, dass diese prinzipbedingt leicht schwanken, so ist die Drehzahl zum Beispiel
häufig über eine Umdrehung nicht konstant, da das Drehmoment winkelabhängig schwankt
und so eine Bremswirkung ausübt, die eine Reduzierung der Drehgeschwindigkeit und
damit der Drehzahl zur Folge hat. Auch die Übertragung der Drehgeschwindigkeit durch
Zahnräder ist über eine Umdrehung nicht völlig konstant. Für die Drehzahlen gilt, dass
bei Kenntnis von zwei Drehzahlen innerhalb des Getriebes alle anderen exakt berechnet
werden können, da über die mechanischen Verbindungen die anderen Drehzahlen erzwungen
sind und hier keine Veränderungen auftreten können. Eine gut bestimmbare Drehzahl
ist die Drehzahl des Drehfeldes im Stator, da sie aus der zugrunde gelegten Frequenz
exakt bestimmt werden kann. Da die zweite Drehzahlvorgabe in allen im Traktorbetrieb
auftretenden Betriebspunkten die Drehzahl des Verbrennungsmotors ist, ist auch die zweite
Drehzahl mit hoher Sicherheit bekannt. Vergleiche von rechnerischen Soll-Drehzahlen mit
dem arithmetischen Mittelwert der Ist-Drehzahlen aus den jeweiligen 10 Messpunkten im
Hauptmessgang lieferten Abweichungen von maximal 0,31 %. Das Schleppmoment spielt in
manchen Messungen und den daraus abgeleiteten Berechnungen eine wichtige Rolle. In den
Messungen zum Wirkungsgrad ist es als tatsächlich auftretendes Verlustmoment enthalten
und abgebildet. In den Messungen zum elektrischen Wirkungsgrad des Stators muss das
Schleppmoment korrekterweise subtrahiert werden, da hier nur die magnetisch-elektrische
Umlaufgetriebestufe betrachtet werden soll und diese Messungen nicht mit Schleppverlusten
mechanisch lastlos mitgedrehter Wellen überlagert werden sollen. Das Schleppmoment ist
drehzahlabhängig und seine exakte Bestimmung kaum möglich. Für die drei nach außen
geführten Wellen wurde bei einer Drehzahl von 1000
min1
das Drehmoment bestimmt,
um den gesamten Prüfstand bei gleichzeitiger Lastfreiheit aller anderen Wellen am Drehen
zu halten. Es ergab sich für alle Wellen ein Drehmoment von ca. 0,01
kNm
, was für die
Durchführung aller um das Schleppmoment korrigierten Rechnungen als konstanter Wert
angesetzt wurde.
118
3.6 Weitere Beobachtungen im Prüfbetrieb
3.6 Weitere Beobachtungen im Prüfbetrieb
Im mehrere Stunden umfassenden Dauerbetrieb bei 41,3 % Last erwärmte sich der Sta-
tor bzw. dessen Wicklungen nicht über 105
C
. In einem nicht im realen Traktoreinsatz
vorkommenden Betriebsmodus und Betriebspunkt wurde die magnetisch-elektrische Umlauf-
getriebestufe bei bis zu 100
kW
Statorleistung betrieben, um deren grundsätzliche Eignung
für diesen Leistungsbereich zu demonstrieren. Der Test bei diesem Betriebspunkt, der keiner
realen Anwendung entspricht, wurde durchgeführt, da durch die begrenzte Leistungsfähig-
keit hinsichtlich Drehmoment der verwendeten Schabmüller-TSS214-300-Elektromotoren
als Lastmaschinen die Leistung der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe ansonsten
ebenfalls bei 41,3 % der Auslegungsleistung begrenzt gewesen wäre. Der Betriebspunkt wur-
de erzeugt, indem die elektrische Maschine am Getriebeeingang als Lastmaschine verwendet
wurde. Auch hierbei erwärmte sich der Stator bzw. dessen Wicklungen nicht über 105
C
.
Hieraus kann auch geschlussfolgert werden, dass der Betriebspunkt des aktiven Stillstandes,
in welchem die hohe Frequenz des Statorstroms Erwärmung verursacht, dauerhaft gehalten
werden kann und die Kühlung dort dauerhaft möglich ist, wenn dem dort auftretenden
Drehmoment begegnet werden kann. Dieses ist wiederum abhängig vom konkreten Einsatz-
punkt. Kann das Drehmoment zum Beispiel beim Anfahren an einem steilen Hang nicht
alleine durch die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe abgestützt werden, dann kann
über die Fahrzeugsteuerung zusätzlich die Betriebs- oder Feststellbremse betätigt werden.
119
4 Bewertung hinsichtlich Eignung zum
Einsatz in einem landwirtschaftlichen
Fahrzeug
Als Basis für den Vergleich werden die fiktiven, stufenlosen elektrisch leistungsverzweigten
Getriebe ohne magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe herangezogen, die in Unterab-
schnitt 3.3.3 beschrieben wurden. Von diesen fiktiven Getrieben kann erwartet werden,
dass eine oder mehrere Ausprägungen davon in naher Zukunft den Weg in die Serienferti-
gung von Traktoren finden werden, da sie die naheliegende Weiterentwicklung der derzeit
verwendeten hydraulischen Stufenlosgetriebe darstellen. Das im Rahmen dieser Arbeit
entwickelte Getriebe mit magnetisch-elektrischer Umlaufgetriebestufe stellt einen weiteren,
zusätzlichen Entwicklungsschritt dar. Sein möglicher Serieneinsatz ist daher nach dem der
vorgestellten fiktiven elektrischen Stufenlosgetriebe zu erwarten. Für diese Getriebe können
jeweils Konfigurationen gefunden werden, die über zwei elektrische Maschinen verfügen, die
parallel zur Getriebeeingangswelle angeordnet sind und die den variablen Pfad des leistungs-
verzweigten Getriebes bilden. Von den beiden elektrischen Maschinen ist eine über eine
feste Übersetzung mit dem Dieselmotor verbunden, während die andere mit beiden Sonnen
des Variatorteils verbunden ist. Von den beiden Planetensätzen in der Variatorstufe führt
immer nur einer die Leistung. Anfahren und niedrige Geschwindigkeiten werden in diesen
Getrieben über einen seriell elektrischen Anfahrgang realisiert. Beide elektrische Maschinen
können parallel vor oder hinter dem Getriebe angeordnet werden und können montiert und
entfernt werden, ohne das Getriebe aus dem Traktor entfernen zu müssen. Alternativ ist
auch eine axial versetzte Montage analog zu den im ZF Eccom verwendeten Hydrostaten
denkbar. Die mit dem Dieselmotor über die Stirnradstufe verbundene elektrische Maschine
kann darüber hinaus nach Kundenwunsch bzw. Konfiguration mit einer höheren Leistung
gewählt werden als für den Betrieb des Getriebes notwendig, um zusätzliche elektrische
Leistung im Bordnetz und auf Anbaugeräten zur Verfügung stellen zu können.
4.1 Vorteile gegenüber den betrachteten elektrischen
Stufenlosgetrieben
Die Neuentwicklung eines Getriebes oder einer Einheit innerhalb eines Getriebes wie im
Rahmen dieser Arbeit die Variatorsektion ist mit besonderen Herausforderungen verbunden.
Grund für eine Neuentwicklung sind stets Vorteile, die durch die Entwicklung erwartet
werden. Im nachfolgenden Abschnitt wird überprüft, ob und inwiefern sich durch den Einsatz
einer solchen neuartigen Variatorsektion Vorteile gegenüber aktuellen Getrieben bzw. deren
zu erwartenden Weiterentwicklungen zu elektrisch leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben
ergeben.
121
4 Bewertung hinsichtlich Eignung zum Einsatz in einem landwirtschaftlichen Fahrzeug
4.1.1 Wirkungsgrad
In Abbildung 3.11 wurde gezeigt, dass sich mit diesem neuartigen Getriebekonzept grundsätz-
liche Wirkungsgradvorteile gegenüber fiktiven Getrieben, die entstehen, indem existierende
hydraulisch leistungsverzweigte Getriebe in elektrisch leistungsverzweigte Getriebe über-
führt werden, ergeben. Der Wirkungsgrad von eigens für elektrische Leistungsverzweigung
entwickelten Getrieben kann in Teilbereichen höher liegen als mit dem im Rahmen dieser
Arbeit entwickelten Getriebekonzept erreichbar. Dies wird beispielsweise mit der Jarchow-
Struktur erreicht. Die grundsätzlich hohen Wirkungsgrade konnten im Prüfbetrieb bestätigt
werden. Es ist zu erwarten, dass die Wirkungsgrade durch Optimierungen bei der konstruk-
tiven Realisierung noch höher ausfallen können und sich insgesamt auf konkurrenzfähigem
Niveau zu denen dezidierter elektrischer Stufenlosgetriebe ohne magnetisch-elektrische
Dreiwellenumlaufgetriebestufe bewegen. Der Triebstrangwirkungsgrad des im Rahmen
dieser Arbeit entwickelten Getriebekonzeptes ist daher als konkurrenzfähig hoch vergli-
chen mit zukünftig zu erwartenden elektrisch leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben zu
beurteilen. Es bleibt die Aufgabe, die aus dem im Rahmen dieser Arbeit entwickelten
Konzept hervorgehenden zusätzlichen Freiheiten gegenüber den zu erwartenden elektrisch
leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben im Rahmen der Gesamtabstimmung des Fahrzeuges
in zusätzliche Energieeinsparung zu wandeln.
4.1.2 Kosten
Die Integration der den Variatorteil kontrollierenden elektrischen Maschine in das Getriebe
bringt eine Reduktion der Teileanzahl mit sich. Es entfallen die für die ursprüngliche
Flanschmontage dieser Maschine benötigten Teile sowie deren Ausgangswelle, Lagerung,
Stirnradstufe und die Lagerung dieser Stirnradstufe. Dies führt zu direkter Kostenreduktion
durch eine Einsparung von Teilen und zu einer sekundären Kostenreduktion unter anderem
durch geringere Justierarbeiten aufgrund einer geringeren Anzahl an Fügefunktionen,
hoher Funktionssicherheit durch Funktionsintegration sowie geringeren Transport- und
Liegekosten. Es kann davon ausgegangen werden, dass das volle Potenzial der Integration
der elektrischen Maschine bezogen auf die Produktionskosten bei Erreichen von hohen
Stückzahlen gehoben werden kann. Weiterhin bringt die Architektur dieses neuen Getriebes
Potenzial zur Kostenreduktion mit sich, da sie ohne einen dezidierten seriell elektrischen
Anfahrgang auskommt. Alle Teile, die damit in Verbindung stehen, können eingespart werden.
Eine abschließende Beurteilung und ein Vergleich der Kosten gegenüber den betrachteten
fiktiven elektrischen Stufenlosgetrieben ist nur innerhalb der Systemgrenzen des gesamten
Antriebsstrangs sinnvoll.
4.1.3 Bauraum
Durch die Integration der einen elektrischen Maschine in das Getriebe und den Wegfall des
seriell elektrischen Anfahrgangs ist der Bauraumbedarf dieses Getriebes tendenziell niedriger
als der Bauraumbedarf eines vergleichbaren elektrisch leistungsverzweigten Getriebes mit
zwei elektrischen Maschinen, die parallel zueinander vor dem Getriebe montiert werden.
Dieser eingesparte Bauraum verteilt sich asymmetrisch über das Getriebe, da zum einen eine
seitlich montierte elektrische Maschine entfällt und durch eine konzentrisch zur Eingangs-
welle positionierte magnetische Umlaufgetriebestufe mit integrierter elektrischer Maschine
122
4.1 Vorteile gegenüber den betrachteten elektrischen Stufenlosgetrieben
ersetzt wird und zum anderen der seriell elektrische Anfahrgang entfällt, der üblicherweise
auch über eine Seitenwelle realisiert wird. Der frei werdende Bauraum kann daher in der
aktuellen Konfiguration kaum in eingesparte Baulänge umgewandelt werden, was im Zuge
der Forderungen nach einer höheren Wendigkeit und Manövrierfähigkeit des Traktors und
daraus resultierenden kleineren Achsabständen wünschenswert wäre. Eine Möglichkeit zur
Umwandlung des frei gewordenen Bauraums in eingesparte Länge des Getriebes ergibt sich,
wenn die direkt mit dem Dieselmotor verbundene, seitlich montierte elektrische Maschine
entfällt und an anderer Stelle realisiert wird. Es stehen hierfür innerhalb des Traktors
verschiedene Punkte zur Verfügung, an welchen eine direkte Verbindung zum Dieselmotor
realisiert werden kann. Denkbar ist eine Realisierung dieser ersten elektrischen Maschine
konzentrisch zur Motorwelle und mit einem größeren Durchmesser, was zu einer Reduktion
der Länge führt. Abschließend kann noch überlegt werden, die elektrische Maschine an
einer anderen Stelle innerhalb des Getriebes oder des Traktors unterzubringen, an der eine
permanente mechanische Verbindung mit dem Dieselmotor gegeben ist. Dies ist zum Beispiel
im hinteren Teil des Getriebes im Bereich der Zapfwelle oder auch vor dem Dieselmotor im
Bereich der Frontzapfwelle der Fall. Diese Möglichkeit ist insbesondere dann von Bedeutung,
wenn die Elektrifizierung von Anbaugeräten in Zukunft zunimmt. Es ist dann denkbar,
dass Traktoren ohnehin standardmäßig mit einem entsprechenden integrierten Generator
ausgestattet sind, um die benötigte Leistung für den Betrieb elektrifizierter Anbaugeräte
zur Verfügung stellen zu können. Gleichzeitig ist ein Entfall der Zapfwelle denkbar. Ei-
ne solche Entwicklung würde über eine gute Abstimmung des Betriebsverhaltens des im
Rahmen dieser Arbeit gezeigten Getriebes und auch aller anderen denkbaren elektrisch
leistungsverzweigten Stufenlosgetriebe die in diesen Getrieben immer vorhandene, mit dem
Dieselmotor in festem Drehzahlverhältnis stehende elektrische Maschine gegebenenfalls
überflüssig machen. Dies birgt großes Potenzial zur Einsparung von Bauraum und auch zur
Einsparung von Kosten, was dem vorher diskutierten Punkt zuzuordnen wäre. Insgesamt
bietet dieses neue Getriebekonzept grundsätzlich Vorteile in Bezug auf den Bauraumbedarf,
die im Rahmen einer Betrachtung der sich hieraus ergebenden Möglichkeiten in einen
direkten Nutzen für den Kunden gewandelt werden können.
4.1.4 Modularität und Skalierbarkeit
Wegen der hohen Entwicklungskosten für Getriebe in landwirtschaftlichen Fahrzeugen und
der hohen Investitionen werden zum einen lange Laufzeiten für Getriebe angestrebt, zum an-
deren auch eine skalierbare Getriebearchitektur. Ein Getriebe soll konzeptionell identisch mit
möglichst geringen Zusatzinvestitionen in Fahrzeugen anderer Leistungsklassen eingesetzt
werden. Für Fahrzeuge mit höherer Leistung als diejenigen, für die das Getriebe entwickelt
wurde, bedeutet dies, dass der Entwicklungsaufwand deutlich geringer ausfällt und lediglich
das Innenleben an die höheren Belastungen angepasst werden muss. Für Fahrzeuge niedri-
gerer Leistungsklassen bedeutet das, dass die Architektur des ursprünglich entwickelten
Getriebes beibehalten wird und das Innenleben für die auftretenden, niedrigeren Belastun-
gen optimiert wird, was zum Wegfall von Teilen (z. B. Kupplungsscheiben oder -lamellen),
zur Reduktion der Teilekosten durch weniger aufwendige Fertigungsverfahren (z. B. Entfall
der Härtung) oder zur Verkürzung der Baulänge durch die Dimensionierung der Bauteile für
niedrigere Leistungen führen kann. Für die zukünftig zu erwartenden elektrisch leistungsver-
zweigten Getriebe ergibt sich hier eine gute Skalierbarkeit der elektrischen Maschinen, da
123
4 Bewertung hinsichtlich Eignung zum Einsatz in einem landwirtschaftlichen Fahrzeug
die Maschinen je nach benötigter Leistung ausgewählt und montiert werden können. Durch
einheitliche Montageflansche unterscheiden sich die verschiedenen elektrischen Maschinen
dann meist nur in ihrer Länge. Die magnetische Umlaufgetriebestufe in dem im Rahmen
dieser Arbeit betrachteten Getriebe kann ebenfalls über die Länge in Bezug auf die Leistung
skaliert werden. Die Länge des elektromagnetischen Teils steht hier in direkter Relation zum
übertragbaren Drehmoment. Sie bestimmt weiterhin maßgeblich die Menge des benötigten
Materials für Permanentmagnete, die einen hohen Anteil der Materialkosten ausmachen.
Zusätzlich bietet das Getriebe die Möglichkeit, das in der magnetischen Umlaufgetriebestufe
übertragene Drehmoment und damit auch die Leistung über den Strom zu limitieren. Es
besteht deshalb die Möglichkeit, bei einem Transfer in niedrigere Leistungsklassen den
magnetisch-elektrischen Teil nicht zu modifizieren, was eine Nutzung von Volumeneffekten
bei der Produktion ermöglicht und darüber hinaus niedrigere Kosten bei Lagerhaltung,
Transport und Arbeitsvorbereitung nach sich zieht, und die Leistung über den Inverter bzw.
über die Software zu begrenzen. Voraussetzung hierfür ist, dass beim Transfer in niedrigere
Leistungsklassen ausreichend Baulänge für das Getriebe zur Verfügung steht, da innerhalb
der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe keine Reduktion der Länge erfolgt. Werden
die radialen Abmessungen und die Achsabstände innerhalb des Getriebes beim Transfer in
andere Leistungsklassen beibehalten, dann unterstützt das betrachtete Getriebe mit seinen
Anpassungsmöglichkeiten den Wunsch nach einer skalierbaren Architektur.
4.1.5 Überlastsicherheit
Die Verwendung einer magnetischen Umlaufgetriebestufe bringt eine zusätzliche Sicherheits-
barriere in das Getriebe ein. Das Drehmoment in der magnetischen Umlaufgetriebestufe
kann das maximal übertragbare Drehmoment für diese Stufe nicht überschreiten, da an-
sonsten die Magnetpole oder die modulierenden Segmente in ihre nächste Rastposition
weiterspringen und kein Drehmoment mehr übertragen. Im konzipierten Getriebe kann
dieser Sicherheitsaspekt in der jeweils höheren Stufe der beiden Gänge direkt genutzt
werden. Besonders für den Gang A ist dies interessant, da dieser Gang den Bereich der
schweren Bodenarbeit abbildet. Die Überlastsicherheit hilft hier, das Getriebe zu schonen,
wenn das Drehmoment den erlaubten Wert überschreitet. Das übertragbare Drehmoment
ist in engen Grenzen bekannt und so kann diese Sicherheitsfunktion besser ausgenutzt
werden als zum Beispiel die Sicherheitsfunktion der Kupplungen, die bei Überschreiten
eines maximalen Drehmomentes durchrutschen und kein Drehmoment mehr übertragen. Bei
Kupplungen ist diese Dimensionierung durch die großen Unterschiede bei den Reibwerten,
durch Toleranzen und Reserven bei Verschleiß ungleich schwieriger. Die Überlastsicherheit
des Getriebes in den Gängen, die allein über die magnetische Umlaufgetriebestufe betrieben
werden, kann dafür genutzt werden, niedrigere Sicherheitsfaktoren bei der Berechnung der
Zahnräder dieser Gänge zu verwenden, da ausgeschlossen ist, dass ein Drehmoment über
dem Auslegungsdrehmoment überhaupt auftreten kann. Hierdurch sind auch die an allen
anderen Stellen im Getriebe auftretenden Drehmomente in engen Grenzen limitiert. Hierbei
wird im Gegensatz zu der Überlastung einer elektrischen Maschine im generatorischen
Betrieb mit einem zu hohen Drehmoment kein hoher Strom induziert, der zur Beschädigung
der angeschlossenen Umrichter führen kann, sondern Ummagnetisierungsverluste in den
ferromagnetischen Segmenten erzeugt. Wenn diesen mit entsprechender Kühlung begegnet
werden kann, ist diese Sicherheitsfunktion der limitierenden Funktion elektrischer Maschinen
124
4.2 Nachteile gegenüber aktuellen Getrieben
in einem fiktiven elektrisch leistungsverzweigten Stufenlosgetriebe nach Abbildung 3.10a,
Abbildung 3.10b und Abbildung 3.10c überlegen.
4.2 Nachteile gegenüber aktuellen Getrieben
Diesen Vorteilen gegenüber aktuellen Getrieben müssen eine Reihe von Nachteilen gegenüber
aktuellen Getrieben entgegengestellt werden, die im Folgenden für einen systematischen
Vergleich und eine abschließende Empfehlung diskutiert werden.
4.2.1 Drehmoment, Kapazität und Leistungsdichte
Um eine Aussage bezüglich der Leistungsdichte treffen zu können, bietet es sich an, den
Bauraumbedarf der im Rahmen dieser Arbeit entwickelten integrierten elektrischen Maschi-
ne mit dem Bauraumbedarf einer in Unterabschnitt 3.3.4 erwähnten elektrischen Maschine
kombiniert mit einer zusätzlichen mechanischen Planetenstufe und einer mechanischen
Stirnradstufe zu vergleichen, wobei jeweils angenommen wird dass diese Stufen im Außen-
durchmesser dem Modulationsring der erwähnten elektrischen Maschine gleichen. Hierbei
fällt auf, dass der Bauraumbedarf der im Rahmen dieser Arbeit entwickelten elektrischen
Maschine in etwa doppelt so hoch ausfällt wie der Bauraumbedarf letzterer Kombination.
Diese Aussage wird durch Untersuchungen zur Drehmomentdichte magnetischer Getriebe-
stufen und deren Vergleich zur Drehmomentdichte mechanischer Stirnradstufen unterstützt
[Jør10]. Die generelle Leistungsdichte einer magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Um-
laufgetriebestufe in einem isoliert betrachteten Leistungspfad ist daher zunächst als in etwa
halb so groß wie die einer isoliert betrachteten elektrisch leistungsverzweigten Umlaufge-
triebestufe mit mechanischer Überlagerung anzusehen. Zu beachten ist, dass durch den
Einsatz einer magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe gegebenenfalls andere Bauteile
im Gesamtgetriebe wie der Anfahrgang entfallen können, sodass die Leistungsdichte des
Gesamtgetriebes wieder vergleichbar wird. Im Allgemeinen ist zunächst konservativ davon
auszugehen, dass die Leistungsdichte eines Gesamtgetriebes mit magnetisch-elektrischer
Leistungsverzweigung geringfügig niedriger ausfällt als die eines Getriebes mit elektrischer
Leistungsverzweigung und mechanischer Überlagerung. Das übertragbare Drehmoment ist
wesentlicher Treiber für den Bauraumbedarf einer magnetisch-elektrischen Umlaufgetrie-
bestufe, da bei als konstant angenommenem Schub im Luftspalt Drehmoment nur über
Verlängerung der Maschine oder Realisierung des Luftspalts auf einem größeren Durch-
messer und damit Vergrößerung des Durchmessers der Maschine erreicht werden kann. Da
die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe direkt in den Leistungsfluss des Getriebes
eingebunden ist und eine der rotierenden Komponenten mit dem Verbrennungsmotor in
direkter Verbindung steht, ist auch das generelle Drehzahlniveau der Umlaufgetriebestufe
festgelegt. Eine Leistungserhöhung, wie sie bei über Stirnradstufen angeschlossenen elektri-
schen Maschinen durch Erhöhung der Drehzahl selbiger realisiert werden kann, ist hierbei
nicht möglich.
4.2.2 Reparatur und Wartung
Kommt es zu einem Defekt oder einer Fehlfunktion in der elektrischen Maschine, die Teil
der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe ist, so ist dieser Defekt schwieriger zu
125
4 Bewertung hinsichtlich Eignung zum Einsatz in einem landwirtschaftlichen Fahrzeug
beheben als bei einem elektrisch leistungsverzweigten Getriebe, bei welchem die elektrischen
Maschinen in Flanschmontage vor dem Getriebe montiert sind. Für zukünftig zu erwartende
elektrisch leistungsverzweigte Getriebe gilt die Forderung, dass die elektrischen Maschinen
ausgetauscht werden können müssen, ohne dass hierfür das Getriebe aus dem Traktor
entfernt werden muss oder Achsen vom Traktor demontiert werden müssen. Dies ist der
Tatsache geschuldet, dass zur Lebensdauer und Zuverlässigkeit der verwendeten elektrischen
Maschinen derzeit noch keine ausreichenden Daten vorliegen, die eine Abschätzung der
Ausfallwahrscheinlichkeit ermöglichen. Daher sollten die elektrischen Maschinen zunächst
so in das Getriebe integriert werden, dass sie bei einem Defekt schnell und einfach ge-
tauscht werden können, eine Reparatur der elektrischen Maschine also nicht unmittelbar
vorgenommen wird. Sobald über diese Getriebe Daten zur Ausfallrate der elektrischen
Maschinen vorliegen, kann überlegt werden, ob diese Forderung nach der schnellen und
einfachen Austauschbarkeit berechtigt ist, oder ob die Ausfallrate so niedrig ist, dass für die
wenigen auftretenden Defekte ein Austausch des gesamten Getriebes in Kauf genommen
werden kann. Zum jetzigen Zeitpunkt kann davon ausgegangen werden, das ein Getriebe
mit einem Variator mit einer magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe Nachteile gegen-
über anderen Getrieben der aktuellen Generation in Bezug auf Wartung und Reparatur
aufweist. Da die Elektrifizierung und Hybridisierung landwirtschaftlicher Fahrzeuge noch
am Beginn ihrer Entwicklung steht, müssen diese Nachteile zu einem späteren Zeitpunkt
erneut bewertet werden. So kann es zum Beispiel sein, dass aus Platzgründen in Zukunft
die elektrischen Maschinen in elektrisch leistungsverzweigten Getrieben ebenfalls tiefer in
das Getriebe integriert werden und dieser Nachteil der Getriebe mit magnetisch-elektrischer
Umlaufgetriebestufe damit verschwindet.
4.2.3 Komplexität
Die Integration der elektrischen Maschine in das Getriebe erhöht die Komplexität des
Gesamtgetriebes. Speziell durch die Notwendigkeit der konstruktiven Anordnung der
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe derart, dass sie in beiden Fahrmodi an der Leis-
tungsübertragung beteiligt ist, erhöht sich die Komplexität weiter. Dies führt zum einen zu
Nachteilen bei der Wartung und Reparatur des Getriebes, wie bereits oben beschrieben, weil
die Fehlerdiagnose komplexer ausfällt und die elektrischen Maschinen nicht länger unabhän-
gig vom restlichen Getriebe montiert und ausgetauscht werden können. Bei Fehlerdiagnose
und -behebung muss in einem solchen Getriebe immer das komplexe Gesamtsystem aus
magnetisch-elektrischer Umlaufgetriebestufe mit angeschlossener Elektronik und den direkt
benachbarten mechanischen Elementen betrachtet werden. Die komplexe Funktionsweise
des Getriebes mit seinen Betriebspunkten zirkulierender Leistung und Betriebspunkten,
in denen die Variatorsektion sich wie ein elementares Koppelgetriebe mit zwei Umlaufge-
triebestufen verhält, erschwert darüber hinaus das Verständnis für die Funktionsweise des
Getriebes. Dies ist insofern als Nachteil zu betrachten, als dass es dadurch schwieriger wird,
der potenziellen Kundschaft die Funktionsweise dieses stufenlosen Getriebes zu erklären,
wodurch möglicherweise die Akzeptanz sinken kann. Die Funktionsweise des Getriebes wird
auch für technische Fachkräfte, die mit der Wartung und Reparatur des Getriebes betraut
sind, schwieriger zu verstehen, was aufwendigere Schulungsmaßnahmen nach sich ziehen
kann. Insgesamt ist festzuhalten, dass mit steigender Komplexität in der Funktionsweise des
Getriebes die Akzeptanz dafür bei Mitarbeitenden, beim Kundschaftsstamm und innerhalb
126
4.2 Nachteile gegenüber aktuellen Getrieben
des Vertriebsnetzwerks generell sinkt und eine höhere Komplexität daher als Nachteil zu
sehen ist. Komplexität im weiteren Sinne wird durch das Getriebe zusätzlich erzeugt, wenn
es als Alternativgetriebe für bestehende Getriebe verwendet wird. Durch die höhere Anzahl
an Auswahlmöglichkeiten für die Kundschaft steigt die Komplexität am Montageband, was
sich in höheren Ausgaben für Logistik niederschlägt. Kommt das Getriebe beispielsweise
nur in Traktoren niedriger Leistungsklassen zum Einsatz und kann zusätzlich in diesen
Traktoren auch alternativ ein rein elektrisch leistungsverzweigtes stufenloses Getriebe bei
der Konfiguration bzw. Bestellung des Fahrzeugs ausgewählt werden, so erhöht sich durch
das dann neu angebotene magnetisch-elektrisch leistungsverzweigte Getriebe die Komple-
xität in der Montage. Es ist daher wünschenswert, mit einem solchen neuen Getriebe ein
bestehendes Getriebe zu einem festgelegten Zeitpunkt komplett zu ersetzen und das ersetzte
Getriebe dann nicht länger als Option anzubieten. Diese Erhöhung der Komplexität gilt
generell für alle Arten von neu entwickelten Getrieben, sie ist daher dann ebenfalls als
Nachteil zu berücksichtigen, wenn sich aus der abschließenden Betrachtung der Vor- und
Nachteile ein Einsatz lediglich als Alternativgetriebe anbietet.
4.2.4 Zusammenbau
Es wird erwartet, dass sich beim Zusammenbau Nachteile gegenüber den aktuellen Getrie-
begenerationen ergeben. Betrachtet man nur die Montage des Getriebes an sich, so fällt
auf, dass bei einem magnetisch-elektrisch leistungsverzweigten Getriebe eine elektrische
Maschine direkt in das Getriebe integriert ist. Bei den zukünftig zu erwartenden elektrisch
leistungsverzweigten Getrieben hingegen können die elektrischen Maschinen über eine
Flanschverschraubung mit dem Getriebe verbunden werden. Durch die Integration der
elektrischen Maschine in das Getriebe muss der Stator vor der Getriebemontage mit dem
Gehäuse verpresst werden. Dies ist ohne größeren Aufwand an der Montagelinie möglich. In
der Montagelinie muss der Modulationsring und der Rotor einzeln oder als vormontierte
Einheit innerhalb des Getriebes montiert werden. Dies zieht zusätzlichen Aufwand nach sich,
da der Rotor mit starken Permanentmagneten bestückt ist. Diese können, wenn der Rotor
nicht exakt zentrisch in das Getriebe eingeführt wird, einen starken Radialzug verursachen
und die Magnete in Kontakt mit ferromagnetischem Material bringen, sodass diese oder
andere Teile innerhalb des Getriebes beschädigt werden. Es ist daher davon auszugehen,
dass für die Montage des Rotors oder der aus Rotor und Modulationsring bestehenden
Einheit zusätzliche Montagevorrichtungen in Form von Montagehilfen oder Führungsma-
schinen benötigt werden. Diese werden üblicherweise neben dem Hauptmontageband als
Montageinseln realisiert. Zusätzlich ist bei der Montage zu beachten, dass dem Rotor
benachbarte Teile ebenfalls von den Permanentmagneten angezogen werden können. Hier
ist darauf zu achten, dass diese Teile bei der Montage nicht beschädigt werden können und
dass keine Verletzungen in Form von Quetschungen o. Ä. auftreten können. Insgesamt ist
der Montageaufwand für die Getriebeendmontage höher zu bewerten als für die zukünftig
zu erwartenden elektrisch leistungsverzweigten Getriebe, wobei berücksichtigt werden muss,
dass die elektrische Maschine in diesen Getrieben ebenfalls vormontiert werden muss. Dieser
Vorgang kann zeitlich und örtlich unabhängig von der Getriebeendmontage realisiert werden.
Die Montage der Permanentmagnete des Rotors gestaltet sich nicht schwieriger als bei
der Montage eines Rotors für eine permanenterregte Synchronmaschine, daher wird an
diesem Punkt hierauf nicht näher eingegangen. Es kann davon ausgegangen werden, dass
127
4 Bewertung hinsichtlich Eignung zum Einsatz in einem landwirtschaftlichen Fahrzeug
diese Montage mit den heute gängigen Verfahren realisiert wird, mit denen auch die Perma-
nentmagnete der Rotoren elektrischer Maschinen montiert werden und dass der Aufwand
daher mit dem bei den zukünftig zu erwartenden elektrisch leistungsverzweigten Getrieben
identisch ist, unabhängig davon wo die Montage dieser Permanentmagnete vorgenommen
wird.
4.3 Vergleich der Vor- und Nachteile und abschließende
Empfehlung
Aus dem Vergleich der Vor- und Nachteile ergibt sich, dass keine unmittelbar direkte und
eindeutige Empfehlung daraus abgeleitet werden kann. Diese Situation entspricht den
Erwartungen im Bereich von Forschungsvorhaben und insbesondere Grundlagenforschung,
da technische Entwicklungen üblicherweise in kleinen Schritten vollzogen werden. Es ergeht
daher an dieser Stelle die Empfehlung, die aus dem WOLF-Schema hervorgegangene
Möglichkeit 1.1 noch detaillierter zu untersuchen und aus den Erkenntnissen ein Getriebe
abzuleiten, welches dann das favorisierte Variatorkonzept in einem magnetisch-elektrisch
leistungsverzweigten Stufenlosgetriebe für Traktoren niedriger bis mittlerer Leistungsklassen
zwischen 80
kW
und 140
kW
umsetzt. Für dieses Getriebe bietet sich durch die Integration der
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe hohes Potenzial zur Energieeinsparung durch
eine mögliche Abstimmung des Gesamtfahrzeugsystems. Weiterhin bieten die im Rahmen
dieser Arbeit vorgestellten Konzepte die Möglichkeit, durch Schließen zweier Kupplungen
im Gruppengetriebe bzw. Einlegen von zwei Synchronisierungen gleichzeitig einen seriell
elektrischen Fahrbereich zu erzeugen, ohne hierfür zusätzliche Komponenten zu benötigen.
Diese Möglichkeit ist unbedingt zu nutzen, zu untersuchen und in weitere Entwicklungen und
Entscheidungen einzubeziehen. Für große Unternehmen im Landwirtschaftsbereich wie die
John Deere GmbH & Co. KG bietet sich hier ebenfalls die Möglichkeit, mit den im Rahmen
dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnissen die zukünftigen Entwicklungen im Bereich der
Magnettechnik und elektrischen Maschinen sowie der leistungsverzweigten Stufenlosgetriebe
und Elektrifizierung von Anbaugeräten abzuwarten und zu einem geeigneten Zeitpunkt
wieder in die Entwicklung einzusteigen.
128
5 Zusammenfassung und Fazit
Magnetische Umlaufgetriebestufen sind durch neue technische Entwicklungen bekannt
geworden und in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen gerückt. Sie haben grund-
sätzlich das technische Potenzial, mechanische Umlaufgetriebestufen in leistungsverzweigten
Getrieben zu ersetzen. Weiterhin kann bei geschickter Auslegung eine elektrische Maschi-
ne eines elektrisch leistungsverzweigten Getriebes in diese Umlaufgetriebestufe integriert
werden. Die Potenziale dieser Integrationsmöglichkeit wiederum bilden die Motivation der
vorliegenden Arbeit.
Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit war es, Empfehlungen zum Einsatz einer solchen Kom-
bination in zukünftigen Traktorgenerationen geben zu können. Hierfür konnte frühzeitig eine
methodische Vorgehensweise identifiziert werden, die das WOLF-Schema zur systematischen
und umfassenden Synthese und daraus hervorgehend für die benötigte Lage von Summen-
und Differenzwellen in einem neuartigen Getriebe beinhaltet. Die anschließend notwendige
systematische Berechnung wurde mit dem modernen Matrix-Rechenverfahren nach Stangl
realisiert. Bei der Ausarbeitung von Definitionen und Abgrenzungen konnte festgestellt
werden, dass für die sich derzeit im Einsatz befindlichen hydraulisch leistungsverzweigten
Stufenlosgetriebe eine Entwicklung zu elektrisch leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben
naheliegend ist. Gleichzeitig gewinnt die Möglichkeit, große elektrische Leistungen auf
Anbaugeräten zur Verfügung stellen zu können zunehmend an Bedeutung. Elektrisch leis-
tungsverzweigte Stufenlosgetriebe und insbesondere das in hohem Maße integrative Getriebe,
das im Rahmen dieser Arbeit betrachtet wurde, bieten hier die Möglichkeit, bei entspre-
chender Dimensionierung und Steuerung eine elektrische Maschine einzusparen.
Als geeignete Methode, um diesen Möglichkeiten systematisch nachzugehen, wurde die
methodische Konstruktion nach VDI 2221 identifiziert. Aufgrund der hohen Anforderungen
und starken Limitierungen und der Tatsache, dass mit den Untersuchungen im Rahmen
dieser Arbeit in gewissem Maße Grundlagenforschung betrieben wird, wurde eine technisch-
wirtschaftliche Bewertung nach VDI 2225 abgelehnt. Eine wirtschaftliche Bewertung fand
ohne Verflechtung mit einer technischen Bewertung statt. Im Fokus der Forschung stand
die Frage, ob ein Getriebekonzept, welches eine elektrische Maschine in eine magnetische
Umlaufgetriebestufe innerhalb eines elektrisch leistungsverzweigten Stufenlosgetriebes inte-
griert, überhaupt grundsätzlich technisch machbar ist und ob diese in dem zur Verfügung
stehenden Bauraum aktueller und auch fiktiver zukünftiger Traktorgenerationen realisiert
werden kann. Der Betrachtung der Wirtschaftlichkeit eines solchen Konzeptes floss ein
untergeordneter Stellenwert zu.
Aus den Anforderungen an ein Traktorgetriebe, insbesondere dem Punkt, dass für das be-
trachtete Stufenlosgetriebe alle Schaltpunkte bei absoluter Drehzahlsynchronität stattfinden
müssen, ergaben sich eine Reihe von Synthesebedingungen. Die zusätzliche Anforderung,
dass die elektrische Maschine nur in eine Umlaufgetriebestufe kontrollierend eingreifen
darf, führte weiterhin zur Eliminierung von einigen Alternativkonzepten. Unter Anwendung
des WOLF-Schemas wurden anschließend drei prinzipiell realisierbare Lösungskonzepte
129
5 Zusammenfassung und Fazit
entwickelt, von denen das auf den ersten Blick vielversprechendste Konzept weiterverfolgt
wurde. Die aus diesem Konzept hervorgehenden zwei konstruktiv möglichen Realisierun-
gen wurden hinsichtlich der auftretenden Drehmomente und Blindleistungen miteinander
verglichen, indem das Matrix-Rechenverfahren eingesetzt wurde, und auf eine konstruk-
tive Lösung reduziert. Diese konstruktive Lösung wurde mit existierenden hydraulisch
leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben verglichen, wobei große Ähnlichkeiten auf Ebene
des WOLF-Schemas und daher auch im grundsätzlichen Betriebsverhalten auffielen, was
auf eine starke Determinierung des Syntheseprozesses und auf eine grundsätzlich richtige
Synthese hindeutet. Für die existierenden hydraulischen Stufenlosgetriebe und deren fiktive
elektrische Pendants sowie für das im Rahmen dieser Arbeit entwickelte Getriebe wurden
anschließend Verlustmodelle aufgestellt, um qualitative Aussagen über die zu erwartenden
Wirkungsgrade treffen zu können. Ferner wurde das Betriebsverhalten bei der Bereitstellung
elektrischer Leistung auf Anbaugeräten beleuchtet.
Für das gewählte Getriebekonzept wurde anschließend das Kernelement, welches auch für
andere Konzepte Verwendung findet, identifiziert und in eine mechanische Konstruktion
überführt. Das Schema r einen Prüfstandsbetrieb wurde so gewählt, dass damit die
Randbedingungen sowie der Teil des Getriebes, der nicht dem Forschungsschwerpunkt ent-
spricht und bekannte Technologie darstellt, simuliert werden konnten. Für das Kernelement
wurde gezeigt, dass die dort verwendeten Lager für den Einsatz im Traktor geeignet sind,
indem sie rechnerisch mit verschiedenen Standardlastkollektiven für europäische Traktoren
beaufschlagt wurden. Ferner wurde die integrierte elektrische Maschine ausgelegt und die
Bedeutung der Auslegungen für das weitere Vorgehen gezeigt. Das Prüfgetriebe wurde auf
einem Prüfstand aufgebaut und die zur Untermauerung bzw. Widerlegung der aufgestellten
Thesen, Forschungsfragen und Erwartungen nötigen Messungen wurden durchgeführt.
Basierend auf den theoretischen Grundlagen, den rechnerischen Modellen und den Beob-
achtungen im Prüfstandsbetrieb wurden die Vorteile eines solchen neuartigen Getriebes
gegenüber zukünftig zu erwartenden elektrischen Stufenlosgetrieben herausgearbeitet. Diese
bestehen hauptsächlich in der Möglichkeit zur Optimierung des Kraftstoffverbauchs und
im Potenzial zur Kosten- und Bauraumeinsparung durch Wegfall des Anfahrganges. Das
Potenzial zur Kosteneinsparung konnte hierbei nicht abschließend beleuchtet werden, da
es von zukünftigen Entwicklungen im Bereich von Elektromotoren und Magnettechnologie
abhängig ist.
Den Vorteilen gegenübergestellt wurden die Nachteile gegenüber fiktiven elektrischen Stu-
fenlosgetrieben. Diese bestehen hauptsächlich in erhöhter Komplexität, auch bei Reparatur,
Wartung und Zusammenbau, und in einer geringeren Kapazität für Leistung und Dreh-
moment. Letzterem Nachteil kann eventuell durch weitere Forschung und Verfolgung des
im Rahmen dieser Arbeit vorgestellten Alternativkonzeptes, welches sich aus dem WOLF-
Schema 1.1 ergibt, begegnet werden.
Die gezeigten Vor- und Nachteile wurden gegenübergestellt und eine abschließende Emp-
fehlung abgegeben. Diese besteht darin, das im Rahmen dieser Arbeit vorgestellte Getrie-
bekonzept grundsätzlich weiterzuverfolgen. Hierbei wurde deutlich gemacht, dass großer
weiterer Forschungsbedarf besteht.
130
5.1 Reflexion der Vorgehensweise
5.1 Reflexion der Vorgehensweise
Im Rahmen der methodischen Vorgehensweise wurde zunächst angelehnt an die Konstrukti-
onsmethodik, die in der VDI 2221 beschrieben ist, eine Anforderungsliste aufgestellt. Diese
wurde konsequent beibehalten. Aus der Anforderungsliste wurden Syntheserandbedingungen
abgeleitet und mit diesen eine Getriebesynthese mit dem WOLF-Schema durchgeführt. Von
den sich hieraus ergebenden drei Lösungsmöglichkeiten wurde mittels Ausschlussverfahren
eine Möglichkeit ausgewählt und zunächst rechnerisch, dann konstruktiv ausdetailliert. Um
die grundsätzliche Korrektheit und Machbarkeit dieses Konzeptes zu verifizieren, wurden
Vergleiche mit existierenden Getrieben aufgestellt, die ein ähnliches Betriebsverhalten auf-
weisen. Parallel wurden einfache Verlustmodelle, die auf nichtiterativen stetigen Gleichungen
beruhen, aufgestellt. Mittels dieser Gleichungen wurde die zu erwartende Verlustcharakte-
ristik des neu entwickelten Getriebes berechnet. Für das als Computermodell existierende
Getriebe wurde dann der Nachweis erbracht, dass die verwendeten Lager für einen Einsatz
in einem landwirtschaftlichen Fahrzeug geeignet sind und allgemein bekannte Lastkollektive
überstehen können. Die Bestimmung der Wirkungsgrade im Prüfstandsbetrieb war zentrales
Ziel der anschließenden Messungen am realen Getriebe. Die Ergebnisse wurden dokumentiert
und interpretiert, um daraus Erkenntnisse für Empfehlungen hinsichtlich des Einsatzes
in einem landwirtschaftlichen Fahrzeug abgeben zu können. Mittels der gewonnenen Er-
kenntnisse wurde das im Rahmen der Arbeit entwickelte Getriebe bezüglich seiner Vor- und
Nachteile relativ zu Getrieben der aktuellen Generation und zu zukünftig zu erwartenden
elektrisch leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben bewertet. Ein Vergleich der Vor- und
Nachteile bildete die Grundlage für eine abschließende Empfehlung.
Grundsatz bei der Auswahl der Methoden war, dass die gewählten Methoden das Lö-
sungsfeld in einem frühen Stadium möglichst wenig einschränken sollten und zunächst zu
einem hohen Grad abstrakt bleiben sollten. Im Verlauf der Ausdetaillierung der Konzepte
wurde dann auf zunehmend deterministische Methoden zurückgegriffen, um das bis dahin
gefundene Lösungsfeld einzuschränken, zu reduzieren und zu konsolidieren. Ebenfalls bei
der Auswahl der Methoden berücksichtigt wurde deren allgemeine Gültigkeit und damit die
Übertragbarkeit auf andere Getriebesysteme und Getriebearchitekturen sowie eine einfache,
wenig fehleranfällige und potenziell rechnergeeignete und damit zukünftig automatisierbare
Durchführbarkeit.
Eine technisch-wirtschaftliche Bewertung, wie sie in der VDI 2225 dokumentiert ist, wur-
de abgelehnt, da das Forschungsfeld in weitem Maße Grundlagenforschung ist und der
wirtschaftlichen Wertigkeit in diesem frühen Entwicklungsstadium keine überaus große
Bedeutung zufallen sollte. Wichtiger sind hier die Erkenntnisse aus den Messungen, die
insbesondere durch eine hochwertigere und damit finanziell potenziell unattraktivere Kon-
struktion verbessert werden können. Die Wirtschaftlichkeit des Getriebekonzeptes wurde
daher in einem kurzen Ausblick beleuchtet, ohne dass dieser Punkt bei der Konstruktion des
Prüfstandsgetriebes berücksichtigt wurde. Eine iterative Berechnung der Verluste und des
Wirkungsgrades, die wahrscheinlich genauere Ergebnisse liefern würde als die im Rahmen
dieser Arbeit vorgestellte vereinfachte Berechnung, wurde ebenfalls abgelehnt, um den
während der Entwicklung und Konstruktion erzeugten Vortrieb aufrechtzuerhalten und
nicht unverhältnismäßigen Aufwand für geringfügige Verbesserungen zu betreiben. Auf die
detaillierte Berechnung sämtlicher sich in einem frühen Stadium der Synthese ergebenden
Lösungsmöglichkeiten wurde aus gleichen Gründen verzichtet. Diese wurden per Ausschluss-
131
5 Zusammenfassung und Fazit
verfahren reduziert und die detaillierte Berechnung nur für das übrig gebliebene Konzept
vorgenommen.
Die Anforderungsliste wurde anhand bestehender Produktveröffentlichungen und Marketing-
prospekten sowie Benchmarks in Fachzeitschriften aufgestellt. Ebenfalls eine Rolle bei der
Aufstellung spielten Expertenmeinungen aus Artikeln in Fachzeitschriften sowie Vorträge
auf Konferenzen, die einen Einblick in zukünftig zu erwartende Entwicklungen, zum Beispiel
hinsichtlich des Betriebs von Anbaugeräten über die Zapfwelle, die Bereitstellung elektrischer
Leistung, die sich ergebende Dieselmotordrehzahl durch weiter zu erwartendes Downsizing
und die Reduzierung ebendieser zur Kraftstoffeinsparung bei Transportarbeiten, geben. Das
WOLF-Schema wurde manuell durch schrittweises Befüllen, oft in Kombination mit einem
Ausschlussverfahren durchgeführt, die detaillierten Schritte sind im Anhang dargestellt. Die
Berechnung des ausgewählten Konzeptes wurde mit Tabellenkalkulationssoftware mittels
Matrix-Rechenverfahren nach Stangl vorgenommen. Für die Lagerlebensdauerberechnung
kam die Software Romax Designer 14.7.0 zum Einsatz, die Detailkonstruktion wurde von
einem externen Dienstleister durchgeführt. Ebenso wurde die über den Umfang dieser Arbeit
hinausgehende detaillierte Berechnung der integrierten elektrischen Maschine von einem
externen Dienstleister vorgenommen. Verschiedene Lieferanten fertigten die elektrische
Maschine, deren Kühlmantel, die Getriebebauteile und Montagehilfsmittel, die rotations-
symmetrischen Teile und das Schweißgehäuse. Die Montage des Gesamtgetriebes wurde
zentral von einem externen Dienstleister koordiniert. Die Software zum Betrieb der neuarti-
gen elektrischen Maschine wurde innerhalb der Gruppe der John Deere GmbH & Co. KG
entwickelt, ebenso fanden auch die Prüfstandsuntersuchungen innerhalb der Gruppe der
John Deere GmbH & Co. KG statt.
Durch die Neuartigkeit und Unbekanntheit dieser Getriebearchitektur kam es mehrfach
während der Fertigung der Komponenten zu Verzögerungen, da Rückfragen mit Lieferanten
geklärt werden mussten. Für viele der beteiligten Lieferanten war dieses Projekt das erste
auf diesem Gebiet, sodass deren Beteiligung auch teilweise durch Interesse oder durch
eine herausfordernde und anspruchsvolle Tätigkeit motiviert war, deren volle Komplexität
nicht von Beginn an erkannt wurde. So kam es mehrfach zu Zeitverzug im Projektverlauf.
Insgesamt konnte das Projekt in einem akzeptablen Zeitrahmen umgesetzt werden und viele
Erfahrungen für weitere Umsetzungen gesammelt werden.
5.2 Beantwortung der Forschungsfragen
Im Folgenden werden die in Abschnitt 2.3 aufgestellten Forschungsfragen sukzessiv beant-
wortet, wobei jeweils kurz reflektiert wird, wie die Frage beantwortet werden konnte und
was die konkrete Antwort auf die Frage war.
1.
Existiert ein Variatorkonzept für ein stufenloses, elektrisch leistungsverzweigtes Ge-
triebe, welches eine elektrische Maschine direkt in das Getriebe integriert?
Diese Frage kann eindeutig positiv beantwortet werden. Die Analyse von bereits existierenden
hydraulisch leistungsverzweigten Stufenlosgetrieben macht deutlich, dass das Prinzip, nur
ein Element in zwei Zweigen eines nahtlos schaltbaren Stufenlosgetriebes zu kontrollieren,
bereits bekannt und erfolgreich kommerziell verfolgt wird. Die Transformation in ein
elektrisch leistungsverzweigtes, nahtlos schaltbares Stufenlosgetriebe ist damit naheliegend
und seine kommerzielle Umsetzbarkeit ebenfalls wahrscheinlich.
132
5.2 Beantwortung der Forschungsfragen
2.
Kann ein solches Variatorkonzept innerhalb des zur Verfügung stehenden Bauraumes
in Getrieben der aktuellen und zukünftiger Traktorgenerationen realisiert werden?
Diese Frage lässt sich ebenfalls bejahen, da durch die verschiedenen aufgezeigten Methoden
zur Reduktion der Komplexität und durch die verschiedenen möglichen Konfigurationen
für eine Drehrichtungsumkehr und für die Integration der Gangstufen davon ausgegangen
werden kann, dass die Realisierung in verschiedenen Bauräumen, die sich hinsichtlich ihrer
Geometrie unterscheiden z. B. langer und schmaler Bauraum für Traktoren mit Vollrahmen
oder kurzer und breiter Bauraum für Traktoren in Blockbauweise grundsätzlich möglich
ist. Mit den Messergebnissen konnte weiterhin gezeigt werden, dass die Übertragung und
Wandlung von Leistung und Drehmoment innerhalb des in zukünftigen Traktoren zur
Verfügung stehenden Bauraums grundsätzlich möglich ist.
3.
Ist der Einsatz eines solchen Variatorkonzeptes in Getrieben der aktuellen und zu-
künftiger Traktorgenerationen wirtschaftlich sinnvoll?
Insbesondere beim Vergleich der Vor- und Nachteile gegenüber den betrachteten elektrischen
Stufenlosgetrieben wurde herausgearbeitet, dass viele verschiedene Möglichkeiten bestehen,
mit dem im Rahmen dieser Arbeit entwickelten Getriebe Kosten einzusparen, während
an anderer Stelle zusätzliche Kosten entstehen. Die Kostentreiber sind maßgeblich die
Herstellung des Modulationsrings, dessen Konstruktion im Rahmen dieser Arbeit optimiert
für die Forschung und Messungen vorgenommen wurde. Weiterer Kostentreiber ist die
Forderung nach dem chsten übertragbaren Drehmoment und die Anforderungen an den
Wirkungsgrad des Traktors. Der Modulationsring wurde im Rahmen dieser Arbeit keiner
detaillierten Kostenbetrachtung unterzogen, hier wird noch deutliches Einsparpotenzial
vermutet. Im Rahmen des Vergleiches der Vor- und Nachteile und der dort folgenden
Empfehlung für den Einsatz in einem Traktor im Standardsegment bei ggf. gleichzeitiger
Verwendung des alternativen WOLF-Schemas kann zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgegan-
gen werden, dass das im Rahmen dieser Arbeit entwickelte Getriebe unter Berücksichtigung
der zukünftig zu erwartenden Kostenentwicklung im Bereich der Fertigung elektrischer
Maschinen in bestimmten Traktorkonfigurationen kostenneutral oder zu Mehrkosten bei
damit einhergehender höherer Energieeffizienz und damit wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt
werden kann.
4.
In welchen Leistungssegmenten und in welchen Traktorkonfigurationen bietet sich der
Einsatz eines solchen Variatorkonzeptes besonders an?
Aus der Betrachtung der Drehzahl-Drehmoment-Diagramme, der zirkulierenden Blindleis-
tung sowie der Messergebnisse ergibt sich, wie oben teilweise schon beschrieben, dass sich
der Einsatz eines Variatorkonzeptes, wie es im Rahmen dieser Arbeit entwickelt wurde,
besonders im Standardsegment leichter bis mittelschwerer Traktoren für den europäischen
Markt anbietet, da dieses Marktsegment große Überschneidungen mit den potenziell infrage
kommenden Leistungsklassen hat. Als besonders geeignet sieht der Autor an dieser Stelle
den Leistungsbereich zwischen 80 kW und 140 kW an.
5.
Welche Vor- und Nachteile ergeben sich durch den Einsatz eines solchen Variator-
konzeptes gegenüber stufenlosen, leistungsverzweigten Traktorgetrieben der aktuellen
Generation und gegenüber zu erwartenden elektrisch leistungsverzweigten Getrieben?
133
5 Zusammenfassung und Fazit
Die wichtigsten Vorteile im empfohlenen Leistungsbereich sind zunächst der Wegfall des
Anfahrganges gegenüber den zu erwartenden elektrisch leistungsverzweigten Getrieben.
Hinzu kommen konkurrenzfähig hohe Gesamtwirkungsgrade, die experimentell durch die
Messungen bestätigt werden konnten. Weiterhin zu nennen wäre die verbesserte Befähigung
zur Bereitstellung elektrischer Leistung auf Anbaugeräten bei niedriger Fahrgeschwindigkeit,
die über die Messung der Leistung der integrierten elektrischen Maschine am Prüfstand
ebenfalls nachgewiesen werden konnte. Diesen Vorteilen gegenüber stehen als bedeutendste
Nachteile die Unabwägbarkeiten bezüglich Reparatur, Wartung und Zuverlässigkeit der
integrierten elektrischen Maschine sowie die hohe Komplexität bei Fertigung und Zusam-
menbau ebendieser. Diese Nachteile können gegebenenfalls durch weitere Forschung näher
beleuchtet und eventuell ausgeräumt werden. Für die detaillierte Betrachtung der Vor- und
Nachteile sei an dieser Stelle auf Kapitel 4 verwiesen.
5.3 Kritische Betrachtung
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Arbeit sind, dass sich Verlustmodelle für Gesamtge-
triebe aus einer Vielzahl an öffentlich verfügbaren Verlustmodellen für einzelne Komponenten
wie zum Beispiel Planetenstufen, elektrische Maschinen, Inverter und Kupplungen erstellen
lassen. Diese werden zusätzlich mit eigenen, mit Veröffentlichung dieser Arbeit wiederum
ebenfalls öffentlich verfügbaren Verlustmodellen für neue Komponenten verbunden. Dies
führt zu qualitativ belastbaren Modellen für das gesamte Wirkungsgradverhalten des Ge-
triebes. Für fast alle der im Rahmen der Verlustbetrachtungen untersuchten Komponenten
liegen detailliertere Verlustmodelle vor als die, welche im Rahmen dieser Arbeit zur An-
wendung kommen. Bei der Betrachtung von Verlusten eines ganzen Systems bzw. eines
ganzen Getriebes sind diese detaillierten Verlustmodelle meist kaum umsetzbar. Die gesamte
Verlustcharakteristik eines Getriebes setzt sich aus vielen Komponenten zusammen, die
einzelne quantitativ kleine Unterschiede von detaillierten Verlustmodellen gegenüber den
hier zum Einsatz kommenden vereinfachten Verlustmodellen in der Gesamtcharakteristik
nahezu verschwinden lassen. Es scheint hier besser, alle Verlustmodelle auf dem gleichen
(vereinfachten) Niveau anzuwenden als einige wenige detailliert und dafür möglicherweise
andere Verluste zu grob. Die Arbeit liefert eine Anleitung, wie die Verlustcharakteristik
nahezu jedes Fahrzeuggetriebes in einem ersten Schritt auf einfache Art und Weise berech-
net werden kann und ermöglicht so einen Vergleich verschiedener Getriebe wie auch einen
Vergleich verschiedener Verlustmodelle. Die verwendeten Verlustmodelle sind qualitativ und
quantitativ erklärt und für jeden Leser damit überprüfbar, alle Berechnungen können bis
ins Detail nachvollzogen und für andere Konzepte angewandt werden. Die Verlustmodelle
umfassen sämtliche für den Gesamtwirkungsgradverlauf charakteristische Komponenten in
zukünftig zu erwartenden elektrisch leistungsverzweigten, nahtlos schaltbaren Stufenlosge-
trieben und auch für aktuell schon existierende Getriebe.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass sich die Konsolidierung und Reduzierung der
Konzepte nach Ausarbeitung der verschiedenen Möglichkeiten durch das WOLF-Schema
nachteilig auf die weitere Entwicklung auswirkte. An dieser Stelle wäre es sinnvoller gewesen,
die verschiedenen Möglichkeiten parallel auf gleichem Detailgrad weiterzuverfolgen und die
Reduzierung und Auswahl erst zu einem späteren Zeitpunkt vorzunehmen. Der Zeitpunkt
für diese Auswahl per Ausschlussverfahren wurde akzidentiell gewählt, da es im Sinne
der methodischen Entwicklung von Systemen nötig ist, zu einem gewissen Zeitpunkt eine
134
5.3 Kritische Betrachtung
Reduzierung der Lösungsvielfalt vorzunehmen. Um den Zeit- und Arbeitsaufwand in einem
kontrollierbaren Rahmen zu halten und die Konstruktion, Fertigung und Montage des im
Rahmen dieser Arbeit entwickelten Getriebes zeitnah vornehmen zu können, wurde die
Reduktion der Lösungsmöglichkeiten bereits an dieser Stelle vorgenommen. Rückblickend
zeigt sich, dass es an dieser Stelle sinnvoller gewesen wäre, mehrere Konzepte parallel
zu verfolgen. Diese Erkenntnis ist für weitere Forschungsvorhaben auf dem behandelten
Fachgebiet zu berücksichtigen.
Nicht vorhergesehen wurde, dass der Nachteil, aufgrund dessen das im WOLF-Schema nach
Möglichkeit 1.1 vorgestellte Konzept nicht weiterverfolgt wurde, auch bei dem gewählten
Konzept nach Möglichkeit 2.2 in abgeschwächter Form auftritt. Die Notwendigkeit der
Reduzierung der Drehzahl des Verbrennungsmotors ergibt sich hier aus der Auslegung
der elektrischen Maschine und dem Wegfall des Anfahrgangs aus platztechnischen und
wirtschaftlichen Gründen. Die Reduzierung der Motordrehzahl beim Anfahren fällt nicht so
ausgeprägt aus wie bei einem Konzept nach Möglichkeit 1.1. Ebenfalls nicht vorhergesehen
wurde die nötige Ausführung des Modulationsrings aus elektrisch nicht leitfähigen Segmen-
ten aus Glasfaser. Diese Entscheidung war nötig, um in dem eher nach Grundlagenforschung
anmutenden Forschungsvorhaben nicht zu viele Randeffekte durch elektromagnetische
Verluste zu erzeugen. Die Entscheidung erschwert eine wirtschaftliche Beurteilung des Ge-
samtgetriebes, da somit kaum übertragbare Erfahrungen zu Fertigungsaufwand und Kosten
gesammelt werden konnten. Es ist zu erwarten, dass in beiden Bereichen eine Verbesserung
erzielt werden kann, wenn auf eine aufwendige Ausführung, wie im Rahmen dieser Arbeit
realisiert, unter Billigung etwas höherer elektromagnetischer Verluste verzichtet wird.
Für die Synthese ist anzuführen, dass das dort entwickelte Konzept nach Möglichkeit 1.1
noch detaillierter untersucht werden könnte. Eventuell ergibt sich hier durch geschickte
Auslegung, zum Beispiel durch die im Rahmen dieser Arbeit erwähnte Möglichkeit der
Realisierung von vier voneinander unabhängigen Übersetzungsverhältnissen, eine Einsatz-
möglichkeit. Um während der Synthese und der anschließenden Konstruktion die entstandene
Dynamik beizubehalten, wurde hier das auf den ersten Blick vielversprechendste Konzept
ausgewählt und weiterverfolgt. Im Rahmen der Ergebnisse dieser Arbeit kann jetzt noch das
Alternativkonzept detaillierter, z. B. im Rahmen einer Studien- oder Abschlussarbeit, unter-
sucht werden. Gegebenenfalls können die für das Prüfstandsgetriebe gefertigten Bauteile
hier für Untersuchungen verwendet werden, sodass für einen erneuten Prüfstandsbetrieb
nur geringfügige Umbaumaßnahmen mit wenigen Neuteilen nötig sind. Bei der Berech-
nung der Verluste fällt als Verbesserungsmöglichkeit auf, dass diese durch vergleichsweise
einfache Modelle abgebildet wurden, die die Charakteristiken nicht vollständig abbilden
und schrittweise durch komplexere Modelle ersetzt werden könnten. Weiterhin könnten
die Verluste iterativ oder mit einem geeigneten Simulationsprogramm berechnet werden,
einerseits um mehr Sicherheit zu erhalten, da Ergebnisse dann zwischen verschiedenen
Programmen verglichen werden könnten, andererseits um eine höhere Genauigkeit durch
iterative Rechenmodelle zu erhalten. Bei der Lagerlebensdauerberechnung lässt sich fest-
halten, dass das Standardlastkollektiv noch in mehr als die spezifizierten maximal sechs
Lastpunkte pro Fahrgeschwindigkeit aufgeteilt werden könnte. Durch die Festlegung auf
maximal sechs Lastpunkte analog zu den DLG-Zyklen werden hohe Geschwindigkeiten
kaum berücksichtigt, außerdem wird wie von Resch bereits festgestellt der Langzeiteinsatz
mit hoher Drehmomentbelastung nicht betrachtet. Neben der im Rahmen dieser Arbeit
vorgenommenen exponentiellen Aufteilung zur Basis 2 könnte auch noch eine exponentielle
135
5 Zusammenfassung und Fazit
Aufteilung zur Basis 10 verwendet werden. Diese Aufteilung würde den Fokus eher auf
kurzzeitigen Einsatz bei hohen Drehmomenten legen und den Langzeiteinsatz bei hohen
Fahrgeschwindigkeiten und niedrigeren Drehmomenten weiter vereinfacht abbilden. Im
Prüfstandsbetrieb wurde die Verlustleistung der lastfrei mitgedrehten elektrischen Maschine
über eine im Rahmen dieser Arbeit aufgestellte Gleichung berechnet und im jeweiligen
Betriebspunkt von der tatsächlich gemessenen Verlustleistung subtrahiert. An dieser Stelle
besteht Verbesserungspotenzial. Die jeweils lastlose elektrische Maschine könnte über eine
mechanische Kupplung abgetrennt werden, so dass dort keine Verlustleistung entstehen
würde die dann rechnerisch abgeschätzt und in den Messungen berücksichtigt werden muss.
5.4 Ausblick
Mit dem Prüfstandsgetriebe können weitere Untersuchungen durchgeführt werden. So
kann unter anderem untersucht werden, welche Torsionsschwingungen am Ausgang bei
konstantem Eingangsdrehmoment auftreten, um damit ein besseres Verständnis von der
magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe zu bekommen. Weiterhin kann untersucht
werden, ob sich die magnetisch-elektrische Umlaufgetriebestufe und insbesondere deren
Stator dazu eignet, Drehmomentschwankungen des Verbrennungsmotors zu kompensieren.
Der Stator erzeugt ein elektromagnetisches Drehfeld frei von jeder mechanischen Trägheit
und kann damit theoretisch in Sekundenbruchteilen eventuell auftretende Unregelmäßig-
keiten kompensieren. Diese Untersuchungen ziehen einen hohen Aufwand nach sich und
es werden dafür spezialisierte Messeinrichtungen wie zum Beispiel Rotationsvibrometer
benötigt [Tra07]. Diese Untersuchungen sind nicht in einem sinnvollen Rahmen innerhalb
dieser Arbeit unterzubringen. Sie könnten wahrscheinlich eine eigene Arbeit füllen, daher
sei an dieser Stelle auf diese Möglichkeit hingewiesen. Das Getriebe kann entsprechend
umgebaut werden, um derartige Untersuchungen zu ermöglichen.
Hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung von Traktorgetrieben und Traktoranbaugeräten
ist besonders die Entwicklung von elektrisch betriebenen Anbaugeräten interessant. Kann
zukünftig die Zapfwelle, die mechanische Leistung auf das Anbaugerät transferiert, entfallen
weil alle oder ein Großteil der Anbaugeräte nur noch elektrisch angetrieben werden und
sich dadurch Marktsegmente für Traktoren ohne mechanische Zapfwelle ergeben, gewinnen
einzelne Getriebekonzepte zusätzlich an Bedeutung, da die Konstruktion und Lagerung
bedeutend einfacher wird. Es muss in diesem Fall keine in direkter Verbindung mit dem
Verbrennungsmotor stehende Welle mehr komplett durch das Getriebe durchgeführt werden.
Dies macht andere Lagerkonzepte überhaupt erst möglich und ermöglicht zum Beispiel auch
die koaxiale Anordnung einer zweiten elektrischen Maschine im hinteren Teil des Getriebes.
Diese müsste dann nicht mehr länger parallel verbaut werden. Diese Vorteile gelten auch für
andere im Rahmen dieser Arbeit vorgestellte Konzepte wie z. B. nach dem System Jarchow.
Neue Erkenntnisse sind noch im Bereich der alternativen, sich aus dem WOLF-Schema
ergebenden Möglichkeiten und deren Verhalten im Gesamtantriebsstrang zu erwarten.
Zusätzlich ist bei der konstruktiven Realisierung der magnetisch-elektrischen Umlaufge-
triebestufe anzuführen, dass die Konstruktion des Modulationsrings, wie sie im Rahmen
des Prüfstandsgetriebes vorgenommen wurde, einen hohen Aufwand bei Fertigung und
Montage bedeutet. Die Ausführung der nicht magnetischen Segmente aus laminierten
Glasfaserstäben ist teuer und aufwendig. Im Rahmen dieser Arbeit ist dieses Vorgehen
notwendig, um auftretende Randeffekte durch induzierte Wirbelströme zu minimieren und
136
5.4 Ausblick
damit bessere Rückschlüsse aus den Messergebnissen ziehen zu können, da eine eventuelle
Ausführung aus nicht magnetischem, aber schwach elektrisch leitfähigem Material wie z. B.
Aluminium oder Edelstahl zusätzliche parasitäre Verluste durch Wirbelströme nach sich
ziehen würde. Für zukünftige Einsätze bliebe daher zu untersuchen, welchen Einfluss das
Trägermaterial des Modulationsrings auf das Betriebsverhalten hat. Eine Ausführung aus
beispielsweise Aluminium oder Edelstahl könnte zu einer deutlichen fertigungstechnischen
Vereinfachung führen, so sind unter anderem konstruktive Ausführungen denkbar, die aus
einem zweiteiligen Trägerring mit dazwischen eingelegten ferromagnetischen Blechpaketen
bestehen und dann auch ohne Bandagierung auskommen können. Analog ist für den Rotor
zu untersuchen, welchen Einfluss hier die Verwendung von Oberflächenmagneten gegenüber
vergrabenen Magneten hat, wie sie auch von dem Unternehmen Magnomatics Limited darge-
stellt wird. Für den Stator bleibt offen, welchen Einfluss die Ausführung der Wicklung, hier
im Speziellen die verteilte Wicklung gegenüber der konzentrierten Wicklung, hat. Ebenfalls
neue Erkenntnisse sind aus Betrachtungen zur Temperaturbelastbarkeit der integrierten
elektrischen Maschine, insbesondere der auftretenden Magnettemperaturen im Rotor, zu
erwarten. Hierfür müsste der Rotor in einer geeigneten Art und Weise modifiziert werden,
die eine Ermittlung der auftretenden Magnettemperaturen ermöglichen würde. Dies steht
auch im Zusammenhang mit der Ermittlung der Auswirkungen des Kühlölvolumenstroms.
Hierfür könnten Arbeitspunkte mit stationärem Verhalten festgelegt und in diesen der Kühl-
ölvolumenstrom durch den Rotor der elektrischen Maschine variiert werden. Die Messungen
lassen erwarten, dass die Verlustleistung in der magnetisch-elektrischen Umlaufgetriebestufe
von der Kühlstrategie abhängig ist. Eine Erhöhung des Kühlölvolumenstroms führt hierbei
zunächst zu einer Verringerung der auftretenden Verluste, da der Betrieb bei einer niedrige-
ren Temperatur stattfindet und so die Strom- und Stromwärmeverluste geringer ausfallen.
Ab einem bestimmten, für jeden Arbeitspunkt spezifischen Ölvolumenstrom ist zu erwarten,
dass sich die auftretenden Verluste wieder erhöhen, da dann zusätzliche Reibung durch
Ölscherung in den elektrischen Luftspalten der Maschine auftritt. Der Kühlölvolumenstrom
ist damit ein weiterer wichtiger Parameter für den Betrieb der magnetisch-elektrischen
Umlaufgetriebestufe, der für den jeweiligen konkreten Anwendungsfall optimiert werden
kann. Weitere Erkenntnisse sind schließlich noch bei der Komplettintegration eines solchen
Getriebes in einen Traktor zu erwarten, da erst dann dessen Fahrverhalten subjektiv beur-
teilt werden kann. Bis zu diesem Punkt besteht noch ein großer Forschungsbedarf.
Herausforderungen treten hierbei insbesondere in der konstruktiven Realisierung des Mo-
dulationsrings, der Magnetanordnung des Innenrotors sowie der Wicklung des Stators
auf. Hier besteht ein sehr großes Lösungsfeld unzähliger konstruktiver Möglichkeiten,
deren Einfluss auf die Gesamtkonstruktion noch zu untersuchen ist. Das Unternehmen
Magnomatics Limited hält derzeit Patente für den Einsatz einer magnetisch-elektrischen
Umlaufgetriebestufe in Fahrzeuggetrieben. Davon unberührt bleibt das Forschungs- bzw.
Versuchsprivileg 11 Abs.2 PatG), welches die Untersuchungen im Rahmen dieser For-
schungsarbeit abdeckt.
Aus allen zukünftig zu erwartenden Erkenntnissen im behandelten Fachgebiet ergibt sich
die Chance, ein innovatives und hoch integratives Getriebekonzept für den Einsatz in einem
landwirtschaftlichen Fahrzeug zu entwickeln, welches im Rahmen der immer strenger wer-
denden Abgasvorschriften Möglichkeiten zur Kraftstoffeinsparung und Potenzial für einen
niedrigeren Gesamtenergiebedarf bei der industriellen Erzeugung von Nahrungsmitteln bie-
tet. Im Hinblick auf den steigenden Nahrungsmittelbedarf einer steigenden Weltbevölkerung
137
5 Zusammenfassung und Fazit
mit sich verändernden Ernährungsgewohnheiten und einer aufstrebenden Biomasseprodukti-
on zur Energiegewinnung [Paw08] ergibt sich damit die Chance, einen signifikanten Beitrag
zur Nachhaltigkeit bei der Deckung dieser Bedarfe zu leisten. Aus den erwähnten weiteren
Forschungsfragen und Forschungsschwerpunkten sollte der Fokus auf die Betrachtung zu-
sätzlicher alternativer Konzepte sowie deren softwaremäßige Integration gelegt werden. In
der Abstimmung innerhalb des Gesamtfahrzeuges wird das größte Potenzial für Energieein-
sparung erwartet. Mit dem im Rahmen dieser Arbeit vorgestellten Konzept ergibt sich eine
hohe Flexibilität. Es ist die Aufgabe zukünftiger Forschungsvorhaben, diese Flexibilität
durch eine detaillierte und intelligente Abstimmung innerhalb des Energiemanagements des
Gesamtfahrzeugs derart zu nutzen, dass deren volles Potenzial ausgeschöpft werden kann.
Auf diese Art können die oben beschriebenen Chancen Realität werden.
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146
A Rückführung der Gleichung 2.5 auf
die WILLIS-Gleichung
Gleichung 2.5, die für i0<0gültig ist, lautet:
N1
N3
1+N2
N3
23= 0 (A.1)
Hierin sind
N1Polpaarzahl des inneren Rotors
N3Polpaarzahl des äußeren Rotors
N2Anzahl der ferromagnetischen Segmente des modulierenden Rings
1Drehzahl des inneren Rotors
3Drehzahl des äußeren Rotors
2Drehzahl des modulierenden Rings
1. Fall: i0<0
Sei i0<0, woraus wie in Unterabschnitt 2.1.5 beschrieben direkt folgt:
N2=N1+N3(A.2)
Eingesetzt in Gleichung A.1 ergibt sich damit:
N1
N3
1+N1+N3
N3
23= 0 (A.3)
Erweitert man nun den mittleren Bruch in Gleichung A.3 und setzt anschließend noch
i0=N3
N1
<0(A.4)
in Gleichung A.3 ein, so folgt:
N1
N3
1+(︃N1
N3
+N3
N3)︃23= 0 (A.5)
N1
N3
1+(︃N1
N3
+ 1)︃23= 0 (A.6)
1
i0
1+(︃1
i0
+ 1)︃23= 0 (A.7)
147
A Rückführung der Gleichung 2.5 auf die WILLIS-Gleichung
Multiplikation mit i0liefert:
1+ (i01)Ω2i03= 0 (A.8)
1i03(1 i0)Ω2= 0 (A.9)
Ersetzt man jetzt noch die Variablen 1,3und 2durch deren bei mechanischen Plane-
tensätzen übliche Variablen n1,n2und ns, so erhält man
n1i0n2(1 i0)ns= 0 (A.10)
2. Fall: i0>0, p3> p1
Gleichung 2.5 muss für Betrachtung von
i0>
0aus Überlegungen zur Überlagerung von
Standübersetzung und Umlaufübersetzung modifiziert werden zu:
N1
N3
1+N2
N3
23= 0 (A.11)
Aus i0>0folgt hier wiederum
N2=|N1N3|(A.12)
wovon im zweiten Fall N3> N1und damit
N2=|N1N3|=N3N1(A.13)
betrachtet wird. Hierdurch ergibt sich:
N1
N3
1+N3N1
N3
23= 0 (A.14)
Erweitert man nun den mittleren Bruch in Gleichung A.14 und setzt anschließend noch
i0=N3
N1
>1(A.15)
in Gleichung A.14 ein, so folgt:
N1
N3
1+(︃N3
N3
N1
N3)︃23= 0 (A.16)
N1
N3
1+(︃1N1
N3)︃23= 0 (A.17)
1
i0
1+(︃11
i0)︃23= 0 (A.18)
Multiplikation mit i0liefert:
1+ (i01)Ω2i03= 0 (A.19)
1i03(1 i0)Ω2= 0 (A.20)
Ersetzt man jetzt noch die Variablen 1,3und 2durch deren bei mechanischen Plane-
tensätzen übliche Variablen n1,n2und ns, so erhält man
n1i0n2(1 i0)ns= 0 (A.21)
148
3.Fall: i0>0, p3< p1
Analog zum 2. Fall ergibt sich nach Modifikation von Gleichung 2.5 für die Betrachtung von
i0>
0aus Überlegungen zur Überlagerung von Standübersetzung und Umlaufübersetzung:
N1
N3
1N2
N3
23= 0 (A.22)
Mit dem aus i0>0folgenden
N2=|N1N3|(A.23)
folgt im dritten Fall N3< N1und damit
N2=|N1N3|=N1N3(A.24)
Hierdurch ergibt sich: N1
N3
1N1N3
N3
23= 0 (A.25)
Um in Analogie zum 2. Fall arbeiten zu können, wird hier die Definition der Standübersetzung
umgekehrt und
i0=N3
N1
>0(A.26)
gesetzt. Nach Erweiterung des mittleren Bruchs in Gleichung A.25 folgt damit direkt:
N1
N3
1(︃N1
N3
N3
N3)︃23= 0 (A.27)
N1
N3
1(︃N1
N3
1)︃23= 0 (A.28)
1
i0
1(︃1
i0
1)︃23= 0 (A.29)
Multiplikation mit i0liefert:
1(1 i0)Ω2i03= 0 (A.30)
1i03(1 i0)Ω2= 0 (A.31)
Ersetzt man wie oben die Variablen
1
,
3
und
2
durch deren bei mechanischen Planeten-
sätzen übliche Variablen n1,n2und ns, so erhält man
n1i0n2(1 i0)ns= 0 (A.32)
149
B Anforderungsliste
151
B Anforderungsliste
Projekt
Projektleiter
1
Funktion
FF
1.1
Anfahren
mit aktivem Stillstand, nicht seriell
FF
1.2
Drehrichtungsumkehr
unabhängig vorgeschaltet
FF
1.3
Variator
2 Stufen
FF
1.4
Schaltvorgänge
FF
1.5
Schaltstrategie
FF
1.6
Anzahl magnetisch-elektrischer
Dreiwellenumlaufgetriebestufen
1
2
Leistung, Drehzahl, Drehmoment
MF
2.1
Maximalleistung Verbrennungsmotor
114 kW
MF
2.2
Maximaldrehmoment Verbrennungsmotor
724 Nm
HF
2.3
Nenndrehzahl Verbrennungsmotor
HF
2.4
Maximaldrehzahl Verbrennungsmotor bei 80 km/h
(Missbrauch)
3000 min
-1
MF
2.5
Zusatzleistung Verbrennungsmotor
30 kW
MF
2.6
Fahrzeuggeschwindigkeit für proportionale
Verfügbarkeit Zusatzleistung
20 bis 24 km/h
MF
2.7
Mindestgeschwindigkeit volle Verfügbarkeit
Zusatzleistung
24 km/h
HF
2.8
Maximalleistung direkt verbundene elektrische
Maschine
100 kW
HF
2.9
Maximaldrehmoment direkt verbundene elektrische
Maschine
185 Nm
FF
2.10
Nenndrehzahl direkt verbundene elektrische Maschine
5500 min
-1
HF
2.11
Maximalleistung integrierte elektrische Maschine
100 kW
HF
2.12
Maximaldrehmoment integrierte elektrische Maschine,
beliebige Stelle
950 Nm
HF
2.13
Maximalfrequenz elektromagnetisches Feld integrierte
elektrische Maschine
83 Hz
HF
2.14
Maximale Relativdrehzahl drehende Komponenten
integrierte elektrische Maschine
1500 min
-1
3 Traktordaten
MF 3.1 Traktorgewicht
MF 3.2 Radius Hinterreifen 1,0 m
4 Traktion
MF 4.1 Reibbeiwert zwischen Reifen und Untergrund
FF 4.2 Übersetzungsverhältnis Endantrieb 6,4
FF 4.3 Übersetzungsverhältnis Kegeltrieb
5 Öl
MF 5.1 Öleintrittstemperatur 80 °C
HF 5.2 Maximal zulässige Öltemperatur
FF 5.3 Schmierstoff nach John Deere Werksnorm J20C
11.750 kg
nur ohne Drehzahlanpassung von Zwischenwellen
(echt nahtlos), zugkraftunterbrechungsfrei
Anforderungsliste
FF = Festforderung
BF = Bereichsforderung
ZF = Zielforderung
MF = Mindestforderung
HF = chstforderung
W = Wunsch
2100 min-1
120 °C
0,635
4,154
Werte, Daten, Erläuterungen
M. Lang
Wechsel der Gänge beliebig untereinander
jederzeitglich
magnetisch-elektrisch leistungsverzweigtes
Stufenlosgetriebe
Anforderungen
Nr.
Bezeichnung
152
C Herleitung der Drehrichtungen der
WOLF-Schemata
Auf den folgenden Seiten ist für jedes der drei WOLF-Schemata und für jedes Schema für
beide Möglichkeiten der Wahl der Ausgangswelle für den Anfahrgang die Ermittlung der
Drehrichtungen gezeigt. Am Verbrennungsmotor (Engine) wird im ersten Schritt immer eine
positive Drehrichtung angetragen, wie in Unterabschnitt 3.2.1 dargelegt ist. Gleichermaßen
wird an der gewählten Ausgangswelle im ersten Schritt die Drehzahl 0 angetragen. Diese
Drehzahlen werden über feste Verbindungen fortgeführt, da sie sich an diesen Stellen fester
Verbindungen nicht ändern können. Im zweiten Schritt werden dann die Drehrichtungen
an den Umlaufgetrieben festgelegt, an denen zwei Drehrichtungen bekannt sind. Sind an
einer Umlaufgetriebestufe zwei Drehrichtungen bekannt, so kann die dritte in den meisten
Fällen daraus bestimmt werden. Die so bestimmte Drehrichtung wird anschließend wieder
über alle festen Verbindungen fortgeführt. Im dritten Schritt, der nicht für alle Konzepte
nötig ist, wird dann nochmals analog Schritt 2 die Drehrichtung an der ggf. noch übrig
gebliebenen Umlaufgetriebestufe bestimmt. Damit sind alle Drehrichtungen bestimmt.
153
C Herleitung der Drehrichtungen der WOLF-Schemata
WOLF-Schema 1.1:
(a) Welle OUT1 als Anfahrgang (b) Welle OUT2 als Anfahrgang
Schritt 1: Antragen der Drehrichtungen von Verbrennungsmotor und Ausgang
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
00
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
00
Schritt 2: Ermitteln der Drehrichtungen an Umlaufgetriebestufen und Fortführung (1)
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
00
++
+
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
00
+
+ +
Schritt 3: Ermitteln der Drehrichtungen an Umlaufgetriebestufen und Fortführung (2)
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
00
++
+
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
00
+
+ +
+
154
WOLF-Schema 2.1:
(a) Welle OUT1 als Anfahrgang (b) Welle OUT2 als Anfahrgang
Schritt 1: Antragen der Drehrichtungen von Verbrennungsmotor und Ausgang
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
00
+
++
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
++
Schritt 2: Ermitteln der Drehrichtungen an Umlaufgetriebestufen und Fortführung (1)
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
00
+
+
+
+
MG
Engine
OUT2
OUT1
+
0
+
++
+
+
Schritt 3: Ermitteln der Drehrichtungen an Umlaufgetriebestufen und Fortführung (2)
MG
Engine
OUT2
OUT1
+
0
+
+
+/
+
+
+
155
C Herleitung der Drehrichtungen der WOLF-Schemata
WOLF-Schema 2.2:
(a) Welle OUT1 als Anfahrgang (b) Welle OUT2 als Anfahrgang
Schritt 1: Antragen der Drehrichtungen von Verbrennungsmotor und Ausgang
MG
Engine
OUT2
OUT1
+
+ +
0 0
0
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
+ +
Schritt 2: Ermitteln der Drehrichtungen an Umlaufgetriebestufen und Fortführung (1)
MG
Engine
OUT2
OUT1
+
+ +
0 0
0
+
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
+ +
+
+
+
Schritt 3: Ermitteln der Drehrichtungen an Umlaufgetriebestufen und Fortführung (2)
MG
Engine
OUT2
OUT1
0
+
+ +
+/
+
+
+
156
(Leerseite zur Druckproduktion)
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