scieee Science in your language
[en] (orig)
Verknüpfung mathematischer Modelle
zur zieloptimierten Produktionsplanung in
Rohöl verarbeitenden Industrien
Dissertation
Schriftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades
eines Doktors der Wirtschaftswissenschaften
Vorgelegt am Fachbereich für Wirtschaftswissenschaften
der Universität GH Paderborn
von Dipl. Wirt.-Ing. Franz Haking
Paderborn 2006
2
____________________________________________________________________________
Inhalt:
1 Zielsetzung der Arbeit und Abgrenzung des betrachteten
Themenbereiches...........................................................................................4
2 Mathematische Modelle als Hilfsmittel zur Produktionsplanung in
rohölverarbeitenden Raffinerien....................................................................6
3 Untersuchung von Planungssystemen unter Berücksichtigung der
Implementierung des Systems der verteilten Optimierung ...........................12
3.1 Darstellung gängiger Planungssysteme in rohölverarbeitenden
Raffinerien vor dem Hintergrund des Planungszeitraums......................13
3.2 Beschreibung der Schnittstellen sowie des Grades der
Kompatibilität zwischen Planungssystemen innerhalb und
außerhalb eines Planungssegmentes......................................................17
4 Untersuchung bestehender Optimierungsalgorithmen und
Klassifizierung in Bezug auf die Implementierung des Systems der
verteilten Optimierung.................................................................................22
4.1 Klassifizierung verbreiteter Optimierungsverfahren in der Literatur......22
4.2 Indirekte Optimierungsverfahren in der verteilten Optimierung am
Beispiel der Gradientenverfahren..........................................................25
4.2.1 Klassisches Gradientenverfahren bzw. die Methode des
steilsten Abstiegs ......................................................................26
4.2.2 Newton-Raphson-Verfahren......................................................27
4.2.3 Gauß-Newton-Verfahren...........................................................28
4.3 Direkte Optimierungsverfahren in der lokalen und verteilten
Optimierung.........................................................................................29
4.3.1 Verfahren der Intervallschachtelung..........................................30
4.3.2 Simplex-Verfahren....................................................................31
5 Auswertung der Untersuchungen von bestehenden Planungssystemen
und Optimierungsalgorithmen im Hinblick auf die Implementierung des
Algorithmus der verteilten Optimierung......................................................35
Seite:
3
____________________________________________________________________________
6 Einordnung des Begriffs verteilter Systeme in bestehende
Forschungsansätze.......................................................................................43
7 Grundlage einer Software-Lösung zur Umsetzung des Ansatzes der
verteilten Optimierung.................................................................................54
7.1 Darstellung und Abgrenzung der Grundlagen einer Software-
Lösung .................................................................................................54
7.1.1 Mathematisch funktionaler Zusammenhang der verteilten
Optimierung zum Nachweis der theoretischen Richtigkeit
der Grundidee ...........................................................................55
7.1.2 Struktur verbundener Planungssysteme im Hinblick auf die
Implementierung eines verteilt optimierenden
Gesamtsystems..........................................................................62
7.2 Umsetzung der Grundidee der verteilten Optimierung in Form
eines Algorithmus.................................................................................67
7.2.1 Darstellung der Funktionsweise des Algorithmus zur
verteilten Optimierung und der Implementierung in ein
bestehendes LP-Modell.............................................................67
7.2.2 Entwicklung des Algorithmus zur verteilten Optimierung .........74
8 Ergebnisse empirischer Untersuchungen bei Umsetzung der verteilten
Optimierung und daraus resultierende Möglichkeiten und Grenzen .............83
8.1 Darstellung der Untersuchungsergebnisse in Bezug auf den
praktischen Einsatz der entwickelten Software-Lösung.........................83
8.2 Aufwandsabschätzung hinsichtlich der praktischen Umsetzung des
Ansatzes der verteilten Optimierung...................................................116
8.3 Zusammenfassung definierter Testmerkmale und der damit
verbundenen Erfahrungen bei der Umsetzung.....................................128
9 Ansätze zur Bestimmung des globalen Optimums in der Literatur zur
verbesserten Umsetzung des Ansatzes der verteilten Optimierung............132
10 Zusammenfassung der Ergebnisse.............................................................143
11 Ausblick....................................................................................................146
Anhang..................................................................................................................
Abbildungssverzeichnis.........................................................................................
Literaturverzeichnis............................................................................................... 152
149
150
4
____________________________________________________________________________
1 Zielsetzung der Arbeit und Abgrenzung des betrachteten
Themenbereiches
Zielsetzung dieser Arbeit ist die Entwicklung eines Algorithmus zur
zieloptimierten Produktionsplanung in der Rohöl verarbeitenden Industrie. Im
Vordergrund steht dabei die Verknüpfung mathematischer Modelle zur
Ermittlung des globalen, alle beteiligten mathematischen Modelle umfassenden
Optimums auf Basis der verteilten Optimierung.
Neben einer Einführung zu mathematischen Modellen als Hilfsmittel der
Produktionsplanung in Rohöl verarbeitenden Raffinerien gliedert sich diese
Arbeit im Wesentlichen in zwei Hauptgebiete.
Gegenstand des ersten Teils ist die Ermittlung einer geeigneten Kombination
von Planungssystemen und deren mathematischen Modelle zur Umsetzung des
Systems der verteilten Optimierung. Zu diesem Zweck werden in Kapitel 3
verbreitete Planungssysteme unter Berücksichtigung des zeitlichen
Planungshorizonts vorgestellt und hinsichtlich des Automatisierungsgrades der
Systemschnittstellen sowie des Verbreitungsgrads bewertet. In Kapitel 4
werden direkte und indirekte Optimierungsverfahren vorgestellt und in Bezug
auf eine Implementierung des Systems der verteilten Optimierung klassifiziert.
Unter Berücksichtigung der in den Kapiteln 3 und 4 erarbeiteten Ergebnisse
werden in Kapitel 5 die systemseitigen Mindestanforderungen für die
Implementierung des Systems der verteilten Optimierung definiert und eine zu
verknüpfende Systemkombination festgelegt.
Im zweiten und wesentlichen Teil dieser Arbeit wird schrittweise eine
mathematische Beweisführung sowie eine algorithmische Umsetzung des
Ansatzes der verteilten Optimierung erarbeitet, durch empirische Testreihen
5
____________________________________________________________________________
untersucht und bewertet. Zu diesem Zweck wird in Kapitel 7 der
mathematische Beweis der theoretischen Richtigkeit der Grundidee der
verteilten Optimierung erbracht und dokumentiert. Die Darstellung einer
geeigneten Struktur verbundener Planungssysteme folgt. Basierend auf dem
vorgestellten mathematischen Zusammenhang wird im gleichen Kapitel der im
Rahmen dieser Arbeit entwickelte Algorithmus zur verteilten Optimierung
dargestellt, die Funktionsweise beispielhaft beschrieben sowie die
Implementierung in ein bestehendes System der linearen Programmierung (LP-
System) erörtert. Schließlich werden in Kapitel 8 die Ergebnisse
durchgeführter Untersuchungen bei der Umsetzung des Algorithmus der
verteilten Optimierung und den gewonnenen Erkenntnissen hinsichtlich
Möglichkeiten und Grenzen vorgestellt. Im Detail werden die
Untersuchungsergebnisse in Bezug auf den praktischen Einsatz des
entwickelten Ansatzes dokumentiert und eine Aufwandsabschätzung
hinsichtlich der praktischen Umsetzung des Ansatzes der verteilten
Optimierung gegeben. Zur Ermittlung der glichkeiten und Grenzen des
implementierten Systems werden die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten
Testreihen beschrieben und die erarbeiteten Ergebnisse vorgestellt.
Da sich in den Testreihen die Bestimmung des globalem Optimums im
Rahmen der Verknüpfung mathematischer Modelle durch das System der
verteilten Optimierung als zentrales Problem zeigte, wird abschließend
ergänzend auf bestehende Ansätze zur Bestimmung des globalen Optimums in
der Literatur eingegangen.
6
____________________________________________________________________________
2 Mathematische Modelle als Hilfsmittel zur Produktionsplanung in
Rohöl verarbeitenden Raffinerien
Die Verarbeitung von Rohölen zu Motorkraftstoffen gewann in den
vergangenen Jahrzehnten parallel zur steigenden Verbreitung des Automobils
zunehmend an Umfang und Komplexität. Ebenso entwickelte sich sowohl für
Zukaufs- als auch für Verkaufsprodukte ein stark expandierender Markt.
Steigende Komplexität und allgemeine wirtschaftliche Mechanismen förderten
die Entwicklung von Hilfsmitteln zur Optimierung des Prozesses. Immer
komplexere technische Strukturen und steigende Anforderungen an die
Produktqualität treiben bis heute die Entwicklung mathematisch basierter
Optimierung voran.
Erste Ansätze in der Historie zur Optimierung komplexer Verteilungsprobleme
gehen auf G.B. Dantzig1 zurück. Bereits 1948 entwickelte dieser bei der US
Air Force Algorithmen zur Lösung mathematischer Modelle. Eine bedeutende
Entwicklung daraus ist die Simplex-Methode, auf die im weiteren Verlauf
dieser Arbeit noch detailliert eingegangen wird.
Eine der ersten größeren Untersuchungen über die Lösung von
Entscheidungsproblemen in einer Raffinerie mit Hilfe dieser Form der
Mathematischen Programmierung stellte G.H. Symonds2 1955 vor. Speziell der
Einsatz der Linearen Programmierung in der Raffinerie wurde 1957 von
Garvin, Crandall, John und Spellmann in ihrem Artikel "Applications of Linear
Programming in the Oil Industry"3 beschrieben. Über die Optimierung der
Versorgung von Raffinerien mit Rohstoffen mittels LP-Modellen wurde von
Catchpole4 1962 berichtet. Aber auch prozesstechnische Optimierungs-
1 Dantzig, G.B. (1948)
2 Symonds, G.H. (1955)
3 Garvin, W., Crandall, H., John, J., Spellmann, R. (1957), S. 407 ff.
4 Catchpole, A.R. (1962), S. 163-169
7
____________________________________________________________________________
probleme in einer Raffinerie wurden zum Inhalt linearer Optimierungen, wie
z.B. die technische Auslegung von Destillationskolonnen5. Schließlich zeigte
sich das Blending, im Sinne des Mischens fließ- und schüttfähiger
Komponenten in Raffinerien als technisch und wirtschaftlich sinnvolles Ein-
satzgebiet linearer Programmierung, wie Magoulas, Marinos-Kouris, Lygeros6
sowie Ramsey und Truesdale7 zeigen.
Parallel zur Entwicklung der Rechnerkapazität von Computern und der stetigen
Verbesserung der Optimierungsprogramme stieg der Verbreitungsgrad
praktischer Anwendungen mathematischer Modelle im Sinne einer linearen
Programmierung sowohl in der Entscheidungsvorbereitung als auch in der
Produktionsplanung der Mineralölindustrie. So berichteten die Autoren Baker
und Lasdon8 über die erfolgreiche Einführung der linearen Programmierung bei
EXXON bereits 1985.
Fasst man die Einsatzgebiete linearer Programmierung im Bereich der
Mineralölindustrie in Anlehnung an die zuvor genannten Literaturhinweise
zusammen, so lassen sich daraus im Wesentlichen drei Kerngebiete ableiten:
1. Optimierung der Logistik im Zusammenhang mit der Förderung
von Rohölen und der Versorgung von Raffinerien
2. Lösung von Blendingproblemen in einer Raffinerie
3. Optimierung der Raffineriefahrweise in Bezug auf
Wirtschaftlichkeit
Das unter Punkt 1 beschriebene Feld der Logistik speziell im Zusammenhang
mit der Förderung von Rohölen und die Optimierung des damit verbundenen
Transports stellt im Rahmen der Rohölförderung und -verarbeitung eines der
5 Diwekar, U.M., Madhavan, K.P. (1989), S. 1011-1017
6 Magoulas, K., Marinos-Kouris, D., Lygeros, A. (1988), S. 44-48
7 Ramsey, J.R., Truesdale, P.B. (1990), S. 40-44
8 Baker, T.E., Lasdon, L.S. (1985)
8
____________________________________________________________________________
frühesten Einsatzgebiete der Optimierung dar. Allerdings soll im Rahmen
dieser Arbeit die Betrachtung logistischer Probleme nicht erfolgen. Vielmehr
soll ein wesentlicher Schwerpunkt auf die Optimierung der Verarbeitung von
Rohölen, Feedstocks und Zumischstoffen und deren Austausch zwischen zwei
oder mehreren Standorten gelegt werden, was im Wesentlichen den Punkten 2
und 3 entspricht.
Die im Punkt 2 zusammengefasste Problematik der Optimierung des Blendings
in der Raffinerie zeigt sich in der genannten Literatur als eines der typischen
Einsatzgebiete linearer Programmierung. Grund dafür ist die gute
Abbildbarkeit dieses Optimierungsproblems. So kann bei der Abbildung eines
Blendingvorgangs der Anzahl verfügbarer Komponenten und deren
Eigenschaften in einem mathematischen Modell in der Regel ausreichend
Rechnung getragen werden9. Neben den technischen Merkmalen eines
Blendingvorgangs können aufgrund der überschaubaren Komplexität des
Optimierungsproblems auch wirtschaftliche und organisatorische Aspekte
problemlos berücksichtigt werden.
So fließen bei den derzeit am Markt verfügbaren Optimierungsprogrammen im
Bereich Blending Eigenschaften wie Produktverfügbarkeit am Markt,
Preisentwicklungen sowie Lagerbestände der Blendkomponenten in die
Gesamtoptimierung ein. Mit Hilfe eines derartigen LP-Modells können so die
wirtschaftlichen Auswirkungen jeder einzelnen Blendingmöglichkeit ermittelt
und bewertet werden. Die Zielfunktion des Modells ist dabei in den meisten
Fällen darauf ausgelegt, die vom Produktionsplan vorgegebenen Mengen und
Qualitäten an Fertigprodukten, z.B. Ottokraftstoffe, unter Maximierung des
Gesamtdeckungsbeitrages zu produzieren.
Allerdings zeigen sich bei der Abbildung der Realität in mathematische
Funktionen einer linearen Form dort Grenzen, wo Merkmale nicht linear
9
____________________________________________________________________________
abzubilden sind. Beispielweise verhalten sich Kraftstoffeigenschaften wie
Cloudpoint, Ansprechverhalten und Dampfdruck nicht linear. Durch die
Einführung von Ersatzgrößen, so genannten Indizes, kann unter Reduzierung
der Genauigkeit ein Teil der Eigenschaften in eine lineare Form überführt
werden.
Neben der Lösung von Blendingproblemen gehört die im Punkt 3 erwähnte
Ermittlung wirtschaftlich optimaler Produktionspläne für die Fahrweise einer
Raffinerie zu den zentralen Einsatzmöglichkeiten von LP-Modellen.
Die raffineriebezogene Planungsaufgabe im Hinblick einer LP-technischen
Optimierung lässt sich grob in drei Planungsbereiche einteilen und in den
folgenden Fragen zusammenfassen:
1. Was und in welcher Menge und Qualität soll produziert werden?
2. Auf welche Weise - mit welchen Anlagen - soll produziert werden?
3. Mit welchen Einsatzstoffen und Einsatzmengen soll produziert
werden?
Setzt man die zu produzierende Menge und deren Qualität als vom Markt
vorgegebene Eingangsgröße voraus, so ist dem Modell eine möglichst breit
gefächerte Anzahl an Eingangsstoffen anzubieten. Die Eingangsmaterialien
können grob in Rohöle, Feedstocks und Zumischkomponenten unterschieden
werden. Die Gruppe der Rohöle gibt dabei die Menge und Qualität der Öle
wieder, die im Planungszeitraum verfügbar oder zu beschaffen sind. Unter der
Gruppe der Feedstocks sind all die Materialien zu verstehen, die während des
9 Magous, D., Marinos-Kouris, D. , Lygeros, A. (1988), S. 44 ff.
10
____________________________________________________________________________
Produktionsprozesses einem Anlagenteil zugeführt werden können, um freie
Anlagenkapazitäten auszunutzen oder Qualitätsdefizite auszugleichen.
Zumischkomponenten, die beim Blending der Endprodukte Anwendung
finden, können zum Erreichen der Spezifikation dem Endprodukt zugemischt
werden. Aber auch Qualitätsüberhänge bei Zwischenprodukten, die aus den
Anlagen der Raffinerie stammen und zum Blending des Endproduktes
vorgesehen sind, können durch Hinzufügen einer qualitativ schlechteren (und
damit oftmals auch preiswerteren) Zumischkomponente wirtschaftlich genutzt
werden.
So wie die Rohöle können auch die Feedstocks und Zumischkomponenten am
Markt zugekauft werden. Am Markt verfügbare Qualitäten, Mengen und Preise
sind bei Planungsbeginn in das Modell einzuarbeiten. Auf Basis dieser
Eingangsdaten ergibt sich durch die Optimierung des Modells die für die
Produktion bzw. das Blending notwendigen Eingangsstoffe und der - bei
Umsetzung des ermittelten Produktionsplans - zu erwartende Gesamt-
deckungsbeitrag.
Neben der Möglichkeit einen hinsichtlich des Gesamtdeckungsbeitrages
optimalen Produktionsplan zu ermitteln, zeigen sich bei der Abbildung einer
Raffinerie in einem mathematischen Modell und dessen Optimierung mittels
linearer Programmierung auch die Grenzen des Systems. Eine definitive
Bestimmung des Deckungsbeitrages für jede eingesetzte Komponente ist im
Rahmen der Modelloptimierung nicht unmittelbar möglich. So wird zwar der
zu erwartende Gesamtdeckungsbeitrag ausgewiesen, nicht aber die Einzel-
deckungsbeiträge der unterschiedlichen Einsatzstoffe. Die Einzel-
deckungsbeiträge können nur eingeschränkt mit Hilfe von so genannten
Sensitivitätsrechnungen ermittelt werden, wobei das so erzielte Ergebnis
aufgrund des Charakters einer Kuppelproduktion nur als Näherungswert zu
sehen ist. Im Rahmen der Sensitivitätsrechnungen werden die mit der
betrachteten Eigenschaft in Verbindung stehenden Merkmale schrittweise
11
____________________________________________________________________________
verändert. Nach jeder Merkmalsänderung wird die Veränderung des
Gesamtdeckungsbeitrages betrachtet. Die Größe der relativen
Deckungsbeitragsänderung ist ein Maß für die Sensitivität des Systems bei
Variaion der betrachteten Eigenschaft. In den Optimierungsmodellen wird die
so bestimmte relative Deckungsbeitragsänderung pro betrachteter Einheit (z.B.
Tonne, etc.) i.d.R. als Marginal Value“ oder auch „Schattenpreis“
bezeichnet.
In Bezug auf mathematische Modelle als Hilfsmittel zur Produktionsplanung in
rohölverarbeitenden Raffinerien sst sich neben der Optimierung im Bereich
Logistik und Blending die LP-basierte Optimierung der Gesamtfahrweise unter
Maximierung des Deckungsbeitrages als zentrale Anwendung definieren.
Darauf aufbauend steht in dieser Arbeit die Ermittlung des globalen Optimums
im Sinne eines maximalen Gesamtdeckungsbeitrages unter Austausch eines
Produktenstroms (nachfolgend als Komponente bezeichnet) im Vordergrund.
12
____________________________________________________________________________
3 Untersuchung von Planungssystemen unter Berücksichtigung der
Implementierung des Systems der verteilten Optimierung
Im vorangegangenen Kapitel wurden verschiedene in der rohölverarbeitenden
Mineralölindustrie etablierte Planungssysteme vorgestellt. Nachfolgend sollen
diese Systeme vor dem zeitlichen Planungshorizont betrachtet werden. Im
weiteren werden die Grundlagen geschaffen, um die in Kapitel 5 durchgeführte
Bewertung der Kriterien zur Implementierung des Systems der verteilten
Optimierung zu ermöglichen.
Ferner wird neben der Einordnung bestehender Planungssysteme der Grad der
Kompatibilität zwischen den betrachteten Systemen untersucht. Die
Kompatibilität beim Datentransfer stellt für die verteilte Optimierung eine
wesentliche Rolle dar, da es notwendig ist, Daten schnell, vollständig und ohne
Formatierungsverlust zwischen den Systemen auszutauschen. Um die
Neuentwicklung einer derartigen Schnittstelle zwischen den Planungssystemen
im Rahmen dieser Arbeit zu vermeiden, wird eine Systemkombination gesucht,
die bereits einen hohen Kompatibilitätsgrad aufweist.
Trotz der hohen Flexibilität des Systems der verteilten Optimierung reduziert
eine hohe Kompatibilität der unterschiedlichen Planungssysteme das Auftreten
von Problemen beim Datenaustausch. Das bedeutet, dass nicht nur die Daten
allein, sondern auch ihre Struktur einen reibungslosen Austausch begünstigen.
Somit erhöht eine Gleichheit der Planungssysteme, d.h. ein hoher
Verbreitungsgrad, die Akzeptanz des Systems der verteilten Optimierung. Aus
diesen Gründen wird schließlich der Verbreitungsgrad der betrachteten
Planungssysteme untersucht.
13
____________________________________________________________________________
3.1 Darstellung gängiger Planungssysteme in rohölverarbeitenden
Raffinerien vor dem Hintergrund des Planungszeitraums
Im Folgenden wird der gegenwärtige technische Entwicklungsstand von
mathematischen Modellen in der Optimierung hinsichtlich des zeitlichen
Planungshorizontes und des Umfangs des zu optimierenden Bereiches
dargestellt. In diesem Zusammenhang wird im Wesentlichen die Definition von
autarken und integrierten Modellen erarbeitet. Die mit den Modellformen
einhergehenden Optimierungsalgorithmen inklusive deren Anwendungsgebiete
werden aus Gründen der Übersichtlichkeit in Kapitel 4 behandelt.
Die in einem Modell zusammengefassten Gleichungen sind ein abstrahierendes
Abbild eines definierten und damit begrenzten Teils der Realität. In der Praxis
kann das ein Planungssystem über die Produktion einer Raffinerie sein. Dieses
Planungssystem kann mit anderen computergestützten Planungsformen in
Verbindung stehen. Die oftmals mit definierten Schnittstellen verbundenen
einzelnen Planungssysteme zeichnen sich in erster Linie durch den
unterschiedlichen zeitlichen Planungshorizont und der damit verbundenen
technischen Form der Optimierung aus (siehe dazu Abbildung 1).
Den größten Planungszeitraum umfasst in der Regel die sogenannte operative
Planung mit bis zu 10 Jahren. Nach Hungenberg10 ist die Aufgabe der
operativen Planung innerhalb des von der strategischen Planung vorgegebenen
Handlungsrahmens konkrete Ziele und Maßnahmen in einzelnen
Funktionsbereichen zu bestimmen. Schäffer11 definiert analog die operative
Planung als stark formalisierten Planungsprozess im Bereich der strategischen
Planung. Eine Optimierung mit Hilfe eines LP-Systems ist zwar theoretisch
denkbar, allerdings in der Regel nicht sinnvoll, da aufgrund der Mittelung der
10 Hungenberg, H. (2001), S. 44 ff
11 Schäffer, U., Hoffmann, D. (1999), S. 368
14
____________________________________________________________________________
Jahresereignisse Opportunitäten entstehen, die in der Praxis nicht bestehen.
Man spricht in diesem Fall von einer Überoptimierung.
= typischer Planungszeitraum
= untypischer, aber technisch möglicher
Planungszeitraum
Tabellenkalk-
kulation
LP-Programm
inkl. Optimier-
algorithmus
software-
abhängiger
Optimier-
algorithmus
20
40
60
6
12
18
24
1
2
3
4
5
6
7
1
2
3
4
1
3
6
9
12
1
2
3
4
5
10
Scheduling
Produktions-
planung
Advanced
Control
Jahre
Operative
Planung
Budget-
planung
Minuten Stunden Tage MonateWochen
Abbildung 1 – Einordnung von Planungssystemen in Bezug auf Planungszeitraum
und Optimierungstechnik
So kann im Rahmen eines Jahres-LP ein Überschuss am Jahresende
mengenbilanzseitig an den Jahresanfang transferiert werden, was in der
Realität nicht möglich ist. Die zeitlich enger getaktete Planungsform kann als
Budgetplanung bezeichnet werden. Diese Planungsform umfasst in den
meisten Unternehmen die zwölf Monate des kommenden Kalender- oder
Buchungsjahres. Je nach Auslegung des LP-Modells kann diese Planungsform
15
____________________________________________________________________________
zum Teil mit monatsgenauen LP-Rechnungen unterstützt und mit
Tabellenkalkulationen weiterverarbeitet werden.
Die nächste Stufe der zeitlichen Verfeinerung stellt die Monatsplanung dar. Sie
umfasst in erster Linie einen Monat der Produktion und kann auf mehrere
Monate ausgeweitet werden. Eine untermonatliche Optimierung der Produktion
mittels LP-Modell ist mit Hilfe einer Mehr-Perioden-Rechnung möglich. Diese
kann theoretisch einen Tag als kleinste Planungseinheit umfassen, allerdings
nimmt der zeitliche Aufwand zur Pflege der Modelldaten und die Auswertung
der sehr detaillierten Lösungen stark zu. Eine LP-unterstützte Monatsplanung
umfasst somit in den meisten Fällen den Zeitraum eines Monats.
Die aus der Monatsplanung resultierenden Plandaten können mit einem
Scheduling-Modul auf die tagesaktuellen Problemstellungen einer Produktion
heruntergebrochen werden. Zwar sind die errechneten Ergebnisse
minutengenau, allerdings ist in den meisten Schedulingsystemen das
Planungsraster auf Stundenbasis ausgelegt. Der maximale Schedulingzeitraum
hängt stark von dem Charakter der Produktion ab, ist aber zeitlich kürzer als
die dazugehörige Produktionsplanung. Die Grundlage des Schedulings stellt in
den meisten Fällen eine Mischung aus Simulation und softwarespezifischen
Optimierungsalgorithmen dar.
Das bedeutet, dass im ersten Schritt ein Simulationsalgorithmus versucht, unter
Berücksichtigung der aus dem Produktionsplan und dem Tagesscft
anfallenden Restriktionen eine zulässige Lösung zu finden. Da die vom
Simulationsteil ermittelte Lösung keinen Anspruch auf eine im LP-Sinne
optimale Lösung hat, kommt in einigen Scheduling-Anwendungen ein
Optimieralgorithmus zur Anwendung.
16
____________________________________________________________________________
Die prozessnahe Umsetzung der Plandaten in die Produktion übernimmt
schließlich ein Prozessleitsystem (PLS)12. Bei dieser Anwendung steht die
Regelung und Einhaltung definierter Parameter im Vordergrund. Eine
Optimierung findet nur in sehr geringem Umfang statt, so dass das PLS als
Werkzeug zur Optimierung der Produktion zwar genannt, aber nicht als
Planungssystem im klassischen Sinne dargestellt werden soll.
Die vorgestellten Planungsformen sollen nur einen Überblick über die am
Markt erhältlichen und in der Praxis eingesetzten Softwarelösungen zur
Unterstützung der Produktionsplanung in einem kontinuierlichen
Produktionsprozess geben. Neben den vorgestellten Planungssystemen finden
eine Reihe von Lösungen in der Praxis Anwendung, die hier aufgrund des
geringen Verbreitungsgrades nicht betrachtet werden sollen. Lediglich auf
folgende sich abzeichnende Neuentwicklung ist hinzuweisen: die Simulation in
Verbindung mit einem LP-Modell zur Produktionsplanung.
Die Simulation von technischen Prozessen ist ein seit Jahren erfolgreich
eingesetzter und kontinuierlich weiterentwickelter Ansatz. Als Unterstützung
zur Tagesplanung einer Produktion allerdings fehlten in der Vergangenheit
zwei wesentliche Dinge: Zum einen konnten die zum Betreiben einer
Simulation notwendigen Daten nicht im erforderlichen Maße erfasst und
datenbanktechnisch verarbeitet werden und zum anderen fehlte eine
leistungsstarke Optimierung.
Das Problem der Datenerfassung und -verwaltung konnte im Zuge der
Ausweitung der Online-Analytik und der Verbesserung der
Datenbankenanwendungen in den meisten Fällen gelöst werden. Neuere
Entwicklungen im Bereich der Simulationssoftware erfassen und simulieren
nicht nur die im Produktionsprozess anfallenden Daten, sondern wandeln diese
12 auch Digital-Control-System (DCS) oder Advanced-Control-System (ACS)
17
____________________________________________________________________________
mit Hilfe eines so genannten LP Data Generators13 in lineare Funktionen
inklusive der entsprechenden Prozessparameter um. Diese können vom LP-
Modell der Produktionsplanung gelesen und optimiert werden. Das optimierte
Ergebnis kann schließlich wieder an die Simulation zurückgegeben und auf
Plausibilität geprüft werden. Da in einer Simulation in der Regel erheblich
zeitnähere Produktionsparameter als ein LP-Modell verarbeitet werden, kann
durch die Verknüpfung von Simulation und LP-Optimierung eine sehr
praxisnahe Optimierung auf Tagesbasis erfolgen. So ist eine tagesgetaktete
Planung lediglich mittels LP-Modell ohne Einbindung einer Simulation zwar
theoretisch möglich, aber aufgrund des hohen Rechenaufwandes nicht stark
verbreitet und nur in Einzelfällen sinnvoll.
Diese beschriebene Neuentwicklung der Verknüpfung von Simulation und LP-
Optimierung befindet sich noch im Aufbau. Zum Zeitpunkt der Entstehung
dieser Arbeit waren noch keine Veröffentlichungen über Erfahrungen mit den
beschriebenen Kombinationen verfügbar.
3.2 Beschreibung der Schnittstellen sowie des Grades der Kompatibilität
zwischen Planungssystemen innerhalb und außerhalb eines
Planungssegmentes
Die in Kapitel 3.1 aufgezeigten Planungssysteme lösen Planungsprobleme für
unterschiedliche Zeiträume in rohölverarbeitenden Raffinerien. Wie in
Abbildung 1 dargestellt, wird der gesamte Planungszeitraum von bis zu zehn
Jahren durch verschiedene Planungswerkzeuge mit unterschiedlicher
Auflösung der Zeit abgedeckt. Eine Verbindung zwischen den beschriebenen
Planungswerkzeugen besteht in der Weise, dass nach erfolgter Optimierung des
größeren Zeitfensters die errechneten Ergebnisse gleichzeitig die Vorgabe für
13 Hyprotech Ltd. (siehe www.hyprotech.com) und KBC Advanced Technologies (siehe
www.kbcat.com) haben 2000 in Zusammenarbeit mit Fuji Oil z.B. die beschriebene
18
____________________________________________________________________________
die Optimierung der Planungsprobleme im chst kleineren Zeitfenster
darstellen. Die Form und der Grad der Kompatibilität beim Datenaustausch
sind abhängig vom Systemlieferant und stellen, wie im weiteren Verlauf noch
detailliert erörtert wird, eine wesentliche Grundvoraussetzung für eine
Implementierung des Systems der verteilten Optimierung dar. Im Folgenden
sollen die Schnittstellen zwischen den genannten Planungssystemen
hinsichtlich des Kompatibilitätsgrades untersucht und eine präparierte
Systemkombination ermittelt werden.
Als Kompatibilität von Schnittstellen soll in diesem Zusammenhang das Maß
der Formatierung verstanden werden, welches notwendig ist, um Datensätze
ohne Verlust von Inhalt und Format zwischen Planungssystemen und
segmenten transferieren zu können.
Nachfolgend soll überprüft werden, wie hoch der Kompatibilitätsgrad
zwischen den vorgestellten Planungssystemen ist, um hoch kompatible
Schnittstellen zur späteren Implementierung des Systems der verteilten
Optimierung identifizieren zu können.
Beginnend mit der Operativen Planung werden die Ergebnisse des ersten
Gesamtjahres an die Budgetplanung weitergegeben. Diese Ergebnisse stellen
die Vorgabe für die Budgetplanung dar. Eine Kompatibilität ist an dieser Stelle
weder sinnvoll noch verbreitet. Gleiches gilt für die Schnittstelle von der
Budgetplanung zur Produktionsplanung. Auch an dieser Schnittstelle ist ein
automatischer Datentransfer in der Praxis nicht etabliert. Grund für die
mangelnde Notwendigkeit einer Kompatibilität liegt in erster Linie darin
begründet, dass die Budgetplanung ähnlich wie die Operative Planung in
der Regel nur einmal jährlich durchgeführt wird, um so die Grundlage für die
wirtschaftliche Beurteilung des Planungszeitraums zwischen einem Monat und
einem Jahr zu schaffen. Darüber hinaus stellen die Ergebnisse der
Verbindung von Simulation HYSIS.Refinery und LP-Modell entwickelt.
19
____________________________________________________________________________
Budgetplanung auch die Basis für die Zielwerte dieser Planungsperiode dar.
Erwartete Betriebsergebnisse, Etatgrenzen, Ausfallzeiten usw. werden so als
Zielgröße festgelegt. Die Produktionsplanung hingegen verfolgt die Umsetzung
und Einhaltung der in der Budgetplanung vorgegebenen Zielgrößen. Das
Ergebnis der Produktionsplanung ist in der Regel näher an der Praxis orientiert
und detaillierter als das der Budgetplanung.
Der im Scheduling auf einen kleineren Zeitraum als in der Produktionsplanung
heruntergebrochene Produktionsplan wird aufgrund des hohen Datenvolumens
in den meisten Anwendungen automatisiert erstellt. Das bedeutet, dass der
mittels eines LP-Modells errechnete Produktionsplan in einer Datenform
erzeugt wird, die das nachgeschaltete Schedulingsystem einlesen und
verarbeiten kann. Die Form des Datentransfers kann ein Liste von Daten, eine
Datei einer gängigen Tabellenkalkulation oder aber auch eine Datenbank sein.
Diese in den meisten Anwendungen automatisierte Schnittstelle ist oftmals
bidirektional ausgelegt. Das Scheduling simuliert in erster Instanz lediglich die
aus dem Produktionsplan eingelesenen Vorgaben. Kommt es im Scheduling
nicht zu einer Lösung, in der alle Vorgabeparameter eingehalten wurden, so
kann entschieden werden, ob eine Gewichtung oder Vernachlässigung der
Vorgaben aus dem Produktionsplan vorgenommen werden kann oder ob eine
Information an die Produktionsplanung zurückgehen muss, um einen neuen
Produktionsplan mit geänderten Randbedingungen zu erstellen. Im Gegensatz
zu LP-Systemen sind die meisten Schedulingsysteme so ausgelegt, dass diese
immer zu einer Lösung kommen und sie die nicht eingehaltenen Parameter
ausweisen. Das ist für das Tagesgeschäft des Scheduling-Anwenders sinnvoll,
da dieser so selbständig entscheiden kann, wie wichtig diese Restriktion für das
aktuelle Problem ist.
Das aus dem Scheduling resultierende Planungsergebnis könnte ohne größeren
technischen Aufwand an das PLS weitergegeben werden, allerdings hat sich
hier in der Praxis gezeigt, dass das Volumen der Vorgabedaten in einem PLS
20
____________________________________________________________________________
zu umfangreich und zu detailliert ist, um eine Kompatibilität des
Datentransfers zu ermöglichen. Im Folgenden soll das PLS nicht weiter
betrachtet werden, da es als Steuerungs- und Regelungssystem und weniger als
Planungssystem zu sehen ist und hier lediglich zur vollständigen Darstellung
der Schnittstellen dient.
Bei der Betrachtung der Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen
Planungssystemen wurden die Schnittstellen innerhalb eines
Planungssegmentes dargestellt (siehe dazu Abbildung 2). Als Planungssegment
ist in diesem Zusammenhang ein Bereich zu verstehen, der mit je einem
Planungssystem je Planungsform ausgestattet ist. Das bedeutet, jedes
Planungssystem kommt pro Planungssegment maximal einmal vor. Ein solches
Planungssegment kann zum Beispiel einen eigenständig planenden
Unternehmenszweig darstellen. Wichtige, bisher noch nicht betrachtete
Schnittstellen können sich jedoch auch durch das Verbinden zweier
Planungssegmente ergeben.
Abbildung 2 – Schnittstellen zwischen Planungssystemen und Grad der
Kompatibilität
Operative
Planung
Budgetplanung
Produktions-
planung
Scheduling
keine Kompatibilität
geringe Kompatibilität
hohe Kompatibilität
Operative
Planung
Budgetplanung
Produktions-
pl
a
nung
Scheduling
hohe Kompatibilität
hohe Kompatibilität
keine Kompatibilität
keine Kompatibilität
Planungssegment 1 Planungssegment 2
keine Kompatibilität
geringe Kompatibilität
Kompatibilität
21
____________________________________________________________________________
Innerhalb eines Planungssegmentes wird unter Berücksichtigung der für das
jeweilige Planungsszenario geltenden Randbedingungen ein der Zielfunktion
entsprechend optimaler Plan erstellt. Die zu berücksichtigenden
Randbedingungen resultieren im Wesentlichen aus drei sich zum Teil
überschneidenden Bereichen. Zum einen sind die Vorgaben des zeitlich
vorgelagerten Planungssystems einzuhalten, zum anderen müssen die für den
jeweiligen Zeitraum gültigen Randbedingungen (meist aus der Praxis
vorgegeben) berücksichtigt werden. Darüber hinaus können aber auch
Vorgaben aus angrenzenden Planungssegmenten resultieren. Die zuletzt
genannte Schnittstelle hat für die auf mehrere Planungssegmente verteilte
Optimierung wesentlichen Einfluss.
Organisatorisch können zwei oder mehr Planungssegmente auf allen zeitlichen
Ebenen der Planung über automatisierte Schnittstellen verbunden sein. Ein
derartig vernetztes Planen ist z.B. bei der Abstimmung selbständig planender
Produktionsstandorte möglich. Sinnvoll wird ein vernetztes Planen dann, wenn
zwischen den Planungssegmenten Wechselwirkungen entstehen und Synergien
genutzt werden. So können Planungsergebnisse der unterschiedlichen
Planungssegmente abgestimmt werden. Das kann z.B. bedeuten, dass
Vorgaben hinsichtlich ausgetauschter Zwischenprodukte wie Menge, Qualität,
Preis etc. von einem Planungssegment in ein anderes übermittelt werden.
Wie eingangs beschrieben ist eine hohe Kompatibilität zwischen
Planungssystemen die Grundvoraussetzung für eine mögliche Implementierung
des im Rahmen dieser Arbeit entwickelten Algorithmus. Basierend auf den
betrachteten Schnittstellen zwischen Planungssegmenten und –systemen
zeigten sich lediglich die Schnittestellen zwischen Produktionsplanung und
Scheduling, sowie zwischen den Segmenten der Produktionsplanung bzw.
Systemen des Schedulings als hoch kompatibel (siehe Abbildung 2) und somit
geeignet für die Implementierung des Ansatzes der verteilten Optimierung.
22
____________________________________________________________________________
4 Untersuchung bestehender Optimierungsalgorithmen und
Klassifizierung in Bezug auf die Implementierung des Systems der
verteilten Optimierung
Im Rahmen der mathematischen Optimierung im Sinne der
Optimierungstheorie14, werden in der Literatur eine Fülle von
Optimierungsformen und deren Weiterentwicklungen vorgestellt. Nachfolgend
findet eine Betrachtung geschlossener und nicht geschlossener Lösungen im
Sinne der direkten und indirekten Optimierungsverfahren statt. Die Ergebnisse
der Klassifizierung dienen dem Ziel, ein Verfahren zu ermitteln, das für die
Implementierung des Systems der verteilten Optimierung geeignet ist. Sie
bilden entsprechend die Grundlage für die nachfolgenden Ausführungen.
4.1 Klassifizierung verbreiteter Optimierungsverfahren in der Literatur
Ein wesentliches Merkmal der dargestellten Planungssysteme ist, dass alle
Systeme in sich geschlossen und autark optimieren. Das bedeutet, dass aus den
angrenzenden Schnittstellen von Planungssystemen und -segmenten zwar die
für die Optimierung geltende Rand- und Nebenbedingungen resultieren, der
Optimieralgorithmus selbst jedoch selbständig und ohne Kommunikation zu
anderen Systemen während der Optimierung durchgeführt wird. So kommt es
im Vorfeld einer LP-Rechnung im Rahmen der Produktionsplanung zu einem
Austausch der beschriebenen Randbedingungen; auch die Planungsergebnisse
bilden wieder eine Grundlage für einen Datenaustausch, allerdings werden
während des Optimiervorganges keine Daten ausgetauscht. Der
Optimieralgorithmus der Planungssysteme arbeitet autark, so dass im
Folgenden die gegenwärtig bestehenden Planungssysteme als autark
14 Göpfert, A (1986), S168 ff.
23
____________________________________________________________________________
optimierende Planungssysteme verstanden werden. Das so ermittelte Optimum
stellt jedoch trotz der berücksichtigten Vorgaben und Randbedingungen
angrenzender Planungssysteme lediglich das Optimum des jeweiligen
Planungssystems dar.
Nachdem in den vorangegangenen Kapiteln die Auswahl eines geeigneten
Planungssystems inklusive der damit verbundenen Schnittstellen erfolgt ist,
sollen nun die Lösungsalgorithmen autark optimierender Planungssysteme
dahingehend betrachtet werden, ob es möglich ist, den Algorithmus der
verteilten Optimierung zu implementieren.
Autark optimierende Modelle lassen sich im Hinblick auf den angewandten
Lösungsalgorithmus in „geschlossene“ und „nicht geschlossene“ Lösungen
unterscheiden (Abbildung 3).
Abbildung 3 – Klassifizierung verbreiteter Optimierverfahren in der Literatur
Algorithmen zur Lösung
autark optimierender
Modelle
geschlossene Lösung nicht geschlossene
Lösung
iterative
Optimierverfahren
indirekte
Optimierverfahren direkte
Optimierverfahren
24
____________________________________________________________________________
Dabei ist dann von einer geschlossenen Lösung die Rede, wenn die
Lösungsmenge mit Hilfe von Elementarfunktionen ermittelt werden kann15.
Das damit verbundene Normalgleichungssystem ist somit algebraisch zu lösen,
so dass eine geschlossene Formel entsteht. Der Anwendungsbereich dieser
Optimierungsform wird durch folgende Nachteile stark eingeschränkt: Es muss
das Normalgleichungssystem in einem System mit polynominalen Gleichungen
vorliegen oder zumindest in eine solche Form gebracht werden können, um
geschlossen lösbar zu sein. So weist Stubenvoll18 anhand der Lösung einer
dreidimensionalen Helmertransformation nach, dass sich das Problem in eine
4 x 4 Matrix formulieren und lösen lässt. Eine gravierende Einschränkung, die
durch die Forderung der geschlossenen Lösbarkeit entsteht, ist die begrenzte
Möglichkeit, mathematische Zusammenhänge durch Variablen eines Polynoms
auszudrücken. So löst Stubenvoll mit sehr hohem Aufwand maximal eine
polynominale Gleichung 4. Grades. Zur Abbildung von produktions-
technischen Zusammenhängen zum Zwecke der Produktionsplanung reichen
die aufgezeigten Möglichkeiten nicht aus. Auch die Verfahren zur
Vereinfachung komplizierter polynominaler Gleichungssysteme, wie z.B.
diejenigen von Buchberger16, die so genannte Gröbner-Basen zur
Polynomreduktion, erweitern die Lösungsmethodik der geschlossenen
Lösungen nicht hinreichend, so dass er in der Produktionsplanung und damit in
dieser Arbeit auch keine Berücksichtigung findet. Das bedeutet ebenfalls, dass
aufgrund der sehr begrenzten Anzahl an Variablen der noch darzustellende
Algorithmus der verteilten Optimierung mit seiner Vielzahl zusätzlicher
Gleichungen bei dem Ansatz geschlossener Lösungen technisch nicht
einsetzbar ist.
Der Bereich der nicht geschlossenen Lösungen, d.h. die modellmäßige
Abbildung in nicht geschlossene Formeln, ist weitestgehend der iterativen
Optimierung vorbehalten. Dabei ist unter der iterativen Optimierung die
15 Stubenvoll, R. (1995)
16 Buchenberger, B. (1965)
25
____________________________________________________________________________
schrittweise Maximierung/Minimierung der Zielfunktion unter Zuhilfenahme
eines Optimieralgorithmus zu verstehen. Als iterative Verfahren lassen im sich
im Wesentlichen die indirekten Verfahren im Sinne der Gradientenverfahren
und die direkten Verfahren nennen.
Da Gradientenverfahren in der Produktionsplanung der rohölverarbeitenden
Industrie theoretisch eine Rolle spielen können, sollen an dieser Stelle die drei
etabliertesten Gradientenmethoden dargestellt werden. Ferner soll geprüft
werden, ob Modelle, die mit Hilfe von Gradientenverfahren lösbar sind, im
Sinne dieser Arbeit verknüpft und in der verteilten Optimierung sinnvoll
eingesetzt werden können.
4.2 Indirekte Optimierungsverfahren in der verteilten Optimierung am
Beispiel der Gradientenverfahren
Lokale Optimierverfahren erzeugen mit einem Startwert u0 beginnend eine
Folge u1, u2, u3, ...., uk. Diese Folge konvergiert gegen ein Minimum/Maximum
u von f(u). Geht man von einem angestrebten Minimum aus, spricht man auch
von einem Abstiegsverfahren, da im Idealfall jeder Punkt der Folge einen
kleineren Funktionswert aufweist.
Nach Teunissen17 lassen sich Iterationsverfahren durch folgendes Schema
klassifizieren:
uk+1 = uk + tkdk, mit k = 0, 1, 2, ... (1)
Dabei gilt: 1. u0: Punkt, der dem vorhandenen Startwert entspricht
2. dk: Richtung des Folgepunktes
3. tk: Festlegung der positiven Schrittweite;
unter der Bedingung f(uk+1) < f(uk)
17 Teunissen, P. (1990), S. 138
26
____________________________________________________________________________
In der Vergangenheit sind eine Reihe von Gradientenverfahren entwickelt
worden, die sich im Wesentlichen nur in der Wahl des Richtungsvektors dk und
des positiven Skalars tk unterscheiden.
Grundsätzlich lassen sich in der Literatur unterschiedliche Algorithmen finden.
Das Grundprinzip des Iterationsverfahren bleibt jedoch gleich, es besteht darin,
das funktionale Modell durch Funktionsableitungen in ein einfaches Modell zu
überführen. Die drei in der Produktionsplanung etabliertesten Verfahren sollen
nachfolgend kurz vorgestellt und hinsichtlich der Möglichkeit zur
Implementierung der verteilten Optimierung analysiert werden. Der
vollständige Umfang an Gradientenmethoden kann und soll hier nicht
wiedergegeben werden.
4.2.1 Klassisches Gradientenverfahren bzw. die Methode des steilsten
Abstiegs
Von einem klassischen Gradientenverfahren oder von der Methode des
steilsten Abstiegs ist dann die Rede, wenn die Matrix als Einheitsmatrix
gewählt wird. Die Iterationsformel lautet:
uk+1 = uk – tk .
f(uk) (2)
Wesentlicher Einfluss auf das Ergebnis der Gradientenverfahren hat die Wahl
der Schrittweite tk . So werden sehr viele Iterationen benötigt, wenn die
Schrittweite zu klein gewählt wird. Bei einer zu großen Schrittweite hingegen
ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass das Verfahren nicht konvergiert. Aus
diesem Grund findet die Schrittweitenminimierungsregel Anwendung: Danach
wird auf der Halbgraden in Richtung des steilsten Abstiegs nach dem
gewünschten Funktionsminimum/-maximum gesucht. Ein Algorithmus
27
____________________________________________________________________________
ermittelt dann die optimale Schrittweite für den Nachfolger. Durch die
Orthogonalität aufeinander folgender Suchrichtungen kann allerdings ein
„Zickzack-Kurs“ entstehen, so dass bei höherdimensionalen Problemen sehr
viele Schritte erforderlich sind. Damit sind die klassischen
Gradientenverfahren für die Abbildung von Praxisproblemen nur eingeschränkt
einsetzbar. Selbst bei einem einfachen Modell kommt es durch die
Verknüpfung dieser Modelle untereinander in der Regel zu
höherdimensionalen Problemen, so dass der Einsatz klassischer
Gradientenverfahren im Zusammenhang mit der verteilten Optimierung
ausgeschlossen werden kann.
4.2.2 Newton-Raphson-Verfahren
Der auch als Newton-Verfahren bezeichnete Algorithmus war zunächst für den
Einsatz der Nullstellensuche einer Funktion entwickelt worden. Durch Lösen
des Normalgleichungssystems
f(u)=0, d.h. durch Bestimmung der Nullstellen
der ersten Ableitung, lassen sich mit Hilfe des Newton-Raphson-Verfahrens
die Minima/Maxima einer Funktion bestimmen und somit Optimierprobleme
lösen.
Ein nichtlineares Normalgleichungssystem ist in den meisten Fällen nicht
geschlossen lösbar. In diesem Falle ist es gängige Praxis, die Normalgleichung
durch eine Taylorreihe 1. Ordnung zu approximieren, d.h. zu linearisieren. Auf
dieses Verfahren soll jedoch nicht weiter eingegangen, sondern auf Björk und
Germund18 verwiesen werden. Inwieweit dieses lineare Normalgleichungs-
system das ursprüngliche Optimierproblem ersetzen kann, bleibt in der
Literatur weitgehend unklar.
18 Björk A.; Germund, D, 1972, S. 164 ff.
28
____________________________________________________________________________
Im Gegensatz zum beschriebenen klassischen Gradientenverfahren wird beim
Newton-Rapsohn-Verfahren die Zielfunktion bei jedem Iterationsschritt
quadratisch approximiert. Damit konvergiert dieses Verfahren schnell. Bei
quadratischen Funktionen ist das sogar in einem Schritt der Fall.
Als Nachteil des Newton-Raphson-Verfahren ist zu nennen, dass das
Aufstellen der zweiten Ableitungen je nach Struktur des funktionalen
Zusammenhangs sehr kompliziert sein kann und unter Umständen zum
Abbruch führt. Aus diesem Grunde erweiterte Levenberg19 bereits 1944 dieses
Verfahren. Ohne an dieser Stelle auf den Inhalt der Weiterentwicklung
einzugehen, bleibt festzuhalten, dass das erweiterte Newton-Raphson-
Verfahren auch Trust-Region-Method20 genannt ein Kompromiss zwischen
der klassischen Gradientenmethode und dem ursprünglichen Newton-Raphson-
Verfahren darstellt.
Dieses Verfahren, inklusive seiner Erweiterung durch Levenberg, ist in der
Lage, auch höherdimensionale Probleme zu lösen und das gewünschte
Maximum bzw. Minimum zu finden. Allerdings nimmt die Rechenzeit bei
komplizierteren Funktionen stark zu, der Einsatz in der EDV-gestützten
Produktionsplanung und in der verteilten Optimierung ist somit zwar technisch
möglich, aber aus Gründen der zu erwartenden langen Rechenzeit nur bedingt
sinnvoll.
4.2.3 Gauß-Newton-Verfahren
Einleitend lässt sich sagen, dass im Gegensatz zu dem Newton-Raphson-
Verfahren hier die Linearisierung nicht außerhalb, sondern innerhalb einer
Norm, d.h. auf der Ebene Normalgleichungen und Zielfunktionen,
19 Levenberg, K. 1944
20 Plantenga, T.D., 1999, S. 282 ff.
29
____________________________________________________________________________
vorgenommen wird. Die Funktionen der einzelnen Residuen werden an einem
Taylorpunkt entwickelt und dann erst einer Norm unterworfen.
Das Gauß-Newton-Verfahren konvergiert schnell, wenn die folgenden
Bedingungen erfüllt sind:
- die Zielfunktion sollte nur leicht gekrümmt sein
- die Residuen sollten klein sein
- und die Näherungswerte müssen in der Nähe des Minimums liegen.
Das Gauß-Newton-Verfahren findet in der computergestützten
Produktionsplanung nur in Individualentwicklungen Anwendung, nicht aber in
den verbreiteten Standardsoftware-Lösungen. Aufgrund der genannten
Bedingungen ist das Gauß-Newton-Verfahren nicht in der Lage, die
Zielfunktion der in der Regel komplexeren Modellierungen eines
Produktionsbetriebes zu optimieren. Die durch eine verteilte Optimierung
verstärkt auftretende Komplexität kann somit nur schwer mit dem Gauß-
Newton-Verfahren bewältigt werden.
4.3 Direkte Optimierungsverfahren in der lokalen und verteilten
Optimierung
Die in Anlehnung an Abbildung 3 nachfolgend betrachtete Gruppe der
Verfahren sind die direkten Optimierungsverfahren. Diese beinhalten
ausschließlich die Funktionswertberechnung der Zielfunktion. Hilfsfunktionen
wie Steigung, Krümmung etc. sind nicht notwendig. Charakteristisch für
direkte Optimierungsverfahren ist ein Entscheidungsbaum, der während des
Lösungsprozesses in Teillösungen zergliedert wird.
30
____________________________________________________________________________
Direkte Optimierverfahren können für eine große Anzahl von Praxisproblemen
eingesetzt werden, da im Gegensatz zu den Gradientenmethoden in begrenztem
Maße auch Zielfunktionen untersucht werden, die mehrere lokale Optima
besitzen. Welches der gefundenen Optima jedoch das globale darstellt, kann
auch mit den direkten Optimierungsverfahren nur bedingt gelöst werden.
Bezüglich der Erweiterung dieser Verfahren zur Ermittlung des globalen
Optimums wird hier auf Kapitel 9 verwiesen.
Als Vorteil der direkten gegenüber den indirekten Optimierungsverfahren wird
in der Literatur die Lösbarkeit von komplizierten Zielfunktionen
hervorgehoben21. Die mathematischen Modelle der Produktionsplanung
werden aufgrund der komplexen Modellstruktur mit Hilfe direkter Verfahren
gelöst. Die direkten Verfahren bilden somit eine geeignete Grundlage bei der
Implementierung der verteilten Optimierung. Nachfolgend soll beispielhaft auf
zwei Verfahren der direkten Optimierung unter der Maßgabe einer möglichen
Verknüpfung des betrachteten Algorithmus mit dem System der verteilten
Optimierung eingegangen werden.
4.3.1 Verfahren der Intervallschachtelung
Nach Kosmol22 wird eine Strecke AB, die das Minimum/Maximum
einschließt, durch einen neuen Punkt C im Verhältnis des Goldenen Schnittes
geteilt. Den Goldenen Schnitt formuliert KOSMOL so, dass sich eine längere
Teilstrecke AC2 zu einer kürzeren Teilstrecke AC1 so verhält wie die
Teilstrecke AB zur Teilstrecke AC2. Dieses Verhältnis lässt sich durch die
Punkte C1 und C2 einhalten. Anschließend werden die Funktionswerte f(C1)
und f(C2) verglichen. Der Punkt Ci mit dem kleineren/größeren Funktionswert
21 Press, W.H., 1992, Kap. 10
22 Kosmol, P., 1989, S. 64 ff.
31
____________________________________________________________________________
wird neuer Endpunkt. Der zweite Endpunkt wird durch das Teilen der
verbleibenden Strecke in folgendem Verhältnis ermittelt:
Verhältnis: 2/(5-1) bzw. 2/(3-5) (3)
Jedes andere Verhältnis ist theoretisch möglich. Diese Vorgehensweise wird
solange wiederholt, bis das gewünschte Minimum/Maximum in der
gewünschten Genauigkeit erreicht ist.
Das genannte Teilungsverhältnis kann bei einfachen Funktionsverläufen
schnell zu einer Lösung führen. Für den Einsatz bei komplizierten
Funktionsverläufen ist das Verfahren der Intervallschachtelung nicht
geeignet. Der Einsatz dieses Verfahrens im Zusammenhang mit der
verteilten Optimierung wird aufgrund der Einfachheit diese Verfahren
als nicht sinnvoll angesehen.
4.3.2 Simplex-Verfahren
Eiselt/Pederzoli/Sanblom23 beschreiben das Simplex-Verfahren als essentielles
algebraisches Verfahren zur Lösung jeglicher linearer Probleme durch
progressive Annäherung an eine optimale Lösung im Rahmen eines definierten
iterativen Prozesses, bis das Optimum in festgelegter Genauigkeit ermittelt
worden ist.
Ohne zu detailliert auf das Downhill-Simplex-Verfahren an dieser Stelle
einzugehen (näheres zum Verfahren bei Press24, Wolfe25 und Göpfert26), sollen
23 Eiselt/Pederzoli/Sanblom, 1987, S. 29 ff.
24 Press, W.H., 1992, Kap. 10
25 Wolfe, P., 1965
26 Göpfert, A. , 1986, S. 204 ff.
32
____________________________________________________________________________
hier kurz die wesentlichen Merkmale beschrieben werden, die im
Zusammenhang mit der verteilten Optimierung stehen.
Als Simplex wird zunächst ein geometrischer Körper mit n+1 Punkten im n-
dimensionalen Raum bezeichnet. Entsprechend der Anzahl der Dimensionen
sind für alle m Unbekannten jeweils m+1 Näherungswerte zu definieren, um
den Algorithmus zu initialisieren. Ziel des Downhill-Simplex-Verfahrens ist es,
für eine konvexe Funktion - das Simplex - so klein werden zu lassen, dass es
auf eine durch die Toleranzgrenze ε definierte Minimalgröße zusammen-
geschrumpft werden kann. Der Schwerpunkt des verbleibenden Simplexes
stellt das gesuchte Minimum dar. Das Schrumpfen des Ausgangssimplexes
erfolgt durch vier Regeln, die in folgender Reihenfolge anzuwenden sind:
Regel 1:
Man sucht den Punkt des Simplexes mit dem ungünstigsten Funktionswert.
Dieser Punkt wird an dem Schwerpunkt der übrigen Punkte gespiegelt.
Wenn der neue gespiegelte Punkt günstiger ist als alle anderen Punkte des
Simplexes, so bleibt zu prüfen, ob eine Spiegelung mit gleichzeitiger
Streckung eine Verbesserung des Funktionswertes ergibt.
Regel 2:
Ist der Funktionswert des gespiegelten und gestreckten Punktes ungünstiger
als der ausschließlich gespiegelte, so wird nur der gespiegelte Punkt als
Ersatz des zunächst ungünstigen Funktionswertes genommen.
Regel 3:
Bringt auch Regel 2 keine Verbesserung, so kann entlang der in Regel 1
und 2 beschriebenen Geraden eine Stauchung des Simplexes erfolgen.
33
____________________________________________________________________________
Regel 4:
Haben alle drei Regeln keine Verbesserung des Ausgangssimplexes
gebracht, wird der Simplex mit Ausnahme des Punktes mit dem kleinsten
Funktionswert entlang aller Dimensionen gestaucht.
Eine sehr gute grafische Darstellung unter Umsetzung der vier aufgezeigten
Regeln zeigen Eiselt / Pederzoli / Sanblom27, wobei eine grafische Lösung
nicht mehr als drei Variablen zulässt.
Wie in Kapitel 7.2.1 näher beschrieben wird, kann der Algorithmus der
verteilten Optimierung nach jeder abgeschlossenen Simplex-Iteration, die
entsprechend der dargestellten vier Regeln durchgeführt wird, eingreifen. Zur
Reduzierung der Gesamtrechenzeit kann dies aber auch nach einer definierten
Anzahl an Iterationen erfolgen. Prinzipiell sind aufgrund der hohen
Leistungsfähigkeit des Downhill-Simplex-Verfahrens höher dimensionale
Probleme mit vielen Variablen sowie nicht-geschlossen-lösbare Systeme
lösbar.
Eine Verknüpfung dieses Algorithmus mit dem Algorithmus der verteilten
Optimierung wird aufgrund des iterativen Charakters und der hohen
Leistungsfähigkeit somit als möglich angesehen.
Als Alternative zum Simplex-Algorithmus stellen Mitra, Levkovitz und
Tamiz28 ein Verfahren mit der Bezeichnung „Interior Point Method (IPM)“
vor. IPM ist stabiler und aufgrund der geringeren Anzahl an notwendigen
Iterationsschritten effizienter als der Simplex-Algorithmus. Andersen29 sieht
sogar eine derart hohe Effizienz von IPM, dass er den Einsatz von IPM im
Rahmen der massiven Parallelität empfiehlt. Aber auch die Kombination von
27 Eiselt/Pederzoli/Sanblom, 1987, S. 32 ff.
28 Mitra,G.; Levkovitz, R, Tamiz, M (1991)
29 AndersonJ.H.; Mitra, G; Parksinson, D. (1991)
34
____________________________________________________________________________
IPM und dem Simplex Algorithmus wird von BIXBY30 als Möglichkeit
aufgezeigt, die Kapazität des Simplex-Algorithmus zu erweitern.
Da durch die Erweiterung um IPM relevante Punkte für eine Implementierung
des Algorithmus der verteilten Optimierung nicht betroffen sind, wird im
weiteren der Simplex-Algorithmus ohne Berücksichtigung von IPM betrachtet.
Abschließend läßt sich zusammenfassen, dass im Rahmen der mathematischen
Optimierung im Sinne der Optimierungstheorie31 in der Literatur eine Reihe
von Verfahren bekannt sind, deren Inhalt in Auszügen beschrieben und auf
deren Weiterentwicklungen eingegangen wurde. Wesentliche Unterteilungen
der Algorithmen zur Lösung autark optimierender Modelle wurden ausgehend
von der Abbildung 3 erörtert. Ebenso wurden relevante Optimierverfahren
vorgestellt.
Eine abschließende Bewertung der in diesem Kapitel vorgestellten
Algorithmen zur Lösung autark optimierender Modelle hinsichtlich des
Einsatzes des Systems der verteilten Optimierung wird zusammen mit der
Bewertung der Erkenntnisse aus dem Kapitel 3, welches sich mit der
Untersuchung verschiedener Formen von Planungssystemen auseinandersetzte,
zusammen in Kapitel 5 vorgenommen.
30 Bixby, R.E.; Gregory, J.W.; Lustig, I.J; Marstend, R.E.; Shanno (1991)
31 Göpfert, A (1986), S168 ff.
35
____________________________________________________________________________
5 Auswertung der Untersuchungen von bestehenden Planungssystemen
und Optimierungsalgorithmen im Hinblick auf die Implementierung
des Algorithmus der verteilten Optimierung
In den vorangegangenen Kaptiteln 3 und 4 wurden sowohl Planungssysteme
aus dem Anwendungsbereich der rohölverarbeitenden Industrie als auch die
darin zur Anwendung kommenden Optimierungsalgorithmen im Sinne der
Optimierungstheorie erörtert.
Nachfolgend sollen in einem ersten Schritt Kriterien erarbeitet werden, anhand
derer dargestellte Planungssysteme und Optimierungsalgorithmen hinsichtlich
der Implementierung des Algorithmus der verteilten Optimierung überprüft
werden können. Darauf aufbauend werden in einem zweiten Schritt anhand der
festgelegten Kriterien die vorgestellten Planungssysteme und
Optimierungsalgorithmen im Hinblick auf die Implementierung des Ansatzes
der verteilten Optimierung untersucht.
Der in Kapitel 7 vorzustellende Algorithmus wird schließlich in Kapitel 8 in
das nachfolgend zu bestimmende Planungssystem und in den dazugehörigen
Optimierungsalgorithmus implementiert.
Beginnend mit der Bestimmung der Kriterien zur Bewertung der Planungs-
systeme und Optimierungsalgorithmen lassen sich im Hinblick auf den
Algorithmus der verteilten Optimierung drei zentrale Elemente nennen:
Hohe Kompatibilität von Schnittstellen zwischen Planungssystemen
Iterativer Optimierungsalgorithmus
Hoher Verbreitungsgrad des Planungssystems
36
____________________________________________________________________________
In Kapitel 3.2 wurde basierend auf den Definitionen von Planungssystemen
und Planungssegmenten die Kompatibilität zwischen diesen Elementen
betrachtet. Als Kompatibilität von Schnittstellen wurde in diesem
Zusammenhang das Ausmaß der Formatierung verstanden, welches notwendig
ist, um Datensätze ohne inhaltliche Verluste zwischen Planungssystemen und –
segmenten zu transferieren. Der Begriff der Kompatibilität wurde dabei im
umgekehrt proportionalen Sinne zum Ausmaß des Formatierungsaufwandes
der zu transferierenden Daten gesehen.
Das Ergebnis dieser Betrachtung wurde in Abbildung 2 dargestellt. Danach
eignen sich die Systeme der Produktionsplanung und des Schedulings hin-
sichtlich der Kompatibilität für die Implementierung des Algorithmus der
verteilten Optimierung. Andere System- und Segmentschnittstellen zeigen
diesen Vorteil nicht oder nur eingeschränkt. Beim Datentransfer zwischen den
übrigen Systemen und Segmenten muss in der Regel ein Mindestmaß an
Formatierung eingebracht werden, um eine vollständige und korrekte
Übertragung gewährleisten zu können. Diese individuell anzupassende For-
matierung ist nicht im Sinne eines hochkompatiblen Systems.
Das zweite Kriterium zu Implementierung des Algorithmus der verteilten
Optimierung ist die Form des Lösungsalgorithmus eines Systems. Dieser muß
einen iterativen Charakter haben, um eine Implementierung des in dieser
Arbeit entstandenen Algorithmus zu ermöglichen. Grund für die
Notwendigkeit des iterativen Charakters ist, wie in Kapitel 7.2.1 beschrieben,
die Voraussetzung, Zwischenergebnise innerhalb des Lösungsprozesses zu ex-
und importieren, während der Lösungsalgorithmus des jeweiligen Systems
temporär unterbrochen und nach dem Datenaustausch weitergeführt wird.
In Kapitel 4 wurden dazu verbreitete Verfahren zur Modelloptimierung darge-
stellt und es wurde untersucht, in welchem Maß eine Einsetzbarkeit des
37
____________________________________________________________________________
jeweiligen Algorithmus in Verbindung mit dem Ansatz der verteilten
Optimierung realistisch umgesetzt werden kann.
So konnte festgestellt werden, dass Modelle, die mit Hilfe einer geschlossenen
Lösung optimiert werden, zum einen nur bedingt für den Einsatz in der
Produktionsplanung bzw. für den des Schedulings geeignet sind, zum anderen
nicht die technischen Voraussetzungen für Implementierung des Systems der
verteilten Optimierung haben. Dies ist im Wesentlichen auf die Tatsache
zurückzuführen, dass mit dem Ansatz der geschlossenen Lösungen maximal
polynominale Gleichungen 4. Grades gelöst werden können. Ferner kann diese
Form der Optimierung aufgrund des fehlenden iterativen Charakters für das
System der verteilten Optimierung ausgeschlossen werden.
Wie in Kapitel 4.2 gezeigt, kann von den untersuchten Gradientenverfahren mit
indirekter Optimierung nur das Newton-Raphson-Verfahren als bedingt sinn-
voll für den Einsatz im Rahmen der verteilten Optimierung angesehen werden.
Andere indirekt optimierende Verfahren mussten aufgrund der mangelnden
Leistungsfähigkeit ausgeschlossen werden. Wegen der zur Komplexität der
Funktion überproportional ansteigenden Rechenzeit im Rahmen dieser Arbeit
soll auch das Newton-Raphson-Verfahren nicht weiter betrachtet werden.
Ausschließlich das Downhill-Simplex-Verfahren wurden von den Verfahren
der direkten Optimierung in Kapitel 4.3 als möglicher Algorithmus eingestuft.
Er beherrscht die Komplexität einer praxisnahen Planung und macht aufgrund
des iterativen Charakters eine Implementierung des Ansatzes der verteilten
Optimierung möglich.
Verbindet man diese Erkenntnis mit den in Kapitel 3.1 vorgestellten Planungs-
systemen der rohölverarbeitenden Industrie, so stellt sich die Frage, in welchen
der dargestellten Planungssystemen das Downhill-Simplex-Verfahren zur
Anwendung kommt. Als Ergebnis lassen sich in diesem Zusammenhang
38
____________________________________________________________________________
ausschließlich LP-basierende Systeme wie die der Produktionsplanung bzw.
der Operativen Planung nennen.
Abbildung 4 werden zur Verdeutlichung die Ergebnisse der vorgestellten
Optimieralgorithmen hinsichtlich der Einsetzbarkeit im Rahmen der verteilten
Optimierung nochmals zusammengefasst:
Abbildung 4 - Einsetzbarkeit vorgestellter Optimierverfahren im Rahmen der
verteilten Optimierung
Algorithmen zur Lösung
autark optimierender
Modelle
geschlossene Lösung
nicht geschlossene
Lösung
iterative
Optimierverfahren
indirekte Optimierverfahren direkte Optimierverfahren
= nicht möglich = bedingt möglich = möglich
Klassische Gradientenverfahren bzw.
Methode des kleinsten Abstiegs
Newton-Raphson-Verfahren
Gauß-Newton-Verfahren
Verfahren der Intervall
-
Schachtelung Methode des
kleinsten Abstiegs
Downhill-Simplex
Einsetzbarkeit im Rahmen der verteilten Optimierung:
39
____________________________________________________________________________
Das letzte Kriterium zur Implementierung des Algorithmus der verteilten
Optimierung ist schließlich der Verbreitungsgrad des Planungssystems, in das
der Algorithmus implementiert werden soll.
Zwar ist es technisch möglich, den erarbeiteten Algorithmus in jedes Optimier-
system, welches rekursiv in asymthotischer Weise die gewünschte Extremstelle
der Zielfunktion ermittelt, einzubringen, allerdings geschieht dies in Ab-
hängigkeit der Ausprägung des jeweiligen Optimiersystems. Wie in Kapitel
7.2.1 noch ausführlich beschrieben wird, muss ein Teil des Algorithmus zur
verteilten Optimierung in die Optimierungssysteme implementiert werden, um
den Optimierungsprozess zwischen zwei Rekursionen anhalten und Daten
exportieren und schließlich wieder importieren zu können. Dieser
Programmteil muss für jede Software-Lösung separat programmiert werden.
Um die Anzahl der Programmvarianten klein zu halten und dennoch eine hohe
Beteiligung zu erreichen, soll der Algorithmus der verteilten Optimierung in
ein System mit hohem Verbreitungsgrad implementiert werden.
Nimmt man die in Kapitel 3 vorgestellten Planungssysteme als Basis, so lässt
sich feststellen, dass in den Bereichen Operative Planung, Budgetplanung und
vor allem Produktionsplanung LP-Systeme zum Einsatz kommen. In der rohöl-
verarbeitenden Industrie decken hier nur zwei Softwarelösungen einen über-
wiegenden Teil der LP-Systeme ab. Zum einen ist dies das System PIMS von
der Firma ASPENTECH32 und zum anderen GRTMPS von HAVERLY
SYSTEMS33. Aspentech verzeichnet dabei den größten Marktanteil von
nahezu 75% aller raffineriebezogenen LP-Systeme. Anzumerken ist, dass beide
LP-Systeme hinsichtlich der Dateneingaben, der Form der Modelllösung sowie
der Datenausgaben sehr ähnlich sind. Eine Implementierung des Algorithmus
der verteilten Optimierung in eines der beiden LP-Systeme kann mit
beschränktem Aufwand auf das andere System übertragen werden.
32 ASPENTECH (http://www.aspentech.com)
33 HAVERLY SYSTEMS INC. (http://www.haverly.com)
40
____________________________________________________________________________
Planungssysteme, die aus dem Bereich des Schedulings oder gar des Advanced
Controll kommen, sind zahlreich am Markt verfügbar. Die Adaption auf jedes
einzelne System wäre aufwendig und würde aufgrund des geringen
Verbreitungsgrades nur eine geringe Beteiligung erreichen.
So sst sich hinsichtlich des Verbreitungsgrades von Planungssystemen
formulieren, dass LP-basierte Systeme, die im Bereich der Operativen
Planung, der Budgetplanung und vor allem in der Produktionsplanung zum
Einsatz kommen, einen hohen Verbreitungsgrad und damit eine hohe
Systembeteiligung bei begrenztem systemseitigem Implementierungssaufwand
aufweisen.
Fasst man die Ergebnisse aus der durchgeführten Bewertung im Hinblick hoher
Kompatibilität von Schnittstellen zwischen Planungssystemen, iterativer
Optimieralgorithmen sowie eines hohen Verbreitungsgrades zusammen, ergibt
sich der in Abbildung 5 dargestellte Zusammenhang.
Danach zeigen von den vorgestellten Planungssystemen lediglich die Operative
Planung, die Budgetplanung und die Produktionsplanung Optimierverfahren
mit einem iterativem Charakter im Sinne des Downhill-Simplex. Eine hohe
Kompatibilität konnte nur bei den Systemen der Produktionsplanung und des
Schedulings aufgezeigt werden. Den gewünschten Verbreitungsgrad
schließlich wiesen die LP-basierten Systeme auf.
41
____________________________________________________________________________
Abbildung 5 – Kriterien zur Implementierung des Systems der verteilten
Optimierung
Fasst man die Ergebnisse aller drei Kriterien zusammen, entspricht lediglich
das System der Produktionsplanung in Verbindung mit einem LP-System den
Anforderungen zur Implementierung des Algorithmus der verteilten Opti-
mierung.
Aufgrund der formulierten Mindestanforderungen lässt sich die weitere Vor-
gehensweise wie folgt festlegen: Es soll nachfolgend ein Algorithmus
erarbeitet werden, der eine Verknüpfung beider Systeme mit dem Ziel der
Mögliche Planung
s
systeme:
- Operative Planung
- Budget-Planung
- Produktionsplanung
- Scheduling
- (Advanced Control)
Ergebnis aus Kapitel
3.1
Ergebnisse aus Kapitel 4.2 und 4.3
Iterative Optimierung
- Operative Planung
- Budget-Planung
- Produktionsplanung
Hohe Kompatibilität
- Produktionsplanung
- Scheduling
Ergebnis aus Kapitel
3.2
hoh
er Verbreitungsgrad:
- Operative Planung
- Budget-Planung
- Produktionsplanung
Verknüpfung von Systemen der Produktionsplanung mit
dem Ziel der verteilten Optimierung
mögliche Optimierverfahren:
- geschlossene Lösung
- Newton-Raphson
- Downhill-Simplex
42
____________________________________________________________________________
verteilten Optimierung erlaubt. Der in Kapitel 7 erarbeitete Algorithmus wird
dann in eben dieses System der Produktionsplanung und dem dazugehörigen
LP-basierten Optimieralgorithmus implementiert, was in Kapitel 8 dargestellt
wird.
43
____________________________________________________________________________
6 Einordnung des Begriffs verteilter Systeme in bestehende
Forschungsansätze
In den vorangegangenen Kapiteln wurde der Begriff der verteilten Opti-
mierung“ im Sinne der vorliegenden Arbeit definiert und erörtert. Nachfolgend
soll dieser Begriff ergänzend in den Kontext aktueller Literatur eingeordnet
werden. Im Besonderen soll dies im Hinblick auf die von Rosenberg
publizierten Arbeiten erfolgen. Unter der Leitung von Dangelmaier, Rosenberg
und Bock beschäftigt sich das Sonderforschungsprojekt 376 Teilprojekt C2
an der Universität Paderborn34 mit der Entwicklung praxisrelevanter Modelle
und paralleler/verteilter Algorithmen zur echtzeitnahen Planung von vernetzten
Produktionssystemen. Grundlage des Forschungsansatzes ist die Annahme,
dass global agierende Produktionsunternehmen in ein Supply-Netz
eingebunden sind, welches eine unternehmensübergreifende Betrachtung und
Optimierung des gesamten Netzwerkes erforderlich macht. Bestehende
Planungs- und Steuerungsverfahren berücksichtigen dabei lediglich einzelne
Unternehmenssegmente und führen so zur Berechnung lokaler Optima
Aussagen über das globale Optimum können nicht gemacht werden. Ziel des
Teilprojektes C2 sowie dieser Arbeit ist die Entwicklung von
unternehmensübergreifenden Planungssystemen, die mittels verteilter
Algorithmen eine Bestimmung des globalen Optimums für das
Produktionsnetzwerk ermöglichen.
Bezogen auf das Gebiet der verteilten Systeme sollen in diesem Zusammen-
hang Veröffentlichungen von Stefan Bock35 näher betrachtet werden. Darauf
aufbauend wird der Themenbereich der vorliegenden Arbeit in den Kontext der
o.g. Forschungsaktivitäten eingeordnet und abgegrenzt. Abschließend wird
34 Beispielhaft sei hier auf Veröffentlichungen wie „Using distributed systems to control
mixed-model assemly lines in realtime [2003]“ von S. Bock, O. Rosenberg, T. van Brackel
verwiesen.
35 Bock, S., 2000
44
____________________________________________________________________________
untersucht, in welcher Weise die Ergebnisse dieser Arbeit eine Ergänzung zu
den Veröffentlichungen von Stefan Bock darstellen können.
Der in Kapitel 7.2 erarbeitete verteilte Algorithmus kommt in so genannten
verteilten Systemen zur Anwendung. Um eine Einordnung des Algorithmus in
diesem Zusammenhang zu erörtern, wird nachfolgend die logische
Unterteilung verteilter Systeme dargestellt.
Eine der ersten Definitionen und Einteilungen im Bereich der verteilten
Systeme lässt sich bei Michael Flynn36 erkennen. Bereits 1966 formulierte
Flynn auf Basis der IBM 704, 709 und 7090 wesentliche Definitionen für
Instruktions- und Datensequenzen. Dabei legte Fynn fest, dass unter einem
„Instruction Stream“ eine Sequenz von Instruktionen zu verstehen ist, die für
die maschinelle Verarbeitung von Anweisungen bestimmt ist. Der „Data
Stream“ hingegen stellt danach eine Sequenz von Daten dar, die durch einen
oder mehrere Instruction Streams“ abgerufen wird und eine definierte
Weiterverarbeitung initiiert.
Nach dieser Form der Definition der Begriffe Instruction Stream“ und „Data
Stream“ lässt Flynn theoretisch zu, dass ein „Instruction Stream“ sowohl einen
als auch mehrere „Data Streams“ zur Verarbeitung auslöst. Ferner können
damit mehrere „Instruction Streams“ auch einen bzw. mehrere „Data Streams“
auslösen. Diese Matrix ähnliche Verknüpfungsmöglichkeit war Anfang der
70-ger Grundlage für eine rasante Entwicklung unterschiedlicher Rechner-
architekturen. Die Forschungsaktivitäten der expandierenden Computerent-
wickler und –hersteller konzentrierte sich dabei stark auf die Entwicklung
anwendungsspezifischer Rechnerarchitekturen. Der Entwicklungsschwerpunkt
lag dabei eindeutig auf der Steigerung der anwendungsrelevanten Rechner-
leistung und noch nicht auf der Nutzung von Synergien in Entwicklung und
36 Flynn, M. J., 1966, S. 1901 - 1909
45
____________________________________________________________________________
Produktion von Rechnersystemen, wie sie im weiteren zeitlichen Verlauf im
Vordergrund standen.
Auf derBasis der Definition von „Instruction Stream“ und „Data Stream“ struk-
turierte Flynn die Fülle der neu entwickelten Kombinationen. Nach Flynn
lassen sich Rechnerarchitekturen damit grundsätzlich in vier Klassen von
Rechnertypen unterteilen:
1. Single Instruction Stream - Single Data Stream (SISD)
2. Single Instruction Stream - Multiple Data Stream (SIMD)
3. Multiple Instruction Stream - Single Data Stream (MISD)
4. Multiple Instruction Stream - Multiple Data Stream (MIMD)
In die SISD-Klasse werden im wesentlichen Neumannrechner eingeordnet, die
mit so genannten sequenziellen Algorithmen arbeiten. Zur ausführlichen Dar-
stellung sei hier auch auf A.Y. Zomaya verwiesen37.
Die Klasse der SIMD-Rechner zeichnet sich hingegen durch den parallelen
Einsatz von mehreren Prozessoren aus. Dabei verarbeiten alle beteiligten
Prozessoren den selben „Instruction Stream“, jedoch mit jeweils eigenem
Datensatz. In diesem Fall arbeiten die Prozessoren synchron, wodurch SIMD-
Rechner in die Kategorie der parallelen Systeme eingeordnet werden können.
Hinsichtlich der Speicherzuordnung lassen sich nach Zomaya bestehende
SIMD-Systeme in „Shared-memory“ (SM) und Local-Memory“ (LM)
Rechner unterscheiden. Im Gegensatz zu den LM-SIMD-Rechnern, greifen bei
SM-SIMD-Rechnern alle Prozessoren auf einen gemeinsamen Speicher zu.
Diese simultane Verarbeitung von Datensätzen führt zu einer hohen Leistungs-
higkeit der SIMD-Rechner, die einen sehr zweckgebundenen Einsatz vor
allem im Bereich der Bildverarbeitung oder Datenbankverwaltung möglich
machen.
46
____________________________________________________________________________
In die Gruppe der MISD-Rechner fallen Systeme, in denen mehrere Prozes-
soren gleichzeitig unterschiedliche Instruktionen, allerdings auf der Basis
gleicher Daten verarbeiten können und somit als typische Parallelrechner
bezeichnet werden dürfen.
Die Parallelrechner der Kategorie MIMD arbeiten im Gegensatz zu den MISD-
Rechnern auf mehreren Prozessoren bei unterschiedlichen Instruktionen auf
unterschiedlichen Datensätzen.
Verfolgt man in den Jahren nach der Entwicklung der unterschiedlichen ver-
teilten Systeme deren Ausbreitung, lassen sich im Nachgang folgende
Verbreitungsgrade feststellen38: Im Vergleich haben sich im Bereich der
Parallelrechner die MIMD-Systeme am stärksten etabliert, gefolgt von SIMD-
Rechnern. Die in den vorangegangenen Kapiteln dieser Arbeit geforderte hohe
Rechnerkompatibilität ist die Grundlage für die Umsetzung des erarbeiteten
Ansatzes der Verknüpfung mathematischer Modelle. Aufgrund des hohen
Verbreitungsgrades der Systeme MIMD und SIMD sollen diese daher nach-
folgendher betrachtet werden.
Als Kategorien, in denen ein oder mehrere „Instruction Streams“ gleichzeitig,
d.h. parallel, verarbeitet werden können, fasst Lüling39 in seiner Dissertation
genau die Kategorien MIMD und SIMD unter den Begriff der „horizontalen
Parallelität“ zusammen. So definiert Lüling, dass bei horizontaler Parallelität
mehrere Instruction Streams“ gleichzeitig verarbeitet werden bzw. ein
einzelner „Instruction Stream“ parallel auf mehrere „Data Streams angewandt
werden kann.
37 Zomaya, A.Y., 1996, S. 7
38 BBN Advanced Computers Inc., 1989
39 Lüling, R., 1996, S. 2
47
____________________________________________________________________________
Eine vertikale Parallelität tritt hingegen dann auf, wenn einzelne Anweisungen
eines „Instruction Streams“ nicht sequentiell, sondern parallel in einem oder
mehreren Verarbeitungseinheiten (hier Prozessoren) abgearbeitet werden
können. Aus bereits genannten Gründen der Kompatibilität und des Verbrei-
tungsgrades sollen die Systeme der vertikalen Parallelität nicht weiter betrach-
tet werden.
Bevor weiter auf die Unterteilung horizontaler Systeme eingegangen wird, soll
zur Veranschaulichung auf die grafische Darstellung der beschriebenen Struk-
tur verteilter Systeme verwiesen werden (siehe dazu Abbildung 6).
Abbildung 6 – Einteilung verteilter Systeme
Wie in Abbildung 6 dargestellt, wird in der Literatur im Bereich der Systeme
horizontaler Parallelität in enge“ und „lose“ gekoppelte Systeme unter-
schieden. Beide Systemformen sollen hinsichtlich der inhaltlichen Einordnung
dieser Arbeit sowie hinsichtlich der Veröffentlichungen von Lüling und Bock
näher erörtert werden.
Verteilte Systeme
WAN
skalierbar
LANlose gekoppelt
SISD
Haking
MIMD
eng gekoppelt
horizontale
Parallelität
SIMD
MISD
Bock
vertikale
Parallelität
nicht-skalierbar
48
____________________________________________________________________________
Wie bei Zomaya40, Lüling41 und auch Bock42 dargestellt wurde, haben sich in
den vergangenen Jahren bei Parallelrechnern zwei Systemgruppen entwickelt:
Seit Mitte der 80er Jahre haben sich Systeme, die eine größere Anzahl von
Prozessoren über ein leistungsfähiges Kommunikationsnetzwerk koppeln,
etabliert. Beispielhaft seien hier Paragon von Intel und SP2 von IBM genannt.
Diese Systeme lassen sich als „eng gekoppelt“ bezeichnen.
Im Bereich der eng gekoppelten Parallelrechner lassen sich bestehende
Systeme wiederum hinsichtlich der prinzipiellen Architektur der
eingebundenen Prozessoren in die Kategorien der nicht „skalierbaren“ bzw.
„skalierbaren Parallelrechner“ unterteilen.
Nicht skalierbare Parallelrechner nutzen als Kommunikationsinstrument Bus-
oder gemeinsame physikalische Speichermedien mit dem Ziel einer sehr hohen
Rechenleistung. In der Regel geht dies mit einer festen baulichen Anordnung
von Prozessoren einher, deren Verbindung zum gemeinsamen Bus bzw.
Speicher einen stark permanenten Charakter hat. Ein temporäres Lösen und
Einbinden einzelner Prozessoren über eine Netzwerkstruktur ist bei nicht
skalierbaren Parallelrechnern technisch in nur wenigen Fällen sinnvoll. So
fallen bei dem vom IBM gebauten Supercomputer Blue Gene/L ca. die Hälfte
der Rechenleistung der 65.536 Prozessoren auf Netzwerkfunktionen zwischen
den verbundenen Einzelracks, wobei sich immer 1024 der Prozessoren in
einem Rack zusammenfassen lassen. Hinsichtlich der exponentiell wachsenden
Rechenleistung ist in den vergangen Jahren ein regelrechter Wettbewerb ent-
standen. So stellte noch 2002 das Regatta-System mit 752 Power-4-Prozes-
soren der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mit 3,9 Teraflop43 in der Sekunde
das leistungsfähigste System in Deutschland dar. Führend war zu diesem
Zeitpunkt der japanische Earth-Simulator von NEC mit fast 36 Teraflop in der
40 Zomaya, A.Y., 1996, S. 492 und S. 949
41 Lüling, R., 1996, S. 5 ff.
42 Bock, S., 2000, S. 33 ff.
43 Flop = FloatingPoint Operations per Second. Ein Teraflop erfordert die Ausführung von
49
____________________________________________________________________________
Sekunde. Im Oktober 2005 baute IMB schließlich den Supercomputer Gene/L
im Lawrence Livermore National Laboratory mit einer Rechenleistung von
280,6 Teraflop. Die Investitionen derartiger Rechner liegen in der Regel bei
über 100 Millionen US Dollar bei einem Stromverbrauch von bis zu 10
Megawatt.
Die Technologie nicht skalierbarer Parallelrechner findet aufgrund der hohen
Rechenleistung in Verbindung mit hohen Kosten nur in sehr speziellen An-
wendungen ihren Einsatz. Dazu zählen oftmals rechenintensive Simulationen
in den Bereichen Strömungslehre, Elementarphysik, Klima- und
Umweltforschung.
Betrachtet man die Nachteile nicht skalierbarer Parallelrechner, so lässt sich
Folgendes zusammenfassen: Nicht skalierbare Parallelrechner zeigen eine stark
eingeschränkte Flexibilität im Hinblick auf die Anpassungsfähigkeit beteiligter
Prozessoren. Eine hohe Anzahl an permanent beteiligten Prozessoren kann
zwar integriert werden, allerdings ist die absolute Anzahl technisch begrenzt.
Ferner ist es beim Einsatz nicht skalierbarer Parallelrechner nicht sinnvoll,
große Distanzen zwischen den verknüpften Prozessoren zu überbrücken, da die
begrenzte Übertragungsrate der eingebundenen Bus- und Transfersysteme den
großen Vorteil der Leistungsfähigkeit überproportional aufhebt.
Im Hinblick auf die in Kapitel 5 dargestellten Systemanforderungen zur Ver-
knüpfung mathematischer Modelle mit dem Ziel der verteilten Optimierung ist
der Ansatz nicht skalierbarer Parallelrechner aufgrund der eingeschränkten
Flexibilität, der räumlich stark gebundenen Anordnung beteiligter Prozessoren
und vor allem aufgrund der stark überdimensionierten Rechenleistung keine
geeignete Plattform zur Umsetzung des erarbeiteten Algorithmus.
einer Trillionen Operationen pro Sekunde.
50
____________________________________________________________________________
Neben den nicht skalierbaren stellen die skalierbaren Parallelrechner eine
zweite Variante eng gekoppelter Systeme im Bereich der horizontalen Parallel-
rechner dar.
Skalierbare Parallelrechner nutzen im Gegensatz zu den nicht skalierbaren
prinzipiell ein Netzwerk zum Datenaustausch zwischen den Prozessoren. Das
bedeutet, dass zur Erreichung der angestrebten Rechenleistung Prozessoren
nicht mehr unmittelbar in ein Rechnermodul implementiert werden müssen,
sondern über einen permanenten Datentransfer verbunden sind. Beispielhaft sei
hier der 2004 in Betrieb genommene Linux-Cluster mit 16 Servern des Typs
rx2600 an der Universität Karlsruhe genannt. Jeder Server ist dabei mit zwei
Prozessoren ausgestattet. Im Jahr 2006 wird dieses System auf insgesamt 334
Knoten ausgebaut. Die Rechenleistung in Relation zu den nicht skalierbaren
Parallelrechnern liegt dann bei elf Teraflop. Im Gegensatz zu den nicht skalier-
baren Systemen kann zwar die räumliche Distanz vergrößert werden, allerdings
stellt dieser Transfer der Daten zwischen den Prozessoren aufgrund der be-
grenzen Übertragungsrate wiederum die die Rechnerleistung begrenzende
Größe dar. Der Linux-Cluster der Universität Karlsruhe arbeitet beispielsweise
mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 2 Gigabyte pro Sekunde.
Skalierbare sowie nicht skalierbare Parallelrechner sind konzeptionell nicht
dafür ausgelegt, unterschiedliche Rechner flexibel im Sinne einer stark fluk-
tuierenden und temporär begrenzten Einbindung von Rechnern über große
Distanzen zu verbinden. Demgegenüber kann die extrem hohe Rechenleistung
nicht sinnvoll genutzt werden. Eng gekoppelte Systeme scheiden somit sowohl
für die Implementierung des in dieser Arbeit dargestellten Algorithmus als
auch für den von Bock entwickelten Ansatz aus.
Neben den eng gekoppelten Systemen“ stellen die lose gekoppelten Sys-
teme“ die zweite Gruppe im Bereich der horizontalen Parallelität dar.
51
____________________________________________________________________________
Unter lose gekoppelten Systemen“ versteht man das Verbinden von Personal
Computern (PC) durch Netzwerke. Diese Netzwerke zeichnen sich im
Gegensatz zu den bei eng gekoppelten Systemen eingesetzten Netzwerken
dadurch aus, dass die Anzahl der an dem Netzwerk beteiligten Knoten
grundsätzlich unbegrenzt ist. Da bei lose gekoppelten Systemen zunächst nicht
die Rechnerleistung, sondern vielmehr die Möglichkeit einer flexiblen Kom-
munikation von Rechnern im Vordergrund steht, setzt man auf Kosten der
Übertragungsraten auf eine hohe Kompatibilität unterschiedlicher PC-Konfigu-
rationen sowie auf einen hohen Verbreitungsgrad der Netzwerke. Damit
einhergehend setzt man im ersten Schritt bei lose gekoppelten
Rechnernetzwerken weniger auf Spezialanwendungen mit hoher
Rechnerleistung, sondern auf Flexibilität hinsichtlich Einbindung neuer
Netzwerkknoten und Kompatibilität.
Die etabliertesten Beispiele lose gekoppelter Systeme sind sicherlich LAN-
und WAN-Netzwerke, die im Weiteren im Hinblick auf die Implementierung
des Ansatzes der verteilten Optimierung untersucht werden sollen.
Die im Gegensatz zu den WAN-Netzen (wide area network) räumlich be-
grenzten LAN-Netze (local area network) haben sich in den letzten drei Jahr-
zehnten schwerpunktmäßig in industriellen und wissenschaftlichen Einrich-
tungen etabliert.
Bock konzentriert sich in seiner Arbeit vor allem auf die Nutzung von PC-
Clustern in vorhandenen LAN-Systemen. Im Speziellen untersucht Bock dabei
die Clusterung von vollständigen PCs als Alternative zum Erwerb eines
separaten Parallelrechners bzw. zum Erwerb von Rechnerzeiten auf bestehen-
den Parallelrechnern.
Aufbauend auf bestehende LAN-Netzwerke können diese wiederum miteinan-
der verbunden werden und somit abermals ein Netzwerk bilden. Dieser Prozess
52
____________________________________________________________________________
der kaskadenförmigen Verknüpfung von LAN-Netzwerken führt schließlich
zur Entstehung von WAN-Netzen. Als das etablierteste WAN-Netz ist das
Internet zu nennen. Eine hohe Verfügbarkeit und Flächendeckung der WAN-
Netze macht diese Netzform für die Ermittlung netzübergreifender, globaler
Optima interessant. Der Markt für multiregionale WAN-Netze wird in den
nächsten Jahren im Durchschnitt um 4,5 bis 6,5 Prozent wachsen44; Schwer-
punkt der Ausweitung ist die Vernetzung der Standorte global agierender
Unternehmen. Dabei decken lediglich neun global operierende Netzwerkan-
bieter nahezu die Hälfte des Gesamtmarktes für multiregionale WAN-Services
ab45.
In Ergänzung zu der sich auf LAN-Systeme konzentrierenden Arbeit von Bock
zielt diese Arbeit auf das Verbinden von WAN-Netz basierenden Systemen ab,
in denen iterativ optimierende Modelle Daten zwischen den einzelnen
Iterationsschritten über eine im Internet platzierte Plattform austauschen. Es sei
an dieser Stelle auf das Kapitel 8.2 verwiesen, in dem lediglich zur
Vereinfachung der im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten
Versuchsanordnung zu Testzwecken auf ein LAN-Netz zurückgegriffen wird.
Eine Übertragung der Ergebnisse auf eine WAN-basierte Anwendung kann
wie im Folgenden noch dargestellt wird – ohne Einschränkung erfolgen.
Fasst man die Einordnung dieser Arbeit in den Zusammenhang verteilter
Systeme zusammen, so lässt sich Folgendes formulieren: Zwei der vier vorge-
stellten Gruppierungen von verteilten Systemen lassen sich unter dem Begriff
der horizontalen Parallelität subsumieren. Im Rahmen der Systeme horizontaler
Parallelität wurden die WAN-Netze im Bereich der lose gekoppelten Systeme
als eine für die Implementierung des erarbeiteten Algorithmus geeignete
Plattform herausgearbeitet. In Bezug auf die zunehmende Globalisierung von
Unternehmen wurden im Forschungsbereich von Rosenberg Lösungen
44 Müller, D., 2005
45 Die neun größten Netzwerkanbieter: AT&T, British Telecom, Cable and Wireless, Equant,
53
____________________________________________________________________________
erarbeitet, die unter Generierung von Rechnerleistung durch das Clustern von
LAN-verbundenen PC-Einheiten die Ermittlung glichst guter Lösungen
zum Ziel haben. Der in dieser Arbeit entwickelte Algorithmus stellt dazu eine
Ergänzung im Bereich der WAN-Netze ohne Erweiterung der Rechenleistung
dar.
BT Infonet, MCI, NTT Communications; Sprint, T-Systems (Stand: 01.01.2006)
54
____________________________________________________________________________
7 Grundlage einer Software-Lösung zur Umsetzung des Ansatzes der
verteilten Optimierung
7.1 Darstellung und Abgrenzung der Grundlagen einer Software-
Lösung
Im Rahmen der Produktionsplanung wird in rohölverarbeitenden Raffinerien
unter Einsatz eines LP-Modells in Verbindung mit bereits beschriebenen
Optimierwerkzeugen die wirtschaftlichste Fahrweise der Raffinerie ermittelt.
Das optimierte Ergebnis der Zielfunktion stellt die optimale Lösung für den im
Modell abgebildeten Problemkreis dar. Wird zwischen zwei vollständig
getrennt optimierenden Systemen ein Zwischen- bzw. Endprodukt
ausgetauscht, entstehen in jedem der beteiligten Systeme Variablen, wie z.B.
Qualität, Menge oder Preis. Eine Optimierung der Einzelsysteme führt zu
Werten, die für das jeweilige lokale System das lokale Optimum darstellen. Da
die Variablen einer Komponente durch die unterschiedlichen lokalen Optima
beim Zu- bzw. Verkauf unterschiedliche Werte annehmen können, bleibt es
dem Verhandlungsgeschick der Ein- bzw. Verkäufer überlassen, einen Wert für
die Variablen zu bestimmen. Ein globales Optimum, welches auch
volkswirtschaftlich sinnvoll wäre, wird nur zufällig erreicht. Jede andere
Lösung kann zwar für den Einzelnen eine Verbesserung darstellen, in der
Summe der Lösungen aller Einzelsysteme weicht diese jedoch vom globalen
Optimum ab. Vernachlässigt man Faktoren wie Datenschutz und Zeitaufwand,
so wäre es theoretisch möglich, die Modelle der Einzelsysteme in ein
Gesamtmodell zusammenzufügen, dieses zu optimieren und so das globale
Optimum für die gewünschte Variable der ausgetauschten Komponente zu
ermitteln. Als Beispiel für eine Variable können Menge, Qualitätseigenschaft
oder Preis der ausgetauschten Komponente angenommen werden. Betrachtet
man beispielhaft die Eigenschaft des Schwefelgehaltes einer auszutauschenden
Komponente, so können aufgrund der unterschiedlichen Wasserstoffsituationen
der beteiligten Raffinerien auch die Kosten der Entschwefelung und damit der
Schwefelgehalt der betreffenden Komponente wirtschaftlich relevant sein. In
55
____________________________________________________________________________
einem Gesamtmodell, welches die Einzelmodelle der beteiligten Raffinerien
umfasst, kann der vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Gesamtoptimums
optimale Schwefelgehalt der ausgetauschten Komponente ermittelt werden. Bei
der in der Praxis verbreiteten Optimierung von getrennten Einzelsystemen
kann der Ansatz der verteilten Optimierung dazu dienen, hinsichtlich der
Variablen einer ausgetauschten Komponente zu einem globalen Optimum über
die beteiligten Einzelsysteme zu kommen. Die Modelle müssen dabei nicht in
einem Gesamtmodell zusammengefügt werden.
Bevor mit der Darstellung des Algorithmus der verteilten Optimierung
begonnen wird, sollen zunächst die Grundlagen für die Umsetzung der
beschriebenen Grundidee dargestellt werden. Im ersten Schritt zählt dazu die
Beschreibung des mathematisch funktionalen Zusammenhangs. Dieser soll
grundsätzlich die Funktionsweise des Ansatzes der verteilten Optimierung
definieren und die theoretische Korrektheit dieses Ansatzes beweisen.
Im zweiten Schritt werden die Strukturen verbundener Planungssysteme,
genauer die Systemarchitekturen, im Hinblick auf die Implementierung eines
verteilt optimierenden Gesamtsystems dargestellt und erörtert.
7.1.1 Mathematisch funktionaler Zusammenhang der verteilten
Optimierung zum Nachweis der theoretischen Richtigkeit der
Grundidee
Ein wichtiger Aspekt der Grundidee der verteilten Optimierung ist, dass beim
Austausch einer Komponente zwischen den beteiligten Raffinerien derzeit kein
Lösungsansatz im Sinne einer Software existiert, der ein globales Optimum
bestimmt, ohne beide Raffineriemodelle in ein Modell zusammenzufügen.
Nachfolgend soll mathematisch gezeigt werden, dass mit dem in dieser Arbeit
dargestellten Ansatz ein globales Optimum über die unabhängigen Systeme
56
____________________________________________________________________________
der beteiligten Raffinerien ermittelt werden kann, ohne eine vollständige
Transparenz der beteiligten Modelle zu erzwingen .
Die Basisannahme dabei ist, dass das ermittelte Optimum zweier separater
Modelle nicht zwingend bei dem gleichen Eigenschaftswert (x) vorliegt. Das
globale Optimum über beide Modell kann, muss aber nicht dem Optimum der
Einzelmodelle entsprechen.
Mit Hilfe der Modulation des bestehenden Deckungsbeitragsverlaufes
durch den Ansatz der verteilten Optimierung tritt sowohl das globale als
auch das Optimum der autarken Modelle bei dem selben Eigenschaftswert
(x) auf. Das bedeutet, dass zur Bestimmung des globalen Optimums nicht
mehr beide Modelle in ein zentrales Modell zusammengeführt werden müssen,
sondern beide Einzelmodelle separat das globale Optimum erreichen.
Dies ermöglicht den an einer verteilten Optimierung teilnehmenden Modellen
eine Bestimmung des globalen Optimums hinsichtlich der betrachteten
Variable ohne das Modell des anderen an der Optimierung teilnehmenden
Partners zu kennen. Jedes Modell bleibt autark.
Es ist nachfolgend mathematisch nachzuweisen, dass im Falle des lokalen
Optimums in den beteiligten Einzelmodellen die betrachtete Eigenschaft unter
Anwendung des Ansatzes der verteilten Optimierung den gleichen Wert
annimmt wie im globalen Optimum.
Abbildung 7 und Abbildung 8 zeigen beispielhaft den nachfolgenden
mathematisch funktionalen Zusammenhang, der im Anschluss hergeleitet und
erläutert wird.
57
____________________________________________________________________________
35
35.5
36
36.5
37
37.5
0.8 1.3 1.8 2.3
Eigenschaft (x)
DB Raff. A, Raff. B [Mio.€]
70.5
71
71.5
72
72.5
73
73.5
Summe (DB Raff.A + Raff.B) [Mio.€]
Raff. A [f(x) = x³ - 6x² + 11x + 30]
Raff. B [f(x) =-1.5 x³ + 6.6x² - 7.9x + 38.4]
Raff. A+ Raff. B
Abbildung 7 – Beispielhafte Darstellung des mathematisch funktionalen
Zusammenhangs ohne Anwendung des Ansatzes der verteilten
Optimierung
35
35.5
36
36.5
37
37.5
38
38.5
39
39.5
40
0.8 1.3 1.8 2.3
Eigenschaft (x)
DB Raff. A, Raff. B [Mio.€]
70.5
71
71.5
72
72.5
73
73.5
Summe (DB Raff.A + Raff.B) [Mio.]
Raff. A
Raff. B
Raff. A+ Raff. B
Abbildung 8 Beispielhafte Darstellung des mathematisch funktionalen
Zusammenhangs mit Anwendung des Ansatzes der verteilten
Optimierung
58
____________________________________________________________________________
Erläuterung zu Abbildung 7 und Abbildung 8:
Die Deckungsbeiträge der beteiligten Raffinerien mit Austausch der betrachteten
Komponente in Abhängigkeit der entsprechenden Komponenteneigenschaft sind wie
folgt dargestellt:
_________ Raffinerie A + B (dieser Gesamtdeckungsbeitrag würde berechnet
werden, wenn beide Einzelmodelle in einem Gesamtmodell
zusammengefasst werden würden)
_________ Raffinerie A ohne Anwendung des Ansatzes des verteilten
Optimierung
_ _ _ _ _ _ Raffinerie A mit Anwendung des Ansatzes des verteilten
Optimierung
_________ Raffinerie B ohne Anwendung des Ansatzes des verteilten
Optimierung
_ _ _ _ _ _ Raffinerie B mit Anwendung des Ansatzes des verteilten
Optimierung
Mathematische Beweisführung:
Der Deckungsbeitrag zweier isolierter Raffinerien A und B wird ohne
Austausch der Komponenten als konstant angenommen:
fA, fB = const. (4)
Es wird jeweils nur eine Eigenschaft, über die optimiert wird, betrachtet. Als
Definitionsbereich gilt :
59
____________________________________________________________________________
D (fA) =
D (fB) =
Rn
R (5)
Kommt es zu einer Wechselwirkung zwischen den beiden beteiligten
Raffinerien und damit zwischen den beteiligten Funktionen, soll gelten:
gA (x), gB (x) :
Rn
R (6)
Dabei hängen beide Funktionen von folgenden Größen ab:
gA (x) = F ( fA, vA(x),
D (vA)) (7)
analog gB (x) = F ( fB, vB(x),
D (vB)) (8)
Es sind vA(x), vB(x) als modellspezifische Parametervariationen der beteiligten
Raffinerien zu verstehen. Die Teildefinitionsbereiche
D (vA) und
D (vB) sind
durch sich selbst definiert und ein Teil von
D (gA)=
Rn bzw.
D (gB)=
Rn,
d.h.:
D (vA) = [vA(u); vA(o)] (9)
D (vB) = [vB(u); vB(o)] mit u und o als Grenzen (10)
Berücksichtigt man diese Intervallgrenzen bei den oben gezeigten Funktionen,
so ist eine Fallunterscheidung einzuführen.
fA = const.
x
D (vA) (11)
gA (x)=
fA + vA(x)
x
D (vA)
60
____________________________________________________________________________
fB = const.
x
D (vB) (12)
gB (x)=
fB + vB(x)
x
D (vB)
Für die Wechselwirkung zwischen den Funktionen der Raffinerien bedeutet
das, dass nur innerhalb des sich aus dem Raffineriemodell definierenden
Definitionsbereiches
D (vA) bzw.
D (vB) eine entsprechende gegenseitige
Einflussnahme der Funktionen gA (x) und gB (x) erfolgt (siehe dazu auch die
Gleichung 4 und 5). In der Praxis können technische oder logistische
Restriktionen als Unter- und Obergrenze der Definitionsbereiche gelten.
Um ein globales Optimum über die Summe der Deckungsbeiträge beider an
dem Produktaustausch beteiligten Raffinerien zu finden, ist es theoretisch
denkbar, dass die Funktionen fA, fB, gA (x) und gB (x) in ein zentrales
Planungsmodell zusammengefasst werden, um dann dieses hinsichtlich des
Gesamtdeckungsbeitrages mit Hilfe eines Algorithmus zu optimieren.
Allerdings ist, wie eingangs schon beschrieben, in der Praxis kaum ein
Unternehmen bereit, zwecks Bestimmung des globalen Optimums seinem
Verhandlungspartner sein Modell als Abbild der gesamten Produktion zu
überlassen.
Gibt allerdings jedes der an dieser Wechselwirkung beteiligten
Unternehmen zumindest das Delta [gA(x) - fA] bzw. [gB(x) - fB] an den
Verhandlungspartner weiter und implementiert dieser additiv das Delta in
seine Zielfunktion, so finden beide Algorithmen getrennt voneinander ein
x, bei dem ebenfalls ein globales Optimum zu finden ist.
hA(x) = gA(x) + [gB(x) - fB] (13)
hB(x) = gB(x) + [gA(x) – fA] (14)
61
____________________________________________________________________________
Wie in Abbildung 7 und Abbildung 8 zu erkennen ist, stellen die
Funktionen hA(x) und hB(x) eine Translation der Summenfunktion gA(x) +
gB(x) in y-Richtung dar. Das bedeutet, dass zu zeigen bleibt, dass hA(x) und
hB(x) ebenfalls durch Translation in y-Richtung ineinander übergehen.
Das wiederum muss bedeuten, dass das Delta dieser beiden Funktionen
konstant ist.
Es muss demnach gelten:
hA(x) – hB(x) = const. (15)
Dies bedeutet:
hA(x) hB(x) = gA(x) + gB(x) - fB - gB(x) - gA(x) + fA = fA fB = const.
q.e.d (16)
Es konnte somit gezeigt werden, dass sowohl die Funktion der beteiligten
Raffinerien als auch die globale Funktion nach Anwendung des Ansatzes der
verteilten Optimierung an der gleichen Stelle das Optimum erreichen. Das
bedeutet, dass der im globalen Sinne optimale Wert der betrachteten
Eigenschaft gleich dem Wert der optimalen Eigenschaft der involvierten
Planungssysteme ist.
62
____________________________________________________________________________
7.1.2 Struktur verbundener Planungssysteme im Hinblick auf die
Implementierung eines verteilt optimierenden Gesamtsystems
In den vorangegangenen Kapiteln wurde auf die Voraussetzungen für ein
System der verteilten Optimierung eingegangen. Aufgrund dargestellter
Prämissen wurde die Verknüpfung zweier LP-gestützter Planungssysteme als
geeignet definiert. Auch der mathematische Ansatz der verteilten Optimierung
wurde dargestellt. In diesem Kapitel sollen nun der Aufbau und die Struktur,
d.h. die Architektur eines verteilt optimierenden Gesamtsystems dargestellt und
erörtert werden.
In den bisher angeführten Beispielen und Erläuterungen wird von der
Verknüpfung zweier Planungssegmente ausgegangen. Generell ist der Ansatz
der verteilten Optimierung, was noch nachzuweisen ist, auf die Teilnahme
einer beliebigen Anzahl an Planungssegmenten erweiterbar. Um diesem
Erweiterungsgedanken Rechnung zu tragen, soll auf eine netzförmig
aufgebaute Verbindung verzichtet werden (siehe dazu Abbildung 9).
Abbildung 9 – Strukturen zur Verbindung von Planungssegmenten
netzförmig verbundene
Planungssystems
Planungssystems mit
zentraler Plattform
63
____________________________________________________________________________
Vielmehr soll durch die Einrichtung einer zentralen Plattform die Möglichkeit
geschaffen werden, eine Information möglichst vielen Teilnehmern parallel zur
Verfügung zu stellen. Bei netzförmig verbundenen Planungssegmenten würde
eine nicht mehr handhabbare Anzahl an Knoten entstehen. Die zentrale
Plattform ist im Rahmen dieser Arbeit als Datenbank zu verstehen, die
netzwerktechnisch eingebunden ist.
Die Phase der Verbindung zwischen Planungssystemen und Plattform in der
verteilten Optimierung ist in drei Phasen zu gliedern:
1. die Kontaktphase,
2. die Iterationsphase und schließlich
3. die Abschlussphase.
Im Falle einer zentralen Plattform kann das Planungssystem eines Segmentes
eine Anfrage oder ein Angebot (im Weiteren mit „Call“ bezeichnet) zum
Austausch eines Produktes zentral auf der Plattform hinterlegen, ohne mit
einem anderen definierten Planungssegment direkt in Verbindung zu treten.
Liegt nun auf der zentralen Plattform ein Call vor, so müssen dazu eine Reihe
von Daten bezüglich des betreffenden Produktes zusätzlich auf der Plattform
hinterlegt werden.
Diese zu spezifizierenden Daten lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Auf der
einen Seite sind die fixen Größen, wie Produktanforderungen und
Spezifikationen usw. zu hinterlegen, auf der anderen Seite ist die zu
optimierende Variable zu definieren. Wie in der Beschreibung der
mathematischen Herleitung erläutert, haben verschiedene Variablen eines
Produktes einen unterschiedlichen Wert für das jeweilige Planungssegment. So
kann die Einhaltung eines Eigenschaftswertes in einem Planungssegment
höhere Kosten verursachen als in einem anderen. Dies hängt von den
technischen und marktwirtschaftlichen Möglichkeiten der Planungssegmente
ab.
64
____________________________________________________________________________
Um so wichtiger ist es, entsprechende Produktspezifikationen eindeutig und
ausreichend zu definieren. Bei der Verwendung von technischen Parametern ist
es wichtig auf die metrische Einheit und die Analysemethode zu achten.
Ebenfalls ist es sinnvoll, Informationen zu logistischen Besonderheiten
anzuführen. Die Gesamtheit dieser produktbezogenen Informationen sind vor
Beginn der eigentlichen Optimierung auf der zentralen Plattform zu hinterlegen
und auszutauschen bzw. vor jeder neuen Optimierung wieder zu aktualisieren.
Ist nun mit den beiden genannten Informationsgruppen der Call auf der
zentralen Plattform hinreichend definiert, so können alle mit der Plattform
verbundenen Teilnehmer in ihrem Planungssegment prüfen, ob prinzipiell ein
Austausch des vakanten Produktes produktionstechnisch und logistisch
möglich ist. Erst dann kann der Call mit einer Antwort - hier als Recall
definiert - beantwortet werden. Ist ein positiver Recall erfolgt und somit ein
technisch und logistisch realistischer Partner gefunden, ist die Phase der
Kontaktaufnahme abgeschlossen. Der im Rahmen dieser Arbeit entwickelte
und in Kapitel 7.2.1 vorgestellte Algorithmus kann mit der Iterationsphase
zwischen den beiden Planungssegmenten beginnen.
Ist in der Iterationsphase eine optimale Lösung gefunden worden, bleibt es den
beteiligten Produktionssystemen vorbehalten, ob die so ermittelte Lösung
akzeptiert wird oder ob eine erneute Kontaktphase zu einem weiteren positiven
Recall aufgebaut werden soll. Theoretisch ist es möglich, alle eingegangenen
Recalls abzuarbeiten, um diese abschließend zu vergleichen. Bei der
Abarbeitung mehrer Recalls ist allerdings die notwendige Rechenzeit zu
beachten und individuell zu beurteilen. Mit Beendigung der Iterationsphase
wird im Rahmen der Abschlussphase ein Protokoll zwischen den beteiligten
Planungssegmenten ausgetauscht, um sicherzustellen, dass alle Beteiligten
abschließend die gleichen Informationen besitzen. Die Optimierung bezüglich
des Austausches der betrachteten Komponente ist damit abgeschlossen.
65
____________________________________________________________________________
Definiert man eine Struktur zur verteilten Optimierung in unterschiedlichen
Planungssegmenten, so bleibt neben der prinzipiellen Anordnung von
Planungssegment und zentraler Plattform auch die Frage, an welcher Stelle der
in dieser Arbeit erarbeitete Algorithmus implementiert werden muss.
Wie in Abbildung 10 dargestellt, sollte der Algorithmus direkt in das LP-
Modell des jeweiligen Planungssystems implementiert werden. Die zentrale
Plattform dient lediglich zur Speicherung und Verwaltung der anfallenden
Daten. Der Grund für die direkte Implementierung des Algorithmus in das LP-
System ergibt sich aus der Notwendigkeit unmittelbar in den Iterationsprozess
des LP-Systems eingreifen zu können. Ein wesentlicher daraus resultierender
Vorteil ist, dass die zentrale Plattform systemunabhängig ist.
Abbildung 10 – Implementierung des Algorithmus zur verteilten Optimierung in die
Planungssegmente
= Algorithmus der verteilten Optimierung
Zentrale
Plattform
Planungssystem I
Planungssystem II
LP-Modell
der
Produktions-
planung
LP-Modell
der
Produktions-
planung
Zentrale
Plattform
66
____________________________________________________________________________
Das bedeutet, dass jedes System Daten auf der zentralen Plattform hinterlegen
und abrufen kann, wenn definierte Regeln an die Form der ausgetauschten
Daten eingehalten werden. So kann z.B. die LP-gestützte Produktionsplanung
des einen Planungssegmentes mit der LP-gestützten Simulation eines zweiten
Planungssegmentes zusammengeführt werden. Aus Gründen der
Vereinfachung soll jedoch weiterhin von der Verknüpfung zweier Systeme der
Produktionsplanung ausgegangen werden.
Bei der beschriebenen Anordnung von unterschiedlichen Planungssegmenten
mit einer unabhängigen zentralen Plattform ist eine Erweiterung auf eine
größere Anzahl an verknüpften Planungssegmenten denkbar. Auch wenn in
dieser Arbeit nur beispielhaft das Testsystem mit zwei Planungssegmenten und
einer zentralen Plattform betrieben wurde, so können prinzipiell mehrere
Planungssegmente ein Angebot auf der zentralen Plattform hinterlegen. Ein
nachfragendes Planungssystem könnte dann seriell alle verfügbaren Angebote
prüfen, ggf. den Prozess der verteilten Optimierung starten und die errechneten
Ergebnisse vergleichen.
Vergrößert man die Anzahl der teilnehmenden Systeme, kann ein immer weiter
expandierendes Optimierungsnetzwerk entstehen. Die Optimierung über ein
solches Netzwerk an Planungssystemen verhält sich dabei ähnlich dem
Nachfrage- und Angebotsschema, d.h. den Marktmechanismen, einer freien
Marktwirtschaft. Von volkswirtschaftlicher Bedeutung ist, dass sich
hinsichtlich einer auszutauschenden Komponente nicht nur ein globales
Optimum zwischen den zwei beteiligten Systemen einstellt, sondern dies über
alle Teilnehmer des Optimierungsnetzwerks geschieht.
Diese Form der verteilten Optimierung soll wegen ihrer Komplexität nicht
Gegenstand der weiteren Betrachtung sein. Eine derartige Entwicklung wird
lediglich im Ausblick dieser Arbeit nochmals kurz aufgegriffen.
67
____________________________________________________________________________
7.2 Umsetzung der Grundidee der verteilten Optimierung in Form eines
Algorithmus
7.2.1 Darstellung der Funktionsweise des Algorithmus zur verteilten
Optimierung und der Implementierung in ein bestehendes LP-
Modell
Wie im Rahmen der Beschreibung der Architektur in Kapitel 7.1.2 erarbeitet,
ist der Algorithmus der verteilten Optimierung in ein bestehendes LP-System
zu implementieren, um in den interaktiven Optimierungsprozess zwischen den
Iterationen eingreifen zu können. Da die Darstellung der Funktionsweise des
Algorithmus der verteilten Optimierung sich inhaltlich nur schwer von der
Beschreibung der Implementierung in ein LP-System trennen lässt, soll in
diesem Kapitel der Gesamtvorgang einer Optimierung, d.h. LP-System und
verteilte Optimierung, anhand eines idealisierten Ablaufes, beschrieben werden
(siehe dazu Abbildung 11).
Zur Optimierung eines Produktionsplanes werden die abgebildeten
Restriktionen und Möglichkeiten, wie in Kapitel 4.3 beschrieben, als
Nebenbedingungen formuliert. Der im Rahmen des LP-Systems arbeitende
Optimieralgorithmus (z.B. Downhill-Simplex) benötigt als Grundlage die
Daten in Form einer Matrix, so dass ein systemeigenes Programm die
Vorgabedaten in die entsprechende Matrix umbrechen muss.
Neben den Daten des LP-Systems wird entsprechend des Algorithmus der
verteilten Optimierung noch vor der ersten Rekursion ein Datensatz46,
bestehend aus Konstanten und Variablen, von der zentralen Plattform in die
Dateien des betrachteten LP-Systems transferiert.
68
____________________________________________________________________________
Abbildung 11 – Idealisierter Ablauf nach Implementierung der verteilten
Optimierung
Das heißt wiederum, sollen im Rahmen der Optimierung eines
Planungssegmentes Daten über eine zentrale Plattform im Sinne der verteilten
Optimierung ausgetauscht und so über den global optimalen Austausch einer
Ware optimiert werden, dann kann dies aus zwei Gründen erfolgen: Zum einen
kann ein Planungssegment einen Datensatz neu auf der zentralen Plattform
hinterlegen, zum anderen kann es auf einen bereits vorhandenen Datensatz
antworten. Es ist dabei unabhängig, ob die Ware gekauft oder verkauft werden
soll. Der Datensatz kann sowohl zu einem Angebot als auch zu einem Gesuch
46 Der Inhalt des kopierten Datensatzes wird im nachfolgenden Kapitel ausführlich
beschrieben.
LP-SYSTEM 1 ZENTRALE PLATTFORM LP-SYSTEM 2
Zentrale
Daten
zur
verteilten
Optimier
ung
Report
Startwerte Startwerte
Startwerte
Aufbau der
Matrix
ist
Zielfunktion
max.
?
Ja
Report
Aufbau der
Matrix
Ist
Zielfunktion
max.
?
Ja
Report
Interface
Interface
nein
1 Rekursion 1 Rekursion
nein
69
____________________________________________________________________________
einer Ware hinterlegt werden. Wichtig ist bezüglich des hinterlegten
Datensatzes, dass die Konstanten der betreffenden Ware eindeutig definiert
werden (z.B. als Spezifikation) und entsprechend die zu optimierende
Eigenschaft als Variable mit den geltenden minimalen oder maximalen
Grenzen versehen wird.
Im Weiteren soll folgender Fall betrachtet werden, dass ein LP-System II einen
Datensatz über ein Warenangebot auf der zentralen Plattform hinterlegt hat und
dessen gezeigte Konstanten einschließlich der Grenzen und der zu
optimierenden Variablen aus Sicht des LP-Systems I als technisch möglich
eingestuft wird (siehe auch Anhang 1).
Der Begriff des Transferierens soll nachfolgend im Sinne der allgemeinen
technischen Übermittlung von Datensätzen verwandt werden. Dabei hängt die
Form des Datentransfers stark von derjenigen der zentralen Plattform ab. Im
nachfolgend betrachteten Fall reicht ein Kopierbefehl aus: Liegt die zentrale
Plattform in Form einer Datenbank vor, so sind lediglich die entsprechenden
Routinen zum Abfragen und Hinterlegen von Datensätzen zu installieren.
Sind sowohl die ursprünglichen Basisdaten des LP-Modells, als auch die Daten
von der zentralen Plattform transferiert worden, werden diese in die zur
Optimierung notwendigen Matrix umgewandelt.
Der Optimieralgorithmus des LP-Systems I versucht nun den gewünschten
Extremwert der Zielfunktion zu ermitteln. Dies geschieht auf die in Kapitel
4.3.2 beschriebene Weise, bis die erste Rekursion abgeschlossen ist. Bei der
darauf folgenden Rekursion wird der Optimieralgorithmus versuchen, das
Ergebnis der Optimierung hinsichtlich der Zielfunktion zu verbessern.
Zwischen diesen beiden Rekursionen findet allerdings eine Besonderheit statt,
die in gängigen LP-Systemen sehr verbreitet ist: Eigenschaften, die sich nicht
linear abbilden lassen, werden nach jeder Rekursion über ein so genanntes
‚Simulating-Interfacein einen externen Programmteil übertragen, berechnet
70
____________________________________________________________________________
und in die Matrix zurückgegeben, um wieder in die nächste Rekursion der
Optimierung einzufließen.
An genau dieser Stelle setzt der Algorithmus der verteilten Optimierung wieder
an: Es wird der für die Kommunikation mit der zentralen Plattform notwendige
Datensatz, der auch vor der ersten Rekursion transferiert wurde, wieder zur
zentralen Plattform zurückgegeben. Der Inhalt dieses Datensatzes entspricht
nun nicht mehr dem ursprünglichen, sondern dem eines im LP-System I im
Rahmen einer Rekursion optimierten Datensatzes. Nach erfolgtem
Datentransfer zur Plattform wird der Optimieralgorithmus des LP-Systems I
solange gestoppt, bis ein neuer, vom LP-System II modifizierter Datensatz
zurücktransferiert wird.
hrend so das LP-System I nach Durchlauf einer Rekursion und nach dem
Transfer eines optimierten Datensatzes in einer Warteposition verbleibt, prüft
das LP-System II, welches den ursprünglichen Datensatz in die zentrale
Plattform gestellt hat, ob der veröffentlichte Datensatz sich verändert hat. Ist
dies im Rahmen der Optimierung des LP-Systems I erfolgt, so erkennt das LP-
System II diese Veränderung durch periodische Abfrage eines Triggers. Das
LP-System II kann sich nun in zwei möglichen Zuständen befinden: Entweder
ist der Optimieralgorithmus des LP-Systems II noch nicht gestartet oder dieser
befindet sich wie die Optimierung des LP-Systems I zwischen zwei
Rekursionen. Im ersten Fall wird der aus der zentralen Plattform transferierte
Datensatz noch in die Basisdaten des LP-Modells implementiert, um dann in
eine zu optimierende Matrix umgewandelt zu werden. Im zweiten Fall wird der
Datensatz mit Hilfe des Simulating-Interface von der zentralen Plattform direkt
in die Matrix des LP-Systems II transferiert. Dabei ist der direkte Transfer der
Daten in die Matrix wichtig, d.h. diese wird während einer Optimierung
bewusst verändert, da zwischen den einzelnen Rekursionen kein erneute
Umsetzung der Daten in die notwendige Matrixform erfolgt.
71
____________________________________________________________________________
Als Anmerkung lässt sich formulieren, dass entsprechende Tests im Rahmen
dieser Arbeit gezeigt haben, dass die betrachteten Variablen in der Matrix beim
Start nie einen Wert haben dürfen, allen Konstanten hingegen immer ein Wert
zugeordnet sein muss.
Ist nun dieser Datentransfer in die Matrix des LP-Systems II abgeschlossen,
erfolgt eine Rekursion im LP-System II, d.h. eine Optimierung der Matrix mit
veränderten Daten. Danach findet der gerade beschriebene Datentransfer in
umgekehrter Richtung statt. Mit dem Eintreffen des Datensatzes in das in der
Optimierung gestoppte LP-System I kann somit eine erneute Rekursion
erfolgen. Daraus ergibt sich ein wechselseitiger Optimierprozess sowohl
innerhalb als auch zwischen den beiden beteiligten LP-Systemen. Somit wird
die globale Optimierung über die betrachtete betrachteten Eigenschaft unter
Beteiligung beider LP-Systeme durchgeführt; es kommt zur gewünschten
verteilten Optimierung.
Eine Wiederholung der beschriebenen Rekursion findet solange statt, bis die
Zielfunktion in ausreichendem Maße erfüllt worden ist. Das bedeutet, dass im
Algorithmus der beteiligten LP-Systeme ein Kriterium zum Abbruch der
beschriebenen Rekursionen definiert werden muss. Dieses Kriterium kann
zweierlei Form haben: Zum einen kann die Optimierung nach einer maximalen
Anzahl an Rekursionen beendet werden (in der Praxis sind es zwischen 20 und
50 Rekursionen), zum anderen kann aber auch eine Toleranz hinsichtlich der
Gleichheit zwischen den Ergebnissen zweier aufeinanderfolgender
Rekursionen definiert werden. Sind die Änderungen des in der Zielfunktion zu
optimierenden Parameters zwischen zwei aufeinanderfolgenden Rekursionen
klein genug, wird davon ausgegangen, dass das LP-System gegen die gesuchte
Lösung konvergiert. Die Optimierung ist damit beendet. Abweichend von dem
Abbruchkriterium bei autarken Systemen ist es wichtig, dass die Optimierung
der beteiligten LP-Systeme so beginnt, dass mit Vollendung der ersten
Rekursion des einen LP-Systems unmittelbar die erste Optimierung des
zweiten LP-Systems beginnt. Ferner ist bei verteilt optimierenden Systemen
72
____________________________________________________________________________
darauf zu achten, dass die Anzahl der Rekursionen zuvor definiert, vor der
Optimierung beiden beteiligten Systemen bekannt wird und die Anzahl der
Rekursionen bei beiden Systemen gleich ist. Der Grund für diese
Übereinstimmung ist, dass ein Datenaustausch zwischen den einzelnen
Rekursionen zwischen den beteiligten LP-Systemen stattfindet. Ist die
Optimierung des einen LP-Systems früher abgeschlossen als die des anderen,
fehlt der ‚Gegenspieler‘ in diesem Optimierprozess.
Aus Sicht der beiden beteiligten LP-Systeme und des Algorithmus der
verteilten Optimierung stellt die zwischen den Systemen zu optimierende
Variable eine Gleichung dar, deren Veränderung einer Deckungsbeitrags-
änderung gegenübersteht. Das heißt, die Zielfunktion stellt eine mathematische
Funktion in Abhängigkeit der zu optimierenden Variablen dar.
Die absolute Veränderung des Deckungsbeitrages wird in der verteilten
Optimierung zwischen den Systemen ausgeglichen. Damit unterscheidet sich
diese Variable nicht von den originalen Variablen, die aus den
Nebenbedingungen des LP-Systems resultieren. Aus Sicht des
Optimieralgorithmus des LP-Systems ist auf Grund der Tatsache, dass der
Algorithmus während der externen Optimierung unterbrochen wird, kein
Unterschied zwischen den internen und den aus der verteilten Optimierung
resultierenden Gleichungen zu erkennen. Allein diese Tatsache ermöglicht es
dem LP-System eigenen Algorithmus, dass es einen systemexternen
funktionalen Zusammenhang als einen systeminternen erscheinen lässt und
diesen über alle Funktionen gleichermaßen optimiert.
Ein wesentlicher Aspekt, der die Funktionsweise der verteilten Optimierung
charakterisiert, ist die Bedeutung von Variablen und Konstanten in den
beteiligten Matrizen. Nachfolgend soll kurz darauf eingegangen werden.
Wie bereits beschrieben, setzen sich die Gleichungen und Ungleichungen eines
LP-Systems u.a. aus Variablen und Konstanten zusammen. Die Variablen
73
____________________________________________________________________________
können dabei im Rahmen der Optimierung zum Erreichen der Zielfunktion
verändert werden. Die Konstanten dagegen bleiben hrend des
Optimieralgorithmus des LP-Systems unverändert und sind vor dem Start des
Optimiervorganges zu definieren. Das wiederum bedeutet, dass in der Matrix,
die vor jeder Optimierung erzeugt wird, sowohl variable als auch konstante
Elemente enthalten sind. In der beschrieben Funktionsweise des Algorithmus
der verteilten Optimierung ist es allerdings notwendig, dass ein Wert in der
Matrix, der in der Einzeloptimierung als Konstante definiert worden ist, mit
demjenigen der Variable des zweiten LP-Systems überschrieben wird. Daraus
ergibt sich, dass ein zuvor während des Optimierungsprozesses
unbeeinflussbarer Wert im Rahmen der verteilten Optimierung zwischen den
einzelnen Rekursionen gelesen und überschrieben wird.
Als Beispiel dafür soll die Optimierung des Schwefelgehaltes eines zwischen
zwei Systemen auszutauschenden Zwischenproduktes dienen. Eine Erkenntnis,
die sich durch Testläufe im Rahmen dieser Arbeit ergeben hat, ist, dass die in
der Optimierung zu bestimmende Eigenschaft einen Startwert besitzen muß.
Betrag und Vorzeichen des Startwertes haben auf das Endergebnis keinen
Einfluss, lediglich die Anzahl der zur Optimierung notwendigen Rekursionen
kann mit dem Startwert variieren. Mit diesem Startwert, in diesem Fall der des
Schwefelgehalts, wird die dafür vorgesehene Konstante des einen LP-Systems
noch vor der Umsetzung in die Matrix mit dem Startwert belegt. Der Grund für
den Einsatz einer Konstante ist, dass das erste LP-System lediglich die
Auswirkungen auf die Zielfunktion hier den Deckungsbeitrag berechnet,
nicht aber den Schwefelgehalt des zugekauften Zwischenproduktes verändert.
Diese Aufgabe obliegt lediglich dem zweiten verkaufenden LP-System. Nach
Erzeugen der Matrix und der ersten Rekursion wird der Schwefelwert mit dem
ermittelten Delta des Deckungsbeitrages (Delta DB) an das zweite LP-System
übermittelt. Im zweiten, dem verkaufenden LP-System ist der betrachtete
Schwefelwert allerdings als Variable definiert und kann unter Einbeziehung
des Delta-DB’s des ersten Systems und der eigenen Zielfunktion variiert
werden. Testreihen haben ergeben, dass diese Variable wiederum keinen
74
____________________________________________________________________________
Startwert haben darf, sondern vom Optimieralgorithmus des zweiten LP-
Systems selbständig bestimmt werden muss. Der korrigierte Schwefelwert
inklusive des entsprechenden Delta-DB’s des zweiten Systems wird in bereits
beschriebener Weise über das Simulating-Interface über die zentrale Plattform
an das erste LP-System transferiert. In die Matrix der ersten LP-Systems geht
dieser neue Schwefelwert allerdings wieder als Konstante ein, mit der das erste
LP-System abermals die damit verbundene Deckungsbeitragsänderung
berechnet.
Die Werte von Konstanten in einer Matrix zwischen zwei Rekursionen zu lesen
und zu überschreiben ist somit Grundvoraussetzung bei der Umsetzung der
verteilten Optimierung. Eine schematische Darstellung des eben beschriebenen
Datenaustausches ist dem Anhang 1 zu entnehmen.
7.2.2 Entwicklung des Algorithmus zur verteilten Optimierung
Aufbauend auf die im vorangegangenen Kapitel beschriebene Funktionsweise
und basierend auf dem dargestellten Ablauf der verteilten Optimierung soll nun
der eigentliche Algorithmus schrittweise beschrieben werden.
Um die in Kapitel 8 beschriebenen empirischen Untersuchungen durchführen
zu können, wurde der nachfolgend beschriebene Algorithmus im Rahmen
dieser Arbeit in VISUAL BASIC umgesetzt. Diese Form der Umsetzung
resultierte daraus, dass die Daten zum LP-Modell in Excel-Tabellen vorlagen
und sowohl diese Tabellen als auch das LP-Systems selbst unter MICROSOFT
betrieben wurden. Allerdings soll die Beschreibung des Algorithmus
unabhängig von der Programmiersprache in einem Pseudocode erfolgen, da
zum einen der Schwerpunkt dieser Arbeit nicht auf der Programmierung eines
Algorithmus liegt und zum anderen sollte der Algorithmus unabhängig von
einer spezifischen Programmiersprache formuliert werden.
75
____________________________________________________________________________
Der Algorithmus soll nachfolgend auf Basis des in Anhang 1 gezeigten
Ablaufs exemplarisch dargestellt werden.
Es seien zwei LP-Systeme aus dem Bereich der Produktionsplanung von
Raffinerien gegeben. Sowohl das LP-System 1 als auch das LP-System 2
verwenden das LP-System PIMS47. Zur Vereinfachung werden die beiden
Planungssysteme mit PIMS 1 und PIMS 2 bezeichnet. PIMS 1 ist im
nachfolgenden Beispiel als kaufendes, PIMS 2 als verkaufendes System zu
verstehen.
So weist PIMS 2 ein Zwischen- oder Hauptprodukt aus, welches für den
Verkauf geeignet und ausreichend innerhalb der beteiligten Planungssysteme
spezifiziert ist. Das bedeutet, dass im LP-Modell geeignetes Datenmaterial
vorliegt, um die Produkteigenschaften des zu verkaufenden Produktes geeignet
zu beschreiben. In der Praxis liegen beim Verkauf von Halb- und
Fertigfabrikaten detaillierte Produktspezifikationen vor, die einen Handel
möglich machen, ohne das betreffende Produkt zuvor verarbeitet zu haben. Die
Produktspezifikation enthält Grenzwerte von definierten Produkteigenschaften
inklusive der Angabe zu den entsprechenden Prüfmethoden. Beispielhaft
können Eigenschaften wie Dichte, Siedebereich, Aromaten-, Benzol- und
Schwefelgehalt genannt werden.
Es ist darauf hinzuweisen, dass die Auswahl des Produktes weder vom
Planungssystem noch mittels des Algorithmus der verteilten Optimierung
automatisch erfolgen kann. Mit Hilfe eines LP-Systems können lediglich
Zwischen- oder Hauptprodukte ermittelt werden, die sich für den Verkauf
eignen, in dem Sinne, dass das betreffende Produkt nicht oder nur unter dem
vermuteten Marktwert produziert und ggf. weiterverarbeitet wird.
Vor dem Austausch von Datensätzen mit der zentralen Plattform in
Verbindung mit dem Algorithmus der verteilten Optimierung ist
47 PIMS von der Firma ASPENTECH - Houston, USA
76
____________________________________________________________________________
sicherzustellen, dass beide LP-Systeme eine vollständige Optimierung
durchlaufen haben. Dies ist aus zwei Gründen wichtig: Einerseits ist anhand
des Ergebnisreports ein Zwischen- oder Fertigprodukt erkennbar, welches
ausgetauscht werden kann und andererseits ist ein Basis-Deckungsbeitrag, d.h.
ohne Austausch von Produkten notwendig. Mit jeder Rekursion in dem
Algorithmus der verteilten Optimierung kann so die entsprechende relative
Deckungsbeitragsänderung, die zur Ermittlung des globalen Optimums
notwendig ist, bestimmt werden.
Im nachfolgenden Beispiel eines Algorithmus zur verteilten Optimierung stellt
der Preis des Produktes i die Variable dar. Die zu maximierende Zielfunktion
ist der Gesamtdeckungsbeitrag über die beteiligten LP-Systeme. Das PIMS 2
bildet das verkaufende und PIMS 1 das kaufende LP-System ab:
Der erste Schritt nach Auswahl des Produktes i ist das Kopieren der
Produktspezifikation i vom PIMS 2 in die zentrale Plattform.
Copy (Produktspezifikation i) von (PIMS 2) nach
(zentrale Plattform)
Gleichzeitig wird ein Trigger auf der zentralen Plattform auf den Betrag [1]
gesetzt, um kenntlich zu machen, dass der Datensatz noch von keinem weiteren
System verändert wurde. Solange dieser Trigger den Betrag [1] hat, verbleibt
PIMS 2 in einer Warteschleife (hier: breaktime). Im Rahmen der
durchgeführten Tests wurde die zentrale Plattform durch eine Excel-Tabelle
realisiert. Im Gegensatz zu einer Datenbank kann eine Excel-Tabelle nicht von
zwei Usern gleichzeitig gelesen und gespeichert werden. Befindet sich die
zentrale Plattform im Eingriff vom PIMS 1, kann PIMS 2 nicht im vollen
Umfang - inklusive der Fähigkeit zu speichern - auf die zentrale Plattform
zugreifen. Es ist zu prüfen, ob die zentrale Plattform verfügbar ist.
77
____________________________________________________________________________
Für PIMS 2 gilt:
Setze trigger=1
While trigger=1 or (zentrale Plattform) nicht
verfügbar
Do wait breaktime
In dem kaufenden Planungssystem, welches von dem LP-System PIMS 1
optimiert wird, ist analog zum Planungssystems 2 das in der zentralen
Plattform zu suchende Produkt zu definieren. Ähnlich dem PIMS 2 kann beim
PIMS 1 die autarke Optimierungsrechnung dem Planer Aufschluss über die Art
des gesuchten Produktes geben. Aus der Definition des zu suchenden
Produktes ist eine damit verbundene Mindestspezifikation abzuleiten.
Ist die auf der zentralen Plattform hinterlegte Produktspezifikation innerhalb
der im PIMS 1 definierten Mindestanforderungen, so wird der vom
Planungssystem 2 hinterlegte Datensatz von der zentralen Plattform in die
Tabelle des LP-Systems 1 transferiert, vom Simulating-Interface gelesen und in
die Matrix des PIMS 1 gebracht. Ist dieser Datentransfer abgeschlossen, wird
der Optimieralgorithmus des LP-Systems 1 gestartet. Die Suche nach dem
geeigneten Produkt und den damit verbundenen Datensatz in der zentralen
Plattform ist nun beendet, d.h. die Phase der verteilten Optimierung beginnt.
Für PIMS 1 gilt:
i := 1
while i <> NIL or i <> 0 do
begin
Copy (Produktspezifikation i) von (zentrale
78
____________________________________________________________________________
Plattform) nach (PIMS1)
if (Produktspezifikation i) innerhalb
(Mindestanforderung)
then begin
copy (datensatz i) von (zentrale
Plattform) nach (PIMS 1)
start LP-Optimierung
exit
end
else i:=i+1
end
Nach der ersten Rekursion wird das Simulating-Interface (SI) aufgerufen.
Damit werden Excel-Tabellen gestartet, in denen wiederum bei deren Öffnen
selbstaktivierende Makros aktiviert werden, die den in der vorangegangenen
Rekursion berechneten Wert der Eigenschaft ‚Preis’ aus der Matrix des PIMS1
herauslesen und in eine Tabelle mit dem Namen OUTPUT_DAT_1 schreiben.
Das Kopieren von Daten aus der Matrix des LP-Systems in eine Tabelle ist mit
den üblichen Makrobefehlen eines Tabellenkalkulations-Programms möglich,
wenn die Matrixadressen der auszulesenden Daten bekannt und definiert sind.
Die für den Austausch relevanten Daten bestehen aus dem Wert, aus der zu
optimierenden Eigenschaft (ITEM_PIMS) und aus der Deckungsbeitrags-
änderung (DELTA_DB1), die sich aus der abgeschlossenen Rekursion ergibt.
Die Tabelle OUTPUT_DAT_1 muss schließlich aus Gründen der Eindeutigkeit
in die Tabelle TRANSFER_DAT und diese wiederum zur zentralen Plattform
kopiert werden. Ist dieser Vorgang abgeschlossen, wird der Trigger in der
zentralen Plattform auf den Wert O („Null“) gesetzt, um dem zweiten LP-
System PIM 2 zu signalisieren, dass ein veränderter Datensatz existiert.
Die entsprechende Umsetzung in Form eines Algorithmus lässt sich für das
PIMS 1 wie folgt formulieren:
79
____________________________________________________________________________
when open SI-File
do begin
schreibe (ITEM_PIMS, DELTA_DB1)
von (MATRIX_1) nach (OUTPUT_DAT_1)
copy (OUT_DAT_1) nach (TRANSFER_DAT)
copy (TRANSFER_DAT) nach (zentrale
Plattform)
setze Trigger = 0
end
Die erste Rekursion im System der verteilten Optimierung ist somit
abgeschlossen. Das LP-System 1 verbleibt in einer Warteschleife, bis der
Trigger wieder den Wert [1] annimmt und damit signalisiert, dass die Daten
der Datei INPUT_DAT auf der zentralen Plattform verändert wurden.
Für PIMS 1 gilt:
While trigger = 0 or (zentrale Plattform) nicht
verfügbar
Do wait breaktime
Das LP-System 2 ist während der zuvor beschriebenen Rekursion des LP-
Systems 1 in einer Warteschleife verblieben. Erst dann, wenn sich die Datei
INPUT-DAT auf der zentralen Plattform nicht mehr im Eingriff des PIMS 1
befindet und der Trigger den Wert 0 („null“) hat, wird die Datei INPUT_DAT
in das LP_System 2 kopiert.
80
____________________________________________________________________________
Für PIMS 2 gilt:
While trigger = 1 or (zentrale Plattform) nicht
verfügbar
Do wait breaktime
Copy (TRANSFER_DAT) nach (INPUT_DAT_2)
Analog zum PIMS 1 wird nach Beendigung des Kopiervorganges der
Optimiervorgang des PIMS 2 gestartet. Ebenso wie beim PIMS 1 wird auch
beim PIMS 2 nach einer abgeschlossenen Rekursion das Simulating-Interface
gestartet. Wiederum werden in bekannter Weise die ermittelten Werte für die
zu optimierende Eigenschaft ITEM_PIMS und die nach der abgeschlossenen
Rekursion zu ermittelnde Deckungsbeitragsänderung DELTA_DB2 zwischen
der letzten Rekursion (nB) und der vorletzten Rekursion (nB -1) aus der
MATRIX_2 in die Tabelle OUTPUT-DAT_2 geschrieben. Diese Datei wird
wieder in das Format der auszutauschenden Datei TRANSFERDAT_DAT
gebracht und in die zentrale Plattform kopiert. Auch hier wird nach
abgeschlossenem Kopiervorgang der Trigger abermals auf den Wert 0 („null“)
gesetzt.
Start LP-Optimierung
when open SI-File
do begin
schreibe (ITEM_PIMS, DELTA_DB2)
von (MATRIX_2) nach (OUTPUT_DAT_2)
copy (OUTPUT_DAT_2) nach (TRANFER_DAT)
copy (TRANFER _DAT) nach (zentrale
Plattform)
setze Trigger = 0
81
____________________________________________________________________________
end
Das LP-System 2 verbleibt wieder in bekannter Warteschleife.
While trigger =1 or (zentrale Plattform) nicht
verfügbar
Do wait breaktime
Bei der nächsten Abfrage des Triggers von PIMS 1 beginnt eine weitere
Rekursion in beschriebener Weise.
Die Abbruchbedingung für den beschriebenen rekursiven Algorithmus der
verteilten Optimierung ist vor der Optimierung und für beide beteiligten LP-
System gleich vorzugeben (nA = nB). Zwar besteht generell in LP-Systemen die
Möglichkeit den Abbruch der Optimierung so zu definieren, dass bei der
Unterschreitung einer vorgegebenen Deckungsbeitragsänderung zwischen zwei
aufeinanderfolgenden Rekursionen und bei Erfüllung aller formulierten
Gleichungen die Optimierung beendet wird. Optimieren jedoch im Rahmen der
verteilten Optimierung zwei LP-Systeme wechselseitig, ist es notwendig, dass
beide LP-Systeme die gleiche Anzahl an Rekursionen durchzuführen haben,
um auszuschließen, dass eines der beiden LP-Systeme die Optimierung bereits
beendet hat, bevor das zweite zu einer Lösung gekommen ist. So ist die Anzahl
der Rekursionen fest vorzugeben. Wichtig ist eine Größenordnung zu wählen,
die beiden LP-Systemen eine realistische Möglichkeit gibt, das Optimum zu
erreichen. Allerdings sollte die Anzahl der Rekursionen auch nicht zu hoch
sein, da die Rechenzeit sich je nach Umfang der beteiligten Modelle und der
Leistungsfähigkeit der eingesetzten Rechner um ein Vielfaches pro Rekursion
erhöhen kann. Im Rahmen der empirischen Untersuchungen mit der verteilten
Optimierung haben sich 50 Rekursionen als sinnvoll erwiesen. Es hat sich
gezeigt, dass sich aufgrund des asymptotischen Charakters das Ergebnis nur
82
____________________________________________________________________________
marginal ändert, wenn das endgültige Ergebnis bereits deutlich früher als bei
der 50. Rekursion gefunden wurde. Eine Optimierung über 50 Rekursionen ist
in keinem der untersuchten Fälle notwendig gewesen, da LP-Systeme, die bis
zur 50. Rekursion ermitteln konnten, auch mit einer höheren Anzahl an
Rekursionen zu keiner Lösung gekommen wären.
Die gezeigte Form des Algorithmus der verteilten Optimierung diente als
Anhalt zur praktischen Umsetzung. Auf die Beschreibung der Umsetzung wird
im Kapitel 8 näher eingegangen. Ferner werden in den nachfolgenden Kapiteln
die Ergebnisse empirischer Tests darstellt und die daraus ermittelten
Möglichkeiten und Grenzen des aufgezeigten Algorithmus in der Praxis
beschrieben.
83
____________________________________________________________________________
8 Ergebnisse empirischer Untersuchungen bei Umsetzung der verteilten
Optimierung und daraus resultierende Möglichkeiten und Grenzen
8.1 Darstellung der Untersuchungsergebnisse in Bezug auf den
praktischen Einsatz der entwickelten Software-Lösung
In den vorangegangenen Kapiteln wurde der Grundgedanke der verteilten
Optimierung vorgestellt; es wurde die Architektur, der Aufbau eines Systems
der verteilten Optimierung erörtert und schließlich ein Algorithmus erarbeitet,
der als Vorlage zur Umsetzung des erarbeiteten Ansatzes dient.
Nachfolgend wird die praktischen Umsetzung der in Kapitel 7.2.2 erarbeiteten
Algorithmusvorlage dokumentiert und ausgewertet. Die Ergebnisse der
empirischen Untersuchungen mit dem System der verteilten Optimierung
hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen werden abschließend erörtert und
zusammengefasst.
Zur Umsetzung der in Kapitel 7.1.2 beschriebenen systemseitig notwendigen
Architektur wurden zwei LP-Systeme der Firma ASPENTECH mit der
Bezeichnung PIMS inklusive eines entsprechenden LP-Modells verwendet. Als
zentrale Plattform diente eine auf einem Server hinterlegte Excel-Tabelle.
Beide PIMS-Systeme wurden auf zwei getrennten Rechnern installiert und
über ein LAN-Netzwerk mit dem Server und der dort gespeicherten zentralen
Plattform verbunden. Die auf Excel-Tabellen basierenden PIMS-Systeme
wurden um den im vorherigen Kapitel beschriebenen Algorithmus erweitert.
Die Umsetzung des Algorithmus erfolgte in Visual-Basic, um eine problemlose
Handhabung der PIMS-internen Excel-Tabellen gewährleisten zu können. Aus
Gründen der Homogenität und zur Vereinfachung wurde die zentrale Plattform
ebenfalls als Excel-Tabelle angelegt. Der Einsatz einer Datenbank als zentrale
Plattform ist für einen Einsatz in der Praxis aufgrund der Zugriffszeiten und
84
____________________________________________________________________________
des bei vielen Systembenutzern hohen Datenaufkommens generell zu
empfehlen. Für den Testfall stellte sich allerdings eine Excel-Tabelle als
ausreichend dar. Der Aufwand zur Programmierung einer Datenbank hätte den
Nutzen nicht gerechtfertigt, da die Ergebnisse durch den Einsatz einer simplen
Excel-Tabelle unverändert bleiben.
Wie bereits beschrieben besteht ein LP-System im Wesentlichen aus zwei
Teilen. Einerseits ist ein Solver inklusive verschiedener Algorithmen zur
Optimierung der Matrix eingebettet in eine Bedieneroberfläche notwendig,
andererseits ist ein Modell als Abbild des zu optimierenden Problems
erforderlich.
Für die empirischen Untersuchungen wurde ein Modell der Erdöl-Raffinerie
Emsland GmbH (Deutsche BP AG Lingen) als Ausgangsmodell gewählt.
Dieses Ausgangsmodell wurde in zwei spezifische Modelle umgewandelt.
Beide sind in der abgebildeten Raffineriestruktur gleich, mit Ausnahme des
Anlagenteils „Cyclohexan-Anlage“. Ohne näher auf den technischen Aufbau
einer solchen Anlage einzugehen, ist in diesem Zusammenhang lediglich
wichtig, dass in dem untersuchten Modell die Cyclohexan-Anlage Benzol zu
Cyclohexan umwandelt unter Einbeziehung von Energie und Wasserstoff. Das
Modell des LP-Systems I stellt die Versorgung der Cyclohexan-Anlage zu
einem Teil aus eigenproduziertem Benzol und zu einem zweiten Teil aus
zugekauftem Benzol dar. Die maximale Einsatzkapazität der Cyclohexan-
Anlage wurde mit 20 Tonnen pro Stunde (= t/h) definiert. Es wurde keine
Mindestauslastung der Anlage angenommen. Die Eigenbenzolmenge wurde
mit der unteren Grenze von 7 t/h und einer oberen Grenze von 10 t/h
angegeben. Die Zukaufsmenge konnte zwischen 0 t/h und 13 t/h variieren. Der
Cyclohexan-Preis wurde als konstant und nicht mengenabhängig gestaffelt
festgelegt.
Das Modell des LP-Systems II entspricht mit Ausnahme der Cyclohexan-
Anlage und dem Preis-Erlös-Szenario dem Modell des LP-Systems I. Die im
85
____________________________________________________________________________
LP-System II modellierte Cyclohexan-Anlage kann ausschließlich aus dem
Eigenbenzol versorgt werden, ein Zukauf ist nicht möglich. Die
Anlagenkapazitäten wurden mit 0 t/h bis 10 t/h gewählt. Das eigenproduzierte
Benzol kann innerhalb der Anlagengrenzen zum Verkauf zur Verfügung
gestellt werden.
Fasst man die LP-Systeme I und II zusammen, so kann Benzol vom LP-System
II an I verkauft werden, um unter cknahme der Produktion im LP-System II
die Cyclohexan-Anlage des LP-Systems I über das Maß der eigenproduzierten
Benzolmengen hinaus auszulasten. Als Aufgabe soll somit die für beide LP-
Systeme in der Summe deckungsbeitragsoptimale Verarbeitungsmenge von
Benzol ermittelt werden. Das System der verteilten Optimierung kann den Ort
(wo das Cylohexan produziert werden soll) und die Menge (wie viel an den
jeweiligen Standorten produziert werden soll) frei optimieren.
Unter dem Ausdruck „Preis-Erlös-Szenario“ sollen im Folgenden die Preise
aller im Modell zugekauften Produkte sowie die Erlöse aller im Modell
verkauften Produkte zusammengefasst werden. Das Preis-Erlös-Szenario der
beiden an den empirischen Untersuchungen beteiligten LP-Systeme wurde von
einem gemeinsamen Szenario abgeleitet und dann um 0-5% nach dem
Zufallsprinzip einmalig verändert, um zwei ähnliche, aber nicht gleiche Preis-
Erlös-Szenarien zu erzeugen. Die so konstruierten Szenarien blieben bei allen
Untersuchungen gleich. Grundsätzlich kann der Algorithmus der verteilten
Optimierung auch bei Gleichheit der verwendeten Preis-Erlös-Szenarien
angewandt werden. Jedoch sind die Untersuchungsergebnisse nur wenig
aussagekräftig, da eine Interaktion zwischen den beteiligten Modellen nicht auf
direkte wirtschaftliche Vorteile, sondern allenfalls auf eine technisch
günstigere Verarbeitungsmöglichkeit abzielt. Grade der differierende Wert
verschiedener Komponenteneigenschaft in einem Planungssystem (im
weiteren: innerer Wert) soll in den nachfolgend beschriebenen
Untersuchungsergebnissen herausgearbeitet werden.
86
____________________________________________________________________________
Um die Funktionsfähigkeit des Ansatzes der verteilten Optimierung unter
Berücksichtigung des in Kapitel 7.2.2 dargestellten Algorithmus zu
untersuchen, wurden im Rahmen dieser Arbeit praktische Untersuchungen
durchgeführt. Diese Untersuchungen wurden in 4 Phasen unterteilt:
Phase I: Testen der Funktionsfähigkeit der beteiligten LP-Systeme als
autark optimierende Systeme ohne Einbindung in die
Architektur der verteilten Optimierung.
Phase II: Verifizieren des korrekten Datenaustausches zwischen den
beteiligten LP-Systemen und der zentralen Plattform ohne
Durchführung von Optimierungungsrechnungen.
Phase III: Testen des grundsätzlichen korrekten Ablaufs einer
vollständigen Optimierung (wie in Kapitel 7.2.1 beschrieben)
unter der speziellen Beachtung der im Algorithmus genannten
Start- und Abbruchbedingungen.
Phase IV: Verhalten der beiden beteiligten Solver im Rahmen der
verteilten Optimierung im Hinblick auf verschiedene
Funktionsverläufe und Ermittlung der sich daraus ergebenden
Möglichkeiten und vor allem der Grenzen des in dieser Arbeit
erarbeiteten Ansatzes.
Sieht man das System der verteilten Optimierung als Gesamtsystem, so kann
im Rahmen von empirischen Untersuchungen die Startsituation, d.h. die
eingesetzten LP-Modelle, Mengen, Produktqualitäten, Preis-Erlös-Szenarien
usw., untersucht und systematisch variiert werden. Die durch die Optimierung
ermittelten Ergebnisse werden anschließend analysiert und interpretiert. Da die
beschriebene Architektur des Optimierungssystems aus mehreren
Komponenten (Planungssysteme, zentrale Plattform, implementierte
Algorithmen usw.) besteht, wurden zunächst die Einzelkomponenten und dann
87
____________________________________________________________________________
das Gesamtsystem analysiert. Zur Umsetzung dieser komponentenweisen
Betrachtung wurden zwei Objekte in die bereits in Abbildung 9 gezeigte
Systemarchitektur implementiert (siehe dazu Abbildung 12). Das erste ist ein
auf der Programmiersprache VISUAL BASIC basierender Viewer, der die
Beträge ausgewählter Variablen zwischen den abgeschlossenen
Rekursionsschritten darstellt. Die Programmierung des Viewers geht dazu bis
in den Algorithmus der verteilten Optimierung hinein. Das zweite zu
Testzwecken installierte Objekt ist ein auf einer Excel-Tabelle basierender
Testsimulator. Mit Hilfe dieses Simulators kann das Verhalten des
Planungssystems II kontrolliert simuliert werden. Das bedeutet, dass das
Planungssystem II von der zentralen Plattform getrennt und der Testsimulator
eingefügt wird. Inhaltlich wird der Testsimulator bei der nachfolgenden
Beschreibung der Testphase IV näher erläutert.
Abbildung 12 Implementierung eines Viewers und eines Testsimulators zur
komponentenweisen Austestung
= Algorithmus der verteilten Optimierung
Zentrale
Plattform
Planungssystem I
Testsimulator
LP-Modell
der
Produktions-
planung
LP-Modell
der Produkt-
tionsplanung
Zentrale
Plattform
Planungssystem II
Viewer
88
____________________________________________________________________________
Zu Phase I - Testen der Funktionsfähigkeit der beteiligten LP-Systeme:
Bevor die LP-Systeme in die Architektur der verteilten Optimierung sinnvoll
eingebunden werden können, ist sicherzustellen, dass die beteiligten LP-
Modelle im autarken Fall zu einer lokal optimalen, feasiblen Lösung kommen.
Dazu sollten folgende Faktoren erfüllt sein:
- Die autarke Optimierung kommt innerhalb von maximal 20 Iterationen
zur Lösung. Eine höhere Anzahl an Iterationen würde bei den
verbreiteten Modellen auf einen zu kleinen Lösungsraum schließen
lassen. Dieser kleine Lösungsraum würde im Rahmen der verteilten
Optimierung nochmals eingeschränkt, so dass die Anzahl der zur
Lösung des Systems notwendigen Iterationen nicht mehr realistisch
handhabbar sind.
- Die Zielfunktion der in dieser Arbeit betrachteten Modellen stellte
immer den zu maximierenden Gesamtdeckungsbeitrag dar. In der
autarken Lösung der beteiligten Modelle sollten die Ergebnisse (hier:
Deckungsbeiträge oder DB) in einem realistischen Rahmen sein. So
kann es durch die ungünstige Wahl der in das Modell einfließenden
Parameter der Fall sein, dass Gleichungen entstehen, die einen stark
nichtlinearen Charakter aufweisen. Auch ausgereifte Solver können in
diesem Fall ein lokales Optimum als Lösung ausweisen. Der Einsatz
eines derartigen LP-Modells in die Architektur der verteilten
Optimierung kann zu stark verfälschten Ergebnissen führen. In den
durchgeführten Tests zeigte sich in einem derartigen Fall, dass aufgrund
der veränderten Startlösung im Falle der verteilten Optimierung kein
lokales Optimum mehr auftrat. So wurde der verteilt optimierte Fall
grundsätzlich deutlich besser, als der autarke Fall, was zu groben
Fehlern bei der Berechnung des „Delta-DBs“ führte. Eine korrekte
Berechnung des zum Basisfall wirtschaftlich sinnvollen Austausches
der optimierten Komponente kann nicht erfolgen.
89
____________________________________________________________________________
- Aus den Tests mit den zunächst autark optimierenden LP-Modellen
zeigte sich ebenfalls, dass die Variablen, die im Rahmen der verteilten
Optimierung variiert werden48, nicht nur modelltheoretisch, sondern
auch praktisch alle Werte innerhalb des gesamten Definitionsbereiches
annehmen können. Das bedeutet, dass in den beteiligten Modellen in
autarken Optimierungen die als minimal bzw. maximal definierte
Cyclohexan-Produktion zu Testzwecken erzwungen werden muss. Es
ist sicherzustellen, dass diese Grenzen technisch, wenn auch unter
Einbußen hinsichtlich des Gesamtdeckungsbeitrages, von der
betreffenden Variablen des Modells angenommen werden kann.
Gleiches gilt bei den Mengenvariablen Benzolzukauf, Benzol-
Eigenproduktion und Benzolverkauf. Beispielhaft zeigte sich in den
durchgeführten Tests, dass sowohl im autarken wie im verteilt
optimierten Fall trotz augenscheinlich wirtschaftlicher Vorteile in dem
betrachteten Modell die rechnerisch zu produzierende
Cyclohexanmenge immer den Wert der unteren Grenze annahm. Die
Ursache lag jedoch an dem fehlenden Wasserstoff, der für die
Cyclohexanherstellung notwendig ist. Eine größere Menge als die
Mindestmenge konnte technisch nicht realisiert und das wirtschaftliche
erwünschte Optimum nicht erzielt werden. Das Ergebnis der
unveränderten Cyclohexan-Produktion hätte ohne den o.g. Test nicht als
Problem eines einzelnen LP-Modells erkannt werden können, sondern
wäre im ungünstigsten Fall als Ergebnis der verteilten Optimierung
ausgewiesen worden.
So kann als Ergebnis formuliert werden, dass die für die verteilte
Optimierung relevanten Variablen hinsichtlich der modellseitig
abgebildeten Grenzen in den autarken LP-Modellen systematisch
48 im dargestellten Beispiel folgende Mengen: Cyclohexan-Produktion, Benzolzukauf, Benzol-
Eigenproduktion und Benzolverkauf
90
____________________________________________________________________________
auszutesten sind. Es empfiehlt sich eine entsprechende Matrix zu
erstellen, wie sie Abbildung 13 zeigt.
Menge in [t/h] PIMS I PIMS II
Cyclohexan- min 0 0
produktion max 20 10
Benzol- min 0
zukauf max 13
Benzol- min 7 5
eigenproduktion max 10 10
Benzol- min 7 5
verkauf max 10 10
Abbildung 13 – Grenzen für die verteilte Optimierung relevanten
Variablen
Die Werte in Abbildung 13 zeigen die modellseitig formulierten und zu
Beginn dieses Kapitels erwähnten Grenzen. Für die durchzuführenden
Tests bedeutet das, dass bei dem LP-System PIMS I in autarker Weise
die zu produzierende Cyclohexanmenge in einem ersten Schritt mit 0
t/h und in einem zweiten mit 20 t/h fix vorgegeben wird. Wichtig ist
darauf zu achten, dass die Variablen Benzolzukauf,
Benzoleigenproduktion und Benzolverkauf die in Abbildung 13
vorgegebenen Grenzen auch entsprechend annehmen können. Sollten
sowohl die minimalen als auch die maximalen Grenzen der
Cyclohexan-Produktion vom LP-Modell sinnvoll realisierbar sein,
werden in gleicher Weise alle relevanten Variablen getestet. Es bleibt
darauf hinzuweisen, dass jeweils nur eine der o.g. Variablen fix
vorgegeben werden darf, da sonst schnell ein überbestimmtes, nicht
mehr lösbares System erzeugt wird.
91
____________________________________________________________________________
- Zu den Tests der Phase I zählt auch die Betrachtung der minimalen und
maximalen Preise bzw. Erlöse für das zuzukaufende (PIMS I) bzw. zu
verkaufende Benzol (PIMS II). Für ein Zustandekommen eines
Austausches von Komponenten im Rahmen der verteilten Optimierung
ist es u.a. notwendig, dass die Preisspanne des Zukaufsbenzols sich mit
der Preisspanne des Verkaufsbenzols in Teilen überschneidet:
Es soll gelten:
PVerkauf-max > PZukauf-min (17)
und
PZukauf-max > PVerkauf-min (18)
mit:
PVerkauf-min = minimaler Verkaufserlös
PVerkauf-max = maximaler Verkaufserlös
PZukauf-min = minimaler Zukaufspreis
PZukauf-max = maximaler Zukaufspreis
Die Grenzen für die genannten Erlöse können zwar modellseitig
vorgegeben werden, müssen aber nicht zwingend mit den vom LP-
System realisierbaren Grenzen übereinstimmen. Das bedeutet, dass
z.B. modellseitig ein maximaler Zukaufpreis vorgegeben wurde, dieser
allerdings vom LP-System niemals ausgenutzt wird, da die Unter-
lassensalternative, d.h. das Benzol nicht in dem betreffenden Umfang
zuzukaufen, wirtschaftlich sinnvoller und/oder technisch nicht anders
realisierbar ist. Es ist somit bei den beteiligten autarken Modellen
unbedingt folgendes auszutesten:
92
____________________________________________________________________________
PIMS I:
Wo liegt der maximale Zukaufspreis von Benzol, bei dem das LP-
System kein Benzol mehr zukauft ?
PIMS II:
Wo liegt der minimale Verkaufspreis von Benzol, bei dem das LP-
System kein Benzol mehr verkauft ?
Die aus den beiden genannten Testzuständen resultierenden
Deckungsbeiträge der autarken LP-Systeme können von denen der frei
optimierten Deckungsbeiträge der einzelnen LP-System stark
abweichen.
Bei der Durchführung der aufgezeigten genannten Tests lassen sich die
Ergebnisse eines einzelnen Testlaufes anhand des nach Beendigung der
Optimierung standardmäßig erstellten Reports beurteilen. Es können allerdings
nur die im Endergebnis erzielten und im Report dargestellten Werte der
relevanten Variablen geprüft werden. Im Rahmen dieser Arbeit erwies es sich
als sinnvoll, das vorhandene autark arbeitende LP-System um eine hier als
Viewer definierte Eigenentwicklung zu erweitern.
Der im Rahmen dieser Arbeit entwickelte Viewer hat auf das LP-System und
auf die damit verbundene Optimierung keinen Einfluss. Der Viewer dient
lediglich dazu, die Werte definierter Variablen nach jeder Iteration während
der Optimierung zu erfassen und zu archivieren. Realisiert wurde dies mit
Hilfe eines auf der Programmiersprache VISUAL BASIC basierenden
Programms, welches in das LP-Modell implementiert wurde und das während
der Optimierung nach jeder Iteration aufgerufen wird. Das bedeutet, dass bei
den durchgeführten Tests nicht nur das Endergebnis selbst, sondern auch die
Qualität dieses Ergebnisses beurteilt werden kann. Als Qualität eines
Ergebnisses sind in diesem Zusammenhang die Stabilität und die Konvergenz
der ausgewiesenen Wertereihen der betrachteten Variablen zu verstehen. So ist
93
____________________________________________________________________________
Voraussetzung für die verteilte Optimierung, dass die Ergebnisse der
durchgeführten Tests der autarken LP-Systeme einen konvergierenden Verlauf
zeigen. Ein schwingendes System, d.h. eine periodische Veränderung der
Ergebnisse, ist als nicht stabil einzustufen und Indiz dafür, dass der Solver
nicht die gewünschte Zielfunktion optimal berechnen konnte. Moderne LP-
Systeme versuchen zwar eine derartig unerwünschte Lösung des Modells zu
vermeiden, sind andererseits aber auch getrieben eine feasible Lösung zu
ermitteln. Aufgrund des im Rahmen dieser Arbeit eingesetzten Viewers lässt
sich die Empfehlung formulieren, die Wertereihen der Variablen im
Gesamtzusammenhang der Optimierung zu prüfen, bevor ein LP-System in ein
System der verteilten Optimierung implementiert wird.
Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass bei den an der verteilten
Optimierung beteiligten LP-Systeme auf autarker Basis
die Anzahl der Iterationen,
die Höhe des Deckungsbeitrages,
die definierten Grenzen der betrachteten Variablen
und das Lösungsverhalten hinsichtlich Konvergenz
unter Einsatz eines entwickelten Viewers zu prüfen sind.
Zu Phase II – Verifizieren des korrekten Datenaustausches:
Nachdem die an der verteilten Optimierung beteiligten LP-Systeme im
autarken Betrieb in der Phase I getestet wurden, sollen in der Phase II die im
Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Untersuchungen und die daraus
gewonnenen Ergebnisse hinsichtlich des korrekten Datenaustausches
dargestellt werden.
Im Speziellen wurde der Datenaustausch zwischen den beteiligten
Komponenten einer verteilten Optimierung betrachtet. Mit Verweis auf
94
____________________________________________________________________________
Abbildung 10 und Abbildung 11 lassen sich folgende Schnittstellen definieren,
die einen zu prüfenden Datenaustausch aufweisen:
Tabellen mit den Eingangsdaten PIMS I bzw. PIMS II
PIMS I bzw. PIMS II zentrale Plattform
PIMS I bzw. PIMS II Report
Als hilfreich hat sich bei den durchgeführten Tests der Einsatz des bereits in
Phase I beschriebenen Viewers erwiesen. Mit Hilfe des Viewers, der die
errechneten Werte relevanter Variablen zwischen den einzelnen Iterationen
ausweist, lässt sich nach einer Optimierung verifizieren, ob ein korrekter
Datenaustausch mit dem Modell stattgefunden hat. Alle anderen an der
Optimierung beteiligten Komponenten (Eingangstabellen, zentrale Plattform
und der Report) sind im Gegensatz zum LP-Modell unmittelbar einsehbar. Die
Form der durchgeführten Tests wird nachfolgend beschrieben.
Der Transfer der Modelleingangsdaten in die beiden LP-Modelle PIMS I und
PIMS II erfolgte in den untersuchten Modellen vom Standardalgorithmus der
LP-Modelle. Es wurden lediglich die in einer Tabellenform vorliegenden
Daten in die notwendige Matrixstruktur umgebrochen. Dieser Datentransfer
gilt als Routine des LP-Systems und wird in diesem Zusammenhang als
unkritisch angesehen. Es war lediglich zu prüfen, ob die Eingangsdaten sich in
der korrekten Weise im Modell wiederfinden und damit sowohl der Wert als
auch die Variablenbezeichnung korrekt übernommen wurden.
Hauptaugenmerk in der Phase II der Tests sollte auf die Verifizierung des
korrekten Datenaustausches zwischen den LP-Modellen und der zentralen
Plattform gelegt werden. Als LP-Modell ist in diesem Zusammenhang das um
den in Kapitel 7.2.2 beschriebenen Algorithmus erweiterte System zu
verstehen. Es wurden folgende Test durchgeführt:
95
____________________________________________________________________________
Wie bereits beschrieben, ist für das Zustandekommen einer verteilten
Optimierung von einem der beteiligten LP-Systeme ein Datensatz auf der
zentralen Plattform zu hinterlegen. Zu diesem Zwecke ist die verteilte
Optimierung in einem LP-System zu starten - das zweite LP-System wird
deaktiviert. Das hat zur Folge, dass das aktivierte LP-System noch vor der
ersten Optimierung den Startdatensatz in die zentrale Plattform kopiert, den
Trigger auf den Wert 1 setzt und in eine Warteschleife geht, solange der
Trigger nicht den Wert 0 annimmt. Aufgrund des deaktivierten zweiten
LP-Systems ist nun ausreichend Zeit, die zentrale Plattform zu öffnen und
die ausgetauschten Daten zu überprüfen.
Ist der Eingangsdatensatz verifiziert, so kann bei weiter deaktiviertem
PIMS II der Trigger in der zentralen Plattform manuell auf den Wert 0
gesetzt werden. Es wird so der zum zweiten LP-System hergestellte
Kontakt simuliert. Das hat zur Folge, dass das erste LP-System am Ende
einer Warteschleife erkennt, dass der Datensatz geändert worden ist, d.h.
die nächste Iteration der Optimierung vom LP-System durchgeführt wurde.
Der nach erfolgter Iteration in der zentralen Plattform hinterlegte Datensatz
kann wiederum manuell aufgerufen und geprüft werden. Parallel sind die
Werte der zentralen Plattform mit den Werten aus dem Viewer zu
vergleichen. Nur so kann geprüft werden, ob die während der Iteration im
Modell berechneten Werte auch korrekt in die zentrale Plattform exportiert
wurden. Es ist zu prüfen, ob die richtigen Datensätze ausgetauscht wurden
sind und ob die ausgetauschten Datensätze vollständig und korrekt sind.
Diese zuletzt beschriebenen Schritte des Tests haben sich bei den
empirischen Untersuchungen als sehr sinnvoll für einen korrekten Einsatz
der verteilten Optimierung herausgestellt, da ein Fehler im Datentransfer
ggf. nur unauffällige Veränderungen des Ergebnisses zur Folge haben kann
und nur schwer zu identifizieren ist.
Schließlich wurde in der Testphase II die Zugriffszeit vom LP-Modell auf
die zentrale Plattform untersucht. Die maximale Zugriffszeit sollte nicht
96
____________________________________________________________________________
länger als 10 Sekunden betragen. Unter Zugriffszeit ist dabei die Zeit vom
Öffnen der zentralen Plattform bis zur Vollendung des Schließens
inklusive des notwendigen Speicherns zu verstehen. Eine längere
Zugriffszeit sollte überdacht werden, da eine Erhöhung zur Verlängerung
der Gesamtlaufzeit führt. Es ist zu berücksichtigen, dass die Verlängerung
der Zugriffszeit bei jedem Datentransfer zur zentralen Plattform mit der
Anzahl der zur Optimierung notwendigen Iterationen zu multiplizieren ist.
Die letzte betrachtete Schnittstelle zwischen LP-Modell und Report ist
ähnlich der zu Beginn beschriebenen Schnittstelle zwischen Eingangsdaten
und LP-System eine Routine des LP-Systems und wurde hinsichtlich eines
fehlerhaften Datentransfers als unkritisch eingestuft. Es wurde lediglich
überprüft, ob die im Viewer aus der letzten Iteration gespeicherten Werte
betrachteter Variablen auch im erzeugten Report ausgewiesen wurden.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Datentransfer an drei
wesentlichen Schnittstellen hinsichtlich
der korrekten Übernahme der Eingangsdaten in die Matrix,
des Hinterlegens des ersten Datensatzes auf der zentralen Plattform
sowie des korrekten Datenaustausches mit der zentralen Plattform
zwischen den Iterationen unter Einhaltung der definierten maximalen
Zugriffszeiten und
des Erzeugens eines korrekten Reports
unter Einsatz eines Viewers verifiziert wurde.
Zu Phase III Testen des korrekten Ablaufes einer vollständigen
Optimierung:
In der dritten Phase des Testablaufes wurde der korrekte Ablauf einer
vollständigen Optimierung (wie in Kapitel 7.2.1 beschrieben) unter der
97
____________________________________________________________________________
speziellen Beachtung der im Algorithmus genannten Start- und
Abbruchbedingungen untersucht.
Basis dieser Testphase waren die zu Beginn dieses Kapitels beschriebenen LP-
Systeme. Auf das definierte Preis-Erlös-Szenario wurde ebenfalls eingegangen.
Zur Durchführung des Tests wurde das LP-System I mit dem Modell PIMS I
auf einem der mit dem LAN-Netzwerk verbundenen Rechner gestartet. Analog
des Algorithmus zur verteilten Optimierung sollte im Test mit Hilfe des
Viewers verfolgt werden, wie der erste Datensatz auf der zentralen Plattform
hinterlegt wird. Die inhaltliche Prüfung des hinterlegten Datensatzes wurde in
den vorhergehenden Testphasen absolviert und war an dieser Stelle nicht mehr
nötig, so dass sich diese Phase des Tests ausschließlich auf den reinen Ablauf
konzentrierte.
Wurde der erste Datensatz auf der zentralen Plattform hinterlegt, so war in
einem nächsten Schritt zu prüfen, ob und wann das LP-System II mit dem
Modell PIMS II den Datensatz von der zentralen Plattform in das LP-System
kopieren würde. Bei den durchgeführten Tests zeigte sich dafür eine in der
zentralen Plattform programmierte Routine als hilfreich. Diese auf VISUAL
BASIC programmierte Routine schrieb bei jedem Öffnen der zentralen
Plattform die Zeit (Datum und Uhrzeit) sekundengenau in eine Tabelle. So
konnte der zeitliche Verlauf der Zugriffe auf die zentrale Plattform nach
Beendigung der verteilten Optimierung nachvollzogen werden.
Ferner galt zu sicherzustellen, dass das LP-System II, auch wenn noch kein zu
kopierender Datensatz auf der zentralen Plattform hinterlegt wurde, den
beschriebenen Algorithmus weiterverfolgt, indem es die Warteschleife
fortsetzt. Ein weiterer auf Auswirkungen zu prüfender Fall war der zeitgleiche
Zugriff beider LP-Systeme auf die zentrale Plattform. Zwar wurde dieser
Aspekt in dem Algorithmus zur verteilten Optimierung berücksichtigt, führte
allerdings in der Praxis in wenigen Fällen zum unkontrollierten Abbruch des
98
____________________________________________________________________________
Systems. Aus dieser Erfahrung heraus sst sich die Empfehlung einer
datenbankgestützten zentralen Plattform wiederholen.
Hat das LP-System II den auf der zentralen Plattform hinterlegten Datensatz
korrekt ins LP-Modell II kopiert, bleibt zu untersuchen, ob das LP-System II
mit der ersten Rekursion der Optimierung beginnt und nach Abschluss dieser
das notwendige Simulating Interface startet, welches das Auslesen eines neuen
Datensatzes aus der Matrix und das anschließende Kopieren in die zentrale
Plattform zur Folge hat. Der Verlauf der Rekursionen wird auf dem Monitor
während der Optimierung dargestellt. Wie bereits beschrieben, wurden die an
der verteilten Optimierung beteiligten LP-Systeme auf getrennten Computern
mit LAN-Verbindung betrieben. Für diese Testphase zeigt es sich als
zweckmäßig, die Monitore der beiden Computer nebeneinander zu installieren.
Bei gleichzeitiger Betrachtung beider Monitore konnte so das Wechselspiel
der LP-Systeme an den Iterations-Report in Echtzeit verfolgt werden.
Sind die beschriebenen Kriterien für die Beendigung der verteilten
Optimierung erfüllt, ist sicherzustellen, dass beide LP-Systeme die
Optimierung nach der Durchführung direkt aufeinanderfolgender Rekursionen
beenden und jeweils einen korrekten Report erstellen. Es war im Speziellen zu
prüfen, ob die verknüpften LP-Systeme zu einem kontrollierten Abschluss der
Optimierung kommen, auch wenn eines der beiden Systeme nicht regelgerecht
arbeitete. Darunter waren z.B. Systemausfall eines der beiden Computer,
Unterbrechung der LAN-Verbindung, Ausfall der zentralen Plattform und
unvorhergesehener Abbruch der Optimierung durch eine Störung im LP-
Modell zu verstehen.
Zusammenfassend lassen sich folgende in der Testphase III zu prüfende
Elemente aufzeigen:
Hinterlegen eines ersten vollständigen Datensatzes auf die zentrale
Plattform unter Einsatz eines Viewers.
Verfolgen der wechselseitigen Rekursion der LP-Systeme
99
____________________________________________________________________________
Sicherstellen der korrekten Umsetzung der definierten
Abbruchbedingungen
Erstellen zweier inhaltlich und formal korrekter Reports
Reaktion der LP-Systeme bei technischen Problemen während der
Optimierung.
Zur Phase IV – Verhalten der beteiligten Solver:
In der vierten Phase der Testreihen standen die Untersuchung des Verhaltens
der beteiligten Solver im Rahmen der verteilten Optimierung sowie die
Ermittlung und Darstellung der sich daraus ergebenden Möglichkeiten und vor
allem Grenzen des in dieser Arbeit erarbeiteten Ansatzes im Mittelpunkt.
Die Notwendigkeit zur Untersuchung des Zusammenspiels zwischen den
beteiligten Solvern lässt sich wie folgt begründen:
Wie in Kapitel 2 erörtert, ist in dem beschriebenen Anwendungsfall ein LP-
Modell ein abstrahiertes Abbild der zu optimierenden Realität. Die für das
Optimierproblem relevanten Möglichkeiten und Grenzen werden in Form von
Gleichungen mit entsprechenden Variablen und Konstanten formuliert. Jede zu
optimierende Eigenschaft wird im Allgemeinen in einer eigenständigen
Gleichung dargestellt. Diese Gleichung findet im Modell in der vor jeder
Gesamtoptimierung erzeugten Matrix eine definierten Koordinate. Das
bedeutet, jeder modellierten Eigenschaft steht ein Eintrag in der Matrix
gegenüber. Die Einträge in der Matrix können sowohl Variablen als auch
Konstanten sein. Die Variablen werden während der Optimierung eines
autarken LP-Modells zum Zweck der Maximierung der Zielfunktion verändert,
die Konstanten nicht. Die Funktionsverläufe der abgebildeten Eigenschaften
entsprechen den bereits beschriebenen Anforderung eines LP-Modells.
Diese Anforderungen an die Gleichungen eines LP-Modells lassen sich bei der
verteilten Optimierung nur stark eingeschränkt einhalten. Entsprechende
100
____________________________________________________________________________
Probleme ergeben sich bei dem Einsatz des systeminternen Solvers. Aus
diesem Grund steht eine Testreihe zum Verhalten des Solvers bei
unterschiedlichen Funktionsverläufen im Mittelpunkt der letzten Testphase.
Bevor der Inhalt der Testphase IV her beschrieben wird, soll vorbereitend
theoretisch auf das Problem näher eingegangen werden.
Aus der Sicht des LP-Systems I wird bei Einsatz der verteilten Optimierung
die Zielfunktion mit Hilfe des Solvers auf Extremstellen (in diesem Fall auf ein
Maximum) untersucht. Soll über eine Eigenschaft, wie z.B. der Schwefelgehalt
der ausgetauschten Komponente, optimiert werden, so zeigte sich in
durchgeführten Tests, dass der funktionale Zusammenhang zwischen
Eigenschaft und Deckungsbeitragsänderung in den seltensten Fällen linear ist.
Vielmehr ergab eine nähere Betrachtung der Deckungsbeitragsfunktion, die im
Rahmen dieser Arbeit bei einem stark simplifizierten LP-Modell untersucht
wurde, dass die Funktion des Gesamtdeckungsbeitrages in Abhängigkeit der
variierten Eigenschaften als Überlagerung mehrerer Einzelfunktionen definiert
werden kann. Die Einzelfunktionen werden durch Intervallgrenzen
voneinander getrennt. Bezieht sich dieser Zusammenhang nur auf ein autarkes
LP-Modell, sind die standardmäßig in den LP-Systemen implementierten
Solver ausreichend, um einen derartigen funktionalen Zusammenhang
verarbeiten und die gewünschte Extremstelle ermitteln zu können.
Bei einer verteilten Optimierung hingegen wird die Deckungsbeitragsfunktion
des LP-Systems II in Abhängigkeit einer Eigenschaft in ihrer gesamten
Komplexität zu einer einzigen Eigenschaft und damit nur auf einem einzigen
Eintrag in der Matrix des LP-Systems I reduziert (Abbildung 14).
Die übrigen funktionalen Beziehungen der Eigenschaften im LP-System II
bleiben bestehen, so dass die zuvor in autarkem Zustand vom Solver sbare
Funktion in der verteilten Optimierung nur noch bedingt lösbar ist.
101
____________________________________________________________________________
Abbildung 14 – Zusammenfassung mehrerer Eigenschaften im LP-System II auf
einen Eintrag in der Matrix des LP-Systems I
Da die Möglichkeiten eines gängigen Solvers wesentlichen Einfluss auf die
Umsetzbarkeit des Ansatzes haben, ist es wichtig, Kenntnisse über das
Verhalten des Solvers beim Einsatz unterschiedlicher Funktionsverläufe zu
erlangen. Die Möglichkeiten und Grenzen des Solvers haben wesentlichen
Einfluss auf die Möglichkeiten und Grenzen der verteilten Optimierung. Aus
diesem Grund wurden im Rahmen dieser Arbeit Tests zu den Möglichkeiten
Eige
n
schaft
Eige
n
sch
LP-System 1 LP-System 2
Eige
n
schaft
Eige
n
schaft
Eige
n
schaft
Eigenschaft
D
Eigens
chaft
D
D
D
D
D
D
102
____________________________________________________________________________
und Grenzen des Solvers durchgeführt. Der eingesetzte Solver ist Teil des LP-
Systems PIMS der Firma ASPENTECH.
Als Hilfsmittel wurde dazu im Rahmen dieser Arbeit ein vereinfachter
Testsimulator entwickelt, der mit dem Hinweis auf Abbildung 12 nachfolgend
kurz erörtert werden soll.
Ziel des entwickelten Testsimulators ist es, komplexe Funktionsverläufe
resultierend aus dem LP-Systems II zu simulieren und das LP-System II
während der Tests zu ersetzen. Das bedeutet, dass über der zentralen Plattform
zwischen den einzelnen Rekursionen nicht die Daten mit dem LP-System II
ausgetauscht werden, sondern mit dem Testsimulator.
Für den technischen Aufbau des Testsimulators bedeutet das, dass der Teil des
entwickelten Algorithmus zur verteilten Optimierung, der das LP-System II
betrifft, auf den Testsimulator angepasst wird. So wird der Teil des
Algorithmus modifiziert, der den Datenaustausch zwischen der zentralen
Plattform und dem LP-System II regelt49. Anstelle der LP-typischen
Rekursionen tritt schließlich die zu testende Funktion, jedoch ohne Rekursion,
lediglich als Zusammenhang zwischen der untersuchten Eigenschaft und der
Deckungsbeitragsveränderung. Wie bei dem entwickelten Viewer zeigte sich in
diesem Teil der Testphase IV ebenfalls eine Visualisierung der
Zwischenergebnisse zwischen den durchgeführten Rekursionen des LP-
Systems I als hilfreich. Reaktionen des Solvers auf verschiedene
Funktionsverläufe ließen sich so grafisch darstellen. Für die spätere
Auswertung der Versuche, wurden die Zwischenergebnisse im Testsimulator
über den gesamten Versuchsverlauf gespeichert.
Die Funktionsverläufe, die den Zusammenhang zwischen der im Rahmen der
verteilten Optimierung betrachteten Eigenschaft und der
Deckungsbeitragsveränderung darstellten, waren somit nicht mehr Resultat
49 siehe dazu nochmals Anhang 1
103
____________________________________________________________________________
eines komplexen LP-Systems. Vielmehr konnten mittels des Testsimulators
mathematische Funktionen vorgegeben und zuvor manuell auf Extremstellen
untersucht werden. Die Vorgehensweise gliederte sich in folgende Schritte: In
einem ersten Schritt wurden Funktionsverläufe von unterschiedlicher
Komplexität erstellt und auf Extremstellen untersucht. Im nächsten Schritt
wurden diese Funktionen in den Testsimulator implementiert, das LP-System II
durch den Testsimulator ersetzt und der Algorithmus der verteilten
Optimierung angewandt.
Die durchgeführten Tests zeigten hinsichtlich der Auswertbarkeit der
eingesetzten Funktionsverläufe kein zufriedenstellendes Ergebnis. Ursache
dafür war die Überlagerung der eingebrachten Funktionsverläufe mit den
bestehenden Funktionen des LP-Systems I. Zwar konnte in der Regel eine
maximale Extremstelle in der Gesamtzielfunktion des LP-Systems I vom
Solver gefunden werden, allerdings war es nicht möglich Rückschlüsse darauf
zu ziehen, ob das zuvor errechnete Maximum der Funktion im Testsimulator
auch wirklich vom Solver des LP-Systems I korrekt gelöst wurde.
Die Frage, ob der eingesetzte Solver geeignet war komplexe Funktionen
korrekt auf Extremstellen zu untersuchen, blieb somit unbeantwortet.
Der in Abbildung 12 dargestellte Testaufbau musste nochmals vereinfacht
werden. Zu diesem Zweck wurden die Funktionen des LP-Systems I (siehe
dazu auch Abbildung 14) durch die einzige Funktion
f(ei) = K mit
D (ei)
R und ei = Eigenschaften im LP-System
wobei K = const. mit
D (K)
R+
104
____________________________________________________________________________
ersetzt (Abbildung 15). Somit hat eine Veränderung der Eigenschaften im LP-
System I keinen Einfluss auf die Zielfunktion der zu maximierende
Deckungsbeitrag im LP-System I bleibt im autarken Betrieb immer gleich.
Abbildung 15 – zu Testzwecken reduzierte Form der Abbildung 14
Wird nun im Rahmen der Testphase IV wie zuvor eine verteilte Optimierung
unter Berücksichtigung des beschriebenen Testsimulators durchgeführt,
können nur die Funktionsverläufe des Testsimulators Einfluss auf das Ergebnis
der verteilten Optimierung nehmen. Mit Hilfe des errechneten Ergebnisses der
Gesamtoptimierung lassen sich die notwendigen Rückschlüsse auf die
LP-System 1 LP-System 2
Eige
n
schaft
D
D
D
D
Eige
n
schaft
Eige
n
schaft
Eige
n
schaft
Eige
n
schaft
105
____________________________________________________________________________
Funktionsweise des eingesetzten Solvers ziehen, d.h. darauf, ob und bei
welchen Funktionen die korrekte maximale Extremstelle ermittelt werden
konnte.
Die Funktionen für den Testsimulator lassen sich in zwei Gruppen teilen. Zum
einen in die Gruppe der Funktionen ohne Intervallgrenzen und zum zweiten in
die Gruppe der Funktionen aus zusammengesetzten Funktionen mit
Intervallgrenzen zwischen den Einzelfunktionen.
Bei den Funktionen ohne Intervallgrenzen wurden folgende Funktionstypen
untersucht:
I. Ganzrationale Funktionen 1. Grades
Allgemeine Funktion: f(x) = a0x + b mit ai
0 und i = 0
II. Ganzrationale Funktionen 2. Grades
Allgemeine Funktion: f(x) = a1x² + a0x + b mit ai
0 und i = 0,1
III. Ganzrationale Funktionen 3. Grades
Allgemeine Funktion: f(x) = a2x³ + a1x² + a0x + b mit ai
0 und i = 0, 1, 2
IV. Exponentialfunktionen
Um den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang möglichst transparent zu halten,
wurden im ersten Schritt einfache mathematische Funktionen ausgewählt.
Als Beispiel einer ganzrationalen Funktion 1. Grades diente folgende
Funktion:
f(x) = 5x + 10 für x
[1;5]
106
____________________________________________________________________________
Bei der Implementierung dieser Funktion in beschriebener Weise als Ersatz für
das LP-System II konnte die korrekte Extremstelle sicher vom Solver ermittelt
werden (siehe Abbildung 16).
0
5
10
15
20
25
30
35
40
0 1 2 3 4 5 6
x
f(x)
Abbildung 16 – Beispiel einer ganzrationalen Funktionen 1. Grades
Als Beispiel einer ganzrationalen Funktion 2. Grades wurde folgende Funktion
verwendet:
f(x) = (x-3)² + 1 für x
[1,5;5]
Vor dem Starten des Solvers muss die Eigenschaft einen Startwert besitzen.
Der in diesem Beispiel definierten Eigenschaft (x) muss ebenfalls ein Startwert
manuell vorgegeben werden. Als ein wesentliches Ergebnis aus den
Untersuchungen ergab sich, dass die Wahl des Startwertes in diesem Beispiel
einen wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis hat. Unter Einsatz des Viewers
ließ sich Folgendes erkennen (siehe Abbildung 17):
= vom Solver
ermittelte maximale
Extremstelle
107
____________________________________________________________________________
Wenn der Startwert xstart der Eigenschaft x kleiner als xmin ist, entspricht
das vom Solver ermittelte Maximum fopt (x) der unteren
Intervallgrenze f(xu).
d.h.: wenn xstart < xmin dann gilt fopt(x) = f(xu)
Wenn der Startwert xstart der Eigenschaft x größer als xmin ist, entspricht
das vom Solver ermittelte Maximum fopt (x) der oberen Intervallgrenze
f(xo).
d.h.: wenn xstart > xmin dann gilt fopt(x) = f(xo)
0
1
2
3
4
5
6
0 1 2 3 4 5 6
x
f(x)
Abbildung 17 - Beispiel A einer ganzrationalen Funktion 2. Grades
Legt man bei den Tests hingegen folgendes Beispiel einer ganzrationalen en
Funktion 2. Grades zugrunde, kann die maximale Extremstelle vom Solver
korrekt bestätigt werden (siehe Abbildung 18):
f(x) = -(x-3)² + 5 für x
[1,5;5]
xmin
= vom Solver
ermittelte maximale
Extremstellen
Xu Xo
fopt = f(xu)
fopt = f(xo)
f(x) = (x
-
3)² + 1
108
____________________________________________________________________________
Das bedeutet: fopt (x) = f(xmax).
0
1
2
3
4
5
6
0 1 2 3 4 5 6
x
f(x)
Abbildung 18 – Beispiel B einer ganzrationalen Funktionen 2. Grades
Hinsichtlich der ganzrationalen en Funktionen 2. lässt sich somit das Ergebnis
formulieren, dass die Bestimmung der maximalen Extremstelle durch den
Solver bei einer ganzrationalen en Funktion 2. Grades nur korrekt erfolgt,
wenn der Funktionswert der Extremstelle größer ist als beide Funktionswerte
der Intervallgrenzen. Dies stellt eine wesentliche Restriktion im Einsatz der
verteilten Optimierung dar.
Bei der Überprüfung des Solververhaltens im Rahmen der Bestimmung der
maximalen Extremstelle bei ganzrationalen Funktionen 3. Grades zeigte sich
ein Ergebnis, welches im Wesentlichen dem der Tests bei ganzrationalen
Funktionen 2. Grades entsprach. Die Beispielfunktion lautete:
f(x) = x³ - 6x² + 11x - 5 für x
[0,8;3,4]
f(x) =
-
(x
-
3)² + 5
Xmax
= vom Solver
ermittelte maximale
Extremstelle
fopt = f(xmax)
109
____________________________________________________________________________
Das Testergebnis für diese Funktion lässt sich wie folgt zusammenfassen
(siehe dazu
Abbildung 19):
Wenn der Startwert xstart der Eigenschaft x kleiner als xmin ist, entspricht
das vom Solver ermittelte Maximum fopt (x) einem lokalen, aber nicht
dem globalem Optimum.
d.h.: wenn xstart < xmin dann gilt fopt(x) = f(xlokal opt)
Wenn der Startwert xstart der Eigenschaft x größer als xmin ist, entspricht
das vom Solver ermittelte Maximum fopt (x) der oberen Intervallgrenze
f(xo).
d.h.: wenn xstart > xmin dann gilt fopt(x) = f(xo)
0
0,5
1
1,5
2
2,5
0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 4
x
f(x)
Abbildung 19 - Beispiel B einer ganzrationalen Funktionen 3. Grades
= vom Solver ermittelte
maximale Extremstellen
fopt = f(xo)
fopt (x
lokal opt
)
110
____________________________________________________________________________
Somit lässt sich wie schon bei den ganzrationalen Funktionen 2. Grades
formuliert auch bei den ganzrationalen Funktion 3. Grades erkennen, dass die
Bestimmung der maximalen Extremstelle durch den Solver nur korrekt erfolgt,
wenn der Funktionswert der Extremstelle größer ist als beide Funktionswerte
der Intervallgrenzen. Darüber hinaus ist anzumerken, dass je nach Festlegung
des Startwertes bei den ganzrationalen Funktionen 3. Grades in erheblichem
Maße das Problem der lokalen Optima deutlich wird. Die Problematik des
Solververhaltens bei lokalen Optima und möglichen Lösungsansätzen aus der
aktuellen Literatur wird in Kapitel 9 nochmals aufgriffen.
Zur Vervollständigung wurde schließlich das Solververhalten bei
Exponentialfunktionen untersucht. Als Beispielfunktion diente dazu (siehe
Abbildung 20):
f(x) = 3x + 5 für x
[0,5;3,5]
0
10
20
30
40
50
60
0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 4
x
f(x)
Abbildung 20 - Beispiel einer Exponentialfunktion
= vom Solver ermittelte
maximale Extremstelle
111
____________________________________________________________________________
Die korrekte Extremstelle im definierten Intervall der Exponentialfunktion
konnte vom eingesetzten Solver bestimmt werden. Das Sollverhalten ließ sich
aufgrund des fehlenden lokalen Optimums mit dem Lösungsverhalten bei der
Anwendung bei ganzrationalen Funktionen 1. Grades vergleichen.
Wie bei der Beschreibung der Abbildung 14 erörtert, zeigte sich bei der
näheren Betrachtung des funktionalen Gesamtzusammenhangs - als
Überlagerung der Einzelfunktionen des LP-Systems II diese nicht als eine
Funktion entsprechend der vorgestellten Beispielfunktionen I bis IV. Vielmehr
konnte ein komplexer Verlauf beobachtet werden, der eher dem Charakter
einer zusammengesetzten Funktion entsprach.
So wurden in einem zweiten Schritt zur Steigerung der Komplexität Teile der
vier genannten Funktionstypen intervallweise zu Gesamtfunktionen
zusammengesetzt und getestet.
Nachfolgend werden repräsentativ aus den durchgeführten Untersuchungen
drei charakteristische Funktionen dargestellt, die sich aus den Funktionen I bis
IV zusammensetzen. Entsprechend wird das gezeigte Lösungsverhalten des im
Rahmen der verteilten Optimierung eingesetzten Solvers dokumentiert.
Testfunktion Typ 1:
Die erste von drei zusammengesetzten Funktionen setzt sich aus drei
ganzrationalen Funktionen 2. Grades intervallweise zusammen. Diese
Funktionsform zeichnet sich im Wesentlichen durch das Auftreten sowohl
einer lokalen als auch einer globalen Extremstelle aus.
Eine den Tests zugrunde gelegte Beispielfunktion des Typs 1 war:
-3(x-3)² + 7 für x
[1,5;4]
f(x)= 3(x-5)² + 1 für x
[4;6]
-1,2(x-8)² + 9 für x
[6;8,5]
112
____________________________________________________________________________
Die grafische Darstellung ist wie folgt:
0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
x
f(x)
Abbildung 21 – Zusammengesetzte Funktion Typ 1
Bei den mittels Testsimulator durchgeführten Tests der Funktion des Typs 1
zeigte sich, dass je nach Startwert sowohl das absolute als auch das lokale
Maximum als maximale Extremstelle vom Solver ausgewiesen wurde.
Eine sichere Bestimmung des absoluten Maximums war im Zusammenhang
der verteilten Optimierung nicht möglich.
Testfunktion Typ 2:
Die zweite der drei zusammengesetzten Testfunktionen setzte sich aus einer
ganzrationalen Funktionen 0. Grades sowie aus zwei ganzrationalen Funktion
1. Grades zusammen. Diese Funktionsform zeichnet sich durch zwei Funk-
tionsabschnitte mit der Steigung 0 aus, wie sie bei der funktionalen Darstellung
von annähernd sprungfixen Eigenschaften auftritt.
= vom Solver ermittelte
maximale Extremstellen
113
____________________________________________________________________________
Eine beispielhafte Funktion des Typs 2 lautet:
2x + 1 für x
[1;3]
f(x)= 7 für x
[3;6]
5x - 23 für x
[6;9]
Die grafische Darstellung ist wie folgt:
0
5
10
15
20
25
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
x
f(x)
Abbildung 22 - Zusammengesetzte Funktion Typ 2
Bei den Tests auf Basis der zusammengesetzten Funktion des Typs 2 zeigten
sich zwei unterschiedliche Verhaltensweisen des Solvers. Je nach Startwert
zeigte sich entweder ein sogenanntes schwingendes Lösungsverhalten, welches
zwischen den beiden Endpunkten der Funktion mit der Steigung 0 hin- und
herpendelte oder aber die korrekte Ermittlung der maximalen Extremstelle.
Ähnlich der Funktion des Typs 1 konnte im Rahmen der Tests bei Funktionen
des Typs 2 die globale, maximale Extremstelle nicht verlässlich bestimmt
werden.
= vom Solver ermittelte
maximale Extremstellen
114
____________________________________________________________________________
Testfunktion Typ 3:
Die dritte von drei zusammengesetzten Funktionen setzt sich aus zwei
ganzrationalen Funktionen 2. Grades sowie aus einer ganzrationalen Funktion
0. Grades zusammen. Diese Funktionsform zeichnet sich wie der Funktionstyp
2 ebenfalls durch einen Funktionsabschnitt mit der Steigung 0 aus, allerdings
entspricht die maximale Extremstelle nicht der Intervallgrenze.
Eine beispielhafte Funktion des Typs 3 lautet:
-0,5(x-4)² + 5 für x
[1,5;4]
f(x)= 5 für x
[4;6]
-(x-8)² + 9 für x
[6;9]
Die grafische Darstellung ist wie folgt:
0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
0 2 4 6 8 10
x
f(x)
Abbildung 23 - Zusammengesetzte Funktion Typ 3
Ähnlich dem Solververhalten bei der Testfunktion 2 lässt sich bei der Gruppe
der Testfunktionen des Typs 3 formulieren, dass je nach Startwert sich
= vom Solver ermittelte
maximale Extremstellen
115
____________________________________________________________________________
entweder ein schwingendes Lösungsverhalten zeigt, welches zwischen den
beiden Endpunkten der Funktion mit der Steigung 0 hin- und herpendelte oder
aber der Solver die maximale Extremstelle ermittelte. Ein sicheres Ermitteln
der globalen, maximalen Extremstelle war auch bei diesem Funktionstyp nicht
erkennbar.
Ergebnis:
Basierend auf den durchgeführten Tests lässt sich hinsichtlich der über das
Simulating Interface eingetragenen mathematischen Funktionen und der
möglichen Untersuchung dieser Funktionen auf Extremstellen mittels Solver
folgendes Ergebnis formulieren.
Für die aus dem LP-System II in das LP-System I eingetragenen Funktionen
müssen folgende Bedingungen gelten, um eine korrekte Bestimmung der
maximalen Extremstelle im Rahmen der verteilten Optimierung zu
ermöglichen:
1. Die Steigung der Funktion sollte nicht in mehr als einem Punkt
gleich dem Wert 0 sein.
2. Lokale Optima sind zu vermeiden (siehe Abbildung 21)
3. Entspricht die maximale Extremstelle der Gesamtfunktion nicht
einem der beiden Intervallgrenzen, muss der Funktionswert der
maximalen Extremstelle größer sein als der Funktionswert
mindestens einer Intervallgrenze (siehe Abbildung 17)
116
____________________________________________________________________________
Konsequenz:
Fasst man die in den vorigen beschriebenen Testphasen gewonnene Erkenntnis
zusammen, so lässt sich Folgendes feststellen:
Die Zielfunktion eines praxisnahen Modells, welches sich durch komplexe,
überlagerte und mathematisch nur schwer beschreibbare Funktionen
auszeichnet, enthält Intervalle mit der Steigung 0 sowie lokale Optima.
Dieses durch Tests untermauerte Ergebnis lässt den Schluss zu, dass der
erarbeitete Algorithmus zur Verknüpfung mathematischer Modelle mit
dem Ziel der verteilten Optimierung für den praktischen Einsatz mit dem
getesteten Solver nur eingeschränkt geeignet ist.
Eine Verbesserung in der praktischen Umsetzung kann unter Umständen durch
die Weiterentwicklung der eingesetzten Solver erfolgen, womit auf Kapitel 9
dieser Arbeit, dem Ausblick, verwiesen werden soll.
8.2 Aufwandsabschätzung hinsichtlich der praktischen Umsetzung des
Ansatzes der verteilten Optimierung
Im vorangegangenen Kapitel wurde der in dieser Arbeit entwickelte Ansatz der
verteilten Optimierung auf Möglichkeiten und Grenzen hinsichtlich des
praktischen Einsatzes untersucht. In diesem Kapitel soll eine grobe
Aufwandsabschätzung der Installierung dieses Ansatzes erfolgen.
Zur Abschätzung des Aufwandes einer Systemimplementierung gibt es in der
Literatur eine Reihe von Ansätze. Beispielhaft seien hier nach Litke50 folgende
Methode angeführt:
50 Litke, H.-D., 2004, S. 111
117
____________________________________________________________________________
- Analogiemethode
- Relationenmethode
- Multiplikatormethode
- Gewichtungsmethode
- Parametrische Schätzungsgleichung
- Prozentsatzmethode
Aber auch komplexere Ansätze, wie das Function-Point-Verfahren51 oder auch
die COCOMO-Methode52 dienen der Aufwandabschätzung.
Im Hinblick auf die Implementierung des Systems der verteilten Optimierung
ist der Aufwand als überschaubar anzusehen, so dass keines der genannten
Methoden zur Anwendung kommen soll. Es wird lediglich eine grobe
Abschätzung über den Umfang gemacht, sowie betroffene Bereiche aufgezeigt.
Heinrich53 bietet dazu einen hilfreichen Ansatz. Nach Heinrich umfasst die
Installierung eines Informatik-Projektes nicht nur die reine technische
Implementierung einer Softwarelösung. Vielmehr ist die Installation als
Ganzes im Sinne von Mensch, Aufgabe und Technik/System zu sehen.
Bei der Betrachtung der Umsetzung des Algorithmus der verteilten
Optimierung wurde der Ansatz nach Heinrich angepasst und die Betrachtung
der Praxiseinführung in folgende Bereiche unterteilt:
1. den hardwaretechnischen Bereich
2. den softwaretechnischen Bereich
3. und den organisatorischen Bereich.
51 Poensen, B., Bock, B., 2005
52 Boehm, B., 1995
53 Heinrich, L.J., 1994, S. 352
118
____________________________________________________________________________
Die hardwaretechnischen Voraussetzungen für den Einsatz einer verteilten
Optimierung bestehen im Wesentlichen aus drei Komponenten: Zwei Rechner,
ein Netzwerk sowie eine zentraler Server.
Die erste Komponente stellen zwei Rechner im Sinne von PCs dar, auf denen
je ein autarkes LP-System betrieben werden kann. Die technischen
Mindestvoraussetzungen dieser PCs hängen von der Art der LP-Software und
vor allem vom Umfang des Modells ab und sind sinnvollerweise auf das autark
zu optimierende Problem abzustimmen. Generell gilt: In den zu dieser Arbeit
durchgeführten praktischen Tests zeigte sich, dass der Vorgang der verteilten
Optimierung im Vergleich zum bestehenden LP-Modell nur vernachlässigbar
geringe Systemressourcen beansprucht. So kann an dieser Stelle unterstellt
werden, dass ein System, welches ausreichend für das Betreiben eines LP-
Systems ist, auch ohne das Schaffen zusätzlicher Ressourcen im Rahmen einer
verteilter Optimierung betrieben werden kann.
Lediglich ein Netzanschluss ist für den Austausch von Daten mit der zentralen
Plattform notwendig. Die Form dieses Netzanschlusses hängt wiederum davon
ab, wie die zentrale Datenbank zum Austausch der Daten zwischen den
einzelnen LP-Systemen definiert und eingerichtet wird.
Prinzipiell sind zwei verschiedene Formen zur Anbindung an eine zentrale
Plattform denkbar und sinnvoll:
1. Einbindung über das Internet
2. Datenaustausch über ein lokales Netzwerk
Im ersten Fall erfolgt der Datenaustausch zwischen den optimierenden LP-
Systemen über das Internet. Das bedeutet, dass ein entsprechender zentraler
Internetserver als Plattform dient. Dieser kann von den Modellrechnern
kontaktiert werden. Nach der Einwahl eines LP-Systems wurde gerade im
Hinblick auf einen derartigen Internetbetrieb an den Anfang des Algorithmus
119
____________________________________________________________________________
zur verteilten Optimierung die Phase der Kontaktaufnahme gesetzt (siehe
Kaptitel 7.2.2). In dieser Phase wird vom einen Optimierungspartner“
suchenden System wie beschrieben ein Trigger auf den Server gesetzt – erst bei
erfolgreicher Kontaktaufnahme eines zweiten LP-Systems wird der Trigger in
der Weise verändert, dass die eigentliche Optimierung beginnen kann. Der
Abstand zwischen dem ersten Einwählen und dem Finden eines geeigneten
Optimierpartners ist zunächst zeitlich nicht begrenzt. Ähnlich einem
Marktplatz kann ein LP-System seinen Trigger auf dem Server hinterlassen
und ohne temporäre Limitierung auf ein Kontaktangebot eines anderen LP-
Systems warten.
Wichtig ist, dass eine möglichst schnelle und vor allem stabile
Internetverbindung installiert werden kann, um einen reibungslosen Durchlauf
des in Kapitel 7.2.2 darstellten Algorithmus gewährleisten zu können.
Auf etwaige Risiken durch Übertragung von Viren im Zuge des
Datenaustausches über das Internet soll hier nicht eingegangen werden, da in
ausreichendem Maße Standardsoftware zur Lösung dieses Problems am Markt
verfügbar ist.
Bei einem Datenaustausch über ein lokales Netzwerk, welches in der Regel
einem LAN-Netzwerk entspricht, gelten im Wesentlichen die gleichen
Voraussetzungen wie bei einer reinen Internetanwendung. Das bedeutet, dass
auch bei einem lokalen Netzwerk ein Rechner als zentrale Plattform dient und
jeweils zwei oder mehrere LP-Rechner über das Netzwerk mit dem zentralen
Rechner kommunizieren. Anders als bei einer Internetanbindung haben heutige
LAN-Netzwerke i.d.R. eine höhere Übertragungsrate als herkömmliche
Internetverbindungen. Grade bei einer großen Anzahl an Iterationsschritten
kann dies von Vorteil sein. Auch das Risiko der Übertragung von Viren kann
als gering angesehen, jedoch auch nicht ganz ausgeschlossen werden.
Insgesamt sind beide Netzformen in reiner, aber auch gemischter Form
möglich; z.B. ist es denkbar, dass einer der beiden Optimierungspartner und
120
____________________________________________________________________________
der Rechner mit der zentralen Plattform in einem LAN-Netzwerk betrieben
werden, diese aber wiederum mit einem dritten Rechner über das Internet
verbunden sind. Es sei an dieser Stelle auf die in Kapitel 6 beschriebene
Abgrenzung verschiedener Systeme der verteilten Optimierung verwiesen.
Zu Versuchen bezüglich verteilt optimierender Systeme bietet sich, wie im
Rahmen dieser Arbeit durchgeführt, zur Vereinfachung des Versuchsaufbaus
(beschrieben in Kapitel 8.1) das LAN-Netzwerk an. In der Praxis kann die Idee
der verteilten Optimierung und der damit einhergehenden Ermittlung von
systemselbständig ermittelten Handelspreisen bzw. –erlösen allerdings nur im
Internet in vollem Umfang ausgenutzt werden, da im Internet sich naturgemäß
ein freier Handel von unternehmensunabhängigen Systemen ohne große
Probleme beteiligen und damit das System der Verteilten Optimierung erst mit
Leben füllen kann.
Nachfolgend wird der Umfang des softwaretechnischen Aufwandes zur
Umsetzung eines Systems der verteilten Optimierung kurz dargestellt. Im
Wesentlichen sind dabei zwei Softwarekomponenten notwendig:
1. Das LP-Programm inkl. der Implementierung des Algorithmus der
verteilten Optimierung.
2. Das Datenbanksystem als zentrale Plattform
Geht man davon aus, dass ein vollständiges, lokal optimierendes LP-System
installiert ist, dann muss wie beschrieben und in der Abbildung 11 dargestellt,
das Simulating Interface des jeweiligen LP-Systems aktiviert werden. Wie in
Kapitel 7.2.1 beschrieben, werden Eigenschaften, die sich nicht ohne weiteres
linear berechnen lassen, nach jeder Rekursion über dieses Simulating-Interface
in einem externen Programmteil berechnet und in die Matrix zurückgegeben,
um wieder in die nächste Rekursion der Optimierung einzufließen. Diese
Anpassung des Simulating Interface auch im Hinblick des in dieser Arbeit
entwickelten Algorithmus ist bei der praktischen Umsetzung zu
121
____________________________________________________________________________
berücksichtigen und kann in Abhängigkeit des jeweiligen LP-Systems stark
hinsichtlich des Aufwands schwanken.
Mit der Einrichtung einer zentralen Plattform soll, wie in Kapitel 7.1.2
dargestellt, die Möglichkeit geschaffen werden, eine Information möglichst
vielen Teilnehmern parallel zur Verfügung zu stellen. Die zentrale Plattform ist
im Rahmen dieser Arbeit als Datenbank zu verstehen, die zwar
netzwerktechnisch eingebunden, aber auf von Planungssegmenten
unabhängigen Rechnern lokalisiert ist.
Zwar wurde bei den im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Test zur
Vereinfachung eine Exceltabelle als zentrale Plattform auf einem
unabhängigen Computer eingesetzt, allerdings ist für einen realistischen
Praxiseinsatz eines Systems zur verteilten Optimierung in jedem Fall eine
Datenbank notwendig.
Der Begriff Datenbank soll hierbei im Sinne eines elektronischen Systems zur
Speicherung und Verwaltung umfangreicher Datenmengen verstanden werden,
wobei nachfolgend nur wesentliche Elemente aus dem Bereich der
Datenbanken erörtert werden. So sei u.a. an dieser Stelle auf die weiter-
führende Literatur von Kemper/Eickler54, Silberschatz/Korth/Sudarshan55
und Ramakrishnan/Gehrke56 verwiesen.
Allgemein besteht eine Datenbank aus der Datenbasis, in der die
Datenbestände zentral i.d.R. auf Magnetplattenspeichern gehalten werden und
einem Datenbankmanagementsystem (kurz DBMS), das den Zugriff auf die
Daten verwaltet. Zentrale Idee von DBMS ist die Trennung in eine logische
und eine physikalische Beschreibung von Daten57. Über das DBMS kann die
54 Kemper A./Eickler A.(2004)
55 Silberschatz A.,Korth H.F., Sudarshan S. (2001)
56 Ramakrishnan R., Gehrke J. (2002)
57 Pernul G., Unlaud R. (2003), S. 21 ff.
122
____________________________________________________________________________
Datenbasis mit Hilfe von Abfragesprachen (englisch query language)
erschlossen werden.
Hinsichtlich des Verbreitungsgrades spielen relationale Datenbanken eine
zentrale Rolle. Relationale Datenbanken bestehen aus einer Speicherungs- und
einer Verwaltungskomponente. Die Speicherungskomponente dient dazu,
sowohl Daten als auch Beziehungen zwischen diesen Elementen lückenlos in
Tabellen abzulegen. Die Verwaltungskomponente enthält als wichtigsten
Bestandteil eine relationale Datendefinitions- und Datenmanipulations-
sprache.58 Objektorientierte Datenbanken, welche definierten Regeln und
Grundsätzen der Objektorientierung und Datenhaltung- bzw. Nutzung
unterliegen, erweitern diesen Ansatz59.
Als wesentliche Kriterien für die Auswahl der Datenbank zum Einsatz als
zentrale Plattform sind folgende Punkte zu nennen, die nachfolgend weiter
ausgeführt werden:
schnelle Zugriffszeiten
unkompliziertes Lesen und Schreiben von Datensätzen
Kompatibilität zu den verknüpften LP-Systemen
Bei der Auswahl einer für eine zentrale Plattform im Rahmen der verteilten
Optimierung geeigneten Datenbank hat die Zeitspanne zur Kontaktaufnahme
des anschließenden Datenaustausches eine große Bedeutung. Dabei spielen
neben den Übertragungszeiten der Daten vor allem die Zugriffszeiten bei
Datenbanken eine wesentliche Rolle im Hinblick auf die Laufzeit eines
Optimierungsverlaufes. Als Zugriffszeit ist dabei der Zeitraum zu verstehen,
den ein LP-System nach erfolgreicher Verbindung mit der zentralen Plattform
braucht, um einen Datensatz auf diesem zentralen Rechner zu hinterlegen oder
58 Meier, A. (2004), S. 7 ff.
59 Meier, A.; Wüst T., (2000), S. 5
123
____________________________________________________________________________
zu lesen. Form und Art der Datenbank haben je nach Aufbau und Systematik
unterschiedliche Zugriffszeiten.
Ein anderes Kriterium bei der Auswahl einer geeigneten Datenbankform ist die
benötige Form des Datensatzes, der in der Datenbank hinterlegt werden kann.
Diese von unterschiedlichsten LP-Systemen gesendeten und gelesenen
Datensätze sollten mit möglichst vielen LP-Systemen kompatibel sein. Nur
dann kann ein unkompliziertes und damit schnelles Schreiben und Lesen von
Datensätzen auf die zentrale Plattform gewährleistet werden. Muss zu ihrer
Anpassung zwischen dem LP-Systemen und der zentralen Plattform noch ein
Zwischenschritt zur Normierung der transferierten Datensätze implementiert
werden, erhöht sich gerade bei Optimierungen mit hoher Iterationszahl die
Laufzeit der Gesamtoptimierung erheblich.
Erstrebenswert ist die Schaffung eines Standards zur Definition der Form
auszutauschender Datensätze, um die Auswahl der Datenbankform für die
zentrale Plattform zu vereinfachen. Damit empfiehlt sich die Auswahl einer
Datenbankform mit einer hohen Kompatibilität zu den beteiligten LP-
Systemen, um unnötige Datenanpassungsroutinen zu vermeiden.
Bei der Aufwandsabschätzung zur praktischen Umsetzung des Systems zur
verteilten Optimierung lässt sich im Hinblick auf den softwaretechnischen
Aufwand zusammenfassen, dass beide betrachteten Elemente
(Modellanpassung und Datenbankauswahl/-installation) wesentlichen Einfluss
auf die Systemzuverlässigkeit haben. Eine entsprechend sorgfältige
Abarbeitung dieser beiden Punkte ist damit Grundvoraussetzung für die
Funktionalität dieses Systems.
In einem letzten Punkt zur Beschreibung des Aufwandes zur praktischen
Umsetzung des Systems der verteilten Optimierung sollen die
organisatorischen Elemente näher betrachtet werden.
124
____________________________________________________________________________
Dazu zählen:
Schulung der Mitarbeiter
Identifizieren eines Partners mit passender LP-Struktur
Abgleich von Produktspezifikationen
Durch die Verknüpfung verteilt optimierender Systeme wird in bestehende
klassische Optimierungssysteme (siehe dazu Kapitel 3.1) erheblich und in
umfangreichem Maße eingegriffen. Dieses stellt nicht nur eine erhöhte
Anforderung an die technischen Systeme, sondern auch an die Benutzer dieser
Neuentwicklung. Im Gegensatz zu den zuvor oftmals lokal optimierenden
Systemen findet hier nun eine Verknüpfung von Optimierungsbereichen mit
unterschiedlichen Zielfunktionen statt.
So ist bei der Schulung der mit dem System der verteilten Optimierung
betrauten Mitarbeiter auf zwei verschiedenen Ebenen zu agieren. Erstens ist
dies die Ebene des unmittelbaren , technischen Wissens, zum anderen die
Ebene des vernetzten Denkens. Im ersteren, technischen Teil der Schulung
sollte nach Möglichkeit vor Einführung des Systems ein Schulungsplan
aufgestellt werden, der Personenkreis festgelegt und wesentliche Teile des
Systems geschult sein, um nicht die Akzeptanz und damit auch die
Funktionalität zu gefährden. Der zweite Teil der Schulung sollte schließlich die
Anforderungen an ein vernetztes Denken im Rahmen eines Optimiersystems
abdecken. Aus persönlicher Erfahrung heraus ist festzuhalten, dass dieser Teil
der Schulung den bis dahin lokal optimierenden Mitarbeitern schwer fällt. So
stellen sich in der Praxis schnell Fragen betreffend des Wertes von Produkten
im eigenen und im fremden System.
Auch eine Schulung über das eigene System hinaus kann für das vernetzte
Denken sinnvoll sein. Beispielsweise kann es nützlich sein, das
Optimierungssystem des Optimierungspartners im Wesentlichen zu kennen,
125
____________________________________________________________________________
um potentielle Produkte, die sich für den Austausch eignen, beim
Optimierungspartner zu identifizieren. Denn beim System der verteilten
Optimierung kann zwar wie mehrfach beschrieben das globale Optimum
einer zuvor definierten Eigenschaft über die beteiligten System optimiert
werden, allerdings muss zuvor vom Bediener des Systems das Produkt
ausgewählt werden. Dazu ist das Wissen um den Nutzen der diskutierten
Komponenten sowohl im eigenen als auch in den an der Optimierung noch
beteiligten Systeme unerlässlich.
Ein weiterer wesentlicher organisatorischer Teil, der bei der
Aufwandsabschätzung einer praktischen Umsetzung erwähnt werden muss, ist
das Identifizieren eines Partners mit passender LP-Struktur.
Dazu ist zunächst zu erörtern, was genau eine passende LP-Struktur
kennzeichnet. In Kapitel 5 wurden so genannte Mindestanforderungen an
Optimierverfahren zur Implementierung des Systems der verteilten
Optimierung definiert, welche an dieser Stelle nicht nochmals aufgegriffen
werden sollen. Lediglich soll darauf hingewiesen werden, dass diese
Mindestanforderungen an alle beteiligten Systeme gestellt werden.
Sollen es nun über die beschriebene zentrale Plattform zu einem iterativen
Datenaustausch kommen, ist zuvor ein entsprechender Optimierungspartner zu
suchen und auf die beschriebenen Mindestanforderungen zu prüfen. Denn nur
ein reibungsloser und damit effizienter Datenaustausch über die zentrale
Plattform bildet die Voraussetzung für das Funktionieren des Systems der
verteilten Optimierung.
Auf der Grundlage der praktischen Untersuchungen im Rahmen dieser Arbeit
ist nachdrücklich darauf hinzuweisen, die technischen systemseitigen
Voraussetzungen zu prüfen. Ein Fehler hrend des rekursiven Optimierlaufes
zwischen den beteiligten Systemen findet in der anschließenden Praxis ohne
unmittelbare Beteiligung des Anwenders, nur im Dialog zwischen den
126
____________________________________________________________________________
verknüpften Optimierungssystemen statt. Ob und inwieweit das errechnete
globale Optimum realistisch ist, kann der einzelnen Anwender nur schwer
einschätzen, da ihm der Inhalt des beteiligten Optimierungssystems in den
meisten Fällen unzugänglich bleibt. Um so mehr muss er sich darauf verlassen,
dass die an der Optimierung beteiligten Systeme abgestimmt und im Sinne der
Anwender arbeiten.
Der letzte Parameter der organisatorischen Maßnahmen bei der Abschätzung
des Aufwandes zur praktischen Umsetzung ist der Abgleich der
Produktparameter. Als Produktparameter sollen hier alle Elemente verstanden
werden, die zur eindeutigen Definition des Produktes und den damit
verbundenen Eigenschaften gehören.
Wenn ein globales Optimum über eine Produkteigenschaft im Rahmen der
verteilten Optimierung ermittelt werden soll, ist diese Eigenschaft in Form von
Wert, Dimension, Messmethode oder Ähnliches in der Weise zu definieren,
dass eine Eindeutigkeit der betrachteten Eigenschaft zwischen den an der
Optimierung teilnehmenden Partnern vorhanden ist. Soll z.B. ein
einzustellender Schwefelgehalt eines bekannten Produktes über mehrere
Systeme optimiert werden, so ist die Dimension (z.B. ppm) und/oder die
Eigenschaft (z.B. welcher Schwefel) sowie die Meßmethode (z.B. DIN) zu
definieren.
Bei den im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Praxistests zeigte sich, dass
es sinnvoll ist, auf der zentralen Plattform eine Stoffdatenbank mit
standardisiertem Aufbau anzulegen. Eine derartige Stoffdatenbank enthält
wesentliche Produktparameter zu der an der Optimierung beteiligten
Produktkomponenten und sollte als Datensatz zur Verfügung stehen. Dieser
sollte von den an der verteilten Optimierung beteiligten LP-Systemen vor
Beginn der Optimierung von der zentralen Plattform herunter geladen bzw. auf
die zentrale Plattform zum Herunterladen abgelegt werden. Nur so kann
gewährleistet werden, dass vor Beginn der Optimierung allen LP-Systemen der
127
____________________________________________________________________________
gleiche Datensatz zur Verfügung steht. Es hat sich dabei als sinnvoll
herausgestellt, in den Namen des Produktes das letzte Änderungsdatum des
dazugehörigen Datensatzes zu implementieren. Beispielhaft sei hier „Alkylat-
2004-07-01“ genannt, d.h. dieser Datensatz wurde am 01. Juli 2004
aktualisiert.
Die Definition des Datensatzes ist deshalb Grundvoraussetzung für eine
korrekte Optimierung, da auch bei eindeutigem Namen eines betrachteten
Produktes zwar über eine korrekt definierte Eigenschaft (z.B. Produktdichte in
kg/m³) optimiert wird, allerdings hinsichtlich einer als konstant
anzunehmenden Produkteigenschaft die beteiligten LP-Systeme von
unterschiedlichen Werten ausgehen können, was vermieden werden muss.
In Bezug auf die in Kaptitel 7.1.2 beschriebene Kontaktphase bedeutet dies,
dass bei Hinterlegen eines so definierten Angebotes mit dem Ziel der verteilten
Optimierung über eine Eigenschaft zu dem betreffenden Produkt immer ein
aktueller Datensatz mit allen relevanten Daten auf der zentralen Plattform
hinterlegt ist. Diese Veröffentlichung der Produkteigenschaften kann aus Sicht
des Datenschutzes ein Problem darstellen. Für den Fall, dass kein vollständiger
Datensatz über die Produkteigenschaften ausgetauscht werden darf, fehlt die
Basis für den Einsatz der verteilten Optimierung.
Bei der Betrachtung der organisatorischen Maßnahmen soll an dieser Stelle
nicht auf vertragsrechtliche Aspekte, wie sie beim Austausch von Gütern in der
allgemeinen Warenwirtschaft üblich sind, eingegangen werden.
Insgesamt zeigte sich bei dem testweisen Einsatz des Systems zur verteilten
Optimierung, dass sowohl die software- als auch die hardwaretechnischen
Implementierung einen umfassenden, aber begrenzten Umfang darstellten. Die
Elemente des organisatorischen Bereiches hingegen bedürfen einer
permanenten Pflege und Anpassung auf die aktuellen
Optimierungsbedingungen und stellen somit hinsichtlich des Aufwands zur
128
____________________________________________________________________________
praktischen Umsetzung des Ansatzes zur verteilten Optimierung einen nicht zu
unterschätzenden Aspekt dar.
8.3 Zusammenfassung definierter Testmerkmale und der damit
verbundenen Erfahrungen bei der Umsetzung
Bei der Umsetzung des Algorithmus der verteilten Optimierung wurden, wie in
den vorangegangenen Kapiteln beschrieben, definierte Merkmale getestet, um
einen fehlerfreien Ablauf der Gesamtoptimierung gewährleisten zu können.
Diese Merkmale, die eingesetzten Hilfsprogramme und die gewonnenen
Erkenntnisse werden nachfolgend nochmals kurz zusammengefasst.
Sollen zwei LP-Systeme über eine zentrale Plattform zum Zweck einer
verteilten Optimierung verbunden werden, so ist sicherzustellen, dass die
beteiligten LP-Systeme auch autark ohne Anbindung an die zentrale
Plattform in einer begrenzten Anzahl an Iterationen, stabil und ohne
Schwingen60 zu einer Lösung kommen. Es stellte sich im Rahmen von autark
optimierenden Systemen unter Einsatz eines Viewers die Überprüfung
folgender Parameter als sinnvoll heraus:
die Anzahl der benötigten Iterationen zur Optimierung
die Höhe des Deckungsbeitrages sowie
die definierten Grenzen der betrachteten Variablen.
Denn nur, wenn alle an einer verteilten Optimierung teilnehmenden Systeme
diese Anforderungen im autarken Betrieb erfüllen, ist die Basis für eine
reibungslos verteilte Optimierung geschaffen.
60 Schwingen: Während der iterativen Optimierung pendelt nach einer asymptotischen
Annäherung die maximale Ausprägung der Zielfunktion zwischen zwei Lösungen hin und her
ohne zu einer finalen Lösung zu gelangen.
129
____________________________________________________________________________
Hinsichtlich des Datenaustausches zwischen LP-System und zentraler
Plattform zeigte sich die Überprüfung folgender Punkte als sinnvoll:
die korrekte Übernahme der Eingangsdaten in die Matrix,
das Hinterlegen des ersten Datensatzes auf der zentralen Plattform,
die Korrektheit des Datenaustausches mit der zentralen Plattform zwischen
den Iterationen unter Einhaltung der definierten maximalen Zugriffszeiten
und
das Erzeugen eines korrekten Reports.
Ein dritter Block, der sich bei der praktischen Umsetzung des Algorithmus zur
verteilten Optimierung als sensibel herausstellte, war der technisch korrekte
Ablauf eines Optimierzyklus unter spezieller Beachtung der im Algorithmus
genannten Start- und Abbruchbedingungen. Entsprechend sollten folgende
Elemente des Algorithmus einer Überprüfung unterzogen werden:
das Hinterlegen eines ersten vollständigen Datensatzes auf der zentralen
Plattform,
das Verfolgen der wechselseitigen Rekursionen der LP-Systeme,
das Sicherstellen der korrekten Umsetzung der definierten Abbruch-
bedingungen,
das Erstellen zweier inhaltlich und formal korrekter Reports und
die Reaktion der LP-Systeme bei technischen Problemen während der
Optimierung.
Bei der vierten und letzten Phase der durchgeführten Testreihen zeigte sich,
dass ein praxisnahes Modell der verteilten Optimierung, welches sich durch
komplexe, überlagerte und mathematisch nur schwer beschreibbare Funktionen
auszeichnet, nur bedingt für ein System verknüpfter Modelle mit paralleler
Optimierung geeignet ist.
130
____________________________________________________________________________
Im Hinblick auf die Aufwandsabschätzung bei der praktischen Umsetzung
lässt sich zusammenfassen, dass im Wesentlichen Arbeitsgebiete
hardwaretechnisch, softwaretechnisch und organisatorisch betrachtet werden
müssen.
Im Bereich der Hardware wurden die Elemente zentraler Server,
Modellrechner und Netzwerke betrachtet. Dieses Gebiet zeigte einen hohen
Aufwandsanteil im Verhältnis zum Gesamtprojekt zur Einführung des Systems
der verteilten Optimierung, weil die technischen Anforderungen eine
unerwartet hohe Komplexität aufwiesen.
Im Bereich der Software wurde einerseits der Aufwand der notwendigen
Anpassung des LP-Modells erläutert, andererseits wurde auf den Aufbau einer
zentralen Datenbank als zentrale Plattform eingegangen. Dabei konnte die
Erkenntnis gewonnen werden, dass im Gegensatz zum Aufbau einer Datenbank
als zentrale Plattform die Anpassung des LP-Modells in Bezug auf das
Simulating Interface in diesem Projekt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit
erfordert.
Schließlich wurde der organisatorische Bereich mit den Komponenten
‚Auswahl eines Optimierungspartners’, ‚Schulung’ sowie der sich im Rahmen
dieser Arbeit als relativ komplex herausstellende Punkt des ‚Abgleichs der
Produktparameter’ betrachtet. Im Gegensatz zu den technischen Elementen
(Hardware und Software) zeichnet sich der organisatorische Teil dadurch aus,
dass der Aufwand über eine einmalige Leistung hinaus permanenten Einsatz in
Form von Schulung, Anpassung der Produktparameter usw. erfordert.
Um einen fehlerfreien Ablauf einer verteilten Optimierung gewährleisten zu
können, wurden der autarke Betrieb, der Datenaustausch, der Einsatz des
Algorithmus sowie die überlagerten mathematischen Funktionen betrachtet.
Ebenso wurde der software- und hardwaretechnische Aufwand einer
Systemeinführung beschrieben.
131
____________________________________________________________________________
Die bei der Implementierung der Testversionen dargestellten Ergebnisse
zeigten, dass eine Fülle von Einzelbetrachtungen notwendig ist, um einen
stabilen Betrieb des Systems zu gewährleisten. Diese Systemstabilität ist vor
allem vor dem Hintergrund einer WAN-Netz basierten Anwendung wichtig. Im
Gegensatz zu eng gekoppelten Parallelrechnern ist bei lose gekoppelten
Systemen eine hohe Stabilität trotz steigender Anzahl an Systemknoten die
Grundvoraussetzung.
Ein weitere Grundvoraussetzung in diesem Zusammenhang stellt die
Kompatibilität der beteiligten Systeme dar. Nimmt man den Fall einer
Implementierung im Rahmen einer WAN-Verbindung an, was in der Praxis in
den meisten Fällen einer Internetverbindung entspricht, so muss man davon
ausgehen, dass unterschiedliche LP-Systeme sich an dem Prozess der verteilten
Optimierung beteiligen. Die Umschreibung dieser unterschiedlichen Systeme
ist dabei in zweierlei Hinsicht zu verstehen. Einerseits können, wie bereits
erwähnt, LP-Systeme unterschiedlicher Anbieter zur Anwendung kommen,
anderseits ist auch jedes LP-Modell in Struktur und Aufbau anders. Dennoch
muss der Ansatzes der verteilten Optimierung derart umgesetzt werden, dass
eine hohe Systemverfügbarkeit in Verbindung mit einer hohen Kompatibilität
erreicht werden kann. Denn nur so kann eine möglichst hohe Anzahl an
beteiligten Systemen ermöglicht und im martktechnische Sinne ein globales
Optimum erreicht werden. Weiterführend sei an dieser Stelle allerdings auf
Kapitel 9 verwiesen.
132
____________________________________________________________________________
9 Ansätze zur Bestimmung des globalen Optimums in der Literatur zur
verbesserten Umsetzung des Ansatzes der verteilten Optimierung
Bei den durchgeführten Praxistests wurde in Kapitel 8.1 die Feststellung
formuliert, dass ein praxisnahes Modell aufgrund der Komplexität der
mathematischen Funktionen nur eingeschränkt für das System der verteilten
Optimierung geeignet ist. Als Grund für die nicht ausreichende
Extremstellenbestimmung im Rahmen der verteilten Optimierung erwies sich
das eingeschränkte Lösungsverhalten des Simplex Algorithmus bei der
Bestimmung der maximalen Extremstelle der Zielfunktion. Ziel dieser Arbeit
soll nicht sein, den von ASPENTECH erstellten Solver zu verbessern.
Vielmehr soll nachfolgend auf Entwicklungen in der Literatur hingewiesen
werden, die einen Lösungsansatz zur Bestimmung des globalen Optimums
bieten, um so eine Realisierung des Algorithmus der verteilten Optimierung
ermöglichen zu können.
Wie in der Einleitung dieser Arbeit erwähnt, gilt es hier, das globale Optimum
als maximalen Gesamtdeckungsbeitrag unter Variation einer oder mehrerer
Eigenschaften über zwei Planungsmodelle hinweg zu bestimmen. Der Begriff
des globalen Maximums soll nachfolgend wie bei Mautz61 als Funktionswert
eines Punktes verstanden werden, der im Vergleich größer ist, als alle anderen
Punkte aus dessen lokaler Umgebung.
Liegen alle beteiligten Funktionen in einem Planungsmodell vor, über das
optimiert werden kann, gibt es in der Literatur ausreichend Lösungsansätze zur
Bestimmung des globalen Optimums. Beispielhaft seien hier die
Untersuchungen von Ratz62, Ratschek63 und Törn/Zilinska64 genannt. Alle drei
61 Mautz R., 2000, S. 11
62 Ratz D., 1992
63 Ratschek, H., 1988, S. 18
64 Törn/Zilinska, 1989, S. 23
133
____________________________________________________________________________
Untersuchungen legen zu Grunde, dass über die Betrachtung mathematischer
Sachverhalte hinaus Optimierungsprobleme aus der Praxis aufgegriffen
werden. Dabei wird ein wesentlicher Schritt weg von theoretischen
Formulierungen hin zu Funktionsverläufen als Abbild alltäglicher
Zusammenhänge gemacht. Die mit der Praxisnähe einhergehende zunehmende
Komplexität stellt sich dabei schon beim Modellieren einfachster
Zusammenhänge ein.
So weisen die drei genannten Autoren eindringlich darauf hin, dass mit
zunehmender Komplexität der mathematischen Funktionen sich die Dichte der
untersuchten Punkte und damit auch die Komplexität der Modellfunktionen
stark erhöht und damit die Laufzeiten zur Lösung so genannter „Real-World-
Probleme“, wie sie Ratz nennt, exponentiell ansteigen. Aber gerade die
Abbildung und Modellierung von praxisbezogenen Aufgabenstellungen stellt
eine zentrale Rolle dar, da die Verfügbarkeit von Prozessdaten in der
Vergangenheit stark angestiegen ist.
Ein wesentlicher Grund für das steigende Datenvolumen in vielen Bereichen ist
die zunehmende elektronische Unterstützung der Sammlung, Archivierung und
Auswertung von Daten. Für die Industrie sei hier beispielhaft die Entwicklung
im Bereich der Mess- und Regeltechnik erwähnt. Durch die signifikanten
Verbesserungen bei der Datenaufnahme (Onlineanalytik, Prozessparameter,
Positionsmessungen usw.) können Daten exakter und mit höherer Frequenz
aufgenommen werden. Auch die Datenübermittlung, die Entwicklungen wie
Breitbandtechnik oder Lichtfaserkabel hervorgebracht hat, wurde auf den
Transfer von entsprechend hohen Datenmengen ausgebaut. Hier ist die
Entwicklung im Bereich der Datenbanken als zentral im Hinblick auf die
steigende Komplexität von Funktionen basierend auf „Real World Problemen“
zu nennen. Erst das systematische Speichern und Verwalten von sehr großen
Datenmengen macht eine mathematische Analyse und Auswertung der Daten
möglich, um entsprechend wirtschaftlich nutzbare Informationen daraus
ableiten zu können.
134
____________________________________________________________________________
Aus diesem Grunde bieten sowohl ASPENTECH als auch HAVERLY
inzwischen Datenbank basiert LP-Systeme an. Dazu können sowohl
Eingangsdaten aus Datenbanken entnommen werden als auch die Ergebnisse
vor dem nächsten Weiterverarbeitungsschritt, wie z.B. Scheduling
bedarfsgerecht gespeichert werden. Wie von Ratz65 und Ratschek66 erwähnt,
nimmt die Komplexität mathematischer Modelle und den damit verbundenen
LP-Systemen stark überproportional zu, wenn die technischen Entwicklung
hinsichtlich des steigenden Datenvolumens genutzt wird. Um so aufwendiger
wird die Anforderung an den Solver zur Ermittlung der gewünschten
Extremstelle der Zielfunktion. Im Rahmen dieser Arbeit stand ein komplexes
Raffineriemodell mit umfangreicher Datenstruktur in Verbindung mit linearen
sowie nichtlinearen Funktionen zur Verfügung. Steht ein derartiges Modell
nicht zur Verfügung, sollte in der Testphase auf mathematische
Grundfunktionen zurückgegriffen werden.
In der Literatur wird im Rahmen von vergleichenden Systemtests oftmals auf
Levy-Funktionen zurückgegriffen. Diese zeichnen sich im Wesentlichen durch
ihre Komplexität bei gleichzeitig einfacher mathematischer Darstellbarkeit des
mathematischen Zusammenhangs, aus.
Auf Basis derartiger Levy-Funktionen kann die Effizienz bestehender
Algorithmen zur Lösung von mehrdimensionalen Funktionen mit lokalen
Optima bestimmt und verbessert werden. Auch der Algorithmus zur verteilten
Optimierung könnte ausgehend von Levy-Funktionen hinsichtlich der
Verbesserung des Lösungsverhaltens von „Real-World-Problemen“
weiterentwickelt werden.
Eine Alternative zu den Levy-Funktionen stellen Funktionen dar, die im
Bereich der Simulationstechnik in Raffinerien Anwendung finden und deren
65 Ratz D., 1992
66 Ratschek, H., 1988, S. 18
135
____________________________________________________________________________
Ursprung unter anderem in Ableitungen statistischer Methoden zu suchen ist.
An dieser Stelle sei die stark voranschreitende Entwicklung der neuronalen
Netzwerktechnik genannt. Bei diesem Ansatz werden aus der Praxis z.B. in
einem industriellen Prozess eine Fülle von zunächst unabhängigen Datenreihen
über die gleiche Zeitachse aufgenommen. In einem zweiten Schritt wird nach
Korrelationen zwischen den Datenreihen gesucht. Mehrdimensionale
Zusammenhänge können so identifiziert und in mathematischem
Zusammenhang formuliert werden. Der Vorteil neuronaler Netze liegt in der
Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit ein mathematisches Modell zu erstellen. Bei
Vorhandensein komplexer Strukturen, bei denen lineare oder einfache
funktionelle Ansätze für eine Erklärung der Zusammenhänge nicht ausreichen,
ist mit der neuronalen Netzwerktechnik häufig eine Verbesserung der
Prognosequalität zu erreichen. Neuronale Netze werden in vielen Bereichen der
Wissenschaft untersucht. Ohne detailliert auf neuronale Netze in der
Wissenschaft einzugehen, soll hier lediglich auf die entsprechende Literatur
verwiesen werden; siehe dazu 67,68,69,70,71.
Speziell in einem LP-Modell, welches der wirtschaftlichen Optimierung einer
Raffineriefahrweise dient, spielt das beschriebene Blending von Komponenten
zu Endprodukten eine wesentliche Rolle. Eine Reihe von Eigenschaften der
Blendingkomponenten lassen sich linear berechnen. Dazu zählen z.B. Dichte
und Viskosität. Eigenschaften wie Dampfdruck oder Cetanzahl einer
Komponente werden in der Regel indirekt über einen Index
(Dampfdruckindex, Cetanzahlindex) bestimmt. Dieser ist allerdings nur ein
Maß dieser Einheit stellt aber nicht die Einheit selbst dar. Zur Abbildung
eines direkten funktionalen Zusammenhangs stößt man ohne neuronale
Netzwerktechnik schnell an die mathematischen Grenzen.
67 M. Baret, 2000, S.55 ff
68 B. Chaudhuri, J.M. Modak (1998), S. 19
69 E.M. Cortez, S.C. Park S. Kim (1995), S. 31 u. 789
70 S. Jin, K.M. Ye, K. Shimizu, J. Nikawa (1996), S. 81
71 Z.C. Lin (1996), S. 10 u. S. 21
136
____________________________________________________________________________
Die Veröffentlichung von Yin, Luo und Zhou72 zeigt Lösungsansätze, in denen
mathematische Formulierungen des Blendingproblems durch die neuronale
Netzwerktechnik im Bereich des Kohleblendings realisiert wurden. Bei
systematischem Vergleich zwischen dem Blenden von Kohle und dem von
Mineralölprodukten zeigt sich, dass in Anlehnung an die veröffentlichte Arbeit
eine Anwendung der neuronalen Netzwerktechnik im Bereich des
petrochemischen Blendings technisch möglich und sinnvoll ist. Eine
entsprechende Veröffentlichung konnte im Rahmen der Literaturrecherche
nicht gefunden werden.
Die Überführung der erwähnten „Real-World-Probleme in formelmäßige
Zusammenhänge mittels der neuronalen Netzwerktechnik bietet eine höhere
Übereinstimmung zwischen Realität und mathematischer Funktion. Allerdings
können die auf diese Weise bestimmten Funktionen von hoher Komplexität
sein, was neben den Problemen bestehender Solver mit dem Ansatz der
verteilten Optimierung auch Verbesserungspotential bei Einsatz der
Funktionen aus der neuronalen Netzwerktechnik aufzeigen würde.
Wie eingangs dieses Kapitels erklärt, sollen Ansätze aus der Literatur
aufgezeigt werden, mit denen ausgehend von den zuvor beschriebenen
Funktionen eine Bestimmung des globalen Optimums möglich ist. Sie geben
einen Ausblick, in welcher Weise eine Weiterentwicklung des in dieser Arbeit
an die Grenzen gelangten Solvers denkbar re, um eine vollständige
Umsetzung des in dieser Arbeit entwickelten Algorithmus zu ermöglichen.
Zur Verbesserung der Lösungsalgorithmen in den Solvern betrachteter LP-
Systeme, zeichnet sich in der Literatur ein Lösungsansatz ab, der die Verein-
fachung der Funktionsverläufe vor Einsetzen der Lösungsalgorithmen und die
damit einhergehende Reduzierung der Laufzeiten zum Ziel hat. In der Literatur
gibt es diesbezüglich eine Reihe von Ausarbeitungen. Beispielhaft sei hier ein
in der Praxis erfolgreicher Ansatz einer heuristischen Glättungsprozedur zur
72 C.G. Yin, Z.Y. Luo, Z.H. Zhou, K.F. Cen (2000), S. 78 ff.
137
____________________________________________________________________________
Vermeidung von lokalen Optima von Hilding73 genannt. In der von ihm
dargestellten ‚Heuristic smoothing procedure’ (HSP) kommt es zur
sequenziellen Lösung von Optimierungsproblemen. Im Gegensatz zum
Downhill-Simplex-Algorithmus als direktem Optimierungsverfahren setzt HSP
auf Gradientenverfahren, wie sie bereits in Kapitel 4.2 dargestellt wurden. Als
klassisches Gradientenverfahren wurden die indirekt optimierenden Ansätze
‚Newton-Raphson-Verfahren’ und ‚Gauß-Newton-Verfahren’ erörtert.
Hinsichtlich des Einsatzes beider Verfahren im Bereich der
Produktionsplanung und in der verteilten Optimierung ließ sich feststellen, dass
das Newton-Raphson-Verfahren inklusive seiner Erweiterung durch
Levenberg74 in der Lage ist, auch höherdimensionale Probleme zu lösen und
die gewünschte Extremstelle der Zielfunktion zu ermitteln. Allerdings nimmt
die Rechenzeit bei komplizierten, realitätsnahen Funktionen in einem Maße zu,
dass sich diese Form der Gradientenverfahren nicht für den Einsatz in der
industriellen Produktionsplanung eignet (siehe dazu Kapitel 4.2.2). Neuere
Gardientenverfahren weisen deutlich verbesserte Rechenzeiten aus.
Beispielhaft seien hier das SQP (sequential quadratic programming) von
Bazaraa75 und der geschilderte Ansatz MMA (method of moving asymptotes)
von Svanberg76 genannt. Verbindet man diese verbesserten Ansätze der
Gradientenverfahren mit der Methodik der heuristischen Glättungsprozedur
nach Hilding, so kann die Zielfunktion durch Glättung vereinfacht und damit
die Optimierzeiten minimiert werden, ohne Einschränkungen beim
Lösungsraum einräumen zu müssen. Unter Berücksichtigung der aktuellen
Entwicklung bei Gradientenverfahren kann dies nach Hilding zu einer
Alternative des bei Solvern sehr verbreiteten Simplex-Algorithmus führen.
Ein weiterer Ansatz zur Ermittlung des globalen Optimums bei nicht-linearen
Funktionsverläufen mit lokalen Optima wird von Williams77 aufgezeigt.
Williams geht wie Hilding davon aus, dass optimale Lösungen immer auf den
73 D. Hilding, 2000, S. 29-36
74 K. Levenberg, 1944
75 M.S. Bazaraa, 1993
76 K. Svanberg, 1987, S. 359 ff.
138
____________________________________________________________________________
Grenzen des Feasibilitätsbereiches liegen. Sind jedoch nicht nicht-lineare
Funktionen im Modell enthalten, können auch die Grenzen des
Feasibilitätsbereiches nicht-linear sein (siehe dazu Abbildung 24). In diesem
Fall besteht die Gefahr der Ermittlung eines lokalen Optimums an Stelle der
gewünschten absoluten Extremstelle.
Abbildung 24 – Feasibilitätsbereiche mit linearen und nicht-linearen Grenzen
Das Implementieren von nicht-linearen Funktionen in das Modell ist die Basis
der so genannten Nicht-linearen-Programmierung (Non-linear-programming
[NLP]). Die durch das Verknüpfen linearer Modelle im Rahmen dieser Arbeit
entstandenen Modelle verlassen den Bereich der Linearität. LP-Modelle
werden zu NLP-Modellen78, dieser Zusammenhang wurde in den in Kapitel 8.1
dokumentierten Tests ausführlich beschrieben.
Das in Kapitel 8.3 formulierte Ergebnis entspricht exakt der Darstellung von
Williams: Sind unmodifizierte Simplex Algorithmen bei konvexen nicht-
linearen Modellen noch in der Lage, das absolute, globale Optimum zu
ermitteln, so ist dies bei nicht konvexen Modellen nicht mehr sicher und
reproduzierbar möglich.
77 H. Williams, 1993
78 In bestehenden LP-Modellen sind z.B. durch die Modellierung von nicht-linearen
Blendingeigenschaften bei der Berechnung des Dampfdruckes durch den Doppellogarithmus
der Waltherformel nicht lineare Elemente enthalten.
x
f(x)
= Feasibilitätsbereich
f(x)
= Feasibilitätsbereich
139
____________________________________________________________________________
Zur Ermittlung des globalen Optimums bei nicht konvexen Funktionen im
Zusammenhang eines NLP-Modells untersucht Williams in einem ersten
Schritt den Ansatz der separablen Funktionen. Eine Funktion kann dabei als
separabel definiert werden, wenn diese durch Approximation als Summe von
EInzelfunktionen dargestellt werden kann. Zur Verdeutlichung wird in
Abbildung 25 die stückweise lineare Approximation anhand der folgenden
nicht-linearen Funktion beispielhaft dargestellt.
Beispielfunktion: y = 5x3 – 14x2 + 11x
2, 6.0
1.5, 1.9
1.25, 1.6
1, 2.0
0.5, 2.6
0
1
2
3
4
5
6
7
0 0.5 1 1.5 2 2.5
y
x
Abbildung 25 – Stückweise Approximation der Funktion y = 5x314x2 + 11x nach
Williams79
79 H. Williams, 1993, S. 229
140
____________________________________________________________________________
Wird der Ansatz der separablen Funktionen bei nicht-konvexen NLP-
Modellen eingesetzt, so kommt Williams zu der Erkenntnis, dass nur dann das
korrekt globale Optimum ermittelt wird, wenn zwischen Startwert und dem
globalen Optimum kein lokales Optimum liegt. Dies entspricht den
Erfahrungen im Rahmen dieser Arbeit mit den bestehenden Solvern. Es wird
von Williams empfohlen mehrere Rechnungen mit unterschiedlichen, nach
dem Zufallsprinzip ermittelten Startwerten durchzuführen, um dann das
maximale der ermittelten Ergebnisse als globales Optimum zu definieren. Da
die so ermittelte Extremstelle nur zufällig dem globalen Optimum entspricht,
wird dieser Ansatz von ihm erweitert. Williams konvertiert den Ansatz der
separablen Funktion zu einem Modell der Integer Programmierung, indem er
den Branch-and-Bound-Algorithmus einsetzt80, wodurch die Ermittlung des
globalen Optimums bei NLP-Modellen sichergestellt werden kann81.
Unterstellt man eine Adaption bestehender LP-Solver in der beschriebenen
Weise, ist eine praxisnahe Realisierung des Ansatzes der verteilten
Optimierung im Sinne meiner Ausführungen möglich.
Analog zu den ermittelten Testergebnissen hinsichtlich des eingeschränkten
Lösungsverhaltens betrachteter Solver (siehe Kaptitel 8.1, speziell Abbildung
21) kommt Ratz82 unter anderem am Beispiel der 1-dimensionalen Shubert-
Funktion83 ebenfalls zu dem Schluss, dass trotz zahlreicher Theorien auf dem
Gebiet der linearen und nicht linearen Optimierung eine Bestimmung des
globalen Optimums bei so genannten real-world-Problemen nicht zuverlässig
möglich ist.
Aufbauend auf die Definition von Törn84, nach der globale
Optimierungsverfahren bei einer stetigen Funktion f nur dann gegen das
80 H. Wiliams, 1993, S. 235
81 Weiterführende Literatur zum Branch-and-Bound Algorithmus siehe:
R.S. Garfinkel, 1979, M. Jeffreys, 1974 , L. Ten-Hwang, 1984, P. Brucker 1994
82 D. Ratz, 1992, S. 9
83 Die 1-dimensionale Shubert-Funktion hat 20 lokale maximal Extremstellen, von denen drei
zu den globalen Lösungen zählen.
141
____________________________________________________________________________
globale Optimum konvergieren, wenn die Folge der durch den Algorithmus
generierten Testpunkte überall dicht im kompakten Minimierungsbereich
liegen, zeigt Ratz, dass die Intervallrechnung ein Hilfsmittel zur Ermittlung
globaler Extremstellen über Teilbereiche des Optimierungsgebietes darstellt.
Dabei können in einer einzigen intervallarithmetischen Funktionsauswertung
für alle Punkte innerhalb eines Intervalls Aussagen über die Lage der
Funktionswerte gemacht werden. Die Intervallauswertung ersetzt somit
(unendlich) viele reelle Funktionsauswertungen.
Die von Ratz unter dem Thema der globalen Optimierung beschriebenen
Intervallrechnungen gründen wie bei Williams auf dem Algorithmus des
Branch-and-Bound. Nachdem bereits 1974 Skelboe85 die Branch-and-Bound
Methodik mit der Intervallarithmetik für die globale Optimierung von Moore86
kombinierte, gingen Anfang der Neunziger die Forschungsaktivitäten vielmehr
in die Verbesserung der Effizienz.
Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass Systeme zur Ermittlung des
globalen Optimums in der Literatur umfassend vorgestellt werden. Es lassen
sich neben den Ansätzen zur Optimierung eines einzelnen Modells ohne
lokales Optimum ebenfalls Ausführungen zur Untersuchung von
Zielfunktionen mit einer oder mehrer Extremstellen in der in der Literatur
finden. Exemplarisch wurden drei Ansätze vorgestellt.
Im ersten Verfahren zur Bestimmung des globalen Optimums wurde eine
heuristische Glättungsprozedur zur Vermeidung von lokalen Optima
dargestellt. In Verbindung mit Gradientenverfahren wie HSP (Heuristic
smoothing procedure), SQP (sequential quadratic programming) und MMA
(method of moving asymptotes) kann durch die Methodik der heuristischen
Glättung das globale Optimum in realistischer Rechenzeit ermittelt werden.
84 A. Törn, 1989; S. 30-38
85 S. Skelboe, 1974
142
____________________________________________________________________________
In einem zweiten vorgestellten Ansatz werden die separierten Funktionen
konvertiert und durch die Implementierung des Branch-and-Bound
Algorithmus zu einem Modell der Integer-Programmierung erweitert, wodurch
eine Ermittlung des globalen Optimums bei NLP-Modellen verbessert werden
kann.
Auch der dritte vorgestellte Ansatz geht vom Algorithmus des Branch-and-
Bound aus, findet seinen Schwerpunkt allerdings in der Intervallarithmetik,
verbunden mit Verfahren wie Cut-Off-, Monotonie- und Konkavitätstest zur
Effizienzsteigerung.
Aus Gründen der Vollständigkeit sei abschließend noch die von Mitra,
Levkovitz und Tamiz87 dargestellte Methode IPM (Interior Point Method) als
Alternative zum Simplex-Algorithmus genannt. IPM ist danach stabiler und
aufgrund der geringeren Anzahl an notwendigen Iterationsschritten effizienter
als der Simplex-Algorithmus. Anderson, Mitra und Parksinson88 sehen eine
derart hohe Effizienz von IPM, dass ein Einsatz von IPM im Rahmen der
massiven Parallelität empfohlen wird. Aber auch die Kombination von IPM-
und Simplex- Algorithmus wird von Bixby89 als Möglichkeit aufgezeigt, die
Kapazität des Simplex-Algorithmus zu erweitern und die Bestimmung globaler
Optima zu verbessern.
Alle vorgestellten Verfahren zeichnen sich durch die korrekte Ermittlung
maximaler Extremstellen bei Funktionen mit lokalen Optima aus. Eine
Erweiterung des betrachteten Solvers um diese Verfahren trägt damit zur
Verbesserung einer praxisnahe Realisierung des Ansatzes der verteilten
Optimierung im Sinne dieser Arbeit bei.
86 R.E. Moore, 1966
87 Mitra,G.; Levkovitz, R, Tamiz, M (1991)
88 AndersonJ.H.; Mitra, G; Parksinson, D. (1991)
89 Bixby, R.E.; Gregory, J.W.; Lustig, I.J; Marstend, R.E.; Shanno (1991)
143
____________________________________________________________________________
10 Zusammenfassung der Ergebnisse
Wie eingangs herausgestellt ist Gegenstand dieser Arbeit die Entwicklung
eines Systems der verteilten Optimierung durch die Verknüpfung von
unabhängigen mathematischen Modellen. Die verteilte Optimierung stellt dabei
eine Möglichkeit zur Bestimmung des globalen Optimums im Sinne der
Ermittlung der gemeinsamen, maximalen Extremstelle aller beteiligten
Modelle dar.
Einleitend wurden dazu die in der Rohöl verarbeitenden Mineralölindustrie
etablierten Planungssysteme vorgestellt. In Bezug auf mathematische Modelle
als Hilfsmittel zur Produktionsplanung in Rohölverarbeitenden Raffinerien
ließen sich die Optimierung der Bereiche Logistik und Blending sowie die LP-
basierte Optimierung der Gesamtfahrweise unter Maximierung des
Deckungsbeitrages als zentrale Anwendungen festlegen.
Zur Ermittlung eines technisch geeigneten Systems zur Implementierung des
im Rahmen dieser Arbeit entwickelten Systems der verteilten Optimierung
wurden vorgestellte Planungsformen hinsichtlich der Kompatibilität der
Schnittstellen, des Verbreitungsgrades des Systems und des eingesetzten
Optimieralgorithmus untersucht. Bei der weiterführenden Betrachtung der
indirekten und direkten Verfahren zeigten sich alle betrachteten indirekten
Verfahren und von den betrachteten direkten Verfahren nur das Downhill-
Simplex-Verfahren als geeignet für die Implementierung des entwickelten
Algorithmus. Aus dem Bereich der Produktionsplanung erwies sich schließlich
die Verknüpfung zweier LP-Systeme für die Umsetzung des Ansatzes der
verteilten Optimierung als geeignet.
Als Nachweis der theoretischen Richtigkeit des Ansatzes der verteilten
Optimierung konnte ein mathematischer Beweis angeführt werden. Darauf
144
____________________________________________________________________________
aufbauend wurde der Algorithmus zur verteilten Optimierung entwickelt und
die Implementierung in bestehende LP-Systeme beschrieben.
Hinsichtlich der Praxiseinführung des Systems der verteilten Optimierung
wurden der hardwaretechnische, der softwaretechnische und der
organisatorische Bereich betrachtet. Umfang und Aufwand der Einführung
wurden erörtert.
Basierend auf dem entwickelten System wurden zur Ermittlung der
Möglichkeiten und Grenzen systematische Testreihen mit vereinfachten
Beispielfunktionen durchgeführt. Als Ergebnis der Testreihen konnten
folgende Mindestanforderungen an die Zielfunktion formuliert werden, um
eine bestimmungsgemäße Ermittlung des globalen Optimums gewährleisten zu
können:
Die Steigung der Funktion darf nicht in mehr als einem Punkt den
Wert 0 annehmen.
Lokale Optima zwischen den Intervallgrenzen der Zielfunktion sind
zu vermeiden.
Entspricht die maximale Extremstelle der Gesamtfunktion nicht
einem der beiden Intervallgrenzen, muss der Funktionswert größer
sein, als der Funktionswert mindestens einer Intervallgrenze.
Bei Testreihen mit praxisnahen LP-Modellen zeigte sich, dass sich bei der
Verknüpfung zweier Modelle durch Überlagerung Zielfunktionen ergeben, die
die oben definierten Mindestanforderungen nicht erfüllen. Eine unmittelbare
Umsetzung des Systems der verteilten Optimierung zeigte sich als nur stark
eingeschränkt möglich. Dabei ließ sich die begrenzte Lösungskapazität des LP-
internen Solvers als begrenzender Faktor identifizieren.
Ansätze zur Verbesserung des LP-internen Solvers wurden anschließend aus
der Literatur zitiert und erörtert. Die vorgestellten Verfahren zur Bestimmung
145
____________________________________________________________________________
des globalen Optimums zeichnen sich durch die korrekte Ermittlung maximaler
Extremstellen bei Zielfunktionen aus, die nicht den oben genannten
Mindestanforderungen entsprechen.
Eine Erweiterung des betrachteten Solvers um eines der aufgeführten
Verfahren lässt damit eine praxisnahe Realisierung des Ansatzes der verteilten
Optimierung im Sinne dieser Arbeit zu.
So lässt sich abschließend formulieren, dass im Rahmen dieser Arbeit ein
Algorithmus entwickelt wurde, der entsprechend der eingangs formulierten
Zielsetzung die Verknüpfung von mathematischen Modellen mit dem Ziel der
verteilten Optimierung ermöglicht.
146
____________________________________________________________________________
11 Ausblick
In nachfolgenden Ausblick soll kurz auf denkbare Entwicklungsmöglichkeiten
des Ansatzes der verteilten Optimierung im Sinne der Ergebnisse dieser Arbeit
eingegangen werden.
In den vorangegangenen Kapiteln wurde bewusst ein modellhafter Charakter
im Wesentlichen zu Testzwecken und aus Gründen der Systemtransparenz zu
Grunde gelegt. Bei Implementierung einer systemtechnisch unabhängigen
zentralen Plattform ist eine Erweiterung auf eine größere Anzahl an
verknüpften Planungssegmenten technisch möglich und denkbar. Auch wenn
in dieser Arbeit nur beispielhaft das Testsystem mit zwei Planungssegmenten
und einer zentralen Plattform betrieben wurde, so können prinzipiell mehrere
Planungssegmente ein Angebot auf der zentralen Plattform hinterlegen. Ein
nachfragendes Planungssystem kann dann seriell alle verfügbaren Angebote
prüfen, ggf. den Prozess der verteilten Optimierung starten und die errechneten
Ergebnisse vergleichen.
Vergrößert man so die Anzahl der teilnehmenden Systeme, kann ein
selbständig expandierendes Optimierungsnetzwerk gleich dem World-Wide-
Web entstehen.
Unterstellt man bei den beteiligten Systemen ein entsprechendes Nachfrage-
und Angebotsvolumen, so wirken schließlich die Mechanismen der freien
Marktwirtschaft. Von volkswirtschaftlicher Bedeutung ist, dass sich
hinsichtlich der auszutauschenden Komponenten nicht nur ein globales
Optimum zwischen den zwei Systemen ergibt, sondern dass dies über alle
Teilnehmer des Optimierungsnetzwerks, die an der Optimierung der
betreffenden Komponente beteiligt sind, möglich ist. Das so ermittelte globale
Optimum stellt aus wertschöpfender Sicht das wirtschaftliche Optimum dar;
147
____________________________________________________________________________
persönliche, politische Präferenzen können dabei ausgeschlossen werden.
Ferner sind den beteiligten Systemen im Netzwerk durch das Verhalten des
Optimieralgorithmus alle modelltechnischen Restriktionen der
Netzwerkteilnehmer, wenn auch implizit, bekannt.
Diese Transparenz unter Ausschluss persönlicher Einflussfaktoren bei
theoretisch unendlich erweiterbarer Anzahl an teilnehmenden Systemen kann
dann markwirtschaftlich das übergeordnete Optimum ermitteln und so dazu
beitragen, Güter und Ressourcen effizient für die Volkswirtschaft nutzbar zu
machen.
Anhang 1 – Implementierung des Algorithmus der verteilten Optimierung auf die
beteiligten LP-Systeme
Rekur
-
LP-
System 1
Zentrale Plattform
LP-System 2
sionen
(kaufend)
(LOPSY)
(verkaufend)
einzelne
Trigger = 1
Optimier
-
Rekursion
while trigger = 1
wenn open SI-File do copy
or LOBSY not
co
py
<input dat>
available do
INPUT DAT-
>LOBSY
(Max-Menge,
wait 120 sec.
Preis1,
DB1)
-> Trigger = 0
while trigger = 0 do
<input dat>
copy
wenn trigger = 0 do
wait 120 sec.
copy
LOBSY-
>INPUT DAT
einzelne
Optimier
-
Rekursion
copy
wenn open SI-File do
<output dat>
copy
(Ist
-
Menge,
DB2)
OUTPUT DAT->LOBSY
-> Trigger = 1
while trigger = 1
wenn trigger = 1 do
copy
<output dat>
or LOBSY not
copy
availiable do
LOBSY-
>OUTPUT DAT
wait 120 sec.
einzelne
Optimier
-
Rekursion
wenn open SI-File do copy
copy <input dat>
INPUT DAT
-
>LOBSY
(Max-Menge,
Preis
1,
DB1)
-
> Trigger = 0
Zustand: aktiv inaktiv Stand
-
By
-
Modus optimierend
149
____________________________________________________________________________
Abbildungsverzeichnis:
Abbildung 1 – Einordnung von Planungssystemen in Bezug auf Planungszeitraum
und Optimierungstechnik...............................................................14
Abbildung 2 – Schnittstellen zwischen Planungssystemen und Grad der
Kompatibilität................................................................................20
Abbildung 3 – Klassifizierung verbreiteter Optimierverfahren in der Literatur......23
Abbildung 4 Einsetzbarkeit vorgestellter Optimierverfahren im Rahmen der
verteilten Optimierung...................................................................38
Abbildung 5 – Kriterien zur Implementierung des Systems der verteilten
Optimierung ..................................................................................41
Abbildung 6 – Einteilung verteilter Systeme.........................................................47
Abbildung 7 – Beispielhafte Darstellung des mathematisch funktionalen
Zusammenhangs ohne Anwendung des Ansatzes der verteilten
Optimierung......................................................................................57
Abbildung 8 – Beispielhafte Darstellung des mathematisch funktionalen
Zusammenhangs mit Anwendung des Ansatzes der verteilten
Optimierung ..................................................................................57
Abbildung 9 – Strukturen zur Verbindung von Planungssegmenten.......................62
Abbildung 10 Implementierung des Algorithmus zur verteilten Optimierung in die
Planungssegmente .........................................................................65
Abbildung 11 – Idealisierter Ablauf nach Implementierung der verteilten
Optimierung ..................................................................................68
Abbildung 12 Implementierung eines Viewers und eines Testsimulators zur
komponentenweisen Austestung....................................................87
Abbildung 13 – Grenzen für die verteilte Optimierung relevanten Variablen ..........90
Abbildung 14 – Zusammenfassung mehrerer Eigenschaften im LP-System II auf
einen Eintrag in der Matrix des LP-Systems I..............................101
Abbildung 15 – zu Testzwecken reduzierte Form der Abbildung 14 .....................104
Abbildung 16 – Beispiel einer ganzrationale Funktionen 1. Grades.......................106
Abbildung 17 – Beispiel A einer ganzrationale Funktionen 2. Grades...................107
Abbildung 18 – Beispiel B einer ganzrationale Funktionen 2. Grades...................108
Abbildung 19 – Beispiel B einer ganzrationale Funktionen 3. Grades...................109
Abbildung 20 – Beispiel einer Exponentialfunktion..............................................110
Abbildung 21 – Zusammengesetzte Funktion Typ 1..............................................112
Abbildung 22 – Zusammengesetzte Funktion Typ 2..............................................113
Abbildung 23 – Zusammengesetzte Funktion Typ 3..............................................114
Abbildung 25 – Feasibilitätsbereiche mit linearen und nicht-linearen Grenzen......138
Abbildung 26 – Stückweise Approximation der Funktion y = 5x3 – 14x2 + 11x
nach Williams..............................................................................139
150
____________________________________________________________________________
Literaturverzeichnis:
AndersonJ.H.; Mitra, G;
Parksinson, D. (1991) The Scheduling of Sparse Matrix-Vector Multiplication on a
massively parallel DAP computer, Brunel University London
BBN Advanced
Computers Inc. (1989) TC2000 Product Summary, Cambridge
Baker, T.E., Lasdon, L.S.
(1985)
Successive linear programming at Exxon. Management Science,
31(3)
Baret, M. (2000) “Application of neural networking calibrations to an halide ISE
array”, Talanta 51
Bazaraa, M.S., Sherali,
H.D., Shetty, C.M.
(1993)
Nonlinear programming: Theory and algorithms
Bixby, R.E.; Gregory,
J.W.; Lustig, I.J;
Marstend, R.E.; Shanno
(1991)
Very Large scale linear Programming: a case study in
combination interior point and simplex methods, Rice University,
Texas 1991
Blömer, F.; Günther, H.-
O. (1998) LP-based heuristics for scheduling chemical batch processes
Blörk, A.; Germund, D.
(1972) Numerische Methoden
Bock, S. (2000) Modell und verteilte Algorithmen zur Planung getakteter
Fließlinien, Dissertation, Uni Paderborn
Boehm, B. (1995) COCOMO II – Model Definition Manual
Bomze, I.;Grossmann, W.
(1993) Optimierung – Theorie und Algorithmen
P Brucker, B Jurisch, B
Sievers (1994) A branch and bound algorithm for the job-shop scheduling
problem, in: Discrete Applied Mathematics archive
Volume 49 , Issue 1-3 (March 1994)
Buchberger, B. (1965) Ein Algorithmus zum Auffinden der Basiselemente des
Restklassenringes nach einem nulldimensionalen Polinomideal,
Dissertation der Universität Insbruck
151
____________________________________________________________________________
Catchpole, A.R. (1962) The Application of linear programming to integrated supply
problems in the oil industry, Operational Research Quarterly,
Vol. 13, no. 2, pp.161-169, 1962
Chaudhuri, B.; Modak
J.M. (1998) “Optimization of fed-batch bioreactor using neural network
model”, Bioprocess Engineering 19
Chiang, A.C. (1992) Elements of dynamic optimization
Cortez, E.M.; Park, S.C.;
Kim, S. (1995) The hybrid application of an inductive learning method and a
neural network for intelligent information retrieval, Information
Processing and Management
Dantzig, G.B. (1949) Programming in a Linear Structure – Econometrica 17
Dantzig, G.B. (1951) Maximization of a linear function of variables subject to linear
inequalities, In; Activity analysis of production and allocation
Dantzig, G.B. (1955) Linear programming under uncertainty, Management Science 1
Dantzig, G.B. (1963) Linear Programming and Extensions, Princeton University Press,
Princeton, N.J.
Dantzig, G.B., Thapa,
M.N. (1997) Linear Programming1: Introduction
Diwekar, U.M.,
Madhavan, K.P.,
Swaney, R.E. (1989)
Optimization of Multicomponent Batch Destillation Columns
Ind. Eng. Chem. Res., 1001-1017
Eiselt, H. Pederzoli, G.,
Sandblom C.-L. (1987) Continuous optimization models ( Operations research )
Flynn, Michaeal J.
(1966) Very high speed computing. In: Proceedings of the IEEE, Vol. 54,
No. 12, S. 1901-1909
Garfinkel, R.S. (1979) Branch-and-Bound Methods for Integer Programming.
Garvin, W., Crandall, H.,
John, J., Spellmann, R.
(1957)
Applications of Linear Programming in Oil Industry,
Management Science, Vol. 3, 1957, S. 407-430
Gdalevitch, Semen
(1994) Practical applications of linear programming duality
Göpfert, A. (1986) Optimierung und optimale Steuerung
152
____________________________________________________________________________
Haarbrücker, G. (2000) Sequentielle Optimierung verfeinerter Approximation in der
mehrstufigen stochastischen linearen Programmierung
(Dissertation )
Heinrich, L.J. (1994) Systemplanung Planung und Realisierung von Informatik-
Projekten. Band 2. Prozess der Grobprojektierung, der
Feinprojektierung und Installation
Hilding, D. (2000) “A heuristic smoothing procedure for avoiding local optima in
optimization of structures subject to unilateral constraints”,
Structural and multidisciplinary optimization, 2000, S. 29-36
Hungenberg, H. (2001) Strategisches Management in Unternehmen, 2. Aufl.,Wiesbaden
Jeffrey, M. (1974) Some ideas on formulation strategies for integer programming
problems so as to reduce the nodes generated by a branche-and-
bound algorithm, Working paper 74/2, Wootton, Jeffreys and
Partners, London
Jin, S.; Ye, K.M.;
Shimizu, K.; Nikawa, J.
(1996)
Application of artificial neural network and fuzzy control for
feedbatch cultivation of recombinant Saccharomyces cerivisiae,
Journal Of Fermentation And Bioengineering
Kallrath, J., Wilson, J.M.
(1997) Business optimization using mathematical programming
Kall, P. (1992) System modeling and optimization
Kemper A./Eickler A.
(2004) Datenbanksysteme
Körkel M. (1999) Effiziente Verfahren zur Lösung unkapazitierter Standort-
Probleme - Dissertaion
Kosmol, P. (1989) Methoden zur numerischen Behandlung nichtlinearer
Gleichungen und Optimierungsaufgaben
Pernul, G., Umland, R.
(2003) Datenbanken in Unternehmen: Analyse, Modellierung und
Einsatz
Levenberg, K. (1944) A method for the solution for certain nonlinear problems in
least-squares“, The Quarterly Journal of Mechanics and Applied
Mathematics, Vol. 2, S. 164-168
Lin, Z.C.; Chang, D.Y.
( 1996 ) Application of an neural network machine learning model in the
selection system of sheet metal bending tooling, Artificial
Intelligence In Engineering
Litke, H.-D. (2004) Projektmanagement: Methoden, Techniken, Verhaltensweisen
153
____________________________________________________________________________
Lüling, R. (1996) Lastverteilungsverfahren zur effizienten Nutzung paralleler
Systeme. Dissertation, Universität Paderborn
Magoulas, K., Marinos-
Kouris, D., Lygeros, A.
(1988), S. 44-48
Actual Blending Liner Programming Model is Developed, Oil &
gas Journal, Vol. 86, No. 29, 1998, 44-48
Mautz, R. (2000) Zur Lösung nichtlinearer Ausgleichsprobleme bei der
Bestimmung von Frequenzen in Zeitreihen
Meier, A. (2004) Relationale Datenbanken
Meier, Andreas; Wüst
Thomas (2000) Objektorientierte und objektrelationale Datenbanken
Mitra,G.; Levkovitz, R,
Tamiz, M (1991) Integration of IPM within Simplex, Brunel University London
Moore, R.E. (1966) Interval Analysis. Prentice Hall, Engelwood Cliffs, New Jersey
Müller, D. (2005) CNET Network Inc., Juni 2005, (www.zdnet.de)
Ratschek, H. (1988) New computer Methods for Global Optimization
Ratz, D. (1992) Automatische Ergebnisverifikation bei globalen Optimierungsproblemen
(Dissertation )
Plantenga, T.D. (1999) A trust region method for nonlinear programming based on primal
interior point. Techniques. In: Sci. Comput. 20
Poensgen, B., Bock, B.
(2005) Function-Point-Analyse
Press, W. H. (1992) Numerical recipes in C, Cambridge University, Cambridge
Ramakrishnan, R.,
Gehrke, J. (2002) Database Management Systems
Ramsey, J.R., Truesdale,
P.B. (1990) Blend Optimization Integration into Refinery-wide Strategy, Oil
& Gas Journal, Vol. 88, No. 12, 1990, S. 40-44
Schäffer, U.,Hof
fmann, D.
(1999) Handbuch Technikfolgenabschätzung, Berlin
Schöllholm, M. (1999)
Die Optimierung des Blending-Prozesses bei der
Benzinproduktion durch verbesserte stationäre Modelle und eine
Qualitätsregelung
Shanno, D.F. (1993) “Computational Methods for Linear Programming” in RUTCOR
Reaearch Report RRR19-93, August 1993
154
____________________________________________________________________________
Silberschatz, A., Korth,
H.F., Sudarshan, S.
(2001)
Database System Concepts
Skelboe, S. (1974) Computation of Rational Interval Funkctions. BIT 4, 87-97
Stepan, A., Fischer E.O. Betriebswirtschaftliche Optimierung Einführung in die
quantitative Betriebswirtschaftslehre
Stubenvoll, R. (1995) Helmertransformation zwischen terretrischen und GPS-Netzen
und die Bestimmung relativer Geoidundulation, Technische
Universität Berlin
Svanberg, K. (1987) The method of moving asymptotes a new method for structural
optimization . In: Int. J. Num. Meth. Eng. 24, 359-373
Symonds, G.H. (1955) Linear Programming The solution of Refinery Problems, ESSO
Standard Oil Company
Symonds, G.H. (1956) Linear Programming Solves Gasoline Refinery and Blending
Problems, Ind. And Eng. Chemistry, Vol. 48, No. 3, 1956
Ten-Hwang Lai (1984) Anomalies in parallel branch-and-bound algorithms, in:
Communications of the ACM archive
Volume 27 , Issue 6 (June 1984)
Teunissen, P. (1990) „Nonlinear least squares“, in manusscripta geodaetica Vol. 15,
Springer-Verlag
Törn, A., Zilinskas, A.
(1989) Global Optimization. Lecture Notes in Computer Science, No.
350, Springer Verlag Berlin
Tomlin, J.A. (1971) An Improved Branch-and-Bound Method for Integer
Programming, Oper. Res., Vol. 19, 1971
Yin, C.G.; Luo, Z.Y.;
Zhou, J.H.; Cen, K.F.
(2000)
A novel non–linear programming-based coal blending technology
for power plants, Chemical Engineering Research And Design
Törn, A., Zilinskas, A.
(1989) Global Optimization
Vanderbei, R.J. (1997) Linear Programming: Foundations and Extensions. Internaltional
series in Operations Research & Management Science
Williams, H. (1993) Model solving mathematical programming
Zomaya, A.Y. (1996),
Editor Parallel and Distributed Computing Handbook. McGraw Hill
(USA)
155
____________________________________________________________________________