Kommerzielle Entwicklung von
Open-Source-Software:
Idealismus, Pragmatismus oder Strategie?
Eine Fallstudie
über Entwickler des Linux-Kernels
in großen Firmen der Informationstechnologie
vorgelegt von lic. rer. pol.
Urs Lerch
aus Muttenz / Schweiz
von der Fakultät IV – Elektrotechnik und Informatik
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Wirtschaftswissenschaften
– Dr. rer. oec. –
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. J.-P. Seifert
Berichter: Prof. Dr. B. Lutterbeck (i.R.)
Berichter: Prof. Dr. H. Krallmann
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 23. April 2010
Berlin 2010
- D 83 -
„The answer is Linux, now what was the question again?“
(Vile und Atherton 2009, S. 10)
I
Zusammenfassung
Free/Libre and Open-Source-Software (FLOSS) im Allgemeinen sowie das Betriebssystem
Linux im Speziellen erfreuen sich seit rund zehn Jahren zunehmender wirtschaftlicher Bedeu>
tung und sind heute ein wesentlicher Baustein der professionellen Informations- und Kommu>
nikationstechnologie. Entwickelt wird die Software mit reger Beteiligung einer Online-Com>
munity und zahlreichen Beiträgen von Firmen, Universitäten, Stiftungen sowie Freiwilligen.
Die bislang geführte Diskussion zu FLOSS, beginnend im Jahre 1998, kann in drei zeitlich
aufeinander folgende, jeweils ca. drei bis fünf Jahre dauernde Phasen gegliedert und mit den
Überschriften „Idealismus“, „Pragmatismus“ und „Strategie“ umschrieben werden. Trotz der
zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung von FLOSS auf der Nachfrage- wie auf der Ange>
botsseite wird in wissenschaftlichen Arbeiten weiterhin auf die sozialromantische und ideali>
sierende Frühphase rekurriert. Die Unterstützung bei der FLOSS-Produktion durch große, eta>
blierte Unternehmen der Informationstechnologie (IT) unter wirtschaftlichen Aspekten blieb
bisher in der wissenschaftlichen Diskussion noch weitgehend unbeachtet. Diese Dissertation
beabsichtigt, einen empirischen Beitrag zu dieser lückenhaften Datenlage zu leisten.
Anhand einer Fallstudie mit quantitativen und qualitativen methodischen Ansätzen wird die
Situation von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IT-Firmen untersucht. Die quantitative
Analyse sämtlicher Logdateien des Linux-Kernels des Jahres 2007 hat ergeben, dass dieser zu
rund drei Vierteln von Firmen weiterentwickelt wird. Mittels qualitativer, teilstandardisierter
Interviews mit siebzehn Linux-Kernel-Entwicklern aus großen IT-Firmen kann eine Typolo>
gie von kommerziellen Open-Source-Entwicklern hergeleitet werden. Die Typen sind: der
„Pragmatische Ingenieur“, der „Dialektische Informatiker“ und der „Sozialromantische Ha>
cker“. Anhand dieser Typologie kann der Berufsalltag eines Open-Source-Entwicklers in ei>
ner großen IT-Firma vertiefend beschrieben werden.
Die empirischen Daten legen nahe, dass die Firmenbeteiligung bei Freier und Open-Source-
Software weit höher ist als aus anderen Studien bekannt. Deshalb sollte das Open-Source-Ent>
wicklungsmodell um die Firmenbeteiligung erweitert werden, insbesondere unter Berücksich>
tigung der Typologie der kommerziellen Open-Source-Entwickler. Zudem kann, basierend
II
auf den Daten, aufgezeigt werden, dass Freie und Open-Source-Software weitgehend mit be>
stehenden ökonomischen Theorien erklärbar ist, so dass das Image der Sozialromantik stark
relativiert werden muss. Empfohlen wird deshalb, die Diskussion über FLOSS zukünftig
weniger nach ideologisch orientierten Gesichtspunkten, sondern mit vorwiegend
ökonomischen Argumenten zu führen. Dabei ist insbesondere in der ökonomischen
Diskussion der freien Lizenz der Software mehr Beachtung zu schenken. Die Mitarbeit in
einer Open-Source-Community sollte zudem aufgrund der Bedeutung von FLOSS in den
Lehrplan der Informatikausbildung integriert werden.
Abstract
Free/Libre and Open Source Software (FLOSS) in general and the Linux operating system in
particular have increased in economic significance during the past decade and are now an in>
tegral component of professional information and communication technology (IT). The soft>
ware is continuously developed by an online community with numerous contributions from
companies, universities, foundations and volunteers. The discussion on FLOSS started in
1998. Retrospectively, three consecutive phases, lasting three to five years each, are identified
as “idealism”, “pragmatism” and “strategy”. Along increasing economic growth of FLOSS on
demand and supply of software, scientific knowledge remains scarce, mainly due to the focus
on social romantic and idealized positions in early stages. On the other hand, cooperation in
FLOSS production by large, established IT companies, especially in economic terms, has
been largely ignored in the scientific debate. This PhD project intends to make an empirical
contribution to this gap.
The situation of Linux kernel developers in large IT companies is investigated in a case study
with quantitative and qualitative methodological approaches. Quantitative analysis of all log
files of the Linux kernel in the year 2007 shows, that commercial companies contribute 75
percent to the kernel development. Using qualitative, semi-structured interviews with seven>
teen Linux kernel developers from large IT companies, a typology of commercial FLOSS de>
velopers is identified. The three types are: “pragmatic engineer”, “dialectical computer scient>
ist”, and “social romantic hacker”. Based on this typology, the working and personal environ>
ment of professional FLOSS developers in a large IT company is analyzed.
III
Empirical data from this study suggest that companies participate to FLOSS considerably
more than identified in prior studies. Therefore, the open source development model should
be expanded to business contributions. This process should include the identified typology of
commercial FLOSS developers. In addition, FLOSS is largely explained by existing econom>
ic theories. Thus, the previous image of social romanticism needs to be reconsidered. And it is
recommended that in discussing FLOSS, an economic perspective is integrated rather than re>
iterate ideologically oriented positions. On the other hand, the freedom granted by the license
has to be more emphasized in the economic debate. Finally, regarding the importance of
FLOSS, participation in an open source community should be included in the curriculum of
computer science education.
IV
Danksagung
Nach dem Abschluss meines Wirtschaftsstudiums an der Universität Basel kam ich in meiner
mehrjährigen Projekttätigkeit im betriebsinternen Controlling sowie durch die Mitarbeit im
Human-Ressource-Bereich zunehmend mit der Informatik in Berührung. Fasziniert von der
Programmierung, beschloss ich vor mittlerweile fünfzehn Jahren, von der Anwendungsseite
zur Entwicklung zu wechseln. Den Entschluss habe ich nie bereut, insbesondere weil mich die
Hilfsbereitschaft und Kollegialität im Informatik-Umfeld positiv überrascht haben – Eigen>
schaften, die von außerhalb der IT eher als elitär und unprofessionell gewertet werden.
Ähnliches durfte ich an der TU Berlin am Lehrstuhl „Informatik und Gesellschaft“ erfahren.
Beim Team um Bernd Lutterbeck möchte ich mich für die unkomplizierte und kollegiale Un>
terstützung ganz herzlich bedanken, wenn auch der Kontakt aufgrund meines Wohnortes in
der Schweiz nicht so intensiv war, wie von mir gewünscht. Auch die zahlreichen Kontakte –
meist per E-Mail –, die ich weltweit in der akademischen und in der Open-Source-Welt ge>
knüpft habe, waren von großer Hilfsbereitschaft und Kollegialität geprägt. Nicht unterlassen
möchte ich es, den fünf Firmen und insgesamt vierundzwanzig Personen, mit denen ich Inter>
views führen durfte, für ihr entgegengebrachtes Vertrauen und die großzügig zur Verfügung
gestellte Zeit zu danken.
Ganz besonders danke ich Bernd Lutterbeck, dass er mich nach beinahe zwanzigjähriger aka>
demischer Abstinenz – und deshalb weitgehend „entwissenschaftlicht“ – mit meinem Disser>
tationsvorhaben unterstützte. Er ermöglichte mir für die zweite Hälfte meines Berufslebens
eine hervorragende Gelegenheit, die es „zu packen“ galt. Die Rahmenbedingungen waren we>
gen der geografischen Distanz zwar nicht besonders günstig. Trotzdem konnte ich auf elektro>
nischem, telefonischem und natürlich auch persönlichem Weg die nötigen Fragen stets zeit>
nah diskutieren. Bernd, das entgegengebrachte Vertrauen habe ich außerordentlich geschätzt.
Meiner Frau Iren Bischofberger danke ich dafür, dass sie fast während der ganzen Promo>
tionszeit für das Familieneinkommen aufkam und mir so einen großen Handlungsspielraum
ermöglichte. Zudem waren ihre Kommentare insbesondere zur Methodik, aber auch bei der
V
kritischen Durchsicht der Kapitel sowie ihre permanente Unterstützung im Alltag eine unver>
zichtbare Hilfe. Sie erwirbt sich deshalb nach ihrem eigenen PhD noch einen PhT („push him
through“). Unserer fünfjährigen Tochter Tina danke ich dafür, dass sie unser Leben täglich
bereichert. Mit ihrer neugierigen, manchmal fordernden Art und ihrem Hinterfragen von für
uns Erwachsene Selbstverständlichem hat sie dafür gesorgt, dass mir der Familienalltag eine
hilfreiche Distanz zur akademischen Welt ermöglicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung in die Problemstellung............................................................1
1.1 Ausgangslage....................................................................................................................1
1.2 Theoretische Abgrenzung...............................................................................................3
1.3 Forschungsziel und erwarteter Beitrag.........................................................................4
1.4 Exkurs: „Freie“ vs. „Offene“ Software.........................................................................4
1.5 Aufbau der Studie............................................................................................................6
Teil I: Theoretischer Hintergrund.............................................................7
2 Der Fall Linux..............................................................................................9
2.1 Der Kernel und die Distribution....................................................................................9
2.2 Der Kernel in Zahlen.....................................................................................................10
2.3 Entwicklungsmodell des Linux-Kernels......................................................................12
2.4 Herausforderungen innerhalb der Community..........................................................15
2.5 Zwischenfazit.................................................................................................................17
3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion......................................19
3.1 Vorgeschichte.................................................................................................................19
3.2 Die erste Phase: Idealismus..........................................................................................22
3.2.1 Der Basar: Ein neues Entwicklungsmodell...................................................................23
3.2.2 Motivation in der Open-Source-Software-Entwicklung...............................................29
3.2.2.1 Intrinsische und extrinsische Motivation..................................................................30
3.2.2.2 Führung über die Motivation....................................................................................36
3.2.2.3 Opportunitätskosten..................................................................................................36
3.2.2.4 Rationale und evolutionäre Entscheidungstheorie...................................................37
3.2.3 Zwischenfazit................................................................................................................39
3.3 Die zweite Phase: Pragmatismus..................................................................................40
3.3.1 Motivation aus Firmenperspektive................................................................................41
3.3.2 Neue Geschäftsmodelle.................................................................................................42
3.3.2.1 Produkt-Geschäftsmodelle........................................................................................43
3.3.2.2 Dienstleistungs-Geschäftsmodelle............................................................................45
3.3.3 Eine neue Form der Organisation..................................................................................46
3.3.4 Zwischenfazit................................................................................................................47
3.4 Die dritte Phase: Strategie............................................................................................48
3.4.1 „Openness“: Ein erweitertes Verständnis.....................................................................49
3.4.2 Der Infrastrukturbegriff.................................................................................................51
3.4.3 Ein Reifeprozess-Modell...............................................................................................53
3.4.4 Mitarbeit in kommerziellen Firmen..............................................................................57
3.4.5 Zwischenfazit................................................................................................................59
3.5 Konklusion zum Stand der Diskussion........................................................................60
3.6 Forschungsfragen..........................................................................................................62
VIII
Teil II: Methodisches Konzept.................................................................63
4 Methodische Hinführung..........................................................................65
4.1 Fallstudien-Design.........................................................................................................65
4.2 Gütekriterien qualitativer Forschung.........................................................................66
5 Quantitative Erhebung der Linux-Kernel-Logfiles...............................69
5.1 Ausgangslage..................................................................................................................69
5.2 Sampling.........................................................................................................................71
5.3 Datenerhebung...............................................................................................................72
5.4 Datenanalyse..................................................................................................................73
6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-Entwicklern in
großen IKT-Firmen...................................................................................75
6.1 Das Experteninterview..................................................................................................75
6.1.1 Wer ist ein Experte?......................................................................................................75
6.1.2 Rolle des Interviewenden..............................................................................................76
6.2 Sampling.........................................................................................................................77
6.3 Rekrutierungsstrategie..................................................................................................78
6.4 Leitfadenentwicklung....................................................................................................80
6.5 Datenerhebung...............................................................................................................81
6.6 Datenanalyse..................................................................................................................82
6.6.1 Transkription.................................................................................................................83
6.6.2 Induktives Codieren......................................................................................................84
6.7 Typenbildung.................................................................................................................85
6.8 Kontrolle der Datenanalyse..........................................................................................87
6.9 Grenzen des methodischen Vorgehens........................................................................87
Teil III: Ergebnispräsentation.................................................................89
7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles...............................................91
7.1 Umfang der Beiträge.....................................................................................................91
7.2 Interessengruppen.........................................................................................................92
7.3 Beteiligte Firmen............................................................................................................93
7.3.1 Top-Firmen....................................................................................................................93
7.3.2 Firmen nach Regionen..................................................................................................94
7.3.3 Firmen nach Größe........................................................................................................96
7.3.4 Firmen nach Sektoren....................................................................................................97
7.3.5 Firmen nach Anzahl der Linux-Entwickler...................................................................97
7.4 Kategorisierung der Firmenbeiträge...........................................................................99
7.5 Aufteilung nach Architekturen..................................................................................102
IX
8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen................................107
8.1 Soziodemografischer Überblick.................................................................................107
8.2 Die empirisch begründete Typenbildung..................................................................109
8.3 Der pragmatische Ingenieur.......................................................................................111
8.3.1 Charakterisierung des Prototyps: Franz (F6)..............................................................111
8.3.1.1 Werdegang..............................................................................................................111
8.3.1.2 Technologische Orientierung.................................................................................112
8.3.1.3 Ein Job wie jeder andere.........................................................................................113
8.3.1.4 Wenig Präsenz in der Open-Source-Community...................................................114
8.3.1.5 Firmeninteressen haben Priorität............................................................................115
8.3.1.6 Den Status quo erhalten..........................................................................................115
8.3.2 Idealtypische Charakterisierung..................................................................................116
8.4 Der dialektische Informatiker....................................................................................120
8.4.1 Charakterisierung des Prototyps: Gerhard (G7)..........................................................120
8.4.1.1 Werdegang..............................................................................................................120
8.4.1.2 Etwas bewegen können..........................................................................................121
8.4.1.3 Firma und Community zusammenbringen.............................................................121
8.4.2 Idealtypische Charakterisierung..................................................................................123
8.5 Der sozialromantische Hacker...................................................................................127
8.5.1 Charakterisierung des Prototyps: Robert (R18)..........................................................127
8.5.1.1 Werdegang..............................................................................................................127
8.5.1.2 Eine neue emotionale Heimat wird gesucht und gefunden....................................128
8.5.1.3 Zunehmende Entfremdung in der Arbeit................................................................129
8.5.1.4 Ausweichen auf andere Schauplätze......................................................................130
8.5.2 Idealtypische Charakterisierung..................................................................................131
Teil IV: Diskussion, Schlussfolgerungen & Ausblick...........................133
9 Diskussion.................................................................................................135
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS....................................................................................136
9.1.1 Ökonomische Interessen.............................................................................................136
9.1.2 Ökonomische vs. ideelle Argumentation....................................................................138
9.1.3 FLOSS und ökonomische Trends...............................................................................143
9.1.4 Strukturelle Folgerungen.............................................................................................145
9.1.4.1 Digitaler Graben.....................................................................................................145
9.1.4.2 Unternehmerischer Mittelstand..............................................................................146
9.1.5 Erweiterung des Infrastrukturbegriffs.........................................................................147
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell.....................................................................................150
9.2.1 Motivation von kommerziellen FLOSS-Entwicklern.................................................152
9.2.2 Kommerzielle Rollen in FLOSS-Projekten.................................................................153
9.2.2.1 Einordnung der Typologie in die Community-Struktur.........................................153
9.2.2.2 Wechselwirkungen bei den Typen.........................................................................157
9.2.2.3 Der Umgang der verschiedenen Entwicklertypen mit Konflikten.........................159
9.2.2.4 Transitionen der Typen...........................................................................................163
9.2.3 Vertraglich abgesicherte Selbstorganisation...............................................................166
X
10 Schlussfolgerungen..................................................................................171
11 Ausblick....................................................................................................177
12 Literaturverzeichnis................................................................................179
Anhang.....................................................................................................193
A Brief an Firmen............................................................................................................195
B Vertraulichkeitserklärung..........................................................................................197
C Leitfaden.......................................................................................................................199
D Vorlage Datenblatt......................................................................................................205
E Mail an unbekannte Beitragende...............................................................................207
F Auswertung Linux-Kernel-Logs.................................................................................209
G Verwendete Software..................................................................................................221
XI
Abbildungen
Abb. 1: Wachstum des Linux-Kernels von März 2005 bis Januar 2008 (Kroah-
Hartman et al. 2008, S. 4) im Vergleich zu Lehman's Law.................................11
Abb. 2: Release-Zyklus im Linux-Kernel.........................................................................13
Abb. 3: Rollen und Struktur einer Open-Source-Community...........................................27
Abb. 4: Vergleich von rationaler und evolutionärer Entscheidungstheorie......................38
Abb. 5: Wertschöpfungskette der FLOSS-Anbieter (nach Leiteritz 2004, S. 141)..........40
Abb. 6: Open Computing..................................................................................................50
Abb. 7: Software-Infrastruktur..........................................................................................52
Abb. 8: Reifeprozess-Modell von Firmen in der Open-Source-Beteiligung
(nach Carbone 2007, S. 5)....................................................................................54
Abb. 9: Betriebs- und volkswirtschaftliche Auswirkungen..............................................56
Abb. 10: Wechselwirkungen im Open-Source-Ökosystem................................................61
Abb. 11: Vergleich repräsentatives und theoretisches Sampling
(nach Kruse 2006, S. 37 f.)...................................................................................77
Abb. 12: Analyseprozess (nach Bernard 2000)...................................................................83
Abb. 13: Prozess der Typenbildung (nach Kelle und Kluge1999, S. 82)...........................86
Abb. 14: Motivation zur Mitarbeit......................................................................................92
Abb. 15: Anzahl der Firmen, aufgeteilt nach Kontinenten.................................................94
Abb. 16: Anzahl Firmen und Codezeilen aus Europa, aufgeteilt nach Ländern.................95
Abb. 17: Anzahl der Firmen, nach Größe gruppiert...........................................................96
Abb. 18: Anzahl Firmen nach Sektoren gruppiert..............................................................97
Abb. 19: Gruppierung der Firmen nach Anzahl der Autoren.............................................98
Abb. 20: Beiträge der Firmen, gruppiert nach Anzahl der Autoren pro Firma ..................98
Abb. 21: Codebeiträge zu den Modulen nach Interessengruppen.......................................99
Abb. 22: Codebeiträge zu den Modulen in Bezug zur Gesamtheit
der Interessengruppe..........................................................................................100
Abb. 23: Codebeiträge zu den Modulen nach Firmengröße.............................................101
Abb. 24: Codebeiträge zu den Modulen nach Sektoren....................................................101
Abb. 25: Codebeiträge zu den Modulen nach Sektoren....................................................102
Abb. 26: Beteiligung an der Architektur im Total pro Interessengruppe..........................103
XII
Abb. 27: Architekturen nach Interessengruppe in %........................................................103
Abb. 28: Architekturen nach Herkunft in % mit Lead Firma...........................................104
Abb. 29: Dimensionen für die Typenbildung....................................................................109
Abb. 30: Vergleich rationale und evolutionäre Entscheidungstheorie
aus Firmensicht in Anlehnung an Kuwabara (2000)..........................................141
Abb. 31: Dezentralisierungsgrad (nach Malone 2004, S. 6).............................................144
Abb. 32: Erweiterte Software-Infrastruktur......................................................................148
Abb. 33: Adoption durch FLOSS (nach Laisné 2008, S. 9)..............................................149
Abb. 34: Rollen und Typologie von kommerziellen FLOSS-Entwicklern.......................154
Abb. 35: Wechselwirkungen zwischen den Typen...........................................................158
Abb. 36: Transitionen der Linux-Tätigkeit in Firmen.......................................................164
Abb. 37: Organisation der Linux-Kernel-Entwicklung in den untersuchten Firmen........166
Abb. 38: Koordination durch Distributoren......................................................................168
Abb. G.39: Screemshot Zotero..............................................................................................222
Abb. G.40: Screenshot Transcriber.......................................................................................223
Abb. G.41: Screenshot Weft QDA........................................................................................224
XIII
Tabellen
Tab. 1: Übersicht zur Motivation von Individuen
(nach Rossi und Bonaccorsi 2006, S. 87).............................................................31
Tab. 2: Übersicht zur Motivation von Firmen
(nach Dahlander und Magnusson 2005, S. 483)..................................................41
Tab. 3: Übersicht der FLOSS-Geschäftsmodelle (nach Leiteritz 2004)..........................42
Tab. 4: Dauer der Interviews............................................................................................82
Tab. 5: Übersicht der Beiträge am Linux-Kernel im Jahr 2007.......................................91
Tab. 6: Personenjahre und Monetarisierung nach Interessengruppen..............................93
Tab. 7: Beiträge von den Top-10-Firmen.........................................................................93
Tab. 8: Soziodemografischer Überblick der interviewten Linux-Kernel-Entwickler....108
Tab. 9: Verteilung der Interviewteilnehmenden auf die drei Typen..............................111
Tab. 10: Problembereiche von
Open-Source-Entwicklern in großen IT-Firmen................................................160
Tab. F.11: Übersicht der Beiträge am Linux Kernel im Jahr 2007.....................................209
Tab. F.12: Übersicht der Beiträge an den einzelnen stable Releases
in der Wartung....................................................................................................209
Tab. F.13: Gruppierung nach Interessen..............................................................................209
Tab. F.14: Personenjahre, Monetarisierung und Aktivität nach Interessengruppen............209
Tab. F.15: Interessengruppen in der Wartung.....................................................................210
Tab. F.16: Gruppierung nach Interessen der Sign-offs........................................................210
Tab. F.17: Interessengruppen der Sign-offs in der Wartung...............................................210
Tab. F.18: Konsolidierung der Firmen in Kontinenten.......................................................210
Tab. F.19: Länderbeteiligung...............................................................................................211
Tab. F.20: Gruppierung nach Firmengröße.........................................................................212
Tab. F.21: Gruppierung nach Sektoren................................................................................212
Tab. F.22: Top 40 Firmen nach beigetragenen Codezeilen.................................................213
Tab. F.23: Firmenzugehörigkeit der Top 30 Entwickler.....................................................214
Tab. F.24: Gruppierung der Firmen nach Anzahl Autoren..................................................214
Tab. F.25: Total Codezeilen pro Modul und Interessengruppe...........................................215
Tab. F.26: Anteil Codezeilen pro Interessengruppe und Modul..........................................215
XIV
Tab. F.27: Codezeilen pro Modul in Relation zum Total der Interessengruppe.....................215
Tab. F.28: Total Codezeilen pro Modul und Kontinent..........................................................215
Tab. F.29: Total Codezeilen pro Modul und Firmengröße.....................................................216
Tab. F.30: Total Codezeilen pro Modul und Sektor...............................................................216
Tab. F.31: Architekturen nach Interessengruppe in Codezeilen und Prozent.........................217
Tab. F.32: Firmen mit den meisten Beiträgen pro Architektur...............................................218
Tab. F.33: Top 30 Firmen im Architekturbereich...................................................................219
XV
Zur Lesbarkeit des Textes
Im Fließtext werden maximal zwei Autoren in der Klammer genannt. Bei drei und mehr Au>
toren bzw. Herausgebern wurde nur der erste mit dem Zusatz „et al.“ erwähnt. Im Literatur>
verzeichnis sind jeweils alle Namen aufgeführt.
Für zahlreiche Begriffe existieren in der Informatik keine oder nur nicht gebräuchliche weibli>
che Schreibformen, d. h. bislang dominiert die männliche Schreibweise. Von einer Darstel>
lung mit Schrägstrichen (z. B. „der/die Entwickler/in“) bzw. Wortkombinationen mit zweitem
Großbuchstaben (z. B. „die EntwicklerInnen“) wird abgesehen, da dies die Lesbarkeit beein>
trächtigt. Trotzdem hat sich der Verfasser bemüht, wo immer möglich, einen gendersensiblen
Sprachstil zu wählen. Damit soll ein kleiner Beitrag zu einer genderfreundlich(er)en IT-Bran>
che geleistet werden. Diese wird trotz zahlreicher frauenfördernder Maßnahmen noch immer
von Männern dominiert. Dies gilt auch für das Engagement in der Freien- und Open-Source-
Software-Community.1
1 Die Zahl der Frauen in der FLOSS-Community dürfte dabei noch geringer sein als diejenige der Frauen in
der Informationstechnologie allgemein (Ghosh et al. 2002). Eine aktuellere Studie der EU geht dieser Tat>
sache noch weiter auf den Grund und entwickelt auch Empfehlungen, wie diese allseits als unbefriedigend
betrachtete Tatsache geändert werden kann (Nafus et al. 2006).
1 Einführung in die Problemstellung
1.1 Ausgangslage
Freie und Open-Source-Software hat die Unternehmenswelt sowohl auf der Nachfrage- als
auch auf der Angebotsseite erreicht. Spezielle Kenntnisse in der Anwendung, Entwicklung
und Vermarktung von freier und quelloffener Software werden auf dem Arbeitsmarkt immer
wichtiger. Open-Source-Software (OSS) ist demnach längst nicht mehr mit einer Hobby-Tä>
tigkeit von „Geeks für Geeks“2 gleichzusetzen. Zwar gibt es durchaus noch Projekte mit die>
sem Hintergrund, diese haben jedoch nur (noch) eine marginale Bedeutung. Mittlerweile ist
allgemein anerkannt, dass Open-Source-Software zum Mainstream gehört.3 Experten gehen in
ihrer Einschätzung gar so weit, dass zu Open Source weitgehend alles Wichtige gesagt sei. So
wurde beispielsweise das erfolgreiche Studentenprojekt „Open-Source-Jahrbuch“4 letztes Jahr
nach fünf Publikationsjahrgängen eingestellt. Bernd Lutterbeck, einer der Herausgeber, äußert
sich in einem Interview wie folgt dazu:
„Ich glaube, dass sich die Idee Open Source in gewisser Weise erledigt hat. Erle0
digt hat heißt nicht, dass es überflüssig geworden ist, sondern es heißt einfach,
dass der Grundgedanke überall klar ist. Es ist klar, dass dieses Modell in be0
stimmten Bereichen bessere Ergebnisse bringt als andere Produkte. Und dass
man deswegen auch in der Praxis dazu übergegangen ist, es einfach zu machen.“
(Lutterbeck, zitiert von Rähm 2009)
Die Idee von Open-Source-Software – ursprünglich entstanden aus einer Bewegung von
Computerhackern, die vornehmlich in ihrer Freizeit Software entwickelt haben – trägt noch
immer den Nimbus, ein Projekt von unbezahlten Freiwilligen zu sein. Allerdings befindet sich
FLOSS in einem akzelerierten Anpassungsprozess an den Markt. Diese Entwicklung vollzieht
2 In den von Eric S. Raymond betreuten sogenannten Jargon Files, einem Online-Lexikon für Begriffe rund
um die Hacker-Kultur, wird ein „Geek“ beschrieben als „a badge of pride — it's a way of declaring their
independence from normal social expectations (as well as a fondness for other things like science fiction
and strategy games that often go with being a hacker).“ http://www.catb.org/~esr/faqs/hacker-howto.html#
nerd_connection [04.08.2009]
3 Eine Aussage, die das Beratungsunternehmen Gartner bereits im Jahre 2006 gemacht hat (siehe dazu z. B.
http://www.itnewsbyte.com/de/news/nws137409,,.htm [04.08.2009]).
4 http://www.opensourcejahrbuch.de/project [04.08.2009]
2 1 Einführung in die Problemstellung
sich entlang eines Innovationszyklus5, wie er z. B. von Schumpeter (1961) in der Wirtschafts>
wissenschaft vertreten wird. Demnach ist Freie und Open-Source-Software nach der Einfüh>
rung und Durchsetzung im Markt sowie nach der anfänglich noch langsamen Verbreitung
durch innovative Unternehmen jetzt im abschließenden Zyklus-Schritt und breitet sich „mit
zunehmender Diffusion und Sogwirkung des Nutzenpotentials […] immer schneller aus“
(Schumpeter 1961, S. XLIII).
Damit geht einher, dass sich schon längst nicht mehr ausschließlich Personen aus privaten In>
teressen an der Entwicklung von Open-Source-Software beteiligen, vielmehr hat der Anteil an
Quellcode6 aus bezahlter, an kommerziellen Interessen orientierter Tätigkeit in den letzten
Jahren stark zugenommen (Ghosh 2006). Deshalb ist heute weniger nach den Motivationen
und Interessen der beitragenden Individuen, sondern vor allem nach denjenigen der Firmen zu
fragen.
In dieser Entwicklung zeigen sich zwei zentrale Diskussionspunkte: 1. Die Ausweitung der
OSS-Aktivitäten hin zu Kooperationen zwischen der Community7 und kommerziellen Firmen,
und 2. der Bedarf an OSS-Spezialisten. Die Kooperation ist für den Erfolg von Open-Source-
Projekten von zentraler Bedeutung.8 Neuartig bei Open Source ist jedoch, dass aufgrund der
Lizenzbedingungen das Resultat in der Regel der Allmende, also der Öffentlichkeit zugute>
kommt (Lutterbeck 2005; 2006). Allerdings wurde das von Raymond (1999) als Basar be>
zeichnete und noch heute oft zitierte Open-Source-Entwicklungsmodell trotz zunehmender
Firmenaktivitäten bei der Open-Source-Softwareentwicklung bis dato nicht um die
kommerzielle Beteiligung erweitert.
5 Im wirtschaftswissenschaftlichen Verständnis dienen Innovationen der Überwindung von Ressourcen>
knappheit. Eine auf dieser Basis entwickelte Erfindung – wie z. B. eine kollaborativ entwickelte und frei
verfügbare Software – kann erst als Innovationen bezeichnet werden, wenn sie sich im Markt durchgesetzt
hat. Diese Durchsetzung findet zuerst sehr langsam statt, gefördert durch innovative Unternehmer. Mit zu>
nehmender Diffusion und Sogwirkung verbreitet sich die Idee immer schneller, bis neuerliche Kapazitäts>
grenzen erreicht sind. Diese neue Ressourcenknappheit löst einen neuen Innovationszyklus aus.
6 Quellcode oder -text nennt man die von Personen erstellten schreib- und lesbaren Algorithmen von Compu>
terprogrammen. Diese werden in der Regel vor ihrer Verwendung in eine nur noch vom Computer interpre>
tierbare, d. h. binäre Sprache übersetzt.
7 Unter einer „Community“ wird in diesem Text durchweg eine Netzgemeinschaft verstanden. Sie entspricht
grundsätzlich dem deutschen Begriff „Gemeinschaft“, also einer Gruppe, die ein Zusammengehörigkeits>
gefühl entwickelt hat.
8 Während es Kooperationen zwischen Firmen und von Firmen mit öffentlichen Institutionen wie Universi>
täten oder Regierungen schon länger gibt und deren Bedeutung für das Wachstum einer Volkswirtschaft er>
wiesen ist, entsprechen Kooperationen zwischen Firmen und Privatpersonen einem neueren Trend.
1.1 Ausgangslage 3
Die Beteiligung von Unternehmen an der Entwicklung von Open-Source-Software führt nicht
nur zu veränderten wirtschaftlichen Beziehungen, sondern auch zu veränderten Anforderun>
gen an Mitarbeitende im IT-Arbeitsmarkt. Am OpenWorldForum, das Anfang Dezember
2008 in Paris stattfand und auf dem Vertretungen von Firmen und Universitäten über die Zu>
kunft von freier und quelloffener Software diskutierten, wurde geschätzt, dass bis ins Jahr
2020 bis zu 40 % aller IT-Angestellten im Bereich von Open-Source-Software tätig sein wer>
den (Laisné 2008). Die aktuelle Studie „Potenzialanalyse im Technologieumfeld Open Source
in der Hauptstadtregion Berlin“ (Fornefeld und Gasper 2009) geht aufgrund einer Online-Um>
frage von annähernd 10.000 Arbeitsplätzen allein in Berlin aus, die sich direkt mit Open-
Source-Software beschäftigen. Dieser Bedarf kann derzeit im Arbeitsmarkt nicht gedeckt wer>
den. Allerdings wird beispielsweise der Stadt Berlin aufgrund der dichten Hochschulland>
schaft „eine hervorragende Ausgangslage für die weitere Entwicklung des Technologiefeldes
Open Source Software und den Aufbau von Kooperations- und Forschungsnetzwerken“
(Fornefeld und Gasper 2009, S. 15) attestiert. Auch mit der 2008 erfolgten Ausschreibung ei>
ner Professur für Open-Source-Software an der Universität Nürnberg-Erlangen9 sowie dem
2009 lancierten Studiengang „Master in Open-Source-Software“ an der Universität in
Lissabon10 sind entsprechende Entwicklungen im Hochschulbereich angestoßen worden. Für
die inhaltliche Gestaltung der erwähnten Bildungsmaßnahmen ist zu klären, welche Kompe>
tenzen für die Mitarbeit an Freier und Open-Source-Software im kommerziellen Umfeld zu
erwerben sind. Dies wurde in der Personalentwicklung und der Nachwuchsförderung im
Open-Source-Bereich in der bisherigen wissenschaftlichen und fachlichen Diskussion jedoch
noch kaum angesprochen.
1.2 Theoretische Abgrenzung
In dieser Studie geht es um Open-Source-Software und deren Integration in Unternehmens>
strategien. Jedoch soll kein weiterer Beitrag zur derzeit regen Diskussion über Open-Source-
Software im kommerziellen oder öffentlich-rechtlichen Umfeld geleistet werden, auch nicht
zu derjenigen darüber, welches Geschäftsmodell im Zusammenhang mit Open Source geeig>
9 Siehe u.a. http://www.heise.de/newsticker/Erste-Open-Source-Professur-ausgeschrieben--/meldung/115276
[06.08.2009].
10 Siehe dazu http://www.linux-magazin.de/content/view/full/40591 [06.08.2009].
4 1 Einführung in die Problemstellung
net ist.11 Die vorliegende Arbeit befasst sich vielmehr mit den im kommerziellen Sektor ange>
stellten Softwareentwicklern, die an Open-Source-Projekten teilnehmen und die sich dieser
Tätigkeit als Hauptbestandteil ihrer Arbeit widmen. Im Speziellen wird untersucht, wie sich
die firmeninterne Organisation, die betrieblichen Prozesse sowie die möglichen Spannungen
in der Zusammenarbeit mit der Open-Source-Community gestalten.
1.3 Forschungsziel und erwarteter Beitrag
Empirische Forschung im Bereich von Freier und Open-Source-Software wird im Vergleich
zu theoretischen Arbeiten bis dato deutlich weniger durchgeführt. Deshalb soll mit dieser Dis>
sertation nicht nur inhaltlich, sondern auch empirisch ein Beitrag zur aktuellen Diskussion ge>
leistet werden.
Im Zentrum der Arbeit steht die Erforschung des Tätigkeitsprofils von Open-Source-Soft>
wareentwicklern in einem kommerziellen Kontext. Der Fokus liegt dabei auf Mitarbeitenden
großer, global ausgerichteter Konzerne der Informations- und Kommunikationstechnologie
(IKT), da diese quantitativ den größten Anteil an OSS-Entwicklern stellen. Zudem wurden
bisherige Studien lediglich im Umfeld kleinerer Firmen durchgeführt.
Der Beitrag der Studie zur aktuellen Diskussion besteht darin, mit einer explorativen Frage>
stellung an den Forschungsgegenstand heranzutreten und aus den empirischen Daten Schluss>
folgerungen zu generieren, die wiederum als Anregung für weitere Arbeiten dienen können.
1.4 Exkurs: „Freie“ vs. „Offene“ Software
Ob ein Projekt sich „Open-Source-Software“ bzw. „Freie Software“ nennen darf, wird aus>
schließlich über die verwendete Lizenz bestimmt. Sowohl die Open Source Initiative12 (OSI)
11 Die wohl aktuellsten Daten für Deutschland liefert dazu die im Februar 2009 publizierte „Trendstudie Open
Source“ (Diedrich 2009). Interessant ist die Aussage, dass sich der Einsatz von FLOSS nicht, wie bisher
allgemein angenommen, „bottum up“ in der Firma entwickelt, sondern von Beginn an zur Chefsache wird.
Diese Entwicklung ist ein Zeichen dafür, dass Open-Source-Software auf der Leitungsebene zunehmend
strategisch verstanden wird. Als Beispiel für diese Entwicklung dient eine Einzelfallstudie über das Aus>
wärtige Amt der Deutschen Bundesregierung (Auener 2008).
12 http://www.opensource.org [17.08.2009]
1.4 Exkurs: „Freie“ vs. „Offene“ Software 5
als auch die Free Software Foundation13 (FSF) – als jeweilige Repräsentanten in Form einer
Non-Profit-Organisation – führen eine Liste der akzeptierten Lizenzen auf ihrer Homepage.
Zwischen den Positionen der beiden Organisationen gibt es grundsätzliche Unterschiede.
Während sich Open-Source-Software an pragmatischen Ansätzen orientiert,14 versteht sich
Freie Software als Ideologie.15 Letztere ist in erster Linie an der Freiheit der Software an sich
interessiert. Wie diese Software entwickelt wird, ist irrelevant. Für OSS hingegen ist die Frei>
heit der Software lediglich Mittel zum Zweck. Sie kann das als Basar-Stil bezeichnete Ent>
wicklungsmodell (Raymond 1999) nur durch die mittels der Lizenz garantierte Offenlegung
des Quellcodes verfolgen (Moody 2008). Mittlerweile hat zwischen den Vertretern beider Sei>
ten, die während vieler Jahre unvereinbare Positionen vertraten, eine Annäherung stattgefun>
den. Die Erkenntnis ist herangereift, dass beide dasselbe Ziel verfolgen, nämlich gemeinsam
qualitativ hochstehende Software zu erstellen, die ohne Diskriminierungen zur Verfügung
steht.16 Es wäre jedoch verfehlt, die Bedeutung der Lizenz bei Open-Source-Software zu un>
terschätzen. Unlängst war gar erneut in einem Online-Artikel der Financial Times Deutsch>
land nachzulesen, OSS sei „lizenzfrei“.17 Die Lancierung der Marke „Open Source“ basierte
nicht darauf, dass die Freiheit der Software infrage gestellt gewesen wäre. Vielmehr lag der
Marke die Idee zugrunde, dass das Wort „free/frei“ als „gratis“ und „lizenzfrei“ missverstan>
den wurde, wie es der gerade genannte Artikel erneut belegt.18
Der in dieser Studie untersuchte Linux-Kernel entspricht mit der verwendeten Lizenz „GNU19
General Public Licence“ (GPL) sowohl der Open-Source- als auch der Free-Software-Defini>
13 http://www.fsf.org/ [17.08.2009]
14 „Open source is a development method for software that harnesses the power of distributed peer review and
transparency of process. The promise of open source is better quality, higher reliability, more flexibility,
lower cost, and an end to predatory vendor lock-in.“ http://www.opensource.org/ [12.08.2009]
15 „To use free software is to make a political and ethical choice asserting the right to learn, and share what
we learn with others. Free software has become the foundation of a learning society where we share our
knowledge in a way that others can build upon and enjoy.“ http://www.fsf.org/about/what-is-free-software
[12.08.2009]
16 Siehe dazu z. B. die Keynote von Georg C.F. Greve, Free Software Foundation Europe, auf der OpenExpo
im Herbst 2007 in Zürich: http://www.openexpo.ch/fileadmin/documents/2007Zuerich/01_GeorgGreve.pdf
[06.08.2009] sowie auch http://www.openexpo.ch/fileadmin/documents/2007Zuerich/01_GeorgGreve.mp3
[06.08.2009].
17 Siehe http://www.ftd.de/technik/it_telekommunikation/:Unternehmen-sparen-zunehmend-bei-Lizenzgeb
%FChren-f%FCr-Software/466567.html [30.06.2009].
18 Hier zeigt sich, dass allein durch einen neuen Begriff grundsätzliche Missverständnisse nicht behoben wer>
den können. Dies ist ein Aspekt, mit dem sich die Free Software Foundation stets kritisch auseinander>
gesetzt hat. Neuerdings distanziert sich die FSF wieder vom Open-Source-Begriff und sieht diesen als
missbraucht und deshalb gescheitert an (siehe http://fsfe.org/documents/whyfs.de.html [17.08.2009]).
19 GNU ist ein Akronym für „GNU is Not Unix“.
6 1 Einführung in die Problemstellung
tion. Die Linux-Community ist äußerst pragmatisch orientiert und bezeichnet Linux fast aus>
schließlich als Open-Source-Software. Um beiden Bewegungen gerecht zu werden, wird in
dieser Arbeit in der Regel das vereinende und weit verbreitete Kürzel „FLOSS“ verwendet
(Free/Libre & Open-Source-Software). Wenn eine Textstelle jedoch auf das Entwicklungs>
modell fokussiert, so wird der Begriff „Open-Source-Software“ verwendet. Wenn es hingegen
konkret um die Freiheit und Offenheit sowie generell um rechtliche Fragen geht, steht der
Sammelbegriff „Free Software“ bzw. das deutsche Pendant „Freie Software“20.
1.5 Aufbau der Studie
Als Einstieg in den theoretischen Teil wird das Projekt des Linux-Kernels kurz erläutert (Ka>
pitel 2). Dafür wird ein Einblick in die Besonderheiten eines der erfolgreichsten, aktivsten und
in Bezug auf die Anzahl der Beitragenden größten Open-Source-Projekte gewährt. Anschlie>
ßend wird die Diskussion zu Open-Source-Software in einem chronologischen Abriss darge>
stellt, von den ersten enthusiastischen Schriften bis zu den aktuellen, weitgehend ökonomisch
orientierten Beiträgen (Kapitel 3). Aus diesen Arbeiten wird die Forschungsfrage abgeleitet.
Im darauf folgenden Methodenteil werden das Design der Fallstudie (Kapitel 4) sowie die
dazu gewählten quantitativen (Kapitel 5) und qualitativen methodischen Zugänge (Kapitel 6)
erläutert.
Der dritte Teil, die Ergebnispräsentation, besteht aus zwei Kapiteln. Zuerst wird eine quantita>
tive Analyse der Logfiles des Linux-Kernels von 2007 vorgestellt, in der vor allem auf die
Firmenbeteiligung sowie deren Strukturen eingegangen wird (Kapitel 7). Im zweiten, umfas>
senderen Teil wird aus den qualitativen Interviews mit Linux-Kernel-Entwicklern im kom>
merziellen Umfeld eine Typologie der Entwickler erarbeitet (Kapitel 8).
Im vierten Teil werden Zusammenhänge zwischen den empirischen Erkenntnissen und dem
Stand der Diskussion erläutert, dabei wird das Open-Source-Entwicklungsmodell um die Per>
spektive der kommerziellen Softwareentwickler ergänzt (Kapitel 9). Die Schlussfolgerungen
(Kapitel 10) sowie ein Ausblick (Kapitel 11) schließen die Studie ab.
20 Für Open-Source-Software hat sich bislang noch kein deutscher Begriff etabliert. Gelegentlich wird jedoch
der Begriff „quelloffene Software“ verwendet.
Teil I: Theoretischer Hintergrund
2 Der Fall Linux
2.1 Der Kernel und die Distribution
Der Begriff „Linux“ bezeichnet im Allgemeinen ein gesamtes Softwaresystem, welches einer>
seits das Betriebssystem wie andererseits auch eine Vielzahl an darauf basierender Software
umfasst. Diese Softwares sind zum einen Anwenderprogramme, etwa ein Texteditor. Bei
Linux zählen zudem zahlreiche Werkzeuge wie die Window-Oberfläche „X“ nicht zum Kern
des Betriebssystems (im Gegensatz z. B. zu Windows). Deshalb wird dieses gesamte System
als Distribution21 bezeichnet. Inhalt dieser Studie ist jedoch nur der Linux-Kernel, der als zen>
trale Schaltstelle im System dient. Wie Wheeler (2001) anhand der Distribution Red Hat auf>
zeigt, ist der Kernel die größte darin enthaltene einzelne Komponente.
Linus Torvalds, der Erfinder von Linux, hat 1991 mit ersten Arbeiten an einem UNIX-arti>
gen22 Betriebssystem auf seinem 386er-PC begonnen, allerdings noch ohne die Absicht, ein
ganzes System zu schreiben.23 Die erste Version 0.01 (10.000 Codezeilen) wurde nach einem
halben Jahr im September desselben Jahres veröffentlicht, benötigte als Basis jedoch noch das
weniger freie Minix24, ein ausschließlich für die Lehrtätigkeit konzipiertes System. Die
Version 0.11, nach ungefähr einem Jahr Entwicklung fertiggestellt, war das erste Linux, das
ohne Minix lauffähig war und somit als eigentliches Betriebssystem bezeichnet werden
kann.25 Die im März 1994 veröffentlichte Version 1.0 hatte bereits 175.000 Codezeilen, die
Version 2.0 im Juni 1996 wuchs auf einen Umfang von 750.000 Codezeilen an. Dass heute
21 Eine umfassende Liste der Distribution ist unter http://distrowatch.com/ [17.08.2009] ersichtlich.
22 Als „UNIX-artig“ bezeichnet man ein Betriebssystem, das sich wie ein UNIX-System verhält, ohne dass es
zwingend ein solches sein muss. Eine offizielle Definition dazu existiert jedoch nicht. Einen guten Über>
blick zur Geschichte von UNIX bietet z. B. http://www.levenez.com/unix/ [12.08.2009].
23 Als Torvalds zum ersten Mal mit seinem Projekt an die Öffentlichkeit trat, wies er darauf hin, es sei „just a
hobby, won't be big and professional like gnu“ (nachzulesen in der Nachricht vom 26. August 1991 unter
(http://groups.google.com/group/comp.os.minix/msg/b813d52cbc5a044b [12.08.2009]).
24 Das ursprünglich von Andrew S. Tanenbaum an der Amsterdamer Universität ausschließlich für Lern>
zwecke konzipierte und deshalb in seiner Funktionalität reduzierte UNIX-artige Betriebssystem – der Name
setzt sich aus den beiden Begriffen „Minimal“ und „UNIX“ zusammen – wurde mittlerweile zu einem auch
praxistauglichen freien System ausgebaut (http://www.minix3.org/ [12.08.2009]).
25 Die kurze Entwicklungszeit wurde insbesondere dadurch ermöglicht, dass durch die Free Software
Foundation und das GNU-Projekt schon zahlreiche freie Utilities zur Verfügung standen, die verwendet
und integriert werden konnten. Aus Respekt und Dankbarkeit hat Torvalds Linux unter der GPL lizenziert
(Torvalds 2001).
10 2 Der Fall Linux
immer noch die 2er-Versionsreihe aktuell ist (Version 2.6.30, Stand 6. August 2009), zeigt,
dass die Grundfunktionalität schon nach wenigen Jahren vorhanden war. Danach wurde vor
allem an der Hardwareunterstützung und Stabilität gearbeitet. Ein Meilenstein war sicherlich
im Jahr 1999 der Einstieg von IBM mit der Ankündigung, Linux mit hohen Geldbeträgen und
großzügiger Arbeitsleistung zu unterstützen.
2.2 Der Kernel in Zahlen
Im April 2007 beinhaltete der Linux-Kernel insgesamt mehr als 21.000 Dateien mit insgesamt
über 8 Millionen Codezeilen (Kroah-Hartman 2007). Die Anzahl der Codezeilen ist mittler>
weile auf über 10 Millionen gewachsen26 und steigt stündlich um durchschnittlich 85 Code>
zeilen an. Die Gesamtheit aller Codezeilen wird als Source bezeichnet und lässt sich beim
Linux-Kernel in die Kategorien Kern (6 %), Treiber (30 %), Architektur (47 %), Netzwerk
(5 %), Dateisysteme (6 %) und Diverses wie Dokumentation und Scripts (5 %) aufteilen
(Kroah-Hartman 2007).
Im Vergleich zu 2005 hat sich die Entwicklergemeinschaft bis 2008 verdoppelt, sie umfasst
mittlerweile weit über 3.500 Personen. Trotzdem wird ein Großteil des Codes von relativ we>
nigen Entwicklern beigesteuert. So sind beispielsweise die „Top 30“ für rund 30 % der Ände>
rungen verantwortlich. Insgesamt rund 70 % aller Entwickler werden von gut 300 Firmen für
ihre Beiträge bezahlt, wobei hier auch Non-Profit-Organisationen wie die Linux Foundation
dazu gezählt werden (Kroah-Hartman et al. 2008).27
Godfrey und Tu stellten anhand ihrer eigenen Analyse überrascht fest, dass der Linux-Kernel
in den vergangenen Jahren eine ausgesprochen lineare Wachstumsrate aufgewiesen hatte
26 Siehe dazu http://www.h-online.com/open/Kernel-Log-More-than-10-million-lines-of-Linux-source-files--/
news/111759 [06.08.2009]. Die Anzahl hängt stark von der Methode der Zählung ab. Je nachdem, ob man
Leerzeilen, Kommentare und Textfiles mitzählt oder nicht, kann die Zahl ohne weiteres um 30–40 % gerin>
ger sein. Eine eigene Zählung des aktuellen Kernels (2.6.30, Stand 6. August 2009) inkl. Leerzeilen, Kom>
mentare und Textfiles (der Befehl dazu lautet: find | xargs cat | wc -l) hat eine Anzahl von
12.959.772 Zeilen Code ergeben, mit dem Programm SLOCCount (http://www.dwheeler.com/sloccount/
[06.08,2009]), ohne Zählung der Leerzeilen, Kommentare und Textfiles sind es noch 7.323.848 Zeilen. Die
aktuelle „offizielle“ Zahl der Linux Foundation lautet 11.560.971 Zeilen und bezieht sich auf die Version
2.6.30 vom Juni 2009 (Kroah-Hartman et al. 2009).
27 Eine aktualisierte Studie aus dem August 2009 bestätigt die Zahlen und weist nur unwesentliche Unter>
schiede auf (Kroah-Hartman et al. 2009).
2.2 Der Kernel in Zahlen 11
(Godfrey und Tu 2000). Dieses Ergebnis wurde jüngst durch Kroah-Hartman et al. (2008) be>
stätigt. Sie stellten während einer Zeitspanne von annähernd drei Jahren eine konstante jährli>
che Wachstumsrate von 10 % fest.28 Dies widerspricht Lehman's Law (Lehman et al. 1997),
das besagt, dass sich das Wachstum von großen Systemen wegen der direkt damit verknüpf>
ten zunehmenden Komplexität kontinuierlich verlangsamt (siehe Abb. 1).29
Dieses lineare Wachstum kann dadurch begründet werden, dass knapp 80 % des Codes aus
Hardwareunterstützung besteht,30 also keine eigentliche Funktionalität beinhaltet. Durch die
gewählte Architektur beim Linux-Kernel, die durch eine starke Modularisierung und eine kla>
re Trennung der Architekturen gekennzeichnet ist, ist zudem sichergestellt, dass die Hard>
wareunterstützung relativ isoliert funktioniert und somit z. B. ein zusätzlicher Treiber die
Komplexität nicht weiter erhöht. Auch wird die Unterstützung von alter, nur noch selten ver>
28 Diese jährliche Wachstumsrate entspricht einem stündlichen Zuwachs von 85 Zeilen Code (Kroah-Hartman
2007).
29 Lehman et al. verwenden als Metrik die Anzahl der Module. Sie haben allerdings bei einem Vergleich fest>
gestellt, dass die verwendeten Codezeilen nicht wesentlich anders sind, aber weniger verlässliche Resultate
ergeben.
30 Das Wachstum findet denn auch entsprechend bei den unterstützten Treibern und Architekturen statt, was
für die zunehmende Akzeptanz und Verbreitung von Linux spricht (Godfrey und Tu 2000).
Abbildung 1: Wachstum des Linux-Kernels von März 2005 bis Januar 2008 (Kroah-
Hartman et al. 2008, S. 4) im Vergleich zu Lehman's Law
12 2 Der Fall Linux
wendeter Hardware eher defensiv eliminiert, sodass auch ein beträchtlicher Anteil an nicht
oder nur in sehr seltenen Fällen verwendetem Code enthalten sein dürfte (Godfrey und Tu
2000).
Hingegen lässt sich der Linux-Kernel mit dem Zipfschen Gesetz, das sich mit dem Wachs>
tumsprozess von Systemen beschäftigt, beschreiben. Dieses Gesetz sagt aus, dass die Häufig>
keit des Auftretens einer Einheit innerhalb eines Systems proportional umgekehrt zu dessen
Rang ist,31 das heißt, dass sich die Differenzen innerhalb einer Rangordnung zunehmend ver>
kleinern. An der ETH Zürich wurde unlängst geprüft, ob dies auch auf Linux zutrifft (Maillart
et al. 2008). Anhand der Verlinkung von Software-Paketen bei der Debian-Distribution konn>
te belegt werden, dass Linux dem Zipfschen Gesetz entspricht. Die Studie konnte zudem bele>
gen, dass sich diese Regelmäßigkeit erst mit der Zeit entwickelt, also wachstumsbedingt ist.
Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Studie ist, dass die Anzahl stärker schwankt, als
dass sie wächst. Dies bedeutet, dass ein Softwarepaket auch wieder aus der Distribution fallen
kann, unabhängig von der Häufigkeit der Verlinkung.32
2.3 Entwicklungsmodell des Linux-Kernels
Mit dem Beginn der 2.6er-Releases33 des Linux-Kernels im Dezember 2001 wurde zu einem
zeitbasierten Modell gewechselt, anstatt wie bisher die Release-Zyklen an einer Roadmap zu
orientieren. Ab 2005 wird im Zyklus von zwei bis drei Monaten ein stabiler Release herausge>
geben, der sowohl neue Funktionalitäten als auch Änderungen an der Programmierschnittstel>
le für andere Programme (dem sogenannten Application Programming Interface, kurz API ge>
nannt) enthalten darf. Anders als bei vielen anderen Projekten gibt es dabei keinen separaten
31 Der Linguist Zipf hat herausgefunden, dass in Texten in der Regel das häufigste Wort rund doppelt so oft
vorkam wie das zweithäufigste und dreimal so oft wie das dritthäufigste. In der Folge wurde in zahlreichen
Studien die Gültigkeit dieser Verteilung für die unterschiedlichsten Systeme festgestellt, so etwa für die Be>
sucherzahlen von Webseiten oder die Größe von Städten und Firmen (Online nachzulesen unter
http://www.ethlife.ethz.ch/archive_articles/090121_Zipf_nsn/index [12.08.2009]).
32 In weniger gut modulierten Systemen lassen sich Komponenten, die nicht mehr benötigt werden, sehr viel
schlechter eliminieren, da die Abhängigkeiten zu anderen Komponenten nur mit viel Aufwand aufgelöst
werden können. Mit dieser Tatsache sehen sich etwa die Entwickler des Betriebssystems Windows kon>
frontiert (Spinellis 2008).
33 Unter einem „Release“ versteht man in der Software-Entwicklung die fertig erstellte und veröffentlichte
Version einer Software, die einen Entwicklungszyklus abschließt.
2.3 Entwicklungsmodell des Linux-Kernels 13
Entwicklungszweig34 mehr, sondern es wird kontinuierlich und stetig am Hauptzweig
weiterentwickelt.35 Dies funktioniert so, dass zu Beginn eines Release-Zyklus ein Fenster für
rund zwei Wochen geöffnet wird, in dem neue Funktionalität hinzugefügt werden darf. Die
restliche Zeit dient dem Testen und dem Beheben von Fehlern. Neue Funktionalitäten oder
die Unterstützung von ganz neuer Hardware wird danach nur in Ausnahmefällen und in einem
kontrollierten Rahmen zugelassen. Der Release wird erst dann veröffentlicht, wenn Linus
Torvalds die Qualität als befriedigend erachtet.
34 Es hat sich allgemein eingebürgert, ungerade Versionsnummern als Entwicklungsversionen zu bezeichnen,
die bei einer gewissen Reife in eine gerade, stabile Version im Sinne eines produktiven Releases überge>
hen.
35 Insbesondere Linus Torvalds ist mit diesem Modell der zeitbasierten anstatt einer featurebasierten Versio>
nierung sehr zufrieden, wie er auf der Mailingliste deutlich erklärte: „The new model is so much better that
it's not even worth entertaining as a theory to go back.“ (siehe http://article.gmane.org/gmane.linux.kernel/
706594 [12.08.2009]).
Abbildung 2: Release-Zyklus im Linux-Kernel
(nach Kroah-Hartman et al.2008, S. 2)
14 2 Der Fall Linux
Wie Kroah-Hartman et al. (2008) aufzeigen, haben in den letzten drei Jahren die Release-Zy>
klen zwischen 61 und 108 Tagen gedauert, mit einem Durchschnitt von 2,7 Monaten (und
etwa 5.000 Patches36), sie entsprechen also recht gut der Planung. Dies ist allerdings eher un>
typisch für Open-Source-Projekte. Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass recht schnell neue
Hardware in einem aktuellen, stabilen Kernel unterstützt wird. Der Nachteil ist, dass nicht ge>
plant werden kann, in welchem Release ein neues Feature enthalten sein wird.
Da Kunden von kommerziellen Dienstleistern nicht im Rhythmus von zwei bis drei Monaten
einen neuen Release akzeptieren würden, liefern die Distributionen nicht jeden neuen aus. Da>
für müssen die stabilen Releases noch weiter gewartet werden, damit Fehler nicht über länge>
re Zeit in der Software bleiben und aktuelle Hardware unterstützt werden kann (siehe Abb. 2).
Von den älteren Releases werden in der Regel nur noch die zwei vorhergehenden offiziell ge>
wartet, d. h. nach Erscheinen des 2.6.30-Releases noch die Versionen 2.6.29 und 2.6.28. Da>
bei ist es weitgehend Aufgabe der Firmen, insbesondere der Distributoren, diese Wartung vor>
zunehmen. Alan Cox hat dies anlässlich einer Präsentation über die Linux-Community auf der
OpenExpo 2008 in Bern (Schweiz) prägnant erklärt:37
- Übergebe die Probleme den Software- und Hardwarevendors.
- Sie haben die Experten.
- Sie haben die Kunden, die eine Lösung wünschen.
- Sie verdienen gutes Geld damit.
Firmen, insbesondere Distributoren, die noch ältere Versionen verwenden, verwalten diese in
der Regel selbst, also nicht auf der offiziellen Plattform kernel.org. Da die Distributoren ihre
Produkte nicht gleichzeitig herausgeben, haben diese meist auch nicht denselben Kernel inte>
griert, wodurch es durchaus erklär- und auch vertretbar ist, dass die Wartung nicht generell
auf einer zentralen Plattform stattfindet.
Um die Stabilität bei so raschen Release-Zyklen garantieren zu können, ist das Peer Review>
ing äußerst wichtig. Dies wird durch eine starke Modularisierung und möglichst granulare
36 Unter einem „Patch“ versteht man im Zusammenhang mit der Linux-Kernel-Entwicklung eine Änderung
des Quellcodes, wobei darin nur die geänderten Zeilen enthalten sind.
37 Präsentation: http://www.openexpo.ch/fileadmin/documents/2008Bern/Slides/41.pdf [17.08.2009], Video:
http://video.google.de/videoplay?docid=1893415028065590416 [17.08.2009].
2.3 Entwicklungsmodell des Linux-Kernels 15
Patches vereinfacht. Zudem besteht eine klare Hierarchie innerhalb der Linux-Kernel-Com>
munity, denn immer noch hat Linus Torvalds das letzte Wort, was in den Kernel aufgenom>
men wird. Zwischen ihm und den Tausenden von Entwicklern stehen einige Maintainer, die
als Gatekeeper fungieren. Diese Funktion wurde notwendig, da mit dem stetigen Wachstum
des Projekts Torvalds zum „Flaschenhals“ wurde („Linus doesn't scale“).
Um der Problematik zu entgehen, dass in den Wochen vor einem neuen stabilen Release keine
neue Funktionalität hinzugefügt werden darf, wurde der Entwicklungszweig „Linux-Next“
kreiert. Hier kann während der Stabilisierungsphase neuer Code hinzugefügt und aufeinander
abgestimmt werden, sodass bei Beginn eines neuen Release-Zyklus bereits viel neuer Code
relativ reibungslos in den Hauptstrang aufgenommen werden kann. Noch weiter in die Zu>
kunft greift der „mm-Kernel“ von Andrew Morton, der als Experimentierzweig verstanden
werden kann und später nur bedingt produktiv wird.
2.4 Herausforderungen innerhalb der Community
Die stetig wachsende Codebasis sowie die steigende Zahl von Mitgliedern in der OSS- Com>
munity führen zwar nicht – wie bereits aufgezeigt – zu einer Verlangsamung des Prozesses,
aber es entstehen doch zusätzliche Probleme. So äußerte sich der „zweite Mann“ hinter Linus
Torvalds, Andrew Morton, bereits im Jahr 2006 öffentlich dazu, dass der Kernel immer feh>
lerhafter wird, weil zu schnell zu viele neue Funktionen hinzukommen. In einer strikt hierar>
chischen Organisation würde bei einem solchen Sachverhalt der Chef eine Weisung herausge>
ben. In einem Open-Source-Projekt ist dies jedoch nicht möglich. So hat der Vorschlag von
Andrew Morton, neben dem Sign-off-Tag auch noch einen Reviewed-by-Tag einzuführen,
zwar allgemeine Zustimmung gefunden,38 in der Realität geht jedoch immer noch zu viel
Code in den Kernel ein, der nie richtig kontrolliert wurde.
Ein ähnliches Problem ist der Umgang mit Fehlern. Zwar besteht eine eigene Organisation da>
für, und die technische Unterstützung ist fachlich aktuell. Aber aufgrund der fehlenden Wei>
sungsbefugnisse bleiben doch viele Fehler bei den zugeteilten Entwicklern liegen. Zahlreiche
Fehler werden zudem auf inoffiziellen Wegen gemeldet und können so nicht in den offiziellen
38 Diskussion anlässlich des 2007 Kernel Summit (http://lwn.net/Articles/248388/ [17.08.2009]).
16 2 Der Fall Linux
Prozess eingehen.
Greg Kroah-Hartman, Verantwortlicher des USB-Treibers, sieht trotz der bereits großen Fir>
menbeteiligung noch einen vermehrten Bedarf an Unterstützung durch die Hersteller. Die
weitere Verbreitung von Linux, insbesondere bei PCs und Laptops, hängt einerseits stark von
der Unterstützung einer breiten Palette von Hardware ab. Wenn die Hersteller die entspre>
chenden Treiber nicht selbst zur Verfügung stellen und die Spezifikation nicht veröffentli>
chen, kann dieses Ziel kaum erreicht werden. Andererseits muss es noch mehr Software auf
Linux geben. Insbesondere Businessanwendungen werden nur zögerlich portiert, weil der
Markt noch zu klein ist.
Schließlich besteht ein Problem im teilweise aggressiven Schreibstil auf den Mailinglisten,
der potenzielle Kernel-Entwickler abschreckt oder gar aktuelle vertreibt. James Bottomley
führte anlässlich des Kernel Summit 2007 eine Session zu diesem Thema durch. Ein kurzer
Auszug aus dem Protokoll:39
„Flaming and generally unpleasant behavior remain a problem in the kernel
community. Whenever one developer flames another - for something trivial like
whitespace violations or something more substantial - he sets an example for
others. The original developer may feel justified in the flaming by being ,right',
but those who follow may be less right while being just as inflammatory. The re0
sult is flaming by people who have never considered sending in a kernel patch.
We are, says James, attracting idiots to our community by our behavior.“
Die Linux-Kernel-Community versteht Kommunikation primär als Lösungsprozess für tech>
nische Probleme sowie als Mittel zur Durchsetzung von definierten Standards. Dabei wird
wenig auf die Form geachtet und meist sehr direkt kommuniziert. Die Community ist sich je>
doch der sozialen Komponente der Kommunikation durchaus bewusst und ist bereit, sich
selbst zu regulieren, beispielsweise indem das Problem regelmäßig thematisiert wird, etwa auf
den Mailinglisten – insbesondere als direkte Reaktion auf besonders persönliche Kommenta>
re, in der Community „flaming“ genannt – oder auf Konferenzen.
39 Siehe dazu http://lwn.net/Articles/249104/ [17.08.2009].
2.5 Zwischenfazit 17
2.5 Zwischenfazit
Der Linux-Kernel ist das Open-Source-Projekt mit der größten Community. Die Strukturen
sind während nahezu zweier Jahrzehnte gewachsen, die Hierarchien sind relativ stabil und
von den Entwicklern akzeptiert. Der Fortschritt des Projekts mit einem konstanten Wachstum
der Codebasis von jährlich 10 % ist außerordentlich, hat aber auch Probleme in der Qualitäts>
sicherung zur Folge, die zudem durch die fehlende Weisungsbefugnis zur Behebung von er>
kannten Mängeln erschwert wird.
Die beschriebenen Studien zum Wachstum von Linux zeigen deutlich, dass das Projekt kei>
neswegs chaotisch ist, sondern einen sehr geregelten Wachstumsprozess aufweist. Die Selbst>
organisation des Projekts darf deshalb insgesamt eher als Stärke denn als Schwäche bezeich>
net werden. Die Linux-Kernel-Community hat es immer wieder geschafft, die Komplexität
durch intern angestoßene Veränderungen der Softwareentwicklung bzw. des Entwicklungs>
modells zu meistern.
Hervorzuheben ist die erfolgreiche Synthese von kommerziellen, öffentlichen und privaten In>
teressen im Linux-Kernel. Allerdings wird trotz der bereits starken Firmenbeteiligung dabei
noch immer ein Mangel bzw. ein Wachstumspotenzial konstatiert.
3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
3.1 Vorgeschichte
Die Wurzeln der Freie-Software-Bewegung sind in den späten 1950er Jahren am Massachu>
setts Institute of Technology (MIT) zu finden. Zwar hatten andere Universitäten auch ihre
Großrechner, waren jedoch im Gegensatz zum MIT viel autoritärer organisiert40 und deshalb
als Arbeitsort für die außerhalb der sozialen Ordnung stehenden „Nerds“41 – wie etwa Richard
Stallman42 – weniger attraktiv (Imhorst 2004). Wie der Artikel „Am Anfang war alle Software
frei“ (Baumgärtel 2002) schon im Titel herausstreicht, hatte Software in den frühen Tagen der
außerordentlich teuren Großrechner noch keinen Tauschwert. Dass Programme gegenseitig
getauscht, begutachtet und ergänzt wurden, war im wissenschaftlichen Umfeld, wo sich die
meisten Rechner befanden, denn auch weitgehend selbstverständlich und wurde informell
praktiziert. Doch mit der zunehmenden Erschwinglichkeit der Server und der damit einherge>
henden Verbreitung und Bedeutung vor allem in der Wirtschaft konnte die darauf laufende
Software besser vermarktet werden, d. h., sie gewann wirtschaftlichen Wert und wurde infol>
ge dessen zunehmend unter Verschluss gehalten. An den Universitäten führte dies dazu, dass
die Mitarbeitenden sogenannte Non-Disclosure-Agreements43 (NDA) unterschreiben mussten,
und dass gute Programmierer aus den Universitäten von den Hard- und Softwareproduzenten
abgeworben wurden. So sah sich Richard Stallman schon bald als „the last true hacker“
40 Während am MIT alle Mitarbeitenden freien Zugang zu den Terminals hatten, wachten in anderen Institu>
ten die „Hohepriester“ (Levy 1994, S. 19) der IBM über den Zugang.
41 Auszug aus den von Raymond verwalteten Jargon Files: „Contrary to popular myth, you don't have to be a
nerd to be a hacker. It does help, however, and many hackers are in fact nerds. Being something of a social
outcast helps you stay concentrated on the really important things, like thinking and hacking. […] If you
can manage to concentrate enough on hacking to be good at it and still have a life, that's fine. This is a lot
easier today than it was when I was a newbie in the 1970s; mainstream culture is much friendlier to
techno-nerds now. There are even growing numbers of people who realize that hackers are often high-
quality lover and spouse material. If you're attracted to hacking because you don't have a life, that's OK
too — at least you won't have trouble concentrating. Maybe you'll get a life later on.“
http://catb.org/esr/faqs/hacker-howto.html#nerd_connection [17.07.2009].
42 Richard M. Stallman, auch bekannt unter seinen Initialen RMS, gründete das GNU-Projekt und die Free
Software Foundation. Er ist die Referenzperson für den Idealismus in der Bewegung. Wegen seiner stets
konsequent vertretenen, von vielen als radikal bezeichneten Position zur Freiheit von Informationen hat er
allerdings auch zahlreiche Gegner.
43 Non-Disclosure-Agreements sind Vereinbarungen, die es in diesem speziellen Falle dem Softwareentwick>
ler erlauben, den proprietären Code einzusehen. Die Weitergabe des Codes oder der konkreten Erkenntnis>
se aus dessen Studium sind jedoch nicht gestattet.
20 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
(Levy 1994, S. 415), da er keine Kompromisse mit der Geschäftswelt eingehen wollte.
Ähnlich wie bereits in der akademischen Welt musste im privaten Bereich auch der Home>
brew Computer Club in den 1970er Jahren erkennen, dass die Kommerzialisierung von Soft>
ware zunahm. Angetreten, um „die Hackerethik weg vom Uni-Campus auf die Straße“
(Imhorst 2004, S. 31) zu bringen, mussten die Idealisten konstatieren, dass mit dem boomen>
den PC-Markt auch das Hacken zunehmend zum Geschäft wurde. Diese Chance nutzten viele,
um ihr Hobby zum Beruf zu machen. Sie ließen sich anstellen oder gründeten ein eigenes Un>
ternehmen. Wie bereits am MIT führte diese Entwicklung dazu, dass Software-Codes nicht
mehr geteilt wurden. Als Konsequenz daraus löste sich der Club nach kurzer Zeit im Jahr
1977 wieder auf.
Diese erste Phase der Softwareentwicklung sehen Lerner und Tirole (2002) als weitgehend in>
formelle kollaborative Softwareentwicklung. Ein Problem dabei war, dass die Urheberrechte
nicht klar geregelt waren. Dies verunmöglichte es den Urhebern, die unentgeltlich entstandene
Software gegen kommerzielle Auswertung zu schützen. Darüber hinaus wurde die Bewegung
durch Methoden wie das „embrace, extend & extinguish“44 unterwandert, wie es Microsoft
beispielsweise mit Kerberos und später dem Netscape-Browser erfolgreich – sowie mit Java
ohne Erfolg – tat.
Deshalb dürfte der wohl bedeutendste und in seiner Tragweite nicht zu unterschätzende Bei>
trag von Richard Stallman für die Free-Software-Community sein, dass er zu Beginn der
1980er Jahre mit der von ihm kreierten GNU45 General Public Licence (GPL) einen rechtlich
abgesicherten Vertrag begründet hat. Das darin enthaltene, insbesondere von seinen Gegnern
aufgrund der Vererbung der Rechte und Pflichten bei Anpassung und Weitergabe der Softwa>
re oft als „viral“ bezeichnete Copyleft46 – das zwingender Bestandteil einer Freien, nicht aber
44 „Embrace, extend & extinguish“ (zu Deutsch etwa „Annehmen, erweitern und auslöschen“) bedeutet, dass
ein Standard zwar offiziell unterstützt („angenommen“), aber mit zusätzlichen proprietären Features erwei>
tert wird, sodass aufgrund der eigenen Vormachtstellung im Markt ein neuer de-facto-Standard kreiert wird
(„ausgelöscht“). Der ursprüngliche Standard wird so unterwandert und der Konkurrenz die Kompatibilität
weitgehend verunmöglicht. Diese Praxis, ursprünglich von IBM betrieben und später von Microsoft über>
nommen, wurde schon mehrfach erfolgreich vor amerikanischen und europäischen Gerichten beanstandet.
45 GNU ist das Akronym für „GNU is Not Unix“, dem Plan von Richard Stallman, ein komplettes UNIX-ähn>
liches System neu zu schreiben, das vollständig frei zur Verfügung stehen soll.
46 Im Gegensatz zum Copyright, das die Rechte des Produzenten schützt, soll das Copyleft die Rechte des
Nutzers schützen. Dabei bleibt das Urheberrecht weiterhin beim Produzenten, die Rechte an der Nutzung
werden jedoch dem Anwender übertragen. Er kann die Software so nutzen und auch verändern, wie es ihm
beliebt.
3.1 Vorgeschichte 21
einer Open-Source-Lizenz sein muss – stellt dabei allein sicher, dass der Hacker-Grundsatz
„information wants to be free“ (Brand 1988, S. 201) nicht verletzt werden kann. Mit dem
Copyleft wird nicht nur eine Wissens-Allmende etabliert, sondern auch ein schützender Zaun
um die Allmende gezogen (O'Mahony 2003). Denn das Copyleft überlässt nicht nur
zahlreiche Rechte47 dem Nutzer, sondern es stellt auch sicher, dass die gewährten Rechte bei
Weitergabe der unmodifizierten wie der modifizierten Software weiterhin gewährt werden.
Richard Stallman schreibt zu seiner Motivation zur Kreation der GPL im GNU Manifesto:
„I consider that the golden rule requires that if I like a program I must share it
with other people who like it. Software sellers want to divide the users and con0
quer them, making each user agree not to share with others. I refuse to break soli0
darity with other users in this way.“ (Stallman 2002, S. 32)
Aus diesem Zitat wird deutlich, dass Stallman die Ideologie und Moral der von ihm hochge>
haltenen Hacker-Ethik in ein juristisch fassbares, mehrseitiges und vor dem Gesetz durchsetz>
bares Konstrukt transferiert hat48. Als Konsequenz daraus verpflichtet sich auch die Open-
Source-Bewegung der Hacker-Ethik. Zwar versteht sie sich als pragmatisch orientiert und
versucht, sich der Ideologie der Freien Software durch die unternehmensfreundlichere Be>
zeichnung „Open Source“ zu entziehen. Durch die Anwendung der GPL49 gelingt ihr das je>
doch aus juristischer Sicht nicht.
Während Richard Stallman und die Free Software Foundation die juristische Basis für die
Open-Source-Bewegung geschaffen haben, ermöglichte erst das Aufkommen des Internets50
47 Die Rechte beinhalten die folgenden vier Freiheiten: 1. die freie Nutzung, 2. die freie Weitergabe, 3. die er>
laubte Modifizierung und 4. die freie Weitergabe von modifizierten Programmen. Die vierte Freiheit ist al>
lerdings nur unter der Bedingung erlaubt, dass auch alle drei anderen Freiheiten weitergegeben werden.
48 Mittlerweile hat sich die Non-Profit-Organisation gpl-violations.org der Durchsetzung der Lizenz ange>
nommen. Zwar wird in erster Linie die außergerichtliche Einigung angestrebt; dass sich die GPL jedoch
auch vor Gericht durchsetzen lässt, haben mehrere Prozesse bereits belegt. Exemplarisch sei das
Gerichtsurteil gegen D-Link erwähnt, nachzulesen unter http://www.gpl-violations.org/news/20060922-
dlink-judgement_frankfurt.html [17.08.2009]).
49 Die GPL ist weiterhin die populärste der insgesamt 73 verschiedenen Open-Source-Lizenzen, wie jüngst
Perens in einem Artikel betonte (http://itmanagement.earthweb.com/osrc/article.php/3803101/Bruce-
Perens-How-Many-Open-Source-Licenses-Do-You-Need.htm [17.08.2009]).
50 Dass ein Medium, das nicht nur senden, sondern auch empfangen kann, ein hervorragender Katalysator für
die Entwicklung von Ideen und Wissen ist, hat schon Bertolt Brecht in seiner Rede über die Wirkung des
Rundfunks vor über 75 Jahren erkannt: „Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikations0
apparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde,
nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch spre0
chen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.“ (Brecht 1932/33, zitiert
22 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
in der ersten Hälfte der 1990er Jahre das Open-Source-Entwicklungsmodell in der Praxis und
damit die dritte Ära der Freie-Software-Bewegung (Lerner und Tirole 2002).
3.2 Die erste Phase: Idealismus
Die Diskussion über Open-Source-Software, zumindest in Textform, beginnt wohl mit dem
bahnbrechenden Essay „The Cathedral and the Bazaar“51 von Eric S. Raymond, das erstmals
im März 199852 in einer dem Thema Open Source gewidmeten Spezialausgabe der Online-Pu>
blikation „First Monday“ erschienen ist. Nicht ganz überraschend für einen Text, der wie so
viele andere wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Dokumente zum Thema Freie und
Open-Source-Software von einem Enthusiasten geschrieben wurde, ist seine Argumentation
ideell und politisch motiviert. Lancashire fasst das Essay und damit in weiten Teilen die frühe
Phase der Diskussion über Open-Source-Software wie folgt zusammen:
„In other words, although his argument is couched in the language of economics,
Raymond implicitly suggests that open source development occurs outside of the
market.“ (Lancashire 2001)
Raymond argumentiert in diesem sowie insbesondere auch in einem weiteren Essay zu jener
Zeit („Homesteading the Noosphere“, Raymond 1999), dass Open-Source-Software auf einer
Geschenkkultur (engl. „gift culture“) basiert. Er negiert somit implizit klassische ökonomi>
sche Theorien wie den „homo oeconomicus“ oder die Transaktionskostentheorie der Neuen
Institutionenökonomik (wie sie von Coase 1937 eingeführt wurde) und positioniert die Open-
Source-Beteiligten im Umfeld des Marxismus53. Analogien bestehen demnach weniger zur
aus Brecht 1967)
51 Zwar wird das Basar-Modell als Metapher weitgehend anerkannt, es wurde jedoch auch immer wieder kri>
tisiert. Insbesondere Bezroukov (1999a; 1999b) hat schon früh darauf hingewiesen, dass das Modell gar
nicht so neu und besonders ist, sondern sich an die wissenschaftliche Praxis anlehnt.
52 In Buchform ist „The Cathedral and the Bazaar“ zusammen mit weiteren Essays von Raymond unter dem
gleichnamigen Titel im Jahr 2001 erschienen.
53 Freie und Open-Source-Software wird auch von ihren Gegnern oft mit dem Attribut „kommunistisch“ be>
zeichnet. Stellvertretend dazu ein Auszug aus einer Kolumne von Bob Metcalfe (1999), dem Erfinder des
Ethernet: „The Open Source Movement's ideology is utopian balderdash. [...] The Open Source Movement
reminds me of communism. Richard Stallman's Marx rants about the evils of the profit motive and
multinational corporations. Linus Torvalds' Lenin laughs about world domination. [...] Eric Raymond
breaks with Stallman, like Trotsky waiting for The People's ice pick. A Soviet Linux lies ahead, with
successive five-year plans every three.“ Interessanterweise bezeichnen sich sowohl Stallman als auch
3.2 Die erste Phase: Idealismus 23
Marktwirtschaft als zu den nicht kommerziell orientierten Nichtregierungsorganisationen.
Damit stellt Raymond auch die Open-Source-Hacker moralisch über die kommerziellen Soft>
wareentwickler, wie bereits Levy in seinem erstmals 1984 erschienenen Buch „Hackers:
Heroes of the Computer Revolution“. Himanen (2001) geht gar so weit, dass er die Hacker-
Ethik im Gegensatz zur Theorie der Protestantischen Ethik von Weber (1934) als Prototyp ei>
ner Ethik für die Wissensgesellschaft sieht (Castells 2001). Diese Hacker-Ethik basiert auf
dem Selbstverständnis, dass sich die Hacker selbst als Elite in einer zunehmend technologi>
sierten Welt verstehen. In einer Art „Robin-Hood“-Kampf gegen den übermächtigen „Feind“
Kapitalismus – der sich für viele in der Form von Microsoft manifestiert – entsteht so eine So>
zialromantik, die sich auch in Science-Fiction-Romanen wie etwa William Gibsons Trilogie
„Sprawl“ (2000) oder Neal Stephensons „Snow Crash“ (1995) widerspiegelt.
Die Diskussion konzentriert sich in dieser Phase auf zwei Themen: Einerseits wird das von
Raymond als Basar bezeichnete Entwicklungsmodell angesprochen. Andererseits werden Er>
klärungen gesucht, weshalb sich Menschen in einem Projekt engagieren, das ihnen auf den
ersten Blick keinen direkten Nutzen bringt.
3.2.1 Der Basar: Ein neues Entwicklungsmodell
Raymond (1999) verglich den Community-Prozess von Open-Source-Projekten mit einem
Basar, wobei er sich in erster Linie an seiner Analyse von Linux und seiner eigenen Erfahrung
in der Entwicklung der Software „fetchmail“ sowie an der Tradition der UNIX-Programmie>
rung orientierte. Ganz im darwinistischen Sinne soll sich der technisch beste Code (innerhalb
des Projektes oder als eigenständiges, konkurrierendes Projekt) durchsetzen. Der
„Marktplatz“ ist ein öffentlich zugänglicher Basar, welcher beim Community-Prozess eine of>
fene Internetplattform ist. Charakterisiert wird das Modell durch:
1. die Abwesenheit einer zentralen Entscheidungsinstanz,
2. kontinuierliches Designen und Debuggen des Codes,
3. die Integration der Benutzer in den Produktionsprozess und
4. die Selbstwahl der Aufgaben durch die Programmierer (Rossi 2006).
Raymond als libertär, wenn sie sich dabei auch nicht dogmatisch an die Lehren des Libertarismus halten
und diesen durchaus auch unterschiedlich interpretieren (Weber 2004).
24 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
Diese vier Punkte führen unter anderem dazu, dass Open-Source-Software weniger von ein>
zelnen Personen abhängig, stark dezentralisiert und nur sehr beschränkt planbar ist. Ghosh
(1998) hat dafür alternativ zum Basar das Bild des „cooking pot market“ kreiert. Dabei fügen
alle gemäß ihren Fähigkeiten Ingredienzen dem Topf bei und dürfen dafür von der Suppe es>
sen. Der Mehrwert der Suppenkost überschreitet allerdings aufgrund der vielfältigen Beiträge
die eigenen Beigaben bei Weitem. Kuwabara (2000) nennt diesen Prozess „engineering from
the bottom-up“ und sieht darin eine soziale, evolutionäre Entwicklung. Damit ist auch die Dy>
namik eines Open-Source-Projektes angesprochen, das als sich selbst organisierendes System
bezeichnet werden kann. Gemäß Probst (1987) sind damit vier Eigenschaften verbunden:
Komplexität, Selbstreferenz, Redundanz und Autonomie. Die Komplexität erschwert das Be>
schreiben sowie Vorhersehen des Verhaltens eines Systems und begründet sich in der wech>
selseitigen Vernetzung, in der sich die einzelnen Teile sowie die Beziehungen untereinander
ständig verändern können. Die Selbstreferenz bedeutet, dass sich das System nicht von außen
steuern lässt, sondern aus sich selbst heraus handelt, und dass das eigene Verhalten Auswir>
kungen auf das zukünftige Handeln hat. Mit der Redundanz wird ausgesagt, dass es keine
prinzipielle Trennung zwischen organisierenden, gestaltenden oder lenkenden Teilen gibt. Ein
System hat dann vollständige Autonomie, wenn es die Beziehungen und Interaktionen, die es
als Einheit definieren, selbst bestimmt.
Im Gegensatz zum hier beschriebenen Basar-Stil positioniert Raymond den Stil des Kathedra>
lenbaus, wie er in der proprietären Softwareentwicklung, aber auch beim GNU-Projekt anzu>
treffen ist. Hier wird durch eine zentrale Steuerung die Idee eines Architekten verwirklicht.
Dieser Stil führt einerseits zu einer großen Abhängigkeit (gegenüber diesem Architekten), an>
dererseits jedoch zu einer besseren Planbarkeit. Diese duale Perspektive ist typisch für die frü>
he Diskussion über Open-Source-Software und auch für Raymond. Allerdings gibt es wohl
nur wenige Projekte, die klar einem der beiden Modelle zugeordnet werden können (Imhorst
2004). Auch ist die mit dem Vergleich „Basar versus Kathedrale“ herangezogene Dualität in
„offen ist gut“ und „proprietär ist schlecht“ zu eindimensional, denn auch proprietäre Soft>
ware kann durchaus mit Basar-Attributen gekennzeichnet werden (Kuwabara 2000). Auch
gibt es genügend Open-Source-Projekte, die starre und hierarchische Strukturen aufweisen
und demnach der Gegenüberstellung nicht standhalten können.
Es wird immer wieder versucht, Open Source in ein allgemein gültiges Entwicklungsmodell
3.2 Die erste Phase: Idealismus 25
zu integrieren (siehe z. B. Evers 2008). Dabei wird jedoch die Betrachtung des Open-Source-
Modells zu stark im Vergleich mit der Produktion von kommerzieller Software – wie etwa
derjenigen von Microsoft – gesehen. Wie z. B. Perens (2007) verlässlich aufzeigt, entspricht
weniger als ein Drittel der produzierten Software diesem Verständnis von kommerzieller
Software, das als Standardsoftware bezeichnet wird. Der weitaus größere Anteil ist Individu>
alsoftware, die entweder im Auftrag von Dritten oder vom Benutzer selbst „inhouse“ entwi>
ckelt wird und nie in den Verkauf gelangt. Diese Individualsoftware wird ganz anders produ>
ziert und entspricht in weiten Teilen viel eher dem Open-Source-Entwicklungsmodell. Am
nächsten kommt dem Open-Source-Ansatz wohl das Extreme Programming (Beck 2000), das
heute weniger als „extrem“, sondern als „agile“ Softwareentwicklung54 in den Entwickler-All>
tag eingegangen ist. Raymond fasst die Gemeinsamkeiten von Open-Source-Software und
agiler Softwareentwicklung unter seiner „Regel 7“ zusammen:
„Release early, release often, and listen to your customers.“ (Raymond 1999, S. 39)
Während frühes und häufiges Veröffentlichen ungefähr gleich verstanden werden, unterschei>
det sich der Einbezug der Benutzer bei Individual- und Open-Source-Software in einem Punkt
erheblich: Beim Extreme Programming bzw. bei der agilen Softwareentwicklung wird zusätz>
lich zum Entwickler „ein Kunde vor Ort“ (Beck 2000, S. 61) gefordert, der im Projekt eine
ganz spezifische, Know-how-vermittelnde Rolle einnimmt, selbst jedoch keinen Software-
Quellcode beisteuert. Das Open-Source-Entwicklungsmodell trennt diese Rollen nicht explizit
(was als Redundanz in einem sich selbst organisierenden System bezeichnet wird). Zwar kann
es durchaus vorkommen, dass ein Sachverständiger „nur“ Know-how beisteuert, im Kern
werden jedoch alle Beitragenden und explizit auch die Programmierer als Produzenten und als
Konsumenten gesehen („Regel 1“ bei Raymond 1999).
Das Besondere des Basar-Modells sind – so Raymond – zwei Paradigmen: Erstens führt die
Offenlegung und freie Verfügbarkeit des Codes in Kombination mit einer großen (Beta-Tes>
ter- und Co-Entwickler-)Gemeinschaft zu einer viel besseren Wiederverwendbarkeit (exem>
plarisch Weber 2000) und Qualität (Neumann 2000; Lee und Cole 2003). Raymond bringt
letzteres mit dem in der Open-Source-Community häufig verwendeten Zitat auf den Punkt:
54 Das Manifest der agilen Softwareentwicklung kann unter http://www.agilemanifesto.org/ [17.08.2009]
nachgelesen werden.
26 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
„Given enough eyeballs, all bugs are shallow.“ (Raymond 1999, S. 41)
Die große Zahl Beteiligter führt zum zweiten wichtigen Paradigma: Während das anerkannte
„Brooks Law“ (Brooks 1995) eine exponentielle Zunahme von Kommunikations- und Kom>
plexitätskosten mit zunehmender Anzahl aktiver Mitglieder eines Projekts voraussagt (siehe
dazu auch die Essays von DeMarco und Lister 1999), scheinen Open-Source-Projekte gemäß
Raymond dem Brooksschen Gesetz nicht zu unterliegen.55 Dies kann – wie bereits aufgezeigt
– empirisch beim Linux-Kernel belegt werden (siehe dazu Kapitel 2.2). In der Regel (aber
nicht zwingend) wird dies durch die Modularisierung der Programme und eine dadurch er>
möglichte parallele Entwicklung erreicht (Feller und Fitzgerald 2002; Baldwin und Clark
2006), unterstützt durch das freie Lizenzmodell und das in der westlichen Gesellschaft seit
Beginn der 1990er Jahre zunehmend breit verfügbare Internet. Vereinfachend wirkt sich auch
aus, dass üblicherweise nur relativ wenige Entwickler für den Großteil der Arbeit verantwort>
lich zeichnen (Ghosh und Prakash 2000; Mockus et al. 2000). Raymond hebt demgegenüber
den Führungs- und Kooperationsstil hervor, den Linus Torvalds etablieren konnte. Dieser
macht eine Beteiligung am Projekt interessant und verhilft dazu, das Maximum an Leistungen
im Rahmen der Voraussetzungen zu erreichen.56 Raymond nennt diesen Stil in Anlehnung an
seine anarchistischen Wurzeln57 „principles of shared understanding“ (Raymond 1999, S. 64)
und weist damit auf Gegensätze zu der gängigen hierarchischen Funktionalität in (kommerzi>
ellen) Organisationen hin. Eine in der Ökonomie eher gängige Bezeichnung dafür ist die
„Community of Practice“ (exemplarisch Wenger 2002), wobei sich diese auf ein Zusammen>
wirken von mehreren Organisationseinheiten bezieht. Diese können zwar durchaus firmen>
übergreifend sein, sind aber nicht, wie bei Open-Source-Projekten üblich, für alle offen.
Die Etablierung einer optimalen Koordination gewinnt insbesondere für Open-Source-Projek>
55 In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass die meisten Open-Source-Projekte aus nur we>
nigen aktiven Mitgliedern bestehen (Krishnamurthy 2002). Die Ergebnisse der Studie von Krishnamurthy
zeigen allerdings auch, dass die Bedeutung (Downloads, Pageviews etc.) eines Projektes in direkter Korre>
lation zur Anzahl der Projektmitglieder steht. Aufgrund dieser Tatsache erscheint es durchaus als berech>
tigt, dass sich die Betrachtungen in dieser Studie hauptsächlich auf die größeren Projekte beziehen.
56 Neben der Modularisierung von Linux (Torvalds 1999) scheint es aus heutiger Sicht sinnvoll, dass
Torvalds im Jahre 1994 eine parallele Release-Struktur für den stabilen Einsatz sowie die experimentelle
Entwicklung einführte, da er damit sowohl reine Benutzer als auch Hacker ansprechen konnte (Moon und
Sproull 2002).
57 Raymond bezieht sich dabei insbesondere auf Kropotkin, einen der führenden russischen Anarchisten des
späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Kropotkin setzte sich für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesell>
schaft ein und wird als einer der wichtigsten Theoretiker des kommunistischen Anarchismus angesehen.
3.2 Die erste Phase: Idealismus 27
te enorme Bedeutung, da keine zentrale (Entscheidungs-)Instanz existiert und sich die Beitra>
genden ihre Aufgaben selbst auswählen bzw. zuteilen (Benkler 2003; Ettrich 2004).58 Aller>
dings entwickelt sich in größeren Projekten durchaus eine Hierarchie, diese beruht aber auf
Leistung und nicht auf einer formalen Steuerungs- oder gar Machtposition. Die Struktur und
die darin enthaltenen Rollen einer Open-Source-Community sind in Abbildung 3 dargestellt:
Die Koordination wird in der Regel durch eine Projektleitung und je nach Größe durch einen
inneren Zirkel (Kerngruppe), sogenannte „lieutenants“ wahrgenommen. Bekannte Formen der
Projektleitung sind „benevolent dictator“59, „rotating dictatorship“60 und „voting committee“61
(Raymond 1999; Rossi 2006; Fogel 2006). Die Aufgabe der Projektleitenden ist es dabei nicht
– wie in kommerziellen Projekten üblich –, die Ressourcen zuzuteilen, sondern sie sind haupt>
sächlich für die Bestimmung der allgemeinen Richtung zuständig. Die Kerngruppe trägt
hauptsächlich die Verantwortung für die Koordination und die Prüfung der Codequalität.
Meistens sind die Mitglieder dieser Gruppe auch berechtigt, Code direkt in das Repository62
58 Diese Eigenschaften entsprechen einem sich selbst organisierenden System, wie es z. B. von Probst (1987)
definiert wird.
59 Zu Deutsch „wohlwollender Diktator“; sie ist ganz typisch für Linus Torvalds und den Linux-Kernel. Nicht
selten handelt es sich dabei um den ursprüngliche Projektinitiator.
60 Zu Deutsch „wechselnde Führung“, welche z. B. beim Perl-Projekt anzutreffen ist.
61 Zu Deutsch „wählendes Komitee“, was typisch für das basisdemokratische Apache-Projekt ist.
62 In der Softwareentwicklung versteht man unter einem Repository eine zentrale Lagerung des Quellcodes.
Das Repository enthält in der Regel auch eine Versionierungsfunktionalität.
Abbildung 3: Rollen und Struktur einer Open-Source-Community
(nach Nakakoji et al. 2002, S. 80)
28 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
einzufügen. Die aktiven Entwickler unterscheiden sich von den peripheren Entwicklern, inso>
fern sie regelmäßig Code zum Projekt beitragen. Ihre Beiträge müssen in der Regel noch von
einem Mitglied der Kerngruppe angenommen werden. Während der Melder von Fehlern ei>
nem Tester entspricht und keine Kenntnisse des konkreten Quellcodes haben muss, passt der>
jenige, der für die Behebung der Fehler zuständig ist, das Programm an der fehlerhaften Stelle
an, ohne dass beide dem Projekt Funktionalität hinzufügen würden. Der aktive Nutzer interes>
siert sich nicht nur für die Funktionalität der Software, sondern für das Projekt an sich. Er stu>
diert den Quellcode oder beteiligt sich in den Foren und bei den Mailinglisten. Der passive
Nutzer schließlich ist weitgehend indifferent gegenüber FLOSS, er verwendet die Software
aufgrund ihrer Qualität und Funktionalität.63 Grundsätzlich können jedoch beide Nutzertypen
– anders als bei der proprietären Software – Kontakt mit den Entwicklern knüpfen und pfle>
gen (Xu et al. 2005).
Die Darstellung in Kreisform in Abbildung 3 – oder in der Form einer Zwiebel, wie es viele
interpretieren – unterstreicht, dass in Open-Source-Projekten nicht wie in klassischen Hierar>
chien von einem „oben“ und „unten“, sondern vielmehr von einem inneren und äußeren Zir>
kel auszugehen ist. Ausgedrückt wird damit, dass die Personen des inneren Kreises auch die
Positionen der äußeren Kreise – zumindest teilweise – einnehmen. Ein Entwickler wird zum
Beispiel oft auch Nutzer der Software sein. Entscheidend dabei ist, dass es keinerlei Wei>
sungsbefugnis gibt. Der innere Zirkel hat insofern eine Machtposition, als er darüber entschei>
det, wer und was aufgenommen wird. Dass er seine Machtposition jedoch nicht über Gebühr
strapazieren kann, wird einerseits durch den Mechanismus des „forking“64 sichergestellt. An>
dererseits lebt ein Open-Source-Projekt entscheidend von der Zahl direkt Beteiligter und Nut>
zer, da erst die Masse der Involvierten das Projekt sichtbar und für neue Mitglieder der Com>
munity interessant macht. Dies treibt wiederum das Projekt voran und verbessert die Reputa>
tion sowie die Karrieremöglichkeiten der aktiv Beteiligten.
Lee und Cole (2003) haben in ihrer Untersuchung des Linux-Kernels eine vereinfachte Struk>
63 Da der passive Nutzer sich nicht am Projekt beteiligt, zählt ihn z. B. Xu et al. (2005) nicht zur Community.
64 Als „forking“ wird eine Gabelung des Projektes bezeichnet, d. h. ab einem bestimmten Punkt wird der
Code des Projektes in zwei voneinander unabhängige Richtungen weiterentwickelt. Da dadurch die Res>
sourcen auf zwei voneinander unabhängige Projekte verteilt werden, verlangsamt sich in der Regel die
Weiterentwicklung und jedes einzelne der Projekte kann nicht zuletzt dadurch auch uninteressanter für ak>
tuelle oder potenzielle Mitwirkende werden. In einer Extremsituation, in der zwei gegensätzliche Ansichten
ein Projekt blockieren, kann jedoch das „forking“ auch eine entgegengesetzte Wirkung haben.
3.2 Die erste Phase: Idealismus 29
tur eingeführt, indem sie in der Kerngruppe die Projektleitung integrieren, aktive und periphe>
re Entwickler sowie das Bug-Handling zu Beitragenden zusammenfassen und auch die Nutzer
nicht in die Kategorien „aktiv“ und „passiv“ unterteilen. Da in kleineren Projekten nicht alle
dieser Rollen vorkommen und mithin auch in Personalunion wahrgenommen werden können,
dient dieses vereinfachte Drei-Kreise-Modell dem besseren Verständnis. Solche Modelle die>
nen vorwiegend der Orientierung für Außenstehende sowie für Personen bzw. Organisatio>
nen, die sich neu in einer Community engagieren möchten. Da sich in der Praxis keine forma>
len Status aus ihnen ableiten lassen, sind sie für aktive Community-Mitglieder von geringer
Bedeutung.
3.2.2 Motivation in der Open-Source-Software-Entwicklung
Die Motivation von Entwicklern, aber auch von anderen Beitragenden wie z. B. von Testern
oder Dokumentierern für eine Beteiligung an Open-Source-Projekten wird fast ausschließlich
im Sinne von freiwilliger und unentgeltlicher Teilnahme diskutiert. Insbesondere Kritiker der
Open-Source-Bewegung sehen dabei altruistische Motive, die aus ihrer (ökonomischen) Sicht
nicht nachhaltig sind, als zentral an.
Der Begriff Altruismus ist stark mit der von Raymond (1999) propagierten Geschenkkultur
von Open-Source-Software verbunden und wird u. a. auch von Kollock (1999) unterstützt, der
in digitalen Gemeinschaften eine neue, effiziente Möglichkeit zur Erstellung von öffentlichen
Gütern sieht. Altruistisches Verhalten ist in der Open-Source-Bewegung durchaus bedeutsam,
es konnte empirisch jedoch nicht als gewichtig bestätigt werden (Hars und Ou 2002). Bekannt
ist auch, dass nur diejenigen, die selbst zu einem Open-Source-Projekt beitragen, einen Nut>
zen über die reine Anwendung der Software hinaus ziehen können (Lerner und Tirole 2002;
von Hippel und von Krogh 2003). Dies erklärt, weshalb in der Community „Trittbrettfahren“
nicht als Problem angesehen wird.65
O'Mahony (2003) führt dazu eine neue Sichtweise ein. Während Softwareentwickler in einem
65 Trittbrettfahrende Anwender sind zwar für die Entwicklung von Softwarecode kein Problem, denn die Mas>
se der Anwender ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für ein Open-Source-Projekt. Allerdings sind die trittbrett>
fahrenden Verwerter, die ohne eigene Beiträge den Quellcode für ein eigenes Geschäftsmodell verwenden
(dies kann nur teilweise durch die Lizenz verhindert werden), bei den meisten engagierten Community-
Mitgliedern nicht willkommen.
30 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
Angestelltenverhältnis nach dem Ende ihrer Anstellung sowohl das Recht als auch den Zu>
griff auf ihren geschriebenen Quellcode verlieren (respektive das Copyright gar nie hatten),
bleibt beides bei FLOSS dem Entwickler erhalten:
„Observers of the open source phenomena questioning why contributors to com0
munity managed projects would give their work away for free have neglected to
examine what is given away (code) and what is retained (rights).“ (O'Mahony
2003, S. 1180)
Die Argumentation von O'Mahony zeigt, dass die Reduzierung der Freiwilligkeit bei der Teil>
nahme an FLOSS-Projekten ausschließlich auf den Verzicht einer Entlohnung zu kurz greift.
Das „Rätsel“, weshalb Personen bereit sind, (Opportunitäts-)Kosten auf sich zu nehmen, ohne
einen direkten Nutzen davon zu haben, ergründet sich hauptsächlich auf einem eindimensio>
nalen Verständnis des „homo oeconomicus“. Berücksichtigt man einen möglichen indirekten
Nutzen im Sinne der Verhaltensökonomik66, ist das Phänomen besser greifbar. Lerner und
Tirole haben schon früh und unmissverständlich darauf hingewiesen, dass sich Open-Source-
Entwickler nicht nur altruistisch, sondern durchaus rational verhalten:
„A programmer participates in a project, whether commercial or open source,
only if she derives a net benefit (broadly defined) from engaging in the activity.
The net benefit is equal to the immediate payoff (current benefit minus current
cost) plus the delayed payoff (delayed benefit minus delayed cost). “ (Lerner und
Tirole 2002, S. 212 f.)
Dieser von Lerner und Tirole erwähnte Ertrag führt unmittelbar zur Diskussion der Motiva>
tion in der Open-Source-Bewegung.
3.2.2.1 Intrinsische und extrinsische Motivation
Die Motivation zur Mitarbeit bei FLOSS ist durchaus mit gängigen Theorien der Motivations>
forschung erklärbar und stellt also keinen unerklärlichen Sonderfall dar (Hertel et al. 2003).
66 Die Verhaltensökonomik (engl. „behavioural economics“) berücksichtigt sowohl Konzepte aus der Psycho>
logie als auch der Ökonomie. Sie wird seit vielen Jahren, u. a. führend vom Ökonomen Bruno S. Frey an
der Universität in Zürich, gelehrt (stellvertretend für eine große Anzahl an Büchern und Artikel: Frey und
Stutzer 2007).
3.2 Die erste Phase: Idealismus 31
Auch die oft diskutierte Frage, weshalb sich das Problem der Trittbrettfahrer von Allmenden67
nicht stellt, ist sozialwissenschaftlich erklärbar (Kuwabara 2000). Zum einen nimmt der Wert
der Software durch zusätzliche Nutzer nicht ab,68 da sie ohne Verlust digital reproduzierbar
ist. Zum anderen ist die Open-Source-Community als eine heterogene Gruppe mit unter>
schiedlichen Interessen anzusehen, bei der die einen mehr Interesse an der Software haben als
andere. Sofern es auch Mitglieder gibt, bei denen der Nutzen die Kosten der Beteiligung über>
steigt, wird das Projekt weiterentwickelt werden.
Während Lerner und Tirole (2002) bezüglich der Motivation zwischen sofortigem (Lösen ei>
nes aktuellen Problems oder Spaß an einer Tätigkeit) und verzögertem Nutzen (verbesserte
Karrierechancen oder Reputation) unterscheiden, hat sich in der Open-Source-Bewegung eine
Unterteilung in intrinsische und extrinsische Motivation durchgesetzt. Die einzelnen Motive
sind in Tabelle 1 aufgelistet:(2006)
Intrinsische Motivation Extrinsische Motivation
Spaß am Programmieren
Altruismus
Zugehörigkeitsgefühl
Kampf gegen proprietäre Software
Monetäre Anreize
Geringe (Opportunitäts-)Kosten
Reputation unter Kollegen
Zukünftige Karrierevorteile
Wissenszuwachs
Beiträge aus der Community
Interesse an der (Informations-)Technologie
Füllen einer Angebotslücke
Tabelle 1: Übersicht zur Motivation von Individuen
(nach Rossi und Bonaccorsi 2006, S. 87)
Intrinsische Motivation bedeutet, dass eine Aktivität um ihrer selbst willen ausgeführt wird.
Gemäß Lerner und Tirole trägt sie den Nutzen in sich selbst, etwa den Spaß am Programmie>
ren. Bei der extrinsischen Motivation hingegen steht die in Aussicht gestellte Belohnung im
Zentrum. Diese ist nicht in der Aktivität selbst zu finden und wird deshalb von außen kontrol>
liert. In der psychologischen Literatur hat sich zudem der Begriff der internalisierten extrinsi>
schen Motivation etabliert (Deci und Ryan 1987). Darunter versteht man extrinsische Motive,
die jedoch keines direkten äußeren Anreizes bedürfen, da sie aufgrund des erwarteten unmit>
67 Das „Dilemma der Allmenden“, von Hardin in seinem Essay „The Tragedy of the Commons“ (1968) be>
schrieben, scheint auf FLOSS nicht zuzutreffen. Dies ist dadurch zu erklären, dass durch die Digitalisierung
der Allmende die Ressourcen durch die Nutzung nicht erschöpft werden.
68 Es ist eher das Gegenteil der Fall, nämlich dass zusätzliche Nutzer den Wert einer Software erhöhen. So
steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie weiterentwickelt und breiter unterstützt wird.
32 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
telbaren Resultats einen hohen Eigennutzen haben.69 Im Folgenden werden die einzelnen Mo>
tivations-Elemente kurz erläutert.
Spaß am Programmieren: Torvalds (2001) sieht im Spaß an der Sache und der (technologi>
schen) Herausforderung den Kern der Motivation. Er bezieht sich dabei weniger auf Open
Source als vielmehr auf die Tätigkeit des Programmierens, wie auch schon Brooks in seinem
Essay „The Mythical Man-Month“ (1995) aufzeigte. Luthiger Stoll (2006) konnte bei seiner
quantitativen Studie nicht nur belegen, dass Spaß für viele die Hauptmotivation für die Mitar>
beit an Open-Source-Software ist. Darüber hinaus zeigte ein Vergleich mit kommerziellen
Softwareentwicklern auch, dass die Arbeit in Open-Source-Projekten tatsächlich mehr Spaß
macht als in einem kommerziellen Umfeld.
Zugehörigkeitsgefühl: Die Zugehörigkeit zu einer Open-Source-Gemeinschaft ist dann beson>
ders bedeutsam, wenn sehr viel Zeit für ein Projekt aufgewendet wird und wenn bei der digi>
talen Zusammenarbeit kaum reale soziale Kontakte entstehen (Torvalds 2001).70 Während
Hertel et al. (2003) die Bedeutung der Identifikation anhand einer empirischen Studie des
Linux-Kernels belegen konnten – und die Motivation bei Open-Source-Software als ver>
gleichbar mit anderen freiwilligen Tätigkeiten ansehen –, konnten andere Studien dies nur in
geringem Maße empirisch nachweisen (Hars und Ou 2002; Ghosh et al. 2002).
Monetäre Anreize: Geld spielt eine Rolle, da viele Entwickler ihren Beitrag innerhalb eines
bezahlten Arbeitsverhältnisses leisten, sei dies regelmäßig oder nur gelegentlich (Feller und
Fitzgerald 2002). Die Angaben über das Verhältnis von unbezahlten und entlohnten OSS-Ent>
wicklern divergieren in den vorhandenen Studien stark. Während Eclipse zu fast 98 % von
Firmenangestellten – und davon über 60 % IBM-Mitarbeitern – entwickelt wird (Spaeth et al.
2008)71 und man beim Linux-Kernel von über 50 % ausgehen kann (Kroah-Hartman 2007;
69 „As an example, consider a person who derives considerable aesthetic pleasure from having a clean house
but who does not enjoy the process of cleaning. If this person willingly chooses to clean the house, he or
she would be self-determined in doing it. But the behavior would be extrinsic because it is instrumental to
having a clean house, and the satisfaction is in the outcome rather than in the behavior itself. By contrast,
consider another person who cleans because of a feeling that he or she has to, whether to get the approval
of a business associate who will be visiting, to avoid guilt, or to satisfy a compulsion. In the case of this
latter person, the extrinsically motivated behavior would be controlled. “ (Deci und Ryan 1987, S. 1034)
70 Eine Aussage, die durchaus auch kritisch bewertet werden darf, da sie letztendlich bedeutet, dass die Ent>
wickler mehr Befriedigung bei der isolierten Arbeit am Computer als in der realen sozialen Welt finden.
Zumindest auf Torvalds trifft sie jedoch während der ersten Monate – wenn nicht gar Jahre – der Entwick>
lung von Linux zu.
71 Eine ganz aktuelle Statistik, die vom Eclipse-Projekt selbst erstellt wurde, relativiert jedoch diese Zahlen.
3.2 Die erste Phase: Idealismus 33
Kroah-Hartman et al. 2008), nennen Hars und Ou (2002) lediglich 16 % sowie die Merit-Stu>
die (Ghosh 2006) 33 %. Diese Differenzen resultieren hauptsächlich aus einem unterschiedli>
chen Projekt-Setting: Während die meisten großen, weit verbreiteten Projekte – wie Linux,
der Apache-Webserver, MySQL, OpenOffice oder Eclipse – wesentlich von Firmen entwi>
ckelt werden, geschieht dies bei den zahlreichen Nischenprodukten (gelegentlich als „the long
tail“72 bezeichnet) sowie dem Hobbybereich hauptsächlich im Privaten.
Eine andere Art des monetären Anreizes ist die Bezahlung von Individuen für ihre Leistung
durch die Projektorganisation. Dies ist allerdings wenig verbreitet. Wie ein Versuch innerhalb
des Debian-Projekts zeigte,73 ist die Community für ein solches Vorgehen nicht zu begeistern.
Zudem wirkt hier der sogenannte Crowding-Out-Effekt, d. h., dass durch die monetären An>
reize die intrinsische Motivation negativ beeinträchtigt wird (Frey und Goette 1999; Fehr und
Gächter 2002; Weibel et al. 2007).74
Roberts et al. (2006) widersprechen zwar dem Verdrängungseffekt von extrinsischer gegen>
über intrinsischer Motivation, stellen jedoch anhand einer empirischen Studie im Apache-Pro>
jekt eine Abhängigkeit verschiedener Motivationsfaktoren fest. So zeigen z. B. bezahlte Ent>
wickler ein größeres Interesse an einem gewissen Status im Projekt, das Interesse als Eigen>
bedarf verschwindet hingegen. Dass das Status-Motiv zudem zu einer erhöhten intrinsischen
Motivation führt, kann möglicherweise das Ausbleiben des Crowding-Out-Effekts erklären.
Roberts et al. zeigen zudem, dass der Grund der Beteiligung an einem Open-Source-Projekt
auch Einfluss auf die Menge der Codebeiträge haben kann. Beispielsweise tragen Entwickler,
die aus Eigenbedarf handeln, weniger Sourcecode bei als diejenigen, die an einem Status
interessiert sind.
Der Anteil der von IBM-Mitarbeitern gschriebenen Code beträgt demnach "lediglich" gut 42 %, der Anteil
von Freiwilligen immerhin knapp 15 % (http://dash.eclipse.org/dash/commits/web-app/commit-count-
loc.php?sortBy=loc&show [02.09.2009]).
72 Der Begriff „long tail“ stammt von Chris Anderson (2006) und bezeichnet die Tatsache, dass die große
Masse aus Nischenprodukten besteht, für die sich der Markt im Einzelnen nicht rentiert, mit der aber in der
Summe eine Rendite erzielt werden kann.
73 Um den nächsten Release trotz größerer Probleme rechtzeitig fertigzustellen, startete die Linux Distribution
Debian 2006 das Experiment „Dunc-Tank“. Es sollten Schlüsselpersonen temporär gesponsert werden, was
zu einer heftigen Kontroverse bis zur Boykott-Drohung in der Debian-Community geführt hatte. Das Expe>
riment gilt als gescheitert, der angestrebte Release-Termin konnte bei weitem nicht eingehalten werden.
Einen kurzen Überblick bietet ein Artikel unter http://lwn.net/Articles/201488/ [17.08.2009].
74 Bénabou und Tirole (2000) zeigen hingegen auf, dass im Gegensatz zum Crowding-Out-Effekt durch ex>
trinsische Anreize die intrinsische Motivation durch eine Stärkung der Selbstkompetenz erhöht werden
kann.
34 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
Reputation unter Kollegen: Als ebenso bedeutsam für die unentgeltliche Mitarbeit an Open-
Source-Software gilt die Anerkennung unter Kollegen (Ghosh 1998; Raymond 1999; Lerner
und Tirole 2002). Da eine Open-Source-Community in der Regel meritokratisch organisiert
ist (Fielding 1999), können der Status und die Reputation in der Gemeinschaft nur durch eige>
ne, überdurchschnittliche Arbeitsleistung erreicht werden. Zwar wird von den Entwicklern
Reputation durchaus als Motiv für die Mitarbeit an einem Open-Source-Projekt genannt, als
alleinige Motivation kann sie jedoch nicht nachgewiesen werden (siehe z. B. Hars und Ou
2002). Das Streben nach Ansehen und auch dessen Erhaltung führen dazu, dass sich die Be>
teiligten weitgehend an die Regeln der Community halten und somit die Organisation verein>
facht wird, da es keiner formalen Regulierung bedarf (Markus et al. 2000). Hingegen wird es
bei großen und oft kommerziell dominierten Projekten zunehmend schwieriger, in der Masse
der Beteiligten an Reputation zu gewinnen. Dies führt dazu, dass in diesen Projekten das Mo>
tiv der Anerkennung unter Kollegen uninteressanter wird (Lerner und Tirole 2002). Im Ge>
gensatz dazu ist das Motiv des zukünftigen Karrierevorteils insbesondere bei der Mitarbeit in
den bekannten Open-Source-Projekten interessant. Dieses Argument wird vor allem von
Lerner und Tirole (2001) angefügt und konnte auch empirisch belegt werden (Lakhani und
Wolf 2003; Ghosh et al. 2002). Die Erlangung eines Jobs dank der Reputation in der Commu>
nity ist jedoch in den meisten Fällen nicht der Ursprung der Beteiligung, sondern eher ein an>
genehmer Nebeneffekt (Ghosh 1998). Dass Reputation ganz allgemein auch einen ökonomi>
schen Wert hat, zeigen Osterloh und Weibel (2006) in ihrem Buch „Investition Vertrauen“.
Deskriptiv sowie anhand von Fallstudien zeigen sie auf, dass sich durch eine Kooperation, die
auf Vertrauen anstatt auf Verträgen beruht, bessere Resultate erzielen lassen. Sie beziehen
sich in ihren Ausführungen explizit auf die Erfahrungen mit Open-Source-Software und stel>
len diese als exemplarisch für die Bedeutung des gegenseitigen Vertrauens in einer Koopera>
tion dar.
Wissenszuwachs: Open-Source-Software eignet sich besonders zum Erlernen und Verbessern
von Programmierfähigkeiten, da der Sourcecode frei zugänglich und in der Regel auch gut
strukturiert und dokumentiert ist. Der Peer-Review-Prozess, der typisch ist für Open Source,
liefert denn auch ein gutes Feedback über die eigenen Kompetenzen. Vor allem für Neulinge
und Studierende sind die verbesserten eigenen Fähigkeiten ein wichtiges Motiv, wie auch Bill
Gates gern eingesteht:
3.2 Die erste Phase: Idealismus 35
„You’ve got to be willing to read other people’s code, then write your own, then
have other people review your code. You’ve got to want to be in this incredible
feedback loop where you get the world-class people to tell you what you’re doing
wrong.“ (Bill Gates, zitiert in Lammers 1986, S. 83)
Dass das Erlernen, Trainieren und Verbessern von Programmierfähigkeiten tatsächlich eine
wichtige Motivation zur Teilnahme an Open-Source-Projekten ist, konnte in zahlreichen em>
pirischen Studien aufgezeigt werden (Lakhani und Wolf 2003; Ghosh et al. 2002; Hars und
Ou 2002). Wichtig dabei ist auch, dass dieser Prozess aufgrund seiner Offenheit in Zusam>
menarbeit mit anderen und vor allem erfahrenen Entwicklern und anderer Software stattfin>
det, was den Reiz zur Mitarbeit weiter erhöht (Hertel et al. 2003).
Die Forschungsergebnisse von Lee und Cole (2003) zum Linux-Kernel zeigen, dass 23 % der
eingesandten Beiträge nie in den offiziellen Kernel eingehen. Dies ist ein enormer Ressour>
cenverschleiß. Doch die Autoren argumentieren, dass aufgrund des Lerneffektes diese Beiträ>
ge durchaus keine vergebliche Mühe darstellen, sondern zu besseren zukünftigen Beiträgen
führen und demnach als Lern-Investition gesehen werden müssen.
Der Lernfaktor ist ebenso für die Motivation in der peripheren Mitarbeit, die nicht aus der
Programmierung der Software besteht, sehr wichtig. 98 % der Arbeit von denjenigen Perso>
nen, die in den Foren und auf den Mailinglisten Unterstützung bieten, besteht aus dem Lesen
von Fragen und dem Verfassen von Kommentaren. Nur 2 % ihrer Zeit verwenden sie dem>
nach auf ihre Antworten (Lakhani und von Hippel 2003).
Füllen einer Angebotslücke: Nicht nur die Lancierung eines Open-Source-Projekts, sondern
auch dessen Weiterentwicklung basiert meist auf einem Eigenbedarf, der durch das bestehen>
de Angebot an Open-Source-Software nicht oder nicht im gewünschten Maße abgedeckt wird.
Raymond glaubt gar, dass dies für jegliche gute Software gilt:
„Every good work of software starts by scratching a developer's personal itch.“
(Raymond 1999, S. 32)
Der Eigenbedarf als Motivation zur Open-Source-Beteiligung konnte empirisch bestätigt wer>
den (Hertel et al. 2003; Hars und Ou 2002; Lakhani und Wolf 2003) und wird auch in For>
schungsarbeiten meistens als Hauptgrund für die Mitarbeit genannt.
36 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
3.2.2.2 Führung über die Motivation
Angesichts dessen, dass es in Open-Source-Projekten keine formelle Weisungsbefugnis gibt,
stellt sich die Frage, ob und wie sich die Beteiligten über deren Motivation beeinflussen oder
gar steuern lassen. Überraschenderweise findet sich in Bezug auf Open Source dazu kaum Li>
teratur, auch wenn sich Markus et al. (2000) diesem Thema schon sehr früh zumindest ange>
nähert haben und sich Roberts et al. (2006) in jüngerer Zeit implizit damit beschäftigen.
Markus et al. beziehen sich in ihrer Studie auf den Artikel „Management's New Paradigms“
(Drucker 1998), in dem Wissensarbeiter mit Freiwilligen gleichgestellt werden. Letzteren
kann nicht befohlen, sondern sie müssen überzeugt werden. Während Drucker explizit keine
Antworten auf die Frage gibt, wie sich dieses Paradigma konkret auf die Managementpraxis
auswirkt, suchen Markus et al. diese Antworten in der Open-Source-Bewegung. Die Motiva>
tionsfrage ist dabei einer der untersuchten Aspekte, die Führung über die Motivation wird im>
plizit berücksichtigt. Markus et al. kommen zu dem Schluss, dass Open Source in vielen Be>
langen zu spezifisch ist, als dass ihre Praktiken in eine kommerzielle Organisation transferiert
werden könnten.
Roberts et al. (2006) haben untersucht, wie die unterschiedlichen Motivationen zueinander in
Beziehung stehen (wie bereits im vorigen Kapitel detailliert beschrieben). Einerseits heben sie
hervor, dass bezahlte Beteiligte für Open-Source-Communities aufgrund ihrer quantitativ hö>
heren Leistung positiv bewertet werden müssen. Andererseits empfehlen sie, Community-
Mitglieder aktiv über die Reputation zu motivieren, da auf diese Weise motivierte Beteiligte
eine konstantere Teilnahme aufweisen.
Dass diese Lücke in der Frage der Führung über die Motivation in der OSS-Community bis>
her nicht angemessen mit Forschungsarbeiten gefüllt wurde, kann dahin gehend interpretiert
werden, dass die Diskussion bis dato noch stark von der Ideologie geprägt war und die
Fremdsteuerung nicht ins Konzept der sozialromantischen Community passt.
3.2.2.3 Opportunitätskosten
Lerner und Tirole (2002) konstatieren, dass die Motivationsdiskussion nicht ohne die Betrach>
tung der Kostenseite geführt werden kann. Im Allgemeinen kann ein Softwarecode heute fast
ohne Fixkosten erstellt werden (Bonaccorsi und Rossi 2003). Während es früher einer teuren
3.2 Die erste Phase: Idealismus 37
Hardware-Infrastruktur bedurfte, muss heute ein Programmierer für seine Tätigkeit lediglich
über einen eigenen Computer sowie einen Arbeitsplatz mit Internetzugang verfügen. Deshalb
entstehen lediglich Kosten durch die aufgewendete Zeit. In einem bezahlten Arbeitsverhältnis
ist dies der tatsächliche Lohn. Bei der freiwilligen Tätigkeit handelt es sich um den theore>
tisch entgangenen Lohn, d. h. die Opportunitätskosten75. Entwickler könnten während der
Zeit, die sie unentgeltlich für Open-Source-Software aufwenden, eine bezahlte Arbeit aus>
üben. Oder sie könnten in der Zeit, die im Rahmen einer bezahlten Arbeitstätigkeit aufge>
wendet wird, ihren Fokus auf ihre berufliche Funktion richten. Die Opportunitätskosten wer>
den vor allem im kommerziellen Umfeld als bedeutsam angesehen, da sich daraus eine mittel>
bare Gewinnreduktion ergibt, wenn diese auch verzögert auftritt. Bei privatem Engagement
sind die Opportunitätskosten eher theoretischer Natur und haben keine direkten monetären
Auswirkungen. Lerner und Tirole (2002) weisen jedoch darauf hin, dass sich insbesondere im
universitären Umfeld, aus dem sich vor allem in der Frühphase zahlreiche Open-Source-Ent>
wickler rekrutierten, durchaus reale, wenn auch nicht direkt monetäre Opportunitätskosten er>
geben, zum Beispiel durch eine verlängerte Studienzeit und den verzögerten Eintritt in den
Arbeitsmarkt.
Aufgrund des offenen Quelltextes und des im Allgemeinen gut modularisierten und „saube>
ren“ Codes von Open-Source-Software werden die Opportunitätskosten jedoch als geringer
als bei Closed-Source-Software geschätzt (Lakhani und von Hippel 2000). Somit dürfte die
Einstiegshürde für Privatpersonen und Firmen niedriger sein, was sich förderlich und motivie>
rend auf ihr Engagement im Open-Source-Bereich auswirken kann.
3.2.2.4 Rationale und evolutionäre Entscheidungstheorie
Die gängige Motivationsdiskussion, die bei FLOSS im Zentrum steht, orientiert sich an der
Theorie der rationalen Entscheidung (engl. „rational choice theory“, exemplarisch Elster
1986). Diese geht davon aus, dass Subjekte ihr Verhalten auf die Maximierung ihres individu>
ellen Nutzens aufgrund einer subjektiven Situationsbetrachtung ausrichten, der Inhalt – im
vorliegenden Falle die Software – ist dabei oft nur Mittel zum Zweck. Bei Kenntnis der Präfe>
75 Unter Opportunitätskosten versteht man denjenigen Nutzen, auf den man verzichtet und den man erreichen
könnte, wenn man anstatt der ausgeführten Aktivität einer anderen (bezahlten oder unbezahlten) Beschäfti>
gung nachgehen würde.
38 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
renzen des Subjekts ist somit auch sein Verhalten vorhersagbar. Nicht berücksichtigt wird in
diesem Modell, welche Auswirkungen das eigene Handeln auf die Umwelt hat und welche
Wechselwirkungen mit dieser bestehen.76 An dieser Kritik setzt Kuwabara (2000) an und führt
ein evolutionäres Modell in die Diskussion zur Motivation in Open Source ein, das sich an
den Erkenntnissen der evolutionären Spieltheorie (Smith 1982) orientiert.
Bei der evolutionären Entscheidungstheorie (siehe Abb. 4) wird das Verhalten nicht aus>
schließlich durch ein rationales Kalkül der individuellen Nutzenmaximierung bestimmt, son>
dern Entscheidungen werden als das Ergebnis eines kulturellen Evolutionsprozesses verstan>
den. Durch diesen zusätzlichen, dynamischen Einfluss ist auch das Verhalten einer Person
nicht mehr vorhersagbar, und es sind analog zur Spieltheorie Annahmen über das Verhalten
anderer Beteiligter zu treffen.
Dieses Konzept berücksichtigt, dass soziale Einflüsse – wie im Falle von Open-Source-Soft>
ware z. B. die Werte und Normen der Community – Teil des zirkulären Entscheidungsprozes>
ses und somit keine Konstanten mehr sind. Es kann insofern nicht mehr von einem Ziel ge>
sprochen werden, da es keinen Endpunkt zu erreichen gilt, sondern jeder Abschluss eines Zy>
76 Im Gegensatz zum allgemeinen Verständnis in der Ökonomie wird diesen Aspekten in der Soziologie be>
sonders in jüngerer Zeit vermehrt Beachtung geschenkt (siehe dazu z. B. Becker 1993 oder Esser 2000).
Abbildung 4: Vergleich von rationaler und evolutionärer Entscheidungstheorie
(nach Kuwabara 2000)
3.2 Die erste Phase: Idealismus 39
klus ist gleichzeitig die Basis für den Beginn eines neuen. Kuwabara nennt dies einen Verstär>
ker, und den gesamten Zyklus bezeichnet er als positiven Feedback-Loop. Dieser bewegt ei>
nerseits aktive Community-Mitglieder dazu, dem Projekt treu zu bleiben. Andererseits signa>
lisiert der Erfolg des Projekts auch Außenstehenden, dass eine Beteiligung attraktiv ist.
3.2.3 Zwischenfazit
In der frühen Phase der Diskussion des Phänomens FLOSS, die vorwiegend von Beteiligten
oder der Bewegung ideell nahestehenden Personen geführt wird, steht die kollaborative Pro>
duktion der Software sowie die individuelle Motivation zur Mitarbeit im Vordergrund.
FLOSS wird als soziales Phänomen (Kuwabara 2000) und als Sonderfall verstanden, der sich
an den Gesetzen der nicht kommerziellen Nichtregierungsorganisationen orientiert.77 Eine
ökonomische Bedeutung wird zwar nicht negiert – um freie Software auch für Firmen attrak>
tiv zu machen, wurde die Open-Source-Initiative seinerzeit lanciert –, aber es wird ihr eher
ein Sonderstatus und eine Nischenberechtigung zugesprochen. Die Motivation zur Beteili>
gung wird ausschließlich aus einer individuellen Sicht betrachtet, je nach Studienergebnissen
stehen eher intrinsische oder extrinsische Motive im Vordergrund. Zwar wird dieses sozialro>
mantische Verständnis eines Sonderfalls von einigen Studien widerlegt, die sowohl das Ent>
wicklungsmodell als auch die Motivation zur Mitarbeit durchaus kompatibel zu bestehenden
Theorien sehen. Diese Sicht ist in der frühen Phase jedoch nicht mehrheitsfähig bzw. wird
von den Hauptakteuren weitgehend ausgeblendet.
Um das Jahr 2000 begann das Open-Source-Engagement von Unternehmen.78 So ist es nach>
vollziehbar, dass die Autoren in der frühen Phase der Auseinandersetzung mit FLOSS diese
noch weitgehend im Sinne einer „Geschenkkultur“ betrachteten und der Eindruck entstand,
dass FLOSS außerhalb des kapitalistischen Marktes funktioniere (Perens 2007). Die diskutier>
ten und gelebten Normen und Werte der ersten Phase sind für viele in FLOSS engagierte Per>
77 Diese Tendenz zeigt sich mithin auch auf einer Plattform, die sich an die Philosophie der FLOSS-Bewe>
gung anlehnt (http://www.oekonux.de/ [17.08.2009]). Unter anderem soll hier diskutiert werden, „ob die
Prinzipien der Entwicklung Freier Software eine neue Ökonomie begründen können, die als Grundlage für
eine neue Gesellschaft dienen könnte“ (aus der Kurzbeschreibung zum Projekt auf der Homepage, zuletzt
zugegriffen am 28.05.2009).
78 IBM zum Beispiel hat als erstes großes und im Markt etabliertes Unternehmen seine Ankündigung zur mil>
liardenschweren Unterstützung von Linux im Jahre 1999 getätigt, also erst nach den Publikationen von
Raymond.
40 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
sonen auch heute noch bedeutsam. Sie sind jedoch eher eindimensional; und es wird in den
nachfolgenden Kapiteln aufzuzeigen sein, wie eine differenziertere Diskussion, die auch die
ökonomische Perspektive berücksichtigt, geführt werden kann.
3.3 Die zweite Phase: Pragmatismus
FLOSS wurde zu Beginn und bis dato oft als Gratissoftware verstanden. Zwar konnte sich die
Marke „Open-Source-Software“ anstelle der „Free Software“ etablieren.79 Zumindest in ein>
schlägigen (Business-)Kreisen wurde jedoch auch erkannt, dass dieser Wechsel nicht nur mo>
netär zu betrachten ist, sondern auch Fragen zu den Rechten und zum Modell der kollaborati>
ven Entwicklung aufwirft. Ghosh (1998) wies bereits vor zehn Jahren darauf hin, dass sich
aus ökonomischer Sicht der Wert eines Produkts nicht in erster Linie über den Preis definiert,
sondern über den Nutzen für Produzent und Konsument.80 Während der Nutzen des Konsu>
menten einfach definiert werden kann – eine kostengünstige, in Bezug auf Funktionalität und
Stabilität kompetitive Software –, ist dies auf der Produzentenseite schwieriger. Hier wurden
bisher über einen „trial-and-error“-Prozess Geschäftsmodelle bezüglich Nachhaltigkeit getes>
tet.81
79 Richard Stallman und die Free Software Foundation betonen, dass sich das Wort Free nicht auf den Preis,
sondern auf die Freiheit bezieht. In diesem Sinne hat sich das Verständnis durchgesetzt, dass es nicht um
„free beer“ (Gratisbier), sondern um „free speech“ (freie Rede) geht.
80 Hinzu kommt, dass in der realen Welt die Rollen von Produzenten und Konsumenten klar aufgeteilt sind.
Allerdings gibt es – wie die Wortbildung „Prosument“ verdeutlicht – einen Trend zu einer Vermischung,
was die Rollenteilung in der digitalen Welt erschwert. Gerade bei FLOSS kann jeder Konsument zum
(Mit-)Produzenten werden.
81 So hat sich zum Beispiel der Verkauf von vorgefertigten, benutzerfreundlichen Linux-Distributionen als
erstes Geschäftsmodell etabliert. Anbieter wie Red Hat oder Suse Linux erkannten jedoch bald, dass sich
die Distribution mit dem zunehmenden Aufkommen von breitbandigem Internet kommerziell nicht lohnt.
Deshalb bieten sie heute erfolgreich Dienstleistungen rund um ihre Distribution an.
Abbildung 5: Wertschöpfungskette der FLOSS-Anbieter (nach Leiteritz 2004, S. 141)
3.3 Die zweite Phase: Pragmatismus 41
Leiteritz (2004) erklärt anhand der Wertschöpfungskette einer Software, wie und wo Profit
mit einem kostenlosen Produkt gemacht werden kann (siehe Abb. 5). Je nach Geschäftsmo>
dell können eines oder mehrere dieser Wertschöpfungsglieder als Gewinnquelle herangezogen
werden. Während bei der Kontrolle der gesamten Kette – wie es bei proprietärer Software
weitgehend üblich ist – sowohl der Ressourcenverbrauch als auch der Gewinn sehr hoch sein
können, kann bei FLOSS-Anbietern der Ressourcenverbrauch durch die Konzentration auf
nur wenige oder gar ein einziges Glied der Wertschöpfungskette deutlich reduziert werden.
Nachteilig dabei ist, dass die Gewinnerwartung weniger hoch sein dürfte. Aufgrund des gerin>
geren Ressourcenverbrauchs wird das FLOSS-Modell besonders interessant für kleine und
mittlere Unternehmen.
3.3.1 Motivation aus Firmenperspektive
Im Unterschied zur Unterteilung der Motivation in intrinsisch und extrinsisch, wie sie für die
Entwicklerperspektive nachgezeichnet wurde, führen Feller und Fitzgerald (2002) aus Fir>
menperspektive drei Kategorien für die Motivation ein; die einzelnen Motive, gruppiert in
diesen drei Kategorien, sind in Tabelle 2 aufgelistet.
Wirtschaftlich
Software-Entwicklung beschleunigen
Wettbewerbsfähigkeit erhöhen
Konkrete Geschäftsmodelle realisieren
Entwicklungskosten senken
Sozial
Code mit der Community teilen
Unterstützung der Idee frei verfügbarer Software
Technologisch
Feedback ausnutzen
Fachlicher Support in früher Entwicklungsphase erhalten
(Offene) Standards unterstützen
Tabelle 2: Übersicht zur Motivation von Firmen
(nach Dahlander und Magnusson 2005, S. 483)
Die Ergebnisse einer empirischen Studie zeigen, dass die wirtschaftlichen Motive für Firmen
entscheidend sind, um in der Open-Source-Community aktiv zu sein (Bonaccorsi und Rossi
2003). Die Überzeugung, dass Information frei geteilt werden soll, mag bei der Firmengrün>
dung eine wichtige Rolle spielen (Lerner und Tirole 2002; Feller und Fitzgerald 2002). Im
42 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
wirtschaftlichen Alltag werden die sozialen Motive jedoch meist unbedeutend.
Gerade in einem (Quasi-)Monopol, wie es z. B. Microsoft und Oracle für ihre Produkte
durchgsetzt haben, kann eine Firma durch die Offenlegung des Quellcodes82 mitunter rasch
eine beträchtliche Verbreitung und Sichtbarkeit in der IT-Landschaft erlangen und wird da>
durch für neue und talentierte Entwickler attraktiv (West 2003). Als Folge dessen kann die
Entwicklung beschleunigt und eine größere Innovationskraft entwickelt werden (Lerner und
Tirole 2002). Daraus ergibt sich eine indirekt verbesserte Wettbewerbsfähigkeit des Projekts,
wie dies beispielsweise der Webbrowser Firefox oder die Office-Suite OpenOffice in Konkur>
renz zum Giganten Microsoft gezeigt haben.
Allerdings ist der wichtigste Grund für die aktive Beteiligung eines Unternehmens an einem
FLOSS-Projekt ein konkretes Geschäftsmodell, das die Besonderheiten der freien Software
berücksichtigt, wie Raymond (1999) bereits vor zehn Jahren aufzeigte.
3.3.2 Neue Geschäftsmodelle
Da sich mit Lizenzen – dem traditionellen Geschäftsmodell mit Software – bei Open-Source-
Software kein Gewinn erzielen lässt, müssen Firmen andere Möglichkeiten zum Wirtschaften
finden. Leiteritz (2004) unterscheidet dabei zwischen Produkt- und Dienstleistungs-Ge>
schäftsmodellen (siehe Tabelle 3), wobei in der Realität oft beide Ansätze kombiniert werden.
Produkt-
Geschäftsmodelle
Dienstleistungs-
Geschäftsmodelle
Distributor
Applikationsanbieter
Appliance-Hersteller
Support/Wartung
Beratung
Implementation/Integration
Schulung/Dokumentation
Mediation
Tabelle 3: Übersicht der FLOSS-Geschäftsmodelle (nach Leiteritz 2004)
82 Wie West (2003) erläutert, gibt es neben FLOSS-Projekten, die durch Individuen und Gemeinschaften lan>
ciert und gefördert werden, auch diejenigen Projekte, die zuerst proprietär durch eine Firma entwickelt und
erst später freigegeben wurden. Während die Motivation zur Freigabe durchaus denjenigen zum Anschluß
an ein bestehendes Projekt entsprechen, unterscheidet sich der Community-Prozess doch zum Teil
erheblich (West und O'Mahony 2005),;insbesondere die Bildung einer Entwickler-Community mit einer
bestehenden Codebasis stellt sich als erheblich problematischer dar.
3.3 Die zweite Phase: Pragmatismus 43
Bei den großen, etablierten IT-Unternehmen wie etwa IBM83, HP und Sun, die alle FLOSS
aktiv unterstützen, bestehen die Geschäftsmodelle in einer Kombination verschiedener Ansät>
ze. Insofern muss hier nicht von einem reinen, sondern von einem hybriden Open-Source-Ge>
schäftsmodell gesprochen werden. Es ist nicht klar ersichtlich, in welchem Geschäftsbereich
Gewinn aus FLOSS erwirtschaftet wird. Es wird allerdings von einem Engagement aufgrund
einer direkten Gewinnerwartung, z. B. aus dem Verkauf von Hardware, auf der Linux läuft,
ausgegangen (Leiteritz 2004).
3.3.2.1 Produkt-Geschäftsmodelle
Die drei in Tabelle 3 aufgeführten Produkt-Geschäftsmodelle werden hier in der Folge kurz
erläutert:
Distributor: Vor allem im Zusammenhang mit Linux sind in der zweiten Hälfte der 1990er
Jahre zahlreiche Firmen entstanden, die aus den vielen, dezentral vorliegenden Komponenten
ein lauffähiges, anwendbares Software-System zusammenstellten (z. B. Red Hat oder Suse)
und darauf einen „Brand“ aufgebaut haben (Young 1999). Das ursprüngliche Geschäftsmodell
mit dem Verkauf von Datenträgern mit der installierbaren Software war in erster Linie auf
Privatanwender ausgerichtet. Inzwischen ist es jedoch unbedeutend, da sich wegen der Ver>
fügbarkeit von Breitband-Internetverbindungen mittlerweile keine nennenswerte Rendite
mehr erzielen lässt. Die Distributoren haben deshalb einerseits ihren Kunden Mehrwert durch
zusätzliche, proprietäre Software (meist für die Administration des Systems) angeboten und
sich zunehmend auf Geschäftskunden konzentriert. Andererseits – und dies scheint der erfolg>
reiche Weg angesichts der zunehmenden Öffnung der proprietären Software – bieten die Dis>
tributoren Dienstleistungen wie Abonnements oder Garantien an. Das konkrete Geschäftsmo>
dell der Distributoren setzt sich dabei aus der primären Wertschöpfung und dem Support zu>
sammen (Leiteritz 2004). Dieses Modell entspricht dem proprietären Modell, jedoch mit dem
entscheidenden Unterschied, dass ein großer Teil der Systemkomponenten unter einer freien
Lizenz steht (Rosenberg 2000). Die Distributoren arbeiten nicht nur mit der Community zu>
83 IBM z. B. erwirtschaftet seit Jahren stets weniger Gewinn mit dem Hardwaregeschäft und konzentriert sich
dafür auf lukrative IT-Dienstleistungen. So kann IBM auch in der aktuellen Wirtschaftskrise ihren Gewinn
auf hohem Niveau halten, wie unlängst ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung festhielt
(http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/ibm_mit_krftigem_gewinn_1.3078870.html
[17.08.2009]).
44 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
sammen, sondern auch mit den diversen Hard- und Softwareherstellern, um die Unterstützung
möglichst vieler Plattformen garantieren zu können. Dies ist vermutlich der größte Mehrwert,
den die Distributoren bieten.
Applikationsanbieter: Erfolgreiche Geschäftsmodelle mit dem Angebot von Applikationen
sind eher selten. Gewinne können einerseits durch die Segmentierung des Marktes mit unter>
schiedlichen Lizenzen,84 sogenannten „Duallizenzen“ (Valimaki 2003), generiert werden. Be>
kanntestes Beispiel dafür ist der schwedische Datenbankanbieter MySQL AB. Die Firma ver>
folgt die Strategie, dass sie den weniger lukrativen (Privat-)Markt mit einer freien Version be>
dient, die allerdings in ihrer Funktionalität reduziert ist. Dennoch erreicht sie damit einen
Marketingeffekt. Da aus juristischen Gründen in aller Regel das Verwertungsrecht bei der je>
weiligen Firma liegt, sind solche Projekte für Freiwillige eher uninteressant. Deshalb kann
niemand von diesem Pool profitieren, der sein Geschäftsmodell auf Duallizenzen aufbaut.
Dies führt dazu, dass die gesamte Wertschöpfungskette vom jeweiligen Unternehmen getra>
gen werden muss.
Ein weiteres Modell besteht darin, Einnahmen, die den eigenen Aufwand für das Open-
Source-Projekt übersteigen (Raymond 1999), durch Komplementärsoftware85 respektive
durch das kommerzielle Abdecken der sekundären Wertschöpfungskette zu
generieren(Raymond 1999). Feller und Fitzgerald (2002) nennen dies ein hybrides Modell86
im Gegensatz zum „pure-play“-Open-Source des Duallicensing. Während beim hybriden Mo>
dell analog zur proprietären Softwareentwicklung keine direkte Konkurrenz innerhalb des
Produktes entstehen kann, entscheidet im „pure-play“ die konkrete Leistung über den Erfolg.
Weitaus häufiger sind jedoch FLOSS-Applikationsanbieter, die ihre Einnahmen nicht direkt
aus der Software beziehen, sondern diese aus strategischen Gründen frei anbieten. Sie verfol>
gen dabei das Ziel, Konkurrenten zu schwächen bzw. eigene Abhängigkeiten zu reduzieren,
wie dies z. B. Sun mit der freien Office-Suite OpenOffice gegenüber Microsoft tut.
84 Dieses Prinzip wurde nicht von Open Source erfunden. Es war schon immer Ziel, den Markt in Segmente
zu unterteilen, um dann pro Segment u. a. eine optimale Preispolitik gestalten zu können.
85 Die Projektplanungs-Software Open Workbench der Firma CA kann z. B. durch die Software Clarity der>
selben Firma erweitert werden, wenn man eine netzwerkbasierte Lösung benötigt.
86 Dieses Modell wird gelegentlich auch „open core“ genannt, d. h., der Kern ist frei, darum herum wird aber
proprietäre, kommerzielle Software angeboten. (Siehe dazu das Beispiel von Wireshark, wie im Artikel
http://www.heise.de/open/Wireshark-ein-Business-Modell-steht-Kopf--/artikel/141265 [17.08.2009] von
Heise erläutert wird.)
3.3 Die zweite Phase: Pragmatismus 45
Appliance-Hersteller: Das Angebot von Hardware-Software-Betriebssystem-Kombinationen
aus einer Hand (sogenannte „Appliances“ sowie „Embedded“-Systeme) bietet eine zusätzli>
che Motivation für die Partizipation an Open Source. Da sich der Preis des Pakets in erster Li>
nie aufgrund des versprochenen Nutzens bestimmt, kann durch die Verwendung von kosten>
losen Teilen, z. B. dem Betriebssystem Linux, eine höhere Marge erreicht werden. Das Ge>
schäftsmodell setzt sich dabei aus der primären Wertschöpfung und dem Support zusammen.
Problematisch bei vielen Appliance-Anbietern ist, dass sie oft Software integrieren, die unter
der GPL lizenziert wurde und somit eigene Anpassungen veröffentlichen müssten, dies aber
aus Nachlässigkeit oder der Erwartung strategischer Vorteile nicht tun. Um diese Prozesse zu
verhindern, wurde die Non-Profit-Organisation gpl-violations.org gegründet, die auch bereits
einige Erfolge zu verzeichnen hat.87
3.3.2.2 Dienstleistungs-Geschäftsmodelle
Support/Wartung, Beratung, Implementation/Integration, Schulung/Dokumentation: Drei
Vorwürfe an OSS bieten gleichzeitig die Chance, auch ohne eigene Software-Produkte Ge>
winn erwirtschaften zu können. Die Vorwürfe sind: Erstens ist die Software oft nicht „out-of-
the-box“ einsetzbar, sodass bei der Installation und beim Betrieb entweder Know-how
aufgebaut oder eingekauft werden muss.88 Zweitens gibt die Open-Source-Gemeinschaft keine
Gewähr auf einen Support, dieser ist aber für manche Anwender unabdingbar. Und drittens
fehlt eine Herstellergarantie.
Deshalb bietet sich die Chance, neben der Beratung, dem klassischen Support und der War>
tung auch die Integration in bestehende Software-Systeme als wichtiges Betätigungsfeld auf>
zubauen. Dazu gehören Schulung und Training sowie die Publikation von Handbüchern.
Während sich das Geschäftsmodell kaum von herkömmlichen IT-Dienstleistungen unterschei>
87 Die Organisation mahnt Unternehmen, die die GPL verletzen, vorerst ab und fordert sie auf, sich gemäß
den Lizenzvereinbarungen zu verhalten. Da diese Abmahnungen sehr oft zu einem Umdenken und Einlen>
ken bei den betroffenen Unternehmen führen, geraten nur sehr wenige Fälle vor Gericht. Wie z. B. der er>
folgreiche Prozess gegen D-Link aufzeigt, steht auch bei einer Verurteilung nicht eine Buße im Vorder>
grund, sondern die Einhaltung der Lizenz (siehe dazu das Gerichtsurteil unter
http://www.jbb.de/urteil_lg_frankfurt_gpl.pdf [30.08.2009]).
88 Peter Deutsch, Verfasser der freien Software Ghostscript und Gründer einer der ersten Open-Source-Fir>
men, kam in seiner Rede auf der ersten „Freely Redistributable Software Conference“ (1996) zu dem
Schluss, dass der Grundsatz „release early, release often“ nicht zuletzt deshalb so verbreitet war, weil er
aufgrund der noch unfertigen Software ein Dienstleistungsgeschäft ermöglicht.
46 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
det, kommt hier ein zentrales Element hinzu: Es gibt keine Anbieterbindung. Dies führt dazu,
dass auf der Anbieterseite der Konkurrenzdruck verstärkt wird und sich die Anbieter an den
Kundenwünschen und -bedürfnissen orientieren müssen.
Der Gewinn wird hauptsächlich aus der sekundären Wertschöpfung generiert oder allenfalls
durch Entwicklung. Der Umsatz entsteht dabei in der Regel aus verrechneten Stundensätzen.
Deshalb hat der Anbieter keinen direkten monetären Nutzen aus der Verwendung von
FLOSS. Die Einsparung der Lizenzen fallen gänzlich bei der Kundschaft an. Der Anbieter hat
jedoch aufgrund der freien Lizenz einen viel größeren Handlungsspielraum und mehr Ein>
flussmöglichkeiten auf die Software. Aus der Beteiligung an FLOSS kann der Anbieter nicht
nur Know-how aufbauen, sondern seine Beiträge dienen gleichzeitig als Leistungsausweis.
Mediation: Da die Open-Source-Welt sehr heterogen, nicht organisiert und oft schlecht ver>
marktet ist, ist es die Aufgabe von Mediatoren, Anbieter und Nutzer im Sinne eines Markt>
platzes zusammenzubringen (Grassmuck 2002). Der wohl bekannteste Mediator ist die Platt>
form SourceForge, aber auch die Firma Optaros hat sich hier weltweit etabliert. Mediatoren
leben von ihrer Größe, die auch zu einem Lock-In führen kann. Da zwischen FLOSS-Anbieter
und -Nutzer meist kein Geld fließt, kann sich der Mediator auch nicht über Provisionen finan>
zieren. Der Gewinn muss deshalb über einen anderen Kanal wie z. B. die Platzierung von
Werbebannern auf Internetportalen fließen oder indirekt durch Folgegeschäfte aufgrund eines
Marketingeffektes erwirtschaftet werden.
3.3.3 Eine neue Form der Organisation
O'Mahony (2002) stellte aufgrund von 75 halbstandardisierten Interviews mit Open-Source-
Entwicklern fest, dass Firmen, die sich an FLOSS beteiligen, ihr Verhalten und ihre Prozesse
an die Community anpassen müssen. Praktiken, die in der internen Zusammenarbeit sowie in
partnerschaftlichen Kollaborationen mit anderen Firmen erprobt sind, funktionieren nicht
zwingend in einer sich selbst organisierenden Gemeinschaft. Auch die Open-Source-Commu>
nities mussten teilweise ihre Prozesse anpassen, um möglichst optimal mit den Firmen zusam>
menarbeiten zu können. Inzwischen haben beide, sowohl die Communities als auch die Fir>
men, Strategien erarbeitet, um ihre eigenen Interessen nicht durch andere zu korrumpieren.
Dazu werden – als für beide Seiten nützliche Maßnahme – unabhängige Non-Profit-Organisa>
3.3 Die zweite Phase: Pragmatismus 47
tionen gegründet, die eine Vermittlerrolle einnehmen. Als erstes Projekt lancierte dies der
Apache-Webserver mit der Apache Software Foundation. Eine treibende Kraft war dabei
IBM:
„Als IBM im Jahre 1998 mit den Apache-Leuten einen Vertrag abschließen woll0
te, um den Webserver in ihr Produkt Websphere zu integrieren, waren die Kon0
zernanwälte mehr als verblüfft. Es gab keine Organisation als Vertragspartner.
Auf die Frage, wie denn nun Apache organisiert sei, kam die Antwort, es sei eine
Website. ,Habe ich das richtig verstanden, wir machen hier einen Vertrag mit ei0
ner Website?'“ (Wolf 2002, S. 48)
Die Non-Profit-Organisation nimmt einerseits die Rolle der juristischen Person ein, anderer>
seits ist sie für die Infrastruktur verantwortlich. Wichtig dabei ist, dass sie ihre Unabhängig>
keit gegenüber der Firma wahren kann. Bei der Apache Software Foundation wurde dies bei>
spielsweise so gelöst, dass nur Personen und keine Organisationen Mitglieder sein können
und dabei grundsätzlich jede Person dieselben Rechte hat, unabhängig von ihrem finanziellen
Beitrag. Zusätzlich werden die Ausschüsse von den Mitgliedern demokratisch gewählt, wobei
wiederum gilt, dass jede Person eine Stimme hat (Fielding 1999).89
Dass die rechtliche Unabhängigkeit eines Projektes für die Beteiligung von kommerziellen
Organisationen elementar ist, hat unter anderem das Eclipse-Projekt gezeigt. Die ursprünglich
von IBM intern für den Eigenbedarf bereitgestellte Entwicklungsplattform wurde schon bald
geöffnet, um sie insbesondere für Partnerfirmen interessant zu machen (O'Mahony et al.
2005). Erst die Loslösung des Projekts von der IBM durch die Übergabe der Rechte an die
unabhängige Eclipse Foundation konnte andere Firmen davon überzeugen, sich zu beteiligen
(Spaeth et al. 2008). Heute ist Eclipse der de-facto-Standard in Bereich der Java-Entwick>
lungsplattformen und hat einen Marktanteil von weit über 50 %.
3.3.4 Zwischenfazit
FLOSS wird nicht als Modell gesehen, das für die gesamte Softwareindustrie Gültigkeit hat,
89 Details dazu sind auch auf der Apache-Homepage unter http://www.apache.org/foundation/how-it-
works.html [17.08.2009] nachzulesen.
48 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
wie es Richard Stallman und die Free Software Foundation fordern. Dessen Berechtigung
wird nur in Teilbereichen gesehen, wo sich ein erfolgreiches Geschäftsmodell etablieren kann.
Allerdings kann mit der primären Wertschöpfung nur bedingt eine genügend hohe Rendite er>
reicht werden. Mehr Erfolg verspricht ein Geschäftsmodell, das auf der sekundären Wert>
schöpfung aufbaut. Erste Ansätze einer strategischen Betrachtung sind bereits sichtbar. Diese
zeigen Auswirkungen der Mitarbeit von Firmen an Open-Source-Projekten auf die Communi>
ty sowie die Unternehmen, wie z. B. die Gründung der unabhängigen Non-Profit-Organisa>
tionen. Die Diskussion konzentriert sich jedoch weitgehend auf die pragmatische Frage, wie
mit FLOSS direkt Geld zu verdienen ist. Eine Betrachtung aus einer gesamtheitlichen, strate>
gischen Unternehmersicht wird noch zu leisten sein.
3.4 Die dritte Phase: Strategie
„Open Source: The Model Is Broken“ titelte provokativ ein Artikel in der BusinessWeek
(Cohen 2008). Im Artikel wird weiter ausgeführt, dass das auf Support und Service basieren>
de Geschäftsmodell langfristig nicht funktionieren könne, weil Open-Source-Software
schlicht zu gut dafür sei. Der Autor sieht die Zukunft von Open Source vielmehr darin, dass
sich in Firmen die Erkenntnis einer kollaborativen und damit viel kostengünstigeren Entwick>
lung einer Software-Infrastruktur zunehmend etabliert. Dafür ist allerdings eine strategische
Ausrichtung erforderlich. IBM erkannte dies als eine der ersten Firmen und hat sich bereits
Ende der 1990er Jahre zu FLOSS bekannt. Andere Unternehmen, wie etwa Sun, realisierten
die Chancen erst später und rüsten nun massiv nach. Microsoft schließlich, das in seinem
Kerngeschäft von Open-Source-Software bedroht wird wie kaum ein anderes großes
Unternehmen, nähert sich mittlerweile schrittweise an. Werner (2007) erläutert anhand der im
Auswärtigen Amt gemachten Anwendererfahrungen mit Linux, dass sich entscheidende
Vorteile von FLOSS wie Unabhängigkeit und Anpassbarkeit nur durch eine strategische
Integration in den Produktionsprozess erreichen lassen.
Wie der „FLOSS Final Report“ – eine von der EU in Auftrag gegebene Studie von 2002 –
aufzeigt, engagiert sich rund ein Drittel der 25 größten Softwarefirmen in erheblichem Maße
und in strategischer Weise in der Entwicklung von Open-Source-Software, insbesondere von
Linux (Wichmann 2002). Heute dürfte die Zahl deutlich höher sein, engagieren sich doch in>
3.4 Die dritte Phase: Strategie 49
zwischen auch in dieser Liste aus dem Jahre 2002 noch nicht enthaltene Firmen wie Oracle
und Microsoft – wenn auch nicht beim direkten Konkurrenten Linux – in Open Source.
Ergebnisse der aktuelleren, ebenfalls von der EU in Auftrag gegebene MERIT-Studie zum
ökonomischen Einfluss von Open-Source-Software auf den europäischen IKT-Sektor zeigen
hingegen, dass lediglich 20 % des Codes von Firmen beigetragen werden (Ghosh 2006). Ge>
mäß dieser Studie sind dabei die zehn engagiertesten Firmen (in der Reihenfolge der Anzahl
Codebeiträge) Sun, IBM, Red Hat, Silicon Graphics, SAP, MySQL, Netscape, Ximian, Real>
networks und AT&T. Diese Zahlen beruhen auf dem Software-Verzeichnis der Debian-
Linux-Distribution, einem traditionell „privaten“ Projekt, weshalb die Zahlen eher als zu nied>
rig zu interpretieren sind. Wie die Auswertungen z. B. des Linux-Kernels zeigen, liegt dort
die Firmenbeteiligung bei ungefähr 70 % (Kroah-Hartman et al. 2008). Die beiden Werte las>
sen sich auch dahin gehend interpretieren, dass vor allem Software, die als Infrastruktur be>
zeichnet werden kann, von Firmen aktiv unterstützt wird. Bei Anwendungssoftware hingegen,
insbesondere bei Software für den Konsumentenmarkt, bietet sich weniger offensichtlich ein
Geschäftsmodell an.
Open Source bedeutet jedoch mehr, als gute Software in einem kollaborativen Entwicklungs-
Prozess zu erstellen. Es muss vielmehr im Zusammenhang mit einer generellen Öffnung der
in einer globalisierten Welt zu eng gewordenen Firmengrenzen für IT-Unternehmen gesehen
werden.
3.4.1 „Openness“: Ein erweitertes Verständnis
Die Erkenntnis ist deutlich gewachsen, dass ein isoliertes Vorgehen im Zeitalter des Internets,
d. h. des raschen Zugriffs auf weltweite Informationen, nicht mehr angebracht ist. Open-
Source-Software allein führt jedoch noch nicht zum Ziel der vollständigen Interoperabilität90.
Zwar wird durch die Offenlegung des Quelltextes Herstellerunabhängigkeit erreicht. Dies
trifft für die Produktunabhängigkeit und somit für die volle Flexibilität jedoch noch nicht zu91.
90 Unter Interoperabilität versteht man, dass zwei oder mehr Systeme, Techniken oder Organisationen zusam>
menarbeiten können.
91 Suhr (2008) führt in dem von ihm definierten Benchmark zur Messung der Offenheit von IT-Artefakten
insgesamt fünf Kriterien auf: Unabhängigkeit, Kompatibilität, Interoperabilität, Verfügbarkeit und die feh>
lende Betroffenheit durch Patente.
50 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
Erst durch Innovationen in der Zusammenarbeit wird dies möglich sein. Dies skizziert Jollans
(2006) anhand des Begriff „Community Innovation“ bzw. des Konzept „Open Computing“
(siehe Abb. 6). Damit meint er das Zusammenspiel der drei Komponenten „Open Architec>
ture“, „Open Standards“ und „Open Source“, bei dem eine vollständige Interoperabilität er>
reicht werden kann. Das Ziel von „Open Computing“ ist die Flexibilität einer modularen Inte>
gration von Funktionalität sowie die Unabhängigkeit von Herstellern, sowohl bei der Hard-
als auch bei der Software.
Roy Fielding (2008), einer der Protagonisten beim Webserver Apache, fasst unter dem Be>
griff „Open Architecture“ – siehe dazu auch die wegweisende Dissertation von Oreizy
(2000) – Software zusammen, die sich in erster Linie durch offene Entwicklung und offene
Schnittstellen auszeichnet und so erst ein Ökosystem von Anbietern erlaubt. Fielding fasst er>
folgreiche (Open-Source-)Software mit dem Ansatz der „Open Architecture“ wie folgt zu>
sammen:
„a software architecture designed to promote anarchic collaboration through ex0
tensions while preserving control over the core interface “ (Fielding 2008, S. 17)
Als Beispiele nennt er unter anderem Emacs, den Apache Webserver, Mozilla Firefox sowie
den Linux-Kernel. Dieser Aufzählung hinzuzufügen ist auch das Eclipse-Projekt (O'Mahony
Abbildung 6: Open Computing
(nach Jollans 2006, S. 3)
3.4 Die dritte Phase: Strategie 51
et al. 2005). Dabei handelt es sich um Software, die man als Infrastruktur bezeichnen kann.
Auch Varian und Shapiro (2007) schließen sich der Ansicht von Fielding an. Ihrer Meinung
nach lässt sich das Ziel der Interoperabilität nur durch offene Standards erreichen. Zwar müs>
sen Standards an sich offen zur Verfügung stehen, damit sie überhaupt funktionieren können.
Eine offene Entwicklung sowie eine offene Anpassbarkeit sind jedoch nicht zwingend not>
wendig. Nur Standards, die alle diese drei Formen der Offenheit bieten und zudem nicht pa>
tentbehaftet sind, werden jedoch als offene Standards bezeichnet und z. B. von der EU unter>
stützt. Varian und Shapiro sehen zudem durch die offenen Standards eine nachhaltige Verän>
derung in der Strategie von IKT-Firmen:
„Offene Standards und Interoperabilität führen dazu, den Konkurrenzschwer0
punkt in der Computerindustrie vom Wettbewerb um den Standard auf den Wett0
bewerb innerhalb des Standards zu verlagern.“ (Varian und Shapiro 2007, S.
127)
Der von Chesbrough (2003) eingeführte Begriff der „Open Innovation“ versteht unter Offen>
heit grundsätzlich etwas anderes. Geöffnet werden sollen die Firmengrenzen dahin gehend,
dass einerseits Ideen von außerhalb aufgenommen werden und andererseits Innovationen, die
selbst nicht vermarktet werden, anderen (kostenpflichtig) zur Verfügung gestellt werden kön>
nen. Insofern ist der von Jollans verwendete Begriff „Community Innovation“ als Synonym
zu „Open Innovation“ zu verstehen.
Interoperabilität ist nicht nur das Ziel des „Open Computing“, sondern auch Voraussetzung
für das Funktionieren der „Community Innovation“. Diese Interoperabilität basiert wiederum
auf einer stabil funktionierenden Infrastruktur, die somit zunehmend von strategischer Bedeu>
tung wird.
3.4.2 Der Infrastrukturbegriff
Eine stabil funktionierende Infrastruktur ist für jede Gesellschaft und die in ihr agierenden In>
dividuen und Organisationen elementar. Es ist deshalb aus strategischer Sicht wichtig, in die>
sem Bereich neben der Stabilität auch eine möglichst große Unabhängigkeit von Entscheidun>
gen Dritter zu erreichen. Diese Unabhängigkeit kann insbesondere dadurch erreicht werden,
dass die Infrastruktur in die Allmende einfließt.
52 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
In der (digitalen) Allmende befindet sich auch Freie und Open-Source-Software. Dass der Er>
folg von FLOSS vorwiegend im Infrastrukturbereich gesehen wird, ist unter diesem Aspekt
nachvollziehbar. Dabei wird unter Infrastruktur im Softwarebereich diejenige Software ver>
standen, die auf einem Server läuft. Linux hat sich denn auch im Serverbereich einen be>
trächtlichen Marktanteil sichern können, auf dem Desktop bisher jedoch lediglich eine zu ver>
nachlässigende Rolle gespielt.92
In der IT-Fachwelt wird der Infrastrukturbegriff etwas weiter gefasst. Darunter ist eine tech>
nologische Infrastruktur zu verstehen, die Organisationen bereithalten, „damit überhaupt ge0
handelt werden kann“ (Lutterbeck 2007, S. 3). Neben der Hardware und dem Betriebssystem
zählen auch Applikationen für E-Mails, Bürokommunikation, Datendienste etc. dazu, die sich
sowohl auf dem Server als auch auf dem Client befinden können (z. B. Mailserver und
Mailclient).
Die Abbildung 7 unterscheidet nicht zwischen Software, die auf dem Server, und Software,
die auf dem Client läuft, sondern orientiert sich an der im vorherigen Absatz zitierten Defini>
92 Die MERIT-Studie (Ghosh 2006) geht z. B. von einem Linux-Marktanteil auf Servern von über 50 % aus.
Sie bezieht sich dabei auf eine Quelle aus dem Jahre 2005. Auf dem Desktop hingegen befindet sich Linux
derzeit auf der 1%-Schwelle (http://marketshare.hitslink.com/os-market-share.aspx?qprid=9 [17.08.2009]).
Abbildung 7: Software-Infrastruktur
3.4 Die dritte Phase: Strategie 53
tion von Lutterbeck. Betriebssystem und systemnahe Software können als Infrastruktur im en>
geren Sinne, die „Basis“-Anwendungssoftware als Infrastruktur im weiteren Sinne bezeichnet
werden. Beide dienen jedoch noch nicht der eigentlichen Geschäftstätigkeit, die stark von der
jeweiligen Art des Betriebes abhängt.
Unabhängigkeit im Infrastruktur-Bereich kann nicht alleine durch den Konsum von FLOSS
erreicht werden. Wie das Beispiel der vertikalen Integration im Deutschen Auswärtigen Amt
zeigt (Auener 2008), ist die durch die Freie Software gewährte Unabhängigkeit nur realisier>
bar, wenn man sich auch an den jeweiligen Projekten beteiligt. Diese Erkenntnis setzt sich im
Sinne eines Reifeprozesses allmählich durch und zeigt sich zunehmend in Strategien einer
wachsenden Anzahl von Unternehmen in- und außerhalb der IKT-Branche.
3.4.3 Ein Reifeprozess-Modell
Weder im Privatbereich noch im kommerziellen Umfeld ist es üblich, ausschließlich freie und
quelloffene Software zu nutzen und zu unterstützen. Vielmehr soll ein (Lern-)Prozess ange>
stoßen und verfolgt werden, in dem zu Beginn eher der kurzfristige Nutzen durch die Nutzung
von Open-Source-Software steht. Mit den positiven Erfahrungen und den wachsenden Be>
dürfnissen entsteht eine nahezu natürliche Entwicklung, sich als Firma oder Privatperson zu>
nehmend zu beteiligen. Dabei können vor allem Firmen ihre eigene Strategie aufbauen und
die eigenen Prozesse anpassen.93
Carbone (2006; 2007) hat über ein halbes Jahrzehnt hinweg erforscht, wie sich IT-Firmen hin
zur FLOSS-Bewegung orientieren. Daraus ist ein bisher weitgehend unbeachtetes, umfassen>
des Konzept entstanden, das sich in kommerziellen Firmen strategisch nutzen lässt. Die in
Abbildung 8 aufgezeichneten Schritte des Reifeprozess-Modells sind im Folgenden kurz er>
läutert.
93 Eine Übersicht zu den Strategien bietet z. B. West (2008).
54 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
Nutzen: Die Stufe des Nutzens basiert einerseits auf der Motivation, Kosten zu senken, ande>
rerseits auch darauf, die Phase „time to market“ zu verkürzen. Geführt wird der Open-Source-
Einsatz von technologisch orientierten Personen, die oft keine Managementfunktion haben.
Die Nutzung ist meist noch unkoordiniert und weitgehend unkontrolliert. Die Firmen begin>
nen jedoch oft damit, Open Source nicht nur anzuwenden, sondern auch voranzutreiben. Der
Nutzen für die Open-Source-Community ist in dieser Phase nahezu inexistent.
Beitragen: Die Motivation, zum Beitragenden zu werden, liegt darin, fehlende, aber selbst be>
nötigte Funktionalität hinzuzufügen sowie die Softwarequalität allgemein zu verbessern. Die
Firma passt ihr Verhalten in ersten Geschäftsbereichen an. Und die Führung wird von Pro>
duktmanagern oder Technologieverantwortlichen übernommen, die konkrete Codebeiträge
bestimmen und diese auch koordinieren. Die Beiträge können darin bestehen, Zeit zur Verfü>
gung zu stellen, geschriebenen Code herzustellen oder Geld zu spenden. Für die Open-
Source-Community liegt der Nutzen in mehr Funktionalität und einer besseren Softwarequali>
tät.
Champion: Erst mit dem Erreichen der dritten Stufe beginnt die strategische Auseinanderset>
zung mit Open-Source-Software. Geschäftsmodelle beginnen hier zu greifen. Zum Champion
wird, wer auf FLOSS ein Geschäftsmodell aufbaut und sich ein entsprechendes Know-how
Abbildung 8: Reifeprozess-Modell von Firmen in der Open-Source-Beteiligung
(nach Carbone 2007, S. 5)
3.4 Die dritte Phase: Strategie 55
erarbeitet. Champions fügen gezielt neue Funktionalität hinzu und fördern so eine evolutio>
näre Entwicklung des unterstützten Projektes. In dieser Stufe beginnt Open-Source-Software
zur „Chefsache“ zu werden und erreicht die höheren Managementebenen. Neben konkreten
Codebeiträgen wird auch gezielt im inneren Kern des Projektes mitgearbeitet, indem die Fir>
ma entsprechende Personalressourcen zur Verfügung stellt. Diese werden oft aus der Commu>
nity angeworben. Die Firma versucht gezielt, Kontrolle über das Projekt zu gewinnen, zumin>
dest wird es intensiv beobachtet. Die Koordination beschränkt sich nicht nur auf die eigenen
Angestellten, sondern über geeignete Maßnahmen (wie etwa gesponserte Aktivitäten) werden
auch externe Community-Mitglieder einbezogen. Zudem wird die Community beim Bekannt>
machen des Projektes unterstützt. Durch einen Champion wird ein Projekt stark vorangetrie>
ben, und durch dessen Engagement ist eine längerfristige Stabilität des Projekts gewährleistet.
Kollaboration: Durch die aktive Kollaboration versucht eine Firma gezielt, eine führende Po>
sition in der Community zu erreichen. Dies führt zu einem Marktvorteil für ein eigenes Pro>
dukt bzw. im eigenen Marktsegment. Die Führung wird vom strategischen und operativen
Verkaufsmanagement übernommen. Die geleisteten Beiträge werden somit einerseits von der
längerfristigen Strategie, andererseits von den aktuellen Kunden- und Marktanforderungen
bestimmt und werden zunehmend lösungs- anstatt „nur“ produktorientiert. Die kollaborieren>
de Firma versucht gezielt, den Markt und ihre Kunden in eine Open-Source-Richtung zu steu>
ern, um auch Redundanzen in der Software-Entwicklung innerhalb des ganzen IT-Segments
zu eliminieren. Sie investiert in Open Source und bekennt sich auch klar dazu. Die Open-
Source-Community erhält durch die Kollaboration ein größeres Gewicht und die so entwi>
ckelte Software kann gut zu einem Industriestandard werden. Der Entwicklungsprozess wird
zudem beschleunigt.
Neudefinition: Am Ende des FLOSS-Reifeprozesses steht eine Neudefinition des eigenen Ge>
schäfts, in deren Zentrum eine Änderung des Mehrwerts der Firma steht, den sie ihren Kun>
den offeriert. Vorangetrieben wird der Prozess vom Top-Management sowie den Technolo>
gie-Verantwortlichen (CTO). Neben den konkreten Codebeiträgen zu den für das eigene Ge>
schäft relevanten Projekten wird auch in Werkzeuge investiert, die das Arbeiten in und mit
Open Source vereinfachen. Mithilfe eines neuen Partnernetzwerks und neuer Geschäftsmodel>
le werden den Kunden zunehmend Lösungen auf Open-Source-Basis angeboten. Die Commu>
nity gewinnt dadurch einen großen Pool an Beitragenden, und aufgrund des neuen Partner>
56 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
netzwerkes entstehen neue Optionen in der Zusammenarbeit mit anderen Projekten sowie in
der Rekrutierung neuer Community-Mitglieder.
Zusammenfassend betont Carbone, dass der von ihm beschriebene Reifeprozess weder eine
rein technologische noch eine isoliert unternehmensstrategische Entwicklung ist, sondern
gleichzeitig auf den Ebenen Technologie, Geschäft und Markt Auswirkungen zeigt.
In der Abbildung 9 wird deutlich, dass der durch ein einzelnes Unternehmen generierte Mehr>
wert aufgrund der strategischen Unterstützung von FLOSS zunimmt und sich über das Öko>
system und die freie Lizenz der Software auch auf den Markt im Gesamten ausweitet. Ein Un>
ternehmen, das FLOSS aus strategischer Sicht unterstützt, ist somit ein Katalysator in seinem
Segment. Der Prozess, der bereits unter Bezugnahme auf Schumpeter (1961) in der Aus>
gangslage (Kapitel 1.1) beschrieben wurde, ist folglich nicht nur aus unternehmerischer, son>
dern auch aus Sicht einer Volkswirtschaft interessant, da er globales Wachstum generieren
kann. Dies wird durch zahlreiche andere Studien bestätigt (siehe z. B. Ghosh 2006).
Allerdings gibt es bislang noch keine konkrete Klassifizierung von Firmen in diesem Modell.
In einer persönlichen E-Mail an den Verfasser hat Carbone seine aktuellen, noch nicht
publizierten Datenanalysen zumindest dahin gehend erklärt, dass aufgrund der heutigen
Situation Anzeichen dafür bestehen, IBM hätte die Stufe der Neudefinition erreicht (Carbone,
Abbildung 9: Betriebs- und volkswirtschaftliche Auswirkungen
des Reifeprozess-Modells (nach Carbone 2007, S. 10)
3.4 Die dritte Phase: Strategie 57
persönliche Kommunikation 2008).
3.4.4 Mitarbeit in kommerziellen Firmen
Firmen, die ihre Strategie partiell oder vollständig auf FLOSS ausrichten, sehen sich insbe>
sondere zwei Herausforderungen in der alltäglichen Zusammenarbeit gegenüber. Zum einen
gilt es, die eigene Mitarbeit an die Regeln der Community anzupassen. Zum anderen muss die
Firma weiterhin darauf bedacht sein, dass sie ihre Interessen wahrnimmt. Dahlander und
Magnusson (2006) haben anhand von vier Fallstudien mit skandinavischen Open-Source-Fir>
men festgestellt, dass es für Projekte, die stark von Firmen dominiert sind, schwierig ist, Frei>
willige zu rekrutieren und zu halten. Offensichtlich fühlen sie sich durch die Firmenbeteili>
gung irritiert. Die Autoren schließen daraus, dass nur ein symbiotisches Verhalten der Firmen
gegenüber der Community zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell führt.
Henkel (2009) sieht in den eher seltenen Fällen, in denen sich ein angestellter FLOSS-Ent>
wickler mit der Ideologie der Freie-Software-Bewegung identifiziert, einen Prinzipal-Agen>
ten-Konflikt94. Ansonsten verhalten sich die Entwickler – seinen umfassenden empirischen
Daten gemäß – durchaus im Interesse ihres Arbeitgebers. Dem widersprechen zwei Studien
(Dahlander und Magnusson 2006; Rossi und Bonaccorsi 2006) und konstatieren, dass das Ge>
dankengut aus der Open-Source-Bewegung durchaus in die Unternehmen fließt:
We can reasonably conclude that the social dimension of the Open Source move0
ment has a chance to survive to its evolution into an economic reality through in0
dividuals that transfer hacker culture to Open Source companies. (Rossi und
Bonaccorsi 2006, S. 103)
Dahlander und Magnusson bewerten diesen Transfer nur als bedingt positiv, da die Unterneh>
men dieses für eine Firma fremde Gedankengut in der Regel nicht als solches erkennen und
deshalb in ihren Entscheidungen fehlgeleitet werden können:
94 Die Prinzipal-Agenten-Theorie ist Bestandteil der Neuen Institutionenökonomik (North 1990; 1992). Sie
geht davon aus, dass in einer Vertragssituation – u. a. in einem Anstellungsverhältnis – jeder Akteur seinen
individuellen Nutzen optimieren möchte. Dies wird jedoch dadurch erschwert, dass nur beschränkt Infor>
mationen über die Ziele und das geplante Handeln des Gegenübers vorhanden sind. Diese „Asymmetrie der
Informationen“ kann sowohl der Prinzipal (Auftraggeber) als auch der Agent (Auftragnehmer) ausnutzen,
was zu Konflikten führen kann.
58 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
However, in the case of OSS firms, we can see that the norms and values of the
open source movement are not only diffused in OSS communities, but often also
influence management in OSS firms, and there is thus a potential risk that the so0
cial capital in this specific setting potentially biases decisions and limits the acti0
ons of these specific firms. This points to the necessity for OSS firms to consider
their social capital as a resource that can be both positive and negative, and con0
sequentely the need to deliberately manage these structures. (Dahlander und
Magnusson 2006, S. 115)
Sie listen deshalb sieben Management-Herausforderungen auf, die sich für die Firmen auf>
grund ihrer Zusammenarbeit mit einer FLOSS-Community ergeben:
–Respektierung der Normen und Werte der Community
–Förderliche Verwendung der Lizenzen
–Attraktive Rekrutierungsstrategien für Entwickler und Nutzer
–Verwaltung des Ressourcenverbrauchs in Bezug auf die Community-Arbeit
–Zusammenführung von Freiwilligen- und entlohnter Arbeit
–Lösung von Spannungen in Bezug auf Kontrolle und Besitzanspruch
–Akzeptanz für die Verwendung von FLOSS in einem kommerziellen Geschäftsmodell
sowie die Vermeidung von direkten Konflikten
Für ein nachhaltig erfolgreiches Geschäftsmodell mit FLOSS kann es sich eine Firma kaum
leisten, vollständig von den Entscheidungen und dem Goodwill einer unabhängigen Gemein>
schaft abhängig zu sein.95 Sie wird deshalb versuchen, ihren Einfluss auf die jeweiligen Pro>
jekte zu erhöhen. Dies kann sie einerseits sehr direkt erreichen, indem sie Code beisteuert. Da
die Communities in der Regel meritokratisch funktionieren, erreicht sie dies, indem eine Fir>
ma Softwareentwickler vorrangig an einem Projekt arbeiten lässt. Leisten diese Personen qua>
litativ und quantitativ gute Arbeit, so gewinnen sie zudem eine Reputation in der Community
(Raymond 1999; Lerner und Tirole 2002), die auch auf die Firma übergeht. Ziel ist es dabei,
zentrale Positionen zu besetzen, um zumindest teilweise Ressourcen managen zu können,
ohne im juristischen Sinne Besitzansprüche zu haben:
95 Ein wichtiger Grund zur Unterstützung von FLOSS ist ja bei vielen Firmen auch die Eliminierung von Ab>
hängigkeiten gegenüber anderen Firmen, wie etwa gegenüber Microsoft.
3.4 Die dritte Phase: Strategie 59
„Access to communities allows firms to get access to resources that cannot be
bought in the market.“ (Dahlander und Wallin 2006, S. 1247)
Die im Kapitel 3.2.1 beschriebene Hierarchie innerhalb von FLOSS-Projekten, bestehend aus
der Kerngruppe, den Beitragenden sowie den Benutzern, bekommt aus Sicht der Firmen neue
Facetten. Wie Dahlander und Wallin in ihrem Artikel „A Man on the Inside: Unlocking com>
munities as complementary assets“ (2006) belegen können, haben bezahlte FLOSS-Entwick>
ler tendenziell ein größeres Netzwerk. Sie argumentieren, dass es sich um eine Strategie der
Firmen handelt, die aufgrund der fehlenden Besitzansprüche verlorene Kontrolle auf diesem
Weg zumindest teilweise wiederzuerlangen. Während es in kleineren FLOSS-Communities
noch relativ einfach ist, diesen zentralen Status zu erhalten, ist dies bei größeren Projekten
wie dem Linux-Kernel nicht der Fall, sondern es bedarf meist mehrerer Jahre der engagierten
Mitarbeit. Es ist deshalb bei großen IKT-Firmen auch durchaus gebräuchlich, diesen „man on
the inside“ aus der Community „einzukaufen“. Diese Praxis haben z. B. Novell/Suse mit Greg
Kroah-Hartman und Red Hat mit Alan Cox praktiziert. Dass es daneben auch ein wesentlicher
Erfolgsfaktor für den Einsatz von FLOSS ist, das entsprechende Know-how intern aufzubau>
en, zeigt das Beispiel der vertikalen Integration des Auswärtigen Amts in Deutschland
(Auener 2008).
Dahlander und Magnusson (2006) erachten es zudem als plausibel, dass sich freiwillige viel
mehr als angestellte Softwareentwickler an intrinsischen und sozialen Motiven orientieren.
Diese These wird durch Luthiger Stoll (2006) unterstützt, der empirisch belegen konnte, dass
Softwareentwicklung im Community-Umfeld mehr Spaß macht als in einem kommerziellen
Umfeld.
3.4.5 Zwischenfazit
Freie und Open-Source-Software ist mittlerweile Mainstream. Es gibt kaum eine namhafte
IKT-Firma, die keine Open-Source-Software einsetzt bzw. sich nicht an Open-Source-Projek>
ten beteiligt. Jedoch ist die Anzahl derjenigen Firmen noch in der Minderheit, die in Bezug
auf FLOSS eine proaktive Strategie verfolgen (Laisné 2008). Die meisten Institutionen dürf>
ten sich in einem „FLOSS-Reifeprozess“ befinden. Sie sehen die Berechtigung freier Softwa>
re im gesamten Softwareportfolio und sind zunehmend weniger opportunistisch in ihrer dies>
60 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
bezüglichen Wahl. Sie nutzen und fördern FLOSS aus strategischen und weniger aus kosten>
senkenden Gründen. Open-Source-Software wird zudem strategisch in den größeren Zusam>
menhang des Konzepts des „Open Computing“ gesetzt.
Die bisherige fachliche und wissenschaftliche Diskussion konzentriert sich dabei jedoch stark
auf die relativ jungen OSS-Firmen und vernachlässigt dabei die Besonderheiten der etablier>
ten IKT-Firmen. Insbesondere die Rolle der in einem Angestelltenverhältnis wirkenden Open-
Source-Entwickler wird, wenn überhaupt, nur aus der Firmensicht betrachtet. Die Sicht der
Individuen wurde bislang hingegen kaum beleuchtet.
3.5 Konklusion zum Stand der Diskussion
Die Diskussion zu Open-Source-Software hat sich in einer Frühphase vor allem mit den
spezifischen Fragen der Freiwilligkeit innerhalb der Community befasst. Neben der Frage der
Motivation der Beitragenden stand dabei auch das spezifische Entwicklungsmodell, vor allem
in Bezug auf die selbst organisierende Koordination, im Zentrum. Mit der zunehmenden Ver>
breitung der Software hat sich der Fokus auf die Wirtschaftlichkeit sowohl auf Seiten der
Nachfrage als auch des Angebots verlegt. Auf der Nachfrageseite versuchte man zu belegen,
dass die Gesamtkosten von Open Source gegenüber proprietärer Software niedriger sind. Auf
der Angebotsseite wurden Möglichkeiten, Nutzen und Risiken der Open-Source-Geschäfts>
modelle erforscht. In jüngerer Zeit wird zunehmend auch im strategischen Bereich geforscht,
einerseits aus volkswirtschaftlicher, andererseits aus unternehmerischer Sicht. Vor allem die
EU fördert Open-Source-Software aus Gründen der Unabhängigkeit der Regierungen gegen>
über (vornehmlich amerikanischen) Konzernen.
Die drei zentralen Begriffe „Idealismus“, „Pragmatismus“ bzw. „Strategie“ wurden bis hier>
hin unabhängig voneinander präsentiert und diskutiert, d. h., Wechselwirkungen zwischen den
drei Phasen sind kaum berücksichtigt. Diese Beschränkung führt dazu, dass das „Phänomen
Open-Source-Software“ nicht in seiner ganzen Tragweite erfasst werden kann bzw. die
Argumentation eindimensional bleibt.
Die wechselseitigen Beziehungen lassen sich schematisch wie folgt darstellen:
3.5 Konklusion zum Stand der Diskussion 61
Während die farbigen Bereiche in der Abbildung 10 bereits in den drei Phasen beschrieben
wurden, sind die grau dargestellten Wechselwirkungen in der Diskussion bisher weitgehend
vernachlässigt worden.
Angesichts eines generellen Mangels an empirischen Daten zu Open-Source-Software – ins>
besondere im unternehmerischen Umfeld – beschränken sich die wenigen Studien, die sich
den Wechselwirkungen gewidmet haben, auf kleinere, sogenannte Open-Source-Companys.
Empirische Daten zu global agierenden Konzernen fehlen fast vollständig. Zusätzlich fand die
Diskussion dabei weitgehend aus Sicht der Firmen statt. Forschung über die Angestellten, die
sich im Spannungsfeld zwischen den pragmatischen und strategischen Interessen ihres Arbeit>
gebers und den eher ideellen Werten der Community befinden, gibt es wiederum nur für klei>
ne Firmen, aber nicht für die großen Konzerne. Diese stellen allerdings die Mehrzahl der Ent>
wickler zur Verfügung.
Basierend auf dieser Konklusion soll in dieser Dissertation ein Beitrag dazu geleistet werden,
dass einerseits empirische Ergebnisse generiert werden – diesbezüglich gibt es bis dato ein
Ungleichgewicht zugunsten theoretischer Arbeiten. Andererseits sollen die Wechselwirkun>
gen mit einem Fokus auf die Softwareentwickler von IKT-Konzernen untersucht werden.
Abbildung 10: Wechselwirkungen im Open-Source-Ökosystem
62 3 Open-Source-Software – Stand der Diskussion
3.6 Forschungsfragen
Aufgrund der in der Konklusion beschriebenen Forschungslücke liegt der Fokus in dieser Stu>
die auf der unternehmerischen Sicht der Open-Source-Softwareentwicklung, insbesondere in
großen, etablierten IT-Unternehmen. Dieser Fokus basiert auf der Prämisse, dass gerade diese
Firmen die Open-Source-Software entscheidend vorwärtstreiben.
Wie u. a. die Forschungsstudien von Rossi und Bonaccorsi (2006) sowie Dahlander und
Magnusson (2006) anhand von kleinen „Open-Source-Firmen“ aufzeigen, löst die Mitarbeit
an freien Softwareprojekten in einem kommerziell orientierten Umfeld verschiedene betriebli>
che Prozesse und mitunter auch Unstimmigkeiten aus. Interessant wird sein, wie sich dies in
großen Firmen auswirkt. Hier setzt die vorliegende Studie mit den folgenden Forschungsfra>
gen an:
1. Wie gestaltet sich die Arbeit von Open-Source-Entwicklern innerhalb großer IKT-
Firmen? Welche Unterschiede zur „Closed-Source“-Entwicklung gibt es?
2. Welche Spannungsfelder ergeben sich zwischen der Open-Source-Community und
großen IKT-Firmen?
3. In welchem Ausmaß beteiligen sich große IKT-Firmen an der Open-Source-
Softwareentwicklung, und wie lässt sich dieser Beitrag quantifizieren?
Aufgrund der Tatsache, dass dieses Feld bisher weitgehend unerforscht ist, war es die Ab>
sicht, das Thema im Sinne der Grounded Theory (Glaser und Strauss 1967) möglichst offen
und unvoreingenommen anzugehen. Es war deshalb wichtig, sich nicht durch eine eng gefass>
te Fragestellung einzuschränken und mögliche Erkenntnisse im Feld dadurch auszuschließen
(Eisenhardt 1989).
Während der Datenerhebung und der iterativ geführten Datenanalyse hat sich in der Folge
eine wichtige neue Frage herauskristallisiert:
4. Anhand welcher Dimensionen lassen sich Open-Source-Entwickler in großen IKT-Fir>
men charakterisieren und welche Idealtypen ergeben sich daraus?
Teil II: Methodisches Konzept
4 Methodische Hinführung
4.1 Fallstudien-Design
Da zu der Fragestellung dieser Studie bislang noch keine empirischen Daten vorliegen, ist ein
exploratives Vorgehen angemessen. Im Bereich von Open-Source-Software in großen IKT-
Firmen zu forschen heißt auch, dass nur eine beschränkte Anzahl von Firmen für die Datener>
hebung zur Verfügung steht. Demnach bietet sich das Design der Fallstudie an. Als Fallstudie
bezeichnet man eine holistische Untersuchung, die ein aktuelles Phänomen in seiner natürli>
chen Umgebung betrachtet. Unter holistisch versteht man dabei, dass durch die Sammlung
und Analyse von detaillierten Daten, die aus unterschiedlichen Quellen wie Interviews, Doku>
menten und Berichten stammen, ein ganzheitliches Bild gewonnen wird. Gemäss Yin (2003)
bietet sich ein Fallstudie generell an,
„when ,how' or ,why' questions are beeing posed, when the investigator has little
control over events, and when the focus is on a contemporary phenomenon within
some real-life context.“ (Yin 2003, S. 1)
Als Fall wird die Entwicklung des Linux-Kernels gewählt. Einerseits handelt es sich um eines
der erfolgreichsten Open-Source-Projekte insbesondere im unternehmerischen Umfeld. Dies
betrifft sowohl die Verbreitung als auch die Anzahl der beteiligten Personen und Unterneh>
men. Diese Breite ermöglichte es denn auch, für die Datenerhebung mehrere Firmen anzufra>
gen und für die Datenpräsentation dennoch die gewünschte Anonymität gewähren zu kön>
nen.96
Der Linux-Kernel interessiert nicht primär als Fall an sich. Er soll als ein typischer Fall unter>
sucht werden, um das „Phänomen“ der Firmenbeteiligung an Open-Source-Software besser zu
verstehen. Stake (1994) nennt eine solche, auf das generelle Verständnis einer übergeordneten
Fragestellung gerichtete Fallstudie instrumentell. Im Gegensatz dazu steht die intrinsische
Fallstudie, die aus Interesse am einzigartigen Phänomen des konkreten Falls gewählt wird.
96 Ursprünglich war es vorgesehen, den Fall einer Firma unter Berücksichtigung mehrerer Open-Source-Pro>
jekte zu betrachten. Allerdings konnte dafür kein Unternehmen gewonnen werden. Deshalb wurde der Fall
umgekehrt konstruiert: Die Betrachtung eines Projekts aus der Sicht von mehreren Firmen.
66 4 Methodische Hinführung
Setzt sich eine Fallstudie aus mehreren (instrumentellen) Fällen zusammen, so nennt man dies
eine multiple oder kollektive Fallstudie. Yin (2003) beschreibt dies als analytische Generali>
sierung im Gegensatz zur statistischen Generalisierung. Zur Beantwortung der (dritten) Frage,
welchen Beitrag große IKT-Firmen für Open-Source-Software leisten – und wie dieser Bei>
trag konkret aussieht –, und um ein vertieftes Wissen über die Firmenbeteiligung zu erlangen,
wurden im Sinne der Triangulation die Logfiles des Linux-Kernels quantitativ analysiert (Ka>
pitel 5). Daneben wurde in dieser Studie aufgrund des eingangs erwähnten fehlenden empiri>
schen Datenbestandes ein exploratives, qualitatives Vorgehen gewählt (Kapitel 6). Kruse cha>
rakterisiert die qualitative Forschung wie folgt:
„Qualitative Forschung
–will komplexe soziale Sachverhalte verstehen
–rekonstruiert subjektive Deutungsmuster
–hält das eigene Vorverständnis möglichst weit und lange zurück
–versteht Deutungen und subjektive Sichtweisen
–gestaltet sich nach dem Prinzip der Offenheit
–offene Fragen, die Antworten sind Texte
–kleine Stichproben“ (Kruse 2006, S. 5)
Um die Exploration möglichst offen und kreativ zu gestalten, wird der pragmatische Ansatz,
wie er von Kathleen M. Eisenhardt in „Building Theories from Case Study Research“ (1989)
dargelegt wurde, gewählt. Dieser Forschungsansatz zeichnet sich durch sein iteratives Vorge>
hen und die starke Bindung an die empirischen Daten aus und ermöglicht somit einen konti>
nuierlich vergleichenden Prozess zwischen Datenerhebung und -analyse. Des Weiteren zeich>
nen sich die aus diesem Forschungsansatz resultierenden Theorien meist durch Neuartigkeit,
Überprüfbarkeit sowie empirische Gültigkeit aus.
4.2 Gütekriterien qualitativer Forschung
Ob quantitativ oder qualitativ, jegliche seriöse Forschung muss in Bezug auf die verwendeten
Verfahren wissenschaftlich anerkannte Kriterien erfüllen. Die wichtigsten Kriterien sind Si>
gnifikanz, Kompatibilität von Theorie und Beobachtung, Generalisierbarkeit, Konsistenz, Re>
produzierbarkeit, Präzision und Verifikation (Strauss und Corbin 1996). Lincoln und Guba
4.2 Gütekriterien qualitativer Forschung 67
(1985) subsumieren die von ihnen definierten Gütekriterien unter dem Begriff
„Trustworthiness“ (Vertrauenswürdigkeit). Unter Berücksichtigung mehrerer Autoren können
die Beurteilungskriterien von qualitativer Forschung wie folgt skizziert werden:
1. Da der Forscher explizit als beeinflussender Teilnehmer betrachtet wird, müssen die
Kriterien einerseits durch die Person des Forschers (Bekanntheit, Erfahrung im Feld,
Sensibilität) gewährleistet werden (Altheide und Johnson 1994). Andererseits kann
durch Methoden wie Triangulation (Denzin 1989) oder die Wahl von Extrem- und
Kontrastfällen (Strauss und Corbin 1996) die angestrebte Güte in der Datenerhebung
erreicht werden.
2. Die Angemessenheit des Forschungsprozesses zeichnet sich aus durch die Indikation
des qualitativen Vorgehens, der Methodenwahl, der Transkriptionsregeln, der Samp>
lingstrategie sowie der Komplementarität der Einzelentscheidungen (Steinke et al.
2000). Gelegentlich wird auch der Begriff der „Gegenstandsangemessenheit“ verwen>
det.
3. Die empirische Verankerung der Forschungsergebnisse bedeutet, dass die Bildung so>
wie die Überprüfung der Theorien in den Daten begründet sein muss, wobei sowohl
Verifikation als auch Falsifikation möglich ist (Steinke et al. 2000).
Zwar finden sich in den oben aufgeführten Punkten die erwähnten allgemeinen wissenschaft>
lichen Kriterien wieder, insbesondere zwei Begriffe führen aber immer wieder zu Methoden>
diskussionen und sollen deshalb in der Folge noch etwas detaillierter erläutert werden. Wäh>
rend bei quantitativen Methoden die Generalisierbarkeit der Forschungsergebnisse mit reprä>
sentativen Stichproben möglich ist, bedeutet die Generalisierbarkeit bei der qualitativen For>
schung, dass die Ergebnisse auf die bestimmten, erforschten Situationen bezogen verallgemei>
nerbar sind (Stake 1994). Durch ein systematisches und möglichst umfassendes Sampling
können mehr Variationen entdeckt und die Generalisierbarkeit kann somit verbessert werden
(Strauss und Corbin 1996).
Die Forderung nach Reproduzierbarkeit ist eine Forderung nach Überprüfbarkeit. Allerdings
kann diese Validierung nicht nur durch Reproduktion erreicht, sondern auch durch eine trans>
parente Nachvollziehbarkeit der Forschung gewährt werden. Steinke (2000) nennt dies die in>
tersubjektive Nachvollziehbarkeit anstelle der intersubjektiven Überprüfbarkeit. Diese unter>
68 4 Methodische Hinführung
schiedliche Herangehensweise begründet sich in der Erkenntnis, dass sich z. B. kein Inter>
view, das nicht vollständig standardisiert ist, identisch wiederholen lässt, nicht durch densel>
ben Interviewer, und schon gar nicht durch einen anderen Forscher.97
97 Eine ganz andere Frage ist, ob sich bei quantitativer Forschung und standardisierten Interviews diese Repli>
kation tatsächlich gewährleisten lässt.
5 Quantitative Erhebung der Linux-Kernel-Logfiles
„The Linux kernel is one of the most popular Open Source development projects,
and yet not much attention has been placed on who is doing this development,
who is sponsoring this development, and what exactly is being developed.“
(Kroah-Hartman 2007, S. 239)
5.1 Ausgangslage
Bei jedem Release des Linux-Kernels, also alle zwei bis drei Monate, werden von Jonathan
Corbet mit Unterstützung von Greg Kroah-Hartman aktuelle Statistiken generiert und auf
lwn.net publiziert und kommentiert.98 Dabei werden neben einigen Totalzahlen die aktivsten
Entwickler und Firmen nach „changesets“, also in sich schlüssigen Änderungen, die gemäß
der Richtlinien möglichst granular sein sollten, sowie nach „changed lines“99 aufgelistet. Zu>
dem werden auch die „sign-offs“ ausgewertet, die als „Gatekeeper“ angesehen werden, eine
etwas freiere Definition als „Maintainer“.
Die Erstellung der Statistiken ist dabei weitgehend durch das Skript gesteuert. Einerseits bie>
tet das „Git“, die von Linus Torvalds speziell für die Linux-Community geschriebene Reposi>
tory-Software, Kommandos zur Erstellung von Logfiles, die die benötigten Daten standardi>
siert enthalten. Andererseits werden die Statistiken darauf aufbauend von Python100-Scripts
generiert. Für die Zuteilung der Entwickler zu den Firmen gibt es eine Liste. Ganz im Sinne
der Freien Software stehen die Programme unter der GPL und somit öffentlich zur Verfü>
gung, wobei ein Teil der Entwickler-Firmen-Zuteilung auf Wunsch der Entwickler „privat“
gehalten wird.
98 Siehe etwa http://lwn.net/Articles/264440/ [10.08.2009], wo auch die Top-Entwickler und -Firmen für das
Jahr 2007 aufgelistet sind.
99 Die „changed lines“ enthalten sowohl die effektiv abgeänderten als auch die hinzugefügten und gelöschten
Codezeilen. Lediglich umbenannte Files, die grundsätzlich als gelöschte (alter Filename) und hinzugefügte
(neuer Filename) Zeilen gezählt werden, werden dabei herausgefiltert. Dies kann durch einen Parameter bei
der Erstellung der Logfiles sehr einfach erreicht werden.
100 Python (http://www.python.org/ [12.08.2009]) ist eine sogenannte Scriptsprache, die den Anspruch auf
Einfachheit und Übersichtlichkeit hat und offen für verschiedene Programmierparadigmen ist. Sie ist insbe>
sondere in der Open-Source-Community sehr beliebt.
70 5 Quantitative Erhebung der Linux-Kernel-Logfiles
Wie jegliche Softwaremetrik können auch diese Statistiken der Realität nur nahekommen. Ei>
nige (bekannte) Probleme dabei sind:
1. Ein „changeset“ bzw. die Anzahl der geänderten Zeilen sagt nichts aus über den tat>
sächlichen Zeitaufwand für den geleisteten Beitrag. Näher kann man allerdings nicht
kommen, außer man befragt jeden Entwickler zu jedem seiner Beiträge einzeln, was
abgesehen von der wohl fehlenden Bereitschaft der entsprechenden Personen auch an
dem unverhältnismäßigen Aufwand scheitern muss. Und auch dann würde man ledig>
lich eine „gefühlte“ und keine gemessene Statistik erhalten.
2. Die Auswertungen basieren stark auf den E-Mail-Adressen. Da diese aber nur als frei>
er Text vorhanden sind, besteht eine Unschärfe, die sich nur durch zeitintensive Hand>
arbeit zumindest größtenteils beheben lässt. Bei einer zweimonatigen Periodizität ist
dies ein kaum durchführbares Vorgehen.
3. Jeder „changeset“ kann nur einem Autor zugeschrieben werden, auch wenn mehrere
daran gearbeitet haben.
4. Da nur der Hauptentwicklungszweig betrachtet wird, werden Bugfixes (Maintenance)
auf stabile Releases nicht berücksichtigt.
5. Änderungen in der Anstellung innerhalb der Auswertungsperiode können aufgrund
der eindimensionalen Liste nicht berücksichtigt werden. Eine echte Datenbank für die
Firmenzuteilung ist jedoch nicht erwünscht, wie in einem Artikel auf lwn.net erwähnt
wird.101
6. In einer offenen Community sind nicht alle Personen bekannt. So erscheint in der Fir>
menstatistik immer eine Position „(Unknown)“, die diese unbekannten Personen ent>
hält. In den aktuellsten Auswertungen haben die von Unbekannten gelieferten Patches
eine Größenordnung von etwas über 10 %102, was doch nicht zu vernachlässigen ist.
Da viele Personen einen einmaligen Beitrag leisten, lässt sich diese Problematik auch
nicht durch permanente Erweiterung der Liste lösen.
101 Siehe http://lwn.net/Articles/264440/ 10.08.2009].
102 Da es sich bei den unbekannten Beitragenden in der Regel um eher kleine Beiträge handelt, ist der Anteil
der nicht bekannten Personen gar über 20 %.
5.1 Ausgangslage 71
7. Das „Signed-off-by“-Tag wird sehr unterschiedlich interpretiert.103
Um in der Frage der Firmenbeteiligungen am Linux-Kernel etwas weiter zu gehen, als es mit
einer puren Auflistung möglich ist, sowie um einige der oben erwähnten Probleme zumindest
teilweise zu beheben, hat sich der Verfasser dazu entschlossen, eine – auf den vorhandenen
Werkzeuge basierende – eigene, einmalige Auswertung vorzunehmen.
5.2 Sampling
Analysiert wurde das gesamte Jahr 2007 (1. Januar bis 31. Dezember).104 Berücksichtigt wur>
de in erster Linie das Sourcecode-Verzeichnis (Repository) 2.6 von Linus Torvalds (wird in
der Folge als „Entwicklung“ bezeichnet und in den Beschriftungen meist weggelassen), da
dieses die aktuelle „offizielle“ Kernel-Entwicklung beinhaltet. Zusätzlich wurden auch die
stabilen Releases der 2.6er-Linie105 analysiert, um Aussagen über die Wartung machen zu
können (wird in der Folge explizit als „Wartung“ bezeichnet). Für diesen Zweck wurden
sämtliche Repositorys106, die Änderungen im Jahr 2007 enthielten107, auf den eigenen Rechner
kopiert108, und mithilfe der in der Versionsverwaltungs-Software bereits enthaltenen Funktio>
nalität wurde ein Logfile erstellt109.
103 Siehe dazu z. B. den Kommentar unter http://lwn.net/Articles/266004/ [10.08.2009].
104 Aufgrund der Tatsache, dass die von der Linux Foundation publizierten Berichte zum Stand der Linux-
Kernel-Entwicklung von 2008 und 2009 keine nennenswerten Unterschiede aufweisen (Kroah-Hartman et
al. 2008; 2009), kann angenommen werden, dass die dieser Studie zugrunde liegenden Daten von 2007
auch zwei Jahre später noch aktuelle Ergebnisse erlauben.
105 Es wird auch noch die 2.4er-Linie gewartet, dies basiert allerdings auf der „privaten“ Initiative von Willy
Tarreau.
106 Eine Liste aller privaten und offiziellen Repositorys findet sich unter http://git.kernel.org/ [10.08.2009].
107 Stichdatum war der 8. Januar 2008.
108 Das Vorgehen ist im Internet sehr genau beschrieben und funktionierte problemlos (mit Ausnahme eines
Repositorys, bei dem ein Lesefehler auftrat). Nach mehreren Versuchen entschloss sich der Verfasser um
21 Uhr, eine E-Mail an den Verantwortlichen in den USA zu senden. Zehn Minuten später antwortete Greg
Kroah-Hartman – Angestellter von Novell/Suse – bereits, dass er den Fehler reproduzieren konnte. Das
Problem ging nun weiter an Willy Tarreau in Frankreich, seinerseits Mitgründer und -inhaber der Linux-
Firma Exosec. Nach über zwei Stunden Fehlersuche, kurz vor Mitternacht, gab dieser auf und fragte Linus
Torvalds, Angestellter der Non-Profit-Organisation Linux-Foundation in den USA, um Hilfe. Um ein Uhr
morgens erhielt der Verfasser die Nachricht von Willy Tarreau, dass Torvalds den Fehler gefunden hätte
und er ihn sofort korrigieren würde. Den Dank per E-Mail am folgenden Morgen um acht Uhr beantwortete
er erneut innerhalb von Minuten und stellte das Geschehene als „normal“ und selbstverständlich dar. Er
dankte dem Verfasser für das Auffinden und Melden des Fehlers. Diese Anekdote zeigt die offen prakti>
zierte Arbeitsteilung sowie das große Berufsethos der Linux-Kernel-Community.
109 Das Kommando dazu lautet git log --since=2007-01-01 --until=2007-12-31 --no-
merges --no-renames -M -C --find-copies-harder --ignore-all-space
--pretty=medium --numstat >log-2.6.txt, wobei man dazu im Rootverzeichnis des jeweili>
gen Repositorys stehen muss. Eine Beschreibung der Parameter findet sich unter
72 5 Quantitative Erhebung der Linux-Kernel-Logfiles
5.3 Datenerhebung
Die Struktur der Log-Daten lässt es zu, dass die Autoren und Reviewer der einzelnen Beiträge
klar erkennbar sind und somit weitgehend maschinell ausgewertet werden können. Typischer>
weise sieht die Beschreibung eines „changesets“ wie folgt aus:
1commit ed2c12f323e8fafbc94f9bcfb924f9df36e64dc7
2 Author: Andrew Morton <[email protected]>
3Date: Thu Jul 19 01:50:35 2007 -0700
4
5 kernel/sysctl.c: finish off the warning comments
6
7 I've been chasing these comments around this file all week.
8 Hopefully we're straight now.
9
10 Signed-off-by: Andrew Morton <[email protected]>
11 Signed-off-by: Linus Torvalds <[email protected]>
12
13 4 1 kernel/sysctl.c
Zeile 1 enthält die eindeutige Identifikation für den „changeset“. Dieser wurde benötigt, um
einen Patch, der in mehreren Repositorys vorhanden ist, zu eliminieren.110 In der zweiten Zei>
le steht der Autor mit Namen und E-Mail-Adresse; es wurde nur die E-Mail-Adresse extra>
hiert. Das Datum aus Zeile 3 sowie der folgende Kommentar (Zeilen 4-9, inkl. Leerzeilen)
waren für die vorliegende Analyse nicht relevant. In den Zeilen 10 und 11 sind die Reviewer
enthalten; die Zeile beginnt jeweils mit „Signed-off-by:“ bzw. „Acked-by:“ und enthält in der
Folge wiederum Namen und E-Mail-Adresse. Da sich die vorliegende Analyse ausschließlich
mit den Autoren beschäftigt, sind diese Informationen auch nicht von zentraler Bedeutung. Zu
Kontrollzwecken wurden sie jedoch ebenfalls extrahiert und situativ ausgewertet, um allfälli>
ge Unterschiede festzustellen. In der Zeile 13 ist das geänderte Sourcefile erwähnt – in ande>
ren „changesets“ sind durchaus auch mehrere Files aufgelistet, jedes in einer neuen Zeile. Die
erste Zahl nennt die hinzugefügten, die zweite die gelöschten Zeilen, wobei eine Änderung als
eine hinzugefügte und eine gelöschte Zeile erscheint. Berücksichtigt wurden hier nur die hin>
zugefügten Zeilen. Dies lässt sich dadurch begründen, dass nur so bei einer weitgehend ma>
schinellen Auswertung gewährleistet werden kann, dass eine geänderte Zeile nicht doppelt in
der Statistik erscheint. Zudem lässt sich argumentieren, dass das Löschen einer Zeile in den
http://www.kernel.org/pub/software/scm/git/docs/git-log.html [10.08.2009].
110 Da die Stable-Releases aus dem Repository von Linus Torvalds gezogen werden, sind sämtliche „change>
sets“ daraus früher oder später zumindest doppelt vorhanden.
5.3 Datenerhebung 73
meisten Fällen keinen wirklichen Beitrag darstellt.
5.4 Datenanalyse
Für das Prüfen sowie die Konsolidierung der Daten wurde ein eigenes Perl111-Script geschrie>
ben, sodass die Auswertung jederzeit wiederholt werden kann. Dies war wichtig, da häufig
erst die generierten Konsolidierungen Fehler und Mängel, die es noch zu beheben galt, auf>
deckten.112
In einem ersten Schritt war es notwendig, die E-Mail-Adressen manuell zu verifizieren und zu
klassifizieren. Als Vorgabe diente die von Greg Kroah-Hartman geführte Liste, die für die re>
gelmäßigen Auswertungen auf lwn.net eingesetzt wird. Bei allen darin nicht aufgeführten
Adressen wurden zuerst offensichtliche Tippfehler, leicht abweichende Schreibweisen sowie
Redundanzen korrigiert. Danach wurden alle Adressen dahin gehend geprüft, ob die Domain
einer Firma zuzuordnen war (und ob es sich dabei nicht um einen Mailprovider handelt).113
Die verbliebenen rund 650 unbekannten Adressen wurden in einer individuell adressierten E-
Mail angeschrieben, worauf rund 200 antworteten und somit klassifiziert werden konnten.114
Dies führte dazu, dass die hier vorliegende Analyse mit gut 18 % unbekannten Autoren und
7,8 % Patches respektive 5,8 % beigefügten Codezeilen von unbekannten Autoren deutlich
unter den entsprechenden „offiziellen“ Statistiken von lwn.net liegt.
Für die Kategorisierung der Firmen wurde wie in der MERIT-Studie (Ghosh 2006) die Ama>
deus-Datenbank115 verwendet (Stand Juli 2008). Da sich der Verfasser auf den freien Teil der
Datenbank beschränken musste, standen lediglich die Informationen zu Ort, Sektor und Größe
111 Perl (http://www.perl.org/ [12.08.2009]) ist wie Python eine Scriptsprache, die mehrere Programmierpara>
digmen unterstützt. Die Sprache ist sehr mächtig, jedoch aufgrund ihrer großen Flexibilität und kryptischen
Syntax schwer erlernbar und für Außenstehende auch oft kaum verständlich.
112 Die so ermittelten Detaildaten wurden recht umfangreich und sind in je einer OpenOffice-Calc-Datei für
die Entwicklung und Wartung detailliert aufgelistet. Sie können bei Bedarf beim Autor angefordert werden.
113 Nicht zuletzt aus arbeitsrechtlichen Gründen ist es meist eine Vorgabe der Firmen, dass Beiträge in Open-
Source-Projekten zwingend mit der Firmen-E-Mail-Adresse gepostet werden. Eine Firma geht sogar so
weit, dass auch Beiträge, die in der Freizeit geleistet werden, mit der Firmen-E-Mail zu kennzeichnen sind.
Dass sich nicht alle Entwickler daran halten, spricht eher für deren Reputation als gegen die Gültigkeit der
Regel.
114 Die E-Mail-Anfrage findet sich im Anhang E.
115 Zu finden unter http://www.bvdep.com/en/Company%20data%20-%20international.html [10.08.2009]. Es
stand dabei lediglich das frei zugängliche Verzeichnis zur Verfügung, welches nur sehr rudimentäre Infor>
mationen enthält.
74 5 Quantitative Erhebung der Linux-Kernel-Logfiles
der Firmen zur Verfügung. Die Sektoren sind dabei in Bezug auf Informatik nur sehr
rudimentär. Konkret konnte nur nach Hardware, Softwareentwicklung und Dienstleistungen,
Telekom (inkl. ISPs) sowie Handel unterschieden werden. Es wäre durchaus wünschenswert
gewesen, die Kategorisierung detaillierter durchzuführen. Aufgrund fehlender Daten – vor
allem bei kleineren Firmen – wurde jedoch darauf verzichtet. Leider ist nirgends genau
erklärt, wie die Firmengröße definiert ist.
Die Firmen mussten manuell in der Datenbank gesucht werden. Da es in der Regel mehrere
Treffer gab, musste der gewünschte ausgewählt werden, was eine mögliche Fehlerquelle war.
Um die Fehlerquote möglichst gering zu halten, wurde bei Zweifeln jeweils die Homepage
der Firma konsultiert. Es wurde immer die Muttergesellschaft erfasst, auch wenn erkennbar
war, dass der Autor in einer Zweigstelle beschäftigt war.
Ungefähr 10 % der Firmen konnten in der Datenbank nicht gefunden werden. Bei diesen wur>
de versucht, die entsprechenden Informationen im Internet (Homepage, Domainbesitzer, Su>
che mittels Google) zu erhalten. So konnte in jedem Fall das Land ermittelt werden. Standen
keine Informationen zum Sektor und zur Firmengröße zur Verfügung, wurde angenommen,
dass es sich um sehr kleine Firmen im Bereich der Softwareentwicklung und Dienstleistungen
handelt.
6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-EntI
wicklern in großen IKT-Firmen
6.1 Das Experteninterview
Interviews als Datenerhebungsform sind in der qualitativen Forschung am weitesten verbrei>
tetet und haben eine fast hundertjährige Geschichte (Fontana und Frey 1994; Platt 2001). Je
nach Forschungsfrage werden spezifische Formen gewählt. Kruse (2006) listet neben den
„klassischen“ Formen des narrativen, fokussierten, problemzentrierten, ethnografischen sowie
des Leitfaden- und Experteninterviews und der Gruppendiskussion zehn weitere Varianten
auf.
Obwohl der Begriff „Experte“ – wie weiter unten aufgeführt – einer Differenzierung bedarf,
wird dennoch die Methode des Experteninterviews dem problemzentrierten (Witzel
2000) oder dem fokussierten Interview (Merton et al. 1990; Hopf 2000) vorgezogen, denn Ex>
perteninterviews erlauben im Vergleich mehr Offenheit und entsprechen daher dem explorati>
ven Charakter der Studie besser.
Bogner und Menz (2002a) unterscheiden zwischen explorativem, systematisierendem und
theoriegenerierendem Experteninterview. Die vorliegende Arbeit orientiert sich an letzterem,
„an dessen Endpunkt idealerweise die Formulierung einer ,formalen' Theorie steht.“ (Bogner
und Menz 2002a, S. 38 f.). Diese „formale“ Theorie ist idealerweise die „Generalisierung ei0
ner Typologie“ (Bogner und Menz 2002a, S. 38) und basiert auf der subjektiven Sichtweise
der Experten, sie kann und soll folglich nicht als objektive Realität verstanden werden. Die
Vergleichbarkeit der erhobenen Daten soll trotz der intendierten Subjektivität der Aussagen
mit einem Leitfaden unterstützt werden. Zudem muss empirisch eine gemeinsame organisato>
rische bzw. institutionelle Anbindung der befragten Experten erreicht sein (Bogner und Menz
2002a).
6.1.1 Wer ist ein Experte?
Wer als Experte im Sinne des Experteninterviews gilt, wird widersprüchlich definiert (Bogner
76 6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IKT-Firmen
und Menz 2002a; 2002b; Meuser und Nagel 2002b). Einigkeit besteht darin, dass Experten im
Sinne des Experteninterviews keinen gesellschaftlichen Elitestatus innehaben oder externe
Gutachter sind, sondern dass sich das Expertentum aus dem Forschungsinteresse ableitet,
d. h., dass die Forschenden der interviewten Person den Expertenstatus zuweisen.116 Zu Be>
ginn einer Studie kann nicht abschließend festgelegt werden, wer im gegebenen Fall als zu be>
fragender Experte gilt (Bogner und Menz 2002b). So hat sich bei der Befragung der Software>
entwickler gezeigt, dass auch Personen außerhalb der Entwicklungsabteilung (Koordinatoren,
Projektleiter, Juristen) interviewt werden sollten.
6.1.2 Rolle des Interviewenden
Zur Rolle der Interviewenden im Gespräch unterscheiden Bogner und Menz (2002b) sechs
(Ideal-)Typen: (1) Co-Experte, (2) Experte einer anderen Wissenskultur, (3) Laie, (4) Kompli>
ze, (5) potenzieller Kritiker und (6) Autorität. Während die beiden letzten Rollen problema>
tisch erscheinen (in der Regel wird der Befragte eine defensive Haltung einnehmen) und nicht
angewendet werden sollen, können die anderen vier Rollen durchaus variabel in den Inter>
views eingenommen werden, es kann sogar mit ihnen „gespielt“ werden. In der vorliegenden
Studie wurde von einer möglichst neutralen117 Laienposition des Interviewenden ausgegan>
gen, um dann situativ als Co-Experte, Experte einer anderen Wissenskultur oder gar als Kom>
plize aufzutreten.
Für die Einflussnahme des Interviewenden sei erwähnt, dass es kaum möglich ist, die eigene
Person im Interview als vollständig neutral zu betrachten. Einerseits beeinflusst sowohl die
Person wie die Art der Kommunikation den Interviewten, andererseits ist ein Interview immer
eine Kommunikation zwischen Subjekten und deshalb subjektiv (Foddy 2003). Deshalb muss
116 „Methodologisch gesehen bestimmt sich der ExpertInnenstatus einer Person in Relation zum jeweiligen
Forschungsinteresse; eine Person wird zur ExpertIn gemacht, weil wir wie auch immer begründet anneh0
men, dass diese Person über ein Wissen verfügt, das ihr zwar nicht unbedingt alleine verfügbar ist, das
aber doch nicht jedermann bzw. jederfrau im interessierenden Handlungsfeld zugänglich ist. Als ExpertIn
wird mithin angesprochen,
- wer in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für den Entwurf, die Implementierung oder
die Kontrolle einer Problemlösung, oder
- wer über einen privilegierten Zugang zu Informationen über relevante Personengruppen,
Soziallagen und Entscheidungsprozesse verfügt.“ (Meuser und Nagel 2002a, S. 259)
117 Eine „durchgezogene“ Neutralität wäre in der gegebenen Situation wohl eher unglaubwürdig, da insbeson>
dere aufgrund des akademischen Status des Forschers ein fundiertes Wissen in der Materie durch die Be>
fragten vorausgesetzt werden durfte.
6.1 Das Experteninterview 77
der Einfluss des Interviewers reflektiert und bei der Analyse berücksichtigt werden:
„Natürlich genügt es, ein einziges Interview geführt zu haben, um zu wissen, wie
schwierig es ist, seine Aufmerksamkeit pausenlos auf das, was gerade gesagt wird
(und nicht nur in Worten), zu konzentrieren und sich ständig im voraus Fragen zu
überlegen, die sich ,natürlich' in das Gespräch einfügen, zugleich aber einer Art
theoretischer ,Linie' zu folgen. Das heißt, niemand kann sich vor dem Effekt des
Aufdrängens einer Problematik in Sicherheit wiegen, den naiv-egozentrische oder
einfach nur unkonzentrierte Fragen hervorbringen können, und vor allem auch
nicht vor der Rückwirkung, die auf diese Weise dem Befragten ,in den Mund ge0
legte' Antworten auf den Forscher haben können, der in seiner Interpretation un0
ter Umständen ein Artefakt, das er selbst, ohne es zu merken, produziert hat, für
bare Münze nimmt.“ (Bourdieu 1997, S. 782)
Es gilt demnach, die Interviewtechnik zu verfeinern. Dies geschieht unter anderem im iterati>
ven Vorgehen der Datenerhebung und -analyse. Das bedeutet auch, dass der Leitfaden soweit
nötig angepasst werden kann. Dies wiederum erfordert eine Anpassung der Interviewführung.
6.2 Sampling
Das Ziel von qualitativer Forschung ist die „Rekonstruktion typischer Muster“ (Helfferich
2005, S. 153). Um eine Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse zu erreichen – denn nur so kann
von empirischen Daten, im Gegensatz zur Illustration, gesprochen werden –, werden durch
Bestimmung der interessierenden Attribute (Stake 1994) die Eckpunkte festgelegt, die den zu
untersuchenden Fall repräsentieren (siehe Abb. 11).
Abbildung 11: Vergleich repräsentatives und theoretisches Sampling (nach Kruse 2006, S. 37 f.)
78 6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IKT-Firmen
Bei einem explorativen Vorgehen wird diese Praxis „theoretical sampling“ (Glaser und
Strauss 1967) genannt. Eisenhardt (1989) schließt dabei methodisch eine Zufallsstichprobe
nicht grundsätzlich aus, legt aber Wert darauf, dass aufgrund der meist relativ kleinen Stich>
probe möglichst kontrastierende Fälle zu wählen sind, um die in den Daten begründeten Kate>
gorien konstruieren zu können.
In dieser Studie erfolgte eine „sekundäre[.] Selektion“ (Merkens 2000, S. 288), d. h. eine
„Gelegenheitsstichprobe mit beschränktem (theoriegeleiteten) Einfluss“. Einerseits war die
Anzahl der potenziell zu Befragenden aus geografischen Gründen limitiert. Andererseits war
die Zugänglichkeit der Personen innerhalb der Firmen eingeschränkt. Um diese Problematik
zu mindern, wurden Befragungen in mehreren Firmen durchgeführt („multiple-case studies“,
Yin 2003).
6.3 Rekrutierungsstrategie
Für die Rekrutierung standen zwei Strategien zur Auswahl: über die Community oder über die
Firmen. Aufgrund der Tatsache, dass im Interview zumindest ansatzweise Betriebsinterna
bzw. -geheimnisse zur Sprache kommen könnten, bestand bei einer Anfrage über die Commu>
nity die Gefahr, dass als „heikel“ eingestufte Themen ausgeblendet würden. Andererseits war
durch eine Rekrutierung über die Firmen die Auswahlmöglichkeit kleiner, da nur Mitarbeiten>
de von Firmen zur Disposition stünden, die mit dem Forschungsprojekt einverstanden waren.
Zudem würde die Selektion der tatsächlichen Interviewpartner durch Firmenvorlieben einge>
schränkt.
Die Entscheidung fiel für die Rekrutierung über die Firmen, weil die Bedenken zur Zurück>
haltung bei den Antworten als gewichtiger beurteilt wurden als die eingeschränkte Auswahl
von Interviewteilnehmenden. Zudem wurde die Rekrutierung über die Community als Option
offengelassen, falls eine ungenügende Anzahl und Differenzierung des Samples ersichtlich
würde. Diese Option erwies sich allerdings nicht als notwendig. Die beteiligten Firmen haben
eine Vertraulichkeitserklärung vom Verfasser erhalten.118
118 Die Vorlage der Vertraulichkeitserklärung auf Deutsch und Englisch findet sich im Anhang B. Punktuelle
Anpassungen mussten auf Wunsch bei einer der Firmen noch vorgenommen werden. Diese Änderungen
sind weniger inhaltlicher als formaler Art – ein deutliches Zeichen dafür, dass das Dokument durch die
6.3 Rekrutierungsstrategie 79
Um eine möglichst große Homogenität bei den einbezogenen Firmen zu erreichen, wurden
nur Firmen für eine Beteiligung angefragt, die dem IT-Sektor zuzurechnen sind, die mindes>
tens zehn Linux-Entwickler beschäftigen, insgesamt mehr als Tausend Beschäftigte haben, in
Europa präsent sind und nicht zur New Economy gezählt werden, also eine mindestens zwan>
zigjährige Firmengeschichte aufweisen.119 Zudem wurden primär Interviewpartner aus
Deutschland gesucht. Dadurch konnten kulturelle und juristische Differenzen vermieden wer>
den, um die Analyse bei einem doch relativ kleinen Sampling zu erleichtern.120
Die Rekrutierung der Firmen verlief unterschiedlich. Alle sechs infrage kommenden Unter>
nehmen wurden mit einem offiziellen Schreiben des Betreuers der Dissertation, Prof. Dr.
Bernd Lutterbeck, für die Teilnahme von Mitarbeitenden angefragt (siehe Anhang A). Nach
zum Teil mehrmaligem Nachfragen sowie auch begleitendem „Nachhaken“ über das berufli>
che Netzwerk des Verfassers konnte mit einer Ausnahme ein Kontakt aufgebaut werden, wor>
aufhin sich letztlich fünf Firmen für eine Teilnahme bereit erklärten. Wichtig bei diesem Pro>
zess war, in den Firmen einen Interessierten zu gewinnen, da nur auf diesem persönlichen
Weg die Rekrutierungsstrategie Erfolg versprach.
Durch die betriebliche Kontaktperson („gatekeeper“121) wurden nach Abwicklung der admi>
nistrativen Arbeiten (vornehmlich rechtliche und organisatorische Fragen) potenzielle Inter>
viewpartner durch die Kontaktperson in der Firma schriftlich oder mündlich angesprochen.
Die Mitarbeitenden konnten sich danach direkt beim Verfasser melden. Drei der fünf Firmen
wollten jedoch die Interviewpartner selbst bestimmen, was respektiert wurde. Bei den anderen
beiden Firmen wurde in der Folge versucht, nach der Schneeballmethode über die zuerst In>
terviewten gezielt „Fälle“ anzusprechen, was allerdings als Nachteil zu einer zumindest teil>
weise „geklumpten Stichprobe“ (Merkens 2000, S. 293) führte. Da die gewährte Anzahl der
Interviews pro Firma bei maximal fünf lag, waren jedoch die Möglichkeiten stark einge>
schränkt.122
Rechtsabteilung begutachtet wurde.
119 Somit wurden Firmen wie Red Hat oder Google bewusst ausgeschlossen.
120 Da es möglich war, je ein Interview in den USA und der Schweiz durchzuführen, wurden diese im Sinne
von Kontrastfällen ebenfalls berücksichtigt.
121 Es hat sich gezeigt, dass die Rekrutierung nur dann erfolgreich war, wenn der Gatekeeper selbst ein großes
Interesse am Thema Open Source hatte. Die hierarchische Stellung innerhalb der Firma war für den Zugang
nicht entscheidend. Es hatte sich jedoch gezeigt, dass bei einer höheren Position der Prozess schneller von>
statten ging.
122 Es hat sich herausgestellt, dass die Anzahl der gewährten Interviews bei denjenigen Firmen, die den Ge>
sprächspartner selbst wählen wollten, mit einem bis drei Interviews deutlich niedriger war. Zudem konnten
80 6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IKT-Firmen
Von einer theoretischen Sättigung kann insofern gesprochen werden, als sich in Bezug auf die
formale Organisation und die formalen Prozesse der Linux-Entwicklung die von den Inter>
viewten erhaltenen Informationen weitgehend deckten. Hingegen wären hinsichtlich der indi>
viduellen Arbeitssituation eine größere Anzahl an Interviews durchaus wünschenswert gewe>
sen. Da die Erreichung dieses Zieles allerdings höchstens um den Preis einer größeren Hetero>
genität123 der Firmen im Sample erreichbar gewesen wäre, wurde darauf verzichtet.
6.4 Leitfadenentwicklung
Im Sinne einer explorativen Studie wurden die Interviews durch einen Leitfaden unterstützt,
jedoch ließ dieser genügend Raum für Offenheit. Demnach wurde eine Mischform zwischen
narrativem und strukturiertem Interview gewählt bzw. ein teil- oder halbstandardisiertes
(Flick 2002) respektive teilnarratives (Helfferich 2005) Interview durchgeführt. Ein Leitfaden
für diese Interviewform enthält in der Regel mehrere Themenblöcke, die jeweils durch eine
offene Frage eingeleitet werden. Zu jedem Thema können in der Folge konkrete, theoriegelei>
tete und durchaus auch konfrontative oder reflexive Nachfragen gestellt werden.
Der Leitfaden wurde anhand des SPSS-Prinzips erstellt (Helfferich 2005):
1. Sammeln von möglichst vielen Fragen (Brainstorming)
2. Prüfen der Fragen hinsichtlich der Offenheit, Subjektivität, Neuheit und Relevanz mit
einer damit einhergehenden Reduktion eines vermutlich großen Teils der Fragen
3. Sortieren und Bündeln in nicht zu viele Themenblöcke
4. Subsumieren der einzelnen Fragen eines Themenblocks unter einer möglichst offenen,
erzählgenerierenden Einstiegsfrage
Die Interviewpartner haben Übung darin, sachlich und präzise zu kommunizieren. Da die In>
terviewsituation eine Distanzierung von der Alltagsrealität ermöglicht, beginnt der Leitfa>
bei beiden Firmen, die eine freie Wahl zuließen, jeweils sogar sechs anstatt der gewährten fünf Interviews
durchgeführt werden.
123 Wie bereits an einer früheren Stelle erwähnt, bezieht sich diese unerwünschte Heterogenität vor allem auf
den Standort und die damit möglicherweise verbundenen Unterschiede im Arbeitsrecht und in der Kultur,
aber auch auf andere Branchen.
6.4 Leitfadenentwicklung 81
den124 mit einer relativ geschlossenen Frage nach der Ausbildung und wird danach zuneh>
mend offener (siehe dazu z. B. Trinczek 2002). Es folgen Fragen zum beruflichen Alltag, den
Differenzen von Open Source zu Closed Source sowie der speziellen Problematik der Ent>
wicklung von Open-Source-Software im kommerziellen Umfeld. Abschließend wird nach der
Einschätzung der aktuellen beruflichen Situation und nach der realistischen sowie idealen be>
ruflichen Zukunft gefragt.
Der Leitfaden wurde während der Datenerhebungsphase punktuell angepasst, um neue Er>
kenntnisse einfließen zu lassen und das Erkenntnisinteresse präzisieren zu können. Es wurde
jedoch darauf geachtet, dass das Gerüst des Leitfadens nicht verändert wurde, um die Analyse
nicht zu strapazieren.
Als Vorbereitung zur Ausarbeitung des Leitfadens für Entwickler wurde in drei Firmen je ein
offenes Interview mit einem „Koordinator“ geführt, um einerseits das Projekt vorzustellen
wie zu besprechen und andererseits um erste Informationen zur Organisation und Struktur des
Betriebes zu gewinnen (Froschauer und Lueger 2002).
Zusätzlich wurden zwei Interviews mit dem Verfasser bekannten Softwareentwicklern aus
dem proprietären Umfeld durchgeführt, allerdings mit einem modifizierten Leitfaden. Dabei
war nicht der Test des Leitfadens das Ziel, sondern das Herantasten an die Interviewsituation
sowie das Testen des Aufnahmegeräts. Auf einen Pretest wurde verzichtet, da sich bei einem
iterativen Vorgehen ohnehin Änderungen des Leitfadens ergeben können.
6.5 Datenerhebung
Fallstudien enthalten meist mehrere Methoden der Datenerhebung wie Interviews, Fragebo>
gen oder Beobachtungen sowie Recherchen in Archiven (Eisenhardt 1989). Für die Erhebung
der qualitativen Daten wurde in der vorliegenden Studie vorwiegend mittels Interviews gear>
beitet. In den öffentlichen Archiven des Linux-Kernels sowie in den Newsportalen wurden je>
doch die im Sampling enthaltenen Firmen aktiv verfolgt. Des Weiteren wurden zahlreiche Fir>
124 Der gesamte Leitfaden auf Deutsch und Englisch findet sich im Anhang C. Abgesehen von zwei Ausnah>
men konnte der deutsche Leitfaden verwendet werden. In den restlichen beiden Interviews wurde der engli>
sche Leitfaden verwendet.
82 6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IKT-Firmen
menberichte und -präsentationen mit Blick auf die definierte Forschungsfrage durchgesehen.
Diese sekundären Informationen bildeten einen wichtigen Hintergrund für die Analyse und
verhalfen im Sinne der Triangulation zu einer erhöhten Validität. Kern der Daten bleiben je>
doch die Interviews.
Die Datenerhebung wurde in der Zeit von September 2007 bis Juni 2008 durchgeführt. Neun>
zehn Interviews konnte der Verfasser persönlich vor Ort bei den Interviewteilnehmenden füh>
ren; fünf Gespräche wurden telefonisch durchgeführt. Aufgrund der zum Teil längeren An>
fahrtswege wurden dabei meist mehrere Interviews pro Tag eingeplant.
Die Dauer der Interviews war sehr unterschiedlich:
Minuten
Gesamtdauer 934
Längstes Interview 104
Kürzestes Interview 28
Durchschnittliche Interviewdauer 54,94
Tabelle 4: Dauer der Interviews
Die Interviews wurden dabei mit dem „Handy Recorder H4“ digital als MP3 aufgenommen.
Nach dem Gespräch wurde direkt mit den Interviewteilnehmenden ein Datenblatt (siehe An>
hang D) mit soziodemografischen und betrieblichen Angaben ausgefüllt. Zudem wurden die
wichtigsten (subjektiven) Erkenntnisse in einem Interviewprotokoll zeitnah festgehalten
(Helfferich 2005).
Es hat sich gezeigt, dass die Gesprächspartner in Bezug auf Interna sehr offen waren, wohl
nicht zuletzt durch die „offizielle“ Sanktionierung des Gesprächs durch das Management. An>
dererseits kam bei einigen wenigen Gesprächen der Eindruck auf, dass sich die Interviewten
vorsichtig ausdrückten, wenn es um ihre Position zur Firma ging.125
6.6 Datenanalyse
Unabhängig von der jeweiligen Methode können die Analysearten oder -schritte als „selektie>
125 Typisch war dabei der Kontrollblick zur Tür, ob diese auch tatsächlich geschlossen war.
6.6 Datenanalyse 83
ren“, „codieren“, „gruppieren“ und „interpretieren“ zusammengefasst werden (Bernard 2000).
Dabei werden die Schritte nicht streng sequenziell abgearbeitet, sondern kontinuierlich und
repetitiv, um so zusätzliche Tiefe zu ermöglichen (siehe Abb. 12).
Mit diesen Analyseschritten wird nicht erst nach der beendeten Datenerhebung begonnen,
sondern gewonnene Erkenntnisse, Konzepte, Theorien und Typologien fließen in die weiteren
Interviews ein und erlauben so eine Zuspitzung und Vertiefung des Forschungsgegenstandes.
6.6.1 Transkription
Alle siebzehn Interviews mit den Linux-Kernel-Entwicklern wurden vollständig transkribiert.
Die restlichen sieben Interviews mit den Evangelisten126, Projekt- und Produktmanagern wur>
den zwar mit Ausnahme von zwei auch digital aufgenommen, jedoch lediglich zusammenge>
fasst, da sie als Hintergrundinformationen dienten und deshalb nicht vollständig bzw. sequen>
ziell codiert wurden. Verwendet wurde die freie Software „Transcriber“127, die beinahe opti>
mal den Bedürfnissen des Verfassers entsprach.128
Sämtliche Transkripte wurden durch den Forscher selbst erstellt, was sich als sehr sinnvoll
herausstellte. Auch wenn das Transkribieren mitunter eine monotone und sehr zeitintensive
Arbeit ist, so fand doch während der Verschriftlichung ein kreativer Prozess statt, der für die
126 Der Begriff „(Technologie-)Evangelist“ ist eine in der Informatik häufig verwendete Bezeichnung für eine
Person, deren Job es ist, (neue) Technologien zu fördern (siehe dazu http://www.gnote.ws/ [20.08.2009]).
127 Eine detaillierte Beschreibung des Programms findet sich im Anhang G.
128 Siehe dazu die Beschreibung des Programms in Anhang G.
Abbildung 12: Analyseprozess (nach Bernard 2000)
84 6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IKT-Firmen
Analyse sehr wertvoll war. Zudem konnten durch das Transkribieren ein Überblick sowie eine
Vertrautheit mit den Texten gewonnen werden, die beim Codieren erneut sehr hilfreich wa>
ren.
Für die Transkription wurden vereinfachte Regeln angewendet (Flick 2002). Dies bedeutet,
dass zwar jeweils ein vollständiges Transkript erstellt wurde, dass aber auf die Verschriftli>
chung der linguistischen Eigenheiten sowie der nonverbalen Kommunikation weitgehend ver>
zichtet wurde, da dies für das weitere Vorgehen nicht von Interesse war. Daraus resultierte ein
inhaltlich vollständiger, sich weitgehend an der Standardorthografie (Kowal und O'Connell
2000) orientierender und gut lesbarer Text.
Die Transkripte wurden nicht anonymisiert, da sie ausschließlich vom Verfasser bearbeitet
wurden. Dies ist insofern vorteilhaft, als Namen, Projekte und Orte in den Rohdaten der Rea>
lität entsprechen und so in der Analyse das Bild der realen Umgebung der Interviewteilneh>
menden vermitteln. Allerdings wurden zur Gewährung der versprochenen Anonymität die in
der vorliegenden Dissertationsschrift zitierten Textstellen anonymisiert. Als Konsequenz die>
ses Vorgehens können die Transkripte von Dritten nicht eingesehen werden.
6.6.2 Induktives Codieren
Die Transkripte werden mittels Inhaltsanalyse in einem systematischen, regelgeleiteten Vor>
gehen (Mayring 1997) mit der freien Software WeftQDA129 codiert. Da es sich hier um eine
explorative Studie handelt, wurde eine induktive Kategoriendefinition gewählt. Das heißt,
dass die Kategorien nicht aus der Theorie, sondern aus dem vorliegenden Datenmaterial abge>
leitet wurden. Dieses Vorgehen lehnt sich stark an das offene Codieren der Grounded Theory
von Glaser und Strauss an (Mayring 1997).
Aufgrund der Fragestellung findet bereits eine Vorselektion statt, welches Textmaterial für
eine Kategorisierung hinzugezogen werden soll. Im Prozess des Codierens wird jedes Tran>
skript Zeile für Zeile durchgearbeitet. Es können jedoch jene Textpassagen uncodiert belassen
werden, die nur „Unwesentliches, Ausschmückendes, vom Thema Abweichendes“ (Mayring
1997, S. 76) enthalten.
129 Eine detaillierte Beschreibung des Programms findet sich im Anhang G.
6.6 Datenanalyse 85
Konkret wurde in einem ersten Durchgang das Material so lange durchgearbeitet, bis sich kei>
ne neue Kategorien mehr ergaben. Diese wurden danach erstmals genauer daraufhin über>
prüft, ob sie für die vorliegende Fragestellung zweckmäßig waren und ob sie noch zusammen>
gefasst oder weiter aufgeteilt werden müssten. Falls sich hier Veränderungen ergaben, musste
die Codierung wieder neu beginnen. Mit diesen Analyseschritten nähert man sich laufend ei>
nem Kategoriensystem an, in dem ausgewählte Textpassagen ein verdichtetes Thema illustrie>
ren (Mayring 1997). Aufgrund dieses induktiv erarbeiteten Kategoriensystems können nun
Typen gebildet werden.
6.7 Typenbildung
Um komplexe Realitäten erfassen, verstehen und erklären zu können, wird in vielen qualitati>
ven Studien durch Bildung von Typen die Komplexität reduziert (Bohnsack 1992). Im Sinne
von Max Weber kann so die „chaotische Vielfalt individueller Erscheinungen“ (nach Kaesler
2003, S. 232) geordnet werden. Dies ist vor allem dann sinnvoll, wenn man aufgrund von
nicht wiederholbaren und somit nicht falsifizierbaren empirischen Daten „das nicht Generali0
sierbare zu generalisieren“ (Janoska-Bendl 1965, S. 84) versucht. Ein auf solche Weise ent>
standener und sehr bekannter Typus ist der „homo oeconomicus“.
Die Typen werden oft als Ideal- (Weber 1951; Gerhardt 2001) oder Prototypen (Mayring
1997) bezeichnet; ein Typus ist ein theoretisches Konstrukt, „d. h. seine Elemente stammen
aus der Wirklichkeit, er beschreibt aber nicht die Wirklichkeit“ (Janoska-Bendl 1965, S. 25),
er ist demnach in der Realität nicht anzutreffen. Dies ergibt sich daraus, dass die Typen auf
Merkmale reduziert werden, die innerhalb des Typs möglichst homogen (interne Homogeni>
tät) und in Abgrenzung zu anderen Typen möglichst heterogen (externe Heterogenität) sein
sollen (Kelle und Kluge 1999), d. h., die Konstruktion ist theoriegeleitet. Die so gebildeten
Typen sind jedoch nicht als Theorie zu verstehen, sondern sollen in erster Linie zur Hypothe>
sengenerierung und somit als Grundlage oder als Zwischenschritte zur Theoriebildung dienen
(Kelle und Kluge 1999), und zwar aufgrund von empirisch gewonnenen und empirisch über>
prüfbaren Daten (Janoska-Bendl 1965).
Nach Kelle und Kluge (1999) lässt sich der Prozess der Typenbildung, der als ein heuristi>
sches Instrument (Janoska-Bendl 1965) zu verstehen ist, in vier Teilschritte unterteilen, wobei
86 6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IKT-Firmen
es sich hier nicht um ein starres oder lineares Schema handelt (siehe Abb. 13).
In einem ersten Schritt gilt es, die Dimensionen zu finden und zu spezifizieren, die die interne
Homogenität und die externe Heterogenität definieren. Bei einem explorativen Vorgehen ge>
schieht dies in erster Linie durch die empirischen Daten. Im Sinne der Grounded Theory
(Glaser und Strauss 1967) können diese Dimensionen anhand der Definition von Codes und
Kategorien sukzessive gebildet werden und durchaus auch Einfluss auf die Fallauswahl
(„theoretisches Sampling“) nehmen. In der vorliegenden Studie wurde die Typenbildung je>
doch erst mit der Datenanalyse begonnen.
Im Folgenden werden die Fälle „anhand der definierten Vergleichsdimensionen und ihrer
Ausprägungen gruppiert und die ermittelten Gruppen hinsichtlich empirischer Regelmäßig0
keiten untersucht“ (Kelle und Kluge 1999, S. 86). Dies geschieht, indem man die eruierten
Merkmale in einer Matrix darstellt und die einzelnen Fälle den Feldern zuweist.
In einem dritten Schritt werden die Zusammenhänge der Kategorien und Fälle inhaltlich ver>
glichen. Dies kann sich wiederum auf die ersten beiden Schritte auswirken, sodass diese drei
Schritte in der Regel mehrmals durchgearbeitet werden, bis die Typen in sich schlüssig sind
Abbildung 13: Prozess der Typenbildung (nach Kelle und Kluge1999, S. 82)
6.7 Typenbildung 87
und bei einem weiteren Durchgang nicht mehr angepasst werden müssen.
Im letzten Schritt können die Typen abschließend charakterisiert und exemplarische Einzel>
fälle, die den jeweiligen Typus am treffendsten beschreiben, im Sinne eines Prototyps zur
Verdeutlichung herausgegriffen werden. Entgegen dem z. B. von Gerhardt (2001) vorgeschla>
genen Vorgehen, die ausgewählten Fälle in Bezug auf das der jeweiligen Kategorie
Charakteristische zuzuspitzen, wird in dieser Studie der Einzelfall möglichst realitätsnah
dargestellt und dabei seine Besonderheiten textlich herausgestrichen, um den jeweiligen
Typus zu charakterisieren.
Abschließend sei erwähnt, dass die konstruierten Typen, die einem erwarteten Verhalten ent>
sprechen, nicht moralisch oder objektiv wertend zu verstehen sind, wenngleich aufgrund ihrer
Konstruktion eine „subjektive Wertung unverkennbar dahinter steht“ (Janoska-Bendl 1965,
S. 54).
6.8 Kontrolle der Datenanalyse
Aufgrund der Tatsache, dass der Forscher nicht in ein größeres Forschungsprojekt oder ein
akademisches Setting eingebunden war, konnte die Kontrolle der Datenanalyse durch gemein>
sames Codieren und gegenseitiges Prüfen nicht gewährleistet werden. Aus diesem Grund
wurde die Strategie der detaillierten Darstellung des Analyseprozesses gewählt (Kvale 1996).
Zusätzlich wurde laufend der Austausch mit anderen Forschern gesucht. Bei mehreren Prä>
sentationen an der TU Berlin konnte das methodische Vorgehen erläutert und diskutiert wer>
den. Auch die regelmäßige Teilnahme am Forschungsseminar des „Chair of Strategic Mana>
gement and Innovation“ an der ETH Zürich gab wertvolle Anregungen. Weiterer punktueller
Austausch mit erfahrenen qualitativen Forschern aus anderen Themenbereichen waren eben>
falls hilfreich für die laufende kritische Reflexion des methodischen Vorgehens.
6.9 Grenzen des methodischen Vorgehens
Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei der vorliegenden Studie um ein exploratives Vorge>
hen handelt, lässt sich schließen, dass der Leitfaden für die Interviews nicht optimal auf die
88 6 Qualitative Experteninterviews von Linux-Kernel-Entwicklern in großen IKT-Firmen
Dimensionen der Typenbildung ausgerichtet war, da sich diese erst im Verlaufe der Studie
herauskristallisiert haben.
Es kann zudem als Schwäche bezeichnet werden, dass der Einfluss auf die Rekrutierung der
Interviewpartner beschränkt war und somit nicht der ursprünglichen Technik des theoreti>
schen Samplings (Glaser und Strauss 1967) – was durchaus erwünscht gewesen wäre – ent>
sprach. Die gewählte Rekrutierung über die Firmen hat sicherlich auch zu einem anderen
Sampling geführt, als wenn über die Community rekrutiert worden wäre, und somit dürften
auch andere Ergebnisse zustande gekommen sein.
Wie bereits erwähnt, beanspruchte das gewählte methodische Vorgehen nicht, ein „theoreti0
sches System“ (Kelle und Kluge 1999, S. 81) zu entwickeln. Somit können die Grenzen auch
als Ausblick für Präzisierungen und Verbesserungen für nachfolgende Forschungsvorhaben
verstanden werden.
Teil III: Ergebnispräsentation
7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles
Alle im folgenden Text aufgeführten Tabellen sowie sämtliche Grundlagenwerte für die Gra>
fiken und zahlreiche weitere tabellarische Auswertungen finden sich im Anhang F.
7.1 Umfang der Beiträge
Im Jahr 2007 wurden von mehr als 2.000 Entwicklern in über 28.000 Patches insgesamt etwa
1,7 Millionen Zeilen Code130 hinzugefügt (siehe Tabelle 5).
Entwicklung Wartung
Autoren 2.097 374
Patches 28.334 1.335
Codezeilen 1.735.797 12.164
Personenjahre131 1.062 4
Monetarisierung in €132 79.650.000 300.000
Tabelle 5: Übersicht der Beiträge am Linux-Kernel im Jahr 2007
Der Aufwand für die Wartung ist vergleichsweise gering. Da jedoch Fehler und Mängel in
unkritischen Fällen durchaus nur im Entwicklungspfad oder direkt in den Distributionen be>
hoben werden können, hat diese Information nur einen beschränkten Aussagewert über die
Qualität der Entwicklung.
130 Diese Werte sind nur wenig niedriger als diejenigen von Jonathan Corbet in seinem Artikel unter
http://lwn.net/Articles/264440/ [10.08.2009]. Die vorhandene Differenz dürfte daran liegen, dass für die
vorliegende Studie die Logfiles mit den härtesten Restriktionen erstellt wurden.
131 Für die Berechnung der Personenjahre wurde das weitverbreitete, wenn auch etwas vereinfachende
COCOMO-Modell (Boehm 2000) mit den Standardwerten für mittelkomplexe Software verwendet. Die
Formel dafür lautet: Personenjahre = 3 * Tausend Codezeilen1.12 / 12. Das aktuellere COCOMO-II-
Modell konnte nicht verwendet werden, da dieses von logischen Codezeilen ausgeht, welche hier nicht zur
Verfügung standen. Die Verwendung der physischen Codezeilen für Metriken hat zwar Mängel. Es gibt
jedoch Grund zur Annahme, dass die Anzahl der geschriebenen Codezeilen mit der Leistung durchaus
korreliert und somit verwendet werden kann.
132 Für die Ermittlung des monetären Wertes wurde die Basis der MERIT-Studie (2006, S. 49) hinzugezogen,
welche als Jahreskosten für ein Personenjahr € 75.000 verwendet, was als vorsichtig bezeichnet wird. Die
Monetarisierung wird somit auf der Basis von europäischen Werten vorgenommen, was bei der weltweiten
Beteiligung nur einen informativen Wert hat.
92 7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles
7.2 Interessengruppen
Die Beiträge lassen sich nach der Motivation aus kommerziellen, öffentlichen133 oder privaten
Interessen kategorisieren. Abbildung 14 zeigt die prozentualen Anteile der vier Kategorien.
Beinahe 75 % der Entwicklung stammen von kommerziell orientierten Firmen. Zählt man die
6 % der öffentlichen Institutionen wie der Linux Foundation, Universitäten oder Regierungen
hinzu, so werden rund 80 % der Codezeilen in einem bezahlten Arbeitsverhältnis geschrieben.
Aus privater Initiative werden 20 % der Beiträge (einschließlich der Unbekannten134) unent>
geltlich geschrieben. Bei der Wartung ergibt sich nur eine leichte Verschiebung zugunsten der
kommerziellen und öffentlichen Institutionen auf Kosten der Privaten und Unbekannten.
Berechnet man, wie unter 7.3.1 erläutert, für die vier Interessenbereiche die Personenjahre
und die Monetarisierung, so lassen sich die kommerziell orientierten Aufwendungen mit 56
Mio. € monetarisieren (siehe Tabelle 6).
133 Zu den öffentlichen Institutionen zählen neben den Regierungen und Universitäten auch Non-Profit-Orga>
nisationen wie z. B. die Linux Foundation. Diese Unterscheidung nach kommerziellen und öffentlichen In>
stitutionen wird in den Statistiken vom lwn.net so nicht gemacht. Dort werden beide zusammen unter „em>
ployer“ geführt, was natürlich eine etwas andere Aussage ist.
134 Wie aus den Detailauswertungen ersichtlich ist, gibt es guten Grund zur Annahme, dass es sich bei den
nicht bekannten Autoren tatsächlich zumeist um Privatpersonen handelt.
Abbildung 14: Motivation zur Mitarbeit
73 %
6 %
15 %
6 %
kommerziell
öffentlich
privat
unbekannt
7.2 Interessengruppen 93
Personenjahre Monetarisierung in €
kommerziell 748 56.099.027
öffentlich 42 3.145.749
privat 132 9.872.124
unbekannt 44 3.281.742
Tabelle 6: Personenjahre und Monetarisierung nach Interessengruppen
Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass ein Entwickler im kommerziellen Umfeld nach
COCOMO im Durchschnitt 3,3 Monate, im öffentlichen Sektor 1,8 Monate und Private 1,9
Monate Zeit (bei den Unbekannten sind es 0,7) aufwenden.
7.3 Beteiligte Firmen
7.3.1 Top-Firmen
Im Jahr 2007 leisteten Mitarbeitende von insgesamt 367 Firmen Beiträge in unterschiedli>
chem Umfang. Die Top-10-Firmen sind in Tabelle 7 aufgelistet:
Firma Codezeilen Patches Autoren
1 Red Hat 185.518 10,69 % 2.741 9,67 % 90 4,29 %
2 Intel 126.062 7,26 % 923 3,26 % 65 3,10 %
3 IBM 123.173 7,10 % 2.293 8,09 % 144 6,87 %
4 Analog Devices 101.074 5,82 % 357 1,26 % 11 0,52 %
5 Novell 91.195 5,25 % 2.161 7,63 % 56 2,67 %
6 SGI 44.646 2,57 % 1.074 3,79 % 30 1,43 %
7 Freescale 31.772 1,83 % 427 1,51 % 30 1,43 %
8 linutronix 31.215 1,80 % 506 1,79 % 5 0,24 %
9 Oracle 27.229 1,57 % 672 2,37 % 19 0,91 %
10 Renesas Technology 22.300 1,28 % 397 1,40 % 5 0,24 %
Tabelle 7: Beiträge von den Top-10-Firmen
Die drei Firmen Red Hat (10.7 %), Intel (7.3 %) und IBM (7.1 %) trugen dabei ein gutes
Viertel des gesamten Codes bei. Zählt man noch Analog Devices (5.8 %) und Novell (5.2 %)
hinzu, so ergibt dies bereits deutlich mehr als ein Drittel an Code, der alleine durch fünf Un>
ternehmen beigetragen wurde. Als erster reiner Dienstleister liegt das deutsche Unternehmen
94 7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles
Linutronix auf Platz 8 (1.8 %), als erster echter Softwareanbieter Oracle auf Platz 9 (1.5 %).
7.3.2 Firmen nach Regionen
Die geografische Verteilung der beitragenden Firmen weist eine klare Dominanz der westli>
chen Welt auf. Zu beachten ist dabei jedoch, dass es sich nicht um das jeweilige Domizil des
Autors handelt, sondern um den Hauptsitz der Firma.135 Nach Kontinenten aufgeteilt präsen>
tiert sich die Abbildung 15:
Aufgrund dieser Zahlen zeigt sich ein digitaler Graben. Der gesamte südamerikanische Raum
ist mit nur drei beitragenden Firmen in Brasilien sowie zwei in Argentinien nahezu inexistent.
Dieses Ergebnis wird verdeutlicht durch die Anzahl beigetragener Codezeilen, die lediglich
im Promillebereich liegen. In Afrika ist nur Südafrika präsent, dies jedoch in Bezug auf die
geleisteten Codezeilen in einer weitaus größeren Dimension (0.53 %), was in erster Linie auf
die Präsenz des Ubuntu-Distributoren Canonical zurückzuführen ist.
Der asiatische Raum ist weitaus stärker beteiligt. Japan ist in Bezug auf beigetragene Code>
zeilen hinter den USA gar das zweitgrößte Land (6.01 %). Taiwan (0.57 %) liegt in der Be>
135 Diese Betrachtung ist sicherlich nicht ideal. Aufgrund des vorhandenen Materials war jedoch eine genauere
Lokalisierung nicht möglich. Die Aussagekraft liegt somit in erster Linie in der strategischen Bedeutung
von Linux in den Firmen und weniger in der dezentralen Verteilung der Entwickler.
Abbildung 15: Anzahl der Firmen, aufgeteilt nach Kontinenten
163
142 47
7
5
3
Nordamerika
Europa
Asien
Ozeanien
Südamerika
Afrika
7.3 Beteiligte Firmen 95
deutung für den Linux-Kernel noch weit vor Israel (0.27 %), Korea (0.11 %), Indien (0.07 %)
und Singapur (0.05 %), dem ebenfalls dem asiatischen Raum zugeteilten Russland (0.01 %)
und China (0.00 %).
Die USA sind mit 145 Firmen (39.51 %) und beträchtlichen 80 % der Codezeilen dominie>
rend. Mit AT&T, Hewlett-Packard, IBM, Dell, Intel, Motorola, Cisco, Comcast, General Dy>
namics, Oracle, Google, Sun, Texas Instruments, EMC, AMD, Micron, Unisys und Rockwell
Automation sind 18 der US-amerikanischen Fortune-500-Firmen136 dabei, von denen immer>
hin neun gar in den Top 100 zu finden sind. Auch Kanada leistet mit 1.32 % der Codezeilen
durch insgesamt 18 Firmen (4.90 %) einen bedeutenden Beitrag.
136 Siehe http://money.cnn.com/magazines/fortune/fortune500/2008/full_list/index.html [10.08.2009].
Abbildung 16: Anzahl Firmen und Codezeilen aus Europa, aufgeteilt nach Ländern
Deutschland
Großbritanien
Finnland
Italien
Frankreich
Island
Schweden
Belgien
Polen
Spanien
Tschechien
Niederlande
Ungarn
Schweiz
Österreich
Estland
Dänemark
Irland
Weißrussland
Türkei
Serbien
Slowenien
Litauen
0 2 4 6 8 10 12 14
% Firmen
% Codezeilen
96 7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles
In Europa ist Deutschland am stärksten engagiert. Dass Finnland an prominenter Stelle
erscheint, liegt in erster Linie daran, dass das finnische Unternehmen Nokia im Kernel aktiv
ist. Ansonsten dominieren eher die industriellen „Schwergewichte“ bezüglich der Anzahl der
beitragenden Firmen (siehe Abb. 16).
7.3.3 Firmen nach Größe
Die Firmen wurden in fünf Kategorien von sehr klein bis sehr groß eingeteilt. Die Einteilung
wurde weitgehend vom frei zugänglichen Teil der Amadeus-Datenbank übernommen, obwohl
dort nicht ganz klar ersichtlich ist, wie sich die Firmengröße genau definiert.137 Dennoch las>
sen sich einige interessante Schlüsse ziehen.
Der Anteil der kleinen und sehr kleinen Firmen liegt über 50 % (siehe Abb. 17). Da die meis>
ten sehr großen Firmen in den USA bzw. in Asien domiziliert sind, ist der prozentuale Anteil
der kleineren Firmen in Europa sogar noch etwas größer.
Betrachtet man hingegen die Anzahl der Linux-Kernel-Entwickler sowie die 2007 geänderten
Codezeilen, so haben die sehr großen (42.94 % bzw. 48.17 %) und großen Firmen (22.08 %
bzw. 30.39 %) doch eine viel größere Bedeutung.
137 Auf jeden Fall handelt es sich um einen Mix aus unterschiedlichen Werten und nicht bloß aus der Anzahl
der Mitarbeiter oder dem Umsatz.
Abbildung 17: Anzahl der Firmen, nach Größe gruppiert
56
42
70
69
130
Sehr groß
Groß
Mittel
Klein
Sehr klein
7.3 Beteiligte Firmen 97
7.3.4 Firmen nach Sektoren
Wie bereits in der Beschreibung des Vorgehens (siehe Kapitel 5.4) erwähnt, ist die Einteilung
der Firmen in Sektoren aufgrund des vorhandenen Datenmaterials sehr schwierig. Ein zusätz>
liches Problem ist, dass sich insbesondere die großen, klassischen Hardwarehersteller wie
IBM, HP oder Sun durch einen Mix aus Hardware, Software und Dienstleistungen (umsatz>
mäßig etwa zu je einem Drittel) auszeichnen, jedoch nur eine Zuteilung vorhanden war (bei
IBM z. B. Software & Dienstleistungen, bei HP und Sun Hardware). Unter diesen Einschrän>
kungen ergibt sich folgendes Bild:
Wie Abbildung 18 aufzeigt, haben Firmen aus dem Bereich Software und Dienstleistungen
den größten Anteil (57.22 %), deutlich mehr als die Hardwarevendors (30.79 %). Der Handel
und Non-IT-Firmen – insbesondere der Anteil der beigetragenen Codezeilen (0.44 % bzw.
0.10 %) – weisen einen deutlich geringeren Anteil auf.
7.3.5 Firmen nach Anzahl der Linux-Entwickler
Betrachtet man die Firmen nach der Anzahl der Autoren, die in ihrem Namen im Jahre 2007
einen oder mehrere Patches zum Linux-Kernel beigetragen haben, lässt dies eine klare Aussa>
ge zu, wie Abbildung 19 aufzeigt.
Abbildung 18: Anzahl Firmen nach Sektoren gruppiert
113
210 29
10
5
Hardware
Software &
Dienstleistungen
Telekommunikation
Handel
Non-IT
98 7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles
Rund drei Viertel der insgesamt 367 am Linux-Kernel im Jahre 2007 beteiligten Firmen lie>
ßen einen einzigen Entwickler am Linux-Kernel mitarbeiten, während 16 Firmen (4.5 %)
mehr als zehn Entwickler einsetzten.
Die Frage stellt sich nun, wie sich die Beiträge auf diese Firmen verteilen.
Abbildung 20 zeigt auf, dass die 16 Firmen mit mehr als zehn Linux-Entwicklern insgesamt
63 % der von kommerziell orientierten Unternehmen beigetragenen Codezeilen beisteuern
(was einem Anteil von mehr als 45 % aller Beiträge entspricht). Dies zeigt einerseits, dass
große Firmen einen beträchtlichen Teil am Linux-Kernel beitragen (was schon die Summe der
Abbildung 19: Gruppierung der Firmen nach Anzahl der Autoren
1 %
1 %
2 %
3 %
2 %
2 %
6 %
8 %
74 %
>50
21-50
11-20
6-10
5
4
3
2
1
Abbildung 20: Beiträge der Firmen, gruppiert nach Anzahl der Autoren pro Firma
41 %
9 %
13 %
5 % 6 % 5 % 5 % 3 %
14 %
>50
21-50
11-20
6-10
5
4
3
2
1
7.3 Beteiligte Firmen 99
Beiträge der Top-5-Firmen klar aufgezeigt hat), andererseits verteilen sich aber mehr als die
Hälfte der Codebeiträge auf kleinere Firmen, öffentliche Institutionen sowie Privatpersonen.
Zudem stellen nur gerade vier Firmen (Red Hat, Novell, Intel und Linutronix) mehr als einen
Entwickler aus den Top 30.
Mit nur zwei Ausnahmen (MontaVista und SWsoft) sind alle Firmen, die zehn oder mehr Ent>
wickler stellen, große oder sehr große Unternehmen. Mit Ausnahme von zwei japanischen
Konzernen sind zudem alle in den USA domiziliert. Mehr als die Hälfte dieser Firmen sind
dem Hardwaresektor zuzurechnen. Allerdings gibt es einige kleinere Firmen, die bis zu fünf
Entwickler am Linux-Kernel mitarbeiten lassen. Umgekehrt gibt es relativ wenige sehr große
Firmen (19 von 59), die nur einen Entwickler engagieren.
7.4 Kategorisierung der Firmenbeiträge
Der Linux-Kernel ist in folgende Module unterteilt (Kroah-Hartman 2007): eigentlicher Kern
(„core“), Treiber („drivers“), Architekturen („architecture“), Netzwerk („network“), Dateisys>
tem („filesystems“) sowie Diverses („miscellaneous“).138
138 Diese Einteilung entspricht leider nicht ganz der Verzeichnisstruktur, sodass die Zuteilung manuell ge>
macht werden musste.
Abbildung 21: Codebeiträge zu den Modulen nach Interessengruppen
Kern
Treiber
Architekturen
Netzwerk
Dateisystem
Diverses
kommerziell
öffentlich
privat
unbekannt
100 7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles
Wie der Abbildung 21 zu entnehmen ist, leisten in jedem Modul die kommerziellen Firmen
den Hauptbeitrag, jedoch nicht überall im selben Ausmaß (die Achsen zeigen jeweils 100 %
der Codebeiträge eines Moduls). Betrachtet man die Aufteilung auf die Module nicht hinsicht>
lich der absoluten Anzahl der beigetragenen Codezeilen, sondern jeweils in Bezug zur Ge>
samtheit der eigenen Beiträge, so ergibt sich ein sehr interessantes Bild.
Die Interessen sehen wie in Abbildung 22 ersichtlich unabhängig von der kommerziellen
Ausrichtung recht ähnlich aus. Die Firmen engagieren sich auf Kosten der Treiber mehr für
die Architektur. Aber weder die Privaten noch die öffentlichen Institutionen richten ihr Au>
genmerk deutlich auf eines der anderen Module.
Interessant ist, dass das Filesystem fast ausschließlich durch US-amerikanische Firmen entwi>
ckelt wird (97.93 %). In Europa sieht das Bild so aus, dass der Architekturbereich unter-
(6.62 %), dafür der Treiber- sowie der Netzwerkbereich überproportional vertreten sind
(13.19 % bzw. 15.21 %). In Asien ist das Verhältnis hingegen umgekehrt (11.8 % gegenüber
6.12 % bzw. 2.78 %).
Zudem unterscheiden sich die sehr großen von den großen Firmen in ihrer Bedeutung in Be>
zug auf die Kategorien, wie aus Abbildung 23 ersichtlich ist.
Abbildung 22: Codebeiträge zu den Modulen in Bezug zur Gesamtheit der Interessengruppe
Kern
Treiber
Architekturen
Netzwerk
Dateisystem
Diverses
kommerziell
öffentlich
privat
unbekannt
7.4 Kategorisierung der Firmenbeiträge 101
Während die sehr großen Firmen den Architekturbereich sowie das Diverse mit 61.84 % bzw.
58.26 % dominieren, sind die „nur“ großen Firmen im Netzwerkbereich (52.82 %) sowie bei
den Filesystemen (50.52 %) für über die Hälfte der Codezeilen verantwortlich. Dies hat vor
allem damit zu tun, dass die Firma Red Hat, die beim Netzwerk (20.1 %) und Filesystem
(23.25 %) mit Abstand führend ist, lediglich als große Firma eingestuft ist. Kleine und sehr
kleine Firmen konzentrieren sich stark auf die Entwicklung von Treibern. 62.49 % bzw.
65.16 % der gesamten beigetragenen Codezeilen von Firmen dieser Größe gehören dazu.
Abbildung 23: Codebeiträge zu den Modulen nach Firmengröße
Kern
Treiber
Architekturen
Netzwerk
Dateisystem
Diverses
Sehr groß
Groß
Mittel
Klein
Sehr klein
Abbildung 24: Codebeiträge zu den Modulen nach Sektoren
Kern
Treiber
Architekturen
Netzwerk
Dateisystem
Diverses
Hardware
Software &
Dienstleistungen
Telekommunikatio
n
Handel
Non-IT
102 7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles
Die Aufteilung der Kategorien nach Sektoren wird in der Abbildung 24 dargestellt. Mit
Ausnahme der hardwarenahen Bereiche Treiber und Architektur sind vor allem Software>
häuser und Dienstleister in der Entwicklung engagiert. Überraschend ist jedoch, dass die Tele>
kommunikations-Firmen nicht mehr zum Netzwerkbereich beitragen und wie alle anderen
Sektoren hauptsächlich in die Entwicklung von Treiber investieren (siehe Abb. 25).
7.5 Aufteilung nach Architekturen
Linux wurde zwar ursprünglich durch Linus Torvalds programmiert, um ein UNIX-kompati>
bles Betriebssystem auf seinem billigen 386er-Intel-PC laufen lassen zu können (Torvalds
2001). Es wurde jedoch in der Zwischenzeit auf viele Hardwareplattformen portiert. Der Ker>
nel ist so aufgebaut, dass dabei die verschiedenen Plattformen als selbstständige Module fun>
gieren und so relativ unabhängig betreut werden können. Wie Abbildung 26 aufzeigt und wie
schon anhand der Aufteilung nach Kategorien ersichtlich war, sind die Firmen proportional
stärker an der Unterstützung der Architekturen beteiligt:139
139 Zu den Architekturen wurden nicht nur die Kategorie „architecture“ gezählt, sondern es sind auch noch klar
Abbildung 25: Codebeiträge zu den Modulen nach Sektoren
in Bezug zur Gesamtheit des Sektors
Kern
Treiber
Architekturen
Netzwerk
Dateisystem
Diverses
Hardware
Software &
Dienstleistungen
Telekommunikation
Handel
Non-IT
7.5 Aufteilung nach Architekturen 103
Die Unterstützung der einzelnen Architekturen stellt sich jedoch nicht homogen dar, wie
Abbildung 27 aufzeigt:
zuteilbare Sourcen aus anderen Kategorien hinzugekommen, insbesondere aus der Kategorie der Treiber.
Abbildung 27: Architekturen nach Interessengruppe in %
386
x86
AMD64
IA-64
s390
PowerPC
Sparc
Alpha
PA-RISC
MIPS
ARM
H8/300
Blackfin
SuperH
AVR32
CRIS
FR-V
M32R
M68K
V850
Xtensa
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
unbekannt
privat
öffentlich
kommerziell
Abbildung 26: Beteiligung an der Architektur im Total pro Interessengruppe
architekturneutral
architekturspezifisch
Total
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
unbekannt
privat
öffentlich
kommerziell
104 7 Ergebnisse zu den Linux-Kernel-Logfiles
Dass die Architekturen, die für High-end Server stehen, vor allem durch die Firmen unter>
stützt werden, ist nahe liegend. Ersichtlich ist jedoch auch, dass Architekturen, die man im
weitesten Sinne dem Consumer-Bereich zuteilen kann, viel stärker nicht kommerziell Interes>
sierte anzieht. Erstaunlich ist hingegen, dass die 386er-Architektur nicht stärker durch Private
betreut wird. Der hohe Anteil von Unbekannten bei der Architektur H8/300 lässt darauf
schließen, dass einige von ihnen zur Herstellerfirma Hitachi gehören, was in geringerem
Maße auch bei M68K (Motorola) und Alpha (HP) der Fall sein dürfte.
Die Architekturen werden, wie bereits gezeigt, in der Regel überdurchschnittlich durch kom>
merziell orientierte Firmen bearbeitet. Die Frage ist nun, ob dies ausschließlich Herstellerfir>
men sind, oder ob auch andere Firmen – wie etwa Distributoren – mitarbeiten.
Abbildung 28: Architekturen nach Herkunft in % mit Lead Firma
386
x86
AMD64
IA-64
s390
PowerPC
Sparc
Alpha
PA-RISC
MIPS
ARM
H8/300
Blackfin
SuperH
AVR32
CRIS
FR-V
M32R
M68K
V850
Xtensa
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
unbekannt
privat
öffentlich
kommerziell
Lead Firma
7.5 Aufteilung nach Architekturen 105
Weniger als die Hälfte der Architekturen wird durch eine Firma klar dominiert (siehe Abb.
28). In der Regel ist die dominierende Firma der Hersteller, in zwei Fällen allerdings auch der
Distributor Red Hat. Auch wird deutlich, dass die High-End-Architekturen in besonderem
Ausmaß von den Herstellern unterstützt werden.
Beteiligt an der Architektur waren im Jahr 2007 nur 144 der insgesamt 367 Firmen (39 %).
Die Top-30-Firmen tragen insgesamt über 80 % des Codes bei, die restlichen 114 nur noch
7 %. Betrachtet man, wer in absoluten Zahlen am meisten Codezeilen zu den Architekturen
beiträgt, so ergibt sich ein überraschendes Bild: Analog Devices führt die Liste mit fast dop>
pelt so viel beigetragenen Codezeilen (21 %) deutlich vor IBM (13 %) an. Es folgen Red Hat
(7 %), SGI (5 %) und Freescale (5 %). Überraschend sind auch die auf der Liste fehlenden
Firmen: zum einen HP (0.3 %) und Sun (0.03 %), die die Unterstützung ihrer Hardware
offensichtlich weitgehend durch den Distributor Red Hat gewährleisten lassen. Andererseits
hält sich die Linux Foundation (0.09 %) zurück. Noch interessanter in diesem Zusammenhang
ist, wie stark sich die Firmen auf die Hardwareunterstützung konzentrieren. Während Analog
Devices (91 % ihrer Beiträge gehen an die Architektur Blackfin), Tensilica (100 % Xtensa)
und Axis Communications (99 % CRIS) sich fast ausschließlich auf ihre eigene Architektur
konzentrieren, sind IBM (nur 45 % ihrer Codebeiträge sind direkt den Architekturen
zuzuschreiben) und SGI (48 %) doch etwas breiter integriert.
8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
8.1 Soziodemografischer Überblick
Der soziodemografische Überblick bezieht sich auf die befragten Linux-Kernel-Entwickler.
Es wurden sieben weitere Personen innerhalb der Firmen befragt, die selbst nicht (mehr) ent>
wickeln und entweder Projekt- oder Produktmanager sind und damit als Open-Source-Evan>
gelisten bezeichnet werden können.
Insgesamt nahmen siebzehn Entwickler in fünf Firmen an den Interviews teil. Drei der Firmen
sind in Deutschland, je eine in der Schweiz und in den USA domiziliert. Alle Firmen haben
eine amerikanische Muttergesellschaft.140 Die unterschiedliche Anzahl der Befragten pro Fir>
ma kam einerseits dadurch zustande, dass die Firmen in unterschiedlicher Zahl Linux-Kernel-
Entwickler beschäftigen. Andererseits wurde der Zugang nicht überall gleich offen gewährt
oder es haben sich nur wenige Entwickler zu einem Interview bereit erklärt.
Es konnten Interviews mit Entwicklern beider Geschlechter geführt werden, die Verteilung ist
allerdings sehr einseitig auf Männer ausgerichtet. Diese Geschlechterverteilung entspricht un>
gefähr derjenigen in der deutschen Softwarebranche.141 Die Interviewteilnehmenden sind in
ihrer Arbeit durchwegs sehr technisch orientiert, eine Managementkarriere wird nicht ange>
strebt. Dies ist vermutlich dem hohen, meist technikorientierten Ausbildungsstand zuzuschrei>
ben und weniger dem speziellen Untersuchungsfeld.
Sehr viele Linux-Kernel-Entwickler werden direkt aus den Hochschulen rekrutiert. Der
Wechsel intern von einem Closed-Source-Projekt zu Linux ist danach ein beliebter Weg. Eher
selten werden Entwickler über die Community angefragt. In der Regel bewirbt sich ein Inter>
essent auf eine Stellenausschreibung, sowohl bei einer externen als auch bei einer internen
Neubesetzung. Eine direkte Anfrage an die Community seitens der Firma ist auch bei internen
Wechseln eine Ausnahme.
140 Genauere Angaben zu den Firmen können leider nicht gemacht werden, da ansonsten die Anonymität nicht
mehr gewährleistet werden kann.
141 Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. (BITKOM)
schätzt, dass ca. 30.000 bis 50.000 Frauen im Bereich Informatik tätig sind (BITKOM 2007a; 2007b), was
bei insgesamt rund 830.000 Beschäftigten (BITKOM 2009) 3.5–6 % ausmacht.
108 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
Die Dauer der Firmenzugehörigkeit der Interviewteilnehmenden reicht von ein paar Monaten
bis zu 21 Jahren. Entsprechend dem Alter divergiert auch die Erfahrung in der Softwareent>
wicklung stark. Die meisten Hochschulabschlüsse waren zumindest der Informatik nahe. Nur
eine Person absolvierte den Abschluss auf dem zweiten Bildungsweg.
Code Firma Geschlecht Alter142 Ausbildung143 Rekrutierung
B2 A m 37 Hochschule intern
C3 A m 30 Fachhochschule extern
D4 A m 33 Fachhochschule intern
E5 A w 44 Hochschulabschluss intern
F6 A m 42 Promoviert intern
G7 A m 37 Promoviert direkt aus der
Hochschule
H8 B m 32 Hochschulabschluss direkt aus der
Hochschule
I9 B m 29 Fachhochschule direkt aus der
Hochschule
J10 B m 37 Promoviert von Community
K11 B m 36 Hochschulabschluss extern
L12 B m 39 Promoviert direkt aus der
Hochschule
N14 C m 28 Hochschulabschluss direkt aus der
Hochschule
O15 D m 43 Promoviert extern
R18 B m 36 Lehre von Community
S19 E m 35 Hochschulabschluss extern
T20 E m 35 Hochschulabschluss intern
U21 E m 28 Hochschulabschluss direkt aus der
Hochschule
Tabelle 8: Soziodemografischer Überblick der interviewten Linux-Kernel-Entwickler
Tabelle 8 bietet einen Überblick der soziodemografischen Daten der Interviewten Linux-
Kernel-Entwickler.
142 Zum durchschnittlichen Alter der IT-Beschäftigten in Deutschland konnten keine verlässlichen Vergleichs>
daten gefunden werden. Aufgrund der Tatsache, dass das Aufkommen von Linux vor allem von den heute
31- bis 40-Jährigen aktiv miterlebt werden konnte, ist anzunehmen, dass diese Altersgruppe überdurch>
schnittlich repräsentiert ist.
143 Zum Ausbildungsstand der IT-Beschäftigten konnten keine verlässlichen Daten gefunden werden. Anhand
der Anforderungen an die offenen Stellen kann jedoch vermutet werden, dass die in der Studie vorgefunde>
nen Werte durchaus vergleichbar sind (BITKOM 2007b).
8.2 Die empirisch begründete Typenbildung 109
8.2 Die empirisch begründete Typenbildung
Die zentralen Vergleichsdimensionen, die sich aus der Datenanalyse ergeben haben, sind die
Motivation sowie das Werte- und Normensystem der Entwickler. Es handelt sich hierbei um
zwei Dimensionen, die bereits sehr früh in der Diskussion um Open-Source-Software anzu>
treffen sind (siehe dazu Kapitel 3.2).
Die Dimension Motivation ist dabei durch folgende zwei Ausprägungen charakterisiert:
Extrinsische Motivation: Programmierer mit dieser Ausprägung sind hauptsächlich durch mo>
netäre Anreize, gute Berufsaussichten sowie einen konkreten Bedarf in ihrer Tätigkeit moti>
viert.
Intrinsische Motivation: Programmierer mit dieser Ausprägung sind hauptsächlich durch den
Spaß am Programmieren, das Streben nach Reputation, das Zugehörigkeitsgefühl, das
Lernbedürfnis sowie durch Altruismus in ihrer Tätigkeit motiviert.
Die Dimension des Normen- und Wertesystems zeichnet sich durch die folgenden zwei Aus>
prägungen aus (siehe Abb. 29):
Sich am Individuellen orientierende Normen und Werte: Programmierer dieser Ausprägung
Abbildung 29: Dimensionen für die Typenbildung
110 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
orientieren sich hauptsächlich an den Normen und Werten einer Person, einer Gruppe bzw.
einer Organisation.
Sich am Kollektiven orientierende Normen und Werte: Programmierer dieser Ausprägung ori>
entieren sich hauptsächlich an den Normen und Werten des ganzen Kollektivs.
Aufgrund der Dimensionen und deren Ausprägungen konnten folgende Typen aus den Daten
eruiert werden:
–Der Pragmatische Ingenieur, der extrinsisch motiviert ist und sich an den Normen und
Werten des Individuellen orientiert.
–Der Dialektische144 Informatiker, der ebenfalls extrinsisch motiviert ist, sich jedoch an den
Normen und Werten des Kollektiven orientiert.
–Der Sozialromantische Hacker, der intrinsisch motiviert ist und sich an den Normen und
Werten des Kollektiven orientiert.
Ein möglicher vierter Typ, der intrinsisch motivierte, sich an den Normen und Werten des In>
dividuellen orientierende Programmierer, den man im weitesten Sinne als Hedonisten be>
zeichnen könnte, war in den Daten nicht als Typ erkennbar. Allerdings lassen sich entspre>
chende Ausprägungen durchaus finden, sie werden deshalb ergänzend in der Ergebnispräsen>
tation aufgezeigt.
Die Verteilung auf die drei Typen stellt sich wie in Tabelle 9 aufgelistet dar:
144 Zur Begrifflichkeit der Dialektik siehe z. B. Popper (1993).
8.2 Die empirisch begründete Typenbildung 111
Der pragmatische IngeI
nieur
Der dialektische
Informatiker
Der sozialromantische
Hacker
B2
D4
E5
F6
I9
K11
L12
N14
O15
S19
T20
C3
G7
H8
J10
U21
R18
Tabelle 9: Verteilung der Interviewteilnehmenden auf die drei Typen
Es wird ersichtlich, dass die Gewichtung der Typen sehr unterschiedlich ist. Während es mehr
pragmatische Programmierer gibt, ist der sozialromantische Programmierer nur ein einziges
Mal anzutreffen.
8.3 Der pragmatische Ingenieur
8.3.1 Charakterisierung des Prototyps: Franz145 (F6)
8.3.1.1 Werdegang
Franz ist ein 42 Jahre alter Familienvater. Er studierte im Hauptfach Informatik. Sein Neben>
fach Chemie wählte er bewusst so, dass er eine aus seiner Sicht seltene und in Bezug auf Be>
rufsaussichten zukunftsträchtige Kombination vorweisen kann. Nach seiner Doktorarbeit über
ein hardwarenahes Thema, die er während seiner Tätigkeit als Assistent mit Lehrverpflich>
tung an einer Universität geschrieben hatte, wechselte er Anfang des Jahres 2000 in die Wirt>
schaft. Mittels einer Initiativbewerbung fand er gleich bei seinem heutigen Arbeitgeber eine
Stelle. In einem firmeninternen Projekt konnte Franz in seinem gewünschten Fachbereich tä>
tig werden und kam da – wie auch privat – in Berührung mit Linux, vorerst allerdings noch
als reiner Nutzer.
Nachdem dieses Projekt nach drei Jahren beendet war, machte sich Franz Gedanken über sei>
145 Der Name wurde geändert.
112 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
nen weiteren Werdegang. Aus Interesse und bestehenden Kontakten, aber auch aus karriere>
orientierten Überlegungen heraus bemühte er sich um einen Wechsel zum Linux-Team.
Da Franz bereits sehr gut mit dem Linux-Kernel vertraut war, konnte er schon nach sehr kurz>
er Zeit eigenen Code beisteuern, wobei es sich hauptsächlich um Code-Optimierungen und
weniger um neue Funktionalität handelte. Aufgrund seiner Fähigkeiten sowie seiner mehrjäh>
rigen Firmenzugehörigkeit übernahm er schon bald die fachliche Verantwortung für ein inter>
nationales Team mit sieben Mitarbeitenden.
8.3.1.2 Technologische Orientierung
An Open Source schätzt Franz insbesondere die sehr gute Qualität der Software. Maßgeblich
ist für ihn weniger das Entwicklungsmodell an sich, sondern vielmehr die klar vorgegebenen
Standards. Als Beispiel nennt er die zahlreichen Testfälle, die jedes Mal durchlaufen werden
müssen, bevor ein Patch akzeptiert wird. Auch die nicht nur definierten, sondern auch vollzo>
genen Regeln – beispielsweise für die Codeformatierung – sagen ihm zu. Diese Wertschät>
zung kommt daher, dass er in seinem vorherigen internen Projekt gegenteilige Erfahrungen
gemacht hatte. Sein Vorgesetzter konnte aufgrund der hierarchischen Stellung Code durchset>
zen, den Franz als minderwertig beurteilte: „So war das, so eine Wild-West-Mentalität.“
Einen weiteren Grund für die aus seiner Sicht bessere Qualität von Open-Source-Software
sieht Franz darin, dass sie noch relativ jung ist und (noch) keine Altlasten mitführen muss.
Gerade in seiner Firma, die teilweise noch jahrzehntealten Code benutzt, musste Franz Alther>
gebrachtes aufrechterhalten. Insofern kann er es sich vorstellen, dass der Code aus der Open-
Source-Community mit der Zeit an Qualität einbüßen könnte, da er auch bei ihr ein zukünfti>
ges Problem von Altlasten vermutet. Zur Zeit gefällt es Franz jedoch, dass er durch die Arbeit
am Linux-Kernel sehr nahe am Puls der Zeit ist.
Franz betont, dass er sich in erster Linie aus technischen Überlegungen heraus für die Arbeit
am Linux-Kernel entschieden hat. Ob dieses Projekt nun Closed oder Open Source ist, war für
ihn eher nebensächlich.
8.3 Der pragmatische Ingenieur 113
8.3.1.3 Ein Job wie jeder andere
Franz macht seine Arbeit sehr gern, zieht aber klare Grenzen zwischen Beruf und privatem
Leben. Er hat kein Bedürfnis, sich zu Hause auch noch an den Computer zu setzen und sieht
dasselbe Verhalten auch bei den meisten seiner Kollegen. Obwohl er zumindest teilweise von
zu Hause aus arbeiten könnte, gefällt ihm der Kontakt zu den Kollegen am Arbeitsplatz.
Er charakterisiert sich insofern als typischen Informatiker, als er einen guten theoretischen
Hintergrund hat. Damit grenzt er sich vom Hacker ab, der sich aus seiner Sicht weniger um
Fragen des Designs kümmert, sondern sich eher im Code vertieft. Franz meint, dass beide Ty>
pen ihren Platz sowohl in der Open-Source-Community als auch in der Firma haben sollten.
Er lässt jedoch mehrfach durchblicken, dass der von ihm geschriebene Code qualitativ hoch>
wertiger ist.
Für die Arbeit am Linux-Kernel sieht Franz keine Probleme. Er musste zwar zu Beginn einen
internen Kurs besuchen, in dem ihm erklärt wurde, was er wie machen darf. Auch hat er sich
juristisches Basiswissen angeeignet. Der zeitliche Aufwand dafür war jedoch gering. „Und
das ist auch im täglichen Arbeiten kein Hindernis.“ Im Allgemeinen sieht Franz die Proble>
me, die vor ein paar Jahren bei der Zusammenarbeit der Firma mit der Community noch be>
standen haben, weitgehend als behoben an. Dabei haben sich aus seiner Sicht beide Seiten an>
einander angepasst.
Die konkreten Aufgaben von Franz stammen aus einem Planungsprozess, der auf der Mana>
gementebene ausgearbeitet wird. Zwar kann er selbst Vorschläge einbringen, da diese aller>
dings ebenfalls denselben Planungsprozess durchlaufen, macht er nur Eingaben, die bereits
aus seiner Sicht im Interesse der Firma sind und somit große Chancen haben, akzeptiert zu
werden.
Franz erkennt viele Aspekte des Open-Source-Entwicklungsmodells in der Firma. Es gibt
Codereviews, Testpläne, Programmierrichtlinien etc. Der entscheidende Unterschied liegt für
ihn darin, dass die Community dies viel konsequenter durchsetzt. Er hinterfragt jedoch nicht,
weshalb das so ist, sondern akzeptiert es als Tatsache.
Auch die Projektorganisation über das Internet ist für ihn keine Besonderheit von Open-
Source-Projekten. Denn aufgrund der Tatsache, dass viele Teams in seiner Firma dezentral,
114 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
oft über mehrere Kontinente und Zeitzonen hinweg organisiert sind, ist es für Franz nicht
ungewöhnlich, sich asynchron zu organisieren.
Für Franz sind sehr gute technische Fähigkeiten entscheidend für die erfolgreiche Mitarbeit
am Linux-Kernel. Diese spricht er sich selber zu. Zwar gäbe es zahlreiche andere Aufgaben,
die weniger anspruchsvoll wären, aber „um da wirklich angesehen zu sein, braucht man ein
sehr tiefes, tiefgehendes technisches Verständnis.“ Daneben sei auch viel Geduld und ein
dickes Fell für die Arbeit in der Community nötig, da der Umgangston nicht immer angenehm
sei. Wer sich jedoch an die Standards und Regeln der Linux-Kernel-Community halte, habe
keine ernsthaften Probleme. Franz hat sich denn auch, bevor er zum ersten Mal in der Com>
munity aktiv wurde, selbstständig darüber informiert.
8.3.1.4 Wenig Präsenz in der Open-Source-Community
Franz ist eher wenig in der Open-Source-Community aktiv und glaubt nicht, dass er dort be>
kannt ist. Sein Hauptkontakt zur Community besteht darin, dass er Patches einsendet und
dann in die daraus entstehende Diskussion eingebunden ist. Aber „einfach so mitdiskutieren
tue ich relativ selten.“ Eine Maintainer-Funktion hat er nicht und strebt eine solche auch nicht
an.
Seine Art der Kommunikation orientiert sich eher an firmeninternen Gepflogenheiten: Als
ersten Schritt sucht Franz das persönliche Gespräch. Falls dies nicht möglich ist, nutzt er die
firmeneigene Kollaborationssoftware. E-Mails und Mailinglisten nehmen eine eher unterge>
ordnete Rolle ein.
Privat war Franz bisher noch an keinem Open-Source-Projekt aktiv beteiligt. Weil er gerade
einen Fehler in einer von ihm verwendeten Software entdeckt hat, macht er sich Gedanken
über ein Engagement. Obwohl er seine Erfahrungen mit Open Source in seinem Beruf als
durchaus positiv bezeichnet, fällt ihm die Entscheidung nicht leicht. Obwohl das betreffende
Projekt nichts mit seiner beruflichen Tätigkeit zu tun hat, würde er zuerst das Einverständnis
seiner Firma einholen.
8.3 Der pragmatische Ingenieur 115
8.3.1.5 Firmeninteressen haben Priorität
Zwar schätzt es Franz, dass der Quelltext von Linux offen ist, hat er doch zumindest privat
auch schon negative Erfahrungen mit nicht behobenen Fehlern oder gar aus dem Markt ge>
nommener Software gemacht. Aber er stellt geistiges Eigentum und deren Verwertungsrechte
nicht infrage. „Also, diese Ideologie von Richard Stallman, die teile ich nicht.“ Nach seiner
Einschätzung soll seine Firma den vollen Nutzen haben, wenn sie eine Software erstellt.
Auch dass die Firma Termine aus planerischen und marketingtechnischen Gründen vorgeben
muss, wird von Franz nicht hinterfragt. Er sieht jedoch die Diskrepanz zur Open-Source-
Community, die sich bei ihren Releases nicht am Kalender, sondern an Qualitätskriterien ori>
entiert. Für die Firma und für ihn entsteht dadurch Mehraufwand, den er lieber vermeiden
würde. Dass die Firma nur einen sehr beschränkten Einfluss auf die technologische Richtung
von Open-Source-Projekten hat, empfindet Franz als störend. Er kritisiert denn auch, dass die
Open-Source-Community tendenziell elitär ist und sich weniger an praktischen Überlegungen
orientiert.
Unter Freiheit versteht Franz weitgehend die Flexibilität in Bezug auf die Arbeitszeiten, die
seine Firma ihm gewährt. Mehr Freiheiten in der Gestaltung des Arbeitsinhalts ist zwar durch>
aus ein Ziel für ihn. Er akzeptiert jedoch, dass seine Aufgaben durch die Interessen der Firma
definiert werden. Jedoch würde er gern in einem frei von ihm gewählten Bereich forschen,
und zwar „unabhängig davon, ob es eine Firma interessiert“.
8.3.1.6 Den Status quo erhalten
Mit seinem Lohn ist Franz zwar durchaus zufrieden, er kritisiert jedoch die Gehaltspolitik sei>
ner Firma. Interessant ist dabei insbesondere, dass dies die einzige echte Kritik an seinem Ar>
beitgeber ist. Ansonsten schätzt er die Sicherheit sowie die Möglichkeit, in verschiedene Be>
reiche Einblick zu erhalten, die ihm eine große Firma bieten kann. Wichtig ist ihm ein mög>
lichst ruhiges Arbeitsumfeld ohne Überraschungen.
Die Spielregeln einer börsennotierten Unternehmung sieht er als systembedingt an und akzep>
tiert sie weitgehend, ohne sie zu hinterfragen. Zum Beispiel wurde kürzlich seinem Team ein
Mitarbeiter zugunsten eines anderen, höher eingeschätzten internen Projektes abgezogen. Da>
durch musste er seine eigenen Prioritäten anpassen und eine bereits begonnene Arbeit unter>
116 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
brechen. „Das ist jetzt nicht das erste Mal gewesen. Das wird auch nicht das letzte Mal sein.
Und da muss man sich mit arrangieren.“
Franz ist mit seiner momentanen beruflichen Situation sehr zufrieden. Er hat zwar noch keine
konkreten Pläne für die Zukunft, es ist ihm jedoch wichtig, dass er sich möglichst viele Optio>
nen offenhält – und dies, obwohl er gegenüber Veränderungen eher negativ eingestellt ist.
Grundsätzlich ist für ihn eine technische Karriere erstrebenswerter als eine in der Führungs>
hierarchie. Die Nähe zur Technologie sähe er aber nicht gefährdet, sollte er sich für einen
hierarchischen Karriereschritt entscheiden.
8.3.2 Idealtypische Charakterisierung
„Pragmatische Programmierer erledigen ihre Arbeit, und sie machen es gut.“
(Hunt und Thomas 2003, S. XVIII)
Der Typ des Pragmatischen Ingenieurs traf elfmal zu und ist damit der häufigste in der vorlie>
genden Stichprobe. Er charakterisiert sich vornehmlich durch eine extrinsische Motivation.
Für ihn sind ein guter Lohn, ein sicherer Arbeitsplatz, gute Arbeitsbedingungen und flexible
Arbeitszeiten sowie hervorragende berufliche Aussichten dominierende Aspekte bei der Wahl
der aktuellen Tätigkeit. Dazu gehört auch, dass Open-Source-Software aufgrund des offenen
Quelltexts, des großen Wissenspools sowie dem Peer Reviewing gute Lernmöglichkeiten bie>
tet. Seine extrinsische Motivation zeigt sich darin, dass er sich durch die Veröffentlichung sei>
ner Arbeit zu einer besseren Leistung angeregt fühlt, denn „das Wissen, dass öffentlich re0
viewt wird, reicht schon, dass man sich bemüht, wirklich sauberen Code zu schreiben.“ (B2)
An Open-Source-Software wird vorwiegend die sehr gute Qualität sowie der aktuelle techni>
sche Stand geschätzt. Der Pragmatische Ingenieur sieht sich vornehmlich als Ingenieur im en>
geren Sinne und orientiert sich stark an der Technologie. Über den ideologischen Hintergrund
macht er sich kaum Gedanken. Meistens sind die Begriffe Open-Source-Software sowie Freie
Software nur oberflächlich bekannt und werden nicht selten gar inhaltlich falsch interpretiert.
Da die meisten der befragten Pragmatischen Ingenieure schon in ihren früheren beruflichen
Tätigkeiten in internationalen Teams Software entwickelten, erweist sich das Entwicklungs>
modell von Open-Source-Software zumindest in ihrem beruflichen Umfeld kaum als Neuheit,
8.3 Der pragmatische Ingenieur 117
denn „insofern ist es vom Arbeitsprofil her [...] nicht so viel anders als eine Projektarbeit an
einem anderen Projekt. Wir haben unsere Planung. Wir haben unsere Mitarbeiter. Wir haben
unsere Chefs. Wir haben unsere Teamleitung. Das ist alles vorhanden hier.“ (B2) Sie
sprechen einem Open-Source-Softwareentwickler nur wenige besondere Fähigkeiten zu – „Es
ist auch nur programmieren.“ (B2) – und verorten diese dann insbesondere im
kommunikativen Bereich.
Da sie sich vorwiegend für den Linux-Kernel als Software interessieren, empfinden die Prag>
matischen Ingenieure das Open-Source-Entwicklungsmodell als eher störend. Insbesondere
die mangelnde Kontrolle bei Terminen wird zwar als systembedingt akzeptiert. Sie würden es
jedoch begrüßen, wenn die Firma mehr Macht ausüben könnte. Die internen Planungsprozes>
se werden hingegen nicht infrage gestellt, obwohl die damit verbundenen häufigen Sitzungen
als übertrieben empfunden werden und ihrer Ansicht nach oft auch nicht einen direkten Ein>
fluss auf die Qualität ihrer Arbeit haben.
Die Unabhängigkeit der Community wird im eigenen, an Technologie und Qualität orientier>
ten Interesse genutzt, um gegen interne Zwänge zu wirken. „Ja, für uns Entwickler ist es ei0
gentlich gut, ohne Termine arbeiten zu können.“ (T20) Damit wird ausgedrückt, dass die Soft>
ware-Qualität von den ausreichenden zeitlichen Ressourcen abhängig ist. Zusätzliche Zeitres>
sourcen werden so beim Management nicht selten durch das Argument beansprucht, dass die
Community die Qualität noch nicht akzeptiert.
Die rechtlichen Einschränkungen, die durch die Arbeit einer Firma mit der Open-Source-
Community entstehen, werden kaum thematisiert. Wichtig ist lediglich, dass die Mitarbeiten>
den bei eventuellen Problemen durch die Firma abgesichert werden. Störend ist, dass bei
Code, der auf Betriebsgeheimnisse zugreift, mit Vorsicht vorzugehen ist, z. B. indem die
Rechtsabteilung Abklärungen macht, oder dass „man [beim Programmieren] manchmal ein
bisschen Klimmzüge machen [muss], damit es alles noch im Rahmen ist“ (F5).
Im Allgemeinen hält sich dieser Typus in der Community so weit wie möglich zurück. Kon>
takte bestehen weitgehend innerhalb der Firma, das gilt auch für persönliche Gespräche mit
Kollegen anstelle des Austausches über Mailinglisten. Dies mag auch daran liegen, dass sich
die meisten Interviewteilnehmenden über den oft harten Kommunikationsstil in der Open-
Source-Community beklagen. „Also, manchmal ist der Ton sehr hart oder schroff. Oder
118 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
manchmal auch schon fast verletzend. Das schreckt mich auch ab.“ (E5) Es wird ein rein
sachlich argumentierender Stil bevorzugt und auch selbst praktiziert.
Dass der geschriebene Code in aller Regel upstream in den Mainline-Kernel146 gehen sollte,
wird akzeptiert, der dadurch entstehende Mehraufwand würde jedoch lieber vermieden. Der
Grund für diese Regel wird darin gesehen, dass der Code nicht mehr allein von der Firma ge>
wartet werden muss und somit Kosten gespart werden können.
Für den Pragmatischen Ingenieur stehen die Bedürfnisse seines Arbeitgebers im Vordergrund.
Er sieht die Berechtigung von Linux darin, dass seine Firma einen direkten Nutzen daraus zie>
hen kann. Der Glaube an den Markt und das freie Unternehmertum wird nie infrage gestellt.
Dass direkte Konkurrenten gemeinsam am Linux-Kernel arbeiten, wird eher als problematisch
und als potenzieller Interessenkonflikt147 gesehen. Das Potenzial einer offenen Kollaboration
bleibt unbeachtet. Die Bürokratie eines großen, weltweit agierenden Konzerns wird höchstens
am Rande thematisiert. Hierarchien werden weitgehend akzeptiert und als Chance für einen
eigenen Karriereschritt gesehen. Es ist bezeichnend, dass beinahe alle Pragmatischen Inge>
nieure, die schon mehrere Jahre in der Firma tätig sind, zumindest Teamleitungsfunktionen
innehaben. Der mit der Karriere oft verbundene zunehmende administrative und führungs>
bezogene Aufwand wird zwar als eher unangenehm wahrgenommen, aber akzeptiert. „Ich
entwickle halt selbst bevorzugt. Ist meine Lieblingstätigkeit. Die anderen beiden sind so das
notwendige Übel.“ (D4) Am liebsten würde sich der Pragmatische Ingenieur den ganzen Tag
der Softwareentwicklung widmen. Auch hier zeigt sich die starke Orientierung an der Tech>
nik.
Der Pragmatische Ingenieur geht den Konflikten am liebsten aus dem Weg. Dies erreicht er
146 Die Begriffe „Mainline“ und „upstream“ werden weitgehend synonym verwendet. Damit wird ausgedrückt,
dass es sich um den offiziell gültigen, aktuellsten Quelltext des Linux-Kernels handelt. Im Gegensatz dazu
gibt es unzählige Repositorys, sowohl firmenintern als auch frei zugänglich im Internet, die weniger offizi>
ell bzw. aktuell sind.
147 „Natürlich gibt es Interessenkonflikte. Dass Modul XY von Firma A kommt. Und solche Sachen. Dass
Firma B [direkter Konkurrent] von hinten schauen muss, wie sie ihre Sachen irgendwie da rein bekommen.
Das ist gerade bei Modul XY vielleicht so eine eigene Sache. Weil, weil der ganze Code, der da im Kernel
ist, alles von Firma A geschrieben worden ist. Und Firma B postet da auch direkt auf die Mailinglisten. Es
wird dann auch irgendwann genommen. Aber die haben halt immer schlechtere Karten. Was dann teil0
weise so gemacht wird, ist, über andere Firmen. Ob das jetzt wir sind, oder Firma C oder wer auch immer.
[...] Diesen Interessenkonflikt spüre ich vielleicht auch so ein bisschen. Zwischen den Firmen, die eigentl0
ich erbitterte Konkurrenten sind, aber dann doch irgendwie zusammenarbeiten müssen.“ (Interviewauszug
I9)
8.3 Der pragmatische Ingenieur 119
einerseits, indem er hierarchische Verantwortung nicht nur ablehnt, sondern Probleme nach
oben delegiert. Für ihn ist es vorteilhaft, dass die Firma ein Planungs- und Managementgremi>
um hat, das sich vornehmlich um (seine) Konflikte kümmert.
Als größtes Problem in ihrer Arbeit sehen die entsprechenden Befragten, dass sie zu wenig
Zeit für ihre Aufgaben haben oder zu wenig Mitarbeitende in ihrem Arbeitsbereich tätig sind.
Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass sie eher kurzfristige Aufträge erhalten und deshalb
oft unter Zeitdruck stehen. Dies stört ihr Ruheempfinden, und sie können nicht nach Plan ar>
beiten: „Ich finde es angenehm, wenn es wirklich ruhig ist. Dabei kann ich entspannen und
mich auch gut konzentrieren. Und ich organisiere meine Arbeit auch gerne so, dass ich am
Stück an einem Projekt arbeite. Möglichst nicht allzu viel durcheinander hab.“ (F6)
Trotzdem können sich die Pragmatischen Ingenieure gut von der Arbeit abgrenzen und sind
der Ansicht, dass sie eine gute Work-Life-Balance aufweisen. „Denn letztendlich mach ich
schon in der Firma sehr viel für den Linux-Kernel. Und da muss ich das nicht auch noch in
meiner Freizeit machen.“ (L12) Mit zunehmendem Alter und zunehmender Erfahrung gleicht
sich dieses Verhältnis zusehends aus. Die Familiengründung führt nicht selten zu einer Relati>
vierung der Bedeutung der Arbeit.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Pragmatische Ingenieur sehr dem Software>
entwickler entspricht, wie er in proprietärer Softwareentwicklung zu erwarten ist. Er orientiert
sich an seiner (technischen) Arbeit und kaum an unternehmerischem Denken. Er sieht sich
nicht als etwas Besonderes und grenzt sich mit seinem großen Arbeitsethos sowie seiner ange>
strebten Effizienz von einem Open-Source-Entwickler ab, der in der Freizeit tätig ist. Markant
ist auch, dass alle vier Interviewteilnehmenden, die einen firmeninternen Wechsel von einem
Closed-Source-Projekt zur Linux-Kernel-Entwicklung machten, diesem Typus zuzuordnen
sind.
120 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
8.4 Der dialektische Informatiker
8.4.1 Charakterisierung des Prototyps: Gerhard148 (G7)
8.4.1.1 Werdegang
Gerhard ist 37 Jahre alt und alleinstehend. Schon seit seiner Kindheit, „seitdem ich zehn oder
elf war“, beschäftigt er sich mit Computern. Die Wahl des Informatikstudiums lag deshalb
nahe. Bereits während des Universitätsstudiums interessierte er sich nicht nur für Open-
Source-Software, sondern arbeitete auch in verschiedenen Projekten mit. Nach Abschluss sei>
ner Promotion im Jahr 2000 entschied sich Gerhard gegen eine akademische Karriere und für
einen Gang in die Industrie. Dabei war für ihn klar, dass er im Open-Source-Bereich tätig sein
wollte.
Gerhard ist seit 2000 beim selben Arbeitgeber angestellt. Im ersten Jahr steuerte er noch Code
in den verschiedensten Bereichen des Linux-Kernels bei. Danach fokussierte er recht schnell
auf einen Teilbereich, dem er auch heute noch treu ist. Gerhard hatte dafür zu sorgen, den zu>
erst nur intern vorhandenen Code upstream in den Kernel zu integrieren. Dadurch wurde er
offizieller Maintainer dieses Codes, wobei dieser, wie bislang auch, vorwiegend in der eige>
nen Firma gewartet wird. Jedoch steuerte Gerhard zunehmend Code in seinem Spezialbereich
bei. Dies ging über die Bedürfnisse seines Arbeitgebers hinaus. Dieses Engagement hatte zu
Folge, dass ihn die Community vor einem Jahr zu einem globalen Maintainer über ein umfas>
sendes Programmpaket gewählt hat. Diese Arbeit als globaler Maintainer sieht Gerhard zwar
nicht als einen Auftrag der Firma. Es wird ihm jedoch – weitgehend stillschweigend – erlaubt,
einen gewissen Teil seiner Arbeitszeit darauf zu verwenden.
Auch in der Firma nahm der Einfluss zu. Als Architekt und Teamleader kann Gerhard über
seinen Bereich zumindest technologisch weitgehend bestimmen, was wie und wann getan
wird. Da er seit einiger Zeit auch mit externen Partnern zusammenarbeitet, hat sich dieser
Einfluss weit über die Firmengrenzen hinweg ausgeweitet.
Gerhard ist mit seiner beruflichen Entwicklung sehr zufrieden. Er strebt eine technische Lauf>
148 Der Name wurde geändert.
8.4 Der dialektische Informatiker 121
bahn an, die ihm die Firma ermöglicht. Nachdem er bereits ein paar Karriereschritte durchlief,
steht zurzeit der nächste, etwas größere an.
8.4.1.2 Etwas bewegen können
Für Gerhard ist es wichtig, dass er mit seiner Arbeit etwas bewegen kann. In seiner heutigen
Funktion als Architekt und Teamleader ist dies gegeben, da er für die Architektur und Strate>
gie in seinem Bereich abteilungsübergreifend zuständig ist und technische Entscheidungen
weitgehend selbstständig treffen kann. Er nimmt deshalb in Kauf, dass er nun weniger Zeit für
das Programmieren hat und oft an Meetings verschiedener Planungsgremien teilnehmen muss.
Zudem nahm der Aufwand für die Beantwortung von E-Mails und für administrative Tätig>
keiten zu. Um weiterhin aktuelles Wissen zu erlangen, schreibt Gerhard immer wieder selbst
Code.
An der Open-Source-Bewegung gefällt ihm die Offenheit des Entwicklungsprozesses. Durch
den öffentlich einsehbaren Quelltext und den Review-Prozess wird der Code auch besser les>
bar. Somit wird das Ein- und Mitarbeiten einfacher. Zudem können wegen der kaum existie>
renden Hierarchien alle Beteiligten durch sachliche Argumentation und Engagement aktiv
werden und etwas bewegen.
Eine Aufgabe von Gerhard als Teamleader ist es, die in der Arbeit mit Open Source weniger
erfahrenen Teammitglieder an die Prozesse und Regeln heranzuführen. Dies ist eine gute Stra>
tegie, um potenzielle Konflikte frühzeitig erkennen und diskutieren zu können.
Insbesondere als globaler Maintainer kann er seine Doppelrolle so einsetzen, dass er den von
seiner Firma kommenden Code bereits in der Entstehung betreuen kann und so allenfalls spä>
ter nicht ablehnen muss.
8.4.1.3 Firma und Community zusammenbringen
Gerhard sieht sich in zwei Rollen. Einerseits ist er von der Firma bezahlt und muss ihre Inter>
essen vertreten. Das heißt, dass an Funktionalität gearbeitet wird, die für das eigene Ge>
schäftsmodell von Bedeutung ist. Da der Code jedoch noch upstream gehen soll, gelten auch
in der Firmenrolle die Spielregeln der Community. Andererseits muss er als globaler Maintai>
122 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
ner die Interessen der Community vertreten. Obwohl er die Arbeit als globaler Maintainer zu>
mindest teilweise während der Arbeitszeit erledigen kann, sind dabei Firmeninteressen tabu.
Auffallend ist, dass Gerhard sowohl bei Firmenangelegenheiten als auch in Open-Source-Be>
langen immer von „wir“ redet, sich also mit beiden Institutionen identifiziert.
Diese beiden Rollen spiegeln sich auch in seiner Einstellung zur Ideologie der Freien Soft>
ware wider. Grundsätzlich findet er Richard Stallman und dessen „Standpunkt, der auch gut
begründet und fundiert ist“, begrüßenswert. Und er ist beeindruckt, wie Stallman seine Idee
konsequent verfolgt. Allerdings akzeptiert er, dass bei seiner Firma kommerzielle Interessen
im Vordergrund stehen und deshalb die Idee nur so weit unterstützt wird, wie es für sie von
Nutzen ist.
Gerhard passt seine Kommunikation an die jeweilige Situation an. Firmenintern kommuni>
ziert er oft über die eigene Kollaborationssoftware, was ihm den Kontakt über die verschiede>
nen Zeitzonen vereinfacht. Ansonsten bevorzugt er E-Mails als Kommunikationsmittel in der
Open-Source-Community. Diskussionen, die zwar mehrheitlich intern geführt werden, aber
von allgemeinem Interesse sein könnten, versucht er in der Regel, auf öffentlichen Listen zu
führen, auch wenn dies mit einem Mehraufwand für ihn verbunden ist.
Für Gerhard entstehen gelegentlich Probleme innerhalb der Firma, wenn er gleichzeitig mit
den eher traditionell orientierten Kollegen und den „Leuten, die so mehr wirklich Hardcore-
Open-Source-Entwickler sind“, zu tun hat. Während erstere zum Beispiel Powerpoint-Präsen>
tationen bevorzugen – wofür auch eine Infrastruktur in der Firma besteht –, wünschen letztere
eine einfache, textorientierte Meldung. „Und da muss man immer so ein bisschen versuchen
zu vermitteln. Aber, im Großen und Ganzen klappt das schon.“
Im Linux-Bereich innerhalb der Firma wurde die Infrastruktur zumindest teilweise an die Be>
dürfnisse der Open-Source-Entwickler und -Community angepasst. Beispielsweise wird für
das Fehlerhandling nicht das in der Firma übliche Bugtracking-System verwendet, sondern
das in der Community vorgezogene Bugzilla. Allerdings müssen Mitarbeitende aus anderen
Bereichen, die ein Problem mit Linux feststellen, dies in Bugzilla festhalten. „Und das funk0
tioniert eigentlich ganz gut.“
Solange sich Gerhard innerhalb des Linux-Bereichs in seiner Firma bewegt, entstehen kaum
noch Konflikte zwischen der Open-Source-Arbeit und der kommerziellen Orientierung der
8.4 Der dialektische Informatiker 123
Firma, da sich dieser Bereich durchgängig der Open-Source-Mentalität verschrieben hat. Zu>
dem hat sich die Firma auf höchster Ebene stark zu Linux und Open Source bekannt. „Aber,
manchmal muss man halt darüber hinausgehen.“ So bereitete zum Beispiel die Tatsache, dass
bei Projekten der Free Software Foundation eine Abtretung der Rechte am beigetragenen
Code unterschrieben werden muss, der Rechtsabteilung der Firma Kopfzerbrechen. Die Klä>
rung dieses Problems dauerte zwar ein gutes Jahr und forderte auch von Gerhard viel Engage>
ment und Geduld. Aber wenn für die Firma ein gangbarer Weg gefunden ist, gilt dieser als
Standard ohne weitere Diskussionen.
Wie beim Pragmatischen Ingenieur entstehen auch hier immer wieder Probleme, wenn die
Firma gegenüber Partnern und Kunden Termine vereinbart, die durch die Prozesse in der
Open-Source-Community nicht eingehalten werden können. Gerhard sieht dies als Herausfor>
derung, die es zu handhaben gilt. Manchen Problemen kann er vorbeugen, etwa indem er,
wenn ein Patch nicht sofort akzeptiert wird, im Budget eine Reserve für „community-beding>
ten“ Mehraufwand einplant.
Dies zeugt davon, dass er versucht, Konflikte zu vermeiden, indem er rechtzeitig mit anderen
zusammen eine allgemein akzeptable Lösung sucht. Die juristischen Restriktionen, die aus der
Arbeit einer großen Firma mit der Open-Source-Community entstehen, sieht Gerhard zwar als
größten Störfaktor, als Behinderung empfindet er sie jedoch nicht. „Konflikte gibt es immer.
Aber ich denke, es läuft im Großen und Ganzen eigentlich ganz gut.“ Für die in einer großen
Firma systembedingt entstehende Bürokratie, die im täglichen Arbeiten eher störend ist, sieht
er durchaus gute Gründe und akzeptiert sie.
8.4.2 Idealtypische Charakterisierung
Der Typ des Dialektischen Informatikers sieht sich nicht mehr in der Rolle des Programmie>
rers, sondern versteht sich als Vermittler zwischen dem globalen Konzern und der Open-
Source-Community. Dabei versucht er stets, vorhandene Gegensätze aufzuheben. Der dialek>
tische Informatiker hat sich bereits während seiner Studienzeit intensiv mit Open-Source-
Software beschäftigt und nicht selten seine Abschlussarbeit zu diesem Thema geschrieben. Er
hat auch darauf hingearbeitet und eine entsprechende Anstellung gesucht, mit der er im Open-
Source-Bereich tätig sein kann. Dass dabei gerade der Linux-Kernel im Zentrum steht, war
124 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
meist nicht zwingend und könnte sich in Zukunft durchaus wieder ändern.
Er ist vorwiegend extrinsisch motiviert, wobei für ihn die Reputation bei Gleich- und Höher>
gestellten sehr wichtig ist. Diese Anerkennung versucht er vorwiegend mittels exzellenter
Leistung zu erlangen, hierarchische Anerkennung ist ihm weniger wichtig. Die Open-Source-
Welt bietet ihm aufgrund der Transparenz hier besondere Möglichkeiten. „Jeder sieht, was
ich gemacht habe. Wenn ich es gut mache, sieht man es. Wenn ich es schlecht mache, sieht
man es auch.“ (C3) Dass in die Reputation auch investiert werden muss, ist ihm klar. Er
kennt seine Grenzen und ist bereit, Hilfe von anderen zu akzeptieren. Es erscheint ihm für das
Arbeiten in der Open-Source-Community wichtig, dass man mit Kritik umgehen kann, so>
wohl mit derjenigen, die man erhält, als auch mit derjenigen, die man selbst formuliert. Inso>
fern ist „nicht jeder, der gut programmieren kann [...] auch ein guter Open-Source-Entwick0
ler.“ (U21)
Der Dialektische Informatiker ist durch seine Integrität und seine Bereitschaft, für seine Mei>
nung einzustehen, sowohl in der Community als auch innerhalb der Firma anerkannt. Für das
Wirken in der Community will er ein klares Bekenntnis der Firma zur Open-Source-Software.
Dadurch dass er von einer großen Firma beschäftigt wird, sieht er keine direkten Vorteile in
der Community. Er schätzt jedoch, dass er so mehr Möglichkeiten hat, mit anderen „großen
Firmen zu kommunizieren“ (J10). Umgekehrt sieht er seine Position in der Firma durch seine
Reputation in der Community, nicht selten als Maintainer, gestärkt. Er sieht sich sowohl in
der Firma als auch in der Community sehr gut integriert.
Er verwendet sehr viel Zeit auf Kommunikation, sei es firmenintern in Sitzungen oder in der
Community mittels E-Mails. In der sachlichen Kommunikation, insbesondere auch beim Peer
Reviewing, sieht der Dialektische Informatiker die Möglichkeit, etwas bewegen zu können,
was ihm sehr wichtig ist, sowohl innerhalb der Firma als auch in der Community. Aus diesem
Grunde akzeptiert er auch, dass nur noch wenig Zeit zum Programmieren bleibt. Dafür hat er
sich jedoch Freiraum geschaffen, um „am Ball zu bleiben“ (G7). Seine Aufgaben sind dabei
eher längerfristiger, strategischer Natur. „Wir als Architekten und technische Experten haben
natürlich einen entscheidenden Einfluss darauf, was inhaltlich denn zu tun ist.“ (G7)
Vor diesem Hintergrund kann er sich gut den Werten und Normen sowohl der Firma als auch
der Community anschließen. Er passt sich der jeweiligen Rolle an und wechselt seinen Stand>
8.4 Der dialektische Informatiker 125
punkt und sein Verhalten entsprechend. Wo er Konflikte sieht, versucht er zu vermitteln und
einen für beide Seiten akzeptablen Weg zu finden. Typisch für den Dialektischen Informatiker
ist es insbesondere, dass er möglichen Konflikten vorbeugt, indem er selbstständig den Kon>
takt zu den Betroffenen sucht.
Er sieht in der Firma eine Entwicklung hin zum Open-Source-Stil. Die Open-Source-Commu>
nity hat sich aus seiner Sicht durch Selbstorganisation bereits sehr gut an die Zusammenarbeit
mit den Firmen angepasst.
Dass der geschriebene Code in aller Regel upstream in den Mainline-Kernel gehen sollte, be>
grüßt er. Den dadurch entstehenden Mehraufwand sieht er als gute Investition an. „Wenn wir
jetzt auf dem Weg, um das Ziel zu erreichen, noch andere Sachen machen müssen, ist das ja
kein Problem für uns. Sondern, das können wir gerne mitmachen. Das ist dann halt was, wo
ich dann halt die Zeit dann auch mit einplanen muss, für dieses Projekt.“ (H8) Den Grund für
diese Regel sieht er weniger in Kostenersparnissen, sondern in der strategischen Bedeutung,
dass der Linux-Kernel einerseits dadurch kontinuierlich besser wird und damit gegenüber der
proprietären Konkurrenz bestehen kann. Andererseits sieht er ein, dass langfristig die War>
tung von eigenem Code aufgrund der häufigen Veröffentlichungen und zahlreichen Distribu>
tionen schwierig wird. Diese Haltung vertritt er auch gegenüber seinen Auftraggebern, seien
sie aus der Firma, seien es externe Partner oder Kunden. „Also, generell sagen wir unseren
Partnern, wenn sie etwas [...] haben möchten, müssen sie es upstream in der Community ak0
zeptiert haben. Also sprich, wir probieren, die Partner davon zu überzeugen, dass sie aktiv
mit der Community zusammenarbeiten.“ (H8)
Die Arbeit einer kommerziell orientierten Firma mit einer im Grunde nicht profitorientierten
Community sieht der Dialektische Informatiker nicht als störend, sondern vielmehr als Her>
ausforderung. Von seinem Arbeitgeber wird von ihm „erwartet, einen Ausweg zu finden“
(H8), wenn z. B. ein gewünschtes und für das Geschäft als wichtig eingestuftes Feature von
der Community nicht akzeptiert wird. Wie er die Lösung findet, ist eine „Frage von
Balance“ (J10) zwischen Firmen- und Community-Ansprüchen. Die mangelnde Kontrolle
seiner Firma vor allem in Bezug auf die Termine versucht er zu handhaben, indem er mögli>
che Probleme frühzeitig in der Planung berücksichtigt und so selbst weniger unter Druck ge>
rät. Am meisten stören ihn Beschränkungen, die ihm von juristischer Seite auferlegt werden.
Ein Beispiel dafür ist das kollaborative Arbeiten:
126 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
„Zum Beispiel, eine der Kernideen von Open Source ist ja die gemeinschaftliche
Arbeit. Dass jemand mal einen Patch schreibt. Und schickt den an eine zweite
Person, die daran dann etwas ändert. Und dann wird es weitergeschickt. Und so
weiter. Und dass der Code also durch viele Hände geht. So. Und jetzt hat die
Rechtsabteilung hier ein gewisses Problem damit, wenn ein Angestellter Code von
jemand anders bekommt, dann was arbeitet, und den dann in der Gesamtheit wie0
der nach Außen schickt. Weil, es könnte ja sein, dass in dem Code, den wir von je0
mand anders bekommen haben, zum Beispiel ein Patent von irgendjemand viel0
leicht verletzt hat. Das weiß man ja nie. Und wir schicken ihn im Namen der Fir0
ma weiter raus. Dann kommt natürlich von uns Code, der vielleicht ein Patent
verletzt. Es entsteht also ein mögliches Risiko für die Firma. [...] Deswegen ist
das immer ein gewisses Konfliktpotential. Weil eben die sozusagen aus der Open-
Source-Sicht naheliegendste Methode, wie wir arbeiten wollen und sollen, eben
aus Sicht der Firma unnötige Risiken verursacht.“ (G7)
Unterstützt wird der dialektische Informatiker in seiner Arbeit in der eigenen, auf Open-Sour>
ce-Software spezialisierten Organisationseinheit und auch vom höheren Management. Beim
mittleren Management, das eher weniger mit der Community zu tun hat, versucht er Verständ>
nis für die besonderen Belange seiner Arbeit zu generieren, unterstützt sie aber auch dort, wo
dies nicht gelingt.
Seine Kontakte findet der Dialektische Informatiker sowohl innerhalb der Firma als auch in
der Community. Dabei ist für ihn die Firmenzugehörigkeit unbedeutend. Das führt dazu, dass
berufliche Kontakte in der Freizeit weitergeführt werden. Umgekehrt nutzt er sein Netzwerk
in der Community, um sich allenfalls mit Partnern oder gar Konkurrenten informell über tech>
nische Fragen auszutauschen. „Weil ich da halt auch privat Freunde habe bei Partnern, und
halt auch bei Konkurrenten. Also das ist da sehr vernetzt, quasi. Man tauscht sich da ja nicht
über die Produktsachen aus, aber halt wenn es um Technologien geht, entsteht da schon Aus0
tausch. [...] Also normalerweise hat man da schon, ja, so ein Netzwerk aufgebaut, von Leuten
die man halt kennt, die man halt fragen kann. Das ist eigentlich auf der Ebene von der direk0
ten Kommunikation einfacher, meistens, an Informationen zu kommen.“ (H8)
Die Unabhängigkeit, Offenheit und Freiheit der Software ist für ihn wichtig, wobei er dies
pragmatisch sieht und seiner Firma das Recht zugesteht, proprietäre Software zu entwickeln,
8.4 Der dialektische Informatiker 127
wenn sich dies anbietet. Der Dialektische Informatiker versteht die beiden Welten nicht als
Gegensatz oder Konkurrenz, sondern sieht die Berechtigung beider Typen und glaubt, dass sie
gut nebeneinanderher gehen oder sich im Einzelfall sogar gegenseitig befruchten können. Er
akzeptiert nicht nur, dass die meisten Entwickler in der Community von Firmen dafür bezahlt
werden, sondern sieht das eher als Vorteil, da so mehr und vielfältigerer Code ins Projekt ein>
fließt. Nicht selten arbeitet er zusätzlich auch in seiner Freizeit an Open-Source-Software, wo>
bei dies eher weniger mit seinen konkreten beruflichen Aufgaben zu tun hat. „Ein anderer Ef0
fekt, der viel häufiger ist, sind Leute, die von Firmen bezahlt werden, aber in ihrer Freizeit an
Sachen mitarbeiten, für die sie nicht bezahlt werden. Das mach ich genau so. [...] Da ist dann
jemand bei einer anderen Firma zuständig für ein eigenes Projekt, und der schickt mir einen
Patch zu meinem Projekt. Und ich kenne den schon von anderen Sachen, wo wir zusammen
arbeiten, aber das ist dann für ihn sein Hobby erstmal.“ (C3)
Der dialektische Informatiker kann die Grenze zwischen Beruf und Privatem gut ziehen. Er
arbeitet zwar sehr viel, aber ohne dass der Zeitaufwand außer Kontrolle gerät. Hilfreich dabei
ist, das er Spaß an der Arbeit hat und sie ihn befriedigt. Allerdings erkennt er auch, dass es
Wichtigeres als seine Arbeit gibt, zum Beispiel die Gründung einer eigenen Familie. „Das
hat sich am 28. Januar 2007 quasi von selbst verändert. Weil, da wurde mein Sohn geboren.
[...] Wenn ich nach Hause komme – ich nehme es mir zwar immer vor, und heute Abend
machst du jetzt noch das und das –, aber wenn ich dann zu Hause bin, dann gibt es auf ein0
mal Wichtigeres.“ (H8) Das bedeutet, dass der berufliche Status durch private Ereignisse rela>
tiviert wird. Veränderung wird demnach in das Leben integriert.
8.5 Der sozialromantische Hacker
8.5.1 Charakterisierung des Prototyps: Robert149 (R18)
8.5.1.1 Werdegang
Robert ist 36 Jahre alt, Single und Ende der 1990er Jahre aus dem angrenzenden Ausland für
149 Der Name wurde geändert.
128 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
die heutige Anstellung zugezogen. Er schloss eine Berufslehre als Betriebselektriker ab und
begann bereits während der Lehrzeit und in der Freizeit zu programmieren. Über sein Hobby
ist er später zum professionellen Softwareentwickler geworden.
Schon sehr früh, zu Beginn der 1990er Jahre stieß Robert auf Linux. Er war damals bereits
professioneller Programmierer. Da in seiner damaligen Firma mit UNIX gearbeitet wurde und
er auch privat ein zumindest UNIX-artiges Betriebssystem verwenden wollte, kam für ihn
Linux gerade zur richtigen Zeit. Die Vorteile von Linux gegenüber den meisten anderen
UNIX-Derivaten waren für ihn, dass die Software auf einem normalen PC lief und kostenlos
war.
Bald installierte er die Software auch in der Firma und konnte durch die bessere Performance
und die einfachere Wartung Kollegen und Management von Linux überzeugen. In seinem
nächsten Job konnte Robert von seinem weitgehend aus Büchern im Selbststudium erworbe>
nen Wissen sowie durch seine privaten Experimente mit Linux profitieren. Er baute sein Wis>
sen zu Linux kontinuierlich aus.
Während einer Phase der Arbeitslosigkeit, ungefähr um 1995, begann Robert sich noch inten>
siver mit Linux zu beschäftigen. Er kompilierte den Kernel zum ersten Mal selbst und spielte
mit einer minimalen Kernel-Konfiguration herum. Tage- und nächtelang arbeitete er an einer
Lösung für seine Probleme und sendete schließlich sein Resultat an die Community. Das posi>
tive Feedback darauf ermutigte ihn weiterzumachen. Aufgrund dieser Arbeiten wurde Robert
von seinem heutigen Arbeitgeber für eine Anstellung angefragt. Überzeugt von Linux wagte
er den Schritt und wechselte den Wohnsitz ins Nachbarland.
8.5.1.2 Eine neue emotionale Heimat wird gesucht und gefunden
Robert hatte vor seinem Wechsel nach Deutschland mehrere eher kürzere Anstellungen und
dazwischen erwerbslose Phasen. Der Grund für die Aufgabe einer Anstellung lag dabei weni>
ger in der eigentlichen Tätigkeit, sondern im ideellen und menschlichen Umfeld. Zuletzt, als
er vermehrt mit Windows und der dazumal noch proprietären Programmiersprache Java be>
schäftigt war, wuchs die Abneigung gegen Microsoft, worauf er im Linux-Bereich eine Tätig>
keit suchte. Überzeugt an seinem neuen Arbeitgeber hat ihn letztlich, dass es „menschlich“
passte. „Ich fand das halt einfach menschlich auch sympathisch, das war genau die Richtung,
8.5 Der sozialromantische Hacker 129
die mir gefällt.“
Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist für Robert zentral, auch bei der Arbeit. Umso
wichtiger ist dies, da er durch den Wegzug aus seiner Heimat sein gewohntes soziales Umfeld
verlor. Seine Arbeitskollegen dienten ihm als Familienersatz und bildeten am neuen Ort weit>
gehend seinen Freundeskreis. Den Bereich seiner Firma – ein internationaler Konzern – sieht
er vorerst als abgeschlossene, selbstständige Einheit, dem er sich emotional stark verbunden
fühlt. Robert findet seine Community somit im Firmenumfeld und weniger in der Open-
Source-Gemeinschaft.
Die Open-Source-Community versteht Robert eher als abstrakt. Er verbindet damit weniger
Personen, sondern vielmehr die Idee der „Geschenkkultur“ und entspricht damit dem marxis>
tisch orientierten Hacker, wie ihn Raymond vor allem in seinem Essay „Homesteading the
Noosphere“ charakterisiert (Raymond 1999). Dass sein Arbeitgeber auch Geld verdienen
muss, blendet er dabei weitgehend aus.
8.5.1.3 Zunehmende Entfremdung in der Arbeit
Als Robert 1999 seine heutige Anstellung antrat, war Linux ökonomisch noch von geringer
Bedeutung für die Firma. Vieles war noch im Entstehen. Strukturen und Regeln gab es kaum,
die Hierarchie war flach und Meetings fanden selten statt. Vieles basierte auf Eigenverantwor>
tung und Eigeninitiative. „Es war wirklich wie eine Open-Source-Community, in der Firma
auch.“
Der Linux-Bereich war dabei weitgehend abgeschottet von den Strukturen eines internationa>
len großen Konzerns. Mit der zunehmenden Bedeutung von Linux innerhalb der Firma wurde
der Bereich jedoch immer stärker in die firmenweit standardisierten Strukturen und Prozesse
integriert. Die von Robert gesuchte und gefundene Sozialromantik ging dabei zusehends
verloren.
Auch mit den Spielregeln eines börsennotierten Unternehmens bekundete Robert, Probleme
zu haben. Er konnte seine kapitalismusfeindliche Haltung nicht verbergen und störte sich ins>
besondere an den aus seiner Sicht oft ungerechtfertigten Entlassungswellen. „Und das tut ir0
gendwie, das ist, das hat mir sehr weh getan, jedes Mal.“ Dabei störte ihn nicht nur, dass sei>
ne Vorstellung von Gerechtigkeit und Zweckmäßigkeit verletzt wurde, auch das ständige
130 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
Auseinanderbrechen seiner „Familie“ machte ihm zusehends zu schaffen.
Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen hat sich für ihn dabei auch das Betriebsklima erheb>
lich verschlechtert, was ihn resignieren lässt. „Aber, ja man bekommt halt sozusagen sein
Geld. Und das ist halt dann das am Ende, was noch übrig bleibt.“ Aufgrund der zunehmen>
den Entfremdung von der Firma hat sich Robert immer wieder einen Stellenwechsel überlegt.
Trotzdem ist er der Firma bisher neun Jahre treu geblieben. Dies schreibt er den sozialen Kon>
takten zu, obwohl sich diese kontinuierlich verflüchtigen. Entscheidend für das Verbleiben ist,
dass Robert über die Jahre hinweg eine starke Verbundenheit zum Arbeitsumfeld aufgebaut
hat und sich dadurch nur schwer abgrenzen kann. Eine Kündigung würde für ihn somit einen
tief greifenden Bruch in der persönlichen Geschichte bedeuten.
8.5.1.4 Ausweichen auf andere Schauplätze
Bereits früh versuchte Robert, den zusehends schwindenden Idealismus für seine Arbeit zu
kompensieren. Als Kontrast zur zunehmenden Standardisierung in seinem Bereich sucht er
eine an die Arbeit angelehnte, aber nicht direkt damit verbundene Aktivität. Dies führte aller>
dings zur Doppelbelastung, was sich durch eingeschränkte Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz
und letztlich durch einen Burn-out150 deutlich bemerkbar machte. Unterstützt von seinen Kol>
legen und mithilfe einer durch die Firma organisierte Psychologin entwickelte er eine Strate>
gie, wie er seinen Burn-out meistern kann. „Und, ja, die Entscheidung war dann, ein Jahr un0
bezahlten Urlaub zu nehmen.“ Von der Firma wurde für das Jahr eine Stelle ausgeschrieben,
und Robert hatte das schriftliche Versprechen bekommen, in derselben Abteilung wieder ein>
gestellt zu werden.
Zurück an der Arbeit hatte er zwar sein Tief überwunden, die Diskrepanz zwischen erwünsch>
tem und tatsächlichem Arbeitsumfeld blieb jedoch bestehen. Dies führte zu einem Ablösungs>
prozess. „Einfluss hat die Firma nicht mehr sozusagen, den Stand einer Familie für mich, wie
sie es früher gehabt hat. Also insofern hat sich sozusagen die Beziehung gelockert.“ Dieser
Ablösungsprozess fand jedoch nur sehr langsam statt. Einerseits machte ihm die Arbeit an
sich immer noch sehr viel Spaß, und das Arbeitsumfeld bot doch mehr Freiheiten, als er bei
einem anderen Arbeitgeber erwartet. Zudem war die gewohnte Umgebung eine gewisse Si>
150 Eine kurze Einführung zum Thema „Burn-out“ in der IT-Branche bietet z. B. Kreft (2008).
8.5 Der sozialromantische Hacker 131
cherheit, die er nach den erlebten Tiefschlägen nicht ersatzlos aufgeben wollte. Erst eine Lie>
besbeziehung, die zu Ende gegangen war, eröffnete eine neue Orientierungsphase. „Nachdem
ich halt hier sehr viel mich mit Firmendingen beschäftigt habe, [...] also hatte mein Leben
halt nicht stattgefunden, [...] in den letzten paar Jahren.“ Robert besann sich wieder vermehrt
seiner Wurzeln. Er erkannte, dass ihm der Arbeitsort kulturell nicht entspricht. Eine Rückkehr
in sein Heimatland wird für ihn somit zunehmend erstrebenswerter. Auch die Gründung einer
eigenen Familie zieht er – nun, da er seine soziale Familie in der Firma verloren hat – ernst>
haft in Betracht.
Er hatte bereits mit seinem Vorgesetzten die Möglichkeit besprochen, dass er in sein Heimat>
land zurückkehren und dort Telearbeit machen möchte. Zum Zeitpunkt des Interviews war er
jedoch noch nicht bereit, diesen Schritt tatsächlich zu vollziehen.
Robert schloss nicht aus, sich vollständig aus der professionellen Softwareentwicklung zu>
rückzuziehen. Bezeichnend für ihn ist, dass er ein zweites Mal den Traum ins Auge fasst, sein
Hobby zum Beruf zu machen: In den letzten Jahren hatte er mit Fotografieren begonnen und
könnte sich gut vorstellen, trotz des erwarteten Einkommensverlustes ein Fotostudio mit Foto>
geschäft zu eröffnen. Nicht ganz zufällig ist wohl die Tatsache, dass er damit sein eigener
Herr und Meister und somit nicht mehr abhängig von den Entscheidungen von Managern
wäre, die emotional und räumlich weit von ihm entfernt sind.
8.5.2 Idealtypische Charakterisierung
Der Typ des Sozialromantischen Hackers lässt sich charakterisieren durch eine weitgehend
intrinsische Motivation. Dabei ist die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zentral, an deren
Werten und Normen er sich orientiert. Prägnant beim sozialromantischen Hacker ist, dass er
sich zuerst eine Gemeinschaft aussucht, die seinen moralischen Wertvorstellungen entspricht,
und sich erst dann ihren Normen entsprechend verhält.
Der Sozialromantische Hacker sieht sich in der Gemeinschaft weitgehend selbst verwirklicht.
Er hat dadurch allerdings Probleme, sich als eigenständige Person abzugrenzen. Dies kann bis
zur Selbstaufopferung und dem damit verbundenen Burn-out führen. Dieser Altruismus ist
nicht am Wohl anderer Individuen, sondern am Gemeinwohl orientiert und somit idealistisch.
Er orientiert sich somit an der marxistisch geprägten „Geschenkkultur“ (Raymond 1999).
132 8 Linux-Kernel-Entwickler in großen IKT-Firmen
Beim Sozialromantischen Hacker kann somit eine kapitalismusfeindliche Haltung festgestellt
werden, welche sich einerseits im Kampf gegen proprietäre Software – „ich hasse das Win0
dows“ (R18) – manifestiert. Andererseits zeigt er kein Verständnis für firmenpolitische Ent>
scheidungen und mag hierarchische Strukturen nicht.
Dass die Arbeit Spaß machen muss, kann in der Softwareentwicklung vorausgesetzt werden
und ist in der vorliegenden Studie bei allen Teilnehmenden gegeben. Beim Sozialromanti>
schen Hacker ist der Spaßfaktor zwar ebenfalls gegeben, allerdings fällt auf, dass er im Ver>
gleich zu den anderen Typen weniger ausgeprägt ist.
Typisch am Sozialromantischen Hacker ist, dass er sich im Umfeld eines großen Konzerns in
einem Dilemma zwischen seinen eigenen Wertvorstellungen und den gewachsenen Normen
einer börsennotierten Firma befindet. Während es anderen Programmierern mit ähnlichen
Wertvorstellungen gelingt, sich mit diesen Normen zu arrangieren, hängt dieser Typ seinen
idealen Vorstellungen der unabhängigen Softwareentwicklung weiterhin nach. Um sein Di>
lemma zu lösen, muss er aus diesen Normen ausbrechen. Dies kann er nur erreichen, indem er
den Job oder gar den Beruf wechselt, was erklären mag, wieso im vorliegenden Setting nur
eine einzige Person dem Typus entspricht. Wie im oben beschriebenen Prototyp führt ein
Ausweichen auf ein anderes Betätigungsfeld neben der Arbeitstätigkeit nicht zum Erfolg, da
sich der Sozialromantische Hacker kaum von seiner Arbeit abgrenzen kann.
Der Typ des Sozialromantischen Hackers ist nur ein einziges Mal aufgetreten. Auffallend ist,
dass es sich um die einzige Person ohne einen Tertiärabschluss handelt. Das vorhandene Wis>
sen basiert ausschließlich auf der Praxis sowie auf dem Selbststudium. Ob dies Zufall ist oder
ob ein Zusammenhang besteht, lässt sich aufgrund der kleinen Stichprobe nicht abschließend
beurteilen.151
151 Das entsprechende Interview war insgesamt speziell. Als einziges wurde es auf Wunsch des Interviewpart>
ners außerhalb der Büroräumlichkeiten und bei einem gemeinsamen Nachtessen geführt. Obwohl er den
Termin vergessen hatte, war er aber um 19.30 Uhr noch am Arbeitsplatz telefonisch erreichbar. Ob das aus>
führliche und offene Gespräch auf die Umgebung oder den Charakter des Interviewpartners zurückzuführen
ist, kann nicht abschließend beantwortet werden. .
Teil IV: Diskussion, Schlussfolgerungen & Ausblick
9 Diskussion
Dass Linux und Open-Source-Software im unternehmerischen Einsatz von immer größer wer>
dender Bedeutung sind, ist in verschiedenen Newsforen nahezu täglich nachzulesen und wird
auch von zahlreichen Studien und namhaften Beratern belegt.152 Bedeutend weniger Informa>
tionen sind über die Produktionsseite der Software erhältlich. Dass die Produktion im Falle
des Linux-Kernels mittlerweile mehrheitlich durch Firmen vorangetrieben wird, konnte in
dieser Studie anhand einer quantitativen Untersuchung der Linux-Kernel-Beiträge aufgezeigt
werden. Durch leitfadengestützte Interviews mit Linux-Kernel-Entwicklern in großen IKT-
Firmen wurde zudem die kommerzielle Perspektive der Open-Source-Software-Entwicklung
vertieft. Die qualitative Analyse brachte anhand der Dimensionen Motivation sowie Normen-
und Wertesystem drei unterschiedliche Typen von Entwicklern hervor, die in den Unterneh>
men am Linux-Kernel mitarbeiten: den Pragmatischen Ingenieur, den Dialektischen Informa>
tiker sowie den Sozialromantischen Hacker. Ein aufgrund der Dimensionen möglicher vierter
Typ, der Hedonistische Programmierer, war in der Stichprobe hingegen nicht anzutreffen.
Im Folgenden wird in einem ersten Teil diskutiert, dass große IKT-Firmen die treibende Kraft
hinter Open Source sind, und es wird gefragt, weshalb andere Studien weniger deutliche
quantitative Ergebnisse aufweisen. Sie bevorzugen darüber hinaus eher eine politisch bzw.
ideell motivierte Argumentation, obwohl sich die Open-Source-Bewegung mit ökonomischen
Modellen erklären lässt und sich in aktuelle ökonomische Trends einfügt. Die Analyse des
Linux-Kernels lässt zudem einige strukturelle Folgerungen zu. Es bietet sich in diesem ersten
Diskussionsteil abschließend an, den Infrastrukturbegriff aufgrund der gewonnenen Erkennt>
nisse zu erweitern.
Im zweiten Teil wird das für Open-Source-Projekte typische Basar-Modell um die Kompo>
nente der Firmenbeteiligung erweitert. Die Motivation der Beteiligten muss unter dem
152 Insbesondere die Finanzkrise hat ab Herbst 2008 der Open-Source-Bewegung neuen Schwung gegeben: So
bietet die Suche nach „,open source' finanzkrise“ auf Google insgesamt 110.000 Treffer [Suche am
02.07.2009). Die Analysten von Gartner hatten jedoch bereits im Februar 2008 Open Source als eine der
Top-Ten-Entwicklungen der kommenden Jahre prognostiziert. Sie haben dabei vorausgesagt, dass Unter>
nehmen, die diesen Trend verschlafen, einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil haben werden. Nur zwei
Monate später erklärten die Gartner-Analysten in der Studie „The State of Open Source 2008“, dass sie er>
warten, dass bis 2012 mehr als 90 % der Unternehmen Open Source direkt oder indirekt (eingebettet in
Hard- oder Software) verwenden werden (die Studie wurde in zahlreichen Newsforen zitiert, z. B. unter
http://www.zdnetasia.com/news/software/0,39044164,62039870,00.htm [17.08.2009]).
136 9 Diskussion
Aspekt, dass ein Großteil von ihnen von Firmen für ihre Beiträge bezahlt werden, neu disku>
tiert werden. Die aufgrund der Interviewergebnisse erstellte Typologie wird in das Rollenkon>
zept der Communities integriert, und die daraus erwachsenen Wechselwirkungen werden dis>
kutiert. Erläutert wird auch, wie die Typen unterschiedlich mit Problemen umgehen und wel>
che Veränderungen bei den Typen feststellbar sind. Abschließend wird die Selbstorganisation
der Community um die Komponente der Firmenbeteiligung erweitert.
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS
9.1.1 Ökonomische Interessen
Die quantitativen empirischen Daten des Linux-Kernels zeigen auf, dass ein Großteil der Bei>
träge von kommerziell orientierten Firmen stammt: Dass 73 % aller Beiträge kommerziell
motiviert sind, ist ein deutliches Resultat.153 Auch in den Interviews wurde diese Tatsache be>
stätigt, sind doch alle Interviewteilnehmenden der Meinung, dass sie fast ausschließlich mit
Entwicklern anderer Firmen in der Community zusammenarbeiten. Ähnliche Ergebnisse lie>
fert eine Auswertung des Eclipse-Projektes (Spaeth et al. 2008), bei der neben den Codebei>
trägen auch die Beiträge in den Foren und Mailinglisten analysiert wurden.
Beide Studien widersprechen jedoch der in Anwender- und Fachkreisen weit verbreiteten An>
nahme, dass FLOSS weitgehend von Freiwilligen produziert wird. Sie stehen zudem im Wi>
derspruch zu anderen Forschungsergebnissen, insbesondere der MERIT-Studie (Ghosh 2006),
der „weltweit sorgfältigsten Studie“ (Lutterbeck et al. 2007, S. 5) zur ökonomischen Relevanz
von FLOSS. Die MERIT-Studie geht von einem Firmenanteil an den gesamten Codebeiträgen
von lediglich knapp 20 % aus, die individuellen Beiträgen beziffert sie hingegen mit über
60 % (Ghosh 2006, S. 50).
Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Die meisten Forschungsprojekte, die wie die
MERIT-Studie auf einem Projektmix bestehen, beziehen ihre Daten aus einem zentralen Re>
153 Entsprechende Einschätzungen zum Linux-Kernel hat u. a. Alan Cox (Red Hat) in seiner Key Note auf der
OpenExpo im März 2008 getroffen, http://video.google.de/videoplay?docid=1893415028065590416
[17.08.2009], oder Robert S. Sutor (IBM, Vice President Open Source and Standards) in seiner Key Note
auf der Veranstaltung Open Source Meets Business im Januar 2008 in Nürnberg.
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS 137
pository, in der Regel dem größten Open-Source-Repository SourceForge. Dies ist aus Sicht
der Datenerhebung zwar sehr praktisch, da sich damit Hunderttausende von Projekten mit
weitgehend homogenen Daten analysieren lassen. Allerdings werden auf dieser Basis die
großen Projekte, die eine eigene Plattform unterhalten, vernachlässigt. Untersuchungen von
solchen Projekten mit einer entsprechenden Verbreitung haben gezeigt, dass der Anteil von
Firmenbeteiligungen sehr hoch ist. Zudem befinden sich viele der Projekte auf Plattformen
wie SourceForge in einem „Dornröschenschlaf“; sie werden nicht mehr oder nur sehr langsam
weiterentwickelt und ihre Community besteht – wenn überhaupt – nur aus sehr wenigen Per>
sonen. Daraus schließt Karl Fogel pointiert: „Most free software projects fail.“ (Fogel 2006,
S. 1)154
Die MERIT-Studie basiert auf der Linux-Distribution Debian, die eine ausgewogene Mi>
schung von großen und kleinen, professionellen und Freizeit-Projekten enthält und somit als
repräsentativ bezeichnet werden kann. Auch hier gilt: Von den über 8.500 in Debian enthalte>
nen und in der Analyse berücksichtigten Softwarepaketen ist nur ein sehr kleiner Prozentsatz
aus volks- wie auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht relevant.155
Hinzu kommt die Problematik der Zuteilung der Codebeiträge zu den Firmen. Zum einen
wurden bei der Analyse des Debian-Projekts gemäß Beschreibung ausschließlich die Source-
Dateien ausgewertet. Darin stehen jedoch in der Regel nur der Ersteller bzw. der Maintainer
des jeweiligen Files sowie in gewissen Projekten die einzelnen Autoren, aber nicht, wer im
Detail welche Zeilen beigetragen hat. Oft wird diese Funktion des Erstellens bzw. Maintai>
nens von Freiwilligen wahrgenommen oder von Angestellten, die jedoch diese Funktion un>
abhängig von ihrer Anstellung ausführen. Dieses Vorgehen verfälscht das Resultat. Um ge>
nauere Angaben zu generieren, müssen die einzelnen Bewegungen im jeweiligen Repository
analysiert werden, d. h. die Commits156. Dies ist jedoch ein Vorgehen, das aufgrund der Da>
154 Wie eine empirische Studie von Healy und Schussman (2003) anhand des Open-Source-Repositorys
SourceForge aufzeigt, hatten von den gut 45.000 untersuchten Projekten 25 % noch gar keine Software ge>
schrieben und 95 % hatten maximal 5 registrierte Beitragende. Als Konsequenz werden nur gut 2 % der
Projekte als gereift eingestuft. Positiv betrachtet kann SourceForge aus dieser Perspektive als riesiger
Ideenpool gesehen werden, von denen sich die besten dann durchsetzen werden.
155 Entsprechende Details zu Debian sind unter der URL http://libresoft.es/debian-counting/sarge/ [10.08.2009]
abrufbar. So haben z. B. über 3.000 Pakete noch nicht den Zustand einer stabilen Version 1 erreicht und
mehr als 5.000 Pakete beinhalten weniger als 10.000 Codezeilen (was in etwa Linux in der Version 0.01 im
Jahre 1991 nach nur einem halben Jahr Entwicklung durch Linus Torvalds entspricht).
156 In einer Versionsverwaltung versteht man unter einem „Commit“ das Hochladen einer Codeänderung in
das zentrale Repository.
138 9 Diskussion
tenmenge kaum zu bewältigen ist. Es erscheint dem Verfasser deshalb sinnvoller, einige re>
präsentative und gezielt ausgewählte Projekte anhand noch zu bestimmender Kriterien zu ana>
lysieren und basierend darauf die Resultate zu aggregieren. Dieses Vorgehen wählte auch
O'Mahony (2003) mit sechs ausgewählten und weit verbreiteten Projekten (GNU, Linux
Kernel, Apache Webserver, Debian Linux Distribution, die Desktop-Oberfläche GNOME so>
wie die Linux Standard Base) und erkannte bereits in einer frühen Phase einen Anteil an be>
zahlter Beteiligung von rund 66 %. Aktuell existieren keine Studien mit diesem Ansatz, sei es
durch die eigene Datenerhebung oder eine Metastudie. Die hier vorliegenden Daten des
Linux-Kernels können deshalb eine Lücke im derzeitigen Wissensstand schließen und einen
Beitrag für eine mögliche Metastudie leisten.
Eine zusätzliche Schwierigkeit bei der Analyse einer solch großen Anzahl von zudem noch
heterogenen Projekten besteht darin, die Spezialitäten zu berücksichtigen. Die im Rahmen
dieser Studie durchgeführte Analyse des Linux-Kernels hat jedoch ergeben, dass rund ein
Drittel der Firmenbeiträge nur durch eine zusätzliche manuelle Bearbeitung sowie durch zu>
sätzliche Datenerhebung mittels individueller E-Mail-Anfrage eruiert werden konnten. Eine
Vernachlässigung dieses Aspektes führt folglich zu einer Verschiebung des Resultats hin zu
einer überdimensionierten Relevanz der freiwillig Beitragenden.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die ökonomische Relevanz
von FLOSS über die großen und im unternehmerischen Umfeld verbreiteten Pro>
jekte und nicht über einen möglichst breiten Mix eruiert werden sollte, da Erstere
trotz ihrer relativ geringen Anzahl aufgrund ihrer Verbreitung von größerer öko>
nomischer Bedeutung sind. Und bei diesen Projekten zeigt sich eindeutig – was
anhand der Analyse des Linux-Kernels im Kapitel 7.2 belegt werden konnte –,
dass Freiwilligkeit im Sinne von unbezahlter Arbeitsleistung eine untergeordnete
Rolle spielt.
9.1.2 Ökonomische vs. ideelle Argumentation
Die Aussage der MERIT-Studie (Ghosh 2006), dass 70–80 % der Beiträge von Freiwilligen
im Sinne eines bürgerschaftlichen Engagements geleistet werden, scheint nicht nur metho>
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS 139
disch bedingt, sondern auch stark politisch motiviert zu sein. Da die Studie auf der Verwer>
tungs-Seite belegt, dass Open-Source-Software einen enormen ökonomischen Gewinn gene>
rieren kann, versuchen die Studienverfasser so, die Unterstützung freier und offener Software
für die starke wirtschaftliche Lobby in der EU attraktiv zu machen. Die Aussicht, mithilfe ei>
ner Armada an freiwillig und unentgeltlich Mitarbeitenden einen Profit zu erzielen, greift je>
doch zu kurz. Einerseits haben die Interviewergebnisse aufgezeigt, dass der Kontrollverlust
durch die Mitarbeit in einer sich selbst organisierenden Gemeinschaft sowohl für die Firmen
als auch für die Firmenmitarbeiter ein Problem darstellt, wie das exemplarisch der Prototyp
des Pragmatischen Ingenieurs zeigt. Dieser Kontrollverlust kann systembedingt157 nur durch
kontinuierliche und substanzielle Beiträge in einem akzeptablen Rahmen gehalten werden.
Dahlander und Wallin (2006) beschreiben dies mit dem Konzept „a man on the inside“. An>
hand einer empirischen Studie des GNOME-Projekts untersuchen sie mittels einer quantitati>
ven Analyse der Kommunikation auf den Mailinglisten über mehrere Jahre hinweg die Bemü>
hungen von Firmen, ihre Mitarbeiter ins Zentrum des Netzwerkes zu stellen, damit diese das
Projekt mit beeinflussen können. Die vorliegende Studie kann dieses Konzept aufgrund der
quantitativen Analyse des Linux-Kernels sowie der qualitativen Interviews bestätigen.
In der MERIT-Studie wird zudem ein Unterschied von quelloffener und proprietärer Software
ausgeblendet: Durch Lizenz, Copyright und oft auch durch Patente können Softwarefirmen
eine monopolartige Position oder zumindest ein Oligopol kreieren, in dem die Margen höher
sind. Dies ist bei Open-Source-Software aufgrund der freien Verfügbarkeit des Codes nicht
möglich. Daraus wäre zu schließen, dass Firmen proprietären oder zumindest in seinen Frei>
heiten stark eingeschränkten offenen Code bevorzugen. Wie die Beispiele von u. a. IBM und
SUN zeigen, kann diese These nicht mehr vorbehaltlos unterstützt werden. Dies führt zur Fra>
ge, womit diese Firmen (und mit ihnen viele andere) ihre Gewinne erzielen.
Eng verbunden mit dieser Fragestellung ist das Kostenargument. Nutzung und Entwicklung
von FLOSS reduzieren die Kosten der individuell Beteiligten, so eine allgemein verbreitete
These. Deshalb ist der meistgenannte Grund für den Einsatz von FLOSS in Firmen die Kos>
teneinsparung (Forrester Consulting 2008; Madsen 2009). Auf der Nutzerseite lässt sich dies
157 Open-Source-Communities funktionieren in der Regel meritokratisch, das bedeutet, dass Einfluss nur durch
Leistung und nicht durch eine hierarchische Machtposition gewonnen werden kann (siehe dazu auch Kapi>
tel 3.2.1).
140 9 Diskussion
aufgrund der entfallenden Lizenzkosten relativ leicht begründen und auch belegen.158 Aller>
dings divergieren aufgrund des Migrationsaufwandes die TCO („Total Cost of Ownership“)
nicht ganz so deutlich, deshalb rechnet sich der Wechsel zu FLOSS meist erst nach mehreren
Jahren.159 Dass es dennoch genügend Firmen gibt, die sich in nicht geringem Ausmaß an der
Entwicklung von FLOSS beteiligen, zeigt sich in der Analyse der Linux-Kernel-Logfiles
deutlich.
Wie die Interview-Ergebnisse aufzeigen, liegt ein ebenso wichtiger Grund für die aktive Be>
teiligung darin, dass die jeweiligen Firmen für sie wichtigen Code dem Linux-Kernel beifü>
gen wollen – sei dies für die Unterstützung von Hard- bzw. Software oder zum Erstellen von
für das eigene Geschäftsmodell wichtiger Funktionalität. Die Beschreibung der konkreten Tä>
tigkeit der Interviewten aller Typen lässt vermuten, dass die Anzahl der aus einem konkreten,
praktischen Bedarf beigetragenen Codezeilen weitaus größer ist als diejenige aus einer strate>
gischen oder ideellen Motivation. Die Strategie zur Unterstützung von FLOSS folgt demnach
viel eher der Realität der Bedarfserfüllung, als dass die Beteiligung aufgrund einer definierten
Strategie aufgebaut wird.
Hinzu kommt, dass ein Betriebssystem wie Linux hauptsächlich aus Funktionalität besteht,
die sich aus Nutzersicht zu konkurrierenden Produkten nicht differenziert, da sie vorausge>
setzt werden muss. Ein Betriebssystem, das z. B. nicht von der Festplatte lesen und darauf
schreiben kann, dürfte in den meisten Anwendungsfällen nur von geringem Nutzen sein. In
diesem Teil muss folglich ein erheblicher Aufwand durch einen Anbieter betrieben werden,
ohne dass er sich am Markt abgrenzen kann (Perens 2007). Der Wert eines Betriebssystems
158 Konkrete Angaben über Kosteneinsparungen durch die Migration zu Open-Source-Software macht das
Auswärtige Amt in Deutschland (Auener 2008), das insbesondere auch im Vergleich zu anderen Ämtern
sehr gut abschneidet. In der Schweiz beziffert der Kanton Solothurn die Einsparungen in der IT durch eine
Migration zu einem Open-Source-Desktop mit mehr als 100.000 € jährlich. Dabei darf jedoch nicht ver>
schwiegen werden, dass die IT-Kosten nur die eine Seite sind, aufgrund diverser Kommentare in Benutzer>
foren darf vermutet werden, dass zumindest ein Teil der IT-Einsparungen auf Anwenderseite durch nicht
optimale Software wieder wettgemacht wird. Die Stadt Wien berechnete, dass der jährliche Unterhalt einer
Open-Source-Lösung klar günstiger kommt als eine reine Microsoft- oder hybride Lösung. Dagegen sieht
es bei den Migrationskosten gerade umgekehrt aus, was die Verantwortlichen zum Entschluss einer sanften
Migration geführt hat (siehe dazu die Projektstudie, publiziert unter http://www.wien.gv.at/ma14/pdf/oss-
studie-deutsch-langfassung.pdf [17.08.2009]). Zwar sind Kosteneinsparungen sehr wichtig bei der Ent>
scheidungsfindung zur Migration zu Linux, der Vorteil der Unabhängigkeit wird in vielen Fällen jedoch
stärker gewichtet, wie insbesondere das Beispiel der Stadt München belegt (Details sind nachzulesen unter
http://www.osor.eu/case_studies/declaration-of-independence-the-limux-project-in-munich [17.08.2009]).
159 Konkrete Zahlen dazu bietet zum Beispiel eine Studie der Fraunhofer-Gesellschaft (Renner et al. 2005), die
ein Einsparungspotenzial beim TCO über sechs Jahre von ca. 2,4 % ermitteln.
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS 141
liegt zum einen in der Stabilität, Sicherheit und generell in der Qualität. Hier hat sich gezeigt,
dass das Open-Source-Prinzip der vielen Augen dem proprietären Modell klar überlegen ist.
Zum anderen liegt der Wert in der breiten Unterstützung von Hard- und Software. Hier ent>
steht durch die Nachfrage im Markt ein Druck auf die entsprechenden Anbieter wie z. B. In>
tel, IBM oder Oracle. Die Unterstützung von Linux wird von den Kunden gefordert. Eine
breitere Unterstützung führt wiederum zur vermehrten Anwendung und dadurch wieder zu
mehr Druck aus dem Markt auf die Anbieter – ein Prozess, in dem sich Linux befindet. Des>
halb wird das Projekt stetig vorangetrieben. Dieser Prozess entspricht der von Kuwabara
(2000) eingeführten evolutionären Entscheidungstheorie (siehe Kapitel 3.2.2.4), bedarf jedoch
einiger Anpassungen, um den Anforderungen der kommerziell Agierenden zu entsprechen
(siehe Abb. 30).
Während das Prinzip des Feedback-Loops dasselbe ist, unterscheiden sich die einzelnen
Schritte des Zyklus inhaltlich. Tragen die individuell Beitragenden durch ihr Verhalten vor al>
lem die Werte und Normen der Community, so sind die bezahlten Entwickler in viel größe>
rem Ausmaß verantwortlich für die Qualität der Software. Bei den Individuen findet durch die
Reputation eine Verstärkung im Engagement statt, bei den Firmen führt ein zunehmendes Ge>
schäft mit Linux auch zu einer zunehmenden Unterstützung.
Abbildung 30: Vergleich rationale und evolutionäre Entscheidungstheorie
aus Firmensicht in Anlehnung an Kuwabara (2000)
142 9 Diskussion
Entscheidend ist, dass sich Firmen wie IBM oder Red Hat wegen ihres geringen Beitrags an
Code („nur“ 10 %) auf diejenigen Bereiche konzentrieren können, die für sie einen wirklichen
Mehrwert und einen Wettbewerbsvorteil bringen. Diese Strategie wird offensichtlich auch
nicht durch die Offenlegung des Codes verhindert, was oft als Nachteil und Hemmnis von
Open-Source-Software aufgeführt wird. Zwar standen die Firmeninteressen nicht im Zentrum
dieser Studie. Aufgrund der Interviewergebnisse gibt es jedoch keinerlei Anzeichen, dass der
von direkten Konkurrenten beigetragene Code im Linux-Kernel systematisch untersucht wird.
Verschiedentlich wurde erwähnt, dass es mithin Probleme bereitet, Code zu schreiben, der auf
betriebsinterne Informationen zugreifen muss.
Dass die einzelnen Architekturen, wie in Kapitel 7.5 aufgezeigt, nicht ausschließlich durch die
jeweiligen Hersteller unterstützt werden, zeigt eindrücklich, dass in diesem durch kommerzi>
elle Interessen geprägten Bereich die Community – mit wenigen Ausnahmen160 – funktioniert,
wenn auch fast unter Ausschluss von nicht kommerziellen Institutionen und Privatpersonen.
Dass es dabei einzelne Unternehmen gibt, die sich in ihrem Beitrag zum Linux-Kernel teil>
weise sogar zu hundert Prozent auf ihre eigene Architektur beschränken, ist nicht negativ, da
Linux insgesamt durch die möglichst breite Hardwareunterstützung nur gewinnen kann. An>
dererseits deutet das eher diversifizierte Vorgehen der untersuchten Firmen darauf hin, dass
diese die Open-Source-Software und insbesondere das Betriebssystem Linux vermehrt strate>
gisch betrachten.
Es steht folglich nicht eine Senkung der Entwicklungskosten im Zentrum des Fir>
men-Engagements beim Linux-Kernel161, vielmehr soll der Aufwand dort betrie>
ben werden, wo sich die Firma einen strategischen Vorteil am Markt verspricht.
Durch die Vielzahl der beteiligten Firmen entsteht so in einem Mosaik der unter>
schiedlichen Interessen ein komplettes, marktgerechtes Produkt. Eine Argumenta>
tion „Pro-FLOSS“ kann folglich nicht nur auf der Nachfrage-, sondern auch auf
der Anbieter- und Produzentenseite ökonomisch geführt werden, ohne dass auf
ideelle, moralische oder politische Motivationen zurückgegriffen werden muss.
160 s390/IBM, Sparc/Sun, Blackfin/Analog Devices, Xtensa/Tensilica, CRIS/Axis Communications,
AVR32/Atmel und M32R/Mitsubishi
161 Gemäß Ghosh (2006, S. 50) beziffert IBM seine Aufwendungen für die Linux-Entwicklung auf 100 Millio>
nen US-Dollar jährlich.
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS 143
9.1.3 FLOSS und ökonomische Trends
Jeremy Rifkin (2000) schreibt in seinem Buch „Access: Das Verschwinden des Eigentums“,
dass viele Firmen ihr Geschäftsmodell zunehmend nicht mehr auf der Produktion von Waren
aufbauen, sondern auf einem zusätzlichen Mehrwert aus dem Produkt für den Käufer. Mit die>
ser Aussage geht der Abbau des Eigentums an den Produktionsmitteln einher. Erläutert wird
dies u. a. am Beispiel der Firma Nike, die ihre Artikel von anderen Herstellern produzieren
lassen und ihren Mehrwert aus der Kreation des Designs und eines Lifestyles beziehen. Einer>
seits kann mit diesem System eine höhere Marge erzielt werden, andererseits wird dadurch
eine größere Flexibilität für die Geschäftstätigkeit erreicht. Der Nachteil ist jedoch ein erheb>
licher Kontrollverlust durch das unvollständige Produktionssystem162, welcher bisher haupt>
sächlich durch die Verlagerung der Produktion in weniger entwickelte Länder und das daraus
resultierende Machtgefälle weitgehend aufgefangen werden kann. Dass dies ein moralisch be>
denkliches Vorgehen sein kann, deckt Naomi Klein in ihrem Buch „No Logo!“ (2001) deut>
lich auf.163
Rifkin bezieht sich nicht auf die Informationstechnologie, sondern auf die herstellende Indus>
trie. In der IKT-Branche steht das Outsourcing für eine analoge Entwicklung des Auslagerns
der Produktion in Billiglohnländer, wobei in der Regel die Eigentumsrechte nicht verlagert
werden. Jedoch lässt sich mit der FLOSS-Bewegung und der dabei erkennbaren kräftigen Un>
terstützung durch die IKT-Branche derselbe Prozess des Abbaus des Eigentums verfolgen.
Allerdings besteht bei FLOSS der Unterschied darin, dass die Produktion nicht in
Billiglohnländer verschoben, sondern in der Allmende durchgeführt wird. Aufgrund der
Lizenzbedingungen von Freier Software führt dies unmittelbar dazu, dass auch die so
hergestellte Software der Allgemeinheit gehört und nicht mehr durch die Beitragenden
privatisiert werden kann.164 Die daraus resultierenden erheblichen strukturellen und
162 Ein Produktionssystem, das mehr Kontrolle gewährt und trotzdem nicht auf einer vollständigen Produk>
tionskette beruht, wurde von Toyota ab den 1950er Jahren entwickelt und kontinuierlich perfektioniert
(Ohno 1993). Dieses System weist durchaus Parallelen zur Open-Source-Bewegung auf (Evans und Wolf
2005).
163 Eine gegenteilige Ansicht vertritt u. a. Bhagwati (2008). Er argumentiert, dass die Globalisierung aufgrund
oftmals diffuser Ängste für vieles verantwortlich gemacht wird, was sie gar nicht zu verschulden hat. Er
hebt auf der positiven Seite insbesondere den steigenden Wohlstand und die höhere Schulbildung in vielen
Ländern der sich entwickelnden Welt hervor und sieht in der Globalisierung nicht die Ursache, sondern
einen Beitrag zur Lösung weltweiter Probleme.
164 Im Gegensatz zur hergestellten Software kann jedoch das Know-how privatisiert werden. Auf dieser Tat>
sache bauen zahlreiche Firmen ihr Geschäftsmodell mit Open-Source-Software auf.
144 9 Diskussion
organisatorischen Veränderungen sind zwar nicht speziell für das Open-Source-
Entwicklungsmodell, sie können in ihrem Ausmaß und ihrer Konsequenz jedoch als
wegweisend bezeichnet werden:
„Eine allgemeine Tendenz zu Dezentralisierung, Abbau von Hierarchien und of0
fenen Systemgrenzen ist auf jeden Fall nicht zu übersehen. [...] Die Projekte der
freien Software übertreffen jede management- und organisationstheoretische Visi0
on an Dezentralisation, lockerer Kooperation und zwangloser Koordination.“
(Grassmuck 2002, S. 332)
Diese Tendenz von FLOSS, die auch als Prototyp von Open Innovation bezeichnet werden
kann (West und Gallagher 2006), findet sich in der ökonomischen Literatur wieder. Die Wis>
sensgesellschaft, wie sie von Bell (1976), Drucker (1993) sowie in jüngerer Zeit von Castells
(2001) beschrieben wurde, findet ihre Entsprechung im Open-Source-Entwicklungsmodell.
Malone (2004) erläutert zudem, dass der Grad der Dezentralisation stark mit der Entwicklung
der Kommunikationstechnologie zusammenhängt. Er unterscheidet dabei vier Kategorien von
Organisationen auf einem Kontinuum zwischen zentralisiert und dezentralisiert.
Die von Malone entsprechend Abbildung 31 am einen Ende der Achse Zentralisation–Dezen>
tralisation angesiedelten Märkte entsprechen dabei dem von Raymond (1999) eingeführten
Basar-Entwicklungsmodell. Die Achse ist gleichzeitig als Zeitlinie zu lesen. Nicht nur die
Open-Source-Bewegung – wie im zweiten Teil dieser Dissertation bereits beschrieben – ist
ohne das Aufkommen des Internets nicht denkbar. Auch die rasante Globalisierung der Wirt>
schaft wurde in der heutigen Breite erst durch die Möglichkeiten des Internets realisierbar.
Abbildung 31: Dezentralisierungsgrad (nach Malone 2004, S. 6)
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS 145
Daher ist sie auf dem rechten Pol des Kontinuums anzusiedeln. Insofern kann Open Source
auch als eine Art der Globalisierung gesehen werden, die – kombiniert mit dem Abbau des
Besitzanspruchs durch kommerziell orientierte Organisationen – zu einer Produktion in der
Allmende geführt hat.
Dass es sich bei der Open-Source-Entwicklung in weiten Teilen um eine mit aktuellen be>
triebs- und volkswirtschaftlichen Theorien erklärbare Bewegung handelt, haben die Inter>
viewergebnisse aufgezeigt. Insbesondere der Pragmatische Ingenieur, aber auch der Dialekti>
sche Informatiker sehen ihre Tätigkeit durchaus als konform mit der Closed-Source-Entwick>
lung. Dass es Unterschiede gibt, wird keineswegs negiert – darauf wird im folgenden Kapitel
9.2 näher eingegangen –, aber die Interviewteilnehmenden nehmen diese weitaus weniger
wahr als in der bisherigen wissenschaftlichen Diskussion aufgezeigt.
Beim Open-Source-Entwicklungsmodell handelt es sich nicht um einen Sonder>
fall – und schon gar nicht um eine marxistisch orientierte Kapitalismusfeindlich>
keit –, sondern um eine logische Folge allgemeiner Trends in Ökonomie und
Technologie. Demnach kann bei der FLOSS-Bewegung nicht von einer Revolu>
tion gesprochen werden, sondern vielmehr von einer Evolution.
9.1.4 Strukturelle Folgerungen
9.1.4.1 Digitaler Graben
Die Behauptung, durch Open-Source-Software könne der digitale Graben verringert werden,
lässt sich zumindest in Bezug auf die Beteiligung von Firmen durch die Analyse des Linux-
Kernels nicht bestätigen. Dominierend sind in den USA domizilierte Firmen. In Europa
nimmt Deutschland eine führende Rolle ein. Während Südamerika – trotz des zum Teil klaren
öffentlichen Bekenntnisses zu Open Source, wie z. B. durch die brasilianische Regierung
(Richter 2006) – und Afrika praktisch nicht vertreten sind, ist der asiatische Raum insbeson>
dere mit Taiwan und Japan rege beteiligt. Einschränkend ist festzuhalten, dass es sich bei den
generierten Daten um den Standort der (Mutter-)Firma handelt und nicht um den Standort des
Entwicklers. Es kann also durchaus sein, dass mehr Lohnzahlungen in Entwicklungs- und
146 9 Diskussion
Schwellenländer fließen, als die Analyse vermuten lässt. Gewinne aus dem Geschäft mit
Linux dürften jedoch kaum in größerem Ausmaß in diese Regionen fließen.
FLOSS hat jedoch Vorteile gegenüber proprietärer Software, um den Abbau des digitalen
Grabens zu fördern, etwa den Wissenstransfer, geringere Beschaffungskosten, technologische
Unabhängigkeit sowie die Lokalisierung in Bezug auf Sprache und regionale Einheiten
(Richter 2006). Dass diese Vorteile jedoch nur in geringerem Masse tatsächlich genutzt wer>
den, zeigt die MERIT-Studie (Ghosh 2006) anhand des Beispiels Brasilien auf, einem oft ge>
nannten FLOSS-„Musterland“. Während die Verbreitung von Linux auf Servern über 50 %
beträgt, kann sich andere Open-Source-Software kaum durchsetzen. Zurückgeführt wird dies
hauptsächlich auf mangelhafte Benutzerschnittstellen.165 Eine vermehrte Beteiligung von Fir>
men aus Ländern der sich entwickelnden Welt könnte jedoch zu einem beschleunigten Aus>
gleich führen. Erste Anstrengungen in diese Richtung gibt es, etwa die virtuelle Zusammen>
arbeit von 16 afrikanischen Universitäten, die seit 2009 einen FLOSS-Masterstudiengang an>
bieten.166
9.1.4.2 Unternehmerischer Mittelstand
Im Gegensatz zu Firmen aus der sich entwickelnden Welt beteiligen sich kleine und mittel>
ständische Firmen überproportional am Linux-Kernel. Zwar kommt der Großteil der Autoren
und Codezeilen von relativ wenigen größeren, multinationalen Firmen, jedoch bilden kleine
und mittelständische Firmen – vor allem in Europa und insbesondere Deutschland167 – die
Mehrheit der beteiligten Firmen. Dieses Resultat deckt sich weitgehend mit der MERIT-Stu>
die (Ghosh 2006) und wird z. B. durch das deutsche Auswärtige Amt bestätigt (Auener 2008).
Die Aussage, dass Open-Source-Software das lokale Gewerbe fördert, kann demnach durch
die Analyse des Linux-Kernels bestätigt werden, wenn auch die Mehrzahl der Linux-Ar>
beitsplätze (rund zwei Drittel) in großen und sehr großen, meist multinational agierenden
Konzernen zu finden ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass die meisten großen Firmen mehrere
165 Zu beachten gilt es jedoch, dass diese Aussagen auf Daten aus den Jahren 2002 und 2003 basieren und des>
halb nicht mehr ganz der Realität entsprechen dürften. Diese Praxis, dass aufgrund von mangelnden aktuel>
leren Daten eine veraltete Basis verwendet wird, ist gerade im Zusammenhang mit FLOSS oft anzutreffen.
166 Siehe dazu den Artikel unter http://www.epo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5150:it-
in-afrika-pioniere-der-freiheit&catid=99:topnews [17.08.2009].
167 Die aktive Rolle von Europa und insbesondere Deutschland bei Linux hat bereits eine lange Tradition, wie
z. B. die empirische Studie von Dempsey et al. (1999) aufzeigt.
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS 147
Entwickler stellen, was auf die strategische Bedeutung von Linux und Open Source schließen
lässt.
Die Software- und Dienstleistungsbranche trägt im Jahr 2007 über die Hälfte der Codezeilen
bei, mehr noch als die Hardwarevendors. Zusammen lieferten sie über 95 % des Codes, die
restlichen 5 % werden durch die Telekommunikationsbranche, den Handel und IT-ferne Bran>
chen geleistet. Dies zeigt deutlich, dass Linux eine Domäne der Hard- und Softwarevendors
ist, obwohl es auch anderen Branchen offenstehen würde.168 Dies könnte sich in Zukunft än>
dern, wenn auch Non-IT-Firmen sich einen strategischen Vorteil durch den aktiven Einsatz
von Open-Source-Software versprechen, wie es aktuell zum Beispiel BMW tut oder wie es
sich mit dem angekündigten „Light Car – Open Source“169 bzw. dem bereits realisierten
„Urban Car“170 abzuzeichnen beginnt.
Dass nicht nur die sehr großen, etablierten IT-Firmen etwas bewegen können, zeigt insbeson>
dere das Beispiel von Red Hat als größtem einzelnen Beitragenden. Der Bereich des Netz>
werks sowie des Filesystems wird gar mit jeweils über 20 % der total beigetragenen Codezei>
len durch diese eine Firma stark vorangetrieben. Interessant ist ebenfalls, dass die kommerzi>
ell orientierten Firmen sich nicht nur um die Hardwareunterstützung kümmern, sondern auch
beim eigentlichen Kern sowie beim „Diversen“ wie etwa der Dokumentation 70–80 % der
Codezeilen beitragen. Kleine und sehr kleine Firmen fokussieren stark auf die Entwicklung
von Treibern. Gut zwei Drittel ihrer Codebeiträge können diesem Bereich zugerechnet wer>
den.
9.1.5 Erweiterung des Infrastrukturbegriffs
Wie in Kapitel 3.4.2 beschrieben, wird unter Infrastruktur Software verstanden, die für das
Funktionieren einer Organisation notwendig ist. Dabei kann unterschieden werden zwischen
systemnaher Software (insbesondere das Betriebssystem) und Basis-Anwendungssoftware.
Der untersuchte Linux-Kernel ist der systemnahen Software zuzurechnen. Zahlreiche Studien,
168 Dass die kommerziellen Firmen bei der Architektur dominierend sind, liegt neben den kommerziellen In>
teressen auch daran, dass das Know-how der Systeme hauptsächlich, wenn nicht gar ausschließlich, bei den
Herstellerfirmen liegt.
169 Siehe dazu z. B. http://www.autobild.de/artikel/edag-light-car-in-genf-2009_833566.html [17.08.2009].
170 Siehe dazu z. B. http://www.golem.de/0906/67826.html [17.08.2009].
148 9 Diskussion
die auf Daten von Projekten basieren, die diesem Infrastrukturbegriff entsprechen, stützen die
in dieser Studie präsentierten Ergebnisse (Roberts et al. 2006; Dahlander und Wallin 2006;
Spaeth et al. 2008). Eine Generalisierung der Resultate lässt sich somit im Rahmen des Infra>
strukturbereichs vertreten.
Die Frage stellt sich nun, ob sich eine Generalisierung auf FLOSS ausweiten lässt, die nicht
diesem Infrastrukturbegriff entspricht? Die Ansicht des Verfassers ist grundsätzlich „Ja“, so>
fern man den Infrastrukturbegriff erweitert. Unter der Berücksichtigung der Argumentation
von Perens (2007), der Software nicht aufgrund von Applikationstypen klassifiziert, sondern
eine Einteilung eher auf dem Nutzen der Software aufbaut, kann auch der Infrastrukturbegriff
erweitert werden. Software soll gemäß Perens – unabhängig davon, ob sie frei oder proprietär
ist – nur zu einem sehr kleinen Teil einen unmittelbaren Einfluss auf den Erfolg eines Betrie>
bes haben. Der Wert der Software liegt demnach primär in der Anwendung des Nutzers.
Perens schätzt, dass nur rund 10 % der in einem Unternehmen eingesetzten Software sie von
ihren Konkurrenten differenziert und somit einen Teil zur Wertschöpfung beiträgt. Die restli>
chen 90 % sind demnach nicht differenzierend und, so wird an dieser Stelle vorgeschlagen,
können als Infrastruktur angesehen werden:
Die Abbildung 32 legt nahe, dass das Potenzial für eine markante Marktdurchdringung durch
Abbildung 32: Erweiterte Software-Infrastruktur
9.1 Firmenbeteiligung bei FLOSS 149
FLOSS weitaus größer ist als gemeinhin und in Anbetracht der Arbeiten bei Linux, Apache,
Firefox und anderen angenommen. Wie das Beratungsunternehmen Forrester, so wagt auch
Gartner in seiner aktuellen Studie „Open Source Software Impact on IT Services Purchasing
Patterns, 2008" die Prognose, dass bis 2012 annähernd ein Drittel der gesamten IT-Ausgaben
in FLOSS-Aktivitäten fließen wird. Die Aussage gilt auch für Europa und Deutschland, wie
eine aktuelle Studie aufzeigt:
„Freie Unternehmensanwendungen sind laut beiden Marktforschern seltener im
Einsatz, zeigen jedoch einen positiven Trend: Open Source erobert zunehmend
auch höhere Ebenen im Softwarestack der Unternehmen.“ (Diedrich 2009)
Auch das im Dezember 2008 in Paris erstmals durchgeführte OpenWorldForum sieht in sei>
ner Roadmap bis 2020 (Laisné 2008) die Adoption von Software durch FLOSS in allen Berei>
chen als gegeben (siehe Abb. 33).
Diese Aussagen sind nicht allzu überraschend. Denn insgesamt besteht Einigkeit darüber,
„dass FLOSS die überlegene Methode der Softwareentwicklung benutzt, um diese Infrastruk0
tur bereit zu halten“ (Lutterbeck 2007, S. 3; siehe dazu auch Bauer und Pizka 2005).
Abbildung 33: Adoption durch FLOSS (nach Laisné 2008, S. 9)
150 9 Diskussion
Definiert man „Infrastruktur“ nicht aus technischer, sondern aus Nutzen-Sicht, so
ist das Potenzial für FLOSS im unternehmerischen Einsatz weitaus größer als bis>
her prognostiziert. Die in dieser Studie präsentierten Ergebnisse des Linux-
Kernels lassen sich demnach mit gewissen Einschränkungen auf eine Vielzahl
von Projekten übertragen.
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell
Bei der Diskussion um den Anteil von kommerziell orientierten Firmen darf nicht übersehen
werden, dass auch diese Beiträge aus Sicht der Open-Source-Projekte freiwillig geleistet wer>
den. Das bedeutet, dass Firmen wie Individuen denjenigen Code beisteuern, der für sie von
Bedeutung ist. Demnach verfolgen die Open-Source-Projekte weniger einen Masterplan, son>
dern sie entwickeln sich vielmehr im Sinne eines Mosaiks mit einzelnen Teilchen kontinuier>
lich weiter. Was in den Worten von Raymond (1999) als Basar bezeichnet wird, entspricht
aber durchaus auch den Prinzipien eines freien Marktes, welcher sich aufgrund von Angebot
und Nachfrage wie von einer „unsichtbaren Hand“ geführt entwickelt (Smith 1974).
In der gesamten Diskussion um das Open-Source-Entwicklungsmodell wird immer noch weit>
gehend von unabhängigen Individuen ausgegangen. Wie bereits erwähnt, agieren jedoch bei
den großen Projekten die Individuen nicht so selbstständig, sondern wirken im Auftrag ihres
Arbeitgebers. Die Interviewergebnisse zeigen auf, dass der weitaus größte Teil der Firmenbei>
träge nicht auf individueller Initiative basiert, sondern aus einer internen Projektplanung
stammt. Diese setzt sich mehrheitlich zusammen aus internen Anforderungen (z. B. der Unter>
stützung eigener neuer Hardware oder Softwareversionen) sowie Wünschen bzw. Fehlermel>
dungen von Kunden und Partnern. Die Entwicklung ist folglich nicht primär von den Bedürf>
nissen des Entwicklers getrieben, sondern von den Geschäftsinteressen des Arbeitgebers. Es
besteht jedoch durchaus auch Spielraum für die Auswahl und Bestimmung der konkreten Ar>
beiten durch die Entwickler.171
171 In den untersuchten Firmen ist es üblich, dass die von den Entwicklern gewünschten Beiträge in einer Pla>
nung erfasst und vom (Produkt-)Management abgesegnet werden müssen. Eine formelle Regelung wie sie
z. B. Google hat, dass 10 % der Tätigkeit zur freien Mitarbeit in Open-Source-Projekten zur Verfügung ste>
hen, wiesen die Firmen nicht auf.
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 151
Das Ausmaß der Selbstbestimmung der Codebeiträge der einzelnen Entwickler gegenüber
konkreten Aufträgen ist dabei stark abhängig von der strategischen Ausrichtung der jeweili>
gen Firma in Bezug auf Open-Source-Software, wie sie in Kapitel 3.4.3. beschrieben wurde.
Firmen, die sich strategisch kaum mit Open-Source-Software identifizieren, geben den Ent>
wicklern eher mehr Freiheiten bezüglich der Zusammenarbeit mit der Community. Firmen
hingegen, die eine klare Open-Source-Strategie aufweisen, haben diesbezüglich die Steuerung
übernommen. Dieser Tatsache sind sich die Interviewteilnehmenden aller Typen bewusst. Ein
konkretes Thema ist die Transition hin zur strategischen Ausrichtung nur für den Sozialro>
mantischen Hacker. Die beiden beschriebenen Perspektiven – Freiheit der Entwickler und
Strategie, jeweils in Bezug auf Open Source – finden sich auch in anderen Studien: Ersteres
wird durch Henkel (2009) als „champions of revealing“ beschrieben, Letzteres durch
Dahlander und Wallin (2006) mit dem „man on the inside“.
Aus Sicht der FLOSS-Projekte ist es relevant, ob sich mehrheitlich Freiwillige oder bezahlte
Entwickler beteiligen. Dies geht aus Studien über das Apache- (Roberts et al. 2006), das
Gnome- (Dahlander und Wallin 2006) sowie das Eclipse-Projekt (Spaeth et al. 2008) hervor.
Festgestellt wurde, dass die durch ihren Arbeitgeber bezahlten Entwickler aktiver sind. Diese
Tatsache wird auch durch den Linux-Kernel bestätigt. Mit durchschnittlich über 1.000
geänderten Codezeilen pro kommerziellen Entwickler gegenüber rund 650 im öffentlichen
sowie privaten Umfeld ist ein markanter Unterschied festzustellen.
Die Firmenbeteiligung beeinflusst auch das Entwicklungsmodell, insbesondere in Bezug auf
die Organisation und Koordination sowie auf die Rollen innerhalb der Projekte. Das Open-
Source-Modell, wie es bisher in der Literatur diskutiert wurde, fügt sich diesbezüglich gut in
aktuelle ökonomische Trends172 ein. Wie bereits in Kapitel 9.1.3 ausgeführt, sollte es somit
nicht als Sonderfall verstanden werden. Das Basar-Modell muss folgerichtig aufgrund der
starken Firmenbeteiligung zumindest partiell angepasst und die Selbstorganisation der Com>
munity hinterfragt werden. Dabei gilt es, die Rollen zu berücksichtigen, die aus der Mitarbeit
von angestellten Softwareentwicklern in der Open-Source-Community entstehen. Deren
Motivation, sich im Open- statt im Closed-Source- Umfeld zu betätigen, sowie die aus dem
Umfeld resultierenden Konflikte sind ebenfalls dem Modell hinzuzufügen. Diese Diskussion
172 Diese Trends wurden im vorherigen Kapitel beschrieben. Einerseits ist eine zunehmende Dezentralisierung,
andererseits ein Abbau von Eigentum festzustellen.
152 9 Diskussion
wird in den folgenden Kapiteln geführt.
9.2.1 Motivation von kommerziellen FLOSS-Entwicklern
Dass FLOSS-Entwicklung mehr Spaß macht, hat u. a. die Studie von Luthiger Stoll
(2006) belegt. Der Autor beschränkt sich dabei auf die Unterscheidung von freiwillig mitar>
beitenden FLOSS-Entwicklern und angestellten Closed-Source-Entwicklern. Die Gruppe der
bezahlten FLOSS-Entwickler wird von Luthiger Stoll jedoch nicht thematisiert.
Die Entwicklung von Software macht Spaß, unabhängig vom Modell. Dies hat sich in den In>
terviewergebnissen dieser Studie bestätigt. Die meisten Teilnehmenden meinen, dass sie am
liebsten während der gesamten Arbeitszeit Software entwickeln möchten. Dies trifft insbeson>
dere auf den Typ des Pragmatischen Ingenieurs zu. Die meisten Personen, die firmenintern
vom proprietären Bereich zu Linux gewechselt sind und somit einen direkten Vergleich an>
stellen können, empfinden die Open-Source-Arbeit eindeutig als „spaßiger“, ohne dies genau>
er spezifizieren zu können. Die Tatsache jedoch, dass sich ein Typ des Hedonistischen Pro>
grammierers in den empirischen Daten dieser Studie nicht bestätigen lässt, weist darauf hin,
dass der Spaß an der Arbeit weniger als Motivator denn als Hygienefaktor gesehen werden
kann. Die Unterscheidung von Motivatoren und Hygienefaktoren geht auf die Zwei-Faktoren-
Theorie von Herzberg (1959) zurück. Unter den Hygienefaktoren versteht man diejenigen Ge>
gebenheiten, die vorausgesetzt werden und deshalb nicht zur Zufriedenheit beitragen. Fehlen
sie jedoch, so können sie zu Unzufriedenheit führen. Die Motivatoren wirken umgekehrt:
Sind sie anzutreffen, so führen sie zur Zufriedenheit. Fehlen sie hingegen, so muss daraus
nicht eine Unzufriedenheit resultieren.
Die Interviewergebnisse haben gezeigt, dass sich Open-Source-Entwickler nicht ausschließ>
lich aus der Community rekrutieren lassen, sondern dass der firmeninterne Weg ebenso prak>
tikabel ist (siehe dazu den soziodemografischen Überblick in Tabelle 8). Dies verändert auch
die Motivationsdiskussion erheblich. Ein zentraler Aspekt, weshalb sich Softwareentwickler
mit langjähriger Erfahrung im Closed-Source-Bereich zu Open Source im Allgemeinen und
dem Linux-Kernel im Speziellen hingezogen fühlen, ist die Qualität des Codes. Dabei verste>
hen die Entwickler unter Qualität nicht primär die Stabilität und relative Fehlerfreiheit des Be>
triebssystems – also das, was den Anwender in erster Linie interessiert. Bedeutender sind das
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 153
Design und die Architektur sowie die Klarheit und Schönheit des Codes an sich, erwirkt
durch klar definierte und auch konsequent durchgesetzte Codier-Standards. Hier manifestiert
sich das Berufsethos der Betroffenen deutlich.
Die Motivationsdiskussion zeigt, dass Open Source und der Linux-Kernel nicht
chaotisch und vorwiegend informell organisiert sind. Die Tatsache, dass es nicht
nur geschriebene und ungeschriebene Regeln gibt, sondern dass diese auch gegen
individuelle Interessen durchgesetzt werden, ist nicht nur für die Qualität der
Software, sondern auch für die Motivation zur Mitarbeit von entscheidender Be>
deutung. Insbesondere in der Durchsetzung der Standards zeigt sich gemäß den
interviewten Personen ein entscheidender Unterschied zur Closed-Source-Ent>
wicklung, wo aufgrund von oft kurzfristigen Firmeninteressen definierte und for>
mell vorgegebene Standards nicht berücksichtigt werden. Dieser Aspekt wurde
bei der bisherigen Diskussion von FLOSS vernachlässigt. Auch hier zeigt sich,
dass die Organisation der Projekte – Flexibilität, Dezentralisierung etc. – viel we>
niger als Besonderheit des Entwicklungsmodells gesehen werden darf. Die Code>
qualität und die Methoden, wie diese durchgesetzt wird, sollten dagegen vermehrt
ins Zentrum der Diskussion rücken.
9.2.2 Kommerzielle Rollen in FLOSS-Projekten
9.2.2.1 Einordnung der Typologie in die Community-Struktur
Wie bereits erwähnt, ist bei den angestellten FLOSS-Mitarbeitern von zwei Rollentypen aus>
zugehen: „man on the inside“ (Dahlander und Wallin 2006) und „champion of revealing“
(Henkel 2009). Die Vertreter beider Rollenkonzepte sind dabei aus einer Firmensicht moti>
viert. Während dem „man on the inside“ die These zugrunde liegt, dass Firmen den Kontroll>
verlust durch den fehlenden Eigentumsanspruch durch Einflussnahme mittels eines gespon>
serten Kernentwicklers zumindest teilweise wieder zurückgewinnen können, basiert der
„champion of revealing“ auf der Prinzipal-Agenten-Theorie und der (prinzipiell nicht bestä>
tigten) Vermutung, dass die angestellten Entwickler die Interessen der Community höher hal>
ten als diejenigen der Firma. Während in beiden Rollentypen implizit von einer Entweder-
154 9 Diskussion
oder-Umschreibung ausgegangen wird, finden sich die beiden Typen in den in dieser Studie
untersuchten großen IKT-Unternehmen gleichzeitig nebeneinander, sowohl innerhalb der Fir>
men als auch teilweise in Personalunion.
Die Rollen von Dahlander und Wallin sowie Henkel einerseits und die in dieser Studie erstell>
te Typologie andererseits kann wie in Abbildung 34 aufgezeigt in das Rollenmodell von
Nakakoji et al. (2002, siehe dazu Kapitel 3.2.1) integriert werden.
Basierend auf den Interviewergebnissen kann die Rolle des „man on the inside“ lediglich zwei
Personen zugeordnet werden. Beide entsprechen dabei dem Typ des Dialektischen Informati>
kers. Einer von ihnen wurde tatsächlich aus der Community rekrutiert, der andere hat sich die>
se Position aufgrund seiner Tätigkeit in der Firma erwerben können, wobei er „nur“ an einem
Unterprojekt arbeitet. Eigen ist beiden Rollen, dass sie intern einen sehr großen technischen
Entscheidungsspielraum haben und sie auch Arbeitszeit für die Erfüllung ihrer Community-
Aufgaben nutzen können. Dies bedeutet allerdings, dass sie selbst gerade dadurch und auf>
grund vermehrter administrativer Aufgaben und Management-Tätigkeiten nur noch wenig
Code schreiben können. Aufgrund ihres Netzwerkes und der strategischen Bedeutung sind
diese Angestellten nur schwer austauschbar und erhalten dadurch innerhalb der Firma eine ge>
wisse Machtposition. Eine besondere Position nehmen dabei diejenigen Entwickler ein, die
Abbildung 34: Rollen und Typologie von kommerziellen FLOSS-Entwicklern
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 155
hierarchisch direkt unter Linus Torvalds eingeordnet sind und die fast ausnahmslos von Fir>
men angestellt wurden. Zu ihnen gehören Leute wie Alan Cox (Red Hat), Greg Kroah-Hart>
man (Novell/Suse) oder Andrew Morton (Google). Sie können ihre Community-Aufgaben
weitgehend unabhängig von ihrem Arbeitgeber erfüllen und wurden hauptsächlich angestellt,
um für die Firma wichtige Projekte voranzutreiben, die ohne ihre Mitwirkung vermutlich
nicht oder nur langsam vorangetrieben würden. Zudem wirkt sich ihre Anstellung förderlich
auf die Reputation der jeweiligen Firma aus.
Die Dialektischen Informatiker unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt vom Rollentyp
„man on the inside“. Sie wirken nicht nur strategisch als Kontrollorgan der Firma, sondern
dialektisch in einem modernen Sinne, versuchen also die Gegensätze von Community und
Firma zu eruieren und aufzuheben. Ihre Bedeutung geht weit über das Verständnis von
Dahlander und Wallin hinaus, indem sie nicht nur versuchen, in einem möglichen Rahmen
Kontrolle über das Projekt zu gewinnen, sondern sowohl in der Firma als auch in der Commu>
nity Einfluss nehmen. So können beide noch näher zusammenwachsen. Sie agieren zwar
durchaus im Interesse ihres Arbeitgebers, ihr Wirken ist allerdings nachhaltig und kann somit
über der Firma angeordnet werden.
Mehr Code als der Dialektische Informatiker können die „champions of revealing“ dem Ker>
nel beisteuern. Henkel (2009) versteht darunter diejenigen Entwickler, die in der Firma zu>
mindest inoffiziell entscheiden können, welcher Code in ein Open-Source-Projekt einfließen
darf. Diese Position kann innerhalb der Firma als Vertrauensbeweis gelten, da Fehlentschei>
dungen aufgrund der Lizenzbedingungen kaum wieder rückgängig gemacht oder korrigiert
werden können. Diese Rolle muss sich in der Community nicht zwingend widerspiegeln, setzt
jedoch voraus, dass neben einem loyalen Firmenverhalten auch eine Vertrautheit mit der
FLOSS-Community vorhanden ist. Henkel sieht bei diesen Personen ein schwieriges, wenn
auch nicht unlösbares Prinzipal-Agenten-Problem, da sie sich oft sowohl der Firma als auch
der Community verpflichten fühlen und somit das Risiko besteht, dass sie die Firmeninteres>
sen hinter diejenigen der Community stellen (siehe dazu auch Rossi und Bonaccorsi 2006).
Die Rolle findet sich in den geführten Interviews in den Typen des Dialektischen Informati>
kers sowie des Pragmatischen Ingenieurs wieder. Es handelt sich dabei meist um Personen,
die intern eine Teamlead-Funktion innehaben, welche mit den „lieutenants“ (Moody
2001) der Community verglichen werden können. Nicht selten haben sie gleichzeitig auch
156 9 Diskussion
eine Package-Verantwortung im Linux-Kernel, wobei es sich dabei in aller Regel um einen
Bereich handelt, der hauptsächlich in der eigenen Firma betreut wird (wie z. B. die Unterstüt>
zung der eigenen Hardware). Zwar muss der Arbeitgeber auf die Loyalität seines Angestellten
vertrauen, dieser wiederum hat eine zu wenig starke Position (sowohl in der Community wie
in der Firma), um intern Macht ausüben zu können. Die stärkere Einbindung in die unterneh>
merische Verantwortung durch die Teamlead-Funktion könnte ein bewusster Weg der Firmen
sein, um den Prinzipal-Agenten-Konflikt zugunsten des eigenen Betriebs zu beeinflussen.
Aufgrund der oben aufgeführten Erklärungen dürfte klar geworden sein, dass der Dialektische
Informatiker weit über die Bedeutung der „champions of revealing“ hinausgeht. Der Pragma>
tische Ingenieur entspricht wohl am ehesten in der fortgeschrittenen Phase, also im Übergang
zum Dialektischen Informatiker, der von Henkel beschriebenen Rolle. Ansonsten wird der
Pragmatische Ingenieur, so wie er hier als „einfacher“ Entwickler porträtiert wird, in der Dis>
kussion weitgehend vernachlässigt. Dies kann einerseits darauf beruhen, dass diese als weni>
ger interessant angesehen werden. Andererseits ist denkbar, dass sie wegen ihrer geringen Ak>
tivitäten in der Community – mit Ausnahme der Codebeiträge – nur wenig aktiv sind und
nicht auf Online-Anfragen reagieren. Da in der vorliegenden Studie über die Firmen rekrutiert
wurde, konnte diese Gruppe spezifisch angesprochen werden. Es darf vermutet werden, dass
die Gruppe, die sich aus dem Typ des Pragmatischen Ingenieurs rekrutiert, quantitativ den
größten Anteil an bezahlten Entwicklern ausmacht, wenn auch das gewählte Vorgehen keinen
verlässlichen Schluss zulässt. Da sie im Netzwerk nicht sonderlich aktiv sind, sich weniger
mit der Philosophie der FLOSS-Bewegung identifizieren und vorwiegend die Firmeninteres>
sen vertreten, haben sie weder strategische Relevanz noch bieten sie Gefahr für einen Prinzi>
pal-Agenten-Konflikt. Diese Personen sind austauschbar und definieren sich vorwiegend über
ihre Programmierfähigkeiten. Für die Unternehmen sind sie jedoch enorm wichtig, da sie
einen großen Teil des Codes schreiben, der für das eigene Geschäftsmodell von Bedeutung
ist.
Wie Henkel in seinen Schlussfolgerungen erwähnt, ist ein Prinzipal-Agenten-Konflikt allein
durch eine Vertrautheit mit der Community noch nicht gegeben. Erst durch die Identifikation
mit der Ideologie von FLOSS ergeben sich gemäß Henkel diesbezüglich Probleme für die Fir>
men. Diese Aussage lässt darauf schließen, dass der Typ des Sozialromantischen Hackers
dem „champion of revealing“ weitgehend entspricht und sich bei ihm erhebliche Konflikte er>
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 157
geben müssten. Diese Annahme kann jedoch nicht bestätigt werden. Der eine in dieser Arbeit
untersuchte Fall hat die konfliktbeladenen Situationen weitgehend in sein Privatleben ver>
schoben. Aufgrund seiner Aussagen wird vermutet, dass seine Firma die interne Organisation
bereits so weit angepasst hat, dass gar keine Prinzipal-Agenten-Konflikte auftreten können.173
Die in dieser Studie erarbeitete Typologie fasst die in der bisherigen wissen>
schaftlichen Auseinandersetzung erarbeiteten (strategischen) Rollen von FLOSS-
Entwicklern im kommerziellen Umfeld nicht nur zusammen, sondern erweitert
sie einerseits um den pragmatischen Aspekt. Andererseits kann durch die Typolo>
gie ein umfassendes Abbild der kommerziellen Arbeit am Linux-Kernel darge>
stellt werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen zudem nahe, dass die
Firmen weit weniger als vielerorts angenommen über Personalpolitik strategisch
innerhalb der FLOSS-Community wirken. Die Tatsache, dass der Linux-Kernel
und andere Projekte in erster Linie durch den geschriebenen Code vorangetrieben
werden, spiegelt sich in den untersuchten Firmen wider. Es wird vornehmlich
durch die Menge und die Art des beigetragenen Codes Einfluss genommen. Des>
halb darf auch die Rolle des Pragmatischen Programmierers nicht unterschätzt
werden, da seine Beiträge weitgehend durch die interne Planung bestimmt wer>
den und somit in weiten Teilen der bekannten proprietären Softwareentwicklung
entsprechen. Trotzdem bedarf es auch des Dialektischen Informatikers, gerade
weil sich der Pragmatische Programmierer nur bedingt in der Community zu
Hause fühlt und so die notwendige Unterstützung im Sinne von flankierenden
Maßnahmen bekommt.
9.2.2.2 Wechselwirkungen bei den Typen
Die in der Konklusion hergeleitete Grafik zu den Wechselwirkungen bei der Beteiligung an
Open Source kann aufgrund der Interviewergebnisse und unter Berücksichtigung der drei de>
finierten Typen wie in Abbildung 35 dargestellt angepasst werden.
173 Dass dies nicht gerade zum Vorteil des Angestellten vom Typ des Sozialromantischen Hackers ist, hat das
Beispiel des Prototyps, wie unter Kapitel 8.5.1 beschrieben, klar aufzeigen können.
158 9 Diskussion
Der Sozialromantische Hacker wirkt insofern auf die Open-Source-Community, als er die der
Bewegung zugrunde liegende Ideologie weiterträgt und so dafür sorgt, dass die Community
integer bleibt. Sollte sich die Community von der Ideologie wegbewegen, so dürfte für den
Sozialromantischen Hacker die Mitarbeit uninteressant werden. Er sorgt jedoch auch dafür,
dass, wie von Rossi und Bonaccorsi (2006) festgestellt (und im Kapitel 3.4.4 bereits zitiert),
die soziale Komponente von Open Source in die Firma getragen wird. Wie auch Henkel
(2009) konstatiert hat, ist dies jedoch der Ausnahmefall und eher in kleinen und mittleren
Open-Source-Firmen anzutreffen. In großen Firmen, so legen es auch die Interviewergebnisse
nahe, ist der Einfluss der Sozialromantischen Hacker marginal.
Vom Pragmatischen Ingenieur wird lediglich über den geschriebenen Code direkt Einfluss auf
Open Source genommen, da er sich ansonsten wenig in der Community beteiligt und auch die
Ideologie nicht teilt. Über seine Codebeiträge und das sachliche, professionelle Verhalten hat
er dennoch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Denn wie das evolutionäre Entschei>
dungsmodell (siehe Abbildung 30) erklärt, wirkt ein aktuelles Verhalten über den Feedback-
Loop auf die zukünftigen Werte und Normen der Community. Für die Firma ist der Pragmati>
sche Ingenieur ein ganz normaler Softwareentwickler, wie er auch in Closed-Source-Projek>
ten anzutreffen ist. Den Sozialromantischen Hacker beachtet er wenig, da er ihm weitgehend
fremd ist. Wenn sich die Community durch den Einfluss der Pragmatischen Ingenieure weg
Abbildung 35: Wechselwirkungen zwischen den Typen
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 159
von der Ideologie bewegt, wendet sich der Sozialromantische Hacker von Open Source ab
bzw. sucht eine Community, die mehr seiner Haltung entspricht.
Der Dialektische Informatiker schließlich wirkt als Vermittler zwischen Community und Fir>
ma und insofern auch zwischen Community und Pragmatischem Ingenieur bzw. zwischen Fir>
ma und Sozialromantischem Hacker. Dabei verändert er sowohl die Community als auch die
Firma und beeinflusst den Pragmatischen Ingenieur direkt, den Sozialromantischen Hacker
eher indirekt.
Während Dahlander und Wallin (2006) sowie Henkel (2009) die direkte Einflussnahme durch
die bezahlten Entwickler auf die Community thematisieren, sind es bei Dahlander und
Magnusson (2006) sowie Rossi und Bonaccorsi (2006) eher indirekte Einflüsse auf die Com>
munity und Firmen über die Entwickler. Was jedoch beide nicht ansprechen, ist, dass sich
durch die Einflussnahme das ganze System verändert und damit wiederum Einfluss auf ande>
re Beteiligte genommen wird. Das evolutionäre Entscheidungsmodell legt demnach nahe,
dass die Strategie und das daraus abgeleitete Verhalten der Firmen einen nachhaltigen Ein>
fluss auf die Normen und Werte der Community haben. Wie verschiedene Studien belegen
(West und O'Mahony 2005; Dahlander und Magnusson 2006; Spaeth et al. 2008), haben
Open-Source-Projekte, die zu stark durch eine Firma dominiert werden, Probleme dabei, frei>
willige Mitstreiter zu gewinnen. Trotz der dominierenden Firmenbeteiligung im Linux-Kernel
ist es dennoch eine der Stärken des Projekts, dass immer noch zahlreiche Freiwillige in ihrer
Freizeit das Projekt unterstützen. Einerseits werden so reale Probleme rasch gelöst, die in ei>
nem kommerziellen Umfeld weniger beachtet werden. Andererseits kann nur so ein Wissens>
pool angesprochen werden, der ansonsten den Projekten verwehrt bliebe.
9.2.2.3 Der Umgang der verschiedenen Entwicklertypen mit Konflikten
Open-Source-Entwickler im kommerziellen Umfeld sehen sich mehreren spezifischen Proble>
men gegenüber, die direkten Einfluss auf ihre Arbeitsgestaltung haben. Diese Probleme wer>
den unterschiedlich wahrgenommen, und die verschiedenen Typen haben unterschiedliche
Strategien zu deren Bewältigung entwickelt. Konkret wurden in den Interviews vier Problem>
bereiche thematisiert (siehe Tabelle 10).
160 9 Diskussion
Komplexe Planung
Legale Einschränkungen
Interessenkonflikte
Kommunikation mit der Community
Tabelle 10: Problembereiche von
Open-Source-Entwicklern in großen IT-Firmen
Komplexe Planung: Der Planungsprozess im Linux-Umfeld ist äußerst komplex, da der Er>
steller des Codes meist nicht der Vertreiber (Distributor) ist.174 Daraus ergibt sich, dass die
Distributoren interne Pläne von mehreren unabhängig agierenden Partnern vereinbaren müs>
sen, ohne dass alle Beteiligten an einem Tisch sitzen.175 Daraus resultiert einerseits, dass Soft>
ware- und Hardwarehersteller nur ein oder maximal zwei Distributionen unterstützen.176 An>
dererseits haben sich die beiden größten Distributoren, Red Hat und Suse, informell so arran>
giert, dass sie ihre Releases jeweils zeitverschoben auf den Markt bringen.177 Als Konsequenz
hat in den Firmen, die in größerem Umfang Linux mit Arbeitskraft unterstützen, eine Aufga>
benteilung stattgefunden. Der Entwickler wird dabei weitgehend von der konkreten Termin>
koordination entbunden, da dies im Zuständigkeitsbereich von Planern und Koordinatoren
liegt. In letzter Instanz spürt der Entwickler trotzdem Terminkonflikte und muss sie in seiner
Arbeit auch lösen. Die Verantwortung dafür trägt er aber nicht.
Während der Pragmatische Ingenieur versucht, Probleme mit Terminen nach oben zu delegie>
ren, nimmt der Dialektische Informatiker oft eine vermittelnde Position ein und sucht nach
konkreten Lösungen. Dies ist auch eine Folge davon, dass er in der Regel in seiner firmenin>
ternen Position mehr diesbezügliche Verantwortung hat. Festzustellen ist, dass beide Typen
die Planung als ein notwendiges Übel wahrnehmen, dafür aber eine befriedigende Handlungs>
174 IBM z. B. hat sich im Gegensatz zu Oracle aufgrund strategischer Überlegungen explizit dagegen entschie>
den, eine eigene Linux-Distribution ins Portfolio zu übernehmen.
175 Eine detailliertere Beschreibung dazu folgt weiter unten.
176 Dies führt wiederum zu einem Lock-in, der mit FLOSS beseitigt werden soll. Da sich dies jedoch nur auf
die Distribution bezieht, die in der Regel kostenlos ist, findet über den Supportbereich trotzdem ein, wenn
auch reduzierter, Wettbewerb statt. Hingegen ist es für eine neue Distribution sehr schwierig, im Geschäfts>
bereich Fuß zu fassen – ein Umstand, den auch die mit einem sehr großen finanziellen Background verse>
hene Distribution Ubuntu zu spüren bekommt. Diese weist zwar eine enorme Verbreitung vor, wird aber
auf den Servern oft noch nicht vom Hardwareanbieter zertifiziert.
177 Dieses Arrangement kam nicht ganz freiwillig zustande. Wenn beide Distributionen etwa zur selben Zeit
einen Major-Release planen, bedeutet dies für die Partner, die vertragliche Abmachungen zu beiden Distri>
butionen aufweisen, dass sie zur selben Zeit den Hauptaufwand betreiben müssen. Dies hat in der Folge im>
mer wieder zu Terminverschiebungen geführt, worauf die betroffenen Partner Druck auf die Distributionen
ausgeübt hatten, dass sie ihre Releases zeitverschoben planen müssen.
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 161
alternative gefunden haben. Der Sozialromantische Hacker schließlich interessiert sich weni>
ger für firmeninterne Termine. Dass er trotzdem in die interne Planung eingebunden ist und
dadurch Qualitätseinbußen akzeptieren und damit eine Community-Regel brechen muss, führt
bei ihm zu einer inneren Spannung.
Legale Einschränkungen: Alle im Setting vorhandenen Firmen haben sich zu Open-Source-
Software verpflichtet, jedoch in unterschiedlichem Maße. Daraus ergibt sich, dass die Bereit>
schaft, Code offenzulegen und freizugeben, noch unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Als Fol>
gerung davon sind auch die Regeln und Prozesse für die Freigabe von Code noch sehr unter>
schiedlich weit fortgeschritten. Es kann jedoch diesbezüglich in jedem Fall eine Entwicklung
zur Standardisierung verfolgt werden.
Konkret sind die Firmen sehr darauf bedacht, keine nur für den internen Gebrauch vorgesehe>
nen Informationen preiszugeben. Bei den Hardwareherstellern sind das zum Beispiel die Spe>
zifikationen der Hardware, bei Softwareproduzenten die konkreten Algorithmen. Für die Ent>
wickler bedeutet dies, dass sie in Eigenverantwortung ihren Code diesbezüglich überprüfen
müssen, da es keine Instanz gibt, die geschriebenen Code vor der Herausgabe nochmals über>
prüft. Im Zweifelsfalle besteht die Möglichkeit, bei der juristischen Abteilung nachzufragen.
Eine weitere legale Beschränkung ist, dass sich die Firmen das Recht vorbehalten, Funktiona>
lität zu patentieren oder verschlossen zu halten, falls dies aus unternehmerischer Sicht als an>
gebracht erscheint. Dieses Problem reduziert sich jedoch in der Praxis sehr, weil dies nur bei
neu zu schreibender Funktionalität zum Tragen kommt. Die tägliche Arbeit besteht zum größ>
ten Teil darin, bestehenden Code anzupassen oder zu korrigieren.
Während die oben beschriebenen Punkte durch alle drei Typen wahrgenommen, aber nicht als
konkretes Hindernis in der Arbeit gesehen werden, sieht es bei haftungsrelevanten Gesichts>
punkten anders aus. Der Pragmatische Ingenieur sieht sich durch seinen Arbeitsvertrag von
der Haftung entbunden und thematisiert dies nicht weiter. Der Dialektische Informatiker hin>
gegen sieht sich in seiner Arbeit behindert, da er nicht den Community-Prozessen entspre>
chend agieren kann.
Der Sozialromantische Hacker positioniert sich bei legalen Fragen auf der Seite der Free Soft>
ware Foundation. Patente möchte er gerne abschaffen und am liebsten sämtliche Informatio>
nen frei zugänglich machen. In der täglichen Arbeit kann er sich weitgehend arrangieren, er
162 9 Diskussion
bekundet jedoch starke Probleme mit der Tatsache, dass seine Firma in der Regel auf einer
gegenteiligen Position beharrt.
Interessenkonflikte: Die Vertretung von Firmeninteressen in der Community ist unbeliebt und
eher kontraproduktiv, vor allem wenn es darum geht, Code in der gewünschten Form in den
Kernel zu bekommen. Die Linux-Kernel-Community ist tatsächlich weitgehend immun gegen
kommerzielle Argumente. Es zählen ausschließlich technische Aspekte. Durch die Übernah>
me einer Maintainerfunktion in der Community kann jedoch durchaus Einfluss im Sinne der
Firma genommen werden, was aus den Interviewergebnissen auch hervorgeht.
Der Pragmatische Ingenieur vertritt die Interessen seines Arbeitgebers, ist sich jedoch be>
wusst, dass er diese Interessenvertretung in der Community nicht bekannt geben kann. Er
sieht seine Möglichkeit zur Interessenvertretung deshalb hauptsächlich darin, hartnäckig zu
sein, wenn seine Vorschläge nicht zeitnah akzeptiert werden, und sachlich zu argumentieren,
auch wenn er persönliche Kommentare erhält. Da er die Konflikte, die aus dieser Haltung ent>
stehen, nicht selbst austragen muss, sind sie für ihn kaum bedeutsam. Durch sein vermitteln>
des und strategisches Denken versucht der Dialektische Informatiker, Interessenkonflikte zu
vermeiden. Er versteht die Zusammenarbeit mit der Community auch als Investition in eine
Machtposition. Aufgrund des meritokratischen Charakters der Gemeinschaft über vergangene
Leistungen können die zukünftigen Interessen stärker vertreten werden. Der Sozialromanti>
sche Hacker schließlich vertritt die Interessen der Open-Source-Community und hat Probleme
damit, Firmeninteressen zu akzeptieren, die seiner persönlichen Überzeugung widersprechen.
Kommunikation mit der Community: Die Kommunikation wird von den meisten Interviewteil>
nehmenden als einer der großen Unterschiede zwischen Open-Source- und Closed-Source-
Software gesehen. Einerseits ist darauf zu achten, was an Informationen, die nur für internen
Gebrauch gedacht sind, preisgegeben wird. Zudem ist den Entwicklern auch bewusst, dass sie
ihre Firma in der Community vertreten und deshalb ein professioneller Stil gefordert ist. An>
dererseits müssen die befragten Personen akzeptieren können, dass Entscheidungen nicht auf>
grund von Machtpositionen getroffen, sondern sachlich ausdiskutiert werden.178
178 Die Kommunikation in der Community entspricht somit eher einer basisdemokratischen Diskussion als ei>
nem hierarchischen Entscheidungsprozess. Die Entwickler stehen dabei oft in dem Konflikt, dass sie fir>
menintern hierarchisch gefällte Entscheidungen auf dem Diskussionsweg in die Community tragen müssen.
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 163
Dass der Kommunikationsstil insbesondere in der Linux-Kernel-Community mitunter persön>
lich ausfallend wird, empfindet der Pragmatische Ingenieur als störend und hemmend. Er
würde den Entscheidungsprozess gern durch ein Machtwort verkürzen, akzeptiert jedoch die
Spielregeln, die in seinen Augen Eigenschaften wie „Offenheit“, „Hartnäckigkeit“ und „ein
dickes Fell“ erfordern. Für den Dialektischen Informatiker ist das Diskutieren sachlicher Ent>
scheidungen eine Möglichkeit, vermittelnd zu wirken. Der schroffe Stil wird von ihm nicht
weiter thematisiert, sondern er versucht, als Vorbild voranzugehen und persönliches Befinden
von sachlichen Argumenten zu trennen. Der Sozialromantische Hacker schließlich fühlt sich
in der Community wohl und hat keine Probleme mit eventuellen sprachlichen Auswüchsen.
Ferner sind interne Meetings ein wichtiges Thema in Bezug auf die Kommunikation. Mee>
tings werden von allen Typen als störend und tendenziell als zu häufig angesehen. Der Prag>
matische Ingenieur versucht, sich so weit wie möglich von formellen Meetings fernzuhalten,
die oft mehr organisatorischen Belangen dienen als der Klärung konkreter Probleme. Bevor>
zugt werden von ihm ad-hoc-Sitzungen zu technischen Fragen. Bei den formellen Meetings
verhält er sich eher passiv und empfindet sie deshalb als Einweg-Kommunikation. Für den
Dialektischen Informatiker sind Meetings weitgehend Mittel zum Zweck, und er passt sich
dabei den Standards der jeweiligen Gremien an (z. B. Powerpoint-Präsentationen im Manage>
ment-Bereich). Er ist aktiv und versucht, konsensorientierte Lösungen zu finden. Der Sozial>
romantische Hacker schließlich sieht Zusammenkünfte eher als Diskussionsforum. Mit den
hierarchischen Machtunterschieden in den Meetings hat er Mühe und verhält sich in ihnen
eher passiv. Er bevorzugt es, in persönlichen Situationen oder über die etwas unpersönlichere
schriftliche Variante zu kommunizieren.
9.2.2.4 Transitionen der Typen
Entgegen den Ergebnissen von Dahlander und Wallin (2006) sowie Henkel (2009) zeigen sich
in den Interviewergebnissen Transitionen bei den Typen. Drei verschiedene Übergänge sind
erkennbar: Erstens beim Eintritt des Arbeitnehmers in die bezahlte Linux-Tätigkeit; zweitens
verändert sich die Arbeit im Linux-Umfeld innerhalb der Firma (siehe Kapitel 3.4.3), und
drittens sieht sich auch der angestellte Linux-Entwickler selbst in einem Reifeprozess begrif>
fen (siehe Abb. 36).
164 9 Diskussion
Ins Projekt reinkommen: Eine Motivation für die Beteiligung an Open-Source-Software, die
in der Literatur häufig erwähnt wird, sind zukünftige Karrierechancen (Lerner und Tirole
2001; Lakhani und Wolf 2003; Ghosh et al. 2002). Es ist deshalb naheliegend, dass Linux-
Kernel-Entwickler aus der Community angeworben werden. Bei zwei der siebzehn Interview>
teilnehmenden war dies tatsächlich der Fall, jedoch geschah dies bereits vor geraumer Zeit
(1999 bzw. 2001). Während ein Teilnehmer in einer Massen-E-Mail angeschrieben wurde, er>
reichte den zweiten aufgrund seiner konkreten Erfahrung und Position in der Community – er
ist Maintainer in einem für die anwerbende Firma wichtigen Bereich – eine individuelle An>
frage. Dass eine Anwerbung aus der Community in späteren Jahren bei den Interviewteilneh>
menden nicht mehr erfolgte, könnte daran liegen, dass mittlerweile der größte Teil der Ent>
wickler von einer Firma angestellt ist. Deshalb wäre es aufgrund von möglichen Gegenrekru>
tierungen sowie aus Konkurrenzgründen heikel, diese Mitarbeitenden direkt anzufragen.
Wenn die Entwickler vor ihrer Anstellung bereits bei einer anderen Firma tätig waren – im>
merhin beinahe ein Drittel der befragten Personen –, so hatten sie ohne Ausnahme bereits in
ihrer vorherigen Tätigkeit mit Linux zu tun. Bei allen ist der Wechsel von den Arbeitnehmern
ausgegangen. Es gibt folglich keine Anzeichen, dass Entwickler aufgrund ihrer Bekanntheit in
der Community direkt angeworben wurden.
Somit bleiben noch zwei Einstiegsmöglichkeiten für das bezahlte Arbeiten an Linux: Einer>
seits wechselten vier Interviewteilnehmende innerhalb der Firma von einem Closed-Source-
Projekt zu Linux, wobei die Initiative in allen vier Fällen vom Arbeitnehmer ausging. Ande>
rerseits gibt es die Möglichkeit, direkt nach einem Hochschulabschluss als Linux-Entwickler
einzusteigen. Dies war bei über einem Drittel der Stichprobe der Fall, jedoch waren die Ent>
wicklungsleistungen in der Community nur bei einer einzigen Person das maßgebliche Krite>
rium für die Einstellung. Trotzdem scheint es plausibel, dass sich eine Investition in Open-
Source-Software während der Studienzeit durchaus bezahlt machen könnte. Diese Investition
findet zur Zeit einerseits auf privater Basis statt, andererseits durch die Erstellung von Semes>
Abbildung 36: Transitionen der Linux-Tätigkeit in Firmen
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 165
ter- und Abschlussarbeiten. Eine breite Integration des Themas Open Source in den Unter>
richtsstoff lässt dies als gerechtfertigt erscheinen.
Das Projekt selbst verändert sich: Zu Beginn der Open-Source-Tätigkeit einer Firma sind Or>
ganisationsstruktur und Prozessabläufe noch nicht angepasst. Der entsprechende Bereich ge>
nießt weitgehende Freiheiten in der Arbeitsgestaltung, hat eine flache Hierarchie und ist im
Allgemeinen sehr kollegial und von viel Idealismus geprägt. Die Hauptaufgabe der Linux-
Kernel-Entwicklung besteht darin, erstmals den eigenen Geschäftsbereich in den Kern einzu>
bringen und bedeutet demnach sehr viel Recherchearbeit.
Mit der zunehmenden Bedeutung von Open-Source-Software für die Unternehmen, einherge>
hend mit einer größeren Kundenbasis in diesem Bereich, werden auch die Prozesse standardi>
siert und der Bereich wird zunehmend strukturierter und hierarchischer organisiert. Dabei
werden vorerst die in der Firma bewährten Prozesse übernommen und – soweit notwendig –
an die Arbeit in der Community angepasst. Die Entwickler sehen sich zusehends mit Anforde>
rungen von Produktmanagern und Kunden konfrontiert, für die primär Fehler zu beheben sind
oder die neue Funktionalität wünschen. Die konkrete Tätigkeit der Linux-Kernel-Entwickler
entspricht in dieser Form der klassischen Entwicklungstätigkeit, wie sie auch in der Closed-
Source-Softwareentwicklung anzutreffen ist.
Mit zunehmender strategischer Relevanz sind die Unternehmen bereit, ihre internen Prozesse
und Strukturen zu hinterfragen. Es findet auch hier eine Annäherung an die Open-Source-
Community statt, jedoch immer mit dem Unternehmensziel im Fokus. In der Linux-Kernel-
Entwicklung sind heute zunehmend strategisch denkende Informatiker gesucht, die es verste>
hen, die beiden Welten möglichst unvoreingenommen zusammenzubringen.
Der Mensch ändert sich: Die meisten der interviewten Personen waren zu Beginn ihrer Open-
Source-Anstellung stark intrinsisch motiviert. Dies war in der Frühphase der Open-Source-
Tätigkeit des Unternehmens kein Störfaktor, sondern sogar erwünscht, da nur mit dem nöti>
gen Enthusiasmus die Open-Source-Bewegung in der Firma ins Rollen kam. Zunehmend wur>
de die Arbeit jedoch standardisiert und die firmenweiten Prozesse weitgehend integriert. Die>
sen Prozess haben viele Entwickler mitgemacht, was als normaler Entwicklungsprozess gese>
hen werden kann. Im Laufe der Jahre haben die Entwickler sich niedergelassen und eine Fa>
milie gegründet. Der Spaß an der Arbeit wurde ergänzt durch ein Bedürfnis nach Sicherheit
166 9 Diskussion
und ein ausreichend hohes Einkommen. Dieser Pragmatismus passte gut zur internen
Professionalisierung der Open-Source-Entwicklung.
Einige der Personen, vornehmlich privat unabhängig, haben ihren Enthusiasmus behalten,
konnten sich aber der zunehmenden Professionalisierung anpassen. Sie sehen ihre Aufgaben
vor allem darin, die beiden Welten weiterhin näherzubringen.
9.2.3 Vertraglich abgesicherte Selbstorganisation
Die im Kapitel 3.2.1 beschriebenen vier Eigenschaften eines sich selbst organisierenden Sys>
tems – Komplexität, Selbstreferenz, Redundanz und Autonomie – treffen im Wesentlichen auf
den Linux-Kernel zu. Während die Komplexität des Systems wohl unbestritten ist, müssen bei
den anderen drei Eigenschaften aufgrund der Interviewergebnisse doch Einschränkungen ge>
macht werden. Diese beziehen sich weniger auf die technische Arbeit, sondern eher auf die
Koordination. Diese Einschränkungen zeigen sich in der Form, wie sich die am Linux-Kernel
beteiligten Firmen intern organisiert haben.
Wie aus der Abbildung 37 hervorgeht, sind die gestaltenden und organisierenden Rollen klar
Abbildung 37: Organisation der Linux-Kernel-Entwicklung in den untersuchten Firmen
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 167
getrennt. Der rote Teil ist als Bereich innerhalb der Firmen zu verstehen, der dem eigentlichen
System des Linux-Kernels zuzurechnen ist. Hier wird vor allem gestaltet, aber in einem klei>
neren Umfang auch organisiert und geleitet. Die blau markierte Box beinhaltet firmeninterne
Rollen, die nicht mehr direkt mit dem Linux-Kernel interagieren, sondern dies aufgrund von
organisatorischen Regelungen zur Hauptsache über die Entwickler tun. Dabei gilt die Regel,
dass Entwickler nur über technische Belange – sofern sie nicht geheim sind – reden dürfen.
Alle planerischen und produktorientierten Prozesse müssen über diese Linie geschehen.179 Be>
reits hier ist erkennbar, dass Selbstreferenz, Redundanz und Autonomie im Linux-Kernel
nicht mehr vollständig gegeben sind.
Hinzu kommt, dass durch Partner und Kunden indirekt Einfluss genommen wird, also durch
organisatorische Einheiten, die außerhalb der Firma liegen. Eine zentrale Rolle spielen dabei
die Distributoren180, die beim Linux-Kernel quasi als Schaltstelle aller Interessierten wirken.
Der Distributor ist durch einzelne Verträge mit Partnern und Kunden verbunden. Interessant
dabei ist, dass die Planung und Koordination nicht an einem runden Tisch stattfindet, sondern
der Distributor die Planung mit jedem einzelnen Partner unabhängig voneinander macht, u. a.
weil die vertraglichen Abmachungen nicht offengelegt werden. Aus Vertragssicht handelt es
sich somit (siehe Abb. 38) um Zweierbeziehungen zwischen Distributor und Partner.181 Ände>
rungen in der Planung – z. B. aufgrund einer Lieferverzögerung eines Partners – werden indi>
viduell mit allen anderen Partnern abgestimmt. Daraus resultieren möglicherweise neue Ter>
minverschiebungen, die wiederum mit allen Partnern einzeln abgesprochen werden müssen.
Deshalb ist das Management der Pläne für die betreffenden Stellen bei den Distributoren eine
179 Interessanterweise haben sich die untersuchten Firmen in einer ähnlichen Form organisiert, die sich vor al>
lem in der Reife des Open-Source-Prozesses (siehe dazu Kapitel 3.4.3) herauskristallisiert. Eigen ist allen
Firmen auch, dass sie den Linux-Bereich bis zu einem gewissen Grad isoliert haben. Zum einen hat dies
legale Gründe: So kann auf einfachste Weise erreicht werden, dass kein proprietärer Code in ein FLOSS-
Projekt einfließt und umgekehrt kein FLOSS-Code in ein proprietäres Projekt. Zum anderen ist es so
möglich, die Regeln der Community-Arbeit in die eigene Organisation einfließen zu lassen, um so die
Zusammenarbeit der Entwickler zu vereinfachen, ohne dass die gesamte Firma „infiltiriert“ wird. Diese
Praxis hat sich auch auf Anwenderseite bewährt, wie das Beispiel des deutschen Auswärtigen Amts zeigt
(Auener 2008).
180 Die Hard- und Softwarevendors liefern zwar in aller Regel ihren Code unabhängig von den Distributoren
direkt ins Kernel-Repository. Da ihre Änderungen aber nur über die Distributoren zu ihren Kunden kom>
men und die Distributoren aus Stabilitätsgründen in ihren Produkten den Kernel nicht regelmäßig komplett
aktualisieren, müssen Änderungen punktuell dort zusätzlich nachgeführt werden (sogenannter Backport),
was sehr aufwendig ist.
181 Dies funktioniert auch, wenn zwei Partner eines Distributors wiederum vertraglich miteinander verbunden
sind. Auch in diesem Falle werden keine Informationen über den Distributor in einem Dreiecksverhältnis
ausgetauscht, sondern immer nur in der vertraglich abgesicherten Zweierbeziehung.
168 9 Diskussion
hochkomplexe Herausforderung.
Aber auch die Hard- und Softwarevendors sind in der Planung gefordert. Als logische Konse>
quenz ergibt sich, dass diese meist nur zwei Distributionen zertifizieren. In der Regel sind
dies Red Hat und Suse. Diese Reduktion geschieht, weil die Planung mit einer Distribution,
wie soeben erläutert, sehr komplex ist. Die Komplexität steigt durch jede zusätzliche Distribu>
tion exponentiell an, da die Distributoren als Konkurrenten am Markt auftreten und deshalb
auch keine Koordination untereinander stattfindet.182 Aufgrund der vertraglichen Abmachun>
gen müssen einerseits die Distributoren aufpassen, dass sie keine Geschäftsinterna der Part>
ner, die aufgrund eines NDAs (Non Disclosure Agreement) ausgetauscht werden, anderen
Partnern vermitteln. Umgekehrt müssen die Hard- und Softwarevendors darauf achten, keine
Interna des einen Distributoren an den anderen oder einen eigenen Kunden zu vermitteln. Auf
diese Problematik haben die größeren Firmen reagiert, indem sie voneinander weitgehend un>
abhängige Koordinatoren und Teams bilden, die ausschließlich mit dem jeweiligen Partner,
sei es Distributor, sei es Hard- bzw. Softwarevendor, zusammenarbeiten. Eine große Heraus>
182 Wie bereits früher erwähnt, ist es die Ausnahme, dass die beiden Distributoren informell ihre Release-Zy>
klen aufeinander abgestimmt haben, sodass diese zeitlich verschoben stattfinden, damit ihre Partner nicht in
einen Prioritätskonflikt geraten.
Abbildung 38: Koordination durch Distributoren
9.2 Ein erweitertes Basar-Modell 169
forderung dabei ist, die verschiedenen Planungen183 und Abhängigkeiten zu koordinieren und
die eigenen Interessen durchzusetzen. Dazu ist einerseits ein großes Verhandlungsgeschick
nötig, andererseits die Fähigkeit, sich in die Partnerseite einzufühlen, um die eigene Planung
vorsorglich anpassen zu können.
Als Fazit hat sich herauskristallisiert, dass zwar das Linux-Kernel-Projekt im en>
geren Sinne durchaus als sich selbst organisierendes System bezeichnet werden
kann. Betrachtet man das System jedoch ganzheitlicher einschließlich des Öko>
systems mit Distributoren sowie Hard- und Softwarevendoren, die zusammen
einen Großteil des Sourcecodes beisteuern, so ist erkennbar, dass ein zusätzliches
komplexes juristisches Netzwerk geknüpft wird, um die individuellen (kommerzi>
ellen) Interessen zu schützen.
183 Erschwerend kommt noch hinzu, dass die eigenen Planungen und diejenigen der Partner unterschiedliche
Zeithorizonte haben können. Üblicherweise haben Hardwarevendors einen viel weiteren Planungshorizont
als die Softwarevendors und die Distributoren. Zusätzlich planen größere Firmen in der Regel eher weiter
im Voraus als kleine Unternehmen.
10 Schlussfolgerungen
Die Analyse der Linux-Kernel-Logdateien zeigt deutlich auf, dass die Weiterentwicklung des
Linux-Kernels stark durch kommerzielle Interessen vorangetrieben wird. Dass diese Interes>
sen durch zahlreiche und bezüglich Größe und Tätigkeitsbereich sehr unterschiedliche Firmen
wahrgenommen werden, führt dazu, dass sich der Linux-Kernel in unterschiedlichste Richtun>
gen weiterentwickelt. Der Einfluss einer einzigen Firma ist eingeschränkt, da sich breit ge>
streute Gruppierungen an der Entwicklung beteiligen. Deshalb gibt es keine einzelne Firma,
die eine solch starke Position in der Community aufweist, dass sie entscheidend Einfluss neh>
men kann. Für diese limitierten Einflussmöglichkeiten sorgt auch Linus Torvalds als „wohl>
wollender Diktator“.184 Berücksichtigt man zudem, dass sich die „zweite Garde“ des Linux-
Kernels fast durchweg in Positionen befindet, in der sie zwar von kommerziellen Firmen an>
gestellt sind, dort aber weitgehende Freiheiten haben, dürfte die direkte Einflussnahme durch
kommerzielle Interessen auf die Weiterentwicklung des Linux-Kernels noch geringer sein, als
es die generierten Zahlen belegen. Trotz der fehlenden Kontrolle durch die Firmen widerlegen
die dieser Arbeit zugrunde liegenden empirischen Daten das weitverbreitete und z. B. durch
die MERIT-Studie (Ghosh 2006) bekräftigte Image der Sozialromantik von Open-Source-
Software.
1. Schlussfolgerung
Ökonomisch relevante Open-Source-Software wie der Linux-Kernel wird zum
größten Teil durch von Firmen bezahlte und bereitgestellte Entwickler vorange>
trieben.
In den Interviewergebnissen hat sich gezeigt, dass das Open-Source-Entwicklungsmodell für
die beteiligten Firmen mit einigen Problemen behaftet ist. Insbesondere die Koordination mit
Partnern im Linuxgeschäft, die mangelnde Terminkontrolle, die komplexe Kommunikation
mit der Community sowie urheberrechtliche Aspekte werden als störend bezeichnet. Anderer>
184 Torvalds lässt sich ganz bewusst nicht durch eine Firma anstellen, die Linux nahesteht, wie er in seiner
Biografie erklärt (Torvalds 2001). Trotzdem ist er dank Linux reich geworden, da ihm Red Hat beim Bör>
sengang als Dank eine beträchtliche Anzahl an Aktien geschenkt hat.
172 10 Schlussfolgerungen
seits werden als Pluspunkte die bessere Qualität der Software sowie der zur Verfügung ste>
hende große Wissens- und Entwicklungspool außerhalb der eigenen Firma genannt. Insgesamt
heben sich die positiven und negativen Aspekte des Open-Source-Entwicklungsmodells für
die beteiligten Firmen weitgehend auf und würden somit das stetig zunehmende Interesse der
Unternehmen an Open Source – die sich aufgrund des Lizenzmodells freier Software meist
nicht mehr rückgängig machen lässt – alleine noch nicht erklären. Deshalb liegt die Annahme
nahe, dass sich die Firmen aufgrund der Open Source zugrunde liegenden Idee – der Freiheit
der Software – Vorteile versprechen.
2. Schlussfolgerung
Open-Source-Software wird von großen IKT-Firmen zunehmend nicht nur aus
pragmatischen Motiven unterstützt, sondern aus strategischen Überlegungen auf>
grund der Freiheit der Software. Der Begriff „Open“ sollte deshalb dahin gehend
erweitert und verstanden werden, dass wirtschaftliches und gesellschaftliches
Wachstum nicht länger durch Eigentumsschutz gewährleistet werden kann.185 Ge>
rade die Öffnung und Offenheit z. B. des Linux-Kernels erzeugt und nutzt ent>
sprechendes Innovations- und Wachstumspotenzial.
Diese Schlussfolgerung wird, wie im Kapitel 9.1.5 erläutert, zukünftig kontinuierlich zu einer
freien Software-Infrastruktur führen. Zwar werden sich die einzelnen Firmen vornehmlich in
Gebieten an freien Projekten engagieren, durch die in ihrem Kerngeschäft keine direkte Kon>
kurrenz entsteht. Wenn dies Firmen aus verschiedensten Sparten tun, wird es jedoch zu einem
breiten Angebot an frei zugänglicher Software führen. IKT-Unternehmen, die sich längerfris>
tig erfolgreich im Markt etablieren wollen, müssten demnach ihr Geschäftsmodell auf der
Vermarktung des in der Diskussion erwähnten Anteils von 10 % der differenzierenden Busi>
ness-Software am gesamten Software-Stack aufbauen.186 Damit die Differenzierung von den
185 Materu bezeichnet in einem Report der Weltbank die aktuelle Phase als „o-decade" (Materu 2004, S. 5). Er
fasst mit diesem Begriff Open Source, Open Systems, Open Standards, Open Access, Open Archives und
Open Everything zusammen.
186 Dass diese Erkenntnis insbesondere Microsoft außerordentlich stark im Kern ihres Geschäftsmodells trifft
und sie sich in der Vergangenheit vehement gegen FLOSS gewehrt haben, ist naheliegend. Die zunehmen>
de Öffnung gegenüber FLOSS in jüngerer Zeit ist ein deutliches Zeichen, dass auch die Firma Microsoft er>
kannt hat, dass sie ihr Geschäftsmodell anpassen muss, d. h., sie wendet sich zunehmend vom Vermarkten
10 Schlussfolgerungen 173
Konkurrenten tatsächlich erreicht werden kann, muss es sich dabei zwingend um
Individualsoftware handeln.
3. Schlussfolgerung
In einigen Jahren wird es eine weitgehend freie Software-Infrastruktur auch für
ökonomisch relevante und geschäftskritische Bereiche geben. Differenzierende
Business-Software wird als proprietäre Individualsoftware neben Freier Software
koexistieren. Proprietäre Standardsoftware wird hingegen an Bedeutung verlie>
ren.
Die beteiligten Firmen sowie die Community haben aufgrund der über die letzten rund zehn
Jahre gewachsenen gemeinsamen Arbeit am Linux-Kernel ihre internen Prozesse weitgehend
aufeinander abgestimmt. Zur gegenseitigen Absicherung hat sich zudem ein komplexes juris>
tisches Netzwerk entwickelt.
4. Schlussfolgerung
Das Open-Source-Entwicklungsmodell kann beim Linux-Kernel nicht mehr als
ein ausschließlich sich selbst organisierendes System verstanden werden, zumin>
dest nicht außerhalb des engeren Entwicklungskerns. Wer das gesamte System
betrachtet, sollte eher von einer „vertraglich abgesicherten Selbstorganisation“
sprechen.
Während die Sozialromantischen Hacker über ihre Identifikation mit der Ideologie von Open
Source einen unerwünschten Einfluss auf Firmenentscheidungen ausüben können, besteht bei
den Pragmatischen Ingenieuren die Gefahr der Professionalisierung der Community und da>
mit der Vertreibung der Freiwilligen. Die Dialektischen Informatiker können hier eine vermit>
telnde Rolle einnehmen. Um ein Gleichgewicht sowohl innerhalb der Firmen als auch in der
von Infrastruktur-Software ab und dem Anbieten von differenzierenden Dienstleistungen zu. Der Verfasser
wertet denn auch das Verhalten dieses Unternehmens, welches immer noch FUD („Fear, Uncertainty and
Doubt“) im Zusammenhang mit Open-Source-Software zu verbreiten versucht, eher als Strategie, um Zeit
zu gewinnen, damit das eigene Geschäft angepasst werden kann.
174 10 Schlussfolgerungen
Community zu erhalten, sollten insbesondere die Firmen darauf bedacht sein, dass alle Typen
in der Community gebührend vertreten sind.
5. Schlussfolgerung
Das evolutionäre Entscheidungsmodell legt nahe, dass die Strategie und das dar>
aus abgeleitete Verhalten der Firmen einen nachhaltigen Einfluss auf die Normen
und Werte der Community haben. Es hat sich gezeigt, dass Communities, die
durch Firmen dominiert werden, isoliert bleiben. Daher müssen die Firmen ihre
direkte und indirekte Einflussnahme sehr vorsichtig steuern, wenn sie die Bewe>
gung nicht internalisieren wollen. Dieser Tatsache scheinen sich die großen IT-
Firmen, die FLOSS strategisch unterstützen, zumindest beim Linux-Kernel be>
wusst zu sein.
Durch die weitere Verbreitung von Open-Source-Software nimmt auch der Bedarf an geeig>
neten Mitarbeitenden zu. Diese Studie hat gezeigt, dass es je nach Funktion unterschiedliche
Typen von Softwareentwicklern für entsprechende betriebliche Funktionen braucht. Parallel
zur Entwicklung der Diskussion zum Thema Open-Source-Software entwickeln sich auch die
beruflichen Funktionen im Open-Source-Bereich. Die enthusiastischen, sozialromantischen
Hacker sind zumindest beim Linux-Kernel und in den großen IT-Firmen am Verschwinden.
Der größte Teil des an den Linux-Kernel übermittelten Codes wird von pragmatisch denken>
den und agierenden Ingenieuren beigetragen, deren Tätigkeit sich nur marginal von der pro>
prietären Softwareentwicklung unterscheidet. Zu ihrer Unterstützung in den Firmen bedarf es
jedoch auch dialektischer Informatiker, die vermittelnd wirken und in der Open-Source-Com>
munity gut verwurzelt sind. Je nach Größe und Strategie einer Firma bedarf es mehr oder we>
niger beider Typen.
Open-Source-Softwareentwickler werden sowohl betriebsintern als auch -extern rekrutiert,
wie die Interviewergebnisse der Linux-Kernel-Entwickler in großen IT-Firmen aufgezeigt ha>
ben. Während bei internen Wechseln durchaus Einarbeitungszeit für die Besonderheiten der
Tätigkeiten im Open-Source-Bereich gewährt wird, setzt man bei externen Bewerbungen ent>
sprechende Kenntnisse und Erfahrungen voraus. Das Wissen über die Arbeit in einer offenen
Community nimmt folglich an Bedeutung stetig zu und ist deshalb auch vermehrt in der Aus>
10 Schlussfolgerungen 175
bildung zu berücksichtigen. Aufgrund der offenen Communities bietet sich dabei eine geleite>
te Teilnahme an ausgewählten Open-Source-Projekten an.
6. Schlussfolgerung
Aufgrund der zunehmenden Bedeutung von Open-Source-Software wird in Zu>
kunft priorisiert IT-Personal rekrutiert werden, das bereits über Erfahrungen in
der Community-Arbeit verfügt. In der Aus- und Weiterbildung von Informatik-
Mitarbeitenden nimmt die Schulung von Community-Arbeit zu. Ein ausschließ>
lich technisch orientiertes Angebot genügt den Anforderungen zunehmend nicht
mehr, vielmehr müssen auch die Soft Skills gefördert werden. Dies kann auf>
grund der offen zugänglichen Communities sehr praxisnah stattfinden.
11 Ausblick
Die Aussage, dass ökonomisch relevante Open-Source-Software hauptsächlich von Firmen
vorangetrieben wird (1. Schlussfolgerung), bezieht sich auf die empirischen Daten des Linux-
Kernels und lässt sich nicht ohne Weiteres generalisieren. Ein möglicher Anknüpfungspunkt
für künftige Studien ist folglich, diese Aussage auf eine breitere empirische Basis zu stellen.
Unmittelbar damit einher geht die Anforderung, dass im Detail zu definieren ist, durch welche
Eigenschaften sich „ökonomisch relevante“ FLOSS auszeichnet und welche Projekte diesen
Eigenschaften entsprechen.
Die Beteiligung von Firmen an Open Source wurde bisher vorwiegend aus Sicht des Entwick>
lungsmodells betrachtet. Wie die Interviewergebnisse dieser Dissertation zeigen, ist jedoch
die Freiheit der Software zumindest beim Linux-Kernel ebenso bedeutend für die beteiligten
Firmen (2. Schlussfolgerung).187 Dieser Aspekt verdient eine weitere, vertiefende Betrach>
tung, sowohl aus strategisch ökonomischer als auch aus juristischer Sicht.
Für die Unternehmen wird der strategische Aspekt bei der Beteiligung an FLOSS zunehmend
bedeutsamer, nicht zuletzt aufgrund der prognostizierten Diffusion in der Wirtschaft (3.
Schlussfolgerung). Dabei ist einerseits wichtig, sich den Community-Prozessen anzupassen.
Andererseits müssen die Unternehmen darauf achten, dass sie sich ihren strategischen Spiel>
raum weiterhin erhalten. Die vorliegende Studie zeigt auf, wie sich Firmen, die sich schon
über Jahre in der Open-Source-Welt bewegen, organisiert haben (4. Schlussfolgerung). Diese
Erkenntnisse könnten weiterverarbeitet und ergänzt werden, sodass auch neu einsteigende Un>
ternehmen davon profitieren können. Dazu gehören die Optimierung der internen Organisati>
on und Prozesse, die Etablierung von Normen und Werten, die der Community-Arbeit gerecht
werden, sowie im Bereich der Human Resources die Anpassung von Rekrutierung, Weiterbil>
dung und Teambildung.
Wie wichtig die von Firmen bezahlten Entwickler für Open-Source-Projekte sind, konnte auf>
grund der empirischen Daten aufgezeigt werden. Die Linux-Kernel-Community hat es dabei
vorzüglich geschafft, ihre Prozesse an diese Gegebenheit anzupassen, ohne dass die Philoso>
187 Ein sehr aktuelles Beispiel für diese These ist das für Netbooks gedachte Betriebssystem ChromeOS, das
zwar Open Source ist, aber weitgehend von Google intern entwickelt wird. Siehe dazu u.a. den Blogeintrag
unter http://googleblog.blogspot.com/2009/07/introducing-google-chrome-os.html [27.08.2009].
178 11 Ausblick
phie der Freien Software darunter gelitten hat. Obwohl jedes Open-Source-Projekt seinen ei>
genen Charakter hat, ließe sich aus diesen Erkenntnissen ein Leitfaden für die Zusammenar>
beit der Community mit Firmen erstellen.
Die drei Typen von Open-Source-Softwareentwicklern im unternehmerischen Umfeld – der
Pragmatische Ingenieur, der Dialektische Informatiker und der Sozialromantische Hacker –
wurden aufgrund eines qualitativen Vorgehens eruiert. Aussagen über das quantitative Auftre>
ten der Typen sind deshalb nicht möglich. Eine ergänzende, quantitative Studie – die zudem
über den Linux-Kernel hinausgeht – wäre deshalb wünschenswert. Das Wissen über die quan>
titative Verteilung der Typen ist insofern von Bedeutung, als ein ausgewogenes Verhältnis zu
einer Stabilisierung der Community beiträgt (5. Schlussfolgerung).
Für die Ausbildung insbesondere an Hochschulen, aber auch für die berufliche Weiterbildung
sollte die Arbeit in der Open-Source-Community ein größeres Gewicht erhalten (6.
Schlussfolgerung). Ein erster Schritt ist sicherlich die an der Universität Erlangen-Nürnberg
kürzlich ausgeschriebene Professur für Open-Source-Software oder der in Lissabon gestartete
Masterstudiengang für Open-Source-Software. Da FLOSS jedoch immer flächendeckender
eingesetzt wird, sollte das Thema auch in die allgemeine Informatikausbildung integriert wer>
den. Diesbezüglich wären entsprechende Kompetenzen festzulegen und Lernziele sowie Lehr>
pläne zu erstellen.
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113-125.
Anhang
A Brief an Firmen
196 A Brief an Firmen
B Vertraulichkeitserklärung
Anschrift
Vertraulichkeitserklärung
Im Rahmen meiner Dissertation am Lehrstuhl „Informatik & Gesellschaft“ an der Technischen
Universität Berlin werde ich Daten anhand von Interviews in Ihrem Unternehmen erheben. Mir
ist es bewusst, dass es sich dabei um sensible Informationen handeln kann. Deshalb sichere
ich Ihnen strenge Vertraulichkeit beim Umgang mit diesen Daten zu.
Ich verpflichte mich, alle im Rahmen der Studie erhaltenen Daten und Informationen streng
vertraulich zu behandeln, d. h. sie insbesondere nicht Dritten zugänglich zu machen und
davon weder vollständige noch auszugsweise Kopien anzufertigen. Alle anfallenden
Unterlagen werden spätestens bei Abnahme der Arbeit gelöscht. Ebenfalls verpflichte ich
mich, Geschäftsgeheimnisse und Firmen-Know-How, welche mir zugänglich zu Kenntnis
gekommen sind, streng vertraulich zu behandeln.
Die Ergebnisse der Befragungen werden in anonymisierter Form in meiner
Dissertationsschrift publiziert. Wo die Anonymisierung nicht möglich oder sinnvoll erscheint,
wird nur in Rücksprache und im Einverständnis mit Ihnen eine besser geeignete Form
gewählt. Im Zweifelsfall muss auf die Verwendung der entsprechenden Informationen
verzichtet werden.
Aarau, im September 2007
198 B Vertraulichkeitserklärung
Addresse
Non Disclosure Statement
As part of my PhD at the institute "Science & Society" at the Technical University of Berlin I
will be using data from interviews conducted in your company. I am aware that this might
contain sensitive information. Therefore, in dealing with this data I will assure strict
confidentiality during the study conduct and also after the study has ended.
I commit that all the material and data in the context of this study will be treated in strict
confidence. In particular, the information will not be accessible to third parties. Neither do I
make full nor partial fotocopies or digital copies. I will keep all data material in my private
home in a locked cupboard.
The study results will be anonymized for publication. Where anonymity is not possible or
appropriate, I choose a more suitable form in consultation and in agreement with you. In case
of doubt the use of such information will be omitted.
Aarau, September 2007
C Leitfaden
1. Leitfrage:
Damit ich Ihre heutige berufliche Situation verstehen kann, möchte ich zu Beginn unseres Ge>
sprächs gerne wissen, wie denn so Ihre bisherige berufliche Entwicklung aussieht.
[Herr/Frau ...] mich interessiert alles, was Ihren beruflichen Weg geprägt hat, und wie es dazu ge>
kommen ist, dass Sie für [Firma] am Linux Kernel entwicklen? Bitte erzählen Sie, vielleicht ange>
fangen in Ihrer Jugend, als sich die Frage der Berufswahl stellte.
Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Konkrete (Nach-)Fragen
- beruflicher Werdegang
- Ausbildung
- Beweggründe
- interne/externe Beset>
zung
- Und sonst?
- Und weiter?
- Und dann?
- Was kam danach?
1. Welche Ausbildung haben Sie abgeschlossen?
2. Was hatten Sie denn noch für andere Jobs?
3. Was waren für Sie die wichtigsten Beweggründe,
in den Informatikberuf einzusteigen?
4. Wie hat Sie [Firma] für die Arbeit an Linux gewin>
nen können?
2. Leitfrage:
Um nun konkret zum Thema „Alltag eines Open Source Entwicklers“ zu kommen:
Erzählen Sie mir doch bitte, wie denn so ein typischer Arbeitsalltag bei Ihnen aussieht?
Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Konkrete (Nach-)Fragen
- Aufgaben
- Routinetätigkeiten
- Vorgehen
- Interaktion und Kommu>
nikation
- Führung und Kontrolle
- Verpflichtung
- Und sonst?
- Und weiter?
- Und was ist sonst noch
speziell?
1. Was sind die konkreten Aufgaben, die Sie zu erle>
digen haben?
2. Wie organisieren Sie sich in Ihrer Arbeit?
3. Wer sind Ihre hauptsächliche Bezugspersonen in
Ihrer Arbeit?
4. Auf welche Art kommunizieren Sie (Mail,
Telefon, Face-to-Face) denn am liebsten, was ist
am praktischsten?
5. Wie sind Sie organisatorisch in der [Firma] einge>
bunden?
6. Sind Sie in der Community als [Name] der [Firma]
bekannt?
200 C Leitfaden
3. Leitfrage:
Inwiefern unterscheidet sich in Ihrer Erfahrung die Arbeit an Open Source zur Closed Source Ent>
wicklung?
Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Konkrete (Nach-)Fragen
- fachliche Anforderungen
- soziale Anforderunen
- Interaktion und Kommu>
nikation
- Führung und Kontrolle
- Und sonst?
- Und weiter?
- Fällt Ihnen sonst noch et>
was ein?
1. Was ist denn speziell an der Open-Source-Ent>
wicklung?
2. Was für spezielle Fähigkeiten benötigen Sie?
3. War das für Sie eine Umstellung und wie haben
Sie die bewältigt?
4. Wenn Sie das, was Sie machen, aus den Augen
von anderen betrachten, was glauben Sie, was
andere über Ihre Arbeit denken?
5. Wenn ein Kollege von Ihnen vor der Entscheidung
stünde, Open Source oder Closed Source zu entwi>
ckeln, wie würden Sie Ihn beraten?
4. Leitfrage:
Welche spezifischen Probleme entstehen für Sie durch die Arbeit an Open Source Software in ei>
ner kommerziell orientierten Firma?
Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Konkrete (Nach-)Fragen
- Organisation
- soziale Einbindung
- spezieller Arbeitsvertrag
- rechtliche Absicherung
- Umgang mit IP
- psychologische Veträge
- Leistungsbeurteilung
- interne Konkurrenzpro>
dukte
- intrinsisch/extrinsische
Motivation
- Verbundenheit zur Com>
munity
- Und sonst?
- Und weiter?
- Was fehlt Ihnen?
- Was unternehmen Sie da>
gegen?
- Wie könnte man Sie noch
besser unterstützen?
1. Wie fühlen Sie sich von der Firma unterstützt?
2. Wie fühlen Sie sich in der Community integriert?
3. Bestehen Konflikte zu „internen“ Produkten oder
Projekte?
4. Wie gehen Sie mit Konflikten von [Firma] mit der
Community um?
5. Wenn Sie völlig frei entscheiden könnten, was
würden Sie ändern, um Ihre persönliche Situation
in Bezug auf Ihre Arbeit zu verbessern?
C Leitfaden 201
5. Leitfrage:
Inwiefern hat sich Ihre persönliche Einstellung zur Arbeit durch die Mitwirkung an Linux geän>
dert?
Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Konkrete (Nach-)Fragen
- Einstellung zur Berufs>
arbeit
- Einstellung zur Gemein>
nützigkeit
- Lohn, Ruhm
- Verbundenheit zur Fir>
ma
- Arbeitszufriedenheit
- Und sonst?
- Und weiter?
1. Hat sich die Bedeutung Ihres Berufs für Sie verän>
dert?
2. Sie arbeiten ja jetzt mit Leuten sozusagen Hand in
Hand, die das im Gegensatz zu Ihnen unentgeltlich
machen. Hat sich dadurch Ihre Einstellung gegen>
über Freiwilligenarbeit verändert? Und hat das
denn auch praktische Auswirkungen?
3. Wie positionieren Sie sich in der Debatte von
Freier versus Offener Software?
6. Leitfrage:
Ich würde jetzt noch gerne Ihre berufliche Situation etwas näher betrachten.
Wie würden Sie Ihre persönliche berufliche Situation heute charakterisieren?
Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Konkrete (Nach-)Fragen
- Zufriedenheit
- Positives
- Negatives
- Berufsbild
- Belastung
- Work-Life-Balance
- Perspektiven
- Und sonst?
- Und weiter?
- Wo sehen Sie Probleme?
1. Sind Sie mit Ihrer aktuellen Situation zufrieden
oder eher nicht?
2. Was sind die besonders positiven Aspekte Ihrer
aktuellen Stelle?
3. Was sind die besonders negativen Aspekte Ihrer
aktuellen Stelle?
4. Wann fühlen Sie sich denn besonders belastet?
Was ist enspannend an Ihrer Arbeit? Wie finden
Sie Entspannung?
5. Wie vereinbaren Sie denn Berufs- und
Privatleben?
6. Ziehen Sie es vor im Büro oder zuhause zu arbei>
ten? Warum?
7. Was ist denn für Sie ein „typischer Informatiker“?
Sind Sie einer?
8. Was haben Sie für berufliche Zukunftsperspekti>
ven?
Abschlussfrage:
Zum Abschluss unseres Gesprächs noch eine vielleicht etwas utopische Frage:
Wie würde denn ihr Traumberuf aussehen? Und wenn wir noch etwas weiter träumen, wie würde
denn Arbeit aus Ihrer Sicht idealerweise (für die Gesellschaft) aussehen?
Herzlichen Dank für das Gespräch!
202 C Leitfaden
1. Guiding question:
As a beginning I would like to know a little bit about your current professional situation and your
professional career.
I am interested in everything that your career has shaped. Would you please tell me, maybe star>
ting in your youth, when you where confronted with the question of your career choice?
main issues general questions specific questions
- professional career
- education
- motivation
- internal/external recrui>
tement
- What else?
- And then?
- What came next?
1. What's your education?
2. What were your jobs before the actual one?
3. What were your main motivations to choose the pro>
fession of a software developer?
4. How did it come that you develop on the Linux ker>
nel for [Firma]?
2. Guiding question:
To be a bit more specific:
Could you please tell me, how a „typical“ working day of yours looks like?
main issues general questions specific questions
- tasks
- routine activities
- procedures
- interaction and commu>
nication
- management and control
- commitment
- What else?
- And then?
- And what else is
special?
1. What are the specific tasks you have to do?
2. How do you organize yourself in your work?
3. Who are your main references in your work?
4. How do you preferably communicate (mail, phone,
face-to-face), what ist the most practical?
5. How are you organized in your company?
6. How are the Linux activities integrated in the
group?
7. In the community, are you known as person or as
employee of [Firma]?
8. Are you working in the office or at home?
C Leitfaden 203
3. Guiding question:
In your experince and opinion, how does working on Open Source software differ to the closed
source development?
main issues general questions specific questions
- technical skills
- social skills
- communication
- management and control
- What else?
- And then?
1. What is special about the Open Source software de>
velopment?
2. What skills are needed compared to the closed sour>
ce development?
3. Was it a change for you and how did you cope?
4. Are there special training courses?
5. Is the management of Open Source teams different?
6. What do you believe do closed source developers
think about your work?
7. When a colleague of you had to decide to develope
open source or closed source, what would be your
advice?
4. Guiding question:
What are the specific problems created for you by the work on Open Source software in a com>
mercially oriented company?
main issues general questions specific questions
- organization
- social integration
- labor contract
- legal protection
- IP
- psychological contracts
- measure of performance
- internal prducts as com>
petitors
- intrinsic/extrinsic moti>
vation
- commitment to the com>
munity
- What else?
- And then?
- What is missing?
- What could the company
do to give you a better
support?
1. How is the suport of the company?
2. Do you think you are integrated in the community?
3. Are there any conflicts beteween internal products
and supported Open Source projects?
4. How are you treating conflicts between [Firm] and
the community?
5. How important are legal aspects for you?
6. If you had three wishes, what would you change
about your personal situation with respect to your
work?
204 C Leitfaden
5. Guiding question:
Contributing to free software and collaborating in an open community, how has this affected your
personal attitude to work?
main issues general questions specific questions
- attitude to professional
work
- attitude to the nonprofit
activities
- wage, fame
- attachment to the com>
pany
- job satisfaction
- And then?
- What else?
1. Did the importance of your job to you change?
2. So now you are working with people, as it were,
hand in hand, in contrast to you free of charge. Has
your attitude towards this volunteer work changed?
And are there any practical implications for this rea>
son?
3. What is your personal attitude concerning the debate
about Free vs. Open Source software?
6. Guiding question:
I would like to take a closer look on your actual job situation.
How would you characterize your personal job situation today?
main issues general questions specific questions
- satisfaction
- positive aspects
- negative aspects
- attitude to the profession
- burden
- work-life-balance
- perspectives
- And then?
- What else?
- Where do you see pro>
blems?
1. Are you satisfied with your current situation or not
so much?
2. What are the most positive aspects of your current
job?
3. What are the most negative aspects of your current
job?
4. When do you feel especially burden? What is rela>
xing in your job? How do you relax?
5. How do you arrange your work-life-balance? Do
you work in the evening at home?
6. Do you prefer to work in the office or at home?
Why so?
7. In your eyes, what is a „typical“ software engineer?
Are you typical?
8. What are your plans and prospects in your career?
Final question:
At the end of our conversation, perhaps even a bit an utopian question:
What would your dream job look like? And if we continue to dream a little bit, what should work
look like best (for the society)?
Thank you very much for this conversation!
D Vorlage Datenblatt
Interviewprotokoll Code:
Datum:
Ort:
Dauer:
Befragter:
Alter:
Ausbildung:
Firma:
Abteilung:
Anstellung seit:
Linux seit:
Status:
Interviewatmosphäre
zur Person
Einprägsame Aussagen
E Mail an unbekannte Beitragende
Von: Urs Lerch <[email protected]>
An:
Betreff: study concerning firms contribution in the linux kernel
Datum:
Hi,
As a PhD student at the Technical University of Berlin (Germany) I'm
analyzing the logs of the linux kernel traffic. As I'm focusing on the
firms contribution, I'm very much interested in who's employed by whom. As
a matter of fact it is not that easy to do the matching and I would
appreciate it a lot if you could help me with my study. You would do me a
great favour if you could respond to the following questions:
(1) Are you doing your contributions to the linux kernel
[ ] paid by a for-profit-organisation
[ ] paid by a non-profit-organisation
[ ] unpaid as academic
[ ] unpaid (non-academic)
(2) What's the name of your organization?
(3) Do I have to keep the data private?
I won't analyze the contributions by person but by the companies as a whole
and will do some comparisons. So you're name or mailaddress won't be
written in my study.
Thanks a lot!
Kind regards,
Urs
F Auswertung Linux-Kernel-Logs
Entwicklung Wartung
Autoren 2.097 374
Patches 28.334 1.335
Codezeilen 1.735.797 12.164
Personenjahre188 1.062 4
Monetarisierung189 79.650.000 300.000
Tabelle F.11: Übersicht der Beiträge am Linux Kernel im Jahr 2007
v2.6.18 v2.6.19 v2.6.20 v2.6.21 v2.6.22 v2.6.23
Autoren 21 91 216 86 161 114
Patches 26 155 447 162 324 221
Codezeilen 230 1.653 4.167 1.573 2.550 1.991
Tabelle F.12: Übersicht der Beiträge an den einzelnen stable Releases
in der Wartung
Autoren Patches Codezeilen
kommerziell 1.156 55,13 % 19.560 69,03 % 1.269.201 73,12 %
öffentlich 153 7,30 % 1.575 5,56 % 96.908 5,58 %
privat 410 19,55 % 4.988 17,60 % 269.048 15,50 %
unbekannt 378 18,03 % 2.211 7,80 % 100.640 5,80 %
Tabelle F.13: Gruppierung nach Interessen
Personenjahre Monetarisierung
Durchschnittliche
Codezeilen pro
Autor
kommerziell 748 56.099.027 1.098
öffentlich 42 3.145.749 633
privat 132 9.872.124 656
unbekannt 44 3.281.742 266
Tabelle F.14: Personenjahre, Monetarisierung und Aktivität nach Interessengruppen
188 Für die Berechnung der Personenjahre wurde das weit verbreitete, wenn auch etwas vereinfachende
COCOMO-Modell (Boehm 2000) mit den Standardwerten für mittelkomplexe Software verwendet. Die
Formel dafür lautet: Personenjahre = 3 * Tausend Codezeilen1.12 / 12.
189 Für die Ermittlung des monetären Wertes wurde die Basis der MERIT-Studie (Ghosh 2006, S. 49) hinzuge>
zogen, welche als Jahreskosten für ein Personenjahr € 75.000 verwendet, welches als vorsichtig bezeichnet
wird. Die Monetarisierung wird somit auf der Basis von europäischen Werten vorgenommen, was bei der
weltweiten Beteiligung nur einen informativen Wert haben kann.
210 F Auswertung Linux-Kernel-Logs
Autoren Patches Codezeilen
kommerziell 226 60,43 % 941 70,49 % 9.037 74,29 %
öffentlich 28 7,49 % 126 9,44 % 977 8,03 %
privat 70 18,72 % 177 13,26 % 1.481 12,18 %
unbekannt 50 13,37 % 91 6,82 % 669 5,50 %
Tabelle F.15: Interessengruppen in der Wartung
Autoren Patches Codezeilen
kommerziell 1.226 56,47 % 45.269 70,91 % 4.523.775 73,39 %
öffentlich 143 6,59 % 7.861 12,31 % 546.466 8,87 %
privat 357 16,44 % 7.721 12,09 % 775.032 12,57 %
unbekannt 445 20,50 % 2.989 4,68 % 318.528 5,17 %
Tabelle F.16: Gruppierung nach Interessen der Sign-offs
Autoren Patches Codezeilen
kommerziell 275 62,79 % 3.221 80,32 % 39.605 79,79 %
öffentlich 29 6,62 % 318 7,93 % 3.952 7,96 %
privat 73 16,67 % 344 8,58 % 4.282 8,63 %
unbekannt 61 13,93 % 127 3,17 % 1.797 3,62 %
Tabelle F.17: Interessengruppen der Sign-offs in der Wartung
Kontinent Firmen Patches Codezeilen
Nordamerika 163 44,41 % 15.804 80,87 % 1.036.542 81,70 %
Europa 142 38,69 % 2.185 11,18 % 135.402 10,67 %
Asien 47 12,81 % 1.454 7,44 % 9.027 7,10 %
Afrika 3 0,82 % 84 0,43 % 6.691 0,53 %
Ozeanien 7 1,91 % 10 0,05 % 125 0,01 %
Südamerika 5 1,36 % 5 0,03 % 47 0,00 %
Tabelle F.18: Konsolidierung der Firmen in Kontinenten
F Auswertung Linux-Kernel-Logs 211
Land Firmen Patches Codezeilen
USA
145
39,51 %
15.632
79,99 %
1.019.797
80,38 %
Japan
20
5,45 %
1.307
6,69 %
76.288
6,01 %
Deutschland
46
12,53 %
1.076
5,51 %
56.099
4,42 %
Großbritanien
21
5,72 %
565
2,89 %
35.436
2,79 %
Kanada
18
4,90 %
172
0,88 %
16.745
1,32 %
Finnland
4
1,09 %
124
0,63 %
15.806
1,25 %
Italien
6
1,63 %
24
0,12 %
7.551
0,60 %
Frankreich
15
4,09 %
160
0,82 %
7.540
0,59 %
Taiwan
9
2,45 %
35
0,18 %
7.240
0,57 %
Südafrika
3
0,82 %
84
0,43 %
6.691
0,53 %
Island
1
0,27 %
44
0,23 %
6.193
0,49 %
Israel
3
0,82 %
29
0,15 %
3.365
0,27 %
Schweden
10
2,72 %
57
0,29 %
2.957
0,23 %
Korea
1
0,27 %
32
0,16 %
1.437
0,11 %
Belgien
3
0,82 %
31
0,16 %
914
0,07 %
Indien
4
0,09 %
38
0,19 %
830
0,07 %
Polen
5
1,36 %
21
0,11 %
795
0,06 %
Spanien
5
1,36 %
8
0,04 %
716
0,06 %
Singapur
2
0,54 %
2
0,01 %
675
0,05 %
Tschechien
1
0,27 %
14
0,07 %
454
0,04 %
Niederlande
4
1,09 %
7
0,04 %
293
0,02 %
Ungarn
3
0,82 %
5
0,03 %
160
0,01 %
Schweiz
3
0,82 %
14
0,07 %
128
0,01 %
Australien
7
1,91 %
10
0,05 %
125
0,01 %
Österreich
5
1,36 %
9
0,05 %
124
0,01 %
Russland
6
1,63 %
7
0,04 %
82
0,01 %
Estland
1
0,27 %
4
0,02 %
80
0,01 %
China
1
0,27 %
3
0,02 %
62
0,00 %
Zypern
1
0,27 %
1
0,01 %
49
0,00 %
Brasilien
3
0,82 %
3
0,02 %
40
0,00 %
Dänemark
2
0,54 %
3
0,02 %
27
0,00 %
Irland
2
0,54 %
3
0,02 %
16
0,00 %
Weißrussland
1
0,27 %
4
0,02 %
15
0,00 %
Türkei
1
0,27 %
8
0,04 %
8
0,00 %
Argentien
2
0,54 %
2
0,01 %
7
0,00 %
Serbien
1
0,27 %
1
0,01 %
4
0,00 %
Slowenien
1
0,27 %
2
0,01 %
3
0,00 %
Litauen
1
0,27 %
1
0,01 %
1
0,00 %
Tabelle F.19: Länderbeteiligung
212 F Auswertung Linux-Kernel-Logs
Größe Firmen Autoren Patches Codezeilen
Sehr groß 56 15,26 % 496 42,94 % 7.991 40,89 % 611.124 48,17 %
groß 42 11,44 % 255 22,08 % 6.593 33,74 % 385.572 30,39 %
mittel 70 19,07 % 153 13,25 % 1.651 8,45 % 65.871 5,19 %
klein 69 18,80 % 90 7,79 % 1.405 7,19 % 79.268 6,25 %
Sehr klein 130 35,42 % 161 13,94 % 1.902 9,73 % 126.918 10,00 %
Tabelle F.20: Gruppierung nach Firmengröße
Größe Firmen Autoren Patches Codezeilen
Hardware 113 30,79 % 421 36,45 % 5.858 29,98 % 541.795 42,70 %
SW/Service 210 57,22 % 652 56,45 % 12.390 63,40 % 674.132 53,13 %
Telekomm 29 7,90 % 66 5,71 % 1.184 6,06 % 45.979 3,62 %
Handel 10 2,72 % 11 0,95 % 94 0,48 % 5.603 0,44 %
Non-IT 5 1,36 % 5 0,43 % 16 0,08 % 1.244 0,10 %
Tabelle F.21: Gruppierung nach Sektoren
F Auswertung Linux-Kernel-Logs 213
Firma Codezeilen Patches Autoren
Red Hat
185.518
10,69 %
2.741
9,67 %
90
4,29 %
Intel
126.062
7,26 %
923
3,26 %
65
3,10 %
IBM
123.173
7,10 %
2.293
8,09 %
144
6,87 %
Analog Devices
101.074
5,82 %
357
1,26 %
11
0,52 %
Novell
91.195
5,25 %
2.161
7,63 %
56
2,67 %
SGI
44.646
2,57 %
1.074
3,79 %
30
1,43 %
Freescale
31.772
1,83 %
427
1,51 %
30
1,43 %
linutronix
31.215
1,80 %
506
1,79 %
5
0,24 %
Oracle
27.229
1,57 %
672
2,37 %
19
0,91 %
Renesas Technology
22.300
1,28 %
397
1,40 %
5
0,24 %
Sony
20.470
1,18 %
197
0,70 %
8
0,38 %
Chelsio
19.765
1,14 %
65
0,23 %
1
0,05 %
XenSource
19.348
1,11 %
127
0,45 %
3
0,14 %
MontaVista
19.203
1,11 %
306
1,08 %
26
1,24 %
Emulex
16.087
0,93 %
35
0,12 %
1
0,05 %
Atmel
14.555
0,84 %
137
0,48 %
7
0,33 %
Xmission
13.757
0,79 %
254
0,90 %
3
0,14 %
Cisco
12.825
0,74 %
116
0,41 %
4
0,19 %
Google
12.072
0,70 %
439
1,55 %
25
1,19 %
SBC
11.968
0,69 %
254
0,90 %
1
0,05 %
Broadcom
11.886
0,68 %
129
0,46 %
4
0,19 %
Simtec
11.225
0,65 %
137
0,48 %
2
0,10 %
Solid Boot Ltd
10.866
0,63 %
34
0,12 %
4
0,19 %
Qlogic
10.014
0,58 %
213
0,75 %
18
0,86 %
HP
9.959
0,57 %
230
0,81 %
24
1,14 %
Open Grid Computing
9.595
0,55 %
35
0,12 %
2
0,10 %
Wolfson Microelectr.
8.917
0,51 %
53
0,19 %
3
0,14 %
Toshiba
8.880
0,51 %
94
0,33 %
4
0,19 %
NetApp
8.875
0,51 %
275
0,97 %
4
0,19 %
SWsoft
8.871
0,51 %
382
1,35 %
19
0,91 %
Addtoit
8.386
0,48 %
226
0,80 %
1
0,05 %
Marvell
7.819
0,45 %
87
0,31 %
8
0,38 %
Astaro
7.763
0,45 %
276
0,97 %
1
0,05 %
SANPeople
6.499
0,37 %
62
0,22 %
1
0,05 %
LSI Logic
6.392
0,37 %
64
0,23 %
5
0,24 %
AMD
6.364
0,37 %
60
0,21 %
14
0,67 %
PMC-Sierra
6.221
0,36 %
7
0,02 %
1
0,05 %
OpenHand
6.193
0,36 %
44
0,16 %
1
0,05 %
Rowland Institute
5.907
0,34 %
169
0,60 %
1
0,05 %
rPath
5.905
0,34 %
75
0,26 %
1
0,05 %
Tabelle F.22: Top 40 Firmen nach beigetragenen Codezeilen
214 F Auswertung Linux-Kernel-Logs
Anzahl
Entwickler in
Top 30
Anteil am
Total der
Entwickler
der Firma
Codezeilen
pro
Entwickler
und Firma
Privatpersonen 5 1,22 % 656
Red Hat 5 5,62 % 2.084
Novell 3 5,36 % 1.628
Intel 3 4,62 % 1.939
linutronix 2 40,00 % 6.243
Simtec 1 50,00 % 5.613
Broadcom 1 25,00 % 2.972
Oracle 1 5,26 % 1.433
SBC 1 100,00 % 11.968
Cisco 1 25,00 % 3.206
Emulex 1 100,00 % 16.087
XenSource 1 33,33 % 6.449
SGI 1 3,33 % 1.488
Chelsio 1 100,00 % 19.765
Linux Foundation 1 16,67 % 8.834
IBM 1 0,69 % 855
Analog Devices 1 9,09 % 9.189
Tabelle F.23: Firmenzugehörigkeit der Top 30 Entwickler
Autoren
pro Firma
Anzahl
Firmen
Autoren Patches Codezeilen
>51 4 1,08 % 355 30,74 % 8.118 41,57 % 525.948 41,45 %
21-50 5 1,34 % 135 11,69 % 2.476 12,68 % 117.652 9,27 %
11-20 7 1,88 % 111 9,61 % 1.856 9,50 % 159.835 12,60 %
6-10 11 2,96 % 81 7,01 % 902 4,62 % 61.572 4,85 %
59 2,42 % 45 3,90 % 1.286 6,59 % 69.892 5,51 %
49 2,42 % 36 3,12 % 735 3,76 % 58.209 4,59 %
322 5,91 % 66 5,71 % 903 4,62 % 58.791 4,63 %
230 8,06 % 60 5,19 % 653 3,34 % 36.743 2,90 %
1272 73,12 % 272 23,55 % 2.605 13,34 % 180.111 14,20 %
Tabelle F.24: Gruppierung der Firmen nach Anzahl Autoren
F Auswertung Linux-Kernel-Logs 215
core drivers archi
tecture
network file
systems
misc
kommerziell 71.790 643.965 364.674 77.506 79.224 32.042
öffentlich 5.992 64.673 11.241 7.981 3.457 3.564
privat 7.814 205.645 23.703 13.255 9.169 9.462
unbekannt 3.856 67.296 17.684 6.497 1.759 3.548
Tabelle F.25: Total Codezeilen pro Modul und Interessengruppe
core drivers archi
tecture
network file
systems
misc
kommerziell 80,26 % 65,61 % 87,39 % 73,65 % 84,63 % 65,91 %
Öffentlich 6,70 % 6,59 % 2,69 % 7,58 % 3,69 % 7,33 %
privat 8,74 % 20,95 % 5,68 % 12,60 % 9,79 % 19,46 %
unbekannt 4,31 % 6,86 % 4,24 % 6,17 % 1,88 % 7,30 %
Tabelle F.26: Anteil Codezeilen pro Interessengruppe und Modul
core drivers archi
tecture
network file
systems
misc
kommerziell 5,66 % 50,74 % 28,73 % 6,11 % 6,24 % 2,52 %
öffentlich 6,18 % 66,74 % 11,60 % 8,24 % 3,57 % 3,68 %
privat 2,90 % 76,43 % 8,81 % 4,93 % 3,41 % 3,52 %
unbekannt 3,83 % 66,87 % 17,57 % 6,46 % 1,75 % 3,53 %
Tabelle F.27: Codezeilen pro Modul in Relation zum Total der Interessengruppe
core drivers archi
tecture
network file
systems
misc
Nordamerika 60.589 518.220 292.189 63.558 77.585 24.401
Europa 8.541 84.927 24.127 11.791 1.059 4.860
Asien 2.596 39.409 43.031 2.157 533 2.302
Südamerika 2 45 0 0 0 0
Ozeanien 62 1.256 5.324 0 18 31
Afrika 0 93 3 0 29 0
Tabelle F.28: Total Codezeilen pro Modul und Kontinent
216 F Auswertung Linux-Kernel-Logs
core drivers archi
tecture
network file
systems
misc
Sehr groß 28.697 282.548 225.530 21.029 34.912 18.408
Groß 29.935 201.715 64.274 40.936 40.023 8.239
Mittel 4.066 27.475 21.322 10.482 2.024 502
Klein 3.486 49.533 20.808 2.233 1.477 1.731
Sehr klein 5.606 82.694 32.290 2.826 788 2.714
Tabelle F.29: Total Codezeilen pro Modul und Firmengröße
core drivers archi
tecture
network file
systems
misc
Hardware 15.165 284.267 208.937 8.807 12.256 12.363
SW/Dienstl. 47.221 330.327 150.281 66.413 63.260 16.630
Telekomm 9.259 23.049 5.081 2.284 3.708 2.598
Handel 43 5.199 359 2 0 0
Non-IT 102 1.123 16 0 0 3
Tabelle F.30: Total Codezeilen pro Modul und Sektor
F Auswertung Linux-Kernel-Logs 217
Architektur kommerziell öffentlich privat unbekannt
386 25.116 89,91 % 1.167 4,18 % 1.356 4,85 % 297 1,06 %
x86 11.724 76,73 % 852 5,58 % 2.428 15,89 % 276 1,81 %
AMD64 8.372 91,77 % 532 5,83 % 179 1,96 % 40 0,44 %
IA-64 7.720 94,81 % 130 1,60 % 235 2,89 % 58 0,71 %
s390 19.690 98,48 % 67 0,34 % 178 0,89 % 58 0,29 %
PowerPC 83.361 89,29 % 491 0,53 % 4.838 5,18 % 4.670 5,00 %
Sparc 22.261 93,07 % 78 0,33 % 946 3,96 % 634 2,65 %
Alpha 425 29,43 % 411 28,46 % 138 9,56 % 470 32,55 %
PA-RISC 6.676 79,80 % 59 0,71 % 745 8,91 % 886 10,59 %
MIPS 27.756 63,46 % 3.851 8,80 % 8.226 18,81 % 3.906 8,93 %
ARM 38.795 80,98 % 2.322 4,85 % 3.982 8,31 % 2.810 5,87 %
H8/300 132 16,42 % 4 0,50 % 30 3,73 % 638 79,35 %
Blackfin 91.415 99,91 % 10 0,01 % 35 0,04 % 37 0,04 %
SuperH 19.004 78,58 % 215 0,89 % 2.754 11,39 % 2.210 9,14 %
AVR32 6.423 98,97 % 26 0,40 % 32 0,49 % 9 0,14 %
CRIS 1.721 91,11 % 8 0,42 % 145 7,68 % 15 0,79 %
FR-V 295 65,85 % 86 19,20 % 25 5,58 % 42 9,38 %
M32R 5.970 98,78 % 18 0,30 % 44 0,73 % 12 0,20 %
M68K 710 26,17 % 781 28,79 % 373 13,75 % 849 31,29 %
V850 75 63,65 % 2 1,69 % 35 29,66 % 6 5,08 %
Xtensa 1.962 96,84 % 29 1,43 % 21 1,04 % 14 0,69 %
Tabelle F.31: Architekturen nach Interessengruppe in Codezeilen und Prozent
218 F Auswertung Linux-Kernel-Logs
Architektur Firma mit den
meisten Beiträgen
Firma mit den
zweitmeisten Beiträgen
Firma mit den
drittmeisten Beiträgen
386
XenSource
rPath
Novell
7.984
28,58 %
4.955
17,74 %
2.753
9,85 %
x86
linutronix
SGI
XenSource
5.513
36,08 %
1.179
7,72 %
886
5,80 %
AMD64
IBM
Novell
Google
2.752
30,17 %
1.819
19,94 %
859
9,42 %
IA-64
Intel
SGI
Fujitsu
3.207
39,38 %
1.627
19,98 %
910
11,18 %
s390
IBM
Red Hat
Novell
19.259
96,33 %
104
0,52 %
79
0,40 %
PowerPC
IBM
Freescale
Sony
31.362
33,59 %
21.278
22,79 %
9.281
9,94 %
Sparc
Red Hat
Oracle
Novell
21.821
91,23 %
128
0,54 %
42
0,18 %
Alpha
HP
Novell
Analog Devices
250
17,31 %
72
4,99 %
19
1,32 %
PA-RISC
Red Hat
Swsoft
Intel
6.378
76,24 %
82
0,98 %
75
0,90 %
MIPS
SGI
PMC-Sierra
Tripeaks
16.242
37,13 %
5.197
11,88 %
3.177
7,26 %
ARM
SANPeople
Simtec
Marvell
5.343
11,15 %
4.980
10,39 %
4.328
9,03 %
H8/300
Analog Devices
Red Hat
Novell
59
7,34 %
24
2,99 %
13
1,62 %
Blackfin
Analog Devices
HV Systemas
Red Hat
91.077
99,54 %
263
0,29 %
29
0,03 %
SuperH
Renesas
igel
MSC
10.062
41,61 %
4.569
18,89 %
1.542
6,38 %
AVR32
Atmel
SBC
SGI
5.848
90,11 %
430
6,63 %
35
0,54 %
CRIS
Axis
Novell
Red Hat
1.557
82,42 %
41
2,17 %
36
1,91 %
FR-V
Red Hat
Xmission
SGI
99
22,10 %
72
16,07 %
30
6,70 %
M32R
Renesas
Red Hat
Novell
5.868
97,09 %
24
0,40 %
22
0,36 %
M68K
Snapgear
Novell
Red Hat
549
20,24 %
26
0,96 %
24
0,88 %
V850
Red Hat
Novell
linutronix
23
19,49 %
9
7,63 %
9
7,63 %
Xtensa
Tensilica
Red Hat
Novell
1.875
92,55 %
26
1,28 %
21
1,04 %
Tabelle F.32: Firmen mit den meisten Beiträgen pro Architektur
F Auswertung Linux-Kernel-Logs 219
Codezeilen
Architektur
Anteil
Firma
an
Total
Architektur
Anteil
Architektur
an
Total
Firma
Analog Devices 91.949 21,12 % 90,97 %
IBM 55.337 12,71 % 44,93 %
Red Hat 30.689 7,05 % 16,55 %
SGI 21.532 4,95 % 48,23 %
Freescale 21.290 4,89 % 67,01 %
Renesas Technology 16.185 3,72 % 72,58 %
MontaVista 11.690 2,68 % 60,88 %
Sony 9.281 2,13 % 45,34 %
Intel 9.031 2,07 % 7,16 %
XenSource 8.943 2,05 % 46,22 %
linutronix 8.266 1,90 % 26,48 %
Novell 6.354 1,46 % 6,97 %
Atmel 5.854 1,34 % 40,22 %
Toshiba 5.459 1,25 % 61,48 %
rPath 5.396 1,24 % 92,38 %
SANPeople 5.347 1,23 % 82,27 %
PMC-Sierra 5.197 1,19 % 83,54 %
Simtec 4.980 1,14 % 44,37 %
igel 4.569 1,05 % 99,96 %
Marvel 4.328 0,99 % 55,35 %
rmk 3.493 0,80 % 69,35 %
Tripeaks 3.179 0,73 % 80,30 %
Vmware 2.731 0,63 % 97,40 %
CompuLab 2.575 0,59 % 81,38 %
SBC 2.225 0,51 % 18,59 %
SecretLab 2.187 0,50 % 48,66 %
Tensilica 1.891 0,43 % 100,00 %
Lemote 1.840 0,42 % 100,00 %
Addtoit 1.756 0,40 % 20,94 %
Axis Communications 1.557 0,36 % 99,24 %
Tabelle F.33: Top 30 Firmen im Architekturbereich
G Verwendete Software
Da sich die vorliegende Arbeit mit dem Phänomen „Open Source“ beschäftigt, war es nahe>
liegend, ausschließlich mit Open-Source-Software zu arbeiten. Dieser Anspruch hat sich als
nicht ganz einfach herausgestellt.
Im Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens ist die Menge an freien Programmen nicht
besonders groß. Zumindest konnte nur wenige oder für das Vorhaben nur bedingt geeignete
Software recherchiert werden. Die Gründe dafür sind unklar. Zum einen scheinen die Budgets
(noch) groß genug zu sein, sodass sich die Institute die kommerziellen Lizenzen leisten
können. Zum anderen ist die Sensibilität, eigens erstellte Software unter eine Open-Source-
Lizenz zu stellen, noch gering. Mit der Diskussion um Open Access könnte sich dies jedoch
ändern.
Die Linux-Distribution Ubuntu und OpenOffice190 sollen hier nicht näher erläutert werden, da
sie mittlerweile zum Mainstream gezählt werden können. Hingegen wird nachfolgend die
verwendete Software kurz beschreiben, die noch wenig bekannt ist.
–Zotero (Bibliographie-Software)
Zu Beginn wurde noch die in Java programmierte Anwendung JabRef191 verwendet. Die
Oberfläche ist intuitiv zu gebrauchen und bietet alle notwendige Funktionalität. Die Daten
werden in einer Textdatei im BibTex-Format abgelegt und sind unabhängig von der
Software zu verwenden. Das große Problem von JabRef ist jedoch, dass es nicht in
OpenOffice integrierbar und deshalb eine Referenzierung im Dokument nicht (direkt)
möglich ist. Aus diesem Grund wurde mit dem Beginn der Niederschrift zu Zotero192 ge>
wechselt, welches zu diesem Zeitpunkt mit der ersten Betaversion in Erscheinung getreten
ist. Mittlerweile ist es weitverbreitet und hat aus Sicht des Verfassers das Potenzial, sich
zukünftig zum Quasi-Standard zu entwickeln.
190 Als Schrifttyp wurde der freie Font „Free Serif“ (http://www.gnu.org/software/freefont/ [05.09.2009]) ver>
wendet, der unter der GNU GLP Version 3 steht.
191 Siehe http://jabref.sourceforge.net/ [10.08.2009]. JabRef ist im Repository von Ubuntu zumindest ab der
Version 8.04 enthalten.
192 Siehe http://www.zotero.org/ [10.08.2009]. Zotero steht unter der „Educational Community Licence“, die
von der OSI unterstützt wird.
222 G Verwendete Software
Die Migration war einfach über die Import-Funktion von Zotero möglich.193 Die Verwal>
tung der Literaturdatenbank von Zotero läuft über ein Plug-in im Browser Firefox (siehe
Abb. G.39) problemlos, bietet jedoch etwas weniger Komfort als JabRef. Die Datenbank
wird lokal in einer SQLite-Datei abgelegt, kann jedoch mittlerweile auch zentral auf ei>
nem Server verwaltet werden.
Zotero bietet ein Plug-in für OpenOffice – und auch Microsoft Word –, durch das die Re>
ferenzierung im Dokument ermöglicht wird. Die Funktionalität wird im Menü sowie in ei>
ner Toolbar angeboten, Shortcuts fehlen (soweit bekannt) noch. Die Referenzierung funk>
tioniert allerdings nur, wenn der Browser geöffnet und eine Internetverbindung vorhanden
bzw. das Offline-Tag im Menü „Datei“ von Firefox deaktiviert ist. Unter gewissen nicht
genau eruierten Bedingungen besteht eine Limitierung der Referenzen in einem Doku>
ment; aufgrund von diversen Foreneinträgen liegt diese bei ungefähr 200 Literatureinträ>
gen. Zudem war es in einzelnen Verweisen notwendig, manuell Korrekturen anzubringen,
da das Plugin nicht immer korrekt den Verweistext generiert hat. Es existieren zahlreiche
Stylesheets für die Referenzierung, die im XML-Format gehalten sind und deshalb ein>
fach angepasst und ergänzt werden können. Für die vorliegende Arbeit wurde dasjenige
193 Allerdings waren die von den beiden Programmen verwendeten BibTex-Formate nicht vollständig iden>
tisch. Aus diesem Grunde wurde ein kleines Perl-Script geschrieben, das insbesondere die Felder für Auto>
ren und Herausgeber in mehrere Einzelattribute splittet.
Abbildung G.39: Screemshot Zotero
G Verwendete Software 223
von Harvard übernommen und leicht modifiziert.
–Transcriber (Transkriptions-Software)
Für die Transkription erwies sich Transcriber194, „ein Werkzeug für das Segmentieren, La0
beln und Transkribieren gesprochener Sprache“, als äußerst praktisch. Die Software wur>
de mit der Scriptingsprache Tcl/Tk erstellt, steht unter der GNU-Lizenz und läuft unter
Linux, Mac und Windows. Verwendet wurde die Version 1.5.1, die sich auch im Univer>
se-Repository von Ubuntu (zumindest ab Version 07.10) befindet. Für das zweite Quartal
2009 ist eine vollständig neu entwickelte Version angekündigt, die jedoch zum Zeitpunkt
der Fertigstellung dieser Dissertation noch nicht erschienen ist.
Nutzerfreundlich bei Transcriber ist, dass es sich um einen Editor mit integriertem Player
handelt (siehe Abb. G.40). Dabei wird bei jedem neuen Segment ein Zeitpointer festgehal>
ten, sodass beim Navigieren im Transkript auch die Audiodatei „mitscrollt“, was sich als
sehr praktisch herausstellte. Beim Transkribieren lassen sich alle notwendigen Operatio>
194 Siehe http://trans.sourceforge.net/en/presentation.php [17.08.2009].
Abbildung G.40: Screenshot Transcriber
224 G Verwendete Software
nen einfach mit der Tastatur ausführen. Besonders hilfreich ist die Einstellung, dass beim
Anhalten der Pointer um eine frei definierbare Sekundenanzahl zurückspringt, so dass
man nie zurück spulen muss. Das Transkript wird als XML-Datei abgelegt und kann in
verschiedene Formate, unter anderem HTML und ASCII-Text, exportiert werden. Die
Weiterverwendung in anderen Programmen, zum Beispiel zum Codieren, stellt folglich
kein Problem dar.
–Weft QDA (Qualitative Analyse-Software)
Das Codieren der transkribierten Texte ist zwar in Transcriber möglich. Die Funktionalität
ist allerdings derart rudimentär, dass dies nicht zu empfehlen ist. Auch das auf Linux lauf>
fähige GTAMS Analyzer195 überzeugt insbesondere in Bezug auf Benutzerfreundlichkeit
nicht. Als das einzige vielversprechende Open-Source-Werkzeug zur Codierung von Tex>
ten wurde WeftQDA196 verwendet. Einzuschränken ist, dass die Software unter Linux
nicht ganz einfach zu installieren ist. Alternativ kann sie zwar mittels der Wine-Emulation
verwendet werden, weist dort aber einige unerklärliche und stark störende Bugs auf, so>
dass das Programm in einer Windows-Virtual-Box verwendet wurde.
195 Siehe http://tamsys.sourceforge.net/gtams/ [17.08.2009]. Das Programm ist im Repository von Ubuntu,
zumindest ab Version 7.04 enthalten.
196 Siehe http://www.pressure.to/qda/ [17.08.2009]. WeftQDA ist grundsätzlich lizenziert als Public Domain,
wobei einzelne Bibliotheken und Komponenten einer anderen Lizenz entsprechen können.
Abbildung G.41: Screenshot Weft QDA
G Verwendete Software 225
Die Arbeitsumgebung ist dreigeteilt: Eine Liste der zu codierenden Texte sowie die in ei>
ner Baumstruktur organisierbaren Codes bilden die linke Navigationsseite, auf der rechten
Seite wird der Transkriptionstext angezeigt (siehe Abb. G.41). Eine Textstelle kann ein>
fach codiert werden, indem sie markiert wird und anschließend in einer Listbox am unte>
ren Rand des Fensters der Code eingegeben wird. Das Hinzufügen von neuen Codes muss
etwas umständlich im Codebaum auf der linken Seite zuerst eingefügt werden, bevor er
zugeteilt werden kann. Das größte Manko ist jedoch, dass immer nur die Textstellen eines
Codes im Textfenster markiert und somit eine nachträgliche Bearbeitung kaum möglich
ist. Die nachträgliche Organisation des Codebaumes ist auch viel zu umständlich gelöst.
Als Konsequenz daraus wurde nach erfolgtem Codieren, wofür das Programm durchaus
zu gebrauchen ist, die resultierenden Daten in eine Tabelle exportiert und dort weiter bear>
beitet. Die kommerziellen Programme (insbesondere MaxQDA und Atlas-TI) sind den
Open-Source-Varianten aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung immer noch weit überle>
gen, und es bietet sich an, diese zu verwenden. Allerdings wäre es aus Sicht des Verfas>
sers ein sinnvolles Hochschulprojekt, eine Open-Source-Lösung für die qualitative Analy>
se von Transkripten zu starten.