Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten
des Hochgeschwindigkeitsverkehrs
vorgelegt von
Diplom-Ingenieur
Tobias Hauswald
aus Berlin
von der Fakultät V – Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften (Dr.-Ing.)
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. rer. nat. Volker Schindler (TU Berlin)
Berichter: Prof. Dr.-Ing. P. Mnich (TU Berlin)
Berichter: Prof. Dr.-Ing. W. Fengler (TU Dresden)
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 27. November 2009
Berlin 2009
D 83
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - II -
Kurzfassung
Um im intermodalen Wettbewerb des Personenfernverkehrs bestehen zu können, muss der Ver-
kehrsträger Bahn seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem Individual- und Luftverkehr unter Beweis
stellen. Ausschlaggebend für die Gewinnung hoher Anteile des Verkehrsaufkommens sind in erster
Linie attraktive Reisezeiten, welche nur über hohe Betriebsgeschwindigkeiten realisiert werden
können. Beispiele zeigen, dass genau dort nachhaltige Veränderungen des Modal Split zu Gunsten
der Bahn erreicht werden, wo hinsichtlich der Reisezeiten keine inkrementellen Verbesserungen,
sondern vielmehr ein völlig neues Angebot im Schienenpersonenfernverkehr geschaffen wird.
Schnelle und qualitativ hochwertige Produkte des spurgeführten Verkehrs setzen leistungsfähige
Fahrzeuge und aufwendig trassierte Infrastruktur voraus.
Da die für die Realisierung neuer Bahnprojekte notwendigen finanziellen Ressourcen nicht mehr
allein über Haushaltsmittel aufgebracht werden können, ist in den letzten Jahren in Europa eine
zunehmende Verschiebung von Kompetenzen und Verantwortung hin zu teilstaatlichen und privaten
Akteuren zu beobachten. Neben den Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) können bei Neubaupro-
jekten auch die Hersteller von Infrastruktur und Fahrzeugen, Banken und Fondsgesellschaften in die
Finanzierung eingebunden werden. Für deren Entscheidung über ein finanzielles Engagement inner-
halb eines bestimmten Projektes sind betriebswirtschaftliche Größen ausschlaggebend. Die Möglich-
keit eines eigenwirtschaftlichen Betriebs und der Erzielung von Betriebsüberschüssen im Fernverkehr
zur Mitfinanzierung der Anfangsinvestitionen spielt damit eine zunehmend größere Rolle.
Im Rahmen dieser Arbeit wird untersucht, ob und unter welchen Randbedingungen spurgeführter
Fernverkehr eigenwirtschaftlich durchführbar ist. Dazu werden wichtige technische, betriebliche und
finanzmathematische Parameter auf Kosten- und Erlösseite identifiziert, bewertet und innerhalb
einer MS-Excel-basierten Software logisch miteinander verknüpft. Für die Berechnung des zu erwar-
tenden Verkehrsaufkommens in Abhängigkeit der Qualität des Angebotes aller Verkehrsträger wer-
den Gesetzmäßigkeiten des Reisendenverhaltens mathematisch abgebildet. Zur Ermittlung der
wichtigsten Einflussgrößen werden die Kostentreiber dargestellt. Auswirkungen einzelner betriebli-
cher Maßnahmen auf den Projekterfolg können ebenso simuliert werden, wie eine Veränderung der
gesellschafts-, ordnungs- und finanzpolitischen Rahmenbedingungen beispielsweise in Folge von
Verteuerung der Energie oder starken Zinsschwankungen. Durch Berechnung verschiedener Szena-
rien wird die Ermittlung und Bewertung von potenziellen finanziellen Risiken ermöglicht. Die Unter-
suchungen, an zwei ausgewählten Beispielstrecken gespiegelt, schließen sowohl das klassische
Rad/Schiene-System als auch Magnetschwebebahnen vom Typ Transrapid ein.
Als Ergebnis zeigt sich, dass die Stärke der Bahn im Wettbewerb der Verkehrsträger auf mittleren bis
langen, durchgehend für hohe Betriebsgeschwindigkeiten ausgebauten Verbindungen von Aufkom-
mensschwerpunkten liegt. Können auf solchen Strecken Durchschnittsgeschwindigkeiten von 150 -
200 km/h realisiert werden, reicht das generierte Aufkommen bei Marktanteilen von bis zu 50 % aus,
um nicht nur sämtliche Betriebskosten zu decken, sondern auch deutliche Betriebsüberschüsse zu
erzielen, welche wiederum eine Mitfinanzierung der Investitionen ermöglichen. Eine komplette
Finanzierung von Eisenbahninfrastruktur ohne Staatshilfen erscheint im Regelfall zwar nicht möglich,
die Beteiligung der öffentlichen Hand an den Kosten kann jedoch deutlich zurückgeführt werden.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - III -
Abstract
If rail transport is to succeed in the intermodal marketplace of long-distance passenger services, it
must prove its ability to compete against road and air transportation. The key to gaining a larger
share of traffic volume is convenient travel times – which, in turn, can be achieved only through high
operating speeds. Indeed, a number of cases have demonstrated that sustainable improvements in
the modal split in favor of rail transport have been attained only when entirely new long-distance
passenger rail services have been offered, and not through incremental enhancements. Fast and
high-quality rail transport services require efficient vehicles and an elaborate infrastructure.
As government funding is no longer sufficient on its own to finance new rail projects, responsibilities
in Europe have increasingly been shifted in recent years to partially government owned or private
actors. In addition to the rail transport companies themselves, manufacturers of infrastructure and
vehicles, as well as banks and investment firms, can be brought on board for financing new construc-
tion projects. Economic and business considerations are crucial for any of these actors when deciding
whether to participate in such projects. The ability to provide long-distance passenger transport in
the absence of subsidies – and, while doing so, to achieve an operating surplus that can be applied to
the initial investment – has thus come to play an increasingly important role.
The present study examines whether, and under which conditions, long-distance passenger rail
services can be operated economically without subsidies. To do so, important technical, operational
and microeconomic parameters are identified, evaluated and combined into a data model and ana-
lyzed using a self-developed software application based on Microsoft Excel. To calculate the ex-
pected traffic volume in relation to the quality of available options offered by all modes of transport,
the study reproduces the principles of travelers’ behavior mathematically. Moreover, to determine
the most important influencing factors, the various cost drivers are identified. The software can
simulate both the impact of individual operational measures on a project’s success, as well as the
effects of changes in social, legal, financial and political conditions – for example as a consequence of
rising energy prices or wide fluctuations in interest rates. By calculating different scenarios, the
software can identify and evaluate potential financial risks. Of the two example routes that have
been chosen for analysis in the study, one involves the classic wheel/rail system and the other a
Transrapid-type maglev technology.
The results of the analysis show that, compared to competing modes of transportation, the strengths
of rail transport are to be found in medium- to long-range direct connections that have been de-
signed or enhanced for continuous high-speed traffic. If average speeds of 150 - 200 km/h can be
achieved on such routes, market shares of up to 50% are possible, generating sufficient traffic not
only to cover all operating costs, but also to achieve operating surpluses – which, in turn, can be
applied to the initial investment. Although it appears that financing railroad infrastructure without
any subsidies is generally not feasible, the share of total expenses borne by state and local govern-
ments can be reduced substantially.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - IV -
Inhaltsverzeichnis
Kurzfassung .................................................................................................................................. II
Abstract ...................................................................................................................................... III
Inhaltsverzeichnis ........................................................................................................................ IV
Abkürzungsverzeichnis ............................................................................................................... VII
Markenzeichen, Formelzeichen / Einheiten ................................................................................ VIII
1 Einleitung: Eigenwirtschaftlichkeit als Herausforderung für zukünftige Bahnprojekte.............. 1
2 Marktanalyse im deutschen Personenfernverkehr: Welchen Stand hat die Bahn? ................... 4
2.1 Einflüsse auf die Wahl des Verkehrsmittels ..................................................................... 4
2.1.1 Überblick ................................................................................................................... 4
2.1.2 Höhe des variablen Verkehrsaufkommens ............................................................... 9
2.1.3 Subjektive Einflüsse auf die Wahl des Verkehrsmittels .......................................... 11
2.1.4 Haupteinflussfaktoren für das Entscheidungsverhalten von Reisenden ................ 14
2.2 Analyse der Reisezeiten auf den wichtigsten deutschen Relationen für verschiedene
Verkehrsmittel ............................................................................................................. 27
2.2.1 Vorgehen ................................................................................................................. 29
2.2.2 Ergebnisse ............................................................................................................... 30
2.2.3 Interpretation der Ergebnisse ................................................................................. 33
2.3 Analyse des Reisekomforts verschiedener Verkehrsmittel ............................................. 34
2.4 Analyse der Reisepreise verschiedener Verkehrsmittel.................................................. 36
2.4.1 Reisepreise im Schienenverkehr ............................................................................. 36
2.4.2 Reisepreise im Individualverkehr ............................................................................ 38
2.4.3 Reisepreise im Luftverkehr ..................................................................................... 39
2.4.4 Reisepreise im Fernbus-Linienverkehr und bei Nutzung der Mitfahrzentrale ....... 41
2.5 Bewertung der Verkehrsmittel und Zuordnung von Zielgruppen .................................... 42
2.5.1 Geschäftsreisende................................................................................................... 43
2.5.2 Urlaubsreisende ...................................................................................................... 43
2.5.3 Freizeitreisende ...................................................................................................... 44
2.5.4 Reisende im Berufs- und Ausbildungsverkehr ........................................................ 44
2.6 Europäischer und weltweiter Vergleich ......................................................................... 45
2.6.1 Frankreich ............................................................................................................... 46
2.6.2 Großbritannien ....................................................................................................... 48
2.6.3 Spanien ................................................................................................................... 49
2.6.4 USA/Kanada ............................................................................................................ 52
2.6.5 Japan ....................................................................................................................... 55
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - V -
2.7 Zusammenfassung: Empfehlungen zur aufkommensoptimierten Gestaltung von
Bahnangeboten............................................................................................................ 58
3 Kostenstrukturen im Fernverkehr: Ein Vergleich der Verkehrsträger .................................... 63
3.1 Verkehrsträger Straße .................................................................................................. 65
3.1.1 Individualverkehr .................................................................................................... 65
3.1.2 Busfernverkehr ....................................................................................................... 65
3.2 Luftverkehr .................................................................................................................. 67
3.3 Eisenbahnfernverkehr .................................................................................................. 68
3.3.1 Besondere Eigenschaften des Systems Eisenbahn ................................................. 68
3.3.2 Kosten aus Systemsicht ........................................................................................... 71
3.3.3 Definitionen Eigenwirtschaftlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit ...... 76
3.3.4 Bedeutung von Zuschüssen .................................................................................... 78
3.3.5 Kosten aus Betreibersicht ....................................................................................... 83
3.3.6 Ergebnisse: Kostenstruktur von Rad/Schiene-Systemen ........................................ 85
3.4 Magnetbahn im Fernverkehr ........................................................................................ 86
3.5 Zusammenfassung: Kostenstruktur der Verkehrsträger ................................................. 87
4 Optimierung von HGV-Bahnprojekten in frühen Planungsphasen: Entwicklung einer
Simulationssoftware ........................................................................................................... 88
4.1 Benutzeroberfläche ...................................................................................................... 89
4.2 Einfache Betriebssimulation ......................................................................................... 91
4.3 Investitionskosten ........................................................................................................ 93
4.3.1 Ermittlung der Investitionskosten .......................................................................... 95
4.3.2 Reinvestitionen ....................................................................................................... 97
4.4 Betriebskosten ............................................................................................................. 99
4.4.1 Instandhaltung ...................................................................................................... 100
4.4.2 Energie .................................................................................................................. 101
4.4.3 Betriebspersonal ................................................................................................... 102
4.4.4 Sonstige Betriebskosten ....................................................................................... 103
4.5 Ermittlung des zu erwartenden Aufkommens .............................................................. 104
4.5.1 Erstellung eines mathematischen Modells .......................................................... 106
4.5.2 Kalibrierung und Verifizierung des Modells durch vorhandene Daten ................ 110
4.5.3 Zusammenhang zwischen berechnetem Aufkommen und Kantenbelastung ...... 113
4.6 Erlöse ......................................................................................................................... 114
4.7 Finanzierung ............................................................................................................... 115
4.7.1 Anzuwendende Rechenverfahren ........................................................................ 115
4.7.2 Wahl der Projektlaufzeit ....................................................................................... 118
4.7.3 Darstellung der Finanzkennziffern und Diagramme ............................................. 118
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - VI -
4.8 Auswahlbox ................................................................................................................ 119
4.9 Datenausgabe (Kennzahlen und Diagramme) ............................................................... 120
5 Simulationsergebnisse: Chancen des Verkehrsträgers Bahn ................................................. 124
5.1 Auswahl von Beispielstrecken ..................................................................................... 124
5.1.1 (Hamburg –) Berlin – Dresden – Prag – Wien – Bratislava – Budapest ................ 124
5.1.2 Köln/Düsseldorf – Dortmund – Bielefeld – Hannover – Berlin (– Warschau)....... 128
5.2 Zusammenfassung der Simulationsergebnisse ............................................................. 130
5.3 Linienführung.............................................................................................................. 133
5.3.1 Alternative Anbindung von Köln oder Düsseldorf ............................................... 134
5.3.2 Verlängerung der Strecke Köln/Düsseldorf – Berlin nach Warschau ................... 134
5.3.3 Verlängerung der Strecke Berlin – Budapest im Norden nach Hamburg ............. 135
5.3.4 Führen der Magnetbahnstrecke über Leipzig ....................................................... 135
5.4 Bedeutung verschiedener Parameter für die Wirtschaftlichkeit von
Hochgeschwindigkeitsbahnen ..................................................................................... 136
5.4.1 Zinsschwankungen innerhalb der Projektlaufzeit ................................................. 136
5.4.2 Subventionen / Zuschüsse .................................................................................... 137
5.4.3 Automatischer Betrieb .......................................................................................... 138
5.4.4 Abweichen der realisierbaren Nachfrage von den Planungen ............................. 139
5.4.5 Angenommenes Preismodell ................................................................................ 140
5.4.6 Höhe und Planungssicherheit der Investitionskosten .......................................... 141
5.4.7 Neue Finanzierungs- und Beteiligungsmodelle für Eisenbahninvestitionen ........ 142
5.4.8 Verlängerung der Bauzeit und Verkürzung der Betriebszeit ................................ 144
5.4.9 Losgrößeneffekte für Fahrzeuge und Infrastruktur .............................................. 145
5.4.10 Auslegung der Betriebsgeschwindigkeit ............................................................... 145
5.5 Zukunftsprognosen zur Entwicklung von HGV-Projekten .............................................. 146
5.5.1 Entwicklung der Personalkosten ........................................................................... 147
5.5.2 Weiteres Steigen der Energiepreise ..................................................................... 148
5.5.3 Einfluss der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung ....................... 148
5.5.4 Entwicklung der Reisezeiten ................................................................................. 150
5.5.5 Maut für Autobahnen und Stadteinfahrten ......................................................... 150
5.5.6 Kerosinsteuer und Umsatzsteuerpflicht für den Luftverkehr ............................... 151
5.5.7 Einflüsse der Infrastrukturpolitik .......................................................................... 151
6 Fazit: Kann spurgeführter Verkehr eigenwirtschaftlich stattfinden? ..................................... 152
Literaturverzeichnis ................................................................................................................... 155
Abbildungen und Abbildungsverzeichnis ......................................................................... s. Anhang
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - VII -
Abkürzungsverzeichnis
ABS Ausbaustrecke
ADAC Allgemeiner Deutscher Automobil-
Club
AfA Abschreibung für
Anlagevermögen
AVE Alta Velocidad Espana (Bezeich-
nung des Hochgeschwindigkeits-
produktes in Spanien)
BEV Bundeseisenbahnvermögen
BIP Bruttoinlandsprodukt
BSchwAG Bundesschienenwege-
ausbaugesetz
DB AG Deutsche Bahn
Aktiengesellschaft
DIN Deutsche Industrienorm
ECU European Currency Unit
EDV Elektronische Datenverarbeitung
EU Europäische Union
FFH Flora-Fauna-Habitat
G8 Gruppe der Acht
GG Grundgesetz
ggf. gegebenenfalls
ggü. gegenüber
GIF Gestor de Infraestructuras Ferrovi-
arias (Infrastrukturbetreiber in
Spanien)
GVFG Gemeindeverkehrsfinanzierungs
gesetz
HGV Hochgeschwindigkeitsverkehr
ICE InterCity Express
IFB Institut für Bahntechnik GmbH
k.A. Keine Angabe
LAV Linea Alta Velocidad (Bezeichnung
der Hochgeschwindigkeitslinien in
Spanien)
LuFV Leistungs- und Finanzierungsver-
einbarung
MA Mitarbeiter
Mio. Millionen
Mrd. Milliarden
MS Microsoft
NBS Neubaustrecke
NE-Bahnen Nichtbundeseigene Bahnen
ÖPSV öffentlicher Schienenpersonen-
verkehr
p.a. pro anno
PBefG Personenbeförderungsgesetz
Pkw Personenkraftwagen
PPP Public Private Partnership
RENFE Red Nacional de los Ferrocarilles
Espanoles (Nationales Netz spani-
scher Eisenbahnen)
RFF Réseau ferré de France
(Franzöischer Netzbetreiber)
S. Seite
s.a. siehe auch
s.o. siehe oben
SBB Schweizerische Bundesbahnen
SchwBG Schwerbehindertengesetz
SFS Schnellfahrstrecke
SNCF Société Nationale des Chemins de
fer français (Französische Eisen-
bahngesellschaft)
sog. sogenannte(r)
SPFV Schienenpersonenfernverkehr
SPNV Schienenpersonennahverkehr
TEN Transeuropäische Netze
TSI Technische Spezifikationen Inte-
roperabilität
u.U. unter Umständen
UIC Internationaler Eisenbahnver-
band
UStG Umsatzsteuergesetz
VIFG Verkehrsinfrastruktur-
finanzierungsgesellschaft
z.B. zum Beispiel
zzgl. zuzüglich
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - VIII -
Eigennamen / Markenzeichen
Air France
AirBerlin
Amtrak
BahnCard
CER
Connex
Easyjet
Germanwings
Hikari
Iberia
ICE
IFB Institut für Bahntechnik GmbH
InterConnex
InterRail
LIDL
Lufthansa
Malev
McDonald‘s
Microsoft
MS Excel
Network RailNozomi
Pendolino
Pro Bahn
RAILholding
Ryanair
SBB
SIC!
SNCF
Tchibo
TGV
Thalys
Trenitalia
UIC
UNIFE
Velaro
Veolia
Virgin Trains
Formelzeichen / Einheiten
Buskm Buskilometer
Dkm Doppelkilometer
Hz Hertz
km/h Kilometer pro Stunde
kV Kilovolt
kWh Kilowattstunde
mm Millimeter
P Personen, Personenfahrt (zur Be-
schreibung des Aufkommens
Pkm Personenkilometer
Ptkm Personentonnenkilometer
t Tonnen
tkm Tonnenkilometer
TWh Terawattstunden
V Volt
Zugkm Zugkilometer
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 1 -
1 Einleitung: Eigenwirtschaftlichkeit als Herausforderung für
zukünftige Bahnprojekte
In den vergangenen Jahren ist immer deutlicher geworden, dass aufgrund der chronisch angespann-
ten Haushaltslage Deutschlands weitere Veränderungen hinsichtlich des Staatsverständnisses zu
erwarten sind. Bereits seit den 1980er Jahren kann eine Konzentration von Bund, Ländern und Kom-
munen auf deren Kernaufgaben und damit einhergehend eine Loslösung von staatlichen Beteiligun-
gen beobachtet werden. Als Beispiel seien die Privatisierungen der großen ehemaligen
Staatsgesellschaften wie Deutsche Post oder Lufthansa, aber auch der Rückzug der Länder und
Kommunen als Betreiber von Infrastruktureinrichtungen genannt. Eine Folge davon ist, dass über
neue Infrastrukturprojekte immer stärker nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten entschie-
den wird. Der volkswirtschaftliche Nutzen allein ist nicht länger ausschlaggebend.
Mitten in diese Veränderungen fällt die (Teil-)Privatisierung der Deutschen Bahn. Zeit ihres Beste-
hens waren Eisenbahngesellschaften in Deutschland aufgrund ihres besonderen Stellenwertes in
hohem Maße an den Staat gebunden. Ende des 19. Jahrhunderts aus militärischen Überlegungen
verstaatlicht und zentralisiert, dominierte nach Ende des 2. Weltkrieges die Bedeutung der Bahn als
Rückgrat des Güterverkehrs und der allgemeinen Mobilität. Erst in den letzten Dekaden wurde der
Verkehrsträger Bahn als zukunftsfähige, ressourcen- und umweltschonende Alternative zum motori-
sierten Individualverkehr neu begriffen. Aufgrund dieser besonderen Bedeutung für den Staat erfuhr
der Bahnsektor schon immer auch eine herausragende finanzielle Behandlung. Dabei wurde und wird
nicht nur der Ausbau und Erhalt der Infrastruktur auf verschiedene Weise finanziell unterstützt,
sondern auch der laufende Betrieb.1
In der Summe lagen die Ausgaben des Bundes für die Bahn im Jahr 2005 bei 18,3 Mrd. € [1, S. 128].
Der Staat investierte somit in den letzten Jahren in die Schiene pro erbrachten Leistungskilometer
etwa siebenmal so viel wie in die Straße [2, S. 315-321]. Während die Subvention des Nahverkehrs im
Rahmen der im Grundgesetz vorgesehenen Daseinsvorsorge notwendig und auch die Bedienung der
Eisenbahnsondervermögen für die Pensionszahlungen der Eisenbahnbeamten für weitere Jahrzehnte
fest in den Bundeshaushalt einzuplanen sind, erscheint es fraglich, ob der Bund weiterhin im bisheri-
gen Maße in die Infrastruktur investiert. Als Konsequenz ist anzunehmen, dass Neubauprojekte von
Bahnverbindungen zukünftig womöglich nicht mehr in gewohntem Umfang und mit dem bestehen-
den Finanzierungsmodell realisiert werden können. Wurden neue Bahnprojekte in den letzten Jahr-
zehnten nahezu „zwangsläufig“ überwiegend durch den Bund finanziert (85 % der Investitionskos-
1 Eine Übersicht der wichtigsten Subventionsflüsse zwischen Staat und Bahn gibt Abbildung 1 wieder.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 2 -
Investitionskosten)2, nachdem sie eine angemessene Zeit im Bundesverkehrswegeplan (BVWP)
berücksichtigt worden waren, so ist zukünftig eine Beteiligung des Betreibers zu erwarten, die weit
über die bisher üblichen 15 % der Projektkosten hinausgeht. Die Beteiligung von Industrie oder
Banken an neuen Strecken in Form von Public-Private-Partnerschaften (PPP), wie im Ausland bereits
teilweise realisiert (z.B. HSL Zuid; weitere Beispiele: s. Kapitel 2.6), erscheint realistisch [3, S. 18]. Eine
Finanzierung derartiger Projekte von privater Seite bietet zusätzliche Chancen, von denen neben
dem Staat auch Bahnbetreiber und Reisende profitieren können: Die Loslösung vom Bundesver-
kehrswegeplan ermöglicht eine schnellere und flexiblere Realisierung derjenigen Projekte, welche als
ökonomisch sinnvoll eingestuft werden. Demnach werden nicht zuerst diejenigen Strecken ausge-
baut, die sich aufgrund der aktuellen Betriebsführung bereits an der Kapazitätsgrenze befinden3,
sondern solche, die ein genügend großes Aufkommenspotenzial bieten, um weitgehend eigenwirt-
schaftlich betrieben werden zu können. Die schnellere und effektivere Bauabwicklung wiederum
verlängert den für Betrieb nutzbaren Zeitraum innerhalb der Projektlaufzeit und verringert die zu
finanzierenden Baukosten.
Neue Finanzierungsformen unter Beteiligung von Dritten neben Staat und Netzbetreiber setzen
jedoch voraus, dass das Projekt eine sichere und angemessene Rendite abwirft. Viel stärker als bisher
werden sich Bahnprojekte vor ihrer Realisierung einer ökonomischen Prüfung unterziehen lassen
müssen. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass keinerlei Unterstützungen mehr von staatlicher Seite
gewährt werden und der Betreiber auf einer Strecke oder einem Streckenabschnitt sämtliche Be-
triebs- und Investitionskosten durch Fahrgelderlöse ausgleichen können muss. Vielmehr werden
Investoren denjenigen Projekten den Vorzug geben, bei denen unter Berücksichtigung aller äußeren
Umstände der Betrieb am rentabelsten erscheint, was in der Regel bedeutet, dass mit verhältnismä-
ßig geringem Aufwand ein Produkt erstellt werden kann, welches ein hohes Verkehrsaufkommen
anzieht.
2 Bisher werden bei Investitionen in das Netz, welche durch den Bundesverkehrswegeplan (BVWP) vorgesehen
sind, lediglich 15 - 18 % Eigenmittel der DB AG aufgewendet [94, S. 22; 208, S. 344]. Die übrigen Gelder wurden
vom Bund und teilweise den Ländern in Form sog. Baukostenzuschüsse oder (teilweise nicht rückzuzahlender)
zinsloser Darlehen gewährt.
3 Die bisherige Praxis sieht vor, dass Neubaustrecken nur dort einen hohen Dringlichkeitsstatus im Bundesver-
kehrswegeplan und damit Aussicht auf Realisierung erhalten, wo Verkehrsprognosen eine kapazitive Überlas-
tung dieser Strecken vorhersagen [7].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 3 -
Im Rahmen dieser Dissertationsschrift sollen die Möglichkeiten von eigenwirtschaftlich durchgeführ-
tem spurgeführtem Verkehr in Deutschland geprüft werden. Ausgehend von einer detaillierten
Analyse des deutschen Fernverkehrsmarktes4 hinsichtlich der für den Modal Split entscheidenden
Kriterien Reisezeit, Reisekomfort und Reisepreis werden dazu in Kapitel 2 der aktuelle Stand und die
Potenziale des Verkehrsträgers Bahn ermittelt. Da das erzielbare Verkehrsaufkommen einer der
wichtigsten Einflussparameter bezüglich des Wirtschaftlichkeitsgrades von Bahnprojekten ist, liegt
ein Schwerpunkt dieser Arbeit in der Analyse des Entscheidungsverhaltens der Reisenden hinsichtlich
des zu wählenden Verkehrsträgers. In Kapitel 3 werden die wesentlichen Kostenstrukturen mit denen
anderer Verkehrsträger verglichen und analysiert, inwieweit diese Kostenstrukturen systemspezifisch
festgelegt oder variabel sind. Diese Ermittlungen sollen als Grundlage von in einem späteren Schritt
zu erstellenden Vorschlägen zur betriebswirtschaftlich vorteilhaften Dimensionierung von Bahnpro-
jekten hinsichtlich technischer und betrieblicher Parameter, aber auch der möglichen Finanzierungs-
formen, verwendet werden. Durch eine im Zusammenhang mit dieser Arbeit erstellte Software zur
finanzmathematischen Simulation von Bahnprojekten (Kapitel 4) werden verschiedene Vorschläge
für zwei zu wählende Beispielstrecken auf ihre Wirksamkeit hin überprüft, aber auch die Auswirkun-
gen aktueller und zukünftig zu erwartender Trends simuliert (Kapitel 5). Dazu müssen alle hinsichtlich
der zu erwartenden Kosten und Erlöse relevanten Daten eines Bahnprojektes identifiziert, bewertet
und in einen mathematischen Zusammenhang zueinander gebracht werden. Das erstellte Gerüst
ermöglicht dann eine einfache Betrachtung verschiedener Alternativen eines Projektes aber auch
den Vergleich unterschiedlicher Projekte hinsichtlich frei wählbarer Kriterien. Darüber hinaus können
Kostentreiber ermittelt werden, um gezielt für diejenigen Parameter alternative Varianten zu unter-
suchen, welche einen bedeutenden Einfluss auf die Wirtschaftlichkeitskennziffern der betrachteten
Projekte haben.
Schließlich soll anhand verschiedener Beispielrechnungen eine Aussage darüber getroffen werden,
ob und, wenn ja, in welcher Form ein eigenwirtschaftlicher Bahnverkehr in Deutschland und Mittel-
europa möglich sein kann.
4 Der Begriff „Fernverkehr“ folgt hier der allgemeinen Definition für Reiseweiten ab 100 km.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 4 -
2 Marktanalyse im deutschen Personenfernverkehr:
Welchen Stand hat die Bahn?
Innerhalb dieses Kapitels erfolgt eine ausführliche Analyse des Personenfernverkehrsmarktes in
Deutschland. Ausgehend von einem Überblick über die Entwicklung des Marktvolumens (Ver-
kehrsaufkommen, Verkehrsleistung) werden gängige Erklärungen für die Entwicklungen innerhalb
des Verkehrsmarktes (Modal Split) beschrieben und kritisch hinterfragt. Schwerpunkt bildet eine
Charakterisierung der Bedürfnisse und des Entscheidungsverhaltens verschiedener Reisendengrup-
pen (Geschäfts-, Freizeit- und Urlaubsreisende, Pendler) und die Prüfung der Eignung einzelner
Verkehrsträger für deren jeweiligen Reisezwecke. Im Analyseteil wird ein umfangreicher Vergleich
der Verkehrsträger hinsichtlich der objektiven Angebotsqualität für alle wichtigen innerdeutschen
Relationen sowie die wichtigsten Verbindungen in die Nachbarländer durchgeführt. Das Kapitel wird
mit einem Vergleich zum Hochgeschwindigkeitsverkehr im europäischen Ausland und mit Empfeh-
lungen zur aufkommensoptimierten Gestaltung von Bahnangeboten abgeschlossen.
2.1 Einflüsse auf die Wahl des Verkehrsmittels
2.1.1 Überblick
Die Personenverkehrsleistung in Deutschland betrug in den letzten Jahren jeweils etwa 1.100 Mrd.
Personenkilometer (Pkm) [4, S. 213]. Sieben Prozent dieser Verkehrsleistung wurden auf der Schiene
erbracht, was etwa dem europäischen Durchschnitt entspricht [5, S. 5]. Mit etwa 34 Mrd. Pkm entfiel
wiederum etwas mehr als die Hälfte der Verkehrsleistung der Bahn auf den Schienenpersonenfern-
verkehr. Aus diesem Wert und dem Fernverkehrsaufkommen von 120 Mio. Personenfahrten resultie-
ren die folgenden Aussagen: Der Durchschnittsdeutsche nutzt eineinhalb Mal im Jahr den
Fernverkehr der Bahn und legt je Fahrt im Mittel 285 km zurück. Besondere Bedeutung haben für die
Bahn im Nahverkehr die Pendler des Berufs- und Ausbildungsverkehrs, welche mehr als die Hälfte
der gesamten Verkehrsleistung in diesem Sektor ausmachen. Für den Fernverkehr relevant sind die
Klientel des Geschäfts-, Freizeit- und Urlaubsverkehrs. Von diesen Nutzergruppen spielen für die
Bahn vor allem die Freizeitreisenden5 eine wichtige Rolle, mit Abstand gefolgt von den Geschäfts-
reisenden. Der Urlaubsverkehr hat für die Bahn nur eine untergeordnete Bedeutung. Die einzelnen
Nutzergruppen mit ihren spezifischen Ansprüchen stellt Tabelle 1 dar. Diese Einordnung der Klientel
und die o.g. Aufkommenswerte als Bezugsbasis werden im weiteren Verlauf des Kapitels von beson-
derer Bedeutung sein; in den Kapiteln 2.3 und 2.5 erfolgt schließlich eine detaillierte Analyse der
jeweiligen Ansprüche und eine abschließende Bewertung der Eignung der Bahn für die jeweiligen
Reisendengruppen.
5 Gemäß [4] sind Freizeitreisen definiert als Privatreisen mit einer Gesamtdauer bis zu fünf Tagen. Längere
Privatreisen werden in der Statistik als Urlaubsreisen gezählt.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 5 -
Tabelle 1: Anforderungen der wichtigsten Nutzergruppen an die Bahn. Quellen: [4; 6, S. 107]
Geschäftsreisende
Freizeitreisende
Urlaubsreisende
Pendler6
Anteil an Ver-
kehrsleistung
(Pkm) der Bahn
11 % (gesamt);
40 %
(Fernverkehr)
34 %
6 %
41 % (überwiegend
Nahverkehr)
Anteil der Bahn
im Modal Split
der Nutzergruppe
4,8 %
6,6 %
6,2 %
13 % (überwiegend
Nahverkehr)
Charakteristische
Eigenschaften der
Nutzergruppe
Unflexibel bzgl.
Reisetermin;
Zuverlässigkeit
einer Verbindung
immanent wichtig
Oft Städtereisen (bis
zu 5 Tagen) mit
wenig Gepäck und
ÖPNV vor Ort;
Flexibel
Viel Gepäck
Flexibel bzgl.
Reisetermin;
möglichst wenige
Umsteigevorgänge
Teilweise Ausrich-
tung/Anpassung an
Verkehrsangebot;
Hoher Anteil Jahres-
karten
Bedeutung der
Fahrzeit
Wichtiges Kriteri-
um; Umsteigen
wird in Kauf ge-
nommen
Wichtig; insbesonde-
re bei Tagesreisen
Weniger wichtig, da
im Verhältnis zu
gesamter Urlaubs-
zeit eher gering.
Entscheidend;
Pendlerströme nur
auf Linien mit hoher
Reisegeschwindig-
keit
Bedeutung des
Reisekomforts
Dichter Takt!
Hoher Servicegrad!
Zuverlässigkeit!
Ansprüche ggü.
Fahrpreis zurückge-
stellt;
Für Tagesausflüge:
Betriebszeiten
wichtig!
Problem der Flexi-
bilität am Urlaubs-
ort und des
Gepäcktransports
Zuverlässigkeit,
dichter Takt und
lange Betriebszeit!
Bedeutung des
Fahrpreises
Untergeordnete
Bedeutung
Hohe Bedeutung
Hohe Bedeutung
(insbes. Familien)
Bedeutend
Zwei wichtige Effekte zeichnen die Entwicklung des Fernverkehrsmarktes im Nachkriegsdeutschland
aus. Zum einen ist dies die Massenmotorisierung, welche es breiten Bevölkerungsschichten erlaubt,
entsprechend ihres persönlichen Haushaltsbudgets flexibel, unabhängig vom öffentlichen Verkehr
und bequem mit dem eigenen Pkw zu reisen und zum anderen die durch wachsenden Wohlstand
und steigende Haushaltseinkommen entstandene Möglichkeit, auch für Privatreisen das Flugzeug als
Alternative für Langstrecken zu wählen. Seit den 1950er Jahren hat sich die Anzahl der in Deutsch-
land zugelassenen Kraftfahrzeuge mehr als verzehnfacht. Die Fluggesellschaften konnten mit durch-
schnittlichen Wachstumsraten von 5 % p.a. den Anteil des Verkehrsträgers Luft kontinuierlich
erhöhen. Selbst als nach den Anschlägen des 11. September 2001 eine große Verunsicherung
herrschte und sich in der Folgezeit Reisezeit und -komfort durch die ausgeweiteten Sicherheitsmaß-
nahmen verschlechterten, ging das Aufkommen im Luftverkehr nur kurzfristig zurück – um etwa ein
Jahr später mit umso stärkeren Wachstumsraten die verlorenen Marktanteile wieder aufzuholen.
Trotz latenter Terrorgefahr und Komforteinbußen aufgrund auferlegter Sparprogramme konnte
dieser Verkehrssektor in den letzten Jahren durch hochfrequente Angebote und neue Preismodelle
das dynamischste Wachstum auf dem Markt vorweisen. Der Aufkommenseinbruch mit der Finanz-
und Wirtschaftskrise Ende 2008 kann als ebenfalls vorübergehend eingeschätzt werden.
6 Verkehrsträgerübergreifend: 2 Mio. Pendler (5 %) über Landesgrenzen.
Der Anteil der Pendler im Fernverkehr der Bahn beträgt auf einigen, von der Bundesagentur für Arbeit unter-
suchten Strecken zwischen 15 % und 17 %. [217]
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 6 -
Die Verkehrsleistung der Bahn im Personenverkehr stagniert demgegenüber seit mehreren Dekaden,
was aufgrund des Wachsens des Gesamtverkehrsaufkommens einem Rückgang ihres Anteils im
Modal Split entspricht. Dieser Bedeutungsrückgang des Verkehrsträgers Schiene ist jedoch nur zum
Teil durch die o.g. Effekte zu erklären. Denn auch der Bahnverkehr hat sich hinsichtlich seines Ange-
botes, des Komforts und der Betriebsgeschwindigkeit weiterentwickelt. Die wichtigsten Meilensteine
dieser Entwicklung stellten die Einführung des InterCity-Netzes mit einem Produkt des schnellen
Personenfernverkehrs im Stundentakt in den 1980er Jahren und der Start sowie der kontinuierliche
Ausbau der Produktlinie InterCity Express (ICE) seit 1991 dar. Jedoch haben diese Schritte nicht zu
einer signifikanten Aufkommenssteigerung beim Verkehrsträger Bahn führen können. Im Gegenteil –
nach der Außerdienststellung der InterRegio-Linien Mitte der 90er Jahre ist das Aufkommen im
Fernverkehr trotz der Inbetriebnahme wichtiger Neubaustrecken auch in absoluten Zahlen zurückge-
gangen7 (s.a. Abbildung 2 zur Entwicklung der Schienenpersonenverkehrsleistung). Dabei waren in
diesem Zeitraum die Investitionen des Bundes in das Schienennetz ähnlich hoch, wie seine Ausgaben
für den Fernstraßenbau.
Im Folgenden sollen die theoretischen Ansätze dargestellt werden, mit denen in den weiteren Unter-
kapiteln versucht wird, eine Erklärung für diese Entwicklung aufzuzeigen.
Durch seine polyzentrische Struktur und maximale Reiseweiten, die mit dem Pkw innerhalb eines
Tages zurückzulegen sind, ist Deutschland strukturell für den Individualverkehr prädestiniert. Ein
dichtes Netz von Fernstraßen machen jeden Punkt Deutschlands mit einer hohen Durchschnittsge-
schwindigkeit und einem niedrigen Umwegfaktor für den Individualverkehr erreichbar.
Luftverkehr, bei dem die meisten Kosten von der Betriebszeit und weniger von der Betriebsleistung
abhängig sind, ist aufgrund der fixen Vorlaufzeiten sowohl für den Passagier hinsichtlich der Reisezeit
als auch aus ökonomischen Gründen für die Airlines erst auf längeren Strecken rentabel. Von diesen
Strecken gibt es in Deutschland nur verhältnismäßig wenige, d.h. die Großstädte liegen dichter bei-
einander als dies in Ländern der Fall ist, bei denen der Luftverkehr eine starke Position innehat (vgl.
Kapitel 2.6: Europäischer und weltweiter Vergleich). Die durchschnittliche Reiseweite im innerdeut-
schen Luftverkehr liegt bei knapp über 500 km8. Einen Großteil der innerdeutschen Flüge machen
7 Ein Teil der Verkehrsleistung im Schienenfernverkehr wird nun vom Schienennahverkehr erbracht. Mit der
Streichung der „unrentablen“ InterRegio-Linien einhergehend wurde auf den gleichen Trassen das Nahver-
kehrsangebot in der Regel verstärkt. Der Unterschied besteht neben dem verwendeten Wagenmaterial vor
allem darin, dass die Linien kürzere Laufwege aufweisen und auf diese Weise von den Bundesländern mit
Bestellerentgelten von etwa 7 - 8 €/Zugkilometer gefördert werden. Dies entspricht etwas mehr als der Höhe
der vom Betreiber zu entrichtenden Trassenkosten. Nur durch diese Förderung durch den Staat ist die höhere
„Wirtschaftlichkeit“ gegenüber den InterRegio-Linien zu begründen.
Andere Interregio-Linien wurden zum InterCity heraufgestuft, was sich jedoch in der Regel nur durch einen
anderen Anstrich des Wagenmaterials und höhere Fahrpreise bemerkbar machte. Andere Intercity-
Qualitätsmerkmale, wie beispielsweise der Stundentakt, wurden nicht übernommen, weshalb letztendlich die
Marke InterCity an Wert verloren hat. Die Konsequenz dieser Maßnahme waren spürbare Fahrgasteinbußen
der DB AG im gesamten Fernverkehr, welche kaum wieder aufgeholt werden konnten (vgl. Abbildung 2).
8 Im Jahre 2003 stand einem Aufkommen von knapp 20 Mio. Personen im innerdeutschen Luftverkehr eine
Verkehrsleistung von 10,6 Mrd. Pkm gegenüber.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 7 -
Zubringerflüge zu den Hubs in Frankfurt/Main und München für den internationalen Verkehr aus. Die
meisten in Deutschland startenden Flüge bewegen sich im innerkontinentalen Bereich zu Zielen, die
etwa 1.000 km von Deutschland entfernt liegen und daher tendenziell mit keinem anderen Ver-
kehrsmittel angefahren werden (10 Mio. Flugreisende p.a. nach Spanien; jeweils 5 Mio. Flugreisende
p.a. nach Italien, Großbritannien und in die Türkei).
Auf allen Entfernungsbereichen und somit mit beiden genannten Verkehrsträgern konkurriert die
Bahn.9 Sie kann auf einigen sehr gut ausgebauten Strecken einen großen Anteil am Modal Split für
sich gewinnen. Dies betrifft jedoch ausschließlich Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen einigen
Großstädten. Solche direkten Verkehre mit hohen Aufkommen erlauben am ehesten einen eigen-
wirtschaftlichen Betrieb. Die dichte Lage der Großstädte in Deutschland macht geringe durchschnitt-
liche Haltestellenabstände von nur etwa 75 km erforderlich [7]. Bei derart geringen Streckenlängen
können konkurrenzfähige Reisegeschwindigkeiten jedoch nur dann erzielt werden, wenn ausgespro-
chen hohe Betriebsgeschwindigkeiten gewählt werden. Konkurrenzfähige Reisegeschwindigkeiten
bedeuten für die Bahn bei mittleren Streckenlängen Fahrgeschwindigkeiten von Bahnhof zu Bahnhof
von mindestens 150 km/h. Diese Aussage stellte bereits bei der Erstellung der HSB-Studie von 1972
[8] eine zentrale Grundlage dar. Hohe Betriebsgeschwindigkeiten setzen einen hervorragenden
Ausbau der Strecke voraus; die Investitionskosten dafür lassen sich aber nur rechtfertigen, wenn sich
auf den Strecken hohe Verkehrsaufkommen bewegen. Wenn sich keine ausreichenden Aufkommen
zwischen Quelle und Senke generieren lassen, müssen Verkehre gebündelt werden. Dies kann ge-
schehen, indem mehrere Linien eine gemeinsame Neubaustrecke nutzen; Linien gebildet werden, die
mehrere Städte über Neubaustrecken verbinden oder durch gut angebundene Zubringerverkehre die
Verkehrswirkung der Quelle und Senke vergrößert werden. Produkte des langsamen Fernverkehrs
und des Regionalverkehrs, die aufgrund niedrigen Aufkommens keine hohen Gewinne abwerfen
können, wirken als Zubringerverkehre für den schnellen Personenfernverkehr. Aus der Fläche zieht
sich die Bahn aber seit Jahren immer weiter zurück und überlässt die Verbindung von Unterzentren
im Fernverkehr immer mehr dem Individualverkehr. Charakteristisch für Deutschland ist jedoch, dass
viele außerhalb von Großstädten gelegene Gebiete verhältnismäßig dicht besiedelt sind. Hier muss
als Grundlage für hohe Aufkommenszahlen auf den Hauptachsen geprüft werden, inwieweit auch die
Peripherie von der Bahn wirtschaftlich erschlossen werden kann.
Ein hoher Anteil der Bahn am Modal Split lässt sich nicht durch die Verbesserung einiger weniger
Eigenschaften des Angebotes auf der Schiene erreichen. Dazu sind die Klientel der Reisenden zu
komplex, die Ansprüche von Person zu Person und von Reise zu Reise zu verschieden. Auf Verbesse-
rungen bestimmter Eigenschaften eines Verkehrsträgers reagieren nur einzelne Nutzergruppen,
indem sie ihre Reisegewohnheiten überprüfen. Es wird allgemein versucht, durch mathematische
9 Wichtigster Konkurrent der Bahn ist der Pkw. Das Aufkommen im innerdeutschen Flugverkehr beträgt nur
etwa 15 % des Fernverkehrsaufkommens auf der Schiene (17,7 Mio. P gegenüber 120 Mio. P im Jahr 2007
[4, S. 210 f.]). Wenn berücksichtigt wird, dass ein Teil des Flugaufkommens als Zubringerflüge nicht durch die
Bahn zu gewinnen ist, ist das Flugzeug allgemein als weniger kritischer Konkurrent für die Bahn einzustufen.
Einige Relationen zwischen Großstädten sind von dieser Regel jedoch ausgeschlossen (s.a. Kapitel 5.1).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 8 -
Funktionen das Auswahlverhalten von Reisenden bezüglich des Verkehrsmittels anhand „harter“
(Reisezeit, Reisekosten) und „weicher“ Einflussparameter (Komfort, Sicherheit, Image des Verkehrs-
trägers) zu beschreiben. So genannte Elastizitäten beschreiben die Veränderung des Fahrgastverhal-
tens als endogene Variable in Abhängigkeit einer Veränderung des Angebotes hinsichtlich eines
dieser Einflussparameter als exogene Variable. Beispielsweise „beträgt die Fahrpreiselastizität im
Privatreiseverkehr der Eisenbahn e = -0,63“ [9, S. 23], was bedeutet, dass bei einer Erhöhung des
Fahrpreises um 10 % eine Verringerung der Fahrgäste um etwa 6 % zu erwarten ist. Dabei kann
mangelnde Attraktivität eines Verkehrsmittels hinsichtlich einer Eigenschaft jedoch nur innerhalb
eines bestimmten Bereiches durch hohe Attraktivität bezüglich einer anderen Eigenschaft substitu-
iert werden. Die aktuellen Forschungsergebnisse dazu werden in Kapitel 2.1.3 zusammengefasst.
Mit dem in Abbildung 3 gezeigten Vergleich der Fahrpreise und -zeiten für ausgewählte Städtever-
bindungen stellt die Deutsche Bahn AG (DB AG) die Bahn als beste Alternative für Geschäftsreisende
im innerdeutschen Verkehr dar. Für alle ausgewählten Verbindungen werden niedrigere Kosten für
die Bahnfahrt gegenüber der Reise mit Pkw oder Flugzeug (soweit angeboten) genannt, darüber
hinaus liegen die meisten der genannten Reisezeiten per Bahn unter den angegebenen Pkw-
Reisezeiten. Es findet in diesem Vergleich, welcher offensichtlich als Entscheidungshilfe bei der
Auswahl des Verkehrsmittels dienen soll, weder eine genaue Differenzierung zwischen Fahrzeit und
Reisezeit statt (für den Luftverkehr wird die Zugangszeit berücksichtigt, für den Bahnverkehr jedoch
nicht), noch entsprechen die Reisekosten den in der Praxis entstehenden Aufwendungen, wie beim
Vergleich der Reisepreise in Kapitel 2.4 gezeigt werden wird. Geht man davon aus, dass für Ge-
schäftsreisende das Kriterium Reisezeit vor den Kriterien Komfort und Fahrpreis erste Priorität hat
[10; 11; 12] müsste der Fernverkehr der Bahn den überwiegenden Anteil des Geschäftsreiseverkehrs
bewältigen. Tatsächlich nutzen Geschäftsreisende aber hauptsächlich den Pkw und das Flugzeug. Im
innerdeutschen Flugverkehr machen sie immerhin 80 % der Linienflugpassagiere aus [13]; mit ihnen
wird eine Flugleistung von 16,4 Mrd. Pkm erzielt. Auf der Schiene generieren sie jährlich eine deutlich
geringere Verkehrsleistung von 10 Mrd. Pkm, wobei der größte Teil im Fernverkehr anfällt. Offen-
sichtlich wird einerseits die Attraktivität der einzelnen Verkehrsträger allgemein anders wahrge-
nommen als in der Darstellung der Bahn ersichtlich, und es spielen andererseits auch weitere
Faktoren für das Auswahlverhalten des Individuums eine Rolle.
In den Unterkapiteln 2.2 bis 2.4 soll in Form einer verkehrsträgerübergreifenden Analyse von Reise-
zeiten und -kosten auf den wichtigsten deutschen Fernverkehrsrelationen eine umfassende Be-
standsanalyse der Angebote auf dem deutschen Verkehrsmarkt erfolgen. Zunächst wird aber ein
Überblick über das in der Verkehrswirtschaft angenommene Entscheidungsverhalten eines Reisen-
den gegeben. Aus der Verknüpfung mit den empirischen Untersuchungen zum Verkehrsmarkt lassen
sich schließlich Empfehlungen zur aufkommensoptimierten Gestaltung eines Bahnangebotes aus-
sprechen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 9 -
2.1.2 Höhe des variablen Verkehrsaufkommens
Etwa die Hälfte aller Reisenden sieht sich Restriktionen ausgesetzt, die sie auf ein bestimmtes Ver-
kehrsmittel festlegen.10 Dies ist z.B. zwangsläufig der Pkw, wenn große Mengen an Gepäck transpor-
tiert werden müssen oder am Zielort unbedingt ein eigenes Fahrzeug benötigt wird. Oft ist der Grund
für die Nutzung des Pkws auch in der fehlenden oder nicht ausreichenden Anbindung des Quell- oder
Zielortes an den öffentlichen Verkehr zu suchen. Weitere Beispiele sind Reisende, deren Reisetermin
auf Tagesrandlagen festgelegt ist, an denen der öffentliche Verkehr kein ausreichendes Angebot
bereitstellt, oder Personen mit eingeschränkter Mobilität. Bei diesen Reisendengruppen einen Wech-
sel des Modal Split zu erreichen, ist nur durch einen relativ hohen Aufwand, durch passende Angebo-
te über die gesamte Reisekette und auf keinen Fall kurzfristig möglich. Die zweite Hälfte des
Aufkommens kann jedoch flexibel durch eine überzeugende Kombination der Faktoren kurze Reise-
zeit / geringe Reisekosten / hoher Reisekomfort von anderen Verkehrsträgern abgeworben werden.
Dabei muss das Angebot erkennbare Vorteile gegenüber anderen Verkehrsträgern aufweisen. Mit
einigen wenigen Vorteilen können auch nur einige Teile der flexiblen Klientel abgeworben werden.
Da die vorhandenen Ansprüche sehr unterschiedlich ausgeprägt und gewichtet sind, muss durch ein
breit angelegtes, attraktives Angebot versucht werden, eine große Schnittmenge aus angebotenen
Produkten und Nachfrage herzustellen.
Das Auswahlverhalten von Reisenden kann durch die klassische Markttheorie der Mikroökonomik
erklärt werden. Varian, als einer der wichtigsten Vertreter dieser Lehre, beschreibt anhand von so
genannten Güterbündeln, dass jedes Individuum versucht, seinen persönlichen Nutzen zu maximie-
ren, indem es unter der Randbedingung des ihm zur Verfügung stehenden Budgets die beste Kombi-
nation aus Gütern für sich auswählt [14, S. 22 ff.]. Dabei wird angenommen, dass eine Einheit eines
Gutes A durch eine bestimmte Menge eines anderen Gutes B substituiert werden kann. Übertragen
auf den Reisemarkt würden die Haupteigenschaften eines bestimmten Verkehrsangebotes günstiger
10 In der INVERMO-Studie zum Reiseverhalten im Fernverkehr [33] sowie in [20] ist von einem Anteil von etwa
60 % der Bevölkerung die Rede, welcher sich „monomodal“ verhält. Diese „monomodal“ Reisenden benutzen
für Fernreisen unabhängig vom Reisegrund stets denselben Verkehrsträger. Ausschließlich per Bahn reisen 6 %
der Bevölkerung, das Flugzeug wird von 8 % genutzt. In den häufigsten Fällen jedoch fällt die Entscheidung
zugunsten der Straße (46% der Bevölkerung). Die genannten Hauptgründe sind: objektiv fehlende Alternativ-
verbindungen (insbesondere im ländlichen Bereich), fehlende Kenntnis über vorhandene Alternativen, generel-
ler Ausschluss der Betrachtung von Alternativen sowie Scheinentscheidung zugunsten des präferierten
Verkehrsträgers ohne objektives Abwägen.
Auf sehr guten Neubaustrecken der Bahn kann in Europa ein Modal-Split-Anteil von bis zu 50 % erreicht wer-
den (s. Tabelle 2 auf Seite 18). Der übrige Teil wird überwiegend vom Individualverkehr abgewickelt, Flugreisen
werden durch Bahnreisen substituiert. Nur auf Strecken, auf denen auch für Nutzer des Individualverkehrs ein
Wechsel des Verkehrsträgers notwendig wird (z.B. Unterquerung des Ärmelkanals), kann die Bahn einen noch
höheren Anteil des Verkehrsaufkommens für sich gewinnen.
Auch Gorr kommt in [10] zu dem Ergebnis, dass etwas weniger als 50 % der durchgeführten Fahrten im motori-
sierten Individualverkehr nicht verlagerbar sind. Als nicht oder kaum verlagerbar gelten beispielsweise die
Nutzung des Pkw für dienstliche/geschäftliche Zwecke, Berufspendler bei Schichtbetrieb, Berufspendler bei
Zwang für korrekte Kleidung, Fahrten zum Bringen und Abholen von Personen, Einkaufs- und Besorgungsfahr-
ten mit Gepäck- und Personentransport, Wegeketten mit mehr als drei Pkw-Fahrten und Nutzung des Pkw
wegen körperlicher Beeinträchtigungen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 10 -
Preis, kurze Reisezeit und hoher Komfort für drei beliebig gegeneinander austauschbare Güter ste-
hen. Für die hier vorliegenden Überlegungen würde dies beispielsweise bedeuten, dass auch eine
sehr lange Reisezeit in Kauf genommen werden würde, solange ein sehr guter Komfort und ein
günstiger Preis geboten werden. Jedes Individuum wählt für sich denjenigen Verkehrsträger aus, der
ihm den größten Nutzen verspricht. Die für die Änderung des Reiseverhaltens notwendige Menge
des Gutes B variiert von Person zu Person, sodass bei einem neuen Angebot zunächst nur ein Teil der
Reisenden zu gewinnen ist. Die Konsumtheorie beinhaltet aber auch die Lehre, dass das dem Konsu-
menten zur Verfügung stehende Budget nicht variabel ist [14, S. 22]. Das für das Verkehrsverhalten
relevante Budget ist vor allem die für Reisen aufgewendete Zeit. Für die Entwicklung in der deut-
schen Nachkriegszeit stellt Gorr in [10] fest, dass „…die drei von der Verkehrswissenschaft regelmä-
ßig erfassten Mobilitätskennziffern (Zeitbudget, Aktivitätsrate, Mobilitätsrate) seit Jahrzehnten
konstant [sind]. Ein Durchschnittsbürger erledigt heutzutage genauso viele Aktivitäten mit gleichem
Aufwand (Wegen) in annähernd dergleichen Zeit, wie auch vor 50 Jahren.“ Die sogenannte tägliche
Verkehrsdauer liegt bei etwa 60 bis 75 Minuten [15, S. 23; 16]. Gorr fasst schließlich zusammen: „Der
Mensch ist also nicht […] mobiler geworden. Er legt nur heute für die Erledigung der gleichen Aktivi-
täten viel größere Strecken zurück, als er es früher getan hatte.“ 11 [10]
Bessere Verkehrsangebote führen demnach solange zu zusätzlichem Verkehrsaufkommen, wie sie
für den einzelnen keine Verlängerung seiner mit Reisen verbrachten Zeit bedeuten. Mit anderen
Worten: Die Gesamtverkehrsleistung steigt mit jeder Verbesserung des Angebotes (diese Tatsache
findet in Kapitel 4.5.1 Berücksichtigung bei der Erstellung einer Formel zur Abschätzung des Ver-
kehrsaufkommens auf einzelnen Relationen). Durch die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Ver-
kehrssysteme wird die geografische Entfernung zunehmend vom ökonomischen Distanzbegriff re-
lativiert [17, S. 3]. Die Nachfrage einer Relation im Fernverkehr wird auf guten Verbindungen immer
weniger von der Entfernung und immer mehr von der Kürze der Fahrzeit abhängig. Beschleunigt wird
diese Entwicklung durch die zunehmend schnelligkeits- und weniger entfernungsbasierte Gestaltung
der Reisepreise im Fernverkehr.12 Städte mit guten Verkehrsverbindungen wachsen wirtschaftlich
und sozial schneller zusammen, Pendlerbewegungen entstehen (Stuttgart – Mannheim, Stuttgart –
Frankfurt/Main). Umgekehrt werden ähnlich weit entfernte Städte mit schlechter Verbindung weiter
voneinander getrennt wahrgenommen, als sie wirklich sind (Stuttgart – Nürnberg).
11 Diese Aussage lässt sich ebenfalls durch die Beobachtungen zur Entwicklung des Reiseverhaltens unter-
mauern: In Europa ist der Luftverkehr der Verkehrssektor mit dem dynamischsten Wachstum. Innerhalb dieses
Sektors wächst der mittlere Entfernungsbereich (1.500 bis 3.500 km Reiseweite) am stärksten [140, S. 27].
Daraus resultiert eine Zunahme der durchschnittlichen Reiseweite.
12 Seit der Einführung des Intercity Express erfolgte der Übergang von einem entfernungsbasiertem Preissystem
(ggf. mit Zuschlag für bestimmte Zugkategorien) auf ein relationsabhängiges Preissystem, bei dem die Schnel-
ligkeit einer Verbindung in den Fahrpreis eingeht. Dies wird dann augenscheinlich, wenn die Verbindung von
zwei Städten von verschiedenen Produkten der DB AG angeboten wird. Beispielsweise ist die zeitaufwändigere
Fahrt zwischen Köln und Frankfurt über die Rheinschiene trotz längerer Entfernung preiswerter als die Fahrt
über die Neubaustrecke Köln – Rhein/Main.
Auch im Luftverkehr bieten die Carrier schnellere Direktflüge in der Regel zu einem höheren Preis an, als
Umsteigeverbindungen – obwohl Umsteigeverbindungen aufgrund zusätzlicher Flughafengebühren höhere
Betriebskosten verursachen (s. Kapitel 2.4).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 11 -
Für den Verkehrsträger Bahn muss also gelten, innerhalb des flexiblen Anteils der Reisenden durch
gute Angebote hinsichtlich der Dimensionen Reisepreis, Reisezeit und Reisekomfort einen hohen
Marktanteil zu gewinnen. Dabei kann auch das Gesamtverkehrsaufkommen und damit die absolu-
te Größe des gesamten Marktes durch schnelle Reiseverbindungen zusätzlich gesteigert werden.
Beim Entscheidungsprozess des Einzelnen für ein bestimmtes Verkehrsmittel handelt es sich jedoch
um ein sehr komplexes Wirkungsgeflecht, welches in den folgenden Unterkapiteln genauer darge-
stellt wird.
2.1.3 Subjektive Wahrnehmung von Verkehrsmitteleigenschaften
Reisezeit und Reisekosten spielen nach einschlägiger Meinung die wichtigste Rolle bei der Entschei-
dung für ein bestimmtes Verkehrsmittel. Darüber hinaus mitentscheidend ist das Kriterium des
Komforts, oft auch als „Verkehrsmittelqualität“ bezeichnet [10]. Innerhalb des Reisekomforts wird
nicht nur der Fahrkomfort abgebildet, der beispielsweise durch die Ausstattung der Fahrzeuge,
Sitzreihenabstände oder auf den Passagier wirkende Rucke und Beschleunigungen bestimmt wird,
sondern auch andere „weiche“ Faktoren, wie (wahrgenommene) Sicherheit, Image, Services rund um
das Produkt usw. Insbesondere diese „weichen“ Faktoren sind nur schwer quantifizierbar, regional
verschieden und unterliegen temporären Schwankungen. Ein Individuum, das sich vor einer Fernreise
konkret mit der Wahl des optimalen Verkehrsmittels befasst, kann – und möchte teilweise – die
Vielzahl von Vor- und Nachteilen des jeweiligen Verkehrsträgers gar nicht erfassen. Die höhere Iden-
tifikation mit dem eigenen Automobil wird oftmals stärker gewichtet als die Tatsache, dass die kon-
krete Fahrt mit der Bahn unter Umständen schneller und preiswerter durchgeführt werden könnte.
Im Extremfall findet Mobilität als Selbstzweck statt. Der Erlebniswert und nicht das Zurücklegen eines
Weges ist dann die dominierende Motivation für eine Reise. Derart erlebnisorientierte Reisende sind
bereits auf ein bestimmtes Verkehrsmittel festgelegt. Dies reicht von einem Flug mit dem größten
Passagierflugzeug der Welt bis zu Motorrad- und Fahrradfahrten.
Die Herleitung des Modal Split auf einer bestimmten Fernverkehrsrelation ist also nicht ohne weite-
res durch den Vergleich der vorliegenden Angebote der Verkehrsträger Straße, Schiene und Luft
möglich, sondern es bedarf einer genaueren Untersuchung des Entscheidungsverhaltens der Ver-
kehrsteilnehmer. Bereits in den 1960er und 1970er Jahren wurden in Form von Befragungen, Versu-
chen und Messungen umfangreiche Forschungen dazu durchgeführt. Eines der wichtigsten
Ergebnisse dieser Untersuchung war die Erkenntnis, dass bei der Auswahl des Verkehrsmittels
emotionale Beweggründe eine viel bedeutendere Rolle spielen, als dies allgemein angenommen
oder bei Umfragen eingeräumt wird. Dabei spielt nicht nur die eigene Erfahrung, sondern auch die
allgemeine Meinung eine wichtige Rolle. Auch der Prestigewert bzw. die soziale Bedeutung eines
Verkehrsmittels spielt eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Teilweise bestehen auch Berührungs-
ängste zu anderen Mitreisenden, was Gorr in [10] als „Psychohygiene des Reisens“ beschreibt. Die-
sem Problem wurde von Seiten der Anbieter im öffentlichen Personenverkehr, von
Landesregierungen und kommunalen Einrichtungen massiv durch die Renovierung und Neugestal-
tung von Stationen, Bahnhöfen und ganzen Bahnhofsvierteln, aber auch durch besser ausgestattete
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 12 -
Fahrzeuge begegnet. Es konnte auf diese Weise vermieden werden, dass eine Situation ähnlich wie in
vielen mittelgroßen Städten der USA eintritt, bei der der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) als
nicht gesellschaftsfähig begriffen und nur von denjenigen Bevölkerungsschichten genutzt wird,
denen kein eigenes Kraftfahrzeug zur Verfügung steht. Für den Fernverkehr gilt die Einrichtung von
(mindestens) zwei Flug-/Wagenklassen als gute Möglichkeit zur Wahrung dieser sog. „Sozialhygiene“.
Hier muss beachtet werden, ein besseres Angebot für Reisende mit höherer Zahlungsbereitschaft
nicht nur im Fahrzeug selbst, sondern über die gesamte Reisekette hinweg bereitzuhalten. Dies gilt
für First-Class-Lounges in Flughäfen und Bahnhöfen genauso wie für die beispielsweise in Spanien
angebotene Möglichkeit des kostenlosen Abstellens des eigenen Kraftfahrzeuges im/am Bahnhof für
Club- oder Preferente-Reisende [18]. Auch das Bordrestaurant im ICE, von der Bahn häufig als „un-
wirtschaftlich“ abgetan, hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für den Prestigewert – und
damit auch für die Wirtschaftlichkeit – des Produktes ICE. Es erscheint einleuchtend, dass die Umsät-
ze des Restaurants nur schwerlich sämtliche Betriebskosten, einschließlich der Energie und des
Verschleißes, des Trennwagens zwischen erster und zweiter Klasse abdecken können. Jedoch ist
allein die Möglichkeit, im Zug in gepflegter Atmosphäre zu speisen oder Besprechungen bei einem
Glas Wein durchführen zu können, für manche Reisende entscheidend, die Bahn auf einer Strecke
auszuprobieren und bei guten Erfahrungen wieder zu nutzen.
Bewährtes Verhalten prägt sich ein. Diese Aussage der Lerntheorie gilt für das Verhalten von Rei-
senden – und das ganz besonders für diejenigen, bei denen Reisen zur Routine geworden ist. Regel-
mäßig auf derselben Strecke Reisende sind zu bequem, den Verkehrsmarkt auf Veränderungen hin zu
untersuchen und die individuelle Situation anhand der von ihnen erkannten Gegebenheiten immer
wieder neu abzuwägen. Wurden mit einem Verkehrsträger gute Erfahrungen gemacht, wird dieser
wieder genutzt und ein Widerstand für neue Entscheidungen entwickelt, denn schließlich kosten
auch neue Entscheidungen Zeit. Zusätzlich sorgen verzerrte Wahrnehmungen aufgrund unzureichen-
der Information für Fehlentscheidungen bei künftigen Überlegungen [10]. Schlechte Erfahrungen mit
einem Verkehrsmittel oder auch einer bestimmten Verkehrsgesellschaft prägen also zukünftige
Entscheidungen mit, ohne dass dies in den „klassischen“ Einflussfaktoren entsprechend berücksich-
tigt wird. Leittragende dieses Effektes ist in Deutschland die Bahn, deren Image schlechter ist als das
anderer Verkehrsträger und -unternehmen.13 Im Rahmen einer umfassend angelegten Studie zum
Reisendenverhalten wurden Probanden verschiedener Alters-, Bildungs- und Einkommensstufen zu
ihren Prioritäten bei der Planung einer Reise befragt. Das Ergebnis dieser geäußerten Wünsche
spiegelte eine große Schnittmenge mit dem Angebot des Verkehrsträgers Schiene wider. Deutlich
weniger Studienteilnehmer gaben jedoch an, tatsächlich die Bahn im Fernverkehr zu wählen.
13 Das Bild eines Unternehmens innerhalb der Bevölkerung wird durch unterschiedliche Studien/Befragungen
analysiert. Neben den regelmäßig durchgeführten Rankings deutscher Großunternehmen werden Statistiken
erstellt, ob Unternehmen in Pressemeldungen einer bestimmten Periode für eher positive oder negative
Schlagzeilen sorgten. Schließlich wird ebenfalls regelmäßig ein Ranking der beliebtesten Arbeitgeber in
Deutschland erstellt. Alle diese Untersuchungen haben gemeinsam, dass die DB AG immer wieder auf den
unteren Plätzen zu finden ist [170; 187; 194; 196; 207; 216].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 13 -
Für Verkehrsgesellschaften gilt somit, Stammkunden zu binden und Neukunden beim ersten Kontakt
zu überzeugen. Dazu sind eine leicht verständliche Produktgestaltung und insbesondere ein ver-
ständliches Preissystem erforderlich. Ein wesentlicher Grund für die Nichtnutzung des öffentlichen
Verkehrs ist die Nicht-Informiertheit über die Möglichkeit dazu [19]. Hier ist es Aufgabe der Marke-
tingabteilungen von Unternehmen des öffentlichen Verkehrs, für einen hohen Bekanntheitsgrad des
Angebotes und leichte Zugangsmöglichkeiten zu sorgen. Dazu können verkehrsträgerübergreifende
Informationsplattformen und Online-Fahrpläne für Pendler und Touristen genauso genutzt werden,
wie bei Messen oder Hotels (bzw. in deren Buchungssystemen) gezielt die Möglichkeiten des ÖPV für
die Anreise darzustellen. Aber auch die Politik ist gefordert, Barrieren, die einem Wechsel weg vom
Individualverkehr entgegenstehen, gering zu halten: Durch den Einsatz von Park+Ride-Angeboten,
gute Erreichbarkeit von Bahnhöfen, Berücksichtigung der Anbindung durch bei städtebaulichen
Projekten, besondere Förderung der Nutzung von Bus und Bahn usw.
Auch finanzielle Gründe sprechen dafür, dass der Verbraucher ein einmal gewähltes Verkehrsmittel
regelmäßig benutzt: Die Grenzkosten für zusätzlich gefahrene Kilometer sind in den meisten Fällen
deutlich niedriger als die Kosten für die ersten gefahrenen Kilometer; die Vollkosten je Kilometer
sinken also. Am deutlichsten wird dies für Inhaber einer Monats- oder Jahreskarte. Für diese fallen
bei zusätzlichen Fahrten keinerlei Kosten an. Undurchsichtiger wird die Kostengestaltung bei einer
Kombination aus hohen Initial- und geringeren Grenzkosten. Hier kann das Kraftfahrzeug, Motorrad
und sogar das Fahrrad als Beispiel genannt werden. Die Kosten für Kraftstoff und Verschleiß liegen in
der Regel unter den festen Kosten für den Werteverfall zusammen mit ggf. Steuern und Versiche-
rung. Ein einmal erworbenes Verkehrsmittel wird deshalb aus Kostengründen zwangsläufig in erster
Präferenz zum Einsatz gebracht. Flexibilität gestaltet sich teuer. Der Nutzer bindet sich an „sein“
Verkehrsmittel und wird reaktionsträge gegenüber neuen Situationen.14 Für ein Umsteigen von
einem Verkehrsträger zum anderen wird ein „Impuls“ benötigt, welcher durch Werbung, durch
gewonnene Erfahrungen oder ein neues Angebot entstehen kann.15
14 Als Beleg für die Annahme, dass in vielen Fällen das Kraftfahrzeug nur deshalb als Verkehrsmittel gewählt
wird, weil man sich durch dessen Kauf einmal für diese Option entschieden hat, können Statistiken zur Nutzung
von Carsharing herangezogen werden. Bei derartigen Angeboten müssen die Nutzer nur eine sehr geringe feste
Gebühr bezahlen; der größte Teil der Vollkosten wird in Form von Kilometersätzen als variable Kosten umge-
legt. Dadurch bleibt eine finanzielle Flexibilität erhalten. Bei den Teilnehmern der Versuchsgruppe in Berlin
halbierte sich die Jahresfahrleistung mit dem Pkw [213]. Als weiterer Grund für diese starke Veränderung des
Nutzungsverhaltens ist zu vermuten, dass aufgrund des entstehenden Buchungsaufwandes und zusätzlicher
Zugangszeiten wichtige Vorteile des Verkehrsträgers (Flexibilität, direkte Verfügbarkeit) nur noch eingeschränkt
gelten. Ein Wechsel breiter Bevölkerungsschichten vom eigenen Pkw zu Carsharing ist jedoch auch für die
Zukunft unwahrscheinlich. Vielmehr eignen sich derartige Angebote nur für kleinere (kinderlose) Haushalte in
Ballungsgebieten mit einer gebrauchswertorientierten Einstellung zum Pkw.
15 Beispiele für derartige Impulse: Aufgrund der Auswirkungen des Lokführerstreikes bei der DB AG wurden im
Oktober 2007 deutlich mehr Flugreisende gezählt. Diese blieben auch nach Beendigung des Streikes auf einem
erhöhten Niveau. Die ausgesprochen hohen Kraftstoffpreise im Sommer 2008 bedeuteten dagegen einen
Boom für die Bahn [27], der auch nach Normalisierung der Benzinpreise bis in den Herbst anhielt. Erst, als Ende
2008 aufgrund der entdeckten fehlerhaften Achsen an den Fahrzeugen der ICE 3 und ICE-T Serien Betriebsein-
schränkungen entstanden, ging die Anzahl der Bahnreisenden wieder zurück.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 14 -
Schließlich werden anfallende Kosten auch unterschiedlich wahrgenommen. Ausgaben für den eige-
nen Pkw werden als Kosten für den Lebensstandard eher akzeptiert als andere Verkehrsausgaben.
Genauere Ausführungen zu dieser Thematik erfolgen in Kapitel 2.4. Durch spezielle Rabattsysteme,
wie das Miles-and-More-Programm der Lufthansa oder die Bahn Card der DB AG, gelingt es, einen
Teil der Fahrgäste zu Stammgästen zu machen. Bei diesen Reisenden wird das Gefühl erzeugt, sich
bereits für auf ein bestimmtes Verkehrsmittel / eine Verkehrsgesellschaft festgelegt zu haben; er
lässt sich – auch aus Bequemlichkeit – die Entscheidung abnehmen.16
2.1.4 Haupteinflussfaktoren für das Entscheidungsverhalten von Reisenden
Nachdem gezeigt wurde, dass durch verschiedene psychologische Effekte keine absolute Objektivität
hinsichtlich ihrer Präferenzen von den Reisenden erwartet werden kann, sollen nun die klassischen
Gesetzmäßigkeiten vorgestellt werden, welche das Auswahlverhalten verschiedener Reisendengrup-
pen bezüglich des von ihnen genutzten Verkehrsträgers bestimmen. Dabei gelingt es jedoch nicht,
eine allgemeingültige Gesetzmäßigkeit aufzustellen, die das Entscheidungsverhalten einzelner Rei-
sendengruppen in Abhängigkeit von der Attraktivität der von den jeweils zur Verfügung stehenden
Verkehrsträgern gebotenen Fahrzeiten-, -preisen und Komfortparameter beschreibt. Genaue Reakti-
onen auf Veränderungen des Angebotes sind nur schwer zu erfassen, was eine Prognose von Ver-
kehrsentwicklungen schwierig macht. In [20] wurden Untersuchungen durchgeführt, bei denen durch
makroskopische Beschreibung der Verkehrsströme eine mikroskopische Erklärung der Verhaltens-
muster der Verkehrsteilnehmer vollzogen wird. Die Autoren müssen jedoch einräumen, dass „hin-
sichtlich des Fernverkehrs [die Verfahren] deutlich weniger weit entwickelt [sind], was auch auf einen
Mangel an Daten in ausreichender Qualität und Detaillierung zurückgeführt werden kann“.
2.1.4.1 Reisezeit
Weit mehr als alle anderen Faktoren dominiert die Reisezeit das Entscheidungsverhalten – und das
nahezu unabhängig vom Reisezweck. Die bedeutendste Rolle spielt sie für Geschäftsreisende, bei
denen jede zusätzliche Stunde Fahrt einen Arbeitsausfall bedeutet. Etwas weniger wichtig, aber
dennoch bedeutendstes Kriterium ist sie für Pendler, Freizeitreisende und Urlaubsreisende.17 Gerade
16 Nießing gibt in [6] den Anteil derjenigen Bahnfahrer an, welche vor der Reise keine Reisemöglichkeit mit
einem anderen Verkehrsträger geprüft haben. Demnach entschieden sich 75,5 % der Besitzer einer Bahn-
Card 100, 58,8 % der Besitzer einer BahnCard 50, aber nur 38,9 % der Reisenden ohne BahnCard für die Bahn,
ohne Alternativen zu prüfen.
17 Bei Umfragen geben beispielsweise Freizeit- und Urlaubsreisende regelmäßig an, ausgesprochen preissensitiv
zu entscheiden. Dennoch sind auch Privatreisende bereit, 11 € Sprinter-Aufschlag für eine Zugverbindung zu
bezahlen, die etwa 30 Minuten schneller ist als eine vergleichbare ICE-Verbindung. Dies entspricht einer Zah-
lungsbereitschaft von 22 €/Stunde. Ähnliche Werte lassen sich bei der Wahl der Reisegeschwindigkeit mit dem
Pkw auf der Autobahn beobachten. Obwohl die Erhöhung der Geschwindigkeit von 120 km/h auf 160 km/h im
Durchschnitt nur eine Zeitersparnis von 20 - 30 % bringt, ist mit einem Mehrverbrauch an Benzin von fast 50 %
und höherem Verschleiß zu rechnen. Eine gesparte Stunde Fahrzeit kostet somit ebenfalls zwischen 12 € und
20 €. Bei Flugverbindungen ist eine noch höhere Zahlungsbereitschaft für schnellere nonstop-Flüge spürbar.
Vergleicht man den durchschnittlichen Netto-Stundenlohn in Deutschland (knapp über 10 €) mit den hier
genannten Beispielen der Zahlungsbereitschaft für eingesparte Reisezeit, kann man zu dem Ergebnis kommen,
dass eine Stunde Reise mit einer Stunde Arbeit substituiert wird.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 15 -
bei Privatreisen steht einer eingesparten Stunde Reisezeit oft eine Zahlungsbereitschaft gegenüber,
die sich in ihrer Höhe nur schwer objektiv erklären lässt. Durch attraktive Reisezeiten kann somit
über einen großen Teil des Modal Split entschieden werden.
In der Literatur werden verschiedene Definitionen von Reisezeit verwendet. Üblicherweise be-
schreibt Reisezeit die Zeit, die der Reisende von Tür zu Tür benötigt. Während somit beim Gebrauch
des Individualverkehrs die Fahrzeit der Reisezeit entspricht, sind für die Verkehrsträger Flugzeug und
Bahn Zu- und Abgangszeiten zum/vom Hauptlauf der Reise ebenso zu berücksichtigen wie Zeiten für
das Einchecken und die Gepäckausgabe beim Fliegen. Diese Anteile sind bei in der Literatur angege-
benen Reisezeiten nicht immer enthalten (s.a. Abbildung 3). In anderen Quellen wiederum sind
zusätzlich auch Taktzeiten oder die vom Reisenden einzuplanenden Pufferzeiten (Wartezeiten) zum
sicheren Erreichen der gewählten Verbindung in den Reisezeiten berücksichtigt. Noch komplexer
wird diese Problematik, wenn man berücksichtigt, dass der Begriff der Reisegeschwindigkeit nicht
immer als Quotient aus Strecken und Reisezeit verwendet wird. So verwendet Breimeier den Begriff
Reisegeschwindigkeit üblicherweise als resultierende Geschwindigkeit von Bahnhof zu Bahnhof. In
[7] jedoch beschreibt derselbe Autor die „Reisezeit von Haustür zu Haustür“ (einschließlich Fahrzeit
Bahnhof zu Bahnhof und Bedienungsfrequenz). In dieser Arbeit werden die Begriffe Reisezeit und
Reisegeschwindigkeit für Verbindungen von Haus zu Haus angenommen. Demgegenüber beziehen
sich die Begriffe Fahrzeit und Fahrgeschwindigkeit ausschließlich auf den Hauptlauf, welcher nur
im Falle des Individualverkehrs identisch mit der Reise von Tür zu Tür ist.
Der Benchmark auf kurzen und mittleren Strecken ist immer das Kraftfahrzeug, welches im Fernver-
kehr durchschnittliche Fahr-/Reisegeschwindigkeiten von etwa 100 km/h erreicht. Um mit dem
Individualverkehr zu konkurrieren, muss die Bahn also äquivalente Reisegeschwindigkeiten errei-
chen. Durch die zur Fahrzeit zu addierenden Zeiten für die Fahrt zum und vom Bahnhof sowie zu
addierende Umsteige- und Wartezeiten müssen die durchschnittlichen Fahrgeschwindigkeiten im
Hauptlauf deutlich höher als 100 km/h liegen. Bei Fahrgeschwindigkeiten von 150 km/h liegt auf
mittleren Fernverkehrsstrecken (250-600 km) bereits meist eine Konkurrenzfähigkeit vor, weil die
notwendigen Zugangszeiten durch die kürzere Fahrzeit ausgeglichen sind.
Mit zunehmender Reiseweite wird das Flugzeug als Konkurrent für die Bahn bedeutender. Um mit
dem Flugzeug konkurrieren zu können, müssen Reisezeiten erreicht werden, die nicht mehr als etwa
20 % über den mit dem Flugzeug erreichbaren Reisezeiten liegen. Da der Komfort der Bahn in der
Regel höher eingeschätzt wird als im Flugzeug, neigen Reisende dazu, bei gleicher Reisezeit die Bahn
vorzuziehen, solange es sich nicht um einen Zubringer beispielsweise für einen interkontinentalen
Flug handelt.18 In letzterem Fall müsste ein deutlich besseres Angebot der Bahn vorliegen, um einen
18 Die Flughäfen Frankfurt/Main und München fungieren als Hubs. 53 % der Passagiere des Frankfurter Flugha-
fens sind Umsteiger, die meisten davon mit einem innerdeutschen Zubringer für den internationalen Verkehr.
Selbst mit hervorragenden Bahnverbindungen kann die Bahn diese Zubringerflüge nicht vollständig abwerben,
solange Zubringerzüge nicht genau wie Zubringerflüge preislich, zeitlich und organisatorisch (Gepäckaufgabe)
mit den Anschlussflügen abgestimmt sind.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 16 -
Wechsel des Verkehrsträgers zu rechtfertigen. Einige Beispiele für den Zusammenhang zwischen
Reisezeitverhältnis und Modal Split werden in [21] genannt und grafisch dargestellt.
Da die Reisezeit im Luftverkehr maßgeblich von Zeiten für Abfertigung, Zu- und Abgang beeinflusst
ist, verhält sie sich deutlich unterlinear abhängig von der Reiseweite (s.a. Kapitel 2.2.2). Bis zu Stre-
ckenlängen von etwa 1.000 km dominieren für den Reisenden die am Boden zurückgelegten Zeiten;
eine Verdoppelung der Flugweite von 400 auf 800 Kilometer verlängert die Gesamtreisezeit nur um
etwa 20 %. Soll die Bahn mit dem Flugzeug in direkte Konkurrenz treten, muss sie ihre Geschwin-
digkeit mit zunehmender Reiseweite steigern. Da keine Flugverbindung innerhalb Deutschlands
und in die Nachbarländer deutlich über drei Stunden in Anspruch nimmt, gilt auch für die Bahn
eine Fahrzeit von etwa 3 ½ Stunden als Obergrenze. Die Zeitspanne zwischen drei und vier Stunden
entspricht auch der in der Literatur angegebenen maximalen einfachen Reisezeit für Tagesreisen im
Geschäftsverkehr. Werden Reiseverbindungen bis in die Tagesrandlagen hinein angeboten, eignen
sich derartige Reisezeiten noch für einen eintägigen Aufenthalt in einer anderen Stadt, ohne eine
Übernachtung notwendig werden zu lassen (Beispiel: Sprinter-Verbindung zwischen Berlin und
Frankfurt/Main in 3 ½ Stunden).19
Ausschlaggebend für eine hohe Reisegeschwindigkeit ist somit eine hohe Fahrgeschwindigkeit auf
einer nicht zu geringen Streckenlänge. Als weiterer Begriff soll die Betriebsgeschwindigkeit einge-
führt werden, die die zulässige Höchstgeschwindigkeit (Minimum aus fahrzeugseitigen und strecken-
seitigen Restriktionen) auf einer Neu- oder Ausbaustrecke angibt. Die Bedeutung der
Betriebsgeschwindigkeit darf nicht unterschätzt werden. Eine für die Konkurrenz zum Individualver-
kehr notwendige Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 150 km/h zwischen Start- zu Zielbahn-
hof ist mit der auf dem größten Teil der deutschen Hauptstrecken gängigen Betriebsgeschwindigkeit
bis 160 km/h nicht realisierbar, weil durch Anfahren und Bremsen, aber auch betriebliche Pufferzei-
ten, Langsamfahrstellen und das Durchfahren von Knoten jeweils Absenkungen der Durchschnittsge-
schwindigkeit resultieren. Daher werden Neubaustrecken in Deutschland für eine Betriebs-
geschwindigkeit von bis zu 300 km/h trassiert. Auf diese Weise könnten auch Fahrgeschwindigkeiten
von über 200 km/h möglich werden, die zu einer mit dem Flugzeug vergleichbaren Reisezeit führen
würden. Um derartig hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten zu erhalten, muss jedoch in allen Berei-
chen von der Trassierung bis zur Betriebsplanung auf eine konsequente Ausnutzung der Betriebsge-
schwindigkeit geachtet werden. Als negatives Beispiel lässt sich hier leider die Strecke Köln –
19 Die Europäische Kommission geht gemeinsam mit anderen Experten von einer Substitution von Flugreisen
durch die Bahn bis zu einer maximalen Bahnreisezeit von drei Stunden aus. Abgeleitet wird daraus ein Wett-
bewerbsbereich für die Bahn bis zu Reisedistanzen von 600 km, höchstens 800 km.
Die französische Staatsbahn SNCF bescheinigt dem Schienenverkehr eine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber
dem Luftverkehr bis zu einer Tür-zu-Tür-Reisezeit von 3,5 Stunden. Für den Hochgeschwindigkeitsverkehr bis
300 km/h ermittelt sie auf dieser Basis einen konkurrenzfähigen Entfernungsbereich von bis zu 800 km.
Die Deutsche Lufthansa geht davon aus, dass Flüge mit einer Flugzeit von einer Stunde von Hochgeschwindig-
keitsangeboten der Bahn auf der gleichen Strecke erfolgreich konkurrenziert werden, wenn die Fahrzeit mit der
Bahn nicht mehr als zwei Stunden beträgt [175, S. 26].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 17 -
Rhein/Main anführen. Trotz einer aufwendigen Trassierung für eine Betriebsgeschwindigkeit von
300 km/h liegt die aktuelle Durchschnittsgeschwindigkeit von Bahnhof zu Bahnhof fünf Jahre nach
Inbetriebnahme bei nur 150 km/h. Die Gründe dafür liegen sowohl auf Seiten der Planung, weil beim
Neubau der Strecke kein angemessener Ausbau der Knoten Köln und Frankfurt/Main realisiert wurde
und auf betrieblicher Seite, weil Korrespondenzhalte im weiteren Verlauf der Linie zu festgelegten
Zeiten eine Beschleunigung auf dem Neubauabschnitt nicht erlauben, ohne Pufferzeiten an anderer
Stelle notwendig werden zu lassen.
Breimeier rechnet in [22] mit einer abnehmenden Nachfrageelastizität bei höheren Reisegeschwin-
digkeiten. Die von ihm verwendete Formel berücksichtigt keinen Umklappeffekt vom Luftverkehr,
weil offensichtlich dieser als Konkurrenz zum Bahnverkehr in der Zeit der wissenschaftlichen Unter-
suchung noch eine untergeordnete Rolle spielt.20 Das verwendete Modell widerspricht bei den be-
trachteten mittleren Entfernungsbereichen (250 - 600 km) den o.g. Untersuchungen zum Modal Split.
Breimeiers Aussage nach ist bereits bei mittelmäßigen Erhöhungen der Reisegeschwindigkeit ein
deutliches Wachstum im Bahnaufkommen zu spüren. Als Beleg dafür bringt er Steigerungsraten
zwischen 25 % und 40 % für die Bahn auf drei wichtigen Nord-Süd-Relationen nach Inbetriebnahme
der Neubaustrecken Hannover – Würzburg und Mannheim – Stuttgart zusammen mit der Einführung
des ICE 1991. Weitere Steigerungen der Geschwindigkeit bringen nach seinem Modell abnehmende
Fahrgastzuwächse. Beispiele aus dem Ausland zeigen jedoch, dass – auf hohem Niveau – Aufkom-
menssteigerungen um mehrere 100 % möglich sind, wenn hohe Betriebsgeschwindigkeiten kompro-
misslos über die gesamte Streckenlänge gehalten werden können und somit Fahrgeschwindigkeiten
von über 200 km/h erreicht werden (Tabelle 2). In diesem Fall werden Schwellenwerte, welche durch
andere Verkehrsträger gesetzt sind, überboten, und die Bahn fährt sowohl dem Individualverkehr als
auch dem Flugzeug davon.
20 Je weiter die Reiseentfernung, desto mehr wird das Kraftfahrzeug durch das Flugzeug als Hauptkonkurrent
für die Bahn substituiert. In Deutschland mit seiner polyzentrischen Struktur kann dieses Phänomen besonders
gut in Statistiken des Luftverkehrs nachvollzogen werden. München hat aufgrund seiner „großen Entfernungen
*…+ zu anderen Agglomerationen in Deutschland“ mit 3,6 Mio. Originäreinsteigern mit Flugziel Deutschland das
größte innerdeutsche Luftverkehrsaufkommen [140, S. 14]; gefolgt vom ebenfalls peripher gelegenen Berlin.
Frankfurt hat jedoch trotz einer Vielzahl von angebotenen Flugverbindungen nach Deutschland von den sieben
großen deutschen Flughäfen nur den geringsten Anteil an Originäreinsteigern mit Reiseziel Deutschland – weil
es attraktive Bahnverbindungen mit Reisezeiten unter vier Stunden zu den meisten wichtigen deutschen
Städten aufweisen kann. Flugverkehr und nicht Individualverkehr konkurriert mit der Bahn bei hohen Reisewei-
ten und kann komplett durch die Bahn ersetzt werden, wenn ein attraktives Angebot auf der Schiene entsteht.
Diese Tatsache wird bei der in Kapitel 4.5.1 zu entwickelnden Formel zum Verhalten des Modal Split in Abhän-
gigkeit der Fahrzeiten einzelner Verkehrsmittel entsprechend berücksichtigt.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 18 -
Tabelle 2: Veränderung des Modal Split durch neue Hochgeschwindigkeitsstrecken. Quellen: [21; 23, S. 7; 24]
Strecke
Streckenlänge /
Fahrzeit (nach Ausbau)
Ursprünglicher
Modal-Split-Anteil Bahn
Zu erzielender
Modal-Split-Anteil Bahn
Paris – Brüssel
310 km/1:22 225 km/h
24 %
50 %
Paris – Marseille
760 km/2:55 250 km/h
42 %
Madrid – Sevilla
470 km/2:15 210 km/h
14 %
54 %
Berlin – München
k. A.
12 %
41 %
Madrid – Lissabon
k. A.
6 %
48 %
Madrid – Barcelona
630 km/2:38 250 km/h
12 %
48 %
Stockholm – Malmö
k. A.
25 %
51 %
Paris – Mailand
k. A.
18 %
54 %
London – Brüssel
380 km/1:51 210 km/h
48 %
65 %
Neben der Verkürzung der objektiv messbaren Reisezeit einer Fernverkehrsverbindung gilt es für die
Betreiber auch, die wahrgenommene Reisezeit zu verkürzen und die Reise somit angenehmer zu
machen. Aufgrund guter Platz- und Komfortverhältnisse werden Fahrten in Bahnen bei gleicher
Fahrzeit als kürzer wahrgenommen als mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln. Dennoch wird
„Nichtstun“ in Bus, Bahn und Flugzeug oft anstrengender und somit langwieriger empfunden als das
Steuern des eigenen Kfz. Hier sind – insbesondere von Seiten der Fahrzeughersteller – Ideen gefor-
dert, die gefühlte Fahrzeit weiter zu verkürzen. Möglichkeiten dazu werden im Abschnitt Reisekom-
fort vorgestellt.
2.1.4.2 Reisekosten
Für Verkehrsunternehmen stellt sich die Herausforderung, sowohl gute, qualitativ hochwertige
Angebote für Geschäftsreisende vorzuhalten, durch die hohe Fahrpreise erzielt werden können, als
auch preisgünstigere Angebote für Privatreisende zu generieren, um diese nicht durch zu hohe Rei-
sekosten abzuschrecken. Dies kann nur durch Differenzierung in Qualität und Preis geschehen. Da für
den wirtschaftlichen Betrieb alle Klientel in ein und demselben Verkehrsmittel befördert werden
müssen, besteht hinsichtlich der Fahrzeit kaum Spielraum für verschiedene Angebote. Privatreisende
profitieren also in einem gewissen Maße von der hohen Zahlungsbereitschaft Geschäftsreisender für
kurze Fahrzeiten. Lediglich im Flugverkehr wird versucht, durch organisatorische Maßnahmen
(schnellerer Check in, erste Priorität beim Aussteigen und „High Priority“ bei der Gepäckausgabe) die
Reisekette der Business-Class-Reisenden zu beschleunigen. Somit bleibt als Qualitätsmerkmal, wel-
ches einen höheren Reisepreis rechtfertigt, nur höherer Komfort. Zu diesem zählen eine höhere
eingeräumte Flexibilität für den Reisenden, verschiedene Services rund um die Reise, besser ausges-
tattete Fahrzeugklassen, die Nutzung von Lounges usw. Diese Differenzierung kann nur im Fernver-
kehr wirtschaftlich durchgeführt werden. Im Nahverkehr nutzen Geschäftsreisende daher lieber den
Pkw oder das Taxi.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 19 -
Preisangebote für Geschäfts- und Privatreisende müssen also unterschiedlich aufgebaut werden.
Geschäftsreisende planen ihre Reisen weniger langfristig und legen Wert auf hohe Flexibilität. Die
Reisezeit und Erfahrungen hinsichtlich der Qualität entscheiden über den gewählten Verkehrsträger.
Die Fahrten werden in der Regel gebucht, ohne dass die Möglichkeit bestimmter Ermäßigungen eine
Rolle für die Auswahl einer bestimmten Verbindung spielt. Einfache kilometerbezogene Kostensätze,
die Schnelligkeit und Qualität des Angebotes zusätzlich berücksichtigen, scheinen für den Geschäfts-
reisenden vollkommen ausreichend zu sein, wobei bei Reisekostenstellen von Großunternehmen ein
zunehmendes Kostenbewusstsein zu beobachten ist. Der Privatreisende dagegen bindet sich gern
langfristig, wenn er dadurch Vergünstigungen oder andere Vorteile erlangen kann. Hat er beispiels-
weise vor, mehrmals im Jahr die Bahn zu nutzen, zieht er den Kauf einer BahnCard in Erwägung,
deren Einstandspreis den Einsparungen bei jeder einzelnen Fahrt gegenübergestellt wird. Konsumen-
ten schrecken vor hohen einmaligen Kosten weniger zurück als vor höheren laufenden Kosten. Die
BahnCard wird gekauft und genutzt. Der Reisende hat das Gefühl, mit jeder Fahrt ein Schnäppchen
zu machen und neigt daher dazu, zusätzliche Fahrten bzw. weitere Reisen zu unternehmen. 21 Dass er
am Ende des Jahres unter Umständen mehr für Bahnfahrten ausgegeben hat, als dies ohne BahnCard
der Fall gewesen wäre, spielt für ihn eine untergeordnete Rolle. Ein zusätzlich verkaufter Sitzplatz
kostet den Bahnbetreiber, solange kein zusätzlicher Zug gefahren werden muss, praktisch nichts.
Jeder – noch so geringe – Erlös dient also der Gewinnmaximierung. Fahrgäste, die die Möglichkeit
haben, eine Reise zu einem sehr günstigen Preis durchzuführen, reisen mehr, als sie es sonst tun
würden. Ein Extremfall für derartige Preisangebote war das im Frühjahr 1995 eingeführte „Schönes-
Wochenende-Ticket“, mit dem gegen ein Entgelt von zunächst 15 DM bis zu fünf Personen am ge-
samten Wochenende alle Züge des Regionalverkehrs nutzen konnten. Das Ziel, den Regionalverkehr
an diesen Tagen stärker auszulasten, ist der DB AG auf jeden Fall gelungen. Neben einer Verlagerung
eines Anteils der Nutzer des Fernverkehrs auf dieses Angebot des Regionalverkehrs war auch eine
deutliche Steigerung der im klassischen Sinne regional Reisenden (unter 100 km) feststellbar. Es
wurde zusätzliches Aufkommen geschaffen; es wurden mehr und längere Wochenendausflüge
durchgeführt. Insgesamt wuchs die durchschnittliche Auslastung der Nahverkehrszüge am Wochen-
ende um 250 % von 10 auf 35 Prozentpunkte [25, S. 491].
Anhand des letzten Beispiels wird deutlich, dass es auf Seiten des Verkehrsmarktes eines gewissen
Fingerspitzengefühls bei der Gestaltung eines Preissystemes bedarf, um nicht von negativen Auswir-
21 Eine ähnliche Entwicklung ließ sich in den letzten Jahren in der Telekommunikationsbranche beobachten:
Durch die Einführung sogenannter „Flatrates“ sanken die Grenzkosten für Telefonate und Internetbenutzung
bis auf Null, was von vielen Verbrauchern als ausgesprochen attraktives Angebot wahrgenommen wurde.
Tatsächlich sind die Umsätze der Telekommunikationsunternehmen für die Produkte Telefonie und Internet
jedoch gestiegen, weil einerseits aufgrund der neuen Preisgestaltung mehr telefoniert wurde und andererseits
feste, berechenbare Flatrate-Kosten von den Verbrauchern vorgezogen werden, selbst, wenn sie diesen Kos-
tenvorteil nicht immer ausnutzen können. Eine Übertragung solcher Kostenmodelle ist auf alle Produkte mög-
lich, bei denen hohe Einstands- und geringe Grenzkosten anfallen. Dies ist im Schienenpersonenverkehr der
Fall.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 20 -
kungen überrascht zu werden. Oft ist nicht eine pauschale Steigerung des eigenen Modal-Split-
Anteils gewünscht, sondern eine optimale Auslastung des Anlagevermögens, also der Infrastruktur,
der verkehrenden Züge oder aber der vorhandenen Flugzeuge. Preisdifferenzierung soll also nicht
nur für ein attraktives Angebot für jede einzelne Zielgruppe sorgen, sondern auch das Reiseverhalten
der einzelnen Zielgruppen, insbesondere derjenigen mit geringerer Zahlungsbereitschaft steuern.
Zusätzliche Fahrgäste, die an verkehrsarmen Wochentagen durchaus erwünscht sind, können am
Freitag oder Sonntag dazu führen, dass sich Fahrgäste mit hoher Zahlungsbereitschaft aufgrund des
für sie zu hohen Auslastungsfaktors der Fahrzeuge einem anderen Verkehrsträger zuwenden.
Ähnlich, wie die Reisezeit werden auch die Reisekosten zugunsten des Pkw durch die Verbraucher oft
nicht objektiv eingeschätzt. Während bei Flügen und Zugfahrten der Ticketpreis (meist ohne Berück-
sichtigung von zusätzlich notwendigen Aufwendungen, wie Kosten für Vor- und Nachlauf, für Schließ-
fächer, Reservierungsgebühren, etc.) den größten Teil der Reisekosten ausmacht und auch als
solcher wahrgenommen wird, wird der Pkw tendenziell zu kostengünstig eingeschätzt [10] (s.a.
Kapitel 2.4.2). Oft werden dem Preis für die Fahrkarte im öffentlichen Verkehr allein die Benzinkosten
des Individualverkehrs gegenübergestellt [9, S. 12]. Neben Aufklärungsarbeit kann sich die Bahn die
falsche Kostenwahrnehmung der Reisenden zunutze machen und ebenfalls ein Preismodell anbieten,
das aus einem hohen Fixkostenanteil und eher niedrigeren variablen Kosten besteht. Tatsächlich
reagieren Verbraucher auf die Veränderung der variablen Kosten am sensibelsten. Walther errechne-
te in [26, S. 449-451], dass die „generelle Erhebung einer Straßenbenutzungsgebühr von 0,15 DM pro
Pkw-Kilometer eine Reduktion des Pkw-Bestandes um 18,6% bewirken *würde+“. Dies entspräche
0,08 € je Kilometer bzw. 0,80 € je Liter Benzin – einer Preissteigerung, die in den Jahren seit der
Veröffentlichung 1995 bereits zu 60 % eingetreten ist. Berücksichtigt man die allgemeinen Inflations-
raten in dieser Zeit, wird deutlich, dass sich Benzin insbesondere in den Jahren 1999-2005 überpro-
portional verteuert hat. Zwar hat sich der Pkw-Bestand nicht reduziert, aber zum ersten Mal in der
Nachkriegszeit ist die Fahrleistung im Individualverkehr zurückgegangen [27; 28]. Im Umkehrschluss
der Aussage, wonach bei günstigeren Angeboten die Verkehrsleistung steigt, kann daher hergeleitet
werden, dass bei höheren wahrgenommenen Kosten weniger gefahren wird.
Es kann also ein direkter Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Reisekosten und der Ver-
kehrsleistung festgestellt werden. In Kapitel 2.4 wird gezeigt, dass sich die Reisekosten zwischen
den einzelnen Verkehrsträgern weniger stark unterscheiden, als innerhalb der Angebote der ein-
zelnen Verkehrsträger; die Kosten je Personenkilometer sind auf den untersuchten Strecken nur
von der Reiseweite und vom gewählten Komfort abhängig. Aus diesem Grunde dominiert auf dem
zurzeit in Deutschland herrschenden Verkehrsmarkt das Kriterium Reisezeit über die Verkehrsträ-
gerwahl und somit den Modal Split. Günstige (auch temporäre) Angebote im Fernverkehr führen
zu einer höheren Verkehrsleistung.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 21 -
2.1.4.3 Reisekomfort
Die in der Literatur verwendeten Definitionen von Reisekomfort sind durchaus unterschiedlich. Im
Folgenden sollen mit diesem Begriff alle bisher noch nicht diskutierten Kriterien der Verkehrsmittel-
qualität beschrieben werden: Eignung für Reisezweck und Wegstrecke, Verfügbarkeit, mit Nutzung
verbundene Einschränkungen, Kombinationsfähigkeit mit anderen Verkehrsmitteln, Sicherheit,
Berechenbarkeit und Pünktlichkeit, Transportfähigkeit und -qualität mitgenommener Güter, Service
und Betreuung während der Reise, Erreichbarkeit, Zuverlässigkeit, Prestigewert, Symbolcharakter,
soziale Bedeutung, Image, Komfort, Bequemlichkeit der Nutzung und die bereits beschriebene Psy-
chohygiene bei der Nutzung des Verkehrsmittels [10, S. 41]. Reisekomfort geht also weit über den
Fahrkomfort hinaus. Er ist eine aggregierte Größe aus der gewichteten Summe einzelner Qualitäts-
merkmale bzw. Umwelteinflüsse. Er beinhaltet Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Reise
ebenso wie Image und subjektives Sicherheitsgefühl. Alle genannten Komfortmerkmale lassen sich
vom Verkehrsunternehmen innerhalb weiter Bandbreiten verbessern, was jedoch in den meisten
Fällen mit einem finanziellen Aufwand verbunden ist.
Als Indikator für die Qualität von Eisenbahnen wird seit deren Bestehen die Pünktlichkeit genannt.
Tatsächlich sind für hohe Pünktlichkeitswerte eine Vielzahl von technischen und betrieblichen Vor-
aussetzungen zu erfüllen, welche hohen Aufwand verursachen (Leistungsreserven in Strecken und
Knoten sowie ausreichend vorhandene Ersatzfahrzeuge, vorausschauende Instandhaltung, nach
Möglichkeit außerhalb der Betriebszeiten, hohe Motivation des Personals und Identifikation mit dem
eigenen Unternehmen, artreiner Verkehr). In Ländern, in denen hohe Pünktlichkeitswerte gemessen
werden, haben die Eisenbahngesellschaften ein durchweg positiveres Image (Japan, Schweiz) als in
Ländern, in denen die Pünktlichkeit der Eisenbahn eher unterdurchschnittlich ausfällt (Großbritan-
nien, Deutschland). Hohe Qualität, insbesondere nahezu einhundertprozentige Pünktlichkeit des
Hochgeschwindigkeitsproduktes AVE hat in Spanien zu einer enormen Aufwertung des gesamten
Verkehrsträgers Schiene im Ansehen der Bevölkerung geführt. Für die Schweiz werden Beobachtun-
gen zur Bewertung der Pünktlichkeit in [29, S. 436] wie folgt zusammengefasst: „Die Pünktlichkeit ist
daher, zusammen mit der Sauberkeit und Sicherheit, die conditio sine qua non für den Erfolg im
öffentlichen Verkehr. Wenn diese grundlegenden Erfordernisse nicht beachtet werden, bleibt alles
andere (dichter Fahrplan, modernes rollendes Material und kreatives Marketing) praktisch wirkungs-
los.“ Neben der Pünktlichkeit wird in [9, S. 2] auch die Sicherheit als eine Grundvoraussetzung ge-
nannt, welche nicht durch die hohe Qualität anderer Faktoren zu ersetzen ist; auch Jänsch
bezeichnet „unbedingte Verlässlichkeit, Pünktlichkeit sowie eine hinreichende Sauberkeit, Sicherheit
und Komfort“ als „Grundvoraussetzungen“ [30, S. 709].
Hinsichtlich des Fahrkomforts sollte der Vorteil des Rad/Schiene-Systems gegenüber allen anderen
Verkehrsmitteln genutzt werden, wonach aufgrund der geringen Rollreibung der Fahrwiderstand
durch zusätzlich mitgeführte Massen kaum ansteigt und auch der Verschleiß von Infrastruktur und
Rollendem Material sich bei einer leichten Zunahme der Achslasten nur minimal ändert. Durch die
mögliche Länge von Personenzügen von bis zu 400 m steht eine im Verhältnis zu anderen Verkehrs-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 22 -
trägen große Nutzfläche in den Fahrzeugen zur Verfügung. Diese Eigenschaften können genutzt
werden, um die Ausstattung der Bahnen üppiger, vielfältiger und fahrgastfreundlicher zu gestalten
als in allen andern Verkehrsmitteln, ohne eine deutliche Steigerung der Lebenszykluskosten22 zu
verursachen.
Auch, wenn eine bessere Ausstattung der Fahrzeuge nicht alleinentscheidend bei der Wahl des
Verkehrsträgers ist, kann auf diese Weise doch die gefühlte Reisezeit verkürzt und somit ein etwas
größerer Anteil am Modal Split gewonnen werden. Dies ist insbesondere dann notwendig, wenn die
Fahrzeit die signifikante Grenze von drei Stunden übersteigt. Dann können das Bordrestaurant,
verstellbare Sitze, Flachbildschirme, 230-V-Steckdosen zur Nutzung des Laptops oder ein Kiosk im
Fahrzeug helfen, die Fahrt abwechslungsreich zu gestalten und somit zu einer gefühlten Verkürzung
beitragen. Die Innenausstattung der ICE-Familie wurde oft mit der des französischen TGV verglichen
und als deutlich komfortabler bewertet. Vergleicht man die durchschnittlichen Reisezeiten auf den
Hochgeschwindigkeitsstrecken in Frankreich und Deutschland, wird deutlich, warum unterschiedliche
Fahrzeugausstattungen notwendig sind: Das „Wohnzimmer auf Rädern“, so das Schlagwort in der
Literatur, wird bei Fahrzeiten deutlich unter drei Stunden, wie sie auf den wichtigsten französischen
Relationen gängig sind, nicht benötigt.
Während im Sinne des Komfortempfindens die Ausstattung der Fahrzeuge eher für Reisende an
Bedeutung gewinnt, die oft und lange mit der Bahn fahren, sind für Gelegenheitsfahrer andere Quali-
tätsmerkmale mehr von Belang: Ausreichende Informationen auf der gesamten Reisekette, Vernet-
zung mit anderen Verkehrsträgern, ein verständliches Preissystem und freundliche, hilfsbereite
Mitarbeiter. Insbesondere Reisende, die gewöhnlich das eigene Kraftfahrzeug gebrauchen, sind beim
Reisen mit der Bahn eher unsicher und sollten vom Service gut umsorgt werden. Mehr als 80 % der
Autofahrer macht ihre Art des Reisens Spaß [31], selbst im Falle eines Staus fühlen sie sich noch
soweit als „Herr des Geschehens“, als sie selbst entscheiden können, den Stau zu umfahren oder
nicht. Bei einer Verspätung mit der Bahn fühlen sich Reisende hilfsloser. Oft stellt sich die Frage, ob
ein Anschluss sicher ist, ob die Verspätung weiter zunehmen wird. Diese Hilflosigkeit tritt ganz be-
sonders dann auf, wenn über den Grund einer Verspätung oder eines Zugausfalls nicht informiert
wird oder der genannte Grund nicht nachvollziehbar erscheint. Aufgabe der Bahngesellschaften ist
hier, viel mehr als bisher, zeitnah über eine auftretende Verspätung und deren Konsequenzen zu
informieren. Als Vorbild kann dafür der Flugverkehr dienen, bei denen in solchen Fällen der Kapitän
die Passagiere über die Umstände informiert und auf dem Laufenden hält. Selbst, wenn sich die
Konsequenz – das verspätete Eintreffen am Zielort – dadurch nicht ändern lässt, reagieren in einem
solchen Fall die wenigsten Passagiere erbost. Nicht nur in Störfällen, sondern auch bei einer normal
verlaufenden Reise dienen Informationsmöglichkeiten (beispielsweise über die aktuelle Position,
Serviceeinrichtungen am Zielbahnhof usw.) dem Fahrgast, etwaige Verunsicherung zu beseitigen,
22 Selbst Mehrkosten von 10 % bei den Fahrzeugen und ein zusätzlicher Energieverbrauch von 10 % machen
sich nur mit 1 % zusätzlichen Lebenszykluskosten eines Bahnprojektes bemerkbar, wenn die gesamten System-
kosten berücksichtigt werden (s. Kapitel 3.3.2).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 23 -
aber auch die gefühlte Fahrzeit zu verkürzen. Für die Zukunft ist in diesem Bereich ein Trend zur
Übermittlung von individuellen Daten zur Reisekette beispielsweise per E-Mail oder auf ein mobiles
Endgerät zu erwarten. Um den Wechsel auf den öffentlichen Verkehr zu erleichtern bietet sich wei-
terhin eine betriebliche, organisatorische und räumliche Vernetzung der Verkehrsträger, auch und
gerade mit dem Individualverkehr, an. Dabei sollten alle bestehenden Möglichkeiten ausgenutzt
werden: Neben einer guten Anbindung der Bahnhöfe, Information über und Sicherung von An-
schlussverbindungen (auch von Fremdgesellschaften), wechselseitige Akzeptanz von Fahrausweisen
und Rabattsystemen gilt dies bis hin zu Reiseplänen über die gesamte Reisekette. Das elektronische
Ticketing lässt neben einer effizienteren Abwicklung des Fahrkartenkaufs auch besondere Tarifmo-
delle zu, welche dem Reisenden die Wahl einer bestimmten Fahrkarte abnehmen und anhand der
von ihm im jeweiligen Monat oder Jahr gefahrenen Kilometer den günstigsten Tarif wählen. Ein
Ticket, welches weitere Stufen der Reisekette mit einbezieht (Parkgebühren, Car-Sharing, Öffentli-
cher Nahverkehr) und den Reiseverlauf somit deutlich vereinfacht, lässt sich bei bestehender Infra-
struktur einfach umsetzen.
Um Reisende vom Individualverkehr zu gewinnen, genügt nicht immer eine Vorteilhaftigkeit der
Bahn in den Kriterien Reisezeit und Reisekosten. Insbesondere die Ansprüche von Gelegenheitsfah-
rern gehen über die genannten Eigenschaften hinaus. Je nach Reisezweck erwarten Fahrgäste
wenige bzw. stressfreie Umstiege, eine ganzheitliche Haus-zu-Haus-Philosophie einschließlich
Lösung des Gepäckproblems, die Sicherstellung der Mobilität am Urlaubsort und eine zielgruppen-
gerechte Gestaltung des Fahrzeuglayouts, in der unterschiedliche Ansprüche von Geschäfts- und
Privatreisenden berücksichtigt werden. Hochwertige Ausstattung der Fahrzeuge hat eine gegen-
über der Reisezeit und den Reisekosten untergeordnete Relevanz.23
2.1.4.4 Bedienungshäufigkeit, Betriebszeiten und durchgehende Verbindungen
Für Klientel, welche wenig flexibel hinsichtlich des Reisezeitpunktes sind, ist eine hohe Bedienungs-
häufigkeit auf der gewünschten Relation notwendiges Kriterium, um vom Individualverkehr auf ein
öffentliches Verkehrsmittel zu wechseln. Verschiedene Studien verwenden die Bedienungshäufigkeit
in Form der daraus resultierenden mittleren Wartezeit auf die nächste mögliche Verbindung als
zusätzlichen Summanden bei der Berechnung der Reisezeit. Dabei variieren die Aufschläge auf die
Fahrzeit zwischen der halben Taktzeit (als statistischer Erwartungswert für die Wartezeit auf die
nächste Verbindung) und einem Viertel der Taktzeit (was berücksichtigt, dass einige Reisenden die
genaue Abfahrtszeit kennen und sich erst kurz vor Abfahrt ihres Zuges im Bahnhof einfinden). Diese
Rechenweise ist bei kurzen Taktfolgen, wie sie beispielsweise im Nahverkehr üblich sind, durchaus
23 Als Beleg für die fehlende Attraktivität einer Verbindung trotz hochwertigen Wagenmaterials bei nicht
marktgerechten Fahrzeiten können die Verbindungen zwischen Berlin und den alten Bundesländern in den
1990er Jahren gewertet werden. Da die ICE-Fahrzeuge früher als die Hochgeschwindigkeitsstrecke zur Verfü-
gung standen, wurde „…ein Vorlaufbetrieb zwischen Berlin und Köln auf der nur für 160 km/h ausgebauten
Strecke über Magdeburg angeboten“ [75, S. 329]. Körfgen und Weigand stellen dazu fest, dass „…der Komfort
des ICE zwar gerne angenommen wird, dass jedoch keine signifikante Nachfragesteigerung zu verzeichnen
war“.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 24 -
gerechtfertigt. Im Fernverkehr mit Zugfolgen von einer, zwei Stunden oder einer noch längeren Zeit
wird kein nennenswerter Anteil der Reisenden ohne Kenntnis des Fahrplanes auf einen Zug warten.
Bei sehr langen Takten wird ein einfacher Aufschlag auf die Fahrzeit also nicht genügen, um den
Einfluss der Taktzeit zu repräsentieren. Vielmehr müssen besonders lange Taktzeiten als Nachteil des
öffentlichen Verkehrs gegenüber dem Individualverkehr in die Berechnungen zum Modal-Split aufge-
nommen werden, dessen Bedeutung bei längeren Reisezeiten niedriger liegt als bei kürzeren. Die
Bahn als Verkehrsmittel mit den höchsten Gefäßgrößen im innerdeutschen Fernverkehr benötigt für
einen dichten Takt ein ausgesprochen hohes Aufkommen. Um ausreichend hohes Aufkommen für
einen wirtschaftlichen Betrieb bei dichtem Takt zu erreichen, bieten sich folgende Möglichkeiten:
Erhöhung der Fahrgastzahlen in schlecht ausgelasteten Zügen durch besondere Angebote,
Kleinere Fahrzeuge, welche durch Kuppelbarkeit universelle Einsetzbarkeit auf verschiedenen
Strecken24 und damit eine hohe betriebliche Flexibilität aufweisen,
Verknüpfung von Linien (mittels Korrespondenzhalten).
Die Bedeutung kurzer Taktzeiten für den Fahrgast scheint in Deutschland unterschätzt worden zu
sein. Mit Inbetriebnahme des ICE-Netzes waren weder Fahrzeuge noch Infrastruktur auf eine mögli-
che Verkürzung der Takte ausgelegt. Der ICE 2, welcher in Länge, Masse und Platzkapazität etwa die
halbe Größe des ICE 1 aufweist, erreicht höhere Auslastungszahlen auf schwächer frequentierten
Hochgeschwindigkeitsstrecken, wurde jedoch nicht entwickelt, um einen dichteren Verkehr auf
Strecken mit verhältnismäßig hohen Aufkommen durchzuführen. Dies wäre schon aufgrund von
Kapazitätsengpässen in der Infrastruktur, insbesondere in den Knoten, oft nicht möglich. Soll ein
eigenwirtschaftlicher Betrieb von Seiten des Bahnbetreibers durchgeführt werden, spricht darüber
hinaus das Trassenpreissystem der DB Netz gegen einen dichten Verkehr mit kleinen Fahrzeugeinhei-
ten: Die Trassenpreise im deutschen Personenverkehr richten sich ausschließlich nach Qualität und
Auslastung der Strecke sowie zeitlicher Lage der Trasse. Eine Berücksichtigung des auftretenden
Verschleißes an der Infrastruktur durch Zuglänge, Betriebsgeschwindigkeit oder Achslasten findet
nicht statt. Anstelle eines Ausbaus der Knoten für einen dichten Fernverkehr schlägt Breimeier in [22]
sogar eine „Vermeidung einer weiteren Verdichtung des Zugangebots durch den Einsatz von Doppel-
stockwagen“ und „Überwindung des Systembruchs zwischen S-Bahn und Schienenpersonennahver-
kehr“ vor. Letztere Maßnahme ginge nach allen bisherigen Erfahrungen mit einer Verringerung der
Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit des Bahnsystems einher.
24 In den letzten Jahren ist eine starke Differenzierung des Fahrzeugparks mit immer kleineren Losgrößen und
gleichzeitiger Festlegung auf bestimmte Strecken zu beobachten. Während die ICE 1 – Serie zunächst 60 Einhei-
ten beinhaltete, wurden 44 ICE 2 hergestellt. Diese Fahrzeuge können in Deutschland, Österreich (19 ICE 1 mit
nachträglich nachgerüstetem ETCS und Modifikationen beim Stromsystem auch in der Schweiz) eingesetzt
werden. Ein Einsatz in anderen Ländern, aber auch auf den zuletzt in Betrieb gegangenen Neubaustrecken ist
aufgrund ihres Lichtraumprofils und der zu geringen spezifischen Antriebsleistung nicht möglich. Vom ICE 3
bestehen bei einer Gesamtserie von 67 Stück sogar 3 verschiedene Versionen (Einsystemzug / Mehrsystemfä-
higkeit für Niederlande / Mehrsystemfähigkeit zusätzlich für Frankreich). Letztere Version stellt eine Umrüstung
der ersten mehrsystemfähigen Fahrzeuge in einer Stückzahl von fünf dar. Bei einer derartigen Spezifizierung
des Wagenparks für den jeweiligen Einsatzzweck geht die betriebliche Flexibilität deutlich zurück.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 25 -
Die in Deutschland gewählte Form von Korrespondenzhalten, bei denen verschiedene Fernverkehrs-
linien miteinander verknüpft werden, ermöglicht es, Verbindungen auf Relationen anzubieten, die
aufgrund zu niedrigen Aufkommens keinen dichten Direktverkehr erlauben. Durch alternierende Zug-
läufe werden sowohl einzelne umsteigefreie Verbindungen als auch einzelne Verbindungen mit
Umsteigezwang angeboten.25 Für Verbindungen mit Umsteigezwang müssen jedoch, ähnlich wie bei
hohen Taktzeiten, selbst bei gleichen Reisezeiten und Reisekosten Abschläge für die Bahn im Modal
Split berücksichtigt werden. In [32] sprechen die Autoren von einem „Erfahrungswert für eine Min-
derverkehrsquote durch zusätzliche Umsteigevorgänge von 15 %“. Dies entspräche einem Rückgang
von etwa 28 % der Fahrgäste bei zwei notwendigen Umsteigevorgängen. Fraglich ist, inwieweit diese
Gesetzmäßigkeit der Fahrgastelastizität gelten kann, denn für Umsteigevorgänge gelten genau wie
für Taktzeiten und die oben beschriebenen „festen“ Faktoren zur Fahrgastelastizität Akzeptanzgren-
zen. Sie stellen einen auf eine bestimmte Eigenschaft bezogenen Wertebereich dar, „dessen Unter-
bzw. Überschreitung dazu führt, dass eine Alternative von vornherein bei der Entscheidung ausge-
klammert wird“ [10]. Reisemöglichkeiten mit mehreren Umstiegen werden gänzlich ausgeschlossen.
Umsteigezeiten werden als unangenehmer empfunden als längere Fahrzeiten.
Während Fahrkomfort also insbesondere auf Strecken wichtig ist, auf denen (noch) keine kurzen
Fahrzeiten erreicht werden können, gilt für den übergreifenden Reisekomfort, dass gewisse Min-
deststandards bezüglich Angebot und Service erreicht werden müssen, welche für unterschiedliche
Klientel verschieden hohe Bedeutung haben.
2.1.5 Gewichtung der Einflussfaktoren
In einer Reihe von Untersuchungen wurde versucht, die o.g. Einflussfaktoren in eine Reihenfolge
ihrer Priorität zu bringen. Als Beispiele sind in Tabelle 3 und Tabelle 4 Ergebnisse der INVERMO-
Studie bzw. einer Untersuchung von Ellwanger und Wickens dargestellt. Bei der Betrachtung dieser
Ergebnisse fällt auf, dass eine pauschale Aussage zu den Prioritäten der Reisenden nicht möglich ist.
Vielmehr muss das Angebot der Verkehrsträger für jede Klientel nach anderen Gesichtspunkten
ausgerichtet werden, wobei die Untersuchungen hinsichtlich der Wünsche einzelner Klientel auf-
grund unterschiedlicher Befragungsmethoden nicht in allen Punkten übereinstimmen. So wird bei-
spielsweise Pünktlichkeit von Zumkeller in [33] als wichtigstes Kriterium für Geschäftsreisende bei
der Wahl des Verkehrsmittels genannt, bei Ellwanger und Wickens jedoch überhaupt nicht. Es ist
anzunehmen, dass die Umfrage zur INVERMO-Studie in einer Zeit stattfand, in der die Pünktlichkeit
besonders diskussionswürdig war. In Kapitel 2.1.4.4 wiederum wurde Pünktlichkeit als eine Eigen-
schaft genannt, welche als Grundvoraussetzung gilt und nicht durch andere Eigenschaften ausgegli-
chen werden kann, bei derartigen Untersuchungen also auch nicht in eine Rangfolge mit anderen
Eigenschaften gestellt werden dürfte. Gleiches gilt für das als außerordentlich wichtig eingestufte
25 Als Nachteil der Korrespondenzhalte ist die Reduzierung der Reisegeschwindigkeit zu nennen, die aus länge-
ren Aufenthaltszeiten in den Umsteigebahnhöfen resultiert.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 26 -
Kriterium Sicherheit. Dieser Faktor wird in den wenigsten Fällen dazu führen, dass sich Reisende für
ein hinsichtlich Komfort, Reisepreis und -zeit unterlegendes Verkehrsmittel entscheiden, weil statis-
tisch ein geringeres Unglücksrisiko besteht. Vielmehr wird Sicherheit von Öffentlichen Verkehrsmittel
übergreifend als ausreichend gut wahrgenommen, selbst wenn Unterschiede zwischen einzelnen
Verkehrsträgern bekannt sind. In [34] wird von Meffert im Zusammenhang mit Befragungen zur
Verkehrsmittelwahl von einer Reduktion der Informationen auf sog. „information chunks“ gespro-
chen, „die ein Konsument seiner Produktbeurteilung zugrunde legt, die jedoch einer direkten Beo-
bachtung nicht zugänglich sind“ [34, S. 158]. Es besteht darüber hinaus bei umfragebasierten
empirischen Studien die Problematik, dass in den Antworten das quantitative Niveau der genannten
Eigenschaften nicht hinreichend berücksichtigt werden kann. Selbst, wenn die Schnelligkeit für Pri-
vatreisen gemäß den hier zitierten Ergebnissen nur eine untergeordnete Rolle spielt, entscheidet sich
auch diese Gruppe von Reisenden bei einem vorhandenen Angebot für das Flugzeug, wenn, wie
bereits dargestellt, sich der Reisepreis zwischen den einzelnen Verkehrsträgern nur geringfügig
unterscheidet.
Tabelle 3: Rangfolge der gewünschten Verkehrsmitteleigenschaften nach INVERMO (Quelle: [33])
Geschäftsreise (n = 500)
Urlaubsreise (n = 1.200)
sonstige Privatreise (n = 1.200)
1
pünktlich
sicher
sicher
2
sicher
unkompliziert
preiswert
3
schnell
preiswert
unkompliziert
4
unkompliziert
erholsam
pünktlich
5
flexibel
pünktlich
schnell
6
komfortabel
flexibel
flexibel
Tabelle 4: Rangfolge der gewünschten Verkehrsmitteleigenschaften nach Ellwanger (Quelle: [35])
Geschäftsreise
Privatreise
1
Schnelligkeit
Fahrpreis
2
zeitliche Verfügbarkeit
räumliche Verfügbarkeit
3
räumliche Verfügbarkeit
Zugangsmöglichkeit
4
Zugangsmöglichkeit
Schnelligkeit
5
Bequemlichkeit, Komfort
zeitliche Verfügbarkeit
Zusammenfassend können die Determinanten Reisezeit (beinhaltet an dieser Stelle auch Verbin-
dungsqualität und Pünktlichkeit) und Reisepreis als entscheidend für die Auswahl von Verkehrsmit-
teln angesehen werden. Bei der von Meffert durchgeführten Conjoint-Analyse machten diese beiden
Eigenschaften „70 % des Gesamtnutzens der Bahnreise über alle Befragten“ [34, S. 162] aus. Service
(10 %), Ausstattung (10 %) und sozialer Nutzen (8 %) liegen auf weit niedrigerer Prioritätsstufe.
Hinsichtlich der Differenzierung für verschiedene Klientel gilt für alle genannten Studien gleicherma-
ßen, dass für Geschäftsreisende Zuverlässigkeit und Schnelligkeit bei der Auswahl eines Verkehrsmit-
tels entscheidend sind. Von privat Reisenden wird dagegen Preiswürdigkeit deutlich höher
eingestuft26 als von Geschäftsreisenden. Der Grund für die untergeordnete Bedeutung der Reisekos-
26 In [9, S. 13] wird die Preiselastizität für Privatreisen gegenüber Dienstreisen als doppelt so hoch angegeben.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 27 -
ten bei Geschäftsreisen lässt sich schnell ausmachen: Für den Reisenden selbst sind die Kosten nicht
relevant, da sie in der Regel vom Arbeitgeber bzw. Auftraggeber bezahlt werden. Für diesen wieder-
um haben Reisekosten eine geringere Bedeutung als der bei der Reise eintretende Arbeitsausfall, der
mit deutlich höheren Stundensätzen bezahlt werden muss.
Der Reisekomfort spielt in den Untersuchungen stets eine untergeordnete Rolle. Auf Strecken, auf
denen die Bahn die Reisezeiten von Individualverkehr und Flugzeug unterbietet, hat die Ausstattung
der Fahrzeuge nur ein geringes Gewicht im Entscheidungsverhalten der Reisenden. Die Bahn wird
den größten Anteil des Aufkommens für sich gewinnen können. Da diese Situation jedoch nur auf
den wenigsten deutschen Fernverkehrsrelationen eintritt, muss versucht werden, einen Teil der
zeitsensitiven Klientel durch andere Eigenschaften für die Bahn zu gewinnen. Es gelten Mindeststan-
dards hinsichtlich Service und Angebot, bei deren Nichterreichen die Bahn aus der engeren Wahl
fällt. Diese notwendigen Mindeststandards (Pünktlichkeit, Takt, Angebote in Tagesrandlage) werden
mit ihrer Bedeutung für den Bahnverkehr in Deutschland in Kapitel 2.7 zusammengefasst.
2.2 Analyse der Reisezeiten auf den wichtigsten deutschen Relationen für
verschiedene Verkehrsmittel
Neben Matrizen mit Reisezeitvergleichen [36, S. 70; 37, S. 314] finden sich in der Literatur Darstel-
lungen von sog. „Reisezeitbändern“, bei denen für die gängigen Verkehrsträger typische Reisezeiten
in Abhängigkeit der Reiseweite abgetragen sind (Abbildung 4 und 5). Aus den Überlappungsberei-
chen dieser Bänder lässt sich schlussfolgern, bei welchen Reiseweiten die verschiedenen Verkehrs-
systeme in Konkurrenz zueinander stehen. In Bereichen, in denen keine Überlappung stattfindet,
scheint dasjenige System mit der geringsten Reisedauer für den größten Anteil im Modal Split prä-
destiniert zu sein. Ohne Berücksichtigung der Kriterien Reisekomfort und Reisepreis müsste dieses
System sogar das gesamte auf diesen Relationen auftretende Aufkommen abdecken. Tatsächlich
scheint sich diese Theorie bei der ersten Betrachtung zu bestätigen: Die optimalen Reiseweiten der
Verkehrsträger Eisenbahn und Flugzeug bestätigen die im innerdeutschen Verkehr realisierten
durchschnittlichen Reiseweiten. In Abbildung 5 erreicht der ICE ab etwa 200 km Reiseweite eine
höhere Reisegeschwindigkeit als der Pkw; bis 600 km besteht ein Wettbewerb zwischen
Rad/Schiene-System und Luftverkehr.
Die tatsächliche durchschnittliche Reiseweite im Fernverkehr der Bahn wurde in Kapitel 2.1.1 mit
283 km angegeben, sie liegt also im unteren Bereich des besonders für die Bahn geeigneten Ge-
schwindigkeitsbereiches. Für den innerdeutschen Flugverkehr lassen sich Reiseweiten von knapp
500 km errechnen. Aus diesen Werten lässt sich herleiten, dass das Potenzial der Schiene als Konkur-
renz zum Flugverkehr in Deutschland bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist.
Problematisch an den veröffentlichten Reisezeitbändern erscheint, dass sie auf angenommenen
„typischen“ Reisegeschwindigkeiten der jeweiligen Verkehrsträger basieren, welche jedoch in der
Realität nicht immer, teilweise sogar nur auf einzelnen Verbindungen, erreicht werden. Während bei
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 28 -
Reisen mit dem Pkw aufgrund des feinmaschigen Autobahnnetzes mit geringen Unterschieden bei
der durchschnittlich zu erreichenden Reisegeschwindigkeit durchaus noch davon ausgegangen wer-
den kann, dass die Reisedauer proportional zur Entfernung ansteigt, ist diese Annahme beim Fern-
verkehr der Bahn ebenso zu bezweifeln, wie bei Flugreisen. Das Streckennetz der Bahn ist durch
einzelne Neu- und Ausbaustrecken gekennzeichnet, auf denen hohe Fahrgeschwindigkeiten bis zu
300 km/h im Betrieb erzielt werden. Diese Strecken machen, auch wenn ein großer Anteil des Fern-
verkehrs über sie abgewickelt wird, jedoch nur etwa 4 % des Streckennetzes der DB AG aus.27 Der
weitaus größere Teil der Betriebskilometer im Fernverkehr wird auf Strecken mit einer zulässigen
Betriebsgeschwindigkeit von v ≤ 160 km/h geleistet, woraus deutlich niedrigere Durchschnittsge-
schwindigkeiten resultieren. Liegen keine Direktverbindungen vor, schmälert die für das Umsteigen
zusätzlich aufzuwendende Zeit darüber hinaus die realisierbare Geschwindigkeit. Letztlich ist für
einen Vergleich der relativ hohe Umwegfaktor im Bahnverkehr zu berücksichtigen. Kürzere, direkte
Verbindungen bedeuten nicht immer auch eine kürzere Fahrzeit, wenn alternative Verbindungen
über Schnellfahrstrecken bestehen. Bei der Beurteilung der Schnelligkeit einzelner Verbindungen
muss der Quotient von Reisegeschwindigkeit und Umwegfaktor gebildet werden. Mit dieser Metho-
de wird die Reisegeschwindigkeit unabhängig von der zurückgelegten Strecke auf die Luftlinienent-
fernung berechnet. Zur besseren Vergleichbarkeit der Attraktivität einzelner Verkehrsträger sollen
in diesem Kapitel auf die Luftlinie bezogene Geschwindigkeiten von Kraftfahrzeug-, Bahn- und
Flugverbindungen gegenübergestellt werden.
Für den Flugverkehr gilt, dass nur ein Teil der für den deutschen Fernverkehr interessanten Relatio-
nen überhaupt von den Airlines als Direktflug angeboten wird. Insbesondere auf sehr kurzen Stre-
cken, bei denen der Zeitanteil für Fahrt zum Flughafen und den Check-in die reine Flugzeit deutlich
überwiegen würde, aber auch auf Strecken zwischen kleineren Unterzentren, deren geringe Ver-
kehrsaufkommen keinen wirtschaftlichen Betrieb einer Direktverbindung erwarten lassen, steht der
Flugverkehr nicht in Konkurrenz zu den übrigen Verkehrsträgern, da diese Relationen nur über zeit-
aufwändige Umsteigeverbindungen durch den Luftverkehr abgedeckt werden.
Die oben zitierten Reisezeitbänder sind also nur theoretischer Natur. Sie bieten keine hinreichende
Erklärung für den in Deutschland vorliegenden Modal Split. Für eine genauere Untersuchung des
Zusammenhanges zwischen den Faktoren Reisezeit (aber auch Reisekosten) und Modal Split soll im
Folgenden eine Aufstellung der Reisemöglichkeiten für wichtige deutschen Relationen, einschließlich
ausgewählter Relationen ins Ausland, erstellt werden. Neben der reinen Datensammlung soll eine
genaue statistische Auswertung erfolgen, die es ermöglicht, fundierte Aussagen über den Stand der
Bahn auf dem deutschen Fernverkehrsmarkt zu treffen.
27 Gemäß „Infrastrukturzustands- und -entwicklungsbericht 2006“ der DB AG beträgt die Betriebslänge des
Netzes nur noch 34.019 km. Bei etwa 1.400 km davon handelt es sich um HGV-Strecken. Jänsch gibt in [30, S.
705] an, dass innerhalb des ICE-Netzes eine Streckenlänge von 1.000 km mit einer Betriebsgeschwindigkeit von
mehr als 200 km/h und weitere 1.120 km mit mehr als 160 km/h befahrbar sind.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 29 -
2.2.1 Vorgehen
Grundlage der Analyse ist eine Matrix, die für alle relevanten Relationen des deutschen Fernver-
kehrsmarktes einen Vergleich von Reisezeit und -kosten über die Verkehrsmittel Bahn, Kraftfahrzeug
und Flugzeug ermöglicht.
Als erster Schritt für die zu erstellende Analyse müssen die „wichtigsten“ Relationen für den Deut-
schen Fernverkehr definiert werden. Für diese Untersuchung wurden alle 27 deutschen Städte ab
einer Größe von 250.000 Einwohnern berücksichtigt. Es erscheint sinnvoll, auch Verbindungen ins
Ausland mit in die Untersuchung aufzunehmen. Zwar sind hier wirtschaftliche und soziale Verflech-
tungen nicht so stark ausgeprägt wie innerhalb Deutschlands, aber es kann seit Jahren eine stetige
Zunahme des Verkehrsaufkommens über alle Verkehrsträger hinweg beobachtet werden, die sich auf
die Herausbildung einer europäischen Kultur mit immer mehr internationalen Geschäftskontakten,
Tourismus und sozialen Beziehungen rückführen lässt. Für den spurgeführten Verkehr relevant sind
jedoch nur Verkehrsrelationen unter etwa 1.250 km, die sich auch ohne Flugzeug innerhalb eines
halben Tages zurücklegen lassen. Aus diesem Grunde wurden lediglich die Hauptstädte aller Nach-
barländer Deutschlands sowie die Städte Bratislava und Budapest mit in die Analyse aufgenommen.
Im Ergebnis werden 666 Verbindungen zwischen 37 Städten untersucht.
Da die Reisezeit per Definition (s. Kapitel 2.1.4.1) neben der reinen Fahrzeit auch die benötigten
Zeiten für Zu- und Abgang sowie ggf. Zeiten für Ein- und Auschecken einschließlich gängiger Reserven
beinhaltet, wurden diese Einzelzeiten spezifisch für jede Stadt und jeden Verkehrsträger ermittelt
und anschließend mit den jeweiligen Fahrzeiten addiert.
Aufgrund des nicht notwendigen Systemwechsels bei einer Fernreise mit dem Pkw sind bei diesem
Verkehrsträger Fahr- und Reisezeit identisch. Es ist davon auszugehen, dass die Zugangszeit zum Pkw
im Mittel nicht länger ist als diejenige zum ersten Glied einer mehrstufigen Reisekette. Die Fahrzeit
selbst wurde für Verbindungen mit dem Kraftfahrzeug mittels eines elektronischen Routenplaners für
jede einzelne Relation ermittelt, bei dem neben der tatsächlichen Streckenlänge auch die auf dem
jeweils genutzten Straßenabschnitt zugelassene Geschwindigkeit Berücksichtigung fand. Die Fahrzei-
ten bzw. Flugzeiten von Bahn und Flugzeug wurden aus den aktuellen Fahr- bzw. Flugplänen ausgele-
sen, wobei darauf geachtet wurde, dass nur Fahrzeiten aufgenommen wurden, die regelmäßig
erreicht werden. D.h., einmalig verkehrende Sprinterverbindungen oder nicht mindestens mehrmals
täglich stattfindender Flugverkehr blieben ohne Berücksichtigung. In den Fällen, in denen unter-
schiedliche Umsteigeverbindungen angeboten waren, wurde aus Gründen der Anschlusssicherheit
und des Reisekomforts gemäß den theoretischen Erkenntnissen von Kapitel 2.1.4 die erste Priorität
auf eine geringere Anzahl von Umsteigevorgängen gelegt, solange sich die Fahrzeit dadurch nur
marginal erhöht. Für Verbindungen, die nicht oder nicht vollständig vom Fernverkehr der Bahn
angeboten werden, wurden entsprechend Reiseketten unter Einbezug von Produkten des Nahver-
kehrs erstellt.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 30 -
Bei der Ermittlung der durchschnittlichen Zu- bzw. Abgangszeiten wird von einer An- und Abreise mit
dem Kraftfahrzeug ausgegangen. Dies schließt die Fahrt mit Taxi und eigenem Pkw genauso ein, wie
das Bringen und Abholen durch andere Personen, wie z.B. Familienangehörige. In der Summe ma-
chen diese Varianten die Mehrheit der Fälle für das erste und letzte Glied einer Fernreise mit öffent-
lichen Verkehrsmitteln aus. Für jede einzelne betrachtete Stadt wurde neben der jeweiligen
flächenmäßigen Größe auch die Lage der Fernbahnhöfe bzw. Flughäfen berücksichtigt. Bahnhöfe
liegen praktisch ausnahmslos in der Innenstadt und sind daher nur wenige Kilometer von den Flä-
chen mit der höchsten Bevölkerungsdichte bzw. den meisten touristischen und geschäftlichen Zielen
entfernt. Flughäfen dagegen befinden sich systemspezifisch in der Peripherie und daher physisch
weiter von den meisten Ausgangspunkten und Zielen entfernt. Dennoch zeigt sich, dass in vielen
Städten eine Fahrt zum Flughafen nur unwesentlich länger dauert als zum nächstgelegenen Fern-
bahnhof. Grund dafür ist die ausnahmslos gute Anbindung der deutschen Flughäfen an das Straßen-
netz einerseits (in der Regel Anschluss an Autobahn oder Bundesstraße) und die deutlich geringere
erzielbare Durchschnittsgeschwindigkeit zu den Bahnhöfen in den Innenstädten andererseits.
Schließlich müssen für die Berechnung der Gesamtreisedauer auch die Zeiten berücksichtigt werden,
die für Wege innerhalb von Bahnhof bzw. Flughafen, für Check-in und als Puffer eingeplant werden
müssen. Check-in-Zeiten werden von den Airlines vorgegeben. Sie sind für Flüge in das europäische
Ausland heute meist nicht mehr größer als für inndeutsche Flüge und darüber hinaus nur vom Start-
flughafen abhängig. Als Mittelwert wurden 35 Minuten angenommen. Wege- und Pufferzeiten sind
von der Größe des Bahnhofs bzw. des Flughafens abhängig. In der Berechnung wurden diese mit
Werten von 11 Minuten für Bahn- und 15 Minuten für Flugreisen berücksichtigt.
2.2.2 Ergebnisse
Das Angebot des Eisenbahnfernverkehrs in Deutschland ist auf den meisten Relationen deutlich
schlechter aufgestellt als in der Literatur [37, S. 314; 38] beschrieben. Die Lage der sog. Fahrzeit-
bänder kann durch eine empirische Untersuchung der bestehenden fahrplanmäßigen Verbindun-
gen nicht bestätigt werden (Abbildung 6). Es gibt keinen Entfernungsbereich, für den sich die
Eisenbahn aufgrund der realisierten Fahr- bzw. Reisezeiten generell als erste Wahl empfiehlt.
Selbst auf sehr weiten Strecken, bei denen das System Eisenbahn aufgrund höherer Betriebsge-
schwindigkeiten hinsichtlich der Fahrzeit wenigstens besser als der Pkw liegen müsste, kann kein
diesbezüglicher Vorteil erkannt werden. Die durchschnittliche Fahr- bzw. Reisegeschwindigkeit über
alle untersuchten Relationen (einschließlich der betrachteten Verbindungen ins Ausland) liegt mit
84 km/h und 69 km/h bezogen auf die Luftlinie (entspricht 111 km/h bzw. 92 km/h unter Berücksich-
tigung des durchschnittlichen Umwegfaktors) unter den Referenzwerten des motorisierten Individu-
alverkehrs. Bei Entfernungen von mehr als 400 km gibt es bezüglich der Reisezeit keine Konkurrenz
zum Flugzeug, sofern eine Flug-Direktverbindung auf der jeweiligen Relation besteht; ab etwa
600 km ist das Flugzeug selbst bei einer Umsteigeverbindung die schnellste Alternative.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 31 -
Die genauere Analyse der untersuchten Fahrzeiten ergibt weitere Rückschlüsse:
Die Fahrzeiten im motorisierten Individualverkehr zeigen aufgrund des engmaschigen Fernstra-
ßennetzes die geringsten Streuungen. Das Fahrzeitband bleibt damit relativ schmal um die mittle-
re Geschwindigkeit von 85 km/h bezogen auf die Luftlinie. Lediglich auf sehr kurzen Abschnitten
ist eine niedrigere Durchschnittsgeschwindigkeit erkennbar, da hier der langsamere Stadtverkehr
gegenüber dem Fernstraßenanteil dominiert.
Die Punktewolke der Fernverkehrsverbindungen der Eisenbahn setzt, mit einigen Ausreißern, auf
das Zeitband des Verkehrsträgers Straße nach oben hin auf. In der Regel dauern also die Fahrten
mit der Bahn mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 84 km/h etwas länger als die vergleich-
baren Fahrten mit dem Kfz. Dem gegenüber dem Straßennetz weniger engmaschigen Schienen-
netz und dem sehr unterschiedlichen Ausbauzustand der Fernverkehrsstrecken der Bahn ist
geschuldet, dass die Abweichung der Fahrzeiten vom Durchschnittswert innerhalb aller Entfer-
nungsbereiche deutlich größer ist als diejenige des Straßenverkehrs. Ab einer Entfernung von et-
wa 200 km nimmt die Streuung weiter zu, da bei längeren Verbindungen die Wahrscheinlichkeit
für die Notwendigkeit von ein- oder mehrmaligem Umsteigen größer wird.
Einige Punkt-zu-Punkt-Verbindungen stechen mit besonders guten Fahrzeiten, die deutlich unter
denen des Kraftfahrzeuges liegen, heraus. Bei diesen Verbindungen handelt es sich nahezu aus-
schließlich um mittellange Direktverbindungen an Neu- bzw. Ausbaustrecken. Dies sind beispiels-
weise Hamburg – Berlin mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 163 km/h (bezogen auf die
Luftlinie; 183 Streckenkilometer pro Stunde) und Hannover – Berlin (150 km/h), Nürnberg – Mün-
chen (133 km/h) und Leipzig – Berlin (131 km/h). Auch zwei Verbindungen nach Frankreich ste-
chen mit einer deutlich überdurchschnittlichen Fahrgeschwindigkeit aus der Punktewolke heraus,
da sie anteilig von der französischen Neubaustrecke LGV Sud profitieren können. Trotz ihres rela-
tiv geringen Umwegfaktors von 1,2 und einer Betriebsgeschwindigkeit von bis zu 300 km/h kann
auf der Neubaustrecke Köln – Rhein/Main nur eine Fahrgeschwindigkeit von 125 km/h für die
Luftlinie (150 Streckenkilometer/Stunde) erreicht werden.
Für den Flugverkehr gilt, dass sich für die hier betrachteten Reiseweiten die Flugzeit nahezu
unabhängig von der Distanz verhält. Aufgrund der im inländischen und innereuropäischen Ver-
kehr innerhalb der Flugzeit dominierenden Zeitanteile für Start und Landung dauern die meisten
Flüge etwa eine Stunde. Lediglich für Umsteigeverbindungen ist mit einer längeren Flugzeit zu
rechnen. Die durchschnittliche Geschwindigkeit liegt bei etwa 375 km/h. Hier muss jedoch ange-
merkt werden, dass für eine Reihe von Verbindungen von oder zu Unterzentren keine geeigneten
Flugverbindungen existieren. Dies liegt daran, dass ab den entsprechenden Regionalflughäfen oft
nur einzelne Relationen regelmäßig bedient werden und auf diese Weise der nächstgrößere Flug-
hafen genutzt werden müsste. Dieser kann unter Umständen jedoch sehr weit vom gewünschten
Ursprungs- oder Zielort entfernt sein.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 32 -
Wichtiger als die Betrachtung der reinen Fahrzeit ist für eine Marktanalyse jedoch die in Kapitel
2.1.4.1 definierte Reisezeit. Sie beinhaltet zusätzlich die beschriebenen Aufschläge für Zu-, Abgang,
Check-in usw., wobei der Aufschlag auf die Fahrzeit, spezifiziert nach Erreichbarkeit und Größe des
Bahnhofs/Flughafens am Ursprungs- und Zielort insgesamt durchschnittlich knapp 50 bis 80 Minuten
beträgt. Dem entsprechend müssen die einzelnen Punkte für Verbindungen mit den Verkehrsträgern
Eisenbahn und Flugzeug auf der Ordinate nach oben verschoben werden (Abbildung 7). Die durch-
schnittlichen Reisegeschwindigkeiten liegen bei 68 km/h und 145 km/h (auf Luftlinie bezogen) für die
untersuchten Bahn- und Flugverbindungen. Da für den Motorisierten Individualverkehr Fahr- und
Reisezeit identisch sind, gibt es keine Veränderungen innerhalb der Punktewolke des MIV gegenüber
der Fahrzeitbetrachtung; die Durchschnittsgeschwindigkeit bleibt bei 85 km/h.
Durch die erfolgten Verschiebungen innerhalb des Diagramms werden die bereits oben getroffenen
Feststellungen bestätigt und verstärkt: Während sich das Kraftfahrzeug als Universalverkehrsmittel
für zügiges Reisen innerhalb eines breiten Bereichs an Reiseweiten empfiehlt, ist für weite Entfer-
nungen das Flugzeug prädestiniert. Die Bahn in Deutschland steht im mittleren Entfernungsbereich
in Konkurrenz zu beiden Systemen, kann aber keinen Entfernungsbereich belegen, in dem sie
systemtypisch die besten Reisezeiten bietet. Tatsächlich gewinnt sie den Wettbewerb hinsichtlich
der Reisezeit nur auf 13 von 666 Verbindungen. Am besten liegen die Verbindungen Hannover –
Berlin und Hamburg – Berlin. Es handelt sich dabei um genau diejenigen Relationen, auf denen in den
letzten Jahren der Anteil der Verkehrsleistung der Bahn gesteigert werden konnte. Auffällig ist, dass
bei der Betrachtung der Reisegeschwindigkeit gegenüber den Strecken mit der besten Fahrge-
schwindigkeit nur noch die Strecken des mittleren Entfernungsbereichs (200 - 400 km) unter Einbin-
dung eines hohen Anteils von Neu- und Ausbaustrecken übrig geblieben sind. Dies ist einerseits
darauf zurückzuführen, dass für relativ kurze Bahnverbindungen die Zu- und Abgangszeiten im Ver-
hältnis zu den Fahrzeiten sehr stark ins Gewicht fallen. Die Fahrgeschwindigkeit muss also ausgespro-
chen hoch sein, um eine konkurrenzfähige Reisegeschwindigkeit erzielen zu können. Andererseits
sind in Deutschland „die Streckenabschnitte für hohe Geschwindigkeiten *…+ relativ kurz, ebenso die
Distanzen zwischen den Haltebahnhöfen, die von verkehrlich hoch belasteten Netzknotenbereichen
umgeben sind *…+“ [30, S. 704] – insofern wird der Anteil der Hochgeschwindigkeitsstrecken mit
zunehmender Länge einer Reiseverbindung tendenziell niedriger, was wiederum zu einem Absinken
von Fahr- und Reisegeschwindigkeit führt.
Bei den in Tabelle 2 genannten Verbindungen des europäischen Hochgeschwindigkeitsverkehrs,
welche hohe Marktanteile für die Bahn gewinnen können handelt es sich um Strecken, die von vorn-
herein als langlaufende Linien des artreinen Hochgeschwindigkeits-Personenverkehrs gebaut wurden
bzw. geplant sind. Die auf ihnen erreichten Fahr- und daraus resultierenden Reisegeschwindigkeiten
liegen deutlich über denen des Individualverkehrs und auf Augenhöhe mit den Reisezeiten des Flug-
verkehrs – und das über einen Entfernungsbereich von 250 km bis 700 km (zum Vergleich in Abbil-
dung 8 eingetragen). Damit wird gezeigt, dass die Eisenbahn auf gängigen europäischen Reise-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 33 -
weiten mit Reisegeschwindigkeiten von fast 200 km/h der dominierende Verkehrsträger sein kann,
wenn ein ausreichend großes Aufkommen generierbar ist.
Breimeier beschreibt in [7], dass „auch für relativ geringe durchschnittliche Halteabstände von rund
75 km, wie sie in Deutschland nach den Bedingungen der Verkehrsgeografie nicht überschritten
werden können, […] Reisegeschwindigkeiten von rund 200 km/h erreichbar *sind+.“ Es stellt sich die
Frage, warum diese Möglichkeit in keinem Anwendungsfall ausgeschöpft wurde, wenn diese besteht.
Wie oben gezeigt wurde, gibt es, selbst bei Haltestellenabständen von deutlich über 75 km, keine
Neubaustrecke in Deutschland, auf der eine Reise- oder Fahrgeschwindigkeit von 200 km/h erreicht
wird. Jänsch bestätigt relativ lange Bahn-Reisezeiten und nennt als Grund unter anderem die „*kurze+
Distanz der Schnellfahrabschnitte im Streckennetz“ [30, S. 710].
2.2.3 Interpretation der Ergebnisse
Bis auf wenige Ausnahmen kann die Bahn die attraktiven Reisezeiten des Individualverkehrs nicht
erreichen. Dies gilt für alle untersuchten Entfernungsbereiche. Als zusätzlicher Konkurrent muss bei
aufkommensreichen Verbindungen zwischen Großstädten das Flugzeug in den Modal Split mit auf-
genommen werden. Die Bahn ist in Deutschland dagegen in den meisten Fällen ein Verkehrsmittel
für Reisende, die bewusst auf das Kraftfahrzeug verzichten. Eine Chance, durch eine kurze Fahrzeit
eine überdurchschnittliche Reisegeschwindigkeit zu erreichen, die zeitsensitive Klientel zum Umstei-
gen auf die Bahn bewegen, ist nur auf mittellangen bis langen, durchgehend für Hochgeschwindig-
keitsverkehr ausgebauten Direktverbindungen, wie zwischen Hannover und Berlin bzw. Hamburg und
Berlin gegeben. Dabei ist insbesondere hervorzuheben, dass der hohe Anteil der Bahn am Modal
Split auf der letztgenannten Relation nicht wegen eines optimierten Netzes, sondern aufgrund einer
gut ausgebauten einzelnen Linie erreicht wird, da nur sehr wenige Verbindungen von Berlin über
Hamburg weitergeführt werden bzw. Reisende von Hamburg nach Bayern nicht den ICE über Berlin
und Leipzig nehmen. Wird auf solchen attraktiven Direktverbindungen ein Modal-Split-Anteil der
Bahn von 30 - 50 % erreicht, kann ein ausreichend hohes Aufkommen generiert werden, sodass die
jeweiligen Strecken nicht nur wirtschaftlich betrieben werden können, sondern sich auch Betriebs-
überschüsse erwirtschaften lassen, die eine Mitfinanzierung der Infrastruktur erlauben (genauere
Ausführungen erfolgen in Kapitel 5). Leichte Verbesserungen im gesamten Netz, welche die Fahrzei-
ten um einen gewissen Anteil von meist nur wenigen Minuten verkürzen, können dagegen nur viel
geringere Erfolge haben. Um für den Reisenden auf der von ihm gewünschten Strecke „erste Wahl“
zu sein, benötigt die Bahn eine konkurrenzlose Fahrzeit. Dass dies auch auf längeren Strecken er-
reicht werden kann, zeigen die genannten Beispiele aus dem Ausland. Ein Flickenteppich von Neu-
und Ausbaustrecken kann dazu nur begrenzt beitragen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 34 -
2.3 Analyse des Reisekomforts verschiedener Verkehrsmittel
Auch bezüglich des Reisekomforts stellt sich das Kraftfahrzeug wieder als „Universalverkehrsmittel“
heraus. Nicht nur, dass der Fahrzeughalter mit dem Kauf eines Fahrzeuges seine persönlichen Kom-
fortansprüche realisiert (höherwertige Innenausstattung vs. bessere Motorisierung bei gegebenem
persönlichen Budget), auch bei Betrachtung verschiedener Reisezwecke passt sich das Kraftfahrzeug
den jeweiligen Anforderungen des Nutzers am besten an. Die Bahn liegt hinsichtlich des Komforts im
Mittelfeld; das Flugzeug hingegen wird nicht mehr, wie in vergangenen Jahrzehnten, aufgrund des
Slogans „…nur Fliegen ist schöner“, sondern allein wegen der geringen resultierenden Reisezeit
gewählt. Der Genuss des Reisens ist für alle Verkehrsträger in den Hintergrund gerückt. Im Folgenden
sollen für alle relevanten Gruppen von Reisenden die relevanten Komfortparameter ermittelt und
bewertet werden.
Für Geschäftsreisende ist neben der kurzen Gesamtreisezeit die Zuverlässigkeit einer Verbindung
immanent wichtig. Ein zu spät erreichter Termin ist in vielen Fällen nicht zu akzeptieren. Über Jahr-
zehnte konnte hier die Bahn – insbesondere gegenüber dem Flugzeug, aber auch gegenüber dem
staugeplagten Individualverkehr – ihre Vorteile ausspielen. Davon kann jedoch nicht mehr die Rede
sein, wenn, wie im 2. Halbjahr 2007, jeder siebente Fernzug sein Ziel mehr als zehn Minuten zu spät
erreicht [39], bzw. jeder vierte Anschlusszug verpasst wird [40]. Bleibt ein solcher Zustand über
längere Zeit bestehen, planen Geschäftsreisende einen größeren Puffer (in der Regel: einen Zug
früher) ein, was das Verkehrsmittel Bahn unattraktiver macht, oder weichen direkt auf einen ande-
ren Verkehrsträger aus. Ein weiterer wichtiger Punkt liegt im angebotenen Takt in Verbindung mit
der täglichen Betriebszeit. In den meisten Fällen haben Geschäftsreisende einen Termin, der sich
nicht aufgrund eines Bahnfahrplanes anpassen lässt. Um beispielsweise pünktlich ab 9.00 Uhr einen
Kongress oder ein Meeting in Dresden zu besuchen, kann sich ein Reisender aus Berlin um 6.30 Uhr
in sein Auto setzen, oder aber sich um 4.15 Uhr auf den Weg zum nächstgelegenen Bahnhof machen,
um den ab Berlin-Ostbahnhof verkehrenden D-Zug um 5:01 Uhr [41] zu erreichen. Die Frage nach
dem aufgrund des Fahrkomforts gewählten Verkehrsmittels sollte in diesem konkreten Fall beant-
wortet sein. Der Umsteigeaufwand im Bahnverkehr ist für Geschäftsreisende aufgrund geringeren
Gepäcks nicht ausschlaggebend, insbesondere, da als Zubringer zum Bahnhof in der Regel das Taxi
gewählt wird und beim Hauptkonkurrenten für diese Klientel, dem Flugzeug, ein noch höherer Auf-
wand für Check in und Laufwege innerhalb der Flughäfen in Kauf genommen werden muss. Der
größte Vorteil, den die Bahn bei dieser wichtigen Gruppe von Reisenden ausspielen kann, ist die
Nutzbarkeit der Reisezeit. Dies ist beim Individualverkehr und beim Flugverkehr nur eingeschränkt
möglich. Der Reisende kann (Sitzplatz vorausgesetzt) lesen, telefonieren, seinen Laptop nutzen,
herumlaufen oder eine Mahlzeit zu sich nehmen. Solche Möglichkeiten in einem Flugzeug zu schaf-
fen, wie teilweise in First-Class-Bereichen geschehen, ist aufgrund der mangelnden Fläche und Nutz-
last im Flugzeug unverhältnismäßig teurer. Diese Servicepunkte stellen für die Bahn einen
Wettbewerbsvorteil dar, der nicht verspielt werden darf. Vielmehr kann beispielsweise durch kleine
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 35 -
Kioske, die neben Zeitschriften auch anderen Reisebedarf verkaufen (ggf. Aufwertung des Bordbist-
ros), Konferenzabteile, einem umfangreichen Filmangebot etc. zusätzlicher Service geschaffen wer-
den. Das Rückbauen der Reisezugwagen aus Kostengründen auf den Standard von der Economy-Class
in Flugzeugen und darunter, wie bereits durch die teilweise erfolgte Streichung der Bordrestaurants,
die Verengung des Sitzreihenabstandes mit dem Nebeneffekt, dass nicht mehr jeder Fensterplatz
eine Sicht aus dem Fenster gewähren kann und sogar die Einsparung von Lesespots, Audiobuchsen
und Fußrasten (ICE-T, neueste Generation) tragen dagegen keinesfalls zu einem größeren Reiseer-
lebnis oder einer Verkürzung der gefühlten Reisezeit bei.
Für Urlaubsreisende stellt sich insbesondere das Problem der fehlenden Flexibilität am Urlaubsort
und des Gepäcktransports. Mit Ausnahme eines reinen Stadt- oder Badeurlaubs wird von den Rei-
senden gewünscht, auch während des Urlaubs mobil für Tagesausflüge zu bleiben. Dafür wird in aller
Regel ein Kraftfahrzeug benötigt. Während es bei Flugreisen ins Ausland durchaus üblich ist, sich vor
Ort einen Mietwagen zu nehmen, liegt es bei den kürzeren Inlandsstrecken aufgrund des eher ins
Gewicht fallenden administrativen Aufwands und der Kosten für die Anmietung eines Fahrzeugs oft
näher, direkt mit dem eigenen Wagen zu fahren. Dieser Entfernungsbereich ist jedoch gerade der,
der für Bahnreisen interessant ist. Bahnreisen über mehrere Tage, bei denen das Reiseerlebnis der
wichtigste Punkt des Urlaubs ist, sind eher die Ausnahme. Hiervon sind in Deutschland nur einige
touristische Sonderzüge, wie der Rheingold betroffen, v.a. aber das europäische InterRail-Angebot
für Jugendliche zu erwähnen. Für die Nutzung dieses Angebotes entscheiden sich die Jugendlichen
jedoch eher aus Kosten- als aus Komfortgründen. Oft kann die Bahn ihre Fahrgäste bei Urlaubsreisen
nicht bis zu deren endgültigem Ziel befördern. Es ist also für die Reisenden notwendig, sich bereits im
Vorfeld der Reise um einen Anschluss zum Zielort zu kümmern. Dies ist u.U. mit dem öffentlichen
Nahverkehr oder dem Taxi möglich, wird jedoch als unkomfortabel gegenüber der Reise mit dem
eigenen Pkw empfunden. Bei sehr viel Gepäck, wie es beispielsweise für einen Campingurlaub not-
wendig ist, bleibt ohnehin nur die umsteigefreie Reise mit dem Pkw. Für Urlaubsreisende ist die
Reisezeit eher unwichtig, da sie im Verhältnis zur Gesamturlaubszeit weniger ins Gewicht fällt. Statt-
dessen wird, insbesondere bei Familien, verstärkt auf die Kosten für die Fahrt geachtet. Die Wünsche
von Urlaubreisenden können zusammenfassend von Bahnbetreibern nur eingeschränkt erfüllt wer-
den, was sich in der Reisendenstruktur28 widerspiegelt.
Im Gegensatz zum Urlaubsverkehr wird im Freizeitverkehr weniger Gepäck mitgeführt. Der Fahrgast
ist also flexibler hinsichtlich Verkehrsträgerübergängen und Umsteigevorgängen. Ein großer Teil des
Freizeitverkehrs wird von Besuchsfahrten zu Verwandten und Freunden abgedeckt. In diesen Fällen
ist ein eigenes Kraftfahrzeug am Reiseziel oft nicht notwendig. Auch bei den aufgrund der kurzen
Besuchszeit von wenigen Tagen unter den Freizeitverkehr fallenden Städtereisen ist ein Kraftfahr-
zeug am Zielort entbehrlich. Die Komfortansprüche des Freizeitreisenden werden häufig den Ansprü-
28 Reisendenstruktur 1997 im Zug: 38% Geschäftsreisende, 54% Privatreisende, 8% Urlaubsreisende [13].
80% aller mit der Bahn reisenden Urlauber sind Personen ohne Kinder, eher in Städten lebend.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 36 -
chen an den Fahrpreis untergeordnet; Services im Fahrzeug werden sehr gerne angenommen, solan-
ge sie nicht extra zu bezahlen sind. Für Tagesausflüge relevant ist die Betriebszeit des angebotenen
Bahnverkehrs. Wenn nach einem Konzertbesuch oder einer Familienfeier abends kein Zugangebot
zum Heimatort mehr besteht, scheidet die Bahn als Verkehrsmittel aus. Im Übrigen ist der Freizeitrei-
sende flexibel und verhältnismäßig anspruchslos. Auf Strecken, auf denen neben der Bahnverbindung
ein „Billigflieger“ verkehrt, wird dieser der Bahn oft vorgezogen.
Der Berufs- und Ausbildungsverkehr spielt für den Fernverkehr der Bahn eine eher untergeordnete
Rolle. Den größten Anteil dieser Klientel machen Pendler aus, die regelmäßig bestimmte Shuttlever-
bindungen auf kurzen bis mittellangen Strecken nutzen. Auch diese Reisendengruppen sind verhält-
nismäßig anspruchslos und passen sich dem Angebot der Bahn an, solange es hinsichtlich der
Fahrzeit und ggf. des Fahrpreises attraktiver ist als das eigene Kraftfahrzeug. Wichtig sind für sie
lediglich eine „passende Verbindung“, also ein Zug, dessen Ankunftszeit annähernd der gewünschten
Ankunftszeit entspricht sowie eine grundsätzliche Verlässlichkeit des Verkehrssystems. Obwohl
Pendler, meist im Besitz von Zeitkarten, Stammkunden darstellen, die bei kleinen Veränderungen des
Angebots ihr Reiseverhalten nicht verändern, ist es sinnvoll, auch sie durch kleine Serviceverbesse-
rungen zu umwerben. Neben einer Zeitung am Morgen sei hier die Möglichkeit zur festen Reservie-
rung eines „Stammplatzes“ erwähnt, die bereits von einigen Betreibern realisiert wird.
2.4 Analyse der Reisepreise verschiedener Verkehrsmittel
Die vom Fahrgast zu entrichtenden durchschnittlichen Kilometerpreise unterscheiden sich zwi-
schen den einzelnen Verkehrsträgern weniger, als allgemein angenommen wird. Der Schwan-
kungsbereich innerhalb der einzelnen Verkehrsträger ist größer als die Differenz zum nächst
billigeren bzw. nächst teureren Verkehrsträger. Während bei Reisen mit der Bahn und dem Flugzeug
durch zeitliche Flexibilität, gute Reiseplanung und eine u.U. aufwändige Informationsbeschaffung ein
deutlich günstigerer Fahrpreis erreicht werden kann, ist der Kilometersatz im Individualverkehr
weitgehend durch das gewählte Kraftfahrzeug determiniert. Eine Übersicht über die Preisspannen
der spezifischen Fahrpreise der wichtigsten Verkehrsmittel bietet Abbildung 9.
2.4.1 Reisepreise im Schienenverkehr
Die Fahrpreise der Bahn sind in Deutschland nicht mehr rein kilometer- und klassenabhängig, son-
dern werden durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt. Einerseits gibt es streckenbezogene Fahr-
preise, deren Grundpreis „stark degressiv an die Fahrtstreckenlänge gekoppelt ist“ [30, S. 709] und
neben der Streckenweite auch die Qualität (Reisezeit und verwendetes Wagenmaterial) der jeweili-
gen Verbindung berücksichtigt. Für sehr weite Relationen ist dies jedoch nicht mehr relevant, da in
diesen Fällen ein Maximalpreis29 greift, der von der der gewählten Verbindung unabhängig ist. Für
bestimmte Produkte (z.B. ICE-Sprinter) werden Zuschläge erhoben, die teilweise besondere Services
29 Beispielsweise kostet eine Fernverbindung in der 2. Klasse innerhalb Deutschlands ohne BahnCard maximal
127 € je Einzelfahrt (Stand: Juni 2009).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 37 -
beinhalten. Durch frühe Buchungen und eine Zugbindung kann ein Rabatt von 25 % bzw. 50 % auf
den Vollpreis erreicht werden, solange das Kontingent für den jeweiligen Zug noch nicht ausge-
schöpft ist und der Mindestpreis30 erreicht ist. Durch den Kauf einer BahnCard kann ein zusätzlicher
Rabatt von 25 % oder 50 % erzielt werden. Die BahnCard kostet jedoch selbst zwischen 57 € und
225 € für die 2. Klasse (Stand: Januar 2009) und lohnt sich daher kaum für eine einzelne Fahrt. Für
Gruppen gibt es verschiedene Ermäßigungen. Mitfahrerrabatte, die insbesondere Familien vom Auto
auf die Bahn locken können, gibt es nicht mehr für Nutzer der BahnCard 50, also Stammkunden.
Insgesamt existieren mehr als ein Dutzend Angebote zur Preisgestaltung im überregionalen Verkehr,
die teilweise miteinander kombiniert werden können [42]. Diese Preisgestaltung ist für Gelegenheits-
fahrer nur schwer zu erschließen und stellt damit eine Hürde dar, sich für die Bahn zu entscheiden.
Selbst die im Verkauf tätigen Mitarbeiter der Bahn zeigen sich mit den bestehenden Angeboten
zuweilen überfordert.31 Ausgesprochenen Zuspruch erhalten hingegen die inzwischen mehrmals
jährlich über Fremdketten vertriebenen preiswerten Tickets (LIDL-Ticket, McDonald‘s-Ticket, Tchibo-
Ticket), die für den Geltungszeitraum ein einfaches und preiswertes Reisen mit der Bahn erlauben.
Aufgrund des komplexen Tarifsystems gestaltet es sich schwierig, einen durchschnittlichen Kilome-
tersatz anzugeben. In der durchgeführten Analyse liegt der durchschnittliche Kilometerpreis für die
zweite Klasse ohne Ermäßigungen bei 0,145 €32 (mit Berücksichtigung des bahnspezifischen Umweg-
faktors bei 0,20 €/kmLuftlinie). Jedoch bezahlen nur 16 % der Reisenden den vollen Preis [43], da in der
Regel immer einer oder mehrere der oben aufgeführten Rabatte greifen. Die tatsächlichen Einnah-
men von DB Fernverkehr liegen deshalb netto bei nur etwa 0,09 €/Personenstreckenkilometer
einschließlich der Ausgleichszahlungen des Bundes33.
Dem Reisenden entstehen zusätzlich Kosten für den Zu- und Abgang zum Fernbahnhof, die ebenfalls
sehr unterschiedlich ausfallen können. Die preiswerteste Möglichkeit, die in einigen deutschen
Ballungsräumen gegeben ist, ist die Nutzung des Fernbahntickets in der Stadt des Reisezieles. Der
Vorlauf muss dennoch in jedem Fall bezahlt werden – sei es für die Anreise mit dem Pkw und ggf.
Parkgebühren, für die Nutzung des ÖPNV oder für ein Taxi.
30 Der Mindestpreis bei Preisspecials liegt bei 19 € (Stand: Juni 2009), d.h., dass eine Ermäßigung von 50 % über
einen Spezialpreis erst ab einem Grundpreis von 38 € je Einzelfahrt erreicht werden kann.
31 Nach Untersuchungen der Stiftung Warentest zahlen Bahnkunden für Ihre Fahrkarten „häufig mehr, als
nötig“ Die Beratung in Reisezentren wurde nach sehr schlechten Testergebnissen in 2005 auch in 2007 nur mit
„ausreichend“ bewertet [190].
32 Dieser Wert liegt verhältnismäßig niedrig, da überproportional viele lange Strecken mit in die Untersuchung
eingegangen sind, für die ein Maximalpreis gilt. Der Fahrpreis je Streckenkilometer nimmt bei sehr langen
Verbindungen ab. Hin- und Rückfahrt kosten regelmäßig das Doppelte der einfachen Fahrkarte, eine Fahrt in
der ersten Klasse kostet etwa 50 % mehr als das vergleichbare Ticket in der zweiten Klasse [193]. (Stand 2006)
33 Die gesamten Erlöse von DB Fernverkehr liegen bei 2,97 Mrd. € für eine Verkehrsleistung von 32 Mrd. Pkm
(in 2006). Dies entspricht einem spezifischen Erlös von 0,092 € je Personenkilometer. Diese Werte werden
durch [22, S. 84; 203] bestätigt. Für die Schweiz errechnet Schuchmann in [118] einen durchschnittlichen Erlös
von 0,13 €/Personenkilometer.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 38 -
2.4.2 Reisepreise im Individualverkehr
Die im Individualverkehr anfallenden Kosten hängen maßgeblich vom gewählten Komfort (Fahrzeug-
kategorie) und der Fahrleistung ab. Einer der größten Kostentreiber, insbesondere bei Neufahrzeu-
gen, ist der altersbedingte Wertverlust des Fahrzeugs. Dieser beträgt in den ersten Jahren des
Lebenszyklus eines Kfz mehrere tausend Euro p.a. und kann bei niedriger Laufleistung alle anderen
Betriebskosten übersteigen. Mit wachsendem Fahrzeugalter nimmt dieser Wertverlust ab, dafür
werden zusätzliche Reparaturen notwendig, welche überwiegend mit der Fahrleistung und Fahrweise
in Zusammenhang stehen. Der Verschleiß je Fahrzeugkilometer im Fernverkehr, insbesondere auf
Autobahnen, ist deutlich niedriger als im Stadtverkehr mit seinen charakteristischen niedrigen Lauf-
leistungen je Betriebsstunde, stop-and-go-Phasen und häufigen Kaltstarts.
Es erwies sich somit als relativ schwierig, die in Deutschland konkret anfallenden Kosten für die Pkw-
Nutzung zu ermitteln. Die von der DB AG in Abbildung 3 zum Fahrkostenvergleich herangezogene
Vollkostenrechnung des ADAC für Neuwagen (einschließlich Steuern, Versicherung und altersmäßi-
gem Werteverfall) ist für einen Vergleich zwischen verschiedenen Verkehrsträgern ungeeignet, da
der Reisende, der vor der Wahl steht, mit welchem Verkehrsmittel er seine Reise durchführt, das
Kraftfahrzeug nicht für den Zweck und Zeitraum dieser konkreten Reise kauft, sondern ein Kraftfahr-
zeug in 76 %34 aller Haushalte bereits vorhanden ist. Die Beispielrechnung des ADAC ist vom Verlust
des Zeitwertes eines Neuwagens dominiert.35 Aus diesem Grunde wurde für die Vollkostenrechnung
zunächst die durchschnittliche Laufleistung, das Durchschnittsalter der in Deutschland zugelassenen
Pkw und die Statistik über Käufe der privaten Haushalte im Inland von Gütern für Verkehrszwecke [4]
herangezogen. Zusätzlich wurden Beispielrechnungen für Kraftfahrzeuge verschiedenen Alters und
verschiedener Motorisierung unter Berücksichtigung derer typischen Laufleistungen durchgeführt.
Die durchschnittlichen Vollkosten je Fahrzeugkilometer liegen im motorisierten Individualverkehr bei
etwa 0,30 €, unter der Berücksichtigung der durchschnittlichen Auslastung im Fernverkehr lässt sich
ein Wert von 0,21 €/Personenkilometer ermitteln. Die Ergebnisse werden in Form einer Kostentrei-
beranalyse in Abbildung 10 dargestellt. Es zeigt sich, dass variable Kosten, welche in Zusammenhang
mit der Laufleistung des Kfz stehen, im Durchschnitt etwa 50 % der gesamten für den Halter des
Kraftfahrzeuges entstehenden Aufwendungen entsprechen. Nur bei überdurchschnittlichen jährli-
chen Fahrleistungen und sehr alten Fahrzeugen sind die fixen Kosten im Verhältnis etwas geringer.
Als Kriterium für die Entscheidung, mit welchem Verkehrsmittel eine Reise durchgeführt werden
soll, müsste objektiv demnach der Grenzkostensatz (Marginalkosten) angesetzt werden, welcher
neben den Kraftstoffkosten und Gebühren lediglich den fahrleistungsbedingten Verschleiß und
Wertverfall berücksichtigt und bei etwa 0,16 € je Kfz-Kilometer und somit bei 0,11 € je Personenki-
34 Pkw-Verfügbarkeit: 85,6 % bei 18- bis 59-Jährigen; 58,3 % bei über 59-Jährigen (Stand 2004) [4].
35 Die größte Position bei der Rechnung des ADAC ist der Wertverlust des Fahrzeuges, der in den ersten vier
Jahren am stärksten ausfällt. Das Durchschnittsalter der Pkw-Flotte liegt jedoch bei 9 Jahren (Stand: Januar
2009); der Wertverlust spielt also im Durchschnitt eine deutlich untergeordnete Rolle.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 39 -
lometer liegt. Tatsächlich werden oft jedoch nur die Kosten für Benzin und direkt anfallende Ge-
bühren (Maut, Parkgebühren) für den Vergleich zwischen den Fahrpreisen einzelner Verkehrs-
träger verwendet, da die übrigen relevanten Grenzkosten nicht direkt wahrgenommen werden und
teilweise nicht einmal bekannt sind. Dies schlägt sich beispielsweise bei den Fahrpreisrichtlinien der
Mitfahrzentralen nieder, die empfehlen, lediglich die Benzinkosten gleichmäßig auf die mitfahrenden
Passagiere aufzuteilen. Die Kosten für Benzin stellen jedoch nur 2/3 der variablen und 1/3 der gesam-
ten Aufwendungen im Lebenszyklus eines Kraftfahrzeuges dar (Abbildung 10). Es erscheint nicht
unwahrscheinlich, dass auch in Deutschland mittelfristig eine Autobahnmaut für Pkw eingeführt
werden wird (s. Kapitel 5.5.5). Dafür spricht, dass bereits in nahezu allen Nachbarländern die Nut-
zung der Autobahn vom Individualverkehr entweder pauschal per Vignette oder per nutzungsabhän-
giger Gebühr bezahlt werden muss sowie dass die Anlagen zur Erfassung und Kontrolle der
Verkehrsleistung in Deutschland bereits vorhanden sind und, wenn auch zunächst nur für den Lkw-
Verkehr, ihre Funktionalität mittlerweile bewiesen haben. Eine nutzungsabhängige Autobahnmaut
ohne gleichzeitige Senkung der Mineralölsteuer führt zu einer Verschiebung des Modal Split zum
Luft- und Bahnverkehr, da insbesondere die wahrgenommenen Kosten für eine Fernreise mit dem
Pkw deutlich ansteigen. In Ländern, in denen die Nutzung von Autobahnen schon seit längerem
bemautet wird (z.B. Frankreich und Spanien, s.a. Kapitel 2.6.3), ist ein deutlich niedrigerer Anteil des
Individualverkehrs innerhalb des Fernverkehrs und – wenn auch nicht ausschließlich auf darauf
zurückzuführen – auch ein niedriger Motorisierungsgrad feststellbar [44, S. 4].
Für den Vergleich mit Fahrpreisen der Bahn muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass der Umweg-
faktor auf der Straße im Fernverkehr etwa 20 % niedriger ist. Mit der Auswahl eines bestimmten
Fahrzeugmodells hat der Fahrzeughalter die entstehenden Kosten weitgehend festgelegt. Die effi-
zienteste Möglichkeit, die spezifischen Kilometerraten zu senken, ist neben einer hohen Fahrleistung
v.a. ein höherer durchschnittlicher Besetzungsgrad des Kraftfahrzeugs.
2.4.3 Reisepreise im Luftverkehr
Die Flugpreise sind im innereuropäischen Verkehr immer weniger von der Reiseweite als vielmehr
von der Auslastung des Flugzeugs und der bestehenden Konkurrenz auf der jeweiligen Strecke ab-
hängig. Da – wie auch im Bahnverkehr – die Kosten für die Beförderung eines zusätzlichen Fluggastes
minimal sind, können die letzten verfügbaren Plätze in einer Maschine zu Grenzkosten verkauft
werden. Auf die Gebühren, die die Flughäfen für die Abfertigung eines jeden Passagiers berechnen
und den Fluggesellschaften in Rechnung stellen, haben letztere keinen Einfluss; diese Gebühren
werden umgelegt bzw. auf die eigentlichen Flugpreise aufgeschlagen. Die Flugpreise selbst sind
dahingehend gestaltet, die Umsätze je Flug zu maximieren. Die wichtigsten Klientel dazu sind die
Reisenden der Business-Class, welche mehrheitlich von Geschäftsreisenden abgedeckt werden. Sie
stellen zwar auf den meisten Verbindungen die Minderheit, finanzieren aber den größten Anteil der
durch den Flug entstehenden Kosten. Die Flugpreise selbst reichen somit von einem eher symboli-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 40 -
schen Preis von wenigen Euro je Flug zzgl. Gebühren (entspricht z.B. 0,046 €/km einschließlich Steu-
ern)36 für sehr frühe, nicht umbuchbare Reservierungen, bis zu Preisen von über 1.000 € für einen
innereuropäischen Flug in der Business-Class mit voller Flexibilität37. Eine 50-prozentige Auslastung
der Business-Class (ohne Mitreisende in der Economy-Class) würde bereits ausreichen, um einen Flug
eigenwirtschaftlich stattfinden zu lassen. Hier liegt der große Unterschied in Bezug auf die Ausschöp-
fung der Zahlungsbereitschaft zur Bahn, bei der 1.-Klasse-Tickets nicht deutlich teurer sind und unter
Umständen sogar günstiger erhältlich sein können als 2.-Klasse-Tickets!38 Die Möglichkeit der Airli-
nes, einigen Passagieren, die auf einen hohen Servicegrad und hohe Flexibilität nicht verzichten
wollen, den 8- bis 12-fachen Flugpreis (einschließlich aller Gebühren) in Rechnung zu stellen, sollte
die Bahn animieren, durch Angebot eines Mehrwertes oder zusätzlicher Services (s. Kapitel 2.1.4.2
und 2.7) ihr Preissystem zielgruppengerechter zu gestalten, um ihre Fahrgeldeinnahmen in Zusam-
menhang mit der Auslastung der Züge zu steigern. Weiterhin ist es für die Fluggesellschaften durch
die Steuerung der Auslastung über variable Preise entbehrlich, Mitfahrerrabatte anzubieten. Es
sollen schließlich nicht um jeden Preis Reisende geworben werden, sondern nur Flüge gleichmäßig
ausgelastet werden. Autofahrer sollen nur dann in den Flieger umsteigen, wenn dieser noch nicht
voll ist. Dies ist übrigens nicht nur unter betriebswirtschaftlichen, sondern auch unter umweltpoliti-
schen und somit volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten sinnvoll. Dass diese Ansichtsweise auch im
Eisenbahnverkehr vertreten wird, zeigen die Beispiele des IDTGV als Konkurrenz zum Billigflug in auf
der Relation Paris – Marseille oder das 9-Euro-Ticket bei Trenitalia [45, S. 20-21].
Die durchschnittlichen spezifischen Flugpreise weichen im Kurzstreckenluftverkehr nicht wesentlich
von den Fahrpreisen des Individualverkehrs und der Bahn ab. Air Berlin ist es beispielsweise im Jahr
2008 gelungen, den Erlös pro Sitzplatzkilometer von 0,043 € auf 0,052 Euro anzuheben, was u.a. auf
eine Steigerung der Auslastung von 72,0 % auf 72,6 % zurückzuführen ist [46]. Entsprechend lässt
sich ein Umsatz von 0,071 € je Passagierkilometer errechnen. Bei Air Berlin handelt es sich um die
Airline mit den höchsten Kilometerpreisen im Low-Cost-Segment [47, S. 5]. Um den tatsächlich von
den Fluggästen zu bezahlenden Kilometerpreis zu errechnen sind die genannten Kostensätze mit
dem vollen Mehrwertsteuersatz (nur für Flüge innerhalb Deutschlands) und mit den Flughafensteu-
ern und Gebühren für die Flugsicherung zu beaufschlagen, die auf kurzen und mittleren Strecken
etwa 30 - 40 % des Eigenumsatzes [48] betragen. Die durchschnittlich von den Passagieren bezahlten
Preise im Low-Cost-Flugsegment betragen somit nur etwa 0,12 €/km.
36 Beispielhaft gesuchter Flug Berlin – Paris in zwei Monaten bei easyjet.de (Flugpreis 27,99 € zzgl. 12,00 €
Steuern und Gebühren für alle angebotenen Flüge unabhängig vom Wochentag); nur geringfügig höhere Preise
gelten bei Lufthansa (98 € für beide Richtungen) bei ausreichender Flexibilität des Reisenden.
37 Beispielhaft gesuchter Flug Berlin – Paris am Folgetag bei www.Lufthansa.de (Flugpreis 803 € zzgl. 10 € Ticket
Service Charge für alle an diesem Tag angebotenen Flüge).
38 Bsp.: Sparpreis-50-Kontingente sind für die 2. Klasse schneller ausgeschöpft als für die 1. Klasse. Experten des
DB-Preissystems und einigen Angestellten im Verkauf der DB gelingt es in diesem Fall, ein 1.-Klasse-Ticket für
eine konkrete Bahnverbindung günstiger werden zu lassen als ein 2.-Klasse-Ticket.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 41 -
Für etablierte Fluggesellschaften liegt der durchschnittliche Erlös etwa 20 - 30 % über demjenigen
von Low-Cost-Carriern.39 Dies ist am Beispiel der Deutschen Lufthansa in [48] nachgerechnet und
wird durch [49, S. 23] bestätigt, wonach die durchschnittlichen Kilometererlöse der europäischen
Airlines seit Beginn der Liberalisierung Anfang der 1990er Jahre von $ 0,18 auf $ 0,12 je
Passagierkilometer gefallen sind. Die in Abbildung 9 gezeigte Preisspanne für den Luftverkehr ist
daher sehr breit angelegt, wobei die durchschnittlich für den Passagier anfallenden Kosten
einschließlich Steuern und Gebühren bei etwa 0,15 € liegen und somit mit denen der Eisenbahn
vergleichbar sind.
2.4.4 Reisepreise im Fernbus-Linienverkehr und bei Nutzung einer Mitfahrzentrale
Das mit Abstand günstigste öffentliche Verkehrsmittel im Fernverkehr ist der Fernbus. Aufgrund der
ausgesprochen schlanken Kostenstruktur im Fernbus-Linienverkehr (s.a. Kapitel 3.1.2) gelingt es,
Reisen zu Kilometersätzen anzubieten, die unterhalb der variablen Kosten anderer Verkehrsträger
liegen, aber die Vollkosten einer Busgesellschaft decken. Die Preisgestaltung des Fernbusverkehrs in
Deutschland ist ausgesprochen einfach: Die Höhe der Grundpreise beträgt etwa 50 % der vergleich-
baren Bahnverbindung, dafür werden keinerlei Ermäßigungen angeboten. Die durchschnittlich erziel-
te Geschwindigkeit liegt mit etwa 90 Streckenkilometer pro Stunde nur knapp unter der für Busse
geltenden Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h. Damit ist Busverkehr nicht nur der mit Ab-
stand günstigste Verkehrsträger im öffentlichen Personenfernverkehr, sondern er stellt auch eine
Alternative auf Strecken dar, auf denen die Bahn aufgrund von unbefriedigender Infrastruktur kein
interessantes Angebot bietet oder den Verkehr aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit ganz eingestellt
hat. Prädestiniert sind dafür Verbindungen zwischen Unterzentren und kleineren Großstädten.
Dieser aus der Kostenstruktur resultierende Systemvorteil sorgt im europäischen Ausland für einen
festen Stand des Fernbusses innerhalb des Modal Split als preiswertes, zuverlässiges, aber auch
verhältnismäßig langsames und unkomfortables Verkehrsmittel. In Ost- und Südeuropa fahren Busse
auch parallel zu Hauptstrecken der Bahn in einem sehr dichten Takt. Sie stellen damit eine starke
Konkurrenz zur Bahn dar, welche wiederum ein besseres Angebot hinsichtlich Fahrzeit und -komfort
schaffen muss, um ihre systemtypisch höheren Preise durchsetzen zu können. Dass der Busfernver-
39 Hietzschold gibt in [209] und [219, S. 434] erhöhte Kilometerpreise von 0,57 €/kmLuftlinie für Flugverbindungen
und 0,23 €/kmLuftlinie für „Billig-Airlines“ an. Die durchschnittlichen Erlöse je Kilometer der Fluggesellschaften
liegen deutlich unter den ermittelten Werten, da das tatsächliche Buchungsverhalten nicht dem angenomme-
nen entspricht:
Der Autor ermittelte für die von ihm untersuchten Verbindungen die Preise für One-Way-Flüge. Diese sind –
mit Ausnahme von Tarifen von Low-Cost-Carriern – um ein Vielfaches teurer, als eine Buchung in beide Rich-
tungen oder sogar Gabel-/Dreieckflüge (Open Jaw). Da in der Regel neben dem Reisebeginn auch das Reiseen-
de zum Zeitpunkt der Buchung bereits feststeht, werden Hin- und Rückflug gleichzeitig gebucht. Für die
angegebenen teuersten Flugverbindungen wurden an mehreren Tagen im Januar 2008 und November 2008
Preisauskünfte unter den in den o.g. Veröffentlichungen angegebenen Bedingungen eingeholt, wobei nicht die
Tarifoption „One Way“ gewählt wurde. Der tatsächliche Flugpreis lag bei Mitbuchung eines Rückfluges zwi-
schen 98 € (Lufthansa-Flug Paris – Frankfurt) und 139 € (Air France-Flug Paris – London). Dies entspricht ein-
schließlich Gebühren spezifischen Flugpreisen von etwa 0,20 €/km, wenn der gebuchte Rückflug angetreten
wird bzw. maximal 0,40 €/km, wenn der mitgebuchte Rückflug verfällt.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 42 -
kehr in Deutschland einen deutlich niedrigeren Anteil am Modal Split hat als im Ausland – und das,
obwohl die DB AG im westeuropäischem Vergleich relativ hohe Grundpreise berechnet – liegt an der
Regulierung des Linienbusverkehrs im Personenbeförderungsgesetz. In § 13 (2) PBefG ist geregelt,
dass Busverkehr parallel zu bestehenden Bahnverbindungen nicht durchgeführt werden darf, wenn
dadurch keine Verbesserung erzielt wird und „der Verkehr mit den vorhandenen Verkehrsmitteln
befriedigend bedient werden kann“40. Dies gilt nicht für den noch aus der Zeit der Teilung Deutsch-
lands stammenden Berlin-Verkehr41 sowie für Verbindungen ins Ausland42. Dementsprechend ist es
nur auf einigen Strecken möglich, Fernbusverkehr anzubieten. Die Entstehung eines Netzwerkes wird
damit bewusst verhindert. Als Resultat findet eine in Deutschland einzigartige Wanderung der preis-
bewussten Klientel zu den Mitfahrzentralen hin statt, welche hinsichtlich Reisekosten und -komfort
ein ähnliches Angebot aufstellen. Wie in Kapitel 2.4.4 beschrieben, werden üblicherweise die Benzin-
kosten zwischen den mitfahrenden Personen aufgeteilt [50]. Zusätzlich ist eine geringe pauschale
Gebühr für die Vermittlung zu entrichten. Die Durchschnittskosten schwanken damit, je nach Anzahl
der in einem Kfz Reisenden, zwischen 0,03 € und 0,08 € je Personenkilometer. Durch die breite
Verfügbarkeit des Internets und der damit verbundenen Möglichkeit, Fahrmöglichkeiten individuell
auszuwählen und elektronisch zu reservieren hat sich dieser Trend in den letzten Jahren zusätzlich
verstärkt. Das über die verschiedenen Mitfahrzentralen abgewickelte Gesamtaufkommen kann nur
schlecht abgeschätzt werden. Hält man sich aber vor Augen, dass alleine auf der größten Online-
Plattform www.Mitfahrgelegenheit.de etwa 200.000 Fahrer und 500.000 Mitfahrer registriert sind
[51, S. 412], die regelmäßig Vermittlungsdienste in Anspruch nehmen, kann das Gesamtaufkommen
auf jährlich mehrere Millionen Personenfahrten im Fernverkehr geschätzt werden.
2.5 Bewertung der Verkehrsmittel und Zuordnung von Zielgruppen
Im Kapitel 2.4 wurde gezeigt, dass sich bei der Betrachtung des Bahn-, Luft- und Individualverkehrs
die durchschnittlich zu entrichtenden Fahrpreise kaum voneinander unterscheiden. Vielmehr sind die
Schwankungsbreiten innerhalb eines jeden Verkehrsträgers weit größer als der preisliche Abstand
zum nächst teureren bzw. nächst günstigeren Verkehrsträger (s. Abbildung 9). Ähnliches gilt für den
Reisekomfort (s. Kapitel 2.3). Mangelnde Möglichkeiten des Gepäcktransportes, fehlende
Verbindungen zum gewünschten Termin und eine unklare Mobilität am Zielort können zwar als k.o.-
Kriterium für die öffentlichen Verkehrsmittel Bahn und Flugzeug wirken, darüber hinausgehende
Komfortkriterien sind jedoch kaum bei der Wahl des Verkehrsmittels entscheidend, zumal bei allen
40 In den Flächenländern Schleswig-Holstein, Bayern und Hessen ist eine Konzentration von Fernbuslinien zu
beobachten. Es handelt sich überwiegend um Linien, deren niedriges Aufkommen die Aufrechterhaltung eines
Bahnbetriebes nicht rechtfertigt.
41 Die derzeit aufkommensstärkste Strecke ist mit 100.000 Passagieren je Jahr die Relation Berlin – Hamburg.
42 Aus den Auslandsfahrten resultieren auch die verhältnismäßig hohen Reiseweiten im deutschen Busfernver-
kehr: Die Gesamtverkehrsleistung des Fernbusverkehrs lag in Deutschland im Jahr 2005 mit 1.554 Mio. Pkm bei
etwa 4 % derjenigen des Fernverkehrs der Eisenbahn (33.695 Mio. Pkm), das Aufkommen mit 5,3 Mio. P eben-
falls bei 4 % desjenigen des Bahnfernverkehrs (118,9 Mio. P). Daraus resultiert eine nahezu identische Reise-
weite von 291,1 km (283,4 km bei Eisenbahn) (Zahlenangaben: vgl. [202]).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 43 -
betrachteten Verkehrsmitteln der individuelle Reisekomfort durch die Wahl einer höheren
Klasse/Kategorie gesteigert werden kann. Die Wahl eines Verkehrsmittels scheint also
schwerpunktmäßig durch wenige Kriterien bestimmt zu sein, die abhängig von den jeweiligen Klientel
unterschiedlich gewichtet sind. Das dominierende Kriterium ist dabei die Reisezeit. Um diese
spürbar zu verkürzen, sind die Fahrgäste bereit, weitgehende Einbußen hinsichtlich des Komforts
hinzunehmen. Ausnahmen bilden hier lediglich diejenigen, die das Vorankommen selbst als Erlebnis
genießen wollen sowie weniger zeitsensitive Urlaubsreisende. Im Folgenden werden die spezifischen
Charakteristika der Reisendengruppen abschließend beschrieben.
2.5.1 Geschäftsreisende
Geschäftsreisende wählen generell die schnellste Verbindung. Die Zahlungsbereitschaft ist dafür
ausgesprochen hoch, da jede ausgefallene Arbeitsstunde einen Verlust für den Reisenden bzw.
dessen Arbeitgeber bedeutet. Ausschlaggebend ist weiterhin die Zuverlässigkeit des Verkehrsmittels.
Ein k.o.-Kriterium kann für das Verkehrsmittel entstehen, wenn es aufgrund einer zu kurzen täglichen
Betriebszeit oder eines zu langen Taktes keine passende Verbindung für den gewünschten Geschäfts-
termin gibt. Geschäftsreisende sind die unflexibelsten Klientel bezüglich der Reisetermine. Sie
buchen kurzfristig und erwarten ihrerseits eine Flexibilität des Betreibers. Die hohe Zahlungsbereit-
schaft erstreckt sich nicht nur auf die Fahrt selbst, sondern auch auf ggf. angebotene Zusatzdienst-
leistungen. Beispielhaft seien hier Internet im Zug, gastronomische Services, Buchungsservice für
Hotel und Mietwagen oder Gepäcktransporte genannt. Geschäftsreisende sind nur geringfügig an ein
bestimmtes Verkehrsmittel gebunden, d.h., bei einem ihren Wünschen nicht entsprechendem Ange-
bot fällt es ihnen leicht, auf einen anderen Verkehrsträger zu wechseln. Aus diesen Ansprüchen
folgend ist das Flugzeug für Geschäftsreisende der Verkehrsträger erster Wahl. Bei fehlenden Flug-
verbindungen bzw. Reisen in Städte ohne eigenen Flughafen fällt die Entscheidung zu Gunsten der
Bahn, soweit ein attraktives Angebot vorliegt. Die meisten Geschäftsreisen werden dennoch mit dem
Kraftfahrzeug durchgeführt [4].
2.5.2 Urlaubsreisende
Für Urlaubsreisende stellen sich bei der Wahl des Reisemittels andere Fragen: Einerseits ist der
Gepäcktransport, insbesondere bei Familien mit mehreren Kindern, oft ausschlaggebend für die
Entscheidung zum Individualverkehr. Hier könnte durch entsprechende Angebote der Bahn, aber
auch durch ein besseres Marketing für bestehende Serviceangebote zusätzliche Klientel gewonnen
werden. Als zweiter entscheidender Punkt gilt für Urlaubsreisen der Reisepreis. Gerade für mehrere
Personen mit dem gleichen Ziel ist das Auto konkurrenzlos günstig. Durch Mitfahrerrabatte kann
versucht werden, reisende Familien auf die Bahn wechseln zu lassen. Meist reichen diese Rabatte
jedoch nicht aus, da letztlich die dritte bis fünfte Person komplett kostenlos fahren müsste, um die
durch den Individualverkehr entstehenden Kosten nicht zu überbieten. Ähnliches gilt für das Angebot
Autozug der Bahn, welches eine Lösung für die genannten Probleme darstellt. Dieses Angebot würde,
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 44 -
soweit auf der jeweiligen Strecke vorhanden, von vielen Urlaubsreisenden gerne angenommen
werden, wenn es nicht eine deutliche Erhöhung der Reisekosten mit sich bringen würde.43 Airlines
bieten einen solchen Rabatt nicht an und werden folglich von Urlaubsreisenden nur dann gewählt,
wenn die Entfernung zum Urlaubsort keine andere Wahl zulässt, wie beispielsweise bei Auslandsrei-
sen. Innerdeutscher Urlaubsverkehr mit dem Flugzeug findet praktisch nicht statt.
2.5.3 Freizeitreisende
Einen großen Anteil der Freizeitreisen stellen Städtereisen dar, die durchaus mit dem Flugzeug
durchgeführt werden, da ein Kraftfahrzeug am Zielort nicht notwendig ist und aufgrund der kurzen
Reisezeit auch das mitgeführte Gepäck überschaubar bleibt. Für die für Freizeitreisen ebenfalls
charakteristischen Besuche von Freunden und Verwandten gilt dies äquivalent. Die Wahl richtet sich
jedoch ebenfalls sehr nach dem Reisepreis. Wird keine preiswerte Flugreise gefunden oder gibt es
keine Flugverbindung, kann die Bahn die Reisenden für sich gewinnen, wenn sie hinsichtlich Preis
und Fahrzeit den Individualverkehr nicht deutlich überbietet. Freizeitreisende sind oft nicht nur
hinsichtlich des zu wählenden Verkehrsmittels, sondern auch in Bezug auf die genaue Reisezeit
flexibel. Sie nehmen sich Zeit, verschiedene Angebote zu vergleichen und das für sie vorteilhafteste
auszusuchen. Hinsichtlich des Komforts sind Freizeitreisende eher genügsam.
Ein nicht zu vernachlässigender Anteil der Freizeitreisen wird in Deutschland über die Mitfahrzentra-
len abgewickelt, da der preisgünstige Fernbusverkehr aufgrund gesetzlicher Regulierungen nur auf
wenigen innerdeutschen Strecken angeboten wird. Der Fernbusverkehr selbst hat nur eine unterge-
ordnete Bedeutung. Die genau über die Mitfahrzentralen vermittelte Verkehrsleistung lässt sich nur
grob abschätzen, in den offiziellen Statistiken ist diese Verkehrsleistung innerhalb des Individualver-
kehrs erfasst. Es ist davon auszugehen, dass Nutzer der Mitfahrzentrale sofort auf einen anderen
Verkehrsträger wechseln würden, sobald ein äquivalentes Angebot vorliegt und die Kosten nicht
höher sind. Sie stellen die preissensitivsten Nutzer des Fernverkehrs dar und rekrutieren sich zu
einem großen Teil aus Jugendlichen und Studenten.
2.5.4 Reisende im Berufs- und Ausbildungsverkehr
Reisende des Berufs- und Ausbildungsverkehrs sind am ehesten auf einen bestimmten Verkehrsträ-
ger festgelegt. Viele Pendler im Fernverkehr achten bereits bei der Wahl der Wohnung auf Nähe zum
nächsten Fernbahnhof bzw. zur Autobahn. Sie versuchen, die optimale Verbindung zwischen Wohn-
sitz und Arbeitsort zu ermitteln und stellen sich dann entsprechend ein, d.h., sie passen beispielswei-
se ihre Arbeitszeiten – soweit möglich – an, organisieren Fahrgemeinschaften oder kaufen sich eine
Jahreskarte. Berufs- und insbesondere Ausbildungsverkehr findet in den seltensten Fällen per Flug-
zeug statt. Die Bahn wird meist gewählt, wenn durch ein gutes Angebot zur passenden Zeit die Ge-
43 Bsp.: Kosten Autozug Berlin – München – Berlin für 2 Erwachsene, 2 Kinder im Sitzwagen im Januar (außer-
halb Hauptsaison): 368 €. Die Kosten für die Fahrt mit dem Kfz liegen bei etwa 240 €.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 45 -
samtreisezeit niedriger ist als die Fahrzeit mit dem Auto. Ein typisches Angebot für Berufsreisende im
Fernverkehr sind die Sprinter-ICEs der DB AG. Andere Gründe können nur wenige vorhandene oder
teure Parkplätze am Arbeitsort (z.B. in Innenstadtlage) oder die Verfügbarkeit von nur einem Pkw im
Haushalt sein. Für einige Berufsreisende, wie beispielsweise Bundeswehrsoldaten, fällt die Wahl auf
die Bahn aus dem einfachen Grund, dass der Arbeitgeber ausschließlich Bahnfahrten bezahlt oder
bezuschusst.
2.6 Europäischer und weltweiter Vergleich
Weltweit hat die Eisenbahn im Personenverkehr eine ganz unterschiedliche Bedeutung innerhalb des
Verkehrsmarktes. Während in Europa das Verhältnis zwischen Schienen- und Individualverkehr
hinsichtlich der Personenverkehrsleistung etwa 1 zu 10 beträgt, ist der Anteil der Bahnkilometer in
den USA auf 1/150 derer des Individualverkehrs gefallen. In Japan dagegen werden mit 2/3 beinahe
genauso viele Personenkilometer auf der Schiene wie durch den Individualverkehr erbracht44 (Daten:
vgl. [52, S. 6]). Im folgenden Kapitel sollen anhand einiger Beispielländer die grundlegenden Unter-
schiede im Personenfernverkehr auf der Schiene herausgearbeitet werden, auch um einen Zusam-
menhang aus unterschiedlichen Voraussetzungen, unterschiedlicher Herangehensweise seitens
Politik und Eisenbahngesellschaften und dem objektiv messbaren Erfolg des Verkehrsträgers herzu-
stellen. Bei erfolgreich realisierten Konzepten zur Verbesserung der Stellung des Eisenbahnverkehrs
kann schließlich eine Übertragbarkeit auf andere Länder und Projekte geprüft werden.
Ein internationaler Vergleich des Reiseverhaltens kann nicht ohne Berücksichtigung der jeweiligen
kulturellen und geopolitischen Situation erfolgen. Als Beispiele für beeinflussende Faktoren seien die
durchschnittliche Reiseweite aufgrund der Größe und Besiedlungsdichte des Landes, die Dichte von
Kraftfahrzeugen des Individualverkehrs und historische Verflechtungen von Regionen, aber auch die
Kosten der Nutzung und Qualität von Fernstraßen genannt. Da Russland und China ein sehr ausge-
prägtes System der Quersubventionierung innerhalb des Eisenbahnsektors haben [53], sind Aussagen
zur Wirtschaftlichkeit des Eisenbahnverkehrs nur schwer möglich. Darüber hinaus wird öffentlicher
Fernverkehr durch Massentransportmittel in diesen Ländern bei der Planung und dem Betrieb von
Eisenbahnprojekten noch mehr als Staatsaufgabe begriffen. Der allgemeine volkswirtschaftliche
Nutzen und nicht die Wirtschaftlichkeit hat beim Bau, Betrieb und der Fahrpreisgestaltung erste
Priorität. Es soll deshalb die Entwicklung in drei europäischen Ländern (Frankreich, Großbritannien
und Spanien) mit den Beispielen Japan und USA verglichen werden. Abbildung 11 gibt einen Über-
blick über die wichtigsten Hochgeschwindigkeitsprojekte in den untersuchten Ländern.
44 Das Verhältnis im Güterverkehr ist dabei genau umgekehrt: Europa steht wiederum im Mittelfeld (Verkehrs-
leistung Schiene/Verkehrsleistung Straße: 7/40, entspricht 15 % des Modal Split), jedoch werden in den USA
mehr Tonnenkilometer durch Eisenbahnen geleistet, als auf der Straße (50/40, entspricht 55 % des Modal Split)
und in Japan ist der Güterverkehr auf der Schiene fast zu vernachlässigen (3/40, entspricht 7 % des Modal Split)
(Daten: vgl. [52, S. 6]).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 46 -
2.6.1 Frankreich
Im Gegensatz zum polyzentrischen Deutschland handelt es sich bei Frankreich seit jeher um einen
Zentralstaat. Dieser Zentralismus gilt nicht nur für politische Entscheidungsvorgänge, sondern auch
für Verkehrswege. Alle wichtigen Verkehrsachsen führen auf die Hauptstadt Paris zu, welche mit
2,14 Mio. Einwohnern (Agglomeration Paris: 9,95 Mio. Einwohner) das politische, wirtschaftliche und
kulturelle Zentrum des Landes darstellt. Marseille ist mit 800.000 Einwohnern zweitgrößte französi-
sche Stadt und Oberzentrum am Mittelmeer. Nur sechs weitere Städte in Frankreich haben mehr als
250.000 Einwohner.45 Keine Großstadt ist weiter als 700 km vom Paris entfernt. Die Bevölkerungs-
dichte ist allgemein deutlich niedriger als in Deutschland. Ganz besonders gilt dies für ländliche
Regionen.
Diese Tatsachen lassen sich als großer Vorteil bei der Planung von Hochgeschwindigkeitsbahnverbin-
dungen werten. Die dünne Besiedlung ländlicher Gebiete bietet nicht nur auf betrieblicher Seite die
Möglichkeit mit wenigen Unterwegshalten große Entfernungen an einem Stück zurückzulegen, son-
dern erlaubt – gemeinsam mit einer überwiegend flachen Topographie – auch eine verhältnismäßig
einfache und preisgünstige Trassierung von Neubaustrecken. Entsprechend wurden alle neu entstan-
denen HGV-Strecken in Frankreich unter Ausnutzung der bestehenden Trassierungsparameter kom-
promisslos auf hohe und höchste Betriebsgeschwindigkeiten ausgelegt. Weiterhin hat sich gezeigt,
dass unter der zentralen Verwaltung Frankreichs Planung und Bau von Eisenbahntrassen deutlich
schneller abgeschlossen werden können als in Deutschland, wo nicht nur der Bund, sondern auch
beteiligte Länder und Gemeinden in allen Stufen der Planfeststellung eingebunden sein müssen und
insofern ihre Mitspracherechte deutlich machen.
Das seit seiner Inbetriebnahme 1981 (TGV Sud-Est) stetig ausgebaute TGV-Netz funktioniert, ähnlich
wie beim Flugverkehr, als „Hub-and-Spoke“-System, bei dem Paris als Hub fungiert, wo jedoch kein
zentraler Hauptbahnhof existiert. Die vier Pariser TGV-Bahnhöfe (Gare de l’Est, Gare de Lyon, Paris-
Montparnasse, Gare du Nord) wirken als Terminals für verschiedene Reiserichtungen. Daraus resul-
tieren nicht nur den Fahrkomfort beeinträchtigende Umsteigezwänge für einige Verbindungen,
sondern auch größere Umwegfaktoren aufgrund des sternförmig angelegten Netzes. Im Gegenzug
sind durch die auf diese Weise entstehende Bündelung die Verkehrsströme auf der Schiene stark
genug, um auf den bestehenden Linien einen hochfrequenten, artreinen Hochgeschwindigkeitsper-
sonenverkehr wirtschaftlich rechtfertigen zu können.
Die durchschnittlichen Reiseweiten sind generell höher als in Deutschland, was als Wettbewerbsvor-
teil für den Verkehrsträger Bahn gelten kann, wenn gute Verbindungen bestehen.
Als Vorbild für das französische TGV-System diente der japanische Shinkansen. Bereits zwei Jahre
nach der erfolgreichen Inbetriebnahme der Tokaido-Line wurde 1966 die erste Studie über HGV-
45 Demgegenüber gibt es im polyzentrisch strukturierten Deutschland insgesamt 27 Städte mit mehr als
250.000 Einwohnern (s.a. Kapitel 2.2.1).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 47 -
Neubauprojekte in Frankreich erstellt. Ähnlich wie in Japan sprach man sich für ein neues46, aufein-
ander abgestimmtes, integriertes System aus Infrastruktur und Triebkopfzügen aus, welches die
Einführung einer neuen Betriebsleittechnik und eine im Süden Frankreichs bisher nicht vorhandene
25-kV-Elektrifizierung beinhaltete. Dieser Systembruch war jedoch notwendig, um ein leistungsfähi-
ges, vom übrigen Betrieb weitgehend getrenntes und somit hoch verfügbares Bahnsystem einzufüh-
ren.
Der Erfolg des TGV-Systems macht sich in sehr hohen Aufkommen auf den Schnellfahrstrecken
(s. Abbildung 11) und teilweise deutlich höheren Anteilen der Eisenbahn innerhalb des Modal Split
bemerkbar, als dies in Deutschland der Fall ist. Zwischen Paris und Lyon verkehrten schon 1983 mehr
als 15 Mio. Reisende per Bahn [3], heute ist die inzwischen bis zum Mittelmeer verlängerte Strecke
mit einem Aufkommen von mehr als 40 Mio. Personen (im weiteren Abschnitt zwischen Lyon und der
Provence: 22,5 Mio. P) die aufkommensstärkste Achse des europäischen Eisenbahnverkehrs. Ihr
Anteil am Modal Split liegt bei 42 %. Wichtigster Grund für diesen Erfolg ist die konkurrenzlose Fahr-
zeit per Eisenbahn. Die 760 km lange Strecke von Paris bis Marseille wird in nur 2:55 Stunden zurück-
gelegt, da die hohe Betriebsgeschwindigkeit von 300 km/h nahezu über die gesamte Strecke
gehalten werden kann. Als Fahrgeschwindigkeit resultiert ein Wert von 250 km/h. Als Vergleichswert
sei die schnellste Verbindung in Deutschland aufgeführt: Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von
183 km/h (1:33 Stunden Fahrzeit für eine Strecke von 284 km) wurde in Kapitel 2.2.2 die Relation
Hamburg – Berlin als schnellste Bahnverbindung in Deutschland genannt.
Die Strecke Paris – Marseille ist jedoch nicht die einzige französische Hochgeschwindigkeitslinie
dieser Größenordnung. Inzwischen besteht auf vielen wichtigen Hauptverkehrsachsen ein ähnlich
attraktives Angebot, welches aufgrund seiner Reisezeit dem Luftverkehr deutliche Konkurrenz macht.
Bei der Planung neuer Linien wurde auch das Potenzial der Verkehrsströme in Nachbarländer berück-
sichtigt. Als Ergebnis entstanden hervorragende Verbindungen nach Belgien, Großbritannien, in die
Schweiz und in die Niederlande. Das Angebot des Thalys hat auf den Einsatzstrecken zwischen Frank-
reich, Belgien und der Niederlande mittlerweile einen Marktanteil von 50 % und dabei das Luftver-
kehrsaufkommen bis auf einige übrig gebliebene Zubringerflüge zu den großen Hubs komplett
übernommen. Die im Juni 2007 in Betrieb gegangene Neubaustrecke LGV Est zwischen Paris und
Baudrecourt (Lothringen) sorgt für eine hervorragende Reisezeit bis zur deutschen Grenze; jedoch
wurde auf deutscher Seite ein nicht annähernd so attraktives Angebot geschaffen, um die Fahrzeiten
zwischen Paris und Frankfurt/Main bzw. Stuttgart und München konkurrenzfähig zum Flugverkehr
werden zu lassen.
Die Investitionen ins Netz entsprechen in Frankreich im untersuchten Zeitraum (1991-2000) mit
2 Mrd. € [53, S. 19] jährlich weniger als die Hälfte des deutschen Niveaus [53, S. 19] – obwohl die im
gleichen Zeitraum in Frankreich geschaffenen Neubaustrecken eine größere Länge haben als diejeni-
46 Im Gegensatz zu Japan gibt es in Frankreich nur eine weitgehende Trennung des TGV-Systems von übrigen
Verkehren. So werden vorhandene Bahnhöfe und teilweise Stadteinfahrten gemeinsam mit dem Regionalver-
kehr genutzt.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 48 -
gen in Deutschland. Dies kann nur beschränkt damit zu tun haben, dass in Frankreich aufgrund kürze-
rer Planungs- und Bauzeiten sowie geringerer Bevölkerungsdichte im ländlichen Bereich und
wiegend flacher Topografie preiswerter gebaut werden kann und in Deutschland Reinvestitionen für
die teilweise maroden Schienennetze in den Neuen Bundesländern erforderlich wurden. Vielmehr ist
hier die angewendete Statistik zu hinterfragen: Um finanzmathematisch hohe Kostendeckungsgrade
zu erreichen, werden vom französischen Netzeigentümer RFF nur diejenigen Investitionen für ein
Neubauprojekt gezählt, die unmittelbar im Zusammenhang mit dem Bau entstehen. Umgekehrt
werden in Deutschland auch größere Instandsetzungsarbeiten als Investitionen gewertet, um den
Investitionsgrad der DB Netz AG auf einem hohen Niveau zu halten. Eine Übersicht über die Grö-
ßenordnung der Aufwendungen für das Bahnnetz in Deutschland stellt Abbildung 12 dar. Nähere
Ausführungen zur Abgrenzung von Investitionen und Instandhaltung erfolgen in Kapitel 3.3.1.
Investitionsaufwendungen für Neubauprojekte werden zwischen Netzeigentümer RFF, Betreiber
SCNF und Staat verteilt. Für das Projekt LGV Est wurden dabei erstmals auch die betroffenen Regio-
nen in finanzielle Verantwortung gezogen. Die Ausgaben des Betreibers beschränken sich weitge-
hend auf das zusätzlich zu beschaffende rollende Material. Eine Bezuschussung des Betriebes findet
offiziell nur im Regionalverkehr statt [54, S. 73].
Unter anderem aufgrund einer Reservierungspflicht für den TGV mit auslastungsabhängigem Preis-
system, aber auch aufgrund einer kompromisslosen Ausdünnung des Angebotes in Zeiträumen
schwacher Nachfrage gelingt es der SNCF, sehr hohe Auslastungsgrade zu realisieren. Auf den Relati-
onen des TGV Méditerranée (Paris – Marseille) liegt dieser beispielsweise bei 75 % [3].
2.6.2 Großbritannien
Wie in anderen europäischen Ländern litt auch die Eisenbahn in Großbritannien bis in die frühen
1990er Jahren unter verschleppten Reformen. Die jährlich erbrachten Kilometerleistungen gingen
zwar nur geringfügig zurück, dennoch verlor der Verkehrsträger stetig Marktanteile. Seit der Um-
strukturierung und Liberalisierung stieg die jährliche Verkehrsleistung im Personenverkehr jedoch –
mit Ausnahme der Krisenjahre 2000/2001 mit mehreren schweren Eisenbahnunfällen – um etwa 3 %
p.a. an (s. Abbildung 2). Heute wird eine um mehr als 60 % höhere Verkehrsleistung erbracht als im
Zeitraum zwischen 1965 bis 1995 [55].
Eine der wichtigsten Eisenbahnlinien in Großbritannien ist die West Coast Main Line. Sie verbindet
London und Glasgow auf einer Länge von 645 km. Bis 2005 wurde ihr wichtigster Abschnitt zwischen
London und Manchester umfassend modernisiert, sodass dieser heute mit einer Höchstgeschwindig-
keit von 200 km/h befahren werden kann. Trotz eines durchschnittlichen Stationsabstandes von
unter 50 km erreichen die eingesetzten Pendolino-Züge seit dem eine Durchschnittsgeschwindigkeit
von 135 km/h. Die Passagierzahlen konnten nach der Modernisierung nahezu verdoppelt werden,
wobei der größte Teil des zusätzlichen Aufkommens vom Bus- und Individualverkehr abgezogen
wurde. Der Flugverkehr auf dieser Strecke ging nur unbedeutend zurück, da es sich um eine Zubrin-
gerstrecke zum Hub London handelt. Das hohe Aufkommen von mehr als 20 Mio. Fahrgästen p.a.,
welches nach vollständigem Ausbau der Linie bis nach Birmingham um weitere 10 Mio. Passagiere
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 49 -
anwachsen soll [56], erlaubt es der Betreibergesellschaft Virgin Trains, einen ausgesprochen dichten
Takt zu fahren. Seit Ende 2008 liegt die Zugfrequenz abschnittsweise bei 20 Minuten, was als einer
der dichtesten Fernverkehrstakte außerhalb Japans gelten kann. Trotz des hohen Passagieraufkom-
mens ist Virgin Trains auf Bestellerentgelte von jährlich etwa 259 Mio. Pfund (400 Mio. €) durch das
Verkehrsministerium angewiesen. Grund dafür ist die Tatsache, dass in Großbritannien durch die
strenge Trennung von Netz und Betrieb eine (weder geschäftssparten- noch streckenübergreifende)
Quersubventionierung oder Unterstützung des Staates zum Ausbau des Netzes nicht stattfindet. Die
Investitionen von etwa 12 Mrd. € zur Modernisierung der Strecke müssen daher von der Netzbetrei-
bergesellschaft Network Rail vollständig auf die Trassengebühren umgelegt werden. Dies ist keine
Ausnahme. Die Bezuschussung des Fernverkehrs je nach vereinbarter Qualität und zu erwartendem
Aufkommen ist in Großbritannien vielmehr der Regelfall [54, S. 152].
2.6.3 Spanien
Die von Gebirgen geprägte Topografie und die für europäische Verhältnisse großen Entfernungen
zwischen den Oberzentren der autonomen Regionen (Autonomías) in Spanien und die daraus resul-
tierenden hohen Reiseweiten scheinen auf den ersten Blick für den Flugverkehr als geeignetsten
Verkehrsträger im Fernverkehr zu sprechen. Tatsächlich kann stattdessen für Spanien schon zu
Zeiten, in denen die Wirtschaftskraft noch deutlich unter dem europäischem Durchschnitt lag, ein
hohes Aufkommen im nationalen Flugverkehr festgestellt werden.47 Die Eisenbahn spielte im Fern-
verkehr eine eher untergeordnete Rolle. Für mittlere Strecken und als preiswerte Alternative zum
Flugzeug hatte und hat stattdessen der Fernbus eine starke Position. Durch die zunehmende Motori-
sierung ging zwischen 1982 und 1992 der Personenverkehr auf den Bahnverbindungen, auf denen
keine Verbesserung Angebotes erreicht werden konnte (sichtbar vor allem auf Achsen von Madrid in
den Norden) um etwa 50 % zurück [57, S. 102].
Mit dem Zuschlag für die Ausrichtung der Weltausstellung 1992 in Sevilla entschied sich die spani-
sche Regierung Ende 1988 für den Bau einer vollkommen neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke (LAV =
Liniea Alta Velocidad) zwischen Madrid und Sevilla. Dabei wurden bewusst keine Kompromisse
eingegangen; das neue System hatte mit dem bestehenden Eisenbahnangebot kaum Gemeinsamkei-
ten. Neben der für Spanien neuen UIC-Spurweite von 1.435 Millimetern, einem neuen Stromsystem
mit 25 kV, 50 Hz Wechselstrom aufgrund der langen Streckenabschnitte und neuen, auf dem TGV
Atlantique basierenden Fahrzeugen des Typs AVE S-100 wurde wegen der hohen Geschwindigkeit
auch ein neues Leit- und Sicherungssystem benötigt. Die Strecke ging am 16.04.1992 planmäßig in
47 Auf den Hauptstrecken zwischen Madrid und den Städten Barcelona, Sevilla, Valencia und Bilbao hatte
bereits in den späten 1970er Jahren das Flugzeug trotz eines höheren Reisepreises einen doppelt so hohen
Anteil am Modal Split, wie die Eisenbahn [18]. Die Kosten für Flugreisen hielten sich jedoch in Spanien auch in
dieser Zeit schon deutlich unter dem europäischen Durchschnitt.
Auch heute ist das Luftverkehrsaufkommen in Spanien ausgesprochen hoch: Obwohl Deutschland und Spanien
ein Verhältnis der Einwohnerzahl von 2/1 aufweisen, ist die Anzahl der Flugpassagiere identisch (164 Mio.)
[140, S. 30]. Als Gründe für diesen Unterschied bei der Bedeutung des Luftverkehrs können neben den oben
zitierten höheren Reiseweiten in Spanien die besonders hohe Affinität der Deutschen zum Individualverkehr
und die (noch) nicht eingeführte Autobahnmaut für Kfz angeführt werden.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 50 -
Betrieb und wurde sofort zu einem Erfolg. Durch die Reduzierung der Fahrzeit von 6 ½ auf 2 ½ Stun-
den wurde der Marktanteil der Eisenbahn auf dieser Relation von 16 % auf 51 % mehr als verdrei-
facht. Gleichzeitig sank der Marktanteil des Flugverkehrs von 40 % auf 13 % und somit auf nur etwas
mehr als 1/3 des ursprünglichen Wertes. Zwischen 1993 und 2003 ist die Gesamtzahl der Reisenden
auf der Neubaustrecke von 3,25 Mio. auf 6 Mio. um weitere 84 % gestiegen; gleichzeitig steigerte
sich Zahl Fahrgäste im Fernverkehr auf den konventionellen Strecken „nur“ um 18 % von 10,7 Mio.
auf 12,6 Mio., wobei das Aufkommen im langsamen Nordkorridor nochmals um 75% zurückging [57].
Diese Beobachtungen sind typisch für die in Europa erreichbaren Veränderungen des Modal Split
bei hervorragenden Fahrzeiten auf Strecken mit einer Länge zwischen etwa 400 und 800 km. Die
Eisenbahn kann fast alle Reisenden gewinnen, die nicht aus praktischen Gründen (Gepäcktrans-
port, körperliche Behinderung, etc.) auf das Kraftfahrzeug angewiesen sind oder das Flugzeug
wählen, da sie am Zielort einen Anschlussflug durchführen. Zusätzlich ist meist eine Steigerung des
Gesamtverkehrsaufkommens in Höhe von etwa 1/6 des Gesamtaufkommens bzw. 1/3 des Auf-
kommens der Bahn feststellbar. Die UIC geht in [58] davon aus, dass bis 2020 durch die neugeschaf-
fenen europäischen Hochgeschwindigkeitsmagistralen 88 Mrd. Reisekilometer (+39 %) mehr auf der
Schiene abgewickelt werden, von denen 2/3 durch Verkehrsverlagerung entstehen, wiederum die
Hälfte davon vom Luftverkehr. Umgekehrt kann aus dem Fahrgastrückgang in den vom Hochge-
schwindigkeitsverkehr abgeschnittenen Regionen die Schlussfolgerung gezogen werden, dass das
Angebot initiativ an Marktbedingungen angepasst werden muss, um die Nachfrage zu erhalten
oder sogar neue Nachfrage zu schaffen. Ein gleichbleibendes Angebot verliert Marktanteile, wenn
andere Verkehrsträger ihre Attraktivität steigern können. Dies ist ganz besonders wichtig im Hin-
blick auf die Entwicklung der Verkehrsmärkte in den neuen EU-Mitgliedsstaaten, wo eine weitere
Zunahme der Motorisierung beobachtet werden kann (s. Beispielstrecke in Kapitel 5.1.1).
Auch bei den Planungen für das zuletzt fertig gestellte Großprojekt in Spanien, der Hochgeschwindig-
keitsverbindung zwischen Madrid und Barcelona über Zaragoza, Lleida und Tarragona, wurde be-
wusst auf eine nachhaltige Veränderung des Modal Split anstelle eines bloßen Ausbaus aus Kapazi-
Kapazitätsgründen gesetzt. Die geplante Fahrzeit von 2:30 Stunden für die 630 Kilometer lange
Strecke ist eine eindeutige Kampfansage an den Luftverkehr. Der Korridor Madrid – Barcelona ist der
am stärksten belastete Luftraum in Europa. Iberia betreibt bereits seit 1974 eine „Luftbrücke“
("Puente Aéreo") zwischen den beiden größten Städten Spaniens: Ein Shuttleverkehr in der Luft
verbindet die Landeshauptstadt mit der Hauptstadt Kataloniens bedarfsgerecht, mindestens jedoch
im 30-Minuten-Takt. Eine Reservierung ist nicht notwendig; ähnlich wie in einem Shuttlebus ist der
Zustieg in das Flugzeug solange möglich, wie Sitzplätze vorhanden sind, anschließend kann in das
nächste bereitstehende Flugzeug eingestiegen werden. Zur weiteren Reduzierung der Reisezeit
finden vereinfachte Sicherheitskontrollen statt, im neuen Terminal T4 des Flughafens Madrid-Barajas
stehen für die Luftbrücke eigene Gates zur Verfügung, die auf direktem Wege, sinnbildlicher Weise
über eine Glasbrücke, erreicht werden können. Dieses attraktive Angebot machte es bereits vor Bau
der neuen HGV-Strecke möglich, in einer Gesamtreisezeit von unter drei Stunden von Stadtzentrum
zu Stadtzentrum zu gelangen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 51 -
Genau an dieser Stelle setzt das geplante Konkurrenzangebot auf der Schiene an: Es muss eine so
kurze Fahrzeit erreicht werden, dass die Reisezeit nicht über derjenigen des Verkehrsträgers Luft
liegt. Die Untersuchungen in [59] führten zu dem Ergebnis, dass Reisende die Bahn dem Flugver-
kehr vorziehen, wenn die Reisezeit auf der Schiene nicht mehr als 20 % über derjenigen mit dem
Flugzeug liegt. Dies ist v.a. am höheren Reisekomfort, verbunden mit weniger häufigem Wechsel
des Verkehrsträgers, zu begründen. Mit einer Fahrzeit von 2:30 Stunden wird es RENFE also gelin-
gen, den größten Teil des Passagieraufkommens auf dieser Strecke zu gewinnen. Nur aus diesem
Grund wurde die Betriebsgeschwindigkeit auf dieser Strecke mit 350 km/h ausgesprochen hoch
gewählt. Was zunächst unter wirtschaftlichen Gründen (überproportional hoher Verschleiß und
sehr hohe Energiekosten beim Rad/Schiene-System bei Betriebsgeschwindigkeiten von über
300 km/h) in Frage gestellt werden kann, stellt sich bei näherer Betrachtung als richtige Entschei-
dung heraus, um den Markt für die Bahn zu gewinnen.48
Mit einer Streckenlänge von jeweils 700 - 800 Kilometern bilden die beiden Neubauprojekte Mad-
rid – Barcelona und Paris – Marseille die längsten Fernverkehrslinien weltweit, bei denen ein
konventionelles Rad/Schiene-System durch hohe Geschwindigkeiten in Konkurrenz zum Flugzeug
treten und den größten Anteil des Aufkommens bewältigen kann. Innerhalb Europas könnten eine
Vielzahl von Relationen mit diesem Entfernungsbereich abgedeckt werden, um den Flugverkehr zu
ersetzen.
Neben der hohen Fahrgeschwindigkeit bietet die spanische Betreibergesellschaft RENFE für ihr Hoch-
geschwindigkeitsprodukt AVE eine Vielzahl von Services und Qualitätsstandards, die die Entscheidung
für die Bahn sehr leicht werden lassen. Die drei Wagenklassen ermöglichen dem Reisenden, einen
seinen Ansprüchen angemessenen Komfortgrad zu wählen, durch kontinuierliche Fahrgastbefragun-
gen werden die angebotenen Services den Wünschen der Passagiere angepasst. Der AVE gewann im
Jahr 1998 einen europäischen Qualitätspreis. Bei Umfragen gaben 98 % der Kunden an, dass der
Service der AVE sehr gut oder gut sei [60, S. 23]. Bereits seit 1994 bekommen Fahrgäste des AVE den
halben bzw. vollen Fahrpreis zurückerstattet, wenn sie mit einer viertel bzw. halben Stunde Verspä-
tung am Zielort ankommen [61]. Ein solcher Service ist in Verbindung mit einem Pünktlichkeitsgrad
von 99,8 % (bezogen auf 10-Minuten-Kriterium; Stand: 2004) möglich. Die Deutsche Bahn AG zeigt
sich dagegen bereits mit einer Pünktlichkeit im Fernverkehr „von über 90 %“49 (bezogen auf das 10-
Minuten-Kriterium, Stand: 2007) zufrieden.
48 Ein weiterer Gewinner seit der Beschleunigung der Eisenbahnverbindung zwischen Madrid und Barcelona
scheint jedoch auch der Reisebus zu sein. Aufgrund einer leichten Erhöhung des Fahrpreises gegenüber der
ehemals viel langsameren Bahnverbindung verliert die Eisenbahn Fahrgäste mit geringer Zahlungsbereitschaft
an den Busverkehr. Diese Klientel über die Preisgestaltung auf die Bahn zurückzuholen, ist aus ökonomischen
Gründen jedoch nicht sinnvoll, wenn die Auslastung der Fahrzeuge bereits hoch liegt. Fahrpreise je Zugkilome-
ter müssten unterhalb der variablen Kosten angeboten werden (s.a. Kapitel 2.4.4).
49 Eine Pünktlichkeit von 90 % (bezogen auf 10-Minuten-Kriterium) wird in Deutschland nicht erreicht, wenn
der Fernverkehr betrachtet wird. Verspätungen fallen im Nahverkehr aufgrund der geringeren Laufzeiten der
Züge niedriger aus. Aufgrund der quantitativen Überlegenheit der Züge des Nahverkehrs kann im statistischen
Mittel über alle von der DB AG gefahrenen Züge eine Pünktlichkeit von 90 % erreicht werden. Im Fernverkehr
sind gemäß [39] im Mittel 15 % aller Züge mehr als 10 Minuten verspätet (s.a. Kapitel 2.3).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 52 -
Der Ausbau des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes wird mit ungeminderter Geschwindigkeit
fortgesetzt. 2006 verabschiedete die spanische Regierung einen Infrastrukturplan, der allein für den
Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes der Bahn Gesamtmittel in Höhe von 83,5 Mrd. € für einen
Zeitraum von 10 Jahren vorsieht [62, S. 340]. Bis 2010 soll das „weltweit größte Hochgeschwindig-
keitsnetz“ [63, S. 94] entstehen. Ziel sind insgesamt 9.000 km neue Eisenbahnstrecken, 90 % der
Bevölkerung sollen nicht weiter als 50 km von einem Bahnhof des Hochgeschwindigkeitsnetzes
entfernt wohnen [62, S. 340]. Die Finanzierung der Infrastruktur erfolgt zu 60 % aus dem Staatshaus-
halt, der Rest erfolgt mit privatem Kapital und anderen öffentlichen Zuschüssen [64, S. 86]. Die Fahr-
zeuge werden von der Betreibergesellschaft RENFE bezahlt. Neben der (Teil-)Finanzierung der Infra-
struktur durch den Staat erfolgt auch eine Bezuschussung des laufenden Betriebes für 96 % der
spanischen Züge [54, S. 134]. Es wird dabei jedoch bewusst auf eine Zahlung von festen Bestellerent-
gelten verzichtet und stattdessen der Betreiber in Abhängigkeit der geleisteten Passagierkilometer
unterstützt. Auf diese Weise wirkt auf ihn ein Anreiz, nicht nur die vertraglich vereinbarte Anzahl an
Zugkilometern zu leisten, sondern durch attraktive Angebote und Service für eine hohe Auslastung zu
sorgen (näheres zu Zuschusszahlungen: s. Kapitel 5.4.1). Der Erfolg hinsichtlich der Entwicklung der
Fahrgastzahlen gibt diesem System Recht. Der Auslastungsgrad auf der Strecke Madrid – Sevilla liegt
bei 75 % [65, S. 416]. Ähnlich wie in Frankreich wird durch ein differenziertes Preissystem auf eine
gleichmäßige Auslastung der Züge gesetzt. Für Vorausbuchungen mit Zugbindung im Internet können
starke Rabatte erreicht werden, dennoch ist auch ein freies Ticket ohne Zugbindung – dann jedoch
ohne anwendbare Rabatte – erhältlich.
2.6.4 USA/Kanada
In Nordamerika erscheinen die Grundvoraussetzungen für einen wirtschaftlich zu betreibenden
Hochgeschwindigkeitsfernverkehr ausgesprochen schlecht: Neben der polyzentrischen Ausrichtung
der gesamten USA sowie Kanadas mit großflächigen Ballungsräumen ohne Zentrum, einem niedrigen
Preisniveau über alle Verkehrsträger hinweg und einem ausgesprochen hohen Motorisierungsgrad
liegt dies vor allem an der Tatsache, dass die gesamte Stadtplanung sowie große Bereiche des tägli-
chen Lebens auf der flächendeckenden Verfügbarkeit des Individualverkehrs basieren. Verbunden
mit dem Umstand, dass direkte Staatshilfen für einen Wirtschaftszweig als Verfälschung des freien
Marktes verstanden werden, konnte sich ein attraktiver schienengebundener Personenfernverkehr
bisher nur auf einigen wenigen Korridoren etablieren. An erster Stelle ist hier der von Amtrak durch-
geführte Hochgeschwindigkeitsverkehr auf dem Nordost-Korridor zwischen Boston und Washington
zu nennen. Nur in diesem Gebiet lag das erzielbare Fahrgastaufkommen bisher hoch genug, um die
für den Betreiber entstehenden Kosten zu decken. Seit mehreren Dekaden gibt es in den USA Pla-
nungen auf Bundesebene sowie auf Initiative einzelner Staaten, weitere Projekte des Hochgeschwin-
digkeitsfernverkehrs zu etablieren. Dazu wurde eine Vielzahl von Studien angefertigt, in denen die
Realisierungsmöglichkeit von HGV-Projekten als Magnetbahn- oder Rad/Schiene-Variante auf ver-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 53 -
schiedenen Korridoren untersucht wurden.50 Die tatsächliche Realisierung eines Neubauprojektes
steht jedoch bis heute aus. Die meisten der angegangenen Projekte sind aufgrund einer oder mehre-
re der folgenden Ursachen ins Stocken geraten:
Beim Schienenfernverkehr sieht sich der Staat als Moderator, nicht aber als Finanzier, Gesamtsys-
templaner oder gar Betreiber. Bund und Staaten haben die Planung neuer Infrastruktur in Form
von Zuschüssen zu den Planungskosten51 sowie zu grundlegenden Forschungs- und Entwicklungs-
arbeiten unterstützt. Bau und Betrieb neuer Bahnprojekte müssen nach vorherrschender Mei-
nung jedoch durch private Akteure, in welcher Rechtsform auch immer, erfolgen [66]. Als
Konsequenz gelang es noch keiner der privaten Gesellschaften, die von einem oder mehreren
Bundesstaaten, Einzelpersonen oder multilateralen Institutionen ausgegangenen Initiativen zur
Realisierung eines Hochgeschwindigkeitsprojektes durchzusetzen. Es fehlt an einem Gesamtpro-
jektverantwortlichen genauso wie an einer ganzheitlichen Planung eines Fernbahnnetzes des
Hochgeschwindigkeitsverkehrs. Auch hinsichtlich der Finanzierung wird von staatlicher Seite oft
keine Notwendigkeit gesehen, Verantwortung zu übernehmen. De Cerreño beschreibt den Grund
dafür in dem „…Irrglauben, dass sich Eisenbahnen aus eigener Kraft finanzieren, obwohl dies nur
äußerst selten der Fall ist" [66]. Tatsächlich haben sich für die vom Autor aufgezählten Projekte
private Investoren finden lassen, die bereit waren, im Rahmen von Mischfinanzierungen aus pri-
vaten und staatlichen Fonds und Krediten Neubauprojekte eigenverantwortlich zu übernehmen.
Für eine Realisierung mit rein privatwirtschaftlichen Mitteln versprach jedoch keines der Projekte
unter dem angenommenen Bau- und Betriebsrisiko eine ausreichend hohe Rendite. Letztlich ist
ein Umdenken des Staates notwendig: Der volkswirtschaftliche Nutzen neuer Hochgeschwindig-
keitslinien wird nicht bezweifelt. Was sich jedoch erst sehr langsam durchsetzt52, ist die Einsicht,
dass dieser volkswirtschaftliche Mehrwert nur mit finanzieller Unterstützung der Gemeinschaft,
also des Staates, erreicht werden kann.
50 Allein in [66] werden insgesamt 19 Machbarkeitsstudien zu HGV-Projekten in den USA identifiziert, welche
im Zeitraum von 1980 bis 2001 erstellt wurden. Die geplanten Maßnahmen reichen von inkrementellen Be-
schleunigungsmaßnahmen auf bestehenden, teilweise nicht elektrifizierenden Strecken bis hin zum Bau eines
Magnetbahnnetzes über mehrere Bundesstaaten hinweg.
51 Bei den Zuschüssen handelte es sich in der Regel um zweckgebundene Mittel im ein- bis zweistelligen Millio-
nenbereich [66; 68; 69]. Sämtliche Bundesausgaben für die Eisenbahn einschließlich der Betriebskostenzus-
chüsse für Amtrak summieren sich für die 22 Jahre von 1978 bis 1999 auf $ 18,3 Mrd. (3,6 % aller Ausgaben für
Verkehr) [66]. Diese Summe entspricht in etwa den gesamten jährlichen Aufwendungen in Deutschland für den
Schienenverkehr, welche sich insbesondere aus Zuschüssen für das Netz, Bestellerentgelten, und der Abzah-
lung von Ansprüchen aus Beamtenverhältnissen zusammensetzen (s. Kapitel 3.3.2).
52 Insbesondere auf Ebene der Bundesstaaten werden Entscheidungen zum Infrastrukturausbau viel häufiger
über Mittel der Direkten anstelle der Repräsentativen Demokratie getroffen, als dies in anderen Ländern der
Fall ist. Dies geschieht beispielsweise in Form von „Hearings“ oder zweijährlich stattfindenden „Polls“, bei
denen die Stimmberechtigten u.a. über die Verwendung ihrer Steuermittel für verschiedene Infrastrukturpro-
jekte abstimmen. Bereits in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren erreichten verschiedene von Indust-
riekonsortien oder politischen Gruppierungen vorangetriebene HGV-Projekte einen Planungsstatus, bei dem
eine zeitnahe Realisierung realistisch erschien – um letztlich nicht weiterverfolgt zu werden, weil das jeweilige
Finanzierungskonzept mit anteiligen Steuermitteln in den Volksabstimmungen mehrheitlich abgelehnt wurde.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 54 -
Die geographischen Umstände und stadtstrukturellen Gegebenheiten in den USA sprechen nur in
wenigen Fällen für eine Attraktivität des Verkehrsträgers Eisenbahn. Große Ballungsräume mit
gleichmäßiger Bevölkerungsdichte verursachen lange Zulaufwege und -zeiten zu den Fernver-
kehrsstationen. Die dadurch verursachte Erhöhung der Reisezeit kann nur schwer durch geringe
Fahrzeiten wieder ausgeglichen werden. Das Fehlen eines leistungsfähigen ÖPNV-Systems in den
meisten Städten sorgt zwangsläufig für einen Bruch innerhalb der Reisekette und damit zu weite-
ren Einbußen bei Reisegeschwindigkeit und -komfort. Ohne funktionierenden öffentlichen Nah-
verkehr verliert auch der Fernverkehr an Attraktivität. Darüber hinaus liegen die meisten
Fernverkehrsrelationen Nordamerikas in einem Entfernungsbereich, innerhalb dessen der Luft-
verkehr eindeutige Systemvorteile genießt. Als Ausnahme davon kann der Nordost-Korridor der
Vereinigten Staaten bezeichnet werden. Hier liegen einige große, dicht besiedelte Städte im Be-
reich von wenigen hundert Kilometern beieinander. Dies ermöglichte schon in den 1970er Jahren
attraktive Fahrzeiten von weniger als drei Stunden zwischen New York und Washington bei einer
Betriebsgeschwindigkeit von knapp 200 km/h. Hinzu kommt in einigen dieser Städte ein gut aus-
gebautes Nahverkehrssystem, welches seiner Zubringerrolle zum Fernverkehr gerecht wird und
darüber hinaus für die niedrigsten Motorisierungsgrade innerhalb Nordamerikas sorgt. Das in die-
sem Korridor von der Betreibergesellschaft Amtrak angebotene und stetig, überwiegend mit ei-
genen Mitteln53 ausgebaute Fernverkehrssystem wird ausreichend genug frequentiert, um die
entstehenden Betriebskosten einschließlich der Netzinstandhaltungskosten abzudecken.
Die besten Aussichten für eine schnelle Realisierung hat im Moment das Kalifornische Hochge-
schwindigkeitsprojekt, welches seit Jahren von der CHSRA (California High-Speed Rail Authority)
vorangetrieben wird. Diese Initiative setzt sich aus führenden Staats- und Regionalpolitikern mit
verschiedenen Parteizugehörigkeiten, Unternehmen sowie Nichtregierungsorganisationen zusam-
men. Alle Beteiligte vereint das starke Interesse an einem attraktiven Hochgeschwindigkeitssystem in
Kalifornien. Im Rahmen von privat finanzierten und organisierten Reisen nach Europa und Asien
wurden gemeinsam mit Lokalpolitikern bestehende Verkehrssysteme besichtigt und ihre Eignung für
den amerikanischen Markt diskutiert. 1996 wurde schließlich eine gemeinsam mit Partnern erstellte
Machbarkeitsstudie veröffentlicht, welche ein in mehreren Schritten zu realisierendes HGV-Netz
zwischen der dicht besiedelten Bucht von San Francisco, der Hauptstadt Sacramento sowie Los
Angeles und San Diego im Süden des Landes vorsieht. Die Annahmen der Machbarkeitsstudie sind –
insbesondere im Verhältnis zu ähnlichen Studien aus anderen US-Bundesstaaten – ausgesprochen
konservativ getroffen: Bei Infrastrukturkosten von durchschnittlich 31,5 Mio. € je Streckenkilometer54
53 Bei der Finanzierung der Streckenertüchtigung Ende der 1960er Jahre standen Staatsausgaben von $ 13 Mio.
privat finanzierte Mittel in Höhe von $ 860 Mio. gegenüber. Nach der Übernahme des Betriebes von der zah-
lungsunfähigen Betreibergesellschaft Penn Central 1970 investierte Amtrak als neuer Betreiber $ 1,8 Mrd., die
Bundesbehörde FRA (Federal Railroad Administration) weitere $ 3,7 Mrd. Seitdem wurden alle weiteren In-
standhaltungsmaßnahmen/Reinvestitionen allein vom Betreiber durch Betriebsüberschüsse finanziert.
54 Die erste Ausbaustufe, welche 2020 in Betrieb gehen soll, umfasst insgesamt 520 Meilen. Die Investitionen,
einschließlich der Fahrzeuge und Aufschläge für Begleitmaßnahmen und Unvorhergesehenes, sind mit etwa
$ 33 Mrd. veranschlagt. Dies entspricht etwa $ 63 Mio. je Doppelmeile bzw. $ 40 Mio. je Doppelkilometer.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 55 -
(Stand: 2008) soll ein Netz entstehen, auf dem bei Betriebsgeschwindigkeiten von bis zu 320 km/h im
Jahr 2020 insgesamt 68 Mio. Passagiere befördert werden [66; 67]. Die Planungsbehörde geht davon
aus, dass nach vollständiger Inbetriebnahme der Strecke Betriebsüberschüsse von mehr als
$ 1 Mrd.55 die Tilgung der zur Finanzierung aufgenommenen Darlehen ermöglichen. Um neben güns-
tigen Krediten des Bundesstaates Kalifornien auch Zuschüsse des Bundes für das von Governor
Schwarzenegger stark unterstützte Projekt zu ermöglichen, erfolgte eine Deklaration als „Demonstra-
tionsprojekt“ für „Neue Industrie“, was die Gewährung zusätzlicher Fördermittel ermöglicht. Bei der
Volksabstimmung am 04.11.2008 schließlich entschied sich mit 52,3 % die Mehrheit der kaliforni-
schen Wahlberechtigten für die Proposition 1A, welche die Gewährung von Staatsanleihen in Höhe
von $ 9 Mrd. für die Realisierung des ersten Abschnitts des zukünftigen „High-Speed-Rail-Systems“
beinhaltete. Mit der gleichzeitigen Zustimmung zu Proposition 1B gaben die Bürger einen $ 450 Mio.-
Fonds des Bundesstaates für eine Reihe von Einzelmaßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit,
Qualität und Betriebsstabilität des bestehenden Eisenbahnsystems in Kalifornien frei, was attraktive
Feeder-Verkehre für die zukünftige Hochgeschwindigkeitsstecke verspricht [68]. Die Förderleistungen
des Bundesstaates machen somit ein Vielfaches der im selben Jahr von der US-Regierung für das
gesamte Gebiet der USA zur Verfügung gestellten Mittel aus [69]. Die Grundvoraussetzungen für eine
Renaissance der Eisenbahn im Personenverkehr der USA – zunächst innerhalb einiger dicht besiedel-
ten Regionen – erscheinen damit erstmals seit vielen Jahren wieder positiv zu sein.
2.6.5 Japan
Als in Japan im Jahr 1959 mit dem Bau der weltweit ersten Hochgeschwindigkeitslinie zwischen
Tokyo und Shin-Osaka begonnen wurde, gab es weder in technischer noch in wirtschaftlicher Hin-
sicht Erfahrungswerte, auf die sich Planer und Entscheidungsträger stützen konnten. Jedoch erschien
die Verbindung von zwei der am dichtesten besiedelten Ballungsräume weltweit durch ein hochfre-
quentiertes, vom übrigen Eisenbahnverkehr getrenntes HGV-System die Antwort auf die ausgespro-
chen hohe Nachfrage im Personenverkehr auf diesem Korridor zu sein. Sofort nach der Eröffnung der
Tokaido-Line 1964 gab der Zuspruch zum von der damaligen Japanese National Railway (JNR) betrie-
benen Shinkansen-System den Planern recht. Die hohen Investitionskosten für die aufwändige Neu-
baustrecke und die hervorragende Systemabstimmung zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur
sorgten für ein bisher unbekanntes Niveau an Reisekomfort, Geschwindigkeit, Sicherheit und Be-
triebsverfügbarkeit. Dieses wurde von den Fahrgästen durch ein ungebrochen hohes Aufkommen56
honoriert, welches wiederum zur dauerhaften Profitabilität dieser Strecke geführt hat. Der Erfolg der
Shinkansen-Strecke zwischen Tokyo und Osaka führte zu einem stetigen Ausbau des Shinkansen-
Netzes, welches heute eine Länge von fast 2.000 km erreicht hat. Obwohl nicht auf allen Streckenab-
55 Für die Marktfähigkeit der geplanten Hochgeschwindigkeitsverbindung in Kalifornien müssen wesentlich
niedrigere Grundpreise (etwa 0,07 €/km brutto [67; 70]) angenommen werden, da sowohl im Luft- als auch im
Individualverkehr das Preisniveau deutlich niedriger ausfällt als in Europa oder Japan. Ein Vergleich der Preisni-
veaus im Schienenfernverkehr zeigt Abbildung 11.
56 Bereits im ersten vollständigen Betriebsjahr 1965 wurden auf der Strecke 35 Mio. Reisende gezählt (110 Züge
täglich). In doppelt so vielen Zügen verkehrten 7 Jahre später 85 Mio. Passagiere [3].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 56 -
schnitten ausreichend hohe Betriebsüberschüsse erwirtschaftet werden können, um die erfolgten
Investitionen zu refinanzierten57, gilt Japan als Beleg dafür, dass ein eigenwirtschaftlicher Hochge-
schwindigkeitsverkehr auf der Schiene möglich ist [70]. Durch attraktive Angebote hinsichtlich Fahr-
zeit (Sprinterzüge, z.B. Nozomi) und Preis (Züge mit mehreren Unterwegshalten, z.B. Hikari) gelang
es, im Wettbewerb sowohl gegen den Luftverkehr als auch gegen den Verkehrsträger Straße zu
bestehen. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Grundvoraussetzungen
für einen eigenwirtschaftlichen HGV in Japan im Vergleich zu anderen Ländern, insbesondere den
USA, ausgesprochen gut sind. Beispielhaft seien folgende Punkte genannt:
Die Relationen zwischen den wichtigsten Großstädten liegen in einem Entfernungsbereich, der
mit dem Hochgeschwindigkeitsverkehr in unter 3 Stunden zurückgelegt werden kann (Tokyo –
Shin-Osaka: 400 km Luftlinie, 552 Streckenkilometer).
Nur 29 % der Fläche Japans sind bewohnbar [70]. Der größte Teil der Bevölkerung lebt innerhalb
einiger weniger Ballungsgebiete (Osaka, Nagoya, Tokyo), welche ausgesprochen dicht besiedelt
sind.58 Dies bietet die Möglichkeit durch wenige Fernverkehrshalte eine hohe Zahl von Einwoh-
nern durch Direktverkehr zu erreichen.
Innerhalb der Ballungsräume ist der ÖPNV gut ausgebaut, was sicherstellt, dass Fernbahnhöfe
schnell und komfortabel erreicht werden können.
Aufgrund steuerpolitischer Restriktionen und mangelnder Flächen ist der Motorisierungsgrad in
Japan für ein Land der G8 ausgesprochen gering. Damit ist die Konkurrenz des Individualverkehrs
geringer als in anderen vergleichbaren Verkehrsmärkten.
Das Preisniveau für (öffentlichen wie auch Individual-) Verkehr liegt allgemein hoch [70, S. 3 f.].
Dies ermöglicht die Realisierung von Erlösen je Sitzplatzkilometer für die Bahnen, die deutlich
über den Grenzkosten liegen. Das japanische Preisniveau im Fernverkehr von etwa
0,185 €/Streckenkilometer59 wäre in anderen Ländern nicht im gesamten Klientel der Reisenden
durchsetzbar (s. Kapitel 2.5; ein Vergleich der Preisniveaus im Schienenpersonenfernverkehr fin-
det sich in Abbildung 11).
57 In [70] beschreibt Kagiyama den sich über mehrere Dekaden hinziehenden Prozess der Finanzierung der
japanischen Hochgeschwindigkeitsbahnen. Da die JNR mit der zuerst in Betrieb genommenen Strecke Tokyo-
Osaka starke Überschüsse aus den Fahrgasteinnahmen im Verhältnis zu den Betriebskosten erzielen konnte,
wurde Druck von politischer Seite ausgeübt, die Strecke auf eigene Kosten über Osaka hinaus zu verlängern, wo
jedoch ein deutlich geringeres Fahrgastaufkommen zu erwarten war. Die dazu notwendig gewordenen Kredite
konnten nicht aus den Betriebsüberschüssen abgezahlt werden, was schließlich mehrere Umschuldungen und
Änderungen in der Struktur der japanischen Eisenbahnen mit verursachte.
58 Die Bevölkerungsdichte beträgt in den Metropolregionen Tokyo und Osaka etwa 10.000 Einwohner/km² [70].
Eine so hohe Bevölkerungsdichte innerhalb einer Metropolregion wird weder in Europa (Berlin: 3.840 EW/km²,
Unité urbaine Paris: 3.646 EW/km², London: 4.758 EW/km²) und kaum in Nordamerika (Los Angeles County:
3.760 EW/km², Ausnahme New York City: 10.500 EW/km²) erreicht.
59 Kosten für Verbindung Tokyo-Osaka am 15.04.2009: 13.500 ¥ Dies entspricht bei einem Wechselkurs von
0,007542 €/¥400 km 0,255 €/km (Luftlinie) bzw. 0,185 €/km (Streckenkilometer).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 57 -
Es haben sich in den letzten 40 Jahren hohe Ströme an Fernpendlern zu und zwischen den politi-
schen und wirtschaftlichen Zentren Tokyo und Osaka herausgebildet. Der größte Teil der Tages-
pendler nutzt die Eisenbahn [70].
Diesen Vorteilen muss der wichtigste Nachteil für den HGV-Verkehr auf der Schiene in Japan gegen-
über gestellt werden: Durch die besondere geologische und geographische Situation in Japan mit
seiner von Gebirgen geprägten Topografie ist für die notwendige geradlinig zu führende Trassierung
im Hochgeschwindigkeitsverkehr ein ausgesprochen hoher Anteil der Strecken über Brücken und
Tunnel zu führen. Diese Kunstbauten können die Kosten für Infrastruktur auf ein Vielfaches steigern
und erfordern daher ein besonders hohes Fahrgastaufkommen für ihre Amortisation.
In den 1980er Jahren wurde die japanische Eisenbahngesellschaft in sechs lokale Gesellschaften mit
modernisierter Organisationsstruktur aufgespaltet, wobei aufgrund der Bevölkerungsverteilung
innerhalb Japans die neuen Gesellschaften sehr unterschiedliche Netzlängen zu betreiben und Fahr-
gastaufkommen zu bewältigen haben. Die Infrastruktur wird von den Betreibern seither geleast. Den
- seit dem mehr privatwirtschaftlich ausgerichteten und weitgehend entschuldeten - Eisenbahnge-
sellschaften gelang durch eine stärkere Anpassung des Angebotes nach den Bedürfnissen des Mark-
tes, zusätzlichen Service und Maßnahmen zur Effizenzerhöhung eine Steigerung der Verkehrsleistung
bei Vervielfachung der Gewinne der Betreibergesellschaften. In den 1990er Jahren fuhr jeder Japaner
statistisch 1.600 km p.a. mit der Eisenbahn. Die Gewinne aus Betriebsüberschüssen betrugen kumu-
liert über alle sechs Gesellschaften etwa $ 7 Mrd., was etwa $ 0,03 je Passagierkilometer bzw. 18 %
des Umsatzes entspricht. Diese hohen Betriebsüberschüsse wiederum versetzten bisher drei der
Betreiber in die Lage, die von Ihnen zuvor geleaste Infrastruktur vom Staat abzukaufen [70].
Heute stellt das Shinkansen-System den Benchmark hinsichtlich der Leistungsfähigkeit eines Bahnsys-
tems auf: Allein auf der Linie zwischen Tokyo und Osaka befördern 8.600 Mitarbeiter während einer
Betriebszeit von 18 Stunden täglich 350.000 Passagiere mit einer Zugdichte von 25 Zügen/Stunde in
Spitzenzeiten (ø 8 Züge je Stunde und Richtung). Die durchschnittliche Verspätungszeit der Züge liegt
bei nur 24 Sekunden, obwohl die obere Grenze der möglichen Betriebsleistung eines Fernbahnsys-
tems erreicht worden zu sein scheint. Die durchschnittliche Platzausnutzung des Shinkansen im
Tagesverlauf liegt bereits bei 94 % [71]. Ein Spielraum, weitere Aufkommen aufzunehmen, ist auf
einigen Streckenabschnitten nicht mehr vorhanden. Das optimale Verhältnis aus Kosten und Erlösen
hat sich bei einem Preisniveau eingestellt, das gerade so viele Fahrgäste auf die Strecke bringt,
dass die Streckenleistungsfähigkeit voll ausgeschöpft wird. Schramm stellt in [72, S. 39] dazu fest:
„Die JNR erhöhte in den letzten Jahren vor der Privatisierung die Fahrpreise jährlich, um die Betriebs-
verluste zu kompensieren. Die einzelnen JR Gesellschaften haben bisher auf eine Preiserhöhung
verzichtet.“ Die Fahrpreise liegen exakt auf dem von Kagiyama in [70] für die späten 1990er Jahren
angegebenen Niveau, eine Teuerung fand nicht statt. Damit haben sie das Aufkommen und die
Auslastung der Infrastruktur weiter steigern können. Die japanischen Bahnen gelten als die weltweit
am profitabelsten arbeitenden Bahngesellschaften. Jedoch haben auch sie seit ihrer Privatisierung
nicht jedes Jahr Gewinne ausweisen können [72, S. 37].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 58 -
2.7 Zusammenfassung: Empfehlungen zur aufkommensoptimierten
Gestaltung von Bahnangeboten
In Deutschland herrscht mit einer Dichte von etwa 500 Kraftfahrzeugen je 1.000 Einwohner einer der
höchsten Motorisierungsgrade weltweit [70]. Während das Aufkommen im Luftverkehr sich von 1995
bis 2001 um fast 29 % erhöht hat, verlor der Fernverkehr der Bahn im gleichen Zeitraum 9 % der
Passagiere [20, S. 6]. Nach den 2002/03 folgenden Einbrüchen konnte er bis 2008 das Niveau von
1994 wieder erreichen [73, S. 5]. Trotz der Inbetriebnahme mehrerer Neubaustrecken ist die im
Fernverkehr auf der Schiene erbrachte Verkehrsleistung also nicht gestiegen. Die Kommission Ver-
kehrsinfrastrukturentwicklung des Deutschen Bundestages nennt dafür den Begriff der „Lebenslüge
der Verkehrspolitik“, da sich der Straßenverkehr konträr den Erwartungen im gleichen Zeitraum
deutlich besser entwickelte [74, S. 9]. Wie Abbildung 2 zeigt, sind die auf der Schiene erbrachten
Verkehrsleistungen der in diesem Kapitel vorgestellten europäischen Länder dagegen seit Mitte der
1990er Jahre um teilweise mehr als 50 % gestiegen.
Das Wachstumspotenzial im Fernverkehr der Bahn ist höher als das der anderen Verkehrsträger. Bei
der Untersuchung zum Reisendenverhalten wird in [20] festgestellt, dass sowohl unter der monomo-
dalen Reisendengruppe, welche nicht für jede Fahrt neu abwägt, welcher Verkehrsträger die Anfor-
derungen besser erfüllt, als auch bei der wesentlich flexibleren multimodalen Benutzergruppe die
Bahnreisenden den kleinsten Anteil60 bilden. Da mindestens die gleiche Zahl der Reisenden Zugang
zum Fernverkehr der Bahn wie Zugang zum Luftverkehr hat, kann von einem hohen zu gewinnenden
Potenzial ausgegangen werden, wenn ein attraktives Angebot hinsichtlich der jeweiligen Anforde-
rungen vorliegt. Die Autoren zitieren eine Nichtnutzerbefragung des VCD Bahnkundenbarometers,
wonach „48,3 % aller Befragten ein Jahr oder länger nicht mit der Bahn (d.h. in Fern- und Regionalzü-
gen) gefahren sind. Im Durchschnitt lag die letzte Bahnbenutzung mehr als 4 Jahre zurück“ [20].
Körfgen/Weigand sehen das größte Potenzial im preissensiblen Privatreisemarkt „mit sehr großem
Volumen und relativ geringem Bahnanteil“ im Entfernungsbereich bis 600 km [75]. Als Bedingungen
dafür nennen sie ein mindestens stündliches Grundangebot und eine enge Vernetzung mit der Regi-
on. Im darüber liegenden Entfernungsbereich könne „die Bahn durch Direktverbindungen und ein-
zelne schnelle Verbindungen ihren Marktanteil ausbauen“ [75, S. 326]. Die Autoren stellen schließlich
fest: „Die Zukunftsfähigkeit des Fernverkehrs der Bahn ist mit den Reisezeiten eng verbunden“. Und:
„Problematisch ist die hohe Differenz zwischen Höchstgeschwindigkeit und Reisegeschwindigkeit“
und nennen dafür als Beispiel die mit 300 km/h befahrbare Neubaustrecke Köln – Rhein/Main, auf
der die Reisegeschwindigkeit weniger als halb so hoch liegt.
60 Die Präferenzen der monomodalen Reisenden wurde auf Seite 9 für den Luftverkehr (8 % aller Fernreisen-
den) höher als für den Bahnverkehr (6 % aller Fernreisenden) angegeben. Auch bei den multimodalen Nutzern
waren diejenigen, die eine höhere Präferenz für den Luftverkehr hatten, in der Überzahl: 10 % der Bevölkerung
nutzen Straße und Schiene, aber 21 % Straße und Luftverkehr. Weitere 9 % die Kombinationen Schiene und
Luft bzw. Straße, Schiene und Luft.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 59 -
Um also eine nachhaltige Veränderung des Modal Split zugunsten der Bahn zu erreichen, ist also eine
Optimierung des bestehenden Angebotes hinsichtlich mehrerer Faktoren anzustreben. Für große und
sehr große Marktanteile reicht es nicht aus, sich auf eine bestimmte Zielgruppe zu konzentrieren.
Vielmehr müssen alle Zielgruppen angesprochen oder sogar neue Klientel (z.B. Tagesreisende und
Pendler auf einer bisher für solche Klientel ungeeigneten Relation) generiert werden. Ziel muss sein,
für eine breite Basis der Reisenden attraktiver als der Individual- und Flugverkehr zu sein. Dies gelingt
in erster Linie über konkurrenzfähige Reisezeiten in Kombination mit bestimmten Services und Min-
deststandards bezüglich Takt und Betriebszeit.
Für die dazu notwendigen hohen und höchsten Reisegeschwindigkeiten sind Neu- und Ausbaustre-
cken notwendig, welche idealerweise im artreinen Verkehr betrieben werden, um einen dichten Takt
und vor allem hohe Systemverfügbarkeit bei geringen Pufferzeiten zu gewährleisten. Da ein Ausbau
sämtlicher Hauptstrecken nicht finanzierbar ist, besteht die Notwendigkeit, sich auf einige wenige
Strecken zu konzentrieren, die – auch unter Berücksichtigung von möglicher Netz- und Linienbildung
– ein hohes Aufkommenspotenzial für die Bahn bieten. In der Regel sind dies Strecken, über die
Verbindungen zwischen wichtigen Großstädten angeboten werden können, welche ihrerseits min-
destens 200 Kilometer auseinanderliegen, um trotz notwendiger Zu- und Abgangszeiten zum/vom
Bahnhof mit dem Pkw konkurrieren zu können, und andererseits nur soweit auseinanderliegen, dass
eine Gesamtreisezeit von vier Stunden nicht überschritten wird. Dabei sollte im Sinne einer hohen
Durchschnittsgeschwindigkeit der größte Teil der relevanten Streckenabschnitte aus durchgehend
mit hoher Betriebsgeschwindigkeit befahrbaren Neu- oder Ausbaustrecken bestehen. Ein gleichmä-
ßiges Aufwerten von verschiedenen langsamen Strecken im gesamten Netz kann dagegen lediglich
dazu beitragen, keine Anteile am Modal Split zu verlieren. Sollen aber neue Anteile gewonnen
werden, werden attraktive, neu aufgestellte Angebote und Produkte benötigt. Beispiele aus Japan,
Frankreich und Spanien zeigen, dass eine „Revolution auf der Schiene“, d.h., neue Fahrzeuge auf
komplett neuen Strecken, einen durchschlagenden Erfolg und damit eine Renaissance für die Bahn
im Fernverkehr erzielen kann.
Streckenneubau in Deutschland ist dagegen seit Jahrzehnten stets kapazitiv initiert. Es werden suk-
zessive diejenigen Strecken erneuert, die ausgelastet sind und nicht solche, die höchste Potenziale
bieten. Im Ergebnis werden manche Verbindungen etwas besser, aber nur wenige können hinsicht-
lich der Reisezeit mit anderen Verkehrsträgern konkurrieren. „Der Gedanke folgt präzise der alten
Staatsbahn-Logik: Erst wenn das schlechte Produkt sich ungewöhnlich großer Nachfrage erfreut,
belohnt die Bahn den Kunden mit einem besseren.“ [76]
Eine technische Kompatibilität neuer Produkte mit bestehenden Systemen ist dabei nicht zwingend
notwendig (neue Spurweite in Spanien und Japan; vom Regionalverkehr gänzlich getrennter Fernver-
kehr in Japan), solange das neu geschaffene Angebot für sich eine ausreichende Attraktivität besitzt.
Der Netzgedanke wird in Deutschland überbewertet, da sich bei guten intermodalen Verknüpfungen
ein Systemwechsel im Personenverkehr nicht unattraktiver auswirkt als ein Umsteigevorgang inner-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 60 -
halb des Systems. Die vielfach geäußerte Argumentation, eine Magnetschwebebahn-Linie hätte als
„Fremdkörper“ im europäischen Netz keine Chance, muss daher bestritten werden, solange diese auf
einer Linie eingesetzt wird, die wesentliche Aufkommensschwerpunkte direkt anbindet. Viel wichti-
ger als eine Reise mit einem Verkehrssystem mit einheitlichem Antrieb, Spurweite und Betriebssys-
tem sind für den Fahrgast ein für die ganze Reisekette einheitliches Ticketing und abgestimmte
Fahrpläne. Praktischer Nutzen hat für die Entscheidung des Reisenden eine höhere Priorität als
technische Parameter. Ohnehin haben die Eisenbahnen – wie kein anderer Verkehrsträger – mit
einer Vielzahl von technischen, betrieblichen und organisatorischen Systembrüchen im internationa-
len Verkehr zu kämpfen, die aufgrund des jahrhundertelang aufrecht erhaltenen Nationalcharakters
der jeweiligen Bahngesellschaften entstanden sind. Mit dem Zusammenwachsen der Europäischen
Union (EU) geht ein erkennbarer Trend zu immer mehr Reisen in das europäische Ausland einher. Die
Anzahl der guten grenzüberschreitenden Bahnverbindungen ist, insbesondere aus Deutschland,
jedoch sehr gering. Um den Anschluss nicht zu verlieren, müssen die Bahnbetreiber schnellstens die
genannten Hürden abbauen und mit einheitlichen Produkten und Servicestandards dem Kunden
gegenüber auftreten, was im Rahmen der Planung eines Transeuropäischen Eisenbahnnetzes durch
die EU beschleunigt wird. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso Fluggastrechte länderübergreifend
gelten, hinsichtlich der Rechte von Bahnkunden jedoch europaweit nur ein minimaler Rahmen ver-
bindlich vorgeschrieben wurde, da einige Regierungen auf Druck der Bahnbetreiber, auf intranspa-
rente, umständlich zu handhabende und teilweise nicht einklagbare Selbstverpflichtungen drängten.
Insbesondere aufgrund des in Kapitel 2.4 beschriebenen ähnlichen Preisniveaus zwischen Flug- und
Bahnverkehr ist eine Anpassung notwendig61. Der Flugverkehr bietet innerhalb der EU einheitliche
Services, Produkte und Standards an und entwickelt sich immer mehr zum Gewinner im europäi-
schen Modal Split, sollten die Bahnbetreiber nicht schnell und flexibel reagieren.
Im innerdeutschen Modal Split macht der Anteil des Luftverkehrs insgesamt nur etwa 1/10 desjeni-
gen des Individualverkehrs aus, zudem ist aufgrund der zahlreichen Zubringerflüge auf den Relatio-
nen nach Frankfurt/Main und München nur ein Teil dieses Aufkommens überhaupt für die Bahn
abgreifbar. Dennoch ist der Einfluss des Luftverkehrs auf die Wirtschaftlichkeit von einzelnen Bahn-
angeboten nicht zu unterschätzen. Eine von der DB AG in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem
Ergebnis, dass „*bei+ Markteintritt eines Billigfluganbieters *…+ das konkurrierende Bahnunterneh-
men zwischen 7 und 18 % seiner Passagiere *verliert+“ [77]. Umsatzeinbrüche in dieser Größenord-
nung bei gleichbleibenden Kosten bedeuten in der Regel eine deutliche Reduktion des
61 Gemäß der EG-Verordnung 889/2002 [230] müssen Luftverkehrsgesellschaften im Falle eines Unfalls für den
Tod eines Fluggastes einen Schadenersatz in der Höhe von mindestens 100.000 Sonderziehungsrechten (etwa
110.000 €) leisten. Die Deutsche Bahn AG zahlte nach dem ICE-Unglück 1998 von Eschede je Getötetem einen
Schadenersatz von 30.000 DM, was etwa 14 % der o.g. Summe entspricht. Möchte man die Bahn als zuverlässi-
ges, sicheres und dem Flugverkehr mindestens gleichwertiges Verkehrsmittel etablieren, sollten – im Interesse
der Bahn – gleiche Standards hinsichtlich der Kundenrechte angelegt werden.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 61 -
Betriebsergebnisses. Gerade deshalb muss die Bahn versuchen, Fahrgäste von allen konkurrierenden
Verkehrsträgern zu gewinnen.
Der Hauptkonkurrent auf den meisten innerdeutschen Verbindungen ist jedoch der Individualver-
kehr. Beim Versuch, mehr Autofahrer für die Bahn zu gewinnen, ist es wichtig, nicht auf Konfrontati-
on, sondern auf eine sinnvolle Verknüpfung der beiden Verkehrsträger zu setzen. Die volle Flexibilität
des Kraftfahrzeuges wird nie durch die Bahn geleistet werden können. Stattdessen kann ein Umstei-
gen für den Hauptlauf im Fernverkehr durch attraktive Angebote für Reisende, die nicht zwingend
auf die Nutzung des Pkw angewiesen sind, gefördert werden. Neben den bereits beschriebenen
Mindestvoraussetzungen (wenige Umsteigevorgänge innerhalb einer Verbindung sind sicher wichti-
ger als das Servieren eines Würstchens am Sitzplatz) sollte sich die Bahn auf ihre Stärken konzentrie-
ren: Die Möglichkeit für den Reisenden, seine Fahrzeit aktiv zu nutzen, ist das wichtigste
Komfortmerkmal des Verkehrsträgers Schiene. Wo im Bezug auf die Reisezeiten im Benchmark nicht
bestanden werden kann, muss für ein positives Reiseerlebnis gesorgt werden. Bei der Prüfung von
angebotenen Services darf nicht nur der daraus generierte Umsatz den Kosten gegenüber gestellt
werden, sondern es muss vielmehr berücksichtigt werden, dass diese Angebote darüber entscheiden
können, ob eine Fahrt mit der Bahn durchgeführt wird, wenn alle anderen „harten“ Faktoren sich
nicht wesentlich vom Individualverkehr unterscheiden, was wiederum auf den meisten Verbindun-
gen der Fall ist.
Durch eine Senkung des Fahrpreises lassen sich zwar zusätzliche Aufkommen gewinnen, jedoch sind
die Spielräume für Preissenkungen bei allen Verkehrsträgern sehr gering. Die Werkzeuge der Preis-
gestaltung sind mit größter Vorsicht einzusetzen. Jedes preisgünstige Angebot bedeutet eine Sen-
kung der durchschnittlichen Einnahmen je Fahrgastkilometer. Selbst wenn zusätzliche Passagiere
gewonnen werden können, sind die zusätzlichen Einnahmen u.U. unbedeutend. Zu hinterfragen ist
die bei der Bahn übliche Preisreduzierung für einzelne Zielgruppen (Mitfahrer, Familien, Kleingrup-
pen). Sie greifen direkt konkurrierende Verkehrsmittel an (insbesondere Pkw und Reisebusse), erlau-
ben jedoch keine Lenkung des zusätzlichen Aufkommens auf auslastungsschwache Zeiten und Linien.
Darüber hinaus birgt eine Senkung des Reisepreises für Einzelne (z.B. durch Specials) die Gefahr, dass
Stammkunden (z.B. BahnCard-Inhaber, welche trotz der Bindung an die Bahn höhere Preise zahlen
müssen, da Specials für Lidl-Kunden günstiger sind) verärgert werden und deshalb deren Zahlungsbe-
reitschaft sinkt. Unterschiedliche Preise für das gleiche Produkt sind also unbedingt zu verhindern.
Stattdessen sollte verstärkt eine Preisdifferenzierung zur Lenkung des Aufkommens verwendet
werden, ähnlich wie dies im Luftverkehr der Fall ist: Über Produktsegmente, Reisetermine und Reise-
routen. Hinsichtlich des Reisetermins und der Reiseroute flexiblere Passagiere können auf schwächer
ausgelastete Züge verteilt werden. Selbst wenn derselbe Zug genutzt wird, handelt es sich für die
preiswerter Reisenden nicht um dasselbe Produkt, da sie beispielsweise an einen bestimmten Zug
gebunden sind und höhere Gebühren bei Rückgabe des Tickets in Kauf nehmen müssen, ihre Flexibi-
lität also vom Betreiber vergütet wird. Neben der Optimierung der Auslastung der Züge muss eine
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 62 -
Optimierung der Auslastung der Infrastruktur geprüft werden. Gerade für preissensitive Klientel,
welche nicht auf Fahrkomfort und die Reisezeit achten, könnten auf nicht ausgelasteten Strecken
zusätzlich einzelne, langsamere Verbindungen mit weniger komfortablem Wagenmaterial und meh-
reren Zwischenhalten angeboten werden. Auch diese langsameren Züge haben nur auf solchen
Verbindungen eine Daseinsberechtigung, wo ausreichend hohes Aufkommen vorhanden ist, um
deren Betriebskosten zu decken. Für Urlaubsreisende, Klassenfahrten und Studenten, welche bisher
überwiegend die Mitfahrzentrale nutzen, erscheint ein derartiges Konzept sinnvoll. Parallelen zum
eingestellten InterRegio sind offensichtlich. Es muss hier auf das Problem des in Deutschland beste-
henden Trassenpreissystems verwiesen werden, das nicht zwischen verschiedenen Zuglängen und
Geschwindigkeitskategorien differenziert.
Eine Möglichkeit, die empfundene Preiswürdigkeit der Bahn für den Fahrgast zu steigern, bietet die
Schaffung eines Mehrwertes für den Reisenden über die eigentliche Transportleistung hinaus. Auch
hier können die Fluggesellschaften als Vorbild erwähnt werden. Das Auslegen von Zeitungen und die
kostenlose Bereitstellung von Erfrischungsgetränken oder ein Kaffeeautomat sorgen praktisch nicht
für höhere Betriebskosten, werden jedoch von einigen Fahrgästen außerordentlich positiv aufge-
nommen. Die Möglichkeit der kostenlosen Sitzplatzreservierung mit dem Fahrkartenkauf im Internet
würde für Anbieter und Kunde Vorteile bieten. Der Reisende weiß, dass sein Sitzplatz sicher ist und
der Bahnbetreiber kann die zu erwartende Auslastung der einzelnen Züge ausgesprochen gut ab-
schätzen. Es besteht eine Vielzahl von Möglichkeiten für solche Mehrwertdienste, die, wenn sie
kostenlos oder zu Eigenkosten angeboten werden, gerne angenommen werden und das Image des
Reisens mit der Bahn aufwerten könnten. Umgekehrt wird ein zu hoher Preis für derartige Services
ausgesprochen negativ aufgenommen. Vielmehr werden zusätzliche Dienste dann nicht in Anspruch
genommen und es bestimmen Begriffe wie „Abzocke“ die Mundpropaganda, was unbedingt zu
vermeiden ist. In jedem Fall ist das Preissystem jedoch so einfach zu halten, dass auch Gelegenheits-
fahrer nicht das Gefühl haben, eine Möglichkeit zur Senkung der Fahrkosten übersehen zu haben.
Pällmann fasste 2004 seine Gedanken zur Zukunftsfähigkeit des Fernverkehrs auf der Schiene wie
folgt zusammen: „Eine entscheidende Rolle wird der weitere Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnet-
zes zwischen den Ballungsräumen spielen. Im Wettbewerb mit den Billigfliegern sind dabei der
Komfort und ein positives Bahnerlebnis in allen Komponenten der Beförderungskette von ausschlag-
gebender Bedeutung (zum Beispiel Speisewagen).“ [1]
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 63 -
3 Kostenstrukturen im Fernverkehr:
Ein Vergleich der Verkehrsträger
Siegmann schreibt in [78, S. 47], die deutsche Bahn sei die einzige europäische Bahn und der einzige
Verkehrsträger, von dem abverlangt werden würde, für seine Infrastruktur selbst aufzukommen. Im
gleichen Jahrbuch des Bahnwesens schreibt der damalige Bundesverkehrsminister Klimmt mit Hin-
blick auf Unterstützung der Eisenbahn durch den deutschen Staat: „Solche gewaltigen Transferleis-
tungen zugunsten der Eisenbahn gibt es in keinem anderen EU-Land.“ [79, S. 8] In diesem Kapitel
sollen die wichtigsten Verkehrsträger hinsichtlich ihrer Produktionskosten für Betriebsleistungen im
Personenverkehr verglichen und die Bedeutung von Transferzahlungen durch den Staat diskutiert
werden.
Für den Vergleich der Kosten- und Finanzierungsstrukturen der Verkehrssektoren Straße, Schiene,
Wasser und Luft in Deutschland wurde ein Sankey-Diagramm zur Abbildung der wichtigsten Finanz-
ströme zwischen Nutzern, Betreibern, Infrastruktur und Staat erstellt (s. Abbildung 13). Schon auf
den ersten Blick kann eine geringe Transparenz und eine intensive Verquickung der Finanzströme,
insbesondere bei den Verkehrsträgern Straße und Schiene, mit dem Staatshaushalt und der vom
Bund geführten Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaft (VIFG) erkannt werden. Während
beim Straßenverkehr die Zahlungsströme eindeutig von den Infrastrukturnutzern in Richtung Staat
fließen62, erfolgt der Finanzfluss beim Sektor Bahn überwiegend in umgekehrter Richtung – vom
Staat zu den Betreibern und in die Infrastruktur.63 Letzteres gilt auch für die Binnenschifffahrt; diese
Zahlungsströme sind jedoch von deutlich geringerer Quantität und fallen daher im Vergleich zu den
übrigen Verkehrsausgaben von Bund und Ländern kaum ins Gewicht. Der Infrastrukturanteil im
Luftfahrtsektor finanziert sich trotz diverser angewendeter Umlageverfahren und marginaler Zu-
schüsse einzelner Bundesländer für ihre Regionalflughäfen letztlich durch die von den Fluggästen zu
entrichtenden Gebühren selbst.
Den, ausschließlich durch den Straßenverkehr erzielten, Einnahmen des Bundes aus dem Verkehr in
Höhe von 44,1 Mrd. € stehen Ausgaben für alle Verkehrssektoren in Höhe von 21 Mrd. € [4] gegen-
über. Nach Abzug der verkehrsspezifischen Überweisungen an Länder nach dem Regionalisierungs-
gesetz und an die Kommunen nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) verbleibt
dem Bund ein Überschuss von etwa 10 Mrd. €, aus dem unter anderem die Rentenversorgung mitfi-
62 Die Erlöse durch Lkw-Maut fließen nur zu 50 % wieder zurück in den Verkehrsträger Straße [96, S. 12]. Für
Fernstraßen werden dabei in den nächsten Jahren 2,4 Mrd. € aus der Lkw-Maut und weitere 4,6 Mrd. € aus
Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung der Bundesfernstraßengesellschaft bereitgestellt.
63 Im Gegensatz zur Lkw-Maut werden die von DB Netz eingenommenen Trassenentgelte nicht an den Staat
gezahlt; vielmehr erfolgt eine laufende Bezuschussung für Ausbau und Unterhalt des Netzes durch den Staat
aus anderen Mitteln. In den nächsten Jahren wird die Eisenbahninfrastruktur in Deutschland vom Bund zukünf-
tig mit jährlich etwa 3,9 Mrd. € direkt bezuschusst (19,4 Mrd. € von 2009-2013) [231, S. 19]. Dabei fließt der
größte Teil der Infrastrukturzuschüsse in die Förderung des Schienenfernverkehrs: „Gemäß § 8 II des Bundes-
schienenwegeausbaugesetzes (BschWAG) sollen 20 % der Investitionen in das Schienennetz des Bundes dem
SPNV gelten.“ [103, S. 8]
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 64 -
nanziert wird. Während auf Ebene der Bundesländer als Saldo aller verkehrsspezifischen Einnahmen
und Ausgaben noch eine leichter Überschuss in die Haushalte eingebracht werden kann, müssen die
Kommunen aufgrund Ihrer Verantwortung für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und die
Unterhaltung des engmaschigen Gemeindestraßennetzes deutlich höhere Ausgaben tätigen, als sie
an Einnahmen erzielen können.
Die Infrastrukturkosten für die Straße in Höhe von etwa 0,012 € je Leistungskilometer entsprechen
einem Drittel der bezogenen direkten Einnahmen des Staates aus diesem Verkehrssektor von etwa
0,04 €. Für die Binnenschifffahrt werden ähnliche Kosten je Leistungskilometer erreicht. Für den
Schienenverkehr dagegen betragen die Infrastrukturkosten je Leistungskilometer 0,052 €. Dabei ist
noch nicht berücksichtigt, dass Eisenbahnverkehr systemspezifisch personalaufwändig ist und somit
zusätzlich hohe Betriebskosten verursacht. Schon hier wird deutlich, dass das System Bahn im
Mittel über alle Strecken tendenziell auf Subventionen angewiesen ist, wenn der Leistungspreis für
den Kunden annähernd äquivalent zu anderen Verkehrsträgern gehalten werden soll.
Bei den in diesem Kapitel erstellten Kostenvergleichen werden nicht die externen Kosten des
jeweiligen Verkehrsträgers berücksichtigt, welche in die volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-
Rechnung einfließen. Als Beispiele für externe Kosten des Verkehrs gelten beispielsweise der verur-
sachte CO2-Ausstoß, Flächenverbrauch, Lärm- und andere Emissionen sowie der Gesellschaft entste-
hende Kosten durch Arbeitsausfälle aufgrund von Stau, Verletzten oder Verkehrstoten.
Personenverkehr auf der Schiene wird hinsichtlich der verursachten externen Kosten am günstigsten
bewertet, gefolgt von Bus- und Flugverkehr. Der Individualverkehr verursacht etwa die 4,5-fachen
externen Kosten wie der Schienenverkehr [80, S. 125].
Zusammenfassend lassen sich folgende Aussagen zu den Finanzströmen zwischen Staat und den
Verkehrsträgern in Deutschland treffen:
Die Nutzer der Straße finanzieren Infrastruktur und Betrieb der Eisenbahn mit.
Trotz Einführung der Lkw-Maut finanzieren Halter von Pkw den Schwerkraftverkehr mit.
Auf der Straße subventioniert Fernverkehr den Nahverkehr.
Die Binnenschifffahrt ist Nettoempfänger von Finanzhilfen, jedoch auf niedrigem Niveau.
Der Luftverkehr finanziert sich weitgehend selbst.
In den folgenden Unterkapiteln werden genauere Analysen der Kostenstrukturen für den Busfern-
verkehr, den Flugverkehr, den Individualverkehr und schließlich den spurgeführten Hochgeschwin-
digkeitsverkehr durchgeführt. Neben der oben bereits angesprochenen Problematik des
Kostendeckungsgrades findet insbesondere eine Unterscheidung zwischen Fixkosten und variablen
Kosten statt. In der Regel kann zusätzliche Verkehrsleistung sehr preisgünstig bereitgestellt werden,
wenn der Betrieb nicht bereits an der Kapazitätsgrenze erfolgt. Von ganz besonderer Bedeutung ist
bei allen genannten Verkehrsträgern die Auslastung der Fahrzeuge und, insbesondere bei der Eisen-
bahn, der Infrastruktur. Zusätzliche Fahrgäste sorgen in der Regel nur für marginale zusätzliche
Grenzkosten, jedoch für eine spürbare Steigerung des Umsatzes.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 65 -
3.1 Verkehrsträger Straße
3.1.1 Individualverkehr
Bezogen auf die darauf abgewickelten Leistungskilometer (Pkm und tkm) stellt sich die Straße als
einer der günstigsten Verkehrsträger dar. Auf Fernstraßen liegen die Kosten für die Bereitstellung
(Neubau, Instandhaltung und Bewirtschaftung) der Infrastruktur noch unterhalb des o.g. Durch-
schnittswertes von 0,012 €64 je Leistungskilometer für alle öffentlichen Straßen. Infrastrukturelle
Grenzkosten je Leistungskilometer fallen praktisch nur für den Güterverkehr an. Der Verschleiß von
Fernstraßen pro Pkw-Überfahrt ist gegenüber der Lkw-Nutzung zu vernachlässigen. Wie in Abbildung
13 dargestellt, übersteigen die Steuereinnahmen durch den Kraftverkehr die Aufwendungen des
Staates für die gesamte Verkehrsinfrastruktur bei weitem. Die Infrastruktur macht beim Straßenver-
kehr nur 10 % der gesamten Wertschöpfung aus [81, S. 28].65
Die dem Fahrzeughalter anfallenden Aufwendungen wurden bereits im Kapitel 2.4.2 betrachtet. Über
den Steueranteil an den Kraftstoffkosten und die Kfz-Steuer sind die im Fernverkehr entstehenden
Infrastrukturkosten mehr als ausgeglichen.
3.1.2 Busfernverkehr
Der Busfernverkehr zeichnet sich durch eine sehr schlanke Kostenstruktur aus, welche aufgrund der
ausgesprochen geringen notwendigen Investitionen von den Betriebskosten dominiert wird.66 Der
wichtigste Teil der genutzten Infrastruktur, die Straße, wird vom Staat bereitgestellt und betrieben.
Die Gegenfinanzierung durch die Busunternehmen erfolgt ausschließlich in Form der im Kraftverkehr
üblichen Steuern. Ob diese von den Betreibern aufgebrachten Steuern ausreichen, um den durch
deren Reisebusse verursachten Verschleiß der Verkehrsinfrastruktur auszugleichen, ist umstritten
und in der Literatur durchaus unterschiedlich angegeben. Aufgrund der gegenüber dem Individual-
verkehr höheren Achslasten resultiert trotz niedriger Geschwindigkeiten eine starke Beanspruchung
der Straßen. Neben den Anschaffungskosten für die Fahrzeuge fallen als größere Investitionen ledig-
lich die Einrichtung einer Betriebswerkstatt mit Waschanlage sowie der Verwaltungsräume und EDV
an. Die notwendigen Halteplätze und Zentralen Omnibusbahnhöfe (ZOB) werden von den Gemein-
den zur Verfügung gestellt.
Sowohl bei Investitions- als auch bei Betriebskosten profitieren die Betreibergesellschaften mit
zunehmender Unternehmensgröße von sinkenden Grenzkosten, da sich Einsatzzeiten der Fahrzeuge,
64 Die gesamten Ausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden für Straßenbau und -unterhaltung betrugen in
den Jahren 2000-2005 etwa 16 Mrd. € p.a. Die auf den Straßen abgewickelte Verkehrsleistung liegt bei 380
Mrd. tkm durch den Güterkraftverkehr und etwa 900 Mrd. Pkm durch den Motorisierten Individualverkehr.
Zusätzliche Verkehrsleistung wird von Bussen und Krafträdern generiert.
65 Zum Vergleich: Im Eisenbahnverkehr sind die Aufwendungen für die Infrastruktur mit etwa 50 % zu beziffern
[81, S. 28].
66 Die Gesamtinvestitionen entsprechen in ihrer Höhe bei Auslagerung der Fahrzeugwartung (dann keine
eigene Werkstatt erforderlich) lediglich den Betriebskosten eines Jahres!
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 66 -
Schichtpläne und Werkstattauslastung optimieren lassen. Im Vergleich zu allen anderen Verkehrsträ-
gern kann jedoch festgestellt werden, dass aufgrund der Dominanz der variablen Kosten und der
einfachen Verfügbarkeit aller von einem Busunternehmen benötigten Ressourcen (Fahrzeuge, Perso-
nal, Betriebsstoffe und Ersatzteile) die Schwankungsbreite der Kosten je Betriebsstunde bzw. Buski-
lometer sehr gering ist.
Kostentreiber sind die Personalkosten für Busfahrer. Je nach Einsatzort werden sie mit 30 € bis 35 €
je Betriebsstunde kalkuliert [82; 83]. In Abhängigkeit der eingesetzten Fahrzeuge ist mit Kraftstoff-
kosten (einschließlich Steuern) in etwa halber Höhe der Personalkosten zu rechnen. Reparaturen und
Abschreibungen für Fahrzeuge addieren sich ebenfalls zu einer Position von etwa 50 % der Personal-
kosten. Die sonstigen Kosten können nahezu vernachlässigt werden. In der Summe muss für einen
über zwei Schichten je Tag betriebenen Fernbus (einschließlich der notwendigen Abschreibungen)
mit Aufwendungen in Höhe von knapp 300.000 € jährlich gerechnet werden. Daraus resultieren
Kosten je Buskilometer in Höhe zwischen einem und zwei Euro67, was wiederum konkurrenzlosen
0,02 - 0,04 € je Platzkilometer entspricht. Nur deshalb und aufgrund ihrer systembedingten Flexibili-
tät, die Transportkapazität der Nachfrage anzupassen, können die Busunternehmen daher den Kun-
den extrem günstige Fahrpreise anbieten, welche in Deutschland bei 0,07 - 0,11 €/Pkm (brutto) für
die einfache Fahrt liegen.
Charakteristisch für den Busfernverkehr sind seine ausgesprochene Effizienz und Flexibilität. Bereits
sehr geringe Verkehrsaufkommen reichen aus, um einen kostendeckenden Betrieb zu ermöglichen.
Bei schwankendem Aufkommen kann das Angebot mit einem geringen administrativen und finanziel-
len Aufwand angepasst werden. Vom Betreiber muss praktisch keine eigene Infrastruktur vorgehal-
ten werden; die Fahrzeuge stellen die größte Kapitalbindung, die Fahrer die größte Personalgruppe
dar.
Vergleicht man die üblicherweise im Regionalverkehr der Bahn bezahlten Bestellerentgelte von etwa
acht Euro je Zugkilometer mit den o.g. Vollkosten von maximal zwei Euro je Buskilometer, erscheint
es auf schwach ausgelasteten Strecken sinnvoll, (ggf. sogar kostenlose) Zubringerbusse als Anknüp-
fung an den Fernverkehr der Bahn anzubieten. Die systemspezifisch geringeren Fahrzeugkapazitäten
haben nämlich nicht nur den Vorteil, trotz geringem Verkehrsaufkommen einen eigenwirtschaftli-
chen Verkehr durchführen zu können, sondern erlauben im Umkehrschluss bei höherem Aufkommen
einen dichten Takt, der dem Reisenden letztlich ermöglicht, auch ohne Kenntnis des Fahrplanes zum
Busbahnhof zu kommen, um in den nächsten freien Bus in seine Zielrichtung einzusteigen.
67 Nach eigenen Berechnungen sind Kosten von 1 €/Buskm möglich bei optimaler Betriebsplanung und Ver-
wendung des Fahrpersonals für Fahrkartenverkauf und grobe Reinigung der Fahrzeuge.
Sven Maertens spricht in [180] von „maximal 2 €/Buskm“. Für einen Bus mit 50 Sitzplätzen bedeutet dies
maximale Kosten von 0,04 € je Sitzplatzkilometer. Bei einer Auslastung von 50 % wäre die Gewinnschwelle
erreicht, wenn ein durchschnittlicher Nettofahrpreis von 0,08 € realisiert werden könnte.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 67 -
3.2 Luftverkehr
Ähnlich wie der Busfernverkehr zeichnet sich auch der Luftverkehr durch eine hohe Flexibilität aus.
Die größten Investitionen fallen für die Flughäfen an, die von Flughafengesellschaften gebaut und
betrieben werden und deren Finanzierung über Start-/Lande- sowie Passagiergebühren erfolgt. Die
Fluggesellschaften selbst müssen nur wenig Infrastruktur vorhalten. Wichtigste Investitionen für sie
sind die Flugzeuge selbst. Moderne Verkehrsmaschinen sind weltweit und in einem großen Entfer-
nungsbereich universell einsetzbar. Beschränkungen hinsichtlich der Gefäßgröße an einigen Flughä-
fen sind nur für Maschinen relevant, die sich im interkontinentalen Einsatz befinden. In Deutschland
zugelassene Flugzeuge erhalten in der Regel auch Betriebsgenehmigungen im Ausland. Durch die
gegebene Eigenwirtschaftlichkeit des Flugverkehrs werden auftretende Engpässe in der Infrastruktur
verhältnismäßig zügig durch einen unabhängig vom Bundesverkehrswegeplan durchführbaren Aus-
bau behoben.68 Durch diese Umstände ist es jeder Fluggesellschaft möglich, ihr Angebot weitgehend
entsprechend der aktuellen Nachfrage und der jeweiligen Marktbedingungen kurzfristig anzupassen
und zu optimieren. Ein Austausch eines bestimmten Flugzeugtyps für den Kontinentalverkehr ist
genauso einfach möglich wie ein Verstärken oder Ausdünnen des Angebotes zu bestimmten Ereignis-
sen oder in Ferienzeiten.69 Geringere Gefäßgrößen im Vergleich zur Eisenbahn erlauben einen dich-
ten Takt selbst bei nur mittelhohen Aufkommen. Diese Flexibilität lässt sich auch in der
Kostenstruktur wiedererkennen: Einen großen Teil der für den Betreiber anfallenden Kosten stellen
die variablen Kosten (Energiekosten, Gebühren für die Nutzung der Flughäfen und Umlage für die
Luftsicherung) dar. Die fixen und teilfixen Kosten (Abschreibungen der Flugzeuge, Personalkosten
und sonstige Kosten wie z.B. für Ausbildung und Verwaltung) machen gemeinsam nur etwa 1/4 der
gesamten Aufwendungen aus. Selbst dieser Fixkostenanteil lässt sich noch reduzieren, wenn Flug-
zeuge geleast anstatt gekauft werden und Teile des Personals über Zeitverträge gehalten werden.
Die Konsequenzen dieser extremen Flexibilität: Trotz aufwendigerer Instandhaltung, höheren Ener-
gieverbrauchs und aus Sicherheitsgründen höheren Personalaufwandes je Platzkilometer ist es den
Fluggesellschaften möglich, in das Preisniveau konkurrierender Verkehrsträger vorzustoßen, ohne
direkte Zuschüsse zu erhalten. Zwar sind die absoluten Kosten pro Sitzplatzkilometer, einschließlich
Steuern und Gebühren, mit 0,12 € auf mittellangen Strecken die höchsten im Vergleich der Verkehrs-
träger, jedoch gelingt es den Airlines durch nachfrageorientierte Angebote sowie durch differenzierte
68 Verzögerungen entstehen regelmäßig durch Anwohnerproteste und -klagen über verschiedene gerichtliche
Ebenen hinweg bei geplantem Ausbau eines Flughafens. Es hat sich gezeigt, dass Flughäfen durch Klagen
seltener ihre Ausbaupläne korrigieren oder fallen lassen müssen, als dies bei Autobahnen oder Eisenbahnstre-
cken der Fall ist, da weniger Alternativmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die Projektkostenüberschreitungen
aufgrund politischer Vorgaben und Änderungen sind niedriger als bei Eisenbahnprojekten in Deutschland.
69 Als Extremfälle dieser flexiblen Handhabung von Flugplänen können aufgrund schlechter Auslastung kurzfris-
tig gestrichene Maschinen, bei denen die Umbuchung und Entschädigung der Reisenden für die Fluggesell-
schaft preiswerter ist, als den Flug durchzuführen, oder die monatelange teilweise Stilllegung des Flugbetriebes
nach den Anschlägen des 11.09.2001, bei denen die Airlines z.T. nicht unbeträchtliche Teile ihrer Flugzeugflotte
außer Betrieb genommen haben.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 68 -
Preissysteme die durchschnittliche Auslastung ihrer Flugzeuge bis auf 80 %70 zu steigern71. Die resul-
tierenden Kosten je Passagierkilometer sind somit vergleichbar mit denen des Hochgeschwindig-
keitsverkehrs auf der Schiene sowie des Individualverkehrs. Da Start- und Landegebühren einen
hohen Anteil der Flugkosten ausmachen, werden Flugkilometer mit zunehmender Reiseweite günsti-
ger. Die heiß umstrittene Besteuerung des Flugbenzins hätte eine Verschiebung innerhalb der Kos-
tentreiber zur Folge, aber keinen entscheidenden Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit des
Verkehrsträgers.72 Für den Flugpreis ins europäische Ausland eher interessant ist die Tatsache, dass
für grenzüberschreitende Flüge innerhalb der EU nach § 26 (3) UStG keine Umsatzsteuer anfällt. Bei
Berücksichtigung des aktuellen Umsatzsteuersatzes für Dienstleistungen von 19 % liegt hier, zumin-
dest im Bereich der Privatreisen, ein deutlicher Wettbewerbsvorteil des Luftverkehrs.
3.3 Eisenbahnfernverkehr
3.3.1 Besondere Eigenschaften des Systems Eisenbahn
Eisenbahnprojekte unterscheiden sich nach [84] hinsichtlich ihres Lebenszyklus von anderen Investi-
tionsgütern auf verschiedene Weise:
Die Investitionen bestehen aus den Teilsystemen Infrastruktur und Fahrzeuge. Theoretisch ist es
unter Einhaltung der technischen Spezifikationen möglich, diese getrennt zu entwickeln, zu kau-
fen, instand zu halten und zu erneuern. Tatsächlich werden sie bei der Berechnung von Lebens-
zykluskosten regelmäßig nur isoliert betrachtet. Ziel muss es jedoch sein, vom Beginn des
Lebenszyklus‘ an darauf zu achten, Infrastruktur und Fahrzeuge als System zu erkennen und ganz-
heitlich zu optimieren.
Dem steht entgegen, dass aufgrund der Netzbildung der Infrastruktur ein Systemwechsel inner-
halb eines Netzwerkes möglichst zu vermeiden ist. Fahrzeuge, die für ein Bahnprojekt optimiert
70 Die durchschnittliche Auslastung (Sitzladefaktor) von Flugzeugen in 2005 bzw. 2007:
Lufthansa: 66,9 % (kontinental) / 80,5 % (interkontinental) [220, S. 167],
Ryanair: 76,1 % (kontinental) [220, S. 167],
Emirates: 84,6 % (interkontinental) [220, S. 167],
Air Berlin: 72,6 % [46].
Die durchschnittliche Auslastung aller in Deutschland startenden Flugzeuge betrug 2007: 72,9 % [140, S. 10]
71 Das durchschnittliche Sitzplatzangebot eines Fluges hat sich seit 1992 kaum verändert: Es liegt kontinuierlich
zwischen 123 und 129 Sitzen. Durch differenzierte Angebote und hohe Betriebsflexibilität ist es jedoch gelun-
gen, die durchschnittliche Besetzung einer Maschine von 74 auf 94 Passagiere zu erhöhen [140, S. 10]. Die
Auslastung wurde damit kontinuierlich gesteigert.
72 Der Steuersatz für Kerosin würde 0,6545 €/l [205] betragen. Die Deutsche Lufthansa AG bezahlte im Jahr
2007 etwa 0,45 € je Liter Kerosin (Täglicher Verbrauch: 23,5 Mio. l bei jährlichen Kosten von 3,9 Mrd. € [204]).
Für die Verkehrsleistung von 10,6 Mrd. Pkm im Luftverkehr werden jährlich 530 Mio. Liter Kerosin getankt.
Daraus resultiert ein Verbrauch von etwa 5 Litern Kerosin je 100 Passagierkilometer. Flugtickets würden sich
innereuropäisch um 15 - 60 € je Strecke (400 - 2.000 km) verteuern. Dies entspräche der Kostensituation im
Sommer 2008, bei der sich durch eine Verdoppelung der Rohölpreise die Treibstoffkosten für die Fluggesell-
schaften stark von etwa 16 % auf 36 % der Betriebskosten erhöhten [204]. Sie führten damit zu einem so
starken Steigen der Betriebskosten, dass die Fluggesellschaften gezwungen waren, einen Kerosinaufschlag
einzuführen, weil die Ticketpreise nur eine sehr knappe Gewinnspanne beinhalten.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 69 -
werden, müssen also auch allgemeine Anforderungen erfüllen, die für das betrachtete Bahnpro-
jekt nicht unbedingt notwendig sind.73 Dies hat oft teure Redundanzen zur Folge. Der große Vor-
teil der Netzbildung ist die Tatsache, dass alle Nutzer des Netzes von Netzergänzungen
profitieren. Aus diesem Grund kann bei einer Verbesserung des Angebotes auf einer bestimmten
Relation davon ausgegangen werden, dass auch zusätzliche Fahrgäste auf Zubringerstrecken ge-
wonnen werden können.
Eine weitere Besonderheit bei Bahnprojekten ist die Möglichkeit, dass die Infrastruktur von
verschiedenen Betreibern genutzt wird. Oft ist der Zugang zur Infrastruktur jedoch gesetzlich re-
guliert oder unterliegt einer Vielzahl juristischer und organisatorischer Hürden. Bei der Nutzung
der Infrastruktur durch mehrere Betreiber werden die Instandhaltungskosten auf die verschiede-
nen Nutzer aufgeteilt. Dabei sollte darauf geachtet werden, den tatsächlich durch eine Zugüber-
fahrt erfolgenden Verschleiß in den Nutzungsentgelten zu berücksichtigen. Geschieht dies nicht,
besteht für die Betreiber kein Anreiz, Wagenmaterial zu verwenden, das den Oberbau schont.
Die Infrastruktur von Bahnanlagen zeichnet sich durch eine sehr lange Lebensdauer aus. Bei
ausreichender Instandhaltung kann diese mehr als 100 Jahre betragen.74 Dieser Zeitraum ist deut-
lich größer als gängige Projektlaufzeiten. Notwendig werdende Reparaturmaßnahmen in ferner
Zukunft sind genauso wenig abschätzbar wie die Entwicklung des Verkehrsaufkommens. Umge-
kehrt ist auch ein langfristiges Strecken von notwendig werdenden Instandhaltungs- und Rein-
vestitionsmaßnahmen möglich. „Schiene ist geduldig“ ist eine Aussage, die beschreibt, dass eine
Außerachtlassung von Wartungsarbeiten zunächst kaum spürbare Auswirkungen auf die Betriebs-
sicherheit hat. Vielmehr muss damit gerechnet werden, dass, wenn Bahnanlagen auf Verschleiß
gefahren werden, die später notwendig werdenden Aufwendungen um ein Vielfaches höher lie-
gen. Als Beispiel dafür können notwendig gewordene Infrastrukturinstandsetzungen in Großbri-
tannien ab dem Jahr 2000 genannt werden, die in Kapitel 3.3.4 ausführlicher beschrieben werden.
73 Beispiel dafür sind die für Neubauprojekte verbindlichen Technischen Spezifikationen Interoperabilität (TSI)
für die Subsysteme Infrastruktur, Energieversorgung, Zugsteuerung, Zugsicherung/Signalgebung, Fahrzeuge,
Instandhaltung, Umwelt, Betrieb und Fahrgäste, welche durch Festlegungen der Systemcharakteristika langfris-
tig einen europaweit einheitlichen Standard im Hochgeschwindigkeitsverkehr bewirken sollen.
74 Eine besondere Schwierigkeit bei Infrastrukturmaßnahmen ist eine deutliche Abgrenzung zwischen Instand-
haltung und Investition. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, um festzustellen, ob Bundesgelder auch
für allgemeine Instandhaltungsmaßnahmen verwendet werden (müssen). Anfang 2005 und wieder Anfang
2007 wurden Berichte, unter anderem des Bundesrechnungshofes und des Fahrgastverbandes Pro Bahn,
veröffentlicht, wonach jahrelang notwendige Instandhaltungsmaßnahmen im Netz im Wert von 1,5 Mrd. €
[191] vernachlässigt wurden, was zu einer großen Anzahl von Langsamfahrstellen geführt hätte und langfristig
die Sicherheit und Betriebsqualität gefährden würde. Die Bahn entgegnete, jährlich zwischen 1,0 und 1,3
Mrd. € für die Instandhaltung „der Gleise“ aufgebracht zu haben [169, S. 97; 170; 188]. Von den im Jahr 2007
vom Bund abgerufenen Mitteln in Höhe von 3,58 Mrd. € wurde der größte Teil „in den Erhalt des bestehenden
Netzes investiert“, davon wiederum 1,6 Mrd. € in den Oberbau, „also in die Erneuerung von Schienen, Schwel-
len und Schotter“ [229, S. 6]. Insgesamt seien mehrere tausend Baumaßnahmen durchgeführt worden, wobei
4.400 Kilometer Schienen und 1.800 Weichen „erneuert“ wurden. Es wird deutlich, dass der überwiegende Teil
der Bundesmittel für Erneuerungen, also planmäßig anfallende Reinvestitionen oder sogar „laufende Unter-
haltsarbeiten“ [200, S. 201] verwendet wurde. Bestätigt wird diese Vermutung noch mit der Aussage von
Heinisch, wonach die zugesicherten Bundesmittel von 2,5 Mrd. € jährlich „…ausreichend zum Erhalt des Netzes,
nicht aber für ein ursprünglich geplantes Modernisierungs- und Ausbauvolumen“ [94, S. 21] seien. Abbildung
12 zeigt eine Übersicht über die notwendigen Arbeiten im Netz und deren Finanzierung.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 70 -
Die Lebenszykluskosten eines Bahnsystems im Hochgeschwindigkeitsverkehr werden von den Inves-
titionskosten dominiert. Hohe Infrastrukturkosten sind unvermeidlich, da Hochgeschwindigkeitsver-
kehr eine aufwendige Trassierung, hohe Leistungsdichte und Widerstandsfähigkeit gegen große
statische und dynamische Kräfte erforderlich macht. Bei einer angenommenen Betriebszeit von 35
Jahren machen diese einschließlich der Aufwendungen für Fahrzeuge etwa die Hälfte bis zu zwei
Dritteln aller im Betrachtungszeitraum anfallenden Aufwendungen aus. Eine lange kalkulatorische
Betriebsdauer senkt zwar die jährlichen Abschreibungen für die Infrastruktur, jedoch sind schon nach
20 bis 30 Betriebsjahren umfangreiche Reinvestitionen, u.a. für Fahrzeuge, elektrische Anlagen und
Betriebsleittechnik zu erwarten. Um Einsparungen bei den Investitionen ohne negative Auswirkun-
gen auf die Leistungsfähigkeit der Strecke und die Betriebssicherheit zu erreichen, sind stetige Wei-
terentwicklungen in Form von Forschungs- und Rationalisierungsprogrammen notwendig.
Die Betriebskosten im deutschen Bahnverkehr werden klassisch durch Personal- und Instandhal-
tungskosten dominiert. Bei neuen, schlanken Bahnprojekten ist es durch eine weitgehende Automa-
tisierung von organisatorischen und technischen Abläufen möglich, die Personalkosten auf deutlich
weniger als ein Viertel der Betriebskosten zu senken (s.a. [85, S. 196; 86; 87] sowie Kapitel 5.5.1 und
Abbildung 52). Instandhaltungsaufwendungen können durch gute Planung und eine Reihe von Diag-
nosetools ebenfalls reduziert werden, machen jedoch wegen des beim HGV der Bahn typischerweise
auftretenden Verschleißes weiterhin den größten Anteil der Betriebskosten aus (Abbildung 52, [85, S.
196]). Die Kosten für Energie spielen bei einer objektiven Analyse nicht diejenige Rolle, die ihnen in
der politischen Diskussion regelmäßig eingeräumt wird. Sie betragen, abhängig vom gewählten
Betriebskonzept, nur etwas über 10 % der Betriebskosten bzw. 5 % der gesamten Projektkosten –
und das einschließlich des in dieser Position enthaltenen Steueranteils. Die Bedeutung der Energie-
kosten nimmt bei reinen Hochgeschwindigkeitsprojekten mit schlanker Kostenstruktur, wie in Kapitel
5.1 vorgestellt, zu, wobei sich ihr Anteil gegenüber dem Durchschnitt maximal verdoppelt.
Durch die genannten Beispiele wird deutlich, dass eine sichere Aussage zur Wirtschaftlichkeit in
der Planungsphase eines Bahnprojektes nicht möglich ist. Vielmehr unterliegen alle Kostenelemen-
te, aber auch Randbedingungen wie Zinssätze, Fahrgastzahlen, Erlösentwicklung und sogar die
Projektlaufzeit einer Schwankungsbreite, die bei den Berechnungen berücksichtigt werden muss.
Die Bedeutung der hier genannten Risikoparameter wird in Kapitel 5.4 ausführlicher beschrieben.
Verschiedene Variablen können aufgrund technischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge einander
mehr bedingen, als zunächst angenommen wird. Beispielhaft soll hier die Feste Fahrbahn erwähnt
werden, welche in Deutschland inzwischen auf allen Neubaustrecken des Hochgeschwindigkeitsver-
kehrs verwendet wird. Trotz höherer Investitionskosten erschien diese Bauform über den gesamten
Lebenszyklus betrachtet als günstigere Alternative. Sie gewährt im Vergleich zum konventionellen
Schotteroberbau eine gleichbleibend gute Gleislage auch bei hoher dynamischer Beanspruchung und
starkem Verkehrsaufkommen. Dadurch kann nicht nur die Lebensdauer dieses Subsystems als ver-
längert angesehen werden, sondern insbesondere der Instandhaltungsaufwand für die Infrastruktur
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 71 -
hat sich als deutlich niedriger herausgestellt. Dies stellt einerseits eine Kostenersparnis dar, anderer-
seits können die Betriebszeiten länger gewählt werden, was zusätzliche Erlöse zur Folge haben kann,
falls eine entsprechende Verkehrsnachfrage besteht. Jedoch bleiben auch Auswirkungen auf andere
Subsysteme nicht aus, denn die aus den Wechselwirkungen von Rad und Schiene entstehenden
dynamischen Kräfte müssen verstärkt vom Fahrzeug aufgenommen werden, was einen zusätzlichen
Verschleiß des Rollenden Materials bedeuten kann. Es wird deutlich, dass eine ganzheitliche System-
betrachtung schwierig ist, aber in ihren Konsequenzen weitaus bedeutender sein kann als die techni-
sche und wirtschaftliche Optimierung von Subsystemen und Einzelkomponenten.
Bei der Unterscheidung nach fixen und variablen Kosten aus Systemsicht fällt auf, dass die meisten
Kosten bereits durch den Bau eines Projektes entstanden und festgelegt sind. Variabel sind die Kos-
ten für Energie (nicht aber Energiebereitstellung), Instandhaltung und, mit Einschränkungen, für
Personal. Durch eine Vergrößerung des Angebotes, wie beispielsweise durch Taktverkürzung oder
Ausweitung der Betriebszeiten, entstehen, soweit technisch und betrieblich möglich, nur geringe
zusätzliche Kosten. In der Betreibersicht finden die entstandenen Investitionskosten keine weitere
Betrachtung, da sie, wie in den nächstem Unterkapitel ausführlich erläutert wird, regelmäßig
überwiegend durch Zuschüsse finanziert werden. Stattdessen werden die Betriebskosten opti-
miert, was bedeuten kann, dass es vorteilhafter ist, einen sparsamen Betrieb durchzuführen, der
die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur nicht voll ausnutzt.
3.3.2 Kosten aus Systemsicht
Spurgeführter Verkehr, insbesondere bei einer Auslegung für hohe Betriebsgeschwindigkeiten,
zeichnet sich durch erhebliche Fixkosten aus. Dies liegt einerseits an den systemtypisch hohen Inves-
titionen für die Eisenbahninfrastruktur und andererseits an dem bedeutenden personellen und
organisatorischen Aufwand für die Netzbereitstellung. Die variablen Kosten im Eisenbahnverkehr
sind bezogen auf den Leistungskilometer verhältnismäßig gering. Diese Tatsache deutet hinsichtlich
der Eigenwirtschaftlichkeit von Bahnprojekten auf eine Eignung für Relationen mit hohem Ver-
kehrsaufkommen hin. Mit jedem zusätzlichem Nutzer einer Strecke wird Bahnverkehr preiswerter.
Bei keinem anderen Verkehrssystem in Deutschland sind sowohl Kostenstruktur als auch Finanzie-
rung so komplex und wenig transparent, wie bei der Bahn. Zwischen 18 und 20 Mrd. € betragen die
im Zusammenhang mit der Bahn stehenden jährlichen Ausgaben des Bundes.75 Jedoch ist nur ein Teil
dieser Ausgaben durch systemtypisch hervorgerufenen Subventionsbedarf der Eisenbahn begründet,
da 7 Mrd. € p.a. an das Sondervermögen Bundesbahn und Reichsbahn zur Bereitstellung der Pensi-
onszahlungen der verbeamteten Mitarbeiter der ehemaligen Deutschen Bundesbahn überwiesen
75 In ihrer Imagebroschüre räumt die DB AG im Jahr 2004 ein: „Tatsächlich wurde *in den Jahren von 1994 bis
2003] der Bundeshaushalt mit 183 Mrd. € belastet – 44 Mrd. € weniger, als in der Modellrechnung angenom-
men.“ [167] Diese Statistik berücksichtigt nicht die zusätzlich von Seiten der Bahn aufgenommenen Schulden
im Betrachtungszeitraum. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Bundestagsanfrage Ende 2007, wonach der
Bund im Zeitraum von 1994 bis 2006 das Eisenbahnwesen mit ca. 250 Mrd. € gefördert habe. Davon wären
122,5 Mrd. € direkte Zahlungen an die DB AG (ohne Bestellerentgelte) [225, S. 79].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 72 -
und weitere 2,5 Mrd. € vom Bund für Zinsen und Tilgung der im Zuge der Bahnreform von
Bundesbahn und Reichsbahn übernommenen Altschulden aufgewendet werden. Systembedingt sind
vielmehr die direkten Zahlungen für die Infrastruktur zu werten. Im Jahre 2005 waren dies etwa 7,2
Mrd. €, wie in Kapitel 3.3.4 ausführlich beschrieben wird.
Der Schienenpersonenfernverkehr findet neben dem Schienengüterverkehr in Deutschland "formal
eigenwirtschaftlich" [88] statt. Auch bei der Wortwahl76 im Rahmen der Diskussion um den Börsen-
gang der Bahn in den Medien entsteht teilweise der Eindruck, es würde in Deutschland inzwischen
ein eigenwirtschaftlicher Bahnverkehr stattfinden. In ihrem Geschäftsbericht 2007 sieht sich die
DB AG beispielsweise für das Folgejahr in der Lage, ihren „operativen Finanzbedarf vollständig über
die Innenfinanzierung abzudecken und [ihre+ Finanzschulden weiter zurückzuführen“ [89]. Auch die
Tatsache, dass innerhalb der Bilanzen der einzelnen Unternehmen der DB AG Gewinne ausgewiesen
werden, deutet darauf hin. Diese Aussagen stehen im Widerspruch zu hohen Transferzahlungen des
Staates und der Aussage des Bundesrechnungshofes im Jahr 2006, wonach es nicht gelungen sei,
durch die Bahnreform den Bundeshaushalt zu entlasten und eine „Mitfinanzierung des Schienennet-
zes durch die Bahn *…+ ausgeblieben [ist]“ [90, S. 90]. Tatsächlich gilt diese aus Sicht der DB AG er-
folgte Eigenwirtschaftlichkeit nur unter eine Vielzahl von Prämissen und Transferzahlungen, die im
Folgenden näher beleuchtet werden sollen. Ziel ist, eine Aussage zum Grade der Wirtschaftlichkeit
des Schienenfernverkehrs in Deutschland anhand gesicherter Kennzahlen zu treffen. Die meisten
Werte wurden dabei den Bilanzen der DB AG aus den Jahren 1997 bis 2007 entnommen. Da zwischen
praktisch allen Konzerngesellschaften der DB AG, den nicht bundeseigenen EVU (NE-Bahnen) und
verschiedenen staatlichen Ebenen Finanzflüsse stattfinden, wurde mit Abbildung 1 ein Sankey-
Diagramm erstellt, welches die wichtigsten Transferzahlungen transparent machen soll. Bei den
Umsätzen der Bahn in Deutschland muss zwischen internen (zwischen Tochterunternehmen eines
Konzerns) und externen Umsätzen unterschieden werden. Als externe Umsätze werden nicht nur
Einnahmen von Fahrgästen und Kunden des Schienengüterverkehrs gewertet, sondern auch staatli-
che Zuschüsse in Form von Bestellerentgelten. Letztere werden nur für den Nah- und Regionalver-
kehr gewährt, wonach der Fern- und Güterverkehr allein aus den Einnahmen durch die Kunden
finanziert werden muss.
76
„Unser Unternehmen ist reif für die Börse.“ (Mehdorn, August 2008 anlässlich der Präsentation des Halb-
jahresergebnisses)
Forderung Mehdorns nach dem „Aufkommen aller Verkehrsträger für die eigenen Wegekosten wie bei der
Bahn“ [221, S. 103].
„Nur die Schiene finanziert den Unterhalt ihres Fahrwegs durch die Entrichtung von Trassennutzungsentgel-
ten selbst.“ [167, S. 17]
„Ab sofort will *Mehdorn+ jede Investition aus dem laufenden Geschäft finanzieren, keinen einzigen Cent
zusätzlichen Kredit aufnehmen – und so die Eigenkapitalquote erheblich verbessern.“ [168, S. 62]
„Der bisherige Verlustbringer Personenfernverkehr werde Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres die
Gewinnschwelle überschreiten. Ab dem nächsten Jahr sollte die Bahn auch die Kapitalmarktfähigkeit er-
reicht haben.“ [222, S. 85]
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 73 -
Aufgrund des bestehenden Trassenpreissystems bezahlt DB Fernverkehr mit etwa 0,75 Mrd. € nur
etwa 40 % der Aufwendungen für Trassennutzung, welche DB Regionalverkehr zu leisten hat. Das
Unternehmen legt für eine vergleichbare Verkehrsleistung etwa die dreifache Anzahl an Zugkilome-
tern zurück und muss diese bei DB Netz bezahlen. Mit anderen Worten: Obwohl die Züge im Regio-
nalverkehr deutlich kleiner und leichter sind (nur mit einem Drittel der Fahrgäste gegenüber dem
Fernverkehr besetzt) sowie langsamer fahren, fallen nahezu die gleichen Trassengebühren je Zugki-
lometer an. Hier findet eine Quersubventionierung vom (durch Bestellerentgelte teilfinanzierten)
Regional- zum Fernverkehr statt [81, S. 4]. Darüber hinaus wird das Netz, überwiegend vom Bund,
durch vielfältige Investitionskostenzuschüsse unterstützt, welche in den folgenden Unterkapiteln
genauer vorgestellt werden.
Im Rahmen der Bahnreform war davon ausgegangen worden, dass nach der vollständigen Entschul-
dung und Befreiung von Altlasten in Form von Pensionsansprüchen ein schlanker und modernisierter
Konzern in der Lage sein wird, notwendige Investitionen überwiegend aus eigener Kraft zu erwirt-
schaften [91, S. 47]. Es war vorgesehen, Baukostenzuschüsse zu gewähren, jedoch auf einem Eigen-
anteil der Bahn zu bestehen und andere Investitionen als Infrastruktur nicht durch Zuschüsse zu
fördern. Bei einer fehlenden Möglichkeit des Netzbetreibers, den Eigenanteil direkt zu erbringen,
sollte der Bund lediglich vorfinanzieren. Als Eigenanteil genügte dann die Inanspruchnahme zinsloser
Darlehen, welche „in der Regel *…+ in jährlich gleichen Raten zurückgezahlt [werden sollten], deren
Höhe sich an den entsprechenden jährlichen Abschreibungsbeträgen orientiert“ [92, S. 104].77 Es
stellte sich jedoch heraus, dass die Eigenmittel, die die DB AG zur Mitfinanzierung ihrer Investitionen
aufbringen musste, zu einer starken Neuverschuldung führten, welche kaum wieder abgebaut wer-
den konnte. Die DB AG musste im Jahr 2000 einräumen, dass „das hohe Investitionsvolumen *…+
temporär – so auch 1999 – zu planmäßigen Überschreitungen der Innenfinanzierungskraft“ [92, S.
26] geführt hat. Als Konsequenz fand eine rückwirkende Umwandlung von Teilen der aufgelaufenen
zinslosen Darlehen in Baukostenzuschüsse sowie ein Ankauf von Tilgungsverpflichtungen [92, S. 24],
also eine wiederholte Entschuldung, statt. Im März 2001 fiel die Entscheidung, zukünftig „überwie-
gend in Form von Baukostenzuschüssen“ [93, S. 30] anstelle zinsloser Darlehen zu finanzieren – die
Idee einer großflächigen Eigenfinanzierung von Bahninfrastruktur in Deutschland war gescheitert.
Heinisch bringt die fehlende Möglichkeit, aus Betriebserlösen die Infrastruktur zu finanzieren mit
folgendem Satz auf den Punkt: „Mehr als 1 Mrd. € Eigenmittel für die Infrastruktur *…+ kann das
Unternehmen nicht verkraften.“ [94, S. 25]
Einen betriebswirtschaftlich positiven Kosten-Nutzen-Faktor kann die DB AG offenbar nur in den
wenigsten Infrastrukturmaßnahmen erkennen. Als im Dezember 2003 bereits zugesagte Bundeszu-
schüsse für die Folgejahre gekürzt wurden, reagierte die DB mit einem Vergabestopp bei Infrastruk-
turinvestitionen, um „das unternehmerische Risiko *durch den Vergabestopp+ einzugrenzen“ [94, S.
24]. Zu einem wesentlich härteren Schluss kommt die für Aufgabenträger und Verkehrsverbünde
tätige Unternehmensberatung kcw in [95]:
77 Die Abschreibungsdauer für Infrastruktur soll 35 Jahre betragen [37]. Netzinvestitionen aus Baukostenzus-
chüssen wurden bisher nicht bilanziert und somit auch nicht abgeschrieben.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 74 -
"Netzinvestitionen sind tendenziell renditeschwach, mit hohen Unsicherheiten behaftet und entfal-
ten ihren Nutzen erst lange Zeit nach der Investitionsentscheidung - in der Regel jenseits der mittle-
ren Verweildauer des Vorstandes. Empirisch lässt sich diese Anreizwirkung dadurch belegen, dass die
DB AG selbst die am stärksten überlasteten Flaschenhälse in den Knoten über Jahrzehnte nicht auf
eigene Rechnung beseitigt (auch nicht in Vorleistung), sondern stets so lange wartet, bis der Bund
Mittel bereitstellt. Wären Netzprojekte rentabel, wäre dieses Verhalten geschäftsschädigend."
In den ersten zehn Jahren der Bahnreform lagen die Investitionen in die Infrastruktur zusammenfas-
send bei durchschnittlich 5,3 Mrd. € pro Jahr, wobei 58 % davon aus Zuschüssen, 24 % aus (anteilig
wieder umgewandelten) zinslosen Darlehen und 18 % aus Eigenmitteln stammten. Langfristig stellt
sich ein Eigenanteil der Bahn von etwa 20 % der Investitionen in Infrastruktur ein. Bezieht man die
Instandhaltungskosten des Netzes mit in die Betrachtung ein, liegt der Eigenanteil der Bahn bei etwa
30 % [96, S. 9]. Das Verhältnis zwischen Aufwendungen für die Infrastruktur und deren Finanzierung
wird in Abbildung 12 dargestellt. Für Fahrzeuge gilt etwa das umgekehrte Verhältnis: Von den 1,7
Mrd. € Finanzmitteln, welche durchschnittlich 1994-2003 pro Jahr für neue Fahrzeuge ausgegeben
wurden, wurden 86 % direkt von der DB AG aufgebracht. Das bedeutet nicht, dass diese Fahrzeuge
aus eigener Kraft (d.h., dem erwirtschafteten Cash Flow) finanziert werden konnten, da im gleichen
Zeitraum auch der Schuldenstand weiter anstieg.78
Die gesamten durch DB Netz erzielten Trassenerlöse lagen im Jahr 2007 bei etwa 4,5 Mrd. €. Der
Schienenpersonenfernverkehr steuerte insgesamt 17 % dieser Einnahmen bei. Die Kosten für Investi-
tionen und Instandhaltung (einschließlich Reinvestitionen) beziffert DB AG mit ebenfalls etwa 4,5
Mrd. €79. Damit wäre der gesamte Umsatz allein für den Unterhalt des Netzes aufgebraucht. Be-
triebsführung, Planung und Verwaltung verursachen jedoch zusätzliche Kosten, welche von den
Einnahmen gedeckt werden müssen. Für die Jahre um die Jahrtausendwende konstatiert der ehema-
lige Referent des Aufsichtsratsvorsitzenden der DB AG, Neuhoff: „*Die+ Einnahmen haben in den
letzten Jahren nicht einmal gereicht, um die Kosten des laufenden Betriebs und der Instandhaltung
zu decken. Die Kapitalkosten und die Abschreibung werden erst recht nicht verdient.“ [97, S. 4] Diese
Aussage wird bestätigt durch die oben zitierte Aussage des Bundesrechnungshofes sowie Weidmann
im Jahr 2008: „So decken etwa die Trassenpreise nur Bruchteile der vollen Infrastrukturkosten.“ [98,
S. 778] Schließlich räumt im Zusammenhang mit der Erhöhung von Trassengebühren auch die DB AG
ein: „*…+ Zudem ist zu berücksichtigen, dass die Trassenpreise zumindest die laufenden Betriebs- und
Unterhaltungsaufwendungen decken sollen. Dies war in den vergangenen Jahren noch nicht möglich.
Den erheblichen Kostenblock der Kapitalkosten für Erhaltungs- und Neuinvestitionen trägt bekannt-
78 Bis 2004 entstanden neue Schulden in Höhe von 27 Mrd. €. Die davon auf der Infrastruktur lastenden Schul-
den betrugen Ende 2006 12 - 15 Mrd. € [189].
79 In der Summe werden jährlich 4,5 Mrd. € für die Erhaltung von 34.000 km Bestandsnetz notwendig (s. Abbil-
dung 12). Dies entspricht einem Kostensatz von 132.000 € je Betriebskilometer für Instandhaltung und Erneue-
rung.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 75 -
lich der Bund und damit der deutsche Steuerzahler auf Grundlage der Vorgaben in Art. 87e Grundge-
setz.“ [99, S. 130]
Die Eigenfinanzierungskraft der Bahn aus dem Schienenverkehr reicht offensichtlich nicht aus, um
notwendige Investitionen zu tätigen. In einem Interview verweist Mehdorn Mitte 2007 auf die Be-
deutung der Kapitalprivatisierung für die Beschaffung neuer Fahrzeuge [100]. In der Imagebroschüre
des Jahres 2008 schreibt Die Bahn im Zusammenhang mit Kapitalbedarf für Investitionen in Umwelt-
und Klimaschutz: „Als reines Eisenbahnunternehmen, das von A nach B fährt, ist das nicht zu schaf-
fen.“ [101, S. 34] und später mit Hinweis auf Auslandsgeschäfte und Lkw-Logistikleistungen: „Schließ-
lich profitiert von diesem Geld, was wir verdienen, auch unser Kerngeschäft – die Eisenbahn in
Deutschland.“ und wiederum mit Hinweis auf notwendige Investitionen, u.a. in Fahrzeuge, Schienen-
netz und insbesondere Bahnhöfe: „Dort können wir eigentlich nichts ausgeben, weil wir dort nichts
verdienen *…+“.
Die am Anfang dieses Kapitels widergegebenen Zitate zur Rentabilität der Bahn in Deutschland schei-
nen nicht genau genug zwischen Konzern, System und Betreiber zu differenzieren. Das System Bahn
als solches arbeitet in keinem Fall eigenwirtschaftlich und würde ohne die Finanzhilfen des Staates
nicht bestehen. Bereits im Jahr 2001 kam Neuhoff in [97, S. 2] mit Blick auf die Rentabilität des
Schienenverkehrs in Deutschland zu folgendem Schluss: „Das Grundproblem der Eisenbahn ist die
mangelnde Rentabilität des Netzes: die Eisenbahnverkehrsgesellschaften (EVU) verdienen im
Passagier- und Frachtmarkt nicht genug, um mit ihren Trassengebühren die vollen Netzkosten zu
decken. Rund die Hälfte der Netzkosten muss mittelbar der Bund tragen. Die DB Netz AG ist damit
von einer unternehmerischen Eigenwirtschaftlichkeit weit entfernt.“ Ewers stimmt zu: „Die Be-
hauptung, die Bahn zahle ihren Fahrweg ganz alleine, ist irreführend. Sie zahlt eher symbolische
Preise.“ [81, S. 17]) Schließlich bestätigen dies auch Schach/Jehle/Naumann: „Es ist allgemein be-
kannt, dass sich Investitionen in spurgebundenen Verkehrssysteme regelmäßig nicht ausschließlich
aus den Fahrgeldeinnahmen refinanzieren lassen.“ [38, S. 257] Innerhalb dieses Kapitels wurden
jedoch auch Siegmann und Mehdorn mit der Aussage zitiert, nur die Bahn zahle ihre Fahrwegkosten
selbst. Siegmann stellt in [102, S. 13] eine Beispielrechnung dafür vor, dass „mit dem heutigen Tras-
senpreissystem *…+ bei einer Auslastung des Eisenbahnnetzes von 80 % eine volle Kostendeckung
möglich *ist+“. Bei dem von ihm angenommenen Trassenpreis von 4 € je Zugkilometer80 resultieren
aus den gesamten Netzkosten von 7 Mrd. € ein notwendiges Aufkommen von 1,75 Mrd. Zugkilome-
tern je Jahr, also knapp 180 Zügen je Tag und Betriebskilometer. Eine so hohe Streckenauslastung (im
Durchschnitt!) ist in Deutschland aufgrund der Leistungsfähigkeit des Netzes, insbesondere im
Mischverkehr nicht erreichbar. Ein Gegenbeispiel zu dieser Rechnung Siegmanns liefert Neuhoff in
80 Mittlerer Erlös der DB Netz AG über alle Verkehrssparten: 3,84 € / Trassenkilometer. DB Fernverkehr bezahlt
im Durchschnitt 4,70 € / Trassenkilometer.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 76 -
[97]. Seine Aussage ist, dass teilweise nur 10 % der Infrastrukturkosten durch Trassengebühren
gedeckt werden.81
Eine hohe Auslastung des Netzes ist die wichtigste Voraussetzung für eine Finanzierung der Infra-
struktur aus Betriebserlösen. Dies ist nur unter den Voraussetzungen möglich, dass durch weitge-
hend entmischten Verkehr, moderne Betriebsleittechnik und gute Anbindungen an den Knoten eine
dichte Zugfolge gewährt werden kann und andererseits, dass überhaupt ein so hohes Fahrgastauf-
kommen generiert wird, welches eine dichte Zugfolge rechtfertigt. Für längere und voll ausgelastete
Züge sind höhere Trassenpreise realisierbar, nicht jedoch für Züge mit weniger als 150 Passagieren an
Bord. Umgekehrt mindern wegfallende Verkehre die Kosten des Netzes nur geringfügig [97]. Höhere
Trassenkosten und damit im schlimmsten Fall weitere Aufkommensschwächung wären unter der
Prämisse der Vollkostendeckung die Folge. In diesem Zusammenhang soll die allmähliche Stilllegung
der Interregio-Flotte in den Jahren 2001-2006 erwähnt werden. Schlechtere Auslastung von be-
triebsbereit gehaltenen Strecken ist kontraproduktiv. Man spricht von dynamischem Nachfragerück-
gang, wenn Erlösverluste zu einer Verschlechterung des Angebotes führen, was zu einem weiteren
Rückgang der Attraktivität führt. In Abbildung 14 sind für drei verschiedene Beispielstrecken die
Systemkosten einer Rad/Schiene-Neubaustrecke für die Betriebszeit von 30 Jahren beispielhaft
dargestellt. Eine ausführlichere Beschreibung der einzelnen Parameter erfolgt in Kapitel 4. Eine
Abgrenzung der für den Betreiber anfallenden Kosten erfolgt in Kapitel 3.3.5.
3.3.3 Definitionen Eigenwirtschaftlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit
Ewers und Illgmann bezeichnen den Begriff „Eigenwirtschaftlichkeit“ für einen Betreiber des öffentli-
chen Schienenpersonenverkehrs (ÖPSV) als „semantische Falle“ [103, S. 24]. Dies wird damit begrün-
det, dass selbst „eigenwirtschaftliche“ Verkehre, welche nicht durch Bestellerentgelte aufgrund
81 Es wird als Beispiel ein eigenwirtschaftlicher Betrieb der NBS Köln – Rhein/Main hergeleitet. Neben
190 Mio. € für Betrieb und Instandhaltung dieser reinen Personenfernverkehrsstrecke müssten bei einer
Finanzierung aus 25 % Eigenmitteln, 50 % Baukostenzuschüssen und weiteren 25 % aus zinslosen Darlehen
weitere 150 Mio. € für Abschreibungen für Anlagevermögen (AfA) und kalkulatorischen Zinsen berechnet
werden. Bei einem gänzlich von Staatszuschüssen entbundenen Netz (Finanzierung 25 % aus Eigenmitteln und
75 % aus einem mit 5 % p.a. konservativ zu verzinsendem Darlehen) beträgt der jährliche Aufwand für Ab-
schreibung und Zinsen 443 Mio. €. Damit lägen die erforderlichen Trasseneinnahmen für diese Strecke bei
633 Mio. € für eine Deckung der Vollkosten. Führt man sich vor Augen, dass sämtliche Trassenentgelte des
Fernverkehrs 2007 bei 750 Mio. € lagen, wird ersichtlich, dass eine volle Finanzierung der Infrastruktur in
Deutschland selbst auf hoch ausgelasteten Strecken nicht stattfindet. Bei einer angenommenen Auslastung der
Strecke von zwei Zügen je Stunde und Richtung innerhalb eines 18-stündigen Betriebstages müsste der Tras-
senpreis einer unabhängig vom Staat operierenden Netzgesellschaft 136 € je Zugkilometer betragen. Die
tatsächlich zu zahlenden Trassenkosten liegen bei weniger als 10 % dieser Summe. Für eine Deckung der
tatsächlich anfallenden Netzkosten ist somit ein deutlich höheres Aufkommen erforderlich. Insbesondere im
Hochgeschwindigkeitsverkehr wären darüber hinaus höhere Trassenpreise notwendig. Diese Trassenpreise
wären jedoch innerhalb der momentanen Betriebskostenverteilung nicht abbildbar; sie würden vielmehr die
Fahrpreise auf ein Niveau heben, welches den anderen Verkehrsträgern gegenüber nicht konkurrenzfähig
wäre.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 77 -
fehlender Rentabilität einer Strecke zu fördern sind, Ansprüche auf eine Vielzahl von Zuschüssen82
von verschiedenen staatlichen Stellen haben.
Die Schwierigkeit besteht bei der Abgrenzung, welche staatlichen Transfers einem Eisenbahnunter-
nehmen als Ausgleichszahlungen für vom Staat auferlegte Mehraufwendungen zustehen und welche
als staatliche Hilfen aufzufassen sind, weil sich ein Eisenbahnunternehmen eben nicht aus eigener
Kraft finanzieren kann. Im letztgenannten Fall spricht man von Subventionen.
Das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) definiert in § 8, Abs. 4 eigenwirtschaftlichen Verkehr für
den Fall, dass der Aufwand für die erbrachten Verkehrsleistungen durch die Beförderungserlöse, die
Erträge aus gesetzlichen Ausgleichs- und Erstattungsregelungen im Tarif- und Fahrplanbereich sowie
sonstige Unternehmenserträge im handelsrechtlichen Sinne gedeckt wird. Diese Definition ist ausge-
sprochen weit gefasst und gewährleistet verschiedenste Deutungsmöglichkeiten.
Auch andere Unternehmen erhalten Ausgleichszahlungen für Auflagen des Staates, welche ihnen
einen wirtschaftlichen Nachteil bringen. Von Subventionen spricht man vielmehr dann, wenn durch
Zahlungen oder Steuernachlässe ein nicht marktfähiges Unternehmen gefördert wird, um seinen
Unternehmensbetrieb nicht einstellen zu müssen. Gemäß Subventionsbericht der Bundesregierung
stellen auch die Bestellerentgelte im öffentlichen Nahverkehr keine Subventionen dar [104]. Auch
hinsichtlich der Finanzierung von Infrastruktur besteht keine feste Definition für den Begriff Subven-
tion. So stellt Harting klar: „*…] Allerdings geht das Koch/Steinbrück-Papier nach dem Verständnis des
BMVBW von einem falschen Subventionsbegriff aus: Investitionen in die Schienenwege sind keine
Subventionen!“ [105, S. 17]
Das für Finanzen und Controlling zuständige Vorstandsmitglied der DB AG, Diethelm Sack, wird auf
die Frage nach Wirtschaftlichkeit der Bahn zitiert: „Wirtschaftlich sei die Bahn, wenn sie ihre Investi-
tionen in den Geschäftsbetrieb bezahlen könne und nicht komplett über Kredit finanziere. Das be-
deute, dass rund 17 % vom Umsatz verdient werden müssten. Andere Bahnen würden das mit
privaten Aktionären schaffen.“ [106, S. 244] Bei dieser Definition spielen weder Baukostenzuschüsse
eine Rolle, noch wird der Zusammenhang aus „verdienen“ und „über Kredit finanzieren“ klar. Auch
Kredite müssen über die Kreditlaufzeit aus Betriebserlösen rückgezahlt werden. Ob Investitionen aus
Betriebsüberschüssen oder aber über (durch Betriebsüberschüsse zurückzuzahlende) Kredite finan-
ziert werden, ist hinsichtlich des notwendigen Betriebsüberschusses nicht relevant.
82 Im Einzelnen werden genannt: Ausgleichszahlungen für vergünstigte Tarife im Ausbildungsverkehr nach § 45a
PBefG, Investitionsförderung nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) für Fahrzeuge, Betriebs-
höfe, Omnibusbahnhöfe und alle anderen Infrastruktureinrichtungen, Ausgleichszahlungen für die Schwerbe-
hindertenfreifahrt nach § 62 SchwBG, Zuschüsse für einzelne Fahrten oder besondere Tarife,
Einnahmesicherungen (dynamisierte Alteinnahmegarantien bzw. mit Kooperationsförderungen aufgefüllte
Einnahmepools) im Zuge von Verbundtarifen, Steuerliche Begünstigung des Querverbunds, Kfz-Steuerbefreiung
von Linienbussen, kostenlose Sondernutzung öffentlicher Infrastruktur, Gesellschaftereinlagen der öffentlichen
Hand, Eigenkapitalzuschüsse, Erträge aus Verlustübernahmen durch den (öffentlichen) Eigentümer sowie
Ausfallbürgschaften. Eine Quantifizierung einiger dieser Zuschüsse erfolgt in Kapitel 3.3.4.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 78 -
Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit sollen die Begrifflichkeiten zur Wirtschaftlichkeit einheitlich
wie folgt definiert werden:
Eigenwirtschaftlicher Verkehr/Betrieb: Dem Betreiber gelingt es, die ihm entstehenden Vollkos-
ten im Mittel über alle erbrachten Leistungskilometer in Form von Fahrgeldeinnahmen zu decken.
Wirtschaftlich durchführbarer Verkehr/Betrieb: Der Betreiber kann durch Fahrgelderlöse und
Zuschüsse alle ihm entstehenden Kosten decken.
Eigenwirtschaftlich durchführbares Verkehrsprojekt: Alle im Zusammenhang mit dem Projekt
stehenden Kosten können durch Betriebseinahmen des Betreibers oder der Betreiber gedeckt
werden, die im Zusammenhang mit der Projektnutzung entstehen. Dies gilt insbesondere auch für
Infrastrukturkosten.
Finanzierbares Projekt: Alle mit dem Projekt zusammenhängenden Kosten können durch Be-
triebseinnahmen, die zur Verfügung stehenden staatliche Zuschüsse und Vergünstigungen (z.B.
zinsfreie Darlehen) sowie eventuelle Kredite gedeckt werden. Dies bedeutet auch, dass bis zum
Ende der Lebenszyklusdauer/Projektlaufzeit alle aufgenommenen Darlehen und Kredite zurückge-
zahlt sein müssen.
Der Kostendeckungsgrad bzw. Wirtschaftlichkeitsgrad eines EVU oder eines Projektes gibt an,
welcher Teil aller innerhalb der gesamten Lebenszyklusdauer entstehenden Kosten durch Fahr-
gasteinnahmen/Einnahmen aus dem Verkauf von Güterverkehrsdienstleistungen gedeckt werden
kann. Eigenwirtschaftlich durchgeführte Verkehrsprojekte weisen entsprechend dieser Definition
einen Kostendeckungsgrad von 100 % auf.
3.3.4 Bedeutung von Zuschüssen
Weltweit wird der Schienenpersonenverkehr gefördert; die Qualität und die Quantität dieser Förde-
rungen variieren jedoch sehr stark. Für Europa wird angenommen, dass 90 % aller erbrachten Passa-
gierkilometer staatliche Zuschüsse irgendeiner Form erfahren [54, S. 7]. Die CER gibt an, dass die
Betriebskosten sämtlicher Bahnen der EU-15 mit ca. 30 % ihrer Höhe bezuschusst werden. Über die
Deckung der anfallenden Infrastrukturkosten kann mit dieser Information jedoch noch keine Aussage
getroffen werden, da die Netzgesellschaften in einigen Ländern zusätzliche Zuschüsse (zinslose
Darlehen, Baukostenzuschüsse, Fondszahlungen, etc.) erhalten. Diese können sehr hoch ausfallen,
um durch niedrige Trassengebühren Anreize für Betreiber zu schaffen, hochfrequenten Verkehr
durchzuführen (Beispiel: Niederlande) oder im Umkehrschluss wegfallen, was jedoch hohe Besteller-
entgelte – im Nah-, Regional- und auch im Fernverkehr – notwendig macht, um überhaupt Schienen-
personenverkehr anbieten zu können (Beispiel: Großbritannien). Ein gutes Schienenverkehrsangebot
ist den Staaten Europas nicht nur wichtig, sondern teilweise gesetzlich vorgeschrieben83, was Zahlun-
83 Nach Art. 87e (4) GG hat der Bund zu gewährleisten, dass dem Wohl der Allgemeinheit, insbesondere den
Verkehrsbedürfnissen, beim Ausbau und Erhalt des Schienennetzes der Eisenbahnen des Bundes sowie bei den
Verkehrsangeboten auf diesem Schienennetz entsprochen wird (Daseinsvorsorge im Sinne des GG).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 79 -
gen an Betreiber und Netzeigentümer dort notwendig macht, wo die zu erwartenden Fahrgasterlöse
die anfallenden Kosten nicht zu decken versprechen. Die Motivation für eine attraktiven Schienen-
verkehr ist dabei ganz unterschiedlich begründet: Einerseits ist ein günstiger Transport von Gütern
und eine preiswerte Beförderung von Personen eine der Grundvoraussetzungen für hohe Wirt-
schaftsleistung. Aber auch aus sozialen Gründen soll breiten Bevölkerungsschichten, also auch Per-
sonen, die aufgrund ihrer finanziellen Situation, ihres Alters oder beispielsweise einer Behinderung
kein eigenes Kraftfahrzeug führen können, Zugang zum Nah- und Fernverkehr gewährt werden
(Recht auf Mobilität). Ein zunehmend wichtiger werdender Grund für Förderungen ist die gewollte
Verkehrsverlagerung von der Straße und Luft auf die Schiene (Reduzierung der externen Kosten des
Verkehrs) [53].
Die lange Entwicklungszeit der Eisenbahn in Europa, die Koexistenz verschiedenster technischer und
betrieblicher Ausprägungen des Schienenverkehrs, selbst innerhalb eines Landes sowie die unter-
schiedlichen und kaum vergleichbaren Organisationsformen von staatlichen und privat geführten
Eisenbahngesellschaften lässt keine allgemeine Aussage über die Wirtschaftlichkeit des Systems Bahn
auf dem europäischen Markt zu. Als erstes Massentransportmittel überhaupt bot der Verkehrsträger
Bahn im 19. Jahrhundert eine hohe Attraktivität für private Investoren. Finanziert aus Anleihen mit
hoher Rendite schufen die regionalen Eisenbahngesellschaften die von ihnen benötigte Infrastruktur,
um diese dann selbst zu betreiben. Auf praktisch allen neu eröffneten Strecken entwickelte sich das
Fahrgastaufkommen mit hohen Wachstumsraten, was oft einen weiteren Ausbau der Infrastruktur
notwendig machte. Arbeitskräfte waren verhältnismäßig preiswert verfügbar. Auch nach Beginn der
staatlichen Führung der Eisenbahnen konnten diese aufgrund der hohen Fahrgastaufkommen weiter
Profite erwirtschaften. Das Ende dieser hohen Profitabilität wird mit Einsetzen der Depression in den
1930er Jahren vermutet [53]. Eine Subventionierung durch den Staat setzte sich immer mehr durch,
begründet mit dem hohen staatlichen Interesse an einem gut funktionierenden Schienenverkehr,
überwiegend aus militärischen Gründen. Aufgrund des fehlenden Wettbewerbes innerhalb des
Eisenbahnmarktes und der Tatsache, dass Fehlbeträge durch den Staat ausgeglichen wurden, hatten
Effizienzsteigerungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Bahnen untergeordnete
Priorität. Der Abbau von Personal bei gleich bleibender Fahrleistung war aufgrund der starken Rolle
der Gewerkschaften innerhalb des Eisenbahnsektors außerordentlich schwierig. Innovationen orien-
tierten sich eher an dem technisch machbaren als an dem betriebswirtschaftlichen notwendigen. Die
konkurrierenden Verkehrsträger, allen voran der Individualverkehr, konnten große Marktanteile für
sich gewinnen; das Fahrgastaufkommen auf der Schiene reichte nicht mehr aus, um die Betriebskos-
ten zu decken. Die Eisenbahn erwies sich als zu unflexibel, überdimensioniert und anderen Verkehrs-
trägern unterlegen [53]. Über Eisenbahn- oder Verkehrsministerien eng mit dem Staat verflochten
und von Zuweisungen aus dem Staatshaushalt abhängig, konnten die Betreibergesellschaften keine
eigenständigen Entscheidungen hinsichtlich der grundlegenden Strategien treffen. Ob und welche
Infrastrukturausbauten erfolgten, war von der Sichtweise der jeweiligen Regierung abhängig. Größe-
re Investitionen wurden auf Kosten einer höheren Staatsverschuldung aus den öffentlichen Haushal-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 80 -
ten finanziert. Die Bereitstellung von Infrastruktur erfolgte nicht kostendeckend. Es begann eine
zunehmende Marktverfälschung, da mit immer höheren Subventionen auch der laufende Betrieb auf
konstantem Niveau gehalten wurde anstatt an das sich verändernde Umfeld (weiter zunehmende
Motorisierung, Verstädterung, neue Pendlerströme) angepasst zu werden.
Erst durch die EG-Richtlinie 91/440/EG wurden die Regierungen der Mitgliedsländer 1991 aufgefor-
dert, ihren Eisenbahngesellschaften unter anderem mehr Entscheidungsbefugnisse und somit Mög-
lichkeiten für einen wirtschaftlicheren Betrieb einzuräumen. 1994 lagen die von den Eisenbahn-
gesellschaften aufgehäuften Schulden innerhalb der EG bei über 112 Mrd. ECU. Die Schuldenmenge
lag zwischen 0,2 % (Finnland) und 4,9 % (Italien) des jährlichen Bruttoinlandsproduktes [53]. Es folgte
1994 bis 2001 eine Phase der Entschuldung und der Aufteilung der staatlichen Eisenbahnen in kleine-
re, flexibel und privatwirtschaftlich arbeitende Organisationseinheiten zur weiteren Steigerung derer
Handlungsfähigkeit. In Deutschland übernahm das Bundeseisenbahnvermögen (BEV) Schulden in
Höhe von 68 Mrd. € und die Verpflichtung zur Zahlung der Pensionsansprüche des verbeamteten
Personals der Bahn. Mit der organisatorischen Umgestaltung wurde auch die Voraussetzung für mehr
Transparenz hinsichtlich der entstehenden Kosten und Erlöse im Bahnbetrieb geschaffen, welche
jedoch noch nicht ausreicht. Die Bahnen in Staatsbesitz unterliegen inzwischen der Buchführungs-
pflicht. Solange ihre Anteile nicht frei gehandelt werden, müssen sie jedoch keine detaillierten Zahlen
zu ihren Umsätzen veröffentlichen [53]. Da darüber hinaus die verbindlichen Regeln zur Buchführung
von börsennotierten Unternehmen nicht angewendet werden müssen84, ist weder eine sichere
Aussage zum Unternehmenserfolg eines Bahnunternehmens noch ein Vergleich zwischen einzelnen
Bahnunternehmen möglich.
Auch nach der Entschuldung und Teilprivatisierung der Eisenbahnunternehmen sind Zuschüsse vom
Staat notwendig. In der Regel werden staatliche Subventionen verwendet, um Investitionen zu
ermöglichen, aber auch, um den laufenden Betrieb zu unterhalten. Die Vizepräsidentin der Europäi-
schen Kommission, Loyola de Palicio, sprach 2003 von einer Summe von fast 50 Mrd. €, die die euro-
päischen Steuerzahler für Netz und Betrieb der Eisenbahn jährlich beisteuern [52, S. 1]. Die größten
Anteile davon sind Bestellerentgelte (27 %), die Tilgung von Darlehen für neue Infrastruktur bzw.
direkte Baukostenzuschüsse (23 %), Zuschüsse für die Infrastrukturinstandhaltung (20 %), sowie
Zahlungen des Staates für langjährig bestehende Beamtenverhältnisse. Die eigenständig erzielten
Einnahmen der Eisenbahnunternehmen, welche aus dem Verkauf von Fahrkarten, Dienstleistungen
im Güterverkehr, Trassen und weiteren Services sowie aus Vermietung und Verpachtung erzielt
werden konnten, lagen mit insgesamt 51,5 Mrd. € nur geringfügig über den erhaltenen Zuschüssen.
Die gesamten Ausgaben für neue Eisenbahninfrastruktur in der EU 15 lagen in den Jahren von 1985
bis 2000 auf einem relativ gleichmäßigen Niveau von etwa 30 Mrd. € p.a. [53]. Diese Ausgaben müs-
sen, wenigstens teilweise über Trassennutzungsgebühren refinanziert werden. Es stellte sich nach
der Umwandlung der Bahngesellschaften in Europa schnell heraus, dass die Infrastrukturgesellschaf-
84 Eine Aktiengesellschaft, welche nicht börsennotiert ist, gilt als „kleine AG“. Hinsichtlich der Buchführung
gelten für kleine Aktiengesellschaften die Regeln für eine GmbH (eingeschränkte Publizität).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 81 -
ten nicht, wie ursprünglich geplant, ihrerseits eigenwirtschaftlich aus den erhobenen Nutzungsge-
bühren Instandhaltung und Ausbau des Netzes finanzieren können. Als einziges Land erzwang
britannien eine privatwirtschaftliche Führung des Eisenbahnnetzes, was zu einem dramatischen
Verschleiß innerhalb von wenigen Jahren führte, weil Reinvestitionen nur noch in einem sehr gerin-
gen Umfang durchgeführt wurden. Erst nach dem durch den schlechten Zustand der Infrastruktur
verursachten Unfall in Hatfield erfolgte ab dem Jahre 2000 wieder eine stärkere Bindung des Netzes
an den Staat, verbunden mit einer Vervierfachung der Aufwendungen für Instandhaltung und Rein-
vestitionen.
Der Schuldenstand aller europäischen Bahnen hat eine knappe Dekade nach der Entschuldung bei
einem kumulierten Unternehmenswert von 82 Mrd. € wieder eine Höhe von 123 Mrd. € erreicht. Es
wird ersichtlich, dass ein eigenwirtschaftlicher Schienenverkehr in Europa nicht stattfindet. Es kann
jedoch noch keine Aussage darüber getroffen werden, ob nicht einzelne Verkehrssparten oder
einzelne Strecken kostendeckend betrieben werden oder sogar einen Überschuss erwirtschaften. 85
Die Tatsache, dass im Bereich der Infrastrukturkosten die absoluten Zuschüsse des Staates in den
Jahren seit der Liberalisierung sogar gestiegen sind, wird vor allem mit den in der letzten Dekade
zahlreich in Betrieb gegangenen HGV-Neubaustrecken mit ihren systemtypisch hohen spezifischen
Investitionskosten je Streckenkilometer, aber auch an allgemein steigenden Baukosten aufgrund
gestiegener Umwelt- und Sicherheitsstandards begründet. Erst mit der Realisierung dieser Neubau-
und Ausbauprojekte ist es jedoch gelungen, den Anteil der Bahn im Modal Split des Personenver-
kehrs zu halten (Deutschland) bzw. zu sogar zu steigern.86
Für Deutschland sind folgende Zuschüsse für den Personenverkehr maßgebend:
Direkte Zuschüsse zum Ausbau/der Erhaltung der Infrastruktur
Allein in den Jahren 1994 bis 2003 sind rund 38 Mrd. € Bundesmittel für die Finanzierung der
Schieneninfrastruktur zur Verfügung gestellt worden [105, S. 17]. Der Verband Deutscher Ver-
kehrsunternehmen (VDV) spricht von notwendigen Zuschüssen für die Schieneninfrastruktur in
Höhe von 5 Mrd. € jährlich. Diese teilen sich auf in 2,5 Mrd. € gem. Leistungs- und Finanzierungs-
vereinbarung zur Sicherung des Bestandsnetzes, 1,9 Mrd. € für den Neu- und Ausbau von Stre-
cken, die im Bedarfsplan enthalten sind und kleinere Summen, u.a. für den Ausbau der Betriebs-
85 Eine von der DB AG in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass im ICE-Segment „…4 von 207
untersuchten Strecken rentabel“ [77, S. 2] und im Intercity-Segment „16 von 207 Strecken kostendeckend“ [77,
S. 2] seien.
86 Die gesamte Verkehrsleistung im westeuropäischen Schienenpersonenverkehr ist seit den späten 1980er
Jahren kontinuierlich angestiegen. Die durchschnittliche Wachstumsrate lag bei etwa 2,6 %. In den 1990er
Jahren stieg die Verkehrsleistung von 250 Mrd. Pkm auf 330 Mrd. Pkm (Daten nach [53]).
Der Hochgeschwindigkeitsverkehr in Westeuropa hat sich innerhalb von 10 Jahren zwischen 1991 und 2001
sogar von 21,6 Mrd. Pkm auf 65,4 Mrd. Pkm verdreifacht [198] – nimmt also eine immer wichtigere Rolle
innerhalb des Verkehrssektors ein.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 82 -
leittechnik auf ETCS-Standard [107, S. 9]. Berücksichtigt man alle öffentlichen Zuschüsse, die di-
rekt in die Infrastruktur fließen, liegt die Summe bei etwas über 7 Mrd. €.87
Zinsfreie und zinsvergünstigte Darlehen
Der Verzicht auf Zinskosten bei der Vergabe eines Kredites bedeutet bei einer Nutzungszeit von
35 Jahren und einem angenommenen Zinssatz von 6 % eine Entlastung um fast 60 % der üblichen
Rückzahlungen. Neben den vom Bund zur Verfügung gestellten zinslosen Darlehen will auch die
Europäische Investitionsbank ihrerseits vorzugsweise Infrastrukturprojekte über zinsgünstige und
–lose Kredite fördern, die zur Schonung der Umwelt beitragen [3, S. 18]. Weitere Berechnungen
zur Bedeutung des Zinssatzes für ein Bahnprojekt erfolgen in Kapitel 5.4.1.
Bestellerentgelte
Bestellerentgelte werden in Deutschland nur im Regionalverkehr bezahlt, was zu Fehlanreizen
führt: InterRegio-Züge wurden gestrichen, einige Regionalverkehrslinien an Ländergrenzen gebro-
chen und ein Trassenpreissystem eingeführt, welches vom Regionalverkehr ausgehend den Fern-
verkehr quersubventioniert (s.a. S. 71). Die DB Regio AG erhält als Mittelwert je geleistetem
Fahrgastkilometer (einschließlich verkaufter Monatskarten) 0,068 € aus Fahrkartenverkäufen und
0,135 € aus Bestellerentgelten, also 0,202 € je Personenkilometer. Dies entspricht dem doppelten
Umsatz je Fahrgastkilometer des Fernverkehrs (0,092 €/Pkm, s. Kapitel 2.4.1). Ewers fordert in
[103, S. 10] eine „Subvention des Fahrgastes“. Solche Systeme sind bereits in einigen europäi-
schen Ländern (z.B. in Spanien) eingeführt worden. Eine Bezahlung nach Zugkilometern schafft
keinen zusätzlichen Anreiz, durch hohe Attraktivität für hohe Auslastung zu sorgen. Darüber hin-
aus werden komplexe Vertragswerke (Bonus-/Malus-Zahlungen) und Kontrollmechanismen not-
wendig, um die vereinbarte Angebotsqualität (Pünktlichkeit, Sauberkeit) zu garantieren. Eine
Bezuschussung des Betriebs in Abhängigkeit des Aufkommens (bzw. Aufkommenswachstums)
würde vielmehr einen Reiz für den Betreiber bedeuten, die innerhalb seiner Möglichkeiten maxi-
male Qualität anzubieten, um möglichst viele Fahrgäste, zu gewinnen.
In den meisten europäischen Ländern sind einerseits die Subventionen des Staates und andererseits
die angebotene Beförderungskapazität der Bahnen so angepasst, dass die Deckungslücke zwischen
Fahrgeldeinnahmen und Betriebskosten im langjährigen Mittel etwa ausgeglichen wird. Perkins sieht
die Möglichkeit, durch Effizienzsteigerungen aufgrund von mehr Wettbewerb im Bahnsektor und
einer weiteren Konzentration auf rentable Strecken die erforderlichen Staatszuschüsse langfristig zu
senken. Die gesamten öffentlichen Zuschüsse liegen gemäß [53] im europäischen Raum bei etwa
0,05 € bis 0,10 € je Leistungskilometer. Für Deutschland beträgt dieser Wert etwa 0,06 €/Ptkm
87 Zuschüsse der Länder für regionale Ausbaumaßnahmen (359 Mio. €), Bundeszuschüsse für Lärmschutzmaß-
nahmen (60 Mio. €), Bundeszuschüsse gem. Eisenbahnwegekreuzungsgesetz (332 Mio. €), Bundeszuschüsse
Verbesserung Infrastruktur der ehemaligen Deutschen Reichsbahn (1.092 Mio. €), Bundeszuschüsse öffentli-
cher Verkehr (95 Mio. €), Bundeszuschüsse für neue/bestehende Infrastruktur (z.B. über Bundesschienenwe-
geausbaugesetz) (4125 Mio. €), Bundeszuschüsse für den Abbau von Langsamfahrstellen (49 Mio. €), Zuschüsse
der EU (374 Mio. €) und Zuschüsse Dritter (717 Mio. €) addieren sich beispielhaft für das Jahr 2005 auf
7.203 Mio. €.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 83 -
(Stand 2001). Tatsächlich könnte der Wert etwas höher liegen, da in dieser Zeit gewährte Darlehen
später auf Kosten des Bundeshaushaltes in „nicht rückzahlbare Darlehen“ umgewidmet wurden.
Setzt man diese Zuschüsse mit den durchschnittlichen Fahrgeldeinnahmen von 0,07 €/Pkm im
SPNV bzw. 0,09 € im SPFV (netto, s. Kapitel 2.4.1) ins Verhältnis, kann man einen Subventionsgrad
von 44 %, bzw. einen Kostendeckungsgrad von 56 % im Deutschen Schienenpersonenverkehr
annehmen.88 Die durchschnittlichen Zuschüsse je Zugkilometer sind in [53, S. 22] mit 6,20 € angege-
ben.
3.3.5 Kosten aus Betreibersicht
Im Gegensatz zur Betrachtung der Systemkosten fallen für den Betreiber durch die Nutzung der
Infrastruktur keine Investitions-, sondern lediglich Betriebskosten in Form von Trassengebühren,
Stationsnutzungsgebühren etc. an. Selbst der Verschleiß der Oberleitung ist bereits mit den Energie-
kosten verrechnet. Die einzigen wesentlichen Investitionen, die vom Betreiber zu tätigen sind, sind
die Aufwendungen für Fahrzeuge und Betriebswerkstätten. Die Entwicklung im europäischen Bahn-
umfeld zeigt jedoch, dass es einen Trend gibt, wonach selbst Fahrzeuge durch Banken, Leasinggesell-
schaften89 oder sogar die Fahrzeughersteller finanzieren werden. Dies entspricht auch der allgemein
zu beobachtenden Konzentration der Betreiber auf ihre Kernkompetenzen. Da somit ein großer Teil
der Betriebskosten Gebühren und Ratenzahlungen sind und für Personalbedarfe und Instandhal-
tungsaufwand sehr gute Erfahrungswerte bestehen, kann ein Betreiber bereits vor Fahrplanerstel-
lung sehr genau prüfen, welche zusätzlichen Kosten durch ein bestimmtes Angebot auf ihn
zukommen und welche Fahrzeugauslastung notwendig wäre, um dieses Angebot rentabel aufrecht
erhalten zu können.
An dieser Stelle sei betont, dass die Betreiberkosten, DB-intern auch Zugfahrkosten90 genannt, nicht
den Systemkosten entsprechen müssen. Kosten aus Betreibersicht beinhalten weder kalkulatorische
Abschreibungen für Infrastruktur, noch kalkulatorische Zinsen. Stattdessen werden Gebühren für die
Infrastrukturnutzung fällig, welche jedoch nicht kostendeckend sind (s. Kapitel 3.3.4). Auch wenn,
wie in Abbildung 17 gezeigt wird, die Trassenpreise für den Betreiber einen entscheidenden Anteil an
den Gesamtaufwendungen ausmachen, reichen sie der Infrastrukturgesellschaft im Durchschnitt
jedoch nicht aus, um das Schienennetz gemäß den Anforderungen instand zu halten. Dies gilt insbe-
88 Setzt man für die erzielten Fahrpreise nach [203] das gewichtete Mittel unter Berücksichtigung der Verkehrs-
leistung im SPNV bzw. SPFV an, erhält man einen durchschnittlichen Erlös von
.
Der Anteil der Subventionen an den Gesamteinnahmen beträgt somit
.
Für die Schweiz gibt das Eidgenössische Department für Umwelt, Verkehr und Kommunikation UVEK einen
Kostendeckungsgrad der Verkehrsträgers Schiene aus Abgaben und Tarifeinnahmen von 45 % an [218].
89 Eine besondere Möglichkeit zur Fremdfinanzierung von Schienenfahrzeugen ist das sog. „Sale-and-lease-
back“, wie es von Connex/Veolia verwendet wird.
90 Jänsch gibt die Zugfahrtkosten für einen ICE 2 an mit: Beschaffung: 34 %, Instandhaltung: 16 %, Fahrweg:
27 %, Betriebseinsatz: 23 %; jährliche Laufleistung 500.000 km [88]. Die Beschaffung und Instandhaltung der
Infrastruktur beträgt jedoch, wie gezeigt, ein Vielfaches derjenigen der Fahrzeuge.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 84 -
sondere für schwach frequentierte Strecken und den Hochgeschwindigkeitsfernverkehr. Während für
einige nur selten befahrene Relationen über den im Trassenpreissystem (TPS) vorgesehenen Regio-
nalfaktor ein Ausgleich für hohe Instandhaltungs- und Bereitstellungskosten bei im Verhältnis weni-
gen abgewickelten Zugkilometern enthalten ist, finden die aufgrund des außerordentlichen
Verschleißes durch den Hochgeschwindigkeitsverkehr verursachten Mehraufwendungen kaum
Berücksichtigung in der Gestaltung der Trassenpreise. Die Priorität der Trasse und die Qualität der
Strecke schlagen sich auf die Nutzungsgebühren im Personenverkehr nieder, Fahrzeugmasse und
tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit jedoch nicht. Dies hat zur Folge, dass ein dreiteiliger Leicht-
triebwagen dieselben Gebühren für die Nutzung eines Streckenabschnittes zu bezahlen hat, wie ein
Intercity mit 12 Wagen.
Als Mittelwerte der entstehenden Kosten der DB AG können die folgenden Größen angenommen
werden: DB AG macht im Fernverkehr 28,40 € je Zugkilometer Umsatz91. Davon gehen 4,70 € an DB
Netz, 1,85 € an DB Energie, 0,60 € zu DB Station & Service (s. Abbildung 1). Mit dem Rest müssen
Züge finanziert (4,40 € je Zugkm)92, die eigenen 26.800 Mitarbeiter (3,70 je Zugkm)93, anteilig die
Mitarbeiter der sonstigen DB-Dienstleister (Instandhaltung, Systel, Services, Fuhrpark, Kommunikati-
on, Sicherheit) (36.000 Zugkilometer je MA) und der Overhead bezahlt werden.
In Abbildungen 15 bis 17 wurden die jährlichen Kosten eines einzelnen Zuges aus dem sog. A-
Segment am Beispiel eines ICE 3 (auf der Linie Köln – Frankfurt – Nürnberg – München und zurück),
aus dem B-Segment (Desiro in Doppelgarnitur, pendelt zweimal täglich zwischen Dresden und Berlin)
sowie eines Regionalexpress (modellhaft bestehend aus einer Lok BR 112 und 6 Doppelstockwagen
auf der Linie Magdeburg – Eisenhüttenstadt) gegenübergestellt. Es fallen dabei drei Dinge auf:
Die Gesamtkosten je Zugkilometer sind niedriger, als sie im Systemkostenvergleich angesetzt sind
(Abbildung 14). Dies liegt daran, dass – trotz hoher angenommener Auslastung der Strecken – im
Systemkostenvergleich die komplette Infrastruktur mitfinanziert werden muss. In der Praxis de-
cken die Trassenentgelte jedoch, wie in diesem Kapitel ausführlich erläutert, neben der Fahrpla-
nerstellung und Betriebsführung nur einen Teil der für Instandhaltung und Erneuerung der
Streckeninfrastruktur entstehenden Kosten (s. Abbildung 12).
Die errechneten Kosten je Zugkilometer im Fernverkehr (Abbildung 17) liegen mit 16,74 € etwa
1/3 unterhalb der oben errechneten Einnahmen der DB AG je Zugkilometer (28,40). Offensichtlich
fallen bei der DB AG höhere Ausgaben Planung, Verwaltung, Overhead an als angenommen. An-
dernfalls könnten im Fernverkehr höhere Überschüsse erwirtschaftet werden.
91 Durchschnittswerte für den Regionalverkehr zum Vergleich: 4,32 € Fahrgeldeinnahmen + 7,50 € Besteller-
entgelte = 11,82 € Einnahmen.
92 Annahme: Gleich bleibende Annuität für Fahrzeug, welches 25 Mio. € kostet und über 20 Jahre abgezahlt
wird: 2,2 Mio. € bei Zinssatz von 6 % p.a. Bei einer jährlichen Laufleistung von 500.000 km entspricht dies
4,40 € je Zugkilometer.
93 Bei der aktuellen durchschnittliche Betriebsleistung von 11.800 Zugkilometer / (Jahr*MA) entstehen Perso-
nalkosten von 3,70 € je Zugkilometer bei einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 44.000 € je MA.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 85 -
Beim Vergleich der drei untersuchten Produkte unterscheiden sich die Kosten je Zugkilometer
wegen der Personalintensivität des Systems Eisenbahn, aber auch aufgrund der Preisstruktur der
Infrastrukturunternehmen nur geringfügig. Unabhängig von der Qualität des angebotenen Pro-
duktes und der verwendeten Gefäßgröße fallen viele Kostenpositionen für eine Zugfahrt in ähnli-
cher Höhe an. Für den Kostenquotienten pro Platzkilometer bedeutet dies im Umkehrschluss
einen Vorteil für größere Züge, die wegen längerer Taktzeiten vorzugsweise im Fernverkehr ein-
gesetzt werden. Im Nah- und Regionalverkehr müssen aufgrund geringerer Reiseweiten kürzere
Takte angeboten werden; das Passagieraufkommen je Zug sinkt und stellt einen eigenwirtschaftli-
chen Betrieb in Frage. Die von den Bundesländern an die Betreiber ausgezahlte Bestellerentgelte,
die sich üblicherweise im Rahmen von 7 - 8 €/Zugkm bewegen, ermöglichen dennoch einen profi-
tablen Betrieb. Wesentlich schwieriger gestaltet sich unter den beschriebenen Umständen ein
Bahnbetrieb, der zwischen den Segmenten HGV-Fernverkehr und Regionalverkehr angesiedelt ist.
Als die DB AG ihr Produkt Interregio mit der Begründung der fehlenden Wirtschaftlichkeit ab 1999
sukzessiv vom Markt nahm, versuchte Connex (heute: Veolia), einen Teil der stillgelegten Linien
mit einem eigenen Angebot zu übernehmen. Trotz einer beeindruckenden Auslastung von 70 %
bei mittleren Fahrgasteinnahmen von 0,07 €/Pkm [108] hat das Unternehmen den InterConnex
inzwischen teilweise wieder vom Markt genommen. Die Gründe werden durch die in Abbildung
17 gezeigte Kostenstruktur deutlich: Die Aufwendungen je Zugkm entsprechen annähernd denen
des HGV-Fernverkehrs. Das erreichbare Aufkommen auf überregionalen Verbindungen beträgt
jedoch nur ein Bruchteil des Aufkommens auf schnellen Verbindungen zwischen Metropolen.
Aufgrund der gegebenen Preisstrukturen kann überregionaler Bahnverkehr in Deutschland nicht
eigenwirtschaftlich durchgeführt werden. Die Deutsche Bahn befährt inzwischen einige ihrer
ehemaligen Interregio-Linien mit gebrochenen Verkehren im Regionalverkehr und erhält dafür
Bestellerentgelte.
3.3.6 Ergebnisse: Kostenstruktur von Rad/Schiene-Systemen
Die Lebenszykluskosten eines Eisenbahnsystems im Hochgeschwindigkeitsverkehr werden in jedem
Fall von den Investitionskosten dominiert. Bei den üblicherweise angenommenen Betriebszeiten von
30 bis 40 Jahren94 machen sie etwa die Hälfte aller im Betrachtungszeitraum anfallenden Aufwen-
dungen aus. Hohe Infrastrukturkosten sind unvermeidbar, wenn Betriebsgeschwindigkeiten über
250 km/h eine langgestreckte Trassierung und Widerstandsfähigkeit gegen große statische und
dynamische Kräfte erforderlich macht. Instandhaltungsaufwendungen können durch gute Planung
und eine Reihe von Diagnosetools ebenfalls reduziert werden, machen jedoch aufgrund des beim
94 Tabelle 6 auf Seite 97 zeigt die tatsächlichen typischen Lebensdauern von Eisenbahninfrastruktur. Können
Projekte länger als die angenommene Projektzeit betrieben werden, ist also auch nach der Projektzeit die
Infrastruktur noch der verkehrlichen Aufgabe gewachsen und besteht die verkehrliche Aufgabe noch, reduziert
sich der Infrastrukturanteil innerhalb der Lebenszykluskosten entsprechend. Kapitel 4.7.2 beschreibt die Prob-
lematik der zu wählenden Projektlaufzeit bei Eisenbahnprojekten.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 86 -
HGV der Bahn typischerweise auftretenden Verschleißes weiterhin den größten Anteil der Betriebs-
kosten aus. Aufgrund der Tatsache, dass den Schienenverkehrsunternehmen in Deutschland die
Infrastruktur vom Bund kostenlos zur Benutzung überlassen wird, findet bei der Kostenbetrachtung
eine Verschiebung der Perspektive statt: Ist ein Bahnprojekt einmal verwirklicht, finden die entstan-
denen Investitionskosten keine weitere Betrachtung. In diesen Fällen wird argumentiert, dass zusätz-
liches Angebot wirtschaftlich aufgrund zu geringen Aufkommens nicht zu rechtfertigen ist. Berück-
Berücksichtigt man jedoch, dass etwa die Hälfte der Vollkosten eines Zugkilometers über den Infra-
strukturbau durch Steuern finanziert werden, wird deutlich, dass diese Argumentation hier unange-
bracht ist.
3.4 Magnetbahn im Fernverkehr
Im Gegensatz zum Rad/Schiene-System stehen für die Magnetbahn keine Daten aus realisierten
Fernverkehrsprojekten zur Verfügung. Vielmehr werden hier Kostensätze verwendet, die sich aus
den bisherigen Planungsdaten und aus Studien ergeben. Eine Trennung zwischen Betreiberkosten
und Systemkosten, wie im Fall des Eisenfernverkehrs erfolgt, ist für die Magnetbahn nicht notwen-
dig. Einerseits ist in allen bisher erstellten Studien von Systemkosten ausgegangen worden, anderer-
seits ist eine Vermischung/Quersubventionierung mit anderen Verkehrssparten aus Systemgründen
ohnehin nicht möglich.
Da sich diese Arbeit schwerpunktmäßig mit der Wirtschaftlichkeit von Hochgeschwindigkeits-
Fernverkehrsprojekten auseinandersetzt, soll die Magnetbahn mit Langstatorantrieb vom Typ Trans-
rapid als Vergleichsebene zur Eisenbahn betrachtet werden. Diese Magnetbahn zeichnet sich auf-
grund der Tatsache, dass der Primärteil des Antriebes im Fahrweg liegt, durch etwas höhere
Investitionskosten gegenüber einem vergleichbaren Rad/Schiene-Projekt aus. Dafür können niedrige-
re Betriebskosten (insbesondere innerhalb der Instandhaltungskosten, Personalkosten und – bei
äquivalentem Niveau der Betriebsgeschwindigkeiten – der Energiekosten) realisiert werden. Diese
Vorteile kommen umso mehr zur Geltung, je höher Betriebsgeschwindigkeit und Taktdichte inner-
halb eines Projektes gewählt werden. Einsparungen der Betriebskosten können zu geringeren Le-
benszykluskosten der Magnetbahn führen, obwohl das Produkt hinsichtlich Fahrkomfort und
Reisegeschwindigkeit einer Rad/Schiene-Verbindung überlegen ist. Die in den Abbildungen 19 bis 21
gezeigten spezifischen Kostensätze der Magnetbahn wurden, genau wie für die Rad-Schiene-Variante
aus Studien von drei Vergleichsprojekten (Flughafenzubringer, 30 km; Shuttle zwischen 2 Städten,
100 km; Linienverkehr zwischen 7 Städten, 1.000 km) gemittelt. Eine ausführliche Darstellung der
kostenseitigen Unterschiede zwischen Rad/Schiene- und Magnetschwebetechnik findet sich in [87].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 87 -
3.5 Zusammenfassung: Kostenstruktur der Verkehrsträger
Abbildungen 19 bis 21 zeigen einen abschließenden Vergleich der Kostenstrukturen der wichtigsten
Verkehrsträger in Deutschland bei üblichen Fahrleistungen. Auffällig dabei ist, dass sich die Kosten je
Platzkilometer nicht so stark voneinander unterscheiden, wie dies allgemein erwartet wird. Lediglich
der Reisebus fällt durch eine konkurrenzlose Kostenstruktur auf. Nach Einbezug der durchschnittli-
chen Auslastung der jeweiligen Verkehrsmittel gleichen sich die Kosten je Sitzplatz sogar noch weiter
an.
Die genauere Aufteilung der Kostenkomponenten zeigt für den Bahn- bzw. Luftverkehr einen hohen
Kostenanteil für Infrastruktur, den die Betreibergesellschaften über flexible Nutzungsentgelte an die
Netzbetreiber bzw. Flughafengesellschaften entrichten. Die Tatsache, dass die in Deutschland von
Bahnbetreibern im Hochgeschwindigkeitsverkehr zu entrichtenden Gebühren nicht den tatsächlichen
Kosten für die Abnutzung der Infrastruktur entsprechen, sondern aufgrund des geltenden Trassen-
preissystems vielmehr eine Quersubventionierung durch den Regionalverkehr stattfindet (s. Kapitel
3.3.2 und 3.3.4), ermöglicht der DB AG eine weitgehend ausgeglichene Bilanz im Fernverkehr trotz
niedriger durchschnittlicher Erlöse je Sitzplatzkilometer. Die Planung eines eigenwirtschaftlich ope-
rierenden Bahnprojektes muss jedoch zum Ziel haben, dass der Betreiber sämtliche Kosten, auch
anteilige Kosten für Infrastruktur, durch die von ihm erzielten Erlöse abdecken kann. Im Rahmen der
Berechnungen von Kapitel 4 und 5 wird daher von der Möglichkeit einer Quersubventionierung
abgesehen und vielmehr davon ausgegangen, dass zum Erreichen eines gewünschten Wirtschaftlich-
keitsgrades die direkten (einmaligen und jährlichen) Zuschüsse und die durch ein ausreichend hohes
Fahrgastaufkommen generierten Erlöse innerhalb der Projektlaufzeit ausreichen müssen, um sämtli-
che anfallenden Kosten zu decken. Zur Ermittlung der tatsächlich notwendigen Zuschüsse wird eine
Rechenroutine entwickelt, welche diejenigen Kombinationen aus Bestellerentgelten und Baukosten-
zuschüssen ermittelt, bei der die Finanzkennziffern auf den gewünschten Kostendeckungsgrad hin
schließen lassen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 88 -
4 Optimierung von HGV-Bahnprojekten in frühen
Planungsphasen: Entwicklung einer Simulationssoftware
Im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit wurde eine Simulationssoftware entwickelt, die es
ermöglicht, die Auswirkungen der für die Wirtschaftlichkeit eines Neubauprojektes im Schienenper-
sonenfernverkehr relevanten Parameter bereits in frühen Planungsstadien zu überprüfen. Es handelt
sich um ein auf Microsoft Excel (Version 2007) basiertes Simulationstool, in welchem Daten zum
europäischen Verkehrsmarkt, Erfahrungswerte hinsichtlich Kosten, Formeln der Aufkommensrech-
nung, der Finanzmathematik und einfache Routinen zur Betriebssimulation hinterlegt und miteinan-
der logisch verknüpft sind. Je nach bestehender Planungstiefe kann der Nutzer Eingangsdaten für
neue Projekte detailliert erfassen, sichern und auswerten. Für den Fall des Fehlens von Daten zu
einzelnen Teilbereichen, aber auch zur Plausibilitätskontrolle können einzelne Werte softwareseitig
durch Erfahrungswerte (Kostensätze, Bauzeiten, technische Verfügbarkeit, Aufkommenselastizitäten)
ergänzt werden, welche aus bisher durchgeführten Projekten gewonnen wurden. Vor allem aber
besteht die Möglichkeit, einzelne Einflussparameter (sog. „Stellschrauben“) innerhalb des Projektes
zu variieren und deren Auswirkungen zu simulieren, um frühe Fehlentscheidungen zu vermeiden und
eine Risikoanalyse vorzunehmen.
Neben dem reinen Vergleich und der Bewertung unterschiedlicher Projekte oder Varianten eines
Projektes ist es ebenfalls möglich, durch den makrobasierten Ablauf von Simulationen unter der
Variation mehrerer Parameter das zu planende Projekt hinsichtlich seines Betriebsergebnisses zu
optimieren. Das Ziel war die Erstellung einer universell einsetzbaren Software, welche sowohl schnell
und unkompliziert die Änderung einer einzelnen Randbedingung innerhalb des Projektes nachstellen,
als auch umfangreiche Szenarien einschließlich ihrer Auswirkungen abbilden kann.
Ein grafisches Modell der einzelnen Module des Simulationstools stellt Abbildung 22 dar. Zur besse-
ren Verständlichkeit ist es in die vom Benutzer wahrgenommen Ein- und Ausgabeschnittstellen sowie
in die im Hintergrund implementierte Datenbank und Rechenmodule unterteilt. Es wird deutlich,
dass Elemente einer Datenbank dynamisch mit der Tabellenkalkulation verknüpft sein müssen, um
die volle Funktionalität auszuschöpfen. Die Berechnungsmodule stehen im Zentrum des Modells. Sie
bedienen sich der in den Datenbanken abgelegten Daten und Formeln, verwenden die in den Einga-
befeldern eingetragenen Daten und erstellen nach den Wünschen des Nutzers entsprechende Aus-
wertungsansichten. Die Erfassung der Kostenstruktur erfolgt dabei für alle Phasen des Lebenszyklus
in Form von Zahlungsplänen für jedes Projektjahr, wobei eine Dynamisierung der Daten bereits
eingestellt ist und variiert werden kann.
Die Ausgabetabellen und -grafiken der Simulationsläufe können mittels vorgefertigter Makros ein-
und ausgeblendet und den speziellen Anforderungen angepasst werden. Sie dienen als Entschei-
dungshilfe beim Projektvergleich oder der Bewertung einzelner Alternativen. Um mögliche Zukunfts-
szenarien in Entscheidungsprozesse mit einfließen zu lassen, sind die Auswirkungen bestimmter
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 89 -
Szenarien (Bevölkerungsentwicklung, BIP-Wachstum, Energieknappheit, Straßenmaut, Tempolimit,
Inflation, überproportionale Steigerung der Lohnkosten, etc.) bereits in den Rechenmodulen erfasst
und können in beliebiger Kombination in die Berechnungen einbezogen werden.
Um die Arbeitsweise des Simulationstools, aber auch die generellen Auswirkungen und die Bedeu-
tung einzelner Einflussparameter auf die betriebswirtschaftliche Rentabilität eines Bahnprojektes zu
demonstrieren, sind bereits alle betrieblichen und wirtschaftlichen Daten (Preisstand: 2008) einer
Beispielstrecke in Rad-/Schiene-Technik sowie einer Magnetbahnanwendung hinterlegt, sodass
durch einfaches Variieren verschiedener Einflussgrößen die in Kapitel 5 erläuterten Zusammenhänge
besser nachvollzogen werden können. Dabei wird zunächst von singulären Strecken bzw. „Eisenbah-
nen in der Wüste“ ausgegangen, bei denen Netzwerkeffekte und die mögliche Nutzung bereits be-
stehender Anlagen und einzelner Streckenabschnitten zunächst bewusst unberücksichtigt bleiben,
um Ergebnisse nicht in eine bestimmte Richtung zu verfälschen und damit eine Übertragbarkeit der
Aussagen zu gefährden. Die aus der in der Praxis erfolgenden Vernetzung mit anderen Projekten,
aber auch anderen Verkehrsträgern entstehenden Effekte (bzgl. Aufkommen, Senkung von Betriebs-
kosten usw.) können mittels detaillierter Erfassung der Simulationsdaten dargestellt werden (s.
Kapitel 4.5.3).
Als Ergebnis werden in einem Genauigkeitsgrad, der von den eingegebenen Daten und somit vom
Planungsstand der zu betrachteten Projekte abhängig ist, Kosten und Nutzen monetär ermittelt
und bewertet. Durch die erwähnten Beispielsimulationen unter verschiedenen Randbedingungen
ist feststellbar, welche Investitionen zum höchsten Nutzen (mehr Aufkommen, mehr Verkehrsleis-
tung auf der Schiene, mehr Zahlungsbereitschaft) führt. Die Simulation von Zukunftsszenarien zeigt
einerseits auf technisch/betrieblicher Seite, ob die Auslegung des Projektes für zu erwartende
Verkehrsströme ausreichend dimensioniert ist und andererseits auf finanzmathematischer Seite,
ob Effekte von Inflation, Deflation oder einbrechender Wirtschaftsleistung ein Projekt für einen
privaten Investor zu riskant erscheinen lassen. Eine weitere Möglichkeit stellt das Ausloten ver-
schiedener Finanzierungsmodelle dar, um beispielsweise gegenüber der Politik und Banken mit
realistischen Vorschlägen hinsichtlich staatlicher Beteiligungen oder erforderlicher Zinssätze auf-
treten zu können.
In den kommenden Unterkapiteln werden die Benutzeroberfläche, die wichtigsten Softwaremodule
sowie die darin enthaltenen Daten und Formeln detailliert vorgestellt.
4.1 Benutzeroberfläche
Es können zwei verschiedene Projekte miteinander verglichen werden. D.h., alle projektspezifischen
Eingabefelder (nicht jedoch allgemeine Eingaben zum wirtschaftlichen Umfeld oder zu Städterelatio-
nen) sind redundant vorhanden. Zur besseren Unterscheidung wurde von den Eingabemasken bis zur
Auswertung in Diagrammen eine farbliche Unterscheidung vorgenommen. Die Daten zu einem
Projekt erscheinen immer in einem blassen Rot hinterlegt, die farbliche Kennzeichnung des Ver-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 90 -
gleichsprojektes erfolgt in blassblau. Die Eingabetabellen sind hinsichtlich ihrer Daten vorbereitet für
ein Projekt des Rad-/Schiene-Systems und eines für eine Magnetschwebebahn vom Typ Transrapid.
Die verschiedenen Eingabe- und Berechnungsmodule sind thematisch voneinander abgegrenzt.
Innerhalb einer einfachen Betriebssimulation kann ein Linienbetrieb zwischen bis zu 11 Knoten (10
Kanten) eingerichtet werden (Abbildung 23). Es werden in Abhängigkeit der angegeben Beschleuni-
gungswerte einzelne Reisezeiten, Umlaufzeiten, benötigte Fahrzeuge in Abhängigkeit des gewünsch-
ten Taktes, zurückgelegte Fahrzeugkilometer in fünf verschiedenen Geschwindigkeitsklassen und
weitere Daten ermittelt, welche in die anderen Module fließen, wo sie die berechneten Kosten und
Erlöse beeinflussen. In der Betriebskostenberechnung (Abbildung 24) werden für das betrachtete
System alle Positionen der Betriebskosten für ein Bezugsjahr berechnet und für die Folgejahre an-
hand des berechneten Aufkommenswachstums und der angegebenen Eskalationsrate zugewiesen. In
der Berechnung der Erlöse (Abbildung 25) werden die aus der berechneten Reisezeit, der Attraktivi-
tät der jeweiligen Städterelationen (Abbildung 26) (auch im Verhältnis zu anderen Verkehrsmitteln)
errechneten Verkehrsleistungen in allen Betriebsjahren mit dem resultierenden durchschnittlichen
Fahrpreis für jedes Jahr multipliziert, um Erlöse und Provisionen für den Vertrieb zu berechnen. Auf
der Kostenseite werden im Modul Investitionskosten (Abbildung 27) entweder die Investitionskosten
nach einem vorliegenden Mengengerüst eingegeben oder anhand einer Streckenklassifizierung
abgeschätzt. Je nach zu erwartender Länge der Bauzeit werden die Investitionen den Jahren vor
Beginn der Betriebsphase zugeschrieben. Im Modul Finanzierung (Abbildung 28) schließlich fließen
alle Einnahmen und Ausgaben für jedes Jahr der Projektlaufzeit zusammen. Durch Variation von
(kalkulativem) Zinssatz, Zuschüssen und zinslosen Darlehen können die Veränderung der wichtigsten
Kostenkennzahlen beobachtet werden. Die Ergebnisse werden schließlich auch in verschiedenen
Diagrammen dargestellt.
Generell kann eine Eingabe auf verschiedenen Wegen erfolgen: Es werden dabei Eingabefelder,
Formularsteuerelemente (z.B. Schaltflächen, Kombinationsfelder, Kontrollkästchen und Listenfelder)
und schließlich eine makrobasierte Auswahlbox unterstützt.
Alle Felder die für die direkte Eingabe von Parametern (Bezeichnungen, Zahlenwerten, spezifischen
Kosten) vorgesehen sind, erscheinen gelb unterlegt. Grau unterlegte Felder zeigen berechnete Zwi-
schenergebnisse an, welche überschrieben werden können, wenn die softwaremäßige Berechnung
nicht gewünscht wird, sondern, beispielsweise aufgrund einer detaillierten Investitionskostenbe-
rechnung, genauere Daten vorliegen. Erscheinen einzelne Zwischenergebnisse rot unterlegt, besteht
eine Inkonsistenz zwischen eingegebenen Daten, die überprüft werden muss. Dies kann der Fall sein,
wenn die Summe der Förderung die Investitionskosten übersteigt oder wenn die Summe der gesam-
ten Baukosten nicht der in der Bauphase entstehenden Einzelzahlungen entspricht usw.
Die gelb hinterlegten Felder sind teilweise kommentiert (erkennbar an roter Ecke rechts oben). Der
Kommentar beinhaltet die in der Literatur angegebenen Zahlenwerte oder die Spannweiten, in der
die spezifischen Parameter üblicherweise auftreten.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 91 -
Formularsteuerelemente lassen keine direkte Eingabe zu, sondern geben eine feste, teilweise von
anderen Eingaben abhängige, Auswahl vor. So kann beispielsweise angeklickt werden, welche Para-
meter in die Berechnung der Fahrzeit aufgenommen und welche Werte in einem Diagramm ange-
zeigt werden sollen, oder ob zusätzliche, hinsichtlich ihrer Kosten zu spezifizierende, Services
(Gepäckservice, Servieren von Speisen und Getränken) vom Betriebspersonal angeboten werden
sollen.
Für einen einfachen Direktzugriff auf die wichtigsten Parameter, aber auch eine Kontrolle der resul-
tierenden Kennzahlen, eignet sich die Auswahlbox (Abbildung 29). Sie wird per Makro gestartet läuft
parallel zur Excel-Anwendung und kann auch außerhalb von Excel auf dem Windows-Desktop fest
platziert werden. Dies ist besonders dann zu empfehlen, wenn nur einzelne Parameter geändert
werden, ohne dass man durch die einzelnen Module blättert, oder wenn ein bestimmtes Ergebnis
(z.B. Auswertungsdiagram) über einen externen Monitor oder Beamer gezeigt wird und dem Publi-
kum nur die Ergebnisse, nicht aber die dahinter steckenden Parameter präsentiert werden sollen.
Über die Auswahlbox können ebenfalls einzelne anzuzeigende Diagramme ausgewählt werden.
4.2 Einfache Betriebssimulation
Das Modul zur Betriebssimulation hat Eingabefelder für zwei einzeln zu betrachtende oder miteinan-
der zu vergleichende Projekte. Dabei sind bereits – jeweils für den Rad-/Schiene-basierten Fernver-
kehr am Beispiel eines ICE 3/Velaro und für eine Magnetschwebebahn vom Typ Transrapid –
fahrdynamischen Kennwerte für fünf Geschwindigkeitskategorien voreingestellt. Innerhalb dieser
Geschwindigkeitskategorien wird in Näherung mit einer konstanten Beschleunigung / Verzögerung
gerechnet. Die Kategoriebereiche selbst sind frei wählbar, also auch an die gewünschte Betriebsge-
schwindigkeit anpassbar. Zusätzlich sind Daten aus der Grobtrassierung (Streckenkilometer, Größe
der mit reduzierter Betriebsgeschwindigkeit befahrbaren Ballungsräume um jeden Halt, betriebliche
Maximalgeschwindigkeit auf jeder Kante, Fahrzeitzuschläge, betriebliche Verfügbarkeit der Fahrzeu-
ge, Taktzeiten95, tägliche Betriebszeiten, etc.) anzugeben. Als Beharrungsgeschwindigkeit wird
schließlich das Minimum aus höchster fahrzeugseitiger Geschwindigkeitskategorie und auf der Kante
zulässiger Geschwindigkeit angenommen. Bei kurzen Kanten kann es zu sog. Spitzfahrprofilen kom-
men, bei denen keine Beharrungsfahrt stattfindet, sondern aus der Beschleunigung direkt in die
Verzögerung übergegangen wird. Als Output liefert die Simulation alle für die weitere Berechnung
der Betriebskosten und die Abschätzung der Schnelligkeit der Verbindung notwendigen Daten, wie:
Fahrzeiten / Umlaufzeiten (einschließlich notwendiger Fahrzeitzuschläge und Wende- und Reini-
gungszeiten)
Anzahl der in den jeweiligen Geschwindigkeitskategorien gefahrenen Kilometer (insbesondere zur
Abschätzung des Energiebedarfes)
95 Die Taktzeiten können auf Wunsch auch automatisch auf Basis der durchschnittlichen Kantenauslastung
ermittelt werden.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 92 -
Tägliche / jährliche Laufleistung der Fahrzeuge (zur Berechnung der Instandhaltungskosten)
Fahrzeuge im Umlauf in Haupt- und Nebenverkehrszeit (insbesondere zur Personalkostenberech-
nung)
für die Berechnung der Investitionskosten notwendigen Werte, wie Anzahl der Fahrzeuge,
Streckenkilometer usw.
Mit Rückgriff auf das Modul zur Aufkommensberechnung (s. Kapitel 4.5) erfolgt für die gesamte
Beispielstrecke eine Darstellung der auf der jeweilige Kante abgewickelten Direktverkehre (z.B.:
Addition des Direktaufkommens Berlin – Köln auf der Kante Hannover – Bielefeld, wenn der Verkehr
über diese Kante abgewickelt wird). Dabei werden je Kante alle 666 Relationen dahingehend über-
prüft, ob eine (direkt oder indirekt) vor der Kante liegende Stadt mit einer (direkt oder indirekt) nach
der Kante liegende Stadt auf der erstellten Linie miteinander verbunden werden. Als Ergebnis lässt
sich nicht nur die für die Erlösrechnung fundamentale Zahl der gefahrenen Personenkilometer er-
rechnen, sondern es ist auch feststellbar, ob der geplante Betrieb einschließlich aller Reserven dem
zu erwartenden Aufkommen angemessen ist, oder ob eine andere Fahrzeuggröße bzw. Taktzeit
gewählt werden muss. Ideal wäre eine möglichst gleichmäßige Auslastung aller Kanten einer Linie,
was bei einem einfachen Betriebskonzept (ohne Stärken und Schwächen von Zügen in Zwischenab-
schnitten) bedeutet, dass möglichst auf allen Kanten einer Linie ein etwa gleiches Personenaufkom-
men zu erwarten ist.
Die zu untersuchende Verbindung wird im Linienbedienungskonzept dargestellt. Die Verlängerung
einzelner Zugläufe über die Endbahnhöfe hinaus sind möglich, muss aber innerhalb der Berechnun-
gen des Moduls manuell eingegeben werden.
Die Umlaufdauer, welche eine immanente Größe für die Anzahl der benötigten Fahrzeuge ist, wird
einschließlich aller Puffer-, Wende- und ggf. Reinigungszeiten unter der Maßgabe errechnet, dass in
beide Richtungen der untersuchten Linie die gleiche Fahrdauer anfällt. Da im Regelfall eine Abfahrt
des Zuges in festen, leicht einprägsamen Zeitabständen gewünscht ist, lässt sich über ein Kontroll-
kästchen die Standzeit an den Endstationen so verlängern, dass erst zum nächsten vollen Takt der
Hauptverkehrszeit abgefahren wird. Eine Berechnung der Standzeiten in den Nebenverkehrszeiten ist
für die Anzahl der benötigten Fahrzeuge nicht von Bedeutung.
Innerhalb des Moduls können betrieblichen Auswirkungen durch Variation einzelner Werte getestet
werden. Wird beispielsweise die auf einer Kante zulässige Betriebsgeschwindigkeit leicht geändert,
hat dies (im Allgemeinen deutlich überschätzte) Auswirkungen auf die Fahrzeit innerhalb der kom-
pletten Linie. Dies wirkt sich wiederum auf das Aufkommen auf allen Kanten und die Auslastung der
Fahrzeuge aus, wobei die größte Veränderung auf derjenigen Kante stattfindet, auf der die Ge-
schwindigkeit variiert wurde. In Grenzfällen kann die resultierende Umlaufzeit dazu führen, dass sich
die Anzahl der benötigten Fahrzeuge verändert.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 93 -
4.3 Investitionskosten
Die Investitionskosten werden bei Bahnprojekten klassischerweise in Infrastrukturkosten und Auf-
wendungen für Fahrzeuge unterschieden. Beide Teilsysteme unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich
ihrer Lebensdauer, sondern auch in der Variabilität der Einsetzbarkeit. Während das Rollende Mate-
rial – soweit technisch kompatibel – auch auf anderen Strecken eingesetzt werden kann, sind die
getätigten Ausgaben für die Infrastruktur absolut zweckgebunden.
Im Lebenszyklus eines Bahnprojektes stellen die Anfangsinvestitionen den größten Kostenfaktor dar.
Dies gilt insbesondere für Hochgeschwindigkeitsprojekte, welche aufgrund ihrer besonderen Anfor-
derungen an die Trassierung und der damit einhergehenden Notwendigkeit von umfangreichen
Sonderbauwerken (Tunnel und Talbrücken) ausgesprochen hohe Baukosten aufweisen. Breimeier
legt in [22] den Zusammenhang von Trassierung und Baukosten am Beispiel von Längsneigung und
Mindest-Bogenradius dar. Bei Berücksichtigung der mittlerweile gemäß TSI Infrastruktur für HGV-
Neubauprojekte vorgeschriebenen maximalen Längsneigung von 35 ‰ [109] bei einem gleitenden
Durchschnitt von 25 ‰ [85] führt eine Verdopplung der minimalen Bogenradien von 2.500 m auf
5.000 m zu einer Erhöhung der Baukosten um 50 %. Als Beispiel führt Breimeier die Neubaustrecken
Hannover – Würzburg sowie Mannheim – Stuttgart an, bei denen der größte Streckenanteil in Tun-
neln (33 %) und der kleinste Anteil ebenerdig (7 %) geführt ist. Als Konsequenz müssen als größte
Kostentreiber für HGV-Neubaustrecken Tunnel und Brücken genannt werden [22; 85; 110]. Hierbei
handelt es sich um ausgesprochen langlebige Infrastruktur. Die systemtypischen Infrastrukturkom-
ponenten Oberbau, Energieversorgung, Leittechnik machen, abhängig vom jeweiligen Projekt, teil-
weise weniger als 25 % der Investitionen aus. Anteilige Kosten für Planung sowie die „mittelbaren
Kosten“ für Beeinträchtigungen während der Bauphase halten sich in einem für Investitionsgüter
typischen Rahmen von etwa 10 - 15 %. Die Trassierungsparameter, welche durch die technischen
Charakteristika des Systems und durch die gemäß den Planungen angenommene Betriebsge-
schwindigkeit determiniert werden, sind somit neben der Geographie und Geologie des Gelän-
des96, in dem gebaut werden soll, entscheidend für die Höhe der Infrastrukturkosten. Die
Auslegung (Feste Fahrbahn / Anzahl Überleitstellen / etc.), die eine wichtige Rolle für die Betriebs-
qualität haben kann, spielt bei der Betrachtung der Investitionen eine zweitrangige Rolle.
Breimeier stellt in [22] die prozentuale Verteilung der Baukosten für die Neubaustrecken (NBS)
Stuttgart – Mannheim und Hannover – Würzburg vor. In Tabelle 5 wurden diese Prozentangaben mit
den Streckenkosten multipliziert und zu Preisen des Jahres 2008 eskaliert, um ein Gefühl zu vermit-
teln, welche Bedeutung die jeweiligen Positionen innerhalb der gesamten Projektkosten haben.
96 Schach/Jehle/Naumann nennen neben der Topographie als wichtigste Einflussfaktoren die vorhandene
Geologie (vorgefundener Baugrund), die Trassierungsparameter, die vorhandene Bebauungsstruktur (Sied-
lungsdichte) und die Ökologie entlang der zu planenden Trasse [38].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 94 -
Tabelle 5: Kostentreiber der Infrastruktur von Neubaustrecken in Deutschland
Aus den in Tabelle 5 genannten Werten lässt sich schlussfolgern, dass Neubaustrecken in Rad/Schien-
Technik ohne Brücken und Tunnel in Deutschland bereits für etwa 12,5 Mio. € je Doppelkilometer
gebaut werden könnten. Jedoch werden selbst bei Flachlandstrecken Brückenbauten notwendig,
beispielsweise bei der Kreuzung von anderen Verkehrsträgern. Am ehesten wurde dieser unterste
anzunehmende Kostensatz für Neubaustrecken auf der NBS Hannover – Berlin erreicht, soweit man
die Stadteinfahrt Berlin als getrenntes Projekt betrachtet (s. Abbildung 11). Für Mittelgebirgsstrecken
ist mit einem bis zu doppelt so hohen Kostensatz zu rechnen. Durch gesetzgeberische Vorgaben, wie
Bündelungszwang der Trassierung mit anderen Verkehrsträgern97 oder Dämmen und Tunneln aus
Umweltschutzgründen erfolgt regelmäßig eine weitere Zunahme von Infrastrukturkosten. Umpla-
nungen aufgrund neuer politischer Vorgaben und zeitliche Verzögerungen bei der Baurealisierung
stellen darüber hinaus eine Gefahr für die Einhaltung des Kostenplans eines Projektes dar. Deutsch-
land liegt mit den realisierten (nicht: geplanten) Kostensätzen beim internationalen Vergleich im
oberen Bereich (s. Abbildung 11). Höhere Kosten je Streckenkilometern (eskaliert auf Kosten des
97 Der aus der Bündelung mit anderen Trassen resultierende Umwegfaktor von Schnellfahrstrecken erhöht
nicht nur die Infrastrukturkosten, sondern macht wiederum höhere Betriebsgeschwindigkeiten und damit
höheren Energiebedarf und höhere Emissionen erforderlich, um die gleiche Attraktivität hinsichtlich der Fahr-
zeiten zu realisieren. Weitere Effekte des Bündelungszwanges sind bei unterschiedlichen Trassierungsparame-
tern der zu bündelnden Verkehrswege Mehrkosten bei Kunstbauten aufgrund der Kreuzung anderer Verkehrs-
wege unter geringen Winkeln („Schleifender Schnitt“) und Inselbildung zwischen den Verkehrswegen mit
zusätzlichem Flächenverbrauch. Vorgaben hinsichtlich des Umweltschutzes können Projekte zum Schutz der
Umwelt konterkarieren.
Kostenpositionen der NBS Stuttgart – Mannheim und
Hannover – Würzburg und deren jeweiliger Anteil an
den gesamten Projektkosten nach [22]
Stuttgart – Mannheim
(28,2 Mio. € je Dkm in
Preisen von 2008)
Hannover – Würzburg
(21,6 Mio. € je Dkm in
Preisen von 2008)
Grunderwerb
3,3 %
0,93 Mio. €/Dkm
0,71 Mio. €/Dkm
Bahnkörper
12,5 %
3,52 Mio. €/Dkm
2,70 Mio. €/Dkm
Stützmauern
1,2 %
0,33 Mio. €/Dkm
0,26 Mio. €/Dkm
Tunnel
35,5 %
10,1 Mio. €/Dkm
7,67 Mio. €/Dkm
Talbrücken
6,9 %
1,95 Mio. €/Dkm
1,49 Mio. €/Dkm
Kreuzungsbauwerke
3,8 %
1,07 Mio. €/Dkm
0,82 Mio. €/Dkm
Bauliche Anlagen
1,4 %
0,39 Mio. €/Dkm
0,30 Mio. €/Dkm
Umweltschutz
1,5 %
0,42 Mio. €/Dkm
0,32 Mio. €/Dkm
Oberbau
6,6 %
1,86 Mio. €/Dkm
1,43 Mio. €/Dkm
Signalanlagen
5,0 %
1,41 Mio. €/Dkm
1,08 Mio. €/Dkm
Fernmeldeanlagen
2,0 %
0,56 Mio. €/Dkm
0,43 Mio. €/Dkm
Oberleitungsanlagen
5,0 %
1,41 Mio. €/Dkm
1,08 Mio. €/Dkm
Bahnstromversorgung und Unterwerke
3,3 %
0,93 Mio. €/Dkm
0,71 Mio. €/Dkm
Anlagen Dritter
5,2 %
1,47 Mio. €/Dkm
1,12 Mio. €/Dkm
Planung
6,5 %
1,83 Mio. €/Dkm
1,40 Mio. €/Dkm
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 95 -
Jahres 2008) sind weltweit nur bei Projekten entstanden, bei denen eine einfache Trassierung hin-
sichtlich der gegebenen Topologie nicht möglich war und massive Anteile an Tunnel- und Brücken-
bauwerken erforderlich wurden.
Aufgrund höherer Anforderungen des Güterverkehrs an die zu verwendenden Trassierungsparame-
ter, aber auch aufgrund zusätzlich einzuplanender Weichen und Überholstellen für langsamen Regio-
nalverkehr, erhöhen sich die Infrastrukturkosten, wenn eine Neubaustrecke für Mischverkehr
ausgelegt werden soll. Stalder sieht in [111] die Kosten für reine Hochgeschwindigkeitsstrecken 20 %
niedriger als diejenigen für Mischverkehrsbetrieb, Breimeier spricht von einem Einsparpotenzial von
1/3 bei Verzicht auf Mischbetrieb mit Güterverkehr [22]. Höheren Investitionskosten müssen zusätz-
liche Trassenerlöse gegenübergestellt werden. Ewers schreibt in diesem Zusammengang: „Nächtli-
cher Güterverkehr auf der Nord-Süd-Strecke entspricht von den Trasseneinnahmen her etwa einer
halben IC- oder ICE-Linie.“ [81, S. 17]
Bei Erweiterung einer Strecke unter Betrieb sind aufgrund der höheren Aufwendungen für das Pro-
jektmanagement, der kleineren möglichen Losgrößen, dem kleineren Anteil der nutzbaren Arbeits-
zeit innerhalb der einzelnen Schichten, Prüfungsaufwand, der Notwendigkeit, Baugeräte und
Materialien oft zu verlagern und der dem Betreiber entstehenden Betriebserschwerniskosten, Auf-
schläge zwischen 50 % und 200 % auf die regulären Baukosten vorzunehmen. In Hinblick auf diese
Ausbaukosten muss vor Realisierung eines Projektes unbedingt geprüft werden, ob es hinsichtlich
seiner Dimensionierung und Leistungsfähigkeit dem berechneten Bedarf über die gesamte Projekt-
laufzeit entspricht.
Für eine vergleichbare Transrapid-Strecke liegen die Investitionen im Allgemeinen etwa 1/3 über den
Kosten eines HGV-Projekts auf Rad-/Schiene-Basis. Innerhalb der Investitionskosten können, insbe-
sondere bei Projekten in Mittelgebirgen, Einsparungen gegenüber einer Schnellfahrstrecke in
Rad/Schiene-Technik erreicht werden, da der Transrapid aufgrund seiner Steigungsfähigkeit und der
möglichen Querneigung flexibler trassiert werden kann, also aufwändige Brücken- und Tunnelbau-
werke in geringerem Ausmaß notwendig werden. Dies wird von Fengler in [112, S. 368] am Beispiel
der Erzgebirgsquerung gezeigt. Aufgrund des Bündelungszwanges mit bereits bestehenden Infra-
strukturobjekten (Überlandleitungen, Fernstraßen, bestehenden Eisenbahnlinien) konnten die flexib-
len Trassierungsparamter des Transrapid bisher jedoch in noch keiner Planung voll ausgenutzt
werden. Im Falle von Stadteinführungen können beim Transrapid aufgrund der aufgeständerten
Bauweise aufwändige Brückenbauten zur Querung anderer Verkehrsträger teilweise entfallen.
4.3.1 Ermittlung der Investitionskosten
Nach DIN 267 "Hochbauten" lassen Kostenschätzungen eine Abweichung von bis zu 25 oder 30 % zu.
Für Infrastrukturprojekte der DB AG hat sich jedoch herausgestellt, dass diese genannten Abwei-
chungen eher als "untere Grenze anzusehen" [38, S. 258] sind. Als Gründe werden der starke Einfluss
des Baugrundes auf die Kosten, aber auch lange Bauzeiten, relativ umfangreiche Ausgleichsmaßnah-
men und mittelbare Kosten, die erst in späteren Planungsphasen in voller Höhe ersichtlich werden,
genannt. Insbesondere politisch motivierte Planungsänderungen während der Bauzeit führen in
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 96 -
Deutschland immer wieder zu gesteigerten Baukosten. Dennoch liegen aufgrund der Vielzahl in
Europa durchgeführter Neubaumaßnahmen für Hochgeschwindigkeitsprojekte inzwischen Erfah-
rungswerte für Baukosten vor, die als relativ stabile Mittelwerte angesehen werden können. Für eine
erste Näherung reicht eine Anwendung von spezifischen Kostensätzen aus. Es kann sich dabei um die
spezifischen Kosten je Doppelkilometer Neubaustrecke analog zu den in Abbildung 11 genannten
Projekten handeln, oder auch um spezifische Kosten für einzelne Gewerke, wie in Tabelle 5 darge-
stellt.
Eine Ausnahme bilden sicher erstmals zu realisierende Anwendungsprojekte, wie beispielsweise der
Eurotunnel oder eine Anwendungsstrecke der Magnetschwebebahn Transrapid. In diesem Fall ist die
Unsicherheit bei der Kostenschätzung höher, was sich in Form von starken Risikozuschlägen auf die
Gesamtkosten auswirkt. Speziell beim Einsatz einer neuartigen Technologie wie dem Transrapid sind
starke Variationen der Kostenschätzungen je nach Projektgröße (wird Mindestgröße für Serienferti-
gung erreicht?), Lieferant (verspricht sich dieser Folgeaufträge und gibt deshalb einen „politischen
Preis“ an?) und Gesamtprojektleitung (wie hoch sind einkalkulierte Risikozuschläge?) zu erwarten.
Solange für zu planende Projekte keine konkreten Angebote der für den größten Anteil an den Inves-
titionskosten verantwortlichen Bauindustrie vorliegen, können für eine Reihe von Gewerken nur
Abschätzungen getroffen werden, welche aus Planungsdaten ähnlicher Projekte entnommen sind.
Die Diskussionen um die zu erwartenden Projektkosten eines Flughafenshuttles in München als
Anwendungsstrecke für den Transrapid haben gezeigt, dass große Schwankungen in den Kosten-
schätzungen auftreten können, solange keine konkreten Angebote vorliegen und kein Gesamtsys-
temverantwortlicher die Vertreter des zukünftigen Betreibers, der Politik und Industrie zur
Ausarbeitung einer verbindlichen Kostenkalkulation zusammenbringt.
Innerhalb der erstellten Software zur Kostensimulation gibt es zwei Möglichkeiten, Investitionskosten
zu hinterlegen:
Sind die Investitionskosten bereits weitgehend bekannt, können sie (getrennt für Rad/Schiene-
und Magnetbahnprojekte) entweder als Summe oder als Position für die einzelnen Gewerke in ei-
ne Tabelle eingegeben werden. Als Schwierigkeit stellte sich die Wahl einer passenden, möglichst
standardisierten Kostenstruktur heraus. Der Bundesverkehrswegeplan (BVWP) stellt ein anderes
Mengengerüst auf, als die DB AG intern verwendet (s. Tabelle 5). In [38] und [85] werden wieder-
um andere Kostengruppenkataloge beschrieben. Für die Planung der Projektkosten innerhalb des
BVWP erfolgt eine Gliederung in Hauptkostengruppen, die sowohl für den Bau von Rad/Schiene-
Projekten als auch eine Magnetschwebebahn des Typs Transrapid verwendet werden kann. Die
Berechnung der Investitionskosten wurde an diese Struktur angepasst. Dabei werden die ver-
schiedenen technischen Subsysteme der Infrastruktur, die Kosten für den Grunderwerb, ein pro-
zentualer Aufschlag für Planungskosten, die mit dem Bau im Zusammenhang stehenden
mittelbaren Kosten und schließlich die Aufwendungen für Fahrzeuge berücksichtigt. Eine detail-
lierte Aufstellung der Kostenstruktur und eine genaue Beschreibung der einzelnen Gewerke für
Eisen- und Magnetbahn erfolgt in [87].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 97 -
Sollten die zu erwartenden Investitionskosten nicht bekannt sein, lassen sich diese softwareseitig
unterstützt ermitteln. Dabei werden (wiederum getrennt nach Rad/Schiene-System und Magnet-
bahn) Streckenlänge und Anzahl der benötigten Fahrzeuge aus der Betriebssimulation übernom-
men. Für die Abschätzung der Projektkosten muss nun, basierend auf einer Grobtrassierung,
angegeben werden, wie viele Kilometer Brücken und Tunnel erforderlich werden und welcher An-
teil der Strecke im Flachland, Mittelgebirge und in Tunneln liegt.98 Zusätzlich können bereits vor-
gegebene Aufschläge für Planungskosten, Risikozuschlag und Mittelbare Kosten angepasst
werden. Aus den angegebenen Daten wird über hinterlegte Kostensätze die Höhe der einzelnen
Hauptkostengruppen für das Projekt errechnet und in die Tabelle eingetragen. Dabei findet für
jedes Gewerk eine genaue Differenzierung nach Streckenkategorien statt, welche die Anwendung
eines jeweils anderen Kostensatzes auslöst. So kann beispielsweise beobachtet werden, dass die
Ausgaben für Lärmschutz (Hauptkostengruppe 11) zurückgehen, wenn der Tunnelanteil (Haupt-
kostengruppe 13) erhöht wird.
Für eine genaue Planung anfallender Infrastrukturkosten werden in Schach/Jehle/Nauman Kosten-
kennzahlen für Grobelemente vorgestellt. Diese erlauben eine differenziertere Kostenermittlung, bei
der auch die Schwankungsbreiten der Kostenfunktionen einzelner Gewerke in Form typischer Vertei-
lungsfunktionen für stochastische Ansätze berücksichtigt werden. Innerhalb des hier vorgestellten
Softwaretools erfolgt keine differenziertere Aufschlüsselung der Kosten über Gewerkebene hinaus.
Es wurde gezeigt, dass, teilweise aufgrund politischer Vorgaben und verzögerten Projektabläufen, bei
den Großprojekten der letzten Jahre die tatsächlich anfallenden Kosten teilweise deutlich über den
sehr detailliert errechneten Prognosen lagen. Der Gefahr derartiger Verteuerungen für ein Bahnpro-
jekt kann in frühen Planungsphasen eher mit Risikoaufschlägen begegnet werden, als mit einer sehr
detaillierten Kostenrechnung.
Die hinterlegten Daten sind Planungsstudien und in der Literatur verfügbaren Kostensätzen ent-
nommen. Als wichtigste Quellen können [113; 114, S. 51; 115; 116] oder [38] genannt werden. Die
Ergebnisse wurden zur Überprüfung ihrer Plausibilität mit verschiedenen Studien, wie [85] und [86]
sowie Pressemeldungen zu Kosten aktuell geplanter Projekte abgeglichen, wobei eine Genauigkeit
von etwa ± 20 % erreicht wurde.
Die Fälligkeit der Investitionskosten wird in Abhängigkeit der angegebenen Bauzeit automatisch auf
verschiedene Bauphasen verteilt. So werden die Planungskosten am Anfang der Bauzeit berücksich-
tigt, die Zahlungen für Fahrzeuge jedoch erst in den Jahren unmittelbar vor Beginn der Betriebszeit.
4.3.2 Reinvestitionen
Fahrzeuge und Infrastruktur, aber auch die Subsysteme der Infrastruktur selbst, unterscheiden sich
hinsichtlich ihrer Lebensdauer. Insbesondere für Projekte mit einer langen Betriebslaufzeit ist diese
Tatsache im Hinblick auf die notwendig werdenden Reinvestitionen von besonderer Relevanz. Die
98 Flussbrücken sind als Mittelgebirgsbrücken einzutragen, da ihre Kosten in €/m² annähernd denen von hohen
Talbrücken entsprechen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 98 -
gängige Lebensdauer für einige, bei Anwendung von Rad/Schiene- und Magnetschwebetechnik
ähnlicher, Gewerke sind in Tabelle 6 dargestellt. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass im Gegensatz zu
anderen Investitionsgütern aufgrund der Langlebigkeit von Eisenbahninfrastruktur nur Erfahrungs-
werte älterer Projekte angegeben werden können, deren Gültigkeit für die Zukunft zum jetzigen
Zeitpunkt nicht als sicher gelten kann. Einerseits haben einige 100 Jahre alte Brücken und Tunnel
noch immer nicht das Ende ihrer Lebenszeit erreicht, andererseits haben sich inzwischen Bauweisen
verändert und die Lebensdauer alter Systeme scheint nicht ohne weiteres auf neue übertragbar zu
sein (z.B. bei Stellwerkstechnik).
Tabelle 6: Technische Nutzungsdauer der Infrastruktur und Fahrzeuge (Quellen: [38; 86; 113; 117])
Für die Berechnungen wird davon ausgegangen, dass Erneuerungen von Infrastruktur und Fahrzeu-
gen pünktlich beauftragt werden, so dass sie nach Ende der Lebenszeiten der einzelnen Gewerke
nahtlos in Betrieb genommen werden können. Auf diesen Moment fällt der Zahlungszeitpunkt in der
Excel-Kalkulation. Grundstücks- und Planungskosten sowie Mittelbare Kosten fallen nicht erneut an.
An dieser Stelle soll nochmals auf die Problematik der Abgrenzung zu Instandhaltungsaufwendungen
hingewiesen werden. Die Lebensdauern der einzelnen Subsysteme liegen nahezu immer über den
Abschreibungsdauern und können oft sehr weit verlängert werden, wenn eine gute Instandhaltung
stattfindet. Schuchmann geht sogar so weit, bei der Betrachtung von Projektkosten die periodische
Erneuerung in Frage zu stellen und stattdessen Erneuerungen komplett auf die jährlichen Instandhal-
tungsraten umzulegen: „Die verwendeten durchschnittlichen Erneuerungsausgaben reflektieren die
tatsächlichen Reinvestitionen in das Bestandsnetz und würden bei eingeschwungenem Regenerati-
onszyklus der Infrastruktur exakt dem Werteverzehr, also den Abschreibungen entsprechen.“ [118]
In der hier vorliegenden Kostenkalkulation wird jedem Gewerk seine erwartete Lebensdauer zuge-
wiesen. Nach Ende dieser Lebensdauer (sollte diese innerhalb der Betriebszeit erreicht werden) wird
99 Gewichtete Lebensdauer nach Subsystemen:
60 Jahre für bauliche Anlagen (20 %)
25 Jahre für Außenanlagen (Weichenantriebe, Signale) (40 %)
15 Jahre für Innenanlagen und ESTW (40 %)
100 Die aktuelle Lebensdauer von Bahnfahrzeugen der DB AG beträgt 30 Jahre, das Durchschnittsalter 15 Jahre,
die jährliche Erneuerung findet im Umfang von 3 % des Gesamtbestandes statt.
Anlagenart
Nutzungsdauer [Jahre]
Tunnel
75 - 100
Brücken
75 - 100
Spurwechseleinrichtungen
25 - 35
Bauliche Anlagen
50 - 60
Schallschutz
25 - 40
Umspannwerke/Unterwerke (Energieversorgung)
30 - 60
Betriebsleittechnik
28 99
Fahrzeuge
25 – 35 100
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 99 -
die Erneuerung des Gewerkes, eskaliert auf das dann bestehende Preisniveau, in den Projektkosten
berücksichtigt. Soll der Ansatz von Schuchmann verfolgt werden und die Erneuerungskosten voll-
ständig auf die Instandhaltung umgeschrieben werden, ist als Lebensdauer ein sehr hoher Wert
einzutragen und die Kostensätze für Instandhaltung entsprechend zu erhöhen.
Investitionen zur Erweiterung der Infrastruktur werden an dieser Stelle nicht berücksichtigt und
können als eigenes Projekt betrachtet und berechnet werden.
4.4 Betriebskosten
Die Betriebskosten werden in der Software zur Finanzsimulation unterschieden nach:
Instandhaltungskosten (für Fahrzeuge und Infrastruktur; Instandhaltungspersonal und -material)
Energiekosten (für Traktion und Nebenbedarf, einschließlich Steuern)
Personalkosten (Betriebspersonal und Personalnebenkosten)
Sonstige Kosten (Versicherung, Marketing, Overhead, Vertrieb)
Schach/Jehle/Naumann sehen in [38, S. 253] zusätzlich noch die Position der Gebühren. Da diese
jedoch in der Betriebsphase, also nach Zulassung von Fahrzeugen und Infrastruktur im Verhältnis zu
allen anderen Aufwendungen ausgesprochen gering sind, werden sie in keiner anderen Veröffentli-
chung genannt und sollen auch hier nicht weiter berücksichtigt werden.
Die Eingabe- und Berechnungsmasken sind wiederum getrennt für Rad/Schiene-System und Magnet-
schwebebahn angelegt, da sich hier ganz besonders die Systemunterschiede hinsichtlich des Perso-
nal- und Energiebedarfs, aber auch der Instandhaltungskosten auswirken. Für beide Systeme gibt es
die Option Zusätzlicher Service, welche aktiviert und mit notwendigem Personal und sonstigen ent-
stehenden Kosten quantifiziert werden kann, um deren Auswirkungen innerhalb der Gesamtsystem-
kosten zu betrachten. Denkbar wäre beispielsweise ein individueller Service am Platz mit Speisen und
Getränken, wie dies in der Club-Klasse des AVE in Spanien stattfindet oder ein Gepäcktransport, wie
er beim Transrapid München geplant war.
Da Transrapid-Fahrzeuge modular aufgebaut und daher einfacher erweiterbar sind als ein
ICE 3/Velaro, wurde für die Magnetbahnvariante die Option vorgesehen, die Fahrzeuge nach einer
bestimmten Anzahl von Betriebsjahren zu verlängern. Innerhalb der Betriebskosten wirkt sich dies
dann auf den Energiebedarf und die Instandhaltungsaufwendungen aus.
Innerhalb des Moduls Betriebskosten können für ein beliebiges Jahr innerhalb der Betriebszeit die
genaue Verteilung der Betriebskosten angezeigt und auf diese Weise Kostentreiber erkannt werden.
Zusätzlich werden für das angegebene Betriebsjahr und die bis zu diesem Jahr insgesamt vergangene
Zeit die Betriebskosten als bezogene Kosten für Fahrzeug-, Sitzplatz- und Passagierkilometer ange-
zeigt. Diese Möglichkeit eignet sich vor allem dazu, auf einfache Weise und ohne Rechenaufwand zu
erkennen, ob die durchschnittlichen Fahrgelderlöse pro Personenkilometer (z.B. 0,10 €) ausreichen,
um die Betriebskosten zu decken bzw. welche Auslastung dazu notwendig wird. Eine wesentlich
detailierte Form dieser Berechnungen findet dann innerhalb des Moduls „Finanzierung“ statt.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 100 -
4.4.1 Instandhaltung
Die Instandhaltung hat nach DIN 31051 (Industrielle Instandhaltung) die Aufgabe, die Verfügbarkeit
der Maschinen und Anlagen unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit sicherzustellen. Unter
Kostenaspekten betrachtet, beinhaltet die Instandhaltung Tätigkeiten, die den Soll-Zustand des
instand zu haltenden Systems bewahren, seine Verfügbarkeit erhöhen und seine Lebensdauer ver-
längern. Diese Tätigkeiten werden vom Instandhaltungspersonal ausgeführt, wodurch Personalkos-
ten entstehen. Alle dem Verschleiß ausgesetzten Komponenten haben einen definierten
Abnutzungsvorrat bzw. ein Verschleißpotenzial. Ist dieses erschöpft, müssen die Komponenten
ausgetauscht werden, wodurch Materialkosten entstehen. Das Verhältnis von Material- zu Personal-
kosten ist bei Bahnprojekten üblicherweise mit 60/40101 angegeben, wobei je nach Instandhaltungs-
konzept Schwankungen auftreten können. Besonders, wenn lange tägliche Betriebszeiten
vorgegeben werden (also Instandhaltung der Infrastruktur während der Betriebszeit notwendig102
wird bzw. eine höhere Fahrzeugreserve gewählt werden muss) oder eine ausgesprochen hohe Sys-
temverfügbarkeit gewünscht ist, wirkt sich dies auf die Instandhaltungskosten aus. Als Beispiel gibt
Stalder Instandhaltungsaufwendungen in Ostasien von 163.300 € je Gleiskilometer an [111]. Dort
liegt der Fokus auf einer ausgesprochen hohen Systemverfügbarkeit, da Ausfälle einzelner Bahnstre-
cken ein Verkehrskollaps verursachen können. Dem stehen 19.900 € Aufwendungen je Gleiskilome-
ter in den USA gegenüber, wo zwar schwerer Güterverkehr stattfindet, die Systemverfügbarkeit
jedoch nicht erste Priorität besitzt. Europa liegt mit etwa 57.000 € wiederum im Mittelfeld (s.a.
Einleitung zu Kapitel 2.6). Diese Werte schließen die Instandhaltung/Erneuerung der Energieversor-
gung sowie der Leit- und Sicherungstechnik mit ein.
Der tatsächliche Aufwand für die Instandhaltung der Infrastruktur ist weiterhin von den Achslasten,
Kurvenradien und der Liegedauer der Gleise abhängig. Generell steigen Kosten degressiv mit der auf
der Strecke erbrachten Betriebsleistung. Stalder spricht von 2 Mio. € für 2 Mio. Reisende, aber
18 Mio. € für 50 Mio. Reisende pro Jahr [111]. Hier wird deutlich, dass eine hohe Streckenauslas-
tung zwar höhere Kosten verursacht, aber aufgrund des dominierenden Fixkostenanteils bei Bahn-
systemen der Schlüssel für niedrige spezifische Kosten und somit den wirtschaftlichen Erfolg eines
Bahnprojektes ist.
Die verwendeten Kostensätze bei der Berechnung der Instandhaltung wurden mit Kommentaren
hinterlegt, welche die Bandbreite der üblichen Kostensätze je Gewerk und die Datenquellen ange-
ben. Zur einfachen Überprüfung der Plausibilität kann der abgeschätzte Personalanteil der Gesamt-
kosten (z.B. 60 %) durch ein Jahresverdienst (z.B. 50.000 € einschließlich Lohnnebenkosten) geteilt
werden, um zu sehen, wie viele Mannjahre tatsächlich finanziert werden sollen. Erscheint dieser
101 Schwarzer gibt für Fahrzeuginstandhaltung: 1/3 Materialkosten und 2/3 Lohnkosten an [172, S. 128]. Stalder
sieht in [111] für Infrastrukturinstandhaltung einen Materialanteil von 40 % der Instandhaltungskosten. Bei
Infrastrukturerneuerung erhöhe sich dieser Wert auf 70 %.
102 Die Mehrkosten, die entstehen, wenn Erneuerungs-/Instandhaltungsarbeiten unter laufendem Betrieb
erfolgen müssen, sind zwar geringer als diejenigen einer Streckenerweiterung unter laufendem Betrieb (s.
Kapitel 4.3.2), können aber lt. [111] bis zu 50 % der originären Instandhaltungskosten ausmachen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 101 -
Wert unrealistisch hoch oder niedrig, müssen die verwendeten Kostensätze überprüft oder ggf.
genaue Schichtpläne mit Arbeitspaketen erstellt werden.
Speziell für die Instandhaltung der Betriebsleittechnik wurde mit 1,5 % der Investitionskosten ein
Kostensatz am unteren Ende der (mit 0,5 % bis 5 % stark differierenden) Angaben gewählt. Die in der
Literatur angegebenen Kostensätze der Instandhaltungskosten für dieses Gewerk liegen auf einem
ähnlichen Niveau wie diejenigen des Oberbaus, was aufgrund des tatsächlich auftretenden Ver-
schleißes unwahrscheinlich wirkt. Wahrscheinlich haben sich die in den letzten Jahren und Jahrzehn-
ten durchgeführten Erneuerungen der Stellwerksanlagen auf die Kostensätze ausgewirkt. Für ein
neues Bahnprojekt sind nach der Einschwungphase jedoch zunächst keine hohen Ausgaben für die
Instandhaltung der Betriebsleittechnik zu erwarten.
4.4.2 Energie
Im Rahmen der Berechnung der Energiekosten muss zunächst der Traktionsenergiebedarf abge-
schätzt werden. In der Betriebssimulation wurden dazu fünf Geschwindigkeitskategorien gebildet
und ermittelt, welchen Anteil der Fahrzeit ein Fahrzeug während eines Umlaufes den jeweiligen
Geschwindigkeitskategorien zuzuordnen ist. Die Summe der Fahrzeit je Geschwindigkeitskategorie
wird mit dem bei Konstantfahrt in dieser Geschwindigkeit anfallenden Leistungsbedarf multipliziert.
Die höhere Leistungsaufnahme während der Beschleunigungsphase (in der Regel mit der maximal
installierten Leistung) wird mit der fehlenden Leistungsaufnahme beim Bremsen verrechnet. Weiter-
hin wird davon ausgegangen, dass sich Steigungswiderstände im Verlauf eines kompletten Fahrspie-
les (Hin- und Rückfahrt) ausgleichen.
Für den Energiebedarf des ICE 3 sind in [38, S. 192] geschwindigkeitsabhängige Kennziffern angege-
ben. Diese Werte wurden übernommen und für die Geschwindigkeitsbereiche dazwischen polyno-
misch interpoliert. Die jeweiligen in die Berechnung einfließenden Werte sind auf einer Kennlinie
dargestellt.
Für die Magnetbahn fließt mit der Anzahl der Sektionen eines Zuges eine weitere Komponente ein,
die es ermöglicht, Auswirkungen auf den Energiebedarf bei einer im späteren Projektverlauf vorzu-
nehmenden Anpassung der Fahrzeuge an höheres Aufkommen zu beobachten. In Abhängigkeit der
Fahrzeuglänge wurden typische Leistungsaufnahmen nach [119, S. 52] für die angegebenen Ge-
schwindigkeitsbereiche ermittelt.
Die Möglichkeit der Energierückspeisung wird für beide Systeme zunächst vernachlässigt. Die Deut-
sche Bahn gibt den Effekt insgesamt mit 8 % an [120, S. 3]. Der ermittelte Energiebedarf (zzgl. Anteil
für Nebenverbraucher) wurde mit konkreten Angaben der DB AG103, SNCF104 und der SBB für einzelne
103 In [15, S. 36] wird ein beispielhafter Energiebedarf von 25,2 kWh/km für einen (längeren und langsameren)
ICE 1 zwischen Hamburg und Frankfurt genannt. Mnich/Stephan/Fritz errechnen in [121] für das Fahrspiel eines
ICE 3 zwischen Hamburg und Berlin je nach Geschwindigkeit einen (absoluten Sekundär-)Energiebedarf zwi-
schen 12,5 kWh/km (200 km/h, keine Zwischenhalte) und 24,9 kWh/km (330 km/h, keine Zwischenhalte).
104 Traktionsenergiebedarf zwischen Paris und Marseille: 0,4 TWh/a.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 102 -
Strecken sowie Simulationen des Instituts für Bahntechnik (IFB) [121] verglichen. Die maximale Ab-
weichung betrug 25 %.
Nach Addition des Nebenenergiebedarfes von etwa 20 %105 erfolgt die Kostenrechnung. Der Preis für
Bahnstrom setzt sich aus einem Anteil zur Leistungsbereitstellung, dem Preis für die bezogene Ener-
gie und einem Steueranteil zusammen. Wird, beispielsweise von NE-Bahnen, eigener Strom (von
einem Fremdanbieter erzeugt) aus dem Bahnnetz bezogen, muss anstelle des Bereitstellungspreises
ein Durchleitungspreis an DB Netz bezahlt werden. Dieser beinhaltet die Instandhaltung von Oberlei-
tungen und Anlagen der Energieversorgung. In der Simulation wurde der Bereitstellungspreis auf
Basis der maximal zu beziehenden Leistung (maximal im Umlauf befindliche Fahrzeuge multipliziert
mit voller Antriebsleistung, beim Transrapid: durchschnittliche Leistungsaufnahme bei Konstantfahrt
mit 400 km/h) angesetzt. Hinsichtlich der Besteuerung gelten in Europa sehr unterschiedliche Rege-
lungen. In Deutschland wird Bahnstrom für den Fernverkehr mit der vollen Stromsteuer und dem
vollen Satz nach dem Gesetz zum Vorrang erneuerbarer Energie („Ökosteuer“) belastet. Soll ein
grober Richtwert für den Preis von Bahnstrom angegeben werden, so liegt dieser bei etwa
0,085 €/kWh.
4.4.3 Betriebspersonal
Die größten Unterschiede zwischen Simulation und den Angaben aus der Bilanz von DB Fernverkehr
sind bei den Kosten für Betriebspersonal je Zugkilometer zu finden. Trotz der Tatsache, dass die
DB AG Personale, die nicht unmittelbar mit dem Betrieb in Zusammenhang zu bringen sind (Sicher-
heit, Kundenkommunikation, etc.), in eigene Servicegesellschaften ausgegliedert hat, beträgt der
Personalaufwand je zurückgelegtem Zugkilometer 400 %106 des simulierten Ergebnisses.
Die Betriebssimulation kalkuliert einen einfachen Linienbetrieb bei hohen Geschwindigkeiten, bei
dem das Personal gleichmäßig ausgelastet ist und je Personalstunde mehr Zugkilometer gefahren
werden können, als dies bei DB Fernverkehr der Fall ist. Die in der Betriebskostensimulation verwen-
deten Daten entsprechen den Studien für betreiberunabhängige Bahnprojekte (z.B. [85]), bei denen
mit einer schlanken Organisationsstruktur und einem geringen Overhead kalkuliert wurde. Dass diese
Rechnungen nicht gänzlich abwegig sein können, wird durch die Planungen der Österreichischen RAIL
Holding AG bestätigt, die ab Dezember 2011 auf der Westbahn einen schnellen Fernverkehrsbetrieb
mit vergleichbar geringem Personalaufwand (nur 30 Mitarbeiter im Backoffice-Bereich) durchführen
möchte [122, S. 768]. Für neue Bahnprojekte können und müssen die Personalressourcen effizienter
eingeplant werden.
105 DB Energie gibt bei einem Gesamtenergiebedarf von 11 TWh jährlich einen Nebenenergiebedarf von 2 TWh
an, die sich aus Unterwerkseigenbedarf, Energiebedarf in den Stationen, Abstell-, Wasch- und Instandhaltungs-
anlagen, Energie für Schaltstellen, Weichen und Leittechnik zusammensetzen. In [154, S. 69] wird ein allgemei-
ner Wert von 19 % genannt, der aber bei reiner Betrachtung des ICE-Verkehrs deutlich geringer ausfällt.
106 Für neue zu planende Projekte sollen je volle Stelle und Jahr bis zu 40.000 Fahrzeugkilometer abgewickelt
werden. Bei der DB Fernverkehr AG liegt dieser Wert bei etwa 10.000 Zugkilometern je Betriebspersonal.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 103 -
In der Simulation werden für jede Personalgruppe unter Berücksichtigung der Betriebszeiten, der
Schichtlängen, der Anzahl der benötigten Personale je Schicht (z.B. 3 Zugbegleiter je sich im Umlauf
befindlichen Zug) und der gängigen Zuschläge für Urlaub, Feiertage und Krankheit die notwendige
Anzahl der Vollzeitstellen ermittelt. Dabei werden die Zuschläge leicht nach der jeweiligen Berufs-
gruppe differenziert. Ein Ausfall von Disponenten in der Betriebsleitzentrale oder von Lokführern
muss mit höherer Redundanz verhindert werden als der eventuelle Ausfall von Reinigungspersonal.
Die ermittelte Anzahl der Stellen wird anschließend mit den für Deutschland geltenden durchschnitt-
lichen Jahresgehältern (einschließlich Arbeitgeberanteil der Sozialversicherungen) multipliziert.
Schließlich wird gem. [123] über einen „Verwaltungsfaktor“ das notwendige Verwaltungspersonal
ermittelt. Die Personalgemeinkosten werden branchenüblich mit 15 % angesetzt.
In der Software ist nicht die Flexibilität des Personals hinsichtlich der Arbeitszeit abgebildet. Diese ist
je nach Unternehmensgröße und (Haus-)tarifvertrag durchaus unterschiedlich und muss durch kon-
krete Schichtpläne dargestellt werden. Das bedeutet beispielsweise, dass eine Verlängerung der
Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 40 Stunden gem. Simulationstool eine Verringerung des Personalbe-
darfs (die aufgrund der angewandten Rundungsregeln nicht immer exakt der Zunahme der Arbeits-
zeit entspricht) bewirkt. Ob aber bei einer längeren wöchentlichen Arbeitszeit der Arbeitnehmer die
zusätzliche Arbeitszeit für den Arbeitgeber direkt nutzbar ist, müssen konkrete Schichtpläne ergeben.
4.4.4 Sonstige Betriebskosten
Die Sonstigen Betriebskosten beinhalten neben den Kosten für Vertrieb, Operating und Marketing
auch Versicherungsbeiträge und ggf. Aufwendungen für zusätzlichen Service (Speisen, Getränke,
Zeitungen usw.).
Die Vertriebskosten werden ihrerseits aufgegliedert nach Provisionen für Verkaufsagenturen und
Reisebüros, welche direkt vom Umsatz abhängig sind und Aufwendungen für Fahrscheinautomaten
und Vertrieb per Internet, welche sich proportional zu den über diese Kanäle verkauften Fahrkarten
verhalten. Jänsch gibt in [88, S. 593] an, dass Eisenbahnverkehrsunternehmen einen Anteil von 7-
10 % der Gesamtkosten als Vertriebskosten kalkulieren, für die DB AG werden jedoch 16 % (Stand
1997) angegeben. Für Reisezentren wird mit entstehenden Kosten von bis zu 30 % des Fahrpreises
gerechnet – ein Grund, warum immer stärker auf den Verkauf an Automaten und über das Internet
gesetzt wird.107 Die Verkaufsprovision von 10 % für Reisebüros wurde inzwischen gestrichen; diese
müssen ihre entstehenden Kosten über Gebühren auf die Kunden abwälzen. Agenturen erhalten für
den Verkauf von Bahnfahrkarten nur noch eine Grundprovision von 6 %, welche die entstehenden
Kosten nicht deckt [124, S. 56].
NE-Bahnen können das Reisezentrum der DB AG als Verkaufskanal nicht nutzen. Sie sind darauf
angewiesen, ihren Fahrkartenverkauf auch für Kunden, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Kenntnis-
107 Die Verkaufskanäle der DB AG waren 1997: Eigene Vertriebsstellen (80 %), Reisebüros (16 %), Verkauf im
Zug (4 %). Für das Jahr 2006 wird für die SNCF ein Online-Anteil beim Verkauf von 15 % des Gesamtumsatzes
[164, S. 50] angegeben, einige Fluggesellschaften haben jetzt schon einen Online-Anteil von über 90 % [175, S.
83].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 104 -
se nicht internet- oder automatenbasiert abwickeln, effizient zu lösen. Dies geschieht in der Regel
durch den Verkauf über das Zugpersonal, was nur bei einem unkomplizierten Tarifsystem schnell und
einfach gelingen kann. Dafür ist eine höhere Anzahl von Kundenbetreuern im Zug zu wählen (etwa
ein Betreuer je Wagen) [122, S. 768], was – bei flexibler Einsetzbarkeit des Personals - auch dem
Servicegrad zu Gute kommt und kostenmäßig unterhalb der Anmietung von Reiszentren oder Ver-
kaufsschaltern an allen Unterwegsbahnhöfen zu veranschlagen ist.
Im Rahmen der Kostenkalkulation kann angegeben werden, welchen Anteil die über den jeweiligen
Vertriebsweg verkauften Fahrkarten haben und welche Provision dafür jeweils einkalkuliert werden
muss.
Die Kosten für das Operating (definiert als „Konzernumlage des Betreibers für allg. Leistungen“ [125,
S. 31]) werden üblicherweise ebenfalls mit einem Satz der Nettofahrgeldeinnahmen veranschlagt. In
der Literatur sind Werte von 2 - 3 % angegeben [37; 123]. Damit ist automatisch sowohl ein Eskalati-
onseffekt berücksichtigt (da Fahrpreise ebenfalls ansteigen), als auch der Notwendigkeit entspro-
chen, dass bei zunehmendem Verkehrsaufkommen höhere Aufwendungen für Operating zu
erwarten sind.
Bei Projektplanungen werden Versicherungskosten oft mit einem Prozentsatz des aktivierbaren
Anlagevermögens108 berücksichtigt. Die Versicherungskosten sind mit Annahmen von 0,16 % des zu
aktivierenden Anlagevermögens teilweise halb so hoch, wie die Kosten für das gesamte Betriebsper-
sonal. Dieser Umstand ist zu prüfen. Da die ehemaligen Staatsbahnen für ihr Betriebsvermögen
praktisch keine Versicherungen abgeschlossen hatten [126, S. 48], besteht bis jetzt noch kein funkti-
onierender Versicherungsmarkt für das Betriebsvermögen im Bahnsektor. Für einen Bahnbetreiber,
der in der Regel nicht Eigentümer der Infrastruktur ist, treten vielmehr Kosten für eine Haftpflicht-
versicherung auf, die auf einem deutlich niedrigeren Betrag liegen dürften.
Die Kosten für Marketing sind mit einem fixen Betrag veranschlagt, der aus vergleichbaren Projekten
abgeleitet wurde. Er beträgt zu Betriebsbeginn eines neuen Projektes üblicherweise mehr als nach
der Einschwungphase.
4.5 Ermittlung des zu erwartenden Aufkommens
Ein Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Untersuchung der Verkehrsmärkte und des Entscheidungs-
verhaltens von Reisenden hinsichtlich des zu wählenden Verkehrsträgers. Der Grund dafür ist, dass
das zu gewinnende Aufkommen für Fernbahnen die entscheidende Größe für den zu realisierenden
Wirtschaftlichkeitsgrad darstellt. Anders als im Regionalverkehr werden im Fernverkehr in der Regel
108 Die Wortwahl „Aktivierbares Anlagevermögen“ beschreibt die Bezugsgröße genauer, als der häufiger ver-
wendete Begriff „Aktiviertes Anlagevermögen“. Das aktivierte Anlagevermögen geht nämlich mit der jährlichen
Abschreibung des Anlagevermögens zurück, was zur Folge hätte, dass auch Versicherungskosten fallen würden.
Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass neue Infrastruktur nur soweit aktiviert, also in das bilanzierte
Anlagevermögen der DB AG aufgenommen wird, wie diese durch Eigenmittel finanziert wird. Das hat zur Folge,
dass nur ein Bruchteil des tatsächlich vorhandenen Anlagevermögens tatsächlich bilanziert ist und abgeschrie-
ben wird.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 105 -
keine Bestellerentgelte bezahlt, was bedeutet, dass sämtlichen Betriebskosten lediglich die Einnah-
men durch Fahrkartenverkäufe gegenübergestellt werden können. Im Idealfall sollen durch diese
Erlöse auch Fahrzeuge und große Teile der Infrastruktur finanziert werden. Es wird deutlich: Ein
starkes Abweichen der realisierten Fahrgastzahlen gegenüber den Schätzungen hat deutlich größere
Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit eines Bahnprojektes als das Abweichen einer oder mehrerer
Positionen der Betriebs- oder Investitionskosten. Das Aufkommen stellt gemeinsam mit dem reali-
sierbaren Fahrpreis den größten Hebel hinsichtlich des Kostendeckungsgrades dar.
In Kapitel 2 wurde eine Reihe von Modellen und Theorien vorgestellt, mit denen die Entscheidung
von Reisenden hinsichtlich der Wahl des Verkehrsträgers aber auch hinsichtlich der Tatsache, ob eine
Reise überhaupt durchgeführt werden soll, zu erklären versucht wird. Dennoch gelingt es nicht, in
den zitierten Publikationen konkrete, direkt einsetzbare Formeln zur Berechnung des Aufkommens
(eines oder aller Verkehrsträger) zwischen zwei Schwerpunkten zu finden. Im Umkehrschluss er-
scheinen aber auch einige in den letzten Jahren erschienene Verkehrsprognosen nicht nachvollzieh-
bar, da sie sich retrospektiv als starke Fehleinschätzungen der Verkehrsentwicklung herausgestellt
haben. Im Rahmen der Untersuchung der Wirtschaftlichkeit von Hochgeschwindigkeitsprojekten
musste also auch eine Möglichkeit gefunden werden, das durch eine neue Hochgeschwindigkeitslinie
generierbare Aufkommen zu ermitteln.
Die Verkehrsplanung bezieht sich auf Aufkommensmodelle, bei denen zwischen zu definierenden
Zellen eine verkehrliche Attraktivität stattfindet. Sogenannte Gravitationsmodelle leiten das Ver-
kehrsaufkommen analog zu den physikalischen Gesetzmäßigkeiten der Gravitation aus einer Anzie-
hung, die zwei Verkehrszellen aufeinander ausüben, und einem zwischen ihnen liegenden
Widerstand her. Die Anziehung leitet sich im einfachsten Fall aus der Anzahl der Einwohner der
Zellen ab, der Widerstand wird durch den Abstand zwischen den Verkehrszellen bestimmt. Das
Reisegesetz nach Lill aus dem Jahr 1892 ist der Urtyp der Gravitationsmodelle und wird in Formel 1
gezeigt. Dabei steht R für die zu berechnende Anzahl der Reisenden zwischen zwei Orten, k ist eine
feste Konstante, E und F stehen für die Einwohnerzahlen der zwei betrachteten Orte und L für die
Entfernung zwischen den Orten in Eisenbahnkilometern.
Formel 1: Reisegesetz nach Lill
Zur Zeit Lills gab es im Fernverkehr praktisch keine konkurrierenden Verkehrsträger. Reisezeiten und
Fahrpreise verhielten sich etwa proportional zur Entfernung und die verkehrliche Attraktivität einer
Stadt konnte vereinfachend in ein Verhältnis mit deren Einwohnerzahl gesetzt werden. Heute stellt
sich die Situation auf den Verkehrsmärkten deutlich differenzierter dar; es müssen Modelle entwi-
ckelt werden, die weitere Faktoren berücksichtigt, welche einen Einfluss auf Verkehrsaufkommen
und dessen Verteilung zwischen den Verkehrsträgern haben.
Man spricht von Modellen der Verkehrsverteilung, welche die Frage behandeln, wie sich der Ver-
kehr einer Zelle auf die möglichen Zielzellen verteilt. In [127] wird in diesem Zusammenhang von
Produktion (Anzahl der Wege, die in Zone i erzeugt werden) und Attraktion (Anzahl der Wege, die
von Zone j angezogen werden) gesprochen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 106 -
Modelle der Verkehrsaufteilung sollen wiederum klären, welche Verkehrsmittel für das Aufkommen
zwischen zwei Zellen genutzt werden (Modal Split). Hier spielt wiederum das o.g. Entscheidungsver-
halten der Reisenden anhand der Reisezeit, des Reisepreises und -komforts eine maßgebliche Rolle.
Modelle der Verkehrsumlegung schließlich beschäftigen sich mit der Frage, welche Route die einzel-
nen Verkehrsteilnehmer für die Quell-/Zielverbindung wählen. In der folgenden Erstellung eines
Modells zur Abschätzung des Verkehrsaufkommens zwischen zwei Verkehrszellen soll vereinfachend
angenommen werden, dass jeweils nur eine Alternative je Verkehrsträger besteht. Weitere Ausfüh-
rungen zu Netzeffekten erfolgen in Kapitel 4.5.3.
Zur Ermittlung des Aufkommens, welches ein bestimmter Verkehrsträger zwischen zwei Zellen be-
fördert, werden schließlich Gravitationsmodelle mit Modal-Split-Modellen multiplikativ verknüpft.
Zunächst muss der zu untersuchende Verkehrsmarkt räumlich in passende Verkehrszellen eingeteilt
werden. Je feiner die Aufgliederung der Verkehrszellen, desto größer ist die Genauigkeit der Teilbe-
rechnungen. Im Extremfall könnte die Zellgröße auf Haushaltsebene reduziert werden. Da an dieser
Stelle jedoch nicht Individualverkehr, sondern Hochgeschwindigkeitsfernverkehr betrachtet werden
soll, welcher eine Mindestgröße an Direktaufkommen benötigt, die nur zwischen Schwerpunkten
erreicht werden kann, reicht eine deutlich gröbere Betrachtungsweise. Breimeier spricht in [7] von
Landkreisen und kreisfreien Städten, denen die Verkehrszellen in Deutschland entsprechen. An
dieser Stelle wird der zu betrachtende Verkehrsmarkt mit dem der Untersuchungen aus Kapitel 2
gleichgesetzt, d.h., es werden alle deutschen Städte ab einer Einwohnerzahl von 250.000 sowie die
Hauptstädte der Nachbarländer in das Verkehrsmodell aufgenommen. Das Aufkommenspotenzial je
Zelle generiert sich nicht nur aus den betrachteten Städten selbst, sondern auch für das angebunde-
ne Umland. Auf die Bedeutung des Umlandes wird an späterer Stelle genauer eingegangen.
4.5.1 Erstellung eines mathematischen Modells
Kortschak beschreibt das Lill’sche Modell für die Berechnung des Direktaufkommens als „ziemlich
gut“ [128, S. 139 ff.]. Auch Breimeier stellt eine auf dem Reisegesetz von Lill basierende „Über-
schlagsformel“ zur Berechnung des Bahnaufkommens vor, in welcher neben der Reisezeit auch
wirtschaftliche Kenngrößen in Form eines Dienstleistungsfaktors des Bruttoinlandsproduktes (BIP)
eine Rolle spielen. Dieses Modell (Formel 2) berücksichtigt jedoch keine gesellschaftlichen Zusam-
menhänge (Sprachbarrieren, Auslandsreisen) und vor allem nicht die Konkurrenzsituation durch
andere Verkehrsträger.
Formel 2: Aufkommensmodell nach Breimeier (Quelle: [22])
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 107 -
Dabei gelten folgende Formelzeichen:
RE:
Anzahl der Eisenbahnreisenden einer Relation je Tag, Summe beider Richtungen
E:
Einwohnerzahl einer Stadt oder Verkehrszelle (in 100.000)
LE:
Eisenbahn-Entfernung (km)
d:
Dienstleistungsanteil des Bruttoinlandsproduktes (BIP) je Einwohner und Jahr
di:
d-Wert in einer Stadt i
dd:
Durchschnittswert von d im Bundesgebiet
VR:
Durchschnittliche Reisegeschwindigkeit der Züge einschließlich aller Zwischenhalte (km/h)
Das in dieser Arbeit zu erstellende Aufkommensmodell soll die in Formel 1 und Formel 2 vorgestell-
ten Modellen um bekannte Gesetzmäßigkeiten zur Verkehrsverteilung ergänzen und zusätzlich die
Verkehrsaufteilung berücksichtigen, um das für die Bahn zu gewinnende Aufkommen zu ermitteln.
Der Dienstleistungsfaktor nach Breimeier wird ebenfalls im folgenden zu erstellenden Modell berück-
sichtigt, seine Bedeutung für das zu erreichende Aufkommen jedoch reduziert.
Die folgenden Gesetzmäßigkeiten sollen zusätzlich in die zu erstellende Formel aufgenommen wer-
den:
In Kapitel 2 wurde bereits dargestellt, dass die Entfernung zwischen zwei Orten nicht mehr als
einziger bestehender Widerstand gesehen werden darf, da sich inzwischen die Reisezeit aufgrund
der breiten Zugänglichkeit des Luftverkehrs und dem Vorhandensein einiger sehr guter Hochge-
schwindigkeitsstrecken nicht mehr zwangsläufig proportional zur Entfernung verhält. Vielmehr
muss der Widerstand der Entfernung in den Aufkommensformeln in seiner Bedeutung reduziert
und teilweise durch den Widerstand der Reisezeit ersetzt werden. Da sich, wie bereits beschrie-
ben, Verkehrsträger nicht vollständig substituieren, sondern durch ein neues, sehr gutes Angebot
eines Verkehrsträgers auch zusätzliches Aufkommen geschaffen wird109 (s.a. S. 10), müssen die
Fahrzeiten aller Verkehrsträger (und nicht nur diejenige des schnellsten Verkehrsträgers) in das
Gravitationsmodell für das Gesamtaufkommen aufgenommen werden. Städte wachsen durch gu-
te Verkehrsverbindung mittel- bis langfristig zusammen. Im hier zu erstellenden Modell setzt
sich der Widerstand zu 40 % aus der Entfernung und zu 60 % aus der Reisezeit zusammen. In-
nerhalb des Widerstandes der Reisezeit muss zusätzlich differenziert werden: Da ein Teil der Rei-
senden ausschließlich mit dem eigenen Kfz eine Fernreise antreten kann, ist für diesen Teil nur die
Reisezeit auf der Straße interessant. Ein weiterer Teil der Reisenden könnte den Pkw wählen,
wenn es kein passendes Angebot auf der Schiene oder in der Luft gibt. Gibt es jedoch eine schnel-
le Direktverbindung, zählt für diesen Teil der Reisenden der geringere Widerstand aufgrund der
schnellen Verbindung. Schließlich wird als dritter Teil ein Durchschnittswert über alle drei Ver-
kehrsträger hinzugefügt, um das allgemeine Zusammenwachsen von Städten beim Vorhandensein
schneller Verbindungen zu berücksichtigen.
109 Von zusätzlichen Fahrgästen auf neuen HGV-Strecken kommen 2% vom Bus, 27% vom Flugzeug, 37% vom
Pkw und 34% sind induziert [198].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 108 -
Theoretisch muss auch der Widerstand des Fahrpreises mit in das Aufkommensmodell aufge-
nommen werden. Wie bereits gezeigt wurde, unterscheiden sich Fahrpreise jedoch innerhalb der
Tarifmodelle einzelner Verkehrsmittel mehr als zwischen den Verkehrsträgern. Die durchschnittli-
chen Kosten je Personenkilometer sind in ihrer Höhe durchaus vergleichbar, kurzfristig mögliche
Preisschwankungen von 20 % können ein Verkehrsmittel günstiger werden lassen als die Konkur-
renz. Eine Ausnahme bildet lediglich der Fernreisebus, der aufgrund seiner geringen Bedeutung in
Deutschland hier jedoch nicht näher betrachtet werden soll. Aufgrund der annähernd gleichen
spezifischen Reisekosten je Kilometer gilt der Widerstand des Reisepreises als gemeinsam mit
dem Widerstand der Entfernung erfasst.
Für Verbindungen in das Ausland wird ein „Auslandsfaktor“110 als zusätzlicher Widerstand
eingeführt, welcher ansteigt, wenn eine Sprachbarriere überschritten wird. Es ist anzunehmen,
dass der Auslandsfaktor geringer wird, wenn für den Fahrgast erkennbar auch länderübergreifend
ein Produkt angeboten wird, d.h, der Grenzübertritt, ähnlich wie im Luftverkehr nicht spürbar ist.
Weitere Grenzübertritte erhöhen den Auslandsfaktor mit deutlich niedrigerem Gewicht.
In Kapitel 2 wurde eine Gesetzmäßigkeit beschrieben, wonach etwa die Hälfte bis maximal 60 %
der Reisenden verkehrsträgerunabhängig sind, weil sie beispielsweise kein eigenes Kfz am Zielort
benötigen. Dieses Aufkommen verteilt sich bei gutem vorhandenem Angebot zwischen Luft- und
Bahnverkehr. Dabei gilt bei identischer Reisezeit die erste Priorität dem Bahnverkehr (85 % vs.
15 % für Luftverkehr). Wenn die Bahn in der Gesamtreisezeit deutlich günstiger als der Luftver-
kehr liegt und zudem eine ungebrochene Verbindung anbietet, ist anzunehmen, dass keine Flug-
verbindung auf der betrachteten Relation mehr angeboten wird.
Die hier genannten Zusammenhänge wurden in folgenden Formeln abgebildet.
Formel 3 beschreibt das Gesamtaufkommen auf einer bestimmten Relation in Abhängigkeit der
gegeben Parameter.
Formel 3: Gesamtaufkommen zwischen zwei Verkehrszellen
110 Breimeier beschreibt, dass unter vergleichbaren Bedingungen der grenzüberschreitende Verkehr nur 20 %
bis 40 % des Volumens des innerstaatlichen Verkehrs erreicht. Diese Aussage ist jedoch nicht allgemeingültig,
da andere Verkehrsträger (aufgrund eines durchgehenden Angebotes) deutlich geringere Grenzeffekte aufwei-
sen und dort, wo ein gutes grenzüberschreitendes Angebot der Bahn besteht, der Grenzeffekt praktisch nicht
spürbar ist (Verbindungen Paris – London, Paris – Brüssel). Für die Verbindung zwischen Paris und Brüssel
betont Jänsch den „*fehlenden+ Grenzwiderstand aus Gründen der Sprache“ [232, S. 86]. Der Grund für den
Grenzeffekt ist also weniger an der Grenze selbst, als vielmehr in Grenzaufenthalten, Grenzkontrollen, Sprach-
schwierigkeiten und unklarem Service bei Fahrten ins Ausland zu suchen. Der Grenzeffekt der Eisenbahn ist von
1980 – 1994 von 5,31 auf 4,68 gefallen. Die meisten europäischen grenzüberschreitenden Bahnverbindungen
wurden jedoch erst nach 1994 in Betrieb genommen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 109 -
Formel 4 leitet aus der oben stehenden Formel das für den Bahnverkehr zu gewinnende Aufkommen
her.
Formel 4: Bahnaufkommen zwischen zwei Verkehrszellen
Die verwendeten Formelzeichen haben dabei folgende Bedeutungen:
AKGes:
Gesamtes Aufkommenspotenzial zwischen den Zellen A und B
AKBahn:
Bahnaufkommen zwischen den Zellen A und B
AF:
Auslandsfaktor (üblicherweise „1“ für einen einfachen Grenzübertritt, niedriger, wenn keine
Sprachbarriere besteht)
BevA, BevB:
Bevölkerungszahl in Zellen A und B
EntfAB:
Entfernung zwischen Mittelpunkten der Zellen A und B
tKfz, tBahn, TFlug:
Durchschnittliche Reisezeiten zwischen den Zellen im Individualverkehr, mit der Bahn und
dem Flugzeug
DLF:
Dienstleistungsfaktor des BIP (nach Breimeier)
X1, X2, X3, X4:
Variablen zur Kalibrierung des Modells
Obwohl die Ermittlung der Variablen zur Kalibrierung des Modells erst in Kapitel 4.5.2 beschrieben
wird, sollen an dieser Stelle dennoch bereits die verwendeten Werte genannt werden:
X1:
0,035
X2:
1,65
X3:
1,8
X4:
0,94
Für die Attraktivität einer Fernverkehrsverbindung ist auch die Taktzeit von Bedeutung. Vrtic stellt in
[129, S. 47] die durchschnittliche Wartezeit oder Pufferzeit zum sicheren Erreichen einer Verbindung
dar (Formel 5). Diese Pufferzeit wird als Summand innerhalb Reisezeit berücksichtigt und wirkt somit
als zusätzlicher Widerstand im Luft- und Bahnverkehr:
Formel 5: Wartezeit nach Vrtic (Quelle: [129, S. 47])
Gemäß dieser Formel beträgt die durchschnittliche Wartezeit bei einem 20-Minuten-Takt etwa
sieben Minuten, bei einem Stundentakt 13 Minuten und bei einem Zwei-Stunden-Takt etwa 17
Minuten.
Eine Minderverkehrsquote durch zusätzliche Umsteigevorgänge wird im vorliegenden Modell nicht
berücksichtigt, da die vorliegende Software schwerpunktmäßig einen umsteigefreien Linienbetrieb
zwischen Aufkommensschwerpunkten betrachten soll. Möchte man zusätzliche Relationen durch
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 110 -
Umsteigevorgänge mit einer HGV-Linie verknüpfen, ist je notwendigen Umsteigevorgang ein „Erfah-
rungswert“ von 15 % des Aufkommens abzuziehen [32, S. 4]. Abbildung 30 stellt das Vorgehen zur
Berechnung des Aufkommens der Verkehrsträger Schiene, Luft und Straße für eine bestimmte Rela-
tion grafisch dar.
4.5.2 Kalibrierung und Verifizierung des Modells durch vorhandene Daten
Im nächsten Schritt muss die genannte Formel kalibriert werden, also bekannte Aufkommen auf
verschiedenen Verkehrsträgern mit den durch die Formel ermittelten Werten verglichen werden. Am
besten funktioniert dies, wenn die Daten von ausgebauten Bahnstrecken oder neu angebotenen
Direktverbindungen im Luftverkehr vor und nach der Angebotsverbesserung bekannt sind. Die Statis-
tiken des Luftverkehrs werden sehr detailliert (jährliches Aufkommen zwischen einzelnen Flughäfen)
publiziert und müssen entsprechend zusammen mit den aus den Flugplänen auszulesenden Flugzei-
ten durch die Formel überprüft werden. Auch die Direktaufkommen für Schnellfahrstrecken des
Schienenfernverkehrs im Ausland werden publiziert. Schwieriger gestaltet sich die Situation für den
Bahnverkehr in Deutschland, da die DB AG aus internen Zählungen hervorgehende Aufkommenszah-
len nicht oder nur verfremdet publiziert. Während Kantenbelastungen durch die Multiplikation von
Zugpaaren/Tag und Anzahl der Sitzplätze im eingesetzten Wagenmaterial auf der jeweiligen Kante
unter Berücksichtigung der durchschnittlicher Auslastung im Fernverkehr relativ leicht herleitbar
sind, besteht die Schwierigkeit, Direktaufkommen zwischen einzelnen Städten zu ermitteln. Es muss
eine Kombination aus vorgegebenen Daten verglichen werden. Nachfolgend sind einige Beispiele
genannt, mit denen die Kalibrierung vorgenommen wurde:
Die DB AG gab nach Inbetriebnahme der Ausbaustrecke Berlin – Hamburg in einer Presseerklä-
rung bekannt, sie erwarte einen Sprung von „derzeit 2,4 Mio. auf 2,8 Mio. Fahrgäste zwischen den
beiden Städten“ [130]. An dieser Stelle ist das Direktaufkommen gemeint. Ungefug hatte für seine
Studie [131] Zugang zu Zahlenmaterial des Direktaufkommens zwischen den größten deutschen
Städten. Diese Zahlen der Bahnreisenden sind offensichtlich genau um den Faktor 10 verzerrt an-
gegeben. Das Aufkommen zwischen Berlin und Hamburg betrug für 1995 demnach 228.965 Fahr-
gäste. Anhand der bekannten Zugzahlen und, insbesondere aufgrund der Planungen zur
Magnetbahnverbindung Hamburg – Berlin bekannten, Aufkommenszahlen aus dieser Zeit können
dieser systematische Fehler herausgerechnet und die Zahlen mit anderen Aufkommenszahlen
verglichen werden. Darüber hinaus bieten diese Zahlen gute Anhaltswerte für die Veränderungen
des Direktverkehrs zwischen den wichtigsten (West-)deutschen Städten nach Einführung des ICE-
Verkehrs.
Auch nach Inbetriebnahme der Neubaustrecke Berlin – Leipzig gab die Bahn an, dass mit „rund
5.000 Reisenden in den Fernzügen“ zwischen Leipzig und Berlin das Aufkommen nach der Fahr-
zeitverkürzung um 20 % gestiegen ist [132]. Bei dem daraus resultierenden Aufkommen von
1,8 Mio. Personenfahrten p.a. muss es sich um das Direktaufkommen handeln, da die Kantenbe-
lastung deutlich höher ausfällt.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 111 -
Für die Jahre 1992/1993 sind in [133, S. B30] die täglich beförderten Personen der wichtigsten
ICE-Linien auf den einzelnen Streckenabschnitten aufgeführt. Insbesondere dort, wo seit dem Un-
tersuchungszeitpunkt keine Veränderung des Angebotes stattgefunden hat, ist ähnliches Auf-
kommen auch im Jahr 2008 zu erwarten. Auch in dieser genannten Arbeit wird das Problem
beschrieben, mangels entsprechender Daten das Verkehrsaufkommen der Direktfahrer zu ermit-
teln.
Das gesamte Fernverkehrsaufkommen mit der Bahn von und nach Berlin ist für 1998 mit
13,1 Mio. Reisenden angegeben. Eine Steigerung auf 17 Mio., wie durch die Simulation nach Ein-
gabe der aktuellen Fahrzeiten ermittelt, erscheint plausibel, da Berlin nach 1998 eine deutliche
Aufwertung seiner Fernverkehrsverbindungen nach Westen hatte. Darüber hinaus ist der gesamte
Fernverkehr von/nach Berlin überproportional angestiegen (s.a. Flugverkehr).
Die Verifizierung der ermittelten Aufkommensdaten findet auf einem eigenen Arbeitsblatt innerhalb
der Excel-Software statt. Dabei sind in Form von Matrizen Aufkommensdaten aus der Literatur hin-
terlegt. Die jeweiligen Quellen (einschließlich Jahreszahl der Angabe) sind als Kommentare in die
Tabelle eingetragen. Die eingegebenen Aufkommenszahlen werden mit den über die Aufkommens-
rechnung ermittelten Daten abgeglichen und die Abweichung prozentual dargestellt. Da für be-
stimmte Relationen nur verhältnismäßig alte Aufkommensdaten verfügbar waren, wird in einigen
Feldern eine stärkere Abweichung zwischen Prognose und hinterlegter Aufkommenszahl indiziert.
Das Eintragen von Fahrzeiten aus dem Jahr der Quelleneingabe zur Überprüfung in die Tabelle der
Städterelationen führt zu einer besseren Übereinstimmung zwischen berechnetem und hinterlegtem
Aufkommen.
Innerhalb der Betrachtung des Flugverkehrs wurden nur Flugrelationen mit mehr als 30.000 Passa-
gieren pro Jahr berücksichtigt, weil dies einem „Grundangebot“ von etwa einem täglichen Flug je
Richtung (mit 83 Passagieren) entspricht. Das System erfasst Direktreisende, nicht aber Passagiere,
die ggf. Umweg über einen Hub nehmen. Das bedeutet, dass die Verbindungen nach Frankfurt und
München systematisch unterschätzt werden, weil nur die Zellen Frankfurt bzw. München in die
Gravitationsrechnung eingehen, nicht aber Auslandsverbindungen, die über diese beiden Hubs
abgewickelt werden. Vergleicht man Reisendenzahlen, die als Direktaufkommen für einige Relatio-
nen publiziert sind, ergibt sich eine deutlich bessere Übereinstimmung. Im Übrigen wurde versucht,
den Umsteigeranteil je Flughafen analog [134, S. 156] bei der Verifizierung zu berücksichtigen. Da
Luftverkehrslinien jedoch relativ häufig wechseln und Airlines ihre Hubs in verschiedenen Städten
aufbauen, sind diese Daten großen Schwankungen unterworfen und somit unzuverlässig.
Trotz einer allgemein geringen Abweichung zwischen dem berechnetem und dem durch die Literatur
ermittelten Aufkommen ergaben sich doch einige Auffälligkeiten:
Das Aufkommenspotenzial des Ruhrgebietes/Flughafens Düsseldorf wurde überschätzt. Hier wirkt
sich die gewählte Zellengröße negativ aus: Bei der Kalibrierung des Modells wurde davon ausge-
gangen, dass die Bedeutung einer Zelle mit ihrer Einwohnerzahl und der Wirtschaftskraft je Ein-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 112 -
wohner hinreichend beschrieben ist. Tatsächlich wurde jedoch mit der Einwohnerzahl einer Stadt
auch die Größe des umgebenden Ballungsraumes impliziert, dessen Einwohner ihre Fernreise vom
Hauptbahnhof des Oberzentrums antreten. Speziell die Städte des Ruhrgebietes liegen jedoch so
dicht beieinander, dass es keinen zusätzlichen Ballungsraum gibt. Das Gegenteil ist für die Relati-
onen von und nach Hannover der Fall. Aufgrund der weiten Entfernungen bis zu den nächsten
Großstädten hat das angeschlossene Umland eine ausgesprochen große Bedeutung. Bewohner
innerhalb eines Radius‘, welcher bis in den Harz reicht, treten den Hauptlauf ihrer Fernverkehrs-
reisen aus Hannover an. Die Attraktivität der beiden Bereiche hinsichtlich des zu generierenden
Aufkommens muss durch Veränderung der Einwohnerzahlen angepasst werden.
Einige wenige Flugverbindungen, für die das Modell aus diesem Kapitel kein Flugaufkommen
vorsieht, weil die Reisezeit im Luftverkehr länger ist als per Bahn, haben gemäß Luftverkehrssta-
tistiken dennoch ein Aufkommen. Es handelt sich wiederum um Zubringerflüge nach Frankfurt
und München. Die Bahn war im Kalkulationstool als attraktivster Verkehrsträger ermittelt wor-
den, weil die Reisezeiten zwischen Innenstädten berechnet wurden. Zubringerflüge zu Auslands-
flügen sparen gegenüber einer Bahnverbindung jedoch mindestens 30 Minuten und haben
zusätzliche Komfortmerkmale hinsichtlich durchgehendem Gepäcktransport und Anschlusssicher-
heit.
Sehr lange Entfernungen wurden hinsichtlich ihres Bahnaufkommens überschätzt. Der Wider-
stand nimmt ab einer Grenze der Reisezeit offensichtlich besonders stark zu. Freizeitreisen, wel-
che nur einen oder wenige Tage dauern, werden nicht angetreten, wenn die Fahrzeiten zu lang
sind. Ab einer bestimmten Grenz-Reisezeit mit Bahn und Individualverkehr nutzt ein weiterer Teil
der Reisenden das Flugzeug, ein anderer Teil des Aufkommens geht verloren. Zu beobachten ist
dies auf den aufkommensstarken Flugrouten Hamburg – München (1,7 Mio. Passagiere) und
Hamburg – Stuttgart. Der Widerstand bei langen Reisezeiten mit der Bahn wird besonders ver-
stärkt, wenn zu einer langen Zugfahrt ein Umsteigezwang hinzukommt. Aus diesem Grunde haben
gute und akzeptable Auslandsverbindungen in Deutschland immer nur auf regionaler Ebene Be-
deutung und können kaum über den Netzwerkeffekt der Bahn profitieren. Als Beispiel seien der
Thalys oder der Berlin-Warszawa-Express genannt. Eine durchgehende Zugfahrt über einige Stun-
den ins Ausland wird akzeptiert. Aber nach einer sechsstündigen Fahrt von Warschau nach Berlin
macht ein Anschluss nach Dresden mit weiteren 70 Minuten Wartezeit und mehr als zwei Stunden
Fahrzeit die Bahnverbindung komplett unattraktiv.
Die Verkehrsaufkommen in den neuen EU-Mitgliedsstaaten sind deutlich niedriger als durch die
(für den deutschen Verkehrsmarkt kalibrierte) Formel errechnet. Dies wird durch statistische Wer-
te bestätigt: In Polen/Tschechien wird pro Kopf nur halb so viel Leistung im Bahnfernverkehr er-
bracht (Stand: 1999) wie in Westeuropa. Der Luftverkehr bewegt sich auf deutlich niedrigerem
Niveau. Die betroffenen Zellen müssen im Modell entsprechend ihrer verkehrlichen Bedeutung,
zunächst nur für die nächsten Jahre, abgewertet werden.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 113 -
4.5.3 Zusammenhang zwischen berechnetem Aufkommen und Kantenbelastung
Nachdem eine Formel hergeleitet wurde, mit der das Direktaufkommen zwischen einzelnen Ver-
kehrszellen für jeden Verkehrsträger anhand der gegebenen Rahmendaten für ein Bezugsjahr abge-
schätzt werden kann, soll nun die Belastung einzelner Kanten des zu untersuchenden
Fernbahnprojektes ermittelt werden. Das hier beschriebene Vorgehen wird in Abbildung 31 grafisch
dargestellt.
Werkzeuge der Netzplanung sind ausgesprochen komplex und können an dieser Stelle nur be-
schränkt zum Einsatz kommen. Vielmehr basiert die Berechnung der Kantenaufkommen auf der
vereinfachenden Annahme, dass sämtlicher Schienenpersonenfernverkehr zwischen zwei Städten
über die untersuchte Neubaustrecke abgewickelt wird, wenn letztere diese beiden Städte miteinan-
der verbindet. Das die genannte Annahme nicht als selbstverständlich gelten kann, zeigt folgendes
Beispiel: Zwischen Frankfurt/Main und Köln werden auch nach Fertigstellung der Neubaustrecke
Teile der Fernverkehrsleistung über die Altbaustrecke abgewickelt. Dies liegt aber vor allem daran,
dass die Fahrt über die Altbaustrecke 15 € preiswerter und aufgrund der guten Anschlüsse in Köln
und Frankfurt nicht zwangsläufig mit einer Reisezeitverlängerung verbunden ist. Für die hier unter-
suchten Projekte sollen derartige Parallelverkehre ausgeschlossen werden, v.a. mit der Begründung,
dass ein hinsichtlich der Fahrzeit sehr attraktives Angebot aufgestellt wird, welches darüber hinaus
nicht mit einer Erhöhung der kilometerspezifischen Fahrpreise verbunden sein soll (s. Kapitel 4.6). Ein
Umlenken (eines Teils) des Aufkommens zwischen zwei Städten von der Direktverbindung auf eine
längere Verbindung ist für den Betreiber und Fahrgast mit zusätzlichen Kosten und Fahrzeitverlänge-
rung verbunden, solange die Direktverbindung kapazitiv noch nicht vollständig ausgelastet ist.
Zur Berechnung der Kantenbelastung wird somit jede Kante darauf überprüft, welche Direktverkehre
über sie abgewickelt werden. Die Strecke wird im Modul Betriebssimulation mit allen Stationen
dargestellt. Hinsichtlich der über die dazwischen liegenden Kanten abgewickelten Verkehrsaufkom-
men addiert die Software alle Bahn-Direktaufkommen zwischen den links der Kante liegenden Städ-
ten (Verkehrszellen) mit jeweils allen rechts der Kante liegenden Städten (Fall 1 in Abbildung 31, s.a.
Kapitel 4.2). Somit wird das Modell der „Eisenbahn in der Wüste“ durch die Simulation vollständig
abgedeckt.
Schließlich sollen jedoch auch diejenigen Netzeffekte abgebildet werden, welche aus über die Neu-
/Ausbaustrecke geführten Verkehre von/zu nicht direkt angebundenen Städten resultieren. Solche
Effekte treten beispielsweise auf, wenn ein Aufkommensschwerpunkt hinter dem Ende einer Neu-
baustrecke liegt oder wenn Aufkommensströme über Zubringerverkehre zu einem der Haltepunkte
der betrachteten Strecke geführt werden, und einen Teil ihrer Reise auf dieser zurückführen. Inner-
halb der Simulation kann eine Aufkommensberechnung für solche Fälle nur noch halbautomatisch
erfolgen, da die Führung von Verkehrsströmen über das betrachtete Projekt hinaus von einer Reihe
von Randbedingungen (Zugläufe, angebotene Umsteigeverbindungen, angebotene alternative Ver-
kehre) abhängig ist. Sollen Auswirkungen von Linienverlängerungen oder von direkt verknüpften
Zubringern auf das Aufkommen der Linie untersucht werden, können eine oder mehrere Städtena-
men in die freien Eingabefelder hinter dem Endbahnhof hinzugefügt werden, wodurch das Pro-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 114 -
gramm davon ausgeht, dass Verkehre zu diesen Städten ebenfalls über die Linie abgewickelt werden.
In Abbildung 31 wird dies mit Fall 2 veranschaulicht. Bsp.: Wird bei einer erstellten Linie Hamburg –
Berlin in das nächste Eingabefeld Dresden eingetragen, kann man nicht nur das Aufkommen von
Hamburg und Berlin nach Dresden ablesen, sondern auch eine stärkere Kantenbelastung zwischen
Hamburg und Berlin beobachten. Für die Berücksichtigung von über die Strecke geführte Verkehre
zwischen weiteren Städten besteht die Möglichkeit, neben den Namen jeder Stadt eine weitere Stadt
als Quelle/Senke von Aufkommen einzutragen. Für das o.g. Beispiel kann neben Dresden Leipzig
eingetragen werden. Damit würde das Bahnaufkommen von Hamburg nach Leipzig ebenfalls in der
Kantenbelastung zwischen Hamburg und Berlin berücksichtigt. Eine solche Situation stellt Fall 3 in
Abbildung 31 dar.
Für die Berechnung der Verkehrsleistungen auf den einzelnen Kanten werden die Kantenbelastungen
mit den Streckenlängen multipliziert.
4.6 Erlöse
Die Erlöse eines Bahnprojektes ergeben sich aus dem Produkt der abgewickelten Verkehrsleistung
und dem durchschnittlichen spezifischen Nettofahrpreis je Personenkilometer.
Das Vorgehen zur Ermittlung der Verkehrsleistung innerhalb der einzelnen Streckenabschnitte für ein
Bezugsjahr wurde in den Kapiteln 4.5.1 bis 4.5.3 beschrieben. Das Modul Erlöse bietet die Möglich-
keit, die Entwicklung der Verkehrsleistung auf den betrachteten Strecken innerhalb des Projektzeit-
raumes mit zu wählenden Parametern des Moduls Wirtschaftliche Rahmendaten (z.B. Wachstum BIP)
zu koppeln.
Hinsichtlich des zu erzielendem Durchschnittsfahrpreises können für beide in der Software zu be-
trachtende Projekte unterschiedliche Preismodelle aufgestellt werden. Es werden dabei verschiede-
ne Fahrscheingattungen und deren Grundpreise angegeben. Weiterhin ist abzuschätzen, welche der
zu wählenden Nutzergruppen auf welche Fahrscheingattungen verstärkt zurückgreift und welche
Bedeutung diese Nutzergruppen jeweils innerhalb des Gesamtaufkommens auf der Linie haben. Ein
Beispiel dazu wird in Kapitel 5.4.5 gezeigt. Durch eine entsprechende Gewichtung der Nutzergruppen
und der von Ihnen gewählten Fahrscheingattungen mit ihren spezifischen Kilometerpreisen ergibt
sich der durchschnittliche Bruttofahrpreis je Passagierkilometer.
Die Umsatzsteuerpflicht für den Bahnbetreiber ist – wenigstens innerhalb der erstellten Software –
deaktivierbar. Je nach angenommenen Umsatzsteuersatz werden die resultierenden Erlöse als Pro-
dukt von Aufkommen und Nettofahrpreis errechnet.
In Kapitel 2.1.1 wurde der Begriff der Fahrpreiselastizitäten eingeführt. Analog der in der Literatur
(vgl. [9, S. 23; 123]) beschriebenen Gesetzmäßigkeiten steht eine Funktion zur Verfügung, mit wel-
cher der Fahrpreis für alle Fahrscheingattungen in Prozentschritten erhöht werden kann und das
Aufkommen automatisch reduziert wird. Bei der schrittweisen Erhöhung der Fahrpreise steigen die
Erlöse so lange an, bis der sogenannten Cournot-Punkt erreicht ist, bei dem die entgangenen Gewin-
ne aus nicht verkauften Fahrkarten die zusätzlichen Gewinne aus der Fahrpreiserhöhung überstei-
gen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 115 -
Erlöse für Leistungen, die über die Beförderung hinaus gehen (z.B. Verkauf von Speisen, Getränken
und Reisezubehör, aber auch Vermietung von Immobilien), werden an dieser Stelle nicht berücksich-
tigt, da die durch sie entstehenden Kosten ebenfalls nicht in die Rechnung einfließen und diese
Services an Tochtergesellschaften ausgegliedert werden können.
4.7 Finanzierung
Finanzierung bedeutet Mittelbeschaffung für Investitionszwecke. Die Frage, ob etwas „finanzier-
bar“ ist, meint also nicht, ob es sich selbst betriebswirtschaftlich trägt, wie dies teilweise suggeriert
wird (s.a. Kapitel 3.3.3), sondern, ob die zur Verfügung stehenden bzw. in Aussicht gestellten
Mittel unter den angenommenen Rahmenbedingungen ausreichen, sämtliche anfallenden Kosten
zu decken.
In den Kapiteln 2.6 und 3.3.4 wurde bereits dargestellt, dass eine rein privatwirtschaftliche Finanzie-
rung von Bahnprojekten unüblich, wenn nicht sogar unmöglich ist. Vielmehr findet zur Ermöglichung
der notwendigen Investitionen in der Regel eine Mischfinanzierung aus zinslosen Darlehen111, Zins-
günstigen Krediten112 und Baukostenzuschüssen113 statt. Auch, wenn die Kapitalbeschaffung in der
Praxis aus rechtlichen Gründen teilweise noch komplexer funktioniert, wie beispielsweise Übernah-
men von privatrechtlich erworbenen Kreditverpflichtungen der DB AG durch den Bund [88, S. 605],
bleibt das System der Rückzahlungsmodalitäten doch immer ähnlich: Ein Teil der Investitionen muss
nicht, einer ohne Verzinsung und einer einschließlich Zinslast zurückgezahlt werden.
Neben den Investitionshilfen des Staates spielen auch Zuschüsse während der Betriebszeit und die
anzunehmende Betriebszeit selbst eine bedeutende Rolle hinsichtlich des sich ergebenden Kostende-
ckungsgrades eines Projektes.
Im Finanzierungsmodul können die gängigsten Größen des Finanzierungsmix (Betriebszuschüsse,
Baukostenzuschüsse, zinslose Darlehen, Kredite, etc.) angepasst und deren Auswirkungen auf alle
wichtigen Finanzkennziffern beobachtet werden. Dabei werden verschiedene Arten der Kostenrech-
nung berücksichtigt, d.h., es wird sowohl eine Abzahlung von zur Finanzierung notwendig geworde-
nen Krediten durch feste Annuitäten berechnet, als auch eine Cash-Flow-Rechnung bzw. die
Berechnung des Barwertes des Projektes über die veranschlagte Betriebszeit durchgeführt. Die dafür
verwendeten Rechenverfahren sollen im Folgenden vorgestellt werden.
4.7.1 Anzuwendende Rechenverfahren
Grundsätzlich werden bei der Investitionskostenrechnung statische und dynamische Rechenverfah-
ren unterschieden. Diese Rechenverfahren werden mit ihren jeweiligen Unterteilungen und Eigen-
schaften im Folgenden vorgestellt:
111 Vom Bund zur Verfügung gestellt.
112 Beispielsweise von der Europäischen Investitionsbank (EIB), der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder
der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD).
113 Gelder aus Fonds für Transeuropäische Netze Eisenbahn (TEN-T), Bundesmittel (z.B. aus Bundesschienenwe-
geausbaugesetz), Kohäsionsfonds
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 116 -
Die wichtigsten Ausprägungen der statischen Investitionskostenrechnung können die Kostenver-
gleichsrechnung114, die Gewinnvergleichsrechnung115, die Rentabilitätsvergleichsrechnung116 und
Amortisationsrechnung117 genannt werden. Allen diesen Rechenverfahren ist gleich, dass nach derje-
nigen Investitionsalternative gesucht wird, welche den geringsten Zeitraum zur Rückzahlung der
Investitionen benötigt. Dabei wird kein Verzinsungseffekt berücksichtigt.
Während bei statischen Verfahren für jede Periode alle innerhalb der Projektzeit angefallenen Kosten
der Summe der Erlöse gegenübergestellt werden, sind dynamische Rechenverfahren zahlungszeit-
punktbezogen, d.h., es ist zusätzlich der Zeitpunkt relevant, an dem Kosten und Erlöse anfallen. Da
der Unterschied zwischen beiden genannten Verfahrensarten ganz besonders bei langen Projektlauf-
zeiten zum Tragen kommt, wie sie bei Bahnprojekten die Regel sind, ist für eine präzise Beurteilung
der Wirtschaftlichkeit eines Projektes ein dynamisches Verfahren anzuwenden. Geschieht dies nicht,
muss mit einer Verfälschung der tatsächlichen Projektkosten/-erlöse gerechnet werden, was zur
Bevorzugung von Projekten/-varianten führen kann, bei denen niedrige (früh anfallende) Investitio-
nen höheren (später anfallenden) Betriebskosten gegenüberstehen. Gängige Verfahren sind die
Kapitalwertmethode, die interne Zinsfußrechnung, die Annuitätenrechnung und die Amortisations-
rechnung.
Schramm stellt in [72] die wichtigsten Kennziffern zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit eines Bahn-
unternehmens vor. Neben dem (freien) Cash Flow liegt sein Augenmerk auf der Eigen- und Gesamt-
kapitalrentabilität sowie dem Return on Investment (RoI). Eigenkapitalrentabilität und Gesamt-
kapitalrentabilität scheinen für einen objektiven Vergleich von Bahnprojekten unter den derzeit
herrschenden Finanzierungspraktiken, die eine Mischung verschiedener Zuschüsse beinhalten, unge-
eignet, da eine echte Transparenz nicht hergestellt werden kann. Neue Infrastrukturprojekte werden
nur in dem Umfang in der Bilanz der DB AG aufgenommen, in dem sie nicht vom Bund finanziert
werden. Das Ergebnis ist ein geringerer Eigenkapitalstock, als er bei einem rein privat geführten und
finanzierten Unternehmen in der Bilanz aufgenommen werden würden. Die Kennzahlen Um-
satz/Eigenkapital und Gewinn/Eigenkapital, welche häufig zur Ermittlung des Börsenwertes eines
Unternehmens herangezogen werden, nehmen damit fälschlicherweise positivere Werte an. Zur
Eigenfinanzierungskraft eines Bahnprojektes kann mit diesen Kennziffern jedoch keine Aussage
getroffen werden. Der Return of Investment wird aus dem Produkt von Umsatzrendite und Kapital-
umschlag gebildet. Solange jedoch die einzelnen Kenngrößen (Gewinn, Nettoumsatz, durchschnittli-
114 Suche nach der Investition, bei der die geringsten Kosten entstehen; unterschiedliche Erfolge in der Erlös-
struktur bleiben unberücksichtigt; es kann weder eine Aussage getroffen werden, welche Variante betriebs-
wirtschaftlich vorteilhafter ist, noch, ob die Kosten überhaupt durch Erlöse gedeckt werden können [87].
115 Gegenüber der Kostenvergleichsrechnung fließen zusätzlich Erlöse mit in die Berechnung ein, es fehlt jedoch
eine Aussage zum Gewinn je eingesetztem Kapital.
116 Berücksichtigt zusätzlich das eingesetzte Kapital. Speziell für Investitionen, welche von verschiedenen
Ebenen finanziert und gefördert werden hat sich dieser Wert jedoch als problematisch herausgestellt, da
beispielsweise Baukostenzuschüsse in der Bilanz der DB AG nicht als investiertes Kapital bewertet werden.
117 Es wird diejenige Investition gewählt, welche das eingesetzte Kapital am schnellsten wieder erwirtschaftet.
Auch hier gilt das im Punkt „Rentabilitätsvergleichsrechnung“ angesprochene Problem.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 117 -
ches Gesamtkapital) aufgrund einer Mischfinanzierung nicht eindeutig ausweisbar sind118, wie auch
Schramm und Eberl teilweise einräumen müssen, kann eine solche Kennziffer eventuell dazu dienen,
den Unternehmenserfolg im zeitlichen Verlauf vergleichbar zu machen, sagt aber nichts beim Ver-
gleich von Projekten oder der generellen Einschätzung der Eigenwirtschaftlichkeit aus.
Schach/Jehle/Naumann plädieren hingegen dafür, generell die interne Zinsfußrechnung zu bevorzu-
gen, da "hiermit die Kapitalverzinsung aus der Investitionsentscheidung errechnet wird". Aber auch
hier ist das Problem der tatsächlich investierten Summe entscheidend für die Verschiebung eines
Projektes in einen wirtschaftlichen oder unwirtschaftlichen Bereich. In [135] wird als Beleg dafür aus
dem Standardlehrbuch für Investitionskostenrechnung von Kruschwitz zitiert, wonach die interne
Zinsfußrechnung „für die Beurteilung alternativer Investitionsprojekte gänzlich ungeeignet ist.“ [136]
Der interne Zinsfuß (interner Zinssatz) entspricht demjenigen kalkulativem Zinssatz, bei dem die
Annuität genau Null ist. Wird eine Investition mit Kredit finanziert, ist dies nur dann sinnvoll, wenn
der Kreditzins niedriger, als der interne Zinsfuß ist. Die Vergleichbarkeit zwischen Projekten wäre nur
gegeben, wenn der Anfangsinvestitionsbetrag und die Nutzungsdauer identisch wären, was jedoch
ausgeschlossen werden kann, wenn tatsächlich verschiedene Projekte miteinander verglichen wer-
den sollen.
Im Rahmen der Wirtschaftlichkeitssimulation wurden deshalb vor allem Rechenverfahren berücksich-
tigt, die sich unabhängig vom Buchwert des Unternehmens oder Projektes ermitteln lassen und eine
Vergleichbarkeit von Projekten zulassen. Unter den dynamischen Rechenverfahren sind dies die
Kapitalwert- und Annuitätenmethode. Letztere stellen die in der Praxis am häufigsten verwendeten
[137] Berechnungsmethoden dar.
Die Kapitalwertmethode zinst alle anfallenden Zahlungsströme auf eine festzulegende Bezugsperio-
de auf oder ab und berücksichtigt somit den Zeitwert anfallender Kosten und Erlöse bei verschiede-
nen Projekten. Es wird eine Anwendung bei großen, in sich geschlossenen Projekten empfohlen. Für
den Vergleich von Bahnprojekten mit langen Laufzeiten scheint diese Methode demnach sehr gut
geeignet zu sein, die objektive Vorteilhaftigkeit eines Projektes oder einer Variante gegenüber eines
oder einer anderen abzubilden. Es wird nicht mit tatsächlicher Inflationsrate abgezinst, sondern mit
dem für einen Kredit zu zahlenden Zinssatz (Kalkulationszinssatz). Fällt der Kapitalwert positiv aus, ist
eine Investition lohnender als eine Anlage der gleichen Investitionssumme am Kapitalmarkt. Ist der
Kapitalwert negativ, wäre eine Anlage am Kapitalmarkt wirtschaftlich vorteilhafter, was insbesondere
für private Investoren ein ausschlaggebendes Entscheidungskriterium darstellt. Für den Vergleich von
verschiedenen Projektvarianten gilt: Diejenige Variante mit dem höheren Kapitalwert bei gleichem
Kalkulationszinssatz ist die wirtschaftlich interessantere Variante.
118 In Bezug auf einen plötzlichen Umsatzsprung in der Bilanz der DB AG, der sich weder durch die Entwicklung
des Verkehrsaufkommens noch durch den erzielten Durchschnittspreis erklären lässt, schreiben die Autoren:
„*…+ eine Umsatzsteigerung *ist+ nicht zu erklären. Vermutlich ergibt sie sich aus einer anderen Bilanzierung als
privates Unternehmen. Denkbar wäre, dass Erlöse aus der Regionalisierung dort erscheinen, während das
Staatsunternehmen die für vergleichbare Leistung geflossenen Subventionen anders verbucht hat.“ [72, S. 46].
Tatsächlich hatte die DB AG Regionalisierungsmittel ihren Umsätzen zugeschlagen, ohne dies explizit auszuwei-
sen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 118 -
Kapitalwertmethode und Annuitätenrechnung führen immer zum gleichen Urteil über eine Investiti-
on. Die Annuitätenmethode geht aus der Kapitalwertmethode hervor; die jährliche Annuität einer
Investition entspricht dem Produkt aus Kapitalwert und dem sogenannten Wiedergewinnungsfaktor.
Der Kapitalwert wird also auf Periodenwerte mit gleichem Barwert, gleichen Zahlungsabständen und
gleichen Zahlungshöhen umgerechnet [135, S. 14]. Diese Beziehung wird in Formel 6 gezeigt, wobei
a für die Annuität, C0 für den Kapitalwert im Jahre 0, i für den Zinssatz und n für die Laufzeit (in Jah-
ren) steht.
Formel 6: Jährliche Annuität in Abhängigkeit des Kapitalwertes
Durch Anzeige der Annuität kann abgeschätzt werden, welche jährlichen Bestellerentgelte notwendig
werden würden, um einen kostendeckenden Betrieb zu ermöglichen. Wenn die Annuität (ggf. trotz
der Gewährung von Baukostenzuschüssen und zinsfreien Darlehen) negativ ist, müssen weitere
Zuschüsse in die Berechnung einbezogen werden, bis die Annuität wenigstens Null erreicht hat. Beim
Vergleich verschiedener Projekte wird unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten das Projekt mit der
höchsten Annuität gewählt.
4.7.2 Wahl der Projektlaufzeit
Schach/Jehle/Naumann warnen davor, Berechnungen über mehr als 10 - 15 Jahre vorzunehmen, da
durch eine geeignete Variation des Zinssatzes der Projekterfolg in die eine oder andere Richtung
verfälscht werden kann [38, S. 253]. Tatsächliche Projektlängen betragen mindestens 30 Jahre.119
Darüber hinaus lassen sich trotz schwankender Zinssätze fundierte Mittelwerte für die Zukunft an-
hand der bestehenden Erfahrungswerte120 annehmen. Schach / Jehle / Naumann gehen nicht darauf
ein, dass man auch mit einer Verkürzung der Projektlaufzeit beziehungsweise des Betrachtungszeit-
raumes ebenfalls den zu erwarteten Projekterfolg maßgeblich verändern kann, indem man unverän-
dertem Investitionskosten deutlich geringere Erlöse aufgrund einer gekürzten Projektlaufzeit
gegenübergestellt [138].
Die Projektlaufzeit, welche sich aus Bau- und Betriebszeit zusammensetzt, lässt sich getrennt für
jedes Projekt im Modul Betriebssimulation festlegen.
4.7.3 Darstellung der Finanzkennziffern und Diagramme
Der Kapitalwert, die Annuität und der Barwert am Ende der Projektlaufzeit werden für jedes Projekt
in einer Übersicht gemeinsam mit den für die Finanzierung relevanten Daten: Bau-/Betriebszeit,
(kalkulatorischer) Zinssatz, Inflationsrate und allen gewährten Zuschüssen / Subventionen angezeigt.
Den jeweils gewählten Finanzierungsmix aus Baukostenzuschüssen / zinsfreien Darlehen / zu verzin-
119 Im Bundesverkehrswegeplan 2003 wurde der Betrachtungszeitraum für Kosten-Nutzen-Analysen auf 36
Jahre festgelegt: 5 Jahren Bauzeit stehen 31 Jahre Nutzungsdauer gegenüber [38, S. 257].
120 Im Modul Gesamtwirtschaftliche Entwicklung sind die Inflationsraten und das BIP-Wachstum seit Bestehen
der Bundesrepublik hinterlegt. Es mittelt die Werte über einen anzugebenden Zeitraum, damit diese in die
Berechnungen für Aufkommen und Finanzierung eingesetzt werden können. Zinssätze der Staatsbanken
verhalten sich annähernd proportional zu den Inflationsraten.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 119 -
senden Krediten zeigt ein Tortendiagramm. Daneben werden für ein Betriebsjahr gemittelt alle
Einnahmen und Ausgaben in Form einer statischen Berechnung grafisch abgetragen. Es kann auf
einen Blick erkannt werden, welches die wichtigsten Positionen sind und ob die Einnahmen etwa die
Ausgaben decken. Alle weiteren Finanzdaten lassen sich in den aus den einzublendenden Diagram-
men ablesen, welche in Kapitel 4.9 genauer beschrieben werden.
4.8 Auswahlbox
Zur einfacheren Bedienung der Excel Software hinsichtlich ihrer wichtigsten Funktionen wurde eine
Auswahlbox programmiert, über welche sich Daten eingeben, Werte ablesen und Diagramme erstel-
len lassen, ohne direkt in Excel operieren zu müssen. Die Auswahlbox kann direkt aus Excel gestartet
werden. Sie wird entweder über den Tabellen oder außerhalb des Programmfensters platziert und
läuft im Hintergrund. D.h., es muss keine Festlegung getroffen werden, ob Daten direkt in die gelb
unterlegten Felder der Tabellen oder per Auswahlbox eingegeben werden. Zum Starten ist es erfor-
derlich, das Ausführen von Makros durch Excel zu aktivieren.
Die Auswahlbox wurde bewusst einfach gehalten, um eine möglichst hohe Übersichtlichkeit zu bie-
ten. Sie kann daher nur einen Teil der Funktionalität und der Variantenvielfalt der Software abbilden.
Es kann zwischen drei Karteikarten (Reitern) gewählt werden, wobei die erste zur Ein-/Ausgabe der
wichtigsten Parameter dient, sich über die zweite Diagramme dynamisch erstellen und ein-
/ausblenden lassen und auf der dritten in eine Legende eingesehen werden kann.
Alle projektspezifischen Eingabefelder sind aufgrund der beschriebenen Möglichkeit, zwei Projekte
miteinander zu vergleichen, doppelt vorhanden. Globale, für beide Projekte gültige Daten müssen
jedoch nur einfach eingegeben werden. Die beiden zu vergleichenden Projekte können in der ersten
Eingabezeile benannt werden, damit weitere Dialogfelder dem jeweiligen Projekt eindeutig zuorden-
bar sind, aber auch die automatische erstellten Diagramme beschriftet werden. Beim Start der Aus-
wahlbox sind in den Eingabefeldern bereits die in den Tabellen hinterlegten Werte angegeben und
können dort sofort geändert werden. Neben der Eingabe von Daten können auch bestimmte Eigen-
schaften der Projekte (z.B. Umsatzsteuerpflicht) aktiviert und deaktiviert werden. Felder, die dann
keine logische Bedeutung mehr haben (in diesem Falle: Prozentsatz der Umsatzsteuer), werden grau
hinterlegt und können nicht mehr geändert werden.
Im Ausgabebereich werden die wichtigsten betrieblichen und finanzmathematischen Kennziffern für
beide Projekte abgebildet. Diese Werte werden immer dann neu berechnet, wenn der Mauszeiger
bewegt wird, also beispielsweise nach Eingabe eines neuen Wertes in ein beliebiges Eingabefeld. Sie
erlauben einen schnellen Blick auf die Auswirkungen bei der Variation eines oder mehrerer Parame-
ter.
Auf der zweiten Karteikarte können Diagramme aktiviert werden. Diese sind in der Grundeinstellung
ausgeblendet, um die Übersichtlichkeit des Excel-Tools zu erhöhen. Die Schaltflächen für Diagramme,
die projektspezifisch erstellt werden, sind mit dem jeweiligen Projekttitel beschriftet. Wird ein Dia-
gramm aktiviert, wird es auf Basis der aktuell eingegebenen Daten neu erstellt, beschriftet und an die
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 120 -
aktuelle Bildschirmgröße angepasst. Die Konvention der Farbgestaltung aus den Tabellen wurde auch
in den Diagrammen beibehalten. Rote und hellrote Balken und Linien stehen für ein Rad/Schiene-
Projekt; blaue und hellblaue für die Magnetbahn. Das Erstellen der Diagramme kann, insbesondere
bei 3D-Oberflächendiagrammen teilweise 30 Sekunden und mehr in Anspruch nehmen, da zur Erstel-
lung eine Tabelle mit über 1.000 Einzelwerten zu füllen ist, welche wiederum durch die Variation von
zwei Parametern in bis zu 50 Stufen einzeln berechnet werden müssen. Durch wiederholtes Klicken
auf eine Diagramm-Schaltfläche oder durch Klicken auf die Schaltfläche Schließen direkt im Dia-
gramm wird dieses wieder ausgeblendet. In Kapitel 4.9 wird u.a. gezeigt, welche Aussagen sich aus
diesen Darstellungen ziehen lassen.
4.9 Datenausgabe (Kennzahlen und Diagramme)
In allen vorgestellten Modulen werden Zwischenergebnisse angezeigt, die die tech-
nisch/betrieblichen und finanzmathematischen Zusammenhänge transparenter machen und durch
Überprüfung der Plausibilität das Aufspüren von eventuellen Falschangaben ermöglichen. Dazu
gehören oft auch spezifische Werte (gesamte Instandhaltungskosten je Streckenkilometer, Betriebs-
kosten je Sitzplatzkilometer, etc.), welche keine weitere Anwendung innerhalb der Berechnung
haben aber dennoch für eine wirtschaftliche Betrachtung der Strecke nützlich sein könnten. Inner-
halb des Moduls Aufkommen lässt sich eine sehr ausführliche Analyse des Verkehrsmarktes unter
den eingestellten Bedingungen, einschließlich kartographischer Darstellung der verkehrlichen Attrak-
tivität zwischen einzelnen Städten durchführen.
Die wirtschaftlichen Kennziffern finden sich im Modul Finanzierung, einige davon werden in der
Auswahlbox abgebildet. Zur Optimierung der Kostenstruktur eignet sich die Kostentreiberanalyse.
Die genaue Auswertung der betriebswirtschaftlichen Kennwerte lässt sich am besten über Diagram-
me ausführen. Diese Diagramme können (bei automatischer Ausblendung der auf ihnen enthaltenen
Makro-Schaltflächen) ausgedruckt und in Präsentationen kopiert werden. Die wichtigsten von Ihnen
werden im Folgenden vorgestellt:
Kumulierte Kosten: Bei dieser sehr einfachen Darstellung werden alle im Zusammenhang mit dem
Projekt anfallenden Kosten im Verlauf der Projektbetrachtungszeit (Bau- und Betriebszeit) darge-
stellt. Dieser Wert kann keine Aussage zur Finanzierbarkeit oder Eigenwirtschaftlichkeit eines Projek-
tes treffen, jedoch kann ein Überblick über die insgesamt entstehenden Kosten gewonnen werden
und es wird ein Vergleich von Projekten auf reiner Kostenbasis ermöglicht. Es können Sprünge in der
Kostenentwicklung, wie sie beispielsweise an Zeitpunkten größerer Reinvestitionen auftreten, identi-
fiziert werden, um gegebenenfalls die Projektlaufzeit anzupassen oder auf eine technisch langfristi-
gere Auslegung einzelner Gewerke zu achten.
Cash Flow aus Betrieb (zzgl. Zuschüsse): Hier werden sämtliche anfallende Ausgaben, also vor allem
Investitionen (abzüglich Baukostenzuschüssen), Reinvestitionen, Betriebskosten und Steuern den
Umsätzen (einschließlich Bestellerentgelten) für jedes Jahr der Projektbetrachtung gegenüberge-
stellt. Ein positiver Cash Flow in einem Betriebsjahr kann genutzt werden, um negative Cash Flows
(v.a. in der Bau- und anfänglichen Betriebsphase) auszugleichen. Über die Art, wie ein solcher Aus-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 121 -
gleich geschehen soll, sagt der Cash Flow nichts aus. Denkbar ist, dass der Staat Unterdeckungen wie
auch Überschüsse „glättet“, wie dies bei den staatlichen Bahnunternehmen im letzten Jahrhundert
üblich war. Für Projekte mit einer privaten Finanzierung ist jedoch auch denkbar, dass anfängliche
negative Jahreswerte durch die Aufnahme von Krediten ausgeglichen werden, welche im weiteren
Projektverlauf in Form von ungleichen Zahlungen in Höhe der jeweiligen Cash Flow-Jahreswerte
getilgt werden.
In letztgenannten Fall ist von zusätzlich entstehenden Finanzierungskosten in Form von Zinszahlun-
gen und -gewinnen auszugehen, die der freie Cash Flow berücksichtigt. Die Höhe der anfallenden
Zinszahlungen hängt von der Art der Finanzierung (Anteil der zinslosen Darlehen, Baukostenzuschüs-
se), den Konditionen für die Finanzierung und den Investitionskosten ab. Weist der Freie Cash Flow
positive Jahreswerte auf, reichen die Betriebsüberschüsse aus, um die durch Investitionen entstan-
dene Schuldenlast (teilweise) abzutragen.
Gegenüberstellung Kumulierte Kosten/Erlöse: Für jedes betrachtete Projekt werden hier zunächst
die insgesamt entstandenen Kosten im zeitlichen Verlauf abgetragen (Abbildung 32). Eine weitere,
blasser dargestellte Kurve zeigt die tatsächlich für einen Betreiber entstehenden Kosten nach Abzug
aller Zuschüsse. Werden Baukostenzuschüsse bezogen, ist diese Kurve demnach nach unten parallel
verschoben; beim Erhalt von jährlichen Bestellerentgelten hat diese Kurve eine geringere Steigung.
Die schwarz dargestellte Kurve trägt schließlich den kumulierten Wert aller Fahrgasteinnahmen ab.
Relevant für eine Aussage zur Wirtschaftlichkeit des betrachteten Projektes sind die Schnittpunkte
zwischen der schwarzen und den farbigen Kurven. Je eher sich im Projektverlauf ein Schnittpunkt
zwischen schwarzer und blasser farbiger Kurve ergibt, desto eher ist eine „Finanzierbarkeit“ im Sinne
der Definition auf Seite 115 gegeben. Durch Anpassen der möglichen Projektunterstützungen (Bau-
kostenzuschüsse, günstige und zinsfreie Darlehen, Betriebszuschüsse) kann die blasse Kurve nach
unten verschoben werden, um einen möglichst zeitigen Schnittpunkt zu erreichen. Darüber hinaus
können die Auswirkungen verschiedener Aufkommensszenarien und Fahrpreisstrategien durchge-
spielt werden. Findet innerhalb der betrachteten Betriebszeit sogar ein Schnitt zwischen schwarzer
und dunkler farbiger Kurve statt, handelt es sich um ein (Teil-)projekt, welches sich eigenwirtschaft-
lich trägt.
Bei der Darstellung der Betriebsüberschüsse bei festen Annuitäten wird sowohl für die zinslosen als
auch für die zu verzinsenden Darlehen von einer jährlich gleich bleibenden Abzahlung über die ge-
samte Betriebslaufzeit ausgegangen. Das Darlehen wird entsprechend dieser Annahme nach Be-
triebsaufnahme (aufgrund einer angenommenen Zahlung nach Abschluss der Bauleistungen) in voller
Höhe der selbst zu leistenden Investitionen aufgenommen. Die Abzahlungen werden dann, gemein-
sam mit den im jeweiligen Jahr entstandenen Betriebs- und Reinvestitionskosten den Erlösen, also
Fahrgeldeinnahmen und Bestellerentgelten gegenübergestellt.
Gesamtschuld / -vermögen der Investition: In dieser Grafik kann eine endgültige Aussage zur tat-
sächlichen Eigenfinanzierungskraft eines Projektes unter den gegebenen Randbedingungen getroffen
werden. Befindet sich dieser Wert auch am Ende des Betrachtungszeitraumes noch im negativen
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 122 -
Bereich, ist eine Finanzierung unter den gegebenen Bedingungen nicht möglich. Um zu prüfen, ob
eine vollständige Finanzierung des Projektes ohne jede Unterstützung des Staates möglich erscheint,
können in der Tabelle Finanzierung sämtliche Zuschüsse/Subventionen deaktiviert werden und
schließlich die Veränderung des Kurvenverlaufs betrachtet werden. An dieser Stelle soll nochmals
darauf hingewiesen werden, dass weltweit nur sehr wenige Projekte tatsächlich gänzlich ohne Unter-
stützung des Staates finanziert werden bzw. wurden.
Barwerte der Investition: Der Barwert, definiert als Wert, den zukünftige Zahlungsströme zum Be-
trachtungszeitpunkt bei gleich bleibendem Zinssatz haben, berücksichtigt den über den Projektver-
lauf zunehmenden Effekt der „Entwertung“ einer Währung, welcher insbesondere bei lang laufenden
Projektbetrachtungszeiten, wie sie bei Bahnprojekten typisch sind, eine große Bedeutung hat. Bei
einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,1 % p.a., wie sie für Westeuropa typisch ist, ist innerhalb
einer 40-jährigen Projektlaufzeit mit einer Gesamtinflation von etwa 230 % zu rechnen. Die ermittel-
te Gesamtschuld / das ermittelte Gesamtvermögen der Investition, wie oben dargestellt, muss durch
einen Bewertungsfaktor abdiskontiert werden, um eine Vorstellung von der tatsächlichen Höhe zu
erwartenden Gewinns oder Verlustes zum heutigen Geldwert zu vermitteln. Dies gilt insbesondere
beim Vergleich von Projekten mit unterschiedlichen Laufzeiten. Im normalen Anwendungsfall gilt für
einen Zahlungsstrom entsprechend nur ein Barwert. Da es bei Bahnprojekten jedoch wie oben be-
schrieben möglich ist, durch gute Instandhaltung und regelmäßige Reinvestitionen sehr lange Pro-
jektlaufzeiten zu realisieren, ist in der grafischen Darstellung für jedes Jahr der Barwert der bis zum
jeweiligen Jahr aufgelaufenen Gesamtschuld / des Gesamtvermögens dargestellt um beispielsweise
eine Entscheidung über die angestrebte Betriebszeit zu vereinfachen.
Für die automatisch per Makro erstellbaren Gebirgscharts werden jeweils zwei technische, betriebli-
che oder finanztechnische Parameter unabhängig voneinander variiert und in deren Abhängigkeit ein
dritter Parameter abgetragen. Diese Darstellungsform ermöglicht das Auffinden von Bereichen, in
denen sich die zu wählenden Parameter bewegen, für die die resultierende Kenngröße ein Optimum
(in der Regel Hoch- oder Tiefpunkt) anstrebt – und dass, ohne die Parameter einzeln „ausprobieren“
zu müssen. In den folgenden drei Beispielen soll ein Eindruck vermittelt werden, wie solche Dia-
gramme als Entscheidungshilfe dienen können.
Da die Betriebsüberschüsse bei den meisten Projekten nicht alle auflaufenden Kosten decken
können, stellt sich zu Beginn der Planung die Frage, unter welchen Randbedingungen eine Finan-
zierung (aus Zuschüssen, zinslosen Darlehen und Krediten) denn möglich wäre. In einem Oberflä-
chendiagramm ist der Barwert der Gesamtschuld/des Gesamtvermögens am Ende einer
festgelegten Projektlaufzeit für verschiedene Finanzierungskonditionen abgetragen (Abbildung
48). Bei der Betrachtung der Nullebene wird erkennbar, bei welchem Mix aus Zuschüssen und
zinslosen Darlehen ein positiver Projekterfolg und somit beispielsweise die Bereitschaft eines Pri-
vatbetreibers, den Betrieb auf der Strecke eigenwirtschaftlich zu übernehmen, zu erwarten ist.
Umgekehrt kann diese Grafik auch als Richtlinie für Planer und Berater gelten, mit welchen Forde-
rungen nach Zuschüssen auf staatliche Ebenen zugegangen werden sollte.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 123 -
Es sei vorgegeben, dass bis 2060 ein stabiles Aufkommen auf einer Fernverkehrsstrecke zu erwar-
ten ist. Die danach liegende Zeit scheint für die Planung mit zu vielen Unsicherheiten behaftet zu
sein. Für den Staat oder einen Privatinvestor stellt sich die Frage, ob diese Strecke einen positiven
Barwert erwarten lässt und welche Bau- und Betriebszeit (z.B. über Verträge mit Infrastrukturun-
ternehmen) angestrebt werden sollte. Ein einfaches Abtragen des Barwertes über die anzuset-
zende Projektlaufzeit verspricht einen größeren Projekterfolg bei langen Laufzeiten, da den
anfänglichen Investitionen längere Einnahmen gegenübergestellt werden können. Jedoch werden
Einbrüche beim Barwert beobachtet, wenn das Ende der Betriebszeit kurz nach großen Reinvesti-
tionsmaßnahmen gewählt wird. Diese Zusammenhänge lassen sich in einem zweidimensionalen
Diagramm darstellen. In der Oberflächenstruktur kann jedoch zusätzlich noch die Bedeutung der
Bauzeit des Projektes berücksichtigt werden. Eine lange Bauzeit schiebt die Betriebszeit und in
festen Zyklen anfallende Reinvestitionen in spätere Jahrgänge, in denen ein höheres Aufkommen
und höhere Betriebsüberschüsse erwartet werden. Andererseits verkürzt eine lange Bauzeit auch
den möglichen Nutzungszeitraum, wenn das Jahr 2060 als letztes fest planbares Jahr angenom-
men werden soll. In einem Oberflächendiagramm, welches den Barwert in Abhängigkeit von Bau-
zeit und anzunehmendem Ende der Betriebszeit darstellt, können einzelne Spitzen und Mulden
des Barwertes am Projektende festgestellt werden (Abbildung 50).
Um eine sinnvolle Annahme für den zu wählenden Takt in der Hauptverkehrszeit zu treffen, muss
die Auslastung der einzelnen Kanten der Linie berücksichtigt werden. Diese hängt vom jährlichen
Aufkommen auf den jeweiligen Abschnitten ab – und dieses wiederum auch vom angebotenen
Takt. In einem 3D-Chart kann die durchschnittliche Auslastung der Fahrzeuge auf den einzelnen
Streckenabschnitten in Variation des Taktes betrachtet werden. Bei doppelt so hohem Takt ist
Auslastung nicht „nur“ halb so hoch, da die durchschnittliche Reisezeit aufgrund der geringeren
Warte-/Pufferzeit sinkt. Da eine Überbesetzung der Fahrzeuge in Spitzenlastzeiten vermieden
werden soll, gleichzeitig eine zu niedrige Auslastung die Gefahr birgt, dass die Grenzkosten für die
Fahrt nicht gedeckt werden können, ist ein Takt zu wählen, aus dem eine mittlere Fahrzeugauslas-
tung von etwa 60 - 70 % resultiert. Bei der betrieblichen Untersuchung einer Magnetschwebe-
bahn könnte nun zusätzlich geprüft werden, in welchem Takt gefahren werden müsste, wenn die
Fahrzeuge um eine Sektion gekürzt werden würde und was dies für Auswirkungen auf die Be-
triebskosten haben würde.
Weiterhin ist darauf zu achten, dass die Fahrzeuge über die gesamte Linienlänge möglichst
gleichmäßig ausgelastet sind. Ergibt sich im Schaubild, dass einzelne Kanten deutlich geringer aus-
gelastet sind, muss das Betriebskonzept, z.B. durch Ausdünnung des Taktes auf einem Teil der
Strecke, angepasst werden.
Mit dem nun zur Verfügung stehenden Werkzeug können Hochgeschwindigkeitsstrecken hinsichtlich
ihrer wirtschaftlichen Bedeutung geplant und verglichen werden.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 124 -
5 Simulationsergebnisse: Chancen des Verkehrsträgers Bahn
Innerhalb dieses Kapitels werden die im zuvor vorgestellten Simulationstool analysierten Kosten- und
Erlösstrukturen genauer vorgestellt. Es werden Veränderungen innerhalb dieser Struktur gezeigt, die
aus einer Variation des Betriebskonzeptes oder bei Realisierung weiterer Ausbaustufen resultieren.
Obwohl auf die ausgewählten Beispielstrecken bezogen, können dabei im Rahmen der Kostentrei-
beranalyse typische Kostenentwicklungen des spurgeführten Verkehrs beschrieben bzw. bestätigt
werden. Die hohen Investitionen für die Infrastruktur, insbesondere im Hochgeschwindigkeitsverkehr
gelten als größte Herausforderung für eine Eigenwirtschaftlichkeit eines Bahnprojektes. Die aus
ihnen resultierenden Abschreibungen und Finanzierungskosten machen hohe Auslastungsgrade der
Fahrzeuge und der Infrastruktur notwendig. Hohe Auslastungen wiederum werden nur erreicht,
wenn durch flexible und attraktive Angebote breite Reisendengruppen gewonnen werden können.
Bevor die Variationsmöglichkeiten der Software hinsichtlich verschiedener Parameter vorgestellt
werden, erfolgt in Kapitel 5.1 eine Festlegung der zu untersuchenden Beispielstrecken und in Kapitel
5.2 eine Zusammenfassung der Ergebnisse, auf deren Details anschließend eingegangen wird.
5.1 Auswahl von Beispielstrecken
Die Eigenschaften des entwickelten Simulationstools sollen dargestellt werden, indem für jeweils
eine Beispielstrecke in Rad/Schiene- und in Magnetfahrtechnik Simulationsläufe durchgeführt und
deren Ergebnisse beschrieben sowie interpretiert werden. Dazu sollen Strecken ausgewählt werden,
die sich durch hohe Aufkommenspotenziale für die Bahn als Neubaustrecke im Hochgeschwindig-
keits-Fernverkehr auszeichnen und deren Realisierung vorstellbar ist. Für die Auswahl der Strecken
werden zwei verschiedene Ansätze verfolgt. Für eine Beispielstrecke werden unter allen in Kapitel 2
betrachteten Städteverbindungen mit der Bahn diejenigen herausgesucht, welche schlecht ausge-
baut sind und ein hohes Aufkommenspotenzial bieten. Im zweiten Fall werden Flugrelationen mit
hohem Direktaufkommen daraufhin untersucht, ob sie sich durch attraktive Bahnverbindung erset-
zen lassen könnten.
5.1.1 (Hamburg –) Berlin – Dresden – Prag – Wien – Bratislava – Budapest
Zur Ermittlung von Relationen, die ein hohes theoretisches Verkehrsaufkommen für den Verkehrs-
träger Bahn bieten, deren Modal Split jedoch aufgrund von bisher unzureichenden Bahnverbindun-
gen eher vom Individual- bzw. Luftverkehr geprägt ist, wurde das in Kapitel 2.2 vorgestellte
Analysetool zum mitteleuropäischem Fernverkehrsmarkt mit dem in Kapitel 4.5.1 vorgestellten
Modul zur Aufkommensberechnung ergänzt, um Aufkommenspotenziale auf allen untersuchten
Relationen vergleichen zu können. Ziel ist es, einen qualitativen Vergleich der Dringlichkeit verschie-
dener möglicher Bahnprojekte durchzuführen und eine Rangfolge unter den untersuchten Verbin-
dungen zu erstellen. Die Arbeitsweise orientiert sich dabei an dem von Breimeier in [7]
beschriebenen Vorgehen, bei dem zunächst:
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 125 -
Städte mit einer bisher fehlenden oder schlechten Eisenbahnanbindung ausgewählt und sinnvoll
an einer Modell-Linie angeordnet werden,
durch Berechnungen nach dem Lill’schem Gravitationsmodell Reisendenpotenziale ermittelt und
auf den einzelnen Streckenabschnitten abgetragen werden.
mögliche Reisezeiten ermittelt werden, um den möglichen Anteil der Bahn am Modal Split
bestimmen zu können.
In Abbildung 7 wurden die Reisezeiten aller untersuchten Fernverkehrsverbindungen über die jewei-
ligen Entfernungen (Luftlinie) abgetragen. Dabei fällt eine breite Streuung bei den Bahnverbindungen
auf. Um zusätzliches Verkehrsaufkommen auf die Schiene zu bringen, ist es notwendig, die Reisezei-
ten weiter zu reduzieren um diese im Idealfall in einem Bereich unterhalb der Reisezeiten mit dem
Pkw (insbesondere kürzere und mittellange Fernverkehrsverbindungen) und Flugzeug (große Reise-
weiten) anzusiedeln. Soll die Konzentration auf diejenigen Relationen gelegt werden, bei denen die
Reisegeschwindigkeiten bisher deutlich unter den Durchschnittsgeschwindigkeiten des Verkehrsträ-
gers liegen bzw. die aufgrund größerer Reisezeiten gegenüber anderen Verkehrsträgern nicht kon-
kurrenzfähig sind, muss der obere Bereich der Punktewolke im Diagramm betrachtet werden.
Da nach dieser Einschränkung noch immer eine große Anzahl von möglichen Städteverbindungen für
die weitere Betrachtung in Frage kommt, erfolgt eine Auswahl anhand der Bedeutung der Relation.
Bis zu diesem Schritt wurden alle untersuchten Werte in gleicher Form dargestellt. Es konnte ledig-
lich eine Aussage zu der Qualität der Verbindung, nicht jedoch zu dem hinterlegten Aufkommenspo-
tenzial getroffen werden. Im nächsten Schritt wird die Punktegröße proportional dem mit Formel 3
ermittelten gesamten Direktaufkommen auf der jeweiligen Relation angepasst (Abbildung 34).
Streckenabschnitte mit hoher Dringlichkeit, also hohem Gesamtaufkommen bei niedrigen aktuellen
Reisegeschwindigkeiten mit der Bahn, sind beispielsweise Verbindungen zwischen Berlin und Dres-
den, Dresden und Prag sowie Prag und Wien. Da diese Streckenabschnitte aneinander grenzen,
bietet sich eine durchgehende HGV-Linie Berlin – Dresden – Prag – Wien an, die zusätzlich die Poten-
ziale der Verkehrsaufkommen aller anderer Relationen zwischen den genannten Städten abschöpfen
kann (Berlin – Prag, Dresden – Wien, etc.). Zusätzliche Netzeffekte können genutzt werden, wenn
schnelle Zubringerzüge von Hannover nach Berlin oder von Leipzig nach Dresden mit dieser Linie
verknüpft werden. Darüber hinaus soll im Rahmen der Simulation geprüft werden, ob die Option der
Streckenverlängerung nach Hamburg wirtschaftlich sinnvoll erscheint.
Die genannte Strecke eignet sich aus mehreren Gründen ganz besonders als Neubaustrecke des
Hochgeschwindigkeitsverkehrs:
Jeder Teil dieser Linie für sich bietet ein nicht unerhebliches Fahrgastaufkommen. Ein Neubau
kann insofern abschnittsweise erfolgen, ohne das befürchtet werden muss, dass aufgrund man-
gelnder Nachfrage bis zur Fertigstellung der gesamten Linie ein nur eingeschränkter Betrieb statt-
finden muss. Dies ist besonders deshalb wichtig, weil die Linie durch mehrere Länder geht, in den
unterschiedliche Planungs- und Bauzeiten für Infrastrukturprojekte üblich sind. Darüber hinaus ist
bei einer überwiegend öffentlichen Finanzierung oft ein Freigeben der Gelder in Jahrestranchen
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 126 -
üblich, sodass der Bau von Infrastruktur ohnehin in verschiedene Abschnitte gegliedert werden
muss.
Die Streckenlängen der zu betrachtenden Linie sind für Hochgeschwindigkeitsverkehr geradezu
prädestiniert. Haltestellenabstände von knapp 200 km eignen sich hervorragend für hohe Be-
triebsgeschwindigkeiten, sind aber zu kurz für wirtschaftlichen Flugverkehr. Bei einer optionalen
Verlängerung nach Hamburg und Budapest verbindet diese Strecke mit einem weiteren Halt in
Bratislava auf etwa 1.200 km fünf europäische Hauptstädte.
Seit der EU-Osterweiterung hat die Verflechtung der deutschen Wirtschaft mit den östlichen
Nachbarländern eine besondere Dynamik bekommen. Dies gilt ganz besonders für Tschechien und
die Slowakei. Prag und Bratislava sind bereits jetzt bedeutende Dienstleistungsstandorte für deut-
sche Unternehmen. In einigen Gebieten der genannten Länder herrscht aufgrund der attraktiven
Standortbedingungen Vollbeschäftigung. Es ist daher anzunehmen, dass einerseits die Wirt-
schaftskraft dieser Länder bald dem europäischen Durchschnitt entspricht und dabei andererseits
aus historischen Gründen eine besondere Beziehung zu Deutschland und Österreich bestehen
bleiben wird.
Neben den beschriebenen wirtschaftlichen Verflechtungen erfolgt – wenn auch langsamer – ein
kulturelles und gesellschaftliches Zusammenwachsen. Eine tendenziell pro-westliche Orientierung
in den Beitrittsländern und ein zunehmendes Interesse der deutschen und österreichischen Be-
völkerung an den neuen Mitgliedern der EU induzieren über Schüler- und Studentenaustausche,
Städtereisen und Urlaubsfahrten neues länderübergreifendes Verkehrsaufkommen. Dieser Trend
der fallenden Binnengrenzen ist innerhalb der gesamten EU zu beobachten, findet jedoch zwi-
schen den neuen und alten EU-Ländern mit einer besonderen Intensität statt. Dass zukünftig die
Bindungen zwischen Deutschland und Tschechien weniger stark ausgeprägt bleiben sollen als zwi-
schen Deutschland und Frankreich oder Frankreich und Großbritannien, ist nicht einsichtig. Zwi-
schen Österreich und Ungarn blieb die enge Beziehung aus den Zeiten der Donaumonarchie
teilweise sogar in den Zeiten des Kalten Krieges bestehen.
Die bestehenden Schienenwege auf diesen Verbindungen, insbesondere zwischen Dresden, Prag
und Wien erlauben aufgrund ihres kurvigen Verlaufs durch Mittelgebirge und entlang von Flüssen
keine deutliche Steigerung der Betriebsgeschwindigkeit. Ein kompletter Neubau ist daher einem
abschnittsweisen Ausbau vorzuziehen. Dieser wiederum erlaubt die Einführung eines einheitli-
chen Hochgeschwindigkeitssystems auf der gesamten Strecke, ohne dass zusätzliche Aufwendun-
gen zur Überwindung der Grenzen der Interoperabilität (unterschiedliche Betriebsleitsysteme,
Stromsysteme, Trassierungsparameter, etc.) getätigt werden müssen. Die Wahl eines Magnet-
bahnsystems für die geplante Route würde ohnehin einen kompletten Neubau voraussetzen.
Einer möglichen Realisierung in Form einer Magnetbahn kommt auch die Tatsache zugute, dass
sich der für den deutschen Bereich geplante Streckenteil von Berlin bis zur tschechischen Grenze
weitgehend außerhalb des Kernnetzes der Deutschen Bahn befindet. Dies bedeutet, dass bei ei-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 127 -
nem Systemsprung keine größeren Fahrplanumstellungen notwendig werden, da nur wenige
Fernlinien betroffen sind.
Die Bedeutung der genannten Strecke wurde bereits vor mehreren Jahren von der Europäischen
Kommission erkannt. Es wurden unter anderem mehrere Studien zur Förderung des Nord-Süd-
Korridors zwischen Ostsee und Adria, dessen Zentrum der Bereich Berlin – Prag – Wien – Budapest
darstellt [85], in Auftrag gegeben. Die hier angenommene Beispielstrecke orientiert sich hinsichtlich
der Trassierung am Zusatzmodul HGV der SIC! (Sustrain Implement Corridor)-Studie [85]. Es soll die
Magnetbahnvariante, einschließlich Halte am zukünftigen Großflughafen BBI sowie in Pardubice
und Brno untersucht werden (Abbildung 35), wobei im Unterschied zur Ausgangsstudie kein peri-
pherer Halt in den Großstädten geplant ist, sondern bewusst die aufwändigere Variante mit Ein-
fahrten bis in die Städte gewählt wird, um keine zusätzlichen Umsteigezwänge mit Verlängerung
der Reisezeiten zu verursachen. Die optional zu prüfende Verlängerung der Strecke nach Hamburg
basiert auf den Planungen der Magnetbahn Berlin – Hamburg aus den späten 1990er Jahren.
Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur auf diesem Korridor hat eine besondere Priorität und wird als
Transeuropäisches Verkehrsnetz (TEN-V)121 gefördert. Im Bereich der Eisenbahninfrastruktur beinhal-
ten diese Förderungen des Korridors zur Zeit überwiegend Beihilfen zu Planungskosten, jedoch sind
im Falle eines umfangreichen Neu-/Ausbaus der Nord-Süd-Eisenbahnlinie Baukostenzuschüsse von
nicht unerheblichem Maße durch die EU zu erwarten. Bauvorhaben innerhalb der TEN-V-Projekte
wird ein europäisches Interesse bescheinigt, was nicht nur Auswirkungen auf die Finanzierungsmög-
lichkeiten (u.a. günstige Kredite der Europäischen Investitionsbank), sondern auch auf die planeri-
sche Durchsetzbarkeit hat. Für einen raschen Ausbau dieser Strecke spricht zusätzlich die Tatsache,
dass Baukosten in den neuen EU-Mitgliedsstaaten noch relativ niedrig liegen. Es ist zu erwarten, dass
langfristig eine Anpassung des Preisniveaus an das Westeuropas stattfindet. Würde eine qualitativ
hochwertige Strecke zügig realisiert, könnten Investitionen auf niedrigem Preisniveau Fahrgastein-
nahmen auf einem höheren Niveau gegenüber gestellt werden.
Gegen den Bau dieser HGV-Strecke könnte sprechen, dass auf dem deutschen Streckenanteil bereits
umfangreiche Mittel in die Ertüchtigung der Strecken geflossen sind. Zwischen Berlin und Dresden
fanden über eine Dekade verschiedene Teilinvestitionen statt, ohne dass sich für den Reisenden eine
Verbesserung des Angebotes ergeben hat. Dies soll sich mit den Ende 2008 beschlossenen Maßnah-
men ändern, die die in diesen Abschnitt investierte Summe auf fast 1 Mrd. € erhöhen wird [139, S.
64]. Da jedoch nur der Ausbau nur für eine Betriebsgeschwindigkeit von 160 km/h geplant ist, ist
keine grundsätzliche Veränderung des Verkehrsaufkommens zu erwarten, was wiederum zur Folge
hat, dass der unattraktive 2-Stunden-Takt mittelfristig bestehen bleiben wird. Der Streckenabschnitt
zwischen Hamburg und Berlin wurde ebenfalls bereits ausgebaut und ermöglicht aufgrund einer
Betriebsgeschwindigkeit von 230 km/h eine attraktive Reisezeit mit der Bahn auf dieser Relation. Im
Rahmen der Kostensimulation soll dennoch die Möglichkeit einer Neubaustrecke geprüft werden, da
freiwerdende Kapazitäten auf der vorhandenen Rad/Schiene-Strecke vom Güterverkehr zwischen
121 Definition und Beschreibung: Art. 154, EG-Vertrag.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 128 -
den Nordseehäfen Hamburg und Bremerhaven sowie Ostdeutschland/Osteuropa genutzt werden
könnten. Abbildung 36 und Abbildung 37 zeigen das Verhältnis aus Bahnaufkommen und gesamten
Aufkommenspotenzial auf den betroffenen Verbindungen im Vergleich vor und nach Inbetriebnahme
der beschriebenen Magnetbahnverbindung, Abbildung 38 zeigt für einige ausgewählte Relationen die
Veränderungen hinsichtlich Reisezeit, Aufkommen sowie des Verhältnisses aus Modal Split von Bahn-
und Luftverkehr. Diese Ergebnisse und die in Kapitel 5.2 dargestellten Schlussfolgern gehen von der
Annahme aus, dass die Strecke komplett in der oben beschriebenen Qualität in Betrieb genommen
wird und sämtliches Aufkommen der bisher bestehenden Fernverkehrsverbindung übernimmt.
Gleiches gilt für die im nächsten Unterkapitel beschriebene Verbindung zwischen Köln/Düsseldorf
und Berlin.
5.1.2 Köln/Düsseldorf – Dortmund – Bielefeld – Hannover – Berlin (– Warschau)
Für die zweite zu wählende Beispielstrecke wird ein anderer Ansatz gewählt: Es wird der Neu- bzw.
Ausbau einer Strecke betrachtet, welche zum Kernnetz der Eisenbahn in Deutschland zählt. Soll die
Möglichkeit einer betrieblichen Verknüpfung der Linie mit weiteren Strecken (ggf. im späteren Pro-
jektverlauf) genutzt werden, muss der Ausbau in Rad/Schiene-Technik erfolgen. Die potenzielle
Neubaustrecke soll Relationen abdecken, die sich bisher durch ein hohes Binnenflugaufkommen
auszeichnen, welches von der Bahn gewonnen werden kann.
Bei der Betrachtung der Aufkommen im Luftverkehr zwischen deutschen Städten haben die Flughä-
fen Frankfurt/Main und München die größte Bedeutung. Es wurde jedoch bereits gezeigt, dass ein
sehr großer Teil der Flugreisenden zu diesen Flughäfen Umsteiger sind, die die Bahn kaum oder gar
nicht für sich gewinnen kann. Es muss also nach hohen Direktaufkommen ohne Einbezug von Zubrin-
gerflügen gesucht werden. Hohe zielreine Aufkommen sind neben vor allem auf den Strecken Berlin
– Köln/Bonn und Berlin – Düsseldorf zu verzeichnen. Ein großer Teil dieses Aufkommens wird von
Low-Cost-Carriern bedient122, welche ihren Marktanteil in den letzten Jahren stetig ausbauen konn-
ten. Die Luftverkehrsaufkommen auf dieser Strecke sind besonders deshalb für den Verkehrsträger
Bahn interessant, weil weder die Flughäfen in Berlin noch in Köln/Bonn oder Düsseldorf als Hubs für
eine Airline fungieren. Bei 18 Direktflügen je Tag und Richtung wurden zwischen Berlin und Düssel-
dorf im Jahr 2007 etwa 900.000 Personen [140, S. 81] direkt befördert, die Relation zwischen Berlin
und Köln/Bonn ist mit 1,45 Mio. Personen bei 28 täglichen Verbindungen die aufkommensstärkste
deutsche Originärverbindung.
Sollen diese Flugaufkommen zur Bahn wechseln, ist es notwendig, diese Strecken mit einer Gesamt-
reisezeit unter der des Flugverkehrs anzubieten, was bedeutet, dass die Fahrzeit bei maximal drei
Stunden liegen darf. Gumprecht hat in [141] und [142] Möglichkeiten untersucht, die Fahrzeiten
zwischen Berlin und dem Ruhrgebiet bzw. Köln drastisch zu reduzieren. Obwohl Zwischenhalte nur in
Dortmund, Bielefeld und Hannover vorgesehen sind, könnten fast 10 Mio. Einwohner direkt an die
122 Anteile der Low Cost Carrier am Aufkommen der Flughäfen: Köln/Bonn: 70,4 %, Dortmund: 66,5 %, Düssel-
dorf: 23,2 %. Der Anteil von Low Cost Carriern am Aufkommen des Flughafens Frankfurt/Main liegt zum Ver-
gleich bei nur 2,6 % [47, S. 10].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 129 -
Schnellfahrstrecke angeschlossen werden (Abbildung 39). Die einzelnen von Gumprecht vorgeschla-
genen Ausbauschritte sind:
Bau einer weiteren Rheinbrücke nördlich der Kölner Innenstadt, um den Hauptbahnhof aus Kapa-
zitätsgründen und zur Einsparung von Fahrzeit als Durchgangsbahnhof nutzen zu können. Bau ei-
ner Neubaustrecke zwischen Köln und Dortmund südlich des Ruhrgebietes. Abzweig von
Düsseldorf auf diese Neubaustrecke (Abbildung 40).
Durchgehende Trasse für Betriebsgeschwindigkeit von 300 km/h zwischen Dortmund und Biele-
feld mit Umfahrungsmöglichkeit von Hamm (Abbildung 41), Umfahrungsmöglichkeit von Bielefeld
für einzelne Züge.
Bielefeld – Hannover auf komplett neuer Strecke, welche teilweise mit der Bundesautobahn 2
gebündelt ist. Da der Knoten Hannover hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit für zukünftige Ver-
kehre als „kritisch einzuschätzen“ [73, S. 5] ist, wird die Möglichkeit der Umfahrung des Knotens
durch einzelne Züge über den Flughafen Hannover-Langenhagen vorgesehen (Abbildungen 41 und
42). Neben dem Vorteil der Fahrzeiteinsparung bietet sich dort die Möglichkeit, aufgrund ausrei-
chend vorhandener Flächen für Pkw-Stellplätze eine Verknüpfung zwischen Individual- und Schie-
nenpersonenfernverkehr vorzunehmen.
Innerhalb des Abschnitts Hannover – Berlin wird bis auf Umbauten im Bahnhof Wolfsburg, zusätz-
liche Gleise zwischen Lehrte und Wolfsburg und die Westeinfahrt Stendals keine zusätzliche Infra-
struktur vorgesehen. Es sollen betriebliche Zwangspunkte beseitigt und eine Anhebung der
Höchstgeschwindigkeit auf 300 km/h vorgenommen werden (Abbildung 43).
Die Strecke Rhein/Ruhr – Hannover – Berlin in ihrem aktuellen Ausbaustand wurde hinsichtlich ihrer
Leistungsfähigkeit bereits als Korridor 1 in [15, S. 46] untersucht. Die Sitzplatzkapazitäten im Fernver-
kehr werden an dieser Stelle mit 18.744 Plätzen je Tag und Richtung angegeben123, was einer Jahres-
kapazität von 13,5 Mio. Reisenden bei voller Auslastung und maximaler Fahrzeuggröße entspricht.
Nennenswerte freie Kapazitäten wurden lediglich noch für den Korridor Dortmund – Hamm erwartet.
Die Bereiche Minden – Wunsdorf und Hannover stellen dagegen die bedeutendsten Engpässe dar.
Zur Steigerung der Leistungsfähigkeit wäre eine Harmonisierung und Entmischung notwendig, wel-
che jedoch das Angebot nicht verbessern würde. Die hier vorzunehmende Wirtschaftlichkeitsunter-
suchung der Strecke Köln/Düsseldorf – Berlin orientiert sich an den Trassierungsvorschlägen von
Gumprecht. Abbildung 44 und Abbildung 45 zeigen auch für diese Strecke die aus dem Aus-/Neubau
resultierenden Verbesserungen von Fahrzeit und Modal Split in grafischer Form, aus Abbildung 38
können für einige ausgewählte Relationen diese Werte in tabellarischer Form entnommen werden.
Auch für diese Strecke soll im Verlauf des Kapitels die Option einer Verlängerung geprüft werden.
Dabei ist die Frage zu prüfen, ob ein Ausbau nach Warschau wirtschaftlich zu rechtfertigen wäre.
123 Die maximale Kapazität einer typischen Strecke (Mischverkehr, geringes Aufkommen im Güterverkehr,
übliche Zuglängen) in Deutschland wird bei 40.000 Sitzplätzen je Tag und Richtung, also 28,8 Mio. Plätze/Jahr
gesehen (3 - 4 Züge je Stunde und Richtung betrieblich einzuplanen) [15, S. 46].
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 130 -
5.2 Zusammenfassung der Simulationsergebnisse
Die Berechnungen zu den beiden vorgestellten Beispielstrecken ergeben: Eine vollständige Eigen-
wirtschaftlichkeit von Bahnprojekten ist mit den in Europa erzielbaren Aufkommen kaum möglich.
Aber - es konnte für beide Strecken nicht nur die Möglichkeit einer vollständigen Abdeckung der
Betriebskosten durch die Fahrgeldeinnahmen festgestellt werden, sondern es wurden jährliche
Überschüsse (positive Cash Flows) ermittelt, die dazu beitragen, einen großen Anteil der Investitio-
nen im Laufe der Betriebszeit zu refinanzieren (Abbildung 33). In Jahren, in denen gemäß den An-
nahmen größere Reinvestitionen notwendig werden, können die Cash Flows spürbar geringer
ausfallen oder in seltenen Fällen negative Werte einnehmen. In der o.g. Abbildung kann beispielswei-
se für die untersuchte Magnetbahnvariante ein hoher finanzieller Aufwand für die Erneuerung des
Antriebs im 20. Betriebsjahr oder bei der Rad/Schiene-Variante die Erneuerung des Oberbaus und
von Teilen der Energieversorgung nach 30 Betriebsjahren in Form von negativen Cash Flows erkannt
werden. Für beide Projekte wird der Grad der Eigenwirtschaftlichkeit geringer, wenn sie nur in Teilen
realisiert werden (Kapitel 5.3). Ein Teilausbau zwischen Hannover und Bielefeld kann beispielsweise
zwar auf diesem Abschnitt Personenfahrten vom Individualverkehr abziehen, hat aber kaum eine
Auswirkung auf den Modal Split zwischen Berlin und Köln. Der Streckenabschnitt wäre nur geringfü-
gig stärker ausgelastet, als dies im Moment der Fall ist. Für die Strecke Berlin – Budapest verbessert
sogar die optional berechnete Verlängerung nach Hamburg - unter der auf Seite 128 genannten
Annahme, dass sämtliche Personenaufkommen im Fernverkehr auf die neue Strecke verlagert wer-
den können - die Kostenkennziffern für das gesamte Projekt. Die Anbindung der fast 3 Mio. Einwoh-
ner des Ballungsraumes Hamburg erhöht die Auslastung auf allen Abschnitten deutlich. Es sollte hier
also eine Realisierung des Gesamtprojektes zwischen Hamburg und Budapest angestrebt werden.
Eine Verlängerung der Ost-West-Strecke bis nach Warschau hätte jedoch einen negativen Einfluss auf
die Wirtschaftlichkeit. Selbst bei Einsatz eines differenzierten Betriebskonzeptes (Verlängerung
einzelner Züge nach Warschau) stünden doppelten Investitionen nur geringfügig höhere Einnahmen
gegenüber. Auch wegen fehlenden Aufkommensschwerpunkten für den schnellen Fernverkehr
zwischen Berlin und Warschau wird der Luftverkehr für zeitsensitive Klientel erste Wahl auf dieser
Relation bleiben.
Das realisierbare Fahrgastaufkommen erlaubt für beide untersuchten Strecken einen 20-Minuten-
Takt in der Hauptverkehrszeit; für die Magnetbahnvariante wäre ein 30-Minuten-Takt zu prüfen.
Damit kann vorgeschlagen werden, die Infrastruktur der Rad/Schiene-Verbindung für Hochgeschwin-
digkeitspersonenfernverkehr auszulegen, wobei auf einigen Streckenabschnitten auch Züge des
schnellen Regionalverkehrs aufgenommen werden können. „Strecken mit Verkehrstrennung ver-
zeichnen geringere Kosten und bieten mehr Betriebsqualität. Die Kosten von Hochgeschwindigkeits-
linien, die ausschließlich für Personenverkehr trassiert sind, sind rund 20 % niedriger als jene für
Mischverkehr.“ [143, S. 505] Darüber hinaus bieten sie deutlich höhere Zuverlässigkeit und Betriebs-
qualität, wie „Insellösungen“ für den schnellen Personenfernverkehr aus Japan und Spanien bewei-
sen. Das hohe prognostizierte Aufkommen bietet die Möglichkeit, die Neubaustrecke für den
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 131 -
Personenverkehr zu reservieren. Der Güterverkehr könnte die frei werdenden Kapazitäten auf der
Bestandsstrecke nutzen. Gleiches gilt für den Fall der Realisierung eines Transrapid-Projektes.
Die Veränderungen im Modal Split können am besten aus in Abbildung 38 beispielhaft aufgeführten
Relationen beurteilt werden. Das Magnetbahnprojekt zwischen Hamburg und Budapest würde auf
den meisten betroffenen Relationen einen „Umklappeffekt“ auslösen, bei dem die Bahn aufgrund
der sehr attraktiven Reisezeiten das komplette Luftverkehrsaufkommen übernimmt und große Teile
des Individualverkehrs für sich gewinnen kann. Es sind starke Veränderungen im Modal Split und
große zusätzlich induzierte Aufkommen zu erwarten. Dennoch sind die erwarteten absoluten Auf-
kommen geringer als bei der Vergleichsstrecke zwischen Köln/Düsseldorf und Berlin, weil die ver-
kehrliche Attraktivität der verbundenen Städte, insbesondere aufgrund des zu berücksichtigenden
Auslandsfaktors, geringer ausfällt. Für die Vergleichsstrecke fallen die Steigerungen im Modal Split
der Bahn deutlich geringer aus, weil die Reisezeiten nicht, wie bei der beschriebenen Magnetbahn-
verbindung um teilweise mehr als 50 % reduziert werden können. Dennoch sind größere Aufkommen
zu erwarten, da die Steigerungen auf einem höheren Niveau stattfinden. Selbst ohne Umklappeffekt
reichen die vom Individualverkehr und durch Induktion gewonnenen Fahrgäste zu einer spürbaren
Veränderung des Modal Split. Somit versprechen beide Verkehrsprojekte versprechen einen volks-
wirtschaftlichen Nutzen. Der zu erwartende induzierte Verkehr, geht mit einem weiteren wirtschaft-
lichen/gesellschaftlichen Zusammenwachsen der verbundenen Regionen einher. Der induktive Effekt
würde auf der Nord-Süd-Verbindung deutlich stärker ausfallen, da das dort vorhandene Verkehrsan-
gebot noch als unzureichend bewertet werden muss. In der Gesamtbeurteilung kann für das unter-
suchte Rad/Schiene-Projekt zwischen Köln/Düsseldorf und Berlin ein höherer Kostendeckungsgrad
erwartet werden als für die Verbindung (Hamburg) – Berlin – Budapest. Als Gründe dafür sind zu
nennen:
Es kann ein Teil der bereits vorhandenen Infrastruktur (das betrifft vor allem den Abschnitt Han-
nover – Berlin) mitgenutzt werden. Das bedeutet, dass hohe Aufkommen auf der gesamten Stre-
cke geringeren Investitionskosten gegenüberstehen. Die Höhe der Investitionen hat auf
Kostenseite die größten Auswirkungen auf den Wirtschaftlichkeitsgrad.
Auch auf der Erlösseite ist ein größerer Projekterfolg zu erwarten. Die durchschnittlichen Reise-
weiten sind aufgrund kürzerer Stationsabstände geringer als im Vergleichsprojekt. Da im konkur-
rierenden Luftverkehr mit seiner starken Abhängigkeit zu den absolvierten Betriebsstunden die
Kosten- und Preisstruktur eine deutlich geringere Proportionalität zur Streckenlänge aufweist (s.
Kapitel 2.4.3), ist insbesondere auf kürzeren Streckenlängen auch hinsichtlich der anzubietenden
Fahrpreise eine stärkerer Konkurrenzfähigkeit der Bahn gegeben. Bahnprojekte mit hohen Rei-
seweiten haben im Umkehrschluss nicht nur ein stärkeres Problem, hinsichtlich der Reisezeiten
mit dem Flugverkehr zu konkurrieren, sondern auch hinsichtlich der entstehenden Kosten.
Die Aufkommensschwerpunkte liegen dichter beieinander als bei der Vergleichsstrecke. Damit
kann nicht nur auf einzelnen Abschnitten, sondern auch über die gesamte Streckenlänge mit dem
Flugverkehr konkurriert werden. Es ist zu erwarten, dass aufgrund der kurzen Fahrzeiten sämtli-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 132 -
che Flugaufkommen auf den betroffenen Relationen und bedeutende Anteile des Individualver-
kehrs für die Bahn gewonnen werden können, während bei den maximal resultierenden Fahrzei-
ten zwischen Hamburg und Berlin auch bei Realisierung einer HGV-Verbindung auf
Magnetbahnbasis leicht höhere Reisezeiten gegenüber dem Luftverkehr und somit ein entste-
hender Wettbewerb über den Preis erwartet werden müssen. Auch aufgrund des fehlenden
Grenzeffektes und der noch immer höheren Wirtschaftsleistung ist ein stärkeres Aufkommen
zwischen Berlin und dem Rheinland zu erwarten als auf der Strecke nach Budapest. Dieser Rück-
schluss lässt sich bereits nach Auswertung der aktuellen Aufkommen im Flugverkehr herleiten.
Die Auslastung auf der Ost-West-Strecke ist bei einer vollen Realisierung der Vorschläge von
Gumprecht auf allen Anschnitten gleichmäßig verteilt. Dies ist vor allem der Tatsache zu verdan-
ken, dass die Zellen mit der größten Aufkommensattraktivität (Berlin bzw. Köln und das Ruhrge-
biet) an den Rändern der Strecke liegen. Die Nord-Süd-Verbindung hätte jedoch (unabhängig von
einer Verlängerung nach Hamburg) eine deutliche Aufkommensspitze zwischen Berlin Hbf. und
dem Flughafen BBI sowie ein leichtes Aufkommensgefälle nach Süden. Um einer schlechten Aus-
lastung von Zügen zwischen Wien und Budapest zuvorzukommen, müsste ein Betriebskonzept er-
stellt werden, welches im nördlichen Abschnitt einen höheren Takt vorsieht als im südlichen.
Bei Betrachtung von Kosten und Erlösen aus Systemsicht, wie sie im hier vorgestellten Modell statt-
findet, liegen andere Anreize für den Betreiber vor als bei der in Deutschland aktuell stattfindenden
kostenmäßigen Trennung von Netz und Betrieb. Da in Deutschland ein Betreiber nicht die Grenzkos-
ten, sondern die (subventionierten) Vollkosten je Streckenkilometer bezahlt, hat er ein Bestreben,
mit möglichst wenigen Zugkilometern ein möglichst hohes Aufkommen zu bewältigen. Tatsächlich
müssten die Kosten je Zugkilometer jedoch einerseits nach der Zuglänge oder -masse differenziert
werden und andererseits günstiger werden, je mehr Züge täglich über eine Strecke fahren. Die im
Netz anfallenden Kosten für einen zusätzlichen über die Strecke fahrenden Zug liegen, solange aus-
reichend große Kapazitäten verfügbar sind, bei einem Bruchteil der Trassengebühren. Als Konse-
quenz würde ein Betreiber, der selbst die Strecke bewirtschaftet, einen höheren Takt bei kürzeren
Zuglängen anbieten und auch in Randstunden bei schlechterer Auslastung ein größeres Angebot
bereit stellen. Dies gilt insbesondere bei hohen Investitionen und niedrigen Grenzkosten je Fahrt, wie
sie bei einem automatischen System wie dem Transrapid vorkommen. Der Bedarf, die Infrastruktur
gleichmäßig auszulasten, wäre noch höher und umgekehrt die Kosten dafür niedriger, da die (vom
Angebot abhängigen) Personalkosten niedriger sind. Der kostenmäßige einzig relevante Unterschied
zwischen dem Betrieb mit vier Sektionen im 30-Minuten-Takt und einem Betrieb mit zwei Sektionen
im 15-Minuten-Takt sind leicht niedrigere Energiekosten bei einem längeren Zug gegenüber zwei
kurzen Zügen.
Für die Finanzierung der Investitionen wird ein Puffer eingerechnet, sodass die aufgenommenen
Darlehen gemäß Zahlungsplan bereits einige Jahre vor Projektende abgezahlt sind. Das Projektergeb-
nis nach Ende der Betriebszeit muss damit leicht positiv sein. Dies wird, wie am Anfang dieses Kapi-
tels beschrieben, bei beiden betrachteten Projekten nur unter der Annahme von Staatshilfen zur
Finanzierung des Projektes erreicht. Diese notwendigen Hilfen haben jedoch eine deutlich verschie-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 133 -
dene Größenordnung. Während ein Break Even vor Ende der Betriebszeit für das Magnetbahnprojekt
nur bei einem Staatsanteil von 35 % an den Investitionskosten und zinslosen Darlehen in gleicher
Größenordnung erreicht werden kann, sind die notwendigen Hilfen von Staat und Staatsbanken im
Rad-/Schiene-Projekt zwischen Köln/Düsseldorf und Berlin mit jeweils 10 % deutlich geringer. Die
Gründe für die Notwendigkeit, einen finanziellen Puffer in das Projekt einzuplanen, werden in den
nächsten Teilkapiteln ausführlich erläutert. Darüber hinaus erfolgt eine ausführliche Beschreibung
der Bedeutung einzelner zu variierender Parameter.
Zuvor werden die wichtigsten Daten für beide Projekte werden in Tabelle 7 dargestellt.
Tabelle 7: Beispielstrecken: Vergleich der Projektdaten
5.3 Linienführung
Die Linienführung ist durch die Auswahl der an den beiden Beispielstrecken liegenden Städte weitge-
hend vorgegeben und, gemäß den vorgegebenen Trassierungen, durch niedrige Umwegfaktoren
sowie für den HGV nahezu ideale Halteabstände geprägt. Mittels der erstellten Software können
betriebliche und finanzielle Auswirkungen simuliert werden, welche entstehen, wenn zusätzliche
Halte eingefügt oder die Strecken verlängert werden. Für die Rad/Schiene-Verbindung zwischen
Köln/Düsseldorf und Berlin soll deshalb geprüft werden, ob die Anbindung des Ruhrgebietes oder
alternativ Kölns ausreicht und ob auf der östlichen Seite eine Verlängerung über Berlin hinaus bis
nach Warschau sinnvoll erscheint. Für die Magnetbahnvariante werden eine Verlängerung nach
Hamburg und ein Umweg über Leipzig betrachtet.
Strecke
Hamburg – Berlin – Berlin BBI –
Dresden – Prag – Pardubice –
Brno – Wien – Wien Flughafen –
Bratislava – Budapest
Köln/Düsseldorf – Dortmund –
Bielefeld – Hannover - Berlin
Technische Realisierung / Fahrzeug
Magnetschwebebahn Transrapid
Rad/Schiene-System (ICE 3)
Zuglänge
4 Sektionen,
späterer Ausbau auf 5 Sektionen
Einfachtraktion (8 Wagen)
Anzahl Sitzplätze
248 / 314
404
Anzahl Fahrzeuge
35
26
Umläufe je Tag
49,5
48
Fahrzeit
4:25
2:45
Streckenlänge
1176 km
547 km
Investitionskosten
32,5 Mrd. €
9,4 Mrd. €
Baukostenzuschüsse / zinsl. Darlehen
35 % / 35 %
10 % / 10 %
Zinssatz für Darlehen
4,0 %
4,0 %
Bauzeit
8 Jahre
8 Jahre
Betriebszeit
35 Jahre
35 Jahre
Break Even
25. Betriebsjahr
25. Betriebsjahr
Betriebskosten im 1. Betriebsjahr
556 Mio. €
320 Mio. €
Aufkommen je Kante (Ø)
7,2 Mio. P
8,6 Mio. P
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 134 -
5.3.1 Alternative Anbindung von Köln oder Düsseldorf
Obwohl Düsseldorf deutlich weniger Einwohner als Köln hat, ist es als Aufkommensschwerpunkt
durchaus mit Köln zu vergleichen, da Teile des Ruhrgebietes die Schnellfahrstrecke ab dem Bahnhof
Düsseldorf nutzen würden. Eine Aufkommensverteilung analog der bisher bestehenden Flugverbin-
dungen zwischen Köln bzw. Düsseldorf und Berlin erscheint nicht unrealistisch. Würde, etwa aus
Kostengründen, nur die Anbindung an Köln oder diejenige an Düsseldorf gebaut werden, hätte dies
Fahrzeitverlängerungen im Bereich von etwa 25 Minuten für die Einwohner der nicht mehr direkt
angeschlossenen Zelle zur Folge. Da durch diese Verlängerung der Fahrzeiten für einige Relationen
das Flugzeug wieder zum schnellsten Verkehrsmittel wird, muss mit einem Aufkommensrückgang um
bis zu 35 % aus der nicht mehr direkt angeschlossenen Zelle gerechnet werden. Unabhängig davon,
ob dies Köln oder Düsseldorf wäre, wäre bis zum letzten Streckenabschnitt zwischen Hannover und
Berlin (800.000 Reisende weniger) eine Minderauslastung zu spüren, welche mit zunehmender
Entfernung von Köln/Düsseldorf zurückgeht. Diese Minderauslastung der Strecke führt zu deutlich
geringeren Einnahmen bei ähnlichen Betriebskosten. Trotz der Einsparung von mehreren 100 Mio. €
bei den Investitionskosten ist das Projekt wirtschaftlich schlechter gestellt und auf Zuschüsse ange-
wiesen, welche die Einsparungen übersteigen. Die Realisierung einer reduzierten Variante der
Schnellfahrstrecke mit Anbindung nur von Köln bzw. Düsseldorf ist nicht betriebswirtschaftlich
sinnvoll.
5.3.2 Verlängerung der Strecke Köln/Düsseldorf – Berlin nach Warschau
Unter anderem vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, wurde vorgeschlagen,
eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Berlin und Warschau zu bauen. Diese Strecke zeich-
net sich durch eine große Entfernung und fehlende Aufkommensschwerpunkte zwischen den zu
verbindenden Städten aus, scheint also eher für den Flugverkehr geeignet zu sein. Dennoch wird in
der Berechnung die Option der Streckenverlängerung nach Warschau zunächst berücksichtigt. Die
zusätzlichen Baukosten wären aufgrund der einfachen Trassierung durch fehlende Ballungsräume
und Flachland auf der Strecke mit etwa 8 Mrd. € verhältnismäßig gering, die resultierende Fahrzeit
zwischen Berlin und Warschau mit etwas mehr als 2,5 Stunden sehr attraktiv. Bis etwa Hannover und
Bielefeld kann davon ausgegangen werden, dass Reisende eine schnelle, regelmäßig verkehrende
Bahnverbindung nach Warschau dem Flugzeug vorziehen. Dennoch reicht das gewonnene Aufkom-
men bei weitem nicht aus, die Verlängerung der Strecke bis nach Warschau zu finanzieren. Auf der
Kante zwischen Berlin und Warschau wären insgesamt nur knapp 2 Mio. Reisende jährlich unter-
wegs. Gegenüber dem aktuellen Stand würde dies zwar eine Versechsfachung der Fahrgastzahlen
bedeuten, die erzielten Einnahmen würden jedoch im besten Fall ausreichen, um die durch den
Hochgeschwindigkeitsverkehr entstehenden Betriebskosten zu decken. Es würde darüber hinaus ein
differenziertes Betriebskonzept notwendig werden, bei dem beispielsweise nur jeder dritte Zug bis
nach Warschau weitergeführt werden würde. Bei einem regulären 20-Minuten-Takt würde dann ein
Zug je Stunde bis nach Polen fahren. Auf der Kante Hannover – Berlin wären 700.000 zusätzliche
Fahrgäste zu verzeichnen, im weiteren westlichen Verlauf fiele der Zuwachs entsprechend immer
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 135 -
geringer aus. Im Ergebnis müssten für das Gesamtprojekt nicht jeweils 10 %, sondern jeweils 35 %
der Investitionskosten von den Staaten als Zuschüsse und zinsfreie Darlehen gewährt werden, damit
das Bahnprojekt am Ende der Betriebslaufzeit einen leichten Überschuss anstreben kann. Unter
wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist eine HGV-Verbindung zwischen Berlin und Warschau zurzeit
also nicht zu empfehlen. Dies würde umso mehr gelten, wenn ein isolierter Neubau einer HGV-
Strecke zwischen Berlin und Warschau ohne die Ertüchtigung der Abschnitte westlich von Berlin
betrachtet werden würde.
5.3.3 Verlängerung der Strecke Berlin – Budapest im Norden nach Hamburg
Die erste Anwendungsstrecke des Transrapid war zwischen Hamburg und Berlin geplant worden.
Auch, wenn diese Planungen 1999 gestoppt und die Strecke mittlerweile in Rad/Schiene-Technik für
eine Betriebsgeschwindigkeit von 230 km/h ausgebaut wurde, sollen in der Berechnung die Effekte
untersucht werden, die durch eine Verlängerung der Nord-Süd-Verbindung bis nach Hamburg ent-
stehen würden. Die Höhe der zusätzlich durch die Verlängerung um 292 Streckenkilometer (ein-
schließlich Stadteinführungen) entstehenden Baukosten muss zwischen sieben und acht Milliarden
Euro eingeschätzt werden. Ähnlich, wie bei der betrachteten Verlängerung nach Polen, handelt es
sich um eine Flachlandstrecke ohne bedeutende Ballungsräume zwischen den Streckenenden.
Bei der Betrachtung der Aufkommensentwicklung durch eine Verlängerung der Strecke stellt sich
heraus, dass der Abschnitt zwischen Hamburg und Berlin mit 6,4 Mio. P stärker belastet ist als derje-
nige zwischen Bratislava und Budapest mit 4,8 Mio. Die durchschnittliche Belastung aller Kanten
steigt von 6,3 Mio. P auf 7,2 Mio. P. „Die kommerziellen und betrieblichen Wirkungen einer Neubau-
oder Ausbaustrecke strahlen über deren Endpunkte weit in die angrenzenden Netzbereiche hinein“
schreibt Breimeier in [22]. Auch, wenn für weiterreisende Passagiere in Hamburg bzw. Budapest
aufgrund des Systemwechsels ein Umsteigen notwendig ist, ist noch eine Zunahme der Passagierzah-
len ganz besonders an den letzten Kanten der Strecke zu erwarten.
Es wird demnach empfohlen, eine Verlängerung der Strecke bis Hamburg in Betracht zu ziehen, da
sie positive wirtschaftliche Auswirkungen auf das Gesamtprojekt hat. Die Schwierigkeiten bei der
politischen Umsetzung des Baus einer Magnetbahn parallel der bereits ausgebauten Eisenbahnver-
bindung sollen hier nicht weiter beleuchtet werden. Schließlich müsste, wie bereits beschrieben,
sämtliches Aufkommen des Personenfernverkehrs auf die neue Strecke verlagert werden, um diese
hinreichend auszulasten. Die Argumentation zugunsten der Magnetbahn könnte jedoch auf das
mittel- und langfristig steigende Güterverkehrsaufkommen zwischen Ost- und Westeuropa, insbe-
sondere zu den Häfen, hinweisen.
5.3.4 Führen der Magnetbahnstrecke über Leipzig
In einer letzten Variante soll die Magnetbahnverbindung über Leipzig anstelle über den Flughafen-
bahnhof des BBI-Airports geführt werden. Die Investitionskosten steigen in diesem Fall, da sich die
Länge der zu Strecke erhöht; aufgrund der um 17 Minuten verlängerten Umlaufzeit werden zwei
zusätzliche Fahrzeuge benötigt. Darüber hinaus steigen die Reisezeiten für alle Relationen, die bisher
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 136 -
über die Kanten Dresden – Flughafen BBI – Berlin liefen. Es ist zu prüfen, ob durch das zusätzlich aus
Leipzig generierbare Aufkommen diese beiden Nachteile ausglichen werden können.
Gemäß den Berechnungen ist das Aufkommen zwischen Berlin und Leipzig mit dem zuvor ermittelten
Aufkommen zwischen Berlin und Dresden vergleichbar. Jedoch sinkt das Aufkommen an den anlie-
genden Kanten ab, was zur Folge hat, dass sich die durchschnittliche Kantenbelastung leicht von
7,2 Mio. P. (mit Anbindung Hamburgs) auf 6,9 Mio. P. verschlechtert. Dies ist gleichbedeutend mit
einem leichten Rückgang des Wirtschaftlichkeitsgrades des Gesamtprojektes. Ein betrieblicher Vor-
teil entsteht dadurch, dass nun die Aufkommensspitze der gesamten Strecke auf dem Abschnitt
zwischen Berlin und dem BBI-Airport entfällt. Jedoch gehen dadurch auch die Möglichkeiten für
Reisende aus Dresden, Prag und Hamburg verloren, ab dem Berliner Großflughafen bequem ihre
Interkontinentalflüge antreten zu können. Eine Einbindung Leipzigs in die geplante Strecke ist also
unter dem Gesichtspunkt der Aufkommensoptimierung nicht empfehlenswert.
Die Linienführung der betrachteten Strecken bleibt weitgehend unverändert. Lediglich für die Mag-
netbahnverbindung wird aufgrund des hohen für alle Kanten zu gewinnenden Aufkommens eine
Anbindung Hamburgs eingeplant.
5.4 Bedeutung verschiedener Parameter für die Wirtschaftlichkeit von
Hochgeschwindigkeitsbahnen
Stalder beschreibt in [111] eine „Kostenkaskade“, welche veranschaulicht, dass einzelne Stellschrau-
ben (Fremdvergabe, Finanzierung, Technische Auslegung, Mischbetrieb, Bau unter laufendem Rad,
Ersparnisse durch hohe Losgrößen, Personalproduktivität) oft zwar nur Schwankungsbreiten von
maximal 20 % haben, durch die Kombination verschiedener Parameter jedoch eine Multiplikation
dieser Schwankungsbreiten auftritt, die die Gesamtkosten halbieren, aber auch verdoppeln kann. In
den folgenden Unterkapiteln werden einige Chancen und Risiken für die Kostenentwicklung von
Projekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs vorgestellt und hinsichtlich ihrer Bedeutung bewertet.
5.4.1 Zinsschwankungen innerhalb der Projektlaufzeit
Für mittelfristig rückzahlbare Verbindlichkeiten werden Zinsen in der Regel über die gesamte Laufzeit
festgeschrieben. Für langfristig laufende Abzahlungen einer Schuld ist dies ebenfalls möglich, jedoch
bestehen auch Vereinbarungen, wonach der Zinssatz in festen Rhythmen (beispielsweise alle 10
Jahre) an das zu diesem Zeitpunkt geltende Zinsniveau angepasst wird. Durch die Variation des
gültigen Zinssatzes in den Berechnungen kann die Abhängigkeit der Projektfinanzierung von den
geltenden Konditionen geprüft werden.
Standardmäßig wird für die aufgenommenen Kredite (Ausnahme: zinsfreie Darlehen) eine Verzinsung
von 4,0 % p.a. angenommen, wie diese beispielsweise von der Europäischen Investitionsbank für
Finanzierungen von staatsnahen Großprojekten angeboten wird. Auf Projekte, an denen die Infra-
strukturinvestitionen einen hohen Anteil der Lebenszykluskosten ausmachen, hat der vereinbarte
Zinssatz eine ausgesprochen hohe Bedeutung. Dies betrifft beide hier betrachteten Projekte glei-
chermaßen. Ein Anstieg um einen Prozentpunkt auf 5,0 % bedeutet, dass nach der 35-jährigen Be-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 137 -
triebszeit noch immer ein Kredit in Milliardenhöhe bestehen würde. Um diesen auszugleichen, müss-
ten die Zuschüsse bei den Baukosten für das Magnetbahnprojekt um fünf Prozentpunkte der Investi-
tionskosten und für das Rad/Schiene-Projekt um zehn Prozentpunkte angehoben, oder aber für beide
Projekte jährlich etwa 50 Mio. € Bestellerentgelte bezahlt werden. Leichte Schwankungen des Zins-
satzes lassen also ein Projekt noch nicht scheitern, jedoch sollten eventuelle Schwankungen in
Form eines Sicherheitspuffers bei der Finanzierung berücksichtigt werden. Beispielsweise kann die
Kalkulation eines Projektes so gestaltet werden, dass bereits einige Zeit vor Betriebsende der
Break-Even und am Ende des Projektes ein leichter Überschuss erzielt wird. Würde man einen, für
private Unternehmen durchaus üblichen Zinssatz von 8 % in den Kalkulationen berücksichtigen,
wären beide Projekte kaum noch realisierbar. Für das Rad/Schiene-Projekt müssten jeweils 31 %
sämtlicher Investitionen zugeschossen bzw. in Form von zinsfreien Darlehen zur Verfügung gestellt
werden, da nur für 38 % der Investitionen eine Rückzahlung mit Zins aus den jährlichen Cash-Flows
möglich ist. Für die Magnetbahn gelten Werte von jeweils 40 %; nur 20 % können über den Kredit mit
voller Zinsbelastung finanziert werden. An diesem Beispiel wird deutlich, wie stark der Verkehrsträ-
ger Bahn schon allein durch günstige Konditionen für Kredite subventioniert wird. Da der Staat als
Garant bzw. Teileigentümer von Eisenbahngesellschaften durch beste Ratings für niedrige Zinssätze
bei der Kapitalaufnahme sorgt, kann der Eisenbahnsektor deutlich gegenüber anderen Branchen
profitieren.124
5.4.2 Subventionen / Zuschüsse
Der Betrieb des Fernverkehrs wird in Deutschland nicht bezuschusst. Vielmehr findet, wie bereits
dargestellt, die Finanzierung des Netzes (Bau und Unterhalt) in großen Teilen durch den Staat statt.
Auch für die untersuchten Beispielstrecken ist eine Beteiligung des Staates an den entstehenden
Investitionen notwendig, welche jedoch je nach Projekt sehr unterschiedlich ausfällt. Bei den ange-
nommenen Randbedingungen bezüglich Aufkommen, Zinssatz und Inflationsrate würde das Projekt
einer Rad/Schiene-Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Köln/Düsseldorf und Berlin lediglich einen
Zuschuss von 10 % der Investitionskosten und zusätzlich ein zinsfreies Darlehen in gleicher Höhe
benötigen, um am Ende der Projektlaufzeit schuldenfrei zu sein (Abbildung 48). Für die berechnete
Magnetbahnvariante zwischen Hamburg und Budapest sind jedoch Zuschüsse und zinsfreie Darlehen
in Höhe von jeweils 35 % der Investitionen notwendig (Abbildung 47). Hier wird der beschriebene
Hebeleffekt deutlich. Trotz niedrigerer spezifischer Betriebskosten und gleich hoher Einnahmen je
Personenkilometer benötigt die Magnetbahnvariante aufgrund des Multiplikatoreffektes aus 30 %
höheren spezifischen Investitionen, denen ein um 20 % geringeres Aufkommen gegenübersteht,
Zuschüsse in nahezu vierfacher Höhe. Es erscheint nicht unrealistisch, dass die Europäische Union
einen Teil der Baukosten der grenzüberschreitenden Magnetbahnverbindung finanzieren würde. Für
124 Steigen Eisenbahnen durch Zukäufe in andere Branchen (z.B. Logistik) ein und erhalten durch die Bürgschaft
des Staates bessere Konditionen als andere Unternehmen derselben Branche findet eine Verzerrung des
Marktes statt. Privat organisierte Unternehmen müssen zwangsläufig effektiver arbeiten, um gleiche Konditio-
nen anbieten zu können, da sie eine höhere Rendite zur Finanzierung ihrer Investitionen benötigen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 138 -
Projekte mit erklärtem europäischem Interesse ist der Betrag der möglichen Zuschüsse der EU von 10
auf 20 % der Gesamtinvestitionen angehoben worden. Eine Erhöhung auf 30 % bei Erfüllung be-
stimmter Bedingungen ist in der Diskussion [144, S. 621; 145, S. 8]. Bei Baukostenzuschüssen der EU
von 20 % müssten sich die Staaten zusätzlich mit 15 % an den Kosten beteiligen und die benötigten
zinsfreien Darlehen zur Verfügung stellen. Eine Alternativfinanzierung über Bestellerentgelte würde
bedeuten, dass das Rad/Schiene-Projekt statt mit einmaligen Zuschüssen mit laufenden Zahlungen
von jeweils 53 Mio. € (eskaliert mit der angenommenen Inflationsrate) für 35 Betriebsjahre unter-
stützt werden müssten. Für die Magnetbahnverbindung wären politisch nicht durchsetzbare Bestel-
lerentgelte von jährlich 790 Mio. € erforderlich.
5.4.3 Automatischer Betrieb
Vorteile des automatischen Betriebes sind neben geringeren Kosten für Personal v.a. die betriebliche
Flexibilität. Notwendig dafür sind jedoch ausreichend vorhandenen Trassen auf eigener Infrastruktur
und idealerweise ein homogener Fahrzeugpark. Für den Nahverkehr gibt es inzwischen zahlreiche
internationale Beispiele, bei denen durch automatischen Betrieb der Wirtschaftlichkeitsgrad deutlich
verbessert werden konnte. „Offenes Geheimnis des dortigen Erfolges ist die konsequente nachfrage-
abhängige Optimierung des Beförderungsangebotes: Durch drastische Verkürzung und tageszeitab-
hängige Flexibilisierung der Zugfolgezeiten wird sowohl die Attraktivität des Schnellbahn-Systems für
den Fahrgast als auch die Kosten-Erlös-Situation für den Betreiber verbessert.“ [146, S. 225] Der
Verkehrswirkungsgrad (mittlerer Grad der Platzausnutzung) liegt etwa 50 % über demjenigen kon-
ventioneller Systeme. Automatische Systeme können hinsichtlich der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung
die Vorteile eines kurzen Taktes (hohe Nachfrage aufgrund hoher Attraktivität) mit denen eines
längeren Taktes (höhere Auslastung) verknüpfen.
Das Transrapid-System bringt die Möglichkeit des automatischen Betriebs „von Haus aus“ mit. Der
Vorteil wird oft mit geringeren Personalkosten beschrieben. Das Einsparen der Zugführer hat kos-
tenmäßig jedoch nur geringe Auswirkungen: Beim Rad/Schiene-System machen die Aufwendungen
für Zugführer etwa 10 % der Personalkosten aus. Personalkosten ihrerseits wiederum entsprechen
nur 6 % aller Lebenszykluskosten. Der Wegfall der Kosten für Zugführer und Einsparungen beim
Personal der Fahrdienstleitung können die Lebenszykluskosten also um nicht mehr als 1 % kürzen.
Viel wichtiger ist die Möglichkeit, ein verstärkt nachfrageorientiertes Angebot im Betriebskonzept
aufzunehmen.
Es kann genauso auf saisonale Schwankungen wie auf Schwankungen innerhalb eines Betriebstages
reagiert werden. Die Nachfrage im Fernverkehr ist sehr unterschiedlich. Last beschreibt in [20] die
Zyklizität und Anomalie im Fernverkehr als ein Ergebnis der Erhebung der INVERMO-Studie. Dem-
nach führen an einem normalen Wochentag etwa 7 % der Bevölkerung sogenannte „Außer-Haus-
Tage“ im Fernverkehr (davon 2,5 % im Rahmen von Dienstreisen) durch. An den „langen Wochenen-
den“ im April, Mai und Juni werden jedoch von 14 - 18 % der Bevölkerung Außer-Haus-Tage durchge-
führt, das Verkehrsaufkommen im Fernverkehr beträgt also 250 % desjenigen eines normalen
Werktages. Wird der Takt am Wochenende für Spitzentage ausgelegt, bedeutet dies eine Senkung
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 139 -
der durchschnittlichen Auslastung für alle anderen Wochenenden. Hier kann der automatische
Betrieb ansetzen: Solange ein „Grundtakt“ von beispielsweise 20 oder 30 Minuten in der Hauptver-
kehrszeit gewährt wird, braucht sich der Fahrgast nicht auf einen Fahrplan einzustellen. Zusätzliche
Verstärkerzüge zwischen den regulären Takten können Spitzenlasten abfahren. Dieses Betriebskon-
zept entspricht der von Iberia bisher praktizierten und in Kapitel 2.6 beschriebenen Vorgehensweise
auf der Luftbrücke zwischen Madrid und Barcelona. Es wird ein Mindesttakt angeboten, bei Auf-
kommensspitzen fliegen zusätzliche Maschinen außerhalb des regulären Flugplanes. Das Vorhalten
von (Flug-)/Fahrzeugen, die nur einige Male am Tag genutzt werden, ist kostengünstiger als unnötige
Fahrzeugkilometer zu leisten. Im Beispiel einer Eisenbahnstrecke können durch den Effekt, die
Auslastung um 50 Prozent von 42 % auf 63 % zu erhöhen, praktisch 20 % der Betriebs- und somit
10 % der Lebenszykluskosten gespart werden, da weniger Aufwendungen für Instandhaltung,
Energie und einigen Bereichen der Personalkosten resultieren. Die Magnetbahn bietet demnach
die Möglichkeit einer Senkung der Betriebskosten gegenüber einer Rad/Schiene-Verbindung, die
deutlich über Einsparungen beim Personal und die systemtypische Verschleißarmut hinausgeht,
wenn ein innovatives, nachfrageorientiertes Betriebskonzept genutzt wird.
5.4.4 Abweichen der realisierbaren Nachfrage von den Planungen
Es wurde bereits beschrieben, dass das erzielte Aufkommen einen entscheidenden Einfluss auf die
Gesamtwirtschaftlichkeit von Bahnprojekten hat. Dies gilt insbesondere für Finanzplanungen, welche
ohne oder nur mit geringen Zuschüssen des Staates kalkulieren. In diesen Fällen sind die Erlöse durch
Ticketverkäufe die einzige/wichtigste Einnahmequelle; ein Nichterreichen oder ein Rückgang des
Aufkommens hat sich proportional verhaltende Einnahmeausfälle zur Folge, obwohl kostenseitig
praktisch keine Veränderungen auftreten. Insbesondere Bahnprojekte wurden in der Vergangenheit
hinsichtlich ihres zu erreichenden Aufkommens häufig falsch eingeschätzt. Neumann beschreibt
dieses Problem: „Zur instabilen Markstellung tritt eine methodisch schwache Nutzungsprognostik.
Eine Studie *…+ weist aus, das die Nutzung von Schieneninfrastruktur in 84 % der untersuchten Pro-
jekte um mehr als 20 % überschätzt worden war. Die Genauigkeit der Prognosen hat sich in 30 Jahren
praktisch nicht verbessert.“ [147, S. 11]
Für die hier zu Grunde liegenden Beispielstrecken hätte ein gegenüber den Planungen um 20 %
zurückbleibendes Aufkommen die Folge, dass unter den angenommenen Randbedingungen am Ende
der Betriebslaufzeit noch Defizite in Milliardenhöhe bestehen. Diese könnten beim Rad/Schiene-
Projekt ausgeglichen werden, wenn die Baukostenzuschüsse und die zinsfreien Darlehen von 10 %
der Investitionen auf 30 % verdreifacht werden würden. Das Magnetbahnprojekt wäre selbst mit
einem Zuschuss von 40 % der Investitionen und gleich hohen zinsfreien Darlehen kaum finanzierbar.
20 % mehr oder weniger Aufkommen können bei knapp kalkulierten Projekten darüber entschei-
den, ob über die anfallenden Betriebskosten hinaus auch Deckungsbeiträge zur Finanzierung der
Investitionen erwirtschaftet werden. Bei hohen Investitionen und hohen Zinssätzen verstärkt sich
dieser Effekt, weil der Cash Flow im Extremfall nicht mehr ausreicht, um die jährlich anfallenden
Zinsen auszugleichen. Eine laufende Neuverschuldung des Projektes wäre die Folge.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 140 -
Um sich gegen temporär oder dauerhaft auftretende Aufkommensschwankungen abzusichern, kann
das in Kapitel 5.4.3 vorgeschlagene Betriebskonzept (garantierter Takt + Verstärkerzüge) verwendet
werden. Auf diese Weise können bei rückgängigen Aufkommen Teile der Betriebskosten eingespart
werden. Viel wichtiger ist jedoch eine Berücksichtigung von finanziellen Puffern bei der Projektpla-
nung. Die Kalkulation eines Projektes auf einen Ausgleich aller Kosten bis exakt zum Ende der
Projektlaufzeit wäre für private Investoren/Betreiber zu riskant. Es sollte versucht werden, eine
Einstellung der Finanzierung (Zuschüsse, Darlehen) so zu erreichen, dass etwa 10 Jahre vor ange-
nommenem Projektende ein Break Even erreicht wird.
5.4.5 Angenommenes Preismodell
Schwankungen der realisierbaren Preise haben die gleiche Bedeutung wie eine Schwankung des
Aufkommens. Ziel bei der Gestaltung eines Preissystems muss hoher durchschnittlich erlöster Fahr-
preis je Passagierkilometer bei hoher und möglichst gleichmäßiger Auslastung sein. Das in der Simu-
lation hinterlegte Preissystem beinhaltet dazu verhältnismäßig einfache Tarife, welche jeweils
unterschiedliche Klientel ansprechen sollen und basiert für beide Systeme auf zwei Klassen. Der Preis
für die 1. Klasse liegt bei 200 % desjenigen für die 2. Klasse. Dies erscheint für den Schienenfernver-
kehr eine sehr starke Preisdifferenzierung zu sein, stellt aber unter der Prämisse, dass bei schnellen
Verbindungen Flugreisende abgeworben werden, keine zu hohen Kilometerpreise für flexible Bu-
chungsbedingungen dar. Darüber hinaus sollen für Passagiere der 1. Klasse weitere Services angebo-
ten werden (Parkplätze an/in Bahnhöfen, Speiseservice an Bord, etc.), welche einerseits Kosten
verursachen und andererseits eine Zahlungsbereitschaft generieren, die über diejenige für mehr
Beinfreiheit hinausgeht. Generell wird von nicht Zuggebundenen Tarifen ausgegangen, deren Grund-
preis in der 1. Klasse 0,30 €/Zugkm und in der zweiten Klasse 0,15 €/Zugkm bei Buchung von Hin- und
Rückfahrt beträgt. Bei Buchung nur einer Richtung wird ein Aufpreis erhoben, der einerseits den
Mehraufwand im Vertrieb abbildet und andererseits einen Anreiz ausüben soll, beide Richtungen mit
der Bahn zu fahren. Eine generelle Einschränkung der Gültigkeit von Fahrkarten mit Reservierungs-
zwang wäre in Deutschland zunächst nicht ohne Verlust von Reisenden (insbesondere denjenigen,
die alternativ den Dienstwagen benutzen) durchsetzbar. Eine feste Zugbindung gibt es dagegen bei
den Vorausbuchungstarifen, welche im kalkulierten Modell deutlich unter dem Normalpreis liegen.
Kontingente für diese Tarifart sollten jedoch nicht für jeden Zug bestehen, sondern vor allem für die
deutlich unterdurchschnittlich nachgefragte Mittagszeit oder an Tagen mit schwacher Auslastung.
Der Vorteil schneller Verbindungen mit kurzen Umlaufzeiten ist auch, dass ein Zug beispielsweise
eindeutig der Mittagszeit zugeordnet werden kann. Der Preis für vorausgebuchte Verbindungen ist
so angelegt, dass er mindestens die entstehenden Grenzkosten deckt. Zusätzlich werden ein Stamm-
kunden- und ein Mitfahrerrabatt angeboten. Der Stammkundenrabatt bietet günstige Tickets mit
voller Flexibilität für Vielfahrer (z.B. Pendler) bzw. Personen, die durch Kauf einer „Stammkundenkar-
te“ ein Anrecht auf Rabatt erwerben. Der Mitfahrerrabatt wird nur in der 2. Klasse angeboten und
soll einerseits Familien ansprechen, welche das Kraftfahrzeug als kostengünstige Alternative zum
Bahnverkehr sehen, andererseits aber auch Klientel von den Mitfahrzentralen gewinnen. Der Mitfah-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 141 -
rerpreis kann jedoch nicht zum gleichen Kilometerkostensatz wie bei Mitfahrzentralen oder Busun-
ternehmen angeboten werden, da zu diesem Preis Sitzplätze in Hauptreisezeiten unterhalb der
entstehenden variablen Kosten verkauft werden würden und damit entweder voll zahlende Passagie-
re verloren gehen würden oder die Kapazitäten unter der Verursachung weiterer Kosten aufgestockt
werden müssten.
Der errechnete mittlere Fahrpreis liegt bei 0,13 € (0,11 € netto) je Personenstreckenkilometer. Dies
ist ein leicht höherer Kilometerpreis, als er momentan von der DB AG realisiert werden kann. Diese
Annahme ist durchaus konservativ getroffen, da nur geringe Umwegfaktoren zurückgelegt werden
und das Angebot hinsichtlich der möglichen Reisezeit sehr attraktiv aufgestellt ist. Eine deutliche
Erhöhung der Kilometerpreise ist für den deutschen Raum momentan nicht vorstellbar. In Kapitel 2.4
wurde gezeigt, dass die Abweichungen der kilometerspezifischen zwischen den einzelnen Verkehrs-
trägern sehr gering ausfallen. Eine Erhöhung der Fahrpreise der Bahn würde sehr schnell zu Verlusten
führen, weil der Rückgang an Aufkommen nicht durch höhere realisierte Fahrpreise ausgeglichen
werden kann. Bahnen sind Massentransportmittel und werden hinsichtlich ihres Angebotes und ihrer
Wirtschaftlichkeit besser, je mehr Personen mit ihnen befördert werden.
5.4.6 Höhe und Planungssicherheit der Investitionskosten
Wie bereits in Kapitel 3.4 beschrieben, liegen die spezifischen Investitionskosten für die Rad/Schiene-
Strecke unter denen des Magnetbahnprojektes. Die Differenz ist dabei mit 10 Mio. € je Doppelkilo-
meter aus zwei Gründen besonders hoch: Das Rad/Schiene-Projekt kann teilweise bereits vorhande-
ne Infrastruktur nutzen, die Magnetbahn-Beispielstrecke zwischen Hamburg und Budapest hat
andererseits einen größeren Mittelgebirgsanteil, welcher sich besonders kostenintensiv auswirkt.
Fengler vergleicht in [112] speziell für einen Mittelgebirgsabschnitt die beiden Bahnsysteme und
stellt in diesem Fall eine annähernde Äquivalenz hinsichtlich der Investitionen fest.
Da Investitionen in den Beispielrechnungen 50 % (Rad/Schiene) bzw. 60 % (Magnetbahn) der
gesamten Lebenszykluskosten ausmachen, haben Schwankungen innerhalb der (geplanten bzw.
wirklich entstandenen) Investitionskosten einen hohen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit eines
Projektes. Stalder fordert die Ausrichtung der Infrastruktur nach funktionellen Gesichtspunkten
(Fahrplänen, erwartetes Aufkommen, etc.) anstelle überbestimmten technischen Parametern
(200 km/h Betriebsgeschwindigkeit) [111]. Lichtenberger schließt sich mit einer ähnlichen Forderung
an: „Infrastruktur sollte mit Blick auf den zu erwartenden Gewinn geplant und gebaut werden und
nicht mit Blick auf Kosten, Verkehr oder Prestige“ [143, S. 506]. Tatsächlich gibt es einige Beispiele
dafür, dass in Deutschland aufgrund unnötig hoher Standards125 oder politischer Vorgaben (Tunnel
aus Lärmschutzgründen fernab von Ballungsgebieten auf der SFS Mannheim – Stuttgart, zusätzlicher
Halt auf SFS Köln – Rhein/Main) Mehrausgaben bei der Infrastruktur gegenüber ursprünglichen
125 Schulz nennt in [179] einige Beispiele, bei denen Bauprojekte bei der DB AG aufgrund verschiedener z.T. als
unnötig eingestufter innerbetrieblicher Vorgaben zu höheren Kosten tendieren, als diejenigen von NE-Bahnen
für vergleichbare Projekte. Planungskosten machten bei den untersuchten Projekten 16 % der Gesamtkosten
aus, wenn die DB AG Bauherr war; sonst 6 %.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 142 -
Planungen entstanden sind. Darüber hinaus haben bei Bahnprojekten auch Planänderungen während
der Bauphase starke Verteuerungen zur Folge gehabt, die teilweise mit offensichtlich nicht einkalku-
lierten Risiken eine Verdoppelung der Baukosten bewirkt haben (SFS Köln – Rhein/Main, Berliner
Tiergartentunnel, Eurotunnel). Eine derartige Verteuerung würde ein privat finanziertes Projekt
sofort scheitern lassen. Eine Erhöhung der Infrastrukturkosten um 60 % führt in den Beispielrech-
nungen zu so hohen Zinsbelastungen, dass die Investitionen auch mit den angenommenen Zu-
schüssen nicht zurückgezahlt werden können. Im Fall der Magnetbahn würde die Schuldenlast
sogar so weit ansteigen, dass die Betriebsüberschüsse nicht ausreichen würden, die Zinsen zu
bezahlen. Der Verschuldungsgrad des Projektes stiege kontinuierlich bis zum Ende der Betrach-
tungszeit.
Betrachtet man Kategorien der Investitionskosten gemäß BVWP, fällt auf, dass man sich für einen
großen Teil der Gewerke gegen Kostensteigerungen absichern kann. Fahrzeugbestellungen werden
ohnehin zu einem Festpreis durchgeführt. Technische Anlagen (Energieversorgung, Betriebsleittech-
nik, etc.) lassen sich von Systemhäusern schlüsselfertig bestellen, wie Beispiele aus dem Ausland
zeigen. Aber auch Bauleistungen können weitgehend funktional ausgeschrieben werden. Die Kosten-
entwicklung für Investitionsgüter zeigt, dass Hoch- und Tiefbau seit 1995 nicht teurer wurden, Stra-
ßenbau sogar günstiger [4].
Klare, sorgfältig definierte Ziele und transparente Konzept- und Planungsabläufe [143] können das
Risiko, dass ein Projekt aufgrund zu starker Kostensteigerungen gefährdet wird, durch Mittel der
Vertragsgestaltung und eine Realisierung ohne nachträgliche politische Vorgaben weitgehend mini-
miert werden. Die Einbindung von Kapitalgebern und Herstellern über neue Finanzierungsformen in
den Bauerfolg kann zu einer zusätzlichen Absicherung hinsichtlich der Projektkosten führen. Näheres
dazu beschreibt das folgende Unterkapitel.
5.4.7 Neue Finanzierungs- und Beteiligungsmodelle für Eisenbahninvestitionen
In einem Atemzug mit dem in Kapitel 1 zitierten Rückzug des Staates aus Infrastrukturprojekten wird
häufig der Begriff Public-Private-Partnership (PPP) als zukünftiges Finanzierungsmodell für Großpro-
jekte genannt. Dabei handelt es sich sehr einfach ausgedrückt um die finanzielle Beteiligung eines
privaten Investors an einem staatlichen Projekt. Die bestehenden PPP-Modelle zeichnen sich jedoch
durch eine solche Variantenvielfalt aus, dass nicht pauschal beschrieben kann, wo die Vorteile bei der
Realisierung eines Projektes liegen.
Die ersten realisierten PPP-Projekte basierten auf einem sehr einfachen Modell, nach dem ein insti-
tutioneller Anleger (z.B. eine Bank oder Fondsgesellschaft) zweckgebunden Geld zur Realisierung
eines Projektes zur Verfügung stellt. Der Vorteil für den Staat ergibt sich aus der Tatsache, dass die
entstehenden Kosten nicht den Staatshaushalt belasten bzw. die Neuverschuldung nicht steigern.
Dennoch müssen die angeworbenen Mittel rückfinanziert werden: Durch Teilzahlungen aus folgen-
den Staatshaushalten oder durch (anteilige) Nutzerentgelte. Eine vollständige Nutzerfinanzierung ist
bei Schieneninfrastruktur (wie oben dargelegt) aber nicht möglich. „Auch PPP-Ansätze können an
dieser Situation nichts ändern.“ [147, S. 11] Wichtiger für das Projekt ist vielmehr, dass es in kürzerer
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 143 -
Zeit realisiert werden kann, da Mittel bereitgestellt werden, die (noch) nicht im öffentlichen Haushalt
verfügbar sind. Da die privaten Anleger eine höhere Rendite als staatliche Banken in der Rolle des
Kreditgebers erwarten, werden Effizienzgewinnen aus der kürzeren Bauzeit wieder ausgeglichen und
es ergeben sich für die Rentabilität des Projektes in der Summe keine Auswirkungen.
Ein größeres Potenzial von PPP-Projekten liegt vielmehr bei der direkten Beteiligung der Industrie
(Hersteller, Bau- und Elektrokonzerne, Energieversorger) an einem Großprojekt. Bei diesem Konzept
wird der Betreiber für die Zurverfügungstellung der Anlagen honoriert. Er garantiert eine Mindestzu-
verlässigkeit und kann aufgrund seines Know-hows Effizienzgewinne mobilisieren, die, je nach Quel-
lenangabe, zwischen 10 % und 20 % liegen [74, S. 30; 148, S. 21; 149]. Es handelt sich bei diesem
Modell demnach nicht mehr um ein reines Finanzierungsinstrument, sondern vielmehr um eine
Möglichkeit zur Senkung der Investitionen und Garantie einer vertraglich festgelegten Mindestqua-
lität. Allein durch die Einsparung von etwa 15 % der Investitionskosten könnten in den Beispiel-
rechnungen die staatlichen Zuschüsse gegenüber einer rein öffentlichen Finanzierung halbiert
(Hamburg – Budapest) bzw. komplett aufgehoben (Köln/Düsseldorf – Berlin) werden.
Am häufigsten verwendet werden im Schienenverkehr sog. BOT (Build, Operate, Transfer) Modelle,
bei denen ein Privatinvestor ein (Teil-)projekt auf eigene Kosten errichtet, betreibt, ggf. instand hält
und nach Ablauf einer vorher vereinbarten Frist an den Staat oder einen staatlichen Betreiber abgibt.
Dieser Zeitraum umfasst üblicherweise 20 - 40 Jahre [150, S. 15]. Anwendungsbeispiele dafür sind die
HGV-Verbindung durch die Pyrenäen zwischen Figueras in Spanien und Perpignan in Frankreich oder
der Flughafenzubringer in Stockholm.
Das niederländische Neubauprojekt HSL Zuid hat ein anderes Modell zur Grundlage, welches sich
schon in anderen Bereichen der Infrastrukturfinanzierung in den Niederlanden bewährt hat: Beim
der sogenannten DBFM (Design, Build, Finance, Maintain)-Struktur wird das Objekt nicht durch den
privaten Partner betrieben, jedoch seine Betriebsfähigkeit über einen vorher vereinbarten Zeitraum
hinweg garantiert und sichergestellt. Dazu müssen Schnittstellen und Kennziffern der Verfügbarkeit
genau definiert werden, was umfangreiche Vertragswerke und eine laufende Kontrolle der angebo-
tenen Qualität erforderlich macht. Im Unterschied zum zuvor genannten Modell kann der Betreiber
aber unabhängig vom Bau- und Finanzpartner gewählt werden, was sich dann empfiehlt, wenn
spezifisches Know-how für den Betrieb einer Strecke von Vorteil ist. Darüber hinaus wird es möglich,
dass der Bau einzelner Gewerke von verschiedenen Partnern verantwortet wird.
Zusätzliche Vorteile ergeben sich jedoch auch für die Industrie: Wenn ein Hersteller selbst eine von
ihm erstellte Anlage betreibt oder die Instandhaltung von Fahrzeugen gewährleistet, hat er durch
den Einblick in das Verschleißverhalten einen Informationsfluss, den er für seinen internen kontinu-
ierlichen Verbesserungsprozess einsetzen kann. Bisher fehlten oft Anreize oder lagen Wissensbarrie-
ren vor, um die Produkte und Systeme kostenoptimal zu gestalten und permanent zu verbessern
[151, S. 12]. Als Beispiel werden in [151] Gleisbauunternehmen aufgeführt, welche bei eigenständi-
ger Planung und Verantwortlichkeit für Streckenabschnitte ihre kapitalintensiven Baumaschinen
gleichmäßiger und besser auslasten können.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 144 -
Der wichtigste Vorteil von PPP ist das in allen Bereichen verankerte Kostenbewusstsein. „Die (teilwei-
se) Refinanzierung über den späteren Betrieb gelingt nur, wenn der künftige private Betreiber mög-
lichst nur zwingend erforderliche Infrastruktur errichtet. Alle Partner haben sich deshalb eingehend
mit den Folgekosten der Investition auseinanderzusetzen.“ [147, S. 11] Dieses Kostenbewusstsein
setzt die in Kapitel 5.4.6 geforderten klar strukturierten und kompromisslos zielorientierten Pla-
nungsabläufe voraus. Mit offensichtlichem Erfolg: Wolfgang Roth konnte im Arbeitskreis „Innovative
Verkehrspolitik“ der Friedrich-Ebert-Stiftung am 23.05.2005 Zahlen des britischen Rechnungshofes
zitieren, nach denen von öffentlichen Bauvorhaben 70 % verspätet fertig gestellt und bei 73 % die
veranschlagten Kosten überschritten waren. Bei PPP-Projekten lagen diese Werte nur bei 24 % bzw.
22 %.
Als elementarer Punkt für private Investitionen gilt die Frage, wer für entstehende Risiken (Kostenri-
siko, Nachfragerisiko), die die Finanzierung des Projektes gefährden können, haftet. Dies gilt insbe-
sondere für Risiken, die nicht durch den Investor verursacht oder beeinflusst werden. Auch der Staat
muss also Garantien geben bzw. selbst Pönale zahlen, wenn er sich nicht an Vereinbarungen hält. Das
Nachfragerisiko sollte vom Staat oder Betreiber getragen werden, weil es von zu vielen Einflüssen
abhängig ist, die nicht durch die privaten Investoren kontrolliert werden können. Das Risiko der
Trassenauslastung kann dagegen den Infrastrukturunternehmen zugeschrieben werden, soweit diese
selbst über Quantität, Qualität und Preise der angebotenen Trassen bestimmen können.
Im Jahre 2005 nannte die Europäische Investitionsbank den Anteil der Eisenbahn an PPP-Projekten
noch „bedeutungslos“ [53]. Dennoch ist für Projekte im Ausland ein Trend zum PPP erkennbar. Es
wird eine Mindestgröße von 10 - 30 Mio. € je Projekt vermutet, unter der sich die Wirtschaftlichkeit
von PPP aufgrund der komplexen Vertragswerke wieder verliert. Diese Größe wird bei Eisenbahnpro-
jekten deutlich überschritten. Ganz besonders bieten sich PPP Projekte an, wenn Schieneninfrastruk-
tur zusammen mit zu vermarktenden Immobilien entstehen soll, wie dies in Japan häufig der Fall und
auch für Projekte wie Stuttgart 21 zu erwarten ist.
5.4.8 Verlängerung der Bauzeit und Verkürzung der Betriebszeit
In der Regel beträgt die Bauzeit von Eisenbahnprojekten 5 Jahre, die planerische Vorlaufzeit beträgt
5 - 15 Jahre [144, S. 621].
Verzögerungen von Bau und Inbetriebnahme bedeuten im schlimmsten Fall eine Verschiebung der
Einnahmen nach hinten, wobei ein großer Teil der Ausgaben nicht verschoben wird. Wenn Annuitä-
tenzahlungen vereinbart sind, heißt dies, dass die ersten Annuitäten nicht geleistet werden können
und durch teurere Kredite umgeschuldet werden müssen. Ist zusätzlich von den Herstellern einiger
Subsysteme eine Gewährleistung über einen festen Zeitraum vereinbart, verstreicht diese Gewähr-
leistungsfrist, ohne dass Betrieb stattfindet. Der finanzielle Schaden für das Projekt hält sich jedoch
durch bloße Verschiebung der Betriebsphase in einen späteren Bereich in Grenzen. Als zusätzlich
entstehende Zinslast muss je Jahr der Verzögerung der Baufertigstellung etwa 4 % der Investitions-
kosten kalkuliert werden.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 145 -
Wesentlich größere Nachteile können entstehen, wenn ein selbst finanzierender Betreiber mit dem
Staat einen Konzessionsvertrag abgeschlossen hat, in dem festgelegt ist, dass die Infrastruktur ab
einem bestimmten Jahr dem Staat zugeschlagen wird. Dies würde bedeuten, dass sich die Betriebs-
zeit und somit die Erlöse reduzieren und höhere Kosten in kürzerer Zeit erwirtschaftet werden müs-
sen. Abbildungen 49 und 50 zeigen die Barwerte des Gesamtvermögens / der Gesamtschuld für die
zwei untersuchten Projekte am Projektende, jeweils bei Variation der Bau- und Betriebszeit.
5.4.9 Losgrößeneffekte für Fahrzeuge und Infrastruktur
Insbesondere für die Magnetschwebebahn vom Typ Transrapid, aber auch für die Rad/Schiene-
Technik sind Kosteneinsparungen denkbar, wenn sehr große Projekte realisiert werden. Diese sind in
erster Linie begründet durch Effizienzgewinne aufgrund von Serienfertigung (Economies of Scale). Für
Fahrzeuge können Produktionslinien aufgebaut, Teile der Infrastruktur können kostengünstig vorge-
fertigt werden. Als Beispiel dafür gelten sogenannte Feldfabriken für Fahrwegträger des Transrapid.
Eine ausführliche Beschreibung der Kostenoptimierung durch Serienfertigung und hohe Losgrößen
findet sich in [137, S. 139 ff.]. Für Hoch- und Tiefbau sind dagegen kaum Vorteile durch Losgrößen zu
erwarten, da gerade bei großen Projekten die Bauleistungen räumlich verteilt anfallen und aufgrund
ihrer Quantität oft auf verschiedene Konsortien aufgeteilt werden müssen. Es kann für beide Projek-
te ein Rabatt bei den Fahrzeugen von etwa 15 % und bei der Systemtechnik von 10 % kalkuliert
werden. Eine maßgebliche Veränderung der Projektdaten findet dadurch nicht statt.
Rahmenverträge, wie sie von der DB AG verwendet werden, können durch Marktmacht ähnliche
Effizienz bei der Auftragsvergabe bieten, wie die Bestellung in höheren Losgrößen.
5.4.10 Auslegung der Betriebsgeschwindigkeit
Bei Variation der Betriebsgeschwindigkeit verändern sich nicht nur die Einnahmen aufgrund der
Anpassungen des Aufkommens, sondern auch die die Kostentreiber verändern sich. Während bei
sehr geringen Geschwindigkeiten mehr Fahrzeuge und mehr Personal benötigt werden, um das
(geringere) Aufkommen zu befördern, steigen mit zunehmender Betriebsgeschwindigkeit die Ener-
giekosten an. Breimeier gibt in [7, S. 257] die spezifischen Zugfahrkosten eines Dampftriebzuges aus
dem Jahre 1937 an. Im Gegensatz zur Darstellung Breimeiers sind in Abbildung 46 auch die Auswir-
kungen der Haltestellenabstände auf die Durchschnittsgeschwindigkeit und Betriebskosten sowie die
Reaktion des Aufkommens berücksichtigt. Das Diagramm trägt über die maximale Betriebsgeschwin-
digkeit die durchschnittliche Entwicklung der Kantenbelastung in Mio. Passagieren und den resultie-
renden Barwert am Ende der Projektlaufzeit ab. Investitionen in die Infrastruktur werden nicht
variiert. Die angegebene maximale Betriebsgeschwindigkeit „kappt“ die Fahrprofile auf allen Kanten.
Auf Abschnitten, die ohnehin aufgrund ihrer Trassierung oder ihrer Lage in einem Ballungsraum
langsam befahren werden müssen, ändert sich hingegen nichts. Es wird automatisch berücksichtigt,
dass bei höherem Aufkommen dichtere Takte gefahren werden müssen, was zu Sprunggrößen auf
der Kostenseite führt. Die Einsparungen für Fahrzeuge und Personal verlaufen dagegen relativ stetig.
Das erstellte Programm eignet sich somit, unter den gegebenen Haltestellenabständen und Be-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 146 -
triebskosten die hinsichtlich des Wirtschaftlichkeitsgrades optimale Geschwindigkeit zu finden. Im
gegebenen Beispiel der Magnetschwebebahn zwischen Hamburg und Budapest liegt diese bei etwa
400 km/h (Abbildung 46). Oberhalb dieser Geschwindigkeit können nur noch marginale Reduzierun-
gen der Fahrzeit erreicht werden. Das daraus resultierende zusätzliche Aufkommen kann die entste-
henden Mehrkosten für Energie nicht ausgleichen. Tendenziell liegt die optimale Geschwindigkeit bei
Rad/Schiene-Projekten niedriger als bei Transrapid-Projekten sowie bei kürzeren Halteabständen
niedriger als bei längeren. Sollte es in Laufe der Betriebszeit eine Verschiebung im Kostengefüge
geben, beispielsweise weil Fahrzeit wertvoller wird oder Personalkosten steigen, kann eine andere
Betriebsgeschwindigkeit günstiger sein. Dies lässt sich durch Prognoseberechnungen ermitteln.
5.5 Zukunftsprognosen zur Entwicklung von HGV-Projekten
Zukunftsprognosen haben sich rückblickend immer wieder in großen Teilen als falsch herausgestellt
(vgl. [2]). Dies liegt unter anderem daran, dass der Mensch dazu neigt, aus seinem kurzfristigen
Erfahrungsschatz langfristige Projektionen vorzunehmen. In einer Zeit von großen technischen Er-
rungenschaften wurde davon ausgegangen, dass sämtliche technischen Grenzen und Schwierigkeiten
binnen kürzester Zeit durch den Menschen bezwungen werden können. Heute kann dieses Gefühl
des unbedingten Fortschrittsglaubens noch beim Lesen von Science-Fiction-Romanen erahnt werden.
Auch auf wirtschaftlicher Ebene lässt sich dieses psychologische Muster erkennen: Kurzfristige Ent-
wicklungen werden als kaum veränderlich postuliert. Nach einem lang anhaltenden Boom zeigen sich
Politiker über ein Abflauen der Konjunktur genauso überrascht wie bei einer Wiederbelebung nach
jahrelanger Rezession. Nach einem Börsencrash verkaufen Anleger Aktienpakete, weil sie den Glau-
ben an das Anziehen der Kurse verloren haben. Veränderung ist schwerer vorstellbar als Kontinuität.
Auch die Wissenschaft ist vor solchen Fehlern nicht gefeit: Immer wieder werden aktuelle Inflations-
raten für die Planung von lang andauernden Projekten herangezogen, weil man sich scheut, langjäh-
rige Mittel als für die Zukunft gültig anzunehmen. Der bestehende Modal Split wird häufig für die
Zukunft als konstant abgeschätzt [16].
Der letztgenannte Fehler zieht sich – und dies ist wirklich eine Kontinuität – durch alle Bundesver-
kehrswegepläne (BVWP) der Nachkriegszeit. Immer wieder ist es vorgekommen, dass mögliche
Einflussfaktoren fehlinterpretiert und die daraus resultierenden Verkehrsprognosen falsch abgege-
ben wurden. So beschreibt der BVWP 1992 ausgehend vom zur Zeit der Veröffentlichung erlebten
Boom ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 5,9 % in Ost- und 2,3 % in Westdeutschland
bis zum Jahre 2010. Aufgrund des damit einhergehenden Verkehrswachstums und dem angenom-
menen gleichbleibenden Modal Split wurde für die Eisenbahn ein „Verkehrsanstieg um rund 60 %
sowohl im Personen-, als auch im Güterverkehr“ prognostiziert [22]. Die Verkehrsprognose von 2001
ging von einem Wachstum des Eisenbahnverkehrs bis 2015 von 18 - 33 % aus [152, S. IX]. Falsch
abgeschätzte Verkehrsnachfrage ist häufig zusätzlich auf eine falsche Einschätzung der Entwicklung
des Verkehrsangebotes zurückzuführen. Als Beispiel soll die untersuchte Strecke zwischen Berlin –
Prag – Wien genannt werden. Nach der Unterzeichnung entsprechender Abkommen zum Ausbau der
Infrastruktur durch die Verkehrsminister der beteiligten Länder wurde 1995 davon ausgegangen,
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 147 -
dass bis zum Jahr 2005 die Fahrzeit per Bahn zwischen Berlin und Wien von „fast 10 auf viereinhalb
Stunden sinken“ [153, S. 433] wird. 2009 beträgt die Fahrzeit noch immer mindestens neuneinhalb
Stunden.
Die Schwierigkeit bei der Erstellung langfristiger Prognosen ist also nicht nur, zukünftige Entwicklun-
gen richtig abzuschätzen, sondern auch die daraus resultierenden Folgen und Rückschlüsse richtig zu
ziehen. Da sich Zukunftsentwicklungen gegenseitig, teilweise sogar multiplikativ, beeinflussen, kön-
nen sich kleine Fehler stark auf die Qualität einer Prognose auswirken. Daher werden im Folgenden
nur diejenigen externen und internen Faktoren beleuchtet, deren Wahrscheinlichkeit des Eintretens
als ausgesprochen hoch bewertet werden kann. Es werden die sich daraus ergebenden Konsequen-
zen für den Bahnverkehr genannt und ein Spektrum von Entwicklungsmöglichkeiten abgesteckt.
Anhand einer quantitativen Abschätzung dieser Möglichkeiten werden wiederum durch Simulationen
mit dem erstellten Excel-Tool Aussagen zur Bedeutung der jeweiligen Entwicklung für die Verkehrs-
märkte und insbesondere den Bahnverkehr getroffen. Diese haben durchaus quantitativen Charak-
ter, um eine Vorstellung über die Rolle des jeweiligen Effektes bei einer Abschätzung der
Zukunftsentwicklung zu vermitteln. Konkrete Angaben über die Veränderung der Verkehrsmärkte
würden jedoch auf Kosten der Glaubwürdigkeit gehen, weil, wie oben dargestellt, Effekte in ihrem
Zusammenwirken nur begrenzt simuliert werden können. Insbesondere die aus den Formeln 3 und 4
hergeleiteten Zusammenhänge von Verkehrsangebot und –nachfrage haben unter den ermittelten
Faktoren zur Kalibrierung nur aktuellen Verkehrsmarkt in Mitteleuropa Gültigkeit und sind keinesfalls
beliebig übertragbar.
5.5.1 Entwicklung der Personalkosten
Eisenbahnen sind organisatorisch und technisch in einer Zeit entstanden, in der Personalkosten
gegenüber anderen Positionen eine verhältnismäßig geringe Rolle spielten. Trotz einer phasenweisen
Neustrukturierung ist die Eisenbahn noch immer das personalintensivste Verkehrsmittel. Es ist zu
erwarten, dass Personalkosten in Deutschland weiter steigen. Dies ist nicht nur in einem Ausgleich
des Inflationseffektes innerhalb der Löhne und Gehälter begründet, sondern auch auf weiter anstei-
gende Lohnnebenkosten zurückzuführen, welche die aufgrund der Alterung der Bevölkerung langfris-
tig teurer werdende Kranken- und Rentenversicherung mitfinanzieren müssen. Bei
Transportleistungen handelt es sich um Dienstleistungen, welche vor Ort erbracht werden müssen
und sich daher nicht ins Ausland (sog. „Billiglohnländer“) verlagern lassen. Durch effiziente Gestal-
tung neuer Strecken muss es gelingen, den Personalanteil innerhalb der erbrachten Transportleis-
tung weiter zu senken. Die Bahn hat hier mehr Potenzial als der konkurrierende Luftverkehr, der in
den letzten Jahrzehnten aufgrund der Liberalisierung des Marktes bereits hohe Effizienzgewinne
realisiert hat. Beispiele sind zentral gesteuerte Betriebsabläufe, flexibel einsetzbares Personal, aber
auch eine höhere Verschleißarmut der Anlagen. Bei den schlank kalkulierten Hochgeschwindig-
keitsprojekten macht das Betriebspersonal nur noch 15 % aller Betriebskosten aus. Dies ist ein
deutlich niedrigerer Wert, als aktuell bei der Deutschen Bahn realisiert. Ziel muss es sein, projekt-
übergreifend diesen niedrigen Satz anzustreben.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 148 -
5.5.2 Weiteres Steigen der Energiepreise
Lässt man den Fernbus außer Betracht, handelt es sich bei der Bahn um den energieeffizientesten
Verkehrsträger. Diese Eigenschaft kann der Bahn einen massiven Kostenvorteil verschaffen, wenn
sich Energie- und ganz besonders Rohölpreise in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mit einer
ähnlichen Dynamik verteuern, wie dies seit den späten 1970er Jahren der Fall ist.
Je nach Auslastung liegt die Bahn im Fernverkehr bei einem Benzinäquivalenzwert von etwa 3,3
Litern (einschl. Nebenverbrauch, ohne Berücksichtigung des Umwegfaktors sowie Zu- und Abgang),
das Flugzeug bei 5 Litern (einschl. Nebenverbrauch) und der Individualverkehr bei 6,5 Litern je 100
Personenkilometern [154].
Aufwendungen für Energie stellen bei Hochgeschwindigkeitsprojekten im Moment einen Anteil von
8 - 12 % der Gesamtkosten dar (vgl. Abbildung 52). Innerhalb der Betriebskosten machen sie etwa
15 - 30 % aus. Dieser Anteil ist beim Flugverkehr und insbesondere beim Individualverkehr deutlich
höher. Geht man von einer durchschnittlichen Preissteigerung der Energiepreise aus, die etwa 50 %
über der Inflationsrate liegt, nehmen die Energiekosten innerhalb der Projektlaufzeit etwa 50 % der
Betriebskosten für sich ein. Dies stellt einen deutlichen Vorteil für die Bahn dar, da sie ihre Fahrpreise
anteilig weniger erhöhen muss, um diese Teuerungen auszugleichen. Zusätzliche Energieeffizienz
kann durch eine Erhöhung des Auslastungsgrades im Fernverkehr von 42 % auf etwa das heutige
Niveau des Flugverkehrs erreicht werden. Für den Flugverkehr wiederum besteht kaum noch die
Möglichkeit, die Auslastung oder Effizienz der Triebwerke zu steigern. Vielmehr kann ein geringerer
Verbrauch nur noch durch Bündelung von Flügen und größeres Fluggerät erreicht werden. Dieses
steht jedoch nicht in Konkurrenz zur Bahn auf Strecken von wenigen 100 Kilometern. Durch den
Beginn des Handelns von Emissionsrechten im Luftverkehr wird bereits ab 2012 mit einer Verteue-
rung der Flugtickets um 5 % gerechnet [140, S. 60].
Darüber hinaus ist anzunehmen, dass Erdölprodukte einer zusätzlichen Teuerung gegenüber elektri-
schen Strom ausgesetzt sein werden, da bei ihnen eine offensichtliche Verknappung der Ressourcen
stattfindet, während elektrischer Strom aus den verschiedensten Energieträgern gewonnen werden
kann. Im Gegensatz zu Individual- und Flugverkehr, welche mittelfristig auf Mineralöle angewiesen
bleiben werden, ist die Bahn auf den elektrifizierten Hauptstrecken hinsichtlich des Energieträgers
weitgehend unabhängig.
Die Bahn wird beim Anstieg der Energiepreise, unabhängig von einer eventuellen Besteuerung von
Kerosin, Gewinner sein.
5.5.3 Einfluss der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung
Trotz einzelner Einbrüche gab es in den Jahrzehnten seit Kriegsende ein stetes Wachstum des Brutto-
inlandsproduktes (BIP), welches im Mittel inflationsbereinigt bei 2,1 % lag. Da davon ausgegangen
wird, dass sich die Verkehrsleistung je Einwohner in einer Proportionalität zum BIP-Wachstum entwi-
ckelt, ist bei einem angenommenen langfristigen durchschnittlichen Wirtschaftswachstum mit einer
Aufkommenssteigerung des Fernverkehrs zu rechnen. Eine Aussage zur Entwicklung des Modal Split
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 149 -
ist damit noch nicht getroffen. Vielmehr ist zunächst davon auszugehen, dass alle Verkehrsträger
gleichermaßen an diesem Wachstum teilhaben, solange es keine Verschiebungen innerhalb der
Attraktivität (Preis, Reisezeit, Komfort) gibt.
Die Bevölkerungszahlen in Mitteleuropa sind relativ konstant, da niedrige Geburtenraten etwa durch
Zuwanderung ausgeglichen werden. Ein Einfluss auf die absolute Verkehrsleistung ist somit nicht zu
erwarten. Vielmehr kann aber durch die Veränderungen in der Bevölkerungspyramide (längere
Lebenserwartung, Zunahme des durchschnittlichen Alters und Vitalität bis in höheres Alter) davon
ausgegangen werden, dass ein zunehmender Anteil an Rentnern reist – und dabei auf die Bahn setzt,
wenn entsprechende Angebote vorhanden sind. Dazu zählen insbesondere Merkmale des Komforts,
wie umsteigefreie Verknüpfungen, stufenfreie Zugänge, bequeme Buchungsmöglichkeiten per Tele-
fon oder in Agenturen usw. Es ist damit von einem Aufkommenswachstum für die untersuchten
Strecken innerhalb der Betriebslaufzeit allein aus demographischen Gründen auszugehen.
Selbst bei einem angenommenen quantitativen Rückgang der Berufstätigen kann aufgrund einer
weiteren Verschiebung zu höher qualifizierten Arbeitsplätzen im sekundären und tertiären Sektor
wenigstens eine Konstanz bei der Anzahl der durchgeführten Dienstreisen angenommen werden. In
einigen Studien zur demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung wird darüber hinaus von
einem weiter wachsenden Dienstleistungssektor ausgegangen. Dieser könnte mit einer Zunahme der
Geschäftsreisen korrelieren, wenn der Effekt der neuen Medien (Videokonferenzen, Online-Projekte)
diese Entwicklung nicht überkompensiert. In jedem Fall werden sich (auch durch die neuen Medien)
Geschäftsverflechtungen zwischen weiter entfernten Orten etablieren. Dies geht einher mit einem
fortschreitenden Zusammenwachsen Europas und einer damit verbundenen längeren Reiseweite
sowie eine Konzentration auf Hauptmagistralen zwischen den europäischen Industrie- und Dienst-
leistungszentren. Es wird davon ausgegangen, dass der grenzüberschreitende Verkehr doppelt so
schnell wächst, wie inländischer Schienenverkehr [52, S. 7].
In den Berechnungen ist ein Wachstum der gesamten Verkehrsleistung um 1,05 % p.a. (halbes durch-
schnittliches BIP-Wachstum) und ein zusätzliches absolutes Aufkommenswachstum der Bahn um 1 %
(also etwa 0,1 Prozentpunkte innerhalb des Modal Split) in den nächsten zehn Jahren, anschließend
für jeweils zehn Jahre nur noch 0,75 % und 0,5 % berücksichtigt. Bereits diese konservative Schät-
zung würde zu einem Wachstum des Bahnaufkommens um 60 % in 20 Jahren führen. Das Auf-
kommenswachstum während der Betriebsphase eines Projektes ist mitentscheidend für den
Wirtschaftlichkeitsgrad. Ein solches Wachstum lässt sich jedoch nur realisieren und beherrschen,
wenn der Schienenverkehr mit der Zeit geht und marktfähige Angebote entwickelt. Ratzensberger
begründet die zu hohen Prognosen des Bahnverkehrs in Deutschland damit, dass die Bahn – im
Gegensatz zu anderen Verkehrsträgern – nicht an Attraktivität gewonnen hat: „Beim Schienenver-
kehr wurden die in den meisten Prognosen unterstellten Angebotsverbesserungen bisher nicht
realisiert. Auch die Entwicklung der Bahnpreise verlief nicht in die angenommene Richtung. Darauf ist
ein spürbarer Teil der Prognose/Ist-Abweichung der Eisenbahnverkehrsleistung zurückzuführen.“ [2]
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 150 -
Dieses Argument wird durch den Erfolg von Hochgeschwindigkeitslinien mit einem hohen Service-
und Zuverlässigkeitsgrad im Ausland bestätigt.
5.5.4 Entwicklung der Reisezeiten
Es ist nicht zu erwarten, dass die Reisegeschwindigkeiten im Individualverkehr oder die Flugge-
schwindigkeiten durch neue Technologien gesenkt werden können. Es wird im Gegenteil davon
ausgegangen, dass aufgrund des weiter zunehmenden Transit-Güterverkehrs auf den Fernstraßen
eine Absenkung der Durchschnittsgeschwindigkeiten für den Individualverkehr hingenommen wer-
den muss. Beim Flugverkehr könnten steigende Gefäßgrößen zu einer Ausdünnung der angebotenen
Frequenzen im Kurz- und Mittelstreckenverkehr führen, ein weiteres Wachstum der Flughäfen mit
mehr und größeren Terminals hätte darüber hinaus eine Verlängerung der Reisezeiten zur Folge.
Die größte Chance der Bahn liegt darin, sich im Entfernungsbereich von 200 bis 800 Kilometern
hinsichtlich der Reisegeschwindigkeit von anderen Verkehrsträgern abzusetzen. Dies kann, wenigs-
tens auf den wichtigsten Hauptrelationen zu einer nachhaltigen Veränderung des Modal Split führen.
Würde man die bereits auf einigen westeuropäischen Verbindungen eingetretenen massiven Verän-
derungen des Modal-Splits auf allen ähnlich geeigneten Strecken in Europa realisieren, stünde einer
Renaissance des Verkehrsträgers Bahn nichts mehr im Wege.
Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass nicht nur eine Konzentration auf die realisierten Fahrzei-
ten stattfindet, sondern weitere Verbesserungen hinsichtlich des Zu- und Abgangs erfolgen. Gute
Verknüpfungen mit dem ÖPNV sind dazu genauso wichtig, wie die gute Erreichbarkeit und Parkmög-
lichkeiten für den Individualverkehr am Bahnhof. Ein Risiko stellt die Gefahr dar, dass im Bahnverkehr
aus Sicherheitsgründen ähnliche Check-in-Vorgänge erforderlich werden, wie sie im Flugverkehr der
Fall sind. Eine Kontrolle des Gepäcks hätte nicht nur deutliche Komforteinbußen zur Folge, sondern
würde die Reisezeiten um Pufferzeiten von etwa 20 Minuten verlängern. Zeit- und kostenmäßige
Erfassung Durchleuchtung des Gepäcks auf Sprengstoff kann in der Finanzsimulation durch Variation
einiger Parameter simuliert werden. Es wäre mit einem Anstieg der Personalkosten um etwa 20 % zu
rechnen. Für die Alternative eines von den Passagieren getrennten Gepäcktransportes im Zug muss
selbst bei einem hohen Automatisierungsgrad mit einem ähnlichen Aufwand gerechnet werden.
5.5.5 Maut für Autobahnen und Stadteinfahrten
Ist eine Eindämmung, aber auch eine Steuerung der Verkehrsströme innerhalb des Modal Split von
Seiten der Regierung gewollt, eignen sich ordnungs- und fiskalpolitische Maßnahmen. Verschiedene
nationale und internationale Beispiele aus den letzten Jahren zeigen, dass auf verschiedenen Wegen
versucht wird, Autofahrer zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen. In [15, S. 150]
werden folgende zwei Mittel für „Preisliche Maßnahmen im Straßenverkehr“ innerhalb verschiede-
ner Szenarien genannt:
Straßenbenutzungsgebühren (zur räumlichen und zeitlichen Steuerung des Verkehrs)
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 151 -
Erhöhung der Mineralölsteuer (als Anreiz zur Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs in Form von
Minderung der Fahrleistung, Erhöhung des Besetzungsgrades und Verlagerung auf andere Ver-
kehrsträger, langfristig zur Wahl eines Fahrzeuges mit geringerem Kraftstoffverbrauch)
Weiterhin wären Gebühren für Stadteinfahrten, hohe Parkgebühren, Zonen, die nur von Anwohnern
befahren werden dürfen und eine Zulassung der Durchfahrt in Stadtbereichen nur für bestimmte
(umweltfreundliche) Kraftfahrzeuge zu nennen. Alle genannten Maßnahmen zielen darauf, ein weite-
res Ansteigen der Kfz-Dichte zu verhindern. Ob und wann sich dieser Trend in Deutschland fortsetzt,
hängt von den Zielen der jeweiligen Regierung ab. Auch, wenn einige dieser Restriktionen auf den
Nahverkehr zielen, machen sie doch den Individualverkehr im Ganzen unattraktiv und erreichen
damit ein Ausweichen auf andere Verkehrsträger. Es ist anzunehmen, dass insbesondere in Deutsch-
land, wo die Straße im Fernverkehr noch einen sehr hohen Anteil im Modal Split hat, Verschiebungen
zur Bahn, aber auch zum Luftverkehr, stattfinden, deren Dimension jedoch nur schlecht abgeschätzt
werden können. Allenfalls Vergleiche zum westeuropäischen Ausland, wo die Benutzung von Fern-
straßen gebührenpflichtig ist, erlauben die Vermutung, dass etwa 30 % des Fernverkehrs auf der
Straße auf andere Verkehrsträger wechseln könnte.
5.5.6 Kerosinsteuer und Umsatzsteuerpflicht für den Luftverkehr
Wie in Kapitel 3.2 beschrieben, hätte die Einführung einer Kerosinsteuer im Luftverkehr eine Verteu-
erung der Flugtickets im unteren zweistelligen Prozentbereich zur Folge. Ein ähnlicher Effekt könnte
bei der Einführung einer Umsatzsteuerpflicht im internationalen Luftverkehr beobachtet werden. In
der Summe würden beide Maßnahmen zu einem Preisniveau führen, die insbesondere den Low-
Cost-Verkehr gegenüber der Bahn unattraktiv werden lässt. Klientel, die momentan „Billigflieger“
nutzen, würden, je nach Reiseweite zurück zum Individualverkehr oder zur Bahn wechseln – auch
hier wieder unter der Voraussetzung, dass ein entsprechend akzeptables Angebot hinsichtlich der
Reisezeit besteht. Da diese Klientel anspruchslos hinsichtlich anderer Eigenschaften des Verkehrsmit-
tels sind, liegt hier eine große Chance der Bahnen.
5.5.7 Einflüsse der Infrastrukturpolitik
Nach Einbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise Ende 2008 werden Parallelen zur Weltwirtschaftskri-
se in den frühen 1930er Jahren gezogen. Um einer lang anhaltenden Deflation und Stagnation zu
begegnen, wurden damals Bauprojekte auf Staatskosten realisiert, die nicht nur die Infrastruktur
leistungsfähiger machen, vor allem aber auch für Beschäftigung in den wichtigsten Branchen der
Industrie sorgen sollten. Für den Fall, dass sich die momentan herrschende Konjunkturschwäche als
nicht nur vorübergehend herausstellen sollte, ist es nicht unwahrscheinlich, dass langfristige Kon-
junkturprogramme entwickelt werden, die nicht auf den privaten Konsum abzielen, sondern Bauwirt-
schaft und Metall- und Elektroindustrie stützen. Der Bau neuer Eisenbahninfrastruktur wäre in jedem
Fall Teil eines solchen Programms, da auf diese Weise nicht nur mehrere von der Konjunkturentwick-
lung stark abhängige Branchen gefördert werden könnten, sondern gleichzeitig Projekte realisiert
werden würden, die Antwort auf nach Überwindung der Wirtschaftskrise weiter anstehende ökono-
mische, demografische und ökologische Probleme bieten.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 152 -
6 Fazit:
Kann spurgeführter Verkehr eigenwirtschaftlich stattfinden?
Im Verlauf der Dissertationsschrift wurde gezeigt, welche Bedingungen auf technischer, betrieblicher,
organisatorischer und ordnungspolitischer Seite den größten Einfluss auf den finanziellen Erfolg von
Fernbahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs ausüben. Unter optimalen Randbedingungen
ist ein weitgehend eigenwirtschaftlicher spurgeführter Verkehr in Europa möglich. Dafür wird jedoch
ein ausgesprochen hohes Fahrgastaufkommen notwendig, das nur durch ein bedarfsgerechtes Ange-
bot realisiert werden kann. Im Einzelnen kann dies durch folgende Maßnahmen erreicht werden:
Durchgehend im Hochgeschwindigkeitsbereich (v > 200 km/h) betriebene Städteverbindungen
mit hohen, zielreinen Aufkommenspotenzialen,
Mindeststreckenlänge für Hochgeschwindigkeitslinien von 200 km, um durch attraktive Fahrzeiten
im Hauptlauf günstigere Reisezeiten als der Individualverkehr anbieten zu können,
Halteabstände von durchschnittlich etwa 100 km mit größerer Haltefrequenz in dicht besiedelten
Gebieten (bis zu 1 Halt je 500.000 Einwohner),
Gute Erreichbarkeit der Fernverkehrsstationen mit dem öffentlichen Nahverkehr und dem Indivi-
dualverkehr
Gesamtfahrzeit kleiner 3,5 Stunden über alle Streckenabschnitte, um Konkurrenz durch Flugver-
kehr auszuschließen,
Direktanbindung an Aufkommensschwerpunkte (einschließlich notwendigem Ausbau der Knoten)
statt peripherer Halte und Ermöglichung guter intermodaler Verknüpfungen trotz höherer not-
wendiger Investitionskosten,
Artreiner Verkehr zur Sicherstellung von hoher Betriebsgeschwindigkeit, Betriebsverfügbarkeit
und kurzen Taktfolgen,
Effizienter, bestenfalls weitgehend automatisierter Betrieb, der eine flexible Betriebsführung und
zusätzliche Fahrten mit geringen Grenzkosten zulässt,
Mindesttakt von 2 Zügen je Stunde und Richtung über den gesamten Betriebstag (18 - 20 Stun-
den), ggf. mit Verstärkerzügen in Zeiten hoher Verkehrsnachfrage. Zielgruppe der Tages- statt der
Wochenendpendler, um gleichmäßig hohe Auslastung der Infrastruktur zu gewährleisten,
auf optimale Ausnutzung der Infrastruktur, nicht nur der Fahrzeuge ausgerichtete Fahrpreisgestal-
tung,
Kurze Bauzeiten durch anteilig privatwirtschaftlich organisierte Finanzierungsformen,
Anreizsystem für Systemlieferanten, hohe technische Verfügbarkeit über die gesamte Lebenszyk-
lusdauer sicher zu stellen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 153 -
Zur allgemeinen Erhöhung der Wirtschaftlichkeit müssen bei Neubauprojekten kompromisslos alle
vorhandenen Kapazitäten möglichst gleichmäßig ausgelastet werden. Betriebsleittechnik, Unterwer-
ke, Fahrzeuge usw. müssen auf die Belastung in der Spitzenstunde ausgelegt sein. Zur Amortisierung
der dadurch entstandenen Investitionen sollte das betriebliche Angebot und die Gestaltung der
Fahrpreise dazu führen, dass auch in Randstunden ein hoher Auslastungsgrad erreicht wird und der
Takt der Hauptverkehrszeit somit über einen breiten Bereich des Betriebstages aufrechterhalten
werden kann. Die erforderlichen hohen Aufkommen lassen sich für die Bahn nur dann generieren,
wenn durch die Attraktivität des Systems auf der jeweiligen Relation alle Reisenden des Flugverkehrs
und ein großer Teil des Individualverkehrs gewonnen werden. Dazu muss die Bahn ihre Systemvortei-
le nutzen: Es können große Massen bei hohen Geschwindigkeiten transportiert werden. Hinsichtlich
des Preisniveaus sollte die Bahn im Mittelfeld liegen. Im unteren Segment kann sie aufgrund ihrer
Systemkosten nicht mitbieten und bei zu hohen Kilometerpreisen wandern Teile des Aufkommens zu
anderen Verkehrsträgern ab. Während ein kostendeckender Betrieb im Fernverkehr bei einem Auf-
kommen von ca. 4 Mio. Passagieren möglich ist (bei Quersubventionierung und den derzeit erfolgen-
den Zuschüssen des Staates zur Netzinstandhaltung: ca. 2,5 Mio.) können erst durch darüber
hinausgehende Aufkommen Betriebsüberschüsse zur Finanzierung der Infrastruktur gewonnen
werden. Eine vollständige eigenwirtschaftliche Finanzierung von Bahnprojekten ohne Beteiligung des
Staates erscheint nur in wenigen Fällen realistisch, da dafür, je nach Höhe der erfolgten Investitio-
nen, jährlich etwa 12 – 20 Mio. Personenfahrten notwendig sind. Jedoch können die erforderlichen
Unterstützungen des Staates gering gehalten werden, wenn – trotz höherer Investitionen – durch
qualitativ hochwertige Bahnverbindungen Jahresaufkommen von 8 – 10 Mio. P erreicht werden.
Verkehrsströme in dieser Größenordnung sind auch in Deutschland trotz seiner polyzentrischen
Struktur realistisch, wenn auf einer Linie aufkommensstarke Beziehungen durch Anbindung zusätzli-
cher Städte solange überlagert werden, bis die maximale Reisezeit der Verbindungen auf der Linie
diejenige der vergleichbaren Flugverbindung erreicht. Bei Rad/Schiene-Projekten ist dies bei etwa
600 Streckenkilometer der Fall, bei einer Magnetbahn bei maximal 1.000 Kilometern.
Siegmann beschreibt in [78] die „schwierige Aufgabe der strategischen Planung und Betriebsführung,
das richtige Maß zwischen Reisezeitminimierung, Lage und Anzahl der Zwischenhalte und Pünktlich-
keit zu finden“. Im Rahmen dieser Arbeit wurde eine Software erstellt, die bei der Modellierung von
Strecken und Gestaltung von Betriebskonzepten unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten unterstützt.
Die wichtigsten Zusammenhänge der zu variierenden Parameter wurden anhand von Berechnungen
für zwei Beispielstrecken erklärt.
Für die untersuchte NBS Köln/Düsseldorf – Berlin kann keine vollständige Eigenwirtschaftlichkeit
festgestellt werden. Vielmehr ist durch Simulationsrechnungen ein hoher Wirtschaftlichkeitsgrad
unter den Voraussetzungen prospektiert worden, dass einerseits Teile der bestehenden Infrastruktur
genutzt werden können und andererseits sämtliches Aufkommen des Schienenpersonenfernverkehrs
der betroffenen Relationen über das untersuchte Hochgeschwindigkeitsprojekt abgewickelt wird. Die
auf diese Weise sehr niedrigen spezifischen Investitionskosten erlauben ein weitgehend ausgegliche-
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 154 -
nes Projektergebnis innerhalb der Betriebszeit. Beispiele aus Frankreich und Spanien zeigen bereits
jetzt, dass Betriebsüberschüsse auf gut ausgebauten Punkt-zu-Punkt-Verbindungen ausreichen
können, um die typischerweise hohen Infrastrukturkosten (mit-) zu finanzieren. Es ist anzunehmen,
dass Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld, wie die neue Wahrnehmung der ökologisch be-
dingten externen Kosten, weiterer Restriktionen im Individualverkehr und einer noch stärker nach
Umweltkriterien ausgelegten Steuergesetzgebung den Modal-Split-Anteil der Bahn positiv beeinflus-
sen. Die größten Gewinne können auf Hauptmagistralen und im Nahverkehr erreicht werden, solan-
ge entsprechende Angebote vorhanden sind. Der Einsatz des Transrapid auf der Strecke Hamburg –
Budapest scheint ebenfalls finanzierbar, jedoch von einer Eigenwirtschaftlichkeit weit entfernt zu
sein.
Es wurde gezeigt, dass der Aus-/Neubau von einzelnen Streckenabschnitten nur sinnvoll ist, wenn
eine Mindestlinienlänge und eine Mindestqualität hinsichtlich Fahrzeit und Takt erreicht wird. Kom-
promisslösungen hinsichtlich Betriebsgeschwindigkeit, Länge der Ausbaustrecke, Anzahl der Halte
(als politisches Zugeständnis) können zu einem schlechteren Projektergebnis und somit zu volkswirt-
schaftlichen Nachteilen führen. Der Glaube an die Marktfähigkeit der Bahn scheint in Deutschland
verloren gegangen zu sein. Nur so ist zu begründen, dass nur diejenigen Streckenabschnitte durch
den Staat finanziert werden, die bereits überlastet sind. Keine der heute hochfrequentierten Neu-
baustrecken in Spanien oder Frankreich wäre in ihrer Form entstanden, wenn nur die Abschnitte
erneuert worden wären, die bereits ihre Streckenleistungsfähigkeit erreicht hatten. Neue Märkte
gewinnt man nur durch neue Angebote.
Mittels des entwickelten Simulationstools wurden ebenfalls die Auswirkungen verschiedener Zu-
kunftsszenarien auf Bahnprojekte untersucht. Nahezu alle als wahrscheinlich geltenden Entwicklun-
gen deuten auf eine Stärkung der Bahn hin. Da sowohl für den Individualverkehr als auch für den
Luftverkehr in den nächsten Jahrzehnten keine weiteren Geschwindigkeitssteigerungen oder Kosten-
senkungen zu erwarten sind, stehen die Chancen für den spurgeführten Verkehr auf gut ausgebauten
Hauptmagistralen ausgesprochen gut. Entscheidungen für neue Projekte, die jetzt notwendig wer-
den, könnten in Laufe von weniger als 20 Jahren bereits ihre Richtigkeit beweisen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 155 -
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Group GmbH/DVV Rail Media, März 2008, ISSN 0013-2845.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - I -
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten
des Hochgeschwindigkeitsverkehrs
vorgelegt von
Diplom-Ingenieur Tobias Hauswald
aus Berlin
von der Fakultät V – Verkehrs- und Maschinensysteme der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften (Dr.-Ing.)
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. rer. nat. Volker Schindler (TU Berlin)
Berichter: Prof. Dr.-Ing. P. Mnich (TU Berlin)
Berichter: Prof. Dr.-Ing. W. Fengler (TU Dresden)
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 27. November 2009
Anhang
Abbildungen
Berlin 2009
D 83
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - II -
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Finanzflüsse zwischen DB AG und Staat. ................................................................................................................................................................. 1
Abbildung 2: Entwicklung der Schienenpersonenverkehrsleistung in ausgewählten westeuropäischen Ländern. (Quellen: [4; 156; 157, S. 2]) ...................... 2
Abbildung 3: Vergleich der Verkehrsträger durch die DB AG. (Quelle: [155]) .............................................................................................................................. 3
Abbildung 4: Reisezeitbänder der Verkehrsträger Straße, Schiene, Luft. (Quelle: [38]) .............................................................................................................. 4
Abbildung 5: Reisezeitbänder der Verkehrsträger Straße, Schiene, Luft. (Quelle: [102, S. 6]) .................................................................................................... 5
Abbildung 6: Fahrzeiten auf den wichtigsten deutschen Fernverkehrsrelationen....................................................................................................................... 6
Abbildung 7: Reisezeiten auf den wichtigsten deutschen Fernverkehrsrelationen. .................................................................................................................... 7
Abbildung 8: Reisezeiten auf den wichtigsten deutschen Relationen im europäischen Vergleich. ............................................................................................. 8
Abbildung 9: Spanne der Reisepreise je Personenkilometer (Luftlinie). ...................................................................................................................................... 9
Abbildung 10: Übersicht: Spezifische Kosten im Individualverkehr. ............................................................................................................................................ 10
Abbildung 11: Internationale Hochgeschwindigkeitsprojekte. ..................................................................................................................................................... 11
Abbildung 12: Kosten und Finanzierung von DB Netz. (Darstellung analog [158, S. 20]) ............................................................................................................. 12
Abbildung 13: Finanzflüsse zwischen Staat und Akteuren im deutschen Verkehrssektor. .......................................................................................................... 13
Abbildung 14: Systemkostenvergleich von Rad/Schiene-Projekten unter Berücksichtigung der vollen Infrastrukturkosten ..................................................... 14
Abbildung 15: Betreiberkosten, Regionalverkehr ......................................................................................................................................................................... 15
Abbildung 16: Betreiberkosten, überregionaler Verkehr ............................................................................................................................................................. 16
Abbildung 17: Betreiberkosten, Hochgeschwindigkeits-Fernverkehr .......................................................................................................................................... 17
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - III -
Abbildung 18: Übersicht: Betreiberkosten je Zugkilometer in Deutschland. ............................................................................................................................... 18
Abbildung 19: Vergleich der Verkehrsträger: Systemkosten je Fahrzeugkilometer. .................................................................................................................... 19
Abbildung 20: Vergleich der Verkehrsträger: Systemkosten je Platzkilometer. ........................................................................................................................... 20
Abbildung 21: Vergleich der Verkehrsträger: Systemkosten pro Personenkilometer bei durchschnittlicher Auslastung. .......................................................... 21
Abbildung 22: Zusammenhang Module Simulationstool. ............................................................................................................................................................. 22
Abbildung 23: MS-Excel-basiertes Simulationstool: Modul Betriebssimulation (Auszug). .......................................................................................................... 23
Abbildung 24: MS Excel-basiertes Simulationstool, Modul der Betriebskosten (Auszug). ........................................................................................................... 24
Abbildung 25: MS-Excel-basiertes Simulationstool, Preissystem, Berechnung der Erlöse und Vertriebskosten (Auszug). ......................................................... 25
Abbildung 26: MS-Excel-basiertes Simulationstool: Berechnung des Direktaufkommens für einzelne Relationen (Auszug). .................................................... 26
Abbildung 27: MS-Excel-basiertes Simulationstool, Modul Investitionskosten (Auszug). ........................................................................................................... 27
Abbildung 28: MS-Excel-basiertes Simulationstool, Modul Finanzierung (Auszug). .................................................................................................................... 28
Abbildung 29: MS-Excel-basiertes Simulationstool, Auswahlbox. ................................................................................................................................................ 29
Abbildung 30: Vorgehen zur Ermittlung des Aufkommens zwischen zwei Verkehrszellen .......................................................................................................... 30
Abbildung 31: Vorgehen zur Ermittlung einzelner Kantenbelastungen ....................................................................................................................................... 31
Abbildung 32: Gegenüberstellung von Kosten (abzgl. Zuschüsse) und Erlösen eines Bahnprojektes ......................................................................................... 32
Abbildung 33: Beispielstrecken, Freier Cash Flow (nach Zinszahlungen) im Projektverlauf. ....................................................................................................... 33
Abbildung 34: Aufkommenspotenzial wichtiger Fernverkehrsrelationen im deutschen Verkehrsmarkt. ................................................................................... 34
Abbildung 35: Beispielstrecke (Hamburg) - Berlin - Wien - (Budapest) (Erreichbare Bevölkerung im Umkreis von 25 km). Quelle Karte: Google Earth .......... 35
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - IV -
Abbildung 36: Beispielstrecke Hamburg - Budapest: Aufkommen der betroffenen Relationen (rot) vor Streckenausbau. ........................................................ 36
Abbildung 37: Beispielstrecke Hamburg - Budapest: Aufkommen der betroffenen Relationen (rot) nach Streckenausbau. ..................................................... 37
Abbildung 38: Veränderung von Reisezeiten und Aufkommen auf ausgewählten Verbindungen der untersuchten Projekte ................................................... 38
Abbildung 39: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin (Erreichbare Bevölkerung im Umkreis von 25 km). Quelle Karte: MS MapPoint Europe .................... 39
Abbildung 40: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Abschnitt Köln/Düsseldorf – Dortmund. (Quelle: [141]) ..................................................................... 40
Abbildung 41: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Abschnitt Dortmund - Bielefeld - Hannover. (Quelle: [141]) ............................................................... 41
Abbildung 42: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Nordumfahrung Hannover. (Quelle: [141]). ........................................................................................ 42
Abbildung 43: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Abschnitt Hannover – Berlin. (Quelle: [141]). ...................................................................................... 43
Abbildung 44: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin: Aufkommen der Relationen vor Streckenausbau. ............................................................................... 44
Abbildung 45: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin: Relationen nach Streckenausbau......................................................................................................... 45
Abbildung 46: Beispielstrecke Hamburg - Budapest, Durchschnittliche Kantenbelastung und Cash Flow am Projektende in Abhängigkeit der
Betriebsgeschwindigkeit. ....................................................................................................................................................................................... 46
Abbildung 47: Beispielstrecke Hamburg - Budapest, Barwert am Projektende in Abhängigkeit von Baukostenzuschüssen und zinsfreien Darlehen. ............. 47
Abbildung 48: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Barwert am Projektende in Abhängigkeit von Baukostenzuschüssen und zinsfreien Darlehen. ........ 48
Abbildung 49: Beispielstrecke Hamburg - Budapest, Barwert in Abhängigkeit von Bau- und Betriebszeit. ................................................................................ 49
Abbildung 50: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf – Berlin, Barwert in Abhängigkeit von Bau- und Betriebszeit. .......................................................................... 50
Abbildung 51: Beispielstrecken, Kostentreiber (Angaben in Mio. €, abzüglich erfolgten Baukostenzuschüssen). ...................................................................... 51
Abbildung 52: Beispielstrecken, Kostentreiber (Angaben in Prozentwerten, abzüglich erfolgten Baukostenzuschüssen). .......................................................... 52
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 1 -
DB Fernverkehr DB
Regionalverkehr DB Stadtverkehr DB Schienengüter-
verkehr
BUNDLÄNDER
FAHRGÄSTE
(Personenverkehr)
PRIVATUNTERNEHMEN
(Güterverkehr)
DB Station & Service DB Energie DB Netz
Sonstige Dienstleister DB
(Instanthaltung, Systel, Services, Fuhrpark, Kommunikation, Sicherheit)
1,927 Mrd. €
0,112 Mrd. €0,062 Mrd. €
0,497 Mrd. €
Sonstige EVU
(NE-Bahnen)
Fahrgeldeinnahmen Regionalverkehr
(ca. 2,39 Mrd. €)
Fahrgeldeinnahmen Stadtverkehr (ca. 1,54 Mrd. €)
Fahrgeldeinnahmen
Fernverkehr
(ca. 3,25 Mrd. €)
Bestellerentgelte Regionalverkehr
(ca. 4,15 Mrd. €)
Umsatz Schienengüterverkehr (ca. 3,88 Mrd. €)
Umsatz und Fahrgeldeinahmen Sonstige EVU
Bestellerentgelte NE-Bahnen
(ca. 0,75 Mrd. €)
Darlehen (ca. 0,3 Mrd. €)
Investitionszuschüsse (ca. 3,84 Mrd. €)
Investitionszuschüsse DB Energie (ca. 0,01 Mrd. €)
Investitionszuschüsse DB StuS (ca. 0,277 Mrd. €)
0,625 Mrd. €0,083 Mrd. €
0,098 Mrd. €
0,230 Mrd. €
0,286 Mrd. €
(+ Steuern)
0,200 Mrd. €
0,073 Mrd. €
0,406 Mrd. €
0,396 Mrd. €
Regionalisierungsmittel (ca. 7 Mrd. €)
Legende (alle Werte von 2006):
Finanzflüsse von privaten Haushalten und Unternehmen
Finanzflüsse von Bund und Ländern
Unternehmensinterne Flüsse (Öffentlich + Privat)
0,092 Mrd. €
0,740 Mrd. €
Abbildung 1: Finanzflüsse zwischen DB AG und Staat.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 2 -
Abbildung 2: Entwicklung der Schienenpersonenverkehrsleistung in ausgewählten westeuropäischen Ländern. (Quellen: [4; 156; 157, S. 2])
0
10.000
20.000
30.000
40.000
50.000
60.000
70.000
80.000
90.000
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
[Mio. Pkm]
Deutschland
Spanien
Frankreich
Großbritannien
Deutschland: + 11 %
(-1,5 % im Fernverkehr)
Frankreich: + 49 %
Großbritannien: + 66 %
Spanien: + 43 %
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 3 -
Abbildung 3: Vergleich der Verkehrsträger durch die DB AG. (Quelle: [155])
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 4 -
Abbildung 4: Reisezeitbänder der Verkehrsträger Straße, Schiene, Luft. (Quelle: [38])
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 5 -
Abbildung 5: Reisezeitbänder der Verkehrsträger Straße, Schiene, Luft. (Quelle: [102, S. 6])
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 6 -
Abbildung 6: Fahrzeiten auf den wichtigsten deutschen Fernverkehrsrelationen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 7 -
Abbildung 7: Reisezeiten auf den wichtigsten deutschen Fernverkehrsrelationen.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 8 -
Abbildung 8: Reisezeiten auf den wichtigsten deutschen Relationen im europäischen Vergleich.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 9 -
Abbildung 9: Spanne der Reisepreise je Personenkilometer (Luftlinie).
0,00 €0,10 €0,20 €0,30 €0,40 €0,50 €0,60 €0,70 €0,80 €
Bahn
Flugzeug
Mitfahrzentrale
Fernbus
Pkw (1,4 P)
Vollkosten: 0,16 – 0,50 €
0,06 – 0,18 €
Subjektiv wahrgenommene Kosten
0,06 – 0,70 €
0,08 – 0,38 €
0,04 –
0,09 €
0,03 –
0,08 €
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 10 -
Abbildung 10: Übersicht: Spezifische Kosten im Individualverkehr.
0,00 €
0,05 €
0,10 €
0,15 €
0,20 €
0,25 €
0,30 €
0,35 €
pro Fahrzeugkilometer
pro Platzkilometer
pro Personenkilometer
Kraftstoffe
Instandhaltung /
Zubehör
Steuern/Gebühren
Versicherung
Wertverlust
Fixkosten
subjektiv wahr-
genommene Kosten
Variable Kosten für
Grenzkostensatz
nicht direkt wahr-
genommene Kosten
Variab.
Kosten
Gesamtkosten für Vollkostensatz
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 11 -
Abbildung 11: Internationale Hochgeschwindigkeitsprojekte.
Land Projekt Betriebsbeginn Betriebsart Streckenlänge
Betriebs-
geschwindigkeit
Anteil Tunnel Anteil Brücken max Steigung
Minimale
Bogenradien
Investitionskosten
€/D km
(in Preisen zu
2008)
Finanzierung Derzeitiger Betreiber Fahrpreis/Pkm Aufkommen/Auslastung
Tokaido
(Tokio - Osaka) 1964 Rz 515 km 220 km/h 13% 33% 20 ‰ 2.500 m $ 1,0 Mrd. 27,3 JR Central 130 Mio. P in 1999
Sanyo
(Osaka - Hakata) 1975 Rz 554 km 260 km/h 51% 37% 15‰ 4.000 m $ 2,1 Mrd. 27,6 JR West
Joetsu
(Omiya - Niigata) 1982 Rz 270 km 260 km/h 39% 60% 15‰ 4.000 m $ 6,6 Mrd. 65,5 JR East
Tohoku
(Omiya - Morioka) 1983 Rz 465 km 240 km/h 23% 72% 15‰ 4.000 m $ 19,8 Mrd. 48,9 JR East
LGV Sud-Est
(Paris - Lyon) 1981 Rz (+Gz) 428 km
300 km/h
(anfänglich 260
km/h)
0% 1% 35‰ 4.000 m
3,5 Mrd. €
(in Preisen von 2007)
8,4
20 Mio. P./a
Momentan bis 12 Züge/h,
Zugfolgezeit: 3,5 min
Auslastungsgrad: 75%
LGV Méditerranée
(Lyon - Marseille)
2001 Rz (+Gz) 365 km 300 km/h 0% 1% 35‰ 4.000 m 3,8 Mrd. € 12,7
18 Mio. P./a
(im ersten Betriebsjahr)
LGV Atlantique 1989 Rz (+Gz) 287 km 300 km/h 2% 5% 25‰ 6.000 m 2,6 Mrd. € 14,5
10,83 Mrd. Pkm
LGV Est Européen
(Paris - Baudrecourt)
2007 Rz
300 km
(+44 km
Anschlüsse)
320 km/h
(Auslegung für 350
km/h)
0% 2% 35‰
7.150 m
(Ausnahmen mit
5.550 m)
4,1 Mrd. € 12,2
- 39 %: Staat Frankreich
- 23 %: Regionen
- 22 %: Netzbetreiber (RFF)
- 10 %: Europäische Union
0,05 € - 0,16 €
(2. Klasse)
0,12 € - 0,25 €
(1. Klasse)
NBS Hannover - Würzburg 1991 Rz + Gz 327 km
280 km/h
(250 km/h in
Tunneln)
36% 10% 12,5 ‰ 5.100 m 5,7 Mrd. € 21,6
NBS Mannheim - Stuttgart 1991 Rz + Gz 99 km
280 km/h
(250 km/h in
Tunneln)
31%
(weitere 50 % in
Einschnitten und
Dämmen)
7% 12,5 ‰ 5.100 m 2,2 Mrd. € 28,2
Stadteinfahrt Berlin 1998 Rz + Gz 25 km 0,9 Mrd. € 46,1
NBS Hannover - Berlin 1998 Rz + Gz 264 km
160-250 km/h
(Auslegung für 300
km/h)
0% 1% 12,5 ‰ 2,6 Mrd. € 12,7
NBS Köln - Rhein/Main 2001 Rz
177 km
(+ 42 km
Anschlüsse)
300 km/h 21% 3% 40 ‰ 3.350 m
6,0 Mrd. €
(ursprüngliche Planung: ca.
3 Mrd. €)
33,4
ca. 12 Mio. P/a,
da Herzstück des DB-Netzes
NBS Nürnberg - Ingolstadt 2006 Rz (+ Gz) 89 km
300 km/h 30% 2,2 Mrd. € 26,0
ABS Ingolstadt - München 2006 Rz (+ Gz) 82 km
160-200 km/h 1,4 Mrd. € 17,5
Madrid - Sevilla 1992 Rz 471 km
300 km/h 3% 2% 12,5 ‰
4.000 m
(Ausnahmen mit
3.250 m)
6 Mio. P/a
(20 Fahrten / Tag*Richtung)
Madrid - Barcelona 2008 Rz 621 km 350 km/h 5% 5% 25,0 ‰
7.250 m
(Ausnahmen mit
4.000 m)
8,7 Mrd. € 14,0
Teilweise über Kredite der
Europäischen Investitionsbank
zwischenfinanziert
Vervierfachung des Aufkommens
erwartet
(Marktanteil von 12 % auf 49 %)
HSL-Zuid
2009
(geplant) Rz 100 km 300 km/h 40 ‰ 7,2 Mrd. € 76,0
6,5 Mrd. € vom Staat (Grund,
Unterbau, Kunstbauten)
1,2 Mrd. € Vergütung für
Infraprovider
Zugfolgezeit: 3 min
800 Pass. je Zug (=>Theoretische
Kapazität von über 100 Mio. P/a)
Betuwe 2007 Gz 160 km
120 km/h
(bei 25 t Achslast)
11% 8,00% 4,8 Mrd. € 30,8 (Güterverkehr)
Zugfolgezeit: 6 Minuten
California High Speed
Project
San Francisco - San Diego
gepl. 2020 Rz 836 km
200-320 km/h 25,6 Mrd. € 30,9
Privatunternehmen oder
Konsortium
0,07 €
(Durchschnitt)
90 Mio. P/a
(teilweise Nahverkehrspendler)
Florida Overland eXpress
Project (FOX)
Studien
1994-2004
Rz
270 km/h 7,3 Mrd. €
Betriebszuschüsse aus
Mineralölsteuern für 30-40 Jahre ($
70 Mio. p.a., 4 % eskaliert)
Privatunternehmen oder
Konsortium
6 Mio. P/a
ca. 8,5 Mio. P/a
(Regional- und Fernverkehr)
Adif
RFF
USA
Kosten und Finanzierung
Streckendaten
20 ‰
(Kompromiss
zwischen günstiger
und artreiner
Trassierung)
3.700 m
Bundesmittel, Mittel der EU, Land
Bayern, DB AG
DB Netz AG
0,20 €
(Vollpreis 2.
Klasse)
Realisiert:
0,084 € netto
(einschl.
Freifahrern und
Ausgleichzahlunge
n des Bundes)
0,13 € - 0,17 €
(2. Klasse)
0,17 € - 0,23 €
(1. Klasse)
0,17 €
(Vollpreis)
Umsatz: 65 € /
Passagier auf
Tokaido-Line
0,11 € - 0,13 €
(2. Klasse)
0,18 - 0,19 €
(1. Klasse)
Rabatte für
Rückfahrt
Frankreich
75 % Kunstbauten
Japan
Vollständig vom Staat finanziert.
Langfristige Abzahlung durch die
Betreibergesellschaften in Form von
Leasingzahlungen.
Trassierung / Ausführung
Übernahme des LGV/TGV-Systems geplant, da risikoarm
Spanien
Deutschland
Niederlande
- 90 % durch RFF
- 10 % durch Staat
- Beteiligung der Gemeinden an
neuen Bahnhöfen
- Überwiegend Bundesmittel
(Baukostenzuschüsse, Zinslose
Darlehen - teilweise nicht
rückzahlbar)
- Eigenanteil DB Netz: etwa 15 %
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 12 -
Netzkosten
Betriebsführung
2,5 Mrd. €
Instandhaltung
1,0 Mrd. €
Investitionen/Erneuerung Bestandsnetz
3,5 Mrd. €
Investition
Neu- / Ausbau
1,2 Mrd. €
Netz-
finanzierung
Umsatzerlöse
4,4 Mrd. €
Zuwendungen
Bestandsnetz
2,7 Mrd. €
Zuwendungen
Neu- / Ausbau
1,1 Mrd. €
DB-Fern-
verkehr
0,8 Mrd. €
DB-Regional-
verkehr
2,0 Mrd. €
DB-Schienen-
güterverkehr
0,5 Mrd. €
Sonstige
1,1 Mrd. €
LuFV-Mittel
2,2 Mrd. €
Andere
0,5 Mrd. €
Abbildung 12: Kosten und Finanzierung von DB Netz. (Darstellung analog [158, S. 20])
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 13 -
STRASSE SCHIENENWEGE BINNENWASSERSTRASSEN LUFTVERKEHRSINFRASTRUKTUR
LÄNDER
Überschuss aus Verkehr:
5 Mrd. € (in 2000, WWI Kiel)
BUND
Überschuss aus Verkehr:
10 Mrd. € (in 2000, WWI Kiel)
Gesamtausgaben: 21 Mrd. € (Verkehr in Zahlen)
KOMMUNEN
Defizit aus Verkehr:
92 Mrd. € (in 2000, WWI Kiel)
VFIG
Mineralölsteuer
(36 Mrd. €)
(davon 26,1 Mrd. € für Pkw; davon 22 Mrd. von priv. Haushalten)
MwSt. auf Mineralölsteuer
(5,7 Mrd. €)
Kfz-Steuer
(8,7 Mrd. €)
Lkw-Maut
(2,4 Mrd. €)
Erhebung LKW-Maut
(0,5 Mrd.)
Finanzierung Schieneninfrastruktur
(0,8 Mrd. € aus Lkw-Maut)
Finanzierung Schieneninfrastruktur (2,9 Mrd. € aus Bundeshaushalt)
DaimlerChrysler,
Deutsche Telekom
MIV (720 Mrd. Pkm)
LKW
(285 Mrd. tkm Fernverkehr)
DB-Fernverkehr
(33 Mrd. Pkm)
DB-Regionalverkehr
(38 Mrd. Pkm)
Tour.
Verkehr
Airlines
(42 Mrd. Pkm; 0,8 Mrd. tkm)
(innerdeutsch: 9 Mrd. Pkm)
Flughäfen
(1 Mrd. € p.a.)
(Gesellschaften,
teilweise in öffentlichem
Besitz)
Flugsicherung
(im Auftrag des Bundes)
Binnenwasserstraßen / -häfen (Bund)
(0,5 Mrd. € p.a.)
Schienenwege (DB Netz)
(7-8 Mrd. € p.a.)
Schienenwege in anderem Besitz
Zugführung
Bundesfernstraßen (5,5 Mrd. €)
(40% Erhalt, 20% Bewirtschaftung)
Straßen in Zuständigkeit der Länder
(1,2 Mrd. € p.a.)
Gemeindestraßen
(7,5 Mrd. € p.a.)
Private Straßen und Tunnel (PPP)
Verwaltung, Sonstiges
(1,2 Mrd. €)
Bestellerentgelte Regionalverkehr
Trassenentgelte
Regionalverkehr
(2,5 Mrd. €)
Trassenentgelte
Fernverkehr
(1,25 Mrd. €)
Maut
PPP
Finanzierung Binnenwasserstraßen aus Lkw-Maut
(0,4 Mrd. €)
Finanzierung Binnenwasserstraßen aus Bundeshaushalt
(0,3 Mrd. €) (Verkehr in Zahlen: 1,6 Mrd. €!!!)
Kanalgebühren
(0,1 Mrd. €)Start- und
Landegebühren Umlageverfahren
Quellen:
Wilhelm Pällmann
Weltwirtschaftsinstitut Kiel
Verkehr in Zahlen
Keine Zahlungen erfolgt!
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG)
(1,7 Mrd. € aus Mineralölsteuer)
Gewerbesteuerumlage
(22 %)
(2 Mrd. €)
Bau Kommunalstraßen
(7,5 Mrd. € in 2000)
Bau Landesstraßen
(1,2 Mrd. €)
Finanzierung Bundesstraßen aus Haushaltsmitteln
(3,91 Mrd. €)
Finanzierung Fernstraßen
(1,36 Mrd. € aus Lkw-Maut)
0,3 c/tkm
§ 11 ABMG
Ausgaben für Straße: 16 Mrd. €
4,5 Mrd. € Investitionen Bund für seine
Verkehrswege
Binnenschifffahrt
(64 Mrd. tkm)
Steuern / Gebühren Kfz/Lkw: 53,3 Mrd. €
Ausgaben des Bundes für Bahn: 18,3 Mrd. € (Pällmann)
11 Mrd. € (Verkehr in Zahlen)
Ausgaben für Pkm bzw. tkm auf Schiene 5-fach gegenüber Straße
Abwicklung von 90% des motorisierten Personenverkehrs, 75% aller Güterverkehrsleistungen
Mittel nicht vollst. abgerufen
NE-Bahnen
(1,4 Mrd.
Pkm)
Bahnhöfe (DB
StuS)
Trassenentgelte
NE-Bahnen (0,26 Mrd. €)
Gebühren NE-Bahnen
(0,23 Mrd. €)
Fern-
busse
Bis zu 50 % des Umsatzes durch
Mieteinnahmen, Nutzergebühren, ...
Regionalisierungsgesetz
(6 Mrd. €)
DB-Güterverkehr
(72 Mrd. tkm)
Die Zweckbindung der Verwendung von Steuern und Gebühren findet nur noch formal statt.
Heute: „Integrierte Verkehrspolitik“ (Staatssekr. Nagel bei Arbeitskreis Innovative Verkehrspolitik, 23.06.05)
Weltwirtschaftsinstitut Kiel: Gesamtausgaben Verkehr (in 2000): 92 Mrd. € (einschl. Nahverkehr)
- davon 38 Mrd. € für Straße
- davon 35 Mrd. € für Schiene
Abbildung 13: Finanzflüsse zwischen Staat und Akteuren im deutschen Verkehrssektor.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 14 -
Abbildung 14: Systemkostenvergleich von Rad/Schiene-Projekten unter Berücksichtigung der vollen Infrastrukturkosten
Betriebszeit (Jahre)
Fahrzeug
Sitzplätze/Fahrzeug
Fahrten/Betriebstag
Fahrzeuge
Strecken-km
Durchschnittliche Auslastung
Zug-km pro Jahr
Flughafen
shuttle
Flughafen
shuttle
R/S-NBS
100 km
R/S-NBS
100 km
R/S-NBS 1000 km (ICE 3 M, 60-min-Takt mit Verstärkerfahrten)
R/S-NBS 1000 km (ICE 3 M, 60-min-Takt mit Verstärkerfahrten)
jährliche Kosten Gesamtkosten
Kosten je
Zug-km
Kosten je
Platz-km
Kosten je
Fahrgast
jährliche Kosten Gesamtkosten
Kosten je
Zug-km
Kosten je
Platz-km
Kosten je
Fahrgast
jährliche Kosten Gesamtkosten
Kosten je
Zug-km
Kosten je
Platz-km
Kosten je
Fahrgast
Kosten je
Zug-km
Kosten je
Platz-km
Kosten je
Fahrgast
Grundstückskosten 45.800.000 € 0,49 € 0,0024 € 0,0059 € 103.537.214 € 1,23 € 0,0030 € 0,0066 € 420.166.466 € 0,57 € 0,0013 € 0,0028 € 0,76 € 0,0022 € 0,0051 €
Fahrweg (Unterbau+Oberbau) 161.300.000 € 1,71 € 0,0083 € 0,0208 € 467.054.392 € 5,53 € 0,0133 € 0,0296 € 3.160.415.212 € 4,27 € 0,0095 € 0,0211 € 3,84 € 0,0104 € 0,0238 €
Sonderbauwerke
(Brücken+Tunnel)
504.500.000 € 5,36 € 0,0260 € 0,0650 € 404.543.620 € 4,79 € 0,0115 € 0,0257 € 2.727.684.368 € 3,69 € 0,0082 € 0,0182 € 4,61 € 0,0153 € 0,0363 €
Bauliche Anlagen 61.600.000 € 0,65 € 0,0032 € 0,0079 € 73.368.966 € 0,87 € 0,0021 € 0,0047 € 883.026.097 € 1,19 € 0,0027 € 0,0059 € 0,91 € 0,0026 € 0,0062 €
Landschaftspflegerische
Begleitmaßnahmen
5.800.000 € 0,06 € 0,0003 € 0,0007 € 125.483.575 € 1,49 € 0,0036 € 0,0080 € 1.187.820.821 € 1,61 € 0,0036 € 0,0079 € 1,05 € 0,0025 € 0,0055 €
Mittelbare Kosten 97.000.000 € 1,03 € 0,0050 € 0,0125 € 216.047.456 € 2,56 € 0,0062 € 0,0137 € 892.797.369 € 1,21 € 0,0027 € 0,0060 € 1,60 € 0,0046 € 0,0107 €
Planungskosten 131.800.000 € 1,40 € 0,0068 € 0,0170 € 85.795.870 € 1,02 € 0,0024 € 0,0054 € 1.153.363.771 € 1,56 € 0,0035 € 0,0077 € 1,33 € 0,0042 € 0,0100 €
Energieversorgung und
Leittechnik
96.300.000 € 1,02 € 0,0050 € 0,0124 € 220.330.575 € 2,61 € 0,0063 € 0,0140 € 1.997.594.402 € 2,70 € 0,0060 € 0,0133 € 2,11 € 0,0058 € 0,0132 €
Fahrzeuge 49.200.000 € 0,52 € 0,0025 € 0,0063 € 115.484.214 € 1,37 € 0,0033 € 0,0073 € 1.282.152.427 € 1,73 € 0,0039 € 0,0086 € 1,21 € 0,0032 € 0,0074 €
Personal (Betrieb) 3.100.000 € 93.000.000 € 0,99 € 0,0048 € 0,0120 € 9.290.000 € 278.700.000 € 3,30 € 0,0080 € 0,0177 € 20.930.000 € 627.900.000 € 0,85 € 0,0019 € 0,0042 € 1,71 € 0,0049 € 0,0113 €
Instandhaltung 10.600.000 € 318.000.000 € 3,38 € 0,0164 € 0,0410 € 13.700.000 € 411.000.000 € 4,87 € 0,0117 € 0,0261 € 169.800.000 € 5.094.000.000 € 6,89 € 0,0153 € 0,0340 € 5,04 € 0,0145 € 0,0337 €
Energie 2.200.000 € 66.000.000 € 0,70 € 0,0034 € 0,0085 € 3.280.000 € 98.400.000 € 1,17 € 0,0028 € 0,0062 € 30.380.000 € 911.400.000 € 1,23 € 0,0027 € 0,0061 € 1,03 € 0,0030 € 0,0069 €
Sonstige Betriebskosten 5.200.000 € 156.000.000 € 1,66 € 0,0080 € 0,0201 € 2.500.000 € 75.000.000 € 0,89 € 0,0021 € 0,0048 € 20.000.000 € 600.000.000 € 0,81 € 0,0018 € 0,0040 € 1,12 € 0,0040 € 0,0096 €
Betriebskosten 21.100.000 € 633.000.000 € 6,72 € 0,0326 € 0,0816 € 28.770.000 € 863.100.000 € 10,22 € 0,0246 € 0,0547 € 241.110.000 € 7.233.300.000 € 9,78 € 0,0217 € 0,0483 €
Investitionskosten 1.153.300.000 € 12,25 € 0,0595 € 0,1486 € 1.811.645.882 € 21,46 € 0,0517 € 0,1149 € 13.705.020.931 € 18,53 € 0,0412 € 0,0915 €
Gesamtkosten Betriebszeit (ohne
Inflation)
1.786.300.000 € 18,97 € 0,0921 € 0,2302 € 2.674.745.882 € 31,69 € 0,0764 € 0,1697 € 20.938.320.931 € 28,32 € 0,0629 € 0,1398 €
66%
Flughafenshuttle (10-min-Takt, BR 425)
R/S-NBS 100 km (ICE 3, 30-min-Takt)
R/S-NBS 1000 km (ICE 3 M, 60-min-Takt mit Verstärkerfahrten)
Flughafenshuttle (10-min-Takt, BR 425)
R/S-NBS 100 km (ICE 3, 30-min-Takt)
R/S-NBS 1000 km (ICE 3 M, 60-min-Takt mit Verstärkerfahrten)
Mittelwerte
30
BR 425
206
230
30
ICE 3 Einsystemzug, alte Bestuhlung
415
70
7
37,3
40,00%
3.139.000
5
110,13
45,00%
2.813.822
45,00%
24.648.012
34%
30
ICE 3 Mehrsystemzug
450
72
44
937,9
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 15 -
Abbildung 15: Betreiberkosten, Regionalverkehr
Fahrten/Tag/Richtung 2,5
Anzahl Wagen 5
Trassenkm 252
Sitzplätze 615
Auslastung 25%
Zinssatz 6%
Abschreibungszeitraum 20
Einzelpreis Faktor Kosten/Tag
DB Netz 615 €1,65 5.075 €
DB StuS 280 €11.401 €
Triebzugführer 58.000 €6953 €
Zugbegleiter 52.000 €10 1.425 €
Reinigungspersonal 40.000 €4438 €
Zwischensumme 2.816 €
Pauschaler Aufschlag Verwaltung
30% 845 €
Summe Personal 3.661 €
Fahrzeuge (Annuitäten) 14.000.000 13.344 €
Instandhaltung Fahrzeuge 0,26 €252 807 €
DB Energie 0,10 €12.257 820 €
Haftpflicht-Versicherung 10% 508 €
Sonstige Kosten 1.370 €
Summe 16.986 €
1.336.400 €
2,90 €
0,0047 €
0,0189 €
21,56%
2,58%
1.028.000 €
volle Stellen
348.000 €
0,76 €
16,58%
0,0044 €
4,97%
2,23 €
0,0036 €
0,0145 €
308.400 €
0,67 €
0,0011 €
0,0006 €
0,0023 €
Regionalverkehr
volle Stellen
160.000 €
0,35 €
0,0012 €
0,0049 €
5,61%
volle Stellen
Fernverkehrs-Takt-Trasse
1.015,08 €
1.852.521 €
4,02 €
(Einheit)
Kosten/Fahrt
Kosten/Jahr
Kosten/Zugkm
Kosten/Sitzplatzkm
0,0065 €
0,0262 €
29,88%
BR 146 + 6 Doppelstockwagen
Eisenhüttenstadt - Frankfurt (Oder) - Berlin Stadtbahn - Brandenburg - Magdeburg und zurück
v = 140 km/h, Fahrzeit=2,5*2*3:20
BR 146+6 Dosto
1.220.584 €
2,65 €
0,0043 €
0,0172 €
19,69%
Kosten/Pkm
%
"= 180 m"
280,19 €
511.347 €
1,11 €
0,0018 €
0,0072 €
8,25%
520.000 €
1,13 €
0,0018 €
0,0073 €
8,39%
4,75%
kWh
163,94 €
299.192 €
0,65 €
0,0011 €
0,0042 €
4,83%
Wagenkm
322,84 €
294.589 €
0,64 €
0,0010 €
0,0042 €
0,0219 €
0,0876 €
6.199.886 €
13,47 €
2,99%
Miete, EDV, Marketing, …
500.000 €
1,09 €
0,0018 €
0,0071 €
8,06%
101,51 €
185.252 €
0,40 €
0,0007 €
0,0026 €
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 16 -
Abbildung 16: Betreiberkosten, überregionaler Verkehr
Fahrten/Tag/Richtung 3
Anzahl Wagen 6
Trassenkm 187,55
Sitzplätze 137
Auslastung 70%
Zinssatz 6%
Abschreibungszeitraum 20
Einzelpreis Faktor Kosten/Tag
DB Netz 455 €1,65 4.504 €
DB StuS 110 €1658 €
Triebzugführer 58.000 €6953 €
Zugbegleiter 52.000 €5712 €
Reinigungspersonal 40.000 €2219 €
Zwischensumme 1.885 €
Pauschaler Aufschlag Verwaltung
30% 565 €
Summe Personal 2.450 €
Fahrzeuge (Annuitäten) 5.000.000 €11.194 €
Instandhaltung Fahrzeuge 0,26 €188 864 €
DB Energie 0,10 €1.829 1.097 €
Haftpflicht-Versicherung 10% 450 €
Sonstige Kosten 1.096 €
Summe 12.314 €
3,66%
7,02%
8,91%
5,78%
1,78%
15,31%
4,59%
%
36,58%
5,34%
7,74%
8,90%
206.400 €
volle Stellen
volle Stellen
volle Stellen
Lirex
Wagenkm
400.000 €
288,08 €
182,86 €
75,07 €
400.466 €
435.923 €
kWh
Überregionaler Verkehr (analog InterConnex)
Dresden(Neustadt) - Elsterwerda - Doberlug - Blankenfelde - Berlin(Schönefeld) - Berlin (Lichtenberg) und zurück
Fahrzeug: Talent-Triebzug (3-teilig)
19,90%
9,70%
0,19 €
1,68 €
v = 120 km/h
Kosten/Pkm
0,0417 €
0,0061 €
0,0088 €
260.000 €
80.000 €
688.000 €
< 180 m
1,06 €
894.400 €
0,0046 €
0,50 €
0,0042 €
0,0102 €
0,0080 €
0,0102 €
0,0227 €
0,0111 €
0,0066 €
0,0020 €
0,0175 €
0,0052 €
0,0043 €
0,58 €
240.134 €
4.494.764 €
0,0071 €
0,0799 €
0,0071 €
0,0029 €
0,0077 €
0,0056 €
109,65 €
10,94 €
348.000 €
0,85 €
0,63 €
0,40 €
0,97 €
164.400 €
0,77 €
0,0014 €
Miete, EDV, Marketing, …
(Einheit)
Kosten/Jahr
Kosten/Fahrt
0,0292 €
Kosten/Sitzplatzkm
Kosten/Zugkm
1.643.998 €
4,00 €
Fernverkehrs-Takt-Trasse
750,68 €
0,0122 €
0,0037 €
0,0159 €
0,1141 €
0,0062 €
0,98 €
315.444 €
2,18 €
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 17 -
Abbildung 17: Betreiberkosten, Hochgeschwindigkeits-Fernverkehr
Fahrten/Tag/Richtung 1
Anzahl Wagen 12
Trassenkm 982
Sitzplätze 631
Auslastung 43%
Zinssatz 6%
Abschreibungszeitraum 30
Einzelpreis Faktor Kosten/Tag
DB Netz 2.442 €1,8 8.790 €
DB StuS 306 €21.224 €
Triebzugführer 58.000 €6953 €
Zugbegleiter 52.000 €15 2.137 €
Reinigungspersonal 40.000 €5548 €
Zwischensumme 3.638 €
Pauschaler Aufschlag Verwaltung
30% 1.092 €
Summe Personal 4.730 €
Fahrzeuge (Annuitäten) 26.350.000 15.245 €
Instandhaltung Fahrzeuge 0,26 €982 6.033 €
DB Energie 0,10 €18.908 3.782 €
Haftpflicht-Versicherung 10% 879 €
Sonstige Kosten 2.192 €
Summe 32.874 €
v = 230 km/h
0,0265 €
0,0620 €
0,0007 €
0,0017 €
2,67%
Hamburg - Berlin - München und zurück
ICE-T (7-teilig+5-teilig)
439,50 €
320.831 €
Miete, EDV, Marketing, …
800.000 €
1,12 €
0,45 €
11.999.035 €
16,74 €
0,0018 €
0,0041 €
6,67%
ICE-T
1.914.299 €
2,67 €
0,0042 €
0,0099 €
15,95%
0,0031 €
0,0071 €
11,50%
Wagenkm
3.016,70 €
2.202.194 €
3,07 €
0,0049 €
0,0114 €
18,35%
kWh
1.890,75 €
1.380.251 €
1,93 €
0,0038 €
0,0089 €
398.400 €
0,56 €
0,0009 €
0,0021 €
14,39%
1.726.400 €
2,41 €
0,0010 €
0,0023 €
3,72%
volle Stellen
volle Stellen
780.000 €
1,09 €
0,49 €
0,0008 €
348.000 €
0,0017 €
0,0040 €
6,50%
volle Stellen
200.000 €
0,28 €
0,0004 €
0,0029 €
0,0069 €
1.328.000 €
11,07%
4.394,95 €
3.208.315 €
4,48 €
0,0071 €
0,0166 €
26,74%
3,32%
1,85 €
Kosten/Jahr
0,0018 €
2,90%
611,98 €
446.745 €
0,62 €
Kosten/Zugkm
Kosten/Sitzplatzkm
0,0010 €
1,67%
Kosten/Pkm
%
Kosten/Fahrt
Expresstrasse
> 180 m
(Einheit)
Hochgeschwindigkeits-Fernverkehr
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 18 -
Abbildung 18: Übersicht: Betreiberkosten je Zugkilometer in Deutschland.
0 €
2 €
4 €
6 €
8 €
10 €
12 €
14 €
16 €
18 €
20 €
Hochgeschwindigkeits-
Fernverkehr
Überregionaler Verkehr (analog
InterConnex)
Regionalverkehr
Sonstige Kosten
Versicherung
DB Energie
Instandhaltung Fahrzeuge
Personalkosten
Annuitäten Fahrzeuge
DB StuS
DB Netz
Bestellerentgelte
7-8 €/Zugkm
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 19 -
Abbildung 19: Vergleich der Verkehrsträger: Systemkosten je Fahrzeugkilometer.
0 €
5 €
10 €
15 €
20 €
25 €
30 €
35 €
Pkw
Bus
R/S-HGV
MSB-HGV
Flugzeug
Sonstige Betriebskosten
Kosten für Energie/Kraftstoff
Instandhaltungskosten
Personalkosten
Gebühren / Steuern
Abschreibung Fahrzeuge
Abschreibung Infrastruktur
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 20 -
Abbildung 20: Vergleich der Verkehrsträger: Systemkosten je Platzkilometer.
0,00 €
0,02 €
0,04 €
0,06 €
0,08 €
0,10 €
0,12 €
0,14 €
Pkw
Bus
R/S-HGV
MSB-HGV
Flugzeug
Sonstige Betriebskosten
Kosten für Energie/Kraftstoff
Instandhaltungskosten
Personalkosten
Gebühren / Steuern
Abschreibung Fahrzeuge
Abschreibung Infrastruktur
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 21 -
Abbildung 21: Vergleich der Verkehrsträger: Systemkosten pro Personenkilometer bei durchschnittlicher Auslastung.
0,00 €
0,05 €
0,10 €
0,15 €
0,20 €
0,25 €
Pkw
Bus
R/S-HGV
MSB-HGV
Flugzeug
Sonstige Betriebskosten
Kosten für Energie/Kraftstoff
Instandhaltungskosten
Personalkosten
Gebühren / Steuern
Abschreibung Fahrzeuge
Abschreibung Infrastruktur
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 22 -
Abbildung 22: Zusammenhang Module Simulationstool.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 23 -
Abbildung 23: MS-Excel-basiertes Simulationstool: Modul Betriebssimulation (Auszug).
Projekt Ost-West-Strecke
Baubeginn 2010 Bauzeit 6Jahre
Betriebsbeginn 2016
Betriebsdauer
35
Jahre
Technische Spezifikationen
max. Betriebsgeschwindigkeit [km/h] 300
Geschwindigkeit in Ballungsräumen [km/h]
120
060 120 200 250 300 (Liste muss Wert D12 beinhalten)
Beschleunigung [m/s² (Ø)] 0,52 0,5 0,22 0,15 0,05
Verzögerung [m/s² (Ø)] 0,8 0,8 0,8 0,8 0,8
Fahrzeitzuschläge lt. Fahrplan (%) 13%
Betriebliche Spezifikationen
Gesamtstrecke 547,0
Gesamtfahrzeit 2:44:06
Wendezeit Endstationen:
00:05:00
Reinigungszeit: 00:15:00
Umlaufzeit 6:40:00 WAHR
Tgl. Betriebszeit von 6:00 bis 0:00 entspricht 18:00
davon Hauptverkehrszeit von 6:00 bis 20:00 entspricht 14:00
Takt Hauptverkehrszeit / Wartezeit 0:20 0:07 entspricht 42 Umläufe entspricht 45.948 ZugKm
Takt Nebenverkehrszeit / Wartezeit 0:40 0:10 enstpricht 6 Umläufe entspricht 6.564 ZugKm 60 120 200 250 300 Konst Summe
Summe 48 52.512 169 520 4.245 1.979 4.329 41.270 52.512
Flottenverfügbarkeit Fahrzeuge 84%
Anzahl Fahrzeuge außer Betrieb 4
Fahrzeuge im Umlauf (max) 20
Fahrzeugreserve 2
Benötigte Fahrzeuge gesamt 26
Zugkilometer je Fahrzeug 2.020 pro Tag 61.601 pro Monat 727.089 pro Jahr
Streckenverlauf Essen
Düsseldorf
Köln Dortmund Bielefeld Hannover Berlin
Durchmesser Ballungsraum [km] 4 km 6km 5km 8km 15 km km km km km km
Beschleunigungszeit 0:03:13 267 0:05:16 267 0:09:39 267 0:10:24 267 0:00:00 0 0 0 0 0 0
Bremszeit 833 0:02:19 833 0:02:21 833 0:03:23 833 0:05:08 0 0 0 0 0 0
Bechleunigungsweg 6,5 5389 13,3 6389 34,0 5889 35,5 7389 0,0 0 0 0 0 0 0
Bremsweg 04,2 5787 4,8 5787 7,6 5787 11,1 0 0 0 0 0 0
Stationskilometer 0,0 084,0 0180,0 21219 283,0 21219 547,0 0 0 0 0 0 0
Haltezeit 0:00:00 0:02:00 0:02:00 0:02:00 0:02:00 0:00:00
Gesamtfahrzeit 0:00:00 0:33:06 1:04:50 1:35:25 2:44:06
200 250 300 300 300 300 300 300 300 300
Entfernung [km] 84 96 103 264
Betriebsgeschwindigkeit [km] 200 250 300 300
Fahrzeit (gem. Trassierung) [km/h] 0:27:31 0:26:19 0:25:18 0:59:00
Fahrzeitzuschlag 0:03:35 0:03:25 0:03:17 0:07:40
Fahrzeit (gem. Fahrplan) 0:31:06 0:29:44 0:28:36 1:06:41
Fahrgeschwindigkeit [km/h] 162 194 216 238
Kantenbelastungen [Mio.] 8,64 10,05 9,02 8,79 6,72 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
Pkm [Mio.] 844,0 865,8 905,5 1.772,8 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0
Ø Auslastung Fahrzeuge im Bezugsjahr
61% 71% 64% 62% 47% 0% 0% 0% 0% 0% 0%
34,57
4.388,2
Abfahrt im festen Takt
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 24 -
Abbildung 24: MS Excel-basiertes Simulationstool, Modul der Betriebskosten (Auszug).
Instandhaltungskosten
Betriebstage / Jahr 365,25
Zusätzliche Sektionen je Zug ab
2025 1
Anzahl Sektionen/Zug 4 Resultierende Anzahl Sektionen: 5
Fahrleistung/Tag
Streckenlänge 1176,70
Fahrleistung/Jahr
Takt HVZ [Züge je h*Richtung] 3,00
Fahrten/Tag
Takt NVZ [Züge je h*Richtung] 1,50
Züge im System 35
Kostensätze: je Dkm
Fahrzeuge 0,25 € pro Sektionenkilometer ########
Sektionenkm
41,26 Mio. €######## 51,57 Mio. €
Fahrweg 5.260 € pro Dkm 1.176,70 Dkm 6,19 Mio. €5.260
Tunnel 0,15% der Investitionskosten 2.015,70 Mio. €3,02 Mio. €2.570
Brücken 0,40% der Investitionskosten 2.629,50 Mio. €10,52 Mio. €8.939
Bauliche Anlagen 4,00% der Investitionskosten 1.943,34 Mio. €1,29 Mio. €1.096
Betriebsleittechnik 2,00% der Investitionskosten 2.477,79 Mio. €49,56 Mio. €42.114
Schallschutz 1,40% der Investitionskosten 1.719,72 Mio. €24,08 Mio. €20.461
Energieversorgung 0,60% der Investitionskosten 891,93 Mio. €5,35 Mio. €4.548
Antrieb 0,40% der Investitionskosten 3.734,90 Mio. €14,94 Mio. €12.696
Summe Infrastruktur (absolut / je Dkm) 115 Mio. €97.683
Summe (einschl. Fahrzeuge) 156,20 Mio. €132.747 166,52 Mio. €
Energiekosten
Energiebedarf Traktion
vor Ausbau
nach Ausbau
Abschätzung Energieaufwand je Fahrt:
pro Fahrt 31,28 37,51
Leistungsbedarf [MW] bei Konstantfahrt in Abhängigkeit der Sektionenzahl und Geschwindigkeit
pro Tag [MWh] 3.003 3.601
23 4 56 7 8 9 10
pro Jahr [GWh] 1.096,9 1.315,2
100 0,9 1,2 1,5 1,9 2,2 2,6 3,0 3,3 3,6
200 0,9 1,2 1,5 1,9 2,2 2,6 3,0 3,3 3,6
Energiebedarf Nebenverbraucher [GWh] 0 0 300 2,2 3,0 3,7 4,4 5,1 5,8 6,5 7,2 7,9
Nebenbedarf [GWh]
219 219 400 4,4 6,0 7,6 9,1 10,6 12,1 13,5 14,9 16,1
Jahresenergiebedarf [GWh] 1316 1535 450 6,9 9,4 11,9 14,2 16,6 18,8 20,8 22,6 24,4
Leistung (Bereitstellung) [MW] 228,00 273,00 500 8,2 11,1 14,0 16,8 19,6 22,1 24,5 26,5 28,5
Zeit Beschleunigen (volle Leistungsaufnahme): 0,023842
Energiekosten / -bereitstellung Zeit Bremsen (Abgabe Maximalleistung): 0,026205
Kosten [Mio. €]
Wirkarbeitspreis [Mio € / GWh] 0,06 81,61 95,14364
Konstantfahrten:
Leistungspreis [Mio € / MW / a] 0,08 18,24 21,84
Abschnitt nach
Berlin
Flughafen BBI
Dresden Prag Pardubice Brno Wien
Wien Flughafen
Bratislava Budapest
Zwischensumme 99,85 116,98 0,030029 0,004406 0,019317 0,017011 0,012761 0,016167 0,013508 0,003761 0,007621 0,021099
450 200 400 400 400 400 450 200 300 450
Stromsteuer [€/MWh] 10,25 13,49 15,73
Leistungsaufnahme [MW]
11,86667 1,5 7,6 7,6 7,6 7,6 11,86667 1,5 3,7 11,86667
Gesetz über den Vorrang erneuerbarer Energien [€/MWh]
2,60 3,42 3,99
Leistungsaufnahme nach Ausbau [MW]
14,23333 1,9 9,1 9,1 9,1 9,1 14,23333 1,9 4,4 14,23333
Gesetz zum Schutz der Stromerzeugung aus Kraft-Wärme-Kopplung [€/MWh]:
4,90 6,45 7,52
MWh (vor Ausbau)
8,55 0,16 3,52 3,10 2,33 2,95 3,85 0,14 0,68 6,01 31,28
Gesamte Energiekosten: 123,21 144,22
MWh (nach Ausbau)
10,26 0,20 4,22 3,72 2,79 3,53 4,61 0,17 0,80 7,21 37,51
10 1111111111
Personalkosten
HVZ [h] 13
Betriebsführung 34 0,04 €/Zugkm
NVZ [h] 6 HVZ 6 6
Betriebspause [h] 5 NVZ 6 6
Betriebspause 4 4
Wochenarbeitszeit 38,5 Zuschlag 30% 30% MEX-Studie: Faktor 1,85 für Urlaub, Krankheit Weiterbildung
Anzahl Betriebstage 7
Personalgemeinkosten (Material):
20,00% der Personalkosten
Fahrzeuge im Umlauf HVZ
30
Zugbegleiter 228 0,23 €/Zugkm
Fahrzeuge im Umlauf NVZ
15 HVZ je Zug 2 60
Bezugsgröße
51.129 €
40.903 €
gesamt
112.963
41.259.809
96
je Zug
3.228
1.178.852
3
Betrag
2025
2019
Betrag
1.738.386 €
9.325.884 €
0,0
5,0
10,0
15,0
20,0
25,0
30,0
2
3
4
5
6
7
8
9
10
200
300
400
500
Poly. (200)
Poly. (300)
Poly. (400)
Poly. (500)
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 25 -
Abbildung 25: MS-Excel-basiertes Simulationstool, Preissystem, Berechnung der Erlöse und Vertriebskosten (Auszug).
Erlöse Rad/Schiene
Anteil an Reisenden: (Summe: 100% )33% 43% 24%
Fahrscheingattung
Kilometer-
preis
(brutto)
Erhöhung
Aufpreis
Bruttopreis
/ Fahrt
Geschäfts-
reisende
Privat-
reisende
flexibel
Privat-
reisende
unflexibel
Geschäfts-
reisende
Privat-
reisende
flexibel
Privat-
reisende
unflexibel
1. Klasse Einzelfahrt 0,30 €0,01 €0,31 €10,0% 2,0% 6,0% 0,03 €0,01 €0,02 €
1. Klasse Hin- und Rückfahrt 0,23 €0,01 €0,23 €20,0% 3,0% 12,0% 0,05 €0,01 €0,03 €
1. Klasse Stammkunden 0,15 €0,00 €0,15 €10,0% 2,0% 3,0% 0,02 €0,00 €0,00 €
1. Klasse
Vorausbuchung freie Plätze
0,11 €0,00 €0,12 €6,0% 18,0% 4,0% 0,01 €0,02 €0,00 €
2. Klasse Einzelfahrt 0,15 €0,00 €0,15 €15,0% 4,0% 11,0% 0,02 €0,01 €0,02 €
2. Klasse Hin- und Rückfahrt 0,11 €0,00 €0,12 €30,0% 8,0% 24,0% 0,03 €0,01 €0,03 €
2. Klasse Stammkunden 0,08 €0,00 €0,08 €5,0% 3,0% 5,0% 0,00 €0,00 €0,00 €
2. Klasse
Vorausbuchung freie Plätze
0,06 €0,00 €0,06 €2,0% 40,0% 5,0% 0,00 €0,02 €0,00 €
2. Klasse Mitfahrer 0,11 €0,00 €0,11 €2,0% 20,0% 30,0% 0,00 €0,02 €0,03 €
Summe 100,0% 100,0% 100,0% 0,16 €0,10 €0,14 €
Erhöhung Fahrpreis 3,00% 3
Resultierende Verringerung Nachfrage: 0,75%
Resultierender durchschnittlicher Fahrpreis: 0,11 €bei 19% Umsatzsteuerpflicht WAHR
Eskalation: 2,00%
Bezugsjahr Aufkommen 2010
Jahr
Nachfrageindex
Kantenbelastung
Bezugsjahr [Mio.
Pkm]
Verkehrslestung
[Mio. Pkm]
Kilometerpreis
netto
Erlöse [Mio. €]
Aufkommen
[Mio.]
Reisebüros
Reisezentren
Internet
Automaten
Gesamt
2010 1,000 2.791 0 0,11 €
0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
2011 1,020 2.791 0 0,11 €
0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
2012 1,041 2.791 0 0,11 €
0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
2013 1,063 2.791 0 0,12 €
0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
2014 1,084 2.791 0 0,12 €
0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
2015 1,104 2.791 0 0,12 €
0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
2016 1,124 2.791 3.113 0,12 €
386,29 23,79 2,32 38,24 1,22 1,53 43,31
2017 1,144 2.791 3.169 0,13 €
401,08 24,21 2,41 39,71 1,27 1,59 44,97
2018 1,164 2.791 3.225 0,13 €
416,44 24,65 2,50 41,23 1,32 1,65 46,69
2019 1,185 2.791 3.283 0,13 €
432,38 25,09 2,59 42,81 1,37 1,71 48,48
2020 1,206 2.791 3.342 0,13 €
448,93 25,54 2,69 44,44 1,42 1,77 50,33
Erlöse durch Betriebseinnahmen
Vertriebskosten [Mio. €]
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 26 -
Abbildung 26: MS-Excel-basiertes Simulationstool: Berechnung des Direktaufkommens für einzelne Relationen (Auszug).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 27 -
Abbildung 27: MS-Excel-basiertes Simulationstool, Modul Investitionskosten (Auszug).
Investitionskosten MSB
Streckenlänge 1.176,7 km 55,0 km 200 km 921,7 km
Tunnelanteil 55,0 km 10,0 km 45 km 0,0 km
Brückenanteil 62,0 km 10,0 km 25 km 27,0 km
Anzahl Stationen (Neu- / Umbau) 10
Anzahl Fahrzeuge 35 mit je 4 Sektionen
Mittelbare Kosten 1.000,0 Mio. €
Planung / Unvorhergesehenes 12% der Gesamtkosten
Fahrweg 15819,6 Mio. € 13,44 Mio. €
Überbau 9285,94 Mio. € 7,89 Mio. € Überbau 9,35 9,35 7,82 8,57 7,82 8,57
Unterbau 1888,46 Mio. € 1,60 Mio. € Unterbau 2,00 2,00 1,60 1,60 1,80 1,80
Brücken 2629,50 Mio. € 2,23 Mio. € Brücken 24,00 24,00 53,10 53,10 20,00 20,00
Tunnel 2015,70 Mio. € 1,71 Mio. € Tunnel 44,17 44,17 40,28 40,28 21,00 21,00
Betriebsleittechnik 2477,79 Mio. € 2,11 Mio. € Betriebsleittechnik 2,63 2,63 2,08 2,06 2,08 2,06
Antrieb / Stromschienen / Fahrleitung
3734,90 Mio. € 3,17 Mio. €
Antrieb / Stromschienen / Fahrleitung
5,50 5,39 3,06 3,06 3,06 5,50
Energieversorgung 891,93 Mio. € 0,76 Mio. € Energieversorgung 0,60 0,60 0,70 0,41 0,78 0,43
Sonstige Kosten 8288,18 Mio. € 7,04 Mio. €
Grund und Boden 280,94 Mio. € 0,24 Mio. € Grund und Boden 2,18 2,03 0,16 0,16 0,14 0,14
Bauliche Anlagen 1943,34 Mio. € 1,65 Mio. € Bauliche Anlagen 2,09 3,09 1,25 2,26 1,17 1,89
Mittelbare Kosten 1000,00 Mio. € 0,85 Mio. € Mittelbare Kosten
Lärmschutz 1719,72 Mio. € 1,46 Mio. € Lärmschutz 2,00 1,80 1,00 0,80 1,60 1,20
Planung / Unvorhergesehenes 3344,19 Mio. € 2,84 Mio. €
Summe Infrastruktur 31212,4 Mio. € 26,53 Mio. € Kosten Station 50
Fahrzeuge 1294,55 Mio. €
Summe Systemkosten 32506,9 Mio. € 27,63 Mio. €
BVWP-Hauptkostengruppen Fälligkeit bei Bauzeit von 9 Jahren
in Mio. €
Kontrollsumme
von bis
Jahresraten
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021
Nutzungsdauer
Reinvestition in
Eskalation
1. Grund und Boden 280,9 280,9 0,00% 30,00% 3,00 93,65 93,65 93,65 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 1000 3019 0,00%
2. Unterbau 1.888,5 1.888,5 15,00% 60,00% 4,00 0,00 0,00 472,12 472,12 472,12 472,12 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 75 2094 0,00%
3. Tunnel 2.015,7 2.015,7 5,00% 50,00% 4,00 0,00 503,93 503,93 503,93 503,93 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 75 2094 0,00%
4. Brücken 2.629,5 2.629,5 5,00% 50,00% 4,00 0,00 657,38 657,38 657,38 657,38 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 75 2094 0,00%
5. Überbau 9.285,9 9.285,9 30,00% 70,00% 4,00 0,00 0,00 0,00 2.321,49 2.321,49 2.321,49 2.321,49 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 60 2079 0,00%
6. Bauliche Anlagen 1.943,3 1.943,3 40,00% 80,00% 4,00 0,00 0,00 0,00 0,00 485,83 485,83 485,83 485,83 0,00 0,00 0,00 0,00 50 2069 0,00%
7. / 8. Betriebsleittechnik 2.477,8 2.477,8 50,00% 100,00% 5,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 495,56 495,56 495,56 495,56 495,56 0,00 0,00 38 2057 0,00%
9. Energieversorgung 891,9 891,9 50,00% 80,00% 3,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 297,31 297,31 297,31 0,00 0,00 0,00 0,00 30 2049 0,00%
10.a Antrieb 3.734,9 3.734,9 50,00% 80,00% 3,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 1.244,97 1.244,97 1.244,97 0,00 0,00 0,00 0,00 20 2039 0,00%
11. Lärmschutz 1.719,7 1.719,7 50,00% 100,00% 5,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 343,94 343,94 343,94 343,94 343,94 0,00 0,00 40 2059 0,00%
12. Planung 3.344,2 3.344,2 30,00% 100,00% 6,00 0,00 0,00 0,00 557,36 557,36 557,36 557,36 557,36 557,36 0,00 0,00 0,00 1000 3019 0,00% 0
13. Mittelbare Kosten 1.000,0 1.000,0 0,00% 100,00% 9,00 111,11 111,11 111,11 111,11 111,11 111,11 111,11 111,11 111,11 0,00 0,00 0,00 1000 3019 0,00% 0
Summe Infrastruktur 31.212,4 31.212,4 204,8 1.366,1 1.838,2 4.623,4 5.109,2 6.329,7 5.857,6 3.536,1 1.508,0 839,5 0,0 0,0 0
14. MSB-Fahrzeuge 1.294,5 1.294,5 30,00% 99,00% 6,00 0,00 0,00 0,00 215,76 215,76 215,76 215,76 215,76 215,76 0,00 0,00 0,00 25 2044 0,00% 0
Gesamtsumme Investitionen
32.506,9 32.506,9 204,8 1.366,1 1.838,2 4.839,1 5.325,0 6.545,4 6.073,3 3.751,8 1.723,7 839,5 0,0 0,0
Gesamtkosten 32.506,9 32.506,9 204,8 1.366,1 1.838,2 4.839,1 5.325,0 6.545,4 6.073,3 3.751,8 1.723,7 839,5 0,0 0,0
Flachland
Regionalverkehr
Fernverkehr
Regionalverkehr
Gesamtkosten
Mittelgebirge
Städtisch
Fernverkehr
Regionalverkehr
Fernverkehr
48,67%
3,98%
Anteil
Preis / Dkm
Städtisch
Mittelgebirge
7,62%
11,49%
2,74%
25,50%
davon
Flachland
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 28 -
Abbildung 28: MS-Excel-basiertes Simulationstool, Modul Finanzierung (Auszug).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 29 -
Abbildung 29: MS-Excel-basiertes Simulationstool, Auswahlbox.
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 30 -
Abbildung 30: Vorgehen zur Ermittlung des Aufkommens zwischen zwei Verkehrszellen
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 31 -
Abbildung 31: Vorgehen zur Ermittlung einzelner Kantenbelastungen
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 32 -
Abbildung 32: Gegenüberstellung von Kosten (abzgl. Zuschüsse) und Erlösen eines Bahnprojektes
0
10.000
20.000
30.000
40.000
50.000
60.000
70.000
[Mio. €]
Jahr
Gesamtkosten
Kosten abzgl. Zuschüsse
Erlöse aus Betrieb
Zuschüsse
Break-Even-Bereich
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 33 -
Abbildung 33: Beispielstrecken, Freier Cash Flow (nach Zinszahlungen) im Projektverlauf.
7.000
6.000
5.000
4.000
3.000
2.000
1.000
0
1.000
2.000
3.000
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
2019
2020
2021
2022
2023
2024
2025
2026
2027
2028
2029
2030
2031
2032
2033
2034
2035
2036
2037
2038
2039
2040
2041
2042
2043
2044
2045
2046
2047
2048
2049
2050
2051
2052
Freier Cash Flow (nach Zinszahlungen)
MSB Hamburg - Budapest
RS Köln/Düsseldorf - Berlin
Bauphase
Betriebsphase
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 34 -
Abbildung 34: Aufkommenspotenzial wichtiger Fernverkehrsrelationen im deutschen Verkehrsmarkt.
0:00
2:00
4:00
6:00
8:00
10:00
12:00
0100 200 300 400 500 600 700 800
Reisezeit [hh:mm]
Entfernung Luftlinie [km]
Aufkommenspotenzial gesamt
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 35 -
Abbildung 35: Beispielstrecke (Hamburg) - Berlin - Wien - (Budapest) (Erreichbare Bevölkerung im Umkreis von 25 km). Quelle Karte: Google Earth
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 36 -
Abbildung 36: Beispielstrecke Hamburg - Budapest: Aufkommen der betroffenen Relationen (rot) vor Streckenausbau.
0:00
2:00
4:00
6:00
8:00
10:00
12:00
0100 200 300 400 500 600 700 800
Reisezeit [hh:mm]
Entfernung Luftlinie [km]
Aufkommen in Abhängigkeit zur Reisezeit
Aufkommenspotenzial Gesamt
Aufkommen Bahn
Hamburg – Berlin
Berlin – Prag
Dresden – Prag
Hamburg – Wien
Berlin – Wien
Prag - Wien
Wien - Budapest
Berlin – Dresden
Hamburg – Dresden
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 37 -
Abbildung 37: Beispielstrecke Hamburg - Budapest: Aufkommen der betroffenen Relationen (rot) nach Streckenausbau.
0:00
2:00
4:00
6:00
8:00
10:00
12:00
0100 200 300 400 500 600 700 800
Reisezeit [hh:mm]
Entfernung Luftlinie [km]
Aufkommen in Abhängigkeit zur Reisezeit
Aufkommenspotenzial Gesamt
Aufkommen Bahn
Dresden – Prag
Berlin – Dresden
Hamburg – Berlin
Hamburg – Dresden
Berlin – Wien
Hamburg – Wien
Berlin - Budapest
Berlin – Prag
Prag – Wien
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 38 -
Vor Infrastrukturausbau
Nach Infrastrukturausbau
Relation
Reisezeit [h:mm]
Aufkommen
Bahn [Mio. P].
Modal Split
Schiene/Flugzeug
Reisezeit
Aufkommen
Bahn
Modal Split
Schiene/Flugzeug
(Hamburg) – Berlin - Budapest
Hamburg – Dresden
5:16
0,16
78,8 %
2:29
0,55
100 %
Hamburg - Prag
7:50
0,04
35,1 %
3:05
0,22
100 %
Hamburg – Budapest
13:27
0,04
21,8 %
5:27 1)
0,20 1)
58,8 % 1)
Berlin – Dresden
3:09
0,73
100 % 2)
1:37
1,74
100 % 2)
Berlin – Prag
5:48
0,12
41,8 %
2:13
0,60
100 %
Berlin - Budapest
13:05
0,06
22,4 %
4:35
0,45 1)
71,1 % 1)
Dresden – Prag
3:10
0,07
100 %
1:22
0,21 2)
100 % 2)
Dresden – Wien
8:17
0,08
51,9 %
2:46
0,45
100 %
Dresden - Budapest
10:25
0,02
38,8 %
3:44
0,13
100 %
Berlin – Köln/Düsseldorf
Berlin – Hannover
2:38
2,31
100 %
2:20
2,68
100 %
Berlin – Dortmund
4:18
0,43
58,0 %
3:10
0,72 3)
79,7 % 3)
Berlin – Köln
5:21
0,65
44,9 %
3:31
1,35 3)
70,5 % 3)
Hannover - Düsseldorf
3:29
0,74
100 %
2:13
1,33
100 %
Bielefeld – Köln
2:43
0,31
100 %
1:40
0,58 2)
100 % 2)
Amsterdam – Berlin
7:17
0,13
31,8 %
6:34
0,16
35,4 %
1) Gilt unter der Annahme, dass weiterhin ein günstiges Direktflugangebot besteht (mit Malev, Stand 06/2009: Flugzeit 1:40, Kosten: 150 €).
2) Keine Veränderung im Modal-Split-Anteil des Luftverkehrs; Aufkommen kann aufgrund hervorragender Fahrzeiten und Mindestentfernung, die Zei-
ten für Vor- und Nachlauf kompensiert, komplett vom Individualverkehr gewonnen werden.
3) Bessere Werte für die Bahn möglich, wenn Direktflugverkehr aufgegeben wird (Konkurrieren um den Passagier über Reisepreis möglich)
Abbildung 38: Veränderung von Reisezeiten und Aufkommen auf ausgewählten Verbindungen der untersuchten Projekte
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 39 -
Abbildung 39: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin (Erreichbare Bevölkerung im Umkreis von 25 km). Quelle Karte: MS MapPoint Europe
Fahrzeit nach Ausbau: 1:29
0:26
0:24
0:24
0:28
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 40 -
Abbildung 40: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Abschnitt Köln/Düsseldorf – Dortmund. (Quelle: [141])
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 41 -
Abbildung 41: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Abschnitt Dortmund - Bielefeld - Hannover. (Quelle: [141])
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 42 -
Abbildung 42: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Nordumfahrung Hannover. (Quelle: [141]).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 43 -
Abbildung 43: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Abschnitt Hannover – Berlin. (Quelle: [141]).
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 44 -
Abbildung 44: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin: Aufkommen der Relationen vor Streckenausbau.
0:00
2:00
4:00
6:00
8:00
10:00
12:00
0100 200 300 400 500 600 700 800
Reisezeit [hh:mm]
Entfernung Luftlinie [km]
Aufkommen in Abhängigkeit zur Reisezeit
Aufkommenspotenzial gesamt
Aufkommen Bahn
Dortmund – Hannover
Düsseldorf – Hannover
Köln – Hannover
Hannover – Berlin
Bielefeld – Berlin
Dortmund – Berlin
Amsterdam – Hannover
Düsseldorf – Berlin
Köln – Berlin
Köln – Bielefeld
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 45 -
Abbildung 45: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin: Relationen nach Streckenausbau.
0:00
2:00
4:00
6:00
8:00
10:00
12:00
0100 200 300 400 500 600 700 800
Reisezeit [hh:mm]
Entfernung Luftlinie [km]
Aufkommen in Abhängigkeit zur Reisezeit
Aufkommenspotenzial gesamt
Aufkommen Bahn
Köln – Bielefeld
Dortmund – Hannover
Köln – Hannover
Hannover – Berlin
Bielefeld – Berlin
Dortmund – Berlin
Amsterdam – Hannover
Düsseldorf – Hannover
Köln – Berlin
Düsseldorf – Berlin
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 46 -
Abbildung 46: Beispielstrecke Hamburg - Budapest, Durchschnittliche Kantenbelastung und Cash Flow am Projektende in Abhängigkeit der Betriebsgeschwindigkeit.
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-2
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150
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310
330
350
370
390
410
430
450
470
490
[Mio.]
Maximale Betriebsgeschwindigkeit [km/h]
Durchschnittliche Kantenbelastung [Mio. P.]
Barwert Projektende [Mrd. €]
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 47 -
Abbildung 47: Beispielstrecke Hamburg - Budapest, Barwert am Projektende in Abhängigkeit von Baukostenzuschüssen und zinsfreien Darlehen.
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20.000
30.000
40.000
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90%
100%
Baukostenzuschüsse (Anteil an
Investitionskosten)
Barwert [Mio. €]
Zinsfreie Darlehen (Anteil an Investitionskosten)
30.000-40.000
20.000-30.000
10.000-20.000
0-10.000
-10.000-0
-20.000--10.000
-30.000--20.000
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 48 -
Abbildung 48: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf - Berlin, Barwert am Projektende in Abhängigkeit von Baukostenzuschüssen und zinsfreien Darlehen.
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100%
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2.000
4.000
6.000
8.000
10.000
12.000
14.000
16.000
18.000
0%
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90%
100%
Baukostenzuschüsse (Anteil an
Investitionskosten)
Barwert [Mio. €]
Zinsfreie Darlehen (Anteil an Investitionskosten)
16.000-18.000
14.000-16.000
12.000-14.000
10.000-12.000
8.000-10.000
6.000-8.000
4.000-6.000
2.000-4.000
0-2.000
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 49 -
Abbildung 49: Beispielstrecke Hamburg - Budapest, Barwert in Abhängigkeit von Bau- und Betriebszeit.
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-5.000
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5.000
10.000
15.000
20.000
25.000
30.000
35.000
Bauzeit [Jahre]
Barwert des Projektes [Mio. €]
Projektlaufzeit bis…
30.000-35.000
25.000-30.000
20.000-25.000
15.000-20.000
10.000-15.000
5.000-10.000
0-5.000
-5.000-0
-10.000--5.000
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 50 -
Abbildung 50: Beispielstrecke Köln/Düsseldorf – Berlin, Barwert in Abhängigkeit von Bau- und Betriebszeit.
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-5.000
0
5.000
10.000
15.000
20.000
25.000
30.000
Bauzeit
Barwert des Projektes [Mio. €]
Projektlaufzeit bis…
25.000-30.000
20.000-25.000
15.000-20.000
10.000-15.000
5.000-10.000
0-5.000
-5.000-0
-10.000--5.000
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 51 -
Abbildung 51: Beispielstrecken, Kostentreiber (Angaben in Mio. €, abzüglich erfolgten Baukostenzuschüssen).
0
10.000
20.000
30.000
40.000
50.000
60.000
70.000
80.000
MSB Hamburg - Budapest
RS Köln/Düsseldorf -
Berlin
Sonstige Betriebskosten
9.276
5.879
Personalkosten Betrieb / Service
2.223
2.279
Kosten für Energie
8.592
2.723
Instandhaltungskosten
9.937
6.562
Zinsen
3.165
7.804
Reinvestitionen
5.921
1.673
Investitionen
32.507
9.407
[Mio. €]
Technisch-wirtschaftliche Bewertung von Bahnprojekten des Hochgeschwindigkeitsverkehrs - 52 -
Abbildung 52: Beispielstrecken, Kostentreiber (Angaben in Prozentwerten, abzüglich erfolgten Baukostenzuschüssen).
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40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
MSB Hamburg - Budapest
RS Köln/Düsseldorf - Berlin
Sonstige Betriebskosten
13,0%
16,2%
Personalkosten Betrieb / Service
3,1%
6,3%
Kosten für Energie
12,0%
7,5%
Instandhaltungskosten
13,9%
18,1%
Zinsen
4,4%
21,5%
Reinvestitionen
8,3%
4,6%
Investitionen
45,4%
25,9%