scieee Science in your language
[en] (orig)
Aus dem Fachbereich Amerikanistik
der Universität-Gesamthochschule Paderborn
Prof. Dr. phil. P. Freese
Vater-Sohn-Beziehungen in ausgewählten Romanen und
Stories von Richard Russo, Raymond Carver,
Richard Ford und John Updike
Dissertation
zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie
im Fachbereich Sprachwissenschaften der Universität Paderborn
vorgelegt von
Genia Blanck
aus Keitum
Keitum 2005
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung....................................................................................................... 1
2. Zur Geschichte der Vater-Sohn-Beziehung................................................ 7
3. Einfluß der unterschiedlichen Vaterrollen auf das Vater-Sohn-
Verhältnis............................................................................................................. 17
4. Typisierung der amerikanischen Vaterfiguren nach ethnischen
Gesichtspunkten.................................................................................................. 26
5. Die Vater-Sohn-Beziehung in Richard Russos Romanen The Risk Pool
(1986), Mohawk (1986) und Nobody`s Fool (1993) ........................................... 30
5.1 Richard Russo: Biographie und Werk................................................... 30
5.2 The Risk Pool ........................................................................................ 33
5.3 Mohawk................................................................................................. 55
5.4 Nobody`s Fool....................................................................................... 62
5.5 Zusammenfassung................................................................................. 78
6. Die Vater-Sohn-Beziehung in Raymond Carvers Kurzgeschichten
“Sacks” (1981) und “The Compartment”(1983)................................................ 81
6.1 Raymond Carver: Biographie und Werk............................................... 81
6.2 “Sacks”.................................................................................................. 85
6.3 “The Compartment” ............................................................................. 90
6.4 Zusammenfassung................................................................................. 95
7. Die Vater-Sohn-Beziehung in Richard Fords Wildlife (1990), The
Sportswriter (1986) und Independence Day (1995)............................................ 97
7.1 Richard Ford: Biographie und Werk..................................................... 97
7.2 Wildlife ................................................................................................ 101
7.3 The Sportswriter.................................................................................. 113
7.4 Independence Day............................................................................... 127
7.5 Zusammenfassung............................................................................... 145
8. Die Vater-Sohn-Beziehung in John Updikes Rabbit Tetralogie............. 147
8.1 John Updike: Biographie und Werk.................................................... 147
8.2 Rabbit Run........................................................................................... 153
8.3 Rabbit Redux....................................................................................... 161
8.4 Rabbit is Rich...................................................................................... 173
8.5 Rabbit at Rest...................................................................................... 186
8.6 Zusammenfassung............................................................................... 199
9. Zusammenfassende Betrachtungen der Vater-Sohn-Beziehung in den
erörterten Texten............................................................................................... 200
10. Literaturverzeichnis.............................................................................. 206
10.1 Primärliteratur ..................................................................................... 206
10.2 Sekundärliteratur................................................................................. 207
10.3 Artikel aus Zeitschriften...................................................................... 213
11. Abstract (englisch)................................................................................. 220
12. Abstract (deutsch) ................................................................................. 221
1
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung des Vater-Sohn-Konflikts in
ausgewählten amerikanischen Romanen und Short Stories der Gegenwart. Die
ausgewählten Autoren beeinflussen mit ihren Werken maßgeblich die
amerikanische Literatur. Unter den hier erörterten Werken gehört der
Pulitzerpreisträger John Updike sicherlich zu den bekanntesten zeitgenössischen
Autoren, jedoch erhielt auch Richard Ford 1996 für sein Werk Independence
Day den jährlich von der School of Journalism der Columbia University in New
York verliehenen Pulitzer Preis. Richard Russo bekam 2002 für sein Werk
Empire Falls diese begehrte Auszeichnung. Raymond Carvers Schaffensperiode
wurde durch seinen frühzeitigen Tod abrupt beendet und war für eine Ehrung zu
kurz, jedoch konzentrierte er sich in seinen Werken ebenfalls auf das eher
unspektakuläre Leben von underdogs und bietet damit - wie die zuvor erwähnten
Autoren – ebenfalls ein Gegenmodell zum „Amerikanischen Traum.“
Betrachtet man Literatur als Spiegel der Gesellschaft, dann erkennt der
Leser die Wichtigkeit des Themas Familie und den Umbruch innerhalb der
Familien. Die Umstrukturierung nicht nur durch den Einfluß der weiblichen
Emanzipation, sondern auch durch Selbstverwirklichung und Individualitäts-
bestreben führte zu einem Wandel bisheriger Verhaltensmuster. Die als
„modern“ geltende Transformation von Familienformen ließ den Vater an
Bedeutung verlieren, indem der Vater entweder die Verantwortung für seine
Kinder nicht mehr übernahm oder von den Müttern bewusst ausgegrenzt wurde.
Durch diese Entwicklung wächst seit ca. dreißig Jahren eine steigende Anzahl
von Kindern vaterlos auf.
Die Komplexität der Vaterrolle in der Gesellschaft ist ein Aspekt, der
scheinbar erst allmählich erkannt wird und dem die forschende Wissenschaft der
soziologischen und psychologischen Richtungen erst in den letzten Jahren
intensivere Beachtung geschenkt hat, obwohl der Vater-Sohn-Konflikt in der
Literatur seit alters her ein bekanntes Motiv darstellt. So schreiben viele Autoren
über die Vater-Sohn-Beziehung und beweisen damit das Interesse an den
Strukturen der männlichen Identitätsentwicklung, die in den Werken eine
2
entscheidene Rolle spielen. Meistens zeichnen diese Werke problembeladene
Verbindungen zwischen den Vätern und Söhnen auf, die sich geradezu in
traumatischen Situationen entladen.
Die Rolle des Vaters begründet und legitimiert sich nicht allein
ausreichend durch den Akt der Zeugung, sondern beinhaltet an Einflüssen für die
individuelle Entwicklung des
Kindes sehr viel mehr. Die Auseinandersetzung mit und die Darstellung der
männlichen Beziehungsstrukturen ist ein entscheidender Faktor für ein
Verständnis der Beziehung zwischen Vater und Sohn und dessen kognitiver
Entwicklung.
Die Rolle des Vaters in der Familienkonstellation und im besonderen
sein Einfluß auf den Sohn beschäftigt jene Soziologen, Pädagogen und
Psychologen intensiv, welche die emotionale Entwicklung des Jugendlichen in
starker Abhängigkeit zum Engagement des Vaters in der Familie sehen. In
diesem Kontext wird der väterlichen Stimulation insbesondere hinsichtlich der
Bindung zum Sohn großer Einfluß beigemessen. Nicht nur in Beiträgen der
forschenden Wissenschaft spiegelt sich das Interesse an der Vater-Sohn-
Beziehung wider, sondern ebenfalls unübersehbar in der zeitgenössischen
Literatur, in der die problembeladenen und konfliktreichen Verbindungen
zwischen Vater und Sohn von zentraler Bedeutung sind. Die unterschiedlichsten
Theorien und die Ansätze der verschiedensten Autoren zur Deutung der Vater-
Sohn-Beziehung sind so vielfältiger Natur, dass ein Schutz vor Ideologien kaum
gewährleistet ist, jedoch war die Verfasserin dieser Arbeit um eine objektive
Darstellung bemüht.
Der Vater als Bezugsperson und Identifikationsfigur prägt die
Persönlichkeit des Sohnes maßgeblich. Die verschiedenartigen Parameter der
Interaktionen innerhalb einer Familie entscheiden erheblich über den komplexen
Prozeß der kindlichen Entwicklung. Folglich entstehen in besonderem Maße bei
überwiegender Abwesenheit eines Vaters massive Konflikte nicht nur im
Verhältnis des Vaters und des Sohnes zueinander, sondern auch im Verhalten
3
des Sohnes zu seinen Mitmenschen und seiner Umwelt.1 Bei der
Vaterabwesenheit erlebt der Sohn ein konflikthaftes Gefühl für nnlichkeit,
die von ihm als distanzierend und zurückweisend empfunden wird.
Die Einführung in verbindliche Gesellschaftswerte durch den Vater muß
gegeben sein, um den Sohn zu einem Zusammenleben mit Anderen zu
befähigen.2 Die direkten und ebenso die indirekten Botschaften eines Vaters
steuern und prägen fundamental das Vertrauen und das Selbstvertrauen eines
Kindes. Wenn ausschlaggebende Faktoren wie fehlende Kommunikations-
fähigkeit und elementare Defizite in der Vermittlung des emotionalen Bereiches
gegeben sind, folgen unausweichlich für den Sohn auffällige Beziehungs-
schwierigkeiten im Prozeß der Einordnung des Individuums in die Gesellschaft.
Bei einer ausgereiften Persönlichkeit des Vaters mit dem Willen zu einer
„aktiven Vaterschaft“ sind die Botschaften an das Kind positiver als bei einer
Vaternatur mit eigenen, nicht bewältigten Problemen und Konflikten. Die
Qualität der Vater-Sohn-Beziehung steht in direkter Abhängigkeit zu den
äußeren Rahmenbedingungen, wie in der Erörterung der folgenden Texte
herausgestellt werden wird. Dabei entscheidet der Einfluß von class im Sinne
von Klassenzugehörigkeit in eklatanter Weise die Strukturen der väterlichen
Interaktionen. Das Bedingungsraster des väterlichen Engagements unterliegt
zahlreichen Variablen in Abhängigkeit nicht nur von sozial-ökonomischen
Gegebenheiten, sondern maßgeblich von der persönlichen Einstellung des
Mannes. Das intakte bürgerliche Zusammenleben einer Kernfamilie ist in der
zeitgenössischen amerikanischen Literatur selten zu erkennen und findet sich
folglich auch in den erörterten Texten nicht.
1 Siegmund Freud hielt ausschließlich die Rolle der Mutter für entscheidend für die kindliche
Entwicklung. Auch der in den fünfziger Jahren einflussreiche britische Psychologe John Bowlby
vertrat die These der sogenannten Monotrophie, die beinhaltet, dass ein Kind ausschließlich nur
eine Bezugsperson benötige, und das sei die Mutter. So ging die Vaterforschung bis zum
Erscheinen der Arbeit The Development of Social Attachments in Infancy. Monographs of the
Society for Research in Child Develpment von Schaffer & Emerson davon aus, dass
ausschließlich die Bindung des Kindes zur Mutter für dessen Entwicklung mgeblich sei, erst
im weiteren Verlauf wurde die Beteiligung des Vaters als relevant erkannt. Vergl. Wassilios E.
Fthenakis, Väter (München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, 1985), S. 210.
2 Dies soll nicht bedeuten, dass alleinerziehende Mütter „schlechtere“ Mütter sind. Dennoch
sollte ein besonderes Augenmerk dem väterlich-männlichen Einfluß auf den Heranwachsenden
gelten. Die männliche Interaktion unterscheidet sich vom weiblichen Diskurs und lässt folglich
geschlechtsspezifisch unterschiedliche Praktiken deutlich werden.
4
Diese Arbeit unterteilt sich in zwei Abschnitte. Die Betrachtungen über
die geschichtlichen Aspekte der Vater-Sohn-Beziehung, die Darstellung der
unterschiedlichen Vaterrollen, die häufig als Mischformen erkannt werden, und
die Typisierung amerikanischer Vaterfiguren nach ethnischen Gesichtspunkten
dienen dem besseren Verständnis der Vater-Sohn-Beziehung im allgemeinen
und verdeutlichen die Wichtigkeit der Vaterrolle für die spätere Entwicklung des
Sohnes.
Im zweiten Teil der Arbeit wird die Vater-Sohn-Beziehung als zentrales
Thema in Werken von Richard Russo, Raymond Carver, Richard Ford und John
Updike untersucht. Diese Thematik hat eine Schlüsselbedeutung für diese vier
ausgewählten Autoren, die sich immer wiederkehrend der besonderen
Problematik dieses Komplexes stellen. Die Auseinandersetzung mit den
Strukturen der männlichen Beziehungsmuster wird als Selbstfindungsprozess vor
dem Hintergrund der eigenen Biographie verstanden. Individuelle spezifische
Lebenserfahrungen bezüglich der Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater
werden von den Autoren eingebracht. Das väterliche Verhalten wird durch die
Sichtweise der einzelnen Autoren subjektiv gewertet, wobei trotz der
erzählerischen Unterschiede die Ähnlichkeit in den Empfindungen der
Protagonisten gegenüber der Vaterschaft auffällt. Die ausgewählten Autoren
unterscheiden sich in ihren stilistischen Feinheiten, dennoch werden im weiteren
Verlauf die ausgewählten Werke nicht unter vorwiegend literarischen Aspekten
analysiert, sondern es wird eng an den Texten gearbeitet, um deren Aussagekraft
hinsichtlich der Vater-Sohn-Beziehung zu interpretieren.3
Die Werke behandeln einen sehr ähnlichen Typ Vater, der sich durch die
verschiedenen Charaktere und die unterschiedlichen Umstände präsentiert und
dessen Verhalten maßgeblichen Einfluß auf die Söhne nimmt. Diese
ausgewählten Texte thematisieren explizit die Bedeutung der Vaterschaft für den
Protagonisten und dessen eigene Entwicklung als auch den Individuationprozeß
des Sohnes und fungieren damit als eine Art von case studies. Die
psychoanalytischen Theorien lassen sich auf die dargestellten
3 Eine literarische Analyse der Werke der einzelnen Autoren würde den Rahmen dieser Arbeit
sprengen und dient nicht der eigentlichen Fragestellung.
5
Familienstrukturen übertragen. Der Leser wird in der Annahme bestätigt,
dass es sich in den behandelten Werken um reale Familien handelt, da den
fiktiven Familien - besonders deutlich in der Rabbit-Tetralogie zu erkennen - oft
reale Begebenheiten zugeordnet werden. Folglich werden die ausgewählten
literarischen Texte unter Berücksichtigung von Gesichtspunkten der
Psychoanalyse betrachtet werden, die Einblicke in die gesellschaftlich
determinierten Mechanismen der Vater-Sohn-Beziehung geben. Die Texte
werden als Paradigmen der fehlgeleiteten Vater-Sohn-Beziehungen innerhalb
der amerikanischen Gesellschaft angesehen.
Der Verfasserin dieser Arbeit ist sehr wohl bewusst, dass es sich bei den
Protagonisten der behandelten Texte um fiktive Gestalten handelt. Jedoch sind
die Protagonisten von den jeweiligen Autoren so wirklichkeitsgetreu dargestellt,
dass sie durchaus als reale Menschen“ existieren könnten, und damit legitimiert
sich auch eine sozialwissenschaftlich akzentuierte Interpretation und Analyse.
Die literarisch dargestellten Verhaltensmuster finden sich tatsächlich in der
psychischen Realität wieder und werden deshalb als Spiegel der Gesellschaft
angesehen. Die in der fiktionalen Realität“ stattfindende, durch den väterlichen
Diskurs beeinflusste männliche Entwicklung, die in den ausgesuchten Werken
eine entscheidene Rolle spielt, wird von den Autoren in die Auseinandersetzung
zwischen den fiktiven Vätern und Söhnen eingebunden. Somit lassen sich
Interessenschwerpunkte sowohl in der Literatur als auch in der realen Vater-
Sohn-Forschung ausmachen.
Die scheinbar unumgängliche Konfrontation zwischen dem Vater und
seinem pubertierenden Sohn, deren Verständnis sich aus den Ergebnissen der
angewandten Psychoanalyse erschließt, bildet nur einen Einzelaspekt der
Betrachtung, da die überwiegende Diskrepanz zwischen der Vorstellung einer
idealen, tatsächlichen Vaterschaft und der literarisch dargestellten Beziehung in
der weiteren Abhandlung thematisiert wird. In Abhängigkeit von der
Persönlichkeit des Vaters und dem entsprechenden Effekt auf den Jugendlichen
wird der Individuationsprozeß des Sohnes im folgenden aufgezeigt. Die
ausgewählten Autoren demonstrieren, dass das väterliche Selbstverständnis
6
keineswegs automatisch gegeben ist. An den dargestellten Strukturen einer
negativ verlaufenden Vaterschaft lässt sich exemplarisch am besten darstellen,
inwieweit die Defizite im Umgang miteinander das Verhältnis zwischen Vater
und Sohn prägen. Die vorliegende Arbeit zeigt das Spannungsfeld innerhalb der
Familienstrukturen in ihren scheinbar unauflösbaren Zusammenhängen und
problembeladenen Dissonanzen. Auf Grund der narrativen Qualitäten der
ausgewählten Texte und der eigenen spezifischen Lebenserfahrungen ihrer
Autoren wird der problembezogene Diskurs zwischen Vater und Sohn besonders
deutlich und bietet sich zur Interpretation der Texte unter Berücksichtigung von
psychoanalytischen Gesichtspunkten an. Gleichwohl ist eine
gesellschaftspolitische Kritik der Autoren offensichtlich. In den ausgesuchten
Werken findet soziale Realität ihren Platz.
Vor dem Hintergrund des gesellschaftlich konstruierten Bildes einer
idealen Vater-Sohn-Beziehung steht die in den Werken dargestellte
problembeladene Beziehung mit ambivalenten väterlichen Gefühlen. In den
zeitgenössischen amerikanischen Romanen scheint ein intaktes Familienleben
kaum mehr gegeben, die Prägung durch den familiären Hintergrund ist von
entscheidender Bedeutung, und folglich darf auch der Einfluß von class bei der
Betrachtung der Vater-Sohn-Strukturen nicht vernachlässigt werden. Auch die
sozialen und ökonomischen Hintergründe beeinflussen den väterlichen Diskurs
maßgeblich und müssen entsprechend bei der Betrachtung berücksichtigt
werden.
7
2. Zur Geschichte der Vater-Sohn-Beziehung
Im Vorwort zu Lloyd deMauses Hört ihr die Kinder weinen beklagt Langer das
fehlende Interesse der Historiker an der Familiensoziologie, obwohl die
„Geschichte der Kindheit für das Studium der menschlichen Gesellschaft von
höchster Bedeutung“ sei.4 Die Wichtigkeit des historisch-gesellschaftlichen
Aspektes der Familie fehlt im Bewusstsein vieler Sozial-und Geschichtsforscher.
Selbst viele Pädagogen interessieren sich mehr für Erziehungstheorien und
organisatorische Abläufe als für das direkte soziale Umfeld der Schüler.
Nichtsdestotrotz bemerkt M. Heidmet: “environment as an elementary stimulus
is inseparable from the life of contemporary human beings.“5
DeMause beobachtet eine Nichtbeachtung der Familiengeschichte unter
den Historikern. Anders als bei den Sozialwissenschaftlern galt unter den
Geschichtswissenschaftlern die Familie als nicht geschichtswürdig“, manchmal
wurden noch Sitten und Bräuche näher untersucht, jedoch wurden keine
systematischen Abhandlungen über Familien- und Gesellschaftssstrukturen
herausgearbeitet. Das Beziehungsverhalten innerhalb der Familien wurde kaum
untersucht, obwohl seit Platon bekannt sei, „dass die Kindheit ein Schlüssel zu
deren [ geschichtlichem ] Verständnis ist“ und damit als Matrix der sozialen und
psychischen Vererbung angesehen werden muß. Weiter stellt DeMause die
provozierende These auf:
die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst
erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto
unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und
desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt,
geschlagen, gequält und sexuell mißbraucht wurden.6
4 William Langer, „Vorwort“ zu Lloyd deMause, Hört ihr die Kinder weinen, Eine
psychogenetische Geschichte der Kindheit (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1977), S. 17.
5 Mati Heidmet, “Environment as the Mediator of Human Relationships : Historical and
Ontogenetic Aspects”, in Tommy Gärling u. Jaan Valsiner (Hrsg.) Children within
Environments, Toward a Psychology of Accident Prevention (New York: Plenum Press, 1985),
S. 217.
6 deMause, S. 12.
8
Eine umfangreiche vertiefende Darstellung der Entwicklungsgeschichte der
Familie existiert auch heute noch nicht, auch wenn das Thema mittlerweile
deutlich mehr Gewichtung bei Familienforschern erhält, die sich seit Mitte des
20. Jahrhunderts mit den sich stetig wandelnden Familienstrukturen
auseinandersetzen.7 Die Wissenschaft li das viel zu brisante Thema der
Geschichte der Kindheit bis vor wenigen Jahren unberührt, aber mittlerweile
existiert darüber eine reichhaltige Literatur, die nicht nur die Bindungen
innerhalb der Familie im Allgemeinen erforscht, sondern auch im Besonderen
das erwachte Interesse an den Strukturen der Vater-Sohn-Beziehung
widerspiegelt. Als fester Bestandteil der Geschichte der Gesellschaft setzte die
Hinwendung zur Sozialgeschichte der Familie in den USA erst in den 50er und
60er Jahren ein. In der zeitgenössischen Literaturproduktion schlägt sich die
konstruierte Auseinandersetzung zwischen Vätern und ihren Söhnen
unübersehbar nieder und lässt damit Interessenschwerpunkte deutlich werden. In
den literarischen Werken fällt auf, dass die Vater-Sohn-Beziehung offensichtlich
in der Regel von starken Konkurrenzgefühlen geprägt ist und folglich
problematischer Natur sein muß.
Wenn Autoren wie Fthenakis,8 Martin u. Nitschke,9 Tellenbach10 und
andere übereinstimmend das Fehlen von brauchbarem Material zur
geschichtlichen Darstellung der Familiensituation als Hauptursache für die nicht
ausreichend behandelte Thematik ansehen, so sollte ein weiterer Faktor nicht
unerwähnt bleiben. Noch 1927 ging Heinrich von Treitschke davon aus, dass die
Familienforschung zu subjektiv geprägt sei und somit wissenschaftlichen
Ansprüchen nicht genüge:
Es ist nicht möglich, Familie als Gegenstand fachlicher Beschäftigung zu
wählen, ohne dabei von Eindrücken und Vorstellungen aus dem eigenen
7 Ingeborg Weber-Kellermann, Die Familie (Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1976), S. 7.
8 Wassilios E. Fthenakis, Väter, Bd. 1, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1985.
9 Jochen Martin u. August Nitschke ( Hrsg. ), Zur Sozialgeschichte der Kindheit
(München/Freiburg: Verlag Karl Alber, 1986), Einleitung.
10 Tellenbach, S. 149.
9
Erfahrungshorizont beeinflußt zu sein. [ ... ] Andererseits sind Probleme
der Familie für den Einzelnen meist stark emotionalisiert. 11
Übertragen auf die heutige Zeit hat Treitschkes Aussage jedoch kaum
mehr Gültigkeit, da die Forschung zur Darstellung der Kindheit keineswegs die
Auseinandersetzung mit subjektiven Gefühlen scheut und entsprechend diese
auch veröffentlicht. In den USA werden die Familienstrukturen von
Beziehungsexperten gründlich durchleuchtet, die Familienpsychologen bilden
mittlerweile unter den Therapeuten die größte Gruppierung, ebenso existiert eine
Vielzahl von internationalen Fachzeitschriften, die sich dem Thema widmen. In
der Vergangenheit lagen der Forschung ausschließlich Biographien, Tagebücher,
amtliche Verordnungen, kirchliche Erlasse, literarische Werke, religiöse Thesen
sowie Abbildungen und Familiengemälde als Quellen zur Information über
geschichtliche Epochen und damit als Zeugnisse der Eltern-Kind-Beziehung vor.
Ariès erkennt so etwa an der Ikonographie des 16. und 17. Jahrhunderts und den
Familienportraits das Aufkommen einer neuartigen Empfindung, des
„Familiensinns.“12
Ein Überblick über den soziohistorischen Kontext dient dem besseren
Verständnis der realen Kindheit in den verschiedenen Epochen. Verschiebungen
innerhalb der Forschung zur realen Kindheit und der Darstellung der Kindheit in
der Literatur sind an Hand der geschichtlich-chronologischen Betrachtung besser
erkennbar. Ariès vertritt die Ansicht, dass Kinder als Spiegel der Zeit Umwelt
und Zeitgeist präsentieren.13 Viele wissenschaftliche Abhandlungen basieren auf
den beachtlichen, zum Teil konträren Thesen aus den bedeutenden Werken von
Ariès, deMause und Tellenbach.14
Kindheit - definiert als
„Zeitspanne, die von der Gesellschaft und ihren Institutionen als
besondere Phase der menschlichen Biographie angesehen und behandelt
11 Heinrich von Treitschke, Die Gesellschaftswissenschaften, 1927, S. 2, hier zitiert nach Michael
Mitterauer u. Reinhard Sieder (Hrgs.), Historische Familienforschung (Suhrkamp Taschenbuch
Wissenschaft,1982).
12 Philippe Ariès, Geschichte der Kindheit (München: Hanser Verlag, 1975), S. 477.
13 Ibid., S.32.
14 Hubertus Tellenbach (Hrsg.), Das Vaterbild im Abendland (Stuttgart: Verlag W.
Kohlhammer, 1978).
10
wird; als Periode des individuellen Lebenslaufes, in der die Grundlagen
für die weitere Persönlichkeitsentwicklung des Kindes gelegt werden,“15
hat es nicht immer gegeben.
Während die Nomaden der Frühzeit als Jäger und Sammlerinnen
gleichberechtigt im Kollektiv oder in der Sippe miteinander lebten, änderte sich
das Rollenverständnis der Geschlechter auf Grund der durch die Seßhaftigkeit
geänderten Lebensbedingungen. Damit wurde eine abgeklärte Erbfolge nötig -
welches Kind gehört zu welchem Vater16- und auf Grund der männlichen
Vorherrschaft in der Nahrungssuche begann eine patriarchalische
Gesellschaftsstruktur zu überwiegen. Ariès macht auf den stetig fortschreitenden
Stellungsverlust der Frau innerhalb des Hauses seit dem 14. Jahrhundert
aufmerksam. Auch die Kirche unterstützte den Gedanken der angeblich
moralischen und geistigen Minderwertigkeit der Frau.17 Eine verheiratete Frau
als Eigentum des Mannes galt im 16. Jahrhundert als eine rechtsunfähige
Person.18
Die Änderung im Verhältnis der Sippenmitglieder untereinander
schildern Gärling u. Valsiner (Hrsg.) wie folgt:
Historically, the earliest home dwelling of human beings in all societies
has been the clan house, where the whole clan used to live together in one
big room. The control over home environment was in the hands of the
whole clan.[...] with the breakdown of that collective subject into smaller
units, the structure of home dwellings became more differentiated. This
differentiation reflected the change in relationships between the clan
members.19
Die Autoren folgern aus der Umstrukturierung des Sippengefüges, dass
somit eine größere persönliche Freiheit einsetzen kann mit mehr Individualismus
15 Manfred Markefka u. Bernhard Nauck (Hrsg. ), Handbuch der Kindheitsforschung (Neuwied:
Luchterhand, 1993), S. 45.
16 Frank Pittman, Warum Söhne ihre Väter brauchen (Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag,
1994), S. 155; vergl. auch Erich Fromm, Die Kunst des Liebens (Frankfurt am Main, Berlin,
Wien: Verlag Ullstein, 1980), S. 54, S. 78. Ebenso Michael Mitterauer u. Reinhard Sieder
(Hrsg.), Vom Patriarchat zur Partnerschaft, Zum Strukturwandel der Familie (2. Auflage,
München: Beck, 1980), sowie Ernest Bornemann, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft
unseres Gesellschaftssystem (Frankfurt: S. Fischer, 1975), S. 46, S. 105.
17 Siehe Ingeborg Weber-Kellermann, Die Familie, S. 32.
18 Ariès, S. 490.
19 T. Gärling u. J.Valsiner, Children within Environment (New York: Plenum Press, 1985), S.
219. Ebenso Ernest Bornemann, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres
Gesellschaftssystem (Frankfurt: S. Fischer, 1975), S. 105.
11
für den einzelnen. Wirtschaftliche Bedingungen prägen demnach die
gesellschaftlichen Gesamtstrukturen. Dies ist sicherlich nicht vergleichbar mit
dem heutigen Zeitgeist.
Im Vorwort zur deutschen Fassung von Ariès’ Geschichte der Kindheit
faßt Hartmut von Hentig Ariès’ Thesen wie folgt zusammen: Im Mittelalter
wurden die Kinder als verkleinerte Ausgabe des Erwachsenen angesehen und
hatten keinerlei abgetrennte Lebensbereiche. Wenn Kleidung als ein Signum für
soziales Verhalten angesehen wird, so ist beispielhaft an Hand der
Kinderkleidung bei Portraits die Einstellung zum Kind sichtbar. Kinder gleichen
ihren Eltern wie Miniaturausgaben. Im 15. und 16. Jahrhundert erkennt Ariès
eine Auflösung des Stammes- oder Geschlechterverbandes durch den sich
konsolidierenden Zentralstaat und folgert daraus die Entstehung einer
Familienstruktur ähnlich der heutigen. Der einsetzende Prozess der
Verstaatlichung und der Industrialisierung sorgten für einen Wandel der
bisherigen Familienformen. Die neuen Lebensbedingungen eröffneten
Möglichkeiten für individuelle Freiräume. Im 17. Jahrhundert haben vor allem
die Jesuiten die Wichtigkeit der Kindheit erkannt. Ihre moralischen
Bestrebungen bezogen sich im Wesentlichen auf die systematische
Disziplinierung des Willens und die Schulung des Geistes“20 während dieses
Lebensabschnittes.
Die bisher vorherrschende Kinderarbeit mußte zugunsten der
beginnenden Schulpflicht weichen. Die Schule nahm alsdann die Stellung der
traditionellen Lehre ein und wandelte sich in Standesschulen. Die Bildung einer
Klassengesellschaft war die Folge. Als Konsequenz hieraus ergab sich ein
relativer Stellungsverlust“ des Vaters, der seine Erfahrungen nicht mehr im
Rahmen einer Lehre an das Kind weiterleiten kann. So dokumentiert Tellenbach
die Übernahme der Aufgaben des Vaters durch die Lehrer.21 Die eingeschränkte
patriarchalische Vormachtsstellung des Vaters bot fortan die Möglichkeit, das
Leben nach eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu gestalten.
20 Aries, S. 555, S. 501 und S. 10.
21 Tellenbach, S. 14.
12
Als Folge der Institutionalisierung durch die Mechanismen der
Schulpflicht ergibt sich laut Ariès „die Entstehung eines Bewußtseins von
Kindheit.“22 Ebenso argumentiert deMause, der durch die Ausbreitung der
Erziehung das Entstehen einer Welt für Kinder sieht.23 Dem stehen noch immer
solche Faktoren gegenüber wie die hohe Kindersterblichkeit und die Weggabe
der Kinder in fremde Familien als Arbeitskräfte ohne Rücksicht auf ihre
körperliche und psychische Leistungsfähigkeit und ohne eine tiefere emotionale
Bindung zwischen Eltern und Kindern. Das Verständnis zwischenmenschlicher
Beziehungen steht in Abhängigkeit zur ökonomischen Stellung der Familie.
Snyders kritisiert Ariès` Ansicht über das moderne Kindgefühl im 17.
Jahrhundert.“ Er vermutet auf Grund einer „oft schmerzlichen Spannung
zwischen der Schule und der Familie und der Gesellschaft“ eine Art
„Feindschaft gegenüber der Familie,“ gekennzeichnet durch Gleichgültigkeit.24
DeMause stellt fest, dass sich erst im 18. Jahrhundert eine
„menschlichere Einstellung gegenüber Kindern“ entwickelt.25 Eine neue
Auffassung von der dem Kind eigenen Persönlichkeit wird deutlich. Trotzdem
sind Kindesmord, Weggabe, Vernachlässigung und Prügel noch alltäglich - wie
sie in einigen Ländern auch heute noch mit Wissen der Regierung geduldet
werden. Erst im 19. Jahrhundert kommt es unter dem Einfluß der Romantik zu
der entscheidenden Umwertung. Dementsprechend verbessert sich die Situation
des Kindes im Laufe der Jahrhunderte; ab dem 20. Jahrhundert gibt es ein
offizielles Arbeitsverbot für Kinder. Die sozialen Strukturen ändern sich
deutlich, dabei steigt das Ansehen des Vaters im gesellschaftlichen Bereich. Im
Bürgertum ist er die absolute Autorität mit „königlichem Glanz.“26
Ob die Machtstruktur des Vaters in der Arbeiterfamilie durch die
mitarbeitende und dadurch unabhängigere Frau nicht so stark ausgeprägt ist,
lässt sich nur vermuten und bleibt als nicht verifizierte These im Raum stehen,
22 Aries, S. 48.
23 DeMause, S. 446.
24 Georges Snyders, Die große Wende der Pädagogik (Paderborn: Ferdinand Schöning, 1971), S.
195.
25 DeMause, S. 8.
26 Snyders, S. 195.
13
zumal sich erst im Zuge der Emanzipation des 19. und 20. Jahrhunderts die
Stellung der Frau nachhaltig verändert.
Markefka u. Nauck betonen den ökonomischen Wert des Kindes, dessen
Arbeitskraft zum Überleben der Familie in einer Agrargesellschaft nötig war. Im
vorindustriellen Zeitalter war die fast ausschließliche Produktionsgemeinschaft
die Familie selbst; Tellenbach sieht das Haus als Produktionsstätte.“27 Hierbei
wurde das „Gesinde“ in den Begriff Familie mit einbezogen. Gefühle gegenüber
Kindern waren dabei nicht angebracht und überflüssig. Rückschlüsse auf
Vernachlässigung sollten jedoch vermieden werden, da die Eltern aus der
materiellen Situation heraus ihre Kinder eher mit ambivalenten Gefühlen
betrachteten.
Die sozialen Ereignisse im Übergang vom ausgehenden 18. zum
beginnenden 19. Jahrhundert mit der einsetzenden Mechanisierung und
Industrialisierung hin zur modernen Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts
brachten geänderte Moralvorstellungen, ebenso eine deutlichere Rollenteilung
zwischen Mann und Frau mit sich. Kinder wurden entsprechend ihrer
Fähigkeiten in die bestehende Ordnung eingefügt und mussten sich in die
Arbeitswelt eingliedern. Parallel vollzog sich der viel diskutierte Wandel von der
Großfamilie zur Kleinfamilie.28
Wenn bisher versucht wurde, die historische Entwicklung der
Familiensituation im allgemeinen zu skizzieren, so ist bei der speziellen
Betrachtung der Vater-Sohn-Beziehung eine geschichtliche Rekonstruktion aus
Mangel an Quellen noch schwieriger und ungenauer.
Wie aufgezeigt, bewirken Epochen von sozialer und ökonomischer
Umstrukturierung mal eine größere Nähe und eine positivere Beziehung zum
Kind, mal Perioden von größerer Distanz und Entfremdung, die die
Interaktionen von Vater und Sohn beeinflussen. Osherson spricht von
27 Tellenbach, S. 112.
28 Vergl. Astrid Gieseke, Die Vaterfiguren im deutschsprachigen Bildungsroman des frühen 20.
Jahrhunderts (München: Dissertations - und Fotodruck Frank, 1986), S. 12. Michael Mitterauer,
Historisch - Antropologische Familienforschung (Wien: Böhlau Verlag, 1990, Kulturstudien,
Bd. 15), S. 88ff. Joseph E. Illick, “Kindererziehung in England und Amerika im 17.
Jahrhundert”, zitiert nach deMause, S. 422. Sowohl in der Literatur als auch in der Realität wird
dieser Punkt der väterlichen Autorität angeführt.
14
„historischen Wirren der Vater-Sohn-Beziehung“ und betont den Aspekt der
Vernachlässigung des Sohnes durch den Vater.29 Die physische und auch
psychologische Abwesenheit des Vaters verstärkt die emotionale Bindungs-
losigkeit.
Im 18. Jahrhundert wächst der private Lebensbereich mit einhergehender
persönlicher Diskretion. Die Familie bezieht gegenüber der Gesellschaft eine
abgegrenztere und distanziertere Stellung. Ariès beruft sich auf die Entstehung
des „modernen“ Hauses nach heutigen Gesichtspunkten; d.h. einzelne Zimmer
werden vom Flur betreten und garantieren eine größere Form der Privatsphäre.30
Die Macht des Vaters rechtfertigt sich aus der Rolle des Familien-
oberhauptes. Der klassische Patriarch entmündigt seine Familienmitglieder durch
ein unnahbares, absoluten Gehorsam forderndes, despotisches Verhalten, eine
Art „besitzergreifender“ Liebe. Diese Art von Männlichkeit wirkt zerstörerisch
und aggressiv und trägt keinesfalls dazu bei, eine Basis der emotional
befriedigenden Verständigung zu erreichen. Fthenakis vergleicht die Autorität
des Vaters mit dem Gottesbild: „allmächtig, fordernd, oft unergründlich, aber
auch fürsorgend und erleuchtend.“31
Das Verhalten des Sohnes geprägt durch Ehrfurcht, Scheu und Angst
lässt unschwer Distanz zum Vater erkennen. Distanz wird als eine geeignete
Voraussetzung für eine bestimmte Form der Unterweisung angesehen. Starke
Emotionen und innige Gefühle zueinander werden nicht zugelassen, da das
Ausleben von Gefühlen als Form von „Schwäche“ angesehen wird.
Heide Pohle-Hauß bringt die väterliche Distanz zum Kind im Gegensatz
zur mütterlichen Nähe wie folgt auf den Punkt: der „Vater ist für die ‘höheren
Werte’, die Mutter dagegen für emotionale und körperliche Belange
zuständig.“32 In der patriarchalisch orientierten Gesellschaftsform wird die
Aufgabe der Kinderbetreuung an die Mutter delegiert, während der Vater den
29 Samuel Osherson, Männer entdecken ihre Väter, die ersehnte Begegnung (Freiburg, Basel,
Wien: Herder, 1990), S. 250.
30 Ariès, S. 548.
31 Fthenakis, S. 11. Vergl. Altes Testament und Neues Testament; die Wandlung vom „pater
familias“ zum Schuld vergebenden Vater. Ebenfalls Pittman, S. 155: „Im Patriarchat hatten
Männer Götter zu sein und diese Göttlichkeit vom Vater an den Sohn weiterzugeben.“
32 Heide Pohle-Hauß, Väter und Kinder: Zur Psychologie der Vater - Kind - Beziehung
(Frankfurt am Main: Haag und Herchen, 1977), S. 11.
15
idealistischen Ansprüchen auf kultureller, gesellschaftlicher und politischer
Ebene gerecht zu werden versucht. Die Aufgabe des Vaters liegt in der
Unterweisung (intructio) und der Strafung (repressio).
Der Bedeutung der emotionalen Entwicklung des Kindes, dem
Entstehen des „Urvertrauens“33 als dem Fundament für weitere Erfahrungen,
wurde als Forschungsobjekt erst in den 60er Jahren verstärkt Aufmerksamkeit
geschenkt.34 Wais stellt deshalb die Thematik der Vater-Sohn-Beziehung als
eine Entdeckung des 20. Jahrhunderts“ dar.35 Markefka u. Nauck vermuten,
dass die heutige Gesellschaft die Bedeutsamkeit der Kindheitsforschung
offensichtlich als „soziales Problem“ erkannt hat und nun nach soziologischen
und psychologischen Ansätzen sucht.36
Fthenakis hebt drei wesentliche Einflüsse hervor, welche die Vater -
Sohn - Beziehung im 20. Jahrhundert veränderten:
1. Die Zurückdrängung patriarchalischer Besitzansprüche am Kind [ ... ]
2. die zunehmend größer werdende Bedeutung mütterlicher Versorgung
und Fürsorge auch in der Gesetzgebung [ ... ]
3. die Verankerung von Kindesinteressen in der Rechtsprechung.37
Der Patriarch verliert durch die veränderte Arbeitssituation (Abgabe
familiärer Produktion ) seine „Vormachtstellung“ als Leiter der Arbeitsgruppe
und folglich seine althergebrachte Autoritätsposition innerhalb der Familie.
Zudem entfallen nach und nach die strikten Aufteilungen der Pflichten zwischen
den Geschlechtern, und das erlaubt den Frauen, zum Unterhalt der Familien
beizusteuern, und forciert damit als Konsequenz auch das Engagement der Väter.
Mitterauer u. Sieder sehen nicht nur in der Trennung von Arbeitsstätte
und Wohnung eine Ursache für eine Veränderung innerhalb des familiären
Zusammenlebens, sondern betonen das Vordringen des öffentlichen Schullebens
und damit des Lehrers in seiner Vorbildfunktion gegenüber der Vaterposition.38
33 Erik H. Erikson, Kindheit und Gesellschaft (Erstveröffentlichung 1950, Stuttgart: Klett - Cotta,
1982), S. 241: „Das Erleben des Konstanten, Kontinuierlichen und Gleichartigen der
Erscheinung liefert dem Kinde ein rudimentäres Gefühl von Ich - Identität.“
34 Mitterauer, S. 87.
35 Kurt K.T. Wais, Das Vater - Sohn - Motiv in der Dichtung (Berlin, Leipzig: Walter de
Gruyter & Co, 1931), Einleitung.
36 Markefka u. Nauck, S. 109.
37 Fthenakis, S. 16.
38 Mitterauer u. Sieder, S. 116 ff.
16
Zudem ermöglicht in der Schule erworbenes Wissen Vorteile durch
soziale Aufstiegschancen und persönliche Individualisierung gegenüber der
Autorität des Vaters. Mitterauer u. Sieder fassen die sich verändernden Prozesse
wie folgt zusammen:
Die Bedingungen der Existenzsicherung haben eine Konzentration von
Aufgaben in der Familie notwendig gemacht, die ihrerseits eine stark
herrschaftlich-institutionelle Organisationsform erforderte. Erst mit
zunehmender Naturbewältigung, mit verbesserten Möglichkeiten,
menschliches Überleben zu sichern, mit dem Aufbau neben und
übergeordneter Sozialformen, die die Familie institutionell entlasten
konnten, wurden innerfamiliale Emanzipationsprozesse möglich.39
Die harten Alltagsbedingungen ließen innige, emotionale Besorgtheit um
das Kind kaum zu, erst der ökonomische Aufstieg, die Industrialisierung und die
Verstädterung mit einhergehender Steigerung des Lebensgefühls änderten die
Einstellung gegenüber Kindern. Wohlbefinden und Glück erhielten einen
höheren Stellenwert, und damit erscheint die Kindheit als ein Produkt der
verbesserten Lebenssituation im Allgemeinen. Das wachsende Interesse an der
Wichtigkeit der Rolle der Familie innerhalb der sozialen Gefüge wird durch das
vermehrte Aufkommen von problemorientierter Literatur erkenntlich.40
Dieser gesellschaftshistorische Überblick und die Nennung der
verschiedenen Forschungsansätze sind für ein Verständnis der im Folgenden
gedeuteten literarischen Darstellungen der Vater-Sohn-Problematik unerlässlich,
denn die sozialökologischen Bedingungen müssen entsprechend gegeben sein,
um eine emotionale Beziehung zum Kind entstehen zu lassen.
39 Mitterauer u. Sieder, S. 117 / 118.
40 J. Bodnar,“Immigration, Kinship, and the Rise of Working class Realism in Industrial
America”, Journal of Social History, 14 (1980), 45ff.. Vermehrt auftretende class and
community Studies konzentrieren sich auf die Rolle der Familie.
17
3. Einfluß der unterschiedlichen Vaterrollen auf das Vater-Sohn-
Verhältnis
Wurde bisher die Vater-Sohn-Beziehung aus soziohistorischer Sicht betrachtet,
so wird nun auf die Rolle des Vaters im allgemeinen als auch im besonderen
hinsichtlich der Wichtigkeit für die Entwicklung des Sohnes hingewiesen. Die
Einteilung in die verschiedenen Kategorien der sozialen Realitäten und deren
spezifischen Einflüsse auf das väterliche Verhalten dient als Grundlage für die
Einzelinterpretationen.
Gesellschaftlich wird die Mutterrolle als eine ausfüllende Berufung
angesehen und nimmt in der Psychologie wie auch in der Soziologie eine feste
Stellung ein. Die Rollenteilung scheint klar definiert, während dem Vater eine
kaum relevante Bedeutung für die Entwicklung des Kindes beigemessen wird
und er in erster Linie für die finanzielle Absicherung der Familie zuständig ist,
sorgt die Mutter für die kindliche Entfaltung. In der sogenannten Mutter-Kind-
Dyade41 übernimmt die Mutter die gesamte emotionale, kognitive und soziale
Entwicklung“42 ihres Nachwuchses und wird für das Verhalten des Kindes
verantwortlich gemacht. Eine begründende Ursache für ein solches Verständnis
liegt in der engen biologischen Verknüpfung zwischen Mutter und Kind und in
der Annahme, dass sich die Erfüllung der weiblichen Identität auf die
Mutterschaft und die Ehe beschränkt.
Mutter und Vater haben eine geschlechtsspezifische Art, mit dem Kind
zu agieren, und sind deshalb nicht ohne weiteres austauschbar und erfüllen
spezifische Funktionen in der Beeinflussung der kindlichen Entwicklung. Das
Verhalten der Kinder steht in unmittelbarer Abhängigkeit zu den
diesbezüglichen Verhaltensweisen der Betreuungspersonen. Die Differenzen in
41 Vergl. Erich Fromm, Die Kunst des Liebens ( Frankfurt am Main, Berlin, Wien: Ullstein,
1980). Fromm spricht von der „symbiotischen Vereinigung“, S. 29; S. 49; S. 60ff. Ebenfalls P.
Buchheim, M. Cierpka u. Th. Seifert (Hrsg.), Konflikte in der Triade. Spielregeln in der
Psychotherapie. Weiterbildungsforschung und Evaluation (Berlin, Heidelberg: Springer Verlag,
1995), S. 39.
42 Markefka u. Nauck (Hrsg.), Handbuch der Kindheitsforschung, S. 264.
18
den Interaktionspraktiken sind zurückzuführen auf die kulturell bedingten
unterschiedlichen Erziehungsmuster und Kontaktaufnahmen.
Den spezifischen Einfluß des Vaters auf die Entwicklung des Sohnes
sehen Markefka u. Nauck besonders bei der „Entwicklung der
Geschlechtsrollenidentität,“ beim „Erwerb moralischer Werte und Normen“
sowie bei der Entwicklung von sozialer Kompetenz und des
Selbstwertgefühls.“43 In der erzählenden Literatur präsentiert sich diese These
durch das Wetteifern der Söhne um die Gunst und Anerkennung der Väter.44 Die
Entwicklung zu einer eigenen Individualität muss offensichtlich spannungsreich
erkämpft werden.
Ihre Wertebilder erhalten die Söhne durch Imitation, Identifikation und
„durch das allgemeine, nicht unbedingt verbalisierte Verhalten und die
teilnahmsvolle Gegenwart des Vaters.“45 Mitscherlich geht davon aus, dass „das
Kind [...] ein präverbales Sicherheitsgefühl bei der Mutter, ein neues, an
Lebenspraktiken orientiertes beim Vater“ erfährt.46
Mitterauer u. Sieder erkennen in den emanzipatorischen
Entwicklungsbestrebungen der Frauen seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts
unter anderem gegen die autoritäre Position der Männer eine Zerstörung des
Mythos von der „heiligen Familie.“47 Ein gesellschaftliches Umdenken innerhalb
der Familie hin zu partnerschaftlich geprägtem Miteinander ist zu erkennen, dies
resultiert aus der vorangegangenen Frauenbewegung.
Diese gesellschaftliche Veränderung bezeichnet Fthenakis auch als
„sanfte Revolution,“48 durch die auch die Männer eine neue Position in der
Gesellschaft anstreben - weg von einer klassischen Aufteilung im häuslichen
Bereich. Nicht nur in der Erzählliteratur, sondern auch im Genre Film wird diese
43 Markefka u. Nauck, S. 339.
44 Hier sei stellvertretend auf John Steinbecks East of Eden (1952) verwiesen, in dem ein guter
und ein schlechter Sohn um die Gunst des Vaters wetteifern.
45 Peter Blos, Sohn und Vater. Diesseits und jenseits des Ödipuskomplexes (Stuttgart: Klett-
Cotta, 1990), S. 23.
46 Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft (München: R. Piper & Co.,
1973), S. 313.
47 Mitterauer u. Sieder, Vom Patriarchat zur Partnerschaft, S. 169. Vergl. Lewis Yablonsky, Du
bist Ich (Köln: EHP, 1991), S. 21. Er beschreibt die soziale Umwandlung der traditionellen
Rollen von Vätern und Müttern mit den daraus resultierenden Veränderungen.
48 W.E. Fhtenakis, Väter, Band 1 (München: dtv, 1988), S. 16.
19
Thematik aufgegriffen. An einer ausführlichen Studie über die Darstellung der
Vater-Sohn-Beziehung im Film arbeiten Rattigan und McManus.49
Die folgenden drei Zitate aus populären amerikanischen Magazinen
belegen die Wertigkeit der Vaterschaft in der Gesellschaft, die scheinbar die
immense Verantwortung des Vaters erst allmählich zu erkennen vermag:
No role in society is more important than that of being a good parent.
Rev. Jesse Jackson
It is from the father, or another male figure in the household, that a male
child develops a strong sense of self-esteem [...].
Dr. Darlene Powell Hopson
I often wonder what life would be like for me had my father been more
involved in my childhood. Brad Elliot50
Wenn Gorer sagt, die Schaffung eines Amerikaners verlangte, dass der
Vater sowohl als Vorbild wie als Quelle der Autorität verworfen wurde,“ dann
sieht er seine These in der Verringerung der innerfamilären sowie überfamilären
Macht des Vaters durch Arbeitsfragmentierung bestätigt. Aus dem „Vater hat
immer Recht“ wurde „Vater wußte es nie am besten,“51 d. h. der Sohn setzte sich
anstelle des Vaters. Dies ist wohl vor allem eine Folge einer
Einwanderergesellschaft, in welcher der amerikanische Sohn dem nicht voll
integrierten Vater überlegen ist. Eine eher freundschaftlich geprägte Beziehung
gegenüber dem Vater wird dadurch ermöglicht, in der Vater und Sohn sich eher
als pals gegenüber stehen. Die Verfügbarkeit des Vaters beruht dabei auf
Sensitivität und Vertrauen.
In der Literatur spiegelt sich aber auch ein dem entgegengesetztes Bild,
denn Gorer berücksichtigte hierbei nicht die Rolle des „pater familias“ in der
Südstaatenliteratur, die Faulkner in seinem literarischen Werk des öfteren
49 Neil Rattigan u. Thomas P. McManus, “Fathers, Sons, and Brothers”, Journal of Popular Film
and Television, 20, Iss. 1, 1992, 15 – 23. Vergl. Gregg Kilday, “Make Room for Daddy”,
American Film, 15, Iss: 2, Nov.1989, S. 16.
50 Die beiden ersten Zitate stammen aus Charles Whitaker “Father and Sons.The Critical
Connection”, Ebony, Februar 1990, 35- 38, Aus dem Kontext geht der Bezug auf die Rolle des
Vater eindeutig hervor.; das dritte Zitat stammt von Brat Elliot “Life without Father”, Essence,
Oktober 1994, 56.
50Geoffrey Gorer, „Verwerfung des Vaters“, zitiert nach Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg
zur vaterlosen Gesellschaft, S. 184.
20
ausführlich und detailliert beschreibt, wie zum Beispiel in Absalom, Absalom.52
Krome 53 erkennt in der Südstaatenliteratur die Vergangenheitsbewältigung und
Auseinandersetzung mit dem Vater, der als Plantagenvorsteher mit seiner
starren, omnipotenten, streng patriarchalischen Struktur der Figur Gottes nahe
kam. Weiter folgert sie aus der sich abzeichnenden religiösen Lockerung eine
damit verbundene Schwächung des Vaters im gesellschaftlichen Bereich.54
Der „American way of life“ mit seinem Bestreben nach Freiheit,
materialistischem Gewinn und individualistischen Zügen scheint als Ursache für
das Absinken von ethischen und moralischen Werten verantwortlich zu sein und
den ursprünglich religiösen Glauben zu Gunsten der individuellen
Selbstverwirklichung zu schwächen. Die Identitätsbildung des Individuums wird
vorrangig vor der kollektiven Integrität. Einhergehend mit diesem Prozess
gewinnen Statussymbole an unmittelbarer Bedeutung. Parallel hiermit wird die
Stellung des Vaters in der Familie auf das Niveau eines ebenbürtigen“
gleichberechtigten Familienmitgliedes reduziert. Das väterliche Verhalten
variiert abhängig von sozioökologischen und sozioökonomischen Faktoren. Die
jeweilige Familienstruktur beeinflusst das Maß an der qualitativen Vater-Kind-
Nähe.
Das Verhältnis des Vaters zu seinen Kindern ist jedoch nicht nur von
äußerlichen Faktoren beeinflusst. Die Psychologinnen Bernard und Schlaffer
fanden heraus, dass Männer ihre Einstellung gegenüber ihren Kindern abhängig
machen von der jeweiligen Beziehung zur Frau.55 Ist die Partnerschaft intakt,
stimmt ebenfalls das Verhältnis zum Kind, das dann erst vom Vater positiv
angenommen werden kann.
Eicher und Geller betonen Veränderungen der innerehelichen
Beziehungsstruktur durch die Geburt eines Kindes: “The birth of a child may
52 William Faulkner, Absalom, Absalom (New York: Random, 1986). In Absalom, Absalom
revoltiert der Sohn gegen den übermächtigen Vater.
53 Sabine Krome, Das Vaterbild in ausgewählten Romanen William Styrons (Neue Studien zur
Anglistik und Amerikanistik; Bd. 40, Zugl.: Freiburg (Breisgau), Univ., Diss., 1988), S. 2, S. 37.
54 Vergl. Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, S. 116.
55 Cheryl Bernard u. Edit Schlaffer, Sagt uns, wo die Väter sind (Reinbek: Rowohlt, 1991), S. 53.
21
enhance or undermine the quality of their parents’ marriages.”56 Mann und Frau
müssen ihre neue Identität als Eltern erst einmal lernen und von einer dyadischen
Konstellation zur triadischen wechseln. Dieser Wechsel scheint Frauen
problemloser zu gelingen, denn es gilt als erwiesen, dass die Geburt eines Kindes
einen kompletten Umschwung im Leben der Eltern bedeutet mit einer
weitreichenden, gegenseitigen Beeinflussung. So folgern Eicher und Geller:
... at one and the same time fathers and children influence each other`s
development. [...] that being a father plays a vital role in defining the
ways men think about themselves, their relationships, values, and
priorities.57
Folglich beeinflussen Väter nicht nur ihre Kinder, sondern auch umgekehrt setzt
der Prozeß ein.
Bei einem „partnerschaftlichen Miteinander“ kann demnach der Vater
seine Familie ebenso bedingungslos lieben wie es eher den Müttern zu gelingen
scheint. Fromm sieht „das Wesen der väterlichen Liebe“ gekennzeichnet durch
Forderungen, „dass er [der Vater] Gesetze aufstellt und dass seine Liebe zu
seinem Sohn davon abhängt, ob dieser seinen Befehlen gehorcht.“58 Dass durch
eine solche autoritäre Beziehung Spannungen entstehen, ist nur allzu
verständlich. Die Bedürfnisse des Sohnes werden dabei weitgehend ignoriert,
und tiefgreifende Konflikte auf Grund seiner latenten Wut gegenüber dem Vater
sind die Folge.
Offensichtlich ist das Wesen der Vater-Sohn-Beziehung immer abhängig
von bestimmten Charakteristiken, wie die folgende theoretische Typisierung von
Lee59 aufzeigt:
1. „der Mann, der König sein wollte“
Als Alleinverdiener nimmt sich dieser Mann das Recht, seine Frau und
Kinder als Untertanen anzusehen. Er fordert bedingungslose Unterwerfung,
56 Terry Eicher u. Jesse D. Geller, Fathers and Daughters. Portraits in Fiction (New York:
Penguin Books, 1991), S. 10, S. 13.
57 Eicher u. Geller, S. 10.
58 Erich Fromm, Die Kunst des Liebens (Stuttgart: Ullstein, 1980), S. 78.
59 John Lee, Auf der Suche nach dem Vater (München: Knaur, 1993), S. 45ff.
22
behandelt seine Familie nach dem Motto „solange Du unter meinem Dach
wohnst, tust Du, was ich sage.“
2. „der kritische Vater“
Diesem Vatertyp kann nie etwas gut genug sein. Mit seinem Streben nach
Perfektion gekennzeichnet durch destruktive, entmutigende Kritik („das kannst
Du doch besser!“) untergräbt er alle Versuche des Sohnes, ihm zu gefallen.
3. „der passive Vater“
Er überlässt sämtliche Aufgaben der Mutter, scheint komplett
interessenlos und desinteressiert an seiner Familie und wirkt mit seinem
Desinteresse verletzend.
4. „der abwesende Vater“
Diesem Typ ist seine Arbeit wichtiger als alles andere, und er ist folglich
körperlich und emotional überwiegend abwesend.
Diese Typologie der Väter nach Lee zeugt keinesfalls von einer
emotionalen Qualität der Vater-Sohn-Beziehung; je nach Persönlichkeitsstruktur
des Sohnes führt das Verhalten des Vaters entweder zur Integration in die
Gesellschaft oder zur Abkehr von ihr, letzteres ist etwa prototypisch in den
studentischen Protestbewegungen der 60 Jahre („ich will nicht wie mein Vater
werden!“) nachvollziehbar.
Wenn die väterlichen Lebensbotschaften geprägt sind von
Gefühllosigkeit, Distanziertheit, emotionaler Kälte, Despotentum, Aggressivität
und Abwesenheit, dann ist die Vater-Sohn-Beziehung zwangsläufig durch
Konflikte gekennzeichnet. Entfremdung und Unverständnis resultieren aus
dieser Interaktion. Die destruktiven Verhaltensmuster werden in der Regel vom
Sohn verinnerlicht.
Pittman spricht von einer „Barriere zwischen sich [dem Sohn] und dem
Vater“ und sieht die „Männlichkeit“ mit dem Streben nach Unabhängigkeit und
Freiheit als Hindernis, um Nähe und Vertrautheit mit den Söhnen aufzubauen.
23
Er betont weiterhin, dass der „alltägliche Umgang mit dem Vater“ für den Sohn
zur Bildung einer eigenen , männlichen Identität entscheidend ist.60
Laut Yablonsky61 akzeptieren die Söhne ihre Väter entweder als
Vorbilder und versuchen, sich durch Nachahmung mit ihnen zu identifizieren,
oder sie rebellieren provokativ gegen die nicht akzeptierten Väter. Der Umgang
miteinander ist offensichtlich maßgeblich geprägt vom Bemühen um
Problembeseitigung.
In den meisten Beziehungen eines Vaters zu seinem Sohn überwiegt die
Unfähigkeit, sich mit dem Kind auseinander zu setzen. Yablonsky62 macht den
vorgelebten „Stil des eigenen Vaters“, das „Rollenvorbild“ verantwortlich dafür,
wie Väter gegenüber ihren Söhnen auftreten; manche Väter scheinen vor der
Vaterrolle fliehen zu wollen, da sie die Konfrontation mit der eigenen
Vergangenheit, sprich der eigenen Sohn-Rolle, und damit ebenfalls den Prozeß
der Selbstfindung scheuen.63
Menschen, die sich selbst gefunden haben und mit sich selbst im Reinen
und ausgeglichen sind, können durch positive Eigenschaften wie innere Kraft
und Unabhängigkeit Anleitung zur Persönlichkeitsentfaltung weitergeben. Der
Erziehungsstil eines Mannes ist direkt geprägt durch die Vorgabe des
Erziehungsstil des eigenen Vaters. Pleck spricht von einer symbolischen father
wound: profound distance, pain, and sadness about their relationship to their
own fathers,” die erst geheilt“ werden muß, bevor der Vater zu einer intakten
Beziehung zu seinem Sohn fähig ist.64
60 Frank Pittman, Warum Söhne ihre Väter brauchen (Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe, 1993),
S. 17.
61 Lewis Yablonsky, Du Bist Ich. Die unendliche Vater-Sohn-Beziehung (Köln: EHP, 1991), S.
30.
62 Yablonsky, S. 45.
63 Vergl. Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft (München: R. Piper
& Co, 1973), S. 68, S. 169. Ebenso Wilfried Wieck, Söhne wollen ihre Väter (Frankfurt am
Main: Fischerverlag, 1994), S. 182.
64 Joseph Pleck, “The Father Wound: Implications for Expectant Fathers”, S. 214; zitiert nach
Jerrold Lee Shapiro, Michael J. Diamond, Martin Greenberg (Hrsg.), Becoming a Father,
Contemporary, Social, Developmental, and Clinical Perspectives (New York: Springer
Publishing Company, 1995).
24
Auch aus Freuds Theorie65 über die Kindheit als Weiche für die weitere
Entwicklung der Persönlichkeit resultiert, dass der Einfluß des Vaters durch die
Verinnerlichung von dessen Normen maßgeblich prägend ist und die
Persönlichkeit des Sohnes gravierend beeinflußt. Freuds psychotherapeutischer
Ansatz der Einbeziehung des Unterbewusstseins gilt als erklärende Variable für
das gestörte und normale Seelenleben, das laut Freud von Triebenergien
bestimmt wird. Dabei ist die Beziehungskonstellation des Kindes in der ödipalen
Phase bedeutsam für die Identifikation und die Entwicklung zur Männlichkeit.
Eine positive Beziehung zum Vater erreicht der Sohn, wenn neben der
Rivalität dennoch eine positive Bindung an diesen gebildet werden kann. Um
mit Wiecks Worten zu sprechen: ... der Sohn [braucht] den Vater nicht nur und
vor allem als Vorbild, sondern als Freund, als gleichberechtigten Begleiter und
als Beschützer.“ Der Sohn braucht das Vertrauen des Vaters, seine Liebe und
seine Fürsorge.“ Der Vater muß ihm „Raum für seine Entfaltung und
Entwicklung geben.“66
Aus der gegenseitigen Konfliktbewältigung bildet sich das Selbstwert-
gefühl des Sohnes; dazu sind intensive Kommunikation miteinander und
Interesse aneinander notwendig. An die Rolle des Vaters ist eine hohe
idealistische Erwartung geknüpft, ob er sie in der Realität des Familienalltags
erfüllen kann und will, ist fraglich.
Neben dem erwähnten Einfluß der Vaterrolle bzw. Elternrolle sind
selbstverständlich noch weitere prägende Einflüsse aus dem näheren und
weiteren Umfeld, nicht zuletzt in steigendem Maße das Einwirken der Medien,
von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des Kindes. Markefka und
Nauck bezeichnen die verschiedenen Einflüsse als einen „multidimensionalen
Prozeß.“67 Die unmittelbaren familiären und sozialen Einflüsse, die maßgeblich
65 Sigmund Freud, Der Untergang des Ödipuskomplexes, GWX III; Freuds Ödipustheorie basiert
überwiegend auf Ergebnissen der Selbstanalyse. Vergl. Tellenbach, S. 181. Der Ödipuskomplex
nimmt nicht nur in der psychologischen Fachliteratur eine zentrale Rolle ein, sondern steht auch
in der amerikanischen Romanliteratur im Mittelpunkt. Als herausragendes Werk sei hier auf
Henry Roth, Call It Sleep verwiesen.
66 Wilfried Wieck, Söhne wollen Väter. Wider die weiblicheUmklammerung (Frankfurt am Main:
Fischer Taschenbuch Verlag, 1994), S. 222, S. 214.
67 Markefka u. Nauck, Handbuch der Kindheitsforschung, S. 21.
25
auf das Kind einwirken, sind in folgendem, vereinfachtem Diagramm nach
Oskamp und Constanzo68 veranschaulicht:
Die Flut von Einflüssen und Anregungen muß vom Kind verarbeitet
werden, um den Prozeß der Persönlichkeitsbildung zu intensivieren. Diese
wechselseitigen Interaktionen tragen zum Erlernen von bestimmten
Verhaltensmustern bei. Die Strukturen innerhalb der Kernfamilie und ebenso die
gesellschaftlichen Zusammenhänge müssen in die Untersuchung der literarischen
Gestaltung der Vater-Sohn-Beziehung einfließen, zumal in der zeitgenössischen
amerikanischen Literatur eine intakte bürgerliche Kleinfamilie kaum noch zu
existieren scheint. Die Übertragung von psychoanalytischen Inhalten auf die
behandelten Werke ist demnach für das Verständnis der dargestellten
Problematik der Vater-Sohn-Beziehungen und der Dynamik des Diskurses
unabdingbar.
68 Stuart Oskamp u. Mark Costanzo, “Gender Issues in Contemporary Society”, The Claremont
Symposium on Applied Social Psychology: V. 6, 1992, Sage Publications, Inc., 1993, S. 19.
26
4. Typisierung der amerikanischen Vaterfiguren nach ethnischen
Gesichtspunkten
Das gestiegene Bewußtsein für die verschiedenen ethnischen Einflüsse in den
USA seit Ende der 50er Jahre verursachte ein verstärktes Interesse an der
Erforschung der Bevölkerungsstruktur unter Berücksichtigung der sozialen
Realitäten. Kitagawa stellt heraus, dass ethnische Minderheiten ihre
„Gruppenidentität geltend“ machen.69 Ethnologische Studien, von Mitterauer
und Sieder als “cross-cultural studies“ bezeichnete Untersuchungen, befassen
sich hauptsächlich mit den Großstadtproblemen und den Rassenkonflikten.70
Untersuchungen über die verschiedenen ethnischen Gruppen liefern
Informationen über die spezielle Gruppenidentität hinsichtlich Religion und
Interaktionsverhalten und unterstreichen die Vielfältigkeit im sozialen
Miteinander. Die unterschiedlichen Ansätze im Miteinander lassen die
Strukturen innerhalb der Gesellschaft deutlich werden.
Garling und Valsiner betonen die Wichtigkeit eines „social
environment“ für die Entwicklung des Menschen;71 eine Betrachtung der Vater-
Sohn-Beziehung sollte ebenfalls unter den prototypischen, ethnischen Gesichts-
punkten stattfinden, denn der jeweilige Hintergrund der Familienstruktur des
Vaters prägt dessen Erziehungsstil. Die Darstellung der unterschiedlichen
Strukturen innerhalb der verschiedenen ethnischen Gruppen soll verdeutlichen,
welchen Einfluss der Vater des jeweilig andersartigen sozialen Umfeldes auf den
Sohn ausübt. Die hier aufgezeigten Gruppen unterscheiden sich im Verhalten
von den im weiteren Verlauf dargestellten Vater-Sohn-Beziehungen und dienen
dem allgemeinen Verständnis. Sie zeigen mögliche Beziehungen zwischen
Vätern und ihren Söhnen auf, die aber in dieser Form in den behandelten Werken
nicht auftauchen, dennoch die Wichtigkeit der Vater-Sohn-Interaktion
unterstreichen und somit der Fragestellung der Vater-Sohn-Beziehung hilfreich
sind.
69 Kitagawa, Daisuke, Rassenkonflikte und christliche Mission (Wuppertal: Aussaat Verlag,
1968), S. 63.
70 Mitterauer u. Sieder (Hrsg.), Historische Familienforschung, S. 12.
71 Garling u. Valsiner (Hrsg.) S. 218, “environment [...] serves as the basis of evaluation.“
27
Stellvertretend für die Vielzahl der ethnischen Gruppen soll am Beispiel
der irischen, jüdischen, italienischen und afro-amerikanischen Vater-Sohn-
Beziehung die ethnische Spezifität herausgestellt werden. In diesen ethnischen
Gruppen resultieren charakteristische Vater-Sohn-Beziehungen aus den
traditionellen historischen Gegebenheiten und lassen prägnante Unterschiede in
der Interaktion deutlich werden. Bei Mitgliedern verschiedenartigster Kulturen
variiert das väterliche Verhalten, denn die Vater-Kind-Nähe richtet sich nach
sozioökonomischen Variablen. Für die Darstellung des unterschiedlichen
Vaterverhaltens reicht ein grober Umriß der Stereotypen, da eine intensivere
Darstellung der einzelnen ethnischen Gruppenspezifität den Rahmen dieser
Arbeit sprengen würde, grundlegende Fakten aber dennoch für das generelle
Verständnis der dargestellten Problematik unabdingbar erscheinen.
Wie Sowell beschreibt, hält der katholisch irische Vater als Vorsteher der
Familie in der Regel an den Traditionen fest und erwartet von seinem Sohn die
Unterordnung.72 Die eigentliche gesellschaftliche Erziehung und schulische
Begleitung obliegt jedoch der Mutter. Vater und Sohn akzeptieren sich laut
Yablonsky ohne problematische Auseinandersetzungen,73 jedoch stehen sie sich
auf emotionaler und kommunikativer Ebene sehr distanziert gegenüber.
In der Konstellation der jüdisch-amerikanischen Familie gilt die starke
jiddische Mamme“74 als die Autoritätsperson, während die Rolle des Vaters sich
nicht durch väterliche Autorität und starke Selbstdarstellung auszeichnet. Die
Mutter hält innerhalb der Familie eine Machtposition inne und ist maßgeblich für
die Erziehung mit Schwerpunkt auf einer fundierten schulischen Ausbildung
verantwortlich. Die väterliche Aufgabe liegt in der Vermittlung der religiösen
Traditionen. In der Ausübung der Religion leitet der Hausherr die Zeremonien,
und nur bei der „häuslichen Sabbatfeierkommt der Frau „eine fast priesterliche
Rolle“ zu.75
72 Thomas Sowell, Ethnic America - A History (New York: Basic Books, 1981), S. 35.
73 Yablonsky, S. 54/55.
74 Yablonsky, S. 57.
75 Arnulf H. Baumann (Hrsg.), Was jeder vom Judentum wissen muß (Gütersloh: Gütersloher
Verlagshaus Mohn, 1993), S. 82.
28
Innerhalb der Familie stehen Vater und Sohn stellungsmäßig beinahe auf
einer Ebene, folglich erhält der Sohn laut Yablonsky kaum nachstrebenswerte
Impulse von seinem Vater, dessen schwaches Auftreten gegenüber der Mutter er
im Unterbewußtsein kritisiert. Yablonsky folgert aus der Konstellation „starke“
Mutter und schwacherVater eine Schädigung der psychischen Entwicklung
des Sohnes, der seine Rolle in der Gesellschaft erst finden muß.76
Bei den italienischen Familien sind das Zusammengehörigkeitsgefühl
und der Ehrenkodex stark ausgeprägt.77 Söhne werden mit Stolz sowohl von der
Mutter als auch vom Vater bevorzugt behandelt. Yablonsky stellt den
despotischen Führungsstil der Väter heraus, die den Sohn im Sinne von „Macho-
Vätern“78 mit starker körperlicher Strafe züchtigen und entsprechende
Unterwerfung fordern. Folglich schaut der Sohn mit ängstlicher Ehrfurcht auf
seinen Vater und wird später dessen Verhaltensmuster mit körperlicher
Aggressivität übernehmen. Diese Interaktion lässt einen Mangel an emotionalem
Mitgefühl für das Kind erkennen.
Die entwürdigende Brutalität der Sklavenhaltung in Amerika, verbunden
mit der häufigen Trennung von Familienmitgliedern, verhinderte lange Zeit das
Aufkommen einer Familienstruktur unter den Afro-Amerikanern.79 Ein 1862
verabschiedetes Gesetz gestattete zwar Afro-Amerikanern den Schulbesuch in
öffentlichen Schulen80 und verbesserte ihre Situation gegenüber der Sklaverei
maßgeblich, dennoch hatte diese Gruppe traumatische Schwierigkeiten bei der
Anpassung an das industrielle Stadtleben. Sowell schildert die Masse der Afro-
Amerikaner in dieser Zeit als “destitude, illiterate, and unfamiliar with even the
basics of hygiene, social behavior, or responsibility.“81
Die Ghettoisierung und Arbeitslosigkeit der Schwarzen verschlimmerte
ihre Verzweiflung. In einer Untersuchung über “the nation`s permanent
underclass“82 stellen die Autoren einen Zusammenhang zwischen den desolaten
76 Yablonsky, S. 57.
77 Sowell, S. 111.
78 Yablonsky, S. 58; S. 64.
79 Vergl. Sowell, S. 186.
80 Sowell, S. 202.
81 Sowell, S. 212.
82 The staff of the Chicago Tribune, The American Millstone (Chicago: Contemporary Books,
Inc., 1986), S. 180.
29
Lebensverhältnissen und der nicht intakten Familiensituation fest. In der über-
wiegenden Vaterabwesenheit sieht Pohle-Hauß den Ursprung des überbetonten
Männlichkeitsgehabes83 des Sohnes.
Die dargestellten Familienkonstellationen zeigen beispielhaft auf, dass das
nähere soziale Umfeld und somit insbesondere die ethnischen Einflüsse die
Entwicklung des Sohnes prägen, sein Verhalten und seine spätere soziale Rolle
maßgeblich formen und folglich auch sein Verständnis einer zukünftigen
Vaterrolle beeinflussen. Die Rahmenbedingungen steuern demnach in
besonderem Maße die Verhaltensweisen und bestimmen, ob ein durch Reife und
Einsicht verantwortliches mitmenschliches Handeln erreicht werden kann wie
im Weiteren bei den ausgewählten Werken näher betrachtet wird.
Die unterschiedlichen Vater-Sohn-Modelle vermitteln eine Ahnung von
dem Konfliktpotential, das sich aus der verschiedenartigen, fehlgeleiteten Vater-
Sohn-Dynamik entwickeln kann. Konkrete Sozialisationserfahrungen wirken auf
die Persönlichkeitsbildung ein, wie in der sogenannten “Culture and Personality-
Forschungnachgewiesen wird.84 In jeder der vorangegangenen, beispielhaften
Familienstrukturen ist der Einfluss des Vaters auf den Sohn entscheidend und
abhängig von kulturellen Gegebenheiten.
83 Pohle-Hauß, S. 111.
84 Gestrich, S. 93. Gestrich erwähnt die Forschungsergebnisse der amerikanischen
Kulturanthropologie, die der Herausbildung von kulturspezifischen Persönlichkeitsstrukturen
nachgeht.
30
5. Die Vater-Sohn-Beziehung in Richard Russos Romanen The Risk Pool
(1986), Mohawk (1986) und Nobody`s Fool (1993)
5.1 Richard Russo: Biographie und Werk
Richard Russo (geb. 1949) ist der Autor von Mohawk (1986), The Risk Pool
(1986), Nobody’s Fool (1993, dieses Werk brachte ihm auf Anhieb literarischen
Ruhm ein) und Straight Man (1996). Für seinen fünften Roman Empire Falls
(2002) erhielt er 2002 den Pulitzer Preis und gilt seitdem als einer der
wichtigsten amerikanischen Autoren, die über “small-town America” schreiben.
In diesem Werk wird auch die Vater-Sohn-Thematik angeschnitten, jedoch ist
sie nicht von entscheidender Bedeutung für den Protagonisten, und deshalb ist
dieser Roman für die vorliegende Untersuchung nicht relevant. Dasselbe gilt für
Russos bisher letztes veröffentlichte Werk, die Kurzgeschichten in The Whore’s
Child (2002). An dem Drehbuch für den Film Ive Harvest schrieb er 2005.
Die Schauplätze seiner Romane sind immer sehr identisch Kleinstädte
in New England. Ebenso gleichen sich seine Protagonisten, die mehr oder
weniger eigenbrötlerisch ihr Dasein fristen. Als beißend-ironisch und
stellenweise komisch kann Russos Stil angesehen werden.
In einem Interview mit Robert Birnbaum schildert Russo seinen Stil wie
folgt: “If you are developing a style, people will want to recognize a Richard
Russo novel in the same way that you feel comforted by picking up any Dickens
novel and knowing that you are in the world of Dickens. Broadening your
territory and setting your books in different places, you can do that if you want
but you have to remember that you are working on a career in which certain
things are going to be recognizably yours. Your world, your style and you
shouldn´t worry too much about that.”85
Russo hat auch mehrere Bühnenstücke geschrieben. Nobody’s Fool ist
mit Paul Newman in der Hauptrolle verfilmt worden und erhielt zwei Oscar-
Nominierungen. Außer Rezensionen in verschiedenen Zeitungen und
85 Robert Birnbaum interviewt Richard Russo.
(2001, Internet: http://www.identitytheory.com/people/birnbaum20.html).
31
Zeitschriften sind bisher kaum wissenschaftliche Arbeiten über Russos Werke
veröffentlicht worden.
Richard Russo lebt mit seiner Frau Barbara und seinen beiden Töchtern
Emily und Kate in Maine. Vor seinem literarischen Durchbruch unterrichtete er
an verschiedenen amerikanischen Universitäten (u.a. an der Southern Illinois
University in Carbondale) als Literaturprofessor, nun widmet er sich ganz
seinem literarischen Schaffen.
Detailliert und einfühlsam spiegeln die drei Romane Mohawk, The Risk
Pool und Nobody`s Fool von Richard Russo das Leben innerhalb typischer,
ländlicher amerikanischer Kleinstädte wider, die einmal bessere Zeiten gesehen
haben und auf Grund wirtschaftlicher Veränderungen nun ins Abseits“ geraten
sind.
Russo wird als “dirty realist” mit dem dafür typischen “plainest of plain
styles” in einem Zug mit Raymond Carver, Richard Ford und anderen genannt.86
Jedoch unterscheidet sich seine Schreibweise maßgeblich von Carvers
minimalistischem Stil, der die Resignation und die Einschränkungen der
underclass Americans darstellt. Russo dagegen schreibt im direkten Vergleich
zu Carver einen eher ausführlichen, beißend-ironischen Stil, dem trotz aller
tristen Hoffnungslosigkeit der Realität humorvolle Züge nicht fehlen.
Die Stadt Gloversville, New York, in der Russo aufwuchs und die sein
Leben prägte, ist eben solch eine Kleinstadt, in der überwiegend Arbeiter leben
und in der sich das gesamte Leben in der kleinstädtischen Öffentlichkeit abspielt.
Wenn Lukács sagt, “a writer`s greatness springs from the depth and
richness of his experience of reality,“87 dann bedeutet das, bezogen auf Russos
Werk, dass der Autor erfolgreich auf die wahrheits- und detailgetreue
Schilderung der ihm bekannten Realität achtet. Der Roman The Risk Pool ist
seinem Vater Jim Russo gewidmet und wird hier obwohl er zeitlich gesehen
erst nach Mohawk erschienen ist als erstes Werk behandelt, um die Wichtigkeit
der Vater-Sohn-Beziehung für Russo zu unterstreichen.
86 Granta, Dirty Realism, Fall 1986, S. 63. Ebenso kritisiert David Montose Russo als “dirty
realist“ : “But then the incisive prose associated with this genre is also absent. [...] Mohawk`s
mainstream realism is decidedly overblown.” “Fightin`an`feudian,” Times Literary Supplement,
March 6, 1987, p. 13.
32
Die dem Autor vertrauten provinziellen örtlichen Gegebenheiten sind
prototypisch in den fiktionalen Städten Mohawk und North Bath erkennbar.
Viele der in den drei Werken dargestellten Situationen tragen
autobiographische Züge. Carvers Worte: a little autobiography and a lot of
imagination are best“88 gelten ebenfalls für Russo, der in einem Interview mit
Todd Purdam bestätigt: “The deepest feelings of The Risk Pool are tracable to
me and my father [...] on the other hand, I never lived with him. All major
episodes are wholly imaginary.“89
Das Kleinstadtmilieu, gekennzeichnet durch ein Leben “pretty near the
edge - of unemployment, of lunacy, of potentially hazardous ignorance, of
despair“ (S. 339),90 und die damit verbundene Problematik sind nicht die
ausschließliche Thematik in Russos Werk, denn eine entscheidende Rolle spielt
die Vater-Sohn-Beziehung, die auch in der Verfilmung von Nobody`s Fool mit
Paul Newman als Sully besonders hervorgehoben wird.
Wenn man das Schreiben als therapeutische Tätigkeit91 betrachtet, dann
verarbeitet Russo vermutlich seine eigene Vater-Sohn-Beziehung in seinen
Werken. Nach der Trennung seiner Eltern wuchs der Autor vaterlos auf, und erst
sehr spät hatte er Kontakt zu seinem Vater, den er als Mann “who lived a life of
studied bad habits“92 beschreibt und mit dem er als “construction worker“
zusammenarbeitete, um sich sein Studium zu finanzieren. Zuerst soll nun die
Vater-Sohn-Beziehung in The Risk Pool genauer betrachtet werden.
87 Georg Lukács, Realism in our Time (New York: Harper Torchbooks, 1971), S. 135.
88 In Mona Simpsons und Lewis Buzbees Interview von 1983 mit Raymond Carver in
Conversations with Raymond Carver (Jackson: University Press of Mississippi, 1990), S. 41.
89 Todd Purdams’ Interview mit Richard Russo, “More Serious, More Funny, The New York
Times Book Review, 18. Dec. 1988, 14.
90Alle Angaben beziehen sich auf Richard Russo, The Risk Pool (New York: Vintage Books,
1994).
91 Peter Blos, Sohn und Vater. Diesseits und Jenseits des Ödipuskomplexes (Stuttgart: Klett-
Cotta, 1990), S. 144. Die Psychoanalyse erkennt das Schreiben als Mittel zum Zweck: „... die
schöpferische Tätigkeit [als] absoluten Schutz vor dem Persönlichkeitszerfall...“
92 Das Zitat findet sich auf dem Cover von Nobody`s Fool (New York: Vintage Books,
1994).Ebd. auch John Blades, der eingeht auf die Beziehung zwischen dem Autor und seinem
Vater in “Russo`s no fool, The Chicago Tribune, 19. Febr. 1995, Sec. 5, 7.
33
5.2 The Risk Pool
Auf Grund wirtschaftlicher Veränderungen in den 50er und 60er Jahren mußte
auch in der Kleinstadt Mohawk die Hoffnung auf “a thriving downtown” (S.88)
aufgegeben werden. Der Zerfall der Gebäude geht einher mit dem seelischen
Zerfall der Einwohner, die ihre Träume und Hoffnungen auf eine bessere
Zukunft begraben müssen. Das Leben in Mohawk wird in vier Ereignisse
unterteilt: “Fourth of July, Mohawk Fair, Eat the Bird, and Winter” (S.5), aber
auch diesen festlichen Anlässen fehlt von Jahr zu Jahr mehr und mehr die
Attraktivität und der Glanz der früheren Jahre.
Parallel hierzu schildert Russo den Persönlichkeitszerfall von Ned Halls
Mutter, die sich von einer couragierten, arbeitsamen Person zu einem
depressiven, interessenlosen Individuum verändert. Hier wird die von Mitterauer
und Sieder hervorgehobene Wechselwirkung von Familie und Staat, dessen
Stütze die intakte Gesellschaft ist, deutlich.93 In Umkehrung des Mottos wenn
die Familie gesund ist, dann ist auch der Staat gesund,“ lassen sich in Mohawk
von der nicht intakten gesellschaftlichen Struktur Rückschlüsse auf eine
ebenfalls nicht intakte familiäre Situation ziehen.
Ausgehend von den familiären Interaktionen der Halls liegt es nahe, das
Verhältnis als gestört zu bezeichnen. In The Risk Pool betrachtet der Sohn Ned
Hall als erzählendes Ich die problematische Beziehung seiner Eltern zueinander
und die daraus resultierenden Auswirkungen auf sein Leben.
Der Vater, Sam Hall, ist ein Mensch, der sich über alle Konventionen
hinwegsetzt und seinen persönlichen Lebensstil rücksichtslos und egoistisch
auslebt. Als Kriegsheimkehrer aus Deutschland und Frankreich findet Sam Hall
anfangs noch Verständnis für seine Idee von “celebrating life“ (S.3) bei seiner
Frau, die jeden Spaß mitmacht, bis sich ein Baby ankündigt, und sie sich dann
ein „normales“ Familienleben wünscht.
Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg und nach dem Koreakonflikt beschreibt
Spence als eine “period of `back to normalcy`[...] in which many young
93 Mitterauer u. Sieder, Historische Familienforschung, S. 84.
34
Americans were establishing their families.“94 Die Mutter stellt fest : Most
everybody she knew was settling down“ (S. 3), jedoch als “Rockhead” (S. 22)
will Sam Hall diese Normalität eines Familienlebens nicht. Während die Mutter
hofft, dass der werdende Vater seine Gewohnheiten ändern und damit auf ihre
subjektiv-emotionalen Ansprüche eingehen wird, verändert sich Sam Halls
Einstellung auch nicht durch die Geburt seines Sohnes. Die verantwortungslose,
bindungslose uneingeschränkte Freiheit ist ihm wichtiger, und erst der ihm von
seinem Schwiegervater vorgehaltene Revolver „überzeugt“ ihn, aus der Kneipe
weg von seinen “buddies” zu seiner Frau und seinem an diesem Abend
neugeborenen Sohn zu gehen. “The news that he was a father did not impress
him particularly. The service revolver did.” (S. 4) Eine biologische Nähe
zwischen Vater und Sohn gibt es offensichtlich nicht, denn Sam Hall fehlt jene
“individual time,” 95 die beim Rollenwechsel hin zur Familie erreicht sein muß.
Die Diskrepanz zwischen den individuellen Wünschen und Bedürfnissen der
Ehepartner wird immer offensichtlicher, da der Zeitpunkt zum familialen
Rollenwechsel von beiden unterschiedlich empfunden wird. Der Vater ist nicht
bereit, von seinen Gewohnheiten Abstand zu nehmen, um sich für die Familie
einzusetzen. Durch die Verweigerung der Vaterschaft kommt es zur
entscheidenden familiären Krise.
Da er die Vaterschaft verweigert, lässt die dargestellte Beziehung
zwischen Vater und Mutter die Vermutung zu, dass es zwischen ihnen nie eine
intakte Partnerschaft gegeben hat, und es wird sich weder durch die Trennung
auf Zeit ( “until my father could get his priorities straight again,“ S. 4), noch
durch die Geburt des Sohnes eine Triade im Sinne von Buchheim, Cierpka und
Seifert96 entwickeln. Die seelische Struktur der beiden Partner ist so
94 Janet T. Spence in Stuart Oskamp u. Mark Costanzo (Hrsg.), Gender Issues in Contemporary
Society (The Claremont Symposium on Applied Social Psychology: V. 6, 1992; Sage
Publications, Inc. 1993), S. 7.
95 Mitterauer u. Sieder, Historische Familienforschung, S. 68. Die Autoren stellen das timing als
wichtiges Element innerhalb der Familienstruktur dar, da bei nicht vorhandener Harmonie der
Partner Spannungen und Konflikte vorprogrammiert sind.
96 P. Buchheim, M. Cierpka, Th. Seifert (Hrsg.), Konflikte in der Triade. Spielregeln in der
Psychotherapie, Weiterbildungsforschung und Evaluation (Berlin, Heidelberg: Springer Verlag,
1995), S. 55: „... entscheidend ist, dass sich der mütterliche Diskurs nicht dyadisch schließt,
sondern zu einem außerhalb öffnet, ein drittes Strukturmoment appräsentiert, so dass sich eine
Vaterrepräsentanz bilden kann.“
35
unterschiedlich ausgeprägt, dass auch so etwas wie eine „distanzierte
Versöhnungmit einer gewissen Form der Neutralität im Umgang miteinander
nicht möglich erscheint.
Schon sechs Monate nach der Geburt ihres Sohnes beantragt die Mutter
die Scheidung von dem notorischen Fremdgänger Sam Hall, der aus verletzter
männlicher Eitelkeit (“... until he decided to divorce her,“ S.9) jedoch nicht
einwilligt. Welches Gewaltpotential in ihm steckt und welches
Rechtsverständnis er hat,97 wird deutlich durch eine Prügelei mit dem Anwalt
der Mutter, dem er hinterlistig auflauert: “my father wanted to know what the
hell kind of free country he`d spent thirty-five months fighting for, would allow
such a law.[...] that in a truly free country, he`d be allowed to do it himself....“
(S. 7f.) Immer wieder bricht er das Gesetz und landet mehrere Male im Mohawk
County Jail. Er zeigt sich destruktiv, uneinsichtig und gewalttätig. Seine
Einstellung wird im folgenden besonders deutlich: He was a born trespasser
who believed he had a right to go anywhere he pleased in a free country.“ (S.
213)
Die Mutter spielt die zentrale Rolle in der Beziehungstriade. Wenn
überhaupt, wird über den Vater nur im Ton des Vorwurfs gesprochen. Ganz
bewußt lt die Mutter ihren Sohn von seinem Vater fern. Der Sohn hat auf
Grund von Erzählungen ein lebendigeres Bild von seinem toten Großvater als
von seinem leiblichen Vater. “Of the two, the grandfather I had no recollection
of was the more vivid, thanks to my mother.” (S. 5) Das von der Mutter negativ
vermittelte Vaterbild prägt wesentlich die Vorstellung des Sohnes. “Until I was
six I thought of my father the way I thought of my heavenly father, whose
existence was a matter of record, but who was, practically speaking, absent and
therefore irrelevant.” (S. 6) Im weiteren Verlauf der Geschichte hat der Sohn
folglich massive Probleme, eine realistische Beziehung zu seinem Vater
aufzubauen, da die Mutter dem Vater sämtliche Kompetenzen abspricht.
97 Vergl. Winfried Kerkhoff, Vater-Kind-Beziehung und soziale Schichtzugehörigkeit
(Rheinstetten: Schindele Verlag, 1975), S. 40: „... die körperliche Auseinandersetzung als Mittel
zur Konfliktbeilegung.“
36
Um Sam Hall von sich und ihrem Kind fern zu halten, greift die Mutter
auf die Taktik zurück, Alimente zu fordern, die er nicht in der Lage bzw. auch
nicht willens ist zu zahlen. Diese Taktik zeigt Wirkung, denn tatsächlich
verschwindet er (“had blown town”) für die nächsten sechs Jahre und entzieht
sich damit sämtlichen väterlichen Pflichten. (S. 12) Durch diesen absoluten
Kontaktabbruch ist ein entscheidender emotionaler Beitrag für die Entwicklung
des Sohnes nicht gegeben.
Die neugierigen, hartnäckigen Fragen der “first grader[s],” die mit Ned
Hall die McKinley Elementary School besuchen, nach seinem Vater, beantwortet
er mit einer Lüge: “I informed everyone that my father was dead, and the
beneficial effects of this intelligence I felt immediately.“ (S. 13) Hier wird auf
Guy deMaupassants Simon`s Father98 verwiesen, einen Roman, der ebenfalls die
emotionale Not des vaterlosen Sohnes zum Thema hat. Die Richtigkeit von
Kerkhofs Äußerung, „Vaterverwaisung wird vom Kind oftmals als sozialer
Mangel erlebt,“99 lässt sich hier deutlich erkennen. Die provinzielle
Moralvorstellung wird offensichtlich, denn 1953 durfte ein Haushalt nicht
„freiwillig“ vaterlos sein.
Nach sechs Jahren findet das erste bewußte Treffen Neds mit dem Vater
statt, der ihn unangemeldet von der Schule abholt. Der völlig überrumpelte,
eingeschüchterte und ängstliche Sohn findet in seinem Vater kein pädagogisch
einfühlsames Gegenüber. Der von der Mutter vermittelte Leitsatz „der Vater ist
schlecht“ ist tief verinnerlicht beim Sohn, und folglich findet die erste
tatsächliche Vater-Sohn-Beziehung unter einem denkbar schlechten Vorzeichen
statt.
Sam Hall ist aufgebracht und wütend, als er über die von seinem Sohn
verbreitete Lüge hört. Auch gefällt ihm das äußere Erscheinungsbild seines
Sohnes überhaupt nicht. Für all das macht er seine Frau verantwortlich. Pohle-
Hauß beschreibt die Vatertrennung in früher Kindheit und sieht als Folge
„feminine Züge“ bei allen Jungen, die durch “Overprotection” der Mutter
98 Vergl. Guy de Maupassant, Werke, Simons Vater, (Wien, München, Basel: Verlag Kurt Desch,
1958), S. 825 - 833.
99 Kerkhof , S. 217.
37
ausgesprochen wenig aggressives, männliches Verhalten zeigen.100 Die nicht
vorhandende Aggressivität stört vermutlich den rauhen Sam Hall, der seinen
Sohn als verweichlicht empfindet: “... he didn`t like the way I was turning out. In
his opinion she was turning me into a little pussy.” (S. 15) Eine augenscheinlich
ziemlich vermessene Einstellung des Vaters, wenn man bedenkt, dass er die
ersten sechs Jahre gar nichts zur Entwicklung seines Sohnes beigetragen hat.
Nun beginnt eine Periode, die von der Mutter als “this means war“ und
vom Vater als “guerrilla war“ bezeichnet wird. (S. 14) Tatsächlich setzt eine Art
Nervenkrieg ein, denn über Monate hinweg wird die nächtliche Ruhe durch den
Vater gestört. Peripher wird der Sohn in die Streitereien seiner Eltern mit
einbezogen, indem er strikte Anweisungen erhält, wie er sich verhalten soll,
wenn sein Vater wieder auftaucht. Dadurch bekommt er ein deutliches
Negativbild von seinem Vater.
Auf Grund der nun mehr oder weniger starken Präsenz des Vaters in
seinem Leben macht der Sohn sich intensive Gedanken über ihn, empfindet
jedoch nach wie vor keine starke psychische Beziehung zu dem Vater. Auch die
Mutter bietet ihm keine große Unterstützung bei seinen Reflexionen über den
Vater. Sie zeigt sich hin und her gerissen, wie sie dem Sohn gegenüber den Vater
darstellen soll. “`No, he isn`t a bad man,` she responded to my surprise question
one day. `He wouldn`t look out for you the way I do.`” (S. 16)
Die psychologische Forschung sieht den Grund des unterschiedlichen
Verhaltens in den verschiedenen biologischen Strukturen zwischen Vätern und
Müttern. Markefka und Nauck sprechen von einer geschlechtsspezifischen
Verhaltensdifferenzierung,“101 Mütter haben eine andere Bindung zu Kindern
und agieren folglich anders mit ihnen als Väter. In der oben zitierten Äußerung
der Mutter wird dies deutlich ausgesprochen, und die Mutter ist sich dieses
anderen Verhaltens auch ganz bewusst. Ebenfalls in der nun folgenden Episode
wird das geschlechtsspezifische Verhalten charakteristisch dargestellt.
100 Heidi Pohle-Hauß, Vater und Kinder: Zur Psychologie der Vater-Kind-Beziehung (Frankfurt/
Main: Haag und Herchen, 1977), S. 111.
101 Markefka u. Nauck, Handbuch der Kindheitsforschung, S. 35, S. 292. Ebenso Tellenbach, S.
155.
38
Ned Hall hat von der Mutter die strikte Anweisung erhalten, nicht auf
den Baum am Haus zu klettern. Solange sie in der Nähe ist, hält er sich auch
daran. “I was an obedient boy and did as I was told whenever she was around.”
(S. 16) Die Mutter ist sehr ängstlich, mit ihrem Verbot spricht sie indirekt dem
Sohn die Fähigkeit ab, seine Kräfte zu messen und die Situation selbst
einschätzen zu können. Während Gärlinger und Valsiner im Klettern bei Kindern
die “Canalization of the Developing Motor Skills“102 sehen, ist für Ned Hall das
Klettern in erster Linie eine Mutprobe, um sich selbst zu beweisen, und dient
somit auch als Selbstfindungsprozess.
Da er ein „richtiger“ Junge sein will, versucht er trotz Verbot, an die
Spitze des Baumes zu gelangen, doch da er sich nicht bis ganz nach oben traut,
ist er “full of self-hate and a terrible yearning(S. 16). Dieses Gefühl verstärkt
sich gravierend, als er bemerkt, vom Vater beobachtet zu werden - “I was even
more ashamed than other days when there was no witness.“ (S. 17)
Er fühlt sich von dem Wort “well“ des Vaters angespornt und möchte
nicht als Feigling dastehen. Kurz entschlossen springt er zu dem für ihn vorher
unüberwindbaren Ast, um dem Vater zu beweisen, dass er Mut hat. Vielleicht
hat aber auch allein schon die Gegenwart des Vaters dem Jungen
Selbstbewußtsein eingeflößt; die Wichtigkeit des „Segens“ des Vaters, die
Blos103 als allgemein gültig erkennt, wird hier offensichtlich und kann auf
Russos Romanhandlung übertragen werden. Später reflektiert Ned Hall über
diesen Augenblick: “... it had seemed to me that no one understood me so
completely as my father must have at that moment.“ (S. 61) Das Geheimnis um
das Baumklettern ist das erste gemeinsame Erlebnis zwischen Vater und Sohn
und ein erster Schritt, die vorhandene Distanz zwischen ihnen abzubauen.104
Kerkhofs Aussage105 von einer „spontanen Wunschbefriedigungin der
Arbeiterschicht Gedanken und Ideen müssen dabei auf der Stelle und
möglichst sofort in die Tat umgesetzt werden, ohne an die möglichen Folgen zu
102 Tommy Gärlinger u. Jaan Valsiner, Children within Environments. Towards a Psychology of
Accident Prevention (New York: Plenum Press, 1985), S. 172.
103 Peter Blos, Sohn und Vater, S. 23.
104 Kerkhoff, S. 22.
105 Kerkhoff, S. 28.
39
denken- kann helfen, das Ereignis des ungeplanten und unvorbereiteten
Angelausflug mit dem Vater in Russos Roman zu verstehen. Augenscheinlich
bewahrheitet sich hier die These, dass Männer erst mit größeren Kindern etwas
anfangen können.106
Die wilde physische Ausstrahlung des Vaters mit seinem “gray chin“ und
“his hair looking crazy (S. 18) korrespondiert mit seinen überschießenden,
paradoxen Reaktionen und lässt bei seinem Sohn kein Vertrauen aufkommen.
Fasziniert von der Andersartigkeit des Vaters scheint der Sohn an der wilden
Irrfahrt im klapprigen Cabrio dennoch Gefallen zu finden. Von allen
Konventionen der Gesellschaft losgelöst, versucht der Vater, sein Leben so
individuell wie möglich zu gestalten. Dieses andersartige Verhalten bedeutet
einen gewaltigen Gegensatz zum mütterlichen Diskurs und eröffnet dem Sohn
eine neuartige Welt und konfrontiert ihn durch seine Erlebnisse mit den
Anfängen eines sich verändernden Lebens.
Der Vater eröffnet ihm einen andersartigen Alltag. Er impliziert die
Unsicherheit des Lebens per se. Dinge, die ihm seine Mutter aus Angst garantiert
vorenthalten hätte, erlebt der Sohn nun hautnah. Zum Beispiel bekommt er ein
Taschenmesser geschenkt (S.19), für den Sohn eine vertrauensvolle Geste, die
ihn mit Stolz erfüllt.
Die sozialen Interaktionen des Vaters mit seinen Mitmenschen verdeut-
lichen seine ausgesprochen rauhe, verletzend direkte Art. Dass er dennoch ein
minimales Verantwortungsgefühl besitzt, zeigt er, indem er der beunruhigten
Mutter telefonisch den Aufenthaltsort des Sohnes bekannt gibt. (S. 21)
Dass der Vater jedoch auch bei diesem Ausflug in der Rolle des
Beschützers versagt, wird besonders dadurch deutlich, dass der verängstigte
Sohn in der Wildnis dem sie begleitenden aber ihm fremden Freund des Vaters
namens Wussy mehr Vertrauen entgegenbringt. (S. 22) Ned Hall wünscht sich
sehnlichst in die Obhut der Mutter zurück, die ihm das Gefühl von Sicherheit
und Fürsorge vermittelt. Dieses Gefühl erlebt er bei seinem Vater keineswegs,
denn er empfindet gegenüber seinem Vater kein Vertrauen. Wie wichtig aber
106 A. S. Rossi, “Parenthood in Transition: From lineage to child to self-orientation, 1987. In
Markefka u. Nauck, Handbuch der Kindheitsforschung, S. 69. Vergl. Tellenbach, S. 153.
40
gerade ein solches Vertrauen gegenüber einem Vater für die emotionale
Entwicklung des Sohnes ist, beschreibt Lee.107
Sam Hall zeigt bei diesem Angelausflug weder Sensitivität noch
Einfühlungsvermögen oder Kommunikation gegenüber seinem Sohn. Durch
dieses massive Fehlverhalten kann eine Bindung zwischen Vater und Sohn nicht
aufkommen. Angesichts der Tatsache, dass die „Qualität der Interaktion
Voraussetzung [ist] für eine qualitativ gute Beziehung zwischen Kind und
Elternteil,“108 wird deutlich, dass Sam Hall eine solche Beziehung zu seinem
Sohn nicht aufzubauen vermag. Durch den Verlust des Taschenmessers verliert
der Sohn die minimal existierende Bindung zum Vater: “I had felt proud and
important and good. Now, having betrayed my father`s simple trust, it came
home to me that I was a disappointment to him, just a worthless little boy to be
taken home to his mother where he belonged.” (S. 31)
Im Sinne von Blos empfindet der Sohn den Vater als Über-Ich,“ das als
„Stimme des Gewissens“ Schuldgefühle hervorbringt.109 Das geringe
Selbstvertrauen zeigt die Distanz zwischen Vater und Sohn nur allzu deutlich;
auch der Mutter gegenüber fühlt sich der Sohn als Versager, da er glaubt, sie
durch das Zusammensein mit dem Vater „verraten“ zu haben, obwohl er sich ihr
gegenüber eigentlich verpflichtet fühlt. Folglich plagen den Siebenjährigen
innere Zwiespälte.
Die Eltern reagieren sehr emotionsgeladen beim Zusammentreffen bei
der Übergabe des Sohnes nach dem Angelausflug und machen sich
offensichtlich keine Gedanken über den Gemütszustand ihres Kindes. Jedes
Elternteil betrachtet den Sohn als „Besitz“ und setzt ihn als „Waffe“ ein, wenn
erforderlich. after all, she had few weapons to fight him with,....” (S. 34) Aus
der eigenen Bedürftigkeit überfordern die Eltern den Sohn, er ist der Rolle des
Vermittlers kaum gewachsen und wird damit den übersteigerten Ansprüchen der
zerstrittenen Eltern auch nicht gerecht. Dem Sohn bleibt also kein Raum zur
107 John Lee, Auf der Suche nach dem Vater (München: Knaur, 1993), S. 70.
108 Fthenakis, Väter, Bd. 1, S. 283.
109 Blos, S. 30.
41
freien Entfaltung, seine Bedürfnisse werden ignoriert, und als Folge setzen
zermürbende Prozesse ein, die die emotionale Balance beeinflussen.
Das gefährliche Ende der Angelepisode mit der abschließenden
Schießerei - die Mutter ist so aufgebracht und wütend über das väterliche
Verhalten, dass sie ihm ins Auto schießt - lässt Sam Hall nachdenklich über
seine Aktionen reflektieren. Er sieht sich selbst als “not careless,” “neither
cowardly nor foolhardy, just dependable.” Seine Absicht, “to demonstrate that a
boy needed a father (S. 35), ging völlig daneben, und er fragt sich “could it be
true that he was a dangerous man?(S. 34) Im Sinne von Mitscherlich entspricht
Sam Hall einer „Momentpersönlichkeit, die von den situativen Bedingungen ihre
Impulse entlehnt.“110 Er handelt erst, bevor er über mögliche Folgen nachdenkt.
Anstatt die eigentlich notwendige Auseinandersetzung durch
Kommunikation zur Konfliktlösung zu suchen, wählt er den für ihn einfachsten
Weg und verschwindet feige, wie er nun mal ist, spurlos für Jahre. “... he went
away again.” (S. 36) Auf Grund der erneuten Abwesenheit des Vaters muß sich
der Sohn nun seine männliche Wertevorstellung imaginär entwickeln.111
Ebenfalls keine geeignete Unterstützung findet der Sohn bei seiner
Mutter, der das Gerede der Nachbarn nach der Schießerei arg zugesetzt hat und
die nun Zuflucht in der Religion sucht.112 In ihrem Unvermögen, ihre Gefühle zu
äußern, kapselt sich die Mutter ab, anstatt durch Gespräche die Situation
aufzuarbeiten. In der Kirche fühlt sie sich “safe and secure. Not even my father
would dare violate its cool, dark sanctity.” (S. 37)
Den Vater stellt sie als unberechenbaren Störfaktor dar, mit dem jederzeit
gerechnet werden muß und der mit ausschließlich negativen Aspekten bedacht
wird.113 “People who hang around your father often require
110 Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, 1973, S. 276.
111 Vergl. Pohle-Hauß, S. 116. Zur Wichtigkeit der Väter für die Bildung eines Gewissens und
Identität. Lee, S. 211. Zur Vorbildfunktion des Vaters für die Männlichkeit. Lewis Yablonsky,
Du Bist Ich, „... Söhne wünschen sich profunde Botschaften von ihren Vätern, Botschaften oder
wertvolle Hinweise auf das Leben.“ S. 28.
112 Vergl. E. Erikson, Kindheit und Gesellschaft, über die Mitgliedschaft in der Kirche, S. 314.
113 Vergl. Buchheim, Cierpka u. Seifert (Hrsg.), Konflikte in der Triade , S. 51: „... wenn er
[Vater] auf der Bühne der Entwicklung menschlichen Daseins erscheint, begegnet er als `ödipales
Schreckgespenst`.“
42
hospitalization. Sam Hall [...] should have been issued with a warning label.”
(S. 53) Der Aspekt der Schuldzuweisung ist für die Mutter eindeutig geklärt, und
somit verinnerlicht der Sohn die destruktiven Verhaltensmuster seiner Eltern.
Bei Vaterabwesenheit ist eine entsprechende Ersatzfigur für die
Entwicklung des Sohnes wichtig. Im Sinne von Lee ist die Rolle des Mentors
„nicht mit der des Vaters oder Therapeuten identisch,“114 sondern die eines
Mannes, der Wissen vermittelt und Erfahrungen weitergibt. Im Roman entspricht
der neue Priester, Father Michael, diesem Vorbild. Ned Hall faßt Vertrauen zu
ihm und offenbart ihm seine Gedanken. Vor allem findet er in dem Priester
jemanden, der ähnlich negative Erfahrungen mit seinem eigenen Vater gemacht
hat und ein entsprechendes Verständnis für die Situation aufbringt. Ned Hall
stellt fest: “I never talked about my father with anybody, including my mother,
and at first I felt awkward, but I soon learned that talking about him didn`t make
me feel the way I had thought it would.” (S.40) Diese bisher unbekannte
Erfahrung der mitmenschlichen Kommunikation ist ein gänzlich neuer Aspekt
für ihn, der seine Gedanken und Gefühle sogar vor seiner Mutter verheimlicht.
Es steht zu vermuten, dass diese neue Erfahrung ein wichtiger Faktor für seine
weitere Entwicklung wird.115 Die Mutter ist nicht in der Lage, den Vaterverlust
auch nur annähernd auszugleichen, und bietet dem Sohn keine ausreichende
Hilfe.
Nach fünf Jahren taucht der Vater erneut auf, und diese Rückkehr nimmt
Ned Hall mit sehr ambivalenten Gefühlen auf. Einerseits fühlte er sich
“comfortable and happy without him” (S. 58), andererseits nimmt er “a strange
yearning to see my father again” (S. 59) wahr. Der sogenannte „Vaterhunger
oder Vaterdurst,“116 gekennzeichnet durch die Sehnsucht nach dem Vater, wird
auch bei diesem Sohn offensichtlich.
Intuitiv spürt Ned, dass sich mit der Rückkehr des Vaters sein Leben
erneut verändern wird. “Sam Hall was back in town, and that meant that things
114 Lee, S. 165ff. Vergl. Astrid Giseke, Die Vaterfiguren im deutschsprachigen Bildungsroman
des 20. Jahrhundert, S. 125.
115 Yablonsky sieht in der Kommunikation ein adäquates Mittel zur Konfliktlösung und damit
eine emotionale Entlastung. S. 40, S. 186.
116 Blos, S. 58. Vergl. Osherson, S. 32.
43
would change.” (S. 60) Dieses Gefühl wird noch verstärkt durch das geänderte
Sozialverhalten der Mutter, die sich von der kleinstädtischen Gesellschaft
komplett zurückzieht und sich nach einer kurzen, aber enttäuschenden
Liebesaffäre mit Father Michael mehr und mehr in ihre eigene Traumwelt
flüchtet. “My mother had lost ground an inch at a time.” (S. 72) In der
unbewussten Strategie des Abblockens und Ausweichens vor der Konfrontation
sieht die Mutter eine geeignete Möglichkeit, sich emotional zu schützen. Ihr wird
nicht bewusst, dass sie sich durch dieses Verhaltensmuster zermürbenden
Prozessen aussetzt, die nicht nur ihre eigene innere Struktur negativ
beeinflussen, sondern sich auch auf ihre direktes Umfeld niederschlagen.
Die Ungewißheit über seine Zukunft wird sehr deutlich, denn Ned zieht
Vergleiche zwischen sich und seinem Vater: “But if my father had ended up in
such a place, mightn`t the same happen to me.[...] After all, I was my mother`s
son, not his. He drifted into and out of our lives without influencing them
unduly.” (S.72) Wenn der Vater auch keinen direkten Einfluß auf seinen Sohn
ausübt, so ist die Beziehung der beiden dennoch von besonderer Qualität -
Gefühle von Enttäuschung, Angst und Furcht gehen einher mit Sehnsucht nach
und Liebe zum Vater.
Das erste Treffen zwischen Vater und Sohn nach dem unverhofften
Erscheinen in Mohawk wird wie stets durch beider Sprachlosigkeit beherrscht.
Ironisch bemerkt der Vater: “You`re still talkative, I see.” (S.80) Dass er selbst
nicht viel redet, ignoriert er. Dabei würde gerade die verbale Kommunikation
dem Zweck dienen, die Distanz zwischen Vater und Sohn zu verringern.117 Die
beiden müßten folglich erst ein gemeinsames Sprachmuster erarbeiten.
Dass Sam Hall erstaunlich gut über die Krankheit der Mutter informiert
ist, was ein nicht ganz verloschenes Interesse seinerseits an seiner ehemaligen
Frau vermuten lässt, setzt ihn in den Augen des Sohnes in ein neues Licht.
Kurzzeitig überlegt Ned, seinen Vater über den ernsten Zustand der Mutter zu
belügen, jedoch folgert er richtig: “I hadn`t much confidence a lie would work on
my father.” (S. 86) Nachdem er sich dann doch seine Sorge bezüglich der Mutter
von der Seele geredet hat, überkommt ihn ein tiefes Gefühl für seinen
117 Vergl. dazu Kerkhoff, S. 220.
44
Vater: “... I felt a sudden, almost overwhelming love for him, as if the five long
intervening years amounted to nothing.” (S.88) Dieses nicht näher definierte
Gefühl bewegt ihn dazu, fortan mit seinem Vater zu leben. Im
Unterbewusstsein empfindet Ned die Situation der Mutter und das Leben mit ihr
wahrscheinlich auch als zu bedrückend und sieht in dem Zusammenleben mit
dem Vater eine Art Flucht vor der vorhandenen Situation.
Eicher und Geller machen auf die scheinbar notwendige Abwesenheit
der Mutter für die Entwicklung einer Vater-Kind-Beziehung aufmerksam.118
Auch in Russos Roman wird die Annäherung des Vaters an seinen Sohn erst
durch die Erkrankung der Mutter möglich, denn erst durch ihr Loslassen des
Sohnes finden Vater und Sohn eine Basis für ein Miteinander.
Die unterschiedlichen Lebensstile von Vater und Mutter spürt der Sohn
rein äußerlich an der unmöblierten Bleibe des Vaters recht drastisch. Ebenso
erscheinen die impulsiven, nicht vorhersehbaren Handlungen des Vaters dem
Sohn als ungewöhnlich. Wenig einfühlsam stellt der Vater fest: “I`m not like
your mother [...] That`s what you`ll have to get used to.” (S. 92) Schnell bedauert
der Sohn seine Feigheit, dem Vater nicht geradeheraus gesagt zu haben, dass er
doch lieber in der gewohnten Umgebung bleiben möchte. “... that the only reason
I had agreed to live with my father was that I knew she would never go along
with it.” (S. 93) Ned erwartet von seiner Mutter, dass sie für ihn kämpfen werde.
Er lehnt es ab, die notwendige Verantwortung für sich selbst zu übernehmen,
außerdem glaubt er dadurch vor seinem Vater besser dazustehen.
Ned sagt, dass “somehow my personal fortunes had taken an
unmistakable turn for the worse” (S. 100), und tatsächlich ändert sich sein
bisheriges Leben auch bezüglich seiner Moralvorstellungen drastisch. Im
Gegensatz zur Mutter empfindet der Vater keinerlei Hemmungen, wenn er stiehlt
oder lügt. “It`s dishonest, [...] So what?(S. 108) Schon bald darauf zeigen die
negativen väterlichen Einflüsse Wirkung auf den Sohn, der seine
118 T. Eicher u. J. D. Geller, Father and Daughters. Portraits in Fiction, S. 13. Mütter sind
entweder ”killed off, divorced, missing, elsewhere” oder ”unmentioned”. Die Autoren folgern,
dass Mütter offensichtlich als Hemmnis bei der Annäherung zwischen Vätern und ihren Kindern
stehen.
45
eigenen Wertmaßstäbe herunterschraubt und denen des Vaters angleicht. Er
belügt nicht nur seine Mutter, sondern stiehlt sogar selbst (S. 116/7)119 und
imitiert mehr und mehr seinen Vater.
Wie der Vater ihn verunsichert und wie unkalkulierbar er auf ihn wirkt,
wird sehr deutlich, als der Sohn in der Wohnung seines Vaters ein Bild von sich
als Sechsjährigem entdeckt. “It was an odd discovery.” (S. 95) Dieses Foto paßt
nicht in das Bild, das er sich von seinem Vater bisher gemacht hat. Genauso
überrascht reagiert er auf die vom Vater neu „organisierten“ Kleidungsstücke,
und er fragt sich: “[...] the gesture might be interpreted as representing some
affection for me, or a feeling of responsibility, at least.” (S. 97)
Dem Vater gegenüber fühlt sich der Sohn immer als Unterlegener, er
spürt, es dem Vater nie recht machen zu können. “[…] whatever conclusion I
came to would be wrong and I would later be shown the stupidity of my
reasoning, […].” (S. 97) Die Äußerung, “he had been way ahead of me, like
always” (S. 231), zeigt ebenfalls deutlich, dass er dem Vater nicht gleichwertig
gegenüber steht und dass ihre Beziehung sehr konfliktreich ist. Offensichtlich
fehlt dem Sohn die Erkenntnis, dass der Vater auch erst seine neue Rolle“
erlernen muß. Der ihm vertraute Umgang mit seinesgleichen, gekennzeichnet
durch rivalisierende Aggressivität, ist nicht auf seinen Sohn übertragbar. Aber
auch der Sohn muss seinen Vater erst näher kennenlernen, um ihn und seine
Reaktionen zu begreifen. Er resümiert: “As usual, everybody seemed to know
my father better than I did, and I always ended up feeling like an outsider.” (S.
101) Im Laufe des Romans lernt er die väterlichen Gepflogenheiten zwar besser
kennen und drückt dies wie folgt aus: “when I lost track of my father for a while
I`d know where to find him. (S. 119), doch eine innere Bindung zwischen den
beiden ist nach wie vor nicht zu erkennen. Vater und Sohn leben in einer
neutralen Beziehung, die eher zweckorientiert als autoritär geprägt ist. Sie
akzeptieren sich ohne erkennbar tiefere Zuneigung. Treffend beschreibt Ned die
gegenseitige Interaktion auf emotionaler Ebene: “It always amazed me how little
he understood what I was feeling. It meant, among other things, that my
119 Vergl. Kerkhoff, S. 13, „Große Bedeutung wird dem Vater in der Gewissensbildung
zugemessen.“
46
understanding of him probably wasn`t much better.” (S. 139) Eine aktive
Hinwendung zueinander hat trotz des gemeinsamen Miteinander-Lebens nicht
stattgefunden, es besteht eine scheinbar unüberwindbare Distanz zwischen
ihnen. Der Vater hat im Zusammensein mit seinem Sohn kein Gespür für dessen
Bedürfnisse entwickelt, und folglich ist das Beziehungskonzept in seinen
Interaktionen nicht geprägt durch fundamentales Vertrauen zueinander. Der
Vater bleibt dem Sohn fremd.
Yablonsky unterteilt die Vater-Sohn-Beziehung in verschiedene
Phasen120; die erste, die er „Ich-Verschmelzung“ nennt, hat nicht stattfinden
können, da Ned die dafür in Frage kommenden, ausschlaggebenden ersten
Lebensjahre ausschließlich mit seiner Mutter verbrachte. Die zweite Phase ist
gekennzeichnet durch die wachsenden Unabhängigkeitsbestrebungen der Kinder.
Eigennützig lässt Sam Hall seinem Sohn mehr als genug Freiheiten (“...free now
of maternal restraints.” S. 179), und so kommt es zwischen ihnen nicht zu den in
der Pubertät typischen Schwierigkeiten.121 Der Prozeß der Abnabelung und
Lösung vom Elternhaus hat bei Ned gezwungenermaßen schon sehr früh
eingesetzt - eine essentielle Notwendigkeit für ein “unsupervised life” (S. 123)
mit einem “negligent [father]” (S. 119).
Eine mögliche Form der emotionalen Situationsbewältigung von Kindern
mit einem „problematischen“ Vater sehen Bernard und Schlaffer122 darin, dass
Kinder ihre Wut gegenüber dem Vater zulassen und ihn hassen. So geschieht es
auch bei Ned. Durch eine indirekt vom Vater hervorgerufene Verletzung brechen
seine bisher aufgestauten Gefühle hervor. “I was full of hatred so black that I can
still taste it now, almost 25 years later.” (S. 141) Diese Aussage wird ebenso
durch die allgemein gültige Abhandlung von Blos bestätigt, der die Vater-Sohn-
Beziehung generell als „distanziert“ oder
120 Yablonsky, S. 87ff. Die dritte Phase lässt im Idealfall eine „liebevolle Männerfreundschaft“
zu, die auf einer „wirklich offenen Kommunikation“ beruht. S. 186.
121 Vergl. Blos, S. 35, „Flucht zum Vater während des Erwachsenwerdens wird verleugnet und
äußert sich in zunehmender Opposition und Aggression.“
122 C. Bernard u. E. Schlaffer (Hrsg.), Sagt uns, wo die Väter sind (Reinbek: Rowohlt, 1991), S.
149.
47
„haßerfüllt“ beschreibt.123 Über seinen Vater resümiert Ned: “For damn near 13
years he`d been messing things up.” (S. 161)
Eine offene Konfrontation bleibt jedoch aus, da Ned - vielleicht als eine
Art Selbstschutz - allen Konflikten ausweicht oder sie ignoriert. Diesbezüglich
reagiert er deutlich anders als sein Vater, der impulsiv seine Stimmungslage in
beinahe schonungslosen, gewalttätigen Reaktionen auslebt. (S. 162)
Neds Sensibilität wird deutlich, wenn er beunruhigt feststellt, dass er
kein Vertrauen zu seinem Vater gefaßt habe. “I had not trusted my own father. I
had lack of faith in him as a good, trustworthy father.” (S. 165) Der Vater
wiederum macht sich keinerlei Gedanken über die offensichtlich emotionale
Distanz und die fehlende Kommunikation, scheinbar bemerkt er dieses Fehlen
noch nicht einmal.124 Die Beziehung bleibt folglich wertlos und bietet dem Sohn
nicht den für ihn notwendigen seelischen Rückhalt. Die gang (S. 84), der sich
Ned anschließt, erfüllt diese Funktion und ist deshalb als ‘Vaterersatzzu sehen.
Sie bietet ihm eine Möglichkeit, mit seinen Gefühlen ins Reine zu kommen, und
erhält damit eine Art Ventilfunktion.125
Sam Hall verbirgt seinem Sohn seine wahren Gefühle sogar beim Tod
seines besten Freundes Jack Ward. “You`d have had to know my father pretty
well to guess just how rattled he was....” (S. 245) Schließlich muß er seinem
Image als furchtloser “roughneck” gerecht bleiben und darf keine
‘unmännlichen’ Gefühle ausleben.126 “Things get bad sometimes. [...] It`s
nothing to worry about” (S. 263), ist des Vaters Lebensphilosophie. Hier unter-
scheidet er sich maßgeblich von seinem Sohn, der seine Emotionen nicht
kontrollieren kann und sich an einen einsamen Ort zurückzieht, um seinen fast
schon philosophischen Gedanken nachzugehen. “... to find some dark and
123 Blos, S. 84.
124 Fthenakis macht auf die kontrovers diskutierte väterliche Sensitivität aufmerksam. Väter, Bd.
1, S. 244ff.
125 Kerkhoff schildert die Wichtigkeit der ”peer group”. S. 49.
126 Vergl. Lee, S. 56. Pleck, S. 211f.: die Unfähigkeit des Vaters, sich emotional zu offenbaren.
Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, S. 68: „... aber was er [der Vater] denkt,
welche Ängste ihn bedrücken, welche Versagungen er ertragen muß, welchen Verführungen er
erliegt oder welcher er sich erwehrt, das kommt fast nie zur Sprache. [...] es gehört sich nicht.“
48
solitary place as far from my father and the men of the Mohawk Grill as I could
get to reconsider the shape of things. ” (S. 247)
Zeitgleich zum Tiefstand der Beziehung zwischen Vater und Sohn
erscheint die Mutter wieder auf der Bildfläche. Fast märchengleich ändert sich
Neds Leben mit der scheinbaren Genesung der Mutter, die medikamentös so gut
behandelt wird, dass sie sich wieder um ihren Sohn kümmern kann. Mit dem
Wiederauftreten der Mutter verlässt der Vater die gewohnte Umgebung, und sein
Sohn kann wieder sein zuvor gewohntes, normales Leben führen. Intuitiv weiß
der Vater, dass sein Sohn durch seine Abwesenheit sein Leben besser gestalten
wird, und sachlich stellt er fest: “You`re better off here, that`s all.” (S. 268)
Wieder entzieht sich der Vater jeglicher Verantwortung und ist für seinen Sohn
nicht mehr verfügbar.
Ned resümiert: “Incredible though it may seem, my other life simply
ceased to exist. I didn`t see my father anymore, seldom saw any of his friends,
never went into the Mohawk Grill.” (S. 265/266) Für ihn ist ein zweijähriger
Alptraum beendet. Ned ist “thankful to have escaped it.” (S. 276) Dennoch
haben die zwei Jahre mit dem Vater ihn nachhaltig geprägt. “The two years I`d
spent with my father weighed upon me, more heavily than they had in the
living.” (S. 276) Nachhaltig hat auch diese Zeit mit seinem Vater seinen
Charakter erheblich beeinflusst.127 Ned hat jetzt das Stadium erreicht, dass er
voller Wut seinen Vater verantwortlich macht, weil dieser ihn hat verkommen
lassen und seinen väterlichen Aufsichtspflichten nicht nachgekommen ist,
obwohl es die väterliche Pflicht eindeutig verlangt hätte.
Eine gemütsbetonte Verbindung hat sich nicht eingestellt, und so
artikuliert Sam Hall bei einem sehr viel späteren Treffen richtig: “Hello,
stranger.” (S. 267), denn fremd in ihren Gedanken, Emotionen und Reaktionen
sind sie sich trotz des zweijährigen früheren Zusammenlebens geblieben. Durch
die unproduktive Beziehung zwischen Vater und Sohn wirkt der Sohn wenig
sozialisiert.
127 Bernard u. Schlaffer stellen in ihren Forschungen den prägenden Einfluß des Vaters fest. S.
141.
49
Aber auch die Mutter bietet ihm nur eine scheinbare Sicherheit. Da
jegliche Unregelmäßigkeit sie aus der Bahn wirft, m sie ihre tägliche
Tablettendosis erhöhen, um weiter zu „funktionieren.“ Um seine Mutter vor
Aufregung zu schützen, belügt Ned sie (S. 275/6); eine emotional aufrichtige
Beziehung findet auch hier nicht statt. Es mutet geradezu lächerlich an, wenn die
Mutter immer wieder die “rare ability to be completely honest with each other”
(S: 277) und das “simpatico“-Gefühl (S. 365) betont, obwohl genau das
Gegenteil der Fall ist. Ihre ganze Verklärtheit und Weltfremdheit werden hierin
deutlich. Dennoch fühlt sich der Sohn bei seiner Mutter glücklicher. “[…] it
occurred to me that I was lucky to be alive.” (S. 276) Es wird hier deutlich, dass
der Vater trotz oder wegen seiner ständigen Abwesenheit die Beziehung
zwischen Mutter und Sohn unbewußt beeinflusst hat.
Auf Dauer ist Ned jedoch der künstlich aufrechterhaltenen Atmosphäre
nicht gewachsen und sucht nach einer geeigneten Lösung, der Mutter zu
entkommen, ohne ihre Gefühle zu verletzen. Diese Möglichkeit erkennt er im
Besuch eines weit entfernt gelegenen College. “[…] a perfect excuse to go far,
far away.” (S. 282) Der Glaube daran, unangenehme (emotionale)
Konfrontationen und Schwierigkeiten durch Flucht bzw. Weglaufen
vermeintlich lösen zu können, scheint ein Erbe des Vaters zu sein. “[…] walking
away was an underrated talent, probably genetic in origin. My father had written
the book on walking away from things before I ever came along.” (S. 327) Die
„erklärende Variable“ für dieses Verhalten liegt hierbei in der
Kindheitserfahrung, die prägenden Einfluß auf das spätere Verhalten inne hat.128
Nach sieben Jahren Abwesenheit von Mohawk erfährt Ned telefonisch
vom Alkoholismus und schlechten Gesundheitszustand des Vaters. Er
entschließt sich, dem Vater zu helfen, und entflieht dadurch gleichzeitig eigenen
Problemen, die während des Semesters an der Universität in Arizona
auftauchten. Dieses Verhalten gleicht dem des Vaters, der seinen Problemen
stets ausgewichen ist, anstatt sich ihnen zu stellen. Es lässt die Vermutung zu,
dass offensichtlich die väterlichen Verhaltensstrukturen in der Auswirkung
128 Markefka u. Nauck, S. 67; ebenfalls Mitscherlich, S. 11, „... prägende Variable der näheren
sozialen Umwelt hinsichtlich Lebensentscheidungen, Wertorientierung und Verhalten.“
50
prägender für den Sohn waren als bisher angenommen und er sich indirekt mit
dem Vater identifiziert. Als Vater und Sohn sich nach zehn Jahren das erste Mal
wiedersehen, beginnt ihre Beziehung wie in der gemeinsamen vergangenen Zeit.
Sie trinken und spielen, und geredet wird nur oberflächlich Belangloses, ein
wirkliches Interesse und eine echte Anteilnahme füreinander kommen nicht
zustande. Vater und Sohn haben Angst vor einem klärenden Gespräch: “I`d
gotten over, long ago, my father`s need to have third parties around when we
faced the prospects of a long period of time in each other`s company. I hadn`t
figured out what it meant and didn`t want to, though I think I`d always known
that we were both afraid.” (S. 410)
Der einzig erkennbare Unterschied zur früheren Beziehung ist der, dass
der Vater seinen Sohn nun für erwachsen genug hält, um mit ihm im
betrunkenen Zustand ein Bordell aufzusuchen. Als der Sohn bemerkt, dass er
“grateful” (S. 327) ist, in seinem Wesen mehr nach seinem Vater zu schlagen
und nicht die überkorrekte, schwermütige Art der Mutter geerbt zu haben,
überrascht dieser plötzliche Gesinnungswechsel. Sollte Ned mit dem Abstand
von zehn Jahren eine innere Gelassenheit bekommen haben, die ihn akzeptieren
lässt, dass ihre gegenseitigen Wahrnehmungen unterschiedlich sind, und sollte er
trotz der Andersartigkeit einen Weg zur Kommunikation finden? Die Distanz
zum früheren gewohnten Umfeld hat den Sohn auf der Suche nach sich selbst
offensichtlich derart reifen lassen, dass er sich dem Vater verständnisvoller
annähern kann. Es scheint die von Yablonsky geschilderte dritte Phase in der
Interaktion von Vater und Sohn - nämlich die „enge Männerfreundschaft“129 -
eingesetzt zu haben. Da Vater und Sohn ihre Vergangenheit jedoch noch nicht
verarbeitet und damit bewältigt haben, kann der Leser den Wandel innerhalb der
Beziehung kaum nachvollziehen. Es bleibt offen, ob die Art und Weise dieser
Beziehung ausreicht, um als Grundlage für ein erfüllendes Miteinander zu
gelten.
129 Yablonsky, S. 111.
51
Der Sohn macht sich sogar ernste Sorgen um seinen Vater, und erneut
wird die indirekte, von Osherson beschriebene „Sehnsucht nach dem Vater“130
erkennbar. “I think I was the only one concerned about my father that summer.”
(S. 338) Rückblicke auf gemeinsam erlebte Situationen scheinen von einer
gewissen Schwermut gekennzeichnet. Das Interesse des Sohnes an seinem Vater
gilt als Teil des Prozesses der eigenen Identitätsfindung, jedoch scheint es nicht
sehr erfolgsversprechend, da durch die wenig aufschlussreiche Kommunikation
der Protagonisten miteinander eine wahre Annäherung nicht stattfindet.
Oberflächlichkeit kennzeichnet die Beziehung und steht einer gefühlvollen
Bindung und einem in sozialen Gegebenheiten neuen Lebensabschnitt drastisch
im Weg.
Wenn Koenig den dritten Teil der Romans als “repetitious and thin
when it picks up after a ten-year gap” 131 kritisiert, so scheint es, als ob Russo
zum Ende hin eine gewollt positivere Vater-Sohn-Beziehung skizzieren will.
Das bessere Vater-Sohn-Verständnis (“... the only thing [er bezeichnet seinen
Sohn als thing] I ever did right in my whole life.” S. 368) geht einher mit dem
erneut aufkeimenden Mutter-Sohn-Konflikt, der sich in einer Äußerung wie “[...]
I never felt the slightest softening toward her” ablesen lässt. Der Sohn kennt die
„Wunde“ der Mutter und weiß “where to plant the dagger” (S. 366). Auf diese
Weise rächt sich Ned an der subtil emotional-erpresserischen Art der Mutter,
unter der er zuvor so stark gelitten hat. Diese Reaktion zeigt auf, dass eine zur
Individuation nötige emotionale Loslösung von der Mutter nicht erfolgreich
stattgefunden hat und die innerfamiliären Konflikte im Unterbewusstsein
deutlich präsent sind.
Die plötzliche Wendung Sam Halls zur Religion paßt ebenso wenig in
das Bild, das der Autor vorher vom Protagonisten gezeichnet hat. Der Sohn
bemerkt: “He didn`t seem quite right to me. He`d become oddly religious, at
times quite certain that there was a God, and that this God had it in for Sam
Hall.” (S. 339)
130 Osherson, S.228.
131 Rhoda Koenig, “Their Town, The New Yorker, Nov. 21, 1988, 132.
52
Auch sein neues, offen ausgesprochenes Bekenntnis, ein schlechter
Umgang für seinen Sohn zu sein, spiegelt die Wandlung seiner Gedanken wider.
“He [Ned] should go back to Arizona. As far as he can get from his old man.”
(S. 372) Früher machte er sich keinerlei Gedanken um seinen Sohn. Sogar eine
späte Reue drücken seine Worte aus: “I should`ve stuck it out. I should`ve gone
right to the grave with your mother.” (S. 375) Die späte Erkenntnis, dass er, der
immer Leute um sich herum benötigte, am Ende alleine dastehe, macht ihm zu
schaffen. “[…] what he never suspected when he left my mother so many years
ago. That he could end up alone.” (S. 423)
Es liegt dem Vater plötzlich am Herzen, dass der Sohn nicht in seine
Fußstapfen tritt, sondern etwas Besseres aus seinem Leben macht: “We gotta get
him back to school before he turns into one of us for good....” (S. 373)
Allerdings scheint nun der Sohn Gefallen an dem vom Vater vorgelebten
unregelmäßigen Lebensstil gefunden zu haben: “I can only say that such
moments were magic for me and they made me grin at him so stupidly, so
drunkenly, so affectionately, that I had all I could do not to tell him that we were
becoming simpatico.” (S. 375) Ned identifiziert sich so mit seinem Vater, dass er
sogar für ihn kämpfen würde. “I would side with my father.” (S. 379) Dies ist
eine völlig neue Seite an ihm, und er, der sonst allen Konfrontationen auswich
und körperliche Auseinandersetzungen ablehnte, will plötzlich kämpfen. Er
entscheidet sich jedoch kurzfristig, Mohawk wieder zu verlassen, um erneut
irgendwo anders Fuß zu fassen. Ned hat kein in sich selbst ruhendes Ich und ist
sich seiner inneren Unruhe bewußt: “But then I wouldn`t be a true resident of
any other place either, joining instead the great multitude of wandering
Americans, so many of whom have a Mohawk in their past, the memory of
which propels us we know not precisely where, so long as it`s away.” (S. 264/5)
Diese Worte erinnern an Erikson, der die für die Amerikaner so wichtige
Mobilität beschreibt: ... dass sie weiterziehen könnten, sobald sie wollten und
zwar sowohl geographisch wie sozial sich weiterbewegen, oder auch beides
zugleich.“132
132 Erikson, S. 36.
53
Als der Sohn vom Lungenkrebs seines Vaters erfährt, besucht er ihn
häufiger. Die Chemotherapie setzt Sam Hall arg zu, er ist jedoch der Typ, der aus
seiner unbewußten Männlichkeitsvorstellung heraus alles alleine durchstehen
will, selbst der eigene Sohn soll ihn nicht leiden sehen. “[…] of his wanting to
do his most intense suffering in private. ” (S. 447)
Die von Kerkhoff beschriebene weniger gemütsbetonte und körpernahe
Interaktion zwischen Vater und Sohn aus der Arbeiterklasse133 ist noch einmal
deutlich zu erkennen, als der Sohn die Hand des leidenden Vaters ergreifen will
und dieser sie sofort wegzieht. “[…] he pulled it away with more strength than I
imagined he possessed.” (S. 448) Sam Hall will seine Unabhängigkeit aufrecht
erhalten und lehnt Hilfe ab.
Die Unfähigkeit zur Kommunikation zwischen Vater und Sohn bleibt
sogar auch in dieser aussichtslosen Lage weiterhin bestehen. “Unable to find
words adequate to his love” - so drücken Eicher und Geller die sprachlose
Gebärde zwischen Vater und Kind aus.134 Selbst kurz vor dem Tod des Vaters
finden sie keine geeigneten Worte für das eigentlich so notwendige Gespräch.
[…] when there were so many things to say, things that wouldn`t get said
if we didn`t say them soon. But we sat there, my father and I, and stared
at the wagon and the old covered bridge and the snow and the ice skaters
and the frozen river, as if these were at the very heart of things, and had
been forever. (S. 464)
Diese symbolische Kälte spiegelt die Beziehung zwischen Vater und
Sohn sehr deutlich. Nichtsdestotrotz hegen sie tiefe Gefühle für einander, finden
aber leider keinen Weg, einander näher zu kommen. Zu viele Dinge bleiben
unausgesprochen und bilden eine Barriere zwischen ihnen. Sie sind für immer
blockiert, denn die unsichtbaren Ketten der Vergangenheit lasten auf ihnen zu
schwer und ermöglichen keine erhoffte Versöhnung mit befreiendem Charakter.
Erst nach dem Tod des Vaters kann Ned Hall eine emotional tiefe
Beziehung mit seiner Freundin eingehen, denn sogar hier hemmte der Vater mit
seinen negativen Charaktereigenschaften den Sohn. Die destruktiven
Verhaltensmuster des Vaters sind beim Sohn verinnerlicht, und er muß bemüht
133 Kerkhoff, S. 215.
134 Eicher u. Geller, S. 15.
54
sein, diese Erblast nicht an sein eigenes Kind zu transferieren. Keine Parallelen
zwischen dem Vater und dem Sohn sind mehr zu ziehen: “[…] who I was, where
I came from, all the things that - it now came home to me - I had been carefully
concealing from her.” (S. 458)
Mit der Geburt seines eigenen Sohnes beginnt ein neuer Lebenszyklus.
“It was a touching moment.” (S. 479) Ned kann nun versuchen, die “father
wound” 135 zu heilen und seinem eigenen Kind anders gegenüberzutreten. Die
besonderen Umstände hinsichtlich der sozialen Komponente sind Faktoren, die
das elterliche Verhalten maßgeblich bestimmen, ebenso wie die situativen
Gegebenheiten das väterliche Verhalten steuern. Der in diesem Roman
dargestellte Vater repräsentiert exemplarisch den Typus des nicht verfügbaren
Vaters, dessen Maß an Interaktionen sowohl qualitativ als auch quantitativ vom
Sohn als nicht ausreichend empfunden wird. Die Bereitschaft und die Fähigkeit
zum väterlichen Engagement präsentieren sich als äußerst gering, der Vater
drückt sich vor der Übernahme von Verantwortung für seinen Sohn bis zum
Ende und die Art der Intensität der Gefühle füreinander bleibt spannungsgeladen
und konfliktreich bis zum Schluß.
135 Pleck, S. 215, “Confrontation with the `father wound`is a profound, increasingly common, yet
still largely unspoken experience in men`s lives today. Men are asking themselves what their
legacy from their fathers really is. Is it one only of tragic defects, or does it, can it include more?”
55
5.3 Mohawk
Russos literarisches Erstlingswerk Mohawk ist die Geschichte der im Niedergang
begriffenen Stadt Mohawk und ihrer hoffnungslosen Einwohner, die alle in
irgendeiner Form einen tragischen Verlust erlitten haben. Jeder kennt jeden, und
man kann sagen, dass die Schicksale aller in dieser Stadt miteinander zwar auf
sehr unterschiedliche Arten – verbunden sind.
Alle scheinen auch die Hoffnung aufgegeben zu haben, aus der trostlosen
Isolation dieser Kleinstadt herauszukommen. Der Lebensrhythmus läuft immer
gleich ab, deshalb macht es auch keinen großen Unterschied, dass der Kalender
vom letzten Jahr noch an der Wand hängt. (S. 8) Nur ab und an gibt es
Ereignisse, die für neuen Gesprächsstoff sorgen. Kakutani vergleicht die
Wirkung des Buches auf den Leser treffend mit dem “lonely, melancholy feel of
an Edward Hopper painting come to life.”136
In erster Linie werden die Einzelschicksale in Verbindung zueinander
dargestellt, eine entscheidende Rolle spielt hierbei wiederum die Vater-Sohn-
Thematik. Allerdings übernimmt in dieser Erzählung der Ersatzvater“ die
entscheidende Funktion hinsichtlich der großen Bedeutung für die Prägung der
Persönlichkeit des Sohnes. Die Gefühle und Gedanken der einzelnen Charaktere
erklären sich aus der vom Autor gewählten Erzählperspektive, die den Leser in
die Position des außenstehenden Beobachters stellt, dem die Hoffnungslosigkeit
der im Mittelpunkt stehenden Antihelden vermittelt wird.
Dallas Younger, der Vater von Randall, hat nach der Scheidung kaum
Kontakt zu seinem Sohn. Zufällige Treffen auf der Straße sind geprägt von
einem kühlen, distanzierten Verhalten zueinander. “[…] a struggle to discover
something to talk about.” (S.55) Der Sohn fühlt sich im Gespräch mit seinem
leiblichen Vater unwohl. “There were few subjects his father ever introduced
that Randall ever felt comfortable discussing.” (S. 56) Dieses Gefühl beruht auf
Gegenseitigkeit, denn auch der wenig einfühlsame Vater gibt zu, seinen Sohn
136 Michiko Kakutani, “Books of The Times”, The New York Times, Wednesday, October 15,
1986.
56
nicht zu kennen. “I didn`t know him before.” (S. 43) Die Wichtigkeit der
„Beziehungssicherheit auch zum nicht sorgeberechtigten Vater für eine intakte
Vater-Sohn-Beziehung“ fehlt in dieser Verbindung.137 Bei Dallas und seinem
Sohn ist diese Sicherheit in der Beziehung zu keinem Zeitpunkt gegeben. Gut
gemeinte väterliche Tips, zum Beispiel zur Selbstverteidigung, erreichen nur das
Gegenteil und fördern kein freundschaftliches Element“138 in ihrer Beziehung.
Der Sohn erachtet den Vater als nicht vertrauenswürdig, und damit fehlt ein laut
Wieck139 entscheidender Aspekt in einer intakten Vater-Sohn-Beziehung.
Die vom Großvater unbewußt negativ reflektierte Einschätzung des
Vaters überträgt sich ebenfalls auf Randall, und er gibt sich seinem Vater
gegenüber sehr schweigsam. “[…] he offered no free information.” (S. 56) Er
erduldet geradezu die Gespräche mit dem Vater, die immer nach dem gleichen
Schema ablaufen; er mußte nur “patient, let things run their natural course” (S.
57) sein, dann würden die “awkward moments in each other`s company(S. 57)
bald überstanden sein. Der Wesenszug der Passivität im Verhalten des Sohnes
wird durch dieses Gebaren augenscheinlich.
Aus seiner jugendlichen Perspektive ist Randall nur unvollständig in die
emotionale Welt der Eltern eingeweiht. Die Zurückweisung des Vaters fällt ihm
nicht schwer, denn “to pick out all the things that were wrong with his father
wasn`t hard. ” (S. 59) Das „konfliktreiche Bild des Vaters“140 hat sich Randall so
gravierend eingeprägt, dass er sich seines Vaters schämt. “[...] Randall was
ashamed of him” (S. 59). Somit sind die Vater-Sohn-Interaktionen von
vornherein zum Scheitern verurteilt, da die Gefühle der Ablehnung beim Sohn
stark dominieren und keineswegs dazu beitragen, Verständnis für das väterliche
Verhalten aufzubringen.
Diese Antigefühle des Sohnes sind dem Vater gar nicht bewusst, dessen
Selbstwahrnehmungsfähigkeit nicht sehr ausgeprägt erscheint. Im Gegenteil gibt
er sich mit seinem bindungslosen, unkomplizierten, einfachen Leben zufrieden.
137 Fthenakis, Väter, Bd. 2, S. 82. Der Autor betont die Wichtigkeit des Vertrauens und der damit
einhergehenden Sicherheit im Umgang zwischen Vater und Sohn.
138 Yablonsky, S. 63.
139 Wieck, S. 214.
140 Osherson, S. 55.
57
Er behauptet: “I live the way I want.” (S. 71), und das entspricht seinem
Charakter, geprägt von “wild enthusiasm and little staying power” (S. 106). Er
lässt sich treiben, ohne viel über sein Leben zu reflektieren: “Things came and
went in Dallas`s life [...].” (S. 141) Eine Bereitschaft zur Übernahme von
Verantwortung ist nicht erkennbar, und der Faktor Stabilität fehlt in seinem
Leben.
Geleitet von spontanen Handlungen141 denkt Dallas nicht an mögliche
Folgen und verletzt durch sein egoistisches Verhalten unbeabsichtigt die Gefühle
seiner Mitmenschen. “Dallas wasn`t a bad fellow” (S. 154), urteilt Mather
Grouse über seinen ehemaligen Schwiegersohn. Dennoch hat die
Unzuverlässigkeit des Vaters oft genug den Sohn enttäuscht, so dass sich dieser
nun endgültig von seinem Vater abwendet. Der Vater resümiert in einer seiner
“periods of melancholy (S. 167), hervorgerufen durch reichlichen
Alkoholgenuß, dass seine Existenz hoffnungslos verdorben sei. In diesen
Momenten leidet er dann besonders unter dem Gefühl der Einsamkeit und der
Distanz zu seinem Sohn. “He doesn`t care `bout me. Wish he did.” (S. 170)
Dieser Wunsch ergibt sich aus seiner „narzißtischen Ich-Besetzung,“142 vom
Sohn geliebt zu werden. Im nüchternem Zustand unternimmt er jedoch nichts,
um seinen Sohn für sich zu gewinnen.
Fthenakis bespricht die Thematik der Vater-Sohn-Beziehung bei
Vaterabwesenheit nach einer Scheidung und schildert die Reaktionen der Kinder,
die abhängig vom Lebensstil der Väter sind. Die ehemals vorhandene Zuneigung
nimmt auffällig schnell ab, und solche Entwicklung spiegelt sich auch in
Randalls Gefühl gegenüber seinem Vater.143
Dem genauen Gegenteil des Vaters entspricht Randalls Großvater,
Mather Grouse, der von seinem Enkel verehrt wird. In seinem Großvater hat
Randall den bei Vaterabwesenheit für seine Entwicklung notwendigen Mentor
141 Kerkhoff, S. 28. Er spricht von der spontanen, nicht zukunftsorientierten Wunschbefriedigung
in der Arbeiterklasse. Dies trifft auf Dallas ebenfalls zu.
142 Pohle-Hauß, S. 30.
143 Fthenakis, Väter, Bd. 2, S. 56ff. Ebenso Tellenbach, S. 158: „Kontakte der geschiedenen
Väter mit ihren Kindern nehmen im Laufe der Zeit kontinuierlich ab.“
58
gefunden, der als positiver Ersatzvater“144 seine Wertebilder prägt. Dieser
Ersatzvater kann ihm vorbildhaft bei seiner Charakterbildung zur Seite stehen.
Durch diesen Entwicklungsprozess findet er seine eigene Identität. Da der Vater
nicht bereit steht, orientiert Randall sich an seinem Großvater, dem man
nachsagt, ein bescheidener, rechtschaffener und wahrheitsliebender Mann mit
einer “reputation for telling the truth” (S. 79) zu sein.
Von Mather Grouse erfährt Randall sehr viel, blickt voller Achtung zu
ihm auf und nimmt gerne die Lebensweisheiten seines Großvaters an, “who
always had pretty good advice, when it came to thorny problems” (S. 129).
Kerkhoff betont, dass eine Person in gesellschaftlich stärkerer Position für
Kinder als „Vorbildfunktion“ und als Motivation zu einer höheren Leistung“
fungiert.145 So fühlt sich Randall emotional sehr zu seinem vermeintlich starken
Großvater hingezogen, dessen Art er geradezu bewundert und der in seinem
Verhalten stark von dem der anderen Männer der Stadt abweicht. Dem
Großvater ist allzu bewußt, wie die Stadt Mohawk seinen Enkel einengt.
“Between himself and the others there had always been a gulf.” (S. 197) Mit
Argwohn betrachtet man sein zurückgezogenes Leben und seinen Familiensinn,
und mißtrauisch wird er für etwas „Besseres“ gehalten. In einer Stadt wie
Mohawk ein verwerflicher Ruf, da “democratic assurances counted a good deal
among men with very little” (S. 208). Nach seinem Tod stellt die Tochter dann
auch befremdet fest, dass er sogar “essentially friendless” war.
Der Großvater hat eine schwere, fast unerträgliche Bürde verheimlicht,
und Randall, der glaubte, seinen Großvater sehr gut gekannt zu haben, ist dieses
Schuldgefühl des Großvaters trotz aller Intensität und Nähe, die sie
miteinander erlebten - auch nicht bewusst geworden. Der Großvater gab sich
nach außen hin couragiert, doch in seinem Inneren sah es ganz anders aus. Ihm
fehlte auch noch im Alter die Kraft, die Ursache seines ihn lange plagenden
Schuldgefühles zu beheben, und resignierend folgerte er: “Men in their sixties
did not make new beginnings.” (S. 201)
144 Vergl. Mitscherlich, S. 22: „ ... bei affektiver oder sachbezogener Entfremdung sind
Ersatzväter oder Freunde vonnöten.“
145 Kerkhoff, S. 51.
59
Der Tod des Großvaters ist für Randall tragisch, da er nun sein Vorbild
des „männlichen Ideals“ verloren hat.146 Hatte er vorher schon keinen Kontakt
zu seinem Vater, so fällt es ihm am Tag der Beerdigung des Großvaters noch
schwerer, sich auf seinen Vater einzulassen. Die oberflächlichen Bemühungen
des Vaters, mit seinem Sohn ins Gespräch zu kommen, schlagen fehl, und er
gibt schließlich auf. “Then he tried talking to his son, but this was rough
sledding and he finally gave up....” (S. 223)
Fthenakis betont, dass nicht die „Quantität der Zeit, sondern die Qualität
der Eltern-Kind-Beziehung“ relevant für ein intaktes Verhältnis ist.147 Eine
Äußerung, die vermeintlich nicht eigens zitiert werden sollte, da sie
selbstverständlich erscheint, die jedoch im Vater-Sohn-Verhältnis explizit
erwähnt werden muß. Dallas hat bisher weder zeitlich zur Verfügung gestanden,
noch besitzt er als „unerfahrener Vater“ eine ausreichende Sensibilität, um eine
qualitativ gute Bindung zu erlangen. Folglich kann das von der Mutter
gewünschte Gespräch von Vater und Sohn auch keinen Erfolg bringen (“man-
to-man with his son”, S. 143). Vater und Sohn haben keine gemeinsame
Kommunikationsbasis und bleiben sich auch zukünftig fremd.148
Der Einfluß der Persönlichkeit des Großvaters ist noch so präsent, dass
Randall während seines Studiums emotional den Wertebildern seines Idols treu
bleibt und bemüht ist, sich auf eine persönlich befriedigende Weise damit zu
identifizieren. Der Großvater als Vatersurrogat ist verantwortlich für die Bildung
der moralischen Entwicklung des Enkels.
Als Kriegsdienstverweigerer flüchtet er zu seiner Mutter in der
Hoffnung, von ihr zu erfahren, wie wohl sein Großvater über sein Verhalten
geurteilt hätte. Die Rolle der Mutter entspricht hierbei der einer „Verwalterin der
emotionalen Welt.“149 Sie aber fühlt sich überfordert, fällt es ihr doch bereits
schwer, ihre eigene Situation zu meistern. So will und kann sie sich nicht auch
146 Erikson, S. 306.
147 Fthenakis, Väter, Bd. 1, S. 242.
148 Siehe dazu Lee, S. 54: „Vertrautheit durch zuhören und miteinander reden.“
149 Osherson, S. 47: die Mutter als „Zentrum der Kommunikation“.
60
noch mit den Problemen ihres Sohnes auseinandersetzen. “He`s always been
such a strange boy.” (S. 254)
Mit der Rückkehr Randalls nach Mohawk veringert sich das gegenseitige
Verständnis füreinander immer deutlicher, und folglich wird die emotionale
Distanz zwischen Mutter und Sohn stets größer. Die Mutter resümiert, “that
they had even less to say to one another than before.” (S. 329) Abweisend
entzieht sich die Mutter der emotionalen Verantwortung, indem sie betont, dass
Randall ja schließlich auch einen Vater habe - ein sehr fadenscheiniges und
schwaches Argument angesichts ihrer Kenntnis der Vater-Sohn-Beziehung.
Den Grund seiner Rückkehr nach Mohawk versteht Randall selbst nicht.
“Randall`s ending up at the university was part of the same prediction, but what
about his dropping out and returning to Mohawk?(S. 302) Er erforscht seine
Vergangenheit und versucht so, die Ursache seiner inneren Unruhe zu ergründen
und das Gefühl von “perverse self-consciousness” (S. 316) aufzuklären. Bei
diesem Versuch lässt er sich scheinbar sogar auf eine Diebestour mit dem
Erzfeind seines Großvaters ein, und enttäuscht entdeckt er dabei die Ursache für
den großen Schuldkomplexes des Großvaters. “Randall hated to think the
explanation was simple fear.” (S. 345) Der Großvater hat früher zusammen mit
genau diesem Erzfeind (Rory Gaffney) Diebestouren unternommen, hat sich
dann jedoch davon distanziert und fürchtete fortan eine Aufdeckung seiner
Taten. Das vom Enkel nun aufgedeckte, vom Großvater über Jahre hinweg
verheimlichte, ihn aber bedrückende Gefühl der Angst lässt Randall bewusst
werden, dass er den Großvater gar nicht so gut kannte, wie er fälschlicherweise
annahm, und die Folge ist eine große emotionale Enttäuschung. Yablonsky
beschreibt die emotionale Reaktion, wenn ein idealisierter Vater den
Vorstellungen des Kindes nicht mehr gerecht wird.150 Auch Randall ist über
seine Entdeckung zuerst sehr aufgebracht, im Laufe dieser Nacht mit Rory
Gaffney aber klären sich die Reaktionen des Großvaters auf, und Randall
beschließt, sein Leben wieder in die richtige Bahn zu lenken und gemäß den
150 Yablonsky, S. 27ff. Als literarische Beispiele dienen Arthur Millers Werke All my Sons (New
York: Penguin Classics, 2000) und Death of a Salesman (New York: Penguin Books, 1977).
61
Idealen des Großvaters zu leben. “There was enough Mather Grouse in him....”
(S. 351)
Doch bevor er seine Beziehungen ordnen kann, landet er - unschuldig
des Mordes angeklagt - im Gefängnis. Der Vater, bisher in der Rolle des
„passiven Vaters,“151 der mtliche Verantwortung für den Sohn bis jetzt der
Mutter überlassen hatte, versucht, vermutlich um seiner Vorstellung von einer
Vaterfunktion gerecht zu werden und seine Schuldgefühle zu beruhigen, eine
Kaution aufzubringen.
Nach dem von der Polizei aufgedeckten Diebstahl, in den Randall als
Fahrer des Diebesgutes involviert ist, macht Dallas sich Gedanken über seinen
Sohn und stellt fest: “[...] he couldn`t picture Randall at all.” (S. 380) Vater und
Sohn sind sich total fremd. Dallas’ spontane, überschießende Reaktionen152
werden deutlich, als er das für seinen Sohn vorgesehene Geld kurzentschlossen
der Mutter seiner kranken Nichte gibt und seinen Sohn gar nicht erst besucht.
Damit wird eine eventuelle Möglichkeit zur Beziehungsaufnahme mit seinem
Sohn von vornherein unterbunden. Der Vater-Sohn-Konflikt wird als nicht
verheilte “father wound”153 bestehen bleiben, und der Vater wird “next to
nothing about his son” wissen. (S. 338) Die Summierung der väterlichen
falschen Verhaltensweisen lässt unweigerlich den Schluß zu, dass die Vater-
Sohn-Beziehung durch die Defizite an Zuwendung und Übernahme für
Verantwortung keinerlei Zukunft haben wird. Die väterliche Partizipation wird
als inadäquat aufgezeigt, und demnach ist ein annähernd befriedigendes Bild der
väterlichen Kompetenz nicht gegeben.
151 Lee, S. 45.
152 Kerkhoff, S. 28, S. 48.
153 Pleck, S. 214.
62
5.4 Nobody`s Fool
North Bath und seine Einwohner sind vergleichbar mit der heruntergekommenen
Stadt Mohawk, die Russo in seinen ersten beiden Werken dargestellt hat. Ohne
große Höhepunkte und Ereignisse spielt sich das gesellschaftliche Leben
überwiegend in den Wirtshäusern ab. Private Zurückgezogenheit wird in North
Bath nicht akzeptiert; das Leben wird öffentlich gelebt.154
Der Kurort North Bath, als eine der in der Werbung angekündigten
“pretty green graves [towns](S. 4), erlebt seinen wirtschaftlichen Niedergang,
nachdem die Mineralquellen plötzlich ohne ersichtlichen Grund versiegten und
damit die Quelle des vormaligen Reichtums der Stadt.
Während die Einwohner Mohawks den Niedergang akzeptieren und ihre
Hoffnung auf Besserung bereits aufgegeben haben, besteht in North Bath wegen
des geplanten “Ultimate Escape Fun Park” noch Hoffnung auf eine
Wiederbelebung der alten, längst vergangenen besseren Zeiten.
Russo schildert im Stil des Realismus das Leben in North Bath, die
Beziehung der Einwohner untereinander sowie deren Freundschaften. Die
Parallelität zwischen der Misere der Stadt und der des Protagonisten Donald
Sullivan, der als “Nobody`s Fool” dem Werk den Titel gegeben hat, ist zu
erkennen. Stupidität und schicksalbedingtes Pech sind miteinander verbunden;
eine Art Galgenhumor ist kennzeichnend. “[…], if it weren`t for bad luck they
wouldn`t have any at all.” (S. 7)
Auch hier ist die konfliktreiche Vater-Sohn-Beziehung ein Hauptaspekt,
der sich nicht nur auf Donald Sullivan, genannt Sully, und seinen Vater
beschränkt, sondern sich wie ein roter Faden durch die Familie bewegt, denn
154 Francine Prose, “Small Town Smart Alecks”, The New York Book Review, Jun. 20, 1993; Sec:
7; p: 13; col: 3; “[…] since life there as Balzac wrote of the provinces, is lived entirely in public.”
63
auch Peter, Sullys Sohn aus seiner kurzen Ehe, erlebt eine verwirrende
Beziehung zu seinem Vater, und auch er zeichnet sich selbst ebenfalls nicht als
Idealvater aus. Eine Viergenerationen-Geschichte der Grausamkeit und der
emotionalen Vernachlässigung ist das Thema von Nobody`s Fool. Die
„generationsübergreifende Kette väterlicher Gewalt gegen Söhne“ wird hier
exemplarisch ausgebreitet.155 Erläuternd muß eingeschoben werden, dass diese
Gewalt nicht nur körperlicher, sondern auch subtil verbaler und emotionaler Art
sein kann. Eine ideale Vater-Sohn-Beziehung besteht ohne „allzu schroffe
Stimmungsumschwünge und Affekthandlungen,“156 doch gerade diese
Eigenschaften charakterisieren die Individuen in North Bath.
Sully, “throughout his life a case study underachiever(S. 24), lebt ein
mehr oder weniger zufriedenes, eigenbrötlerisches Leben, ohne auf seine
Mitmenschen - “without the enforceable obligations to other human beings” (S.
32) - Verhältnisse und Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen. Folgendes Zitat
charakterisiert die “odd, lonely existence” (S. 145) des Protagonisten treffend:
[…] - that at sixty, he was divorced from his own wife, carrying on
halfheartedly with another man`s, estranged from his son, devoid of self-
knowledge, badly crippled and virtually unemployable - all of which he
stubbornly confused with independence. (S. 25)
Sully, der die Gabe des Vaters “to elicit sympathy(S. 234) geerbt hat
und auf alles schlagfertige Antworten weiß und für alles passende Lösungen
findet, hegt gegenüber seinem bereits seit Jahren verstorbenen Vater starke
feindselige Gefühle. Offensichtlich hat er die “father wound”157 noch nicht
geheilt und empfindet tiefen Haß gegenüber seinem Vater, dem er voller kalter,
negativer Emotionen selbst die letzte Ruhe nicht gönnt. “Sully hated to think of
his father at rest, and he`d have left instructions to have Big Jim dug up every
decade or so, just to make sure he didn`t get comfortable.” (S. 58) Schon die
Anrede “Big Jim” ist bezeichnend für die distanzierte, emotional abweisende
Vaterfigur, die Sullys Gedanken heimsucht.
155 Yablonsky, S. 163.
156 Mitscherlich, S. 74.
157 Pleck, S. 214.
64
Sullys Überreaktionen weisen auf Persönlichkeitsprobleme hin, die in
Beziehung zu dem Verhalten des Vaters gesehen werden müssen. Augen-
scheinlich hat selbst über den Tod hinaus kein Verzeihen stattgefunden. Der
Gedanke an “never forgive” (S. 542) beherrscht Sully, der seinen Vater im Sinne
von Yablonsky als „überlebens groß“ verinnerlicht hat.158
Die Furcht vor dem Vater sitzt so tief, dass Sully sogar verunglückt, als
er einem Mann begegnet und ihn beobachtet, der dem äußeren Erscheinungsbild
des Vaters ähnelt. Sogar das vermeintliche Gelächter des Vaters klingt Sully
dabei im Ohr. “[…] his father, whose ghost, for some reason, seemed to be
visiting him more often and vividly of late, starting right around the time he`d
fallen from the ladder.” (S. 92)
Da Sully die Beziehung zu seinem Vater nicht aufgearbeitet, sondern
vielmehr nur verdrängt hat, verwundert es nicht, wenn er zu seinem Sohn Peter
ebenfalls ein sehr distanziertes Verhältnis erkennen lässt. Die Erinnerung und
Aufarbeitung der eigenen Kindheit als wichtiger Faktor, um eine emotionale
Bindung mit den eigenen Kindern herzustellen, fehlt hier.159 Angesichts der
Tatsache, dass das Verhalten gegenüber dem Sohn abhängig von dem Erleben
des Vaterstils des eigenen Vaters“ ist, begeht auch Sully gegenüber seinem
Sohn gravierende Fehler. Solcher Einfluß ist „unbewußt und bewußt stets
vorhanden.“160 Aus Angst, die Fehler des eigenen Vaters zu wiederholen,
entzieht sich Sully völlig seinem eigenen Sohn,161 dessen Gefühle er dadurch
tief verletzt.
Es verwundert also nicht, dass Peter seinen Vater nach jahrelanger
Abwesenheit beim Wiedersehen nicht freudig begrüßt. “He had not turned
around in the seat or offered to shake hands or given any sign that he was happy
to see Sully.” (S. 61) Der Vater akzeptiert dieses Verhalten, da er es als Rache,
158 Yablonsky, S. 127: „Die fehlende, physische Anwesenheit lässt Raum für extravagante
Imaginationen und Realitätsverzerrungen.“
159 Buchheim, Cierpka u. Seifert (Hrsg.) S. 113. Ebenso Yablonsky, S. 45: Er spricht von der
Angst der Väter, der „Angst, durch die Konfrontation mit dem eigenen Kind gleichzeitig mit
ihrer eigenen Kindheit und ihrem mangelnden Erfolg in der Außenwelt konfrontiert zu werden,
und die Väter fliehen deshalb vor der Vaterrolle.“ Vergl. Osherson, S. 191 und S.245,
Vergangenheits- bewältigung als Mittel für eine befriedigende Basis zwischen Vater und Sohn.
160 Yablonsky, S 45.
161 Vergl. Rhoda Koenig, “The Red, White, and True, New York (May 31, 1993), p. 60.
65
als “payback, simple karmic justice” (S. 61) interpretiert. Sein zu schwach
engagiertes väterliches Verhalten entschuldigt Sully damit, dass seine ehemalige
Frau den Kontakt zwischen Vater und Sohn unterbunden habe.162 “[…] Sully
had never willfully ignored him, certainly wouldn`t have passed him on life`s
highway if the boy had needed a lift. It was just that his mother had seen to it that
the boy never needed a lift.” (S. 61/62) Im Sinne von Mitscherlich erscheint
Sully also als der „unsichtbare Vater,“163 der im Hintergrund die Entwicklung
des Sohnes vage verfolgt.
Zudem ist sich Sully bewußt, dass sein Lebensstil für die Entwicklung
eines Kindes nicht geeignet ist und dass er als anwesender Vater wahrscheinlich
versagt hätte. “By staying out of his son`s life, he was doing the boy a favor, or
that had been his reasoning.” (S. 62) Durch das Ablehnen von Verantwortung
und Anteilnahme am Leben seines Sohnes hat Sully den für sich bequemsten
Weg gewählt. Als natürliche Folge hat sich eine Barriere zwischen Vater und
Sohn gebildet, die nicht so leicht zu durchbrechen ist.
Es erscheint dann auch sehr widersprüchlich, wenn Peter, dem die
Arbeitslosigkeit und seine Eheprobleme arg zu schaffen machen, in fast
vertraulicher, aber schwermütiger Weise sich seinem Vater offenbart:
“Sometimes I think you did the smart thing. Just run away.” (S. 66) Dieser ist
über das ihm vom Sohn entgegengebrachte Vertrauen sehr erfreut, und das
anschließende Händeschütteln bezeugt eine Annäherung zwischen Vater und
Sohn. “They managed to shake hands successfully then, […].” (S. 67) Die
Berührung der Hände kann symbolisch als eine Art Entgegenkommen in
emotionaler Hinsicht gewertet werden.
Durch eingeschobene Rückblenden erfährt der Leser mehr von Sullys
Einstellung gegenüber seinem eigenen Vater. Die Antipathie ist so stark, dass er
das geerbte Haus nicht annimmt und es sinnlos verkommen lässt. Dickköpfig
steht Sully zu seinem Versprechen, dass er als Siebzehnjähriger seinem Vater
gegeben hat: “... he`d promised his father he`d have nothing further to do with
him, in life or in death, and except for one afternoon shortly before the old man
162 Buchheim, Cierpka u. Seifert, S. 55: Die Mutter verhindert eine „Vaterrepräsentanz.“
163 Mitscherlich, S. 175.
66
died when Ruth had talked him into visiting the nursing home, he`d kept his
pledge. (S. 76) Die Zurückweisung gegenüber dem Vater ist so stark, dass
Reaktionen wider die Vernunft die Folge sind. Die zuvor beschriebene unsinnige
Handlungsweise, nämlich sein Elternhaus nicht zu verkaufen, sondern “pleasure
out of it’s gradual decay” zu ziehen, (S. 236) ist ein typisches Beispiel.
Die Schmerzen im Knie erinnern Sully an die Schmerzen, die ihm sein
betrunkener, prügelnder Vater oft zugefügt hat. Damals war er stolz, dass er
seinem Vater keine Schwäche durch sein Jammern gezeigt hat. Wenn laut
Kerkhoff die „körperliche Auseinandersetzung als Mittel zur Konfliktlösung“164
in der Arbeiterschicht gang und gäbe ist, so scheint auch Sully die Züchtigung
des Vaters als Selbstverständlichkeit anzunehmen. “Shooting pains were human,
like the whuppings he got from his father.” (S. 135) Gewalt wendet Sully auch
selbst oft als Mittel zur Konfliktlösung an.
Wegen häufiger körperlicher Züchtigung zieht sich das Kind aus
Selbstschutz in sich selbst zurück, und eine „innere Erstarrung mit
Entfremdung ist die Folge.165 Da Sully von seinem eigenen Vater keine Liebe
und kein Mitgefühl erfahren hat, ist er folglich auch nicht in der Lage, seinem
Sohn Peter diese Bestandteile der Vaterschaft als Möglichkeit zur Entwicklung
eines Selbstwertgefühls zu vermitteln. Peter als “exceedingly nervous child” (S.
149) vermißt im Unterbewußtsein seinen Schattenvater.“166 Die entsetzte
Feststellung der Mutter, dass der Vater “lurking in the back of her son`s
consciousness” (S. 149) ist, bewahrheitet sich.
Offensichtlich hat sie aber ihre eigene negative Einstellung auf den Sohn
übertragen.167 Aus ihrer eigenen Enttäuschung heraus sieht sie diskriminierend
ihren ehemaligen Mann als eine Quelle der Gefahr, denn “Sully possessed the
power to destroy them all, possibly through carelessness, perhaps even through
misguided good intentions” (S. 149), und meint deshalb zum Wohle ihres
Sohnes, ihn von seinem Vater fernhalten zu müssen. Diese Gefahr ist sicherlich
164 Kerkhoff, S. 40.
165 Lee, S 72.
166 Mitscherlich, S. 175.
167 Lee, S. 49: „Sie lernen durch ihre Mütter etwas über ihren Vater und nehmen dabei ein
verzerrtes Bild von ihren Vätern und von Männlichkeit in sich auf.“
67
nicht gegeben, denn wer besser als sie selbst hätte wissen müssen, dass Sully
schon aus Bequemlichkeit und mit seinem Egoismus wahrscheinlich sowieso
kein „aktiver“ Vater gewesen wäre. “The responsibility and burden of affection
had always weighed heavily on her ex-husband.” (S. 150) Die Wichtigkeit des
Vaters als Bezugsperson auch nach einer Trennung wird von Fthenakis
dargestellt.168 Demzufolge prägt der väterliche Einfluss die weitere
Beziehungsstruktur. Eine Annäherung wird jedoch von Seiten der Mutter
unterbunden, indem sie alles versucht, den Vater vom Sohn fernzuhalten und
keine Verbindung aufkeimen zulassen.
Um Sully jede Möglichkeit der Annäherung zu erschweren, schickt die
Mutter ihren Sohn auf eine entfernt gelegene Schule. Damit verliert Peter auch
die Mutter als bisherige Konstante in seinem jungen Leben, denn die
„Urliebe“169 zwischen ihm und seiner Mutter kann auf diese Entfernung nicht
bestehen bleiben. Eine unüberbrückbare emotionale Distanz zwischen Mutter
und Sohn bleibt nicht aus, folglich wird er sich ihr gegenüber nie wieder
vertrauensvoll offenbaren. “That her son remained capable of affection but could
spare so little for herself was the cruelest twist of all.” (S. 150) Diese
Behauptung unterstützend urteilt Peters Frau: “No wonder you hate women.” (S.
154) Pittman sieht in der zu intensiven Mutterliebe die Ursache der Ablehnung
des Sohnes, des „Anrennens gegen die Mütter [...] von Männern, die es nicht
dazu gebracht haben, sich Manns genug zu fühlen, um Ehegatte und Vater zu
sein.“170
Genau wie seine Mutter kann Peter seine Gefühle nicht kundtun und hält
an seinen destruktiven Verhaltensformen“171 fest, die einen emotionalen
Zugang zu seinen Mitmenschen verhindern. Nachdenklich stellt er fest, dass er
sowohl als Ehemann als auch Vater versagt hat: “..., he wondered whether it was
a husband he wasn`t cut out to be, or a father. Or both. He wasn`t, in all honesty,
much good at neither.” (S. 162) Die Parallelität zu seinem Vater ist deutlich
168 Fthenakis, Bd. 2, S. 80ff.
169 Buchheim, Cierpka u. Seifert (Hrsg.), S. 52.
170 Pittman, S. 195: Die Mutter als „Sündenbock.“
171 Lee, S. 217.
68
erkennbar. Der Einfluß und Stil des Vaters hat Peter unbewußt geprägt,172 denn
auch er ist den emotionalen Schwierigkeiten seiner eigenen Kinder nicht
gewachsen und bietet ihnen damit keine sinnvolle Hilfestellung beim
Hineinwachsen in die Gesellschaft. Auf Grund seiner eigenen
Persönlichkeitsstruktur fehlt ihm die notwendige Grundlage, die Entfaltung
seiner Kinder zu ihrer eigenen Individualität zu fördern.
Es verwundert daher nicht, wenn Will, Peters ältester Sohn, allen
Warnungen zum Trotz, Zuflucht bei seinem Großvater sucht, um seinem
bösartigen Bruder, der Big Jim“ auffallend ähnlich ist,173 auszuweichen. “He`d
been warned about Grandpa Sully, who was irresponsible.” (S. 172) Yablonsky
untersuchte in seinem Werk die Rolle des Großvaters und erkennt dessen
Funktion unter anderem in der „Funktion des Schiedsrichters in
Familienangelegenheiten.“174 In diese Rolle wird auch Sully im weiteren Verlauf
hineingedrängt und fühlt sich offensichtlich auch wohl dabei. “... he kissed his
grandson on the top of his head” (S. 172) - eine für Sully mehr als
ungewöhnliche, geradezu überschwengliche Geste, die den für den Leser
überraschenden Wandel seiner Gefühle einleitet. Er zeigt sich relativ feinfühlig
und zugewandt, desweiteren reflektiert er über seine eigene Jugend. Durch die
Anwesenheit des Enkelkindes drängen sich ihm lebhafte Kindheitserlebnisse auf,
wie z.B. der brutale Erziehungsstil seines Vaters, der nicht nur im betrunkenen
Zustand Schläge verteilte und der der Rolle des Erziehers nicht gewachsen war.
Weiterhin stellt Sully fest, dass er Peter gegenüber ebenfalls kein gutes
väterliches Vorbild war. “It saddened him to realize he`d accomplished this
intention by such a slender margin. Instead of abusing Peter, he`d ignored the
boy, forgotten him for months at a stretch, a simple truth he now found difficult
to credit though impossible to deny.” (S. 175) Ihm wird bewusst, dass er damals
seinen Sohn im Stich gelassen und sich vor einer aktiven Vaterschaft gedrückt
172 Yablonsky, S. 45.
173 Sybil Steinberg “Nobody`s Fool, Publishers Weekly, 240, 44, (Nov. 1, 1993), 47, “his
thoroughly wicked grandson, the pint-sized reincarnation of Big Jim.“
174 Yablonsky, S. 156.
69
hat. Jetzt bereut er seinen Drang nach Unabhängigkeit, der ihm damals wichtiger
erschien als die Auseinandersetzung mit seinem Sohn, mit dem er heute wie
damals keine gemeinsame Basis findet. “His few outings with his son had
always been strained affairs, since Sully couldn`t imagine what to say to a kid....”
(S. 175) Die Ursache der Sprachlosigkeit ist die emotionale Distanz zwischen
Vater und Sohn.
Als Großvater gibt sich Sully zu seinem eigenen Erstaunen Mühe, sich in
die Gefühle des Enkels hineinzuversetzen. Teilnahmsvoll erkundigt er sich nach
den Streitereien zwischen den Geschwistern, und ebenso vertrauensvoll öffnet
sich Will seinem Großvater, der ihm zuhört. “Grandpa Sully just listened, for
which Will was grateful.” (S. 178) Sully gibt seine Gefühle sogar offen und
aufrichtig zu, wenn er sagt: “Grandpa loves you too.” (S. 321) In seinem Enkel
erkennt er seinen Sohn wieder. Nun versucht er so, die im Unterbewußtsein
versteckten Schuldgefühle gegenüber seinem Sohn wieder gut zu machen, indem
er Will ein guter Großvater ist.175
In dieser Szene wird deutlich, dass Will bisher von seinem Vater nicht
die nötige emotionale Sicherheit erfahren hat, denn er hofft, mit der Abwesenheit
des Bruders endlich die Aufmerksamkeit des Vaters auf sich zu lenken, um Peter
zu beweisen, “[that] he was really a good boy, a boy worthy of great love, a boy
who would never - or seldom - cause trouble. (S. 178) Wills Bedürfnis nach
Anerkennung durch den Vater ist offensichtlich.176
Dagegen ist Sullys Verhältnis zu seinem Vater so nachhaltig gestört, dass
er diesem selbst als erwachsener Mann kurz vor dessen Tod nicht verzeihen
kann. Er bleibt von dem reumütigen Auftreten des Vaters unbeeindruckt, und
starrsinnig und haßerfüllt erwidert er ihm: “But you ain`t shittin`me even for a
minute.” (S. 235) Die Wut auf den Vater ist derart stark verinnerlicht, dass es
scheinbar die einzige Möglichkeit für Sully ist, sich in dieser Weise mit dem
„problemvollen“ Vater auseinanderzusetzen.177 Durch den Mangel an
175 Vergl. Lee, S. 32: „Die Distanz einer Generation“ und Lebenserfahrung als Faktor für eine
bessere Annäherung an Enkelkinder.
176 Lee, S. 161: „... Sohn, der um die Anerkennung des Vaters buhlt,....“ Ebenso Blos, S. 58:
„Sehnsucht nach dem liebevollen Vater.“
177 Vergl. Bernard u. Schlaffer (Hrsg.), S. 149.
70
psychologischer Bewusstheit und von starken Emotionen geleitet hinterfragt er
sein eigenes Verhalten nicht, somit kommt es zu keiner heilsamen
Konfrontation, und der Konflikt schwelt weiter.
Der väterliche Lebensstil beeinflußt Sully zu einem gegenteiligen
Verhalten. Während Big Jim nach oben hin dienernd und nach unten hin tretend
höher gestellten Personen gegenübertrat,178 reagiert Sully genau umgekehrt. Der
Psychotherapeut Lee schildert in seinem Werk das aus Rebellion konträre
Verhaltensmuster.“179 Diese Struktur im Verhalten wird auch bei Sully deutlich.
“[He] had decided not to be cowed by the sort of men who made his father feel
small.” (S. 263) Dass dieses Benehmen ihn fast den Job gekostet hätte, stört ihn
in seiner dickköpfigen Art nur geringfügig. Ebenso wirkt sich sein Verhalten
negativ auf seine Beziehung zum näheren Umfeld aus.
Sully fürchtete den Vater als Zuchtmeister so sehr, dass er es ihm aus
Angst tatsächlich nie recht machen konnte. Die Begegnungen mit dem Vater
bedeuteten für Sully stressvolle Momente. “There had always been something
about his father - and Sully had intuited this even as a boy - that made him do
things wrong.” (S. 276) Der Vater scheint im Konkurrenzkampf mit Sully zu
stehen, wie seine Äußerung, “you can fight me all you want, but you aren`t going
to win.” (S. 277), vermuten lässt.180 Das starke Rivalitätsdenken begünstigt die
bestehende Antipathie, die fest in Sullys episodischem Gedächtnis verankert ist.
Konfrontation und Aggressivität sind die vorherrschenden Elemente im Umgang
miteinander, da eine angemessene Auseinandersetzung mit entsprechender
Kräfteverschiebung nicht stattgefunden hat. Entfremdung und Auflehnung sind
die signifikanten Folgen.
Im Gegensatz dazu steht das Verhältnis von Sully und seinem Sohn, das
als geradezu pseudo-harmonisch angesehen werden kann. Sie kommen einander
ein wenig näher, als Peter sich mit seinen Eheproblemen, zum Beispiel dem
178 Vergl. Wieck, S. 182: „Radfahrertyp, welcher nach oben katzbuckelt und leidet, nach unten
aber tritt.“
179 Lee, S. 43; ebenso Yablonsky, S. 27, „Ich will nicht wie mein Vater werden.“
180 Vergl. Kalman J. Kaplan “Isaac and Oedipus: A Re-examination of the Father-Son-
Relationship”, 76: “...aggressive impulses between father and son are biologically determined”,
Judaism; 39; 1; (Winter 1990); 73-81. Dieses Verhalten ist typisch für die sogenannten Macho-
Väter, die ihre körperliche Überlegenheit durch gewalttätiges Verhalten demonstrieren.
71
Weglaufen seiner Frau, seinem Vater anvertraut. Dabei spiegelt Peter eher die
Rolle des Beobachters wider als die der selbst involvierten Person. Die Strategie
des Abblockens dient ihm als Selbstschutz, sich den aufreibenden Konflikten
nicht direkt zu stellen, und ist als Folge seiner mangelnden
Kommunikationsfähigkeit zu sehen. Diese Haltung verkündet seine
Emotionslosigkeit, die Sully ebenfalls negativ bemerkt: “No matter where he
was, he was half somewhere else.” (S. 284)
Peter - mit den rauhen Sitten des Vaters nicht vertraut - ist schockiert
über dessen affektive Reaktionen. Dennoch entgeht ihm der gewisse Stolz des
Vaters nicht, als er seinen Sohn als “college professor” bei den Freunden
vorstellt, “feeling an unexpected surge of pride. He tried to remember the last
time he`d introduced his son to anyone.” (S. 288) Sully empfindet demnach doch
so etwas wie Respekt vor intellektuell gebildeteren Personen, obwohl seine
Reaktionen im Umgang mit seinen Mitmenschen dieses Wertebild nicht
vermuten lassen.
In einem Gespräch zwischen Vater und Sohn beratschlagen sie über
mögliche zukünftige Vorgehensweisen, dabei ist Sully erstaunt, inwieweit sich
sein Sohn auch von seiner Mutter emotional gelöst hat.181 “Maybe it was true
that Sully considered Vera nuts, but it didn`t seem right for his son to share such
a low opinion of his own mother.” (S. 291) Sully mißt offensichtlich mit
zweierlei Maß, denn er scheint seinen Sohn für nicht erwachsen genug zu halten,
eine eigene Meinung zu vertreten.
Die überspielte Reserviertheit des Vaters gegenüber gebildeten Männern,
die er sogar auf seinen eigenen Sohn projiziert, spürt Peter deutlich. “Sully, Peter
knew, was suspicious of intellectuals and therefore suspicious of himself and his
education.” (S. 294) Die Darstellung des Niveauunterschieds und die damit
verbundenen unterschiedlichen Verhaltensweisen zwischen dem Arbeiter Sully
und dem studierten Sohn Peter basieren auf den eigenen Erfahrungen des Autors,
der sich von der Welt des Wortes auf die Stufe des Arbeiters umstellen
181 Eicher u. Geller (Hrsg.), S. 13, Mutterabwesenheit als nötiger Faktor zur Verbindung
zwischen Vater und Kind.
72
musste, als er zeitweise seinen Lebensunterhalt gemeinsam mit seinem Vater
mit Bauarbeiten verdiente und dabei neue Erfahrungen sammelte.
Bei einem nächtlichen Erlebnis werden Vater und Sohn durch einen
Zaun getrennt. Dieser Zaun symbolisiert eine emotionale Barriere. Aber
gleichzeitig wird auch Hoffnung auf eine Annäherung geschürt, da Peter den
Zaun erklettert und sich auf das vom Vater geplante Abenteuer einlässt. “It was a
pleasant feeling, this father-son complicity.” (S. 295) Peter realisiert, dass ihn
mit seinem Vater doch mehr verbindet, als er bisher angenommen hat: “he was
not so different from his natural father as he`d always liked to think.” (S. 295)
Eine Übertragung von emotionalen Verhaltensmustern hat in der Vergangenheit
offensichtlich stattgefunden. Der Versuch einer natürlichen und funktionierenden
Beziehung zwischen Vater und Sohn kann beginnen, wenn sie es schaffen, eine
Form der offenen, verbindlichen Kommunikation miteinander zu finden.182 Sully
ist sich bewußt, dass er nach all den Jahren äußerst vorsichtig vorgehen muß,
denn schließlich hat sein Sohn die ersten prägenden Jahre unter dem Einfluß der
Mutter verbracht.
He couldn`t very well start lecturing the boy now. There was every reason
to believe that the first thirty-five years of Peter`s life had been the
formative ones. [...] It would have been good to say all this to his son, but
age thirty-five was an awkward time to begin parental advice. (S.
298/299)
Sully gesteht sich ein, dass er manchmal seinen Sohn gerne um sich
gehabt hätte. Der Sohn wiederum sagt frei heraus, dass er die wissenschaftliche
Karriere angestrebt hat, um nicht wie sein Vater zu werden. “So I wouldn`t be
you.” (S. 300) Durch die offene, ehrliche Art, wie sie miteinander umgehen,
können sie versuchen, in einem langwierigen und mühevollen Prozeß [zu
versuchen,] ihre Gefühle zu entwirren,“183 und damit eine konfliktfreie Vater-
Sohn-Beziehung einzugehen. Sullys Lebensphilosophie nach dem Motto “There
were solutions” (S. 305) würde auch hier wirken. Skow vergleicht Sully mit dem
182 Vergl. Yablonsky, S. 186.
183 Bernard u. Schlaffer (Hrsg.), S. 149.
73
“Good Guy Without a Grain of Sense,”184 und tatsächlich findet sich für den
Protagonisten immer irgendein schicksalhaft positiver Weg.
Rub, Sullys enger Mitarbeiter und Freund, stellt eifersüchtig fest, dass
Sully auf seinen Sohn eingeht und die Distanz zwischen Vater und Sohn immer
geringer wird. “That Sully would listen and respond to Peter particularly
annoyed Rub, who liked to think of Sully as his one true friend.” (S. 316) Dass
Peter und Sully sogar die Vaterabwesenheit und die daraus resultierenden
Negativgefühle ansprechen, beweist ihren Versuch, besser aufeinander
zuzugehen und einen gemeinschaftlichen Konsens zu finden. Sie reflektieren
über ihre bisherige Beziehung und sprechen - zumindestens ansatzweise - auch
über die bestehenden Konflikte.
Sullys langjährige Freundin bringt die vorherrschende Problematik auf
den Punkt, wenn sie feststellt: “But then when was the last time you were there
for anybody who needed you.” (S. 324) Peters Verhalten entspricht dem seines
Vaters, der ebenfalls keine adäquate Konfliktfähigkeit zeigt. Diese Unfähigkeit
der emotionalen Beziehungsfähigkeit verhinderte ein wirkliches Näherkommen
zwischen Vater und Sohn, da durch die falsch angelegte Kommunikation keine
konstruktive Aufarbeitung der Vergangenheit stattfindet und der bestehende
Konflikt im Unterbewusstsein weiterschwelt.
Bisher hat Sully den Einfluß, den er auf seine Mitmenschen ausübt, nicht
wahrgenommen. “After all, he`d been lurching through life for pretty close to
sixty years without having any noticeable effect on anybody but himself, and
maybe Rub.” (S. 329) Doch plötzlich wird ihm bewußt, [that] all the people in
the world, were linked by invisible strings, and when you moved you were really
exerting influence on other people,” (S. 329), und dass er deshalb auch für seinen
Sohn Verantwortung übernehmen und sich generell intensivere Gedanken um
sein Umfeld machen muß, wenn er nicht die Erblast seines Vaters auf sich
transferieren will.
Sully erkennt, dass Peter eine gewisse Zeit benötigt, um die bisherige
Abwesenheit des Vaters zu verarbeiten, und es ist erfreulich, dass er ihm diese
184 John Skow “Boarded-Up Glocca Morra, Time, 141, 22, (May 31, 1993), 66-68; 67.
74
Zeit gewährt. “But I`m growing on him. He just needs a little more time to get
over the fact that I ignored him for about thirty years. He hasn`t quite figured out
yet that I did it for his own good.” (S. 351)
Durch seinen Enkel lernt Sully die Welt eines Kindes besser kennen, so
stellt er fest, dass die Persönlichkeit Wills der seines Vaters sehr ähnelt. Durch
seine zwischenzeitlich erworbene Lebensweisheit begreift Sully die Reaktionen
des Sohnes im Nachhinein sehr viel besser und kann sie jetzt auch entschuldigen.
Als junger Vater fehlte ihm diese Einsicht vollkommen.
Peter had been the same way as a kid, Sully remembered. Easily
abstracted, prone to daydreaming. Of course, Sully himself had been a
younger man then, and he`d found his son`s intropection, his apparent
inability to keep any task in focus, more than a little irritating. Just how
impatient he`d been with his son he could not now remember. Pretty
impatient, probably, though not violently so, like Big Jim. (S.387)
Wenn er auch als Vater versagte, so ermöglichen ihm seine jetzigen
Kenntnisse als Großvater, besser auf die Bedürfnisse seines Enkels einzugehen.
Er schenkt ihm die Aufmerksamkeit, die er seinem Sohn vorenthalten hat, gibt
sich verständnisvoll und zeigt Gefühl. Sully gibt Will Tips, wie er seine Furcht
überwinden kann; dabei gesteht er seinem Enkel, dass auch ihm das Gefühl der
Angst nicht fremd ist. Durch dieses Verhalten macht er sich zum Vertrauten des
Enkels und bietet ihm damit eine gewisse emotionale Sicherheit. Mit seiner
Fähigkeit “to make people feel better” (S. 464) kann er tatsächlich seinen Enkel
aufmuntern. Damit leistet er einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der
kindlichen Psyche.
Gedanken an seinen Sohn und vor allem an seinen Enkel erfüllen Sully
mit Stolz. Er möchte, dass sein Enkel eine gute Meinung über ihn hat, und macht
sich ernsthafte Sorgen, wie sein Enkel auf die Tatsache, dass er kurzzeitig für die
Beleidigung eines Polizisten ins Gefängnis gehen muß, reagieren wird.
“What`re you planning to tell Will?Sully asked, since that was what he`d been
thinking about all night. Of all regrets he refused to indulge, this was the
biggest.” (S. 438)
Seine Wandlung verdeutlicht sich auch symbolisch durch den
“atmospheric shift” (S. 452) in seiner Wohnung. Seine Schuldgefühle gegenüber
75
Peter und seinem Enkel spiegeln sich ebenso in “the need to give his son
something” (S. 487), um die qualitativen Aspekte ihrer Beziehung zu verbessern.
Auf Grund seines eigenen nicht gefestigten Selbstbildes unterliegt sein
väterliches Engagement jedoch Schwankungen, denn andererseits hegt er
Zweifel, ob er seinen Sohn wirklich mag. Diese typischen Stimmungs-
schwankungen sind charakteristisch für Sullys Einstellung. “It might have been
different, maybe, if he were more fond of the man his son had become. There
were times when he thought he could learn to be fond of him, and other times
when it seemed he already did love his son.” (S. 487/488)
Das Alter und der Einfluß anderer Menschen haben die Persönlichkeit
Peters entscheidend geprägt,185 und Sully stellt fest: “Possibly, he just wished
Peter was a little more like himself.” (S. 488) Der Vater kann seinen Sohn nicht
bedingungslos annehmen. Wenn Erikson den Abstand zwischen Sohn und Vater
als eine andere Raumzeit“186 benennt, dann gilt dies ebenfalls für Sully und
seinen Sohn; sie leben in verschiedenen Welten und mit anderen Schwerpunkten.
Auch Peter scheint das nötige Bewußtsein zur Konfliktlösung erreicht zu
haben, indem er akzeptiert, dass sein Vater so ist wie er ist. Dennoch hegt er im
Unterbewußtsein noch Groll gegen seinen Vater: “whatever his father had to
offer was never the right thing.” (S. 483) Sein Vater entspricht ausschließlich
seiner Wunschvorstellung und damit auch nicht der Wirklichkeit, und Peter muß
sich damit abfinden. Profunde Botschaften und wertvolle Richtlinien für das
Leben wird er von seinem Vater nicht erhalten, genauso wenig wie Sully von
seinem Vater eine Anleitung erhalten hat. Ein generationsübergreifendes
Schicksal hat sich eingestellt, emotionale Verletzung und Enttäuschung sind die
Aspekte, die die Vater-Sohn-Beziehung prägen.
Sully muß sich ebenfalls eingestehen, dass er in manchen Eigenschaften
seinem Vater Big Jim, den er ganz und gar verabscheut, sehr ähnelt: “the apple
hadn`t fallen so far from the tree.” (S. 488) Genau dieses erhofft er auch von
Peter - “a firmer sense that the boy was his son, that the apple hadn`t fallen so
185 Yablonsky, S. 183.
186 Erikson, S. 338.
76
far from the tree.” (S. 488) Die Wissenschaft erläutert diese Auffassung so, dass
die Väter sich in ihrem Nachwuchs bestätigt sehen wollen. So schildert Pohle-
Hauß dieses Gefühl als „narzißtische Ichbesetzung,“187 die intuitiven
Verhaltensweisen sollten zumindestens im Ansatz beobachtbar sein. Dieser
Parameter ist relevant für die Entstehung einer engeren individuellen Beziehung
zum Sohn. Ebenfalls erwartet der Vater, mehr Mitgefühl und Liebe von seinem
Sohn zu bekommen. Schließlich ist der Sohn ein Teil des Vaters und wird
massiv durch ihn geprägt.
Der tote Big Jim, der zu Lebzeiten jähzornig und impulsiv handelte, übt
auf Sully noch immer größeren Einfluß aus, als er sich eingestehen möchte: “It
was Big Jim Sullivan, full of rage and pain and fear, who had leashed out at Carl
Roebuck earlier in the afternoon before Sully could control him, just as it had
been Big Jim who`d wiped the smirk off Officer Raymer`s face.” (S. 540)
Bevor Sully sich nicht auf die Suche nach seinem wahren Ich begibt und
sich mit sich selbst auseinander setzt, wird er weder seine Beziehung zum
eigenen Vater begreifen noch die Beziehung zu seinem Sohn zu einer positiven
Verbindung wenden können.188 Seine eigene Verletzbarkeit versucht Sully zu
verdecken, indem er andere auf Distanz hält und es nicht zulässt, eine Beziehung
mit emotionaler Nähe einzugehen. Seine Lebensauffassung und seine passiv-
aggressiven Reaktionen erklären sich auf Grund seiner Sozialisation und
Erziehung.
Am Ende des Buches ist die sich lang anbahnende Klimax erreicht. Sally
ist sich bewusst, dass er sich entscheiden muss, in welche Richtung er sein
Leben lenken will. Dafür muss er die prägenden Erlebnisse aus seiner Jugend
aufarbeiten. Ein geringfügiger Reifungsprozess hat bei dem Protagonisten
eingesetzt, der als beginnende Individuation angesehen werden muß. Die
ansatzweise Aufarbeitung der Vergangenheit bedeutet eine Befreiung aus den
emotionalen Restriktionen, die es ihm bisher nicht ermöglichten, sich der
Auseinandersetzung mit seinem toten Vater zu stellen. Der junge Sully, der “a
187 Pohle-Hauß, S. 30.
188 Lee, S. 14: „Reise ins Innere“, um die Vater-Sohn-Beziehung zu klären.
77
heart capable of being broken” (S. 523) hat, kann seine “father wound” nach
Pleck heilen, seine aufgestauten Haßgefühle verbalisieren und damit einen neuen
Lebensabschnitt beginnen. Eine wirkliche, erfüllende Einfügung in die
Gesellschaft scheint nun möglich, muß aber auf Grund des nicht eindeutig
definierten Romanschluß nicht verlässlich eintreten. “It`s about time you decided
to stand up and testify,” Big Jim said. “I`m right here, old man,” Sully assured
him, feeling solid for the first time in days. If it was destiny, so be it.” (S. 544)
78
5.5 Zusammenfassung
In den drei untersuchten Werken ist eine nahezu identische
Familienkonstellation vorzufinden, die der Leser in dem für Russo typischen
„Weitwinkelfocus“-Stil189 schrittweise näher kennenlernt. Die Vater-Sohn-
Thematik, das Bewußtsein von Schicksal und Vorherbestimmung, der man nicht
entgehen kann, da sie nicht einzig und allein auf das Ergebnis des menschlichen
Handelns zurückzuführen ist, die sogenannte Prädestination, bilden den
Schwerpunkt seiner Werke und beweisen die Wichtigkeit dieser Thematik für
den Autor. Mit Russos eigenen Worten ausgedrückt, “certain things are
important.”190 Folglich ist dieses Thema ein immer wiederkehrendes Element in
den hier erörterten Texten. Der Zusammenhang zwischen einer Persönlichkeit
und ihrer individuellen Lebensgestaltung wird in direkter Verbindung zu einer
absoluten Vorherbestimmung gesehen.
In allen drei Werken haben die Mütter ihre Chance im Leben nicht
ausgeschöpft. Eine bessere Ausbildung und damit die Möglichkeit, aus dem
Kleinstadtmilieu herauszugelangen, haben sie zugunsten ihrer übertriebenen
Liebe zum eigenen Vater vertan. Sich dessen bewußt vergehen diese Frauen im
Unterbewußtsein in Selbstmitleid und ziehen sich in ihre eigene Welt zurück.
Dadurch verlieren sie den Kontakt zur Wirklichkeit und befinden sich emotional
am Rande des Nervenzusammenbruchs bzw. erleben psychisch tiefe Krisen. Das
ist der Grund, dass sie für ihre Söhne keine einfühlsamen Bezugspersonen sein
können.
Die von ihnen geschlossenen Ehen können nur von kurzer Dauer sein, da
das Niveau und die Lebensansprüche der Partner zu unterschiedlich sind und
damit eine echte Basis fehlt. Der „ungebildete“ Vater desertiert von der Familie
kurz nach der Geburt des Kindes aus Unfähigkeit, Verantwortung zu
übernehmen und seine eigenen Bedürfnisse anzupassen. Ihre Assimilation an die
189 Interview von Wendy Smith mit Russo, erschienen in Publishers Weekly, (June 7, 1988), 48-
49: “Some writers want to go deeper and deeper, while others strive for breadth. Breadth is more
appealing to me.“, 48.
190 Wendy Smith , S. 48.
79
gängigen familiären Strukturen und sozialen Werte ist auf Grund des
destruktiven Selbstkonzeptes dieser Väter nicht gegeben. Alle Väter Russos sind
charakterisiert durch einen ausgeprägten Egoismus, der sie unfähig macht,
emotional auf ihre Kinder einzugehen. Ein mangelndes Verständnis für die
Bedürfnisse der Söhne manifestiert die Schwierigkeiten innerhalb der
Beziehungen unweigerlich.
Mit der ständigen Abwesenheit der Väter und der fehlenden väterlichen
Fürsorge geht eine emotionale Distanz einher, die in allen drei Werken von den
Beteiligten nach vielen Jahren nur ansatzweise zum Positiven verändert werden
kann. Durch den phasenweisen falschen Umgang miteinander sind die
Beziehungen überfrachtet mit unüberwindlichen Problemen. Die Ambivalenz
der Gefühle im Umgang miteinander ist bei Vätern und Söhnen auffällig,
verhindert eine reale emotionale Nähe und bietet die Basis der schwierigen
Interaktionen.
Im Sinne von Pittman lassen die Väter Sully, Peter, Dallas und Sam eine
Patriphobie erkennen,191 die in ihrem nicht verarbeiteten Verhältnis zu ihren
eigenen Vätern ihre Ursache hat. Als Folge bauen sich auch Barrieren zu den
eigenen Söhnen auf, die wiederum das Rollenmuster aufnehmen und den
Fortbestand dieser negativen Verhaltensweisen generationsübergreifend
weitergeben. Intensive Kommunikation miteinander findet nicht statt. Diese
fehlende zwischenmenschliche Kommunikation gilt als der ausschlaggebende
Faktor für eine unbefriedigende Beziehung zwischen Vater und Sohn. Für den
Autor, der ebenfalls mit seinem Vater ausgeprägte Kommunikationsschwierig-
keiten hatte, bedeutet die Auseinandersetzung mit dieser Thematik eine
Auseinandersetzung mit der eigenen Autobiographie.
Bei nahezu identischer Rahmenhandlung in den drei Werken werden auf
Grund ansatzweise verschiedener Interaktionen zwischen den Charakteren die
variablen Einflüsse auf das zentrale Thema der Vater-Sohn-Beziehung
verdeutlicht. Es scheint, dass Russo sein zentrales Thema in verschiedenen
191Pittman, S. 317ff.
80
Versionen darstellt, jedoch bleibt die Ähnlichkeit in Bezug auf die Grund-
konstellation in allen drei Werken erkennbar. Der spezifisch kulturelle
Hintergrund bedingt den Vaterstil, der wiederum im Sozialisationsprozesses des
Sohnes eine entscheidende Rolle spielt.
81
6. Die Vater-Sohn-Beziehung in Raymond Carvers Kurzgeschichten
“Sacks” (1981) und “The Compartment”(1983)
6.1 Raymond Carver: Biographie und Werk
Der 1938 in Clatskanie, Oregon geborene Autor Raymond Carver (1938 1988)
wird von Literaturkritikern als einer der bedeutenden Schriftsteller des
amerikanischen Realismus angesehen. In seinen Kurzgeschichten perfektioniert
Carver den Minimalismus. Dies wird in der Sammlung What We Talk About
When We Talk About Love (1981) besonders deutlich.
Die Thematik des Umgangs der Menschen miteinander beziehungsweise
ihr Versagen im Umgang miteinander wird von Carver in seiner relativ kurzen,
aber erfolgreichen Schaffensperiode immer wieder erneut aufgegriffen. Seine
Protagonisten erscheinen in ihrem Seelenleben als geradezu paralysierte
Charaktere. Unter anderem hat der Autor seine eigene Alkoholabhängigkeit und
die damit verbundenen Schwierigkeiten in seine Texte miteinfließen lassen. Er
hört 1982 mit dem Trinken auf.
Raymond Carver heiratet 1957 - neunzehnjährig - Maryann Burk
(Scheidung 1982), im gleichen Jahr wird seine Tochter Christine LaRae geboren.
Er graduiert 1963 an der California State University in Humbolt. Pastoral (1963)
wird veröffentlicht, es folgt Will You Please Be Quiet, Please? (1967); diese
Sammlung wird 1977 für den National Book Award vorgeschlagen. Carver
arbeitet von 1967 bis 1970 als Redakteur für Textbücher eines
wissenschaftlichen Forschungsprojekts in Palo Alto in Kalifornien. Near
Klamath, ein Gedichtband, erscheint 1968; für den Gedichtband Winter
Insomnia erhält Carver 1970 den National Endowment for Arts Discovery
Award for Poetry. Zwischen 1971 und 1983 lehrt er an mehreren amerikanischen
Universitäten.( u.a. University of California, Berkeley; Iowa Writers Workshop;
Syracuse University; University of Texas) Für Are You a Doctor? in Prize
Stories (1975) erhält Carver 1975 den O. Henry Award. 1977 wird ihm ein
Guggenheim Fellowship verliehen. At Night the Salmon Move (1977) und
Furious Seasons and Other Stories (1077) werden veröffentlicht. Es folgen die
82
Werke What We Talk About When We Talk About Love (1981) und Cathedral
(1983, vorgeschlagen für den National Book Critics Circle Award und den
Pulitzer Preis, er erhält den Mildred and Harold Strauss Living Award), If It
Please You (Gedichte, 1984), Where Water Comes Together with Other Water
(Gedichte, 1985), This Water (Gedichte, 1985), The Stories of Raymond Carver
(1985), Dostoevsky: A Screenplay (1985), Ultramarine (Gedichte, 1986),
Elephant and Other Stories (1988).
Carver wird 1988 in die American Academy and Institute of Arts and
Letters aufgenommen und erhält ebenfalls 1988 die Brandeis Citation for
Fiction. Der Gedichtband A New Path to the Waterfall (1989) wird ein Jahr nach
seinem Tod im August 1988 von seiner neuen Frau Tess Gallagher (Hochzeit im
Juni 1988) veröffentlicht ebenso wie Call if you need me (2001)
Der Minimalist Carver beschreibt in seinen Kurzgeschichten sehr
wirklichkeitsnah das von Verzweiflung und Mißerfolgen geprägte Leben der
armen Arbeiterklasse in amerikanischen Kleinstädten.192 Der Autor orientiert
sich dabei an seinem literarischen Vorbild Anton Chekhov, der zu den Vätern
der sogenannten Minimalisten zählt, deren literarischer Stil sich durch kurze,
knappe Sätze mit wenigen schmückenden Adjektiven auszeichnet – schlicht und
schnörkelose Literatur. Das Element der Reduzierung auf das essentiell Nötigste
findet sich ebenso bei Carver wieder. Seine stellenweise autobiographischen
Stories beschreiben nicht das Detail, sondern ziehen den Leser durch das
Zwischen-den-Zeilen-Stehende, das Nichtgesagte in den Bann der Geschichte.
Die Kraft des Banalen hat manchmal fast antiklimaktische Wirkung. Das Ziel ist
eine Literaturform ohne assoziative Tendenzen, dabei konzentriert sich Carver
mit seinem minimalistischen Schreibstil auf das absolut Notwendigste, und es
werden beim Leser keinerlei Illusionen erweckt. Carver beherrscht die Kunst des
Weglassens.
Carvers Protagonisten leben mehr oder weniger ziellos, mit Füßen
getreten, in einem Zustand der Resignation am Rande der
192 Vergl. Franz Link; Amerikanische Erzähler seit 1950 (Paderborn: Ferdinand Schöningh,
1993), S. 477ff. Link stellt in summarischen Bemerkungen die Unterschiede zwischen den
Minimalisten und den experimentellen Schriftstellern heraus und geht dabei ausführlich auf den
Stil der Minimalisten ein.
83
Wohlstandsgesellschaft.193 Antriebslos, voller Verzweiflung und ohne viel
Motivationswillen halten sie ihr eigentlich angestrebtes Ziel für nicht erreichbar.
Ihr Sozialverhalten ist oft bestimmt durch nichtrationale Handlungsimpulse.
Kausale Ursache-Wirkung-Relationen werden vom Individuum zur
Lebensbewältigung nicht erkannt. Hoffnungslosigkeit, fehlende Anerkennung,
chronischer Geldmangel und Einsamkeit sind die ständigen Begleiter ihres
freudlosen Daseins als working poor.194 Die gespannte Atmosphäre erscheint
beklemmend.
Carver beobachtet die condition humaine so realistisch, dass seine
Literatur dem Dirty Realism mit dem dafür typischen schmucklosen, fast nackten
Erzählstil zugeordnet wird.195 Diese Literatur zeichnet eine wahrheitsgetreue
Abbildung der Gesellschaft und des Individuums, dabei benutzt Carver klare,
einfache und direkte Wörter. Der Leser erfährt nur das eben Nötigste an
Informationen; die Charaktere werden kaum näher beschrieben. Die
sozialkritische Sachlichkeit und die Kraft des Ungesagten schaffen eine
besondere Atmosphäre.
Wenn Carver in seinen Kurzgeschichten ein allzu negatives Bild der
Gesellschaft wiedergibt, so will der Autor nicht das System anklagen, sondern
eine Lebensweise aufzeichnen, die er die überwiegende Zeit seines Lebens selbst
erlebt hat.196 Die verinnerlichten destruktiven Verhaltensmuster werden in seinen
Texten reproduziert. Entsprechend zeichnet sich die Thematisierung dieser
bestimmten Daseinsform innerhalb der Gesellschaft durch eine gewisse Form
der Subjektivität aus, denn Carvers ‘dark view of life’ spiegelt sich in
193 Ewing Campbell, Raymond Carver- A Study of the Short Fiction (New York: Twayne
Publishers, 1992) Vorwort, xi: “With notable exceptions in his late fiction, Carver peopled his
fiction with fringe figures- unemployed salesmen, oppressed waitresses, drunken motel clerks,
adulterers, disturbed millworkers- which led inevitably to characteristic topics of alcoholism,
infidelity, insomnia, and despair.“
194 Vergl. Janice Harayda, ”Critics`Choices for Christmas,”Commonweal, (Dec. 2, 1988), 666.
195 Vergl. Georg Lukács; Realism in our Time ( New York: Harper Torchbooks, 1971), S.3.
Dirty Realism ist zwar ein späteres Phänomen, jedoch lassen sich die Aussagen Luk«cs auch auf
Carver übertragen.
196 Mona Simpson; Conversations with Raymond Carver (Mississippi: University Press of
Mississippi, 1990), S. 74. Der Autor Carver spricht von seinen ‘bad days’ geprägt durch
Alkoholismus und diverse Entzüge, Bankrotte und schließlich Scheidung, wie auch von seinem
postalkoholischen ‘second life.’
84
seiner Literatur wider.197 Die in seinen Kurzgeschichten dargestellten Vater-
Sohn-Beziehungen lassen autobiographische Züge erkennen. Carver unterhält
ein sehr ambivalentes Verhältnis zu seiner eigenen Familie, geprägt durch ein
konfliktreiches Miteinander. Das Schreiben dient Carver unter anderem als ein
geeignetes Mittel zur Selbstfindung,198 um die eigenen Persönlichkeitsstrukturen
besser verstehen zu können.
An Hand der folgenden zwei ausgewählten Kurzgeschichten lassen sich
der gesellschaftliche Rahmen und die daraus resultierende Vater-Sohn-
Konstellation aufzeigen. Das väterliche Verhalten nimmt maßgeblich Einfluß auf
die männliche Individuation des Sohnes. Die Ähnlichkeit in der Darstellung der
Vater-Sohn-Verhältnisse verdeutlicht die Thematik des ineffektiven Umgangs
miteinander. Beide Väter halten nach der Scheidung keinen Kontakt zu ihren
Söhnen aufrecht und belegen mit diesem Verhalten die sozialwissenschaftliche
These, dass eine unbefriedigende Partnerbeziehung relevant für die emotionale
Beziehung des Vaters gegenüber seinen Kindern ist.199 Ebenfalls demonstrieren
beide Kurzgeschichten Carvers Faszination hinsichtlich der mangelhaften Art
der Kommunikation seiner Protagonisten, die sowohl bei den Vätern als auch bei
den Söhnen ausgeprägt vorhanden ist. Das Fehlen einer gemeinsamen
Kommunikation ist wiederum schicksalhaft für das Nicht-Zustandekommen
einer echten, positiv geprägten Vater-Sohn-Beziehung.
197 Stewart Kellerman “Grace Has Come Into My Life, The New York Book Review (May 15,
1988), 40. Erst in den letzten Lebensjahren war es Carver möglich, ein besseres Leben zu führen,
da er dann seinen Alkoholismus überwunden hatte.
198 In Mona Simpson (Hrsg.); Conversations with Raymond Carver (Mississippi: University
Press of Mississippi), S. 113. In einem Interview mit David Applefield spricht Carver von seiner
eigenen Literatur als ”writing in an act of discovery.”
199 Vergl. Fthenakis; Väter; Band 1, S. 113.
85
6.2 “Sacks”
In der Kurzgeschichte “Sacks” berichtet der Erzähler in Form von Rückblenden
von einem Zusammentreffen mit seinem Vater, zu dem er nach dessen
Ehescheidung vor zwei Jahren keinerlei Kontakt mehr pflegte. Einer plötzlichen
Idee folgend verabredet sich der Protagonist auf einer Geschäftsreise bei einem
Zwischenstopp auf einem Flugplatz mit seinem Vater.
Schon gleich im ersten Satz wird der Leser auf die negative
Grundeinstellung des Protagonisten eingestimmt: “It´s October, a damp day.”
(S. 37)200 Die Stimmung scheint unbehaglich und bedrückend, und sie bestimmt
auch im weiteren Verlauf die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Das
gespannte Verhältnis wird ganz besonders deutlich an der Art, wie der Sohn das
väterliche Verhalten als “air of woe” (S. 38) empfindet und das vermeintliche
Elend des Vaters fast zu genießen scheint. Damit zeigt der Sohn sehr deutlich,
dass bei ihm der Selbstfindungsprozess auch nicht stattgefunden hat, denn er
weidet sich geradezu an dem väterlichen Unvermögen und stellt sich damit auf
die Stufe eines Kindes, dem die nötige soziale Kompetenz fehlt.
Der anfängliche Austausch von oberflächlichen, nichtssagenden Floskeln
zeigt die Unfähigkeit der beiden, in der Anonymität des Flugplatzes miteinander
ins Gespräch zu kommen, obwohl das Verlangen von beiden Seiten vorhanden
ist. Eine soziale Kompetenz im Umgang miteinander ist nicht gegeben. Wie
einem Fremden gegenüber verheimlicht der Sohn dem Vater ganz bewußt
Informationen über sein Privatleben. Er empfindet ihm gegenüber nicht
genügend Vertrauen, deshalb kann er mit ihm nicht über seine eigenen
Eheprobleme sprechen. Andererseits scheint er dennoch eine große, unbestimmte
Erwartung in das Treffen zu setzen. Die Feststellung “Here we are” (38)
symbolisiert diese Erwartungshaltung, jedoch sind die für ein offenes Gespräch
notwendigen Rahmenbedingungen nicht erfüllt.
Während der Sohn sich ganz vorsichtig an persönlichere Themen
herantastet, wie die Frage “when did you start wearing glasses?(S. 39) zeigt,
200 Raymond Carver; What We Talk About When WeTalk About Love (New York: Vintage Books
Edition, 1989). Alle im Text in Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf diese
Ausgabe.
86
bricht eine Art Geständnis aus dem Vater hervor. Es ist ihm offensichtlich ein
Bedürfnis, über die Vergangenheit und bisher unausgesprochene Gefühle zu
sprechen. Wenig einfühlsam berichtet der Vater über seine Liebschaft, die
letztlich die Ursache für die Trennung von seiner Familie war. Dabei scheint er
zu vergessen, mit wem er redet, denn seine detaillierten Beschreibungen klingen
in ihrer Ausführlichkeit zu offen, der Situation unangemessen, eher jovial und
sind wohl kaum das rechte Mittel, um beim Sohn Verständnis für die väterliche
Lage aufkommen zu lassen. Der Vater überfordert seinen Sohn mit seiner
undistanzierten Offenheit. Der angestrebte Prozess der Versöhnung findet nicht
statt, da der Vater durch sein Benehmen nicht mit einer Akzeptanz des Sohnes
rechnen kann, zumal die Entfremdung zwischen ihnen gravierender Natur ist.
Der Vater erwartet von seinem Sohn nicht nur verständnisvolle Einsicht,
sondern hofft geradezu verzweifelt auf eine Lösung, die er in seiner emotionalen
Unzulänglichkeit selbst nicht in der Lage war zu finden: “You`re an educated
man, Les. You`ll be the one to figure it out.” (S. 39) Die Rollen scheinen
vertauscht, der Sohn soll die Verantwortung übernehmen und die Strukturen des
väterlichen Lebens ordnen. Dementsprechend erhofft der Vater als Schuldiger
von seinem Sohn eine Art Absolution zu erhalten, denn sein Geständnis
gegenüber dem Sohn kommt einer Beichte gleich.
Während der Vater emotional sehr aufgewühlt erscheint, bleibt der Sohn
in seinen Reaktionen sachlich distanziert und wenig einfühlsam. “Anybody can
make a mistake” (S. 41), klingt wie eine teilnahmslos dahingesagte Floskel. Er
vergibt seinem Vater nicht und lässt ihn in seinem persönlichen Schmerz allein.
Der Sohn lehnt es ab, sich mit den Problemen des Vaters auseinanderzusetzen.
Dem offensichtlichen Konflikt liegt eine tiefere Bedeutung zugrunde. Mehr als
in der Enttäuschung über den ehebrechenden Vater liegt die Problematik in der
fehlenden Kommunikation und dem Fremdsein zwischen Vater und Sohn. Es
scheint, als habe der Sohn eine psychologische Blockade, die ihn sowohl keine
87
entsprechenden Worte finden lässt als ihm auch keine intensivere Reaktion auf
das Geständnis des Vaters ermöglicht. Die innere Bereitschaft zur Konfrontation
mit dem Vater besteht nicht. In dieser Inkompetenz verharren beide auf der
eigenen, gegebenen Position, und das gegenseitige Ressentiment bleibt
vorhanden.
Geradezu gelangweilt schaut der Sohn auf seine Uhr und signalisiert
seinem Vater deutlich sein Desinteresse. Eine mögliche Kommunikation von
Seiten des Sohnes wird somit im Keim erstickt. Noch nicht einmal eine eher
wohlwollende Neutralität lässt sich wahrnehmen. Der Sohn übernimmt
keinesfalls die Verantwortung für eine distanzauflösende Art der Bewältigung
der Krise zwischen sich und seinem Vater. “There was nothing more to say to
that. I looked out at the field and then at my watch.” (S. 43)
Der Drang des Vaters, sich seinem Sohn gegenüber zu offenbaren, wird
durch das unhöfliche, ablehnende Verhalten des Sohnes unterdrückt. “I guess I
better be getting out there soon.” (S. 45) Unter diesen Aspekten kann eine
Aussöhnung nicht stattfinden, und die Beziehung wird unweigerlich als
unbefriedigend auf anonymer, distanzierter Ebene weiterlaufen. Verschlossen
zeigt der Sohn keine Emotionen und lehnt einen intensiven Gedankenaustausch
ab, um sich vor einem möglichen Schmerz zu bewahren. Dass er dennoch
berührt ist, wird mit seiner inneren Reaktion des aufkommenden Kopfschmerzes
interpretiert, der als Symbol für die Betroffenheit des Sohnes gilt.
Die nach außen zur Schau getragene Gleichgültigkeit lässt den Vater
dann auch in Wut geraten: “‘You don’t know anything, do you?my father said.
‘You don’t know anything at all. You don’t know anything except how to sell
books.’” (S. 45) Enttäuscht über die Unfähigkeit des Sohnes, ihn zu verstehen,
resigniert der Vater und blockt seinerseits ebenfalls weitere Gespräche ab. “No,
you got to catch a plane.” (S. 45) Die Kluft zwischen Vater und Sohn ist
unüberbrückbar groß. Das Bedürfnis nach Nähe und einer guten Beziehung ist
bei ihnen nicht mehr gegeben, sie reagieren beide eher potentiell verletzend und
herablassend. Einer Versöhnung und dem damit einhergehenden langwierigen
Prozess wird ausgewichen.
88
Bei der Verabschiedung halten Vater und Sohn gerade noch die nötigsten
Höflichkeitsfloskeln ein, bevor sie sich endgültig trennen. “Next time maybe”
(S. 45) klingt so vage, dass es die Vermutung zulässt, ein weiteres Treffen
zwischen Vater und Sohn werde es überhaupt nicht mehr geben. Der
beschriebene Versuch der Kontaktaufnahme war der erste und letzte, die
bestehende Kluft zwischen ihnen hat sich eher noch vergrößert, und die
Beziehung muss als gescheitert gelten.
Die beiden haben keinen Weg zur wirklichen Kommunikation gefunden,
denn auch nach dem Aufklärungsversuch des Vaters mit der Bitte um
Verständnis hält der Sohn ihn für den schuldigen, lüsternen „alten Sack“, wie der
Titel “Sacks” suggeriert. Die in der menschlichen Kommunikation not-wendige
Voraussetzung der Toleranz ist dem Protagonisten nicht gegeben. Der Sohn kann
seine „Vaterwunde“ nicht heilen, denn er ist nicht bereit, dem Vater zu
verzeihen.201 Das Gefühl der Antipathie ist vorherrschend und damit eine
Akzeptanz unmöglich.
Der provozierende Titel “Sacks” wird als bewußte Doppeldeutigkeit des
Autors gesehen, der mit seinen Titeln meistens einen “emotional frazzle”
erreichen will.202 Es sind nicht ausschließlich die vom Vater als Mitbringsel
gedachten ‘confectionary sacks’ gemeint. Das phonetische Übereinklingen der
Wörter “Sacks” und “sex” ist sehr offensichtlich. Der sexuelle Fehltritt des
Vaters hat zur Trennung von seiner Frau und damit auch zum Bruch mit seinem
Sohn geführt; der Sexualität wird damit eine besonders wichtige Bedeutung
beigemessen.
Das Liegenlassen der “confectionary sacks” wird mit der Bemerkung am
Schluß der Kurzgeschichte wie folgt erwähnt: “On the way to Chicago, I
remembered how I`d left his sacks of gifts on the bar. Just as well, Mary didn`t
need candy, Almond Roca or anything else. That was last year. She needs it now
even less.” (S. 45) Diese Bemerkung beweist, dass auch er zu seiner Familie ein
gespanntes Verhältnis hat. Seine introvertierte Reserviertheit und Zurückhaltung
schränkt seine Kontaktfähigkeit ein und macht ein Miteinander kaum möglich.
201 Vergl. John Lee; Auf der Suche nach dem Vater; S. 71.
202 Anonymer Kritiker in Time, 132, 1 (July 4, 1988), 70.
89
Nicht nur Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit empfindet er
gegenüber der eigenen Familie, vielmehr hat sich eine Kluft aufgetan, die eine
Parallele zum väterlichen Leben deutlich erkennen lässt.203 Wie schon der Vater
seinerseits ist auch der Sohn nicht in der Lage, geordnete Familienverhältnisse
herzustellen. Ihm gelingt es genauso wenig wie seinem Vater, der persönlichen
Geschichte innerhalb des Familiengefüges Sinn zu geben. Dabei müsste die
Gewichtung auf dem Aufarbeiten der Vergangenheit liegen, um den Prozess der
Beziehungsüberarbeitung in die richtige Bahn zu lenken. Der Sohn stellt sich
nicht der Konfrontation, folglich bleibt die Beziehung gekennzeichnet von
Distanz und mit wenig Perspektive auf eine Änderung der gegebenen Situation.
Die fehlende Reife und Einsicht lassen eine Wandlung zum Positiven nicht zu,
ein verantwortungsbewusstes Leben mit einem erfüllenden gesellschaftlichen
Miteinander erscheint kaum möglich.
203 Vergl. Ewing Campbell; Raymond Carver - A Study of The Short Fiction (New York: Twayne
Publishers, 1992), S. 35. Der Autor vergleicht die Situation von Vater und Sohn: “... the narrator
is in the same emotional state as his father, but unlike the father is still denying his condition at
the end of their meeting.”
90
6.3 “The Compartment”
Der von gesellschaftlicher Entfremdung und postmoderner Einsamkeit
gezeichnete Protagonist namens Myers befindet sich auf einer Zugreise auf dem
Weg zu einem Treffen mit seinem Sohn, zu dem er nach der Scheidung von
seiner Frau jahrelang keinerlei Kontakt aufrecht erhalten hat. Durch die für
Carver typische Technik der Retrospektive erfährt der Leser, dass Myers seinen
Sohn als Eindringling in seine damalige Partnerschaft empfunden hat und ihn
letztlich sogar für die Trennung von seiner Frau verantwortlich macht.204 “The
final breakup was hastened along, Myers always believed, by the boy`s malign
interference in their personal affairs.” (S. 69)
Die offensichtlich unbefriedigende Partnerbeziehung wird durch die von
Freud definierte symbiotische Einheit des Sohnes mit der Mutter erheblich
negativ beeinflußt und wirkt sich ausschlaggebend auf die Vater-Sohn-
Interaktion aus.205 Die augenscheinliche Präferenz des Sohnes für die Mutter
lässt den Vater aggressiv reagieren. Die impulsive Verhaltensweise des Vaters ist
abhängig von der situativen Gegebenheit; Vater und Sohn trugen bei ihrem
letzten Zusammensein vor acht Jahren eine gewalttätige Auseinandersetzung
aus, als der Sohn sich gegen seinen Vater aufzulehnen wagte. Dabei ist sich der
Vater seiner körperlichen Überlegenheit gegenüber seinem Sohn völlig bewußt,
wie die folgende Äußerung zeigt: Myers had him, and while he had him he
made most of it. He slammed him into the wall and threatened to kill him. He
meant it. ‘I gave you life,’ Myers remembered himself shouting. ‘and I can take
it back!’” (S. 69) Der Vater missachtet die Gefühle und Rechte des Sohnes und
betont durch diese Verhaltensweise sein eingeschränktes soziales Gewissen.
Körperliche Gewalt dient dem Vater hier als angemessen erscheinendes Mittel
zur Konfliktbereinigung und überschreitet die natürliche Geschlechter-
204 Russell Banks; “Raymond Carver: Our Steven Crane”, Atlantic; 268; 2 (Aug. 1991); 99-103.
Der Autor spricht von Carvers “backward gazing characters.” S. 102.
205 Vergl. Fthenakis; Väter; Band 1; S. 110: „Dass die Qualität der Ehepartnerbeziehung von
zentraler Bedeutung für die Einstellung des werdenden Vaters zur Schwangerschaft und zum
Kind ist, wurde bislang in zahlreichen Studien bestätigt.“
91
polarität.206 Der Zeusaspekt charakterisiert durch eine übermäßige väterliche
Autorität ist deutlich erkennbar.207
Nach der Trennung von seiner Familie stellt Myers eine charakterliche
Veränderung an sich selbst fest. Er führt ein einsames, abgeschiedenes Leben
und hat relativ wenige soziale Kontakte. Bei seinen Reisevorbereitungen wird
ihm sein Eremitendasein deutlich bewußt: “It struck him there was really no one
besides his secretary and a few business associates, that he felt it was necessary
to tell he was going away.” (S. 71) Die Wohnung des Protagonisten und
ebenfalls das Zugabteil, in dem er sich gerade befindet, symbolisieren seine
Isolation von seinen Mitmenschen. Myers stellt sich das Leben in einem von
einer Mauer umgebenen Haus angenehm vor. “He thought this might be a good
way to live - in an old house surrounded by a wall.” (S. 69) Die Mauer bedeutet
für ihn Schutz vor der Außenwelt, von der er sich bedroht fühlt, und er kann so
eine defensive Position einnehmen. Er sucht geradezu die Einsamkeit, um sich
ungestört seinem Schicksal hinzugeben und seine Selbstbezogenheit auszuleben.
Durch seine Unfähigkeit für ein normales Maß an sozialer Kooperation verliert
er die Sensibilität, angepasst zu reagieren. Unterdrückte Gefühle und die bisher
emotional nicht verarbeitete Trennung schlagen ansatzweise bei Myers in
depressive Energien um.
Charakteristisch für die negative Grundeinstellung des Protagonisten ist
seine geradezu aggressive Art des Umgangs mit seinen Mitmenschen. “He was
afraid he might strike the man.” (S. 73) Die von Myers ausgestrahlte Antipathie
überträgt sich auf sein Umfeld, das sich ihm gegenüber entsprechend gereizt
verhält. “..., the man turned and regarded him fiercely.” (S. 73) Die unter-
schwellige Unzufriedenheit des Protagonisten lässt Neid gegenüber seinen
Mitmenschen aufkommen, von denen er denkt, dass sie mit ihrem Leben besser
zurecht kämen und sich der Situation entsprechend angepaßter verhalten
206 Vergl. Fußnote 83; Kerkhoff.
207 Jörg Rasche; Prometheus - Der Kampf zwischen Vater und Sohn (Zürich: Kreuz Verlag,
1988), S. 46, S. 77. Rasche erwähnt die väterliche Autorität des Zeus, der seine Kinder tötet.
Ebenfalls spricht die forschende Wissenschaft vom „Laius-Komplex,“ bei dem der Vater sich
vom Sohn bedroht fühlt. Vergl. Osherson; Männer entdecken ihre Väter (Freiburg im Breisgau:
Herder Verlag, 1993), S. 56.
92
könnten. Diese Neidempfindung vergrößert seinen Abstand zur Umwelt indirekt
noch mehr. “Myers envied him.” (S. 70)
Myers` allgemeine Unfähigkeit, mit seinen Mitmenschen Kontakt
aufzunehmen, zeigt sich ganz besonders deutlich in seiner von spannungsvoller
Angst und von Zweifeln geprägten Unsicherheit in seinem Verhalten beim
bevorstehenden Treffen mit seinem Sohn. Fast scheint es, als bereue er es, sich
der Herausforderung eines Zusammentreffens mit seinem Sohn überhaupt
gestellt zu haben. Alle in Gedanken durchgespielten, verschiedenen
Möglichkeiten der Begegnung bei der Begrüßung werden sogleich wieder
verworfen. Der Gedanke an eine harmlose körperliche Berührung, wie zum
Beispiel eine begrüßende Umarmung oder einen freundschaftlichen Klaps auf
die Schulter, als eine Art der wortlosen Kommunikation, lässt Unbehagen
aufkommen.
Um der direkten Konfrontation mit seinem Sohn auszuweichen, versucht
Myers, vom eigentlichen Thema abzulenken, und stellt sich vor, mit seinem
Sohn über dessen Mutter ins Gespräch zu kommen. Dieser Gedanke wird jedoch
schnell wieder verworfen, da er seiner Frau gegenüber immer noch Zuneigung
empfindet und ihn der Gedanke an sie zu sehr emotional aufwühlt. “... his heart
could break.” (S. 71) Er geht deshalb den Weg des geringsten Widerstandes und
weicht jeglicher Konfrontation aus, die eine eventuelle Auseinandersetzung mit
den persönlichen Unzulänglichkeiten bedeuten könnte. Die charakteristischen
Schwächen wie Ängstlichkeit und Unsicherheit beherrschen ihn, und als Folge
ist eine Lösung der Problematik hin zu einer positiven Beziehungsstruktur
unmöglich.
Im Zugabteil reflektiert Myers über die für ihn überraschende
Kontaktaufnahme des Sohnes.208 Der Leser erfährt, dass Myers sich lange Zeit
überlegt hat, ob er überhaupt auf den Brief reagieren solle. Der mit ‘love’
unterzeichnete Brief lässt Myers grübeln, schließlich beantwortet er ihn sehr
zögerlich, indem er von einer geplanten Europareise berichtet und wie
nebensächlich ein mögliches Treffen in Straßburg vorschlägt. Dieses Treffen
208 Osherson beschreibt den „Hunger nach dem Vater“ als einen notwendigen Prozess der
Selbstfindung des Sohnes. S. 17.
93
beeinflußt Myers allerdings mehr, als er sich selbst eingesteht, denn Straßburg
wird von ihm als Höhepunkt der Reise angesehen. “He`d planned the stopover in
Straßbourg as the culmination to his trip.” (S. 72) Die im Unterbewusstsein
vorhandene Sehnsucht nach einer Entwirrung der Beziehungsproblematik wird
hierdurch deutlich. Er ist sich seiner Unzufriedenheit und Isolation durchaus
bewusst und sieht dem geplanten Treffen mit spannungsvoller Hoffnung
entgegen.
Die auf der Reise für seinen Sohn als freundschaftliche Geste gekaufte
Uhr, die der Leser fast als Bestechung empfinden könnte, wird Myers
unmittelbar vor dem Zusammentreffen entwendet. Seine enorme Wut über den
Verlust der Uhr, die als einzige reelle Verbindung zu seinem Sohn fungiert,
steigert sich dermaßen, dass er schließlich feststellt, dass er seinem Sohn gar
nicht begegnen möchte.209 Aufgestaute Aggressionen brechen hervor, das
Ausmaß seiner Feindseligkeit wird hierbei deutlich und gilt als Symptom für
seine Persönlichkeitsstörung. Diese gewaltsame Heftigkeit und die Neigung zu
unangemessenen Reaktionen ist typisch für viele Charaktere Carvers. “It came to
him that he didn`t want to see the boy after all.” (S. 74) Rückblickend wirft er
seinem Sohn vor, ihn der Jugend beraubt und sein Leben verpfuscht zu haben.210
“This boy had devoured Myers` youth,....” (S. 74) Eine starke Antipathie
gegenüber seinem Sohn keimt erneut in ihm auf, denn er empfindet ihn als
‘enemy(S. 74). Kurz entschlossen bleibt er in der vermeintlichen Geborgenheit
des Zugabteils sitzen, denn ihm fehlt der Wille, sich der Konfrontation und
Kommunikation zu stellen, die eventuell eine befreiende Konfliktlösung
ermöglichen könnten. Seine diffusen Gefühle verhindern eine Bereitschaft zur
Annäherung.
Als Myers - vorsichtig aus dem Zugabteil schauend - seinen Sohn auf
dem Bahnsteig nicht entdecken kann, fühlt er sich unendlich erleichtert.
209 Vergl. Andrew Shelley; “Boom – Boom.” New Statesman and Society, 3, 88, (Feb 16, 1990),
38, “Carvers`characters often react violently to the rift between the strange and familiar - ....”
210 Diese väterliche Einstellung trägt autobiographische Züge. Carver beschreibt in Conversations
with Raymond Carver den Einfluß seiner eigenen Kinder auf ihn als ‘negative, oppressive and
often malevolent, heavy and often baleful.’ “We didn`t have any youth. We found ourselves in
roles we didn`t know how to play.” S. 123.
94
“... Myers felt relieved.” (S. 75) Er ist einer aufwühlenden Situation
ausgewichen, der er emotional nicht gewachsen gewesen wäre. Gleichgültig und
egoistisch setzt er sich mit seinem Verhalten über mögliche verletzte Gefühle
des Sohnes hinweg. Die Möglichkeit eines Beziehungsaufbaus ist damit
gescheitert. Diese pathologische Vater-Sohn-Beziehung wird sich fortan nicht
zum Besseren wenden lassen. Der Zug ist im wahrsten Sinne der Bedeutung
abgefahren.
“He was going somewhere, he knew that. And if it was the wrong
direction, sooner or later he`d find it out.” (S. 77) Myers` Zukunft entspricht
einer passiven Reise ins Ungewisse, er lässt sich vom Schicksal treiben, wie die
Zugreise mit dem ihm unbekannten Bestimmungsort symbolisch andeutet.
Jeglicher Ballast ist abgeworfen, denn sogar sein Gepäck liegt in einem für ihn
unerreichbaren anderen Abteil. Der Protagonist hat mit der Vergangenheit
offenbar gebrochen. Da er sich vor der Auseinandersetzung mit sich selbst und
seiner Umwelt jedoch gedrückt hat, wird es ihm nicht gelingen, eine Änderung
im sozialen Bereich herbeizuschaffen, denn eine dafür notwendige
psychologische Reife konnte er nicht erlangen.
95
6.4 Zusammenfassung
Die beiden untersuchten Texte Carvers stimmen in Bezug auf die unverarbeitete
Vater-Sohn-Beziehung überein. Die Protagonisten sind nicht fähig, eine
Annäherung zu erreichen und damit eine sinnvolle Beziehung miteinander
einzugehen. Die vorherrschenden negativen Aspekte wie Haß, Wut, Neid und
Trauer beeinflussen die Interaktionen maßgeblich oder verhindern sie sogar. Da
die nötige Toleranz und damit auch die Bereitschaft fehlt, sich auf das
Gegenüber entsprechend einzulassen, wird das Ressentiment zwischen Vater und
Sohn bestehen bleiben. Durch die überaus große Entfremdung kann nicht einmal
eine Art Neutralität im Umgang miteinander erreicht werden.
Die weit zurückreichenden, aber dennoch schmerzlichen Trennungen
haben tiefe Narben in der Gefühlswelt der Protagonisten hinterlassen, die
ausschließlich durch intensive Auseinandersetzung mit ihrem inneren Selbst
überwunden werden könnten. Die Protagonisten entsprechen dem Typus
Mensch, der durch das fehlende psychologische Bewusstsein immer unreif und
bindungsunfähig erscheint. Da die nötige Bereitschaft und Offenheit zu einer
Konfliktbereinigung fehlt, ist eine Annäherung nicht möglich. Die unverarbeitete
Vergangenheit steht als Barriere einer vertrauensvollen gemeinsamen Zukunft
im Weg. Das Versöhnungsmotiv ist äußerst oberflächlicher Natur und scheitert
an der fehlenden Einsicht der Betroffenen für eine gegenseitige Vergebung.
Zudem hat eine Art Persönlichkeitszerfall bei den Protagonisten
eingesetzt, denn sie sind emotional ausschließlich selbstorientiert und dadurch
nicht fähig, sich auf ihr Gegenüber einzustellen bis hin zu einem möglichen
Miteinander. Das eingeschränkte Selbstwertgefühl als Negativum in der
Persönlichkeit der Protagonisten lässt sie ein Einzelgängerleben führen, das einer
Konfrontation mit aufwühlenden Empfindungen nicht standhalten würde.
Auf Grund ihrer emotionalen Struktur gehen Väter und Söhne der
notwendigen konfliktreichen Herausforderung aus dem Weg und distanzieren
sich folglich noch mehr voneinander. Fehlender Wille und mangelnde Toleranz
bestimmen die Handlungsweisen, die sich psychodynamisch gesehen bei den
96
Protagonisten in ähnlicher Form wiederholen. Sie sind zu sehr mit der
Bewältigung ihrer eigenen Probleme beschäftigt, so dass sie unangemessen die
Bedürfnisse ihres Gegenübers ignorieren. Die Destruktivität in der Beziehung
zwischen Vater und Sohn ist signifikant, negative fast feindliche Gefühle
sind von überwältigender Natur und lassen eine Komponente im Sinne einer
dyadischen Vater-Sohn-Beziehung nicht zu. Das Verhalten ist geprägt von
irrationalen und launenhaften Handlungen.
97
7. Die Vater-Sohn-Beziehung in Richard Fords Wildlife (1990), The
Sportswriter (1986) und Independence Day (1995)
7.1 Richard Ford: Biographie und Werk
Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi geboren. Da scheinbar noch
keine umfassende Chronologie seines bisherigen Lebens existiert, sind
persönliche Daten des Autors spärlich vorhanden. Ein Semester lang studierte
Ford Jura, wechselte dann zum Literaturstudium an die University of California.
Nach seinem Literaturstudium arbeitete er in verschiedenen Professionen, u.a.
als Literaturprofessor an namhaften Universitäten wie Princeton und Harvard
und auch kurzfristig als Sportreporter. Mit seinem gleichnamigen Roman The
Sportswriter gelang ihm 1986 der Durchbruch als Schriftsteller. In diesem Werk
verarbeitet er unter anderem das Zeitgeschehen in den 80ern und 90ern. Ford
widmet sich nicht ausschließlich seiner literarischen Laufbahn, sondern hat Spaß
am Dialog mit seinen Studenten, momentan unterrichtet er an der Bowdoin
Universität.
Richard Ford lebt mit seiner Frau Kristina, der er alle seine Werke
widmet, abwechselnd in New Orleans und Montana. Die Natur dieses
nordwestlichen amerikanischen Bundeslandes bildet den Hintergrund für viele
seiner Romane. Seine literarischen Bilder voller gespannter Atmosphäre, seine
schnörkellos-nüchterne Sprache und die fatalistische Haltung seiner
Protagonisten sind beeindruckend. Eine psychologische Schonungslosigkeit und
eine geradezu auffällige Perfektion für das Detail kennzeichnen seinen
Erzählstil.
Das Magazin Granta zählt Ford ebenso wie Carver zu den “dirty
realists,” 211 denn sein typischer Erzählstil zeigt in erster Linie die gestörten
zwischenmenschlichen Beziehungen der Protagonisten, die aus Verzweiflung
über ihre gegenwärtigen Situationen sich lieber in die Vergangenheit
zurückdenken anstatt sich mit ihrer jeweiligen Situation auseinanderzusetzen.
211 Das Magazin Granta bezeichnet den “dirty realism” als Charakteristikum für Fords
Erzählweise.The Granta Book of American Short Stories ( London, 1986), S. 63.
98
Für sein erstes Buch A Piece of My Heart (1976) erhält er den Ernest
Hemingway Award. 1977 bis 1978 ist Ford Guggenheim Fellow, von 1979 bis
1980 und 1985 bis 1986 National Endowment for the Arts Fellow. Ford schreibt
1983 das Bühnenstück American Tropical. Die Werke The Ultimate Good Luck
(1986), Rock Springs (1988), My Mother in Memory (1988, non-fiction) und
Wildlife (1990) folgen. 1989 wird Ford eine Auszeichnung der American
Academy and Institute of Arts and Letters verliehen. Bright Angel (1991) ist
ebenfalls ein Bühnenstück. Ford erhält 1994 den Rea Award. Jealous erscheint
1995. Independence Day (1995) ist die Fortsetzung von The Sportswriter. Für
diesen Roman erhält Richard Ford 1995 sowohl den Pulitzer Preis als auch den
Pen/ Faulkner Award und ist damit der erste amerikanische Schriftsteller, der
beide Preise für denselben Roman erhält. Die Kurzgeschichten-Sammlungen
Women with Men: Three Stories und A Multitude of Sins: Stories erscheinen
1997 und 2002. Eine Fortsetzung von The Sportswriter und Independence Day
mit dem Titel The Lay of the Land ist noch nicht veröffentlicht, jedoch
erschienen im August 2004 in The New Yorker Auszüge aus diesem Werk als
Kurzgeschichte unter dem Namen The Shore.
Die Isolation der ruhelosen Protagonisten und deren Unzulänglichkeit
des Miteinanders im Alltagsleben stehen im thematischen Mittelpunkt von
Richard Fords Werken. Das Bedürfnis nach sozialer Integrität und Anerkennung
ist vorhanden, doch werden keine Geborgenheit bietenden familiären Strukturen
sichtbar. Kommunikation findet zwar statt, jedoch kommt es nicht zur echten,
wahren Verständigung. Eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber ihrem sich stetig
ändernden Umfeld ist typisch für die Charaktere und spiegelt sich in dem kurzen
und knappen, fast kargen Stil Fords wider.
Fords “iceberg minimalism”212 verzichtet auf wesentliche Details und
drängt den Leser in die Rolle des passiven Beobachters, der aus den meistens
offen endenden Geschichten seine eigenen analytischen Schlüsse ziehen muß,
212 Vergl. Mark Spilka; “Bad Mothers Great and Small”, America, 163, 15 (Nov 17, 1990), 380-
382, 380: Der Autor beklagt diese Technik, da sie dem Leser unzureichende Information
zukommen lasse.
99
denn die Protagonisten geben in Rückblicken erlebte Situationen ohne
Interpretation ihrerseits wieder.
Die Idee der Machtlosigkeit des Menschen wiederholt sich in fast allen
Werken des Autors. Die Protagonisten empfinden sich als winzige Rädchen in
einer von ihnen nicht beeinflussbaren Maschinerie, und sie lassen sich
schicksalsergeben treiben. Die klassische Parabel, die z.B. in Hemingways
Werken zu erkennen ist, fehlt bei Ford, da seine Protagonisten offensichtlich
nicht in der Lage sind, aus ihren Erfahrungen zu lernen und ihr Leben zu
meistern. Introspektion findet nicht statt, und entsprechend werden auch keine
lehrreichen Rückschlüsse gezogen, die ermöglichen würden, zum Konstrukteur
des eigenen Lebens zu werden. Ein emotionaler Reifungsprozess setzt nicht ein.
In der Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation lassen diese
Menschen sich treiben, dabei scheinen sie gezeichnet von einer Art hilfloser
Unsicherheit gepaart mit lähmender Kraftlosigkeit, die ihre Einsamkeit spürbar
unterstreicht. Sowohl Fords als auch Carvers Protagonisten geben sich zum
Selbstschutz äußerlich stets emotionslos, obwohl durchaus ein weicher Kern in
ihrer vermeintlich harten Schale steckt. Das Gefühlsleben und die Gedankenwelt
scheinen auf das Nötigste minimalisiert. Freude, Vergnügen und echte
Freundschaften scheint es nicht zu geben. Vereinsamung ist die unumgängliche
Folge in einer als oberflächlich erlebten Welt. Entsprechend auffällig ist die
Unfähigkeit der Charaktere, sich aufeinander einzustellen. Scheidung, Ehebruch
oder eine bevorstehende Trennung sind typisch für Fords Werke.
In seinen Erzählungen beschreibt Ford prototypische Familienstrukturen
in einem Amerika, wie er es persönlich kennengelernt hat. Die von ihm
geschilderten Familienverhältnisse tragen autobiographische Züge. Die nach
dem Tod seines eigenen Vaters erlebten entscheidenden häuslichen
Veränderungen spiegeln sich in seinen Werken wider.213 Die ernüchternde
Enttäuschung eines Halbwüchsigen verarbeitet Ford.
213 Vergl. Raymond A. Schroth; “America`s Moral Landscape in the Fiction of Richard Ford”,
Christian Century; 106, 7 (March 1, 1989), 229/230: “His mother had various jobs, and for a
while had a boyfriend who was a married man. Once, worried when she didn`t come home, the
17-year-old Richard tracked her to the man`s apartment.” Thematische Parallelen zu diversen
Geschichten Fords sind augenscheinlich.
100
In Wildlife (1990) werden die Familienverhältnisse unter besonderer
Berücksichtigung der Vater-Sohn-Beziehung näher behandelt. Dabei spielen die
Gefühle des Protagonisten zu seinen Eltern, seine ungewollte Einsamkeit und
seine Suche nach Antworten auf ungelöste Fragen eine entscheidende Rolle. Wie
zuvor bei Carver beobachtet, konstruiert auch Ford das vorherrschende Element
der emotionalen Orientierungslosigkeit. Der von Carver dargestellte
Typ der Zentrifugal-Familie,“ bei der die einzelnen Familienmitglieder
voneinander wegdriften, findet sich bei Ford in abgeschwächter Form wieder. Es
gilt zu untersuchen, inwieweit das väterliche Verhalten Einfluss auf die
Entwicklung des Sohnes nimmt.
101
7.2 Wildlife
Wildlife beweist Fords Gespür für den Moment und demonstriert die Fähigkeit,
die augenblickliche Situation dem Leser eindrucksvoll nahezubringen.214 Die
Erlebnisse des Protagonisten prägen sich so intensiv ein, dass der Zeitraum der
Handlung dem Leser sehr viel länger erscheint als die tatsächlich geschilderten
drei Tage.
Wie Momentaufnahmen im Film lässt der Ich-Erzähler diese kurze
vergangene Episode aus seinem Leben in Form von Rückblicken Revue
passieren und schildert seine Eindrücke als 16-jähriger, dem die
Erwachsenenwelt unverständlich erscheint und der die Reaktionen seiner Eltern
auch im Nachhinein nicht begreifen kann. Das dargestellte Familienleben mit der
„Flucht“ des Vaters in den Kampf gegen das alles vernichtende Feuer und dem
Ehebruch der Mutter wegen Unzufriedenheit und die daraus resultierende
Trennung der Eheleute führen letztendlich zu einer großen Ernüchterung des
jugendlichen Protagonisten. “And what I thought about as I fell asleep in my bed
late in that morning was loss and how I would get along with it alone and what I
had of myself that I was willing to lose.” (S. 116)215
Schon die Einleitung drückt die negative, spannungsgeladene
Grundstimmung des jugendlichen Protagonisten und seiner Familie aus. Zwar ist
der Ölboom in Great Falls, Montana, auf dem Höhepunkt, doch bleibt diese
Familie von dem proklamierten Erfolg ausgeschlossen, wie der Leser von
Anfang an vermutet und wie das auch im weiteren Verlauf bestätigt wird. Ihre
sozialen Strukturen lassen sich scheinbar nicht durchbrechen, und folglich
erscheint ihnen die Zukunft wie eine Sackgasse ohne eine Wendemöglichkeit.
This was in Great Falls, Montana, at the time of the Gypsy Basin oil
boom, and my father had brought us there in the spring of that year from
Lewiston, Idaho, in the belief that people - small people like him - were
214 Fords erste Sammlung von Kurzgeschichten Rock Springs beinhaltet unter anderem die
Kurzgeschichte ”Great Falls”, die als Studie für Wildlife angesehen werden kann. Vergl. Rock
Springs, (London: HarperCollins Publishers, 1987), pp 39 - 59.
215 Die in Klammern dargestellten Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe Richard Ford,
Wildlife (London: Harper Collins Publishers; 1990).
102
making money in Montana or soon would be, and he wanted a piece of
that good luck before all of it collapsed, and was gone in the wind. (S. 7)
Die Familie des Protagonisten Joe Brinson führt das typische, wenig
aufregende Leben von einfachen Amerikanern. Mit dem Umzug nach Montana
will der Vater seine desolate Situation verändern und entspricht damit dem für
Ford typischen verzweifelten „Vagabunden“, der ein Scheibchen vom großen
Glück erhaschen will, jedoch auf der Suche nach einer besseren Lebenssituation
stets scheitern wird.216 Der “American Dream,” der den Wunsch nach Reichtum
und Verbesserung der sozialen Stellung innerhalb der Gesellschaft zum Ziel hat,
ist nicht für alle gleichermaßen erhältlich, wie der Vater später feststellen wird.
He was 39 then, and I think he hoped he`d meet someone there, someone
who`d give him a tip, or let him in on a good deal in the oil boom, or
offer him a better job, a chance that would lead him and my mother and
me to something better. (S. 8/9)
Das bisherige, wenig aufregende Leben reicht dem Vater nicht mehr aus;
er wünscht sich etwas Neues, ohne sich einer konkreten Vorstellung der
gewünschten Änderung bewusst zu sein, “that it was an odd time in his life when
his future had begun to seem different to him, as if he couldn`t rely on it just to
take care of itself as it had up until then” (S. 9).
Der bisherige unbeschwerte Optimismus des Vaters gepaart mit
Zufriedenheit, ohne größere Ansprüche und Erwartungen ans Leben zu stellen,
scheint gedämpft durch den Wunsch, sein Leben zu verändern. Dieser plötzliche
Wunsch nach Veränderung wirkt genauso geheimnisvoll wie das plötzlich
einsetzende Feuer in der nahen Umgebung der Stadt. Die “mysterious causes”
leiten ebenfalls die menschlichen Wesen, wie am Beispiel des Vaters besonders
deutlich wird. “Fires began by mysterious causes.” (S. 10) Das Feuer stellt nicht
nur die unabänderbare Gewalt der Natur dar, sondern symbolisiert auch die
verschiedenartigen “fires,” die in den zwischenmenschlichen Beziehungen eine
entscheidende Rolle spielen. Diese Feuer brennen unaufhaltsam und werden im
weiteren Verlauf die Beziehungen zu „Asche“ verbrennen. Ein Prozess der
Veränderung hat eingesetzt. Die zerstörerische Kraft des symbolischen Feuers
216 Das Moment des Umziehens ist ein prägender Aspekt in Richard Fords Autobiographie.
Vergl. Bruce Weber; “Richard Ford`s Uncommon Characters”; The New York Times Magazine
(April 10, 1988), 50-65, 64.
103
verletzt die Gefühle der Mitmenschen,217 die nicht in der Lage sind, sich dem
„Feuer“ entgegenzustellen. Passiv hadern sie mit ihrem Schicksal und wirken
beinahe lethargisch in ihrem Verhalten. “We were waiting for my father to be
there, and the fires to be controlled and for all our lives to become whatever
they`d be from then on - different and maybe better or maybe worse.” (S. 114)
Nicht nur durch die Untreue der Mutter, sondern besonders durch die in
dieser Familie vorherrschende Unfähigkeit zur Kommunikation werden die
traditionellen Familienwerte in diesem Sozialgefüge auch nicht aufrecht
erhalten. Die nach dem Umzug anfänglich trügerische Zufriedenheit und
Normalität des Familienalltages wird schon bald in Frage gestellt. Der erhoffte
Reichtum lässt auf sich warten, zumal auch die Nachfrage nach
Golftrainerstunden beim Vater nachläßt, und das allgemein vorherrschende
Gefühl von “discouragement” (S. 11) macht auch vor Joe Brinson und seinen
Eltern nicht halt.
Die Situation wird im wahrsten Sinne des Wortes brenzlig,“ als der
Vater seinen Beruf als Golflehrer wegen einer unberechtigten Anschuldigung des
Diebstahls verliert und zeitgleich das Feuer immer näher an Great Falls
heranrückt. Hierbei dokumentiert sich ein entscheidender Charakterzug des
Vaters, der seine innersten Gefühle und Gedanken sogar vor seiner engsten
Familie verheimlicht. Konfrontiert mit der fehlenden gesellschaftlichen
Anerkennung, die mit seinem beruflichen Misserfolg einhergeht, zieht der Vater
sich in sich selbst zurück. Anstatt sich mitzuteilen, täuscht er vor, alles wäre in
Ordnung, und entzieht sich damit indirekt der Verantwortung. “He liked to make
you believe everything was fine and for everybody to be happy if they could be.”
(S. 17) Ford demonstriert die große mentale Einsamkeit der einzelnen
Familienmitglieder, die auf Grund der oben geschilderten Situationen in dieser
Familie vorherrschen. Die soziale Interaktion ist offensichtlich geprägt von
Sprachlosigkeit, und die Familie versagt damit als „sozialer Mikrokosmos“, in
dem das Konzept des richtigen Miteinanderlebens und Sich-Offenbarens nicht
217 Vergl.: Raymond A. Schroth; “America`s Moral Landscape in the Fiction of Richard Ford,
The Christian Century (March 1, 1989), 230: “For Ford, there is no fire in human relationship
that doesn`t hurt something.”
104
erlernt wurde.218 Die Instabilität einer solchen Familienstruktur ist
augenscheinlich, isoliert leben die einzelnen Familienmitglieder ohne einen
verbalen Austausch in ihren jeweiligen Gedanken.
Der Vater gaukelt dem Sohn Optimismus vor, obwohl er innerlich vom
Gegenteil überzeugt ist. Damit betrügt er seinen Sohn um einen ganz wichtigen
Aspekt im Miteinander. Der folgende Auszug beweist den unaufrichtigen
Umgang miteinander: “‘Choices don`t always feel exactly like choices,’ he said.
He started the car then, and he put his hand on my hand just like you would on a
girl`s. ‘Don`t be worried about things,’ he said. ‘I feel calm now.’” (S. 20) Das
Gesagte entspricht nicht der Wahrheit. Seine Körpersprache lässt den Schluß zu,
dass der Vater sich mit der Berührung des Sohnes selbst Mut zusprechen will. Es
ist eher eine Geste der Trostsuche ohne emotionalen Kontakt, statt eine
Bestätigung seiner Aussage. Der Vater wird seiner Rolle als werteprägender
Bezugsperson nicht gerecht.
Wie unterschiedlich die Weltanschauung und Auffassung seiner Eltern
ist, wird Joe Brinson nun nach dem Verlust der Arbeitsstelle des Vaters deutlich.
Lakonisch, fast resignierend stellt er fest: “After that night in early September
things began to move more quickly in our life and to change. Our life at home
changed. The life my mother and father lived changed. The world, for as little as
I`d thought about it or planned on it, changed.” (S. 23) Der Wunsch des
Protagonisten nach einer weiterhin intakten Familiensituation erfährt eine jähe
Ernüchterung durch die tatsächlichen Gegebenheiten. Der junge Mann ist dieser
Situation nicht gewachsen, und eine mentale Überforderung ist die Folge.219
“But to shield yourself - as I didn`t do - seems to be an even greater error, since
what`s lost is the truth of your parents life and what you think about it, and
beyond that, how you estimate the world you are about to live in.” (S. 23)
Als naiver 16-jähriger erlebt Joe Brinson leidvoll, dass seine Eltern zwei
getrennte Persönlichkeiten mit unterschiedlicher Auffassung sind und ganz
218 Vergl.Buchheim, Cierpka, Seifert; Konflikte in der Triade, S. 52: „Familie als sozialer
Mikrokosmos, in dem mitmenschliche Kommunikation erlernt wird und sich die eigene Identität
herausschält.“
219 Das Alter des Kindes bei einer Trennung der Eltern ist für das weitere Verhältnis zu den
Elternteilen entscheidend, wie die Wissenschaft betont. Vergl. Fthenakis, Bd 2, S. 98.
105
offensichtlich keine Einheit mehr bilden. Erschreckt wird er sich besonders
seiner eigenen Isolation und Einsamkeit bewußt, denn auch zu seinem Vater, zu
dem er sonst ein besonderes Verhältnis hatte, findet er keinen richtigen Zugang
mehr. Enttäuscht stellt er fest: “He seemed out of reach to me, as if he had
discovered a secret he didn`t want to tell.” (S. 27) Desillusionierung auf Grund
der unbewußten Zurückweisung durch den Vater plagt ihn, und diese
Negativerfahrung ist ein gravierender Faktor hinsichtlich des
Sozialisierungsprozesses des Sohnes, der sich vom Vater im Stich gelassen fühlt.
Joes emotionale Verwaisung wird durch sein zurückgezogenes Leben
ohne Teenagerfreundschaften verstärkt.220 Ihm wird schmerzlich bewußt, dass
seine Familie nicht erst durch den Umzug ein extrem isoliertes Leben führt. “But
I only cared about my mother and my father then, and in the time since then I
have realized that we were not a family who ever cared about much more than
that.” (S. 29) Kommunikation innerhalb der Familie findet zwar spärlich statt,
aber ein Gespräch, das zum echten Verstehen und Verständnis füreinander
führen könnte, kommt nicht zustande. Joe bemüht sich zu begreifen, was mit
seinen Eltern vorgeht, scheitert jedoch mit seinem jugendlichen Unvermögen,
die Erwachsenenwelt zu verstehen.
Die Welt der Brinsons verläuft in geregelten Bahnen, solange der Vater
einer Arbeit nachgeht. Durch die Kündigung der Arbeitsstelle gerät das bisherige
Familiengefüge ins Wanken, das in der Struktur bislang eher einer funktionalen
Einheit entsprach. Ein Bild von kooperativem Miteinander der Eheleute wird
keinesfalls vermittelt, im Gegenteil präsentiert sich die Unzufriedenheit der
Mutter durch ihre Kritik am Vater. Die unterschiedliche Anschauung der Eltern
wird deutlich im Verhalten der gebildeteren Mutter, die den „schwachen,“ nicht
College-gebildeten Vater aus seinen Träumereien aufwecken will. “‘I`m a grown
woman,’ she said, and she was very angry now. ‘Why don`t you act like a grown
man, Jerry.’” (S. 33) Neue eventuelle Arbeitsmöglichkeiten werden vom Vater
erklärungslos abgelehnt. Er hat sich nun in den Kopf gesetzt, das Feuer zu
220 Vergl.: W. Kerkhoff, S. 49. Zur Bildung der Persönlichkeitsstruktur ist das erlernte Verhalten
im Umgang mit Gleichaltrigen wichtig. Auch Fthenakis bespricht in seiner Abhandlung die
Wichtigkeit des Umgangs mit Personen außerhalb der Familie. Bd.1, S. 217ff.
106
bekämpfen, obwohl er für diese gefährliche Aufgabe nicht ausreichend
qualifiziert ist. Der Vater wirkt wie ein störrisches Kind, das seinen Willen -
komme was wolle - durchsetzen will. Auf Grund der mangelnden
Kommunikation ist das väterliche Verhalten für den Sohn nicht nachvollziehbar,
und dies wiederum hat destruktive Wirkung für die Beziehung der Beiden.
Die Schwierigkeiten der Eltern übertragen sich ebenfalls auf die
Beziehung zwischen Vater und Sohn. Das bisher innige Verhältnis zu seinem
Vater trübt sich deutlich und ist geprägt von Unaufrichtigkeit im Umgang
miteinander. “But I did not want to say all of that to him because of how it would
make him feel.” (S. 33) Der Sohn kann emotional nicht nachvollziehen, warum
der Vater sich freiwillig der Gefahr der Feuerbekämpfung aussetzen will. Der
Vater seinerseits ist nicht in der Lage, seine Gefühle und Gedanken dem Sohn
nahezubringen. “Don`t let what your parents do disappoint you” (S. 33) klingt
geradezu wie eine Entschuldigung für sein spontanes Weggehen, aber damit ist
in keinerlei Weise eine erklärende Variable des väterlichen Verhaltens gegeben.
Das bisherige Urvertrauen zum Vater schlägt auf Grund von dessen
Unvermögen, sich mitzuteilen, in Unsicherheit und Angst um: “I felt afraid then
for some reason, and I thought if I stayed there I would show him that I was, so I
turned around and started back up Central in the dark and the growing cold.” (S.
35) In dieser Situation steht der Protagonist ohne mentale Unterstützung da,
denn auch die Mutter ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dem Sohn die
nötige emotionale Hilfestellung zu bieten. Im Gegenteil verschlimmert sie die
Unsicherheit des Sohnes, indem sie den Vater als einen erfolglosen Menschen
darstellt, der zwar “very beautiful intentions” (S. 37) habe, aber dennoch immer
scheitere.221 Ihre verbitterte Einsicht lautet: “Nobody really wants to please you,
that`s all.” (S. 38) Der Sohn muß nicht nur mit dem Weggehen des geliebten
Vaters fertig werden, sondern wird gleichzeitig auf schmerzliche Weise mit dem
Gedanken der egoistischen Intentionen eines jeden Individuums konfrontiert.
221 Vergl. J. Lee, S. 70. Der Vater entspricht genau dem Typus von Mann, den Lee beschreibt als
einen Mann „ voller guter Absichten, der niemandem weh tun will, letztendlich aber genau dies
tut, und zwar jedem, mit dem er in Berührung kommt, einschließlich seiner selbst.“
107
Er erlebt nicht nur die Trennung seiner Eltern, sondern wird zeitgleich
auf die schlechten Eigenarten der von ihm geliebten Mitmenschen aufmerksam
und stellt ebenso die Einsamkeit eines jeden Einzelnen negativ fest. Beide
Bezugspersonen sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie in ihrer
augenblicklich fehlenden Sensibilität die emotionalen Spannungen des Sohnes
wahrnehmen könnten. Somit m sich der Sohn mit einer doppelten
Zurückweisung auseinandersetzen. Wegen seiner jugendlicher Naivität erfaßt er
die Situation nicht richtig und ist davon überzeugt, dass nach der Rückkehr
seines Vaters alles wieder wie gehabt weiterlaufen werde. Diese Unwissenheit
fungiert als Art Schutzfunktion vor mentalem Trennungsschmerz. Der Sohn
erkennt dabei nicht die verletzten Gefühle seiner Mutter und ihren sehr starken
Wunsch, ein besseres Leben zu führen. Um dies zu verwirklichen, lässt sie sich
mit Leuten wie Warren Miller ein, die ihrer Meinung nach - im Gegensatz zu
ihrem Ehemann - etwas im Leben erreicht haben. Sie fühlt sich von Millers
vermeintlicher Stärke und Männlichkeit angezogen und glaubt, in ihrem neuen
Bekannten den Typ Mensch gefunden zu haben, der sie in ihren Ansprüchen
unterstützt und ihr eigenes Selbstwertgefühl stärkt. Deshalb stellt sie Warren
Miller schon sehr bald nach dem Kennenlernen ihrem Sohn vor, ohne zu
bemerken, dass sie Joe damit überfordert. Wie schnell sie sich von
Äußerlichkeiten blenden lässt, beweist, dass auch sie nicht mit beiden Beinen
im Leben“ steht. [“Things do happen around him, though. He has that feel about
him, doesn`t he?” (S. 49)] Die Mutter scheint den existenziellen Sinn des
Lebens nicht erfasst zu haben. Dass ihr Verhalten dem ihres Mannes sehr ähnelt,
ist ihr gar nicht bewußt. Ihr Umfeld schätzt sie zwar realistisch ein, aber sie lebt
in einer Wunschwelt. “as if she was trying to remember something or figure
something out. ‘I feel like I need to wake up.’” (S. 57)
Kommunikationsschwierigkeiten werden erneut ganz deutlich: “I said I
could explain everything, didn`t I?(S.45) “But I don`t feel I have the way to
express it now.” (S. 125) Eine offene Auseinandersetzung gibt es nicht, da
Mutter und Sohn ihre Gedankengänge nicht richtig koordinieren können und sich
geradezu wie Fremde gegenüberstehen. Sie lassen sich zwar von ihren
108
Gefühlen leiten, sind jedoch nicht in der Lage, diese Gefühle auszudrücken. Die
Konsequenz daraus ist eindeutig eine emotionale Entfremdung.
Auffällig ist die von der Mutter betonte Ähnlichkeit zwischen Vater und
Sohn. “He and his dad think alike about most things these days.” (S. 42) Auch
das äußere Erscheinungsbild des Jungen entspricht dem des Vaters, wie die
Mutter in der jetzigen familiären Krisensituation besonders hervorhebt und
wodurch sie sich selbst in die Rolle des Außenseiters drängt. “You look like your
dad.” (S. 95) Vater und Sohn haben offensichtlich eine intensivere Bindung
zueinander, auch wenn dieses Kommunikationsgefüge vom Sohn teilweise als
lückenhaft und unzureichend empfunden wird.
Joe Brinsons allgemeines Desinteresse an der Umwelt drückt sich in
seiner Unwissenheit über persönliche Details ihm nahestehender Personen aus.
Nicht einmal das Geburtsdatum der Eltern ist dem Sechzehnjährigen geläufig;
dieses Unvermögen übersteigt deutlich das normale Maß an jugendlicher
Naivität und bezeugt seine große Gleichgültigkeit. “How old are you, I asked
because I realized I did not know how old she or my father was.” (S. 47)
Trotz der offensichtlichen Ignoranz gegenüber seinem nächsten Umfeld
belasten die Konflikte im partnerschaftlichen Bereich seiner Eltern den
Protagonisten, der die elterliche Beziehung symbolisch als in Flammen stehend
erlebt und sehr unter diesem Zustand leidet. “And the fire was all around me, up
the hill on both sides and in front of me and behind.” (S. 50) Nach außen hin ist
Joe Brinson bemüht, die häuslichen Veränderungen zu ignorieren, indem er nach
Entschuldigungen für das väterliche Verhalten sucht und sich vorstellt, wie die
familiäre Situation und die damit verbundenen Beziehungsstrukturen nach der
Rückkehr des Vaters wieder sein würden. “I thought mostly about my father,
then, and about what he would be like when he came back.” (S. 55)
Die Bindung zu seinem Vater ist so groß, dass Joe trotz seiner
Abwesenheit versucht, die Nähe zumindestens gedanklich aufrecht zu
erhalten.222 In seinem aufgewühlten Gemütszustand hätte er seinen Vater als
222 Das von der Wissenschaft als „Vaterhunger“ bezeichnete Verlangen nach dem Vater lebt in
der Zeit zwischen Pubertät und Eintritt ins Erwachsenenalter auf und geht mit dem Bedürfnis
nach vermehrtem Schutz einher. P. Blos, Vater und Sohn, S. 58.
109
potentiellen Helfer so sehr nötig, der jedoch versagt leider als Mentor. Eine
traumatische Wirkung auf den Protagonisten ist aus seinen Reaktionen nicht
abzuleiten. Seine Emotionen hält er so stark unter Kontrolle, dass der Leser
beinahe geneigt ist, ihn für empfindungslos zu halten.
Dieser Eindruck verstärkt sich beim Anruf des Vaters aus dem
Krisengebiet. Im übertragenen Sinne ist die Verbindung zwischen Vater und
Sohn nicht gut. “The connection began to be not very good.” (S. 60) Die
Situation sowohl im häuslichen Bereich als auch der Kampf gegen das Feuer ist
außer Kontrolle geraten. “We don`t have any control over anything now,.…” (S.
61) Es wurde ein unüberlegtes Ausbrechen aus den gegebenen Verhältnissen
versucht, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, wie es weitergehen soll. Das
Verhalten der Protagonisten wird nigendwo positiv belegt und zeigt keinen
Ansatz zur Problemanalyse. Die charakterliche Unfähigkeit zur Konfliktlösung
transferiert sich auf den Sohn, der ebenso nicht in der Lage ist, sich den
Gegebenheiten zu stellen.
Aus Angst, nicht das Richtige zu sagen, zeigt sich der Sohn als ein
gehemmter Gesprächspartner, der kurze, zögerliche, nur wenig ausführliche
Antworten gibt und mit diesem Verhalten einen konstruktiven Weg aus der Krise
abblockt. Richtige Kommunikation findet erneut nicht statt. “But all I could
think of as I sat there was my father saying, ‘Hello? Hello? Joe, where are you?
And of myself saying, ‘good-bye.’” (S. 63) Unter den gegebenen Umständen und
besonders unter seiner Einsamkeit leidet Joe. Er ist emotional sehr aufgewühlt,
auch wenn er dies nach außen hin zu vertuschen versucht . Die momentane
Situation nimmt ihn innerlich stark mit, denn sonst wäre er in der Lage, mit
seinem Lehrer, der das Thema anschneidet, offen über den Vater und die
häusliche Situation zu sprechen. “But I didn`t because I didn`t want it known and
because it didn`t seem like a normal matter in my life then.” (S. 62) Der Sohn ist
ein Außenseiter und tut nichts aus eigener Kraft, um sich aus seiner Isolation zu
lösen. Generell fehlt der Familie Brinson die Fähigkeit, sich emotional
aufeinander einzustellen und entsprechend eine gefühlvolle Bindung miteinander
einzugehen. Ebenso ist die Möglichkeit, eine angemessene Nähe aufzubauen,
nicht vorhanden und wird zusätzlich durch die gegenseitige
110
Unaufrichtigkeit im Verhalten miteinander sehr negativ belegt. “My mother had
lied to my father, and I had too.” (S. 63) Das von der Mutter propagierte Motto
‘Keep your distance’ (S.69) ist für diese Familie typisch. Distanz und Isolation
müssen als entscheidende Faktoren und Auslöser für den Zerfall der Familie
angesehen werden und belegen die Kälte im Umgang miteinander. Der Sohn
fühlt sich zwar vom Vater im Stich gelassen, gibt ihm aber nicht die Schuld an
der vorhandenen Lage, sondern versucht, scheinbar ohne größere
Schwierigkeiten und ohne tiefere emotionale Blessuren, die Situation zu
meistern. Auch hier tut er so, als ob alles normal weiterlaufe, und demonstriert
seine Fähigkeit, seine Gefühle stark unter Kontrolle zu halten, eigentlich genau
so, wie es ihm seine Eltern vorlebten. “I was alone, and in that brief instant I
missed my father more than I ever missed him again or had before.” (S. 79)
Der Sohn versucht, die Verantwortung zu übernehmen, und ist über seine
fehlgeschlagene Bemühung, die Mutter von ihrem Ehebruch abzuhalten,
innerlich sehr enttäuscht. Der Protagonist hält sich für einen großen Versager,
der vor seinem Vater nicht bestehen kann und die „Prüfung“ nicht bestanden hat.
“I wondered what my father had said about me tonight, if he was mad at me, and
if I`d done something wrong and was trying to act as if I hadn`t.” (S. 100)
Selbstzweifel quälen ihn, denn die Meinung des Vaters bedeutet ihm sehr viel.223
Die innere Sicherheit fehlt ihm, die es ihm ermöglichen würde, auf den Konflikt
angepasst zu reagieren.
Nach dem Weggang der Mutter hält der Sohn zum Vater und versucht, ihm mit
möglichst viel Rücksicht das mütterliche Verhalten nahe zubringen. Die Rollen
scheinen vertauscht, der Sohn präsentiert sich als der Stärkere, der den Vater
emotional schützen muß. Er spürt den väterlichen Wunsch nach der Wahrheit
und ist bemüht, diese möglichst behutsam mitzuteilen. “He wanted me to tell
him the truth.” (S. 139)
223 Am Beispiel von Kafka betont Blos den „Einfluß des Vaters auf ein Selbstgefühl“ des Sohnes.
Blos, S. 100. In abgeschwächter Form gilt dies ebenso für Joe Brinson.
111
Die gefühlsmäßige Bindung zwischen Vater und Sohn scheint gefestigt
nach dem Versuch des Vaters, dem Sohn das elterliche Versagen darzustellen.
Instinktiv fühlt sich der Sohn jetzt bei seinem Vater geborgen: “I was with my
father now, and everything was different.” (S. 144) Der Vater übernimmt nun
wieder die Verantwortung innerhalb seiner ihm zur Verfügung stehenden
Möglichkeiten. All zu intensiv vermag er sowieso nicht in die Gefühlswelt
seiner Mitmenschen einzudringen. Oberflächlichkeit beherrscht sein Denken.
Der Sohn wählt den Weg des geringsten Widerstandes, indem er die väterlichen
Fehler und Schwächen einfach übergeht. Er idealisiert den Vater geradezu,
obwohl dieser im Affekt sogar zum Brandstifter wird und das Haus des
Geliebten seiner Frau anzündet. “I loved him in spite of it all.” (S. 157)
Der Sohn ist ganz und gar auf seinen Vater eingestellt. Beide bilden eine
von der Außenwelt isolierte Einheit. Obwohl diese Isolation pathologischen
Charakter annimmt, empfinden die Beteiligten ihre Einheit als nicht belastend.
Sie leben in ihrer Unfähigkeit zur Konfliktlösung im Konsens. Es scheint, als ob
Vater und Sohn nichts vermissen und sich in ihrem Kokon nicht eingeengt
fühlen. Die Abgrenzung wirkt als emotionales Schutzschild. “In truth, I did not
have a life except for the life at home with my father. But that did not seem
unusual to me then, or even now.” (S. 161)
Der Verlust der Mutter, deren Kontakt zum Sohn sich auf einige wenige
Briefe beschränkt, wird vom Sohn nicht als Belastung empfunden. Sie ist nicht
mehr verfügbar für ihren Sohn, da aber die Beziehung zur Mutter schon immer
eher oberflächlicher Natur war, bemerkt er den Verlust kaum. Lakonisch stellt
der Protagonist fest: “And what there is to learn from almost any human
experience is that your own interests do not usually come first where other
people are concerned - even the people who love you - and that is all right. It can
be lived with.” (S. 160) Durch die von den Eltern vorgelebten emotionalen
Unzulänglichkeiten wurden die Erwartungen des Sohnes stetig enttäuscht. Das
ist mit ein Grund dafür, weshalb Joe Brinson resigniert und seine
Anspruchshaltung ans Leben immer geringer wird. Aus Angst davor, nicht
erneut gefühlsmäßig verletzt und zurückgewiesen zu werden, hält er an seiner
inneren Leere fest, die ihm als eine Art Schutzschild dient. Am Ende ist der
112
Protagonist zwar nicht mehr der naive, unschuldige Junge, doch seine Lektion
hat er dennoch nicht gelernt, und er wird kein Bewusstsein entwickeln, sich
geistig zu öffnen. Durch die schlechte Kommunikation und das Unverständnis
innerhalb der Familie bleiben seine Fragen ans Leben bis zum Schluß
unbeantwortet. Die väterliche Botschaft hat sich in seinem Bewußtsein
manifestiert, denn der Sohn hat das Fehlen einer weitreichenden emotionalen
Zugänglichkeit als Eigenschaft vom Vater übernommen. Sein distanziertes
Schweigen und sein vorhandenes Desinteresse beweisen seine emotionale
Armut. “Though God knows there is still much to it that I myself, their only son,
cannot fully claim to understand.” (S. 162) Ein Individuationsprozeß mit
Elementen der Selbstfindung sowohl im zwischenmenschlichen als auch im
gesellschaftlichen Bereich hat - wenn überhaupt - allenfalls ansatzweise statt-
gefunden.
113
7.3 The Sportswriter
Der jugendliche Joe Brinson aus Wildlife und der Journalist Frank Bascombe
mittleren Alters aus The Sportswriter ähneln sich in ihrem Gemütszustand der
zurückgezogenen Schwermütigkeit. Beide Protagonisten erleben
zukunftsweisende Schicksalsschläge, die sie aus ihrem langweiligen und
ereignislosen Alltagsgeschehen in eine Art Verwirrtheit katapultieren. Der
Versuch, aus der Unordnung in ihrem Leben einen Sinn zu ziehen, scheitert an
ihrem Unvermögen, Positives aus den Geschehnissen zu gewinnen und so ihrem
Leben eine entsprechende Gewichtung und Richtung zu geben. Sie halten an
ihren destruktiven Verhaltensformen fest, anstatt kontrolliert ihr Leben zu
meistern. Sie ergeben sich ihrem Schicksal, lassen sich treiben, nach dem Motto
“...that things sometimes happen for the best.” (S. 29)224 Dieses Motto hat Frank
Bascombe von seinen Eltern übernommen. “Something will happen. At least we
have that to look forward to.” (S. 347) Hilflosigkeit und depressive
Kraftlosigkeit beeinflussen die Situation negativ. Frank Bascombe entspricht in
seinem Wesen den für Ford typischen Protagonisten der “lost boys,”225 die die
ans eigene Leben gestellten Fragen unbeantwortet lassen und ihr von
Zurückweisung geprägtes Leben als feste Komponente schicksalhaft erdulden.
In The Sportswriter charakterisiert Richard Ford seine Protagonisten
durch Frank Bascombe mit Attributen wie “hard, emptiness, silence” (S. 46) und
“All my men were too serious, too brooding and humorless, characters at
loggerheads with imponderable dilemmas, and much less interesting than female
characters, who were always of secondary importance but free-spirited and
sharp-witted.” (S. 46) Die starke Betonung der Negativseiten der dargestellten
männlichen Charaktere lässt die Frauenfiguren auf den ersten Blick
aktionsorientierter und charakterlich stärker erscheinen. Ihre ausgereiftere
224 Die in Klammern eingefügten Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe Richard Ford,
The Sportswriter (New York: Vintage Contemporaries, 1995).
225 Rhoda Koenig; “Mixed Message”, New York, 23; 22 (June 4, 1990), 78-79.
114
Identität befähigt sie offensichtlich, ein besseres Verhältnis mit ihrem direkten
Umfeld einzugehen.
Wenn Ford versuchte, abweichend von den Protagonisten seiner anderen
Werke in Frank Bascombe eine Gestalt mit positiveren Attributen und
Eigenschaften zu kreieren, so ist ihm dies kaum gelungen, denn auch Frank
Bascombe führt ein emotional verarmtes Dasein, trotz seiner Versicherung , mit
seinem Leben zufrieden zu sein: “My life over these twelve years has not been
and isn`t now a bad one at all.” (S. 3/4) Sein aufgesetzter Optimismus kann
nicht darüber hinwegtäuschen, dass er mit seiner Umgebung nicht zurecht
kommt. “I`m willing to say yes to as much as I can,....” (S. 52)226 Zudem zeugt
sein Unvermögen, enge Beziehungen einzugehen und vor allem auch zu halten,
davon, dass er große Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich hat. Er
wirkt vereinsamt, stellenweise zeigt sich unter seiner aufgesetzten Ruhe die
Sehnsucht nach einem Entkommen aus seiner Isolation.
Der durch den minimalistischen Stil entstehende Informationsmangel
wirkt beunruhigend, manche Reaktionen sind entsprechend schwer
nachvollziehbar und drängen den Leser in die Rolle des Beobachters. Das offene
Ende unterstützt die Unsicherheit in der Interpretation. Symbolisch entspricht die
unausgeglichene Art der Protagonisten ihrer Unsicherheit bei dem
Identifizierungsprozess. Da sich eine Identität überwiegend aus dem Miteinander
zu anderen und aus dem eigenen Selbstverständniss entwickelt, werden die
Schwierigkeiten des Protagonisten deutlich. Er ist für seine Umwelt nicht leicht
begreifbar, und seine Reaktionen sind schwer nachvollziehbar.
Frank Bascombe als erzählendes Ich präsentiert sich als ein genügsames,
an sich selbst zweifelndes Individuum aus der Mittelklasse der Gesellschaft, das
versucht, mit den zahlreichen Schicksalsschlägen wie dem Tod des
erstgeborenen Sohnes durch eine nicht heilbare Krankheit, seiner Scheidung und
dem Selbstmord eines Bekannten ohne größere Verzweiflung fertig zu werden.
226 Bruce Weber; “Richard Ford`s Uncommon Characters”, New York Times Magazine (April
10, 1981), 50-65, 65. Die Motivation für das Schreiben von The Sportwriter kam von Ehefrau
Kristina: “It was Kristina who suggested that he write a book about a happy man.” Dies ist dem
Autor nicht gelungen, da der Protagonist kaum als glücklich erkannt werden kann.
115
Trotz seiner überraschenden Fähigkeit, sein soziales Umfeld kritisch und
treffend zu skizzieren, fällt besonders sein Unvermögen auf, mit seiner engsten
Umwelt eine intensivere, nicht nur oberflächliche Beziehung einzugehen. Sein
wenig einfühlsamer Charakter wirkt verletzend auf seine ihm näherstehenden
Mitmenschen, die sich deshalb nach und nach von ihm entfernen. Gravierend
fällt dies in seinem Verhalten gegenüber seinen Kindern und Frauen auf. Seine
eigene Orientierungslosigkeit vermittelt ihnen keine Sicherheit.
Durch seine offensichtliche Selbstbezogenheit und Introvertiertheit erhält
die Bedeutung der Isolation des Protagonisten Nachdruck. Es scheint, als fehle
ihm der Wille zum Verständnis und nicht die Fähigkeit der Einfühlsamkeit als
solche. Sein von ihm gewählter Beruf als Sportswriter unterstreicht die
Oberflächlichkeit seines Daseins, denn der Sport bietet keine tiefere Erkenntnis
und fordert keine kritische und intensivere Auseinandersetzung von Seiten des
Protagonisten. Der “Sportswriter” beobachtet und kommentiert in erster Linie,
ist aber niemals richtig ins „Spiel“ involviert.227
Frank Bascombes Charakterfehler, vor Auseinandersetzungen einerlei
über welche Themen, die ihn persönlich stark involvieren, zu fliehen, zeigt sich
schon gleich im ersten Kapitel und setzt sich bis zum Ende der Erzählung fort.
Sobald ein Konflikt Gestalt annimmt, ist er bemüht, sich vor der Verantwortung
zu drücken, und versucht, sich zurückzuziehen. Er sagt:
And since then I have worked at nothing but that job [sportswriter], with
the exception of vacations, and one three-month period after my son died
when I considered a new life and took a job as an instructor in a small
private school in western Massachusetts where I ended up not liking
things, and couldn`t wait to leave and get back here to New Jersey and
writing sports. (S. 3)
Anstatt sich mit dem Tod des Sohnes intensiv auseinanderzusetzen,
weicht er der emotionalen Verarbeitung der Trauer innerhalb der Familie aus,
indem er einen Ortswechsel vornimmt. Mit dem Neuanfang glaubt er, eine
vermeintliche Lösung der Trauersituation und des Konfliktes zu erreichen.
Typisch für Frank Bascombe ist das fehlende Bewußtsein für eine
227 Vergl. Huey Guagliardo, Perspectives on Richard Ford (Jackson: University Press of
Mississippi, 2000), S. 17: “In Ford’s novel, sportswriting is used to represent yet another type of
peripheral existence.”
116
Problembewältigung, und er ist nicht in der Lage, sich Auseinandersetzungen zu
stellen. Seine Konfrontationsunfähigkeit wiederum ergibt sich aus einem Mangel
an Kommunikationsfähigkeit, besonders deutlich am Beispiel der Ehepartner,
denen die Gabe des vertrauensvollen Mitteilens fehlt und die sich trennen
werden.228 Sie haben keine Ebene gefunden, um ein gewisses Maß an
Verständnis für die jeweiligen Bedürfnisse und Probleme des Partners
aufzubringen. Ein Bewußtsein zum gemeinsamen Lösen von Konflikten ist nicht
vorhanden, und somit konnten sie auch ihre Beziehung nicht vertiefen.
Es gelingt dem Protagonisten nicht, seine Emotionen freizusetzen, und
da er seine Gefühle unterdrückt, bewirkt er unbewußt ein destruktives Verhalten,
das ihn letztendlich zum Einzelgängerdasein zwingt. Als ein gefühlsbestimmtes
Individuum kann er keineswegs gelten. Genauso typisch ist es für ihn, seine
Scheidung sehr emotionslos, fast unbeteiligt zu betrachten. Von seiner Frau
spricht er nur als “X”, und an das gemeinsame Leben erinnert er sich äußerst
neutral: “What was our life like? I almost don`t remember now. Though I
remember it, the space of time it occupied.” (S. 9) Wie es scheint, hat er aus
seiner kognitiven Landkarte die Erinnerung an die Beziehung fast gelöscht.
Das Familienleben der Bascombes entspricht vor der Scheidung der
typisch traditionellen Rollenaufteilung: der Ehemann verdient den Unterhalt, und
die Ehefrau kümmert sich um den Haushalt und die gemeinsamen Kinder. Der
äußere Schein wird gewahrt und zeigt das Paar in ihren sozialen Rollen als
scheinbar zufriedene Ehepartner. Jedoch gibt ihm sein Gefühl wohl recht in der
Annahme, dass seine Frau ihm unterschwellig vorwirft, seine
erfolgversprechendere schriftstellerische Laufbahn zugunsten des
Sportjournalismus aufgegeben zu haben.229 “X seemed to take the best possible
228 John Lee beschreibt die Kommunikationsunfähigkeit zwischen Partnern als eine symbolische
„Mauer“, die niedergerissen werden muß, bevor eine emotional tiefe Bindung eingegangen
werden kann. Bei Nichtgelingen erfolgt seiner Meinung nach unweigerlich eine Trennung. S. 81-
83.
229 Ford arbeitete ebenfalls für ein Sportmagazin nach der Fertigstellung von A Piece of My
Heart. Vergl. Bruce Weber, “Richard Ford`s Uncommon Characters”, S. 50-65, S. 65, The New
York Times Magazine (April 10, 1988). In The Sportswriter stellt der Autor dem Genre des
Journalismus das “real writinggegenüber. “Real writing, after all, is something much more
complicated and enigmatic than anything usually having to do with sports, though that`s not to
say a word against sportswriting,....” S. 42.
117
attitude to my being a sportswriter. She thought it was fine, or at least she did
and seemed happy.” (S. 9)
Das “normal applauseless life” (S. 10) der Bascombes ist geprägt von
Kommunikationslosigkeit. Die Ehepartner leben jeder für sich in einer eigenen
Welt, ohne sich auch nur annähernd aufrichtig miteinander auseinanderzusetzen.
Dem Gefühl der Isolation weicht Frank Bascombe aus, indem er sich in eine Art
Traumwelt flüchtet und durch seine Ignoranz seine Ehe aufs Spiel setzt. “I know
that you can dream your way through an otherwise fine life, and never wake up,
which is what I almost did.” (S. 10) Durch sein in sich gekehrtes, ich-bezogenes
Verhalten kommt es denn letztendlich zur Scheidung. Zu spät stellt der
Protagonist fest, dass er doch starke Gefühle für seine Frau hegt und sich
eigentlich nicht hätte scheiden lassen sollen. “How could I have ever loved her
and let her go.” (S. 11) Aber die Möglichkeit, ein klärendes Gespräch zu führen
und damit die Rettung der Ehe herbeizuführen, wurde von Frank Bascombe erst
gar nicht in Erwägung gezogen. Die “apparently intimate, truth-telling
conversations, [...] that a marriage can really be good for(S. 13), haben zu
selten stattgefunden und bieten nun - nach der Trennung erst recht keine Basis
für eine erneute intensivere Auseinandersetzung zwischen den Betroffenen.
Die regelmäßigen Treffen am Grab des ältesten Sohnes mit der Intention
der Erinnerung an das vergangene gemeinsame Leben sind geprägt von
symbolischer Kälte und offenkundiger Unsicherheit im Umgang miteinander,
resultierend aus der bisher emotional nicht verarbeiteten Situation. “X leans
herself against the curved marble monument of a man named Craig at a safe
distance from me and presses her lips inward. Up to this moment I have not
noticed the cold. But now that she said it, I feel it in my bones and wish I`d worn
a sweater.” (S. 11) Im Prozess der Konfliktbewältigung stehen sie jeder für sich
allein, und in ihrer Inkompetenz zeigt sich deutlich die emotionale Einsamkeit
der beiden.
Die Körpersprache spiegelt den Abstand zueinander allzu deutlich, auch
das Gesagte entspricht nicht den wirklichen Gefühlen. Frank Bascombe
verschließt sich selbst vor seinen engsten Vertrauten, da er fürchtet, verletzt zu
werden, wenn er sich zu sehr offenbart: “and that by and large you don`t have
118
any business knowing what other people think. Full disclosure never does
anybody any favors.” (S. 77) Eine emotionale Entlastung durch eine
entsprechende Verarbeitung des Konfliktmaterials findet nicht statt.
Der Versuch, der Kinder wegen eine “modern, divided family” (S. 12) zu
bleiben, verlangt beiden Expartnern viel ab und gelingt wegen der bisher
unverarbeiteten Gefühle zueinander auch nur bedingt. Frank Bascombe
beobachtet seine Familie heimlich, obwohl die Eltern sich ausdrücklich darüber
geeinigt hatten, dass der Vater seine Kinder jederzeit ohne Probleme treffen
könne. “X and I agree in priciple that I shouldn’t sneak my visits, but this was
not that way (S. 12). Diese unnötige Heimlichkeit der einseitigen Kontakt-
aufnahme spiegelt erneut die distanzvolle Beziehungsebene wider, in der dem
Protagonisten eine Fähigkeit zur Nähe abhanden gekommen ist. Ohne ein
gewisses Maß an Nähe ist eine Beziehung beeinflusst durch die Unsicherheit und
Angst im Umgang miteinander.
Der Kontakt zu seinen Kindern scheint ebenso oberflächlich wie alle
anderen vom Protagonisten eingegangenen Beziehungen.230 Inwieweit der Vater
als nichtsorgeberechtigter Elternteil im Umgang mit seinem Sohn eine stabile
Beziehung aufbauen und damit eine entsprechende Hilfestellung leisten kann,
wird sich im weiteren Verlauf hinsichtlich der Entwicklung Pauls zeigen, da der
Mangel an Väterlichkeit die emotionale Sinnesentwicklung beeinflußt.
Das nächtlich heimliche Gespräch mit seinem Sohn Paul hat zwar den Vater
gestärkt (“..., all of which caused me to go away feeling better” [S. 12]), doch es
zeigt einen verunsicherten Sohn, der den Tod des Bruders noch nicht verwunden
hat und auf der Suche nach Wegen ist, mit seinem toten Bruder Kontakt
aufzunehmen. In diesem kindlich naiven Verhalten zeigen sich Parallelen zum
Vater, der sich ebenfalls aus der Realität in eine Art Traumwelt flüchtet. “X
smiles at the idea of Paul, who is as dreamy in his own way as I ever was.” (S.
20) Frank Bascombe ist sich allerdings bewußt, dass dieses Verhalten nicht zur
Problembewältigung beiträgt. Wenn er feststellt, “Face the earth where you can”
230 Fthenakis betont die Wichtigkeit der Aufrechterhaltung der Beziehung zu beiden Elternteilen,
um das Kind nach der Trennung in einem möglichst stabilen Lebensgefühl aufwachsen zu lassen.
Bd. II, S. 74.
119
(S. 53), so hält er selbst sich jedoch nicht an dieses Motto, denn er steht nicht mit
„beiden Beinen“ auf dem Boden der Tatsachen.
Um sich nicht mit der Jetzt-Situation auseinandersetzen zu müssen, hält
er intensiv an seinem alten“ Leben vor der Scheidung fest. Dabei fungieren die
Kinder für ihn als entschuldigender Faktor, da er ihnen das gewohnte soziale
Umfeld so weit wie möglich erhalten möchte. “I might`ve done the same if it
hadn`t been for Paul and Clarissa, and if I hadn`t believed I wasn`t so much
starting a new life as raising the ante on an old one.” (S. 57) Emotional ist er
weit entfernt von einem individuellen Neuanfang, der es ihm ermöglichen
würde, neue Kontakte zu knüpfen und folglich einen praktikablen Weg aus
seinem stets latent existierenden Selbstmitleid heraus zu finden und sich der
Herausforderung zu stellen, seinen Kindern als ein offener und aufrichtiger Vater
gegenüber zu treten.
Oberflächliche Ersatzhandlungen dienen als eine Art Selbstschutz,
entsprechen jedoch kaum einer möglichen Lösungsvariante. Mit der Feststellung,
“Public places always work this curative on me” (S. 66), verleugnet Frank
Bascombe seine Fähigkeit der Selbstauseinandersetzung und zur seelischen
Aufarbeitung seiner Identität. Er beschreitet den Weg des geringsten
Widerstandes und weicht der eigenen emotionalen Verarbeitung aus.231
Die zweifelhaften Weissagungen einer Wahrsagerin dienen ihm als
Möglichkeit, seine eigene Gedankenarbeit zu unterlassen und die falschen,
orakelhaften Lebensweisheiten anzunehmen. Die Wahrsagerin bietet eine
vermeintliche Freundschaft und hat die Funktion des “stranger who takes your
life seriously, the personage we all go into each day in hopes of meeting, the
friend to the great mass of us, not at odds with much, ...” (S. 100). Die anonym
erkaufte Beziehung zur Wahrsagerin entspricht exakt der Art des Umgangs des
Protagonisten mit seinen Mitmenschen. Er ist immer auf entsprechenden
Abstand bedacht, lässt aus Angst keinen zu nahe kommen, offenbart sich
niemandem und hütet sich somit vor emotionaler Verletzung. Die daraus
231 Im nicht stattgefundenen Selbstfindungsprozess liegt laut Lee die Ursache für die Unfähigkeit
vieler Männer, ihre Gefühle zu offenbaren und damit die emotionale Barriere gegenüber ihrem
näheren Umfeld abzubauen. Lee, S. 18/19.
120
resultierende Nichtzugehörigkeit wird von ihm nicht so empfunden, sondern als
unvermeidliche Konsequenz dieses Verhaltens toleriert.
Von den orakelhaften Äußerungen der Wahrsagerin erhofft sich der
Protagonist Antworten auf seine schicksalhaften Fragen, die ebenfalls seine
Kinder betreffen. “Will Paul and Clarissa be safe from harm this week?” (S. 100)
Die Wahrsagerin hat die Funktion eines Psychiaters übernommen, der Frank
Bascombes Psyche indirekt positiv aufbauend ermutigt, ohne dass dieser sich
dessen bewußt wird. Außerdem dienen ihre Aussagen zur Beruhigung seines
Gewissens.
Der Glaube an eine schicksalhafte Hoffnung hält Frank Bascombe
aufrecht. “A life can simply change the way a day changes sunny to rain, like a
song says. But it also can change again.” (S. 107) Dies zeigt die Naivität des
Protagonisten, der viele offensichtliche Zusammenhänge nicht erfaßt und sich
ohne den Versuch einer aktiven Richtungsbestimmung damit zufrieden gibt, in
welche Richtung ihn das Schicksal auch immer treibt. Diese Lebenseinstellung
spiegelt sich auch im Umgang mit seinen Kindern wider. Er versucht zwar, ihnen
unter den gegebenen Umständen so ungezwungen wie möglich zu begegnen,
versagt aber oft durch sein Unvermögen, sich emotional auf sein Gegenüber
einzustellen. “We are, all four of us in this, a solid and divided family, doing our
level bests to see our duty clearly.” (S. 105) Der Ausdruck “solid and divided
familybeinhaltet einen Widerspruch per se und demonstriert deutlich die innere
Zerrissenheit des Vaters.
Das Verhältnis zueinander wirkt unaufrichtig, da über wahre Gefühle
nicht gesprochen wird. Die Familie ist in der Tat divided (S. 105), da jedes
Mitglied in seine eigene Gedankenwelt vertieft ist, sich nicht zu offenbaren weiß
und folglich unter einer Art Isolation leidet. Frank Bascombe bekräftigt diese
Beobachtung, indem er seine Kinder voller Stolz als Einzelkämpfer darstellt.
“They both carry on like soldiers.” (S. 108) Unter den gegebenen Umständen
haben sich die Kinder ein symbolisches Schutzschild zugelegt, welches ihre
121
inneren Konflikte verdecken soll.232 Eine Entfremdung ist unweigerlich die
Folge. Der Betonung der vermeintlichen Stärke wird eine besondere Bedeutung
beigemessen, da dadurch die Falscheinschätzung des Protagonisten deutlich
wird, und es zeigt, wie wenig er sich mit der Psyche seiner Kinder
auseinandergesetzt hat.
Trotz allen Bemühens um ein gutes, entspanntes Verhältnis zu seinen
Kindern spürt der Protagonist das Gefühl der Ausgeschlossenheit und der
Fremdheit. “Paul walked across the street in his little boy`s ungainly gait but
with a gainly smile, a smile he`d give, I know, to a total stranger.” (S. 108) Als
„Fremder“ ist der Vater vorsichtig bemüht, nicht zu intensiv in die Privatsphäre
seines Sohnes einzudringen. Seine väterliche Unsicherheit und sein Mangel an
Sensibilität kommen deutlich zum Vorschein, wenn er seinen Sohn um ein
positives Feedback in Bezug auf seine Qualität als Vater bittet. Die Antwort des
zehnjährigen Jungen ist erschreckend ehrlich: “Your part wasn`t too long. But it
was good.” (S. 110) Der Sohn schätzt das Geschehen realistisch ein, kann es aber
gefühlsmäßig nicht entsprechend verarbeiten, da er von seinem Vater in keiner
Weise geleitet wird.
Unbewußt sieht der Sohn den Vater nach der Scheidung nicht mehr als
sein männliches Vorbild, sondern klammert ihn aus seinem täglichen Leben aus.
Für die Individuation und Entwicklung des Sohnes fällt Frank Bascombe als
entscheidend beeinflussender Faktor offensichtlich aus, da er keinen ent-
sprechenden Zugang zu seinem Sohn findet.233 Werte wie Liebe, Verständnis
und Mitgefühl, die entscheidende Komponenten einer Vaterschaft sind, kann der
Protagonist nicht vermitteln, da er selbst unter großen Schwierigkeiten in der
zwischenmenschlichen Kommunikation leidet und deshalb nicht als hilfreiche
Identifikationsfigur gelten kann. Eine Bereitschaft in Bezug auf die Sensibilität
für die Bedürfnisse seines Sohnes kommt ihm gar nicht in den Sinn.
232 Der Wissenschaft ist das Phänomen des Schutzschildes bei Kindern gegenüber intellektueller
oder psychischer Belastung bekannt. Lee, S. 72, spricht von einem „Panzer gegen Gefühle und
Emotionen.“.
233 Die von Kerkhoff als „väterliche Demonstrationsfunktion“ bezeichnete Position des Vaters
beim Erlernen der sozialen Interaktion ist von Wichtigkeit für die Entwicklung des Kindes. S. 44.
122
Die Vater-Sohn-Beziehung bleibt oberflächlicher Natur. In der Funktion
des Randvaters kann der Vater die Distanz auch durch den Versuch eines
kameradschaftlichen Miteinanders nicht entscheidend abbauen, um dadurch eine
Verbesserung im Verhältnis zu erreichen. Eine gegenseitige Akzeptanz scheint
vorhanden, jedoch ohne das Gefühl einer tiefen, intensiven Zuneigung.
Da Frank Bascombe sich seiner eigenen Identität nicht sicher ist, kann er
entscheidende Werte in der menschlichen Beziehung leider auch nicht an seinen
Sohn vermitteln. “In a way, I suppose you could say all of us were and are lost,
and know it, and we simply try to settle into our lost-ness as comfortably and
with as much good manners and little curiosity as we can.” (S. 80) Auf Grund
seiner gestörten psychosozialen Identität entwickeln sich Beziehungen zu seinen
Mitmenschen augenscheinlich in einer anonymen, abweisenden Haltung. Die
Möglichkeit, im rechten Moment das rechte Wort zu finden, um dadurch seine
Kontakte zu anderen zu formen und zu festigen, wird maßgeblich durch seine oft
verständnislose Verschlossenheit erschwert. Er gibt sich nicht die geringste
Mühe, sich mit seinem Gegenüber näher auseinanderzusetzen, um ein Verstehen
zu ermöglichen. “I simply found out that you couldn`t know another person`s
life, and might as well not even try.” (S. 229) Der Protagonist wählt den für sich
einfachsten Weg, und sein offensichtliches Desinteresse wirkt auf seine
Mitmenschen oft verletzend. “One of my problems is that I am not a
problemsolver.” (S. 300) Das nähere soziale Umfeld kann nicht erkennen, dass
seine abweisende Haltung als Selbstschutz vor einem eventuellen Schmerz nach
einer Offenbarung dient. Die Furcht vor einer emotionalen Verletzung hat sich
beim Protagonisten manifestiert, und als Folge zeigt er sich unzugänglich.
Die von der Sozialwissenschaft aufgestellte These, dass die väterliche
Beziehungsqualität abhängig ist von der Auseinandersetzung mit der eigenen
Kindheit, dabei insbesondere mit der individuellen Beziehung zum Vater,
bestätigt sich auch bei Frank Bascombe, der sich mit seiner familiären
123
Vergangenheit in keinster Weise auseinandergesetzt hat.234 Die Aussöhnung mit
dem eigenen Vater gilt als Voraussetzung für die Entstehung einer
befriedigenden Beziehung zum Sohn. Eine innere Bereitschaft dafür zeigt der
Protagonist nicht.
Nach dem frühen Tod des Vaters - der Protagonist ist zu dem Zeitpunkt
vierzehn Jahre alt - erlebt Frank Bascombe „Familienleben“ nur in den
Schulferien, da er von der Mutter auf eine Militärschule geschickt wird. Auf
dieser Schule kann er weder enge Freundschaften schließen, noch findet er einen
Mentor, der ihm ein emotionales Leitbild geben könnte.235 Es verwundert nicht,
dass sein Gefühlsleben dadurch verkümmert. Die Persönlichkeitsstruktur des
Protagonisten mit seinen emotionalen Defiziten verhindert eine Annäherung an
seinen eigenen Sohn als beziehungsfähiger Vater, da er ein konfliktreiches Bild
zu seinem Vater verinnerlicht hat. Die Vater-Sohn-Interaktion ist geprägt von
einer Art Wertlosigkeit, die eine verbindliche Kontaktaufnahme mit dem Ziel
nach Anerkennung und Nähe untergräbt. Die Oberflächlichkeit des Miteinanders
fördert das Gefühl von Einsamkeit und Unzulänglichkeit.
Die Fähigkeit zu einer emotionalen Bindung mit entsprechender
einfühlsamer Kommunikation fehlt Frank Bascombe völlig, da bereits der
Erziehungsstil seiner Eltern unbewußt ablehnende, distanzierte Verhaltensmuster
aufweist. “‘You don`t need to know that’ was something I was told all the time. I
have no idea what they had in mind by not telling me. Probably nothing. Possibly
they thought I would come to truths (and facts) on my own;...” (S. 205) Das
Aufsichselbstgestelltsein des Sohnes und die fehlende Anleitung sind prägende
Schlüsselerlebnisse, die für seine individuelle Entwicklung negative Folgen
hinsichtlich seiner gefühlsmäßigen Sicherheit beinhalten. Diese internalisierten
Beziehungsmuster wirken sich auf alle weiteren Beziehungen aus. Die
Erfahrungen in der Kindheit mit den daraus
234 Vergl. Herman Lang, Das Konzept der strukturalen Triade, S. 113. Ebns. W. Wieck, Der
Autor schildert „die notwendige Arbeit an der eigenen Person,“ die für eine einfühlsame,
ausgeglichene Eltern-Kind-Beziehung entscheidend ist. S. 182.
235 Vergl. F. Pittmann, Warum Söhne ihre Väter brauchen: „Wenn das Verhältnis von Vater und
Sohn gestört ist, sind alle weiteren Entwicklungsstufen vorbelastet.“ S. 178. Ebns. W. Wieck:
„Ein empfindsamer, einfühlsamer und in emotionalen Belangen geschulter Vater würde seinem
Sohn Lebensmut und Sozialkontakt vermitteln können.“ S. 92.
124
resultierenden späteren Verhaltensmustern sind der Vaterforschung unter dem
Begriff „erklärende Variable“ bekannt.236
Die Entfaltung von wechselseitigen Gefühlen entfällt, und es kommt eher
zu einem defensiven Nebeneinanderherleben. Seine Lebensphilosophie projiziert
sich von seinem Berufsbild und seiner individuellen Art der Berufsausübung auf
seinen privaten Bereich. “Though in the end, this is all I ask for: to participate
briefly in the lives of others at a low level; to speak in a plain, truth-telling voice;
to not take myself too seriously; and then to have done with it.” (S. 209) Der
Protagonist verhält sich unnahbar, distanziert sich von vielem, offenbart sich
keinem und versucht so zu vermeiden, dass man seinen Charakter näher
kennenlernt. Im Umgang mit seinen Mitmenschen zeigt er eine sehr
oberflächliche Art und verdeckt hiermit seine starke Verletzlichkeit. Ihm fehlt
die innere Sicherheit, sich Konfliktsituationen jeglicher Art zu stellen. Unter
dieser selbstverschuldeten Isolation und Einsamkeit leidet er unbewusst, und
dadurch wird seine latent depressive Stimmung verursacht. Er sucht Zuflucht in
der Verbindung zu Vickie Arcenault, die jedoch seinem Bedürfnis nach Nähe
und Anerkennung auch nicht gerecht wird.237
Die Beziehung zu einer Praktikantin am Ende des Buches geht er aus
derselben Motivation ein. Auch dieses Verhältnis ist von vornherein zum
Scheitern verurteilt. Seine völlige Unfähigkeit, eine wirklich partnerschaftliche
Beziehung einzugehen, verstärkt sein Gefühl von Isolation und
Orientierungsmöglichkeit und kennzeichnet ihn als ein bindungsunfähiges
Individuum, das seinen Platz in der Gesellschaft nicht recht finden kann. Der
Protagonist resümiert: “Some people were not made to have best friends, and I
might be one.” (S. 215) Eine Selbstverschuldung erkennt er nicht. Die
emotionale Stille um ihn herum nimmt er bedingungslos an und sucht nicht nach
verbindlichen Kontakten zu seinen Mitmenschen. “I`ve always thought of myself
as a type of human weak link, working against odds and fate, and I`m not about
to give up on myself.” (S. 254) Seine ironische Selbstanalyse klingt nicht
236 Vergl. Markefka, Nauck, Handbuch der Kindheitsforschung, S. 67.
237 Vergl. F. Pittmann: „Männer, die keine enge Freundschaft finden können, laden oft ihr ganzes
Bedürfnis nach menschlichem Kontakt auf die Frau oder Freundin ab.“ S. 225.
125
überzeugend und erweckt beim Leser geradezu Mitleid. Der Protagonist hat aus
seinen bisherigen Lebenserfahrungen keine notwendigen Konsequenzen und
Rückschlüsse gezogen.
Erst durch den Selbstmord seines sogenannten Freundes auch in dieser
Beziehung fehlt das notwendige Element der emotionalen Nähe beginnt der
Protagonist mit der Trauerverarbeitung seines eigenen Schmerzes. Die
Erinnerungen an den Tod seines Sohnes sind ganz präsent. “He is, after all, part
of my permanent public record. His lost life serves to further explain and
punctuate mine.” (S. 267) Da er einer direkten Auseinandersetzung mit dem Tod
seines Sohnes bis dato ausgewichen ist, kann er nun durch die Verarbeitung auf
eine emotionale Entlastung hoffen, um sich dann zu einer konstruktiven
Beziehung gegenüber seinen noch lebenden Kindern zu öffnen. Wenn es ihm
endlich gelänge, sein eigenes Verhalten zu ergründen, dann wäre das vielleicht
ein Weg, sein persönliches Verhalten und Handeln zu verstehen und somit auch
intensivere Kontakte zu Mitmenschen einzugehen und vor allem auch aufrecht
zu erhalten. Doch die bisherigen Verhaltensmuster wie mangelnde
Konfliktfähigkeit und oberflächliche Kommunikation dominieren die
Persönlichkeit des Frank Bascombe. Eine vernünftige und dringend erforderliche
Aufarbeitung findet nicht statt. Er löst den Konflikt, indem er im wahrsten Sinne
des Wortes auf Distanz geht und einen Ortswechsel vornimmt.
Vater und Kinder können sich nicht näher kommen, da beide Seiten es
nicht schaffen, ihre extreme Verschlossenheit aufzugeben und eine normale
Gefühlsbeziehung aufzubauen. “He [Sohn Paul] and I suffer misunderstanding
poorly.” (S. 325) Der Vater weicht jeder Verantwortung aus, und seine Botschaft
bleibt abstrakt. Als unausweichliche Folge vergrößert sich die Entfremdung
zwischen Vater und Sohn stetig. Die örtliche Veränderung durch den langen
Aufenthalt in Florida verhindert selbstverständlich absolut ein eventuelles
Näherkommen: “People in Florida, I`ve discovered, are here to get away from
things, ....” (S. 367) Er reiht sich selbst in die Menge der „Flüchtenden“ ein, die
keinerlei innere Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ego
erkennen lassen und damit der Konfliktbereinigung ausweichen. Folglich steht
126
er seinen Kindern als beobachtender Außenseiter in der Funktion eines
Randvaters gegenüber.
Als Vater entwickelt der Protagonist wenig positive Eigenschaften und
wird kaum als geeignete Person zur Reifung eines männlichen Vorbilds bei
seinem heranwachsenden Sohn anerkannt werden. Die indirekte Vater-Sohn-
Beziehung lässt Elemente der emotionalen Vernachlässigung deutlich werden,
denn der Vater steht dem Sohn keineswegs unterstützend oder helfend zur Seite.
Die negativen Aspekte einer solchen Vaterrolle werden in den verschiedensten
Beziehungslehren in Bezug auf die Entwicklung des Jugendlichen immer wieder
hervorgehoben.238 Der Protagonist entspricht durch sein Verhalten genau dem
unfähigen Vater, der in seiner Rolle versagt und dem Sohn auf dem Weg zur
Selbstfindung keine geeignete Unterstützung bietet. Die Beziehungsstruktur der
Protagonisten bestätigt die These, dass ein Vater auf die emotionale Entwicklung
des Sohnes maßgeblichen Einfluß hat und dass der Sohn durch ein solches
väterliches Unvermögen seelischen Schaden davonträgt.
238 Vergl. G. Vogt, S. Sirridge, Söhne ohne Väter (Frankfurt/ Main: Fischer Taschenbuch Verlag,
1995), S.153ff.
127
7.4 Independence Day
Die Fortsetzung von The Sportswriter in Independence Day beginnt mit den
folgenden Zeilen, die das konservative Haddam als einen idyllischen Ort
schildern: “In Haddam, summer floats over tree-softened streets like a sweet
lotion balm from a careless, langorous god, and the world falls in tune with its
own mysterious anthems. Shaded lawns lie still and damp in the early a.m.” (S.
3)239 Dieses friedvolle, fast verträumte Bild verspricht ein positives Miteinander
der in Haddam ansässigen Menschen und lässt vermuten, dass der Autor eine
Gesellschaftsstruktur mit bejahenden, charakterlich gestärkten Protagonisten
aufzeigen möchte. Aber ein unaufgeklärter Mord, das fragwürdige Verhalten
einiger Bewohner und diverse andere Delikte stören diese trügerische
Kleinstadtidylle empfindlich. Die am Anfang vorsichtig positiv modulierte
Stimmung erweckt beim Leser zuerst den Eindruck, ein geläuterter Frank
Bascombe sei mit seinem bisherigen, im Privatbereich eher unerfreulich
verlaufenen Leben ins Reine gekommen und habe nun seinen Platz in der
Gesellschaft gefunden. Doch schon bald wird die nach wie vor bestehende
latente Sehnsucht nach der gesellschaftlichen Zugehörigkeit offensichtlich.
Einsamkeit ist wie bisher ein festes Element im Leben des Protagonisten, der
sich nach wie vor selbst ihm nahestehenden Personen nicht ausreichend
offenbaren kann, geschweige denn einfühlsame Verbindungen zum näheren
Umfeld aufzubauen in der Lage ist: “..., and didn`t know a single soul; I had
been invited into no one´s home, had paid no social call,...” (S. 26) Die bereits
bekannte Struktur der gesellschaftlichen Isolation des Protagonisten hat sich
noch gravierender verfestigt.
Der Protagonist hat seinen Beruf als Sportjournalist aufgegeben und
verdient stattdessen jetzt seinen Unterhalt als Immobilienmakler. Aber auch
dieser Beruf gibt ihm die Möglichkeit, seine Mitmenschen bei zahlreichen
geschäftlichen Treffen genau zu beobachten und die condition humaine treffend
zu kommentieren, wie er es schon als Sportjournalist erfolgreich praktizierte.
239 Die in Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe Richard Ford,
Independence Day (London: The Harville Press; 1995).
128
Oberflächlich betrachtet scheint Frank Bascombe ein glückliches Leben zu
führen und mit seiner Position zufrieden zu sein. Nach außen hin wird er der
Rolle als geschiedener Wieder-Junggeselle gerecht und führt mit wechselnden
Bekanntschaften und mehr oder weniger engem Kontakt zu seiner ehemaligen
Familie im großen und ganzen ein geregeltes Leben. “In these summery days my
own life, at least frontally, is simplicity`s model. I live happily if slightly
bemused in a forty-four-year old bachelor´s way in my former wife´s house at
116 Cleveland, .…” (S. 7)
Das Leben in dem der Ex-Frau abgekauften, ehemals gemeinsam
bewohnten Haus demonstriert sein nach wie vor stark ausgeprägtes Festhalten an
alten Gewohnheiten und die von ihm besonders erwünschte Nähe zur Familie
trotz der vollzogenen Trennung. Das Ex-Haus der Ex-Frau vermittelt ihm das
Gefühl von Sicherheit, denn in seiner Gedankenwelt existiert die Ex-Frau wie
eine Vision an der Peripherie seines Lebens. Dieser Eindruck des
Ungefestigtseins lässt den Rückschluß zu, dass Frank Bascombe nach wie vor
seine eigene Identität nicht gefunden hat und noch immer ausgeprägte gestörte
Verbindungen zum persönlichen Umfeld durchlebt. Unabhängig oder
“independent,” wie der Titel vermuten lässt, fühlt sich der Protagonist nicht.
Eine Selbstverwirklichung mit einer gelungenen Individuation hat nicht
erfolgreich stattgefunden, und diese Tatsache bedeutet für ihn eine Restriktion
im Hinblick auf seine soziale Position.
Der Leser bemerkt allzuschnell, dass der Protagonist mit seinem
Schicksal hadert. Die nach außen dargestellte Zufriedenheit bedeutet eine Art
Schutzfunktion, die es ihm ermöglicht, seine Fassade des “more or less normal-
under-the-microscope life” (S. 7) aufrecht zu erhalten. Frank Bascombe ist sich
durchaus beschämt seiner damaligen Unfähigkeit bewußt, seine Partnerschaft
nicht gerettet zu haben. Dabei beschönigt er unbewusst die Vergangenheit, ein
Reflektieren über das Auseinanderbrechen der Ehe fällt ihm schwer. Dies
demonstriert erneut seinen Mangel an psychologischer Bewusstheit. Immer noch
sind seine Gefühle für seine bereits neu verheiratete Ex-Frau sehr ausgeprägt.
129
Den besten Beweis hierfür liefert sein Verhalten beim Wiedersehen mit seinem
Sohn, den er zu einem Wochenendausflug abholt.
Diesem Ausflug mißt Frank Bascombe eine ganz besondere Bedeutung
zu, denn er soll nicht nur dazu dienen, das gestörte Vater-Sohn-Verhältnis zu
verbessern, sondern intensive Gespräche von Mann zu Mann“ sollen dazu
beitragen, den Teenagersohn, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, wieder
auf den rechten Pfad zu leiten. Die Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung für die
männliche Identität wird hierin unterstrichen. Der Ausgang dieses Treffens gilt
als entscheidender Faktor für die weitere Beziehung zwischen Vater und Sohn
und im übertragenen Sinne ebenfalls für die Beziehung zwischen den beiden Ex-
Ehepartnern. “There is, in fact, an odd feeling of lasts to this excursion, as if
some signal period in life - mine and his - is coming, if not to a full close, then at
least toward some tightening, transforming twist in the kaleidoscope, a change
I`d be foolish to take lightly and I don`t.” (S. 7)
Die innere Bereitschaft, sich mit dem Sohn und dessen Problemen
auseinanderzusetzen, scheint gegeben, dennoch lässt sich ein Gefühl der
Unsicherheit, fast schon eine dunkle Vorahnung über den vermeintlichen
Mißerfolg dieses Unternehmens beim Protagonisten feststellen.
Die existierenden Beziehungen müssen geordnet und die verschiedenen
Positionen der Betreffenden geklärt werden, um zu einer für alle Beteiligten
akzeptablen Lösung zu gelangen, die eine befriedigende Form des Miteinander-
Umgehens ermöglicht. Dem Erfolg dieses Ausflugs mißt Frank Bascombe sehr
viel bei, da er die Situation als Wendepunkt seines bisherigen Lebens empfindet:
“...when my own life seems at a turning or at least a curving point.” (S. 226) Der
Versuch einer Veränderung und damit einer Aufarbeitung der bisher negativ
verlaufenden Beziehung wird ausgedrückt.
Die Demonstrationsfunktion des Vaters – also die Art und Weise, wie ein
Vater mit seinem Sohn umgeht, beziehungsweise wie er seine Verbindung zu
ihm aufbaut – wird die spätere Wertevorstellung des Sohnes stark
130
beeinflussen.240 Hier überspielt der Protagonist seine Komponente der
Unsicherheit im Umgang mit dem Sohn, indem er Themen aus bestimmten
Büchern als Aufhänger nimmt, um so seinem Sohn grundlegende Werte
nahezubringen. Der Vater vermittelt keine eigenen Erfahrungswerte, die durch
den persönlichen Bezug für den Sohn verständlicher und eingänglicher wären
und somit eine größere Gewichtung erhielten. Er versteckt sich hinter der
Anonymität der literarischen Werke, anstatt aktiv das auszudrücken, woran er
glaubt. Durch dieses Verhalten wird seine Botschaft abstrakt bleiben. “..., Carl
Becker´s classic, which, along with Self-Reliance, I plan to use as key ‘texts’ for
communicating with my troubled son and thereby transmitting to him important
info .…” (S. 8)
Ebenfalls sollen die ausgewählten Reiseziele zu den verschiedenen
Basketball-Gedenkstätten der Sportler besonders hevorgehoben werden muss
hier die Hall of Fame in Maine - den Sohn indirekt in Verbindung mit dem Vater
bringen, der sich über die gemeinsame Heldenverehrung Zugang zum Sohn
erhofft.241 Das gemeinsame Interesse am Sport soll als Verbindungsglied gelten,
das die spezielle Bindung zwischen ihnen aufbaut. Gespräche über generelle
Wertvostellungen, Ansichten und Lebensgrundsätze könnten dann folgen.
Nicht nur die Position des Randvaters auf Grund der räumlichen Distanz,
die unweigerlich die alltäglich auftretenden Vater-Sohn-Konflikte nicht
ermöglicht, sondern insbesondere seine Probleme und Unsicherheit im
emotionalen Umgang mit seinen Mitmenschen erschweren dem Protagonisten
eine unbekümmerte, spontan der Situation angepaßte Annäherung an den
Teenagersohn. Der negative Charakterzug des Protagonisten, bewußt besondere
Umstände zu ignorieren, um damit in abwartender Haltung Konflikte passiv zu
lösen, verstärkt diese unsichtbare Barriere noch mehr. Er schiebt Entscheidungen
vor sich her und verschenkt damit die Möglichkeit, bewusster sein Leben in die
Hand zu nehmen.
240 Gregor M. Vogt/ Stephen T. Sirridge, Söhne ohne Väter (Frankfurt am Main: Fischer
Taschenbuch Verlag; 1995); S. 162. Die Autoren gehen davon aus, dass Variablen wie
Selbstverständnis und Wahrnehmung der Umwelt durch die Art des Umgangs zwischen Vater
und Sohn geprägt werden.
131
“Only, as per my practice, I`m willing to let matters go as they go and see what
happens. Perhaps they´ll even get better. It´s as possible as not.” (S. 11)
Sein wenig intensives, um nicht zu sagen fehlendes Engagement wird
von seinen Mitmenschen negativ gewertet und verhindert intensive
Auseinandersetzungen hin zu einem produktiven Umgang auf emotionaler
Ebene. Der Protagonist ist einsam und von Selbstzweifeln geplagt und nicht in
der Lage, seine Situation richtig wahrzunehmen beziehungsweise
gegebenenfalls entsprechend zu verändern. Sein geringes Selbstverständnis und
vor allem sein Unvermögen, Konsequenzen aus der Selbstbetrachtung zu ziehen,
verhindern einen offenen und verständnisvollen Umgang mit seinem Sohn. Der
Protagonist ist sich im Klaren, dass der Sohn nicht nur den Stiefvater in der
Rolle des Mentors ablehnt, sondern ebenfalls Antipathien gegen ihn als den
leiblichen Vater hegt, die sich teilweise aus dem Reifungsprozess zur
Adoleszenz und der damit verbundenen natürlichen Abkapselung vom
Elternhaus und der unumgänglichen Konfrontation beim Individuationsprozess
ergeben.242
Erschwerend wirken immer noch die bislang unverarbeiteten
Negativerlebnisse, wie z.B. der Tod des Bruders und die Trennung der Eltern.243
Diese Ereignisse und emotionale Verletzungen hinterließen bei Paul Bascombe
ambivalente Gefühle, die es ihm besonders erschweren, seine Beziehungen auf
gefühlsmäßiger Ebene zu festigen und zu formen.244 Hierin gleicht er seinem
Vater. Seine eigenartigen Ticks und alle rücksichtslos aggressiven Impulse, die
241 Peter Blos, Sohn und Vater. Blos sieht die Verehrung von Berühmtheiten wie zum Beispiel
Sportlern als wichtiges Mittel zur Selbstfindung bei Jugendlichen. Dabei werden die Sportgrößen
idealisiert und dienen indirekt der Sozialisierung. S. 76/77.
242 Vergl. L. Yablonsky, Du bist Ich, S. 87ff. Der Autor teilt die Vater-Sohn-Beziehung in
verschiedene, altersabhängige Phasen ein, die geprägt sind von unterschiedlicher Annäherung
und Nähe zueinander. Durch die Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit des Vaters ergibt
sich für den Sohn die Möglichkeit zur Selbstfindung.
243 Vergl. Charles Johnson; “Struck in the here and now”, The NewYork Times Book Review (Jun.
18, 1995); 7, 1; 4; 28; Paul has never recovered from the death of his brother, Ralph;....
244 Vergl. Jörg Rasche, Prometheus – Der Kampf zwischen Vater und Sohn (Zürich: Kreuz
Verlag; 1988), S. 88. „Immer wiederkehrende oder bleibende Schmerzzustände können einen
Menschen charakterlich ganz verändern oder zerstören.“ Der Autor bezieht diese Äußerung auf
körperliche Schmerzen, aber ebenso gilt dies für emotionale Pein. Ebns W. Wieck, Söhne wollen
Väter, S. 255. Der Autor geht davon aus, dass „Jungen wesentlich mehr psychische Störungen
entwickeln als Mädchen.“
132
von dem Sohn ausgehen, sind von allen Bezugspersonen nur schwer zu
tolerieren und verstärken die Unsicherheit im Umgang miteinander.
Die gemeinsame Reise von Vater und Sohn soll die bisher negativ
besetzte Vaterrepräsentanz verbessern. Gleichzeitig hat diese Reise
Symbolcharakter, indem sie als Initiationsreise unter Anleitung die Entwicklung
des Sohnes maßgeblich beeinflussen soll. Frank Bascombe empfindet starke
Schuldgefühle hinsichtlich seiner Rolle als Vater. “Only it seems plain to me
now, and as Ann believes, I have not been completely successful.” (S. 15)
Im voraus zweifelt der Protagonist bereits am Erfolg seiner Mission, den
Sohn wieder auf den rechten Weg zu bringen. Seine Ausstrahlung ist unbewusst
negativ ablehnend, und er erwartet keinen Erfolg hinsichtlich einer sinnvollen
Gesprächsbasis. Er hofft auf ein Wunder, das ihm die Annäherung an den Sohn
ermöglicht. Dass mehr dazu gehört, als eine bestimmte Zeit mit dem Sohn zu
verbringen, ist ihm bewusst, jedoch erstarrt er in seiner distanzvollen Haltung.
Das Verhaltensmuster des passiven Abwartens wird erneut deutlich. “and
somehow along the way I´ll work (I hope) the miracle only a father can work.”
(S. 15)
Der Vater scheint zwiegespalten. Einerseits hegt er die feste Absicht,
seinem Sohn zu helfen, andererseits erkennt er von vornherein die
Undurchführbarkeit seines Unterfangens. Es scheint, als habe Frank Bascombe
Angst, die Verantwortung für seinen Sohn zu übernehmen.245 Das Sich-Drücken
vor Verantwortung ist ein dem Leser bereits bekannter Charakterzug des
Protagonisten.
Der Vater redet sich ein, dass er nicht über den „richtigen“ Sprachcode
verfüge, um zu seinem Sohn eine wahre Kommunikation aufzubauen. “Not
owing the right language;...” (S. 17) Bei ernsthaftem Bemühen könnte die
Barriere der generationsübergreifenden „falschen“ Sprache vom Vater durchaus
mittels non-verbaler Äußerungen, Blicken oder Körperkontakten überwunden
werden. Der Ansatz zu einer wahren Bereitschaft zur Zusammenarbeit für eine
245 W. Wieck, Söhne wollen Väter, S. 285. Der Autor betont die Wichtigkeit der Aufarbeitung
der eigenen Kindheit, bevor eine verantwortungsvolle Beziehung zum Sohn aufgebaut werden
kann. Dieser Prozess hat ganz offensichtlich bei Frank Bascombe noch nicht stattgefunden.
133
intensive Annäherung fehlt.246 Die vom Vater im Unterbewußtsein latent
wahrgenommene persönliche Unzulänglichkeit lässt die Angst vor der
Konfrontation mit dem eigenen Kind aufkeimen. Es scheint fast, als würde der
Vater vor seiner eigenen Courage zurückschrecken, indem er als Art
Selbstschutz davon ausgeht, dass das Ziel der Reise mlich die erhoffte,
erfolgreiche Hilfestellung bei den Problemen des Sohnes gar nicht erreicht
werden kann. Seine Gefühle sind ambivalenter Natur, zumal der Vater selbst
keine ausreichende Sicherheit auf emotionaler Ebene besitzt, geschweige denn in
dieser Beziehung als Vorbild dienen kann. “Naturally enough, I can explain
almost nothing to him. Fatherhood by itself doesn`t provide wisdom worth
imparting.” (S. 16)
Der Vater stellt sich zwar der Konfrontation mit dem Sohn, aber durch
die väterlichen Zweifel im Vorfeld und auch während der Fahrt entsteht beim
Leser das Gefühl der Halbherzigkeit. Die Reise auf der Suche nach den wahren
Bedürfnissen und Gefühlen der Protagonisten, um die für eine Annäherung
nötige Aufarbeitung der verborgenen inneren Wunden zu erreichen, scheint nicht
erfolgversprechend zu verlaufen. Ein vor dem Ausflug stattfindendes Telefonat
zwischen Vater und Sohn reflektiert die fundamentale Problematik der
Beziehung. Von einer gemeinsamen Lebenskontinuität durch die bereits vorher
stattgefundenen väterlichen Kontakte trotz der räumlichen Trennung kann nicht
die Rede sein. Im Gespräch mit dem Vater zeigt der Sohn ein deutliches
Desinteresse, das der Vater mit gespieltem Enthusiasmus übergeht. Der Vater-
Sohn-Dynamik fehlt die gegenseitige Offenheit Durch die beiderseitige
Sprachlosigkeit und Oberflächlichkeit im Miteinander wird die emotionale
Distanz noch weiter verstärkt, und eine Entfremdung gravierend beeinflußt.
“There is really nothing for us to talk about every morning.” (S. 18) Um die
Aufrechterhaltung einer gewissen Normalität im Umgang miteinander scheint
der Vater zwar bemüht, doch zeigt sich deutlich sein unsicheres Fehlverhalten.
Mit dem Versuch des jovialen, kameradschaftlichen
246 Vergl. Lewis Yablonsky; Du Bist Ich (Köln: Edition Humanistische Psychologie, 1991): „In
einer pathologischen V.-S.-Beziehung fehlt bei Konflikten und den damit zusammenhängenden
Frustationen diese Fähigkeit zu Kommunikation, Konfrontation, Durcharbeiten und Anpassen.“
S. 40.
134
Kommunizieren bemüht sich der Vater um eine Annäherung, die eine noch
stärkere Entfremdung verhindern soll. 247 “Since the rubber incident our life has
largely been conducted as a reticule of jokes, quips, double entendres, horse
laughs, whose excuse for being, of course, is love.” (S. 20)
Wie so oft gibt sich der Protagonist mit dem Aspekt der
Oberflächlichkeit in der Beziehung zu seinem Sohn zufrieden und wählt hiermit
erneut den Weg des geringsten Widerstandes. Die Komponente der notwendigen
Annäherung im Sinne eines intensiven Miteinanders ist durch ein solches
Verhalten maßgeblich gestört. Die väterliche Botschaft bleibt dabei abstrakt und
bietet entsprechend wenig hilfreiche Unterstützung bezüglich der Probleme
seines Sohnes.
Frank Bascombe erkennt zwar die Schwierigkeiten seines Sohnes, ist
aber nicht in der Lage, dessen Inneres emotional zu erreichen. Das Element der
Sprachlosigkeit verhindert maßgeblich eine Auseinandersetzung, die zu einer
Auflösung der bestehenden Entfremdung führen könnte, um so die Vater-Sohn-
Beziehung zum Besseren zu wenden. Die Methode der ‘pseudo-communication’
(S. 76), die der Protagonist beruflich erfolgreich praktiziert, lässt eine wahre
Kommunikation im privaten Bereich nicht zu, und folglich wächst die
emotionale Entfremdung zwischen ihm und seinem Sohn unvermeidlich stärker
und stärker.
Geradezu widersprüchlich erscheint der Wunsch des Protagonisten, den
Sohn bei sich aufnehmen zu wollen, um mit ihm in einer intensiven
Gemeinschaft zu leben. “For a brief time I talk about Paul, noting that he is not
much attracted to fire, doesn`t torture animals, isn`t a bed-wetter that I know of,
and that my hopes are he will live with me in fall.” (S. 170) Dieser Impuls zu
einer Symbiose mit dem Sohn scheint aus einer momentanen Laune entsprungen
zu sein. Frank Bascombe ist sich dabei nicht der wirklichen
247 Lewis Yablonsky; Du Bist Ich: „..., aber ihr [väterliches] Kumpelverhalten fßt kaum
Respekt ein und bietet auch kein Rollenideal, dem sich nacheifern ließe.“ (S. 63) Demgegenüber
gibt W. Kerkhoff in seinem Buch Vater-Kind-Beziehung und soziale Schichtzugehörigkeit (S.
22) zu bedenken, dass ein Distanzabbau zwischen Vater und Sohn geeigneter durch ein kamerad-
schaftliches Miteinander als durch eine autoritäre Verbindung erreicht werden kann. In diesem
speziellen Fall ist der Typus des Kumpelvaters für den Identitätsprozess des Sohnes nicht
vorteilhaft.
135
Bedeutung solcher „aktiven Vaterschaft“ bewußt.248 “I haven`t entirely thought
through all the changes to my own private dockets that his arrival will
necessitate,...” (S. 250.) Ob der Vater überhaupt in der Lage ist, sein
Einzelgängertum zu Gunsten eines Miteinanders aufzugeben, erscheint fraglich,
da seine Wesenszüge von emotionaler Unzugänglichkeit und fehlendem
verständnisvollen Entgegenkommen gekennzeichnet sind. Zwischen den beiden
erkennt man kaum eine gewollte Zuneigung oder eine beiderseitige Akzeptanz;
Werte, die als notwendige Garanten eines qualitätsvollen Zusammenlebens
vorhanden sein müßten.
Selbstkritik hinsichtlich der Unfähigkeit, seinen Sohn positiv zu
verstärken, keimt bei dem Protagonisten auf, dennoch bemüht er sich nicht um
eine wirkliche Änderung im eigenen Verhalten. Seine Äußerungen klingen eher
hilflos und widersprüchlich als wirklich ernst gemeint.
My wish has consistently been to strengthen the constitution of whoever
he is whenever I meet him – though that is not always the same boy, and
because I`m only a part-timer, possibly I have been insufficient at my job
too. So that clearly I must do better, must adopt the view that my son
needs what only I can supply (even if it`s not true) and then try for all I`m
worth to imagine just what that something might be. (S. 210)
Trotz des vorhandenen Versöhnungsmotives wirkt der stark aufkeimende
Faktor Angst lähmend auf alle zwischenmenschlichen Aktionen, die eigentlich
von Spontanität und Einfühlsamkeit durchdrungen sein sollten. In dieser
verzweifelten Lage erbittet der Vater von seiner emotional gefestigten und
vernünftig erscheinenden Tochter Hilfestellung hinsichtlich des Umgangs mit
dem Sohn beziehungsweise Bruder, doch erhält er von ihr nur eine ausweichende
Antwort, die er nicht als Patentlösung verwenden kann. Frank Bascombes
Unsicherheit im täglichen Leben im Umgang mit seinen Mitmenschen wird hier
erneut verdeutlicht. Ihm fehlt die nötige Entschlossenheit, aktiv in enge
Verbindung mit dem Sohn zu treten.
Die von der Mutter herausgestellten Ähnlichkeiten zwischen Vater und
Sohn (“He`s just like you.” [S. 258]) lassen den Rückschluß zu, dass der Sohn
248 W.E. Fthenakis, Väter, Band 2, S. 216: „Aktive Vaterschaft“ beinhaltet in engagierter Weise
gleichzeitig qualitative und quantitative Aspekte der väterlichen Beteiligung.
136
ebenfalls eine „Momentpersönlichkeit“ ist, die über ihre Handlungen und die
daraus entstehenden Konsequenzen nicht nachdenkt. Die schon beim Vater
festgestellte emotionale Instabilität und Unbeständigkeit wiederholt sich beim
Sohn und muß unweigerlich zu Problemen in der Interaktion führen. Auf Grund
der Persönlichkeitsstrukturen ähnlicher Genese kennen beide ihre
Schwachpunkte und wissen, wie leicht sie emotional verletzbar sind.249 Die
ablehnende, introvertierte Art dient als Schutzfunktion, Enttäuschungen und
verletzte Gefühle können durch diese Art Barriere besser übergangen werden.
Durch dieses indirekt abweisende Verhalten wird die Möglichkeit einer
Annäherung erschwert. Der Vater findet keine geeignete Methode, das
Stillschweigen zu durchbrechen und so dem Sohn näherzukommen.
And on our way up to Hartford, on our way up to Springfield, on our way
to the Basketball Hall of Fame, he has held it without acknowledgement
while I`ve yodelod away spiritedly about what I`ve thought will break our
ice, get our ball rolling, fan our coals – start, via the right foot, what now
feels like our last and most important journey together as father and son
(though it probably isn`t). (S. 259)
Die körperliche Abneigung des Vaters gegenüber seinem Sohn verstärkt
die emotionale Entfremdung. “Paul also doesn`t much smell good, smells in fact
like unbathed, sleep-in-your-clothes mustiness. He also doesn`t seem to have
brushed his teeth in a while.” (S. 260) Das altersspezifische Sozialverhalten des
Sohnes, das seiner Persönlichkeitsfindung dient und auch die Auseinander-
setzung mit dem Aspekt der Reinlichkeit beinhaltet, wird vom Vater
offensichtlich nicht entsprechend erkannt und führt zu weiteren Spannungen.
Wegen der Sprachlosigkeit scheint keine Annäherung möglich. Der Vater, der
ursprünglich die Reise mit vielen guten Vorsätzen begonnen hat, muß sich schon
am Anfang des Zusammenseins eingestehen, dass er den Erwartungen und
Bedürfnissen des Sohnes nicht gerecht wird. Ein paradoxer Prozhinsichtlich
seiner väterlichen Gefühle setzt ein. Die sporadischen, provokativen Äußerungen
des Sohnes reizen den Vater so arg, dass er nur mit Mühe seine
249 Fitzhugh Dodson geht in seinem Buch „Väter sind die besseren Mütter“ darauf ein, dass die
Kinder die Schwachpunkte ihrer Eltern nicht nur genau erfassen, sondern ihnen deutlich vor
Augen halten. S. 102. Väter sind die besten Mütter – Kinder brauchen ihre Väter (Düsseldorf:
Econ Taschenbuch Verlag, 1991).
137
Aggressionen unterdrücken kann. Negative Gefühle gewinnen an Bedeutung und
bestimmen das Verhältnis der beiden zueinander. Der Vater fühlt sich einsam
und sehr unwohl in der Begleitung seines Sohnes, dessen Verhalten ebenfalls
von Unsicherheit geprägt ist.250 Die Situation wird als außer Kontrolle“
empfunden. “‘Ciao,’ I say. This is our oldest tiniest, most reliable, jokey way
of conducting father-son business. Only today, due to technical difficulties
beyond all control, it doesn`t seem exactly to work.” (S. 265)
Der Protagonist fühlt sich im Umgang mit seinem Sohn machtlos und
inkompetent. Dieses Gefühl versucht er durch eine Art emotionaler
Abwehrhaltung zu verbergen. Seinem Sohn gegenüber empfindet er kaum
Sympathie. Negative Aspekte überwiegen seine Gedanken und erschweren damit
gravierend eine Annäherung an den Sohn. Die spannungsreiche Beziehung wird
auf Grund der fehlenden Kommunikation immer stärker belastet. Das vom Vater
aufgestellte Image der “lost souls” (S. 266) entspricht deutlich dem Zustand der
Entfremdung zwischen den Beteiligten.
Das rebellisch negative Verhalten des Sohnes unterstreicht
augenscheinlich seine konflikthaften Gefühle. Auch durch das vorsichtige,
kameradschaftliche Herantasten beim Basketball scheint die emotionale
Verbindungslosigkeit zwischen Vater und Sohn kaum überwindbar. Die Beiden
reden aneinander vorbei. Ein Gespräch, das sie durch ein Wortgefecht sowie
unterstreichende Argumente näher führen würde, findet nicht statt. Das
psychologische Klima ist auf dem Nullpunkt angelangt.
Das scheinbare Herunterschrauben der väterlichen Anspruchshaltung
gegenüber dem Sohn verspricht ebenfalls keine Verbesserung der Situation.
Durch den Gebrauch von restringierten Wörtern wie z.B. “fucking,” die
normalerweise nicht zum alltäglichen Sprachrepertoire des Vaters gehören,
versucht er sich, auf eine Stufe mit dem Sohn zu stellen. Auch diese Methode
250 Vergl. Peter Blos, Sohn und Vater. Der Autor geht davon aus, dass der Heranwachsende in
der Pubertät die Mutter als das geheimnisvolle Weibliche zurückweist und sich im
Selbstfindungs-prozeß dem Vater anschließen will. Da der Prozeß des Erwachsenwerdens bereits
eingesetzt hat, kann sich der Sohn auch nicht vollkommen mit dem Vater identifizieren, sondern
nähert sich ihm in aggressiver, oppositioneller Weise. S. 35ff.
138
der Beziehungsaufnahme überwindet nicht das Gefühl von Distanz und
Aggression.
Aufkeimende Schuldgefühle des Vaters, der sich auf Grund seiner
früheren Abwesenheit für die „Fehlentwicklung“ des Sohnes verantwortlich fühlt
und sich Vorwürfe macht, sich nicht mit den einzelnen Etappen der psychischen
Entwicklung eines Kindes auseinander gesetzt zu haben, erschweren eine
gewünschte Annäherung immer stärker. Der Vater wird seiner Vaterrolle nicht
gerecht und stellt fest, dass beide Beteiligten im Grunde genommen gar kein
Interesse am Basketball haben. Der Sport dient nur als Aufhänger und als
Ablenkung vom eigentlichen Problem, zumal Vater und Sohn bei der
Besichtigung der Orte nicht allein sind und sich somit auch nicht ausschließlich
mit sich selbst auseinander setzen müssen. Damit wird die Unmöglichkeit des
Unterfangens bestätigt. Es ist keine gemeinsame Basis vorhanden, aus der sich
verbindliche Werte entwickeln könnten.
Oberflächliche Gesprächsthemen dienen dazu, das Schweigen zwischen
Vater und Sohn nicht ganz unerträglich erscheinen zu lassen. Beide harren in
ihrer persönlichen Isolation aus, und sie suchen nicht nach einer denkbaren
Möglichkeit einer Änderung. Die Situation hat eine bedrückende Eigendynamik
erfahren, die durch die internen Konflikte zu eskalieren droht. Der Vater
befürchtet einen kompletten emotionalen Rückzug des Sohnes. “In the
dizzyingly brief time we have together, he would only retreat into rancous
barking, furtive smiles and sullener silences, ending up with me in a fury and in
all likelihood ferrying him back to Deep River, feeling myself to be (and being) a
ruinous failure.” (S. 289)
Aus der Befürchtung, den Sohn ganz und gar zu verlieren, agiert der
Vater sehr vorsichtig und wählt mit seinem hilflosen Verhalten erneut den Weg
des geringsten Widerstandes. Nur sehr allgemeine Dinge werden angesprochen,
in der unrealistischen Hoffnung, dass der Sohn entsprechende Rückschlüsse und
Lebensphilosophien daraus ziehen könne. Die väterliche Botschaft bleibt völlig
unverstanden, wirkt abstrakt und führt demzufolge auch zu keinerlei Erfolg.
Das nötige Bewußtsein zur Konfliktlösung ist nicht vorhanden, und
folglich erlangen beide Beteiligten keinen Einklang auf kommunikativer
139
Ebene.251 Der Konflikt verfestigt sich mehr und mehr zu einem komplexen,
unlösbar erscheinenden Problem, das eine natürlich-positiv funktionale
Beziehung verhindert.
Der Vater, der bisher zumindest oberflächlich bemüht schien, seine
ambivalenten Gefühle gegenüber seinem Sohn in eine positive Richtung zu
lenken, erlebt nun einen Stimmungswandel hin zu unwelcome feelings (S.
292), die er kaum verbergen kann. Auch der Sohn spürt die Wut des Vaters und
reagiert ebenso aggressiv.252 Aufkeimende Frustration verstärkt die Einsamkeit
zwischen Vater und Sohn. Beide versuchen, durch oberflächliche Witze die
Situation zu entschärfen und nicht eskalieren zu lassen, jedoch wird die
innerliche Entfremdung voneinander immer größer. Der Vater zieht die
Gesellschaft von Fremden dem Sohn vor. “I say, happier, even just for a
moment, to be here in the lighted kitchen with a woman rather than scounging a
burger in the dark or struggling to make contact with my son.” (S. 315)
Der Aspekt der Distanz prägt das Verhalten der beiden immer
maßgeblicher. Die anfängliche Entschlossenheit des Vaters, die Kluft zwischen
ihnen zu überbrücken, scheint nicht mehr gegeben. Vater und Sohn finden
keinen Zugang zueinander, und die Unsicherheit im Miteinander verstärkt sich
immer entscheidender. Die vom Vater gesprochenen Worte I love you (S.
331) klingen nicht wirklich wahr und werden vom Sohn in dieser Situation auch
gar nicht wahrgenommen.253
251 Lewis Yablonski, Du Bist Ich, S. 40ff. Der Autor spricht von einer pathologischen Vater-
Sohn-Beziehung, wenn die Fähigkeit zur Kommunikation, Konfrontation und entsprechender
verarbeitender Konfliktlösung fehlt. Des weiteren schildert er die daraus entstehende latente Wut,
die eine emotionale Entlastung noch stärker beeinträchtigt.
252 S. Osherson, Männer entdecken ihre Väter. Der Psychologe betont, dass es in der
zwischenmenschlichen Auseinandersetzung einfacher ist, Gefühle der Wut zu empfinden, als sich
dem Prozeß der Aufarbeitung der Beziehung zwischen Vater und Sohn auszusetzen. S. 228
Entsprechende Interaktionsmuster sind bei dem Protagonisten und seinem Sohn festzustellen.
253 Guy Corneau, Abwesende Väter Verlorene Söhne Suche nach der Männlichen Identität
(Solothurn und Düsseldorf: Walter Verlag, 1993). Der Psychotherapeut betont die Wichtigkeit
der Wahrheit im gesprochenen Wort. Nur durch ehrliche Worte erreichen Vater und Sohn eine
besondere Beziehung. S. 190.
140
Im weiteren Verlauf der Reise finden Vater und Sohn eine Lösung, wie
sie sich gegenseitig nicht allzu intensiv auf die Nerven gehen, um somit eine Art
des friedvolleren Miteinanders zu ermöglichen. Der Vater deutet diese
Oberflächlichkeit des Zusammenseins als geringfügigen Erfolg seiner Mission
und verschließt damit erneut die Augen vor der Realität. Regelrecht mit
Glacéhandschuhen faßt er den Sohn an, um ja keinen Stimmungswandel des
Sohnes und letztlich bei sich selbst zu initiieren.
Es wird immer augenscheinlicher, dass der Sohn unter seiner häuslichen
Situation leidet und durch sein Verhalten auf sich aufmerksam machen
möchte.254 Durch die Reaktionen seines unmittelbaren Umfeldes entmutigt und
dadurch negativ in seiner Grundstimmung, harrt er in einer passiven
Erwartungshaltung aus, ohne sich in irgendeiner Art und Weise zu bemühen, die
Gegebenheiten positiv zu verändern. Das selbstzentrierte Gehabe des Sohnes
wird auf Grund der wenig einfühlsamen Art des Vaters mißinterpretiert. Er
bezeichnet das Verhältnis zum Sohn als geradezu feindlich, der Sohn zeige den
Effekt eines “friendly enemy (S. 349) auf ihn, und so flüchtet er vor der
Verantwortung und der Konfliktbeseitigung. Gerade in dieser Situation wäre für
den Sohn eine terliche Führung von großer Bedeutung, aber die ebenfalls
emotionale Orientierungslosigkeit des Vaters lässt eine angemessene
Konfliktbewältigung nicht zu. Die nicht vorhandene Verständigungsgrundlage
tut ein übriges und verhindert die wichtige Aufarbeitung der verletzten Gefühle.
Wegen seiner Kommunikationsunfähigkeit m sich der Vater sein Versagen
eingestehen:
I have just run out of important words, but before I`ve said enough,
before I`ve achieved a desired effect, before the momentum of a shared
physical act – strolling the hallowed halls, viewing the gloves, license
plates, strike zones – can take us up and carry us to a good end. Before
I`ve made of this day a memory worth preserving. (S. 353)
Die Unsicherheit und die Hoffnungslosigkeit entladen sich am Ende in
einer aggressiven Auseinandersetzung, in der ein massives Gefühl von Haß
254 Peter Struck, Die Kunst der Erziehung (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
1996), S. 74. Struck erkennt die Spätfolgen einer Scheidung, unter der besonders männliche
Jugendliche in der Pubertät leiden. Das auffällige Verhalten der Jungen zeigt Reaktionen von
Aggressivität und Autoaggression bei Vaterabwesenheit.
141
zwischen Vater und Sohn manifest wird. Unter den gegebenen Umständen ist die
Chance auf ein produktives Gespräch eindeutig nicht mehr erreichbar.
Aus selbstzerstörerischer Rache lässt sich der Sohn ganz bewußt von der
Ballmaschine treffen, und erreicht dadurch eine indirekte Bestrafung seines
Vaters.255 Diese Verletzung, die beim Vater erneut Schuldgefühle produzieren
wird, steht metaphorisch für die schmerzhafte, abrupt abgebrochene Beziehung
zwischen Vater und Sohn. Der Vater spürt jetzt, dass der Versuch, ein normales
Verhältnis zum Sohn zu finden, endgültig gescheitert ist: “I basically stay silent,
thinking sorrowfully of my son and of this day, both of which seem bitter and
bottomless losses with absolutely no hope of recovery.” (S. 369)
In seiner emotional unzugänglichen Art hat der Protagonist versagt, sich
seinem Gegenüber mitzuteilen und so eine gefühlvolle Beziehung aufzubauen.
Die vorhandene emotionale Unnahbarkeit zwischen Vater und Sohn verhindert
eine positive, sensible Annäherung. Das Gefühlsleck führt zum absoluten Bruch
zwischen den Beteiligten.
Das vom Vater schon so oft gezeigte typisch passiv abwartende
Verhalten verdeutlicht erneut seine Hilflosigkeit und Schwäche, denn nach dem
Unfall des Sohnes überlässt er alle notwendigen Entscheidungen seiner Exfrau,
die er sofort informiert und sich somit jeder Verantwortung entzieht. Nach der
Schilderung des Unfallhergangs offenbart sich die Mutter spontan als emotional
gefühlvoller, da sie eine mögliche Erklärung im Verhalten ihres Sohnes erkennt.
Sie sieht in der Tat des Sohnes den Wunsch nach vermehrter Aufmerksamkeit
des Vaters und hält den Sohn nicht für psychisch krank. Somit ist die Mutter
wieder alleiniger Bezugspunkt im Leben des Sohnes. “I don`t think he`s crazy.
He just may need some assistance right now. He was probably trying to make
you notice him.” (S. 396)
Die Bedeutung der Problematik wird vom Vater nicht erkannt, und somit
fällt er als verläßlicher Gefährte bei der weiteren Entwicklung des Sohnes aus.
Ein positives Verhältnis zum Sohn konnte vom Vater nicht erfolgreich
255 Vergl. P. Struck, Die Kunst der Erziehung. Im Kapitel 27 „Autoaggression als Gewalt gegen
sich selbst“, zeigt der Autor verschiedene mögliche Faktoren, die zu solch einem Verhalten bei
Jugendlichen führen können.S. 100-109.
142
aufgebaut werden. Die zentrale Stellung als Vertrauensperson wird nicht vom
Vater bekleidet, der die Reise zur Annäherung an den Sohn nicht erfolgreich zu
nutzen in der Lage war. Sprachlosigkeit wird als belastender Faktor zwischen
ihnen bestehen bleiben, genau wie die Einsamkeit des Vaters haften bleibt.256
Wie das Verhältnis in Bezug auf seinen Sohn nicht erfolgreich gelenkt werden
konnte, so wird der Vater auch weiterhin den Schwierigkeiten in seinem Umfeld
ausweichen und niemals eine direkte Konfrontation anstreben, die zur Klärung
führen würde. Nötigen Entscheidungen wird er stets passiv abwartend gegenüber
stehen. Seine Persönlichkeit definiert sich am besten in folgendem Verhalten des
Verdrängens oder Vergessens: “There is, naturally, much that`s left till later,
much that`s best forgotten.” (S. 450)
Der Vater stellt sich keineswegs den Problemen, sondern versucht im
Gegenteil vor ihnen zu flüchten. Seine eigenen Gefühle unterdrückt er so weit es
geht, beziehungsweise lässt sie gar nicht erst aufkeimen und ist mit dieser
Charaktereigenschaft unfähig, engere soziale Bindungen einzugehen. Seine
Gedanken, Ängste und Hoffnungen behält er für sich. Der Protagonist fühlt sich
hinter der Fassade der Unabhängigkeit sicher, leidet aber unter diesem selbst
verursachten Zustand der “independence.” (S. 425) Der Protagonist hegt den
Wunsch zu einem gesellschaftlichen Miteinander, ist hierzu aber nicht fähig.
Gefühle werden von Frank Bascombe nicht angemessen erwidert, daraus
resultiert sein Einzelgängertum. Ebenfalls auffällig ist die Art des Vaters, Worte
auszusprechen, die nicht der Wahrheit und seinen innersten Gefühlen
entsprechen, nur um den Weg des geringsten Widerstandes einzuschlagen. “‘I
love you, son, okay? I said, suddenly wanting to clear out and in a hurry.
Enough was enough.” (S. 402)
Die gravierenden Kommunikationsdefizite und die charakterliche
Ähnlichkeit von Vater und Sohn erschweren eine emotional gewichtige
Annäherung, die für ihr Verhältnis zueinander bedeutend wäre. Der selbst
256 Dieter Schnack/ Rainer Neutzlinger, Kleine Helden in Not – Jungen auf der Suche nach
Männlichkeit (Reinbek: Rowohlt Taschenbuch, 1990), S. 164ff. Die Autoren gehen davon aus,
dass Männer auf Grund ihres emotionalen Defizits vermehrt Schwierigkeiten beim Aufbauen von
Freundschaften haben. Die einsamen Väter geben die eigenen emotionalen Schranken und
Unzulänglichkeiten automatisch an ihre Söhne weiter.
143
verschuldete Unfall des Sohnes führt dazu, dass der Vater – aus seinem
normalen Trott aufgerüttelt – sich mit intensiveren Gedanken beschäftigt, so dass
ein leiser Hoffnungsschimmer hinsichtlich seiner Beziehung zu seinen
Mitmenschen sichtbar wird.
Though where Paul is concerned I`ve only just begun trying. And while I
don`t subscribe to the ‘crash-bam’ theory of human improvement, which
says you must knock good sense into your head and bad sense out,
yesterday may have cleared our air and accounts and opened, along with
wounds, an unexpected window for hope to go free. At last in some
ways, but a first in others. ‘The soul becomes,’ as the great man said, by
which he meant, I think, slowly. (S. 429/430)
Ein Bedürfnis nach Verbundenheit keimt auf, es scheint fast, als würde
der Vater wie zuvor noch anzunehmen - nicht aufgeben, sondern würde nun
ernsthaft versuchen, die Kluft zwischen ihm und seinem Sohn zu verringern.
Durch die Aufarbeitung seiner Wunden könnte er Zugang zu seinem Sohn
finden.257 Er scheint sich aus seinem gesellschaftlichen und gefühlsmäßigen
Kokon zu befreien und wird vom Leser plötzlich als “more human”, “powerful”
und “vitally moved” (S. 433) definiert.258 Offenbar versucht der Protagonist, ein
neues Leben zu beginnen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch am
Ende des Buches wird dem Leser deutlich vor Augen geführt, dass Frank
Bascombe wieder notwendige Entscheidungen aufschiebt, die entsprechende
Entschlossenheit erneut fehlt und damit keine deutliche Veränderung seiner
bisherigen Gewohnheiten erkennbar ist. Seine emotionale Bedürftigkeit wirkt
hinderlich und besteht als fester Bestandteil seines Charakters.
257 Vergl. Guy Corneau, Abwesende Väter – Verlorene Söhne – Suche nach der männlichen
Identität (Solothurn und Düsseldorf: Walter Verlag, 1993), S. 51. Eine Aufarbeitung der
Vergangenheit muß einsetzen, bevor eine Beziehung zwischen Vater und Sohn fruchtbar sein
kann.
258 William G. Chernecky “Nostalgia Isn`t What It Used To Be,” in Huey Guagliardo,ed.,
Perspectives on Richard Ford (Jackson: University Press of Mississippi, 2000), S. 161. Der
Autor geht davon aus, dass sich Frank Baskombe in Independence Day seiner Fähigkeit zur
Komunikation mit seinen Mitmenschen bewusst wird.
144
Die Hinwendung zu einer aktiven Vaterschaft bleibt offen, folglich besteht die
Beziehung zwischen Vater und Sohn als unerledigte Geschichte weiter. Nur als
Randfigur wird der Sohn im Leben des Vaters weiter sein Dasein fristen. Eine
Symbiose konnte sich vor dem Hintergrund der Sprachlosigkeit und
Gefühllosigkeit nicht entwickeln.
145
7.5 Zusammenfassung
Fords Protagonisten charakterisieren sich durch ihre verständnislose
Verschlossenheit gegenüber ihrem nächsten Umfeld und zeigen eine gestörte
psychosoziale Identität, die durch ambivalente Gefühle und plötzliche
Stimmungsschwankungen beeinflußt wird. Die starke innere Unruhe
demonstriert die emotionale Zerrissenheit und damit die Ungefestigtheit der
Persönlichkeit. Durch dieses distanzaufbauende Verhalten ist der Kontakt zu
ihren Mitmenschen und den eingegangenen Beziehungen äußerst oberflächlicher
Natur und meistens nur von kurzer Dauer.
Die Protagonisten entziehen sich der Verantwortung und zeigen eine
geringe Ausdauer hinsichtlich ihrer Bereitschaft, eine intensive Annäherung zu
ihrem näheren Umfeld zu finden. Die der väterlichen Führung bedürftigen Söhne
werden durch fehlende Offenheit, durch Unaufrichtigkeit und massive
Unfähigkeit zur Kommunikation unbewußt auf Abstand gehalten. Eine
produktive Auseinandersetzung hin zu einem Miteinander findet nicht statt, und
folglich ist ein Entfremdungsprozess zwischen Vater und Sohn nicht aufhaltbar.
Der Aspekt der Oberflächlichkeit in der gemeinsamen Beziehung gewinnt stetig
an Bedeutung. Die These der Psychoanalyse über den starken väterlichen Einfluß
hinsichtlich des Individuationprozesses des Sohnes spiegelt sich in den
behandelten Werken wider. Eine Identitätsentwicklung der Söhne wird durch
den fehlerhaften väterlichen Einsatz erschwert.
Die Protagonisten versuchen gar nicht erst, Schwierigkeiten, die ein
Zusammenleben mit ihren Söhnen automatisch mit sich bringt, zu lösen. Über
Gefühle wird nicht gesprochen, der Umgang miteinander bleibt oberflächlich
und wird auf ein Minimum reduziert und verhindert somit eine Annäherung zu
einer konstruktiven Beziehung, die von positiver und eingehender Zuwendung
geprägt würde. Nicht vorhandene Sensibilität tut ein übriges zur einsetzenden
Entfremdung.
146
Durch die fehlende Bereitschaft der Väter zur Übernahme von Verantwortung
tritt eine „Reduktion des Vaterseins“ als Folge auf.259 Die Väter üben durch ihre
eigenen emotionalen Schwierigkeiten eine latente Zurückweisung auf ihre Söhne
aus, die diese auch wahrnehmen, und dadurch wird das bereits vorhandene
Konfliktpotential in der Vater-Sohn-Beziehung erhöht.
In den untersuchten Werken werden Vater und Sohn sich nicht gänzlich
aus den Augen verlieren, aber ihre Beziehung mit den destruktiven
Verhaltensformen wird in oberflächlicher Art und Weise fortgesetzt. Die
emotionale Instabilität drängt den Vater in die Rolle der Randfigur im Leben des
Sohnes, da der Sohn sich nicht in ausreichendem Maße mit dem Vater
identifizieren kann. Enttäuschungen auf beiden Seiten werden als unerledigte
Sache zwischen Vater und Sohn bestehen bleiben, das gegenseitige Verhältnis
entsprechend einschränken und auch die nächsten Generationen prägen. Sobald
das dritte Buch über Frank Bascombe fertiggestellt ist, wird der Leser sich über
den weiteren Verlauf der Beziehungen des Protagonisten ein Bild machen
können.260
259 Vergl. Adrienne Burgess, Vatermythen - Vaterbilder - Die Rolle der Männer in der
Erziehung (München: Diana Verlag, 1997), S. 31. Die Autorin sieht die „Reduktion des
Vaterseins“ als Folge der gesellschaftlichen Struktur.
260 Siehe Robert Birnbaums Interview mit Richard Ford im November 2002. Dort erwähnt R.
Ford: “But I’m working on the 3rd Frank Bascombe book... Once I finish that…”
147
8. Die Vater-Sohn-Beziehung in John Updikes Rabbit Tetralogie
8.1 John Updike: Biographie und Werk
John Updike, der Verfasser von mehr als zwanzig Romanen und Sammlungen
von Kurzgeschichten wird 1932 in Shillington, Pennsylvania geboren. Er
besucht die Shillington High School, beendet 1954 das Harvard College mit dem
Abschluß summa cum laude und erhält ein Knox Fellowship für die Ruskin
School of Drawing and Fine Art.
Updike heiratet 1953 Mary Pennington, seine Tochter Elisabeth (1955)
und sein Sohn David (1957) werden in New York geboren, dort arbeitet Updike
von 1955 bis 1957 als Kolumnist und Literaturkritiker für The New Yorker. Die
Familie zieht 1957 nach Ipswich in Massachusetts um, seine zweite Tochter
Miranda (1960) kommt dort zur Welt.
Updike veröffentlicht 1958 das Werk The Carpentered Hen (1958). Ein
Jahr später erscheinen The Poorhouse Fair (1959, für dieses Werk wird ihm der
Rosenthal Award verliehen) und The Same Door (1959, Kurzgeschichten). 1960
wird der erste Teil der Rabbit-Tetralogie Rabbit Run veröffentlicht. John Updike
ist sehr erfolgreich und produktiv; in seinen Texten verarbeitet er das Alltägliche
in einer ihm typischen Intensität. Die besonderen Stimmungen und Örtlichkeiten
werden durch einfache Mittel hervorhoben. Kurz hintereinander erscheinen die
Kurzgeschichten Pigeon Feathers (1962), The Centaur (1963, erhält den
National Book Award) und der Gedichtband Telephone Poles (1963). Die
Olinger Stories (1964) werden für das National Institute of Arts and Letters
ausgewählt. Im Jahr darauf erscheint Of the Farm. Assorted Prose (1965)
gefolgt von The Music School (1966). Von 1968 bis 1969 lebt Updike mit seiner
Familie in London. Dort entstehen Couples (1968) und Midpoint (1969,
Gedichte). Es scheint, als ob Updike den Leser in die reale Umwelt seiner
Protagonisten versetzen möchte. Im Kern sind die von ihm geschilderten
Situationen alltäglich und von banaler Natur. Weiter erscheinen Bech: A Book
148
(1970, Kurzgeschichten), Rabbit Redux (1971) und Museums and Women (1972,
Kurzgeschichten).
Ab 1974 lebt Updike getrennt von seiner Familie in Boston, geschieden
wird er 1976 und lebt fortan in Georgetown, Massachussetts. Seiner Kreativität
tut die Trennung keinen Abbruch: Buchanan Dying (1974, Theaterstück), A
Month of Sundays. Picked-Up Pieces (1975) und Marry Me (1976) werden
veröffentlicht.
1977 heiratet Updike seine zweite Frau Martha Bernhard, im gleichen
Jahr erscheinen der Gedichtband Tossing and Turning (1977), The Coup (1978),
To Far To Go (1979), Problems (1979). Rabbit Is Rich (1981) gewinnt den
American Award for Fiction, den National Book Critics Circle Award und den
Pulitzer Preis im Jahre 1982. Updike zieht auf die Beverly Farm. Er erhält das
Hon. Lith. Degree des Albright College. Weitere Veröffentlichungen sind die
Kurzgeschichten Bech Is Back (1982). Mit Hugging the Shore (1983) gewinnt
Updike 1984 das zweite Mal den National Book Critics Circle Award. 1983
empfängt er die Ehrendoktorwürde des Amherst College, der Pennsylvania Artist
Award und der Lincoln Library Award folgen. The Bankrupt Man (1983), The
Witches of Eastwick (1984), Facing Nature (1985, Gedichte), Roger’s Version
(1986) und Trust Me (1987, Kurzgeschichten) erscheinen. Im Oktober 1988 wird
Updike mit dem Life Achievement Award der Brandeis Universität geehrt,
außerdem erhält er den Kutztown University Foundation Directors Award sowie
den Elmer Holmes Bobst Award.
Nach dem Tod seiner Mutter schreibt er 1989 seine Memoiren in Self-
Consciousness (1989), Just Looking (1989, Kunstkritik), Rabbit at Rest (1990,
dafür erhält er 1991 erneut den Pulitzer Preis und National Book Critics Circle
Award), Odd Jobs (1991) verschafft ihm den dritten National Book Critics
Circle Award. Updike bleibt enorm produktiv, so werden kurz hintereinander
Memories of the Ford Administration (1992), Collected Poems (1993, Common
Wealth Award), Brazil (1994) und The Afterlife and Other Stories (1994)
veröffentlicht. Von seiner Universität Harvard erhält er die zweite
Ehrendoktorwürde. 1995 wird ihm die Howels Medal von der American
Academy of Arts und Letters überreicht. Der Autor von In The Beauty of the
149
Lilies (1996) und Golf Dreams: Writings on Golf (1996) erhält den Ambassador
Book Award, dieser Preis wird Updike für herausragende Leistungen bezüglich
Leben und Kultur in den USA verliehen. Für Towards the End of Time (1997)
wird er mit dem Champion Award geehrt. 1998 erscheint Bech at Bay: A Quasi-
Novel (1998). Im gleichen Jahr erhält Updike die Harvard Arts First Medal und
die National Book Foundation Medal for “Distinguished Contribution to
American Letters,“ ebenso den Thomas Cooper Award. Gertrude and Claudius
(2000), Licks of Love (2000, in diesen Kurzgeschichten findet sich auch Rabbit
Remembered”) und Seek My Face (2002) werden veröffentlicht. 2002 erhält
Updike den Enoch Pratt Award , F. Scott Fitzgerald Literary Award und den
Society Award for Lifetime Literary Achievement.
Im November 2003 wird John Updike die National Medal for Humanites
im Weißen Haus von President George W. Bush verliehen. 1989 erhielt er
bereits von George H. W. Bush den National Medal of Art Award und gehört
damit zum kleinen Kreis derjenigen, die beide Ehrungen erhielten.
2004 empfängt er für The Early Stories, 1953 -1975 (2004) den
Pen/Faulkner Award for Fiction. Updikes 21. Werk Villages: A Novel (2004)
wird veröffentlicht. Still Looking: Essays on American Art (2005) bringt ihm den
Carl Sandberg Lifetime Achievement Award und eine Nominierung für den
Book Circle Critics Award. Für Three Trips: The Short-Story Writer as Tourist
(2005) bekommt Updike den Paterson Fiction Prize. Für Juni 2006 ist sein neues
Werk “Terroist” aversiert.
Updike hat sich selbst als „lebenslänglicher Berufsschriftsteller”
bezeichnet - ein Ausspruch, der für seine Produktivität nur allzu trefflich
erscheint. Pro Jahr schreibt er in der Regel ein Buch, Romane, Erzählungen,
Gedichte und Interviews miteingeschlossen, und er ist damit wohl der fleißigste
amerikanische Schriftsteller. Entsprechend groß ist die Auswahl an
Sekundärliteratur über John Updike und sein Werk.261 Die Protagonisten
261 Stellvertretend für die Vielzahl der vorliegenden Arbeiten über John Updike seien hier die
Werke von Elizabeth Tallent Married Men and Magic Tricks: John Updike`s Erotic Heroes
(Berkeley, California: Creative Arts Book Company, 1982); Harold Bloom Modern Critical
Views of John Updike (New York: Chelsea House, 1987) David Thorborn u. Howard Eiland
(Hrgs) John Updike: A Collection of Critical Essays (New Jersey: Prentice Hall, 1979) Jack
150
seiner Werke durchlaufen alle Höhen und Tiefen des Lebens, dabei fließen
historische Ereignisse fast nebensächlich mit in die Romane ein, die dadurch ihre
Strukturierung erfahren. Die amerikanische Wertevorstellung, Kultur und
Gesellschaft wird ironisch-satirisch in Updikes Werken dargestellt.
Der Autor geht besonders auf die Bindungslosigkeit und die fehlende
Kommunikation des amerikanischen Mittelstands ein. Dabei weichen christliche
Ideale einer konsumorientierten Sexualität. Die psychischen Begleitumstände
und die Intensität der Atmosphäre spielen für den Autor eine entscheidende
Rolle. Das Alltägliche in den dargestellten Situationen wird ohne starke Effekte
aufgezeigt, dennoch werden die Beziehungen intensiv durchleuchtet und sehr
anschaulich presentiert.
John Updikes Vier-Generationen-Opus am Beispiel der Familie
Angstrom in einer Zeitspanne von vierzig Jahren schildert das Leben in einer
typisch amerikanischen Kleinstadt, für die die Stadt Shillington als Geburtsort
des Autors Pate gestanden haben könnte.262 Updikes Arbeit spiegelt die
gesellschaftliche Struktur der amerikanischen Gesellschaft beginnend in den
fünfziger Jahren wider unter besonderer Berücksichtigung des Kleinstadtmilieus,
bei dem unter der friedvoll erscheinenden Oberfläche die spannungsgeladene
Intensität des Daseins brodelt.263 Die Beziehungsgeflechte sind sensibel
dargestellt und zeigen oft banale Alltagsepisoden, die für die Protagonisten
meistens zu einem enttäuschenden Ende führen.
In den vier Bänden porträtiert der Autor realitätsnah die emotionale
Struktur des Protagonisten und seiner nächsten Umgebung auf der Suche nach
seinem Platz in der Gesellschaft. Zwischen seinem ersten Auftreten in Rabbit
DeBellis John Updike: A Biography, 1967-1993 (Westport, CN: Greenwood Press, 1994) und
Jack DeBellis The John Updike Encyclopedia (Wetport, CN: Greenwood Press, 2000) erwähnt.
262 Updike datiert Rabbit, Run vom 20. März 1959 bis zum 24. Juni des gleichen Jahres; Rabbit
Redux vom 16. Juli 1969 bis Oktober 1969; Rabbit Is Rich vom 23. Juni 1979 bis zum 20. Januar
1980; Rabbit At Rest vom 28. Dezember 1988 bis 22. September 1989. Er vergleicht die vier
Bände mit den vier Jahreszeiten, die sich auch in einem Menschenleben widerspiegeln. Die
jeweiligen politischen und sozialen Geschehnisse dieser Jahre nehmen Einfluß auf die
Protagonisten und ihr gesellschaftliches Umfeld. Aus John Updike im Vorwort zu Rabbit
Angstrom – A Tetralogy (New York: Alfred A. Knopf; 1995). S. ix-xxiv.
263 James Plath, Conversations with John Updike (Jackson: University Press of Mississippi,
1994). “‘My subject,’ Updike replies to this, ‘is the American Protestant small-town middle class,
where ambiguity restlessly rules. Something quite intricate and fierce occurs in houses, and it
151
Run als 26jähriger Teilzeitbeschäftigter und seinem Abgang in Rabbit at Rest,
wo er knapp 60jährig in Florida an einem Herzinfarkt verstirbt, erlebt Harry
‘Rabbit’ Angstrom entscheidende Jahre amerikanischer Geschichte. Auffällig
erscheint, dass das Alter des Autors beim Schreiben des gesamten Werkes zwar
identisch ist mit dem des Protagonisten, dass dieser jedoch auf Grund seiner
emotionalen Unreife als eine Art Negativbild zu verstehen ist.264
Der Charakter des Protagonisten ähnelt dem der Helden der vorher untersuchten
Werke und unterstützt die These der Wichtigkeit eines Vaters für die
Entwicklung des Sohnes. Der Antiheld Rabbit leidet unter seiner Lebenssituation
und erscheint auf Grund seiner impulsiven, unüberlegten Handlungen als äußerst
unreife, selbstzentrierte Persönlichkeit, die vor der beengenden Nähe der gerade
erst frisch gegründeten Familie zu fliehen versucht. Seine innere Unzufriedenheit
fungiert als treibende Kraft auf der Suche nach Ersatzbefriedigung, dabei dient
die eheliche Untreue als Ausweg aus dem vermeintlichen Nichts. Der
Protagonist erfährt beim Liebesakt eine Art Selbstbestätigung, die seiner
unreifen Persönlichkeit ein gewisses Maß an Selbstvertrauen vermittelt.
Egoistisch setzt er sich nicht nur über die Gefühle seiner schwangeren
Ehefrau hinweg, sondern lässt alle ihm näher stehenden Personen gerade dann
im Stich, wenn sie ihn am meisten herbeisehnen. Dieser Charakterzug des
Protagonisten spiegelt sich ebenfalls entscheidend im Umgang mit seinem Sohn
Nelson wider, dem er auf Grund seines eigenen Persönlichkeitsdefizits keine
emotionale Stabilität vermitteln kann.265 Sein Verhalten hinterlässt traumatisch-
pathologische Narben auf der emotionalen Ebene. Neben der Vereinsamung des
Einzelnen und der auf Emotionslosigkeit basierenden Oberflächlichkeit des
seems to me without doubt worthwhile to examine what it is.’” Auszug aus dem Interview: Jane
Howard, “Can a Nice Novelist Finish First?”, Life Magazine; 61 (Nov 4, 1966); 74-82.
264 Vergl. Alice und Kenneth Hamilton, The Elements of John Updike (Grand Rapids: Wm. B.
Eerdmans Publ., 1970) “... his characters tend to be exactly the same age as their creator at the
time he is writing their story, that they share the same background, and that their family matches
his, even to the sex and spacing in age.” S. 27.
265 Harry Angstrom entspricht hier dem Gegenpart des Autors, der selbst im Unterschied zu
seinem Protagonisten eine behütete Kindheit erfahren durfte. Vergl. A. und K. Hamilton The
Elements of John Updike (Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans Publ., 1970), S. 30 ... the inner
security he [Updike] knew through his family.”
152
Miteinanders erhält auch die Vater-Sohn-Beziehung eine entscheidende
Gewichtung, wie im weiteren gezeigt werden soll.
Im Laufe der vier nde arbeitet der Protagonist sich empor vom
anfänglichen Unterklassemilieu in die gesellschaftlich anerkanntere Position mit
dem dazugehörenden Wohlstand der Mittelklasse, allerdings erfährt sein
Charakter keinerlei Veränderung hin zum positiveren Verständnis gegenüber
seinem Umfeld. Der Protagonist bleibt destruktiv, unnahbar und unfähig in
Bezug auf eingegangene Beziehungen.
153
8.2 Rabbit Run
Das erste Buch der Tetralogie, Rabbit Run (1960), stellt den jungen, in sich
ungefestigten, zu Highschool-Zeiten ehemals sportlich erfolgreichen
Basketballspieler Harry ‘Rabbit’ Angstrom vor, der seiner sportlichen Karriere
nachtrauert und nun voller Unzufriedenheit über sein Dasein und der ihn
beengenden familiären Nähe zu entfliehen versucht.266 Er scheint die sportlichen
Höhepunkte seiner Vergangenheit zu glorifizieren und wirkt ernüchtert von den
tristen Alltagsstrukturen.
Rücksichtslos beschäftigt er sich ausschließlich mit seinen eigenen
Gefühlen und vernachlässigt dabei komplett die Bedürfnisse seiner ebenfalls
emotional unreifen Ehefrau, die den Anforderungen des Familienlebens mit
Kleinkind nicht gewachsen scheint und durch ihre Flucht in den Alkohol einen
vermeintlichen Halt zu finden glaubt. Das offensichtlich aggressiv geprägte
verbale Auftreten des Protagonisten demonstriert nicht nur die Unsicherheit im
Umgang miteinander, sondern zeigt deutlich die Spannungen zwischen dem
jungen Paar, dem es bisher nicht gelungen ist, eine stabile Beziehung
aufzubauen.
Trotz ihrer einfältig simplen Art ohne die geringste Spur einer etwaigen
positiven Ausstrahlung erahnt die erneut schwangere Janice Angstrom die
Gefahr des Auseinanderbrechens ihrer Ehe, die auf Grund der unerwünschten
ersten Schwangerschaft aus gesellschaftlichem Druck eingegangen wurde.267 Sie
spürt deutlich, dass sich ihr Mann emotional immer weiter entfernt und es schon
bald zu einer Kurzschlußhandlung seinerseits kommen wird. “Don´t run from
266 Garry Wills, “Long Distance Runner, New York Review of Books; 37; 16 (Oct. 25, 1990);
11-14. Wills bezweifelt den ehemals sportlichen Erfolg des Protagonisten: “Though he is
supposed to have been the local star, we hear of no college or semi-pro scouts interest in him.” S.
11.
267 W. Wieck, Söhne wollen Väter (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1995). Die
Auseinandersetzung innerhalb der Institution Ehe sieht Wieck bei unreifen Persönlichkeiten wie
folgt: „In der Ehe und engen Partnerschaft, in der sich die meisten aus bloßer Gewohnheit
wiederfinden, aus Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit, findet das permanente Duell zwischen
Mann und Frau statt und später auch mit den Kindern. [...] Aber sie ist mehr, sie ist ein Gefängnis
zweier oder mehrerer miteinander kämpfender Menschen, die einander nicht freilassen, im
Gemeinsamen unerwachsen bleiben und unselbstständig, ....“S. 304 -305.
154
me, Harry. I love you.” (S. 12)268 Die fast schon flehenden Worte lässt der
Protagonist nicht an sich heran, denn mittlerweile verabscheut er seine wenig
attraktive Partnerin. Zudem fühlt er sich mit seiner ihn nicht ausfüllenden
Beschäftigung und dem Mangel an Anerkennung unzureichend befriedigt und
projiziert seinen Unmut auf seine häusliche Situation.
Der aus dem zoologischen Bereich gewählte Spitzname “Rabbit” trägt
symbolischen Charakter. Das Kaninchen gilt als nervöses, impulsives und sehr
triebhaftes Tier und entspricht hierbei nicht nur äußerlich dem Auftreten des
Protagonisten, sondern auch eine maßgebliche Übereinstimmung mit seinen
Wesenszügen wird erkennbar. Animalisch sucht Harry Angstrom sexuelle
Erfüllung, ohne dabei tiefere Gefühle für seine Partnerin zu hegen, und flüchtet
genau dann, wenn sich eine von ihm eingegangene Beziehung zu einer ernsteren
Natur entwickeln könnte.269 Die Sexualität bedeutet ihm unbewußt einen
Auftrieb aus dem Wenigen, das er gesellschaftlich bisher erreicht hat, und
bestätigt seine selbstzentrierte Persönlichkeit. Potenz ist dabei für ihn ein
Ausdruck der Macht. Für sein empfindliches Ego benötigt er ganz besonders
eine Person, die ihn anhimmelt, um ihm dadurch ein gewisses Selbstwertgefühl
zu vermitteln.
Wie ein Kaninchen in der Falle gefangen, so fühlt sich auch Rabbit.
“Rabbit freezes, standing looking at his faint shadow on the white door that leads
to the hall, and senses he is in a trap. It seems certain. He goes out.” (S. 15) Die
Tiersymbolik demonstriert im weiteren deutlich die Gefühle des Protagonisten,
der mit tierischen Attributen in seinem instinktgeleiteten Verhalten skizziert
wird. In dem Nachnamen Angstrom sticht das Wort Angst deutlich hervor und
charakterisiert bedeutsam den Protagonisten, dessen Leben durch Attribute wie
Angst und Selbstzweifel maßgeblich gesteuert wird. Seine Unentschlossenheit
im täglichen Handeln und seine starken emotionalen Schwankungen erklären
sich aus dieser Ängstlichkeit.
268 Die in Klammern eingefügten Seitenzahlen beziehen sich auf John Updike, Rabbit Angstrom
(New York: Alfred A. Knopf, Inc, 1995).
269 Vergl. J. Updike Rabbit gets it together”; The New York Times Book Review (Sep 24, 1995);
7; 1; 43.Rabbit, Run was first conceived as a novella, to form with another, The Centaur, a
study of complementary moral types: the rabbit and the horse, the zigzagging creature of impulse
and the plodding beast of stoic duty.”
155
Mit der Rolle als Ehemann und Vater ist er überfordert, da er sich selbst
noch nicht gefunden hat. Er scheint sehr abhängig vom Urteil seiner Mutter, die
ihn maßgeblich mit ihrer Negativmeinung über die Schwiegertochter beeinflußt.
Obwohl der Protagonist Manipulation verabscheut und erst recht nicht bei sich
selbst duldet, bemerkt er nicht die ihn beeinflussenden Absichten seiner Mutter,
die ihm suggeriert, er sei etwas Besseres und hätte ein besseres Schicksal
verdient. (S. 17)
Harry Angstrom steht den an ihn gestellten Anforderungen hilflos
gegenüber und wählt mit der Flucht vor der Verantwortung den Weg des
geringsten Widerstandes. Anstatt eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung
zu suchen, flüchtet er ziellos mit seinem Auto gen Süden, nachdem er seinen
Sohn bei den Schwiegereltern durchs Fenster beobachtete und eifersüchtig
feststellte, dass es ihm dort an nichts mangelt, im Gegenteil die Atmosphäre dort
im Haus sehr viel entspannter und positiver erscheint.
Diese Erkenntnis lässt ihn hastig und unüberlegt davonlaufen. Wie ein
Tier auf der Flucht hofft er, alles hinter sich zu lassen und alle Gedanken an das
auch von ihm produzierte Chaos abzuschütteln. Gesellschaftlich fühlt er sich
nicht dazugehörig. “He wanders, is it just these people I`m outside or is it all
America?” (S. 31)
Schon bald erfährt er, mit einem leicht erregbaren Gemüt ausgestattet,
dass diese spontane Flucht keinerlei Ausweg bedeutet, denn im wahrsten Sinne
des Wortes befindet er sich in einer verfahrenen“ Situation und beschließt, in
Erinnerung an seine frühere erfolgreiche Sportzeit, wieder zurückzukehren, um
bei seinem damaligen Trainer, der mittlerweile körperlich und seelisch ein
Wrack ist und am Rande der Gesellschaft steht, Rat einzuholen. Es wird
deutlich, dass Rabbit ebenso wie unter der mütterlichen Beeinflussung unter dem
nachhaltigen Einfluß des Trainers steht, dessen Motto Run er verinnerlicht
hat. Der Protagonist hat noch nicht bemerkt, dass das wirkliche Leben kein Spiel
ist, vor dem man nach Belieben weglaufen kann. Der Trainer als der
personifizierte Zustand der Hoffnungslosigkeit bietet Harry Angstrom nicht die
geeignete Unterstützung, im Gegenteil wird er den emotional
156
aufgewühlten Protagonisten weiter in den Sumpf der Unzufriedenheit und
falscher Handlungen ziehen.270
Ohne seiner Frau ein beruhigendes Lebenszeichen oder eine Erklärung
über sein Ausbrechen aus dem Alltag zukommen zu lassen, demonstriert Harry
Angstrom mit seinem Abtauchen sein soziales Unvermögen. Seine Handlungen
sind von rücksichtsloser, momentgesteuerter Natur und zeugen von großen
Defiziten in seiner Entwicklung auf emotionalem Gebiet.271 Sollte der
Protagonist jemals ein Gemeinschaftsgefühl gekannt haben, so scheint es ihm
nun völlig abhanden gekommen zu sein. Seine Aktionen betonen seine
destruktive Beziehungsunfähigkeit und kennzeichnen einen emotional isolierten
Menschen, der sich selbst noch nicht gefunden hat.
Die Kommunikationslosigkeit des Protagonisten wirkt verletzend und
lässt die emotionale Entfernung der Ehepartner deutlich werden. Angstrom
verschwendet ebenfalls keinerlei Gedanken an seinen Sohn Nelson, der von der
Schwiegermutter als ein verweichlichter, arg verwöhnter Junge angesehen wird,
der in ihren Augen in den Grundzügen dem Wesen seines Vaters ähnelt. “He`s
just like his father underneath. All soft heart.” (S. 138) Da Rabbits Mutter in
ihrer Überfürsorglichkeit ihre Aufmerksamkeit zu sehr auf ihren Sohn projiziert
hat, konnte er sich nicht normal entwickeln. Dies gilt ebenso für Rabbits Sohn,
dessen charakterliche Eigenschaften ihn ähnlich denen des Vaters nach
Verwöhnung und spontaner Wunscherfüllung trachten lassen. Sie besitzen beide
nicht die Fähigkeit, auf starke und sinnvolle Art mit ihrer Umwelt zu agieren.
Bei einem Zug durch die Gemeinde mit seinem früheren Basketballtrainer
Tothero trifft Harry auf die als Prostituierte arbeitende Ruth, die ihn noch aus
seinen Glanzzeiten zu Schulzeiten kennt. Er geht mit ihr nach Hause und lebt mit
ihr kurzfristig in einer eheähnlichen Gemeinschaft. Aus dieser Verbindung
270 Peggy Armstrong “Updike`s Rabbit Run”, Explicator; 47; 1 (Fall 1988); 46-47: “John Updike
mirrors Rabbit Angstrom`s emotional state throughout Rabbit Run with the physical appearance
of Rabbit`s old basketball coach, Marty Tothero.” 46.
271 Wilfried Wieck,“Söhne wollen Väter“. Wieck sieht das fehlende Einfühlungsvermögen, den
ùnsozialen Lebensstil` und die Unfähigkeit, Konflikte adequat zu lösen, im unterentwickelten
Persönlichkeitsbild des Mannes, der von der eigenen Mutter unbewußt infantil gehalten wurde.
Dies gilt ebenso für Rabbit, der wie ein trotziges Kind agiert, vor seiner Enttäuschung flieht,
anstatt sich den Problemen zu stellen und daraus charakterlich zu wachsen. S. 214ff.
157
entsteht, wie sich erst sehr viel später herausstellt, eine Tochter, die Ruth vor
Rabbit verheimlicht.272 Der Reverend Jack Eccles, der den Protagonisten
eigentlich auf „den rechten Pfad“ zurück zur Familie bringen soll, versagt in
seiner Funktion und geht lieber mit Rabbit zum Golfen.
Erst als Rabbit von Eccles über die kurz bevorstehende Geburt seines
zweiten Kindes informiert wird, zeigt er einen Anflug von Menschlichkeit,
indem er seiner Frau zur Seite stehen will. Er verlässt Ruth, um sich um seine
Familie zu kümmern. Zum ersten Mal bemerkt der Leser eine Art Schuldgefühl
des Protagonisten gegenüber seiner Familie, denn dieser reflektiert zumindest
kurz über sein bisheriges Leben. “His life seems a sequence of grotesque poses
assumed to no purpose, a magic dance empty of belief. There is no God;…” (S.
170) Seine Einstellung zur Religion wird mit diesem Satz ebenfalls deutlich.
Die Geburt seiner Tochter überwältigt ihn so sehr und erweckt das
Gefühl der stolzen Männlichkeit bei Rabbit so außergewöhnlich, dass er die
Probleme , die ursprünglich zur Trennung von seiner Frau geführt haben, kurzer
Hand vergißt und ohne Aussprache einen Neubeginn erwartet. Erneut sind ihm
die Gefühle der Mitmenschen unwichtig. Moralisch skrupellos reicht ihm als
Erklärung: “I can`t believe it was me. I don`t know why I left.” (S. 176)
Sein eigener Entwicklungsstand ist nicht ausgereift genug für eine
emotionale Annäherung, und entsprechend fehlt dem Protagonisten die
persönliche Vorstellung der gegenseitigen Bedürfnisse in einer Partnerschaft.
Rabbit setzt ausschließlich seine eigenen Ansprüche und Gefühle als Maßstab im
Miteinander an, und seine einfältige Ehefrau lässt sich darauf ein. Eine fast
stattfindende Aussprache damit eine klärende Variable kommt nicht
zustande, da es das Paar vorzieht, sich vor dem laufenden Fernseher
anzuschweigen. Ein oberflächliches Übereinkommen scheint gefunden. “It even
makes for a kind of peace; he and Janice hold hands.” (S. 186) Da die
grundlegenden Voraussetzungen des Miteinanders fehlen, werden
272 In Licks Of Love (London: Penguin Books, 2000) wird die Geschichte der Familie Angstrom
an der Schwelle zum 21. Jahrhunderts wieder aufgenommen. In diesem Buch stellt sich heraus,
dass Annabelle Byer tatsächlich seine uneheliche Tochter aus seiner Verbindung mit Ruth ist. S.
181.
158
erwartungsgemäß schon bald neue Probleme auf das Paar zukommen, denen sie
erneut nicht gewachsen sein werden.
Die Emotionen der väterlichen Freude über die Geburt der Tochter
ermöglichen eine gewisse, zwar zurückhaltende Annäherung zwischen Vater
Rabbit und seinem dreijährigen Sohn, der mit einfachen, kindlichen Worten
seinem Vater berichtet, wie er ihn vermißt habe.
‘Daddy away’ - the boy`s eyes widen and his mouth drops open as he
stares into the familiar concept of ‘away’; his voice deepens with
seriousness of it - ‘long’. His arms go out to measure the length, so far his
fingers bend backward. It is as long as he can measure. (S. 190)
Die mangelnde väterliche Fürsorge verletzt unweigerlich die kindliche
Seele und erschüttert das Vertrauen in den Vater. Auf Grund seiner eigenen
emotionalen Unzulänglichkeit wird Rabbit sein Fehlverhalten dem Sohn
gegenüber kaum wiedergutmachen können. Mitgefühl und Rücksichtnahme als
essentielle Werte, um Zugang zum Kind zu finden, fehlen bei Harrys
destruktiver Verhaltensform.
Die väterliche Botschaft des bindungslosen, vernachlässigenden
Verhaltens bildet die Grundlage für eine konfliktgeladene Beziehung zwischen
Vater und Sohn im weiteren Verlauf.273 Anfänglich glückliche Momente
zwischen Vater und Sohn werden im normalen Alltagsprozess immer seltener.
“In the week that follows this blessing, he and Nelson are often happy.” (S. 193)
Den kindlichen Anforderungen in der täglichen Routine kann Rabbit gerade
noch Genüge tun, doch findet eine Festigung der Beziehung durch die fehlende
Vergangenheitsbewältigung nicht statt.
Da der dreijährige Sohn in seinem äußeren Erscheinungsbild mehr der
Mutter ähnelt und damit nicht dem Ideal seines Vaters entspricht, entwickelt der
Protagonist erste Ansätze von väterlicher Abneigung gegenüber seinem Sohn.
Die Ansätze einer beginnenden Zurückweisung führen letztendlich zu einer
273 Gregor M. Vogt/ Stephen T. Sirredge, Söhne ohne Väter- Vom Fehlen des männlichen
Vorbilds (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH; 1995); Die Autoren betonen
die Wichtigkeit der Vaterrepresentanz in der Entwicklung des Sohnes als Gegengewicht zur
Mutter. „Wir sprechen das Thema männlicher Energie im Vater an und wie besonders wichtig
seine Macht ist, den Sohn auf positive Weise aus dessen Platz in der „mütterlichen Umlaufbahn
zu lösen und ihm zu helfen, sein Selbstbewußtsein als Mann zu entwickeln.“ S. 24.
159
verzögerten Persönlichkeitsentwicklung bei dem offen kritisierten und
zurückgewiesenen Sohn. Irritationen im Gefühlsleben des Protagonisten
gegenüber seinem Sohn häufen sich im weiteren Verlauf immer mehr: “It
shouldn`t matter what hands Nelson has. Now he discovers it does matter; he
doesn`t want the boy to have Springer hands, and, if he does - and if Mom
noticed it he probably does – he likes the kid a little less.” (S. 196)
Das väterliche Verhalten, geprägt durch emotionale Instabilität, hält den
Sohn in einer Art konstanter Unsicherheit, die es ihm nicht ermöglichen wird,
sich seinem Vater anzunähern und durch die notwendige Identifizierung mit ihm
seine eigene Identität herauszufinden.274 Das solide Fundament für eine
entsprechende Annäherung fehlt und wird die psychologische Entwicklung des
Sohnes negativ beeinflussen.
Die starken Stimmungsschwankungen des Protagonisten dienen als
erklärende Variable für die negative, drückende häusliche Atmosphäre. Anstatt
für eine notwendige, klärende Aussprache zu sorgen, weicht Rabbit durch sein
erneutes Weglaufen der Verantwortung wieder aus. Egoistisch setzt er sich über
das Gefühlsleben seines Sohnes und seiner Frau hinweg, die wegen dieses
Verhaltens erneut zur Flasche greift und im betrunkenen Zustand den Tod des
neugeborenen Babys herbeiführt. Zwar fühlt Angstrom sich letztendlich für den
Tod seiner Tochter verantwortlich, zieht sich jedoch in altbekannter Weise feige
aus der Verantwortung zurück, indem er seinen Mitmenschen intensive, klärende
Aussprachen verweigert.
“The touch of death” (S. 260) erscheint als zutreffendes Attribut für seine
Verhaltensweisen. Er ist ein Versager nicht nur hinsichtlich seiner Beziehung zu
seinen nächsten Mitmenschen. Die konfliktgeladene, partnerschaftliche
Beziehung der Eltern bedeutet ein immenses Problem für den Sohn, dessen
seelische Gesundheit entscheidend vom familiären Beziehungsgeflecht abhängig
ist. Eine unfähige Mutter und ein rastloser, ebenso unfähiger Vater sind keine
Leitbilder für den Sohn, bestimmen aber dessen Entwicklung und prägen seine
274 Vergl. Guy Corneau, Abwesende Väter – Verlorene Söhne (Solothurn und Düsseldorf: Walter
Verlag, 1993): „Um aber ein „Mann“ zu werden, muß der Junge von dieser primären
Identifikation mit der Mutter zu einer Identifikation mit dem Vater voranschreiten.“ S. 27.
160
negative Identität. Der äußerst unsichere Lebensrahmen mit Gewichtung auf
Flucht vor der Verantwortung bildet die Grundlage für prägende Erfahrungen auf
dem Weg in die Männlichkeit.
161
8.3 Rabbit Redux
Wie schon der Titel Rabbit Redux (1971) ankündigt, ist der um zehn Jahre
gealterte, aber nicht gereifte Protagonist Harry Rabbit Angstrom zu seiner
Familie zurückgekehrt. Er scheint oberflächlich betrachtet seine Zerrissenheit
zwischen Flucht vor der Verantwortung und seinem Freiheitsdrang zugunsten
eines häuslichen Familienlebens aufgegeben zu haben. Nach außen hin führt er
ein geregeltes zufriedenes Dasein als Drucker in derselben Druckerei, in der
auch sein Vater arbeitet.
Sein äußeres Erscheinungsbild hat sich durch seine Gewichtszunahme
auf Grund von mangelndem sportlichen Einsatz negativ verändert. Sein früheres
jugendlich animalisches Hasenhafte fehlt ihm nun, und so scheint der Neckname
„Rabbit“ unpassend. Er vermittelt eher das Bild eines Verlierers, der sich für
seinen Lebensunterhalt abstrampelt, ohne auf der Erfolgsleiter höher zu klettern.
Sein Leben gestaltet sich wenig aufregend, bis er von seinem Vater über die
kursierenden Gerüchte über die Affäre seiner Frau informiert wird.
Die Vorstellung seiner Frau als Ehebrecherin überrascht Rabbit sehr, da
er sie für zu einfältig hält und auch nicht nachvollziehen kann, dass ein anderer
Mann überhaupt seine Frau begehren könne. Seine Frau und er führen keine
partnerschaftliche Ehe, die ein kommunikatives Miteinander ermöglicht. Beide
haben eigene Wege eingeschlagen und weihen den jeweiligen Partner auch nicht
in ihre Gefühlswelt ein diese stillschweigende Regelung kommt der
Bequemlichkeit des Protagonisten sehr entgegen. “I´m just surprised there´s
anything to say. I hardly see her [Janice] any more, now that she`s over at
Springer`s lot all the time.” (S. 271)
Emotional erschüttert diese Nachricht ihn wenig, denn die Partner haben
sich im Laufe der Zeit nicht annähern können und sind sich trotz der vielen
gemeinsamen Jahre sehr fremd geblieben. In seiner egozentrischen, gefühllosen
Art hat Rabitt nicht wahrgenommen, dass seine Frau durch die Arbeit bei ihrem
Vater im Autohandel mehr an eigener Persönlichkeit und Selbständigkeit
162
gewonnen hat und sich nicht mehr ausschließlich als sein „Anhängsel“ oder
Besitz fühlt.275
Seinem Sohn gegenüber präsentiert sich Harry Angstrom als scheinbar
verantwortungsbewußter Mensch, der sich seiner väterlichen Pflichten durchaus
bewußt ist, der jedoch auch zu seinem zwölfjährigen Sohn nur eine
oberflächliche Beziehung aufgebaut hat, wie sein weiteresVerhalten deutlich
zeigt. Der Protagonist ist verärgert über das äußerliche Erscheinungsbild seines
pubertierenden Sohnes, nicht nur, weil er sehr seiner Frau ähnelt, sondern weil er
ihm als viel zu klein und zu weiblich erscheint. “Somehow, Rabbit feels, if he
were taller it would be all right, to have hair so long. As is, the resemblance to a
girl is frightening.” (S. 279) Die vermeintliche körperliche Einschränkung des
Sohnes wurde bereits im Kleinkindalter vom Vater bemängelt. Von diesen
Äußerlichkeiten lässt er sich derart beeinflussen, dass seine Abneigung
gegenüber dem Sohn stetig wächst.
Außerdem wirft er seinem Sohn dessen Unsportlichkeit vor und zieht
ich-idealisierende Vergleiche zu seinem früheren sportlichen Dasein. Der Sohn,
der sich nicht für Sport interessiert, spürt deutlich die Kritik des Vaters und fühlt
sich verletzt und zurückgewiesen.276 Des weiteren hält der Vater den Sohn für
extrem schutzbedürftig, und als Reaktion auf diese Erkenntnis reagiert er
unangemessen rauh. Anstatt ihm unterstützend zur Seite zu stehen, verabscheut
er seinen Sohn, weil er nicht seinem Ideal entspricht. Äußerlichkeiten halten den
Protagonisten davon ab, sich mit seinem Sohn emotional intensiv zu
beschäftigen. Voller Intoleranz und emotionaler Härte tritt er ihm gegenüber.
275 Michiko Kakutari, “Updike`s Long Struggle to Portray Women”, The New York Times (May
5, 1988) C 1; 29: “Over the years, John Updike noted in a recent interview in The New York
Times, readers have occasionally objected to his portrayals of women, criticizing them as being
merely `wives, sex-objects and purely domestic creatures.` In response, he said he`d been
`constantly trying to improve`his depiction of women.” Bei Janice Angstrom stellt sich diese
etwas positivere Entwicklung einer Frau dar.
276 Peter Blos, Sohn und Vater: „Die Ausbildung des reifen Ich-Ideals führt übertriebene
Idealisierung von Selbst und Objekt auf ein realistisches Maß zurück. Die Fähigkeit zu
objektivem Urteil dient als Schutzwall vor unangemessener Erhöhung des Selbst.“ S. 237.
Bezogen auf Rabbit bedeutet dies, dass er sich selbst grenzenlos überschätzt und demonstriert,
dass er nicht an Reife und Erfahrung gewonnen hat, sondern im Gegenteil immer noch der
„verwöhnte Junge“ geblieben ist.
163
Rabbit kann seine Enttäuschung über den Sohn kaum verbergen und legt durch
sein indirekt ablehnendes Verhalten den Grundstock für gravierende Konflikte in
dessen seelischer Entwicklung bezüglich des Individuationsprozesses. Der Sohn
stellt fest, dass er den Ansprüchen des Vaters nicht gerecht wird, und es gelingt
ihm nicht, mit dieser Situation fertig zu werden.
Ein Gefühl der Geborgenheit wird von Rabbit nicht vermittelt, und durch
die Destruktivität des Verhaltens wird das emotionale Wohlbefinden des Sohnes
empfindlich gestört. Mangelnde Zuneigung und die damit verbundene
Zurückweisung sind grundlegende prägende negative Erfahrungswerte für den
Sohn.
Intensive, die Vergangenheit aufarbeitende Gespräche werden vom
Protagonisten nicht zugelassen. Rabbit lenkt sofort ab, als sein Sohn die ihn
belastende väterliche Affäre von vor zehn Jahren anspricht. Mit seinen jetzt
dreizehn Jahren wäre der Sohn durchaus in der Lage, die damalige
Beziehungskrise der Eltern zu verstehen, die er zu jener Zeit zwar nicht begriffen
aber dennoch sehr intensiv miterlebt hat. Dem Vater fehlt das notwendige
sensible Einfühlungsvermögen, auf das Bedürfnis des Sohnes nach Aufklärung
einzugehen, und er lässt ihn mit seinen zwiespältigen Gedanken allein.
‘Did that [affair] ever happen to you and Mom?’ ‘I wouldn`t say so. I
took a vacation once, that didn’t last very long. You wouldn`t remember.’
‘I do, though. I remember Mom crying a lot, and everybody chasing you
at the baby`s funeral, [...]’ ‘Yeah. Those were sad days. This Saturday, if
Grandpa Springer has got the tickets he said he would, we`ll go to the
Blasts game.’ (S. 287)
Die Notwendigkeit zum Dialog wird vom Vater nicht erkannt. Anstatt
sich um eine intensive, gefestigte Beziehung zum Sohn zu bemühen, die durch
offene Gespräche erreicht werden könnte, lenkt er ab, indem er dem Sohn den
für ihn in seiner Jugend so wichtigen Sport nahezubringen versucht, ohne
einzusehen, dass der talentlose Sohn keinerlei Interesse daran zeigt. Dieses
väterliche Verhalten demonstriert wieder deutlich Rabbits Unfähigkeit, sich
selbst zurückzunehmen, um sich auf seine Mitmenschen entsprechend
einzustellen und sich in deren Gefühle und Gedanken hineinzuversetzen.
164
Folglich ist es auch nicht verwunderlich, wenn innerhalb der Familie Angstrom
nur eine oberflächliche Kommunikation stattfindet und jedes einzelne
Familienmitglied eigene Wege einschlägt. Jede echte innere Anteilnahme fehlt.
“Throughout the evening he has this sensation of nobody hearing him, of his
spirit muffled in pulpy insulation, so he talks all the louder and more insistently.”
(S. 297)
Auffällig ist die familiäre Konstellation der einzelnen Familienmitglieder
bei gemeinsamen Unternehmungen. Die Mutter und der Sohn scheinen eine
Front gegen den Vater zu bilden, indem sie beide mehr aufeinander eingehen.277
Rabbit ist sich seiner Außenseiterposition durchaus bewußt, findet jedoch keinen
Weg, dieser pathologischen Entwicklung gegenzusteuern. “Rabbit feels naked in
his own threadbare little family.” (S. 300)
Defensiv harrt er in diesem Stadium aus und drängt nicht zur nötigen
Konfrontation oder offenen Konfliktlösung. Eine Art emotionale
Unzulänglichkeit kennzeichnet das Verhältnis des Protagonisten in seinen
zwischenmenschlichen Beziehungen. Die `hardness of heart`, die schon in
Rabbit Run offenkundig wurde, zeigt sich erneut als essentieller Wesenszug des
Protagonisten und verhindert eine glückliche Problemlösung.278
Die durch unterdrückte Wut und nicht verarbeitete Aggressionen
entstandenen Negativgefühle der Partner zueinander lassen eine unüberbrückbar
erscheinende emotionale und physische Distanz aufkeimen, die die Basis des
enormen Konfliktpotentials zwischen Janice und Harry bildet. Der Sohn wird in
diese Situation unweigerlich verwickelt, steht aber mit seinen Gefühlen und
Ängsten alleine da. “How sad it was with Harry now, they had become locked
rooms to each other, they could hear each other cry but couldn`t get in,.…” (S.
313)
277 Adrienne Burgess, Vatermythen, Vaterbilder, S. 296. Die Autorin schildert das Verhältnis des
Vaters zu seinem Kind in Abhängigkeit zu der emotionalen Ebene der geführten Ehe. Ist die
Partnerschaft schlecht, so ist in der Regel ebenfalls der väterliche Bezug zu den Kindern gestört.
Dieses Phänomen gilt ebenso für die Beziehung des Protagonisten zu seinem Sohn.
278 Vergl. Mervyn Rothstein, “The Origin Of The Universe, Time And John Updike”, The New
York Times (Nov. 21, 1985) C 1; 21; Interview mit John Updike: “So I guess a lot of my books
are about hardness of heart.”
165
Die gefühlsarme Kälte der häuslichen Atmosphäre überfordern den
Teenager Nelson, der auf Grund der gegebenen Schwierigkeiten unmöglich eine
positive Persönlichkeit entwickeln kann. Seine nahen Bezugspersonen
demonstrieren eine dermaßen starke Beziehungsunfähigkeit, dass das Erreichen
einer strukturierten inneren Identität für den Sohn kaum möglich wird. Die
Eltern behandeln Nelson wie ein kleines Kind, dadurch wird sein
Selbstwertgefühl konstant untergraben. Dem Sohn wird nicht erlaubt,
altersentsprechend an den Gesprächen der Erwachsenen teilzunehmen; selbst
politische Themen, wie zum Beispiel der Aufruhr der 60er Jahre beeinflusst von
weltpolitischen Ereignissen, werden ihm mehr oder weniger vorenthalten. “...
Nellie, you shouldn`t be hearing any of this.” (S. 337) Anstatt den Jungen im
eigentlichen Sinne an das Leben heranzuführen, sein inneres und äußeres
Weltbild aktiv mitzugestalten, wird Nelson von allem ferngehalten und mit
seiner eigenen Verwirrung besonders vom Vater im Stich gelassen. Der
Protagonist entzieht sich auf Grund seiner Negativgefühle gegenüber dem Sohn
einer einfühlsamen, väterlich erziehenden Funktion, die durch pädagogisch
unterstützende Aspekte der Rollenfindung des Sohnes dienen sollte.
Da der Vater bisher auf die emotionalen Belange des Sohnes nicht näher
eingegangen ist, erkennt und akzeptiert er auch nicht die Andersartigkeit der
Gefühle des Jungen wie zum Beispiel bei an sich so nebensächlichen Dingen wie
Sport. Deutlich lässt er sein Mißfallen am sportlichen Desinteresse des Sohnes
spüren, sein eigener sportlicher Einsatz hält sich jedoch ebenfalls in Grenzen.
Diese wenig einfühlsame Vater-Sohn-Bindung verhindert folglich eine
konstruktive Beziehung. Der Vater hält den Sohn für das störende, destruktive
Element und übersieht dabei gänzlich die fragwürdigen Aspekte in seiner
eigenen Lebensordnung.
Die Angst des Sohnes vor dem Alleingelassenwerden beim Weggang der
Mutter als der einzigen Konstanten in seinem bisherigen Leben kann vom Vater
auf Grund seiner verminderten Einfühlsamkeit und der emotionalen Distanz
nicht gemindert werden. Der Sohn scheint doppelt betrogen, denn einerseits gibt
die Mutter die bisherige häusliche Sicherheit zugunsten ihres Liebhabers auf und
distanziert sich dadurch von ihrem Sohn, und andererseits bietet der Vater ihm
166
von vornherein keine emotionale Sicherheit. Zwar bemüht sich Rabbit um eine
verantwortungsvolle Anteilnahme, jedoch lässt die bisher fehlende tagtägliche
Vertrautheit seine Worte aufgesetzt erscheinen. Sie klingen in dieser Situation
wenig hilfreich und unglaubwürdig. “O.K. After this, let`s keep in better touch.
I`m your mother and your father for the time being.” (S. 342)
Das Vatersein beschränkt sich bei Rabbit ausschließlich auf die Rolle des
Versorgers, und er stellt sich keinesfalls den zwischenmenschlichen Problemen,
die den sensiblen Sohn so arg belasten. “Since Janice left, he is silent and
delicate: an eggshell full of tears.” (S. 361) Würde er seinem Sohn die
entsprechend erforderlichen Erklärungen geben, würde dies ihm die
Trennungserfahrung zumindest ein wenig erleichtern. Dem Protagonisten ist
zwar bewußt, wie sehr sein Sohn unter den Umständen leidet, jedoch ist er zu
sehr mit sich selbst und dem destruktiven, ehelichen Verhältnis beschäftigt, als
dass er sich den Gedanken und Gefühlen des Sohnes stellen kann.
Voller Selbstmitleid fühlt sich Rabbit fremdbestimmt und sieht keinerlei
Möglichkeit, wie er mit seinem gekränkten Ego selbst ins Reine kommt. Diese
Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen gilt als Voraussetzung, um fähig
für eine vernünftige Kontaktaufnahme mit dem Sohn zu sein.279 Der Vater bietet
somit seinem Sohn keinerlei Sicherheit im emotionalen Bereich, da seine eigene
Geschichte unerledigt ist.
Der Protagonist beneidet seine Frau um ihren Mut zum Ausstieg aus der
morbiden Partnerschaft. Auf der Suche nach einer eigenen Identität erfährt
Janices Ego eine Aufwertung; der Seitensprung stärkt ihr Selbstwertgefühl, das
von ihrem Ehemann konstant untergraben wird. “... At least she had the drive to
get out.” (S. 355) Updike beschreibt hier die Auseinandersetzung mit der
moralischen Umwertung der sechziger Jahre. Wurde bisher einer Frau das Recht
auf Selbstverwirklichung auf jeglichem Gebiet abgesprochen, so nimmt sich
Janice stellvertretend für alle Frauen mehr Freiheiten. Rabbit, der sich früher
ebenfalls seine Auszeit von der dadurch schmerzlich betroffenen Familie nahm,
279 Vergl. W. Wieck, Söhne wollen Väter, S. 182. Der Autor geht davon aus, dass Eltern erst
beziehungsfähig werden, wenn sie „die notwendige Arbeit an der eigenen Person“ bewerkstelligt
haben. Diese Voraussetzung fehlt bei Rabbit.
167
hadert nun passiv und willenlos mit seinem Schicksal. Selbst der Weggang
seiner Frau rüttelt ihn nicht wach, um nach möglichen Erklärungen geschweige
denn Lösungen zu suchen.
In dieser Krise kommt ihm eine Ablenkung in Form der
rauschgiftsüchtigen, minderjährigen Jill gerade recht, die das verletzte männliche
Ego Rabbits durch seine Trieberfüllung aufwertet und das Gefühl von
Einsamkeit überspielt. Die trieborientierten Interaktionen des Protagonisten sind
dermaßen egoistisch, dass er sich keinerlei Gedanken um die moralische
Entwicklung des Sohnes macht und ihn damit erneut emotional überfordert.280
Nelson wird mit der verfrühten Bekanntschaft mit der ungewöhnlich offen
ausgelebten Sexualität nach Jills Einzug nicht fertig. Das väterlich spontan
gesteuerte Verhalten lässt keine eindeutige Richtung oder Werte erkennen, nach
denen der Protagonist lebt, und bietet mit dieser Unvollkommenheit dem Sohn
keine Atmosphäre der Sicherheit, die für seine Entwicklung dringend
erforderlich wäre.
Die Fülle der neuen häuslichen Eindrücke erschlägt den Teenager, der
sich als Reaktion noch mehr vom Vater abkapselt. Nach dem Weggang der
Mutter, seiner bis dahin einzigen Vertrauten, spürt Nelson die ihm
entgegengebrachte ablehnende Haltung des Vaters um so deutlicher, und seine
Einsamkeit offenbart sich noch intensiver. Die unwesentlich ältere Jill bringt mit
ihrer Äußerung die Negativwahrnehmung des Vaters auf den Punkt. “... Or the
fact that I treat him like a human being instead of a failed little athlete because
he`s not six feet six. Nelson is a very intelligent sensitive child who is very upset
by his mother leaving” (S. 430). Jills Einfühlungsvermögen bleibt als einzige
Stütze für den verzweifelten Nelson, der im seelischen Ungleichgewicht lebt.
Trotz seiner offensichtlichen Bedürftigkeit erfährt er keinerlei Rückhalt von
Seiten beider Elternteile, da sie zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt
sind.
280 Fitzhugh Dodson, Väter sind die besten Mütter Kinder brauchen ihre Väter (Düsseldorf:
ECON Taschenbuch Verlag, 1991), S. 181. Der Autor geht davon aus, dass die Eltern
gravierenden Einfluß auf die „Wertemaßstäbe und geistige Einstellung“ des Kindes haben. In
Bezug auf Rabbit ermöglichen seine Schwächen und Fehler keine positive Beziehung zu dem
Sohn und wirken sich somit auf die Persönlichkeit Nelsons negativ aus.
168
Das Vaterverhalten scheint durch die mangelnde Zuwendung und
Zuneigung unangemessen. Vater und Sohn leben in einer Art Ausnahmezustand
und sind nicht in der Lage, eine natürliche Verbindung miteinander einzugehen.
Die Destruktivität ihrer Beziehung ist augenscheinlich. Die von Nelson
ausgestrahlte Angst, Unsicherheit und Furcht - als Folge des elterlichen
Verhaltens - verwundern keineswegs. Wenig gefühlvoll und sehr neutral erkennt
der Protagonist die Attribute “tight; afraid; frightened” (S. 474/475) bei seinem
Sohn. Er fühlt sich jedoch nicht veranlaßt, ihm in irgendeiner Weise zu helfen.
Mit der Aufnahme des Schwarzen Skeeter, eines Bekannten von Jill,
setzt sich Rabbit über die gegenwärtig gültige gesellschaftliche Norm hinweg, in
der Schwarze als ‘underclass’ gelten, und löst damit neben den häuslichen
Konflikten weitere Probleme aus, die auch Nelson gravierend belasten. Denn die
Gleichaltrigen aus der Umgebung stören sich immens an dem Schwarzen, und
dem Sohn wird ernsthaft gedroht. Durch dieses Verhalten wird die Unsicherheit
Nelsons noch mehr verstärkt. Die ablehnende Haltung der Jugendlichen
unterminiert weiter sein Selbstwertgefühl und belastet seine ohnehin schon
geschwächte Position noch mehr.
Nelson will seinem Vater helfen und offenbart sich in einem Gespräch
über den Vorfall mit den Jugendlichen, die neugierig um das Haus der
Angstroms geschlichen sind und Drohungen gegen den Schwarzen“
ausgesprochen haben. Erstmals zeigt Rabbit einfühlsame Worte gegenüber
seinem emotional verletzten Sohn. “Don`t worry about it, you`ll shoot up. All us
Angstroms are late bloomers.” (S. 488) Nicht nur ein Versuch der Aufmunterung
des Sohnes ist augenscheinlich, sondern man ist versucht anzunehmen, dass der
Vater sich selbst Hoffnung zusprechen möchte, dass der Sohn seiner
Idealvorstellung entsprechend sich endlich zu einem „richtigen“ Angstrom
entwickelt und er ihn dann akzeptieren kann. Durch die erstmalige
Identifizierung mit Nelson entsteht bei dem unsicheren Sohn ein schwaches
Gefühl der Zusammengehörigkeit. Der Vater ist bemüht, ein Wir-Gefühl
herzustellen, das aus seinem bisherigen Verhalten in dieser Form nicht
erkenntlich war. “For all the shadows between them, they have lately grown
toward each other, father and son.” (S. 519)
169
Die stellenweise dramatisch zugespitzte häusliche
Beziehungskonstellation wächst dem Protagonisten über den Kopf. Der Bezug
zu den „wilden Sechzigern“ ist offensichtlich, politische Anspielungen, wie zum
Beispiel auf den Vietnamkrieg und die Aufstände der schwarzen Bevölkerung,
finden sich immer wiederkehrend im Werk. Dabei spielen nicht nur das
Konsumieren von Rauschgift seiner Mitbewohner eine gewichtige Rolle,
sondern auch die sexuelle Freizügigkeit ist von entscheidender Bedeutung. Die
von Nelson in dieser Zeit gesammelten Eindrücke werden im weiteren Verlauf
sein Leben - unabhängig vom väterlich prägenden Einfluß - nachdrücklich
beeinflussen. Die miterlebten sexuellen Ausschweifungen zwischen seinem
Vater, Jill und Skeeter unter Drogeneinwirkung haben eine traumatische
Wirkung auf Nelson, denn die Auswirkungen werden in den nächsten Folgen
deutlich. Die merkwürdige Zweckgemeinschaft mit Jill und Skeeter schwächt
Rabbits Position als Haushaltsvorstand, der dem Rauschgiftdealer Skeeter und
seinen Ansichten nicht gewachsen scheint, und führt zu einer momentanen
Annäherung an den Sohn. Dieser wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder ein
geregeltes Leben zu führen: “Gee I wish Mom would come back! I know it can`t
happen, but I wish it.” (S. 521)
Da der Protagonist kaum sein eigenes Leben meistert, steht er erst recht
den Gefühlen des Sohnes hilflos gegenüber. Nach wie vor kann er sich nicht in
die Lage des Jungen versetzen, um adäquat zu antworten und um ihm die
dringend erforderliche emotionale Hilfestellung zu bieten. Die unbewußten
Schuldgefühle gegenüber seinem Sohn bremsen die väterliche Spontanität, denn
bildlich gesprochen kann Rabbit erst wieder richtig durchatmen, als der Sohn aus
seinem Blickwinkel verschwindet und er seine verantwortliche Position
vermeintlich nicht mehr innehat. “When Nelson is gone, Rabbit can breathe.” (S.
522) Frei nach dem Motto „aus den Augen - aus dem Sinn.“
Nur die Anwesenheit des Sohnes bereitet dem Vater unbehagliche Gefühle und
Gewissensbisse, denn einerseits ist Rabbit sich der sozialen Erwartungen mit den
entsprechenden verantwortungsvollen Konsequenzen des Vaterseins bewußt,
andererseits führen ihn die Realität und die eigenen Bedürfnisse in arge
Bedrängnis. Mit seinem Unabhängigkeitsdrang auf der einen Seite und seiner
170
Vaterschaft auf der anderen Seite geht ein innerer Kampf einher, der in seiner
stimmungsabhängigen Einstellung zum Sohn wechselhafte Gefühle hervorruft.
Indirekt empfindet er den Sohn als Wurzel allen Übels. Der Protagonist hat seine
Identität als Vater bislang noch nicht gefunden, und die Bindung zum Sohn
entspricht ausschließlich der Rolle des Versorgers, der versucht, die in der Regel
eher negativen Gefühle gegenüber seinem Nachwuchs zu unterdrücken.
Die Ambivalenz der Gefühle des Protagonisten ermöglicht sogar eine
kurzzeitig positivere Einstellung gegenüber seinem Sohn, der jedoch von dem
Wechselbad der ab und zu väterlich-stolzen Empfindungen wenig erfährt.
“Rabbit finds there is nothing to say, just mute love spinning down, love for this
extension of himself downward into time when he will be in the grave, .…” (S.
535) Das Vater-Sohn-Verhältnis ist bislang sehr negativ belastet und blockiert,
so dass diese kurzen Momente einer Zuwendung die Beziehung zwischen beiden
nicht maßgeblich verändern können.
Der dramatische Verbrennungstod der Mitbewohnerin Jill im durch
Brandstiftung angezündeten Haus belastet das Vater-Sohn-Verhältnis nicht nur
im Augenblick drastisch, sondern wird noch eine nachhaltige Wirkung zeigen.
Durch dieses Ereignis findet die Vater-Sohn-Beziehung ihren negativen
Höhepunkt. Die Einstellung des Sohnes zu seinem Vater, dem er bis dato
versucht hat zu gefallen, wechselt nun zu übermächtigen Gefühlen der Wut und
des Hasses. Nelson macht seinen Vater verantwortlich für den Tod der
Mitbewohnerin Jill, die er sehr verehrt hat und die seiner Meinung nach von
seinem Vater hätte gerettet werden können, wenn er sie zu einem
Rauschgiftentzug gezwungen hätte. Durch seine verbale Attacke finden die
Gefühle des Sohnes ein Ventil. “ You fucking asshole, you´ve let her die. I`ll kill
you. I`ll kill you. (S. 544) Der Protagonist akzeptiert die offen dargestellte
Feindseligkeit des Sohnes, versagt jedoch auch in dieser Situation wieder in der
Rolle des verantwortungsvollen, emotional involvierten Vaters. Auf seine
Veranlassung wird der Sohn in der Obhut der Polizei zu den Großeltern
gebracht, dadurch entzieht sich Rabbit wieder seinen notwendigen väterlichen
Pflichten in der emotionalen Unterstützung des schockierten Sohnes.
171
Dieses Verhalten zeigt deutlich die distanzierte Beziehung zwischen
Vater und Sohn. Der Vater ist nicht imstande, mit fürsorglichem und seelisch
unterstützendem Beistand seinem bedürftigen Sohn Hilfestellung zu geben.
Rabbit entzieht sich dem Bedürfnis nach Vertraulichkeit und steigert mit diesem
unsensiblen Verhalten die Gefahr der Entfremdung.
Die Komplexität der konfliktvollen Beziehung zwischen Rabbit und
Nelson hat einen Punkt erreicht, der eine vertrauensvolle Annäherung unmöglich
macht. Die Vater-Sohn-Beziehung ist geprägt von pathologischem Charakter,
der von den Betreffenden nur noch durch ein offenes Aufeinanderzugehen und
durch intensive Gespräche verändert werden könnte.281 Da der
Persönlichkeitsstruktur des Protagonisten diese Eigenschaften zur
Kommunikation fehlen, erreicht er den Sohn nicht mehr und hat folglich
keinerlei Zugang in dessen Gefühlswelt. Nelson ähnelt in seiner Psychostruktur
dem Vater und verschließt sich ebenso wie dieser seinen Mitmenschen. “His
father can`t reach him, and lives with him in his parents’ house as an estranged,
because too much older, brother.” (S. 571)
Die emotionalen Verletzungen sind so gravierender Art, dass eine
Wiederannäherung unwahrscheinlich erscheint. Der Kontakt zwischen Vater und
Sohn, der von Anfang an problematischer Natur war, ist nun unterbrochen
beziehungsweise auf ein Minimum reduziert. Beide Beteiligten verhalten sich
trotz ihrer eigentlichen Bedürftigkeit so, als ob sie auch alleine ohne gegenseitige
Unterstützung zurecht kämen.
Rabbit, der in seiner väterlichen Funktion gerade in dieser Situation als
Stabilisator im bislang instabilen Leben des Sohnes fungieren müßte, geht erneut
den für ihn leichtesten Weg des geringsten Widerstandes und bemüht sich nicht
intensiv um das seelische Wohlergehen des Sohnes. Die wenig teilnahmsvolle
Gegenwart des Protagonisten beeinflußt die weitere Entwicklung des Sohnes
281 Vergl. S. Osherson, Männer entdecken ihre Väter, S. 227: „Der Heilungsprozeß muß nicht
unbedingt von Gesprächen über „Gefühle“ zwischen Vater und Sohn oder von der Aufarbeitung
jeder Enttäuschung oder Fehlkommunikation beherrscht sein. Mit seinem Vater klarzukommen,
bedarf es oft keines langen psychologischen Prozesses. Für viele Väter und Kinder beinhaltet die
Heilung die unausgesprochene Anerkenntnis ihrer Liebe füreinander, ihrer Sorge und ihrer
gemeinsamen Geschichte.“ Der Protagonist Rabbit macht keinerlei Anstalten, in irgendeiner
Weise mit seinem Sohn ins Reine zu kommen.
172
maßgeblich und demonstriert am Ende des Buches eine äußerst negative Vater-
Sohn-Beziehung.
173
8.4 Rabbit is Rich
In Rabbit is Rich (1981) befindet sich der Harry Angstrom in einer sowohl
häuslich als auch finanziell gefestigten Situation. Auf der Basis gefühlsmäßiger
Gleichgültigkeit lebt er gemeinsam mit seiner Frau Janice und seiner
Schwiegermutter in deren Haus und führt ein gesellschaftlich anerkanntes Leben.
“Still, he cannot dislike this brown-eyed women who has been his indifferent
wife for twenty-three years this past March. He is rich because of her inheritance
and this mutual knowledge rests adhesively between them like a form of sex,
comfortable and sly.” (S. 656)
Das von dem verstorbenen Schwiegervater übernommene Toyota
Autohaus, das zur einen Hälfte Harry und zur anderen Hälfte seiner Frau und
Schwiegermutter gehört, bildet trotz der bedrohlichen Ölkrise die finanzielle
Grundlage für Rabbits selbstgefälliges Leben. Die weltpolitischen Geschehnisse
beeinträchtigen sein persönliches Leben nicht direkt, und insofern fühlt er sich
wohl: “Life is sweet, that`s what they say.” (S. 1042) Der Protagonist hat nun
endlich die von ihm erstrebte Position in der amerikanischen Mittelklasse
erreicht und genießt mit größter Zufriedenheit seine besseren Verhältnisse, die
durch aktives Clubleben, regelmäßige Golfrunden und Rotarytreffen ausgefüllt
sind. “He likes being part of all that; he likes the nod he gets from the
community, that had overlooked him like dirt ever since highschool.” (S. 625)
Die Bequemlichkeit seines Daseins zeigt sich auch figürlich durch seine
Gewichtszunahme von dreißig Pfund auf Grund des zu guten“ Lebenstils mit
vielen Drinks.282 Im wahrsten Sinne der Bedeutung sind die “running days” auf
der Suche nach Freiheit vorüber. Rabbits innere Zerrissenheit scheint aufgelöst
zu sein: “For the first time since childhood Rabbit is happy, simply to be alive.”
(S. 629) Dass er seine Geliebte aus früheren Zeiten aufsucht, geschieht nicht aus
282 Guy Corneau, Abwesende Väter Verlorene Söhne, S. 54: „Je zerbrechlicher ein Mann sich
innerlich fühlt, um so mehr neigt er dazu, eine äußere Schale aufzubauen, um seine
Zerbrechlichkeit zu verbergen. Diese Schale kann die Gestalt dicker Muskeln oder eines dicken
Bauches annehmen.“ Im übertragenen Sinn bedeutet dies für Rabbit, dass unter der äußeren,
zufriedenerscheinenden Struktur eine innere Unerfülltheit vorherrscht.
174
dem emotionalen Bedürfnis, diese spezielle Frau wiederzusehen, sondern eher
aus einem Gefühl der Erinnerung nostalgischen Ursprungs.283
Rabbit ist sich seines damaligen Fehlverhaltens durchaus bewußt und
versucht, durch die angebotene finanzielle Unterstützung, sich von seinem
Schuldgefühl frei zu kaufen. Dieses Verhalten zeigt erneut seine fehlende
Feinfühligkeit in Bezug auf die Emotionen seiner Mitmenschen. Ohne Rücksicht
auf irgendwelche Antipathiegefühle seines Gegenübers zu nehmen, verfolgt er
egoistisch den Gedanken, aus der Liason mit Ruth eine Tochter gezeugt zu
haben. Dabei erinnert er sich an seine sehr früh verstorbene Tochter und stellt
sich deren imaginäre Entwicklung vor.
Im krassen Gegensatz zu den positiven Gedanken über seine Tochter
steht seine negative Haltung gegenüber seinem Sohn, der während seines
Studiums an einem College in Ohio kaum etwas von sich hören lässt. Schon
alleine beim Gedanken an den Sohn empfindet der Protagonist äußerst
ablehnende Emotionen. Rabbit ist davon überzeugt, dass Nelsons Reaktionen
durch ebenso starke Antipathie geleitet sind wie seine eigenen Empfindungen.
Der Sohn wolle ihm konstant etwas auswischen, und sogar die Freundinnen
würden unter dem Aspekt „Vater ärgern“ gewählt, meint der Protagonist. “I
think he picks `em [his girl friends] to frustrate me.” (S. 645) In seiner
selbstzentrierten Art überschätzt Rabbit die ihm zustehende Rolle in der
Gewichtung für den Sohn. Er begreift den Sohn nicht als einen eigenständigen
Menschen, der ein Recht auf seine eigene Identität hat und nicht an die Werte
des Vaters gebunden ist.
Die Barriere zwischen Vater und Sohn ist offensichtlich. Zusätzlich
erscheint jetzt noch der Aspekt der väterlichen Eifersucht gegenüber Nelson,
dem eine Ausbildung finanziert wird, die dem Vater versagt worden ist.284 Da
die wenigen Versuche, miteinander ins Gespräch zu kommen, um die jeweiligen
283 John Leonard, “Rabbit is Rich”, The New York Times ( Sep. 22, 1981); C3; 13: “To be sure,
his search for Ruth isn`t really a running away; it is more of nostalgia, like `antique` convertibles,
and nostalgia is written by liars.”
284 Vergl. W. Wieck, Söhne wollen Väter, S. 235. Der Autor beschreibt die große Gefahr des
distanzaufbauenden, rivalisierenden Verhaltens der Väter gegenüber ihren Söhnen.
175
Standpunkte zu verdeutlichen, immer scheiterten, ist der Kontakt zwischen Vater
und Sohn folglich auf ein Minimum reduziert.
Die übersteigerte Abneigung des Protagonisten gegen den Sohn verzerrt
jeglichen Ansatz einer eventuellen Annäherung. Die emotionale Distanz bedingt
das unangemessene Vaterverhalten und bereitet den Boden für weitere Konflikte
in deren Beziehung.
Hinter der vermeintlich anständigen Fassade des häuslichen Friedens
brodelt die unverarbeitete Vergangenheit der Ehepartner und beeinflußt
zerstörerisch die ehelichen Alltagsinteraktionen. Nach all den Jahren hat Rabbit
seiner Frau Vieles noch nicht verziehen und macht sie verantwortlich für sein
vermeintlich fehlgelaufenes Leben. Seine eigene negativ besetzte Rolle sieht er
dabei nicht.
The entire squeezed and cut-down shape of his life is her fault; at every
turn she has been a wall to his freedom. ‘Listen,’ he says to her, I`ve
been trying to get out of this fucking depressing house for years and I
don`t want this shiftless arrogant goof-off we`ve raised coming and
pinning me in.. These kids seem to think the world exists to serve them
but I`m sick of just standing around waiting to be of service.(S. 658)
Die Pflicht der väterlichen Präsenz wurde bisher von Rabbit kaum
wahrgenommen, außerdem entspricht die vom Vater heftig kritisierte
Anspruchshaltung des Sohnes exakt seiner eigenen Einstellung, da er ja selbst
ebenfalls ohne viel eigenen Einsatz immer alles haben wollte. Es wird deutlich,
dass Rabbit sein Eigenbild in der Rolle als Partner und Vater ganz anders
einschätzt, als es die Realität zeigt. Unbewußt lenkt er von eigenem
Fehlverhalten geschickt ab und drängt so die anderen in die Position der
Schuldigen. Ihn trifft genauso Schuld an der gestörten partnerschaftlichen
Beziehung, der es an einem befriedigenden Maß an Verständnis füreinander und
Harmonie fehlt. In seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung verfügt Rabbit nicht
über die Fähigkeit des wirklichkeitsorientierten Denkens. Er vernimmt die
emotionalen Stimmungen seiner Mitmenschen nur sehr vage und zieht auch
keine Konsequenzen aus deren offensichtlichen Mißempfindungen.
In Bezug auf seinen Sohn ist seine Vaterrolle ebenso inadäquater Natur.
In seiner wenig selbstkritischen Art registriert Rabbit dies nicht. Aus der
176
emotionalen Vorgeschichte erklärt sich das Verhalten des Protagonisten, dem es
ganz offensichtlich an Reife für ein entsprechendes soziales Verhalten mangelt
und dem die Fähigkeit abhanden gekommen ist, die eigene Unvollkommenheit
zu realisieren.285
Für sein Studium erhält der Sohn zwar ausreichend Geld, jedoch wird er
weder von der Mutter noch vom Vater angeleitet, wie er sein Leben vernünftig
gestalten könnte. Das Geld erfüllt den Zweck, mit elterlich ruhigem Gewissen
den Sohn auf Abstand zu halten, ihn regelrecht abzuschieben, um so eventuell
auftretenden Schwierigkeiten von vornherein aus dem Weg gehen zu können.
Durch die Rückkehr des Sohnes wird diese „praktische“ Regelung unterbrochen,
und dem Protagonisten fällt die emotionale Einstimmung auf seinen Sohn
entsprechend schwer. Auf Grund der bislang fehlenden Nähe zum Sohn hegt der
Vater keinerlei positive Gefühle für ihn. “He and Nelson have been through
enough years together to turn a cedar post to rot and yet his son is less real to
Harry than these crinkled leaves of lettuce he touches and plucks. Sad. Who
says?” (S. 663)
Die zur Schau getragene kaltherzige Gleichgültigkeit zeigt deutlich die
vorhandene Abneigung gegen den Sohn, mit dem der Vater sich in keiner Art
und Weise identifizieren kann oder will, obwohl ähnliche
Charaktereigenschaften erkennbar sind. Die selbst wahrgenommene Abneigung
erschüttert den Protagonisten nicht, er unterdrückt im Gegenteil seine ungelösten
Gefühle wenig erfolgreich und lebt seine Abneigung voll aus. ”What the fuck
are we going to do with the kid.” (S. 683) Eine Notwendigkeit zur Änderung
oder eine eventuelle Möglichkeit zur Aufarbeitung der schlechten Beziehung
wird von Rabbit nicht in Betracht gezogen, da er nicht bereit ist, sich mit seiner
negativ beladenen Vaterrolle auseinanderzusetzen. Zudem ist er sich der
Notwendigkeit auch gar nicht bewußt. Er hält seinen Sohn für einen Versager,
285 Robert M. Luscher, John Updike – A Study of the Short Fiction (New York: Twayne
Publishers, 1993). Der Autor beschreibt Updikes Typisierung der amerikanischen Mittelklasse
als “dislocated individuals, persistently dissatisfied and perpetually deciphering now lessons in
separation, grief or death.” S. 155. Diese Beziehungsspannungen spiegeln sich auch bei Harry
Angstron und seiner Familie deutlich wider.
177
ohne der Ursache auf den Grund zu gehen und seinen eigenen Part am Verhalten
des Sohnes wahrnehmen zu wollen.
Die Struktur der problematischen Vater-Sohn-Beziehung ist im Laufe der
Jahre immer deutlicher hervorgetreten und hat sich in äußerst negativer Wirkung
manifestiert. Als belastender Faktor dieser pathologischen Beziehung gilt Jills
Tod, über den Vater und Sohn bisher noch nicht gesprochen und den sie somit
auch noch nicht emotional verarbeitet haben. Obwohl Harry sich selbst von
eventuellen Schuldgefühlen schnell freisprechen konnte, hält der Sohn ihn nach
wie vor für schuldig und verurteilt den Vater für sein damaliges Verhalten.
Diese nicht stattgefundene Aussprache und der auf das Nötigste
reduzierte Grad an väterlicher Zuwendung haben schwere Auswirkungen auf die
Psyche des Sohnes. Er ist hin und her gerissen zwischen Hoffnung auf väterliche
Liebe und Anerkennung auf der einen Seite, jedoch auf der anderen Seite hegt er
seinem Vater gegenüber starke Haßgefühle. “He and the kid years ago went
through something for which Rabbit has forgiven himself but which he knows
the kid never has.” (S 686) Rabbit kümmert sich ausschließlich um seine eigenen
Bedürfnisse und ignoriert die hilfesuchende Botschaft des Sohnes aus
Unvermögen, sich in andere hineinzudenken.
Der Sohn akzeptiert nicht die menschliche Unvollkommenheit des
Vaters, und ihm fehlt genauso wie diesem die Bereitschaft und die Fähigkeit, auf
sein Gegenüber zuzugehen, um durch die Aufarbeitung der Vergangenheit die
vorhandene Beziehungsblockade zu lösen. Vater und Sohn wählen den
bequemsten Weg, denn ein Auseinandersetzen mit den angestauten Gefühlen
würde für beide schmerzliche Erinnerungen hervorrufen, denen sie durch ihr
ausweichendes Verhalten unbewußt aus dem Wege gehen. Da der Wille zur
Konfrontation nicht gegeben ist, besteht die Beziehung auf der Basis von Wut,
Eifersucht und Haß und führt zwangsläufig zu einer weiteren Distanzierung der
beiden.286 Das Verhalten des Sohnes spiegelt die väterliche Fehlfunktion wider.
286 Vergl. S. Osherson, Männer entdecken ihre Väter, S. 228: Es ist sicher leichter, wütend auf
einen Elternteil zu sein, den Vater dafür zu beschimpfen, dass er nicht gegeben habe, und so die
Tatsache zu beklagen, dass man in seinem Leben nicht vorankommt.“
178
Aus der verinnerlichten Negativerwartung ergibt sich unweigerlich das
Verhaltensmuster, das die Beziehung zwischen Vater und Sohn charakterisiert.
Die uneingestandenen Spannungen führen immer mehr zu Konfrontationen, die
jedoch auf Grund der Kommunikationunfähigkeit nicht richtig behandelt werden
können. Somit belasten die bestehenden Schwierigkeiten die emotionale Ebene
des Miteinanders immer stärker, und das Unbehagen manifestiert sich
unwiderruflich. Durch die mehr als kritische Erwartungshaltung des Vaters wird
die Selbstachtung des Sohnes konstant unterhöhlt. “Twenty-three, and no
sense.…” (S. 695)
Die subtile Botschaft des Protagonisten an seinen Sohn konditioniert ihn
in die Rolle des Versagers und macht die Psyche des Sohnes extrem verwundbar.
Die väterliche Zustimmung als entscheidender Faktor für eine gesunde
Entwicklung des Sohnes wird von Rabbit in keinster Weise vermittelt.
Zurückweisung, Antipathie und Angst spiegeln sich als kritische Komponenten
in der Vater-Sohn-Beziehung wider.
Mit emotionaler Unpersönlichkeit entgegnet der Protagonist allen
Bemühungen des Sohnes, väterliche Akzeptanz zu erreichen und sich selbst zu
beweisen. Allen Aktionen des Sohnes geht das Bedürfnis voraus, dem Vater als
gleichwertiger Partner gegenüberzutreten. Rabbit seinerseits ist jedoch von der
Unzulänglichkeit und Unfähigkeit, den “none of the right attitudes” (S. 712) des
Sohnes überzeugt und hält ihn mit seinem demütigenden Verhalten auf Abstand.
Zudem betont er mit diesem bewußt ablehnenden Verhalten seine Einstellung,
dass er den Sohn als ein inkompetentes Kleinkind betrachtet. Die ständigen
Niederlagen in Gegenwart des Vaters beeinträchtigen die seelische Reifung
Nelsons arg. Er ist den emotionalen Defiziten seines Vaters nicht gewachsen.
Gleichzeitig begegnet der Protagonist seinem Sohn in der Rolle des
vermeintlichen Siegertyps, der ihm in allem überlegen erscheint und damit
dessen Entwicklung doppelt unterminiert.287 Der Individuationsprozess des
Sohnes ist durch das väterliche Fehlverhalten maßgeblich eingeschränkt. Der in
287 Vergl. J. Lee, Auf der Suche nach dem Vater, S. 35/36. Der Autor beschreibt die Gefahr des
Selbstvertrauensverlustes bei einer überzogen mächtigen Vaterfigur.
179
die Rolle des Versagers gedrängte Sohn ist frustriert und reagiert mit
reduziertem Selbstbewusstsein und Ängsten.
Verantwortlich für den negativen Kontakt mit den deutlichen Merkmalen
der Zurückweisung ist die nur mäßig unterdrückte aggressive Haltung des Vaters
genüber seinem Sohn. Die oberflächlichen Gespräche zwischen beiden
beinhalten ausschließlich indirekte Vorwürfe und Zurechtweisungen. Ein
Gemeinschaftsgefühl zwischen Vater und Sohn existiert keinesfalls, und so
überrascht die feindselige Empfindung des Vaters gegenüber seinem Sohn nicht.
“‘I like having Nelson in the house,’ Harry says to his wife. ‘It`s great to have an
enemy. Sharpens your senses.’” (S. 733) Die zwischen Vater und Sohn
bestehende Destruktivität ist das Resultat der charakterlichen Unreife des
Protagonisten. Seine Männlichkeit steht in Zusammenhang mit indirekten
Konkurrenzgefühlen und dem Versuch der Entwertung seiner Mitmenschen,
insbesondere seines Sohnes.
Die Beziehung erfährt fortan eine Wende durch den Aspekt der offenen
Feindschaft, die im weiteren Verlauf weder vom Vater noch vom Sohn verhehlt
wird. Nelsons Bedürfnis nach Anerkennung durch den Vater schlägt um in das
Gefühl von übermäßigem Haß. Über Jahre hat der Protagonist seinem Sohn
emotionale Wunden zugefügt, dadurch dass er ihm nie positive Unterstützung
angedeihen ließ. In seiner Verzweiflung verbalisiert Nelson seine Stimmung
unverhohlen sehr impulsiv und erfährt erneut Ablehnung.
‘He [father] is bad, really bad. He doesn`t know what`s up, and he
doesn`t care, and he thinks he`s so great. That`s what gets me, his
happyness. He is so fucking happy.’ Nelson almost sobs. ‘You think of
all the misery he`s caused. My little sister dead because of him and then
this Jill he let die.’ (S. 741)
Mit seiner Schuldzuweisung macht Nelson ausschließlich seinen Vater
für sein „verpfuschtes“ Leben verantwortlich und ähnelt mit dieser Reaktion
deutlich dem Verhaltensmuster des Protagonisten, der ebenfalls nur andere
Personen für sein „verkorkstes“ Leben verantwortlich macht und nicht über sein
eigenes Verhalten selbstkritisch reflektiert. Auf Grund des verminderten Grades
an väterlicher Annahme und Zuwendung konnte sich bei Nelson keine
entsprechende psychische Strukturierung entwickeln, die ihm ein angepaßtes
180
Verhalten ermöglicht. Mit fehlendem Selbstbewußtsein, agressiv und voller Wut
kann Nelson seine Negativgefühle nicht kontrollieren und offenbart
Charaktereigenschaften einer Momentpersönlichkeit.
Everything`s his fault I`m so fucked up, and he enjoys it, the way he
looks at me sometimes, you can tell he`s really eating it up, that I`m
fucked up. And then the way Mom waits on him, like he`s actually done
something for her, instead of the other way around.’ (S. 742)
Eine echte, innere Anteilnahme, die wahrscheinlich von vornherein
zwischen Vater und Sohn kaum vorhanden war, schwächt sich immer mehr ab.
Sprachlosigkeit ist das dominierende Element ihrer Beziehung. Sie machen sich
keinerlei Mühe, die jeweiligen Beweggründe des Gegenübers zu erforschen, und
so scheint eine Überbrückung der feindseligen Antigefühle unmöglich.
Symbolisch entspricht die Beziehung dem Verhältnis von David und Goliath. In
seiner vermeintlich Macht ausübenden Position steht Harry seinem Sohn als
„Riese“ gegenüber, und ein entscheidender Zusammenstoß scheint
unausweichlich.
In erneuten Vorwürfen entlädt sich die angestaute Aggression des
Protagonisten. Die Autonomiebestrebungen des Sohnes werden auf verletzende
Art abgewertet, und das schadet seinem Selbstwertgefühl erneut. “‘...I hate to be
the one telling you this , Nelson, but you`re a disaster. You´ve gotta get yourself
straightened out and it isn`t going to happen here.’ (S. 774) Ohne viel
Einfühlungsvermögen zeigt Harry seinem Sohn ganz deutlich sein Gefühl der
Ablehnung, ohne ihm eine mögliche hilfreiche andere Richtung zu weisen, und
bewirkt bei Nelson eine unwiderrufliche Kränkung, die nicht mehr kompensiert
werden kann.
Der Protagonist scheint sich seines väterlichen Unvermögens gar nicht
bewußt zu sein und fühlt sich sogar gekränkt, als er von seiner Frau erfährt, dass
sich Nelson über die ihn belastenden Probleme ihr anvertraut und nicht ihn
darüber eingeweiht hat. Selbst einem solch unsensiblen Menschen wie Rabbit
dürfte die vertiefte Entfremdung zwischen seinem Sohn und sich nicht entgangen
sein, jedoch weicht er der Auseinandersetzung mit Problemen erneut aus, um
sich sein eigenes Unvermögen nicht eingestehen zu müssen. Dieses Verhalten
entspricht in typischer Weise seiner Natur.
181
Nelson ähnelt in seinen Reaktionen dem Vater, der sich lebenslang
ebenfalls nicht der Verantwortung gestellt hat und klärenden Gesprächen
ausgewichen ist. Bei Konfliktsituationen hat er stetig versucht, davor
wegzulaufen, um dem „Unangenehmen“ auszuweichen. Das Einzige, das er
wirklich gut beherrscht, ist das Wegrennen. Die Furcht vor der Verantwortung
als feste Komponente im Leben des Protagonisten müßte eigentlich Mitgefühl
und Verständnis durch die Gleichsinnigkeit zwischen Vater und Sohn erwecken,
das als Basis für ein verständnisvolles Miteinander dienen könnte. Die Fähigkeit
zur Überbrückung der Entfremdung ist jedoch nicht gegeben, und folglich
können der Protagonist und sein Sohn keine Atmosphäre der Zugehörigkeit und
Annäherung schaffen.
Das nur kurzzeitig empfundene Mitleid gegenüber der schwierigen,
selbstverschuldeten Situation des Sohnes, das ihn an seine frühere Lebenslage
erinnert, reicht nicht aus, um die Beziehung zwischen Vater und Sohn zum
Besseren zu wenden. “I`m not jealous, Nelson. Just the opposite. I feel sorry for
you.” (S. 808)
Der Protagonist hat sich bisher vor der notwendigen Konfrontation mit
seiner eigenen Vergangenheit gescheut und konnte somit keinen notwendigen
emotionalen Reifeprozess erreichen, der es ihm ermöglichte, als bindungsfähiges
Individuum sich aufmerksam seinen Mitmenschen zuzuwenden. Die Gefühle
der Antipathie überwiegen und beherrschen die Vater-Sohn-Dynamik.
Eine innere Bereitschaft, seinem Sohn durch Erfahrungsaustausch
unterstützend zur Seite zu stehen, ist nicht gegeben. Der Protagonist erfüllt nicht
die Notwendigkeit einer konstruktiven Kooperation mit dem Sohn. Anstatt ihn
positiv zu bestärken, schafft es Rabbit durch seine verletzenden Äußerungen in
fataler Weise immer wieder, die Kompetenz des Sohnes zu hinterfragen und ihn
mental zu verletzen. Dabei schreckt er sogar nicht davor zurück, die
Männlichkeit des Sohnes anzuzweifeln. “‘Nobody says it . Pru seems a fine girl,
if you`re ready for marriage.’ ‘You don`t think I`m ready. You don`t think I`m
ready for anything.’” (S. 805)
182
Nach Nelsons Hochzeit findet ein Vater-Sohn-Gespräch statt, das in
seiner Wertigkeit einmalig ist und vor dem Hintergrund der vorangegangenen
Beziehungsblockade überrascht. Nach den vielen Jahren der „Sprachlosigkeit“
versucht der Protagonist, dem Sohn sein Verhalten zu erklären, und entschuldigt
damit in gewissen Maßen sein eigenes Fehlverhalten. Offensichtlich hält Rabbit
seinen Sohn nun für reif genug für ein Gespräch von Mann zu Mann.“
Allerdings wird das die Beziehung am stärksten belastende Thema Jill leider
nicht intensiviert, und es findet somit nur eine oberflächliche, kuzfristige
Annäherung statt. Die wenig konkrete Botschaft des Vaters lautet „mach etwas
aus deinem Leben“ und kommt in der jetzigen Situation des Sohnes auch viel zu
spät. Erneut muß Nelson das Gespräch als Kritik empfinden.
You look scared, is all I see. Scared to say No to any of these women.
I`ve never been that great at saying No either, but just because it runs in
the family doesn`t mean you have to get stuck. You don`t necessarily
have to lead my life, I guess is what I want to say. (S. 807)
Anstatt seinem Sohn einen expliziten Weg aus der Misere aufzuzeigen,
bietet er ihm Geld an. Geld verspricht Macht und bedeutet für Rabbit die
Lösung aller Probleme. Allerdings bietet dieses väterliche Verhalten der
unsicheren Identität Nelsons keine wahre Unterstützung. Nelson ist ganz
offensichtlich von inneren Konflikten hin und her gerissen, und seine emotionale
Instabilität und Unreife führen zu weiteren konfliktgeladenen Handlungen, die
sich aus der mangelnden Anpassungs- und Auseinandersetzungsfähigkeit
erklären. Die emotionalen Spannungen entladen sich bei Nelson in unüberlegten
Kurzschlußhandlungen, die als Folge die Einstellung des Vaters gegenüber
seinem Sohn noch mehr verschlechtern.288
Durch das ständige Beisammensein im Autohaus leidet die Vater-Sohn-
Beziehung immens. Die immer wieder neu aufkeimenden Negativgefühle
können weder vom Protagonisten noch vom Sohn unterdrückt werden. Nelson
haßt seinen Vater immer mehr für dessen Selbstzufriedenheit, die ihm die eigene
Unvollkommenheit um so deutlicher aufzeigt. Die väterlichen Strukturen
mentaler Gewalt haben sich beim Sohn manifestiert, und in seiner
288 P. Blos, Sohn und Vater, S. 225. Blos erkennt das Phänomen der gewaltätigen Handlungen bei
Jugendlichen als eine „Reaktion auf Enttäuschung durch die Eltern.“
183
Schuldzuweisung erkennt er einzig und allein den Vater als seinen Feind. Er
fühlt sich als Versager und wünscht den Tag herbei, an dem er aus seinem bisher
eher defensiven Zustand Rache am Vater nehmen kann. Die nicht aufgearbeitete
Kindheitsvergangenheit fordert bezüglich der emotionalen Bedürftigkeit ihren
Tribut.289
He hates for a second that in himself which cannot do it, just as he could
not join in the flickering mind play of computer science and college
generally and could not be the floating easy athlete his father had been.
The dark second passes, dissolved by the certainty that some day he will
have his revenge on them all. (S. 915)
Diese feindseligen Empfindungen des Sohnes sind das Resultat der
konstanten Ablehnung, die Nelson über Jahre von seinem nächsten Umfeld
erfahren hat und immer noch erfährt. Die offen bekundeten Negativgefühle des
Vaters ließen keine dyadische Vater-Sohn-Beziehung aufkeimen. Eine zur
Selbstfindung notwendige Identifikation mit dem Vater hat nie stattgefunden,
und die Hoffnung auf eine emotional gefestigte Vaterbindung, die die
Individuation initiiert, wurde somit auch unterbunden. Der aufgebrachte
Gemütszustand Nelsons erklärt sich aus dieser konfliktgeladenen Konstellation
und äußert sich in zunehmender Opposition und Aggression.
Als Folge der emotionalen Unverfügbarkeit des Vaters ist das
Selbstbewertgefühl Nelsons sehr gering, und schon Kleinigkeiten werfen ihn aus
der Bahn. Die vom Protagonisten permanent ausgestrahlte, nicht wohlwollende
Botschaft „du bist nichts wert“ hat sich beim Sohn verinnerlicht, und als Folge
der fortwährenden Zurückweisung des Vaters verachtet er sich selbst. Auf der
psychologischen Ebene hat bei Nelson eine Individuation und
Persönlichkeitsfindung mit Aspekten der inneren Reife nicht stattgefunden. Er
überträgt indirekt alle Verantwortung auf seine Eltern, besonders auf den Vater,
und ist nicht bereit, sich in die sozialen Normen einzufügen. Das
Selbstverständnis oder die Selbstbehauptung des Sohnes entspricht einer
emotionalen Hilflosigkeit mit dem Gefühl der Unterlegenheit. Das destruktive
289 S. Osherson, Männer entdecken ihre Väter, S. 245. Der Autor beschreibt den notwendigen
Prozess der Vergangenheitsbewältigung als Mittel zur Annäherung an den Vater.
184
Vater-Sohn-Verhältnis bestärkt die Labilität des Sohnes und macht ihn sehr
schnell verwundbar.
He begins to cry: something about Pru`s face, that toughness out of
Akron closed against him, her belly bumping his, that big doll-like body
he used to love so much, that she might just as easily have entrusted to
another, its clefts, its tufts, and might just as easily take from him now, he
is nothing to her. [...] He is nothing to her like he was nothing to Jill, a
brat, a bug to be humored, and look what happened. (S. 923)
Das beim Sohn konstant präsente Thema des enttäuschten Vaters, den er
als überaus konflikthafte Gestalt verinnerlicht hat, erklärt die Vater-Sohn-
Interaktionen. Nelson verurteilt sich, den Erwartungen des Vaters nicht gerecht
zu werden, und lebt die Rolle des Verlierers aus, um indirekt Schuldgefühle
beim Vater zu erwecken. Ein Teufelskreis setzt ein. Durch die Art und Weise,
wie sie die Auseinandersetzungen bewältigen, besteht nur eine sehr geringe
Möglichkeit, die Qualität der Beziehung zwischen beiden zu verbessern. Das
ganz und gar ablehnende Verhalten mit der deutlichen Antihaltung ist
verantwortlich für die “constant tension” (S. 928) zwischen Vater und Sohn. Die
unterschiedlichen Ansichten zu Kleinigkeiten mehren die stetigen verbalen
Angriffe, und dementsprechend hat die Vater-Sohn-Beziehung einen Punkt
erreicht, wo eine weitere Verschlechterung kaum möglich erscheint.
Die Dynamik der Vertrauenslosigkeit und die Wut des Protagonisten auf
seinen Sohn auf der einen und die Feindseligkeit und Enttäuschung des Sohnes
gegenüber seinem Vater auf der anderen Seite machen ihnen ein verträgliches
Miteinander unmöglich, und folglich bleiben ihre Interaktionen ausweichender
Natur. Der Wille zur Annäherung ist nicht gegeben. “... about Nelson and the
grudge he bears the kid and the grudge the boy bears him ….” (S. 1001)
Das Verhalten des Sohnes, vor der Verantwortung zu fliehen, ermöglicht
Rabbit nun, seinen Negativgefühlen ganz offen Ausdruck zu verleihen. Das
augenscheinliche Fehlverhalten des Sohnes dient ihm als Rechtfertigung, um
seiner Frau die Schlechtigkeit“ Nelsons zu demonstrieren, die er schon immer
in seinem Sohn erkannt habe. “‘I told you the kid was a rat,’ he tells her. He feels
vindicated. And relieved, actually.” (S. 1006)
185
Dabei vergißt der Protagonist, dass er vor Jahren in ähnlicher Situation
den Anforderungen des Familienlebens ebenfalls nicht gewachsen war und unter
dem Aspekt der Wertigkeit sogar moralisch bedenklicher als sein Sohn gehandelt
hat. Bei identischer Situation wird mit zweierlei Maß gemessen. Aus den
Erfahrungen seines eigenen Lebens hätte Rabbit dem aufgewühlten
Gemütszustand des Sohnes mit Verständnis gegenübertreten und entsprechend
rücksichtsvoll reagieren sollen, jedoch ist seine Abneigung so starker Natur, dass
ihn die Abwesenheit des Sohnes regelrecht erleichtert erscheinen lässt. Mit
diesem inkompetenten Verhalten verdeutlicht der Protagonist erneut seinen
starken Egoismus, der es ihm nicht ermöglicht, Mitgefühl zu entwickeln,
geschweige denn, den Übergang in eine erfüllte Vaterschaft zu finden.
Die innere Struktur der Persönlichkeit des Protagonisten ist nicht
ausgereift und klassifiziert ihn als einen nicht verfügbaren, inadäquaten Vater,
auf Grund von dessen Unfähigkeit die Vater-Sohn-Beziehung sich nicht positiv
entwickeln konnte und als abgebrochene Beziehung betrachtet werden muß. Die
nicht verwirklichte Kommunikation als wichtiger Bestandteil der menschlichen
Grundbedürfnisse und der daraus resultierende Prozess der Entfremdung sind
verantwortliche Komponenten für die fehlende ontologische Verbindung
zwischen dem Protagonisten und dessen Sohn.
186
8.5 Rabbit at Rest
Durch die diversen oft negativ beladenen Interaktionen des Protagonisten Rabbit
Angstrom mit seinem sozialen Umfeld kritisiert John Updike offensichtlich die
gesellschaftliche und politische Situation Amerikas unter der Reagan / Bush
Administration. Die amerikanische Gesellschaft ist aufgerüttelt durch
verschiedene katastrophale Ereignisse wie zum Beispiel das Lockerbie Attentat
auf die Pan Am Fluggesellschaft, den Challenger Absturz oder die
Auswirkungen der Aids-Epidemie. Durch die gesellschaftlichen Reflexionen und
ebenso psychologisch darstellerische Erzählfähigkeit des Autors wird die sich im
Wandel befindliche Gesellschaft überzeugend dargestellt. “Everything falling
apart, airplanes, bridges, eight years under Reagan of nobody minding the store,
making money out of nothing, running up debt, trusting in God.” (S. 1056)290
Gesellschaftlich verbindliche Werte fallen dem Zeitgeist zum Opfer,
jeder scheint egoistisch ausschließlich an seine eigene Bedürfniserfüllung zu
denken, und folglich werden Verträge nicht eingehalten und persönliche
Beziehungen mutwillig hintergangen. Nelson ist hierfür ein gutes Beispiel, er
hält sein Wort nicht und ist in jeder Beziehung nur auf seinen eigenen Vorteil
bedacht. Außerdem werden in der Gestalt Nelsons die verheerenden Ausmaße
des Drogenmißbrauchs verdeutlicht. Folglich ist es nicht weiter verwunderlich,
dass sich auch die Kernfamilie Angstrom mit diversen Problemen nicht nur im
familiären Bereich auseinandersetzen m und in eine tiefe Krise gerät. Die
charakterlichen Eigenschaften der dargestellten Persönlichkeiten sind
überwiegend negativ belegt. “My intention was never to make him or any
character lovable.” (Vorwort; xxii) Auf Grund ihrer individuellen Charakter-
schwächen geraten sie konstant aneinander, und eine angepaßte Interaktion
scheint unmöglich.
Im Alter von 55 Jahren hat sich der Protagonist vierzig Pfund
Übergewicht angefuttert, und nichts an ihm erinnert mehr an den ehemals
290 Die in Klammern eingefügten Seitenzahlen beziehen sich auf John Updike, Rabbit At Rest
(New York: Alfred A. Knopf, Inc, 1995).
187
sportlichen Mann, der nun eine ziemlich unattraktive und uninteressante Er-
scheinung abgibt und erheblich an Negativkonturen zugenommen hat. In seinem
Dasein so selbstorientiert wie eh und je, fehlt es ihm an wirklicher Erfüllung,
und deshalb füttert er sein leeres Leben“ mit Junkfood, ohne zu
berücksichtigen, dass er dadurch seinem Körper Schaden zufügt. Auch die
Sexualität hat nicht mehr den hohen Stellenwert wie zuvor und bietet ihm
abgesehen von der kurzen Affäre mit seiner Schwiegertochter, die er mit den
Worten kommentiert: “Only really good thing he`s done all year, as he looks
back on it.” (S. 1448) - nicht mehr die gewünschte Befriedigung.
Nach dem ersten, erfolgreich überstandenen Herzinfarkt zeigt Rabbit
keinerlei Bereitschaft, seine liebgewonnenen, aber ungesunden Gewohnheiten zu
ändern und entsprechende Konsequenzen vorzunehmen. Die vom Arzt
verordneten sportlichen Übungen und eine für ihn immens wichtige, aber
unangenehme Umstellung der Eßgewohnheiten werden nicht eingehalten. In
seiner Uneinsichtigkeit knabbert Rabbit wie bisher vorm Fernsehen sitzend
Unmengen von für seine Arterien schädlichen gesalzenen Nüssen. Seine
Gedanken kreisen ausschließlich ums Essen und sexuelle Fantasien, die er
jedoch eher halbherzig aus Macht der Gewohnheit wahrnimmt. Dies lässt die
Hilflosigkeit des Protagonisten deutlich erscheinen, der in der Banalität des
Alltags seine Identität nach wie vor nicht erfolgreich gefunden hat und der sich
selbst aufzugeben scheint.291 Auch mit Mitte fünfzig ist Harry Angstrom noch
nicht richtig „erwachsen“ geworden.
Rabbit führt kein logisch strukturiertes Leben. Er drückt sich vor der
wichtigen Konfrontation mit seinem Inneren, und deshalb erreicht er keine
291Vergl. Chilton Williamson Jr., “Harry`s End”, National Review; 42; 22 (Nov 19, 1990), 51-53;
52: “Even before he suffers his first attack, Harry has nothing to live for except food and sexual
fantasy; after it, he ceases to believe in the possibility of his own future, and even of its
desirability.”
188
innere Reife und kann seine Persönlichkeit nicht ausreichend weiterbilden.292
Tatsächlich gibt es wenig im Leben des Harry Angstrom, auf das er stolz
sein könnte: weder hat er beruflich seinen Mann gestanden, noch ist er seiner
Rolle als Ehemann im Sinne von Vertrautheit und Partnerschaftlichkeit,
geschweige denn als Vater gerecht geworden. Auch die Drogensucht des Sohnes
ist auf die emotionale Vernachlässigung durch den Vater zurückzuführen. Wie
von verschiedenen Psychotherapeuten erforscht, wird die Sucht nach der Droge
als symbolisches Verlangen nach dem Gefühl der väterlichen Geborgenheit und
Sicherheit gedeutet.293 Das Suchtverhalten gilt als Ersatzbefriedigung für die
fehlende Nähe zum Vater, der dem Sohn kontinuierlich emotionales Leid
zugefügt hat.
Nach all den Jahren ist der Protagonist unfähig, eine angemessene Form
der Kommunikation zu finden, die eine Intensität des Miteinanders hätte
ermöglichen können. Sein Starrsinn, seine abweisende Kälte und seine Art, sein
Gegenüber auf Abstand zu halten, kennzeichnen die Beziehungen zu seinem
näheren Umfeld. Rabbit wird sich dieser Inkompetenz aber gar nicht erst
bewußt, und so fehlt der Impuls, die Konfliktlösung durch eine Änderung des
eigenen Verhaltens zu bewerkstelligen. Er schenkt seinem Familienmuster nicht
die nötige Aufmerksamkeit und bemerkt dadurch auch nicht die vorherrschende
emotionale Einsamkeit, die seiner Frau durchaus bewusst ist: “We haven`t made
each other happy, Harry.” (S. 1343)
292Vergl. Adrienne Burgess, Vatermythen, Vaterbilder, S. 258: „..., und es scheint niemand je in
den Sinn zu kommen, dass es für einen Vater ein Weg zur Entwicklung seiner Persönlichkeit sein
könnte, wenn er Verantwortung für seine Kinder übernimmt.“ Ebd. Frank Pittmann, Warum
Söhne ihre Väter brauchen, S. 316: „Ein Vater, der sein Kind nicht nur mit dem
Lebensnotwendigen versorgt, sondern es aufzieht und fördert, gelangt zum vollen Erlebnis und
Ausdruck seiner Menschlichkeit und Männlichkeit. Vater zu sein ist das Männlichste, was ein
Mann machen kann.“
293 Vergl. John Lee, Auf der Suche nach dem Vater: „Wenn ein Sohn sich nicht mit den Zweifeln
an seiner Männlichkeit, den Enttäuschungen über seinen Vater, der Unfähigkeit seines Vaters
auseinandersetzt, dann läuft er Gefahr, abgestorben, haßerfüllt und leer zu werden. Er wird
vielleicht vor seiner Leere fliehen, seine Ängste in Alkohol oder im Spiel ertränken [...] oder sich
mit Arbeit und Koks betäuben, um zu vergessen, dass er die Seelenarbeit nicht getan hat, die
schon sein Vater hätte tun sollen.“ S. 92; Genau dieser Prozeß ist bei Nelson deutlich erkennbar.
Vgl. Thomas M. Disch, “Rabbit`s Run”, Nation; 251; 19 (Dec 3, 1990); 688- 694; 692: “In many
ways Nemesis punishes him for his sins quite severely in Rabbit at Rest. His son avenges himself
for decades of emotional neglect by bankrupting the families auto business to pay for his cocaine
habit.” Yablonsky, Du Bist Ich, S. 165: „Viele Söhne fliehen aus den Schwierigkeiten, die sie
mit ihren Vätern haben, in den Alkohol- und Drogenrausch.“
189
Janice forciert die Übernahme der Geschäftsführung des Autohauses
durch Nelson und ermöglicht hiermit, dass die Angstroms nun die Hälfte des
Jahres in einer Eigentumswohnung in Florida verbringen können. Die in Rabbit
Run nicht vollendete Flucht in den Süden hat der Protagonist jetzt erfolgreich
geschafft, wenngleich auch nicht aus eigener Kraft, sondern mit der
Unterstützung seiner Ehefrau, die ihm dadurch aber auch seine
Daseinsberechtigung abspricht und in seinem Unterbewusstsein das Gefühl
vermittelt, er werde nicht mehr gebraucht.
Der Ruhestand in Florida gleicht einer künstlich glücklich aufgesetzten
Fassade. Die emotionale Leere der dort lebenden Ehepaare wird durch sportliche
Erlebnisse und gelegentliche Treffen mit anderen Paaren unterbrochen, diese Art
von Ablenkung überspielt das Gefühlsvakuum jedoch nicht. Im Gegensatz zu
früheren Zeiten haben Janice und Harry mittlerweile einen Weg gefunden, der es
ihnen ermöglicht, miteinander umzugehen, ohne sich größere emotionale
Blessuren zuzufügen.
Für Janice, die im Alter an Selbstsicherheit gewonnen hat, bedeutet dies
gegenüber ihrem Mann einen “tolerant, careful tone she has lately adopted, as if
he`s prematurely senile” (S. 1051). Sie lässt Rabbit bis zu einem gewissen Grad
gewähren und ist bemüht, nicht mehr so verletzlich zu erscheinen. Mehr und
mehr übernimmt sie Verantwortung und llt eigenmächtige Entscheidungen.
Dieses Verhalten bereitet sie unwillkürlich auf ihr Witwendasein vor, denn
schon zu Beginn von Rabbit at Rest sieht der Protagonist seinen eigenen Tod
nahen.
Rabbit Angstrom has a funny sudden feeling that what he has come to
meet, what`s floating in unseen about to land, is not his son Nelson and
daughter-in-law Pru and their two children but something more omnious
and intimately his: his own death, shaped vaguely like an airplane. (S.
1051)
Die Sterblichkeit gewinnt für Rabbit eine ganz andere, intensivere
Bedeutung als zum Zeitpunkt des Todes der Tochter. In seiner Passivität gibt er
sich seinen destruktiven Verhaltensformen hin, ohne eine erkennbare Änderung
wirklich zu wünschen. Diese auch im Alter fehlende Reife der Persönlichkeit des
Protagonisten verhindert folglich auch eine Änderung der Qualität der
190
Beziehung zu seinem Sohn Nelson, den er als “a real sore spot” (S. 1056)
wahrnimmt. Die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit dem Sohn und
damit eine Annäherung im Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird von Rabbit
nicht erkannt. Nelson bleibt der unangenehme, fremde, dunkle Punkt im Leben
des Vaters, der das Vorhandensein und die Gegenwart seines Sohnes regelrecht
verabscheut. Die Enttäuschung über den Sohn verleugnet Rabbit nicht, und es
scheint, als warte er geradezu auf ein Fehlverhalten des Sohnes, um dann in
seiner Einstellung bestätigt zu werden. Nelson bleibt in den Augen des Vaters
ein nicht nur körperlich kleiner, keinesfalls gleichwertiger Mensch, und folglich
eskaliert die Situation bei einem Zusammentreffen der beiden. Bei dieser
Einstellung des Vaters kann sich die Beziehung nicht zum Positiven ändern, da
die Selbstachtung des Sohnes durch die väterlichen Verhaltensmuster über Jahre
hinweg unterminiert wurde.
Nelson wird der vom Vater auferlegten Rolle des Unfähigen durch sein
destruktives, stellenweise oppositionelles Verhalten gerecht, und somit häufen
sich auf beiden Seiten die Gefühle von Wut und entfremdender Enttäuschung.
Das in der Regel eher ausweichende und unterwürfige Verhalten demonstriert
die große Unsicherheit des Sohnes gegenüber seinem Vater. In der Gegenwart
des Vaters, den er als übermächtig empfindet, wird die von vornherein durch das
äußere fragile Erscheinungsbild eingeschränkte Männlichkeit des Sohnes noch
geringer. Gefühle der Angst steuern sein Verhalten.294 In den Augen des
Protagonisten unterstreicht dieses die Unfähigkeit des Sohnes.
Harry looks in vain into this fearful brown-eyed face for a trace of his
blue-eyed own. Nelson has inherited Janice`s tense neatness of feature,
with her blur of evasion or confusion in the eyes; the puzzled look sits
better on a woman than a man. (S. 1059)
Auf Grund der nicht stattgefundenen Auseinandersetzung zwischen
Vater und Sohn und der bisherigen Entfremdung empfinden beide ein starkes
Gefühl der Ablehnung und Unsicherheit im Umgang miteinander. “His son
294 Vergl. Lewis Yablonski, Du Bist Ich, S. 159. Yablonski sieht die Ursache einer
pathologischen Vater-Sohn-Beziehung hauptsächlich im Fehlverhalten des Vaters und dessen
Unreife: „Kaltes, inkonsequentes und unangemessenes Verhalten des Vaters entsteht in der Regel
auf Grund eigener Probleme.
191
frightens him.” (S. 1070) “His son is the only person in the world who sees him
as dangerous.” (S. 1093)
Bei gelegentlichen Zusammentreffen wird dieses Gefühl durch
gegenseitige Anklagen noch verstärkt und bildet die Basis für den konstanten
Streit und die Spannungen zwischen Vater und Sohn, die sich in ihren
Verhaltensmustern bezüglich ihrer Unreife sehr ähneln. Ein echtes Interesse am
jeweiligen Gegenüber lässt sich keinesfalls erkennen, und als Folge dieses
Verhaltens geht die Destruktivität der Beziehung automatisch einher.295
Durch die emotionalen Defizite kann keine positiv belegte
Beziehungsgestaltung stattfinden. Angst, Ablehnung und Unsicherheit sind
vorherrschende Komponenten, die besonders bei dem labilen Sohn in seiner
emotionalen Bedürftigkeit schädigende Wirkung zeigen. Auf Grund der
fehlenden väterlichen Anerkennung findet der Individuationsprozeß bei Nelson
nicht ausreichend statt. Geradezu grotesk klingt Rabbits Äußerung ‘The kid
needs help’ (S. 1129), denn es fehlt ihm der Wille, seinem Sohn tatsächlich zu
helfen und ihm die notwendige Anerkennung zukommen zu lassen. Rabbit
unterdrückt seine negativen Gefühle und seine Aggressivität gegenüber seinem
Sohn nur unzureichend oder gar überhaupt nicht. Bei einem Zusammentreffen
erscheint demnach die Spannung zwischen beiden Beteiligten fast unerträglich.
Dem impulsiven Bedürfnis nach verbalen Angriffen wird stattgegeben, und sie
demonstrieren die Aggressivität und die Gewaltätigkeit, die die Identität des
Protagonisten in seinen Handlungen beherrschen.
Sicherheit und Bestätigung als identitätsgebende Attribute fehlen dem
väterlichen Verhalten und erschweren dadurch dem Sohn eine eigenständige
Persönlichkeitsentwicklung. Folglich befindet sich die psychologische Struktur
des Sohnes in einem Zustand des inneren Ungleichgewichts. Die Unfähigkeit
295 Vergl. W. Wieck, Söhne wollen Väter, S. 325. Wieck interpretiert den Autor Robert Bly von
Eisenhans, (München: Knaur Verlag, 1993) wie folgt: „Söhne wünschen sich Väter, von denen
sie sich geliebt fühlen können. Väter lieben aber nicht, sie haben es nicht gelernt.“ Ebenso gilt
dies für Rabbit und Nelson, die durch das fehlende Miteinander offensichtlich unüberwindbare
Resentiments aufgebaut haben und entsprechend unter emotionaler Verletzung leiden.
192
der Mutter, der offensichtlich inneren Leere des Sohnes kompensatorisch
entgegenzuwirken, wirkt zusätzlich verheerend.296
Es hängt von den jeweiligen Gemütszuständen von Vater und Sohn ab,
ob es zeitweilig zu einem „normaleren“ Kontakt kommt. “... Harry und Nelson
sit each with a beer at the round glass table and try to be friends” (S. 1080).
Jedoch ist die wechselseitige Beziehung derart konfliktgeladen, dass die
Gegensätzlichkeit und Ablehnung schnell Oberhand gewinnt. So wird ein
dauerhaft positives Erleben zwischen Vater und Sohn verhindert; zumal Rabbit
das angeschlagene Selbstwertgefühl des Sohnes durch sein herabsetzendes
Verhalten noch zusätzlich untergräbt und eine Vertrauensbasis damit ausschließt.
“Nelson`s the one who needs parenting;...” (S. 1131).
Nelson entspricht nicht den Erwartungen des Vaters und setzt sich durch
die nicht offen dargestellte Selbstbehauptung gegen den vermeintlich starken
Vater nicht durch. Er lehnt sich gegen den Vater nicht offen auf. Der Vater
interpretiert das Verhalten des Sohnes als Schwäche und hält ihn auf der Stufe
des Kleinkindes. “..., I love him all right, but maybe it`s a him that`s long gone.
A little tiny kid, looking right up to you while you`re letting him down you
never forget it” (S. 1206). Rabbit hat seinen Sohn als kleinen Jungen
verinnerlicht und wird mit dem erwachsenen“ Kind nicht fertig; das heißt
Nelson wird von seinem Vater nicht als eigenständiges Individuum anerkannt,
und folglich fehlt ihm die higkeit zum wahren Kontakt mit seinen
Mitmenschen.297 Die in der Grundstimmung aggressive Vater-Sohn-Interaktion
erklärt sich aus dieser Konstellation.298 Sowohl Vater als auch Sohn leiden
296 Die biologisch determinierte These der Geschlechterdifferenz, die den Frauen eine
Beziehungsfähigkeit und daraus resultierend eine automatische Mütterlichkeit zuordnet, wird
durch die Mutterfigur der Janice hier eindeutig widerlegt.
297 Vergl. Guy Corneau, Abwesende Väter Verlorene Söhne, S. 182ff. Die unter den
Naturvölkern weitverbreiteten Stammesinitiationsrituale dienen unter anderem dazu, durch die
Führung von Mentoren den Jungen als Mann in die Gesellschaft aufzunehmen, der durch die
jeweiligen an ihn gestellten Aufgaben seine Identität finden soll, um von der Familie als
gleichwertig anerkannt zu werden. Auf Nelson bezogen bedeutet dies, dass eine derartige
Erfahrung von Seiten des Vaters nicht initiiert wurde.
298 Vergl. Peter Blos,Vater und Sohn, S. 204. Die „Ich-Überlegenheit,“ die Blos für eine gesunde
emotionale Entwicklung eines Heranwachsenden für wichtig erachtet, konnte bei Nelson durch
die überkritische Beurteilung des Vaters nicht eintreten.
193
unbewußt unter ihren nicht ausgereiften Persönlichkeiten, die durch eigene
Fehleinschätzungen im Umfeld für immense Spannungen sorgen. Dabei treten
spontane, kindische Reaktionen häufig auf. Rabbit bemerkt zwar sein eigenes
impulsgeleitetes Fehlverhalten, gibt sich jedoch nicht die geringste Mühe zu
einer Verhaltensänderung.
He wonders why he did it, why he tends to do mean things like that, to
women mostly, as if blaming them for the world as it is, full of chenille
plants and without mercy. He feels fragile, on the edge of lousy. That bad
child inside his chest keeps playing with matches. (S. 1137)
Einer Auseinandersetzung mit seiner eigenen Persönlichkeit geht Rabbit
aus dem Weg. Er unterdrückt seine Emotionen und gibt sich mit
Oberflächlichkeit zufrieden.299 Rabbit reflektiert auch über sein schlechtes
Verhältnis zu seinem Sohn nicht intensiv. Gefühle der Schuld hinsichtlich
Nelsons Zustand keimen teilweise auf, werden jedoch sofort ohne weitere
Gedankenarbeit abgewiesen. “He was never what you`d call a terrifically happy
child. I guess me and Jan are to blame for that.” (S. 1162) Die Negativgefühle,
die er gegenüber seinem Sohn hegt, akzeptiert er als gegeben und empfindet
keinerlei inneres Bedürfnis, diesem pathogenen Zustand Abhilfe zu schaffen.
Die Ausgangsbasis zwischen Vater und Sohn zeigt mehr schlecht als recht die
unterdrückten Aggressionen, die immer erneut in verbalen Schlagabtauschen
enden, denn auch Nelson ist im Unterbewußtsein von fast unerträglichen,
spannungsgeladen Negativgefühlen gegenüber seinem Vater beherrscht. Beide
erlangen im Umgang miteinander keinerlei Normalität.
Selbst als der Vater durch den Herzinfarkt geschwächt im Krankenhaus
liegt, überwindet Nelson nicht seine ablehnenden Gefühle wie “displeased,
alarmed.” (S. 1192) Nelsons Selbstbeherrschung wird durch ein impulsives,
starkes Auftreten der Antipathiegefühle unterminiert und lässt eine Annäherung
auch an den körperlich geschwächten Vater nicht zu. Die Befangenheit des
Sohnes gegenüber seinem Vater kann nicht durchbrochen werden, da Nelson
den Vater als “psychologically dominating” (S. 1221) verinnerlicht hat. Aus
299 Vergl. Lewis Yablonski, Du Bist Ich, S. 99. Rabbit ähnelt dem als „psychopatisch“ oder
„egozentrisch“ beschriebenen Vater, dessen Verhalten gegenüber dem Sohn zu einer Schädigung
des Selbstwertgefühls beiträgt.
194
diesem Grund findet eine Kommunikation zwischen Vater und Sohn selbst hier
nicht statt. “The conversation sticks again.” (S. 1211)
Die emotionale Unzulänglichkeit des Protagonisten zeigt sich besonders
deutlich in seiner Reaktion, als er von der Drogenabhängigkeit des Sohnes
erfährt. Der finanzielle Ruin interessiert Rabbit mehr als der gesundheitliche
Aspekt, der durch die Sucht entstanden ist. Frustration und Enttäuschung haben
die Kluft zwischen Vater und Sohn derart anwachsen lassen, dass Rabbit die
Gründe, die letztendlich zur Sucht führten, nicht näher hinterfragt, und ebenso
wenig signalisiert er Bereitschaft, seinen Sohn emotional hilfreich zu
unterstützen. “Harry doesn`t want to be left alone with Nelson. He says, ‘No, I`ll
do it. You two [Janice und Nelson] keep talking. Hash it out. I`ve had my say to
this jailbait.’” (S. 1287)
Erneut weicht der Protagonist der Konfrontation aus, flieht damit vor der
Verantwortung und überlässt es seiner Frau, die notwendigen Entscheidungen zu
fällen, und dies, obwohl er sich bewusst ist, dass der Sohn seine Mutter um den
Finger wickelt und folglich entsprechend notwendige, harte Maßnahmen nicht
getroffen werden. Er hat seinen Sohn aufgegeben und will sich mit dessen
Problemen nicht auseinandersetzen.
Die Übereinstimmung der Wesenszüge zwischen Vater und Sohn kommt
durch die Art und Weise, wie beide vor der Verantwortung fliehen, deutlich zum
Vorschein. Weder Vater noch Sohn zeigen die Bereitschaft, die Konsequenzen
aus ihrem Verhalten auf sich zu nehmen. Beide neigen dazu, andere für ihr
eigenes Leben verantwortlich zu machen. Ihre männliche Identität besitzt keine
ausreichende Reife und hält sie fest in ihrer problembeladenen Isolation, die als
Folge dieses Verhaltens eintritt.
Unausweichlich mit der Wirklichkeit konfrontiert flieht Rabbit in seine
für ihn typische Art von Machogehabe, um wenigstens nach außen hin
vermeintlich stark dazustehen, wogegen Nelson seine Selbstbestätigung in
Drogen sucht. Konkret bedeutet dies für beide, dass sie wie stets der direkten
Auseinandersetzung aus dem Wege gehen und vor der Übernahme von
Verantwortung davonlaufen. Ihr Kampf wird nicht bis zum Ende ausgetragen,
sondern auf die Ebene des aggressiven Umgangs miteinander verschoben.
195
Die konfliktvolle Beziehung zwischen Vater und Sohn verschlechtert
sich noch durch die Drogenproblematik. Kalt und ohne jegliches Mitgefühl
vergleicht der Protagonist den Sohn mit “human garbage” (S. 1322), den er am
liebsten ganz und gar aus seinem Gesichts- und Gedankenfeld verbannen würde.
Die Beziehung zwischen beiden ist dermaßen traumatisiert, dass eine
Verbesserung der Vater-Sohn-Interaktion unter den gegebenen Umständen
unmöglich erscheint. Nur seiner Frau zu Liebe täuscht Rabbit unwillig ein
scheinbares Interesse am weiteren Werdegang seines Sohnes vor. Zwar gesteht
er sich dabei ein emotionales Fehlverhalten in seiner Vaterschaft ein, jedoch
erneut ohne entsprechenden Wunsch nach einer erkennbaren Änderung, denn
dann müßte er sich seiner Unfähigkeit bewußt stellen. Dieses Eingeständnis
würde für den Protagonisten eine Kränkung im Selbstwertgefühl bedeuten und
wird entsprechend seinem Charakter möglichst schnell übergangen. “Harry feels
a jealous, resentful pang. His boy is being taken over. His fatherhood hasn`t been
good enough. They`re calling in the professionals.” (S. 1323)
Zeitgleich belasten Rabbit die wachsenden Autonomiebestrebungen
seiner Frau, die aus ihrer eher passiven Hilflosigkeit aufgewacht ist und zu
Rabbits Leidwesen nun beginnt, Situationen richtig zu deuten und entsprechende
Entscheidungen zu llen, ohne ihren Mann um Rat zu fragen. Dieses Vorgehen
untergräbt das Selbstwertgefühl des Protagonisten noch mehr, der ganz
offensichtlich von den anderen Familienmitgliedern nicht länger als Garant der
häuslichen Stabilität anerkannt ist. “He preferred her incompetent.” (S. 1325)
Diese Aussage verdeutlicht seine Einstellung zum weiblichen Geschlecht und
demonstriert seine abwertende Haltung gegenüber Janice. Mit der fast schon
vernichtenden Beurteilung über seine Frau glaubt er, sich selbst besser
darzustellen. Da sich Janice im Laufe der vergangenen Jahre durch ihre
wachsende Selbstständigkeit konstant weiterentwickelt hat, fühlt sich Rabbit als
Versager in dieser Beziehung, und es sind Parallelen zu seinem Sohn erkennbar,
der sich selbst als “loser” (S. 1335) betrachtet.
196
Dem Protagonisten wird plötzlich bewußt, dass sein Leben durch
Grenzen eingeschränkt ist und dass er sehr selbstzentriert handelt.
but there were limits to what bodies can do, and limits of involvement
what with Janice and Ron and the kids and fussy living rooms all over
Diamond County, and some limitation within him really, a failure or
refusal to love any substance but his own.(S. 1348)
Rabbit erkennt, dass er sich nicht ändern kann, und die Unmöglichkeit
einer positiveren Zukunft lässt ihn verzagen. Er gibt sich dem Gefühl von
Selbstmitleid hin. Sein Lebenswille scheint gebrochen, und noch passiver in
seinen Handlungen als zuvor hadert er mit seinem Schicksal. Sein bisheriges
unstrukturiertes, momentgeleitetes Leben offenbart sich ihm. Er gesteht sich den
engen Zusammenhang zwischen den falschgeleiteten Individuationsbemühungen
seines Sohnes und seinem eigenen Lebensstil ein. “In a way, the kid`s been
always looking for more structure than we could ever give him, ...” (S. 1398)
Auch in seinem emotional aufgewühlten Zustand bleibt Rabbit stets
ausschließlich selbstorientiert. Ein erneuter Kontakt nach der Drogentherapie
des Sohnes, die eine Verständigung oder eine Annäherung mit ihm voraussetzt,
wird von Rabbit nicht wirklich gewünscht. Eine Basis dafür ist auf Grund der
absoluten Negativhaltung gegenüber dem Sohn auch nicht gegeben. Die
väterlichen Antigefühle sitzen so tief, dass er Nelson weder in geschäftlicher
Hinsicht noch im familiären Bereich eine Chance gibt.
Der Protagonist macht wie bisher persönlichkeitsbeleidigende
Bemerkungen, die den Sohn, obwohl er aus der Therapie bis zu einem gewissen
Grad emotional gestärkt entlassen wurde, sehr treffen. Nelson hat dazugelernt
und kontert die väterlichen Bemerkungen, dieses reizt den Vater umso mehr, der
sich nun in seiner autoritären Männlichkeit angegriffen fühlt. Eine funktionale
Ebene der Verständigung schließt sich durch ein solches Verhalten eindeutig
aus.
Die Situation spitzt sich weiter zu, nachdem die Schwiegertochter ihren
Seitensprung mit Rabbit der Familie offenbarte. Rabbit hat sich damals auf
Grund seiner nicht vorhandenen Hemmschwelle und aus seiner ganz
persönlichen moralisch-ethischen Vorstellung auf den Beischlaf mit seiner
Schwiegertochter eingelassen. Das Bild des Egoisten, das Nelson sich von
197
seinem Vater über die Jahre gebildet hat, wird nun im Extremfall bestätigt und
führt unweigerlich zu psychischen Problemen des Sohnes, dessen Persönlichkeit
durch die distanzierte Vaterfigur von vornherein geschwächt ist. Durch das
Verhältnis mit der Schwiegertochter hat sich der Vater nicht nur omnipotent über
die gängige Moralvorstellung hinweggesetzt, sondern hat den Sohn in seiner
ohne dies labilen Männlichkeitsstruktur extrem getroffen. Es scheint fast, als
wenn der Vater den Seitensprung ganz bewusst begangen hat, um sich so bei
seinem Sohn zu rächen und um ihm auch zu beweisen, dass er der „bessere“
Mann ist.
Der Protagonist, der sich seiner Schuld gar nicht bewußt ist, weicht
erneut jeglicher Konfrontation durch seine überhastete Flucht in sein
Feriendomizil im Süden aus. Die zurückgebliebene Familie lässt er in dieser
fatalen Situation im Stich, klärt sie auch später nicht über seine eventuellen
Beweggründe auf, und uneinsichtig nimmt er im weiteren keinen Kontakt zu
ihnen auf. In seiner Isolation reflektiert der Protagonist nicht über die verletzten
Gefühle und Gedanken seiner Mitmenschen. Noch nicht einmal sein eigenes
Verhalten durchleuchtet er ausreichend. Es scheint, als fühle Rabbit sich
ungerecht behandelt, wie sein selbstmitleiderheischender Kommentar “Far away,
where everybody wants me” (S. 1454) andeutet.
Die unvollkommenen, spontangeleiteten Charakterzüge, die schon in
Rabbit, Run deutlich hervortraten, leiten ebenso noch im Alter die Reaktionen
des Protagonisten und bestätigen erneut eindeutig seine Bindungsunfähigkeit.
Die Persönlichkeitsstruktur des Harry Angstrom bietet keine Basis für eine
befriedigende Beziehung zu seinen Mitmenschen, die unter seiner
Rücksichtslosigkeit leiden müssen. Eine Notwendigkeit zur Kommunikation
wird von Rabbit nicht erwogen, folglich findet keine klärende Aussprache statt,
und als Folge nimmt die Kluft zwischen ihm und seinem nächsten Umfeld stetig
zu. Die emotionale Bedürftigkeit ist bei Rabbit trotz seiner Lebenserfahrung
nicht befriedigt. Resigniert stellt er seine Abhängigkeit fest. “There`s more to
being a human being than having your own way. Fact is, it has come to Rabbit
this late in life, you don`t have a way apart from what other people tell you.” (S.
1460)
198
Bis zu seinem finalen Herzinfarkt kann er keine intensive, echte
Beziehung zu seinen Mitmenschen aufbauen, da er mit seinem eigenen Leben
gänzlich unzufrieden ist, keine Emotionen preisgeben kann und gar nicht will
und zudem nicht die Fähigkeit besitzt, Menschlichkeit zu zeigen.300
Unaufrichtigkeit und Gefühllosigkeit sind die eigentlichen Grundlagen seiner
Existenz, und aus dieser Dimension entspringt die zerstörerische Art und Weise
des Kontaktes zu seinem Umfeld.
Der Sohn kompensiert durch Drogenkonsum sein nicht erfülltes
Bedürfnis nach väterlicher Anerkennung, Liebe und Verständnis. Hierfür
verantwortlich ist die Unfähigkeit des Protagonisten, seinem Sohn ein
verständnisvoller Vater zu sein. Der Durchschnittsmensch Rabbit Angstrom ist
ein Versager auf ganzer Linie, dem es bis zum Ende nicht gelingt, seine innere
Unordnung zu strukturieren, um der Leere seines Daseins einen Sinn zu geben
und der Krise in der Kernfamilie entgegenzuwirken. “‘Well, Nelson,’ he says,
‘all I can tell you is, it isn`t so bad.’ Rabbit thinks he should maybe say more, the
kid looks wildly expectant, but enough. Maybe. Enough.” (S. 1516)
Diese abschließende Bemerkung ist die klägliche Zusammenfassung
eines Lebens voller emotionaler Bedürftigkeit, in der stets ein Leben
nebeneinander, aber nie ein gemeinschaftliches Miteinander oder wohlwollendes
Füreinander stattgefunden hat. Selbst im Augenblick des Sterbens findet keine
wahre Annäherung zwischen Vater und Sohn statt. Emotionale Fähigkeiten und
soziale Fertigkeiten wurden von Rabbit in seinem ganzen Leben nicht gelernt
und somit auch nicht an den Sohn weitervermittelt.301
300 Vergl. Chilton Williamson Jr., “Harry`s End, National Review, 42; 22 (Nov 19, 1990), 51-
53, 53. Williamson geht davon aus, dass Rabbit keinerlei Beziehungsfähigkeit besitzt und dass er
in seinem ganzen Leben ausschließlich an der eigenen Person interessiert ist. “It is basketball,
what else could it be? – the only thing in life, outside of himself, that has ever interested him.”
301 Morton Ritts, “Sick at Heart”, Maclean`s, 103, 47 (Nov 19,1990), 71. Ritts sieht in dieser
finalen Episode eine Annäherung zwischen Vater und Sohn, wie sie zuvor nicht stattgefunden
hat. “It is the closest father and son come to a reconciliation.”
199
8.6 Zusammenfassung
In der Familie Angstrom fehlt die Bereitschaft zur emotionalen Kommunikation,
um durch die Verbalisierung von Gefühlen eine familiäre, gesunde Interaktion
und häusliche Stabilität zu ermöglichen. Die fehlende Dialogfähigkeit führt
notgedrungen zu extremen Spannungen, die nicht aufgearbeitet werden.
Aufmerksamkeit und Zuwendung als notwendige Aspekte eines
erfüllenden Miteinanders werden vermieden. Als Folge entwickelt sich eine
destruktive Beziehung innerhalb der Kernfamilie, die die einzelnen
Familienmitglieder je nach Charakter mehr oder weniger intensiv berührt, aber
in jedem Fall zu einem eher freudlosen und unzufriedenen Dasein führt.
Die elementaren Grundlagen für eine Beziehungsfähigkeit fehlen dem
Protagonisten, der weder den Erwartungen der Ehefrau noch den Ansprüchen
einer Vaterschaft gerecht wird.302 Die väterliche Komplettierung der Dyade
Mutter-Sohn erfolgt nicht, und so bietet Rabbit seinem Sohn keinerlei
Hilfestellung bei dessen Individuationsbestrebungen.
Aus der eigenen emotionalen Unfähigkeit heraus zeigt sich der
Protagonist als eine äußerst distanzierte Vaterfigur, die die Persönlichkeit des
Sohnes durch seine ablehnende Haltung untergräbt. Auf Grund der fehlenden
väterlichen Anerkennung verstärkt sich die Unsicherheit des Sohnes, und als
Folge wachsen Gefühle der Enttäuschung, Wut und Entfremdung stetig
an.Daraus resultieren wiederum die aggressiven Verhaltensweisen in der Vater-
Sohn-Beziehung, die bis zum Ableben des Protagonisten vorherrschen. Die
konstante Zurückweisung des Vaters verstärkt die emotionale Bedürftigkeit des
Sohnes im Laufe der Jahre derart, dass er sich aus der sozialen Isolation in die
vermeintliche Geborgenheit der Drogen flüchtet. Hierin präsentiert sich der
dramatische Einfluß der Vater-Sohn-Beziehung auf das Leben eines
Heranwachsenden. Die unverarbeitete Beziehungsdynamik wirkt außer-
ordentlich schädlich, die gegenseitigen Erwartungen werden nicht erfüllt, und
folglich beeinflussen tiefgehende Antipathien die Vater-Sohn-Interaktionen.
302 L. Yablonsky; Du Bist Ich, S. 159: „Kaltes, inkonsequentes und unangemessenes Verhalten
entsteht in der Regel aufgrund eigener Probleme.“
200
9. Zusammenfassende Betrachtungen der Vater-Sohn-Beziehung in den
erörterten Texten
Die hier exemplarisch untersuchten Werke illustrieren die äußerst schwierigen
Strukturen der Vater-Sohn-Beziehung in der amerikanischen Gesellschaft nach
1945, und bestätigen die von der Psychoanalyse aufgestellte These von der
Wichtigkeit des Vaters für den männlichen Individuationsprozeß des Sohnes.
Der soziale Hintergrund spielt dabei eine entscheidende Rolle, da diese Werke
ein für die Unter- und Mittelklasse allgemeingültiges Beziehungsmuster
darstellen. Im Idealfall sollte nach der anfänglichen, dyadischen Bindung mit der
Mutter für eine gesunde Entwicklung des Sohnes eine vielschichtige
Auseinandersetzung mit dem Vater stattfinden, um durch das väterliche
Verhalten dem Sohn Wertmaßstäbe nahezubringen. Der Vater gilt dabei als eine
Art Spiegel des eigenen Geschlechtes und hat somit Vorbildfunktion.
Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zu real existierenden Familien
lassen sich auch auf die Literatur übertragen und dienen dem Verfasser dieser
Arbeit als Interpretationsansätze. Die von den Autoren geschilderte innere
Zerrissenheit der Protagonisten vermittelt den Eindruck vom Streben nach
Individuation. Durch eine intensive psychologische Betrachtungsweise werden
die Zusammenhänge der Beziehungsgeflechte deutlich. Dabei ist es von großer
Bedeutung, dass der Vater den Sohn vorbehaltlos annimmt und nicht seine
väterliche Liebe in Abhängigkeit zu eventuell nicht erfüllten Anforderungen und
Vorstellungen sieht. Bei einer gesunden Vater-Sohn-Beziehung identifiziert sich
der Sohn mit dem Vater und erhält dadurch eine Orientierungsmöglichkeit für
seine weitere Entwicklung.
Ebenso zeigt die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung in der
Vaterschaft eine Möglichkeit auf, das väterliche Weltbild zu überdenken, und
unterstützt indirekt die Entwicklung des Vaters in seiner Männlichkeit. Ein
ausreichendes Maß an Emotionalität und Partnerschaftlichkeit erscheint als
Voraussetzung dafür, dass die Aufmerksamkeit für die seelische Befindlichkeit
201
des Gegenübers überhaupt wahrgenommen werden kann. Mit den Erfahrungen
beim Bemühen um den Sohn wird die väterliche Identität weitergeformt, und ein
noch intensiverer Selbstfindungsprozeß kann einsetzen.
Hinsichtlich des Bindungsaspektes ist eine stabile innere Beteiligung
vonnöten und entscheidend für das väterliche Verhalten gegenüber dem Sohn.
Auf der Basis von Vertrautheit entwickeln sich wohlwollende Gedanken und
Empfindungen, die für eine befriedigende Annäherung zwischen Vater und Sohn
wichtig sind und die Beziehung positiv prägen.
Durch die aktive Zuwendung des Vaters erfährt der Sohn dann ein
notwendiges Maß an Selbstachtung, das ihm folglich durch das Gefühl der
Akzeptanz eine innere Ausgefülltheit und Zufriedenheit verschafft. Eine
konstante, nicht nur oberflächliche Vaterpräsenz gilt als Garant für eine
emotional stabile Entwicklung des Sohnes hin zu einem positiven
Sozialverhalten. Das Bewußtsein der Wichtigkeit einer aktiven Vaterschaft für
eine emotional positive Entwicklung des Sohnes, das erst vor relativ kurzer Zeit
das Interesse der forschenden Wissenschaft gefunden hat, die sich früher fast
ausschließlich mit der Mutterrolle in der Kindsentwicklung beschäftigte, gilt als
unbestrittene These.. Das bewußte Bemühen des Vaters um seinen Sohn lässt
dessen Empathiefähigkeit wachsen und bildet die Grundlage für die individuelle
Entfaltung des Sohnes.
In einer Familie, die auch in Krisensituationen dialogfähig bleibt, kann
der natürliche Ablösungsprozeß vom Vater unproblematisch stattfinden, und die
altersentsprechend notwendige Distanzierung geht damit einher. Die Qualität der
familiären Atmosphäre bestimmt wesentlich die Identitätsentwicklung des
Sohnes und ist scheinbar abhängig von der wirtschaftlichen Situation. Die
Zugehörigkeit zu der jeweiligen Klasse hat dabei entscheidenden Einfluß. Der
Bezug zum Kind muß durch Werte wie emotionale Anwesenheit, gleichmäßige
Geborgenheit und bindendes Verantwortungsgefühl erreicht werden.
Im Gegensatz zu diesem Idealbild einer Vaterschaft zeigen die erörterten
Texte eine Bandbreite väterlichen Fehlverhaltens. Eine äußerst geringe
Akzeptanz in Bezug auf das Wesen des Sohnes zeichnet das Verhalten der
väterlichen Protagonisten aus, das in ihrer Negativausstrahlung einen
202
bedeutsamen, beeinflussenden emotionalen Einfluss innehat. In allen
untersuchten Texten wird die zerstörerisch wirkende Dynamik in der Vater-
Sohn-Beziehung augenscheinlich.
Die in den erörterten Texten allesamt aus der Unterklasse stammenden
Väter sind gezeichnet von einer tiefen Unzufriedenheit über ihr freudloses
Dasein, die sie auf die Beziehung zu ihren Frauen und Kindern projizieren. Dies
gilt ebenso wie für Russos Protagonisten Sully, der zwar oberflächlich betrachtet
mit seinem spontangeleiteten, einfachen Leben optimistischer als die anderen
Väter erscheint, dennoch immer wieder von einer inneren Bedürftigkeit
getrieben nach neuen Wegen sucht, um seiner emotionalen Einsamkeit zu
entweichen. Seinem Sohn gegenüber präsentiert sich dieser Vater als sprunghaft
und wenig verlässlich. Fords Protagonist Frank Bascombe bietet seinem Sohn
ebenso wenig emotionale Unterstützung und versagt in seiner Rolle als Vater
genauso entscheidend wie Updikes Rabbit. Carvers Väter lassen sich erst gar
nicht auf eine intensivere Beziehung ein und bleiben völlig unnahbar.
Die Väter aller hier behandelten Werke haben selbst keinerlei liebevollen
Umgang durch ihre eigenen Väter erlebt und sind folglich auch nicht in der Lage,
intensivere Gefühle zu entwickeln, geschweige denn sie sogar selbst vorzuleben
oder weiterzugeben. Die eingegangenen Beziehungen bleiben daher auf einer
„unpersönlichen“ Ebene, die keine intensive Kommunikation zulässt. In den
Familien der Protagonisten wurden Werte wie Dialogfähigkeit und Mitgefühl
nicht vorgelebt und somit auch nicht an die Väter weitergegeben. Als
„vaterloser“ Vater ist der Protagonist ohne Vorbild in Bezug auf die Belange
einer Vaterschaft.
Die Bereitschaft zu einem Miteinander ist nicht gegeben, da die
Protagonisten auf Grund ihrer inneren Unruhe und des fehlenden Gefestigtseins
nicht die Reife erlangt haben, um auf die Bedürfnisse des Gegenübers
einzugehen. Als Folge erscheint das sukzessive Zusammenbrechen der
Kleinfamilie vorprogrammiert.
Die akute Verschlossenheit in den Gefühlsäußerungen der Protagonisten
führt unweigerlich zur Einschränkung im sozialen Verhalten, in dem die Angst
vor der Übernahme von Verantwortung und Aggressivität maßgeblich das
203
Verhalten steuert. Die eigene innere Unsicherheit der Väter wird durch die oft
gewaltsamen Übersprunghandlungen vermeintlich überspielt und wird vom
Verfasser dieser Arbeit als Ausdruck der Orientierungslosigkeit interpretiert.
Vor allem Carvers Protagonisten treiben entfremdet von ihren
Mitmenschen passiv dahin, ohne sich den wachsenden Schwierigkeiten im
emotionalen Bereich zu stellen. Sie sind im Vergleich zu den anderen erörterten
Protagonisten die einsamsten Vertreter ihrer Art und leiden unter ihrer
bedauernswerten Isolation auf Grund der Unfähigkeit zur Kommunikation.
Carvers Väter entziehen sich der Vaterschaft, indem sie den Kontakt zu ihren
Söhnen unterbinden und weiteren Auseinandersetzungen von vornherein aus
dem Wege gehen. Bei solch einem Verhalten ist eine emotionale Bindung an den
Sohn nicht gegeben und die soziale Prognose für die Jugendlichen nicht günstig.
Der in Fords Werken trotz seiner beruflich erfolgreichen Karriere als
seelisch instabiler Erwachsener dargestellte Vater ist sich der Wichtigkeit seiner
Position als Vater für die Entwicklung des Sohnes bewußter als alle anderen
Protagonistenväter, dennoch überwiegt die Ambivalenz seiner Gefühle, und
seine diffuse Vaterrolle lässt auch nur eine oberflächliche Beziehung zu seinem
Sohn zu. Obwohl er als Randvater mehr als nur sporadischen Kontakt zu seinem
Sohn hält, ist bei ihm ebenfalls nur ein nicht zielgerichtetes Bemühen um den
Sohn ohne eine liebevolle Annäherung erkennbar. Dieser Vater übernimmt nicht
überzeugend die Verantwortlichkeit und bietet damit seinem Sohn nicht die
nötige emotionale Sicherheit auf dessen Individuationsweg.
Die bei Updikes Protagonisten fehlende Selbstreflexion und dessen
grenzenloser Egoismus, der eine Annahme der Persönlichkeit des Sohnes
verhindert, bedeutet für die Entwicklung Nelsons die schwerwiegenste
emotionale Einschränkung. Die mehr oder weniger subtil dargestellte
abwertende Haltung gegenüber dem Sohn untergräbt dessen Selbstwertgefühl
derart, dass er nicht anerkannt vom Vater seine emotionale Instabilität durch
den Drogenkonsum zu kompensieren versucht. Dieser Sohn hat die
Zurückweisung des Vaters am stärksten internalisiert und leidet unter seiner
204
Orientierungslosigkeit, die es ihm kaum ermöglicht, ein gelöstes
Erwachsenendasein zu führen.
Dabei erkennt der Sohn nicht, dass die vermeintlich starke Position des
Vaters elementare Risse beinhaltet und die destruktive Komponente vorrangig
ist. Die Konfliktstrukturen sind auch in dieser Vater-Sohn-Beziehung so
festgefahren, dass der Gedanke an eine Änderung im Verhalten von beiden
Betroffenen verworfen wird. Die Möglichkeit einer Annäherung wird somit im
Keime erstickt.
Die Väter in allen untersuchten Texten entziehen sich der Verantwortung
der Vaterschaft, indem sie entweder durch eine nur sporadische Anwesenheit mit
äußerst oberflächlichem Beachten der Söhne agieren oder durch gänzlich
ablehnendes Verhalten die Psyche der Söhne demütigen. Dabei demonstriert ein
solcher Umgang mit den Söhnen die väterliche Unsicherheit und vor allem die
eigene persönliche Ungefestigtheit. Diese Haltung überträgt sich unweigerlich
auf den Sohn. Der bedeutsame Faktor der Emotionalität wird entscheidend
vernachlässigt, und solche Vernachlässigung überschattet die seelische
Befindlichkeit der Söhne, die damit keine notwendige Verschmelzung und
Ablösung mit und von dem Vater erleben können, um eine eigene männliche
Identität zu finden. Die Zurückweisung durch den distanzierten Vater steht in
unmittelbarem Zusammenhang mit der konfliktgeladenen Vater-Sohn-
Interaktion, bei der Gefühle von Wut und Entfremdung stetig anwachsen.
Beständigkeit und Intensität sind unverzichtbare Elemente, die die Qualität der
Vater-Sohn-Dynamik nachhaltig beeinflussen und die bei diesen exemplarisch
dargestellten Protagonisten gänzlich fehlen.
Die persönlichen Unzulänglichkeiten der Protagonistenväter prägen
unmittelbar die komplexen Beziehungen zu ihren Söhnen. Auf Grund der
eingeschränkten Kommunikation und der unterschiedlichen
Wahrnehmungsfähigkeit verfestigt sich der ungelöste Vater-Sohn-Konflikt zu
einer nicht funktionalen Beziehung mit Emotionslosigkeit und
Aggressionsbereitschaft. Die momentgeleiteten Persönlichkeitsstrukturen der
Protagonisten verhindern ein einfühlsames Miteinander, und dadurch entfällt die
205
Möglichkeit einer konstanten Annäherung an die Söhne. Eine sozial ungünstige
Prognose ist unweigerlich die Folge eines solchen Vaterverhaltens.
Die hier ausgewählten zeitgenössischen Werke zeigen exemplarisch die
komplizierten Zusammenhänge in der Vater-Sohn-Beziehung mit ihren
individuellen Konflikten auf. Die männliche Individuation wird abhängig von
kulturspezifischen Aspekten betrachtet und impliziert die Bedeutung der
Wichtigkeit einer verantwortungsvollen Übernahme der Vaterschaft, die von den
Protagonisten keineswegs erfolgreich übernommen werden konnte, da die
Bereitschaft zur Überarbeitung der Grundkonflikte fehlt. Die Gültigkeit der
Psychoanalyse lässt sich auf die erörterten Werken übertragen .
206
10. Literaturverzeichnis
10.1 Primärliteratur
Carver, Raymond. What We Talk About When We Talk About Love. New
York:Vintage Contemporaries, 1989.
Ford, Richard. Wildlife. London: Flamingo, 1991.
Ford, Richard. The Sportswriter. New York, Vintage Contemporaries, 1995.
Ford, Richard. Independence Day. London: The Harvill Press, 1996.
Ford, Richard. Empire Falls. New York: Vintage Contemporaries, 2002.
Faulkner, William. Absalom, Absalom. New York: Random,1986.
Miller, Arthur. Death of a Salesman. New York: Penguin Books, 1977.
Miller, Arthur. All My Sons. New York: Penguin Classics, 2000.
Maupassant, Guy de. Simons Vater. Wien, München, Basel: Werke, Klassiker,
Verlag Kurt Desch, 1958.
Russo, Richard. Mohawk. New York: Vintage Books,1994.
Russo, Richard. The Risk Pool. New York:Vintage Books, 1994.
Russo, Richard. Nobody`s Fool. New York: Vintage Books, 1994.
Russo, Richard. “Fishing with Wussy”. Granta 19 (Summer 1986). S. 73-95.
Steinbeck, John. East of Eden. München: Langenscheidt - Langman Verlag,
2001.
Updike, John. Rabbit Angstrom – A Tetralogy. New York: Alfred A. Knopf,
Inc.,1995.
Updike, John. “Rabbit Remembered”, Licks of Love. London: Penguine Books,
2000, S. 177-359.
207
10.2 Sekundärliteratur
Ariès, Philippe. Geschichte der Kindheit. München: Hanser Verlag, 1975.
Ayres, A. Jean. Bausteine der kindlichen Entwicklung. Berlin: Springer Verlag,
1984.
Baumann, Arnulf H.. Was jeder vom Judentum wissen muß. Gütersloh:
Gütersloher Verlagshaus Mohn,1983.
Bernard, Cheryl ; Schlaffer, Edit (Hrsg.). Sagt uns, wo die Väter sind.
Reinbek: Rowohlt, 1991.
Blos, Peter. Sohn und Vater. Diesseits und jenseits des Ödipuskomplexes.
Stuttgart: Klett-Cotta,1990.
Bloom, Harold. John Updike. New York: Chelsea House Publishers,1987.
Bornemann, Ernest. Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres
Gesellschaftssystem. Frankfurt: Fischer, 1975.
Buchheim, P.; Cierpka, M.; Seifert, Th. (Hrsg.). Konflikte in der Triade.
Speilregeln in der Psychotherapie. Weiterbildungsforschung und Evaluation.
Berlin, Heidelberg: Springer Verlag, 1995.
Burgess, Adrienne. Vatermythen, Vaterbilder. Die Rolle der Männer in der
Erziehung. München: Diana Verlag, 1997.
Campbell, Ewing. Raymond Carver – A Study of the Short Fiction. New York:
Twayne Publishers, 1992.
Corneau, Guy. Abwesende Väter - Verlorene Söhne Suche nach der
männlichen Identität. Solothurn und Düsseldorf: Walter-Verlag, 1993.
Filser, Franz. Einführung in die Familiensoziologie. Paderborn: Ferdinand
Schöningh, 1978.
DeBellis, Jack. John Updike: A Biography, 1967-1993. Westport, CN:
Greenwood Press, 1994.
DeBellis, Jack. The John Updike Encyclopedia. Westport, CN: Greenwood
Press, 2000.
Dodson, Fitzhugh. Väter sind die besten Mütter Kinder brauchen ihre Väter.
Düsseldorf: CONTE Taschenbuch Verlag,1991.
Drinck, Barbara. Vaterbilder. Bonn: Bouvier Verlag, 1999.
208
Dunde, Siegfried Rudolf. Neue Väterlichkeit von Möglichkeiten und
Unmöglichkeiten des Mannes. Gütersloher Verlagshaus Mohn, 1986.
Eicher, Terry; Geller, Jesse D. (Hrsg.). Fathers and Daughters. Portraits in
Fiction. New York: Penguin Books, 1991.
Elias, Norbert. Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und
psychogenetische Untersuchungen. Bd. 1. Frankfurt/M: Suhrkamp Taschenbuch
Verlag,1976.
Erikson, Eric. Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta,1992.
Freese, Peter. Die Initiationsreise: Studien zum jugendlichen Helden im
modernen amerikanischen Roman. Thübingen: Stauffenburg Verlag, Nachdruck,
1998.
Gentry, Marshall Bruce. Conversations with Raymond Carver. University
Press of Mississippi, 1990.
Gestrich, Andreas. Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert.
München: R. Oldenbourg Verlag, 1999.
Greiner, Donald J. Adultery in the American Novel: Updike, James and
Hawthorne. Columbia: University of South Carolina Press, 1985.
Gurian, Michael. The Wonder of Boys. New York: Penguin Putnam inc.,1997.
Frenzel, Elisabeth. Motive der Weltliteratur. Stuttgart: Alfred Kröner,1988, S.
727-44.
Freud, Sigmund. Der Untergang des Ödipuskomplexes.GWX III.
Fromm, Erich. Die Kunst des Liebens. Frankfurt am Main, Berlin, Wien:
Ullstein Verlag,1980.
Fthenakis, Wassilios E. Väter. Band 1: Zur Psychologie der Vater-Kind-
Beziehung. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1988.
Fthenakis, Wassilios E. Väter. Band 2: Zur Vater-Kind-Beziehung in
verschiedenen Familienstrukturen. München: dtv, 1988.
Gärling, Tommy; Valsiner, Jaan (Hrsg.). Children within Environments.
Toward a Psychology of Accident Prevention. New York: Plenum Press, 1985.
Gestrich, Andreas. Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert.
München: R. Oldenbourg Verlag, 1999.
209
Gieseke, Astrid. Die Vaterfiguren im deutsch-sprachigen Bildungsroman des
frühen 20. Jahrhunderts. München: Dissertations-u. Fotodruck Frank GmbH,
1988.
Glötzner, Johannes. Der Vater: Über die Beziehung von Söhnen zu ihren
Vätern. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag,1983.
Guagliardo, Huey. Perspectives on Richard Ford. Mississippi: University Press
of Mississippi, 2000.
Haider, Hans (Hrsg.). An mein Kind. Briefe von Vätern. München: Deutscher
Taschenbuch Verlag, 1986.
Hamilton, Alice & Kenneth. The Elements of John Updike. Grand Rapids,
Michigan: Wm. B. Eerdmans Publ., 1970.
Hunt, George. John Updike and the Three Great Secret Things: Sex, Religion,
and Art. Grand Rapids, Michigan: Wm. B. Eerdmans Publ., 1980.
Kerkhoff, Winfried. Vater-Kind-Beziehung und soziale Schichtzugehörigkeit.
Rheinstetten: Schindele Verlag,1975.
Kitagawa, Daisuke. Rassenkonflikte und christliche Mission. Wuppertal:
Aussaat Verlag,1968.
Krome, Sabine. „Das Vaterbild in ausgewählten Romanen William Styrons.“
Freiburg (Breisgau), Univ., Diss., 1988.
Lee, John. Auf der Suche nach dem Vater. Wie Männer wieder Zugang zu ihren
Gefühlen finden. München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.,
1993.
Link, Franz. Amerikanische Erzähler seit 1950. Paderborn: Ferdinand
Schöningh, 1993.
Lukács, Georg. Realism in our Time. New York:Harper Torchbooks,1971.
Luscher, Robert M. John Updike – A Study of the Short Fiction. New York:
Twayne Publishers, 1993.
Markefka, Manfred; Nauck, Bernhard (Hrsg.). Handbuch der
Kindheitsforschung. Neuwied: Luchterhand,1993.
Matt, Peter von. Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in
der Literatur. München: Deutscher Taschenbuch Verlag,1997.
Marone, Nicky. Gute Väter selbstbewußte Töchter. Die Bedeutung des Vaters
für die Erziehung. Frankfurt am Main: Fischer Verlag,1992.
210
Martin, Jochen; Nitschke, August (Hrsg.). Zur Sozialgeschichte der Kindheit.
Freiburg, München: Verlag Karl Alber,1986.
Mause, Lloyd de. Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische
Geschichte der Kindheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag,1977.
Meves, Christa. Ohne Familie geht es nicht. Ihr Sinn und ihre Gestaltung.
Vellmar-Kassel: Verlag Weißes Kreuz GmbH,1985.
Mitscherlich, Alexander. Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. München:
Piper Verlag, 1973.
Mitterauer, Michael; Sieder, Reinhard (Hrsg.). Historische
Familienforschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp taschenbuch wissenschaft,
1982.
Mitterauer, Michael; Sieder, Reinhard (Hrsg.). Vom Patriarchat zur
Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie. München: Beck, 1977.
Mitterauer, Michael. Historisch-anthropologische Familienforschung. Wien:
Böhlau Verlag, 1990, Kulturstudien; Bd. 15.
Osherson, Samuel. Männer entdecken ihre Väter. Die ersehnte Begegnung.
Freiburg im Breisgau: Herder, 1993.
Oskamp, Stuart; Constanzo, Mark (Hrsg.). Gender Issues in Contemporary
Society.The Claremont Symposium on Applied Social Psychology: V. 6, 1992,
Sage Publications, Inc., 1993.
Pittman, Frank. Warum Söhne ihre Väter brauchen. Der schwierige Weg zur
Männlichkeit. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag,1994.
Plath, James (Hrsg.). Conversations with John Updike. Jackson: University
Press of Mississippi, 1994.
Pleck, Joseph H. “The Father Wound: Implications for Expectant Fathers.”
In Shapiro,Lee Jerrold, PhD, et al., Becoming a Father: Contemporary, Social,
Developmental, and Clinical Perspectives. New York: Springer Publishing
Comp.,1995, S. 210 – 223.
Pohle-Hauß, Heidi. Väter und Kinder: Zur Psychologie der Vater-Kind-
Beziehung. Frankfurt am Main: Haag und Herchen, 1977.
Postman, Neil. Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt/M: S. Fischer Verlag,
1983.
211
Pruett, Kyle D. Die neuen Väter, Männer auf dem Weg in die Familie.
München: Mosaik Verlag GmbH, 1988.
Reble, Albert. Geschichte der Pädagogik. Frankfurt/M: Klett-Cotta im Ullstein
Taschenbuch Verlag, 1981.
Rasche, Jörg. Prometheus. Der Kampf zwischen Sohn und Vater. Zürich: Kreuz
Verlag, 1988.
Ristoff, Dilvo I. Updike’s America: The Presence of Contemporary American
History in John Updike’s Rabbit Trilogy. New York: Peter Lang, 1988.
Schnack, Dieter; Neutzling, Rainer (Hrsg.). Kleine Helden in Not. Jungen auf
der Suche nach Männlichkeit. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1998.
Simpson, Mona; Buzbee, Lewis; Gentry, Marshall Bruce (Hrsg.).
Conversations with Raymond Carver. Mississippi: University Press of
Mississippi, 1990.
Shapiro, Lawrence E. EQ für Kinder. Wie Eltern die Emotionale Intelligenz
ihrer Kinder fördern können. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999.
Snyders, Georges. Die große Wende der Pädagogik. Paderborn: Ferdinand
Schöning, 1971.
Sowell, Thomas. Ethnic America. A History. New York: Basic Books, Inc.,
Publishers, 1981.
Stuck, Peter. Erziehung gegen Gewalt. Ein Buch gegen die Spirale von
Aggression und Haß. Berlin: Hermann Luchterhand Verlag,1994.
Stuck, Peter. Die Kunst der Erziehung. Ein Plädoyer für ein zeitgemäßes
Zusammenleben mit Kindern und Jugendlichen. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft 1996.
The Staff of the Chicago Tribune. The American Millstone. An Examination of
the Nation`s Permanent Underclass. Chicago: Contemporary Books, Inc., 1986.
Tallent, Elisabeth. Married Men and Magic Tricks: Updike`s Erotic Heroes.
Berkeley, Californien: Creative Arts Book Company, 1982.
Tellenbach, Hubertus. Das Vaterbild im Abendland. Rom - Frühes Christentum
Mittelalter - Neuzeit – Gegenwart. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Verlag W.
Kohlhammer, 1978.
Thorburn, David; Eiland, Howard. John Updike: A Collection of Critical
Essays. Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice Hall, 1979.
212
Vogt, Gregor M.; Sirrigde, Stephen. Söhne ohne Väter. Vom Fehlen des
männlichen Vorbilds. Frankfurt/M: Fischer Taschenbuch Verlag,1995.
Wais, Kurt K. T. Das Vater-Sohn-Motiv in der Dichtung. Berlin, Leipzig:
Walter de Gruyter & Co,1931.
Weber-Kellermann, Ingeborg. Die Familie. Frankfurt am Main: Insel Verlag,
1976.
Wieck, Wilfried. Söhne wollen Väter. Wider die weibliche Umklammerung.
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994.
Yablonsky, Lewis. Du Bist Ich. Die Unendliche Vater-Sohn-Beziehung. Köln:
Edition Humanistische Psychologie, 1991.
Yerkes, James. John Updike and Religion: The Sense of the Sacred and the
Motions of Grace. Grand Rapids, Michigan: Wm. B. Eerdmans Publishing Co,
1999.
Zeltner, Eva. Weder Macho noch Muttersöhnchen. Jungen brauchen eine neue
Erziehung. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999.
213
10.3 Artikel aus Zeitschriften
Abeel, Erica. “Why Not Say It Flat Out” . New Woman, Date: November 1990;
Vol: 20; Iss: 11; p: 34.
Amstrong, Peggy. “Updike`s Rabbit, Run”. Explicator, Vol: 47; Iss: 1; Date:
Fall 1988; p: 46-47.
Anonymous. “Nobody`s Fool by Richard Russo”. New Yorker, Vol: 69; Iss: 22;
Date: Jul 12, 1993, p: 87.
Anonymous. “Briefly Noted: Fiction The Risk Pool by Richard Russo”. New
Yorker, Vol: 64, Iss: 51, Date: Feb 6, 1989, p: 106-107.
Anonymous. “Where I`m Calling From”. The New York Times Book Review,
Date: December 4, 1988; p: 8.
Anonymous. “God Bless America”. Economist, Date: October 13, 1990; Vol:
317; Iss: 7676; p: 93.
Anonymous. “Where I`m Calling From”. Time, Date: July 4, 1988; Vol: 132;
Iss: 1;p: 70.
Anonym. „Vater-Sohn Gespräche sind wichtig“. Sylter Rundschau, 24. Februar,
1999, S. 3.
Banks, Russell. “Raymond Carver: Our Stephen Crane”. Atlantic, Date: August
1991; Vol: 268; Iss: 2; p: 99-103.
Bech, Henry ( a creation of John Updike). “Henry Bech Redux”. The New
York Times, www., Date: Nov. 14, 1971.
Updike, John. “Updike On Updike”. The New York Times, Date: September 27,
1981; Sec: 7; p: 1.
Blades, John. “Russo`s no fool”. Chicago Tribune, Sec: 5, p: 1, p: 7, p: 9, Date:
Feb 19, 1995.
Brookner, Anita. “Ending the Heartache”. Spectator, Date: October 27, 1990;
Vol: 265; Iss: 8468; p: 28-29.
Boston, Anne. “Breaking Points”. New Statesman & Society, Date: August 19,
1988; Vol: 1; Iss:11;p: 36.
Broyard, Anatole. “Updike Goes All Out at Last”. The New York Times, www.,
Date: Nov. 5, 1971.
214
Clifford, Andrew. “He Should Have Died Hereafter”. Spectator, Date:
November 30, 1991; Vol: 267; Iss: 8525;p: 49.50.
Crouse, David. “Resisting reduction: Closure in Richard Ford`s Rock Springs
and Alice Munro`s Friend of My Youth”.Canadian Literature, Date: Autumn
1995; Iss: 146; p: 51-64.
DeVine, Lawrence. “Updike: Life Meets Paper”. Detroit Free Press, Date: June
26; 1 C; 4 C.
Disch, Thomas M. “Rabbit`s Run”. The Nation, Date: December 3, 1990; Vol:
251; Iss: 19; p: 688-694.
D`Haen, Theo. “The Return of History and the Minorization of New York: T.
Coraghessan .Boyle and Richard Russo”. Revue Francaise Dètudes Americaines,
November 1994, S. 394-403.
Donoghue, Dennis. “The Zeal Of a Man Of Letters”. The New York Times,
www., Date: September 18, 1983; Sec: 7; p: 1.
Donoghue, Dennis. “‘I Have Preened, I Have Lived’” . The New York Times,
Date: March 5, 1989; Sec: 7; p: 7.
Elliot, Brad. “Life without Father?”. Essence, Vol: 25, Iss: 6, Date: Oct 1994,
p: 56.
Farr, Cecilia K. “Roth`s Call it Sleep”. Explicator, Vol: 46, Iss: 2, Date: Winter
1988, p: 49-51.
Ford, Harriet L. “The Salomanca of Richard Ford: Notes from the Margarete I.
King Library”. The Kentucky Review, Lexington; KY; 1982; 3:2; p: 93-98.
Gates, David. “Carver: To Make a Long Story Short”. Newsweek, Date: June
6,1988; p: 70-71.
Gornick, Vivian. “Tenderhearted Men: Lonesome, Sad and Blue”. The New
York Times Book Review, Date: September 16, 1990; Sec: 7; p: 1.
Gray, Paul. “Trials of a Transient Household”. Time, Date: June 4, 1990; Vol:
135; Iss: 23; p: 86.
Gray, Paul. “In Peace”. Time, Date: October 15,1990; Vol: 136; Iss: 16; p: 84.
Green, Michelle. “Transient Writer Richard Ford Lets His Muse Roam Free in
Wildlife”. People Weekly, Date: July 9, 1990; Vol: 34; Iss: 1; p: 63-64.
Harayda, Janice. “Critics`Choices for Christmas”. Commonweal, Date:
December 2, 1988; Vol: 115; Iss: 21; p: 666.
215
Hassler, Jon. “The Loves of his Life”.
The New York Times Book Review, Sec: 7, Date: Oct 21, 1990, p: 39.
Hochschild, Adam. Life Through a Close-Up Lens”. Mother Jones, Date:
October 1988; Vol: 13; Iss: 8; p: 50-51.
Johnson, Charles. “Stuck in the here and now”. The New York Times Book
Review, Date: June 18, 1995; Sec: 7; p: 1.
Johnson, Diane. “Tell, Don`t Show”. New York Review of Books, Date:
November 22, 1990; Vol: 37; Iss: 18; p: 16-18.
Kakutani, Michiko. “Growing Up Pretty Near the Edge. The Risk Pool by
Richard Russo”. The New York Times, November 2, 1988.
Kakutani, Michiko. “Books of The Times. Mohawk by Richard Russo”. The
New York Times, October 15, 1986.
Kakutani, Michiko. “Critic`s Notebook; Updike`s Long Struggle To Portray
Women”.The New York Times, Date: May 5,1988; Sec: C; p: 29.
Kakutani, Michiko. “John Updike`s Latest Novel, ‘Bech’ Sequel, Draws On
Himself”. The New York Times, Date: October 7, 1982; Sec: C; p: 21.
Kakutani, Michiko. “Turning Sex and Guilt into an American Epic”.Saturday
Review, Date: October 1981; 14-15; 20-22.
Kaplan, Kalman J. “Isaac and Oedipus: A Re-examination of the Father-Son
Relationship”. Judaism, Vol: 39, Iss: 1, Date: Winter 1990, p: 73-81.
Kaneney, Roz. “Bonds men - Nobody`s Fool by Richard Russo”. New
Statesman & Society, Vol: 6, Iss: 263, Date: Jul 30, 1993, p: 39-40.
Kilday, Gregg. “Make Room for Daddy.American Film, Vol: 15, Iss: 2, Date:
Nov. 1989, p: 16.
King, Francis. “Another master of the short story – Where I`m Calling From by
Raymond Carver”. Spectator, Date: November 6, 1993; Vol: 271; Iss: 8626; p:
53.
Koenig, Rhoda. “The Red, White, and True - Nobody`s Fool by Richard
Russo”.New York, Vol: 26, Iss: 22, Date: May 31, 1993, p: 60-61.
Koenig, Rhoda. “Mixed Message”. New York, Date: June 4, 1990; Vol: 23; Iss:
22; p: 78-79.
Koenig, Rhoda. “Their Town. New York, November 21, 1988, p: 132-133.
216
Koenig, Rhoda. “Rabbit Is Good”. New York, Date: October 1, 1990; Vol: 23;
Iss: 38; p: 65-66.
Lee, Hermoine. “The Trouble with Harry.New Republic, Date: December 14,
1990; Vol: 203; Iss: 26; p: 34-37.
Leonard, John. “Rabbit Is Rich”. The New York Times, Date: September 22,
1981; Sec: C; p: 13.
Linklater, Andro. “Books Of the year- Rabbit Angstrom”. Spectator, Date:
November 25, 1995; Vol: 275; Iss: 8733; p: 48.
Lipsky, David. “News from an Unremarked World”. National Review, Date:
August 5, 1988; Vol: 40; Iss: 15; p: 50-52.
Magaw, Malcolm O. “Marry Me”. Midwest Quarterly, Date: Spring 1995; Vol:
36; Iss: 3; p: 250-264.
Magee, John. “Carver`s They`re Not Your Husband”. Explicator, Date: Spring
1995; Vol: 53; Iss: 3; p: 180-181.
Mathews, Greg. “Emptiness Runs in the Family.The New York Times Book
Review, Date: Mar 25, 1990, Sec: 7, p: 27.
McFall, Gardner. “No Heroics, Please”. The New York Times Book Review,
Date: July 19,1992; Sec: 7; p: 20.
McInery, Jay. “Raymond Carver: A Still,Small Voice”. The New York Times
Book Review, Date: August 6, 1989; Sec: 7; p: 1.
Michaud, Charles. “Nobody`s Fool by Richard Russo”. Library Journal, Vol:
118, Iss: 7, Date: Apr 15, 1993, p: 128.
Moffet, Penelope. Raymond Carver. Publishers Weekly, Date: May 27, 1988; p:
42-44.
Montrose, David. “`Fightin´an´feudin´- Mohawk by Richard Russo”. Times
Literary Supplement, March 6, 1987.
Nicolson, Nigel. “Absolutely magnificent”. Spectator, Date: February 11, 1995;
Vol: 274; Iss: 8692; p: 49.
Novak, Ralph. “Picks & Pans: Pages- Rabbit at Rest”. People Weekly, Date:
October 29, 1990; Vol: 34; Iss: 17; p: 33-36.
Oates, Joyce Carol. “So Young!” . The New York Times Book Review, Date:
September 30, 1990; Sec: 7; p: 1
217
Paisner, Daniel. “The Family Business”. The New York Times Magazine, Date:
Oct 5, 1986, p: 86.
Prose, Francine. “Small-Town smart alecks”. The New York Times Book
Review, Date: Jun 20, 1993, Sec: 7, p: 13-14.
Pinsker, Sanford. “General Studies: Updike`s America”. Journal of Modern
Literature, Date: Fall 1989; Vol: 16; Iss: 2-3; p: 427-428.
Quinn, Anthony. “Fifty five and fading”. The New Statesman and Society,
Date: October 26, 1990; Vol: 3; Iss: 124; p: 33.
Rattigan, Neil; McManus, Thomas P. “Fathers, Sons, and Brothers: Patriarchy
and guilt in 1980s American Cinema”. Journal of Popular Film & Television,
Vol: 20, Iss: 1, Date: Spring 1992, p:
15-23.
Raymont, Henry. “John Updike Completes a Sequel to ‘Rabbit, Run’”. The
New York Times, Date: July 27, 1971; p: 22.
Reich, Allon. “World According to Luck”. New Statesman and Society, Date:
July 28, 1998; Vol: 2; Iss: 60; p: 32.
Ritts, Morton. “Sick at Heart”. Maclean`s, Date: November 19,1990; Vol: 103;
Iss: 47; p: 71.
Robinson, Merilynne. “Marriage and Other Astonishing Bonds”. The New York
Times Book Review, Date: May 15,1988; p: 1, 35-41.
Ross, Cecily. “Flames of Desire”. Maclean`s, Date: September 10, 1990; Vol:
103; Iss: 37; p: 82.
Rothstein, Mervyn. “The Origin Of The Universe, Time And John Updike”.
The New York Times, Date: November 21, 1985; Sec: C; p: 21.
Samway, Patrick H. “God`s Honest Truth”. America, Date: October 8,1988;
Vol: 159; Iss: 9;p: 228.
Schmitz, Alexander. John Updikes meisterhafte zärtliche Hommage an das
Prinzip Leben“. Welt am Sonntag, 12. Januar, 1997; S. 22.
Schmitz, Alexander.Absturz auf Gipfel der Selbstüberschätzung“. Welt am
Sonntag, 9. August, 1998; S. 25.
Schroth, Raymond A. “Out of the Frying Pan”. Commonweal, Date: August
10,1990; Vol: 117; Iss: 14;p: 461-462.
218
Schroth, Raymond A. “America`s Moral Landscape in the Fiction of Richard
Ford”. Christian Century, Date: March 1, 1989; Vol: 106; Iss: 7; p: 227-230.
Searles, George J. “Angst up to the End”.New Leader, Date: October 1, 1990;
Vol: 73; Iss: 13; p: 21-22.
Seegers, Armgard. „Der Mensch landet im Nichts“. Hamburger Abendblatt,
18. März, 1997; S. 6.
Shelley, Andrew. “Boom-Boom”. New Statesman & Society, Date: February
16,1990; Vol: 3; Iss: 88;p: 38.
Sheppard, R . Z. “Warning: The Rabbit Is Loose”. Journal of American
Studies, Date: December 1994; Vol: 28; p: 485-486.
Skow, John. “Boarded-up Glocca Morra - Nobody`s Fool by Richard Russo”.
Time, Vol: 141, Iss: 22, Date: May 31, 1993, p: 66-68.
Smith, Wendy. “Richard Russo”. Publishers Weekly, Vol: 240, Iss: 23, Date:
June 7, 1993, p: 43-44.
Spacey, Kevin. “Nobody`s Fool”. Publishers Weekly, September 5, 1994, p: 33.
Spilka, Mark. “Bad Mothers Great and Small”. America, Date: November 17,
1990; Vol: 163; Iss: 15; p: 380-382.
Steinberg, Sybil. “Nobody`s Fool by Richard Russo”. Publishers Weekly, Vol:
240, Iss: 44, Date: Nov 1, 1993, p: 47.
Stolle, Dörte Dr. „Begleitung und Beratung von Familien in einer
Trennungssituation“. Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt, Mai 1998; S. 7-12.
Sullivan, Jack. Things Get Bad,`Says Dad”. The New York Times Book
Review, December 18, 1988, p: 14.
Trombley, Stephen. “Loneliness of a 16 year old”. New Statesman & Society,
Date: August 10, 1990; Vol: 3; Iss: 113; p: 35.
Weber, Bruce. “Richard Ford`s Uncommon Characters”. The New York Times
Magazine, Date: April 10, 1988; p: 50-65.
Whitaker, Charles. “Fathers and Sons: The Critical Connection”. Ebony, Vol:
45, Iss: 4, Date: Feb. 1990, p: 34-41.
Wilkes, Paul. “Truth My Father Never Told Me”. America, Vol: 156, Iss: 24,
Date: Jun 27, 1987, p: 497-498.
219
Williamson, Chilton Jr. “Harry`s End”. National Review, Date: November
19,1990; Vol: 42; Iss: 22; p: 51-53.
Wills, Gary. “Long-Distance Runner. New York Review of Books, Date:
October 25, 1990; Vol: 37; Iss: 16; p: 11-14.
Wood, Ralph C. “Rabbit Runs Down”. Christian Century, Date: November 21,
1990; Vol: 107; Iss: 34; p: 1099-1101.
220
11. Abstract (englisch)
The father-son-relationship has become a more and more important and
favourite issue not only in psychological theories but also in contemporary
American literature. The motive of the father-son-conflict is treated as a topic of
central importance in many works of well-known authors.
The male identity formation is strongly influenced by the way of bonding
between father and son. The various factors of interaction in between the family
serve as role models for boys and men. The introduction into social values
through a father or a mentor must be given in order to enable the son to lead a
fulfilling life and to establish his own identity.
In the first part this study is concerned with an examination of the general
aspects of the father-son-relationship either in historical or in contemporary
regards. The ethnical and social categories as well as the impact of cultural
settings and backgrounds have to be stressed for this subject in order to illustrate
the importance of fatherhood.
Chapter 5, 6, 7 and 8 analyse the father-son-relationship in the works of
Richard Russo, Raymond Carver, Richard Ford and John Updike. The chosen
novels and stories emphasize the importance of fatherhood for the individuation
process of the protagonists. The psychoanalytic theories are applied to the family
structures depicted in the selected texts and allow a critical evaluation of the
personalities of the fathers and their impact upon the development of their sons.
221
12. Abstract (deutsch)
Die Vater-Sohn-Beziehung gewinnt mehr und mehr an Bedeutung nicht
nur in psychologischen Ansätzen sondern auch in der zeitgenössischen
amerikanischen Literatur. Das Motiv des Vater-Sohn-Konflikts ist von zentraler
Bedeutung in vielen Werken namhafter Autoren.
Die Art und Weise der Bindung zwischen Vater und Sohn beeinflusst
maßgeblich die männliche Rollenfindung des Sohnes. Dabei dienen die
verschiedenen Parameter der Interaktionen innerhalb der Familie als Modell für
die Söhne und Väter. Die Einführung in soziale Werte und Richtlinien durch den
Vater oder einen Mentor muß gegeben sein, um dem Sohn die Möglichkeit zu
geben, seine eigene Identität zu bilden, um ein ihn ausfüllendes Leben führen zu
können.
Der erste Teil dieser Arbeit befasst sich mit der Untersuchung von
allgemeinen Aspekten der Vater-Sohn-Beziehung sowohl aus historischer Warte
als auch unter zeitgenössischen Gesichtspunkten. Hierbei müssen nicht nur die
ethnischen und sozialen Einflüsse sondern auch die Beeinflussung durch die
kulturelle Umgebung besonders berücksichtigt werden, um die Bedeutung der
Vaterschaft zu veranschaulichen.
Die Kapitel 5,6,7 und 8 analysieren die Vater-Sohn-Beziehung in den
Werken von Richard Russo, Raymond Carver, Richard Ford und John Updike.
Die ausgewählten Romane und Kurzgeschichten unterstreichen die Bedeutung
der Vaterschaft für den Individuationsprozess der Protagonisten.
Psychoanalytische Theorien werden auf die familiären Strukturen in den
ausgewählten Texten angewendet und erlauben somit eine kritische Analyse der
Persönlichkeiten der Väter und deren Einfluß auf die Entwicklung ihrer Söhne.