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LITERATURBESPRECHUNGEN
https://doi.org/10.1007/s11577-022-00870-3
Köln Z Soziol (2022) 74:553–556
Plattform Kapitalismus
Christina Hecht
Angenommen: 25. November 2022 / Online publiziert: 23. Januar 2023
© Der/die Autor(en) 2023
Altenried, Moritz, Julia Dück und Mira Wallis (Hrsg.): Plattformkapitalismus und
die Krise der sozialen Reproduktion. Münster: Westfälisches Dampfboot 2021.
295 Seiten. ISBN 978-3-89691-056-1. Preis: C30,–.
Digitale Plattformen sind fest in unserem Alltag verankert. Dies wird zum Beispiel
daran deutlich, wie präsent Uber-Fahrerinnen und -Fahrer und Lieferando-Riders
im städtischen Raum sind. In einer Vielzahl von Studien wurde bereits der Frage
nachgegangen, was digitale Plattformen für die Sphäre der Erwerbsarbeit bedeu-
ten. Mit dem vorliegenden Sammelband soll jedoch ein Bereich fokussiert werden,
der bislang wenig Aufmerksamkeit bekommen hat: soziale Reproduktion. Digitale
Plattformen nehmen als profitorientierte Akteure eine „zunehmend wichtige Rolle
im Kontext der Krise der sozialen Reproduktion“ (S. 14) ein und knüpfen mit ih-
ren Geschäftsfeldern und Anwerbestrategien an diese an, so die einleitende These
von Altenried, Dück und Wallis. Soziale Reproduktion definieren sie als „Ensemble
jener Praxen, Güter, Infrastrukturen und Institutionen, kurz: jener Verhältnisse, die
zur Reproduktion der Arbeitskraft in kapitalistischen Gesellschaften notwendig sind“
(S. 8). Die Krise dieser Verhältnisse, so argumentiert Dück in einem eigenen Text,
muss in ihrer Multidimensionalität begriffen werden. Sie umfasse gesamtgesell-
schaftliche Mangellagen, die Gefährdung reproduktiver Ressourcen von Subjekten
sowie Krisen vergeschlechtlichter Lebensweisen und Subjektivitäten. Altenried gibt
anschließend einen Überblick über die Logik digitaler Plattformen und beschreibt,
welche neuen Organisationsformen diese für die „Verausgabung von Kapital und
Arbeitskraft“ (S. 53) ermöglichen. In den Aufsätzen von Huws sowie Srnicek und
C. Hecht
Institut für Soziologie, Technische Universität Berlin
Fraunhoferstr. 33–36, 10587 Berlin, Deutschland
E-Mail: christina.hecht@tu-berlin.de
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Hester wird im Rückgriff auf historische Kontextualisierungen dafür plädiert, den
Einfluss von digitaler und vernetzter Technik auf soziale Reproduktion in Bezug auf
gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und unternehmerische Geschäftsmodelle zu
betrachten.
Die weiteren Beiträge schließen sinnvoll an diese begrifflichen und konzeptionel-
len Grundlagen an. Im Folgenden sollen einige Schlaglichter auf Fragestellungen
und Ergebnisse der Autorinnen und Autoren geworfen werden.
Ecker, Rowek und Strüver argumentieren aus raumsoziologischer Perspektive,
dass Plattformen an bestehende Strukturen ungleich verteilter Care-Arbeit anknüp-
fen und „Ungerechtigkeiten der vergeschlechtlichten und verräumlichten Arbeits-
teilung“ (S. 125) reproduzieren. Der Beitrag von Berfelde nimmt Raum nicht als
Kontext einer Tätigkeit, sondern als Ressource in den Blick. Auf Grundlage von
Interviews beschreibt die Autorin das „Teilen“ des eigenen Wohnraums über Air-
bnb als individualisierte Bearbeitung von krisenhaften Reproduktionsverhältnissen.
Dabei seien es vor allem Subjekte aus der Mittelschicht, welche die Plattform nut-
zen, um prekäre finanzielle Lagen abzufedern. Bor beschäftigt sich in ihrer Studie
zu Helpling damit, wie und von wem Räume sauber gehalten werden. Sie argu-
mentiert, dass die plattformvermittelte Übertragung von Hausarbeit auf soloselbst-
ständige Putzkräfte vor allem eine Verlagerung der Krisen sozialer Reproduktion
bedeutet vom Haushalt auf die individuelle Arbeitskraft. Deren Tätigkeit sei von
Prekarität geprägt, während die Plattform sich aus der Verantwortung ziehe, so das
Ergebnis einer Analyse des Geschäftsmodells von Helpling und von Interviews mit
Putzkräften.
Eine andere Facette soloselbstständiger Arbeit wird im Beitrag von Baum und
Kufner beleuchtet. Sie nehmen Subjektivierungsweisen von Care-Gig-Workerinnen
und -Workern auf Grundlage von qualitativen Interviews in den Blick. Im Rahmen
der plattformvermittelten Arbeit wird es dieser am Arbeitsmarkt begehrten Grup-
pe glich, den eigenen Ansprüchen vom richtigen Sorgen relativ selbstbestimmt
gerecht zu werden. Dennoch bleibt es, so zeigen die Autorinnen auf, für die Selbst-
ständigen eine zentrale Anforderung, „Fürsorgeethik mit ökonomischen Ansprüchen
zu vereinbaren“ (S. 182).
Lalvani untersucht auf der Grundlage ethnografisch-qualitativer Forschung in
Mumbai den Zusammenhang von etablierten vergeschlechtlichten Lebensweisen und
App-basierten Essenslieferdiensten. Die Autorin zeigt auf, dass die Arbeit über sol-
che Plattformen nichtökonomische Vorbedingungen hat: Nur wer zuhause bekocht
wird, kann ihr gewinnbringend nachgehen und Kochen ist noch immer eine Auf-
gabe, die vorrangig von Frauen erledigt wird. Die Plattformbetreiber selbst würden
sich als Akteure gesellschaftlicher Veränderungen präsentieren, indem sie (potenzi-
ell) Frauen integrieren. Doch, so schließt Lalvani, „gerade die übertriebene Betonung
der Neuartigkeit ihrer Partizipation trägt dazu bei, dass ihnen Rechte vorenthalten
werden“ (S. 204), beispielsweise bestimmte Schichtzeiten.
In zwei Texten werden Crowdwork-Plattformen untersucht. Deren Geschäftsmo-
dell, so argumentiert Wallis, beruht gerade darauf, dass Subjekte aus verschiedensten
Gründen an einen bestimmten Ort gebunden sind. Ob wegen Sorgeverpflichtungen
oder Arbeitsverboten im Zuge von Migration: Die Crowdworkerinnen und Crowd-
worker suchen „in der globalen digitalen Ökonomie nach Einkommensstrategien
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jenseits des lokalen ,Offline‘-Arbeitsmarktes“ (S. 246). Basierend auf Interviews mit
Crowdworkerinnen und Crowdworkern aus Rumänien und Deutschland zeigt Wallis,
wie intime (sozial-räumliche) Verhältnisse zu Ort und Gegenstand der Tätigkeit wer-
den etwa, wenn andere Mitglieder des Haushalts Sprachproben zum Training von
Sprachassistenten einsprechen sollen. Frieß und Nowack erörtern, was diese Platt-
formen für die Partizipation von Menschen mit Beeinträchtigung an Erwerbsarbeit
bedeuten können. Trotz Chancen, so kritisieren die Autorinnen, ermöglichen diese
vor allem Zugang zu prekärer Erwerbsarbeit. Hervorzuheben ist an diesem Beitrag
die Präsentation erster quantitativer Ergebnisse zur Präsenz von Menschen mit Be-
einträchtigungen auf Crowdworking-Plattformen sowie deren Motive zur Aufnahme
der Tätigkeit.
Kluzik macht in ihrem Beitrag einen Vorschlag dazu, wie die zunehmende Or-
ganisation von Sorge über Plattformen theoretisch gefasst werden kann. Diesen
Prozess beschreibt die Autorin aufbauend auf der Synthese verschiedener Konzepte
(Prekarität, Flexploitation, Biopolitik, Gouvernementalität) als „flexible Assemblage
ineinander verschränkter Prozesse der zunehmenden Fragmentierung und Inwertset-
zung von Sorgetätigkeiten sowie der räumlichem Reorganisation“ (S. 222).
Zuletzt setzt sich Pentzien mit Alternativen zu profitorientierten Plattformen aus-
einander. Er bietet eine Typologie von Plattform-Kooperativen anhand ihrer Zielstel-
lung an und diskutiert an Fallbeispielen Probleme und Erfolgsbedingungen dieser
verschiedenen Typen.
Zwei weiterführende Aspekte hätten den Sammelband in sinnvoller Weise abge-
rundet. In den Beiträgen wird eine Vielzahl theoretischer Perspektiven zur Anwen-
dung gebracht. Diese hätten in einem zusammenfassenden Beitrag miteinander ins
Gespräch gebracht und konzentriert auf die These rückbezogen werden können, die
überzeugend in der Einleitung hergeleitet wurde. Auch wäre so eine tiefergehende
Diskussion des Konzepts der Infrastrukturalisierung möglich gewesen, auf die das
Geschäftsmodell von digitalen Plattformen abzielt (S. 13). Die Frage nach diesen
weiterführenden Aspekten kommt freilich nur auf, weil die Autorinnen und Autoren
des Bandes sich überzeugend einer dringlichen Aufgabe widmen: der Untersuchung
des Zusammenhangs digitaler Plattformen und sozialer Reproduktion. Sie decken in
gut lesbaren Beiträgen ein breites Spektrum an empirischen Fällen in verschiede-
nen Kontexten ab. Hervorzuheben ist dabei insbesondere der Beitrag von Lalvani,
der über den europäischen Kontext hinausgeht und einen lohnenden Ausgangspunkt
für weitere vergleichende Forschung zu Plattform(reproduktions)arbeit bietet. Ins-
gesamt ist die Lektüre sehr informativ und kann Interessierten rund um die Themen
digitale Plattformen und Reproduktionsarbeit nur ans Herz gelegt werden.
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Christina Hecht M.A., Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin.
Forschungsschwerpunkte: Digitale Plattformen, Regulierung digitaler Plattformen, Arbeitssoziologie.
Aktuelle Publikation: Torn Between Autonomy and Algorithmic Management. (Dis)Obedience of Solo
Self-Employed Working via Digital Platforms. In: Quadflieg, S., K. Neuburg, und S. Nestler (Hrsg.):
(Dis)Obedience in Digital Societies. Perspectives on the Power of Algorithms and Data. Bielefeld 2022.
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