scieee Science in your language
[en] (orig)
Meinfried Jetzschke
Supervision
mit Religionslehrerinnen und
Religionslehrern
Analyse eines Supervisionsprozesses
als ‚dichte Beschreibung’
Dissertation
zur Erlangung des Grades
eines Doktors der Philosophie
Fakultät für Kulturwissenschaften
Fachbereich Evangelische Theologie
der Universität Paderborn
vorgelegt am 21. Februar 2006
Disputation am 30. Juni 2006
Gutachter:
Prof. Dr. Harald Schroeter-Wittke
Prof. Dr. Michael Klessmann
Danksagung
Die Realisierung dieses Promotionsprojektes neben meiner Tätigkeit als Do-
zent des Pädagogischen Institutes der Evangelischen Kirche von Westfalen
war nur möglich durch das beharrliche Zutrauen, die nicht nachlassende Er-
mutigung und die kritisch-wohlwollende Solidarität der Menschen, die mich
während dieser Zeit begleitet haben: Prof. Dr. Harald Schroeter-Wittke, der
meine Skrupel und Unsicherheiten geradezu spielerisch immer wieder in fröh-
lich-unbefangene Neugier zu verwandeln wusste, Prof. Dr. Michael Kless-
mann, der mich zielsicher vor mancherlei Abwegen bewahrte, Friederike
Jetzschke, meine Lebens-ent-deckungs-Gefährtin, systemisch arbeitende
Fachkollegin, erste und letzte Leserin meiner vielfältigen Entwürfe, die mich
durch ihre ‚Wunderfragen’ ungezählte Male dem ‚Katastrophen-Motto’ ‚mehr
desselben’ zu entreißen wusste, und Ursula Claas, Freundin, ‚Sachverständige’
in supervisorischen, schulischen und nicht zuletzt auch Fragen der ‚Recht-
und Schönschreibung’. Ihnen und allen anderen, die mich in dieser Zeit mit
ge/ertragen und unterstützt haben, auch wenn ich sie hier nicht alle nament-
lich erwähnen kann, gilt mein Dank!
Meinfried Jetzschke
Inhalt III
Inhalt
Einleitung
Werkstattbericht – Prozessanalyse – ‚Dichte Beschreibung’............................. 1
Noch eine Untersuchung zu Supervision?
Funktion und Bedeutung von Religion in der supervisorischen Arbeit –
vom ‚Werkstattbericht’ zur ‚dichten Beschreibung’
Aufbau der Untersuchung
I. Kapitel: Es ist nie zu spät und nie zu früh.
Eine Schlüsselgeschichte
I.1 Es ist nie zu spät und nie zu früh – Schüler/innen stark zu
machen für das Leben.............................................................................................. 21
Die unendliche Spanne von pädagogischer ‚Saat und Ernte’ / ‚Und sie bewegt
sich doch’ / ‚Von der Wirksamkeit der Normalität’ / Es ist nie zu spät – auch
wenn Lehrer/innen zwangsläufig immer spät kommen / Lehrer/innen – Fluglotsen
I.2 Es ist nie zu spät und nie zu früh – Lehrer/innen stark zu machen
für den Beruf............................................................................................................. 27
Ressourcenorientierte Supervision / Werkzeuge ressourcenorientierter Supervision /
Tom Sawyer – Meister des Reframing / ‚Wo ist der Schalter?’ / Supervision als eine
professionelle Beratungsform / Interessenkollisionen, innere und äußere Ansprüche,
Appelle und Zwischentöne / Risikoberuf Lehrer/in / Die zentralen Stressoren im Leh-
rerberuf / Sonderrisiken für Religionslehrer/innen / Die vier Bewältigungsmuster
der ‚Schaarschmidt-Studie’ / ‚Etwas Besseres als den Tod findest du überall!’
I.3 Es ist nie zu spät und nie zu früh – auch in der Schule mit Ostern
zu rechnen ................................................................................................................. 39
Der Fremde / Ein Gleichnis … – des Himmelreichs in der Profanität? /
‚Ostern’ in der Schule und in der Supervision?
I.4 Es ist nie zu spät und nie zu früh – selbst mit Supervision zu
beginnen..................................................................................................................... 43
‚Supervisionsgeschichten’ / Die Geschicke des Lebens selbst in die Hand nehmen /
Der optimale Zeitpunkt, um mit Supervision zu beginnen / ‚Wenn nicht jetzt,
wann dann?’ / Wohin man auch geht – man nimmt sich immer selbst mit! / Wirk-
samkeit supervisorischer Arbeit mit Lehrern/innen / Supervision mit einem Reli-
gionslehrer in der Berufseingangsphase / Zur Genese der zentralen Fragestellung
dieser Untersuchung / Die Aufmerksamkeitsrichtungen – Intentionen
I.5 Der Blick zurück............................................................................................... 50
Auf das Thema ‚Supervision mit Lehrerinnen und Lehrern’ / Auf den Prozess, der in
dieser Untersuchung präsentiert und analysiert wird
IV Inhalt
II. Kapitel: Die Werkstatt
Format – Ort – handelnde Personen
II.1 Das Beratungsformat ‚Supervision’ ............................................................. 53
Der Begriff ‚Supervision’ / Format-Merkmale von Supervision / Professionelle Qua-
litätsstandards / Supervisionskonzepte / Systemische und integrative Supervisions-
konzepte / Arbeitsformen / Einzelsupervision / Gruppensupervision / Supervision
in (Teil)Organisationen / Kollegiale Supervision / Interne und externe Supervision
II.2 Der organisatorische Kontext....................................................................... 70
Das Pädagogische Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen / Supervision
‚für’ (Religions)Lehrer/innen im PI: die Ausgangslage / Aufbau eines eigenen Super-
visionsangebotes
II.3 Die handelnden Personen ............................................................................. 72
3.1 Der Supervisand: Zur Person / Berufsschulpfarrer und Religionslehrer /
Lehrkräfte im Gestellungsvertrag
3.2 Der Supervisor: Die Ausbildung / ‚Rollenhüte’ / Der ‚Werkzeugkoffer’ / Haltun-
gen / ‚In Kontakt mit sich – im Gegenüber zu den Supervisanden/innen’ / Gesprächs-
psychotherapie (Carl R. Rogers) / Themenzentrierte Interaktion (Ruth C. Cohn) /
Kommunikationstheorien und neurobiologische Erkenntnisse / Kreative Medien
in der Supervision / Gestaltarbeit / Arbeit mit ‚inneren Bildern’ – Imaginationen /
Transaktionale Analyse (Eric Berne) / ‚Ohne Körper geht nichts’ / ‚Erster Prozess’
II.4 Der Blick zurück............................................................................................. 88
Auf das Thema ‚Supervision mit Lehrerinnen und Lehrern’ / Auf den Prozess, der
in dieser Untersuchung präsentiert und analysiert wird
III. Kapitel: Eröffnungen
Erstkontakt – Erstgespräch – Kontrakt
III.1 Erstkontakt, Erstgespräch, Kontraktarbeit............................................... 91
Idealtypischer Verlauf eines Supervisionsprozesses / Orientierungsphase / Kontrakt-
arbeit / Supervisionsentwicklerdreieck
III.2 Abgrenzung des Beratungsformates ‚Supervision’ von anderen
Formaten.................................................................................................................... 94
Fortbildung und Fachberatung / Supervision und Coaching: Ungeliebte Zwillings-
schwestern? / Coaching – Supervision und Training / Organisationsberatung und
Supervision / Die Zukunft der Supervision zwischen Person und Organisation /
Supervision und Therapie
III.3 Der Kontrakt und erstes Erlebnisprotokoll.............................................. 103
Vereinbarte Ziele und Themen / Vereinbarte Methoden / Erlebnisprotokoll des
Supervisanden von der Kontraktsitzung / Reflexive Anstrengung / Polarität Sicher-
heit – Flexibilität
Inhalt V
III.4 Der Blick zurück ........................................................................................... 106
Auf den Prozess / Auf das Thema ‚Supervision mit Lehrerinnen und Lehrern’
IV. Kapitel: ‚at work’
Dritte Sitzung und Parameter der Analyse
IV.1 ‚at work’ – dritte Sitzung.............................................................................. 109
1.1 Idealtypischer Verlauf einer Supervisionssitzung
1.2 Koordinatenkreuz zur Wirklichkeitskonstruktion
1.3 Transkript – dritte Sitzung
1.4 Erlebnisprotokoll
1.5 Wirksamkeitsanalyse
IV.2 Parameter der Analyse ‚religiöser Elemente’ in der Supervision ........... 119
2.1. Der Daten-Korpus: Beschränkung auf einen Prozess / Chancen und Grenzen der
Analyse von Tonaufnahmen / Vom Tonband zum Transkript / ‚Verfremdungseffekt’
2.2 Untersuchungsgegenstand und Analyseverfahren: Von der ‚dünnen’ zur ‚dichten
Beschreibung’ / Indikatoren einer ‚dichten Beschreibung’ / Supervision mit einem
Religionslehrer als Versuch einer ‚dichten Beschreibung’ / Supervision als For-
schungsmethode / Interpretationen erster, zweiter und dritter Ordnung / Gemeinsamer
religiöser Zeichenvorrat / Religion als Performance / Untersuchungsgegenstand / Sub-
stanzieller Religionsbegriff / Funktionaler Religionsbegriff / Phänomenologischer Reli-
gionsbegriff / Aufbau der Kapitel V bis XI / Evaluation und Reichweite der Unter-
suchung
IV.3 Der Blick zurück............................................................................................ 139
Auf das Thema ‚Supervision mit Lehrerinnen und Lehrern’ / Auf den Prozess /
Auf den weiteren Verlauf der Analyse
V. Kapitel: Der Religionslehrer als ‚advocatus diaboli’
Die Entwicklung von Gotteskonstrukten und ihre
Wirksamkeit in Systemen
V.1 Der Religionslehrer als ‚advocatus diaboli’ – vierte Sitzung..................... 143
1.1 Transkript – vierte Sitzung
1.2 Reflexion: Die Allmacht Gottes und ihre Repräsentanten auf Erden / Analogie
Pfarrer – Lehrer, Gott – Satan / Dichotomie von Person und Rolle / Was ergibt sich
daraus aus funktionaler Perspektive?
V.2 Die Entstehung von Gotteskonstrukten und ihre Wirksamkeit in
Systemen .................................................................................................................... 147
Familie und Religion in systemisch-konstruktivistischer Perspektive / Familien und
andere Systeme / Aspekte familiärer Wirklichkeitskonstruktion / Die Summe ist mehr
als die Addition ihrer einzelnen Teile / Das individuelle Gotteskonstrukt / Das auto-
nome Gotteskonstrukt / Elternbild und Gottesbild / Familiencredo / ‚Der liebe Gott
sieht alles!’ / ‚Gott kommt ins System!’ / Schlussfolgerungen für die weitere Arbeit /
VI Inhalt
Aus dem Erlebnisprotokoll der zweiten Arbeitsitzung / Paradoxon / Theologen
unter sich? / Exkurs: Martin Luther und das Gotteskonstrukt der ‚Rechtfertigungslehre’
V.3 Der Blick zurück............................................................................................. 158
Auf den Supervisionsprozess / Auf die Analyse
VI. Kapitel: ‚Komm, denn es ist alles bereit!’
Von der Wirksamkeit des Religiösen im System und
religiösen Systemschleifen
VI.1 ‚Komm, denn es ist alles bereit!’ – vierte Sitzung..................................... 161
1.1 Phantasiereisen und Imaginationen in der supervisorischen Arbeit:
Vorüberlegungen / Arbeit mit geleiteten Imaginationen in der Supervision / Geleitete
Imagination ‚Mein optimaler Arbeitsplatz’
1.2 Transkript – vierte Sitzung
1.3 Reflexion – Diagnostik in der Supervision: ‚The Lamb Lies Down on Broadway’
(GENESIS-Konzeptalbum) / Die Kirche mit Altar, Kreuz und die Höhle mit Jagd-
malereien / Täter und Opfer / Diagnostik in der Supervision / Lilith, abgetriebene
Föten und eine Sonnenblume / Lilith – Eva – Adam und das Genderthema / Der
Mönch in der Bibliothek / Ausschnitt aus dem Erlebnisprotokoll / Das heilige Mahl /
Einswerden mit der Gottheit durch Selbstauflösung / Einswerden mit der Gottheit
durch Einverleibung / Leuchtturm und Schiff in Seenot / ‚support-systems’ und Theo-
logie als Ressource / Erlebnisprotokoll / Und noch einmal: das Opfer
VI.2 Religiöse Systemschleifen und die Wirksamkeit des Religiösen
im System................................................................................................................... 182
Redundanzen / Rechtfertigung allein aus Glauben? / Das ‚innere Parlament’ /
Rechtfertigung und Heiligung / Folgerungen
VI.3 Der Blick zurück............................................................................................ 186
Auf den Supervisionsprozess / Auf die Untersuchung
VII. Kapitel: ‚Der sein Leben hingibt…’
Von der Notwendigkeit religiöser Feldkompetenz
VII.1 Religiöse Feldkompetenz als ‚conditio sine qua non’ ............................ 189
Zwischen Betriebsblindheit und Affizierungsfalle / Plädoyer für religiöse Feldkom-
petenz / Merkmale religiöser bzw. theologischer Feldkompetenz – Pastorale Super-
vision / Religion und supervisorisches Selbstkonzept / Supervision und Seelsorge /
Gemeinsame Ideale von Seelsorge und Supervision / Selbstbeschränkung der Super-
vision / Ergebnisoffene Supervision contra ‚Supervision als diakonische Praxis’ /
Externe Supervision von Religionslehrern/innen und (betriebs)interne Supervision
der Kirche(n) / Probleme interner Supervision / Referenzsysteme und Ethik in der
Supervision / Die Reflexion der Referenzsysteme im Prozess
Inhalt VII
VII.2 Religiöse Reminiszenzen und Reflexionen des Supervisors ................. 203
VII.3 ‚Der sein Leben hingibt …’ – fünfte Sitzung.......................................... 205
3.1 Transkript – fünfte Sitzung
3.2 Reflexion: Das Lilith-Thema / Das Opferthema / Spiritualität des Opferns /
Christliche Opfer-Theologie und Supervision / Das ‚diabolos’-Thema
3.3 Erlebnisprotokolle des Supervisanden: Erlebnisprotokoll der fünften Sitzung /
Polarität ‚aggressiv’ – ‚ingressiv’ / Erlebnisprotokoll (Fortsetzung)
VII.4 Der Blick zurück.......................................................................................... 214
Auf den Supervisionsprozess / Auf die Untersuchung
VIII. Kapitel: ‚Gott begegnen’
Konstruktive und destruktive Funktion von Religion
VIII.1 ‚Gott begegnen’ – sechste und siebte Sitzung....................................... 217
1.1 Transkript – sechste Sitzung
1.2 Reflexion: Frömmigkeit als soziale Anpassung / Instrumentalisierung von Religion /
Destruktive Grundbotschaften / Keine generelle Pathologisierung religiöser und theo-
logischer Themen / Vor religiösen Fragen und Sinn-Fragen ‚flüchten oder standhalten’? /
Supervision als (religions)kritische Praxis
VIII.2 Konstruktive und destruktive Funktion von Religion ......................... 225
Erlebnisprotokoll / Ambivalenz von Religion / Empirische Untersuchungen zu
‚Religiosität und Gesundheit’ / Konstruktive und destruktive Funktion von Religion
in Familien / Religion Typ 1 und Religion Typ 2 / Theologische Religionskritik und
Supervision / ‚Sünden-Konstrukte’ bzw. theologisches ‚Reframing’ / Theologische
Kritik der Supervision / Unabgeschlossenheit und ‚Fragmentarität’ biblischer Gottes-
konstrukte / Exkurs: War Martin Luther ein ‚Systemiker’? / Theologie als offenes und
evolutionäres System / Unterscheidung von Letztem und Vorletztem / Supervision
und Religion – Supervision als Religion
VIII.3 Transkript und Erlebnisprotokoll – siebte Sitzung............................... 239
VIII.4 Der Blick zurück ........................................................................................ 240
Auf den Supervisionsprozess / Auf die Untersuchung
IX. Kapitel: ‚Maria und Martha’
‚Narrative Theologie’ in der Supervision
IX.1 ‚Maria und Martha’ – achte bis zehnte Sitzung ........................................ 243
1.1 Genogrammarbeit und transgenerationale Aufträge (achte und neunte Sitzung):
Erlebnisprotokoll Genogrammarbeit in der Supervision / Erlebnisprotokoll / Maria
und Martha / Männerrollen – Frauenrollen
1.2 Transkript – zehnte Sitzung
VIII Inhalt
1.3 Reflexion: ‚Widerstand’ als ‚Fenster’ ins System / Erlebnisprotokoll / Zwei Wege,
die eigenen Interessen durchzusetzen / ‚Paulinisches Reframing’ / Biblische Geschichten
als supervisorische Leitmetaphern
IX.2 ‚Narrative Theologie’ in der Supervision................................................... 253
Eine Religion des Geschichtenerzählens / ‚Narrative Theologie’ / Die Wirkmächtig-
keit des Geschichtenerzählens / ‚Narrative Supervision’ / Biblische Geschichten in
der Supervision / Konstruktion und Dekonstruktion – oder wie man Nüsse knackt! /
Hermeneutik systemischen Geschichtenerzählens / Arbeit mit Ritualen in der
Supervision
IX.3 Der Blick zurück ........................................................................................... 265
Auf den Supervisionsprozess / Auf die Untersuchung
X. Kapitel: ‚Wenn ich nicht für mich bin – wer dann?’
Systemische Supervision mit religiösen Elementen
X.1 ‚Wenn ich nicht für mich bin – wer dann?’ – elfte Sitzung...................... 267
Das Haus der unerfüllten Wünsche / Rabbi Hillel
1.1 Transkript – elfte Sitzung
1.2 Reflexion: Noch einmal ‚Widerstand’ / Extra nos / Der Supervisor als ‚minister
verbum divini’? / Im System geht nichts verloren!
X.2 Systemische Supervision – was kann, was will sie leisten? ....................... 274
Grundannahmen systemisch-konstruktivistischen Denkens: Biologie und Autopoiese /
Auch Menschen sind autopoietische Systeme / Kybernetik – ‚triviale’ und ‚nichttriviale
Maschinen’ / Gregory Bateson und das Homöostase-Stochastik-Konzept / Homöostase /
Stochastischer Prozess / Systemisches Denken führt zu Bescheidenheit / Schlussfol-
gerungen für die supervisorische Arbeit: (1) Systeme, auch religiöse Systeme, sind be-
harrlich (2) Der circulus vitiosus = Kreislauf des Verderbens (3) Verbesserungsfragen
(4) Veränderungen zweiter Ordnung (5) Perturbation (6) ‚Freudestiftendes Lenen aus
Verunsicherungen’ (7) Nachhaltigkeit (8) Paradoxe Interventionen (9) Provokation und
Humor (10) ‚Wohlwollende Sabotage’ – die dynamische Spannung von Sicherheit und
Verunsicherung (11) ‚Im System geht nichts verloren’ (12) Supervision als konstrukti-
vistische Beratung (13) Evaluation
X.3 Der Blick zurück............................................................................................. 292
Auf den Supervisionsprozess / Auf die Untersuchung
XI. Kapitel: ‚Das freie Spiel der ersten Freigelassenen
der Schöpfung’
War Jesus ein Systemiker?
XI.1 ‚Das freie Spiel der ersten Freigelassenen der Schöpfung’ –
zwölfte und dreizehnte Sitzung.............................................................................. 295
Inhalt IX
Theologie als Bewältigungssystem / Last und Lust
1.1 Transkript – dreizehnte Sitzung
1.2 ‚Der Spieler’ – eine Supervisionsgeschichte / Erlebnisprotokoll / ‚Würfelt Gott?’
XI.2 War Jesus ein Systemiker? Eine Frage in supervisorischer
Absicht ....................................................................................................................... 304
(De)Konstruktivistisches Potenzial der Jesusüberlieferung? / Jesus – ‚Urbild’ aller
Machtpolitiker / ‚Hermeneutik der Vernichtung’ / Wenn Systemiker in die ‚Falle’
gehen / ‚Guter’ Jesus – ‚böser’ Jesus / Leiden an – Lernen durch Widersprüche /
Theologische Adaption systemisch-konstruktivistischen Denkens / Emergenz / Die
biblische Geschichte als Abfolge emergenter Prozesse / Jesus als Unterbrecher beste-
hender Systemfixierungen / Jesus und die Chaostheorie / Der systemisch-konstrukti-
vistische Jesus für das 21. Jahrhundert? / Ist Jesus noch zu retten? / Jesus als ‚agent
provocateur’ / Supervision in ‚Glaube, Liebe Hoffung’ / Fazit und Vorsatz
XI.3 Der Blick zurück ........................................................................................... 320
Auf den Supervisionsprozess / Auf die Untersuchung
XII. Kapitel: ‚Vater der Geringsten’
Brauchen Religionslehrer/innen ein besonderes
Supervisionsangebot?
XII.1 ‚Vater der Geringsten’. Vierzehnte und fünfzehnte Sitzung.
Ausblick...................................................................................................................... 323
Vom Feind der Schüler/innen zum ‚Ersatzvater’
1.1 Transkript – sechzehnte Sitzung
1.2 ‚Letzte Worte’: Erlebnisprotokoll
XII.2 Brauchen Religionslehrer/innen ein besonderes
Supervisionsangebot? Ergebnisse – Offene Fragen............................................ 332
Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse
2.1 ‚Religion’ bei Religionslehrern/innen: Religionslehrer/innen sind ‚Überzeugungs-
täter/innen’ / Empirische Untersuchungen zur Religiosität von Religionslehrern/innen /
Drei Typen gelebter Religiosität / Zwei religiöse Bewältigungsmuster / Erwartungen an
Religionslehrer/innen / Religion als identitätsstiftender Referenzrahmen und Unterrichts-
gegenstand / Unterscheidung von gelebter und gelehrter Religion / Fazit
2.2 ‚Religion’ im Religionsunterricht und in der Supervision mit Religionslehrern/innen:
Merkmale religiöser Selbstkompetenz / Wie fördert Supervision die Entwicklung religiöser
Selbstkompetenz?
2.3 Ein auf Religionslehrer/innen zugeschnittenes Supervisionsangebot: Lehrer/innen-
supervision in Deutschland / Pädagogisches Supervisionskonzept / Maßgeschneiderte
Supervision für Religionslehrer/innen / Ein Modell: Supervision im PI der Ev. Kirche
von Westfalen / Grundsätze für die Supervision / Supervision für Religionslehrer/innen
als ‚Grundausstattung’ / Reichweite der Untersuchung, Anregungen für weitere
Forschungsprojekte und ‚Schlusswort’ des Supervisanden
X Inhalt
Literaturverzeichnis............................................................................................. 357
Anhang..................................................................................................................... 385
Grundsätze PISK
Musterkontraktformulare
Einleitung 1
Supervision mit Religionslehrern/innen
Werkstattbericht – Prozessanalyse – ‚Dichte Beschreibung’
Einleitung
Noch eine Untersuchung zu Supervision?
Supervision als Suchbegriff
26.800.000 Einträge unter Google belegen, dass weltweit intensiv über Su-
pervision nachgedacht und geschrieben wird. Die Stichwortkombination
‚Supervision + Schule’ ergibt immerhin noch 135.000 Suchergebnisse und
die Recherche nach deutschsprachigen Veröffentlichungen zum Thema
‚Supervision’ bei amazon 259 Titel.1 Mit dem Anspruch, den aktuellen
Forschungsstand des ‚Supervisions-Feldes’ zu dokumentieren, ihn einer
kritische[n] Sichtung und metakritische[n] Problematisierung“ zu unterziehen,
„um Stärken, Defizite, Ressourcen, Entwicklungspotentiale aufzuzeigen
und einen Beitrag für die supervisorische Gemeinschaft zu leisten“, treten
Hilarion G. Petzold, Brigitte Schigl, Martin Fischer und Claudia Höfner
an.2 Sie verweisen auf 16.000 Titel, die allein zwischen 1994 – 1996 zum
Thema Supervision publiziert wurden,3 und kommen nach „Sichtung der
Gesamtliteratur“ auf „insgesamt 201 Beiträge“, die nach den von ihnen
1 Darunter die ‚klassischen Standardwerke’ der Supervisionsausbildung wie z. B. Nan-
do Belardi: Supervision. Grundlagen, Techniken, Perspektiven. München 2002; Fer-
dinand Buer: Lehrbuch der Supervision. Münster 1999; Heidi Möller: Was ist gute
Supervision? Stuttgart 2001; Gerhard Fatzer (Hg.): Supervision und Beratung. Ein
Handbuch. Bergisch Gladbach 10/2003; Harald Pühl (Hg.): Handbuch der Supervi-
sion 2. Berlin 2/2000, Kornelia Rappe-Giesecke: Supervision für Gruppen und
Teams. Berlin/Heidelberg 3/2003; Astrid Schreyögg: Supervision. Ein integratives
Modell. Paderborn 3/2000.
2 Dr. Dr. Dr. Hilarion G. Petzold ist u. a. Prof. für (klinische) Psychologie, klinische
Philosophie, Psychomotorik, Psychotraumatologie und Supervision an den Freien
Universitäten Amsterdam und Krems; er ist wissenschaftlicher Leiter der Europäi-
schen Akademie für Psychosoziale Gesundheit in Düsseldorf/Hückeswagen, appro-
bierter Psychotherapeut, Lehrtherapeut und Lehrsupervisor; gemeinsam mit Brigitte
Schigl, Martin Fischer und Claudia Höfner führte er das Forschungsprojekt „Super-
vision auf dem Prüfstand. Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation.
Opladen 2003“ durch. Zitat ebd. S. 16.
3 „In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl von supervisionsrelevanten Arbeiten pu-
bliziert (allein 1994 – 1996 wurden nach Recherchen von Märtens und Möller
(1998) 16.000 Titel, die sich im weitesten Sinne mit Supervision beschäftigen, veröf-
fentlicht).“ Ebd., S. 35.
2 Einleitung
„festgelegten Kriterien“ als forschungs- und zukunftsrelevant gelten kön-
nen.4
Der Kontext Supervision und Schule
Supervision im schulischen Kontext (manche Autoren/innen sprechen
von ‚Pädagogischer Supervision’, ‚Lehrersupervision’ oder ‚Supervision im
Arbeitsfeld Schule’) wird seit Beginn der neunziger Jahre intensiv bearbei-
tet und hat sowohl etliche konzeptionelle Entwürfe als auch praktische
Anleitungen zur Selbstsupervision bzw. kollegialen Supervision hervorge-
bracht.5 2003 erschien ein von Astrid Schreyögg6 und Heinz Lehmeier7
herausgegebener Sammelband, der die Abschlussarbeiten eines Supervisi-
onsausbildungskurses zum Thema „Personalentwicklung in der Schule“8
dokumentiert. Im Jahr darauf veröffentlichte „FoRuM Supervision“ ein
komplettes Heft zum Thema „Schule und Supervision“.9 Auch eine – da-
seinsanalytisch orientierte – Dissertation zur Lehrersupervision wurde in-
zwischen vorgelegt.10 Auffällig ist, dass im Unterschied zur psychothera-
peutischen Literatur der unmittelbare, authentische und damit auch unge-
4 Ebd., S. 55. „Dieses Projekt beschreitet für den deutschsprachigen Bereich Neu-
land, da es bislang Bestandsaufnahmen wie die vorliegende noch nicht gab und des-
halb alle Probleme einer ‚Erstbegehung’ in Angriff zu nehmen waren.“ Ebd., S. 23.
5 Christine Böckelmann: Beratung – Supervision – Supervision im Schulfeld. Inns-
bruck 2002; Wolfgang Ehinger / Claudius Henning: Praxis der Lehrersupervision.
2/1997; Meike Hagemann / Cornelia Rottmann: Selbst-Supervision für Lehrende.
Weinheim und München 1999; Klaus Dieter Joswig: Supervision und Schule. Müns-
ter 2001; Waldemar Pallasch / Wolfgang Mutzeck / Heino Reimers (Hg.): Beratung
– Training – Supervision. Weinheim und München 3/2002; Franz Petermann (Hg.):
Pädagogische Supervision. Salzburg 1995; Harald Pühl: Supervision im System
Schule. In: Harald Pühl (Hg.): Handbuch der Supervision 2, aaO., S. 234 – 244;
Sigrid Rotering-Steinberg: Anleitungen zum Selbsttraining für Lehrergruppen.
Weinheim 1983; dies.: Ein Modell kollegialer Supervision. In: Harald Pühl (Hg.):
Handbuch der Supervision. Berlin 1990; Jörg Schlee: Kollegiale Beratung und Su-
pervision für pädagogische Berufe. Hilfe zur Selbsthilfe. Ein Arbeitsbuch. Stuttgart
2004. Nando Belardi gibt den Hinweis, dass es bereits in den siebziger- und achtzi-
ger Jahren einen „regelrechten Boom der supervisorischen und gruppendynami-
schen Weiterbildung von Lehrern“ gab, der aber nicht von nachhaltiger Wirkung
war. N. Belardi 2002, aaO., S. 32.
6 Astrid Schreyögg ist freiberufliche Psychotherapeutin/Supervisorin und in beson-
derer Weise durch ihr integratives Supervisionsmodell bekannt geworden. S. Astrid
Schreyögg: Supervision. Ein integratives Modell. Paderborn 3/2000.
7 Heinz Lehmeier ist Dipl. Pädagoge, Schulpsychologe, Gesprächspsychotherapeut,
Supervisor und Leiter des Referates Pädagogik/Psychologie an der Akademie für
Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen.
8 Astrid Schreyögg / Heinz Lehmeier (Hg.): Personalentwicklung in der Schule. Bonn
2003. In Kooperation der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalentwick-
lung (Dillingen/Donau) und der Deutschen Psychologen Akademie (Bonn) wurden
60 Schulpsychologen/innen „in Supervision ausgebildet“ (S. 5).
9 FoRuM Supervision 12/23/2004: Schule und Supervision.
10 Susanne v. Glasenapp: Supervision mit Lehrern – Analyse eines Supervisionspro-
zesses als Beitrag zur daseinsanalytischen Pädagogik. Hamburg 1999.
Einleitung 3
schönte Blick in die alltägliche ‚Supervisionswerkstatt’ zurzeit noch ein Schat-
tendasein zu fristen scheint. H. G. Petzold et al. verweisen auf insgesamt
14 Transkripte (davon sieben in einer Veröffentlichung) und einer (!) Su-
pervisionsvideoaufzeichnung im deutschsprachigen Raum.11 Fallbeispiele,
Vignetten oder Transkripte zur Lehrersupervision werden weder von Pet-
zold et al. noch von K. Rappe-Giesecke12 dokumentiert.
Es gibt keine Zufälle! Nur mangelnde Einsicht in die Zusammenhänge13
Es ist sicherlich kein Zufall, dass im therapeutischen, aber auch im seel-
sorglich-pastoralpsychologischen Kontext die Arbeit mit und die Veröf-
fentlichung von „Gesprächsanalysen“14 seit Jahrzehnten selbstverständlich
ist, während sie im schulischen und auch im supervisorischen Zusammen-
hang noch eine Rarität zu sein scheint.15 Ein Grund mag sein, dass es sich
bei der Supervision um eine „Disziplin im Aufbau“ handelt, die noch zahl-
reiche „weiße Flecken auf der Landkarte des Wissensgebietes ‚Supervisi-
on’“ aufweist, wie Anton Leitner, Leiter des Zentrums für Psychosoziale
Medizin der Donau-Universität Krems, im Vorwort zu „Supervision auf
dem Prüfstand“16 formuliert. Die Scheu, Supervisionsprozesse mit Leh-
rern/innen zu dokumentieren, zu diskutieren und wissenschaftlich auszu-
werten, hat jedoch – so meine Vermutung – noch weitere Ursachen. In
den sechziger Jahren wurde im englischen Sprachraum unter dem Stich-
wort des ‚self-contained-classroom’ ein Selbstverständnis von Lehrern/in-
nen diskutiert, das sicherlich auch deutschen Kollegen/innen nicht unbe-
11 Petzold, Hilarion G. / Schigl, Brigitte / Fischer, Martin / Höfner, Claudia (Hg.):
Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 64. S. a. H. Möller: Was ist gute Supervi-
sion? AaO., die Transkripte von kleineren Supervisionseinheiten analysiert und mit
Interviews von Experten/innen konfrontiert. Ulrike Glas-Bastert dokumentiert den
Anfang einer Gruppensupervisionssitzung in einer ambulanten sozialtherapeuti-
schen Einrichtung. Ulrike Glas-Bastert: Alles sehen – Vieles übersehen – Manches
aufgreifen. Interaktionsstrukturen als Strickmuster des Lernprozesses in der Super-
vision. In: Peter Berker / Ferdinand Buer (Hg.): Praxisnahe Supervisionsforschung.
Felder – Designs- Ergebnisse. Münster 1998, S. 216 – 236.
12 K. Rappe-Giesecke gibt in „Supervision für Gruppen und Teams“ (Berlin/Heidel-
berg 3/2003) eine Übersicht über das ihrem „Normalformmodell“ zugrunde liegen-
de Datenmaterial, das überwiegend auf der Supervision mit Medizinern/innen ba-
siert. Lehrer/innen befinden sich nicht darunter (s. S. 215f).
13 So lautet eines der ‚geflügelten’ Worte, mit denen einer meiner Ausbildungssuper-
visoren, Heinrich Fallner, überraschende Wendungen in Supervisionsprozessen auf
den Punkt zu bringen pflegt.
14 So der Titel des 1973 von Hans-Christoph Piper herausgegebenen Buches (Göttin-
gen 1973), in dem Verbatims, Gedächtnisprotokolle von Seelsorgern/innen, doku-
mentiert und in einem gesprächspsychotherapeutischen Horizont analysiert werden.
15 Die Arbeit S. v. Glasenapps basiert auf der Analyse einer Supervisionssitzung, die
von der Supervisorin in Form eines Berichts wiedergegeben wird. Dabei versucht
die Supervisorin sowohl die Perspektive der Lehrerin als auch die des Schülers ein-
zunehmen.
16 Petzold, Hilarion G. / Schigl, Brigitte / Fischer, Martin / Höfner, Claudia (Hg.):
Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 11.
4 Einleitung
kannt ist, nämlich die Vorstellung, ‚dass alles, was hinter der verschlosse-
nen Klassentür geschieht, niemanden etwas angeht!’ „Die bewährte Über-
lebensstrategie in der Schule ist, Schwächen und Probleme zu verdecken,
die Klassenzimmertüre zu schließen, im privaten Rahmen den beruflichen
Alltag zu verarbeiten und um die wenigen Stellen in der Schule zu konkur-
rieren. Beratung, Kontrolle und Beurteilung stellen für das LehrerIn-Wer-
den eine unheilige Allianz dar“, urteilt Liselotte Denner, die in den neunzi-
ger Jahren eine Evaluationsstudie zur Lehrer/innensupervision mit 67 be-
teiligten Lehrern/innen durchführte.17 „Lehrer sind als Einzelkämpfer aus-
gebildet. Sie stehen einer allmächtigen Didaktik und den unerfüllbaren An-
sprüchen von Schülern, Kollegen, Eltern, der Schulbürokratie sowie der
Öffentlichkeit gegenüber“,18 ist die Einschätzung des Sozialwissenschaft-
lers und Supervisionsforschers Nando Belardi. Ohne diese Gründe im ein-
zelnen diskutieren zu können, scheint hier eine fast tragisch zu nennende
Verquickung der gesellschaftlichen Allmachtsphantasie ‚Lehrer/innen lösen
alle Probleme, derer eine Gesellschaft sonst nicht mehr Herr wird!’ mit der individu-
ellen Allmachtsphantasie des/der einzelnen Lehrers/in ‚Ich muss alle Proble-
me meiner Klasse allein lösen, um nicht vor mir und anderen als Versager/in zu
gelten!’ vorzuliegen.19 „Ausgangspunkt ist dabei ein durch Konvention ge-
stützter Lehrer-Individualismus, der dazu führt, dass die Unterrichtsarbeit
von Lehrkräften abgeschirmt und individualisiert stattfindet. Ein Eindrin-
gen in die Privatdomäne von Lehrerinnen und Lehrern wird durch eine
Reihe von ‚Glaubenssätzen’, die sowohl im Kollegium als auch innerhalb
von Teilen der Bildungsadministration anerkannt werden, verhindert“, be-
schreibt Martin Bonsen vom Institut für Schulentwicklungsforschung der
Universität Dortmund den ‚(un)heimlichen Schutzwall’, der längst zum in-
neren Gefängnis derer wurde, die er einst gegen Angriffe von außen schüt-
17 Liselotte Denner: Supervision und Pädagogische Fallbesprechung an Schulen. Ent-
wicklung und Design einer Evaluationsstudie. In: Peter Berker / Ferdinand Buer
(Hg.): Praxisnahe Supervisionsforschung. Felder – Designs – Ergebnisse. Münster
1998, S. 148 – 182; Zitat S. 148. Ebenso Anton Blöckner: Befragung von Gymnasi-
allehrern zum Verständnis des Begriffs Supervision. In: Astrid Schreyögg / Heinz
Lehmeier (Hg.): Personalentwicklung in der Schule. Bonn 2003, S. 209 – 234, bes.
S. 210f.
18 N. Belardi 2002, aaO., S. 30. „Lehrerinnen und Lehrer bleiben EinzelkämpferInnen.
Eine konstruktive (auf der Erwachsenenebene angesiedelte) Feedback-Kultur fehlt“,
diagnostizieren Andreas Herrmann und Stephan Daniel Richter in ihren „Zehn
Thesen zur Supervision an Schulen“. In: DGSv aktuell 3/2005, S. 12.
19 Der Bremer Erziehungswissenschaftler Rudolf Kretschmann spricht in diesem Zu-
sammenhang von einem „Angreifbarkeits-Überforderungsdilemma“: „Versuchen
Lehrerinnen und Lehrer allen Forderungen nachzukommen, überfordern sie sich.
Beschränken sie ihre Bemühungen in Art und Umfang auf ein psychisch und phy-
sisch erträgliches Niveau, laufen sie Gefahr, hinter ihren eigenen beruflichen An-
sprüchen zurückzubleiben, oder sie machen sich angreifbar.“ In: Statement. vds-Bil-
dungsforum 2001, S 73.
Einleitung 5
zen sollte.20 Es würde sich also vermutlich lohnen, solche ‚Glaubenssätze’,
‚Systemcredos’, d. h. offene oder geheime, die Interaktionen leitende und
bestimmende Botschaften (selbst)kritisch zu sichten und auf ihre Wirk-
samkeit hin zu überprüfen. – Nur wenn der Blick hinter die Klassentür be-
reits als Vertrauensbruch empfunden wird, wie kann man es dann wagen,
den Supervisionsprozess mit einem Lehrer / einer Lehrerin einer größeren
Öffentlichkeit preiszugeben?21
Supervision als ‚ultima ratio’?
Im Bereich der Lehrer/innensupervison ist das eigentümliche Paradox zu
beobachten, dass es seit Jahrzehnten ausgefeilte Supervisionskonzepte und
auch erprobte Supervisionsmodelle gezielt für Lehrerinnen und Lehrer
gibt und eigentlich von allen Beteiligten auch immer wieder ein enormer
Beratungsbedarf festgestellt wird,22 die vorhandenen Angebote aber nur in
recht geringem Maße abgerufen werden. „Für Lehrerinnen und Lehrer ist
Supervision als Teil beruflicher Selbstreflexion und Veränderung nach
meinen Erfahrungen noch weitgehend ein Tabuthema“, hat Harald Pühl
beobachtet, der seit Jahren in Berlin Supervision für Lehrer/innen anbie-
tet.23 Supervision hat für etliche Lehrer/innen offensichtlich nach wie vor
etwas Anrüchiges, steht entweder unter ‚Therapie-Verdacht’ oder wird mit
‚Aufsicht’ und ‚Kontrolle’ assoziiert.24 Knut Neuschäfer, Lehrer und Su-
pervisor, spricht gar in Anlehnung an G. Scobel von Supervision als einem
„schrecklichen Wort“, das bei Lehrerinnen und Lehrern geradezu „Unbe-
20 Siehe dazu Martin Bonsen: Schulleitungshandeln als Faktor für Schulgesundheit und
Schulqualität, in: Gute und gesunde Schule. Kongress-Dokumentation Dortmund
2004, S. 183 – 192; Zitat S. 185.
21 Dass Lehrer/innen auch Forschungsvorhaben zunächst sehr misstrauisch gegen-
überstehen, hat L. Denner erfahren. Vertrauensbildende Maßnahmen, zahlreiche
Gespräche im Vorfeld sind oft nötig, bevor sich Lehrer/innen auf entsprechende
Projekte einlassen. S. L. Denner, aaO., S. 157.
22 In etlichen Bundesländern wurden spezielle Supervisionsmodelle für Lehrer/innen
entwickelt. S. N. Belardi 2002, aaO., S. 31ff.; L. Denner, aaO., S. 150; K. D. Joswig,
aaO.; W. Pallasch / W. Mutzeck / H. Reimers (Hg.), aaO.; F. Petermann (Hg.),
aaO. Eine Übersicht über die unterschiedlichen Ansätze bietet Jörg Schlee, aaO., S.
22 – 25.
23 Harald Pühl ist Leiter des Instituts TRIANGEL e. V. in Berlin und Autor bzw. Mit-
herausgeber zahlreicher Bücher zum Supervisionsfeld. Zitat in: Supervision im Sys-
tem Schule, aaO., S. 234. S. a. Sabine Wengelski-Strock: Schule – beratungsresis-
tent? Psychoanalytische Aspekte zur Schule als Institution. In: FoRuM Supervision
12/23/2004, S. 34 – 49. Anton Blöckner kommt nach einer Befragung von 116
Lehrkräften oberbayerischer Gymnasien zu einem vergleichbaren Ergebnis. Anton
Blöckner, aaO., S. 209 – 234.
24 S. J. Schlee, aaO., S. 14: „Manche Unsicherheit und Skepsis mag auch daran liegen,
dass angenommen wird, in einer Supervision könnten durch einen akribischen See-
lenerkundungsprozess persönliche Unzulänglichkeiten oder Peinlichkeiten ans Licht
befördert und vor anderen Personen öffentlich breit getreten werden.“ Und L.
Denner spricht von „‚Supervision’ als einem problematischen Begriff, der ein neues
Kontrollsystem befürchten lasse“ (aaO., S. 149).
6 Einleitung
hagen“ auslöse.25 Bei Informationsveranstaltungen zum Thema Supervisi-
on, die ich auf den unterschiedlichsten Schulorganisationsebenen durchge-
führt habe, begegnen mir immer wieder Äußerungen wie ‚Supervision ist ja
gut und schön. Bevor ich in die Psychiatrie muss, würde ich vielleicht Su-
pervision nehmen! Aber noch ist es nicht soweit!’ Supervision – zwar nicht
als ultima ratio, aber doch als vorletztes Mittel.26 „Supervision ist eine Zu-
mutung“ hat Andreas Hillert, Oberarzt an der Medizinisch-Psychosomati-
schen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee und Spezialist für die Pro-
blematik psychosomatisch erkrankter Lehrer/innen deshalb das Kapitel
seines ‚Anti-Burnout-Buches für Lehrer’, in dem er die Äußerungen seiner
Patienten/innen zur Supervision zusammenfasst, doppeldeutig überschrie-
ben.27
Zu mehr Akzeptanz durch mehr Transparenz
Dieser Vorbehalt bzw. Verdacht gegenüber Supervision spiegelt sich mög-
licherweise auch in der Beobachtung, dass Coaching in der Öffentlichkeit besser
platziert wird als Supervision, obwohl „die Qualifikation als Supervisor
(DGSv)28 […] nicht nur umfassender, sondern auch inhaltlich klarer struk-
turiert ist als alle uns bekannten Ausbildungen zum Coach“.29 Auf diesem
Hintergrund fordert Wolfgang Weigand, langjähriger Vorsitzender und
Ehrenmitglied der DGSv, „den Dilettantismus des Coachings transparent
25 Knut Neuschäfer: Supervisorinnen und Supervisoren in der Schule. Organisations-
interne Supervision der Schulabteilung der Bezirksregierung Münster. In: FoRuM
Supervision 12/23/2004, S. 70 – 84. Zitat S. 77. A. Blöckner kommt bei seiner Be-
fragung (s. o. Anm. 21) zu dem Ergebnis, dass „der affektive Bedeutungsgehalt des
Terminus ‚Supervision’ […] ambivalent [ist], der Begriff ist verschwommen und un-
klar, aber nicht negativ besetzt.“ AaO., S. 230.
26 Ähnliche Erfahrungen liegen offensichtlich auch den Äußerungen der Münchner
Supervisoren Andreas Herrmann und Stephan Daniel Richter zugrunde: „Supervi-
sion, wenn mit dem Begriff überhaupt etwas verbunden wird, scheint in den Köp-
fen vieler Lehrkräfte für eine Reparaturveranstaltung für pädagogisch defizitäre
KollegInnen zu stehen, bei denen ‚ohnehin schon alles zu spät ist’“. In: Zehn The-
sen, aaO., S. 14.
27 Andreas Hillert zitiert Lehrer/innen, die sich „gegen eine ‚Psychologisierung’ oder gar
‚Psychiatrisierung’ des Lehrerberufs wehren. […] Bislang sind es konsequenterweise
nur sehr wenige Lehrer, die jemals kontinuierlich an Supervisionsgruppen teilgenom-
men haben. Bei den psychosomatisch erkrankten Kollegen sind es nur wenige Pro-
zent.“ Andreas Hillert: Das Anti-Burnout-Buch für Lehrer. München 2004, S. 228f.
28 Die DGSv ist der größte Dachverband und repräsentiert ca. 3.500 Supervisorinnen
und Supervisoren.
29 So Sebastian Gäns in: ‚Supervision’ in die Köpfe bekommen, die in ‚Coaching’ den-
ken. In: DGSv aktuell 1/2005, S. 8; siehe dazu auch von Stefan Kühl: Die Supervi-
sion auf dem Weg zur Profession? Kühl meint, dass die Supervision im Unterschied
zum Coaching „die Spuren des alten Wirts Sozialarbeit“ niemals ganz abgelegt habe.
In: Verbändeforum Supervision (Hg.): Die Zukunft der Supervision zwischen Per-
son und Organisation, Köln 2005, S. 9.
Einleitung 7
zu machen und gleichzeitig das eigene Marketing zu stärken.“30 Dem Di-
lemma, dass Supervision immer noch „mit Kontrolle und Therapie assozi-
iert wird“31 und der Kunde/ die Kundin sich dann lieber für das ‚unge-
fährlichere’ und angeblich ‚praxisnähere’ Coaching entscheidet, ist nur zu
entkommen, wenn aktiv und selbstbewusst für mehr Transparenz in der
supervisorischen Arbeit gesorgt wird, wozu diese Untersuchung einen Bei-
trag leisten will. Für mehr Transparenz votiert auch der Weilheimer Schul-
psychologe Anton Blöckner auf dem Hintergrund einer Befragung von
116 Gymnasiallehrern: „Mangelndes Wissen und Unsicherheit über diese
Fragen [Was geschieht in der Supervision? Wer geht dorthin? Für wen
kommt Supervision in Frage?] aber erzeugen Angst – und vielleicht ist das
auch ein Hauptgrund, warum Supervisionsangebote für Lehrer/innen
nicht überall unbedingt mit Begeisterung aufgenommen werden, selbst
wenn die Teilnahme kostenlos ist.“32 „Wer Supervision kennen gelernt
hat, schätzt diese Erfahrung positiv ein und traut auf dem Hintergrund des
eigenen Erlebens der Supervision viel zu.“33
30 Wolfgang Weigand: Die Zukunft der Supervision im Spannungsfeld von Profession
und Organisation und Markt. In: Ebd., S. 35. Genau dieser Forderung Weigands
kommt nun Stefan Kühl mit seinen „90 kommentierte[n] Thesen zur Entwicklung
des Coachings“ nach, die er am 18./19.11.2005 auf der Mitgliederversammlung der
DGSv in Hannover vorgetragen hat und die von der DGSv unter dem Titel „Das
Scharlatanerieproblem. Coaching zwischen Qualitätsproblemen und Professionali-
sierungsbemühung“ im November 2005 veröffentlicht wurden. Die Thesen sind
vorläufiges Ergebnis einer Studie, die Stefan Kühl an der Helmut-Schmidt-Universi-
tät, Universität der Bundeswehr, in Hamburg mit Fördermitteln und im Auftrag der
DGSv durchgeführt hat. „Die Thesen stellen nicht die Meinung der Deutschen
Gesellschaft für Supervision e.V. dar“ (S. 28), hebt S. Kühl hervor. Kühl attackiert
in diesen Thesen das Beratungsformat ‚Coaching’ in bisher nicht gekannter Heftig-
keit. Er selbst gebraucht den Ausdruck „ketzerisch“ (Einleitung, S. 6). Er spricht
dem Coaching die „‚Ganzheitlichkeit’ des Ansatzes“ (These 3, S. 7) ab, attestiert
mangelnde Distanz zwischen den Coaches und ihren Kunden (These 51, S. 18f),
diagnostiziert „mangelnde Professionalisierung“ und konstatiert, dass Qualitätsstan-
dards durch „Qualitätssurrogate“ wie „graue Haare, Falten, seriöse Kleidung, akade-
mische Titel und Präsenz in der Fachöffentlichkeit“ (Abschnitt 4.4., These 57 – 61,
S. 20f) ersetzt werden. Seine Kritik gipfelt in der Befürchtung, Coaching könne auf-
grund mangelnder Professionalisierung und nicht vorhandener Qualitätsstandards
ein Einfallstor für Scharlatane sein, die Überweisungssituationen etwa in eine Thera-
pie nicht erkennen oder Beratungssituationen für ‚sektiererische Missionen’ ausnüt-
zen (These 53 und 54, S. 19). Gab es bisher eine deutliche Tendenz in der DGSv,
selbst am Coachingboom zu partizipieren, wird mit diesen 90 Thesen der Fehde-
handschuh offen hingeworfen und es bleibt abzuwarten, wie die Coachingverbände
darauf reagieren.
31 W. Weigand: Die Zukunft, aaO., S. 34.
32 Anton Blöckner: Befragung von Gymnasiallehrern zum Verständnis des Begriffs
Supervision. In: Astrid Schreyögg / Heinz Lehmeier (Hg.): aaO., S. 209f.
33 Ebd., S. 230.
8 Einleitung
Exkurs: Zur aktuellen Professionalisierungsdebatte
Die Supervisionsbranche befindet sich zurzeit in einem „Professionalisierungsdilemma,
das nicht leicht zu lösen ist,“34 lautet die Einschätzung von Wolfgang Weigand. Auf
der einen Seite müssen sich die Supervisoren/innen der expandierenden Coachingkon-
kurrenz erwehren. Dabei geht es – zumindest auch – um Marktmacht und Marktantei-
le, denn 3.500 Supervisoren/innen und über 30 Ausbildungsinstitute allein in der
DGSv, die jährlich wieder Hunderte von neu ausgebildeten Supervisoren/innen dem
Markt zuführen, wollen ihre Nische finden. Stefan Kühl hat den ‚Selbsterhaltungstrieb’
dieses ‚Apparates’ recht provokativ mit ‚Kettenbriefsystemen’ verglichen.35 Auf der an-
deren Seite werden die Standesverbände und die von ihnen zertifizierten Ausbildungs-
institute von der zunehmend auch an den Universitäten angesiedelten Supervision
grundsätzlich infrage gestellt.36 „Will Supervision den Status einer wissenschaftlichen
Disziplin gewinnen – und hier ist sie gefordert, – ansonsten bleibt sie eine heuristikge-
leitete Praxisberatung, eine pragmatische Praxeologie, die ihre Wirkungen und Neben-
wirkungen nicht substantiieren kann –, muss sie die Herausforderung annehmen, Wis-
senschaftlichkeit in breiter Weise zu entwickeln, Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und
Unbedenklichkeit mit ‚harten Daten’ zu dokumentieren und in den Feinstrukturen mit
empirischer Prozessforschung quantitativer und qualitativer Orientierung zu belegen –
aus Verantwortung für die KlientInnen/PatientInnen und aus Sorgfalt den Supervisan-
dInnen gegenüber“37 – für H. G. Petzold gibt es keine Alternative zum geforderten
„Paradigmenwechsel“,38 der sich konsequent an den Sozialwissenschaften, der Sozial-
psychologie und empirischen Forschungsdesigns zu orientieren hat. Auf der Folie die-
ser Vehemenz, mit der Petzold die Sozialwissenschaften als Referenzsysteme einfordert
und alle (!) bisherigen Forschungen in ihrer Aussagekraft relativiert,39 verdient beson-
dere Beachtung, dass der Soziologe Stefan Kühl dem Coaching zwar ein „Scharlatane-
rieproblem“ meint nachweisen zu können, zugleich aber die Professionssoziologie ins
Gespräch bringt, um auf die – ebenfalls nicht unproblematischen – Konsequenzen ei-
ner forcierten Professionalisierung aufmerksam zu machen: „Es spricht aus soziologi-
scher Perspektive erst einmal nichts dafür, die Professionalisierung besser zu finden als
eine Deprofessionalisierung. […] Professionalisierung eines Tätigkeitsfeldes ist – und
das wird von Vertretern eines Professionsansatzes manchmal nur ungern zugegeben –
immer auch eine Reduzierung von Klientenautonomie. […] Professionalisierung be-
deutet also immer auch eine ‚Entmündigung des Laien durch den Experten’ (vgl. Illich
1979).“40 Vielleicht geht es doch nicht um ein Entweder – Oder, um die Frage, ob Su-
pervision sich als wissenschaftliche Disziplin oder als erfahrungsbezogene Praxisbera-
tung zu bewähren hat, sondern um – je nach Arbeitsfeld – unterschiedlich zu justieren-
de Gewichtungen, auch um wechselseitige Ergänzungen und Korrekturen. Zugespitzt
lautet die Frage: Wie viel Professionalität braucht die Supervision, um nicht – ähnlich wie
das Coaching oder andere kaum institutionalisierte und damit wenig oder überhaupt
nicht standardisierte und kontrollierte Beratungsangebote – unter Scharlataneriever-
dacht zu geraten, und wie viel Deprofessionalisierung braucht die Supervision, um als nie-
34 W. Weigand: Die Zukunft, aaO., S. 34.
35 Stefan Kühl: Die Supervision auf dem Weg zur Profession? AaO., S. 11.
36 S. H. G. Petzold et al., aaO., S. 22, S. 209 u. ö.
37 Ebd., S. 33.
38 Ebd., S. 226ff.
39 Ebd., S. 32 u. ö.
40 S. Kühl: Die Supervision auf dem Weg zur Profession? AaO., S.13.
Einleitung 9
derschwelliges, praxisnahes, erschwingliches und auch von ‚Nebenberuflern’ offeriertes
Beratungsangebot z. B. von Lehrern/innen in Zukunft verstärkt akzeptiert zu werden?41
Dokumentation und Analyse eines Supervisionsprozesses über 15 Sitzungen
Die hier vorgelegte Untersuchung öffnet nun die Tür in eine, in meine Su-
pervisionswerkstatt, indem sie einen Supervisionsprozess, der sich über 15 Sit-
zungen – verteilt auf 15 Monate – erstreckt, dokumentiert und so allen, die
sich für supervisorische Arbeit interessieren, gleichgültig ob als (potenziel-
le) Supervisanden/innen, (potenzielle) Supervisoren/innen, als Forschen-
de, Lehrende und Lernende in den Kulturwissenschaften, der Theologie,
der (Religions)Pädagogik und den Sozialwissenschaften einen unverstellten
Blick in die supervisorische Arbeit mit einem Lehrer ermöglicht.42
Der in dieser Arbeit dokumentierte Prozess wurde zunächst für den kolle-
gialen Austausch in der Lehr- und Kontrollsupervision auf Tonträger auf-
gezeichnet. Voraussetzung war eine entsprechende Vereinbarung mit dem
Supervisanden zu Beginn des Prozesses.43 Zur Nach- bzw. Vorbereitung
der einzelnen Supervisionssitzungen und als Grundlage für die Lehr- und
Kontrollsupervisionssitzungen wurden die Aufnahmen von mir transkri-
biert. Daraus erwuchs über die gesamte Prozessdauer ein beachtlicher
Textkorpus, der für die Abschlussarbeit meiner Supervisionsausbildung bei
der Diakonischen Akademie Deutschland in Berlin einer ersten Bündelung
und zusammenhängenden Reflexion unterzogen wurde. Der Supervisand
war damit einverstanden, dass dieser ‚Werkstattbericht’ – über den
41 Zur Professionalisierungsdebatte s. a. Tilmann Allert: Braucht jede Profession eine Su-
pervision? Soziologische Anmerkungen zum Supervisionsbedarf und zum Autonomie-
anspruch der Professionen. In: Peter Berker / Ferdinand Buer (Hg.): Praxisnahe Super-
visionsforschung. Felder – Designs – Ergebnisse. Münster 1998, S. 16 – 45.
42 Die (wissenschaftliche) Reflexion psychotherapeutischer Praxis wäre ohne die au-
thentische Dokumentation von Fallgeschichten, Fallvignetten oder auch ganzer Be-
ratungsprozesse nicht denkbar. Bereits 1942 veröffentliche Carl R. Rogers in seinem
Grundlagenwerk „Counseling and Pychotherapy“ den komplett auf Band aufge-
nommenen Beratungsprozess mit „Herbert Bryan“: „Soweit der Autor informiert
ist, wird hiermit zum erstenmal ein Fall in allen Einzelheiten veröffentlicht“,
schreibt Carl R. Rogers. „Wissenschaftlicher Fortschritt in der Beratung ist nur
dann möglich, wenn eine angemessene Forschungsanalyse anhand angemessener
Unterlagen stattfinden kann.“ Erst 30 Jahre später wurde dieses Transkript in deut-
scher Sprache zugänglich gemacht und 1985 als Taschenbuch veröffentlicht (inzwi-
schen in 11. Auflage): Carl R. Rogers: Die nicht-direktive Beratung. Geist und Psy-
che. Frankfurt/M. 11/2004; Zitat S. 229. Einen Werkstattbericht mit zahlreichen Sit-
zungsvignetten der ressourcenorientierten Traumatherapie bietet Luise Reddemann:
Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcen-
orientierten Verfahren. Stuttgart 5/2002. S. bes. S. 15.
43 Die Rahmenbedingungen des Prozesses und die Kontraktarbeit werden in den Ka-
piteln II und III dargestellt und erörtert. Wie mit den zwangsläufig sich ergebenden
Problemen des Datenschutzes umgegangen werden kann, wird in Kapitel IV disku-
tiert. Um den Supervisanden in seiner Privatsphäre zu schützen, wurden alle perso-
nenbezogenen Daten anonymisiert.
10 Einleitung
professionellen Kontext der Supervisionsausbildung, der Lehr- und Kon-
trollsupervision hinaus – einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht
wird. Aller Anonymisierung zum Trotz braucht es Mut, diesen Blick in die
Supervisions-Werkstatt zuzulassen. Das gilt einerseits für den Supervisan-
den, dem ich an dieser Stelle sehr herzlich danke, dass er auf diese Wiese das
Zustandekommen eines solchen Forschungsvorhabens ermöglicht hat. An-
dererseits gilt das auch für den Supervisor, der 14 Jahre als Lehrer gearbeitet
und damit auch an dem Lehrer-Individualismus und der Scheu, sich von
anderen ‚auf die Finger schauen zu lassen’, partizipierte.
Denn: ‚Wo gehobelt wird, da fallen Späne’
das gilt auch für die Supervisionswerkstatt; Wertschätzung und Empathie
schließen Konfrontation und Konflikte nicht aus. „Menschen, die sich än-
dern wollen, scheinen beides zu benötigen: Verständnis und Herausforde-
rung, Begleitung und Anleitung, Empathie und Konfrontation“, fassen
die/der Praktische Theologin/e Gina Schibler und Christoph Morgentha-
ler ihre Beratungserfahrungen zusammen.44 Und um noch einmal Andreas
Hillert zu zitieren: „Supervision kann und muss wohl – streckenweise –
nachhaltig unangenehm sein: dann wenn die naive Selbstverständlichkeit
der eigenen Wahrnehmung bezüglich von Kollegen, Klienten, Patienten
und/oder Schülern sowie von uns selber stückchenweise angekratzt und
relativiert wird. Und damit kostet Supervision einiges, über Zeit und Geld
hinaus, nämlich anfangs vor allem Überwindung; Mut zum letzten wirkli-
chen Abenteuer auf diesem Planeten.“45
Auch wenn man diese euphemistische Einschätzung nicht unbedingt teilen
muss –, ist doch ein wesentliches Anliegen dieser Arbeit, eine lebendige Vorstel-
lung davon, was Supervision mit (Religions)lehrern/innen leisten kann wo-
rin ihre Chancen liegen, ohne die Grenzen auszublenden, zu vermitteln.46
44 Christoph Morgenthaler / Gina Schibler: Religiös-existentielle Beratung. Eine Ein-
führung. Stuttgart/Berlin/Köln 2002. Zitat S. 86.
45 A. Hillert, aaO., S. 234.
46 „Selbstkritische Arbeiten findet man allerdings in der supervisorischen Literatur lei-
der kaum, vielmehr ist der Tenor sehr häufig auf ein Herausstellen der besonderen
Leistungsfähigkeit der Supervision gerichtet“, beklagt H. G. Petzold. In: Petzold,
Hilarion G. / Schigl, Brigitte / Fischer, Martin / Höfner, Claudia (Hg.): Supervision
auf dem Prüfstand, aaO., S. 227. Jede Arbeit, jede Untersuchung ist Interessen gelei-
tet. Als Autor und Supervisor bin ich gar in doppelter Weise Teil des Systems und
damit alles andere als neutral. Auf der anderen Seite gibt es vielfältige ‚Sicherheits-
ventile’, die eine professionelle Distanz gewährleisten sollen: 1. Die Rollendefinition
und das Rollenbewusstsein des Supervisors als ‚kritisches Gegenüber’ (s. dazu Kapi-
tel II.3.2); 2. die selbstkritische Reflexion der eigenen Wahrnehmung in der Lehr-
bzw. Kontrollsupervision; 3. die Feedbacks des Supervisanden während des Prozes-
ses; 4. die kritische Sichtung der Analyse durch den Supervisanden, Kolleginnen
und Kollegen und – last but not least – 5. der wissenschaftliche Diskurs. Das alles
trägt hoffentlich zu einer realistischen Einschätzung bei! (Ähnlich H. Möller: Was
ist gute Supervision? AaO., S. 92 – 95).
Einleitung 11
Ich wünsche mir, dass diese Veröffentlichung auch ein wenig dazu beitra-
gen kann, Vorurteile gegenüber dem Beratungsformat Supervision abzu-
bauen und Neugier an der supervisorischen Arbeit zu wecken.
Funktion und Bedeutung von Religion in der supervisorischen
Arbeit – vom ‚Werkstattbericht’ zur ‚dichten Beschreibung’
Der entscheidende Impuls, die vorliegende Arbeit zu verfassen und damit
den ursprünglichen – und bisher nicht veröffentlichten – ‚Werkstattbe-
richt’ zu einem interdisziplinären wissenschaftlichen Forschungsprojekt auszuwei-
ten und entsprechend zu fundieren, erwuchs aus der Kombination der Themen
‚Supervision’ und ‚Religion’: Das Neue und Innovative der ‚Supervision mit
Religionslehrerinnen und Religionslehrern’ ist darin zu finden, dass die
Funktion und Bedeutung von Religion in der supervisorischen Arbeit in den Fokus
einer wissenschaftlichen Untersuchung gestellt wird.
Supervision und Religion – eine Einbahnstrasse?
Wer ‚Supervision + Religion’ unter amazon als Suchkombination eingibt,
wird zwar auf Veröffentlichungen zum Thema ‚Religion’ oder ‚Supervision’
stoßen, aber keinen Titel, der sich mit Supervision und Religion befasst, an-
gezeigt bekommen. Die Bestandsaufnahme der Supervisionsliteratur durch
H. G. Petzold et al., die als einen Schwerpunkt der Analyse auch die Suche
nach „spezielle[n] Themen von Supervision“47 ausweist, nennt zwar sieben
deutschsprachige Arbeiten zum „Umgang mit Sterben und Krankheit“
und sechs deutschsprachige Beiträge zu „Scham“ in der Supervision, aber
Begriffe wie ‚Religion’, ‚Theologie’ ‚Gott’, ‚Sinnfragen’ sucht man vergeb-
lich.48 Auch das ist sicherlich kein Zufall. Seit Oskar Pfister49 gibt es einen
47 H. G. Petzold: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 60.
48 Ebd., S. 60 und S. 125 – 131. An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass die mit ho-
hem wissenschaftlichem Pathos vorgestellte Untersuchung von Petzold et al. er-
staunliche Lücken aufweist. Obwohl in der Ausgangsfragestellung des Forschungs-
projektes die Pädagogik ausdrücklich genannt wird (S. 37), fehlt die Literatur zur
Lehrer- bzw. pädagogischen Supervision gänzlich. Auch in den Kapiteln, die sich
mit „Supervision in speziellen Feldern“ befassen (S. 60f und S. 131 – 138), sucht
man Schule und Schulverwandtes vergeblich. Das mag daran liegen, dass die Auto-
ren alle Veröffentlichungen zur Lehrersupervision als unwissenschaftlich und nicht
zukunftsrelevant aussortiert haben oder aber die verwendeten Suchbegriffe (S. 44)
möglicherweise ungeeignet waren, Arbeiten zum Thema Schule, Lernen, Schü-
ler/innen, Lehrer/innen, Pädagogik etc. herauszufiltern. Auffällig ist auch, dass Su-
pervision im kirchlichen Kontext sich offensichtlich nicht im Wahrnehmungshori-
zont von Petzold et al. befindet, obwohl dort Supervision seit Jahrzehnten z. T. fest
verankert ist (S. 22 werden z. B. „PsychotherapeutInnen, Pflegepersonal, Sozialar-
beiterInnen“ genannt, bei denen Supervision etabliert ist). Dazu passt, dass in 3.1.7
„Supervision in speziellen Feldern“ „Drogen- und Suchteinrichtungen, Geriatrie,
Psychiatrie, Sozialarbeit, Krankenhaus allgemein, Ehrenamt, freiwilliges Engage-
ment“ (S. 60) aufgezählt werden, aber auch dort der kirchliche Kontext fehlt.
12 Einleitung
breiten Weg, auf dem die Erkenntnisse und Hypothesen der Psychologie
und die Entwicklungen auf dem Gebiet der Psychotherapie für die Theo-
logie, besonders für die Praktische Theologie fruchtbar gemacht werden.
Seit den sechziger Jahren ist Seelsorge ohne eine kritisch-konstruktive
Auseinandersetzung mit den jeweils aktuellen psychotherapeutischen
Schulen und Ansätzen nicht denkbar.50 Umgekehrt erfreuten sich Religion
und Theologie lange Zeit keiner vergleichbaren Wertschätzung.51 Auch
wenn sicherlich nicht alle Psychologen/innen und Therapeuten/innen in
der Religion automatisch den Ausdruck einer ‚universellen Zwangsneuro-
se’ (S. Freud)52 oder die Quelle einer ‚Gottesvergiftung’ (T. Moser)53 er-
kannten, so rechneten sie doch offensichtlich nicht damit, dass aus der
Theologie ernst zu nehmende Impulse für die therapeutische Arbeit zu er-
warten wären. Der Berner Praktische Theologe Christoph Morgenthaler
hat 3615 englischsprachige familientherapeutische Fachzeitschriften da-
raufhin untersucht und herausgefunden, dass überhaupt nur 2,6% in ir-
gendeiner Weise das Thema Religion aufgreifen und nur 0,7% aller von
ihm gesichteten Artikel Religiosität positiv bewerteten.54 Dennoch gibt es
gerade im angloamerikanischen Raum seit Beginn der neunziger Jahre eine
49 „Das Wirken des Züricher Pfarrers O. Pfister (1873 – 1956) darf als Meilenstein in der
Entwicklung des Verhältnisses von Seelsorge und Psychologie angesehen werden. O.
Pfister versuchte – angeregt durch C. G. Jung und S. Freud – eine Integration von
Glaubenslehre, Psychologie, Seelsorge und Philosophie ‚zu einer Theorie und Praxis
der Liebe’“, urteilt Martina Plieth Bezug nehmend auf Th. Bonhoeffer. Martina Plieth:
Die Seele wahrnehmen. Zur Geistesgeschichte des Verhältnisses von Seelsorge und
Psychologie. Arbeiten zur Pastoraltheologie Bd. 28. Göttingen 1994, S. 31.
50 Siehe dazu die Dissertation von M. Plieth, aaO., und Michael Klessmann: Pastoralpsy-
chologie. Ein Lehrbuch. Neukirchen-Vluyn 2004, bes. die Seiten 89 – 116 und 213 – 244.
51 „Zum Verhältnis von Theologie und Psychologie bzw. Seelsorge und Psychothera-
pie haben sich zahllose Theologen zu Wort gemeldet; das Gros der Psychothera-
peuten, Analytiker etc. blieb schweigsam.“ M. Plieth, aaO., S. 114.
52 „Nach diesen Übereinstimmungen und Analogien könnte man sich getrauen, die
Zwangsneurose als pathologisches Gegenstück zur Religionsbildung aufzufassen,
die Neurose als eine individuelle Religiosität, die Religion als eine universelle
Zwangsneurose zu bezeichnen. [...] Ein fortschreitender Verzicht auf konstitutio-
nelle Triebe [...] scheint eine der Grundlagen der menschlichen Kulturentwicklung
zu sein. Ein Stück dieser Triebverdrängung wird von den Religionen geleistet, in-
dem sie den einzelnen seine Trieblust der Gottheit zum Opfer bringen lassen.“ Sig-
mund Freud: Zwangshandlungen und Religionsübungen (1907), In: Ders., Zwang,
Paranoia und Perversion. Studienausgabe Bd. VII. Frankfurt/Main 1973, 6/1994, S.
11 – 21. Zitat S. 21. Die weitere Entwicklung der Freudschen Religionsauffassung
und ihre positiven Anstöße für Theologie und moderne Religionsverständnisse refe-
riert Christian Albrecht: Sigmund Freud: Religion im Reflexionsprozess der Aufklä-
rung. In: Volker Drehsen / Wilhelm Gräb / Birgit Weyel (Hg.): Kompendium Reli-
gionstheorie. UTB 2705. Göttingen 2005, S. 51 – 61.
53 Tilmann Moser: Gottesvergiftung. Frankfurt 1980.
54 Christoph Morgenthaler: Systemische Seelsorge. Stuttgart 3/2002, S. 90.
Einleitung 13
zunehmende Tendenz, religiöse Ausdrucksformen55 bzw. ‚god-constructs’
(J. L. Griffith und M. E. Griffith)56 als Ressourcen für Therapie und Bera-
tung wahrzunehmen und in ihren Wirkungen zu untersuchen.57 Wenn nun
auch der Psychoanalytiker Tilmann Moser „Von der Gottesvergiftung zu
einem erträglichen Gott“58 unterwegs ist, kann das vielleicht als Hinweis
gedeutet werden, dass auch im deutschsprachigen Raum etwas in Bewe-
gung kommt.59
Tilmann Moser klagt, „in meiner Ausbildung kam Gott nicht vor, dabei
war ich voll von ihm“60 und er wagt die Prognose: „Die Psychotherapeu-
ten werden in Zukunft eher nach zwei Richtungen wachsam sein: Einer-
seits sozusagen auf den düsteren Gott hinter einer Depression und einer
Angstneurose, und auf der anderen Seite nach der Entdeckung einer religi-
ösen ‚Substanz’, in welcher Form auch immer, die einen tragenden Grund
bedeuten kann.“61
Auch wenn Psychotherapie und Supervision deutlich zu unterscheidende
Beratungsformate darstellen – Berührungspunkte und Differenzen werden
in Kapitel III.2 diskutiert –, wird mit diesem erwachenden Interesse der
Therapeuten/innen an dem Thema ‚Religion’ auch der Supervisoren/in-
nengemeinschaft ein Ball zugespielt, den ich mit dieser Untersuchung auf-
nehme.
Supervision, darauf habe ich bereits hingewiesen, hat es aber immer auch
mit personalen Anteilen und biographisch bedingten Lösungsstrategien zu tun. Das
gilt für die Supervisanden/innen, das gilt aber auch für die Superviso-
55 Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistet seit Jahren das Therapeutenehepaar James L.
und Melissa Elliott Griffith. Eine Bündelung und Aktualisierung der zahlreichen
von ihnen veröffentlichten Aufsätze bietet ihr 2003 erschienenes Buch „Encounte-
ring the Sacred in Psychotherapy. How to talk with people about their spiritual
lives.” New York und London 2/2003. Dort unterscheiden sie sechs religiöse Aus-
drucksweisen, die für die therapeutische Arbeit fruchtbar gemacht werden können:
„Metaphor that mediates a relationship with God or the numinous“; „Stories of
Spiritual Experience”; „Conversations between Person and God”; „Spiritual and
Religious Beliefs”; „Rituals, Ceremonies, and Spiritual Practices“; „The Community
in Spirituality”; S. XV und S. 21f.
56 S. dies.: Therapeutic Change in Religious Families. In: Laurel Arthur Burton (Hg.):
Religion and the Family. When God Helps. New York u. a. 1992, S. 63 – 86.
57 S. Harold G. Koenig: Is Religion Good for Your Health? The Effects of Religion
on Physical and Mental Health. New York /London 1997; Kenneth I. Pargament:
The Psychology of Religion and Religious Coping. Theory, Research, Practice. New
York 1997. Weiterführende Literatur s. a. Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsor-
ge, aaO., S. 83 - 95.
58 Tilmann Moser: Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott. Stuttgart 2003.
59 Eine erste, beeindruckende und anregende ‚Vorlage’ von theologischer Seite liefern
Christoph Morgenthaler und Gina Schibler: Religiös-existentielle Beratung. Eine
Einführung. Stuttgart/Berlin/Köln 2002.
60 T. Moser: Erträglicher Gott, aaO, S. 12.
61 Ebd., S. 11.
14 Einleitung
ren/innen und sicherlich auch für mein eigenes Forschungsinteresse. Oh-
ne meine eigene wechselvolle religiöse Biographie wäre es wohl kaum zu
diesem Forschungsvorhaben gekommen.62 14 Jahre Religionsunterricht an
berufsbildenden Schulen hinterlassen ihre Spuren. Seit fünf Jahren bilde
ich als Dozent im Pädagogischen Institut der Evangelischen Kirche von
Westfalen Religionslehrer/innen fort und entwickele – gemeinsam mit an-
deren Supervisorinnen und Supervisoren – ein auf die Situation von Leh-
rern/innen zugeschnittenes Supervisionsangebot. Auf dem Hintergrund
meiner eigenen religiösen Sozialisation und der Tatsache, dass die meisten
‚Kunden’ dieses Supervisionsangebotes Religionslehrer/innen sind, dräng-
te es sich geradezu auf, präziser und mit ausgewiesen wissenschaftlichem
Instrumentarium zu untersuchen, welche Funktion und Bedeutung ‚Re-
ligion’, ‚Gottesbilder’, ‚Gotteskonstrukte’ in der supervisorischen Arbeit
mit Religionslehrern/innen haben.
In meiner supervisorischen Arbeit weiß ich mich – neben meiner Veranke-
rung in der humanistischen Psychologie (u. a. Carl R. Rogers / Ruth C.
Cohn)63 – in besonderer Weise einem systemisch-konstruktivistischen und
damit zugleich auch lösungs- und ressourcenorientierten Ansatz verpflich-
tet, der davon ausgeht, dass Menschen „an jedem Punkt ihrer Entwicklung
über eine Vielzahl von Möglichkeiten“ verfügen, die sie „aber – aus sub-
jektiv respektablen Gründen“64 – noch nicht realisieren. Bekannt ist das
Bild vom Wasserglas, das je nach Perspektive als halb voll oder halb leer
wahrgenommen wird, was – vereinfacht ausgedrückt – einer defizit- bzw.
einer ressourcenorientierten Wahrnehmung entspricht. Eine Ressource
kann – nach gängiger familientherapeutischer Definition – „materiell-wirt-
schaftlicher, sozialer, emotionaler oder intellektueller Natur sein“,65 wie
dem Standardwerk „Die Sprache der Familientherapie“ zu entnehmen ist.
Religion ist auch hier als Lösungspotenzial explizit nicht vorgesehen. Aber
genau dieser Frage wird in der vorliegenden Untersuchung nachgegangen:
Religion ist die Profession der Religionslehrer/innen.
62 Meine ersten religiösen Bilder wurden sehr früh in einer Freikirche ‚geprägt’. Mein
Großvater mütterlicherseits, bei dem ich große Teile meiner Kindheit verbrachte,
vollzog die Trennung von der ev. Landeskirche, gründete die ‚Christliche Versamm-
lung’ in seinem Wohnort und erbaute auf seinem Firmengelände den ersten Ge-
meindesaal. Es folgte die Sonntagsschule, später dann der CVJM. Nach einer Aus-
bildung zum Bankkaufmann studierte ich Ev. Theologie und war sechs Jahre in Kir-
chengemeinden zunächst als Vikar, dann als Pastor tätig.
63 Ausführliche Vorstellung in Kapitel II.3.2.
64 Arist von Schlippe / Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und
Beratung. Göttingen 6/1999, S. 124f.
65 Fritz B. Simon / Ulrich Clement / Helm Stierlin: Die Sprache der Familientherapie.
Stuttgart 5/1999, S. 275.
Einleitung 15
Ist sie nur Last oder auch Lust? Oder – um das Bild vom Wasser aufzugreifen – ist
sie ‚lebendiges Wasser’ nur für andere oder auch ‚Kraftquelle’ für den eigenen beruflichen
Alltag?
Clifford Geertz drückt es als Ethnologe und Kulturwissenschaftler weni-
ger metaphorisch aus: „Wer sich die religiösen Symbole zu eigen machen
kann, hat – solange er es kann – eine kosmische Garantie dafür, nicht nur
die Welt zu verstehen, sondern auch seine Empfindungen und Gefühle
präzise definieren zu können, wodurch es ihm möglich wird, diese Welt
verdrießlich oder freudig, verbissen oder gelassen zu ertragen.“66 Religion
– und in dieser Einschätzung kommen sich Kulturwissenschaft und Theo-
logie sehr nahe – ist ein identitätsstiftender Referenzrahmen, der das jewei-
lige Leben ausdrückt und zugleich prägt,67 der Menschen ‚überzeugt’ und
damit zu ‚Überzeugungstätern’ macht.68
Interdisziplinäres Interesse
Damit deutet sich bereits an, dass eine Untersuchung der Funktion und
Bedeutung von Religion in der supervisorischen Arbeit mit Religionsleh-
rern/innen sowohl von interdisziplinärem Interesse als auch methodisch
in unterschiedlichen wissenschaftlichen Referenzsystemen beheimatet ist:
Der Kontext ‚Supervision’ erfordert eine Reflexion dieses Beratungsfor-
mates in Abgrenzung zu anderen Beratungsformaten wie etwa Fachbera-
tung, Coaching, Training, Therapie und Organisationsberatung. ‚Religion’
als Untersuchungsgegenstand verlangt nach und eröffnet zugleich eine/r
Vielfalt an methodischen Zugängen: zum einen durch die Kultur- bzw. Re-
ligionswissenschaften, zum anderen aber auch durch die Theologie, denn
sowohl bei dem Supervisanden als auch dem Supervisor handelt es sich
um ev. Theologen und Religionslehrer. Das konkrete Berufsfeld des Su-
pervisanden, der ev. Religionsunterricht, bringt somit die Religionspädago-
gik als weitere unverzichtbare Dialogpartnerin mit an den Tisch des wis-
senschaftlichen Diskurses; denn nicht zuletzt wird es darum gehen, was
Supervision und die Arbeit mit Religion in der Supervision für den Berufs-
alltag des Supervisanden austrägt. Die Diskussion, was systemische Super-
vision im bzw. für den Lehrer/innenalltag zu leisten vermag, ist über die
Religionspädagogik hinaus auch von allgemeinpädagogischem Interesse.
66 Cl. Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme.
Frankfurt/M. 1987, S. 67.
67 S. ebd., S. 55: Die konkreten religiösen Symbole „drücken das jeweilige Leben aus
und prägen es zugleich.“
68 Zum Thema ‚überzeugt sein’, ‚überzeugen’ und ‚Religionsunterricht als Überzeu-
gungsfach’ siehe Michael Meyer-Blanck: Religion im Kanon der anderen Fächer. In:
Ulrike Baumann / Rudolf Englert / Birgit Menzel / Michael Meyer-Blanck / Agnes
Steinmetz: Religionsdidaktik. Berlin 2005, S. 35 – 47.
16 Einleitung
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.69
Mit diesen Worten Rainer Maria Rilkes lässt sich auch die Reflexionsbewegung
dieses interdisziplinären Forschungsvorhabens treffend umschreiben: Im Zentrum
steht der Supervisionsprozess mit einem konkreten Supervisanden, noch
präziser, jede einzelne der 15 Sitzungen dieses Prozesses. Der zweite Ring
ist dann bereits der Versuch, in der Zeit zwischen den Sitzungen das Ge-
schehene aufzuarbeiten, neue Hypothesen zu entwickeln, Interventionen
imaginativ vorwegzunehmen, die den Prozess ressourcen- und lösungsori-
entiert vorantreiben könnten. Als dritter Ring kann die (selbst)kritische
Reflexion in der Kontroll- und Lehrsupervision gelten, der Werkstattbe-
richt am Ende der Ausbildung ist dann der vierte Ring, der den Anfang
und das Ende und damit den gesamten Spannungsbogen70 des Supervisi-
onsprozesses erstmalig in den Blick nahm. Diese Dissertation ist der fünf-
te und damit vorläufig letzte Ring, der sich in kreisenden Bewegungen der
‚Religion in der Supervision’ (an)nähert mit dem Ziel, im Sinne Clifford
Geertz’ zu einer ‚dichten Beschreibung’71 zu gelangen. Das damit verbun-
dene methodologische Konzept wird in Kapitel IV dargelegt. Hier deshalb
nur soviel: Eine ‚dichte Beschreibung’ zeichnet sich gegenüber der ‚dün-
nen Beschreibung’ dadurch aus, dass sie sich nicht auf das Sammeln an-
geblich objektiver Fakten beschränkt, sondern das Kommunikation er-
möglichende Zeichensystem eines anderen Subjekts zu verstehen sucht.
Kultur – und auch Religion ist für Cl. Geertz ein kulturelles System72 – ist
„ein System, mit dessen Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben und
ihre Einstellungen zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln.“73
In welcher Weise das in der supervisorischen Arbeit mit diesem Religions-
lehrer geschieht, inwieweit die Ergebnisse dieser Prozessanalyse auf andere
Religionslehrer/innen übertragbar sind, welche bildungspolitischen Kon-
69 „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.“ Rainer Maria Rilke: Das Stundenbuch. Erstes Buch. Das
Buch vom Mönchischen Leben (1899). In: Rainer Maria Rilke: Werke Bd. I. Frank-
furt/M. 1980, S. 9.
70 Zum Begriff des ‚Spannungsbogens’ und zum ‚idealtypischen Verlauf’ eines Super-
visionsprozesses siehe die Darstellung Kapitel III.1.
71 Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme.
Frankfurt/M 1987.
72 S. Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO. S. 44ff.
73 Ebd., S. 46.
Einleitung 17
sequenzen daraus abgeleitet werden können, sind zentrale Fragestellungen
dieser Untersuchung.
Eine ‚dichte Beschreibung’ ist im Geertz’schen Sinne dann gelungen, wenn
ein „Zugang zur Gedankenwelt“ des untersuchten Subjektes und damit „ein
Gespräch“74 möglich wird. Dabei wird es sich immer nur um Annäherun-
gen handeln, denn „die Untersuchung von Kultur ist ihrem Wesen nach
unvollständig“,75 womit zumindest der Kreis zu Rilke und seinem Vorbe-
halt, den letzten Ring zu vollbringen, wieder geschlossen wäre.
Exkurs: Zur Angemessenheit des/der Forschungsdesigns
Auch wenn H. G. Petzold et al. in ihrem Forschungsbericht „Supervision auf dem
Prüfstand“ mehrfach betonen, dass differenzierte Forschungsdesigns notwendig wä-
ren,76 ist doch nicht zu überhören, dass für sie letztlich nur ‚datenbasierte’, sozialwis-
senschaftlich orientierte, empirische Forschungen Aussage kräftige Ergebnisse liefern
können.77 „Die bevorzugte Orientierung an qualitativer Forschung in der deutschspra-
chigen Supervisionsszene (vgl. Rappe-Giesecke 1998) hat zu einem drastischen Rück-
gang in der quantitativen Forschung geführt [man beachte den hier hergestellten Kau-
salzusammenhang!] und damit zu unzureichenden Möglichkeiten der gesicherten Do-
kumentation von Wirkungen; und so finden sich eben fast keine kontrollierten Studien,
was zuverlässige Wirksamkeitsaussagen unmöglich macht, keine Längsschnittstudien,
die für die Nachhaltigkeitsbeurteilung von Supervision notwendig wären, fast keine Ar-
beiten zur Risiko- und Schadensforschung, die für die ‚Unbedenklichkeit’ von Supervi-
sion erforderlich sind.“78 Letztlich scheinen doch nur „’objektive’ Beobachtungs- und
Messdaten“79 und „Studien im nomothetischen Forschungsparadigma“80 zu zählen.
Auch wenn für Petzold et al. „Arbeiten, die der geisteswissenschaftlichen oder herme-
neutischen Tradition oder einer alleinig qualitativen Sozialforschung zugerechnet wer-
den müssen (z. B. der durchaus verdienstvolle Ansatz von Rappe-Giesecke), eine auf
Dauer nicht hinnehmbare Einseitigkeit“81 darstellen, so ist die Gewichtung in der vor-
liegenden Untersuchung doch eher umgekehrt und m. E. angesichts des ‚Forschungs-
gegenstandes’ auch angemessen. Hellhörig sollte machen, welch begrenzte Aussagefä-
higkeit Sozialwissenschaftler wie z. B. Andreas Feige „quantitativ-massenstatistische[n]
Verfahren“ einräumen: Sie fungieren „häufig nur als Bestätigung, obgleich sie natürlich
auch explorativ eingesetzt werden können. In ihrer Bestätigungsfunktion geht es vor-
rangig um die Feststellung der Verteilung von vorab als (theoretisch/pragmatisch) in-
teressant/wichtig definierten Merkmalen und deren statistisch rekonstruierbaren Bezü-
gen untereinander“.82 Ähnlich argumentiert auch Heidi Möller: „Es ist unmöglich, Su-
pervision auf Variablen zu reduzieren und ihre Gegenstände zu isolieren“.83 Noch ra-
74 Ebd., S. 35.
75 Ebd., S. 41.
76 sophisticated designs“. In: Supervision auf dem Prüfstand, S. 30f, 33.
77 Ebd., S. 24, 28f, 30f u. ö.
78 Ebd., S. 30.
79 Ebd., S. 32.
80 Ebd., S. 227.
81 Ebd., S. 33.
82 A. Feige et al.: ‚Religion’ bei ReligionslehrerInnen. Religionspädagogische Zielvor-
stellungen und religiöses Selbstverständnis in empirisch-soziologischen Zugängen.
Münster 2000, S. 43.
83 Heidi Möller: Was ist gute Supervision? AaO., S. 15; zur „Komplexität von Supervi-
sionsforschung“ s. ebd., S. 83ff.
18 Einleitung
Einzelne
SV-Sitzungen
Nach- und
Vorbereitung
Lehr- und Kon-
trollsupervision
Werkstattbericht
‚Dichte
Beschreibung’
dikaler bringt Dietrich Zilleßen das Problem, um das es hier letztlich geht, auf den
Punkt, wenn er fragt: „Erreicht empirische Forschung überhaupt die leiblich-konkreten
Einzelpersonen oder betrifft sie nur die Fiktionen der Allgemeinpersonen?“84 Meine
Untersuchung zielt im Anschluss an Clifford Geertz darauf, die religiös-theologischen
Erklärungs- und Deutungsmuster des Supervisanden möglichst präzise zu erfassen. Wie
zu zeigen sein wird, geht es dabei um vielschichtige (Be)Deutungsebenen, um Anspielun-
gen und ‚Themen hinter den Themen’, die mit standardisierten Fragen nicht zu erfassen
wären.85 Erst in einem zweiten Schritt erscheint es mir sinnvoll, die Ergebnisse der Ana-
lyse in den Kontext anderer – auch empirischer – Untersuchungen zu stellen.
Aus den hier nur angerissenen, methodisch bedingten zirkulären Reflexi-
onsbewegungen ergibt sich folgender Aufbau der Untersuchung:
84 Dietrich Zilleßen: Phänomenologische Religionspädagogik: Diskurs und Perfor-
mance. In: Bernhard Dressler / Friedrich Johannsen / Rudolf Tammeus (Hg.): Her-
meneutik – Symbol – Bildung. Perspektiven der Religionspädagogik seit 1945.
Neukirchen-Vluyn 1999, S. 88.
85 So auch H. Möller: Was ist gute Supervision? AaO., S.86.
Einleitung 19
Aufbau der Untersuchung
Im ersten Kapitel werden durch eine ‚Schlüsselgeschichte’ die drei zentralen ‚Un-
tersuchungsfelder’ – Lehrer/innenalltag, Supervision und Theologie (Re-
ligion) – als Ressourcen supervisorischer Arbeit mit (Religions)Lehrern/in-
nen ‚er-schlossen’.
Das zweite Kapitel stellt die ‚Supervisionswerkstatt’ vor: das Beratungskonzept
‚Supervision’, den organisatorischen Rahmen, in dem der hier dargestellte
Prozess stattgefunden hat, und die handelnden Personen, die den Prozess
mit Leben füllen.
Das dritte Kapitel gibt den Blick frei auf den Anfang des Prozesses: das Erstge-
spräch, die Kontraktsitzung und die dort getroffenen Absprachen.
Das vierte Kapitel führt in doppelter Hinsicht ‚in medias res’: Zum einen steigt
in der dritten vereinbarten Supervisionssitzung der Supervisand sehr ve-
hement in die Arbeit an seiner beruflichen Befindlichkeit ein und zum an-
deren werden die Parameter der Analyse ‚religiöser Elemente’ in der Su-
pervision dargelegt.
Die dann folgenden Kapitel fünf bis elf stellen i.d.R. ein Transkript eines Pro-
zessausschnittes an den Anfang. Es folgt eine Analyse des Transkriptes,
bei der Fragen nach Funktion und Wirksamkeit des Religiösen im Super-
visionsprozess im Zentrum stehen (Welche religiösen Bilder, Theologu-
mena etc. tauchen auf? Welche Funktion / Bedeutung hat Religion für den
Supervisanden? Wie geht der Supervisor mit religiösen Elementen um?
Bringt er selbst religiöse Elemente in den Supervisionsprozess ein?) In
einem weiteren Teil wird die Analyse in einen weiteren supervisorischen,
theologischen, kulturwissenschaftlich-religionssoziologischen oder sys-
temisch-konstruktivistischen Kontext gestellt.
Dabei werden folgende Themen reflektiert:
Die Entstehung von Gotteskonstrukten und ihre Wirksamkeit in Systemen
/ Religiöse Systemschleifen / Religiöse Feldkompetenz / Konstruktive
und destruktive Funktion von Religion / ‚Narrative Theologie’ in der Su-
pervision / Systemische Supervision / War Jesus ein Systemiker?
Im letzten Kapitel wird das Ergebnis der Prozessanalyse durch die Einbezie-
hung quantitativer empirischer Forschungen in einen größeren Kontext ge-
stellt. Dabei wird den Fragen nachgegangen, an welchen Stellen es Über-
einstimmungen oder auch Differenzen zu anderen Forschungsergebnissen
gibt, welche bildungspolitischen Konsequenzen sich daraus ergeben, kon-
kret: wie Religionslehrer/innen mit einem auf sie zugeschnittenen Supervi-
sionsangebot wirkungsvoll unterstützt werden können.
20 Einleitung
Die Zuordnung der thematischen Teile zum Verlauf des Supervisionspro-
zesses lässt sich grafisch folgendermaßen darstellen:
4.1. Sitzung – Die Entwicklung von
Gotteskonstrukten und ihre
Wirksamkeit in Systemen
4.2. Sitzung – Religiöse
Systemschleifen
5. Sitzung – Von der Notwendigkeit
religiöser Feldkompetenz
6. und 7. Sitzung – Konstruktive
und destruktive Funktion von
Religion
8. – 10. Sitzung: ‚Narrative
Theologie’ in der Supervision
11. Sitzung – Systemische
Supervision mit religiösen
Elementen
12. – 13. Sitzung: War Jesus ein
‚Systemiker’?
1. Erstgespräch; 2. Kontraktsitzung
– Abgrenzung Beratungsformat
‚Supervision’ von anderen Formaten
3. Sitzung – Parameter der Analyse
14. – 15. Sitzung: Evaluation und
Ausblick
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 21
I. Kapitel
Es ist nie zu spät und nie zu früh
Eine ‚Schlüsselgeschichte
1 Es ist nie zu spät und nie zu früh – Schülerinnen und Schüler
stark zu machen für das Leben1
Schülerinnen und Schüler stark machen für das Leben
mit dieser Vision beginnen viele Lehrerinnen und Lehrer ihre Berufslauf-
bahn und sind bereit, eine Menge an Zeit, Fachkompetenz, persönlichem
Einsatz und Geld zu investieren, ohne immer sofort gegenzurechnen, wie
und wann sich das alles einmal auszahlen wird. ‚Irgendwannwird alldie-
se Mühe schon ihren verdienten Lohn erhalten, darauf vertrauen sie.
Doch diese Hoffnung wird nicht selten angesichts großer Klassen, stei-
gender Unterrichtsverpflichtungen, unbeständiger Rahmenbedingungen,
Nerven aufreibendem Alltags-Klassen-Kampf auf eine harte Geduldspro-
be gestellt. Die erhofften Früchte eines oft an die Substanz gehenden pä-
dagogischen Engagements fallen leider – meistens – nicht in den Schoß.2
Die unendliche Spanne von pädagogischer ‚Saat und Ernte’
Wie fast ‚unendlich weit’ sich die Spanne zwischen pädagogischer Saat
und Ernte’ dehnen kann, berichtet der Göttinger Neurobiologe Gerald
Hüther in seinem Buch „Die Macht der inneren Bilder“3 in Gestalt einer
kleinen biographischen Begebenheit, die jeder Lehrerin und jedem Lehrer
‚ins Stammbuch geschriebenwerden sollte; denn überzeugender und be-
wegender lässt sich die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit pädagogischen
Handelns kaum darstellen. Ich stelle diese Begebenheit an den Anfang
meiner Untersuchung, weil sie für mich so etwas wie eine ‚Schlüsselge-
1 S. Klaus Hurrelmann und Gerlinde Unverzagt: Kinder stark machen für das Leben.
Freiburg 3/2000; Hartmut von Hentig: Die Menschen stärken, die Sachen klären:
Ein Plädoyer für die Wiederherstellung der Aufklärung. Stuttgart 1985.
2 „Lehrkräfte erhalten nur selten direkte Rückmeldungen über ihren Erfolg. Die An-
erkennung über die geleistete Arbeit gegenüber den Schülerinnen und Schülern er-
folgt im Schulalltag nur selten und meist indirekt. Die Wertschätzung von Eltern
wird oft erst nach dem Schulabgang der Kinder ausgesprochen. Im kollegialen Aus-
tausch ist ein Lob unüblich.“ So Klaus Hurrelmann / Wolfgang Settertobulte: Die
Schule als Chance oder als Bedrohung? Dieser Vortrag liegt in mehreren Fassungen
vor. Ich beziehe mich hier auf die Veröffentlichung der Österreichischen Gesell-
schaft für Kinder und Jugendheilkunde (ÖGKJ), zuletzt bearbeitet am 08.05.2004:
www.docs4you.at. S. a. J. Schlee, aaO., S. 12.
3 Gerald Hüther: Die Macht der inneren Bilder. Göttingen 2004, S. 105 – 107.
22 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
schichte’ ist, mit der ich das ‚Tor’ zu meiner ‚Supervisionswerkstatt’ (er)öff-
nen will:
Professor Hüther berichtet von einer Begegnung mit einem ihm bis dato völlig unbe-
kannten Mann, den er ‚zufälliger Weise’ im Zug nach Zürich trifft. Hüther ist gerade
mit der Korrektur der Druckfahnen seines neuesten Buches beschäftigt, als dieser
Fremde in sein Abteil zusteigt und ihn in ein Gespräch verwickelt. Sie diskutieren über
den Titel seines neuen Buches ‚Kinder brauchen Wurzeln’. Hüther erläutert fachkun-
dig, wie außerordentlich wichtig für die weitere Entwicklung eines Kindes Sicherheit
bietende Beziehungen während der frühen Kindheit sind, ja, dass sie im Grunde ge-
nommen die Schlüssel für die Chancen sind, die einem Menschen im weiteren Leben
offen stehen oder eben verschlossen bleiben. Und um seinen Worten noch mehr
Nachdruck zu verleihen, verweist er auf die lange Liste wissenschaftlicher Untersu-
chungen, die seine Sicht der menschlichen Entwicklung stützen. Der Fremde hört sich
das alles mit großer Aufmerksamkeit und an, um dann zu antworten: ‚Das klingt ja al-
les sehr interessant, „aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube es nicht nur, ich
weiß, dass das nicht stimmen kann. Ich selbst bin der lebende Beweis dafür“’.4
Und dann beginnt er seine Lebensgeschichte zu erzählen; er sei ein international er-
folgreicher Anwalt mit eigener Kanzlei in der Schweiz, aber der Weg dorthin alles an-
dere als geradlinig verlaufen. Seine Mutter sei mit ihm nicht zurechtgekommen und
psychisch krank geworden. Ein Vater sei nicht da gewesen. Auch später habe er nie et-
was über ihn erfahren. Unmittelbar nach der Geburt sei er zu einer Tante gekommen,
die sich ein halbes Jahr als Amme mit ihm abgemüht habe. „Er war ein so genanntes
‚Schreibaby’, an dessen Gebrüll die Tante schließlich verzweifelte. Sie gab ihn an eine
andere Verwandte weiter, die ebenfalls nicht mit ihm zurechtkam. So wurde er über
mehrere Stationen weitergereicht, bis er im Alter von etwa drei Jahren als ‚schwer er-
ziehbares Kind’ im Kinderheim landete. Hier begann für ihn eine Odyssee von Heim
zu Heim, quer durch Deutschland. Bis zur Pubertät hatte er ein Dutzend dieser Ein-
richtungen durchlaufen. In keiner war er länger als ein Jahr geblieben.“5 Der Mann be-
stätigt, dass zahlreiche seiner Mitinsassen schwierige Menschen geworden seien, „oft
ohne Schulabschluss, und manche von ihnen waren tatsächlich später dissozial, krimi-
nell oder drogenabhängig geworden. Er aber nicht. Er hatte sein Abitur gemacht, Jura
studiert und sein Leben ja doch recht gut gemeistert.“6 Als der Fremde seine Lebens-
geschichte beendet hat, ist Professor Hüther sichtlich ratlos. Sein wunderschönes, wis-
senschaftlich so hervorragend abgesichertes Theoriegebäude gerät ins Wanken. Und
dann fragt er seinen Mitreisenden: ‚„Irgendein positives Erlebnis muss es doch in Ihrer
Kindheit gegeben haben, das sie so stark gemacht hat und das Ihnen die Kraft gegeben
hat, diesen ganz anderen Weg als Ihre Mitschüler für sich zu entdecken und dann
auch zu gehen?’ Ja’, sagte der Herr, ‚da haben Sie Recht. So etwas gab es. Als ich etwa
zehn Jahre alt war, traf ich in einem dieser Heime auf einen Lehrer. Der war ganz an-
ders als all die anderen. Er war der erste Mensch, dem ich bis dahin begegnet war, der
mich wirklich angeschaut und mich so, wie ich war einfach angenommen hat. In
welchen chern er mich damals unterrichtete, weiß ich nicht mehr. Es war nur so,
dass mir die Schule oder besser: das Lernen überhaupt nun auf einmal richtig Spaß
zu machen begann. Irgendwie hat es dieser Lehrer geschafft, in mir das Gefühl zu we-
cken, wirklich wichtig zu sein. Er hat mir zum ersten Mal gezeigt, dass ich etwas konn-
te und dass es irrsinnig viel Freude macht, neugierig zu sein und die Welt zu entde-
cken. Auch in Büchern. Ich begann viel zu lesen und fand auf einmal alles, was in die-
4 Gerald Hüther, aaO., S. 105f.
5 Ebd., S. 106.
6 Ebd., S. 106.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 23
sen Büchern stand, unglaublich spannend. So wurde ich auch in der Schule immer bes-
ser. Nach einem halben Jahr kam ich allerdings schon wieder in ein anderes Heim.
Dort hatte ich wieder andere Lehrer, aber meine Lust am Lernen habe ich nicht wieder
verloren. Irgendwie habe ich das Bild von diesem einen, entscheidenden Lehrer seither
immer in mir getragen. Es ist, als tte er mich damals auf ein anderes Gleis gesetzt,
meinem Leben eine neue Richtung oder erstmals überhaupt eine Richtung gegeben.
Ich habe ihn übrigens vor einigen Jahren in der Stadt, wo dieses Heim war, ausfindig
gemacht und besucht. Mit einem großen Blumenstrauß und einer Flasche Wein wollte
ich mich bei ihm bedanken. Er war inzwischen schon über achtzig, aber immer noch
hellwach. Ich habe ihm gesagt, wie dankbar ich bin, dass er mich damals so offen und
so warmherzig angenommen und auf den Weg geschickt hat. Aber er wollte davon
nichts wissen. Er habe in all den Jahren so viele Schüler gehabt. An mich könne er sich
gar nicht mehr so recht erinnern.’“7
Und Gerald Hüther beendet seinen Bericht mit den Worten, dass er diesen ‚Fremden’
nie wieder gesehen habe, aber dass er sein eigentlich druckfertiges Buch noch ganz un-
bedingt um den einen Satz erweitern musste: „Es ist nie zu spät.“8
Ich höre diese Geschichte gewissermaßen mit ‚drei Ohren’ mit dem Ohr des Lehrers,
des Supervisors und des Theologen. Das sind die ersten drei hermeneutischen Werkzeu-
ge, die in diesem Kapitel zum Einsatz kommen.
Mein ‚Lehrer-Ohr’ hört zunächst Ermutigendes: ‚Und sie bewegt sich doch …!’
Der enorme Einsatz in diesem aufreibenden Beruf ist nicht vergeblich.
Die durchgearbeiteten Nächte, die stundenlangen Gespräche, die sorgfäl-
tige Vorbereitung, der tägliche Kampf um die angemessenen Medien, das
Bemühen, jedem einzelnen Schüler, jeder einzelnen Schülerin gerecht zu
werden, das Ringen um Lernbedingungen, die Lust am Lernen und Ent-
decken vermitteln sollen, das alles ist nicht umsonst. Der pessimisti-
schen Erstarrung in Schule und Gesellschaft, die gegenwärtig immer mehr
Raum greift, setzt die Geschichte ein erfrischendes ‚und sie bewegt sich
doch’ entgegen. ‚Ja, sie bewegt sich’ die verfahrene Lebensgeschichte
des Jungen, die geradlinige Theorie des Professors für Neurobiologie und
vielleicht auch die Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen erzieheri-
schen Handelns. Der erdrückenden Phalanx angeblichen kollektiven und
individuellen Versagens der Eltern, der Kindertageseinrichtungen, der
Schulen, der Gesellschaft wird hier ein Es ist nie zu spät’ entgegen ge-
setzt. Es ist nie zu spät, Menschen ernst zu nehmen, nicht nur ihre Gren-
zen und Begrenzungen, sondern auch ihre verborgenen und noch zu ent-
deckenden Möglichkeiten und Ressourcen wahrzunehmen.
Des Weiteren hört mein ‚Lehrer-Ohr’ Entlastendes:
‚Von der Wirksamkeit der Normalität’
Da ist in keiner Weise die Rede davon, dass es sich um ein pädagogisches
Genie handelte, das durch ungewöhnliche Experimente auf sich aufmerk-
sam gemacht hätte. Es wird nicht erhnt, der Lehrer habe den Jungen in
7 Ebd., S. 107.
8 Ebd., S. 107.
24 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
besonderer Weise gefördert, gefordert, gelobt und so in den Mittelpunkt
(s)eines (reform)pädagogischen Interesses gestellt. Im Gegenteil. Die Begeg-
nung dauerte kaum ein halbes Jahr und der Lehrer selbst konnte sich nur
vage an seinen Schüler erinnern. Also alles in allem eine ganz allgliche,
normale und unaufgeregte Lehrer-Scler-Beziehung. Ein unter diesen
Heimbedingungen zumindest unauffälliger Schüler unter vielen, an den
man sich nach Jahrzehnten nur noch blass erinnert. Nichts Besonderes.
Und doch war dieses ganz normale und alltägliche Verhalten des Lehrers
offensichtlich in der Lage, alle zuvor gehörten negativen Botschaften zu
kompensieren und dem Leben dieses Jungen eine völlig neue Wendung zu
geben. Der Lehrer hat durch sein Verhalten, seine Persönlichkeit, seine
Ausstrahlung was auch immer den 10jährigen Jungen „auf ein anderes
Gleis gesetzt, seinem Leben „eine andere Richtung gegeben, die dieser
dann in seinem steren Leben eigenverantwortlich weiter verfolgen konnte.
Es ist nie zu spät – auch wenn Lehrer/innen zwangsläufig immer spät kommen.
Auf dem Hintergrund der neurobiologischen Entwicklung des Menschen
kommen Lehrer/innen eo ipso immer spät. Zahlreiche Menschen sind ih-
nen zuvor gekommen und haben, wie der Neurobiologe Gerald ther refe-
riert, die pränatale und dann die frühkindliche Entwicklung in den ersten
drei Lebensjahren entscheidend geprägt.9 Konstruktivisten10 verwenden
gern das Bild der ‚inneren Landkarte’, um das neuronale Netzwerk zu be-
schreiben, das sich im Gehirn des Menschen nach und nach herausbildet,
immer mehr verzweigt und differenziert.11 Die Grundstruktur dieser
9 Ebd., S. 22 – 31.
10 „‚Wie wirklich ist die Wirklichkeit?’ lautet Paul Watzlawicks Frage (Watzlawick
1976). Mit dieser erkenntnistheoretischen Irritation gelangt man zum Kernproblem
der verschiedenen konstruktiven Theorien: Wie verhalten sich Wissen und Wirk-
lichkeit zueinander? Von einem konstruktivistischen Blickwinkel aus wird die Ent-
stehung von Wissen ins erkennende Subjekt gelegt.“ Hans Mendl: Konstruktivis-
mus, pädagogischer Konstruktivismus, konstruktivistische Religionspädagogik. Eine
Einführung. In: Ders. (Hg.): Konstruktivistische Religionspädagogik. Ein Arbeits-
buch. Münster 2005, S. 12. Hauptvertreter sind u. a. die Biologen Humberto Matu-
rana und Francisco Varela, der Mathematiker und Kybernetiker Heinz von Foerster
und der Kognitionspsychologe Ernst von Glasersfeld. Weitere Informationen zu
den Grundannahmen des Konstruktivismus und der Systemtheorie in Kapitel X.
Zum Einzug von Systemtheorie und Konstruktivismus in die Klassenzimmer s. An-
nette Scheunpflug: Evolutionäre Didaktik. Unterricht aus system- und evolutions-
theoretischer Perspektive. Studien zur Schulpädagogik und Didaktik Bd. 18. Wein-
heim/Basel 2001; Reinhard Voß (Hg.): Die Schule neu erfinden. Systemisch-kon-
struktivistische Annäherungen an Schule und Pädagogik. Neuwied/Kriftel 4/2002;
Horst Siebert: Lernen als Konstruktion von Lebenswelten. Entwurf einer konstruk-
tivistischen Didaktik. Frankfurt/M. 1994; ders.: Pädagogischer Konstruktivismus.
Lernen als Konstruktion von Wirklichkeit. München 2003. 2005 ist nun auch eine
„Konstruktivistische Religionspädagogik“ erschienen: Hans Mendl (Hg.): Konstruk-
tivistische Religionspädagogik. Ein Arbeitsbuch. Münster 2005.
11 Der Begriff der ‚inneren Landkarte’ kann zum einen ‚äußerlich’ als Metapher für das
neuronale Netzwerk verwandt werden. Wichtiger ist den Konstruktivisten aller-
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 25
Landkarte ist nach den ersten drei Lebensjahren maßgeblich formiert und
es gibt Veränderung nur, wenn diese an den vorhandenen Strukturen an-
knüpft.12 „Die pädagogische Arbeit des ‚People Processing’“, wie Klaus
Hurrelmann und Wolfgang Settertobulte diesen Akt der Vernetzung und
behutsamen Weiterführung nennen, „verlangt eine kontinuierliche, auf je-
des Individuum ausgerichtete Konzentration mit hohem Einfühlungsver-
mögen.“13 In dem von Gerald Hüther berichteten Fall des zehnjährigen
Jungen ist dem Lehrer offensichtlich diese Empathie geglückt. Letztlich
kennen wir nicht das Geheimnis seines Erfolges. Wir nnen spekulieren,
ob es an seiner ausgeglichenen Persönlichkeitsstruktur lag, er mit seinen
pädagogischen Interventionen immer so erfolgreich war oder er vielleicht
bereits damals die Möglichkeit hatte, sich supervidieren zu lassen. Fakt ist,
dass es diesem Lehrer gelungen ist, bei seinem Schüler einen nachhaltigen
Eindruck von Offenheit und Warmherzigkeit zu hinterlassen. Angesichts
von Klassengrößen, die das Namensgedächtnis zahlreicher Lehrer/innen
an natürliche Grenzen stoßen lassen, von Unterrichtsverpflichtungen und
Schulentwicklungsaufgaben, die eine solide Vorbereitung nahezu unmög-
lich machen, einem Sozialverhalten vieler Schülerinnen und Schüler, das
mit Sozialität im Sinne von Gemeinschaft oft wenig bis gar nichts mehr zu
tun hat, geht es vielen Kollegen/innen hinsichtlich des Anspruchs und der
Notwendigkeit, jedem/r Einzelnen gerecht werden zu wollen und zu sol-
len, eher wie dem Hasen in der bekannten Fabel. Sie geben ‚ihr Letztes’
und hecheln doch immer nur hinterher. Zurück bleibt der schale Ge-
schmack, weder den Schülern/innen noch der Sache, geschweige den ei-
genen Ansprüchen angemessen entsprochen zu haben.14
dings, dass die Sinnesorgane und Nervenbahnen ein subjektives inneres Bild von
dem erzeugen, was der Mensch ‚wahr-nimmt’. Jeder Mensch konstruiert sich seine
‚innere Landkarte’ von dem, was für ihn ‚Welt’ oder ‚Wirklichkeit’ zu sein scheint.
So gesehen ist die ‚innere Landkarte’ nicht mehr und nicht weniger als das Deu-
tungsmuster der eigenen Existenz, der in dem verzweigten Netzwerk von Neuro-
nen, Axonen und Synapsen seine äußere Entsprechung findet. Siehe dazu auch die
Ausführungen in: Fritz B. Simon / Ulrich Clement / Helm Stierlin: Die Sprache der
Familientherapie, aaO., S. 248f. und Gregory Bateson: Geist und Natur. Frank-
furt/M. 4/1984, S. 40ff. Bateson beruft sich auf Alfred Korzybskis berühmtes Prin-
zip: „Die Karte ist nicht das Territorium, und der Name ist nicht die benannte Sa-
che“. Ebd., S. 40.
12 „Die Bildung von Synapsen zwischen den Nervenzellen beginnt etwa in der 15.
Schwangerschaftswoche und erreicht ihren Höhepunkt in der Zeit zwischen der
Geburt und dem dritten Lebensjahr. Während dieser Zeit der unzähligen neuen
Eindrücke werden viele Synapsen gebildet; mit drei Jahren hat ein Kind mehr Sy-
napsen im Gehirn als ein Erwachsener. Diese Phase wird gelegentlich auch als ‚Blü-
hen’ bezeichnet.“ Norbert Herschkowitz: Das vernetzte Gehirn. Bern 2001, S. 27.
13 Klaus Hurrelmann und Wolfgang Settertobulte: Die Schule als Chance oder als Be-
drohung? AaO.
14 Ebd.: „Die Vielzahl der Kontakte aber, die durch die heutige Unterrichtsorganisati-
on im 45-Minuten-Turnus zustande kommt, bewirkt eine permanente soziale Über-
26 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
Lehrer/innen – Fluglotsen
„Lehrerinnen und Lehrer haben in einer Unterrichtsstunde bis zu 200
Entscheidungen zu treffen und dabei im Durchschnitt 15 ‚erzieherische
Konfliktsituationen’ zu meistern. Bei fünf Unterrichtsstunden sind das
ungefähr 1000 Entscheidungen und 75 erzieherische Konflikte“, wie der
Bremer Erziehungswissenschaftler Rudolf Kretschmann errechnet hat.15
Sie haben also durchschnittlich 13,5 Sekunden Zeit für eine Entscheidung.
Kein Wunder, dass Lehrer/innen „auf Grund ihrer großen Entschei-
dungsdichte Stresswerte“ zeigen, „die man mit denen von Fluglotsen ver-
gleichen kann“, unterstützt ihn der Lüneburger Psychologe Bernhard Sie-
land auf dem Hintergrund seiner Untersuchungen zur Lehrergesundheit.
„Wie diese, handeln Lehrer unter hohem Erwartungsdruck, allerdings bei
viel geringerem Einfluss auf die Handlungsergebnisse! Das betonte schon
K. Lorenz: ‚Gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden, verstanden
ist nicht einverstanden, einverstanden ist nicht durchgeführt, durchgeführt
ist nicht beibehalten’.“16
„Grundsätzlich ist Unterricht strukturell komplex seine Komplexität ist
durch den Charakter intentionaler Prozesse geprägt“,17 beschreibt die Er-
langer Erziehungswissenschaftlerin Annette Scheunpflug den professio-
nellen Handlungsrahmen von Lehrern/innen. Unterricht, das ‚Kernge-
schäft’ von Lehrern/innen, geschieht in genau diesem komplex-dynami-
schen Spannungsfeld von Unterrichtsgegenstand und Schüler/innenorien-
tierung, Aktion und Reaktion, Wahrnehmung des Einzelnen und Achten
auf den Gruppenprozess, Zielorientierung und Prozessorientierung etc.
da nicht nur spät, sondern tatsächlich zu spät zu kommen und dabei zu-
gleich sich selbst und die Schüler/innen aus den Augen zu verlieren, ist
leider auch Alltag und damit Normalität.18 „Allen Schülerinnen und
Schülern zur gleichen Zeit gerecht zu werden, ist daher ein schwieriges
forderung und verunmöglicht enge persönliche Kontakte“. S. a. J. Schlee, aaO., S.
12 und 25 – 27.
15 R. Kretschmann, aaO., S. 72.
16 Bernhard Sieland: Was ist am Lehrerberuf wirklich belastend? In: Grundschule
3/2001, S. 37.
17 A. Scheunpflug: Evolutionäre Didaktik, aaO., S. 9.
18 S. Christine Böckelmann, aaO., bes. S. 138 140, in denen sie die Rollenkonflikte
der Lehrer/innen plastisch aufzeigt. Werner Helsper spricht gar von „Antinomien
des Lehrerhandelns in modernisierten pädagogischen Kulturen“ und untersucht die
„paradoxen Verwendungsweisen von Autonomie und Selbstverantwortlichkeit“ im
schulischen Alltag. Helsper benennt fünf „konstitutive Antinomien des Lehrerhan-
delns“: „– Distanz versus Nähe; – Subsumtion versus Rekonstruktion; –Einheit ver-
sus Differenz; Organisation versus Interaktion/Kommunikation; Heteronomie
versus Autonomie.“ In: Werner Helsper: Antinomien des Lehrerhandelns in moder-
nen dagogischen Kulturen. In: Arno Combe / Werner Helsper (Hg.): Pädagogi-
sche Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frank-
furt/M. 3/1999, S. 530.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 27
Unterfangen. Wenn sich deshalb Unlustgefühle oder Vermeidungshaltun-
gen bei den Betroffenen entwickeln, fällt es nicht immer leicht, diese nicht
persönlich zu nehmen, sondern freundlich und verständnisvoll als päda-
gogische Aufgabe aufzugreifen“, schätzt Jörg Schlee, der an der Universi-
tät Oldenburg Sonderpädagogische Psychologie lehrt, den Lehrer/innen-
alltag realistisch ein.19 Und rg Hohelüchte-Menge / Jürgen Kreft, beide
ausgebildete Pädagogen, gehen noch einen Schritt weiter, wenn sie fragen:
„Was aber, wenn wir uns in einem Feld bewegen, das so vielfältig ist, dass
uns alles zuviel wird? Lehrern kann es angesichts der Fülle von gleichzeiti-
gen Ereignissen schon innerhalb einer Schulstunde mit 30 Schülerinnen
und Schülern so gehen. Besser nicht alles wahrnehmen, was den Fortgang
der Lernprozesse stören könnte. Jede Erweiterung der Wahrnehmung
könnte zur Lähmung führen“,20 um sich allerdings sogleich mit Berna-
dette Grawe daran zu erinnern: „Was nicht wahrgenommen wird, ver-
wahrlost und beginnt ein störendes Eigenleben zu führen.“21
2 Es ist nie zu spät und nie zu früh – Lehrer/innen stark zu ma-
chen für den Beruf
Das zweite Ohr, das Ohr des Supervisors, rt Hüthers Geschichte gefiltert
durch mein systemisch-konstruktivistisches Supervisionskonzept.
Ressourcenorientierte Supervision
Wie ich bereits in der Einleitung angedeutet habe, weich mich in mei-
ner supervisorischen Arbeit u. a. einem systemisch-konstruktivistischen
und d. h. zugleich auch ressourcen- und lösungsorientierten Ansatz ver-
pflichtet. Als ich mit meiner Supervisionsausbildung begann, konnte ich
mir darunter zunächst wenig Konkretes vorstellen. Mit zunehmender Pra-
xis änderte sich das, nicht zuletzt auch durch die intensive Arbeit mit mei-
nem konsequent ‚systemisch intervenierenden Lehrsupervisor. Unter
Ressourcenorientierung versteht die auf konstruktivistischen Referenzsys-
temen basierende systemische Familientherapie alle Potenziale, die auf ei-
ne Erweiterung der eigenen Verhaltensoptionen zielen, also ein Mehr an
Freiheit eröffnen.22 Ferdinand Buer unterscheidet in seinem ‚Lehrbuch der
19 J. Schlee, aaO., S. 12.
20 Jörg Hohelüchte-Menge / Jürgen Kreft: Was machst du eigentlich in der Schule? In:
FoRuM Supervision 12/23/2004, S. 4.
21 Bernadette Grawe: Was nicht wahrgenommen wird, verwahrlost. Erfahrungen mit
der Produktion von Unbewusstheit in der Schule. In: FoRuM Supervision 13/1999,
S. 42 – 54. Zitat S. 53.
22 Heinz von Foerster: „Sag ihnen, sie sollten immer so handeln, die Anzahl der Mög-
lichkeiten zu vermehren; ja, die Anzahl ihrer Möglichkeiten zu vermehren!“ In:
Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung. Short Cuts. Frankfurt/M. 2/2002, S. 60.
„Übertragen auf Supervision könnte man demnach formulieren“, greift W. Neu-
meyer von Foersters Imperativ auf, „Ziel von Supervision ist die Erhöhung und Er-
28 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
Supervision’ vier Ebenen, auf denen Ressourcen angesiedelt sein kön-
nen:23 (1) Die personale Ebene (Entfaltung von persönlichen Potenzialen
wie z. B. Kreativität), (2) die interaktionale Ebene (Beziehungen und Un-
terstützungssysteme herstellen, wahrnehmen, ausbauen), (3) die organisa-
torische Ebene (Hilfen von öffentlichen und privaten Dienstleistern nut-
zen) und (4) die materielle Ebene (die „natürliche und kulturelle Umwelt“
zur Problemlösung beitragen lassen). Der Psychotherapieforscher Klaus
Grawe bietet eine Definition an, die bereits die Kostbarkeit’ der Ressour-
ce sprachlich ‚einfängt’: „Ressourcen sind alle Dinge, die wir in unserer
Lebensgestaltung wertschätzen, die wir für die Lebensbewältigung benöti-
gen und daher erlangen, schützen und bewahren wollen“.24 Ressourcen
beschreiben sowohl einen Wirklichkeits- als auch einen Möglichkeits-
raum.25 Für die supervisorische Praxis heißt das, zunächst die vertrauten
Stärken noch einmal bewusst zu machen und so zu ‚sichern’, um sich
dann gemeinsam auf die Suche nach inneren und äußeren Energiequellen,
nach ‚Roh-Stoffenzu begeben, die nur darauf warten, entdeckt und wie
Roh-Diamanten poliert, geschliffen und so für ihren eigentlichen Zweck
‚eingepasst’26 zu werden. Ziel des Supervisionsprozesses ist ein ‚mehr’ an
innerer und äußerer Freiheit im beruflichen Alltag. „Eine solche Ressour-
cenorientierung hat also ihre handfesten Gründe“, resümieren Chr. Mor-
genthaler und G. Schibler, „ihre Bedeutung lässt sich aufgrund von Erfah-
rungen mit Beratung und empirischer Forschung gleichermaßen einsichtig
machen. Menschen, die den Zugang zu ihren Ressourcen wiederfinden, ist
ganz praktisch in vielerlei Hinsicht geholfen. Und trotzdem ist unverkenn-
bar, dass hier mehr im Spiel ist als praktische Erfahrung, Vernunft und
Kalkül. Letztlich wird in einer solchen Orientierung ein ganz bestimmtes
Menschenbild deutlich. Menschen sind begabte Wesen. Auch in Situatio-
weiterung der Anzahl und Qualität beruflicher Handlungsmöglichkeiten, die Ent-
wicklung neuer und kreativer Wirklichkeitskonstruktionen, die andere Entschei-
dungsmöglichkeiten zulassen bzw. neu eröffnen: gemeinsam mit dem Klientensys-
tem daran zu arbeiten, eine Vielfalt von Perspektiven zuzulassen und nicht die eine
durch die andere zu ersetzen“. Willibald Neumeyer: Systemische Supervision
Grundlagen und Implikationen: Ein Überblick. In: supervison 2/2004, S. 56.
23 Ferdinand Buer: Lehrbuch, aaO., S. 269f.
24 Klaus Grawe: Psychologische Therapie. Göttingen 1998, S. 23.
25 Ebd., S. 34.
26 Konstruktivisten und Systemiker verwenden gern den Begriff der ‚Passung’, um
zum Ausdruck zu bringen, dass ein System sich unter veränderten Bedingungen als
überlebensfähig erweist „und dabei Kohärenz beweist“ (F. B. Simon et al.: Die
Sprache der Familientherapie, aaO., S. 161). In eine ähnliche Richtung weist der
von Ernst von Glasersfeld eingeführte Begriff der „Viabilität“: „Handlungen, Be-
griffe und begriffliche Operationen sind dann viabel, wenn sie zu den Zwecken
oder Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen.“ Ernst von Glasersfeld: Radi-
kaler Konstruktivismus. Frankfurt 1997, S. 43.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 29
nen, in denen sie selber nicht mehr weiterwissen, ist davon auszugehen,
dass sie über Ressourcen verfügen.“27
Werkzeuge ressourcenorientierter Supervision
Private oder berufliche Belastungen, Probleme, Sorgen führen oft gerade-
zu sogartig dazu, dass die Gedanken, Gefühle, Energien nur noch um die-
ses eine Problem kreisen und einen unweigerlich nach unten zu ziehen
drohen. Die Gefahr, sich von Schwierigkeiten wie das Kaninchen von
der Schlange hypnotisieren zu lassen, ist ohne Anstoß von außen oft
nur schwer zu bannen. Deshalb liegt bei der ressourcenorientierten Super-
vision „der Fokus […] von vorneherein auf der Konstruktion von Lösun-
gen“.28 Bei einem streng lösungsorientierten Ansatz wird „mit der ständi-
gen Fokussierung auf Stärken, Lösungen, Ressourcen, Ausnahmen und
mit dem Reden über Zukunft statt über Vergangenheit […] eine ‚Lö-
sungs’-Wirklichkeit konstruiert und erzeugt.“29 Das hat sehr viel mit
Phantasie und Kreativität eben mit Entdeckerfreude (ich erinnere noch
einmal an Andreas Hillert, der von dem „letzten wirklichen Abenteuer“
sprach) zu tun und rein gar nichts mit einem quälenden Stochern in al-
ten Wunden. Ressourcenorientierte Supervision geht davon aus, dass je-
des ‚Problem’ bereits den Keim der Lösung in sich trägt, dem es durch ei-
ne gemeinsame Suchbewegung von Supervisand/in und Supervisor/in auf
die Spur zu kommen gilt.30 Menschen haben ein ‚Problem’ (griech. Πρό-
βληµα Vorsprung, Bollwerk, Schutz, Schirm, Vorwand, Streitfrage), weil
sie etwas/sich lösen wollen, weil ein ‚Ab-Lösungsprozessvielleicht längst
eingesetzt hat. Diese differenzierte Einheit zu vergleichen mit den zwei
Seiten einer Münze von Problem und Lösung bringt der Familienthera-
peut Steve de Shazer plastisch zum Ausdruck, wenn er das Wort Pro-
blem’ in seinen Texten nur noch durchgestrichen abbildet.31 Die Werk-
zeuge, die dabei zum Einsatz kommen, kann ich an dieser Stelle nur
27 Chr. Morgenthaler / Gina Schibler: Religiös-existentielle Beratung, aaO., S. 72f.
Ebd., S. 71 findet sich eine Übersicht zur Ressourcensensibilität und -diagnose aus
psychoanalytischer, systemischer, kunsttherapeutischer und theologischer (inkl. fe-
ministisch-theologischer) Perspektive.
28 A. von Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 124.
29 W. Neumeyer, aaO., S. 57.
30 „Sowenig es aus konstruktivistischer Perspektive ‚das’ Problem oder eine richtige,
‚objektive’ Sichtweise oder Beschreibung von irgendetwas gibt, sowenig gibt es auch
‚die’ Lösung. Da es zu einem Problem immer jemanden gibt, für den dieses Problem
besteht, muss es letztlich auch immer seine Entscheidung sein, wie die Lösung aus-
sieht, wann eine Lösung erreicht worden ist, was für ihn brauchbar und nützlich
ist.“ W. Neumeyer, aaO., S. 57.
31 In: Steve de Shazer: Das Spiel mit den Unterschieden wie therapeutische Lösun-
gen lösen. Heidelberg 1992. Sehr übersichtlich wird der lösungsorientierte Bera-
tungsansatz in Theorie und Praxis von Bernd-Joachim Ertelt und William E. Schulz
in ihrem ‚Handbuch Beratungskompetenz. Berater und Ratnehmer Bd. 18(Leon-
berg 2002, S. 163 233) dargestellt; s. a. Andreas Bürgi und Herbert Eberhart: Be-
ratung als strukturierter und kreativer Prozess. Göttingen 2004, S. 177.
30 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
exemplarisch vorstellen: Das vermag durch den Wechsel der Perspektive
geschehen, indem man den Sachverhalt in einen anderen Rahmen stellt
(Re-framing)32 auf das Beispiel vom halbleeren bzw. halbvollen Glas
hatte ich eingangs bereits hingewiesen oder der Sachverhalt wird anders
benannt und so die eigene Aufmerksamkeit in eine andere Richtung ge-
lenkt (‚positive Konnotation’): So nervt der Kollege in Zukunft nicht
mehr’, sondern ‚weckt in mir die Lust, herauszufinden, wie ich meine Am-
biguitätstoleranz erweitern kann’. Oder die angedrohte Abmeldung vom
Religionsunterricht deute ich nicht mehr als persönliche Abwertung, son-
dern als Chance, nun mit dem Rest der Klasse umso motivierter arbeiten
zu können.33 Günter Emlein bringt es so auf den Punkt: Rede anders über
das Problem (Problem als Lösung)“ oder: Rede über etwas anderes (weitere
Lösungen, Ausnahmen vom Problem usw.).“34
Tom Sawyer – Meister des Reframing
Nach wie vor eines der brillantesten literarischen Beispiele gelungenen Re-
framings bzw. positiver Konnotation ist für mich die Szene, in der Tom
Sawyer die Strafe, den Zaun streichen zu müssen, in eine der wichtigsten
Aufgaben der Welt verwandelt:35
„Auf dem Bürgersteig erschien Tom mit einem Eimer Weißkalk und einem langstieli-
gen Pinsel. Er besah sich den Zaun und die Natur verlor ihren frohen Glanz; tiefe
Schwermut senkte sich auf sein Gemüt. Ein dreißig Yard langer, drei Yard hoher
Zaun! Das Leben schien ihm hohl und leer und das Dasein nichts als eine Last.“ Die
Episode ist bekannt, in der Tom Sawyer die unterschiedlichsten Strategien entwickelt,
um die lästige Arbeit des Zaunstreichens an andere zu delegieren: Er bietet einen Ar-
beitstausch an, eine Glaskugel als Belohnung, alles ohne Erfolg. Doch dann hat er
eine geniale „Eingebung“, die „die Sache in neuem Licht erscheinen“ lässt. Er sugge-
riert seinen Zuschauern – durch ‚vorgelebtes Leben’ –, ihm mache die Arbeit ungeheu-
er Spaß, Zaunstreichen sei die interessanteste, bedeutsamste, verantwortungsvollste Tä-
32 „Die Umdeutung ist vielleicht die wichtigste systemische Intervention überhaupt.
Bei dieser Methode wird einem Geschehen dadurch ein anderer Sinn gegeben, dass
man es in einen anderen Rahmen (engl. ‚frame’) stellt, einen Rahmen, der die Bedeu-
tung des Geschehens verändert.“ A. von Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 177.
33 Dieses Beispiel aus dem Religionsunterricht berichtet Rolf Werning: Kontexte, Re-
geln und Mitspieler. In: Disziplin. Friedrich Jahresheft 20/2002, S. 29.
34 Günter Emlein: Workshop: Horcht, was bringe ich von draußen mit? In: Klaus
Hampel und Hans-Bernhard Köppen (Hg.): Macht Supervision Sinn. Münster
2004, S. 66. S. a. W. Neumeyer, aaO., S. 57; ‚Reframing’ in die Theologie zu inte-
grieren und für die Seelsorge fruchtbar zu machen, darum bemüht sich Donald
Capps: Biblical Approaches to Pastoral Counseling. Philadelphia 1981; ders.: Refra-
ming. A new method in pastoral care. Minneapolis 1990. Darstellung und Würdi-
gung des Cappschen Ansatzes durch Gina Schibler: Kreativ-emanzipierende Seel-
sorge. Konzepte der intermedialen Kunsttherapien und der feministischen Herme-
neutik als Herausforderung an die kirchliche Praxis. Stuttgart/Berlin/Köln 1999, S.
65 – 72; s. a. J. Schlee, aaO., S. 37 – 44.
35 Zitate nach Mark Twain: Tom Sawyers Abenteuer. Berlin 12/2002, S. 19 – 24; s. a. P.
Watzlawick / John H. Weakland / Richard Fisch: sungen. Bern 6/2001, S. 116f.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 31
tigkeit der Welt. Nur eine winzige Elite könne diese Aufgabe bewältigen: „ich glaube,
kaum einer von tausend Jungen ist im Stande, es so zu machen, wie es sich gehört
vielleicht nicht mal einer von zweitausend.“ Am Ende besitzt Tom einen Apfel, einen
gut erhaltenen Drachen, eine tote Ratte samt einer Schnur, „zwölf Murmeln, ein Stück
von einer Mundharmonika, einen Scherben blaues Flaschenglas, durch den man hin-
durchschauen konnte, einen Revolver, einen Schlüssel, der nichts aufschloss, ein Stück
Kreide …“ Wäre Tom nicht der Weißkalk ausgegangen, so tte er sämtliche Jungen
des Ortes Bankrott gemacht.“
‚Das Entscheidende geschieht im Kopf!’ Faktisch hat sich nichts verän-
dert: Die Strafe, der Auftrag, die Länge des Zaunes usw.; aber durch die
neuen ‚inneren Bilder’, die Tom phantasiert, ändert sich fast alles: Die
Stimmung, die Interaktions-Rollen, der Gewinn für alle (!).
‚Wo ist der Schalter?’
Nach de Shazer et al. kann eine Lösung so aussehen, dass durch die Ver-
änderung von Verhaltensweisen eine Problemkonstruktion beseitigt wird;
„andere Lösungen entwickeln sich über die Konstruktion alternativer Zu-
kunftsperspektiven, die die Beschwerde nicht beinhalten.“36 Nur ohne
Impuls und Unterstützung von außen ist dieser spielerisch-virtuose Um-
gang mit Situationen, an denen man sich ‚reibt’ oder unter denen man ggf.
auch leidet, oft leichter gesagt als getan oder gar nicht realisierbar. Immer
wieder sagen mir Supervisanden/innen: Ich weiß genau, wo die Fehler
liegen. Ich weiß auch, was ich anders machen müsste. Sagen Sie mir, wo
der Schalter ist, mit dem ich die neuen inneren Bilder aktivieren kann.’
Doch auch der/die Supervisor/in ist kein Zauberer und ressourcenorien-
tierte Supervision ist kein Spuk, sondern solides (Kunst)Handwerk, das
neben der bereits genannten Phantasie und Kreativität auch beharrliche
Kleinarbeit, Geduld und Ausdauer benötigt.37
Auf diesem Hintergrund definiere ich Supervision als eine professionelle Beratungsform,
die in einem zeitlich und räumlich begrenzten Prozess das berufliche
Handeln im Bedingungsgeflecht von eigener Person, beruflicher Rolle
und System/Organisation/Institution reflektiert. Sie beschäftigt sich mit
den Chancen und Grenzen, die durch dieses Bedingungsgeflecht gegeben
sind. Gegenstand sind konkrete berufliche Erfahrungen und erlebte Situa-
tionen (Problemfelder, Konflikte, Fallbeispiele etc.). Konkret geht es da-
rum, die beruflichen Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen, zu sichern
und sowohl für die Person als auch für die Profession fruchtbar zu ma-
chen. Supervision schärft den Blick für Abläufe und Muster, die beim
36 Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Eve Lipchik, Elam Nunnally, Alex Molnar, Wal-
lace Gingerich und Michelle Weiner-Davis: Kurzzeittherapie: Zielgerichtete Lö-
sungsorientierung. In: Paul Watzlawick und Giorgio Nardone (Hg.): Kurzzeitthera-
pie und Wirklichkeit. München 1999, S. 173.
37 H. Möller spricht von demKunsthandwerk Supervision“. In: Was ist gute Supervision?
AaO., S. 94, T. Allert von den „Dimensionen der Supervisionskunst“. AaO., S. 24.
32 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansprüche, Erwartungen, Interessen
und Biographien entstehen, und ermutigt, diese produktiv und lösungsori-
entiert zu nutzen.38
Doch zurück zur Geschichte von G. Hüther:
Sensibilisiert für offene und verdeckte Erwartungen hört mein ‚Supervisoren-Ohr’ auch
diffuse Interessenkollisionen, innere und äußere Ansprüche, Appelle und Zwischentöne.
So vernehme ich z. B. den unausgesprochenen Hilferuf eines 10jährigen Jun-
gen: ‚Rette mich! Auch wenn ich mich als Schüler noch so aggressiv, ab-
wehrend, ja, vielleicht sogar a-sozial gebärde in mir stecken Potenziale,
die auf ihre Entfaltung warten. Sei du meine Rettungsinsel! Wenn nicht
du, wer dann?’
Ich höre den Appell des Fremden ‚zwischen den Zeilen’: Es müsste mehr
solcher Lehrer/innen geben, die nicht ständig wegschauen, die noch den
Mut haben, ihren Schülern/innen wirklich ins Gesicht zu sehen, ihnen
von Angesicht zu Angesicht begegnen und ihnen damit zugleich das Ge-
fühl vermitteln: Ich finde vielleicht nicht gut, was du tust, aber ich nehme
dich als Menschen, als Person wahr und ich nehme dich ernst! Es müsste
mehr Lehrer/innen geben, die ihren Schüler/innen Lust am Lernen, Neu-
gier aufs Leben schenkten und so die bereits in frühen Jahren verkorksten
Schülerbiographien auf ein neues Gleis setzten. Dann sähe alles anders
aus. Dann ginge endlich der ersehnte Ruck durch unser Land.’39
Und ich höre, wie der berühmte Professor für Neurobiologie, der gewaltige
Chor der gesellschaftlichen Majorität und die Lehrerinnen und Lehrer selbst in die-
38 So formulieren die von mir mit entworfenen Grundsätze für die Supervision im Pä-
dagogischen Institut der Ev. Kirche von Westfalen. Dazu ausführlicher in Kapitel II
und XII; der komplette Text der Grundsätze ist im Anhang dokumentiert. Sehr of-
fen und damit einladend auch die Definition von Heino Reimers und Telse A.
Iwers-Stelljes: Ausgehend vom konkreten Geschehen im dagogischen Arbeits-
feld werden berufsbezogene Sichtweisen, Gedanken, Gefühle und Handlungen be-
trachtet. Ziel der Supervision ist zum einen die konstruktive Bewältigung, zum an-
deren die Veränderung von Praxis“. In: Heino Reimers / Telse A. Iwers-Stelljes:
Und wer berät die Lehrerinnen und Lehrer? Supervision und Professionalisierung
des Lehrerhandelns. In: Pädagogik 57/2005, S. 30. Die ganze Bandbreite gegenwär-
tiger Supervisionsdefinitionen im deutschsprachigen Raum referiert Wolfgang
Ebert: Systemtheorien in der Supervision. Bestandsaufnahme und Perspektiven.
Opladen 2001, S. 60 71. Mein eigenes Supervisionsverständnis wird induktiv im
Verlauf des Analyseprozesses nach und nach entfaltet.
39 „Durch Deutschland muß ein Ruck gehen“!, forderte Bundespräsident Roman Her-
zog im Hotel Adlon am 26. April 1997 in seiner berühmten ‚Ruck-Rede’.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 33
sen kollektiven Appell mit einstimmen und ihn zu einer überwältigenden
Druckwelle anschwellen lassen: ‚Wenn nicht ihr/wir, wer dann?’40
Angesichts dieser ‚Druck-Welle’ regt sich in dem Supervisor, der 14 Jahre lang selbst
an unterschiedlichen berufsbildenden Schulen unterrichtet hat, ‚Widerstand’.41
‚Unterrichten Sie einmal 25 Klassen á 45 Minuten mit dem Anspruch, je-
dem einzelnen Schüler, jeder einzelnen Schülerin gerecht werden zu wol-
len, wenn Sie Mühe haben, die 450 Schüler/innen überhaupt als individu-
elle Persönlichkeiten wahrzunehmen!’ Ich selbst habe die ersten Jahre in
der Schule nur überstanden, indem ich meine eigenen Ansprüche radikal
heruntergeschraubt, mir ganz gezielt Freiräume außerhalb der Schule
‚Rettungsanker’ fest geblockt in den Kalender eingetragen und mir um-
gehend eine Supervisionsgruppe gesucht habe. Nachdem ich im Jahr 2000
aus der Schule in die Lehrerfortbildung gewechselt bin, gehörte zu meinen
ersten Anregungen, im Pädagogischen Institut der Evangelischen Kirche
von Westfalen ein an den Bedürfnissen der (Religions)Lehrer/innen aus-
gerichtetes Supervisionsangebot zu entwickeln.
Risikoberuf Lehrer/in
Meine eigenen Unterrichtserfahrungen und die supervisorische Arbeit mit
Lehrerinnen und Lehrern machen mich zunehmend hellhörig für den Er-
wartungsdruck, der von allen Seiten auf die Unterrichtenden einstürmt und
der vielleicht nur noch überboten wird von dem Anspruch, den die Leh-
rer/innen in sich selbst tragen. Der innere und äußere Druck auf den Leh-
rerberuf hat in den zurückliegenden 15 Jahren enorm zugenommen. Dem
Abbau des Einflusses traditioneller Autoritäten in Elternhaus, Kirchen
und Gesellschaft korrespondiert eine zunehmende Erwartung: Die Schule,
die Lehrerinnen und Lehrer werden es schon richten.42 Erfüllen sie diese
in sie gesetzten Erwartungen nicht, macht man sie zu Prügelknaben der
Nation, die die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen nicht kompensieren
40 Eine Anspielung auf den berühmten Ausspruch Hillels nach Mischna Abot I/14:
„Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Wenn ich nur für mich sorge, was
bin ich? Wenn nicht jetzt, wann dann?“ – der im weiteren Verlauf des Supervisions-
prozesses noch eine Rolle spielen wird. Zitiert nach: Hans-Georg Geyer / Johann
Michael Schmidt / Werner Schneider / Michael Weinrich: „Wenn nicht jetzt, wann
dann?“ Aufsätze für Hans-Joachim Kraus zum 65. Geburtstag. Neukirchen-Vluyn
1983, S. V.
41 De Shazer et al. sehen im Widerstand’ ein Signal „uns wissen zu lassen, wie wir ih-
nen helfen sollen.“ Kurzzeittherapie und Wirklichkeit, AaO, S. 169. M. a. W.: Wi-
derstand ist kein Aufruf zum Machtkampf, sondern eher ein Hilferuf!
42 K. Hurrelmann / W. Settertobulte, aaO.: „Das professionelle Personal in Kinder-
gärten und Schulen muss unter den heute unzureichenden Arbeitsbedingungen ver-
suchen, den öffentlichen Erwartungen an eine Steigerung der Leistungsfähigkeit
von Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Zugleich wird es immer mehr in
die Rolle gedrängt, wichtige Erziehungsaufgaben zu übernehmen, die Eltern zuneh-
mend schwer fallen. Unter diesen Umständen kommt es zu immer mehr gesund-
heitlichen Belastungen der Erziehungs- und Lehrkräfte.“
34 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
konnten, und benutzt sie zugleich als Projektionsfläche des eigenen Versa-
gens. „Die gesellschaftliche Wertschätzung der Bildung, der Schule, der
Lehrkräfte und des Lehrerberufs ist viel zu gering. Alle Meinungsmultipli-
katoren müssen dazu beitragen, dies zu ändern“, konstatieren Kirchenver-
treter und Arbeitgeberverbände in einer aktuellen gemeinsamen Erklärung
übereinstimmend.43 Jahrzehntelanges Arbeiten in einem solchen Hoch-
druckkessel führt bei manchen zu äußerer Abstumpfung, bei anderen zur
inneren – sprich psychischen – Implosion.
Inzwischen liegen vielfältige empirische Untersuchungen vor, die nach-
weisen, dass der Lehrerberuf unter den ‚Risikoberufeneinen fast ein-
samen Spitzenplatz erklommen hat.44
Die zentralen Stressoren im Lehrerberuf
Rudolf Kretschmann macht drei Bereiche aus, die dafür in erster Linie
verantwortlich sind:45
Da sind zunächst die konkreten Arbeitsbedingungen zu nennen: „große
Klassen, hohe Stundendeputate, schwierige Schüler, Eltern, Konflikte im
Kollegium, mangelnde räumliche Ausstattung usw.“
Dann spielen selbstverständlich auch die persönlichen Lebensumstände
(z. B. schwierige Familienverhältnisse) und die individuellen Bewältigungs-
strategien eine gewichtige Rolle: „Rollenunsicherheit, methodische Fehler,
unrealistische Erwartungen, unökonomische Arbeitsorganisation usw.“
Als drittes nennt er die Arbeitsbedingungen, die „besonders hohe Anfor-
derungen“ an die Lösungs- und Konfliktfähigkeit von Lehrern/innen stel-
len: „das Konfliktpotenzial, das aus der Zusammenarbeit mit vielen Per-
sonen unterschiedlicher Interessenlagen resultiert; der Spagat zwischen
zwei Arbeitsplätzen, da in unserem Schulsystem die Vor- und Nachberei-
tung des Unterrichts nicht in der Schule, sondern in der Regel zu Hause
43 Evangelische Kirche von Westfalen / Landesvereinigung der Arbeitgeberverbände
Nordrhein-Westfalen (Hg.): Fördern und Fordern. Leistung und Integration. Biele-
feld/Düsseldorf 31. Mai 2005. Nachhaltige Aufmerksamkeit erzielte der damalige
niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder mit einem Interview „(gegen-
über der Schülerzeitung ‚Die Wühlmaus’ in Zeven) über Lehrer: ‚Also, Freunde, Ihr
wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.’“ Jochen Leffers: Neue Lehrer
braucht das Land. Kultusminister ködern Abiturienten. In: SPIEGEL ONLINE -
20. November 2003 / www.spiegel.de. Eine ‚persönliche Abrechnung’ mit dem ei-
genen Lehrerberuf und den dabei erlittenen Kränkungen ist das Buch von Marga
Bayerwaltes: Große Pause! Nachdenken über Schule. München 2002.
44 B. Sieland, aaO.; Uwe Schaarschmidt / Helga Arold: Psychische Beanspruchung
von Lehrerinnen und Lehrern. In: Der berufliche Bildungsweg 11/2003, S. 2 13;
Andreas Hillert / Edgar Schmitz: Psychosomatische Erkrankungen bei Lehrerinnen
und Lehrern. Ursachen, Folgen, Lösungen. Stuttgart 2004; Joachim Bauer: Freibur-
ger Schulstudie des Uniklinikums Freiburg. Freiburg 2004 u. a.
45 R. Kretschmann, aaO, S. 72f. S. a. A. Blöckner: Befragung von Gymnasiallehrern
zum Verständnis des Begriffs Supervision, aaO., S. 211; K. D. Joswig, aaO., S. 25,
und Edgar Schmitz: Idealismus bis nichts mehr geht? In: VBE (Hg.): Deutscher
Lehrertag 2004. Dokumentation. Berlin 2005.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 35
erfolgt; als Folge davon Zielkonflikte zwischen Familien-, Freizeit- und be-
ruflichen Aktivitäten und hohe Anforderungen an Selbststeuerung und
Selbstmanagement; idealistisch überhöhte Erwartungen der Gesellschaft an
den Lehrerberuf mit der Gefahr eines Angreifbarkeitsberforderungsdi-
lemmas“.
Sonderrisiken für Religionslehrer/innen
Für Religionslehrer/innen und (Berufs)Schulpfarrer/innen ist die Gefahr,
in die so genannte ‚Helferfalle’46 zu geraten bzw. sich in der eigenen Rol-
lendiffusion heillos zu verstricken, besonders groß. Manche Schulleitung
ist sicherlich hocherfreut, wenn sie in einer Person eine/n Lehrer/in, ei-
ne/n Pfarrer/in, eine/n Seelsorger/in etc. also eine/n Frau/Mann ‚für
alle Fälle’ zur Verfügung hat.47 Gerade Religionslehrer/innen und Schul-
pfarrer/innen sind in besonderer Weise Anwärter/innen für das Risiko-
muster A der Potsdamer-Studie zur Lehrergesundheit.48
Die vier Bewältigungsmuster der ‚Schaarschmidt-Studie’
Grundsätzlich werden in dieser breit angelegten Studie die Muster G / S / A und B
unterschieden:49
Muster G: Dieses Muster ist Ausdruck von Gesundheit und Hinweis auf ein gesund-
heitsförderliches Verhältnis gegenüber der Arbeit. […] Hervorzuheben sind im weite-
ren die trotz stärkeren Engagements erhaltene Distanzierungsfähigkeit und die günsti-
gen Ausprägungen in all den Dimensionen, die die Widerstandsfähigkeit gegenüber Be-
lastungen beschreiben (geringe Werte in der Resignationstendenz gegenüber Mißerfol-
gen, hohe in der offensiven Problembewältigung und der inneren Ruhe und Ausgegli-
chenheit). Das Bild vervollständigt sich schließlich durch die ausnahmslos höchsten
46 1977 hat Wolfgang Schmidbauer in seinem Buch „Die hilflosen Helfer. Über die
seelische Problematik der helfenden Berufe (Reinbek bei Hamburg 1977) das Phä-
nomen des ‚Helfersyndroms’ beschrieben; siehe jetzt auch ders.: Helfersyndrom
und Burnoutgefahr. München 2002. Den Zusammenhang von Helfersyndrom,
Überforderung und drohendem Burnout referiert auch M. Klessmann: Pastoralpsy-
chologie, aaO., S. 520 – 526.
47 Auch wenn die Strukturen und Arbeitabläufe der Religionslehrer/innen bzw. Schul-
pfarrer/innen von denen der Gemeindepfarrer/innen deutlich unterschieden sind,
gilt die Einschätzung M. Klessmanns durchs analog: „Ein bedeutender Teil der häu-
fig beklagten Arbeitsüberlastung hat damit zu tun, dass es den Betroffenen ange-
sichts der großen Fülle an Aufgaben und Erwartungen nicht gelingt, halbwegs klare
Arbeitsstrukturen zu entwickeln.“ (M. Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S.
523). Bei den Schulpfarrern/innen kommt noch erschwerend hinzu, dass vielfach
Superintendenten/innen und Gemeindepfarrer/innen an dem weit verbreiteten ge-
sellschaftlichen Vorurteil partizipieren, Lehrer/innen wären unausgelastete ‚Halb-
tagsjobber’, die man durchaus mit Zusatzaufgaben wie z. B. Gottesdienstvertretun-
gen belasten könne.
48 Nach dem Leiter dieses Forschungsvorhabens auch als ‚Schaarschmidt-Studie’ be-
kannt. Eine kompakte Zusammenfassung der Ergebnisse bieten Uwe Schaar-
schmidt / Helga Arold: Psychische Beanspruchung von Lehrerinnen und Lehrern.
In: Der berufliche Bildungsweg 11/2003, S. 2 – 13.
49 Ebd., S. 3. Hervorhebungen M. J.
36 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
Werte in den Dimensionen, die positive Emotionen zum Ausdruck bringen (berufli-
ches Erfolgserleben, Lebenszufriedenheit, Erleben sozialer Unterstützung).
Muster S: Bei diesem Muster charakterisiert die Schonung das Verhältnis gegenüber der
Arbeit. Es finden sich die geringsten Ausprägungen in den Engagementdimensionen
und die höchste in der Distanzierungsfähigkeit. […] Zur Schonung kommt somit noch
(relative) Zufriedenheit als ein Kennzeichen dieses Musters. Mit Sicht auf die Präventi-
on verdienen die beiden im folgenden beschriebenen Risikomuster besondere Auf-
merksamkeit:
Risikomuster A: Dieses Muster ist durch überhöhtes Engagement gekennzeichnet. Be-
merkenswert ist vor allem der eindeutig niedrigste Wert in der Distanzierungsfähigkeit.
Hervorzuheben ist weiterhin, daß das außerordentlich starke Engagement mit vermin-
derter Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen einhergeht (geringe Ausprägung in
der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit, relativ hohe in der Resignationstendenz). Da-
rüber hinaus ist es von eher negativen Emotionen begleitet. Insgesamt ist das Bild also
dadurch charakterisiert, dass hohe Anstrengung keine positive emotionale Entspre-
chung findet. […]
Risikomuster B: Zum Bild des Risikomusters B gehören zunächst geringe Ausprägungen
in den Dimensionen des Arbeitsengagements, insbesondere in der subjektiven Bedeut-
samkeit der Arbeit und im beruflichen Ehrgeiz. In dieser Hinsicht bestehen Gemein-
samkeiten mit dem Muster S. Im Unterschied zu S geht das verminderte Engagement
jedoch nicht mit erhöhter, sondern mit eingeschränkter Distanzierungsfähigkeit einher.
[…] Generell ist dieses Bild durch vorherrschende Resignation, Motivationseinschrän-
kung, herabgesetzte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und negative Emoti-
onen gekennzeichnet. Solche Erscheinungen sind […] zum Kern des Burnout-Syn-
droms zu zählen.“
Das Risikomuster A profiliert sich also durch ein überhöhtes Engagement
gekoppelt mit der Unfähigkeit sich zu distanzieren, Berufliches und Priva-
tes voneinander zu trennen. Die große berufliche Anstrengung findet we-
der eine vergleichbare emotionale Erwiderung noch im beruflichen oder
gesellschaftlichen Rahmen eine entsprechende Anerkennung. „Lehrer die-
ses Typs sind oftmals ihrer hohen Einsatzbereitschaft wegen besonders
geschätzt. Doch ist abzusehen, dass auf Dauer die Kraft nicht ausreicht,
den Belastungen des Berufs standzuhalten.“50 Auch der Wuppertaler Pas-
toralpsychologe Michael Klessmann vermutet „besondere Gefährdungen“
dort, „wo jemand eine interessante, anregende und herausfordernde Tä-
tigkeit ausübt und wo hohe Ideale und Ansprüche zu rastloser Arbeit he-
rausfordern. Die Beschäftigung mit Problemen und Sorgen der Mitmen-
schen bildet einen besonderen Nährboden für das Erschöpfungssyndrom:
50 Uwe Schaarschmidt: Lehrerinnen und Lehrer beneidenswerte Halbtagsjobber? In:
VBE (Hg.), aaO., S. 35. Zu allem Überfluss fehlt es an jeder Form der fachlichen
Supervision durch geschulte Kräfte, wie sie bei anderen Berufen in „People Proces-
sing Organizations“ wie Ärzten, Sozialarbeitern, Pflegepersonal, Therapeuten und
Beratern üblich und teilweise sogar vorgeschrieben ist.“ So K. Hurrelmann und W.
Settertobulte, aaO.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 37
Wer anderen Menschen ‚helfen’ möchte (im Sinne von ‚sie verändern’, ‚sie
bessern’, steht in erhöhtem Maß in Gefahr, sich zu verausgaben.“51
Mein ‚Supervisoren-Ohr’ hört Hüthers Geschichte also durchaus auch kritisch,
weil sie Lehrer/innen dazu verleiten kann, die eigene Selbstausbeutung
noch weiter zu verschärfen. „Hier sind fröhliche ‚Masochisten’ gefor-
dert“,52 resümiert B. Sieland in (bitterer?) Ironie und K. Hurrelmann / W.
Settertobulte attestieren den Lehrer/innen einem ‚professionellen Altruis-
mus, der „besonders veränderungsresistent“53 erscheint. Also ‚volle Fahrt
zurück?’ Verzicht auf Schülerorientierung und ‚People Processing’?
Der/die Supervisor/in sagt dem/der Pädagogen/in nicht: ‚Lass die Finger
davon. Bei diesem Beruf musst du dir zwangsläufig die Finger verbren-
nen. Such dir lieber eine andere Arbeit, bei der er es nicht um so lebens-
entscheidende, existentielle Weichenstellungen geht.’ Der/die Supervi-
sor/in sagt dem/der Pädagogen/in überhaupt nicht, was er/sie zu tun
oder zu lassen hat. Supervision arbeitet selbstreflexiv, sungs- und res-
sourcenorientiert, d. h. der/die Supervisor/in gibt Anregungen, äußert
Ideen und Phantasien, hält dem/der Pädagogen/in einen Spiegel vor und
fragt ihn/sie, was er/sie sieht und ob er/sie zufrieden ist mit dem, was
ihm/ihr da aus dem Spiegel entgegenblickt. Supervision nimmt das Ge-
flecht von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, schulischen Determi-
nanten, Rollenvorgaben und persönlichen Dispositionen in den Blick mit
dem Ziel, es soweit zu entflechten, bis ein menschenwürdiges, innerlich
bejahtes und zukunftsfähiges ‚Ausfüllen’ des Berufes möglich erscheint.54
Etwas Besseres als den Tod findest du überall!55
„Besonders nachteilig wirken sich Vereinsamung und fehlende Supervisi-
on aus. Hier ist der Arbeitgeber von Lehrern und Lehrerinnen in der
Pflicht. In vielen helfenden Berufen mit hoher Stressbelastung (Polizei,
51 M. Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 524.
52 B. Sieland, aaO., S. 37.
53 Klaus Hurrelmann und Wolfgang Settertobulte arbeiten an der Universität Bielefeld
im Sonderforschungsbereich Prävention und Intervention im Kindes- und Jugend-
alter und haben zum Thema Schule und Gesundheit intensiv gearbeitet. Zitat: Ex-
pertise zu Möglichkeiten der Zertifizierung gesundheitsfördernder Schulen im Rah-
men des OPUS-Netzwerks. Universität Bielefeld o. J., S. 20.
54 Supervisoren/innen sind Förderer subjektiv geprägter Prozesse im Schnittpunkt
von Individuum, Organisation und Gesellschaft. Sie stärken persönliche Ressourcen
und entwickeln kooperative Beziehungen. Gemeinsam mit anderen (Fach)kräften
sichern sie konstruktiv erlebbare Lebens- und Arbeitsbedingungen“, definiert Ursu-
la E. Straumann, Professorin, Lehr- und Ausbildungssupervisorin an der FH Frank-
furt/M. in: Personenzentrierte Supervision. DGSv aktuell 3/2005, S. 6, und formu-
lierte damit Ansprüche, die angesichts der herrschenden ökonomischen Bedingun-
gen schwer zu halten sein werden.
55 …sagt der Esel zum Hahn, der am chsten Morgen in die Suppe soll. In: Die Bre-
mer Stadtmusikanten. Die schönsten Märchen der Gebrüder Grimm. Neu bearbei-
tet von Waltraud Villaret. Gütersloh 1957, S. 99.
38 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
Feuerwehr) ist es inzwischen üblich, dass die Betroffenen nach schweren
Einsätzen hrend ihrer Dienstzeit das Erlebte im Gespräch mit
Fachleuten verarbeiten. Ist es wirklich so abwegig neben allen kollegia-
len Stützsystemen eine Hotline für Lehrer einzurichten“?56 fragt B.
Sieland! ‚Es ist nie zu spät’, an seinen inneren Bildern vom Lehrerberuf
und am eigenen Umgang mit den äußeren Erwartungen an die Berufsrolle
Lehrer/in zu arbeiten. Wichtig ist, beide Perspektiven in den Blick zuneh-
men und sie nicht vorschnell gegeneinander auszuspielen. Alles andere
wäre Selbstbetrug. Für Edgar Schmitz, Psychologe und Erziehungswissen-
schaftler an der TU München, gibt es nichts daran zu deuteln, dass das
deutsche Schulsystem grundsätzlich überholt ist. „Alle Maßnahmen“,
schreibt er, „die von arbeitswissenschaftlicher, medizinischer bzw. psychi-
atrischer und psychologischer Seite angeboten werden, nnen nur eine
Arbeit am Symptom bleiben, wenn das Schulsystem nicht reformiert
wird.“57 Gleichzeitig hält er aber auch fest, dass es empirisch belegte
Risikofaktoren gibt, die in ungeeigneten Bewältigungsmustern der Leh-
rer/innenpersönlichkeiten wurzeln:
„unrealistische und unklare Ansprüche
psychische Vulnerabilität bzw. mangelnde seelische Widerstandskraft
geringe Durchsetzungskraft
geringes Selbstvertrauen und wenig Selbstwirksamkeitsüberzeugung
Kombination aus Selbstüberschätzung, wahrgenommener geringer so-
zialer Unterstützung, ungünstigem Attributionsstil, Neigung zu Neuro-
tizismus, Neigung zu Depressivität, zur Ängstlichkeit, zu defensiven
Bewältigungsstrategien und in der Folge zu Unzufriedenheit.“58
Dem gegenüber betonen W. Pallasch und H. Reimers, dass „nicht wenige
Lehrerinnen und Lehrer […] das Beklagen der schlechten Rahmenbedin-
gungen bzw. das Klagen über die einengenden Vorschriften vielfach als
Schutzbehauptungen für die eigene Passivität“ benutzen. „Es lässt sich in
der so vorgefundenen Schule als staatlicher Institution (viel) mehr bewe-
gen, als dies Lehrerinnen und Lehrer gemeinhin annehmen bzw. sich
selbst glauben machen. Die vermeintliche und beklagte Machtlosigkeit der
Lehrerinnen und Lehrer ist eher ein kognitives denn ein infrastrukturelles
bzw. administratives Problem.“59 ‚Eher ein kognitives Problem’ da bin
ich mir nicht so sicher; aber dass die inneren Bilder, die ich mir von mei-
nem Beruf, meiner Rolle und meinen Möglichkeiten konstruiere’, sich
dann auch meiner be-mächtigen’ und mein Alltagsverhalten mit disponie-
56 B. Sieland, aaO., S. 39.
57 E. Schmitz: Idealismus, aaO., S. 71. S. a. A. Blöckner, aaO., S. 211.
58 E. Schmitz, aaO., S. 70.
59 W. Pallasch und H. Reimers: Pädagogische Supervision. Das Kieler Konzept zur
unterrichtlichen Supervision. In: F. Petermann (Hg.), aaO., S. 40.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 39
ren, ist wohl kaum zu bestreiten. Deswegen noch einmal der Hinweis: Der
Blick nach innen ist genauso wichtig wie der Blick nach außen.60
Und: ‚Es ist nie zu spät’ gilt auch für den Fall, dass jemand feststellen soll-
te: Dieser Beruf ist nichts für mich, weil er mich dauerhaft krank macht.
Denn: ‚Etwas Besseres als den Tod findest du überall’, gilt nicht nur für
Bremer Stadtmusikanten!
3 Es ist nie zu spät und nie zu früh – auch in der Schule mit
Ostern zu rechnen
Dieses Forschungsprojekt untersucht die supervisorische Begleitung von
Religionslehrern/innen. Deshalb soll auch der Theologe und Religionspädago-
ge zu Gehör bringen, was er in Hüthers Geschichte vernommen hat:
Der Fremde
Der Fremde, der in den Zug einsteigt und den Professor für Neurobiolo-
gie dazu bringt, die Pointe seines Buches zu überdenken bzw. umzuschrei-
ben, erinnert an einen anderen Fremden, der ebenso überraschend auf-
taucht und dann wieder geheimnisvoll verschwindet. Diese Geschichte
steht in der Bibel (Lukas 24, 13 25) und erzählt von zwei Schülern Jesu,
die nach der Hinrichtung ihres Lehrers enttäuscht und ratlos unterwegs
nach Emmaus sind, als ihnen ganz plötzlich dieser unbekannte Fremde
begegnet. Der Fremde geht zunächst neben den beiden her, hört zu, er-
kundigt sich nach ihrem Kummer. Dann erklärt er ihnen aus der Heiligen
Schrift, warum Jesus sterben musste. In Emmaus angekommen laden sie
ihn zum Essen ein. Als der Fremde ihnen das Brot bricht, erkennen sie in
ihm ihren Lehrer Jesus.61
Für mich stecken beide Geschichten voller Analogien, die darin gipfeln,
dass dem Professor für Neurobiologie ebenfalls ‚die Augen aufgehenund
er seine Sicht von der Fatalität des Lebens revidiert. Die Geschichte von
den Emmausjüngern ist eine Ostergeschichte und auch Hüthers Ge-
schichte erzählt, dass in jedem menschlichen Leben so etwas wie Ostern,
Auferstehung, Neuanfang möglich ist.
Ein Gleichnis … – des Himmelreichs in der Profanität?
Darüber hinaus denke ich beim Hören dieser Geschichte an die Gleich-
nisse Jesu, zum einen an die lukanischen Gleichnisse vom Verlorenen (Lk
15), mehr noch an die Schöpfungsgleichnisse Mt 13 par. Im sog. Senf-
korngleichnis Mt. 13, 31f. par. heißt es:
60 Ähnlich auch die „Zehn Thesen zur Supervision an Schulen“ von Andreas Herr-
mann und Stephan Daniel Richter, aaO., S. 12.
61 Zum jesuanischen ‚Reframing’ in dieser Geschichte s. Heinz J. Kersting: Zirkelzei-
chen. Supervision als konstruktivistische Beratung. Aachen 2002, S. 150.
40 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
„Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen
Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist,
so ist es größer als alle Kräuter und wie ein Baum, so dass die Vögel unter dem Him-
mel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“62
Hüthers Geschichte passt sich für mich ein in diese Reihe von Gleichnis-
sen Jesu, die mit schlichten Worten und Bildern aus dem Alltag der Men-
schen wirkungsvoll erzählen, wie sich die Herrschaft Gottes in eben die-
sem Alltag durchsetzt: klein und unscheinbar, unaufdringlich, ‚normal’ in
ihrem Beginn, aber dann unaufhaltsam und wirkmächtig seiner inneren
Bestimmung folgend.
Die Bibelwissenschaftlerin und feministische Theologin Luise Schottroff
erkennt in diesen Gleichnissen eine „Schule der Wahrnehmung“,63 die se-
hen lehrt, also ebenfalls wie bereits in der Emmaus-Geschichte – Augen
öffnet dafür, wie Gott seine Herrschaft auf Erden realisiert. Wer Jesu
Gleichnisse hört und versteht, wer sich auf diese Sprach- und Bildwelt
einlässt, „sieht das Königtum Gottes, seinen Beginn und seine große Ver-
heißung des Heils für alle Völker.“64 Ihr Kollege John D. Crossan von der
DePaul University Chicago verweist darauf, dass es sich sowohl bei Senf-
pflanzen als auch bei den Vögeln „aus der Sicht des Landmanns“ um
„Schädlinge“ handelte. „Es kommt bei diesem Gleichnis also nicht nur
darauf an, dass ein winziges Senfkorn zu einem Busch von mehr als einem
Meter Höhe heranwächst, sondern auch darauf, dass die Senfpflanze auch
dort wuchert, wo sie nicht erwünscht ist, dass sie sich der Kontrolle ent-
zieht und Vögeln Nistplätze bietet, wo Vögel unerwünscht sind. Und so
sagte Jesus, sei das Königreich wie ein würziges Kraut mit der gefährli-
chen Neigung, sich wuchernd auszubreiten.“65 Das Kommen des Reiches
Gottes hat auch eine anarchische, unberechenbare Seite. Es geschieht zu
Zeiten, an Orten und durch Boten, die die professionellen Religionshüter
gar nicht auf ihrem Plan hatten/haben. Karl Barth spricht in seinen Spät-
werken66 von „‚Gleichnissen des Himmelreichs’ […] nicht nur im bibli-
schen Zeugnis also und nicht nur in den Veranstaltungen, Werken und
Worten der christlichen Kirche, sondern auch in der Profanität, d. h. dann
aber in wunderbarer Unterbrechung der Profanität des Weltlebens.“67
62 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
63 Luise Schottroff: Die Gleichnisse Jesu. Gütersloh 2004, S. 155.
64 Ebd., S. 268.
65 John D. Crossan: Jesus. Ein revolutionäres Leben. München 1996, S. 94.
66 Zu Karl Barths ‚Lichterlehre’ s. Die Kirchliche Dogmatik IV 3. 1. Hälfte. Zürich
1959: Das Licht des Lebens, S. 40 – 188 und ‚Das christliche Leben’. Die Kirchliche
Dogmatik IV 4. Fragmente aus dem Nachlaß. Vorlesungen 1959 1961. In: Ge-
samtausgabe II.7. Zürich 1976, bes. die Seiten 194 204 und 212 214. Zur Dis-
kussion der ‚Lichterlehre’ s. Hendrik Berkhof und Hans Joachim Kraus: Karl Barths
Lichterlehre. Zürich 1978.
67 Karl Barth: K.D. IV 3, S. 130f.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 41
Gottes befreiende Nachricht geschieht auch außerhalb kirchlicher Gebäu-
de und wird jenseits religiöser Sprache zum Ausdruck gebracht. Für mich
ist Hüthers Geschichte solch ein ‚Gleichnis des Himmelreichs’, ein Licht
der Wahrheit „extra muros ecclesial [sic]“.68 Hüther ist renommierter Wis-
senschaftler, der sich mit einem umfangreichen Oeuvre vor allem im
Grenzgebiet von Neurobiologie, Psychologie und Pädagogik immer wie-
der zu Wort meldet.69 An keiner Stelle hebt er darauf ab, Christ zu sein
oder einen religiösen Anspruch zu vertreten.70 Und dennoch atmet seine
Geschichte den Geist der Bibel, den Geist von Ostern und der Hoffnung
„Es ist nie zu spät!71
‚Ostern’ in der Schule und in der Supervision?
Was wäre Unterricht, was wäre Supervision ohne den Glauben daran und
die Hoffnung darauf, dass Veränderung, dass Umkehr (µετάνοια), Auf-
stehen und Auferstehung, eben Ostern möglich ist? Mit dieser Aussage
will ich weder das Ergebnis dieser Untersuchung vorwegnehmen noch als
Theologe den Supervisor vorschnell vereinnahmen. Aber als Theologe
werde ich hellhörig, wenn Naturwissenschaftler wie Gerald Hüther oder
Kommunikationswissenschaftler wie Paul Watzlawick theologische Kon-
notationen verwenden, um das ‚Wunder’ menschlicher ‚Wandlungenzu
beschreiben. Paul Watzlawick unterscheidet Veränderungen erster und
zweiter Ordnung. Eine Veränderung erster Ordnung liegt dann vor, wenn
‚das Neue’ sich gewissermaßen in der Erwartung des Alten’ bewegt: Eine
fleißige Schülerin hat bisher immer eine knappe Zwei geschrieben und
68 Hendrik Berkhof: Barths Lichterlehre im Rahmen der heutigen Theologie, Kirche
und Welt. In: H. Berkhof / H. J. Kraus, aaO., S. 34.
69 S. Gerald Hüther: Biologie der Angst. Göttingen 6/2004; Wie aus Stress Gefühle
werden. Göttingen 2/2002; Die Evolution der Liebe. Göttingen 3/2003; gem. mit
Karl Gebauer: Kinder suchen Orientierung. Düsseldorf und Zürich 2002; Kinder
brauchen Wurzeln. Ebd. 2001; Kinder brauchen Vertrauen. Ebd. 2004. Kinder
brauchen Spielräume. Ebd. 2003.
70 „Ich habe in der DDR Kindergarten, Schule und Universität besucht, dabei ein be-
stimmtes Weltbild in Theorie und Praxis eingehend kennen gelernt und musste spä-
ter, nach meiner Flucht in den anderen Teil Deutschlands, feststellen, dass ich in ei-
ner fremden Welt gelandet war. Hier wurde das Leben der Menschen von anderen
Welt-, Menschen- und Feindbildern bestimmt.“ So Gerald Hüther in: Die Macht,
aaO., S. 14.
71 Hennig Schröer sieht in der Lichterlehre Karl Barths eine Basis, auf der sich „die
Frage der Verhältnisbestimmung von Kirche und Kultur erörtern“ lässt „und damit
auch das Problem einer postmodernen Kultur. Die postmoderne Kultur erfasst ge-
rade die Bruchstückhaftigkeit, Fragmentarität (vgl. ‚ek merous’ 1. Kor 13,12), die
Fragilität, die Brüchigkeit der Welt. Aber sie nimmt auch den Zeichencharakter der
Welt positiv auf. Alles dies wird in einer Lehre vom Sinn der Gleichnisse mit irdi-
schen Bildern im Blick auf das Reich Gottes zusammenfassend zu erörtern sein,
was Barth in jenem Paragraph auch schon begonnen hat, näher zu erklären. Hier
liegt das Basisfeld für Theologie und Kultur.“ Henning Schröer: Von Comenius zur
Postmoderne im Horizont der Pansophie. Wechselwirkungen. Traktate zur Prakti-
schen Theologie und ihren Grundlagen 42. Waltrop 2002, S. 67.
42 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
nun aber in der Klausur eine glatte Eins eine Entwicklung, die zu erwar-
ten war, also eine Veränderung erster Ordnung. Eine Veränderung zweiter
Ordnung liegt dann vor, wenn sich nicht nur quantitativ, sondern auch
qualitativ eben das System selbst verändert. Um im schulischen Kon-
text zu bleiben: Wenn einer ‚mäßigen’ Schülerin ‚ein Licht aufgeht’, weil
sie begreift, wofür es sich zu lernen und zu leben lohnt und sie infolge
dessen vielleicht eine bessere Klausur schreibt. „Dieses Eintreten ei-
ner Veränderung zweiter Ordnung“, schreibt Paul Watzlawick, „wird
meist als etwas Unwillkürliches, ja Unbegreifliches, gesehen, ein Quanten-
sprung, eine plötzliche Erleuchtung, die unerwarteterweise nach langer
und oft entmutigender geistiger Anstrengung eintritt, manchmal in einem
Traum, manchmal fast als ein Akt der Gnade im theologischen Sinne“.72 Und
wenn der 2005 verstorbene ehemalige Direktor des Instituts für Bera-
tung und Supervision in Aachen Heinz J. Kersting Supervision als ein
freudestiftendes Lernen aus Verunsicherungen73 definiert, liegt es nahe, dass mir
als Theologe Martin Luthers „fröhlicher Wechsel“74 in den Sinn kommt
bzw. aus Nikolaus Hermans bekanntem Weihnachtslied die Zeile: „Er
wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein! Wie könnt es
doch sein freundlicher, das herze Jesulein, das herze Jesulein!“75 Auch da
geht es um ‚Gnade im theologischen Sinne’, um kaum ‚Begreifliches’, ge-
wissermaßen einen ‚religiösen Quantensprung’ zumindest aus christli-
cher Sicht. Und doch, so vermute ich, wird es bei diesem Einbrechen des
ganz Anderen’ aus systemischer bzw. theologischer Perspektive beim ge-
nauen Hinsehen auch Unterschiede geben. Aber gerade diese ‚Berührun-
gen’ bzw. Ahnungen’76 so will ich zunächst einmal tastend formulieren
zwischen Neurobiologie, Kommunikationswissenschaft, Systemtheorie,
Supervision und Theologie (Religion) sind es, die meine Neugier wecken,
der Beziehung von Supervision und Religion in der supervisorischen Ar-
beit mit Religionslehrerinnen und Religionslehrern genauer nachzugehen.
72 Watzlawick, Paul /Weakland. John H. / Fisch, Richard: Lösungen, aaO., S. 42 (kur-
sive Hervorhebung M. J.).
73 Heinz J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 10 (kursive Hervorhebung M. J.). Der ka-
tholische Dogmatiker Alexandre Ganoczy verweist auf die angeblich auf Luther zu-
rückgehende Wendung (leider ohne Beleg) von der „selige[n] Unruh“, „die bei der
Koexistenz und Konkreativität so vieler verschiedener Charismen unvermeidlich“
sei. Alexandre Ganoczy: Chaos Zufall Schöpfungsglaube. Die Chaostheorie als
Herausforderung der Theologie. Mainz 1995, S. 228.
74 Martin Luther: Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe = WA).
1883ff. (WA 7/35, 24 – 36).
75 Nikolaus Hermann: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich. In: EG. Evangelisches Ge-
sangbuch. Ausgabe für die Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern und Thü-
ringen. München/Weimar o. J., S. 70.
76 Für Harald Schroeter-Wittke ist „Ahnung der legitime Zugangsweg […] zu dem,
was die Kreativitätspsychologie Inkubations- bzw. Frustrationsphase genannt hat“.
Harald Schroeter-Wittke: Ahnungen von der Predigt. Konturen homiletischer Di-
daktik. Wechselwirkungen. Traktate zur Praktischen Theologie und ihren Grundla-
gen 39. Waltrop 2000, S. 38.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 43
4 Es ist nie zu spät und nie zu früh – selbst mit Supervision zu
beginnen
‚Supervisionsgeschichten’
Ich habe diese Geschichte an den Anfang gestellt, weil sie der Schlüssel zu
meiner Werkstatt ist und so die Analysewerkzeuge – zumindest ansatzwei-
se bereits im Arbeitseinsatz vorgestellt werden konnten. In meinen Au-
gen ist diese Geschichte eine Ressource, die nicht nur erstaunliche Energi-
en freisetzt, sondern auch die jeweiligen Stärken und Schwächen der päda-
gogischen, supervisorischen und theologischen Sichtweise ans Licht
bringt. Im weiteren Verlauf werde ich zu zeigen versuchen, wie wichtig
Geschichten auch biblische Geschichten in der supervisorischen Ar-
beit sein können, also auch selbst zu Werkzeugen werden. Für Gregory
Bateson, einen der ‚Väter’ der Systemtheorie, sind Geschichten nicht nur
Strukturierungshilfen, die Wirklichkeit ‚einfangen und ‚bändigen’, son-
dern wirkmächtige und schöpferische Akte, die eigenständig Wirklichkeit
(er)schaffen. Geschichten interpretieren nicht nur das, was wir erfahren
und in ihnen erzählen, sondern leiten uns an, das Leben anders, neu’ an-
zugehen.77
Die Geschicke des Lebens selbst in die Hand nehmen
Ich habe diese Geschichte aber auch deshalb an den Anfang gestellt, weil
sie einstimmt und vorbereitet auf eine weitere Lebensgeschichte, die einerseits
ganz anders ist als die des zehnjährigen Jungen und die doch darin ein ter-
tium comparationis hat, dass beide Hauptakteure von einem gewissen
Zeitpunkt an die Geschicke ihres Lebens selbst in die Hand nehmen.
Nach der Begegnung mit dem Lehrer, heißt es, habe der Junge das Bild
seines Lehrers immer in sich getragen. Dieses innere Bild wurde ihm zu
einer alles tragenden und bestimmenden Lebensressource. In der Ge-
schichte des Religionslehrers, die im Zentrum dieser Untersuchung steht,
gibt es nicht eine einzige, alles lenkende Lebensressource. Aber es gibt die
klar formulierte Absicht, sich nicht länger als Opfer undurchschaubarer Le-
bensumstände zu sehen, sondern den Weg aus dem Empfinden der
Fremdbestimmtheit in die Selbstbestimmtheit und damit auch in die Eigenver-
antwortung zu gehen. Er will herausfinden, worin die eigenen Kraftquellen
bestehen, auf die er sich verlassen kann, welche inneren Bilder hilfreich
sind, die Zukunft lebensbejahend zu gestalten. Er setzt sich das Ziel, Klar-
heit zu gewinnen, auszuloten, was das Richtige für ihn ist, ob dieser Beruf
des Religionslehrers für ihn der richtige ist, ob er die mit diesem Beruf
verbundenen Rollenerwartungen erfüllen kann und will und ob er seine
ganz persönlichen Lebensziele innerhalb dieses Berufsprofils zumindest
so weit realisieren kann, dass sich die Waagschale erkennbar in Richtung
Zufriedenheit neigt. Deshalb entscheidet er sich für Supervision; denn Su-
77 S. Kapitel IX.
44 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
pervision ist „reflektierende Klarlegungsarbeit (Person, Rolle und Praxis-
feld) im professionellen Kontext“.78
Der optimale Zeitpunkt, um mit Supervision zu beginnen
Es ist nie zu früh, aber auch nie zu spät, selbst mit Supervision zu begin-
nen. Inzwischen gibt es etliche Projekte, Supervision bereits während der
Lehrer/innenausbildung fest zu etablieren,79 und dafür sprechen viele
Gründe. Hier werden Weichen gestellt, die ganz wesentlich darüber ent-
scheiden, ob eine Lehrer/innen-Berufsbiographie gelingt oder misslingt.
Schaarschmidt und Arold setzen noch früher an und fordern ein diagnos-
tisches Verfahren, das es Interessenten an einem Lehramtsstudium er-
möglicht zu prüfen, ob sie für diesen Beruf überhaupt geeignet sind.80
Prävention kann nicht früh genug ansetzen. Deshalb fordern die „Lan-
dauer Empfehlungen zur Lehrergesundheit“81 eine „gezielte, an den päda-
gogisch-psychologischen Anforderungen der Praxis orientierte Ausbil-
dung für Lehrkräfte, die ggf. auch Auswahlprozesse für das Studium ein-
schließt“ und „in den ersten zwei Jahren verpflichtende Supervision zur
Stabilisierung sozialer und persönlicher Kompetenzen und pädagogischer
Praxis“.82 Die jungen Kolleginnen und Kollegen müssen ermutigt werden,
‚Nein’ zu sagen, Grenzen zu setzen, sich Erholungsräume und Bezie-
hungsnetze außerhalb der Schule zu sichern. Nur so können sie sich nach-
haltig vor einem drohenden Burnout schützen.83 Wie so ein supervisori-
scher ‚Support’ konkret aussehen kann, referiert sehr praxisnah Petra
Barz-Meißner, Studienrätin, Schulpsychologin und Supervisorin.84 Das
78 Heinrich Fallner und Michael Pohl: Coaching mit System. Opladen 2001, S.40.
79 S. die entsprechenden Modelle in Bremen, Kiel, Lüneburg u. a., zusammengestellt
von J. Schlee, aaO., S. 22 – 25; s .a. Brigitte Becker: Supervision in der Lehrerausbil-
dung. In: In: FoRuM Supervision 12/23/2004, S. 85 – 102..
80 U. Schaarschmidt / H. Arold, aaO., S. 12; ähnlich auch Hilbert Meyer: „Man kann
an seiner Persönlichkeit arbeiten. Allerdings ist zu bedenken, dass die Persönlich-
keitsentwicklung mit 19 oder 20 Jahren weitgehend abgeschlossen ist. Deswegen
machen auch die z. T. sehr strengen Auswahlverfahren für Lehramtsstudenten, wie
sie in anderen Ländern üblich sind, Sinn.“ Interview in: uni INFO der Carl von Os-
sietzky Universität Oldenburg 9/2004, www.uni-oldenburg.de, S. 2; die GEW gibt
allerdings m. E. zu recht zu bedenken, dass „die Lehrkräfte an beruflichen Schulen
[…], ausgehend von einer bereits durch Überforderungstendenzen gekennzeichne-
ten Situation, mit einer wachsenden und sich beständig wandelnden Anforderung
konfrontiert [werden]. Es stellt sich die Frage, ob der Anspruch an die Ausbildung,
auf all diese Anforderungssituationen vorzubereiten, überhaupt einlösbar ist.“ GEW
(Hg.): Die GEW informiert. Die Ausbildung von Berufsschullehrern und –lehrerin-
nen. Frankfurt 2002, S. 12.
81 Die Kaufmännische Schule 10/2004, S. 6f.
82 Ebd.
83 S. a. Andreas Hillert, aaO.
84 Petra Barz-Meißner: Ein Ausbildungskurs für Studienreferendare. Identität und Rol-
le als Lehrer. In: Astrid Schreyögg / Heinz Lehmeier (Hg.): Personalentwicklung in
der Schule. Bonn 2003, S. 51 – 65.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 45
Resümee ihrer Arbeit mit Studienreferendaren ist eindeutig: „Die Herein-
nahme supervisorischer Methoden in der Lehrerausbildung stellt eine gro-
ße Chance zur Professionalisierung der Lehrertätigkeit angesichts wach-
sender Anforderungen dar. Wer schon zu Beginn seiner Berufstätigkeit
mit Supervision in Kontakt gekommen ist, wird am ehesten auch später,
auch in Krisensituationen darin eine sinnvolle Unterstützung sehen.“85
Wenn nicht jetzt, wann dann?86
Die Supervisionserfahrung in der Ausbildung wäre somit eine solide
Grundlage, auf der man in der Berufseingangsphase, wenn ein Schulwech-
sel ansteht, wenn es Sprünge oder auch Brüche in der Berufslaufbahn
gibt, wenn akute Konflikte eingetreten sind etc., aufbauen und anknüpfen
könnte. Letztlich ist es in jeder Berufsphase sinnvoll, sich immer wieder
Zeiten und Räume zu gönnen, um innezuhalten und mit professioneller
Begleitung den Berufsalltag zu beleuchten. Heino Reimers und Telse A.
Iwers-Stelljes verweisen darauf, dass die schulsystemimmanenten Antino-
mien und Widersprüche sich in einem „nicht vorhersehbaren Kontext“
ereignen und gerade deshalb „gelegentlich der Selbstreflexion, aber auch
der Selbstklärung“ in einem Supervisionsprozess bedürfen.87 Neuere For-
schungen zeigen, dass gerade in den mittleren und späteren Abschnitten
der Berufsbiographie jenseits der Vierzig die größten Brüche und Krisen
zu verzeichnen sind.88 So gesehen gibt es nicht den optimalen Zeitpunkt;
jeder Zeitpunkt ist optimal, in dem es gärt’, in dem man spürt, dass sich
beruflich etwas verändern will/soll/muss.
Wohin man auch geht – man nimmt sich immer selbst mit!
Wie bereits angedeutet, war für mich selbst Supervision sowohl in der
schwierigen Berufseinstiegsphase nach dem Vikariat als auch nach mei-
nem Wechsel in die Berufsschule ein unverzichtbarer Ort der Reflexion,
emotionales Ventil und Zukunftswerkstatt zugleich. Der supervisionstypi-
sche Beratungsansatz, personenbezogene, rollenspezifische und systemi-
sche Perspektiven zu verknüpfen, war für mich genau der richtige Weg,
die beruflichen Herausforderungen zu kanalisieren: Gleichgültig, wie oft
ich meinen Beruf oder meine Arbeitsstelle auch wechsele, ich nehme mich
immer selbst mit und damit auch meine Strategien, mit Beziehungen,
Konflikten, beruflichen Chancen etc. umzugehen. Zu jedem beruflichen
Feld gehören spezifische Rollen mit einer je eigenen Dynamik. Bei allen
Berührungspunkten, die es geben mag, ist die Pfarrerrolle eben doch et-
85 Ebd., S. 65.
86 So endet der bereits zitierte Ausspruch Rabbi Hillels. In: Hans-Georg Geyer / Jo-
hann Michael Schmidt / Werner Schneider / Michael Weinrich, aaO., S. V.
87 H. Reimers / T. A. Iwers-Stelljes, aaO., S. 29.
88 Darauf verweist Rudolf Englert: Die Situation von Religionslehrern und -lehrerin-
nen, in: Ulrike Baumann, Rudolf Englert, Birgit Menzel, Michael Meyer-Blanck und
Agnes Steinmetz: Religionsdidaktik. Berlin 2005, S. 25.
46 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
was anderes als die Lehrerrolle oder die des Sozialarbeiters/in. Jede Be-
rufsrolle ist verbunden mit einem speziellen Katalog an Erwartungen,
Phantasien, Wünschen, aber auch Ängsten und potenziellen Überforde-
rungen. Ohne Hilfe von außen ist es oft unmöglich, diesem diffusen Ge-
flecht von Erwartungen, Zuschreibungen und realen Erfordernissen zu
entkommen. Jede berufliche Rolle ist selbst wieder Teil eines größeren
Systems, das nach je eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Eine
Grundschule mit einem Kollegium, das aus neun Frauen und einem Mann
(und der ist dann ausgerechnet auch noch der Vorgesetzte …!) besteht,
funktioniert anders als ein Berufskolleg mit einem Kollegium von knapp
200 Lehrern/innen, eine Schule arbeitet anders als eine Kirchengemeinde
und eine Schule im sozialen Brennpunkt wird strategisch anders aufge-
stellt sein als eine Schule im Münsterland, vom Ost-West-Gegensatz an
dieser Stelle ganz zu schweigen.89
Wirksamkeit supervisorischer Arbeit mit Lehrern/innen
Auch wenn die empirischen Forschungsergebnisse zur Wirksamkeit su-
pervisorischer Arbeit im schulischen Kontext noch recht schmal sind,90
gibt es unter denen, die sich mit schulischer Qualitätsentwicklung, dem
Thema Lehrer/innengesundheit und Lehrer-, -fort- und -weiterbildung
befassen, einen weitgehenden Konsens, dass Supervision ein effektiver
Weg ist, das Leben in der Schule für alle Beteiligen zu verbessern.91 „Alle
Untersuchungsergebnisse belegen“, wie K. D. Joswig in seiner Untersu-
chung zu „Supervision und Schule“ festhält, dass Supervision als wichti-
ge und erforderliche Entlastungsmöglichkeit sowie als hilfreiche Unter-
stützung der professionellen Arbeit, deren Effizienz sich dadurch erhöht,
erlebt wird.92 Und weiter führt er aus: „In diesem schwierigen Arbeits-
feld stützt dagogische Supervision den einzelnen, deckt ebenso indivi-
duelle blinde Flecken auf und rdert kommunikative und beraterische
Kompetenz. Weiterhin werden Defizite der Institution Schule aufgedeckt,
und ein Verschleiern der Probleme von Seiten der Schulträger wird
schwieriger. Ein transparentes System Schule setzt auch Ängste bei allen
Beteiligten frei, Verantwortung löst Verdrängung ab.93 Zu ähnlichen Re-
sultaten kommt auch Lieselotte Denner, die im Rahmen einer For-
schungsstudie Supervisionsprozesse mit insgesamt 67 Lehrern/innen eva-
luiert hat. In folgenden fünf Bereichen lassen sich demnach Wirkungen
belegen:
89Zur besonderen Situation des Religionsunterrichts in Ostdeutschland s. Michael
Domsgen: Religionsunterricht in Ostdeutschland. Die Einführung des evangeli-
schen Religionsunterrichts in Sachsen-Anhalt als religionspädagogisches Problem.
Arbeiten zur Praktischen Theologie Band 13. Leipzig 1998.
90 S. K. D. Joswig, aaO., S. 43f.
91 N. Belardi 2002, aaO., S. 108 112; K. D. Joswig, aaO., S. 45; B. Sieland, aaO.; E.
Schmitz, aaO. u.v.a.
92 K. D. Joswig, aaO., S. 43.
93 Ebd., S. 51.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 47
94
Nando Belardi verweist auf eine vergleichende Untersuchung von Gert
Jugert mit zwei Lehrergruppen. „Ein wichtiges Resultat ist die Tatsache,
dass die Lehrer, die Supervision erhalten hatten, von den Schülern besser
beurteilt wurden als die Lehrer, die keine Supervision kannten. […] ‚Auch
die Schüler schätzten ihre Lehrer gegen Ende der Supervision durch-
schnittlich als unterstützender (lobender, verstärkender) ein als vor Beginn
der Supervision’ (S. 161) Supervision beeinflusst also auch die ‚Endabneh-
mer’ (Schüler, Klienten, Kunden).95
Exkurs: ‚Wirkt sie oder wirkt sie nicht?’ Zum Diskurs über die Angemessenheit
der Evaluationsinstrumente in der supervisorischen Arbeit
Dass Hilarion G. Petzold die Reichweite der bisherigen Forschungsergebnisse zur
Wirksamkeit von Supervision grundsätzlich infrage stellt, hatte ich bereits in der Einlei-
tung erwähnt. Beim gegenwärtigen Stand der in Entwicklung befindlichen ‚Disziplin’
Supervision ist diese Fragestellung in der ‚Community’ der SupervisorInnen auf jeden
Fall sorgfältig und kritisch/selbstkritisch zu diskutieren, vor allen Dingen daraufhin,
dass überzogene Wirksamkeitsbehauptungen oder Geltungsansprüche, was die hohe
Wirksamkeit von Supervision – als ‚Markenzeichen’ (Fortmeier 2001)96, in ‚Gütesiegel-
qualität’ gar (Weigand 1999)97 anbelangt, durch die Ergebnisse empirischer For-
schung nicht abgedeckt sind. […] Eine Wirksamkeit von Supervision auf das KlientIn-
nen-PatientInnen-System kann für die vorherrschende Supervisionsmethodik verbaler,
supervisandInnenzentrierter Supervision nicht nachgewiesen werden.“98 Dem gegen-
94 Grafik nach L. Denner, aaO., S. 153.
95 N. Belardi 2002, aaO., S. 111.
96 Paul Fortmeier: Künftige Ziele der DGSv. DGSv aktuell 2/2001, S. 1 – 4.
97 Wolfgang Weigand: Professionalität schafft Qualität, wenn Ziel und Inhalt definiert
sind. In: Wolfgang Kühl (Hg.): Qualitätsentwicklung durch Supervision. Münster
1999, S. 246 – 262.
98 H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 31f.
Beratung
Supervision Pädagogische Fallbesprechung
I. Entlastung
II. Wahrneh-
mungserwei-
terung
III. Kompetenzerweiterung
1. für SchülerInnnen, Klassen,
Unterricht
2. für Team und Kollegium
3. für die Schule als Institution
IV. Veränderung der
Berufsauffassung
V. Innovation
48 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
über kritisiert H. Möller – Bezug nehmend auf Bardé und Mattke99 – genau diesen von
Petzold et al. geforderten sozialwissenschaftlichen Forschungsansatz, der „kausal-linea-
rer Abhängigkeit von stabilen und konstanten Merkmalen“100 verhaftet bleibt. „Effizi-
enzforschung in der Supervision darf dem supervisorischen Prozeß keine Gewalt an-
tun, indem sie fragt, ob ihr Arbeitsziel erreicht / nicht erreicht ist. Supervision ist nun
mal kein linearer Prozeß, der sich im prae-post-Vergleich abbilden ließe. Auch lassen
sich Supervisionsprozesse nur schwer in einem Problemlöseparadigma unterbrin-
gen“101. „Global“, führt H. Möller aus, läßt sich die Effizienz von Supervisionspro-
zessen [in Analogie zur Psychotherapie] zwar nachweisen“102 mlich dass sie wirkt,
aber weder wie noch warum sie wirkt. Interessanterweise kommen Petzold et al. in ih-
rem Kapitel über „Evaluation von Supervision“103 (S. 147 153) zu dem Ergebnis,
dass Supervision „laut der analysierten Studien deutliche positive Veränderungen bei
den SupervisandInnen hervorrufen“ kann. „So werden etwa Muster und Wiederholun-
gen besser erkannt oder Unterscheidungen zwischen veränderbaren und nicht verän-
derbaren Bedingungen leichter getroffen. […] Auch wenn die meisten Studien mit
Selbsteinschätzungsfragebögen arbeiten, so lässt sich immerhin feststellen, dass Super-
vision nach Meinung der NutzerInnen wirkt.“104 Und weiter heißt es auf S. 225: „Auf
der Ebene des SupervisandInnensystems ist das Potenzial von Supervision als effektive
Praxeologie der Entlastung von Mitarbeitern, der Weiterbildung, der Innovation und
Qualitätssicherung für die meisten (wenn wohl nicht für alle) Formen der Supervision
gegeben. Supervisanden profitieren nach ihrer subjektiven Einschätzung von Supervision, und es
sind auch objektive Indikatoren vorhanden.“ Die Argumentation, dass die 31 75 Mil-
lionen €, die in Deutschland jährlich für Supervision ausgegeben werden, dringend ei-
ner Überprüfung der Legitimation dieses Einsatzes bedürften, sst sich natürlich auch
umkehren – denn es gibt auch so etwas wie eine ‚Abstimmung mit den Füßen’!105
Aktuell bleibt allerdings die Klage, dass Supervision anders als in ande-
ren Berufen, die ebenfalls professionell mit Beziehungen und Interaktio-
nen zu tun haben und bei denen Supervision selbstverständlich zum Be-
rufsalltag gehört in der Schule nach wie vor noch ein „Akzeptanzpro-
blem“106 hat.
Supervision mit einem Religionslehrer in der Berufseingangsphase
Es ist nie zu spät, aber auch nie zu früh, mit Supervision zu beginnen
der Supervisand, dessen Prozess hier dargestellt ist, hatte offensichtlich
kein Akzeptanzproblem, denn er meldete sich unmittelbar, nachdem er
99 Benjamin Bardé / Dankwart Mattke: Therapeutische Teams. Theorie Empirie
Klinik. Göttingen 1993.
100H. Möller: Was ist gute Supervision? AaO., S. 86.
101Ebd. S. 87. Im Blick auf die therapeutische Arbeit spricht Kurt Ludewig gar von ei-
nem „Therapeutendilemma“, das lautet: „Handele wirksam, ohne je im Voraus zu
wissen, wie, und was dein Handeln auslösen wird.“ Kurt Ludewig: Einführung in
die theoretischen Grundlagen der systemischen Therapie. Heidelberg 2005, S. 75
78. Zitat S. 76.
102H. Möller: Was ist gute Supervision? AaO., S. 86.
103H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO.
104H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 147f.
105S. ebd., S. 213.
106K. D. Joswig, aaO., S. 30. “Und trotzdem bleibt es ein zähes Unterfangen, Supervisi-
on an Schulen zu etablieren“, urteilen auch A. Herrmann / St. D. Richter, aaO, S. 13.
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 49
seinen Dienst in einem Berufskolleg einer Großstadt neu angetreten hatte.
Analog zu meiner eigenen Berufsbiographie ist er ausgebildeter Theologe,
der zunächst in einer Kirchengemeinde gearbeitet hat und dann als Religi-
onslehrer und Berufsschulpfarrer an eine berufsbildende Schule wechsel-
te. Diesen Berufswechsel, der eben auch einen Rollen- und Systemwechsel
impliziert, wollte er in der Supervision professionell begleitet wissen.
Zur Genese der zentralen Fragestellung dieser Untersuchung
Mit Rilke hatte ich bereits in der Einleitung auf die in konzentrischen
Kreisen verlaufende Reflexionsbewegung dieser Untersuchung hingewie-
sen. Dass es den Supervisanden bei seiner Suche nach Lösungen immer
wieder zu biblischen Bildern und theologischen Deutungsmustern dräng-
te, war für mich als Supervisor nicht zu überhören. Dieser Eindruck ver-
stärkte sich noch einmal beim Abhören und Transkribieren der aufge-
zeichneten Sitzungsverläufe. Den Transkripten wiederum ist zu entneh-
men, wie sich meine Anläufe, diese biblisch-theologischen Deutungsmus-
ter in meinen Interventionen aufzugreifen und so aktiv für die supervisori-
sche Arbeit fruchtbar zu machen, im Prozessverlauf weiterentwickeln.
Die Aufmerksamkeitsrichtungen – Intentionen
Nach Beendigung des ersten über 15 Sitzungen á 90 Minuten kontraktier-
ten Prozesses107 stand mein Entschluss fest, diesen gesamten Prozessbo-
gen über den Werkstattbericht, den ich als Abschlussarbeit meiner Super-
visionsausbildung bei der Diakonischen Akademie in Berlin angefertigt
hatte, noch einmal einer systematisch-wissenschaftlichen Analyse zu un-
terziehen mit der Intention, herauszuarbeiten,
welche religiösen Bilder, Sprachformen, Theologumena, Gottesbilder
etc. konkret auftauchen,
wie hoch rein quantitativ der Anteil religiöser Elemente in dem
Prozess ist,
welche Funktion und Bedeutung Religion für den Supervisanden hat,
wie Religion im Berufsleben dieses Religionslehrers wirksam wird,
welche Funktion und Bedeutung Religion im Supervisionsprozess hat,
welche Auswirkungen das auf den Supervisanden bzw. auf den Super-
visor hat,
was es in diesem Zusammenhang bedeutet, dass der Supervisor selbst
Theologe/Pfarrer ist und 14 Jahre als Religionslehrer unterrichtet hat,
wie der Supervisor mit religiösen Elementen umgeht, ob er aktiv religi-
öse Elemente in den Supervisionsprozess einbringt und wie sich das
ggf. auswirkt.
107Nach Beendigung des ersten Prozesses wurde mit dem Supervisanden noch ein wei-
terer Supervisionsprozess kontraktiert. Ausführlicher dazu in Kapitel XI.
50 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
Bevor in Kapitel IV die Prozessanalyse beginnt, wird zunächst eine Be-
schreibung des Beratungsformates ‚Supervisiongegeben, der organisato-
rische Kontext, die handelnden Personen im untersuchten Prozess (Kapi-
tel II) vorgestellt und eine Abgrenzung der ‚Supervision’ von anderen For-
maten wie Fachberatung, Coaching, Fortbildung und Therapie (Kapitel
III) vorgenommen.
5 Der Blick zurück
auf das Thema ‚Supervision mit Lehrerinnen und Lehrern’
Angesichts der neurobiologischen Entwicklungsgeschichte eines jedes
Menschen kommen Lehrer/innen zwangläufig immer spät. Stets waren
andere bereits vor ihnen da. Gerald Hüthers Geschichte zeigt: Pädago-
gische ‚Nachbesserung’ macht Sinn! Der Kontext solch eines ‚people
processing’ (Hurrelmann / Settertobulte) ist allerdings äußerst Stress
geladen. Schnell geraten Pädagogen/innen dabei unter inneren und äu-
ßeren Druck.
Der Lehrerberuf hat sich in den letzten Jahren zu einem der führenden
Risikoberufe entwickelt. Religionslehrer/innen sind in besonderer Weise
Anwärter für das Risikomuster A der Schaarschmidt-Studie. Die Risi-
kofaktoren des Lehrerberufs liegen sowohl ‚innen’ in der eigenen
Persönlichkeit als auch ‚außen im beruflichen System und den
Rollenerwartungen und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt wer-
den.
Supervision ist eine professionelle Beratungsform, die in einem zeitlich
und räumlich begrenzten Prozess das berufliche Handeln im Bedin-
gungsgeflecht von eigener Person, beruflicher Rolle und System reflek-
tiert.
Ressourcenorientierte Supervision ist eine gemeinsame Suche nach noch
ungenutzten Potentialen mit dem Ziel, ein Mehr’ an innerer und äuße-
rer Freiheit im beruflichen Alltag zu ent-decken. Sie geht davon aus,
dass das Problem’ auch bereits die Lösung’ impliziert. Grundlegende
‚Werkzeuge’ sind z. B. ‚Reframing’ und positive Konnotation’. Auch
Geschichten wie die G. Hüthers nnen Ressourcen und somit
Werkzeuge supervisorischer Arbeit sein.
Hüthers Geschichte atmet den Geist der Bibel, den Geist von Ostern und der
Hoffnung. Auch Systemiker konnotieren Veränderungen zweiter Ord-
nung (Watzlawick) in theologischer Sprache.
Mit Supervision zu beginnen, heißt auch, das (Berufs)Leben selbst in
die Hand zu nehmen. Supervision ist in jeder Phase der Berufsbiographie sinn-
voll. Sie sichert professionelle Begleitung im Beratungsprozess und ist
I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’ 51
sowohl ein wirksames Instrument der beruflichen Prophylaxe als auch
der Krisenintervention.
auf den Prozess, der in dieser Untersuchung präsentiert und ana-
lysiert wird
In dem dargestellten Prozess geht es um eine supervisorische Begleitung ei-
nes Religionslehrers in der Berufseingangsphase.
Die zentrale Fragestellung dreht sich um die Funktion und Bedeutung re-
ligiöser bzw. theologischer Muster im supervisorischen Arbeitsprozess.
Diese zentrale Fragestellung wird durch ein breites Spektrum an Intentio-
nen und Aufmerksamkeitsrichtungen ausdifferenziert.
52 I. Kapitel: Eine ‚Schlüsselgeschichte’
II. Kapitel: Die Werkstatt 53
II. Kapitel
Die Werkstatt
Format – Ort – handelnde Personen
1 Das Beratungsformat ‚Supervision’
Der Begriff ‚Supervision’1
Der Begriff ‚Supervision’ ist nicht geschützt und führt nach wie vor im-
mer wieder zu Verwirrung, da er in den unterschiedlichsten Kontexten
zur Beschreibung nicht verwandter Tätigkeiten gebraucht wird.2 Supervi-
dere (gr. επισκοπεω = visitationi vaco, inspicio, supervideo) bedeutet (nach
Petzold, Ebert, Sieper 1999/2002)3 sich der Überwachung widmen, auf
etwas sehen, beobachten, inspizieren, nach dem Rechten sehen, kontrol-
lieren, beaufsichtigen, führen, untersuchen. Im klassischen Latein fehlt der
Begriff ‚supervisor’. Für ihn steht ‚inspector’. Der spätlateinische Begriff
supervidere wird dem inspicere parallelisiert, genauso wie der Begriff supervisor
dem Begriff inspector bzw. supervisio/inspectio gleichgeordnet wird. Diese Be-
griffe und ihre Bedeutungen zeigen deutlich Macht-, Führungs- und Kon-
trollaspekte“4 so H. G. Petzolds et al. Einführung in die Etymologie des
Begriffs Supervision, mit der zugleich eine Hypothek angedeutet wird, die
im Hintergrund mancher Vorbehalte gegenüber Supervision noch mit-
schwingen mag.5 Hinzu kommt die „Psychologisierung von Supervision“6
1 Zum Begriff ‚Supervision’ und zur Geschichte der Supervision s. N. Belardi 2/1998,
S. 19 35. Kritik an Belardis Darstellung von H. G. Petzold et al: Supervision auf
dem Pfstand, aaO., S. 98f. und 157 162. S. a. W. Ebert, aaO., S. 58 60.
2 S. Waldemar Pallasch / Wolfgang Mutzeck / Heino Reimers (Hg.), aaO., S. 20f., die
dort Jürgen Jahnke zitieren: „Der Begriff Supervision ist so gebräuchlich wie unklar,
so häufig verwendet und gefordert wie selten durchdacht und definiert, so oft mit
hohen Erwartungen verbunden wie auch mit erlebten Enttäuschungen und prakti-
schen Schwierigkeiten“. Ähnlich auch H. G. Petzold et al.: „Der Begriff ‚Supervisi-
on’ in den einzelnen Studien und Texten zu den in dieser Untersuchung diskutierten
Themen ist sehr uneinheitlich, was Inhalt, Abstraktionsniveau und Praxisnähe be-
trifft.“ In: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 68.
3 Hilarion G. Petzold / Wolfgang Ebert / Johanna Sieper: Kritische Diskurse und su-
pervisorische Kultur. Supervision: Konzeptionen, Begriffe, Qualität. Probleme in
der supervisorischen ‚Feldentwicklungtransdisziplinäre, parrhesiastische und in-
tegrative Perspektiven. Düsseldorf/Hückeswagen 1999. Überarbeitet 2001 in: SU-
PERVISION: Theorie Praxis Forschung. Eine interdisziplinäre Internetzeit-
schrift 01/2001.
4 H. G. Petzold et al: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 97.
5 Diese Vermutung wird von A. Blöckners Befragung von 116 Lehrern/innen in Bay-
ern bestätigt. A. Blöckner, aaO., bes. S. 219f.
54 II. Kapitel: Die Werkstatt
in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit der bereits in der
Einleitung angedeuteten Konsequenz, dass Supervision und Therapie von
manchen potenziellen Klienten/innen nicht mehr trennscharf wahrge-
nommen werden. Darüber hinaus kennt jede/r Kinobesucher/in vom
Abspann den ‚supervisor’ und auch diese Alltags-Bilder bzw. ‚Ahnungen
von Supervision ‚speisen die Erwartungen mancher Supervisanden/in-
nen: ‚Sie haben als Supervisor den Überblick. Sagen Sie mir bitte, was ich
ändern muss!Für weitere Verwirrung sorgt die Uneinheitlichkeit des Su-
pervisionsverständnisses in den USA und Europa, aber auch innerhalb
Europas.7 Hilarion G. Petzold zitiert das Oxford English dictionary
(1989), das supervisor definiert als „a person who exercises general direction
or control over a business, a body of workmen, etc.; one who inspects and
directs the work of others. […] Diese eine Bedeutung hat sich im Bereich
des angloamerikanischen Wirtschaftslebens und international im Profit-
sektor’, der ‚Freien Wirtschaft’ erhalten und durchgesetzt und bestimmt
auch nachhaltig das US-amerikanische Verständnis von ‚clinical supervi-
sion’.”8
Auch wenn diese Untersuchung sich auf Supervision als professionelle Be-
ratungsform konzentriert, bleibt eine für den/die potenzielle/n Kun-
den/Kundin unübersehbare Vielfalt von Begriffen, Ansätzen, Konzepten
und Modellen.9 ’Die’ Supervision [gibt] es nicht“, stellen H. G. Petzold et al.
fest. Man hat es „auch im deutschsprachigen Bereich [.] mit einer kaum
überschaubaren Zahl von unterschiedlichen Supervisionsverständnissen,
Ansätzen, Methoden, Schulen zu tun […], für die bislang kein gemeinsamer
6 H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Pfstand, aaO., S. 98 mit Hinweis auf N. Be-
lardi. Angesichts der Vorbehalte gegenüber einer therapeutisch orientierten Supervision
plädiert Harald hl neuerdings für eine srkere Akzentuierung des dagogischen“,
die uns davor bewahren [kann], in das Fahrwasser des Heilberufes zu geraten“. Harald
Pühl: Der Supervisor als Leiter und Pädagoge. In: Harald Pühl (Hg.): Supervision. As-
pekte organisationeller Beratung. Berlin 2002, S. 96 107; Zitat S. 105.
7 „In den USA bedeutet Supervision zumeist Fachaufsicht, in vielen Fällen kann man
sich die Supervisorin nicht selbst aussuchen, sondern bekommt eine zugewiesen“,
betonen H. G. Petzold et al., ebd., S. 105. In den Niederlanden ist Supervision we-
niger an der Psychologie und therapeutischen Schulen orientiert, sondern hat sich
„stärker als Kompetenz und Weiterbildungsmethode entwickelt“, bestätigt auch N.
Belardi 2/1998, aaO. S. 29. Ähnlich H. G. Petzold et al., aaO., S. 146. S. außerdem
den Artikel von Louis van Kessel: Theorie und Praxeologie des Lernens in der Su-
pervision. Einige Bausteine aus niederländischer Sicht. In: Berker, Peter / Buer,
Ferdinand (Hg.): Praxisnahe Supervisionsforschung. Felder Designs Ergebnisse.
Münster 1998, S. 46 – 68.
8 H. G. Petzold in: H. G. Petzold et al., aaO., S. 200.
9 So vergeht kaum eine Fortbildungsveranstaltung, auf der ich nicht als ‚Insider’ ange-
sprochen und um ‚Klärungshilfe’ gebeten werde: ‚Sie sind doch Supervisor. Sie kön-
nen bestimmt den Unterschied zwischen Supervision, Coaching und Organisations-
entwicklung, zwischen systemischer, psychodramatischer und tiefenpsychologisch
orientierter Supervision erläutern.’
II. Kapitel: Die Werkstatt 55
Nennerin theoretischer oder methodischer Hinsicht gefunden werden konnte
hier liegt die Situation kaum anders als beim Schulenchaos’ in der Psy-
chotherapie“.10 Und selbst wenn dezidiert von Supervision als Beratung
die Rede ist, so Petzold et al., kann man nicht sicher sein, dass von einem
übereinstimmenden Beratungsverständnis ausgegangen wird.11
Format-Merkmale von Supervision
Niederschwelliger, pragmatischer und damit lösungsorientiert gehen Wal-
demar Pallasch und Heino Reimers, die beiden Pioniere des Kieler Super-
visionsmodells für Lehrer/innen, ans Werk, indem sie die vorliegenden
Supervisionsangebote auf gemeinsame Format-Merkmale hin untersu-
chen. „Nach der Durchsicht theoretischer Vorlagen“, so ihr Ergebnis,
„lassen sich, bis auf sehr wenige Ausnahmen, aus allen Supervisionskon-
zepten bzw. -modellen mehrere übereinstimmende bzw. immer wieder-
kehrende Merkmale ablesen“,12 die es erlauben, so meine Schlussfolge-
rung, von einem ‚Beratungs-Format Supervision’13 zu sprechen:
„Supervision bedeutet Reflexion bzw. Anleitung zur Selbstreflexion der be-
ruflichen Tätigkeit.
In die Reflexion einbezogen werden immer auch persönlich-biographische
Anteile der Supervisanden.
10 H. G. Petzold: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 68.
11 „Definitionen mit Elementen wie: Supervision ist eine Form der Beratung …’ wer-
den nicht von allen Ansätzen geteilt, und wo hier Konsens bestehen sollte, besteht
keine Einigkeit im Beratungsverständnis (Ossola, Petzold 2003).“ Supervision auf
dem Prüfstand, aaO., S. 68. Varianten von Beratungsbegriffen werden ebd., S. 215 –
217, vorgestellt. Auf S. 160 schreiben dann allerdings dieselben Autoren „Im
deutschsprachigen Raum wird Supervision inzwischen recht einheitlich als eine
Dienstleistung der berufsbezogenen Beratung gesehen (vgl. u. a Pühl 1999). Ge-
meint ist damit das Berufsbild und die Tätigkeit einer in der Mehrzahl der Fälle ei-
gens ausgebildeten institutionsexternen SupervisorIn, die für eine bestimmte Anzahl
von Stunden bzw. einen begrenzten Auftrag von einer Einrichtung bestellt wird.“
Ebd. S. 160. Eine Diskussion der aktuellen ‚Beratungsbegriffe’ bieten Chr. Morgen-
thaler / G. Schibler, aaO., S. 34 37. B. - J. Ertelt und W. E. Schulz treten mit dem
Anspruch an, „die weltweit renommiertesten Beratungskonzepte“ vorzustellen und
„daraufhin zu überprüfen, inwieweit deren Grundlagen und Philosophien dazu bei-
tragen, den Nutzen des Beratenen zu mehren.“ So Walter Rosenegger im Vorwort
(S. II) zu Ertelt/Schulz: Handbuch Beratungskompetenz, aaO. Vorgestellt und dis-
kutiert werden das ‚Microcounseling-Modell von A. E. Ivey’, das ‚Problemmanage-
ment-Modell von G. Egan’, die ‚Lösungsorientierte Beratung’ und das eigene ‚Inte-
grative Modell’.
12 W. Pallasch / H. Reimers, aaO., S. 27f.
13 Der Format-Begriff wird im Supervisionsfeld bes. von Ferdinand Buer gepflegt. Er
definiert ‚Format’ als „einen institutionellen Rahmen für anspruchsvolle Bezie-
hungsarbeit“, der „durch Staat (Gesetze und Vorschriften) und parastaatliche Orga-
nisationen (wie Berufs- und Fachverbände) geregelt“ ist. In: Ferdinand Buer: Lehr-
buch, aaO, S. 203; s .a. S. 22f.
56 II. Kapitel: Die Werkstatt
In jeder Supervision sind implizit Elemente von Psychohygiene enthal-
ten. Supervision dient daher auch zumindest phasenweise als Ent-
lastungsinstanz für berufliche Sorgen und Beschwerden.
Neben einer spezifisch ausgewiesenen Feldkompetenz verfügt der Super-
visor über eine zusätzlich erworbene Beratungskompetenz, die es ihm er-
möglicht, einen einzelnen Supervisanden oder eine Gruppe zieladäquat
anzuleiten.
Supervision bietet ein eigenes Arbeitssetting an, das sich von bereits vor-
handenen (z. B. Beratung, Training, Therapie) unterscheidet.
Supervision ist eine zeitlich begrenzte Beratung bzw. Begleitung r die Pra-
xis.“14
Während Pallasch und Reimers sich mit ihren sechs Format-Merkmalen
auf den konkreten Beratungsprozess beziehen, beanspruchen Hilarion G.
Petzold et al. mit ihrem Forschungsprojekt „Supervision auf dem Prüf-
stand“, „50 Supervisionsdefinitionen und Charakterisierungen von Super-
vision15 mit dem Ziel einer approximativen Definition eines potenziellen, mini-
malen Konsenses16 zu analysieren. Supervision stellt sich ihnen dar als „eine
moderne Methodologie reflexiver und diskursiver Sozialintervention zur
fachlichen Beratung, Begleitung und Weiterbildung von MitarbeiterInnen
unterschiedlicher Arbeitsfelder (wenngleich schwerpunktmäßig psychoso-
zialer) und damit ein Instrument der Qualitätssicherung und -entwicklung
in der Arbeit mit Menschen (KlientInnen, PatientInnen, Personal)“.17 Für
Petzold et al. muss „Supervision als Gesamtsystem betrachtet werden, da-
mit ihr Mehrebenencharakter“18 bzw. die ‚Mehrperspektivität’ dieses Be-
ratungsansatzes angemessen zum Ausdruck kommt. Konstitutiv sind da-
für folgende sechs Ebenen:19
(1) Das Supervisionssystem mit qualitätssichernden Subsystemen wie z. B.
Ausbildungsinstituten, Lehr- und Kontrollsupervision, Dachverbänden,
Fachdiskussion etc.
(2) Das Supervisoren/innensystem mit seinen qualitätsrelevanten Kompeten-
zen (allgemeinsupervisorische Kompetenz / Feldkompetenz / Problemlö-
sungskompetenz / Empathie / Entlastungskompetenz etc.)
(3) Das Supervisanden/innensystem von mir konkret bezogen auf den schu-
lischen Bereich: einzelne Lehrer/innen, Pädagogen/innen in Leitungs-
funktionen, Lehrer/innen von unterschiedlichen Schulen, Teilgruppen ei-
nes schulischen Systems (z. B. Fachkonferenzen, Bildungsgangkonferen-
14 W. Pallasch / H. Reimers, aaO., S. 27f. Hervorhebungen M. J.
15 H. G. Petzold et al., aaO., S. 203.
16 Ebd., S. 203.
17 Ebd., S. 202.
18 Ebd., S. 203.
19 Ebd., S. 204 – 207.
II. Kapitel: Die Werkstatt 57
zen, Leitungsorgane). Wann kann von ‚Kundenzufriedenheit’, wann von
‚nachhaltiger’ Supervision gesprochen werden?
(4) Das Klienten/innensystem bezogen auf den schulischen Einsatzort sind
das zunächst die Schüler/innen, indirekt natürlich auch die Eltern und im
berufsbildenden Bereich auch die ‚Dualen Partner’. Wie wirkt sich die Ef-
fizienz der supervisorischen Arbeit auf diese ‚Klientensysteme’ aus?
(5) Die Auftraggebersysteme unterschieden in interne und externe Supervi-
sion. Interne Lehrersupervision wird z. B. durch den Arbeitgeber / den
Dienstherrn / die Dienstaufsicht (etwa durch die Bezirksregierung) ange-
boten; externe Supervisoren/innen werden durch die Supervisanden/in-
nen selbst beauftragt.
(6) Das Forscher/innensystem, wie es bei Petzold et al. genannt wird, habe ich
durch ‚Weltanschauungen’ ergänzt und mit Referenzsysteme’ überschrie-
ben. Supervision bedarf der Forschung und muss ihre weltanschaulichen
Implikate inklusive der ethischen Grundlagen und Ziele reflektieren
(s. Kapitel VII).
In Anlehnung an Petzolds et al. „Mehrebenenmodell“ lässt sich ein „Ge-
samtsystem Supervision“ für Lehrer/innen grafisch folgendermaßen dar-
stellen.20
20 Ebd., S. 203.
58 II. Kapitel: Die Werkstatt
Die unteren Pfeile verweisen auf die jeweiligen Rechts- und Arbeitsbezie-
hungen zwischen Lehr- bzw. Kontrollsupervisoren/innen und Ausbil-
dungs- bzw. Kontrollsupervisanden/innen, zwischen Supervisoren/innen
und Supervisanden/innen (bei externer Supervision ggf. in Form eines
sog. Dreieckskontraktes auch mit dem Auftraggebersystem) und zwischen
Supervisanden/innen und Klienten/innen.
Professionelle Qualitätsstandards
Um dem Wildwuchs auf einem lange Zeit expandierenden Beratungsmarkt
zu wehren, verlässliche Angebotsstrukturen zu etablieren und professionelle
Qualitätsstandards zu garantieren, haben sich in den vergangenen 25 Jahren
etliche Dachverbände gegründet. Seit 2003 arbeiten die wichtigsten Organi-
sationen im ‚Verbändeforum Supervision’21 mit dem Ziel zusammen, „ei-
nen inhaltlichen Austausch aller seriösen Zusammenschlüsse von Supervisi-
onsanbietern im Sinne einer Qualitätssicherung22 zu ermöglichen und wei-
ter zu fördern. Der mitgliedersrkste Verband ist die Deutsche Gesell-
schaft für Supervision (DGSv), die – 1989 gegründet – inzwischen ca. 3.500
Supervisorinnen und Supervisoren sowie ca. 30 Ausbildungsinstitute ver-
tritt, die sich zur Einhaltung der gemeinsam entwickelten Qualitsstan-
dards verpflichten, obwohl sie die ganze Bandbreite an konzeptionellen An-
sätzen repräsentieren. „Den Berufsverbänden, besonders der Deutschen
Gesellschaft für Supervision e. V., ist es gelungen, die Mitgliedschaft in ih-
ren Verbänden als Markenzeichen zu etablieren“, resümiert Stefan hl,
Soziologe an der Bundeswehrhochschule in Hamburg.23
21 Die beteiligten Verbände sind der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und
Psychologen e.V. (BDP) / Deutsche Psychologen Akademie (DPA), der Deutsche
Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik e.V. (DAGG), die
Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie e.V. (DGfP), die Deutsche Gesell-
schaft für Supervision e.V. (DGSv), die Deutsche Gesellschaft für Systemische The-
rapie und Familientherapie e.V. (DGSF), die Ev. Konferenz für Familien- und Le-
bensberatung e.V. (EKFuL), die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsy-
chotherapie e.V. (GwG) und die Systemische Gesellschaft e.V. (SG).
22 Vorwort, in: Verbändeforum Supervision (Hg.): Die Zukunft der Supervision zwi-
schen Person und Organisation. Köln 2005, S. 5.
23 S. Kühl, aaO., S. 7. H. G. Petzold et al., Verfechter einer ‚wissenschaftlichen’ Super-
vision mit eher universitären Ausbildungsverfahren formulieren deutliche Kritik:
„Die bloße Gewährleistung von Ausbildungsstandards, die immer wieder als Quali-
tätsgewährleistung ins Feld geführt wird (vgl. Petzold, Oeltze, Ebert 2001), zeugt
nur von einer völligen fachlichen Uninformiertheit über Evaluationsfragen (vgl. Lai-
reiter, Vogel 1998).“ In: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 36; ähnlich S. 69.
Abgesehen davon, dass die Dachverbände seit einigen Jahren sich um die Entwick-
lung geeigneter TQM-Modelle bemühen [s. z. B. DGSv (Hg.): Qualitätsentwicklung
von Supervision. Projekt 2003 2006. Köln 2003], sollten auch die Grenzen empi-
rischer Qualitätskontrolle im Blick sein, die H. Möller auf den Punkt bringt: „Be-
trachtet man nun die Vielzahl der Einflußfaktoren, wie ökonomischer Kontext,
Stellenbesetzung, Qualifikation der Mitarbeiter, Hierarchiestruktur der Organisa-
tion, Komplexität und Störungsgrad der Klientel etc., wird schnell deutlich, welch
ein methodisches Problem die Effizienzkontrolle von Supervision darstellt. Die Fra-
II. Kapitel: Die Werkstatt 59
Von elementarer Bedeutung für die Etablierung einer deutlich umrissenen
Profession ‚Supervisor/Supervisorin’ sind
Standards für die Ausbildung von Supervisoren/innen als Kriterium
für gute Supervisionsausbildungen
Standards für Lehrsupervisoren/innen
Standards für Ausbildungsleiter/innen
die Entwicklung und Erprobung von Evaluationsverfahren
die Selbstverpflichtung auf gemeinsame ethische Leitlinien.24
Supervisionskonzepte
Wie Klaus Dieter Joswig sehr übersichtlich darstellt, „basieren Beratungs-
und Supervisionsansätze [meist] auf therapeutischen Schulen und werden
durch Kommunikationstheorien, gruppendynamische und systemtheoreti-
sche Ansätze komplettiert.25
Bei den therapeutischen Schulen dominieren tiefenpsychologische Ansät-
ze, die Gestalttherapie, die Verhaltenstherapie und in besonderer Weise
die Gesprächpsychotherapie nach Carl Rogers, die sich nach Joswig „als
Basiskompetenz im Beratungs- und Supervisionsbereich“26 etabliert hat.
Die von Paul Watzlawick entwickelten fünf Axiome der Kommunikati-
gestellung ist bei weitem komplexer, da viel mehr an Kontextvariablen zu berück-
sichtigen ist als in der Psychotherapieforschung, deren Ergebnisse auch schon ma-
ger sind.“ H. Möller: Was ist gute Supervision? AaO., S. 85. Zu den Grenzen der
‚Machbarkeit’ aus systemisch-konstruktivistischer Sicht s. a. K. Ludewig, aaO., S. 75
– 78 und im weiteren Verlauf dieser Untersuchung Kapitel X.2.
24 S. www.dgsv.de.
25 K. D. Joswig: aaO., S. 10. Ebd., S. 11, die Vorlage der Grafik. Es gibt „in den gro-
ßen professional communities’ wie den nationalen deutschsprachigen Fachverbän-
den vielfältige konzeptuell divergierende ‚subcommunities’: z. B. ‚systemische Aus-
bildungen’ mit unterschiedlichsten, z. T. recht divergierenden Systemansätzen
(vgl. Ebert 2001; Schiepek 1999) –, psychoanalytische Ausbildungen mit Rekurs
auf unterschiedliche tiefenpsychologische Ansätze –, humanistisch-psychologische
(so divergierend wie Gestalt, Psychodrama, Rogerianische, Transaktionsanalytische
Supervision), gruppendynamische und integrative Orientierungen.“ H. G. Petzold et
al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 69.
26 K. D. Joswig, aaO., S. 11. Siehe dazu ausführlicher Kapitel II.3.2.
Therapeutische
Schulen
Kommunikations
-
theorien
Gruppendynamische
Ansätze
Systemtheoretische
Ansätze
Supervision
60 II. Kapitel: Die Werkstatt
on27 und das ‚Vier-Ohren-Modell’ der Kommunikation nach Friedemann
Schulz von Thun28 gehören ebenfalls zu den ‚Basics’ in der Supervisions-
ausbildung. Ein gruppendynamischer Ansatz, der „speziell in pädagogi-
schen Arbeitsfeldern29 besondere Beachtung findet, ist die Themenzen-
trierte Aktion (TZI) nach Ruth Cohn. Das überrascht nicht, sieht Ruth
Cohn selbst TZI doch als einen Weg „zur Humanisierung der Schulen“.30
„Dahinter steht die Annahme, dass Ruth Cohn nicht neue Faktoren der
Kommunikation erfunden hat, sondern dass sie gleichsam ‚Naturgesetze’
der gelungenen menschlichen Kommunikation und Kooperation aufge-
spürt und systematisiert hat“,31 ist Helmut Reichert, Geschäftsführer des
Vereins für Weiterbildung in Supervision auf der Grundlage der Themen-
zentrierten Interaktion e. V., überzeugt. „Nach diesem Ansatz ist jeder ge-
lungene Schulunterricht ‚nach TZI abgelaufen’, unabhängig davon, ob
die/der Unterrichtende dies so benennt.“32
Ein (kleiner) Blick zur Seite
Hatte ich im ersten Kapitel angesichts der neurologischen Entwicklung des Menschen
davon gesprochen, dass Lehrer/innen zwangläufig immer spät kommen, so sind sie den
Therapeuten/innen jedoch immer einen Schritt voraus: „Pädagogik ist die Kunst, Thera-
pien antizipierend zu ersetzen, Therapie ist nachträgliche Pädagogik“,33 so die hohe
Wertschätzung pädagogischer Arbeit durch Ruth Cohn, die man sich als Pädagoge/in
zu Hüthers Geschichte ‚ins Stammbuch legen’ sollte.
Systemische und integrative Supervisionskonzepte
Der stärkste Innovationsschub geht zurzeit von den systemischen und
konstruktivistisch beeinflussten Modellen aus, die zahlreiche Grundan-
27 (1) „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ S. 53 / (2) „Jede Kommunikation hat
einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, daß letzterer den ersteren be-
stimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ S. 56 / (3) „Die Natur einer Bezie-
hung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner
bedingt.“ S. 61 / (4) „Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und ana-
loger Modalitäten.“ S. 68 / (5) „Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe
sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwi-
schen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedenheit beruht.“ S. 70. In: Paul
Watzlawick / Janet H. Beavin / Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation.
Bern 10/2000, S. 50 – 71.
28 Das ‚Sach-Ohr’, ‚Beziehungs-Ohr’, ‚Selbstoffenbarungs-Ohr und ‚Appell-Ohr’.
Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 1. Hamburg 1981, S. 44 – 61.
29 K. D. Joswig, aaO., S. 12.
30 Ruth C. Cohn: Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Stuttgart
5/1981, S 152.
31 Helmut Reichert: Die TZI als Basiskonzept für Supervision. In: DGSv aktuell
4/2005, S. 13. Dazu zählt das TZI-Dreieck bestehend aus Ich (Person), Wir (Grup-
pe) und Es (Thema), umgeben vom Globe sowie die Axiome, Postulate und Hilfs-
regeln wie ‚Sei dein eigener Chairmen’, ‚Störungen haben Vorrang’ etc.; s. R. C.
Cohn, aaO., bes. die Seiten 120ff.
32 Ebd., S. 13.
33 R. C. Cohn: Von der Psychoanalyse, aaO., S. 176.
II. Kapitel: Die Werkstatt 61
nahmen der Systemtheorie(n) und Interventionen aus der systemischen
Familientherapie(n) für die supervisorische Arbeit fruchtbar machen.34
Συστηµα
ΣυστηµαΣυστηµα
Συστηµα, griechisch, bedeutet die Zusammenstellung von Elementen zu ei-
nem Gebilde, einer Gesamtheit der Begriff verweist darauf, daß es um ein
übergeordnetes Ganzes geht, das in den Blick zu nehmen ist, das supervidere
z. B. einer Vereinigung (Organisation), einer Gruppe (Team), einer Körperschaft
(Institution), ein Staatsgebilde all diese kursiv gedruckten Begriffe mit
ihren modernen Ent-sprechungen [sic] bedeuten συστηµα, System. Des-
halb liegt es nahe, das [sic] Super-visoren [sic] von diesem Begriff, der so
viel mit ihren Aufgaben zu tun hat, angezogen sind. Systeme […] verlan-
gen, dass sie aus exzentrischer Position betrachtet werden, will man ihre
Funktionsprinzipien verstehen und supervisorisch beeinflussen“,35 akzen-
tuiert Hilarion G. Petzold hier, der an anderer Stelle allerdings die „über-
hitzte[n] Hinwendung zum systemischen Paradigma’36 durchaus auch
kritisieren kann. Hingewiesen habe ich im ersten Kapitel bereits auf die
Lösungs- und Ressourcenorientierung, auf die Methode des ‚Re-framing’
bzw. der positiven Konnotation’ und den sog. ‚ethischen Imperativ der
Systemiker’ ‚Handle stets so, dass du die Anzahl deiner Möglichkeiten ver-
größerst’ (H. v. Foerster)37. Grundsätzlich geht systemische Arbeit davon
aus gleichgültig ob es sich dabei um familiäre Systeme oder organisatori-
sche Komplexe wie das ‚System Schule’ handelt –, dass der Einzelne, der
sich Hilfe sucht, nicht das Problem ist oder hat. Vielmehr ist aus systemi-
scher Sicht der Einzelne höchstens ‚Symptomträger’ oder Indikator eines
in sich problematischen Systems, das als Ganzes der Veränderung bedarf.
Dabei wird vorausgesetzt, dass „Veränderung in einem Teil des Systems
[…] zu Veränderungen im System als Ganzem“38 führt, wie Steve de Sha-
zer und seine Kollegen/innen immer wieder hervorheben. Von daher ist
auch systemische Einzelsupervision durchaus sinnvoll. Eine ausführliche-
re Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen dieses Ansatzes erfolgt in
Kapitel X.39
Zahlreiche Institute, die der DGSv angeschlossen sind, vertreten sog. inte-
grative Ausbildungskonzepte, die unterschiedliche Theorie- und Praxis-
34 Kritische Anfragen dazu von S. Kühl, aaO, S. 12, H. G. Petzold: Supervision auf
dem Prüfstand, aaO., S. 29, und W. Ebert, aaO., S. 351 – 393.
35 Hilarion G. Petzold: Geleitwort zu W. Ebert, aaO., S. 13 – 18. Zitat S. 17.
36 H. G. Petzold: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 29.
37 H. v. Foerster: „Sag ihnen, sie sollten immer so handeln, die Anzahl der Möglichkei-
ten zu vermehren; ja, die Anzahl ihrer Möglichkeiten zu vermehren!“ In: Ethik und
Kybernetik zweiter Ordnung. Short Cuts. Frankfurt/M. 2/2002, S. 60.
38 S. de Shazer et al., aaO., S. 169.
39 Eine „umfassende Dokumentation der Rezeption und der Verwendung bestimmter
Systemtheorien in der sogenannten ‚systemischen Supervision’ und in der supervi-
sorischen Theorienbildung und Praxeologie“ (so H. G. Petzold im Geleitwort, S.
13) unternimmt Wolfgang Ebert: Systemtheorien in der Supervision. Bestandsauf-
nahme und Perspektiven. Opladen 2001. Dort auch weitere Literatur (S. 435 – 537)!
62 II. Kapitel: Die Werkstatt
modelle unter einer „konzeptionelle[n] Klammer“40 verbinden. H. G. Pet-
zold et al. beklagen, „dass nach wie vor umfassende Theorien zur Supervi-
sion bzw. überhaupt eine durchgängige Theorie der Supervision fehlen
und dass es sich bei den „vorhandenen Theorieansätzen […] meist um
middle oder small range theories [handelt], die aber nicht unter einem ge-
meinsamen Dach einer Meta-Theorie der Supervision gefasst sind.“41 Ba-
sierend auf einer Vorlage von Elisabeth L. Holloway entwickelt Petzold
deshalb ein Supervisionsmodell, das anhand von 15 Variablen42 „die
Komplexität der Supervisionssituation über die Zeit hinweg“43 abbilden
soll. Im Widerspruch dazu lehnt Heidi Möller eine „einheitliche[.] Super-
visionstheorie“ ab, weil sie „die Gefahr der Monokultur in der Supervisi-
onsszene“ in sich birgt. Dem gegenüber hält sie es „für sinnvoller, mit der
Vielfalt zu leben und im konkreten supervisorischen Handeln die Frage
nach theoretischer und praktischer Kompatibilität einzelner Elemente zu
überprüfen.44
Arbeitsformen
Über viele Jahre waren die gängigen Settings der supervisorischen Arbeit
die Einzelsupervision, die Gruppensupervision und die Teamsupervision,
wobei man unter einem Team „eine kooperierende Arbeitsgruppe im
Rahmen einer Institution“45 verstand. Der zunehmende Einfluss systemi-
schen Denkens und der Organisationsentwicklung macht sich auch darin
bemerkbar, dass in jüngster Zeit die (Teil)Organisationssupervision immer
40 A. Schreyögg: Supervision, aaO., 3/2000, S. 83.
41 H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 164.
42 1. Variable: die supervisorische Beziehung; 2. Variable: das Berufsfeld; 3. Variable:
die Institution bzw. Organisation; 4. Variable: der/die Supervisor/in; 5. Variable:
die Supervisionsfunktion; 6. Variable: die Methoden, Techniken, Medien; 7. Variab-
le: die Beratungsbeziehung; 8. Variable: die durch die impliziten und expliziten Ziele
erreichten Effekte; 9. Variable: die Aufgaben bzw. Aufträge; 10. Variable: der/die
Supervisand/in; 11. Variable: der/die Klient/in (Einwirkung des Klientensystems,
in dem der/die Supervisand/in beruflich tätig ist); 12. Variable: das soziale Netz-
werk; 13. Variable: die sozioökonomische Situation; 14. Variable: das zugrunde lie-
gende Diskurskonzept; 15. Variable: der Prozessfaktor. In: Hilarion G. Petzold: In-
tegrative Supervision, Meta-Consulting und Organisationsentwicklung. Modelle und
Methoden reflexiver Praxis. Ein Handbuch. Paderborn 1998, S. 28 – 33.
43 H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 165.
44 H. Möller: Was ist gute Supervision? AaO., S. 320. Und sie führt weiter aus: „Um
effizient zu arbeiten, ist auch theoretische Konsistenz meiner Arbeit unabdingbar.
Ich bin froh, dass die Auseinandersetzung unter Supervisoren nicht so unfruchtbar
verläuft, [sic] wie der Schulenstreit der Psychotherapeuten. Es herrscht die Tendenz
vor, die Vielfalt zu belassen, Gütekriterien zu benennen und an der Verbesserung
des Instruments Supervision gemeinsam zuarbeiten. Die Dominanz zweier Paradig-
men, wie sie das Psychotherapeutengesetz (PTG) für den Bereich der Psychothera-
pie erzwungen hat, kann in dem freieren Markt der Supervision glücklicherweise
nicht sehr weit übergreifen.“ Ebd. S. 320f.
45 N. Belardi 2002, aaO., S. 94.
II. Kapitel: Die Werkstatt 63
häufiger an die Stelle der Teamsupervision tritt.46 Auch die DGSv unter-
scheidet inzwischen Einzelsupervision, Gruppensupervision und Supervi-
sion in (Teil)Organisationen.
Einzelsupervision
Einzelpersonen begeben sich in Supervision, um ihre berufliche Rolle und
die Bedingungen und Kontexte ihres Arbeitsfeldes zu reflektieren sowie
geeignete Handlungsstrategien zu entwickeln. Supervisand/in und Super-
visor/in schließen einen Kontrakt, indem die Beratungsziele und -gegen-
stände, die Methoden, die Kosten, der Beratungsort etc. festgelegt wer-
den. Wenn der Arbeitgeber die Supervision veranlasst bzw. (mit)finan-
ziert, spricht man von einem Dreieckskontrakt,47 in dem mögliche Zielkon-
flikte und der Transfer am Prozessende in besonderer Weise bedacht wer-
den müssen. Ort der Supervision ist i.d.R. die Praxis des/der Supervi-
sors/in. Die einzelne Sitzung dauert zwischen 60 und 90 Minuten. Vorteil
der Einzelsupervision ist „das geschützte Setting“, wie Christine Böckel-
mann zutreffend hervorhebt, das es erlaubt, „unbelastet von Konkurrenz
und Versagensängsten oder der Sorge, von einer Gruppe abgelehnt zu
werden, problemzentriert zu arbeiten48 und dass man der ungeteilten
Aufmerksamkeit des/der Supervisors/in sicher sein kann. Ihr Nachteil
liegt genau in dieser Fixierung auf zwei Personen: potentielle weitere Kor-
rektive fehlen und die Gefahr, sich in Übertragungstrancen49 zu verlieren,
ist höher als in der Gruppen- oder (Teil)Organisationssupervision.
Gruppensupervision50
Hier kommen mehrere Personen ausschließlich zum Zweck der Supervisi-
on zusammen. Sie arbeiten in ähnlichen beruflichen Rollen und Funktio-
nen, aber in unterschiedlichen Systemen. Ferdinand Buer weist darauf hin,
dass dann eine „günstige Mischung“ gegeben sei, „wenn die Zusammen-
46 Diese Entwicklung ist unter den Supervisoren/innen und auch innerhalb der Dach-
verbände nicht unumstritten. Zur Diskussion s. H. G. Petzold et al: Supervision auf
dem Prüfstand, aaO., S. 166 168; Wolfgang Weigand: Teamsupervision: Ein
Grenzgang zwischen Supervision und Organisationsberatung. In: H. Pühl (Hg.):
Handbuch der Supervision 2. Berlin 2/2000, S. 78 – 99.
47 Zu Dreiecksverhandlungen s. Kapitel VII und N. Belardi 2002, ebd., S. 75f.
48 Chr. Böckelmann arbeitet an der Pädagogischen Hochschule Zürich und hat sich
dort mit ‚Supervision im Schulfeld’ in besonderer Weise befasst; aaO., S.96.
49 Unter ‚Übertragung’ versteht die Psychoanalyse die Projektion innerer Bilder aus
der Kindheit auf den /die Therapeuten/in. S. Matthias Mende: Artikel ‚Übertra-
gung’. In: Gerhard Stumm / Alfred Pritz (Hg.): Wörterbuch der Psychotherapie.
Wien 2000, S. 738. Trance meint im systemischen Kontext ähnlich wie Redundanz
die Wiederholung bestimmter oft unwillkürlicher Verhaltensabläufe. Zur Arbeit
mit Übertragungstrancen in der Supervision s. Regina Riedel / Josie Wieland: „Auf
dem Zaun zwischen zwei Welten“. Erfahrungen mit Spiegel- und Trancephänome-
nen in der Supervision. In: supervision 1/2004, S. 23 – 31.
50 Die möglichen Settings stellt umfassend dar: Kornelia Rappe-Giesecke: Supervision
für Gruppen und Teams. Berlin/Heidelberg 3/2003.
64 II. Kapitel: Die Werkstatt
setzung weder zu homogen noch zu heterogen ist. Da hier allein die Su-
pervisandInnen und nicht die Arbeitsorganisation Auftraggeber sind, wird
hier nur zwischen diesen und dem Supervisor ein Kontrakt geschlos-
sen.“51 Die Gruppensupervision hat gegenüber der Einzelsupervision den
Vorteil, dass Spiegelphänomene(berufliche Situationen, z. B. Konflikte
in der Schulklasse, wiederholen = spiegeln sich in der Supervisionsgrup-
pe),52 die Gruppe als Ressource (z. B. durch die Methode des ‚reflecting
teams’)53 und als Erfahrungsraum kollegialer Solidarität hier zum Zuge
kommen können; der Nachteil liegt auf der Hand: Der Fokus der Auf-
merksamkeit verteilt sich auf mehrere Personen. Deshalb führe ich Grup-
pensupervisionen grundsätzlich über einen Zeitraum von 180 Minuten
pro Sitzung unterbrochen von einer viertelstündigen Pause durch.
Gruppengrößen bis max. zehn Teilnehmende haben sich als sinnvoll er-
wiesen.
Supervision in (Teil)Organisationen54
Die Beratung und Begleitung von Teams oder Arbeitsgruppen, die ge-
meinsam in einer Organisation arbeiten, ist eine häufig angewandte Form
der Supervision.55 Sie erfordert die Einbeziehung der Organisationswirk-
lichkeit und die Rückbindung an das System, damit die Arbeitsergebnisse
gezielt wirksam werden können und das System nicht unkontrolliert be-
einflussen.56 Anlässe können in der Schule z. B. Schulentwicklungsprozes-
51 F. Buer: Lehrbuch, aaO., S. 211.
52 S. Peter Kutter: Spiegelungen und Übertragungen in der Supervision. In: Harald hl
(Hg.): Handbuch der Supervision 2. Berlin 2/2000, S. 41 – 53; Heinz J. Kersting / Lo-
thar Krapohl: Teamsupervision. In: H. hl (Hg.): Handbuch der Supervision 2. Ber-
lin 2/2000, S. 73f; Regina Riedel / Josie Wieland: „Auf dem Zaun zwischen den Wel-
ten“, aaO., S. 23 31. H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, konnotie-
ren diesen Sachverhalt im Anschluss an „tiefenpsychologische Vorannahmen“ als
„Parallelprozess(aaO., S. 111 u. ö.). „Es [dieses Modell] nimmt an, dass sich Ele-
mente (v. a. auf der Beziehungsebene) der SupervisandIn-KlientIn Situation in der Su-
pervisorIn-SupervisandIn Situation (der Supervision) abbilden und deshalb auch dort
erfolgreich erkannt und bearbeitet werden können.Ebd., S. 165. Dort auch weitere
Literatur zur Fachdiskussion. Ebd. S. 111 113; aerdem S. 159f.
53 S. A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 38f und 199 – 204.
54 Zu den Schnittstellen zwischen Supervision und Organisationsberatung“ s. den
von Harald Pühl herausgegebenen Sammelband: Supervision. Aspekte organisatio-
neller Beratung. Berlin 2002; darin bes. auch den Beitrag von Heidi Möller: Schnitt-
stellen zwischen Supervision und Organisationsberatung, S. 9 – 23.
55 „[…] ein Team ist eine besondere Form der Gruppe“, stellen H. G. Petzold et al.
klar. Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 93.
56 Vgl. Grundsätze der Supervision im Päd. Institut der Ev. Kirche von Westfalen.
Mehr dazu in Kapitel XII. Der vollständige Text findet sich im Anhang. „Supervisi-
onen ohne Leitungsperson können für die Teammitglieder fruchtbarer sein, da
manche Ängste wegfallen, wenn auf gleicher Hierarchieebene kommuniziert wird
(vgl. Nixdorf 2001), birgt aber die Gefahr des ‚Leiterspiels’ (vgl. Pühl 1991[sic!]) und
bedarf besonderer Achtsamkeit durch die Supervisorin (vgl. Hamann-Wehe 1999).“
H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 93.
II. Kapitel: Die Werkstatt 65
se sein, die supervisorisch begleitet werden sollen,57 die Einführung ver-
änderter Leitungs- oder Beteiligungsstrukturen, Konflikte in den einzelnen
Subsystemen des Metasystems ‚Schule’ angefangen von der Fachkonfe-
renz bis hin zur Leitungsebene und natürlich der Kern schulischer Ar-
beit, der Unterricht, der besonders bei der sog. unterrichtlichen oder pä-
dagogischen Supervision in allen seinen Dimensionen reflektiert wird.58
Das äußerst komplexe, sich auf den unterschiedlichsten interaktionellen
Ebenen konstruierende System ‚Schule’ bietet sich geradezu an, unter sys-
temischem Blickwinkel betrachtet und mit systemischen Instrumenten be-
arbeitet zu werden:59 Wie sieht in diesem System das formelle bzw. infor-
melle Machtgefüge aus? Welche Systemcredos, offenen oder geheimen
Botschaften, dirigieren die Systemabläufe? Nach welchen ‚Spiel’-Regeln
wird geleitet’, ‚befördert’ ‚ein- oder ausgegrenzt’? usw.60 Verfahren, die
sich in diesem Zusammenhang bewährt haben, sind das informelle Orga-
nigramm’, das im Unterschied zum klassischen Organigramm auch die
Beziehungsstruktur einer Organisation widerspiegelt, die Skulpturarbeit
und soziometrische Übungen.61
Für Hans-Günter Rolff, Claus G. Buhren, Detlev Lindau-Bank und Sabi-
ne Müller, die ein umfassendes Konzept zur pädagogischen Schulentwick-
lungsberatung entworfen haben, ist Supervision ein konstitutives Element
der Schulentwicklung:62
57 S. dazu J. Hohelüchte-Menge / J. Kreft, aaO., die ertern, was Supervision z. B. im
Kontext des Programms ‚Selbstsndige Schule’ in NRW zu leisten in der Lage wäre.
58 S. dazu F. Petermann, aaO. und W. Pallasch / W. Mutzeck / H. Reimers, aaO.; W.
Pallasch und H. Reimers arbeiten in ihrem Kieler Konzept zur Unterrichtlichen Su-
pervision „schwerpunktmäßig auf drei Ebenen: der methodisch-didaktischen Ebene
(der Unterricht, das Unterrichten) / der zielorientierten Ebene (pädagogische Ziele
und Absichten) / der persönlichkeitsorientierten Ebene (die Lehrkraft mit ihren
persönlichen, biographischen und privaten Anteilen im Kontext beruflicher Tätig-
keit).“ W. Pallasch und H. Reimers, aaO., S. 24.
59 S. Thomas Behler: Schule als System. Anmerkungen zu einer fast nicht möglichen
Institution. In: FoRuM Supervision 12/23/2004, S. 50 – 58.
60 N. Belardi 2002, S. 100, spricht hier von ‚Organisationskultur’: „Damit ist gemeint,
dass sich in jeder Organisation grundlegende Werte, Normen, Mythen, aber auch
Umgangsformen und ‚geheime’ Ziele herausgebildet haben.“ S. dazu auch W. Ehin-
ger und C. Henning, aaO., 17 – 36.
61 S. A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 134f und 164 168; außerdem W. Ehin-
ger / C. Henning, aaO., S. 53ff.
62 S. Hans-Günter Rolff / Claus G. Buhren / Detlev Lindau-Bank / Sabine Müller:
Manual Schulentwicklung. Handlungskonzept zur pädagogischen Schulentwick-
lungsberatung (SchuB). Weinheim/Basel 1998, bes. die Seiten 237 248. Grafik S.
16. S. a. den Sammelband von A. Schreyögg und H. Lehmeier (Hg.): Personalent-
wicklung in der Schule, aaO.; darin bes. die Beiträge von Astrid Schreyögg: Perso-
nalentwicklung was ist das? (S. 13 30), Heinz Lehmeier: Personalentwicklung in
der Schule was kann sie leisten? (S. 31 47), Horst Meier-Keilberth und Martina
Oberhofer: Konstruktive Gespräche im Schulalltag. Gesprächsführung und Super-
vision als Maßnahme der Personalentwicklung (S. 95 120), Brigitte Osen-Appel:
Ein Teilteam entschließt sich zur Teamsupervision (S. 154 171), Fritz Füßl und
66 II. Kapitel: Die Werkstatt
Kollegiale Supervision
Gerade im schulischen Kontext ist die kollegiale Fallberatung, auch Kolle-
giale Supervision, Kollegensupervision, peer-group-supervision oder In-
tervision genannt, eine der beliebtesten Beratungsformen, wie auch die
Fülle der Literatur belegt.63 Die Vor- und Nachteile dieser wechselseitigen
Dietmar Pentz: Berater Beraten. Ein Konzept zur Personalentwicklung durch Su-
pervision (S. 172 189) und Helga Geheeb / Lucia Scherr / Angelika Weich:
‚Schulleitung wäre das etwas für mich?’ Eine Maßnahme der Schulentwicklung für
potenzielle Führungskräfte (S. 256 – 272).
63 Nach wie vor sehr empfehlenswert das Buch von Wolfgang Ehinger und Claudius
Henning: Praxis der Lehrersupervision. Weinheim und Basel 2/1997, das ebenfalls
einen systemischen Ansatz vertritt und eine breite Palette an bewährten Methoden
bereithält! S. a. Heinrich Fallner / Hans-Martin Gräßlin: Kollegiale Beratung. Hille
1990; Jörg Fengler / Susanne Sauer / Claudia Stawicki: Peer-Group-Supervision. In:
H. Pühl (Hg.): Handbuch Supervision 2. Berlin 2/2000, S. 172 183; Dörte Gud-
jons und Birte Kömm: ‚Wir beraten uns gegenseitig’. Peer Coaching unter Referen-
II. Kapitel: Die Werkstatt 67
Gruppen- bzw. (Teil)Organisationsreflexion ohne professionelle/n Super-
visor/in werden von N. Belardi übersichtlich dargestellt. „Gesichert
scheint jedoch“, so fasst er die Untersuchungen zusammen, „dass die
Kollegiale Supervision dann erfolgreich sein kann, wenn folgende Bedin-
gungen erfüllt sind:
gute Selbstreflexion und Gruppenerfahrung der Teilnehmer,
hohe Professionalität (beispielsweise gute Ausbildung, langjährige Be-
rufserfahrung),
geringe Konkurrenz,
weitgehende Angstfreiheit,
realistische Ansprüche,
vorherige positive Erfahrung mit geleiteter Supervision.64
„Allerdings“, so N. Belardi in Übereinstimmung mit Dieter Schmelzer,
„hat die Supervision ohne Supervisor auch einige Nachteile.“ Konkret
nennt Schmelzer folgende Gefahren:
„Überhöhte Ansprüche und illusorische Ziele,
Gefahr der Überforderung bei zu großen Problemen,
fehlende Kompetenz für bestimmte Themen, Prozesse und Inhalte,
gemeinsame ‚blinde Flecken’ durch fehlende Außenperspektive (‚Schmo-
ren im eigenen Saft’),
mangelhafte Aufgaben- und Zielorientierung (fehlende Lernmotiva-
tion, zu informelle Treffen, ‚Kaffeeklatsch-Atmosphäre’),
inadäquate Schwerpunktsetzungen (z. B. emotionale Unterstützung ge-
ben, wo eine aktive Problemorientierung notwendig wäre),
zu heterogene Gruppenzusammensetzung (Personen aus völlig unter-
schiedlichen Tätigkeitsbereichen ohne Transfermöglichkeiten),
Notlösung bzw. Ersatz für andere Supervisionsangebote (wenn z. B.
aus finanziellen Gründen externe professionelle Supervision unter-
bleibt)“.65
dar(inn)en. In: Pädagogik 57/2005, S. 32 – 34; Herbert Gudjons: Fallbesprechungen
in Lehrergruppen. In: Westermann Pädagogische Beiträge 9/1977 S. 373 379;
Meike Hagemann und Cornelia Rottmann: Selbst-Supervision für Lehrende. Wein-
heim und München 1999; Sigrid Rotering-Steinberg: Kollegiale Supervision oder
kollegiales Coaching. In: Franz Petermann (Hg.): Pädagogische Supervision, aaO.,
S. 5367; Jörg Schlee: Kollegiale Beratung und Supervision für pädagogische Beru-
fe, aaO.; Gerhard Spangler: Kollegiale Beratung. Heilsbronner Modell zur kollegia-
len Beratung. Nürnberg 2005; Kim-Oliver Tietze: Kollegiale Beratung. Hamburg
2003. Die unterschiedlichen Beratungskontexte im System Schule hat Winfried Pal-
mowski: Der Anstoß des Steines. Systemische Beratung im schulischen Kontext.
Dortmund 5/2002, mit seinem „Einführungs- und Lernbuch“ im Blick.
64 N. Belardi 2002, aaO., S. 90f.; s. a. J. Fengler / S. Sauer / C. Stawicki, aaO., S. 180f.
68 II. Kapitel: Die Werkstatt
Interne und externe Supervision66
In zahlreichen Berufen, bei denen die Arbeit mit Menschen im Mittel-
punkt steht, ist Supervision nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern
eine im Leitbild verankerte (Selbst)Verpflichtung. Psychologische Bera-
tungsstellen, psychiatrische Krankenhäuser, Telefonseelsorge, kirchliche
und soziale Einrichtungen etc. verlangen zum großen Teil eine durch Su-
pervision begleitete regelmäßige Selbstreflexion.67 Bei der internen Super-
vision werden die Supervisoren/innen durch den Arbeitgeber gestellt und
auch finanziert. Nicht selten nimmt der Arbeitgeber als Auftraggeber auch
Einfluss auf die Themen und Ziele der Supervision. „Natürlich unterlie-
gen diese internen Supervisoren der gleichen gesetzlichen Schweigepflicht
wie externe Supervisoren (beispielsweise StGB § 203: Verletzung von Pri-
vatgeheimnissen)“, darauf verweist N. Belardi. „Trotzdem ist es verständ-
lich, dass Vertrauen und Offenheit bei internen Supervisoren nicht so
leicht herzustellen sind wie bei Beratern von außerhalb.“68 Bei der exter-
nen Supervision kommen die Supervisoren/innen von außen. Auch sie
können natürlich durch den Arbeitgeber bestellt und finanziert werden. In
einem Dreieckskontrakt sind dann die formalen und inhaltlichen Bedin-
gungen zwischen den Vertragspartnern zu regeln.69 Dennoch fühlen sich
Supervisanden/innen bei externen Supervisoren/innen ‚sicherer’. Hinzu
kommt, dass die Gefahr der Betriebsblindheit bei externer Supervision
ebenfalls geringer ist. Das Supervisionsangebot für Lehrer/innen in
Deutschland ist in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich or-
65 Dieter Schmelzer: Verhaltenstherapeutische Supervision. Theorie und Praxis. Göt-
tingen/Bern/Toronto/Seattle 1997, S. 373; s. a. J. Fengler / S. Sauer / C. Stawicki,
aaO., S. 179f.
66 H. G. Petzold et al. weisen in „Supervision auf dem Prüfstand“ auf den Sachverhalt
hin, dass Supervision im US-amerikanischen Raum „fast immer interne Supervision
[ist], da die SupervisorIn zumeist Ausbildungs- und/oder Kontrollfunktion hat“
(aaO., S. 57). Zu den daraus resultierenden Problemen s. auch die Ausführungen in
Kapitel VII.
67 S. H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 10. Wolfgang Ebert:
Systemtheorien in der Supervision. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Opladen
2001, S. 21: „Supervision gehört heute in vielen Bereichen psychosozialer Hilfeleis-
tungen und Versorgung zu den unbestrittenen Grundbedingungen einer fachlich
fundierten und effektiven Arbeit und wird von zunehmend mehr Berufsgruppen als
unverzichtbarer Bestandteil ihrer professionellen Tätigkeit verstanden.“ Ebert ver-
weist auf eine Studie von Ambühl et al., die zu dem Ergebnis kommt, dass bereits
Mitte der neunziger Jahre „74% der 581 befragten Psychotherapeuten im deutschen
Sprachraum sich derzeit in Supervision befinden.“ Ebd., S. 21.
68 N. Belardi 2002, aaO., S. 40. Dass das auch auf die Lehrer/innensupervision zu-
trifft, zeigt A. Blöckner, aaO., S. 213.
69 „Im deutschsprachigen Raum, in dem vor allem externe SupervisorInnen arbeiten,
ist es hingegen wichtig, über Setting und Struktur von Supervision, etwa in den Pro-
zessen der Auftragsklärung und Beendigung von Supervision zu sprechen“ H. G.
Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 59.
II. Kapitel: Die Werkstatt 69
ganisiert. Die DGSv bemüht sich zurzeit um eine Bestandsaufnahme70
und entdeckt die Lehrer/innen bzw. den Arbeitsplatz ‚Schule’ als ausbau-
fähiges Betätigungsfeld.71 In NRW bietet die Bezirksregierung Münster
kostenlose interne Supervision an. 1998 nutzten dieses Angebot von den
24.258 dort tätigen Lehrkräften 8072 möglicherweise ein weiteres Indiz
für die Vorbehalte von Lehrer/innen gegenüber Supervision, aber viel-
leicht auch Ausdruck der Skepsis gegenüber interner Supervision in schul-
aufsichtlicher Verantwortung.73
Abschließendsst sich mit W. Ebert festhalten, „dass jede begriffliche Defi-
nition und jedes Verständnis von Supervision kontextgebunden ist“ und
somit immer auch nur begrenzt aussagefähig. Zwar sst sich ein theore-
tisches, abstrahiertes und allgemeines Verständnis von Supervision expli-
zieren, doch lassen sich spezifische Tönungen und Nuancen in den ver-
schiedenen Arbeitsfeldern ausmachen“,74 so dass der Blick in bzw. auf die
konkrete Supervisionspraxis mit (Religions)Lehrern/innen, wie sie Gegen-
stand dieser Untersuchung ist, durch nichts zu ersetzen ist. „Aber, und
das wäre die Quintessenz, so wie ein ‚Pferdnicht gleich einem ‚Pferdist,
ist Supervisionnicht gleich ‚Supervision’“, spielt W. Neumeyer auf Lud-
wig Wittgenstein an. „Wie also Supervision vor Ort verstanden und defi-
niert wird, dürfte entscheidend das Geschehen prägen, das sich in jedem
Supervisionsprozess abspielt.“75
70 S. DGSv aktuell 1/2005, S. 12 und unter www.dgsv.de findet sich eine Synopse der
Lehrer/innensupervision in den einzelnen Bundesländern. Stand 31.05.2005.
71 Es erscheint kaum ein Heft der Verbandszeitschrift ‚DGSv aktuell’ ohne Beitrag
zum Thema ‚Supervision und Schule’. Zuletzt „Zehn Thesen zur Supervision an
Schulen“ von Andreas Herrmann und Stephan Daniel Richter in DGSv aktuell
3/2005, aaO., S. 12 – 14.
72 S. K. D. Joswig, aaO., S. 42. Siehe dazu auch Knut Neuschäfer, der darauf verweist,
dass von 138 ausgewerteten Evaluationsbögen „97 % der befragten Teilnehmerin-
nen und Teilnehmer die Supervision [interne Supervision der Bezirksregierung
Münster] für sich als positiv“ bewerten. AaO., S. 80f. Daraus folgert er, dass „Su-
pervisionsangebote für Lehrkräfte zusammen mit Leitungssupervision und Coa-
ching für Führungskräfte […] einen Beitrag leisten [können], Schule zu verändern.“
Ebd., S. 81.
73 Mögliche Konfliktfelder interner Lehrer/innensupervision kann ich hier nur andeu-
ten: Ist die Unabhängigkeit des/der Supervisors/in noch gewährleistet, wenn die
Supervisanden/innen in der gleichen Schulform arbeiten und möglicherweise aus
demselben Schulamtsbezirk/Kreis kommen? Würden Schulleitungen mit Besol-
dungsstufe A 16 eine/n Studienrat/Studienrätin als Supervisor/in akzeptieren und
ernst nehmen? Hinzu kommt, dass kostenlose Supervision eine Konsumentenhal-
tung fördern bzw. mangelnde Wertschätzung nahe legen kann nach dem Motto
‚Was nichts kostet, ist auch nichts wert!’
74 W. Ebert, aaO., S. 60.
75 W. Neumeyer, aaO., S. 57.
70 II. Kapitel: Die Werkstatt
2 Der organisatorische Kontext:
Supervision mit (Religions)Lehrer/innen im Pädagogischen Insti-
tut (PI) der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW)
Das Pädagogische Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen in Schwerte-Villigst
Seit dem 01. August 2000 bin ich im dagogischen Institut der Evangeli-
schen Kirche von Westfalen (PI) als Dozent tätig. Das PI „ist die zentrale
landeskirchliche Arbeitsstelle für Schule und Religionsunterricht, Konfir-
mandenarbeit und Gemeindepädagogik“. Schwerpunkte der Arbeit sind
„die Lehrerfort- und -weiterbildung, die Konfirmandenarbeit, die Schul-
seelsorge, die Medienpädagogik sowie die pädagogische Aus- und Fortbil-
dung von Pfarrerinnen und Pfarrern“.76 Auf dem Hintergrund meiner
langjährigen Tätigkeit als Berufsschulpfarrer ist mein primärer Arbeitsbe-
reich die Organisation und Durchführung von Fortbildungsveranstaltun-
gen für Religionslehrer/innen, die an Berufskollegs unterrichten. Darüber
hinaus führe ich Vokationstagungen für Lehrer/innen aller Schulformen
durch. Ein Staatsvertrag regelt das Mitwirkungsrecht der Religionsgemein-
schaften gemäß GG Art. 7.3 zwischen dem Land NRW und den drei
evangelischen Landeskirchen.77 Erst nach einem fünftägigen Vokations-
kurs und anschließender Vokation erhalten die Religionslehrer/innen die
kirchliche Lehrerlaubnis, d. h. zumindest einmal im Berufsleben hat je-
de/r Religionslehrer/in Kontakt zum PI. In § 2 der Vokationsordnung
sagt die EKvW den Religionslehrerinnen und Religionslehrern in beson-
derer Weise „den Rückhalt ihrer Gemeinschaft, fachliche Förderung und
Unterstützung in der verantwortlichen Wahrnehmung ihres Dienstes
zu.“78
Supervision ‚für’ (Religions)Lehrer/innen im PI: die Ausgangslage
Pfarrer/innen der EKvW haben seit über 20 Jahren die Möglichkeit, sehr
kostengünstig (d.h. der Arbeitgeber übernimmt einen Teil der anfallenden
Kosten) Supervision in Anspruch zu nehmen. Seit 1992 gibt es eine von
der Kirchenleitung verabschiedete Supervisionsverordnung,79 die alle Rahmen-
bedingungen inkl. der Kosten regelt. Seit 1993 existiert ein ‚Konvent für
Supervision in der EKvW’, dem etwa 50 Supervisoren/innen angehören,
die zu den von der Kirchenleitung festgesetzten Konditionen tätig sind.
76 So die Selbstvorstellung des PIs in seinem offiziellen Flyer.
77 Art. 7.3.1-2: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme
der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen
Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grund-
sätzen der Religionsgemeinschaften erteilt.“ Grundgesetz. 40., neubearbeitete Aufla-
ge. Stand 15. August 2005. München 2005 (dtv), S. 16.
78 Gemeinsame Vokationsordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland, der
Evangelischen Kirche von Westfalen und der Lippischen Landeskirche vom
29.03.2001.
79 KABL. der EKvW/1992, S. 169.
II. Kapitel: Die Werkstatt 71
Ein Großteil dieser Supervisoren/innen ist Mitglied in der DGfP80 und
der Klinischen Seelsorgebewegung (CPT/CPE/KSA)81 verbunden. Im
Rahmen des im Jahr 2000 begonnenen Reformprozesses Kirche mit Zu-
kunft’ hat die Kirchenleitung beschlossen, dieses kostengünstige Supervi-
sionsangebot auf alle nebenamtlichen und hauptamtlichen kirchlichen
Mitarbeiter/innen auszuweiten. Mit diesem Beschluss stand die Frage im
Raum, wie Religionslehrer/innen, die im Zuständigkeitsbereich der west-
fälischen Kirche ihren Dienst tun, bei möglichen Supervisionsanfragen
behandelt werden sollen: Werden sie auf Grund der Vokation als ‚inoffizi-
elle kirchliche Mitarbeiter’ verstanden und fallen damit auch unter die Re-
gelungen der internen kirchlichen Supervisionsverordnung oder ist das PI
als die Fort- und Weiterbildungseinrichtung der Lehrer/innen in Zukunft
auch für deren Supervision zuständig und wird deshalb beauftragt, ein auf
ihre spezifischen Bedürfnisse und Belange zugeschnittenes Supervisions-
angebot zu entwickeln? Auf dem Hintergrund dieser Diskussion wurde
ich Anfang 2001 von der Leitung des dagogischen Instituts aufgefor-
dert, ein Argumentations- und Strategiepapier zu entwerfen, das für die
Kirchenleitung nachvollziehbar belegt, warum Supervision mit (Religi-
ons)Lehrer/innen von kircheninterner Mitarbeiter/innensupervison zu
unterscheiden und so genuine Aufgabe des Pädagogischen Instituts der
EKvW ist.
Aufbau eines eigenen Supervisionsangebotes
Seit Herbst 2001 supervidiere ich im Rahmen meines Dienstauftrages (Re-
ligions)Lehrer/innen. Gleichzeitig hat ein kleines Team, das sich aus Su-
pervisorinnen meiner Ausbildungsgruppe bei der DAD Berlin zusammen-
setzte, mit Vorarbeiten für eine eigene Supervisionsordnung begonnen.
Weitere Supervisoren/innen konnten gewonnen werden, an der Entwick-
lung und Umsetzung dieses Supervisionsprojektes für (Religions)Lehrer/
innen mitzuwirken. Im Herbstprospekt 2002 hat das PI dann erstmalig
zielgruppenorientierte (Teil)Organisations- und Gruppensupervision für
Lehrer/innen beworben. Zurzeit arbeiten durchschnittlich 5 10 Supervi-
sionsgruppen parallel. Die Zahl der Einzelsupervisionsprozesse liegt
ebenfalls bei etwa 10 Prozessen. Die Tendenz ist deutlich steigend. Der
hier dargestellte und bearbeitete Prozess fand im Rahmen dieses Supervi-
sionsangebotes für Lehrer/innen statt. (Ausführlicher dazu und zur weite-
ren Entwicklung dieses Angebotes in Kapitel XII).
80 Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie e. V. (www.pastoralpsychologie.de).
81 Ursprünglich aus den USA kommend als Clinical Pastoral Training (CPT) bzw. Cli-
nical Pastoral Education (CPE) inzwischen ein Standard der Seelsorgeaus-, -fort-
und -weiterbildung (KSA = Klinische Seelsorgeausbildung); s. M. Klessmann: Pas-
toralpsychologie, aaO., S. 107 – 112.
72 II. Kapitel: Die Werkstatt
3 Die handelnden Personen: Supervisand und Supervisor82
Supervision ist ein Kommunikations- und Interaktionsprozess zwischen
Supervisand/in und Supervisor/in mit dem Ziel, die Zufriedenheit im be-
ruflichen Alltag zu verbessern. Dabei wird i.d.R. der/die Supervisand/in
nicht am Arbeitsort aufgesucht, sondern „der Zugang zum Gegenstand
der Supervision wird über die subjektive Darstellung des beruflichen Han-
delns durch den jeweiligen Supervisanden in der Supervisionssituation ge-
wonnen.“83 Diese subjektive Darstellung ist natürlich geprägt von dem
konkreten Erleben, den Wahrnehmungsmustern und den Deutungskate-
gorien des/der Supervisanden/in. Auf der anderen Seite ist der/die Su-
pervisor/in ebenfalls nicht wertneutral, sondern bringt seine/ihre Dispo-
sitionen, Vorerfahrungen und Deutungskategorien in die Arbeitsbezie-
hung mit ein. „Der Supervisor agiert von seinem Standpunkt aus (Motiva-
tion und Perspektive) und hat nur seine Kompetenz (Ausbildung, Erfah-
rung, Methodenrepertoire und Konzept); er ist begrenzt und nicht omni-
potent.“84
3.1 Der Supervisand
Zur Person
Der Supervisand ist männlich, Alter Ende dreißig, verheiratet und hat eine
– zu Beginn des Prozesses – einjährige Tochter. Er ist ausgebildeter Theo-
loge, hat seine ‚z. A.–Zeit’ in einer Kirchengemeinde verbracht und arbei-
tet seit Beginn des Schuljahres, in dem der Supervisionsprozess stattfin-
det, als Religionslehrer und Berufsschulpfarrer in großstädtischem Kon-
text.
Berufsschulpfarrer und Religionslehrer
Der Beruf des ‚Berufsschulpfarrers’ ist eine etwas eigenwillige Konstrukti-
on, die es in dieser Gestalt und Größenordnung wohl nur in der BRD
gibt.85 Hintergrund ist der akute Mangel an staatlich ausgebildeten Religi-
82 Die Rollenfunktionen des/der Supervisors/in und des/der Supervisanden/in be-
schreibt differenziert K. Rappe-Giesecke: Supervision für Gruppen und Teams,
aaO., S. 68 – 86.
83 Renate John / Heinrich Fallner: Handlungsmodell Supervision. Hille 1993, S. 35.
84 Ebd., S. 11.
85 „Die Berufsbildenden Schulen (BBSn) sind das komplexeste, das nach Schülerzah-
len knapp hinter der Grundschule größte, zugleich aber auch das am wenigsten be-
kannte schulische Bildungssystem in der Bundesrepublik. Etwa zwei Drittel eines
Altersjahrgangs (gemessen an den 19jährigen) schließen eine Ausbildung im dualen
System ab“, betont Thomas Klie im ersten Kapitel seiner Dissertation, das er „Die
Schule der vergessenen Majorität“ überschrieben hat. Thomas Klie: Religionsunter-
richt in der Berufsschule: Verheißung vergegenwärtigen. Eine didaktisch-theologi-
sche Grundlegung. Leipzig 2000, S. 24f. Ich kann diese Einschätzung aus eigener
Erfahrung nur bekräftigen. Regelmäßig stelle ich das System der BBS während des
II. Kapitel: Die Werkstatt 73
onslehrern/innen, der eigentlich schon chronisch zu nennen ist. In den
meisten Bundesländern gibt es Staatsverträge zwischen den Ländern und
den großen Kirchen, die den Religionsunterricht, der als einziges Unter-
richtsfach gem. Art 7.3 GG86 gesetzlich garantiert ist, sichern sollen. „Das
ordentliche Lehrfach ist also häufig ein ‚unordentliches’. Daran ändern
auch nichts oder nur wenig die Rechtsverordnungen zur Berufsschule (z.
B. in NRW und in Hessen), die ausdrücklich die Gesamtstundenzahl des
insgesamt zu erteilenden RU festschreiben“,87 urteilt der in der Evangeli-
schen Kirche im Rheinland für den BRU zuständige Landeskirchenrat
Dieter Boge. Wenn nicht genügend staatliche’ Lehrer/innen zur Verfü-
gung stehen, können die Kirchen ausgebildete Theologen und Theologin-
nen als Lehrkräfte in die Schulen entsenden.88
Lehrkräfte im Gestellungsvertrag
Diese Lehrkräfte haben dann in der Schule insofern einen besonderen
Status, als sie
‚Einfachlehrer/innen’ sind (sie unterrichten ausschließlich das Fach
Religion, hrend alle anderen Lehrkräfte i.d.R. mindestens zwei -
cher haben, was Auswirkungen auf die Stundenzahl hat, die in einer
Klasse zu unterrichten ist. Sog. ‚kirchliche Lehrkräfte’ haben nicht sel-
ten in bis zu 25 Klassen eine Stunde Religion pro Woche zu erteilen.),
zwei Dienstvorgesetzte haben (die Schulleitung und die Leitung des
Kirchenkreises/Dekanates o. ä.),
Schulvikariats den Vikaren/innen der Ev. Kirche von Westfalen vor und frage ein-
gangs, wer das Wort ‚Berufsschule’ schon einmal gehört bzw. eine Berufsschule be-
reits betreten habe. Ca. ein Viertel hat i.d.R. das Wort ’Berufsschule’ gehört, aber
betreten haben von 20 Vikaren/innen eine Berufsschule höchstens zwei. Über das
System der Berufsbildenden Schulen informiert umfassend das „Neue[s] Handbuch
Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen. Neukirchen-Vluyn 2005, herausge-
geben von der Gesellschaft für Religionspädagogik und dem Deutschen Kateche-
tenverein.
86 „Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu
erteilen“ mit diesen Worten endet der Art. 7.3. In: Grundgesetz, aaO., S. 16. S.
dazu auch Dieter Boge / Norbert Weidinger: BRU als ordentliches Lehrfach. In:
Neues Handbuch Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen. Neukirchen-
Vluyn 2005, S. 172 – 177.
87 Dieter Boge, ebd., S. 176.
88 Im ‚Gestellungsvertrag’ heißt das dann und hat zur Folge, dass diese Lehrkräfte
‚zwei Herren/innen’ zu dienen haben. Sie sind zum einen der staatlichen Schulauf-
sicht unterstellt und haben in der alltäglichen Praxis auch den Weisungen der Schul-
leitung Folge zu leisten. Sie bleiben aber zugleich auch Bedienstete der Kirche, wer-
den von der Kirche bezahlt, müssen dort bei ihrem/r Vorgesetzten den Urlaub be-
antragen und werden über ihren Schuldienst hinaus auch noch sehr gerne für ‚Son-
der-’ und Vertretungsdienste in den Gemeinden eingesetzt. S. a. Th. Klie: Religions-
unterricht in der Berufsschule, aaO., S. 39.
74 II. Kapitel: Die Werkstatt
den staatlichen Lehrern/innen rechtlich nicht gleich gestellt sind (da
sie eingestellt werden, um ausschließlich den ausfallenden Religionsun-
terricht abzudecken, ist umstritten, ob sie besondere Aufgaben über-
nehmen dürfen, für die es Ermäßigungsstunden gibt, ob sie in den
Lehrerrat gewählt werden dürfen etc.).
Da oft an einer Schule der Bedarf an Religionsunterricht, der nach Geset-
zeslage konfessionell getrennt unterrichtet werden muss(!), für die Be-
schäftigung einer Lehrkraft mit voller Stundenzahl nicht ausreicht, unter-
richten viele kirchliche Lehrkräfte entweder im eingeschränkten Dienst-
verhältnis und/oder an unterschiedlichen Schulen, was eine weitere Er-
schwerung der Arbeitsbedingungen mit sich bringt. In den Berufskollegs
in NRW wird über 50% des Evangelischen Religionsunterrichts (RU)
durch Lehrer/innen im Gestellungsvertrag abgedeckt.89
3.2 Der Supervisor
Nach Heinrich Fallner und Michael Pohl ist die Person des/der Supervi-
sors/in stets die erste Intervention, die bereits durch den „Eintritt in das
System“90 als Selektionsinstrument wirksam wird.
Die Ausbildung
Konkret heißt das, dass in meiner Rolle als Supervisor stets mitschwingt,
welche Bewältigungsmuster ich selbst im Laufe meines Lebens ‚erwor-
ben’, welche Supervisionsausbildung ich genossen, welche Berufe ich aus-
übe bzw. ausgeübt habe, aber auch welche privaten Rollen meinen Alltag
prägen bzw. geprägt haben. Als Supervisor ausgebildet wurde ich in der
Diakonischen Akademie Deutschland, Berlin, in einem von der DGSv
zertifizierten Kurs, der von Gerlinde Buchholz und Heinrich Fallner gelei-
tet wurde und primär für Lehrer/innen ausgeschrieben worden war. Vom
supervisorischen Ansatz her vertritt die DAD ein integratives Konzept
mit deutlichen Schwerpunkten im Bereich der Arbeit mit kreativen Medi-
en91 und der systemischen Theorie und Praxis. Der systemische Anteil
wurde durch die Kooperation mit dem Berliner Institut für Familienthera-
pie, Systemische Therapie, Supervision, Beratung und Fortbildung e.V.
(BIF e.V.) in Gestalt von Ulrike-Luise Eckhardt in besonderer Weise ver-
treten.92
89 Lt. unveröffentlichter Statistik des Landeskirchenamtes in Bielefeld.
90 H. Fallner / M. Pohl, aaO., S. 81. Dort ist allerdings vom Coach die Rede. Zur Ver-
hältnisbestimmung von Coaching und Supervision siehe ebd., S. 35 – 40.
91 S. „Kreative Medien in der Supervision und psychosozialen Beratung“ von H. Fall-
ner und K. F. Richter. Hille 2/1993.
92 S. Ulrike-Luise Eckhard / Kurt Richter / Hans G. Schulte: System Lehrsupervision.
Aachen 1997.
II. Kapitel: Die Werkstatt 75
‚Rollenhüte’
Virginia Satir, eine der Gründerper-
sönlichkeiten der systemischen Fami-
lientherapie, hat die Metapher von
den Rollenhüten geprägt: Jeder
Mensch trägt unentwegt eine Vielzahl
solcher Rollenhüte mit sich herum (s.
Grafik).93 Auf meine Person bezogen
bin ich Mann, Ehemann, Vater zwei-
er erwachsener bzw. fast erwachsener
Kinder, Eigenheimbesitzer, Autofah-
rer etc. Hinzu kommen die berufli-
chen Rollen, die ich einmal ausgeübt
habe wie Bankkaufmann, Gemeinde-
pfarrer und Religionslehrer und die ich noch aktiv praktiziere wie Dozent,
Fortbildner und Supervisor. Auch wenn in der supervisorischen Arbeit
der professionelle Rollenhut des Supervisors immer oben auf liegt und so
die Kontrolle haben sollte, so sind doch die anderen Rollenhütte indirekt
immer auch präsent und bestimmen sowohl das Wahrnehmungs- als auch
das Interventionsspektrum mit.94
Der ‚Werkzeugkoffer’95
Um in einer ‚Supervisions-Werkstatt’ ‚ans Werk’ gehen zu können,
braucht man neben den Werkstücken’ die passenden ‚Werkzeuge’. Das
Repertoire, das in dieser Werkstatt zum Einsatz kommt, wird zum einen
natürlich durch die Supervisionsausbildung bestimmt. Ein anderer si-
cherlich ebenso gewichtiger Teil wurde und wird durch ‚lebenslanges
Lernen’ aus dem bisherigen Berufs- und Privatleben eingebracht. Mehr-
jährige Weiterbildungen in Themenzentrierter Interaktion (TZI) und Ge-
staltarbeit, eine Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) mit dem Schwer-
punkt in Gesprächspsychotherapie nach Carl R. Rogers und langjährige
eigene supervisorische und körpertherapeutische Erfahrungen haben den
Werkzeugkoffer nach und nach angefüllt und wachsen lassen. Wie es sich
für jedes gute Handwerk gehört, müssen diese Werkzeuge regelmäßig in
die Hand genommen, geprüft, gereinigt und ggf. neu geschliffen werden.
Angewandt auf die Supervisions-Werkstatt heißt das:
Sind sie geeignet, mit dieser/m Supervisanden/in dieses Thema, dieses in-
tendierte Ziel, in diesem Kontext, in diesem Setting angemessen zu bear-
93 Virginia Satir: Kommunikation Selbstwert Kongruenz. Paderborn 5/1996, S. 247.
94 Zur Arbeit mit dem Rollenhutmodell in der Lehrersupervision s. W. Ehinger / C.
Henning, aaO., S. 87 92. Eine unpräzise Sprache und Probleme der Adaption von
Rollenkonzepten in der Supervision kritisieren H. G. Petzold et al.: Supervision auf
dem Prüfstand, aaO., S. 91.
95 Zur Fachdiskussion über „Methoden und Techniken in der Supervision“ s. eben-
falls H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 121 – 125.
76 II. Kapitel: Die Werkstatt
beiten? Nicht nur zu Anfang eines Prozesses, sondern auch zu Beginn ei-
ner jeden Sitzung muss das Werkzeug ausgewählt und auf die konkrete Si-
tuation ‚geeicht’ werden.96 Menschen verändern sich und auch die Grund-
haltungen, die das eigene Lebens- und Berufsethos widerspiegeln. So
muss nicht nur regelmäßig geprüft werden, welche Werkzeuge in Zukunft
noch in den ‚Koffer’ gehören bzw. aussortiert werden, sondern auch wie
die ‚Ökobilanz’ der gesamten Ausrüstung inkl. der verwendeten ‚Betriebs-
stoffe’ ausfällt.
Haltungen97
An den von Carl R. Rogers98 beschriebenen Grundhaltungen der Perso-
nenzentrierten Gesprächspsychotherapie Akzeptanz/Wertschätzung,
Empathie und Authentizität/Echtheit/Kongruenz partizipiert auch das
Selbstverständnis der Supervisoren/innenzunft.99 „Das innovationsför-
derliche Entwicklungs- und Beziehungsangebot in der […] Supervision ist
daher gekennzeichnet von Transparenz und Offenheit, Kongruenz und
Authentizität im Verhalten der Beraterin und des Beraters, durch Wert-
96 S. Chr. Böckelmann, aaO., S. 111 – 113.
97 „Die vielleicht wichtigste Entdeckung Rogers’ besteht also darin, dass es nicht so
sehr bestimmte therapeutische Techniken sind, die einem Klienten in der Therapie
nützen, sondern dass es die Haltung des Therapeuten ist, die es dem Klienten er-
möglicht, zu wachsen und zu sich selbst zu finden.“ M. Klessmann: Pastoralpsycho-
logie, aaO., S. 182.
98 „Auf der Basis von Forschungsergebnissen scheinen drei Einstellungen oder Bedin-
gungen die wichtigsten für den Erfolg der Therapie zu sein. Diese Einstellungen
sind: 1. die Echtheit oder Kongruenz des Therapeuten, 2. das vollständige Akzep-
tieren oder die bedingungslose positive Wertschätzung des Klienten durch den The-
rapeuten und 3. ein empfindsames und genaues empathisches Verstehen der Gefüh-
le des Klienten und ihrer persönlichen Bedeutungen durch den Therapeuten.“ Carl
R. Rogers: Klientenzentrierte Psychotherapie. In: Carl R. Rogers / Peter F. Schmid:
Person-zentriert. Grundlagen von Theorie und Praxis. Mainz 4/2004, S. 193. S. au-
ßerdem in Rogers Grundlagenwerken Rogers, Carl R.: Die nicht-direktive Beratung.
München 1972/Frankfurt/M. 11/2004, bes. S. 84 107, und Rogers, Carl R.: Die
klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie. Client-Centered Therapy. München
1972/Frankfurt 17/2005, bes. S. 34ff, S. 310ff (Thomas Gordon).
99 S. DGSv (Hg.): Profession: Supervision. Köln o. J. (2005), S. 6; ausführlich dazu
auch Chr. Böckelmann, aaO., S. 75 79 und Robert Hutterer: Das Paradigma der
Humanistischen Psychologie. Entwicklung, Ideengeschichte und Produktivität.
Wien/ New York 1998: „Im Laufe der Entwicklung der Personenzentrierten Thera-
pie hat sich zunehmend die Auffassung durchgesetzt, daß der therapeutische Erfolg
nicht vom Wissen und technischen Können des Therapeuten abhängt, sondern von
bestimmten umfassenden Einstellungen und damit verbundenen Verhaltensweisen
des Therapeuten, die er in der Beziehung zum Klienten realisiert.“ S. 366; s. a. K. D.
Joswig: aaO., S. 10; U. E. Straumann, aaO., S. 7. M. Klessmann verweist auf die
„große vergleichende Psychotherapiestudie“, in der Klaus Grawe belegt, „dass gera-
de die von [Carl R. Rogers] so genannte ‚Beziehungsperspektive’ in allen Therapiefor-
men, jenseits methodischer Differenzierungen, einen wesentlichen Beitrag zu einem
positiven Therapieergebnis leistet“. M. Klessmann, Pastoralpsychologie, S. 182f.
II. Kapitel: Die Werkstatt 77
schätzung, vorurteilslose Wahrnehmung und Akzeptanz des Gegenübers,
sowie durch empathisches, einfühlendes Verstehen“.100
Akzeptanz/Wertschätzung beschreibt die grundsätzliche Offenheit ge-
genüber allem, was der/die Supervisand/in an Gefühlen, Gedanken,
Vorstellungen und Phantasien äußert. Während Wertungen welcher
Art auch immer keinen Raum in der Supervision haben, kann
der/die Supervisand/in alles zur Sprache bringen, aus sich heraus set-
zen’, was ihn/sie bewegt!101 Olaf-Axel Burow verweist auf den Ge-
stalttherapeuten Martin P. Rubeau, der seinen Einführungskursen den
programmatischen Titel zu geben pflegte: “Akzeptiere Dich wie Du
bist und Du ngst an, Dich zu verändern.”102 Wer andere akzeptieren
will, muss aber zunächst sich selbst in den Spannungen und Wider-
sprüchen der eigenen Polaritäten akzeptieren können.103
Empathie geht noch einen Schritt weiter. Sie ist die Fähigkeit, sich in
andere einzufühlen, ihre Empfindungen und Denkweisen, ihre Blick-
winkel imaginativ einzunehmen und nachzuvollziehen.104 Das Feed-
100Formuliert eine der Wortführerinnen personzentrierter Supervision in Deutschland,
Ursula E. Straumann, aaO., S. 7. Die Frage der Vorurteilsfreiheit wird in Kapitel
VII.1 (Neutralität und Wertfreiheit in der Supervision?) einer kritischen Reflexion
unterzogen.
101„Der Berater akzeptiert und anerkennt die positiven Gefühle, die ausgedrückt wer-
den, auf die gleiche Art, in der er die negativen Gefühle akzeptiert und anerkannt
hat. […] Moralische Werte gehen in diese Art der Therapie nicht ein. […] Dieses
Akzeptieren sowohl der reifen wie der unreifen Impulse, der aggressiven wie der so-
zialen Einstellungen, der Schuldgefühle wie der positiven Äußerungen bietet dem
Individuum zum erstenmal in seinem Leben Gelegenheit, sich so zu verstehen, wie
es ist.“ C. R. Rogers: Die nicht-direktive B., aaO.; s. a. ders.: Klientenzentrierte Psy-
chotherapie, aaO., S. 199f und Reinhard Tausch: Gesprächspsychotherapie. Göttin-
gen 5/1973, S. 112 – 125.
102Olaf-Axel Burow: Gestaltpädagogik. Trainingskonzepte und Wirkungen. Paderborn
1993, S. 30.
103Dabei betont Rogers immer wieder, das es sich dabei nicht um Methoden’ handelt,
sondern um zu internalisierende Grundhaltungen: „Er [der Therapeut] kann nur so-
weit ‚nicht-direktiv’ sein, wie dieser Respekt vor anderen in seiner eigenen Persön-
lichkeit verankert ist.“ C. R. Rogers: Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie,
aaO., S. 36. C. Rogers weitet seine Forderung nach Akzeptanz auch auf die Schule
aus: „Wenn Lehrer die Schüler so akzeptieren, wie sie sind, ihnen erlauben, ihre Ge-
fühle und Einstellungen ohne Verdammung oder Beurteilung auszudrücken, die
Lerntätigkeiten mit ihnen statt r sie zu planen und eine Atmosphäre im Klassenzim-
mer schaffen, die relativ frei ist von emotionellem Druck und Spannungen, dann
hat das Ergebnisse zur Folge, die anders sind, als wenn diese Bedingungen nicht
vorhanden wären.“ Ebd., S. 341.
104„Die Fähigkeit zur Einfühlung ist vielleicht nur eine andere Formulierung für die
Feststellung, dass eine Person fähig ist, die Rolle einer anderen zu übernehmen“.
Thomas Gordon, in: C. R. Rogers: Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie,
aaO., S. 310.
78 II. Kapitel: Die Werkstatt
back des Klienten ‚endlich verstanden worden zu sein’ wäre für Rogers
ein gelungenes Testergebnis für empathisches Verhalten.105
Authentizität/Echtheit/Kongruenz fordert C. R. Rogers von den Bera-
tern/innen. Eine lösungsorientierte Beziehung zwischen Berater/in
und Klient/in kann sich nach Rogers nur dann entwickeln, wenn Ak-
zeptanz und Empathie weder „Trick“ noch „Werkzeug“ sind, sondern
„echt“ und „aufrichtig“: „Um wirkungsvoll zu sein, muß sie echt sein.
Diese bewusste und aufrichtige Klient-Bezogenheit in der therapeuti-
schen Beziehung betrachte ich als das dritte Merkmal der nicht-direkti-
ven Therapie“.106 Angewandt auf den supervisorischen Kontext ver-
langt das von dem/der Supervisor/in, zu den eigenen Gefühlen, Ge-
danken, Einstellungen und Verhaltensweisen zu stehen. Das setzt aller-
dings voraus, zu den eigenen Empfindungen selbst Zugang zu haben
und in der Lage zu sein, sie auch angemessen auszudrücken und zu le-
ben.107 Eine wichtige Präzisierung nimmt Ruth Cohn durch die Ein-
führung des Begriffs der ,selektiven Authentizität'108 vor: Natürlich
muss der/die Supervisor/in authentisch in dem Sinne sein, dass er/sie
für den/die Supervisanden/in verlässlich und ‚echt’ ist und auch be-
reit, sich immer wieder auf Echtheit zu überprüfen, bzw. überprüfen
zu lassen. „Alles, was gesagt wird, muss echt sein, aber nicht alles, was
echt ist, muss gesagt werden.“109 Selektions-Maßstab ist allein, was
den/die Supervisanden/in auf seinen/ihren Lösungswegen’ voran-
bringt.
‚In Kontakt mit sich – im Gegenüber zu den Supervisanden/innen’
Heinrich Fallner bringt eine weitere wesentliche Grundhaltung von Super-
visoren/innen mit der Aussage „In Kontakt mit sich im Gegenüber zu
den Supervisanden/innen“ auf den Punkt.110 Ein Auge muss immer nach
innen gerichtet sein, um zu erspüren, was der/die Supervisand/in ih-
re/seine Ausstrahlung, verbalen und nonverbalen Äußerungen, die emo-
tionalen Schwingungen im Raum in mir bewirkt/en. Empfinde ich Soli-
darität, Mitleid, Wut oder Abwehr, vielleicht gar Abscheu? Anhand eines
105„Wenn der Therapeut eine wirksam empathische Reaktion zum Ausdruck gebracht
hat, wird die Reaktion des Klienten wahrscheinlich sein: ‚Das ist genau richtig! Ich
hätte nicht gedacht, dass irgend jemand verstehen könnte, was ich wirklich gemeint
habe. Jetzt möchte ich Ihnen noch mehr erzählen.“ C. R. Rogers, Klientenzentrierte
Psychotherapie, aaO., S. 195.
106C. R. Rogers: Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie, aaO., S. 43; s. a. R.
Tausch, aaO., S. 126 – 133.
107„Das schließt deutlich als Element das Bewußtsein des eigenen Selbst ein, und zwar
insofern, als dem Therapeuten nicht nur Gefühle und Erfahrungen zugänglich sind,
sondern er zugleich fähig sein muß, diese Gefühle in der Beziehung zu leben und zu
sein.” C. R. Rogers: Klientenzentrierte Psychotherapie, aaO., S. 202.
108‚Selectiv authenticity’ – R. C. Cohn, aaO., S. 125.
109Chr. Böckelmann, aaO., S. 75.
110So lautete einer seiner zentralen ‚Merksätze’ während der Supervisionsausbildung.
II. Kapitel: Die Werkstatt 79
„Identifikations-Thermometers“111 können Berater/innen den Grad ihrer
inneren Beteiligung von der Identifikation bis zur chronischen Redun-
danz, in der der/die Berater nicht mehr agiert, sondern als Teil des ‚Pro-
blems’ agiert wird, ablesen. Nur wenn der/die Supervisor/in rechtzeitig
spürt, dass emotional besetzte Szenen aus der eigenen Biographie aufstei-
gen und ggf. die Regie zu übernehmen beginnen, kann angemessen gegen-
gesteuert werden. Das andere Auge bleibt bei aller Empathie im Gegenüber
zu den Supervisanden/innen. Nur so kann der/die Supervisor/in mit un-
terschiedlichen, neuen Sichtweisen jonglieren und andere bisher unbe-
kannte Bewältigungsmuster bzw. Wirklichkeitskonstruktionen ermögli-
chen.
Wie bereits erwähnt, vertritt die DAD ein integratives Konzept mit deutli-
chen Schwerpunkten im Bereich der Arbeit mit kreativen Medien112 und
der systemischen Theorie und Praxis. Da die systemisch-konstruktivis-
tisch begründeten Interventionen ab Kapitel IV ‚induktiv’ eingeführt und
in Kapitel 10 noch einmal gebündelt werden, hier nur ein kurzer Über-
blick über weitere Werkzeuge, die in dem dargestellten Prozess ebenfalls
ihren Einsatz finden:
Gesprächspsychotherapie (Carl R. Rogers)113
Bereits Anfang der 80er Jahre hatte ich während der zweiten theologi-
schen Ausbildungsphase (Vikariat) die Möglichkeit, im Rahmen eines Cli-
nical Pastoral Trainings (CPT) unter der Leitung eines Dipl.-Psychologen
und Psychotherapeuten an den Sauerbruch-Kliniken in Wuppertal erste
eigene Schritte in die und mit der Gesprächspsychotherapie zu gehen. „In
der klient-bezogenen Therapie findet der Klient im Berater ein echtes alter
ego im operationalen und technischen Sinne“, schreibt C. R. Rogers, „ein
anderes Selbst, das (soweit wie möglich) zeitweise auf seine Eigenständig-
keit verzichtet, mit Ausnahme seiner Fähigkeit, den anderen zu verstehen
versuchen [sic]. In der therapeutischen Erfahrung bedeutet das Sehen der
eigenen, von einem anderen richtig ausgedrückten, aber ihrer emotionel-
len Verflechtungen enthobenen Einstellungen, Verwirrungen, Ambivalen-
zen und Wahrnehmungen, daß man sich selbst objektiv sieht, und das er-
leichtert die Aufnahme all dieser Elemente, die jetzt klarer erkannt wer-
den, in das Selbst. Reorganisation des Selbst und integrierendes Funktio-
nieren des Selbst werden auf diese Weise gefördert.“114 Annehmen, zuhö-
111H. Fallner und M. Pohl, aaO., S. 196.
112Siehe Kurt F. Richter, Heinrich Fallner, aaO.
113„Als einer der bekanntesten Exponenten der Humanistischen Psychologie kann
Carl R. Rogers gelten. Rogers (1902 1987) ist der Begründer der klientenzentrierten
Gesprächspsychotherapie oder auch nichtdirektiven Gesprächspsychotherapie, die
für die moderne Seelsorge von gar nicht zu überschätzender Wirkung gewesen ist
und nach wie vor ist.“ M. Klessmann, Pastoralpsychologie, aaO., S. 179.
114C. R. Rogers: Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie, aaO., S. 52.
80 II. Kapitel: Die Werkstatt
ren, besonders auf die Gefühlsebene achten, Widersprüche wahrnehmen
und dann das Wahrgenommene in eigenen, möglichst klaren und zugleich
wertschätzenden Worten dem/der Klienten/in ‚zurückspiegeln’ ist die
Aufgabe des/der Gesprächspsychotherapeuten/in.115 In meiner pastora-
len und seelsorglichen Tätigkeit konnte ich die Möglichkeiten und Gren-
zen des ‚aktiven Zuhörens’116 in den unterschiedlichsten Kontexten er-
proben und habituell verankern. Das sich Einfühlen in das Gegenüber,
das emotionale Mitschwingen und Paraphrasieren der Erlebnisinhalte ist
ein Teil meiner Persönlichkeit geworden und oft intuitiv meine primäre
Reaktion in beginnenden Kommunikationsprozessen. Aktives Zuhören
und die „Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte“117 sind adäquate
Wege, um Menschen wahrzunehmen, sich emotional näher zu kommen
und auf diese Weise eine empathische Arbeitsbeziehung zu begründen.
Gerade in der Anfangsphase eines Supervisionsprozesses schaffen ge-
sprächspsychotherapeutische Verfahren eine Grundlage, auf der im weite-
ren Prozess aufgebaut werden kann. Da „[…] es Rogers nicht vorrangig um
gezieltes Problemlösen geht, sondern darum, das Ich des Rat suchenden
Menschen zu stärken und zu ermutigen“,118 sehe ich innerhalb eines syste-
misch orientierten Supervisionskonzeptes aber auch Grenzen:119 Zum einen
115M. Klessmann vermerkt kritisch, dass theologisch-seelsorgliche Rezipienten von
Rogers das von ihm geforderte Einfühlen „immer wieder als ‚Spiegeln’ bezeichnet
und damit einem mechanistischen Gesprächsverhalten Vorschub geleistet [hätten]:
Seelsorger/Seelsorgerinnen wiederholen mit eigenen Worten das, was sie vom an-
deren gehört haben. Meistens bewegen sie sich damit nur auf der Inhaltsebene, neh-
men die Beziehungs- oder Gefühlsebene nicht auf; dadurch gewinnt das ‚Spiegeln’
eine unpersönliche, technische, stellenweise geradezu peinliche Qualität“. In: M.
Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 438f. Eine überwiegend positive rdigung
der „Spiegelnde[n] Methode“ findet sich bei Wilfried Weber: Wege zum helfenden
Gespräch. Gesprächspsychotherapie in der Praxis. München 9/1991, S. 72 – 105.
116Aus den Grundannahmen der Gesprächspsychotherapie entwickelte der Schüler
und Mitarbeiter von Carl R. Rogers, Thomas Gordon, das Kommunikations- und
Konfliktlösungsmodell des ‚aktiven Zuhörens’. Thomas Gordon: Familienkonfe-
renz. Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind. New York 1970 /
München 1989, S. 40ff.
117R. Tausch, aaO., S. 79 111. „Der Psychotherapeut sucht die innere Welt des Kli-
enten mit ihren Bedeutungen und Gefühlen wie etwa Verwirrung, Furcht, Freude,
so wie sie der Klient erlebt, wahrzunehmen und zu verstehen, so als ob er sie selber
erleben würde (jedoch ohne diese Verwirrung, Furcht oder Freude selber zu em-
pfinden) und kommuniziert sie dem Klienten durch angemessene Verbalisierung
(teilt sie dem Klienten in angemessenem sprachlichen Ausdruck mit)“ so be-
schreibt R. Tausch dieses ‚Verhaltensmerkmal’ eines Gesprächspsychotherapeuten.
Ebd., S. 81.
118M. Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 439.
119Ursula E. Straumann verweist in diesem Zusammenhang auf die Weiterentwicklung
der „klient- bzw. personenzentrierten Gesprächspsychotherapie“ zum „Differenzi-
elle[n] Inkongruenzmodell (DIM)“. […] in dem erweiterten Modell [bilden] eine
zielgerichtete, aktualisierungsfördernde Diagnostik, Indikation und Beratung eine
ganz wesentliche Grundlage professionellen Handelns. Dies umfasst die Integration
II. Kapitel: Die Werkstatt 81
ist Supervision keine Therapie (s. Kapitel III.2) und die verbalisierten Ge-
fühle sind immer wieder auf die berufliche Praxis zurück zu beziehen.
Zum anderen kommt hinzu, dass der Schwerpunkt systemischer Supervisi-
onsarbeit nicht im Verbalisieren der Erlebnisinhalte’ liegen kann. Der in
Kapitel X entwickelte systemisch-konstruktivistische Ansatz will gerade
nicht in die Tiefe der Gefühle eindringen, sondern vielmehr die Funktion
der jeweiligen Gefühle bewusst machen. Deshalb beschränken sich syste-
mische Interventionen nicht auf das ‚Spiegeln’ emotionaler Erlebnisinhal-
te, sondern beabsichtigen gerade auch durch Irritationen und Provokatio-
nen von dem/der Supervisanden/in als unbefriedigend erlebte Deutungs-
muster zu erschüttern. Wie das mit den Grundhaltungen Authentizität,
Empathie und Akzeptanz in Einklang zu bringen ist, wird dort ebenfalls
zu bedenken sein.
Themenzentrierte Interaktion (Ruth C. Cohn)
Im ersten Kapitel wurde Supervision als eine professionelle Beratungs-
form definiert, die in einem zeitlich und räumlich begrenzten Prozess
das berufliche Handeln im Bedingungsgeflecht von eigener Person, beruf-
licher Rolle und System/Organisation/Institution reflektiert. Die Analogie
zum TZI-Dreieck bestehend aus Ich, Wir und Thema liegt auf der
Hand.120 Aber auch die von Ruth Cohn entwickelten ‚Axiome’ und ‚Pos-
tulate bzw. Regeln’ sind für die supervisorische Arbeit fruchtbar zu ma-
chen: 121
„Sei dein eigener Chairman, der Chairman deiner selbst“,122 fordert R.
Cohn und verlangt damit, Verantwortung für das eigene Leben zu
übernehmen. Zugleich wird damit eine Suchbewegung nach eigenen
Lösungen initiiert.
„Beachte Hindernisse auf deinem Weg, deine eigenen und die von an-
deren. Störungen haben Vorrang (ohne ihre Lösung wird Wachstum
erschwert oder verhindert)“,123 so lautet das berühmte ‚Störungspostu-
von kontextrelevantem Wissen, Informationsvermittlung und kontextbezogenes
methodisches Vorgehen.“ AaO., S. 8.
120R. C. Cohn, aaO., S. 113f: Jede Gruppeninteraktion enthält die Faktoren, die man
sich bildlich als Eckpunkte eines Dreiecks vorstellen könnte: 1. das Ich, die Persön-
lichkeit; 2. das Wir, die Gruppe; 3. das Es, das Team. Dieses Dreieck ist eingebettet
in eine Kugel, die die Umgebung darstellt, in welcher sich die interaktionelle Grup-
pe trifft. Diese Umgebung besteht aus Zeit, Ort und deren historischen, sozialen
und teleologischen Gegebenheiten.
121Ebd., S. 120 128. H. Reichert nennt als Schwerpunkte der TZI-Supervision: „Pro-
zessreflexion“, „Selbstthematisierung“, „Intervenieren in dem Bewusstsein, selbst
Teil des aktuell arbeitenden Systems zu sein“, „Kompetenz der Störungswahrneh-
mung und -bearbeitung“, „Systematische Sicht auf die umgebenden Verhältnisse,
Rahmenbedingungen (GLOBE)“. AaO., S. 14.
122Ruth C. Cohn, aaO., S. 120.
123Ebd., S. 121.
82 II. Kapitel: Die Werkstatt
lat, nach H. Reichert, „eine Aufforderung dazu, in der komplexen
Wirklichkeit Irritation als Lernanlass anzunehmen und konstruktiv mit
ihr umzugehen“.124 Die Analogie zum systemisch-lösungsorientierten
Ansatz, ‚Störungen’ als ‚Fenster zum Problem’ und damit auch zur Lö-
sung zu betrachten, sind evident: „Ohne Störung keine Lösung.“125
„Wenn mehr als einer gleichzeitig reden will, verständigt euch in Stich-
worten, über was ihr zu reden beabsichtigt.“126 Ruth Cohn schärft die
Wahrnehmung für die Funktion von Ordnungen und Regeln in Syste-
men. Kommunikatives Chaos spiegelt nicht selten einen ‚Systemfeh-
ler’.
„Beobachte Signale aus deiner Körpersphäre und beachte Signale die-
ser Art bei den anderen Teilnehmern.127 Wie wichtig es ist, auf Kör-
persignale zu achten und auch mit entsprechenden Interventionen an-
gemessen darauf zu reagieren, wird noch genauer zu bedenken sein.
„Wenn du eine Frage stellst, sage, warum du fragst und was deine Fra-
ge für dich bedeutet. Sage dich selbst aus und vermeide das Inter-
view.“128 Welche Aussagen verbergen sich hinter Fragen? Gibt es ein
‚Thema hinter dem Thema’? „Fragen, die kein Verlangen nach Infor-
mationen ausdrücken, sind unecht. Sie können Vermeidungsspiele
sein, um eigenen Erfahrungen zu verschweigen oder dienen als Werk-
zeug inquisitorischer Machtkämpfe.“129
„Halte dich mit Interpretationen von anderen so lange wie möglich zu-
rück. Sprich statt dessen deine persönlichen Reaktionen aus.“130 Ruth
Cohn übt kontrollierte Feedback-Techniken ein, lehrt darauf zu ach-
ten, Ich-Botschaften zu formulieren und zwischen ‚Selbstbildern’ und
’Fremdbildern’ zu unterscheiden das alles sind Basiswerkzeuge auch
in der supervisorischen Arbeit.
Kommunikationstheorien und neurobiologische Erkenntnisse
Das von Paul Watzlawick formulierte vierte metakommunikative Axiom,
das eine analoge und eine digitale Ebene unterscheidet,131 wird durch
Hirnforschung und Neurobiologie eindrucksvoll bestätigt: hrend die
linke Gehirnhälfte mehr für die digitalen und rationalen Denkoperationen
124H. Reichert, aaO., S. 13.
125Ebd., S. 13. S. a. A. Bürge und H. Eberhart, aaO., S. 51.
126Ruth C. Cohn, aaO., S. 127.
127Ebd., S. 116.
128Ebd., S. 124.
129Ebd., S. 124f.
130Ebd., S. 125.
131P. Watzlawick et al.: Pragmatische Axiome- ein Definitionsversuch. In: P. Watzla-
wick et al.: Menschliche Kommunikation, aaO., S. 61 68: „Digitale Kommunikati-
onen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Ge-
biet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen
besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für eindeutige Kommuni-
kation erforderliche Syntax.“ S. 68.
II. Kapitel: Die Werkstatt 83
zuständig ist, verarbeitet die rechte mehr die analogen und holistischen
Wahrnehmungsimpulse und ist für die Kommunikationsprozesse zustän-
dig. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass die Anzahl der beteilig-
ten Hirnareale Einfluss auf die Effizienz von Lernprozessen hat. Beson-
ders nachhaltig sind solche Lernprozesse, die mit intensiven positiven Ge-
fühlen verknüpft sind.132 Ausgehend davon, dass Supervision auch eine
sicherlich besondere Form des Lernens ist, gelten die Erkenntnisse der
Neurobiologie und Lernpsychologie auch für sie: „[…] dass unser Lerner-
folg dann am größten ist, wenn wir mit allen unseren Sinneskanälen […]
den Lernstoff aufnehmen bzw. dargeboten bekommen, d. h. auf der visu-
ellen, akustischen und kinästhetischen Ebene!“133 ‚Analoge’ Kreativtech-
niken stehen in meiner ‚Werkstatt’ deshalb gleichberechtigt neben digita-
len, kognitiv reflektierenden Verfahren.134
Kreative Medien in der Supervision135
Hinsichtlich der Arbeit mit kreativen Medien habe ich durch die gestalten-
de Therapie wertvolle Anregungen erhalten: „(I) Imaginieren Phantasie-
ren Wahrnehmen: Offensein nach innen wie nach außen. Das für mich
Wesentliche wird dann spürbar. (II) Gestalten Erleben Handeln Umset-
zen von Phantasie bei emotionaler Beteiligung – Gestalten bei freier Wahl
von Material wie Technik. (III) Assoziieren Erfahren Konfrontation mit
dem gestalteten Objekt, Erweiterung des Themas durch neue Assoziatio-
nen und Einfälle (ggf. mit Hilfe von Gruppenphantasien). (IV) Beobach-
ten Klären Konfrontieren. (V) Betrachten Fragen Alternativen su-
chen evtl. Deutungen geben. (VI) Erkennen Strukturieren Integrie-
ren Erweiterung der Wahrnehmung.“136 Kreative Medien erlauben
dem/der Supervisanden/in Sprachgrenzen zu transzendieren, kognitive
Blockaden zu überwinden und Projektionsangebote phantasievoll zu nut-
zen. Es ist wichtig, den richtigen Zeitpunkt für den Einsatz dieser Metho-
den zu entdecken. Sie setzen Vertrauen in die Person des/der Supervi-
sors/in, aber auch in seine/ihre Methodensicherheit und -kompetenz vo-
raus. Außerdem ist auf die Tiefungsebenen zu achten: Je ‚ursprünglicher’
und sinnlicher’ das Material, desto größer die Möglichkeit sich „in die
132S. Manfred Spitzer: Lernen. Heidelberg/Berlin 2002, S. 157 173; N. Herschko-
witz, aaO., S. 18ff.
133W. Ehinger / C. Henning: aaO., S. 53. Auf H. Pühl: Der Supervisor als Leiter und
Pädagoge, aaO., hatte ich bereits verwiesen.
134H. Fallner / K. F. Richter, aaO.; Kurt F. Richter: Erzählweisen des Körpers. Seelze-
Velber 1997.
135Eine umfassende Darstellung der ganzen Vielfalt gegenwärtig existierender Kunst-
therapiekonzepte und die Entwicklung eines ‚kreativ-emanzipierenden Seelsorge-
modells’ unter Einbeziehung dieser Konzepte bietet Gina Schibler: Kreativ-emanzi-
pierende Seelsorge, aaO., S. 145 – 430.
136Das sind die wesentlichen sechs Schritte der Gestaltenden Psychotherapie nach M.
Mirjam Schröder / M. Sabine Schröder: Spiegel der Seele. Erleben, was Gestaltende
Psychotherapie sein kann. Stuttgart 1993, S. 21.
84 II. Kapitel: Die Werkstatt
Landschaft früherer Szenen“137 abzusenken. Da Supervision aber keine
Therapie ist, sind entsprechende Schutzmaßnahmen zu treffen (hinsicht-
lich des Ortes, des Zeitrahmens, der Materialauswahl etc.).138
Gestaltarbeit
Die Grundannahmen der Gestaltarbeit139 Gewahrsein/Bewusstheit
(awareness),140 hier und jetzt (here and now),141 Verantwortung überneh-
men (responsibility)142 decken sich weitgehend mit den Intentionen res-
sourcen- und lösungsorientierten Arbeitens in der Supervision. Zahlreiche
der aus diesen Grundhaltungen erwachsenden Prinzipien und Techniken
eignen sich für die supervisorische Praxis:143 der Kontaktzyklus,144 die Ar-
beit mit Polaritäten,145 der ‚leere Stuhl’146 u. a., die sich ab Kapitel IV
größtenteils in der praktischen Anwendung wiederfinden lassen. Die
137K. F. Richter, aaO., S. 105.
138Zur Unterscheidung der Supervision von anderen Beratungsformen wie z. B. der
Therapie siehe Kapitel III.2.
139S. dazu das Standardwerk von Frederic S. Perls / Ralph F. Hefferline / Paul Good-
man: Gestalttherapie. Grundlagen. München 1979.
140S. Frederic S. Perls / Ralph F. Hefferline / Paul Goodman: Gestalttherapie. Praxis.
München 1979, S. 14: „Gewahrsein kennzeichnet sich durch Kontakt, Sinneswahrneh-
mung, Erregung und Gestaltbildung.“ Gestaltarbeit zielt darauf ab, die bewusste Wahr-
nehmung des gesamten Kontakzyklusses wieder herzustellen. Übungen zum Ge-
wahrsein, ebd., S. 49 – 156.
141Gestaltarbeit setzt immer in der Gegenwart an: „Was immer du als wirklich erlebst,
ist, zeitlich betrachtet in der Gegenwart. […] Du kannst nicht in diesem Augenblick
etwas erleben das heißt, es selber durchmachen –, was außer Reichweite deiner
Sinnesorgane geschieht. Vorstellen kannst du es dir, ja, aber das heißt, dass du dir
ein Bild davon machst, und das Bild ist hier, wo du bist.“ Ebd., S. 51.
142Awareness here and now führt dazu, dass für das eigene Leben Verantwortung
übernommen wird: Man kann vernünftigerweise nicht Verantwortung für etwas
übernehmen, wozu man keinen Kontakt hat. […] Wenn man mit ihnen [den Ereig-
nissen im eigenen Leben] Kontakt aufnimmt und deutlich gewahrt, wie sie beschaf-
fen sind und welche Rolle sie im eigenen Leben spielen, dann wird man verantwort-
lich für sie“. Ebd., S. 41.
143Eine sehr übersichtliche Zusammenfassung der „Ziele und Bestrebungen“ der Ge-
staltarbeit findet sich bei Joseph Zinker: Gestalttherapie als kreativer Prozess. Pa-
derborn 6/1998, S. 101f.
144Besteht aus den Phasen: Rückzug, Empfindung, Gewahrsein, Mobilisierung von
Energie, Handlung, Kontakt und wieder Rückzug; s. ebd., S. 102 – 126.
145Ebd., S. 191 -223. „Theoretisch ist der gesunde Mensch ein vollständiger Kreis, zu
dem Tausende von integrierten und ineinander verwobenen Polaritäten gehören,
die alle miteinander verschmolzen sind. […] Es gibt mächtige Löcher im Gewahr-
sein des gestörten Menschen. Er hat eine starre, stereotype Anschauung von sich
und kann viele Teile seiner selbst nicht akzeptieren“. Ebd. S. 193 – 196.
146Ebd., S. 150 – 155. „Der leere Stuhl soll es einem ermöglichen, mit einer Polarität in
sich in einen Dialog zu treten.“ S. 150. Ein konkretes Beispiele aus der Arbeit mit
einer Referendarin schildert Petra Barz-Meißner: Ein Ausbildungskurs für Studien-
referendare. Identität und Rolle als Lehrer. In: In: Astrid Schreyögg / Heinz Leh-
meier (Hg.), aaO., S. 59f.
II. Kapitel: Die Werkstatt 85
ebenfalls aus der Gestaltarbeit kommenden Metaphern von den ‚erledig-
ten und unerledigten Geschäften’ bzw. den ‚geschlossenen und offenen
Gestaltensind für den Supervisionsalltag ebenfalls sehr hilfreich, um Pro-
blem-Lösungen zu fokussieren.147
Arbeit mit ‚inneren Bildern’ – Imaginationen148
Wie bereits angedeutet ist für einen ressourcenorientierten Ansatz die Ar-
beit mit positiven inneren Bildern unentbehrlich. Eine der wichtigsten Er-
kenntnisse der neueren von Luise Reddemann mit begründeten Trau-
matologieforschung ist, „dass jeder Mensch über Selbstheilungskräfte ver-
fügt und dass unsere wichtigste Aufgabe darin besteht, diese zu unterstüt-
zen.“149 Die Erkenntnis, dass die stabilisierende Kraft der Arbeit mit inne-
ren Bildern, das Erschaffen einer ‚guten Gegenwelt’150 nicht nur für Opfer
traumatischer Erfahrungen, sondern für alle Menschen hilfreich ist, die ihr
eigenes Entfaltungspotential erweitern wollen, ermutigt imaginative Ver-
fahren auch in der Supervision und anderen Beratungsformaten einzuset-
zen. „Auf verschiedenen Wegen versuchen wir“, schreiben z. B. Chris-
toph Morgenthaler und Gina Schibler in ihrer ‚Religiös-existentielle[n] Be-
ratung’, „in den Beratungen auch die Imagination zu fördern. Auch hier
geht es darum, in Akten innerer Vorstellung Handlungs- und Bedeutungs-
landschaften auftauchen zu lassen, zu begehen und weiterzuentwickeln.
[…] Das Eintreten in diesen imaginativen Raum bringt Erfahrungen, die
nicht schlüssig vorausgesagt werden können. Diese sind zumeist von einer
Logik geprägt, die nicht der Alltagslogik, sondern der ‚Logik der Imagina-
tion’ entspricht.151 Diese Erfahrung deckt sich mit meinen eigenen
Wahrnehmungen in den Supervisionsprozessen, die ich bisher durchge-
führt habe.152 Eine ausführlichere Diskussion und ein Einblick in die ent-
sprechende Praxis finden sich in Kapitel VI.
147„Jede unfertige Gestalt steht für eine ‚unerledigte Situation’, die Aufmerksamkeit er-
heischt und die Bildung einer neuen, lebendigen Gestalt stört. Anstelle von Wachs-
tum und Entwicklung finden wir dann Stagnation und Regression.“ In: F. S. Perls /
R. F. Hefferline / P. Goodman: Gestalttherapie. Praxis, aaO., S. 15.
148S. N. Belardi 2/1998. S. 87f.; Chr. Morgenthaler / Gina Schibler: Religiös-existen-
tielle Beratung, aaO., S. 115 – 153.
149Luise Reddemann: Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafol-
gen mit ressourcenorientierten Verfahren. Stuttgart 5/2002, S. 11.
150„Ich will in diesem Buch darstellen, wie wir anregen, nach und nach zunächst eine gu-
te Gegenwelt zu erschaffen zu der Welt der traumatischen Bilder, wie wir dann mit
traumatischen Bildern arbeiten und wie wir schließlich, wieder mit Bildern, eine Inte-
gration der Schreckenserfahrung in den Lebenskontext herbeihren.Ebd. S. 14.
151Chr. Morgenthaler / G. Schibler: Religiös-existentielle Beratung, aaO., S. 114f.
152So auch Petra Samarah: Fantasie- und Körperreisen für Therapie und Supervision
Neukirchen-Vluyn 2004 und W. Ehinger / C. Henning: aaO., S. 64ff. Noch einen
Schritt weiter gehen Delia Anton und Heinz J. Kersting mit ihrer Traumarbeit in
der Supervision: Supervisionsträume Dreamnarration und Dreamodrama. In: Zir-
kelzeichen, aaO., S. 227 – 249.
86 II. Kapitel: Die Werkstatt
Transaktionale Analyse (Eric Berne)
Auch die transaktionale Analyse ist nicht nur als analytisches und diagnosti-
sches (Hilfs)Mittel einzusetzen, sondern erglicht gerade in der Zusam-
menschau mit Gestaltelementen sehr wirksame Interventionen. Die Perso-
nifizierung der drei Ich-Zusnde,153 die Dramatisierung der Ich-Zustände
im Rollenspiel etc. lassen die eigenen Persönlichkeitsanteile sichtbar wer-
den. Das Drama-Dreieck (Täter / Opfer / Verfolger) nach Stephen Karp-
man erweist sich in Prozessen immer wieder als geeignetes heuristisches
Mittel, um der Dynamik vonDreiecksbeziehungen’ in den jeweiligen beruf-
lichen Handlungsfeldern ‚auf die Schliche zu kommen’.154 Auch Script-155
und Spielanalyse156 sind in der supervisorischen Praxis brauchbare Instru-
mente, um Mechanismen im Berufsalltag sichtbar zu machen und in ihren
Wirksamkeiten nachzuvollziehen. Die Scriptanalyse wird in Kapitel VIII
und die Spielanalyse in Kapitel XI erneut aufgegriffen.
Ohne Körper geht nichts
so lautet der Titel eines von Gerd Koch, Gabriela Naumann und Florian
Vaßen herausgegebenen theaterpädagogischen Sammelbandes.157
Zunehmend schätzen gelernt habe ich als Supervisor in den letzten Jahren
Anregungen aus der Körperarbeit. Nach Luc Ciompi, dem langjährigen
Leiter der sozialpsychiatrischen Klinik der Universität Bern, sind Fühlen,
Denken und Verhalten grundsätzlich zu „funktionellen Einheiten“158 mit-
einander verknüpft und hinterlassen in den unterschiedlichsten Hirnregio-
nen in Form hochkomplexer Nervenzellverschaltungen ihre Spuren. Luc
Ciompi spricht deshalb von integrierten Fühl-, Denk-, Verhaltensprogram-
men“.159 Der ‚inneren’ neuronalen Seite korrespondiert also stets eine äu-
153Eltern-Ich, Erwachsen-Ich und Kindheits-Ich; s. Leonard Schlegel: Die Transaktio-
nale Analyse. Basel 4/1995, S. 7ff.
154S. ebd., S. 147 – 150.
155Eric Berne ist der Ansicht, dass jeder Mensch un- bzw. vorbewusst einem geheimen
Lebensplan oder Rollenbuch folgt, das durch die konstruktiven bzw. destruktiven
Botschaften, denen jeder Mensch vom Beginn seines Lebens an ausgesetzt ist, ge-
schrieben’ wird. S. ebd., S. 176 – 257.
156Mit ‚psychologischen Spielenmeint Berne sich wiederholende Interaktionen, die äu-
ßerlich sinnvoll erscheinen, aber unterschwellig einen anderen, manipulativen Zweck
verfolgen. S. Eric Berne: Spiele der Erwachsenen. Reinbek b. Hamburg 1967.
157G. Koch et al.: Ohne Körper geht nichts. Lernen in neuen Kontexten. Berlin 2000,
auf den auch Harald Schroeter-Wittke in seinem Aufsatz „Performance als religionsdi-
daktische Kategorie. Prospekt einer performativen Religionspädagogik“ rekurriert.
In: Thomas Klie / Silke Leonhard (Hg.): Schauplatz Religion. Grundzüge einer Per-
formativen Religionspädagogik. Leipzig 2003, S. 47 – 66.
158Luc Ciompi: Gefühle, Affekte, Affektlogik. Wien 2002, S. 31.
159Ebd., S. 31ff. Ganz ähnlich auch H. G. Petzold, der auf dem Hintergrund der „neu-
eren neuro- und kognitionswissenschaftlichen Diskussionen und Arbeiten zum ‚em-
bodied mind’ ausführt: „Der Begriff mental darf nicht nur kognitivistisch gewertet
werden; er ist nicht nur als ‚Konstrukt der Vergeistigung’, ‚theory of mind’ sondern
darüber hinausgehend als Konstrukt zu sehen, in dem Geist (mind) ‚verleiblicht’
II. Kapitel: Die Werkstatt 87
ßere’ körperliche Seite: „Persönlichkeitsstrukturen sind“, wie Kurt F.
Richter formuliert, „bestimmte Formen von Persönlichkeitstendenzen, die
sich von Geburt an leiblich einschleifen und sich im Verlaufe des Lebens
immer wieder modifizieren. Sie entwickeln sich als Niederschlag von In-
teraktionserfahrungen.“160 Diese „Leibarchive“, wie Richter sie nennt,
verwalten Ressourcen und speichern „Erfahrungsschemata zur Bewälti-
gung von Lebensaufgaben (Bewältigungsmuster).“161 J. L. Griffith und M.
E. Griffith verweisen darauf, dass gerade „spiritual experiences often exist
only partly in language, but are felt fully within the body.162 Allerdings
braucht es gesonderter Schlüssel, um sie zu öffnen.163 So kann es manch-
mal leichter und angemessener sein, über den Körper, über die äußerlich
wahrnehmbare Haltung Zugang zu den Bewältigungsmustern des/der Su-
pervisanden/in zu bekommen als über die Gefühlsebene oder den ratio-
nalen Diskurs.164 Beeindruckend sind die vielleicht zunächst unscheinbar
wirkenden, aber in der Beratungspraxis oft sehr ‚treffsicheren’ Beispiele,
die Ruth Cohn aus ihrer Praxis vorstellt: „Der Körper hat seine eigene
Sprache, mit der er auch Übersetzer unserer Gefühle ist. Er macht Un-
sichtbares sichtbar ohne Worte. Wenn wir seine non-verbale Sprache
ins Verbale übersetzen, erhöhen wir unser Verständnis: Dein Finger liegt
auf dem Mund. Was sagt der Finger zum Mund? Was sagt der Mund zum
Finger?’ ‚Dein Fuß klopft auf die Erde. Was sagt er?’“165 Auch für solche
Körper orientierten Interventionen finden sich Konkretionen im darge-
stellten Prozess (Kapitel VIII).
‚Erster Prozess’
Bei dem dokumentierten Prozess handelt es sich um meinen ersten ‚Ver-
such’ als Supervisor. Die Auswahlgespräche für die Supervisionsausbil-
(embodied) gedacht wird und in konkreten Handlungen, Performanzen […] z. B.
supervisorischen Interventionen – zum Tragen kommt, wie sie in Prozessen ‚komple-
xen Lernens’ (Sieper, Petzold 2002) durch ‚Verkörperungen’ erworben wurden und in
lebenslang erfolgender ‚Inkorporierung erlebter Welt’ auch professioneller Welt,
wie die einer supervisorischen Schule erworben werden.“ In: H. G. Petzold et al.:
Supervision auf dem Prüfstand. aaO., S. 27.
160Kurt F. Richter ist Gestaltlehrtherapeut, Lehrsupervisor und ausgewiesener Fach-
mann für Körperarbeit und die Arbeit mit kreativen Medien, aaO., S. 24.
161Ebd., S. 104.
162J. L. Griffith und M. E. Griffith: Encountering, aaO., S. 42.
163S. K. F. Richter, aaO., S. 49.
164S. N. Belardi 2/1998, S. 87: „Oft spricht der Körper eine ehrlichere Sprache als die
Worte.“ Im Kontext der Lehrer/innensupervision sollte deshalb nachdenklich stim-
men, dass H. Schroeter-Wittke „die weit gehende Abwesenheit des Körpers im pä-
dagogischen Diskurs“ feststellt und als Prognose formuliert: „Würde der Körper je-
doch seine Rolle im schulischen Alltag und im dagogischen Diskurs spielen dür-
fen, wäre das auf kognitive Leistung ausgerichtete Schulsystem bis in seine Rahmen-
bedingungen hinein bedroht.“ H. Schroeter-Wittke: Performance als religionsdidakti-
sche Kategorie, aaO., S. 50.
165Ruth C. Cohn, aaO., S. 202.
88 II. Kapitel: Die Werkstatt
dung hatten im Dezember 2000 stattgefunden, bis zum Beginn der Super-
vision waren etwa drei ‚Ausbildungskurswochen’ erfolgt. Als ich mit dem
Supervisanden über die Zahl der Sitzungen verhandelte, reagierte dieser
auf meine Bemerkung ‚Die DGSv empfiehlt 15 Sitzungen’ verblüfft
mit dem Satz: Was, nur 15 Sitzungen, das ist aber wenig!’ Der Supervi-
sand war fest entschlossen, seinen beruflichen Wechsel professionell be-
gleitet zu wissen. Er war sich offenbar auch bewusst, dass diese Orientie-
rungsphase Zeit braucht. Außerdem war er entweder hoch motiviert oder
bereits in den ersten Wochen seiner neuen tigkeit zutiefst verunsichert
– vielleicht ja auch beides.
Auch wenn der gesamte Prozess kontinuierlich von einem Lehr- und
Kontrollsupervisor begleitet wurde, hat es doch Überwindung gekostet,
mich als ‚Anfänger’ und ‚Neuling’ in der Gemeinschaft der Superviso-
ren/innen so zu ‚outen’, besonders wenn ich im Rückblick betrachte, wie
viele ‚supervisorische Gelegenheiten’ ungenutzt blieben. Die Aussicht auf
einen fundierten fachlichen Feedbackprozess, der das Schwungrad der su-
pervisorischen Professionalisierung in Bewegung lt, hat mir aber immer
wieder Mut gemacht, nicht vorzeitig aufzugeben.
4 Der Blick zurück
auf das Thema ‚Supervision mit Lehrerinnen und Lehrern’
Der Begriff ‚Supervision’ ist gesetzlich nicht geschützt und wird in den un-
terschiedlichsten Zusammenhängen zur Beschreibung nicht verwand-
ter Tätigkeiten gebraucht.
Supervision als Beratungsangebot wird international nicht einheitlich
definiert. Allein in Deutschland findet sich eine unübersichtliche Vielfalt
an Konzepten und Modellen.
Dennoch lassen sich gemeinsame ‚Format-Merkmale’ festhalten: Supervisi-
on ist Anleitung zur berufsbezogenen Selbstreflexion, bezieht biogra-
phische Anteile ein, dient der Entlastung, bietet professionelle Feld-
und Beratungskompetenz, ein besonderes Arbeitssetting und ist zeit-
lich befristet.
H. G. Petzold et al. bündeln das Supervisionsangebot im deutschspra-
chigen Raum in einem ‚Mehrebenenmodell’, das sich aus sechs Teilsyste-
men zusammensetzt.
Berufsständische Dachverbände sorgen für einheitliche Ausbildungs-
und Kontrollstandards, entwickeln Evaluationsverfahren und verpflichten
zu ethischen Leitlinien.
Die meisten Supervisionskonzepte, die sich in Deutschland am Markt eta-
blieren konnten, basieren auf therapeutischen Schulen und werden
II. Kapitel: Die Werkstatt 89
durch Kommunikationstheorien, gruppendynamische und systemtheo-
retische Ansätze ergänzt.
In jüngster Zeit gehen die kräftigsten Innovationen von integrativen
und systemisch-konstruktivistischen Ansätzen aus, die nicht den Einzelnen
als Problem sehen, sondern das System als Ganzes.
Die wichtigsten Arbeitsformen sind Einzelsupervision, Gruppensupervision
und (Teil)Organisationssupervision.
In der Einzelsupervision reflektiert eine Einzelperson gemeinsam mit
dem/der Supervisor/in das berufliche Bedingungsgefüge von Rolle,
Person und System.
In der Gruppensupervision kommen mehrere Personen, die in ähnlichen
beruflichen Rollen und Funktionen, aber in unterschiedlichen Syste-
men arbeiten, mit einem/r Supervisor/in oder mehreren Superviso-
ren/innen zusammen.
Die Beratung und Begleitung von Teams oder Arbeitsgruppen, die ge-
meinsam in einer Organisation arbeiten, nennt man (Teil)Organisations-
supervision.
Kollegiale Fallberatung, Kollegiale Supervision, Kollegensupervision, peer-group-su-
pervision oder Intervision findet ohne professionelle Begleitung statt.
Bei der internen Supervision werden die Supervisoren/innen durch den
Arbeitgeber gestellt; externe Supervisoren/innen verringern die Gefahr der
Betriebsblindheit.
auf den Prozess, der in dieser Untersuchung präsentiert und ana-
lysiert wird
Der Prozess findet im Pädagogischen Institut der Ev. Kirche von Westfalen
(PI) statt. Das PI ist die zentrale Lehrerfort- und Weiterbildungsein-
richtung für Religionslehrer/innen. Zumindest einmal in ihrem Leben
im Rahmen ihrer Vokationstagung suchen alle Religionslehrer/in-
nen das PI auf. In der Vokation wird ihnen von ihrer Kirche umfas-
sende Unterstützung zugesagt.
Seit 2001 wird im PI ein auf (Religions)Lehrer/innen zugeschnittenes Supervi-
sionsangebot aufgebaut.
Der Supervisand ist männlich, Ende dreißig und steht am Beginn seiner
Berufstätigkeit als Berufsschulpfarrer und Religionslehrer.
Berufsschulpfarrer/innen sind Lehrer/innen im Gestellungsvertrag, die so-
wohl rechtlich als auch berufspraktisch besonderen Arbeitsbedingun-
gen unterliegen.
Der Supervisor ist die erste Intervention.
Das Supervisionskonzept des Supervisors ist maßgeblich durch seine Aus-
bildung in der DAD Berlin geprägt. Schwerpunkte sind systemische
Theorie und Praxis sowie die Arbeit mit kreativen Medien.
90 II. Kapitel: Die Werkstatt
Der Supervisor trägt ständig eine Vielzahl von ‚Rollenhüten’ (Virginia Sa-
tir). In der supervisorischen Arbeit sollte der professionelle Rollenhut
die Regie haben.
Der Werkzeugkofferdes Supervisors ist gefüllt mit Werkzeugen, die er
sich während der Ausbildung angeeignet hat bzw. die der bisherigen
Berufsbiographie bzw. Lebenserfahrung entstammen.
Die Auswahl der Werkzeuge muss auf den Supervisanden, das jeweilige
Thema, das Ziel, den Kontext und das Setting abgestimmt werden.
Die supervisorischen Grundhaltungen sind Akzeptanz, Empathie und se-
lektive Authentizität.
Ein weiterer Grundsatz supervisorischer Arbeitet lautet: ‚In Kontakt mit
sich im Gegenüber zu dem Supervisanden’. Die Einhaltung dieses
Grundsatzes kann mit dem ‚Identifikations-Thermometer’ gemessen
werden.
Ausgewählte Werkzeuge des Supervisors sind:
- Die Gesprächspsychotherapie nach Carl R. Rogers
- Die Themenzentrierte Interaktion nach Ruth C. Cohn
- Die Unterscheidung von analoger und digitaler Kommunikation
nach Paul Watzlawick
- Kreative Medien
- Strategien und Techniken der Gestaltarbeit (Fritz Perls u. a.)
- Die Arbeit mit ‚inneren Bildern’ (Luise Reddemann)
- Die Transaktionale Analyse (Eric Berne)
- Körperarbeit (Kurt F. Richter)
Der hier vorgestellte Supervisionsprozess ist der erste, der von dem Supervi-
sor eigenverantwortlich durchgeführt wurde. Der Prozess wurde durch
einen Lehrsupervisor kontinuierlich begleitet.
III. Kapitel: Eröffnungen 91
III. Kapitel
Eröffnungen: Erstkontakt, Erstgespräch und Kontrakt
1 Erstkontakt, Erstgespräch, Kontraktarbeit
Der Erstkontakt
Der Supervisand trat nur wenige Wochen nach seinem Dienstantritt tele-
fonisch mit mir in Kontakt und bekundete sein Interesse an einer Einzel-
supervision. Das Erstgespräch fand im Oktober desselben Jahres statt, der
ganze Prozess erstreckte sich dann über 15 Monate bis in den Dezember
des darauf folgenden Jahres.
Das Erstgespräch
Der Supervisand war so motiviert, dass er nach der Begßung und weni-
gen Sätzen unmittelbar mit der Arbeit an einer konkreten Unterrichtssituati-
on beginnen wollte. In einer JoA-Klasse (Jugendliche ohne Ausbildungsver-
trag), die zu den schwierigsten Lerngruppen in der berufsbildenden Schule
hlen, war das allmorgendliche Chaos eskaliert und der Supervisand hatte
einem Schüler mit Migrationshintergrund das Brot, das er gerade während
des Unterrichts verzehren wollte, aus der Hand genommen.
Idealtypischer Verlauf eines Supervisionsprozesses
Es ist verführerisch, unmittelbar in die supervisorische Arbeit einzustei-
gen, wenn solche konkreten Konflikte gleich zu Beginn eines Prozesses
präsentiert werden; denn grundsätzlich gilt: Der Supervisand bestimmt die
Inhalte, der Supervisor hat die Verantwortung für das Setting, d. h. er ach-
tet auf den professionellen Verlauf der Beratung.1 Dazu gehört aber auch,
den Gesamtprozess und seine Dynamik im Blick zu behalten. Es gibt in
der supervisorischen Arbeit so etwas wie einen idealtypischen Verlauf, in
dem der Spannungsbogen und der Tiefungsbogen optimal korrespondie-
ren (s. Grafik). Nach R. John und H. Fallner2 wird zunächst ‚flach’ mit ei-
ner Orientierungsphase begonnen, dann gewinnt der Prozess in der Diffe-
renzierungsphase zunehmend an Tiefe, biographische Bewältigungsmuster
werden mit einbezogen und beleuchtet, um dann schließlich in einer Um-
strukturierungsphase zu münden. Wie die Grafik zeigt, können in der Pra-
xis die optimalen Bögen und die realen Verläufe deutlich auseinanderdrif-
ten, wobei sich Spannungs- und Tiefungsbogen dann antizyklisch zuein-
1 „Dabei hat der Berater die professionelle Verantwortlichkeit für den Verlauf der Be-
ratung, nicht jedoch für die Inhalte und Ergebnisse des Beratungsprozesses.“
N. Belardi 2002, aaO., S. 71.
2 R. John / H. Fallner, aaO., S. 70ff.
92 III. Kapitel: Eröffnungen
ander verhalten: Wenn unmittelbar zu Beginn des Prozesses zuviel Span-
nung aufgebaut wird, reagiert der/die Supervisand/in nicht selten mit ‚in-
nerem Rückzug’, weil die Zeit dafür noch nicht reif ist.
3
sungs- und ressourcenorientierte Supervision ist ein kreativer (Such)Pro-
zess, so dass die vier Phasen nach dem Walls-Modell ebenfalls ein hilfrei-
ches Gliederungsschema bieten:4 Danach beginnt der Prozess mit der Vor-
bereitungsphase. Es folgt die Inkubationsphase, in der die gesammelten In-
formationen und Eindrücke gären und reifen. In der Eingebungsphase
„entstehen scheinbar schlagartig die Geistesblitze, Erkenntnismomente, Vi-
sionen oder einfach die guten Ideen.“5 Der Prozess endet mit der Verifika-
tionsphase, in der evaluiert wird, was aus den Vorsatzbildungen während
des Prozesses geworden ist.6
3 Grafik: M. Jetzschke nach einer Vorlage von Heinrich Fallner.
4 S. H. Fallner / M. Pohl, aaO., S. 50.
5 Ebd., S. 50.
6 Weitere Phasenmodelle referiert K. D. Joswig, aaO., S. 15 17. Ein an der systemi-
schen Kurzzeittherapie angelehntes und auf sieben Sitzungen beschränktes Bera-
tungsmodell haben Chr. Morgenthaler und G. Schibler entwickelt. AaO., S. 84 – 86.
Abläufe von Gruppen- bzw. Teamsupervision s. K. Rappe-Giesecke: Supervision
für Gruppen und Teams, aaO., S. 113 175. Einen ersten Einblick in die Supervi-
sionspraxis geben die kurzen Verlaufsprotokolle von Fritz Füßl und Dietmar Pentz:
Berater Beraten. Ein Konzept zur Personalentwicklung durch Supervision. In: A.
Schreyögg / H. Lehmeier (Hg.), aaO., S. 172 – 208.
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III. Kapitel: Eröffnungen 93
Vorbereitungs- bzw. Orientierungsphase
Die Orientierungsphase dient u. a. auch dazu, über die formalen Rahmen-
bedingungen zu informieren, Arbeitsabsprachen zu treffen und das eigene
Supervisionskonzept vorzustellen.
Auf folgende Aspekte wird dabei in besonderer Weise geachtet:7
Sorgfältige Analyse der Ausgangssituation
Eindeutige schriftliche Auftragsklärung
Zielgerichtete, lösungsorientierte und nachvollziehbare Arbeitsstrate-
gien
Schriftliche Vereinbarung einer Zwischenevaluation
Ergebnissicherungen am Ende jeder einzelnen Sitzung und am Pro-
zessende
Orientierung der Prozessdauer an den von der DGSv empfohlenen 15
Sitzungen als Richtschnur; nach sorgfältiger Evaluation ist eine Nach-
kontraktierung möglich
Schriftlicher Kontrakt, in dem Anzahl und nge der Sitzungen, Sit-
zungsrhythmus, Kosten, Ausfallregelungen etc. festgehalten sind
Klare Struktur und größtmögliche Prozesstransparenz
Kontraktarbeit
Der Arbeit an dem gemeinsamen Kontrakt kommt deshalb ein hoher Stel-
lenwert zu. Was im Kontraktgespräch nicht vereinbart wird, meldet sich
im späteren Prozess unterschwellig immer wieder. Vor der Sitzung hatte
ich ein Formular entworfen, anhand dessen die wesentlichen Kontraktfra-
gen abgearbeitet werden sollten.8
Supervisionsentwicklerdreieck
Im Erstgespräch habe ich anhand des sog. Supervisionsentwicklerdrei-
ecks9 die Arbeitsweise meines Supervisions-Ansatzes entfaltet. Der Aus-
druck ‚Supervisionsentwicklerdreieck’ wurde von Heinrich Fallner geprägt
und mit Leben gefüllt. Das Dreieck wird mit farbigen Springseilen auf
dem Boden ausgelegt, das Thema, das bearbeitet werden soll, kommt in
7 S. a. N. Belardi 2/1998, aaO., S. 71: „Checkliste für alle Beteiligen“.
8 S. Musterformular im Anhang. In der Fachdiskussion wird die Bedeutung der Auf-
tragsklärung unterschiedlich beurteilt: Während W. Weigand besonders in der
(Teil)Organisationssupervision eine Klärung der Interessen fordert, ist H. Pühl
davon überzeugt, dass die Anliegen der SupervisandInnen zu Beginn meist diffus
[seien] und […] erst im Supervisionsprozess eine Klärung“ erführen. H. G. Petzold
et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 115. Letztlich ist es eine Frage des ei-
genen Supervisionskonzeptes, welche Funktion und welchen Stellenwert man der
Kontraktarbeit einräumt.
9 Das Modell ist dem von W. Weigand entwickelten sehr ähnlich, verzichtet allerdings
auf den ‚Kunden/Klientenals vierten gleichberechtigten Faktor! S. DGSv (Hg.): Su-
pervisionein Beitrag zur Qualifizierung beruflicher Arbeit. ln 3/2003, S. 19.
94 III. Kapitel: Eröffnungen
die Mitte des Dreiecks. Nun kann die Szenerie von dem /der Supervisan-
den/in im wahrsten Sinne des Wortes aus einer der drei Blickrichtun-
gen ‚Rolle’, ‚Person’ oder ‚System’ ‚be-treten’ werden.
Supervision ist nach H. Fallner und M. Pohl „reflektierende Klarlegungs-
arbeit (Person, Rolle und Praxisfeld) im professionellen Kontext“,10 d. h.
die eingebrachten Themen, Situationen werden aus den drei genannten
Perspektiven der Rolle (Rollenbilder, Rollenerwartungen, Rollenfestlegun-
gen, Rollenkonzepte etc.), der Person (biographischen Bewältigungsmus-
tern, Persönlichkeitskonzepten, Ressourcen etc.) und des Systems (des Ar-
beitsfeldes, der Organisation, der Institution, des Systems mit seinen je-
weiligen Subsystemen Organisationsformen, Machtstrukturen, Symp-
tomträgern etc.) bearbeitet.
2 Abgrenzung des Beratungsformates ‚Supervisionvon anderen
Formaten wie Fachberatung, Coaching, Fortbildung und Therapie
Um keine falschen Erwartungen zu wecken und Enttäuschungen vorzu-
beugen, ist es wichtig, im Erstgespräch die Möglichkeiten und Grenzen
der supervisorischen Arbeit in Relation zu anderen Beratungsformaten
wie Fortbildung, Fachberatung, Coaching, Organisationsberatung oder
Therapie deutlich zu benennen.
In Anlehnung an eine Grafik von Ehinger und Hennig, die ihrerseits wie-
derum auf Hannes Brandau zurückgeht,11 lassen sich die gemeinsamen
Schnittmengen von Supervision, Fort- und Weiterbildung, Training, The-
rapie und Organisationsberatung zeigen.12
10 H. Fallner / M. Pohl, aaO., S. 40.
11 W. Ehinger / C. Hennig, aaO., S. 13.
12 Selbstverständlich sind auch andere Zuordnungen denkbar, je nachdem welche Pa-
rameter zugrunde gelegt werden. S. J. Schlee, aaO., S. 17; K. Rappe-Giesecke: Su-
pervision für Gruppen und Teams, aaO., S. 23 28; dies.: Vom Beratungsanliegen
zur Beratungsvereinbarung Diagnose und Setting. In: H. Pühl (Hg.): Handbuch
der Supervision 2. Berlin 2/2000, S. 18 – 29.
Thema
Sy
s
te
m
Person
Rolle
III. Kapitel: Eröffnungen 95
Berufliche
Fort- und
Weiterbildung
Organisations-
beratung und
Entwicklung
Beratung
Psychohygiene
Therapie
Training
Erweiterung der
beruflichen
Kompetenz
Selbsterkenntnis,
Erkennen
eigener Anteile,
Selbsterfahrung
Einübung der
Kommunikations- und
Interaktionskompetenz
Veränderung
der Struktur
und Dynamik
einer Schule
Eine, wenn nicht die wesentliche Gemeinsamkeit aller Formate ist die Verände-
rungsbereitschaft derjenigen, die sie aufsuchen, so unterschiedlich die An-
lässe und Ziele auch sein mögen. Mit den folgenden Grafiken soll das be-
sondere Profil jedes einzelnen Beratungsformates präzisiert werden:
Fortbildung und Fachberatung
Bei einer Fortbildung oder Fachberatung steht das Thema bzw. ein fachli-
ches Problem eindeutig im Mittelpunkt. Eine gute Fortbildung und Fach-
beratung wird immer auch die wechselseitigen Ein- und Auswirkungen
auf das Rollenverhalten, die Organisation und selbstverständlich auch die
personenbezogenen Determinanten mit reflektieren, aber der Sachaspekt
ist hier dominant.
Supervision mit Lehrern/innen
Rolle Person
System
Thema
96 III. Kapitel: Eröffnungen
Supervision und Coaching: Ungeliebte Zwillingsschwestern?
Die Diskussion über die Verhältnisbestimmung von Supervision und Coa-
ching wird im Augenblick sehr hitzig und damit wenig distanziert geführt.
Das ist kein Wunder, geht es doch zum einen um Marktanteile und beruf-
liche Existenzen, darüber hinaus aber auch um die Frage, wohin und wie
sich das Beratungsformat Supervision’ in Zukunft entwickeln wird bzw.
entwickeln soll.13
Während Supervision ursprünglich aus dem Bereich der helfenden Berufe
kommt, entspringt Coaching dem Bereich des Sports: „Der Wettkampf
wird im Kopf entschieden“!14 Auf diesem Hintergrund erscheint der
Coach „als Privatlehrer, Spezialtrainer, Einpauker für Spitzenkräfte, aber
auch als Vorgesetzter, der seine Mitarbeiter persönlich antreibt und for-
dert“,15 wie Ferdinand Buer in seinem Lehrbuch der Supervision ausführt.
Manche ordnen auf diesem Hintergrund Coaching den Führungskräften
und dem Profi-Bereich zu, während Supervision dann für die untergeord-
neten, abhängig Beschäftigten und den Non-Profit-Bereich zuständig wä-
re.16 Letztlich gibt es aber keinen einheitlichen Sprachgebrauch.17 S. Kühl
vermutet, dass Supervision ihre Herkunft aus dem Sozialarbeitsmilieu of-
fensichtlich nie ganz abschütteln und sich so im Profit-Bereich nie richtig
13 S. Vorträge der Tagung des Verbändeforums am 26./27.11.2004, aaO.; S. Kühl:
Das Scharlatanerieproblem, aaO.
14 N. Belardi 2002, aaO. S. 56.
15 Ferdinand Buer: Lehrbuch, aaO., S. 186.
16 Ebd., S. 186.
17 S. Harald Pühl, der Einzel-Supervision, Coaching und Leitungsberatung synonym
verwendet. H. Pühl: Einzel-Supervision Coaching Leitungsberatung. Drei Be-
griffe für dieselbe Sache? In: H. Pühl (Hg.): Handbuch Supervision 2. Berlin
2/2000, S. 100 – 111.
Rolle Person
System
Professionals in
ihrem beruflichen
Handeln
III. Kapitel: Eröffnungen 97
durchsetzen konnte,18 obwohl Coaching „kaum etwas zu bieten [hat], was
in Theorie und Praxis der Supervision nicht schon gedacht und praktiziert
worden re.“19 Im Juni 2005 hat die DGSv eine Coaching-Broschüre
aufgelegt, um potentielle Coaching-Kunden/innen an sich zu binden und
ihnen Entscheidungshilfen an die Hand zu geben. Als Einsatzfelder von
Coaching werden genannt: Führungsberatung, Förderung der Kompetenz
und Performance von Führungsnachwuchskräften, Unterstützung von
Mitarbeitern/innen mit besonderen Aufgaben, Bearbeitung spezifischer
Probleme und Themen und die Begleitung in Veränderungs- und Qualifi-
zierungsprozessen.20 Diese Aufzählung bestätigt S. Kühls Urteil, dass alle
Abgrenzungsversuche nicht darüber hinwegtäuschen können, „dass das
Interventionsfeld von Supervision und Coaching nahezu identisch ist: der
in organisatorische Kontexte eingebundene Professional.“21
Coaching / Supervision und Training
In den zurückliegenden fünfzehn Jahren wurden unterschiedliche Trai-
nings entwickelt, um Lehrer/innen in ihrem Arbeitsalltag zu stützen, zu
stärken und so fit zu machen für einen souveränen Umgang mit den be-
sonderen Herausforderungen ihres Arbeitsalltags. Zwei der bekanntesten
sind das Konstanzer Trainingsmodell (KTM)22 und das Potsdamer Trai-
ningsprogramm ‚Gewalt in der Schule’,23 die beide darauf abzielen, durch
Komplexitätsreduktion und Übung bei gleichzeitiger positiver Verstär-
kung die Rollen- und Handlungssicherheit zu erhöhen. Die Nähe zur
Supervision und besonders zum Coaching liegt auf der Hand, ebenso aber
auch der Unterschied: Im Training ist bereits alles vorgegeben das Pro-
blem, das Ziel und auch der Lösungsweg. Das kann durchaus angemes-
sen, hilfreich und lösungsorientiert sein, wenn man sein Problem genau
kennt und den Determinanten des Trainings grundsätzlich zustimmen
kann. Schwierig wird es, wenn innerhalb der Trainingsgruppe Bedenken
oder Kritik geäußert werden. Dann ist solch eine Trainingsgruppe schnell
am Ende. Darunter leidet auch eines der erfolgreichsten Trainingsmodelle
in Deutschland, das von Heinz Klippert entwickelte Methodentraining.24
18 S. Kühl, aaO, S. 10.
19 W. Weigand: Die Zukunft der Supervision im Spannungsfeld von Profession und
Organisation und Markt, aaO., S. 34.
20 DGSv (Hg.): Coaching. Köln 2005, S. 4. S. a. die Diskussion des Forschungsstandes
durch H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 80 – 82.
21 S. Kühl, aaO., S. 9. „Die berufspolitische Diskussion, inwieweit Coaching etwas Ei-
genständiges ist oder alter Wein in neuen Schläuchen, könnte durch Forschungser-
gebnisse über das Handeln von Coaches und dessen Unterschiede zum supervisori-
schen Handeln Auskunft geben.“ H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüf-
stand, aaO., S. 82.
22 Kurt-Christian Tennsdt / Frank Krause / Winfried Humpert / Hanns-Dietrich Dann:
Das Konstanzer Trainingsmodell (KTM) Bd. 1: Trainingshandbuch. Bern 2/1994.
23 Rüdiger Hinsch und Beate Überschär: Gewalt in der Schule. Berlin-Potsdam o. J.
24 Heinz Klippert: Methodentraining. Weinheim und Basel 13/2002.
98 III. Kapitel: Eröffnungen
Nach dem Motto ‚Lehrer helfen Lehrern’ wurden z. B. in NRW Dutzende
von Moderatoren/innen ausgebildet, die für einen Tag oder auch nur ei-
nen Vormittag/Nachmittag in die Schulen kommen, um die Kollegien
methodisch auf den ‚neuesten Stand’ zu bringen. Doch ein ‚von oben’
verordnetes Training stößt zwangläufig auch auf Widerstände und hinter-
lässt dann nicht immer die eigentlich gewünschten nachhaltigen Erfolge.25
Organisationsberatung und Supervision
Dass Supervision stets auch Elemente der Organisationsberatung impli-
ziert, belegt das bereits vorgestellte Supervisionsentwicklerdreieck: Der
Blickwinkel aus der und auf die Organisation / die Institution / das Sys-
tem ist für die supervisorische Arbeit konstitutiv. Da im Bereich der Or-
ganisationsentwicklung systemtheoretische, kybernetische und konstrukti-
vistische Ansätze dominieren, gibt es in der Methodik und hinsichtlich der
Interventionstechniken vielfältige Überschneidungen zwischen Supervisi-
on und Organisationsberatung.26
Allen Gemeinsamkeiten zum Trotz bleibt dennoch festzuhalten, dass bei
der Organisationsberatung die Entwicklung der Organisation im Mittel-
punkt steht und nicht der Mensch. Mitarbeitende und ihre Berufszufrie-
denheit sind zwar ein ganz wesentlicher Faktor von Qualitätsentwicklung,
aber Ziele und Qualitätsstandards werden ‚von oben’, der Leitungsebene
festgelegt, was Lehrer/innen aus der Linienorganisation nur allzu genau
kennen.27
‚Die Zukunft der Supervision zwischen Person und Organisation’28
Auf dem Hintergrund eines schrumpfenden Supervisions- und expandie-
renden Organisationsberatungsmarktes sehen einige die Gefahr, „dass der
‚Personenzentrierte Ansatz’ verloren“29 gehen und die Supervision damit
25 Zur Auseinandersetzung um Klippert und sein Methodentraining s. Andreas
Gruschka und Ellen Martin: Die Klippert-Schule als Retterin in der Not? ‚Wider-
worte’, Frankfurter Rundschau online. 25.07.2002 und dies.: Das Lernen des Ler-
nens als Zauberformel oder: Methodentraining als pädagogischer Selbstbetrug. In:
www.uni-frankfurt.de/fb04/forschung/klippert.html, 26.10.2004: „So bleibt rätsel-
haft, wie bundesdeutsche Schulminister hoffen können, dass die Schüler mit Hilfe
dieses Methodentrainings bei PISA 2 in der Lesekompetenz besser abschneiden
werden.“
26 S. z. B. Hans-Christoph Vogel / Brigitte Bürger / Georg Nebel / Heinz J. Kersting:
Werkbuch für Organisationsberater. Aachen 2/1997.
27 „Weigand (2000) betont die Notwendigkeit, im Rahmen der Auftragsklärung die
Grenzen der Organisation zu hinterfragen, um nicht im Spannungsfeld zwischen
den Interessen der Organisation und der eigenen Professionslogik als SupervisorIn
(d. h. im Nutzen der Beratenen zu handeln) aufgerieben zu werden“, berichten H.
G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 115.
28 So lautete der Vortrag von Wolfgang Weigand auf der Tagung des Verbändeforums
am 26/27.11.2004: Die Zukunft der Supervision zwischen Person und Organisati-
on, aaO., S. 29 – 38.
29 S. Kühl: Die Supervision, aaO., S. 11.
III. Kapitel: Eröffnungen 99
Ziele Mitarbeiter/innen
Organisation
Meta-System / Subsysteme
Prozesse
Organisations-
en
t
wic
k
lung
Ressourcen
Ausstattung
Qualität
ihr entscheidendes Profil einbüßen könnte, wenn Supervisoren/innen
meinen, zugleich auch Organisationsentwickler oder -berater sein zu sol-
len. Andere erkennen gerade darin ein Kennzeichen zukünftiger Professi-
onalisierung, die sich durch „multiprofessionelle(n) Kooperation“30 aus-
zeichnet.
Supervision und Therapie
Auf die besonders in Deutschland nicht unproblematische Nähe von
Supervision und Therapie und die dadurch z. T. ausgelösten Vorbehalte
habe ich bereits verwiesen. Deshalb kommt einer differenzierten Betrach-
tung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten erhöhte Aufmerksamkeit
zu. Gemeinsam ist Supervision und Therapie, dass der/die Ratsuchende,
die Person in ihrer subjektiven Befindlichkeit, im Zentrum steht. Für die
supervisorische Arbeit an den biographisch bedingten Bewältigungsmus-
tern’ verwendet Heinrich Fallner die Metapher des ‚Rückspiegels’: Nur
durch den Blick in den ‚Rückspiegel werden die alten ‚Lösungen’ als die
Probleme von heute erkannt und der Blick frei für neue Lösungen, die
vielleicht wieder die Probleme von morgen sein werden.31
30 W. Weigand: Die Zukunft der Supervision, aaO., S. 31.
31 „Denkt vielmehr daran, dass jede Lösung von heute das Problem von morgen sein
kann“, gibt Heinz J. Kersting zu bedenken. In: Zirkelzeichen. Supervision als kon-
struktivistische Beratung. Aachen 2002, S. 21.
100 III. Kapitel: Eröffnungen
Bereits verwiesen haben ich auch auf die Trost- und Entlastungsfunktion
der Supervision. Im Blick auf die physische und psychische Gesundheit ist
die vorbeugende Wirkung der Supervision weitgehend unbestritten. Den-
noch unterscheiden sich die Ziele und das Selbstverständnis der Supervisi-
on von denen der Therapie: In der Supervision geht es nicht um Krank-
heit und Heilung,32 sondern um die Bearbeitung beruflicher Situationen,
die der Klärung bedürfen.33 Maßgeblich ist in der Therapie der Wunsch
des/der Klienten/in, wieder gesund zu werden. Vermutlich wird der/die
Therapeut/in bei der Anamnese und dann auch im therapeutischen Pro-
zess biographische Dispositionen, die Dynamik privater und beruflicher
Rollen und die Mechanismen der Systeme, in denen sich der/die Kli-
ent/in bewegt, ebenfalls in den Blick nehmen. Im Prozess selbst wird
dann aber weniger über diese Mechanismen und Dynamiken gesprochen
als vielmehr direkt in die Lebensgeschichte des/der Patienten/in hinein-
gegangen, um in ihr zu arbeiten.
Es ergeben sich in Anlehnung an Nando Belardi aus der Unterschei-
dung von Supervision und Therapie folgende Konsequenzen für das su-
pervisorische Handeln:34
„In der Supervision gilt folgendes Prinzip: mehr ‚Breite’ hinsichtlich der
Arbeitsaufgaben, weniger Tiefe’ bezüglich der Lebensgeschichte. In der
Psychotherapie ist es genau umgekehrt.“35
32 „Als zentrale Unterschiede nennt er [Oberhoff 1998], dass es in der Supervision
nicht um das Heilen Kranker und die Wiederbelebung frühkindlicher Konflikte
geht.“ H. G. Petzold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 108.
33 H. Möller möchte auch im Supervisionskontext am Heilungsbegriff festhalten: „Der
Begriff der Heilung muß sicherlich für supervisorisches Arbeiten abgeschwächt ver-
wandt werden, dennoch mag ich nicht ganz auf ihn verzichten, da der Supervision
nicht nur in psychosozialen Arbeitsfeldern eine wesentliche psychohygienische
Funktion zukommt.“ Was ist gute Supervision? AaO., S. 91.
34 N. Belardi 2/1998, S. 53 – 56.
35 Ebd., S. 53.
Rollen Biographie
Systeme
Klient/in in
seinem/ihrem Wunsch
nach Heilung
III. Kapitel: Eröffnungen 101
„Therapiemöglichkeiten benennen, aber nicht therapieren.“36 Das su-
pervisorische Gespräch bewegt sich ‚auf Augenhöhe’ oder in der
Sprache der Transaktionsanalyse gesprochen kongruent von Er-
wachsenen-Ich zu Erwachsenen-Ich.37 Es wird über regressive Anteile
gesprochen, aber nicht in die Regression gezielt hineingegangen. Wenn
der/die Supervisor/in spürt, dass er/sie hier an Grenzen stößt, sollte
ggf. der Prozess beendet und eine Überweisungsempfehlung in eine
Therapie erwogen werden.38
„Keine Rollenvermischung“:39 Durch die Professionalität (Professi-
onswissen) des/der Supervisors/in lässt sich zu Beginn eines Supervi-
sionsprozesses ein gewisses Machtgefälle zum/r Supervisanden/in gar
nicht vermeiden. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um eine
berufsbezogene Beratung handelt mit dem Ziel, am Ende des Prozes-
ses den/die Berater/in überflüssig zu machen und das Machtgefälle
einzuebnen. Während des gesamten Prozesses bleibt der/die Supervi-
sand/in ‚Kollege/in’ und wird zu keinem Zeitpunkt ‚Patient/in’!
„Arbeitsthemen fokussieren“:40 Biographische Muster sind nicht nur
fest verwurzelt, sondern haben auch die Angewohnheit, sich in alle Be-
reiche des Lebens also auch in den Raum des beruflichen Agierens
auszubreiten. Von daher muss Supervision auch mit dem ‚Rückspiegel’
arbeiten. Um dabei nicht in ‚therapeutische Tiefen’ abzurutschen, ist es
wichtig, die Äußerungen immer wieder auf die berufliche Situation zu-
rückzubeziehen und zu fokussieren.
„Selbstdeutungen sind besser als Fremddeutungen“:41 Supervision, die
lösungs- und ressourcenorientiert arbeitet, wird Beobachtungen äußern
und Hypothesen entwickeln. Sie wird sich aber hüten, Diagnosen zu
stellen, die vorgeben, wie der/die Supervisand/in sich zu entwickeln
habe. Zur Funktion der Diagnostik in der Supervision siehe auch Ka-
pitel VI.1.3.
„Blockaden und Widerstände geschickt umgehen“:42 Nach systemi-
schem Verständnis gibt es im Grunde genommen keine Widerstände.
36 Ebd., S. 54.
37 „Systemisches Arbeiten geht aus von einer konsequenten Gleichrangigkeit auf der
Ebene der Interaktion (was unterschiedliche Rollen aber keineswegs ausschließt).“
R. Riedel / Josie Wieland, aaO., S.31.
38 So auch die Einschätzung der psychoanalytisch (!) orientierten Supervisorin H. Möl-
ler: Qualitativ hochwertige Supervision ist nicht regressionsfördernd angelegt und
ist bestrebt, Übertragungen auf Vorgesetzte, Klienten, andere Teammitglieder, In-
stitutionen (vgl. Mentzos 1990) und auf den Supervisor selbst zunächst zu verstehen
und dann aufzulösen.“ Was ist gute Supervision? AaO., S. 299. Zur Diskussion des
Übertragungsphänomens in der Supervision s. H. G. Petzold et al: Supervision auf
dem Prüfstand, S. 108 – 110.
39 N. Belardi 2/1998, aaO., S. 54.
40 Ebd., S. 54.
41 Ebd., S. 54.
42 Ebd., S. 54.
102 III. Kapitel: Eröffnungen
Konflikte, die im Prozess aufbrechen, geben vielmehr den Blick frei
auf belastete/ende Systemstrukturen.
„Wechsel der Reflexionsebenen“:43 Ein Abgleiten in therapeutische
Diagnosen oder Analysen kann vermieden werden, wenn man die
Themen immer wieder auf die Arbeitsbeziehungen lenkt und so ver-
flüssigt’.
„Hausaufgaben dürfen auch gemacht werden“:44 Elemente des Selbst-
managements wie Zielvereinbarungen, konkrete Vorsatzbildungen und
deren Überprüfung in der nächsten Sitzung gehören in meinen Prozes-
sen zu bewährten Arbeitsformen, die für Konkretheit und Erfolgser-
lebnisse sorgen.
„Supervisoren müssen mehr über Psychotherapie wissen, als sie selbst
anwenden dürfen“:45 Psychologisches und psychotherapeutisches Wis-
sen sowie über einen längeren Zeitraum sich erstreckende therapeuti-
sche Selbsterfahrung kann eine gute Grundlage für eine geschärfte
Selbst- und Fremdwahrnehmung in der supervisorischen Arbeit sein.
Belardi charakterisiert Supervision als „dialogisches Prinzip“, in dem
„psychotherapeutische oder gar psychiatrische ‚Defizitbegriffe’ zu ver-
meiden sind.“ „Ideale Supervisionsprozesse bewegen sich (oszillieren)
ständig zwischen Fachberatung und Selbsterfahrung, um die Arbeitssi-
tuation zu optimieren.“46
Zu Recht weist Chr. Böckelmann darauf hin, dass diese Unterscheidungen
„theoretisch-hypothetische Konstrukte“ bleiben. „Überlappungen und
Überschneidungen […] sind nicht zu vermeiden und daher unausweich-
lich.“47 Aber an diesen Formatbeschreibungen lässt sich das Selbstver-
ständnis schärfen und überprüfen sowie das eigene Handeln selbstkritisch
beobachten.
43 Ebd., S. 55.
44 Ebd., S. 55.
45 Ebd., S. 55.
46 Ebd., S. 56.
47 Chr. Böckelmann, aaO., S. 33. So auch W. Ebert, aaO., S. 61: „Trotz dominanter
Kernziele bei bestimmten Aufgabestellungen entstehen Überlappungen, Grauzonen
und Berührungspunkte mit anderen, verwandten Aktivitäten (z. B. Selbsterfahrung,
Weiterbildung, Therapie, Ausbildung, etc.) Daraus ergeben sich begriffliche Un-
schärfen und ein Bild von ‚ausgefransten Begriffsrändern’“ (mit Hinweis auf Dieter
Schmelzer).
III. Kapitel: Eröffnungen 103
3 Der Kontrakt und erstes Erlebnisprotokoll
In der nächsten Sitzung, der eigentlichen Kontraktsitzung, wurden die
Themen und Ziele zunächst noch einmal auf Karten festgehalten und in
Form eines Bodenbildes skaliert und gewichtet. Anschließend wurden die
inhaltlichen und formalen Absprachen in das vorbereitete Kontraktfor-
mular eingetragen.
Kontraktiert wurden zunächst 15 Sitzungen mit der Option, ggf. einen
Folgeprozess anzuschließen. Die dritte Arbeitssitzung (mit Erstgespräch
und Kontraktarbeit also die insgesamt fünfte Sitzung) wurde als Zwi-
schenauswertung vorgesehen.
Vereinbarte Ziele und Themen
Umgang mit Belastungssituationen im Kollegium, durch Vorgesetzte,
vor allem aber durch die anvertrauten Unterrichtsgruppen.
Arbeit an der beruflichen Rolle: Wie kann mit neuen und divergieren-
den Anforderungen umgegangen werden? Wie mit divergierenden Er-
wartungen: eigene Erwartungen / Erwartungen der Kollegen/innen,
Erwartungen der Schüler/innen?
Balancierung der unterschiedlichen professionellen Rollen, die bereits
‚mitgebrachtwerden: Pfarrer und Seelsorger wie können diese Rollen
mit der neuen Lehrerrolle in eine sinnvolle Balance gebracht werden?
Wie wird Verantwortung übernommen / delegiert / getragen?
Wohin soll die berufliche Entwicklung gehen?
Vereinbarte Methoden
Methodisch war der Supervisand bereit, sich auf die ganze Bandbreite
meines ‚integrativen Ansatzes’ einzulassen. Es wurde vereinbart, den Pro-
zess aufzuzeichnen; der Supervisand sollte zu jeder Sitzung innerhalb von
drei Tagen ein kurzes (max. halbseitiges) Erlebnisprotokoll verfassen und
dem Supervisor zukommen lassen.
Erlebnisprotokoll des Supervisanden von der Kontraktsitzung
Das Erlebnisprotokoll dieser Kontraktsitzung spiegelt sehr authentisch
die ‚Verfassung’ des Supervisanden zu Beginn des Prozesses und damit
die Ausgangslage der gemeinsamen Arbeit:
„Mein Unbehagen am Begriff ‘Rolle’ führte mich in der Sitzung dazu, vom
ursprünglich notierten Ziel ‘Standpunkt/Rolle finden und vertreten nnen’
zu den Zielen ‘Standpunkt finden’ und ‘Standpunkt vertreten’ zu wechseln.
Die Frage, warum ich die Rolle weglasse, zusammen mit der Bemerkung,
dass ein Standpunkt doch etwas sehr statisches sei und dass andere Men-
schen Rolle wesentlich positiver sehen würden, da man eine Rolle ausfüllen
könne diese Frage und diese Bemerkung brachten mich sehr ins Nachden-
104 III. Kapitel: Eröffnungen
ken. In der Tat gehört Flexibilität nicht zu meinen Stärken. Vielmehr versu-
che ich mich, soweit wie möglich, abzusichern. Selbst die kleinsten Unwäg-
barkeiten würde ich gerne durch Vorausplanung ausschließen. Dieses Cha-
rakteristikum meiner Person war mir vorher bekannt, nicht zuletzt durch
die KSA-Ausbildung. Ich war aber doch erschrocken, es an dieser Stelle wie-
der zu entdecken.
Letztlich wünsche ich mir nicht nur in der Auseinandersetzung um meine
Rolle einen festen Standpunkt (sprich: eine Sicherheit), sondern auch im ei-
gentlichen Unterrichtsgeschehen. So steht einerseits die rationale Erkennt-
nis, dass Unterricht nie vollständig durchgeplant werden kann, sondern im-
mer auch durch ein Moment des Unwägbaren und damit des Flexiblen ge-
kennzeichnet ist, meinem Wunsch nach größtmöglicher Sicherheit entgegen.
Ich nsche mir mehr Mut zu solcher Flexibilität (bzw. Spaß an der flexi-
blen Gestaltung von Unterricht) und dies mag der Grund sein, dass ich in
der Sitzung Rolle durch Standpunkt ausgetauscht habe: Durch mehr Sicher-
heit in punkto Rolle erhoffe ich mir mehr Mut in der Unterrichtsgestaltung.
Denn wenn ich mir in meiner Rolle sicher bin, dann brauche ich vielleicht
keine solche große Sicherheit in meiner Unterrichtsführung. In diesem Sinne
landet die Diskussion über das Thema ‘Rolle’ über das Erschrecken über ei-
nen persönlichen Aspekt schließlich doch bei der Auseinandersetzung um
die Rolle. Die Frage stellt sich mir im Hinblick auf mein Rollenverständnis
folgendermaßen: Wie viel Flexibilität und wie viel sichernde Statik gehört
zu meiner Rolle als Berufsschulpfarrer dazu?
Dieses Erleben hat auch seine Auswirkungen im Hinblick auf den Bereich
‘System’. Das System gibt mir anscheinend zurzeit nicht so viel ‘Halt’ (siehe
Sitzung 1), wie ich es mir wünsche oder wie ich es zurzeit brauche. Die Fra-
ge nach der Sicherheit wird ‘entsystemisiert’ und ‘verpersönlicht’: Ich als
Person muss mir meine Sicherheit selbst schaffen, weil das System sie mir
nicht geben kann oder mag. Dies wiegt umso schwerer, da ich gemäß mei-
ner persönlichen Bestimmtheit auf das System als belohnende und strafende
Institution ‘hinaufschaue’. Um jeweils ‘auf der sicheren Seite’ sein zu kön-
nen, darf ich so mein mir eingefleischtes Verhalten mich nicht mit dem
System anlegen. Dies führt dazu, dass ich meine Positionen oft noch nicht
einmal defensiv vertrete. Das zeigt sich dann auch im Verlauf der Supervisi-
onssitzung, nämlich darin, dass ich auf Anfragen eher defensiv reagiere
oder sogar versucht bin, meine Position zurückzuziehen. Deutlich ist mir
dies im Nachhinein an folgendem Beispiel: Statt die Position meines Zettels
mit dem Inhalt ‘Balance’ zu erklären, verstehe ich eine Anfrage als Kritik
und bin kurz davor, den Zettel allein wegen der Anfrage umzulegen. Dass
ich ihn an seiner ursprünglichen Stelle liegen lasse, lässt sich andererseits als
positiv sehen: Ich stehe zu meiner ursprünglichen Anordnung. Denn eigent-
lich ist es doch sehr schön, dass gerade der ‘Balance’-Zettel aus der Symme-
trie herausfällt. Zur Balance gehört eben nicht nur Sicherheit, sondern im-
III. Kapitel: Eröffnungen 105
mer auch etwas ‘Herauswagen’ aus der sicheren Ordnung. Balance setzt ei-
nen ‘Spielraum’ voraus.
Warum habe ich eigentlich den Begriff ‘Rolle’ abgelehnt? Diese Frage hat
mich noch lange nach der Sitzung beschäftigt. Mein bisheriger Antwortver-
such ist der, dass es mir eigentlich um die Authentizität in der beruflichen
Praxis geht. Seelsorgerlich geschult ist mir die Authentizität wichtig. Zurzeit
fühle ich mich aber mehr Erwartungen an mich ausgesetzt, in denen ich mit
meiner Person nicht mehr ausreichend vorkomme, so mein Gefühl. Authen-
tizität im Beruf heißt ja nicht, mit allen seinen persönlichen Eigenschaften da
zu sein. In jeder Rolle wird ja gefiltert: Einige Eigenschaften werden ver-
stärkt, andere weggelassen. Doch darf m. E. diese Rolle nicht im Wider-
spruch zur Person stehen, um authentisch zu sein. Ich hoffe, dass das Bemü-
hen um den Komplex ‘Rolle’ mir zeigen wird, wie ich in meiner Rolle au-
thentisch bleiben kann.“
Reflexive Anstrengung
Allein die Tatsache, dass der Supervisand nach der ersten Sitzung ein
mehr als eineinhalbseitiges Erlebnisprotokoll schreibt, lässt ahnen, mit
welcher Intensität und reflexiver Anstrengung er diesen Prozess beginnt.
Auffällig ist die enorme selbstanalytische Energie, mit der er sein eigenes
Verhalten fast zu sezieren scheint. Die kognitive Dichte paart sich mit ei-
ner emotionalen Tiefe und Verletzlichkeit, mehrfach verbalisiert in seinem
‚Erschrecken’ bzw. ‚erschrocken sein’ und dem Gefühl, von dem Supervi-
sor ‚unterschätzt’ bzw. ‚nicht verstanden’ worden zu sein. Hinzu kommt,
dass bereits in der Kontraktsitzung für ihn der Schwerpunkt auf der ‚Per-
son’ lag, was hinsichtlich der oben beschriebenen Abgrenzung zur Thera-
pie dem Supervisor signalisieren sollte, hier besonders wachsam zu sein.
Es ist zu erwarten, dass die dynamische Beziehung von Person und beruf-
liche/r(n) Rolle(n) einen wichtigen Raum in diesem Prozess einnehmen
wird.
Polarität Sicherheit – Flexibilität
Darüber hinaus llt beim Lesen des Protokolls auf, dass über zehnmal
Begriffe wie Sicherheit, Standpunkt, sichernde Statik, Halt etc. genannt
werden, die eine überwältigende Verunsicherung des Supervisanden in
dieser neuen Berufssituation zu spiegeln scheinen. Diesem Sicherheitsbe-
dürfnis korrespondiert allerdings der Wunsch nach mehr Mut zu Flexibili-
tät, sich herauszuwagen und Spielräume zu nutzen.
106 III. Kapitel: Eröffnungen
4 Der Blick zurück
auf den Prozess
Der Erstkontakt zwischen Supervisand und Supervisor fand telefonisch
wenige Wochen nach Dienstantritt in der neuen Stelle des Supervisan-
den statt.
Im Erstgespräch wollte der Supervisand direkt mit der Arbeit beginnen.
Der Supervisand bestimmt die Inhalte und der Supervisor achtet auf das
Setting; dazu gehört auch, die Dynamik des Gesamtverlaufs im Blick zu
behalten. Ein mögliches Verlaufsmodell ist die Unterscheidung von
Orientierungs-, Differenzierungs- und Umstrukturierungsphase. Im ide-
altypischen Verlauf eines Supervisionsprozesses entsprechen sich ‚Span-
nungs- und Tiefungsbogen’.
Die Orientierungsphase dient u. a. auch dazu, über die formalen Rahmen-
bedingungen zu informieren, Arbeitsabsprachen zu treffen und das ei-
gene Supervisionskonzept vorzustellen.
Was im Kontraktgespräch nicht abgesprochen wird, wird sich im späteren
Prozess unterschwellig immer wieder melden.
Der Supervisor stellt sein Supervisionskonzept anhand des Supervisions-
entwicklerdreiecks dar als „reflektierende Klärungsarbeit (Person, Rol-
le, Praxisfeld) im professionellen Kontext“ (Fallner/Pohl).
Um keine falschen Erwartungen zu wecken und Enttäuschungen vor-
zubeugen, ist es wichtig, im Erstgespräch die Möglichkeiten und Gren-
zen der supervisorischen Arbeit in Relation zu anderen Beratungsformaten
wie Fortbildung, Fachberatung, Coaching, Organisationsberatung oder
Therapie deutlich zu benennen.
In der Kontraktsitzung wurden zunächst 15 Sitzungen vereinbart mit
der Option einer möglichen Verlängerung.
Ziele, Themen und Methoden wurden schriftlich fixiert. Es wurde weiter-
hin vereinbart, dass die Sitzungen auf Band mitgeschnitten werden und
der Supervisand ein Erlebnisprotokoll verfasst.
Das erste Erlebnisprotokoll spiegelt sehr eindrücklich die Verfassung des
Supervisanden zu Beginn des Prozesses.
- Für den Supervisanden lag der Schwerpunkt der Kontraktsitzung
bereits auf der Person.
- Beim Lesen des Erlebnisprotokolls zeigt sich die Polarität ‚Statik
Bewegung’.
- Auffällig ist, mit welcher Intensität sich der Supervisand selbst kon-
trolliert und überprüft.
III. Kapitel: Eröffnungen 107
auf das Thema ‚Supervision mit Lehrerinnen und Lehrern’
Im Unterschied zur Supervision steht bei einer Fortbildung oder Fachbera-
tung das Thema bzw. ein fachliches Problem eindeutig im Mittelpunkt.
Supervision und Coaching sind hinsichtlich ihres Interventionsfeldes nahe-
zu identisch: „der in organisatorische Kontexte eingebundene ‚Profes-
sional’“ (Kühl). Unterschiede gibt es im Blick auf die Herkunft aus So-
zialarbeit bzw. Sport, die Verlässlichkeit der Standards und möglicher-
weise auch die Ergebnisoffenheit.
Trainingsprogramme sind hilfreich und nützlich, geben aber eindeutige
Problemlösungen vor. Wer damit ein Problem hat, wird schnell zum
Problem für die ganze Gruppe.
Im Unterschied zur Supervision steht bei der Organisationsberatung nicht
der Mensch im Mittelpunkt, sondern die Qualitätsentwicklung in allen
ihren Dimensionen, von denen die Mitarbeitenden nur ein Teil sind.
Wenn sich Supervision in Zukunft zu sehr in Richtung Organisations-
beratung entwickelt, besteht die Gefahr, dass sie mit der ‚Personenzen-
triertheit’ zugleich ihr eigenständiges Profil verliert.
Supervision ist keine Therapie. Es geht ihr nicht um Heilung, sondern um
Klärungen im beruflichen Kontext.
Aus der Abgrenzung von Supervision und Therapie ergeben sich prak-
tische Konsequenzen für die supervisorische Arbeit.
- Den beruflichen Arbeitsprozessen mehr Breite geben, dafür weni-
ger Tiefe im Blick auf die personenbezogenen Aspekte.
- Über Therapiemöglichkeiten reden, aber nicht selbst therapieren.
- Die Kommunikation geschieht von ‚Erwachsenen-Ichzu ‚Erwach-
senen-Ich’.
- Supervision ist Hilfe zur Selbsthilfemit dem Ziel, sich als Supervi-
sor/in überflüssig zu machen.
- Supervision arbeitet mit dem ‚Rückspiegel’, stellt aber immer wieder
konsequent den Bezug zur Arbeitsebene her.
- ‚Selbstdeutungen sind besser als Fremddeutungen’ (Belardi).
- Sog. Widerstände sind ‚Fenster ins System’.
- Elemente des Selbstmanagements sind Teil des Settings.
- ‚Supervisoren/innen müssen mehr über Psychotherapie wissen, als
sie selbst anwenden dürfen’ (Belardi).
- Supervision bewegt sich ständig zwischen Fachberatung und
Selbsterfahrung.
Alle Formatbeschreibungen sind theoretische Konstrukte, die die Sinne
schärfen für die eigenen Möglichkeiten und Grenzen.
108 III. Kapitel: Eröffnungen
IV. Kapitel: ‚at work’ 109
IV. Kapitel
‚at work’
Dritte Sitzung und Parameter der Analyse
1 ‚at work’ – dritte Sitzung
1.1 Idealtypischer Verlauf einer Supervisionssitzung
In Analogie zum idealtypischen Verlauf eines Gesamtprozesses, wie er in
Kapitel III skizziert wurde, hat auch jede einzelne Sitzung entsprechende
Phasen, ihren je eigenen Spannungs- und Tiefungsbogen. Die von N. Be-
lardi entworfene Grafik1 zeigt, wie die Sitzung auf der rational-diskursiven
Ebene beginnt, dann eine Tiefungsphase folgt, die verstärkt die Affizie-
rungsmuster mit in den Blick nimmt, um am Ende der Sitzung wieder im
kognitiv-reflexiven Bereich anzukommen.
1 N. Belardi 2/1998, aaO., S. 57.
110 IV. Kapitel: ‚at work’
In Aufnahme eines von Heinrich Fallner entwickelten Modells entwerfe
ich vor jeder Sitzung eine grobe Verlaufsskizze, die anschließend mit der
tatsächlichen Prozessentwicklung abgeglichen und evaluiert wird.2
Planung einer Supervisionssitzung (Muster)
(x) Einzel ( ) Gruppe ( ) Teil/Organisation
( ) Erstgespräch
( ) Kontraktgespräch
(x) Gespräch / Sitzung Nr. 3
Ort:
Datum:
Zeit: 14.00 Uhr – 15.30 Uhr
Supervisand/in: Herr x aus y
Supervisor/in: Meinfried Jetzschke
Kontext/Themen/Hypothesen
Der Supervisand ist sehr gewissenhaft. Seine neue Arbeitsstelle nimmt er
ebenso ernst wie den Supervisionsprozess. Er unternimmt große selbst-
analytische Anstrengungen und stellt sich anscheinend unentwegt auf den
Prüfstand. Der kognitiven Anstrengung korrespondiert eine emotionale
Verunsicherung. Am Arbeitsplatz konkurriert der Wunsch nach Sicherheit
mit dem Wunsch nach Flexibilität.
Planung
(1) Einlassungsphase (Orientierung)
Begrüßung / Ankommen (Hat der/die Supervisand/in ein offenes
oder verborgenes Thema im ‚Gepäck’?)
Joining (Sprachfähigkeit herstellen)
Rückblick (Gibt es noch Reste aus der letzten Sitzung, die Sie anspre-
chen möchten? Hat noch etwas besonders nachgewirkt?)
(2) Arbeits- und Tiefungsphase (Wahrnehmung / Fokussierung)
Thema der Sitzung: Entweder bringt der Supervisand etwas ein, was
für ihn ‚oben auf liegt’ und bearbeitet werden muss, oder der Supervi-
sor macht einen Vorschlag. Angesichts der Polaritäten Sicherheit
Unsicherheit, Statik Beweglichkeit, Authentizität Fremdbestim-
mung bietet es sich an, auszuloten, wo im Arbeits- und Privatleben des
2 Differenzierte Verlaufsmodelle unterschieden nach supervisorischer Fallarbeit, su-
pervisorischer Selbstthematisierung und supervisorischer Institutionsanalyse – präsen-
tiert K. Rappe-Giesecke: Supervision r Gruppen und Teams, aaO., S. 131 175.
IV. Kapitel: ‚at work’ 111
Supervisanden sich Ressourcen befinden, auf die er verlässlich zurück-
greifen kann.
Setting und Methode verabreden
Betrachten / Fokussieren / Tiefen
(3) Transfer- und Ausblicksphase (Umstrukturierung und Transfer in die
Praxis)3
Das bearbeitete Thema aus der Tiefe personbezogener Reflexion wie-
der in ‚die Fläche der Praxis’ bringen
Ergebnis sichern (Was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)
Vorsatzbildung (Wie sieht der erste Schritt aus?)
Evaluation (Woran werden Sie / Kollegen/innen / Schüler/innen etc.
die Veränderung erkennen?)
Ggf. Praxisaufgabe
(4) Abschiedsphase
Positive Verstärkung
Nächster Termin
Verabschiedung
Reflexion des Supervisors / protokollarische Notizen / Selbstevaluation und neue
Vorsatzbildung
1.2 Koordinatenkreuz zur Wirklichkeitskonstruktion
Auf dem Hintergrund der ersten beiden Treffen und der im Erlebnispro-
tokoll artikulierten Spannung dem Wunsch, auch im Beruf authentische
Person sein zu dürfen, und der Unsicherheit, ob er die beruflichen Rollen-
erwartungen ausfüllen können wird –, beschloss ich, dem Supervisanden
folgendes auf seine berufliche Situation bezogenes Koordinatenkreuz
als Arbeitsgrundlage anzubieten:
3 Der Behauptung von H. G. Petzold, dass Supervision sich als Disziplin mit Fragen
des Transfers von Supervisionsergebnissen in die Klientensituation „weder theore-
tisch-konzeptuell, noch methodisch-praktisch, noch durch diesbezügliche For-
schung auseinander gesetzt“ (in: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 232) hat,
kann ich auf dem Hintergrund meiner eigenen Ausbildung nur schwer nachvollzie-
hen. Fragen des Transfers, der konkreten Umsetzung und Anwendung, aber auch
der kleinschrittigen Selbstevaluation durch den/die Supervisanden/in in der Zeit
zwischen den Sitzungen gehören zu den selbstverständlichen Essentials. Dass Aus-
wertungs- und Transfersitzungen zum festen ‚Inventar’ der Supervisionsarbeit gehö-
ren, bekräftigen u. a. R. John / H. Fallner, aaO., bes. S. 100 103 (Verselbständi-
gung und Transfer); F. Buer: Lehrbuch der Supervision, S. 54f (Haltbarkeit des Wis-
sens durch Bewährung in der Praxis); K. Rappe-Giesecke: Supervision für Gruppen
und Teams, aaO., S. 124f. (Auswertungssitzungen).
112 IV. Kapitel: ‚at work’
Die Orientierungsphase dient neben den im vorhergehenden Kapitel dar-
gestellten Absprachen und Klärungen in erster Linie der Informationsge-
winnung. Diese im systemischen Kontext verwendete Übung schien mir
aus folgenden Gründen dafür besonders geeignet, weil sie die Tendenz
zur kognitiven Verengung sprengt, Bewegung in den Prozess bringt und
geeignet ist, „Grundfragen der Auftragsklärung“4 und der „Wirklichkeits-
konstruktion5 zu beantworten.
In einem ersten Arbeitsschritt bat ich den Supervisanden, sich in diesem
berufsbezogenen Koordinatensystem zu verorten. Der Ist-Zustand stellte
sich dann so dar:
4 A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 148.
5 „Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion oder Gegenwartsfragen dienen dazu, aktu-
elle Beziehungsmuster deutlich zu machen. Sie befassen sich im Wesentlichen mit
zwei großen Bereichen: dem Kontext des Arbeitsauftrags und dem Kontext des
präsentierten Problems beziehungsweise den vielen verschiedenen Perspektiven, die
zusammengenommen dieses erst konstituieren.“ A. v. Schlippe / J. Schweitzer,
aaO., S. 145; s. a. ebd., S. 146 und 148; s. a. W. Ehinger / C. Hennig, aaO., S. 76ff.
unsicher
authentisch/
selbstbestimmt
sicher
unauthentisch/
fremdbestimmt
IV. Kapitel: ‚at work’ 113
Auf meine Frage, wo er denn gerne stehen würde, positionierte sich der
Supervisand dann so:
Kommentar des Supervisanden: „Das re gut so. Sowohl im authenti-
schen, wie auch im sicheren Bereich, ohne gleich überheblich zu werden.
Damit könnte ich leben.
In einem weiteren Schritt forderte ich den Supervisanden auf, mögliche be-
rufliche Rollen bzw. Facetten seines eigenen Rollenbildes ebenfalls in dieses
Koordinatensystem einzubringen. Die Begriffe Berufsschulpfarrer, Lehrer,
Pastor, Religionslehrer, Seelsorger, Theologe werden vom Supervisanden
ausgelegt. Auffällig ist, dass alle Blätter im unteren ‚unauthentisch-fremdbe-
stimmten’ Bereich liegen. Unten links, also ‚unauthentisch-fremdbestimmt
und unsicher’ sind alle Rollenfacetten, die mit Schule zu tun haben, und un-
ten rechts, also ‚unauthentisch-fremdbestimmt und sicher’ sind die eher
pastoralen Berufsrollen Pastor, Seelsorger und Theologe zu finden.
Diese Bestandaufnahme wurde vom Supervisanden als ziemlich deprimie-
rend erlebt.
1.3 Transkript – dritte Sitzung
Im Folgenden nun das erste Originaltranskript dieses Prozesses:
Sv Und wenn Sie sich das [ausgelegte Bodenbild] insgesamt so anschau-
en?
Sd Eines möchte ich noch ergänzen: Organisator. Ich muss ja auch Fahr-
ten organisieren oder ähnliches. Das ist mir alles noch sehr fremd.
[Sd legt diese Karte in das Mittelfeld des linken, unteren Segmentes.]
Sd Das zieht mich herunter?
Sv Könnten Sie dieses Gefühl noch etwas genauer beschreiben?
Sd Es ist desillusionierend, das so zu sehen. Es macht mich traurig.
114 IV. Kapitel: ‚at work’
Sv Nicht zornig oder wütend?
Sd Nein. Es macht mich traurig, dass alles, was ich zurzeit beruflich ma-
che, mich nicht leben lässt, was ich eigentlich kann und möchte.
Sv Was möchten Sie?
Sd Ich würde gerne als Theologe arbeiten. Da fühle ich mich sicher. Aber
das wird an der Schule so gut wie gar nicht abgefragt. Und Seelsorge
kann ich auch nicht so praktizieren, wie ich es gelernt habe. Meine
Erfahrungen als Lehrer finde ich am Berufskolleg auch nicht wieder
und die Rolle als Religionslehrer am Berufskolleg ist mir sehr fremd.
Sv Und ihr unmittelbarer Beruf, Berufsschulpfarrer, ist ganz links unten.
D.h. alle erlernten beruflichen Rollen sind im unauthentischen und
fremdbestimmten Bereich.
Sd Das ist schon deprimierend.
Sv Wie ist es dazu gekommen? Sie sind ja nicht zu diesem Beruf ge-
zwungen worden.
Der Supervisand berichtet von seinem Schulvikariat, das alle Vikare/innen
seiner Landeskirche während der zweiten Ausbildungsphase absolvieren
müssen, und von seinem Sondervikariat, das er ebenfalls im Schuldienst
verbrachte, und den guten Erfahrungen als Religionslehrer an einer
Grundschule und einem Gymnasium. Ein Gemeindepfarramt zu überneh-
men sei für ihn auch keine Alternative, betont er. Dort würde er sich be-
stimmt genauso fremdbestimmt fühlen!
Sv Haben Sie denn vorher auch am Berufskolleg hospitiert?
Sd Ja, aber das war eine gute Klasse, in der ich auch meine Lehrprobe
abgegeben habe, auch jetzt ist sie noch eine meiner besten Klassen.
Eine gute Klasse, die einen auch theologisch etwas fordert, der Rest
ist alltäglicher Überlebenskampf.
Im weiteren Verlauf der Sitzung bitte ich den Supervisanden noch weitere
Subsysteme seines Berufsalltags bzw. Systeme, die seinen Berufsalltag tan-
gieren, zuzuordnen (Arbeitsgemeinschaft der Religionslehrer/innen / Be-
rufskolleg / Kirche / Kollegium / Schule / Schüler/innen / Schullei-
tung). Um zu eruieren, ob seine privaten Systeme eher unterstützenden
oder belastenden Charakter haben, fordere ich den Supervisanden auf, die
Begriffe Familie, Herkunftsfamilie, Partnerin und Freunde ebenfalls noch
in das Koordinatensystem einzuordnen. Ergebnis ist, dass die Schulleitung
zwar auf der sicheren, zugleich aber auch im fremdbestimmten Bereich
landet. Als eindeutige Ressourcen für die Weiterarbeit bleiben: die Partne-
rin, Freunde und eine Kollegin, die zumindest in bestimmten Bereichen
des Berufsalltags auch seine Vorgesetzte ist. Alle anderen Karten sind in
der linken Hälfte des Koordinatennetzes angesiedelt.
IV. Kapitel: ‚at work’ 115
Sv Wie geht es Ihnen am Ende unserer Sitzung mit Ihrem Gesamtbild?
Sind sie zufrieden mit Ihrer Arbeit?
Sd Was heißt zufrieden? Das ist erst einmal sehr ernüchternd und depri-
mierend.
Sv Aber es ist eine Grundlage, auf der wir weiterarbeiten können.
Sd Aber was lässt sich da verändern?
Sv Was meinen Sie? Was möchten Sie?
Sd Wieder mehr Theologe sein.
Sv Und wenn das in dem System Berufskolleg nicht möglich sein sollte?
Sd Dann müsste man halt das System verändern. Aber das ist sicherlich
nur sehr begrenzt möglich.
Sv Haben Sie noch eine andere Idee, was geschehen könnte?
Sd Man könnte das ganze Koordinatensystem verschieben.
Sv Oder die Systeme beginnen von einem Sektor in einen anderen zu
wandern.
‚Supervision ist ein kreativer, ein lebendiger schöpferischer Prozess. Su-
pervision macht Spaß und man wird sogar noch dafür bezahlt!6 Das ist si-
cherlich auch richtig, aber nach dieser Sitzung waren beide, Supervisand
und Supervisor, ziemlich erschöpft. Die Probleme die berufliche Unzu-
friedenheit, die eigene Unsicherheit, die Unerfahrenheit, die nicht vorhan-
denen oder möglicherweise noch nicht wahrgenommenen Unterstüt-
zungssysteme innerhalb des beruflichen Umfeldes lagen mit ihrem gan-
zen Gewicht offen und dem Supervisor rasten die ‚Lehrformeln’ durch
den Kopf schützen, stützen, stabilisieren / Ressourcen- und sungs-
orientierung / wo könnte ein sicherer Ort sein? etc. –, die am Ende dieser
Sitzung nur ‚Leerformeln’ zu sein schienen.
1.4 Erlebnisprotokoll
Wie es dem Supervisanden erging, schildert er sehr plastisch in seinem Erlebnisproto-
koll von dieser ersten Arbeitssitzung:
Das stärkste Gefühl dieser Sitzung war Trauer. Ich war traurig darüber,
dass meine Hoffnungen und Träume hinsichtlich meiner Wahl, Berufsschul-
pfarrer zu werden, sich (bisher zumindest noch) nicht verwirklicht haben.
Trauer hat etwas mit Abschied zu tun. Ich muss Abschied nehmen von sol-
chen Hoffnungen, die sich in gewisser Weise als Illusion erwiesen haben.
Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich aber, dass ich noch immer
6 Pflegte H. Fallner hrend der Supervisionsausbildung die Ausbildungssupervisan-
den/innen immer wieder aufzumuntern. Heinz J. Kersting schreibt über die syste-
mische Supervision, „dass Supervision überaus einfach wird und allen, die an ihr be-
teiligt sind, Spass und Freude macht, weil viel Ressourcen ins Spiel kommen.“ In:
H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 10.
116 IV. Kapitel: ‚at work’
nicht wirklich Abschied nehmen möchte. Ich hoffe immer noch, dass ich bei
dieser Arbeit stärker theologisch arbeiten kann als bisher in der Gemeinde.
Ich hoffe auch, dass ich mit meiner persönlichen Art und Weise mit all ihren
Stärken und Schwächen einen Zugang zu den SchülerInnen findet und sie
zu mir. Gleichzeitig zeigt mir die Arbeit dieser Supervisionssitzung, dass ich
noch sehr weit davon entfernt bin, mich mit meiner Rolle zu identifizieren.
Abschied nehmen muss ich auch von der Vorstellung, dass ich immer alles
100%ig machen kann. Bisher ist mir in meinem Leben bildungsmäßig alles
geglückt und meist mit einem sehr guten Ergebnis. Im Hinblick auf die
Schule lässt der Erfolg aber zu wünschen übrig, bzw. der Erfolg ist nicht so
zu messen, wie es bisher der Fall gewesen ist. Ich muss lernen, in bestimm-
ten Dingen auch einmal zu versagen.
Sowohl während der Supervisionssitzung als auch danach kreisten meine
Gedanken um die Zusammenstellung von authentisch und selbstbestimmt,
bzw. unauthentisch und fremdbestimmt. Ich selbst hätte diese Begriffe nicht
zueinander gestellt, doch traf mich der Begriff fremdbestimmt. Oder anders
gesagt: Der Begriff trifft meine derzeitige Stimmungslage sehr genau: Ich
fühle mich zurzeit sehr fremdbestimmt, wenn auch nicht in gleichem Maße
unauthentisch. Fremdbestimmt komme ich mir vor, weil ich fast überhaupt
nicht zu den Dingen komme, die mir Spaß machen. Fast alles, was ich ma-
che, ist in irgendeiner Weise Pflicht, selbst dann, wenn es schöne Seiten hat,
wie z.B. wenn ich mich am Feierabend oder am Wochenende um meine
Tochter kümmere.
Der Fremdbestimmung entspricht also die Pflicht als handlungstreibendes
Motiv. Dass ich zwanghaft und pflichtbetont bin, das weiß ich schon aus
dem KSA.7 Aber auch an diesem Punkt zeigt sich, wie im letzten Erlebnis-
protokoll, die Überraschung darüber, mal wieder mit der Nase auf seine Ei-
genarten gestoßen zu werden.
Neben Trauer und Fremdbestimmung/Pflicht gibt es noch einen dritten Be-
griff, der meine Verfassung gut beschreibt, nämlich Überforderung. Ich füh-
le mich zurzeit überfordert. Mir fehlt sowohl die Zeit, meine Aufgaben zu
meiner Zufriedenheit zu lösen (Unterrichtsvorbereitung; Haushalt), noch
mich ausreichend um meine Tochter zu kümmern und meine Frau zu ent-
lasten. Es bleibt immer ein schlechtes Gewissen zurück, und das obwohl ich
mir nur selten die Zeit nehme, etwas für mich zu machen. Symptomatisch
ist da, dass ich seit einem Jahr nicht einen einzigen Roman durchgelesen ha-
be. Auch bin ich seit etwa einem Jahr nicht mehr gejoggt oder habe einen
anderen Sport betrieben. Allein der Chor hat einen festen Platz im Termin-
kalender; aber selbst der könnte ja reine Pflicht sein, wer weiß das schon?
7 KSA = Klinische Seelsorgeausbildung.
IV. Kapitel: ‚at work’ 117
Im Nachgang zur Sitzung habe ich nachgedacht, was die Begriffe Trauer,
Fremdbestimmung und Überforderung mit dem Dreieck von Person, Sys-
tem und Rolle zu tun haben. Denn es geht m. E. zu weit, wenn ich alle drei
Begriffe nur meiner Person zuordne, wenn also allein meine Person der Ver-
ursacher meiner jetzigen nicht zufrieden stellenden Situation sei. Gerade da-
zu neige ich manchmal, nämlich mir allein alle Schuld zu geben und nicht
zu sehen, wo noch andere Verursacher einer misslichen Situation zu finden
sind. In der Tat liegt es doch auch am System, wenn ich zurzeit Schwierig-
keiten habe. Ich darf mir ruhig Zeit geben, mich in die neuen Systeme Be-
rufsschule’ und Familie’ einzugewöhnen. Es ist ja kein Zufall, dass gerade
die Rollen mir am meisten Sicherheit geben, die mir aus meiner bisherigen
Karriere bekannt sind. Mit zunehmender Unbekanntheit nimmt auch die Si-
cherheit ab. Es erfordert eben Zeit und Energie, sich in einem neuen System
einzufinden. Ich darf an dieser Stelle einfach auch mal überfordert sein, oh-
ne die Schuld gleich wieder mir in die Schuhe zu schieben.
Was die Rolle angeht, so vermute ich, dass auch diese Rolle, besser gesagt:
die Rollendiffusion eben einiges zu dem Gefühl der Überforderung und
Fremdbestimmung beiträgt.
Andererseits ist Vorsicht geboten: Ich weiß von mir, dass ich mich gerne auf
bestehende Systeme verlasse, anstatt selbst aktiv zu werden, Entscheidun-
gen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Das ist eine Konsequenz
meines Pflichtdenkens. Wenn ich schon meiner Pflicht dem System gegen-
über nachgehe, dann soll mich das System wenigstens davor schützen, an-
gegriffen zu werden: ‚Das System ist böse, ich tue ja nur meine Pflicht.’ Hier
gilt es also gegenzusteuern und verstärkt aktiv und offensiv vorzugehen.
Warum nicht einfach mal etwas selbst entscheiden; wenn es verboten ist,
wird sich schon jemand beschweren.
Gegen Ende der Supervisionssitzung konnte ich kaum noch mitdenken ge-
schweige denn dem Gesagten folgen. Allein eine Frage sticht aus dem Nebel
des Gehörten und doch nicht Gehörten hervor: Bin ich bereit, den SchülerIn-
nen das zu geben, was sie brauchen?
Wahrscheinlich trifft mich diese Frage so sehr, weil ich sie mir insgeheim
selbst schon so oft gestellt habe und sie letztlich eine Variante jener Frage
ist, ob das Berufsschulpfarramt wirklich die Aufgabe ist, die ich ausüben
möchte. Dazu zwei vorläufige Gedanken: Erstens möchte ich die Frage, ob
ich in der Berufsschule auf dem richtigen Platz bin, nicht heute beantwor-
ten, sondern erst frühestens in zwei Jahren. Soviel Zeit habe ich mir gege-
ben, weil ich weiß, dass der Anfang für mich sehr schwer ist. Zweitens gilt
auch hier: Das eine nicht ohne das andere: die Bedürfnisse der SchülerInnen
nicht ohne meine Bedürfnisse. Und in diesem Punkt merke ich, dass es mir
sehr weh tut, mehrfach Sprüche wie ‚Das ist langweiligoder ‚Was hat das
mit Religion zu tun?’ zu hören, wenn ich mich bemühe, Themen und Me-
thoden auszuwählen, von denen ich vermute, dass sie die SchülerInnen in-
teressieren. Dazu kommt das Gefühl, versagt zu haben, wenn SchülerInnen
118 IV. Kapitel: ‚at work’
sich vom Unterricht abmelden. Ich weiß nicht, wie grmeine Frustrations-
toleranz an diesem Punkt ist.
Schließlich noch eine Frage: Was ist, wenn ich das Koordinatennetz einfach
falsch gelegt habe? Anders gefragt: Erwarte ich zuviel zu schnell und über-
fordere mich gerade dadurch?
1.5 Wirksamkeitsanalyse
Wie bin ich als Supervisor wirksam geworden?
Nicht ohne Grund wird immer wieder von Supervisoren/innen betont,
wie wichtig die Zeit zwischen den Sitzungen ist, der Raum, in dem die In-
terventionen der Sitzung wirken, sich entfalten, relativiert werden und sich
‚setzenkönnen. Der Supervisand spürt deutlich seine Trauer. Die gilt es
auszuhalten, weder zu verstärken noch wegzudiskutieren. Aber und das
möchte ich an dieser Stelle hervorheben – er räumt sich selbst Zeit ein –
für seine Trauer
für sein Gefühl der Überforderung er erlaubt sich in dieser Anfangs-
phase überfordert sein zu dürfen!
für seine Entscheidung, ob dieser Arbeitsplatz der richtige für ihn ist
zwei Jahre gibt er sich Zeit!
Außerdem deutet sich bereits hier an, dass die Themen ‚Theologie und
Religion’ für den Supervisanden eine zentrale Funktion haben. Mehrfach
artikuliert er ganz klar, wie wichtig die theologische Arbeit für ihn ist und
wie sehr er darunter leidet, wenn seine Interessen von den Schülern/innen
nicht wertgeschätzt werden.
IV. Kapitel: ‚at work’ 119
2 Parameter der Analyse ‚religiöser Elemente’ in der Supervision
und ihrer Darstellung
2.1 Der Daten-Korpus
Beschränkung auf einen Prozess
In den folgenden sieben Kapiteln wird es darum gehen, den dargestellten
Supervisionsprozess daraufhin zu untersuchen, welche Funktion und Be-
deutung religiöse Elemente in der supervisorischen Arbeit mit Religions-
lehrern/innen haben. „Gerade wo Fragen religiöser Sozialisation behan-
delt werden, müssen die Forschungsmethoden adäquat sein“, fordert der
Braunschweiger Sozialwissenschaftler Andreas Feige und plädiert in die-
sem Zusammenhang für eine „Kopplung ‚qualitativer’ und quantitativer
Methoden’“.8
Dieser Forderung versucht die Untersuchung zu entsprechen, indem sie
sich zunächst gezielt auf die Darstellung und Analyse eines Supervisionspro-
zesses, der zuvor auf Band aufgenommen und dann transkribiert wurde,
beschränkt. Dadurch entsteht ein Daten-Korpus, der deutlich begrenzt
und überschaubar ist. Der gesamte Prozessverlauf kann über die verein-
barten 15 Sitzungen in seiner Entwicklung und Dynamik ebenso verfolgt
und nachvollzogen werden wie die ‚Geschichte’ einzelner Themen, Lö-
sungsmuster, Kommunikationsstrategien innerhalb des Prozesses. Dabei
hat die Frage von Qualität Vorrang vor der von Quantität. Die Intensität
eines Prozesses, der ca. 1350 Arbeitsminuten widerspiegelt, kann von kei-
8 In: Andreas Feige / Bernhard Dressler / Wolfgang Lukatis / Albrecht Schöll: Reli-
gion’ bei ReligionslehrerInnen. Münster 2000, S. 13; s. a. Klaus Kießling: Zur eige-
nen Stimme finden. Stuttgart 2004, S. 83 88 und 164 – 167. Auch im Blick auf die
„‚Kunstlehre’ Supervision“ generell lehnt H. Möller „eine Out-Come-Forschung
analog der von Grawe geforderten Psychotherapieforschung […], die einzelne Vari-
ablen mit großem Aufwand und großer Exaktheit misst“, ab. H. Möller: Was ist gu-
te Supervision? AaO., S. 95; K. Rappe-Giesecke: Kommunikative Supervisionsfor-
schung, aaO., S. 237: „Unseres Erachtens sollte das Forschungssystem den gleichen
Grad an Komplexitätsverarbeitung gewährleisten wie das System, das man untersu-
chen will und annähernd die gleichen Wertvorstellungen vertreten.“ Wolfgang Wei-
gand: Vorwort. Das Interesse der DGSv an Wissenschaft und Forschung, in: Ber-
ker, Peter / Buer, Ferdinand (Hg.): Praxisnahe Supervisionsforschung. Felder – De-
signs Ergebnisse. Münster 1998, S. 5 7. Erinnern will ich in diesem Zusammen-
hang auch an die von Hans-Peter Dürr oft und gerne zitierte Parabel vom ‚Netz des
Physikers’, in der ein Ichthyologe zu dem Ergebnis kommt: „Was ich nicht fangen
kann, ist kein Fisch.“ Hans-Peter Dürr: Das Netz des Physikers. Naturwissenschaft-
liche Erkenntnis in der Verantwortung. München/Wien 1988, S. 29f. Auf die ab-
weichende Position H. G. Petzolds et al. (Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S.
229f. u. ö.) habe ich bereits mehrfach aufmerksam gemacht.
120 IV. Kapitel: ‚at work’
ner repräsentativen Untersuchung erreicht werden.9 Mit Hinweis auf Ger-
hard Kleining charakterisieren A. Feige u. a. qualitative Forschungszugän-
ge „als Entdeckungsverfahren“:10 „Es geht zunächst darum, zu erfor-
schende bzw. zunächst nur als existent vermutete Bezüge, Kontexte, Sinn-
und Bedeutungsstrukturen über eine Rekonstruktion ‚am jeweiligen Fall’
erst zu entdecken.11 Genau dieses wird in den Kapiteln V bis XI ver-
sucht: Der Vermutung, dass Religion in der Supervision dieses konkreten
Religionslehrers eine relevante Funktion hat, wird in immer neuen analyti-
schen Anläufen nachgegangen. Dabei ist die Datenmenge, auf der diese
Untersuchung basiert, durchaus mit anderen Gesprächsanalysen ver-
gleichbar. Eberhard Hauschildts Untersuchung der „Alltagsseelsorge“12
liegen Gespräche in einer Gesamtdauer von fünfeinhalb Stunden zugrun-
de, Helgard Lörchers „Gesprächsanalytische Untersuchungen zur Arzt-
Patienten-Kommunikation“13 basieren auf 13 Gesprächen von insgesamt
vier Stunden Länge und die niedersächsische Studie zur „‚Religion’ bei Re-
ligionslehrerInnen“ auf „17 aufwendig ausgewerteten Interviews“.14 Den-
noch ist das Ergebnis dieser Untersuchung zunächst nur für diesen Supervisan-
den repräsentativ.
Deshalb werden in einem zweiten Schritt im Kapitel XII die Ergebnisse der
Analyse dieses einen Prozesses auf die neueren empirischen Untersuchun-
gen zur Religion von Religionslehrern/innen bezogen, um zu überprüfen,
ob bzw. inwiefern generelle Schlussfolgerungen für die Arbeit mit Religi-
onslehrern/innen möglich sind.
9 Obwohl H. G. Petzold et al. aus der Wertschätzung quantitativer empirischer For-
schung keinen Hehl machen, kommen sie zu der Einschätzung, dass „Gaertners
(1999) Transkriptanalyse […] ebenfalls ein qualitatives, aber weniger aufwendiges
und praxisnäheres Instrument der Auswertung von Team-Supervisionsprozessen“
zur Verfügung stellt, hrend die mit „aufwendigen Methoden sog. Normalfor-
men“ erzielten Ergebnisse der kommunikativen Sozialforschung Rappe–Gieseckes
„relativ banal“ erscheinen. In: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 94f. Auch im
Blick auf die Analyse von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen ge-
stehen Petzold et al. ein, dass dies in den Analysen von Supervisions-Transkripten,
wie sie in der deutschsprachigen Forschung vorgenommen wurden“ „eher“ „ge-
lingt“. Ebd., S. 109.
10 A. Feige / B. Dressler / W. Lukatis / Albrecht Schöll: ‚Religion’ bei Religionsleh-
rerInnen. Münster 2000, S. 43.
11 Ebd., S. 43; Demgegenüber fungieren quantitativ-massenstatistische Verfahren
häufig nur als Bestätigungen […] von vorab als (theoretisch/pragmatisch) interes-
sant/wichtig definierten Merkmalen und deren statistisch rekonstruierbaren Bezüge
untereinander“; ebd, S. 43.
12 Eberhard Hauschildt: Alltagsseelsorge. Eine sozio-linguistische Analyse des pastora-
len Geburtstagsbesuches. Arbeiten zur Pastoraltheologie Bd. 29. Göttingen 1996.
13 Helgard Lörcher: Gesprächsanalytische Untersuchungen zur Arzt-Patienten-Kom-
munikation. Linguistische Arbeiten 136. Tübingen 1983.
14 A. Feige / B. Dressler / W. Lukatis / A. Schöll, aaO., S. 31.
IV. Kapitel: ‚at work’ 121
Chancen und Grenzen der Analyse von Tonaufnahmen
Mögliche ethische und rechtliche Bedenken, Transkripte von Supervisi-
onssitzungen zu veröffentlichen, hatte ich in der Einleitung bereits er-
wähnt. Die Liste von skeptischen Anfragen, die Eberhard Hauschildt15
zusammengetragen hat, gilt partiell auch für supervisorische Kontexte:
Darf man überhaupt solche vertraulichen Gespräche aufnehmen?16
„Supervision wird gern als ‚geschützter Raum’ bezeichnet, in dem das
ausgesprochen und bedacht werden kann, was an anderer Stelle ins-
besondere institutions- oder organisationsöffentlich nicht ohne wei-
teres geäußert werden kann“,17 heißt es in der Informationsbroschüre
der DGSv. In der Supervision soll ja gerade unbefangen experimentiert
werden und neue, noch ungewohnte Verhaltensoptionen sollen aus-
probiert werden können. Auf der anderen Seite gehören aber auch
Dreieckskontrakte zum Supervisionsalltag, die eine Kommunikation
der Arbeitsergebnisse und einen zumindest teiloffenen Transfer erfor-
dern.18 „Die Spannung zwischen der Pflicht, über Gehörtes zu schwei-
gen und z. B. dem Interesse einer auftraggebenden Organisation, die
Inhalte von Supervision zu erfahren, lösen Supervisoren/innen auf un-
terschiedliche Weise: z. B. nach dem Grundsatz Offenheit im Struktu-
rellen und Thematischen und Verschwiegenheit im Persönlichen’, über
allparteilich zusammengesetzte Foren oder aber durch die Einbezie-
hung von Leitungspersonen in den Supervisionsprozess.19 Weil für
jeden Supervisionsprozess im Grunde genommen der geschützte
Raum’ individuell und neu definiert werden muss, empfiehlt die DGSv
in einer Rechtshilfebroschüre ihren Supervisoren/innen, die konkrete
Form der Schweigepflicht bzw. zulässige Offenbarungen vertraglich zu
vereinbaren.20 Dazu können auch Bandaufzeichnungen gehören, die in
einer späteren Sitzung gemeinsam mit dem/der Supervisanden/in
noch einmal in kleinen Schritten abgehört werden oder Grundlage von
Kontrollsupervisionssitzungen sein können. In der transaktionsanaly-
tisch orientierten Supervision gehören ‚Bandsupervisionen’ zu den
Standards.21 Einen gesamten Supervisionsprozess auf Band aufzu-
zeichnen, zu analysieren und dann einer größeren Öffentlichkeit zu-
gänglich zu machen, geht allerdings über solche üblichen Vereinbarun-
gen weit hinaus. Das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) „soll den Ein-
15 E. Hauschildt: Alltagsseelsorge 1996, aaO., S. 124.
16 Ebd., S. 124.
17 DGSv (Hg.): Supervision ein Beitrag zur Qualifizierung beruflicher Arbeit. Köln
3/2003, S. 28.
18 Zu Dreieckskontrakten und den damit verbundenen Problemen s. a. Kapitel II und
Kapitel VII.
19 DGSv (Hg.): Supervision, aaO., S. 28.
20 DGSv (Hg.): Rechtliche Hinweise für Supervisorinnen und Supervisoren. ln 2003.
21 S. Johann Schneider: Supervision. Supervidieren und beraten lernen. Paderborn
2001, S. 191 – 193.
122 IV. Kapitel: ‚at work’
zelnen davor [zu] schützen, dass er durch den Umgang mit seinen per-
sonenbezogenen Daten in seinem Persönlichkeitsrecht beeinträchtigt
wird.“22 Nach § 4.1 ist „die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung per-
sonenbezogener Daten nur […] zulässig, soweit dieses Gesetz oder ei-
ne andere Rechtsvorschrift dies erlaubt oder anordnet oder der Betrof-
fene eingewilligt hat.23 Darüber hinaus kann der Personenbezug aller-
dings durch Anonymisierung24 oder Pseudonymisierung25 aufgehoben
werden. Im konkreten Fall war der Bandmitschnitt zunächst als
Grundlage für den kollegialen Austausch in der Lehr- und Kontrollsu-
pervision kontraktiert worden. Eine erste Auswertung und Analyse er-
folgte mit Zustimmung des Supervisanden für die Abschlussarbeit der
Supervisionsausbildung bei der DAD Berlin. Auch für die weitere Ver-
wendung der Daten zu wissenschaftlichen Zwecken wurde das aus-
drückliche Einverständnis des Supervisanden eingeholt. Um den Su-
pervisanden in seiner Privatsphäre zu schützen, wurden alle personen-
bezogenen Angaben, Namen und Orte konsequent anonymisiert.
Ist eine Aufnahme nur der Worte ohne all die visuellen Eindrücke nicht viel zu
beschränkt?26 Eine Dokumentation des Prozesses mit der Videoka-
mera hatte ich zunächst auch erwogen, da mir dieses Verfahren von
Lehrertrainings her vertraut ist und in der Mikroforschung „von Inter-
aktionssequenzen mit ein bis zwei Sätzen […] heutzutage […] berech-
tigter Standard“27 ist. hrend der Vorschlag, die Sitzungen auf Ton-
band aufzunehmen von dem Supervisanden sofort positiv aufgegriffen
und akzeptiert wurde, lehnte er Videoaufnahmen konsequent ab. „Bei
einer bloßen Tonaufnahme gehen die visuellen Daten des Gesprächs
verloren“,28 wie E. Hauschildt konstatiert, um dann sogleich auf die
Vorzüge der Tonaufnahme gegenüber der Videoaufzeichnung zu ver-
weisen: eine nicht durch Kameras, Lampen oder Regieanweisungen in
ihrer „Natürlichkeit“ eingeschränkte Situation. Weiter weist er darauf
hin, dass gerade in umfangreicheren Gesprächssequenzen Tondoku-
mente die wesentlichen Strukturen wiedergeben und sich auch nonver-
22 BDSG § 1.1; Bekanntmachung im BGBl. I 2003, S. 66.
23 Ebd., S. 66.
24 „Anonymisieren ist das Verändern personenbezogener Daten derart, dass die Ein-
zelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse nicht mehr oder nur mit ei-
nem unverhältnismäßig großen Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeitskraft einer be-
stimmten oder bestimmbaren natürlichen Person zugeordnet werden können.“ §
3.6. Ebd., S. 66
25 „Pseudonymisieren ist das Ersetzen des Namens und anderer Identifikationsmerk-
male durch ein Kennzeichen zu dem Zweck, die Bestimmung des Betroffenen aus-
zuschließen oder wesentlich zu erschweren.“ § 3.6 a. Ebd., S. 66.
26 E. Hauschildt: Alltagsseelsorge 1996, aaO., S. 124.
27 Ebd., S. 129.
28 Ebd., S. 129.
IV. Kapitel: ‚at work’ 123
bale Aktionen im Laufe des Gespräches „verbal niederschlagen.“29 Jo-
hann Schneider verweist auf den Musik- und Klangphilosophen Joa-
chim-Ernst Berendt, der die These vertritt, dass Hinsehen aggressiv
macht, während Hinhören rezeptive Wahrnehmungssensoren sensibili-
siert. „[…] Tonmodulationen, Sprechgeschwindigkeit, Räuspern, Hus-
ten, Lachen und andere Laute sind zu hören und haben gerade für die
psychologische Beziehungsebene sehr viel Aussagekraft.“30
Stört das Aufnehmen das Gespräch nicht viel zu sehr?31 E. Hauschildt
verweist im Rückgriff auf Werner Kallmeyer auf das in der empiri-
schen Forschung häufig erfasste „Beobachterparadoxon“: Beobachter,
die unbeobachtete Interaktion beobachten wollen, zerstören gerade
durch ihre Beobachtung den Zustand des Unbeobachtetseins.32 Dar-
aus ergeben sich folgende ‚reaktive’ Verhaltensmodifikationen: „Ver-
stärkte Selbstkontrolle“,33 um Dinge, die für die Öffentlichkeit nicht be-
stimmt sind, von vorneherein herauszufiltern; Idealisierung“,34 um eine
„gute Figur zu machen“; Verlassen des Gesprächs durch Thematisierung der
Aufnahmesituation“,35 verstärkte Reaktivität auf Seiten des/der Aufnahmelei-
ters/in. Zusammenfassend kommt Hauschildt zu dem Ergebnis, dass
Reaktivität „vor allem in der Anfangsphase bedeutsam“36 ist und nicht
unbedingt von Nachteil sein muss, weil sie oft „die interaktiven Kon-
turen noch schärfer hervortreten lässt“.37 Im vorliegenden Prozess war
die Situation insofern eine besondere, als die Bandaufnahmen zunächst
nicht für eine größere Öffentlichkeit gedacht waren. Sie sollten der ei-
genen Reflexion, der Vertiefung und Nachbereitung dienen. Erst nach
der Transkribierung und Beendigung des Prozesses entstand der Plan,
die Aufnahmen weiter zu verwenden und ggf. auch zu veröffentlichen.
Spätestens ab der dritten Sitzung, so mein Eindruck, wurde das Band-
gerät abgesehen von einigen wenigen technischen Störungen gar
nicht mehr wahrgenommen.
Vom Tonband zum Transkript
Fehlen der Bandaufzeichnung gegenüber dem Video rpersprache, Mi-
mik, Gestik und auch die Wahrnehmung des räumlichen Kontextes, so
müssen durch die Transkribierung noch weitere Einschränkungen in Kauf
genommen werden: „Tonhöhe, Intensität, Dehnung, Vokalfärbung und
29 Ebd., S. 129.
30 J. Schneider, aaO., S. 191.
31 E. Hauschildt: Alltagsseelsorge 1996, aaO., S. 124.
32 Ebd., S. 130.
33 Ebd., S. 130.
34 Ebd., S. 130.
35 Ebd., S. 131.
36 Ebd., S. 132.
37 Ebd., S. 132.
124 IV. Kapitel: ‚at work’
Konsonantenvariationen sowie das Tempo des Gesagten“38 fallen der
Verschriftlichung zum Opfer. Trotz dieser genannten Nachteile überwie-
gen im Zusammenhang dieser Untersuchung die Vorteile: Abgesehen von
so pragmatischen Erwägungen, dass sich wohl kaum jemand über 20
Stunden Video- bzw. Bandaufnahmen ansehen oder anhören würde, bie-
tet das Transkript einen genauen Wortlaut und damit eine verlässliche
Textgrundlage für die Analyse. Im Unterschied zu den in der Seelsorge-
ausbildung häufig verwendeten Gedächtnisprotokollen (Verbatims), die
nur das aufbewahren und erinnern, was merkwürdig’ erschien,39 bildet
das Transkript die „Wechselwirkungen beider Seiten im Gespräch“40 prä-
zise ab und „legt auch die von der schriftlichen Sprache sich stark unter-
scheidenden Sprachcharakteristika des mündlichen Gesprächs offen.41
‚Verfremdungseffekt’
Die Darstellung folgt zunächst der Chronologie des Prozesses. Aus Grün-
den der Überschaubarkeit und der stofflichen Reduktion werden nur die
Sitzungsteile wiedergegeben, in denen explizit religiöses Sprach- bzw. Ge-
dankengut verbalisiert wird.42 Das hat den gravierenden Nachteil, dass der
tatsächliche Spannungs- und Tiefungsbogen jeder einzelnen Sitzung nicht
immer nachvollzogen werden kann. Weil die jeweiligen Einlassungs- und
Abschiedsphasen fehlen, entsteht eine geistige und emotionale Dichte und
Tiefe, die durch die existentielle Thematik noch verstärkt wird. Ich weise
an dieser Stelle ausdrücklich auf diesen Verfremdungseffekt’ hin, damit
nicht der Eindruck entsteht, bei Supervision handele es sich primär doch
um eine tiefen(de) psycho-theologische Analyse.
Nach Auffassung meines Lehrsupervisors Heinrich Fallner ist Supervision
‚existenzielle Klarlegungsarbeit im beruflichen Kontext’. Der Schwer-
punkt liegt bedingt durch die Thematik und Fragestellung in dieser
Untersuchung eindeutig auf dem existenziellen Teil supervisorischen Ar-
beitens.
2.2 Untersuchungsgegenstand und Analyseverfahren
Doch was ist explizit religiöses Sprach-/Gedankengut’ und wie lässt es
sich aus den Transkripten herausfiltern? Wer sich mit wissenschaftlichem
Instrumentarium dem Religiösen hern will, begibt sich auf schwanken-
den Boden, denn „die Definition von Religion, Religiösem und religiöser
38 Ebd., S. 136.
39 Ebd., S. 136.
40 Eberhard Hauschildt: Alltagsseelsorge. Der Alltag der Seelsorge und die Seelsorge
im Alltag. In: Uta Pohl-Patalong / Frank Muchlinsky (Hg.): Seelsorge im Plural.
Hamburg 1999, S. 8 – 16. Zitat S. 10.
41 E. Hauschildt: Alltagsseelsorge 1996, aaO., S. 137.
42 Das ist einerseits bedauerlich, andererseits wäre sonst die Stofffülle nicht zu bewälti-
gen. Ähnlich verfährt auch Hauschildt: Alltagsseelsorge, aaO., S. 134f.
IV. Kapitel: ‚at work’ 125
Praxis ist weder entschieden noch abgeschlossen, sondern wandelbar und
auch ein Konflikt zwischen jenen, die den Anspruch erheben, mitzudefi-
nieren“, konstatieren Christian Friesl und Regina Polak.43 Noch radikaler
formuliert der soziologische Systemtheoretiker Niklas Luhmann: „Sobald
jemand meint sagen zu können, was Religion ist und wie man Religiöses
von Nichtreligiösem unterscheiden kann, kann im nächsten Augenblick
jemand kommen und dieses Kriterium (etwa den Bezug auf den existie-
renden Gott) negieren und genau dafür religiöse Qualität in Anspruch
nehmen. Denn was sonst soll es sein, wenn nicht Religion, wenn jemand
das negiert, was jemand für Religion hält?“44
Für eine Untersuchung, die sich dem systemisch-konstruktivistischen An-
satz verpflichtet weiß, kann es somit einerseits keine sichere, eindeutige und
damit angeblich ‚objektive’ Definition von Religion geben, die der Analyse
zu Grunde gelegt werden könnte und mit der die Äußerungen des Super-
visanden dann einfach nur abgeglichen werden müssten.45 Religiöse Kon-
strukte sind in Luhmannscher Perspektive selbstreferenzielle Systeme, al-
so Systeme, die sich letztlich selbst definieren und deshalb auch nur im
Diskurs mit denen erforscht werden können, um deren vermeintliche Re-
ligion bzw. Religiosität es in der jeweiligen Untersuchung geht.46 Anderer-
seits braucht eine wissenschaftliche Analyse einen konkreten und präzisen
43 In dem mehr als 800 Seiten starken Bericht des zweijährigen Projekts „Megatrend
Religion“Eine interdisziplinäre Studie, die in der Zeit von 1998 – 2000 in Zusam-
menarbeit des Wiener Instituts für Pastoraltheologie und dem Ludwig-Boltzmann-
Institut für Werteforschung durchgeführt wurde. Christian Friesl / Regina Polak:
Teil I: Theoretische Weichenstellungen. In: Regina Polak (Hg.): Megatrend Religi-
on? Ostfildern 2002, S. 46.
44 Niklas Luhmann: Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt/M 2000, S. 14f.
45 S. ebd., S. 15.
46 „Das Zauberwort, das dieser systemtheoretischen Verbindung aus Fremdartigkeit
und Faszination zu Grund liegt, lautet ‚Selbstreferenz’. Das heißt zunächst nichts
weiter, als dass es in Luhmanns Theorie um Systeme geht, die sich in all ihren Ak-
tionen und Reaktionen selbst beschreiben“ schreibt Christian Schuldt in seiner Ein-
führung in die Systemtheorie. Christian Schuldt: Systemtheorie. Wissen 3000. Ham-
burg 2003, S. 14. Zur Selbstreferenz sozialer Systeme bei N. Luhmann s. a. W.
Ebert, aaO., S. 199 202; Chr. Friesl / R. Polak, aaO., S. 47. Wilfried Cantwell
Smith forderte bereits 1963 eine „Personalisierung der Religionswissenschaft“, die
„die Gläubigen, ihre Ansichten und ihr [sic!] Umgang mit den Texten wie auch ihre
Taten” in den religionswissenschaftlichen Reflexionsprozess mit einbezieht. „Diese
Einsicht ist zwar mittlerweile durchaus akzeptiert, korrespondiert aber selten mit
der Konsequenz (auch bei Smith nicht), dass hierdurch ein Methodenwechsel für
die Religionswissenschaft eingeleitet ist“, urteilt Gritt Klinkhammer in ihrem am
27.09.2001 in Leipzig auf dem REMID-Panel (Religionswissenschaftlicher Medien-
und Informationsdienst e. V.) gehaltenen Vortrag „Popularisierung von Religions-
wissenschaft? Überlegungen zur Wirkung und Gestaltung gegenwartsbezogener reli-
gionswissenschaftlicher Forschung“. Im Internet zugänglich unter: www.remid.de.
(Stand 12.2005).
126 IV. Kapitel: ‚at work’
Ausgangspunkt als Basis des Reflexionsprozesses sowie ausgewiesene
Analysewerkzeuge.
Von der ‚dünnen’ zur ‚dichten Beschreibung’
Einen gangbaren (Aus)Weg aus diesem methodologischen Dilemma bietet
der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Clifford Geertz47 mit der von
ihm vorgetragenen Unterscheidung von ‚dünner’ und ‚dichter Beschrei-
bung’.48 Obwohl Geertz „die reduktionistischen bzw. funktionalistischen
Verfahren in der Ethnologie und der Kulturwissenschaft“49 überwinden
half, sst er dennoch auch Berührungspunkte zu systemischen Denkwei-
sen erkennen und ist vielleicht gerade deshalb ein Gewährsmann, auf des-
sen Fundament sich diese Untersuchung verlässlich stützen kann. Eine
‚dünne Beschreibung’ beschränkt sich auf das Sammeln von Wahrneh-
mungen und Beobachtungen und unterliegt dabei der Illusion, es handele
sich bei dem gefundenen Material um ‚objektive Fakten’. Bei dem ‚Verste-
hen kultureller Systeme’ auch Religion ist für C. Geertz ein kulturelles
System50 geht es aber weniger um abstraktes begriffliches Denken, auch
nicht um „akademische Gedankenspiele mit formalen Symmetrien“,51
sondern vielmehr um ein schöpferisches und einfallsreiches Eintauchen in
die Welt, die es zu beschreiben gilt. „Kultur“ ist für Geertz „keine Instanz,
47 „Clifford Geertz, geboren 1926, gilt als Begründer der ‚Interpretativen Anthropolo-
gie’ und zählt zu den führenden Ethnologen der Gegenwart. […] Weit über die
Grenzen seines Faches hinaus wurde Geertz zum Initiator kulturhermeneutischer
Verfahren in vielen anderen, mit den symbolischen Beständen von Gesellschaften
befassten Wissenschaften, in den Kultur- und Religionswissenschaften und auch in
der Theologieso die Einschätzung des Berliner Praktischen Theologen Wilhelm
Gräb. Wilhelm Gräb: Clifford Geertz: Religion dicht beschreiben. In: Volker Dreh-
sen / Wilhelm Gräb / Birgit Weyel (Hg.): Kompendium Religionstheorie. UTB
2705. Göttingen 2005, S. 204.
48 Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme.
Frankfurt/M 1983, bes. darin der Aufsatz: Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu
einer deutenden Theorie von Kultur, S. 7 43. Geertz greift bei dieser Unterschei-
dung auf Ausführungen Gilbert Ryles zurück, s. ebd., S.10.
49 W. Gräb, aaO., S. 207.
50 S. ebd. den Aufsatz „Religion als kulturelles System“, S. 44 – 95 und die dortige De-
finition: „eine Religion ist (1) ein Symbolsystem, das darauf zielt, (2) starke, umfas-
sende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen,
(3) indem es Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und (4) diese
Vorstellungen mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, daß (5) die Stimmun-
gen und Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen.“ Ebd., S. 48.
„Geertz hat […] nicht nur der Ethnologie, sondern den Kultur-, Religions- und So-
zialwissenschaften insgesamt, den entscheidenden Anstoß gegeben, die Religion als
ein gesellschaftliches Phänomen sui generis Ernst zu nehmen. Das schließt nicht
aus, sondern ein, dass die Religionsforschung die symbolischen Welten der Religion
auch zu den ökonomischen Prozessen der Gesellschaft ins Verhältnis setzt und ihre
Funktion in psychischen und sozialen Systemen untersucht. Es kommt jedoch auf
die richtige Reihenfolge an“, meint W. Gräb, aaO., S. 214.
51 Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 35.
IV. Kapitel: ‚at work’ 127
der gesellschaftliche Ereignisse, Verhaltensweisen, Institutionen oder Pro-
zesse kausal zugeordnet werden könnten. Sie ist ein Kontext, ein Rahmen,
in dem sie verständlich mlich dicht beschreibbar sind.“52 Der Kul-
turbegriff, der diesem Verständnis zugrunde liegt, ist „wesentlich ein semi-
otischer. Ich meine mit Max Weber“, schreibt Cl. Geertz, „dass der
Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe ver-
strickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre Untersuchung
ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht,
sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht. Mir geht es
um Erläuterungen, um das Deuten gesellschaftlicher Ausdrucksformen,
die zunächst rätselhaft scheinen.53
Indikatoren einer ‚dichten Beschreibung’
Eine dichte Beschreibung’ zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich der
Zirkularität sowohl des Diskurses als auch der Reflexion dieses Diskurses
bewusst ist.54 Dabei rotiert sie gewissermaßen permanent zwischen den
beiden Polen Bescheidenheit’ und Wagnis’. Bescheidenheit insofern, weil es
wie bereits ausgeführt bei kulturwissenschaftlichen Deutungen und In-
terpretationen stets nur um Annäherungen gehen kann: „Man versteht die
Menschen nicht. […] Wir können uns nicht in sie finden“, zitiert Geertz
Ludwig Wittgenstein, um dann aber fortzufahren: „Uns in sie zu finden,
dieses entmutigende Unterfangen, das wenn überhaupt nur annähernd
gelingt, ist es, woraus ethnographische Forschung als persönliche Erfah-
rung besteht.“55 Auf der anderen Seite besteht das „komplizierte intellek-
tuelle Wagnis“56 darin, sich nicht auf das Kartographieren dieses „selbstge-
sponnene[n] Bedeutungsgewebe[s]“57 zu beschränken, sondern es zu ris-
kieren, die „Vielfalt komplexer, oft übereinandergelagerter oder ineinan-
52 Ebd., S. 21. „Der Kulturbegriff, den ich verwende“, schreibt C. Geertz, „bezeichnet
ein historisch überliefertes System von Bedeutungen, die in symbolischer Gestalt
auftreten, ein System überkommener Vorstellungen, die sich in symbolischen For-
men ausdrücken, ein System, mit dessen Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben
und ihre Einstellungen zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln.“ In:
Religion als kulturelles System, aaO., S. 46.
53 Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 9. S. a. W. Gräb, aaO., S. 205f.
54 „Dieser Sachverhalt“, schreibt Geertz, „dass nämlich das, was wir als unsere Daten
bezeichnen, in Wirklichkeit unsere Auslegungen davon sind, wie andere Menschen
ihr eigenes Tun und das ihrer Mitmenschen auslegen trifft in den fertigen Texten
der ethnologischen Literatur […] nicht mehr zutage, weil das meiste dessen, was wir
zum Verständnis eines bestimmten Ereignisses, Rituals, Brauchs, Gedankens oder
was immer sonst brauchen, sich als Hintergrundinformation einschleicht, bevor die
Sache selbst untersucht wird. […] Das ist soweit in Ordnung und ohnehin unver-
meidlich. Doch entsteht dadurch der Anschein, als sei die ethnologische Forschung
eher eine Sache der Beobachtung und weniger eine der Interpretation, während es
sich in Wahrheit umgekehrt verhält.“ Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 14.
55 Ebd., S. 20.
56 Ebd., S. 10. Hervorhebung M. J.
57 Ebd., S. 9.
128 IV. Kapitel: ‚at work’
der verwobener Vorstellungsstrukturen“58 durch mutige, phantasievolle
Hypothesen gewissermaßen wie ein Origami-Kunstwerk auseinander
zu falten, so dass die Muster sichtbar werden. „Die Untersuchung von
Kultur besteht darin (oder sollte darin bestehen), Vermutungen über Be-
deutungen anzustellen, diese Vermutungen zu bewerten und aus den bes-
seren Vermutungen erklärende Schlüsse zu ziehen“.59 Die Qualität und
damit das Gelingen bzw. Misslingen der jeweiligen Vermutungen und er-
klärenden Schlussfolgerungen entscheidet sich daran, inwieweit die „wis-
senschaftliche Imagination uns mit dem Leben von Fremden in Berüh-
rung zu bringen vermag.“60 Eine Untersuchung stellt einen Fortschritt
dar, schreibt Geertz, wenn sie tiefer eindringt was immer das heißen mag
als die ihr vorausgehende.“61
Konkret heißt das für Geertz, dass sich Kulturhermeneutik darin bewährt,
dass sie
die Vorstellungsstrukturen, die die Handlungen unserer Subjekte bestim-
men“62 aufdeckt,
„ein analytisches Begriffssystem“ entwickelt, „das geeignet ist, die typischen
Eigenschaften dieser Strukturen […] gegenüber anderen Determinan-
ten menschlichen Verhaltens herauszustellen,“63
„ein Vokabular“ bereitstellt, „in dem das Wissen, das das symbolische
Handeln über sich selbst, d. h. über die Rolle der Kultur im menschli-
chen Leben hat, ausgedrückt werden kann“,64
sich „auch gegenüber kommenden Realitätenbehauptet „d. h. als
intellektuell tragfähig65 erweist.
58 Ebd., S. 15.
59 Ebd., S. 30. „Die Aufmerksamkeit, die eine ethnographische Erklärung beanspru-
chen kann, beruht nicht auf der Fähigkeit des Autors, simple Fakten an entlegenen
Orten einzusammeln und sie wie eine Maske oder eine Schnitzerei nach Hause zu
tragen, sondern darauf, inwieweit er zu erhellen vermag, was sich an derartigen Or-
ten ereignet, und die Rätsel zu lösen weiß was für Leute sind das? –, die befremd-
liche Handlungen in unbegriffenen Zusammenhängen zwangsläufig hervorrufen.“
Ebd., S. 24.
60 Ebd., S. 24.
61 Ebd., S. 36. Analog argumentiert H. Möller im Blick auf die Supervisionsforschung,
wenn sie ausführt: „Allgemeines wird nicht dadurch erkannt, dass man, dem Gesetz
der großen Zahl folgend, über den ‚Einzelfall’ hinweg schließt, ihn zu Kennziffern
verrechnet und damit zum Verschwinden bringt, sondern gerade umgekehrt: je tie-
fer wir in einzelne Supervisionsgeschichten einsteigen und sie zu verstehen versu-
chen, um so mehr erfahren wir über allgemeine und strukturelle Zusammenhänge“
(Was ist gute Supervision? AaO., S. 312).
62 Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 39, Kursivtext M. J.
63 Ebd., S. 39, Kursivtext M. J.
64 Ebd., S. 39, Kursivtext M. J.
65 Ebd., S. 38; Kursivtext M. J.
IV. Kapitel: ‚at work’ 129
„Der Angelpunkt“ des von C. Geertz beschriebenen semiotisch orientier-
ten kulturhermeneutischen Ansatzes liegt allerdings „darin, der uns ei-
nen Zugang zur Gedankenwelt der von uns untersuchten Subjekte erschließt,
so dass wir in einem weiteren Sinne des Wortes ein Gespräch mit ih-
nen führen nnen“66 und sich so das „menschliche […] Diskursuniver-
sum“67 etwas mehr lichtet und in seiner Ausdehnung erfahrbarer wird. D.
h. ein, wenn nicht gar der entscheidende Evaluationsindikator, ob die Be-
schreibung als ‚dicht’ oder eher als dünn’ zu bezeichnen ist, liegt in dem
‚Ein-Verständnis’ der ‚gewagtenDeutungen durch den Gedeuteten.68 Da-
bei geht es im Blick auf die supervisorische Arbeit nicht um (Be)Wer-
tungen der Interventionen durch den Supervisanden, supervisorische
Interventionen können und müssen bisweilen durchaus provokativ sein
und nicht immer und unbedingt Zustimmung auslösen –, sondern ob der
Supervisand sich in seinem Anliegen angemessen verstanden und ge-deu-
tet’ sieht. Die Unterscheidung von ‚Ein-Verständnis’ und ‚Über-Einstim-
mung’ ist hier von elementarer Wichtigkeit!69
Supervision mit einem Religionslehrer als Versuch einer ‚dichten Beschreibung’
Die formale Basis und damit der Ausgangspunkt dieser Untersuchung
sind klar zu bestimmen: Es ist der Textkorpus, der sich durch die Tran-
skribierung der Supervisionssitzungen ergeben hat. Der Moment, in dem
der Versuch einer ‚dichten Beschreibung’ seinen Anfang nimmt, ist weni-
ger präzise zu formulieren, denn bereits der Supervisionsprozess selbst
war natürlich ein permanenter Versuch, „Zugang zur Gedankenwelt“70
des Supervisanden zu bekommen ein spiralförmiger Prozess, in dem
Hypothesenbildung, Interventionen des Supervisors und Rückmeldungen
des Supervisanden sich fortwährend abwechselten, beeinflussten und so
den Fortgang des Prozesses bestimmten.71 Supervisorische Arbeit ist es-
sentiell immer auch kulturhermeneutische Arbeit im Geertzschen Sinne:
ein schöpferisches und mutiges Eintauchen in die Welt des Supervisan-
66 Ebd., S. 35; Kursivtext M. J.
67 Ebd., S. 20.
68 Bemerkenswert erscheint mir die Analogie dieses Gedankenganges zu Eberhard
Jüngels Ausführungen in ‚Die Autorität des bittenden Christus’ zu sein. „Einver-
ständnis impliziert Einsicht. Erst in der Einsicht des Gebetenen bejaht sich die
Wahrheit, für die gebeten wird. Und immer wenn diese Wahrheit sich in der Ein-
sicht von Menschen bejaht, erweist sich die Autorität dieser Wahrheit.“ In: Eber-
hard Jüngel: Unterwegs zur Sache. Theologische Bemerkungen. München 1972, S.
179 – 188; Zitat S. 188.
69 Auch Cl. Geertz geht es nicht „um den Konsens […], sondern um einen gangbaren
Weg, ohne ihn auszukommen.“ Cl. Geertz: Welt in Stücken. Kultur und Politik am
Ende des 20. Jahrhunderts. Wien 1996, S. 82. S. a. W. Gräb, aaO., S. 209.
70 Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 35. Zum Verhältnis von Ethnologie und
Supervision s. a. Renate Haas: Supervision als Forschungsmethode. Erfahrungen ei-
ner Ethnologin. In: H. Pühl (Hg.): Handbuch der Supervision 2. Berlin 2/2000, S.
263 – 269, die die Deutungsprobleme in interkulturellen Konflikten beleuchtet.
71 Zur Hypothesenbildung und Diagnostik in der Supervision s. Kapitel VI.
130 IV. Kapitel: ‚at work’
den, der Versuch, die Vorstellungsstrukturen des Supervisanden aufzude-
cken, das Bemühen, ein analytisches Begriffssystem zu entwickeln, das in
der Lage ist, die Wirksamkeit dieser Strukturen kommunikabel zu machen.
In der Arbeitsbeziehung zwischen Supervisand und Supervisor soll ge-
meinsam ein Vokabular generiert werden, das nicht nur in der Lage ist, die
bisherigen Referenzsysteme in Sprache zu fassen, sondern auch kommen-
de Realitäten auszudrücken. Eine mögliche Rolle, die man als Supervi-
sor/in einnehmen kann, wird von Gerhard Fatzer ausdrücklich die „Rolle
des Ethnographen72 genannt.
So ist es durchaus konsequent und in Übereinstimmung mit dem hier vor-
gelegten Supervisions- und Forschungsansatz, wenn Wolfgang Weigand
Supervision als eigene Forschungsmethode versteht.73
Supervision als Forschungsmethode
„Supervision ist selbst eine Forschungsmethode. Diesen einfachen Satz sollte man sich in
Erinnerung rufen, wenn man Forschungsziele definiert und Forschungskonzepte ent-
wirft. Supervision ist Arbeit an der Beziehungs-, Gruppen- und Institutionsdynamik eines
Falles. Fallarbeit ist das Verstehen persönlicher und institutioneller Beziehungskonflikte
mit dem Ziel, das eigene und fremde Handeln wirksam beeinflussen und verändern zu
nnen, um die gewählte Problem- und Konfliktlösung zu erreichen (vgl. Wiegand: Fall-
arbeit ein Weg zum Verstehen unbewußter Texte. In: Müller, B.; Niemeyer, C. & Pe-
ters, H. (Hg.): Sozialpädagogische Kasuistik. Bielefeld 1986, S. 39-49). Der Supervisor er-
forscht im Diskurs und im interpersonellen Dialog einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit
mit dem Ziel, die Wirkfaktoren des Geschehens erkennen, definieren und verstehen zu
nnen, um dieses Geschehen selbst zum Gegenstand neuer Interventionen auf dem
Hintergrund formulierter Zielsetzungen zu machen. Der Praktiker wird damit zum For-
scher; der Ausbilder greift sowohl auf reflektierte Praxis wie auf theoretische Erkenntnis-
se zurück; der Wissenschaftler versucht über die beforschte Praxis zu generalisierten Aus-
sagen zu kommen. Selbst der Vermarkter von Supervision wird in diese Zirkularität ein-
gebunden: Er legitimiert seine Profession durch die Anbindung an fachwissenschaftliche
Erkenntnisse und liefert den Fachwissenschaften Beschreibungen jener Realiten, die an
der Schnittstelle von Theorie und Praxis entstehen.
72 „Als Ethnograph betrachten Sie das Klientensystem als Kontext, in den sie von au-
ßen hereinkommen und mit dem Sie zeitlich beschränkt zusammenleben. Das
Hereinkommen ist dann wie die Reise in eine andere Kultur […], von der Sie Wahr-
nehmungen haben, die in Ihnen Reaktionen und Gefühle auslöst, die Sie bewerten.“
Gerhard Fatzer: Institutions- und Systemdynamik der Supervision. In: Ders. (Hg.):
Supervision und Beratung. Ein Handbuch. Bergisch Gladbach 10/2003, S. 96.
73 W. Weigand: Vorwort zu Peter Berker / Ferdinand Buer (Hg.): Praxisnahe Supervi-
sionsforschung, aaO., S. 6. In die gleiche Richtung argumentieren auch H. Möller:
Was ist gute Supervision? AaO, S. 312, in ihrem Kapitel 5.15: „Der Supervisor als
Forscher“ (S. 312f), und F. Buer: Lehrbuch, aaO., S. 28, bei dem es heißt: „Insofern
sind alle Professionellen, die Handlungszusammenhänge als Beteiligte untersuchen
und beeinflussen, Aktionsforscherinnen […]. Deshalb ist selbstverständlich die Su-
pervision selbst als Forschungsmethode zu begreifen“ (S. 28).
IV. Kapitel: ‚at work’ 131
Interpretationen erster, zweiter und dritter Ordnung
Clifford Geertz unterscheidet als Ethnologe Interpretationen erster, zwei-
ter, dritter Ordnung usw., die mit den Veränderungen bzw. Beobachtun-
gen erster und zweiter Ordnung im Sinne der Systemtheorie nicht zu ver-
wechseln sind.74 Interpretationen bzw. Deutungen erster Ordnung ge-
schehen unmittelbar in der personalen Begegnung mit der fremden Kul-
tur.75 Schriftliche Aufzeichnungen und dann erst recht ethnologische
Schriften sind Deutungen zweiter und dritter Ordnung. „Ethnologische
Arbeiten, die auf anderen ethnologischen Arbeiten beruhen (etwa die von
Lévi-Strauss), können natürlich auch an vierter oder weiterer Stelle ste-
hen“.76
Übertragen auf diese Untersuchung heißt das, dass die Deutungen, die in
actu im Sitzungsverlauf des Supervisionsprozesses vorgenommen wurden,
in der Sprache von Cl. Geertz vermutlich als Deutungen erster Ord-
nung bezeichnet werden müssten; aber bereits die Reflexionen des Super-
visors nach Beendigung der Sitzung, beim Schreiben der Protokolle, bei
der Vorbereitung der chsten Sitzung etc. wären Deutungen zweiter
Ordnung, das Verfassen dieser Arbeit wäre eine Interpretation dritter
Ordnung und die Auseinandersetzung mit Sekundärliteratur müsste als
Deutung vierter Ordnung benannt werden.
Wenn also nach dem analytischen Ausgangspunkt bzw. den Ausgangshypothesen
dieses ‚dichten Beschreibungsversuches’ gefragt wird, muss der Blick not-
wendigerweise auf den Beginn des Prozesses gelenkt werden.
Gemeinsamer religiöser Zeichenvorrat von Supervisand und Supervisor
„Die christliche Religion ist wie jede Religion eine Zeichensprache. […]
Jede Sprache (auch die Zeichensprachen der verschiedenen Religionen
und Konfessionen) wird von Regeln bestimmt […] Sie bestimmen, welche
Zeichen zum Zeichenvorrat einer Religion gehören, wie sie verknüpft und
abgewandelt werden können. […] Wie die natürlichen Sprachen, so erler-
nen wir auch die religiöse Zeichensprache, ohne über alle Regeln Rechen-
schaft ablegen zu können. Wir internalisieren sie, wenn wir biblische Ge-
schichten hören, die Feste des Kirchenjahres feiern und lernen, was Krip-
pe und Kreuz bedeuten. Wie wir bei Gebrauch der Muttersprache unbe-
wusst deren Grammatik lernen, so lernen wir beim Hineinwachsen in die
religiöse Zeichensprache auch die Grundregeln der christlichen Religion.
Und wie nur wenige ‚Grammatiker’ die Regeln einer Sprache ins Bewusst-
74 Paul Watzlawicks Unterscheidung von Veränderungen erster und zweiter Ordnung
wurde in Kapitel I kurz eingeführt; ausführlicher in Kapitel X.
75 „Nur ein ‚Eingeborener’ liefert Informationen erster Ordnung es ist seine Kultur.“
Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., ebd., S. 23. Der ‚Eingeborene’ des Supervi-
sionsprozesses ist der Supervisand. Wie bereits ausgeführt wurde, sieht der Supervi-
sor die Lebenswelt des Supervisanden durch dessen ‚Brille’.
76 Ebd., S. 23.
132 IV. Kapitel: ‚at work’
sein heben, so auch in der Religion: Theologen sind ihre Grammatikleh-
rer’.“77 Da sich der Supervisand bereits beim Erstkontakt als ev. Religi-
onslehrer und Berufsschulpfarrer seiner Landeskirche vorstellte, ging ich
als Supervisor, der ebenfalls 14 Jahre als ev. Religionslehrer tig war und
Pfarrer derselben Landeskirche bin, davon aus, dass beide Protagonisten
dieses ins Auge gefassten Supervisionsprozesses einen gemeinsamen reli-
giösen Zeichenvorrat mitbringen und darüber hinaus als Theologen bzw.
Religionspädagogen über eine gewisse Teilmenge an theologischen Kon-
struktionsprinzipien verfügen. Im Unterschied zu dem ‚ethnologischen
Idealfall’, als erster Forscher ‚kulturelles Neuland betreten zu können,
gibt es zwischen dem Supervisanden und dem Supervisor einen gemeinsa-
men kulturellen „Kontext“78 und einen gemeinsamen theologischen
„Rahmen“79 bereits zu Beginn des Prozesses, der als Verständigungs-
grundlage und Ausgangspunkt der beabsichtigten „dichten Beschreibung“
vorausgesetzt werden kann.80
Religion als Performance81
Dabei war und ist mir durchaus bewusst, „dass kein Mitglied einer Gesell-
schaft [also auch weder der Supervisand noch der Supervisor] die Ideen’
einer kulturellen [und ich ergänze: religiös-theologischen] Ordnung als
Konzepte im Kopf auf Abruf deponiert hat, dass vielmehr Wissen über
das kulturelle Repertoire durch Handlungen performativer Natur, also re-
flektierter und damit inszenatorisch ausgeführter Handlungen, angeeignet
und dargestellt wird, und dass Bedeutungen erst in der Praxis selbst und
ihrer nachträglichen reflexiven Aneignung entstehen, in den Modi von
Diskurs und Performanz“,82 wie die Vertreter einer performativen Ethno-
77 Gerd Theißen: Zur Bibel motivieren. Aufgaben, Inhalte und Methoden einer offe-
nen Bibeldidaktik. Gütersloh 2003, S. 131f; s. a. Kapitel VII.1.
78 Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 21. S. a. W. Gräb: Kultur ist „die Welt
derjenigen symbolischen Formen […], vermöge deren sich für Menschen ein Gefüge sie
miteinander verbindender Lebenseinstellungen und -vorstellungen, somit ihre kol-
lektive Identität, konstituiert.“ AaO., S. 205.
79 Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 21.
80 „Personale und kollektive Identitäten formen sich […] in kulturellen Zugehörigkei-
ten. Wer zu einer bestimmten Kultur gehört, spricht ihre Sprache und bewegt sich
wie selbstverständlich in ihren symbolischen Welten. Das ‚Bedeutungsgewebe’ einer
bestimmten Kultur ist ebenso das System der Regeln, nach denen sich Menschen
verhalten.“ W. Gräb, aaO., S. 207.
81 S. dazu H. Schroeter-Wittke: Performance als religionsdidaktische Kategorie, aaO., S.
47ff, der sich bei seinen Ausführungen auf Austins Sprechakttheorie bezieht: „Nach
Austin sind performative Sprechakte solche, bei denen das Benannte auch passiert,
bei denen das Gesagte sich ereignet.“ Ebd., S. 49.
82 Klaus-Peter Köpping und Ursula Rao: Macht und Ohnmacht des Mediums. Trans-
formationen individueller und kollektiver Wahrnehmung durch religiöse Perfor-
manz. In: Erika Fischer-Lichte, Christian Horn, Sandra Umathum (Hg.): Wahrneh-
mung und Medialität. Theatralität 3. Tübingen/Basel 2001, S. 197.
IV. Kapitel: ‚at work’ 133
logie, Klaus-Peter Köpping und Ursula Rao, betonen.83 Kultur und somit
auch Religion und Theologie gehören in den Bereich des „performativen
Wissen[s]“, das sich „in face-to-face Situationen“ bildet und „semantisch
nicht eindeutig“84 ist. Aber auch der Theologe Gerd Theißen geht davon
aus, dass die grammatischen Grundregeln85 so etwas wie Basisbausteine
der religiösen Kommunikation sind: „Mit Hilfe dieser Regeln rekonstruie-
ren wir immer wieder unsere religiöse Zeichenwelt neu und bilden ‚Sätze’,
die so noch niemand gesagt hat, aber dennoch zum Zeichensystem unse-
rer Religion gehören. Diese Regeln sind die Konstruktionsprinzipien der
Religion.“86 Niemand kann also im Vorhinein wissen, welche konkrete
Gestalt das individuelle Gotteskonstrukt87 des Supervisanden im Prozess
annehmen wird, welche Deutungskategorien im Diskurs zwischen Super-
visand und Supervisor generiert werden, wie das individuelle Gotteskon-
strukt des Supervisanden in seinem privaten und beruflichen Leben wirk-
sam ist und sich durch den Prozess ggf. in seiner Wirksamkeit verändern
wird, wie das individuelle Gotteskonstrukt des Supervisors sowohl die
Wahrnehmung des Supervisanden als auch die Interventionen des Super-
visors lenkt etc.
Untersuchungsgegenstand
Das individuelle Gotteskonstrukt des Supervisanden ist prozessbedingt’
auf zwei Ebenen Gegenstand dieser Untersuchung: Zum einen wird in
den Transkripten dokumentiert, wie in den face-to-face Situationen der
einzelnen Supervisionssitzungen sich die Gotteskonstrukte des Supervi-
sanden und des Supervisors inszenieren und gegenseitig beeinflussen.
Zum anderen ist es Gegenstand der Analyse, die die Transkripte in unter-
schiedlichen methodischen Bewegungen umkreist. Die analytischen Zu-
gänge, die dabei zum Einsatz kommen, sind neben dem Prozessverlauf
auch durch die unterschiedlichen Rollen bestimmt, die der Supervisor als
Theologe und Pfarrer der Ev. Kirche von Westfalen, als Dozent und Reli-
gionspädagoge im Pädagogischen Institut der Ev. Kirche von Westfalen,
83 Klaus-Peter Köpping ist Professor für Ethnologie an der Ruprecht-Karls-Universi-
tät Heidelberg. Ursula Rao ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethno-
logie der Universität Heidelberg.
84 Christoph Wulf/ Michael Göhlich / Jörg Zirfas: Sprache, Macht und Handeln. In:
Christoph Wulf / Michael Göhlich / Jörg Zirfas: Grundlagen des Performativen.
Eine Einführung in die Zusammenhänge von Sprache, Macht und Handeln. Wein-
heim/München 2001, S. 9 – 24; Zitat S. 13.
85 „Die grammatischen Grundregeln, die sie [die Theologen] lehren, sind jene Grund-
motive der Bibel, von denen schon einige vorgestellt wurden: das Umkehrmotiv,
das Positionswechselmotiv, das Schöpfungs- und Rechtfertigungsmotiv. Diese Mo-
tive sind der Geist der Bibel. Wer zum Glauben kommt, deutet in ihrem Lichte Le-
ben und Wirklichkeit.“ G. Theißen: Zur Bibel, aaO., S. 132.
86 Ebd., S. 132.
87 Zum Begriff des ‚individuellen Gotteskonstruktes’ siehe ausführlich Kapitel V.
134 IV. Kapitel: ‚at work’
als Seelsorger und eben als Supervisor von Religionslehrern/innen in den
Prozess und diese Untersuchung einbringt.
Die religiösen Begriffskonzepte, die zurzeit die theologische und religions-
wissenschaftliche Diskussion dominieren,88 sind dabei im Hintergrund
präsent und steuern die Aufmerksamkeitsrichtungen der einzelnen Sit-
zungsanalysen. Auch sie müssen ihre Angemessenheit fortwährend darin
bewähren, ob sie „einen Zugang zur Gedankenwelt der von uns unter-
suchten Subjekte erschließ[.en], so daß wir in einem weiteren Sinne des
Wortes – ein Gespräch mit ihnen führen können.89
Substanzieller Religionsbegriff
Als evangelischer Theologe, Religionspädagoge und Pfarrer weiß ich mich
dem ‚substanziellen Religionsbegriffverpflichtet.90 Der substanzielle Reli-
gionsbegriff der Religionssoziologie „hat seine Wurzeln im Christentum:
Religiös ist, wer an Gott glaubt.“91 Er ist „stark theozentrisch“92 und kon-
sequent an der Bedeutung der Inhalte von Religion interessiert. Er geht
davon aus, dass es nicht gleichgültig sein kann, was ein Mensch glaubt,
wozu er sich bekennt und wonach er sein Leben ausrichtet. Der substan-
zielle Religionsbegriff ermöglicht es, zwischen dem, ‚wasgeglaubt wird,
und dem ‚Wiedes Glaubens (fides quae und fides qua) zu unterscheiden.
Der differenzierten Einheit von Dogmatik und Ethik, Inhalt und Form,
Substanz und Funktion, „zwischen der Glaubenslehre und jener Aktivität
des Menschen, mittels der er sich auf dieses Lehrgebäude bezieht, seiner
Religiosität“93 kann auf diesem Weg der Reflexion nachgegangen werden.
Funktionaler Religionsbegriff
Der auf die Inhalte fixierte substanzielle Religionsbegriff gebiert nach Chr.
Friesl und R. Polak den funktionalen Religionsbegriff gewissermaßen
88 „Die verschiedenen Religionsbegriffe innerhalb der theologischen, religionswissen-
schaftlichen und religionsphilosophischen Literatur zu systematisieren, erweist sich
als schwierig. Hinsichtlich der Begriffsdefinition gibt es keine Einigung, die Grenze
zwischen ‚religiös’ und ‚nicht ‚religiös’ steht immer in Frage, damit ist das Verständ-
nis dessen, was Religion ist, mehr oder weniger weit.“ Chr. Friesl / R. Polak, aaO.,
S. 54f.
89 Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 35.
90 Chr. Friesl und R. Polak nennen als Hauptvertreter ‚Kirchensoziologen’ wie Hans
Otto Wölber (Religion ohne Entscheidung. Göttingen 1959), Andreas Feige (Ju-
gend und Religion. Opladen 1993), Anton Bucher (Religionsunterricht. Besser als
sein Ruf? Innsbruck 1996), Carsten Wippermann (Religion, Identität und Lebens-
führung. Opladen 1998), Maria Widl (Sehnsuchtsreligion. Frankfurt/M. 1994) und
Hans-Georg Ziebertz (Religion, Christentum und Moderne. Stuttgart et al. 1999).
Ebd., S. 56 – 60.
91 Chr. Friesl / R. Polak, aaO., S. 55.
92 Ebd., S. 55.
93 Ebd., S. 56.
IV. Kapitel: ‚at work’ 135
zwangsläufig als seinen eigenen Schatten.94 Der funktionale Religionsbe-
griff lenkt den Blick auf die den anthropologischen Wissenschaften zu-
gänglichen Seiten von Religion. Er beschreibt, wie Religion in den unter-
schiedlichsten Dimensionen ‚intra- und extrapersonalwirksam wird. „So-
bald man eine anthropologische Perspektive wählt, kommt man nicht um-
hin zu sehen, dass Religion auch Funktionen hat.95 Als systemisch arbei-
tender Supervisor bin ich sensibilisiert, auf die Wirksamkeit von Struktu-
ren, Systemcredos, Interventionen etc. zu achten, was eine ‚natürliche Nä-
he’ zum ‚funktionalen Religionsbegriffzu Recht vermuten lässt. Anderer-
seits geben auch Chr. Friesl und R. Polak zu bedenken, dass „der funktio-
nale Religionsbegriff (allein) […] zu einer differenzierten Analyse kaum
geeignet“ ist und dazu führt, „dass potentiell jedes menschliche Verhalten
als religiös bezeichnet werden kann“, wenn es „nur irgendeine Funktion
übernimmt, die man traditionell der Religion zuschreibt.“96 In der Analyse
des Prozesses wird es deshalb darauf ankommen, das Augenmerk auf das
Zusammenspiel von religiös-theologischem Inhalt (confessio), gelebter reli-
giöser (Per)Form(ance) und erlebter Wirksamkeit des Religiösen zu rich-
ten.97
Phänomenologischer Religionsbegriff
Im Blick auf den Supervisanden sah ich mich sowohl im Arbeitsprozess
als auch beim Verfassen dieser Untersuchung oft zunächst als Vertreter
eines ‚phänomenologischen Religionsbegriffs’. Der religionsphänomeno-
logische Ansatz bemüht sich, die Vielfalt der Religion(en) zunächst einmal
möglichst differenziert zu beschreiben. So sollen die besonderen Eigenar-
ten und Einzelphänomene angemessen gewürdigt und „nicht durch vor-
schnelle Vergleiche und Funktionalisierungen“98 zerstört werden. „Ein
solcher Zugang gewährleistet, dass das religiöse Selbstverständnis von
Menschen und Religionsgemeinschaften ernst genommen wird und ent-
94 Ebd., S. 56. Chr. Friesl und R. Polak sprechen vom funktionalen Religionsbegriff
als dem ‚Gegner’ des substanziellen Religionsbegriffs und verweisen darauf, dass die
Religionskritiker und Atheisten Feuerbach, Marx, Nietzsche und Freud die „Reli-
gion ‚entzaubert’ und gesellschaftspolitisch ‚entmachtet’“ (S. 60) hätten.
95 Ebd., S. 60. Chr. Friesl und R. Polak nennen als bedeutendste Vertreter der funktio-
nalen Religionssoziologie Max Weber (Gesammelte Aufsätze. Stuttgart 1988), Emile
Durkheim (Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Frankfurt/M. 1989),
Thomas Luckmann (Die unsichtbare Religion. Frankfurt/M. 1991) und Niklas Luh-
mann (Die Religion der Gesellschaft, aaO.).
96 Chr. Friesl und R. Polak, aaO., S. 67.
97 Dass „viele kirchliche Theologien“ sich mit „dem performativ turn“ schwer tun,
merkt H. Schroeter-Wittke an, weil hier nämlich die Erkenntnis dämmert, dass Be-
deutungen durch Performances allererst entstehen. Auch wenn dies ein alter christ-
licher Gedanke ist, insofern der Glaube sich nämlich als Leben ereignet, so hat die
Theologie doch damit immer wieder ihre Probleme gehabt, weil dies weder plan-
noch kontrollierbar ist.“ Performance, aaO., S. 51.
98 Chr. Friesl und R. Polak, aaO., S. 69.
136 IV. Kapitel: ‚at work’
zieht sich zunächst jeglicher Bewertung.“99 Es geht „weniger um eine De-
finition von Religion und Religiosität“100 als vielmehr darum, das religiöse
Erleben zu beschreiben und in allen seinen Nuancen zu erfassen. Die religi-
ösen Dimensionen, die Charles Glock101 auffächert (die ideologische Di-
mension, die rituelle Dimension, die Erlebnis- und Erfahrungsdimension,
die intellektuelle Dimension, die soziale Dimension), können z. B. die Sinne
dafür schärfen, Religiosit in ihrer Vielfalt und Differenziertheit wahrzu-
nehmen.
Aufbau der Kapitel V bis XI
Diese drei unterschiedlichen Blickwinkel greifen in den folgenden Kapi-
teln V bis XI in einem zirkulären Reflexionsprozess ineinander, ergänzen,
korrigieren und interpretieren sich gegenseitig.
I.d.R. gibt die substanzielle Perspektive eine Vorlage, indem ein Tran-
skript eines Sitzungsausschnitts präsentiert wird, der nach meiner Ein-
schätzung als ev. Theologe und Religionslehrer eindeutig religiöse Ele-
mente (Themen, Bilder, Gedankenkonstrukte etc.) enthält. In einem zwei-
ten Schritt geht es darum, sich den Äußerungen des Supervisanden anzu-
nähern, sie gewissermaßen mit dem ’phänomenologischen Auge’ zu um-
kreisen. Dann folgt der Teil der Analyse, der in besonderer Weise der
Wirksamkeit von Gotteskonstrukten nachgeht. In einem thematischen
Teil wird dann schließlich das Ergebnis der Prozessanalyse in einen weite-
99 Ebd., S. 69f.; als Hauptvertreter nennen Chr. Friesl und R. Polak Mircea Eliade
(Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Frankfurt/M. 2/1990)
und Rudolf Otto (Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und
sein Verhältnis zum Rationalen. München 1991). Irritierend allerdings in diesem
Kontext den Namen des höchst umstrittenen Psychotherapeuten und ehemaligen
katholischen Priesters Bert Hellinger (Wo Schicksal wirkt und Demut heilt. Ein
Kurs für Kranke. Heidelberg 1998) zu lesen. (S. 71.) Im Blick auf die gegenwärtige
Religionspädagogik sind in besonderer Weise zu nennen: Wolf-Eckart Failing /
Hans-Günter Heimbrock: Gelebte Religion wahrnehmen. Lebenswelt Alltagskul-
tur Religionspraxis. Stuttgart/Berlin/Köln 1998; Hans-Günter Heimbrock (Hg.):
Religionspädagogik und Phänomenologie. Von der empirischen Wende zur Lebens-
welt. Weinheim 1998 (dort bes. auch Peter Biehl: Der phänomenologische Ansatz
in der deutschen Religionspädagogik, ebd., S. 15 46); Bernd Beuscher / Dietrich
Zilleßen: Religion und Profanität. Entwurf einer profanen Religionspädagogik.
Weinheim 1998; Dietrich Zilleßen: Phänomenologische Religionspädagogik: Dis-
kurs und Performance. In: Bernhard Dressler / Friedrich Johannsen / Rudolf Tam-
meus (Hg.): Hermeneutik Symbol – Bildung. Perspektiven der Religionspädagogik
seit 1945. Neukirchen-Vluyn 1999, S. 84104; Bernd Beuscher: Leistungskurs Reli-
gion. Vorlesungen zur Kunst der Religionspädagogik. Norderstedt 2000; Hans-Mar-
tin Gutmann: Der Herr der Heerscharen, die Prinzessin der Herzen und der König
der Löwen. Religion lehren zwischen Kirche, Schule und populärer Kultur. Güters-
loh 2000.
100Chr. Friesl und R. Polak, aaO., S. 70.
101Charles Y. Glock: Über die Dimensionen der Religiosität. In: Joachim Matthes
(Hg.): Einführung in die Religionssoziologie II. Hamburg 1969, S. 150 – 168.
IV. Kapitel: ‚at work’ 137
ren supervisorischen, theologischen, religionssoziologischen oder syste-
misch-konstruktivistischen Kontext gestellt.
Evaluation und Reichweite der Untersuchung
Am Ende dieses Kapitels greife ich das Stichwort Bescheidenheit noch
einmal auf. Die Reichweite kulturhermeneutischer Untersuchungen ist,
wie Clifford Geertz immer wieder betont, zunächst sehr begrenzt. Der
Wissenschaftler konzentriert sich auf einen möglichst überschaubaren
‚Gegenstand’ weniger ist hier seiner Meinung nach eindeutig mehr! Kul-
turwissenschaftliche Erkenntnisbildung erfolgt für Geertz nicht durch De-
duktion vom Abstrakten zum Besonderen, sondern beginnt grundsätzlich
bei der Genauigkeit der Einzelbeschreibung, geht mehr in die Tiefe als in
die Breite. Wie bereits mehrfach hervorgehoben, geschieht sie nicht linear
kausal (wo einer auf den Schultern des anderen steht)102 und auch nicht in
gleichmäßigen Schritten, sondern „ruckartig“ und in Gestalt „immer küh-
nerer Vorstöße“.103 Die „Hauptaufgabe der Theoriebildung“ besteht nicht
darin, „abstrakte Regelmäßigkeiten festzuschreiben“,104 sondern bewährt
sich in dem Ein-Verständnis’ dessen, um den die Untersuchung kreist.105
102Eine neue Untersuchung „steht nicht so sehr auf deren Schultern [der vorangegan-
genen Untersuchungen], als daß sie Schulter an Schulter neben ihnen voranschrei-
tet.“ Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 36.
103Ebd., S. 36.
104Ebd., S. 37.
105Den idealtypischen ‚hermeneutischen Zirkel’ der religionswissenschaftlichen Analy-
se trägt unter Rückgriff auf Michael Pye der Göttinger Religionswissenschaftler An-
dreas Grünschloß vor: „In der Regel beginnt eine religionswissenschaftliche Studie
zunächst mit einer konkreten Fragestellung, Arbeitshypothese oder Theorie im Vor-
feld. Sodann muss es darum gehen, das in Frage stehende ‚Feld’ zu erschließen, d. h.
wahrzunehmen, wie eine bestimmte religiöse Praxis aussieht, welche Worte benutzt
werden, wer daran wie teilnehmen kann und wann (und wer nicht), welche Textsor-
ten zu beachten sind, usw. Grundlegende Erschließung und Charakterisierung der
vorfindlichen religiösen Lebensäußerungen stehen also im Vordergrund (Beobach-
tung und Teilnahme). Wobei es natürlich eine in der gesamten Biographie der For-
scherpersönlichkeit verwurzelte Kunstfertigkeit ist, mit Empathie die richtigen ge-
genstandserschließenden Methoden auszuwählen: Je nachdem, ob es sich um
schriftliche, mündliche oder materiale Quellen handelt, sind jeweils verschiedene
Verfahrensweisen auszuwählen und zu verbinden (Pye: ‚clustering of methods’), um
eine möglichst adäquate ‚dichte Beschreibung’ (Cl. Geertz) des Feldes erreichen zu
können.“ Andreas Grünschloß: Interreligiöse Fremdwahrnehmung als Thema von
Religionswissenschaft und Theologie. Überarbeitete Fassung eines im Februar 2001
auf dem ersten Internationalen Mittelbausymposium des Faches Religionswissen-
schaft, Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie (RMÖ) in Basel gehalte-
nen Vortrags. Dieser wurde in einer leicht gekürzten Fassung zuvor veröffentlicht
in A. Schultze / R. v. Sinner / W. Stierle (Hg.): Vom Geheimnis des Unterschieds.
Die Wahrnehmung des Fremden in Ökumene-, Missions- und Religionswissen-
schaft. Münster 2002, 37 61. Ungekürzt zugänglich http://www.theologie-on-
line.uni-goettingen.de/rw/gruen.htm. (Stand 12/2005).
138 IV. Kapitel: ‚at work’
In diesem Sinne impliziert bereits der Prozess systemimmanente Evaluati-
onsinstrumente:
Die Diskursivität des Prozessverlaufes im Allgemeinen und die dokumen-
tierten Erlebnisprotokolle des Supervisanden im Besonderen sind Rück-
meldungen, die erste Rückschlüsse erlauben, wie ‚dicht’ oder dünn’ die
Deutungen dieser Untersuchung einzuschätzen sind.
Aber auch die Tatsache, dass der Supervisand sein Einverständnis zur
Veröffentlichung der Untersuchung gegeben hat, ist zumindest ein Indiz
dafür, dass er sich nicht unbedingt missverstanden sieht.
„Die Untersuchung von Kultur ist ihrem Wesen nach unvollständig“,106
mahnt Cl. Geertz nachdrücklich zu Bescheidenheit und Zurückhaltung.
Und auch H. Schroeter-Wittke verweist darauf, dass bei performativen
Sprechakten immer auch „etwas Unbeschreibliches“107 bleibt, so ‚dicht’
eine Analyse auch sein mag. Letztlich geht es immer darum, ob die Kom-
munikation oder die Deutung „glückt oder missglückt“.108
Bleibt dennoch die Frage, inwieweit diese Untersuchung pars pro toto ste-
hen kann, zumal Clifford Geertz vor Verallgemeinerungen einer kultur-
hermeneutischen Analyse warnt. „Da sie von den unmittelbaren Momen-
ten der dichten Beschreibung nicht zu trennen ist, bleibt ihre Möglichkeit,
sich nach Maßgabe einer inneren Logik zu formen, ziemlich beschränkt.
Die Allgemeinheit, die sie möglicherweise erreicht, verdankt sich der Ge-
nauigkeit ihrer Einzelbeschreibungen, nicht dem Höhenflug ihrer Ab-
straktionen.“109 Sowohl das „‚mikroskopische Modell’ (‚Jonesville-ist-die-
USA’)“110 als auch das „‚natürliche Modell’ (‚Die Osterinsel-ist-ein-Test-
fall’)“ sind „schierer Unsinn“,111 meint Geertz. Den einzig gangbaren
Weg, ‚dichte Beschreibung’ auf einen größeren Kontext zu beziehen, sieht
er in der Analogie zur klinischen Schlussfolgerung’ in der Medizin und in
der Tiefenpsychologie.112 „Eine solche Schlußfolgerung geht nicht so vor,
daß sie eine Reihe von Beobachtungen anstellt und sie dann einem
beherrschenden Gesetz unterordnet, sondern geht vielmehr von einer
Reihe (mutmaßlicher) Signifikanten113 aus, die sie in einen verständlichen
106C. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 41.
107H. Schroeter-Wittke: Performance, aaO., S. 49.
108Ebd., S. 49.
109Cl. Geertz: Dichte Beschreibung, aaO., S. 35.
110Ebd., S. 31.
111Ebd., S. 31.
112S. ebd., S. 37 – 41.
113Zu den Sprachspielen mit postmodernen Begrifflichkeiten, zu denen auch Signifi-
kant (das Zeichen – Merkmal) und Signifikat (das Bezeichnete – Be/Gedeutete) ge-
hören, hat Bernd Beuscher ein faszinierendes „semiotisches Glossar“ verfasst:
Bernd Beuscher: WinWord. Die Sprachlichkeit des Evangeliums und das Nadelöhr
der Medien Eine semiotische Orientierungsskizze. In: Ulrich Körtner (Hg.): Her-
IV. Kapitel: ‚at work’ 139
Zusammenhang zu bringen sucht.“114 In dieser Absicht wird es deshalb in
Kapitel XII darum gehen, die dichte Beschreibung’ des einen Prozesses in einen
größeren Kontext empirischer Untersuchungen zur Religionslehrer/innenreligiosität zu
stellen, um mögliche Übereinstimmungen oder auch Unterschiede heraus-
zuarbeiten. Wesentliche Signifikanten des Prozesses und der Untersuchung
wurden bereits benannt: Supervisand und Supervisor sind ev. Theologen,
sind bzw. waren als Berufsschulpfarrer im Gestellungsvertrag tätig und
können auf Erfahrungen als Gemeindepfarrer zurückblicken. Da Supervi-
sion auch personale Determinanten mitreflektiert, wird darüber hinaus
auch auf die Genderperspektive und Signifikanten der privaten Lebensor-
ganisation zu achten sein: Supervisand und Supervisor sind Männer und
leben in ehelichen Beziehungen. Beide üben einen ‚Vollzeitberuf’ aus; ihre
Ehefrauen sind ebenfalls im Non-Profit-Segment tätig. Supervisand und
Supervisor sind beide Väter, wobei hier allerdings die Unterschiede bereits
deutlich werden: Das Kind des Supervisanden ist ein Jahr alt; die Kinder
des Supervisors sind erwachsen bzw. fast erwachsen. Am Ende des Pro-
zesses und der Analyse wird abzuwägen sein, welche dieser Signifikanten
einen Transfer auf andere Religionslehrer/innen nahe legen bzw. zur Zu-
rückhaltung raten.
3 Der Blick zurück
auf das Thema ‚Supervision mit Lehrerinnen und Lehrern’
Wie beim Gesamtprozess kann auch für jede Einzelsitzung ein idealtypi-
scher Verlauf entworfen werden.
Jede Sitzung wird nach einem Verlaufsplan vorbereitet und anschlie-
ßend evaluiert.
meneutik und Ästhetik. Die Theologie des Wortes im multimedialen Zeitalter. Neu-
kirchen-Vluyn 2001, S. 124 – 133.
114Ebd., S. 37. H. G. Petzold et al., die in Supervision auf dem Prüfstand” mehrfach
„harte Daten” (aaO., S. 33) bzw. quantitative Daten” (S. 209) in der Supervisions-
forschung einfordern, kommen bei ihren “Überlegungen zu künftiger Supervisions-
forschung” (S. 169ff) zu der Einsicht, dass „durch die Komplexität der Supervisi-
onssituation und des -prozesses […] es bei Supervisionsforschungsvorhaben zu me-
thodischen Problemen” (S. 172) kommt. „Nur anhand des jeweiligen konkreten Su-
pervisionsfalls werden Operationalisierungen von Supervisionswirkweisen vorzu-
nehmen sein, da nur anhand des konkreten Beispiels in Form einer exemplarischen
Einzelfalldarstellung die Wirkweise von Supervision in jenem speziellen Setting, mit
jenem speziellen Auftrag herausgearbeitet werden kann. Die Supervision in einem verall-
gemeinernden Sinne ist nicht zu beforschen!Ebd., S. 174. S. a. H. Möller: Was ist gute Su-
pervision? AaO., S. 84 – 95 und S. 312.
140 IV. Kapitel: ‚at work’
auf den Prozess
Die erste Sitzung wird anhand eines standardisierten Planungsverfahrens
vorbereitet.
Im Mittelpunkt der Sitzung steht eine soziometrische Übung, die das
Spannungsfeld zwischen den Koordinaten unsicher sicher und au-
thentisch/selbstbestimmt – unauthentisch/fremdbestimmt auslotet.
Ergebnis dieser Übung ist, dass der Supervisand alle beruflichen Rollen-
segmente im unsicheren, unauthentisch-fremdbestimmten Bereich er-
lebt. Am Ende der Sitzung empfindet der Supervisand ein starkes Ge-
fühl der Trauer.
Auch die Zeiten zwischen den Sitzungen sind Teil des Prozesses, in denen
die Interventionen ihr Ferment entfalten können.
In seinem Erlebnisprotokoll benennt der Supervisand, was für ihn jetzt
an der Zeit ist: zu trauern, überfordert sein zu dürfen und sich zwei
Jahre Zeit für die Entscheidung zu lassen, ob dieser Beruf für ihn der
richtige ist.
Der Blick nach vorn
auf den weiteren Verlauf der Analyse
Die Untersuchung der Funktion und Bedeutung religiöser Elemente in
der Supervision mit Religionslehrern/innen muss mit adäquaten For-
schungsmethoden erfolgen. Die Kopplung qualitativer und quantitativer
Verfahren hat sich in den zurückliegenden zehn Jahren zunehmend
bewährt.
Die Konzentration auf einen Supervisionsprozess bietet folgende Vorteile:
Überschaubarkeit und Nachvollziehbarkeit des gesamten Prozessver-
laufs sowie klare Begrenzung des Untersuchungsgegenstandes. Der
Nachteil besteht darin, dass das Ergebnis zunächst nur für den Super-
visanden repräsentativ ist und deshalb mit anderen Querschnittsunter-
suchungen abgeglichen werden muss.
Transkripte bieten eine authentische und damit verlässliche Forschungs-
grundlage, deren Möglichkeiten und Grenzen gegenüber anderen Do-
kumentationsformen wie etwa dem Video oder dem Verbatim bedacht
werden müssen.
Die Beschränkung auf die Wiedergabe von Sitzungsausschnitten hat ei-
nen Verfremdungseffekt zur Folge: Die tiefenden’ Sitzungsabschnitte
stehen im Zentrum und ‚verfälschen’ so den tatsächlichen Tiefungsbo-
gen.
Eine dem systemisch-konstruktivistischen Ansatz verpflichtete Arbeit
stößt bei ihrer Frage nach einen klar definierten Analysegegenstand
IV. Kapitel: ‚at work’ 141
und -ausgangspunkt auf das Dilemma, dass Religion als selbstreferen-
zielles System nur im Diskurs mit dem zu Untersuchenden in Sprache
gefasst und gedeutet werden kann.
Die von Clifford Geertz aufgenommene Unterscheidung von ‚dünner’ und
‚dichter Beschreibung’ weist einen Weg aus diesem Dilemma: Deutung
bzw. das Entwirren des ‚kunstvoll gesponnenen Bedeutungsgewebes’
des Supervisanden geschieht durch ein permanentes Umkreisen und
Eindringen, ein Vermuten und Schlüsse aus diesen Vermutungen Zie-
hen mit der Absicht, einen Zugang zur Gedankenwelt’ des untersuch-
ten Subjektes zu bekommen. Eine dichte Beschreibung’ zeichnet sich
dadurch aus, dass sie Vorstellungsstrukturen aufdeckt, ein analytisches
Begriffssystem entwickelt, ein angemessenes Vokabular bereitstellt und
sich auch auf Zukunft hin als intellektuell tragfähig erweist.
Bereits der ursprüngliche Supervisionsprozess impliziert Schritte auf dem
Weg zu einer dichten Beschreibung’. Oder anders formuliert: Lösungsorien-
tierte Supervision ist ohne ‚dichte Beschreibung’ nicht möglich.
Der nach Beendigung des Supervisionsprozesses einsetzende Teil die-
ser Untersuchung ist im Geertzschen Sinne als Deutung dritter Ordnung
zu sehen. Der Prozessverlauf und die unterschiedlichen Rollen des
Verfassers als Pfarrer, Theologe, Seelsorger und Supervisor bedingen
und ermöglichen einen Wechsel des Interpretationsinstrumentariums.
Die drei religiösen Begriffskonzepte (substanzieller, funktionaler und phä-
nomenologischer Religionsbegriff) sind im Hintergrund fortwährend
präsent und steuern so die Aufmerksamkeitsrichtungen der einzelnen
Sitzungsanalysen. Sie müssen ihre Angemessenheit fortwährend darin
bewähren, ob sie „einen Zugang zur Gedankenwelt der von uns unter-
suchten Subjekte erschließ[.en], so daß wir in einem weiteren Sinne
des Wortes – ein Gespräch mit ihnen führen können.“ (Geertz)
Die Reichweite kulturhermeneutischer Untersuchungen ist begrenzt. ‚Hoch-
rechnungen’ und Verallgemeinerungensind lt. Geertz nicht zulässig.
Tragfähig ist allein der Weg, die auf den ‚Einzelfall’ bezogene ‚dichte
Beschreibung’ in einen größeren Kontext zu stellen und Gemeinsam-
keiten und Unterschiede herauszuarbeiten.
142 IV. Kapitel: ‚at work’
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 143
V. Kapitel
Der Religionslehrer als ‚advocatus diaboli’
Die Entwicklung von Gotteskonstrukten und ihre
Wirksamkeit in Systemen
1 Der Religionslehrer als ‚advocatus diaboli’ – vierte Sitzung
1.1 Transkript – vierte Sitzung
Sd Ja, die letzte Sitzung hat mich schon etwas heruntergezogen; anschlie-
ßend fühlte ich mich etwas angeknackst und nachdenklich. Nicht, dass
es mir jetzt gut ginge, aber ich fühle mich schon etwas stabilisiert.
Sv Und hängt das auch mit der schulischen Situation zusammen?
Sd Heute hatte ich keine einfachen Klassen, aber ich fühlte mich im Unter-
richt authentisch. Und etwas von dem, was ich erreichen wollte, ist in
den Stunden auch vorgekommen. Die Unterrichtsplanung wird nie
vollkommen eingehalten, aber es baut auch schon etwas auf, wenn ich
sehe, es hat etwas genutzt, sich vorzubereiten. Und schulischerseits ha-
be ich den Eindruck, dass auch Vertrauen wächst, dass ich seelsorglich
auch gefragt werde.
Sv Wie zeigt sich das?
Sd In der Pause kam ein Schüler zu mir, der ein Cola-Verbot hat. Er nahm
mich zur Seite und zeigt mir ein Getränk, Cola mit Hustensaft, das -
re nicht gut für ihn, ob ich das r ihn entsorgen könnte. Das fand ich
ganz spannend, dass er zu mir kommt. Gleichzeitig habe ich mich aber
auch gefragt, warum kommt der zu mir und entsorgt es nicht selbst.
Aber diese Geste fand ich erst einmal sehr interessant.
Dann gab es noch eine andere Situation, in der ich mit einem Mädchen
ziemlich aneinander geraten bin, in der ich ihr ziemlich meine Mei-
nung gesagt habe und meine Pferde mit mir durchgegangen sind. Ich
habe ziemlich herumgeschrieen und war überrascht, dass das Mäd-
chen am nächsten Tag zu mir gekommen ist, um sich bei mir zu ent-
schuldigen. Wir hatten wohl beide eine Grenze überschritten. Wenn
ich ständig herumschreien würde, würde das sicherlich niemand mehr
ernst nehmen; aber so hat es offensichtlich wichtige Grenzen aufge-
zeigt.
Sv Was hatte die Schülerin gemacht?
Sd Das hat sich langsam gesteigert. Ich bekomme immer soooo einen
144 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
Hals, wenn schon zu Beginn der Stunde jemand hereinkommt und
sagt: Heute habe ich keine Lust! Heute werde ich nichts schreiben! Was
soll man dann tun? Ich habe mich vorbereitet und andere in der Klasse
sind auch bereit, sich darauf einzulassen und das dann ständig zu blo-
ckieren und kaputt zu machen, das schrie geradezu danach, Grenzen
zu setzen.
Sv Und wie haben Sie das dann gemacht?
Sd Ich habe dann mit ziemlich lauter Stimme gesagt, dass mir das ziem-
lich auf den Keks geht. Jeder hat mal einen schlechten Tag, aber so fin-
de ich das unfair, von vorneherein alles zu blockieren. Das ist Arbeits-
verweigerung. Sehr vehement, sehr laut habe ich das gesagt. Die ande-
ren waren überrascht, dass ich so laut sein kann. Ob das die richtige
pädagogische Reaktion war, weiß ich nicht, aber ich fühlte mich auf je-
den Fall authentisch.
Sv Was meinen Sie denn, was bei der Schülerin herübergekommen ist?
Sd Auf jeden Fall, dass eine Grenze überschritten wurde. Ich hatte einen
anderen Fall, in dem ich auch sehr laut geworden bin, da ist der Schuss
nach hinten losgegangen. Da ist es mir nicht gelungen, zum Nachden-
ken zu bringen. Hier ist herübergekommen: Ich bin auch ein Mensch,
ich habe auch Gefühle und die spielen auch eine Rolle. Unterricht ist
nicht nur in der Verantwortung des Lehrers.
Sv Mir fällt auf, dass Sie sagten: Dass ich auch ein Mensch bin! Was waren
Sie denn vorher für die Schülerin?
Sd Ich weiß noch nicht so recht, ob ich das falsch übertrage ich habe
immer so die Tendenz gehabt, der Pfarrer muss schon fast allmächtig
sein: Ich weiß jetzt nicht genau, ob das so übertragbar ist auf den Be-
rufsschulpfarrer: Der Lehrer kommt mir manchmal so vor, als würde
er ins Gegenteil verkehrt zwar nicht göttlich-allmächtig, aber auch
unmenschlich.
Sv Der Pfarrer ist der Stellvertreter Gottes und was ist der Lehrer?
Sd Der Lehrer soll auch alles wissen und nnen, ist aber zugleich der
Gegner, er hat etwas Bestialisches, er will immer das, was die Schüler
nicht wollen.
Sv Also der Teufel? Gott auf der einen Seite und Satan, der Versucher, auf
der anderen Seite?
Sd Vielleicht etwas überspitzt, aber schon Gegenüber und Gegner zu den
Schülern, so kommt mir das oft vor! Eine Rolle, in die man hineinge-
drängt wird; und als Gegner ist man nicht ein Mensch mit allem, was
dazu gehört: Stimmungslagen spielen dann keine Rolle mehr. Wie es
einem wirklich geht, interessiert nicht.
Sv Wenn er keine Gefühle hat, was hat er dann?
Sd Macht! Als Schüler ist man der Macht des Lehrers ausgesetzt. Erzie-
hungsberechtigte üben Macht aus. Berufsschulschüler sind ja eigentlich
freiwillig da; aber es scheint sehr tief in ihnen drin zu sitzen, dass man
erwartet, dass der Lehrer sagt, was man tun darf und was nicht. Aus-
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 145
probieren, wie weit kann ich gehen, welche Freiheiten kann ich mir he-
rausnehmen. Genau das wollte das Mädchen austesten.
Sv Und wem ist sie dann begegnet?
Sd Natürlich ging es auch um Macht, es gibt schließlich dieses Machtge-
fälle. Aber meine Hoffnung ist, dass man gemeinsam austarieren kann,
welche Freiheit in dem System Schule möglich ist. Sicherlich gehört es
auch zum Wesen von Schule, dass Eltern-Kind-Konflikte stellvertre-
tend mit dem Lehrer ausgetragen werden.
Zu meiner Person gehört, dass ich auch aggressiv sein kann, ob ich es
will oder nicht, so bin ich halt und ich chte mit meinen Wünschen
auch akzeptiert werden.
Sv Egal, ob Ihre Reaktion jetzt pädagogisch richtig war oder nicht, aber es
scheint ja so zu sein, dass, wenn sich Rolle und Person authentisch
durchdringen, sie eine Wirksamkeit entwickeln, die Botschaft an-
kommt.
Sd In dem anderen Fall ging der Schuss ja nach hinten los: Ich melde mich
ab. Der fühlte sich beleidigt.
Sv Aber welche Botschaft ist bei dem Mädchen angekommen?
Sd Dass ich ein lebendiger Mensch bin!
1.2 Reflexion
Die Allmacht Gottes und ihre Repräsentanten auf Erden
Die Stichwortverbindungen ‚Pfarrer – Allmacht’, ‚Lehrer – Bestialität’ sen-
sibilisieren mich für das Gottesbild des Supervisanden. Gott wird, so mein
Eindruck, ganz selbstverständlich mit ‚Allmacht’ in Verbindung gebracht
oder geht es nur um den Pfarrer als Projektionsfläche der Phantasien
seiner Gemeindeglieder, von dem erwartet wird, dass er fast allmächtig’
für jegliches Lebensproblem eine Lösung parat hat? Wichtig erscheint mir
in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass der Vater des Supervisanden
Gemeindepfarrer war und der Supervisand nun als ausgebildeter Theo-
loge, als sog. Berufsschulpfarrer im Gestellungsvertrag, in einer berufsbil-
denden Schule tätig ist.
Analogie Pfarrer – Lehrer, Gott – Satan
Beachtenswert ist, wie der Supervisand nun den (Religions)Lehrer zu sei-
nem Pfarrer- und möglicherweise auch Gottesbild in Beziehung setzt und
darin zugleich abgrenzt:
Der Lehrer partizipiert einerseits an der Macht Gottes /des Pfarrers, ist
mächtig, aber nicht allmächtig! Andererseits – und das ist der entscheiden-
de Unterschied ist er aber auch unmenschlich. Der Lehrer ist der Feind
der Schüler/innen, ‚er hat etwas Bestialisches’, wie es der Supervisand aus-
drückt. Meinem Vorschlag, die Pfarrerrolle und die Lehrerrolle mit der
Polarität Gott Satan zu vergleichen, widerspricht der Supervisand nicht.
Der Satan des Ersten Testaments ist der Versucher, der himmlische
146 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
Staatsanwalt, der im Auftrag Gottes tätig wird. Der Teufel, der διάβολος,
der Durcheinanderwerfer des Zweiten Testaments, steht bei Paulus
ebenfalls noch weitestgehend in den Diensten Gottes. Spätestens mit der
Apokalypse des Johannes wird er dann zum ‚gefallenen Engel’, zum Ge-
genspieler Gottes.1 Alle diese Nuancen des Satansbildes scheinen bei dem
Supervisanden mitzuschwingen: Als Religions-Lehrer hat er Anteil an der
‚guten’ Macht Gottes. Als Religions-Lehrer hat er vorwiegend satanische
Züge, ist er Gegenspieler, Feind der Schüler/innen.
Dichotomie von Person und Rolle
Zentral aber scheint mir zu sein, dass er mit beiden Rollenanteilen nicht er
selbst, nicht ‚authentisch’ sein darf. Sein Rollenverständnis verbietet es, im
Ausleben der Rolle Gefühle zu zeigen, ‚echt’ zu sein, sein ‚menschliches
Antlitz’ hinter der ‚Rollenmaskehindurchleuchten zu lassen. Es entsteht
eine Dichotomie von Person und Rolle: In die Rolle ‚wird man hereinge-
drängt’, in der Rolle ist man nicht ein Mensch mit allem, was dazugehört’.
Auf diesem Hintergrund wird das Unbehagen des Supervisanden gegen-
über dem Rollenbegriff, das er bereits in der Kontraktsitzung äußert, ver-
ständlich und nachvollziehbar.
Was ergibt sich daraus aus funktionaler Perspektive?
Der Vater war Pfarrer, der Sohn ist Pfarrer. Möglicherweise besteht ein
Zusammenhang zur Wahrnehmung des eigenen Vaters, dessen ‚Mensch-
lichkeit’ und Emotionalität eventuell auch hinter der beruflichen Rolle
verschwand?
Weshalb entschließt sich jemand, den Lehrerberuf zu ergreifen, wenn er
ein so negativ besetztes Rollenbild dieses Berufes mit sich herumträgt?
Gibt es verborgene ‚Aufträge’, die ‚abzuarbeiten’ sind?
Aus diesen konkreten auf den Supervisanden bezogenen Fragen
entwickeln sich weitere, umfassendere: Wie entstehen Gottesvorstellun-
gen, ‚innere Bilder’ von Gott, aber auch von den himmlischen Heerscha-
ren’, von Satan’, den ‚Engelnetc.? Welche Bedeutung haben die Eltern
für das Entstehen und die Entwicklung individueller Gottesvorstellungen?
1 Satan/διάβολος erlebt in der Bibel faszinierende Metamorphosen: vom Staatsan-
walt Gottes im DtrG (Deuteronomistisches Geschichtswerk), bei Hiob und Sachar-
ja, wechselt er bei Paulus seine Profession und wird Lehrer (!) mit der Aufgabe, den
‚Schwererziehbaren’ wieder auf den rechten Weg zu bringen (1. Kor 5, 5). Nach et-
lichen Zwischenstationen, die ich hier übergehen muss, wird er dann in der Apoka-
lypse des Johannes zum großen Tier’ mit der Zahl 666 und zum ‚Gegenspieler’
Gottes. Zur Entwicklungsgeschichte des Satans im Ersten Testament s. Horst Diet-
rich Preuß: Theologie des Alten Testaments Band 1: JHWHs erwählendes und ver-
pflichtendes Handeln. Stuttgart/Berlin/Köln 1991, S. 297 299. Die gesamte „So-
zialgeschichte Satans“ referiert die Religionswissenschaftlerin Elaine Pagels: Satans
Ursprung. Frankfurt/M. 1998. Eine tiefenpsychologische Deutung bietet Rolf
Kaufmann: Das Gute am Teufel. Eigenen Schattenseiten und Abgründen begegnen.
Zürich/Düsseldorf 1998, bes. S. 86.
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 147
Wie sind Gottesbild und Selbstbild aufeinander bezogen und wie beein-
flussen sich die Gottesbilder der einzelnen Familienmitglieder untereinan-
der? Hat das Gottesbild Einfluss auf die Berufswahl und somit auch auf
die beruflichen Rollen, die es auszufüllen gilt?
2 Die Entstehung von Gotteskonstrukten und ihre Wirksamkeit
in Systemen
Familie und Religion in systemisch-konstruktivistischer Perspektive
„Das ‚Systemische’ hat Konjunktur“, hebt auch Wolfgang Ebert in seiner
Dissertation zu den „Systemtheorien in der Supervision“ hervor, „und
systemtheoretische Konzepte beeinflussen in einem zunehmenden Maß
unser Denken. Im Bereich der Psychotherapie, Psychologie, Medizin, Or-
ganisationsentwicklung und Organisationsberatung, und letztendlich auch
im Bereich der Supervision, wird zunehmend die Bedeutsamkeit system-
theoretischer Konzepte und Begriffe […] erkannt.2 Auf dem Hinter-
grund der bereits in der Einleitung angedeuteten Rezeptionsgeschichte
von Psychologie bzw. Psychotherapie und Praktischer Theologie war zu
hoffen oder zu erwarten, dass auch die Systemtheorie(n) und ihre thera-
peutischen ‚Schwestern’, die systemische(n) Familientherapie(n) eines Ta-
ges für die Praktische Theologie fruchtbar gemacht würden. Für die Seel-
sorge kamen wichtige Impulse von dem Berner Praktischen Theologen
Christoph Morgenthaler und dem hessischen Klinikpfarrer Peter Held.3
In seiner „Systemischen Seelsorge“ referiert Chr. Morgenthaler, wie Got-
tesbilder entstehen, sich im Laufe des Lebens verändern und systemisch
wirksam werden.4 Von seinem Bemühen, systemisch-konstruktivistisches
Denken und familientherapeutische Praxis in die Seelsorge zu integrieren,
2 W. Ebert, aaO., S. 30. Zugleich verweist er auf die wissenschaftlichen Fachgebiete;
in denen überall systemische Konzepte adaptiert und weiter entwickelt werden:
„Soziologie (N. Luhmann, T. Parson), in der Betriebswirtschaft (H. Ulrich, G.
Probst, F. Malik), in der Kommunikationstheorie (G. Bateson, P. Watzlawick), in
der Physik (F. Capra), in der Ökologie (F. Vester), in der Biologie (H. Maturana, F.
Varela), in der Familientherapie (M. Selvini Palazzoli, H. Stierlin und F. B. Simon)
und in der Kybernetik (W. R. Ashby, N. Wiener).“ Ebd., S. 30.
3 Christoph Morgenthaler: Systemische Seelsorge. Impulse der Familien- und System-
therapie für die kirchliche Praxis, aaO.; Peter Held: Systemische Praxis in der Seel-
sorge. Mainz 1998. Inzwischen hat Christoph Morgenthaler gemeinsam mit Gina
Schibler ein Modell ‚Religiös-existentieller Beratung’ vorgelegt, in dem „religiöse
Einflüsse und Ressourcen, die in der durchschnittlichen beraterischen Praxis oft
ausgeblendet werden, […] kritisch gesichtet und ihr Potenzial für die persönliche
Entwicklung und die Gestaltung von Beziehung neu fruchtbar gemacht werden“
können. Chr. Morgenthaler / G. Schibler: Religiös-existentielle Beratung. Eine Ein-
führung. Stuttgart/Berlin/Köln 2002, S. 9.
4 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 83 90; zur Diskussion, ob die
Rede von ‚Gotteskonstrukten’ theologisch sinnvoll und angemessen ist, s. a. Peter
Held: Systemische Praxis in der Seelsorge. Mainz 1998, S.98ff.
148 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
kann auch die supervisorische Arbeit mit Religionslehrer/innen profitie-
ren. Sicherlich sind Seelsorge und Supervision deutlich zu unterscheiden,
wie ich in Kapitel VI ausführen werde. Und doch gibt es hinsichtlich der
Frage nach der Wirksamkeit des Religiösen eine gemeinsame Schnittmen-
ge! Da die Grundlagen systemisch-konstruktivistischen Denkens in Kapi-
tel X ausführlich dargestellt werden, genügen an dieser Stelle einige Hin-
weise auf strukturelle Eigenheiten systemischer Sichtweisen:
Familien und andere Systeme
Berater/innen und Therapeuten/innen, die systemisch arbeiten, gehen da-
von aus, dass auch Menschen in ihren unterschiedlichsten sozialen Orga-
nisationsformen wie z. B. der Familie, Vereinen, Schulklassen, der ‚Schul-
gemeinde’ oder Ethnien immer auch als ‚System’ gesehen werden müssen.
Dabei wird ‚System’ (von griech. σύστηµα = Zusammengesetztes, Zusam-
menstellung, Vereinigung, Gesamtheit, das Ganze, Kollegium, staatliches
Gebilde) definiert als „eine aus irgendwelchen Elementen (materieller
oder geistiger Art) zusammengesetzte Einheit.“5 Im konkreten Fall der
Familie wäre sie das ‚System’ und die einzelnen Familienmitglieder wären
die Elemente’. Komplizierter ist das System ‚Schule’ aufgebaut, weil es
sich in mehrere Subsysteme (Schüler/innen, Lehrerkollegium etc.) und
Subsubsysteme (Klassen, Lehrerkonferenz, Fachkonferenzen, Schullei-
tung, Lehrerrat etc.) untergliedert. Allen systemtheoretischen Überlegun-
gen liegt die Erkenntnis zugrunde, daß ein System in seiner Ganzheit sich
qualitativ neu und anders verhält als die Summe seiner isoliert betrachte-
ten Einzelelemente.“6 Das System ‚Familie’ z. B. ist mehr als die einfache
Addition der Verhaltensweisen ihrer einzelnen Mitglieder. Das System
‚Schulklasse’ entlockt seinen ‚Einzelelementen’ sprich Schülern/innen
Interaktionsstrategien, über die die Eltern nicht selten staunen, wenn sie
beim Elternsprechtag davon erfahren. In den Systemen Sportverein’,
‚Tierschutzverein’ oder auch ‚Kirchengemeinde’ ist das nicht anders: Men-
schen wachsen über sich hinaus, zeigen bisher ungelebte Seiten oder
scheinen sich u. U. in ihrer Individualität aufzulösen, indem sie zu Mitläu-
fern der ‚moral majority’ werden. Alle diese Systeme agieren und interagie-
ren nach eigenen (Spiel)Regeln, entwickeln eigene Mechanismen und pro-
duzieren so auch ihre eigenen ‚Mythen’ und ‚Legenden’. Systemiker und
Konstruktivisten nennen das ‚Wirklichkeitskonstruktion’; jedes System
‚baut’ sich seine eigene Welt!
5 F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin: Die Sprache der Familientherapie, aaO., S.
320.
6 Ebd., S. 320.
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 149
Aspekte familiärer Wirklichkeitskonstruktion
In Anlehnung an Gottlieb Guntern nennt Christoph Morgenthaler neun
Aspekte, die zum Verstehen und Entschlüsseln der jeweiligen Wirklich-
keitskonstruktion einer Familie von Bedeutung sind:7
Wie grenzt sich die Familie nach innen bzw. nach außen ab und findet
gerade darin ihr Profil? (‚Das zeichnet uns gegen über den anderen
aus!’)
Wie ist die Beziehungsstruktur der Familie? Ist sie hierarchisch oder
eher partnerschaftlich ausgerichtet?
Wie wird miteinander kommuniziert? Über was wird gesprochen? Wel-
che Themen sind tabu? Wer hat das Sagen?
Gibt es so etwas wie soziale Kompetenz, Kompromissfähigkeit?
Wie sieht der familiäre Bewältigungshaushalt aus? Wie wird mit Kon-
flikten umgegangen? (Coping = Lösungsstrategien)
Welche Rolle spielen Gefühle? Welche werden thematisiert und ge-
zeigt, welche verschwiegen und verborgen?
Wie sieht es mit der geistigen, sozialen, ökonomischen, kulturellen und
religiösen Orientierung aus?
Ist man in dieser Familie mehr an den Defiziten orientiert oder gibt es
Entwicklungspotenziale, eine Offenheit ‚irgendwohin’?
Welchem Prozesstyp ist die Familie zuzuordnen? Ist sie im Status des
Aufbaus, der Stabilisierung oder der Selbstauflösung?
Und nach welchen erkenntnistheoretischen Mechanismen ‚erklärt’ sich
diese Familie ihr Funktionieren? Wie ‚entschlüsselt’ sie sich ihre Welt?
7 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 63 66. Grafik leicht verändert
nach Vorlage ebd., S. 64.
Grenzen
Beziehungsfo
r
men
Lösungsstrat
e
gien
Kommunikationsstile
Soziale Kompetenz
Emotionalität
Entwickl.
-
Pot
enzial
Werte
Prozesstypen
Erklärungsmuster
150 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
Die Summe ist mehr als die Addition ihrer einzelnen Teile
Nach systemischem Verständnis ist die Summe mehr als die Addition ih-
rer einzelnen Teile, also etwas wirklich ‚Neues’, ‚Eigenständiges’, weil alles
mit allem zusammenhängt, sich so wechselseitig beeinflusst und in seiner
Funktion determiniert. Dabei geschieht diese Beeinflussung nicht linear-
kausal, sondern in Anlehnung an kybernetische Modelle (griech. κυβερνή-
της = der Steuermann, Lenker, Leiter, Regierer) zirkulär-rekursiv (lat. re-
currere = zurücklaufen).8 „Wir sind es gewohnt, in linearen, monokausa-
len Ursache-Wirkungszusammenhängen zu denken“, stellt der Erzie-
hungswissenschaftler Horst Siebert fest.9 Das gilt sowohl in der Familie
als auch in der Schule. ‚Wer ist schuld?’, lautet selbst bei kleinsten Alltags-
störungen oft die erste Frage. In „ökologischen Systemen, in sozialen Be-
ziehungen, auch in unseren mentalen ‚Netzwerken’ sind jedoch zirkuläre
Wechselwirkungen die Regel. Dabei beeinflusst nicht nur die Gegenwart
die Zukunft, sondern unsere Antizipationen der Zukunft schaffen Realitä-
ten in der Gegenwart“, so H. Siebert weiter. Auch die Steuerung eines so
komplexen Systems, wie es etwa eine Familie darstellt, funktioniert nicht
nach einem einfachen Ursache-Wirkungs-Prinzip z. B. nach dem Motto:
‚Der Vater befiehlt, die Kinder gehorchen!’ Selbst wenn es äußerlich den
Anschein hätte, als würden die Kinder brav gehorchen, läuft nach syste-
mischem Verständnis systemimmanent ein äußerst vielschichtiger
Prozess ab: Die Kinder gehorchen glicherweise äußerlich; aber was ge-
schieht innerhalb des Systems? Vor den äußeren Blicken verborgen,
weshalb manche Systemiker hier auch die ‚Black-box’-Metapher verwen-
den10 –, schmieden sie vielleicht Rachepläne, solidarisieren sich die Kin-
der untereinander, bilden sie eine Koalition mit der Mutter oder den
Großeltern, verkümmern sie innerlich, entwickeln sie Opferphantasien
etc.? Es gibt unzählige Varianten, denen nach systemischem Verständnis
nur das Eine gemeinsam ist die Überzeugung, dass die Aktion des Va-
ters ‚irgendwann’ und ‚irgendwie’ auf den Vater zurückwirken wird. Seine
8 „Der Mathematiker N. Wiener legte mit seinem 1948 erscheinen Buch ‚Cybernetic
or Control and Communication in the Animal an the Machine’ den Grundstein für
die Kybernetik als eigener wissenschaftliche Disziplin. […] Die Entdeckung der
Rückkopplung stellt wohl eines der wichtigsten Prinzipien der Kybernetik dar.
Rückkopplung beschreibt allgemein einen Vorgang, bei dem Umwelteinwirkungen
eines Systems auf seine Funktionsweise zurückwirkt.“ W. Ebert, aaO., S. 119. „‚Re-
kursivität’ […] bezeichnet ebenso wie Zirkularität die Rückläufigkeit von Ursachen
und Wirkungen zu ihrem Ausgangspunkt“ (F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin:
Die Sprache der Familientherapie, aaO., S. 351).
9 Horst Siebert: Pädagogischer Konstruktivismus, aaO., S. 192.
10 So z. B. Heinz J. Kersting: „Menschen sind keine trivialen Maschinen. Sie funktio-
nieren nach dem Modell der ‚Black-box’. ‚Schwarze Dose’ nannte man im 2. Welt-
krieg erbeutetes Feindgerät, das man sich wegen einer möglicherweise darin ver-
steckten Sprengladung nicht zu öffnen getraute.In: Interventionen. Die Störung
unbrauchbarer Wirklichkeiten, in:
Bardmann, Theodor M. / Kersting, Heinz J. / Vogel, H. Christoph / Woltmann,
Bernd: Irritation als Plan. Aachen 1991, S. 108.
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 151
Intervention wird nicht ‚sang-und-klanglosverhallen, aber auch nicht 1:1
‚wie man in den Wald hineinruft’ das Echo zurückwerfen.11 Chr. Morgen-
thaler geht nun in besonderer Weise der Frage nach, wie Religion in sol-
chen familiären Systemen wirksam wird. Ein Gottesbild ist zwar auch für
ihn „immer etwas höchst Persönliches, Individuelles und Einmaliges“,
aber zugleich eben auch „ein Familienkonstrukt“, „herausgewachsen aus
dem gemeinsam entwickelten, bestätigten oder auch umkämpften Bild
von Religiosität, das sich in einem Familiensystem auf verschiedenen Ebe-
nen festsetzt“.12 Im Rückgriff auf J. L. Griffith und M. E. Griffith13 unter-
scheidet Morgenthaler verschiedene Ebenen der religiösen Weltkonstruk-
tion in einer Familie:
Das individuelle Gotteskonstrukt
Den Kern eines Gottesbildes, den „nur die betroffene Person wahrneh-
men kann“, der „einzigartig“ ist, „sich lebensgeschichtlich“ entwickelt, „in
tiefen emotionalen und nicht sprachlichen Schichten der frühen Lebens-
jahre verwurzelt“14 ist, nennt Morgenthaler „individuelles Gotteskon-
strukt“. Weil dieses Bild im Gehirn ‚konstruiert’ wird, setzt sich der Aus-
druck ‚Gotteskonstrukt’ immer mehr durch. Ausgangspunkt dieser inne-
ren Gotteskonstruktion sind sinnliche und elementare Bilder, Worte, Be-
rührungen und Gerüche. Unter Berufung auf Jean Piaget gehen Grif-
fith/Griffith und Morgenthaler davon aus, dass das Kleinkind bei der
Entwicklung seines individuellen Gotteskonstruktes sich an den allerfrü-
hesten Vorstellungsmustern orientiert, „die ihm dazu dienen, Elternfigu-
ren wahrzunehmen und mit ihnen in Kontakt zu treten.“15 Bestätigt wird
diese Sicht durch die aktuellen Forschungen der Neurobiologie, die die
Bedeutung der genetischen Ausstattung gegenüber der vorgeburtlichen
11 „Zirkuläres Denken bezieht sich auf die Wechselwirkungen und gegenseitigen Beein-
flussungen und verzichtet auf Ursache-Wirkungs-Ketten. Als ein Element des syste-
mischen Denkens geht Zirkularität davon aus, dass z. B. Verhalten andere Personen
und deren Verhalten beeinflusst, was wiederum auf das eigene Verhalten zuckwirkt
und dieses beeinflusst. Diese Betrachtungsweise führt dazu, daß in der Supervision
nicht einzelne isolierte Phänomene [sic] betrachtet werden, sondern Wechselbezie-
hungen zwischen Phänomenen fokussiert werden.“ W. Ebert, aaO., S. 420.
12 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 83.
13 J. L. Griffith und M. E. Griffith: Therapeutic Change in Religious Families. In: L. A.
Burton (Hg.): Religion and the Family. When God Helps. New York u. a. 1992, S.
63 – 86.
14 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 84.
15 Ebd., S. 85; in der Sprache von Gregory Bateson könnte man statt von ‚Gotteskon-
struktauch von einer ‚inneren religiösen Landkarte’ sprechen; s. Gregory Bateson:
Geist und Natur. Frankfurt/M. 4/1984, S. 40ff. Aus psychoanalytischer Sicht wird
diese Phase von T. Moser dargestellt und gewichtet. In: Erträglicher Gott, aaO., S.
27ff: „Auf jeden Fall bleibt die Mutter Auslöserin und Brücke zur Welt der Andacht,
auch wenn die Brücke vom Kind später ausgebaut werden muss zur Flucht vor der
Mutter oder zum Trost angesichts einer unerträglichen Wirklichkeit.“ (S. 32f).
152 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
und frühkindlichen Prägung stark relativieren.16 „Die wichtigsten Erfah-
rungen macht jedes Kind als Beziehungserfahrung anhand der von seinen
Bezugspersonen bezogenen ‚Vorbilder’“, unterstreicht auch der Neuro-
biologe Gerald Hüther, um dann wenige Zeilen später fortzufahren:
„Von allen Lebewesen, die im Lauf der letzten Jahrmillionen auf der Erde
entstanden sind, ist der Mensch die einzige Lebensform, der es gelungen
ist, einen ständig sich vergrößernden Schatz an selbst entworfenen inne-
ren Bildern über die Beschaffenheit der Welt und über seine eigene Be-
schaffenheit anzusammeln und von einer zur nächsten Generation weiter-
zugeben.“17
Das selbstverantwortete Gotteskonstrukt
Im weiteren Verlauf der biographischen Entwicklung wird dieses Gottes-
konstrukt durch innere (z. B. Träume, Phantasien) und äußere Einflüsse
(religiöse Erziehung, Begegnungen mit geliebten oder gefürchteten Er-
wachsenen) fortwährend modifiziert. Einen vorläufigen Abschluss erhält
dieser Prozess in der Regel nach der Pubertät, wenn die „Interaktionen
zwischen dem Selbst des Kindes und seinem Gottesbild rekursiv die ur-
sprüngliche Struktur des Gottesschemas in geschlossenen Feedback-
schlaufen wiederherzustellen beginnen und dadurch das Gottesbild ver-
festigt wird.“18 Mit anderen Worten: Wenn die inneren Dialoge zwischen
Selbstbild und Gottesbild nicht mehr ohne Weiteres von außen erschüt-
tert werden können und dazu führen, dass sowohl Selbst- als auch Gottes-
bild sich gegenseitig stabilisieren und bekräftigen, dann kann von einem
‚selbstverantworteten Gotteskonstrukt’ gesprochen werden. Auch hier be-
stätigt die Neurobiologie diese wechselseitige innere und äußere Beein-
flussung bei der Entstehung und Festigung der erkenntnis- und hand-
lungsleitenden inneren Bilder. Der Mensch ist nicht nur ‚Opfer’ seiner Er-
ziehung, aber auch nicht selbstherrlicher creator ex nihilo: „Es geht um
die Selbstbilder, um die Menschenbilder und um die Weltbilder, die wir in
unseren Köpfen umhertragen und die unser Denken, Fühlen und Han-
deln bestimmen. Wie die Hirnforscher in den letzen Jahren zeigen konn-
ten, ist die Art und Weise, wie ein Mensch denkt, fühlt und handelt, aus-
schlaggebend dafür, welche Nervenzellverschaltungen in seinem Gehirn
stabilisiert und ausgebaut und welche durch unzureichende Nutzung gelo-
ckert und aufgelöst werden. Deshalb ist es alles andere als belanglos, wie
die inneren Bilder beschaffen sind, die sich ein Mensch von sich selbst
macht, von seinen Beziehungen zu anderen und zu der ihn umgebenden
Welt, und nicht zuletzt von seiner eigenen Fähigkeit, sein Leben nach
seinen Vorstellungen zu gestalten.“19
16 G. Hüther: Die Macht, aaO., S. 22ff, bes. S. 29 – 31.
17 Ebd., S. 30.
18 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 85.
19 G. Hüther: Die Macht, aaO., S. 9.
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 153
Elternbild und Gottesbild
Die Nähe von Elternbild und Gottesbild bereits in der Genese der indivi-
duellen Gotteskonstruktionen führt dazu, dass in den inneren Dialog von
Gottesbild und Selbstbild auch in späteren Jahren die wichtigsten Men-
schen des engeren Beziehungsnetzes einbezogen bleiben. Die Gottesbe-
ziehung wird einerseits, wie wir gesehen haben, aus menschlichen Bezie-
hungen ‚abgeleitet’, was andererseits umgekehrt zur Folge hat, dass Verän-
derungen des Gottesbildes auch Auswirkungen auf die Elternbeziehung
haben. Gottesbild und Elternbild sind systemisch betrachtet so mit-
einander verknüpft, dass Metamorphosen des einen für das andere nicht
folgenlos bleiben.20
Familiencredo
Im weiteren Verlauf der biographischen Entwicklung werden die indivi-
duellen Gotteskonstrukte bei der Partnerwahl in die Paarbeziehung einge-
bracht und zu Elementen „von Verhandlungs- und Validierungsprozes-
sen“,21 in deren Verlauf sich das persönliche Gotteskonstrukt verstärken
oder abschwächen kann. Das eigene Gotteskonstrukt beeinflusst natürlich
die Partnerwahl, wie umgekehrt der/die Partner/in wiederum auch auf die
Selbst-, Welt- und Gottesbilder des anderen einwirkt.22 Im Laufe der Jah-
re werden „in einem mehr oder weniger bewussten Prozess der Kon-
struktvalidation“23 die individuellen Gotteskonstrukte aneinander angegli-
chen und weiterentwickelt. So etabliert sich im Laufe der Zeit so etwas
wie ein Familiencredo’, ein Glaubensbekenntnis, das die Familie verbin-
det, Identität stiftet, aber auch zu einem Korsett werden kann, das die ein-
zelnen Familienmitglieder einengt und verbiegt. Was in der Sprache Mor-
genthalers vielleicht etwas abstrakt klingt, sind die kleinen Dramen des
Alltags’, in denen die Partner offen miteinander ‚um die Wahrheit ringen’
oder sich subtil unterschwellig auf den rechten Weg’ zu bringen versu-
chen, in denen starre ‚Dogmen’ autoritär ‚durchgeboxt’ oder Wege ‚prag-
matischer Anpassung’ erprobt werden.
20 Ein unvergessliches Beispiel dieser Zusammengehörigkeit ist mein erster Auftritt als
junger Gemeindepfarrer vor dem Pfarrkonvent. Ich hielt eine Andacht über Gene-
sis 22, die Opferung Isaaks, und stellte heraus, dass für mich ein Gottesbild, das die
Gottesliebe gegen die Vaterliebe ausspielt, unakzeptabel sei. Die Mehrheit der älte-
ren Kollegen war empört und etliche hielten mir vor, ich hätte meinen Vaterkonflikt
unredlicherweise in den Text hineingetragen. Heute denke ich, dass es sicherlich
auch um meinen Vater und mich ging, aber ‚gut systemisch’ auch um mein Gottes-
bild. Beides hatte sich verändert mein Gotteskonstrukt und mein Vaterkonstrukt
in einem Prozess wechselseitiger Korrektur und Anpassung.
21 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 86.
22 Helm Stierlin: Ich und die anderen. Stuttgart 1994: „Falls die beiden überhaupt zu-
sammenbleiben, werden sich unvermeidlich Regeln herausbilden, die ihr Zusam-
menleben prägen und sich dann wieder in Mustern ausdrücken, welche ihrerseits zu
einem stabilisierenden Faktor der Beziehung werden.“ S. 60f.
23 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 88.
154 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
‚Der liebe Gott sieht alles!’
Nach Morgenthaler sind diese Gotteskonstrukte der Einzelnen und der
Familien höchst lebendig und wirksam: „Familien, familiäre Subsysteme
und einzelne Familienmitglieder“ gehen „Allianzen und Koalitionen mit
dem Übernatürlichen“24 ein: „Gott, Christus, Heiligenfiguren, Maria, En-
gel oder auch der Teufel werden in bestimmten Familien als persönliche
Wesen angesprochen und in die Interaktionen mit einbezogen. Einzelne
Familienmitglieder können eine Koalition mit einer solchen Figur einge-
hen, um ihre Position in Auseinandersetzungen zu stärken, besondere
Macht oder Autorität auszuüben und über einen ‚verlängerten Arm’ zu
verfügen, mit dem andere Familienangehörige (beispielsweise Kinder)
kontrolliert werden (‚Der liebe Gott sieht alles…’). In besonderen Fällen
kann mittels einer solchen Koalition, die ein Familienglied (meist auf der
Elternebene) für sich beansprucht, auch Segen und Fluch über andere Fa-
milienmitglieder gebracht werden.25 Segen und Fluch sind im Sinne der
Sprechakttheorie performative Sprach-Handlungen, die nicht nur etwas
bezeichnen, sondern in ihrer Inszenierung = performance so sehr wirk-
sam werden können, dass die Gesegneten bzw. Verfluchten ein Leben
lang darunter/daran leiden.26
‚Gott kommt ins System!’27
Wenn ich an Gott glaube, wird er – systemisch betrachtet – auch wirksam!
„Systeme werden immer auch durch Spiritualität und Religiosität, die in
ihnen gelebt werden, mit bestimmt.“28
Ich habe Morgenthaler so ausführlich dargestellt, weil er die Sinne dafür
schärft, Religion als wirksames Element systemischer Prozesse wahr- und
ernst zu nehmen, was alles andere als selbstverständlich ist. Morgenthaler
24 Ebd., S. 88.
25 Ebd., S. 88f.
26 „Nach [John L.] Austin sind performative Sprechakte solche, bei denen das Be-
nannte auch passiert, bei denen das Gesagte sich ereignet.“ H. Schroeter-Wittke:
Performance, aaO., S. 49. Performative Akte werden durch ‚self-fulfilling prophecy’
auch eigenständig organisiert bzw. verstärkt: „Bestimmte Wahrnehmungen, Erwar-
tungen oder Verhaltenstheorien wirken auf den Betroffenen zurück. Sie haben Ein-
fluß darauf, wie er sich verhält, ob die Erwartung sich erfüllt oder nicht erfüllt, die
Theorie sich bestätigt oder nicht bestätigt. Das gilt etwa für Ödipus, dem sein
Schicksal geweissagt wird, für den Analysanden, der sich analytische Theorien ange-
lesen hat, oder für den Klassenkämpfer, der die Welt durch die marxistische Brille
sieht. In all diesen Fällen kommt es zu retroagierenden auf den Betroffenen rück-
wirkenden Prozessen. Sie können bedingen, daß sich eine bestimmte Vorstellung,
Befürchtung, Erwartung erfüllt (der Fall ‚self-fulfilling prophecy’) oder nicht erfüllt
(der Fall ‚self-denying prophecy’). Beide Arten von Prozessen widersetzen sich ei-
nem herkömmlichen linealen Ursache-Wirkungs-Denken.“ F. B. Simon / U. Cle-
ment / H. Stierlin: Die Sprache der Familientherapie, aaO., S. 291.
27 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 81. Praktische Beispiele aus der
Beratungsarbeit s. Chr. Morgenthaler / G. Schibler, aaO., S. 16 – 19.
28 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 139.
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 155
selbst spricht in diesem Zusammenhang von einer Aschenputtel-Exis-
tenz’ der Religiosität in der Familien- und Systemtherapie.29 Von 1050
systemischen Fachartikeln der letzten Jahre, die er auf diese Frage hin
durchgesehen und kontrolliert hat, beschäftigten sich nur 1,2% mit ethi-
schen und religiösen Themen.30
Schlussfolgerungen für die weitere Arbeit
Doch zurück zum Supervisanden. Wenn der erkenntnistheoretische An-
satz von Piaget, Griffith/Griffith und Morgenthaler richtig ist, wenn es
zutrifft, „dass ein Gotteskonstrukt nach Modellen der Beziehungsfiguren
und -konstellationen geformt wird, die ein Mensch in seinen Familien er-
fährt“,31 dann ist es im Blick auf den weiteren Prozessverlauf wichtig, der
Spur des Zusammenhanges von Gottesbild und Vaterbild weiter zu folgen.
Wenn sich das Gottesbild am Vater- und Mutterbild entwickelt, ist auch
darauf zu achten, welche Züge des Gotteskonstruktes (Allmacht / Ge-
fühllosigkeit / Unmenschlichkeit / Polarität Gott – Satan) möglicherweise
auch in der Mutterbeziehung ihren Ursprung haben. Der hohe Affizie-
rungsgrad des Supervisanden (‚Ich habe ziemlich herumgeschrieen’) bekräftigt
die Vermutung, dass er sich am internalisierten Gottes-/Elternbild reibt
(in diese Richtung tendieren auch die Äußerungen: ‚Erziehungsberechtigte
üben Macht aus’ / ‚Eltern-Kind-Konflikte werden stellvertretend mit dem
Lehrer ausgetragen’). Gestärkt wird diese Hypothese durch Äußerungen
des Supervisanden in seinem einige Tage später verfassten Erlebnisproto-
koll:
Aus dem Erlebnisprotokoll der zweiten Arbeitsitzung
„Thema des Gesprächs in der Supervisionssitzung war insbesondere die
Auseinandersetzung mit einer Schülerin, die zu einem erneuten Aufeinan-
derzugehen geführt hat. Einmal tat es mir als Person gut, in der Supervision
diese Geschichte mit aller seiner Ambivalenz, die sie bei mir auslöst, zu er-
zählen. Denn ich schwankte doch sehr noch in der Beurteilung meiner
Handlungsweise. Für meine Rolle in der Berufsschule ist mir wichtig ge-
worden, dass sich in der Auseinandersetzung mit der Schülerin bestimmte
Rollenerwartungen zwar nicht erfüllt haben (z .B. Lehrer als Quasi-Allwis-
sender / -Allmächtiger, der sich und den Unterricht fest im Griff hat), aber
dass das Zusammenfallen von Rolle-Haben und Selbst-Sein einen viel grö-
ßeren Lernprozess in Gang gesetzt hat, als es ein Unterricht mit mir als ‚un-
[menschlichem]’, weil ‚über-menschlichem’ Wesen haben könnte. Vielleicht
liegt hier gerade ein neues Rollenverständnis für mich vor: Angesichts
menschlicher Neigung zur Selbstüberschätzung (Hybris) vorzuleben, dass
29 Ebd., S. 90.
30 Ebd., S. 90.
31 Ebd., S. 268.
156 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
jede/r an seine Grenzen kommt und schuldig wird und dass wir dennoch
Mensch sein dürfen und akzeptiert werden.“
Paradoxon
Durch die Reflexion seines ‚Ausrastens’ und der damit verbundenen
Schuldgefühle in der Supervisionssitzung wird sein Gotteskonstrukt irri-
tiert: ‚Ich soll eigentlich allmächtig sein wie Gott, habe aber emotional wie
ein Mensch reagiert. Ich habe versagt, bin aber gerade darin positiv wirk-
sam geworden. Wie kann das sein?’ Anstatt nun sein Gotteskonstrukt in
Frage zu stellen, formuliert er eine Paradoxie: ‚Ich soll vollkommen und
allmächtig sein wie Gott, aber wenn ich so wie Gott zu sein versuche, ist
das menschliche Hybris, die zum Scheitern verurteilt ist. Ich darf aber
scheitern und schuldig werden, weil Gott mich auch so unvollkommen
akzeptiert.’ Der Supervisand reibt sich an seinem Gottes- und vielleicht
auch seinem Elternbild, sucht aber die Schuld für seine Unvollkommen-
heit nach wie vor bei sich. Einem absoluten Gottesbild scheint ein defizi-
täres Menschenbild zu korrespondieren.
Theologen unter sich?
Das Tempo, das in diesem Prozess vorgelegt wird, ist enorm. Kann es
sein, so meine hypothetische Frage, dass Religionslehrer/innen bzw. The-
ologen/innen eine besondere Affinität zu existentiellen Fragen haben und
es auf diesem Hintergrund außerordentlich schwer ist, einen ‚idealtypi-
schen Verlauf’ des Prozesses einzuhalten, der personenbezogene Aspekte
erst zu einem späteren Zeitpunkt empfiehlt? Oder schaffe ich als Supervi-
sor, der zugleich auch Theologe ist, einen Raum, der zu solchen theologi-
schen Deutungen geradezu einlädt? In diese Richtung gehen die Erwägun-
gen Wolfgang Drechsels: „Wenn denn ein Pastoralpsychologe, eine Pasto-
ralpsychologin auch nur in irgendeiner Weise als solche(r) identifizierbar
ist, sei es als Pfarrer, Pfarrerin, sei es als kirchliche(r) MitarbeiterIn, sei es
eben in der Funktion als pastoral-psychologische(r) SupervisorIn, so ist
das Religiöse als Deutungshorizont immer schon im Raum. Als herme-
neutischer Rahmen in seiner Wirksamkeit und explizit bzw. implizit prä-
genden Gestalt. Ob das der Supervisor will oder nicht. Wie abstinent
er/sie sich auch gebärdet. Wie methodisch exakt eine (nichttheologische)
Supervisionskonzeption auch immer durchgezogen wird.“32 Ob dem so
ist und wie damit dann verantwortungsvoll umgegangen werden kann und
muss, wird die weitere Untersuchung zeigen müssen.
Exkurs: Martin Luther und das Gotteskonstrukt der ‚Rechtfertigungslehre’
Der vorgetragene Sitzungsausschnitt könnte als geradezu bilderbuchartige Bestätigung
der von Peter Held, Autor des Buches „Systemische Praxis in der Seelsorge“33, im
32 Wolfgang Drechsel: Mythos Supervision und die Frage nach der pastoralpsychologi-
schen Supervision. WzM 53/2001, S. 344.
33 Mainz 1998.
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 157
Rückgriff auf Helm Stierlin34 vorgetragenen These erscheinen, dass Martin Luther
seine Rechtfertigungstheologie entwickelt habe, um den biblischen ‚double-bind-Bot-
schaften’ zu entkommen. Die ‚double-bind’-Hypothese wurde 1956 von Gregory Bate-
son entwickelt und besagt, dass ein Mensch von einer anderen, ihm wichtigen Bezugs-
person zwei Botschaften bekommt, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen und
ihn so in heillose Verwirrung stürzen müssen.35 Die eine Botschaft lautet z. B.: ‚Ich lie-
be dich nur, wenn du so wirst, wie ich dich haben möchte.’– Die zweite Botschaft lau-
tet: ‚Wenn du so wirst, wie ich dich haben möchte, werde ich dich nicht mehr lieben,
weil du dann uninteressant für mich bist.’36 So stand Luther nach Ansicht Stierlins zwi-
schen „zwei Paare[n] widersprüchlicher, überfordernder Botschaften und Erwartun-
gen“:37 Die eine Polarität wird durch Mt 5, 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie
euer Vater im Himmel vollkommen ist“38 und der Botschaft Ihr könnt niemals voll-
kommen sein, denn im Grunde Eures Herzens seid Ihr arg und böse, daß heißt von
der Erbsünde gezeichnet“39 (s. Genesis 8, 21 „[…] denn das Dichten und Trachten
des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ bzw. 3, 23 „Sie sind allesamt
Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“)40 markiert. Die
zweite Polarität spannt sich zwischen der Forderung nach bedingungslosem Vertrauen
auf der einen Seite und der Drohung mit Höllenqualen und ewiger Verdammnis auf
der anderen. Mit seiner Rechtfertigungslehre und dem theologischen Paradoxon des
‚simul iustus et peccator’41 versucht Luther diesen göttlichen double-bind-Botschaften
letztlich vergeblich zu entkommen. Nach Stierlin (und Held?) bleibt er in ihren „Fes-
seln“42 gefangen: Es bleibt die Frage, „ob er vor Gott recht gehandelt, beziehungswei-
se recht gefühlt, recht geglaubt hatte, ob er dem göttlichen Richterspruch gewachsen,
ob er für ewige Verdammnis bestimmt war oder nicht“.43 Christliche, evangelische
Seelsorge“, so P. Held, „steht in der Tradition Luthers und hat dessen Menschenbild
mehr oder weniger modifiziert weitergegeben. Die eher negative Sicht des Menschen
in theologischen und seelsorglichen Entwürfen steht in einer Spannung zum Men-
schenbild der Heidelberger Therapeuten [zu deren führenden Vertretern Helm Stierlin
zählt]. Christliche Seelsorge als systemische Praxis wird sich vor allem mit dem Sün-
denbegriff neu beschäftigen müssen“,44 resümiert Peter Held. Ob diese Lutherinter-
pretation zutrifft, kann an dieser Stelle sicherlich nicht angemessen diskutiert werden.
Ich verweise deshalb nur auf den Marburger Systematiker Dietrich Korsch, der in dem
aktuellen von Albrecht Beutel herausgegebenen ‚Luther Handbuch’ die ‚religiöse
Leitidee’ Luthers so zusammenfasst: „War iustitia dei nach traditionellem Verständnis
aufzufassen als göttliche Reaktion auf ein zu beurteilendes menschliches Verhalten, so
34 Peter Held, aaO., S. 104.
35 „Von Bateson 1956 beim Studium der Kommunikation von Familien mit einem
schizophrenen Mitglied beschriebene Kommunikations- und Beziehungssituation,
die auf alle Beteiligten eine unausweichlich paradoxe Wirkung hat (‚Beziehungsfal-
le’). […] Die Bestandteile der Botschaften schließen sich gegenseitig (meist verbal-
averbal) aus.“ Christian Moser: Artikel ‚Double-bind’ in: Gerhard Stumm / Alfred
Pritz (Hg.): Wörterbuch der Psychotherapie. Wien 2000, S. 139.
36 Siehe ausführlich dazu F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 69 – 72.
37 P. Held, aaO., S. 104.
38 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
39 P. Held, aaO., S. 104.
40 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
41 Gerechtfertigter und Sünder zugleich.
42 Peter Held, aaO, S. 104
43 Ebd., S. 104.
44 Ebd., S. 104.
158 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
ist iustitia dei passiva die dem Menschen (als Überwindung seiner Ungerechtigkeit) im
Glauben gegebene Gerechtigkeit seines Seins überhaupt in der Gott eben nicht nach
einem gesetzlichen Maßstab Tätigkeiten beurteilt, sondern sich selbst gibt und damit
seine Gemeinschaft mit dem Menschen begründet. Gottes Gerechtigkeit ist derjenige
Vorgang, in dem er sich selbst und den Menschen verwirklicht.“45 Lt. Korsch geht es
in der Rechtfertigung also gerade nicht darum, die ‚Werke des Gesetzes’ nun durch an-
dere menschliche Akte wie ‚Fühlen’ oder ‚Glauben’ auszutauschen, sondern vielmehr
um einen neuen Schöpfungsakt Gottes, in den der Mensch ‚ohne sein Zutun’, ‚aus
Gnade’ mit hinein genommen wird! Zunächst geht es einzig und allein um ein Handeln
Gottes, durch das der Mensch Befreiung von allen Leistungsanforderungen erfährt.
Diese Freiheit und bisweilen auch Leichtigkeit kommt zum Ausdruck, wenn Luther in
einem Brief an Melanchthon zu „Pecca fortiter, sed fortius fide!”46 auffordert und da-
mit einen dialektischen, möglicherweise paradoxen, aber alles andere als einen stati-
schen Umgang mit dem Sündenbegriff praktiziert. Sollte Luther vielleicht ‚systemi-
scher’ sein als ihm heute manche zutrauen? Diese Frage sowie die von Held ange-
mahnte Neubestimmung des Sündenbegriffs wird im weiteren Verlauf der Untersu-
chung erneut aufgegriffen und vertieft werden.
3 Der Blick zurück -
auf den Supervisionsprozess
Der Supervisand ergreift zunächst denselben Beruf wie sein Vater: Gemein-
depfarrer. Die damit verbundene Berufsrolle verbindet er mit dem At-
tribut ‚allmächtig’.
Dann wechselt der Supervisand die Tätigkeit und wird Berufschulpfarrer
und Religionslehrer. Als Religionslehrer behält er Anteil an der Macht des
Vaters (Gottes), wird aber zugleich auch sein Gegenspieler, bekommt
etwas ‚Bestialisches’ (Satan).
Er genießt es, aggressiv zu sein (Hypothese: und sich damit von seinem
Vater, dem ‚guten Pfarrer’, abzusetzen).
Zugleich leidet er darunter, in seinem eigenen Rollenbild gefangen zu
sein und keine ‚menschlichen Züge’ zeigen zu dürfen.
Da der Mensch immer schuldig wird, entweder weil er so sein will wie Gott
oder weil er so unvollkommen ist wie ein Mensch, lebt er immer aus
der Vergebung (Rechtfertigung).
Der Supervisor bringt seine theologische Kompetenz ein, indem er
dem Supervisanden die Polarität Gott-Satan als Sprach- und Denkfigur
zur Identifikation anbietet. Außerdem bestärkt er den Supervisanden
in seinem Bemühen, Person und Rolle ‚authentisch zu durchdringen’.
45 Dietrich Korsch: II. Aneignungen 2. Die religiöse Leitidee. In: Albrecht Beutel
(Hg.): Luther Handbuch. Tübingen 2005, S. 91 – 97; Zitat S. 94f.
46 Sündige tapfer, aber glaube tapferer! In: Brief an Philipp Melanchthon vom
1.8.1521; WA, Br 2, Nr. 424.
V. Kapitel: Gotteskonstrukte 159
auf die Analyse
Nach systemisch-konstruktivistischem Ansatz sind auch Familien Sys-
teme, die sich ihre Wirklichkeiten entwerfen. Wesentliche Aspekte die-
ser Wirklichkeitskonstruktion sind die Grenzziehungen, die Bezie-
hungsformen, die Kommunikationsstile, die Kooperationsstrukturen,
die Coping-Strategien, die Emotionalität, die Entwicklungspotenziale,
die Werte, die Prozesstypen und die erkenntnisleitenden Muster.
Religion, Wert- und Sinnfragen gehören zu den konstitutiven Elementen
der familiären Wirklichkeitskonstruktion.
Individuelle Gotteskonstrukte entstehen in Orientierung am Elternbild.
Nach der Pubertät stabilisiert sich ein autonomes Gotteskonstrukt.
Gotteskonstrukte werden später in die Paarbeziehung und in die ent-
stehende Familie mit eingebracht. In jahrelangen Verhandlungs- und
Überprüfungsprozessen entsteht so etwas wie ein Familiencredo.
Gott kommt ins System’: Gotteskonstrukte sind systemisch wirksam! Ein-
zelne Familienmitglieder können Koalitionen mit Gotteskonstrukten
eingehen und sie für die Durchsetzung ihrer Interessen einsetzen.
160 V. Kapitel: Gotteskonstrukte
VI. Kapitel: Religion im System 161
VI. Kapitel
‚Komm, denn es ist alles bereit!’
Von der Wirksamkeit des Religiösen im System und
religiösen Systemschleifen
1 ‚Komm, denn es ist alles bereit!’ – vierte Sitzung
1.1 Phantasiereisen und Imaginationen in der supervisorischen
Arbeit
Vorüberlegungen
Der Supervisand hatte sein Unbehagen über den Berufsalltag sehr nach-
drücklich artikuliert und ihn in fast allen Aspekten als unauthentisch und
fremdbestimmt beschrieben. Darüber hinaus formulierte er explizit Zwei-
fel, ob seine Berufswahl richtig gewesen sei. Auf diesem Hintergrund ent-
schied ich mich, ebenfalls noch in der vierten Sitzung eine geleitete
Imagination anzubieten mit dem Ziel, seinen Drang zu Selbstkritik und
Kontrolle ein wenig zu umgehen. Darüber hinaus erhoffte ich mir so ei-
nen intuitiven Zugang zu Ressourcen, die ihm kognitiv möglicherweise
nicht so ohne weiteres zugänglich wären. Denn unbewusst wissen wir ja
oft schon, was für uns gut ist“, ist K. F. Richter überzeugt. „Aber damit
dies auch bewusst werden kann, bedarf es der Vermittlung unserer Vor-
stellungskraft.“1
Arbeit mit geleiteten Imaginationen in der Supervision
Die Imagination, die ich für diese Sitzung ausgewählt hatte, wurde von
mir in abgewandelter Form bereits mehrfach im Religionsunterricht des
Berufskollegs eingesetzt. Ob die Methode der geleiteten Imagination hier
angemessen ist, ob sie überhaupt in der supervisorischen Arbeit eingesetzt
werden sollte, kann sicherlich kontrovers diskutiert werden und ngt
auch von dem eigenen Supervisionskonzept ab, das man vertritt. Ich habe
in der Arbeit mit jungen Erwachsenen und in der Lehrerfortbildung sehr
ermutigende Erfahrungen mit Imaginationsübungen gemacht und mich in
diesem Zusammenhang intensiv mit Fragen des Tiefungsgrades, des Set-
tings, der Hin- und Rückführung auseinandergesetzt. Mir ist bekannt, dass
sowohl in der Erwachsenenbildung als auch in der Schule bisweilen leicht-
1 K. F. Richter, aaO., S. 191.
162 VI. Kapitel: Religion im System
fertig mit inneren Bildern hantiert wird. Nicht selten gibt es Anleitungen
zum Selbstversuch, die nirgends auf mögliche Gefahren hinweisen.2 Auch
ist nicht zu leugnen, wie das hier vorgetragene Beispiel und der weitere
Prozessverlauf belegen, dass sich durch die Arbeit mit Imaginationen ein
‚Bilderüberschussergibt, der in den weiteren Sitzungen nicht vollständig
aufgearbeitet wird. Vergleichbares gilt sicherlich auch für andere kreative,
analoge3 Techniken, die ebenfalls wirkmächtige innere Bilder freisetzen.
Dennoch ‚arbeiten’ natürlich diese Bilder weiter sowohl beim Supervi-
sanden als auch beim Supervisor. Sie eröffnen dem Supervisor einen
Wahrnehmungshorizont, der die weitere Hypothesenbildung bewusst
oder unbewusst beeinflusst. Den Supervisanden haben sie so sehr ener-
getisiert, dass er einzelne Bildsegmente in den folgenden Sitzungen immer
wieder ‚hervorholt’.
Für einen ressourcenorientierten Supervisionsansatz ist m. E. die Arbeit
mit positiven inneren Bildern unentbehrlich. Auf die Erkenntnisse der
neueren Traumatologieforschung und die Bedeutung ‚sicherer innerer Or-
te’ hatte ich bereits in Kapitel II hingewiesen.4
Geleitete Imagination ‚Mein optimaler Arbeitsplatz’5
Setzen Sie sich bequem hin. Wenn Sie mögen, schließen Sie die Augen.
Wenn es angenehmer für Sie ist, können Sie auch einen Punkt im Raum
mit Ihren Augen fixieren. Stellen Sie sich vor, dass Sie an einem Ort sind,
an dem Sie allein sein können und sich gerne aufhalten.
Wenn Sie mögen, können Sie sich auch vorstellen, dass Ruhe Sie umgibt
2 Das trifft leider auch auf das ansonsten von mir geschätzte Buch von W. Ehinger / C.
Henning, aaO., S. 64ff zu. Eine sorgfältige Anleitung und Beispiele für die Praxis bietet
P. Samarah: Fantasie- und Körperreisen für Therapie und Supervision. Neukirchen-
Vluyn 2004. Bewusst bringen auch Chr. Morgenthaler und G. Schibler Imaginationen in
ihre Beratungsarbeit ein. S. Kapitel 6 Kreation und Imagination’, in: Religiös-
existentielle Beratung, aaO., S. 114 153.
3 Im Sinne der von Paul Watzlawick eingeführten Unterscheidung von digitaler und ana-
loger Kommunikation; s. a. Kapitel II. H. Fallner / M. Pohl führen dazu aus: „Analoge
Kommunikation erfordert () Szenisches Verstehen, digitale Kommunikation geschieht
in () Dialog und () Diskussion. […] Ein bewährtes Arbeitsprinzip lautet: die Szene analog
verstehen und digital reflektieren.AaO., S. 207.
4 Zur Wirkmächtigkeit ‚innerer Bilder s. G. Hüther: Die Macht der inneren Bilder, aaO.,
und Ole Vedfelt: Bewusstsein. Grundlagen, Theorien, Entwicklungen. Düsseldorf/-
rich 2000, S. 200 222, der die Entwicklung der therapeutischen Arbeit mit Ima-
ginationen referiert. S. a. Gerhard Roth: hlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn
unser Verhalten steuert. Frankfurt/M. 2003, der das Zusammenspiel von Phantasie,
Kreativität und Intelligenz beschreibt; S. 177 195.
5 DieUrfassung dieser Imagination geht auf Klaus W. Vopel zurück: Lebensziele, in: K.
W. Vopel: Phantasiereisen. Wege des Staunens Bd. 3. Hamburg 3/1992. S. 122 225. S.
a. die Phantasiereise in die Vergangenheit vom ersten Tag an der Seminarschule bis
heute“, die Petra Barz-Meißner mit Studienreferendaren durchgehrt hat. In: P. Barz-
Meißner: Ein Ausbildungskursr Studienreferendare. Identität und Rolle als Lehrer. In:
Astrid Schreyögg / Heinz Lehmeier (Hg.), aaO., S. 55f.
VI. Kapitel: Religion im System 163
wie ein heller, leichter Nebel, der sich immer mehr ausbreitet. Und Sie at-
men dreimal tief durch und der Atem vermischt sich mit dem Nebel, der
Sie wie eine große beschützende Wolke umgibt. Ausgehend von diesem
stillen Platz können Sie nun eintauchen in das Reich der Fantasie, aus dem
Bilder auftauchen, vielleicht erst verschwommen, dann immer deutlicher.
Und nach und nach nnen Sie sehen, dass Sie in einer schwach beleuch-
teten hle stehen, in einem Gang, von dem Sie nicht genau sagen kön-
nen, wie breit er ist und wie hoch.
Nach und nach wird Ihnen klar, dass Sie sich in einem Labyrinth, in ei-
nem Höhlensystem aufhalten, das aus vielen Gängen, kleinen und großen
Höhlen besteht. Für einen Moment kommt vielleicht die Frage hoch, ob
Sie Angst haben müssen, nicht wieder herauszufinden. Aber dann spüren
Sie im tiefsten Innern, dass Sie sich auf Ihre innere Stimme verlassen kön-
nen. Sie wird den Weg, den Sie gehen müssen, erkennen und Sie sicher
führen. Und das Gefühl, sich dieser inneren Stimme anzuvertrauen, und
sich dorthin führen zu lassen, wo Sie schon immer hin wollten, wird im-
mer stärker. Neugierig können Sie alles wahrnehmen und betrachten, was
Ihnen unterwegs begegnet, was Sie auf Ihrem Weg finden.
Und so gehen Sie langsam durch die Höhle, die zum Teil dunkel ist, zum
Teil schwach erleuchtet durch kleine Öffnungen und Spalten in der De-
cke. Und an manchen Stellen können Sie Dinge erkennen, die als Weg-
weiser dienen, und die Ihnen zeigen, dass Sie hier weitergehen können,
um hinaus zu gelangen. Und Sie spüren, dass da vielleicht ganz gegensätz-
liche Gefühle in Ihnen sind, dass da vielleicht ebenso viel Hoffnung wie
Zweifel ist, aber dass auch große Neugier da ist, wo der Weg Sie hinbrin-
gen wird. Lassen Sie sich Zeit, in dieser mmrigen Welt herumzuwan-
dern, mal langsamer, mal schneller, und wenn Sie mögen, legen Sie ab und
zu eine kleine Pause ein. (1 Minute).
Und irgendwann kommen Sie zu einem Ausgang des Labyrinthes, viel-
leicht ganz plötzlich und unerwartet, so dass Sie selbst überrascht sind
und denken: „So einfach ist das.“ Und Sie schauen sich dort genau um,
wo Sie angekommen sind, und es gibt keinen Platz, der für Ihre Ankunft
unmöglich wäre. Vielleicht kommen Sie auf der Dachterrasse eines Hau-
ses an oder an einem weiten Meeresstrand oder auf einer sonnenbeschie-
nenen Waldlichtung, auf einem Berg oder auf einem Kirchturm oder auf
einem fremden Planeten. Schauen Sie sich dort um, wo Sie angekommen
sind und lassen Sie alles ganz ruhig auf sich wirken. Öffnen Sie Ihre inne-
ren Augen und Ohren, Ihre Nase und alle Sinne und lassen Sie den Ort zu
sich sprechen. Lassen Sie ihn in aller Deutlichkeit vor Ihrem inneren Auge
auftauchen und Sie rufen. (1 Minute).
Und wenn das innere Bild Ihres Platzes klar und deutlich zu sehen und zu
spüren ist, dann nnen Sie beginnen, diesen Platz nach Ihren Wünschen
164 VI. Kapitel: Religion im System
zu gestalten: Sie können ein Haus bauen oder einen Garten anlegen. Alles,
was Sie wollen, ist möglich. Sie können eine Fabrik bauen oder eine Werk-
statt einrichten. Stellen Sie sich ganz genau vor, was Sie an diesem Platz
am liebsten tun möchten. Gestalten Sie den Platz so, dass Sie hier das tun
können, was Sie ohne Rücksicht auf andere wirklich möchten. Was
möchten Sie? (1 Minute).
Suchen Sie sich auch eine Beschäftigung, die optimal zu Ihnen und Ihren
Wünschen passt und machen Sie so diesen Platz auch zu einem optimalen
Arbeitsplatz, wo Sie so arbeiten können, dass es Spaß macht und Zufrie-
denheit bringt. Spüren Sie, wie dieser Platz Sie bei allem, was Sie tun, för-
dert. Und wenn Sie zunächst unsicher sind, was Sie wirklich besonders
gern tun möchten, dann probieren Sie doch zunächst das eine oder andere
aus, bis Sie das gefunden haben, was Sie suchen und was Ihnen gut tut:
Einen Bereich, in dem Sie sich entwickeln und schöpferisch sein können.
(1 Minute).
Wenn alles nach Ihren Vorstellungen gestaltet ist, schauen Sie sich Ihr
Werk noch einmal in aller Ruhe an. Vielleicht suchen Sie einen Ort auf,
von dem aus Sie mit etwas Distanz alles genau überblicken können. Be-
trachten Sie Ihr Werk. Nehmen Sie noch Veränderungen vor, wenn Sie
wollen. Und dann prägen Sie sich diesen Ort und die Art und Weise, wie
Sie ihn gestaltet haben, genau ein. Das ist der Ort, an dem sich Ihr Leben
entfalten, wo Ihr Leben gelingen kann! Und Sie wissen, dass Sie immer
wieder an diesen Ort zurückkehren können, um zu erleben und zu spüren,
was Sie möchten und welche Möglichkeiten besonders gut zu Ihnen pas-
sen. Und gerade in Situationen, wenn Sie unsicher sind, wenn Sie an sich
selbst zweifeln und vielleicht zu versagen fürchten, können Sie an diesen
Ort zurückkommen und sich daran erinnern, was für Möglichkeiten Sie
haben.
Und beruhigt darüber, dass Sie durchaus auch mal im Dunkeln tappen
dürfen, in der Gewissheit, dass Sie immer wieder Klarheit und einen fri-
schen Blick in die Zukunft finden werden, nehmen Sie Abschied von ih-
rem Ort, den Sie sich geschaffen haben. Wenn Sie möchten, können Sie
sich von diesem Ort etwas mitbringen oder es auch vergessen und an ei-
nem tieferen Platz in sich aufbewahren, je nachdem, wie es für Sie jetzt
richtig ist.
Und nun kommen Sie zurück von Ihrer Reise, recken und strecken sich
ein wenig und öffnen dann die Augen, nehmen wieder bewusst Kontakt
auf mit dem Raum, mit mir und kommen wieder an den Ort, von dem aus
Sie Ihre Reise angetreten haben.
VI. Kapitel: Religion im System 165
1.2 Transkript – vierte Sitzung
Sv Ja, sich etwas recken und strecken, den rper wieder richtig in Besitz
nehmen. Wie ist es Ihnen ergangen?
Sd Wie ist es mir ergangen? Unterschiedlich fangen wir mit der Höhle
mal an:
Das Labyrinth war ein Raum, gar nicht so unangenehm, es erinnerte
mich an Höhlen, die ich als Kind aus Decken gebaut habe. Als Kind
war ich gerne darin, hatte keine Lust, wieder daraus zu gehen, hatte
Vergnügen am Herumstöbern, was da alles so ist, wäre gerne noch län-
ger geblieben.
Sv Mit welchen Gefühlen war das verbunden?
Sd Geborgenheit, behütet, ‚behüttetsein, Stolz, das Gefühl: das ist mein
eigenes!
Sv Meine eigenen vier Wände!
Sd Auch Eltern und Geschwister durften da nicht einfach herein, mussten
erst fragen.
Sv War es da auch dunkel darin?
Sd Ich hatte mir ein Periskop gebaut, mit dem ich die anderen beobachten
konnte, so eine Art Agent, Spion.
Sv Sie waren geschützt und geborgen durch die Decken, konnten aber die
anderen beobachten.
Sd Ja, sich selbst nicht ganz offen zeigen, selber in Deckung bleiben. Eine
weitere Assoziation bezog sich auf eine Höhle in der Nähe, wo ich auf-
gewachsen bin. Angenehm temperiert, nicht kalt, Dämmerlicht von au-
ßen, Sternenlicht und Mondlicht. Und als ich dann die Höhle verließ,
war interessanterweise der anfangs von mir vorgestellte Raum auch
draußen noch da.
Anfangs hatte ich mir eine Landzunge vorgestellt, am Meer, Felsen, fel-
siger Strand. Ich sitze an dieser Landzunge. Später habe ich noch eine
Bucht gesehen. Von dem Höhlenausgang ging eine Treppe zum
Strand, ein Weg ging am Strand entlang, ab und an vom Wasser über-
flutet; aber man konnte gut gehen, mit einer Reling, die Sicherheit gab.
Ich schmecke Salzwasser, rieche Gegrilltes, höre das Plätschern des
Wassers, gleichmäßigen Wellengang, Zirpen der Grillen, Stimmen vom
Grillplatz, einige Freunde, ein bis zwei sitzen am Meer, insgesamt sehr
ruhig, und dann ein Flüstern.
Der Ort sagt: Komm!
Ich weiß nicht genau, ob es das Meer sagt oder der Grillplatz: Und mei-
ne Assoziation ist dann: ‚Komm, denn es ist alles bereit!’
Dann den Platz gestalten: Da habe ich dann einen Leuchtturm gebaut.
Der Leuchtturm sollte da stehen, aber ich wollte gar nicht hinauf. Der
sollte seine Signale senden, aber da oben wohnen wollte ich nicht.
Ich hatte Mühe, mir einen Ort vorzustellen, wo ich bleiben wollte. Mir
166 VI. Kapitel: Religion im System
war auch nicht klar, wie der Ort sein könnte, wo ich schöpferisch sein
könnte.
Ich wollte eigentlich gar nicht arbeiten.
Ich wollte, dass es hier ruhig bleibt, nichts, was Lärm macht und dass
da auch nicht viele Leute sind.
Ich habe dann ein Haus gefunden, nicht selbst gebaut, ein altes Haus,
mittelgroß, zwei Stockwerke, etwas zurückgesetzt vom Strand. Es plät-
schert ein kleiner Bach vorbei: Mondschein, Sternenlicht, Holzkohle-
ofen, Teekessel, Schreibtisch. Meine schöpferische Tätigkeit habe ich ins
Schreiben verlegt.
Dann habe ich auch mit meiner Tochter und anderen Kindern gespielt,
sonst im Haus gewerkelt, viele Bücher bibliotheksmäßig eingerichtet
, es kamen auch andere, die auch mit den Büchern arbeiten wollten;
aber es durfte immer nur einer mit herein. Alle sprechen immer im ge-
dämpften Ton und man hörte das Knacken der Dielen, wenn man
durch den Raum ging. Ich habe mich dann mit meinen Gästen im ge-
dämpften Ton über Bücher unterhalten. Ein kurzer Gedanke war: Ich
bin ein mittelalterlicher Mönch, der handschriftlich Bücher kopiert,
aber dann habe ich diesen Gedanken wieder verworfen. Das wäre mir
auf die Dauer doch zu langweilig. Lieber möchte ich eigene Sachen
schreiben. Ich fühle mich dort wohl, besonders die Ruhe tut gut.
Der Leuchtturm hat eine doppelte Funktion er ist anziehend und ab-
stoßend zugleich! Mir fiel ein Gedicht von Borchert dazu ein, wo es
heißt:
„Ich will ein Leuchtturm sein für andere und bin doch selbst ein Schiff
in Not!
Auch in der Höhle gab es noch einiges zu sehen: Das erste, was ich ge-
sehen habe, war ein Skelett. Das hat mich aber nicht erschrocken, son-
dern ich fand das eher archäologisch interessant, ich hätte durchaus
Lust gehabt, da weiter zu graben. Nicht ungefährlich, aber ich hatte
keine Angst.
Sv Eine Leiche im Keller?
Sd Vielleicht, aber nicht nur Leichen. Es gab noch einen Raum, der war
wie eine Kirche mit einem Altar und einem Kreuz und an den Wänden
Malereien: Büffel, Jagdmalereien; das nächste war eine Glasvitrine, da
waren Föten drin, künstlich abgetriebene Föten. Das Bild, das ich hatte,
war aus der Ausstellung ‚Körperwelten’; dann wuchs da eine Blume
aus dem Boden, relativ groß, eine Art Sonnenblume und dann war da
eine Frau, die mich weitergeführt hat, meine Assoziation war Lilith, ei-
ne Blinde, die mich durch das Labyrinth geführt hat, eine Gestalt aus
der / von [nicht ganz deutlich herauszuhören] Genesis.
Sv Kannten Sie die Frau persönlich?
VI. Kapitel: Religion im System 167
Sd Nein, sie hatte kein Gesicht, war weiß angezogen; hatte auch keine Stim-
me, sie hat mich herumgeführt; sie hatte eine stimmlose Stimme.
Sv Ich staune. Sie haben nicht nur einen scharfen Verstand, sondern auch ei-
ne beeindruckende imaginative Kraft. Das ist alles andere als selbstver-
ständlich. Ich mache solche Übungen seit vielen Jahren und dass Sie Ihre
inneren Bilder so haben in sich aufsteigen lassen können, setzt eine große
Gelassenheit und Entspannung voraus und auch Mut. Das ist ein ganz
großartiger Fundus und ichchte Ihnen vorschlagen, wenn Sie die Zeit
haben, dass Sie das, was sie gesehen haben, zuchst aufschreiben.
1.3 Reflexion des Transkriptes – Diagnostik in der Supervision
An drei Stellen dieses Sitzungsausschnitts lassen sich Symbole, Themen bzw.
liturgische Versatzstücke aus dem disch-christlichen Zeichenkanon wahr-
nehmen:
In der Höhle gibt es einen Raum, der wie eine Kirche mit Altar und Kreuz
ausgestaltet ist. Diese christlich- kirchliche Symbolik verbindet sich in der
Imagination mit Bildern frühgeschichtlicher Höhlenmalerei. Daneben spielt
die Polarität ‚Tod (abgetriebene Föten, Skelett) und Leben’ (aus dem Boden
chst eine Sonnenblume) eine wichtige Rolle. Als Führerin durch dieses
Labyrinth wird Lilith genannt, die nach dischen Legenden die erste Frau
Adams gewesen sein soll.6 Dem Transkript ist nicht eindeutig zu entneh-
men, ob der Supervisand auf das biblische Buch ‚Genesis oder auf die
Rock-Formation ©‚GENESIS’ Bezug nimmt. Auch in einem späteren Ge-
spräch lt der Supervisand beide Bezüge r möglich und weist auf das
1974 von ©‚GENESIS’ veröffentliche Konzeptalbum „The Lamb Lies
Down on Broadway7 hin, das deutliche Struktur- und Symbolparallelen zu
6 Lilit, Name eines weiblichen mons […] bab.-sum. Herkunft, in der Bibel nur in Jes
34,14 erhnt. Der Name L. ist philol. und traditionsgesch. nicht eindeutig zu entziffern
(‚Nachtdämon’?)“, schreibt Giuseppe Veltri in dem Artikel ‚Lilit RGG 4. Bd. 5. Tübin-
gen 2002, Sp. 373. Dem entsprechend übersetzt die revidierte Lutherbibel von 1984 Jes
34, 14 Lilit auch mit „Nachtgespenst“. Andererseits scheint es fraglich zu sein, ob die
Lilith aus der biblischen Schöpfungstradition mit der sumerischenttin gleichen Na-
mens überhaupt [zusammengebracht werden darf]. Schon gar nicht können wir wie es
sich eingebürgert hat die sumerische Lilith mit Hilfe der biblischen erklären. Nicht nur,
dass die biblischen Überlieferungen erst 1000 2000 Jahre ster einsetzen, sondern
auch, daß die Gestalt hier von vorneherein in anderen Zusammenhängen auftaucht, soll-
te zumindest einer voreiligen Parallelisierung entgegenwirken, gibt die Theologin Vera
Zingsem zu bedenken. In: Dies.: Lilith. Adams erste Frau. Reclam Bibliothek Leipzig
Bd. 1708. bingen 3/2005, S. 27
7 Es handelt sich um die letzte gemeinsam mit Peter Gabriel eingespielte Doppel-LP.All
songs published bei © Genesis Music Ltd/Hit & Run Music (Publishing) Ltd. Recor-
ding and Mixed at Island Studios, August thru’ October 1974. Released November
1974.So die Auskunft der offiziellen Homepage von ©GENESIS: www.genesis-mu-
sic.com Stand 06.01.2006.
168 VI. Kapitel: Religion im System
der Imagination aufweist.
©‚GENESIS’ Konzeptalbum The Lamb Lies Down on Broadway8
Die 23 Songs dieser Doppel-LP erzählen eine surreale Geschichte, die im LP-Cover
zusammenhängend wiedergegeben wird. Held der Geschichte ist ‚Rael’, ein Wesen, das
nicht eindeutig definiert werden kann.9 Rael befindet sich in New York, landet aus
dem ‚Underground’ mit der Rolltreppe auf dem Broadway. Er begegnet u. a. „nightla-
dies“, „Patrolman Frank Leonowich“, einem Lamm, das sich auf dem Broadway nie-
derlegt, einer kauernden Tontaube, Bing Crosby, Martin Luther King und J.F.K. Der
dann folgende Abschnitt zeigt deutliche Parallelen zur Rahmenhandlung der Imagina-
tion: Rael wacht bei dämmeriger Beleuchtung in einen „cocoon“ gewickelt in einer
Tropfsteinhöhle („or kooky tomb, or catacomb“) auf. Nachdem er zwischenzeitlich
seinem Bruder John begegnete, sich in einer modernen Eingangshalle wieder findet,
durch eine Fabrik läuft, macht er sich an die Rekonstruktion seines Lebens („he moves
into a reconstruction of his old life“). In einer weiteren Szene begegnet er einem „mut-
tering monk“ und einem sphinx-like crawler“, der ihm zuruft, dass der Mönch be-
trunken sei. Rael folgt einer Wendeltreppe, die in die Decke hineinführt und gelangt in
eine Kammer mit 32 Türen but only one that leads out“. Erschwerend kommt hin-
zu, dass die Stimmen in diesem Raum immer lauter werden. Nun folgt die Szene mit
Lilith, die in dem 12. Song „Lilywhite Lilith” der ersten LP vertont ist. Im Folgenden
der Original-Wortlaut:
The chamber was in confusion – all the voices shouting loud
I could only just hear a voice quite near say
‚Please help me through the crowd.’
‚Said if I helped her thru’ she could help me too,
But I could see that she was wholly blind.
But from her pale face and her pale skin, a moonlight shined.
Lilywhite Lilith,
She’s gonna take you thru’ the tunnel of night.
Lilywhite Lilith,
She gonna lead you right
When I’d led her through the people, the angry noise began to grow.
She said ‚Let me feel the way the breezes blow
and I’ll show you where to go.’
So I followed her into a big round cave, she said
‚They’re coming for you, now don’t be afraid.’
Then she sat me down on a cold stone throne, carved in jade.
Lilywhite Lilith,
She’s gonna take you thru’ the tunnel of night.
Lilywhite Lilith,
She gonna lead you right.
8 Auf der Homepage von ©GENESIS: www.genesis-music.com findet sich die englische
Originalfassung dieser Geschichte. Eine deutsche Übersetzung der Handlung von Petra
Gehrmann unter www.koepf.de. Eingestellt 04/01/2005.
9 The one in question is all fully biodegradable material and categorized as ‚Rael. [] I
like Rael, yes, even ostriches have feelings” – offen bleibt, ob Rael ein Straußenvogel ist
oder der Erzähler.
VI. Kapitel: Religion im System 169
She leaves me in my darkness,
I have to face my fear,
And the darkness closes in on me,
I can hear a whirring sound growing near.
I can see the corner of tunnel,
Lit up by whatever’s coming here.
Two golden globes float into the room
And a blaze of white light fills the air.
Dann ist Lilith plötzlich verschwunden und Rael „faces his fear once again.“ Es folgt
eine Begegnung mit dem Tod als „Supernatural Anaesthetist“ [sic!]. Ich überspringe
jetzt etliche Szenen und komme auf das Ende von Raels Odyssee zu sprechen, das ihn
an einen unterirdischen Wasserfall führt. Auf der einen Seite das steil abfallende Ufer
des Wasserfalls und auf der anderen Seite der Broadway, der Ausgangspunkt seiner
Reise. Als Rael gerade loslaufen will, hört er die Hilferufe seines Bruders John aus dem
Wasser. „He pauses for a moment remembering how his brother had abandoned him.
Then the window begins to fade its time for action.” Nachdem er seinen Bruder
John aus den reißenden Fluten gerettet hat, sieht er in dessen Gesicht: „He staggers
back in recoil for staring at him, with eyes wide open, is not John’s face but his
own.“ Schließlich zerschmelzen die Körper von Rael und John mit/in einem „rush of
energy”. Und die Geschichte endet mit den Worten: Yet it fills everything with its
mysterious intoxicating presence. It’s over to you.“
War eingangs von einem Bilderüberschuss’ der Imaginationen die Rede,
so kann bei der Handlung dieses ©‚GENESIS’ Konzeptalbums von ei-
nem ‚Parforceritt’ durch kulturgeschichtliche Jahrtausende und immer-
hin noch einige Jahrzehnte US-amerikanischer Pop- und Politik-Ge-
schichte gesprochen werden. Hier beschränke ich mich auf die Berüh-
rungspunkte zu den Bildern, die in dem Supervisanden während der Ima-
gination ‚aufgestiegen’ sind. Auffällig ist eine gewisse mehrfach unter-
brochene – Strukturparallele im Ablauf: die Höhle, Lilith als blinde Führe-
rin, das Wasser und der Ruf, der am Ende an den Helden ergeht. Auch
ein Mönch kommt in beiden Handlungsabläufen vor, wobei ich allerdings
bereits bei den Unterschieden bin: Die Höhle ist bei dem Supervisanden
anders ausgestaltet; Lilith begegnet dem Helden in der ©‚GENESIS’-Ge-
schichte nicht in der hle, sondern in einer höher gelegenen Kammer
mit 32 Türen; der Mönch ist bei ©‚GENESIS’ betrunken („the monk is
drunk“, ruft der „crawler“) und eine eher randständige Erscheinung, h-
rend sie in der Imagination des Supervisanden eine wichtige Identifikati-
onsfigur darstellt; der Vergleich der Schlusssequenzen enthüllt entgegen-
gesetztes ‚Lösungsverhalten’: Während Rael sich todesmutig in die Fluten
stürzt, um seinen ungeliebten Bruder zu retten und gerade darin sich
selbst zu finden, folgt der Supervisand dem Ruf der Abendmahlsliturgie
‚Komm, denn es ist alles bereit’ und findet darin sein ‚Heil’. Meine
Hypothese ist, dass die Imaginationsvorgaben Stichworte wie ‚Höhle’,
Labyrinth’, dämmrige Welt’ Erinnerungen an das ©‚GENESIS’-Album
aus dem biographischen Gedächtnis des Supervisanden hervorgerufen ha-
ben, an die dann andere innere Bilder des Supervisanden ‚andocken
170 VI. Kapitel: Religion im System
konnten.10 Deshalb erscheint es mir sinnvoll, die einzelnen Motive der
Imagination und ihre jeweiligen kulturgeschichtlichen bzw. theologischen
Hintergründe noch einmal genauer anzuschauen.
Die Kirche mit Altar, Kreuz und die Höhle mit Jagdmalereien
Die ungewöhnliche Kombination traditioneller kirchlicher Symbole wie
Kreuz und Altar, beides ursprünglich Hinrichtungs- bzw. Opferungsin-
strumente, mit prähistorischen Jagdszenen verweist auf die Täter-Opfer-
Polarität: Auf der einen Seite christliche Opfervorstellungen, symbolisiert
durch Kreuz und Altar, auf der anderen Seite die mutigen Jäger, die sogar
mächtige Büffel zur Strecke bringen. Der Aachener katholische Theologe
und Religionspädagoge Georg Baudler beschreibt in seiner Arbeit ‚Die
Befreiung von einem Gott der Gewalt’11 eben diesen Wandlungsprozess
des Menschen vom Opfer zum Täter. Baudler geht davon aus, dass zu-
nächst die Menschen Beute wilder Tiere waren. Sie waren zwar Opfer,
aber verehrten zugleich ihre Peiniger als Götter. Im weiteren Verlauf der
Menschheitsgeschichte dreht sich diese Opfer-Täter-Relation in ihr Ge-
genteil: Der Mensch wird zum ger (Täter), der selbst die bedrohlichsten
(Raub)Tiere erlegt und sich so zugleich an die Stelle Gottes setzt. Die
frühgeschichtlichen hlenmotive spiegeln möglicherweise genau diesen
Wechsel wider: Sie zeigen den Menschen, der seine neu gewonnene Macht
genießt, weil er über die archaischen Kräfte des Tieres triumphiert. „Die
Tötung des großen und starken Tieres, vorwiegend des in der Regel
schwarzen Stiers, war wohl immer schon ein kultischer Akt, in dem der
Mensch symbolisch die göttliche Schicksals- und Naturgewalt an sich zu
reißen, zu überwinden und essend sich einzuverleiben suchte, biblisch
ausgedrückt ein ‚Sein-Wollen-wie-Gott’, ein Griff nach dem Baum in der
Mitte des Gartens Eden“,12 so Georg Baudler. Es geht also in dieser Sym-
bolik um die Polarität, die uns bereits zuvor mehrfach beschäftigte: ‚All-
macht Ohnmacht’, ‚Täter– Opfer’ und so meine Vermutung auch
um die Vater-Sohn-Thematik.
Täter und Opfer
Der Büffel bzw. Stier ist natürlich gerade in der Tiefenpsychologie ein
Symbol, das auf starke männliche Triebkräfte hinweist. Die Jung-Schüle-
rin Anniela Jaffeé ist davon überzeugt, dass „jedes Symbol […] einen Weg
zur Bewusstmachung eines unbewussten Inhalts dar[stellt], denn es trans-
portiert ihn ins Fassbare“. „Hier ist die Trieb- und Instinktwelt – eine Ge-
fahr für den unbewussten, aber unerlässlich im Leben des bewussten
Menschen. Die Instinkt- und Tierseele drängt sich der Phantasie in immer
10 Zu „unterschwelligen (subliminalen) Wahrnehmung[en]“ und dem Zusammenspiel von
Bewusstem, Vorbewusstem und Unbewusstem s. Gerhard Roth: Fühlen, Denken, Han-
deln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, aaO., S. 196 240; Zitat S. 229.
11 Georg Baudler: Die Befreiung von einem Gott der Gewalt. Düsseldorf 1999.
12 Ebd., S. 32.
VI. Kapitel: Religion im System 171
neuen Gestalten auf, so als wolle sie sich unter allen Umständen bemerk-
bar machen und dem Bewusstsein einprägen, und zwar als das, was sie in
Wirklichkeit ist: als eine sorgfältig und religiös zu beachtende Grundtatsa-
che des Lebens.“13 Bei dem stark christlich-religiös geprägten Supervisan-
den könnte es sich, so eine mögliche Hypothese, um einen unbewussten
Grundkonflikt handeln, in dem eine triebgesteuerte, aggressiv-streitlustige
Seite gegen eine übermächtige christliche Sublimierung ankämpft. Der Jä-
ger, der seine eigene nnlichkeit, auch seine aggressiven Anteile akzep-
tiert, erhebt sich gegen eine christliche Opfer-Theologie, die permanent
die Hervorbringung neuen Lebens unterbindet (eine ganze Glasvitrine an-
gefüllt mit abgetriebenen Föten)! Der Jäger nimmt sein Leben selbst in die
Hand und setzt sich an die Stelle des Vater-Gottes.
Diagnostik in der Supervision
Ich möchte daran erinnern: Das alles sind Hypothesen! Und diese Hypo-
thesen dienen nicht der therapeutischen Analyse, sondern der supervisori-
schen Diagnostik und sind deshalb im Supervisionsprozess auf die beruf-
lichen Situationen zu beziehen! Der Diagnostik-Begriff ist in der lösungs-
und ressourcenorientierten Supervision nicht unumstritten14 und verlangt
deshalb nach einer der supervisorischen Verwendung angemessenen Defi-
nition. Supervisorische Diagnostik dient nicht einem beliebigen Stochern
in der Vergangenheit’, sondern folgt bestimmten beratungsrelevanten Zie-
len. In Aufnahme einer Zusammenstellung Christine Böckelmanns nenne
ich folgende Aspekte:15
Supervisorische Diagnostik wertet die gesammelten Informationen
aus, um daraus relevante und weiterführende Interventionen zu entwi-
ckeln.
Supervisorische Diagnostik sucht nicht nach kausalen Ursachen, son-
dern ist „als eine breit verstandene ‚Lebensweltanalyseim Dienste des
Verstehens der Problemsituation“16 zu konzipieren. Dabei sind nach
H. G. Petzold folgende Beobachtungsfelder bzw. Identitätsbereiche zu
berücksichtigen: Leiblichkeit, soziales Netzwerk, Arbeit Leistung
Freizeit, materielle Sicherheit, Normen und Werte.17
Es geht in der supervisorischen Diagnostik nicht darum, ein ‚Krank-
heitsbild’ bzw. ein Modell der gesammelten Defizite zu erstellen, son-
dern eine situationsgerechte Beschreibung der Situation und der ge-
wünschten Veränderungen zu gewinnen.
13 Aniela Jaff: Sakrale Symbole, der Stein und das Tier, in: Carl Gustav Jung et al.: Der
Mensch und seine Symbole. Solothurn/sseldorf 14/1995, S. 239.
14 S. Chr. Böckelmann, aaO., S. 58ff; dort auch weiterführende Literatur.
15 Eine Zusammenstellung von diagnostischen Fragen auch in: Chr. Morgenthaler /G.
Schibler, aaO., S. 76.
16 Chr. Böckelmann: aaO., S. 59.
17 Die fünf Säulen der Identität nach H. G. Petzold: Integrative Supervision, aaO., S. 374.
172 VI. Kapitel: Religion im System
Deshalb dient supervisorische Diagnostik der Absicht, den gemeinsa-
men Prozess „kontinuierlich zu reflektieren. […] Das zukünftige Fort-
schreiten ist verankert in der Wahrnehmung und dem Verstehen von
dem, was in der Gegenwart (und seiner Entstehungsgeschichte) vor-
liegt. Es kann in der Beratung kein ‚Entweder-Oder’ zwischen Zu-
kunftsorientierung und lebensgeschichtlich-biographischer Orientie-
rung geben. […] Die Entwürfe, welche ein Mensch für seine Zukunft
hat, beeinflussen die persönliche Erzählung der Vergangenheit, und
die Vergangenheit beeinflusst die Entwürfe für die Zukunft.“18 In
‚analogen Metaphern’ ausgedrückt wird in der Supervision immer mit
dem ‚Rückspiegel’ und der ‚Taschenlampe zugleich gearbeitet: Der
Rückspiegel erhellt das Bewältigungskonzept, das dem/der Supervisan-
den/in bislang zur Verfügung steht; die Taschenlampe leuchtet aus, wo
neue ‚Spielräume’ die Arbeit erleichtern können.
Zusammenfassend greife ich eine Formulierung von Heinz J. Kersting: „Für
die Supervision ist die Diagnose wichtig. Diagnostizieren ist konstruktivis-
tisch betrachtet ein anderes Wort für Beobachten. Denn ein Durch-und-
durch-erkennen, ein Dia-gnostizieren kann sich nur derjenige einreden,
der sich im Besitz der Wahrheit dünkt.19
Zurück zum Prozess gilt es zunächst zu fragen, ob die Polaritäten ‚Macht-
Ohnmacht’, ‚Täter-Opfer’, ‚Aggressionen zulassen alles mit sich machen
lassen’ auch im beruflichen Alltag wiederkehren.
Lilith, abgetriebene Föten und eine Sonnenblume
Die zweite Polarität dieser Szenerie hatte ich schon kurz angedeutet:
‚Künstlich abgetriebene Föten’ plastifiziert wie in Gunther von Hagens’
Körperweltenausstellung werden mit einer in actu weiter wachsenden
sonnenblumenähnlichen Pflanze kontrastiert. Die Hypothese drängt sich
auf, dass es im Leben des Supervisanden vitale Anteile geben könnte, die
ihm schon in einer sehr frühen Lebensphase ‚aus-getrieben’ wurden (Fö-
ten), die nun aber mit großer Energie (Sonnenblume) ans Licht drängen.
Die Symbolik dieser Sequenz legt die Vermutung nahe, dass es sich dabei
um sehr elementare, basale Lebensäußerungen handelt, die in einem rigi-
den evangelikal-protestantischen Umfeld keinen Entfaltungsraum finden
konnten oder durften.20 In diesem Zusammenhang ist weiter zu beachten,
dass der Supervisand von einer blinden Lilith durch dieses Labyrinth ge-
führt wird. Wie eingangs bereits kurz erwähnt, soll Lilith die erste Frau
Adams gewesen sein, die bereits vor dem Sündenfall (Genesis 3) aus dem
Paradies entfernt wurde, weil sie nicht bereit war, sich Adams Willen zu
18 Chr. Böckelmann: aaO., S. 60f.
19 H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 25.
20 Das wird durch ein steres Erlebnisprotokoll des Supervisanden verifiziert.
VI. Kapitel: Religion im System 173
beugen.21 Der Lilith-Mythos hat im Laufe der Jahrtausende vielfältige Fa-
cetten entwickelt: Dabei zieht er seine Energie aus der Spannung von Fas-
zination und Schrecken, von Verführung (und der Lust verführt zu wer-
den) und Vernichtung (der Angst, verschlungen zu werden). So geben die
Talmudisten „Lilith meist die Gestalt eines geputzten und verführerischen
Weibes mit langem Haar, halb entblößten Brüsten, die Männer betört und
Kinder bedroht.“22 In der berühmten Lilith-Darstellung des englischen
Malers Dante Gabriel Rossetti (1828 1882) überwiegt die romantische
Verklärung er ist von seinem eigenen Lilith-Gemälde so betört, dass er
ihm eigens ein Gedicht widmet.23
Dagegen klingen in Goethes Lilith-Sicht die monischen Züge sehr viel
21 Als Gott den ersten Menschen erschaffen hatte, sagte er: ‚Es ist nicht gut, daß der
Mensch allein sei und schuf ihm eine Frau gleich ihm aus Erde und nannte sie Li-
lith. Bald begannen sie, miteinander zu streiten: Sie sagte zu ihm ‚Ich will nicht unter dir
liegen. Und er sagte: ‚Ich will nicht unter dir liegen, sondern auf dir, weil du verdienst,
die Unterlegene zu sein und ich, der Überlegene zu sein.Sie sagte zu ihm: Wir sind bei-
de gleich, weil wir beide aus Erde gemacht sind. Und sie wollten nicht aufeinander hö-
ren. Als Lilith das gewahr wurde, rief sie den spezifischen Namen Gottes aus und erhob
sich in die Lüfte der Welt. Adam (Mensch) rief seinen Scpfer an und sprach: Gott der
Welt, die Frau, die du mir gabst, ist mir weggelaufen.’ (So im Alphabet des Ben Sira 23
a-b; zitiert nach V. Zingsem, aaO., S. 28) Als Adam nach der Flucht Liliths klagte und
nicht allein bleiben wollte, erbarmte sich Gott und schuf ihm, nun aus Adams Rippe,
Eva. Eva also ist symbolisch nicht zur Gleichberechtigung, sondern zur Unterwerfung
bestimmt. So tte ein ewiger patriarchaler Friede im Paradies geherrscht mit einem
dominanten und einem inferioren Geschlecht, wenn nicht die Schlange die auch in
dieser Gestalt als symbolisierte Lilith gesehen wird die Verführung und damit den
Ungehorsam und Konflikt wieder in die Szene gebracht hätte.“ (Der Psychiater und
Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz schildert mit diesen Worten die Fortsetzung der
Lilith-Legende. In H. J. Maaz: Der Lilith Komplex. Die dunklen Seiten der
Mütterlichkeit. nchen 2005, S. 15).
22 Ebd., S. 13.
23 Lilith. Für ein Gemälde
Man sagt von Lilith, Adams erster Frau,
der, die er liebte, ehe Eva kam,
daß ihre Zunge süße Nachtigall
ihn tiefer täuschte als der Schlange Wort.
Und ihre Locken waren rotes Gold.
Die alte Erde sieht sie ewig jung.
Mit Mohn und Rosen ist ihr Hals umkränzt.
Verloren in des Sinnens Dunkelheit
Knüpft sie ein starkes Netz aus mildem Licht,
in dem sie Leib und Sinn der Männer ngt.
Wo ist er, Lilith, der sich nicht dem Duft,
den sanften Küssen, sanftem Schlaf ergibt?
Schau, wie des nglings Blick in deinem brennt:
dein Zauber macht ihn zahm, beugt seinen Stolz,
umschnürt sein Herz mit einem goldenen Haar.
Zitiert nach V. Zingsem, aaO., S. 41.
174 VI. Kapitel: Religion im System
deutlicher mit, wenn er in seinem ‚Faust’ während des zauberischen Trei-
bens auf dem Blocksberg Faust fragen lässt: „‚Wer ist denn das?’ Me-
phisto antwortet: ‚Lilith ist das …, Adams erste Frau. Nimm dich in acht
vor ihren schönen Haaren, vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig
prangt. Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, so lässt sie ihn so bald
nicht wieder fahren.24 So verdichtet sich im Laufe der Jahrhunderte die
Figur der Lilith immer stärker zum „Urbild […] als ‚wollüstiges Weib’ und
später schließlich als Schutzgöttin der Prostitution und Dämonin der
Onanie, als Verführerin zur verbotenen Lust.“25
In der Analytischen Psychologie Carl G. Jungs wird Lilith dann zur „To-
desmutter“,26 der negativen, verschlingenden Seite des Archetypus des
Großen Weiblichen. Auch dieser Aspekt hat Anhalt an dem eingangs zi-
tierten Mythos; denn Liliths mangelnde Unterwerfungsbereitschaft und
ihr Eigensinn werden von Gott bestraft: „Die Strafe heißt ewiges Gebären
von zum Sterben verurteilten dämonischen Kindern und ein Dasein als
lüsterne Verführerin und grausame Kindsmörderin, verdammt dazu, an
den unwirtlichen und trostlosen Plätzen der Erde bei den wilden Tieren
zu hausen. So wird sie zur Dämonin, die Schwangeren und Wöchnerinnen
Schaden zufügen und Kinder rauben und töten kann.“27
Ein weiterer, für das Verstehen des Supervisanden möglicherweise we-
sentlicher Aspekt wird durch die Frauenbewegung eingebracht, die in Li-
lith das „Sinnbild der rebellischen Frau“28 sieht. Die jüdisch-feministische
Theologie erkennt in ihr die Urmutter der wahren Weiblichkeit, die sich
weder von Adam noch von Gott unterjochen lässt und sich zu ihrer sinn-
lichen Geschöpflichkeit bekennt.29
Hans-Joachim Maaz bündelt die genannten Facetten des Lilith-Mythos „zum
Lilith-Komplex“, der durch drei wesentliche Aspekte charakterisiert wird:30
24 Zitiert nach H. - J. Maaz, aaO., S. 13.
25 Ebd., S. 13.
26 V. Zingsem, aaO., S. 61.
27 H. - J. Maaz, aaO., S. 14, der sein Buch auch auf dem Hintergrund zahlreicher Kindstö-
tungen durchtter (und Väter) in den letzten drei Jahren verfasst hat. „Der wichtigste
Teil des Lilith-Komplexes, den ich für kulturzerstörend halte und r eine wesentliche
Quelle von Gewalt und Krieg – im kleinen wie im großen -, ist der kinderfeindliche As-
pekt. Es ist der Archetypus der furchtbaren verschlingenden Mutter, die neugeborene
Kinder raubt und tötet, die als ‚Würgerindas Blut der Kinder trinkt und das Mark aus
seinen Knochen saugt. Orthodox-jüdischen chnerinnen werden deshalb noch heute
Schutzamulette umgelegt. Ebd., S. 20
28 Ebd., S. 14.
29 Jüdische Feministinnen verwenden gern die alte Form des Midrasch, um ihre Anliegen
zu formulieren. Besonders um die Gestalt Liliths, der ersten Frau Adams (nach einer
Interpretation des ersten Schöpfungsberichts), kreisen solche neuen Midraschim gern.“
Marianne Wallach-Faller: Die Frau im Tallit Judentum feministisch gelesen, aaO., S.
169.
30 H. - J. Maaz, aaO., S. 16f.
VI. Kapitel: Religion im System 175
„1. Die gleichwertige Frau, die dem Manne weder untergeordnet noch beige-
ordnet ist, sondern, gleich ihm, aus gleichem Ursprung entstammt und mit
gleichem Recht ausgestattet ist.
2. Die sexuell aktive Frau, mit eigener Lustfähigkeit und Verführungskraft,
wodurch sie nicht mehr darauf angewiesen ist, nur erwählt und genom-
men’ zu werden. Sie steht für ihre sexuellen Bedürfnisse aktiv ein, sie
sorgt für ihre Lust und kann im Liebesspiel auch aktiv geben.
3. Die kinderfeindliche Frau, die Mutterschaft ablehnt, um nicht gebunden,
verpflichtet und abhängig zu sein.“31
Lilith – Eva – Adam und das Genderthema
Wenn man bedenkt, dass es der feministischen Theologie mit der Adap-
tion des Lilith-Mythos letztlich um die Überwindung einer körper- und
sinnenfeindlichen Theologie und Theopraxie geht, unter der Frauen und
Männer leiden, dann stellt sich die Frage, was es heißt, dass eine ‚blinde’
Lilith den Supervisanden sicher durch das Labyrinth führen kann. Auf je-
den Fall schlägt der Supervisand mit dem Bild der Lilith die Gender-The-
matik an: Ist eine Frau, die nichts sehen darf/kann, eine verlässlichere
Führerin durch das Labyrinth der Seele / des Lebens oder wofür immer
die hle stehen mag als jeder sehende (intellektuelle) Mann? Oder darf
eine sinnliche Frau ihn nur führen, wenn/weil sie blind ist? Leitet die Kin-
der mordende Lilith ihn fort von den abgetriebenen Föten? Wohin?
Stopp! So lautet eine der Grundregeln, die ich zu Beginn eines jeden Super-
visionsprozesses einführe. Jede/r Supervisand/in kann jederzeit ‚Stopp’
sagen, wenn es zu persönlich, zu dicht’ wird; denn Supervision ist keine
Therapie. Gegen eine kulturgeschichtliche, religionsgeschichtliche, theolo-
gische Verortung der imaginierten Bilder ist nichts einzuwenden, auch
nichts gegen Hypothesen und Ideen, die sich daraus ergeben. Aber, daran
erinnere ich mich selbst noch einmal: „Selbstdeutungen sind besser als
Fremddeutungen“32 und „die Themen sind immer wieder auf die Arbeits-
beziehungen zurückzubeziehen“.33 Unter Berücksichtigung dieser Selbst-
beschränkung’ drängen sich folgende Fragen auf:
Welche Vorstellungen hat der Supervisand von der Ausgestaltung der Ge-
schlechterrollen und inwiefern tangieren sie seinen Berufsalltag? Hat die
Beziehung zu seiner Frau und die Art und Weise, wie diese konkret gelebt
wird, Auswirkungen auf seine beruflichen Möglichkeiten? Wie ist z. B. die
Rollenverteilung im Haushalt? Wer übernimmt welche Aufgaben? Wer
kümmert sich wann, wie lange, in welcher Weise um die einjährige Toch-
ter? Inwieweit hat diese praktizierte Rollenverteilung Konsequenzen im
31 Ebd., S. 17.
32 N. Belardi 2/1998, aaO., S. 54.
33 Wie unshrend der Supervisionsausbildung von Heinrich Fallner immer wieder in Er-
innerung gebracht wurde.
176 VI. Kapitel: Religion im System
Berufsalltag (Vor- und Nachbereitung des Unterrichts / Ausgeschlafen-
sein / Belastbarkeit etc.)? Das alles sind Fragen, die durch die Gestalt der
Lilith aufgeworfen werden und deshalb den Wahrnehmungshorizont der
nächsten Sitzungen erweitern.
Die jüdisch-feministische Theologin Marianne Wallach-Faller trug als Prä-
sidentin der Vereinigung jüdisch-feministischer Theologinnen und an
Theologie interessierter Frauen’ einen Midrasch vor, der auf die Versöh-
nung von Lilith, Eva und Adam abzielt: Seit jenen Urzeiten wartet Lilith
immer zu „Rosch Haschana, dem Geburtstag der Schöpfung, und an Jom
Kippur, dem Versöhnungstag, […] darauf, dass Adam und Eva zu ihr
kommen, um sich mit ihr zu versöhnen, damit sie gemeinsam die Verklei-
nerung der Frau rückgängig machen und so den ursprünglichen Schöp-
fungsplan verwirklichen und die Erlösung herbeiführen können. Die Söh-
ne Adams und die Töchter Evas und Liliths tragen den Zwiespalt zwi-
schen den ersten Menschen bis in unsere Zeit weiter. Bis heute werden Li-
liths Töchter weiter ausgegrenzt. Die Zeit von Rosch Haschana und Jom
Kippur wäre ein guter Zeitpunkt, um dies zu überdenken und sich zu ver-
söhnen – und um den ursprünglichen Schöpfungsplan endlich zu verwirk-
lichen.“34 Die Schöpfung hat nur Zukunft, wenn die Versöhnung gelingt
zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen den unterschiedlichen
Frauenrollen, wie sie von Lilith und Eva repräsentiert werden.35 Auch bei
dem Supervisanden könnte dieses Thema eine Rolle spielen: Versöhnung
zwischen Sinnlichkeit, Sexualität, Selbstbestimmung (Lilith) auf der einen
Seite und Verantwortung, Pflicht, Unterordnung (Eva) auf der anderen
Seite.
Der Mönch in der Bibliothek
Nachdem der Supervisand die Höhle verlassen hat, baut er einen Leucht-
turm. Zum Arbeiten hat er eigentlich keine große Lust, auch nicht, dem
Vorschlag zu folgen, dort ein Haus zu bauen. Er findet dann ein altes
Haus, ‚bibliotheksmäßig eingerichtet’. Einen kurzen Moment stellt er sich
vor, er wäre ein Mönch, der in kunstvollen Zeichen heilige Schriften ko-
piert. Dieser Gedanke wird aber schnell wieder verworfen. Einerseits
scheint der Supervisand ein großes Ruhebedürfnis zu haben, darauf
weisen auch andere Besonderheiten hin: Immer darf nur einer den Raum
betreten. Es darf nur in gedämpftem Ton geredet werden. Auf der
anderen Seite steht der Wunsch, Zugang zu seinen eigenen vitalen Seiten
zu bekommen und sie auch zu leben. Daraus resultiert eine innere
Spannung: Im Augenblick ist Ruhe und Erholung eben Regeneration
angesagt; aber auch ein monastisches Leben re auf Dauer für den
Supervisanden keine verlockende Perspektive.
34 M. Wallach-Faller, aaO., S. 171.
35 S. a. H. – J. Maaz, aaO., S. 195 – 200: „Die Integration von Lilith“.
VI. Kapitel: Religion im System 177
Ausschnitt aus dem Erlebnisprotokoll
Diese Interpretation bekräftigt der Supervisand in seinem Erlebnisproto-
koll:
„… die gedämpften Stimmen draußen, die Ruhe in der Bibliothek meines
Hauses, das alles scheint mir ein Widerhall meiner derzeitigen Sehnsucht
nach innerer und äußerer Ruhe zu sein. Ich möchte zur Ruhe kommen, das
ist mir klar; denn ich merke selbst, wie unruhig und ungeduldig ich zurzeit
bin. Aber wie gelingt mir das ‚Zur Ruhe Kommen’? Und danach: Wie be-
wahre ich mir diese Ruhe angesichts meines unruhigen Alltags?“
Das heilige Mahl
Besonders intensiv erlebt der Supervisand die Passage, in der er eine Stim-
me hört, die ihn ruft: ‚Komm, denn es ist alles bereit!’ Bereits im anschlie-
ßenden Auswertungsgespräch artikuliert er eine innere Ambivalenz: Er ist
sich nicht sicher, ob das Meer ihn ruft, um ihn in den Suizid zu locken
‚Komm zu mir, lass dich gehen, lass alles sein, löse dich in mir auf, gib
auf’, oder ob der Ruf von dem Grillplatz herkommt und in Analogie zum
Abendmahl gerufen wird Komm, denn es ist alles bereit. Sehet und
schmecket, wie freundlich der Herr ist.’ Er ist sich sicher, dass da Freunde
sind, die ihn rufen; aber die Freunde bleiben undeutlich, ohne klare Ge-
sichter und Konturen.
Einswerden mit der Gottheit durch Selbstauflösung
Der Supervisand thematisiert hier zwei Grundfunktionen von Religion,
die beide auf das Einswerden mit der Gottheit abzielen: Wenn er dem
Lockruf des Meeres folgt, löst er sich auf in der Natur, der Schöpfung,
dem Kosmos; eine uralte Vision vieler Religionen, die aber auch dem
Christentum nicht unbekannt ist (s. Paulus 1, Kor 15, 28: „[…] damit
Gott sei alles in allem“– als große eschatologische Perspektive). Auch in
dem Satz Jesu ‚Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s
finden’ (Mt 10,39) und in der paulinischen Tauftheologie –
(die Taufe ge-schieht εσ τòν θáνατον ατο und sst den Menschen
ν Χρστ Ιησο sein und mit den Mitchristen ν σµαwerden; in
der Taufe hat der Mensch Anteil am Tod Christi, an seiner Auferstehung
und an seiner Existenz in der Gemeinde; 6,3ff; Gal 3,27ff; 1. Kor
12,13)
schwingen Vorstellungen mit, die die Elemente Tod, Wasser, Selbstauf-
lösung in ein größeres, ‚höheres Ganzes’, miteinander verbinden. Gerade
in depressiven Phasen hat der Sog des Wassers für viele Menschen eine
große Faszination und Anziehungskraft (s. J. W. v. Goethes ‚Fischer’:
‚Halb zog sie ihn, halb sank er hin, und ward nicht mehr gesehn’).36 Auch
der Supervisand scheint in seiner augenblicklichen beklemmenden beruf-
36 Johann Wolfgang Goethe: Der Fischer (1778). In: Deutsche Balladen. Auswahl und
Nachwort von Konrad Nussbächer. Stuttgart 1967, S. 83.
178 VI. Kapitel: Religion im System
lichen Situation für solche Schwingungen empfänglich zu sein: ‚Lass dich
gehen, lass dich fallen, gib auf, hör auf zu kämpfen, lass dich ganz einfach
treiben’. In die gleiche Richtung tendiert das Bild der einen Zitathälfte des
Borchert-Gedichtes ‚…und bin doch selbst ein Schiff in Not’.
Einswerden mit der Gottheit durch Einverleibung37
Die andere Form der Vereinigung mit Gott ist statt sich von Gott ver-
schlingen zu lassen ihn selbst zu verschlingen. Nichts anderes geschieht
je nach Konfession mehr oder weniger symbolisch im Abendmahl
bzw. in der Eucharistie, der christlich-domestizierten Variante des Wech-
sels vom ‚Gejagten zum Jäger’. Hier muss zumindest nach Ostern
nicht mehr Gott selbst getötet und verschlungen werden, sondern es
reicht der symbolische Akt, um Anteil am Göttlichen zu erhalten. Auch
hier scheint sich der Supervisand in einem spannungsvollen Zustand zu
befinden, fühlt sich hin und her gerissen zwischen der Versuchung, sich
gehen zu lassen, nicht mehr zu kämpfen, sich zu opfern, wofür auch im-
mer, und dem Ruf des ‚letzten Mahls’, das zwar Nahrung gibt und stärkt,
aber dann doch auch von ihm verlangt, selbst Verantwortung zu über-
nehmen.
Leuchtturm und Schiff in Seenot
Das Borchert-Gedicht, das dem Supervisanden in den Sinn kommt, ist die
Einführung in den zwischen 1940 und 1945 entstandenen Gedichtzyklus,
der mit „Laterne, Nacht und Sterne. Gedichte um Hamburg“ überschrie-
ben ist:38
Ich möchte Leuchtturm sein
In Nacht und Wind
Für Dorsch und Stint,
für jedes Boot –
und ich bin doch selbst
ein Schiff in Not!
Das Symbol des Leuchtturms nimmt den Impuls, Verantwortung über-
nehmen zu müssen, wieder auf: Der Leuchtturm soll zwar Signale senden,
‚aber da oben wohnen wollte ich nicht’, formuliert der Supervisand. Auch
hier wieder die Spannung zwischen dem Druck, als (Religions)Lehrer ein
Leuchtturm in der Brandung sein, Vorbildlichkeit, Sicherheit, Verlässlich-
keit ausstrahlen zu sollen, und der Sehnsucht, sich zu entziehen, ja mehr
37 Zur kulturwissenschaftlichen ‚Einordnung’ des Abendmahls s. Manfred Josuttis und
Gerhard Marcel Martin (Hg.): Das heilige Essen. Kulturwissenschaftliche Beiträge zum
Verständnis des Abendmahls. Berlin/Stuttgart 1980.
38 Abgedruckt in: Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk. Hamburg 1949, S. 5.
VI. Kapitel: Religion im System 179
noch, sich selbst als Schiff in Seenot retten zu lassen. Auf den Punkt ge-
bracht, ließe sich auf dem Hintergrund dieses Bildmaterials’ die Situation
des Supervisanden folgendermaßen beschreiben: ‚Als Religionslehrer soll
ich Retter sein und fühle mich doch gerade in dieser beruflichen Rolle
zurzeit rettungslos untergehen.
‚support-systems’ und Theologie als Ressource
Das ‚funktionale Auge’ nimmt die Freunde, von denen der Supervisand
spricht, verstärkt in den Blick: Wichtig ist, dass es überhaupt Freunde gibt,
auch wenn sie noch relativ konturenlos sind. Als Supervisor sehe ich hier
potenzielle Unterstützungssysteme. Der Supervisand ahnt, dass er Unter-
stützung bekommen kann, auch wenn er noch nicht genau weiß, wo sie
liegt und wie sie konkret aussehen wird. Der folgende Ausschnitt aus dem
Erlebnisprotokoll zeigt auf eindringliche Weise, wie der Supervisand seine
eigene theologische Kompetenz als eine wesentliche Ressource für sein
Leben und seine Arbeit aktiviert:
„Damit bin ich bei dem letzten Punkt, der mich seit der Supervisionssitzung
beschäftigt, nämlich bei dem Satz "Komm her, es ist alles bereit." Auch die-
ser lässt sich in mehrfacher Weise interpretieren. In der Sitzung stand für
mich eine Interpretation im Vordergrund, die mich etwas vor mir selbst er-
schrecken ließ: Lockt mich das Meer in den Suizid? Neige ich dazu, mich
dem Ganzen hinzugeben und mein Leben dafür zu ‚opfern’? Im Duktus die-
ser Überlegungen, die ich gerade schreibe, drängt sich mir eine andere In-
terpretation auf: Dass man Mensch sein darf, dass ich Mensch sein darf, das
muss einem, das muss mir ja erst einmal gesagt werden. In den Worten des
Abendmahls wird es mir gesagt: ‚Kommt her, denn es ist alles bereitet,
schmecket und sehet, wie freundlich unser Gott ist.’ Theologisch gesagt: Der
Satz aus dem Meer und von der Grillstelle her kann mir meine Rechtferti-
gung ausdrücken: Komm her. Vor allem, was du angeblich tun musst, steht
die Einladung und die Vergewisserung: Es ist alles bereitet. Das macht mir
Mut. Natürlich werde ich auch weiter meinen Unterricht vorbereiten, aber
ich als Person bin im Letzten nicht abhängig davon, ob der Unterricht ge-
lingt oder nicht. Mehr und mehr erlebe ich den Satz, so wie ich ihn auch
ganz spontan in der Fantasiereise erlebt habe: Als wohltuend, weil entlas-
tend.“
Und noch einmal: das Opfer
Bemerkenswert finde ich, wie prägnant die Ambivalenz der Religion hier
auf den Punkt gebracht wird: Selbsthingabe, Selbstaufopferung des Men-
schen für Gott (?) oder die (Selbsthin)Gabe Gottes für den Menschen
das scheinen die Alternativen zu sein. Entweder gebe ich mich (Gott?) hin
oder Gott (Christus?) gibt sich mir hin! Der Supervisand scheut sich nicht,
hier explizit den Opferbegriff einzuführen. Was meint er damit, wenn er
sagt ‚Neige ich dazu, mich dem Ganzen hinzugeben und mein Leben da-
180 VI. Kapitel: Religion im System
für zu „opfern“?’ Wer oder was ist dieses ‚Ganze’? Was würde er wem mit
welchem Ziel konkret opfern, wenn er sich den Verlockungen und Gefah-
ren des Meeres hingäbe? Meint er damit, seine Menschlichkeit, seine Au-
thentizität der Lehrerrolle zu opfern oder gar ‚alles hinzuwerfen’ und ganz
aufzugeben. Und was hieße dann ‚ganz’? Den Beruf aufzugeben oder das
Leben? Klar ist allerdings die Antwort, für die er sich letztlich entscheidet:
‚Ich darf Mensch sein!’ – auch im Unterricht!
Die theologische (Be)Deutung und Gewichtung des Opfer(tode)s ist theo-
logiegeschichtlich bis heute heftig umstritten.39 Die Bochumer Syste-
matische Theologin Magdalene L. Frettlöh verlangt von der Theologie,
„bestehende Opfersysteme nicht länger zu verklären, sondern sie differen-
ziert zu analysieren“.40 Dabei kann einmal die im Englischen vorhandene
Unterscheidung von sacrifice’ („religiöse Opfer)“ und ‚victim’ („Opfer im
Gegenüber zum Täter“)41 beitragen. Des Weiteren sollen präzise Fragen
dazu anleiten, Opferideologien zu entlarven: „Wer bringt das Opfer dar
(Opferspender)? Durch wen wird das Opfer dargebracht (Opfervollzie-
her)? Wem wird das Opfer dargebracht (Opferempfänger)? Wer ist das
Opfer? Wem kommt das Opfer zugute (Opfernutznießer)?“42 Damit sind
39 S. dazu Georg Baudler: Das Kreuz. Düsseldorf 1997, bes. die Seiten 232 – 265, und aus
evangelischer Sicht u. a.: Hans-Martin Gutmann: Symbole zwischen Macht und Spiel.
Religionspädagogische und liturgische Untersuchungen zum Opfer. ttingen 1996;
ders.: Die tödlichen Spiele der Erwachsenen. Moderne Opfermythen in Religion, Politik
und Kultur. Neuausgabe Münster 2004 (PopKuRT2); aus feministisch-theologischer
Perspektive: Elisabeth Moltmann-Wendel: Gibt es eine feministische Kreuzestheologie?
In: Dies. / Jürgen Moltmann: Als Frau und Mann von Gott reden. (KT 99) München
1991, S. 100 117; dies.: Opfer oder Hingabe Sühnopfer oder Gottesfreundschaft.
Wiennen wirr uns heute den Tod Jesu verstehen? In: Andreas Wagner (Hg.): Süh-
ne Opfer Abendmahl. Stuttgart 1999, S. 63 77; Helga Kuhlmann: Gott braucht
keine Opfer. Eine theologische Kritik an Strukturen der Prostitution. In: Frank Crüse-
mann et al. (Hg.): Dem Tod nicht glauben. Sozialgeschichte der Bibel. Festschrift für
Luise Schottroff zum 70. Geburtstag. Gütersloh 2004, S. 528 543. Die Deutung des
Todes Jesu als Sühnopfer halten für unverzichtbar: nter Bader: Die Ambiguität des
Opferbegriffs. In: NZSTh 36/1994, S. 59 74; Magdalene L. Frettlöh: Braucht Gott
Opfer? In: Frank Crüsemann / Udo Theissmann (Hg.): Ich glaube an den Gott Israels:
Fragen und Antworten zu einem Thema, das im christlichen Glaubensbekenntnis fehlt.
Gütersloh 1998 (KT 168), S. 49 – 54; dies.: Gott braucht keine Opfer! ‚Er wurde gehor-
sam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz; darum hat ihn auch Gott erhöht(Phil 2,8f).
In: Corinna Dahlgrün / Hans Darmstadt (Hg.): neue musik in der kirche IV: gottes-
fleisch. Interdisziplire Tage für Neue Musik und Theologie 17. 20. Juni 2004 – Do-
kumentation und Auswertung. Frankfurt/M. 2005, S. 58 71; Bernd Janowski: Hingabe
oderOpfer’? Die gegenrtigen Kontroversen um die Deutung des Todes Jesu. In: Ru-
dolf Weth (Hg.): Das Kreuz Jesu. Gewalt Opfer Sühne. Neukirchen 2001; Christof
Gestrich: Christentum und Stellvertretung. Tübingen 2001; s. a. Christof Gestrich: Arti-
kel Opfer IV. Dogmatisch in RGG 4. Bd. 6. Tübingen 2003, Sp. 585 588.
40 M. Frettlöh: Braucht Gott Opfer? AaO., S. 50.
41 Ebd., S. 49.
42 Ebd., S. 51.
VI. Kapitel: Religion im System 181
wir wieder bei der Frage nach dem Gotteskonstrukt angekommen: Gehö-
ren Opfervorstellung und Gottesvorstellung für den Supervisanden zu-
sammen? An welchen Gott glaubt der Supervisand? An einen, der seinen
Sohn opfert, um seinen eigenen Zorn zu stillen?43 Oder an einen Gott,
der in sein eigenes Leid verliebt ist, der Leid und Tod heiligt, zu Askese,
Selbstkasteiung oder gar Martyrium auffordert?44 Oder an einen Gott, der
auf seine (All)Macht verzichtet, um so den Menschen Raum zu geben, ihr
eigenes Menschsein in Analogie zu ihm zu entdecken und zu entfalten?45
43 In einer strengen Logik hat ANSELM [sic!] von Canterbury in seiner Schrift Cur Deus
homo diesen Sühnegedanken durchgehrt: Durch die menschliche Sünde ist seine
[Gottes] Ehre (honor) geraubt worden. […] Also muß an die Stelle der Strafe die Ersatz-
leistung, satisfactio treten. Diese aber kann einerseits nur von Gott selbst geleistet werden,
denn die Kränkung der Ehre Gottes durch die Sünde des Menschen entspricht in ihrem
M dem in seiner Ehre Gekränkten, ist also unendlich. Andererseits aber muß diese sa-
tisfactio durch einen Menschen geleistet werden. Denn es ist der Mensch, der Gottes Eh-
re kränkte. Darum m eine satisfactio, soll sie hier überhaupt glich sein, durch den
Gottmenschen geschehen. Damit kann ANSELM verständlich manchen, daß Gott
Mensch werden musste, und zwar um zu sterben.So Friedrich Mildenberger in seiner
Biblischen Dogmatik. Eine Biblische Theologie in dogmatischer Perspektive Band 2:
Ökonomie als Theologie. Stuttgart/Berlin/Köln 1992, S. 177. Zahlreiche Lieder im EG
besingen den gestillten Zorn Gottes. Als Gemeindepfarrer fiel es mir in der Passions-
zeit immer schwer, Lieder zu finden, die ichguten Gewissensmitsingen konnte.
44 M. L. Frettlöh verweist auf Paul Gerhardts Lied O Welt, sieh hier dein Leben (EG 84,
bes. Strophe 12, aaO., S. 174f) und EG 82, 4 (Justus Gesenius, ebd., S. 170f) für sie die
massivsten Gewaltfallen“, in die Kreuzestheologie, -predigt und -fmmigkeit geraten
können. Magdalene L. Frettlöh: Der auferweckte Gekreuzigte und die Überlebenden se-
xueller Gewalt. In: Rudolf Weth (Hg.): Das Kreuz Jesu, aaO., S. 77 104; Zitat S. 99.
Dieser Aspekt der Wirkungsgeschichte christlicher Kreuzestheologie wird durch die fe-
ministische Theologie am deutlichsten kritisiert: Gerade christliche Liturgien werden
durch die emotionale Verwurzelung als besonders verngnisvoller Ausdruck einer un-
terdrückerischen und sadistischen Kreuzestheologie analysiert, hebt Luise Schottroff in
ihrem Artikel „I. Feministische Kritik an Kreuzestheologien imrterbuch der Femi-
nistischen Theologie (Herausgegeben von Elisabeth Gössmann / Elisabeth Moltmann-
Wendel / Herlinde Pissarek-Hudelist / Ina Praetorius / Luise Schottroff / Helen
Schüngel-Straumann.tersloh 1991, S. 226 – 231) hervor (Zitat S. 227). S. a. ebd. Do-
rothee lle: IV. Kreuz und Auferstehung, S. 233 – 236: „Feministische Theologie sieht
sich also gegenüber der herrschenden Theologie zur grundlegenden Kritik sado-maso-
chistischer christlicher Deutungstraditionen genötigt und andererseits zur Wiederentde-
ckung der dischen und christlichen Martyriumsgeschichte als einer Befreiungsge-
schichte, in der Frauen Subjekte befreienden Handelns sind.(S. 236); s. a. E. Molt-
mann-Wendel: Gibt es eine feministische Kreuzestheologie? AaO., und dies.: Opfer
oder Hingabe, aaO.
45 Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt (Markus 15, 34)! Der Gott, der
uns in der Welt leben ßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir
dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott ßt sich aus der Welt he-
rausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und
nur so ist er bei uns und hilft uns. Es ist Matthäus 8,17 ganz deutlich, daß Christus nicht
hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens!“ Dietrich
Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. v.
Eberhard Bethge. tersloh 1951. (KT 100)tersloh 16/1997, S. 191f. „Auf das Op-
182 VI. Kapitel: Religion im System
Sowohl in der Imagination als auch im Erlebnisprotokoll ist der Ruf ‚von
der Grillstelle her’ stärker als der Sog, sich zu ‚opfern’. Die Worte aus der
Abendmahlsliturgie scheinen wie ein Schlüsselreiz zu wirken, der affektiv
und kognitiv eine ganze Welt von positiven Assoziationen in dem Super-
visanden auslöst: ‚wohltuend, weil entlastend’.
2 Religiöse Systemschleifen und die Wirksamkeit des Religiösen
im System
Redundanzen
Problematische Verhaltenssequenzen bzw. Lösungs- und Vermeidungs-
strategien, die sich immer ufiger wiederholen, werden in der systemi-
schen Familientherapie Systemschleifen, Problemtrancen oder Redundan-
zen genannt. „Die Beobachtung von Redundanzen innerhalb der Familie
ermöglicht es, bestimmte Wechselbeziehungen einzelner Interaktionspart-
ner bzw. ihrer Verhaltensweisen zu erkennen; also zum Beispiel: Wann
immer A sich auf die eine Weise verhält, reagiert B auf die andere. Damit
ist jedoch keine Kausalität etwa der Art gegeben, dass das Verhalten A’s
das B’s verursachen würde, sondern eben lediglich die Verknüpfung sol-
cher Verhaltensweisen im Sinne eines Musters oder einer Struktur,“46 de-
finiert das Handbuch ‚Die Sprache der Familientherapie’.
Solche Redundanzen, Systemschleifen bzw. Problemtrancen gibt es offen-
sichtlich auch bei der Wirksamkeit von Familiencredos und individuellen
Gotteskonstrukten. „Wenn der Dialog zwischen dem Gotteskonstrukt
und dem Selbst abbricht oder in sich endlos wiederholenden Schlaufen
verläuft, sind die Konsequenzen ziemlich genau die Gleichen wie in ande-
ren Beziehungen.47 M.a.W.: Auch ein Gottesbild, ein Gotteskonstrukt
kann sich abnutzen bzw. totlaufen. Selbstbild und Gottesbild stehen nicht
mehr in einer lebendigen, sich gegenseitig anstoßenden, bereichernden
Beziehung, sondern machen sich gegenseitig klein oder versuchen sich gar
zu vernichten: Gotteskonstrukt und Selbst sprechen sich gegenseitig die
Existenzberechtigung ab: ‚Du bist verloren’ bzw. Ich glaube nicht mehr
an dich!’48
fer Jesu darf sich keiner berufen, der immer noch Opfer im Namen Gottes fordert,
macht er damit doch die Auferweckung des Gekreuzigten zunichte. Und zugleich: Auf
das Opfer Jesu darf sich jede berufen, die nach Gottes Eintreten für das Recht derer
schreit, die unschuldig, mitschuldig oder selbstverschuldet in die Opferrolle geraten
sind, bringt M. Frettlöh die Dialektik des Opferbegriffs und der Deutung des Todes Je-
su auf den Punkt. M. L. Frettlöh: Braucht Gott Opfer? AaO., S. 52.
46 F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 267.
47 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 258.
48 Auch bei dem Psychoanalytiker T. Moser lassen sich Ansätze systemischen Denkens
ausmachen, wenn er schreibt:Damit möchte ich nun Ursache und Wirkung, soweit wir
überhaupt in solchen Kategorien denken können, nicht einfach umkehren, Gott und die
Kirche oder die vermittelnden Instanzen entschuldigen, sondern eher auf zirkure Pro-
VI. Kapitel: Religion im System 183
Rechtfertigung allein aus Glauben?
Die gute Erfahrung des Supervisanden im Ausleben seiner authentischen
Gefühle im Unterricht und die Unterstützung, die er für dieses Verhalten
in der supervisorischen Arbeit erhielt, haben die ‚reformatorisch-rechtfer-
tigenden’ Anteile seines Gotteskonstruktes gegenüber den Allmachtsvor-
stellungen allem Anschein nach gestärkt. Ganz ähnlich wie die Paulus-An-
hänger („Wie nun, sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz,
sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!“ 6, 15,49 s. a. 6, 1f.)
kann er diesem ‚Zuspruch des Evangeliums’ doch nicht so recht trauen.
In der folgenden Supervisionssitzung formulierte er seine Bedenken:
Sd Ja, damit bin ich auf jeden Fall nicht durch. Beim letzten Mal war für
mich eine Erkenntnis, dass es gut war, dass ich mich als Mensch auch
mit Grenzen gezeigt habe; aber ich merke, ich bin damit noch nicht fer-
tig, ich muss da noch weiterkommen. [Zögern] es war okay mein
Verhalten, aber mir ist noch nicht so recht klar, was ich eigentlich
möchte.
Mir ist von der Fantasiereise dieses noch nachgegangen: Komm, denn
es ist alles bereit das ist ja etwas sehr Entlastendes, dass Gott einlädt.
Aber so ganz kann ich das ja nicht glauben: Alles bereit!
Ich bereite mich ja trotzdem vor und setze ein gewisses Energiepoten-
zial da herein. Wie ist das mit dem ‚Alles’ zu verstehen? Mit einer ge-
wissen Relaxtheit dahingehen, von dir allein hängt jetzt nicht alles ab.
So habe ich das im Kopf, aber meine Gesamtheit als Lehrer kann das
noch nicht nachvollziehen. Wo ist der Part, den ich dann wirklich tra-
gen muss, wo ich Verantwortung übernehmen muss?
Und was mir noch nachgegangen ist, das ist das mit dem Leuchtturm:
selbst leuchten zu wollen und zugleich selbst ein Schiff in Not zu sein.
Aber vielleicht ist das ja auch etwas, was man zeigen kann, wenn man
sich nur auf sich selbst verlässt, kann man den klaren Weg gar nicht
gehen und das kann man ja auch zeigen, dass das zum Menschsein da-
zugehört.
Was mich in einer Sitzung davor noch sehr beschäftigt hat, ist die Fra-
ge: Ist das der richtige Beruf für mich!?
Was macht mir eigentlich am meisten Spaß und kommt das in dem Be-
ruf überhaupt vor?
Wo könnte es vorkommen? Meine Freude, um die Ecke zu denken, in
Dinge auch einmal tiefer einzusteigen, die Theologenseite, wo ich mich
sicher fühle, wo ich mich selbstbestimmt fühle.
zesse und schicksalhaft vorgegebene Dispositionen hinweisen. Sie setzen destruktive
Schleifen in Gang, aus denen es unter Umständen keinen Ausweg mehr gibt und die in
stabilen religiösen Neurosen oder Psychosen enden, hrend die Schleifen bei anderen
Menschen eher zur Auswahl und Verarbeitung positiver Anstöße hren.“ Erträglicher
Gott, aaO., S. 72.
49 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
184 VI. Kapitel: Religion im System
Das ‚innere Parlament’50 und Religion als Ressource
Bei aller Verunsicherung, die zu spüren ist,
wird gerade in diesem Abschnitt aber auch
deutlich, dass die Theologie, das ‚Um-die-
Ecke-Denken’ für den Supervisanden eine
sehr wertvolle Ressource ist. Zugleich treten
die inneren Kämpfe zutage, die der Supervi-
sand mit sich selbst austrägt. Für diese inner-
psychische Dynamik hat Helm Stierlin in An-
lehnung an Gunther Schmidt die sehr an-
schauliche Metapher des ‚inneren Parlamen-
tes’ eingeführt: „In diesem Parlament ringen einzelne Fraktionen um
Macht, Wertschätzung und Durchsetzung ihrer Bedürfnisse. Die Fraktio-
nen kommunizieren miteinander offen oder verdeckt. Sie schließen Bünd-
nisse, die für kürzere oder längere Zeit halten, sie sorgen für wechselnde
oder auch andauernde Mehrheitsverhältnisse.“51 Die Teile des Familien-
credos, die den Supervisanden unter Druck setzen, verführen und ‚reisen’
unter sehr differenzierten Konnotationen als Verantwortung, Anstren-
gung, Kontrolle, Opfer und sie kämpfen um die Vorherrschaft mit den
Elementen des Gotteskonstruktes, die von dem Supervisanden mit Los-
lassen, Entlastung und Ermutigung in Verbindung gebracht werden.
Rechtfertigung und Heiligung
Theologisch gesprochen geht es um die rechte Zuordnung von Zuspruch
und Anspruch des Evangeliums’, wie die Barmer Theologische Erklärung
im Kirchenkampf 1934 verfasst und heute in den meisten EKD-Kir-
chen einer der Basistexte in ihrer zweiten These sehr präzise formuliert:
„Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unsere Sünden
ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf
unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den
gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen
Geschöpfen.“52 Eben auf diese Reihenfolge kommt es an! Gottes Wort
ergeht als Zuspruch und Anspruch, als Evangelium und Gesetz, wie Lu-
ther sagen würde, als Indikativ und Imperativ, Rechtfertigung und Heili-
gung immer in dieser Reihenfolge! Damit steht und fällt nach evangeli-
schem Verständnis die Kirche (articulus stantis et cadentis ecclesiae),53
50 S. H. Stierlin: Ich und die anderen, AaO., S. 79 110.
51 Ebd., S. 106.
52 In: Alfred Burgsmüller (Hg.): Zum politischen Auftrag der christlichen Gemeinde (Bar-
men II). Gütersloh 1974, S. 14.
53 Grundsätze, mit denen die Kirche steht und fällt.’ Siehe Eberhard Jüngel: Das Evangeli-
um von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens. Tü-
bingen 1998, S. 13. S. a. Hans Joachim Iwand: Gesetz und Evangelium. Nachgelassene
Werke. Vierter Band hg. von Walter Kreck. München 1964, S. 451: „Also muß das
Evangelium und der Glaube der Lex vorausgehen, damit sie als ‚gesunde Lehre’ er-
kannt und geübt wird.S. 451.
VI. Kapitel: Religion im System 185
„dass durch die Person Jesu Christi die menschliche Leistung aus dem
Gottesverhältnis ausgeschlossen ist. Nicht was der Mensch verdient, son-
dern was dem Menschen geschenkt wird, bestimmt das durch die Person
Jesu Christi konstituierte Gottesverhältnis“54 so fasst der Systematische
Theologe Eberhard Jüngel die Rechtfertigungslehre zusammen. Oder, und
damit versuche ich wieder die Brücke zur Supervision zu schlagen, die Zu-
sage des Evangeliums ist überhaupt erst der Ermöglichungsgrund, Wirk-
lichkeit als einen Raum der Verantwortung in Freiheit zu konstruieren.
Folgerungen
Was bedeutet das für den Fortgang der supervisorischen Arbeit?
In Anlehnung an Morgenthaler und zugespitzt auf die Frage nach der
Funktion und Bedeutung von Religion in der Supervision lässt sich
festhalten, dass die religiösen Orientierungen einer Familie, auch wenn
sie z. T. zu familiären und beruflichen Problemen beitragen, auf jeden
Fall auch eine Fülle von Glaubensvorstellungen, Symbolen, Ressour-
cen und Sprachformen bereit halten, die Supervisoren/innen für den
supervisorischen Prozess brauchen können und auch brauchen sol-
len.55
Wenn Religiosität und Theologie für diesen (und möglicherweise auch
für andere) Religionslehrer so nachhaltig wirkmächtig sind, scheint es
mir unerlässlich, im Supervisionsprozess auch daran und damit zu ar-
beiten.
Aber wie soll daran gearbeitet werden und welche Auswirkungen erge-
ben sich daraus für das Selbstkonzept des Supervisors, der im konkre-
ten Fall zwar auch Theologe ist, aber doch primär in seiner Superviso-
renrolle gefragt ist? Den religiös-hermeneutischen Erwartungshorizont
in der Beziehung Supervisand-Supervisor, die beide Theologen sind,
zu akzeptieren, ist für mich unproblematisch. Auch kann ich mir vor-
stellen, den Supervisanden auf seinem eigenen ‚Lösungsweg’, den er in
theologischer Sprache beschreibt, zu bestärken.
Den Supervisionsprozess als „consolatio fratrorum (sic!) et sororum“56
(Trost der Brüder und Schwestern) zu interpretieren, die Supervisions-
profession als „(kirchliches) ‚Amt’“57 zu verstehen und mich gemein-
sam mit dem Supervisanden „vor Gott als dem ‚gemeinsamen Supervi-
sor’“58 stehen zu sehen, wie es Wolfgang Drechsel vorschwebt, wider-
strebt allerdings meinem supervisorischen Selbstverständnis. Natürlich
ist meine Position nicht wertneutral, vertrete ich selbst auch bestimmte
54 E. Jüngel: Das Evangelium, aaO., S. 154.
55 S. Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 91; ders. / G. Schibler, aaO., S.
46ff u. ö.
56 W. Drechsel, aaO., S. 345.
57 Ebd., S. 347.
58 Ebd., S. 345.
186 VI. Kapitel: Religion im System
theologische Positionen und könnte mir nicht vorstellen, den Supervi-
sanden auf einem Weg zu unterstützen, der gegen mein Gewissen ver-
stoßen würde. Aber die Profession des/der Supervisors/in bleibt für
mich ein profaner Beruf und mutiert nicht zum geistlichen Amt in dem
Augenblick, wenn religiöse Themen zur Sprache kommen oder viel-
leicht sogar eine dominierende Rolle zu spielen beginnen. Grundsätz-
lich gehe ich zunächst von einem ergebnisoffenen Prozess aus, in dem
Religion und Theologie als Ressourcen willkommen sind.
Die hier aufgeworfenen Fragen nach einem verantwortungsvollen, profes-
sionell-supervisorischen Umgang mit religiösen/theologischen Themen in
der Supervision werden uns im nächsten Kapitel noch genauer beschäfti-
gen.
3 Der Blick zurück –
auf den Supervisionsprozess
Religiöse Bilder sind im Unbewussten / im inneren Parlamentdes Su-
pervisanden wirksam, auf die mit Imaginationen und/oder kreativen
Medien zugegriffen’ werden kann. Die geleitete Imagination setzt eine
Fülle von Bildern frei, die es für den Prozess auszuwerten und lö-
sungsorientiert fruchtbar zu machen gilt.
Innere Spannungen und Polaritäten werden durch die Imagination ver-
balisiert und ermöglichen so eine diagnostische Hypothesenbildung: Ein ro-
ter Faden ist die Polarität ‚Allmacht Ohnmacht’, ‚Täter Opfer’ und
‚Vater – Sohn’.
Eine weitere Hypothese bezieht sich auf das Gender-Thema: Möglicher-
weise gibt es eine Sehnsucht nach ‚sinnlich-weiblicher’ Befreiung nach
‚Versöhnung’ von Sinnlichkeit, Sexualität und Selbstbestimmung auf
der einen Seite und Verantwortung, Pflicht und Unterordnung auf der
anderen Seite. Auf die Genderthematik ist im weiteren Prozessverlauf
auf jeden Fall weiter zu achten!
Der Supervisand ist augenblicklich erschöpft, möchte aber nicht ‚ausstei-
gen’.
Der Supervisand ist offensichtlich hin- und her gerissen zwischen der Be-
reitschaft, sich zu opfern’ und der Sehnsucht, ‚einfach nur Mensch
sein’ zu dürfen. Im Sinne einer Ressourcenorientierung ist weiter zu
verfolgen, wer ggf. ‚die Freundesind, die ihn in seinem Entwicklungs-
prozess unterstützen können.
Es gibt möglicherweise vitale Lebensbedürfnisse des Supervisanden, die
bisher nicht gelebt werden konnten.
Religiosität / Theologie sind wichtige Ressourcen des Supervisanden. Wichtig
VI. Kapitel: Religion im System 187
ist, darauf zu achten, dass alle diagnostischen Versuche der Hypothe-
senbildung dienen und immer wieder auf den Prozess und die berufli-
che Situation zurück zu beziehen sind.
auf die Untersuchung
Auch ein Gottesbild, ein Gotteskonstrukt kann sich abnutzen bzw. totlaufen.
Selbstbild und Gottesbild stehen nicht mehr in einer lebendigen, sich
gegenseitig anstoßenden, bereichernden Beziehung, sondern machen
sich gegenseitig klein oder versuchen sich gar zu vernichten.
Das individuelle Gotteskonstrukt des Supervisanden und das Familiencre-
do werden auch im Supervisionsprozess wirksam.
Die Bearbeitung dieser Gotteskonstrukte wirkt zurück auf das ‚innere
Parlament’ des Supervisanden und beeinflusst seinen familiären und
beruflichen Alltag.
Die Bearbeitung des individuellen Gotteskonstruktes des Supervisan-
den wirkt aber auch auf den Supervisor und auf sein ‚inneres Parlament’.
Dazu muss der Supervisor eine professionelle Haltung entwickeln.
Religiosität und Theologie sind offensichtlich wichtige Lebens- und Berufs-
ressourcen. Wie sieht ein verantwortungsvoller Umgang mit solchen Res-
sourcen aus?
188 VI. Kapitel: Religion im System
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
189
VII. Kapitel
‚Der sein Leben hingibt…’
Von der Notwendigkeit religiöser Feldkompetenz
1 Religiöse Feldkompetenz als ‚conditio sine qua non’
Der bisherige Prozessverlauf belegt nachdrücklich, wie sehr religiöse Ele-
mente in der supervisorischen Arbeit mit diesem Religionslehrer und Be-
rufsschulpfarrer konstitutiv sind!
Das gilt zum einen rein quantitativ:
Fast alle gravierenden beruflichen Erfahrungen, aber auch fast alle ‚Aha-
Erlebnisse’ des Supervisanden im bisherigen Supervisionsprozess wurden
von ihm in religiösen Denkfiguren verarbeitet und ausgedrückt.
Das gilt aber auch in qualitativer Hinsicht:
Ich behaupte, dass die theologischen Denkfiguren des Supervisanden so
anspruchsvoll und komplex sind, dass sie von Nichttheologen möglicher-
weise nur schwer nachzuvollziehen sind. Auf dem Hintergrund dieses Be-
fundes legt sich zum einen nahe, dass ich als theologisch ausgebildeter Su-
pervisor die eigene Religiosität und theologische Kompetenz aktiv in die
supervisorische Arbeit einbringe, zum anderen stellt sich damit zugleich
aber auch die grundsätzliche Frage, wie eigentlich die Feldkompetenz von
Supervisoren/innen beschaffen sein muss, um Religionslehrer/innen an-
gemessen supervidieren zu können.
Zwischen Betriebsblindheit und Affizierungsfalle
In fast allen Supervisionslehrbüchern und Nachschlagewerken wird die
Gratwanderung zwischen zu hoher Feldkompetenz und der damit ver-
bundenen Gefahr, in Betriebsblindheit abzurutschen, bzw. zu geringer
Feldkompetenz und dem Risiko, sich in der Affizierungsfalle zu verirren,
beschrieben.1 Selbstverständlich gelten beide Versuchungen auch für Su-
1 S. N. Belardi 2/1998, aaO., S. 40ff; Astrid Schreyögg: Supervision, aaO., S. 63: “So ist
die Forderung nach der sogenannten Feldkompetenz des Supervisors in gewissem
Umfang auch ein ethisches Postulat. Und weiter ebd., S. 178: Wenn der Supervisor
mit der Kultur von Supervisanden ad originem vertraut ist, kann ihm umfassende
Verständigung über alle inhaltlich und situativen Phänomene leichter gelingen. Genau
das kann sich aber auch als Nachteil von Supervision erweisen. Wenn das so
selbstversndlich Erscheinende von ihm nie hinterfragt oder in Zweifel gezogen wird,
gewinnen auch die Supervisanden keine neuen Perspektiven.“ Es entwickelt sich dann
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
190
pervisionsprozesse mit Religionslehrer/innen. Wenn ich als ausgebildeter
Theologe und Religionslehrer mit über zwanzigjähriger Berufspraxis Reli-
gionslehrer/innen supervidiere, bringe ich natürlich eine differenzierte
Feldkompetenz mit und brauche mir von den Supervisanden theologische
Sachverhalte wie etwa die Rechtfertigungslehre, die „reformatorischen
Exklusivpartikel“2 oder das Theodizeeproblem3 nicht lange erklären zu
lassen. Dass „unreflektierte Feldkompetenz […] hinderlich sein“4 kann,
ist unwidersprochen richtig! Gerade angesichts des eingangs dargestellten
hohen Identifikationsgrades von religiösen Fragestellungen, Glaubensaus-
sagen und religiösen Wertvorstellungen ist selbstkritische Wachsamkeit
geboten, will man nicht in die ‚Systemfalle’5 tappen.
Ein mich in dieser Hinsicht nachdrücklich prägendes Kindheitserlebnis war ein ‚Ge-
spräch’ zwischen meinem Vater und einem ‚Zeugen Jehovas’, das ich mit ungefähr
acht Jahren ‚belauschte’. Die beiden ‚gestandenen’ Männer schlugen sich, so war be-
reits damals mein Empfinden, die Bibelverse wie Peitschenhiebe um die Ohren. Am
Ende erschienen sie leer und erschöpft und niemand hatte sich auch nur einen Milli-
meter auf den anderen zubewegt. Verloren hatten alle: Die beiden mpfer, am meis-
ten aber die biblische Botschaft, die mir auf einmal entwürdigt und benutzt vorkam.
Die damals empfundene Abscheu hat sich mir tief eingeprägt.
Die Gefahr, die bei aller Empathie eben auch notwendige kritische
Distanz zum/r Supervisanden/in zu verlieren, sich auf theologische
Grundsatzdiskussion einzulassen, vorschnell eigene Verstehensmuster
einzutragen und gemeinsam um die ‚rechte Glaubenswahrheit’ zu ringen,
ist sicherlich ernst zu nehmen.6 Gerade hier ist besonders sensibel darüber
zu wachen, dass der/die Supervisand/in die Themen bestimmt und auch
‚seine’ Lösungen findet!
Plädoyer für Religiöse Feldkompetenz
So sehr ich diese Gefahr sehe und auch ernst nehme, erscheint sie mir
doch vergleichsweise gering im Unterschied zu den Schwierigkeiten, die
sich für den/die religiös und theologisch unkundige/n oder gar desinte-
ressierte/n Supervisor/in auftun. Auf den Forschungsstand zum Thema
so etwas wie „Systemblindheit“. Ebd., S 178; s. a. Heidi Möller: Was ist gute Supervisi-
on? AaO., S. 293f.
2 Solus Christus sola gratia solo verbo sola fide. E. Jüngel: Das Evangelium von
der Rechtfertigung, aaO., S. 126.
3 Die Frage nach der Gerechtigkeit, genauer nach der Rechtfertigung Gottes angesichts
des Leides in der Welt.
4 N. Belardi 2/1998, aaO., S. 42.
5 Systemfallemeint, dass der/die Supervisor/in den Kontakt zu sich verloren hat und
sich nicht mehr im Gegenüber zu den Supervisanden/innen befindet. Er/sie hat sich
völlig im System aufgest’. Siehe dazu auch die Ausführungen zum Identifikationsther-
mometer in Kapitel II!
6 Too often one gets debate rather than dialogue, warnen J. L. Griffith und M. E. Grif-
fith: Encountering, aaO., S. 148.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
191
‚Systemische Therapie und Religion’ habe ich bereits verwiesen.7 Im Blick
auf die Frage der Relevanz religiöser Themen für die Supervisionsarbeit
haben meine Internetrecherchen keine seriösen Ergebnisse erbracht. Si-
cherlich alles lässt sich erfragen und auch die diffizilsten theologischen
Zusammenhänge kann sich der/die Supervisor/in von seinem/seiner Su-
pervisanden/in darstellen lassen. Doch in der Praxis erscheint mir diese
Möglichkeit eher unrealistisch. Ich vermute, jede neunzigminütige Super-
visionssitzung wird beendet sein, ehe der Supervisand/die Supervisandin
auch nur ansatzweise ‚klar-gestellt’ hat, was für ihn/sie z. B. bei den litur-
gischen Worten „Kommt, denn ist alles bereit“ alles mitschwingt. Denn es
geht dabei ja gar nicht um isolierte historische, wissenschaftlich-theologi-
sche oder liturgische Aussagen, sondern vielmehr um das ‚innere Kon-
strukt’, das alle diese einzelnen Elemente zu einem subjektiven Geist-See-
le-Leib-Netzwerk verknüpft. Oder um es an der oben benannten Polarität
Gott-Satan deutlich zu machen: Natürlich hat jede/r Supervisor/in vom
Satan oder vom Teufel gehört. Aber was verbindet er/sie damit? Die
Bandbreite reicht vom Haribo-Fruchtgummi-Teufel über die Teufelsge-
stalten im Märchen bis hin zur Gestalt des Mephisto in Goethes Faust!
Wird er/sie jedoch die Zeit, die innere Bereitschaft und Freiheit besitzen,
sich auf die vielfältigen Facetten und Nuancen der jüdisch-christlichen Sa-
tan-διάβολος-Geschichte einzulassen? Deshalb das Postulat:
Wer religiös-theologische Deutungssysteme im Hintergrund nicht ‚mitlaufen’ lassen
kann, wird die religiösen Konstrukte, die Systemcredos, die religiös geprägten Polaritä-
ten von Religionslehrern/innen schwerlich verstehen oder möglicherweise sogar gänzlich
überhören.8
Merkmale religiöser bzw. theologischer Feldkompetenz – Pastorale Supervision
Der Supervisor/die Supervisorin, der/die mit religiöser Bilder- und Ge-
dankenwelt nicht vertraut ist und an dem zugehörigen Zeichenkanon
nicht oder kaum partizipiert, wird nur eine geringe Chance haben, mit-
schwingende Themen, „Themen hinter den Themen“,9 Nebenklänge etc.
herauszuhören.10 Deshalb fordert der Wuppertaler Praktische Theologe
Michael Klessmann, langjähriger Leiter des Seelsorge-Institutes der Kirch-
lichen Hochschule Bethel und Lehrsupervisor (DGfP), zu Recht, dass Su-
pervisoren, die im Raum der Kirche arbeiten und kirchliche Mitarbei-
ter/innen supervidieren, auch über religiöse bzw. theologische Feldkom-
7 S. Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 90.
8 Das gilt selbstversndlich r andere Berufsfelder analog: Es ist verantwortungslos,
wenn eine Supervisor/in „Praktiker supervidiert, für deren Arbeitszusammenhänge er
[sie] keinerlei fachliche Kompetenzen vergt. Chr. Böckelmann, aaO., S. 119.
9 Heinrich Fallner.
10 N. Belardi 2/1998, aaO. S. 41: „Die Feldkompetenz des erfahrenen Supervisors hat den
Vorteil, dass er in seinen Aktionen auch Dinge ansprechen kann, die im Supervisionsge-
spräch nicht direkt Thema sind.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
192
petenz verfügen müssen. Theologische Feldkompetenz wird von Kless-
mann folgendermaßen definiert:11
„Theologische Feldkompetenz bezeichnet eine prinzipielle Offenheit und
Neugier gegenüber dem religiösen Thema.
Theologische Feldkompetenz bedeutet, dem religiösen Thema eine ei-
genständige Bedeutung im Leben eines Menschen zuzugestehen und es
nicht nur als Ausdrucksform für etwas anderes zu betrachten.
Zur theologischen Feldkompetenz gehört eine Kenntnis religiöser Themen
und Traditionen (‚christliche Grundmotive’, Theißen)12 und ihrer Bedeu-
tung für das Selbst- und Weltverständnis von Menschen in der plura-
len Gesellschaft.
Zur theologischen Feldkompetenz gehört die Bereitschaft, persönliche
Spiritualität als Bestandteil der professionellen Kompetenz in Berufen im Be-
reich der Kirche anzuerkennen und entsprechend zu bearbeiten.
Pastorale Supervision braucht eine religions- und kirchenkritische Perspektive.
Die Unterscheidung von Supervision und pastoraler Supervision kann man an
Hand der Unterscheidung von generellem und spezifischem Proprium
(Stollberg)13 verdeutlichen.
Pastorale Supervision ist zu unterscheiden von Seelsorge für Mitarbeiten-
de im Bereich der Kirche.
Supervisoren/Supervisorinnen, die im Bereich der Kirche arbeiten,
sollten das religiöse Thema für sich selbst ansatzweise geklärt haben.14
Wenn Michael Klessmann zu dem Schluss kommt, dass es in der pastora-
len Supervision „auch darum“ geht, „die Glaubenseinstellung oder die
theologische Ausrichtung und deren Auswirkungen auf das berufliche
11 Chr. Morgenthaler und G. Schibler führen das Format’ der ‚Religiös-existentiellen Bera-
tung’ ein und unterscheiden sechs Anwendungsbereiche: (1) Beratung von Theologiestudieren-
den, (2) Beratung von Pfarrerinnen und Pfarrern, (3) Pfarramt, (4) Religiös-existentielle Beratung in
kirchlicher Trägerschaft, (5) Beratung von fundamentalistisch geprägten Menschen und akkumulativen
Häretikern’. AaO., S. 11 14. Harald Schroeter pgt den Begriff derliturgischen Super-
vision, die unabhängig von kirchlichem Druck und gemeindlichen Erwartungen den li-
turgischen Einzelkämpfer und die liturgische Einzelmpferin in ihren Fähigkeiten und
Grenzen spiegelt und so ihre Kompetenzen stärkt.“ Harald Schroeter: „Denn die Lehre
feiert auch, und die Feier lehret.“ Prospekt einer liturgischen Didaktik. Wechselwirkun-
gen. Traktate zur Praktischen Theologie und ihren Grundlagen 36. Waltrop 2000, S. 80.
12 M. Klessmann verweist hier auf die von dem Neutestamentler Gerd Theen in seinem
Buch Zeichensprache des Glaubens’. Gütersloh 1994 zusammengetragenen biblischen
Grundmotive. S. a. Gerd Theißen: Zur Bibel motivieren. AaO., S. 131 173.
13 S. Dietrich Stollberg: Wahrnehmen und Annehmen. Seelsorge in Theorie und Praxis.
Gütersloh 1978.
14 Michael Klessmann: Pastorale Supervision? Die Bedeutung theologischer Feldkompe-
tenz für Supervision im Raum der Kirche. Handout zu einem am 26.09.2003 in Iserlohn
gehaltenen Vortrag. Hervorhebungen von M. J. S. a. ders., Pastoralpsychologie, aaO., S.
648 655; vgl. W. Drechsel, aaO., S. 331 348.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
193
Handeln zu thematisieren“,15 so gilt dies auch für die Supervision mit
Religionslehrern/innen, denn diese sind ebenfalls ‚Professionals’ in ei-
nem durch Religion(spädagogik) und Theologie wesentlich mitbestimm-
ten Berufsfeld. Von in diesem Bereich tätigen Supervisoren/innen muss
deshalb erwartet werden können, dass sie von ihrem supervisorischen
Selbstkonzept her in der Lage sind, die Gotteskonstrukte ihrer Supervi-
sanden/innen und deren theologischen Deutungssysteme in ihren Aus-
wirkungen auf das berufliche Handeln zu bearbeiten, wenn es von den
Supervisanden/innen zum Thema gemacht wird.
Religion und supervisorisches Selbstkonzept
Der oben genannten Gefahr der religiösen Affizierung ist nur zu entge-
hen, wenn die eigene religiöse Geschichte mit ihren Licht- und Schatten-
seiten sorgfältig durchgearbeitet wird. „Working with beliefs means that
therapists examine not only the beliefs of the other, but our own beliefs
and how they influence relationships with self and others. Sometimes the
belief systems of clinician and client collide“,16 sensibilisieren Grif-
fith/Griffith Therapeuten/innen, die beabsichtigen, die Religion ihrer Kli-
enten in die therapeutische Arbeit mit einzubeziehen. Von daher ist nicht
nur von Seelsorgern/innen und Therapeuten/innen, sondern auch von
Supervisoren/innen, die in entsprechenden Kontexten tätig sind, zu for-
dern, dass sie entsprechende Kompetenzen als Teil ihres supervisorischen
Selbstkonzeptes erwerben. Nach Chr. Morgenthaler setzt das voraus, die
eigenen Glaubensvorstellungen und religiöse Haltungen zunächst selbst
wahrzunehmen.17 Des Weiteren geht es darum, „Offenheit und Sensibili-
tät im Blick auf die religiösen Hintergründe, Glaubensvorstellungen und
Praktiken in Familien zu entwickeln“.18 Ein chster Schritt ist die Ent-
wicklung einer Reflexionsfähigkeit dafür, wie die „eigenen Einstellungen
und Übertragungen sowohl bewusst als auch unbewusst die persönli-
che Reaktion auf die Religiosität“,19 wie sie z. B. im Supervisionsprozess
begegnet, beeinflussen. Auch Missverständnisse, die sich zwischen Super-
visor/in und Supervisandem/in auf Grund differierender religiöser Spra-
che und Deutungsmuster einstellen können, bedürfen einer entsprechen-
den religiösen Selbstkompetenz. „Nur so werden sie in der Lage sein, klar
genug den selbstzerstörerischen Ausdruck von den lebensfördernden
Kräften der Religiosität zu unterscheiden“20 bzw. zu erkennen, wo religiö-
se Problemtrancen oder religiöse Ressourcen vorliegen.
15 M. Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 654.
16 J. L. Griffith und M. E. Griffith: Encountering, aaO., S. 157.
17 Bekanntlich sind die eigenen Sexualpraktiken inzwischen weniger tabuisiert als das Ge-
spräch über religse Einstellungen und Empfindungen.
18 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 91.
19 Ebd., S. 91; auch J. L. Griffith und M. E. Griffith machen die Erfahrung: Surely our
personal stories open doors, but they close doors, too.Encountering, aaO., S. 14.
20 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 91; s. a. die „Gebote der Selbstdiffe-
renzierung“ nach R. W. Richardson, die Chr. Morgenthaler, ebd., S. 113, referiert.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
194
Eine aktuelle Forschungsarbeit, die den Zusammenhang von Religionsleh-
rerpersönlichkeit und Religionsunterricht untersucht, kommt zu dem Er-
gebnis, dass das Gelingen des Religionsunterrichts nicht zuletzt davon ab-
hängt, wie sorgfältig die Differenz von gelebter und gelehrter Religion re-
flektiert wurde.21 Analog chte ich im Blick auf die Supervision von Re-
ligionslehrern/innen folgende Prognose wagen:
Je kritischer der/die Supervisor/in seine/ihre eigene religiöse Biographie und Gedan-
kenwelt reflektiert hat und je sensibler er/sie auf die religiösen Zwischentöne des/der
Supervisanden/in achtet, umso erfolgreicher wird sich der Supervisionsprozess entwi-
ckeln.
Supervision und Seelsorge
Auf die unterschiedlichen ‚Rollenhüte’ (V. Satir), die ich als Pfarrer und
Seelsorger, Fortbilder etc. mitbringe, hatte ich bereits hingewiesen. Hin-
sichtlich der Bearbeitung religiös-theologischer Themen in der Supervi-
sion ist das Verhältnis von Seelsorge und Supervision genauer in den Blick
zu nehmen. Seelsorge und Supervision haben vielfältige Berührungspunk-
te, sind aber aus Gründen der Rollenklarheit deutlich voneinander zu un-
terscheiden. M. Klessmann definiert Seelsorge „als eine Form der Lebens-
begleitung und Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens.
Seelsorge gehört in den Bereich der face-to-face-Kommunikation und
kann als solche in ihrer Struktur, Dynamik und Funktion aus psychologi-
scher und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive analysiert wer-
den.22 Aus der ‚face-to-face-Kommunikation’ im Dienste der Lebens-
bzw. Berufsbegleitung ergibt sich zwischen Seelsorge und Supervision ei-
ne breite Basis an Gemeinsamkeiten, die über das Methodische hinaus
auch Grundhaltungen, Grundwerte bzw. ‚Ideale’, wie Jürgen Ziemer es
nennt, beinhaltet.23 In diesen Idealen spiegeln sich natürlich die gemeinsa-
21 Feige, Andreas / Dressler, Bernhard / Lukatis, Wolfgang / Scll, Albrecht: ‚Religion
bei ReligionslehrerInnen, aaO.; eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser Un-
tersuchung in Kapitel XII.
22 M. Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 407. In dieser Untersuchung beschränke
ich mich auf Supervision als ‚face-to-face-Kommunikation. Daneben gab (ich denke et-
wa an die Briefseelsorge’ in den sechziger Jahren) und gibt es andere Formen sowohl
der Seesorge als auch der Supervision, die z. B. die ‚neuen Medien stärker einbeziehen
(E-Mail-Beratung, Chat-Room). Mediale Formen der Seelsorge bzw. der Beratung und
Supervision implizieren andere Settings, werfen andere Fragen auf (z. B. nach der
Datensicherheit), eröffnen andere Möglichkeiten und setzen zugleich auch andere
Grenzen. H. Schroeter-Wittke machte mich in diesem Zusammenhang auf das be-
wegende Tagebuch von Maike Schneider aufmerksam: Ich will mein Leben tanzen. Ta-
gebuch einer Theologiestudentin, die den Kampf gegen Krebs verloren hat. Mit einem
Vorwort von José Carreras. sseldorf 2005.
23 Jürgen Ziemer: Seelsorgelehre. Göttingen 2000, S. 150ff. S. a. M. Klessmann: Pastoral-
psychologie, aaO., S. 410.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
195
men Wurzeln der humanistischen Psychologie, auf die ich eingangs bereits
hingewiesen habe.
Gemeinsame Ideale von Seelsorge und Supervision
Folgende Ideale’ der seelsorglichen Praxis, die Jürgen Ziemer benennt,
stimmen mit den Intentionen der ethischen Leitlinien supervisorischer Ar-
beit überein:24
herrschaftsfreie Beziehung (Gleichwertigkeit der Gesprächspartner)
dialogisches Prinzip (offener gemeinsamer Suchprozess)
Personenzentriertheit (das Gegenüber im Fokus der Aufmerksamkeit)
verstehendes Verhalten (Empathie, aktives Zuhören, Achten auf non-
verbale Kommunikation)
annehmendes Verhalten (Akzeptanz)
ermutigendes Verhalten (Ressourcenorientierung)
authentisches Verhalten (‚selektive Authentizität’ – Ruth Cohn)
Selbstbeschränkung der Supervision
Wenn M. Klessmann in seiner Seelsorgedefinition von „Lebensbegleitung
und Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens25 spricht,
streift er bereits die Grenze, an der sich die Wege von Seelsorge und Su-
pervision trennen. Deutlicher noch wird diese Differenz in Chr. Morgen-
thalers Forderung, dass die „theologische Reflexion in der persönlichen
Spiritualität“26 zu wurzeln habe, einer Forderung, die für Seelsorger/innen
auf dem Hintergrund ihres besonderen pastoralen Auftrages nachvollzieh-
bar ist, aber das Setting supervisorischer Arbeit sprengt. „Supervisorinnen
und Supervisoren gehen die Selbstverpflichtung ein, sich auf jene supervi-
sorische Leistung zu beschränken, die vereinbart wurde und in der eige-
nen Kompetenz liegt. In der Supervision wird auf eine möglichst klare
Abgrenzung zu anderen Beratungsdisziplinen geachtet,“27 heißt es in den
ethischen Leitlinien der DGSv. Wie wichtig es ist, meine unterschiedli-
chen Berufsrollen als Pfarrer, Seelsorger, Theologe, Fortbildner, Trainer
und Supervisor sorgfältig im Blick zu behalten und darauf zu achten, dass
im Supervisionsprozess der Supervisor die Rollenhoheit’ behält, ist mir
zunehmend in der Kontrollsupervision bewusst geworden. Als Seelsorger
habe ich mein Handwerk des Paraphrasierens nach C. Rogers gelernt und
nutze es besonders in der Orientierungsphase. Auf die Grenzen dieses
Ansatzes hatte ich bereits in Kapitel II hingewiesen. Supervision zielt
nicht auf Seelsorge, sondern ganz bescheiden und diesseitig auf die be-
rufliche Entwicklung des/der Supervisanden/in: D. h. wenn in der Super-
vision ein ‚höherer’, spiritueller Frieden oder die Suche nach spiritueller Klarheit
24 J. Ziemer, ebd.; vgl. Ethische Leitlinien der DGSv. Köln 2003.
25 M. Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 407.
26 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 140.
27 Ethische Leitlinien der DGSv, aaO.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
196
zum Thema werden, dann mit der Intention, die berufliche Zufriedenheit zu
vergrößern.
Ergebnisoffene Supervision contra ‚Supervision als diakonische Praxis’
Meine kritischen Anfragen zu W. Drechsels Position, den Supervisions-
prozess als consolatio fratrum et sororum’ (Trost der Brüder und
Schwestern), die Supervisionsprofession als (kirchliches) ‚Amt’ und Gott
als ‚summus supervisor’ zu deuten, hatte ich bereits am Ende des vorher-
gehenden Kapitels artikuliert. Ebenso kritisch sehe ich Klaus Kießlings
Versuch, Supervision als diakonische Praxis zu interpretieren.28 Für ihn
zielt „die Förderung der beruflichen Kompetenz von Religionslehrerinnen
und Religionslehrern im Rahmen von Supervision […] auf ihre diakoni-
sche Kompetenz. […] Zugleich läßt sich Supervision christlicher Praxis so
anlegen, dass diese selbst zur christlichen Praxis werden kann. […] Die an
der Supervision Beteiligten werden einander Brot und Getränk für den
Hunger und den Durst, den der andere empfindet’. Eine diakonische Su-
pervision schließt also eine liturgisch-symbolische und eine mystagogisch-
verkündigende Kultur ein“.29 In meinen Augen geschieht hier eine theolo-
gische Überhöhung der supervisorischen Arbeit: Für mich ist jeder Super-
visionsprozess grundsätzlich ergebnisoffen. Ob christliche Theologumena
oder auch christliche Praxis für den/die Supervisanden/in eine Lösung’
im Sinne einer Vermehrung seiner/ihrer beruflichen Möglichkeiten dar-
stellt, vermag und will ich als Supervisor im Vorhinein nicht entscheiden.
Meine Funktion als Supervisor sehe ich in diesem Zusammenhang eher
mit Pallasch als „Klärungskatalysator“,30 denn als „Episkopos“.31 Wenn
Religion und Theologie sich im Prozess als wertvolle Ressourcen erwei-
sen, will ich damit kompetent, angemessen vorbereitet und somit profes-
sionell arbeiten können. Ein generelles christlich-theologisches A priori
würde die notwendige Offenheit sprengen. Natürlich kann zu Recht ein-
gewandt werden, auch ich sei religiös und theologisch kein unbeschriebe-
nes Blatt’ und würde auf diese Weise den religiös-theologischen Deu-
tungshorizont immer schon mitbestimmen. Aber die von mir in Kapitel
IV formulierte Annahme eines zumindest partiell gemeinsamen reli-
giösen Zeichenvorrates zwischen Supervisand und Supervisor als kom-
munikative Ausgangsbasis impliziert noch lange kein identisches Got-
teskonstrukt, wie es allem Anschein nach Drechsler und Kießling voraus-
28 Klaus Kießling: Zur eigenen Stimme finden. Religiöses Lernen an berufsbildenden
Schulen. Ostfildern 2004, S. 446 451.
29 Ebd., S. 448.
30 W. Pallasch / W. Mutzeck / H. Reimers, aaO, S. 202.
31 Auch wenn K. Kießling, ebd., S. 447, diesen Begriff sehr sympathisch deutet. S. a. M.
Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 655, der auf die hierarchische Traditionsge-
schichte dieses Amtes verweist und betont, dass „der Bischof oder die Superintendentin
nicht Supervisor/Supervisorin im modernen Sinn sein kann, „weil sie Dienstvorgesetz-
te sind und Weisungsbefugnis haben Funktionen, die mit der gebotenen Neutralität
von Supervision in Konflikt geraten.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
197
setzen und zum ‚Lösungsfenster’ der supervisorischen Arbeit küren. Doch
damit tragen sie eher zur Mystifizierung als zur (Auf)Klärung bei, wozu
Supervision doch antritt und dienen soll.32
Externe Supervision von Religionslehrern/innen
und (betriebs)interne Supervision der Kirche(n) am Beispiel der EKvW33
Selbstreflexive, ressourcen- und lösungsorientierte Supervision, die sich
auf einen zunächst ergebnisoffenen Suchweg begibt, ist ebenfalls zu un-
terscheiden von (betriebs)interner Supervision, wie sie z. B. im „Merkblatt
zur Verordnung für die Supervision in der Evangelischen Kirche von
Westfalen“34 veröffentlicht ist. Dort heißt es u. a.: „Supervision hilft auch,
Grenzerfahrungen, wie sie insbesondere in der seelsorglichen Begegnung
vorkommen, zu bearbeiten und zum eigenen Glauben in Beziehung zu
setzen. […] Der Nutzen für die kirchliche Arbeit kann erwartet werden in
[…] größerer Gewissheit dem Auftrag gegenüber […].“ Evident ist, dass
religiöse Themen in der Supervisionsarbeit sowohl mit Religionsleh-
rern/innen als auch mit Pfarrern/innen vorkommen und dass diese The-
men auch berufsrelevant sind. Evident ist auch, dass Supervisoren/innen
von Religionslehrern/innen und Pfarrer/innen die entsprechende religiös-
theologische Feldkompetenz mitbringen müssen, um diese Themen inner-
halb des Prozesses bearbeiten zu können. Die Formulierungen des Merk-
blattes’ enthalten jedoch einige Unklarheiten, die mich als Supervisor, der
ergebnisoffen arbeiten will, stutzen lassen: So frage ich mich, auf wessen ‚ei-
genen Glauben’ Bezug genommen werden soll? Ich vermute, dass in dem
landeskirchlichen Papier der ‚persönliche christliche Glaube’, also das individu-
elle Gotteskonstrukt gemeint ist. Ein Blick in die hier vorgetragene Pro-
zessanalyse zeigt allerdings, dass es sich bei der Wirksamkeit von Gottes-
konstrukten um ein multikomplexes Geschehen mit durchaus wider-
sprüchlichen Interessen handelt (individuelles Gotteskonstrukt des/der
Supervisanden/in, ‚mainstream’-Gotteskonstrukte einer Kirchengemein-
de, eines Kreissynodalvorstandes, der offiziellen Vertreter/innen des Lan-
32 K. Kießlings theologischer Gehrsmann ist Karl Rahner, den er mit folgenden Worten
zitiert: Ja wer bescheiden und ausdauernd die Geheimnisse der Wirklichkeit zu er-
forschen versucht, wird [sic!] von dem Gott an der Hand geführt, der alle Wirklich-
keit trägt. Allein dieser Weg der natürlichen Gotteserkenntnisdeutet bereits an, dass
sich unsere jeweiligen individuellen Gotteskonstrukte vermutlich unterscheiden. K.
Kiling, aaO., S. 447.
33 Dass in dem Forschungsbericht „Supervision auf dem Prüfstand (H. G. Petzold, aaO.)
die kircheninterne Supervision, die in den meisten großen Kirchen seit Jahren etabliert
ist, überhaupt nicht erscheint, stimmt nachdenklich. Interne Supervision ist dem
europäischen oder zumindest deutschsprachigen Versndnis von Supervision nach ein
Sonderfall und die Ausnahme, es sei denn, es geht um die supervisorische Begleitung im
Rahmen der ärztlichen Weiterbildung, etwa in der Oberarzt-, Assistenzarzt-, Famulus-
Stationsarzt-Konstellation.“ Ebd., S. 78.
34 KABL 2002 der EKvW, S. 105; der Ausdruck Supervisionsverordnung sollte hellhö-
rig machen!
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
198
deskirchenamtes etc. können durchaus im Widerstreit liegen). Eine Bear-
beitung dieser Credo-Systeme muss bei einer ergebnisoffenen Supervision
nicht zwangsläufig „in größerer Gewissheit dem Auftrag gegenüber“35
münden, sondern kann durchaus auch Ungewissheit, Verwirrung und viel-
leicht sogar eine berufliche Um- bzw. Neuorientierung auslösen. Bei ‚Auf-
trag’ denke ich als Pfarrer an den pastoralen Auftrag, der mir mit der Or-
dination zugesprochen oder ‚auferlegt’ wurde. Aber in Artikel 1.1. der ‚Su-
pervisionsverordnung’ heißt es, dass sich „das Angebot der Supervision“
an „alle haupt- und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der
Evangelischen Kirche von Westfalen“36 richtet. Ist also gar nicht die kir-
chenamtliche ‚Dienstanweisung’ der Bezugspunkt, sondern Mt 28, 19 ‚Da-
rum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker […]’?
Probleme interner Supervision37
Exemplarisch offenbart sich hier ein Problem, das bei interner Supervi-
sion und Dreieckskontrakten38 unter Einbeziehung des Arbeitgebers (fast)
immer gegeben ist, mlich die klare Abgrenzung zwischen erstem und
zweitem Auftraggeber.39 Wie kann eine über vielleicht nicht alle, aber
doch die wesentlichsten Zweifel erhabene Unabhängigkeit des Supervi-
sionsprozesses gewährleistet werden, wenn der Arbeitgeber die (zu dem
noch recht diffusen) Themen und Ziele vorgibt und der/die Dienstvorge-
setzte Superintendent/in Supervision zu genehmigen hat? Auf die Unver-
einbarkeit von Weisungsbefugnis und supervisorischer Beratung, von
dienstlicher und privater Beziehung verweist auch M. Klessmann.40 Im
35 Ebd., S. 105.
36 Ebd., S. 102; zu geheimen Auftgen bei Dreieckskontrakten s. a. N. Belardi 2/1998,
aaO., S. 66ff.
37 Grundsätzliche Fragen interner Supervision (Positionierung, Rolle, Legitimation, Ab-
hängigkeit, Loyalität, Verantwortung, Motivation, Mesaillianzen und Diskretion des Su-
pervisors bzw. der Supervisanden) diskutiert Peter Berker: Externe Supervision In-
terne Supervision. In: H: Pühl (Hg.): Handbuch Supervision 2. Berlin 2/2000, S. 286
296.
38 Die Frage der Auftragsklärung wird nur in der deutschsprachigen Literatur ernsthaft
diskutiert“ darauf verweisen H. G. Petzold et al. „Allerdings basieren die Fachdiskus-
sionen nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, jegliche Grundlagenforschung zu
diesem Thema steht bisher aus. Die rechtlichen Aspekte werden in der Regel vernach-
lässigt, z. B. Konstruktionen wie ‚Dreieckskontrakt (juristisch höchst fragwürdig) wer-
den ohne Prüfung der rechtlichen Grundlagen […] und Umsetzungsglichkeiten
angewandt.“ In: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 116.
39 Die in der Supervisionsliteratur bearbeiteten Probleme im Zusammenhang von interner
Supervision sind Themen wie etwa die Abhängigkeit der SupervisorIn wie der Su-
pervisandInnen von der Institution, die Kenntnis internen (sic!) Organisationszusam-
mennge, die Befangenheit oder unangemessene Vertraulichkeit der SupervisandInnen
im Umgang mit SupervisorInnen, das Loyalitsverhältnis der SupervisorIn in Bezug auf
Team und Organisation, die Position der SupervisorIn in der Organisation. H. G.
Petzold et al., ebd., S. 79.
40 M. Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 655.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
199
Unterschied dazu sind die Rahmenbedingungen im PI so, dass den Super-
visanden/innen sowohl schulorganisatorische als auch religiöse Feldkom-
petenz garantiert wird. Zugleich sind die Supervisoren/innen von den
Systemen, in denen die Supervisanden arbeiten, in jeglicher Hinsicht un-
abhängig. In den einzelnen Diözesen und Landeskirchen ist die Supervisi-
onspraxis sehr unterschiedlich geregelt. Manche bieten ausschließlich in-
terne Supervision an, andere ‚kaufen sich externe Supervisoren/innen ein’,
wieder andere gehen einen kombinierten Weg wie z.B. die Ev. Kirche in
Hessen und Nassau, die zwar allgemeine Supervisionsstandards formu-
liert, sich aber weder in die Inhalte einmischt noch regelt, ob man sich für
interne oder externe Supervisoren/innen entscheidet.41
Referenzsysteme und Ethik in der Supervision
In Lehrbüchern der Supervision und supervisorischen Praxisanleitungen
zählt zu den Standardformulierungen, dass Supervision als „vorurteilsfreie
und wert-offene Reflexion über das berufliche Tun“42 verstanden wird.
Auch wenn diese Vorgabe i.d.R. gleich wieder eingeschränkt wird „na-
türlich ist kein Supervisor frei von Vorurteilen und ebenso besitzt er
Wertmaßstäbe. Im Supervisionsprozess kommt es jedoch darauf an, diese
explizit zu machen, damit sie nicht zur heimlich-machtvollen Richtschnur
der Supervisionsarbeit werden“43 –, verweist M. Klessmann mit seinem
Aufsatz „Die Sinndimension in der Supervision“44 auf einen ‚blinden
Fleck’ in der supervisorischen Fachdiskussion: In der Literatur finden sich
offensichtlich genauso wenig Veröffentlichungen darüber, „welche Sinn-
annahmen, welche philosophisch-anthropologischen Basisannahmen der
jeweiligen Supervisionstheorie und -praxis zugrunde liegen“45 wie über
das Thema Supervision und Religion. „Man kann nicht behaupten, dass
der Ursprung der Supervision von ethischen Motiven geplagt war“, stellt
der Klagenfurter Philosoph Peter Heintel fest.46 M. Klessmann verweist
darauf, dass alle Faktoren supervisorischer Arbeit von der Wahrneh-
mung, über das Handlungskonzept, die Praxeologie, das konkrete metho-
dische Instrumentarium, bis hin zu den Zielen durch die zugrunde lie-
41 S. Ev. Kirche in Hessen u. Nassau (Hg.): Grundsätze für die Supervision von haupt-, ne-
ben- und ehrenamtlichen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Entwurf 2004.
42 W. Pallasch: Unterrichtliche Supervision, in W. Pallasch / W. Mutzeck / H. Reimers,
aaO., S. 202.
43 Ebd., S. 202.
44 Michael Klessmann: Die Sinndimension in der Supervision. In: Die Zukunft der Super-
vision zwischen Person und Organisation, aaO., S. 15 22.
45 Ebd., S. 17.
46 Um sich dann allerdings dem ThemaSupervision und ihr ethischer Auftrag zuzuwen-
den. Peter Heintel, in: supervision 1/2003, S. 32 39. Dort listet er vier Quellen auf, aus
denen sich die Skepsis gegenüber ethischen Fragen speist: Angst vor dem „moralischen
Zeigefinger“; die Befürchtung, dem eigenen Qualitätsanspruch nicht zu entsprechen;
universalistische ethische Postulate sind „schwer operationalisierbar“ und unvereinbare
Unterschiede zwischen funktionalen Systemlogiken und ethischen AnsprüchenS. 32.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
200
genden Sinnannahmen bestimmt werden. „Wird darüber im Feld der Su-
pervision ein Diskurs geführt, welche Systemreferenz wir zugrunde legen
und welche mehr oder weniger angemessen erscheint? Und welches Bild
vom Menschen in den unterschiedlichen Systemreferenzen steht und wel-
che Auswirkungen sich daraus ergeben?“47 Und er fragt weiter: „Führen
wir einen Diskurs über das Bild vom Menschen und von der Gesellschaft,
das uns vorschwebt oder überlassen wir das den Philosophen und
Theologen?“48 Kritisch zählt M. Klessmann den inflationären Gebrauch
der Komparative in den Zielformulierungen supervisorischer Arbeit auf:
‚brauchbarer’, ‚erfolgreicher’, ‚besser’, zufriedenstellender’, effektiver’
und fragt zugleich, ob sich darin möglicherweise auch die „Ökonomisie-
rung aller Lebensbereiche49 widerspiegelt. Um diesen gesellschaftlichen
Sinnkonstruktionen nicht unreflektiert auf den Leim zu gehen’, schlägt
Klessmann vor, das Supervisionsmodell von Weigand um die Sinndimen-
sion als Hintergrund für alle Aspekte supervisorischen Handelns zu ergän-
zen. „Bewusste und unbewusste Sinnannahmen und Weltdeutungsmuster,
die wir alle mit uns herumtragen, prägen die Wahrnehmung unseres All-
tags und unseres beruflichen Handelns mit und beeinflussen das Bezie-
hungsgeschehen in der Supervision tiefgreifend.“50 Deshalb zeichnet
Klessmann die Sinndimension auch nicht neben beruflicher Rolle, Person,
Arbeitsfeld bzw. Organisation und Klienten als fünften Aspekt in Wei-
gands Diagramm ein, sondern sieht diese vier Dimensionen von der Sinn-
dimension umschlossen, weil sie „unvermeidlich von dieser Sinndimensi-
on mitbestimmt“51 werden.52 So verstanden ließe sich Supervision mit Pe-
ter Heintel als „selbstreflexive[.r] Akt der Praxisdistanzierung“53 definie-
47 Michael Klessmann: Die Sinndimension, aaO., S. 16.
48 Ebd. S. 18.
49 Ebd., S. 16. So auch P. Heintel, aaO., S. 35f.
50 Michael Klessmann: Die Sinndimension, aaO., S. 22. Vor allem wird deutlich, dass Sys-
temlogiken nicht bloß rationale, funktionale Sachentscheidungen bedeuten, sondern im-
mer schon implizite vorweggenommene Wertentscheidungen sind“, betont auch Peter
Heintel, aaO., S. 37.
51 M. Klessmann: Die Sinndimension, aaO., S. 20.
52 Ähnlich wie M. Klessmann argumentiert auch Hilarion G. Petzold: hrend man die
Sinndimension unter den 15 Variablen bzw. Faktoren seines ‚integrativen Supervisi-
onsansatzes zuchst vergeblich sucht (S. 28 33), taucht sie später als normativ-ethi-
sche Perspektive (S. 38f) als eine der „Vier Zentralen Perspektiven (VZP)“ (S. 35) ne-
ben der politischen’, der ‚supervisionstheoretischen und der ‚praxeologischen Perspek-
tive auf. H. G. Petzold: Integrative Supervision, aaO., S. 28 – 39. Das Supervisionskon-
zept des Aachener Instituts für Beratung und Supervision (IBS) stellt das Beziehungsge-
füge von Organisationssystem, Interaktionssystem, Arbeitssystem, Biologischem System,
Kognitionssystem, Psychischem System und Werte- und Normensystem in Form eines
Hexagramms dar, in dem das Werte- und Normensystem das Zentrum bildet. In: Heinz
J. Kersting (Hg.): Supervision und Qualität. Das Aachener Modell der Supervisionsaus-
bildung. Schriften zur Supervision Bd. 10. Aachen 2001, S. 113.
53 P. Heintel, aaO., S. 37.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
201
ren, in dem „immer die Frage nach dem Guten“54 mit enthalten ist. „Su-
pervision in diesem Sinne ist daher nie bloß ein Darüber-Denken und ra-
tionales Beurteilen (funktionale Sachzwangadäquatheit), sie stellt we-
nigstens indirekt immer auch die Frage: ‚Wollen wir es (die Praxis) so,
wie es ist; ist es gut für uns’?“55 Entscheidungen – auch ethische Entschei-
dungen werden letztinstanzlich’ in der Supervision stets vom Supervi-
sanden/ der Supervisandin getroffen.
56
Was aber Supervision nach Auffassung P. Heintels leisten kann, ist die
Überwindung einer „dreifache[n] Unsicherheit“,57 die viele Menschen um-
treibt: Habe ich mir genug Zeit genommen, meine ethische Entscheidung
zu prüfen? Hatte ich genügend Abstand zu mir selbst, um auch andere
Perspektiven kritisch mit einzubeziehen? Habe ich die richtige Entschei-
dung getroffen?58 „Supervision ist ein Arrangement gestatteter Selbstrefle-
xion. […] Sie gewährt Ruhe und Spielraum für ausführliche Recherche
und nur diese ermöglicht reflexive Distanz“; sie macht „sozial eher an-
schlussfähig“ und relativiert die „Selbstüberforderungstendenz“.59 „Kol-
lektive ethische Fremdbestimmung, die Selbstreflexion verboten hat, ha-
ben wir in der Geschichte oft genug erfahren. Supervision im Sinne eines
54 Ebd., S. 37.
55 Ebd., S. 37.
56 Grafik M. Klessmann: Die Sinndimension, aaO., S. 19.
57 Peter Heintel, aaO., S. 38.
58 S. ebd., S. 38
59 Ebd., S. 38.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
202
ethischen Auftrages ist mit tig bei der Entwicklung eines autonomen
kollektiven Gewissens.“60
Ich habe Peter Heintel und Michael Klessmann hier so ausführlich darge-
stellt, weil sie die Forderung nach einer Sinndimensionen und Ethik ein-
schließenden Feldkompetenz letztlich auf alle Supervisoren/innen auswei-
ten. Der Anspruch, den sie formulieren, ist hoch, aber billiger ist eine
ethisch verantwortete Supervisionspraxis wohl nicht zu haben. Die Fähig-
keit zur Reflexion der eigenen Lebensphilosophie, der eigenen Sinnkon-
struktionen ist eine conditio sine qua non der Supervisionsausbildung, der
Kontrollsupervisionen, der Supervisionsforen und natürlich der eigenen
Supervisionspraxis.
Reflexion der Referenzsysteme im Prozess
Wenn aber Supervision eine ‚face-to-face’-Kommunikation ‚auf Augenhö-
he’ ist, in der sich feldkompetente Kollegen/innen in der Sprache der
Transaktionsanalyse gesprochen von Erwachsenen-Ich’ zu ‚Erwachse-
nen-Ichbegegnen, dann gehört der Diskurs über Religions- und Sinnfra-
gen auch direkt in den Supervisionsprozess hinein. Dann darf nicht nur in
der Supervisionsausbildung, in der Kontrollsupervision und auf Foren
über „bewusste und unbewusste Sinnannahmen und Weltdeutungsmus-
ter“61 gesprochen werden, sondern muss auch unmittelbar im Prozess mit
den Supervisanden/innen ein Austausch darüber erfolgen. Im Unter-
schied zu Wolfgang Drechsel bin ich nicht der Ansicht, dass sich der Be-
reich des Religiösen „durch eine grundsätzliche Nicht-Kontraktierbar-
keit“62 auszeichnet, die in „gegenseitigen Absprachen“ nicht zu fassen ist
und „gewissermaßen einen jeden Supervisionskontrakt“ „unterläuft“.63
Was W. Drechsel beschreibt, gilt für das unmittelbare Wirken Gottes, das
ich natürlich auch für meine Supervisionsprozesse weder ausschließen will
noch kann. Gottes Geist weht bekanntlich, wo er will!64 Die supervisori-
sche Selbstbeschränkung, die bereits bei der Abgrenzung zur Therapie
und zur Seelsorge hilfreich war, kommt auch hier zum Tragen. Supervisi-
on gehört in den Bereich des Vorletzten’, in dem durchaus über die Kraft
des Gebetes gesprochen werden kann, aber nicht miteinander gebetet
wird, in dem die konstruktiven oder destruktiven Wirkungen der unter-
schiedlichen Gotteskonstrukte präzise bedacht werden, aber nicht ge-
meinsam Gottesdienst gefeiert wird. Und diese Offenheit und ggf. auch
60 Ebd., S. 38.
61 M. Klessmann: Die Sinndimension, aaO., S. 22.
62 W. Drechsel, aaO., S. 346.
63 Ebd., S. 346.
64 Der befreiende Gottesgeist, der Frauen, Männer und Kinder von einem asymmetri-
schen, abngig haltenden Rollensystem in ein neues, geschwisterliches, also symmetri-
sches Rollenverständnis hinein ruft, kennt keine kirchliche Etikette. Er weht wo er will“,
formuliert Matthias Scharer zu Recht: Supervision zwischen (strategischer) Interpreta-
tionsmacht und kommunikativer ‚Ohnmacht Macht’. In: Klaus Hampel und Hans-
Bernhard Köppen (Hg.): Macht Supervision Sinn. Münster 2004, S. 24f.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
203
Entschlossenheit, die grundlegenden Referenzsysteme in den Supervisi-
onsprozess mit einzubeziehen, kann durchaus Gegenstand eines Kontrak-
tes sein.
Der Forderung, die eigene religiöse Biographie und Gedankenwelt gründ-
lich durchzuarbeiten und als ‚Beobachter zweiter Ordnung’65 darauf zu
achten, wie die Bearbeitung der religiösen Elemente auf den Prozess,
den/die Supervisanden/in und auf mich als Supervisor (zurück)wirkt, ha-
be ich mich natürlich auch selbst zu stellen.
2 Religiöse Reminiszenzen und Reflexionen des Supervisors
Es würde sicherlich den Rahmen dieser Arbeit sprengen, meine inzwi-
schen über 50jährige ‚Religions-Geschichte’ hier komplett zu präsentieren.
Deshalb beschränke ich mich auf einige wenige autobiographische Remi-
niszenzen und Reflexionen.
Den ‚Geruch(Ruach?) der darbystischen christlichen Versammlung66 ha-
be ich zugleich mit der Muttermilch eingesogen und mit dem Lederriemen
eingebläut bekommen. Dieser Geist roch nach Strenge, Gehorsam und
Gericht. Doch ab und an war er angereichert durch süße Düfte eines Je-
susbildes, die ich tief inhalierte, weil sie mir versprachen, dass Gott alle
Menschen also auch mich liebt und in sein Herz schließt. Diese religi-
öse Spannung von Angst vor Gericht und Verdammnis (einer meiner häu-
figsten kindlichen Alpträume war: Ich wache auf und niemand von meiner
Familie ist mehr da, weil sie alle ‚ent-rückt’ sind. Nur ich das schwarze
Schaf bin noch da) auf der einen Seite und den faszinierenden Jesusge-
schichten auf der anderen Seite, die eine tiefe Sehnsucht nach Heil und
Heilung in mein Herz gelegt haben, prägte meine gesamte Kindheit. Reli-
gion das ist für mich bis heute: Angst und Panik versus Leichtigkeit und
‚Flow-Gefühl’,67 ein Zerfließen, ein Sich-Auflösen etwa in Musik.68
65 Der Beobachter 1. Ordnung glaubt aerhalb des zu beobachtenden Systems zu stehen.
Der klassisch-empirische Beobachter ist also jemand, der sich um eine möglichst objek-
tive, von subjektiven Einflüssen gereinigte Beobachtungsform bemüht. (Heinz J. Kers-
ting: Zirkelzeichen, aaO., S. 26) Der Beobachter 2. Ordnung weiß sich als Teil des Sys-
tems, das er beobachtet. Der Beobachter ist sich bewusst, dass seine Beobachtungen das
Beobachtete beeinflussen.
66 S. Erich Geldbach: Christliche Versammlung und Heilsgeschichte bei John Nelson Dar-
by. Wuppertal 3/1975.
67 S. Mihaly Csikszentmihalyi: Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile: im
Tun aufgehen. Stuttgart 9/2005.
68 Zum ‚Flow-Gefühlin der Musik s. Hans-Martin Gutmann: Der Flow-Kanal und der
Weg zur guten Gestalt. Zum Verltnis von Ritual und Inszenierung. In: Klie, Tho-
mas / Leonhard, Silke (Hg.): Schauplatz Religion. Grundzüge einer Performativen Re-
ligionsdagogik. Leipzig 2003, S. 92 113, bes. die Seiten 102 105.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
204
Diese Basalreligion bleibt ein Teil meiner Persönlichkeit. Doch war ich ihr
als Kind wehrlos ausgeliefert, so kann ich heute ihre Wohltaten genießen
und mich abgrenzen, wenn es bedrohlich oder gar gefährlich wird. Ich ge-
nieße es, beim Hören einer Bachkantate auf der ‚himmlischen Wolke’ zu
schweben, wende mich aber bewusst ab, wenn Religion benutzt wird, um
Menschen zu manipulieren und ‚klein zu machen’.
Intellektuelle Aufklärungsarbeit im Sinne Kants69 habe ich in späteren
Jahren schätzen gelernt. Die Emanzipation aus dem religiösen Sumpf mei-
ner Kindheit begann mit dem Besuch eines kirchlichen Kollegs, an dem
ich mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erwarb. Dort und dann na-
türlich im anschließenden Studium der Ev. Theologie entdeckte ich die
wissenschaftliche Theologie als ein nach innen (mir selbst gegenüber) und
nach außen (in der Auseinandersetzung mit meiner Herkunftsfamilie, der
darbystischen Gemeinde etc.) probates Mittel, mich von meiner religiösen
Herkunft nach und nach zu distanzieren, ohne den Glauben in einer kind-
lichen Trotzhaltung ganz abzustoßen zu müssen. Fides quaerens intellec-
tum’70 = Glaube fordert Einsicht. Und reflektierter Glaube fördert Einsicht
in die Zusammenhänge des Lebens.
Den manipulativen Energieströmen, die bei so manchen evangelikalen
Evangelisationen (nach wie vor) fließen, bin ich selbst mehrfach erlegen.
Das macht mich sensibel und wachsam für Situationen, in denen unbe-
dacht (oder vielleicht sogar bewusst) kommunikative Techniken instru-
mentalisiert werden, um Menschen in den Bann zu ziehen und (‚gurumä-
ßig’) abhängig zu machen.
Meine Schulpraxis als Religionslehrer hat mir sehr elementar vor Augen
geführt, dass ich in religiöser Hinsicht ein Suchender bin und bleibe.
Nicht ohne Grund lag meiner Einführungspredigt als Berufsschulpfarrer
das Pauluswort aus Phil 3, 12 zugrunde: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen
habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl
ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“71
Suchen, jagen, nach etwas greifen, ergriffen sein und doch unfertig, un-
vollkommen, der Wahrheit auf der Spur bleiben, ohne sie je selbst zu be-
sitzen da drängen sich Analogien zur supervisorischen Arbeit und zum
69 Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündig-
keit. Unndigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines an-
deren zu bedienen. Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? DB
Sonderband: Kant: Werke, S. 1693 (s. Kant-Werke Bd. 11, S. 53).
70 So lautet der Titel von Karl Barths Auseinandersetzung mit Anselm von Canterburys
ontologischem Gottesbeweis’. Karl Barth: Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis
der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms (1931). Ge-
samtausgabe II. 13. Zürich 1981.
71 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
205
systemisch-konstruktivistischen Ansatz geradezu auf: Supervision als ge-
meinsamer Suchprozess, Prozessorientierung, Zirkularität, strukturelle
Kopplung72 etc. Sollte ich die supervisorische Arbeit mit Religionsleh-
rern/innen theologisch ‚verorten’, scheint mir Phil 3, 12 ein angemessener
Orientierungspunkt zu sein.
3 ‚Der sein Leben hingibt … – fünfte Sitzung
3.1 Transkript – fünfte Sitzung
In der 5. Sitzung, die als Zwischenauswertung kontraktiert war, kam der
Supervisand von sich aus wieder auf die Spannung von Rechtfertigung
und Heiligung, Zuspruch und Anspruch zurück mit der Frage: ‚Wo ist der
Part, den ich wirklich tragen muss, wo ich Verantwortung übernehmen
muss?’ Im weiteren Verlauf der Sitzung habe ich den geschilderten Kon-
flikt mit der Schülerin (die der Supervisand aggressiv ‚angefahren’ hatte)
und das Gefühl der Authentizität, das er in diesem Moment empfand,
wieder aufgegriffen:
Sv In der letzten Sitzung fand ich die Stelle besonders interessant, wo Sie
sagten, dass Sie sich in dem Konflikt mit der Schülerin authentisch ge-
fühlt hätten, weil Sie zu Ihren Gefühlen gestanden haben.
Sd Das war allerdings keine Situation, die selbstbestimmt war.
Sv Brauchen Sie Anstöße von außen, um sich authentisch fühlen zu kön-
nen? Sie haben das immer mal wieder angedeutet, dass Sie ein Mensch
sind, der Anstöße von außen braucht, z. B. die blinde Führerin; da ha-
ben Sie das auch gesagt, dass Ihnen das gut getan hätte, das An-die-
Hand-genommen-werden, es könnte ja sein, dass diese Schülerin, die
Sie solange provoziert hat, bis Sie es nicht mehr ausgehalten haben,
dass sie die auch als Katalysator gebraucht haben, um ‚aus sich heraus’
zu kommen. […] Ich habe Sie als einen Menschen erlebt, der sehr risi-
kobereit ist und für mich ist eine sehr spannende Frage, wie diese Pola-
rität Passivität und Risikobereitschaft bei Ihnen zusammengehört. Si-
cherheit, Standfestigkeit, Statik auf der einen Seite, aber sehr risikobe-
reit auf der anderen Seite. […]
72 Strukturelle Kopplung ist einer der zentralen Begriffe der Systemtheorie des chilenischen
Biologen Humberto Maturana, der besagt, dass sich autonome Systeme durchaus ver-
binden, sprich ‚koppeln nnen. Nach außen hin geben sie einen Teil ihrer Selbststän-
digkeit auf, behalten aber nach innen durchaus ihre Autonomie. Trotz der äußeren Ver-
bindung bleiben die Systeme füreinander Umwelt. Hinzu kommt, dasseine Koppelung
[…] umso eher glich [ist], je größer die Plastizität der beteiligten Systeme ist.Willi-
bald Neumeyer: Systemische Supervision Grundlagen und Implikationen: Ein Über-
blick. In: supervision 1/2004, S. 52.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
206
Sd Das ist ja auch spannend, ich merke, dass ich das eine brauche, um das
andere tun zu können. Ich würde auch nicht überall so eine Fantasie-
reise machen; ich habe auch schon schlechte Erfahrungen damit ge-
macht.
Sv Ich meine, es wäre ein spannender Punkt, diese beiden Polaritäten
noch genauer bei Ihnen zu verorten, genau auszuloten auch im Blick
auf den Unterricht: Was Sie hier können, was müsste eigentlich passie-
ren, damit Sie das im Unterricht dann vielleicht auch könnten, sich los-
zulassen und dem Unterrichtsgeschehen anzuvertrauen, dass da eine
Ordnung ist, der Sie sich anvertrauen können und Ihr kreatives Poten-
zial zum Zuge kommen lässt. […] In dem Zusammenhang fällt mir ein,
haben Sie eigentlich hinterher die geleitete Imagination noch weiter
verarbeitet, gemalt, aufgeschrieben o. ä.?
Sd Das mit dem Malen war mir eher fremd – ich hab erst einmal gar nichts
gemacht. Wenn ich etwas gemacht hätte, dann eher aufgeschrieben.
Auch wenn Sie sagen, ich könnte mich fallen lassen, da hätte ich mich
nicht allein hineinfallen lassen wollen. Mit Worten wäre mir das dann
doch vertrauter gewesen.
Sv Ist es okay für Sie, nichts davon gemacht zu haben?
Sd Okay [fragendes Zögern]? Ich fühle mich wohl damit, dass mir trotz-
dem noch sehr viel von dieser Geschichte einfällt, andererseits man-
che Sachen sind bestimmt jetzt schon weg, kommen vielleicht irgend-
wann wieder, wenn es an anderer Stelle aufgegriffen wird. Ja, wenn ich
es aufgeschrieben hätte, fände ich das schön. Aber ich fühle mich nicht
so, dass ich dafür zwei bis drei Stunden geopfert hätte, um das aufzu-
schreiben. Obwohl sich auch lohnen würde, darüber nachzudenken:
das Opfer!
Sv Das Opfer?
Sd Für wen hätte ich denn die Zeit geopfert?
Sv Ich bin bei dem Begriff ‚Opfer’ zusammengezuckt.
Sd Ich bin ja selbst dabei zusammengezuckt.
Sv Das ist ja ein ganz zentraler Begriff in dieser Imagination. Opfer, aber
auch Schuld; diese beiden Begriffe sind mir aufgefallen beim Skelett
stellen Sie auch die Schuldfrage – Schuld und/oder Opfer.
Haben Sie sich denn auf diese Auswertungssitzung vorbereitet?
Sd Nee!
Sv Und wie ist das?
Sd Schlecht. [Abwarten]
Sv Und warum haben Sie sich dann nicht vorbereitet?
Sd
Ich hätte das heute Nachmittag tun müssen. Ich kam erst um halb vier
nach Hause und hatte meiner Frau versprochen, einzukaufen und als
ich dann wiederkam, musste ich fahren. Mein Versprechen war mir
wichtiger, als mich vorzubereiten. Das hat damit zu tun, dass Sie im-
mer viele Angebote gemacht haben und ich mir gedacht habe, der Herr
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
207
Sv macht das schon. –
Sv Genau, das ist mir sehr wichtig, dass wir das präzisieren: Pflichtgefühl
gegenüber Ihrer Frau versus Selbstsorge, kann man das so nennen, die
Sorge für andere ist gewichtiger als die Sorge für sich selbst. Kennen
Sie das auch aus anderen Situationen?
Sd Was sind meine Bedürfnisse? Ich möchte gern beides: Selbst für mich
sorgen, aber auch wissen, was denn jetzt gut für mich ist?
Sv Ich hänge noch gerade dem Gedanken nach, wie ist das mit dem Be-
ruf –, ob das, wie Sie in diesen Beruf hineingeschliddert sind, auch da-
mit zusammenhängen könnte?
Feste Stelle haben, Geld verdienen können, für die Familie sorgen -
Sd War da, aber nicht so wichtig. Der Sicherheitsgedanke war für mich
selbst wichtig, unerträglich fand ich die Planungsunsicherheit in der
Gemeinde. Jetzt habe ich mehr Planungssicherheit, eine feste Stelle, bin
nicht mehr auf andere angewiesen. [längere Pause]
Auf der anderen Seite steht die Erfahrung in der Gemeinde, dass ich da
wenig für mich gesorgt habe. Es war schwierig, zur Ruhe zu kommen,
immer könnte etwas sein. Es ist schön, jetzt feste Arbeitszeiten zu ha-
ben wenn ich zuhause bin, bin ich nicht jederzeit abrufbar. Von daher
würde ich sagen, dass ich eher in die Berufsschule geflohen bin, um
mir etwas Gutes zu tun.
Wenn ich an die Situation mit der Schülerin denke, dann hatte ich
durchaus auch ähnliche Situationen in der Gemeinde. Aber ich hätte
dort nicht den Mut gehabt, so zu reagieren: Gemeindekreise waren
schrecklich für mich, dieses Schnattern in der Frauenhilfe und dann
das hartnäckige Festhalten an bestimmten Sachen, festen Sitzplätzen
wo ich denen am liebsten gesagt hätte: Haben Sie einen an der Klat-
sche?! Und ich habe dort keinen Weg für mich gefunden, damit umzu-
gehen: weder zu platzen, noch eher gar nichts zu machen, in mich hi-
neinzufressen, was auf die Dauer auch nicht gut für mich gewesen wä-
re und ich hoffte in der Berufsschule (BS) besser für mich sorgen zu
können.
Sv In der letzten Sitzung hatten Sie die Lehrerrolle auf sehr beeindrucken-
de, aber auch erschreckende Weise beschrieben: als bestialisch, als Geg-
ner der Schüler ...
Sd Nicht erst in der Stunde, bereits in der Kontraktsitzung!
Sv
Nur da war mir das noch nicht so aufgefallen, in der letzte
n Si
t
zung
war das so eine Häufung der Begriffe: der Satan, der Versucher, der
Gegenspieler der Pfarrer ist wie Gott, allmächtig, Stellvertreter Got-
tes, sagten Sie, und der Lehrer kam knapp darunter, fast allmächtig,
der Gegenspieler.
Und mir kam der Gedanke, ob das nicht auch etwas Gutes ist, advoca-
tus diaboli sein zu dürfen; in der letzten Sitzung kam das bei mir nur
als negative Botschaft an, aber nachdem was sie eben zum Pfarrerbild
ge
sagt haben, kommt mir der Gedanke, ob nicht auch Potenzen d
a
r
in
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
208
liegen? Als Lehrer müssen Sie nicht immer ‚gut’ sein.
Sd Aber ich will ja gar nicht der Gegenspieler sein.
Sv Fällt es Ihnen schwer, weil Sie sich selbst sagen: Ich darf das nicht!?
Oder weil die Schüler von Ihnen erwarten, dass Sie das nicht sind?
Sd Es liegt in beidem drin in meiner Erwartung und der Erwartung der
Schüler. Religion als Fach, wo man eh eine gute Note bekommt und ich
bin ja trotzdem noch Pfarrer und die Angst, dass die Leute abwählen,
wenn ich zu hart auftrete. Das hat mir schon mal einer gesagt: Dass Sie
hier so herumbrüllen, das habe ich bei noch keinem Pfarrer mitbekom-
men. Das sind meine Ängste, dass ich persönlich nicht schlecht daste-
hen will und ich stehe ja auch stellvertretend für die Kirche: Wenn die
wegen mir aus der Kirche austreten, dann stehe ich ja blöde da vor der
Kirche, die mich dahin gesetzt hat.
Sv Mein Vorschlag – eine Facette der Lehrerrolle beinhaltet eben auch den
Aspekt, mal herumtoben zu dürfen wie Rumpelstilzchen, aus der Seele
keine Mördergrube zu machen können Sie das hören, dass das auch
eine Chance ist?
Sd Das ist mir sehr fremd: advocatus diaboli.
Sv Das ist ja schon wieder die intellektuelle Variante davon.
Sd Ja, diese intellektuelle Variante, das Böse hinterfragen von Meinungen,
damit bin ich noch nicht weit gekommen.
Sv Die Schüler piesacken und zwacken, ärgern und daran auch noch Spaß
haben. […]
Sd Intellektuelles Piesacken ist für mich noch einmal etwas anderes als das
Tobende, Aggressive das mache ich manchmal auch ganz gerne, aber
bei denen, wo ich mir sicher bin, dass sie verstehen, dass ich damit et-
was Positives will. Gemeine Fragen stellen, hinters Licht führen, aber in
der Schule, in den paar Malen, wo ich das versucht habe, hatte ich den
Eindruck, dass es nicht angekommen ist.
Sv Würden Sie sagen, dass Sie Humor haben?
Sd Ja.
Sv Ja? Kommt das denn rüber?
[…]
Es gibt ja so etwas wie eine humorvolle Ausstrahlung vom Wesen her,
wie wahre Schönheit kommt von innen, ein Humor, der nicht unter Be-
weis gestellt wird muss.
Sd Ich denke, dass ich dann eher nicht humorvoll bin, dass ich die Dinge
eher verkniffen sehe, – weil ich nicht möchte, dass Religion ein Fach ist,
das zu lässig ist, ohne Ansprüche, Religionsunterricht ohne Gott ich
möchte, dass das ein ernsthaftes Fach ist, in das man auch Energie in-
vestieren muss, um eine gute Note zu haben, – da bin ich verkniffen.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
209
3.2 Reflexion
Das Lilith-Thema
Nachdem der Supervisand die Frage nach seiner Verantwortung als ‚ge-
rechtfertigter Sünder’ von sich aus aufgegriffen und auch noch einmal be-
tont hat, wie sehr ihm das Theologietreiben Spaß macht, nehme ich von
mir aus die Figur der Lilith auf und verbinde sie mit der Schülerin, die ihn
solange provozierte, bis er aus seinem ‚Gefühlspanzer’ ausbrach. Meine
Hypothese war: Wie er die sinnlich-weibliche Lilith braucht, um aus dem
frühkindlichen Raum nicht gelebten Lebens herausgeführt zu werden,
braucht er emotionale Schüler/innen, um auf seine eigenen Gefühle zu-
greifen zu dürfen. Nur die Intervention ist viel zu wortreich formuliert.
Zu viele Überlegungen werden aneinander gereiht, als dass diese Interven-
tion jedenfalls direkt wirksam werden könnte. Präziser wäre gewesen,
ausschließlich zu fragen: ‚Die Schülerin, die Sie provozierte, war sie in die-
ser Unterrichtsstunde Ihre Lilith?’
Das Opferthema
Im weiteren Verlauf der Sitzung nimmt der Supervisand die Opferthema-
tik wieder auf. In der Reflexion der Imagination hatte er sich dafür ent-
schieden, sich nicht zu opfern, sich nicht hinzugeben, sondern lieber dem
Ruf des Grillplatzes und der Freunde zu folgen. Jetzt bringt er die Nach-
bereitung der letzten Sitzung und die Vorbereitung auf die Zwischenaus-
wertung ebenso mit dem Opferbegriff in Verbindung wie die Verpflich-
tung, die er seiner Frau gegenüber zur Hausarbeit eingegangen ist. Wel-
ches das größere Opfer ist, kann ich nicht sagen. Das gewichtigere ist auf je-
den Fall die Zusage gegenüber seiner Frau. In der konkreten Situation
wird mir das nicht so präzise bewusst und so spreche ich den Supervisan-
den auf die Alternative Pflichtgefühl contra Selbst(für)sorge an, obwohl es
ja eigentlich um die Alternative Pflichtgefühl gegenüber seiner Frau versus
Pflichtgefühl gegenüber dem Supervisor ging. Vor diese Alternative ge-
stellt und in dem Wissen, der Supervisor ist immer gut vorbereitet, hat er
sich für seine Frau entschieden. Es wäre sicherlich interessant gewesen,
diese Alternative direkt zu benennen und dann zu fragen ‚Hätten Sie Ihre
Zeit auch verbringen können, ohne ein Opfer zu bringen und schuldig zu
werden? Und im Anschluss daran eine provokante Intervention, ange-
messen eingeführt mit ‚Darf ich Sie einmal ärgern’: ‚Schon Isaak wurde
von Gott durch einen Widder ersetzt, um die Menschenopfer zu beenden.
Und spätestens die Kreuzigung Christi sollte das letzte Menschenopfer
gewesen sein.73 Wozu ist es gut, wenn Sie sich opfern?’
73 Das Bekenntnis zur Auferweckung des Gekreuzigten fordert dazu heraus, im Namen
Gottes erhobene Opferforderungen als Missbrauch des Namens Gottes zu entlarven,
die Verschleierung von Opferverhältnissen aufzudecken, der Bereitschaft zur Selbstauf-
opferung entgegenzuwirken, die Faszination, die von der Opferrolle durchaus auch
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
210
Spiritualität des Opferns
Die Opferthematik hat in der kirchlichen Tradition eine lange und Gene-
rationen prägende Geschichte, die auch den Supervisanden und seine Fa-
milie noch in ihrem Bann zu halten scheint. Er opfert’ seine Zeit den
Haushaltspflichten und verbindet auf diese Weise das Opferthema mit
dem Genderthema, wie es auch schon in der Bilderwelt seiner Imagina-
tion geschah. „Über Generationen wurde die Differenz zwischen dem,
was nach kirchlichen oder anderen weltanschaulichen bzw. ethischen
Maßstäben gelten sollte, und dem, was real lebbar war, durch eine Spiritu-
alität des Opferns ausgeglichen“, führt der Innsbrucker Theologe Matthi-
as Scharer74 aus, um im weiteren Verlauf aufzuzeigen, dass dieses Ver-
schlungensein von Opferthema und Familienrollen ebenfalls weit zurück-
greift: „Der Ehe- und der Generationenvertrag, das Verhältnis zwischen
den Partnern und das Verhältnis zwischen ‚Alt’ und ‚Jung’ waren ein be-
liebtes Feld, den Verzicht und die wechselseitige Abhängigkeit durch
‚Aufopfernzu regulieren: Speziell Frauen opferten sich für ihre Männer;
Eltern, besonders Mütter opferten sich für ihre Kinder und erwarteten ih-
rerseits Dankbarkeit und Opfer der Kinder, wenn sie im Alter derer be-
durften. Über dieses ‚Tauschgeschäft’ lbte sich die Religion auch das
Christentum wie ein ‚heiliges Zelt’ (vgl. P. Berger)75 und stabilisierte ein
eindrucksvolles Opfersystem, das auf der einen Seite hohe Stabilität in
den Rollen und Beziehungen garantierte, das aber andererseits nicht weni-
gen Menschen die Freiheit und das Lebensglück raubte. Jede und jeder
wusste in diesem System, was sich gehört’, welche Rolle sie/er darin zu
spielen hat und welches Risiko sie/er eingeht, wenn den wechselseitigen
Erwartungen von einer Seite nicht entsprochen wird. Speziell Menschen
in den ‘dienenden’ Rollen durften sich keinen Ausstieg erlauben.“76 Tref-
fender kann man das geistige Umfeld kaum charakterisieren, in dem sich
auch der Supervisand zu bewegen scheint. Beachtenswert gerade auf die-
sem Hintergrund die Rollenverschiebung, die sich andeutet: Der Mann op-
fert seine Zeit für die Haushaltsführung. Das ist selbstverständlich und
wird nicht hinterfragt. Die Vorstellung, er könnte sich selbst etwas Gutes
tun, sich Zeit für sich nehmen, in aller Ruhe noch einmal das in der Ima-
gination Erlebte aufmalen oder aufschreiben, löst Irritation bei ihm aus:
‚Für wen tte ich diese Zeit dann geopfert?’ Diese Vorstellung sprengt
offenbar sowohl seinen Horizont als auch den von ihm verwendeten Op-
ferbegriff.
ausgehen kann, zu ent-täuschen, formuliert M. L. Frettlöh konzentriert in ihrem Vor-
trag: Gott braucht keine Opfer! AaO., S. 78.
74 M. Scharer, aaO., S. 23.
75 Peter Berger: Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft. Frankfurt/M. 2/1988.
76 M. Scharer, aaO., S. 23f.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
211
Christliche Opfer-Theologie und Supervision
Auf die theologische Diskussion, ob das Opfer als Teil eins christlichen
Gotteskonstruktes noch tragfähig und vermittelbar ist und eine Zukunft
hat, hatte ich im vorangegangenen Kapitel bereits hingewiesen. Ich be-
schränke mich deshalb an dieser Stelle, auf M. Scharer zu verweisen, der
die Dialektik des Opferbegriffs im Kontext supervisorischer Arbeit be-
leuchtet. Einerseits betont er in aller Deutlichkeit: „Supervision kann
speziell im kirchlichen Kontext als ‚Befreiungsarbeit’ aus dem Opfer-
kreislauf gesehen werden.“77 Aber gleichzeitig warnt er vor Überheblich-
keit und dem Irrglauben, „endlich alle Opfer befreit zu haben.“78 Denn
„gleichzeitig produziert die Emanzipation aus den tradierten Rollen auch
neue Opfer, die nicht selten übersehen oder verschleiert werden.Scharer
geht es nicht darum, wie er ausdrücklich hervorhebt, die ‚neuenOpfer
mit den alten’ aufzurechnen oder „in ihrer Dramatik“ zu vergleichen. „Es
geht einzig darum, vor der Illusion endgültig ‚befreiter’ nachreligiöser oder
nachkirchlicher Menschen zu warnen und dabei die Verschleierung (post)-
moderner Opfer zu übersehen.79 Scharer schärft die Aufmerksamkeits-
richtungen für den weiteren Prozessverlauf: Wo gibt es im Leben des Su-
pervisanden Opfer? Wer opfert sich wem wofür?80 Wie ist das Opferthe-
ma mit der Genderfrage verknüpft? Inwiefern tangiert die private Rollen-
verteilung auch das Berufsleben des Supervisanden?81
Das
 διáβολοσ
-Thema
In einer späteren Phase dieser Sitzung kommt der Supervisand selbst auf
die oben genannte Situation mit der Schülerin noch einmal zurück und
setzt sie in Beziehung zu Situationen, die er als junger Pfarrer z. A. in der
77 M. Scharer, aaO., S. 26.
78 Ebd., S. 25.
79 Ebd., S. 26.
80 Magdalene L. Frettlöh will nicht gänzlich auf den Opferbegriff verzichten. Aber
„nicht um selbsterniedrigende und selbstquälerische Aufopferung, sondern um die
Einstimmung in den Willen Gottes und das Einbringen aller Sinne in das Tun des
Guten geht es Paulus hier“, schreibt sie mit Blick auf Röm 12,1f. „Mit einen sol-
chen Gottesdienst im Alltag der Welt können wir wie Jesus in Konflikt und Bedräng-
nis geraten, und wir werden zu prüfen haben, welches Opfer lebensförderlich sein
kann und welches nicht. In der noch unerlösten Welt bleiben wir darauf angewie-
sen, daß Menschen ungezwungen, aus freiem eigenen Entschluß und im Wissen da-
rum, daß sie ihr Leben mit allen seinen Begabungen Gott verdanken füreinander
einstehen, ihre Zeit, ihre Kraft, ihre Liebe investieren, ohne auf Gegenseitigkeit
rechnen zu können.“ In: Braucht Gott Opfer, aaO., S. 53.
81 Im Unterschied zu M. L. Frettlöh wehrt sich Helga Kuhlmann dagegen, den Opferbe-
griff in diesem Kontext zu verwenden und empfiehlt stattdessen, „vom Gebenund
von (freiwilliger) ‚Hingabe (aaO., S. 539) zu sprechen. Dabei hat sie durchaus im Blick,
dass es notwendig ist, Grenzen zu setzen, um sich durch ‚diese Hingabe nicht selbst zu
beschädigen. Die Perspektive der Empfangenden’ in „nicht-reziproken Beziehungen“
(ebd.) und ihre Möglichkeiten bzw. eher ihre Beschränkungen, ihr Lebensrechteinzu-
fordern, kommt allerdings nicht in den Blick.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
212
Frauenhilfe erlebte. Auch dort erlebte er eine unbändige Wut und einen
extrem hohen Affizierungsgrad, der sich sehr plastisch in seiner Wortwahl
ausdrückt: ‚Die haben einen an der Klatsche’, ‚Schnattern’. Seinen Wech-
sel in die Berufsschule beschreibt er als Flucht und Rettung aus einer be-
ruflichen Falle: Durch sein in Anlehnung an seinen Vater entwickeltes
recht starres Pfarrerbild (allmächtig, emotionslos) fällt es ihm schwer,
konstruktiv mit den Alltagskonflikten dieses Berufes umzugehen. Es blei-
ben in seinen Augen nur die Auswege Flucht oder Implosion / Explosi-
on. Bei der Flucht in die Berufsschule scheint es mir, als tte er sich aus
der Hölle ins Fegefeuer gerettet. Denn auch in der Schule bleibt er als Re-
ligionslehrer und Berufsschulpfarrer Pfarrer und damit Repräsentant der
Kirche. Stellvertreter Gottes ist er zwar nicht mehr, aber immer noch
Stellvertreter der Kirche und ihr rechenschaftspflichtig. Wie mächtig be-
stimmte Anteile seines Gotteskonstruktes (‚Du musst gut sein, immer nett
und freundlich, darfst nicht kritisieren, keine negativen Gefühle zeigen’)
und seines Pfarrerbildes in ihm verwurzelt sind, lässt sich auch in der Un-
sicherheit, die neue Lehrerrolle zu übernehmen, erkennen: Ihn reizt die
Lehrerrolle, weil er da nur ‚fast allmächtig’ sein muss und auch Gefühle
zeigen, ja sogar ausrasten darf. Aber er leidet unter dem Erziehungsauf-
trag’ des Lehrers. Selbst Autorität zu sein, Grenzen zu setzen, konsequent
Konflikte auszutragen, fällt ihm schwer. Auf mein Angebot, dem Diaboli-
schen doch vielleicht etwas Positives abzugewinnen (‚Potenzen’), reagiert
er sehr zurückhaltend. Sein Gotteskonstrukt, sein Elternbild, sein Selbst-
bild sehen es offensichtlich nicht vor, die eigene ‚Schattenseite’ (Carl Gus-
tav Jung) bewusst zu integrieren.82 Diese innere Zerrissenheit wird von
dem Supervisanden im Erlebnisprotokoll dieser Sitzung sehr prägnant ge-
schildert:
82 Mit dem Begriff des Schattens bezeichnet Jung in seiner „Analytischen Psychologie 1.
das, was ich nicht sein möchte, d. h. die pernlichen dunklen, minderwertigen und
schuldhaften Bereiche des Unbewussten; 2. infantile, emotionale und irrationale Fixie-
rungen und Symptome; 3. das andere meiner selbstim Sinne einer noch nicht erkann-
ten schöpferischen Potenz. Martin Kunz: Artikel ‚Schatten’. In: Gerhard Stumm / Al-
fred Pritz (Hg.): rterbuch der Psychotherapie. Wien 2000, S. 607. S. a. M. Kless-
mann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 166f und S. 532 537.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
213
3.3 Erlebnisprotokolle des Supervisanden
Erlebnisprotokoll der fünften Sitzung
„Der dritte Gedankengang bezieht sich auf den Teufel, genauer gesagt auf
den Gesprächsgang, der sich darum drehte, ob ich manchmal gerne den
Teufel spielen möchte bzw. den advocatus diaboli. Ich habe darüber noch
auf der Rückfahrt nachgedacht. In der Tat chte ich gerne den Teufel spie-
len, aber ich möchte nicht der Teufel sein. Und ich möchte den Teufel so
spielen, dass ich mich nachher wieder zurückziehen kann nach dem Mot-
to: ‚War ja alles nicht so gemeint’. Wenn ich das ins Theologische drehe,
dann denke ich dabei an Bonhoeffer, der zum Thema Schuldübernahme
meinte, dass gerade die Bereitschaft, Schuld zu übernehmen, der einzige
Weg sei, keine Sünde auf sich zu laden. In der Schule möchte ich weder
Teufel sein, noch als Buhmann dastehen. Ich möchte nicht, dass Leute von
mir sagen, dass ich ein ‚Arschloch’ sei. Mit anderen Worten: Ich möchte kei-
ne Schuld auf mich laden. Das geht aber nur, wenn ich mich letztlich meiner
Verantwortung entziehe. Erst jetzt fällt mir auf, dass auch dies mit den oben
genannten Punkten in Beziehung steht, denn allein als Kind darf man es
sich erlauben, keine oder zumindest keine volle Verantwortung zu tragen.“
Polarität ‚aggressiv’– ‚ingressiv’
In der folgenden, der sechsten Sitzung, habe ich die Frage des Umgangs
mit Aggressionen wieder aufgegriffen und den Supervisanden im Zusam-
menhang der Entwicklung eines Polaritätensterns83 einen Gegenpol dazu
suchen lassen. Er entschied sich für die Polarität aggressiv ingressiv’.
Ich kannte den Ausdruck ‚Ingression’ nicht, aber für den Supervisanden
schien er angemessen auszudrücken, was mit ihm geschieht, wenn ihn von
außen etwas ‚überflutet’ bzw. wenn er andere ‚überflutet’.84 Der folgende
Ausschnitt aus dem Erlebnisprotokoll dieser Sitzung macht deutlich, wie
es in ihm ‚arbeitet’, wie er in einem inneren ‚Verhandlungs- und Validie-
rungsprozess85 an seinem Gottes- und Selbstbild ‚feilt’, um bisher nicht
gelebtes Leben aktiv integrieren zu können:
Erlebnisprotokoll (Fortsetzung)
„Schließlich entschied ich mich (vorläufig zumindest) dafür, ‚ruhig sein / in-
gressiv’ zwischen ‚Menschen verachtend / würdelos’ und ‚eine Struktur / ei-
ne Ordnung schaffen’ zu legen. Aggressiv’ fand den Platz zwischen ’im
Chaos versinken’ und ‚Respekt / würdevoll’. Erstaunt war ich ohnehin da-
83 S. J. Zinker, aaO., S. 191 223; s. a. H. Fallner und M. Pohl, aaO., S. 183 188. Aus-
führlicher dazu im nächsten Kapitel.
84 Ingressionlt. Bertelsmann rterbuch der deutschen Sprache: „langsames Eindrin-
gen des Meeres in ein durch Senkung entstandenes Festlandsbecken (z. B. Bodden,
Haff, Ästuar) [lat. ingressio, Gen. onis, ‚Eintritt, zu ingredi hineingehen, betreten’].
Gütersloh/München 2004, S. 692.
85 S. Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 86.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
214
rüber, wie nah das, was ich ablehne (Menschen verachtend, würdelos), dem
war, was mich unterstützt (Struktur / Ordnung schaffen). Ich frage mich je-
doch seit der Supervisionssitzung, ob darin nicht viel Sinn liegt. Wenn ich
Strukturen schaffe oder Ordnung (Dieses Wort hat ja durchaus ambivalente
Konnotationen!), dann dringe ich tief ein in das Verständnis einer Sache,
aber die Menschen bleiben bei dem Strukturieren oft auf der Strecke. Ein
Zuviel an Struktur oder Ordnung ist letztlich menschenverachtend (wenn
auch auf eine andere Art als die, die ich im Kopf hatte, als ich die Stichworte
aufschrieb). Um mich den Menschen zu nähern, brauche ich mehr als Struk-
tur, ich muss nicht eindringen (eindringlich bzw. aufdringlich sein), sondern
auf sie zugehen, also in gewissem Sinne aggressiv sein. Dem entspricht die
Ordnung ja auch auf der anderen Seite. Ein gewisses Quantum an Aggressi-
vität ist nicht menschenverachtend, sondern zeugt von einem gewissen Res-
pekt für andere. Und das Versinken im Chaos hat ja auch positive Seiten.
Denn was wäre Liebe ohne das ganze Gefühlschaos, das dadurch verur-
sacht wird. Es kommt also darauf an, die nötige Balance in der jeweiligen Si-
tuation zu finden, und das setzt wiederum voraus, wie ja wohl vom Su-
pervisor geplant auszuloten, in welchem Maße ich welche Polaritäten zur
Verfügung habe.“
Sein ‚Ja’ zum Gefühlschaos!’ ist vielleicht nur ein kleiner Schritt für Außen-
stehende, aber ein großer Schritt für den Supervisanden!
4 Der Blick zurück -
auf den Supervisionsprozess
Hypothese: Der Supervisand braucht die emotionale Provokation von au-
ßen, um seine eigene Emotionalität leben zu dürfen.
Hypothese: Das Leben ist für den Supervisanden in erster Linie Pflicht.
Um dieser Pflicht nachzukommen, muss er sich und seine Bedürfnisse
‚opfern’. Nachdem sich der Supervisand zunächst den Vorstellungen
seiner Ursprungsfamilie ‚hingegeben’ = ‚geopfert’ hat, opfert er sich
nun seiner eigenen Familie (seiner Frau). Auch der Pfarrberuf war
überwiegend Pflicht und Opfer.
Hypothese: Der Wechsel in die Berufsschule war und ist mit der Hoffnung
verbunden, dort jedenfalls mehr als bisher – nicht gelebte Seiten aus-
agieren zu können. Zugleich fürchtet er sich allerdings vor möglichen
Konsequenzen aus der Gnade Gottes, der Eltern, der Ehefrau
zu fallen, nicht mehr geliebt zu werden.
Der Supervisand beginnt, sein Gottes- und Selbstbild zumindest partiell in
Frage zu stellen und durch neue Erfahrungen zu erweitern.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
215
Meine eigenen Versuche, die religiösen Elemente, die von dem Super-
visanden eingebracht wurden, für den Prozess fruchtbar zu machen,
scheiterten oft an der mangelnden ‚Geistesgegenwart’. Jetzt ‚im Nachhinein’
ist natürlich viel einfacher zu erkennen, welches Potenzial und welche
Interventionsmöglichkeiten sich durch die religiösen Bilder und theo-
logischen Denkfiguren ergeben.
auf die Untersuchung
Religiöse und theologische Feldkompetenz ist für die supervisorische Arbeit
mit Religionslehrern/innen unerlässlich und damit eine Frage der su-
pervisorischen Ethik.
Merkmale religiös-theologischer Feldkompetenz (nach M. Klessmann) sind
prinzipielle Offenheit und Neugier gegenüber religiösen Themen, dem
religiösen Thema eine eigenständige Bedeutung zuzugestehen, Kennt-
nis religiöser Themen und Traditionen und ihrer Bedeutung, persönli-
che Spiritualität als Bestandteil der professionellen Kompetenz anzuer-
kennen und zu bearbeiten.
Je intensiver der/die Supervisor/in seine/ihre eigene religiöse Vita durch-
arbeitet, desto freier und unbefangener wird er/sie mit den von den Su-
pervisanden/innen eingebrachten religiösen Bildern und Theologume-
na arbeiten können; denn gerade auch hier gilt: in Kontakt mit sich
selbst und im Gegenüber zum/r Supervisanden/in!
Supervision mit Religionslehrern/innen und Seelsorge haben z. T. die glei-
chen Ideale. Supervision beschränkt sich auf das, was kontraktiert ist:
Die Stärkung der beruflichen Zufriedenheit. Ein gemeinsames Gottes-
konstrukt als Voraussetzung bzw. als Ziel der supervisorischen Arbeit
lässt sich mit dem ergebnisoffenen Charakter von Supervision nicht
vereinbaren.
Interne Supervision wird bedenklich, wenn der sekundäre Auftraggeber
auf das individuelle Gotteskonstrukt / ‚den Glauben’ des Supervisan-
den Einfluss nehmen will.
Es gibt keine Wertfreiheit auch nicht in der Supervision. Deshalb sollte
die Reflexion der Sinnkonstruktionen der Supervisanden/innen, der
Supervisoren/innen, aber auch der Weltdeutungsmuster, die gegenwär-
tig die Gesellschaft und so auch das Berufsfeld bestimmen, bewusst in
den supervisorischen Arbeitskontrakt mit aufgenommen werden.
VII. Kapitel: Religiöse Feldkompetenz
216
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 217
VIII. Kapitel
‚Gott begegnen’
Konstruktive und destruktive Funktion von Religion
1 ‚Gott begegnen’ – sechste und siebte Sitzung
1.1 Transkript – sechste Sitzung
Der im Folgenden zitierte Prozessabschnitt führt nachdrücklich vor Au-
gen, wie sehr die familiäre religiöse Sozialisation (Mutter und Vater, der
Beruf des Vaters), das religiöse Umfeld (Kirchengemeinde, landeskirchli-
che Gemeinschaft, Bibelkreis, CVJM) und die dort eingeübten Bewälti-
gungsmuster das Fühlen, Denken und Verhalten des Supervisanden ge-
prägt haben und auch weiterhin prägen. Wie bereits angedeutet, ist der Ab-
schnitt im Kontext der Arbeit an einem Polaritätenstern zu sehen. Der Fo-
kus der zitierten Sitzung lag in der Auseinandersetzung mit dem positiv
besetzen Pol ‚zweckdienliches Handeln’ und dem negativen Gegenpol
‚Herumgammeln’.
1
1 Beispiel eines Polaritätensterns nach J. Zinker, aaO., S. 198. Zinker stellt sich den
Menschen als Kreis vor, in dem „Tausende von integrierten und ineinander verwo-
218 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
Auf meine Frage ‚Haben diese Pole für Sie irgendwelche Namen oder vielleicht auch
Gesichter?’ wich der Supervisand zunächst aus, stellte dann aber eine Asso-
ziation zu seiner Mutter her. Darauf folgt diese Passage:
SvDarfichSieberühren?
SdJa.
Sv[stelltsichhinterdenSdundlegtseineHändeaufdieSchultern,nur
ganzsachteDruckausübend]:WerstehtIhnendenndaimNacken?
Dumusstnochvielmehrmachen;esgibtnochsovielVernünftiges,
wasdutunkannst.Dukannstdichdochnichtgehenlassen,duwillst
dochetwaswerden,duwillstausdeinemLebendochetwasmachen,es
gibtsoviel,‐
SdNee,dasistes,glaubeich,nicht,dassichetwasausmirmachenmuss.
SvStehtjemandhinterIhnen?
SdJa,aberichkannesnichtalsPersonidentifizieren.MeinersterGedanke
wargerade:DastehtGott.
DerUnterschiedzwischenHerumgammelnundzweckdienlichem
Handelnistvielleicht,dassichdasHerumgammelnfürmichmache
unddaszweckdienlicheHandelnisteineTugend.EinechristlicheTu
gend.DubistverantwortlichfürdieUmwelt,dafür,dassganzvielezur
Kirchegehören,wahrscheinlichauchausderJugendheraus,ichweiß
nicht,obichdaserzählthabe;ichhabeeinenpietistischenBackground
beimir[…]erweckungsbewegtin[…],meineElternkommenausdem
frommen[…].
SvAuseinerFreikirche?
Sd schütteltdenKopf
SvLandeskirchlicheGemeinschaft?
SdGemeinschaft,ja,CVJM,undmeinVaterwardaPfarrer,[…]starkge
prägtdurchdielandeskirchlicheGemeinschaft.
SvIhreMuttersagt:Mach’erstmaldeineHausaufgabenunddannsteht
GottaufeinmalhinterIhnen.
WerwardennnunderRepräsentantdiesesGottes?[Hinweisaufdie
pietistischevangelikalgeprägteRegion,inderderSupervisandaufge
wachsenist;AnspielungaufreformiertesEthos,MaxWeber]
SdJa,genau.
SvAberdasistjanichtvomHimmelgefallen,dashatIhnendochjemand
vermittelt.BeideVaterundMutter?
SdJa,aberaufunterschiedlicheWeisemeinVaterhatinseinemganzen
LebenkeineFortbildunggemacht,dennerdurfteseineGemeindeja
nichtimStichlassen.ErwarimmerinderNähe,immeraufdem
Sprung,fallsergebrauchtwürde.
benen Polaritäten […] miteinander verschmolzen sind. Der gesunde Mensch ist sich
der meisten Polaritäten in sich bewusst, einschließlich solcher Gefühle und Gedan-
ken, die die Gesellschaft nicht billigt, und er ist in der Lage, sich selbst auf diese
Weise zu akzeptieren.“ Ebd., S. 193.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 219
SvHabenSiealsFamiliedennmalUrlaubgemacht?
SdJa,aberwirmussteneinmalzurückfahren,weilmeinVatereineBeerdi
gungmachenmusste.Wirsindauchniebesondersweitweggefahren.
UndbeimeinerMutterwarimmerderSpruch:ErstdiePflichtund
danndasVergnügen.AberganzwichtigwarsicherlichauchderHaus
bibelkreissagtIhnendaswas?
SvJa,ichkommeselbstursprünglichauseinerFreikirche.
SdMitdemAnspruch,dasWortGottes,dieEthik,mussdannauchimAll
tagdasein.WodannimmerwiederdieTendenzwar:bereitsein,alles
zugeben.
SvDenBibelkreissolltensieauchnochaufschreiben,wenndaswichtigist.
DiesesEthoskommtmirschonbekanntvor:AllesstehtimDienstedes
Herrn.AllesauchBeziehungenmüssendemKriteriumunterworfen
werden:DientesderAusbreitungdesReichesGottes?
SdGenau.
SvWasistmitdemanderenPol‚Herumgammeln’?Siehattenangedeutet,
IhrVaterhätteschonauchmalloslassenkönnen.KennenSieJürgen
MoltmannskleinesBüchlein‚DieerstenFreigelassenenderSchöp
fung’?2Wiesiehtdasmitdem‚freienSpielderKinderGottes’aus,ein
fachdieGabenderSchöpfungzugenießen?
Hatesjemandengegeben,andemSiediesenPolfestmachenkönnen?
SdEinBild,wasquasimichbewegthat,denMangelauszudrücken‐
SvWasdazugeführthat,dieEnergiesofrühabzublocken,direkthinter
demMittelpunkt,dassdasowenigherübergekommenist,mussja
aucheinenGrundhaben,esmusseinMustergegebenhaben,dasIhnen
signalisierthat:Vorsicht,Vorsicht!HatesabschreckendeBeispiele
gegeben?
Sd[Schweigen]
ZweiBilderkommendaseinewar,alsichso18/19Jahrealtwarein
jungerMann,derbeiunsinderNachbarschaftwohnte,derwardro
genabhängig,dannwareraufEntzugunddannwiederda,undder
warschoneinAußenseiterundwurdesodargestellt:
DiearmenEltern,washabendienurfalschgemacht?Dasistaucheine
Formdes‚Sichgehenlassens’,deristnichtmehrHerrseinerselbst.
DerwurdemadiggemachtmitderZielrichtung:Bleibdubeideinen
Sachen,beideinemGlauben,deinerReligion,gehnichtindieWelthin
aus.
Undeinandererfälltmirjetztein.DerhatauchDrogengenommen,
Heroin,hattemehrereSuizidversucheüberlebt.Dervierteoderfünfte
wardannerfolgreichunddannhießes:Ja,ja,dasiehtman,wohindie
Drogenführen.
PsychischeKrankheitengabesnichtfürmeineEltern,diegibtesauch
bisjetztnicht.
2 Jürgen Moltmann: Die ersten Freigelassenen der Schöpfung. Versuche über die
Freude an der Freiheit und das Wohlgefallen am Spiel. München 4/1974.
220 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
[LängeresSchweigen]
SvIchhängebeidem,wasSiefastsonebenbeigesagthaben:Dassesfür
IhreElternbisheutekeinepsychischenKrankheitengibt.
SdPsychotherapeutensindHumbug.
SvScharlatane.
SdEsgibtfieseSituationen,aberdanngibtesTablettendafür.Mankann
maleinpaarTageschlechtdraufsein
SvAberdasheißtja,dassSiealseineGrundbotschaftvonzuhausemitbe
kommenhaben:
Esliegtallesandir.DukannstdeinLebenmeistern,dumusstesnur
entsprechendkontrollieren,imGriffhaben,dichandierechteLehre
haltenunddiePflichterfüllen.
Sd[Fügtimmer‚ja’,‚ja’,‚ja’ein.]
DaswarschonsoeinKlimainderGemeindewennmansonntagmor
gensnichtindieKircheging,danngabesbösesBlut,dannkamein
Presbyter‐
SvWaswärepassiertinderPubertätprobiertmandochallesMögliche
aushabenSieeinmalprobiert,IhrenSpielraumindieseRichtung
auszuweiten?Einfachso,intuitiv?
SdJa,einbisschenausgeweitet,jaaberichglaube,ichbinaufhalbem
Wegestehengeblieben.Also,wasichniegemachthabeetwaimGe
gensatzzumeinemBruder,deristdannabendslosundmitirgendwel
chenJugendlichendurchsDorfgezogen.Wahrscheinlichhaterdann
geraucht,mitSicherheitauchaufdemMarktplatzherumgegammelt.
SvDeristälteralsSie?
SdVierJahreälteralsichunddaswarnichtmeineWelt.Dashabeichnie
gemacht!IchhabemirlangeHaarewachsenlassenundmirdadurch
denZornmeinerMutteraufmichgezogen,dieKleidungauch,dassich
esgewagthabe,eineLatzhoseindieSchuleanzuziehendagabes
KrachzuhausemitmeinerMutter.
SvUndwaswurdedagesagt?
SdIndiesemAufzugkannstdudochnichtindieSchulegehen!
SvAlsmoralischerZeigefinger?
SdJa,dawurdenichtgesagt:DasmachtmanalsChristnicht,sondern
ehersokleinbürgerlich.
EsgabdannsoZeiten,woichmitLeutenauchamWochenendesehr
vielunternommenhabe,keineDiscos,aberFeten.Dagabesdannauch
Leute,dieHaschischgerauchthaben,aberdahabeichniemitgemacht.
DrogenkamennichtinFrageaufdemHintergrund,denichgeradeer
zählthabe.
SvUndistausIhremBruderetwasgeworden?
SdJa,ichhabeihnimmerbewundertfürdas,wasermacht.Ja,aberdasist
natürlicheineschwierigeFrage.
Esistnichtdasausihmgeworden,wasmeineElterngedachthaben.
MeineElternsindfroh,dassersichüberWasserhaltenkann,aberesist
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 221
nichtdas,wassiesichgedachthaben.Undichkönntedasnochbös
weiterspinnenundsagen,dassauchmeinältesterBrudernichtdasge
wordenist,wassiesichvorgestellthaben.Ichstehedainderfamiliären
Pflicht.
SvJa,dieliegtjetztganzaufIhrenSchultern.
SdJa,ichmussimmernochmehrtun,umdieZielezuerreichen.Dasist
dieFußlänge,dieaufdieserSeitenochbiszumExtremfehlt.
Sv DakönntenSieimmernochmehrmachen
WassitztIhnenimNacken?DieseFragegehtmirimmernochnach.
GottversusTeufel?Drogenhabensiegenannt.Sicherlichetwassehr
Bedrohliches.DamitkannmanKindernundJugendlichensehrviel
Angstmachen.
SdHabeichselbsterlebt.
SvVielleichtkönnenSieindieseRichtungnochweiterdenken,wasSieda
blockiert.DenndasblockiertSiejaauchinderPraxis.Ichglaubeganz
fest,dassSiedasPotenzialhaben,auchinAusnahmesituationeneinen
ganztollenUnterrichtzumachen.
SdIchbinauchderMeinung,dassichdanochPotenzialehabeundmeine
Rückmeldungensindjaauchnichtschlecht.AberdieFrageistinder
Tat,waskannichtun,umdieseBlockadezubewegen.Dasistes.Ich
glaubeschon,dassdanochetwasist,wasichnichtweiterschieben
kann.Aberwie?
SvDasistderKnackpunkt.
1.2 Reflexion
Frömmigkeit als soziale Anpassung
Der erste Gedanke des Supervisanden ist 'Gott', als ich ihn frage, wer ihm
im Nacken sitzt. Dieses Prozesssegment ‚fasst’ sehr eindrücklich das Famili-
encredo des Supervisanden ‚in Sprache’ und ‚enthüllt’ zugleich die ‚Kopp-
lung’ von Familiencredo und individuellem Gotteskonstrukt. Gott steht in
diesem konkreten Fall – zumindest auch – als Chiffre für eine restriktive,
pietistisch beeinflusste, zugleich aber auch sozial angepasste, auf Sekundär-
tugenden achtende Frömmigkeit: die durch den Pietismus und die Erwe-
ckungsbewegung geprägte Region, die landeskirchliche Gemeinschaft, der
CVJM, der Bibelkreis, das Pfarrhaus mit den dazugehörigen Erwartungen
ergeben ein Gemisch, in der sich religiöses Ethos und ‚kleinbürgerlich-preu-
ßische’ Erziehungsnormen untrennbar miteinander zu vermengen scheinen.
Christliche Umweltverantwortung steht gleichberechtigt und -gewichtig ne-
ben sog. Sekundärtugenden wie ‚Erst die Pflicht, dann das Vergnügen!’,
‚Erst die Hausaufgaben, dann darfst du zum Spielen nach draußen!’. Wie der
Vater ‚seine’ Gemeinde nicht im Stich lassen darf und das gesamte Fami-
lienleben darauf ausgerichtet sein muss, darf auch der Sohn ‚sich nicht ge-
hen lassen’, muss er ‚bereit sein, alles zu geben’.
222 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
Instrumentalisierung von Religion
Wenn wir die Funktion der Religion in diesem Prozessausschnitt genauer
betrachten, dann fällt auf, dass im Grunde genommen alle religiösen The-
men – besonders durch die Mutter – für ihre restriktiven und sozial-ange-
passten Interessen instrumentalisiert werden:
Sich zu Gott halten, heißt dann –
Erst die Pflicht, dann das Vergnügen!
Aber: Wie viel du auch tust, es ist nie genug!
Reiß dich zusammen, sonst wirst du drogenabhängig!
Sei ein Mann (und zieh keine Latzhose an, lass dir nicht die Haare lang
wachsen), sonst blamierst du uns in der Öffentlichkeit!
Destruktive Grundbotschaften
Im Sinne der Transaktionsanalyse sind das klassische „Antreiber“3 bzw.
„destruktive Grundbotschaften“,4 die das Scriptbuch5 eines Menschen
nachhaltig prägen. Bei diesen familiären Botschaften und dem daraus ge-
nerierten und internalisierten Credo drängt sich die Vermutung auf, hier
würden im Freudschen Sinne alle nur denkbaren Überich-Projektionen6
wie durch ein Brennglas konzentriert.7
Der Vater, der zugleich Pfarrer ist, die preußisch geprägte Erziehung der
Mutter, die landeskirchliche Gemeinschaft und der CVJM, abschreckende
Beispiele in der Nachbarschaft – ‚wie aus dem Lehrbuch der Psychoanaly-
se!’, möchte man ausrufen. Systemisch betrachtet, kommt Gott hier ins
System, indem er als Koalitionär der Mutter, „als Beziehungsfigur von ei-
3 S. L. Schlegel, aaO., S. 205ff; Antreiber sind Forderungen, die „Perfektion, Fehlerlo-
sigkeit, höchste Leistungen in allem, was der Betreffende tut“ (ebd., S. 205) verlangen.
4 Destruktive Grundbotschaften vermitteln Kindern und Jugendlichen, dass sie das
Leben nicht meistern werden, dass sie sich nicht entwickeln sollen, dass sie nicht
glücklich sein sollen etc.; ebd., S. 197ff.
5 Nach Eric Berne, dem Begründer der Transaktionsanalyse, hat jeder Mensch einen
unbewussten Lebensplan, der stark durch solche frühkindlichen Botschaften be-
stimmt wird. Siehe ebd., S. 176ff.
6 Gerhard Pawlowsky erläutert ‚Überich’ als einen „inzwischen in die Umgangsspra-
che eingegangene[n] Begriff […] aus dem zweiten topischen oder Strukturmodell
Freuds“, das „den Bereich der internalisierten Regeln, Gebote und Verbote“ be-
zeichnet. „Es wird zumeist als Gegenüber und Kontrollinstanz des Es, des Sitzes
der Triebregungen, gesehen. Dieses Modell erlaubte, im Rahmen der Triebtheorie
neurotische Probleme als psychischen Konflikt zwischen den Instanzen (Es-Über-
ich-Konflikt, Ich-Überich-Konflikt etc.) darzustellen.“ Artikel ‚Überich’. In: Ger-
hard Stumm / Alfred Pritz (Hg.): Wörterbuch der Psychotherapie, aaO., S. 734.
7 Offensichtlich steht der Supervisand mit dieser Erfahrung nicht allein: S. a. die Be-
ratung der Theologiestudentin Christina Bandi durch Chr. Morgenthaler und G.
Schibler, aaO., S. 21: „Es ist überraschend, wie nahe die Begriffe, die Frau Bandi zu
ihrem ‚alten’ Gottesbild zusammenstellt, mit den Charakteristika des ‚Überich-Got-
tes’ korrespondieren.“ S. a. S. 29.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 223
nem Subsystem der Familie“8 gegen den Sohn in das Gesamtfamiliensys-
tem eingebaut wird.
Keine generelle Pathologisierung religiöser und theologischer Themen
Dennoch möchte ich davor warnen, den vorschnellen Schluss zu ziehen,
dass Gottesbilder generell die drohende, strafende und bedrängende Fa-
cette des Überichs repräsentieren. Als Supervisor, der zugleich auch Theo-
loge ist, tue ich mich schwer, Religion – und damit natürlich auch Gottes-
vorstellungen – als Zeichen von Unreife, Verdrängung oder gar als patho-
logische Ausformung der Persönlichkeit zu definieren. „Selbst die klassi-
schen Freudianer halten heute nicht mehr für der Weisheit letzten Schluss,
was Sigmund Freud über die Religion als eine Zwangsneurose und eine
reine Vaterprojektion aus Angst und Wunsch darstellte“,9 gibt Tilmann
Moser bekannt. „Nicht einmal die klassische Psychoanalyse ist heute da-
rauf aus, Religion und den Glauben an Gott nur als neurotische Schiefhei-
lung anzusehen“,10 was aus systemischer Sicht eigentlich eine Selbstver-
ständlichkeit sein sollte. Chr. Morgenthaler: „Was als ‚Krankheit’ erscheint,
kann unter anderen Gesichtspunkten gerade als die Fähigkeit des Systems
verstanden werden, sich unter den gegebenen Bedingungen optimal zu
arrangieren.“11 Das gilt auch für den Supervisanden, der sich innerhalb
seines familiären Systems ‚eingerichtet’ hat. Das funktioniert auch, bildet
eine Homöostase, wie die Systemiker diesen Zustand eines ‚Systemgleich-
gewichts’ nennen. Jedes Element dieses Systems funktioniert auf seine ihm
zugedachte Weise und trägt so zur Stabilität des Systems bei. Aber ir-
gendwann gerät dieses Systemgleichgewicht durch innere oder äußere An-
stöße in ‚Un-Ordnung’: Der Vater geht in den Ruhestand, der Bruder
scheitert im Beruf, der Supervisand studiert im Ausland und heiratet eine
Frau, die für ihn unbekannte ‚Spielregeln’ einführt. Und auf einmal funk-
tionieren die gelernten Lösungsmuster und -strategien nicht mehr – weder
im Privatleben, noch im Beruf. Aufgabe der Supervision ist es nicht, diese
jetzt ‚überholten’ Konstrukte zu pathologisieren, sondern gemeinsam mit
dem Supervisanden neue ‚Lösungswege’ zu suchen. Auch wenn in diesem
konkreten Prozesssegment die bedrängende und manipulative Energie des
Familiencredos zu Tage tritt, bleibt gültig, was im vorangegangenen Kapi-
tel gefordert wurde: Religiöse Bilder und religiöse Lebensinszenierungen
sind zunächst genauso ‚ergebnisoffen’ wahrzunehmen wie alle anderen
Modelle der Selbstorganisation auch. Wenn – gewissermaßen als konstruk-
tivistisch-systemischer Minimalkonsens – der ethische Imperativ Heinz
von Foersters „Sag ihnen, sie sollten immer so handeln, die Anzahl der
Möglichkeiten zu vermehren; ja, die Anzahl ihrer Möglichkeiten zu ver-
8 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 81.
9 T. Moser: Erträglicher Gott, aaO., S. 20.
10 Ebd., S. 42.
11 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 69.
224 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
mehren“12 auch im Blick auf die Behandlung religiöser Elemente im Su-
pervisionsprozess zugrunde gelegt wird, dann dürfen religiöse Bewälti-
gungsmuster nicht von vorneherein mit einem negativen Vorzeichen ver-
sehen werden. Was Menschen – und das gilt für Supervisanden/innen wie
für Supervisoren/innen gleichermaßen – in ihrem ‚Innersten bewegt’ und
vielleicht auch ‚zusammenhält’, ist konstitutiver Bestandteil der Wirklich-
keitskonstruktion privaten und beruflichen Lebens. Deshalb sollten Super-
visoren/innen vorbereitet und gefasst sein für den Augenblick, wenn
der/die Supervisand/in Religion zum Thema macht. Was T. Moser für die
Psychotherapie fordert – „Der Therapeut, vor allem auch der Körperthe-
rapeut, sollte fromm und andächtig sein können, aber muss nicht gläubig
sein. […] Was der Patient glauben soll oder was er nicht glauben soll, dies
zu entscheiden ist nicht Sache der Therapie“13 – gilt sinngemäß auch für
die Supervision mit Religionslehrern/innen.14
Vor religiösen Fragen und Sinn-Fragen ‚flüchten oder standhalten’?
Deshalb ist mir zum einen wichtig, vor religiösen Themen und Sinnfragen
‚nicht zu flüchten, sondern standzuhalten’;15 denn der Supervisand besitzt
die ‚Themenhoheit’‚ der Supervisor/in bestimmt das Setting! Die andere
Frage ist, wie religiöse Elemente/Themen in der Supervision bearbeitet
werden. Religiosität ist für den Supervisanden eine Ressource, das ist deut-
lich und kein/e Supervisor/in hat da etwas ‚wegzutherapieren’. Angesichts
der negativen religiösen Folie, die der Supervisand im Prozess ausgebreitet
hat, stellt sich dennoch die Aufgabe, an welcher Stelle dort in dem
Problem die Lösung verborgen liegt. Meinen ‚theologischen Köder’, den
ich in Gestalt von Jürgen Moltmanns Buch ‚Die ersten Freigelassenen der
Schöpfung’ auswerfe, um evtl. verborgene emanzipatorische religiöse Res-
sourcen aus dem Supervisanden hervorzulocken, lässt er ‚links liegen’.
Supervision als (religions)kritische Praxis
Vielleicht könnte weiterhelfen, in der Supervision das Familiencredo und
den grundsätzlich unverfügbaren Gott des christlichen Glaubens erst ein-
mal sorgfältig auseinander zu halten. Wenn Chr. Morgenthaler von der
Theologie verlangt, „auf der Differenz zwischen Familienreligiosität und
jenem Glauben zu beharren, der auf Transzendenz bezogen ist“,16 dann
rekurriert er damit auf die religionskritische Funktion von Theologie, die
die individuellen Gotteskonstrukte in Frage stellt, ohne damit zugleich
Gott generell in Frage zu stellen. „Was uns in unseren Systemen unbedingt
12 H. v. Foerster: Ethik und Kybernetik, aaO., S. 60.
13 T. Moser: Erträglicher Gott, S. 43f.
14 J. L. Griffith und M. E. Griffith warnen: „Any suspicion of prejudice against spiritu-
ality by the therapist can be enough to close the door.“ Encountering, aaO., S. 45.
15 S. Horst-Eberhard Richter: Flüchten oder Standhalten. Reinbek bei Hamburg 1976.
16 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 140.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 225
angeht, ist nicht deckungsgleich mit Gott.“17 Übertragen auf die kritische
und aufdeckende Funktion supervisorischer Arbeit (‚Supervision als Auf-
klärungsarbeit’!) würde das bedeuten
zunächst gemeinsam das individuelle Gotteskonstrukt und die Famili-
encredos (der Herkunftsfamilie, seiner jetzigen Familie, ggf. auch das
Familiencredo und individuelle Gotteskonstrukt seiner Frau) möglichst
präzise wahrzunehmen,
die Verflechtung dieser Credos zu analysieren,
zu untersuchen, ob diese Gotteskonstrukte im beruflichen Leben kon-
struktiv oder destruktiv wirksam werden,
um dann mit den Supervisanden/innen Perspektiven der Veränderung
zu entwickeln
und zu überlegen, wie erste konkrete Schritte der Veränderung realisiert
werden können.
Nur wenn es durch die supervisorische Arbeit gelingt, die eigene „Religio-
sität bewusster zu machen und aus ihrer vorreflexiven Hintergrundfunk-
tion zu erlösen“,18 kann sie zu einer lebendigen und dynamischen Ressour-
ce eigenen Lebens und auch der Berufspraxis werden. Daraus ergibt sich
zwangsläufig die Frage, wie die konstruktive bzw. destruktive Funktion
von Religion exakter zu erfassen ist und welche Konsequenzen für die
supervisorische Arbeit daraus zu ziehen sind.
2 Konstruktive und destruktive Funktion von Religion19
Wie ein roter Faden zieht sich die ambivalente Grundstruktur von Religi-
on durch den Supervisionsprozess. Eindrucksvoller als es der Supervisand
im folgenden Erlebnisprotokoll der sechsten Sitzung schildert, lässt es sich
kaum formulieren:
Erlebnisprotokoll
„BetroffenhatmichindiesemZusammenhangdieBemerkungdesSupervi
sors,dass(sinngemäß)derAbschiedvondenAllmachtsgedankeneinKenn
zeichendesErwachsenwerdenssei.DiestrifftsichmitmeinerSelbstwahr
nehmung,dassichmichinvielenSituationennichtgeradesehrerwachsen
fühle.Mirkommtessovor,dassmeinezwanghafteZweckdienlichkeitein
gewinnbringendesVerfahrenwar,ummirfrüherAnerkennungzusichern
undumerwachsener/ernstzunehmenderzuwirken,alsicheswardass
17 Ebd., S. 140.
18 Ebd., S. 139f.
19 Dieser Frage haben J. L. und M. E. Griffith in ihrem Buch ‚Encountering the Sa-
cred in Psychotherapy’, aaO., ebenfalls ein ganzes Kapitel gewidmet (S. 215 – 257),
das ich in meine Überlegungen mit einbeziehe.
226 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
diesesVerfahreninneuerSituationabergenaudasGegenteilauslöst,näm
licheinSteckenbleibenineinemkindlichen/unreifenStadium.
AlsderSupervisorhintermirstehendundmeineSchulternfassendmich
ansprachundfragte,vonwemmeinemichindiePflichtnehmendenSätze
stammen,fielmirnebenVaterundMutterauchGottein.
DassmeinGottesbildeineMitschuldtragenkönnteanmeinerPersönlich
keitsstruktur,warneufürmich.EsdecktsichabermitmeinemDenken,
dassReligiondiehöchsteunddieniedrigstemenschlicheWesensäußerung
ist:Religionkannbefreienundversklaven,heilenundvernichten,und
wahrscheinlichtutsiebeidesimmerwiedergleichzeitigoderbessergesagt:
Icherlebeesbeidesanmirselbst.
MitdiesemGedankendeckensichauchmeineAssoziationenbeiderBerüh
rungandenSchultern.NacheinererstenPhasedesUnwohlseinsfrageich
mich,obderSupervisormirdenRückenstärkenwillodermirinden
ckenfallenwill.DiesließesichdannauchaufGottbzw.meinGottesbild
übertragen:DerselbeGottkönntemirindenRückenfallenodermeinen
ckenstärken.“
Ambivalenz von Religion
Die Ambivalenz von Religion ist seit den Attentaten des 11. September
2001 den meisten Menschen der westlichen Welt auf erschreckende Weise
präsent, aber nicht erst seitdem ein bekanntes und von den unterschied-
lichsten Wissenschaften untersuchtes Phänomen. Gerade wenn Religion
für politische Interessen eingesetzt oder Politik zum verlängerten Arm der
Religion wird, sind die Auswirkungen oft verheerend.20 Aber auch in der
individuellen Entwicklungsgeschichte kann Religion ungeheure destruktive
Kräfte entfalten, wie Tilmann Moser in seiner „Gottesvergiftung“ stellver-
tretend für Generationen von Menschen, die eine ähnliche ‚schwarze’ re-
ligiöse Sozialisation durchlitten haben, die destruktive Wirksamkeit von
negativen Gotteskonstrukten beschrieben hat.21 Dem gegenüber stehen
die positiven Wirkungen von Religion, die in der Gegenwart in der boo-
20 Um den Blickwinkel einmal von der islamischen Welt weg und zur eigenen ‚christli-
chen’ Geschichte hin zu lenken, verweise ich auf den Dreißigjährigen Krieg, die
Kreuzzüge und die Eroberung Lateinamerikas. J. L. Griffith / M. L. Griffith: En-
countering, aaO., S. 9, belegen dieses „dual face of religion“ sehr eindrucksvoll mit
ihren Erfahrungen in den Südstaaten der USA, in denen Ku Klux Klan („hateful ex-
clusion“) und „loving acceptance“ in aller Härte aufeinander prallten. „I have never
been able to idealize religion. I have always respected and sometimes feared its
power to enact both good and evil.“ „Even today biblical references are invoked to
justify attitudes and actions of racist, anti-Semitic, and heterosexist hate groups in
our country.” Ebd., S. 222.
21 Tilmann Moser: Gottesvergiftung. Frankfurt 1980; auf diesem Hintergrund beson-
ders beachtenswert seine neue Veröffentlichung im ‚Kreuz-Verlag’ (!), Stuttgart,
2003: „Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott. Psychoanalytische
Überlegungen zur Religion.“; s. dazu auch seinen Artikel in Psychologie heute
11/2003, S. 36 – 41.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 227
menden Nachfrage nach Meditation und Teilhabe am klösterlichen Leben,
in der Suche nach ‚heiligen Orten’ und der ausufernden Literatur über
Engel die Spitze ihrer Erfolgsgeschichte zeigen.22 So ist es auch kein Zu-
fall, dass 2002 die Ergebnisse einer groß angelegten interdisziplinären For-
schungsarbeit unter dem Titel ‚Megatrend Religion?’23 veröffentlicht wur-
den. In den vergangenen Jahren sind in gewissen Abständen immer wieder
Forschungsberichte erschienen, die die ambivalente Wirksamkeit von
Religion empirisch belegen.24
Empirische Untersuchungen zu ‚Religiosität und Gesundheit’
Helm Stierlin stellt zwei empirische Untersuchungen vor, in denen fünf
unterschiedliche Gruppen auf die Wechselwirkung von Religiosität und
Gesundheit hin befragt wurden. Zentrale Intention war herauszufinden,
ob es Hinweise gibt „für die gesundheitsfördernde, ‚salutogene’ Kraft einer
christlichen Religiosität und Lebensweise“.25 Dabei kristallisierten sich
fünf Gruppen und ihr jeweils unterschiedlicher Umgang mit Religion he-
raus:
(1) Agnostiker, denen Gott gleichgültig ist;
(2) Atheisten, die Gott aktiv bekämpfen müssen;
(3) Religiöse Mitläufer, die ein ‚vereinfachtes Christentum’, wie Stierlin es
nennt, praktizieren;
(4) die Selbstquälerisch-Verstrickten, die verzweifelt mit Gott ringen;
(5) diejenigen, die Religion spontan, befreiend und vitalisierend zelebrie-
ren.
Die Personen der letzten Gruppe, „die sich zu einer spontanen Religiosität
im obigen Sinne bekannten“, lebten „signifikant länger“. „Die spontan Re-
ligiösen regulierten sich im Durchschnitt besser, sie rauchten weniger, sie
tranken weniger Alkohol, sie hatten einen niedrigeren Blutdruck, waren
seltener übergewichtig und bezeichneten sich in ihren Berufen häufiger als
zufrieden und kreativ als die ‚Normalbürger’“. Darüber hinaus waren sie
weniger stressanfällig, belastbarer, „weniger nachtragend und weniger ver-
22 Ebenfalls ein Symptom des augenblicklichen ‚Trends zur Religion’ die Schlagzeile
der Bild-Zeitung am 20.04.2005 nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst: „Wir
sind Papst!“
23 R. Polak (Hg.): Megatrend Religion? AaO.
24 ‚Psychologie heute’ berichtet darüber regelmäßig (s. z. B. Heft 3/2005, S. 20 – 29).
S. a. T. Moser, aaO., S. 75ff. Eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstan-
des in Ronald Grossarth-Maticek: Autonomietraining. Gesundheit und Problemlö-
sung durch Anregung der Selbstregulation. Berlin/ New York 2000, S. 271 – 275.
Zur Wirksamkeit von Seelsorge im Heilungsprozess s. Anke Lublewski-Zienau /
Jörg Kittel / Martin Karoff: Religiosität, Klinikseelsorge und Krankheitsbewälti-
gung. WzM 57/2005, S. 283 – 295.
25 Helm Stierlin: Christsein hundert Jahre nach Nietzsche. Weilerswist 2001, S. 58.
14.000 Menschen wurden in Jugoslawien befragt, 12.603 in Heidelberg.
228 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
letzbar“. Im Gegensatz dazu „haben die noch mit Gott beziehungsweise
dessen Schatten hadernden Atheisten die schlechteste Prognose. Sie ster-
ben durchschnittlich schon mit 63 Jahren und erkranken bereits im 47.
Lebensjahr schwer, darin den angstvoll neurotisch Verstrickten ähnelnd,
die im Durchschnitt 64 Jahre alt werden und schon mit 52 Jahren die
Symptome einer schweren chronischen Krankheit zeigen.“26
Konstruktive und destruktive Funktion von Religion in Familien
Chr. Morgenthaler hat die familientherapeutische Literatur ausgewertet
und kommt zu dem Ergebnis, dass Religiosität dort „als Stärke und Defizit
im Familienleben“27 erscheint. Religiosität kann eine „Quelle von innerer
Freiheit, von Lebensmut, Lebensfreude und Wohlbefinden“28 sein, die
Menschen besonders in Krisensituationen hilft, schwerste Verluste zu ver-
arbeiten, ohne daran zu zerbrechen, „auf der anderen Seite zeigt die fami-
lientherapeutische Literatur aber auch, dass Religiosität in unkritischer, en-
ger, rigider, entstellter, pathologischer und zerstörerischer Form ebenfalls
einen Einfluss in Familien ausübt. Sehr drastisch bringen auch J. L. und M.
E. Griffith ihre Erfahrungen mit der Ambivalenz des Religiösen zur Spra-
che: „An awful irony of human life is the recognition that spiritual beliefs
and practices, intended as doorways into the wholeness of life and rela-
tionships, can as quickly become doorways to hell.“29 Religiöse Glaubens-
vorstellungen und Praktiken können einhergehen mit der Unterdrückung
und dem Missbrauch von Frauen, mit der Todesangst von Kindern, mit
dysfunktionalen Einstellungen und Verhaltensweisen im sexuellen Leben,
mit unprofessioneller Behandlung, mit der Entwicklung von Kulten, mit
pathologischem und bizarrem Verhalten, Autoritarismus, Moralismus und
Selbstentfremdung und mit Schuldgefühlen, die Menschen daran hindern,
Entscheidungen zu treffen“.30 Diesem ‚Lasterkatalog’, den Morgenthaler
auf der Basis einer Arbeit von E. W. Kelly zusammengestellt hat, ist nichts
mehr hinzuzufügen, außer der Ableitung, die Chr. Morgenthaler daraus
zieht: „Es ist für eine konstruktive Integration religiöser Dimensionen in
Forschung und Praxis der Familien- und Systemtherapie entscheidend,
dass die Ambivalenz des Religiösen im Familienleben erkannt wird.“31 In
der Überzeugung, dass diese Ambivalenz aufgedeckt werden muss,
stimmen der systemisch denkende Theologe Morgenthaler und der
Analytiker Moser überein: „Einerseits gibt es drückendes, mit der Religion
26 Zitate ebd., S. 57 – 63; s. a. Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 90ff.
27 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 90; vielfältige, z. T. geradezu
aufwühlende Beispiele dokumentieren J. L. Griffith / M. E. Griffith: Encountering,
aaO., S. 215ff.
28 So H. Stierlin: Christsein, aaO., S. 37.
29 J. L. Griffith / M. E. Griffith: Encountering, aaO., S. 218.
30 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., ebd. S. 91.
31 Ebd., S. 91. „The power of spirituality and religion must be respected but not idea-
lized“, schließen J. L. Griffith / M. E. Griffith aus ihrer langjährigen Arbeit mit reli-
giösen Ausdrucksformen in der Pychotherapie. In: Encountering, aaO., S. 218.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 229
verbundenes neurotisches Elend, und auf der anderen Seite gibt es heute
zwischen seelischer Gesundheit und stützenden Formen des Glaubens
einen nachweisbaren Zusammenhang. Sozusagen aus psychohygienischen
Gründen müsste man also für Religiosität eintreten“. Kritisch wird es
allerdings, wenn es darum geht, die Theologumena ‚dingfest’ zu machen,
die für die oben genannten Laster verantwortlich sind – „Schuld, Sünde,
Jenseits, Kreuzestod, die“, wie T. Moser32 zu Recht meint, „für mich
immer zentrale Punkte des Christentums ausmachten.“ Wie hätte der
‚christliche Torso’ eines ‚konstruktiven Christentums’ dann auszusehen?
Die Assoziationen, die mir dabei kommen, sind nicht nur ‚positiv’!
Religion Typ 1 und Religion Typ 2
Wenn wir die Frage nach der Ambivalenz des Religiösen, den Quellen
bzw. Auslösern negativer bzw. positiver religiöser Wirkungen vertiefen
wollen, kommen wir an der wechselvollen Geschichte der Religionskritik
von Feuerbach über Marx, Freud bis Adorno nicht vorbei.33 Gert Otto
bündelt diese Geschichte im Anschluss an Hans-Eckehard Bahr, indem er
‚Religion Typ 1’ und ‚Religion Typ 2’ unterscheidet:34
‚Religion Typ 1’ wird charakterisiert durch Begriffe wie ‚Gehorsam’, ‚Si-
cherheit’, ‚Schutzordnungen (Nomos)’ etc., die zum Ausdruck bringen,
dass hier „die bewahrend-stabilisierende Intention von Religion absolut
gesetzt“35 wird. ‚Religion Typ 1’ dient „der Stabilisierung herrschender
Verhältnisse“ und suggeriert „die Versöhnung mit einer unbefriedigenden
Realität durch Religion.“36 Die klassischen Formulierungen von Marx und
Lenin klingen einem in den Ohren, wenn man diese Umschreibungen von
‚Religion Typ 1’ liest. Und der moderne Fundamentalismus sowohl christ-
licher als auch islamischer Prägung kommt einem in den Sinn, wenn H. -
E. Bahr formuliert: „Wo Religion Nichtverfügbares handhabbar macht,
wo fragilste religiöse Erfahrung einfriert zum geschlossenen Religionssys-
tem, ist selbst die ursprüngliche Intention von Religion 1 nur in Zerrform
noch sichtbar.“37 Im Unterschied dazu wird Religion Typ 2 konnotiert mit
Ausdrücken wie ‚’Emanzipation’, ‚Aufhebung aller Entfremdungen’, Er-
neuerung aller Verhältnisse’, ‚große politische Antithese zu bestehenden
32 Zitate: T. Moser: Erträglicher Gott, aaO., S. 79.
33 Ohne sie hier ausführlich diskutieren zu können. Siehe dazu Michael Weinrich
(Hg.): Religionskritik in der Neuzeit. Gütersloh 1985 und ders.: Theologiekritik in
der Neuzeit. Gütersloh 1988; zur theologischen Religionskritik Hans-Joachim
Kraus: Theologische Religionskritik. Neukirchen-Vluyn 1982; s. a. Chr. Morgentha-
ler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 93f.
34 S. Gert Otto: Praktische Theologie Bd. 2. Handlungsfelder der praktischen Theolo-
gie. Gütersloh 1988, S. 26ff; G. Ottos Gewährsmann ist Hans-Eckehard Bahr, der
selbst wiederum Unterscheidungen von Carsten Colpe und Impulse der Kritischen
Theorie aufnimmt.
35 Ebd., S. 27.
36 Ebd., S. 27.
37 Zitiert nach G. Otto, ebd., S. 27.
230 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
Ordnungspraktiken’, ‚Bilder einer Humanität ohne Gewalt und Tränen’38
und ist so auch Ausdruck der „universalen Verheißungen des Christen-
tums“.39
Das Verhältnis dieser beiden Religionstypen zueinander ist weder ein
„schiedlich-friedliches Nebeneinander“ noch als reine Antithese zu sehen.
Während ‚Religion Typ 1’ mit seinen autoritären, manipulativen, Abhän-
gigkeiten schaffenden Strukturen die visionären, messianischen, emanzipa-
torischen Kräfte von ‚Typ 2’ zu neutralisieren versucht, generiert Religion
Typ 2 sich als „kritische Norm einer jeden Hoffnung, deren Inhalt auch
die Überwindung der Angewiesenheit auf die Wünsche von Religion 1
ist“.40 „Einerseits ist Religion als ‚Religion 1’ der Kritik bedürftig, anderer-
seits aber ist Religion selbst Kritik – nämlich an Mensch, Welt und Gesell-
schaft, samt aller ihrer Umstände, die nicht sind, wie sie sein können oder
sollten.“41
Theologische Religionskritik und Supervision
Welche Folgerungen hat der Supervisor und Theologe, der ‚Aufklärungsar-
beit im beruflichen Kontext’42 unter Einbeziehung religiöser Inhalte prak-
tizieren will, aus dieser Unterscheidung zu ziehen? Die Tatsache, dass Reli-
gion immer auch eine kritische Funktion hat, dass es seit den Ursprüngen
der jüdisch-christlichen Religion immer auch eine innere theologisch be-
gründete Religionskritik gab und gibt, bietet so etwas wie ein ‚Pack-ende’,
das der Supervisor ergreifen und an dem er in der Supervision mit Reli-
gionslehrern/innen anknüpfen kann: Da sind die Propheten der vorexili-
schen Zeit, die bereits die religiösen menschenverachtenden Deformatio-
nen ihrer Gegenwart ebenso kritisierten wie die politische Dekadenz ihrer
38 Ebd., S. 28.
39 Ebd.; was der Religionssoziologe Religion Typ 1 bzw. Typ 2 nennt, sind für den
Neurobiologen Nervenzellverschaltungen, die bestimmen, wie ein Mensch fühlt,
denkt und handelt. „Von der Beschaffenheit dieser einmal entstandenen inneren
Bilder hängt es ab, wie und wofür ein Mensch sein Gehirn benutzt und welche neu-
ronalen und synaptischen Verschaltungen deshalb in seinem Gehirn gebahnt und
gefestigt werden. Es gibt innere Bilder, die Menschen dazu bringen, sich immer wie-
der zu öffnen, Neues zu entdecken und gemeinsam mit anderen nach Lösungen zu
suchen. Es gibt aber auch innere Bilder, die Angst machen und einen Menschen
zwingen, sich vor der Welt zu verschließen. Es gibt Bilder, aus denen Menschen
Mut, Ausdauer und Zuversicht schöpfen und solche, die Menschen in Hoffnungslo-
sigkeit, Resignation und Verzweiflung stürzen lassen.“(G. Hüther: Die Macht, aaO.,
S. 9) Aus neurobiologischer Sicht geht es auch in der Supervision darum, destrukti-
ve innere Bilder durch Vernachlässigung verkümmern zu lassen und neue konstruk-
tive Bilder zu phantasieren und dauerhaft einzuüben.
40 G. Otto, aaO., S. 28.
41 Ebd. S. 30.
42 In Anspielung auf Fallner/Pohl, die von „Klarlegungsarbeit […] im professionellen
Kontext“ sprechen. AaO., S. 40. „Nur im Sinne des Klarkriegens ist die Supervision
ein Ort der Aufklärung“, mahnt H. J. Kersting Supervisoren/innen zu Nüchternheit
und Bescheidenheit. In: Zirkelzeichen. Aachen 2002, S. 151.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 231
Zeit; aber auch das Ringen um das richtige Verständnis der eigenen Ge-
schichte mit Gott, wie es durch die komplexe Verflechtung der Erzähl-
stränge des Jahwisten (J), des Elohisten (E), der Priesterschrift (P) und des
Deuteronomistischen Geschichtswerkes (DtrG) widergespiegelt wird.43 Im
zweiten Testament erinnern z. B. die Antithesen der Bergpredigt44 oder
auch die paulinische Einsicht, „dass wir den Schatz nur in irdenen Ge-
fäßen haben“,45 an die Vorläufigkeit allen (religiösen) Denkens, Redens
und Handelns. Religion ist im Sinne der theologischen Religionskritik nie
mit Gott oder seinem Wort identisch (auch die Bibel ist nur insofern ‚Got-
tes Wort’, als „Gott sich durch die Verknüpfung der Christusbotschaft in
Christus durch den Geist den Hörern des Evangeliums vergegen-
wärtigt“),46 sondern der immer nur vorläufige Versuch des Menschen, die
göttliche Wirklichkeit in Sprache zu fassen und so kommunikabel zu ma-
chen. Supervisor/in und Theologe/in befinden sich also gewissermaßen
‚auf Augenhöhe’ und können sich gegenseitig unterstützen, wenn es darum
geht, destruktive und konstruktive Elemente zu unterscheiden und ge-
meinsam mit dem/der Supervisanden/in ‚Los-Lösungen’ von blockieren-
den religiösen Mustern zu entwickeln.
‚Sünden-Konstrukte’ bzw. theologisches ‚Reframing’
Am Beispiel des Sündenbegriffs lässt sich konkretisieren, wie die Theolo-
gie durch ihre ‚Konstruktionen’ zur Lösungsorientierung beitragen kann.
So geht T. Moser von einer Konstruktion des Sündenbegriffs aus, die ein-
43 S. Werner H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament. Berlin/ New York
5/1995, S. 40 – 62, 76 – 112, 123 – 139. Die Einsicht in die Zirkularität des theolo-
gischen Denkens im Hiob-Buch verdanke ich Hans Strauß, dem Verfasser des Hi-
ob-Kommentars in der Reihe Biblischer Kommentar Altes Testament (Hiob 19,1 –
42,17), der im Herbst 2005 bei einer Lehrerfortbildungstagung als Referent mitwirk-
te. Nicht nur die Argumentationsbewegungen der sog. Freunde sind ‚kreisend’, son-
dern auch die Theophanie (38, 1 – 42, 6). Durch die ‚Kanonade’ der rhetorischen
Fragen soll Hiob nicht ‚klein gemacht’, sondern mit hinein genommen werden in ei-
nen neuen Kreislauf des Denkens und Staunens. S. a. Hans Strauß: Zwischenruf.
Wie viel ‚Hiobspost’ darf es denn sein? In: Bibel und Kirche 2/2004, S. 108 – 109.
44 Mt 5, 17 – 48 und das jesuanische ‚Ich aber sage euch!’ Zu den Deutungsmöglich-
keiten der Antithesen (Radikalisierung, Relativierung, Aufhebung der Tora s. Jürgen
Roloff: Neues Testament. Neukirchener Arbeitsbücher. Neukirchen-Vluyn 7/1999,
S. 151 – 166; zu „Luthers Auslegung der Bergpredigt“ s. Hans-Georg Geyers
gleichnamigen Aufsatz, in: Ders.: Andenken (hg. von Hans Theodor Goebel / Diet-
rich Korsch / Hartmut Ruddies / Jürgen Seim). Tübingen 2003, S. 435 – 446; die
Antithesen für den Religionsunterricht aufbereitet von Reinhold Mokrosch: Die
Bergpredigt im Alltag. Anregungen und Materialien für die Sekundarstufe I/II.
GTB/Siebenstern 746. Gütersloh 1991, 67 – 100.
45 2. Kor 4, 7: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die über-
schwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.“ Lutherbibel, revidierte Fas-
sung von 1984.
46 Christopf Schwöbel: Artikel ‚Bibel IV. Dogmatisch’. In: RGG 4, Bd. 1. Tübingen
1998, Sp. 1430.
232 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
deutig auf die Seite der „neurotisches Elend“47 auslösenden und somit
auszumerzenden christlichen Theologumena gehört, die den Menschen
klein, schlecht und erlösungsbedürftig erscheinen lassen. Der Mensch als
Sünder ist konstitutives Element eines ‚vergifteten’ Gotteskonstruktes.
Ganz ähnlich sehen auch P. Held und H. Stierlin (s. Kapitel V) den Sün-
denbegriff bei Luther als ein Scheitern an der Vollkommenheitsforderung
Jesu. „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel voll-
kommen ist.“ (Mt 5, 48)48 Versteht man diese Vollkommenheitsforderung
im Sinne von Perfektion, gibt es kein Entrinnen aus dem circulus vitiosus.
Der Mensch ist ein Versager und wird es immer bleiben.
Dass es auch anders geht, zeigt Henning Luther. Er führt am christlichen
Sündenverständnis vor, wie theologisches ‚Reframing’ aussehen kann:
„Sünde heißt, sein wollen wie Gott“49 – so lautet sein Ausgangspunkt, eine
theologische Aussage, die sicherlich kein/e Christ/in und/oder Theolo-
ge/in bestreiten wird. Wenn das richtig ist, dann kann aber Sünde nicht
darin bestehen, dass der Mensch eben nicht wie Gott, also unvollkommen
ist. Nicht die Unvollkommenheit ist für H. Luther Sünde, sondern das
Streben, die eigene Begrenztheit, Fehlerhaftigkeit, seine Fragmentarität,
wie H. Luther es nennt, zu leugnen. „Sünde ist vielmehr das Aus-Sein auf
vollständige und dauerhafte Ich-Identität, das die Bedingungen von Frag-
mentarität nicht zu akzeptieren bereit ist.“50 Und Glauben heißt dann für
ihn, die Unvollkommenheit, die Unfertigkeit zu akzeptieren, „als Fragment
zu leben und leben zu können“.51 Dass solche theologischen Konstruktio-
nen nicht nur ‚Taschenspielertricks’ sind, sondern Auswirkungen auf das
supervisorische Selbstkonzept und die konkrete Arbeit im Prozess haben,
bekräftigt auch M. Klessmann mit seinem Vortrag „Die Sinndimension in
der Supervision“.52
Theologische Kritik der Supervision
Kritisch setzt sich Klessmann mit den Komparativen, Superlativen und
Euphemismen auseinander, mit denen Supervisoren/innen ihre Dienste
anpreisen: besser, effektiver, brauchbarer, optimierter usw., ich hatte be-
reits darauf hingewiesen (s. K. VII). Hinzu kommen Begriffe wie Ganz-
heitlichkeit, Autonomie, Vollständigkeit, Perfektion und Qualität,53 die
47 T. Moser: Erträglicher Gott, aaO., S. 79.
48 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
49 Henning Luther: Identität und Fragment, in: Religion und Alltag, aaO., S. 172.
50 Ebd., S. 172.
51 Ebd., S. 172.
52 M. Klessmann: Die Sinndimension, aaO.
53 „‚Qualität’ als moderner Begriff bedarf einer gründlichen Bestimmung auf seine In-
halte und Hintergründe, damit er fruchtbar werden kann, und die modernen For-
men der Supervision bedürfen der dekonstruktivistischen Untersuchung und kriti-
schen Sichtung, damit sie in ihren offenen und verdeckten Zielen, wie sie in Ar-
beitsformen, Arbeitsfeldern und Zielbereichen zum Tragen kommen, eine ‚hinläng-
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 233
suggerieren, Supervision könne den vollkommenen (perfekten!) Menschen
erschaffen. Sensibilisiert – auch durch die theologische Reflexion des Sün-
denbegriffs – bringt Klessmann das kritische Ferment der Theologie zur
Geltung: „Es sind wieder die Religionen und manche philosophische Rich-
tungen, die die Grenzen des Menschen, die Endlichkeit des Lebens, die
Fehlerhaftigkeit und Zwiespältigkeit allen Handelns betonen und einschär-
fen: Leben gibt es nur als Fragment, Wahrheit nur vermischt mit Irrtum,
Gutes durchsetzt mit Bösem, Bildung bleibt immer unabgeschlossen,
Identität nur vorläufig. „Das Ganze ist das Unwahre“, hat Theodor
Adorno54 pointiert formuliert. Wie gehen wir in der Supervision mit Gren-
zen und Erfahrungen von Scheitern sowohl bei den Supervisanden als
auch bei uns selbst um? Dürfen sie sein? Oder sind wir (bewusst und un-
bewusst) auf Vollkommenheit aus und versprechen die Machbarkeit aller
Veränderungswünsche? Können wir auch der Annahme des Fragmenthaf-
ten etwas Kreatives und Produktives abgewinnen?“55
Unabgeschlossenheit und ‚Fragmentarität’ biblischer Gotteskonstrukte
Die im ersten Fallbeispiel präsentierte Rollenproblematik – Pfarrer = Gott
der Allmächtige / der Lehrer = Gegenspieler, Satan – und ihre theologi-
sche Würdigung setzt eine Geschichte fort, die – wie in Kapitel V schon
angedeutet – bereits in der Bibel kontrovers diskutiert wird: Für die Ver-
fasser/Sammler/Redakteure des DtrG, auf die auch die Samuelbücher zu-
rückgehen, ist Gott in 2. Sam 24, 1 selbst noch der Ursprung allen Seins,
auch der ‚dunklen Seiten’ der menschlichen Existenz und der Urheber von
Versuchungen, die den Menschen in seiner Loyalität zu Gott auf die Probe
stellen. Etliche Jahrhunderte später wird die Geschichte 1. Chr. 21, 1 von
dem Chronisten noch einmal erzählt, doch nun ist es Satan, der im Dien-
ste Gottes als himmlischer Staatsanwalt tätig wird.56 Ich hatte bereits da-
rauf hingewiesen, dass später in der Apokalypse des Johannes die Dualität
‚gut’ – ‚böse’ gänzlich aus Gott heraus und auf die Gestalten Gott/
διάβολος verteilt wird. Schon an diesem Beispiel lässt sich aufzeigen, dass
auch die biblischen Gotteskonstrukte in sich ambivalent und unabge-
schlossen sind.
liche Transparenz’ gewinnen“, fordert auch H. G. Petzold. In: H. G. Petzold et al.:
Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 199f.
54 Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt/M. 1984, S. 57.
55 M. Klessmann: Die Sinndimension, aaO., S. 21; ähnliche Ansätze auch bei M. Scha-
rer, aaO.; zur Fragmentarität des Lebens sind der Roman von Philip Roth ‚Der
menschliche Makel’ (Reinbek bei Hamburg 2003) und ‚Stings’ (Gordon Matthew
Sumner) Song ‚Fragile’ (CD ‚Nothing like the sun. A&M Records 1987) ‚sprechen-
de’ bzw. ‚klingende’ Kommentare.
56 Zur Entwicklungsgeschichte der Satans-Figur im Ersten Testament s. Horst Diet-
rich Preuß: Theologie des Alten Testaments Band 1. JHWHs erwählendes und ver-
pflichtendes Handeln. Stuttgart/Berlin/Köln 1991, S. 297 – 299.
234 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
Was heißt es für den Supervisanden, was bedeutet es für die supervisorische Arbeit
mit/an religiösen Themen, dass die Bibel selbst Abbild eines systemischen Prozesses ist,
der frühestens – wenn überhaupt – in eschatologischer Perspektive ‚am Ende der Tage’
seinen Abschluss finden wird?57
Exkurs: War Martin Luther ein ‚Systemiker’?
Der in Kapitel V kurz aufgenommene Faden nach Analogien zwischen Martin Luthers
Art und Weise, Theologie zu treiben, und systemisch-konstruktivistischen Denkstruk-
turen soll hier noch einmal aufgegriffen werden. Dass die Theologie durch die Refor-
mation einen kräftigen Impuls bekommen hat, die Prozesshaftigkeit der jüdisch-christ-
lichen Religion wieder zu entdecken und neu zu beleben, ist für mich als Theologen
und Supervisor von kaum zu überschätzender Bedeutung. Gerade Martin Luther war
alles andere als zurückhaltend, wenn es darum ging, ‚Informationen zu geben, die einen
Unterschied machen’.58 Überhaupt erscheint mir Luther an manchen Stellen systemi-
scher als manche Systemiker.59 Als Bibelübersetzer war er sich sehr wohl bewusst,
57 „Ist es nicht tröstlich, dass die Kirche selbst nur die vorläufige und vergängliche
Form einer Problemlösung unseres Herrn ist und nur für die Zeit, bis er wieder-
kommt. Dann endet diese Problemlösung, die uns manchmal ganz schöne Proble-
me und eine Menge Ungeklärtheiten beschert“, lautet Heinz J. Kerstings ekklesiolo-
gische Antwort auf diese Frage. In: Ders.: Zirkelzeichen, aaO., S. 152.
58 S. G. Bateson: Geist und Natur, aaO., S. 123: „Informationen bestehen aus Unter-
schieden, die einen Unterschied machen.“ Bateson führte, wie H. J. Kersting dar-
legt, diese Definition von Information ein und George Spencer-Brown (Laws of
Form – Gesetze der Form. Lübeck 1997) „lieferte die logische Konstruktion zu die-
ser genialen Erkenntnis nach“ (H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 32); auch N.
Luhmann bezieht sich auf Spencer-Browns erste Anweisung ‚Draw a distinction!’ =
‚Triff eine Unterscheidung!’ (s. Christian Schuldt, aaO., S. 50). „Das Neue an dieser
Logik von Spencer Brown ist“, wie Kersting weiter ausführt, „dass er im Gegensatz
zur abendländischen philosophischen Tradition den Formenbegriff als Unterschei-
dung begreift. Also, im Unterschied zu den althergebrachten dualen, zweiseitigen
Unterscheidungen z. B. Materie/Form, Substanz/Form oder Inhalt/Form (z. B. als
Teig in der Backform) konstruiert Spencer Brown einen Formenbegriff, der selbst
eine Unterscheidung bezeichnet. Dieser Formenbegriff ist also immer schon eine
Zwei-Seiten-Form. […] Wenn wir beobachten, wenn wir etwas beschreiben, wenn
wir sprechen, wenn wir denken, wenn wir uns entscheiden, dann können wir das
nur tun, indem wir Unterscheidungen treffen. Immer scheiden wir mögliche Beob-
achtungen und Beschreibungen aus. Wir wählen bestimmte Worte zur Bezeichnung
und wählen aus. Wir machen Unterschiede. Wenn wir denken, tasten wir genau so
wie beim Beobachten die Welt nach Unterschieden ab. Im Wort Entscheiden ist das
Unterscheiden schon enthalten. Jede Form hat zwei Seiten. Die Form aber ist die
Unterscheidung schlechthin. Das Wort Unterscheiden trägt immer schon den Hin-
weis auf wenigsten zwei Seiten mit sich, die unterschieden werden können. Unter-
scheiden hat zwei Seiten. Als Form ist Unterscheiden eine Zwei-Seiten-Form.“ Zir-
kelzeichen, aaO., S. 32f.
59 Ich denke da besonders an Jay Haley: Die Jesus-Strategie. Die Macht der Ohnmäch-
tigen. Heidelberg 2002, S. 12 – 40: „Die Machtstrategien Jesu Christi“, und Helm
Stierlin: Christsein hundert Jahre nach Nietzsche, aaO., die m. E. in der Interpretati-
on der Jesustradition eine lineare Denkmentalität an den Tag legen, die der Komple-
xität und Vielschichtigkeit des Überlieferungsmaterials wohl kaum Weise gerecht
wird. Ausführlich dazu in Kapitel XI.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 235
nicht nur ‚Beobachter erster Ordnung’ des griechischen bzw. hebräischen Textes zu
sein, sondern auch ‚Beobachter zweiter Ordnung’, der sich nicht nur bei der Formung
der deutschen Hochsprache, sondern auch bei der Interpretation des biblischen Ur-
sprungstextes kräftig ein-mischt. So verlangt er, dass „ein prediger […] mitten in der
schrifft siczen [soll]“ (WA 41, 271, 14). Luther fragt nicht danach, wo die Bibel ihren
‚Sitz im Leben’ hat, sondern fordert, dass der Ausleger seinen Sitz in der Bibel sucht und
findet.60 „Seine hermeneutische Weisung, als Christ und Theologe solle man sich nicht
nur an die Schrift halten, sondern in der Schrift bleiben (WA 10, 1, 1; 233, 11-17), hat
Luther in einer vielfältigen, jedoch stets präzise gebrauchten Schutzraum-Metaphorik
anschaulich werden lassen. Die Bibel, heißt es im Anschluß an Jes 46,3, sei der Mutter-
leib Gottes: ‚uterus dei est Verbum divinum’ (WA 31,2; 370,21).“61 Das, was die histo-
risch-kritische Forschung mit dem ‚hermeneutischen Zirkel’ (W. Dilthey 1900)62
sprachlich präzisierte, war der Sache nach bei Luther längst angelegt: Die Kunst des
zirkulären Fragens,63 das Bewusstsein, dass der Leser und Übersetzer immer auch Mit-
Konstrukteur der Wirklichkeit ist, die er gerne hören und sehen möchte. Und nur
wenn er sich dieser ‚konstruktiven’ Funktion gewiss ist und sie bewusst reflektierend
immer wieder neu in den Verstehensprozess einbringt, wird er der Gefahr der Selbst-
täuschung nicht unweigerlich erliegen. „Augenscheinlich konnte Luther eine bewußte
Umdeutung einzelner Bibelverse in Kauf nehmen, um damit eine eigene theologische
Entscheidung, deren Übereinstimmung mit dem Geist der Bibel für ihn außer Frage
stand, selbst durch gewaltsam anmutende Exegese zu legitimieren. Die subjektive Auf-
richtigkeit seines Bibelgebrauchs wird man dem Reformator schwerlich bestreiten kön-
nen“, vermutet der Münsteraner Lutherforscher Albrecht Beutel.64 Wenn diese An-
nahme zutrifft, ist es vielleicht nicht unangemessen, Luthers Theologie – in der Spra-
che der Systemtheorie – folgendermaßen zu kommentieren: „[…] die Beobachtung
zweiter Ordnung [… nimmt] keine privilegierte Position ein. Sie ist nicht hierarchisch
höher angesiedelt, sondern bleibt ebenso an einen eigenen blinden Fleck gebunden und
ist insofern eine Beobachtung erster Ordnung. Aber sie ermöglicht Rückschlüsse auf
das eigene Beobachten: Ein Beobachter zweiter Ordnung kann zumindest sehen, dass
er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann. Er erkennt, dass jede Beobachtung, also
auch die eigene, an einen blinden Fleck gebunden ist bzw. dass jede Beobachtung eine
seltsame Kombination aus Blindheit und Sehen ist.“65 Trefflicher als Luther selbst
kann man die theologische Deutung dieser ‚Kombination aus Blindheit und Sehen’
kaum zum Ausdruck bringen: „Denn die schrifft ist offen, unßer augen sind nit gar of-
fen“ (WA 10, 1, 1; 180, 3).
60 S. Albrecht Beutel: Theologie als Schriftauslegung. In: Ders. (Hg.): Luther Hand-
buch. Tübingen 2005, S. 444 – 449, bes. S. 447.
61 Ebd., S. 447.
62 Wilhelm Dilthey: Die Entstehung der Hermeneutik (1900). In: Gunter Reiß: Materi-
alien zur Ideologiegeschichte der deutschen Literaturwissenschaft, Band 1. Tübin-
gen 1973, S. 55 – 68.
63 „In der systemischen Therapie verwendete Fragetechnik“: „Die Mitglieder [werden]
reihum über Unterschiede und Beziehungen zwischen anderen Mitgliedern befragt.“
So „entwickelt und vermittelt sich ein Bild der familiären Struktur, das einem zir-
kulär-kausalen Verständnis entspricht […] Inzwischen hat sich der Sprachgebrauch
so entwickelt, dass die unterschiedlichsten systemischen Interview-Techniken unter
dem Begriff ‚zirkuläres Fragen’ zusammengefasst werden.“ F. B. Simon / U. Cle-
ment / H. Stierlin, aaO., S. 349f.
64 A. Beutel: Theologie als Schriftauslegung, aaO., S. 449.
65 Chr. Schuldt, aaO., S. S. 51f.
236 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
Theologie als offenes und evolutionäres System
Martin Luther führte als erkenntnisleitende Unterscheidungen die Formeln
ein: ‚Was Christum treibet’66 und ‚die Heilige Schrift legt sich selbst aus’
(scriptura sacra sui ipsius interpres)67 – wobei der Ausleger immer ‚das
Ganze’ der Schrift im Blick behalten soll: „Du must scripturam sacram
nicht stückweise ansehen, sed integram“ (WA 47, 681, 1f). Mit diesen
theologischen ‚Interpunktionen’68 stand ihm ein prozessorientiertes und
zugleich kommunikables Instrumentarium zur Verfügung, z. B. den Jako-
busbrief als ‚eine rechte stroherne Epistel’69 zu qualifizieren. „Indem er
Christus als den sensus principalis scripturae erkannte, hat Luther die Einheit
der Schrift weder durch harmonisierende Verflachungen noch mit speku-
lativen Uniformitätskonstruktionen sicherzustellen versucht“, urteilt G.
Beutel. „Für ihn war die Einheit nicht eine Summe, zu der man die einzel-
nen Schriften der Bibel addiert, sondern ‚die Spitze, in der alles zusam-
mentrifft, das Ziel, auf das alles hinausläuft’ (Ebeling 1971b, 293).“70
Wenn Theologen heute den niemals endenden Prozess der Aneignung und
Vergegenwärtigung der biblischen Schriften benennen, sprechen sie vom
sog. ‚Kanon im Kanon’ oder der ‚Mitte der Schrift’ und meinen damit die
Aussagen der Bibel, die geeignet zu sein scheinen, den Geist Christi heute
66 Martin Luther: VORREDE AUFF DIE EPISTELN S. JACOBI UND JUDE.
„Und darinne stimmen alle rechtschaffene heilige Bücher vber eins / das sie alle
sampt Christum predigen und treiben. Auch ist das der rechte Prüfestein alle Bü-
cher zu taddeln / wenn man sieht / ob sie Christum treiben oder nicht.“ In: Bibel.
Die gantze Heilige Schrifft. Wittenberg 1545 (WA, DB 7, 384, 25ff).
67 Die Heilige Schrift „sei die allergewisseste, die leichtest zugängliche, die allerver-
ständlichste, die, die sich selber auslegt, die alle Worte aller bewährt, urteilt und er-
leuchtet (ut sit ipsa per sese certissima, facillima, apertissima, sui ipsius interpres,
omnium omnia probans, iudicans et illuminans)“ – so Martin Luther in: Assertio
omnium articolorum, 1520, zitiert nach Emanuel Hirsch: Hilfsbuch zum Studium
der Dogmatik. Berlin 4/1964, S. 85 (WA 7, 96ff).
68 „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläu-
fe seitens der Partner bedingt“, lautet das dritte metakommunikative Axiom von
Paul Watzlawick (In: Menschliche Kommunikation, aaO., S. 61). Zwischenmensch-
liche Kommunikation besteht für Watzlawick aus „unendlichen oszillierenden Rei-
hen“ (S. 60) bzw. ist ein „ununterbrochener Austausch von Mitteilungen“ (S. 57),
die erst durch die Interpunktionen (Deutungen der einzelnen ‚Akte’ als Reiz, Reakti-
on oder Verstärkung) der Beteiligten strukturiert wird.
69 „In Summa: das Evangelium des Johannes und sein erster Brief, die Briefe des Pau-
lus, insbesondere der an die Römer, Galater, Epheser und der erste Brief des Petrus,
das sind die Bücher, die dir Christus zeigen und dich alles lehren, was dir zu wissen
not und selig ist, ob du schon kein ander Buch und Lehre nimmer sehest noch hö-
rest. Darum ist der Jakobusbrief eine rechte stroherne Epistel gegen sie; da er doch
keine evangelische Art an sich hat.“ In: Martin Luther: Vorrede zum Neuen Testa-
ment (1522), S. 10 (WA, DB 6, 10, 29ff).
70 A. Beutel: Theologie als Schriftauslegung, aaO, S. 446, unter Aufnahme eines Zitates
von G. Ebeling. In: Gerhard Ebeling: Luther und die Bibel, S. 293. In: Ders.: Lu-
therstudien Bd. 1. Tübingen 1971, S. 286 – 301.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 237
angemessen wahrnehmen zu können.71 Über diesen Kanon im Kanon
bzw. über die Mitte der Schrift muss immer wieder in kommunikativen
Prozessen um Zustimmung geworben werden. Oder wie es der Tübinger
Systematische Theologe Eilert Herms in seinen Überlegungen zu einem
„funktionalen Kanonbegriff“72 formuliert, ist die Einheit der Schrift im
„Selbstbewußtsein des Lebens in der Gemeinschaft des Glaubens an den
Gott Israels“73 zu finden. In der Sprache der Systemtheorie: Wenn die
‚strukturelle Kopplung’ (Maturana/Luhmann)74 möglichst vieler christ-
licher Einzelsysteme dazu führt, dass das christliche Gesamtsystem zu
‚driften’ (Maturana und Varela bezeichnen den evolutionären Prozess als
‚strukturelles Driften’)75 beginnt, bewährt sich darin die (vorläufige) Wahr-
heit dieser Unterscheidungen. Theologisch gesprochen heißt das dann
‚consensus ecclesiae’ (Übereinstimmung der Kirche). Außerdem ist dabei
der doppelten Kontextualität (des Textes und der Gegenwart) Rechnung
zu tragen. Wenn in dieser – auf dem Boden der Reformation stehenden
Weise – Theologie als ‚offenes und evolutionäres System’76 verstanden
wird, kann sie auch im supervisorischen Prozess in der Weise eingebracht
werden, dass sie die ‚Aufklärungsarbeit’ des/der Supervisanden/in stützt.77
71 S. Peter Stuhlmacher: Vom Verstehen des Neuen Testaments. Göttingen 1979, S.
243ff; A. Beutel: Theologie als Schriftauslegung, aaO., S. 446.
72 Eilert Herms: Was haben wir an der Bibel? Versuch einer Theologie des christlichen
Kanons. In: Jahrbuch für Biblische Theologie (JBTh) Bd. 12. Neukirchen-Vluyn
1998, S. 100.
73 Ebd. S. 133. Und S. 136 heißt es weiter: „Die eine und einheitliche Sache, die von
allen Schriften der Schrift bezeugt wird, ist die geschichtliche Bewegung des Lebens
in der Gemeinschaft des Glaubens an den Gott Israels. In der gegebenen Einheit
dieses Zusammenhangs ist die reale Synthese des Kanons zu finden.“
74 Die strukturelle Kopplung eigenständiger Systeme (einzelner Menschen / Gemein-
den / Denominationen / Konfessionen etc.) erfordert „immer die Inanspruchnah-
me mindestens eines Mediums“ (W. Ebert, aaO., S. 221) – in diesem Fall zum Bei-
spiel eines gemeinsames Glaubensbekenntnisses. Auf die Tatsache, dass „eine Kop-
pelung […] umso eher möglich [ist], je größer die Plastizität der beteiligten Systeme
ist“ (Willibald Neumeyer: Systemische Supervision – Grundlagen und Implikatio-
nen: Ein Überblick. In: supervision 1/2004, S.52) hatte ich bereits im voran gegan-
genen Kapitel hingewiesen. N. Luhmann erkennt in der ‚strukturellen Kopplung’
„eine Art wechselseitiger Befruchtung, […] Symbiosen zwischen Systemen“, betont
Christian Schuldt: Systemtheorie. Wissen 30000. Hamburg 2003, S. 31. Siehe dazu
auch die Ausführungen in Kapitel X.
75 „Der Begriff ‚Driften’ stammt aus der biologischen Evolutionstheorie“, erklärt H.
Siebert. „Lebewesen driften, indem sie sich an veränderte Umweltbedingungen im
Rahmen ihrer Möglichkeiten anpassen. Im pädagogischen Sinn markiert die Drift-
zone den Rahmen, in dem Menschen lernen und verstehen, in dem Neues ‚an-
schlußfähig’ und in kognitive Systeme integrierbar ist.“ H. Siebert: Pädagogischer
Konstruktivismus, aaO., S. 188; s. a. W. Ebert, aaO., S. 149. Dort auch die Darstel-
lung weiterer Differenzierungen des ‚Drift-Begriffs’.
76 S. a. P. Held, aaO., S 194.
77 „Für TheologInnen, die mit historisch-kritischer Forschung groß geworden sind
und mit allen Wassern hermeneutischer Arbeit gewaschen sind, bringen die Ansätze
238 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
„Theologie, auch die Rede von Gott ist nichts als menschlicher Entwurf,
haltlos und korrigierbar. Jedes Verstehen Gottes ist Mißverstehen; aber es
ist unumgänglich. Das ist das Gesetz der Welt“, können Bernd Beuscher
und Dietrich Zilleßen in ihrer ‚profanen Religionspädagogik’ in überra-
schender Eintracht mit K. Barth. P. Tillich und J. Lacan formulieren.78
Theologie und Spiritualität können dann ins Spiel gebracht werden „als Quellen von
Deutungen, Werten, Perspektiven und Geschichten, die in Systemen eine gestaltende
Wirkung entfalten, verstanden aber auch als Quellen von Reflektion und kritisch-kon-
struktivem Denken.“79
Unterscheidung von Letztem und Vorletztem
Aber gerade auch als Sachwalterin der Jahrtausende währenden und sich
immer wieder erneuernden theologischen Religionskritik hat Theologie ei-
ne kritische und damit befreiende Wirkung: „Sie pocht auf Unterschiede,
die einen Unterschied machen. Sie legt Wert auf die Differenz von Vor-
letztem und Letztem, von Gedachtem und umfassenden Erfahrenem, von
bisher Gültigem und Möglichem, von Gottesbild und Erfahrung“80 und
eröffnet so dem/der Supervisanden/in neue Handlungsräume.
Supervision und Religion – Supervision als Religion
Deutlich geworden ist, dass Supervision und Theologie als kritische Theo-
rien und Praxen sich gegenseitig befruchten können. Supervision unter-
stützt die Religion in ihrem Bemühen, die eigenen Wirkungen kritisch zu
begleiten und zu reflektieren. Umgekehrt unterstützt Religion Supervision,
die Fragen nach dem Sinn und Unsinn allen menschlichen Tuns offen zu
halten und die Sinne dafür zu schärfen, Letztes von Vorletztem zu unter-
scheiden. In diesem Zusammenhang ist die Differenzierung der Sinnkon-
struktionsebenen, die M. Klessmann81 vornimmt, von elementarer Wich-
tigkeit: Supervision macht Sinn, wenn es um den Sinn eines Projektes, einer
des Konstruktivismus und des Narrativen nicht so viel Neues, wie es scheinbar für
andere Wissenschaftsbereiche der Fall ist“, meint die Dresdener Theologin und Su-
pervisorin Ursula Pfäfflin. „Daß es Parallelen zwischen dem Verstehen von Texten
in ihrem traditionsgeschichtlichen Werden und dem Verstehen der Geschichte von
Menschen gibt, ist für TheologInnen zumal der Praktischen Disziplinen eine Selbst-
verständlichkeit, präsentiert sich doch die ganze Tradition in Biblischer Geschichte,
Religionsgeschichte und Philosophiegeschichte, deren Kontextgebundenheit schon
lange deutlich wurde.“ Ursula Pfäfflin: Narrative Ansätze in Therapie und Theolo-
gie. Indikation neuer ethischer Perspektiven? WzM 47/8, S. 491 – 501. Zitat S. 498;
zur Prozesshaftigkeit der Theologie und des von ihr transportierten Gottesbegriffs
s. a. ebd., S. 500.
78 Bernd Beuscher / Dietrich Zilleßen: Religion und Profanität. Entwurf einer profa-
nen Religionspädagogik. Weinheim 1998, S. 35.
79 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 116.
80 Ebd. S. 269; s. .a. die Ausführungen in Chr. Morgenthaler / G. Schibler, aaO., bes.
K. 3.4: „Theologie als kritische Reflexionskraft“, S. 46 – 50.
81 M. Klessmann: Die Sinndimension, aaO., S. 17.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 239
beruflichen Phase, eines bestimmen Lebensabschnittes geht. Aber – und
darin liegt eine große Gefahr und Verführung – „der Boom von Supervisi-
on hat damit zu tun, dass die traditionellen Welterklärungsmuster (Religi-
on, Tradition) ihre Tragkraft verloren haben und nun Sinn, angesichts des
entstandenen Vakuums, immer neu kommunikativ entworfen werden
muss.“82 Die Versuchung, nicht nur kritische Theorie und Praxis, sondern
darüber hinaus auch zur großen Sinnstifterin, also selbst zu Religion zu
werden, ist durchaus gegeben. Nicht nur die Religion ist ambivalent, son-
dern auch die supervisorische Kompetenz und das supervisorische Wis-
sen. „Zur zentralen theologischen Herausforderung wird das supervisori-
sche Wissen im Hinblick auf die Frage, wie es eingesetzt wird und wie es
wirkt: Als strategische Wissens- und Informationsmacht oder als kommu-
nikative Beziehungsmacht.“83 Deshalb fordert M. Scharer die Supervision
mit einem paradoxen Wortspiel zur freiwilligen Selbstbeschränkung auf:
„Die Supervision macht Sinn, wenn sie keinen Sinn macht,
sondern Menschen daraufhin begleitet, die Sinndimension ihres Lebens
auf einen größeren Horizont hin offen zu halten.“84
3 Transkript und Erlebnisprotokoll – siebte Sitzung
Wie wichtig es ist, die inneren religiösen Spannungen des Supervisanden
weder zu ignorieren noch zu bagatellisieren, sie aber auch nicht zu drama-
tisieren oder zu sakralisieren, sondern sie vielmehr möglichst nüchtern an-
zuschauen und Schritt für Schritt gemeinsam (!) durchzuarbeiten, legen m.
E. folgende Auszüge aus der siebten Sitzung und dem Erlebnisprotokoll
des Supervisanden nahe. Wieder wurden in dieser Sitzung Elemente der
Körperarbeit integriert. Ich hatte, nachdem ich den Supervisanden um Er-
laubnis gefragt hatte, seinen innerlich verspürten Druck verleiblicht. Das
ermöglichte ihm, in Kontakt zu abgespaltenen Hass- und Hämegefühlen
gegen/über seine Mutter zu kommen:
SdEsmachtmichböse,ichbinböse,wennichzumeinenGefühlenstehe
Aggression,Regression,Ingression.
DashatschonwiederwasmitSündezutun.
SvDieschwacheFrau,dieMutter,unddieweint.
SdUndichmachediefertig,daskanndochwohlnichtchristlichsein.
SvMeinEindruckist,dassSiedasauchgegenüberIhrerFrauhilflos
macht.
82 Ebd., S. 17; W. Drechsel spricht vom „Mythos Supervision“, aaO., S. 336, und M.
Scharer fragt: „Ist Supervision eine (neue) Religion? AaO., S. 14.
83 M. Scharer, aaO., S. 23.
84 Ebd., S. 31.
240 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
Zu dieser Sitzung schreibt der Supervisand im Erlebnisprotokoll:
„IcherwähnedieshierimErlebnisprotokoll,weilichnichtnurüberraschtbin,
sondernaucherschrocken,wievielAbgründigessichnochinmeinerPerson
entdeckenlässtundwiehäufigdochVerhaltensmusterwiederzumVor
scheinkommen,dieichdochvorJahrenerkannthabeundmichdochimmer
wiederbeeinflussen,zumBeispielmeineScheu,Konflikteeinzugehen.“
Gerade dieses Fallbeispiel macht noch einmal deutlich, dass nicht nur von
Seelsorgern/innen und Therapeuten/innen, sondern auch von Superviso-
ren/innen gefordert werden muss, destruktive religiöse Elemente nicht
einfach zu überspringen „oder als unwesentlich beiseite zu lassen, sondern
[…] dabei zu helfen, günstige und schädliche Formen religiösen Glaubens
zu unterscheiden.“85
4 Der Blick zurück -
auf den Supervisionsprozess
Hypothese: ‚Gott’ erscheint als Chiffre für eine restriktive, pietistisch beein-
flusste, sozial-angepasste Frömmigkeit. Die Pflicht tritt als ein wesent-
licher Bestandteil des Familiencredos in den Vordergrund.
Die Mutter instrumentalisiert diese Frömmigkeit für ihre Interessen (Koali-
tion von Mutter und Gott/Gotteskonstrukt).
‚Antreiber’ und ‚destruktive Grundbotschaften’ scheinen die Sozialisation
des Supervisanden geprägt zu haben.
Der Supervisand kann die negativen Gefühle, die er gegenüber seiner
Mutter empfindet, mit seinem individuellen Gotteskonstrukt nicht ver-
einbaren. Hypothese: Deshalb müssen diese Gefühle abgespalten werden.
Dennoch kann es in der Supervision nicht darum gehen, Gotteskon-
strukte zu pathologisieren. Ziel könnte sein, die Wirksamkeit des Famili-
encredos und seines individuellen Gotteskonstruktes bewusster zu ma-
chen und gemeinsam nach konstruktiven Veränderungen zu suchen.
auf die Untersuchung
Menschen gehen Koalitionen mit ‚Gott’ ein, die systemisch wirksam wer-
den.
Auch destruktive Gotteskonstrukte sollten nicht pathologisiert werden.
85 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 92.
VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion 241
Die Gottesfrage sollte auch von dem/der Supervisor/in zumindest ‚offen
gehalten’ werden. Auch im Blick auf religiöse Elemente gilt der ‚syste-
misch-ethische Imperativ’: ‚Handle stets so, dass sich die Anzahl der
Möglichkeiten des/der Supervisanden/in vermehren’.
Religion ist grundsätzlich ambivalent. Das gilt auch für jüdisch-christliche
Gotteskonstrukte, auch für die Bibel selbst.
(Selbst-)Kritische Theologie ist sich der Zirkularität und Vorläufigkeit ihrer
Interpunktionen und ihrer Gotteskonstrukte bewusst. Sie weiß um die
Differenz von ‚Letztem’ und ‚Vorletztem’.
Als ‚Kritische Theorie’ kann die Theologie einen wichtigen Beitrag leis-
ten, im Supervisionsprozess ‚heilsame’ Gotteskonstrukte von ‚schäd-
lichen’ zu unterscheiden.
Auch Supervision ist in sich ambivalent und bedarf der ‚freiwilligen Selbst-
beschränkung’.
242 VIII. Kapitel: Konstruktive und destruktive Religion
IX. Kapitel: Narrative Theologie
243
IX. Kapitel
‚Maria und Martha’
‚Narrative Theologie’ in der Supervision
1 ‚Maria und Martha’ – achte bis zehnte Sitzung
1.1 Genogrammarbeit und transgenerationale Aufträge (achte
und neunte Sitzung)
In der achten Sitzung arbeitete der Supervisand sehr konkret an der Frage,
ob er sich auf eine andere Stelle bewerben solle. Die berufliche Alternative
hätte ihm ermöglicht, sich intensiv – u. a. auch wissenschaftlich – mit einem
seiner theologischen Interessenschwerpunkte zu beschäftigen. Der unmittel-
bare Kontakt zu Schülern/innen wäre nicht mehr gegeben gewesen.
Im Erlebnisprotokoll dieser Sitzung schreibt der Supervisand:
„FürmichbleibenzweiFragen,andenenichweiterdenke:
WiekannichdiejenigenFaktoren,diemichander[…]Stellereizen,z.B.
dieAuseinandersetzungmitdem[…]Themaoderdiewissenschaftliche
Arbeit,inmeinejetzigeTätigkeitintegrieren,oderwohabeodernehmeich
mirZeitdafür?Dennsiesindjaanscheinendwichtigfürmich.
DasImageeinesBerufsschulpfarrers,wieesmirz.T.vonPfarrerkollegen
undvonFreundenundVerwandtenentgegengebrachtwird,istnichtbeson
dersgut.DerBerufsschulpfarreristanscheinendkeinrichtigerPfarreroder
eineArtFaulenzerundDrückeberger.Auchwennichdiesanderssehe,be
lastetesmichmehr,alsichanfangsgedachthabe.DieFragebleibt,wiegehe
ichdamitumundwiekannichdagegensteuern,damitichesnichtselbstir
gendwannglaubeoderimmernurdefensivaufentsprechendeBemerkun
genreagiere.“
Genogrammarbeit in der Supervision
In der folgenden neunten Sitzung bot ich dem Supervisanden an, in Form
eines Genogramms der Frage weiter nachzugehen, ob bei all den (hohen)
Erwartungen, die er an seine berufliche Existenz stellt, möglicherweise
auch Aufträge früherer Generationen mitschwängen. „Genogramme die-
nen der übersichtlichen Darstellung von komplexen Informationen über
Familiensysteme. Man benutzt dazu meist eine Zeichensprache, für die
IX. Kapitel: Narrative Theologie
244
sich bestimmte Symbole eingebürgert haben […]: Ein Genogramm um-
fasst je nach Gesprächsverlauf bis zu drei Generationen“.1
2
Der Einsatz der Genogrammarbeit in der Supervision wird kontrovers dis-
kutiert, weil damit zweifellos auf der personalen Ebene entsprechend ge-
tieft werden muss.3 In meiner Supervisionsausbildung, in meiner Lehr-
und Kontrollsupervision und in meiner eigenen Praxis nahm und nimmt
sie allerdings einen nicht mehr wegzudenkenden Platz ein. Generations-
übergreifende Muster, Familien- bzw. Sippen-Credos und damit verbun-
den entsprechende Aufträge machen nun einmal auch vor dem beruflichen
Auftrag nicht Halt! Bestimmte berufliche Entscheidungsmuster, die Su-
pervisanden/innen oft über mehrere Stellenwechsel hinweg begleiten bzw.
1 A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 130. S. a. H. Stierlin: Ich und die anderen,
aaO, S. 64: „Als Spieler im Problemsystem erweisen sich in der Tat oft die gleich-
sam existentiell miteinander verbundenen Mitglieder eines Familiensystems. Und
dieses umfasst nicht selten drei oder gar vier Generationen.“
2 Grafik B. Roedel, aaO., S. 11.
3 Erste Informationen zum Thema Genogrammarbeit in A. v. Schlippe / J. Schweit-
zer, aaO., S. 130 – 134; eine Anleitung in die Praxis der Genogrammarbeit bietet
Bernd Roedel: Praxis der Genogrammarbeit. Die Kunst des banalen Fragens. Dort-
mund 4/2001, der ein dreitägiges Seminar auf Video mitgeschnitten und anschlie-
ßend transkribiert hat. Auf dem Hintergrund der klinischen Genogrammarbeit zei-
gen Monica McGoldrick und Randy Gerson (Genogramme in der Familienbera-
tung. Bern 2/2005) Einsatz- und Interpretationsmöglichkeiten auf.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
245
immer wieder einholen, werden in besonderer Weise durch Genogramm-
arbeit evident. Dabei sollte stets gewärtig sein, dass es sich bei Inter-
pretationen von Genogrammen immer nur um „vorläufige Hypothesen
handelt“, die „im besten Fall […] provokative Hinweise für die weiterge-
hende Exploration“4 liefern.5
Während der Sitzung spielten die Vorstellungen der Eltern und die Frage,
wie die Söhne die Erwartungen der Eltern realisiert bzw. gerade nicht rea-
lisiert haben, eine zentrale Rolle. Daraus entwickelte sich organisch die
nächste Frage, wie die religiösen Familienaufträge heute noch wirken.
Die Erlebnisse dieser neunten Sitzung fasst der Supervisand so zusammen:
„MirschienalsodurchdievonmirsoerlebteAbwesenheitmeinesVaters
(sieheobenzuʺWiederholungʺ),dasFehlenderGroßväterunddieman
gelndeSympathiezudenOnkelnkeineVorbilderimmännlichenBereich
zurVerfügunggestandenzuhaben.Dazukommtwasichschonöfterge
dachthabe‐,dassmeineElternsich(bewusstoderunbewusst)eineTochter
gewünschthaben.DiesdürftewohleinengewissenDruckaufmeinenälte
renBruderA.alsauchaufmichausgeübthaben,diesenWunschirgendwie
zukompensieren,wobeiA.sichdemDruckdurchbesondere‚Männlichkeit’
(frühesRauchen,Cliquenbildung,Motorradusw.)widersetzte,icheher
nachgabundweiblicheRollenanteile(SpielenmiteinerPuppe,Weinen,
HelfenimHaushalt,Kochen;keinMotorrad)annahm.Vielleichterklärtdies
aucheinegewisseUnselbstständigkeit,dieebenfallsineinbestimmtes
weiblichesRollenverständnishineinpasst.EbensokönntedieseinErklä
rungsansatzdafürsein,dassichindenmeistenFällenimmernochProble
mehabemiteinergewissenArtvonMännern,diemirklischeehaft‚männ
lich’erscheinen,währendichdasGesprächmitFrauenoftalsleichterund
intensiverempfinde.
IngewisserWeiseerlebeichmeine‚weiblichen’SeitenaberauchalsVorteil,
bzw.ichbinweiterhindarüberfroh,kein‚typischer’Mannzusein,dersich
überAutos,StärkeundSexdefiniert,aberkeineGefühlezeigenundkeine
intensiveBeziehungaufbauenkann.(DasistnatürlichauchnureinKli
schee,aberwiealleKlischeeserlebeicheinzelneAspektebeiverschiedenen
MännernmeinerUmgebung.)WoranichaberaufjedenFallarbeitenmöch
4 M. McGoldrick / Randy Gerson, aaO., S. 20.
5 Die Genogrammanalyse „wird in der Supervision zur Falldarstellung genutzt und ist
Ausgangspunkt und Rahmen für die Hypothesenbildung und zum Herausarbeiten
von handlungseinschränkenden Mustern. Der Einsatz operiert als Sammlung le-
bensbedeutsamer Erlebnisszenen mit der Strategie der szenischen Verknüpfung und
versucht auf diese Weise, Zusammenhänge und Problemsituationen zu erschließen,
zu verstehen und dadurch überschreitbar zu machen, d. h. neue Problemlösungen
zu entwerfen.“ Wolfgang Kopyczinski: Das szenische Verstehen in der Supervision.
Über die Relevanz eines psychoanalytischen Konzepts auch für die systemische Ar-
beit. In: supervision 1/2004, S. 38. S. a. Rosmarie Welter-Enderlin / Bruno Hilden-
brand: Systemische Therapie als Begegnung. Stuttgart 1996, bes. S. 34.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
246
te,istderPunkt‚Unselbstständigkeit’,denichimErlebnisprotokolleiner
anderenSitzungeherals‚nichterwachsenwerden’angesprochenhabe.
(ImHinblickaufdiesenAspektnochzweiAnmerkungenzumeinerReligio
sität:IndiesemZusammenhangfindeichesinteressant,dassichalsMann
eherreligiösbin,währendmeineFrauwenigerdamitanfangenkann,woes
dochindenmeistenFamilieneherdieFrauist,diesichreligiösgebunden
fühlt,someineErfahrung.DiezweiteAnmerkungbetrifftmeineSchwierig
keitzurEntspannung:InderbiblischenErzählungvonMariaundMartha
habeichmichimmerüberMariageärgertundesalsganzselbstverständlich
angesehen,wasMarthamacht.IchwürdemichebenfallseheralsMartha
Typsehenundmusserkennen,dasssietypischweiblicheRollenmusterver
tritt,währendMariagegendieweiblicheRollenerwartungangeht.)“
Maria und Martha
Im letzten Absatz greift der Supervisand die Geschichte von Maria und
Martha aus Lukas 10 auf:6
„Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die
nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn
zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu
dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine
Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber ant-
wortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist
Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“
Männerrollen – Frauenrollen7
In der darauf folgenden zehnten Sitzung, in der – wie vereinbart – an dem
Genogramm weitergearbeitet werden sollte, griff ich diese Geschichte be-
6 Lk 10, 38 – 42 zitiert nach Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
7 „,Männlichkeit’ ist eine Konstruktion. Es handelt sich nicht um etwas unwandelbar
und universal Vorgegebenes, sondern um etwas in menschlichen Gesellschaften in
unterschiedlicher Weise Gemachtes und Wandelbares. Konstruktionen von Männ-
lichkeit (wie von Weiblichkeit) haben verschiedene Dimensionen. Sie beinhalten
Körperkonzepte, Geschlechterbeziehungen, Geschlechterordnungen auf der Ebene
der Gesellschaft und gesellschaftlicher Subsysteme, Geschlechterkonzepte, sexuelle
Orientierungen und sexuelle Beziehungen und Ursprungstheorien“ (S. 600) –
schreibt Martin Leutzsch zur Einführung in seinen Aufsatz über „Konstruktionen
von Männlichkeit im Urchristentum“. Im Blick auf die Männlichkeitskonstruktio-
nen im Urchristentum kommt er zu dem Ergebnis, dass die urchristlichen „Männ-
lichkeitsideale und ihre jeweiligen Negativfolien […] eine große Variationsbreite
auf[wiesen] und […] zueinander zum Teil in Spannung [stehen].“ (S. 615) Daraus
zieht er die Schlussfolgerung, dass „christliche Männlichkeit […] also stets eine
Konstruktion [ist], die vor Gott und den Frauen und Männern und den Mitge-
schöpfen zu verantworten ist.“ (S. 616) Martin Leutzsch: Konstruktionen von
Männlichkeit im Urchristentum. In: Frank Crüsemann et al. (Hg.): Dem Tod nicht
glauben. Sozialgeschichte der Bibel. Festschrift für Luise Schottroff zum 70. Ge-
burtstag. Gütersloh 2004, S. 600 – 617.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
247
wusst auf, um den Supervisanden zu provozieren. In seiner beruflichen
Rolle, im Gegenüber zu seinen Schülern/innen hat er immer seine Intel-
lektualität, seine Theologenrolle, seinen wissenschaftlichen Anspruch her-
vorgehoben und sich damit – so war mein Eindruck – im Blick auf seinen
Berufsalltag und die dort benötigte Rollenkompetenz selbst blockiert. So
kommt auf meine Frage, wie er sich mit einem Wort selbst charakterisie-
ren würde, auch spontan: ‚Intellektuell’. Umso überraschter war ich, als
sich der Supervisand selbst mit der ‚Hausfrau’, der Martha aus Lk 10, iden-
tifiziert, die zudem noch nicht einmal ‚Frau genug’ ist, ihren potenziellen
Konflikt mit der Schwester selbst auszutragen, sondern sich Jesu ‚männ-
lichen Beistand’ zu versichern sucht.
Im Verlauf des Prozesses tritt immer deutlicher ans Licht, was das Lilith-
Thema und die Opfersymbolik in den voran gegangenen Sitzungen bereits
ahnen ließ, – dass der Supervisand im privaten Kontext eher die ‚Frauen-
rolle’ einnimmt: Er kümmert sich um den Haushalt, er engagiert sich für
die kleine Tochter, er geht Konflikten eher aus dem Weg, er hat die klassi-
sche ‚Frauen-Doppelrolle’ (Haushalt und Beruf), damit seine Frau ihre Di-
plomarbeit schreiben und sich beruflich weiterentwickeln kann.
Eine meiner Hypothesen ist, dass er beruflich zu kompensieren sucht, was
er privat nicht leben kann.
1.2 Transkript – zehnte Sitzung
SvUndwiewürdenSiesichselbercharakterisierenmiteinemWort
wassindSiefüreiner?
SdAlserstesistmireingefallen:intellektuell.
SvWürdenSiesichselbstalsintellektuellbezeichnen?IneinemderEr
lebnisprotokollehabenSiesichmitMarthaverglichen.Dashatmich
überrascht.
SdSiedenken,dassMariadieIntellektuelleist?
SvJa,hätteichzunächstsoassoziiert.UndMartha,diepraktische,dietut,
wasgetanwerdenmuss.UnddaskönnenSiejaauch.SogarKellerwi
schen.WelcherMannkanndasschon.WischenistdasLetzte.Steht
ganzuntenaufderSkaladerpotenziellenmännlichenTätigkeiten.Be
voreinManneinenWischlappenindieHandnimmt,mussschon
ganzvielpassieren.Mariaistdiejenige,diestudiert.SiesitztzuFüßen
desMeistersundbildetsichfort.
SdDaswarnichtmeinGegensatz.
SvDerzwischenArbeitundStudium?
SdSondernmehrderzwischenArbeitundFreizeit,Pflichtundsichwas
gönnen.
SvIchdenkeauchandieTochterrolle,IhrInteresseanReligion,alldas,
wasIhrerMeinungnachmehraufdieweiblicheSeitegehört.
SdIchweißnicht,obintellektuellallesabdeckt,aberichwürdedanicht
denKonfliktzudenvonIhnengenanntenPunktensehen.Frausein
IX. Kapitel: Narrative Theologie
248
undintellektuellgehörtfürmichauchzusammen.
DerHilfreichekommtdazu;dienen,anderenzurHandgehen.
SvDerBarmherzige.
SdIstHelfenbarmherzig?IchspüredazunächstetwasWiderstand.
SvIchhabeIhnendasspielerischsuggestivvorgelegt.
WennSiegefragtwürden:WasbistdufüreinerwaswürdenSieant
worten?
SdIchwürdesagen:so’nWeicher.
SvSoftie.
SdDashörtsichgleichwiedersonegativan:‚Weichei’.
SvWiewürdenSieespositivausdrücken?
SdSensibel.
Sv‚Frauenversteher’‐ istdasschlimmsteSchimpfwort,dasesgibt,hat
mirmeineFraugesagt.
SdNiegehört.
Sv‚Weichei’,‚Warmduscher’,dazugehörtauchder‚Frauenversteher’
aufderSuchenacheinemneuenMännerbildgibtesnatürlichFeind
bilder,Abgrenzungen.UmseineeigeneCoolnesszubeweisen,muss
mananderekleinmachen,damitmanselbstgrößerwirkt.
SdHinterjedemFeindbildsteckteineSehnsucht.
SvGibteseinenBegriff,mitdemSiesichanfreundenkönnten?
SdAmehestender’Weiche’,etwasanderesals‚Weichei’,andersals
‚soft’.
SvDer‚Weiche’.
SdObdasallestrifft‐‐‐?
Sv DasmüssenSieentscheideninmirlöstdasaus:DeristsowieWatte,
totalnachgiebig,keinWiderstand,keinProfil,derschlucktalles,saugt
allesauf,‐‐‐
SdIchhabeSchwierigkeiten,dasallesaufeinenBegriffzubekommen.
SvDasmüssenSieauchnicht.Siemüssensichdanichtquälen.Intellek
tuellundweichhabeichjetztaufgeschrieben.[…]
SdAbertrotzdemistdaeinenormerDruckhalt.DerBerufmachtschon
Druck.
Sv DasistjetztabereineganzandereFragestellungalsSieimErlebnis
protokollhatten!DahabenSiegesagt:Wiewillichdaseineindasan
dereintegrieren.JetztsagenSie:DaistganzvielDruck!Unddaistfür
michdieFrage:WiekannandiesemDruckgearbeitetwerden?Aber
nicht:WiekannichdiesenDrucknocherhöhen?AberSiewolltenden
Drucknocherhöhen.
SdIndemichnochetwasanderesmache.
SvIchmussnichtnurdenJobinderBerufsschulemachen,sondernden
anderenJobnochmitdahineinpacken.
SdIchbinnochnichtsoganzwegdavon,daszutun.
SvDientdasderEntlastungodererhöhtdasdenDruck?
SdDasist,glaubeich,eineganzwichtigeFrage.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
249
SvWennSiesagen,dasdientderEntlastunggut.Aberbeimirwarso
angekommen,ichwillzwardasEinetun,aberichnehmenochsoviel
anDruckmitvonmeinerMutter,Großmutter…,wennichdiesenJob
mache,dannmussichaufjedenFallalledieseAufträgeinnerhalbdie
sesJobsauchnochmachen.
SdKönntesein.
SvEsreichtnicht,wennichmeineArbeitmachealskleinerBerufsschul
pfarrer,dannmussichdawenigstensnochKarrieremachen.Esgibt
Berufsschulpfarrer,dieschreiben20Büchernebenher–.Machbarist
dasalles,dieFrageistnur,obdasgutfürSieist?ObSiedaswirklich
wollen?
SdGut.
1.3 Reflexion
‚Widerstand’ als ‚Fenster’ ins System
In dieser Sitzung war die Abwehrhaltung des Supervisanden so deutlich zu
spüren wie nie zuvor. Kein Wunder angesichts der Provokationen, denen
er sich vom Supervisor ausgesetzt sah. Dass ich seine Identifikation mit
Martha nicht nur auf sein häusliches Pflichtverständnis bezog, sondern
auch noch seine ‚intellektuelle Männlichkeit’ bezweifelte, war in der Situa-
tion dann doch ‚des Guten zuviel’. Er verlor den Kontakt zwischen Kopf
und Bauch, bekam ‚einen trockenen Hals’ und verstand in einer gewissen
Phase gar nicht mehr, was ich von ihm eigentlich wollte. Und doch be-
wahrheitet sich die These, dass Widerstandsymptome oft Fenster zum ei-
gentlichen Problem sind, auch hier. Helm Stierlin lehnt deshalb den psy-
choanalytischen Begriff des ‚Widerstandes’ grundsätzlich ab.8 Und was
Stierlin als Familientherapeut formuliert, gilt entsprechend auch für die su-
pervisorische Arbeit: „Hier geht es darum, im jeweiligen Problemangebot
des/der Klienten/in auch schon immer Lösungsangebote und -möglich-
keiten zu sehen. […] Denn was etwa in einem psychoanalytischen Kontext
als Widerstand hervortritt, zeigt sich nunmehr als Kooperationsangebot.“9
Der Ort, durch den der Supervisand in so hohem Maße energetisiert wird,
ist Problem und Lösung zugleich. Charakterisiert wird er durch die
Polarität der beiden Frauen Maria und Martha. Maria, die ungefragt tut,
was sie für richtig hält, und Martha, die voller Pflichterfüllung versucht, die
an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen. Das Selbstbewusstsein Marias
ärgert ihn (Affizierung!), die (selbstverständliche?) Pflichterfüllung Marthas
ist ihm als Handlungsmuster vertraut. Als ich ihn gezielt provoziere und
8 „Es gibt keinen Widerstand, es gibt nur (mehr oder weniger) inkompetente Thera-
peuten.“ H. Stierlin: Ich und die anderen, aaO., S. 74; und auf S. 108 heißt es weiter:
„In solcher [familientherapeutischer] Sicht erweist sich insbesondere der Begriff des
Widerstandes als nicht länger brauchbar.“
9 Ebd., S. 108; zur Arbeit mit dem ‚Widerstand’ s. a. K. F. Richter, aaO., S. 87f.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
250
ihm Martha auch noch als die Barmherzige und intellektuell etwas Zurück-
gebliebene anbiete, ist die Grenze des Erträglichen erreicht. Doch auf
eben diesem Grat, auf dieser Grenze müsste die Lösung zu suchen sein,
wenn Helm Stierlin mit seiner Grundannahme recht hat: Meine Hypothese
ist, dass der Supervisand auch beruflich an eben diese Grenze stößt, wenn
von ihm auch noch am Arbeitsplatz – wie bereits schon zuhause – über-
wiegend Pflichterfüllung, also genau das, was ihm von den Botschaften
seiner Mutter vertraut ist, verlangt wird. Irgendwann ist es genug. Irgend-
wann läuft das Fass über, – wenn ihm dann auch noch die Intelligenz ab-
gesprochen wird, gleichgültig ob vom Supervisor oder den Schülern/in-
nen, die in dem Religionslehrer möglicherweise nur das schwächste Glied
in der Kette sehen.
Zwei Wege, die eigenen Interessen durchzusetzen
Doch schauen wir uns die Bewältigungsmuster, für die Maria und Martha
stehen, einmal genauer an: Die Geschichte von Maria und Martha ist für
zahlreiche feministische Theologinnen ein Beleg für die revolutionäre Rol-
le der Frauen im Umfeld Jesu, die die patriarchalen Strukturen durchbricht
und „die Nachfolge von Frauen gegen ihre Zuweisung auf die Rolle als
Mutter und Hausfrau“10 verteidigt. Erhellend finde ich in diesem Zusam-
menhang, dass auch das Aussprechen des Ärgers und der offene Streit
Marthas mit Jesus alles andere als selbstverständlich ist und in der feminis-
tischen Theologie auch als Spur „der Kämpfe von Frauen, die sich inner-
halb patriarchaler Strukturen hörbar gemacht haben“,11 gedeutet wird. Al-
so beide, Maria und Martha machen sich auf jeweils ihre Weise für ihre ei-
genen Interessen stark. Und doch sind die Lösungsstrategien der beiden
sehr unterschiedlich:
Maria tut einfach das, was sie für richtig hält. Sie nimmt sich, was sie
braucht. Sie sorgt gut für sich! Martha tut, was sie für ihre Pflicht hält,
passt sich zunächst an, um dann aber die Unterstützung der Autorität für
ihre Interessen gewinnen zu wollen. Im Blick auf die Bewältigungsmuster
des Supervisanden lässt sich in Analogie zu Martha ebenfalls sagen: Er
sorgt nicht gut für sich. Er tut seine Pflicht bis zur absoluten Erschöpfung:
Schule, Hausarbeit, Versorgen der Tochter, Ins-Bett-Bringen der Tochter,
dann Unterrichtsvorbereitung bis 00.00 Uhr. Sich selbst gönnt er (fast)
nichts, kaum Freizeit, keinen Luxus, Zeiten zum Musikhören ringt er sich
minutenweise ab (und dann nur mit dem Kopfhörer, um niemanden zu
stören). Später dann klagt er an wie Martha und versucht, anderen ein
schlechtes Gewissen zu machen. –
10 Claudia Janssen/ Regene Lamb: Das Evangelium nach Lukas, in: Luise Schottroff
und Marie-Theres Wacker (Hg.): Kompendium Feministische Bibelauslegung. Gü-
tersloh 1998, S. 522.
11 Ebd., S. 522.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
251
Ob ich mit meinen Interventionen das schöpferische Potenzial dieser Ge-
schichte voll genutzt habe, steht dahin. Es wäre bestimmt lohnenswert ge-
wesen, den Supervisanden zu fragen, ob für ihn eine berufliche Situation
oder auch eine familiäre Lebenssituation vorstellbar wäre, in der er sich
mit Maria identifizieren könnte. Oder könnte es auch eine dritte, ‚männli-
che’ Variante geben? Was wäre, wenn Lazarus, der Bruder Marias und
Marthas anwesend gewesen wäre? Wie hätte der sich verhalten?
Wie meine Intervention mittelfristig wirksam geworden ist, lässt sich aus dem Erlebnis-
protokoll des Supervisanden erahnen:
„DerSupervisornanntedasStichwort‚Widerstand’alsBemerkungzurvor
hergehendenSitzungundsprachdavon,dassda,woWiderständesind,
auchvielEnergiesitzt.MicherinnertedasanmeinGemeindevikariat,vor
allemaneineAussagemeinerMentorin,dieinAnlehnunganPaulusdavon
sprach,dassdort,womeineSchwächesei,auchmeineStärkezufindensei.
DieseBrückemachtemirdieBeschäftigungmitmeinenWiderständenund
mitmeinemUnwillenschmackhaft.Ja,icherlebteesalseinkleinesHoff
nungszeichen,dassdieSchwächesichzurStärkewandelnkann,bzw.dass
hinterdemWiderstandvielEnergiesitzt,dieanandererStelleviel
bewirkenkann.IchmussteimHinblickaufdenWiderstandanmeine
Tochterdenken,genauergesagtanihrenHerzfehler:Dieseristnichtinden
erstenWochen,sondernerstspäterentdecktworden.AmAnfangwardas
LochinderHerzscheidewandnochsogroß,dasseskeine‚Widerstands
Geräuschegab.ErstalssichdasLochverkleinerte,gabessolcheGeräusche.
MeineAssoziationwaralso,dassmeineWiderständevielleichteinZeichen
dafürsind,dasseshierumeinesderKernproblemegehtunddassdie
WiderständeandieserStelledaraufhinweisen,dassichanandererStelle
keineWiderständemehrhabenmuss,weilichmichdortweiterentwickelt
habe.“
‚Paulinisches Reframing’
Der Supervisand rekurriert hier vermutlich auf 2. Kor 12, 9+10:12
„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft
Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen,
in Nöten und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich
stark.“
Dieser Paulus-Text lässt sich in systemischer Perspektive durchaus als frü-
her Versuch des ’Re-framing’ bzw. der ‚positiven Konnotation’ verstehen.
Paulus kann seine Schwäche – an den Spekulationen, worin sie bestanden
haben mag, will ich mich hier nicht beteiligen – für sich selbst positiv wen-
12 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
252
den, indem er sie in den größeren Rahmen (neuen Kontext) des Wirkens
Gottes stellt: Gottes Kraft kann sich dann besonders entfalten, wenn der
Mensch zu seiner Unvollkommenheit, Fragilität steht und ihm mit seinem
Selbstverwirklichungs-Ehrgeiz nicht im Wege steht. Ich finde spannend zu
beobachten, dass die Überlegungen H. Luthers zum Sündenbegriff hier
durch den Supervisanden – vermittelt durch Paulus – nun auf einmal in ih-
rer emanzipatorischen Kraft zum Zuge kommen. Für den Supervisanden
ist diese religiöse Denkfigur eine „Brücke“, wie er sagt, die es ihm erlaubt,
auch seine eigenen ‚Schwächen’ anzunehmen und als Chance zu begreifen.
Es hat mich berührt zu sehen, wie sehr in dieser Rückmeldung des
Supervisanden sein religiöses System, die Deutung seines familiären Kon-
textes und sein personales Binnensystem (‚inneres Parlament’) ineinander
verflochten und aufeinander bezogen sind (Herzfehler der Tochter).
Biblische Geschichten als supervisorische Leitmethaphern
Die Geschichte von Maria und Martha, die Lilith-Legende, die Abend-
mahlsüberlieferung, die Satansgeschichten des Ersten und Zweiten Testa-
ments, die Kreuzestod- und Opferthematik und jetzt die paulinische
Denkfigur sind für den Supervisanden so etwas wie ein ‚Denk- und
Sprachlabor’, das ihn unterstützt, in Sprache zu fassen, was in ihm vorgeht,
aber darüber hinaus auch Lösungskonstrukte freisetzt, festgefahrene Sys-
teme wieder ‚zu verflüssigen’. Im Prozess hatte ich bisher eigentlich immer
nur auf die biblischen Bilder und Geschichten re-agiert, die der Supervisand
eingebracht hat. Die Interventionen, die aktiv das biblisch-theologische
Material nutzten, waren minimal. Die Hartnäckigkeit, mit der der Supervi-
sand seine Lebenssituation in biblischen Bildern und Geschichten aus-
drückt und neu konstruiert, ermutigen mich, intensiver darauf zu achten,
ob der Schatz biblischer Geschichten nicht doch gezielt eingesetzt werden
kann. Im ersten Kapitel hatte ich auf die Analogien zwischen G. Hüthers
Geschichte und den Gleichnissen Jesus bereits aufmerksam gemacht – das
Freisetzen von Ressourcen, das Eröffnen neuer Fühl-Denk-Verhaltens-
räume, die Ermöglichung von Umkehr (µετáνοια). Jetzt geht es darum, die
durch den Arbeitsprozess aufgeworfenen Fragen noch einmal grund-
sätzlicher zu stellen:
Lassen sich Lebensgeschichten, Berufsbiographien auf der einen Seite und
Geschichten aus der jüdisch-christlichen Tradition auf der anderen Seite
strukturell so koppeln, dass diese Lebens- und Berufsbiographien „nicht
nur erweitert und in ein neues Licht gestellt werden“,13 sondern „Hoff-
nungsperspektiven, Ressourcen, Neues, Einmaliges und Unerhörtes“14
durch die biblischen Geschichten zur Sprache kommen und diese dadurch
sogar zu so etwas wie „Leitmetaphern“15 der Supervision werden?
13 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 120f.
14 Ebd., S. 126.
15 Ebd., S. 121.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
253
2 ‚Narrative Theologie’ in der Supervision?16
Eine Religion des Geschichtenerzählens
Die jüdisch-christliche Tradition ist eigentlich und ursprünglich eine Tradi-
tion des Geschichtenerzählens. Es beginnt mit den ältesten Geschichten
des Ersten Testaments, vom sog. Jahwisten und Elohisten gesammelt und
redigiert, und setzt sich fort über die Propheten, die eine Fülle neuer
Sprachformen kreieren, das kunstvoll komponierte Hiob-Buch bis hin zu
den Jesusgeschichten und Paulus, der vielen nur als verbissener intellektu-
eller Theologe erscheint, aber mit 1. Kor 13 eine wunderbare poetische
Miniatur verfasst hat. Die Weitergabe der jüdisch-christlichen Religion(en)
erfolgt(e) zunächst und vor allem durch das Erzählen von Geschichten:
„Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Ge-
bote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?, so sollst du deinem
Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus
Ägypten mit mächtiger Hand; und der HERR tat große und furchtbare Zeichen und
Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen
und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie
er unsern Vätern geschworen hatte. Und der HERR hat uns geboten, nach all diesen
Rechten zu tun, dass wir den HERRN, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlge-
he unser Leben lang, so wie es heute ist. Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass
wir alle diese Gebote tun und halten vor dem HERRN, unserm Gott, wie er uns gebo-
ten hat.“
– so lautet die katechetische Ur-Formel des Deuteronomisten Dtn 6, 20 –
25.17 Auf die Frage der nachfolgenden Generation, warum bestimmte reli-
giöse Regeln eingehalten werden, soll die vorausgehende Generation mit
dem Erzählen des Exoduswunders antworten. Die transgenerationale
Überlieferung der handlungsleitenden und Orientierung bietenden inneren
Bilder geschieht in der christlich-jüdischen Religion zunächst durch Ge-
16 Zur Funktion und Bedeutung ‚spiritueller Geschichten’ in der Therapie s. J. L. Grif-
fith und M. E. Griffith, Encountering, aaO., Chapter Four „Stories of Spiritual Ex-
perience“, S. 81 – 102.
17 In der Übersetzung der Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984. „Das Erzählen
der Taten Gottes zur Übermittlung wesentlicher Glaubensinhalte hatte (und hat) in
Israel einen hohen Stellenwert“ (Horst Dietrich Preuß: Theologie des Alten Testa-
ments Bd. 1, aaO., S. 244). Die Aktualität dieser narrativen Religionstradierung be-
legt die Losung des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2005 in Hannover:
„Wenn dein Kind dich morgen fragt“. „Wenn dein Kind dich morgen fragt: Wozu
sind wir auf der Welt? Wenn es anfängt, sich zu wundern, wenn es wissen will, was
zählt – seine Augen sind so groß wie ein weites Menschenmeer – dann bleib nicht
die Antwort schuldig, fällt es dir auch manchmal schwer“ – so konnte man (fast)
täglich den Pop-Musiker Heinz Rudolf Kunze (Titel: „Mehr als dies“. Edition M8
Musik und Weltverbesserer Musikverlag 2005) auf WDR 2 hören und damit den
Einzug dieser katechetischen Ur-Formel in die Pop-Kultur live miterleben.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
254
schichten.18 Klara Butting weist darauf hin, dass das Judentum Jahrhun-
derte lang darauf beharrt, „‚die mündliche Lehre’ mündliche Lehre“ blei-
ben zu lassen. Wer sie niederschreibt, ist dem gleich, der die Tora ver-
brennt“.19 Und der Jude Jesus steht mit beiden Beinen in dieser Tradition,
durch Geschichten- und nicht durch ‚Texte’ – die Weisheit, das Geheimnis
und das Wunder der kommenden Herrschaft Gottes in den Köpfen, Her-
zen und Seelen der Menschen zu verankern.20
‚Narrative Theologie’
Das ist weder eine Neuigkeit noch eine besonders originelle Erkenntnis.
Und doch scheint sie in der durch abendländische Philosophie und scho-
lastische Theologie geformten Christenheit – besonders des Westens – im-
mer wieder in Vergessenheit zu geraten. Nur so kann ich mir erklären,
dass in den siebziger Jahren der erzählende Charakter der biblischen Über-
lieferung durch die sog. ‚Narrative Theologie’, die mit dem Münsteraner
katholischen Theologen Johann Baptist Metz21 und dem Linguisten Ha-
rald Weinrich22 im deutschsprachigen Raum die bedeutendsten Vertreter
hatte, neu ‚entdeckt’ und in den Fokus der Theologie gerückt wurde. Für
Weinrich und Metz kann auf dem Hintergrund der biblischen Erzähltradi-
tion die christliche Gemeinde nur als ‚Erzählgemeinschaft’ beschrieben
werden, in der die systemkritischen und insofern ‚gefährlichen Erinnerun-
gen und Geschichten’ aufbewahrt, tradiert und in ihrer explosiven Kraft
immer wieder neu zur Geltung gebracht werden.23
18 S. a. Dtn 4, 9: „und du sollst deinen Kindern und Kindeskindern kundtun …“; Jos
4, 21f: „Wenn eure Kinder später einmal ihre Väter fragen: Was bedeuten diese Stei-
ne?, dann sollt ihr ihnen kundtun und sagen: Israel ging auf trockenem Boden durch
den Jordan.“
19 Klara Butting: Lies das alte Buch – und werde ein Buch! Von der Verwandlungs-
kraft der Bibel. In: Frank Crüsemann / Marlene Crüsemann / Claudia Janssen /
Rainer Kessler / Beate Wehn (Hg.): Dem Tod nicht glauben. Sozialgeschichte der
Bibel. Festschrift für Luise Schottroff zum 70. Geburtstag. Gütersloh 2004, S. 408 –
420. Zitat S. 416.
20 „Im Neuen Testament sind Gleichnisse typisch für Jesus“, hält L. Schottroff fest.
In: Gleichnisse Jesu, aaO., S. 138.
21 Johann Baptist Metz: Kleine Apologie des Erzählens. Concilium 9/1973, S. 334 –
341. S. a. die 2004 von Ottmar Fuchs vorgelegte „Praktische Hermeneutik der Hei-
ligen Schrift“, bes. K. 3.1 „Narrativität und Widerspenstigkeit“ (S. 155 – 181). Ott-
mar Fuchs: Praktische Hermeneutik der Heiligen Schrift. Praktische Theologie heu-
te 57. Stuttgart 2004.
22 Harald Weinrich: Narrative Theologie. Ebd., S. 329 – 334.
23 Dazu und zur weiteren Entwicklung der ‚Narrativen Theologie’, s. Willibald Sand-
ler: Christentum als große Erzählung. Anstöße für eine narrative Theologie. In: Pe-
ter Tschuggnall (Hg.): Religion – Literatur – Künste. Salzburg 2002, S. 523 – 538;
ganz ähnlich auch Fulbert Steffensky: Das Haus, das die Träume verwaltet. Würz-
burg 5/1999.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
255
Die Wirkmächtigkeit des Geschichtenerzählens
Narrative Theologie und Systemtheorie berühren sich in der Einschät-
zung, dass Geschichten nicht nur Wirklichkeit ‚konservieren’, sondern
auch selbst (er)schaffen. Segen und Fluch als performative Akte hatte ich
bereits benannt. Für Gregory Bateson, einen der kreativsten Denker der
Systemtheorie, sind Geschichten „Muster in der Zeit“,24 die das eigene
‚Selbst-Verständnis’, das Bild, das sich ein Mensch von sich und seiner Ge-
schichte macht, in ‚Zeit und Raum’ linear strukturieren. Die unzähligen
Sinneseindrücke, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln, das Chaos der
inneren Bilder, wird durch Geschichten gebändigt, geordnet und so über-
haupt erst kommunikabel. Geschichten erzählen, seine eigene Geschichte
erzählen, sind im wahrsten Sinne des Wortes kreative Akte. Sprache – und
die zu Geschichten kondensierte Sprache – erzählt nicht nur von Systemen,
sondern erzeugt Systeme und damit zugleich wirk-mächtige Wirk-lichkeiten.
Indem Geschichten die Wirklichkeit strukturieren, „Lebenserfahrung bän-
digen, ordnen und aufbewahren“, stiften sie, so Helm Stierlin, zugleich
auch Sinn und leiten „im Lichte solchen Sinnes“ Verhalten an.25 Geschich-
ten sind der Stoff, so H. Stierlin weiter, „der es einem Selbst ermöglicht,
sich sowohl auf Dauer seiner Identität zu versichern als auch diese Identi-
tät durch neue Erfahrungen in Frage zu stellen, zu verändern und zu berei-
chern.“26 „Wo eine Geschichte ist, da ist eine Person“, formuliert eine Kli-
entin am Ende ihrer Therapie sehr pointiert.27 Ohne Geschichten gäbe es
uns nicht als unterscheidbare und damit zugleich identifizierbare Individu-
en. Aber ohne Geschichten gäbe es auch keine Entwicklung der Persön-
lichkeit. Denn Geschichten stiften nicht nur Identität, sondern sind zu-
gleich die Medien, durch die Identität ‚um-geschrieben’ wird und sich so
24 G. Bateson: Geist und Natur, aaO., S. 24.
25 H. Stierlin: Ich und die anderen, aaO., S. 95. In die gleiche Richtung argumentiert
auch Ursula Pfäfflin: Narrative Ansätze in Therapie und Theologie. Indikation neu-
er ethischer Perspektiven? WzM 47/8/1995, S. 491 – 501. „Aus diesem [syste-
misch-konstruktivistischen] erkenntnistheoretischen Ansatz wird deutlich, wie es zu
einer Bevorzugung narrativer Ansätze vor ontologischen oder naturwissenschaftlich
sog. objektiven Wahrheitsaussagen kommt: wenn jedes lebende System sinnkonsti-
tuierend arbeitet, dann kann Sinn nur in Form von Geschichten und Interpretatio-
nen zum Ausdruck kommen, die aus jeweils eigener Orts- und Zeitgebundenheit
entstehen und nicht aus einem Jenseits der eigenen Erfahrung, die universale Gül-
tigkeit beanspruchte. Denn das bedeutete eine Missachtung der autopoietischen Ar-
beitsweise selbst verschiedener Systeme in einem Menschen. Damit wird ein kon-
struktivistischer und narrativer Ansatz für alle Bereiche des Wissens, Lehrens und
Lernens, der Wissenschaft und der Ethik konsequent.“ Ebd., S. 493.
26 H. Stierlin: Ich und die anderen, aaO., S. 95. S. a. Frans Boeckhorst: Narrative Sys-
temtherapie. Systhema. 1994/8/2/ S. 2 – 22. Intensiv mit Geschichten, Briefen,
Gedichten etc. arbeiten auch Chr. Morgenthaler / G. Schibler: Religiös-existentielle
Beratung, aaO., S. 136 – 142; H. J. Kersting spricht von einer supervisorischen „Ge-
schichtswerkstatt: Geschichten als Intervention“ (Zirkelzeichen, aaO., S. 181).
27 So wiedergegeben von U. Pfäfflin, aaO., S. 499.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
256
etwas wie ‚Zukunft’ eröffnen bzw. ereignen kann.28 In aller Härte drückt
der Neurobiologe G. Hüther aus, dass Menschen ohne solche inneren
sinnstiftenden Bilder und Geschichten, ohne eine „Orientierung stiftende
Matrix für die Zuordnung und Einordnung all der vielen anderen inneren
Bilder, die das menschliche Gehirn ständig aus alten Erinnerungen und
neuen Wahrnehmungen hervorbringt“, „verloren“ sind.29
‚Narrative Supervision’
Auf diesem Hintergrund ist unmittelbar evident, dass narrative Interventi-
onen in der systemischen Arbeit einen immer größeren Stellenwert erhal-
ten.30 Ziel dieser narrativen Interventionen ist es, so H. Stierlin, die (Le-
bens)geschichten der Klienten „in einer positiven, wenn möglich neue
Hoffnungen weckenden, neue Optionen eröffnenden und neue Kräfte ak-
tivierenden Sinne“ zu verändern,31 also im Grunde so zu intervenieren,
wie es ‚der Fremde’ durch das Erzählen seiner Geschichte im Bahnabteil
mit G. Hüther praktiziert (s. Kapitel I) oder Jesus auf dem Weg nach Em-
maus mit den verzweifelten Jüngern. „‚Musste nicht der Messias all das lei-
den, um so in die Herrlichkeit einzugehen?’ versucht es der Herr auf dem
Weg nach Emmaus bei seinen todtraurigen Jüngern mit einer positiven
Konnotation und einer machtvollen Umdeutung seiner – bei Gott –
furchtbaren Geschichte von Kreuz und Tod.“32
Bezogen auf die supervisorische Praxis sähe das konkret so aus, sich zu-
nächst die (Lebens)Geschichten der Supervisanden/innen anzuhören, um
dann mit ihnen herauszuarbeiten, an welchen Stellen es sich um Erfolgs-,
Lösungs-, Problem-, Entwicklungs-, Zukunfts- …Geschichten handelt,
wie die Erzählstränge verknüpft, wer die aktiven bzw. die passiven Perso-
nen sind und welche Botschaften ‚mit, in und unter’ diesen Geschichten
28 Eindringlich schildert der Konstruktivist unter den skandinavischen Krimiautoren,
Håkan Nesser, die Begegnung zwischen Kommissar a. D. Van Veeteren mit der
zwanzigjährigen Tochter eines Mordopfers – 15 Jahre nach der Tat: „Etwas war in
seinen Augen, als er das sagte. Sie begriff es nicht sofort, erst später. Vielleicht woll-
te sie es auch nicht sofort wahrhaben. Ich sage nicht die ganze Wahrheit, sagten die
Augen, aber ich gebe dir eine Wahrheit, mit der du leben kannst. Das versteht du
doch, oder? Es ist nicht immer notwendig, alle Dinge in Frage zu stellen. Das Leben
ist eine Erzählung. Sie gab ihm keine Antwort. Fabeln und Geschichten, mit ihnen
bekommen wir ein Verständnis von dieser Welt, erklärte er. Ein erträgliches Ver-
ständnis. Und wenn wir aus unserem Leben keine Geschichten mehr machen, dann
kann es passieren, dass wir auf dem Weg kaputt gehen. Verstehst du?“ Håkan Nes-
ser: Sein letzter Fall. München 2/2004, S. 536.
29 G. Hüther: Die Macht, aaO., S. 39. Wie ‚Geschichten’ ‚Geschichte’ konstruieren
und je nach Erzählperspektive ermutigen bzw. zu Resignation führen, zeigt U.
Pfäfflin am Beispiel von indianischen Stämmen. U. Pfäfflin, aaO., S. 495.
30 S. H. Stierlin: Christsein, aaO., ebd. S. 88ff.
31 Ebd., S. 89.
32 H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 150.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
257
transportiert werden.33 In einem nächsten Schritt würde es dann darum
gehen, wie Chr. Morgenthaler es ausdrückt, „sich in die Bedeutungsland-
schaft hinein(zu)begeben und durch die Einführung veränderter und ver-
ändernder Perspektiven und Geschichten zur Veränderung des Systems
bei(zu)tragen.“34 Konkret könnten die „bisher dominanten Muster ‚exter-
nalisiert’ und damit besser durchschaubar und handhabbar gemacht wer-
den“, wie die Dresdener Theologin und Supervisorin Ursula Pfäfflin vor-
schlägt. „Dann wird nach Ausnahmen geschaut, nach Momenten, Erleb-
nissen, Interpretationen, die anders sind, die bisher ausgelassen wurden,
vergessen, unbeachtet usw. Diese werden dann, wenn sie mehr Optionen
bieten und gewünschtes Erleben/Verhalten ermöglichen, verstärkt, erwei-
tert, in eine neue Geschichte geformt. Ihnen wird so lange Raum ver-
schafft, bis sie mehr Wirkung haben als das bisherige Muster.“35
Biblische Geschichten in der Supervision
In der Eingangssituation in Kapitel I ist es der Anwalt, der durch das Er-
zählen seiner Lebensgeschichte das Weltbild des Professors für Neurobio-
logie irritiert und so ein Fenster in das System und damit zugleich aus ihm
heraus öffnet. Indem er diese Geschichte in seinem Buch veröffentlicht,
wirkt er damit auf seine Leser – wie z. B. mich – ein und ich als ein weite-
rer Multiplikator prolongiere diese Wirkung wiederum auf meine (potenzi-
ellen) Leser/innen. Und dennoch, so meine ich, büßt die Geschichte
nichts von ihrer ermutigenden, Ressourcen weckenden Kraft ein. Meine
Idee ist, dass es mit biblischen Geschichten ähnlich sein könnte. Religions-
pädagogen/innen und Theologen/innen stehen in der Regel durch ihre
persönliche Herkunft und ihre Berufsbiographie in der oben beschriebe-
nen jüdisch-christlichen Tradition des Erzählens. Durch ihre religionspä-
dagogisch-theologische Ausbildung, aber auch durch ihre berufliche Er-
zählpraxis haben sie einen besonderen Zugang zu diesem außerordentli-
chen Reservoir an biblischen Geschichten. Die Frage ist, in welcher Weise
angemessen mit diesem ‚Schatz an Geschichten’ in der Supervision gear-
beitet werden kann? Wie ist es möglich, Lebensgeschichte(n) und biblische
Geschichten so aufeinander zu beziehen, dass sie weder funktionalisiert
noch naiv vereinnahmt werden, ihre Eigenart, Sperrigkeit oder auch
Fremdheit behalten und dennoch zu einer konstruktiven Entwicklung bei-
tragen?
33 Auf die Script-Analyse der Transaktionsanalyse hatte ich in Kapitel VIII bereits ver-
wiesen.
34 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 71f.; so auch J. L. Griffith und
M. E. Griffith: Encountering, aaO., S. 93: „Co-creating stories in therapy focuses on
the back-and-forth of quiet appreciation of the teller’s composition and on asking
questions out of curiosity that introduce new distinctions, elicit stories yet unno-
ticed, and prompt reflection.“
35 U. Pfäfflin, aaO., S. 496f.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
258
Konstruktion und Dekonstruktion – oder wie man Nüsse knackt!
Ein wichtiger Anstoß ist der Hinweis von Michael Klessmann, dass Kon-
struktivismus und Dekonstruktivismus zwei Seiten einer Medaille sind.36
Während der Konstruktivismus (kräftig unterstützt von den Neurobiolo-
gen und Hirnforschern) davon ausgeht, dass es keine objektiven Wirklich-
keiten oder Wahrheiten gibt, sondern der Mensch ‚seine’ Welt im Gehirn
konstruiert, geht der französische (Sprach)Philosoph und Dekonstruktivist
Jacques Derrida davon aus, dass Sprache und die durch Sprache generier-
ten (Be)Deutungssysteme niemals in der Lage sind, Realität umfassend zu
beschreiben. Es gibt keine (Be)Deutung von Wirklichkeit, die eindeutig
‚wahr’, derer man sich ‚sicher’ sein könnte. Der Dekonstruktivist begibt
sich in ein (Be)Deutungssystem hinein mit der Absicht, „es aufzubre-
chen.“37 „Die Philosophie [oder die Theologie und andere menschliche
Sinnsysteme] ‚dekonstruieren’ hieße demnach, die strukturierte Genealogie
ihrer Begriffe auf die getreueste und immanenteste Weise zu denken, aber
zugleich von der Position eines gewissen Außen her, das sie selbst weder
bestimmen noch benennen kann, festzustellen, was diese Geschichte ver-
decken oder verbieten konnte, indem sie sich gerade durch diese Unter-
drückung, an der sie selbst irgendwie interessiert war, als Geschichte kon-
stituierte“, definiert Jacques Derrida in seinen „Positionen“.38 Dekonstruk-
tion beansprucht nicht eine ‚bessere Wahrheit’ zu sein. Vielmehr versteht
sie sich als kritische Praxis, „die uns auf Aporien einstimmt […], die sich aus den
Versuchen ergeben, uns die Wahrheit zu erzählen. Sie […] bietet keine Lösung,
sondern pendelt mit einer Gewandtheit, von der sie hofft, daß sie sich als
strategisch erweisen wird, zwischen nicht synthetischen Momenten einer
allgemeinen Ökonomie. Sie bewegt sich innerhalb und außerhalb der phi-
losophischen Ernsthaftigkeit, der philosophischen Beweisführung […], ar-
beitet […] innerhalb und außerhalb des diskursiven Rahmens und hofft
gleichwohl, damit Umkehrungen und Deplazierungen zu bewirken“,39
bündelt der Literaturwissenschaftler Jonathan Culler die Stoßrichtung de-
konstruktivistischen Denkens. Dekonstruktion ist eine kritische Praxis, die
Hierarchien umstürzt, geläufige Begriffsysteme ‚knackt’, nach Ausnahmen
und alternativen Geschichten sucht, immer wieder neue, ungewohnte Per-
36 So M. Klessmann: Pastoralpsychologie, aaO., S. 70.
37 Jonathan Culler: Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literatur-
theorie. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 95.
38 Jacques Derrida: Positionen. Graz/Wien 1986, S. 38. Auf diesem Hintergrund be-
schreibt Dekonstruktion eine Haltung, die eine Behauptung zur Kenntnis nimmt,
„um sich dann sogleich darauf zu konzentrieren, was dieses Behauptete alles nicht
behauptet, auslässt und verneint. Sie richtet den Fokus demnach auf das Nichtge-
sagte. Dieses soll herausgestellt und konzentriert werden, sodass der Fußabdruck
der Aussage deutlich wird. Dekonstruktion muss demnach je nach dem betrachteten
Gegenstand unterschiedlich verfahren. Sie ist nicht immer auf die gleiche Art an-
wendbar“, erläutert der Artikel ‚Dekonstruktion’. In: www.wikipedia.de (Stand
12/2005) diesen komplexen Sachverhalt sehr anschaulich.
39 J. Culler, aaO., S. 172f.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
259
spektiven einnimmt, nach ungewöhnlichen Details Ausschau hält, Ursa-
che-Wirkungszusammenhänge umkehrt, das Vertraute unvertraut macht
und so zum „spielerischen Umgang mit alternativen Realitäten“40 ermutigt.
„Was wirklich in den Dingen geschieht, was wirklich passiert, ist immer
zukünftig. … Wo immer Dekonstruktion eine Nussschale findet – ein si-
cheres Axiom, eine unerschütterliche Maxime – geht es darum, sie zu kna-
cken und die Ruhe zu stören … Man kann sagen: Nüsse knacken, ist das,
was Dekonstruktion meint …“41 Systemisch-konstruktivistische Supervisi-
on kann von diesem dekonstruktivistisch-spielerischen Umgang mit den
‚Realitäten’ lernen und profitieren, auch wenn sie als lösungs- und ressour-
cenorientierte Supervision nicht darin aufgeht. Bisher unhinterfragte Sys-
temcredos und Gotteskonstrukte können sich im Supervisionsprozess
durchaus als ‚harte Nüsse’ erweisen, die es in beharrlicher Arbeit zu ‚kna-
cken’ gilt. Nur – wann und wie das zu geschehen hat, muss zwischen Su-
pervisand/in und Supervisor/in ausgehandelt werden, – um im Bild zu
bleiben: Der/die Supervisor/in ist weder der ‚Nussknacker’ noch ‚knackt’
er/sie die ‚Nüsse’ stellvertretend für den/die Supervisanden/in. Aber das
Werkzeug und deren professionelle Handhabung gehören in den Kompe-
tenzbereich des/der Supervisors/in. In diesem Zusammenhang wäre dann
auch zu prüfen, ob sich biblische Geschichten ggf. als wirksame ‚Nusskna-
cker’ so ‚harter Nüsse’, wie es religiöse Systemschleifen und religiöse Pro-
blemtrancen nun einmal sein können, erweisen?42
Hermeneutik systemischen Geschichtenerzählens
Ein Handikap besteht darin, dass viele biblische Geschichten in den Köp-
fen ihrer Zuhörer/innen selbst zu religiösen Systemschleifen erstarrt sind,
weil sie immer und immer wieder mit denselben Bedeutungskategorien
und nicht selten in restriktiver Absicht erzählt wurden und so zunächst
selbst erst einmal durchs Bad dekonstruktivistischer Relativierung gehen
müssen. Die Bibel „muss uns fremd erscheinen, sonst hat sie keine Kraft“,
fordert der Heidelberger Neutestamentler und Bibelübersetzer Klaus Ber-
40 A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 85.
41 J. Derrida im Gespräch mit J. Caputo; zitiert nach M. Klessmann: Pastoralpsycholo-
gie, aaO., S. 68f. Joachim Valentin sieht sich in Derridas „potenziell endlosen Kette
kritischer Befragungen […] an die Tradition der Negativen Theologie erinnert. In
dem Sinne, dass die Texte Derridas im nahezu endlosen Abschreiten der Möglich-
keiten menschlicher Sprache nicht zur Ruhe kommen, kann von der Dekonstruk-
tion als einer impliziten Theologie gesprochen werden. Ihre zentrale Intention liegt
in einer Offenlegung der Beschränktheit menschlicher Ausdrucksformen angesichts
eines außersprachlichen Absoluten“. Joachim Valentin: Jacques Derrida: Religion –
noch zu bestimmen. In: Drehsen, Volker / Gräb, Wilhelm / Weyel, Birgit (Hg.):
Kompendium Religionstheorie. UTB 2705. Göttingen 2005, S. 286.
42 S. a. Chr. Morgenthaler / G. Schibler, aaO., K. 6.3.: „Das Aufbrechen des Realen
durch Verschreibung des Realen“ mit dem konkreten Beispiel einer ‚Neuerzählung’
der Passions- und Ostergeschichte unter dem Vorzeichen „Wie wäre es, wenn Jesus
nur gestorben wäre?“, ebd., S. 119 – 122.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
260
ger. „Die Bibel muss wieder befremdlich werden, verstörend, sperrig, the-
oretisch nutzlos, unbrauchbar.“43 Die kritische Funktion der Theologie,
die im vorangegangenen Kapitel diskutiert wurde, entwickelt ihre (de)kon-
struktive Kraft glücklicherweise auch, wenn es um die Hermeneutik bibli-
scher Geschichten geht. Gerade kontextuelle Theologien wie etwa die fe-
ministische(n) Theologie(n) und die Theologie(n) der Befreiung erwiesen
in den letzen Jahrzehnten immer wieder eine erstaunliche Kraft, wenn es
darum ging, die herrschenden Deutungssysteme in ihre Schranken zu wie-
sen. Ganz aktuell wirbelt Luise Schottroff mit ihrer kontextuell-sozialge-
schichtlichen, feministisch geschärften und eschatologisch ausgerichteten
Gleichnisinterpretation die „,ekklesiologische’ Auslegungstradition“,44 in
der ich als Pfarrer natürlich auch verwurzelt und mit meinen inneren Bil-
dern verwoben bin, durcheinander.45 Das nenne ich (de)konstruktive Pra-
xis; – denn L. Schottroff hinterlässt ja kein ‚tabula rasa’, sondern vielmehr
eine Neugier, weiter zu lesen und weiter zu forschen, wie ich sie nicht
(mehr) für vorstellbar gehalten hätte. (De)Konstruktion muss sich also in
doppelter Richtung beweisen: zum einen in Richtung auf die biblischen Ge-
schichten selbst und zum anderen mit den biblischen Geschichten in Richtung der
eigenen Biographie. Diese doppelte (De)Konstruktion verfolgt auch Chr.
Morgenthaler mit dem Entwurf einer „Systemhermeneutik“,46 die – orien-
tiert an der feministischen Hermeneutik Schüssler-Fiorenzas – auch für die
Supervision mit Religionslehrern/innen wegweisend sein kann:
43 Klaus Berger: Jesus. München 2004, S. 28.
44 L. Schottroff: Die Gleichnisse Jesu, aaO., S. 17.
45 Zunächst hatte ich beabsichtigt, eine von mir verfasste Predigt über Mt 25, 14 – 30
(Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten) in dieser Untersuchung zu verwen-
den. Nach der Lektüre von Luise Schottroffs Auslegung (ebd., S. 290 – 294) habe
ich darauf verzichtet, weil es ihr gelungen ist, meine angeblichen theologischen Ge-
wissheiten nachhaltig zu erschüttern. Die Geschichte von dem brutalen und un-
barmherzigen Geschäftsmann ist für sie alles andere als ein Gleichnis für das Reich
Gottes und der Sklavenhalter ist erst recht keine Metapher für Gott. Die gängige
Deutung ist ihres Erachtens „nur möglich, wenn die Gleichnisbilder ohne Bezug
zum Leben der Menschen gelesen werden, als fast abstrakte Chiffren für etwas an-
deres, also allegorisch. Diese Deutungstradition ist so mächtig, dass ich immer wie-
der in sie zurückfalle, wenn ich nicht für die Sozialgeschichte aufmerksam bleibe –
und für die inhaltlichen Widersprüche zwischen der Botschaft Jesu, in diesem Fall
nach dem Matthäusevangelium, und dem Verhalten der Gleichniskönige und
Gleichnisherren.“ Ebd., S. 292. Für Schottroff ist das Gleichnis von den Talenten
keine Analogie, sondern ein Kontrastgleichnis zu der von Jesus verkündigten und
gelebten Botschaft. Die unmittelbar anschließende Gerichtsrede Mt 25, 31 – 46 ge-
hört für sie untrennbar zum Gleichnis hinzu, ja ist gewissermaßen die „Anwendung
des Gleichnisses“ (ebd., S. 293): „Der dritte Sklave im Talentegleichnis wird zu de-
nen gehören, die erstaunt fragen: Wann haben wir dich hungrig gesehen? Er hat
sich geweigert, bei der ungerechten Enteignung des Landes der kleinen Bauern mit-
zumachen.“ Ebd. S. 293.
46 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 129.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
261
In einer ‚Hermeneutik des Verdachts’ wird der Text zunächst auf autoritäre
und destruktive Elemente im Sinne der Religion Typ 147 hin gewisser-
maßen ‚durchgescannt’.
In einem zweiten Schritt, der ‚Hermeneutik der Beurteilung’, wird der Text
„im Blick auf sein „lebensspendendes Potential“48 und seine faktische
Wirkungsgeschichte hin kritisch beurteilt.
In einer ‚Hermeneutik der Verkündigung’ wird die Autorität lebensvernei-
nender Texte unterlaufen, indem sie mit emanzipatorischen Gegentex-
ten kontrastiert und damit relativiert werden.
In der ‚Hermeneutik der Erinnerung’ wird der historische Kontext verle-
bendigt.
In einem letzten hermeneutischen Schritt werden ‚Methoden der kreativen
Ritualisierung’ entwickelt, um neue Handlungsvarianten miteinander ein-
zuüben.
Mir geht es nicht darum, diese Schritte eins zu eins auf die supervisorische
Arbeit zu übertragen. Gerade der letzte Schritt, die kreative Ritualisierung,
ist in der systemischen Beratungsarbeit nicht unumstritten, wie Rosmarie
Welter-Enderlin und Bruno Hildenbrand mit dem von ihnen herausgege-
benen Aufsatzband „Rituale – Vielfalt in Alltag und Therapie“49 belegen.
Arbeit mit Ritualen in der Supervision
Der Ritualbegriff ist alles andere als eindeutig, kann eng oder weit, religiös
oder sozialwissenschaftlich funktional interpretiert werden.50 Welter-En-
47 Siehe Kapitel VIII.
48 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 128.
49 Rosmarie Welter-Enderlin / Bruno Hildenbrand (Hg.): Rituale – Vielfalt in Alltag
und Therapie. Heidelberg 2/2004.
50 Welter-Enderlin / Hildenbrand spannen den Bogen von der radikal ritualkritischen
Position Mario Erdheims (Mario Erdheim: Ritual und Reflexion. In: Corinna Ca-
duff / Johanna Pfaff-Czarnecka (Hg.): Rituale heute. Berlin 1999, S. 165 – 178)
über Luc Ciompis Affektlogik (Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre
Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Stuttgart 1982) zu Mary
Douglas’ (Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in In-
dustriegesellschaft und Stammeskultur. Frankfurt/M. 1981) Klage der „Abwendung
vom Ritual als ‚eines der ernstesten Probleme unserer Zeit’“ (ebd., S. 11). Neben
dem religiösen Ritualbegriff Clifford Geertz’ (Dichte Beschreibung, aaO., S. 61) ste-
hen die ‚weiten Ritualbegriffe’ Arnold van Genneps (Übergangsriten. Frankfurt/M.
1986), Victor Turners (Das Ritual – Struktur und Anti-Struktur. Frankfurt/M. 2000)
und Arnold Gehlens Vorstellung von der Alltagsentlastung durch ‚Institutionalisie-
rung’ (Arnold Gehlen: Anthropologische Forschung – Zur Selbstbestimmung und
Selbstentdeckung des Menschen. Reinbek bei Hamburg 1961). Auf die engagierte
praktisch-theologische Rezeption und Diskussion der unterschiedlichen Ritualtheo-
rien seit dem Erscheinen des Bahn brechenden Werkes von Werner Jetter (Symbol
und Ritual: Anthropologische Elemente im Gottesdienst. Göttingen 1978) kann ich
hier nur verweisen: s. z. B. Eilert Herms: Gottesdienst als Religionsausübung. Erwä-
gungen über die ‚jugendlichen Ritualisten’. In: Ders.: Theorie für die Praxis. Beiträge
IX. Kapitel: Narrative Theologie
262
derlin und Hildenbrand bevorzugen selbst die Ritualkonzeption Catherine
Bells, „weil sie einen breiten Schirm bietet, unter dem vielfältige und zum
Teil einander widersprechende Definitionen ihren Platz finden können.“51
Für A. von Schlippe und J. Schweitzer sind Rituale „vielleicht […] die äl-
teste Form der Psychotherapie“.52 Denn Psychotherapie selbst ist „auch
eine Form des Rituals, das Klienten einen Statusüberhang vom Problem-
zustand zum Nicht-Problemzustand ermöglicht und dafür einen Rahmen
vorgibt“.53 Aus systemtheoretischer Sicht – und damit auch für systemisch
orientierte Supervision von Belang – sind Rituale „Handlungen, die zu-
sammengefasst, verdichtet und zugespitzt das aufzeigen, was ohnehin pas-
siert – […]: symbolisierte Redundanzen.“54 Ihre Alltagsfunktion ist es, un-
ter Einbeziehung nonverbaler Kommunikation Ordnung aufrecht zu hal-
ten und Sinnsysteme zu strukturieren. So gesehen repräsentieren Rituale
den ‚Ist-Zustand’ (s. Kapitel VI ‚Systemschleifen’, ‚Redundanzen’ und
‚Trancen’). A. v. Schlippe und J. Schweitzer zeigen nun auf, wie durch klei-
ne Veränderungen, Abweichungen und Irritationen diese ‚Rituale’ genutzt
werden können, um das Gesamtsystem zu beeinflussen: „So kann man bei
zur Theologie. München 1982, S. 337 – 364; Manfred Josuttis: Der Gottesdienst als
Ritual. In: Friedrich Wintzer (Hg.): Praktische Theologie. Neukirchen-Vluyn 1982,
S. 40 – 93; ders.: Religion als Handwerk. Zur Handlungslogik spiritueller Methoden.
Gütersloh 2002; Wolf-Eckart Failing / Hans-Günter Heimbrock: Gelebte Religion
wahrnehmen. Lebenswelt – Alltagskultur – Religionspraxis. Stuttgart / Berlin /
Köln 1998; Hans-Günter Heimbrock: Rituale: Symbolisches und leibhaftes Handeln
in der Seelsorge. Eine Problemanzeige. In: Michael Klessmann / Liebau, Irmhild
(Hg.): Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes. Körper – Leib – Praktische
Theologie. Göttingen 1997, S. 123 – 134; Hans-Martin Gutmann: Artikel ‚Ritual’ in
LexRP Bd. 2. Neukirchen-Vluyn 2001, S. 1854 – 1858; ders.: Der Flow-Kanal und
der Weg zur guten Gestalt. Zum Verhältnis von Ritual und Inszenierung. In: Klie,
Thomas / Leonhard, Silke (Hg.): Schauplatz Religion. Grundzüge einer Performati-
ven Religionspädagogik. Leipzig 2003, S. 92 – 113; Michael Klessmann: Pastoralpsy-
chologie, aaO., bes. S. 280 – 293.
51 Ebd., S. 19f. Catherine Bell (Ritual – Perspectives and Dimensions. New York /Ox-
ford 1997) konzentriert sich auf „den Prozess der Ritualisierung als einer flexiblen und stra-
tegischen Handlungsweise“ (Welter-Enderlin/Hildenbrand: Rituale, S. 17, Hervorhe-
bung M. J.) und „schlägt eine Typologie von sechs rituellen Aktivitäten vor, die
breit angelegt ist und einen Kompromiss aus Komplexität und Einfachheit darstel-
len soll“ (ebd., S. 17). Unterschieden werden (1) Passageriten, (2) „Jahreszeitliche (kalen-
darische) Riten“, (3) „Riten des Austausches und der Kommunikation“, (4) Trauerrituale, (5)
Politische Rituale und (6) Rituale des Fastens und des Feierns“. (Ebd., S. 17). Darüber hi-
naus „formuliert Catherine Bell sechs Kategorien ritualähnlicher Handlungen“
(ebd.), zu denen sie (1) den „Formalismus“ zählt (z. B. Gesten und Rituale des Grü-
ßens), (2) den „Traditionalismus“ (alte Kostüme, alte Bräuche), (3) die „Invarianz
(Disziplin, Wiederholung und Kontrolle), (4) die „Regelgeleitetheit“ (z. B. im Sport und
im Krieg), (5) den „heiligen Symbolismus“ (z. B. die Flagge als Symbol) und (6) die
Performanz“ (die ‚Aufführungspraxis’ der Rituale). Ebd., S. 17 – 19.
52 A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 191.
53 Ebd., S. 191.
54 Ebd., S. 191.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
263
Ritualen den Zeitpunkt variieren, an dem sie stattfinden, den Ort, die Zu-
schauer und Mitmacher, die Handlung selbst und diese Veränderung mit
einer veränderten Sinngebung verbinden“.55 Kleine Änderung – große
Wirkung,56 das würde, so vermute ich, auch auf die Arbeit mit den Alltags-
ritualen des Supervisanden zutreffen: sowohl im privaten Bereich (was wür-
de z. B. geschehen, wenn das nächtliche Musikhören auf den Nachmittag
und die Hausarbeit in die Nacht verlegt würde?) als auch in der Schule
(auch dort gibt es eine Vielzahl von Ritualen – die Sitzordnung im Lehrer-
zimmer, das Betreten des Klassenraums, die Klassenbuchführung etc.;
auch hier können minimale Neuerungen große Irritationen auslösen). Die
Veränderung von Gotteskonstrukten und grundlegenden Referenzsystemen ist davon
noch einmal zu unterscheiden; denn Gotteskonstrukte und Referenzsyste-
me sind – wie in Kapitel V gezeigt wurde – als ‚innere Bilder’,57 als ‚Fühl-
Denk-Verhaltens-Programme’58 tief im Menschen sowohl in Form von
neurologischen Verschaltungen als auch in Gestalt des persönlichen ‚Leib-
archivs’59 verankert. Die Frage, wie Systeme nachhaltig beeinflusst und
verändert werden können, ist eines der zentralen Themen des folgenden
Kapitels. Die Grenzen der Beeinflussung werden dann in Kapitel XI prak-
tisch nachvollziehbar.
Wie solch ein Prozess der wechselseitigen Durchdringung und Dekon-
struktion von biblischen Geschichten und Lebensgeschichten konkret aus-
sehen kann, illustriert Chr. Morgenthaler mit folgender Grafik.60
55 Ebd., S. 191.
56 B. - J. Ertelt / W. E. Schulz sprechen in diesem Zusammenhang von dem „Riffel-
wellen-Effekt“, der dann eintritt, „wenn Klienten erste kleine Aktionen vornehmen,
die dann größere Veränderungen auslösen. Anstatt beraterisch den ‚großen Wurf’ zu
landen, sollten Berater ihre Klienten vielmehr auf kleine, überschaubare Schritte
lenken, nach dem Motto: „Auch eine weite Reise beginnt mit dem ersten Schritt“
(KONFUZIUS).“ AaO., S. 184
57 S. G. Hüther: Die Macht der inneren Bilder, aaO.
58 S. L. Ciompi: Gefühle, aaO., S. 31.
59 S. K. F. Richter: Erzählweisen des Körpers, aaO., S. 104.
60 Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge, aaO., S. 124.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
264
Von den Problem- zu den Lösungsgeschichten
IX. Kapitel: Narrative Theologie
265
Ein faszinierendes Praxisbeispiel dieser wechselseitigen Durchdringung von biblischer
Geschichte und Klientenbiographie im dekonstruktiven Neuerzählen schildern Chr.
Morgenthaler und G. Schibler in ihrer ‚religiös-existentiellen Beratung’.61 Dort veröf-
fentlichen sie einen Dialog zwischen Jesus und Christus, die sich „im Gasthof ‚Sternen’
in Herzogenbuchsee“ zu einem kleinen Imbiss treffen. Verfasst wurde der Dialog von
einer Theologiestudentin, die kurz vor ihrem Ersten Theologischen Examen steht und
ihre innere Spannung zwischen eigenem Glauben, wissenschaftlicher Theologie und
Rollenerwartung an die werdende Pfarrerin auf diese Weise im Rahmen eines Bera-
tungsprozesses bearbeitet.
3 Der Blick zurück –
auf den Supervisionsprozess
Der Supervisand greift eine biblische Geschichte auf und hebt das ‚Le-
bens-Muster’ der Martha als Identifikations-Matrix hervor.
Der Supervisor ‚begibt sich in diese Geschichte mit hinein’ und ver-
stärkt die Deutung dieser Polarität von Maria-Martha im Sinne von ‚in-
tellektuell-männlich’ versus ‚fleißig-häuslich-unselbstständig-weiblich’
und löst damit ‚Abwehr’ aus.
Dass ‚Widerstand’ systemisch betrachtet ein Kooperationsangebot ist,
beweist sich auch hier. Der Supervisand nutzt die Reflexion seines Ab-
wehrverhaltens, um die paulinische Paradoxie ‚Wenn ich schwach bin,
dann bin ich stark’ für sich als Chance zu entdecken, inneren und äuße-
ren Leistungsdruck abzubauen. Henning Luthers Überlegungen zum
Sündenbegriff werden hier praktische Realität.
Die Art und Weise, wie der Supervisand biblische Motive als ‚Denk-
und Sprachlabor’ nutzt, motiviert mich zu fragen, wie biblische Bilder
und Geschichten aktiv und gezielt für die Supervision mit Religionsleh-
rern/innen als ‚Leitmetaphern’ fruchtbar gemacht werden können.
auf die Untersuchung
Die jüdisch-christliche ‚Religionsgeschichte’ ist vor allem eine Tradition
des Geschichtenerzählens!
Die ‚jüdisch-christliche Erzählgemeinschaft’ bewahrt zum großen Teil Ge-
schichten, deren primäre Intention es ist, Hoffnung zu wecken und
‚heilsame Veränderungen’ in Gang zu setzen.
In systemischer Sicht sind Geschichten ‚Muster in der Zeit’, die Systeme
erschaffen, verfestigen, interpretieren (‚punktieren’) und nicht zuletzt
auch verändern.
61 Chr. Morgenthaler /G. Schibler, aaO., S. 126f.
IX. Kapitel: Narrative Theologie
266
Geschichten generieren aus einer beliebig erscheinenden Ereignisfolge
eine sinnvolle Einheit und stiften damit Identität.
Mit (eigenen) Geschichten kann sich der/die Supervisor/in in die Ge-
schichte(n) der Supervisanden/innen hineinbegeben und zur Verände-
rung erstarrter Systeme beitragen.
Die biblischen Erzählungen sind ein Potenzial, aus dem bei der Supervi-
sion mit Religionslehrern/innen in besonderer Weise geschöpft werden
kann.
In der Supervision können biblische Geschichten sowohl der (Neu)Kon-
struktion von Wirklichkeit als auch der Dekonstruktion unheilvoller Le-
bensmuster dienen. Da biblische Geschichten oft selbst zu religiösen
Systemschleifen erstarrt sind, bedürfen sie selbst der Dekonstruktion,
bevor sie erlösend wirksam werden können.
Um die doppelte (De)Konstruktion wirksam werden zu lassen – in
Richtung auf die biblischen Geschichten und in Richtung auf die Le-
bensgeschichten(n) – bedarf es einer ‚Systemhermeneutik’, die diese bei-
den Blickrichtungen konstruktiv verknüpft.
X. Kapitel: Systemische Supervision 267
X. Kapitel
‚Wenn ich nicht für mich bin – wer dann?’
Systemische Supervision mit religiösen Elementen
1 ‚Wenn ich nicht für mich bin – wer dann? – elfte Sitzung
Das Haus der unerfüllten Wünsche
Nachdem sich in den beiden letzten Sitzungen immer deutlicher heraus-
kristallisierte, wie schwer es dem Supervisanden fällt, Zugang zu seinen ei-
genen Bedürfnissen zu bekommen, schlug ich ihm in der elften Sitzung
noch einmal eine geleitete Imagination vor. Ich hatte die Imagination
stichwortartig vorformuliert und sie für mich mit dem ‚Arbeits-Titel’ ‚Das
Haus der unerfüllten Wünsche’ versehen. Bereits in der Vorbereitung hatte
ich eingeplant, die Fragmente aus der Abendmahlsliturgie, an denen der
Supervisand für sich die Rechtfertigungstheologie verankerte, in diese Ima-
gination zu integrieren. Ich beabsichtigte damit, die positiven Empfindun-
gen, die der Supervisand bei der ersten Imagination mit diesen Worten
verband, das Einladende, die Zusage des Menschseins und die damit ver-
bundene Erlaubnis, zu seinen Empfindungen stehen zu dürfen, ihm als
Ressource für die weitere Entwicklung nochmals anzubieten.
Hillel
Als zusätzliche ‚Verstärkung’ hatte ich aus dem reichen Fundus jüdisch-
christlicher Weisheit eine Hillel, einem Zeitgenossen Jesu, zugeschriebene
Spruchweisheit ausgesucht, die ganz ähnlich wie Jesus im Gleichnis von
dem ‚Barmherzigen Samaritaner’ (Lk 10)1 Nächstenliebe und Selbstliebe
aufeinander bezieht, aber zugleich noch den Aspekt des ‚Beginns’, ‚des
Anfangens’ ausdrücklich thematisiert.2
1 Lk 10, 27: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von gan-
zer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich
selbst.“ Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
2 S. H. Stierlin: Christsein, aaO., S. 87, der schreibt, dass „positive Gegenseitigkeit
[…] durch eine immer wieder gelingende Versöhnung von Nächstenliebe und
Selbstliebe“ ermöglicht wird, „wie diese in der Bibel auch von Jesus gefordert wird.“
„Wenn ich nicht für mich bin,
wer ist für mich?
Wenn ich nur für mich sorge,
was bin ich?
Wenn nicht jetzt,
wann dann?“
Mischna Abot 1/14
268 X. Kapitel: Systemische Supervision
Was nutzen alle die guten Vorsätze, wenn ‚ich’ nicht heute mit dem ersten
kleinen Schritt beginne: ‚wenn nicht jetzt, wann dann’ – worauf wartest du
noch? Was muss geschehen, damit du den ersten Schritt in die Verände-
rung deines Systems gehst?
1.1 Transkript – elfte Sitzung
Sv[schlägteineImaginationsübungvormitdemZiel,näherandieBe
dürfnissedesSdheranzukommen,umdannineinerderfolgendenSit
zungenzuschauen,wasdavonauchimBerufsalltagggf.verwirklicht
werdenkann.]
Sd[isteinverstanden.]
Sv
SetzenSiesichbitteaufden‚StuhlderEntspannungunddesLoslas
sens’.
[DerSupervisandsetztsichaufeinenanderenStuhl(bewusstnichtauf
dieErde!)]
AllesÄußereistjetztunwichtig,wasjetztgeschieht,wirdvorIhremin
nerenAugeablaufen‐
AtmenSiedreimaltiefdurch.
SieseheneingroßesHaus,repräsentativ,mitvielenRäumen.
Essiehtsehreinladendaus.
EshateinegroßeFreitreppe,diezurHaustürmitdengeschwungenen
Jugendstilfensternhinführt.
ÜberderHaustürsehenSieeinSchildmitderAufschrift:Hausderun
erfülltenWünsche.
SiebetretendasHausundkommenineinengroßenEingangssaal,sehr
hellundprachtvoll,beleuchtetvoneinemkostbarenLeuchter.
VondiesemSaalgehenzahlreicheTürenab,diealleeineAufschrifttra
gen.
SieschauensichdieseAufschrifteninallerRuhean.
DannhörenSieeineStimme,dieSieruftmitdenWorten:
Komm,dennesistallesbereit!
SiefolgendieserStimme.SiegehendieTreppehinaufundentdecken,
dassdieStimmeauseinemRaummitderAufschriftkommt:
Alles,wasdirguttut:
SieöffnendieTür.
SiegehenindiesemRaumumher,schauensichinallerRuheum.
EinenGegenstandkönnenSievondieserReisemitnehmenundmit
bringen.
WennSiesichentschiedenhaben,machenSiesichwiederaufden
Rückweg.
X. Kapitel: Systemische Supervision 269
NehmenSieAbschiedvondemHaus,denRäumen,indenenSiewa
ren.DenkenSieanIhrenGegenstandunddannkommenSiemitIhrer
AufmerksamkeitwiederzurückindiesenRaum.NehmenSieden
RaumundIhrenKörperwiederbewusstinBesitz.
Sd
Sv
Sd
[erzählt,waserindieserImaginationgesehenhat:]
IchhatteScheu,dasHauszubetreten.MeineAssoziation:Hausder
verbotenenWünsche,derverbotenenTräume.IchhattedenEindruck,
esistetwasAnrüchiges;meineAssoziationwar:
JetztbetreteicheinBordell.
AlsichdasHausbetrat,dachteich:Wasfüreinschöner,aberkalter
Saal.IchwarerstauntüberdievielenFenster.
WaswarmitdenvielenTürenunddenAufschriftendarüber?
Darankannichmichüberhauptnichtmehrerinnern.WarendaAuf
schriften?
DieTürenhattenbeimirFenster,durchdieichindieZimmerhinein
schauenkonnte.IneinemZimmerlaglauterSpielzeugausmeinen
Kindertagen,sehrguterinnereichmichaneinSchaukelpferd.
AlsichdanndieStimmehörte‚Komm,dennesistallesbereit’,habe
ichmichgeärgert.DieserSatzgehörtenichthierher.Ichempfandihn
alsstörend,alsgeklaut,dergehörtindieandereImaginationanden
Strand!
IndemZimmerselbstbefandsichmeineTochter,einaltesBuch,eine
hochgestellteMatratze,dasalteBuchmiteinemBildaufderersten
Umschlagseite
Sv[gibtdemSupervisandendenTextvonHillel]
KennenSiedieHillelzugeschriebeneAussageausMischnaAbot1/14?
„Wennichnichtfürmichbin,
weristfürmich?
Wennichnurfürmichsorge,
wasbinich?
Wennnichtjetzt,
wanndann?“
SdVielenDank.DieerstenbeidenSätzekannichganzgutnachvoll
ziehen.AberdenletztenSatzversteheichnicht.
SvWennSiejetztdamitnichtsanfangenkönnen,dannsetzenSiesich
nichtunterDruck.LassenSieesersteinmalliegen.
270 X. Kapitel: Systemische Supervision
1.2 Reflexion
Noch einmal ‚Widerstand’
Wie schon in der vorhergehenden Sitzung ist die erste Reaktion des Super-
visanden Abwehr – hier konkret im Blick auf die von mir eingebauten
Versatzstücke der Abendmahlsliturgie und auf den Teil des Hillel-Zitates,
der mir gerade besonders wichtig ist, nämlich die Aufforderung, nicht
mehr länger abzuwarten, sondern mit dem ersten Schritt zu beginnen. Wie
zuvor schon häufiger reagiert der Supervisand, wenn ihm Dinge zu nahe
rücken, mit ‚Unverständnis’. Ich habe in der Sitzung auf diese Form des
‚Widerstandes’ reagiert, in dem ich nicht nachgesetzt oder insistiert, son-
dern erst einmal Raum gegeben habe in der Hoffnung, dass auch diese In-
tervention möglicherweise mittelfristig eine positive Wirkung zeigt.3
Auf diesem Hintergrund erwartete ich mit Spannung die Reaktion des Supervisanden,
die etwa drei Tage später als Erlebnisprotokoll kam:
„DerSupervisornanntemirimVerlaufdererstenHälftederSupervisions
sitzungsehrdirekteinenKnackpunktmeinerPersönlichkeitsstruktur,näm
lich,dassichschlechtfürmichsorge.IndieserAussagekonnteichmichgut
wiederfinden,sietrifftesleiderja.GetroffenhatmichdieserSatz;aberden
nochhatmichdieseAussageinderSupervisionssitzungnichtschockiert
oderfrustriert,geschweigedennresignierenlassen.EherhatteichsoeinGe
fühlvonAhaErlebnis,sowieeinLöseneinesKnoten.Tja,manchmalistes
ganzgut,wenneinemetwas‚extranos’zugesagtwird.
DieImaginationsübunghatmirtrotzanfänglicherSchwierigkeit,michfal
lenzulassen,vieleAnregungengegeben.Michbeschäftigenimmernochei
nigeEinzelheiten,z.B.warumichmichzunächstnichtsorichtigindas
Haushineingetrauthabe,sonderndasGefühlhatte,ichtueetwasVerbote
nes.Auch,dassdieTürenkeineBeschriftunghatten,hatmichirritiert.Aber
mirfehleninderTatoftnichtnurdieWortedafür,wasmirguttut,sondern
diefehlendenWortesindfürmichaucheinIndizdafür,dassichzuwenig
daraufachte,obmireineSachewirklichguttutoderobichesnurwegen
andererPersonenmache.EinandererPunkt,überdenichweiternachden
ke,ist,dassindemZimmermitdem,wasmirguttut(HießdasZimmer
wirklichso?),nebenalldenanderenvonmirgenanntenDingenaucheine
selbstgedrehteZigarettewar,dieschonangezündetwarundqualmte.Wa
rumhabeichvergessen,dieseZigaretteinderSitzungzuerwähnen?Viel
leichtweilesetwasist,wasichimmerabgelehnthabe,aberdennochden
RufdesVerbotenenhatteundichvielleichtdochLustdaraufhabe.
DerletztePunkt,denicherwähnenmöchte,hatauchmitderImaginations
übungzutun,aberauchmitdemAnfangderSitzung.AneinemPunktha
beichbeimirgroßeWiderständegespürt,nämlichbeidemZitat‚Komm,
3 K. F. Richter: „Einen sicheren Raum schaffen, in dem sich der Klient seinen, im
Widerstand zurückgehaltenen, Gefühlen stellen kann.“ AaO., S. 88.
X. Kapitel: Systemische Supervision 271
dennesistallesbereit’.DieserSatzstammtefürmichausdererstenImagi
nationsübung,ichwollteihnmiraberinderjetzigenÜbungnichtsagenlas
sen.AndiesemPunktfühleichmich‚beklaut’oderandersgesagt,ichfühlte
meineersteImaginationzweckentfremdetunddamitnichtmehrmeineige
nes,sondernetwas‚Vermarktetes’.Letztendlicherklärtdasabernicht,wa
rumichandiesemPunktsolcheWiderständeentwickelthabe,warumich
michz.B.nichteinfachfreue,dassmeineGedankenaufgegriffenwerden.
Ichvermute,dasssichhiereinErlebnisniedergeschlagenhat,dasinmeinen
frühenJahrenmehrfachwiederholthat,dassnämlichanderedieErntemei
nerArbeiteingefahrenhaben,u.a.weilichzuschüchternwar,umselbst
michindenVordergrundzustellen.Vielleichtreagiereichdeshalbableh
nend,wennandereetwassagenodertun,wasichmirselbstzurechne(wo
beijadieserSatzwiederumauchnichtvonmirkommt,sondernausder
Abendmahlsliturgie).“
Extra nos
Dass ich dem Supervisanden in der Sitzung bewusst fordernd direktiv mit-
geteilt hatte ‚Sie sorgen nicht gut für sich!’, deutet er für sich als Befrei-
ungsschlag. Hier geht er nicht in die Abwehr, zeigt keine ‚Widerstands-
symptome’. Das wird ihm wahrscheinlich mit ermöglicht durch eine von
ihm positiv besetzte Denkfigur, die Martin Luther im Rückgriff auf Paulus
entwickelte: Der lebensverändernde Zuspruch Gottes, das ‚Ja’ Gottes, das
dann als Antwort ‚Metanoia’ (µετάνοια) = Umkehr ermöglicht, erfolgt auf
zweifache Weise: Zum einen muss es von außen (‚extra nos’) kommen.
Die gute Botschaft ‚Du bist von Gott geliebt!’, ‚Gott nimmt dich ohne
Vorbedingungen an!’, ‚Du musst dein Heil nicht erst erwerben’ kann man
sich nicht selbst sagen, sondern sie muss einem von außen zugesprochen
werden. Damit ich diese gute Botschaft annehmen kann, muss aber für
Luther noch ein zweites hinzukommen, das ‚testimonium spiritus sanctum
internum’ – ‚das Zeugnis des Heiligen Geistes in uns’ oder wie es bei Pau-
lus heißt „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes
Kinder sind“ (Rö 8, 16).4 Erst wenn Gott selbst das ‚äußere’ Menschen-
Wort ‚heiligt’, kann auch innerlich der Glaube wachsen und wird Verände-
rung möglich.5 „Der Sünder existiert als Freigesprochener“, formuliert E. Jün-
4 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
5 „Er setzt auch des Heiligen Geistes und der Apostel Zeugnis zusammen und
spricht: Der Heilige Geist ‚wird zeugen von mir, und auch ihr werdet meine Zeugen
sein, denn ihr seid von Anfang bei mir gewesen’. Denn wahr ist es, der Heilige Geist
hat seine Wirkung inwendig im Herzen. Aber doch will er solche Wirkung in der
Regel und im allgemeinen nicht anders als durch das mündliche Wort ausrichten,
wie Paulus Röm. 10, 14 sagt: ‚Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts
gehört haben?’, ebenso Vers 17: ‚Der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen
Auch der längste Weg
b
eginnt mit einem
einfachen Schritt! (Japanisches Sprichwort)
272 X. Kapitel: Systemische Supervision
gel. „Er existiert mit diesem Freispruch. Er hat ihn nicht nur im Ohr, son-
dern auch im Herzen. Er weiß sich von ihm angesprochen, er weiß sich im
Innersten seiner Existenz so angesprochen, dass er nunmehr mit seinem
Leben diesem Freispruch entspricht. Luther hat es geradezu als Charakte-
ristikum des Christenmenschen bezeichnet, die forma verbi, die Gestalt des
Wortes anzunehmen.“6 Die Reihenfolge von Zuspruch und Anspruch,
Rechtfertigung und Heiligung, Evangelium und Gesetz hatte uns in Kapi-
tel VI.2 bereits beschäftigt. So wie der Supervisand sie im Sinne der Fami-
lienliturgie fleißig repetierte, lautet sie: Erst die Pflicht, erst die Arbeit, erst
die Anderen, erst sich zusammenreißen und dann – mal sehen, ob dafür
noch Zeit ist … Diese Reihenfolge wird nun – gut reformatorisch – umge-
kehrt!
Der Supervisor als ‚minister verbum divini’?
Bezogen auf den Supervisionsprozess heißt das: Der Supervisor, der den
Supervisanden irritiert, provoziert, fordert, um destruktive Anteile seines
Systems zu erschüttern, wird hier von dem Supervisanden in Analogie
zum Prediger des Wortes Gottes gedeutet.7 Für nichttheologische Supervi-
soren mag das befremdlich klingen und ich frage mich natürlich auch, ob
solch eine Projektion mit der geforderten Distanz eines Supervisors und
der Lösungsorientierung supervisorischer Arbeit vereinbar ist. Aber viel-
leicht muss das doch kein Widerspruch sein. Denn ich gehe davon aus,
dass ich meine innere Distanz gegenüber dem Supervisanden durchaus wahren
kann, auch wenn ich mich in seine religiöse Problemgeschichte mit hinein
begebe, um neue Impulse zu setzen. Wenn es dem Supervisanden dient,
meine Interventionen in Analogie zur Predigt des Evangeliums zu verste-
hen, dann nutzt er gerade darin seine Ressourcen! Umgekehrt daraus ein
supervisorisches Prinzip zu machen, gewissermaßen „ein (kirchliches)
‚Amt’ von Pastoralpsychologen und kirchlichen SupervisorInnen“,8 die ge-
wissermaßen qua Amt auf die „Rechtfertigung ‚allein aus Gnade’“9 verwie-
aber durch das Wort Christi.’ Darum nennt Christus den Heiligen Geist auch einen
Zeugen, nicht allein weil er inwendig und heimlich im Herzen zeuget, sondern auch
weil er äußerlich und öffentlich durch den Mund und durch das Wort der Apostel
und aller Prediger zeuget, die das Evangelium von Christus rein und lauter verkün-
digen. Denn zum Zeugen gehört der Mund und das Wort.“ Martin Luther: Sonntag
Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4, S. 10. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 5489
(WA Bd. 8, S. 241).
6 E. Jüngel: Das Evangelium, aaO., S. 170.
7 „Für eine Therapie der Metanoia, des Umdenkens, des Standpunktwechsels, ist die
Distanzierungsfähigkeit oder Neutralität des Therapeuten mindestens ebenso wich-
tig wie Empathie und Mitgefühl. Identifikation als Anhaften fördert Helfertum und
Mitleidpathos, während die Praxis der Desidentifikation, der Selbstverleugnung, wie
Jesus dies nannte, der Boden ist für die Entwicklung von Mitgefühl und bedin-
gungsloser Liebe“; S. Essen, zitiert nach Chr. Morgenthaler: Systemische Seelsorge,
aaO., S. 92.
8 W. Drechsel, aaO., S. 347.
9 Ebd., S. 346.
X. Kapitel: Systemische Supervision 273
sen und sich gemeinsam mit den Supervisanden/innen „vor Gott als dem
‚gemeinsamen Supervisor’“10 stehen sehen, geht mir einen entscheidenden
Schritt zu weit. Supervision, auch die Supervision mit Religionslehrern/in-
nen ist berufliche Beratung und die Beziehung zwischen Supervisor/in –
Supervisanden/innen bleibt eine Arbeitsbeziehung, auch wenn, wie in Ka-
pitel VII bereits ausgeführt wurde, der Geist natürlich weht, wo er will!
Im System geht nichts verloren!
Die innere Aneignung der Abendmahlsliturgie geht bei dem Supervisan-
den so weit bzw. reicht so tief, dass meine Verwendung in der Imaginati-
onsübung von ihm als ‚geistiger Diebstahl’ empfunden wird. Offenbar
bringt dieser – Christus in den Mund gelegte – liturgische Ruf für ihn eine
existentielle Lebensgrundlage auf symbolhafte Weise in großer Verdich-
tung zur Sprache. Einmal mehr ist hier mit Händen zu greifen, wie sehr
die religiöse Geschichte mit der personalen und beruflichen verwoben ist.
Auch wenn die beabsichtigte positive Verstärkung nicht linear-kausal ein-
tritt, so wirkt die Intervention gewissermaßen paradox, indem sie den Su-
pervisanden aktiviert, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie er seine eige-
nen Interessen durchsetzt und wahrt. ‚Im System geht nichts verloren!’
lautet einer der zentralen systemischen Merksätze, das ‚Thema hinter dem
Thema’ kommt immer wieder – so auch hier. Ob in der Maria und Mar-
tha-Geschichte oder jetzt in seinem ‚Widerstand’ gegen meine Verwen-
dung ‚seiner’ Abendmahlsliturgie stößt der Supervisand immer wieder auf
‚sein Thema’: ‚Wie sorge ich für mich?’, ‚Wie kann ich den selbstbestimm-
ten Teil meines (Berufs)lebens erweitern?’.
Angesichts der Tatsache, dass meine theologisch eingefärbten Interventio-
nen meist anders wirksam wurden, als ich ursprünglich intendiert hatte,
stellt sich mir die Frage, wie die Möglichkeiten und Grenzen systemischer
Arbeit mit religiösen Elementen in der Supervision noch präziser be-
stimmt werden können:
10 Ebd., S. 345.
274 X. Kapitel: Systemische Supervision
2 Systemische Supervision – was kann, was will sie leisten?
Die Differenz zwischen supervisorischer Absicht und faktischer Wirkung
zahlreicher Interventionsversuche sensibilisiert noch einmal dafür, die Be-
grenztheit direkter Beeinflussung anderer Menschen – eben auch in der Su-
pervision – im Blick zu behalten und verstärkt den Zweifel an der Forde-
rung H. G. Petzolds, in der Supervision „mit hinlänglicher Zuverlässigkeit
voraussagbare Effekte erzielen“11 zu können. Bereits in Kapitel II hatte ich
darauf hingewiesen, dass der stärkste Innovationsschub im Supervisions-
Feld zurzeit von den systemischen und konstruktivistisch beeinflussten Mo-
dellen ausgeht, die zahlreiche Grundannahmen und Interventionen aus den
Systemtheorien bzw. systemischen Familientherapien für die supervisorische
Arbeit fruchtbar machen. Ein Blick auf die Grundannahmen systemisch-
konstruktivistischen Denkens kann zum einen das Bewusstsein schärfen für
das, was Supervision leisten bzw. nicht leisten kann, und zum anderen wert-
volle Anregungen geben für die Konstruktion wirksamer Interventionen.
Dabei ist mein Blick weniger wissenschaftstheoretischer Natur12 als viel-
mehr der eines ‚methodengegründeten Praxeologen’, der sich einer „‚Bot-
tom-up-Definition’ des Theorie-Praxis-Verhältnisses“13 verpflichtet weiß:
Methodengegründete Praxeologien“, so definiert H. G. Petzold, „sind durch Er-
fahrung, systematische Beobachtung und methodisches Erproben erarbeitet,
in sich hinlänglich konsistente Formen und Wege praktischen Handelns.
Durch Methoden, die als solche reflektiert wurden, sind Wissensbestände ent-
standen, ein Praxiswissen. Aus diesem können im Prozess seiner Elaborati-
on theoretische Konzepte und Konstrukte generiert werden, die sich zu
Theorien von zunehmender Komplexität entwickeln können, welche wiede-
rum in die Praxis zurückwirken und diese zu verändern vermögen.“14 In die-
sem Sinn ist der folgende Kapitelabschnitt zu verstehen: als ein reflektieren-
der Zwischenschritt im zirkulären Prozess der supervisorischen Arbeit und
der wissenschaftlichen Analyse, die Schritt für Schritt ineinander greifen. ‚Su-
pervidieren und Forschen wären demnach als Teilmomente eines Prozesses zu
würdigen.’15
„Wie in einem fremden Land mag sich mancher fühlen, der den Versuch
unternimmt, in die Systemtheorie einzudringen. Die Gefahr, sich darin zu
11 In: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 229.
12 Eine ausführliche „Darstellung theoretischer Grundlagen traditioneller, moderner
und neuerer Systemkonzepte“ bietet Wolfgang Ebert, aaO., S. 73 – 320. S. a. den
Versuch Willibald Neumeyers, der „Konfusion über den Begriff ‚systemisch’“ (S.
49) Herr zu werden: Willibald Neumeyer: Systemische Supervision – Grundlagen
und Implikationen: Ein Überblick. In: supervision 1/2004, S. 49 – 57.
13 In: Supervision auf dem Prüfstand, aaO, S. 218
14 Ebd., S. 218.
15 H. Möller zitiert B. Nitschke: „Heilen und Forschen wären demnach als Teilmomente
eines Prozesses zu würdigen“ (Was ist gute Supervision? AaO., S. 91). S. a. meine
Ausführungen dazu und weitere Literatur in Kapitel IV.
X. Kapitel: Systemische Supervision 275
verirren, ist groß.“16 Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass Leh-
rer/innen eher abgeschreckt als motiviert reagieren, wenn sie mit Begriffen
wie ‚nichttrivialen Maschinen’, ‚Autopoiese’ oder ‚Emergenz’ konfrontiert
werden, die sie offensichtlich eher an Geheimsprache, Arkandisziplin oder
gar Herrschaftswissen denken lassen. Leider geht es so ganz ohne dieses
‚Neu-Sprech’ nicht, obwohl spezielle Wörterbücher inzwischen den Zugang
erleichtern helfen.17 Erschwerend kommt hinzu, „dass die einzelnen Sys-
temtheorien in unterschiedlichen Disziplinen und häufig unabhängig von-
einander entstanden sind“, so dass „eine Fülle unterschiedlicher Fachtermini
mit ähnlicher Bedeutung, die zudem häufig vermischt werden, [existieren].
Dies wird häufig als ‚babylonische’ Sprachverwirrung beklagt. Begriffliche
und inhaltliche Ungenauigkeiten sind die Folge“,18 worauf W. Ebert hin-
weist. Deshalb werde ich in einem ersten Schritt die Grundannahmen bzw.
Grundentscheidungen möglichst kompakt und präzise darstellen: präzise in-
sofern, als ich mich möglichst dicht an den Definitionen der ‚Vätergenerati-
on’19 entlang bewege; kompakt, indem ich mich auf die Essentials beschrän-
ke, die man kennen muss, um die konkreten Anwendungen in der supervi-
sorische Arbeit nachvollziehen zu können.
Grundannahmen systemisch-konstruktivistischen Denkens
Biologie und Autopoiese
Ein wichtiger systemtheoretischer Impuls kommt aus der Biologie bzw.
Neurobiologie. Die chilenischen Biologen Humberto Maturana20 und
Francisco Varela21 führten den terminus technicus ‚Autopoiese’ bzw. ‚Au-
topoiesis’22 Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre des letzten
Jahrhunderts in die radikal konstruktivistische Systemtheorie ein. Inzwi-
schen ist der Begriff „in der Sphäre des akademischen Publikums explo-
diert“, wie Bernhard Pörksen feststellt.23 „Er ist zu einem Synonym für ei-
ne eigengesetzliche Form der Wirklichkeitsproduktion geworden und führt
16 So Alfred K. Treml, zitiert nach W. Ebert, aaO., S. 73.
17 S. Simon, Fritz B. / Clement, Ulrich / Stierlin, Helm: Die Sprache der Familienthe-
rapie. Stuttgart 5/1999; Detlef Krause: Luhmann-Lexikon. Stuttgart 4/2005.
18 W. Ebert, aaO., S. 103. So auch W. Neumeyer, aaO., S. 50.
19 Warum gibt es eigentlich keine ‚Mütter’ der Systemtheorie, aber sehr wohl der syste-
mischen Familientherapie?
20 1928 in Chile geboren, Mediziner und Biologe.
21 1946 in Chile geboren, Schüler von H. Maturana. „Zusammen mit Humberto R.
Maturana schrieb er an der Theorie der Autopoiesis, entwickelte am Beispiel der
einzelnen Zelle eine neue Definition des Lebens, die später als ein universal ange-
wendetes Erklärungsmodell die wissenschaftliche Welt in Aufruhr versetzen sollte“,
schreibt Bernhard Pörksen in der Einführung zu seinem Interview mit Francisco
Varela. In: Bernhard Pörksen: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum
Konstruktivismus. Heidelberg 2002, S. 112.
22 Der Sprachgebrauch ist bei H. Maturana uneinheitlich.
23 B. Pörksen, aaO., S. 70.
276 X. Kapitel: Systemische Supervision
in systemtheoretischen Zeitschriften und familientherapeutischen Journa-
len, auf den Tagungen der Soziologen und Kongressen der Medienwissen-
schaftler – auch gegen den Widerstand seines Erfinders – ein vitales Ei-
genleben als universal verwendetes Modewort.“24 Autopoiese ist ein neu
geschaffener Begriff, ein ‚Kunstwort’, das sich aus dem Griech. ατóς =
‚selbst’ und ποιεν = ‚tun, machen, erzeugen’ zusammensetzt.25 Autopoie-
se = ‚aus sich selbst heraus erschaffen’ – das klingt auf den ersten Blick
fast metaphysisch oder – je nach Perspektive – auch blasphemisch, be-
zeichnet jedoch nur den biologischen Vorgang, dass Organismen bzw.
biologische Systeme Produkte ihrer eigenen Organisation sind. „Das Kon-
zept der Autopoiesis liefert die Antwort auf die Frage, was ein lebendes
System ausmacht“,26 stellt Maturana fest: „Wenn man ein lebendes System
betrachtet, findet man stets ein Netzwerk von Prozessen oder Molekülen,
die auf eine Weise interagieren, die ihrerseits zur Produktion von Molekü-
len führt, die durch ihre Interaktion ebendieses [sic] Netzwerk der Produk-
tion von Molekülen erzeugen und in seinem Umfang begrenzen. Ein sol-
ches Netzwerk nenne ich autopoietisch. Wenn man also auf ein Netzwerk
stößt, dessen Operationen es im Ergebnis selbst hervorbringen, hat man
es mit einem autopoietischen Netzwerk und demzufolge mit einem leben-
den System zu tun. Es produziert sich selbst. Dieses System ist für die Zu-
fuhr von Materie offen, jedoch – wenn man die Dynamik der Beziehun-
gen, die es hervorbringen, betrachtet – geschlossen. Kurzum, das Konzept
der Autopoiesis verwende ich, um das Schlüsselmerkmal des Lebendigen
zu beschreiben, das ist alles.“27 Natürlich nehmen Organismen zwar Sub-
stanzen aus der Umwelt auf, entscheidend ist dabei aber allein, ob diese für
den eigenen Stoffwechsel verwertbar sind oder nicht. Substanzen, die für
die eigenen Reproduktion des Organismus ‚uninteressant’ sind, werden ‚ig-
noriert’. „Was in allen lebenden Systemen vor sich geht“, so H. Maturana,
„ist […] notwendig durch ihre Struktur bestimmt, nicht aber durch externe
Einflüsse determinierbar.“28 Selbstverständlich kann man von außen auf
Lebewesen einwirken, sie schlimmstenfalls gar töten und damit dieses bio-
logische System vernichten. Aber abgesehen von diesem ‚worst case’ kann
man bei strukturdeterminierten Systemen, wie Maturana und Varela es
ausdrücken, durch äußere Anstöße zwar innere Dynamiken auslösen, aber
„deren Folgen [… werden] durch die Struktur des Systems selbst spezifi-
24 Ebd., S. 70.
25 Viele Jahre später prägte ich den Begriff ‚Autopoiese (nach dem griechischen autos
und poiein für Selbstgestaltung: autopoieses), womit ich ausdrücken wollte, wie sich Sys-
teme als Produkte ihrer eigenen Operationen realisieren.“ Humberto Maturana: Was
ist erkennen? Die Welt entsteht im Auge des Betrachters. München 2001, S. 18.
26 Im Gespräch mit B. Pörksen, aaO., S. 103.
27 Ebd., S. 103.
28 H. Maturana im Gespräch mit: B. Pörksen, aaO., S. 88.
X. Kapitel: Systemische Supervision 277
ziert und bestimmt“.29 Nur ein Wunder könnte diesen Strukturdeterminis-
mus aufheben.30
Auch Menschen sind autopoietische Systeme
Auch Menschen sind solche autopoietischen Systeme und als solche struk-
turdeterminiert, haben ein „operational und funktional geschlossene(s)
Nervensystem“31 und dienen keinem anderen Zweck, „als sich selbst zu
reproduzieren“.32 Maturana und Varela folgern daraus, dass sich lebende
Systeme von außen nicht monokausal-linear determinieren lassen und
sprechen deshalb auch von autonomen Systemen. „Autonomie = Selbst-
gesetz meint im wörtlichen Sinn, dass die autopoietischen Prozesse völlig
autonom, d. h. entsprechend der Eigengesetzlichkeit des Systems ablaufen
und sich der Allonomie = Fremdgesetz, nämlich äußerer Kontrolle oder
Regulierung entziehen.“33 Inwieweit es sinnvoll ist, dieses biologische Mo-
dell auf soziale Systeme – also auf Familien, Schulklassen, Staatswesen etc.
– zu übertragen wird kontrovers diskutiert.34 Für Maturana ist es allerdings
keine Frage, dass die Strukturdeterminiertheit auch für die Organisation
menschlicher Systeme gilt: „Nahm ich mir diese Einsicht als Biologe und
Wissenschaftler zu Herzen, dann lag auf der Hand, daß sie mich selbst
ebenso betraf wie alle anderen: Als strukturdeterminierte Systeme sind wir
von außen prinzipiell nicht gezielt beeinflussbar, sondern reagieren immer
im Sinne der eigenen Struktur. So kann ich nicht steuern, wie meine Worte
wirken. Jeder liest, was er oder sie liest, dafür trage ich keine Verantwor-
tung. Nicht dieser Text legt fest, was Sie lesen, sondern Ihre Struktur, Ihre
29 Ebd., S. 88f. „Autopoietische Systeme übersetzen Außeneinwirkungen in ihre eige-
ne Prozesslogik, die mit der des intervenierenden Systems nichts zu tun haben
muss.“ W. Neumeyer, aaO., S. 51.
30 S. B. Pörksen, aaO., S. 89.
31 K. Ludewig, zitiert nach A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 67; „Maturana und
Varela erbrachten den Nachweis, dass es zwischen Gehirnfunktionen und Umwelt-
reizen keine eindeutigen Beziehungen gibt.“ W. Neumeyer, aaO., S. 51; s. a. F. B. Si-
mon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 38ff: „Der Begriff impliziert, dass sich das
lebende System von der Umgebung unabhängig selbst steuert.“ S. 39.
32 A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 68.
33 P. Held, aaO., S. 31.
34 S. F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 39. Maturana selbst lehnt diesen
Transfer konsequent ab: „Das Konzept der Autopoieses – verstanden als ein biolo-
gisches Phänomen – handelt von einem Netzwerk von Molekülen, die Moleküle
hervorbringen. Moleküle produzieren Moleküle, fügen sich zu Molekülen zusam-
men, lassen sich in Moleküle zerteilen. Niklas Luhmann geht jedoch nicht von Mo-
lekülen aus, die Moleküle erzeugen, sondern alles dreht sich um Kommunikationen,
die Kommunikationen produzieren. Er glaubt, es handele sich um ähnliche Phäno-
mene, es handele sich um vergleichbare Situationen. Das ist nicht korrekt, denn
Moleküle erzeugen Moleküle ohne fremde Hilfe, ohne Unterstützung. Aber Kom-
munikationen setzen Menschen voraus, die kommunizieren.“ H. Maturana im Ge-
spräch mit B. Pörksen, aaO., S. 106. Zur Rezeption des Autopoiese-Begriffs durch
N. Luhmann s. W. Ebert, aaO., S. 188f., S. 208 – 211; W. Neumeyer, aaO., S. 52.
278 X. Kapitel: Systemische Supervision
jeweilige Befindlichkeit. Dabei obliegt es jedoch allein mir, keinen Unsinn
zu verzapfen, denn ich bin selbst verantwortlich für das, was ich schreibe
bloß bin ich nicht verantwortlich für das, was Sie lesen.“35
Kybernetik – ‚triviale’ und ‚nichttriviale Maschinen’
Der Mathematiker und Kybernetiker Heinz von Foerster kommt mit sei-
ner Unterscheidung von ‚trivialen’ und ‚nichttrivialen’ Maschinen zu ganz
ähnlichen Schlussfolgerungen wie die biologischen Konstruktivisten.36
„Die trivialen Maschinen sind genau die Maschinen, die unserem Bild von
Maschine entsprechen. Eine triviale Maschine ist dadurch gekennzeichnet,
dass sie genau eine, noch dazu unveränderliche Regel hat“, nach der sie den
Input in den Output „,übersetzt’, ‚transformiert’, ‚errechnet’ etc.“37 „Das
Bestechende an den trivialen Maschinen ist“, führt von Foerster weiter
aus, „daß sie analytisch bestimmbar und daher wegen ihrer Vergangen-
heitsunabhängigkeit voraussagbar sind. Kein Wunder, dass man in allem,
was man sieht, das Wirken einer trivialen Maschine sehen möchte. Denkt
man doch an Pierre Simon Marquis de Laplace, der etwa 150 Jahre nach
Descartes nicht nur seinen Körper, sondern sogar das ganze Universum
als triviale Maschine sehen wollte.“38
Triviale Maschine nach Heinz von Foerster39
Im Unterschied zu diesen ‚trivialen Maschinen’, die mit einfachen Ursa-
che-Wirkungsmechanismen beeinflusst werden können, sind ‚nichttriviale
Maschinen’ rekursiv, d. h. sie können auf sich selbst einwirken, sich selbst
steuern und sind so von außen gerade nicht linear-kausal manipulierbar.
35 H. Maturana: Was ist erkennen, aaO., S. 18f. „Menschliche Kognition vollzieht sich
also in einem geschlossenen, selbstreferentiellen Feld und ist daher prinzipiell ein-
sam“, daran erinnert Ursula Pfäfflin, aaO., S. 492. „Die Autopoieses des Bewusst-
seins ist das Fortspinnen mehr oder minder klarer Gedanken“, vermutet Niklas
Luhmann. In: Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: Soziale Welt 36/1985, S. 406.
36 Heinz von Foerster: Wissenschaft des Unwissbaren, S. 166, in: Short Cuts 5, aaO.
37 Ebd., S. 163.
38 Ebd., S. 165.
39 Originalgrafik s. F. v. Foerster, aaO., S. 163.
a. synthetisch terminiert
b. vergangenheitsunabhängig
c. analytisch bestimmbar
d. voraussagbar
x = Input (Ursache, Reiz, Motiv)
y = Output (Wirkung, Schluss, Reaktion, Tat)
f = Operation (Funktion, Organismus, System)
X. Kapitel: Systemische Supervision 279
Eine ‚nicht-triviale Maschine’ ist, wie von Foerster es ausdrückt „eine Ma-
schine in der Maschine“,40 die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen
Input und Output nicht mehr erkennen lässt. Selbst die einfachste ‚nicht-
triviale Maschine’ ist im Unterschied zur ‚trivialen Maschine’ „vergangen-
heitsabhängig“ (Faktor der Geschichtlichkeit), „analytisch unbestimmbar“
und „unvoraussagbar“41 = kybernetisches Prinzip der Zirkularität. „Da-
raus folgt zunächst,“ wie der Osnabrücker Systemtheoretiker Jürgen Kriz
betont, „daß es schon bei viel einfacheren ‚Systemen’ als Menschen oder
Familien praktisch unmöglich ist, aus bestimmten ‚Input-Größen’ die ‚Out-
put-Größen’ – d. h. irgendein Verhalten – vorauszusagen“.42 Erst recht ist
es „unrealistisch“, so ebenfalls Jürgen Kriz, „das Verhalten lebender Syste-
me (oder gar Systeme von Systemen, wie z. B. ‚Familien’) im Sinne einfa-
cher Reiz-Reaktionsketten zu verstehen“43 oder zu glauben, sie durch line-
are Impulse von außen determinieren zu können. Die Vertreter des kyber-
netischen Konstruktivismus sind davon überzeugt, dass Veränderungen
‚nichttrivialer Maschinen’ von außen durch ‚Perturbationen’ = Verstörun-
gen44 zwar ausgelöst, aber nicht in ihren Ergebnissen berechnet werden
können.
Nichttriviale Maschine nach Heinz von Foerster45
40 Ebd., S. 166.
41 Ebd., S. 167.
42 Jürgen Kriz: Systemtheorie für Psychotherapeuten, Psychologen und Mediziner.
UTB 2084. Wien 1999, S. 90f.
43 Ebd., S. 88.
44 Der lateinische Begriff ‚perturbare’ wurde ebenfalls von Maturana und Varela einge-
führt und bedeutet ursprünglich ‚verwirren’, ‚etwas aus der Fassung bringen; s. F. B.
Simon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 252f.
45 Nach einer Originalgrafik von H. v. Foerster: Wissenschaft des Unwissbaren, aaO.,
S. 167.
x = Input (Ursache, Reiz, Motiv)
y = Output (Wirkung, Schluss, Reaktion, Tat)
f = Operation (Funktion, Organismus, System) –
hier dargestellt mit einem innerem Regelkreis, der
durch zwei ‚innere Zustände Z’ beeinflusst bzw.
geregelt wird.
a. synthetisch terminiert
b. vergangenheitsabhängig
c. analytisch unbestimmbar
d. unvoraussagbar
280 X. Kapitel: Systemische Supervision
Gregory Bateson und das Homöostase-Stochastik-Konzept
Neben Maturana, Varela und von Foerster ist es insbesondere der An-
thropologe und Psychologe Gregory Bateson, der mit dem Homöostase-
Stochastik-Konzept die Frage aufgreift, wie sich komplexe-autopoietische
Systeme verändern lassen.46 „Ihm [Bateson] ist es wie kaum einem ande-
ren zu danken, dass eine kybernetische Denk- und Vorgehensweise im
psychosozialen Bereich Eingang fand, die, zumindestens in meiner Sicht,
zur Entwicklung der bislang wohl wirksamsten therapeutischen Instru-
mente beitrug, die wir heute besitzen“, so schätzt H Stierlin G. Batesons
Leistung für die Familientherapie ein.47
Homöostase
Homöostase48 meint dabei das ‚Gleichgewicht der Kräfte’ in einem Sys-
tem, also gewissermaßen den ‚realexistierenden Ist-Zustand’, das ‚einge-
spielte Team’. „Auch Organismen sind homöostatische Systeme. Sie agie-
ren, um ihr Gleichgewicht […] aufrechtzuerhalten, z. B. den Sauerstoffge-
halt im Blut oder die Körpertemperatur. […] Auch Gesellschaften versu-
chen ihre Stabilität aufrechtzuerhalten und können als homöostatische
Systeme betrachtet werden. Wirtschaft, Politik, Rechtssprechung, Erzie-
hung usw. werden von Sollwerten geleitet, die durch kulturelle oder semio-
tische Codes gesetzt werden“49 – davon ist der Kommunikationswissen-
schaftler David J. Krieger überzeugt. Der Homöostase-Status weist eine
hohe Tendenz zur Beharrlichkeit auf oder anders formuliert: Komplexe,
rekursive Systeme sind von Natur aus konservativ. Störungen von innen
oder von außen können bis zu einem gewissen Grad ‚aufgefangen’ und
‚systemimmanent’ verarbeitet werden. Die Familientherapeutin Mara Selvi-
ni Palazzoli und ihre Kollegen/innen der legendären ‚Mailänder-Schule’50
sprechen bei Familien dann von einer „homöostatischen Tendenz“, wenn
diese „ein sich selbst regulierendes System“ geschaffen haben, „das von ei-
genen Gesetzen regiert wird, die es sich im Laufe der Zeit durch Versuch
46 G. Bateson: Geist und Natur, aaO., da besonders die Seiten 181 – 233; s. a. Heinz
von Foerster: Meine eigene Geschichte ist anders verlaufen. In: Short Cuts 5, aaO.,
S. 109f: „Welches sind die Bedingungen, unter denen ein System stabil bleibt oder
instabil wird?“
47 Helm Stierlin: Systemischer Optimismus – systemischer Pessimismus: zwei Ausbli-
cke auf den Wandel. In: Familiendynamik 1988/13/1, S. 74.
48 Griechisch von µοιóς = gleich, ähnlich; und στáσις = Stand, Beschaffenheit; der
Begriff wurde 1932 von W. B. Cannon eingeführt zur Bezeichnung von geschlosse-
nen Systemen, die durch Rückkoppelungsstrukturen „die Konstanterhaltung be-
stimmter physiologischer Größen“ (P. Held, aaO., S. 25) garantieren.
49 David J. Krieger: Einführung in die allgemeine Systemtheorie. UTB 1904. München
2/1998, S. 27.
50 S. Bodo Christian Pisarsky: Die Mailänder Schule. Systemische Therapie von der pa-
radoxen Intervention zum epigenetischen Ansatz. Göttingen 2000.
X. Kapitel: Systemische Supervision 281
und Irrtum erarbeitet hat“.51 Alle Kommunikations- und Beziehungsmuster
zielen dann im Grunde genommen darauf ab, „die einmal erreichte Form
der Homöostase oder der operativen Geschlossenheit“52 festzuhalten.
Stochastischer Prozess
Daraus folgt, dass komplexe Systeme nur verändert werden können, wenn
es zu einem massiven Anstoß von außen kommt, der zum einen in der La-
ge sein muss, die vorhandene Homöostase zu erschüttern, und zum ande-
ren so lange andauern und eine so große Beharrlichkeit aufweisen muss,
bis sich eine neue Homöostase etablieren zu kann. Diesen Vorgang be-
zeichnet Bateson als „stochastischen Prozess“:53 „In den stochastischen
Prozessen […] sowohl der Evolution als auch des Denkens kann das Neue
nur dem Zufälligen entrissen werden; und das Neue dem Zufälligen zu
entreißen, falls und wenn es sich zufällig zeigt, verlangt eine Art selektiver
Maschinerie, um die andauernde Beharrlichkeit der neuen Idee zu erklären.
[…] Um zu beharren, muß das Neue so geartet sein, daß es länger andau-
ert als die Alternativen.“54 Da komplexe Systeme, wie von Foerster nach-
gewiesen hat, nicht linear-kausal, sonder zirkulär-rekursiv aufgebaut sind,
„können Wirkungen von Ereignissen an jedem Punkt des Kreislaufs ganz
herum getragen werden, um Veränderungen an diesem Ausgangspunkt
hervorzurufen.“55 Dabei ist G. Bateson alles andere als ein naiver Fort-
schrittsoptimist und es gilt keineswegs als ausgemacht, dass Veränderun-
gen sowohl in der Evolution als auch des Geistes per se immer heilsam
und „segensreich“56 sein müssen. „Der verfeinerte Blick des zwanzigsten
Jahrhunderts wird jede Erfindung misstrauisch betrachten und daran zwei-
feln, dass blinde stochastische Prozesse immer zum Guten zusammenwir-
ken.“57
51 Selvini Palazzoli, Mara / Boscolo, Luigi / Cecchin, Gianfranco / Prata, Giuliana:
Paradoxon und Gegenparadoxon. Ein neues Therapiemodell für die Familie mit
schizophrener Störung. Stuttgart 1981, S. 14.
52 Helmut Willke: Systemtheorie II. Interventionstheorie. UTB 1800. Stuttgart/Jena
2/1994, S. 126.
53 G. Bateson: Geist und Natur, aaO., S. 21 und vor allem S. 181ff. „Stochastik
[griech. Stochastiké (techné)] ‚zum Erraten gehörend(e) Kunst’ –die, Oberbegriff
für Wahrscheinlichkeitstheorie (mit dem Teilgebiet stochast. Prozesse) und mathe-
mat. Stochastik. Die S. umfasst somit alle quantifizierbaren Aspekte zufälliger Er-
scheinungen, einschließlich zahlr. Anwendungen in Natur-, Sozial- und Geisteswis-
senschaften und Technik“, definiert die Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. Bd.
21. Leipzig/Mannheim 19/1998, S. 164f.
54 G. Bateson: Geist und Natur, aaO., S. 60.
55 Ebd., S. 130.
56 Ebd., S. 216.
57 Ebd., S. 216.
282 X. Kapitel: Systemische Supervision
Systemisches Denken führt zu Bescheidenheit
Angewandt auf menschliche Kommunikationsprozesse im Allgemeinen
und die Tätigkeit professioneller Kommunikatoren wie Pädagogen/innen,
Politiker/innen, Therapeuten/innen und eben auch Supervisoren/innen
im Besonderen führt der konstruktivistisch-systemische Ansatz zu Be-
scheidenheit. „Mit dem Aufgeben der Vorstellung, der Mensch könne Sys-
teme gedanklich erfassen, geht die neue Sichtweise einher, dass lebende
Systeme grundsätzlich offen sind und ihre zukünftigen Formen im Prozeß
des evolutionären Feedbacks grundsätzlich nicht voraussagbar sind.“58 Die
Einwirkungsmöglichkeiten sind begrenzt. „Lebewesen sind somit – zu-
mindest nicht konstruktiv – instruierbar, sondern allenfalls ‚verstörbar’. A
kann nicht einseitig bestimmen, was B tun, erleben oder denken möge. In-
struktive Interaktion ist nicht möglich.“59 Das gilt für die helfenden Inten-
tionen in gleicher Weise wie für die manipulativen. Das ist ernüchternd,
aber zugleich auch befreiend. Auf das Modell der strukturellen Kopplung
hatte ich bereits hingewiesen. Strukturelle Kopplung, Ko-Evolution60 lässt
sich nicht erzwingen. „Ob eine brauchbare Wirklichkeit konstruiert wird,
liegt nicht in der Hand des Supervisors, der Supervisorin. Sie sind nur die
Störer, die Ver-störerInnen, die AnregerInnen.“61 Die in Kapitel VII ge-
forderte Selbstbeschränkung und der Abschied von der Allmachtsphanta-
sie der Machbarkeit aller Dinge gehören untrennbar zum systemisch-kon-
struktivistischen Ansatz: das gilt für Naturwissenschaftler/innen, Pädago-
gen/innen, Politiker/innen, Therapeuten/innen und – eo ipso – Supervi-
soren/innen. „Eine methodenplurale und am systemischen Modell orien-
tierte Supervision wird eher anstoßenden, denn durcharbeitenden Charak-
ter haben und tut angesichts der hohen Komplexität der in den Fokus von
Supervision geratenen Systeme gut daran, sich die Endlichkeit berateri-
scher Kompetenz immer wieder vor Augen zu führen“, bekräftigt auch W.
Ebert.62 Und es wirft – gerade im Blick auf die Arbeit mit religiösen Ele-
menten – die Frage nach der Unhabhängigkeit bzw. Abhängigkeit von
58 P. Held, aaO., S. 49. Die Einsicht in die eigene Begrenztheit teilen Ethnologen wie
Cl. Geertz und Systemiker: „Die Untersuchung von Kultur ist ihrem Wesen nach
unvollständig. Und mehr noch, je tiefer sie geht, desto unvollständiger wird sie. Es
ist eine eigenartige Wissenschaft: gerade ihre eindrucksvollsten Erklärungen stehen
auf dem unsichersten Grund, und der Versuch, mit dem vorhandenen Material wei-
ter zu gelangen, führt nur dazu, dass der – eigene und fremde –Verdacht, man habe
es nicht recht im Griff, immer stärker wird. Das aber – und das Plagen schlauer
Leute mit dummen Fragen – kennzeichnet einen Ethnologen.“ C. Geertz: Dichte
Beschreibung, aaO., S. 41.
59 W. Neumeyer, aaO., S. 51.
60 „Die Interaktion von zwei oder mehreren autopoietischen Systemen (z. B. Supervi-
sor – Supervisand) organisiert sich nach dem Konzept der Ko-Evolution. Das
heißt, zwei lebende Systeme könne sich ‚strukturell koppeln’, wenn sie sich so orga-
nisiert haben, dass ihre Interaktionen einen rekursiven und sehr stabilen Charakter
erlangt haben, dass sie zueinander ‚passen’.“ W. Neumeyer, aaO., S. 51f.
61 H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 118.
62 W. Ebert, aaO., S. 419.
X. Kapitel: Systemische Supervision 283
Sinn- und Wertesystemen, die uns in den Kapitel VII und VIII beschäftigt
hat, noch einmal auf: Ich bin Teil meines Wertesystems, das auch in mei-
ner supervisorischen Arbeit wirksam wird. Der Supervisand hat sein Wer-
tesystem. Wenn der Supervisor durch seine Interventionen die Homöosta-
se des Wertesystems des Supervisanden durcheinander wirbelt, kann und
sollte er nicht erwarten, dass am Ende die neue Homöostase eine Struktur-
Analogie oder gar Struktur-Identität mit dem eigenen Wertesystem auf-
weist. Aus systemisch-konstruktivistischer Sicht wäre das anmaßend.
„Denn wer sich einem Wertesystem zu sehr [!] verpflichtet fühlt, setzt sich
der Gefahr aus, zum Instrument dieses Wertesystems zu werden, zum
Agenten einer quasi ewigen gesetzten Ordnung“,63 warnt Heinz J. Kersting.
Wenn diese Annahmen richtig sind – die neuesten Ergebnisse der Hirnfor-
schung64 und der praktische Erfolg systemischen Arbeitens verbreitern ge-
wissermaßen täglich die Referenzbasis – dann ergeben sich daraus
handlungsrelevante Schlussfolgerungen für die supervisorische Arbeit:65
(1) Systeme, auch religiöse Systeme, sind beharrlich. Die Entwicklung und Wirk-
samkeit religiöser Systemschleifen habe ich in Kapitel VI beschrieben.
Die Beharrlichkeit des Familiencredos, das den Supervisanden auch
nach Studium, Familiengründung und jahrelanger Berufstätigkeit noch
fest ‚im Griff’ hat, wird in diesem Prozess eindrucksvoll belegt. Sind
Verstörungen nicht stark und nachhaltig genug, verfällt das System in
die ursprüngliche Homöostase zurück, die ‚Systemleier’, Systemschleife’
oder ‚Problemtrance’66 beginnt von neuem. „Wenn Rückkehrschleifen
zum Problemsystem auftreten, haben sich die Beteiligten entweder mit
dem Problem ‚abgefunden’ oder zusammen mit dem Supervisor ein
neues geschaffen […]. Die neuen Problemsysteme unterscheiden sich
aber dadurch von den ursprünglichen, dass sie den Supervisor als Mit-
glied enthalten“, führt W. Neumeyer wahrscheinlich ungewollte, aber
63 H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 119.
64 Zum Thema Neurobiologie und Lernen s. a. Manfred Spitzer: Lernen. Heidel-
berg/Berlin 2002; Gerald Hüther: Voraussetzungen für gelingende Lernprozesse aus
neurobiologischer Sicht. In: Neues Handbuch Religionsunterricht an berufsbildenden
Schulen. Neukirchen-Vluyn 2005, S. 411 – 417; Anette Scheunpflug: Erinnern und
Vergessen. Biologische Grundlagen des Lernens. In: Ebd., S. 418 – 423 und Meinfried
Jetzschke: „… mit Herzen, Mund und Händen.“ Gehirngerechte’ Lern-Settings in
AHR-Bildungsgängen der berufsbildenden Schule. In: Ebd, S. 424 – 446.
65 Vgl. die 24 Thesen von W. Ebert „zu einem methodenpluralen Supervisionskonzept,
das systemisches Denken konnektiert“ (aaO., S. 414 – 419), „zur Praxis eines metho-
denpluralen und systemisches Denken konnektierenden Supervisionskonzeptes (S.
419 – 422) und „über die Aufgabe des Supervisors in einem methodenpluralen und
systemisches Denken konnektierenden Supervisionskonzept“ (S. 422 – 425).
66 Zur Arbeit mit Trancen s. R. Riedel / J. Wieland, aaO., S. 26ff.
284 X. Kapitel: Systemische Supervision
durchaus mögliche Supervisionsfolgen vor Augen.67 Die Grenzen des
Paraphrasierens im Sinne der Gesprächspsychotherapie habe ich be-
reits benannt. Empathie, dem/der Supervisanden/in das Gefühl ver-
mitteln, angenommen zu sein und verstanden zu werden, ist eine uner-
lässliche Arbeitsgrundlage, aber allein nicht ausreichend, eine Homöos-
tase aus ihrem Gleichgewicht zu bringen.68
(2) Der circulus vitiosus = Kreislauf des Verderbens: Nach G. Bateson impliziert
jedes System nicht nur die Chance zur Veränderung, sondern auch des
Todes und der Vernichtung, wobei hier ‚Chance’ nicht ironisch ge-
meint und verstanden werden muss.69 Jedes System kann nach dem
‚Katastrophen-Motto’ ‚mehr desselben’70 so verstärkt werden, dass es
‚durchdreht’ (eskaliert) oder sich ‚totläuft’ und zum Stillstand kommt.
Sog. „Verschlimmerungsfragen“71 – wie z. B.: Was müssen Sie tun, da-
mit das Chaos an Ihrem Arbeitsplatz vollkommen wird? Oder auf den
Prozess bezogen: Wie können Sie es erreichen, noch weniger Zeit für
sich zu haben? Wie viel Stunden Schlaf reichen Ihnen? Sie könnten
doch versuchen, Ihr Schlafbedürfnis auf fünf Stunden zu reduzieren! –
decken auf, was geschehen muss, um ein destruktives System eskalieren
zu lassen. Die Tatsache, dass der Supervisand immer wieder von ‚Teu-
felskreisläufen’ spricht, signalisiert, dass ihm solche sich verschlim-
mernden Systemschleifen als Muster recht gut vertraut sind.72
(3) Verbesserungsfragen: Systeme können in sich ambivalent und oszillierend
sein. Verstärkung muss nicht unbedingt Verschlimmerung bedeuten,
sondern kann auch heißen, konstruktive Systemaspekte im Sinne einer
Lösungsorientierung gezielt anzusprechen. Dazu dienen u. a. sog. „Ver-
besserungsfragen“73 wie z. B.: Wann ist das Problem nicht aufgetreten?
Was haben Sie in dieser Zeit anders gemacht? Wie lassen sich diese ‚an-
deren Zeiten’ ggf. ausweiten? Und wieder auf den Prozess bezogen: Sie
gönnen sich, von 23.45 Uhr bis 0.00 Uhr Musik zu hören. Was wäre,
wenn Sie diese Zeit des Genießens auf eine halbe Stunde ausweiten wür-
den? Auch meine Adaption der Abendmahlsliturgie in der zweiten gelei-
teten Imagination war im Sinne einer positiven Verstärkung gedacht,
wirkte dann aber faktisch auf den Supervisanden als Provokation.
67 W. Neumeyer, aaO., S. 54.
68 Auf die Weiterentwicklung der personenzentrierten Gesprächspsychotherapie zum
Differenziellen Inkongruenz Modell (DIM) hatte ich bereits in Kapitel II.3.2 hinge-
wiesen. Siehe dazu U. Straumann, aaO., S. 8f.
69 G. Bateson: Geist und Natur, aaO., S. 160f.
70 P. Watzlawick / J. H. Weakland / R. Fisch: Lösungen, aaO., S. 51.
71 A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 160.
72 S. dazu auch die Ausführungen zu den Systemschleifen in Kapitel VI.
73 A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 157.
X. Kapitel: Systemische Supervision 285
(4) Veränderungen zweiter Ordnung: Menschen sind keine trivialen Maschinen.
Dass nicht-triviale Systeme nicht kausal-linear verändert werden kön-
nen, belegen im Grunde genommen alle Transkripte dieses Prozesses.
„Menschen können nicht durch Menschen direkt oder unmittelbar be-
einflusst werden.“74 Um einen stochastischen Prozess auszulösen, be-
darf es nach G. Bateson einer massiven, länger andauernden Irritation,
die nicht nur das realexistierende System nachhaltig erschüttert, son-
dern auch so lange anhält, dass der/die Supervisand/in für sich durch
Versuch und Irrtum herausfinden kann, ob das ‚zufällig Neue’ für ihn
auch das ‚Bessere’ ist. Veränderungen, die nicht nur systemimmanent
sind, sondern das System selbst strukturell verändern, nennt Paul Watz-
lawick „Veränderungen 2. Ordnung“.75 Auf den Prozess bezogen ließe
sich von einer Veränderung erster Ordnung sprechen, wenn der Super-
visand, wie oben angedeutet, die Zeiten, in denen er sich etwas Gutes
tut, – quantitativ – verlängerte. Erst das ‚Aha’-Erlebnis, das Lösen des
Knotens, wie er es nennt, die Einsicht, dass er kein schlechtes Gewis-
sen haben muss, wenn er für sich selbst sorgt, dass es allen – auch sei-
ner Familie und seinen Schülern/innen – besser geht, wenn er gut zu
sich selbst ist, ließe sich als Veränderung zweiter Ordnung konnotieren.
(5) Perturbation: Um deutlich zu machen, wie Veränderungen zweiter Ord-
nung angestoßen werden, greifen Systemiker gerne auf die Worte ‚ver-
stören’ und ‚Verstörung’ zurück. So erläutert H. Stierlin Verstörung
„als Übersetzung des englischen Verbums to perturb und des Haupt-
74 Heinz J. Kersting: Intervention. Die Störung unbrauchbarer Wirklichkeiten. In:
Theodor M. Bardmann, / Heinz J. Kersting / H. Christoph Vogel, / Bernd Wolt-
mann: Irritation als Plan. Konstruktivistische Einredungen. Aachen 1991, S. 108.
Und weiter: „Außerhalb extremer gewalttätiger Machtausübungen, wo versucht
wird, Menschen unter Zwang zu ‚trivialisieren’, ist eine direkte Lenkung des Verhal-
tens anderer Menschen durch Menschen ausgeschlossen.“ Ebd. S. 110. Ein für sys-
temisches Supervidieren ganz hervorragender Artikel! Das Buch ist leider vergriffen.
Im Internet zugänglich unter www.kersting-verlag.de. online-lesen. Dass dieser
Sachverhalt natürlich auch für den Unterricht gilt und entsprechende pädagogische
Auswirkungen haben müsste, bedenken Bernd Beuscher und Dietrich Zilleßen:
„Unter diesen erkenntnis-, wahrnehmungstheoretischen und anthropologischen Vo-
raussetzungen versteht sich von selbst, dass sich im Unterricht Wesentliches und
Bedeutsames der Wahrnehmung und Kontrolle durch Lehrer, aber auch Schüler
entzieht. Was wirklich gelernt wird, hängt nicht kausal und stringent davon ab, was
gelehrt wird. Lehren und Lernen stehen in keiner kausalen Beziehung. Die Lernpro-
zesse der Schüler können letztlich nicht in der Verfügungsmacht der Lehrer, unter
ihrer Kontrolle bleiben.“ In: Bernd Beuscher / Dietrich Zilleßen: Religion und
Profanität. Entwurf einer profanen Religionspädagogik. Weinheim 1998, S. 130. S.
a. Andreas Eitz / Meinfried Jetzschke: Der Lehrplan im Kopf und der Lehrplan im
Buch – zwei feindliche Brüder? In: Neues Handbuch Religionsunterricht an berufs-
bildenden Schulen. Neukirchen-Vluyn 2005, S. 336 – 340. W. Ebert, aaO., S. 413.
75 P. Watzlawick / J. H. Weakland / R. Fisch: Lösungen, aaO., S. 30. Siehe dazu auch
meine Ausführungen in Kapitel I.
286 X. Kapitel: Systemische Supervision
wortes perturbation, die sich wiederum vom lateinischen perturbare
und perturbatio herleiten. Systemische Therapeuten fragen sich etwa:
Wie und wieweit verstört eine Intervention einen Klienten oder ein Fa-
miliensystem, wobei sie die Verstörung zumeist positiv bewerten. Denn
ohne Verstörung gelingt in der Regel kein fälliges Umdenken, kommt
es nicht zur Infragestellung von dysfunktionalen Grundannahmen und
Leitunterscheidungen und kommt es damit kaum zu neuen funktiona-
leren oder, wenn man nun so will gesünderen Einstellungen und Ver-
haltensweisen.“76 Bezogen auf den Prozess versorgte besonders die
erste geleitete Imagination den Supervisanden mit sehr viel ‚Material’,
um seine selbstkritischen Energien voll zu entfalten. Richtig in Bewe-
gung kam er aber erst in dem Moment, als der Supervisor das Selbst-
und Weltbild provozierte und damit irritierte. H. J. Kersting nennt Su-
pervision deshalb „Störung als Beruf“.77
(6) ‚Freudestiftendes Lernen aus Verunsicherungen’: Die Fallbeispiele dieses Pro-
zesses ermutigen mich, in diesem Sinne auch die Wirksamkeit meiner
eigenen Interventionen zu verstehen. Selbstverständlich ist es wichtig
und notwendig, den Supervisionsprozess als permanent fortschreiten-
den Wechsel von Hypothesen-Interventionen-Wirkungen-neuen Hypo-
thesen-neuen Interventionen und Wirkungen zu verstehen und zu re-
flektieren (s. dazu meine Überlegungen zur Diagnostik in der Supervisi-
on in Kapitel VI). Es muss aber kein Versagen des Supervisors sein,
wenn der Supervisand die Intervention anders resorbiert/absor-
biert/verarbeitet, als es möglicherweise geplant war. „Ebenso wie in
der biologischen Evolution vielfältige Formen der System-Umwelt Ver-
knüpfung auftreten und funktional sind, so können auch für den äuße-
ren Betrachter (Supervisor) unwahrscheinliche und unter externen Kri-
terien bizarr bzw. ‚verrückt’ erscheinende Verknüpfungen zwischen
dem supervidierten System und seiner Umwelt aus der Perspektive des
Systems sinnvoll und funktional sein“, wie W. Ebert in seinen Thesen
zu einem methodenpluralen Supervisionskonzept, das systemisches
Denken konnektiert, ausführt.78 Heinz J. Kersting spricht in diesem
Zusammenhang von einem Raum, „in dem ein freudestiftendes Lernen
aus Verunsicherungen möglich wird“,79 und P. Watzlawick schwelgt
geradezu in transzendenten Konnotationen: ‚plötzliche Erleuchtung’,
‚göttlicher Funke’ (mit Verweis auf Koestler), einen ‚Akt der Gnade im
76 H. Stierlin: Christsein, aaO., S. 27; s. a. H. J. Kersting „Ziel systemischer Supervi-
sion ist es, „eben jene Irritation zu erzeugen, die das intervenierte System von sich
aus dazu bringt, sich von seinen unbrauchbaren Selbstdeutungen zu distanzieren.“
In: Intervention, aaO., S. 112.
77 H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 116.
78 W. Ebert, aaO., S. 414.
79 H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 10.
X. Kapitel: Systemische Supervision 287
theologischen Sinne’.80 „Dies sollte nicht überraschen“, heißt es bei
ihm weiter, „denn jede Veränderung zweiter Ordnung wird ja von au-
ßen her in das System eingeführt und lässt sich deshalb nicht in Begrif-
fen des Systems selbst fassen; daher ihr scheinbar rätselhaftes, fast will-
kürliches Wesen.“81
(7) Nachhaltigkeit: Stochastische Prozesse müssen so nachhaltig, aber zu-
gleich auch so überraschend ‚zufällig’ sein, dass sie eine länger anhal-
tende Suchbewegung bei dem/der Supervisanden/in auslösen. „Wäh-
rend Lösungen erster Ordnung sich meist auf den ‚gesunden Men-
schenverstand’ gründen (zum Beispiel auf das ‚mehr desselben’-Re-
zept), scheinen Lösungen zweiter Ordnung häufig absurd, unerwartet
und vernunftswidrig; sie sind ihrem Wesen nach überraschend und pa-
radox.“82 Daraus folgere ich für mich den Merksatz: Lass dich als Su-
pervisor nicht sofort von den verunsichernden Wirkungen deiner eige-
nen Interventionen selbst verunsichern, sondern beobachte deine eige-
ne Intervention über einen längeren Zeitraum. Es braucht bisweilen ei-
ner gewissen Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit, bis sie alle Ablen-
kungsmanöver des Systems überstanden und in ihrer irritierenden Ab-
sicht zum Zuge kommen kann.
(8) Paradoxe Interventionen: Ebenfalls auf die ‚Mailänder Schule’ geht die In-
terventionstechnik der ‚paradoxen Intervention’ zurück.83 M. Selvini
Palazzoli und ihre Kollegen/innen sahen sich in ihrer Arbeit immer
wieder mit der Paradoxie konfrontiert, dass Familien unter ihrer Le-
benssituation litten, zugleich aber nicht bereit waren, etwas an den leid-
vollen Strukturen zu ändern: „Ändert uns, ohne uns zu ändern!“84
„Anstatt gegen dieses Paradox anzukämpfen, empfehlen M. Selvini-Pa-
lazzoli und ihr Team dem Therapeuten, dieses ernst zu nehmen und es
z. B. mit dem Gegenparadox zu kontern, dass der Familie empfohlen
wird, sich nicht zu ändern. Dann liegt es an der Familie, mit dem Para-
dox der Verschreibung einer Nichtänderung im Kontext therapeuti-
scher Veränderung fertig zu werden.“85 Paul Watzlawick ermutigt, pa-
radoxe Intervention gezielt einzusetzen und auf diese Weise sog. ‚Wi-
derstände’ positiv zu integrieren. Dass Widerstände oft „zu den
80 P. Watzlawick / J. H. Weakland / R. Fisch: Lösungen, aaO, S. 42.
81 Ebd., S. 43.
82 Ebd., S. 105.
83 S. Selvini Palazzoli, Mara / Boscolo, Luigi / Cecchin, Gianfranco / Prata, Giuliana:
Paradoxon und Gegenparadoxon, aaO.; Bodo Christian Pisarsky, aaO., S. 60 – 69.
Lt. H. Willke: Systemtheorie II, S. 125, findet sich der Ausdruck ‘paradoxical inten-
tion’ bereits bei Viktor Frankl.
84 A. v. Schlippe / J. Schweitzer, aaO., S. 29. Einer meiner Lehr- und Kontrollsupervi-
soren pflegte diesen immer wieder vorkommenden Erwartungen mit dem Satz zu
kommentieren: ‚Wasch mich, aber mach mich nicht nass!’
85 H. Willke: Systemtheorie II, aaO., S. 126.
288 X. Kapitel: Systemische Supervision
brauchbarsten Ansatzpunkten für die Lösung“86 werden, bestätigt auch
der hier beschriebene Prozess: Auf die Verwendung des Abendmahls-
motivs und die Verstärkung des durch Martha repräsentierten Rollen-
musters reagiert der Supervisand mit deutlicher Abwehr und ‚Wider-
stand’, scheine ich ihm ‚sehr nahe’, ‚zu nahe’ zu rücken. Mittelfristig lö-
sen aber gerade diese Interventionen Suchprozesse nach ‚Lösungsfens-
tern’ aus der ‚Problemtrance’ aus. P. Watzlawick et al. verwiesen in die-
sem Zusammenhang auf Milton H. Ericksons ‚Konfusionstechnik’:
„Das Bedürfnis, aus der Konfusion herauszukommen und einen neuen
Sinnbezug zu entdecken“87 setzt außergewöhnliche Energien frei und
setzt eine Suchbewegung nach einer neuen Lösung in Gang. „Eine sol-
cherarts absichtlich erzeugte Konfusion leitet daher in besonders wir-
kungsvoller Weise eine Umdeutung ein und kann somit ein wichtiger
Schritt in der Herbeiführung einer Lösung zweiter Ordnung sein.“88
Die Unruhe, die die Provokationen bzw. die Wahrnehmung der eige-
nen Abwehr auslösen, ist eine produktive Unruhe, die genau die oben
beschriebene Suchbewegung in Gang setzt.
(9) Provokation und Humor: Wie die Mischung aus Provokation und Humor
für Veränderungsprozesse genutzt werden kann, zeigt und praktiziert
Frank Farrelly mit seiner „Provokativen Therapie“.89 In der ‚Provokati-
ven Therapie’ wird von dem/der Klienten/in „zu keinem Zeitpunkt“
„Geradlinigkeit, Entschiedenheit, Konsequenz, Zielorientierung und
ähnliches“90 erwartet. Ausgehend davon, dass „die psychische Zer-
brechlichkeit der Patienten […] in hohem Masse überschätzt“91 wird,
wagen es die Therapeuten/innen, den/die Klienten/in auf humorvolle
Weise mit den eigenen Absurditäten zu konfrontieren. Der typisch eng-
lische ‚black humor’ kommt hier gewissermaßen therapeutisch zum
Einsatz. Gezielt wird mit ‚Unterstellungen’, ‚absichtlichem Missverste-
hen’, überraschenden Sichtweisen’, ‚absurden Umdeutungen’, ‚Imitatio-
nen’, ‚Katastrophenszenarien’ etc. gearbeitet.92 F. Farrelly und seine
‚Schule’ sind nicht unumstritten, aber, wie ich finde, vom Ansatz her
durchaus systemisch und – verantwortungsvoll eingesetzt – auch eine
Bereicherung supervisorischer Praxis.93
86 P. Watzlawick et al.: Lösungen, aaO., S. 129.
87 Ebd., S. 125.
88 Ebd., S. 125.
89 Frank Farrelly und Jeffrey M. Brandsma: Provokative Therapie. Berlin und Heidel-
berg 1986.
90 Frank Wartenweiler: Provozieren erwünscht. Paderborn 2003; S. 14; s. a. Eleonore
Höfner / Hans-Ulrich Schachtner: Das wäre doch gelacht. Humor und Provokation
in der Therapie. Hamburg 3/2001.
91 F. Farrelly, zitiert nach F. Wartenweiler, aaO., S. 16.
92 S. E. Höfner / H.-U. Schachtner, aaO., S. 92ff.
93 „Es hat sich nur schwer – gerade bei Therapeuten – durchgesetzt, Humor in die
Therapie mit einzubauen. Für viele Therapeutenkulturen geht Humor und witzige
X. Kapitel: Systemische Supervision 289
(10) ‚Wohlwollende Sabotage’ – die dynamische Spannung von Sicherheit und Ver-
unsicherung: Das Vokabular systemischen Arbeitens, wie es hier vorge-
stellt wird, wirkt auf den/die unbefangene/n Leser/in nicht unbedingt
als vertrauensbildende Maßnahme: Irritation, Perturbation, Verunsiche-
rung, Provokation, paradoxe Intervention, Verschlimmerungsfragen –
wer möchte sich da getrost ‚fallenlassen’? Deswegen ist mir wichtig,
noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass diese Irritationen in
der Supervision in einem Kontext von Respekt, Wertschätzung und
Empathie erfolgen. Durch meinen Lehrsupervisor habe ich gelernt,
dass freundlich und empathisch vorgetragene Verunsicherungen nichts
an ihrer Wirksamkeit einbüßen: ‚Darf ich Sie ärgern? Darf ich Sie pro-
vozieren?’94 Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther lässt nicht
nach, immer wieder darauf hinzuweisen, dass das Gehirn ein Sozialor-
gan ist.95 Gute soziale Beziehungen fördern nachweislich die Effektivi-
tät und Nachhaltigkeit des Lernens. Daraus folgt im Umkehrschluss,
dass alles, was mit Stress, Angst und Druck zu tun hat, Lernen verhindert!
In einem Klima der Unsicherheit kann nicht nur nichts Neues hinzuge-
lernt werden, sondern ist auch bereits Erlerntes nicht mehr ‚greifbar’
und kann nicht mehr genutzt werden. Menschen, die den Eindruck ha-
ben, schutzlos ausgeliefert zu sein, regredieren in ‚Ur-Zustände’ wie
Angriff, Verteidigung oder Rückzug. Lerninhalte, die von negativen
Gefühlen begleitet wurden, sind in einem anderen Gehirnareal gespei-
chert als solche, die mit positiven Gefühlen verbunden sind. Wenn die-
se Lerninhalte dann später wieder abgerufen werden, sind auch die ne-
Provokation mit Respektlosigkeit einher. Viele BeobachterInnen von Frank Farrely
haben gesagt: ‚So kann und darf man doch mit Menschen nicht umgehen.’ Dass
man gerade, weil man die Menschen schätzt, respektiert und an ihnen ein ehrliches
Interesse hat, so mit ihnen arbeitet, das beginnt sich erst ganz langsam durchzuset-
zen“, schätzt Heinz J. Kersting die Therapie- und Supervisionsszene ein. Barbara
Hamann und Heinz J. Kersting im Interview mit Heike Hercher. In: Heinz J. Kers-
ting (Hg.): Supervision und Qualität. Das Aachener Modell der Supervisionsausbil-
dung. Schriften zur Supervision Bd. 10. Aachen 2001, S. 161. Den Forschungsstand
zum Thema ‚Humor in der Supervision’ dokumentieren H. G. Petzold et al.: Super-
vision auf dem Prüfstand, aaO., S. 127f. Wie sehr der eigene Standpunkt und Super-
visionsansatz die Einschätzung mitbestimmt, ist offensichtlich: „So nannten syste-
misch arbeitende SupervisorInnen Humor als wichtige persönliche Kompetenz für
ihre eigene Supervisionspraxis, eine Einschätzung, die ihre psychoanalytisch und in-
tegrativ arbeitenden KollegInnen nicht teilten.“ Ebd., S. 127f. S. a. von Fritz B. Si-
mon: Hinter dem Eulenspiegel. Warum Supervision ohne Humor witzlos ist. In:
Heidi Neumann-Wirsig / Heinz J. Kersting (Hg.): Systemische Supervision. Oder:
Till Eulenspiegels Narreteien. Aachen 1993, S. 22 – 46.
94 Systemische Supervision legt so Interventionsmechanismen offen und bezieht
den/die Supervisanden/in in den Diskurs über die handlungsleitenden Konzepte
mit ein, ein konkreter Schritt „praktische[r] Ethik“ in der Supervision“ (W. Ebert,
aaO., S. 418).
95 G. Hüther: Voraussetzungen für gelingende Lernprozesse aus neurobiologischer
Sicht, aaO., S. 412.
290 X. Kapitel: Systemische Supervision
gativen Gefühle wieder präsent, wie der Ulmer Hirnforscher Manfred
Spitzer nachgewiesen hat.96 Deswegen heißt die supervisorische Devise
ganz klar: Verunsichern, irritieren, provozieren – selbstverständlich,
aber immer im ‚geschützten Raum’,97 mit Respekt, Achtsamkeit und –
wenn es angebracht ist – auch mit Humor! Diese Polarität von Acht-
samkeit und Irritation bringt P. Watzlawick mit seiner Formulierung
von der ‚wohlwollenden Sabotage’ sehr treffend auf den Punkt: An dem
klassischen Beispiel der Auseinandersetzungen von Eltern mit ihren
pubertierenden Kindern zeigt er, wie man liebevoll-kreativ dem Teu-
felskreislauf aus wechselseitigen Vorwürfen und Ignoranz entkommen
kann.98
(11) ‚Im System geht nichts verloren’ habe ich von meinem Lehrsupervisor
gelernt oder um mit G. Bateson zu sprechen: „Interventionen an jedem
beliebigen Punkt haben Auswirkungen auf das gesamte System.“99 Da-
durch gewinnt die supervisorische Arbeit ‚Spiel-Räume’, ohne an
Ernsthaftigkeit zu verlieren.100 „Supervision ist das Spiel mit Paradoxi-
en, die sichtbar werden, wenn man die linearen Beobachtungsweisen
verlässt“, definiert H. J. Kersting diesen Sachverhalt.101 Ich versuche
das ‚Spiel’ des Supervisanden zu verstehen. Ich versuche, die Regeln zu
begreifen und zu erkennen, wozu es nützt, den Supervisanden immer
wieder als ‚Verlierer’ in diesem Spiel zu sehen. Als Supervisor bin ich
insofern ein Spielverderber, als ich Spielzüge einbaue, die das Regel-
96 M. Spitzer, aaO., S. 161ff.
97 s. a. W. Ebert, aaO., S. 424.
98 P. Watzlawick / J. H. Weakland / R. Fisch: Lösungen, aaO., S. 168 – 172. In die
gleiche Richtung votiert auch H. J. Kersting, wenn er schreibt: „Ohne Liebe sind
Empathie und Kooperation nicht möglich. Ohne Liebe zu den Klienten wäre jede
Irritation Gewaltausübung und Unterdrückung. Erst die Liebe, so fragmentarisch
die sprachlichen Zuschreibungen auch sein mögen (vgl. Barthes 1984), die wir Men-
schen für dieses Beziehungsereignis uns einfallen lassen, ermächtigt uns andere
Deutungen zuzulassen und passende Unterscheidungen zu treffen für die Freiheit,
die Gleichwertigkeit und Kooperation der Menschen.“ In: Intervention, aaO., S.
114. Zur Fachdiskussion über „Lernen und Kompetenzvermittlung in der Supervi-
sion“ s. a. H. G. Petzold et al: Supervision auf dem Prüfstand, aaO., S. 145 – 147,
die eine wissenschaftliche Erforschung der „Lernbedingungen und Lernwirkungen“
einfordern. „Dabei wird ein ‚komplexer Lernbegriff’ bzw. ein komplexes Modell des
Lernens notwendig, die (sic!) das Phänomen Lernen auf der neurophysiologischen,
psychologischen und didaktisch-agogischen Ebene umfasst.“ Ebd., S. 147. W. Ebert
verweist darauf, dass „das Gelingen einer Supervision […] in einem hohen Maße
von der optimalen Gestaltung“ der Balance „von ‚distanzierter Nähe’ und ‚zuge-
wandter Distanz’“ abhängig ist. AaO., S. 415.
99 G. Bateson: Geist und Natur, aaO., S. 129.
100Zur ‚systemischen Spieltheorie’ s. Gregory Bateson: Ökologie des Geistes. Frank-
furt/M. 8/2001, S. 302ff; s. a. F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S.
301ff; vgl. aber auch die Spieltheorie der Transaktionalen Analyse – Eric Berne’s
Spiele der Erwachsenen, aaO.
101H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 30.
X. Kapitel: Systemische Supervision 291
werk des Supervisanden in Frage stellen. Wenn im System nichts verlo-
ren geht, ist relativ beliebig, an welcher Stelle des Spiels ich mich regel-
widrig verhalte. Auswirkungen auf das Spiel hat es allemal. „Immer
wenn Menschen miteinander kommunizieren oder interagieren, entste-
hen (Spiel-)Regeln und Verhaltens-Muster, so dass man die Begriffe
‚Spiel’ und ‚soziales System’ synonym verwenden kann.“102
(12) Wenn ‚Supervision konstruktivistische Beratung’103 ist/sein soll, dann
muss es Aufgabe des/der Supervisors/in sein, stochastische Prozesse
zu inaugurieren. Diese werden durch ‚neue Informationen’ ausgelöst,
eben ‚von Unterschieden, die einen Unterschied’ (G. Bateson)104 ma-
chen. H. J. Kersting führt diesen grundlegenden Gedanken Batesons
weiter aus, wenn er formuliert: „Allen Formen liegt eine Unterschei-
dung zugrunde. Wir können nichts erkennen, ohne zu unterscheiden.
Wir können nicht sprechen, ohne zu unterscheiden. Wir können keine
Theorien aufstellen, ohne zu unterscheiden. Wir können keine Glau-
benssätze aufstellen, ohne sie von anderen Sätzen zu unterscheiden.
Wir können nicht denken, ohne zu unterscheiden. […] Die Folge Dei-
nes Unterscheidens ist: Du schaffst, Du kreierst ein Universum. Du
markierst einen Raum im unmarkierten Raum.“105 Kein/e Supervi-
sor/in kann seine/n / ihre/n Supervisanden/in so genau kennen, dass
er/sie bei der Planung der nächsten Interventionen immer genau wüss-
te, was das für Informationen sein müssten, die den entscheidenden
Unterschied machen, die es dem/der Supervisanden/in ermöglichen,
seine/ihre Systemgeschichte neu zu ‚markieren’, in einem neuen Licht
zu sehen. Diese Unsicherheit ist keine Begründung für Beliebigkeit
oder mangelnde Vorbereitung, aber doch auch eine Basis für Kreativi-
tät, Phantasie und Experimentierfreudigkeit. „Für die Praxis der Super-
vision lässt sich daraus folgern, dass ein Supervisionskonzept ein flexi-
bles Reagieren und ein aktives Gestalten zulassen und theoretisch fun-
diert konzeptualisieren muß.“106 Oder um es mit den Worten Heinrich
Fallners zu sagen: „Es gibt nicht die richtige Intervention!“ Denn wenn
der Supervisand nicht ‚mitspielt’, ist jeder noch so raffinierte Spielzug
des/der Supervisors/in vergeblich und läuft ins Leere. „Erst der Inter-
venierte erschafft den Interventionisten. Ohne Interventionisten, der
sich herausfordern oder verführen lässt zur Intervention, gibt es keinen
Intervenierten.“107
102P. Held, aaO., S. 62.
103„Supervision als konstruktivistische Beratung“ lautet der Untertitel von Heinz J.
Kerstings Buch „Zirkelzeichen“. AaO.
104S. G. Bateson: Geist und Natur, aaO., S. 123.
105H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 32f.
106W. Ebert, aaO., S. 416.
107H. J. Kersting: Intervention, aaO., S. 111. S. a. W. Neumeyer, aaO., S. 52.
292 X. Kapitel: Systemische Supervision
(13) Evaluation: Auf der anderen Seite darf aber auch der Einwand G.
Batesons nicht in Vergessenheit geraten, dass nicht jeder stochastische
Prozess automatisch zu besseren Lösungen führen muss. Für die Be-
wusstseinsevolution gilt genauso wie für die biologische Evolutionsge-
schichte, dass es durchaus auch Rückschritte und Fehlentwicklungen
geben kann. Deshalb ist am Ende eines Prozesses sorgfältig zu evaluie-
ren, wie sich die Veränderungen in der Berufspraxis auswirken. Zudem
sind dem/der Supervisanden/in Instrumente der Selbstevaluation an
die Hand zu geben, damit er/sie auch nach Beendigung des Prozesses
für sich selbst überprüfen kann, ob/wie sich seine/ihre Schritte der
Veränderung nachhaltig entwickeln.108 So kann Supervision „als eine
Beratungsform verstanden werden, die Systeme unterstützt, einen für
sie adäquaten und funktionalen Umgang mit Rückkopplungen und Re-
gelkreisläufen zu entwickeln, und die ggf. die Modifizierung von Rück-
kopplungssystemen unterstützt.“109
3 Der Blick zurück –
auf den Supervisionsprozess
Der Supervisor greift religiöse Elemente, die der Supervisand eingebracht
hatte (Abendmahlsliturgie, die Figur der Martha), auf und setzt sie ge-
zielt als Intervention ein.
Der Supervisand reagiert sowohl auf die Verschärfungen und Provoka-
tionen als auch auf die Adaption der Abendmahlsliturgie mit Abwehr
und ‚Unverständnis’.
Unter Einbeziehung seiner theologischen Ressourcen erkennt der Su-
pervisand seinen ‚Widerstand’ als Fenster ins System und ‚verwandelt’
(‚Transsubstantiation’) so seine Abwehr in ‚Gewinn’. Auf diesem Wege
wird der Supervisor, so die Deutung des Supervisanden, zum ‚Prediger
des Wortes Gottes’ und die ‚Rechtfertigung’ des Supervisanden kommt
zum Zuge.
108Die Forschungslage zum Thema ‚Evaluation von Supervision’ wird von H. G. Pet-
zold et al.: Supervision auf dem Prüfstand, S. 147 – 153 diskutiert. Während die Au-
toren an anderer Stelle mehrfach betonen (z. B. S. 28, S. 30), dass es keine wissen-
schaftlich fundierten Wirkungsnachweise supervisorischer Arbeit gäbe, wird hier ein
differenzierteres Bild gezeichnet: „Supervision kann laut der analysierten Studien
deutliche positive Veränderungen bei den SupervisandInnen hervorrufen. So wer-
den etwa Muster und Wiederholungen besser erkannt oder Unterscheidungen zwi-
schen veränderbaren und nicht veränderbaren Bedingungen leichter getroffen. […]
Auch wenn die meisten Studien mit Selbsteinschätzungsfragebögen arbeiten, so
lässt sich immerhin feststellen, dass Supervision nach Meinung der NutzerInnen
wirkt.“ Ebd., S. 147f.
109W. Ebert, aaO., S. 415.
X. Kapitel: Systemische Supervision 293
Im System geht nichts verloren’ – der Supervisand kommt immer wieder
auf ‚sein Thema’ ‚Wie sorge ich für mich?’ zurück.
auf die Untersuchung
Im Gegensatz zu Maturana sind Luhmann u. a. der Überzeugung, dass
nicht nur Menschen, sondern auch soziale Systeme als autopoietische Orga-
nismen/Organisationen bzw. nichttriviale Maschinen zu verstehen sind.
Diese hochkomplexen Systeme tendieren dazu, sich in einem Zustand
des ‚inneren Gleichgewichts’ zu organisieren (Homöostase).
Verändern kann man solche Systeme nur durch Anstöße von außen, die
die Homöostase erschüttern und, wenn sie lange genug andauern, zu
einem neuen homöostatischen Zustand führen, der nicht zwangsläufig
besser sein muss als der ursprüngliche.
Auf kommunikative Prozesse angewandt führt die systemisch-kon-
struktivistische Sicht zu Bescheidenheit und entlarvt die Allmachtsphanta-
sien von Supervisoren/innen in gleicher Weise wie die von Lehrern/
innen.
Auch religiöse Systeme sind beharrlich – wie sehr, bringt der Ausdruck
‚circulus vitiosus’ oder ‚Teufelskreislauf’ prägnant zum Ausdruck.
Verschlimmerungsfragen’ zeigen auf, was geschehen muss, damit ein Sys-
tem sich totläuft.
Positive Systemsegmente können durch ‚Verbesserungsfragen’ gestärkt
werden.
Menschliche Systeme werden nicht linear-kausal beeinflusst. Verände-
rungen ‚2. Ordnung’ bedürfen ‚zufälliger’ und ‚nachhaltiger’ Anstöße.
Veränderung ‚un-heilvoller’ Systeme funktioniert nicht ohne Verstö-
rung.
Weder die Verstörung noch das ‚Lernen aus dieser Verstörung’ ist ‚ein-
fach so’ ‚machbar’.
Ein dafür notwendiger ‚stochastischer Prozess’ sollte vom Supervisor be-
wusst angestoßen und über einen längeren Zeitraum ‚bewacht’ werden.
Dennoch ist das Ergebnis nicht ‚vorhersagbar’.
Paradoxe Interventionen’, ‚Konfusionstechnik’, ‚Provokation und Humor’
können geeignete Mittel sein, um einen ‚stochastischen Prozess’ auszu-
lösen.
Im System geht nichts verloren. Was wichtig ist, kommt wieder!’
Supervision als konstruktivistische Beratung ermutigt zu Kreativität, Phanta-
sie und Experimentierfreudigkeit, macht aber zugleich auch beschei-
den.
Rückschritte sind nicht auszuschließen.
Systemische Interventionen geschehen grundsätzlich im ‚geschützten
Raum’ in einem Klima des Respekts und der Wertschätzung.
294 X. Kapitel: Systemische Supervision
Sorgfältige Evaluation und Instrumentarien zur Selbstevaluation bewah-
ren davor, Bescheidenheit mit Oberflächlichkeit oder Faulheit zu ver-
wechseln.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 295
XI. Kapitel
‚Das freie Spiel der ersten Freigelassenen der Schöpfung’1
War Jesus ein Systemiker?
1 ‚Das freie Spiel der ersten Freigelassenen der Schöpfung’ –
zwölfte und dreizehnte Sitzung
Theologie als Bewältigungssystem
Die bisher wiedergegebenen Prozessanteile belegen, wie sehr Religiosität
den privaten und beruflichen Alltag des Supervisanden bestimmt und The-
ologie für ihn ein ganz wesentliches, wenn nicht das (!) alles ‚entscheiden-
de’ (‚unter-scheidende’) Reflexionsmedium ist, sowohl seine bisherige Bio-
graphie als auch die neu auf ihn zukommenden Lebensveränderungen zu
‚assimilieren’. Die Theologie scheint für ihn ein Bewältigungssystemhaus
zu sein, das die vielfältigsten Zugänge und Ebenen an Deutungsmustern
für alle Lebenslagen bereithält:2
Last und Lust
Theologisch deutet er seine Rolle in der Ehe, die Krankheit seiner Toch-
ter, das Verhältnis zu seinen Eltern und auch einzelne Facetten seiner Be-
rufsrolle(n). Immer wieder betont er im Verlauf des Prozesses, dass er
auch in der Schule stärker als Theologe gefragt sein möchte. Darüber hi-
naus ist ‚Theologietreiben’ für ihn so etwas wie ein ‚sophisticated game’,
eines seiner liebsten Freizeitaktivitäten. Nachdem in der zwölften Sitzung
recht ausführlich thematisiert wurde, welche Möglichkeiten es gibt, durch
handlungsorientierte und spielerische Elemente den ‚Spaßfaktor’ im Un-
terricht für alle Seiten zu erhöhen, bekam ich ‚Lust’, die theologischen Be-
wältigungsmuster des Supervisanden in der dreizehnten Sitzung einmal et-
was ‚aufzumischen’ und ‚durcheinander zu wirbeln’:
Was würde geschehen, wenn er an seine schwere Unterrichts-Last einmal
mit demselben Lustpotential herangehen würde, wie er sonst seine theolo-
gischen ‚Spielereien’ betreibt. Als Gewährsmann für diesen Vorschlag er-
schien mir niemand geeigneter als Jesus selbst.
1 Anspielung auf einen Buchtitel von Jürgen Moltmann: Die ersten Freigelassenen der
Schöpfung. Versuche über die Freude an der Freiheit und das Wohlgefallen am
Spiel, aaO.
2 Zur Metapher des ‚System-Hauses’ s. H. Fallner / M. Pohl, aaO., S. 193.
296 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
1.1 Transkript – dreizehnte Sitzung
SvIchhabeinErinnerung,dasseinganzwichtigesZielfürSiewar,Ba
lancezufindeninnereBalance,aberebengeradeauchäußereBalance
zwischendenRollenunddenunterschiedlicheninnerenundäußeren
Erwartungen.IchhörebeiIhnenheraus,dassdasschonmehrzusam
menwächst.
SdJa,eswächstmehrzusammen.
EineandereSache,dieauchvoreinemJahrschondawar,hatsichwe
nigverändert.IchwürdegernedaauchmehrTheologesein.Daswar
einemeinerStärken;woichauchauthentischbin,unddaskannich
nachwievorwenigeinbringen.
SvDahabenwirjaauchintensivdrangearbeitetundSiehattendaraufal
lergischreagiert,alsichSiefragte:IstdasIhrureigensterWunsch,das
einzubringenodersinddasvielleichtnochAufträge,sichzuprofilieren,
sichwissenschaftlicheinzubringen,dieSieausfrüherenFamilienkon
stellationenmitbringen?Aberichhöreheraus,dassdasIhneneinganz
tiefesinneresBedürfnisist,undichhöreheraus,dassdasnichtnuret
wasmitPflichtzutunhat,sonderndassdasdurchausauchaufdie
Spaßseitegehört,dassesetwasmitSpaßzutunhat.
SdJa;dashatdurchausetwasmitSpaßzutun.EinmalimJahrtreffeich
michmitKommilitonen,mitdenenichdamalsinJerusalemstudiertha
be,immersosiebenbisachtLeuteunddannsindwirimmerheftigam
Theologisieren,unddasmachtmirimmerSpaß,dakriegeichkeinen
Doktortitelfürundanderesindauchwesentlichprofilierteralsichin
dem,wassiewissenundsagen,dasistebennichtnurderAuftrag,da
istnochmehr.Dasisteinfachungeheuerbefriedigend.
SvHabenSievielleichtdocheineIdee,wiemandasmiteinander
verbindenkönnte?
SdWirhattenjaauchdieseAuseinandersetzung:DasistderBerufundda
sinddieseNebenbeschäftigungen.DawarauchschonThema,dassich
daDingeverwirklichenkann,dieichimBerufsonichtverwirklichen
kann.DaswirdschoneineAufgabeseinzugucken,daDingezuma
chen,diegeradedieseSeitedannauffüllen,alsosichSachenherauszu
picken,diedieseSeitebefriedigen:ichhabejetztgeradeeinenArtikel
geschriebenfür[…]überdie[…],dasistetwas,woicheinbisschen
theologisierenkann,Bezügeherstellen,konstruktivmitWissenumge
hen,daskönnteichmirvorstellen.EineandereSacheauflängereSicht:
EineKolleginhattemichangesprochen,obichnichtmitmachenwollte,
einBuchzumachenmitUnterrichtsentwürfen,daskönntemirauch
Spaßmachen.Aberichmerke,daswirdmirjetztzuviel.UndsovielEr
fahrunghabeichnochnicht.Damöchteichzuvornochvielmehraus
probieren.Manchesklappt,abervielesauchnochnicht.
SvAberSiewollten,wasdieNebenbeschäftigungenangeht,sichnichtso
unterDrucksetzenundauchkürzertreten,umsichselbstetwasGutes
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 297
zutun.SonstmachenSiemeineganzeFreudewiederkaputtüberdie13
ZeilenErlebnisprotokoll.
SdDieBeschäftigungmitdem[theologischenThema]lässtmichnichtlos.
Undichwürdedasabundzuganzgernemachen.
SvWenn’sSpaßmacht.
SdWenn’sSpaßmacht.Ja.
SvNichtalsPflichtundDruck,vonwoauchimmer,dukriegstnurdeine
BestätigungunddeineStreicheleinheiten,wenndudichbiszumletzten
Blutstropfenverausgabst,dasistjaauchetwasTheologisches:Dubist
inOrdnung,sowiedubist,dasistderentscheidendePunkt‐
SdFürmichwarauchdieFrage:WokriegeichdiesesTheologischeher?In
derSchuleüberfordereichdieSchüler/innenschnelldamit,aberaufder
anderenSeitewillichauchmeinenSpaßhabenamTheologisieren.
SvWasistderSpaßamTheologisieren?
SdDerliegtam‚umdieEckedenken’,imkritischenNachdenken,an‚den
SachenaufdenGrundgehen’,‚SachengegendenStrichbürsten’,‚indas
Absurdehineindenken’,‚wegkommenvondenAlltäglichkeiten’,
‚FluchtindiePhantasie’
SvMirkamgeradederGedanke:SiehabenvonIhrenVorklassenerzählt,
denSchülern,dievomsprachlichenNiveauhersehrbescheidensind,
aberauchgelangweiltunddesinteressiert,denenzuvermitteln,was
christlicheExistenzbedeutet,wäredasaucheinetheologischeHeraus
forderungfürSie?
SdDasisteinetheologischeHerausforderung,abernichtdas,wasichda
geradesuche.
SvHm
SdEineHerausforderungistesaufjedenFall,einetheologischeauch,aber
Herausforderungwäredannwiederetwasvonaußendaswäregut
undwichtigundrichtigzutun,dashöreichdabeiheraus.Unddassoll
teesjageradevielleichtnichtsein,wennnichtandererseitsmeinFrei
raum,denichbrauche,ummeinenSpaßzuhaben,belegtist.Ichkannja
andererseitsauchLastentragen,wennesseinmuss,aberwillmichauch
gegenmeineLastenwehren,wennesseinmuss.VerstehenSie,wasich
meine?
SvJa,ja,dakommtdasgleichwiederindiesenPflichteimer.Abermeine
Idee,Vision,vielleichteineganzunrealistische,war,istdasnichtauch
einephantastischeHerausforderung?Wasmüsstegeschehen,damitSie
dieseSituationalsphantastischeHerausforderungannehmenkönnten?
Wäreesmöglich,auchdieseSituationalseinedieKreativität,Phantasie,
VerrücktheitFörderndeszubegreifen?Aberichbingemein,ichmerk
dasschon,ichwilloffenbarausIhneneinenzweitenJesusmachen.
SdLacht
SvMöchtenSienichteinzweiterJesussein?
Sd Nee![Lacht]
SvIchmerke,dassichnichtnurSupervisor,sondernauchTheologebin.
298 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
DeswegenkammirgeradedieserGedankeundderistjavielleichtauch
zuverrückt.DasBeeindruckendeanJesusistfürmichimmerwieder,
dasserganzneueSprach‐undKommunikationsformenentwickelt,In
terventions‐ undInteraktionsformen,umMenschenzuprovozieren,
agentprovocateur‐,umdieMenschenaufzurütteln.Undmirkamgera
dedieIdee,nichtdassmirdasgelungenwäre,Siebringenmichinunse
reminteraktionellenProzessdarauf,obesnichtalstheologischeHe
rausforderungbegriffenwerdenkönnte,z.B.inVorklassenzumagent
provocateurzuwerden.Aberdannlegtmansichwahrscheinlich
wiedermitdemSysteman.
SdGut,ja,vielleicht.Istschonokay,daskannschonSpaßmachen.Aber
ichmerke,ichsträubemichgeradeeinbisschen,wennSiemitderHe
rausforderungkommen.IchdenkedurchausinIhremInteresse,was
wirhierherausgearbeitethaben.
SvDasklingtjaso,alsvermutetenSie,ichwollteSieirgendwohinbekom
men.
SdNein,indemSinne,wiewirhiergearbeitethaben.AberdieHeraus
forderunghörtsichschonwiedernacheinemgeheimenAuftraggeber,
Aufträgenan,dieichmitmeinemLebensoherumschleppe.UndHe
rausforderunggehörtauchzudiesemVokabular.Das,wasichunter
Theologisierenverstehe,istmehreingroßesSpielundkeineHerausfor
derung.DasliegtaufunterschiedlichenEbenen.WennichmeineSpiel
freudegesättigthabe,dannkannichmichganzgutderHerausforde
rungstellen.ObichdannzumzweitenJesuswerde,istdanndieFrage.
VerstehenSie,wasichmeine?Dennherausgefordertbinicheigentlich
genug.Dasistmireherzuviel,dassichmichzuvielenSachenherausge
fordertfühle.EsistdasSpielerische,wasichsuche.
SvDaswarjetztsehrklärendundhilfreich,wasSiegesagthaben.Wenn
ichSierichtigverstandenhabe,gehörtzuIhreninternalisiertenAufträ
gendiechristlicheForderung:DumusstdichdenSchwächstenund
Entrechtetenzuwendenunddannauchnochphantasievoll,daskommt
indieseSchublade,dasfindeichwichtig,dassSiedasnocheinmalsa
gen.MeineIdeewareigentlicheineandere,deshalbfandichdasauch
sogut,dassSiedasmitdemSpielnochmalgesagthaben.Siefangen
auchimUnterrichtverstärktanzuspielen,obdasmöglichist,dasweiß
ichnicht,dasmüsstenSiesagen,obmannichtauchinsoeineVorklasse
mitderIdeehineingehenkann:DasistjetzteingroßesSpiel!?Einver
rücktesSpiel!
SdSoreingehtoderesIhnenauchsagt?
SvDasistnoch malwiedereineandereFrage.
DieseIdeeistmirimSinnediesesProzessesinzweiRichtungen
wichtig:
EinmalSpaßhabenundSpielenundTheologisieren,beidesundob
SieesvielleichtsogarmitdenDingen,diejetztnochalsLastaufIhnen
lie
g
en,machenkönnen.DieFra
g
eist,obes
g
lichist,Ihreberufliche
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 299
TätigkeitineinenanderenRahmenzustellen.
Deswegenfandichdassohilfreich,wasSiegesagthaben.WennSieda
hineingeheninsoeineKlassee,indemRahmen,denSiekennendann
istdasPflicht,einMuss.DassinddummeSchüler,diesindwirklich
blöd,dieschnallennichts,unddannnochmitdenenReligionmachen,
unddannmeldetsichnochdiefrommeAder;jetztsollichdenennoch
wasvonchristlichenGlaubenerzählendasmachtgarkeinenSpaß
mehr.
UndjetztderandereRahmen:DieKlasseistdieselbe,Siesindderselbe,
dasMaterial,dieInhalte,umdieesgeht,sinddieselben,…nurderRah
menlautet:DasisteinriesengroßesSpiel.SomeineichdasmitderHe
rausforderung.DasistfürsoeinenrichtigenSpieler,derdenletzten
Kicksucht,dieHerausforderung.DieBerufsschuleistderletzteKick,
nichtdasGymnasium.Gymnasiumkannjeder.Abermitdenen‚Religi
on’sozuspielen,dassalleSpaßdranhaben:DaswarmeinGedanke,ob
IhnendasLustmachenkönnte,soetwasmalzuprobieren.
Sd[Ganzzögerlich]Jaaaaaa,ichdenkeschon,dassichimmerhäufigerda
auchspielerischerhineingehenkann.Nichtimmer,aberimmeröfter.
Woichnochnichtzugekommenbin,dassoalseingemeinsamesSpiel
zusehen,dassmanmiteinerKlassedasselbeSpielspielt.EsgibtSpiele,
womansichdaranfreut,gegeneinanderzuspielenundesgibtSpiele,
womanmiteinanderspielt,gemeinsametwaserreicht.Unddasfällt
mirimmernochsehrschwerIchstöremichimmernochandemWort
‚Herausforderung’.Ichmussüberlegen,warumdassoist.dasheißt
jaauchherausausderDeckung.Ichgebemichpreis[…].
TheologischesSpielistfürmicheingemeinsamesSpiel:Einerlegteinen
Fadenaus,deranderegreiftihnauf,unddaskannichmirzurzeit
nochschwervorstellenfürdiemeistenKlassen.
SvIchhöresoheraus,TheologisierenistfürSieauchstarkeinintellektuell
gefärbtesSpiel.WährenddasSpiel,dasichinsSpielgebrachthabe,für
dieMitspielergarkeinintellektuellesSpielseindürfte,eskönnte
höchstensfürSieeineintellektuelleVersuchsstreckesein,Spielformen
zuentwickeln,dieIhnenunddenanderenSpaßmachen.Obdasdann
Theologieist,istfürmichzukompliziertfürdieseAbendstunde,aber
SiealsSpielmacher,alsSpielentwickler,alskreativerKopfinderSpiel
entwicklung,wieichJesusauchalsSpielentwicklersehe,wiefürmich
GleichnisseetwakreativeSpielesind,denenichmichnichtentziehen
kann.[…]
KönntedasfürSieetwasVerlockendessein,kreativertheologischer
SpielentwicklerfürIhreSchülerinnenundSchülerzuwerden?
SdDamussichmaldrübernachdenken.IchbinjetztsoaufdieHerausfor
derunggepolt‐
SvDeswegenjetztkreativerSpielentwickler
dasgefälltmirjetztbesser.
ÜberdieHerausforderun
g
könnenSieauchnoch
g
ernenachdenken.
300 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
AberobSpielentwicklereineberuflichePerspektivefürSieseinkönnte?
SdHörtsichganzgutan.
Der Prozess und damit zugleich auch dieses Buch neigen sich ihrem Ende
entgegen. Ich erinnere an den in Kapitel III vorgestellten optimalen Pro-
zessverlauf: Spannungsbogen und Tiefungsbogen flachen zum Prozessen-
de hin ab und machen Fragen Platz, die der Ergebnissicherung und dem
Transfer dienen. In Anwendung der Ausführungen aus Kapitel IX – eine
‚Supervisionsgeschichte’ – der Versuch, in narrativer Form die dynamische
Beziehung von Familiencredo, Theologie und Berufswahl des Supervi-
sanden zu bündeln.
1.2 Der Spieler – eine Supervisionsgeschichte3
Religiosität habe ich bei dem Supervisanden in den bisherigen Sitzungen
primär in zwei Spuren verlaufen sehen: Die eine Spur von beiden Eltern
auf unterschiedliche Weise gelegt und immer wieder neu nachgezogen –
Religion als ein ‚never ending sense of duty’, ein Pflichterfüllungspro-
gramm, das mit dem Besuch des Kindergottesdienstes beginnt, sich durch
ein rechtschaffenes und anständiges ‚good will’ auszeichnet, im Kampf für
Menschenrechte seine Fortsetzung findet und beim WC-Reinigen und
Windeln-Wechseln noch lange nicht aufhört. Die andere Spur hat sich der
Supervisand selbst – als gut getarnten Fluchtweg, so meine Deutung – ge-
legt: Theologie und Religionswissenschaft als intellektuelle Spielwiesen, auf
denen man sich gemeinsam mit anderen nach Herzenslust austoben kann.
Wie gesagt, gut getarnt gegenüber den Eltern – der Vater als Pfarrer kann
3 P. Held zitiert M. Selvini Palazzoli „Die Macht liegt in den Spielregeln, die sich in
dem pragmatischen Zusammenspiel aller Beteiligten im Laufe der Zeit herausgebil-
det haben“, aaO, S. 62. Zur Rezeption aktueller Spieltheorien in der Theologie s.
bes. die Arbeiten von Susanne Wolf-Withöft: Predigen lernen. Homiletische Kontu-
ren einer praktisch-theologischen Spieltheorie. Stuttgart/Berlin/Köln 2002; Artikel
‚Spiel II. Praktisch-theologisch. TRE Bd. XXXI. Berlin 2000, S. 677 – 683, und im
Gespräch mit Hartmut Meesmann: ‚In der Freiheit des Spiels geraten wir in Bewe-
gung’. Zwischen Spieldidaktik, Spielprozessen und Theologie. In: Hartmut Mees-
mann (Hg.): Spiel und Religion. Wechselwirkungen. Traktate zur Praktischen Theo-
logie und ihren Grundlagen. Hartmut Meesmann im Gespräch mit Hans Saner, Ha-
rald Schroeter-Wittke und Susanne Wolf-Withöft. Waltrop 2003, S. 41 – 56. Das
Thema ‚Spielentwicklung’ und ‚Gott als Spieler’ diskutieren Harald Schroeter-Wittke
und Hartmut Meesmann. In: ‚Im Spiel üben wir, verlieren zu können’. Über den
Zusammenhang von Spielkultur, Spieleentwicklung und theologischem Spielwitz.
Ebd., S. 18 – 40. Weitere Arbeiten zum Thema ‚Spiel und Theologie’ von Christoph
Vogel: Spiel-Raum der Gefühle. Die Funktion des Gefühls im seelsorgerischen Ge-
spräch. Frankfurt 2000; Heiner Aldebert: Spielend Gott kennenlernen. Bibliodrama
in religionspädagogischer Perspektive. Hamburg 2001; Thomas Klie: Zeichen und
Spiel. Semiotische und spieltheoretische Rekonstruktionen der Pastoraltheologie.
PThK Bd. 11. Gütersloh 2003.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 301
sagen: ‚Guter Junge, er studiert Theologie und wandelt in meinen Fußstap-
fen’; die Mutter kann sagen: ‚Er studiert wenigstens was Anständiges’ –
und faktisch macht der Sohn, was ihm Spaß macht. Ein wirklich gelunge-
nes, über viele Jahre erfolgreiches Konstrukt! Der geniale ‚Spielplan’ be-
kommt erste Risse, als der Supervisand ihn nicht mehr nur zum ‚Zocken’
braucht, sondern um damit ‚harte Währung’ zu verdienen und eine Familie
zu ernähren. Genau das wird an einer Stelle des Prozesses von dem Super-
visanden auch ausdrücklich betont: ‚Im Studium war noch alles o. k., da ist
es mir noch gelungen, meine Bedürfnisse und die Bedürfnisse der anderen
auszutarieren. Aber bereits im Vikariat fingen die Schwierigkeiten an.’ Auf
einmal spürt er, dass die Menschen dort, die Gruppen und Kreise, die Se-
nioren, die Frauenhilfe, das Presbyterium ein ganz anderes Spiel spielen als
das, das er gelernt hat, das ihm Spaß macht und er selbst spielen möchte.
Die ‚Mitspieler/innen’ fangen an zu nerven, ‚haben einen an der Klatsche’.
Nun eröffnet sich dem Supervisanden die Möglichkeit, den ‚Spielplatz’ zu
wechseln, er verändert sich beruflich und verlässt die Kirchengemeinde
zugunsten der Berufsschule in der Hoffnung, wie er ausdrücklich sagt, um
dort seinen ‚Spielplan’ erneut auszulegen und noch einmal von vorn zu be-
ginnen. Zwar sind die Mitspieler/innen hier nicht ganz so nervig, aber sie
verstehen von seinem Spiel, den Spielregeln, dem Spielziel genauso wenig
wie die Spielkameraden/innen auf dem alten Spielplatz. Was nun? Was soll
er, was wird er tun? Wird er wieder den Spielplatz wechseln? Aber in wirt-
schaftlich schwierigen Zeiten werden die zur Auswahl stehenden Spielplät-
ze zum einen immer weniger und zum andern sind sie immer schlechter
ausgestattet. Der Spieler ist ein kluger Mann – der Spielplatz ist nur schwer
auszuwechseln, die Spieler kann er nicht beliebig ersetzen –, also zieht er
einen professionellen Spielentwickler zu Rate. Dieser schlägt ihm vor, sei-
ne Mitspieler doch bewusst mit einzubeziehen, gewissermaßen selbst zum
Spielentwickler zu werden bzw. das Spiel ‚Spielentwickeln’ zu spielen.
Doch darauf mag sich der Spieler nicht so recht einlassen. ‚Spielen’ und
‚Spiele entwickeln’ sind doch ‚zwei Paar Schuhe’ und was so ein richtiger
Spieler ist, der will selbst spielen und nicht mit anderen Spiele entwickeln.
Also entwirft er für sich eine Lösung, die zu ihm passt: (Ausschnitt aus
dem Erlebnisprotokoll dieser Sitzung)
Erlebnisprotokoll
„In der zweiten Hälfte ging mir ein Licht auf, was meine theologischen In-
teressen angeht. In meiner jetzigen Situation ist weniger die theologische
Herausforderung gefragt, denn herausgefordert fühle ich mich ständig. Ei-
ne theologische Herausforderung wäre allein eine neue Aufgabe, die pass-
genau zu meiner inneren Pflichterfüllungsstruktur passt. Was ich gerade
brauche, ist: Theologie als Spiel. Theologie spielerisch zu betreiben, wäre ei-
ne weitere wichtige ‚Entspannungstechnik’ neben den in früherer Zeit ge-
nannten (z.B. Musikhören und Joggen). Es wäre also gut, wenn ich eine fes-
te Zeit in der Woche für solche theologische Gedankenspiele offen halten
302 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
würde und mir auch im Jahreskreis eine Zeit freihalte, um mit Freunden
Theologie zu spielen.“
‚Würfelt Gott?’4 – von göttlichen und anderen Spielen
„Das Leben ist ein Spiel“5 und dass von daher jeder Mensch spielt, da ist sich
Harald Schroeter-Wittke ziemlich sicher. „Es geht nicht darum, ob jeder
Mensch spielen sollte, weil wir immer schon spielen. Denn wir leben nicht in
einer Welt, in der alles vorgezeichnet ist, sondern wir leben in einer Welt,
wo immer Spiel drin ist. […] Deswegen spielt jeder Mensch immer schon
ein Spiel. Es gibt nichts jenseits von Spiel. Deswegen glaube ich auch, dass
Gott wahrscheinlich der größte Spieler ist.“6 Es kann also nicht darum ge-
hen, das Spielbedürfnis des Supervisanden oder seinen spielerischen Um-
gang mit der Theologie zu werten. Wenn Gott der größte Spieler ist, was
könnten seine ‚Botschafter/innen’ dann besseres tun, als selbst auch Spiele
zu inszenieren, selbst mitzuspielen und andere zum Mitspielen zu motivie-
ren. Aber Spiel ist nicht gleich Spiel, wie wir wissen. Es gibt sowohl unter
den Kinder- als auch unter den Erwachsenenspielen harmlose und auf-
wühlende, spannende und langweilige, ‚win-win’-Spiele, Spiele mit Siegern
und Verlieren, es gibt die fatalen, in Systemschleifen endenden und von
Eric Berne beschriebenen ‚Spiele der Erwachsenen’ und es gibt Spiele, die
tödlich enden. Was für ein Spiel spielt Gott? „Wenn ich Gott als größten
Spieler bezeichne, dann meine ich dieses Moment bei ihm, dass er sich
selbst aufs Spiel setzt. Und dies ist wahrscheinlich der größte Unterschied
zwischen Gott und dem, was man gemeinhin Natur nennt“, präzisiert H.
Schroeter-Wittke seine Vorstellung von Gott als Spieler. „Gott hat sich in
seinem Sohn aufs Spiel gesetzt. Und wie das Spiel ausgegangen ist, davon
erzählen z. B. die Evangelien: Kreuz und Auferstehung. […] Das Lebens-
spiel Jesu endete tödlich, weil es eben auch ein gefährliches Spiel war. […]
Wer solche gefährlichen Spiele spielt wie Jesus, kann nicht davon ausge-
hen, dass er ohne Verletzungen davon kommt. Aber, und da ist Gott für
mich nun der allergrößte Spieler, da gibt es eben auch die Auferweckung.
Da gibt es auf einmal Ostern, da gibt es Auferstehung, dieses tödliche
Spiel führt zu neuem Leben. Das ist das Entscheidende, dass Gott nicht ir-
gendwie jemand ist, der die Marionetten tanzen lässt, sondern dass Gott
sich selbst aufs Spiel setzt und verletzlich macht“.7 Aus diesem ludophilen
Gotteskonstrukt erwächst für Schroeter-Wittke die Schlussfolgerung, dass
„die größten Spieler“ diejenigen sind, „die im Spiel nicht versuchen, die
4 So der Titel des Buches von Arnold Benz und Samuel Vollenweider (Würfelt Gott?
Düsseldorf 2003) in Anspielung eines Briefes, den Albert Einstein 1926 an Max
Born schrieb.
5 Bernd Beuscher / Dietrich Zilleßen: Religion und Profanität. Entwurf einer profa-
nen Religionspädagogik. Weinheim 1998, S. 17.
6 Harald Schroeter-Wittke im Gespräch mit Hartmut Meesmann, aaO., S. 20. Hervor-
hebungen M. J.
7 Ebd., S. 23.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 303
anderen im Griff zu haben, sondern die sich selbst aufs Spiel setzten kön-
nen.“8
Im Blick auf den Supervisanden und seine in diesem Prozess dokumentier-
te Entwicklung möchte ich noch einen Zwischenschritt einschieben, denn
auch ‚jegliches Spiel hat seine Zeit’, seinen καιρός. Er hat für sich selbst ent-
deckt, dass es gut ist los-zulassen: die Ansprüche der Eltern, der Ehefrau,
der Kirche, der Schule, des Supervisors und der von ihnen transportierten
‚Spielregeln’. Die Faust zu lockern, mit der er sich immer fest im Griff ha-
ben wollte, ist vielleicht der Anfang seines ganz persönlichen Weges, auf
dem dann auch immer weniger Kontrolle ‚der anderen’, auch der Schüle-
rinnen und Schüler, nötig ist. Und in einem weiteren Schritt wird es dann
vielleicht möglich sein, auch Falschspieler oder sogar Spielverderber zuzu-
lassen; denn auch die Störung gehört mit zum Spiel. Noch einmal Harald
Schroeter-Wittke: „ Aber wenn ich sage, Gott ist der beste Spieler, meine
ich, dass er sich freiwillig ins Spiel begibt und dass er den Menschen die
Freiheit gibt, das Spiel so oder anders zu spielen, mitzuspielen oder nicht
mitzuspielen, falsch zu spielen oder Spielverderber zu sein. Ja mehr noch,
er gibt den Menschen die Freiheit, ihr Spiel zu spielen statt sein Spiel spie-
len zu müssen. Dabei ist wie bei jedem Spiel oder jeder Spielverweigerung
klar, dass nicht nur ich das Spiel bestimme, sondern dass immer auch das
Spiel mit mir spielt. Und dann werden ganz andere Formen von Freiheit
plötzlich denkbar, weil Gott ein partnerschaftliches Spiel mit uns spielt,
dessen Setzung folgende Spielregel ist: ‚Ich setze mich aufs Spiel. Und ich
will, dass ihr das Rückgrat habt, mit mir zu spielen.’“9 Eine Schule, die die
dafür notwendigen Spielräume zur Verfügung stellte, eine (Religions)Päda-
gogik, die die entsprechenden Spielregeln entwickelte und einübte, würde
– so meine Hypothese – auch den Supervisanden ermutigen, sich nach
und nach mehr zu riskieren und so bei den Schüler/innen neue ‚Lust’ am
Lernen wecken.10
8 Ebd., S. 23.
9 Ebd., S. 25.
10 „Viel Wissen, aber von nichts eine Ahnung haben, das kommt leider dabei heraus,
wenn man dem Spiel als notwendigem Element des Lernens keinen Raum gibt“,
warnt H. Schroeter-Wittke. Ebd., S. 26. Henning Schröer verweist auf Comenius,
der bereits im 17. Jahrhundert die Bedeutung des Spiels für das Lernen entdeckte:
„Comenius hat die Wichtigkeit des Spiels für die menschliche Kultur voll erkannt.
Das zeigt schon seine ‚Große Didaktik’, aber noch grundsätzlicher Pampaedia. Er
schreibt dort: ‚Nicht ohne Grund heißt die Schule eine Stätte des Spiels.’ Comenius
verfasste bekanntlich auch eine Werksammlung Schola Ludus, um die spielerische
Darstellung des Lehrstoffs einzuüben.“ AaO., S. 73.
304 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
2 War Jesus ein Systemiker? Eine Frage in supervisorischer Ab-
sicht
(De)Konstruktivistisches Potenzial der Jesusüberlieferung?
Auch wenn der Supervisand meiner Anregung nicht folgen will, ein zwei-
ter Jesus zu werden, ein ‚agent provocateur’ seiner Schülerinnen und Schü-
ler, so lassen die oben zitierten Interventionen doch erahnen, dass mich
das (de)konstruktivistische Potenzial der Jesusüberlieferung nicht loslässt.
Der Supervisor will ein zweiter Jesus sein, klingt für Theologen/innenoh-
ren blasphemisch. Der Supervisor wandelt in der Nachfolge Jesu, klingt
nicht nur zu fromm, sondern trifft auch nicht die supervisorische Absicht,
um die es hier geht. Mich interessiert, wie sich Lebensgeschichte(n) und
Jesusgeschichten gegenseitig so ‚be-spiegeln’ und ‚durchleuchten’ können,
dass ihre verdeckten Gehalte und Intentionen enttarnt werden und so „die
Sichtbarmachung der gleichzeitigen An- und Abwesenheit der Wahrheit“11
gelingt?
Das Ergebnis meiner Suche nach Beiträgen, die die Jesusüberlieferung sys-
temisch-(de)konstruktivistisch in den Blick nehmen, war in doppelter Hin-
sicht diskrepant: Lediglich zwei systemische Therapeuten, Jay Haley und
Helm Stierlin, beide allerdings eine Art ‚Vaterfiguren’ der systemischen Fa-
milientherapie in den USA bzw. in Deutschland, setzen sich explizit mit
der Jesusüberlieferung auseinander. Dagegen nimmt die Adaption syste-
misch-konstruktivistischer Ansätze im Bereich der Theologie in den letz-
ten Jahren einen immer breiteren Raum ein. Die zweite Diskrepanz betrifft
die Beurteilung der Jesusüberlieferung: Die Systemiker nähern sich Jesus
eher kritisch. Die Theologen/innen versuchen demgegenüber das innova-
tive Potenzial der Grundannahmen systemisch-konstruktivistischen Den-
kens für die Hermeneutik fruchtbar zu machen.12
11 Artikel ‚Dekonstruktivismus’. www.wikipedia.de (Stand 10/2005).
12 Dass Konstruktivisten und Systemiker gewissermaßen ‚systembedingt’ Religionen,
Kirchen und Theologie(n) – überhaupt weltanschaulichen Konstrukten, die einen
exklusiven Wahrheitsanspruch vertreten, – eher mit skeptischem Misstrauen begeg-
nen, liegt auf der Hand. Die Tatsache, dass wichtige Vor-Denker des radikalen
Konstruktivismus überwiegend aus der Naturwissenschaft kommen, befördert nicht
unbedingt einen unbefangenen wissenschaftlichen Austausch mit den Kollegen/in-
nen aus den Geisteswissenschaften. Die Wirksamkeit von Religion und Theologie
gehören bei Systemikern oft nicht zur Agenda. Ausnahmen bestätigen – wie meis-
tens – die Regel: Niklas Luhmann beschäftigt sich in seiner Theorie sozialer Syste-
me intensiv mit Religion, Pädagogik, Politik etc. und der Frage, wie psychische und
soziale Systeme sich strukturell koppeln. Pauls Watzlawicks Ausflüge in theologi-
sche Konnotationen haben uns im ersten Kapitel bereits beschäftigt. Im deutsch-
sprachigen Raum sind Hannes Brandau [s. Brandau, Hannes (Hg.): Supervision aus
systemischer Sicht. Salzburg/Wien 3/1996] und Heinz J. Kersting zu nennen, die
positive Wirkungen des Religiösen für möglich und deshalb eine Beachtung dieser
Wirkungen in der Supervision für notwendig halten.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 305
Jesus – ‚Urbild’ aller Machtpolitiker
Jay Haley thematisiert in einem fast dreißigseitigen Aufsatz (Originaltitel:
„The Power Tactics of Jesus Christ“)13 die Jahrhunderte hinweg wirksa-
men „Taktiken und Strategien Jesu“.14 Sein Ergebnis, das er gleich auf den
ersten Seiten benennt, ist allerdings für Theologen/innen ziemlich scho-
ckierend, stellt er doch Jesus an die Spitze der „messianischen Revolutio-
näre“ von Lenin bis Hitler.15 Dass es geistesgeschichtliche Linien von Je-
sus über die unterschiedlichsten Befreiungsbewegungen bis hin zu Marx
und Lenin gibt, ist unbestritten. Dass der deutsche Nationalsozialismus
sich mit seinem Etikett des ‚positiven Christentums’ ebenfalls der Person
Jesu zu bemächtigen suchte, ist gleichfalls bekannt. Aber eine so ungebro-
chene Linie von Jesus zu Hitler, wie Haley sie zeichnet, ist nicht das, was
ich mir unter (de)konstruktivistischem Neu-Erzählen vorstelle. Haleys Kri-
tik ist so massiv, dass sie den Kritisierten vernichtet.
‚Hermeneutik der Vernichtung’
Auf eine ‚Hermeneutik des Verdachts’ (s. o. Kapitel X) war ich vorbereitet,
aber nicht auf eine ‚Hermeneutik der Vernichtung’. Da gibt es kein Spiel
mit unterschiedlichen Standorten und Perspektiven, kein Oszillieren der
Wahrheit(en), keine „sanfte Kunst des Umdeutens“.16 Jesus liefert – so
Haley – den oben genannten ‚Führern’ den „Grundgedanken, mächtig zu
werden, indem man die Armen und Machtlosen organisiert“17 und die
„Strategie“, Menschen zu instrumentalisieren und ‚für die eigenen Interes-
sen zu organisieren’.18 „Sollten alle großen Machtkämpfer in einer Ruh-
meshalle verehrt werden,“ resümierte Haley am Ende, „die erste Nische
gehörte dem Messias von Galiläa.“19 Für Haley ist Jesus ein Machtmensch,
der seinesgleichen sucht. „Ein wesentlicher Charakterzug bestand darin,
über alles, was in seiner Umgebung geschah, bestimmen zu wollen.“20 Ja
selbst der Kreuzestod ist für ihn noch ein letzter Versuch Jesu, Macht und
Kontrolle über andere Menschen „über den Tod hinaus“ zu verlängern
13 In Deutschland 2002 neu veröffentlicht: Jay Haley: Die Machtstrategien Jesu Chris-
ti. In: Ders.: Die Jesus-Strategie. Die Macht der Ohnmächtigen. Heidelberg 2002, S.
12 – 40.
14 Ebd., S. 13.
15 „Männer wie Lenin und Trotzki in Russland, Hitler in Deutschland, Mussolini in
Italien, Mao Tse-Tung und Ho Chi Minh in Asien, Castro in Kuba und die Führer
des Black Movement wie Elija Mohammed in den Vereinigten Staaten stehen weit
mehr in seiner Schuld, als man vermuten möchte.“ Ebd., S. 12.
16 P. Watzlawick / J. H. Weakland / R. Fisch, aaO., S. 116.
17 J. Haley, aaO., S. 13.
18 Ebd., S. 13. Vgl. im Unterschied dazu H. J. Kersting: „Außerhalb extremer gewalttä-
tiger Machtausübungen, wo versucht wird, Menschen unter Zwang zu ‚trivialisie-
ren’, ist eine direkte Lenkung des Verhaltens anderer Menschen durch Menschen
ausgeschlossen.“ In: Intervention, aaO., S. 110.
19 J. Haley, aaO., S. 40.
20 Ebd., S. 27.
306 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
und so die Menschen zu zwingen, „den Nacken unter dieses Joch zu beu-
gen“.21
Wenn Systemiker ‚in die Falle gehen’
Sich mit den einzelnen Argumenten Haleys und der ‚Ex/Eis-egese’ der
von ihm herangezogenen Bibelstellen im Detail zu beschäftigen, würde
den Rahmen dieser Untersuchung sprengen. Deshalb muss ein Blick auf
seine Voraussetzungen und Interessen genügen: Mehrfach betont er, sich
nicht mit den Inhalten, den ‚Ideologien’, den ‚geistigen Botschaften’ befas-
sen zu wollen, sondern ausschließlich mit den ‚Taktiken und Strategien’.
Das führt dazu, dass er kein Problem damit hat, Jesu Reich-Gottes-Bot-
schaft, die ‚klassenlose Gesellschaft’ der Bolschewiken und Hitlers ‚tau-
sendjähriges Reich’ in einer Linie zu sehen.22 Ohne sich jetzt in den Tiefen
der Sprachphilosophie und der Relation von Inhalt und Form verlieren zu
wollen, gilt doch gerade für Systemiker, dass Kommunikation ein hoch
komplexer Vorgang ist, bei dem ‚digitale und analoge Modalitäten’,23 In-
halts- und Beziehungsaspekt sich gegenseitig determinieren und so unlös-
bar zusammengehören.24 Hinzu kommt, dass die Konstrukte immer in ih-
ren jeweiligen Kontexten gesehen werden müssen, will man ihnen auch
nur annähernd gerecht werden. Stutzig machen mich die Aussagen Haleys,
mit denen er andeutet, welche Interessen er mit seiner Analyse verfolgt:
„Nun, da das Christentum seine Vormachtstellung in der Welt der Ideen
eingebüßt hat, steht es uns frei, die Fähigkeiten von Jesus Christus zu wür-
digen“,25 lautet der erste – vor Ironie strotzende – Satz seiner Abhand-
lung. Mein Eindruck ist, dass hier – wie in dem gesamten Aufsatz – sehr
viel Verbitterung mitschwingt („Für die Annnahme, dass Jesus sich freiwil-
lig kreuzigen ließ, spricht seine Entschlossenheit, unbedingt zu kontrollie-
ren, was mit ihm geschah“).26 Seine Intention, Jesus und seine gegenwärti-
gen ‚Jünger’ zu entlarven, war offensichtlich so mächtig, dass ihm die Sicht
auf die differenzierten Bemühungen der biblischen Hermeneutik, die uns
in den voran gegangenen Kapiteln beschäftigt haben, völlig verdunkelt
wurde. „Die von uns hier vertretene Sichtweise nimmt die Evangelisten
beim Wort“,27 schreibt er und das ist für einen zirkulär, kontextuell, den
eigenen Beobachterstatus reflektierenden Systemiker einfach zu wenig.
Neben Haleys kausal-linear gestrickter ‚Jesus-Strategie’ erscheinen Martin
Luthers – in den voraus gegangenen Kapiteln referierten – hermeneuti-
schen Prinzipien geradezu revolutionär. Meine Hypothese, dass es sich bei
dieser Schrift um eine kontextuelle (auf die in den USA herrschenden poli-
21 Ebd., S. 38.
22 Ebd., S. 24.
23 P. Watzlawick / J. H. Beavin / D. D. Jackson, aaO., S. 68.
24 Ebd., S. 56.
25 J. Haley, aaO., S. 12.
26 Ebd., S. 38.
27 Ebd., S. 13.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 307
tischen Verhältnisse bezogene) ‚Abrechnung’ mit der unrühmlichen
Machtgeschichte des Christentums handelt, ist strukturell mit dem Ver-
dacht gekoppelt, dass Jay Haley hier mit großer Wucht in eine ‚System-Fal-
le’ gegangen ist, die er zuvor selbst aufgestellt hat. So wirkt es wie bittere
Ironie, wenn man Helm Stierlins Indizien des Fundamentalismus auf den
Systemiker Jay Haley anwendet: „Sie berufen sich auf […] ausgewählte,
nunmehr in ihrem Sinne ausgelegte Jesusworte und Bibelworte und blen-
den andere Texte, die zu Fragen und Widerspruch Anlaß geben könnten,
aus. In ihrem Festgelegtsein auf nur eine Perspektive machen sie sich dann
– auch das entspricht ihrem Fundamentalismus – wenig Gedanken über
den sprachlichen, gesellschaftlichen und historischen Kontext, in dem die-
se Texte angesiedelt sind.“28 Haleys Kritik folgt dem klassischen ‚Katastro-
phen-Rezept’ ‚immer mehr desselben’ und macht damit ein ‚freudestiften-
des Lernen aus Verunsicherungen’ unmöglich.
‚Guter’ Jesus – ‚böser’ Jesus
Ganz so affiziert wie J. Haley ist H. Stierlin nicht, der sich im Rahmen ei-
ner Ringvorlesung zum Thema „Hat Christsein Zukunft?“29 unter ande-
rem auch Jesus und seiner Botschaft nähert. Im Unterschied zu Haleys li-
near-kausaler Geschichtskonstruktion zeichnet er ein konsequent dualisti-
sches Bild der jüdisch-christlichen Geschichte, das durch den „Grundwi-
derspruch“ von „Sanftmut und Intoleranz, Friedens- und Gewaltbereit-
schaft“30 charakterisiert ist. Dieser Dualismus beginnt im Alten Testament
und geht über Jesus, die Reformation bis zu heutigen „Gurus“ „christli-
cher Sekten“ mit ihren „ausgeklügelten Gehirnwäsche(n)“.31 Für Stierlin
ist Jesus der Prediger der Gottes- und Nächstenliebe mit dem anderen Je-
sus, der „seinem Zorn auf Andersgläubige und Abtrünnige freien Lauf“
lässt und damit „Kreuzrittern, Inquisitoren, Folterern und Verfolgern von
Ketzern und Hexen“32 den Boden bereitete, nicht zusammenzubringen.
So skizziert er – auf weniger als zwei Seiten – zwar ein weniger monisti-
sches Jesusbild als Haley, konstruiert die Wirksamkeit aber ähnlich sta-
tisch. Wie T. Moser auf dem Hintergrund seiner ‚Gottesvergiftung’ die Re-
ligion gerne „aus psychohygienischen Gründen“ von „Schuld, Sünde, Jen-
seits, Kreuzestod“ gereinigt hätte, plädiert Stierlin als Psychotherapeut, der
die Irrwege der Verstrickung in unlösbare religiöse Widersprüche und des
fanatischen Fundamentalismus vor Augen hat, für eine ‚religion light’, die
sich von dem „Motto“ leiten läßt: „Orientiere dich an dem, was dir Freude
macht, was deine kreativen Energien mobilisiert, was dir auf Dauer Wohl-
befinden verschafft, und unterlasse tunlichst, was dir keine Freude bereitet,
28 Helm Stierlin: Christsein hundert Jahre nach Nietzsche, aaO., S. 79. Was Haley macht,
ist mit J. Derrida gesprochen ‚nicht Nüsse knacken, sondern Nüsse vernichten!’
29 H. Stierlin: Christsein, aaO., S. 7.
30 Ebd., S. 39.
31 Ebd., S. 40.
32 Ebd., S. 39.
308 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
was deine kreativen Energien blockiert und was auf Dauer dein Wohlbe-
finden vermindert.“33
Leiden an – Lernen durch Widersprüche
Auch wenn es sich aufzudrängen scheint, die von Stierlin als ‚konstruktiv’
bzw. ‚destruktiv’ entlarvten Anteile der Jesusüberlieferung im Sinne der in
Kapitel VIII vorgenommen Unterscheidung von Religion Typ 1 und Reli-
gion Typ 2 zuzuordnen, kommen mir auf dem Hintergrund der in Kapitel
X dargestellten systemisch-konstruktivistischen Grundannahmen – ich er-
innere nur an die Sachverhalte Homöostase, stochastischer Prozess, Zirku-
larität, Perspektivwechsel, Perturbation, Provokation, Verwirrung – Zwei-
fel. Religion Typ 1 hatten wir beschrieben als autoritär, auf Sicherheit und
Stabilität bedacht, als den Versuch, Religion als geschlossenes System zu
betreiben. Dem gegenüber ist Religion Typ 2 gewissermaßen der perma-
nente ‚Stachel im Fleisch’ von Religion Typ 1, der alle naiven Vereinfa-
chungen zu verhindern und Religion als ‚offenes System’ zu retten sucht.
Blicke ich in dieser Weise – religionskritisch und (de)konstruktivistisch –
sensibilisiert auf Stierlins dualistisches Jesuskonstrukt und das von ihm
formulierte ‚Motto’ einer ‚gesunden’ Religion der Zukunft, dann erschei-
nen mir beide mehr einem linear-kausalen (Wunsch)Denken als syste-
misch-konstruktivistischem ‚Lernen aus Verunsicherungen’ zu entsprin-
gen. Das ist in zweierlei Hinsicht bedauerlich: Zum einen, weil Stierlin im
sechsten Kapitel seines Buches dann doch noch zu einem ‚Lob der Wider-
sprüche’ anhebt, wenn er schreibt: „Die Vielfalt und (scheinbare oder
wirkliche) Widersprüchlichkeit dieses Angebotes [der christlichen Kirchen]
mag zwar eine Vielzahl heutiger Menschen verunsichern, kann es aber
auch (wenn bestimmte gesellschaftliche und familiäre Rahmenbedingun-
gen gegeben sind) nicht wenigen anderen leichter machen, ein ‚gesundes
selektives Vergessen’ zu praktizieren und sich aus diesem Angebot relativ
unbekümmert das auszuwählen, was ihren Bedürfnissen, ihren Möglichkei-
ten der Realitätskonstruktion und den Erfordernissen ihres inneren Parla-
mentes so entspricht, dass auf Dauer immer wieder Wohlbefinden und
Gesundheit entstehen.“34 Das von Stierlin immer wieder zitierte ‚innere
Parlament’ (s. Kapitel VI) kann nur als religiöse Demokratie funktionieren,
wenn unterschiedliche ‚Parteien’ Zutritt haben und in kontroversen und
durchaus auch hitzigen Debatten um den angemessenen Weg35 gerungen
werden darf! Bedauerlich ist darüber hinaus, dass Stierlin – wie im voran-
gegangenen Kapitel dargestellt wurde – meine Wertschätzung für Ge-
schichten teilt, die ‚Anregungen liefern’, ‚neue Hoffnungen wecken’, ‚neue
33 Ebd., S. 73.
34 Ebd., S. 90f.
35 Der zu den ‚radikalen Konstruktivisten’ gezählte Ernst von Glaserfeld spricht des-
halb von ‚Viabilität’ (Glasersfeld, Ernst von: Radikaler Konstruktivismus. Frankfurt
1997). S. a. F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 343.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 309
Optionen eröffnen’ und ‚neue Kräfte aktivieren’,36 er sich aber durch sein
dualistisches Jesusbild von dem Ressourcenpotenzial der Jesusüberliefe-
rung für eben solche narrativen Interventionen abkoppelt.
Gerade die Widersprüche in Stierlins Darstellung motivieren mich, jetzt
erst recht danach zu fragen, ob/wie Jesus/ die Jesusüberlieferung für un-
ser Vorhaben einer (de)konstruktivistischen Verwendung biblischer Ge-
schichten in der Supervision mit Religionslehrern/innen Verwendung fin-
den kann.
Theologische Adaption systemisch-konstruktivistischen Denkens
Wenn wir jetzt den umgekehrten Weg gehen und fragen, in welcher Weise
die Anregungen von Systemtheorie und Konstruktivismus von der Theo-
logie adaptiert werden, fällt zunächst auf, dass sich systemisch-konstrukti-
vistisches Gedankengut – schon rein quantitativ – zunehmender Beliebt-
heit erfreut.37 Die Anregungen für die Praktische Theologie und besonders
für die Seelsorgepraxis sind bereits thematisiert worden. Während die sys-
temischen Therapeuten, die sich biblischen Traditionen nähern, offen-
sichtlich zu linearen Deutungskonstruktionen neigen, versuchen die Theo-
logen/innen gerade die systemisch-konstruktivistischen ‚Axiome’ wie Au-
topoiesie, Stochastik, Perturbation Zirkularität etc. für die Unterscheidung
biblischer Geschichte(n) zur Anwendung zu bringen. So sehen z. B. der
Heidelberger evangelische Systematiker Michael Welker38 und der Dort-
36 H. Stierlin: Christsein, aaO., S. 88f.
37 Christian Albrecht: Systemische Seelsorge. IJPTh 4/2000, S. 212 – 252; Norbert
Ammermann: Zur Konstruktion von Seelsorge. Frankfurt/M. 1994; Günther Em-
lein. Seelsorge als systemische Praxis. WzM 53/2001, S. 158 – 178; Martin Ferel:
Willst du gesund werden? WzM 48/1996, S. 359 – 374; Alexandre Ganoczy: Chaos
– Zufall – Schöpfungsglaube. Mainz 1995; Arnd Götzlemann: Seelsorge zwischen
Subjekt und System. PrTh 35/2000, S. 209 – 227; Peter Held, aaO.; ders. zusammen
mit Uwe Gerber: Systemische Praxis in der Kirche. Mainz 2003; Isolde Karle: Der
Pfarrberuf als Profession. Gütersloh 2/2001; Michael Klessmann: Pastoralpsycholo-
gie, aaO.; Martin Laube: Die Beobachtung ‚gelebter Religion’ – Überlegungen zu ei-
ner theologischen Kategorie in systemtheoretischer Sicht. In: Albrecht Grözinger /
Georg Pfleiderer (Hg.): ‚Gelebte Religion’ als Programmbegriff Systematischer und
Praktischer Theologie. Christentum und Kultur Bd. 1. Zürich 2002, S. 161 – 189;
Christoph Morgenthaler, aaO.; Willibald Sandler: Systematische Theologie als Wis-
senschaft der Unterbrechung von Systemen, in: C. Mathis u. a. (Hg.): Tage kom-
men. Innsbruck 2000, S. 109 – 121, ungekürzt nur im Internet unter:
www.theol.uibk.ac.at/itl (Stand 1/2006); Michael Welker (Hg.): Theologie und
funktionale Systemtheorie. Luhmanns Religionssoziologie in der Diskussion. Frank-
furt 1985.
38 Michael Welker: Gottes Geist. Theologie des Heiligen Geistes. Neukirchen-Vluyn
3/2005.
310 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
munder katholische Theologe Thomas Ruster39 – mit Berufung auf Wel-
ker – in der biblischen Geschichte eine Abfolge ‚emergenter Prozesse’.
Emergenz
Der Begriff Emergenz (von lat.: emergere, ‚auftauchen’, ‚hervorkommen’)
stammt ursprünglich aus der Physik (Wilhelm Conrad Röntgen)40 bzw. aus
der Evolutionsforschung (Convay Lloyd Morgan)41 und bezeichnet das
Entstehen, Hervorgehen, Auftauchen „von komplexeren Strukturen aus
einfachen und/oder chaotischen Zuständen, die zugleich Neuerungen und
Diskontinuitäten aufweisen und sich in einer Weise entfalten, die nicht auf
die früheren Bedingungen zurückführbar sind“.42 Damit wird zunächst
nicht sehr viel mehr gesagt, als im Systembegriff der Systemtheorie bzw.
systemischen Familientherapie bereits enthalten ist, dass nämlich „das
Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile“.43 Eine Erweiterung und Nu-
ancierung erfährt die mit ‚Emergenz’ verbundene Vorstellung durch Anre-
gungen von Michel Foucault und Ilya Prigogine.44 Foucault betont die
Kontingenz, die Plötzlichkeit und Unberechenbarkeit, die im Emergenz-Begriff
konstitutiv enthalten ist.45 In eine ähnliche Richtung tendiert die Verknüp-
fung des Emergenz-Begriffs mit dem von Ilya Prigogine eingeführten Be-
griff der ‚Fluktuation’, der die „spontane Bildung von Strukturen in offenen
39 Thomas Ruster: Die Welt verstehen gemäß den Schriften. Vortrag auf der Tagung
des Bundesverbandes Kath. Religionslehrerinnen und -lehrer an Gymnasien,
26.02.2000, Würzburg. In: rhs 3/43/2000, S. 189 – 203; im Internet unter:
www.bkrg.de (Archiv). Stand 1/2006.
40 S. Philip Hefner: Artikel ‚Emergenz I. Theologie und Naturwissenschaft’. In: RGG
4 Bd. 2. Tübingen 1999, Sp. 1254.
41 Convay Lloyd Morgan: Emergent Evolution. London 1923.
42 P. Hefner, aaO., Sp. 1254.
43 Artikel ‚Emergenz emergente Eigenschaften’, in: F. B. Simon / U. Clement / H.
Stierlin, aaO., S. 74. S. a. Helmut Willke: Systemtheorie I. Grundlagen. UTB 1161.
Stuttgart 6/2000, S.246: „Emergenz (emergente Eigenschaft): jene Eigenschaften ei-
nes Systems, die aus den Eigenschaften seiner Elemente nicht erklärbar sind, die
mithin neu und charakteristisch nur und erst für die Ebene des jeweiligen Systems
sind.“ S. a., ebd., S. 131ff.
44 Ilya Prigogine / Gregoire Nicolis: Die Erforschung des Komplexen. München 1987;
s. F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 112; s. a. H. Willke, aaO., S. 137f.
45 „Entstehung meint eher Auftauchen [émergence], das Prinzip und das einzigartige
Gesetz eines Aufblitzens. [...] die Entstehung vollzieht sich immer innerhalb eines
bestimmten Kräfteverhältnisses. Die Analyse der Entstehung muß das Spiel dieser
Kräfte aufzeigen, ihren Kampf gegeneinander, ihren Kampf gegen widrige Umstän-
de und auch ihren Versuch, in der Teilung wider sich selbst der Degeneration zu
entrinnen und aus ihrer Schwächung neue Kraft zu schöpfen. [...] Die Entstehung
ist also das Heraustreten der Kräfte auf die Szene, ihr Sprung aus den Kulissen auf
die offene Bühne. [...] Niemand ist verantwortlich für eine Entstehung, niemand
kann sich ihrer rühmen; sie geschieht in einem leeren Zwischen“, wie M. Foucault
ausführt. In: Ders.: Von der Subversion des Wissens, hg. und übers. von Walter
Seitter. Frankfurt/M. 1978, S. 92f.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 311
Systemen“46 zum Ausdruck bringen soll. Auf Familiensysteme angewandt
soll damit deutlich gemacht werden, dass es oft gerade die zufälligen und
spontanen Abweichungen sind, die zur Organisation neuer Ordnungen
führen.47 Diese Merkmale der ‚Kontingenz’ und des ‚systemischen Un-
gleichgewichts’ lassen den Emergenzbegriff für Philosophen und Theolo-
gen anscheinend in besonderer Weise innovativ erscheinen. Bereits 1920
wurde von dem australisch-englischen Philosophen Samuel Alexander48
der Ausdruck ‚Emergenz’ „für das Erscheinen Gottes in Anschlag ge-
bracht“.49
Auf diesem Hintergrund liefern Wolfgang Krohn und Günter Küppers ei-
ne Definition, die treffend die Oszillation des Emergenzbegriffs einfängt:
„Im ‚klassischen’ Sinne bedeutet Emergenz die Entstehung neuer Seins-
schichten (Leben gegenüber unbelebter Natur oder Geist gegenüber Le-
ben), die in keiner Weise aus den Eigenschaften einer darunter liegenden
Ebene ableitbar, erklärbar oder voraussagbar sind. Daher werden sie als
‚unerwartet’, ‚überraschend’, usw. empfunden. In einer modernen Version
spricht man von Emergenz, wenn durch mikroskopische Wechselwirkung
auf einer makroskopischen Ebene eine neue Qualität entsteht, die nicht
aus den Eigenschaften der Komponenten herleitbar (kausal erklärbar, for-
mal ableitbar) ist, die aber dennoch allein in der Wechselwirkung der
Komponenten besteht.“50
Die biblische Geschichte als Abfolge emergenter Prozesse
Welker und Ruster rekurrieren bei ihrer theologischen Adaption des Em-
ergenz-Begriffs in besonderer Weise auf N. Luhmann, der hervorhebt,
dass emergente Prozesse nicht nur neue Realitäten schaffen, sondern auch
qualitativ veränderte Wahrnehmungsebenen generieren, von der aus „die
Welt neu gesehen“ werden kann.51 „Von früh an ist der Geist Gottes als
eine schwer greifbare (emergente) Erscheinungen und Prozesse rettende
Macht erfahren worden. Der Geist stellt in unerwarteter Weise inmitten
von Zerrüttung wieder Gemeinschaft her, er verbindet, ‚vernetzt’ Men-
schen in verschiedenen Lebenszusammenhängen in unvorhergesehener
Weise. […] Der Geist stellt Glaubens- und Hoffnungsgemeinschaften von
Lebenden und Toten her, die Realitäten sind, auch wenn sie gegenwärtige
und endliche Vorstellungsfähigkeiten manchmal übersteigen.“52 Wenn
46 F. B. Simon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 74. Hervorhebung M. J.
47 F. B. Simon et al. weisen allerdings auch darauf hin, dass Emergenz- und Fluktuati-
onsbegriff „von begrifflicher Konfusion bedroht“ (Ebd., S. 112; ähnlich S. 74) sind.
48 Samuel Alexander: Space, Time and Deity. London 1920.
49 Dirk Evers: Artikel ‚Emergenz II. Systematisch-Theologisch. In: RGG 4 Bd. 2, Tü-
bingen 1999, Sp. 1251.
50 Wolfgang Krohn / Günter Küppers (Hg.): Emergenz. Die Entstehung von Ord-
nung, Organisation und Bedeutung. Frankfurt/M. 1992, S. 389.
51 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frank-
furt/M. 1984, S. 658. S. a. M. Welker: Gottes Geist, aaO., S. 38 Anm. 1.
52 M. Welker: Gottes Geist, aaO., S. 38f.
312 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
Ruster das Wirken des Geistes Gottes in den Strukturen irdischer und da-
mit menschlicher Wirklichkeitswahrnehmung als eine Abfolge emergenter
Prozesse beschreibt, dann zielt er darauf ab, die ‚Umcodierung’ des Men-
schen durch den Heiligen Geist, die das Zweite Testament ‚Neuschöp-
fung’ nennt, in der Gegenwart sprachfähig zu machen: „Wie lässt sich das
Kommen des Geistes, der alles neu macht, in der alten Welt begreifen?
Was bleibt von der Welt und den Menschen, wenn sie durch Gottes Geist
neu geschaffen werden? Ist von der Welt aus das unableitbar Neue und al-
les Umstürzende des Geistes überhaupt zu begreifen?“53 Auch Ruster for-
dert, „die Fremdheit biblischer Texte“54 und ihres Wirklichkeitsverständ-
nisses wieder neu zur Kenntnis zu nehmen und als Chance zu begreifen.
„Der heilige Geist hat es vielleicht an sich, dass er bei Menschen emergen-
te Prozesse auslösen kann, die zu einer Umcodierung des bisherigen
Selbst- und Weltbildes führen – wenn man diesen Code nur in seiner
Fremdheit zur Wirkung kommen lässt und ihn nicht von vorneherein auf
das Bekannte und Selbstverständliche zurückschneidet. Letztlich kann es ja
nur Gottes Geist sein, der gläubiges Verstehen bewirkt. Mit der Theorie
vom Lernen als emergentem Prozess können wir jetzt womöglich etwas
genauer angeben, wie er das tut. Und wir können auch begreifen, dass und
wie sich der Einbruch des unableitbar Neuen und Fremden mit dem Alten
verbindet, ohne es einfach zu vernichten: nämlich als Sehen der Welt von
einer anderen Ebene der Realität aus, in einem emergenten Prozess.“55
‚Neu-Schöpfung’ als emergenter Prozess transzendiert sowohl das katholi-
sche Stufenmodell von Natur und Gnade als auch das Paradoxon des pro-
testantischen sola gratia / sola fide (Gott wirkt das Heil allein aus Gnade /
der Mensch ergreift das Heil allein im Glauben). Die Vorstellung eines em-
ergenten Prozesses, in dem heiliger Geist und gläubiges Selbst sich struk-
turell koppeln und gemeinsam zu ‚driften’ beginnen, löst sicherlich nicht
alle Probleme, bereichert aber das theologische Denken auf jeden Fall um
eine originelle Verstehensmetapher. Auch wenn diese theologischen Deu-
tungen der biblischen Geschichte(n) und ihrer Wirkungen deutlich über
das hinausgehen, was Supervision mit Religionslehrern/innen intendiert,
so zeigen sie doch, dass Emergenz, strukturelle Kopplung, Ko-Evolution56
53 Th. Ruster, aaO., S. 200. S. a. M. Welker: Gottes Geist, aaO., S. 70, S. 139 u. ö.
54 Th. Ruster, aaO. , S. 193.
55 Ebd., S. 201f. „Mehr kann ich Ihnen zu diesem Thema noch nicht sagen. An der
Universität Dortmund richte ich zur Zeit mit meinem evangelischen Kollegen aus
der Religionspädagogik Gerhard Büttner eine Forschungsgruppe ein, die diesen Fra-
gen nachgehen soll. Der Gedanke aber, dass der christliche Überlieferungsprozess
als eine Kette solcher emergenter Ereignisse zu begreifen ist, in dem Menschen in
der Begegnung mit der Bibel immer wieder zu unableitbar neuem Wissen gelangt
sind und dann mit diesem neuen Blick auf die Welt wiederum andere konfrontiert
haben, scheint mit sehr anregend zu sein.“ Thomas Ruster, aaO., S. 202.
56 „Die Tatsache, dass sich Systeme niemals in einer statischen Umwelt entwickeln,
vielmehr auf ihre Umwelt zurückwirken und deren Entwicklung mitbestimmen. In
diesem Sinne beeinflussen etwa zwei biologische Spezies, die in einer Jäger/Beute-
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 313
Denkfiguren sein könnten, die das ‚Sehen der Welt von einer anderen
Ebene aus’ lehren und vielleicht auch geeignet sind, die nicht nur auf Stier-
lin so widersprüchlich wirkende Gestalt Jesu zu unterscheiden.
Jesus als Unterbrecher bestehender Systemfixierungen
Im Unterschied zu Ruster und Welker ist der Innsbrucker katholische Sys-
tematiker Willibald Sandler in seiner „Systematische(n) Theologie als Wis-
senschaft der Unterbrechung von Systemen“57 weniger an strukturellen
Kopplungen oder ko-evolutionären Prozessen als viel mehr an den Irrita-
tionen und Unterbrechungen in der jüdisch-christlichen Tradition interes-
siert. Das argumentative Herzstück seiner Arbeit präsentiert Jesus als krea-
tiven Unterbrecher aller damals „bestehenden Systemfixierungen“58:
Jesus irritierte das moralische System seiner Zeit durch sein „genial-überra-
schende[.]s Handeln an der Ehebrecherin“59 Joh 8, 2-11, er verunsicherte
das politisch-ökonomische System, in dem er die Fangfrage zur Steuer-
münze in ihrer „ökonomische[n] Systemlogik“60 zirkulär auf die Frager zu-
rückspielt, er bricht das religiös-politische System auf, indem er sein eige-
nes Glaubenskonstrukt von der ‚kanaanäischen Frau’ infragestellen lässt
(Mt 15, 21-28), er durchbricht religiöse Grenzziehungen „durch die ver-
traute Anrede ‚Abba-Vater’, die sein intimes Gottesverhältnis zum Aus-
druck bringt. Die Souveränität seines Agierens in der Vollmacht Gottes,
seiner Heilungen, Dämonenaustreibungen und Sündenvergebungen, setzt
ihn zunehmend dem Verdacht aus, er mache sich selber zu Gott. 61 Und
die Bergpredigt ist für Sandler gerade kein „kein moralisches Regelwerk“62,
sondern eine Anleitung zu systemdurchbrechendem Verhalten. Ähnlich
wie Welker und Ruster sieht auch Sandler im Heiligen Geist den kontin-
genten Garanten dafür, dass die systemunterbrechenden Interventionen
auch nach Ostern weitergehen.
Jesus und die Chaostheorie
In die gleiche Richtung geht Sandlers Würzburger Kollege Alexandre Ga-
noczy,63 wenn er die Chaostheorie64 zu theologischen Wirklichkeitskon-
Beziehung stehen, in wechselseitiger Abhängigkeit die Bedingungen ihrer Evolution.
Art und Ausmaß dieser gegenseitigen Abhängigkeit können variieren.“ F. B. Simon
/ U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 158.
57 W. Sandler, aaO. Ich beziehe mich auf die ungekürzte Online-Version im Innsbru-
cker Theologischen Leseraum (itl): theol.uibk.ac.at/itl (Stand 1/2006). Der Aufsatz
ist dort in 65 Absätze eingeteilt.
58 Ebd., Abs. 23.
59 Ebd., Abs. 18.
60 Ebd., Abs. 19.
61 Ebd., Abs. 22.
62 Ebd., Abs. 34.
63 Alexandre Ganoczy: Choas-Zufall-Schöpfungsglaube. Mainz 1995.
64 Der in der Chaostheorie verwendete ‚Chaos-Begriff’ „bezeichnet eine selbstorgani-
sierte Dynamik eines rekursiv operierenden Systems, welches zwar irregulär und
314 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
struktionen in Beziehung setzt. In dem Kapitel mit der Überschrift „Jesua-
nischer Bruch mit bestehenden Ordnungen“65 stellt er das verwirrende
Wirken Jesu zusammen:
„Wenn man dem Wort ‚Chaos’66 seinen pejorativen Sinn nimmt, dürfte
wohl dieser Begriff analog dafür gebraucht werden, was Jesus bestehenden
etablierten Ordnungen seiner Gesellschaft und Religion angetan hat. Als
Beispiele aus der synoptischen Überlieferung nenne ich: Revolutionierung
der patriarchalischen Hierarchie der Geschlechter (vgl. Mk 10, 2-12); Opti-
on für die Armen (vgl. Mt 11, 5; 25,40; Lk 14, 21), die Frauen und die Kin-
der (vgl. Mk 10, 2-16); Kritik der ‚pharisäischen’ Gesetzesfrömmigkeit (Mt
23, 13-33); Ausweitung des Liebesgebotes über den Volksgenossen hinaus
bis hin zum Feind (vgl. Mt 5,44); die vielen ‚Ich aber sage euch’-Sätze der
Bergpredigt, wodurch Jesus letztlich der unantastbaren Autorität des Mose
widerspricht; allerlei Entscheidungsforderungen, die den Weg der Jünger
und Jüngerinnen ‚bifurkieren’67 lassen wie Schnitte jenes ‚Schwertes’, das
Jesus zu bringen gekommen ist (vgl. Mt 10, 34); Forderungen, die die Fa-
milienbande zerreißen (ebd.); Handlungen, die beweisen, daß Jesus Herr
sogar über das heilige Sabbatgebot zu sein beansprucht (vgl. Mt 12, 8),
ähnlich über den Tempel (vgl. Mt 12, 6); Beschämung des zeitgenössi-
schen Israel angesichts der höheren Glaubensqualität von Heiden und
Heidinnen (vgl. Mt 8, 10-12; 11, 20-24). Kommunikation mit zweifach dis-
kriminierten Menschen, wie den Frauen, die Sünderinnen sind: alles Ver-
haltensweisen, die gewohnte und zum Teil geheiligte Schemata sprengen
und die zum Prophetenschicksal des Nazareners, der kein ‚Ansehen in sei-
ner Heimat’ genießt, beitragen (vgl. Mt 13,57). Denn Jerusalem pflegt seine
Propheten zu töten (vgl. Mt 23,37).“68
nicht vorhersehbar ist, dennoch aber einer inneren Ordnung (einem dynamischen
Muster) folgt. Es handelt sich also nicht um Unordnung, sondern um eine ‚komple-
xe Form dynamischer Ordnung.’“ W. Ebert, aaO., S. 416, der auch die wesentlichen
Linien sowohl der Katastrophen- als auch der Chaostheorie nachzeichnet. AaO., S.
158 – 165. „Die zentrale Frage der Chaosforschung lautet: Unter welchen Bedin-
gungen zieht eine kleine Veränderung der Anfangsbedingungen entscheidende Ver-
änderungen in den Konsequenzen nach sich?“ AaO., S. 163.
65 A. Ganoczy, aaO., S. 121f.
66 P. Held verweist auf U. Gerber mit den Worten „Oder sollte sich das – von Uwe
Gerber so bezeichnete – ‚Ordnungschristentum’ zu einer ‚Chaos-Religion’ entwi-
ckeln, unter Verzicht auf ‚logische Konstrukte auf dem Boden einer gottverbürgten
Analogie von ‚oben’ und ‚unten’“. AaO., S. 99f.
67 Lat.: bi = zwei; furca = Gabel. „Radikale Veränderungen in einem Verhaltensmuster
werden normalerweise Bifurkationen genannt“ (W. Ebert, aaO., S. 279). „Ferner
kann der Begriff der Bifurkation neue Einsichten in das Auftreten von Zielen ver-
mitteln. Zielgerichtetes Verhalten bedeutet, dass das System sich auf einen Attraktor
fokussiert, und eine Veränderung in der Struktur von Zielen würde mit einer Verän-
derung in der Struktur von Attraktoren in dem System (d. h. Bifurkationen) korres-
pondieren.“ Ebd., S. 280f.
68 A. Ganoczy, aaO., S. 121f.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 315
Der systemisch-konstruktivistische Jesus für das 21. Jahrhundert?
Meine Einschätzung solcher Ansätze ist ambivalent. Auf der einen Seite
sträube ich mich generell gegen Versuche, Jesus historisierend für aktuelle
geistesgeschichtliche ‚Moden’ zu vereinnahmen, weil sie in der Regel we-
der dem ersten, dem historischen, noch dem zweitem, dem gegenwärtigen
Kontext gerecht werden. Was war Jesus nicht schon alles – je nach gesell-
schaftspolitischer Stimmungslage und Nachfrage (man achte auf die Er-
scheinungsjahre!): Marxist,69 Atheist,70 Psychotherapeut der Jung-Schule,71
Feminist,72 Pazifist73 und last – but not least – Ökologe.74 Und nun also
der systemisch-konstruktivistische Jesus für das 21. Jahrhundert? Albert
Schweitzer hat in seiner ‚Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung’75 mit
seiner „Projektionsthese“76 überzeugend nachgewiesen, wie sehr die Bio-
graphien Jesu mehr Widerspiegelungen der eigenen Interessen sind, als
dass sie Anhalt an der faktischen Quellenlage haben. Inzwischen ahnen wir
– gut konstruktivistisch –, dass auch der ‚historische Jesus’ genauso ein
‚Konstrukt’ ist wie der ‚irdische Jesus’, der ‚verkündigte’ oder ‚geglaubte’
‚Christus’. Entscheidend ist – und damit verweise ich noch einmal zurück
auf meine Ausführungen zur Hermeneutik in Kapitel VIII und IX –, sich
die Unabgeschlossenheit aller theologischen Konstruktionen, die Unter-
scheidungen, die den eigenen Ausgangspunkt markieren und die Un-Ein-
deutigkeit sowie Begrenztheit aller (Be)Deutungen immer wieder bewusst
zu machen.77 Der Chicagoer Bibelwissenschaftler und Archäologe John D.
Crossan spielt mit den unterschiedlichen Perspektiven, die er als Historiker
69 Vitezslav Gardavsky: Gott ist nicht ganz tot. München 1968.
70 Milan Machovec: Jesus für Atheisten. Stuttgart 1972.
71 Hanna Wolff: Jesus als Psychotherapeut. Stuttgart 10/2001.
72 Leonard Swidler: Der umstrittene Jesus. Stuttgart 1991 und Franz Alt: Jesus, der
erste neue Mann. Berlin München 1990.
73 Franz Alt: Liebe ist möglich. München 1985.
74 Ders.: Der ökologische Jesus. München 1999.
75 Albert Schweitzer: Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Tübingen 1913.
76 Markus Schröder: Leben-Jesu-Forschung / Leben-Jesu-Theologie. RGG 4. Bd. 5.
Tübingen 2002, Sp. 148.
77 Für Martin Leutzsch sind diese Jesusvorstellungen „Neukonstruktionen und Wei-
terentwicklungen von Männlichkeitskonzepten. Ein eindrückliches Beispiel dafür
sind die Transformationen der Männlichkeit Jesu vom ruhigen und sanften Kosmo-
politen der Aufklärung, der in edler Einfalt und stiller Größe die Geschicke lenkt,
zum aggressiven Tempelstürmer der sozialen Bewegungen des neunzehnten und be-
ginnenden zwanzigsten Jahrhunderts mit seiner erschreckenden antisemitischen Va-
riante in der völkischen Bewegung bis hin zu dem neuen Männlichkeitsideal von
Hanna Wolff und Franz Alt, in dem Jesus, tiefenpsychologisch abgeklärt, zum Vor-
bild heutiger Männerbewegungen werden soll.“ In: Konstruktionen, AaO., S. 616.
Siehe dazu auch ders.: Der weibliche Christus. In: Irmgard Pahl / Andrea K. Kaus
(Hg.): Landesarbeitsgemeinschaft Theologische Frauenforschung / Feministische
Theologie. Soziale Rollen von Frauen in Religionsgemeinschaften. Projektbericht 1.
Bochum 2001, S., 91 -110.
316 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
den Zeitgenossen Jesu ‚unterstellt’: Folgende Urteile über Jesus scheinen
ihm denkbar:
„Er ist dumm, kümmern wir uns nicht um ihn.
Er ist verloren, lassen wir ihn.
Er ist gefährlich, bekämpfen wir ihn.
Er ist verbrecherisch, richten wir ihn hin.
Er ist göttlich, verehren wir ihn.“78
„Jede Situation kann so oder anders erzählt werden und im Erzählen pro-
grammiert sich der Erzähler.“79 Ist es möglich, die Geschichte Jesu zu er-
zählen, dass der vorhandene Stoff – ohne naiv zu harmonisieren – als eine
Geschichte erscheint und zugleich die Widersprüchlichkeit und Dynamik
der Geschichten gewahrt bleibt?
Ist Jesus noch zu retten?
Natürlich steht hinter meiner Frage nicht nur ein supervisorisches, son-
dern auch ein persönliches Interesse. Ich kann und will nicht verbergen,
dass mich die Figur des ‚Jesus aus Nazareth’ und der systemisch-konstruk-
tivistische Ansatz – je auf ihre Weise – faszinieren und beide zusammen in
mir gewissermaßen eine ‚Veränderung zweiter Ordnung’, ein ‚Aha-Erleb-
nis’ auslösen. Auf einmal könnte, so meine Ahnung, ‚systemisch’ einen
Sinn ergeben, was für mich ‚Grund und Ursache’ von Faszination, für an-
dere aber ‚Anstoß und Ärgernis’ ist, ein Paradox oder einfach nur wider-
sprüchlicher Blödsinn. An anderer Stelle habe ich bereits ausgeführt, dass
Jesus für mich seit Kindertagen die ‚Lichtgestalt’ war, die in mein ansons-
ten eher finsteres Gotteskonstrukt einen tröstlichen Schein warf. Daher
rührt sicherlich mein starkes persönliches Interesse, Jesus als ‚integre Per-
sönlichkeit’ ‚zu retten’, ihn nicht ‚zerfallen’ sehen zu müssen zwischen An-
tagonismen, wie sie etwa Helm Stierlin beschreibt, oder ihn gänzlich ‚abzu-
schreiben’, wie es die Sicht Jay Haleys zur Folge hätte. Dass es eine Fülle
von Jesus-Worten gibt, die auf den ersten Blick paradox klingen, ist kein
Geheimnis (Selig sind die Friedfertigen – Ich bin nicht gekommen, Frie-
den zu bringen, sondern das Schwert / Wer zu seinem Bruder ‚du Nichts-
nutz’ oder ‚du Narr’ sagt, der ist des höllischen Feuers schuldig.’ – Liebe
deinen Nächsten, wie dich selbst; aber: Wer nicht Vater und Mutter hasst!
etc.). Doch auch für den ‚mystischen’ Jesus-Interpreten Klaus Berger ist
das kein Nachteil. Wie für Ruster und Sandler liegt auch für Berger gerade
in der Fremdheit die Kraft der Verstörung, die Chance, sich in seinen Teu-
felskreisläufen irritieren zu lassen. „Es ist Jesus“, schreibt Berger, „der irri-
tierend unschematisch handelt, der irritierende Gleichnisse erzählt – radi-
kale, provokante, politisch inkorrekte Gleichnisse, in denen es ungerecht
zugeht oder zuzugehen scheint.“80 In diesem Zusammenhang weise ich
auch auf einige Veröffentlichungen hin, die sich mit der ‚humorvollen Pro-
78 John D. Crossan: Jesus, aaO., S. 252.
79 H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 150.
80 Klaus Berger, aaO., S. 349.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 317
vokationstechnik’ Jesu beschäftigen.81 Louis Kretz macht darauf aufmerk-
sam, wie absurd und grotesk viele Aussagen und Metaphern Jesu sind, die
‚uns’ durch die kirchlich-liturgische ‚Sprach-Trance’ gar nicht mehr auffal-
len. Ob der ‚Balken im Auge’ (Mt 7,3), die Führungskräfte, die ‚Mücken
aussieben, aber Kamele verschlucken’ (Mt 23,23f), ‚schreiende Steine’ (Lk
19,40), ‚Perlen fressende Säue’ (Mt 7,6), ‚Kamele, die durch Nadelöhre ge-
hen’ (Mt 10,20ff) – von Jesus ist hinsichtlich der Absurdität von Verglei-
chen und der Provokation durch Übertreibung noch einiges zu lernen.82
Außerdem erinnere ich – noch einmal – an die neue Sicht der Gleichnisse,
die Luise Schottroff vorgelegt hat.83 „So wurde das Nächstliegende, die
Konstruktionen gesellschaftlicher Wirklichkeit in den Gleichniserzählun-
gen, übersehen“,84 klagt sie. Die sozialgeschichtliche Sicht, die Schottroff
praktiziert, hat ‚durchschlagende’ Wirkung: Zusammen mit der ‚ekklesiolo-
gischen’ Auslegungstradition zieht sie einem den (allzu) sicher geglaubten
Boden des eigenen Jesusbildes unter den Füßen weg; alles gerät in Bewe-
gung, sortiert sich neu, ein stochastischer Prozess in der Exegese des 21.
Jahrhunderts!85
Jesus als ‚agent provocateur’?86
Bereits vor einigen Jahren hatte ich mit dem Begriff des ‚agent provoca-
teur’ versucht, auf den Punkt zu bringen, wer/was Jesus heute für mich
ist.87 Damals hatte ich weder von Konstruktivismus noch von Systemthe-
orie eine klare Vorstellung. Umso überraschter war ich, als ich während
meiner Supervisionsausbildung bei Heinz J. Kersting auf eben diese For-
mulierung stieß, dass für ihn der systemische Supervisor „Provokateur aus
Liebe“88 ist, dessen Kardinaltugenden in der paulinischen Trias aus 1. Kor
13, 13 bestehen: „Es sind die alten drei Tugenden: Glaube, Hoffnung und
Liebe“, schreibt er, „die die Bedingungen für die Intervention ausma-
chen.“89
81 Louis Kretz: Witz, Humor und Ironie bei Jesus. Olten 1981; Ulrich Mauch. Der lis-
tige Jesus. Zürich 1992.
82 S. L. Kretz, aaO., S. 19 – 44.
83 L. Schottroff: Die Gleichnisse Jesu, aaO.
84 Ebd., S. 134.
85 Ähnlich die Jesus-Darstellung von John D. Crossan, die im Schnittpunkt von kul-
turübergreifender Anthropologie, griechisch-römischer und jüdischer Geschichte
sowie Literar- und Textkritik ebenfalls das ‚gewohnte’ Jesus-Bild erschüttert. AaO.
86 Klaus Berger nennt Johannes den Täufer „agent provocateur Gottes“. Seine asketi-
sche und herrschaftskritische Lebensweise entspricht in besonderer Weise den har-
ten Kanten Jesu.“ Ebd., S. 88.
87 In meiner Einführungspredigt als Dozent des Pädagogischen Instituts der Ev. Kir-
che von Westfalen in Auseinandersetzung mit Jesu Gleichnis ‚Von den anvertrauten
Zentnern/Talenten’ (Mt 25, 14 – 30).
88 Heinz J. Kersting: Intervention, aaO., S. 114 und ders.: Zirkelzeichen, aaO., S. 118.
89 Heinz J. Kersting: Intervention, aaO., S. 114.
318 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
Supervision in ‚Glaube, Hoffung. Liebe’90
„Der Interventionist glaubt daran, daß das intervenierte System selbst
seinen Interventionisten beauftragt, ihn gleichsam selbst erschafft und
seine positive Veränderung selber leisten kann.“91
„Der Interventionist hofft, daß das intervenierte System in der Lage sei,
die für es brauchbare Veränderung selbst vorzunehmen. Er provoziert
störend das intervenierte System.“92
„Der Interventionist liebt das zu intervenierende System und arbeitet
mit ihm zusammen. Er ist ein Provokateur aus Liebe, der zwar das Bes-
te für seine Klienten will, der aber nicht wissen kann, was ‚objektiv’
das Beste für seine Klienten ist.“93
Fazit und Vorsatz
Jesus ist weder der erste systemische Therapeut noch lösungs- und res-
sourcenorientierter Supervisor. Er muss aber auch nicht als machtbesesse-
ner Politiker oder schizophrener Choleriker gedeutet werden. Die vorge-
stellten theologischen Ansätze sind anregend und ermutigend, belegen
aber zugleich, wie viel auf diesem Gebiet an Detailarbeit noch zu leisten
ist. Dass in der Jesustradition ein für die Supervision mit Religionsleh-
rern/innen noch weitgehend ungehobener Schatz an Innovations-, Provo-
kations- und Hoffnungsgeschichten steckt, belegen auch eindrucksvoll die
Buchtitel der Autoren, die die provokante Seite im Leben und Verhalten
Jesu zum Ausdruck bringen.94 „Jesus ist ärgerlich, ist hart, evoziert ständi-
ge Krisis und Veränderung“, um noch einmal Klaus Berger zu zitieren.
„Jesus ist eine Zumutung – und bevor das Kreuz den andern gezeigt wird,
hat es die Kirche anzuschauen.“95
Ich nehme mir für meine weitere supervisorische Arbeit mit Religionsleh-
rer/innen vor, meine theologische Kompetenz verstärkt ‚im Sinne Jesu’
perturbierend zu nutzen.96 „Willst du gesund werden?“97 – fragt Jesus den
90 S. a. Frank Michael Orthey: ‚Abwege zur Supervision’, der die paulinische Trias in
Anlehnung an Kersting ebenfalls aufgreift In: supervision 3/2001, S. 35f.
91 H. J. Kersting: Intervention, aaO., ebd., S. 114
92 Ebd., S. 114.
93 Ebd., S. 114.
94 Klaus Bannach: Christus der Narr. Stuttgart 5/1979; Harvey Cox: Das Fest der
Narren. Stuttgart 3/1971; John D. Crossan: Jesus. Ein revolutionäres Leben. Mün-
chen 1996; Heiner Geißler: Was würde Jesus heute sagen? Berlin 3/2003; Volker
Hochgrebe (Hg.): Provokation Bergpredigt. Stuttgart 1982; Adolf Holl: Jesus in
schlechter Gesellschaft. Stuttgart 1971; Susanne Krahe: Auf Maulbeerbäumen sitzt
es sich nicht sehr bequem. Biblische Anstößigkeiten. Düsseldorf 1996; Alfred Läpp-
le (Hg.): Der andere Jesus. Augsburg 1997; Herbert Ulonska: Streiten mit Jesus.
Göttingen 1995.
95 K. Berger, aaO., S. 91.
96 Im Blick auf die Theologie als Wissenschaft, da stimme ich Peter Held zu, heißt das,
dass sie sich fragen lassen muss, „ob sie die Geschichte von der frohen Botschaft
auch als Deutungsgeschichte sehen kann oder ob sie sie als geschlossenes System
tradieren möchte“; aaO., S. 106.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 319
Mann am Teich Betesda (Joh 5, 1- 18).98 „Verkaufe, was du hast und gib’s
den Armen“,99 rät er dem reichen Jüngling (Mt 19, 21b). „Wer unter euch
ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“,100 provoziert er die
Männer, die die Ehebrecherin steinigen wollen (Joh 8, 7b). Nachhaltig
wirksam auch die ‚paradoxe Intervention’ bzw. ‚paradoxe Verschrei-
bung’101 an den geheilten Taubstummen (Mk 7, 36: „Und er gebot ihnen
sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s aber verbot, desto mehr breite-
ten sie es aus.“)102 Und vielleicht darf auch die Gleichnistheorie nach Mk
4, 10 – 12 in diesem Kontext neu verstanden werden: „denen aber drau-
ßen widerfährt es alles in Gleichnissen, damit sie es mit sehenden Augen
sehen und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören und doch
nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben
werden.“103 Stets geht es darum, religiöse Systemschleifen zugunsten einer
neuen Freiheit und Selbstverantwortung zu durchbrechen. Danach lässt
Jesus die Menschen ziehen. – Gewiss, ich bin nicht Jesus, will es auch
nicht sein. Aber durch Kommunikation zu intervenieren,104 „jene Irritati-
on zu erzeugen, die das intervenierte System von sich aus dazu bringt, sich
von seinen bisherigen unbrauchbaren Selbstdeutungen zu distanzieren“105
und dann die Supervisanden/innen ‚ihre Straße fröhlich ziehen zu lassen’,
wohin immer sie auch gehen wollen, ist ein ‚Beratungskonzept’, das Jesus
und Supervisoren/innen verbinden könnte. ‚Provokateur aus Liebe’ er-
scheint mir als Leitmetapher für die Supervision mit Religionslehrern/in-
97 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
98 Martin Ferel verweist darauf, dass die Exegeten einschl. R. Bultmann mit dieser Fra-
ge Jesu nichts anfangen konnten. Systemische Sicht enthüllt, dass die Frage alles an-
dere als rhetorisch ist, sondern vielmehr die Eigenverantwortung bei der Durchbre-
chung der Problemtrance ernst nimmt. In: ‚Willst du gesund werden?’ – Das syste-
mische Verständnis von Krankheit und Heilung als Orientierung für die Seelsorge.
WzM 48/1996, S. 373. H. Schroeter-Wittke macht mich im Gespräch darauf auf-
merksam, dass der Kranke nicht mit ‚Ja’ antwortet. Dennoch wird er geheilt. Die
systemische Sicht ist sicherlich nicht die exegetische Lösung, aber doch eine weitere Fa-
cette zum Verstehen dieses Textes.
99 Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
100Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984.
101Dabei handelt es sich um eine systemische Interventionstechnik, die bewusst kon-
tradiktorische Handlungsanweisungen gibt. Dadurch „entsteht eine logisch nicht
lösbare Situation, die sich nur kreativ durch eine Veränderung der jeweiligen inne-
ren Landkarte […] bzw. einen Wandel zweiter Ordnung bewältigen läßt.“ F. B. Si-
mon / U. Clement / H. Stierlin, aaO., S. 158. S. a. H. Willke: Systemtheorie II,
aaO., S. 125 – 134. S. a. Kapitel X.2.
102Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984. M. Welker betont, dass „kein Grund [be-
steht], das Schweigegebot als auf gegenläufige Effekte abstellende Propagandataktik
aufzufassen.“ In: Gottes Geist, aaO., S. 195.
103Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984. Damit würde die gängige Auslegung ziem-
lich ‚gegen den Strich gebürstet’. S. L. Schottroff: Gleichnisse Jesu, aaO., S. 89 – 105.
104H. J. Kersting: Intervention, aaO., S. 109: „Interventionisten kommunizieren, wenn sie
intervenieren.“
105Ebd., S. 112.
320 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
nen durchaus angemessen und zukunftsfähig. Auch die Supervisanden/in-
nen gehen ihren Weg, entscheiden sich für eine Richtung, „vielleicht eine
neue, vielleicht eine alte mit neuer Aussicht, mit brauchbarer Bedeutung,
vielleicht geht sie [die Supervisandin / der Supervisand] in die alte Rich-
tung weiter, wobei sie jetzt genau das Wegegeld oder den Fährpreis kennt
und bereit ist, ihn zu zahlen. Hauptsache, die SupervisandIn hat gelernt,
dass viele Wege nach Rom führen, und dass es unterwegs auch einmal
Umwege, Abwege oder Holzwege geben kann und darf. Jede Entschei-
dung kann nur eine vorläufige sein. Die letzte Entscheidung treffen wir
ohnehin nicht.“106
3 Der Blick zurück -
auf den Supervisionsprozess
Zum Ende des Prozesses hin ist darauf zu achten, dass sich Spannungs-
und Tiefungsbogen wieder verflachen.
Hypothese: Neben seinem familiär geprägten Gotteskonstrukt hat sich
der Supervisand Theologie und Religionswissenschaft als ‚intellektuelle
Spielwiesen’ ‚er-schaffen’.
Hypothese: Weder das familiäre Gotteskonstrukt noch die intellektuelle
‚Spielwiese’ sind geeignete Grundlagen, um im Berufsfeld ‚Pfarrer’ beste-
hen zu können.
Hypothese: Auch der ‚Fluchtort Berufsschule/Religionslehrer’ erweist sich
nur sehr begrenzt als ‚Er-lösung’ aus seinen Schwierigkeiten. Die religi-
ösen Systeme des Supervisanden und die beruflichen Erfordernisse ei-
ner Berufschule sind nur begrenzt kompatibel.
Der Vorschlag des Supervisors in Analogie zu Jesus gemeinsam mit
den Schülern/innen ‚neue Spiele’ zu entwickeln, stößt zunächst auf Ab-
lehnung. Er lässt sich vom Supervisor nicht unter Druck setzten und
beweist damit Selbstständigkeit.
Der Supervisand will sich die ‚Entspannungs-Ressource’ des ‚Theolo-
gie-Spiels’ nicht zunichte machen lassen. Er sucht sich Freiräume, um
auch in Zukunft seiner ‚Spiel-Freude’ frönen zu können.
106H. J. Kersting: Zirkelzeichen, aaO., S. 151. Ich weise noch einmal auf die eindrucks-
vollen Beispiele von Chr. Morgentaler und G. Schibler, aaO., S. 209ff, hin. Anre-
gend auch für die supervisorische Arbeit das ‚systemische Bibliodrama’ von Sieg-
fried Essen: Systemische Weltsicht und Bibliodrama. Bibliodrama Kontexte Bd. 3.
Schenefeld 2/2005.
XI. Kapitel: Jesus als Systemiker? 321
auf die Untersuchung
Die systemischen Familientherapeuten Jay Haley und Helm Stierlin setzen
sich explizit mit den Wirkungen der Jesustradition bis in die Gegenwart
auseinander.
Für Jay Haley ist Jesus das ‚Urbild’ aller Machtpolitiker, der Menschen für
seine Interessen instrumentalisiert. Nach meiner Einschätzung ist Ha-
ley damit in die ‚Systemfalle’ gegangen. Seine ‚Hermeneutik der Ver-
nichtung’ lässt keinen Raum für (de)konstruktivistische Neuinszenie-
rungen.
Helm Stierlin entwirft ein dualistisches Bild von Jesus, das bis heute Ver-
wirrung stiftet. Er plädiert demgegenüber für eine ‚religion light’, die
‚Wellness’ garantiert.
Haley und Stierlin folgen dem ‚Katastrophen-Motto’ ‚mehr desselben’ und
koppeln sich von dem Ressourcenpotenzial der Jesusüberlieferung ab.
Es gibt vielfältige theologische Ansätze, systemisch-konstruktivistische
Wirklichkeitsverständnisse auch für das Verstehen der jüdisch-christlichen Über-
lieferung fruchtbar zu machen.
Besonders die Jesusüberlieferung rückt dabei in den Mittelpunkt des
Interesses. Die systemisch-konstruktivistischen Denkfiguren der Emer-
genz, der Perturbation und die Chaostheorie erweisen sich als hilfreich, das
ver-wirrende Reden und Handeln Jesu neu zu hören.
Heinz J. Kersting nennt als supervisorische Kardinaltugenden: Glaube, Hoff-
nung, Liebe (1. Kor 13, 13).
Jesus als ‚agent provocateur aus Liebe’ kann so zum ‚Leitbild’ auch der su-
pervisorischen Arbeit mit Religionslehrer/innen werden.
322 XI. Kapitel: Jesus als Systemiker?
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 323
XII. Kapitel
‚Vater der Geringsten’
Brauchen Religionslehrer/innen ein besonderes Su-
pervisionsangebot?
1 ‚Vater der Geringsten’ – vierzehnte und fünfzehnte Sitzung –
Ausblick
Der kontraktierte Prozess wurde in der vierzehnten und fünfzehnten Sit-
zung evaluiert. Der gesamte Supervisionsprozess erstreckte sich über 15
Monate. In der sechzehnten Sitzung wurde zugleich einer neuer Kontrakt
vereinbart. Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins des Supervisan-
den – auch im Gegenüber zum Supervisor – ist, dass der Supervisand mit
sehr klaren Vorstellungen in die Kontraktarbeit dieses Anschlussprozesses
hineinging. Er betonte noch einmal, dass er besonders die ‚tiefenden’
Arbeitsformen wie die beiden geleiteten Imaginationen und auch die Ge-
nogrammarbeit gerade im Blick auf seine persönliche Weiterentwicklung
als sehr innovativ erlebt habe. Die Bilder würden noch weiter in ihm ar-
beiten, aber in dem nun neu zu kontraktierenden Supervisionsprozess solle
stärker fallbezogen gearbeitet werden, weil er, wie er formuliert, „hier in-
stinktiv Gewinnbringendes für meine Rolle vermutet“. Im Folgenden do-
kumentiere ich Teile aus dieser ersten Sitzung des Anschlussprozesses aus
zwei Gründen:
Zum einen belegt das Transkript, wie sich das Rollenverständnis des Su-
pervisanden in dem zurückliegenden Supervisionsprozess gewandelt und
differenziert hat:
Vom Feind der Schüler/innen zum ‚Ersatzvater’
Am Anfang beschrieb sich der Supervisand selbst als ‚bestialisch’ in seiner
Lehrerrolle im Gegenüber zu den Schülern/innen. Er sah sich als Feind
der Schüler/innen, empfand sich zugleich aber auch als Opfer dieser 16 –
17jährigen ‚unterwickelten Bestien’ – ein im wahrsten Sinne des Wortes
‚circulus vitiosus’, ein Kreislauf gegenseitiger Beschädigung und Verlet-
zung. Nun erscheint der Supervisand – zumindest partiell – als ‚Vater der
Kleinsten und Geringsten’ (in Anspielung auf Mt 25, 401: ‚Was ihr getan
1 A. Ganoczy sieht sich durch den Schmetterlingseffekt der Chaostheorie an die
Kleinsten und Geringsten nach Mt 25, 40 erinnert. Der Flügelschlag eines Schmet-
terlings kann einen Orkan auslösen. AaO., S. 45.
324 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir ge-
tan’), als christlicher Hausvater, als ‚Ersatzvater’ von Jugendlichen, die auf
Lehrerkonferenzen nicht selten als ‚unbrauchbares Schülermaterial’ be-
zeichnet werden.2 Laut einem Publik-Forum-Bericht vom November 2005
spricht der nordrheinwestfälische DGB-Landeschef Walter Haas mit Blick
auf die Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz, die in sog. ‚JoA’-Klassen3 in
den Berufsschulen ‚versorgt’ werden, von „‚eine[r] immer größer wer-
dende[n] Problemgruppe, deren Chancen am Arbeitsmarkt, selbst bei an-
ziehender Konjunktur, gegen null gehen’. Diese Entwicklungen bergen für
die Gewerkschaften ‚enormen gesellschaftlichen Sprengstoff.’“4 Schü-
ler/innen und Lehrer/innen dieser oft ‚gut gemeinten’, aber meist wenig
effektiven schulischen ‚Maßnahmen’ sind gemeinsam Leidtragende einer
durchkommerzialisierten Gesellschaft, die für fast die Hälfte ihrer Bevöl-
kerung keinen Platz mehr zu haben scheint, zumindest keine bezahlte Tä-
tigkeit mehr zur Verfügung stellt (stellen kann / stellen will?).
Das Modell der Kollegialen Beratung und Supervision (KoBeSu) in Oldenburg wurde
von Jörg Schlee ursprünglich für Lehrer/innen entwickelt, die in BVJ-Klassen (Berufs-
vorbereitungsjahr) unterrichteten. Die Schüler/innen in diesen Klassen, so Schlee, hat-
ten „auf dem Arbeitsmarkt äußerst geringe Chancen […]. Sie sahen für ihr berufliches
Leben kaum eine Perspektive. Die meisten von ihnen waren von einer Null-Bock-
Stimmung erfüllt und empfanden die Unterrichtsbemühungen ihrer Lehrerinnen und
Lehrer als unerfreuliche Belästigung. In vielen Fällen entzogen sie sich daher der schu-
lischen Arbeit durch Fernbleiben. Diese Fluktuation schaffte dann wieder neue Proble-
me. Die Unterrichtsbemühungen glichen in den meisten Fällen dem Versuch, ein Fass
ohne Boden füllen zu wollen. Es kam dann noch die Tatsache hinzu, dass die Lehre-
rinnen und Lehrer in ihrer Ausbildung für derartige Situationen weder theoretisch
noch praktisch vorbereitet worden waren.“5 Dass sich die Zukunftsaussichten von
„jungen Erwachsenen mit geringem Schulerfolg“6 eher verschlechtern als verbessern –
und damit zugleich die Herausforderungen der Lehrkräfte wachsen –, belegen Untersu-
chungen der Bundesagentur für Arbeit und des Reutlinger Sonderpädagogen Gotthilf
G. Hiller.7
2 S. a. Th. Klie: Religionsunterricht in der Berufsschule, aaO., S. 40.
3 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.
4 Johannes Nitschmann: Lügen, Minister und Warteschleifen. In: Publik-Forum
22/2005, S. 13.
5 J. Schlee, aaO., S. 25.
6 Werner Baur / Michael Storz: Selbstmanagement lernen – Qualifizierung für den
Arbeits-Markt. In: Bernd Abesser / Ulrich Kawalle / Fritz Stöcker (Hg.): Vorberei-
tung auf das Leben. Dokumentation eines Symposions zum künftigen Auftrag der
Beruflichen Bildung am 01. März 2001 in Hannover. Rehburg-Loccum 2001, S. 32.
7 „[…] laut der jüngsten Statistik der Bundesagentur für Arbeit [gelten] 94 Prozent aller
Ausbildungsplatzbewerber in Nordrhein-Westfalen als ‚versorgt’. Tatsächlich haben
aber nur 46 Prozent einen echten Ausbildungsplatz erhalten, wie die Chefin der Re-
gionaldirektion NRW, Christiane Schönefeld, einräumen muss“, berichtet S. Johan-
nes Nitschmann, aaO., S. 12. „Bundesweit sieht es nicht viel besser aus. Lediglich
49,7 Prozent der 537 805 Lehrstellensuchenden hatten Ende September diesen Jah-
res einen Ausbildungsvertrag in der Tasche. […] Damit die Jugendlichen nicht auf
der Straße herumlungern, werden sie in berufsorientierende Maßnahmen gesteckt.“
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 325
Der Prozessausschnitt belegt, wie sich der Supervisand – am Ende des ers-
ten und zu Beginn des Folgeprozesses – in seiner beruflichen Rolle nun
sehr viel differenzierter wahrnehmen und sich seinen Schülern/innen ge-
genüber deutlich wohlwollender zeigen kann als zu Beginn des ersten Pro-
zesses.
Zum anderen zeigt das Transkript, dass Religion auch unter veränderten
Rahmenbedingungen in einem anderen Supervisionssetting ein beherr-
schendes Thema bleibt. Religionslehrer/innen sind religiös und Religion
ist ein konstitutiver Teil ihrer beruflichen Existenz. Deshalb, so meine
Vermutung, wird Religion auch in stärker fallbezogener Supervisionsarbeit
einen nicht unerheblichen Umfang im Supervisionsprozess einnehmen.
1.1 Transkript – sechzehnte Sitzung (erste Sitzung des neuen,
nachkontraktierten Prozesses)
SdWasichheutebesprechenmöchte:InderKlassekommtesverstärktzu
Zwischenfragen.
IchhattemiteinemArbeitsblattzudemThema‚Talkshows’begonnen.
DassprachdieSchüler/innenan.EskamengleichErlebnisberichte.Das
waralsEinstiegganzgut.NurvonAnfanganwurdedasdurchlöchert
vonzwei/dreien,dieeinganzanderesThemadazwischenbringen,
dessenZusammenhangmirnichtklarist.Hierwardasz.B.:‚BetenSie
abends?,HerrP.,michinteressiertbetenSiesonntags?’
Ichweißdamitnichtumzugehen!Sollichdaraufeingehen?Ichbin
danndaraufeingegangen.
‚BetenSieauchzumMittagessen?Beiunsbetetmannureinmalim
Jahr’,kamdannalsKommentar.Allesohnesichzumelden,einfachso
rein.EineandereGruppeistirritiert:Ebenhaterdochnochgefragt,
wiehäufigwirTalkshowssehen.EswareinanderesThemavonNull
aufHundert,ohnedassdasandereThemaabgelehntwordenwäre.
DieselbenLeutehattensichzuvorzudemTalkshowThemageäußert.
EinehalbeMinutezuvornochimThemadrin
WiebindeichsoeineFrageein,ohnedenBezugzumThemazuverlie
ren?InanderenKlassenistdasmanchmalso,dasssienichtmaldie
ganzeAntworthörenunddannschonwiederineinerganzanderen
Sachesind.‚WieistdasdennmitdenMönchenhabendieauchgar
keineSelbstbefriedigung,wenndiekeinenSexmitFrauenhabendür
fen?’BevorichdieFrageanandereweitergebenkann,kommtschon
dieFrage‚WarumgibteseigentlichdenPapst?’
Unddamerkeich,ichweißnicht,wieichdamitumgehenkann.[…]
Ebd., S. 13; s. a. Gotthilf G. Hiller: Beschäftigungs-, Bildungs- und Lebensperspek-
tiven für benachteiligte junge Menschen schaffen. In: Zeitschrift Aktion Jugend-
schutz 35/1998, S. 11 – 17.
326 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
SvIchhabeeineetwasprovokanteIdee:
SdNurzu.
SvGlaubenSievonsich,dassSiederganzgroßeMagieroderZauberer
sind?
SdIch?Obich’sbinodergerneseinmöchte?
SvKönnenSiebeidesbeantworten?
SdIchbinesnicht.
SvMöchtenSieesgernesein?
SdManchmal‚ja’!
SvDasglaubeichauch.DerHintergrundmeinerFrageistichhabever
sucht,nocheinmalsackenzulassen,wasSieüberdieRahmenbedin
gungengesagthaben.
DieSchüler,derenkompliziertenLebenszusammenhänge,permanent
läuftdieGlotze,dannIhreschwierigenUnterrichtsbedingungen,die
Schülerkommen10’biseineviertelStundezuspät,faktischhabenSie
einehalbeStundezurVerfügungunddaseinmalinderWoche.DieEl
ternIhrerSchülersagen:‚Diekannmannichtmehrerziehen!’;die
Fachlehrer,diedieSchülerimmerhineinelängereZeitinderWoche
erleben,sagen:‚ganzbescheidenesSchülermaterial’ichbenutzeein
maldiesesunangenehmeBild.[…]
UndSie,‚unser’Berufsschulpfarrer,hatdieeinehalbeStundeinder
Woche,undderschafftdas,dermachtausdiesenhibbeligenkleinen
Monsternkonzentrierte,aufeinandereingehende,sensible,aktivzuhö
rendeMenscheneristeinMagier!
SdJa,einMagier.Aber,sollichallessobleibenlassen,wieesist,sagen:
Diesindnunmalso?
SvDashabeichnichtgesagt.
SdUnddieandereFrage,diemiraufdenLippenlag,war:WoistdieReli
gionspädagogikdesZappens?IchhabenochkeineneinzigenUnter
richtsentwurfgelesen,dersagt:LassenSienach10MinutenIhrThema
fallen,wenneinneueskommt.WieichReligionspädagogikgelehrtbe
kommenhabe,wieichesinallenSachenlese,musseineStundeschön
rundsein,dieFragederOperationalisierbarkeitwirdnichtmehrganz
soenggesehen;aberichkennekeineTheorie,egal,waskommt,wir
machendaseinfachsodurch.Sicherlichgibtessoetwaswieeine‚hid
denagenda’,aberichbleibedabei,dasseineReligionsunterrichtsstun
deeinThemahabenmuss,dasaufeinanderaufbauenmuss.Dakann
etwaseingebautwerden,darfabernichtvonvornebishintenvom
Zappenbestimmtsein.
SvIchhabeversucht,mirdasLebensumfeldIhrerSchülerundIhren
Schulalltagvorzustellen.AlsSupervisorinteressiertmichdaserstein
malgarnicht,wasirgendwelcheLeutegeschriebenhaben,Papierist
geduldig,welcherReligionspädagogeistschonineinerBerufsschule
g
ewesen–,habenSieinderFachliteraturschoneinmaletwas
g
efunden
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 327
überReligionsunterrichtin30MinutenineinerBFOKlasse8?
SdNeinalsSupervisorgehtesIhnenummichundmeineBerufssitua
tionundwieichdaagiere,alsodiese‚hiddenagenda’istmirschon
wichtig,irgendwokommeichjaherundinmeinemreligionspädagogi
schenDenkenkommtdasbishernichtvor,allefünfMinutenzuwech
seln.
SvDeshalbsolltenwirdajaauchgenauhingucken.
SdWelchenSinnmachtdas,dasThemasohäufigzuwechseln?
SvInunseremKontraktstehtja,realistischauszulotenindemSpannungs
feldvonPerson,RolleundInstitution,auszuloten,wasrealistisch
machbarist.WennSiesichundanderedauerndüberfordern,führtdas
auflängereSichtzuEnttäuschungen,letztlichauchzuBurnout,wenn
SieständigDingeversuchen,dieüberhauptnichtmachbarsind.Des
halbmeinRückspiegel:WassinddasfürSchüler/innen,wiekommen
diedahin,washabendievorhergemacht.SiehabeneinehalbeStunde.
WashabendieSchülerfürVorstellungen,wasindieserhalbenStunde
geschehensoll?‚IchmöchteSpaßhabenunddastun,wasSpaßmacht,
undjetztbieteterauchnocheinThemaan,dasmirSpaßmacht,Talk
Shows,jadannmacheichdasdoch.’
SdDaskannichnachvollziehen,dassdieaufeinerinnerenEbenedas
Themaaufgegriffenhaben.
Sv Unterschwelligmachendiedas,wasSieihnenangebotenhaben.
SdUndwasmacheichmitdenen,dieaußenvorsind.Auchwennichmich
jetztaufeinenzappendenUnterrichteinlasse,bleibtjadieseFrage.
SvVerstehenSiemichbittenichtfalsch,wasSiezur‚hiddenagenda’ge
sagthabenundauchzudenreligionspädagogischenEntwürfen,will
ichnichtwegschieben,dasistsicherlichauchnochzureflektieren,mir
istnurwichtig,dasswirdieunterschiedlichenFragenetwassortieren,
damitwirunsnichtverzetteln.Wirkönnenspätergernedaraufzu
rückkommen.
SdDashängtmitdemMagierzusammen.IchhabeinmireinModellentwi
ckelt,dasdenMagiererfordert.UndderrealistischeBlickistaufjeden
Fallsinnvollunderforderlich.EsbleibttrotzdemdieFrage,wasmache
ichmitdenen,dieaußenvorbleiben,diemundtotgemachtwerden.
SvMeinenSie,dassesbeieinerTalkShowwichtigist,dassalleLeutemit
reden?
SdNein
JeEsdarfauchZuhörergeben?
SdJa.aberichhabedasGefühl,dassesimmerdieselbensind,diezu
kurzkommen.EinigemalendieganzeZeitaufihrenBänkenherum.
SvIst‚Malen’einS
y
m
p
tomfürUnwohlsein?GibtesnochandereS
y
m
p
8 BFO – Berufsfachklasse-Oberstufe; Schüler erhalten hier ‚berufliche Kenntnisse’
und können – bei entsprechendem Notendurchschnitt – die Fachoberschulreife er-
zielen. Zu den unterschiedlichen Schulformen unter dem Dach der Berufsbildenden
Schule s. a. Th. Klie: Religionsunterricht in der Berufsschule, aaO., S. 25.
328 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
tome?
SdDieAugenverdrehen,wennvondenanderenwiedereineFrage
kommt‚WiedersoeineblödeFrage!’Eherselten,dassverbaldage
gengehaltenwird.AberesgibtauchNebenunterhaltungen‐
SvIchhöreheraus,dassesunterschiedlicheThemengibt:
DaseineThemainderKlassesindunterschiedlicheCharakteredie
Zapper/Spontanen/LebhaftSprunghaften/Temperamentvollen;da
vonlebtjaauchUnterrichtundaufderanderenSeitedieRuhigen,
dieAnleitung,den‚rotenFaden’brauchen.Esscheintmireinepädago
gischeFragezusein,wieesdazueinemAusgleichkommenkann.Das
andereistdiegrundsätzlicheProblematik,IhreFragenachder‚hidden
agenda’,nachdenreligionspädagogischenEntwürfen,nachIhrerRolle
indiesemUnterrichtsgeschehen.Letztlichscheintmirdawiederdie
Grundfrage,dieunsschonmehrfachbeschäftigthat,mitzuschwingen:
WarumsindSiedaeigentlichinderSchule,mitwelchemAnspruch,
welcherIntention,alswelcherMensch,mitwelcherPersönlichkeit?
Ichhabeherausgehört,dassSiebewusstReligionslehrerseinwollen,
währendichzuBeginnstarkherausgehörthabe,dassSieauchSeelsor
gerundTheologesind.DassindjaganzunterschiedlicheRollenund
Berufe,dieSiebereitsmitbringenundmirdrängtsichdieFrageauf,ob
nichtunterschiedlicheKlassen,Rahmenbedingungen,Settingsauch
ganzunterschiedlicheErfordernisseundErwartungenanSiestellen.
DieberuflicheAkzeptanzistnichtannäherndso,wiedieKompetenz,
dieSiefaktischmitbringenmüssen,umdortbestehenzukönnen.Viel
leichtistesjaso,dasseineAHRKlasse9,eineFSPKlasse10andereAn
forderungenanIhrBerufsbildstelltalsdieVK11oderBFO,dieSiejetzt
vorgestellthaben;sodassesnichteineklareBerufsrollegibt,sondern
einsehrschillerndesBild.DieFrageist,wieSiedasmitihremeigenen
innerenBildzusammenbekommen,obSiesichdaraufeinlassenkön
nen,wollen?
SdDasleitetwiederzuetwasTechnokratischemüber,dasklingtbeimir
an:VerschiedeneKlassenbrauchenVerschiedenes,dieeineneher
einenLehrer,dieanderenvielleichtehereinenSeelsorger.
SvOdervielleichtnochetwasanderes?
SdWenndaseinRufnachAufmerksamkeitist,hatdasschonetwasSeel
sorgliches,abermeineseelsorglicheAusbildungistebeneineganzan
dere,fürdasEinzelgespräch,abernichtfüreinGegenübervon15und
mehr.Dabinichnichtausgebildetzu.DassdasseelsorglicheQualitä
tenhat,seheichschonaberderMagierlässtmichnichtlos.Michär
gert,dassdasimmerdieGleichensind,diebefriedigtherausgehen.
WaskannichdenanderenGutestun?
9 Eine Klasse, die zur Allgemeinen Hochschulreife, dem Abitur, führt.
10 FSP – Fachschule für Sozialpädagogik, die Erzieher/innen ausbildet.
11 VK – Vorklasse zum Berufsgrundschuljahr, ein ‚Sammelbecken’ für Schüler/innen
ohne Hauptschulabschluss und ohne Ausbildungsplatz.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 329
SvDasfindeicheineganzwichtigeFrage!InwelcherRollesindSiedenn
da,wennSiedieseFragestellen?
SdHm‐daskriegeichnochnichtsoganzklar,daspasstnichtindieLeh
rerrolle,einbisschenindieSeelsorgerrolle,Zuwendung,dashatet
wasTherapeutisches,einstarkesGefällevonoben.
SvWerhatIhnendennetwasGutesgetan?
SdFreunde,Partnerin,Ehefrau,einMitbewohner,derMasseuristund
michmassierthat,habenmiretwasGutesgetan,dahervielleichtauch
dasTherapeutische.
SvWennSiedenAltersunterschiednochmitberücksichtigenundIhreei
geneGeschichtemitbedenken‐
SdIngewisserWeisedieEltern,meineMutter,dieoftgefragthat‚Was
möchtestduessen?’,aberdashatteauchetwasAmbivalentes,Dann
gabesnochdieGroßeltern‐
SvAuchnichtdasWunschbildeinesVaters?
SdDoch,schoneher.EinegewisseFürsorglichkeit,einbeschützender,lei
tender,fürsorgenderCharakterwirddaschonsichtbar.
SdMirkamgeradedasBilddeschristlichenHausvaters.Siekennendie
senAusdruckbestimmtauchausdemKontextvonLuthers,Kleinem
Katechismus’.DerchristlicheHausvater,derabendsdieBibelundden
kleinenKatechismusaufschlägtundderganzenFamilieinklusivedes
sog.‚Gesindels’vorliest.FürmichimmereinBildderGüte,derWär
me,derZuwendung.
SdFürmichhattederaberauchimmeretwasPädagogisches.
SvEtwasStrenges,GrenzenSetzendes?
SdFürmichwardaimmeraucheinLehrauftragmitverbunden.
SvIchstellemirvor,soeinHausvaterfragtauchseineKinder,wasfürsie
gutist,machtsichGedanken,wassiebrauchen.WasmeinenSie,was
IhreSchüler/innenbrauchen?EinVaterkenntseineKinder,derenLe
bensverhältnisse,ichweiß,dasBildstößtanGrenzen.
SdDaswäredannwiederderMagier.
SvWennSiedieseRahmenbedingungenimHinterkopfhaben,wennSie
andieLebensverhältnisseIhrerSchülerdenken,wasmeinenSie,was
würdedenenguttun,waswürdedieinihremLebenvoranbringen?
SdMeinEindruckist,wasdiebrauchtenwäre:mehrSelbstbewusstsein,
mehrSelbstwertgefühl,mehrErfolgserlebnisse,dieErfahrung‚ich
kannwas!’
SvSiegehenaufdieSchüler/innenein,umIhnenihrSelbstbewusstseinzu
lassen,sienichtvordenKopfzustoßen?
SdJa,ichmöchtenichteinfachabblocken,andererseitsdenkeich,brau
chensiePositionen,andenensiesichreibenkönnen‚BetenSie
abends?’MeinBerufistfürsieetwasWeltfremdes,darankönnensie
sichreiben.DiesePositionwillichIhnenauchgeben.
SvWirhabeneinenlangenWegzurückgelegt.DassinddochFragen,die
KinderfrüherihremVatergestellthaben.‚Beten,warum?’Fragen,die
330 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
manzuhausenichtmehrstellenkann,weilsiekeinerbeantwortet.
AberSiekönnensiebeantworten.
SdJa,aberandererseitsstelltsichdieFragenachdemgerechtenVaterund
derSchülerkonfliktistdanneinGeschwisterkonfliktundichalsVater
möchtediedannjaauchgerechtbehandeln.UndwiedasinderFami
lieschwerist,allengerechtzuwerden,istdasinderSchuleauchso.
AberderAnspruchbleibt.
SvIchbinganzbegeistertvondem,wasSiedageradeentwickelthaben,
derKonflikt,denSieeingangsgeschilderthaben,bekommtaufeinmal
einenanderenRahmen.DerVateristauchPädagoge,abereristanders
Pädagogealseiner,derstringenteinThemadurchziehenwill.Ich
stelIemirvor,indenGroßfamilienwirdesturbulentzugegangensein.
KönnteReligionspädagogikvielleichtheißen:EinOhrzuhabenfürdie
Fragen,diedieSchüler/innensonstnirgendwomehrloswerdenkön
nen?DieFragenachdemgerechtenVaterbleibtnoch,ichhabesie
nichtvergessen.
SdEinGefällebleibtimmerSympathieundAntipathiespielennatürlich
aucheineRolle.AbsoluteGerechtigkeitgibtesnicht.Aberdieanderen
bedürfendessenvielleichtnichtso.
SvGäbeeseineMöglichkeitdaszuklären?
SdInderSituationhätteichsieansprechenkönnen:InteressiertSiedas?
InderSituationwarichzuunsicher,dannkammeinFrustdazuund
ichwarvielzublockiert.
SvKönnteessein,alsHypothese,wennSiemehrRollensicherheitbekä
men,weilSiesichsagen:IndieserKlassebinichebeninderRolleals
eineArtVaterersatzunddiedürfensichauchsobenehmenwieinei
nergroßenFamilieundeinstringentestheologischesDenkenspielt
jetztnichtsoeineentscheidendeRolle.Angenommen,Siewürdendie
seRolleannehmenundakzeptieren,könntenSiesichvorstellen,dass
dannmitderZeitauchmehrSicherheitkämeundmitderSicherheit
mehrGelassenheitundmitderGelassenheitauchdieFähigkeit,diean
derenernstzunehmen?DerVatermussseinezehnKinderauchfra
gen:‚Wasistmiteuch,wasmöchtetihrjetzteigentlichundhabtihrei
neIdee,wiewirdasmiteinbauenkönnen?’
‚Zumtechnischen’Unterrichtsablauf:Dagibteskeinrichtigoder
falsch.Siemüssenausprobieren,obesfunktioniert.KönntenSiesich
vorstellen,z.B.dieStillenzufragen:WirhabenhierjetzteineTalk
show,wolltihrgernemalTalkmastersein?Jetztdürftihrmalfragen.
SdDabrauchtesdieErfahrung,umdaszudurchschauen,wasSiejetzt
ausderDistanzbesserdurchschauen.
SvSelbstwennSieesdurchschauenundguteIdeenhaben,müssenSiees
ausprobieren,weilSienichtwissen,wiedieSchüler/innenreagieren.
SiekönnendieFortsetzungauchvondenSchülern/innenuntereinan
deraushandelnlassen‐
SdZ.B.doppelteTalkmaster?‐
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 331
SvIchmöchtefürheuteeinenSchlusspunktsetzen.
SdDasmitderGerechtigkeitbeschäftigtmichnoch.DieLösunggibtes
nicht.DasmitderMagiewarschön.
SvWirhabenheutewichtigeFragennachdenFacettenderBerufsrollebe
arbeitet,abernichtalleFragensindbeantwortet.
SdAberesistschonetwaserreicht.
1.2 ‚Letzte Worte’
Der Supervisand bestimmt die Themen. Er entscheidet, ob und wohin er
sich ggf. entwickeln will, wie er sich selbst und seine berufliche(n) Rolle(n)
konstruieren möchte. Letztlich kann auch nur er selbst beurteilen, ob der
Prozess für ihn ‚erfolgreich’ war oder nicht. Deshalb halte ich es für ange-
messen, dass er hier ‚das letzte Wort behält’.
Erlebnisprotokoll
„VierPunktedieserSitzungmöchteichhervorheben:
DieFragedesSupervisors,obichMagierseiodergerneseinmöchte,emp
fandichnichtnuralsprovokativ,sondernauchalsentlarvendundentwaff
nend.IchmöchteinderTatetwaserreichen,waseherdurchZaubereials
durchmenschlicheKünstegelingenkann.Eswarletztlichgut,wiederauf
denBodenderTatsachengestelltzuwerden,v.a.angesichtsmeinesinneren
Dranges,alles150%igzumachen.InderTatisteswichtig,realistischzu
bleibenunddieLebensweltenderJugendlichenernstzunehmen.
EsbleibenjedochnochzweiFragen,dieichnichtwegdrängenmöchte:Die
ersteFrageistdienachVorbildernfürsolcheinenUnterricht.MeinHinweis
auffehlendereligionspädagogischeKonzepteeineszappendenUnterrichtes
erscheintmirausderDistanzalseinesuchendeFragenachVorbildernfür
einenUnterricht,derdiezappendeWirklichkeitsschauderJugendlichen
einbezieht.AlleUnterrichtskonzeptionenundalleErfahrungsberichte
gehenimmerdavonaus,dassThemendurchgetragenwerden.Platter
ausgedrückt:MirfehlendieVorbilder,andenenichmichorientieren
könnte.
DiezweiteFrageistdienachdemkritischenbzw.korrektivenAuftragdes
RU.Wiekanndieserrealistischeingebrachtwerden?Wiegesagt,ichmöchte
diesePerspektivedesRUnichtwegschieben,weißaberauchnochkeine
Antwort.
DieIdeederRolledeschristlichenHausvatershatmichzunächstabge
schreckt,weildanndochsehrmeineigenerVaterinseinerAmbivalenzim
Vordergrundstand.IchbeginneabermehrundmehrandieserRolleGefal
lenzufinden.AlsichheuteMorgenmehrereGesprächemitSchülernund
Schülerinnenhatte,konnteichdiesgutindasRollenkonzeptdeschristli
chenHausvaterseinbauenundichfühltemichgutdamit.
Wichtigwarmirauchzusehen,dassdieStundengelungenwaren,indenen
ichdieSchülerstärkenkonnte,weilichihreStärkenundnichtihreSchwä
332 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
chenangesprochenhabe.Auchwenndasnichtgeplantwar,soerfülltendie
seStundendochetwasvonmeinemseelsorgerlichenAnspruch.“
2 Brauchen Religionslehrer/innen ein besonderes Supervisions-
angebot?
Auf der Grundlage des hier dokumentierten Prozesses erscheinen mir folgende Ergeb-
nisse eindeutig und unstrittig:
Religion, Religiosität, Gotteskonstrukte und theologische Bewältigungs-
strategien nehmen im Selbstkonzept dieses Religionslehrers und Be-
rufsschulpfarrers einen wesentlichen Stellenwert ein.
Das Berufsfeld ‚Schule’ und der Praxisort ‚Religionsunterricht’ partizipieren
umfassend an diesem Selbstkonzept.
Religion und Theologie nehmen sowohl quantitativ als auch qualitativ ei-
nen beträchtlichen Raum in der supervisorischen Arbeit mit diesem konkre-
ten Religionslehrer ein:
Von den insgesamt 15 Sitzungen werden in sieben Sitzungen die religiöse Sozialisa-
tion, Probleme des Religionsunterrichts und religiös-theologische Bewältigungsstra-
tegien ausdrücklich thematisiert, obwohl im Kontrakt nur eines der vereinbarten
Themen und Ziele eine Gewichtung in dieser Richtung erwarten ließ (Balancierung
der unterschiedlichen Rollen, die bereits ‚mitgebracht’ werden: Pfarrer und Seelsor-
ger – wie können diese Rollen mit der neuen Lehrerrolle in eine sinnvolle Balance
gebracht werden?). Wenn man außerdem bedenkt, dass Erstgespräch, Kontraktsit-
zung und die beiden Auswertungssitzungen strukturell bereits eine andere Arbeits-
vorgabe implizierten, bleiben von 11 Sitzungen sieben, die eine deutliche ‚religiöse
Gewichtung’ aufweisen, was einem Anteil von 63,5% entspricht. Dabei wäre aller-
dings noch einmal genauer hinzusehen und zu fragen, ob die ‚religiösen Anteile’
stärker vom Supervisanden oder vom Supervisor eingebracht wurden und ob sich
im Verlauf des Prozesses an diesem Punkt Veränderungen ergeben haben. Das Ge-
wicht liegt mit einer Relation von 5,5 : 1,5 eindeutig auf Seiten des Supervisanden:
In fünf Sitzungen – Sitzung drei (Supervisand möchte gerne stärker als Seelsorger
arbeiten), vier (Allmacht des Pfarrers / die Bilder der Imagination), fünf (Opfer-The-
ma / Rechtfertigung und Heiligung), sieben (bei der Körperarbeit steht plötzlich
Gott hinter ihm) und dreizehn (Theologie treiben) geht der erste Impuls vom Super-
visanden aus. In der elften Sitzung hatte der Supervisor das Versatzstück aus der
Abendmahlsliturgie (‚Komm, denn es ist alles bereit’) in die Imaginationsanleitung
eingearbeitet, was den Supervisanden ärgerte. In der zehnten Sitzung teilen Super-
visand und Supervisor sich gewissermaßen den Impuls: Der Supervisand brachte
im Erlebnisprotokoll die ‚Maria und Martha’-Geschichte ein, die vom Supervisor
dann gerne aufgegriffen wurde.
Ein wesentlicher Referenzrahmen und zahlreiche Bewältigungsmuster
des Supervisanden sind religiös ‚definiert’.
Systemveränderungen erster und zweiter Ordnung werden theologisch
‚durch-gearbeitet’ und religiös-theologische Ressourcen aktiviert.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 333
Auf dieses Ergebnis stützende Praxisberichte und Untersuchungen aus dem thera-
peutischen, seelsorglichen und Beratungskontext wurde bereits im Verlauf der Un-
tersuchung immer wieder Bezug genommen (s. J. L. und M. E. Griffith,12 H. G.
Koenig,13 Chr. Morgenthaler14 und Gina Schibler,15 T. Moser16 und K. I. Parga-
ment17 und andere18). Die Erfahrungen Morgenthalers/Schiblers mit ihrem Ansatz
der religiös-existentiellen Beratung werden durch die Analyse dieses Supervisions-
prozesses bekräftigt: „Theologische Ressourcen und Deutungspotentiale [können]
[…] eine befreiende, motivierende und sinngebende Kraft bei der Begleitung ratsu-
chender Menschen [entfalten]. Theologie ist behilflich bei der kritisch-selbstkriti-
schen Fundierung und Reflexion religiös-existentieller Beratung.“19
Die Beschäftigung mit religiösen Mustern und theologischen Reflexi-
onsfiguren erfordern vom Supervisor eine entsprechende religiös-theo-
logische Feldkompetenz nicht zuletzt auch deshalb, weil diese religiö-
sen Elemente auf den Supervisor und sein eigenes individuelles Gottes-
konstrukt zurück wirken.
Dem/der Supervisor/in, der/die sich mit entsprechenden religiösen
Wirklichkeitskonstrukten auskennt, bietet sich ein facettenreiches Re-
pertoire, um daraus wirksame Interventionen zu entwickeln.
Noch unbeantwortet ist allerdings die Frage, wieweit der hier präsentierte Prozess gene-
relle Schlussfolgerungen für die supervisorische Arbeit mit Religionslehrer/innen erlaubt.
Ging es in den Kapiteln V bis XI vornehmlich darum, in die Tiefe der Zei-
chensysteme des Supervisanden einzudringen,20 um zu verstehen, wozu
und in welcher Weise Religion sein Leben strukturiert, deutet und moti-
viert,21 zielt dieses letzte Kapitel darauf, den Blick in die Breite, auf den reli-
gionssoziologischen und religionspädagogischen Kontext zu richten, in-
dem die Religionslehrer/innenschaft (in Deutschland) sich bewegt. Um
12 James L. und Melissa Elliott Griffith: Encountering the Sacred in Psychotherapy.
How to talk with people about their spiritual lives. New York und London 2/2003.
13 Harold G. Koenig: Is Religion Good for Your Health? The Effects of Religion on
Physical and Mental Health. New York /London 1997.
14 Christoph Morgenthaler: Systemische Seelsorge. Stuttgart 3/2002.
15 Christoph Morgenthaler / Gina Schibler: Religiös-existentielle Beratung. Eine Ein-
führung. Stuttgart/Berlin/Köln 2002.
16 Tilmann Moser: Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott. Stuttgart 2003.
17 Kenneth I. Pargament: The Psychology of Religion and Religious Coping. Theory,
Research, Practice. New York 1997.
18 S. meine Ausführungen in Kapitel VIII.
19 Chr. Morgenthaler / G. Schibler, aaO., S. 46.
20 Cl. Geertz: „Eine Untersuchung stellt einen Fortschritt dar, wenn sie tiefer ein-
dringt“. AaO., S. 36.
21 An dieser Stelle verweise ich noch einmal auf Cl. Geertz’ Definition von Religion:
„eine Religion ist (1) ein Symbolsystem, das darauf zielt, (2) starke, umfassende und
dauerhafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen, (3) indem
es Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und (4) diese Vorstel-
lungen mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, daß (5) die Stimmungen und
Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen.“ AaO., S. 48.
334 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
den in Kapitel IV geäußerten Bedenken hinsichtlich der Reichweite kultur-
hermeneutischer Untersuchungen Rechnung zu tragen,22 greife ich die
dort genannten Signifikanten noch einmal auf:
Inwieweit tangieren folgende Signifikanten die Übertragbarkeit dieses Unter-
suchungsergebnisses? (1) Supervisand und Supervisor sind ev. Theologen,
gehören (2) zu einer Kirche, sind bzw. waren (3) als Berufsschulpfarrer im
Gestellungsvertrag und können (4) auf Erfahrungen als Gemeindepfarrer
zurückblicken. Würde eine Untersuchung mit Religionslehrern/innen, die
kein theologisches ‚Vollstudium’ absolviert haben, zu anderen Ergebnissen
kommen? Welche Rolle spielt der Schulformbezug? Sind Religionsleh-
rer/innen anderer Schulformen in ‚ihrer Religiosität’ vergleichbar?
Auf die personalen Determinanten, die Genderperspektive und Signifi-
kannten der privaten Lebensorganisation hatte ich ebenfalls hingewiesen:
(1) Supervisand und Supervisor sind Männer und leben (2) in ehelichen
Beziehungen. Beide üben (3) einen ‚Vollzeitberuf’ aus, ihre Frauen sind (4)
ebenfalls im sog. Non-Profit-Segment tätig. Würde ein Supervisionspro-
zess mit einer anderen Geschlechterverteilung im Supervisionsprozess (Su-
pervisandin – Supervisor / Supervisandin – Supervisorin / Supervisand –
Supervisorin) oder im Privatleben (z. B. unverheiratet / homosexuelle Le-
bensgemeinschaft / nichtberufstätige/r Lebenspartner etc.) hinsichtlich
der Funktion und Bedeutung von Religion in der Supervision zu different-
en Ergebnissen kommen?
Relevant waren in dem analysierten Prozess in besonderer Weise auch
Faktoren der religiösen Sozialisation – (1) der Vater war Gemeindepfarrer;
es gab (2) Berührungspunkte in den Frömmigkeitsformen der Herkunfts-
familien des Supervisanden und des Supervisors – und (3) der persönli-
chen Lebensorganisation (Ehe, Vaterschaft). Welche Auswirkungen hätten
andere Signifikanten in diesen Bereichen auf die Verwendung von religiö-
sen Lösungsmustern in der supervisorischen Arbeit? – Diese Fragen wer-
den in diesem letzten Kapitel nicht abschließend beantwortet werden kön-
nen, bilden aber den Beobachtungshorizont bei dem folgenden Abgleich
der bisherigen Einzelanalyse mit den aktuellen Untersuchungen zur Religi-
onslehrer/innenreligiosität.
2.1 ‚Religion’ bei Religionslehrern/innen
Religionslehrer/innen sind ‚Überzeugungstäter/innen’
Die überwiegende Mehrheit der Religionslehrer/innen aller Schulformen –
so die Erfahrungsfolie aus über hundert Lehrerfort- und -weiterbildungs-
veranstaltungen unter meiner Verantwortung – hat ihren Beruf sehr be-
22 S. Cl. Geertz, aaO., S. 34 – 43.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 335
wusst gewählt und lebt ihren Glauben engagiert.23 Das überrascht nicht,
denn „Religion ist ein Überzeugungsfach, bei dem es zwar auch um Wis-
sen und Können geht, aber um Wissen und Können in Bezug auf Über-
zeugungen, und vor allem: in Bezug auf die eigene Überzeugung,“24 be-
schreibt der Bonner Religionspädagoge Michael Meyer-Blanck die Essenz
des Religionsunterrichts.
Empirische Untersuchungen zur Religiosität von Religionslehrer/innen
In den vergangenen zehn Jahren wurden zahlreiche empirische For-
schungsprojekte initiiert, die sich mit dem Religionsunterricht im Allge-
meinen sowie mit der Religiosität der Religionslehrer/innen im Besonde-
ren befassen.25 Die jüngste Befragung von Religionslehrern/innen aller
Schulformen26 kommt zu dem Ergebnis, dass „der zentrale Punkt der
Selbstpositionierung der RL im zunehmend poly-ethnisch strukturierten
‚Funktionsraum Gesellschaft’“ das Interesse „an einer religiösen Emanzi-
pation der SchülerInnen nicht ‚von etwas’[...], sondern ‚zu etwas’ [ist]: näm-
lich zur persönlich-autonomen Anverwandlung dessen, was ihnen von der
Botschaft des Christlichen angeboten wird. In theologischer Formulierung:
Das ist die nur in der Dimension von ‚glauben’ zu formulierende Zusage ih-
rer in Christus Jesus grundgelegten Gerechtfertigtheit vor Gott.“27 Etwas
23 Siehe dazu auch Kapitel II.2.
24 Michael Meyer-Blanck: Religion im Kanon der anderen Fächer. In: U. Baumann /
R. Englert / B. Menzel / M. Meyer-Blanck / A. Steinmetz, aaO., S. 35.
25 Einmal sind die 13. und 14. Shell Jugendstudie zu nennen [Deutsche Shell (Hg.): Ju-
gend 2000. 13. Shell Jugendstudie. Bd. 1 und 2. Opladen 2000 / Dies. (Hg.): Jugend
2002. Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus. 14. Shell
Jugendstudie. Frankfurt/M. 2002]: Die 13. Shell Jugendstudie ignoriert den Religi-
onsunterricht völlig und kommt zu dem für die Kirchen deprimierenden Fazit, dass
„wir eine Entwicklung hinter uns [haben], die den (christlichen) Kirchen wenig
Chancen belässt, unter den derzeitigen Bedingungen und in den bisherigen Formen
Einfluß auf die junge Generation zu gewinnen.“ (S. 21). Die 14. Shell Jugendstudie
trägt zum Thema ‚Religion/Religionsunterricht’ noch weniger aus. Eine Untersu-
chung zum Religionsunterricht aus katholischer Sicht hat Anton Bucher im Jahr
2000 (Religionsunterricht zwischen Lernfach und Lebenshilfe. Stuttgart/Ber-
lin/Köln) vorgelegt. Die religiösen Vorstellungen von Jugendlichen an berufsbil-
denden Schulen erheben Uwe Gerber, Peter Höhmann und Reiner Jungnitsch (Reli-
gion und Religionsunterricht. Frankfurt 2002). Die neueste empirische Befragung
zum Religionsunterricht, die sich auf 4196 ausgewertete Fragebögen von Leh-
rern/innen Baden-Württembergs stützt, wurde 2005 vom Andreas Feige und Wer-
ner Tzscheetzsch unter dem Titel ‚Christlicher Religionsunterricht im religionsneu-
tralen Staat? veröffentlicht (Ostfildern/Stuttgart). Für unsere Fragestellung am be-
deutsamsten, weil die Religiosität der Religionslehrer/innen selbst im Mittelpunkt
steht, ist das Forschungsprojekt von Andreas Feige, Bernhard Dressler, Wolfgang
Lukatis und Albrecht Schöll (‚Religion’ bei ReligionslehrerInnen, veröffentlicht
Münster 2000).
26 A. Feige / W. Tzscheetzsch: Christlicher Religionsunterricht im Religionsneutralen
Staat? aaO.
27 Ebd. S. 169.
336 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
schlichter ausgedrückt heißt das: Religionslehrer/innen (zumindest in Ba-
den-Württemberg) scheinen zu wissen, was sie an ihrem christlichen Glau-
ben haben, erleben ihren Glauben als etwas Befreiendes und haben den
Wunsch, dass ihre Schüler/innen – auf eine ihnen adäquate Weise – eben-
falls diesen Raum der Freiheit/Befreiung erfahren. Beides ist ihnen wich-
tig: den eigenen Glauben zu leben und ihn im Religionsunterricht zu lehren.
Drei Typen gelebter Religiosität28
Dass in postmodernen Zeiten bei genauerer Betrachtung die individuell
gelebte Religion kaum ein monolithischer Block, sondern je nach Blick-
winkel, Fragestellung und Auswertungsinteresse differenziert beschrieben
werden kann, war ebenfalls zu erwarten. Schulform, Alter und Geschlecht
können dabei durchaus Unterscheidungsindikatoren sein. So fällt z. B. auf,
dass Grundschullehrerinnen in der Berufseingangsphase (von der Alters-
struktur ca. Mitte bis Ende zwanzig) eine Tendenz zu evangelikal, pietis-
tisch und charismatisch orientierten Gemeinschaften erkennen lassen,
während die durchschnittlich etwa fünf Jahre älteren Gymnasial- und Be-
28 Die Formel von der ‚gelebten Religion’ ist alles andere als eindeutig: s. Wolf-Eckart
Failing / Hans-Günter Heimbrock: Gelebte Religion wahrnehmen. Lebenswelt –
Alltagskultur – Religionspraxis. Stuttgart/Berlin/Köln 1998, S. 233 – 255; Albrecht
Grözinger und Georg Pfleiderer (Hg.): ‚Gelebte Religion’ als Programmbegriff Sys-
tematischer und Praktischer Theologie. Christentum und Kultur Bd. 1. Zürich 2002.
,Gelebte Religion’! das ist beinahe ein Hendiadyoin, jedenfalls eine Bekräftigung.
Wer von gelebter Religion spricht, tut das in seltenen Fällen interesselos. Vieles
spricht dafür, dass ‚gelebte Religion’ als ein religionstheoretisch gewendetes, sozusa-
gen ‚upgedatetes’ Wechselwort für das gute alte Wort ‚Glaube’ gebraucht wird und
zu verstehen ist. Im Inszenierungspathos des Begriffs ‚gelebte Religion’ schmuggelte
sich, so vermute ich, der Sachgehalt des traditionellen Wortes gewissermaßen in die
neutrale Wissenschaftssprache ein“, vermutet Georg Pfleiderer, in: ‚Gelebte Religi-
on’ – Notizen zu einem Theoriephänomen. In: A. Grözinger / G. Pfleiderer, aaO.,
S. 25f. A. Feige et al. definieren ‚gelebte Religion’ im Anschluss an Pierre Bourdieus
‚Habitus-Konzept’ (Pierre Bourdieu: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Ver-
nunft. Frankfurt/M. 1987): ‚Gelebte Religion’ ist dann „ein ‚inkorporiertes’, inneres
Substrat, welches das Handeln, das Denken, Fühlen und Wahrnehmen bestimmt
und organisiert“ und sich in den „Praxen“ der Individuen erschließen lässt. (‚Religi-
on’ bei ReligionslehrerInnen, aaO., S. 38). Konkret wird in biographischen Inter-
views unter Anwendung der „strukturalen Hermeneutik“ (ebd.) die ‚gelebte Religi-
on’ durch die Analyse des „Erfahrungshintergrund[es] Generation Geschlecht
Milieu Herkunft“ und des „Lebensstil[s] je aktueller Handlungsmodus als Le-
bensführungskonzept kognitive Orientierungsmuster“ (ebd.) erhoben. Ohne die
Bedenken gegen die von Feige et al. verwendete Begrifflichkeit hier im Einzelnen
angemessen diskutieren zu können, ist ihre ‚gelebte Religion’ mit dem von mir in
Kapitel V eingeführten Modell des ‚individuellen Gotteskonstruktes’, das systemisch
wirksam wird, – zumindest partiell – kompatibel.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 337
rufsschullehrer/innen eher den kognitiv-theologisch-ethisch interessierten
Religionslehrertypus zu repräsentieren scheinen.29
In der 1999 durchgeführten Untersuchung zur „‚Religion’ bei Religionsleh-
rerInnen“ – einer Kombination aus 17 Tiefeninterviews und einer reprä-
sentativen Befragung von Religionslehrern/innen in Niedersachsen – kris-
tallisieren sich „drei Typen von Strukturmustern und regulativen Prinzi-
pien der gelebten Religion“30 heraus.
Für Typ A ist die Kirche nach wie vor ganz selbstverständlich „Träger von ‚Reli-
gion’“. Aber dieser Typ gehört zu einer ‚gefährdeten’, ‚vom Aussterben
bedrohten Art’, denn „die LehrerInnen dieses Typs teilen eine Kindheit
vor dem kulturellen Modernisierungsschub der 60er Jahre.“31
Typ B gehört bereits zu der von Ulrich Beck eindringlich beschriebe-
nen Generation der Patchwork-Biographien.32 Es gibt keine religiös-bio-
graphischen Muster mehr, die fraglos übernommen werden müssen
oder können, sondern jede/r prüft die religiösen Deutungs- und Insze-
nierungsmöglichkeiten vor der individuellen Instanz des persönlichen
Gewinns.
Typ C ist gewissermaßen eine Engführung und Verschärfung von Typ
B, indem er eine lebenspraktische Fokussierung auf das „eine Kriteri-
um der ‚Optimierung von Erlebnisorientierung’“ vornimmt. „Die Passung an
situative Anforderungen reguliert sich nach den Kriterien ‚Faszination’
und ‚Spaß’“.33
Zwei religiöse Bewältigungsmuster
Nach den zugrunde liegenden religiösen Bewältigungsmustern gefragt, las-
sen sich sogar nur zwei Strategien unterscheiden: Auf der einen Seite Typ
A, der sich noch ganz fraglos mit seiner ‚Volkskirche’ identifiziert, der Si-
cherheit, Stabilität und Verbindlichkeit schätzt. Die traditionellen Katego-
29 S. A. Feige und W. Tzscheetzsch, aaO.: „Die RL der Sekundarstufen/BBS bevorzu-
gen Zielvorstellungen, die die kognitiv-diskursive Seite des Unterrichts betonen.“
Zur Genderfrage s. ebd., S. 19.
30 A. Feige / B. Dressler / W. Lukatis / A. Schöll, aaO., S. 199.
31 Ebd., S. 200.
32 In seiner 1986 erschienen „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moder-
ne. Frankfurt/M. 1986“ greift Ulrich Beck von Peter Gross (Bastelmentalität. Ein
‚postmoderner’ Schwebezustand?, in: Thomas Schmid (Hg.): Das pfeifende
Schwein, Berlin 1985) den Begriff der „Bastelbiographie“ (S. 216) auf. Zum Aus-
druck ‚Patchwork-Biographie’ s. Keupp, Heiner: Riskante Chancen. Das Subjekt
zwischen Psychokultur und Selbstorganisation. Sozialpsychologische Studien. Hei-
delberg 1988, und Olk, Thomas / Strikker, Frank: Jugend und Arbeit. Individuali-
sierungs- und Flexibilisierungstendenzen in der Statuspassage Schule/Arbeitswelt.
In: Olk, Thomas / Strikker, Frank (Hg.): Individualisierung von Jugend. Gesell-
schaftliche Prozesse, subjektive Verarbeitungsformen, jugendpolitische Konsequen-
zen. München/Weinheim 1990.
33 A. Feige / B. Dressler / W. Lukatis / A. Schöll, aaO., S. 200f.
338 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
rien der christlichen Erlösungsreligion34 gelten ungebrochen und geben
einen verlässlichen, nicht hinterfragten Referenzrahmen. Die Typen B und
C auf der anderen Seite stellen die überlieferten dogmatischen ‚Lösungen’
in Frage und sind so genötigt, sich „aus dem christlichen Glaubens-,
Werte- und Verhaltensangebot einen Cocktail“35 mixen zu müssen, der
vor ihrem ‚inneren Parlament’ bestehen kann. Die in beiden Bewältigungs-
mustern angelegte Ambivalenz hatte uns bereits in Kapitel VIII (Reli-
giosität und Gesundheit) und XI in Aufnahme und Auseinandersetzung
mit Helm Stierlin beschäftigt. Beide Wege implizieren Chancen und Ge-
fahren: Typ A kann sich im ‚Schatten des sicheren dogmatischen Gebäu-
des’ geborgen fühlen, aber auch in Fundamentalismus erstarren, während
die Typen B/C in ihrer 24 Stunden geöffneten religiösen ‚Cocktail-Bar’
permanent achtsam sein müssen, sich weder durch zu viel Hochprozentiges
selbst zu vergiften (d. h. in religiösen Widersprüchen zu verirren) noch
durch zu wenig Hochprozentiges den Drink bis zur Geschmacklosigkeit zu
verwässern (d. h. Religion nur noch als ‚Erleichterungsreligion’ zu verste-
hen, wie Uwe Gerber et al. es nennen, wenn Religion ausschließlich dazu
dient, ‚sich selbst zu verwirklichen’).36 Gleichgültig, welcher der genannten
Gefahren (Verführungen) man erliegen sollte, was an ‚Religion’ übrig
bleibt, hat allemal sein kritisch-(de)konstruktivistisches Potenzial einge-
büßt. Andererseits ist die Gefahr, in fundamentalistische Einseitigkeiten
abzugleiten, bei den Typen B und C eher gering.
Erwartungen an Religionslehrer/innen
Postmoderne Religionslehrer/innen stehen somit unter einem breitgefä-
cherten inneren und äußeren Erwartungsdruck:37
Als Religionslehrer/innen sollen sie dem Bildungsauftrag des Staates
nachkommen (sie werden vom Staat ausgebildet und bezahlt),
als Religionslehrer/innen sollen sie aber auch die Interessen der Kirchen
wahren (GG Art. 7.3) und Traditionsgaranten der jüdisch-christlichen
Überlieferung sein,
als Pädagogen/innen sollen sie die Bedürfnisse und die interreligiöse Viel-
falt der Schüler/innen nicht aus dem Blick verlieren (von den ‚sekundä-
ren’ Erwartungen der Eltern, Großeltern und anderer gesellschaftlicher
Subsysteme an dieser Stelle zu schweigen) und
34 Zur Unterscheidung von Erlösungs- und Erleichterungsreligion s. U. Gerber / P.
Höhmann / R. Jungnitsch, aaO., 21 – 36.
35 H. Stierlin: Christsein, aaO., S. 81.
36 S. U. Gerber et al.: Religion und Religionsunterricht, aaO., S. 32 – 36.
37 Sehr plastisch beschreibt Dietrich Zilleßen die postmoderne Religionslehrer/innen-
rolle in dem gemeinsam mit Uwe Gerber herausgegebenen Unterrichtskonzept ‚reli-
gion elementar’. Und der König stieg herab von seinem Thron. Frankfurt/M. 1997,
S. 41 – 43.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 339
als überzeugte Christen/innen, die nicht nur ihren ‚Job’ tun, sondern zu-
gleich einer ‚Berufung’ folgen, müssen sie sich zunächst ihres eigenen
Glaubens vergewissern, um ihn dann authentisch und überzeugend,
aber zugleich unaufdringlich und tolerant in das Unterrichtsgeschehen
einzubringen.
„Es dürfte unmöglich sein, all diesen Erwartungen gleichzeitig in vollem
Umfang zu entsprechen“, meint der Essener katholische Religionspädago-
ge Rudolf Englert. „Nicht von ungefähr hat man die Situation des Religi-
onslehrers häufig unter dem Stichwort des ‚Rollenkonflikts’ themati-
siert“,38 wozu der hier geschilderte Prozess aussagekräftige Beispiele gelie-
fert hat. Im Fokus des Interesses stehen jetzt aber weder allgemeine Stres-
soren des Lehrerberufs, an denen die Religionslehrer/innen natürlich par-
tizipieren, noch die besonderen Rahmenbedingungen des Religionsunter-
richts (wie z. B. die Abmeldemöglichkeit). Die Aufmerksamkeit gilt hier
der besonderen Belastung, die sich für Religionslehrer/innen daraus ergibt,
dass ihre individuellen Referenzrahmen, ihre Gotteskonstrukte und damit
letztlich sie selbst in ihrer ganz persönlichen Identität immer auch Ge-
genstand des Unterrichts sind.39
Religion als identitätsstiftender Referenzrahmen und Unterrichtsgegenstand
Im Unterschied zu anderen Fächern, die natürlich auch Beziehungsarbeit
leisten – ich erinnere an G. Hüthers ‚Das Gehirn ist ein Sozialorgan’ -, „ist
man als Lehrer oder Lehrerin wie als Schüler selbst, als Person, Thema.“40
„Religion ist ja nichts anderes als der Ausdruck der Beziehungen zu sich
selbst, zum anderen, zur Welt und zum Ganzen, zu der alles bestimmen-
den Wirklichkeit, zu Gott“, wie M. Meyer-Blanck es ausdrückt. Diese Nä-
he von persönlichem Referenzrahmen und Unterrichtsgegenstand produ-
ziert eine weitere Ambivalenz: Religionslehrer/innen geben bei Umfragen
immer wieder die Auskunft, dass der eigene Glaube auch im Berufsalltag
als ‚spirituelle Kraftreserve’, also als Ressource erfahren wird.41 Das deckt
sich mit dem Ergebnis der hier vorgetragenen Analyse. Die Kehrseite, die
in dem Supervisionsprozess ebenfalls klar in Erscheinung tritt, ist die Ver-
letzlichkeit, die mit diesem ’Identifikationsfaktor’ konstitutiv verknüpft ist.
38 R. Englert, aaO., S. 27.
39 Die Trennung von Privatperson und Berufsrolle, die im Interesse der
Berufsgesundheitsprophylaxe immer gefordert wird, ist deshalb nur begrenzt mög-
lich. S. Kapitel I. „Wegen der Notwendigkeit des materialen Bezuges auf ‚Praxis’ hat
ihr je eigener religiös-biografisch gegründeter Habitus seinen konstitutiven Platz im
Unterrichtsgeschehen.“ Andreas Feige: Religiöse Sozialisation in der ‚Selbstkultur’.
In: A. Battke / Th. Fitzner / R. Isak / U. Lochmann (Hg.): Schulentwicklung – Re-
ligion – Religionsunterricht. Profil und Chance von Religion in der Schule der Zu-
kunft. Freiburg 2002, S. 374.
40 M. Meyer-Blanck, aaO., S. 35.
41 R. Englert spricht von „spirituellen Ressourcen“. AaO, S. 34. Ähnlich A. Feige / W.
Tzscheetzsch, aaO., S. 13 u. ö.
340 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
Je mehr Lehrer/innen im Unterricht von der eigenen Person – und was sie
‚im Innersten zusammenhält’ – preisgeben, desto angreifbarer machen sie
sich auch. Gerade in Phasen persönlicher und/oder beruflicher Krisen
kann es so zu ‚Totalzusammenbrüchen’ kommen, weil der Referenzrah-
men und damit zugleich die personale Identität ‚auf dem Spiel’ stehen.42
Unterscheidung von gelebter und gelehrter Religion
‚Reflexive Distanz’43 ist für A. Feige und seine Kollegen der Schlüssel, mit
dem Religionslehrer/innen über Gelingen bzw. Misslingen des Religions-
unterrichts und damit zugleich ihre eigene Berufszufriedenheit entschei-
den. Reflexive Distanz meint dabei kein „Unbeteiligt-Sein der LehrerIn-
nen“,44 sondern begründet einen doppelten Reflexionsauftrag: Zum einen
sollte jede/r Religionslehrer/in eine kritische Distanz zur eigenen religiö-
sen Praxis entwickeln und sich zugleich klarmachen, dass seine/ihre indivi-
duell ‚gelebte Religion’ ( = persönliches bzw. individuelles Gotteskonstrukt;
eigene religiöse Praxis) nicht mit der zu ‚lehrenden Religion’ identisch ist.
Zum anderen sind Religionslehrer/innen darüber hinaus als Pädagogen/in-
nen gefordert, die die zu lehrende Religion einer didaktischen Reflexion un-
terziehen, bevor sie damit vor(?)/in die Klasse treten. Das religiöse Selbst-
konzept und das religionspädagogische Unterrichtskonzept sind bewusst
auseinander zu halten. Diese Unterscheidung dient beiden, Lehrenden und
Lernenden. Sie bewahrt die Lehrkraft vor zuviel ‚Selbstoffenbarung’ und
schützt die Schüler/innen vor ‚Missionierung’ und eröffnet so beiden
einen offenen Diskursraum, der den Lernenden eine kritische Selbst-An-
eignung ermöglicht.45 „Auch wenn die Überzeugung der Lehrenden nicht
42 Das Ergebnis der baden-württembergischen Untersuchung, dass „nur 4% der ge-
samten ReligionslehrerInnenschaft […] dem Fach Religion grundsätzlich eine be-
sondere Belastungsqualität“ zusprechen, widerspricht ganz klar meinen Erfahrun-
gen mit Lehrer/innern der BBS.
43 ,Reflexive Distanz’ als soziologisch und pädagogisch begründete Prämisse des
christlich-konfessionellen Religionsunterrichts in der öffentlichen Schule“ lautet der
Untertitel von A. Feiges Aufsatz zur ‚Religiöse(n) Sozialisation in der Selbstkultur,
aaO., S. 367. Zur Diskussion über das Verhältnis von ‚gelebter’ und ‚gelehrter Reli-
gion’ s. a. Hans-Günter Heimbrock: Gelebte Religion im Klassenzimmer? In: Wolf-
Eckart Failing / Hans-Günter Heimbrock: Gelebte Religion wahrnehmen. Lebens-
welt – Alltagskultur – Religionspraxis. Stuttgart/Berlin/Köln 1998, S. 233 – 255,
und den von Albrecht Grözinger und Georg Pfleiderer herausgegebenen Aufsatz-
band: ‚Gelebte Religion’ als Programmbegriff Systematischer und Praktischer Theo-
logie. Christentum und Kultur Bd. 1. Zürich 2002.
44 Ebd., S. 374.
45 A. Feige und seine Kollegen stellen den drei Typen der gelebten Religion vier
Grundmuster gegenüber, nach denen Religionslehrer/innen (in Niedersachen) Reli-
gion im Unterricht inszenieren: (1) Religion als lehrmäßiges Wissen im Sinne Schlei-
ermachers (Religion als Mitteilung und Information); (2) Religion als ‚Nacherzäh-
lung’ der biblischen Tradition; (3) Religion als ästhetischer Gestaltungsraum und (4)
Religion als Ethos, als praktische Lebenshilfe und ethische Orientierung.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 341
thematisiert wird, bildet sie den Hintergrund aller Themen. Das Maß des
Zurückstellens der eigenen Überzeugung, verbunden mit dem gemeinsa-
men Wissen, dass da etwas zurückgestellt wird, macht die didaktische
Spannung des Faches aus. Denn die Schülerinnen und Schüler sollen
Überzeugungen begegnen, ohne der Gefahr der Überwältigung ausgelie-
fert zu sein. […] Man könnte auch sagen: Das Unverzichtbare des Über-
zeugungsfaches Religion in der Schule ist, dass es ein Bewusstsein bilden
hilft für die Notwendigkeit wie für die Problematik von Überzeugun-
gen“,46 profiliert M. Meyer-Blanck den Auftrag des Religionsunterrichts.47
Und H. - G. Heimbrock erinnert noch einmal an die gesamtgesellschaftli-
che Bildungsverantwortung und an den Kontext, in dem Religionsunter-
richt geschieht, wenn er mahnt: „Aber Schule verkürzt ihren Erziehungs-
auftrag, wenn sie nicht offen bleibt für lernende Verständigungsarbeit an
derjenigen Lebenspraxis, die auf individuelle und kollektive Sinngebungs-
prozesse jenseits zweckrationalen Verhaltens abzielt und die an Grenzen
menschlicher Handlungs- und Denkmöglichkeiten heranreicht.“48
Fazit
Menschen sind nach systemisch-konstruktivistischem Verständnis ‚nicht-
triviale Maschinen’ (s. Kapitel X), die nicht linear-kausal beeinflusst wer-
den können. Das gilt nicht nur für die supervisorische Arbeit, sondern hat
auch Konsequenzen für den Unterricht.49 Auch eine Schulklasse ist ein
zirkuläres rekursives System – selbst wiederum zusammengesetzt aus 20
oder mehr weiteren nicht-trivialen Subsystemen, den Schülerinnen und
Schülern –, das angestoßen, irritiert, also durch anregende Lern-Settings in
Bewegung versetzt, aber nicht auf ein detailliert ausformuliertes und ope-
rationalisiertes Lernziel konditioniert werden kann. Wie sprunghaft Schü-
lerreaktionen sein können und Lehrende in ihren stringenten Unterrichts-
absichten ihrerseits irritieren, belegt eindrucksvoll das letzte Transkript.
„Das Schema: ‚Lehrer vermitteln richtiges Wissen – Schüler lernen das,
S. A. Feige / B. Dressler / W. Lukatis / A. Schöll, aaO., S. 143ff. H. - G. Heim-
brock fordert, dass die Religionspädagogik sich darum bemühen muss, „Wahrneh-
mungskompetenz und Sprachfähigkeit im Blick auf die Religionshaltigkeit der All-
tagskultur zu erlangen.“ In: Gelebte Religion, aaO., S. 243.
46 M. Meyer-Blanck, aaO., S. 36. S. a. A. Feige: „[…] der christliche Wahrheitsan-
spruch beginnt erst durch die autonome Anverwandlung eines verstehensfähigen
und verhaltenswilligen Subjekts zu existieren.” Religiöse Sozialisation, aaO., S. 377.
47 S. a. H. - G. Heimbrock: Gelebte Religion, aaO., S. 244.
48 Ebd., S. 244. Das Lernen ‚von der Grenze her’ und in den ‚Zwischenräumen des
Lebens’ ist ‚elementar’ für das von U. Gerber und D. Zilleßen vertretene Konzept
‚religion elementar’. D. Zilleßen / U. Gerber: Und der König, aaO., bes. S. 17f.; s. a.
Uwe Gerber: Wann halte ich eine Religionsstunde für gelungen? In: Evelyn Schnei-
der (Hg.): Sternstunden. Arbeitshilfen BBS 25. Rehburg-Loccum 2005, S. 13 – 16.
49 S. Horst Siebert: Pädagogischer Konstruktivismus. Lernen als Konstruktion von
Wirklichkeit. München 2003 und Reinhard Voß (Hg.): Die Schule neu erfinden. Sys-
temisch-konstruktivistische Annäherungen an Schule und Pädagogik. Neuwied
4/2002.
342 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
was gelehrt wird!’ ist nicht nur unterkomplex, sondern realitätsfern“,50 ur-
teilt der Erziehungswissenschaftler Hort Siebert. Religionsunterricht ist ein
Prozess, in dem sich das nicht-triviale System Lehrer/in und die nicht-tri-
vialen Systeme der Schüler/innen zum neuen System einer Lehr-Lern-Ge-
meinschaft koppeln. In diesem neuen Meta-System spielt Religion eine,
wenn nicht die entscheidende Rolle: Religion als individuelles Gotteskonstrukt
des/der Unterrichtenden und der Unterrichteten, als gelebte Religion, als Gegenstand
von Lehrplänen, Richtlinien, kirchlichen Bekenntnissen und als didaktisch reflektierte
gelehrte Religion bilden im Religionsunterricht eine komplexe, zirkuläre, re-
kursive Dynamik.51
Das individuelle Gotteskonstrukt und die eigene religiöse Praxis fließen
selbstverständlich in die didaktische Reflexion der gelehrten Religion ein
und sorgen im Unterricht für die notwendige emotionale Energetisierung.
Wie für die supervisorische Arbeit gilt auch für den Unterricht: „Alles, was
gesagt wird, muss echt sein, aber nicht alles, was echt ist, muss gesagt wer-
den.“52 Alles, was die Lehrkraft an Persönlichem einbringt, muss authen-
tisch sein. Aber es sollte nur soviel Persönliches eingebracht werden, wie
für den Unterrichtsprozess sinnvoll und für die Lehrkraft stimmig ist (se-
lektive Authentizität). „Die religiösen Bildungsprozesse erscheinen umso
lebendiger und authentischer, je unverkrampfter die ReligionslehrerInnen
für sich persönlich das Spannungsverhältnis zwischen gelebter und ge-
lehrter Religion zu gestalten vermögen, d. h. je ‚entspannter’ sie jeweils in
unterrichtlicher Perspektive auch das Verhältnis zwischen Tradition, Theo-
logie und der Institution Kirche für sich und ihre SchülerInnen bestimmen
können. […] Und auf diesem Weg legen die ReligionslehrerInnen zwi-
schen ihrer persönlichen Religiosität und den von ihnen unterrichtlich vor-
gestellten Möglichkeiten eine Distanz, durch die sie ihre SchülerInnen
gleichsam ‚um Rat fragen’ (‚consulimus et deliberamus’) und erst dadurch
50 H. Siebert: Pädagogischer Konstruktivismus, aaO., S. 79.
51 Bereits in Kap. X hatte ich auf die Religionspädagogen D. Zilleßen und B. Beuscher
verwiesen: „Was wirklich gelernt wird, hängt nicht kausal und stringent davon ab,
was gelehrt wird. Lehren und Lernen stehen in keiner kausalen Beziehung. Die
Lernprozesse der Schüler können letztlich nicht in der Verfügungsmacht der Leh-
rer, unter ihrer Kontrolle bleiben.“ In: Bernd Beuscher / Dietrich Zilleßen: Religion
und Profanität. Entwurf einer profanen Religionspädagogik. Weinheim 1998, S.
130. S. a. Andreas Eitz / Meinfried Jetzschke: Der Lehrplan im Kopf und der Lehr-
plan im Buch – zwei feindliche Brüder? In: Neues Handbuch Religionsunterricht an
berufsbildenden Schulen. Neukirchen-Vluyn 2005, S. 336 – 340. Der katholische
Religionspädagoge Hans Mendl hat jetzt eine „Konstruktivistische Religionspädago-
gik“ (aaO.) vorgelegt. In diesem Kontext von besonderem Interesse seine Einfüh-
rung (Hans Mendl: Konstruktivismus, pädagogischer Konstruktivismus, konstrukti-
vistische Religionspädagogik. Eine Einführung, ebd., S. 9 – 28) und die Verhältnis-
bestimmung von Konstruktivismus und aktueller Diskussion um Bildungsstandards
und religiöse Kompetenzen (Hans Mendl: Konstruktivistische Religionsdidaktik.
Anfragen und Klärungsversuche, ebd., bes. S. 41 – 45).
52 Chr. Böckelmann, aaO., S. 75.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 343
in wirkliche ‚communio’ gelangen“.53 Je bewusster die Religionslehrer/innen
die Notwendigkeit einer Distanz von gelebter und gelehrter Religion re-
flektieren und diese ihrerseits didaktisch aktivieren“,54 desto erfolgreicher
sind die didaktischen Vermittlungsprozesse und desto größer auch die Be-
rufszufriedenheit, fasst A. Feige die niedersächsische Studie zur Religions-
lehrer/innen-Religiosität zusammen.55
53 A. Feige: Religiöse Sozialisation, aaO., S. 376.
54 B. Dressler / A. Feige: Religionslehrerinnen und Religionslehrer. In: Bitter, Gott-
fried / Englert, Rudolf / Miller, Gabriele / Nipkow, Karl Ernst (Hg.): Neues Hand-
buch Religionspädagogischer Grundbegriffe. München 2002, S. 403.
55 Ein viel versprechendes religionspädagogisches Konzept, das anregende Lern-Set-
tings arrangiert, den performativen Charakter religiöser Inhalte didaktisch ernst
nimmt und die Differenz von gelebter und gelehrter Religion reflektiert, ist neben
dem bereits benannten Unterrichtskonzept ‚religion elementar’ die performative Religi-
onspädagogik, auf die ich hier leider nur am Rande verweisen kann. Die Rolle der
Lehrperson beschreibt Thomas Klie folgendermaßen: „Den Unterrichtenden
kommt in einem performativ ausgelegten Unterricht die Rolle des mitspielenden
Regisseurs zu, also weit mehr als nur ein neutraler ‚Moderator’: Die Lehrperson
muss einen Gegenstand einspielen, der religiös zu lernen geben soll. Als personaler
Repräsentant einer bestimmten Religion (konfessioneller Aspekt) hat die Lehrper-
son das eigene Unterrichtsszenario pädagogisch zu verantworten und religionspäda-
gogisch angemessen zu inszenieren.“ Thomas Klie: Performativer Religionsunter-
richt. In: Neues Handbuch Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen. Neukir-
chen-Vluyn 2005, S. 363 – 367, Zitat S. 367. Zur Performativen Religionspädagogik
s. a. den Aufsatzband: Leonhard, Silke / Klie, Thomas (Hg.): Schauplatz Religion.
Grundzüge einer Performativen Religionspädagogik. Leipzig 2003.
344 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
2.2 ‚Religion’ im Religionsunterricht und in der Supervision mit
Religionslehrern/innen
Ich habe diese Forschungsergebnisse so ausführlich referiert, weil sie den
hohen Stellenwert von Religion bei Religionslehrern/innen bestätigen und
so Schlussfolgerungen grundsätzlicher Art im Blick auf das Thema ‚Religi-
on in der Supervision mit Religionslehrern/innen’ nahe legen.
Lehrer/innen stark zu machen für ihren Beruf, lautet die Forderung in Ka-
pitel I dieses Buches. Was Supervision mit Lehrer/innen allgemein zur Ge-
sundheitsprophylaxe und/oder beruflichen Krisenintervention beiträgt,
wurde bereits im ersten Kapitel festgehalten. Hier geht es darum, wie Su-
pervision durch die Bearbeitung des Themas ‚Religion’ die religiöse Selbst-
kompetenz der Religionslehrer/innen stärken und so zur Professionalisie-
rung ihres Unterrichts beitragen kann.
Religionslehrer/innen benötigen eine hoch entwickelte und ausdifferen-
zierte religiöse Selbstkompetenz, um den Anforderungen ihres Berufes ge-
recht zu werden. Auf dem Hintergrund der Analyse lassen sich folgende
Merkmale religiöser Selbstkompetenz erfassen:
Merkmale religiöser Selbstkompetenz
(1) Die Fähigkeit, das eigene individuelle Gotteskonstrukt in seinem Auf-
bau, seinen möglichen inneren Spannungen und seiner Geschichte
wahrzunehmen (Wie ist mein Gotteskonstrukt so geworden, wie es
jetzt ist? Welche Einflussfaktoren gab es? Wo gibt es Kontinuitäten, wo
Brüche? Was ist stimmig, was fremd, was unfertig und fragmentarisch?
Wie ist das individuelle Gotteskonstrukt mit Familiencredos und ande-
ren Systemcredos verwoben? Etc.).
(2) Die Fähigkeit, die Wirksamkeit individueller Gotteskonstrukte zu er-
kennen und kritisch zu reflektieren (Wie ist Religion in meiner Ge-
schichte wirksam geworden? Wie wirkt sie jetzt? Wie verhält es sich mit
der Ambivalenz von Religion in meinem Leben? Wo hat Religion mich
gestärkt, wo hat Religion eine zerstörerische Wirkung gehabt? Wie be-
einflusst mich Religion in meinem beruflichen Alltag?).
(3) Die Bereitschaft, die Beziehung (oder Beziehungslosigkeit) zwischen
Gotteskonstrukt und eigener religiöse Praxis anzuschauen und zu hin-
terfragen.
(4) Die Entschlossenheit, die eigene religiöse Identität in Theorie und Pra-
xis in ihrer Beziehung zu anderen religiösen Systemen und deren Wirk-
samkeit zu reflektieren (zum Familiencredo, zu ‚offiziellen’ kirchlichen,
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 345
gesellschaftlichen und politischen Credos und anderen religiösen und
weltanschaulichen Referenzsystemen / im interreligiösen Dialog etc.).56
(5) Die Bereitschaft, die eigene religiöse Identität in Theorie und Praxis in
ihrer Beziehung zur zu lehrenden Religion zu bedenken (Wo ‚schlägt
mein Herz’, d. h. wo bin ich religiös energetisiert / affiziert? Was will
ich davon mit welcher Absicht in den Unterricht einbringen? Wo setze
ich bewusst Grenzen? Etc.).
(6) Die pädagogisch-didaktische Kompetenz, die zu lehrende Religion so
aufzubereiten, dass Unterricht authentisch, vielseitig, selbstbestimmtes
Lernen ermöglichend, humorvoll usw. ‚geschehen’ kann (Welche religi-
ösen Konstrukte sollen mit welcher Absicht thematisiert werden? Wie
sollen sie inszeniert werden? Wie können die Schüler/innen ihre Got-
teskonstrukte so einbringen, dass sie sich im Unterrichtsgeschehen ver-
netzen, sich nötigenfalls aber auch zurückziehen und schützen kön-
nen?57 Wie wird die Brücke von den individuellen Gotteskonstrukten
im Unterricht zu den kollektiven Referenzsystemen der Gesell-
schaft/en, der Kirchen etc. geschlagen?).58
Die hier formulierten Merkmale beschreiben einen hohen Anspruch, set-
zen ein erhebliches Reflexionsniveau voraus und die Bereitschaft, immer
wieder in den imaginären ‚(Rück)Spiegel’ der eigenen religiösen Biographie
zu schauen.59 „Zum Wissen, Glauben und Überzeugungswissen gehört für
die Unterrichtenden die Fähigkeit zum religiösen Reden ebenso wie zum Reden
über die Religion und die Fähigkeit zwischen beiden Redeformen in bewusster und
kontrollierter Form zu wechseln“,60 erwartet M. Meyer-Blanck Abgeklärtheit
und Souveränität von den Religionslehrern/innen. Doch wie halte ich ‚im
56 S. a. M. Meyer-Blanck: „Wer es gelernt hat, über das Ganze des Lebens, über Gott
und den Glauben zu streiten, wird auch mit politischen Überzeugungen – die ja we-
sentlich stärker der Abwägung unterliegen sollten – analog verfahren können.“
AaO., S. 43.
57 An dieser Stelle sei noch einmal auf die performative Religionspädagogik verwiesen:
„Die Schülerinnen und Schüler sind in der Rolle der Hauptakteure. Da sie dieses
Rollenangebot in erster Linie auf dem Hintergrund ihres Lebenszusammenhanges
wahrnehmen, kann die jeweilige Repräsentationen [sic] immer nur individuell und
persönlich ausfallen.“ AaO., S. 367. Das ermöglicht Identifikation und damit indivi-
duelle Vernetzung, erfordert aber auch von den Lehrpersonen, notwendige Rück-
zugsräume zuzulassen.
58 „Indem der Religionsunterricht an bestimmte Inszenierungstechniken des Alltags
anknüpft, wird ins Bewusstsein gehoben, dass nur dargestellte, d.h. räumlich wahr-
nehmbare und leibliche vermittelte Inhalte als bedeutsam erkannt und moduliert
werden können.“ Ebd., aaO., S. 367.
59 „Diese sensible und stets prekäre Aufgabe der ‚Reflexion der Reflexion’ ist heute der
Beitrag der ReligionslehrerInnen zur religiösen Sozialisation im Religionsunterricht
der öffentlichen Schule“, urteilt A. Feige! In: Religiöse Sozialisation, aaO., S. 375.
60 M. Meyer-Blanck, aaO., S. 42.
346 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
Ernstfall’ innere Distanz, wenn „mein einziger Trost im Leben wie im
Sterben“61 von Schüler/innen ggf. massiv angegriffen, beleidigt oder lä-
cherlich gemacht wird? Wie kann ich dennoch Rollenklarheit als Lehrer/in
bewahren, mich davor schützen, völlig ins Schleudern zu geraten, wenn
von Schüler/innen verletzt wird, was mir ‚hoch und heilig’ ist?
Wie fördert Supervision die Entwicklung religiöser Selbstkompetenz?
Die Analyse des dokumentierten Prozesses zeigt und belegt, dass Supervi-
sion Religionslehrer/innen in ihrem religiösen (Selbst)Kompetenzentwick-
lungprozess begleiten und unterstützen kann. Entsprechende Feldkompe-
tenz bei den Supervisoren/innen vorausgesetzt (s. Kapitel VII) kann Su-
pervision
die Validierungsprozesse des ‚inneren Parlaments’ sichtbar machen,
die Entwicklung und Veränderung religiöser Bewältigungsmuster för-
dern,
den Einfluss von Gotteskonstrukten auf die Interdependenz von priva-
ten und beruflichen Rollen aufdecken,
die Wirkung von Gotteskonstrukten auf die berufliche Rolle als Religi-
onslehrer/in – und nicht zuletzt auch auf den Unterrichtsprozess selbst
– präziser wahrzunehmen und selbstkritisch reflektieren helfen,
einen Entwicklungsprozess zu mehr Rollenbewusstheit, Rollenklarheit
und Rollensicherheit als Religionslehrer/in initiieren,
Anstöße geben, (erste) Schritte zu einer Veränderung einzuleiten, die
den Unterricht verbessern und einen Zuwachs an innerer und äußerer
(beruflicher) Zufriedenheit erwarten lassen.
Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass mit der religiösen Selbstkompetenz
auch die „religiöse Wahrnehmungsfähigkeit“62 für andere wächst, was der
Qualitätsentwicklung des Religionsunterrichts insgesamt dient. Zusam-
menfassend die Relation Religionsunterricht – Religionslehrer/innensuper-
vision mit einem Software- bzw. Hardware-check-up zu vergleichen, ist
vielleicht etwas gewagt. Doch um einen reinigenden, klärenden Check-up
geht es sowohl in der Supervision als auch im Religionsunterricht: Wenn
Supervision als ‚existenzielle Klarlegungsarbeit im beruflichen Kontext’ tref-
fend beschrieben werden kann, dann ist Religionsunterricht(svorbereitung)
didaktische Klarlegungsarbeit im unterrichtlichen Kontext’.
Die Aussage Bernhard Dresslers, dass „Wissen […] nur dann Raum [ge-
winnt], wenn es seine Ordnungsmuster und seine Grenzen kennt“,63 gilt
für Supervisoren/innen, Religionslehrer/innen und die von ihnen jeweils
61 Frage ‚eins’ des Heidelberger Katechismus.
62 R. Englert, aaO., S. 31.
63 Bernhard Dressler: Religion geht zur Schule: Fachlichkeit und Interdisziplinarität re-
ligiöser Bildung. In: ZPT 56/2004, S. 3 – 17, Zitat S. 11.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 347
inszenierten Prozesse. Die Bearbeitung des Themas Religion in der Super-
vision unterstützt Religionslehrer/innen in ihrem Bemühen, mehr Klarheit
für sich und damit zugleich auch für ihren Unterricht zu gewinnen. Sie ist
eine existenzielle Meta-Reflexion, die sich in den unzähligen kleinen Ent-
scheidungen des Unterrichtsalltags – ich erinnere an die 200 Entscheidun-
gen in 45 Minuten (Kapitel I) – auszahlt.
348 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
2.3 Ein auf Religionslehrer/innen zugeschnittenes Supervisions-
angebot
Lehrer/innensupervision in Deutschland
Zunächst partizipieren Religionslehrer/innen natürlich an den positiven
Effekten, die Supervision nachweislich für die Verbesserung des eigenen
Wohlbefindens und des Arbeitsklimas bewirkt64 und die in Kapitel I und
II zusammengestellt sind. Diese Untersuchung zeigt allerdings auch, dass
das Supervisionsangebot für Lehrer/innen im Allgemeinen und für Religi-
onslehrer/innen im Besonderen nicht nur verbesserungswürdig, sondern
auch verbesserungsfähig und -notwendig ist. K. D. Joswig, K. Neuschäfer
und jetzt auch die DGSv haben sich um eine Bestandsaufnahme des Su-
pervisionsangebotes für Lehrer/innen in Deutschland bemüht.65 Das Er-
gebnis ist uneinheitlich und interpretationsbedürftig. So geben zwar alle
Bundesländer mit Ausnahme Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-
Holsteins „Supervision als Bestandteil der Lehrerfortbildung“ an (Bayern
und Baden-Württemberg ‚zum Teil’), aber Richtlinien für die Supervision
gibt es bisher nur in NRW.66 Ganz ähnlich der Widerspruch zwischen
dem angeblichen Supervisionsbedarf, der einhellig in allen (!) Bundeslän-
dern gesehen wird, und der Tatsache, dass es bisher nur in drei Bundeslän-
dern einen Etat für Supervision gibt (Bayern und Bremen ‚zum Teil’). Bis
auf vier Bundesländer geben alle anderen an, einen standardisierten Weg
bei der Suche nach Supervision/Coaching und Supervisoren/innen vor-
weisen zu können. Konkret spiegelt sich darin die bildungspolitische
Kleinstaaterei in Deutschland. An der Sachlage, die K. D. Joswig be-
schreibt, dass gerade bei Lehrer/innensupervision die „Qualifikation als
Supervisor nicht nachweisbar ist“, „Schulpsychologen für viele Verant-
wortliche die natürlichen Supervisoren für Lehrkräfte zu sein“ scheinen
und nicht selten „Moderatoren aus dem schulinternen Fortbildungsbereich
Supervision“ durchführen,67 hat sich bis heute nichts verändert. Deshalb
teile ich Joswigs Einschätzung, dass „in Verbindung mit der Qualifikation
64 S. K. D. Joswig, aaO., S. 43f.
65 S. K. D. Joswig, aaO., S. 40 – 42; K. Neuschäfer, aaO., S. 70 – 84; DGSv aktuell
1/2005, S. 12 und unter www.dgsv.de eine Synopse der Lehrer/innensupervision in
den einzelnen Bundesländern. Stand 31.05.2005. S. a. A. Herrmann / St. D. Richter:
Zehn Thesen zur Supervision an Schulen, aaO., S. 12 – 14.
66 Konkret handelt es sich dabei um einen „Musterkontrakt, Evaluation von Supervisi-
on und DGSv anerkannte Supervisionsausbildung (Ausnahmen in Einzelfällen“ im
Regierungsbezirk Münster (DGSv, aaO, S. 6). Auf den Erfahrungsbericht über in-
terne Supervision im Regierungsbezirk Münster von K. Neuschäfer, aaO., hatte ich
bereits in K. II hingewiesen. Dort bewerten nach Auswertung von 138 Fragebögen
„97% der befragten Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Supervision für sich als
positiv.“ S. 81.
67 K. D. Joswig, aaO., S. 44. Das bestätigt auch der Aufsatzband von A. Schreyögg
und H. Lehmeier (Hg.), aaO., der Abschlussarbeiten von zu Supervisoren/innen
weitergebildeten Schulpsychologen/innen dokumentiert.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 349
der Supervisoren für die Lehrersupervision […] die Forderung nach einem
akzeptablen Supervisionsmodell für LehrerInnen einher“ gehen müsste.68
Pädagogisches Supervisionskonzept
Die Bedingungen, die K. D. Joswig69 an ein pädagogisches Supervisions-
konzept stellt, stützen meinen hier vorgetragenen Ansatz in folgenden
Punkten –
der Erweiterung der personenbezogenen Sichtweise durch die systemi-
sche Perspektive mit der Folge einer „Entpathologisierung“70 und der
Reduzierung von Berührungsängsten gegenüber Supervision,
der „Abkehr von bekannten medizinisch-psychotherapeutischen Aus-
richtungen in der Beratungs- und Supervisionstätigkeit, welche die Stö-
rungen von Schüler [sic] als individuelle Symptome versteht“,71
der Notwendigkeit, auch Systemfehler der Institution Schule in den
Blick zu nehmen.72
73
68 K. D. Joswig, aaO., S. 46.
69 Ebd., S. 76.
70 Ebd., S. 76. Die „eingeengte Perspektive“, die sich primär an den Defiziten der Leh-
rer/innern orientiert, kritisiert auch A. Blöckner an älteren Konzepten der pädago-
gischen Supervision. A. Blöckner, aaO., S. 210.
71 K. D. Joswig, aaO., S. 76. Ebenso A. Blöckner, aaO., 210f.
72 So fordert auch A. Blöckner, dass „der Supervisor bei der Konzeption entsprechen-
der schulischer Angebote die bereits genannten systemischen Aspekte angemessen
miteinbeziehen“ muss. Ebd., S. 211.
73 Pädagogisches Supervisionskonzept nach Joswig – Grafik s. ebd., S. 48.
Das personale
Praxisproblem
Basisbezu
g
Kritische Schulpädagogik
Integrativ Systemisch
Methode
Supervision
350 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
Allerdings sieht er den „Ausgangspunkt eines jeden pädagogischen Super-
visionsprozesses“ in dem Personalen, der einzelnen Lehrkraft, „mit seinem
[ihren] pädagogischen Problem und seinen [ihren] persönlichen Verstri-
ckungen.“74 Das führt m. E. zu unzulässigen Einengungen. In dem von
mir vorgestellten Supervisionsentwicklungsdreieck – bestehend aus Rolle,
Person und System – kommt jeder dieser unterschiedlichen Blickwinkel
vor und kann jeweils auch Ausgangspunkt der supervisorischen Arbeit
sein. Ausgehend davon, dass im System nichts Wichtiges verloren geht
und Eingriffe immer das ganz System beeinflussen, gleichgültig, an wel-
cher Stelle man mit der Veränderung beginnt, wird man im Laufe des Pro-
zesses immer da ankommen, wo sich ein Entwicklungspotenzial und ein
Veränderungsbedürfnis tangieren.
Maßgeschneiderte Supervision für Religionslehrer/innen!75
Das besondere Anforderungsprofil des Religionslehrerberufs, das ich in
dieser Untersuchung herausgearbeitet habe, verlangt nach einer maßge-
schneiderten Supervision, die die Religionslehrer/innen bei ihrer an-
spruchsvollen Aufgabe wirkungsvoll unterstützt. Der finanzielle Rahmen
wird für beide großen Kirchen in allen Arbeitsbereichen immer enger.
Dennoch meine ich, dass die Unterstützungszusagen, die die Kirchen ih-
ren Religionslehrern/innen mit der ‚misso’ bzw. ‚vocatio’ geben, keine lee-
ren Worte bleiben dürfen. Bei allen Sparzwängen sollten die Kirchen – auf
allen Ebenen – bedenken, „dass die Zahl der Stunden, in denen SchülerIn-
nen heute mit dem Thema Religion im Rahmen des Schulischen Religions-
unterrichts befasst sind (in welcher Weise auch immer), weitaus höher ist
als jene, in denen es um (Bildungs)Kontakte im ‚Sakralraum Kirche’ oder
im ‚Beziehungsraum Gemeinde’ geht“, wie A. Feige und W. Tscheetzsch76
herausstellen, die auch darauf verweisen, dass das „starke Fortbildungsen-
gagement“ der Kirchen „nicht als eine Kontroll-, sondern als Unterstüt-
zungsinstanz wahrgenommen wird.“77
Diesen Vertrauensvorschuss und diese Vertrauensbasis sollten die Kirchen nicht leicht-
fertig verspielen!78
74 K. D. Joswig, aaO., S. 47.
75 Siehe dazu auch Meinfried Jetzschke: Fort- und Weiterbildung von (Religions)Leh-
rern/innen an berufsbildenden Schulen. In: Neues Handbuch Religionsunterricht
an berufsbildenden Schulen. Neukirchen-Vluyn 2005, S. 625 – 654.
76 A. Feige und W. Tscheetzsch, aaO., S. 168.
77 Ebd., S. 168. Michael Domsgen belegt am Beispiel Sachsen-Anhalts (Kirchenpro-
vinz Sachsen) die Bedeutung der Pädagogisch-Theologischen Institute, ab 1992 des
PTI Drübeck für die religionspädagogische Qualifizierung von Pfarrern/innen und
Lehrern/innen in Ostdeutschland. Michael Domsgen: Religionsunterricht in Ost-
deutschland, aaO., S. 388 – 393.
78 Vorbildlich die gemeinsame Erklärung der Evangelischen Kirche von Westfalen
und der Landesvereinigung der Arbeitgeberverbände Nordrhein-Westfalen (Hg.):
Fördern und Fordern. Leistung und Integration. Bielefeld/Düsseldorf 31. Mai 2005,
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 351
Angesichts der hohen Wertschätzung, die die Pädagogisch-theologischen
Institute der Kirchen genießen, und der Unterstützung, die Religionsleh-
rern/innen durch Supervision zugute kommen könnte, mutet es geradezu
als sträfliche Vernachlässigung an, dass Supervision nicht längst an allen
Instituten seinen festen Ort hat.79 Wie die Vermittlung der Superviso-
ren/innen, die Finanzierung und Abrechnung dann im Einzelnen zu orga-
nisieren ist, kann gewiss unterschiedlich gelöst werden. Es gibt auf dem
weiten Supervisionsmarkt eine große Zahl an Supervisoren/innen, die die
geforderte pädagogische, religionspädagogische und theologische Feld-
kompetenz mitbringen. Doch wie soll der /die supervisionsinteressierte
Lehrer/in das in mühevoller Einzelrecherche herausfinden? Die religions-
pädagogischen Institute könnten hier eine wertvolle Vermittlungsarbeit
leisten: Sie kennen aufgrund der erteilten ‚missio’ bzw. ‚vocatio’ – flächen-
deckend – alle Religionslehrer/innen und wären in der Lage, ein effizientes
Informations- und Beratungsnetzwerk zu etablieren. Darüber hinaus soll-
ten sie bei der Entwicklung einheitlicher Standards für die Religionsleh-
rer/innensupervision eine Führungsrolle übernehmen und so für verlässli-
che Rahmenbedingungen sorgen.
in der es heißt: „Die Bildungsfinanzierung verdient höchste Priorität. […] Die ge-
sellschaftliche Wertschätzung der Bildung, der Schule, der Lehrkräfte und des Leh-
rerberufs ist viel zu gering. Alle Meinungsmultiplikatoren müssen dazu beitragen,
dies zu ändern.“ Jetzt müssen diesen Worten aber auch die ‚wert-schätzenden’ Ta-
ten folgen.
79 Auch wenn in etlichen Diözesen und Landeskirchen Supervisionsangebote für ka-
tholische bzw. evangelische Religionslehrer/innen zu finden sind, so sind diese we-
der untereinander vernetzt, noch durch einen Fachdiskurs über Standards, Organi-
sationsformen etc. miteinander verbunden.
Religionslehrer/
innen
Supervisoren/
innen mit
religionspäd.
und theol.
Feldkompetenz
Standards /
Organisations-
formen
Päd.-Theol.
Institute
Supervision
352 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
Ein Modell: Supervision im PI der Ev. Kirche von Westfalen
Den Weg, den das Pädagogische Institut der Ev. Kirche von Westfalen bei
der Entwicklung seines Supervisionsangebotes für (Religions)Lehrer/in-
nen gegangen ist, hatte ich in Kapitel II.2 kurz skizziert. Seit etwa fünf Jah-
ren existiert nun dieses besondere Supervisionsangebot für Lehrerinnen
und Lehrer unter dem Dach des Pädagogischen Instituts. Aus kleinen An-
fängen hat sich in dieser Zeit ein professionelles Beratungskonzept entwi-
ckelt, das sich zunehmender Nachfrage erfreut und inzwischen von einer
Gruppe bestehend aus 14 Supervisoren/innen mitgetragen wird. Die
Gründungsphase ist inzwischen durch die Konsolidierungsphase abgelöst.
Sowohl hinsichtlich der Nachfrage als auch des Mitarbeitendenstamms ist
mittlerweile eine Größenordnung erreicht, die transparente und somit
auch für Außenstehende nachvollziehbare Strukturen notwendig macht.
Deshalb wurden Grundsätze für die Supervision des Pädagogischen Insti-
tutes (PI) der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) erarbeitet, die
der Leitung des PIs und dem Pädagogischen Ausschuss der Landeskirche
zur Beschlussfassung vorgelegt wurden.80
Grundsätze für die Supervision
In diesen Grundsätzen wird unter Bezugnahme auf die Vokationsordnung
der Ev. Kirche von Westfalen Supervision von (Religions)Lehrerinnen und
(Religions)Lehrern als integraler Bestandteil der Unterstützung definiert,
die den Religionslehrern/innen im Vokationsgottesdienst zugesprochen
wird. Ein wesentlicher Schwerpunkt der Grundsätze ist die Formulierung
von Qualitätsstandards, die supervisorische Professionalität, schulische
Feldkompetenz und religionspädagogische Fachkompetenz sicherstellen
sollen und damit eine überprüfbare Grundlage für die supervisorische Ar-
beit mit Lehrerinnen und Lehrern schaffen. Darüber hinaus werden die
Rechte und Pflichten aller am Supervisionskontrakt Beteiligten eindeutig
und verbindlich geregelt. Muster der Vertragsformulare vervollständigen
diesen Entwurf.81
Supervision für Religionslehrer/innen als ‚Grundausstattung’
Wie gesagt, müsste ein vergleichbares Supervisionsangebot in allen Fortbil-
dungsinstituten für Religionslehrer/innen zur Grundausstattung gehören.
Wer nachhaltig guten Religionsunterricht will, darf die nun im Gefolge der
‚PISA’82-Untersuchung entbrannte Debatte um die Einführung von natio-
nalen Bildungsstandards nicht dazu missbrauchen, die politischen, pädago-
gischen und finanziellen (Alt-)Lasten ‚billig’ auf dem Rücken der betroffe-
80 S. Anhang. Am 12. Dezember 2005 wurden die Grundsätze vom Pädagogischen
Ausschuss der Ev. Landeskirche von Westfalen – einstimmig – beschlossen.
81 S. Anhang. An dieser Stelle danke ich allen Supervisorinnen und Supervisoren, die
dieses Supervisionsmodell mit aufgebaut, entwickelt und nun auch am Verfassen
dieser Grundsätze mitgewirkt haben, sehr herzlich.
82 Programme for International Student Assessment (PISA 2000).
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 353
nen Lehrer/innen (und damit indirekt natürlich auch der Schüler/innen)
zu ‚ent-sorgen’, sondern muss auch die ‚not-wendenden’ ‚support-systems’
zur Verfügung stellen. Eine bildungspolitische Qualitätssicherungsdebatte,
die, wie es leider bei dem augenblicklichen KMK-Entwurf der Fall zu sein
scheint,83 nur am ‚out-put’ der Schüler/innen interessiert ist, ohne den Ge-
samtprozess des Lehrens und Lernens in den Blick zu nehmen, und der
die Kompetenzentwicklung der Lehrkräfte gleichgültig zu sein scheint,
wird nicht von Nachhaltigkeit getragen sein.
Ein abschließender Blick auf die Reichweite dieser Untersuchung und Anregungen für
weitere Forschungsprojekte
Die religionssoziologische und religionspädagogische Kontextualisierung
der ‚dichten Beschreibung’ dieses einen Prozesses zeigt ein hohes Maß an
Übereinstimmung in der Bewertung der Bedeutung von ‚Religion’ für Reli-
gionslehrer/innen und der großen religiösen Selbstkompetenz, die erfor-
derlich ist, um ‚guten Religionsunterricht’ über einen längeren Zeitraum
hinweg erteilen zu können.84 Diese Untersuchung hat überzeugend darzu-
legen versucht, wie Supervision Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen
dabei wirksam unterstützen kann. Dennoch bleibt auf dem Hintergrund ei-
ner Prozessanalyse zwangsläufig vieles unpräzise und verlangt geradezu
nach weiteren Forschungsprojekten:
(1) Vergleichsuntersuchungen mit Lehrern/innen, die einen anderen Aus-
bildungshintergrund haben (Lehramts- statt Pfarramtsstudium / Referen-
dariat statt Vikariat mit Schulvikariat), (2) die einer anderen Konfession
oder Religionsgemeinschaft angehören (z. B. jüdischer Religionsunterricht
oder islamischer Religionsunterricht), (3) Untersuchungen, die Aspekte des
Lebens- bzw. Berufsalters fokussieren und (4) Untersuchungen zur Rele-
vanz der Genderthematik.
Ich will diese Untersuchung mit zwei Ausschnitten aus Erlebnisprotokol-
len des Supervisanden schließen. Bewegend fasst der Supervisand in Wor-
te, wie Gotteskonstrukt und (berufliches) Selbstkonzept ineinander ver-
flochten sind: ‚Los-lassen’ des einen führt offensichtlich auch zu ‚Entlas-
tung’ im anderen. Supervision kann ‚Lösungen’ initiieren, die zumindest
‚über den Tag hinausgehen’, auch wenn nicht ausgeschlossen werden
83 S. www.kmk.org.
84 Die aktuelle wissenschaftliche Diskussion zum Thema Unterrichtsqualität und eine
Bündelung in zehn „Gütekriterien“ bietet Hilbert Meyer: Was ist guter Unterricht.
Berlin 2004. „Gütekriterien“ für den Berufsschulreligionsunterricht haben jetzt Joa-
chim Kreter / Martin Küsell / Silvia Mustert / Sylke Schuknecht und Thorsten Was-
muth-Hödicke vorgelegt: „Qualität im Religionsunterricht“. In: Evelyn Schneider
(Hg.): Sternstunden. Gelungenes aus der Praxis. Rehburg-Loccum 2005, S. 17 – 27.
354 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
kann, ‚dass die Lösungen von heute vielleicht die Probleme von morgen
sind.’85
‚Schlusswort’ des Supervisanden
„EinermeinererstenGedankenblitzezurFragederPeinlichkeitvonKom
plimentenwar:‚MeinLohnist,dassichdienendarf.’Esgibtsoetwaswie
einprotestantischesErbebeimir,dasichausheutigerSichtnichtalslebens
erleichternd,sondernals‐behinderndempfinde.DieEinstellung,dassman
garkeinenLohnverlangendarf,weilesLohngenugist,Gott(undden
Menschen)zudienen,gehörtdazu.Ebensoglaubeich,dassderPerfektio
nismus,denichvonmirkenne,mitdiesemprotestantischpietistischenErbe
zutunhat.DieEinstellung,entwedermanistrichtigChristodergarnicht,
hatmichanscheinendstärkergeprägtalsmirdasliebist.InderSitzungha
beichmichbestimmterLobpraktikenmeinerElternerinnert,dievorallem
daskognitiveWissen,diekognitiveLeistungbelohntundgelobthaben.Der
Perfektionismusverbandsich,someinevorläufigeReKonstruktion,mitder
Erfahrung,dasskognitiveLeistungbelohntwird:‚Ichbin,wasichleiste,
undnurwennichvolleLeistungbringe,binichwirklichetwas.’Fehlerzu
machenunddarauszulernen,hatindiesemSystemfürmichimNach
denkenund‐fühlenerschreckendkeinenPlatz.Komplimentewerden
letztlichdadurchzueinerambivalentenSache:Einerseitsbraucheichsie,
weilsichdarinsovielBestätigung,AnerkennungundAkzeptanzfürmich
zeigt,diemichaufbauen.Andererseitsdarfessienichtgeben,weilichja
nurmeinePflichterfülle,undwirklichernstgemeintseinkönnensieauch
nicht,weilichjanichtperfektbin.“
Der Supervisand entschloss sich in einer weiteren Sitzung, alles, was er seinem Vater
schon einmal sagen wollte, aber nie direkt auszusprechen gewagt hatte, in einem Brief
festzuhalten. Lange behielt er den Brief bei sich, konnte sich nicht entscheiden, ihn ab-
zuschicken oder zu vergraben und damit auch die belastenden Inhalte ‚los-zu-werden’.
Monate später schrieb er mir folgende Zeilen:
„MittlerweilehabeichdenBriefzumHimmelgeschickt,undhabedabei
Wehmutverspürt.EswarinderTatsoetwaswieeinAbschiedvonder
Kindheit.Dazukam,dassichmiralsOrtletztlichdenHauptfriedhofausge
suchthatte,einOrt,derjaauchfürVergänglichkeitundTrennungsteht.“
______________________
85 „Denkt vielmehr daran, dass jede Lösung von heute das Problem von morgen sein
kann […]. Sprecht lieber vom Austausch von Problemen“, gibt Heinz J. Kersting zu be-
denken. „Menschen tauschen ein Problem gegen ein anderes aus, wenn sie annehmen,
dass sie das neue Problem besser managen können als das Problem, mit dem sie in die
Supervision gekommen sind.“ H. J. Kersting: Zirkelzeichen. AaO., S. 22.
XII. Kapitel: Religionslehrer/innensupervision 355
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.“
Rainer Maria Rilke
„Wenn ich nicht für mich bin,
wer ist für mich?
Wenn ich nur für mich sorge,
was bin ich?
Wenn nicht jetzt,
wann dann?“
Hillel zugeschriebene Aussage aus Mischna Abot 1/14
356 XII. Kapitel: ReligionslehrerInnensupervision
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pervision – ausgelöst bei einem Gang durch die Literatur. In: supervision
3/2000, S. 52 – 56.
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Literatur
384
Grundsätze für die Supervision
des Pädagogischen Institutes (PI)
der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW)
(1) Präambel
In § 2 der Vokationsordnung sagt die EKvW Religionslehrerinnen und –lehrern in besonderer
Weise „den Rückhalt ihrer Gemeinschaft, fachliche Förderung und Unterstützung in der ver-
antwortlichen Wahrnehmung ihres Dienstes zu.“1 Das Supervisionsangebot des PI ist inte-
graler Bestandteil dieser Selbstverpflichtung und unterstützt die (Religions)Lehrer/innen in ih-
rem Bemühen um Klarheit in einem Beruf, der von hohem innerem und äußerem Erwar-
tungsdruck gekennzeichnet ist.
(2) Definition, Ziele und Inhalte von Supervision
Supervision ist eine professionelle Beratungsform, die - in einem zeitlich und räumlich be-
grenzten Prozess – das berufliche Handeln im Bedingungsgeflecht von eigener Person, be-
ruflicher Rolle und Institution reflektiert. Sie beschäftigt sich mit den Chancen und Grenzen,
die durch dieses Bedingungsgeflecht gegeben sind. Gegenstand sind konkrete berufliche Er-
fahrungen und erlebte Situationen (Problemfelder, Konflikte, Fallbeispiele etc.). Ziel eines
Supervisionsprozesses ist es, die beruflichen Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen, zu si-
chern und zu optimieren und sowohl für die Person als auch für die Profession fruchtbar zu
machen. Supervision schärft den Blick für Abläufe und Muster, die beim Aufeinandertreffen
unterschiedlicher Ansprüche, Erwartungen, Interessen und Biographien entstehen und ermu-
tigt, diese produktiv und lösungsorientiert zu nutzen.
Konkrete Inhalte von Supervision mit Lehrern/innen können z.B. sein:
Zeitmanagement (Vor- und Nachbereitung des Unterrichts / Wofür investiere ich Zeit, viel
Zeit, wenig Zeit, zu wenig Zeit?)
Selbsteinschätzung – Fremdeinschätzung (Was sind meine Fähigkeiten / Grenzen? Neh-
me ich Erfolge wahr? Kann ich Lob / Kritik annehmen?)
Rollenfindung (Wie gehe ich mit neuen / divergierenden Anforderungen um? Wie über-
nehme / delegiere / trage ich Verantwortung? Kann ich Leitungsverantwortung anneh-
men?)
Ressourcenorientierung (Welche Möglichkeiten / Energien / Kompetenzen stehen mir zur
Verfügung? Wie kann ich sie aktivieren und effektiver nutzen?)
Umgang mit Belastungssituationen im Kollegium / durch Vorgesetzte / in Unterrichtsgrup-
pen (Kritik / Konflikte / Misserfolge / Mobbing / Burnout etc.)
Teamfähigkeit (Wie gehe ich mit Konkurrenzen um? Wie bringe ich mich ein, lasse ande-
re/s gelten? Miteinander, statt übereinander reden.)
Zielplanung (Wohin und wie will ich mich / will das Team sich weiterentwickeln?)
Mechanismen der Systeme (offene und verdeckte Erwartungen / Forderungen / Kommu-
nikations- und Entscheidungsabläufe / Machtstrukturen)
Organisationsentwicklung (Möglichkeiten und Grenzen des Systems Schule / Leitbildent-
wicklung).
1 Gemeinsame Vokationsordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelischen Kirche von Westfa-
len und der Lippischen Landeskirche vom 29.03.2001
2
Das besondere Profil des Supervisionsangebotes des PI eröffnet darüber hinaus die Mög-
lichkeit,
die religiöse Identität der Supervisanden/innen ressourcenorientiert zu bearbeiten (Unter-
scheidung von konstruktiven und destruktiven Anteilen des individuellen Gotteskonstruk-
tes)
sich mit der Wirksamkeit religiöser und gesellschaftlicher Credos kritisch auseinander zu
setzen
die Relation von gelebter und gelehrter Religion in ihren Auswirkungen auf den berufli-
chen Alltag von (Religions)Lehrer/innen zu bearbeiten.
(3) Adressaten des Supervisionsangebotes
Adressaten sind einzelne Lehrerinnen und Lehrer, Steuer- und Entwicklungsgruppen,
(Teil)Kollegien, Fachgruppen, Bildungsgangkonferenzen und Schulleitungen aus allen Schul-
formen im Einzugsgebiet der EKvW.
(4) Arbeitsformen und Methoden
Supervision ist möglich als Einzelsupervision, Gruppensupervision oder Supervision in
(Teil)Organisationen und orientiert sich an den Standards der Deutschen Gesellschaft für
Supervision (DGSv) 2.
Einzelsupervision:
Einzelpersonen begeben sich in Supervision, um ihre berufliche Rolle und die Bedingun-
gen und Kontexte ihres Arbeitsfeldes zu reflektieren, sowie geeignete Handlungsstrategi-
en zu entwickeln.
Gruppensupervision:
Mehrere Personen kommen hier ausschließlich zum Zweck der Supervision zusammen.
Sie arbeiten in ähnlichen beruflichen Rollen und Funktionen. Die Gruppenmitglieder kom-
men aus unterschiedlichen schulischen Systemen.
Supervision in (Teil)Organisationen:
Die Beratung und Begleitung von Teams oder Arbeitsgruppen, die gemeinsam in einer
Organisation arbeiten, ist eine häufig angewandte Form der Supervision. Solche Supervi-
sion erfordert die Einbeziehung der Organisationswirklichkeit und die Rückbindung an
das System.
Das besondere Profil des PI-Supervisionsangebotes wird bestimmt durch zielgruppen- und
themenorientierte Supervisionsveranstaltungen für (Religions)Lehrer/innen.
Vielfältige methodische Ansätze kommen zur Anwendung (z. B. Gestaltarbeit, systemische-
und kommunikationswissenschaftliche Methoden, Körper- und Bewegungsarbeit). Das kon-
krete Setting wird zwischen Supervisanden/innen und Supervisoren/innen geklärt und ist Teil
des Kontraktes (siehe Mustervertrag), der unter die Verschwiegenheitsvereinbarung fällt.
(5) Qualitätsstandards und Voraussetzungen für die Mitarbeit in der PI-Supervisions-
konferenz (PISK)
Supervisorinnen und Supervisoren, die mit dem PI auf der Basis dieser Grundsätze zusam-
menarbeiten, sind Mitglieder der PI-Supervisions-Konferenz (PISK)3 und erfüllen folgende
Voraussetzungen:
2 Deutsche Gesellschaft für Supervision e. V. (www.DGSv.de)
3 s. Punkt 6
3
Mitgliedschaft in einer der ACK4 angehörigen Kirchen
Supervisions-Ausbildung und Qualifikation nach den Standards der DGSv, DGSF5 oder
der DGfP Sektion Gruppe-Organisation-System (GOS)6
Regelmäßige Teilnahme an Kontrollsupervision zur Reflexion der eigenen supervisori-
schen Praxis und zur Gewährleistung der aktuellen fachlichen Standards, wie sie von
der DGSv, DGSF oder der DGfP Sektion Gruppe-Organisation-System (GOS) fortwäh-
rend weiterentwickelt werden
(Religions)Pädagogische und schulische Feldkompetenz (eigene Unterrichtserfahrung
und fundierte Kenntnis des Systems 'Schule')
Erfahrungen mit Formen systemischer Supervision
Unabhängigkeit von den zu supervidierenden Subsystemen.
(6) PI-Supervisions-Konferenz (PISK)
6.1 Organisationsform der PI-Supervisions-Konferenz (PISK)
Die Mitglieder der PISK wählen aus ihren Reihen einen Vorstand, der aus der/dem Vor-
sitzenden und dem/der Stellvertreter/in besteht. Der/die im PI für die supervisorische Ar-
beit zuständige Dozent/in ist ‚geborenes’ Mitglied im Vorstand der PISK.
Der Vorstand trifft sich mindestens einmal im Jahr, ansonsten nach Bedarf. Er führt die
Aufnahmegespräche mit den Supervisoren/innen, die in der PISK mitarbeiten wollen,
überprüft die Voraussetzungen und entscheidet über die Aufnahme.
Einmal jährlich findet für alle PISK-Mitglieder ein Klausurtag statt, zu dem der Vorstand
einlädt. Die Kosten trägt das PI.
Die weiteren Aufgaben des Vorstandes werden durch eine von der PISK beschlossenen
Geschäftsordnung geregelt.
6.2 Bedingungen für die Mitgliedschaft in der PI-Supervisions-Konferenz (PISK)
Aufnahmegespräch mit dem Vorstand (Nachweis der unter Punkt 5 genannten Voraus-
setzungen und Qualitätsstandards)
Verpflichtung zur aktiven Mitarbeit in der PISK7
Anerkennung des rechtlichen und institutionellen Rahmens der PISK8
(7) Der rechtliche und institutionelle Rahmen
Nach diesen Grundsätzen zustande kommende Supervisionskontrakte bewegen sich zwi-
schen folgenden vier Bezugsgrößen, deren Rechte und Pflichten in 7.1 bis 7.7 geregelt sind:
4 Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen e. V. (www.oekumene-ack.de)
5 Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie e. V. (www.DGSF.de)
6 Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie e. V. (www.pastoralpsychologie.de)
7 s. 6.1 und 7.2
8 s. Punkt 7
Supervisanden/innen
Supervisoren/innen PI
PISK
4
7.1 PI – Supervisoren/innen
Das PI stellt Muster-Supervisionsverträge zur Verfügung und übernimmt gemäß der
aktuellen Honorarrichtlinien die Rechnungslegung.
Das PI sorgt über den Halbjahresprospekt für die Ausschreibung der Supervisions-
angebote.
Das PI informiert mit einem Flyer, der den Mitgliederbestand der PISK wiedergibt,
über das gültige Supervisionsangebot.
Das PI ist bei der Suche nach geeigneten Räumen - insbesondere für die Durchfüh-
rung von Gruppensupervisionen und Supervision von (Teil)Organisationen - behilf-
lich. Das PI übernimmt weder Mietentgelte noch andere entstehende Kosten.
Das PI übernimmt keine Fahrtkosten.
Die Supervisoren/innen dokumentieren die Supervisionssitzungen anhand der Teil-
nahmelisten, die durch das PI zur Verfügung gestellt werden.
7.2 PI - PI-Supervisions-Konferenz (PISK)
Einmal jährlich findet die PI-Supervisions-Konferenz (PISK) statt. Die Kosten über-
nimmt das PI.
PISK setzt im Rahmen der geltenden landeskirchlichen Honorarordnung die Preis-
struktur fest.
Das PI bietet für die in der PISK organisierten Supervisoren/innen einmal jährlich ei-
ne für alle Mitglieder verpflichtende - mindestens eintägige - Fortbildungsveranstal-
tung an. Der Vorstand organisiert diese Veranstaltung in Kooperation mit dem PI.
Die Teilnahmebeiträge richten sich nach den jeweils für Lehrerfortbildung gültigen
Sätzen.
Die Mitglieder der PISK verpflichten sich gegenüber dem PI, einmal jährlich ein ziel-
gruppen– bzw. themenorientiertes Supervisionsangebot zu den jeweils gültigen Kon-
ditionen im Halbjahresprospekt anzubieten.
7.3 Supervisanden/innen – PI
Das PI vermittelt interessierten Lehrer/innen Supervisoren/innen, die zu den von der
PISK festgelegten Honorarrichtlinien tätig werden. Darüber hinaus steht das PI dafür
ein, dass die unter Punkt 5 formulierten Qualitätsstandards eingehalten werden. Die
Abrechnung der durchgeführten Supervisionen – inklusive eventuell notwendig wer-
dender Mahnverfahren - erfolgt durch das PI.
7.4 Supervisanden/innen – Supervisoren/innen
Inhalte und Ziele der Supervision, Zeitdauer, Methoden und Kosten sind vor Beginn
der Supervision zwischen den Beteiligten schriftlich zu vereinbaren. Die Superviso-
ren/innen bestätigen, dass sie die Schweigepflicht einhalten. Bei Gruppensupervisio-
nen und Supervisionen in (Teil)Organisationen ist die Pflicht der Supervisanden/in-
nen zur Verschwiegenheit nach außen ausdrücklich zu vereinbaren. Der Vereinba-
rung ist das entsprechende Muster zugrunde zu legen. Der allgemeine Teil der Su-
pervisionsvereinbarung geht an das PI, die Anlage verbleibt bei den Superviso-
ren/innen und Supervisanden/innen.
Falls die Supervisanden/innen die Fahrtkosten der Supervisoren/innen übernehmen
sollen, muss das im Vertrag entsprechend kontraktiert werden. Das PI übernimmt
keine Fahrtkosten.
5
7.5 Form und Dauer der Supervision
Supervision kann von Einzelnen, von Gruppen oder von (Teil)Organisationen
(Teams, Leitungspersonen, Gremien etc.) in Anspruch genommen werden. Ein Su-
pervisionsprozess sollte nicht mehr als 20 Sitzungen umfassen. Eine Kontraktverlän-
gerung ist möglich. Der Sitzungsrhythmus (meist zwei- bis vierwöchentlich) wird zwi-
schen Supervisanden/innen und Supervisoren/innen individuell und nach Bedarf ver-
einbart. Eine Einzelsupervision dauert i.d.R 60 bis 90 Minuten und eine Gruppen-
oder (Teil)Organisationssupervision zwei bis drei Stunden.
7.6 Kosten, Honorar
Die Supervisanden/innen zahlen zu den Kosten der Supervision einen Eigenanteil.
Die Höhe dieses Eigenanteils wird von der PISK in Orientierung an Art. 5.2 der Ver-
ordnung für die Supervision in der EKvW vom 14. März 2002 festgelegt. Außerdem
setzt die PISK im Rahmen und auf Grundlage der geltenden landeskirchlichen Ho-
norar-Richtlinien die an die Supervisoren/innen zu zahlenden Honorare fest. Eigene
Auslagen tragen die Supervisanden/innen.
Die Kosten betragen zurzeit
€ xx,-- pro Stunde für die Einzelsupervision
€ xx,-- pro Stunde und Person bei Gruppen-/(Teil)Organisationssupervision bis 4
Teilnehmer/innen
€ x,-- pro Stunde und Person bis 5 TN
Großgruppen ab 8 Teilnehmende zahlen insgesamt € xx,-- je Stunde.
Thematische Supervision € xx,-- pro Person je Nachmittag
Die Honorare betragen zurzeit
€ xx,-- pro Stunde für die Einzelsupervision
€ xx,-- für die erste Stunde bei Gruppen- und (Teil)Organisationssupervision
€ xx,-- für die weiteren Stunden bei Gruppen- und (Teil)Organisationssupervision
€ xx,-- pro Nachmittag bei thematischen Supervisionsangeboten.
7.7 Nachweis der Supervision
Der Abschluss der Supervision wird in geeigneter Weise dokumentiert. Grundlage ist
eine schriftliche Bestätigung der Supervisorin oder des Supervisors über die Anzahl
der Termine. Änderungen der Kontraktdauer (Verkürzung, Verlängerung, Abbruch)
sind dem PI mitzuteilen.
(8) Ausführungsbestimmungen, In-Kraft-Treten, Änderungsverfahren
Änderungen dieser Grundsätze bedürfen der Abstimmung mit der PISK.
Schwerte-Villigst im März 2005
1
PÄDAGOGISCHES INSTITUT
der Evangelischen Kirche von Westfalen
Supervision für Lehrerinnen und Lehrer
Supervisionsvereinbarung für die Einzelsupervision
(1) Supervision ist eine professionelle Beratungsform,
die - in einem zeitlich und räumlich begrenzten Prozess –
das berufliche Handeln
im Bedingungsgeflecht von
eigener Person,
beruflicher Rolle
und Institution
reflektiert.
(2) Ziel des Supervisionsprozesses ist es,
die beruflichen Handlungsmöglichkeiten
wahrzunehmen,
zu sichern und
zu optimieren.
(3) Konkret heißt das:
Supervision
fördert die Entwicklung der Selbst-/Fremdwahrnehmung und dient damit der
Persönlichkeitsentfaltung
unterstützt, die eigenen Ressourcen präziser zu erkennen und effektiv einzubringen
erweitert die Perspektiven und vergrößert so die Entscheidungs- und
Handlungsspielräume für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung
entwickelt unter Berücksichtigung der institutionellen Rahmenbedingungen
unterschiedliche Lösungsansätze.
(4) Zusammenfassend lässt sich Supervision beschreiben
als ein professionell reflektierter Beziehungsprozess, der sichere Erfahrungsräume,
Modellverhalten, Wahrnehmungen, Wissen und Kompetenzen bereitstellt.
(5) Supervision ist möglich als Einzel-, Gruppen- oder
(Teil)Organisationssupervision.
(6) Das Pädagogische Institut der Ev. Kirche von Westfalen führt eine Liste
mit Supervisoren/innen, die mit dem PI kooperieren und Ihnen folgende
Standards garantieren:
2
Mitgliedschaft in einer der ACK1 angehörigen Kirchen
Supervisions-Ausbildung und Qualifikation nach den Standards der DGSv, DGSF2
oder der DGfP Sektion Gruppe-Organisation-System (GOS)3
Regelmäßige Teilnahme an Kontrollsupervision zur Reflexion der eigenen
supervisorischen Praxis und zur Gewährleistung der aktuellen fachlichen Standards,
wie sie von der DGSv, DGSF oder der DGfP Sektion Gruppe-Organisation-System
(GOS) fortwährend weiterentwickelt werden
(Religions)Pädagogische und schulische Feldkompetenz (eigene
Unterrichtserfahrung und fundierte Kenntnis des Systems 'Schule')
Erfahrungen mit Formen systemischer Supervision
Unabhängigkeit von den zu supervidierenden Subsystemen.
(7) Die Inhalte der Supervision unterliegen der Schweigepflicht.
(8) Nach den Grundsätzen für die Supervision des Pädagogischen Institutes (PI)
der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) sind Inhalte und Ziele der
Supervision, Zeitdauer, Methoden und Kosten vor Beginn der Supervision
zwischen den Beteiligten schriftlich zu vereinbaren.
(9) Der Abschluss der Supervision wird in geeigneter Weise dokumentiert.
Grundlage ist eine schriftliche Bestätigung der Supervisorin oder des
Supervisors über die Anzahl der Termine. Änderungen der Kontraktdauer
(Verkürzung, Verlängerung, Abbruch) sind dem PI mitzuteilen.
Vereinbarung (Kontrakt)
Frau/Herr ___________________________________________________________
und Frau/Herr ________________________________________________________
vereinbaren 15 ( ) Sitzungen Supervision (höchstens 20 Sitzungen)
o à 60 Minuten
o à 90 Minuten
o à 120 Minuten.
Die Supervision findet
o wöchentlich
o vierzehntägig
o monatlich
o nach Vereinbarung ______________________________
statt als
o Einzelsupervision.
1 Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen e. V. (www.oekumene-ack.de)
2 Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie e. V. (www.DGSF.de)
3 Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie e. V. (www.pastoralpsychologie.de)
Supervisor/in
Supervisand/in
3
Ort der Supervision ist _________________________________
Fahrtkosten werden nicht erstattet.
Die Supervision wird mit einer Auswertungssitzung beendet.
Nach ______ Sitzungen erfolgt eine Zwischenauswertung.
Der Supervisionsprozess unterliegt der Schweigepflicht.
Die Abrechnung erfolgt nach den Grundsätzen für Supervision des Pädagogischen
Institutes der Ev. Kirche von Westfalen. Der Eigenanteil des/der Supervisanden/in
beträgt zurzeit € xx,-- pro Stunde für die Einzelsupervision.
Die Rechnungsstellung kann 1/4jährlich oder 1/2jährlich erfolgen.
______________________, den ____________ ___________________________
______________________, den ____________ ___________________________
Für das Pädagogische Institut:
Schwerte, den ___________________________ ___________________________
___________________________________________________________________
Pädagogisches Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen
Postfach 1247 58207 Schwerte
Referat Beratung und Supervision
Zuständiger Dozent: Pfarrer Meinfried Jetzschke (Supervisor DGSv)
02304/755-272
eMail: m.jetzschke@pi-villigst.de
Sekretariat: Jasmin Müller
02304/755-277
eMail: j.mueller@pi-villigst.de
Fax: 02304/755-247
Supervisor/in
Supervisand/in
Anlage zur Supervisionsvereinbarung mit dem PI Villigst.
Zum Verbleib bei Supervisand/in und Supervisor/in
Mögliche Ziele/Themen:
Konkrete Inhalte von Supervision mit Lehrer/innen können z.B. sein:
o Zeitmanagement (Vor- und Nachbereitung des Unterrichts / Wofür investiere ich Zeit, viel Zeit,
wenig Zeit, zu wenig Zeit?)
o Selbsteinschätzung – Fremdeinschätzung (Was sind meine Fähigkeiten / Grenzen? Nehme ich
Erfolge wahr? Kann ich Lob / Kritik annehmen?)
o Rollenfindung (Wie gehe ich mit neuen / divergierenden Anforderungen um? Wie übernehme /
delegiere / trage ich Verantwortung? Kann ich Leitungsverantwortung annehmen?)
o Ressourcenorientierung (Welche Möglichkeiten / Energien / Kompetenzen stehen mir zur Ver-
fügung? Wie kann ich sie aktivieren und effektiver nutzen?)
o Umgang mit Belastungssituationen im Kollegium / durch Vorgesetzte / in Unterrichtsgruppen
(Kritik / Konflikte / Misserfolge / Mobbing / Burnout etc.)
o Teamfähigkeit (Wie gehe ich mit Konkurrenzen um? Wie bringe ich mich ein, lasse andere/s
gelten? Miteinander statt übereinander reden)
o Zielplanung (Wohin und wie will ich mich / will das Team sich weiterentwickeln?)
o Mechanismen der Systeme (offene und verdeckte Erwartungen / Forderungen / Kommunikati-
ons- und Entscheidungsabläufe / Machtstrukturen)
o Organisationsentwicklung (Möglichkeiten und Grenzen des Systems Schule / Leitbildentwick-
lung).
Eigene Themen/Motive/Ziele:
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
Methoden, die zur Anwendung kommen sollen:
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
Konkrete Einzelabsprachen:
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
o ___________________________________________________________________________
__________________________, den _________________________________________
(Ort) (Datum)
Frau/Herr ________________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
Supervisor/in
Supervisand/in
1
PÄDAGOGISCHES INSTITUT
der Evangelischen Kirche von Westfalen
Supervision für Lehrerinnen und Lehrer
Supervisionsvereinbarung für die
Gruppen- oder (Teil)organisationssupervision
(1) Supervision ist eine professionelle Beratungsform,
die - in einem zeitlich und räumlich begrenzten Prozess –
das berufliche Handeln
im Bedingungsgeflecht von
eigener Person,
beruflicher Rolle
und Institution
reflektiert.
(2) Ziel des Supervisionsprozesses ist es,
die beruflichen Handlungsmöglichkeiten
wahrzunehmen,
zu sichern und
zu optimieren.
(3) Konkret heißt das:
Supervision
fördert die Entwicklung der Selbst-/Fremdwahrnehmung und dient damit der
Persönlichkeitsentfaltung
unterstützt, die eigenen Ressourcen präziser zu erkennen und effektiv einzubringen
erweitert die Perspektiven und vergrößert so die Entscheidungs- und
Handlungsspielräume für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung
entwickelt unter Berücksichtigung der institutionellen Rahmenbedingungen
unterschiedliche Lösungsansätze.
(4) Zusammenfassend lässt sich Supervision beschreiben
als ein professionell reflektierter Beziehungsprozess, der sichere Erfahrungsräume,
Modellverhalten, Wahrnehmungen, Wissen und Kompetenzen bereitstellt.
(5) Supervision ist möglich als Einzel-, Gruppen- oder
(Teil)Organisationssupervision.
(6) Das Pädagogische Institut der Ev. Kirche von Westfalen führt eine Liste
mit Supervisoren/innen, die mit dem PI kooperieren und Ihnen folgende
Standards garantieren:
2
Mitgliedschaft in einer der ACK1 angehörigen Kirchen
Supervisions-Ausbildung und Qualifikation nach den Standards der DGSv, DGSF2
oder der DGfP Sektion Gruppe-Organisation-System (GOS)3
Regelmäßige Teilnahme an Kontrollsupervision zur Reflexion der eigenen
supervisorischen Praxis und zur Gewährleistung der aktuellen fachlichen Standards,
wie sie von der DGSv, DGSF oder der DGfP Sektion Gruppe-Organisation-System
(GOS) fortwährend weiterentwickelt werden
(Religions)Pädagogische und schulische Feldkompetenz (eigene
Unterrichtserfahrung und fundierte Kenntnis des Systems 'Schule')
Erfahrungen mit Formen systemischer Supervision
Unabhängigkeit von den zu supervidierenden Subsystemen.
(7) Die Inhalte der Supervision unterliegen der Schweigepflicht.
(8) Nach den Grundsätzen für die Supervision des Pädagogischen Institutes (PI)
der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) sind Inhalte und Ziele der
Supervision, Zeitdauer, Methoden und Kosten vor Beginn der Supervision
zwischen den Beteiligten schriftlich zu vereinbaren.
(9) Der Abschluss der Supervision wird in geeigneter Weise dokumentiert.
Grundlage ist eine schriftliche Bestätigung der Supervisorin oder des
Supervisors über die Anzahl der Termine. Änderungen der Kontraktdauer
(Verkürzung, Verlängerung, Abbruch) sind dem PI mitzuteilen.
Vereinbarung (Kontrakt)
Frau/Herr ___________________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
1 Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen e. V. (www.oekumene-ack.de)
2 Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie e. V. (www.DGSF.de)
3 Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie e. V. (www.pastoralpsychologie.de)
Supervisand/in
Supervisor/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
3
und Frau/Herr _______________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
und Frau/Herr _______________________________________________________
vereinbaren 15 ( ) Sitzungen Supervision (höchstens 20 Sitzungen!)
o à 90 Minuten
o à 120 Minuten
o à 180 Minuten
Die Supervision findet statt
o wöchentlich
o vierzehntägig
o monatlich
o nach Vereinbarung ______________________________
als o Gruppensupervision
o (Teil)Organisationssupervision.
Ort der Supervision ist _________________________________
Fahrtkosten werden nicht erstattet.
Die Supervision wird mit einer Auswertungssitzung beendet.
Nach ______ Sitzungen erfolgt eine Zwischenauswertung.
Der Supervisionsprozess unterliegt der Schweigepflicht.
Die Abrechnung erfolgt nach den Grundsätzen für Supervision des Pädagogischen
Institutes der Ev. Kirche von Westfalen. Der Eigenanteil des/der Supervisanden/in
beträgt zurzeit
€ xx,-- pro Stunde und Person bei Gruppen-/(Teil)Organisationssupervision bis 4
Teilnehmer/innen
€ x,-- pro Stunde und Person bis 5 TN
Großgruppen ab 8 Teilnehmende zahlen insgesamt € xx,-- je Stunde.
Die Rechnungsstellung kann 1/4jährlich oder 1/2jährlich erfolgen.
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
4
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Für das Pädagogische Institut:
Schwerte, den ___________________________ ___________________________
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Pädagogisches Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen
Postfach 1247 58207 Schwerte
Referat Beratung und Supervision
Zuständiger Dozent: Pfarrer Meinfried Jetzschke (Supervisor DGSv)
02304/755-272
eMail: m.jetzschke@pi-villigst.de
Sekretariat: Jasmin Müller
02304/755-277
eMail: j.mueller@pi-villigst.de
Fax: 02304/755-247
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisor/in
Anlage zur Supervisionsvereinbarung mit dem PI Villigst.
Zum Verbleib bei Supervisanden/innen und Supervisoren/innnen
Mögliche Ziele/Themen:
Konkrete Inhalte von Supervision mit Lehrer/innen können z.B. sein:
o Zeitmanagement (Vor- und Nachbereitung des Unterrichts / Wofür investiere ich Zeit, viel Zeit,
wenig Zeit, zu wenig Zeit?)
o Selbsteinschätzung – Fremdeinschätzung (Was sind meine Fähigkeiten / Grenzen? Nehme ich
Erfolge wahr? Kann ich Lob / Kritik annehmen?)
o Rollenfindung (Wie gehe ich mit neuen / divergierenden Anforderungen um? Wie übernehme /
delegiere / trage ich Verantwortung? Kann ich Leitungsverantwortung annehmen?)
o Ressourcenorientierung (Welche Möglichkeiten / Energien / Kompetenzen stehen mir zur Ver-
fügung? Wie kann ich sie aktivieren und effektiver nutzen?)
o Umgang mit Belastungssituationen im Kollegium / durch Vorgesetzte / in Unterrichtsgruppen
(Kritik / Konflikte / Misserfolge / Mobbing / Burnout etc.)
o Teamfähigkeit (Wie gehe ich mit Konkurrenzen um? Wie bringe ich mich ein, lasse andere/s
gelten? Miteinander statt übereinander reden)
o Zielplanung (Wohin und wie will ich mich / will das Team sich weiterentwickeln?)
o Mechanismen der Systeme (offene und verdeckte Erwartungen / Forderungen / Kommunikati-
ons- und Entscheidungsabläufe / Machtstrukturen)
o Organisationsentwicklung (Möglichkeiten und Grenzen des Systems Schule / Leitbildentwick-
lung).
Eigene Themen/Motive/Ziele:
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Methoden, die zur Anwendung kommen sollen:
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Konkrete Einzelabsprachen:
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(Ort) (Datum)
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und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
Supervisor/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Supervisand/in
Bei (Teil)Organisationssupervision
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
und Frau/Herr ____________________________________________________________
Schulleiter/in