scieee Science in your language
[de] (orig)
Fehlgebrauch von Kindersicherungssystemen im Fahrzeug
vorgelegt von
Dipl.-Ing.
Gerd Müller
aus Berlin
von der Fakultät V – Verkehrs- und Maschinensysteme
Institut für Land- und Seeverkehr / Fachgebiet Kraftfahrzeuge
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. Matthias Rötting
Gutachter: Prof. Dr. rer. nat. Volker Schindler
Gutachter: Prof. Dr.-Ing. Heiko Johannsen
Gutachter: Prof. Dr. phil. Wolfgang Fastenmeier
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 22. Oktober 2013
Berlin 2013
D 83
III
Kurzfassung
Die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten und verletzten Kinder in Pkw ist in den letzten Jahren
erheblich gesunken. Waren 1993, im Jahr der Einführung der gesetzlichen Pflicht zur Nutzung von
Kindersitzen noch 128 getötete Kinder zu beklagen, waren es im Jahr 2011 noch 21. Neben einer
hohen Sicherungsquote von Kindern im Kindersitz gibt es zahlreiche weitere Ursachen, die diese
positive Entwicklung bewirkt haben. So haben sich die gesetzlichen Anforderungen an
Kindersicherungssysteme ständig erhöht, wodurch ihre Schutzwirkung verbessert wurde. Genauso
verbesserten sich die Sicherheit der Fahrzeuge und die Verkehrsinfrastruktur insgesamt. Dennoch
muss festgestellt werden, dass die Quote der Fehlbenutzung (Misuse) von Kindersitzen in den
letzten 15 Jahren konstant hoch geblieben ist. Mehr als zwei Drittel aller Kinder sind fehlerhaft im
Fahrzeug gesichert, wobei manche dieser Fehler so gravierend sind, dass die Schutzwirkung des
Sitzes komplett aufgehoben wird. Hier zeigt sich nach wie vor ein dringender Handlungsbedarf.
Die Auswertung einer im Rahmen des EU-Forschungsprojekts CASPER durchgeführten Feldstudie hat
ergeben, dass die Fehlbenutzungsquote leicht zurück gegangen ist, inwiefern dabei von einem
signifikanten Trend gesprochen werden kann, lässt sich allerdings nicht absehen. Es zeigte sich
weiterhin, dass die schlechte Sicherung der Kinder von Eltern in der Regel nicht vorsätzlich
geschieht, sondern dass mangelndes Wissen über den richtigen Umgang mit Kindersitzen und ein
gering ausgeprägtes Risikobewusstsein zur Fehlbedienung führen. Faktoren wie Zeitmangel und
Stress im Moment der Sicherung erhöhen das Fehlbedienungsrisiko.
Anhand der Daten von 119 rekonstruierten Pkw-Verkehrsunfällen mit 183 beteiligten kindlichen
Insassen konnten Zusammenhänge zwischen bestimmten Fehlbenutzungen und daraus
resultierenden Verletzungen gezeigt werden. Genauso konnte nachgewiesen werden, dass für falsch
gesicherte Kinder das Risiko für schwere Verletzungen bei einem Unfall deutlich höher ist, als für
korrekt gesicherte Kinder.
Alle gewonnen Erkenntnisse machen deutlich, dass das Thema der Fehlbenutzung von Kindersitzen
nach wie vor aktuell und drängend ist und dass es notwendig ist, dass sich Experten der
Kindersicherheit mit diesem Thema befassen. Dafür ist es zunächst erforderlich, dass es in
Fachkreisen von den zentralen Begriffen Fehlbenutzung“ und „Fehlerschwere“ ein einheitliches
Verständnis gibt. Eine experimentelle Untersuchung auf der Fachtagung „Protection of Children in
Cars“ im Jahr 2011 ergab, dass gleiche Fehler von verschiedenen Fachleuten ganz unterschiedlich
bewertet werden. Um diesem Problem zu begegnen wird in der vorliegenden Arbeit eine Definition
des Begriffs „Misuse“ vorgeschlagen. Darüber hinaus wird ein für Misuseuntersuchungen häufig
genutztes Codebook dahingehend überarbeitet und vereinfacht, dass es einerseits in der Praxis der
Feldbeobachtung leicht und mit wenig zeitlichem Aufwand zu nutzen ist, andererseits alle
wesentlichen Fehler erfasst. Dabei ist es wichtig, dass die Fehler eindeutig beschrieben und
Advertisement
IV
bewertet werden, so dass sichergestellt ist, dass verschiedene Beobachter zur gleichen
Fehlerbewertung kommen und somit eine Vergleichbarkeit verschiedener Feldstudien gegeben ist.
Abschließend enthält die vorliegende Arbeit konkrete Vorschläge, wie der Problematik der
Fehlbenutzung begegnet werden sollte. Hier werden insbesondere an den Gesetzgeber Forderungen
nach klaren und zwingenden Vorgaben für die Hersteller von Kindersitzen gestellt, auch erscheint es
als ratsam, dass das ISOFIX-System derart optimiert wird, dass es zukünftig bessere Chancen hat
eine große Marktdurchdringung zu erfahren.
V
Abstract
The number of killed and injured children as vehicle occupants in road accidents has declined
significantly in recent years. During 1993, the year when the requirement to use child seats was
introduced, 128 children were killed, while in 2011 21 children died in a car. In addition to a high
percentage of children secured in a suitable child seat there are many other causes which support
this positive development. The legal requirements for child restraint systems have increased
constantly affecting an improvement of its protection level, simultaneously the safety of vehicles
and traffic infrastructure has improved. However it must be noted that the rate of incorrect use
(misuse) of child seats is consistently high in the last 15 years. More than two thirds of all children in
the vehicle are not secured correctly, with some of these misuses are so serious that the protective
effect of the seat will be cancelled completely. Here is still an urgent need for improvement.
The evaluation of a field study, which was conducted in connection with the EU research project
CASPER, has shown evidence that the quote of incorrect used child seats has declined slightly.
However it is not sure, whether this is a significant trend or just a single result. Another founding
from this study is that usually, the poor securing of children by parents is not done intentionally, but
more by a lack of knowledge about the correct use of child restraint seats and by a low level of
awareness of the misuse risk. Factors such as lack of time and stress during the child securing
increase the risk of incorrect use.
Based on the data of 119 reconstructed car accidents with 183 involved children as car occupants,
the relationships between certain misuse types and resulting injuries have been shown. Additionally
it has been shown that for incorrectly restrained children, the risk of serious injuries in an accident is
much higher than for properly restrained children.
All gained findings reveal that the problem of child seats misuse is still urgent and that it is necessary
for experts of child safety to deal with this issue. This requires a common understanding of the
central terms of "misuse" and "misuse severity". An experimental investigation on the conference
"Protection of Children in Cars" in 2011 has shown that the same misuse will be evaluated by
specialists in different ways. To overcome this challenge a definition of "misuse" is proposed in the
present thesis. In addition, a frequently used codebook for field studies has been revised and
simplified. On the one hand it should be easy to use in the practice of field observation and with
little expenditure of time and on the other hand, it should cover all significant types of misuse. It is
important that all misuse types are clearly identified and evaluated, to ensure that different
observers get the same misuse rating and thus a comparability of different field studies is given.
In conclusion, the present thesis includes concrete proposals on addressing misuse of child restraint
systems. Here, in particular, to the legislator demands for clear and mandatory requirements for
Advertisement
Loading more pages...