
Kommerzielle Entwicklung von
Open-Source-Software:
Idealismus, Pragmatismus oder Strategie?
Eine Fallstudie
über Entwickler des Linux-Kernels
in großen Firmen der Informationstechnologie
vorgelegt von lic. rer. pol.
Urs Lerch
aus Muttenz / Schweiz
von der Fakultät IV – Elektrotechnik und Informatik
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Wirtschaftswissenschaften
– Dr. rer. oec. –
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. J.-P. Seifert
Berichter: Prof. Dr. B. Lutterbeck (i.R.)
Berichter: Prof. Dr. H. Krallmann
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 23. April 2010
Berlin 2010
- D 83 -


„The answer is Linux, now what was the question again?“
(Vile und Atherton 2009, S. 10)

I
Zusammenfassung
Free/Libre and Open-Source-Software (FLOSS) im Allgemeinen sowie das Betriebssystem
Linux im Speziellen erfreuen sich seit rund zehn Jahren zunehmender wirtschaftlicher Bedeu>
tung und sind heute ein wesentlicher Baustein der professionellen Informations- und Kommu>
nikationstechnologie. Entwickelt wird die Software mit reger Beteiligung einer Online-Com>
munity und zahlreichen Beiträgen von Firmen, Universitäten, Stiftungen sowie Freiwilligen.
Die bislang geführte Diskussion zu FLOSS, beginnend im Jahre 1998, kann in drei zeitlich
aufeinander folgende, jeweils ca. drei bis fünf Jahre dauernde Phasen gegliedert und mit den
Überschriften „Idealismus“, „Pragmatismus“ und „Strategie“ umschrieben werden. Trotz der
zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung von FLOSS auf der Nachfrage- wie auf der Ange>
botsseite wird in wissenschaftlichen Arbeiten weiterhin auf die sozialromantische und ideali>
sierende Frühphase rekurriert. Die Unterstützung bei der FLOSS-Produktion durch große, eta>
blierte Unternehmen der Informationstechnologie (IT) unter wirtschaftlichen Aspekten blieb
bisher in der wissenschaftlichen Diskussion noch weitgehend unbeachtet. Diese Dissertation
beabsichtigt, einen empirischen Beitrag zu dieser lückenhaften Datenlage zu leisten.
Anhand einer Fallstudie mit quantitativen und qualitativen methodischen Ansätzen wird die
Situation von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IT-Firmen untersucht. Die quantitative
Analyse sämtlicher Logdateien des Linux-Kernels des Jahres 2007 hat ergeben, dass dieser zu
rund drei Vierteln von Firmen weiterentwickelt wird. Mittels qualitativer, teilstandardisierter
Interviews mit siebzehn Linux-Kernel-Entwicklern aus großen IT-Firmen kann eine Typolo>
gie von kommerziellen Open-Source-Entwicklern hergeleitet werden. Die Typen sind: der
„Pragmatische Ingenieur“, der „Dialektische Informatiker“ und der „Sozialromantische Ha>
cker“. Anhand dieser Typologie kann der Berufsalltag eines Open-Source-Entwicklers in ei>
ner großen IT-Firma vertiefend beschrieben werden.
Die empirischen Daten legen nahe, dass die Firmenbeteiligung bei Freier und Open-Source-
Software weit höher ist als aus anderen Studien bekannt. Deshalb sollte das Open-Source-Ent>
wicklungsmodell um die Firmenbeteiligung erweitert werden, insbesondere unter Berücksich>
tigung der Typologie der kommerziellen Open-Source-Entwickler. Zudem kann, basierend
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