scieee Science in your language
[en] (orig)
Gisela
Ecker
uDie
unversiegbare
Milch":
Weiblichkeitsimagination
und
die Figur der archaischen Mutter
Eine
ganze
Reihe
von
Linien
laufen
in
diesem
Text
zusammen:
meine
Arbeit
an
den
Werken
von
Autorinnen
der
Moderne,
bei
denen
ein
narzißtisches
Weiblichkeitsideal
auftaucht,
zahlreiche
Seminare
über
Zusammenhänge
von
Weiblichkeit
und
Schritt,
die
Diskussion
von
Kristevas
"Stabat
mater
..
mit
Gruppen
von
Studie-
renden
in
verschiedenen
Ländern,
die
Lektüre
von
"Wie
weibliche
Freiheit
entsteht",
zu
der
mich
meine
Studentinnen
mit
sanfter
Gewan
zwangen
und
meine
Beunruhigung
über
die
Suche
nach
Identifikationsfiguren
und
..
Müttern·'
auch
innerhalb
der
insitutiona-
fisierten
Frauenforschung.
Ich
hätte
es
lieber,
wenn
jede
Frau
für
sich
selbst
ihre
Position
in
kritischer
Auseinandersetzung
findet,
anstatt
sich
an
Figurationen
mit
einer
gewissen
kollektiven
Sog-
wirkung
zu
heften,
doch
wird
mir
gesagt,
daß
ich
es
mir
damit
zu
leicht
mache
...
weshalb
ich
jetzt
auch
an
die
Arbeit
gehe
...
Mit
der
Frage
nach
dem
Bezug
von
Weiblichkeitsimagination
zu
~iner
archaischen
Mutterfigur
begebe
ich
mich
auf
ein
Feld
der
Uberschneidung
zwischen
Literatur-
bzw.
Kulturwissenschaft
und
Psychoanalyse.
Die
"Mutter",
von
der
hier
die
Rede
sein
wird,
ist
nicht
die
Mutter
im
biologischen
oder
soziologischen
Sinn!
son-
dern
als
Teil
der
psychischen
Konstitution
des
Selbst
eine
ima-
ginäre
Figur,
die
es
in
der
Realität
nicht
geben
kann.
Aus
der
Fülle
von
Entwürfen,
die
sich
auf
unterschiedliche
Modellvorsteilungen
menschlicher
Psyche
berufen,
kann
ich
hier
nur
einige
heraus-
greifen.
Seit
den
Untersuchungen
der
Zusammenhänge
von
63
Weiblichkeit
und
Schrift
durch
die
französischen
Theoretikerinnen
in
den
siebziger
Jahren
besitzt
die
archaische
Mutter
einen
festen
Platz
in
der
feministischen
Diskussion.
ln
der
inzwischen
geläufi-
gen
Rede
vom
Spannungsfeld
zwischen
dem
Lexikon
des
Vaters
und
dem
Körper
der
Mutter
(in
Nachfolge
und
Abwandlung
von
Freud
und
Lacan
formuliert)
repräsentiert
sie
das
Begehren
nach
Ganzheit
und
symbiotischer
Verschmelzung,
nach
einem
unge-
trübten
Zustand
-
des
primären
Narzißmus
-
noch
vor
der
Sche~
dung
in
ich/nicht
ich
und
noch
vor
der
Trennung
durch
das
väterli-
che
Gesetz.
An
dieser
Mutter
werden
im
feministischen
Diskurs
ganz
unterschiedliche
Hoffnungen
geknüpft,
deren
Spur
ich
nun
verfolgen
möchte.
An
einigen
Stellen,
wie
bei
Cixous
oder
lrigaray,
ist
diese
Spur
deutlich
erkennbar,
an
anderen
bleibt
sie
eher
ver-
steckt
und
unbewußt
aber
nicht
weniger
wirksam,
wie
zum
Bei-
spiel
bei
dem
Frauenbild,
das
gerne
von
denjenigen
konstruiert
wird,
die
eine
weibliche
Genealogie
von
Ahninnen
erstellen,
die
den
Bedürfnissen
nach
Idealität
entgegenkommt.
Diese
Spur
läßt
sich
auch
leicht
ein
Stück
zurückverfolgen,
bis
zu
den
ersten
Frauen
um
Freud,
die
sich
mit
dem
in
den
siebziger
Jahren
so
aktuell
gewordenen
Thema
von
Weiblichkeit
und
Kreativität
befaßt
haben.
I.
Sie
hat "mit
dem
kleinen Finger die
ganze
Hand"
Über
Lou
Andreas-Salomes
(
1861-1937)
Beziehungen
zu
be-
rühmten
Männern
wie
Nietzsche,
Rilke,
Ree,
Tauskund
anderen
ist
mehr
geschrieben
worden
als
über
ihre
Texte,
vor
allem,
weil
sich
ihr
Verhalten
unmißverständlich
als
provokativ
empfunden
über
die
konventionellen
Erwartungen
an
Frauen
hinwegsetzte.
Es
existieren
viele
klischeehafte
Bilder
von
ihr
als
''femme
fatale,.
ver-
schiedener
Intellektuellen-Kreise
der
Jahrhundertwende,
die
sich
zwar
auf
eine
Fülle
von
Daten
über
ihr
echt
widersprüchliches
Le-
ben
stützen
können,
jedoch
ohne
eine
Würdigung
ihrer
Leistungen
als
Verfasserin
religionsphilosophischer,
literaturkritischer,
psy-
choanalytischer
und
literarischer
Schriften
bleiben
diese
Bilder
al-
lenfalls
einseitig.
Als
Lou
Andreas-Salomä
Freud
kennenlernte,
war
sie
bereits
50
64
Jahre
alt
und
hatte
sich
schon
im
Eigenstudium
mit
der
Psycho-
analyse
befaßt.
Von
1912
an,
nachdem
sie
Zutritt
zu
Freuds
Mitt-
wochabend-Kollegs
erhalten
hatte,
wurde
die
Psychoanalyse
zu
ihrem
Hauptinteresse
und
führte
später
zu
einer
Betätigung
als
Laienanalytikerin
mit
eigener
Praxis.
tn
den
Jahren
1913
bis
1921
verfaßte
sie
eine
Reihe
psychoanalytischer
Schriften
für
"Imago
..
und
die
"Zeitschrift
für
Sexualwissenschaft".
Ihre
Schrift
"Mein
Dank
an
Freud"
und
zwei
Kapitel
ihrer
Autobiographie
"Lebensrückblick"
sind
Freud
gewidmet,
und
auch
die
aus
dem
Nachlaß
veröffentlichten
Aufzeichnungen
über
ihre
psychoanalyti-
schen
Aktivitäten
der
Jahre
191211913,
"ln
der
Schule.bei
Freud"
und
der
rege
Briefwechsel
mit
Freud
von
1912-1936
geben
ein
Bild
von
der
intensiven
und
eigenwilligen
Auseinandersetzung
mit
der
neuen
Lehre.
Im
Vergleich
zu
den
anderen,
mehr
wissenschaftlich-analytisch
ausgerichteten
Frauen
um
Freud
nahm
Salome
eine
Sonderstel-
lung
ein,
was
wohl
auch
mit
ihrem
Alter
und
ihrem
Ruf
zu
tun
hatte.
Freud,
der
sie
"Versteherin
par
excellence''
(Freud
1966
S.
311)
nannte,
begegnete
ihr
mit
einer
Mischung
aus
väterlicher
Nachsicht
und
gentlemanhafter
Galanterie.
Für
sie
blieb
er
der
Herr
Professor,
für
ihn
war
sie
erst
die
gnädige
Frau,
dann
die
"Liebst
Frau
Lou",
der
er
ketzerische
Äußerungen
{die
bekannter-
maßen
bei
ihm
zum
Ausschluß
führen
konnten)
mit
liebenswürdi-
ger
Geste
durchgehen
ließ.
Zwar
betont
sie
explizit
immer
wieder)
sie
bewege
sich
völlig
auf
dem
Boden
von
Freuds
Lehre~
blicke
lediglich
frauentypisch
eher
auf
das
Ganze
und
nicht
auf
das
ana-
lytische
Detail,
jedoch
nimmt
sie
dabei
wesentliche
Akzentver-
Schiebungen
vor,
allem
voran
in
ihren
Anschauungen
zum
Nar-
zißmus.
Dem
Fraudsehen
Ansatz
gemäß
hat
das
reife
Individuum
die
Selbstliebe
zugunsten
der
Objektliebe
aufzugeben,
die
eine
Li-
bidoform
in
die
andere
umzuwandeln
(Freud
1914).
Salome
dage-
gen
findet
in
vielen
Lebensäußerungen
der/des
Erwachsenen
den
Ausdruck
von
ursprünglicher
Selbstliebe,
so
in
der
Liebe,
im
künstlerischen
Werk
und
im
weiblichen
Geschlecht.
Sie
wertet
den
primären
Narzißmus
grundsätzlich
auf
und
setzt
sich
wortreich
65
Advertisement
dafür
ein.
ln
unserem
Zusammenhang
interessieren
vor
allem
ihre
Weiblichkeitsbestimmungen.
Zwar
folgt
sie
Freuds
Ansichten
insofern,
als
sie
eine
"geringere
Differenziertheit"
{1914
S.
7)
im
weiblichen
Geschlecht
annimmt,
jedoch
mit
der
üblichen
pejorati-
ven
Bewertung
will
sie
sich
nicht
zufriedengeben,
sondern
erkennt
darin
eine
"Wiederherstellung
von
Ehemaligem
auf
höherem
Ni-
veau"
(ebd.).
"Das
Weibliche
ist
zu
definieren
als
das,
was
mit
dem
kleinen
Finger
allein
die
ganze
Hand
bereits
hat..
(
1914
S.
10);
das
Weib,
wie
sie
es
nennt,
sei
"ins
Urnarzißtische
zurückge-
rundet'·
(1921
S.
370),
ihr
Erleben
von
liebe
bewahre
"jene
uran-
fängliche
Verschmelzung
mit
dem
Ganzen,
darin
wir
ruhten,
ehe
wir
selber
uns
gegeben
waren."
(1914
S.
11).
Die
Begriffe,
die
sie
für
ihre
Aufwertung
des
weiblichen
Narzi
ßmus
findet,
wie
"Rückbeziehung
auf
Konjugierendes,
Verschmelzendes"
(1921
S.
362),
"Wiederverschmelzung
mit
allem
als
positive(s)
Grundziel
der
Libido'•
(S.
363t
"Wollustt
sich
selber
zu
überrennen,
sich
nicht
als
Ich
im
Wege
zu
stehen
beim
beseeligenden
Wiedererleben
noch
ichfremden
Urzustandes"
(S.
369),
zeigen
deutlich,
daß
es
sich
um
einen
Zustand
der
Einheit
mit
der
archaischen
Mutter
handelt,
obwohl
sie
in
diesem
Zusammenhang
selten
den
Begriff
der
Mutter
verwendet1).
Bereits
vor
der
Begegnung
mit
Freud
hatte
sie
von
der
"glückseligen
Einheitlichkeit"
(1899
S.
292)
des
Weibes
gespro-
chen;
indem
diese
··selbst
ein
Ganzes,
heimkehrt
zum
Ganzen,
ist
es
ähnlich,
als
durchlebe
sie
einen
uratten
Traum
(
...
)
aus
ur-
grauen
Zeiten,
in
denen
sie
noch
Alles
in
Allem,
-
in
denen
sie
noch
Alles
mit
Allem
war."
(1988
S.
306)
Mit
der
Psychoanalyse
bediente
sie
sich
dann
eines
Beschreibungssystems,
mit
dem
sie
ihre
Ansichten
über
Weiblichkeit
argumentativ
zu
begründen
ver-
suchte,
mit
dem
grundlegenden
Unterschied
jedoch,
daß
sie
aus
dem
sogenannten
weiblichen
Defizit
eine
Qualität
machte,
aus
dem
Mangel
eine
Fülle,
die
sich
dadurch
einstellt,
daß
in
der
nar-
zißtischen
Rückwendung
ein
sonst
nicht
verfügbares
psychisches
Reservoir
zugänglich
gemacht
wir.
Das
weibliche
Geschlecht
ist
demnach
für
Saloll'lE!
das
genußfähigere,
harmonischere,
mit
IIder
ganzen
Breite
des
Ubidobesitzes"
(1917
S.
177)
ausgestattete
66
und
zudem
durch
die
Gebärtähigkeit
"mit
einem
Ineinanderspiel
der
verschiedenen
gerichteten
menschlichen
Tendenzen
be-
schenkt,
das
der
Mann
sich
erst
vom
Geist
aus
erarbeiten
muß'."
(S.
180)2)
Es
ist
eine
Menge
Übersetzungsarbeit
nötig,
um
durch
ihren
mit
Kompositabildungen
überfrachteten
Stil
hindurch
das
Vorauswei-
sende
mancher
ihrer
Ideen
zu
erkennen,
das
vor
allem
in
ihrem
Beharren
auf
der
Differenz
der
Geschlechter,
der
Aufwertung
des
primären
NarzißmusSJ
und
in
ihrer
Behandlung
des
Präödipalen
liegt.
Vieles
davon
kehrt
in
der
zeitgenössischen
Diskussion
wie-
der,
zwar
mit
anderem
Vokabular,
jedoch
nicht
weniger
betörend.
Die
Parallelen
zur
heutigen
Debatte
hören
allerdings
an
der
Stelle
auf,
wo
es
um
weibliches
Künstlerturn
geht.
Denn
für
Salome
ist
dieses
in
ihrer
Weiblichkeit
ruhende
Wesen
selbst
einem
künstle-
rischen
Akt
vergleichbar,
während
es
die
Aufgabe
des
männlichen
Künstlers
sei,
daß
er
"in
Werken
schafft,
was
das
Weib
von
sei-
nem
Wesen
aus
ist."
(1914
S.
13)
Ihre
einzig
mögliche
Kulturtat
sei
das
Kind:
"Damit
ist
dem
Weiblichen
ein
Kulturwert
von
sich
aus
und
unabhängig
gegeben,
daß
es
analog
(
...
)
dem
Sinn
des
Geistesschöpferischen
wirken
kann."
(ebd.)
Freuds
These
von
der
Unfähigkeit
des
Weiblichen
zur
Kultur
wird
damit
nachvollzogen
und
gleichzeitig
entschärft.
(Salome
selbst
hat
mehrfach
beteuert,
ihre
Romane
nur
zum
Gelderwerb
veröffentlicht
zu
haben
und
ihre
künstlerische
Tätigkeit
gegenüber
ihrem
übrigen
Schrifttum
abge-
wertet.)
Ihre
Auffassung,
daß
das
männliche
Künstlerturn
seine
Energien
aus
der
Rückwendung
zum
Präödipalen
bezieht~
läßt
allerdings
bereits
eine
Spur
zu
Kristevas
Behandlung
männlicher
Avantgardekünstler
aufscheinen.
Lou
Andreas-Salome
füJJt
eine
Leerstelle
in
der
frühen
Psycho-
analyse,
indem
sie
das,
was
in
den
dortigen
Weiblichkeitsbestim-
mungen
als
geringere
Differenziertheit,
als
mangelhafte
Ablösung
von
der
Mutter,
auch
als
bisexuelle
Rätselhaftigkeit,
kurz
ange-
deutet
und
ex
negativo,
als
Abweichung
vom
normgebenden
männlichen
Geschlecht,
definiert
ist,
mit
fnhaften
füllt,
einen
weib-
lichen
Narzißmus
mit
vielen
schOnen
Worten
verKlärt
und
das
theoretische
Konstrukt
aus
seiner
pejorativen
Behandlung
heraus-
67
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