Technische, ökonomische und ökologische Bewertung
der Einsetzbarkeit von biogenem n-Butanol
im Raumwärmemarkt
vorgelegt von
Diplom-Wirtschaftsingenieur
Nicolas Dohn
Von der Fakultät III - Prozesswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
- Dr.-Ing. –
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. sc. techn. Bernhard Senge
Gutachter: Prof. Dr. Dipl.-Ing. Dietrich Knorr
Gutachter: Prof. Dr.-Ing. Stephan Reimelt
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 19. April 2013
Berlin 2013
D 83
Danksagung
Die vorliegende Arbeit entstand unter der Betreuung von Herrn Prof. Dietrich Knorr
und Herrn Prof. Stephan Reimelt. Insbesondere als externer Doktorand danke ich Herrn
Prof. Knorr herzlich für seine Betreuung, das Ermöglichen der Arbeit sowie das mir
entgegengebrachte Vertrauen. Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Reimelt, der mich
mit seiner Erfahrung und konstruktiven Anregungen auch über den akademischen As-
pekt hinaus als Mentor unterstützte. Herrn Prof. Senge danke ich für die Übernahme
des Vorsitzes und das Interesse an meinem Thema.
Mein Dank gilt ebenfalls Herrn Dr. Oliver van Rheinberg und Herrn Hajo Hoffmann von
der Oel-Wärme-Institut GmbH für ihre Unterstützung in der experimentellen Überprü-
fung.
Weiterhin möchte ich Herrn Michael Gomoll für sein Engagement in der begleitenden
Studienarbeit danken. Allen meinen Kollegen danke ich für die herzliche Aufnahme am
Institut und ihre fachliche, freundschaftliche und administrative Unterstützung. Beson-
ders erwähnen möchte ich dabei Irene Hemmerich, Dimitri Oberdörfer, Björn Surowski
und Sophie Uhlig.
Verena und meiner Familie danke ich für ihre bedingungslose Unterstützung in allen
Belangen. Ohne sie wäre diese Arbeit nicht entstanden.
Kurzfassung
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde die Einsetzbarkeit von n-Butanol im Raum-
wärmemarkt unter technischen, ökonomischen sowie ökologischen Kriterien überprüft
und den Brennstoffen Heizöl extra leichtflüssig (EL) und Biodiesel (FAME) gegenüber-
gestellt. Das gewählte Vorgehen umfasst eine Verbrennungsversuchsreihe und die
Entwicklung eines Stoff- und Energiestrommodells sowie dessen Erweiterung um eine
wirtschaftliche und eine ökologische Betrachtung.
N-Butanol eignet sich aus gerätetechnischer Sicht innerhalb des untersuchten Be-
reiches von 0 bis 20 % (V/V) als Biokomponente in Heizöl EL für den Einsatz in einem
marktüblichen Stauscheibenbrenner. Dabei tritt keine signifikante Veränderung der
Abgasemissionen sowohl absolut als auch relativ zum Heizwert des Gemisches auf. An-
dererseits senkt n-Butanol den Flammpunkt des Brennstoffgemisches, so dass der flä-
chendeckende Einsatz in Heizöl EL nur bis zu einer Konzentration von 0,5 % (V/V)
n-Butanol als Biokomponente in Kombination mit 10 % (V/V) FAME möglich ist.
Zur Überprüfung der ökonomischen und ökologischen Kriterien wurden zwei Sze-
narien identifiziert. Das Basisszenario reflektiert den Stand der Technik und verursacht
Produktionskosten von 1,21 € L-1 n-Butanol, die durch den Umsatz von 0,90 € L-1 nicht
gedeckt werden können. Mit Treibhausgasemissionen von 37,0 g CO2eq MJ-1 entstehen
durch den Einsatz von n-Butanol CO2eq-Verminderungskosten in Höhe von
527 € t-1 CO2eq. In der Wirkungskategorie Versauerung erhöht der Einsatz von
n-Butanol im Basisszenario die Emissionen gegenüber Heizöl EL zwar um etwa 67 %,
stellt jedoch gegenüber FAME, das eine Erhöhung von 544 % verursacht, eine erhebli-
che Verbesserung dar. Die fossile Ressourcenbeanspruchung gegenüber Heizöl EL sinkt
durch n-Butanol um 67 % auf 0,39 MJ MJ-1.
Das Fortschrittsszenario berücksichtigt bislang großtechnisch nicht etablierte
Technologien wie beispielsweise die in-situ Produktabtrennung mittels Pervaporation.
Die Produktionskosten im Fortschrittsszenario betragen 0,99 € L-1 n-Butanol. Durch
den Einsatz von n-Butanol als Biokomponenten in Heizöl EL sinken die Emissionen an
CO2-Äquivalenten im Fortschrittsszenario auf 23,5 g MJ-1 und etwa 60 % derer von Bio-
diesel (FAME) und 73 % derer von Heizöl EL. Die CO2eq-Vermeidungskosten betragen
im Fortschrittsszenario 266 € t-1 CO2eq. Die Emissionen an SO2-Äquivalenten sinken
auch im Fortschrittsszenario nicht unter die von Heizöl EL, sondern liegen fast 30 %
darüber. Bezogen auf die Biokomponente FAME reduziert der Einsatz von n-Butanol
jedoch die Emissionen an SO2-Äquivalenten um 80 %. Der fossile Ressourcenverbrauch
verringert sich gegenüber FAME um 53 % auf 0,25 MJ MJ-1 und liegt damit weit unter
dem von Heizöl EL. Es zeigt sich, dass der Einfluss der anteiligen Anbauemissionen von
Reststroh in allen Wirkungskategorien verhältnismäßig gering ist.
Es konnte gezeigt werden, dass die Produktion von n-Butanol aus Getreidestroh zu
Kosten von 0,90 € L-1 durch eine optimierte Positionierung der Anlage im Fortschritt-
szenario zu erreichen ist und damit wirtschaftlich sein kann.
Abstract
This thesis examines the applicability of n-butanol in the domestic heating market with
regards to technical, commercial and ecological aspects in comparison to heating oil
and biodiesel (FAME). Emphasis is put on a series of combustion experiments and the
development of a mass and energy flow model. The model is further extended towards
a commercial and ecological examination.
The utilization of n-butanol in a common yellow burner as a bio-component up to a
volume ratio (V/V) of 20 % does not yield a significant absolute or relative change of
exhaust emissions in comparison to heating oil. However, the addition of n-butanol
causes the flash point of heating oil blends to quickly drop below the limit of 55 °C. The
comprehensive large area use is therefore possible only with 0.5 % (V/V) of n-butanol
in combination with 10 % (V/V) of FAME.
Two scenarios were defined and their potential commercial as well as ecological
implications assessed. The basic scenario on one hand, reflects state of the art technol-
ogy and results in production cost of 1.21 € L-1 n-butanol not covered by the turnover
of 0.90 € L-1. The emission of 37.0 g CO2eq MJ-1 leads to greenhouse gas abatement cost
of 527 € t-1 CO2eq. The acidification due to the utilization of n-butanol exceeds the acidi-
fication of heating oil by 67 %. FAME, however, contributes to acidification to a much
higher extent with 544 %. Furthermore, the use of n-butanol reduces the fossil resource
use in comparison to heating oil by 67 % to 0.39 MJ MJ-1.
On the other hand the technological progress scenario considers technologies that
are to date not established at industrial scale. An example is in-situ product recovery by
pervaporation. The production cost of such a scenario amounts to 0.99 € L-1 n-butanol.
The utilization of n-butanol in the technological progress scenario reduces the green-
house gas emissions to 23.5 g MJ-1. The greenhouse gas abatement cost account for
266 € t-1 CO2eq. The acidification of n-butanol still exceeds that of heating oil by about
30 %. However, in comparison to FAME the utilization of n-butanol in this scenario
lowers the acidification by 80 %. The fossil resource input (0.25 MJ MJ-1) is considera-
bly less than the one of heating oil and FAME. It became clear that the influence of the
straw cultivation is comparatively low in all analyzed categories.
It could be demonstrated that the commercially viable production of n-butanol from
straw at a cost of 0.90 € L-1 in the progress scenario is possible with an optimized posi-
tioning of the plant.
I
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Ausgangslage und Problemstellung 1
1.2 Zielsetzung und Lösungsweg 2
2 Einsatz flüssiger Brennstoffe in Deutschland und fermentative
Herstellung von n-Butanol 5
2.1 Eigenschaften flüssiger Brennstoffe in Deutschland 5
2.1.1 Heizöl extra leichtflüssig 5
2.1.2 Bioheizöl 7
2.2 Grundlagen der Ölfeuerung 9
2.3 Eigenschaften und Einsatz von n-Butanol 11
2.4 Fermentative Herstellung von n-Butanol 12
2.4.1 Mikrobiologische Grundlagen, Substrate und Fermentation 13
2.4.2 Hydrolyse lignocellulosebasierter Substrate 14
2.4.3 In situ-Produktabtrennung 17
2.5 Biomassennutzung und Verfügbarkeit in Deutschland 19
2.5.1 Energie- und klimapolitische Bedingungen 20
2.5.2 Reststrohpotential in Deutschland 20
3 Experimentelle Überprüfung der Einsetzbarkeit von n-Butanol als
Biokomponente in Heizöl EL 25
3.1 Parameterstudie zu Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff 25
3.1.1 Untersuchungskriterien an Heizöl EL/n-Butanol-Gemische 26
3.1.2 Konzeption und Planung der Parameterstudie 29
3.1.3 Ergebnisbeschreibung der Parameterstudie 30
3.1.4 Ergebnisanalyse und Bewertung 37
3.2 Experimentelle Überprüfung von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff 38
3.2.1 Planung der Versuchsreihe 39
3.2.2 Versuch I: Prüfung des Verhaltens von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in
verschiedenen Brennerbetriebspunkten mittels Luftzahlvariation 41
3.2.3 Versuch II: Prüfung des Verhaltens von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen im
Magerbetrieb 45
3.3 Einsetzbarkeit von n-Butanol als Biokomponente in Heizöl EL 48
II
4 Erarbeitung eines Stoff- und Energiestrommodells zur Herstellung von
n-Butanol 51
4.1 Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung 51
4.1.1 Produktionstheoretische und ingenieurwissenschaftliche Ansätze zur
Modellierung von Produktionssystemen 51
4.1.2 Ableitung des Modellierungsrahmens 64
4.1.3 Entwicklung eines angepassten aktivitätsanalytischen Ansatzes zur
Modellierung des zu untersuchenden Produktionssystems 66
4.2 Umsetzung der Stoffstrommodellierung 68
4.2.1 Biomassevorbereitung 70
4.2.2 Fermentation 79
4.2.3 Separation 90
4.2.4 Wasseraufbereitung 93
4.3 Umsetzung der Energiestrommodellierung 96
4.3.1 Biomassevorbereitung 96
4.3.2 Fermentation 100
4.3.3 Separation 103
4.3.4 Wasseraufbereitung 106
4.4 Ergebnisse des Stoff- und Energiestrommodells 112
5 Erweiterung des Modells um eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung 115
5.1 Investitionskostenabschätzung der Modellanlage 115
5.1.1 Methodisches Vorgehen der Investitionskostenabschätzung einer
Modellanlage zur Herstellung von n-Butanol 116
5.1.2 Umsetzung der Investitionskostenabschätzung einer Modellanlage zur
Herstellung von n-Butanol 129
5.1.3 Ergebnisse der Investitionskostenabschätzung 132
5.2 Zahlungsströme der Modellanlage 134
5.2.1 Methodisches Vorgehen der Modellierung von Zahlungsströmen einer
Modellanlage zur Herstellung von n-Butanol 135
5.2.2 Umsetzung der Modellierung von Zahlungsströmen einer Modellanlage zur
Herstellung von n-Butanol 151
5.2.3 Ergebnisse der Zahlungsströme 158
5.2.4 Sensitivitätsanalyse 160
5.3 Ergebnisse der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung 162
III
6 Erweiterung des Modells um eine ökologische Betrachtung 165
6.1 Methodisches Vorgehen der Nachhaltigkeitsüberprüfung 165
6.1.1 Ökologieorientierte Methoden zur Wirkungsabschätzung im Rahmen einer
Ökobilanz 166
6.1.2 Rechnergestützte Ansätze zur Durchführung der Wirkungsabschätzung im
Rahmen einer Ökobilanz 168
6.1.3 Konzeption einer Ökobilanz des zu untersuchenden Produktionssystems 170
6.2 Umsetzung der Sachbilanz 174
6.3 Ergebnisse der ökologischen Betrachtung 176
7 Analyse, Bewertung und Umsetzung der Modellergebnisse 183
7.1 Analyse und Bewertung des Basisszenarios 183
7.1.1 Wirtschaftlichkeitsbetrachtung 183
7.1.2 Ökologische Betrachtung 184
7.2 Umsetzung des Fortschrittsszenarios 185
7.2.1 Umsetzung von Stoff- und Energieflüssen sowie Zahlungsströmen 185
7.2.2 Umsetzung der Sachbilanz 189
7.3 Ergebnisse des Fortschrittsszenarios 190
8 Schlussbetrachtung und Ausblick 197
8.1 Schlussbetrachtung 197
8.2 Ausblick 201
9 Literaturverzeichnis 205
V
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1-1: Aufbau und Lösungsweg der Arbeit 3
Abbildung 2-1: Aktuelle und erwartete Wärmebereitstellung in Mrd. MJ a-1 (Shell, 2011) 7
Abbildung 2-2: Öldüse ohne Düsenabschlussventil (Hans G. Werner GmbH & Co., Reutlingen) 9
Abbildung 2-3: Aufbau und Prinzip eines Stauscheibenbrenners (Institut für Wärme und
Öltechnik) 10
Abbildung 2-4: Aufbau und Prinzip eines Blaubrenners (Institut für Wärme und Öltechnik) 11
Abbildung 2-5: Vereinfachter Ausschnitt aus dem Stoffwechsel der Aceton-Butanol-Ethanol-
Fermentation mittels Clostridiaceae (in Anlehnung an Ranjan et al. (2012)) 14
Abbildung 2-6: Schematische Darstellung des Aufbaus von Lignocellulose (Thostrup, 2006) 15
Abbildung 2-7: Verteilung der theoretisch vorhandenen Strohmengen in Deutschland (DBFZ,
2012) 21
Abbildung 3-1: Bandbreite für den Destillationsverlauf von Heizöl EL A nach DIN SPEC
51603-1 27
Abbildung 3-2: Ergebnis der Sichtprüfung von Heizöl/n-Butanol-Gemischen; es liegen
homogene Gemische vor, Verunreinigungen, Sedimente oder Wasser sind
nicht sichtbar 30
Abbildung 3-3: Dichte von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-
Konzentration nach DIN EN ISO 12185 (r = 0,4 kg m-3) 30
Abbildung 3-4: Heizwert von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-
Konzentration nach DIN 51900-2 (r = 0,120 MJ kg-1; angelehnt an DIN 51900-
1, r für DIN 51900-2 noch nicht festgelegt) 31
Abbildung 3-5: Flammpunkt von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-
Butanol-Konzentration nach DIN EN ISO 2719 ( r = 1,2 °C) 31
Abbildung 3-6: Kinematische Viskosität von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit
der n-Butanol-Konzentration nach DIN EN ISO 3104 (r = 0,0138 mm² s-1) 32
Abbildung 3-7: Verdampfte Volumenanteile von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen bei 250 und
350 °C in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach DIN EN ISO 3405 (r
≈ 0,94 °C) 33
Abbildung 3-8: Cold Filter Plugging Point von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in
Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach DIN EN 116 (r= 1 °C) 33
Abbildung 3-9: Koksrückstand von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-
Butanol-Konzentration nach DIN EN ISO 10370 (r = 0,0071 % (m/m)) 34
Abbildung 3-10: Wassergehalt von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-
Butanol-Konzentration nach DIN EN ISO 12937 (r = 0,26 mg kg-1) 34
Abbildung 3-11: Thermische Stabilität von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit
der n-Butanol-Konzentration nach DIN 51371 (eine Vergleichbarkeit für die
DIN 51371 wurde noch nicht ermittelt) 35
Abbildung 3-12: Schmierfähigkeit von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-
Butanol-Konzentration nach DIN EN ISO 12156-1 (r = 63 µm) 35
VI
Abbildung 3-13: Oxidationsstabilität von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der
n-Butanol-Konzentration nach ASTM D 7545-09 (r = 0,053 h; vorläufiger
Wert) 36
Abbildung 3-14: Erfüllung der Anforderungen an Heizöl EL/n-Butanol-Gemische in
Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration 37
Abbildung 3-15: NOx-Emissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der
Luftzahl. Die Messwerte sind für CO2MAX und Heizwert bezüglich der n-
Butanol-Konzentration korrigiert (r ≈ 20 mg kWh-1 beziehungsweise 10 ppm) 42
Abbildung 3-16: CO-Emissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der
Luftzahl. Die Messwerte sind für CO2MAX und Heizwert bezüglich der n-
Butanol-Konzentration korrigiert (r ≈ 2,5 mg kWh-1 beziehungsweise 2 ppm) 43
Abbildung 3-17: Rußemissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der
Luftzahl 43
Abbildung 3-18: NOx-Emissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-
Butanol-Konzentration (r ≈ 20 mg kWh-1 beziehungsweise 10 ppm) 47
Abbildung 3-19: CO-Emissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-
Butanol-Konzentration (r ≈ 3 mg kWh-1 beziehungsweise 2 ppm) 47
Abbildung 4-1: Übersicht mikroökonomischer Produktionsfunktionen (in Anlehnung an
Küpper (1977) und Schultmann (2003)) 53
Abbildung 4-2: Veranschaulichung eines Digraphs (in Anlehnung an Steven (1998) und
Schultmann (2003)) 57
Abbildung 4-3: Struktur sequenziell modularer Systeme in Anlehnung an Lohe (1995) 63
Abbildung 4-4: Prozessstufen in der Produktion von n-Butanol aus Weizenstroh 65
Abbildung 4-5: Aggregationsebenen der Prozessabbildung (in Anlehnung an Dykhoff und
Spengler (2010)) 65
Abbildung 4-6: Prozessstufen sowie Stoff- und Energieströme des Bilanzraums 69
Abbildung 4-7: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Biomassevorbereitung 71
Abbildung 4-8: Zusammensetzung von Weizenstroh. Darstellung auf Basis von Saha et al.
(2005) 77
Abbildung 4-9: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Fermentation 80
Abbildung 4-10: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Separation 90
Abbildung 4-11: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Wasseraufbereitung 93
Abbildung 4-12: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Biomassevorbereitung 97
Abbildung 4-13: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Fermentation 100
Abbildung 4-14: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Separation 104
Abbildung 4-15: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Wasseraufbereitung 107
Abbildung 5-1: Verlauf der Jahresmittelwerte des Chemical Engineering Plant Cost Index
(vgl. Chemical Engineering (2001-2011)) 118
Abbildung 5-2: Verlauf des Degressionsexponenten in Abhängigkeit der Kapazität in
logarithmischer Darstellung (in Anlehnung an Dysert (2003)) 120
VII
Abbildung 5-3: Zusammenhang zwischen Ungenauigkeit, Bearbeitungskosten und
Zeitaufwand eines Projektes (in Anlehnung an Schwind (1979)) 127
Abbildung 5-4: Lebenszyklus- und Planungsphasen eines Anlagenprojektes (eigene
Darstellung in Anlehnung an Sattler und Werner (2000)) 127
Abbildung 5-5: Bestandteile der Total Investment Cost (Angaben gerundet) 133
Abbildung 5-6: Prozessstufen in der Produktion von n-Butanol aus Weizenstroh 136
Abbildung 5-7: Schematische Darstellung der mittleren Transportstrecke (in Anlehnung an
Kappler (2008)) 144
Abbildung 5-8: Kosten zur Herstellung von einem Liter n-Butanol aus Reststroh im
Basisszenario 159
Abbildung 5-9: Einfluss der Variation ausgewählter Parameter auf die Herstellungskosten
von n-Butanol im Basisszenario 161
Abbildung 5-10: Einfluss der Variation der Anlagenkapazität auf die Herstellungskosten von n-
Butanol im Basisszenario 162
Abbildung 6-1: Prozessstufen in der Produktion von n-Butanol aus Weizenstroh 170
Abbildung 6-2: Ergebnisse der Nachhaltigkeitsuntersuchung des Basisszenarios (BS) und der
Referenzen Heizöl EL und FAME (etwaige Gutschriften sind Bestandteil der
Einzelsummen) 177
Abbildung 7-1: Kosten zur Herstellung von einem Liter n-Butanol aus Reststroh im
Fortschrittsszenario 191
Abbildung 7-2: Einfluss der Variation ausgewählter Parameter auf die Herstellungskosten
von n-Butanol im Fortschrittsszenario 192
Abbildung 7-3: Ergebnisse der Nachhaltigkeitsuntersuchung des Basisszenarios (BS),
Fortschrittsszenarios (FS), Fortschrittsszenarios inklusive Anbau (FS Anbau)
und der Referenzen Heizöl EL und FAME (etwaige Gutschriften sind
Bestandteil der Einzelsummen) 193
Abbildung 8-1: Zusammenfassende Darstellung der untersuchten Kriterien des Einsatzes von
n-Butanol als Biokomponenten in Heizöl EL im Vergleich zur Referenz FAME 201
Abbildung 9-1: Verwendeter Zugbegrenzer am Abgasrohr A-1
Abbildung 9-2: Eingesetzte Düse des Typs Fluidics 0,4 60° HF nach Beendigung aller
Versuchsreihen. Die Düse weist weder Ablagerungen noch Verkokungen auf A-1
Abbildung 9-3: Eingesetzter Düsenfilter des Typs Fluidics 0,4 60° HF nach Beendigung aller
Versuchsreihen. Der Filter zeigt keine Ablagerungen A-2
IX
Tabellenverzeichnis
Tabelle 2-1: Ausgewählte Mindestanforderungen an Heizöl EL nach DIN 51603-1 (2011),
Cold Filter Plugging Point (CFPP) 6
Tabelle 2-2: Ausgewählte Mindestanforderungen an Heizöl EL nach DIN SPEC 51603-6
(2011) 8
Tabelle 2-3: Ausgewählte Eigenschaften von Ethanol, n-Butanol und Heizöl EL; [a]
Rakopoulos et al. (2010); [b] DIN 51603-1; [c] GESTIS Stoffdatenbank (2012e);
[d] GESTIS Stoffdatenbank (2012d); [e] GESTIS Stoffdatenbank (2012c) 12
Tabelle 2-4: Nachhaltiges Reststrohpotential in Frischmasse in Deutschland (Potential in
Anlehnung an DBFZ (2012); Flächen in Anlehnung an DESTATIS (2012)) 23
Tabelle 3-1: Parameter der zweiten Versuchsreihe 46
Tabelle 4-1: Darstellung der Stoffstromvektoren der Aktivität Biomassevorbereitung 71
Tabelle 4-2: Stoffstromvektoren der Aktivität Biomassevorbereitung 79
Tabelle 4-3: Stoffstromvektoren der Aktivität Fermentation 90
Tabelle 4-4: Stoffstromvektoren der Aktivität Separation 93
Tabelle 4-5: Stoffstromvektoren der Aktivität Wasseraufbereitung 95
Tabelle 4-6: Bedarf elektrischer Energie von Anlagenkomponenten in der
Biomassevorbereitung 98
Tabelle 4-7: Energiestromvektoren der Biomassevorbereitung, Basis 1 t Weizenstroh 99
Tabelle 4-8: Bedarf elektrischer Energie von Anlagenkomponenten in der Fermentation 102
Tabelle 4-9: Energiestromvektoren der Fermentation, Basis 1 t aufschließbares Substrat 103
Tabelle 4-10: Bedarf Prozesswärme von Anlagenkomponenten in der Separation 104
Tabelle 4-11: Bedarf elektrischer Energie von Anlagenkomponenten in der Separation 105
Tabelle 4-12: Kühlwasserbedarf von Anlagenkomponenten in der Separation 106
Tabelle 4-13: Energiestromvektoren der Separation, Basis 1 t ABE-Produkte 106
Tabelle 4-14: Energiestromvektoren der Fermentation, Basis 1 t aufschließbares Substrat 112
Tabelle 4-15: Stoff- und Energieströme der Modellanlage des Basisszenarios 114
Tabelle 5-1: Fixed Capital Investment prozesstechnischer Anlagen (in Anlehnung an Peters
(2004)) 117
Tabelle 5-2: Investitionskostenabschätzung mit Hilfe differenzierter Zuschlagssätze nach
Peters et al. (2004) 123
Tabelle 5-3: Klassifikation von Kostenschätzung (in Anlehnung an AACEI (2011) und Sattler
und Werner (2000)) 128
Tabelle 5-4: Differenzierte Zuschlagssätze der Modellanlage 131
Tabelle 5-5: Umschlags- und Transportkosten sowie Zeitbedarf inklusive Personalkosten (in
Anlehnung an DBFZ (2012)) 145
Tabelle 5-6: Owner’s Cost der Modellanlage 152
Tabelle 5-7: Personalbedarf der Modellanlage bei einer Kapazität von 100.000 t a-1 nach
Schicht und Leistungsgruppe 157
Tabelle 7-1: Stoff- und Energieströme der Modellanlage des Fortschrittsszenarios 189
XI
Abkürzungsverzeichnis
a Annum (Jahr)
Actn Aceton
Adsr Adsorber
Afbr Aufbereitung
Afschg Aufschlussgrad
AM Apparate und Maschinen
Anl Anlage
Ann Annuität
Asch Asche
Aztr Azeotrop
BAFA Bundesamt für Wirtschaft und Ausführkontrolle
Bdrf Bedarf
BFltr Bandfilter
Bh Betriebsstunde
Bnd Bandförderer
BS Basisszenario
btr betriebsgebunden
Cll Cellulose
Ca(OH)2 Calciumhydroxid
CML Centrum voor Milieukunde
CO Kohlenstoffmonoxid
CO2 Kohlenstoffdioxid
DC Direct Cost
DIN Deutsches Institut für Normung
Drl Darlehen
EEG Erneuerbare-Energien-Gesetz
EKA Eigenkapitalanteil
el elektrisch
etc et cetera
Enzy Enzyme
eq Äquivalente
Ethn Ethanol
exp Exponent
FCI Fixed Capital Investment
Fhrt Fahrt
FKA Fremdkapitalanteil
FM Frischmasse
Frmt Fermenter
FS Fortschrittsszenario
g Gramm
Gbls Gebläse
Gwr Gewerbesteuer
h hora (Stunde)
H2 Wasserstoff
H2O Wasser
H2SO4 Schwefelsäure
ha Hektar
Hbs Hebesatz
Hcks Häcksler
Hcll Hemicellulose
HMF Hydroxymethylfurfural
XII
Hydr Hydrolyse
IC Indirect Cost
In Index
Inst Instandhaltung
kap kapitalgebunden
kg Kilogramm
klk kalkulatorisch
km Kilometer
Knds Kondensation
Kor Korrekturfaktor
Krp Körperschaftssteuer
kW Kilowatt
kWh Kilowattstunde
L Liter
LG Leistungsgruppe
Lgn Lignin
LKW Lastkraftwagen
m Meter
Mio Millionen
MIPS Material-Input pro Service-Einheit
MJ Megajoule
Msz Messzahl
MW Megawatt
NBtl n-Butanol
NOx Stickoxide
Nutzg Nutzungsgrad
Pmp Pumpe
pot potentiell
Prsnl Personal
Ref Referenz
Rhr Rührer
Rktr Reaktor
Rs Reststoffe
Rüst Rüstzeit
Säu Säure
Snst Sonstige
Sprt Separation
Str Stroh
t Tonne (1.000 Kilogramm)
TCI Total Capital Investment
th thermisch
TM Trockenmasse
Tnk Tank
Trns Transport
UBA Umweltbundesamt
Umsc Umschlag
VFltr Vakuumfilter
vgl vergleiche
Verb Verbrennung
vrb verbrauchsgebunden
Vrbr Vorbereitung
Vrdm Verdampfer
Vrlst Verlust
Vrs Versicherung
Vrw Verwaltung
XIII
WACC Weighted Average Cost of Capital
Was Wasser
WC Working Capital
Wt Wärmetauscher
Zckr Zucker
Zell Zellmasse
Zwl Zwischenlager
Zykl Zyklon
% (m/m) Massenprozent
% (V/V) Volumenprozent
1
1 Einleitung
1.1 Ausgangslage und Problemstellung
Die deutsche Bundesregierung plant im Rahmen ihres nationalen Aktionsplans zur Energie-
wende den Anteil erneuerbarer Energien im Wärme- und Kältesektor bis zum Jahr 2020 auf
14 % zu erhöhen (EEWärmeG, 2011). Darüber hinaus wird vorgesehen, den Raumwärmebe-
darf im gleichen Zeitraum um 20 % und bis 2050 um 80 % zu senken. Im Vordergrund ste-
hen dabei neben der Erhöhung der Energieeffizienz die Verringerung der
Treibhausgasemissionen (BRD, 2010). In Deutschland werden rund 35 % der gesamten End-
energie für die Bereitstellung von Raumwärme, -kälte und Warmwasser verwendet. Davon
werden etwa 27 % durch Heizöl extra leichtflüssig (Heizöl EL) gedeckt (BMVBS, 2012). Heiz-
öl EL ist damit eines der wichtigsten Mineralölerzeugnisse in Deutschland. Der Gesamtbedarf
entspricht mit 20 Mio. t a-1 etwa dem an Ottokraftstoff in Deutschland (BAFA, 2009-2012).
Zur Verringerung des Bedarfs nicht erneuerbarer Brennstoffe liegen verschiedene Kon-
zepte vor, die auf die Steigerung der Energieeffizienz oder die Nutzung alternativer Energie-
formen wie Geo- oder Solarthermie zielen. Eine Vielzahl der Konzepte erfordert jedoch eine
gebäudetechnische Eignung und verursacht für den Einzelnen teils einen erheblichen Inves-
titionsbedarf. Hingegen fallen für den Einsatz von Bioheizölen keine zusätzlichen Systemkos-
ten an
1
. Ein großer Teil der Ölbrenner im Gebäudebestand eignet sich für den Einsatz und
praktisch alle Neusysteme sind ebenfalls zugelassen (IWO, 2011). Derzeit enthalten die
meisten Bioheizöle bis zu 10 % Biodiesel (FAME
2
) und sind in Deutschland flächendeckend
erhältlich. Die Biokomponente FAME kann jedoch nur eingeschränkt aus Reststoffen wie Alt-
speisefett hergestellt werden und steht andernfalls in direkter Konkurrenz zur Nahrungsmit-
telproduktion. Im Hinblick auf die daraus resultierenden ethischen Bedenken und auf die
Berücksichtigung der begrenzten Anbaukapazität sollte eine erweiterte Nutzung von Bio-
brennstoffen daher vorwiegend auf Basis von Reststoffen in Betracht gezogen werden.
Der Einsatz des Alkohols n-Butanol wird zurzeit als Alternative zu Dieselkraftstoff im Ver-
brennungsmotor diskutiert (Rakopoulos, et al., 2010). N-Butanol kann fermentativ auf Basis
lignocellulosebasierter Reststoffe wie Stroh hergestellt werden. Es konkurriert daher nicht
mit der Nahrungsmittelproduktion und erfüllt darüber hinaus die Forderung von
Knorr (1983) nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Nutzung von Agrarrohstoffen. Auf-
grund der ähnlichen Charakteristika von Dieselkraftstoff und Heizöl EL könnte n-Butanol zu-
1
Bei erheblichen Rückständen im Tank wird vor dem Einsatz von Bioheizöl eine Tankreinigung empfohlen (IWO,
2011)
2
Fatty Acid Methyl Esther
2
künftig auch eine Alternative zur bereits existierenden Biokomponente FAME in Heizöl EL
bieten. Mit 27 MJ L-1 weist n-Butanol 74 % des Heizwertes von Heizöl EL auf. Im Vergleich
zum als Kraftstoff verbreitet eingesetzten Alkohol Ethanol besitzt n-Butanol eine höhere
Energiedichte, einen geringeren Dampfdruck, einen höheren Flammpunkt und ist uneinge-
schränkt mit mineralischem Heizöl EL mischbar (Hoffmann, et al., 2012). Bislang wurde die
technische Einsetzbarkeit als Biokomponente in Heizöl EL jedoch nicht überprüft. Darüber
hinaus liegen bisher keine Angaben hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit und ökologischen
Nachhaltigkeit des Einsatzes vor.
1.2 Zielsetzung und Lösungsweg
Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit besteht in der Überprüfung der Einsetzbarkeit von
n-Butanol im Raumwärmemarkt unter technischen, ökonomischen sowie ökologischen Kri-
terien.
Zur Erreichung der Zielsetzung werden in Kapitel 2 zunächst der deutsche Raumwärme-
markt und die Grundlagen der Ölfeuerung beschrieben (siehe Kapitel 2.1 und 2.2). Anschlie-
ßend folgt die Erläuterung grundlegender Eigenschaften von n-Butanol und dessen
derzeitiger Einsatz (siehe Kapitel 2.3). Darüber hinaus werden die prozesstechnischen und
mikrobiologischen Grundlagen der Produktion von n-Butanol aufgezeigt (siehe Kapitel 2.4)
und die Biomasseverfügbarkeit in Deutschland dargestellt (siehe Kapitel 2.5).
In Kapitel 3 erfolgt die experimentelle Überprüfung der Einsetzbarkeit von n-Butanol an-
hand einer Versuchsreihe. Eingangs wird eine Parameterstudie zur grundsätzlichen Unter-
suchung der Eigenschaften von n-Butanol als Gemisch mit Heizöl EL und im Reineinsatz mit
Hilfe von Analysemethoden durchgeführt (siehe Kapitel 3.1). Anschließend werden die An-
forderungen an den Betrieb eines Ölbrenners mit n-Butanol-haltigen Heizölen abgeleitet und
in einer Versuchsreihe für den Einsatz von Heizöl EL und n-Butanol als Biokomponente
überprüft (siehe Kapitel 3.2). Das Kapitel schließt mit der Auswertung der Ergebnisse zur
technischen Einsetzbarkeit von n-Butanol im Raumwärmemarkt (siehe Kapitel 3.3).
Als Basis für die Untersuchung der ökonomischen und ökologischen Bewertung des Ein-
satzes von n-Butanol wird in Kapitel 4 ein Stoff- und Energiestrommodell erarbeitet. Die Ab-
bildung des Systems erfordert die Identifizierung eines geeigneten Modellierungsansatzes
und dessen Anpassung auf die fermentative Herstellung von n-Butanol (siehe Kapitel 4.1). In
der anschließenden Umsetzung der Stoffströme werden der Einsatz und die Vorbereitung
von Reststroh sowie dessen fermentative Umwandlung zu n-Butanol mit der Hilfe des Mik-
roorganismus Clostridium beijerinckii betrachtet (siehe Kapitel 4.2). Das auf diese Weise ab-
gebildete Stoffstromszenario bietet die Voraussetzung für die Ermittlung der Energieströme
der Modellanlage (siehe Kapitel 4.3.). Die technologische Umsetzung dieses Basisszenarios
basiert im Gegensatz zum später diskutieren Fortschrittsszenario auf dem Einsatz etablierter
Technologien. Kapitel 4.4 fasst die Ergebnisse abschließend zusammen.
1.2. Zielsetzung und Lösungsweg
3
Ziel des fünften Kapitels ist die Erweiterung der Stoff- und Energiestrommodellierung um
eine ökonomische Betrachtung. Das Kapitel gliedert sich in die Investitionskostenschätzung
(siehe Kapitel 5.1) und die Abbildung aller Zahlungsströme der Modellanlage (siehe Kapitel
5.2). Sowohl die Investitionskostenschätzung als auch die Darstellung aller Zahlungsströme
setzen geeignete Modellierungsansätze voraus. Diese werden anhand einer Diskussion aus
den bestehenden Ansätzen abgeleitet. Die Umsetzung der Zahlungsströme greift sowohl auf
die Ergebnisse der Stoff- und Energiestrommodellierung als auch auf die der Investitionskos-
tenabschätzung zurück. Abschließend werden die Ergebnisse des Kapitels zusammengefasst
und die wichtigsten Parameter mittels einer Sensitivitätsanalyse variiert und analysiert (sie-
he Kapitel 5.3).
Gegenstand des sechsten Kapitels ist die Überprüfung der ökologischen Nachhaltigkeit
des Einsatzes von n-Butanol im Raumwärmemarkt. Dazu erfolgt eine Bewertung der in Kapi-
tel 4 identifizierten Stoff- und Energieströme durch eine Ökobilanz in Anlehnung an die
DIN EN ISO 14040. Zur Erstellung der Sachbilanz und Wirkungsabschätzung wird auf die
Software GEMIS 4.7 zurückgegriffen (siehe Kapitel 6.2). Es werden dabei die Wirkungskate-
gorien Treibhauspotential, Versauerungspotential und Ressourcenbeanspruchung unter-
sucht und die Ergebnisse abschließend interpretiert (siehe Kapitel 6.3).
Ziel des siebten Kapitels ist die Identifikation eines technologischen Fortschrittsszenarios
zur Verringerung der Produktionskosten und Umweltauswirkungen. Kapitel 7.1 nimmt da-
her eine umfassende technische, ökonomische und ökologische Bewertung des Basisszena-
rios vor. Zu diesem Zweck wird auf die Ergebnisse der Kapitel 4, 5 und 6 zurückgegriffen.
Anschließend erfolgt die Umsetzung des Fortschrittsszenarios und dessen Aus- und Bewer-
tung anhand des entwickelten Modells mittels einer Szenarioanalyse (siehe Kapitel 7.2).
Kapitel 8 diskutiert das entwickelte Modell und dessen Ergebnisse und fasst diese in ei-
nem Fazit zur Eignung von n-Butanol als Biokomponente in Heizöl zusammen. Die Arbeit
schließt mit einem Ausblick zu den Zukunftsperspektiven von n-Butanol als Biokomponente
im deutschen Raumwärmemarkt.
Abbildung 1-1: Aufbau und Lösungsweg der Arbeit
Kapitel 3:
Experimentelle
Überprüfung der
Einsetzbarkeit
Kapitel 4:
Erarbeitung eines
Stoff- und Energie-
strommodells
Kapitel 5:
Erweiterung des
Modells um eine
Wirtschaftlich-
keitsbetrachtung
Kapitel 6:
Erweiterung des
Modells um eine
ökologische
Betrachtung
Kapitel 7:
Analyse, Bewer-
tung und Umset-
zung der
Modellergebnisse
5
2 Einsatz flüssiger Brennstoffe in Deutschland und fermentative
Herstellung von n-Butanol
Das vorliegende Kapitel beschreibt zunächst die Rahmenbedingungen für den Einsatz flüssi-
ger Brennstoffe im deutschen Raumwärmemarkt (siehe Kapitel 2.1) sowie die technischen
Grundlagen der Ölfeuerung (siehe Kapitel 2.2). Anschließend werden die Eigenschaften von
n-Butanol in Gegenüberstellung zu Heizöl extra leichtflüssig (Heizöl EL) diskutiert und des-
sen Einsatzmöglichkeiten über den Rahmen der Arbeit hinaus aufgezeigt (siehe Kapitel 2.3).
Kapitel 2.4 charakterisiert ausgewählte Prozesse zur fermentativen Herstellung von
n-Butanol und erläutert die Einsatzmöglichkeiten unterschiedlicher Substrate. Den Ab-
schluss bildet eine Übersicht der energie- und klimapolitischen Rahmenbedingungen in
Deutschland sowie des Potentials und der aktuellen Nutzung von Reststroh (siehe Kapitel
2.5).
2.1 Eigenschaften flüssiger Brennstoffe in Deutschland
Unter den in Deutschland im Raumwärmemarkt eingesetzten flüssigen Brennstoffen hat mi-
neralisches Heizöl die größte Bedeutung, während Flüssiggase eine untergeordnete Rolle
spielen. Das in Deutschland verkaufte Heizöl stammt praktisch ausschließlich aus Mineralöl
beziehungsweise Erdöl. Der im Umgang mit Erdöl teils verwendete Zusatz „mineralisch“
weist auf die ursprüngliche Bezeichnung von Erdöl als Steinöl hin (Richter, 2002). Die heute
als Rohstoff oder Energieträger genutzten Produkte werden, ausgehend von ihrem Entste-
hungszeitpunkt, auch als „fossil“ bezeichnet. Im Gegensatz zu fossilem Heizöl zählt Heizöl,
das auf Basis von Biomasse erzeugt wird, zu den erneuerbaren Brennstoffen. Beide, fossile
und erneuerbare Heizöle, werden im Folgenden näher erläutert. Darüber hinaus werden die
Grundlagen der Ölfeuerung dargelegt.
2.1.1 Heizöl extra leichtflüssig
Eigenschaften
Das im deutschen Raumwärmemarkt erhältliche fossile Heizöl entspricht praktisch aus-
schließlich der Qualität extra leichtflüssig (Heizöl EL). Leicht-, mittel- und schwerflüssige
Heizöle haben im Raumwärmemarkt hingegen keine Bedeutung (Richter, 2002). Über die
Klassifizierung des Fließvermögens hinaus lässt sich Heizöl durch weitere chemische und
physikalische Eigenschaften charakterisieren. Diese als Mindestanforderungen formulierten
Eigenschaften an Heizöl EL werden in der DIN 51603-1 definiert. Sie sind das Resultat einer
über Jahrzehnte durchgeführten wechselseitigen Anpassung von Heizöl EL und Ölbrennern.
6
Über die Definition der Mindestanforderungen hinaus setzt die DIN 51603-1 einen Handels-
standard für Heizöl EL. Tabelle 2-1 zeigt einige ausgewählte Eigenschaften in der Übersicht
3
.
Tabelle 2-1: Ausgewählte Mindestanforderungen an Heizöl EL nach
DIN 51603-1 (2011), Cold Filter Plugging Point (CFPP)
Eigenschaft
Einheit
min.
max.
Dichte bei 15 °C
kg m-3
860
Brennwert, Hs
MJ kg-1
45,4
Flammpunkt im geschlossenen Tiegel nach
Pensky-Martens
°C
55
Kinematische Viskosität bei 20 °C
mm2 s-1
6
Cloudpoint
°C
3
Temperaturgrenzwert der Filtrierbarkeit
(CFPP) in Abhängigkeit des Cloudpoints
bei Cloudpoint = 3 °C
bei Cloudpoint = 2 °C
bei Cloudpoint ≤ 1 °C
°C
°C
°C
-12
-11
-10
Koksrückstand nach Conradson
% (m/m)
0,3
Schwefelgehalt für Heizöl schwefelarm
% (m/m)
0,005
Wassergehalt
mg kg-1
200
Gesamtverschmutzung
mg kg-1
24
Asche
% (m/m)
0,01
Bereits in der Raffinerie wird Heizöl EL auf die Anforderungen der Norm angepasst und ge-
gebenenfalls additiviert. Neben Fließ-, Stabilitäts- und Verbrennungsverbesserern enthält es
weitere Additive in Form von Duftstoffen, die für den Verbraucher meist in Additivpaketen
kombiniert werden (Richter, 2002). Heizöl EL besteht annähernd vollständig aus Kohlen-
wasserstoffen, deren Hauptbestandteil die linearen Alkane bilden (Liska, 2009). Aus der ge-
meinsamen Logistik mit FAME
4
können darüber hinaus auch FAME-Anteile enthalten sein.
Nach DIN 51603-1 (2011) dürfen diese oder andere biogene Komponenten eine Konzentra-
tion von 0,5 % (V/V) nicht überschreiten. Heizöl, das mehr als 3 % (V/V) biogene Kompo-
nenten enthält, wird als Bioheizöl bezeichnet und in Kapitel 2.1.2 näher erläutert.
Bedarf
Etwa 27 % des Wärmebedarfs in Deutschland werden zurzeit durch Heizöl EL gedeckt (Shell,
2011). Damit entspricht der Heizölverbrauch mit 20 Mio t a-1 (Ø 3 Jahre
5
) dem Verbrauch an
Ottokraftstoff in Deutschland (BAFA, 2009-2012). Durch Wärmedämmmaßnahmen, Brenn-
werttechnik und teilweisen Ersatz des Brennstoffes Heizöl EL durch Erdgas ist der Heizölbe-
3
Die Auswahl orientiert sich an Liska (2009)
4
Fatty Acid Methyl Esther
5
Der Heizölverbrauch ist stark von den Witterungsbedingungen abhängig. Darüber hinaus wird der Heizölbedarf
indirekt über die eingelagerten Mengen ermittelt und daher über einen Zeitraum von drei Jahren gemittelt
2.1. Eigenschaften flüssiger Brennstoffe in Deutschland
7
darf seit Jahren rückläufig. Shell (2011) rechnet damit, dass er im Jahr 2030 jedoch noch
immer bei etwa 66 % des aktuellen Niveaus liegen wird (siehe Abbildung 2-1).
Abbildung 2-1: Aktuelle und erwartete Wärmebereitstellung in
Mrd. MJ a-1 (Shell, 2011)
Die Gründe für einen auch in Zukunft weiterhin vergleichsweise hohen Heizölbedarf sind
maßgeblich wirtschaftlicher Art. Bei einem Neubau mit geringem Wärmebedarf können die
einmaligen standortabhängigen Kosten für den Anschluss leitungsgebundener Energien so-
wie die jährlichen Grundgebühren den Einbau einer Ölheizung wirtschaftlich sinnvoll ma-
chen. Des Weiteren ergibt sich durch Marktschwankungen gegebenenfalls die Möglichkeit
günstigerer Bezugspreise von Heizöl EL. Darüber hinaus präferieren einige Hausbesitzer,
den Brennstoff unabhängig von vertraglichen Bindungen im eigenen Haus zu bevorraten und
so gegebenenfalls auch unabhängig von Versorgungsschwankungen zu sein. Darüber hinaus
liegt die Modernisierungsrate durch die lange Einsatzzeit der Anlagen von bis zu 20 Jahren
derzeit bei nur etwa 1 % (Shell, 2011).
2.1.2 Bioheizöl
Ein Heizöl, das mindesten 3 % (V/V) alternative nicht-mineralölstämmige Komponenten
enthält und der DIN SPEC 51603-6 (2011) entspricht, wird als Heizöl EL A bezeichnet. Dabei
bezeichnen alternative Komponenten jedoch nicht unmittelbar biogene Komponenten. Be-
steht das Heizöl aus mehr als 3 % (V/V) biogenen Komponenten, wird es als Heizöl EL A Bio
beziehungsweise Bioheizöl definiert. Mit dem Einsatz nicht-mineralölstämmiger Brennstoffe
in Heizöl EL A besteht die Notwendigkeit der Erweiterung der Mindestqualitätsanforderun-
gen und geeigneter Prüfmethoden. Die bislang in diesem Prozess gewonnen Erkenntnisse
diesbezüglich sind in Form der DIN SPEC 51603-6 veröffentlicht. Diese befindet sich im Sta-
tus einer Vornorm (DIN, 2012). Biogene Komponenten sind demnach als solche zugelassen,
504
333
927
774
144
99
261
180
0
200
400
600
800
1.000
1.200
1.400
1.600
1.800
2.000
2010 2030
Mrd. MJ a-1
Biomasse
Kohle
Strom
Fernwärme
Gas
Heizöl
8
wenn deren Ausgangsstoffe den Anforderungen der Biomasseverordnung bzw. Bioabfallver-
ordnung genügen. Diese beinhalten neben Herkunfts- auch Nachhaltigkeitskriterien. Das in
Deutschland derzeit erhältliche Bioheizöl enthält ausschließlich die Biokomponente FAME
6
.
In Deutschland wird FAME überwiegend auf Basis von Raps- und Sonnenblumenöl pro-
duziert. Dabei muss im Sinne der Nachhaltigkeitsverordnung ein Treibhausgasminderungs-
potential von mindestens 35 % vorliegen. Bioheizöl, das nicht mehr als 5,9 % (V/V) biogene
Komponenten enthält, ist von den Geräteherstellern für praktisch alle Bestandsanlagen frei-
gegeben. Neuere Anlagen sind für den Einsatz von Heizöl EL A Bio 10 mit bis zu 10,9 % (V/V)
biogenen Komponenten zugelassen (IWO, 2012).
Die wichtigsten Mindestanforderungen an Heizöl EL A beziehungsweise Heizöl EL A Bio
werden dabei von der DIN 51603-1 für reines Heizöl EL abgeleitet (Liska, 2009). Davon ab-
weichende Anforderungen sind in Tabelle 2-2 aufgeführt. Der Marktanteil von Bioheizöl liegt
derzeit deutlich unterhalb von 1 %
7
.
Tabelle 2-2: Ausgewählte Mindestanforderungen an Heizöl EL nach DIN SPEC 51603-6 (2011)
Eigenschaft
Prüfvorschrift
Einheit
min.
max.
Begutachtung bei
Raumtemperatur
-
Homogene Flüssigkeit, frei von
sichtbaren Verunreinigungen
und Sedimenten sowie freiem
Wasser
Heizwert, Hi
DIN 51900-1 und
DIN 51900-2
oder DIN 51900-3
MJ kg-1
42,6
Wassergehalt
DIN EN ISO 12937
mg kg-1
300
Oxidationsstabilität
DIN EN 15751
h
ist anzugeben,
ein Grenzwert liegt nicht vor
Säurezahl
DIN EN 14104
mg KOH g-1
0,25
Iodzahl
DIN EN 14111
g Iod (100 g)-1
70
Phosphorgehalt
DIN EN 14107
mg kg-1
6
Summe an
Natrium und Kalium
DIN EN 14538
mg kg-1
5
Summe an
Magnesium und Calcium
DIN EN 14538
mg kg-1
5
Lager- und thermische
Stabilität
-
%(m/m)
Die Angabe eines Grenzwertes
ist erst nach Entwicklung eines
geeigneten Verfahrens möglich
6
Fatty Acid Methyl Esther
7
Da bislang zu wenige Händler ihre Bioölumsätze melden, wird der Umsatz in den amtlichen Mineralöldaten aus
Gründen des Datenschutzes nicht ausgewiesen (BAFA, 2009-2012)
2.2. Grundlagen der Ölfeuerung
9
2.2 Grundlagen der Ölfeuerung
Die Ölfeuerung hat die Aufgabe, die im Brennstoff enthaltene Energie möglichst effizient,
umweltschonend und wirtschaftlich in nutzbare Wärme umzuwandeln. Die eng aufeinander
abgestimmten Komponenten umfassen einen Tank, einen Heizkessel, eine Regelung und ei-
nen Schornstein. Kernstück des Systems ist der Heizkessel, der aus einem Brenner, einem
Wärmetauscher und weiteren Komponenten besteht. In den Zentralheizungen von Wohnge-
bäuden kommen überwiegend Druckzerstäubungsbrenner zum Einsatz (Richter, 2002). Ziel
ist die Zerstäubung des Brennstoffes in feinste Tröpfchen und deren anschließende Vermi-
schung mit Luft. Dafür sind neben einer Ölzerstäuberdüse (siehe Abbildung 2-2) unter ande-
rem eine Heizöl-Hochdruckpumpe, ein Magnetventil, eine Zündeinrichtung und eine
Mischeinrichtung notwendig. Der Betrieb der Mischeinrichtung kann mittels eines Verbren-
nungsluftgebläses und einer Luftklappenregulierung variiert werden. Es lassen sich dabei
abhängig von der Bauform grundsätzlich mehrere Arten der Gemischbildung unterscheiden.
Abbildung 2-2: Öldüse ohne Düsenabschlussventil (Hans G. Werner
GmbH & Co., Reutlingen)
10
Im Stauscheibenbrenner werden die erzeugten Heizöltropfen direkt mit der eingeblasenen
Verbrennungsluft verbrannt. Die Durchmischung findet überwiegend während der Verbren-
nungsreaktion statt, wodurch eine gelb leuchtende Diffusionsflamme entsteht (Richter,
2002). Ölbrenner dieser Funktion sind in fast allen Standard- und Niedertemperaturkesseln
verbaut. Im Vergleich zu den moderneren Blaubrennern erzeugt diese Art der Verbrennung
höhere Emissionen an Ruß und Stickoxiden (NOx). Ruß bildet sich durch unvollständige Ver-
brennung. Diese wird in diesem Brennerart insbesondere durch einen lokalen Luftmangel
oder ein generell unterstöchiometrisches Luftverhältnis hervorgerufen. Die Bildung von
Stickoxiden hingegen wird durch hohe Temperaturen begünstigt, die auch lokal auftreten
können. Abbildung 2-3 illustriert das Prinzip des Stauscheibenbrenners.
Abbildung 2-3: Aufbau und Prinzip eines Stauscheibenbrenners (Institut für Wärme und
Öltechnik)
Im Blaubrenner findet zunächst eine Vermischung des zerstäubten Brennstoffs mit der Ver-
brennungsluft und dem rezirkulierten heißen Heizgas statt (siehe Abbildung 2-4). Dabei
verdunstet der eingesetzte Brennstoff vollständig und es bildet sich ein homogenes Gemisch.
Dieses verbrennt nach der Zündung in Form einer blau leuchtenden Vormischflamme
(Richter, 2002). Der Blaubrenner repräsentiert damit den aktuellen Stand der Technik. Er
eignet sich insbesondere für den Einsatz in Brennwertkesseln. Durch die homogene Ver-
brennung werden lokal hohe Temperaturen im Blaubrenner, die die Bildung von Stickoxiden
begünstigen, vermieden. Ein Blaubrenner weist diesbezüglich deutlich geringere Emissionen
auf als ältere bestehende Systeme (siehe oben). Durch die annähernd ideale Vormischung
entsteht bei der Verbrennung praktisch kein Ruß.
2.3. Eigenschaften und Einsatz von n-Butanol
11
Abbildung 2-4: Aufbau und Prinzip eines Blaubrenners (Institut für Wärme und Öltechnik)
In der Praxis existieren mit dem Drallform- und Mehrdüsenmischsystem weitere Mischsys-
teme, die auf den vorgestellten Ansätzen basieren
8
. Unter den 6 Mio. in Deutschland betrie-
benen Ölheizungen befinden sich etwa 5,7 Mio. Standard- und Niedertemperaturkessel
(vorwiegend Stauscheibenbrenner) und 0,3 Mio. Brennwertkessel (Blaubrenner). Insgesamt
sind davon etwa 24 % älter als 20 Jahre und nur etwa ein Drittel jünger als 14 Jahre. Bei ei-
ner technisch sinnvollen Lebensdauer einer Ölheizung von 15 bis 20 Jahren ist damit bereits
ein Großteil des Bestandes überaltert (Shell, 2011).
2.3 Eigenschaften und Einsatz von n-Butanol
Eigenschaften
N-Butanol ist ein höherkettiger Alkohol mit vier Kohlenstoffatomen und der Summenformel
C4H9OH. Im Gegensatz zu Ethanol wird n-Butanol energetisch bislang kaum genutzt.
N-Butanol weist den gleichen Aufbau wie Ethanol auf, verfügt jedoch über zwei Kohlenstoff-
atome mehr. Mit der Länge des Moleküls verändern sich auch dessen chemische und physi-
kalische Eigenschaften. N-Butanol ist vollständig mit Heizöl EL mischbar und weist eine
Energiedichte Hi von 27 MJ L-1 auf (siehe Kapitel 3.1). Das entspricht etwa 74 % des Heizwer-
tes von Heizöl EL. N-Butanol hat im Vergleich zu Ethanol einen achtmal geringeren Dampf-
druck und einen deutlich höheren Flammpunkt von 37,5 °C. In Verbindung mit einer
geringen Korrosivität ist n-Butanol daher für die Handhabung in der bestehenden Mineral-
ölinfrastruktur geeignet (Ranjan, et al., 2012). Die Eigenschaften von n-Butanol sind daher
mit denen von Mitteldestillaten wie Heizöl EL, Diesel oder Kerosin zu vergleichen. Tabelle
2-3 zeigt eine Übersicht ausgewählter Eigenschaften von Ethanol, n-Butanol und Heizöl EL.
8
Für weitergehende Informationen zum Thema Drallform- und Mehrdüsenmischsystemen wird auf Richter (2002)
verwiesen.
12
Tabelle 2-3: Ausgewählte Eigenschaften von Ethanol, n-Butanol und Heizöl EL; [a] Ra-
kopoulos et al. (2010); [b] DIN 51603-1; [c] GESTIS Stoffdatenbank (2012e); [d] GESTIS
Stoffdatenbank (2012d); [e] GESTIS Stoffdatenbank (2012c)
Eigenschaft
Einheit
Ethanol
n-Butanol
Heizöl EL
Dichte
kg m-3
790[a]
813
860[b]
Heizwert hi
MJ kg-1
26,8[a]
32,8
45,4[b]
Heizwert hi
MJ L-1
21,2
26,7
42,6[b]
Sauerstoffgehalt
% (m/m)
34,8[a]
21,6[a]
0[b]
Dampfdruck bei 20°C
hPa
58,0[a]
6,7[c]
1[d]
Flammpunkt
°C
12[e]
37,5
>55[b]
Einsatz
Der Bedarf von n-Butanol liegt derzeit bei etwa 4,5 Mio. t a-1 und wird praktisch ausschließ-
lich auf Basis fossiler Rohstoffe gewonnen (Green Biologics , 2012). N-Butanol wird unter
anderem als Lösemittel und Plattformchemikalie eingesetzt. Erst in jüngerer Vergangenheit
wurde n-Butanol aufgrund seiner Ähnlichkeit mit fossilen Mitteldestillaten und der Kompa-
tibilität mit mineralölstämmigen Produkten auf weitere Einsatzmöglichkeiten hin unter-
sucht. So wurde n-Butanol bereits erfolgreich sowohl im Dieselmotor (Rakopoulos, et al.,
2010) als auch im Ottomotor (Szwaja, et al., 2010) getestet. Darüber hinaus überprüft das
Unternehmen Cobalt Technologies derzeit den Einsatz von n-Butanol in Strahltriebwerken in
Kooperation mit der US-amerikanischen Marine (Cobalt Technologies, 2012). Die Einsetz-
barkeit von n-Butanol als Biokomponenten in Heizöl EL ist hingegen trotz des hohen Ver-
brauchs von Heizöl bislang nicht Gegenstand der Forschung gewesen.
2.4 Fermentative Herstellung von n-Butanol
Das auf dem Markt derzeit verfügbare n-Butanol stammt fast ausschließlich aus dem soge-
nannten Oxo-Prozess auf Basis fossiler Rohstoffe. Derzeit sammeln Firmen wie Buta-
max, Cobalt Technologies, Butalco und Butylfuel erste Erfahrungen in der fermentativen
Herstellung. Dabei ist die Fermentation von n-Butanol auf der Basis von zucker- oder stärke-
haltigen Substraten in der industriellen Umsetzung schon seit etwa 100 Jahren bekannt
(Jones, et al., 1986). Zverlov et al. (2006) berichten, dass in der ehemaligen UdSSR bis in die
späten 1980er Jahre mindestens acht Anlagen in Betrieb waren. Im Folgenden wird daher
keine Einzeltechnologie zur fermentativen Herstellung von n-Butanol erläutert, sondern ein
Überblick über mögliche Herstellungsvarianten gegeben. Für kaum eines der Verfahren liegt
derzeit Erfahrung im industriellen Maßstab vor.
2.4. Fermentative Herstellung von n-Butanol
13
2.4.1 Mikrobiologische Grundlagen, Substrate und Fermentation
Die in der Vergangenheit zur Produktion von n-Butanol eingesetzten Bakterien der Familie
der Clostridiaceae sind auch heute noch Gegenstand der Forschung. Darüber hinaus werden
zurzeit weitere Mikroorganismen wie Zymomonas mobilis, Pichia stipitis und Escherichia coli
untersucht (Swana, et al., 2010). Dazu liegen bislang jedoch kaum experimentelle Erkennt-
nisse und keinerlei Nachweis über deren großtechnische Eignung vor. Aufgrund dessen wird
im Folgenden ausschließlich auf die am häufigsten eingesetzten Vertreter der Clostridiaceae
eingegangen. Clostridiaceae gehören zu den grampositiven Bakterien und sind obligat anae-
rob. Zu den bekanntesten Industriestämmen gehören C. beijerinckii, C. acetobutylicum, C. sac-
charoperbutylacetonicum und C. saccharobutylicum, die sich hinsichtlich ihres Stoffwechsels
geringfügig unterscheiden (Ranjan, et al., 2012).
In der ersten von zwei Stoffwechselphasen, der Azedogenese, werden aus dem Substrat Aze-
tat und Butyrat erzeugt. In der zweiten Phase, der Solventogenese, werden diese zur Bildung
von n-Butanol eingesetzt. Während bei der Fermentation von Ethanol vergleichsweise wenig
Nebenprodukte entstehen, werden bei der Fermentation von n-Butanol auch Aceton und
Ethanol gebildet (siehe Abbildung 2-5)
9
. Das Verhältnis von Aceton, n-Butanol und Ethanol,
der sogenannten ABE-Fermentation, beträgt etwa 3:6:1. Mit steigender n-Butanol-
Konzentration kommt es zur Inhibierung des Stoffwechsels, der oberhalb von 20 g L-1
n-Butanol eingestellt wird (Ranjan, et al., 2012). Neben den Hexosen Glucose, Frucotse, Ga-
lactose und Mannose können simultan auch die Pentosen Xylose und Arabinose verarbeitet
werden. Dadurch eignen sich Clostridiaceae im Gegensatz zu vielen anderen Mikroorganis-
men auch zur Verarbeitung von hydrolysierter Lignocellulose.
Lignocellulose findet sich in nahezu allen strukturgebenden Pflanzenbestandteilen. Dadurch
können auch nicht zucker- oder stärkehaltige Pflanzenteile wie Stroh oder Holz für die Her-
stellung von n-Butanol herangezogen werden. Neben weiteren wurde die Fermentation von
hydrolysiertem Roggenstroh (Qureshi, et al., 2010a), Weizenstroh (Qureshi, et al., 2007a),
Maisstroh
10
(Ezeji, et al., 2007) und Switchgrass (Qureshi, et al., 2010c) im Experiment er-
folgreich nachgewiesen. Dabei eignet sich vor allem Weizenstroh in besonderer Weise als
Fermentationssubstrat. Es kann im Gegensatz zu anderen Substraten ohne eine zusätzliche
Entgiftung eingesetzt werden. Darüber hinaus weist Weizenstroh, bedingt durch spezielle
Inhaltsstoffe
11
, eine höhere Fermentationsgeschwindigkeit als die meisten anderen Substrate
auf (Qureshi, et al., 2012a). In der praktischen Umsetzung lassen sich Clostridiaceae sowohl
in einer Batch- oder Fed-Batch-Fermentation als auch in einem kontinuierlich betriebenen
Fermenter einsetzen (vgl. hierzu: Qureshi et al (2007a), Qureshi et al. (2007b) und Ezeji et al.
(2012)).
9
Im Hinblick auf die Zielstellung der Arbeit wird der Stoffwechsel hier nicht detaillierter beschrieben. Für tieferge-
hende Informationen sei auf die Arbeiten von Jones und Woods (1986) sowie Lehmann (2012) verwiesen.
10
Englisch: Corn stover; Rückstände der Maisspflanze nach der Ernte, besteht maßgeblich aus Blättern und Stängeln
11
Furfural und Hydroxymethylfurfural haben einen positiven Einfluss auf die Fermentationsgeschwindigkeit
(Qureshi, et al., 2012a)
14
Abbildung 2-5: Vereinfachter Ausschnitt aus dem Stoffwechsel der Aceton-Butanol-Ethanol-Fermentation
mittels Clostridiaceae (in Anlehnung an Ranjan et al. (2012))
2.4.2 Hydrolyse lignocellulosebasierter Substrate
Lignocellulose besteht ähnlich einem Verbundwerkstoff aus verschiedenen Bestandteilen,
von denen Cellulose, Hemicellulose und Lignin die mit Abstand häufigsten sind. Cellulose be-
steht aus Glucose, die ein lineares Polymer in meist mikrokristalliner Struktur bildet. Hemi-
cellulose ist ebenfalls aus Hexosen aufgebaut, enthält jedoch auch Pentosen und weitere
Bestandteile und ist leichter löslich als Cellulose. Lignin ist ein Polymer ohne einheitliche
Struktur, das aus Phenylpropanoiden aufgebaut ist (Malherbe, et al., 2002).
Die Tertiärstruktur von Lignocellulose wird durch kovalente und nicht-kovalente Bin-
dungen hervorgerufen. Cellulose bildet dabei sowohl kristalline Mikrofibrillen als auch
amorphe Regionen aus. Hemicellulose ist durch kovalente und Wasserstoffbindungen mit
der Cellulose verbunden. Sie lässt sich daher nur aufwändig trennen (Heredia, et al., 1995).
Hemicellulose stellt die Verbindung zum Lignin dar, das in Abhängigkeit der enthaltenen
Phenylpropanoiden zwischen den Cellulosemikrofibrillen eingelagert wird (siehe Abbildung
2-6). Die Zusammensetzung und Struktur der Lignocellulose variiert mit dem betrachteten
Substrat.
Stärkehaltige Substrate
Zuckerhaltige Substrate
Lignocellulosehaltige Substrate
Hemicellulose
Cellulose
Glucose
Fructose
Xylose
Glucose-6-phosphat
Fructose-6-phosphat
Fructose-1,6-
biphosphat
Glycerinaldehyd-3-
phosphat
Pyruvat
Acetyl-CoA
Acetoacetyl-CoA
Butyryl-CoA
Acetat
Butyrat
Ethanol
Aceton
n-Butanol
Fructose-1-
phosphat
Xylulose-5-
phosphat
Hydrolyse
Hydrolyse
Hydrolyse
2.4. Fermentative Herstellung von n-Butanol
15
Abbildung 2-6: Schematische Darstellung des Aufbaus von Lignocellu-
lose (Thostrup, 2006)
Es existiert eine Vielzahl von Hydrolyseprozessen, die sich in Abhängig der vorliegenden Art
der Lignocellulose zum Aufschluss eignen. Das Ziel aller Prozesse besteht immer im Auf-
schluss sowohl der komplexen Lignocellulosestruktur als auch der Polymere in Monomere.
Für den Aufschluss eignen sich verschiedene Methoden, die sich in chemische, physikalisch-
chemische und biologische Methoden einteilen lassen
12
. Keine der genannten Methoden bie-
ten einen vollständigen Aufschluss. Sie eignen sich daher insbesondere zum partiellen Auf-
schluss des Substrates in der Vorbereitung für eine anschließende enzymatische Hydrolyse.
Chemische Methoden
Eine der bewährtesten chemischen Methoden ist die saure Hydrolyse, insbesondere die Vor-
behandlung mit verdünnter Schwefelsäure. In der Literatur finden sich dazu verschiedenste
Parameter. Während Qureshi et al. (2007a) eine Säurekonzentration von 1 % (m/m) und ei-
ne Einwirkzeit von einer Stunde bei 121 °C vorsehen, berichten Galbe et al. (2012) auch von
deutlich kürzeren Kontaktzeiten bei höheren Temperaturen bis zu 200 °C. Die Säure löst da-
bei unspezifisch alle Bestandteile gleichermaßen und setzt so auch Inhibitoren wie Feru-
lasäure, Syringaldehyd und Cumarsäure frei (Ezeji, et al., 2007).
Neben der sauren Hydrolyse eignet sich ebenfalls die alkalische Hydrolyse zur Vorbehand-
lung von Lignocellulose. Dabei werden beispielsweise Natrium-, Kalium oder Ammonium-
hydroxid meist bei geringeren Temperaturen als die oben genannte Schwefelsäure
eingesetzt. Durch die Quellwirkung werden die Verbindungen zwischen Cellulose, Hemicel-
lulose und Lignin aufgebrochen und die Oberfläche für einen enzymatischen Aufschluss ver-
größert (Galbe, et al., 2012).
Eine Alternative dazu stellt das in der Papierindustrie entwickelte Organosolv-Verfahren dar
(Kleinert, 1971). Dabei werden Methanol, Ethanol, Aceton, Glycol oder Phenole mit geringen
Zusätzen von Schwefel- oder Salzsäure zur spezifischen Lösung des Lignin eingesetzt (Galbe,
12
Die Einteilung orientiert sich an Galbe et al. (2012)
16
et al., 2012). Das Lösemittel wird bei diesem Prozess anschließend vom Substrat entfernt
und erzeugt eine vergleichsweise hochwertige Ligninqualität, die sich zur Weiterverarbei-
tung zu chemischen Grundstoffen eignet (Haase, 2012).
Ein weniger bekanntes Verfahren besteht im Einsatz ionischer Flüssigkeiten. Diese bestehen
aus Salzen, bei denen mindestens ein Ion organischen Ursprungs ist. Dabei wird durch delo-
kalisierte Ladungen die Bildung eines stabilen Kristallgitters in der Weise behindert, dass die
Salze bei geringen Temperaturen, teilweise bei Raumtemperatur, in flüssigem Zustand vor-
liegen (Wasserscheid, et al., 2000). Diese und weitere Eigenschaften können durch die Wahl
der Ionen gesteuert werden. Eine Reihe ausgewählter ionischer Flüssigkeiten, wie
1-n-Butyl-3-Methylimidazolium, ist daher in der Lage, die Bindungen zwischen Cellulose,
Hemicellulose und Lignin in Markromoleküle aufzubrechen, ohne größere Mengen an Inhibi-
toren freizusetzen (Galbe, et al., 2012). Für die Anwendung im industriellen Maßstab müssen
ionische Flüssigkeiten aus ökonomischer Sicht annähernd vollständig zurückgewonnen wer-
den. Darüber hinaus muss die Inhibierung der anschließenden Fermentation durch Rück-
stände ausgeschlossen werden. Umsetzbare Lösungsansätze für eine industrielle
Anwendung liegen diesbezüglich noch nicht vor (Galbe, et al., 2012).
Physikalisch-chemische Methoden
Eine der bekanntesten physikalisch-chemischen Methoden zum Aufschluss von Lignocellulo-
se ist die Vorbehandlung mit Dampf. Bei der Methode wird das teilweise mit Schwefelsäure
eingeweichte Substrat mittels Dampf für 1 – 20 min auf Temperaturen von 160 – 240 °C er-
hitzt und meist abrupt entspannt (Galbe, et al., 2012). Die Methode ist daher auch unter der
Bezeichnung Dampfexplosion bekannt. Entgegen der gängigen Vermutung liegt der Haupt-
mechanismus jedoch nicht im Bersten der Polymerstruktur während der Entspannung, son-
dern vielmehr in der Autolyse durch im Substrat vorhandene organische Säuren, wie
Essigsäure (Galbe, et al., 2012). Im Hinblick auf die Freisetzung von Inhibitoren ist der Vor-
gang daher mit der Vorbehandlung mittels verdünnter Schwefelsäure vergleichbar.
Darüber hinaus ist die Methode der Hydrothermolyse mit Hilfe von Wasser anstelle von
Dampf bekannt. Sie bietet sich insbesondere als Nassoxidation unter Zugabe von Luft oder
Sauerstoff an. Einige Bereiche des Lignins werden dabei bei Temperaturen von 120 – 200 °C,
teilweise bei erhöhtem pH-Wert gelöst, und oxidiert (Schmidt, et al., 1998).
Eine alternative Methode ist der Einsatz von Ammoniak anstelle von Dampf oder Wasser.
Nach einer Kontaktzeit von 10 – 60 min bei Temperaturen von etwa 100 °C wird der Druck
schlagartig verringert. Daher ist der Vorgang auch unter der Bezeichnung Ammonia fiber ex-
plosion (AFEX) bekannt (Teymouri, et al., 2005). Ammoniak reagiert dabei basisch und ruft
mit der Vergrößerung der Oberfläche und partiellen Lösung von Lignin ähnliche Effekte wie
die Vorbehandlung mit Basen hervor (Galbe, et al., 2012).
2.4. Fermentative Herstellung von n-Butanol
17
Werden Druck und die Temperatur des Ammoniaks über 132 °C bzw. 11,4 MPa (114 bar) er-
höht, wird es zum überkritisches Medium und weist dadurch veränderte Eigenschaften auf
(Kruse, et al., 2008c). Auch Wasser und Kohlendioxid gelangen bei Temperaturen oberhalb
von 374 °C bzw. 31 °C und Drücken von 22,1 MPa (221 bar) bzw. 7,4 MPa (74 bar) in den
überkritischen Bereich (Kruse, et al., 2008a; Kruse, et al., 2008b). Überkritische Medien wei-
sen besondere Lösungseigenschaften auf, die sich über die Prozessparameter steuern lassen.
Die Eignung überkritischer Medien zur Lösung von Lignin wurde experimentell bereits er-
folgreich nachgewiesen, ist bislang jedoch noch nicht kommerziell nutzbar (Ferreira Santos,
et al., 2011; Schacht, et al., 2008).
Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt die Elektroporation durch Pulsed-Electric-Fields
(PEF). Diese Felder werden durch eine wechselnd angelegte Feldspannung hervorgerufen.
Das Verfahren wurde in der Lebensmittelindustrie bereits vielfach erfolgreich angewendet,
um den Massentransfer zu erhöhen (Knorr, et al., 1998; Knorr, et al., 1994). In der Vorbe-
handlung von Lignocellulose ist eine Erhöhung der Durchlässigkeit für Chemikalien und En-
zyme ebenfalls erwünscht (Kumar, et al., 2009). Im Experiment konnte bereits eine erhöhte
Farbstoffaufnahme in Folge der Elektroporation für Holzhackschnitzel und Rutenhirsestroh
(Switchgrass) gezeigt werden (Kumar, et al., 2011). Ein Ergebnis über den Einfluss auf die
enzymatische Aufschließbarkeit PEF-behandelter Substrate liegt in diesem Zusammenhang
jedoch noch nicht vor.
Biologische Methoden
Während einige Autoren auch die enzymatische Hydrolyse zu den biologischen Methoden
zählen (vgl. hierzu: Lee (1997)), werden im Folgenden ausschließlich mikrobiologische Me-
thoden diskutiert. Die Lignocellulose des Substrates kann dabei von Braun-, Weiß- oder
Weichfäulepilzen zersetzt werden. Während Weiß- und Weichfäulepilze in erster Linie Lig-
nin abbauen (Belkacemi, et al., 1998), verarbeiten Braunfäulepilze Cellulose und Hemicellu-
lose (Ray, et al., 2010). Gemein ist allen Arten eine geringe Umsatzrate, durch die zurzeit
keine umsetzbaren Industrieanwendungen bekannt sind (Galbe, et al., 2012).
2.4.3 In situ-Produktabtrennung
Wie in Kapitel 2.4.1 diskutiert, wirkt n-Butanol ab einer Konzentration von etwa 20 g L-1 in-
hibierend auf die Fermentation. Bereits unterhalb dieser Konzentration beeinflusst
n-Butanol die Umsatzrate negativ (Ranjan, et al., 2012). Ohne eine Produktabtrennung kön-
nen daher nicht mehr als etwa 60 g L-1 Zucker eingesetzt werden. Um höhere Biomas-
se/Wasser-Verhältnisse realisieren zu können, muss n-Butanol während der Fermentation
in situ abgetrennt werden. Das setzt voraus, dass die dafür eingesetzten Verfahren sich nicht
negativ auf die Fermentationsrate auswirken. Im Folgenden wird eine Reihe bekannter
Trennverfahren vorgestellt, die sich für den in situ-Einsatz eignen.
18
Flüssig-Flüssig-Extraktion
N-Butanol ist in wässrigen Lösungen nur begrenzt löslich und bildet in reinem Wasser ober-
halb von etwa 79 g L-1 eine eigene Phase aus. Die Flüssig-Flüssig-Extraktion beruht auf der
Tatsache, dass n-Butanol in einigen nicht mit Wasser mischbaren Lösemitteln deutlich höhe-
re Löslichkeiten aufweist. Voraussetzungen ist eine hohe Selektivität des Lösungsmittels für
die Fermentationsprodukte Aceton, n-Butanol und Ethanol (ABE-Produkte) sowie dessen
Ungiftigkeit für die eingesetzten Mikroorganismen.
Bei der Anwendung wird ein geeignetes Lösemittel wie Oleylalkohol oder Mesitylen
durch die Fermentationsbrühe geführt. Die in das Lösemittel übergehenden Produkte wer-
den anschließend, beispielsweise mittels Destillation, abgetrennt (Kraemer, et al., 2011). Ne-
ben dem Einsatz von Reinstoffen ist auch die Verwendung von Lösemittelgemischen bekannt
(Ranjan, et al., 2012). Rechnerisch sind dadurch hohe Energieeinsparungen von 90 % gegen-
über der etablierten Destillation möglich. Der Prozess befindet sich für die Separation von
ABE-Produkten jedoch noch im experimentellen Stadium (Kraemer, et al., 2011).
Gas Stripping
Neben den oben diskutierten flüssigen Lösemitteln eignen sich in ähnlicher Weise verschie-
dene Gase zur selektiven Produktentfernung. Dabei werden beispielsweise Fermentations-
gase oder Stickstoff in die Fermentationsbrühe eingeleitet. Die während dieses Vorgangs in
das Gas diffundierenden ABE-Produkte werden anschließend durch Kondensation abge-
trennt. Über die Produktabtrennung hinaus weisen Qureshi et al. (2007a) auf den Agitati-
onseffekt des Gases in der Fermentationsbrühe hin. Dieser wirkt sich positiv auf die
Fermentationsgeschwindigkeit aus und kann ein Rührwerk ersetzen. Durch ihre Einfachheit
eignet sich die Methode in besonderer Weise für den industriellen Einsatz (Ranjan, et al.,
2012).
Pervaporation
Wird das Trägergas nicht direkt in die Fermentationsbrühe eingeleitet, sondern durch eine
Membran getrennt, spricht man von Pervaporation. Dabei werden die ABE-Produkte mit
möglichst hoher Sensitivität durch die Membran sorbiert, diffundieren durch die diese und
werden bei geringem Druck auf der Gegenseite vom Trägergas desorbiert (Ranjan, et al.,
2012). Wie auch beim Gas Stripping eignet sich vor allem die Kondensation zur Produktab-
trennung aus dem Trägergas. Die Funktionalität der Pervaporation für die Fermentation mit
Clostridium beijerinckii wurde im Versuch bereits erfolgreich nachgewiesen (Qureshi, et al.,
1999; Qureshi, et al., 2008b). Es besteht eine Reihe von Ansätzen, die Selektivität, Haltbarkeit
und Durchlässigkeit von Membranen hinsichtlich des Einsatzes in der ABE-Fermentation zu
verbessern (Ranjan, et al., 2012). Jedoch wird in Experimenten von einer Einschränkung der
Membranfunktionalität durch Verschmutzung (Fouling) berichtet (Wu, et al., 2012; Qureshi,
et al., 2008c).
2.5. Biomassennutzung und Verfügbarkeit in Deutschland
19
Pertraktion
Wird anstelle eines Trägergases ein Lösemittel eingesetzt, so dass die Permeation durch eine
Membran von einer flüssigen in eine andere flüssige Phase stattfindet, liegt Pertraktion vor.
Anstelle einer Membran kommen dabei insbesondere Hohlfasern zum Einsatz, darüber hin-
aus wird derzeit auch die Einsetzbarkeit flüssiger Membranen überprüft (Beltran, et al.,
2012). Durch die Trennung von Lösemittel und Fermentationsbrühe umgeht die Methode
dabei die in der Flüssig-Flüssig-Extraktion notwendige Voraussetzung der Ungiftigkeit des
Lösemittels und praktische Schwierigkeiten wie die Bildung von Emulsionen (Ranjan, et al.,
2012). Die Einsetzbarkeit des Verfahrens wurde von Qureshi et al. (2005) bestätigt, jedoch
liegen in der Literatur bislang keine Informationen über die langfristige Betriebsbereitschaft
der Hohlfasern oder einer Flüssigmembran vor.
Adsorption
Einen gänzlich anderen Ansatz beschreibt das Prinzip der Adsorption. Dabei lagern sich die
ABE-Produkte mit einer hohen Selektivität auf der Oberfläche von Festkörpern an. Die an-
schließende Freisetzung der adsorbierten ABE-Produkte erfolgt durch thermische Regenera-
tion des Adsorptionsmediums. Als Adsorptionsmedien eignen sich beispielsweise aktivierte
Holzkohle und verschiedene Silikate, Harze und weitere Kunststoffe (Qureshi, et al., 2005).
Um die Bildung eines Biofilms zu vermeiden, wird in der Praxis ausschließlich von Zellen ge-
reinigte Fermentationsbrühe über das Adsorptionsmedium geleitet (Ranjan, et al., 2012).
Das Verfahren führt im Experiment zu Energieeinsparungen von bis zu 60 % gegenüber der
Destillation (Qureshi, et al., 2005). Es ist jedoch bislang unklar, ob der Prozess für die Pro-
duktabtrennung im Rahmen einer ABE-Fermentation industriell geeignet ist.
2.5 Biomassennutzung und Verfügbarkeit in Deutschland
Deutschland ist innerhalb von Europa der zweitgrößte Agrarproduzent (DBFZ, 2012) und
deckt seinen Biomassebedarf derzeit überwiegend auf der Basis von Holz. Die Nutzung von
Biomasse als Energieträger hat in der Vergangenheit verstärkt zu Diskussionen um deren
Nachhaltigkeit geführt. In Deutschland sollen daher insbesondere landwirtschaftliche Rest-
stoffe stärker für eine energetische Nutzung herangezogen werden (BMU, 2011). Darunter
werden alle Stoffe verstanden, die bei der Produktion, Ernte oder Verarbeitung im landwirt-
schaftlichen Bereich anfallen (DBFZ, 2012). Es besteht daher weder eine direkte noch indi-
rekte Konkurrenz zur Nahrungsmittelkette.
Nach Angaben des Deutsche Biomasseforschungszentrums (2012) werden landwirt-
schaftliche Reststoffe in größerem Umfang zurzeit fast ausschließlich in Form tierischer Ex-
kremente genutzt. Diese werden zur Produktion von Biogas eingesetzt, während feste
Rückstände bislang kaum genutzt werden. Insbesondere das Potential der Getreidestrohnut-
zung ist bislang wenig erschlossen. Dabei eignet es sich im Vergleich zu anderen landwirt-
schaftlichen Reststoffen durch seinen hohen Cellulose- und niedrigen Feuchtigkeitsgehalt
vergleichsweise gut für den Transport und die Lagerung. Die erste großtechnische Strohfeu-
20
erung mit einem Bedarf von 75.000 t a-1 wird Mitte 2013 im Emsland in Betrieb gehen (Otto,
2012).
2.5.1 Energie- und klimapolitische Bedingungen
In Europa besteht durch die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EG, 2009) eine einheitliche
Zielsetzung über den Ausbau erneuerbarer Energien auf insgesamt 20 % im Jahr 2020. Die
Höhe des Anteils in jedem Mitgliedsland ist dabei individuell geregelt und beträgt für
Deutschland 18 % im Jahr 2020. Über die Höhe des Anteils erneuerbarer Energien hinaus
enthält die Erneuerbare-Energien-Richtlinie Nachhaltigkeitskriterien. Diese umfassen die
Einsparung von Treibhausgasen, den Flächenschutz und die nachhaltige landwirtschaftliche
Bewirtschaftung (DBFZ, 2012). Dabei werden die Treibhausgasemissionen von Reststoffen
wie Stroh vorerst nicht berücksichtigt (siehe Kapitel 6.1.3).
Im Raumwärmesektor regelt seit dem Jahr 2008 das Gesetz zur Förderung erneuerbarer
Energien im Wärmebereich den Anteil einzusetzender erneuerbarer Energien. Diese müssen
bis zum Jahr 2020 mindestens 14 % betragen (EEWärmeG, 2011). Das Gesetzt gilt sowohl für
Neubauten als auch grundlegend zu renovierende Gebäude der öffentlichen Hand. Dabei
bleibt es dem Eigentümer überlassen, welche Maßnahmen er zur Erfüllung der Vorgaben
wählt.
Im Raum Baden-Württemberg gilt eine zusätzliche Regelung für den Altbestand. Diese
sieht einen Anteil erneuerbarer Energien von 10 % ebenso für den Gebäudebestand vor, so-
fern wesentliche Komponenten wie der Kessel ausgetauscht werden (EWärmeG, 2007). Im
Vergleich zum Neubau stellen diese Regelung und die damit gegebenenfalls verbundenen
baulichen Maßnahmen besondere Anforderungen an Eigentümer. Baden-Württemberg war
daher das erste Bundesland, in dem Heizöl EL mit 10 % FAME-Anteil großflächig angeboten
wurde.
Darüber hinaus existiert ein bundesweites Marktanreizprogramm, das Investitionshilfen
für förderwürdige Technologien zur Bereitstellung von Raumwärme und Warmwasser ge-
währt (DBFZ, 2012).
2.5.2 Reststrohpotential in Deutschland
Das Deutsche Biomasseforschungszentrum (2012) definiert für den Umgang mit Reststoffen
die vier Potentialdefinitionen theoretisches, wirtschaftliches, nachhaltiges und erschließba-
res Potential. Die Potentiale werden im Folgenden in Anlehnung an die Studie des Deutschen
Biomasseforschungszentrums erläutert.
Das theoretische Potential umfasst die gesamte innerhalb eines Zeitraumes beziehungsweise
einer Region bereitgestellte Biomasse. Es gibt damit die physikalische Obergrenze der Bio-
massenutzung wieder. Aufgrund verschiedener Einschränkungen lässt sich das theoretische
2.5. Biomassennutzung und Verfügbarkeit in Deutschland
21
Potential in der Praxis jedoch nicht vollständig zur Nutzung heranziehen, wodurch es für ei-
ne Potentialabschätzung kaum praktische Relevanz besitzt. Zum theoretischen Potential von
Reststroh wurde bereits eine Reihe von Studien veröffentlicht, die aufgrund unterschiedli-
cher Modelle und Annahmen teils stark divergieren (vgl. hierzu: Leible et al. (2003), Fritsche
et al. (2004), Thrän et al. (2011), DBFZ (2012)). Alle Studien gehen jedoch von der Grundan-
nahme aus, dass das Aufkommen von Stroh proportional zur Produktion von Getreide ist. Bei
einem Korn-Stroh-Verhältnis von 1:0,8 (DüV, 2006) schätzt das Deutsche Biomassefor-
schungszentrum (2012) das theoretische Potential von Getreidestroh auf 29,8 Mio. t a-1
Frischmasse. Abbildung 2-7 stellt die Verteilung nach Landkreisen dar.
Abbildung 2-7: Verteilung der theoretisch vorhandenen Strohmengen
in Deutschland (DBFZ, 2012)
Berücksichtigt man technische Restriktionen, beispielsweise bei der Bergung, erhält man das
technische Potential. Es beinhaltet gesetzliche, ökologische und gesellschaftliche Einschrän-
kungen. Diese können durch Schutzgebiete, Cross-Compliance-Regelungen und die Berück-
sichtigung der Nahrungsmittelproduktion gegeben sein. Das technische Potential gibt daher
Theoretisches Strohpotential nach Landkreisen in t a-1
22
den Anteil des theoretischen Potentials wieder, der für eine Biomassenutzung im Rahmen
der existierenden Regelungen erschlossen werden kann.
Das wirtschaftliche Potential ist der Anteil des technischen Potentials, dessen Erschließung
unter Berücksichtigung von Markt- und Steuerungseinflüssen ökonomisch sinnvoll ist. Zu
den beeinflussenden Faktoren zählen Subventionen, Umlagesysteme und steuerliche Aspek-
te sowie die Referenzpreise fossiler Energieträger. Im Gegensatz zum technischen Potential
variiert das wirtschaftliche Potential daher in Abhängigkeit der Marktbedingungen.
Zieht man weitere ökologische Faktoren, naturschutzfachliche, landschaftsästhetische und
ressourcenschutz-spezifische Aspekte hinzu, spricht man vom nachhaltigen Potential. Das
nachhaltige Potential berücksichtigt beispielsweise eine langfristig ausgeglichene Humusbi-
lanz durch den Verbleib von Biomasse auf dem Acker. Der verbleibende Anteil variiert dabei
mit der Bodenart, dem im Boden bereits vorhandenen Humus, dem Anteil an ausgebrachten
Reststoffen aus der Viehzucht und der Fruchtfolge des Ackers. So gelten beispielsweise Le-
guminosen und Ackergras als humusmehrend, Zuckerrüben und Silomais hingegen als hu-
muszehrend.
Das Deutsche Biomasseforschungszentrum (2012) erarbeitete eine Abschätzung des
nachhaltigen Potentials unter Berücksichtigung dieser Faktoren (siehe Abbildung 2-4).
Durch den Einsatz verschiedener Schätzmethoden ergibt sich eine Bandbreite an Abschät-
zungen, deren Maximum und Minimum jeweils aufgeführt ist. Das nachhaltige Potential an
Reststroh im Raum Deutschland liegt demnach zwischen 8,0 und 13,3 Mio. t a-1. Es beträgt
damit 27 beziehungsweise 45 % des theoretischen Potentials. Bezogen auf die Gesamtfläche
Deutschlands entspricht das nachhaltige Reststrohaufkommen der Menge von 22,3 bis
37,1 t km-2 a-1 Reststroh. Die größten Reststrohpotentiale liegen unabhängig von der einge-
setzten Methode im Osten Schleswig-Holsteins, im Nordwesten Mecklenburg-Vorpommerns
und im nördlichen Nordrhein-Westfalen bis nach Niedersachsen (DBFZ, 2012).
2.5. Biomassennutzung und Verfügbarkeit in Deutschland
23
Die obige Betrachtung kann die Komplexität der Rohstoffbereitstellung für ein Einzelprojekt
lediglich verkürzt abbilden. Neben weiteren gesellschaftspolitischen Restriktionen, die die zu
erschließende Strohmenge verringern können, liegen lokale Konzentrationen vor, die in der
Lage sind, deutliche Abweichungen vom durchschnittlichen Flächenaufkommen zu bewir-
ken. Die tatsächlich zur Verfügung stehende Reststrohmenge für ein Projekt wird daher als
das erschließbare Potential definiert.
Tabelle 2-4: Nachhaltiges Reststrohpotential in Frischmasse in Deutschland (Potential in Anlehnung an
DBFZ (2012); Flächen in Anlehnung an DESTATIS (2012))
Bundesland
Fläche
km²
Theoretisches P.
Mio. t a-1
Max nachhaltiges P.
Mio. t a-1
Min nachhaltiges P.
Mio. t a-1
Schleswig-Holstein
15.799
1,9
0,9
0,6
Hamburg
755
0,0
0,0
0,0
Niedersachen
47.613
4,6
2,0
0,9
Bremen
419
0,0
0,0
0,0
Nordrhein-Westfalen
34.092
3,0
1,4
1,2
Hessen
21.115
1,5
0,7
0,6
Rheinland-Pfalz
19.854
1,0
0,4
0,2
Baden-Württemberg
35.751
2,1
0,8
0,7
Bayern
70.550
4,7
1,8
1,5
Saarland
2.569
0,1
0,0
0,0
Berlin
888
0,0
0,0
0,0
Brandenburg
29.483
1,8
0,8
0,4
Mecklenburg-Vor.
23.191
2,8
1,4
0,5
Sachsen
18.420
1,7
0,8
0,1
Sachsen-Anhalt
20.450
2,7
1,4
0,3
Thüringen
16.173
1,8
0,9
0,3
Deutschland
357.121
29,8
13,3
8,0
25
3 Experimentelle Überprüfung der Einsetzbarkeit von
n-Butanol als Biokomponente in Heizöl EL
Das Ziel des vorliegenden Kapitels ist die Überprüfung der Einsetzbarkeit von n-Butanol als
Biokomponente in Heizöl EL. Für den Betrieb von Ölbrennern mit Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen gelten die gleichen Anforderungen wie für den Betrieb mit Heizöl EL. Die Ein-
setzbarkeit von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen kann dann als grundsätzlich positiv bewer-
tet werden, wenn folgende Anforderungen erfüllt sind:
- Keine Erhöhung der Abgasemissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen im Ver-
gleich zu Heizöl EL
- Gewährleistung der Betriebssicherheit des Einsatzes von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen
Im ersten von zwei Schritten wird eine Parameterstudie durchgeführt, die die Eigenschaften
von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen auf Basis von Analyseergebnissen bewertet. Darauf
aufbauend folgt im zweiten Schritt eine experimentelle Überprüfung der Einsetzbarkeit von
Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in einem marktüblichen Stauscheibenbrenner (siehe Kapitel
2.2). Das Kapitel schließt mit der Zusammenfassung aller Teilergebnisse. Beide Untersu-
chungen wurden in Zusammenarbeit mit dem Oel-Wärme-Institut GmbH, Herzogenrath
durchgeführt und teilweise in Hoffmann et al. (2012) veröffentlicht.
3.1 Parameterstudie zu Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
Ziel der Parameterstudie ist die grundsätzliche Überprüfung der Einsetzbarkeit von Heizöl
EL/n-Butanol-Gemischen mit der Hilfe von Analysemethoden. In der Literatur liegen ver-
gleichbare Ergebnisse bislang ausschließlich über den Einsatz von Diesel/n-Butanol-
Gemischen in Verbrennungsmotoren vor (vgl. hierzu: Rakopoulos et al. (2010); Thongchai et
al. (2009)). Für die untersuchten Diesel/n-Butanol-Gemische bis 40 % (V/V) n-Butanol be-
stehen keine Betriebseinschränkungen. Zwar stellt der Betrieb eines Ölbrenners andere An-
forderungen an den Brennstoff, jedoch lassen diese Ergebnisse auf eine potentielle
Einsetzbarkeit von n-Butanol als Biokomponente in Heizöl EL schließen. Im Folgenden wer-
den zunächst die Untersuchungskriterien aus den Anforderungen an alternatives Heiz-
öl EL A
13
auf Basis der DIN SPEC 51603-6 definiert. Anschließend erfolgt die Analyse und
Überprüfung der grundsätzlichen Einsetzbarkeit in Abhängigkeit der n-Butanol-
Konzentration.
13
siehe Kapitel 2.1
26
3.1.1 Untersuchungskriterien an Heizöl EL/n-Butanol-Gemische
Ölfeuerungsanlagen und Heizöl EL sind durch einen jahrelangen Prozess der Anpassung auf-
einander abgestimmt. In diesem Zusammenhang definiert die DIN 51603-1 die Anforderun-
gen an Brennstoffe für den Einsatz in Ölfeuerungsanlagen. Durch die Notwendigkeit auch
Heizöle mit alternativem beziehungsweise erneuerbarem Anteil überprüfen zu können, ist
die angepasste Spezifikation DIN SPEC 51603-6 erarbeitet worden (siehe Kapitel 2.1). Sie ist
aus der bestehenden DIN 51603-1 für Heizöl EL hervorgegangen und befindet sich zurzeit im
Status einer Vornorm. Die in der vorliegenden Arbeit untersuchten Kriterien werden im Fol-
genden anhand einer Kurzbeschreibung vorgestellt:
1. Homogenität:
Gemäß DIN SPEC 51603-6 muss der Brennstoff nach Sichtprüfung homogen,
frei von sichtbaren Verunreinigungen und Sedimenten sowie freiem Wasser
sein. Die DIN 51603-1 stellt diesbezüglich keine Anforderungen an den Brenn-
stoff.
2. Dichte:
Sie beschreibt das Verhältnis von Masse bezogen auf ein Standardvolumen. Die
Ermittlung erfolgt nach DIN ISO 12185. Gemäß DIN 51603-1 und
DIN SPEC 51603-6 darf sie nicht mehr als 860 kg m-3 betragen. Ein unterer
Grenzwert ist nicht definiert.
3. Heizwert:
Er gibt den Gehalt thermischer Energie einer Stoffmenge wieder, die bei einer
Verbrennung ohne Kondensation der Verbrennungsgase zur Verfügung steht.
Er wird gemäß DIN 51900-2 in einem Bombenkaloriemeter ermittelt. Im Ge-
gensatz zum Heizwert Hi enthält der Brennwert Hs gegebenenfalls die Konden-
sationswärme der Verbrennungsgase. Brennwerte lassen sich in Heizwerte
umrechnen. Nach DIN SPEC 51603-6 muss der Brennwert mindestens
42 MJ kg-1 betragen, was bei Heizöl EL einem Heizwert von 40
14
MJ kg-1 ent-
spricht.
4. Flammpunkt:
Er bezeichnet die Temperatur, bei der sich ein zündfähiges Brennstoff/Luft-
Gemisch bildet. Die DIN EN ISO 2719 beschreibt das Verfahren nach Pensky-
Martens mit geschlossenem Tiegel. Dabei wird die Probe beim Aufheizen in re-
gelmäßigen Temperaturintervallen einer Zündquelle ausgesetzt und die nied-
rigste Entzündungstemperatur ermittelt. Der Flammpunkt darf für Brennstoffe
14
39,62 MJ kg-1 Umrechnung nach DIN 18599-1
3.1. Parameterstudie zu Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
27
gemäß DIN 51603-1 und DIN SPEC 51603-6 die Temperatur von 55 °C nicht
unterschreiten.
5. Kinematische Viskosität:
Sie ist ein Maß für die Zähflüssigkeit eines Brennstoffs. Die Bestimmung erfolgt
durch die Ermittlung der Durchflusszeit durch kalibrierte Kapillare gemäß
DIN EN ISO 3104. Nach DIN 51603-1 und DIN SPEC 51603-6 darf sie 6 mm² s-1
bei 20 °C beziehungsweise 3,8 mm² s-1 bei 40 °C nicht überschreiten.
6. Destillationsverlauf:
Er kennzeichnet den Verdunstungsgrad eines Brennstoffes in Abhängigkeit der
Temperatur. Die Analyse findet durch die Erwärmung einer Probe in einem
Destillationskolben nach DIN EN ISO 3405 statt. In Abhängigkeit der Destillati-
onstemperaturen werden die aufgefangenen Destillatmengen und der Rück-
stand ermittelt. Gemäß DIN 51603-1 darf die verdunstete Menge Brennstoff bei
einer Temperatur von 250 °C nicht mehr als 65 % (V/V) betragen. Bei einer
Temperatur von 350 °C müssen mindestens 85 % (V/V) verdunstet sein. Dar-
über hinaus fordert die DIN SPEC 51603-6, dass der Destillationsverlauf inner-
halb einer Bandbreite liegt, die durch die zwei in Abbildung 3-1 gezeigten
Ungleichungen begrenzt wird.
Abbildung 3-1: Bandbreite für den Destillationsverlauf von Heizöl EL
A nach DIN SPEC 51603-1
7. Temperaturgrenzwert der Filtrierbarkeit (Cold filter plugging point, CFPP):
Die Temperatur, bei der ein Kälte ausgesetzter Brennstoff eine so starke Paraf-
finausscheidung aufweist, dass das Durchströmen eines Filters unter genorm-
ten Bedingungen nicht mehr möglich ist, wird Temperaturgrenze der
Filtrierbarkeit genannt. Die Bestimmung erfolgt gemäß DIN EN 116. In Abgren-
zung dazu wird der Punkt, an dem die Paraffinausscheidung sichtbar wird,
150
200
250
300
350
400
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Siedetemperatur in °C
Destillierte Menge in % (V/V)
28
Cloudpoint genannt. Nach DIN 51603-1 und DIN SPEC 51603-6 erfüllen Brenn-
stoffe mit einem CFPP von maximal -12 °C die Spezifikation in jedem Fall. Für
höhere Werte gelten Einschränkungen (vgl. hierzu: DIN 51603-1; DIN SPEC
51603-6).
8. Koksrückstand:
Die Rückstandsmenge einer Probe, die nach der Verdampfung beziehungsweise
der Pyrolyse unter Standardbedingungen gemäß DIN EN ISO 10370 zurück-
bleibt, wird Koksrückstand genannt. Nach DIN 51603-1 darf der Koksrückstand
maximal 0,3 % (m/m) betragen. Die Vornorm DIN SPEC 51603-6 stellt diesbe-
züglich keine Anforderungen an den Brennstoff.
9. Wassergehalt:
Der Wassergehalt wird gemäß DIN EN ISO 12937 und in mg kg-1 angegeben. Er
wird durch Titration in einem coulometrischen Apparat nach Karl Fischer
durch die Reaktion mit Jod bestimmt. Nach DIN 51603-1 darf er maximal
200 mg kg-1 betragen. Die auf alternative Komponenten ausgelegte
DIN SPEC 51603-6 sieht eine höhere Obergrenze von maximal 300 mg kg-1 vor,
die im Folgenden Anwendung findet.
10. Thermische Stabilität:
Die thermische Stabilität ist ein Maß für den Alterungsrückstand von Brenn-
stoffen. Diese werden unter Standardbedingungen nach DIN 51371 bei erhöh-
ter Temperatur von 105 °C und in Kontakt mit einer Kupferspule für 16 h
gelagert. Filtrierbare und unfiltrierbare Rückstände bilden dabei das thermi-
sche Sediment. Gemäß DIN 51603-1 liegt dieses unter 140 mg. Die DIN SPEC
51603-6 verweist darauf, dass zur Bestimmung der thermischen Stabilität al-
ternativer Komponenten noch kein Testverfahren verabschiedet wurde.
11. Schmierfähigkeit:
Die Schmierfähigkeit eines Brennstoffes wird gemäß DIN EN ISO 12156-1
durch einen Reibungskörpertest geprüft. Dabei wird mit Hilfe eines Schwin-
gungsverschleißprüfgeräts (high-frequency reciprocating rig, HFRR) der Ver-
schleiß eines mit dem Brennstoff geschmierten Prüfkörpers unter definierten
Bedingungen ermittelt. Die Größe der beim Test entstehenden Abflachung, die
Verschleißkalotte, gibt den Verschleißgrad wieder. Nach DIN 51603-1 und DIN
SPEC 51603-6 darf die Verschleißkalotte den Grenzwert von 460 µm nicht
überschreiten.
3.1. Parameterstudie zu Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
29
12. Oxidationsstabilität:
Sie ist ein Maß für die Stabilität eines Brennstoffes in der Langzeitlagerung.
Während der Analyse wird der Brennstoff unter erhöhter Temperatur von
110 °C von einem Luftstrom durchströmt. Die dabei entstehenden Oxidations-
produkte werden in entmineralisiertes Wasser überführt. Die Leitfähigkeit des
Wassers lässt einen Rückschluss auf die bei der Oxidation entstehenden Car-
bonsäuren zu. Die Zeit bis zum Erreichen einer stark erhöhten Freisetzung von
Oxidationsprodukten wird Induktionszeit genannt. Der Test erfolgt gemäß
DIN EN 15751 beziehungsweise ASTM D 7545-09. In der DIN SPEC 51603-6
existiert noch kein Grenzwert für die Induktionszeit, diese ist lediglich anzuge-
ben. Die Überprüfung ist für FAME-Gehalte von mehr als 2 % vorgesehen, ein
Vergleich der Oxidationsstabilität von Heizöl EL und Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen lässt dennoch Rückschlüsse auf die Einsetzbarkeit zu.
3.1.2 Konzeption und Planung der Parameterstudie
Für die Analyse werden Heizöl EL/n-Butanol-Gemische in folgenden Konzentrationen auf-
gemischt: 0 %, 10 %, 20 %, 50 %, 70 %, 100 %. Für den Flammpunkt wird eine zügige Ab-
nahme mit steigender n-Butanol-Konzentration erwartet (vgl. hierzu: Thongchai et al.
(2009)). Um ein möglichst genaues Bild über den Einfluss der Konzentration von n-Butanol
auf den Flammpunkt in Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen zu erhalten, werden für die Analyse
des Flammpunktes folgende weitere Proben untersucht: 1,5 %, 2,5 %, 5 %, 15 %, 30 %, 40 %,
60 %, 80 %. Zusätzlich zu den in Kapitel 3.1.1 identifizierten Anforderungen, wird für alle
Proben der n-Butanol-Gehalt analysiert.
30
3.1.3 Ergebnisbeschreibung der Parameterstudie
1. Homogenität:
Die Sichtprüfung ergibt, dass alle Heizöl EL/n-Butanol-Gemische homogen, frei
von Verunreinigungen und Sedimenten sowie freiem Wasser sind. Abbildung
3-2 zeigt eine Probenauswahl.
Abbildung 3-2: Ergebnis der Sichtprüfung von
Heizöl/n-Butanol-Gemischen; es liegen
homogene Gemische vor, Verunreinigungen,
Sedimente oder Wasser sind nicht sichtbar
2. Dichte:
Die Dichte der untersuchten Proben nimmt mit steigendem n-Butanol-Gehalt
ab (siehe Abbildung 3-3). Alle Proben liegen unterhalb des Grenzwertes von
860 kg m-3.
Abbildung 3-3: Dichte von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in
Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach DIN EN ISO
12185 (r = 0,4 kg m-3)
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
700
750
800
850
900
950
1000
Dichte
Dichte in kg m-3
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert 860 kg m-3
3.1. Parameterstudie zu Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
31
3. Brennwert / Heizwert:
Der Heizwert der Heizöl EL/n-Butanol-Gemische fällt mit steigendem
n-Butanol-Gehalt und unterschreitet ab etwa 20 % n-Butanol die Minimalan-
forderung der DIN SPEC 51603-6 von 40 MJ kg-1 (siehe Abbildung 3-4).
Abbildung 3-4: Heizwert von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen
in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach DIN 51900-
2 (r = 0,120 MJ kg-1; angelehnt an DIN 51900-1, r für DIN
51900-2 noch nicht festgelegt)
4. Flammpunkt:
Der Flammpunkt der geprüften Heizöl EL/n-Butanol-Gemische fällt mit stei-
gendem n-Butanol-Gehalt stark ab. Oberhalb einer n-Butanol-Konzentration
von 1 % (V/V) wird der Grenzwert von 55 °C unterschritten. Ab etwa
10 % (V/V) n-Butanol erreichen die Proben ein Niveau von etwa 38 °C (siehe
Abbildung 3-5).
Abbildung 3-5: Flammpunkt von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach
DIN EN ISO 2719 ( r = 1,2 °C)
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
Heizwert
Heizwert nach MJ kg-1
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert 40 MJ kg-1
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
20
30
40
50
60
70
Flammpunkt
Flammpunkt in °C
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert 55°C
32
5. Kinematische Viskosität:
Die kinematische Viskosität der untersuchten Proben ändert sich nicht signifi-
kant und liegt für alle Proben unterhalb der Maximalanforderung von
3,8 mm² s-1 (siehe Abbildung 3-6).
Abbildung 3-6: Kinematische Viskosität von Heizöl EL/n-
Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-
Konzentration nach DIN EN ISO 3104 (r = 0,0138 mm² s-1)
6. Destillationsverlauf:
Die nach DIN EN ISO 3405 ermittelten Analysewerte des Destillationsverlaufs
wurden für n-Butanol-Konzentrationen bis 20 % (V/V) bestimmt. Mit steigen-
dem n-Butanol-Gehalt steigen ebenfalls die verdampften Volumenanteile an.
Diese Beobachtung gilt sowohl für den Test bei 250 °C als auch für den Test bei
350 °C. Für höhere n-Butanol-Konzentrationen lässt sich mit der Testmethodik
kein Ergebnis ermitteln. Wie in Abbildung 3-7 zu sehen, erfüllen jedoch alle
Gemische bis 20 % (V/V) die Anforderungen. Für Gemische höherer Konzentra-
tion kann davon ausgegangen werden, dass rasch der Maximalwert von
65 % (V/V) verdampftem Volumenanteil überschritten wird. Eine weiterge-
hende Analyse des gesamten Destillationsverlaufes wurde nicht erstellt.
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
1
2
3
4
5
6
Kinematische Viskosität
Kinematische Viskosität in mm2 s-1
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert 3,8mm2 s-1 bei 40°C
3.1. Parameterstudie zu Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
33
Abbildung 3-7: Verdampfte Volumenanteile von Heizöl EL/n-
Butanol-Gemischen bei 250 und 350 °C in Abhängigkeit der n-
Butanol-Konzentration nach DIN EN ISO 3405 (r ≈ 0,94 °C)
7. Temperaturgrenzwert der Filtrierbarkeit (CFPP):
Alle untersuchten Proben liegen bezüglich des CFPP unterhalb der Maximalan-
forderung von -12 °C und steigen mit zunehmendem n-Butanol-Gehalt leicht an.
Für n-Butanol im Reineinsatz liegt der CFPP bei -51 °C (siehe Abbildung 3-8).
Abbildung 3-8: Cold Filter Plugging Point von Heizöl EL/n-
Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-
Konzentration nach DIN EN 116 (r= 1 °C)
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
Verdampfte Anteile bis 250°C
Verdampfte Anteile bis 350°C
Minimum 85% (V/V) bei 350°C
Verdampfte Volumenanteile in % (V/V)
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Maximum 65% (V/V) bei 250°C
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
-60
-55
-50
-45
-40
-35
-30
-25
-20
-15
-10
-5
CFPP
CFPP in °C
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert -12°C
34
8. Koksrückstand:
Alle untersuchten Proben liegen unterhalb des Maximalwertes. Das Niveau der
Rückstände ändert sich mit steigendem n-Butanol-Gehalt nur geringfügig (siehe
Abbildung 3-9).
Abbildung 3-9: Koksrückstand von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach
DIN EN ISO 10370 (r = 0,0071 % (m/m))
9. Wassergehalt:
Mit steigendem n-Butanol-Gehalt erhöht sich der Wassergehalt der Proben
deutlich. Bis etwa 70 % (V/V) n-Butanol liegen alle Proben unterhalb der Ma-
ximalanforderung von 300 mg kg-1. Die Probe mit 100 % (V/V) n-Butanol er-
füllt diese Anforderung jedoch nicht (siehe Abbildung 3-10).
Abbildung 3-10: Wassergehalt von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach
DIN EN ISO 12937 (r = 0,26 mg kg-1)
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0,00
0,05
0,10
0,15
0,20
0,25
0,30
0,35
Koksrückstand
Koksrückstand in % (m/m)
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert 0,3 % (m/m)
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
50
100
150
200
250
300
350
400
Wassergehalt
Wassergehalt in mg kg-1
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert 300 mg kg-1
3.1. Parameterstudie zu Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
35
10. Thermische Stabilität:
Mit steigendem n-Butanol-Anteil erhöht sich die Sedimentmenge zunächst. Ab
20 % (V/V) n-Butanol liegt sie jedoch wieder auf dem Niveau reinen Heizöls EL.
Alle geprüften Proben liegen unterhalb der Maximalanforderung der
DIN SPEC 51603-6 von 140 mg kg-1 Sedimentanteil (siehe Abbildung 3-11).
Abbildung 3-11: Thermische Stabilität von Heizöl EL/n-
Butanol-Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-
Konzentration nach DIN 51371 (eine Vergleichbarkeit für die
DIN 51371 wurde noch nicht ermittelt)
11. Schmierfähigkeit:
Die Schmierfähigkeit sinkt mit steigendem n-Butanol-Gehalt deutlich. Alle Pro-
ben bis 20 % (V/V) n-Butanol weisen eine Verschleißkalotte unterhalb des
Grenzwertes von 460 µm (siehe Abbildung 3-12).
Abbildung 3-12: Schmierfähigkeit von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach
DIN EN ISO 12156-1 (r = 63 µm)
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
200
Thermische Stabilität in mg kg-1
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert 140 mg kg-1
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
250
300
350
400
450
500
550
600
650
700
Schmierfähigkeit
Schmierfähigkeit in µm
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
Grenzwert 460µm
36
12. Oxidationsstabilität:
Die Oxidationsstabilität der Proben nimmt mit zunehmendem n-Butanol-Gehalt
zunächst ab. Bei 20 % (V/V) n-Butanol entspricht sie etwa der von Heizöl EL
und steigt dann weiter an. Das getestete Heizöl EL weist auch im Reineinsatz
eine eher geringe Stabilität von 2 h auf. Die Zugabe von n-Butanol beeinflusst
diese nicht signifikant (siehe Abbildung 3-13).
Abbildung 3-13: Oxidationsstabilität von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration nach
ASTM D 7545-09 (r = 0,053 h; vorläufiger Wert)
010 20 30 40 50 60 70 80 90 100
0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Oxidationsstabilität
Oxidationsstabilität in h
Konzentration n-Butanol in HEL in % (V/V)
3.1. Parameterstudie zu Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
37
3.1.4 Analyse und Bewertung der Ergebnisse
Die Parameterstudie liefert in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration hinsichtlich der
Eignung von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen ein heterogenes Bild. Abbildung 3-14 stellt die
Ergebnisse der Einzeluntersuchungen dar und gibt jeweils die n-Butanol-Konzentration an,
bis zu der die Anforderung für jeden Parameter erfüllt ist.
Abbildung 3-14: Erfüllung der Anforderungen an Heizöl EL/n-Butanol-
Gemische in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration
Es ist zu erkennen, dass die Anzahl der erfüllten Parameter mit steigender n-Butanol-
Konzentration abnimmt. Es lassen sich drei Klassen definieren:
- Klasse 1: < 1 % (V/V) n-Butanol:
Alle Normparameter werden erfüllt.
- Klasse 2: 1 – 20 % (V/V) n-Butanol:
Brennstoffgemische dieser Klasse erfüllen alle Anforderungen mit Ausnahme des
Flammpunktes, der bei nur 39 °C liegt. Sie bedürfen damit besonderer Lagerungsbe-
dingungen. Stehen geeignete Lagerungsmöglichkeiten für brennbare Flüssigkeiten
zur Verfügung, sinkt damit die Anforderungen an den Flammpunkt. Technische Stö-
rungen im Betrieb mit Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen sind bis 20 % (V/V) nicht zu
erwarten.
- Klasse 3: >20 % (V/V) n-Butanol:
Brennstoffgemische dieser Klasse stimmen in Bezug auf den Heizwert, Flammpunkt,
Destillationsverlauf, Wassergehalt und Schmierfähigkeit nicht mit den Anforderun-
gen überein. Über einer Konzentration von 20 % (V/V) n-Butanol lässt sich mit der
eingesetzten Testmethodik kein belastbares Ergebnis ermitteln. Werden die Anfor-
Homogenität
Dichte
Heizwert
Flammpunkt
Kinematische Viskosität
Destillationsverlauf
CFPP
Koksrückstand
Wassergehalt
Thermische Stabilität
Schmierfähigkeit
Oxidationsstabilität
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
Klasse 3
Klasse 1
Maximale n-Butanol-Konzentration
Klasse 2
38
derungen hinsichtlich des Destillationsverlaufs und der Schmierfähigkeit nicht er-
füllt, kann es zu Einschränkungen in der Betriebssicherheit kommen. Der Destillati-
onsverlauf ist durch raffinerienachgelagerte Prozesse praktisch nicht mehr zu
beeinflussen. Die Schmierfähigkeit kann jedoch durch den Zusatz eines schmierfä-
higkeitsverbessernden Additivs oder durch Zumischung von Biodiesel verbessert
werden. Biodiesel nach DIN EN 14214 hat eine Verschleißkalotte von unter 320 µm
(HFFR). Bereits geringe Beimischungen verbessern die Schmierfähigkeit von Brenn-
stoff-Gemischen daher deutlich (Muñoz, et al., 2011). Das Unterschreiten des Heiz-
wertes stellt prinzipiell kein Risiko für die Betriebssicherheit dar, sondern äußert
sich in erster Linie in einem erhöhten Verbrauch sowie Transport- und Lagervolu-
men. Ab 70 % (V/V) n-Butanol überschreitet der Wassergehalt des Brennstoffes die
Anforderungen, was zu einer Beeinträchtigung der Lebensdauer von Ölfeuerungsan-
lagen durch Korrosion führen kann.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Gemische der Klasse 1 als betriebssicher einge-
stuft werden können. Wie auch bei der Beimischung von n-Butanol in Diesel (vgl. hierzu:
Thongchai et al. (2009)), bedürfen höhere Konzentrationen von n-Butanol in Heizöl EL be-
sonderer Lagerbedingungen. Die Betriebssicherheit von Gemischen der Klasse 2 ist daher
nur unter dieser Voraussetzung gegeben. Der Einsatz von Brennstoffen der Klasse 3 muss
ohne Modifikationen am Brenner als kritisch beurteilt werden. Andernfalls ist von einer Ver-
kürzung der Lebensdauer der Anlage auszugehen. Für die im zweiten Schritt geplante expe-
rimentelle Eignungsprüfung sind keine Modifikationen am Brenner vorgesehen. Daher ist die
experimentelle Überprüfung der Einsetzbarkeit für Gemische der Klasse 2 beziehungsweise
Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen bis zu einem n-Butanol-Gehalt von 20 % (V/V) sinnvoll.
3.2 Experimentelle Überprüfung von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als
Brennstoff
Ziel ist die experimentelle Überprüfung der Einsetzbarkeit von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen im Verbrennungsversuch. In der vorangegangenen Parameterstudie wurde die
brennstoffspezifische Eignung anhand von Normanforderungen geprüft. Für Heizöl EL/n-
Butanol-Gemische bis zu einer Konzentration von 20 % (V/V) n-Butanol wurden keine gene-
rellen Einschränkungen hinsichtlich der Betriebssicherheit für die Überprüfung im Ölbren-
nern. Aus den eingangs definierten Anforderungen an den Betrieb eines Ölbrenners werden
zunächst die Untersuchungskriterien abgeleitet. Darauf aufbauend erfolgen die Planung und
Konzeption der Versuchsreihe und Einzelversuche. Das Kapitel schließt mit der Auswertung
der Versuchsergebnisse.
3.2. Experimentelle Überprüfung von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
39
3.2.1 Planung der Versuchsreihe
3.2.1.1 Untersuchungskriterien an Heizöl EL/n-Butanol-Gemische in der
experimentellen Überprüfung
Wie bereits in Kapitel 2.5 beschrieben, sind der Brennstoff Heizöl EL und das System Ölfeue-
rungsanlage in einem jahrzehntelangen Prozess aufeinander angestimmt worden. In der Ein-
leitung wurden zwei Anforderungen an den Einsatz von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen
gestellt.
Zum einen darf die Emission von Schadstoffen durch den Einsatz nicht negativ beeinflusst
werden. In den folgenden Versuchen werden daher die Emissionen von Schadstoffen im Ab-
gas von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen im Vergleich zu reinem Heizöl EL untersucht. Im
Einzelnen betrifft das den Gehalt an Stickoxiden (Untersuchungskriterium 1), den Gehalt an
Kohlenstoffmonoxid (Untersuchungskriterium 2) und den Gehalt an Rußen im Abgas (Unter-
suchungskriterium 3).
Zum anderen ergibt sich aus der Forderung nach einer hohen Betriebssicherheit des Ge-
samtsystems die Überprüfung weiterer technischer Randbedingungen. Im Besonderen wer-
den daher signifikante Auffälligkeiten wie Geräuschentwicklung, Zündung des Brenners,
Korrosionserscheinungen und übermäßige Ablagerungsbildung im Brennraum untersucht
(Untersuchungskriterium 4). Die Untersuchungskriterien eins bis drei lassen sich während
der einzelnen Versuche untersuchen. Die Überprüfung des Untersuchungskriteriums vier
findet nach Abschluss der Versuchsreihe und Zerlegung des Brenners statt. Ein Langzeitver-
such wird nicht geplant.
3.2.1.2 Konzeption der Einzelversuche
Der erste Versuch untersucht das Brennverhalten innerhalb der erweiterten Betriebsgrenze.
Hierzu wird bei einer Verbrennung mit konstantem n-Butanol-Gehalt die Luftzahl variiert.
Der Versuch wird für verschiedene Heizöl EL/n-Butanol-Gemische wiederholt.
Während Heizöl EL keinen Sauerstoff enthält, bringt der Einsatz von n-Butanol Sauerstoff
in die Verbrennung ein. Alle im Hausbrandbereich eingesetzten Brenner werden fest auf ein
Luftverhältnis eingestellt. Sie stellen sich nicht auf unterschiedliche Sauerstoffgehalte im
Brennstoff ein. Es ist anzunehmen, dass sich die Verbrennung in einem zu fetten Betriebs-
punkt mit Brennstoffüberschuss durch einen steigenden n-Butanol-Gehalt verbessert und in
einem mageren Betriebspunkt verschlechtert. Daher ist das Ziel des zweiten Versuches die
Überprüfung des Verhaltens von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen, ausgehend von einem fest
eingestellten eher mageren Betriebspunkt, wie er im Feld auftreten kann. Der Versuch wird
für verschiedene n-Butanol-Konzentrationen durchgeführt.
Der Aufbau beider Versuche wird in den Kapiteln 3.2.2 und 3.2.3 ausführlich beschrieben.
Die Untersuchung des Brenners und seiner Komponenten findet nach Abschluss des zweiten
40
Versuches statt. Die Ergebnisse aus beiden Versuchen und der Untersuchung der Brenner-
bauteile werden im Anschluss analysiert und bewertet.
3.2.1.3 Aufbau des Versuchsstandes
3.2.1.3.1 Experimenteller Aufbau
Dem experimentellen Aufbau beider Versuche vorangestellt ist zunächst die Klärung der
Frage, wie eine möglichst hohe Umsetzbarkeit der Ergebnisse erreicht werden kann. Fast
93 % der im Jahr 2009 in Deutschland verbrauchten Heizölmenge entfielen auf die Nutzung
in Haushalt, Gewerbe, Handel oder Dienstleistung (MWV, 2011). In diesem Bereich ist der
Stauscheibenbrenner oder Gelbbrenner in mittleren und kleinen Feuerungsanalgen noch
weit verbreitet im Einsatz (siehe Kapitel 2.2). Die Versuche werden daher auf einem han-
delsüblichen Stauscheibenbrenner durchgeführt.
In der experimentellen Untersuchung wird eine typische thermische Nenn-Wärmeleistung
von 16 kW gewählt, wozu eine Düse des Typs Fluidics 0,4 60° HF bei einem Pumpendruck
von 9,5 bar eingesetzt wird. Der Brenner verfügt unter anderem über die Möglichkeit, die
Stellung der Luftklappe und der Stauscheibe im Flammrohr zu verändern. Es ist bekannt,
dass die Umgebungsverhältnisse, insbesondere Windgeschwindigkeit und –richtung, Ein-
fluss auf die Testergebnisse nehmen können. Durch die hohe Anzahl an Messpunkten können
nicht alle Versuche innerhalb eines Tages durchgeführt werden. Es besteht daher die Mög-
lichkeit, dass Ergebnisse durch wechselnde Bedingungen beeinflusst werden. Um dennoch
eine möglichst hohe Vergleichbarkeit der Ergebnisse anzustreben, wird der Kaminzug durch
den Einsatz eines Zuggebläses und Zugbegrenzers (siehe Abbildung 9-1 im Anhang) konstant
gehalten. Zum Umschalten zwischen Brennstoffproben ist ein Dreiwegeventil montiert. Es
erlaubt den unterbrechungsfreien Wechsel zwischen vorgemischten Brennstoffproben wäh-
rend des Betriebs. Eine Unterbrechung des Betriebs durch den Austausch der Brennstoff-
probe würde nach kurzer Zeit zu einer Reduktion der Brennraumtemperatur führen und zu
Einschränkungen hinsichtlich der Vergleichbarkeit der Testläufe führen.
3.2.1.3.2 Eingesetzte Messtechnik
Die in Kapitel 3.2.1.2 beschriebenen Emissionen können durch entsprechende Abgasmessge-
räte bestimmt werden. Die Gehalte an Stickoxiden und Kohlenstoffmonoxid werden im Ver-
such durch ein Messgerät der Baureihe Testo 340 ermittelt. Der Gehalt an Rußen wird der
DIN 51402-1 entsprechend durch eine Rußpumpe bestimmt. Die Abgasproben für beide Ap-
parate werden während des laufenden Betriebs durch fest im Abgasstrom positionierte Son-
den entnommen und unmittelbar ausgewertet. Die in Kapitel 3.2.1.1 abgeleiteten
3.2. Experimentelle Überprüfung von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
41
Untersuchungskriterien werden lichtmikroskopisch oder durch Inaugenscheinnahme sowie
akustisch überprüft.
3.2.1.3.3 Korrektur der Emissionsmesswerte
Die Messergebnisse sind im Folgenden in mg kWh-1 angegeben und um den verringerten
Heizwert der n-Butanol-haltigen Proben korrigiert worden. Darüber hinaus fand eine Anpas-
sung der Ergebnisse hinsichtlich des maximalen CO2-Gehaltes (CO2 MAX) im Abgas statt, der
bei der Berechnung der Messwerte im Testgerät eine Rolle spielt. Die Korrektur ist notwen-
dig, da das Testgerät nur die absolute Konzentration (ppm) im Abgas erfasst und auf dieser
Basis eine Umrechnung in relative Werte (mg kWh-1) vornimmt. Bei 20 % (V/V) n-Butanol-
Gehalt beträgt der Korrekturfaktor +5 %. Die im Folgenden gezeigten Ergebnisse sind daher
bereits um Heizwert und CO2 MAX korrigiert. Die absoluten Emissionen liegen bei einem
n-Butanol-Gehalt von 20 % (V/V) um etwa 5 % tiefer.
3.2.2 Versuch I: Prüfung des Verhaltens von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in
verschiedenen Brennerbetriebspunkten mittels Luftzahlvariation
3.2.2.1 Planung des Versuches
Der Versuch überprüft das Verhalten von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen in Abhängigkeit
der Luftzahl. Wie in Kapitel 3.2.1.2 definiert, besteht das Ziel in der Untersuchung des
Brennverhaltens über einen möglichst breiten Bereich. Dazu sind Gemische folgender n-
Butanol-Konzentrationen vorgesehen: 0 %, 10 %, 20 % (V/V). Daraus ergeben sich die Ver-
suchsläufe 1, 2 und 3. Die Luftzahl eines Gelbbrenners liegt im Normbetriebsbereich übli-
cherweise zwischen 1,2 und 1,3. Über diesen Bereich hinaus werden nach Umstellung des
Brennstoffes folgende sieben Stufen variiert: 1,1; 1,2; 1,25; 1,3; 1,4; 1,8; 2,2.
Vor Beginn des ersten Versuchslaufes wurde der Brenner installiert und Düse, Pumpe,
Filter und Brennstoffleitungen erneuert. Der Pumpendruck wurde auf 9,5 bar angepasst, der
Düsenstock für Heizöl EL eingestellt und die Funktionsfähigkeit der Anlage festgestellt. Um
die Vergleichbarkeit der Messwerte zu erhöhen, finden alle Messungen in stationärem Zu-
stand statt. Zu Beginn eines Versuchs steht daher eine Aufwärmphase des Brenners von etwa
120 Minuten. Die gewünschten Betriebspunkte werden während des laufenden Betriebs ein-
geregelt.
42
3.2.2.2 Beobachtungen und Ergebnisse
Die Beschreibung der Ergebnisse wird im Folgenden für alle drei Versuchsläufe aufgeführt:
- Gehalt an Stickoxiden im Abgas:
Die Ergebnisse aller Brennstoffproben wurden, wie in Kapitel 3.2.1.3.3 erläutert,
korrigiert und zeigen einen ähnlichen Verlauf. Der NOx-Gehalt steigt zunächst mit
der Luftzahl an und erreicht zwischen 1,2 und 1,4 ein Maximum (Abbildung 3-18).
Mit weiter ansteigender Luftzahl fällt der NOx-Gehalt wieder ab. Die Probe mit
10 % (V/V) n-Butanol liegt durchgängig über der von reinem Heizöl EL, die ihrer-
seits durchgängig über der von 20 % (V/V) n-Butanol liegt. Für eine Luftzahl von 1,1
befinden sich sowohl reines Heizöl EL als auch die Probe mit 20 % (V/V) n-Butanol
unterhalb der Maximalanforderung von 110 mg kWh-1. Die Probe mit 10 % (V/V) n-
Butanol unterschreitet auch im Rahmen der Messtoleranz die Maximalanforderung
nicht. Für alle anderen Messpunkte liegt sie nicht signifikant über der von reinem
Heizöl EL.
Abbildung 3-15: NOx-Emissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen
in Abhängigkeit der Luftzahl. Die Messwerte sind für CO2MAX und
Heizwert bezüglich der n-Butanol-Konzentration korrigiert
(r ≈ 20 mg kWh-1 beziehungsweise 10 ppm)
- Gehalt an Kohlenstoffmonoxid im Abgas:
Die CO-Emissionen aller drei Proben sinken mit ansteigender Luftzahl von zunächst
über 2.000 mg kWh-1 stark ab. Bei der Luftzahl 1,25 erreichen sie ein Minimum von
0 und steigen ab 1,4 wieder an (Abbildung 3-19). Im Rahmen der Messtoleranz un-
terscheiden sich die Messwerte im Bereich von 1,2 bis 1,4 nicht signifikant. Alle Pro-
ben weisen zwischen der Luftzahl 1,2 und 1,4 sehr niedrige Emissionen unterhalb
von 10 mg kWh-1 auf. Für höhere Luftzahlen liegen keine Daten vor, da der Versuch
durch das Auftreten von Fehlzündungen abgebrochen werden musste.
1,0 1,2 1,4 1,6 1,8 2,0 2,2 2,4
0
50
100
150
200
250
Normbetriebsbereich
Heizöl EL
10 % (V/V) n-Butanol
20 % (V/V) n-Butanol
Konzentration NOx in mg kWh-1
Luftzahl
3.2. Experimentelle Überprüfung von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
43
Abbildung 3-16: CO-Emissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen
in Abhängigkeit der Luftzahl. Die Messwerte sind für CO2MAX und
Heizwert bezüglich der n-Butanol-Konzentration korrigiert
(r ≈ 2,5 mg kWh-1 beziehungsweise 2 ppm)
- Rußemissionen im Abgas:
Die Rußzahl des Abgases aller Brennstoffproben sinkt ausgehend von 1,1 mit stei-
gender Luftzahl stark ab und erreicht bei 1,25 ein Minimum von 0. Ab 1,8 steigt die
Rußzahl wieder an. Zwischen einer Luftzahl von 1,25 und 1,4 zeigen alle Proben
sehr geringe Rußemissionen der Rußzahl 1 oder 0. Darüber hinaus liegen keine Da-
ten vor, da der Versuch wie oben beschrieben abgebrochen werden musste.
Abbildung 3-17: Rußemissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen
in Abhängigkeit der Luftzahl
1,0 1,2 1,4 1,6 1,8 2,0 2,2 2,4
10
20
30
40
1000
1500
2000
2500
3000
3500
Normbetriebsbereich
Konzentration CO in mg kWh-1
Luftzahl
Heizöl EL
10 % (V/V) n-Butanol
20 % (V/V) n-Butanol
1,0 1,2 1,4 1,6 1,8 2,0 2,2 2,4
0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
Normbetriebsbereich
Rußzahl
Luftzahl
Heizöl EL
10 % (V/V) n-Butanol
20 % (V/V) n-Butanol
44
- Signifikante Auffälligkeiten:
Während der Durchführung der Versuche 1 und 2 mit 0 % (V/V) beziehungsweise
10 % (V/V) n-Butanol-Gehalt wurden keine besonderen Vorkommnisse beobachtet.
Versuchslauf 3 musste im Betriebspunkt Luftzahl 1,8 abgebrochen werden, da es zu
Brennerausfällen kam. Ebenso wurde bei dieser Luftzahl eine erhöhte Geräusch-
entwicklung wahrgenommen. Eine Luftzahl von 1,8 liegt jedoch weit außerhalb des
Normbetriebsbereiches und ist daher nicht praxisrelevant. Darüber hinaus wurden
Brennstoffproben, die n-Butanol enthalten, olfaktorisch stärker wahrgenommen als
die mit reinem Heizöl EL.
3.2.2.3 Ergebnisanalyse und Bewertung
Der Einsatz von n-Butanol als Biokomponente bis 20 % (V/V) ist im Betriebsbereich einer
Luftzahl zwischen 1,1 und 1,4 ohne Modifikationen des Brenners ohne Ausfälle möglich.
Prinzipiell begünstigt eine hohe Verbrennungstemperatur die Bildung von NOx. Andererseits
begünstigt sie die Oxidation und damit Verringerung von CO zu CO2. Die Verbrennungstem-
peratur nimmt durch den geringeren Energiegehalt mit steigendem n-Butanol-Anteil ab. Da-
her ist bei n-Butanol Gemischen im Vergleich zu reinem Heizöl EL ein Rückgang des NOx-
Gehaltes und der CO-Emissionen im Abgas zu erwarten.
Gleichzeitig tritt ein zweiter Effekt auf. Da n-Butanol 21,6 % (m/m) Sauerstoff enthält
und der steigende Sauerstoffanteil die Bildung von NOx und Oxidation von CO zu CO2 fördert,
wirken mit der Erhöhung des n-Butanol-Anteils im Brennstoff beide Effekte gegenläufig.
Darüber hinaus erhöht der im Brennstoff enthaltene Stickstoff die NOx-Emissionen des Abga-
ses. Während der Stickstoffgehalt in Heizöl EL bis zu 50 mg kg-1 betragen kann, enthält n-
Butanol praktisch keinen Stickstoff. Die Unterschiede zwischen Heizöl EL und den Heizöl
EL/n-Butanol-Brennstoffproben im Verlauf der NOx-, CO-Emissionen liegen jedoch überwie-
gend innerhalb der Messgenauigkeit.
Als ungewöhnlich hoch sind die NOx-Emissionen der Probe 10 % (V/V) n-Butanol zu bewer-
ten. Sie übersteigen die der Probe 20 % (V/V) n-Butanol in allen Messpunkten und die von
reinem Heizöl EL für eine Luftzahl von 1,1. Sie entsprechen damit nicht der Erwartung. Eine
Erklärung könnte ein Messfehler des NOx-Sensors sein. Unter bestimmten Bedingungen kann
ein kontinuierlicher Betrieb des NOx-Sensors zu einer fehlerhaften Auswertung führen. Nach
Rücksprache mit dem Hersteller kann es zur Absorption von NOx in der Flüssigkeit der Kon-
densatfalle kommen. In diesem Fall tritt eine negative Abweichung der gemessenen Werte
von den tatsächlichen auf. Auch wenn man diesen Effekt für die anderen Messreihen unter-
stellt, ist die Abweichung zwischen den Proben durch diesen Effekt nicht zu erklären (Testo
AG, 2011).
Möglicherweise tragen lokal hohe Brennraumtemperaturen sowie der zusätzliche Sauer-
stoff im Brennstoffgemisch zu einer Erhöhung der NOx-Emissionen bei. Diese Effekte könn-
ten in Gegenüberstellung zu den Ergebnissen der Probe mit 20 % (V/V) n-Butanol die
3.2. Experimentelle Überprüfung von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
45
geringere Brennraumtemperatur durch einen geringeren Heizwertes noch überkompensie-
ren.
Eine wahrscheinlichere Ursache liegt jedoch in der bestehenden Einschränkung der Wie-
derholbarkeit in der Versuchspraxis. Insbesondere die Präzision der Luftzahleinstellung
kann durch Umwelteinflüsse über mehrere Versuchstage schwanken. Gerade in den steilen
Randzonen des Testbereiches kann dies zu erheblichen Ungenauigkeiten führen. Die hohen
NOx-Emissionen der Brennstoffprobe 10 % (V/V) n-Butanol-Gehalt liegen daher vermutlich
in einer systematischen Abweichung, die nicht näher spezifiziert werden kann. Um eine ab-
schließende Aussage zur Relevanz der Ergebnisse der Probe 10 % (V/V) n-Butanol machen
zu können, sind weitere Versuche notwendig.
Die Interpretation der Ergebnisse ist jedoch insbesondere für den Normbetriebsbereich von
Stauscheibenbrennern bei einer Luftzahl zwischen 1,2 und 1,3 relevant. Lässt man die Er-
gebnisse der Brennstoffprobe mit 10 % (V/V) n-Butanol aufgrund einer zu vermutenden sys-
tematischen Abweichung außen vor, so liegen alle Emissionen der Probe 20 % (V/V)
innerhalb des Normbetriebsbereiches deutlich unterhalb derer von Heizöl EL. Der Einsatz
von Heizöl EL bis zu 20 % (V/V) n-Butanol auf handelsüblichen Stauscheibenbrennern ist
gerätetechnisch daher grundsätzlich positiv zu bewerten.
3.2.3 Versuch II: Prüfung des Verhaltens von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen im
Magerbetrieb
3.2.3.1 Planung des Versuches
Im zweiten Versuch wird der Einfluss von n-Butanol im Brennstoff auf den Brennerbetrieb in
einem Betriebspunkt im oberen Teil des Normbetriebsbereiches überprüft. Während im ers-
ten Versuch die Luftzahl nach Anpassung der n-Butanol-Konzentrationen variiert wurde,
wird im zweiten Versuch ein fester Betriebspunkt gewählt und ausschließlich die Konzentra-
tion an n-Butanol variiert. Dafür wird ein Betriebspunkt mit einer Luftzahl von 1,25 ausge-
wählt. Das hat zur Folge, dass mit steigendem n-Butanol-Anteil die für die Verbrennung zur
Verfügung stehende Sauerstoffmenge weiter erhöht wird. Es ist hervorzuheben, dass im Ge-
gensatz zum ersten Versuch keine Anpassung des Brenners stattfindet. Der zweite Versuch
bildet daher den Einsatz von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen unter Feldbedingungen ab. Die
n-Butanol-Konzentration der Brennstoffproben wird stufenweise über 0 %, 1 %, 2,5 %, 5 %,
10 %, 15 % bis auf 20 % (V/V) erhöht.
Es sind drei Versuchsläufe geplant. Die Proben werden in den ersten beiden Versuchsläu-
fen zunächst in aufsteigender n-Butanol-Konzentration angeordnet. Im ersten Versuchslauf
wird wie beschrieben keine Anpassung der Luftzahl vorgenommen. Im zweiten Versuchslauf
wird die Luftzahl konstant auf 1,25 geregelt. Unterschiede im Ergebnis dieses und des ersten
Versuchslaufs wären dann auf den zusätzlichen Sauerstoff im Brennstoff zurückzuführen.
46
Beim Wechsel zwischen Brennstoffproben sind zum Zeitpunkt des Umschaltens die Brenn-
stoffleitungen und der Filter noch mit dem vorherigen Brennstoff gefüllt. Um Einflüsse durch
Vermischen von Brennstoffproben auszuschließen, wiederholt der dritte Versuchslauf den
ersten in zufälliger Probenanordnung (siehe Tabelle 3-1). Alle Messungen finden im statio-
nären Zustand statt. Zu Beginn jedes Versuchslaufs steht eine Aufwärmphase des Brenners
von etwa 120 Minuten. Messungen einer neuen Brennstoffprobe finden erst nach 45 Minuten
stationärem Betrieb mit statt.
Tabelle 3-1: Parameter der zweiten Versuchsreihe
Versuchslauf
Reihenfolge der Proben
Luftzahl
1.
0 %, 1 %, 2,5 %, 5 %, 10 %,
15 % und 20 % (V/V)
Voreinstellung 1,25;
keine weiteren Anpassungen
2.
0 %, 1 %, 2,5 %, 5 %, 10 %,
15 % und 20 % (V/V
Konstante Regelung auf 1,25
3.
0 %, 20 %, 1 %,15 %, 2,5 %,
10 %, und 5 % (V/V)
Voreinstellung 1,25;
keine weiteren Anpassungen
3.2.3.2 Beobachtungen und Ergebnisse
Während der Durchführung des gesamten zweiten Versuches wurde kein Abweichung vom
Normbetrieb beobachtet. Die Beschreibung erfolgt im Folgenden für alle drei Versuchsläufe
gemeinsam:
- Gehalt an Stickoxiden im Abgas:
Die NOx-Emissionen aller Proben verändern sich durch die Zugaben von n-Butanol
kaum. Im Fall von reinem Heizöl EL und geringer n-Butanol-Konzentration betragen
die relativen Emissionen etwa 200 mg kWh-1. Mit steigendem n-Butanol-Anteil ist
ein minimaler Rückgang zu erkennen. Bezogen auf den geringeren Energiegehalt
verändern sich die NOx-Emissionen jedoch bis zu einer Zumischung von 20 % (V/V)
nicht signifikant (siehe Abbildung 3-19).
3.2. Experimentelle Überprüfung von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen als Brennstoff
47
Abbildung 3-18: NOx-Emissionen von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration (r ≈
20 mg kWh-1 beziehungsweise 10 ppm)
- Gehalt an Kohlenstoffmonoxid im Abgas:
Wie in Abbildung 3-19 zu sehen, beeinflusst ein steigender n-Butanol-Gehalt die an-
hand des CO-Gehalts im Abgas ermittelte Verbrennungsgüte nicht signifikant. Der
durch den steigenden Sauerstoffanteil im Brennstoff leicht verringerte CO-Gehalt
liegt im Rahmen der Messtoleranz. Dies gilt auch auch unter Berücksichtigung des
geringeren Energiegehaltes von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen im Vergleich zu
reinem Heizöl EL.
Abbildung 3-19: CO-Emissionen von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen in Abhängigkeit der n-Butanol-Konzentration
(r ≈ 3 mg kWh-1 beziehungsweise 2 ppm)
- Rußemissionen im Abgas:
Alle getesteten Abgasproben weisen einen mittels DIN 51402-1 nicht festzustellen-
den Gehalt an Rußemissionen auf (Rußzahl 0).
0 5 10 15 20 25
0
50
100
150
200
250
300
350
Konzentration NOx in mg kWh-1
Konzentration n-Butanol in HEL in % (v/v)
Reihe 1, aufsteigend
Reihe 2, = konstant
Reihe 3, zufällig
0 5 10 15 20 25
0
2
4
6
8
10
12
14
16
18
20
22
24
Konzentration CO in mg kWh-1
Konzentration n-Butanol in HEL in % (v/v)
Reihe 1, aufsteigend
Reihe 2, =konstant
Reihe 3, zufällig
48
- Signifikante Auffälligkeiten:
Die olfaktorische Wahrnehmung von n-Butanol-haltigen Brennstoffproben ist stär-
ker als die von reinem Heizöl EL.
3.2.3.3 Ergebnisanalyse und Bewertung
Die korrigierten Messungen des zweiten Versuchs zeigen ein homogeneres Bild als die des
ersten. Die NOx-, CO- und Rußemissionen der n-Butanol-haltigen Proben weichen ohne eine
Anpassung des Brenners im Rahmen der Messgenauigkeit nicht von den Ergebnissen der
Probe mit reinem Heizöl EL ab. Der zweite Versuch bestätigt daher die grundsätzliche ver-
brennungstechnische Einsetzbarkeit von n-Butanol als Biokomponente für Heizöl EL bis
20 % (V/V).
Während keine messbaren Rußemissionen entstanden, nehmen die Emissionen von NOx
und CO mit steigendem n-Butanol-Anteil tendenziell, jedoch nicht signifikant, ab. Der Rück-
gang des NOx-Gehaltes im Abgas kann durch eine geringere Verbrennungstemperatur erklärt
werden, ist jedoch nicht signifikant. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Ursache
der im Vergleich zu Heizöl um 5 % geringere Heizwert von 34 MJ L-1 ist. Eine geringere Ver-
brennungstemperatur im Brennraum verursacht üblicherweise einen Anstieg der CO-
Emissionen. Dass dieser Effekt mit steigendem n-Butanol-Anteil nicht auftritt, sondern ein
tendenzieller Rückgang zu verzeichnen ist, lässt auf den oxidierenden Einfluss des Sauer-
stoffanteils im Brennstoff schließen.
3.3 Einsetzbarkeit von n-Butanol als Biokomponente in Heizöl EL
In der Einleitung des Kapitels werden folgende zwei Merkmale für die technische Überprü-
fung von n-Butanol als Biokomponente für Heizöl EL definiert:
- Keine Erhöhung der Abgasemissionen von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen im Ver-
gleich zu Heizöl EL
- Gewährleistung der Betriebssicherheit des Einsatzes von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen
Die Emissionen im Abgas eines nicht modifizierten Brenners in Standardeinstellung ver-
schlechtern sich bis 20 % (V/V) n-Butanol weder absolut noch relativ zum Heizwert. Dies gilt
sowohl für die NOx-, CO- als auch für die Rußemissionen. Der Betrieb eines Stauscheiben-
brenners mit Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen bis 20 % (V/V) ist grundsätzlich als sicher
einzustufen.
Für die Lagerung des Brennstoffs gelten jedoch Einschränkungen. Der Flammpunkt von
Heizöl EL muss mindestens 55 °C betragen. Bereits Unterhalb von 1 % (V/V) n-Butanol-
3.3. Einsetzbarkeit von n-Butanol als Biokomponente in Heizöl EL
49
Gehalt unterschreiten Heizöl EL/n-Butanol-Gemische diesen Grenzwert. Sie gelten damit als
entzündliche Flüssigkeit, für die höhere Sicherheitsauflagen gelten. Diese Einschränkung gilt
in gleicher Form für den Einsatz von n-Butanol als Beimischung zu Diesel (Thongchai, et al.,
2009).
In einem von der Versuchsreihe unabhängigen Versuch wurde ein weiterer Parameter-
test durchgeführt. Die Untersuchung ergab, dass der Flammpunkt von Heizöl EL/n-Butanol-
Gemischen mit einer Konzentration von 0,5 % (V/V) n-Butanol durch die Beimischung von
10 % (V/V) FAME auf über 55 °C gesteigert werden kann und damit flächendeckend einsetz-
bar ist. Für die Realisierung höherer Anteile an n-Butanol besteht noch Forschungsbedarf.
Nach Abschluss aller Versuche wurden die eingesetzten Komponenten wie Düse, Pumpe, Fil-
ter und Brennstoffleitungen zerlegt und in Augenschein genommen. Dabei wurden weder
Korrosion, Aufquellen von Dichtungen oder Filtergewebe noch erhöhter Verschleiß beobach-
tet. Auch wenn der Einsatz von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen keine Einschränkungen ver-
ursacht, bedarf eine abschließende Aussage zur Einsetzbarkeit jedoch einer
Langzeituntersuchung. Diese ist nicht Gegenstand dieser Arbeit.
Für n-Butanol als Biokomponenten in Heizöl EL ergeben sich daher potentiell zwei mögliche
Einsatzarten. Zum einen kann eine flächendeckende Beimischung von 0,5 % (V/V) n-Butanol
in Bioheizöl mit 10 % (V/V) FAME-Anteil sinnvoll sein. Zum anderen können auch höhere
Konzentrationen bis 20 % (V/V) n-Butanol-Gehalt ohne Modifikation des Ölbrenners einge-
setzt werden. Dafür muss jedoch eine geeignete Lagerungsmöglichkeit für entzündliche
Brennstoffe vorliegen. Dies ist in vielen Industrieanlagen der Fall.
51
4 Erarbeitung eines Stoff- und Energiestrommodells zur
Herstellung von n-Butanol
Wie im vorherigen Kapitel gezeigt wurde, eignet sich n-Butanol als Brennstoff für die beste-
hende Ölbrennerinfrastruktur. Ziel des vorliegenden Kapitels ist die Abbildung einer Pro-
zesskette zur Produktion von n-Butanol aus Reststroh im Modell. Nachfolgend werden daher
zunächst mögliche produktions- und ingenieurwissenschaftliche Modellierungsansätze dar-
gestellt und auf ihre Eignung zur Abbildung des Produktionssystems überprüft. Anschlie-
ßend wird eine Systemabgrenzung vorgenommen und der identifizierte Ansatz auf das zu
untersuchende Produktionssystem übertragen. Zur Produktion von n-Butanol wird eine ge-
eignete Prozesskette in Form einer Modellanlage identifiziert und auf den entwickelten An-
satz übertragen. Grundlage der Auslegung ist der Einsatz aktuell verfügbarer und etablierter
Technologien, die im Folgenden als Basisszenario bezeichnet wird. Aufbauend auf den identi-
fizierten Stoffströmen des Basisszenarios folgt die Abschätzung der Energieströme.
4.1 Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
4.1.1 Produktionstheoretische und ingenieurwissenschaftliche Ansätze zur
Modellierung von Produktionssystemen
Modelle eignen sich dazu, reale Fragestellungen durch Abstraktion eines stoffstrombasierten
Produktionssystems und seiner konkreten quantitativen Beziehungen zu lösen (Weiten,
2009). In der Praxis werden die Begriffe System und Modell vielfach missverständlich einge-
setzt (Unbehauen, 1983). Unter dem Begriff System versteht man „eine räumlich abgeschlos-
sene, logisch zusammengehörende und zeitlich begrenzte Einheit“ (Weiten, 2009).
Kennzeichen eines Systems ist ein hoher Grad an Komplexität, die eine vollständige Be-
schreibung meist nicht zulässt. Ein System besitzt Merkmale und Funktionalitäten, durch die
die Realität abstrahiert wird. Ein Modell bildet nur die wichtigsten Merkmale und Funktiona-
litäten eines Systems ab und stellt damit eine weitere Abstraktion dar. Die damit einherge-
hende Vereinfachung ist immer zielorientiert und Abhängig vom Einsatzzweck (Van Gigch,
1991). Ein Modell eines Systems ist daher in der Regel nicht eindeutig (Marquardt, 1995).
Darüber hinaus können aus einem Modell weitere Modelle abgeleitet werden (Schwarze,
1990).
In der Modellbildung unterscheidet man deduktive und induktive Modellierung. Die deduk-
tive Modellierung basiert auf naturwissenschaftlichen Grundmodellen, deren innere System-
zustände bekannt sind. Die induktive Modellierung stützt sich auf Beobachtungen von
52
Prozessen, die anschließend in mathematische Zusammenhänge überführt werden (Weiten,
2009). Bei der folgenden Modellierung handelt es sich um einen induktiven Ansatz.
Zur formalen Beschreibung von Stoffflussbeziehungen innerhalb eines Produktionssys-
tems steht eine Vielzahl von Ansätzen zur Verfügung. Diese lassen sich in die Klassen pro-
duktionstheoretische und ingenieurwissenschaftliche Ansätze gliedern. Zu den
produktionstheoretischen Ansätzen gehören mikroökonomische Produktionsfunktionen, die
Input-Output-Analyse und die Aktivitätsanalyse. Produktionstheoretische Ansätze zählen zu
den empirischen Theorien, da sie Produktionsmodelle deskriptiv auf Basis von Beobachtun-
gen entwickeln (Matthes, 1996).
Zu den ingenieurwissenschaftlichen Ansätzen zählen neben der Modellierung mittels
physikalisch-chemischer Gesetzmäßigkeiten die Modellierung auf Basis von Material- und
Energiebilanzen sowie Flowsheeting-Modelle
15
. Ingenieurwissenschaftliche Ansätze bilden
Produktionssysteme meist mit hohem Detaillierungsgrad ab (Mirschel, et al., 2003) und un-
terscheiden sich von den produktionstechnischen Ansätzen durch eine stärkere Berücksich-
tigung verfahrenstechnischer Aspekte des Transformationsprozesses. Im Folgenden werden
die verschiedenen Ansätze vorgestellt und im Hinblick auf ihre Eignung zur Abbildung des
untersuchten Produktionssystems diskutiert. Folgende Anforderungen sind zu erfüllen:
- Problemadäquate Abbildung von mehrstufigen Prozessen beziehungsweise Prozess-
stufen
- Erfassung von Stoff- und Energieströmen zwischen Prozessstufen
- Berücksichtigung verschiedener Betriebszustände
- Berücksichtigung von technologischem Fortschritt
4.1.1.1 Produktions- und Transformationsfunktionen
Produktionsfunktionen bilden die Abhängigkeit zwischen Faktoreinsatz und Faktorertrag
eines Produktionssystems ab. Sie eignen sich sowohl zur Modellierung mikroökonomischer
als auch makroökonomischer Systeme (Wannenwetsch, 2002). Überträgt man das Konzept
der mikroökonomischen Produktionsfunktionen auf einzelne Prozesse eines Produktions-
systems, spricht man von Transformationsfunktionen (vgl. hierzu: Hoitsch (1993) und Küp-
per (1977)). Produktionsfunktionen lassen sich nach verschiedenen Kriterien klassifizieren
(vgl. hierzu: Wannewetsch (2002) und Schultmann (2003)). Eine erste Charakterisierung er-
folgt im Folgenden anhand der unabhängigen Variablen der Produktionsfunktionen (vgl.
hierzu: Küpper (1977)). Abbildung 4-1 zeigt eine Übersicht mikroökonomischer Produkti-
onsfunktionen. Im Folgenden werden die einzelnen Funktionstypen im Hinblick auf die Ziel-
setzung dieser Arbeit diskutiert.
15
Rechnergestützte Prozesssimulation
4.1. Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
53
Abbildung 4-1: Übersicht mikroökonomischer Produktionsfunktionen (in Anlehnung an Küpper (1977)
und Schultmann (2003))
Einvariablige Produktionsfunktionen
In der Gruppe der einvariabligen Produktionsfunktionen wird die Einsatzmenge , die
den Input der Art zur Erzeugung des Outputs der Art darstellt, von der Aus-
bringungsmenge in folgender Form determiniert:
Gleichung 4.1
( )
mit:
Einsatzmenge
Funktionaler Zusammenhang
Ausbringungsmenge
Besteht eine proportionale Beziehung zwischen beiden Größen in der Art, dass
( ) ist, liegt eine Leontief-Funktion vor (Küpper, 1977). Einvariablige
Produktionsfunktionen eignen sich jedoch nicht zur Abbildung der zu untersuchenden Pro-
zesskette. Neben der begrenzten praktischen Übertragbarkeit dieses Ansatzes bestehen Ein-
schränkungen durch die nicht zulässige Variabilität und Substituierbarkeit von
Einsatzmengen (Rentz, et al., 2006).
Mehrvariablige Produktionsfunktionen unabhängiger Einflussfaktoren
Beeinflussen neben der Ausbringungsmenge weitere Faktoren den Faktoreinsatz, liegt eine
mehrvariablige Produktionsfunktion vor. Sind die Faktoren unabhängig, besteht eine additi-
ve Funktion folgender Art (Küpper, 1977):
Einvariablige
Produktionsfunktionen
Cobb-
Douglas
Engineering
Production
Functions
Allgemeiner
Ansatz
Leontief -
Funktion
Allgemeiner
Ansatz
Linearer
Ansatz
Ertragsgesetz-
liche Funktion
(Typ A)
CES-
Funktion
Gutenberg
Funktion
(Typ B)
Heinen
Funktion
(Typ C)
Unabhängige
Einflussgrößen
Mehrvariablige
Produktionsfunktionen
Interdependente
Einflussgrößen
54
Gleichung 4.2
( )
( )
( )
mit:
Einsatzmenge
Funktionaler Zusammenhang
Ausbringungsmenge
Funktionaler Zusammenhang
Einflussgröße
Liegt der Spezialfall proportionaler Abhängigkeit von Ausbringungsmenge und Einsatzmen-
ge vor, handelt es sich um einen linearer Ansatz
16
. Einsatzmöglichkeiten derartiger Funktio-
nen ergeben sich in der Realität in der Abbildung von Montage- und Demontagesystemen
(Spengler, 1998). Gerade in der Prozesstechnologie kann jedoch überwiegend davon ausge-
gangen werden, dass die Einsatzfaktoren eine Interdependenz aufweisen. Produktionsfunk-
tionen unabhängiger Einflussfaktoren lassen sich daher nicht zur Modellierung dieser
Produktionssysteme heranziehen.
Mehrvariablige Produktionsfunktionen abhängiger Einflussfaktoren
Zur Abbildung interdependenter Einflussgrößen steht eine weitere Gruppe mehrvariabliger
Produktionsfunktionen zur Verfügung. Grundsätzlich lassen sich substitutionale (Typ A) und
limitationale (Typ B) Funktionen unterscheiden. Alle weiteren Funktionen erweitern bezie-
hungsweise kombinieren diese Elemente (Schultmann, 2003). Die Abhängigkeiten zwischen
Einsatzmengen und Ausbringungsmenge lassen sich wie folgt darstellen (Küpper,
1977):
Gleichung 4.3
(
)
mit:
Einsatzmenge
Funktionaler Zusammenhang
Ausbringungsmenge
Mit Hilfe des Ertragsgesetzes als bekanntem Vertreter des Typs A wurde von Turgot im 18.
Jahrhundert erstmals die Beziehung zwischen den Einsatzfaktoren und dem Ernteertrag ei-
nes Ackers abgebildet (Ellinger, et al., 1996). Sie wird daher auch klassische Produktions-
funktion genannt und besitzt einen S-förmigen Verlauf, der durch zunächst steigende, dann
sinkende Grenzerträge gekennzeichnet ist (Wannenwetsch, 2002). Zwar weisen auch einige
Industrieprozesse einen substitutionalen Charakter auf. Jedoch eignet sich das Ertragsgesetz
16
siehe dazu auch Leontief-Funktion für einvariablige Produktionsfunktionen.
4.1. Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
55
durch die Annahmen steigender Grenzerträge nur sehr bedingt zu deren Abbildung
(Schultmann, 2003).
Weitere Vertreter dieser Gruppe sind die CES-Funktion und die Cobb-Douglas-Funktion.
Beide Funktionen sind neoklassische Sonderfälle des Ertragsgesetzes. Für beide gelten daher
die gleichen Einschränkung, jedoch mit dem Unterschied abnehmender Grenzerträge über
den Produktionsverlauf (Fandel, 1996). Exemplarisch lässt sich der funktionale Zusammen-
hang zwischen Ein- und Ausbringungsmenge der Cobb-Douglas-Funktion für den Fall zweier
Produktionsfaktoren wie folgt beschreiben (Küpper, 1977):
Gleichung 4.4
mit:
Einsatzmenge
Faktor Fortschritt
Produktionsfaktor
Produktionsfaktor
Produktionselastizität
Produktionselastizität
Im Unterschied dazu verfolgt die Gutenberg-Funktion als Vertreter des Typs B einen limita-
tionalen Ansatz, bei dem sich ein Produktionsfaktor nicht mehr durch einen anderen substi-
tuieren lässt. Dadurch unterscheidet sie sich in ihrem Aufbau von den bisher diskutierten
Funktionen maßgeblich. Gutenberg berücksichtigt mit diesem Ansatz industrielle Produkti-
onsprozesse damit deutlich stärker. Er gibt das Konzept der unmittelbaren Beziehung zwi-
schen Einsatzmenge und Ausbringungsmenge auf und trifft eine Unterscheidung nach
Gebrauchs- und Verbrauchsfaktoren. Zu den Gebrauchsfaktoren zählen exemplarisch Ma-
schinen und Ausrüstung, zu den Verbrauchsfaktoren Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe. Der Fak-
toreinsatz hängt somit nicht mehr direkt vom Faktorertrag ab, sondern wird von den
Gebrauchsfaktoren und deren Eigenschaften bestimmt.
Dazu weist Gutenberg allen Gebrauchsfaktoren eine spezifische sogenannte z-Situation
zur Beschreibung zu, die die Eigenschaften des Betriebsmittels beschreibt und kurzfristig
konstant ist. Weiterhin berücksichtigt er die Einsatzzeit, die zur Produktion eines Gutes auf-
gebracht werden muss (Schultmann, 2003). Durch die technische Orientierung ist die empi-
rische Geltung der Gutenberg-Funktion als deutlich höher einzustufen als die der bisher
diskutierten Produktionsfunktionen. Anlass zur Kritik bietet die angenommene Konstanz der
z-Situation. Die betriebliche Praxis erfordert häufig die gezielte Anpassung von Parametern
auf die Produktions- beziehungsweise Umweltverhältnisse (Schultmann, 2003). Die Funkti-
on lässt sich wie folgt beschreiben (Küpper, 1977):
56
Gleichung 4.5
( )
mit:
Einsatzmenge
Funktionaler Zusammenhang
Intensität
Fertigungszeit
Die Produktionsfunktion von Heinen baut auf Typ B auf, berücksichtigt jedoch darüber hin-
aus verstärkt die Diversifikation von Produktionsprozessen (Fandel, 1996). Heinen unter-
scheidet in technische und ökonomische Verbrauchsfunktionen und trennt damit technische
und ökonomische Leistung. Die Basis ist die Zerlegung eines Produktionssystems in soge-
nannte Elementarkombinationen (Fandel, 1996). Die auf der Gutenberg-Funktion basierende
Produktionsfunktion von Heinen erreicht einen höheren Detaillierungsgrad, setzt sich aber
den gleichen Kritikpunkten aus (Rentz, et al., 2006).
Techno-ökonomische Produktionsfunktionen
Während die bisher diskutierten Produktionsfunktionen technische Zusammenhänge eher
vernachlässigen, sind sie bei Engineering Production Functions (EPF) Ausgangspunkt der
Modellierung. Der Produktionsprozess wird dazu in seine chemisch-physikalischen Prozess-
schritte zerlegt, um die Abhängigkeiten der mechanischen, thermischen, chemischen und
elektrischen Parameter zu analysieren. Dabei kommen sowohl experimentelle als auch ana-
lytische Methoden zum Einsatz. Ziel ist die Modellierung des Prozesses aufgrund technischer
Größen, den sogenannten Engineering Variables. Eine ökonomische Quantifizierung erfolgt
über die Einführung der sogenannten Economic Variables, die den Faktoreinsatz wiederge-
ben (Fandel, 1996). Der hohe Aufwand zur Entwicklung einer spezifischen EPF und der Be-
stimmung der benötigten Parameter begründet die im Vergleich zu anderen
Produktionsfunktionen eher geringe Verbreitung (vgl. hierzu: Fandel (1996), Penkuhn
(1997) und Schultmann (2003)).
4.1.1.2 Input-Output-Analyse
Die Input-Output-Analyse basiert auf den Arbeiten zur Makroökonomie von Leontief (1953),
für die er 1973 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt (Putnoki, et al., 2007).
Sie wurde von Kloock (1969) auf die betriebswirtschaftliche Produktionstheorie übertragen.
Im ersten Schritt zerlegt die Input-Output-Analyse das abzubildende Produktionssystem in
Teilprozesse beziehungsweise Fertigungsstellen und identifiziert deren Abhängigkeiten. Im
zweiten Schritt wird die mengenmäßige Abhängigkeit zwischen Input- und Outputgrößen
mit der Hilfe geeigneter Transformationsfunktionen abgebildet.
4.1. Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
57
Das Produktionssystem wird mit Hilfe eines bewerteten Digraphen beschrieben.
Beschaffungsstellen, Teilprozesse und Absatzstellen werden als Knoten
dargestellt. Knoten ohne Vorgänger beschreiben Beschaffungsstellen, Knoten ohne
Nachfolger beschreiben Absatzstellen. Die Verflechtung der Knoten wird mit Hilfe von
Kanten beschrieben. Die Kanten werden durch eine Bewertungsfunktion definiert, die
den Faktoreinsatz zur Produktion von angibt. Abbildung 4-2 zeigt einen exemplarischen
Digraphen. Die Produktionsfaktoren und stellen dabei die Verbindungen zu den
Beschaffungsmärkten, die Endprodukte bis die Verbindung zu den Absatzmärkten
dar (Spengler, 1998).
Abbildung 4-2: Veranschaulichung eines Digraphs (in Anlehnung an Steven (1998) und Schultmann
(2003))
Aus dem Digraphen des Input-Output-Graphen lassen sich eine Struktur- und eine Input-
Output-Matrix ableiten (Kloock, 1969). Dabei gibt die Strukturmatrix den qualitativen
Aufbau des Systems wieder und ist definiert als:
{
Die Input-Output-Matrix gibt neben der Struktur ebenfalls Auskunft über die Mengen-
verhältnisse der Verflechtung:
, mit {
1
Beschaffungs-
stellen
Produktions-
stellen
Absatz-
stellen
2
3
4
5
6
7
2
1
1
1
2
2
3
r1
r2
x1
x2
x3
Input
Output
Throughput
58
Für das in Abbildung 4-2 angegebene Beispiel ergeben sich beide Matrizen zu:
[
]
[
]
Die Beschreibung der quantitativen Beziehung zweier Knoten erfolgt mit Hilfe von Trans-
formationsfunktionen
17
. Die Produktionsfunktion der abzubildenden Produktionssysteme
geht somit aus den aggregierten Transformationsfunktionen hervor (Küpper, 1977). Defi-
niert man den Output an der Stelle als und den dafür bereitzustellenden Input der
Stelle als , ergibt sich mit der Transformationsfunktion folgender Zusammen-
hang (Kloock, 1969):
Gleichung 4.6
mit:
Einsatzmenge
Transformationsfunktion
Ausbringungsmenge
Geht man von einem externen Bedarf (Primärbedarf) aus, ergibt sich die benötigte Men-
ge von Produkt zu:
Gleichung 4.7
∑
mit:
Ausbringungsmenge
Transformationsfunktion
Primärbedarf
Darauf aufbauend lassen sich der Primärbedarf des gesamten Produktionssystems mit
und der dafür bereitzustellende Input mit
17
Transformationsfunktionen bilden wie auch Produktionsfunktionen die funktionale Abhängigkeit zwischen Fak-
toreinsatz und Faktorertrag ab (siehe auch Kapitel 4.1.1.1). Sie beziehen sich jedoch auf einzelne Produktionsstufen,
nicht auf das gesamte Produktionssystem (vgl. hierzu: Hoitsch (1993) und Küpper (1977)).
4.1. Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
59
ausdrücken. Die Transformationsfunktionen lassen sich in die Direktbedarfsmatrix
überführen (Schultmann, 2003):
[
]
Unter Zuhilfenahme der Einheitsmatrix gibt die Gesamtbedarfsmatrix den Bedarf
von Produkt pro hergestellter Einheit wieder:
Gleichung 4.8
mit:
Einsatzmenge
Direktbedarfsmatrix
Primärbedarf
Einheitsmatrix
Gesamtbedarfsmatrix
Der Ansatz der Input-Output-Analyse lässt sich auch auf komplexere Produktionssysteme
übertragen. In der Direktbedarfsmatrix werden dazu die Transformationsfunktionen
durch Matrizen ersetzt, die wiederum aus Transformationsfunktionen auf-
gebaut sind (Kloock, 1969). Die Abbildung eines untersuchten Produktionssystems erfolgt
ausschließlich innerhalb der Spezifikationen der eingesetzten Transformationsfunktionen.
Input-Output-Modelle eignen sich daher insbesondere zur Abbildung von Prozessen bezie-
hungsweise Prozessstufen mit hohem Detaillierungs- und Bekanntheitsgrad.
Da der Bekanntheitsgrad der Prozesse in der zu untersuchenden Modellanlage jedoch nur
unvollständig anhand von Transformationsfunktionen ausgedrückt werden kann, ist der
Einsatz der Input-Output-Analyse für diese Anwendung nicht sinnvoll.
4.1.1.3 Aktivitätsanalytisches Stoffflussmodell
Die Aktivitätsanalyse bietet einen allgemeinen Ansatz zur Beschreibung der Abhängigkeiten
von Inputs und Outputs industrieller Produktionsprozesse. Im Gegensatz zum Einsatz der
diskutierten Input-Output-Analyse kann auf die Wahl einer formalen Produktionsfunktion
verzichtet werden (Spengler, 1998). Die Aktivitätsanalyse bildet Produktionssysteme mit
höherem Aggregationsniveau ab. Die Menge der möglichen Produktionsverfahren wird
durch Aktivitäten abgebildet, die in Form von Matrizen oder Tabellen vorliegen können
(Fandel, 1990; Spengler, 1998). Jede Aktivität kann in Abhängigkeit ihrer Betriebsintensität
60
betrachtet werden. Die Aktivitätsanalyse erlaubt dadurch eine unkomplizierte Erweiterung
des Betrachtungsraumes auf die gesamte Wertschöpfungskette.
Definition von Aktivität
Produktionsprozesse werden als Aktivitäten in Form von Vektoren dargestellt. Ei-
ne Aktivität bildet den quantitativen Zusammenhang zwischen Ressourcen beziehungsweise
Inputgrößen und Produkten beziehungsweise Outputgrößen für einen
Prozess ab. Können in einem Prozess Produkte beziehungsweise Outputgrößen durch unter-
schiedliche Ressourceninanspruchnahme hergestellt werden, existieren unterschiedliche
Aktivitäten. Im Gegensatz zur Input-Output-Analyse ist somit auch Verschwendung bezie-
hungsweise die Abbildung ineffizienter Technologie möglich. Die Gesamtheit aller Aktivitä-
ten bildet alle zur Verfügung stehenden Produktionsmöglichkeiten beziehungsweise die
gesamte Technologiemenge ab (Schultmann, 2003).
Die zur Aufstellung einer Aktivität benötigten Input- und Output-Stoffströme können em-
pirisch ermittelt oder mit Hilfe von Flowsheeting-Systemen (siehe auch Kapitel 4.1.1.4) für
jeden Betriebspunkt dargestellt werden. Inputgrößen werden mit einem negativen Vorzei-
chen, Outputgrößen mit einem positiven versehen. Dadurch wird die Aktivitätsanalyse dem
Kreislaufcharakter vieler Produktionsprozesse gerecht und bildet auch innerbetriebliche
Zyklen ab. Die Summe der Input- und Outputgrößen bestimmt die Dimension des Abbil-
dungsraumes. Mit Strömen ergibt sich ein m-dimensionaler Güterraum, in dem
sich ein Aktivitätsvektor wie folgt darstellen lässt (Schultmann, 2003):
[
]
[ ]
Stoffstromvektoren
Eine Aktivität bildet einen quantitativen Zusammenhang der Stoffflüsse innerhalb eines
Prozesses beziehungsweise einer Prozessstufe ab. Jede Aktivität wird mit einer Intensi-
tät betrieben, aus der der Stoffstromvektor hervorgeht. Der sich erge-
bene Zusammenhang kann abhängig von der eingesetzten Technologie linear oder
nichtlinear sein. Nichtlineare Zusammenhänge sind in der in der Praxis häufig (Spengler,
1998):
4.1. Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
61
Gleichung 4.9
( )
[
( )
( )
( )
]
mit:
Stoffstromvektor
Aktivitätsvektor
Intensität
Umweltvektor
Der Umweltvektor bildet alle Stoffströme ab, die die Systemgrenze passieren.
Wird ein System durch nur eine Aktivität abgebildet, entspricht der Stoffstromvektor
dem Umweltvektor. Die Darstellung der meisten Produktionssysteme erfolgt jedoch in meh-
reren Aktivitäten . Für den Umweltvektor gilt damit folgender Zusammen-
hang (Spengler, 1998):
Gleichung 4.10
[
]
[
]
mit:
Umweltvektor
Funktionaler Zusammenhang
Aktivitätsvektor
Intensität
62
Lineare Aktivitätsanalyse
In einem Produktionssystem im stationären Zustand lassen sich geringe Abweichungen der
Ausbringungsmenge approximativ linearisieren (Spengler, 1998):
Gleichung 4.11
[
]
∑
mit:
Umweltvektor
Intensität
Aktivitätsvektor
Definiert man eine von außerhalb des Produktionssystems nachgefragte Produktmenge als
Vektor , der innerhalb der Technologiemenge liegt, existieren dazu die Intensitäten
. Die Ausprägung der Intensitäten ergibt sich durch Auflösen der folgenden Glei-
chung:
Gleichung 4.12
[
]
[
]
[
]
mit:
Aktivitätsvektor
Spezifische Intensität
Nachfragevektor
Durch den Verzicht auf formale Transformationsfunktionen können nicht nur die effizienten
Kombinationen von Faktoreinsatz und Faktorertrag, sondern alle technisch möglichen abge-
bildet werden. Dies ermöglicht eine realitätsnahe Darstellung (Richter, 2012). Durch ihren
approximativen Charakter eignet sich die Aktivitätsanalyse zur Darstellung übergeordneter
Stoff- und Energieflüsse in Produktionssystemen (Fandel, 1996; Spengler, 1998). Darüber
hinaus lassen sich Flowsheeting-Simulationen unkompliziert einbinden (Spengler, 1998;
Schultmann, 2003).
Die Aktivitätsanalyse eignet sich daher in besonderer Weise für die technologieübergreifen-
de und problemadäquate Darstellung des zu untersuchenden Produktionssystems.
4.1. Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
63
4.1.1.4 Flowsheeting-Systeme
Flowsheeting-Systeme basieren auf der Verknüpfung des oben beschriebenen Konzeptes des
aktivitätsanalytischen Stoffflussmodells und den Werkzeugen der Prozesssimulation. Die Ba-
sis einer Prozesssimulation ist eine hinreichend genaue mathematische Beschreibung des
Prozesses. Flowsheeting-Systeme bilden meist stationäre Zustände ab und eigenen sich da-
her zur Berechnung von Stoff- und Energiebilanzen. Mit ihr lassen sich u.a. die Zusammen-
setzung, Druck und Temperatur von Stoffströmen berechnen (vgl. hierzu: Spengler (1998),
Futterer (1995)). Die Berechnung wird von thermodynamischen Gleichgewichtszuständen
bestimmt, die für jeden Prozess simuliert werden. Flowsheeting-Systeme lassen sich daher
zur Planung, Entwicklung und Auslegung von Verfahren und Anlagen heranziehen. Es stehen
grundsätzlich zwei verschiedene Ansätze zur Verfügung. Sie unterscheiden sich maßgeblich
in ihrem Lösungsverfahren beziehungsweise in der Berechnungsreihenfolge.
Sequentiell modularer Ansatz
Im sequentiell modularen Ansatz werden Prozesse mit Hilfe von Stoffumwandlungen model-
liert. Beispiele dafür sind die Manipulationen Vereinigen, Trennen, Erwärmen oder Abküh-
len. Die daraus resultierenden Module werden in der Prozessreihenfolge des Flussschemas
mit Hilfe von Unterprogrammen berechnet und bei Materialkreisläufen gegebenenfalls itera-
tiv gelöst. Hierfür stehen Datenbanken und Berechnungsalgorithmen zur Verfügung, die
durch den Benutzer angepasst werden können. Abbildung 4-3 zeigt die Funktionsweise se-
quentiell modularer Ansätze (Futterer, et al., 1995).
Abbildung 4-3: Struktur sequenziell modularer Systeme in Anlehnung an Lohe (1995)
Thermodynamische
Unterprogramme
Eingabe
Hauptprogramm
Numerische
Unterprogramme
Ausgabe
Schnittstellen
Rückstrom-
berechnung
Graphisch oder
ASCII
Grund-
operationen
Optimierung Design-
spezifikation
Stoffdaten-
programme
Stoffdatenbanken
64
Simultaner Ansatz
Im simultanen Ansatz werden alle Stoff- und Energiebilanzen sowie Impulsbilanzen in einer
Matrix zusammengefasst und anschließend simultan gelöst (Futterer, et al., 1995). Es beste-
hen Versuche, die Vorteile des sequentiell modularen und des simultanen Ansatzes in simul-
tan-modularen Systemen zu kombinieren. In der Praxis kommen diese jedoch eher selten
zum Einsatz (Engels, 2003).
Es steht eine Reihe kommerzieller Programme für Flowsheeting-Simulationen zur Verfü-
gung. Bekannte Vertreter dafür sind unter anderem CHEMCAD, ASPEN Plus und SuperPro
Designer. Insbesondere ASPEN wird zunehmend für Anwendungsfelder komplexer Stoffsys-
teme genutzt (Schultmann, 2003).
Flowsheeting-Systeme eignen sich zur Abbildung der Modellanlage. So liegen bereits einige
Flowsheeting-Simulationen für Teile einer n-Butanolanlage vor (vgl. hierzu: Wu et al. (2007),
Mansur et al. (2010)). Die Modellierung der Modellanlage mit Hilfe eines Flowsheeting-
Ansatzes resultiert im Hinblick auf die Datenlage jedoch in nicht problemadäquatem Auf-
wand und wird daher in dieser Arbeit nicht weiter verfolgt.
4.1.2 Ableitung des Modellierungsrahmens
Die Modellierung erfordert die Definition des Bilanzraumes, des Aggregationsgrades und des
Betrachtungszeitraumes. Alle drei Größen werden in den folgenden Kapiteln diskutiert und
für die Modellanlage aus der Aufgabenstellung abgeleitet.
4.1.2.1 Bilanzraum
Das Produktionssystem zur Herstellung von n-Butanol aus Weizenstroh umfasst die Pro-
zessstufen Produktion von Weizenstroh, Transport von Weizenstroh, Produktion von n-Butanol
in der Modellanlage, Transport und Einsatz. Alle Prozessstufen lassen sich in weitere Prozes-
se und Teilprozesse unterteilen (siehe nachfolgendes Kapitel 4.1.2.2). Die Produktion von
Weizenstroh wie auch der Transport und der Einsatz sind für die Auslegung der Modellanlage
nicht von Bedeutung. Sie werden in Kapitel 6 zur Ermittlung der Nachhaltigkeit des Einsat-
zes von n-Butanol herangezogen.
Der Bilanzraum der Modellanlage umfasst daher ausschließlich den Abschnitt Produktion
von n-Butanol in Modellanlage. Im Bilanzraum enthalten sind die Prozesse Biomassevorberei-
tung, Fermentation und Separation. Er enthält ebenfalls die Wasseraufbereitung, die der
Übersicht halber jedoch nicht separat dargestellt wird. Der Bilanzraum entspricht somit der
Systemgrenze der Anlage (siehe Abbildung 4-4). Eine detaillierte Betrachtung erfolgt wäh-
rend der Umsetzung der Stoff- und Energieströme in den Kapiteln 4.2 beziehungsweise 4.3.
4.1. Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
65
Abbildung 4-4: Prozessstufen in der Produktion von n-Butanol aus Weizenstroh
4.1.2.2 Aggregationsgrad
Für die Modellierung ergeben sich unterhalb der Betriebsebene drei Ansätze, die sich in ih-
rem Detaillierungsgrad unterscheiden. Dies sind der White-, Grey- und Black-Box-Ansatz. Im
White-Box-Ansatz liegen die Prozesse vollständig disaggregiert vor. Er ermöglicht eine hohe
Abbildungstiefe, kann jedoch in einem nicht problemadäquaten Lösungsaufwand des Mo-
dells resultieren (siehe Kapitel 4.1.1.4). Der Grey-Box-Ansatz beschreibt Abhängigkeiten
stärker aggregiert. Er fasst Prozesse zusammen und legt lediglich ausgewählte Teilprozesse
disaggregiert dar. Der Grey-Box-Ansatz bildet damit die Abstufung zwischen dem White- und
dem Black-Box-Ansatz. Der Black-Box-Ansatz weist die höchste Aggregationsstufe auf und
beschreibt keine Teilprozesse mehr. Er bietet eine hohe Übersichtlichkeit, kann jedoch in
Abhängigkeit der Anforderungen an den Detaillierungsgrad auch zu einer unzweckmäßigen
Verkürzung der Komplexität eines Produktionssystems führen (Penkuhn, 1997; Daenzer, et
al., 1999). Abbildung 4-5 verdeutlicht die Unterschiede der Aggregationsebenen in einer
Übersicht.
Abbildung 4-5: Aggregationsebenen der Prozessabbildung (in Anlehnung an
Dykhoff und Spengler (2010))
Die Wahl der geeigneten Abbildungstiefe ist von den Anforderungen an den Modellierungs-
ansatz abhängig. Die Abbildung der Modellanlage erfolgt mit der Maßgabe, funktionale Zu-
Anbau
Ernte und
Bereitstellung
Transport
Biomasse-
vorbereitung
Fermentation
Separation
Produktion von
Weizenstroh
Transport
Produktion von n-Butanol
in Modellanlage
Transport
Verbrennung
Transport
Einsatz
Black-Box-Modell
Disaggregation
Grey- / White-Box-
Modell
66
sammenhänge sowie die relevanten Stoff- und Energieströme zwischen den Produktionsstu-
fen transparent darzustellen. Darüber hinaus muss die Anforderung nach einer unkompli-
zierten Berücksichtigung von technologischem Fortschritt erfüllt sein. Im Folgenden wird
daher zur Abbildung der Modellanlage der Grey-Box-Ansatz gewählt.
4.1.2.3 Betrachtungszeitraum
Der übliche Betrachtungszeitraum in der Abbildung prozesstechnischer Anlagen ist eine
Stunde. Im Folgenden werden alle Stoff- und Energieströme der Modellanlage auf diesen
Zeitraum bezogen. Für die Kapazitätsberechnung der Anlage ist dies jedoch nicht sinnvoll.
Denn auch im ordnungsgemäßen Betrieb unterliegt jede prozesstechnische Anlage War-
tungs- und Instandhaltungsanforderungen, für die die Anlage herunterzufahren ist. Darüber
hinaus können weitere ungeplante Betriebsunterbrechungen durch technische Schwierigkei-
ten eintreten, die bei nicht etablierten Technologien tendenziell häufiger sind. Für die Kapa-
zitätsberechnung wird daher der Betrachtungszeitraum von einem Jahr gewählt.
4.1.3 Entwicklung eines angepassten aktivitätsanalytischen Ansatzes zur
Modellierung des zu untersuchenden Produktionssystems
Wie in Kapitel 4.1.1 herausgestellt, erfüllt die Aktivitätsanalyse die an Modellierungsansätze
gestellten Anforderungen und eignet sich insbesondere im Hinblick auf die Einbindung von
Flowsheeting-Modellen. Auf Basis des abgeleiteten Modellierungsrahmens wird die Aktivi-
tätsanalyse im Folgenden auf das zu untersuchende Produktionssystem übertragen. Die De-
finition von Stoff- und Energieströmen basiert auf der in Kapitel 4.1.1 dargestellten
Nomenklatur. Die Inputgrößen , die den Rohstoffeinsatz wiedergeben, werden
durch die Klasse Hilfs- und Betriebsstoffe erweitert. Hierunter fallen auch Ener-
gieträger und elektrische Energie. In ähnlicher Weise erfolgt eine Erweiterung der Output-
größen beziehungsweise Produkte um die Kategorien für
Nebenprodukte sowie für Zwischenprodukte und Reststoffe. Zwischenprodukte
und Reststoffe weisen gemeinsame Eigenschaften auf und werden daher in der gleichen
Klasse abgebildet. Werden Zwischenprodukte nicht weiterverwendet und verlassen die Sys-
temgrenze, werden sie zu Reststoffen. Für Zwischenprodukte, die die Systemgrenze nicht
überschreiten, nimmt der Umweltvektor den Wert null an. Die ermittelten Aktivitäten des
abzubildenden Systems werden im m-dimensionalen Güterraum
abgebildet. Alle Aktivitäten lassen sich wie folgt darstellen:
4.1. Methodisches Vorgehen der Stoff- und Energiestrommodellierung
67
Gleichung 4.13
[
]
Aus der Menge aller Aktivitäten lässt sich der Umweltvektor ermitteln (siehe auch Ka-
pitel 4.1.1). Dieser bildet alle die Systemgrenze überschreitenden Input- und Outputgrößen
ab. Der Umweltvektor wird durch die Intensitäten bedingt, deren Kombination
für jeden Betriebspunkt einzigartig ist. Für einen spezifischen Betriebspunkt gilt auch der in-
vertierte Zusammenhang. Die spezifischen Intensitäten ergeben sich aus dem
Nachfragevektor . Der Produktstrom der Modellanlage besteht aus den drei Produkten
n-Butanol , Aceton und Ethanol . Für alle anderen Positionen nimmt er den
Wert null an:
68
Gleichung 4.14
[
]
[
]
[
]
Ergebnis aus Gleichung 4.14 ist die Darstellung der Intensitäten als Funktion der
Nachfrage nach den Produkten . Die stündliche Nachfrage nach den Produkten
multipliziert mit der Betriebsdauer entspricht im planungsgemäßen Betrieb der Jahreskapa-
zität . Mit Hilfe der spezifischen Intensitäten lassen sich alle weiteren
Stoffflüsse des spezifischen Umweltvektors ableiten:
Gleichung 4.15
∑
mit:
Nachfragevektor
t h-1
Betriebsstunden
h a-1
Kapazität
t a-1
4.2 Umsetzung der Stoffstrommodellierung
Für das Konzept der n-Butanol-Fermentation auf Basis von Weizenstrohhydrolysat liegt bis-
lang kein detailliertes großtechnisches Umsetzungskonzept vor. Für die Umsetzung des Ba-
sisszenarios werden experimentelle Ergebnisse auf den industriellen Maßstab übertragen.
Dabei kommen im Basisszenario überwiegend erprobte Technologien zum Einsatz. Das Ziel
ist die Modellierung eines technologisch umsetzbaren Vorschlages als Grundlage für die Er-
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
69
mittlung der Energieströme und die Erweiterung des Modells um eine wirtschaftliche und
ökologische Betrachtung. Die Optimierung der Modellanlage im Hinblick auf die Auswahl der
besten zur Verfügung stehenden Technologie ist nicht Gegenstand der Betrachtung. Sie wird
in Kapitel 7 in der Identifizierung des Fortschrittsszenarios aufgenommen.
Die folgende Stoffstrommodellierung basiert auf den in Kapitel 2.4 vorgestellten Verfah-
ren zur Herstellung von n-Butanol. Diese werden im Hinblick auf die in Kapitel 4.1.3 entwi-
ckelten Bedingungen in den angepassten aktivitätsanalytischen Ansatz überführt. Alle
relevanten Prozesse können zu vier Aktivitäten gebündelt werden. Der funktionale Zusam-
menhang der Aktivitäten wird vorerst qualitativ beschrieben (siehe Abbildung 4-6) und er-
folgt in den folgenden Kapiteln detailliert.
Die Auslegung der Anlage basiert auf der Annahme, dass Elektrizität, Frischwasser und
Kühlwasser am Standort zur Verfügung stehen und in der benötigten Menge bezogen wer-
den können. Die Modellanlage wird in der Basisversion auf eine Kapazität von 100.000 t a-1
ausgelegt.
Abbildung 4-6: Prozessstufen sowie Stoff- und Energieströme des Bilanzraums
Biomassevorbereitung
In der Rohstoffannahme wird das Weizenstroh kurzzeitig zwischengelagert und anschlie-
ßend mittels eines Häckslers zerkleinert. Es folgt eine thermische Säurebehandlung mit
Schwefelsäure und anschließende Neutralisation mit Calciumhydroxid. Der dabei entstehen-
de Gips wird entfernt. Abschließend wird die Maische in die Fermentation geleitet.
Gebläse
Fermenter
N-Butanol-
destillation
Aceton-
destillation
Ethanol-
destillation
Säurevor-
behandlung
Wirbelschicht-
verbrennung /
Dampfkessel
MBV-
Verdampfer
Turbo-
generator
Weizenstroh
Ca(OH)2
Wasser
H2SO4
Prozessdampf
Kühlwasser
Elektr. Energie
Gips
Enzyme
Asche
Ethanol
Aceton
N-Butanol
Häcksler
Rekonden-
sation
Adsorption
Neutralisa-
tion
Biomassevorbereitung
Fermentation
Wasseraufbereitung
Separation
70
Fermentation
Die Maische aus der Biomassevorbereitung gelangt in die Fermenter. Es ist ein Reihe von
Fermentern vorgehsehen, die durch zeitversetzten Ansatz einen semi-kontinuierlichen Be-
trieb ermöglichen. Dort findet eine simultane Verzuckerung und Fermentation statt. Dazu
wird das Substrat mit Enzymen versetzt und das Inokulum hinzugegeben. Cellulose und He-
micellulose werden mit der Hilfe von Enzymen zu C5- und C6-Zuckern aufgeschlossen.
Gleichzeitig setzen Mikroorganismen die freigesetzten Zucker zu den ABE-Produkten Aceton,
n-Butanol und Ethanol um.
Die ABE-Produkte werden über kontinuierliche Produktabtrennung in-situ durch Gas-
Stripping entfernt. Die Fermenter sind daher als Airlift-Fermenter ausgeführt. Als Stripping-
gas wird das entstehende Fermentationsgas genutzt. Es besteht fast ausschließlich aus Koh-
lenstoffdioxid und entfernt neben den ABE-Produkten auch geringe Anteile Wasser aus der
Maische. Der gasförmige Strom wird kondensiert und in die Separation geleitet. Die zurück-
bleibende Fermentationsbrühe gelangt über einen Pufferbehälter in die Wasseraufbereitung.
Separation
Das Kondensat aus der Fermentation gelangt in die erste von drei Kolonnen, die n-Butanol
von den übrigen Produkten und Wasser trennt. Analog separiert die zweite Kolonne Aceton
und lässt Ethanol und Wasser zurück. Ethanol und Wasser werden in der dritten Kolonne ge-
trennt. Anschließend findet eine Reinigung des Ethanols, das Restbestandteile von Aceton
und Wasser enthält, in der Adsorption statt. Die Separation leitet alle Produkte anschließend
in das Tanklager. Das abgetrennte Wasser wird im Kreislauf in die Biomassevorbereitung zu-
rückgeführt.
Wasseraufbereitung
Die nach der Fermentation zurückbleibende Fermentationsbrühe wird einem Verdampfer
zugeführt, der mit einem mechanischen Brüdenverdichter ausgestattet ist. Der dabei ver-
dampfte und rekondensierte Wasserstrom wird erneut in die Biomassevorbereitung geleitet,
die Rückstände in eine Wirbelschichtverbrennung geführt. Dort wird mittels eines Dampf-
kessels Prozessdampf für den Betrieb einer Dampfturbine zur Bereitstellung elektrischer
Energie erzeugt. Der für den Betrieb der Modellanlage notwendige Prozessdampf wird der
Dampfturbine entnommen, während der übrige durch einen Kondensator vollständig ent-
spannte Dampf als Speisewasser erneut dem Kessel zugeführt wird.
4.2.1 Biomassevorbereitung
Die Biomassevorbereitung, Aktivität , umfasst die Rohstoffannahme von Weizenstroh, die
Zerkleinerung von Weizenstroh, die Säurevorbehandlung, die Neutralisation und das Abküh-
len. Das Ziel ist die Bereitstellung von vergärbaren beziehungsweise enzymatisch simultan
zur Vergärung aufschließbarer Zucker. Abbildung 4-7 zeigt die Aktivität schematisch in der
Übersicht.
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
71
Abbildung 4-7: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Biomassevorbereitung
Dem Grey-Box-Ansatz folgend werden im vorliegenden Kapitel dazu alle relevanten Stoff-
ströme der Aktivität ermittelt und am Ende in Form eines tabellarischen Aktivitätsvektors
dargestellt (siehe Tabelle 4-1).
Tabelle 4-1: Darstellung der Stoffstromvektoren der Aktivität Biomassevorbereitung
Stoffstromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
Weizenstroh
t h-1
zu ermitteln
Wasseranteil in
feuchtem Weizenstroh
t h-1
Wasser
t h-1
Schwefelsäure
t h-1
Calciumhydroxid
t h-1
Aufschließbares Substrat
t h-1
Reststoffe in Maische
t h-1
Wasser in Maische
t h-1
Gips
t h-1
Experimentelle Grundlagen
Die Modellierung der Biomassevorbereitung basiert auf dem von Qureshi et al. (2007a) und
Qureshi et al. (2007b) im Labormaßstab eingesetzten Vorgehen, das im Folgenden vorge-
stellt wird. Anschließend erfolgt die Übertragung des experimentellen Aufbaus auf den groß-
technischen Maßstab.
Im experimentellen Aufbau zerkleinern Qureshi et al. (2007a) getrocknetes Weizenstroh
mit einer Hammermühle. In der anschließenden Säurebehandlung werden Cellulose und
Hemicellulose aus dem Stroh herausgelöst. Qureshi et al. nutzen dafür verdünnte Schwefel-
säure (1,75 % (m/m) H2SO4), die pro Liter mit 86 g zerkleinertem Weizenstroh versetzt
Weizenstroh
Ca(OH)2
Wasser
H2SO4
Prozessdampf
Kühlwasser
Elektr. Energie
Gips
Maische
Neutralisa-
tion
Häcksler Säurevor-
behandlung
72
wird. Das entspricht einem Säure/Stroh-Verhältnis
von 20,5 % (m/m) und einem
Biomasse/Wasser-Verhältnis
von 8,6 % (m/m). Die Hydrolyse erfolgt durch Au-
toklavieren des Gemisches für 60 min, 121 °C und etwa 2 bar
18
. Anschließend wird das Ge-
misch auf 35 °C abgekühlt und mit Natriumhydroxid neutralisiert.
Aus der Menge von 86 g Weizenstroh können 55 g enzymatisch aufschließbare Zucker
gewonnen werden. Das entspricht einem Hydrolysegrad aller Zucker von 83,8 % (m/m)
19
.
Auf die eingesetzte Biomasse bezogen ergibt sich daraus ein Nutzungsgrad des Weizenstrohs
von 64,0 % (m/m). Ein Teil des Zuckers, insbesondere Xylose, liegt zu diesem Zeit-
punkt bereits aufgeschlossen vor. Der vollständige Aufschluss erfolgt jedoch in der simulta-
nen Hydrolyse und Fermentation. In der nachfolgenden Fermentation erreichen Qureshi et
al. (2007a) einen Hydrolysegrad der hydrolysierten Cellulose und Hemicellulose
von 95 % (m/m).
Umsetzung
Im Folgenden wird eine großtechnische Umsetzung zur Übertragung des Vorgehens vorge-
schlagen. Dazu wird ein Prozess von Kumar et al. (2011) herangezogen und entsprechend
modifiziert. Kumar et al. untersuchten den Einsatz von Rohrschwingelstroh zur Herstellung
von Ethanol mit Hilfe einer Flowsheeting-Simulation. Die Herangehensweise zur großtechni-
schen Realisierung lässt sich auf die Verarbeitung von Weizenstroh in der Modellanlage
übertragen und wird im Folgenden vorgestellt.
Nach der Rohstoffannahme und dem Transport mittels eines Bandförderers wird das
Weizenstroh durch einen Häcksler zerkleinert. Es folgt eine Verdünnung des gehäckselten
Strohs mit Wasser. Die Mengenangaben für Weizenstroh beziehen sich daher im Folgenden
auf die Trockenmasse (TM). Der im bereitgestellten Weizenstroh enthaltene Wasseranteil
beträgt für den Raum Deutschland durchschnittlich 14 % (m/m) (Kappler, 2008)
und ergibt sich aus Gleichung 4.16:
Gleichung 4.16
mit:
Stoffstromvektor Wasser in
Weizenstroh
t h-1
Stoffstromvektor
Weizenstroh
t h-1
Faktor Feuchtigkeit Stroh
-
Die Menge des darüber hinaus eingesetzten Wassers wird durch das Biomasse/Wasser-
Verhältnis bestimmt. Qureshi et al. (2007a) führen die Vorbereitung mit einem Biomas-
se/Wasser-Verhältnis
von 8,6 % (m/m) durch, was zu einem Wasserbedarf von
18
Druckangabe Autoklav aus Schlegel (1992)
19
Für die Zusammensetzung des Weizenstrohs verweisen Qureshis et al. (2007a) auf die Ausführungen von Saha et
al. (2005)
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
73
etwa 11,63 t t-1 Weizenstroh führt. Je höher das Biomasse/Wasser-Verhältnis ist, desto klei-
ner sind die benötigten Baugrößen. Darüber hinaus nimmt der Energiebedarf für thermische
und mechanische Operationen bei gleicher Kapazität ab. Im Hinblick auf einen geringen Roh-
stoff- und Energiebedarf wird ein möglichst hohes Biomasse/Wasser-Verhältnis angestrebt.
In der Biomasseaufbereitung führt eine Erhöhung des von Qureshi et al. (2007a) vorgesehe-
nen Biomasse/Wasser-Verhältnisses von 8,6 % (m/m) auf 15 % (m/m) zu einer annähern-
den Halbierung der benötigten Wassermenge . Diese wird auf Basis von
Literaturangeben im Folgenden auf ihre Umsetzbarkeit überprüft. Die Betrachtung kann
nicht nur im Hinblick auf die in diesem Kapitel diskutierte Biomassevorbereitung erfolgen,
sondern muss auch auf die folgenden Aktivitäten ausgedehnt werden. Daher wird die The-
matik in Kapitel 4.2.2 für die enzymatische Hydrolyse erneut aufgenommen.
Literaturangaben zu einem erhöhten Biomasse/Wasser-Verhältnis in der Biomassevorberei-
tung liegen zwar für Weizenstroh vor, unterscheiden sich jedoch bezügliche der Prozesspa-
rameter und eingesetzten Enzyme vom vorgestellten Vorgehen Qureshis et al. (2007a;
2007b). Eine Abschätzung der Umsetzbarkeit kann mit Hilfe der Ausführungen von Koostra
et al. (2009) vorgenommen werden.
Koostra et al. (2009) untersuchten den Aufschluss von Weizenstroh mit einem Biomas-
se/Wasser-Verhältnis von 20 % (m/m). Im Gegensatz zu Qureshi et al. (2007b) setzten
Koostra et al. 35 % weniger Schwefelsäure ein, was einem Säure/Reststroh-Verhältnis
von 5,2 % (m/m) entspricht. Darüber hinaus wird eine um 50 % auf 30 Minuten
reduzierte Einwirkzeit und eine um 30 °C höhere Temperatur von 150 °C gewählt. Darüber
hinaus setzen Koostra et al. für den enzymatischen Aufschluss im Gegensatz zu Qureshi et al.
ausschließlich Cellulase, keine β-Glukosidase und keine Xylanase ein. Der von Koostra et al.
erreichte Hydrolysegrad nach einer Enzymbehandlung beträgt dennoch über 90 % (m/m)
Glukose und über 80 % (m/m) Xylose. Gleichwohl lassen sich die Versuche von Qureshi et al.
und Koostra et al. aufgrund ihrer unterschiedlichen Parameter nicht direkt vergleichen.
Für den Aufschluss von Strohhydrolysaten ist bekannt, dass neben der absoluten Enzymkon-
zentration insbesondere die optimale Zusammenstellung von Enzymen eine große Rolle für
den Hydrolysegrad spielt (Rosgaard, et al., 2007b). Der Vergleich zeigt vielmehr, dass hohe
Aufschlussgrade auch mit einem deutlich höheren Biomasse/Wasser-Verhältnis von
20 % (m/m) als dem von Qureshi et al. (2007b) untersuchten von 8,6 % (m/m) möglich sind.
Außerdem zeigt sich, dass diese auch durch ein deutlich geringeres Säure/Reststroh-
Verhältnis erzielt werden können. Für die geplante großtechnische Umsetzung des Experi-
mentes von Qureshi et al. liegen daher keine Anhaltspunkte vor, die gegen die geplante Modi-
fikation sprechen. Im Vergleich zu Koostra et al. (2009) ist das geplante Biomasse/Wasser-
Verhältnis von 15 % (m/m) deutlich geringer und das Säure/Reststroh-Verhältnis von 10,3
% (m/m) bei einer unveränderter Säurekonzentration von 1,8 % (m/m) deutlich höher.
Qureshi et al. erreichen in der von ihnen vorgenommenen Biomassevorbereitung einen Auf-
schlussgrad
von 64,0 % (m/m).
74
Im Folgenden wird angenommen, dass dieses Ergebnis bei einem konstanten En-
zym/Biomasse-Verhältnis auch für ein Biomasse/Wasser-Verhältnis von 15 % (m/m) zu er-
reichen ist. Der Wasserbedarf ergibt sich ausgehend davon durch die nachfolgende
Gleichung.
Gleichung 4.17
mit:
Stoffstromvektor Wasser
t h-1
Stoffstromvektor
Weizenstroh
t h-1
Faktor Biomasse/Wasser
-
Stoffstromvektor Wasser
in Weizenstroh
t h-1
Die Suspension wird bis zum Säure/Stroh-Verhältnis
von 10,3 % (m/m) mit
Schwefelsäure versetzt und in einen Reaktor gepumpt. Dort wird sie für 60 Minuten bei
121 °C und etwa 2 bar
20
bei ständiger Agitation durch ein Rührwerk vorbehandelt. Der Stoff-
stromvektor für Schwefelsäure lässt sich nach folgender Gleichung abschätzen:
Gleichung 4.18
mit:
Stoffstromvektor
Schwefelsäure
t h-1
Stoffstromvektor
Weizenstroh
t h-1
Faktor Säure/Stroh
-
Der Stoffstromvektor des aufschließbaren Substrates ergibt sich damit zu:
Gleichung 4.19
mit:
Aufschließbares Substrat
t h-1
Stoffstromvektor
Weizenstroh
t h-1
Nutzungsgrad
Weizenstroh
t t-1
Gerade in höheren Konzentrationen können sich Salze auf die anschließende Fermentation
inhibitorisch auswirken (Qureshi, et al., 2008a). Im Gegensatz zu Qureshi et al. (2007a) wird
20
Druckangabe Autoklav aus Schlegel (1992)
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
75
in der anschließenden Neutralisation Calciumhydroxid anstatt Natriumhydroxid zugegeben.
Als Reaktionsprodukt entsteht daher Calciumsulfat anstelle von Natriumsulfat. Calciumsulfat
weist mit 2 g L-1 (IFA, 2012a) eine geringere Wasserlöslichkeit als Natriumsulfat mit
170 g L-1 auf (IFA, 2012b) und fällt daher anteilig aus. Calciumhydroxid wird dem Gemisch
im stöchiometrischen Verhältnis
0,76 zu Schwefelsäure zugegeben. Der
Stoffstromvektor an Calciumhydroxid lässt sich wie folgt abschätzen:
Gleichung 4.20
mit:
Stoffstromvektor Calci-
umhydroxid
t h-1
Stoffstromvektor Schwe-
felsäure
t h-1
Verhältnis Calcium-
hydroxid/Schwefelsäure
-
Dabei entsteht im Massenverhältnis
1,39 Calciumsulfat beziehungsweise Gips.
Ausgehend von der maximalen Gipskonzentration
von 2 g L-1 fallen von den
2,43 g L-1 Gips im neutralisierten Gemisch 0,43 g L-1 aus. Höhere Biomasse/Wasser-
Verhältnisse, wie in später untersuchten Szenarien, führen jedoch zu deutlich höheren Gips-
übersättigungen. Der Gips lässt sich mittels eines Hydrozyklons und einer Vakuumfiltration
abfiltrieren (Kumar, et al., 2011). Da dabei feste zellulosehaltige Bestandteile gemeinsam mit
dem Gips entfernt würden, werden vor der Neutralisierung alle festen Bestandteile abge-
trennt und nach der Filtration wieder hinzugefügt.
Kumar et al. geben für die abgetrennte Menge einen Wassergehalt von 15 % (m/m) an. Es
wird angenommen, dass analog 15 % (m/m) der eingesetzten Schwefelsäure im abgetrenn-
ten Anteil enthalten sind, deren Neutralisierung nach der Filtration erfolgt. Die eingesetzte
Menge Calciumhydroxid ändert sich dadurch nicht. Jedoch vermindert sich die abtrennbare
Menge an Gips beziehungsweise der Abtrennungsgrad
auf 85 % (m/m). Der nach
der Rückführung der Feststoffe entstehende Gips kann nicht mehr abgetrennt werden. Eine
Ablagerung in Maschinenteilen ist auf dem Weg zur Wasseraufbereitung jedoch nicht zu er-
warten. Der sich aus der Neutralisation ergebene Stoffstromvektor von Gips ergibt sich
aus Gleichung 4.21:
76
Gleichung 4.21
(
)
mit:
Stoffstromvektor Gips
t h-1
Stoffstromvektor
Schwefelsäure
t h-1
Verhältnis
Gips/Schwefelsäure
-
Maximale
Gipskonzentration
g L-1
Stoffstromvektor
Wasser
t h-1
Stoffstromvektor
Wasser in Weizenstroh
t h-1
Abtrennungsgrad Gips
t t-1
Bei der thermischen Behandlung mit Schwefelsäure entstehen unter anderem Furfural und
Hydroxymethylfurfural (HMF). Diese gelten allgemein als Inhibitoren. Ezeji et al. (2007) und
Qureshi et al. (2011) konnten dahingegen zeigen, dass sich Zugaben von Furfural und HMF
positiv auf die Fermentationsgeschwindigkeiten von C. beijerinckii BA101 beziehungsweise
C. beijerinckii P260 auswirken. Es wird daher auch in der großtechnischen Umsetzung keine
Entgiftung des thermisch behandelten Weizenstrohsubstrats vorgenommen.
Neben dem aufschließbaren Substrat enthält die Maische weitere Bestandteile, die in die
Kategorien Wasser und Reststoffe unterteilt werden. Das in der Maische enthaltene Wasser
enthält zwar das bei der Bildung von Gips frei werdende Wasser, jedoch erhöht sich
durch die Hydrolyse das Molgewicht der aufschließbaren Zucker gegenüber den polymeri-
sierten Ausgangsstoffen um einen Faktor
von etwa 10,5
21
% (m/m). Unter dieser
Berücksichtigung ergibt sich der Stoffstromvektor zu:
Gleichung 4.22
mit:
Stoffstromvektor Wasser
in Maische
t h-1
Stoffstromvektor Was-
ser in Weizenstroh
t h-1
Stoffstromvektor Wasser
t h-1
Stoffstromvektor
Calciumhydroxid
t h-1
Stoffstromvektor
Schwefelsäure
t h-1
Faktor Gips
-
Aufschließbares Substrat
t h-1
Faktor Wasserbedarf
Hydrolyse
-
Nicht aufgeschlossenes Substrat, Lignin, gelöster Gips, Asche und weitere Stoffe werden im
Stoffstromvektor der Reststoffe zusammengefasst. Unter Berücksichtigung des Was-
21
Wie oben beschrieben, liegt vor der enzymatischen Hydrolyse nur ein Teil der Monomere hydrolysiert vor. Auf ei-
ne Differenzierung diesbezüglich und die Berücksichtigung einzelnen Monomeranteile wird im Hinblick auf die Ziel-
setzung der Arbeit verzichtet.
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
77
serbedarfes für die Hydrolyse
lässt sich die Höhe des Reststoffaufkommens wie folgt
abschätzen:
Gleichung 4.23
mit:
Stoffstromvektor Rest-
stoffe in Maische
t h-1
Stoffstromvektor
Weizenstroh
t h-1
Stoffstromvektor Auf-
schließbares Substrat
t h-1
Faktor Wasserbedarf
Hydrolyse
-
Stoffstromvektor
Schwefelsäure
t h-1
Faktor Gips
-
Stoffstromvektor Gips
t h-1
Wie in der Einleitung erläutert, werden die Anteile des Weizenstrohs, die nicht zur Erzeu-
gung von ABE-Produkten eingesetzt werden können, zur Bereitstellung von Prozessdampf
beziehungsweise elektrischer Energie herangezogen. Dafür stehen in den Reststoffen der
Maische nicht aufschließbare Cellulose beziehungsweise Hemicellulose, Lignin und weitere
Bestandteile zur Verfügung. Im Folgenden werden die Anteile dieser Bestandteile in den
Reststoffen der Maische auf Basis der Zusammensetzung von Weizenstroh abgeschätzt.
In Abbildung 4-8 sind die Weizenstrohbestandteile dargestellt. Der Anteil Cellulose und He-
micellulose
beträgt 76,3 % (m/m), der von Lignin
und sonstigen Be-
standteilen
8,2 beziehungsweise 8,9 % (m/m). Die Ermittlung der nutzbaren
Energie erfolgt in Kapitel 4.3.4.
Abbildung 4-8: Zusammensetzung von Weizenstroh.
Darstellung auf Basis von Saha et al. (2005)
Der Anteil von Cellulose und Hemicellulose im eingehenden Weizenstroh
beträgt
76,3 % (m/m). Da Cellulose und Hemicellulose nicht vollständig in aufschließbare Zucker
umgewandelt werden können, entspricht der in den Reststoffen der Maische zurückbleiben-
de Anteil
der Differenz.
48,57
27,7
8,17
6,68
8,88
Cellulose
Hemicellulose
Lignin
Asche
Sonstige
78
Gleichung 4.24
mit:
Konz. Cellulose / Hemicellulo-
se in Maischereststoffen
t t-1
Konz. Cellulose / Hemi-
cellulose in Weizenstroh
Stoffstromvektor
Weizenstroh
t h-1
Stoffstromvektor Auf-
schließbares Substrat
t h-1
Faktor Wasserbedarf
Hydrolyse
-
Stoffstromvektor Rest-
stoffe in Maische
t h-1
Der Anteil von Lignin
und sonstigen Bestandteilen
in den Reststoffen der
Maische lassen sich auf der gleichen Basis wie folgt abschätzen.
Gleichung 4.25
mit:
Konzentration Lignin / Sons-
tige in Maischereststoffen
t t-1
Konzentration Lignin /
Sonstige in Weizenstroh
t t-1
Stoffstromvektor Reststoffe
in Maische
t h-1
Stoffstromvektor Wei-
zenstroh
t h-1
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
79
Ergebnis der Umsetzung
Die resultierenden Stoffströme der beschriebenen Umsetzung werden auf die Menge von ei-
ner t Weizenstroh ( bezogen. Sie lassen sich wie folgt darstellen.
Tabelle 4-2: Stoffstromvektoren der Aktivität Biomassevorbereitung
Stoffstromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
Weizenstroh
t h-1
-1
Wasseranteil in feuchtem
Weizenstroh
t h-1
-0,16
Wasser
t h-1
-6,50
Schwefelsäure
t h-1
-0,10
Calciumhydroxid
t h-1
-0,08
Aufschließbares Substrat
t h-1
0,64
Reststoffe in Maische
t h-1
0,46
Wasser in Maische
t h-1
6,64
Gips
t h-1
0,11
4.2.2 Fermentation
In der Batch-Fermentation finden drei Prozessschritte statt, die, wie auch im vorherigen
Kapitel, abschließend in Form eines tabellarischen Aktivitätsvektors dargestellt werden. Zu-
erst wird die vorbehandelte Strohsuspension aus der Biomassevorbereitung durch die Zuga-
be von Enzymen hydrolysiert. Anschließend erfolgt die Fermentation zu ABE-Produkten, die
in-situ abgeführt werden. Dazu verfügen die Fermenter über eine Produktabtrennung mit-
tels kreislaufgeführter Fermentationsgase (Gas-Stripping). Die in den Fermentern durch das
Durchströmen des kreislaufgeführten Fermentationsgases erzeugte Agitation ersetzt dabei
das Rührwerk. Abbildung 4-9 zeigt den Prozess in der Übersicht. Für die experimentelle
Grundlage der Fermentation wird auf eine Versuchsreihe von Qureshi et al. (2007a) zurück-
gegriffen, die bereits zur Darstellung der Biomassevorbereitung herangezogen wurde. Das
Vorgehen und die Ergebnisse Qureshis et al. zur Fermentation werden im Folgenden vorge-
stellt. Aufbauend darauf erfolgt die Übertragung auf die großtechnische Realisierung.
80
Abbildung 4-9: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Fermentation
Experimentelle Grundlagen
Qureshi et al. (2007a) setzen der vorbehandelten Weizenstrohsuspension das Inokulum,
Nährstoffe und Enzyme zu. Auf 55 g L-1 in der Suspension enthaltene aufschließbare Zucker
22
werden 6 ml der Enzymlösungen Celluclast 1.5L, Novozyme 188 und Viscostar 150L hinzu-
gefügt. Zu Beginn der Fermentation liegen 26,1 g L-1 Zucker vor, die bereits während der Bi-
omassevorbereitung freigesetzt wurden und für die Fermentation von Beginn an zur
Verfügung stehen. Zeitgleich zur Fermentation werden weitere Zucker enzymatisch aufge-
schlossen. Der Hydrolysegrad
des aufschließbaren Substrates beträgt 95 % (m/m).
Der Fermenter wird ab der 23. Betriebsstunde mit den aufgefangenen Fermentationsgasen
durchströmt und verringert den ABE-Gehalt bis zum Ende der Fermentation bei 72 h von
etwa 10 auf unter 2 g L-1. Dabei wird das aufgeschlossene Substrat mit einem ABE-
Umsetzungsgrad
von 0,41
23
g zu ABE-Produkten umgewandelt. Die Fermentations-
rate der ABE-Produkte
beträgt dabei 0,31 g L-1 h-1.
Nachfolgend wird eine großtechnische Umsetzung des Versuches vorgeschlagen. Zunächst
wird jedoch eine Abschätzung zur Einsetzbarkeit der Weizenstrohsuspension mit erhöhtem
Biomasse/Wasser-Verhältnis von 15 % (m/m) vorgenommen (siehe Kapitel 4.2.1). Dabei
wird zum einen die technische Verarbeitbarkeit der Suspension anhand der Viskositätsände-
rung untersucht, zum anderen die Auswirkung eines erhöhten Gehaltes an Inhibitoren auf
die Fermentation betrachtet.
22
Für die Ausbeute an aufschließbaren Zuckern verweisen Qureshi et al. (2007a) auf eine andere Veröffentlichung
(Qureshi, et al., 2007c)
23
Pro kg Substrat wird die Zusammensetzung der ABE-Produkte mit 0,33 kg Aceton, 0,63 kg n-Butanol und 0,04 kg
Ethanol angegeben (Qureshi, 2012b).
Maische
Enzyme
Kühlwasser
Elektr. Energie
Kondensat
Fermentations-
brühe
Rekonden-
sation Gebläse
Fermenter
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
81
Rosgaard et al. (2007a) führten Versuche zum Viskositätsverhalten von Roggenstrohsuspen-
sionen in Abhängigkeit des Biomasse/Wasser-Verhältnisses während einer enzymatischen
Hydrolyse durch. Für die Hydrolyse werden die Enzyme Celluclast und Novozyme 188 mit
einer im Vergleich zu Qureshi et al. (2007a) geänderten Zusammensetzung (Verzicht auf Vis-
costar 50 L), jedoch fast identischer Menge, eingesetzt. Dabei wurden unter anderem Proben
mit den Biomasse/Wasser-Verhältnissen von 5, 10 und 15 % (m/m) untersucht. Erwar-
tungsgemäß übertrifft die Viskosität der Proben mit einem Biomasse/Wasser-Verhältnis von
15 % (m/m) die der beiden anderen zu Beginn um ein Vielfaches. Innerhalb der ersten 6 h
sind die Unterschiede am größten. Nach 24 h liegt die Viskosität der 15 % (m/m)-Probe noch
etwa 30 % höher als die 5 % (m/m)-Probe zu Beginn. Nach 48 h weisen alle Proben sehr ge-
ringe Viskositäten von 20 – 54 mPa s-1 auf.
Man kann davon ausgehen, dass die Ergebnisse Rosgaards et al. (2007a) in Bezug auf die
Viskosität grundsätzlich auf das Verhalten von Weizenstroh übertragbar sind. Dies gilt ins-
besondere für die von Qureshi et al. (2007a) durchgeführte zusätzliche Zugabe des Enzyms
Viscostar 50 L, durch das eine deutlich schnellere Verringerung des Viskosität erwartet wer-
den kann. Für die Modellanlage wird daher angenommen, dass bei einem Biomasse/Wasser-
Verhältnis von 15 % (m/m) eine Störung der Fermentation beziehungsweise des Gas-
Strippings durch eine Verlängerung der Hydrolysedauer um weitere 24 h ausgeschlossen
werden kann. Da die Fermentationsrate höher als die Verzuckerungsrate ist, besteht das Ri-
siko der Verringerung des Hydrolysegrades durch Produkthemmung nicht.
Die Überprüfung einer möglichen Inhibierung kann nach einem ähnlichen Vorgehen
vorgenommen werden. Ezeji et al. (2007) berichten, dass die für viele Mikroorganismen
inhibitorisch wirkenden Bestandteile Furfural und Hydroxymethylfurfural (HMF) auf
Clostridium beijerinckii BA101 stimulierend wirken. Das gleiche Ergebnis konnte auch von
Qureshi et al. (2012a) für Clostridium beijerinckii P260 nachgewiesen werden. Es liegen
drüber hinaus jedoch weitere Inhibitoren im Weizenstrohhydrolysat vor. Grundsätzlich
besteht die Möglichkeit einer Entgiftung des Hydrolysats (vgl. hierzu: Cho et al. (2009),
Purwadi et al. (2004), Jurardo et al. (2009)). Es ist jedoch nicht bekannt, inwieweit dabei
auch die stimulierenden Bestandteile des Weizenstrohhydrolysats entfernt werden. Im
Folgenden wird daher die Realisierung ohne eine Entgiftung überprüft.
Der Einfluss von Inhibitoren auf die Fermentation des Stammes Clostridium beijerinckii
P260 wurde bislang nicht detailliert untersucht. Hingegen liegen zum Stamm Clostridium
beijerinckii BA101 detaillierte Angaben vor (Ezeji, et al., 2007). Beide Stämme verhalten sich
diesbezüglich so ähnlich, dass Qureshi et al. (2007b) zur Darstellung der Inhibitortoleranz
von Clostridium beijerinckii P260 auf die Ergebnisse Ezejis et al. (2007) zu Clostridium
beijerinckii BA101 zurückgreifen. Im Folgenden werden daher die Toleranzen von
Clostridium beijerinckii BA101 ebenfalls für Clostridium beijerinckii P260 angenommen.
Ferulasäure und Syringaldehyd weisen dabei die stärkste Wirkung auf und verringern den
Umsetzungsgrad bereits ab einer Konzentration von 0,3 g L-1 um etwa 90 % (Ezeji, et al.,
2007).
82
Für andere Stämme der Clostridiaceae liegt jedoch bereits eine Reihe erfolgreicher
Berichte über deutlich höhere Toleranzen durch zielgerichtete Mutation vor. Guo et al.
(2012) untersuchten dahingehend den Stamm Clostridium beijerinckii NCIMB 8052, der wie
Clostridium beijerinckii P260 eine Inhibierung gegenüber 0,5 g L-1 Syringaldehyd und 0,5 g L-1
Ferulasäure aufweist. Auf dieser Basis wurde durch zielgerichtete Mutation der Stamm
Clostridium beijerinckii IB4 erzeugt. Im Gegensatz zum Ursprungsstamm weist er weder
gegenüber Ferulasäure (0,5 g L-1) noch Syringaldehyd (0,5 g L-1) eine Inhibierung auf.
Ähnliche Ergebnisse werden von Richmond (2010) berichtet. Er wies mit Hilfe einer
weiteren Mutation aus Clostridium beijerinckii NCIMB 8052 nach, dass auch noch höhere
Konzentration von Ferulasäure (0,75 g L-1) und Syringaldehyd (1,0 g L-1) ohne
beziehungsweise mit nur geringer Einschränkung von 20 % toleriert werden.
Da Qureshi et al. (2007a) im Experiment den Gehalt an Ferulasäure und Syringaldehyd nicht
bestimmen, kann diesbezüglich keine Aussage zu einem erhöhten Biomasse/Wasser-
Verhältnisses gemacht werden. Im Folgenden wird daher eine Abschätzung vorgenommen.
Weizenstroh enthält etwa 2 mg g-1 Ferulasäure. Davon werden in Abhängigkeit der Vor-
behandlung
24
jedoch nur 0,4 mg g-1 Ferulasäure im Hydrolysat freigesetzt (Tapin, et al.,
2006). Die durchschnittliche Freisetzung entspräche beim von Qureshi et al. (2007a) einge-
setzten Biomasse/Wasser-Verhältnis von 8,6 % (m/m) einem Gehalt von 0,03 g L-1 Feru-
lasäure. Die vollständige Freisetzung würde ein Gehalt von 0,17 g L-1 Ferulasäure bedeuten.
Analog
25
enthält das Hydrolysat bei einem Biomasse/Wasser-Verhältnis von 15 % (m/m)
durchschnittlich 0,06 g L-1 und maximal 0,34 g L-1 Ferulasäure.
Basierend auf den Ergebnissen Ezejis et al. (2007) würde die Produktivität von Clostridi-
um beijerinckii P260 bei maximaler Freisetzung auf etwa 10 % sinken. Wie die Versuchsrei-
hen zur intendierten Freisetzung Tapins et al. (2006) zeigen, kann eine vollständige
Freisetzungen jedoch praktisch ausgeschlossen werden. Bei durchschnittlicher Freisetzung
von 0,06 g L-1 Ferulasäure ist die Inhibierung von Clostridium beijerinckii P260 daher auch
ohne eine gerichtete Mutation unwahrscheinlich. Mit einem mutierten Stamm kann sie si-
cher vermieden werden.
Eine ähnliche Abschätzung lässt sich für Syringaldehyd durchführen. Lawther et al. (1996)
behandeln Weizenstroh unter deutlich harscheren Bedingungen
26
als Qureshi et al. (2007a).
Sie lösen damit 0,99 % (m/m) des enthaltenen Syringaldehyds aus dem Weizenstroh heraus.
Bezogen darauf beträgt die maximale Syringaldehydkonzentration bei einem Biomas-
se/Wasser-Verhältnis von 8,6 % (m/m) 0,85 g L-1 Syringaldehyd. Qureshi et al. berichten je-
doch von keiner Inhibierung. Da jedoch bereits unterhalb von 0,3 g L-1 Syringaldehyd eine
Inhibierung um 90 % auftritt, kann davon ausgegangen werden, dass im Experiment weit
weniger Syringaldehyd freigesetzt wurde. Nimmt man dennoch an, dass der tatsächliche Ge-
24
Vorbehandlung mit 20 % (m/m) Natriumhydroxid bei 100 °C für 60 Minuten (Tapin, et al., 2006)
25
Andere Quellen geben geringere Gehalte an freigesetzter Ferulasäure von 0,14 mg g-1 (Kaparaju, et al., 2009) und
0,115 mg g-1 (Thomsen, et al., 2009) an
26
Vorbehandlung mit 4,9 % (m/m), Säure/Stroh-Verhältnis von 196 % (m/m) bei 99 °C für 120 Minuten (Lawther,
et al., 1996)
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
83
halt im Experiment knapp unterhalb der Inhibierungsgrenze bei 0,28 g L-1 Syringaldehyd ge-
legen hat, so beträgt die Konzentration für ein Biomasse/Wasser-Verhältnis von 15 % (m/m)
maximal 0,49 g L-1 Syringaldehyd.
Wie oben gezeigt, wurde prinzipiell nachgewiesen, dass eine gerichtete Mutation hinsichtlich
einer erhöhten Inhibitortoleranz für Clostridium beijerinckii möglich ist. Der Typ Clostridium
beijerinckii P260 stammt aus der ehemaligen südafrikanischen n-Butanolproduktion
(Qureshi, 2010b). Er ist bislang nicht auf die Erfordernisse der Fermentation von Lignocellu-
losehydrolysaten optimiert worden. Wie von Guo et al. (2012) und Richmond (2010) zeigen,
liegen bereits Stämme vor, die auch bei maximaler Freisetzung (0,3 g L-1 Ferulasäure;
0,49 g L-1 Syringaldehyd) keine Einschränkungen aufweisen. Selbst wenn der Originalstamm
Clostridium beijerinckii P260 durch Syringaldehyd bei einem Biomasse/Wasser-Verhältnis
von 15 % (m/m) inhibiert würde, kann eine vollständige Inhibitortoleranz durch gerichtete
Mutation erzeugt werden.
Für die im Folgenden betrachtete Fermentation wird daher ein Biomasse/Wasser-
Verhältnis von 15 % (m/m) und eine um 24 h verlängerte Hydrolysedauer beziehungsweise
Fermentationsdauer angenommen. Zur Realisierung höherer Verhältnisse besteht jedoch
weiterer Forschungsbedarf.
Umsetzung
Im Folgenden wird eine großtechnische Umsetzung des Versuches von Qureshis et al.
(2007a) umgesetzt. Das für die simultane Hydrolyse und Fermentation bereitzustellende Ge-
samtvolumen ist von der Menge des aufschließbaren Substrates und den Um-
satzraten der Hydrolyse
und Fermentation
abhängig. Die Hydrolyserate
wird definiert als die Menge Zucker, die in einem Zeitraum von einer Stunde umge-
setzt werden kann. Die Fermentationsrate
entspricht der auf das Substrat bezoge-
nen Produktivität. Sie gibt die Menge Zucker an, die im Zeitraum einer Stunde zu ABE-
Produkten umgesetzt werden kann. Die Fermentergröße ist am kleinsten, wenn die Umsatz-
raten der Hydrolyse
und der Fermentation
identisch sind. Für das insge-
samt zur Verfügung zu stellende Fermentationsvolumen gilt in Abhängigkeit der
Dichte der Maische der in Gleichung 4.26 dargestellte Zusammenhang. Qureshi et al.
(2007a) geben eine Fermentationsrate
von 0,76
27
g L-1 h-1 Zucker an.
Aus anderen Versuchsreihen mit Weizenstrohhydrolysaten und Glukosezusatz die einem
ähnlichen Gesamtzuckergehalt entsprechen, sind deutlich höhere Fermentationsraten von
1,43
28
g L-1 h-1 Zucker bekannt. Die für die Modellanlage angenommene Fermentationsrate
von 0,76 g L-1 h-1 Zucker ist daher als eher konservativ einzustufen.
Als Voraussetzung für die Erhöhung des Biomasse/Wasser-Verhältnisses auf 15 % (m/m)
wurde eine um 20 h erhöhte Hydrolysedauer identifiziert. Da bei einem erhöhtem Biomas-
27
Qureshi et al. (2007a) geben eine Menge von 0,31 g L-1 h-1 ABE-Produkte bei einem Zuckernutzungsgrad von
0,41 g g-1 an, was einer Fermentationsrate von 0,756 g L-1 h-1 Zucker entspricht
28
Qureshi et al. (2007c) geben eine Menge von 0,60 g L-1 h-1 ABE-Produkte bei einem Zuckernutzungsgrad von
0,42 g g-1 an, was einer Fermentationsrate von 1,429 g L-1 h-1 Zucker entspricht
84
se/Wasser-Verhältnis jedoch mehr Substrat pro Volumen aufgeschlossen wird, kann im Ver-
gleich zu Qureshi et al. (2007a) eine erhöhte Hydrolyserate
von 0,99
29
g L-1 h-1 Zu-
cker erwartet werden. Qureshi et al. berichten im Experiment, dass eine geringe
Hydrolyserate die Fermentationsrate und damit das Wachstum der Mikroorganismen limi-
tiert. Durch die erhöhte Hydrolyserate bei einem gesteigerten Biomasse/Wasser-Verhältnis
ist daher eine erhöhte Fermentationsrate zu vermuten. Diese wird jedoch nicht weiter be-
trachtet.
Gleichung 4.26
{
}
mit:
Volumen simultane
Fermentation
m3
Minimum
Hydrolysevolumen
m3
Minimum
Fermentationsvolumen
m3
Stoffstromvektor Auf-
schließbares Substrat
t h-1
Hydrolyserate
g L-1 h-1
Fermentationsrate
g L-1 h-1
Der Stoffstromvektor an Enzymen ergibt sich aus der Menge des aufschließbaren Sub-
strates und dem Zuschlagsfaktor an Enzymen
(siehe Gleichung 4.27). Qureshi et al.
(2007a) setzen jeweils 6 g der Enzymlösungen Celluclast 1.5L, Novozyme 188 und Viscostar
150L für 55 g aufschließbares Substrat ein. Qureshi et al. geben zwar die Menge der einge-
setzten Enzymlösung an, jedoch ist der Gehalt an enthaltenen Enzymen unbekannt.
Zur Ermittlung des tatsächlichen Enzymbedarfs wird daher eine Abschätzung vorge-
nommen, indem die Enzymgehalte auf Basis einer Reihe wissenschaftlicher Publikationen
untersucht werden (vgl. hierzu: Arantes et al. (2011), Kabel et al. (2006), Nieves et al.
(1998)). Da die Angaben schwanken, wird nur das jeweils höchste Ergebnis für eine Maxi-
malabschätzung herangezogen. Nieves et al. geben für Celluclast 1.5L einen Enzymgehalt von
166 mg ml-1 an. Der Enzymgehalt von Novozyme 188 beträgt laut Arantes et al. (2011)
233 mg ml-1. Viscostar 150L enthält 163 mg ml-1 (Kabel, et al., 2006). Auf dieser Basis beträgt
der Zuschlagsfaktor der Enzyme
0,06 t t-1.
29
Qureshi et al. (2007a) geben eine Menge von 52,4 g aufschließbaren Zuckern an, die in 72 h hydrolysiert werden.
Bei zusätzlichen 20 h Hydrolysedauer entspricht jedoch einer Menge von 91,40 g aufschließbarer Zucker entspricht
das einer Hydrolyserate von 0,993 g L-1 h-1 Zucker
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
85
Gleichung 4.27
mit:
Stoffstromvektor Enzyme
t h-1
Stoffstromvektor Auf-
schließbares Substrat
t h-1
Faktor Enzyme
t t-1
Durch die erhöhte Hydrolysedauer wird die Durchmischung des Fermenters verbessert. Es
wird zwar mehr Biomasse hydrolysiert, jedoch steht deutlich mehr Zeit zur Verfügung. Dar-
über hinaus ist die absolute Enzymkonzentration im Vergleich zur Versuchsanordnung deut-
lich höher. Qureshi et al. (2007b) zeigen in einem weiteren Experiment, dass eine
verlängerte Hydrolysedauer zu einem vollständigen Aufschluss der Weizenstrohsuspension
führt. Dieses Ergebnis lässt sich zwar nicht unmittelbar auf die Hydrolyse der Modellanlage
übertragen. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass sich der im Experiment gezeig-
te Hydrolysegrad
von 95 % (m/m) nicht verringert.
Für die Übertragung der experimentellen Ergebnisse Qureshis et al. (2007a) auf die Mo-
dellanlagen ist keine Verringerung des ABE-Umsetzungsgrades
von 0,41 g g-1 zu er-
warten. Die ABE-Produkte werden mit Hilfe von Gas-Stripping aus der Fermentationsbrühe
entfernt und kondensiert. Die abführbare Menge an ABE-Produkte muss jedoch um
Verluste durch nicht entfernte ABE-Produkten
korrigiert werden. Der Stoffstrom-
vektor der tatsächlich entfernbaren ABE-Produkte beträgt demnach:
Gleichung 4.28
mit:
Stoffstromvektor
ABE-Produkte
t h-1
Stoffstromvektor Auf-
schließbares Substrat
t h-1
Hydrolysegrad
t t-1
ABE-Umsetzungsgrad
t t-1
Stoffstromvektor
Verlust ABE-Produkte
t h-1
Durch das Gas-Stripping werden nicht nur ABE-Produkte, sondern auch Wasser entfernt. Im
Hinblick auf den Energieaufwand der Separation sollte der Wassergehalt im Kondensat mög-
lichst gering gehalten werden. Dieser wird maßgeblich von der Kondensationstemperatur
bestimmt (Lu, 2011). Wu et al. (2007) gehen von einer Kondensationstemperatur von 2 °C
aus, für die die Konzentration von Wasser im Kondensat
etwa 25 % (m/m) beträgt.
Das im Kondensat enthaltene Wasser ergibt sich damit zu:
86
Gleichung 4.29
mit:
Stoffstromvektor
Wasser in Kondensat
t h-1
Stoffstromvektor
ABE-Produkte
t h-1
Konzentration
Wasser in Kondensat
t t-1
Das in der Fermentationsbrühe zurückbleibende Wasser entspricht der Differenz des
Wassers in der Maische und dem abgeführten Wasserstrom im Kondensat . Es
lässt sich wie folgt darstellen:
Gleichung 4.30
mit:
Stoffstromvektor Wasser
Fermentationsbrühe
t h-1
Stoffstromvektor Wasser in
Maische
t h-1
Stoffstromvektor Wasser
in Kondensat
t h-1
Auf Basis des Wassers in der Fermentationsbrühe kann die Abschätzung der nicht zu
entfernenden ABE-Produkte durchgeführt werden. Aus Qureshi et al. (2007a) geht hervor,
dass die Strippingrate höher als die Fermentationsrate ist. Die ABE-Konzentration sinkt da-
her nach Inbetriebnahme des Gas-Strippings (nach 23 h) von 10 g L-1 auf 1,5 g L-1 nach 72 h.
Um dem Aufbau einer vergleichbar hohen ABE-Konzentration in der Modellanlage vorzu-
beugen und eine ausreichende Agitation zu bewirken, ist der Gas-Stripping-Betrieb für die
Modellanlage bereits zu einem früheren Zeitpunkt vorgesehen. Für die Modellanlage wird
eine ABE-Verlustkonzentration
von 0,5 g L-1 beziehungsweise 0,0005 t m-3 ange-
nommen
30
. Für eine Dichte der Fermentationsbrühe von 1.000 kg m-3 beträgt der Verlust an
ABE-Produkten
0,0005 t t-1 und lässt sich demnach wie folgt abschätzen:
30
Aceton und Ethanol werden während der Eindampfung der Fermentationsbrühe in der Wasseraufbereitung durch
ihre geringen Siedepunkte von 56 bzw. 78 °C gemeinsam mit Wasser annähernd vollständig abgetrennt. Sie werden
somit im Kreislauf geführt und gehen nicht verloren. Eine Differenzierung der Verluste nach Aceton, n-Butanol und
Ethanol wird im Folgenden jedoch nicht vorgenommen.
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
87
Gleichung 4.31
mit:
Stoffstromvektor Verlust
ABE-Produkte
t h-1
Stoffstromvektor Wasser
in Fermentationsbrühe
t h-1
Verlustkonzentration ABE
t t-1
Für das Aufkommen von Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasserstoff (H2) während der Fermen-
tation liefert die Literatur für das Substrat Weizenstroh keine einheitlichen Angaben. Grund-
sätzlich ist deren Menge abhängig von der Menge gebildeter Syntheseprodukte. Da
unterschiedliche Synthesepfade zur Verfügung stehen, lässt sich jedoch kein direkter stöchi-
ometrisch eindeutiger Zusammenhang herstellen (Jones, et al., 1986).
Die Angaben schwanken zwischen 0,48 g (Lenz, et al., 1980) und 0,57 g (Beesch, 1952)
CO2 pro g Substrat. Für die Bildung von Kohlenstoffdioxid wird im Folgenden ein Umwand-
lungsfaktor
von 0,5 angenommen. Für die Bildung von Wasserstoff sind in der Lite-
ratur folgende Werte bekannt: 0,012 g (Lenz, et al., 1980), 0,015 g (Beesch, 1952) und
0,021 g (Liu, et al., 2009) H2 pro g Substrat. Es wird im Folgenden angenommen, dass der
Faktor zur Bildung von Wasserstoff
durchschnittlich 0,016 beträgt. Die Menge gas-
förmiger Emissionen ergibt sich damit zu:
Gleichung 4.32
mit:
Stoffstromvektor Gasför-
mige Emissionen
t h-1
Stoffstromvektor Auf-
schließbares Substrat
t h-1
Faktor CO2-Bildung
-
Faktor H2-Bildung
-
Die Reststoffe in der Fermentationsbrühe bestehen aus den Reststoffen in der Maische, den
Enzymen, ungenutztem Substrat und Zellmasse. Die abschließende Zellkonzentration
der Fermentationsbrühe kann von Qureshi et al. (2007a) aufgrund der durch Wei-
zenstrohhydrolysat verursachte Trübung nicht ermittelt werden. Sie ist jedoch aus anderen
Versuchen mit gefiltertem Weizenstrohhydrolysat bekannt und beträgt 1,15 g L-1 bezie-
hungsweise 0,00115 kg m-3 (Qureshi, et al., 2007c). Vereinfachend wird der Stoffstromvektor
der Reststoffe auf Basis der eingehenden Stoffströme dargestellt:
88
Gleichung 4.33
mit:
Stoffstromvektor Reststof-
fe in Fermentationsbrühe
t h-1
Stoffstromvektor Rest-
stoffe in Maische
t h-1
Stoffstromvektor Enzyme
t h-1
Stoffstromvektor Auf-
schließbares Substrat
t h-1
Stoffstromvektor ABE-
Produkte
t h-1
Stoffstromvektor Gas-
förmige Emissionen
t h-1
Für die Erzeugung von Prozessdampf und elektrischer Energie stehen somit folgende Stoff-
ströme zur Verfügung: Nicht hydrolysierbare Cellulose und Hemicellulose, Lignin und sons-
tige Strohbestandteile (siehe Kapitel 4.2.1), Zellmasse, nicht umgesetzte Zucker, Enzyme und
ABE-Verluste. Im Folgenden wird deren Gehalt in den Reststoffen der Fermentationsbrühe
abgeschätzt. Die Konzentrationen nicht hydrolysierbarer Cellulose und Hemicellulose
, von Lignin
und sonstigen Strohbestandteilen
ergeben sich wie
folgt.
Gleichung 4.34
mit:
Konzentration in Maische-
reststoffen
t t-1
Konzentration in
Weizenstroh
t t-1
Stoffstromvektor Reststoffe
in Maische
t h-1
Stoffstromvektor
Weizenstroh
t h-1
Die Enzymkonzentration
entspricht dem Quotienten aus Enzymen und Wasser in
der Maische. Die Konzentration an Zellmasse in der Fermentationsbrühe
wurde
ebenso wie die der nicht abgetrennten ABE-Produkte
31
bereits oben ermittelt. Der
Anteil der Enzyme
, der Zellmasse (
) und ABE-Produkte (
) in den
Reststoffen der Fermentationsbrühe kann demnach wie folgt abgeschätzt werden.
31
Aceton und Ethanol werden während der Eindampfung der Fermentationsbrühe in der Wasseraufbereitung durch
ihre geringen Siedepunkte von 56 bzw. 78 °C gemeinsam mit Wasser annähernd vollständig abgetrennt. Für n-
Butanol trifft das in diesem Maße nicht zu. Der tatsächlich zur Verfügung stehende Anteil ist Gegenstand der Was-
seraufbereitung.
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
89
Gleichung 4.35
mit:
Konzentration in
Maischereststoffen
t t-1
Konzentration in Wasser in
Fermentationsbrühe
t t-1
Stoffstromvektor
Reststoffe in Maische
t h-1
Stoffstromvektor Wasser
in Fermentationsbrühe
t h-1
Der Anteil zwar aufgeschlossener jedoch nicht umgesetzter Zucker in den Reststoffen der
Fermentationsbrühe (
) ergibt sich wie folgt.
Gleichung 4.36
mit:
Konzentration Zucker in
Maischereststoffen
t t-1
Stoffstromvektor Auf-
schließbares Substrat
t h-1
Hydrolysegrad
t t-1
90
Ergebnis der Umsetzung
In der Modellierung werden unvergorene Zucker, Zellmasse und sonstige Restbestandteile
den Reststoffen in der Maische zugeordnet. Sie enthält ebenfalls das aus der Lignocellulose
herausgelöste Lignin. Die resultierenden Stoffstromvektoren der Fermentation werden auf
die Menge von einer t Substrat bezogen. Tabelle 4-3 fasst die Stoffstromvektoren zu-
sammen.
Tabelle 4-3: Stoffstromvektoren der Aktivität Fermentation
Stoffstromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
Aufschließbares Substrat
t h-1
-1
Reststoffe in Maische
t h-1
-0,72
Wasser in Maische
t h-1
-10,38
Enzyme
t h-1
-0,06
ABE-Produkte in Kondensat
t h-1
0,39
Wasser in Kondensat
t h-1
0,13
Gasförmige Emissionen
t h-1
0,52
Reststoffe in Brühe
t h-1
0,87
Wasser in Brühe
t h-1
10,25
4.2.3 Separation
In der Separation werden die in der Fermentation kondensierten ABE-Produkte und
Wasser getrennt. Das Wasser wird im Kreislauf der Biomasseaufbereitung zugeführt und die
separierten ABE-Produkte in das Tanklager geleitet (siehe Abbildung 4-10).
Abbildung 4-10: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Separation
Kondensat
Prozessdampf
Kühlwasser
Elektr. Energie
Wasser
N-Butanol-
destillation
Aceton
Ethanol
N-Butanol
Aceton-
destillation
Ethanol-
destillation Adsorption
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
91
Experimentelle Grundlagen
Für die Trennung kommen verschiedene Destillationskolonnen und Adsorber zum Einsatz.
Es existiert eine Reihe neuartiger Konzepte zur Produktabtrennung (vgl. hierzu: Kraemer et
al. (2011), Mariano et al. (2011), Oudshoorn et al. (2009)), deren Einsatz im Vergleich zur
Destillation energieeffizienter ist. Bislang liegen in der Literatur jedoch keine Hinweise auf
die erfolgreiche industrielle Umsetzung dieser Verfahren vor (siehe Kapitel 2.4.3). Die Destil-
lation gilt als ein robustes Trennungsverfahren und wurde bereits über Jahre erfolgreich in
der n-Butanolherstellung eingesetzt (Jones, et al., 1986). Wu et al. (2007) modellierten die
Destillation von kondensierten ABE-Produkten mittels einer Flowsheeting-Software. Die fol-
gende Auslegung basiert auf diesen Ergebnissen.
Umsetzung
Wu et al. (2007) legen die Destillation auf den gleichen Wasseranteil im Kondensat
(25 % (m/m)) aus, wie er auch für die Modellanlage angenommen wird (siehe 4.2.2). In der
Separation werden die ABE-Produkte und Wasser mittels fraktionierter Destillation getrennt
(siehe Abbildung 4-10). Die ABE-Produkte Aceton, n-Butanol und Ethanol liegen in den Kon-
zentrationen
33 % (m/m),
63 % (m/m) und
4 % (m/m) vor (siehe
Kapitel 4.2.2 ). Die erste Destillationskolonne trennt die Kopfprodukte Aceton, Ethanol und
Wasser vom Sumpfprodukt n-Butanol. N-Butanol liegt danach mit einer Reinheit von
99,5 % (m/m) vor. Für die Modellbildung wird angenommen, dass darin 0,5 % (m/m) Was-
ser enthalten sind. Der Stoffstrom von n-Butanol ergibt sich wie folgt:
Gleichung 4.37
mit:
Stoffstromvektor
n-Butanol
t h-1
Konzentration n-Butanol in
ABE-Produkten
t t-1
Stoffstromvektor
ABE-Produkte
t h-1
In der zweiten Destillationskolonne wird das Kopfprodukt Aceton (99,5 % (m/m)) abgezo-
gen. Auch hier wird angenommen, dass der Strom 0,5 % (m/m) Wasser enthält. Im Sumpf
verbleiben Wasser und Ethanol. Der Stoffstrom von Aceton ergibt sich damit zu:
92
Gleichung 4.38
mit:
Stoffstromvektor Aceton
t h-1
Stoffstromvektor
ABE-Produkte
t h-1
Konzentration Aceton in
ABE-Produkten
t t-1
In einer dritten Destillationskolonne wird die Konzentration des Ethanols
auf
94,4 % (m/m) erhöht. Ethanol, Wasser und geringe Restbestandteile Aceton bilden ein aze-
otropes Gemisch, das sich destillativ nicht trennen lässt. Über eine anschließende Adsorpti-
onseinheit wird Ethanol mit der Hilfe von Molekularsieben auf 99,5 % (m/m) Reinheit
aufbereitet. Dafür stehen zwei Adsorbereinheiten zur wechselnden Benutzung zur Verfü-
gung. Der jeweils nicht in Betrieb befindliche wird thermisch regeneriert. Es wird angenom-
men, dass der Ethanolstrom 0,5 % (m/m) Wasser enthält:
Gleichung 4.39
mit:
Stoffstromvektor
Ethanol
t h-1
Stoffstromvektor
ABE-Produkte
t h-1
Konzentration Ethanol in
ABE-Produkten
t t-1
Das bei der Destillation und Adsorption abgetrennte Wasser wird erneut der Biomassevor-
bereitung zugeführt. Der Stoffstromvektor ergibt sich aus dem eingehenden Wasser im
Kondensat und der Differenz der eingehenden und separierten ABE-Produkte:
Gleichung 4.40
mit:
Stoffstromvektor Wasser
t h-1
Stoffstromvektor Wasser in
Kondensat
t h-1
Stoffstromvektor ABE-
Produkte
t h-1
Stoffstromvektor n-Butanol
t h-1
Stoffstromvektor Aceton
t h-1
Stoffstromvektor Ethanol
t h-1
Ergebnis der Umsetzung
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
93
Die resultierenden Stoffstromvektoren der Separation werden auf die Menge von einer t
ABE-Produkte bezogen. Tabelle 4-4 fasst die Stoffstromvektoren zusammen.
Tabelle 4-4: Stoffstromvektoren der Aktivität Separation
Stoffstromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
ABE-Produkte in Kondensat
t h-1
-1
Wasser in Kondensat
t h-1
-0,33
n-Butanol, 99,5 % (m/m)
t h-1
0,63
Aceton, 99,5 % (m/m)
t h-1
0,33
Ethanol, 99,5 % (m/m)
t h-1
0,04
Wasser
t h-1
0,33
4.2.4 Wasseraufbereitung
Aktivität umfasst die Wasseraufbereitung der Fermentationsbrühe und die damit verbun-
dene Erzeugung von Prozesswärme. Der größte Teil des aufbereiteten Wassers verbleibt im
Kreislauf und wird erneut der Biomassevorbereitung zugeführt. Zur Bereitstellung von Pro-
zessdampf werden alle bei der Aufbereitung abgetrennten oder entstehenden Rückstände
herangezogen.
Abbildung 4-11: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Wasseraufbereitung
Experimentelle Grundlagen
Wie in Kapitel 4.2.4 diskutiert, enthält die Fermentationsbrühe eine Reihe von Inhibitoren.
Der zu identifizierende Recyclingprozess muss daher in der Lage sein, alle Inhibitoren voll-
ständig abzutrennen oder in ungiftige Substanzen umzuwandeln. Eine unvollständige Ent-
Fermenta-
tionsbrühe
Prozessdampf
(Bedarf)
Elektr. Energie
(Bedarf)
Asche
Wasser
Wirbelschicht-
verbrennung /
Dampfkessel
Prozessdampf
(Produktion)
Elektr. Energie
(Produktion)
MBV-
Verdampfer
Turbo-
generator
Kühlwasser
94
fernung führt zu einer Akkumulierung der Inhibitoren im System, die sich einschränkend auf
die Fermentation auswirkt oder diese vollständig inhibiert. In der Literatur werden zur Auf-
bereitung von Fermentationsabwässern häufig anaerobe und aerobe Gärung eingesetzt. Es
liegt jedoch kein Nachweis einer vollständigen Entfernung aller Inhibitoren durch diese Me-
thode vor. Darüber hinaus ist unklar, ob die bei diesen Prozessen eingesetzte Mikroflora
durch die abzubauenden Inhibitoren beeinträchtigt wird. Wie auch zur in-situ-Abtrennung
von n-Butanol eignen sich prinzipiell Membranverfahren, jedoch liegen in der Literatur keine
Angaben zur Membranverschmutzung (Fouling) und anderen technischen Hindernissen vor
(vgl. hierzu: Wu et al. (2012)).
Im Folgenden wird daher ein Verdampfer mit mechanischer Brüdenverdichtung einge-
setzt. Dabei wird, ähnlich dem Prinzip einer Wärmepumpe, die thermische Energie der Brü-
den konzentriert und zur Verdampfung eingesetzt. Eine umfassende energetische
Betrachtung erfolgt in Kapitel 4.3.4.
Umsetzung
Der Verdampfer mit mechanischer Brüdenverdichtung reduziert den Wassergehalt der ein-
gehenden Fermentationsbrühe
auf 40 % (m/m). Das verdampfte Wasser ist an-
schließend frei von Inhibitoren und wird als Prozesswasser in der Biomassevorbereitung
(Aktivität ) wieder eingesetzt. Die Menge Wasser ergibt sich damit aus folgender
Gleichung.
Gleichung 4.41
mit:
Stoffstromvektor Wasser
t h-1
Stoffstromvektor
Wasser in Brühe
t h-1
Konzentration Wasser in
Reststoffen
t t-1
Stoffstromvektor Reststof-
fe in Fermentationsbrühe
t h-1
Der Verdampfungsrückstand wird der Verbrennung zur Bereitstellung von Prozessdampf
zugeführt. Der überschüssige Prozessdampf wird durch eine Dampfturbine zur Bereitstel-
lung elektrischer Energie eingesetzt (vgl. energetische Betrachtung in Kapitel 4.3.4). Die
Menge der zurückbleibenden Asche ist dabei abhängig von der Zusammensetzung des Sub-
strates. Der Gehalt von Asche in Weizenstroh
beträgt etwa 6,7 % (m/m) (Saha, et al.,
2005). Die durch die Enzyme zusätzlich eingebrachte Asche wird in dieser Betrachtung ver-
nachlässigt. Die Asche wird unverändert von der Biomassevorbereitung an die Fermentation
im Verhältnis / weitergegeben. Von dort gelangt sie im Verhältnis / in die
Wasseraufbereitung. Es kann davon ausgegangen werden, dass der zum Teil in Lösung be-
findliche Gips aus der Biomassevorbereitung ebenfalls in der Asche verbleibt. Das Aufkom-
men von Asche kann demnach wie folgt dargestellt werden:
4.2. Umsetzung der Stoffstrommodellierung
95
Gleichung 4.42
(
)
mit:
Stoffstromvektor Asche
t h-1
Stoffstromvektor
Weizenstroh
t h-1
Aschegehalt in Weizen-
stroh
t t-1
Stoffstromvektor
Schwefelsäure
t h-1
Verhältnis
Gips/Schwefelsäure
-
Stoffstromvektor Gips
t h-1
Stoffstromvektor
Reststoffe in Maische
t h-1
Stoffstromvektor
Reststoffe in Maische
t h-1
Stoffstromvektor Reststof-
fe in Fermentationsbrühe
t h-1
Stoffstromvektor Reststof-
fe in Fermentationsbrühe
t h-1
In der Wirbelschichtfeuerung gelangt das in den Rückständen enthaltene Wasser gemeinsam
mit den Verbrennungsgasen als gasförmige Emission in die Atmosphäre. Die gasförmi-
gen Emissionen ergeben sich aus der Differenz der eingehenden und ausgehenden Stoff-
ströme (keine Berücksichtigung der Verbrennungsluft) und lassen sich wie folgt abschätzen:
Gleichung 4.43
mit:
Stoffstromvektor gasförmige
Emissionen
t h-1
Stoffstromvektor Reststoffe
in Fermentationsbrühe
t h-1
Stoffstromvektor Wasser in
Fermentationsbrühe
t h-1
Stoffstromvektor Wasser
t h-1
Stoffstromvektor Asche
t h-1
Ergebnis der Umsetzung
Die Stoffstromvektoren der Wasseraufbereitung werden auf die Menge von einer t Fermen-
tationsbrühe bezogen. Tabelle 4-5 fasst die Stoffstromvektoren zusammen.
Tabelle 4-5: Stoffstromvektoren der Aktivität Wasseraufbereitung
Stoffstromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
Reststoffe in Brühe
t h-1
-0,08
Wasser in Brühe
t h-1
-0,92
Wasser
t h-1
0,88
Gasförmige Emissionen
t h-1
0,10
Asche
t h-1
0,01
96
4.3 Umsetzung der Energiestrommodellierung
Die Umsetzung der Energiestrommodellierung basiert auf den in Kapitel 4.2. ermittelten
Stoffströmen. Der Energiebedarf wird ebenfalls nach dem Grey-Box-Ansatz für jede Aktivität
ermittelt. Zur Abschätzung des Energiebedarfs lassen sich verschiedene Flowsheet-
Simulationen heranziehen (vgl. hierzu: Kumar et al. (2011), Mansur et al. (2010), Wu et al.
(2007)). Der im Folgenden angegebene Energiebedarf basiert auf einer Prozessauslegung
unter Berücksichtigung von Energieintegrationsmöglichkeiten über Wärmetauschernetz-
werke.
Zwar entstehen durch den Einsatz unterschiedlicher Quellen diesbezüglich Unschärfen,
jedoch werden diese im Vergleich zum Gesamtenergiebedarf als vernachlässigbar bewertet.
Der aus der Literatur entnommene Energiebedarf wird im Folgenden auf die in den jeweili-
gen Aktivitäten auftretenden Stoffströme bezogen. Die Abschätzung des Bedarfs an elektri-
scher Energie erfolgt für jede Aktivität auf Basis der Hauptverbraucher. Für die
Anlagensteuerung und Verbraucher geringer Leistung werden in Abhängigkeit der abgebil-
deten Anlagenstruktur jeder Aktivität Zuschlagsfaktoren definiert. Die jeweils zu Beginn der
Kapitel eingefügten Abbildungen dienen der Übersicht und unterscheiden sich bis auf die
orange Einfärbung der Energieströme nicht von den bereits dargestellten in der Umsetzung
der Stoffstrommodellierung.
4.3.1 Biomassevorbereitung
Die Umsetzung der Energiestrommodellierung der Biomassevorbereitung basiert auf
dem in Kapitel 4.2.1 diskutierten Vorgehen (siehe Abbildung 4-12). Für die Abschätzung des
Energiebedarfes werden die Ergebnisse einer Flowsheeting-Simulation Kumars et al. (2011)
herangezogen. Diese wurde bereits zur Abbildung der Stoffströme der Biomassevorberei-
tung eingesetzt. Kumar et al. modellierten die Biomassevorbereitung des halmgutartigen
Substrates Rohrschwingelstroh. Zwar unterscheidet dieses sich in der Zusammensetzung
von Weizenstroh, es kann jedoch aufgrund der ähnlichen Beschaffenheit davon ausgegangen
werden, dass der Energiebedarf zur Verarbeitung von Weizenstroh nicht maßgeblich vom
Energiebedarf für Rohrschwingelstroh abweicht. Nachfolgend wird der Bedarf an elektri-
scher Energie, Prozesswärme und Kühlung nach dem Grey-Box-Ansatz zunächst für die be-
treffenden Teilstoffströme abgeschätzt. Dieser wird auf Basis der identifizierten Stoffströme
abschließend auf eine t Weizenstroh bezogen.
4.3. Umsetzung der Energiestrommodellierung
97
Abbildung 4-12: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Biomassevorbereitung
Prozesswärmebedarf
Der einzige Verbraucher für Prozesswärme in der Biomassevorbereitung ist der Reaktor der
Säurevorbehandlung. Sein Energiebedarf
ist abhängig von den Eingangsströmen
Weizenstroh, Wasser und Schwefelsäure. Der Energiebedarf wird mit 37,50 MJ t-1 angenom-
men (Kumar, et al., 2011). Darin ist die Rückführung der Prozesswärme über einen Wärme-
tauschernetzwerk bereits berücksichtigt. Der Bedarfsvektor an Prozesswärme in der
Biomassevorbereitung ergibt sich aus dem Produkt des Energiebedarfs
und
dem korrespondierenden Stofffluss
in folgender Form:
Gleichung 4.44
mit:
Energiestromvektor
Wärmebedarf
MJ t-1
Energiebedarf Reaktor
MJ t-1
t t-1
Bedarf an elektrischer Energie
Die Rohstoffzuführung erfolgt durch einen Bandförderer. Der Energiebedarf (
) ist ab-
hängig von der geförderten Stoffmenge Weizenstroh. Der anschließend zur Zerkleinerung
genutzte Häcksler verarbeitet das Stroh zu einer Suspension aus Wasser und Weizenstroh
und weist einen Trockenmasseanteil von etwa 59 % (m/m) auf. Der Energiebedarf des
Häckslers
wird ebenfalls in Abhängigkeit der Weizenstrohmenge modelliert. Wei-
terer Energiebedarf
entsteht durch den Einsatz einer Pumpe zur Beschickung der
Säurevorbehandlung. Er ist abhängig von den Stoffströmen von Weizenstroh, Wasser und
der verdünnten Schwefelsäure. Weitere Verbraucher sind der vor der Neutralisation genutz-
Weizenstroh
Ca(OH)2
Wasser
H2SO4
Prozessdampf
Kühlwasser
Elektr. Energie
Gips
Maische
Neutralisa-
tion
Häcksler Säurevor-
behandlung
98
te Bandfilter
, das Rührwerk
, der Hydrozyklon
und der Vaku-
umfilter
. Basis dieser Verbraucher ist der um die bei den Feststoffen verbleiben-
den Anteile von Wasser und Schwefelsäure korrigierte Stoffstrom, der mit Hilfe des Faktors
abgebildet wird. Im Folgenden zeigt Tabelle 4-6 die Energiebedarfe auf Basis der Bi-
omassevorbereitung Kumars et al. (2011) in einer Übersicht.
Tabelle 4-6: Bedarf elektrischer Energie von Anlagenkomponenten in der Biomassevorbereitung
Komponente
Stoffstromvektoren
Energiebedarf
Einheit
Bandförderer
= 1,19
kWh t-1
Häcksler
= 25,42
kWh t-1
Pumpe
= 0,40
kWh t-1
Bandfilter
= 0,03
kWh t-1
Rührwerk
Neutralisation
= 0,10
kWh t-1
Hydrozyklon
= 0,03
kWh t-1
Vakuum-
filtration
= 0,08
kWh t-1
Über den Bedarf der oben aufgeführten Komponenten hinaus existieren weitere Verbrau-
cher, die nicht aufgeführt sind. Dazu gehören beispielsweise die Mess-, Steuer- und Rege-
lungstechnik, Beleuchtung und der anteilige Bedarf für Verwaltungsaufgaben. Um diese
ebenfalls zu erfassen wird der Korrekturfaktor (
) eingeführt, dessen Höhe mit 1,2 an-
genommen wird. Der Bedarfsvektor elektrischer Energie der Biomassevorbereitung
ergibt sich demnach zu:
4.3. Umsetzung der Energiestrommodellierung
99
Gleichung 4.45
∑ ∑
| |
mit:
t t-1
Energiestromvektor
elektrische Energie
kWh t-1
Kühlbedarf
Durch die thermische Säurebehandlung und die exotherme Neutralisierung muss die Wei-
zenstrohsuspension vor Eintritt in die Fermenter gekühlt werden. Der Kühlbedarf
beträgt 56,40 MJ t-1 (Kumar, et al., 2011). Er ist abhängig von den zu kühlenden Massenströ-
men
. Der über den Bedarfsvektor abgebildete Kühlbedarf der Biomassevorbe-
reitung wird wie folgt dargestellt:
Gleichung 4.46
mit:
Energiestromvektor
Kühlbedarf
MJ t-1
Kühlbedarf
Wärmetauscher
MJ t-1
t t-1
Ergebnis der Umsetzung
Tabelle 4-7 zeigt das Ergebnis der Umsetzung und die Bedarfe der Biomassevorbereitung.
Alle Angaben beziehen sich auf eine t Weizenstroh.
Tabelle 4-7: Energiestromvektoren der Biomassevorbereitung, Basis 1 t Weizenstroh
Energiestromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
Bedarf an elektrischer
Energie
kW t-1
-37,43
Dampfbedarf
MJ t-1
-291,37
Kühlwasserbedarf
MJ t-1
-438,22
100
4.3.2 Fermentation
Wie in Kapitel 4.2.2 definiert, umfasst die Fermentation neben der mikrobiellen Um-
wandlung von Weizenstrohhydrolysaten auch die Produktentfernung mittels Gas Stripping
und anschließender Rekondensation (siehe Abbildung 4-13). Die Ermittlung des Energiebe-
darfs basiert auf Ausführungen von Kumar et al. (2011), Wu et al. (2007) sowie eigener Aus-
legung. Alle Bedarfe werden nach dem Grey-Box-Ansatz zunächst für die betreffenden
Stoffströme abgeschätzt. Wie auch im vorhergehenden Kapitel erfolgt abschließend der Be-
zug aller Energieströme auf eine t aufschließbarer Zucker.
Abbildung 4-13: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Fermentation
Bedarf an elektrischer Energie
Der Energiebedarf des Gebläses
ist abhängig von der Menge des einzusetzenden
Fermentationsgases. Qureshi et al. (2007b) geben an anderer Stelle eine Zirkulationsrate des
Fermentationsgases für einen Liter Fermenterfüllung von 4 L L-1 min-1 an. Das Gas erfüllt da-
bei zwei Funktionen. Zum einen werden mit ihm ABE-Produkte ausgetragen, zum anderen
verursacht es beim Durchströmen des Fermenters Turbulenzen, die eine Agitation bewirken
und daher erwünscht sind. Bei der Übertragung vom Labormaßstab auf die großtechnische
Realisierung verändern sich einige Eigenschaften des Gas Strippings.
Nimmt man an, dass das Fermentationsgas annähernd vollständig aus Kohlenstoffdioxid be-
steht, lässt sich zur Abschätzung der benötigen Menge an Fermentationsgas eine Flowsheet-
Simulation von van der Merwe (2010) heranziehen. Van der Merwe geht von einer Konzent-
ration von ABE-Produkten von 5 g L-1 aus, was etwa der durchschnittlichen Konzentration in
den Fermentern der Modellanlage entspricht. Zum Austragen einer Tonne ABE-Produkte
setzt er 102,90 t Kohlenstoffdioxid im Kreislauf ein. Unter Berücksichtigung einer unvoll-
ständigen Kondensation
von ABE-Produkten und zusätzlich benötigtem Gas durch
Maische
Enzyme
Kühlwasser
Elektr. Energie
Kondensat
Fermenta-
tionsbrühe
Rekonden-
sation Gebläse
Fermenter
4.3. Umsetzung der Energiestrommodellierung
101
partiell unvollständige Sättigung der Gasphase von 3 % ergibt sich daraus ein Gasvolumen
von etwa 52.41 m³ t-1 ABE-Produkte
32
.
Während im Labormaßstab lediglich ein Liter Fermentationsbrühe durchströmt wird
(Qureshi, et al., 2007b), steigt in der großtechnischen Realisierung mit dem Volumen der
Fermenter die vom Fermentationsgas durchströmte Fluidsäule. Die gleiche Menge Fermen-
tationsgas verursacht in einem höheren Fermenter daher eine höhere Durchmischung. Bezo-
gen auf das Fermentervolumen der Modellanlage entspricht das einer Zirkulationsrate in
einem Liter Fermentationsbrühe von etwa 10,8
33
L L-1 min-1. Es kann daher davon ausgegan-
gen werden, dass die erforderliche Durchmischung durch den angenommenen Gasstrom si-
chergestellt ist.
Für die Abschätzung des Energiebedarfs, der bei der Umwälzung des Gases entsteht, ist die
aufzubringende Druckdifferenz von zentraler Bedeutung. Nimmt man eine zu belüftende
Flüssigkeitssäule in den Fermentern in Höhe von 5 m an, hängt der zu überwindende hydro-
statische Druck in erster Linie von der Dichte der Fermentationsbrühe ab. Diese weist zwar
einen höheren Betrag als Wasser auf, kann jedoch unter Berücksichtigung des in die Flu-
idsäule durch das Gebläse eingebrachte Gas mit 1.000 kg m-3 angenommen werden. Der beim
Einblasen des Fermentationsgases zu überwindende Druckunterschied beträgt damit etwa
50.000 Pa beziehungsweise 0,5 bar. Es wird angenommen, dass der zusätzliche Druckverlust
durch Verrohrung und den Kondensator etwa 5.000 Pa beziehungsweise 0,05 bar beträgt
34
.
Unter Berücksichtigung eines Sicherheitsaufschlags der gleichen Höhe kann der vom Ge-
bläse bereitzustellende Betriebsdruck
daher mit 60.000 Pa beziehungsweise
0,6 bar angegeben werden. Die Abschätzung des Energiebedarfs erfolgt mittels Gleichung
4.47. Bei den erforderlichen hohen Antriebsleistungen wird der Wirkungsgrad des Gebläses
mit 74 % (Frey, 2012), der des Motors mit 98 % angenommen, was zu einem kombinierten
Wirkungsgrad von 72,5 % führt.
Gleichung 4.47
mit:
Energiebedarf Gebläse
kWh t-1
Gasvolumen
m3 t-1
Druckdifferenz
Pa
Wirkungsgrad
Gebläse/Motor
Der Energiebedarf für die Entfernung von einer t ABE-Produkten
liegt damit bei
1.178,99 kWh t-1. Die abgeführten ABE-Produkte werden in der anschließenden Rekonden-
32
Annahme: Kohlenstoffdioxid als ideales Gas; keine Berücksichtigung von Wasserstoff im Fermentationsgas
33
Der von Qureshi et al. (2007b) betriebene 2 L-Fermenter ist mit einem Liter Fermentationsbrühe befüllt. Annah-
me: Die Füllhöhe im Fermenter beträgt 10 cm. Die Komprimierung der Fermentationsgase wird vernachlässigt.
34
Annäherung mit Hilfe der Software SF Pressure Drop 7.2, Annahmen für jeden einzelnen Fermenter: Gesamtrohr-
länge von 30 m; Durchmesser von 0,8 m; vier Bögen von 1 m; Berücksichtigung des Kondensators über vier serielle
Gitterrahmen
102
sation verflüssigt. Der Energiebedarf der Kondensation
wird durch die Höhe der
kondensierten Stoffströme der ABE-Produkte und des Wassers im Kondensat
bedingt und beträgt 101,03 kWh t-1 (Wu, et al., 2007). Tabelle 4-8 fasst die Bedarfe an
elektrischer Energie für die wichtigsten Komponenten der Fermentation zusammen.
Tabelle 4-8: Bedarf elektrischer Energie von Anlagenkomponenten in der Fermentation
Komponente
Stoffstromvektoren
Energiebedarf
Einheit
Gebläse
= 1.178,99
kWh t-1
Rekondensation
= 101,03
kWh t-1
Neben den oben aufgeführten Komponenten besteht weiterer Energiebedarf durch Mess-,
Steuer- und Regelungstechnik, Beleuchtung und weitere Verbraucher. Über den Korrek-
turfaktor (
) von 1,005 ist dieser Bedarf im Bedarfsvektor elektrischer Energie der
Fermentation berücksichtigt:
Gleichung 4.48
∑ ∑
| |
mit:
Kühlbedarf
In der Fermentationsstufe besteht Kühlbedarf durch die Kühlung der Fermenter
.
Bei der mikrobiellen Umsetzung des Substrates im Fermenter wird Wärme freigesetzt, die
zur Aufrechterhaltung optimaler Bedingungen abgeführt werden muss. Für die Auslegung
wird als Vergleichsprozess eine Ethanolfermentation von Kumar et al. (2011) herangezogen.
Ausgehend davon beträgt die abzuführende Energiemenge 25,92 MJ t-1. Der über den Be-
darfsvektor dargestellte Kühlbedarf der Fermentation kann wie folgt dargestellt wer-
den:
Gleichung 4.49
mit:
Kühlbedarf Fermenter
MJ t-1
t t-1
4.3. Umsetzung der Energiestrommodellierung
103
Ergebnis der Umsetzung
Der Bedarf an elektrischer Energie, Prozesswärme und Kühlung wird auf die Verarbeitung
von einer t aufschließbaren Substrats bezogen. Tabelle 4-9 fasst die Ergebnisse zusammen.
Tabelle 4-9: Energiestromvektoren der Fermentation, Basis 1 t aufschließbares Substrat
Energiestromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
Bedarf an elektrischer
Energie
kW t-1
- 413,00
Kühlbedarf
MJ t-1
-315,14
4.3.3 Separation
Die Separation trennt das in der Fermentation verflüssigte Kondensat in ABE-Produkte
und Wasser (siehe Kapitel 4.2.3). Für die Abtrennung wird eine fraktionierte Destillation
vorgesehen. Die Produkte n-Butanol und Aceton verfügen anschließend über eine marktfähi-
ge Qualität, während Ethanol zuvor in einem weiteren Schritt durch Adsorption aufkon-
zentriert werden muss (siehe Abbildung 4-14).
Die gesamte Separation wurde von Wu et al. (2007) für einen Wasseranteil im Kondensat
von 25 % (m/m) modelliert und der Bedarf an Prozesswärme abgeschätzt. Die von Wu et al.
angenommene Zusammensetzung der ABE-Produkte unterscheidet sich geringfügig von der
der Modellanlage. Pro kg ABE-Produkte erhalten Wu et al. 0,334 kg Aceton, 0,652 kg
n-Butanol und 0,015 kg Ethanol, während für die Modellanlage 0,33 kg Aceton, 0,63 kg
n-Butanol und 0,04 kg Ethanol angenommen werden (siehe Kapitel 4.2.2). Die Abschätzung
des Energiebedarfs erfolgt daher getrennt für jedes Produkt. Die dennoch entstehenden Un-
schärfen können im Hinblick auf die geforderte Genauigkeit vernachlässigt werden. Da Wu et
al. keine vollständigen Angaben zum Bedarf von Kühlung und elektrischer Energie machen,
werden diese Mansur et al. (2010) entnommen.
104
Abbildung 4-14: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Separation
Prozesswärmebedarf
Der Bedarf an Prozesswärme für die Verdampfer in den Kolonnen für n-Butanol
, Aceton
und Ethanol
ergibt sich aus dem
Durchsatz. Durch die Regeneration des Adsorbers mittels elektrischer Energie entsteht
Wärme. Diese gelangt in das Wärmeaustauschsystem der Separation und wird mit einem
Verlust von 10 % berücksichtigt. Tabelle 4-10 zeigt alle Verbraucher in der Übersicht.
Tabelle 4-10: Bedarf Prozesswärme von Anlagenkomponenten in der Separation
Komponente
Stoffstromvektoren
Energiebedarf
Einheit
n-Butanolkolonne
= 1.135,9
MJ t-1
Acetonkolonne
= 3.184,5
MJ t-1
Ethanolkolonne
= 612,2
MJ t-1
Adsorber-
regeneration
= -164,2
MJ t-1
Kondensat
Prozessdampf
Kühlwasser
Elektr. Energie
Wasser
N-Butanol-
destillation
Aceton
Ethanol
N-Butanol
Aceton-
destillation
Ethanol-
destillation Adsorption
4.3. Umsetzung der Energiestrommodellierung
105
Der Bedarfsvektor Prozesswärme der Separation ergibt sich demnach zu:
Gleichung 4.50
∑ ∑
| |
mit:
Bedarf an elektrischer Energie
Der Bedarf an elektrischer Energie der Separation entsteht zum einen durch Pumpen zur Be-
schickung der Kolonnen, zum anderen durch die Regeneration des Adsorbers. Der Bedarf der
Pumpe der n-Butanolkolonne (
) ist abhängig von der geförderten Stoffmenge an
ABE-Produkten und Wasser im Kondensat. Analog bedingt die Menge von Aceton, Ethanol
und Wasser den Bedarf der Pumpe der Acetonkolonne
und die Menge an Etha-
nol und Wasser der Pumpe der Ethanolkolonne(
). Im Adsorber wird das Aze-
otrop von Ethanol, Wasser und Acetonspuren getrennt. Der Bedarf an elektrischer Energie
für die Regeneration
wird auf die aufkonzentrierte Menge an Ethanol bezogen
(siehe Tabelle 4-11).
Tabelle 4-11: Bedarf elektrischer Energie von Anlagenkomponenten in der Separation
Komponente
Stoffstromvektoren
Energiebedarf
Einheit
Pumpe
n-Butanolkol.
= 0,94
kWh t-1
Pumpe
Acetonkol.
= 1,53
kWh t-1
Pumpe
Ethanolkol.
= 1,53
kWh t-1
Adsorber-
regeneration
= 50,60
kWh t-1
Tanklager
= 0
kWh t-1
Mess-, Steuer- und Regelungstechnik, Beleuchtung und andere kleinere Verbraucher werden
durch den Zuschlagsfaktor (
) von 1,2 berücksichtigt. Der Bedarfsvektor elektrischer
Energie der Separation ergibt sich demnach zu:
Gleichung 4.51
∑ ∑
| |
mit:
106
Kühlbedarf
Wie auch beim Bedarf an elektrischer Energie und Prozesswärme hängt der Kühlbedarf der
Wärmetauscher der Kolonnen von der Durchflussmenge ab (siehe Tabelle 4-12).
Tabelle 4-12: Kühlwasserbedarf von Anlagenkomponenten in der Separation
Komponente
Stoffstromvektoren
Energiebedarf
Einheit
Butanolkolonne
= 585,0
MJ t-1
Acetonkolonne
= 2.739,7
MJ t-1
Ethanolkolonne
= 501,8
MJ t-1
Der Bedarfsvektor an Kühlung der Separation lässt sich wie folgt darstellen:
Gleichung 4.52
∑ ∑
| |
mit:
Ergebnis der Umsetzung
Tabelle 4-13 zeigt die Ergebnisse der Umsetzung bezogen auf jeweils eine t ABE-Produkte.
Tabelle 4-13: Energiestromvektoren der Separation, Basis 1 t ABE-Produkte
Energiestromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
Bedarf an elektrischer
Energie
kW t-1
-6,42
Dampfbedarf /
Dampfüberschuss
MJ t-1
-3.982,32
Kühlbedarf
MJ t-1
-2.899,49
4.3.4 Wasseraufbereitung
Aktivität reinigt das Wasser aus der Fermentationsbrühe und stellt Prozesswärme und
elektrische Energie bereit (siehe Abbildung 4-15). Eine umfassende Beschreibung des Auf-
baus findet sich in Kapitel 4.2.4. Die Ermittlung der Energiebedarfe beziehungsweise der
Energiebereitstellung erfolgt auf Basis von Herstellerangaben (vgl. hierzu: GIG Karasek
(2012)) und der Abschätzung über Näherungen.
4.3. Umsetzung der Energiestrommodellierung
107
Abbildung 4-15: Prozesse sowie Stoff- und Energieströme der Wasseraufbereitung
Prozesswärmebedarf / -Bereitstellung
Der mechanische Brüdenverdichter im Verdampfer wird mit elektrischer Energie betrieben.
Die durch die Verdichtung eingetragene thermische Energie ist groß genug, die Verdamp-
fungsenergie des Prozesses bereitzustellen. Zusätzlicher Prozessdampf ist daher nur in sehr
geringen Mengen für das Anfahren erforderlich und wird im Folgenden nicht berücksichtigt.
Zum Energiegehalt des Rückstandes einer ABE-Fermentation aus Weizenstrohhydrolysat
liegen in der Literatur keine Angaben vor. Im Folgenden wird daher eine Abschätzung des
Heizwertes des brennbaren Rückstandes auf Basis seiner Bestandteile vorgenommen. Im
Rückstand der Fermentationsbrühe liegen nicht hydrolysierte Cellulose und Hemicellulose,
Lignin, sonstige Strohbestandteile, nicht umgesetzte Zucker, Zellmasse, Enzyme und ABE-
Verluste vor. Die Konzentrationen dieser Bestandteile in den Reststoffen der Fermentations-
brühe wurden bereits in Kapitel 4.2.2 abgeschätzt, im Folgenden werden die entsprechenden
Heizwerte quantifiziert.
Zum enzymatisch nicht aufschließbaren Rest von Cellulose und Hemicellulose liegen keine
Angaben vor. Es wird daher angenommen, dass beide jeweils gleich stark verzuckert werden
und der Heizwert in Form eines gewichteten Durchschnittes vorliegt. Ausgehend von den
Heizwerten für Cellulose und Hemicellulose von 17,3 und 16,2 MJ kg-1 beträgt deren durch-
schnittlicher Heizwert
35
16,9 MJ kg-1. Der Heizwert von Lignin wird mit
28,8 MJ kg-1 angegeben (Piechota, 2011). Zur Ermittlung des Energiegehaltes der sonstigen
Bestandteile, Enzyme und Zellmasse wird ein Heizwert in einer Höhe von 17 MJ kg-1
angenommen. Der Heizwert der nicht umgesetzten Zucker beträgt 15,6 MJ kg-1.
35
Gewichtung nach Anteilen in Weizenstroh von 48,57 und 27,7 % (m/m) für Cellulose bzw. Hemicellulose (Saha, et
al., 2005)
Fermenta-
tionsbrühe
Prozessdampf
(Bedarf)
Elektr. Energie
(Bedarf)
Asche
Wasser
Wirbelschicht-
verbrennung /
Dampfkessel
Prozessdampf
(Produktion)
Elektr. Energie
(Produktion)
MBV-
Verdampfer
Turbo-
generator
Kühlwasser
108
Für die Betrachtung der ABE-Verluste ist zunächst zu ermitteln, welche Bestandteile nach
dem Verdampfungsprozess noch für die Verbrennung herangezogen werden können. Aceton
und Ethanol weisen einen geringeren Siedepunkt von 56 beziehungsweise 78 °C auf als Was-
ser. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass diese während der Eindampfung ge-
meinsam mit dem Wasser der Fermentationsbrühe vollständig abgetrennt werden. Für
n-Butanol mit einem Siedepunkt von 118 °C trifft das nur teilweise zu. Der Heizwert ist da-
her kein gewichteter Durchschnitt der Produkte, sondern entspricht dem von n-Butanol
mit 33,1 MJ kg-1.
Im Folgenden wird angenommen, dass 70 % des enthaltenen n-Butanols der Verbren-
nung zugeführt werden. Aus den Produkten von Konzentration und Heizwert ergibt sich der
gewichtete durchschnittliche Heizwert des Rückstandes. Es wird angenommen, dass ein Teil
der genannten Bestandteile während der Fermentation durch Nebenreaktionen in weniger
energiereiche Produkte zersetzt wird. Zur Berücksichtigung des Verlustes wird der Heizwert
mit dem Korrekturfaktor
0,98 verringert.
Gleichung 4.53
(∑
)
mit:
Heizwert Verdampfungs-
rückstand
MJ t-1
Heizwerte einzelner Rück-
standsbestandteile
MJ t-1
Konzentration einzelner
Rückstandsbestandteile
t t-1
Heizwert ABE-Produkte
MJ t-1
Konzentration ABE-
Produkte im Rückstand
t t-1
Korrekturfaktor Heizwert
-
Der aus der Verdampfung in die Verbrennung geführte Rückstand weist einen Wassergehalt
von 50 % (m/m) auf. Die zur Verdampfung dieser Menge bereitzustellende Wärme
steht daher nicht mehr für die Erzeugung von Prozessdampf zur Verfügung. Sie
wird im Folgenden abgeschätzt. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Temperatur des
Rückstands durch eine Vorwärmung mit der Hilfe von Rauchgas 70 °C beträgt. Unter annä-
hernd atmosphärischen Bedingungen beträgt die Temperaturdifferenz somit 30 K.
Für die Abschätzung der zur Verdampfung notwendige Wärmemenge wird eine Wärmeka-
pazität von 4,190 kJ kg-1 K-1 und eine Verdampfungsenthalpie von 2.257 kJ kg-1
angenommen. Die aufzubringende Wärme
ergibt sich damit wie folgt.
4.3. Umsetzung der Energiestrommodellierung
109
Gleichung 4.54
mit:
Wärmebedarf
MJ t-1
Spezifische Wärmekapazität
kJ t-1 K-1
Temperaturdifferenz
K
Verdampfungsenthalpie Wasser
kJ t-1
Der Wirkungsgrad
des Kessels wird mit 95 % angenommen. Die durch den Kessel
bereitgestellte Prozesswärme wird für die Bereitstellung von Prozessdampf und elektrischer
Energie herangezogen. Der dafür potentiell zur Verfügung stehende Bedarfs- beziehungs-
weise Bereitstellungsvektor der Wasseraufbereitung ergibt sich demnach zu:
Gleichung 4.55
(
)
mit:
Energiestromvektor potentielle
Prozesswärmebereitstellung
MJ t-1
Verdampfung Wasser in
Rückständen
MJ t-1
Heizwert Verdamp-
fungsrückstand
MJ t-1
Wirkungsgrad des Kessels
-
Ausgehend vom Energiestromvektor kann der Bedarf anderer Aktivitäten an Pro-
zesswärme
36
gedeckt werden. Der gegebenenfalls vorliegende Überschuss
steht zur Erzeugung von Elektrizität zur Verfügung. Der resultierende Energiestromvektor
kann damit wie folgt dargestellt werden.
Gleichung 4.56
{
mit:
Energiestromvektor Pro-
zesswärmebereitstellung
MJ h-1
Energiestromvektor potentielle
Prozesswärmebereitstellung
MJ h-1
Energiestromvektor Pro-
zesswärmebedarf
MJ h-1
36
Der gewählte aktivitätsanalytische Ansatz lässt an diesem Punkt jedoch noch keinen quantitativen Vergleich von
Energiebereitstellung und Energiebedarf zu.
110
Daraus ergibt sich der zur Bereitstellung von elektrischer Energie einsetzbare Energie-
stromvektor wie folgt:
Gleichung 4.57
{
mit:
Energiestromvektor Prozess-
wärme für elektrische Energie
MJ h-1
Energiestromvektor potentiel-
le Prozesswärmebereitstellung
MJ h-1
Energiestromvektor Prozess-
wärmebedarf
MJ h-1
Bereitstellung und Bedarf an elektrischer Energie
Der in Form des Energiestromvektors vorliegende Dampf wird mittels einer Dampf-
turbine und eines Generators zur Bereitstellung von elektrischer Energie eingesetzt. Für die
Umwandlung wird ein Gesamtwirkungsgrad
von 35 % (m/m) angenommen. Die be-
reitgestellte elektrische Energie steht abzüglich des Bedarfs der Wasseraufbereitung für an-
dere Aktivitäten zur Verfügung.
In der Wasseraufbereitung ist der mechanische Brüdenverdichter im Verdampfer Haupt-
verbraucher elektrischer Energie. Der Bedarf des Verdichters ist von der verdampften bezie-
hungsweise recycelten Wassermenge
abhängig. Dieser entspricht dem
Stoffstromvektor . Der Energiebedarf
wird auf Basis von Herstellerangaben
mit 17 kWh t-1 abgeschätzt (GIG Karasek, 2012).
Über den Bedarf der oben aufgeführten Komponenten hinaus umfasst die Wasseraufbe-
reitung weitere Verbraucher. Dazu zählen neben Mess-, Steuer- und Regelungstechnik bei-
spielsweise der anteiliger Bedarf für Verwaltungsaufgaben. Diese Verbraucher werden
pauschal mit Hilfe des Zuschlagsfaktors (
) von 1,1 abgedeckt. Unter Berücksichtigung
der Bereitstellung elektrischer Energie ergibt sich der Bedarfs- beziehungsweise Bereitstel-
lungsvektor der Wasseraufbereitung demnach zu:
4.3. Umsetzung der Energiestrommodellierung
111
Gleichung 4.58
mit:
Energiestromvektor
elektrische Energie
MJ h-1
Zuschlagsfaktor
Wasseraufbereitung
Bedarf elektrische Energie
Verdampfer
MJ t-1
Stoffstromvektor Wasser
t h-1
Energiestromvektor Prozess-
wärme für elektrische Energie
MJ h-1
Wirkungsgrad
elektrische Energie
Die elektrische Leistung der Turbine und des Generators entspricht damit dem Bereitstel-
lungsvektor . Dieser bildet die Grundlage der in Kapitel 5 folgenden Investitionskosten-
schätzung. Um eine einheitliche Nomenklatur zu gewährleisten, wird die Leistung der
Turbine im Folgenden mit
angegeben.
Kühlbedarf
Der Kühlbedarf der Modellanlage wird mit Hilfe von Kühlwasser gedeckt. Das Kühlwasser
erwärmt sich dabei von 25 auf 30 °C. Bedarf an Kühlwasser besteht in der Wasseraufberei-
tung durch den Kondensator der Dampfturbine. Der Anteil des Energiestromvektors ,
der nicht in elektrische Energie umgewandelt wird, muss über den Kondensator abgeführt
werden oder tritt als Übertragungs- oder Abstrahlverlust
auf. Übertragungs- und
Abstrahlverluste werden pauschal mit 1 % angenommen. Der Kühlbedarf der Wasseraufbe-
reitung ergibt sich demnach zu:
Gleichung 4.59
mit:
Energiestromvektor
Kühlbedarf
MJ h-1
Energiestromvektor Prozess-
wärme für elektrische Energie
MJ h-1
Wirkungsgrad elektri-
sche Energie
%
Verlust
%
Ergebnis der Umsetzung
Der erzeugte Prozessdampf reicht aus, den eigenen Bedarf zu decken und darüber hinaus
Prozesswärme für die anderen Aktivitäten bereitzustellen. Darüber hinaus kann ein erhebli-
cher Anteil des Gesamtbedarfes elektrischer Energie aus dem Dampfüberschuss erzeugt
werden (Tabelle 4-14).
112
Tabelle 4-14: Energiestromvektoren der Fermentation, Basis 1 t aufschließbares Substrat
Energiestromvektor
Bezeichnung
Einheit
Input (-)
Output (+)
Bedarf an elektrischer
Energie
kW t-1
63,88
Dampfbedarf / Dampf-
überschuss
MJ t-1
180,41
Kühlbedarf
MJ t-1
-522,93
4.4 Ergebnisse des Stoff- und Energiestrommodells
Für die Modellierung der Stoff- und Energieströme wird der Ansatz der linearen Aktivitäts-
analyse gewählt und auf die Problemstellung übertragen. Das Ergebnis ist eine Einteilung in
vier Prozessstufen beziehungsweise Aktivitäten, die mit Hilfe eines Gleichungssystems be-
schrieben werden. Die betrachteten Aktivitäten und bilden die zur Verfügung
stehende Technologiemenge ab. Dabei bestimmen die dargestellten Einsatzstoffe und Pro-
dukte der jeweiligen Aktivitäten den = 22-dimensionlen Güterraum. Die Grundform jedes
Aktivitätsvektors kann somit wie folgt dargestellt werden:
[
]
[
]
Aktivitätsvektoren
Die Aktivitätsvektoren der Biomassevorbereitung , Fermentation , Separation
und Wasseraufbereitung folgen aus der Umsetzung in den Kapiteln 4.2 und 4.3. Sie las-
sen sich wie folgt abbilden:
4.4. Ergebnisse des Stoff- und Energiestrommodells
113
[
]
[
]
[
]
[
]
Umweltvektor
Die Modellierung der Massenströme erfolgt ausgehend von Gleichung 4.15, der geplanten
Kapazität von 100.000 t a-1 ABE-Produkte und der Produktionsdauer von
8.000 h a-1. Durch Auflösen erhält man für die Intensitäten = 399.440, = 255.456, =
99.500 und = 2.841.696. Der Umweltvektor ergibt sich damit wie folgt:
[
]
[
]
114
Stoff- und Energieströme der Modellanlage
Bezogen auf eine Produktionsdauer von 8.000 h a-1 lässt sich aus den oben aufgeführ-
ten jährlichen Massen die jährliche Massenbilanz ermitteln. Sie ist die Basis für die Erweite-
rung des Modells um eine wirtschaftliche und ökologische Betrachtung.
Tabelle 4-15: Stoff- und Energieströme der Modellanlage des Basisszenarios
Bezeichnung
Einheit
Vektor
Betrag a-1
Betrag h-1
Weizenstroh (FM)
t
-464.465
-58,1
Wasser
t
-57.060
-7,1
Schwefelsäure
t
-41.142
-5,1
Calciumhydroxid
t
-31.083
-3,9
Gips
t
44.002
5,5
Enzyme
t
-15.583
-1,9
Gasförmige Emissionen
t
425.558
53,2
n-Butanol (99,5%)
t
63.000
7,9
Aceton (99,5%)
t
33.000
4,1
Ethanol (99,5%)
t
4.000
0,5
Asche
t
39.774
5,0
Elektrische Energie
kWh
60.432.528
4.321
Prozesswärme
MJ
0
0
Kühlbedarf
MJ
-2.030.044.690
-253.755
Zusammenfassung
Im vorliegenden Kapitel wurde ein Stoff- und Energiestrommodell einer Modellanlage zur
Herstellung von n-Butanol entwickelt. In diesem Rahmen wurde ein Basisszenario definiert.
Als Grundlage für die Erweiterung des Modells um eine wirtschaftliche und ökonomische Be-
trachtung liegt eine aggregierte Form aller Stoff- und Energieströme vor, die die Grenzen der
Anlage überschreiten. Darüber hinaus ermöglicht das entwickelte Modell die Berücksichti-
gung technischer und technologischer Modifikationen. In Kapitel 7 wird ein Fortschrittssze-
nario unter Berücksichtigung möglicher technologischer Entwicklungen vorgestellt. Im
Gegensatz zum Basisszenario kommen in diesem Szenario auch Konzepte zum Einsatz, die
großtechnisch nicht etabliert sind.
115
5 Erweiterung des Modells um eine
Wirtschaftlichkeitsbetrachtung
Die gerätetechnische Einsetzbarkeit von n-Butanol als Biokomponente wird in Kapitel 3
grundsätzlich nachgewiesen. Darüber hinaus wird ein Modell zur Produktion von n-Butanol
aus Weizenstroh in Form einer Stoff- und Energiestrommodellierung in Kapitel 4 vorgelegt.
Das Ziel dieses Kapitels ist die Erweiterung des Modells um eine Wirtschaftlichkeitsbetrach-
tung. Dabei wird das entwickelte Stoff- und Energiestrommodell zunächst um eine Investiti-
onskostenschätzung der Modellanlage zur Produktion von n-Butanol aus Reststroh
erweitert. Basierend darauf erfolgt im zweiten Schritt die Abbildung der Zahlungsströme der
Modellanlage. Alle Annahmen der folgenden Umsetzung basieren dabei auf dem Preisniveau
des Jahres 2012. Den Abschluss bildet die Darstellung der Ergebnisse.
5.1 Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
In der angelsächsischen Literatur werden die Begriffe Kostenschätzung (cost estimating) und
Kostenkalkulation (cost calculation) klar getrennt. Die Betriebswirtschaft und das betriebli-
chen Controlling bezeichnen Kostenschätzung im deutschen Sprachraum dennoch häufig als
Kalkulation. Im Folgenden wird unter Kostenkalkulation eine Aufsummierung ex post aller
tatsächlichen Kosten auf Basis von Einzelpreisen zu einer Gesamtposition verstanden. Die
Kostenschätzung beschreibt ex ante eine Näherung auf Basis der zur Verfügung stehenden
Angaben und Annahmen (Strauch, 2008).
Im Folgenden werden einleitend die Kapitalbedarfspositionen einer prozesstechnischen
Anlage dargestellt sowie bestehende Ansätze zur Kostenschätzung diskutiert. Nach der Iden-
tifikation eines geeigneten Verfahrens folgt die Umsetzung der Investitionskostenschätzung
auf Basis der in Kapitel 4 identifizierten Stoff- und Energieströme. Das Kapitel schließt mit
der Auswertung der Ergebnisse.
116
5.1.1 Methodisches Vorgehen der Investitionskostenabschätzung einer
Modellanlage zur Herstellung von n-Butanol
5.1.1.1 Kostenstruktur prozesstechnischer Anlagen
In der Literatur existieren verschiedene Strukturen zur Erfassung der Kapitalbedarfspositio-
nen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Klassifizierung der einzelnen Positionen (vgl.
hierzu: (Remmers, 1991; Peters, et al., 2004; Dysert, 2003)). Exemplarisch wird im Folgen-
den das Vorgehen von Peters et al. vorgestellt.
Die Gesamtinvestition (Total Capital Investment, TCI) setzt sich aus den fixen Investition
(Fixed Capital Investment, FCI) und dem Umlaufvermögen (Working Capital, WC) zusammen.
Um der im Anlagenbau verwendeten Nomenklatur gerecht zu werden, werden die Begriffe
im Folgenden in englischer Sprache verwendet.
Gleichung 5.1
mit:
Total Capital Investment
€
Fixed Capital Investment
€
Working Capital
€
Das Fixed Capital Investment enthält alle Kosten, die im direkten Zusammenhang mit der Er-
richtung der Anlage stehen. Dazu zählen direkte Kosten (Direct Cost, DC) und indirekte Kos-
ten (Indirect Cost, IC).
Gleichung 5.2
mit:
Fixed Capital Investment
€
Direct Cost
€
Indirect Cost
€
Direct Cost umfassen die Komponenten der Anlage und alle Positionen, die unmittelbar der
Herstellung der Funktionalität zugeordnet werden können. Indirect Cost umfassen alle wei-
teren Kosten, die beispielsweise für die Planung und Errichtung, zu deren Kontrolle und Ge-
nehmigung anfallen. Die Zusammensetzung der Kapitalbedarfspositionen einer Anlage
variieren mit ihrer Art. Tabelle 5-1 zeigt eine Aufstellung des Fixed Capital Investment.
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
117
Tabelle 5-1: Fixed Capital Investment prozesstechnischer Anlagen
(in Anlehnung an Peters (2004))
Fixed Capital Investment (FCI)
Direct Cost
Anteil der FCI
1.
Apparate und Maschinen inkl. Ersatzteile, Transport etc.
15-40 %
2.
Montage
6-14 %
3.
Mess-, Steuer- und Regelungstechnik
2-12 %
4.
Rohrleitungen
4-17 %
5.
Elektrische Ausrüstung
2-10 %
6.
Gebäude und Stahlbau
2-18 %
7.
Grundstückserschließung und Infrastruktur
2-5 %
8.
Nebenanlagen und –Einrichtungen
8-30 %
9.
Grundstück
1-2 %
Indirect Cost
Anteil der FCI
1.
Ingenieurleistungen und Überwachung
4-20 %
2.
Genehmigung und Rechtskosten
4-17 %
3.
Kosten für Baustelleneinrichtung und –betrieb
1-3 %
4.
Unternehmergewinn
2-6 %
5.
Unvorhergesehenes
5-15 %
Das Working Capital beinhaltet alle Positionen zur Erstinbetriebnahme und zum Betrieb der
Anlage. Es umfasst den Lagerbestand an Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen sowie Fertig- und
Halbfertigerzeugnissen zur Erstinbetriebnahme. Darüber hinaus sind Forderungen, Steuer-
zahlungen und sonstige Verbindlichkeiten enthalten. Abhängig von den Zahlungsmodalitäten
für Forderungen und Verbindlichkeiten beträgt die Höhe des Working Capital üblicherweise
die Summe der Produktionskosten von 1-2 Monaten.
5.1.1.2 Ansätze zur Investitionskostenabschätzung
5.1.1.2.1 Summarische Verfahren
Bei summarischen Verfahren erfolgt die Investitionskostenabschätzung auf Basis des Umsat-
zes, der Kapazität oder der Zahl von Teilsystemen. Bauliche und/oder technische Besonder-
heiten werden nicht berücksichtigt. Grundlage der Abschätzungen sind historische
Vergleichsanlagen oder andere Datensätze. Summarische Verfahren zählen damit zu den
stochastischen Methoden (Dysert, 2003). Im Folgenden werden die wichtigsten summari-
schen Verfahren in Anlehnung an Kerdoncuff (2008) vorgestellt.
Umschlagskoeffizient des Anlagekapitals
Bei dieser groben Schnellschätzmethode wird der Anlagekapitalbedarf aus dem geplanten
Jahresumsatz und den branchenspezifischen Investitionskosten pro Produktmenge ermittelt
(Schembra, 1993a). Dabei bleibt der Einfluss der Kapazität auf die Investition unberücksich-
118
tigt. Darüber hinaus werden auch die Rahmenbedingungen prozesstechnischer Anlagen
nicht beachtet, die sich mit dem Standort und dem Baujahr stark unterscheiden. Aufgrund
der hohen Unsicherheit findet die Methode in der Praxis daher kaum Anwendung (Schleef,
1999; Schweyer, 1952).
Spezifische Kapitalbedarfsziffern
Die Kritik am Verfahren des Umschlagskoeffizienten des Anlagekapitals führte zur Übertra-
gung des Ansatzes auf ein kapazitätsgestütztes Modell. Dabei wird der Anlagekapitalbedarf
aus der geplanten Anlagenkapazität abgeleitet. Im einfachsten Fall wird die Proportionalität
des Kapitalbedarfs zur geplanten Kapazität angenommen und das Anlagekapital über die
Extrapolation des Kapitalbedarfes einer bestehenden Anlage abgeschätzt. Da technologie-
spezifische Einflüsse nicht beachtet werden, weist diese Vorgehensweise eine hohe Unge-
nauigkeit auf. Durch die Einbeziehung von Preisentwicklungen, Standorteinflüssen und der
Berücksichtigung kapazitätsabhängiger Einflüsse kann die Genauigkeit jedoch deutlich er-
höht werden (Kerdoncuff, 2008). Im Folgenden werden die drei Verfahren vorgestellt.
- Zeitindizes
Zur Kompensation unterschiedlicher Errichtungszeitpunkte kann auf Zeitindizes zurückge-
griffen werden. Zeitindizes bilden die Preisentwicklung über die Zeit für Komponenten oder
Gesamtanlagen anhand eines Warenkorbs ab. Insbesondere für den nordamerikanischen
Raum können unter anderem der Chemical Engineering Plant Cost Index, der Marshall and
Swift installed-Equipment Index und der Engineering News-Record Construction Index heran-
gezogen werden. Die Preisentwicklung für den deutschen Raum wird seit 1962 durch den
Kölbel-Schulze-Index abgebildet. Alle Indizes werden regelmäßig, überwiegend monatlich,
veröffentlicht. Der wichtigste internationale Index ist der Chemical Engineering Plant Cost In-
dex (Cooker, 2007). Sein Verlauf der letzten Jahre ist in Abbildung 5-1 dargestellt.
Abbildung 5-1: Verlauf der Jahresmittelwerte des Chemical Engineering
Plant Cost Index (vgl. Chemical Engineering (2001-2011))
0
100
200
300
400
500
600
700
2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011
CEPCI
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
119
Aufgrund technologischer Fortschritte sind Abschätzungen mit Hilfe des Indexes umso ge-
nauer, je kürzer der zwischen den Zeitpunkten liegende Zeitraum ist. Der Ansatz ist insbe-
sondere für Schätzungen innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren geeignet (Peters, et al.,
2004).
Gleichung 5.3
mit:
Investition zum Zeitpunkt a
€
Investition zum Zeitpunkt b
€
Index zum Zeitpunkt a
-
Index zum Zeitpunkt b
-
- Standortindizes
Neben einer zeitlichen Preisentwicklung treten Unterschiede in den standortabhängigen Be-
dingungen auf. Diese können die Vergleichbarkeit des Anlagekapitals prozesstechnischer An-
lagen insbesondere in unterschiedlich entwickelten Ländern beeinflussen. Zur
Kompensation können Standortindizes herangezogen werden, die aus der Nachkalkulation
durchgeführter Projekte stammen. Unter anderem werden unterschiedliche Produktivität,
klimatische Verhältnisse, Verfügbarkeit von Prozessausrüstung, Berufsausbildungsniveau
und Lohnniveau berücksichtigt (Schembra, 1993b). Die regelmäßige Veröffentlichung geht
auf Winton (1977) zurück.
- Größendegressionsansatz
Die bekannteste der summarischen Verfahren ist die Kapazitätsmethode mit Degressionsex-
ponenten. Williams (1947) erkannte, dass die Anlagekosten bestimmter Apparate und Ma-
schinen unterproportional zur Kapazität mit einem Exponenten von 0,6 steigen. Chilton
(1950) erweiterte den Ansatz auf die Investitionskosten von Komplettanlagen und konnte
die Gesetzmäßigkeit allgemein bestätigen. Dies hat unter anderem folgende Gründe. Der Ma-
terialaufwand für Behälter und Rohrleitungen wächst unterproportional zu deren Volumen,
ebenso der Aufwand für die Planung, Montage und die Mess-, Steuer- und Regelungstechnik.
Der Degressionsexponent variiert mit Anlagentyp und Branche. Eine Reihe detaillierter Da-
tenbanken dazu wurden u.a. von Guthrie (1977), Kölbel (1982), Garret (1989) und Schembra
(1993b) veröffentlicht:
120
Gleichung 5.4
(
)
mit:
Investition bei Kapazität a
€
Investition bei Kapazität b
€
Kapazität a
t a-1
Kapazität b
t a-1
Degressionsexponent
Typisch sind Degressionsexponenten zwischen 0,5 und 0,85 (Dysert, 2003). Die Genauigkeit
des Verfahrens liegt bei etwa 50 % (AACEI, 2011). Der spezifische Degressionsexponent
steigt mit zunehmender Kapazität an (siehe Abbildung 5-2). Bei hohen Kapazitäten ist es
wirtschaftlich oft sinnvoller, zwei Standardaggregate anstelle eines großen einzusetzen
(Dysert, 2003). Der spezifische Degressionsexponent beträgt in diesen Fällen annähernd 1.
Abbildung 5-2: Verlauf des Degressionsexponenten in Abhängigkeit der
Kapazität in logarithmischer Darstellung (in Anlehnung an Dysert
(2003))
Hauptkritikpunkte der ausschließlichen Nutzung dieser Methode sind die Nichtbeachtung
des technologischen Fortschritts und die grundsätzliche Schwierigkeit, Anlagen durch ihre
unterschiedlichen Konfigurationen und Standorte zu vergleichen (vgl. hierzu: Holland et al.
(1988)). Darüber hinaus sind Ausschlüsse aus dem Lieferumfang des Anlagenbauers oft un-
bekannt. Um höhere Genauigkeiten zu erreichen, sollte die Methode nur unter deren Berück-
sichtigung zur Anwendung kommen (Strauch, 2008).
Es existieren weitere Vorgehensweisen, die auf diesem Ansatz basieren (vgl. hierzu:
Schembra (1993b)). Zu den bekanntesten zählen die Methoden von Allen (1975; 1976), Her-
bert und Bisio (1976), Stallworthy (1970), Taylor (1977) sowie Wilson (1971). Der Größen-
Kapazität
Investition
Kapc
Kapb
Kapa
Kapd
Ia
Ib
Ic
Id
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
121
degressionsansatz kann darüber hinaus Anwendung in der Abbildung der Personalkosten in
Abhängigkeit der Kapazität einer Anlage finden (vgl. hierzu: Hamelinck et al. (2005), Lange
(2007)).
5.1.1.2.2 Zuschlagsfaktormethoden
Zuschlagsfaktormethoden berücksichtigen die eingesetzte Technologie in Produktionssys-
temen detaillierter als summarische Verfahren. Sie liefern daher eine höhere Genauigkeit.
Voraussetzung ist die Ermittlung aller Kosten für Apparate und Maschinen. Diese Klasse von
Schätzmethoden wird daher auch Equipment-Factored Estimation (EFE) genannt. Zuschlags-
faktormethoden basieren auf aktuellen Lieferantenangeboten und zählen damit zu den de-
terministischen Schätzmethoden (Dysert, 2003). Die Verbesserung in der Genauigkeit
gegenüber summarischen Verfahren lässt sich maßgeblich auf die bekannte Kostenstruktur
prozesstechnischer Anlagen zurückführen (siehe Kapitel 5.1.1.1). Der Anteil der Kosten für
Apparate und Maschinen an den Gesamtinvestitionen von Anlagen ist für ähnliche Typen
vergleichbar hoch. Die Nebenpositionen weisen hingegen eine stärkere Abhängigkeit von
den Randbedingungen auf (Strauch, 2008). Infolge der projektindividuellen Berücksichti-
gung der Randbedingungen steigt die Genauigkeit.
Globale Zuschlagssätze
Basis der Methode ist eine detaillierte Kostenermittlung der Apparate und Maschinen .
Die Summe der Kosten wird ausschließlich mit einem Globalfaktor multipliziert. Eine Be-
rücksichtigung von direkten und indirekten Nebenpositionen wird im Unterschied zur spä-
ter diskutierten Methode differenzierter Zuschlagssätze nicht vorgenommen. Die Methode
wurde von Lang (1948) entwickelt und ist auch als der Lang’sche Ansatz bekannt. Lang un-
terscheidet nach verschiedenen Aggregatzuständen von Prozessmedien. Für feste Medien
schlägt er einen Zuschlagsfaktor von 3,1 auf alle Apparate und Maschinen vor, für flüssige
4,74 und für fest-flüssige 3,63. Haselbarth (1960), Miller (1965), Wilson (1971), Mach
(1971) und andere entwickelten den Ansatz in Bezug auf die Berücksichtigung von Tempera-
tur und den Druck der Medien sowie der eingesetzten Werkstoffe weiter.
Mit dieser Methode lassen sich zwar technologische Entwicklungen abbilden, jedoch ist
der Aufwand zur Erstellung einer detaillierten Kostenermittlung relativ hoch. Detaillierte
Kosteninformationen für Apparate und Maschinen liegen meist erst in der Phase des Basic
Engineerings vor. Daher resultiert ein häufiger Schätzfehler dieser Methode aus der Unvoll-
ständigkeit der Ausgangslisten (Baasel, 1990). Die Genauigkeit liegt bei etwa ± 30 %
(Schembra, 1993b).
Differenzierte Zuschlagssätze
Wie auch bei der Schätzung mit globalen Zuschlagssätzen basiert die Schätzung mit differen-
zierten Zuschlagssätzen auf einer detaillierten Ermittlung der Kosten für Apparate und Ma-
schinen . Im Unterschied werden hier jedoch differenzierte Zuschlagssätze für alle
122
Nebenpositionen angewendet. Sie berücksichtigen beispielsweise den Aggregatzustand der
Medien, die Kapazität der Anlage und verwendete Werkstoffe. Die Methoden differenzierter
Zuschlagssätze gelten daher als die Weiterentwicklung der Methoden globaler Zuschlagssät-
ze (Schembra, 1993b). Grundsätzlich lassen sich dabei additive und multiplikative Methoden
unterscheiden:
Gleichung 5.5
∑
∏
mit:
Investition
€
Investition Apparate &
Maschinen
€
Zuschlagssatz
Methoden differenzierter Zuschlagssätze sind u.a. von Chilton (1949), Bach (1958), Garret
(1989) und Rudd (1968) vorgestellt worden. Tabelle 5-2 zeigt exemplarisch die differenzier-
ten Zuschläge der Methode nach Peters et al. (2004). Die Genauigkeiten von Methoden mit
differenzierten Zuschlagssätzen liegen bei ± 20 – 30 %. Werden mit der Methode ähnliche
konfigurierte Anlagen verglichen kann die Genauigkeit auf bis zu ± 10 % steigen (Peters, et
al., 2004).
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
123
Tabelle 5-2: Investitionskostenabschätzung mit Hilfe differenzierter Zuschlagssätze nach Peters et al.
(2004)
Anteil (% ) in Abhängigkeit des Anlagentyps
Feststoff
Fest-Flüssig
Flüssigkeit
Direct Cost
Apparate und Maschinen
(inkl. Ersatzteile, Transport etc.)
100
100
100
Montage
45
39
47
Mess-, Steuer- und Regelungstechnik
18
26
36
Rohrleitungen
16
31
68
Elektrische Ausrüstung
10
10
11
Gebäude und Stahlbau
25
29
18
Grundstückserschließung und Infrastruktur
15
12
10
Nebenanlagen und –Einrichtungen
40
55
70
Summe Direct Cost
269
302
360
Indirect Cost
Ingenieurleistungen und Überwachung
33
32
33
Kosten für Baustelleneinrichtung und –betrieb
39
34
41
Genehmigung und Rechtskosten
4
4
4
Unternehmergewinn
17
19
22
Unvorhergesehenes
35
37
44
Summe Indirect Cost
128
126
144
Summe Fixed Capital Investment
397
428
504
Working Capital (15% des Total Capital Investment)
70
76
89
Total Capital Investment
467
504
593
5.1.1.2.3 Modulare Methoden
Modulare Methoden zielen auf eine weitere Detaillierung der Anlagenkomponenten in Mo-
dule und eine damit verbundene höhere Genauigkeit. Ausgangspunkt für die Entwicklung
modularer Methoden ist die Feststellung, dass nicht alle Anlagenteile beziehungsweise Mo-
dule den gleichen Anforderungen hinsichtlich Druck, Temperatur oder Werkstoffeigenschaf-
ten unterliegen (Remmers, 1991). Die Modularisierung lässt sich prinzipiell für alle bisher
genannten Methoden anwenden. Im Folgenden wird sie für Methoden der globalen und dif-
ferenzierten Zuschlagssätze sowie für das modulare Konzept auf Basis objektorientierter
Werkzeuge dargestellt.
Modulare Faktormethoden für globale Zuschlagssätze
Basierend auf der Methode globaler Zuschlagssätze werden die Kosten für direkte und indi-
rekte Nebenpositionen mit Hilfe eines Zuschlagssatzes abgebildet. Diese basieren auf den In-
124
vestitionen für Apparate und Maschinen eines jeden Moduls. So entwickelte Wroth (1960)
einen Ansatz, in dem er für jedes Modul den Typ der eingesetzten Komponenten für die
Schätzung des Zuschlagssatzes berücksichtigt. Clerk (1963) schlägt einen ähnlichen Ansatz
hinsichtlich der Werkstoffwahl vor. Der Vorteil dieser Methoden liegt wie auch bei den all-
gemeinen globalen Zuschlagssätzen in der einfachen Handhabung und der Einsetzbarkeit in
frühen Planungsphasen. Die Genauigkeiten liegen bei ± 25 – 30 %.
Modulare Faktormethoden für differenzierte Zuschlagssätze
Eine deutliche Verbesserung der Genauigkeiten bieten modulare Faktormethoden, die auf
differenzierten Zuschlagssätzen basieren. Wie auch bei den allgemeinen Methoden differen-
zierter Zuschlagsätze wird die Kenntnis der Kosten aller Hauptpositionen vorausgesetzt. Sie
ist damit erst in der Phase des Basic Engineerings anzuwenden. Prinzipiell existieren auch
hier additive und multiplikative Methoden. Exemplarisch für einen additiven Aufbau steht
die Methode von Hand (1958). Er orientiert sich am Lang’schen Ansatz (siehe Kapitel
5.1.1.2.2) und differenziert die Ausrüstungstypen über die Prozessmedien anstatt über die
Aggregatzustände. Dabei werden für jede Position, wie Kolonne, Wärmetauscher, Pumpe,
spezifische Zuschläge für Material, indirekte Kosten und Montage erhoben (Dhillon, 1989).
Gleichung 5.6
∑
mit:
Investition
€
Investition der Ausrüstungsart z
€
Zuschlagssatz
Miller (1965) berücksichtigt in der von ihm vorgestellten Methode den Einfluss der Unsi-
cherheit. Das Ergebnis ist eine stochastische Auswertung mit einem Erwartungswert und ei-
nem Konfidenzintervall. Für jedes Modul ermittelt der Anwender der Methode verschiedene
Szenarien in Abhängigkeit ihres Aufwandes. Diese können beispielsweise ein wahrscheinli-
ches durchschnittlich aufwändiges Szenario, ein wenig aufwändiges und ein sehr aufwändi-
ges Szenario sein.
Eine weitere Methode von Guthrie (1974) greift das Prinzip der Methode von Hand (1958)
auf. Über die Differenzierung nach Hauptkomponenten hinaus unterscheidet Guthrie die Zu-
schlagsfaktoren nach Disziplinen wie Montage, Beton, Stahlstruktur oder Verrohrung. Neben
den einzelnen Modulen für verschiedene Ausrüstungsgegenstände definiert er ein Normmo-
dul für unbekannte Ausrüstung. Außerdem stehen Module zur Berücksichtigung der Gelän-
deerschließung, für Gebäude, Hilfs- und Nebenanlagen und zur Bestimmung indirekter
Projektkosten zur Verfügung (Strauch, 2008).
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
125
Theoretisch bilden Ansätze dieser Art die Investitionskosten mit einer Genauigkeit von
± 10 – 20 % ab (Peters, et al., 2004). Die erzielbaren hohen Genauigkeiten basieren jedoch
auf der Aktualität der Parameter. In der Praxis veröffentlichen immer weniger Unternehmen
ihre Kostensätze, so dass der technologische Fortschritt nur bedingt durch den Einsatz von
Zeitindizes berücksichtigt werden kann (Dysert, 2003).
Modulares Konzept auf Basis objektorientierter Werkzeuge
Die diskutierten modularen Ansätze zur Investitionskostenabschätzung basieren auf den mit
Zuschlägen versehenen Ausrüstungskosten. Voraussetzung für die Anwendung dieser Me-
thoden ist der Abschluss des Basic Engineerings. Der Ansatz der modularen Planung kehrt
dieses Prinzip um. Im Basic Engineering wird auf Anlagenmodule bereits bestehender Pro-
jekte zurückgegriffen (Reuse). Die Kosten der einzelnen Module liegen dabei auf Basis abge-
schlossener Projekte vor. Dabei wird ausgenutzt, dass sich Ausrüstung oder Prozessschritte
zu Modulen zusammenfassen lassen. Ein Modul besteht dabei aus Ausrüstung, Mess- und Re-
gelungstechnik und weiteren Komponenten. Es stellt damit einen Querschnitt über alle ge-
forderten Disziplinen dar.
Das Konzept stellt damit nicht nur eine Methode zur Investitionskostenschätzung bereit,
sondern liefert ein integriertes Planungswerkzeug (vgl. hierzu: Strauch (2008)). Vorausset-
zung ist daher die Verfügbarkeit von Spezifikations- und Kosteninformationen auf Basis ge-
normter Module (Hady, et al., 2010). Durch die Intransparenz von Anlagenkosten im
Wettbewerb eignet sich diese Methode daher insbesondere unternehmensintern oder für
den Einsatz innerhalb von Planungskooperationen.
126
5.1.1.2.4 Detaillierte Einzelermittlung
Bei der Einzelermittlung werden alle Positionen einer Anlage ermittelt und mit Hilfe von
Mengengerüsten und Massenauszügen zur weiteren Berechnung herangezogen. Die Ein-
zelermittlung ist das mit Abstand aufwändigste Verfahren in der Kostenschätzung. Durch
den enormen Informationsbedarf ist es erst in der Phase des Detail Engineerings anwendbar.
Voraussetzung ist die Kenntnis von Prozessflussdiagrammen, Rohrleitungs- und Instrumen-
tenfließbildern, Listen aller Ausrüstungsgegenstände, Layouts, Isometrien und weiteren Spe-
zifikationen. Trotz des enormen Aufwandes liegen die Genauigkeiten selten unter 5 %
(Peters, et al., 2004; Baasel, 1990).
In der Praxis ist es daher üblich, dass im Verlauf eines einzigen Projektes zuerst weniger
detaillierte Kostenschätzungen herangezogen werden. Kann das Ergebnis positiv bewertet
werden, wird das Projekt weiter verfolgt und die Genauigkeit der Abschätzung bis hin zur
detaillierten Einzelermittlung erhöht. Diese kombinierte Vorgehensweise wird auch Stage
Gated Approval Process genannt (Lawrence, 2008).
5.1.1.2.5 Einordnung der Genauigkeit von Kostenschätzungen
Wie jedes Gut unterliegt auch der Preis einer prozesstechnischen Anlage Markteinflüssen. In
Gegenüberstellung zu anderen Gütern ist die Vergleichbarkeit von prozesstechnischen Anla-
gen durch die Unterschiedlichkeit der Anlagen und ihrer Standorte jedoch nur bedingt ge-
währleistet. Nach Schwanfelder (1989) existiert durch die Intransparenz der
Einflussparameter für Anlagenprojekte kein vollständig objektiver Marktpreis. Für die Preis-
abschätzung eines Projektes ergibt sich aus der Intransparenz ein Zielkonflikt. Dieser besteht
in der Nichtvereinbarkeit von der Genauigkeit der Schätzung und dem dafür notwendigen
Planungsstand, der sich in zeitlichem und monetärem Aufwand niederschlägt. Abbildung 5-3
verdeutlicht diesen Zusammenhang.
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
127
Abbildung 5-3: Zusammenhang zwischen Ungenauigkeit, Bear-
beitungskosten und Zeitaufwand eines Projektes (in Anlehnung
an Schwind (1979))
Der Planungsstand eines Projektes lässt sich in Projektphasen darstellen. In der Literatur
steht dafür eine Vielzahl von Darstellungsmöglichkeiten bereit (vgl. hierzu: Strauch (2008),
Sattler und Werner (2000), Schembra (1993b), Aichert et al. (1985)). Im Folgenden wird ein
Ansatz in Anlehnung an Sattler und Werner (2000) herangezogen, der auch in der Praxis
Verwendung findet. Da sich die Projektphasen inhaltlich nicht immer klar abgrenzen lassen,
werden häufig Meilensteine definiert, mit denen ein Teilabschnitt beendet wird (siehe Ab-
bildung 5-4). Um der im Analgenbau verwendeten Nomenklatur gerecht zu werden, werden
die Begriffe im Folgenden in englischer Sprache verwendet.
Abbildung 5-4: Lebenszyklus- und Planungsphasen eines Anlagenprojektes
(eigene Darstellung in Anlehnung an Sattler und Werner (2000))
Ungenauigkeit der Kostenschätzung
Kostenaufwand zur Verbesserung der Kos-
tenschätzung
Zeit
€
%
1
2
1
2
Zeit
Feasibility
Study
Prebasic En-
gineering
Basic
Engineering
Detail
Engineering
Procurement
Construction
Erection
Commissioning
Operation
Project Acceptance
Project Approval
Mechanical Completion
1
2
2
128
Durch die hohen Kosten, die bei der Datenerhebung einer detaillierten Kostenschätzung ent-
stehen, werden in der Praxis Investitionsentscheidungen teilweise mit wenig oder gar keiner
ingenieurwissenschaftlichen Unterstützung getroffen (Dysert, 2003). Der in der Literatur
angegebene Aufwand für die Investitionskostenschätzung variiert mit der Branche und kann
für ein Festpreisangebot um 6 % der Gesamtinvestition betragen (Lawrence, 2008).
Bedingt durch den hohen zeitlichen und monetären Aufwand einer präzisen Kostenschät-
zung existieren in der Angebotserstellung verschiedene Klassen von Angeboten in Abhän-
gigkeit von der Schätzgenauigkeit. In der Literatur werden verschiedene Systeme vorgestellt
(vgl. hierzu: Verein Deutscher Ingenieure (1983) und Association for the Advancement of
Cost Engineering (2011)). In Tabelle 5-3 wird exemplarisch ein Klassifizierungssystem der
Association for the Advancement of Cost Engineering (AACEI) vorgestellt, das 1951 von
Nichols (1951) vorgeschlagen wurde.
Tabelle 5-3: Klassifikation von Kostenschätzung (in Anlehnung an AACEI (2011) und Sattler und Wer-
ner (2000))
Kategorie und
Bezeichnung
Projekt-
definition
Methode der
Investitionskostenschätzung
Genauigkeit
Class I:
Order of Magnitude
0 – 2 %
Kapazitätsmethoden, Strukturmetho-
den mit Globalfaktoren
-35 % - +50 %
Class II:
Study
1 – 15 %
Strukturmethoden mit globalen oder
differenzierten Zuschlagssätzen
-15 % - +30 %
Class III:
Preliminary
10 – 40 %
Strukturmethoden mit differenzierten
Zuschlagssätzen, Modulare Methoden
-15 % - +30 %
Class IV:
Definitive
30 – 70 %
Detaillierte Einzelermittlung
-5 % - +15 %
Class V:
Detailed
50 – 100 %
Kostenkalkulation mit tatsächlichen
Projektkosten
-5 % - +15 %
5.1.1.3 Entwicklung eines angepassten Ansatzes zur Abschätzung der
Investitionskosten
Die Abschätzung der Investitionskosten der Modellanlage erfolgt innerhalb des Bilanz- und
Betrachtungszeitraums der Stoff- und Energiestrommodellierung (siehe Kapitel 4). Der
Bilanzraum entspricht damit der Systemgrenze der Modellanlage. Im Hinblick auf die Basis
der ermittelten Stoff- und Energieströme lässt sich der Definitionsgrad des zu
untersuchenden Produktionssystems im Stadium zwischen Pre-Basic und Basis Engineering
einordnen. Die zu erreichende Genauigkeit der Investitionskostenschätzung beträgt daher
zwischen -15 und +30 % (siehe Tabelle 5-3).
Zur Abschätzung der Investitionskosten eignen sich daher insbesondere die Methoden
differenzierter Zuschlagssätze. Im Hinblick auf die Ähnlichkeit vieler Bereiche der
fermentativen Herstellung von n-Butanol mit der von Ethanol und die Möglichkeit,
entsprechende Kosteninformation auf der Ebene der technischen Ausrüstung zur
Abschätzung heranzuziehen, wird im Folgenden die Methode von Peters et al. (2004)
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
129
eingesetzt. Die Ermittlung der dafür notwendigen Kosten der Apparate und Maschinen
und des Total Capital Investment erfolgt nach folgender Herangehensweise:
1. Identifikation von Referenzpreisen ( ) aller wesentlichen Apparate und Maschi-
nen der Modellanlage und pauschale Berücksichtigung nicht gelisteter Ausrüs-
tungsgegenstände
2. Berücksichtigung der Zielkapazität ausgehend von der Kapazität der Referenz
( ) mit Hilfe des Größendegressionsansatzes auf Basis individueller Degres-
sionsexponenten
3. Berücksichtigung der Marktentwicklung anhand des Chemical Engineering Plant
Cost Indexes als Quotient des Zieljahrindexes und des Referenzjahrindexes
( )
4. Identifikation des Zuschlagssatzes für die Modellanlage auf Basis von Peters
et al. (2004)
Die Modellerweiterung zur Abschätzung des Total Capital Investments über die vorgestellte
Herangehensweise lässt sich in folgender Gleichung darstellen:
Gleichung 5.7
∑ (∑ | |
)
mit:
Total Capital Invest-
ment
€
Zuschlagsfaktor
-
Referenzpreis der Aus-
rüstung k
t h-1
Stoffstromvektor37
t h-1
Referenzkapazität
t h-1
Degressionsexponent
der Ausrüstung k
-
CEPCI im Zieljahr
-
CEPCI im Referenzjahr
für Ausrüstung
-
5.1.2 Umsetzung der Investitionskostenabschätzung einer Modellanlage zur
Herstellung von n-Butanol
Über die Stoff- und Energieströme der Anlage hinaus werden in Kapitel 4 die Kapazität sowie
der Energiebedarf aller wesentlichen Apparate und Maschinen definiert. Die in der Stoff- und
Energiestrommodellierung herangezogene Literatur enthält detaillierte Referenzmarktprei-
se zu den meisten in der Stückliste verzeichneten Apparate und Maschinen. Für alle Positio-
nen, die in der Literatur ohne oder mit nicht ausreichend detaillierten Preisinformationen
37
Die Position der Turbine und des Generators wird nicht in t h-1, sondern in der Einheit kW angegeben. Auf eine
doppelte Ausführung der Gleichung wird jedoch verzichtet.
130
vorliegen, basiert die Abschätzung auf Richtpreisangeboten von Herstellern. Für den in Ab-
schnitt 5.1.1.2.1 erläuterten Größendegressionsansatz und die einzusetzenden Degressions-
exponenten wird eine Ausführung von Kazi et al. (2010) herangezogen. Kazi et al. geben eine
umfassende Aufstellung der für den Ansatz notwendigen Degressionsexponenten von Kom-
ponenten zur Herstellung von Fermentationserzeugnissen an.
Die Vorgehensweise wird im Folgenden am Beispiel des Häckslers in der Rohstoffannahme
dargestellt. Im Jahr 2010 betrug der Anschaffungspreis des Häckslers mit einer Kapazität
von 31,6 t h-1 inklusive Ersatzteilen und Transport US$ 639.000 (Kumar, et al., 2011). Die
Zielkapazität des zu untersuchenden Produktionssystems beträgt 58,1 t h-1 und entspricht
damit dem 1,84 fachen der Basiskapazität. Der Degressionsexponent für einen Häcksler der
angegebenen Kapazität kann mit 0,6 angegeben werden (Kazi, et al., 2010). Nach Gleichung
5.4 betragen die Anschaffungskosten das 1,44 fache des Preises der Ausgangskapazität und
in der Zielkapazität damit US$ 921.280.
Die Berücksichtigung der Marktentwicklung wird ebenfalls anhand des Häckslers gezeigt.
Im Basisjahr 2010 betrug der Wert des CEPCI 550,8 Punkte, im August des Zieljahres 2012
576,6 Punkte. Nach Gleichung 5.3 werden die Anschaffungskosten daher um den Faktor 1,05
korrigiert und betragen damit im Jahr 2012 US$ 964.433. Die Ergebnisse werden anhand des
durchschnittlichen Wechselkurses von €-US$ von 1,3059 (EZB, 2012a) in Euro überführt.
Eine ausführliche Aufstellung aller Apparate und Maschinen befindet sich in Anhang B in Ta-
belle 9-1. Die Summe aller Positionen beträgt € 64.858.000.
Ausgehend davon lässt sich die Methode differenzierter Zuschlagssätze nach Peters et al.
(2004) anwenden. Der Ansatz differenzierter Zuschlagssätze bietet im Gegensatz zu globalen
Zuschlagssätzen die Möglichkeit, über die Wahl der Zuschlagssätze den Entwicklungsstand
der eingesetzten Technologie zu berücksichtigen. Peters et al. geben dabei die Durch-
schnittszuschlagssätze für die Verarbeitung von festen Rohstoffen zu flüssigen Endproduk-
ten an (siehe Kapitel 5.1.1.2.2). Abweichend davon erfolgen Anpassungen im Hinblick auf die
Eigenschaften der Modellanlage.
Die Kosten für ein Grundstück variieren stark mit dem Standort. Da dessen Lokalisierung
nicht Teil der vorliegenden Arbeit ist, wird der Erwerb beziehungsweise die Pacht eines
Grundstückes nicht berücksichtigt. Tabelle 5-4 zeigt die Einzelpositionen und identifizierten
Zuschlagssätze in der Übersicht. Alle von Peters et al. (2004) abweichenden Positionen wer-
den nachfolgend erläutert.
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
131
Tabelle 5-4: Differenzierte Zuschlagssätze der Modellanlage
Direct Cost
Anteil (% )
Apparate und Maschinen inkl. Ersatzteilen, Transport etc.
100a)
Montage
39a)
Mess-, Steuer- und Regelungstechnik
26a)
Rohrleitungen
31a)
Elektrische Ausrüstung
10a)
Gebäude und Stahlbau
29a)
Grundstückserschließung und Infrastruktur
5b)
Nebenanlagen und –Einrichtungen
15b)
Summe Direct Cost
255
Indirect Cost
Ingenieurleistungen und Überwachung
35b)
Kosten für Baustelleneinrichtung und –betrieb
30a)
Genehmigung und Rechtskosten
5b)
Unternehmergewinn
19a)
Unvorhergesehenes
45b)
Summe Indirect Cost
134
Summe Fixed Capital Investment
389
Working Capital (10% des Total Capital Investment)
43b)
Total Capital Investment
437
a) in Anlehnung an Peters et al. (2004)
b) eigene Abschätzung
In den Zuschlägen der Direct Cost werden zwei Korrekturen zu den von Peters et al. (2004)
vorgeschlagenen Sätzen angewendet. Zum einen wird der Zuschlag Grundstückserschlie-
ßung und Infrastruktur von 12 auf 5 % gesenkt. Hintergrund der Korrektur ist die Grundan-
nahme, dass es sich beim Standort um einen Industriestandort handelt, der bereits teilweise
erschlossen ist.
Zum anderen findet eine Korrektur durch die Verringerung des Zuschlages für Nebenan-
lagen und –Einrichtungen statt. Darunter verstehen Peters et al. (2004) neben Betriebsmit-
teln, allgemeiner Infrastruktur und weiteren Bestandteilen auch die Dampferzeugung und
die Abwasseraufbereitung. Beide Positionen sind jedoch bereits explizit in der Aufstellung
der Apparate und Maschinen enthalten. Der Verzicht auf eine Korrektur würde zu einer
mehrfachen Berechnung dieser Nebenanlagen führen. Darüber hinaus würde sie zu einem
erhöhten Zuschlag auf Nebenanlagen- und Einrichtungen führen (siehe Tabelle 5-4). Diese
sind im Vorgehen von Peters et al. bereits als Teil der Nebenanlagen und -Einrichtungen be-
rücksichtigt. Die Korrektur des Zuschlags für Nebenanlagen und -Einrichtungen von 50 auf
15 % gleicht diesen Umstand aus.
132
Auch innerhalb der Indirect Cost sind Korrekturen notwendig, die auf die Neuheit der Tech-
nologie zurückzuführen sind. Durch den Umstand, dass keine Erfahrungen in der Planung ei-
ner derartigen n-Butanolanlage im industriellen Maßstab vorliegen, besteht ein erhöhter
Bedarf an Ingenieurleistungen. Der Zuschlag für Ingenieurleistung und Überwachung wird
daher von 32 auf 35 % erhöht.
Darüber hinaus wird der Zuschlag für Genehmigungen und Rechtskosten von 4 auf 5 %
angehoben. Die höchste Korrektur weist die Position für Unvorhergesehenes mit einer Stei-
gerung von 37 auf 45 % auf. Da das Working Capital nach Peters et al. (2004) ebenfalls als
Zuschlag auf das Fixed Capital Investment verstanden wird, ist auch hier eine Überprüfung
notwendig. Als Näherung reichen 10 % des Fixed Capital Investments aus, um das Working
Capital für 60 Betriebstage vorzuhalten. Der Zuschlag wird daher von 15 auf 10 % gesenkt.
5.1.3 Ergebnisse der Investitionskostenabschätzung
Unter Berücksichtigung der identifizierten Zuschlagssätze beträgt die Höhe des Fixed Capital
Investments 252.298.000 €, die des Working Capitals 28.003.000 €. Das Total Capital In-
vestment ergibt sich als deren Summe zu 280.331.000 €. Abbildung 5-5 zeigt die Kostenposi-
tionen im Überblick. Die Genauigkeit der Abschätzung kann mit -15 bis +30 % angegeben
werden (siehe Kapitel 5.1.1.2.5). Es wird deutlich, dass Apparate und Maschinen zwar abso-
lut einen hohen Beitrag (65 Mio. €) zur Gesamtinvestition liefern, jedoch nur etwa 23 % des
Total Capital Investments betragen.
5.1. Investitionskostenabschätzung der Modellanlage
133
Abbildung 5-5: Bestandteile der Total Investment Cost (Angaben gerundet)
Bislang sind keine Investitionskosten einer großtechnischen Anlage zur Produktion von
n-Butanol aus lignocellulosebasierten Rohstoffen verfügbar. Daher kann kein unmittelbarer
Vergleich der Investitionskosten der Modellanlagen zu bereits bestehenden Anlagen dieser
Art gezogen werden. Es bietet sich jedoch eine Gegenüberstellung zu Anlagen vergleichbarer
Technologie an. Wie bereits in Kapitel 5.1.1.3 erläutert, eignen sich dafür insbesondere Anla-
gen zur fermentativen Herstellung von Ethanol aus lignocellulosebasierten Rohstoffen. Zwar
existieren bislang ausschließlich Pilotanlagen in geringer Kapazität. Diese lassen jedoch
Rückschlüsse auf die Investitionskosten höherer Kapazitäten zu, die in der Literatur be-
schrieben werden.
Klein-Marcuschamer et al. (2010) legen eine Investitionskostenschätzung einer Anlage
zur Produktion von Ethanol aus Maisstroh
38
vor. Das Fixed Capital Investment der Anlage be-
trägt 340 Mio. US$. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass die vorgelegte Investi-
tionskostenschätzung hinsichtlich einer Verringerung der Kosten nicht optimiert worden ist.
Mit Hilfe des in Kapitel 5.1.1.2 diskutierten Größendegressionsansatzes lassen sich die Inves-
titionskosten dieser Ethanolanlage auch für andere Kapazitäten abschätzen. Für die in der
n-Butanol-Modellanlage angenommenen Rohstoffverarbeitungskapazität betrüge das Fixed
Capital Investment der Ethanolanlage etwa 231.000.000 €
39
. Wie zu erwarten weist die Mo-
38
Englisch: Corn stover; Rückstände der Maisspflanze nach der Ernte, besteht maßgeblich aus Blättern und Stängeln
39
Fixed Capital Investment 340 Mio. US$ im Jahr 2009 (Klein-Marcuschamer, et al., 2010); Abschätzung des Fixed
Capital Investments über Zeitindex (CEPCI (2009) 521,9), Größendegressionsansatz (Exponent 0,6) (siehe Kapitel
5.1.1.2) sowie dem Wechselkurs EUR-USD von 1,31
Apparate und Maschinen,
65 Mio. €
Montage,
25 Mio. €
Mess- Steuer- und Regelungs-
technik, 17 Mio. €
Rohrleitungen,
20 Mio. €
Elektrische Ausrüstung, 6 Mio. €
Gebäude und Stahlbau,
19 Mio. €
Nebenanlagen und –Einrichtungen, 9 Mio. €
Ingenieurleistungen und Überwa-
chung, 23 Mio. €
Kosten für Baustelleneinrichtung
und -Betrieb, 19 Mio. €
Unternehmergewinn, 12 Mio. €
Unvorhergesehenes,
29 Mio. €
Working Capital,
28 Mio. €
Direct Cost, 165 Mio. €
Indirect Cost, 87 Mio. €
Fixed Capital Investment, 252 Mio. €
Total Capital Investment, 280 Mio. €
Grundstückserschl. und Infrastruk., 3 Mio. €
Genehmigung und Rechtskosten, 3 Mio. €
134
dellanlage mit einer Differenz von etwa 21 Mio. € höhere Investitionskosten auf. Ein solcher
Vergleich kann zwar nur ein Anhaltspunkt sein. Er zeigt jedoch, dass die Investitionskosten
der Modellanlage in dieser Größenordnung anzusiedeln sind.
Aktuell wird eine Vielzahl technologischer Alternativen zu der in der Stoff- und Energie-
strommodellierung eingesetzten Technologie untersucht. Neben prozesstechnischen Vortei-
len können diese großen Einfluss auf die Investitions- und Betriebskosten haben (siehe
Kapitel 2.4). Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass Lerneffekte die Kosten
einer neuartigen Technologie mit der Steigerung der installierten Kapazität deutlich verrin-
gern. Dabei gibt der Fortschrittsfaktor an, welche Preisänderung bei einer Verdopplung der
insgesamt installierten Kapazität zu erwarten ist.
Für die Produktion von Ethanol aus Zuckerrohr in Brasilien lag der Fortschrittsfaktor in
den Jahren von 1980 bis 1985 bei 0,91, von 1985 bis 2002 bei 0,71 (Goldemberg, et al.,
2004). Diese Ergebnisse lassen sich nicht unmittelbar auf die Entwicklung der Investitions-
kosten von n-Butanol übertragen. Jedoch zeigen sie, dass auch in der Herstellung von
n-Butanol aus Lignocellulose in Zukunft tendenziell sinkende Investitionskosten erwartet
werden können (vgl. hierzu: Goldemberg et al. (2004), Lange (2007)). Die ersten Erfahrun-
gen in der Herstellung von n-Butanol auf der Basis von Maisstärke werden zurzeit mit der
Umrüstung bestehender Ethanolanlagen gemacht (vgl. hierzu: Butamax (2012)). Informatio-
nen über die Investitionskosten derartiger Anlagen beziehungsweise Umbauten liegen nicht
vor.
5.2 Zahlungsströme der Modellanlage
Ziel dieses Kapitels ist die Abschätzung der Kosten zur Produktion von n-Butanol. Dazu er-
folgt eine Periodisierung aller Kosten auf einen Betrachtungszeitraum von einem Jahr. Es ist
hervorzuheben, dass damit die resultierenden Kosten den gemittelten Verlauf abbilden,
nicht die tatsächlich anfallenden Zahlungen. Dazu wird zunächst ein geeigneter Modellie-
rungsansatz identifiziert und auf die Modellanlage angepasst. Aufbauend darauf erfolgt die
Umsetzung der Zahlungsströme des Basisszenarios. Alle Kosten beziehen sich auf das Jahr
2012. Die Auswirkung alternativer Marktentwicklungen beziehungsweise Szenarien ist Ge-
genstand von Kapitel 7.
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
135
5.2.1 Methodisches Vorgehen der Modellierung von Zahlungsströmen einer
Modellanlage zur Herstellung von n-Butanol
5.2.1.1 Ansätze zur Modellierung von Zahlungsströmen
Im Gegensatz zu den vorgestellten Ansätzen in Kapitel 5.1.1.2 zielt die Modellierung der An-
sätze im vorliegenden Kapitel nicht auf die Abschätzung von Kosten anhand von Methoden.
Vielmehr gilt sie der systematischen Erfassung und Darstellung von Kosten. Dazu werden
verschiedene dynamische Darstellungsansätze vorgestellt.
Den höchsten Detaillierungsgrad weisen die in der Praxis des Anlagenbaus und der Projekt-
entwicklung genutzten Finanzierungsmodelle (Financial Models) auf. Sie werden sowohl zur
unternehmensinternen Entscheidungsfindung eingesetzt als auch zur Projektpräsentation
bei potentiellen Investoren. Financial Models berücksichtigen die zugrunde liegenden Ein-
flussfaktoren sehr detailliert. Insbesondere können verschiedene Darlehen, Tilgungszeit-
punkte und -modalitäten flexibel dargestellt werden. Eine Periodisierung der
Zahlungsströme kann beispielsweise mit Hilfe der Annuitätenmethode vorgenommen wer-
den. Durch die hohe Detailtiefe weist dieser Ansatz eine hohe Genauigkeit auf, verlangt je-
doch einen fortgeschrittenen Planungsstand des Projektes.
Weitere Ansätze zur Modellierung von Zahlungsströmen erlauben durch eine weniger diffe-
renzierte Darstellungsweise eine Kostenerfassung auch bei weniger fortgeschrittenen Pro-
jektplanungsständen. Hier sei exemplarisch die VDI-Richtlinie 6025 (1996) erwähnt. Sie
sieht eine Unterteilung in kapitalgebundene, verbrauchsgebundene, betriebsgebundene und
sonstige Kosten sowie Umsatzerlöse vor. Dabei werden alle Zahlungs- und Umsatzströme
periodisch dargestellt. Die Anwendung der Richtlinie zielt ebenso wie ein Financial Model
auf die vollständige Erfassung aller Zahlungsströme, erlaubt jedoch gezielte Vereinfachun-
gen.
5.2.1.2 Entwicklung eines angepassten Ansatzes zur Modellierung von
Zahlungsströmen einer Modellanlage zur Herstellung von n-Butanol
Die Erfassung der Zahlungsströme der Modellanlagen umfasst zwei Funktionen. Zum einen
werden die kontinuierlichen Umsätze und Kosten auf Basis der in Kapitel 4 ermittelten Stoff-
und Energieströme periodisch erfasst. Zum anderen werden einmalige Zahlungen wie die im
vorherigen Kapitel 5.1 ermittelten Investitionskosten in Annuitäten überführt. Für beide Be-
reiche wird im Folgenden ein an die VDI-Richtlinie 6025 (1996) und Peters et al. (2004) an-
gelehnter Ansatz entwickelt. Der Bilanzraum entspricht dabei der Prozesskette von der
Bereitstellung der Biomasse über deren Transport bis zum Absatz der Produkte (Abbildung
5-6).
136
Abbildung 5-6: Prozessstufen in der Produktion von n-Butanol aus Weizenstroh
Berücksichtigt werden Umsatzerlöse , kapitalgebundene Kosten , verbrauchsge-
bundene Kosten , betriebsgebundene Kosten ) und sonstige Kosten . Das
Ziel des Kapitels liegt in der Identifikation der durchschnittlichen Kosten zur Produktion von
n-Butanol unter aktuellen Marktbedingungen. Die Berücksichtigung von Preissteigerungen
über die gesamte Lebensdauer bietet daher keinen signifikanten Vorteil. Der Einfluss von
Preis- oder Kostensteigerungen wird daher weder in den Umsatzerlösen noch in den Kosten
berücksichtigt.
Eine besondere Rolle kommt den Transportkosten des Reststrohs zu, die einen Teil der ver-
brauchsgebundenen Kosten bilden. Der Anteil der Transportkosten bei den meisten Roh-,
Hilfs- und Betriebsstoffen ist eher gering. Hingegen können die Transportkosten biogener
Rohstoffe in Abhängigkeit der Transportdistanz erheblichen Einfluss haben. Hauptgrund da-
für ist die im Vergleich zu fossilen Energieträgern geringe Energiedichte. So beträgt die
Energiedichte von bereits zu Quaderballen verdichtetem Weizenstroh etwa 2 MJ L-1 (DBFZ,
2012), die von Heizöl dagegen ca. 36 MJ L-1.
Zur Abschätzung der Produktionskosten von n-Butanol wird ein Vollkostenansatz gewählt,
in dem die Umsatzerlöse aller nicht intendierten Produkte zur Senkung der Kosten für
n-Butanol beitragen. Nicht intendierte Produkte sind Aceton, Ethanol und Elektrizität. Es
wird angenommen, dass die gesamte Produktion vollständig abgesetzt werden kann. Die
Produktionskosten von n-Butanol ergeben sich daraus wie folgt:
Anbau
Ernte und Be-
reitstellung
Transport
Biomasse-
vorbereitung
Fermentation
Separation
Produktion von
Weizenstroh
Transport
Produktion von n-Butanol
in Modellanlage
Transport
Verbrennung
Transport
Einsatz
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
137
Gleichung 5.8
mit:
Kosten n-Butanol
€ t-1
Kapitalgebundene
Kosten
€ a-1
Verbrauchsgebundene
Kosten
€ a-1
Betriebsgebundene
Kosten
€ a-1
Sonstige Kosten
€ a-1
Betriebsgebundene
Kosten
€ a-1
Umweltvektor n-Butanol
t a-1
5.2.1.2.1 Umsatzerlöse
Die Umsatzerlöse ergeben sich aus dem in Kapitel 4 ermittelten Umweltvektor in
Form von bewerteten Stoffflüssen. Für die Darstellung der ökonomischen Bewertung wird
der Preisvektor eingeführt. Dabei ist der Vektor als Produktpreisvektor der Modell-
anlage definiert. Er bildet ausschließlich die Preise der Produkte ab und nimmt für
alle anderen den Wert null an. Der Vektor lässt sich wie folgt darstellen:
[
]
Die Umsatzerlöse ergeben sich damit als Skalarprodukt aus und in folgender
Form:
138
Gleichung 5.9
mit:
Umsatzerlöse
€ a-1
Umweltvektor der
Modellanlage
t a-1
Produktpreisvektor
€ t-1
5.2.1.2.2 Kapitalgebundene Kosten
Unter dem Begriff kapitalgebundene Kosten werden alle Kosten für die Investition und In-
standhaltung des Produktionsfaktors Anlage zusammengefasst. Die kapitalgebundenen Kos-
ten zählen damit zu den Fixkosten. Dazu gehören die einmalig auftretenden
Investitionskosten, die mit Hilfe der Annuitätsmethode als periodische Belastung dargestellt
werden. Als Funktion der Abschreibungen und Zinsen werden diese durch den Annuitäten-
faktor
abgebildet, der mit dem Wiederbeschaffungswert abzüglich des Restwertes
der Anlage multipliziert wird. Die periodischen Instandhaltungskosten werden durch
den Instandhaltungsfaktor
dargestellt. Er wird mit dem Fixed Capital Investment
multipliziert. Die kapitalgebunden Kosten ergeben sich damit wie folgt:
Gleichung 5.10
mit:
Kapitalgebundene Kosten
€ a-1
Annuitätenfaktor
%
Total Capital Investment
€
Restwert der Anlage
€
Instandhaltungsfaktor
%
Fixed Capital Investment
€
Bestimmung des Annuitätenfaktors
Der Annuitätenfaktor bildet zum einen die Abnutzung von Vermögensgegenständen in Form
von Abschreibung ab, zum anderen die Kapitalkosten in Form von Zinsen und Gebühren. Ab-
schreibungen bezeichnen die Wertminderung von abnutzbaren Vermögensgegenständen,
die als Aufwand durch die Nutzung von Anlagevermögen entsteht (Gabler, 2012a). Abhängig
vom Abschreibungsgegenstand und dessen Wert existieren verschiedene Abschreibungsme-
thoden. Industrieanlagen werden üblicherweise über ihren Nutzungszeitraum linear abge-
schrieben. Abgeschrieben werden kann nur der Wiederbeschaffungswert der Anlagegüter
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
139
inklusive Transport, Montage und Ingenieurleistung. Nicht abgeschrieben werden können
Grundstücke, das Umlaufvermögen und die Erstinbetriebnahme.
Für die Ermittlung der Kapitalkosten wird zunächst deren Zusammensetzung erläutert und
für den häufigsten Fall einer Fremdfinanzierung durch eine Bank dargestellt. Im Regelfall fi-
nanziert eine Bank ein Projekt erst in einem fortgeschrittenen Projektstadium. Vorausset-
zung einer Kreditvergabe sind daher meist abgeschlossene Machbarkeitsstudien und der
Nachweis über das Vorliegen der wichtigsten Genehmigungen. Das Darlehen kann daher üb-
licherweise nur den Fremdkapitalanteil der Investitionskosten abdecken, während alle an-
deren Positionen durch Eigenkapital finanziert werden müssen. Dazu zählen unter anderem
die Kosten für das Basic Engineering, Bauzinsen und das Umlaufkapital. Diese Kosten wer-
den auch als Owner’s Cost bezeichnet. In der Regel können diese nicht fremdfinanziert
werden, was auch für die Modellanlage angenommen wird. Das Fremdkapital deckt daher
ausschließlich den mit der Bank vereinbarten Finanzierungsgrad
des Total Capital
Investments abzüglich der Owner’s Cost ab. Der Fremdkapitalanteil des gesamten An-
lagenbauprojektes lässt sich wie folgt ableiten:
Gleichung 5.11
(
)
mit:
Fremdkapitalanteil
%
Owner’s Cost
€
Total Capital Investment
€
Fremdfinanzierungsgrad
%
Der Eigenkapitalanteil des Gesamtprojektes lässt sich analog zum Fremdkapitalanteil
darstellen und entspricht:
Gleichung 5.12
mit:
Eigenkapitalanteil
%
Fremdkapitalanteil
%
Für das Fremdkapital werden Fremdkapitalkosten fällig, im üblichen Fall eines Darlehens
sind dies Zinsen
. Die Höhe der Fremdkapitalkosten setzt sich aus dem Kapital-
marktzins und einem Risikoaufschlag zusammen, der mit dem Kapitalgeber verhandelt wird.
Für das Eigenkapital fallen ebenfalls Kapitalkosten, die Eigenkapitalkosten, an. Diese spie-
geln die Erwartung der Eigenkapitalgeber an das Projekt wieder und können in Form eines
kalkulatorischen Zinssatzes
abgeschätzt werden. Im Gegensatz zu Fremdkapitalkos-
ten können Eigenkapitalkosten in der Regel nicht steuermindernd geltend gemacht werden
140
(Tax shield). Die gewichteten Durchschnittskapitalkosten (Weighted Average Cost of Capital,
WACC) berücksichtigen diesen Umstand
40
. Basierend darauf ergeben sich die durchschnittli-
chen Kapitalkosten aus den anteiligen Fremd- und Eigenkapitalkosten wie folgt:
Gleichung 5.13
(
(
))
mit:
Weighted Average Cost
of Capital
%
Eigenkapitalanteil
%
Eigenkapitalzins
%
Fremdkapitalanteil
%
Fremdkapitalzins
%
Körperschaftssteuersatz
%
Gewerbesteuermesszahl
%
Gewerbesteuerhebesatz
%
Anhand des WACC und der geplanten Laufzeit lässt sich der Annuitätenfaktor für die Modell-
anlage bestimmen:
Gleichung 5.14
mit:
Annuitätenfaktor
%
Weighted Average Cost of
Capital
%
Laufzeit der Anlage
A
Bestimmung des Restwertes
Der Restwert der Modellanlage hängt von ihrer zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit ab, die
durch den technologischen Fortschritt und die Marktentwicklung beeinflusst wird. Eine zu-
verlässige Abschätzung beider Faktoren über den gesamten Zeitraum der Anlagennutzung
ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Im Folgenden wird daher angenommen, dass der
Restwert 20 % des diskontierten TCI entspricht (siehe Gleichung 5.15).
40
Alle Steuerarten werden im Kapitel 5.2.1.2.5 behandelt. Bei der Ermittlung der Gewerbesteuer sind nur etwa 75 %
der Fremdkapitalkosten abzugsfähig.
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
141
Gleichung 5.15
mit:
Restwert der Modellanlage
€
Total Capital Investment
€
Weighted Average Cost of
Capital
%
Laufzeit der Anlage
A
Bestimmung des Instandhaltungsfaktors
Kosten für die Instandhaltung der Anlage werden in Form des periodischen Instandhaltungs-
faktors
zusammengefasst. Der Oberbegriff Instandhaltung umfasst Wartung, Inspek-
tion, Instandsetzung und Verbesserung (DIN, 2003). Unter Wartung werden alle
Maßnahmen zur Verringerung beziehungsweise Verzögerung von Abnutzung zusammenge-
fasst. Die Inspektion umfasst alle Maßnahmen zu Feststellung und Beurteilung des Ist-
Zustandes. Unter Instandsetzung fallen alle Maßnahmen zur Wiederherstellung des funkti-
onsfähigen Zustandes, sofern es sich nicht um Verbesserungsmaßnahmen handelt. Im Ge-
gensatz zum Vorgehen der VDI 6025 werden im Folgenden nicht nur die
Instandsetzungskosten, sondern alle Instandhaltungskosten den kapitalgebundenen Kosten
zugeordnet. Die Höhe des Instandhaltungsfaktors
kann aufgrund von Literaturanga-
ben oder Erfahrungswerten für die eingesetzte Technologie abgeschätzt werden (vgl. hierzu:
Peters et al. (2004)).
5.2.1.2.3 Verbrauchsgebundene Kosten
Die verbrauchsgebundenen Kosten enthalten alle Kosten des Energieverbrauchs und
des Bedarfs an Roh- und Hilfsstoffen inklusive deren Transport zur Modellanlage. Sie umfas-
sen ausschließlich Kostenarten, die variabel anfallen. Für die Modellanlage sind das insbe-
sondere Rohstoffe, Hilfs- und Betriebsstoffe wie Gas, Wasser, Strom, Enzyme und weitere
Chemikalien. Bedarfsgebundene Kosten fallen proportional zur Produktionsmenge an. Eine
klare Abgrenzung zu den betriebsgebundenen Kosten ist jedoch nicht immer möglich.
Grundsätzlich lassen sich die Kosten als Produkt aus einer benötigten Stoffmenge und dem
entsprechenden Preis darstellen.
Eine Übersicht über die zum Betrieb der Modellanlage benötigten Stoff- und Energieströme
kann dem in Kapitel 4 ermittelten Umweltvektor entnommen werden. Analog zum
Modellierungsansatz der Umsatzerlöse wird der Vektor als Faktorpreisvektor der Mo-
dellanlage definiert. Er nimmt für alle Produkte den Wert null an. Preise werden
mit positiven, Entsorgungsgebühren mit negativen Vorzeichen versehen. Der Faktorpreis-
vektor ist wie folgt definiert:
142
[
]
Die verbrauchsgebundenen Kosten ergeben sich damit als Skalarprodukt aus und
in folgender Form:
Gleichung 5.16
mit:
Verbrauchsgebundene Kos-
ten
€ a-1
Umweltvektor der Modell-
anlage
t a-1
Faktorpreisvektor
€ t-1
Transportkosten in Abhängigkeit des Einzugsgebietes
Die Modellierung der Transportkosten lässt sich in drei Schritte unterteilen. Im ersten
Schritt wird in Abhängigkeit der Anlagenkapazität beziehungsweise des Reststrohbedarfes
der Modellanlage die für die Bereitstellung notwendige Anbaufläche beziehungsweise das
Einzugsgebiet ermittelt. Der zweite Schritt bestimmt die für die Bereitstellung zurückzule-
gende mittlere Transportstrecke in Abhängigkeit der Modellierung des Einzugsgebietes. Ab-
schließend werden die durchschnittlichen Transportkosten für Reststroh dargestellt.
- Einzugsgebiet
Das Reststrohaufkommen in Deutschland divergiert sowohl mit als auch innerhalb der Bun-
desländer (siehe Tabelle 2-4). Für die Modellanlage wird angenommen, dass sich der Stand-
ort in Brandenburg beziehungsweise in der Nähe von Berlin befindet. Das Einzugsgebiet
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
143
kann sich damit auch über die Grenzen nach Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen oder Sach-
sen-Anhalt erstrecken. Aufbauend auf den Grundlagen aus Kapitel 2.5.2 beträgt das nachhal-
tige Strohpotential für diese Region zwischen 1,3 und 4,4 Mio. t a-1 (FM). Ein Drittel der in
Deutschland verfügbaren Menge. Bezogen auf die Grundfläche der Region ergibt sich daraus
ein nachhaltiges Potential zwischen 14,1 und 30,8 t km-2 a-1 Reststroh (FM). Geht man davon
aus, dass der Standort der Modellanlage so gewählt wird, dass das Einzugsgebiet ein über-
durchschnittlich hohes Strohaufkommen aufweist, ist der gewichtete Mittelwert von
22,5 t km-2 a-1 Reststroh (FM) realistisch.
Die Modellanlage und insbesondere deren Fermentation sind auf die Nutzung von Weizen-
stroh ausgelegt. Im oben abgeschätzten Strohvorkommen sind darüber hinaus Roggen-,
Gersten-, Triticale-, Mais- und Haferstroh enthalten. Der gewichtete Anteil von Weizenstroh
beträgt 51,5 % (DBFZ, 2012). Unter der Annahme, dass der bundesweite Durchschnitt auf
die oben genannte Region übertragen werden kann, beträgt das nachhaltige Strohaufkom-
men
im Einzugsgebiet der Modellanlage 11,5 t km-2 a-1 Weizenstroh (FM). Die Größe
des Einzugsgebietes
ist abhängig von der Kapazität der Anlage beziehungsweise de-
ren Reststrohbedarf. Sie lässt sich wie folgt ermitteln.
Gleichung 5.17
mit:
Größe des Einzugsgebie-
tes
km2
Umweltvektor Weizenstroh
t a-1
Umweltvektor Wasser aus
Weizenstroh
t a-1
Faktor nachhaltiges
Strohaufkommen
t km-2 a-1
- Mittlere Transportdistanz
Das Reststroh wird nach der Ernte des Korns mittels einer Ballenpresse aufgenommen und
anschließend in mehreren Arbeitsschritten am Feldrand oder in einem Zwischenlager abge-
legt. Von dort gelangt es über landgebundenen Transport in mehreren Arbeitsschritten zur
Modellanlage. Für die folgende Betrachtung werden ausschließlich die Schritte Umschlag am
Feldrand oder Zwischenlager, der Transport zur Modellanlage und der dortige Umschlag be-
trachtet. Alle vorgelagerten Prozessschritte fallen in den Bilanzraum der Ernte. Die Aufgabe
der Lagerung verbleibt damit beim Erzeuger, was die aktuelle reale Situation abbildet.
Neben der Größe des Einzugsgebietes beeinflusst auch dessen Form die Transportdistanz. In
der Literatur werden Modelle sowohl zu rechteckigen als auch zu kreisförmige Geometrien
vorgestellt (vgl. hierzu: Seiffert (2010), Kappler (2008)). Für das Einzugsgebiet der Modell-
anlage wird eine kreisförmige Geometrie unterstellt, in der die Anlage den Kreismittelpunkt
bildet. Die Modellierung der mittleren Transportdistanz
erfolgt in Anlehnung an
144
Kappler (2008). Kappler stellt auf Basis empirischer Erkenntnisse für eine typische Modell-
region mit hohem Ackeranteil ein Transportmodell für den Transport von Reststroh auf. Für
ein Einzugsgebiet mit dem Radius kann die mittlere Transportdistanz
aus
dem mittleren Abstand aller Punkte vom Mittelpunkt und einem Zuschlagsfaktor ermittelt
werden. Abbildung 5-7 zeigt eine schematische Darstellung des Einzugsgebietes und der
mittleren Transportdistanz.
Abbildung 5-7: Schematische Darstellung der
mittleren Transportstrecke (in Anlehnung an
Kappler (2008))
Der mittlere Abstand aller Punkte vom Mittelpunkt eines Kreises beträgt
. Durch den Zuschlagsfaktor repräsentiert Kappler den Umweg, der durch die
Straßenführung entsteht. Diese entspricht meist nicht der Luftlinie zum Mittelpunkt sondern
vereinfacht einer Zick-Zack-Linie mit rechten Winkeln . Der Zuschlagsfaktor ergibt
sich demnach zu . Daraus lässt sich die mittlere Transportdistanz
wie
folgt herleiten:
Gleichung 5.18
√
mit:
Mittlere Transportdistanz
km
Radius des Einzugsgebietes
km
Größe des Einzugsgebietes
km2
+
𝑟𝑇𝑅𝑁𝑆
𝑟
𝑚
𝑇𝑅𝑁𝑆
𝑑𝑚
𝑇𝑅𝑁𝑆
𝑥
𝑥
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
145
- Resultierende Transportkosten
Die Transportkosten hängen neben der Transportdistanz maßgeblich von der Art des Trans-
portes beziehungsweise Umschlags ab. Mit zunehmender Kapazität der Konversionsanlage
verschiebt sich die optimale Kostenstruktur vom reinen Einsatz konventioneller Traktoren,
über Teleskoplader und LKW-Gliederzügen bis hin zur Entladung über festinstallierte Por-
talkräne. Die im Folgenden vorgestellte Herangehensweise basiert auf der in DBFZ (2012)
entwickelten Methodik. Das DBFZ stellt einen bereits optimierten Transportweg für den
Strohtransport über ein Einzugsgebiet von 10.737 km² zu einer Konversionsanlage mit ei-
nem Bedarf von 349.000 t a-1 Reststroh (FM) vor. Dabei wird das Stroh vom Zwischenlager
mittels eines Teleskopladers auf einen LKW im Plattformgliederzug verladen und in der
Konversionsanlage über einen Portalkran entladen. Für die Modellanlage wird der gleiche
Transportpfad angenommen. Die Kosten pro t transportierter und umgeschlagener Stroh-
menge richten sich nach der Nutzungsdauer der eingesetzten Maschinen.
Für den Betrieb der Modellanlage ist ein größeres Einzugsgebiet als für die in DBFZ (2012)
modellierte Konversionsanlage notwendig. Die Dauer für den Umschlag im Zwischenlager
und in der Anlage
wird dadurch nicht beeinflusst. Für den Transport
kann angenommen werden, dass lediglich die Fahrtzeit des LKW-Gliederzuges
steigt, die Rüst- und Wartezeiten
jedoch unabhängig sind. Der Anteil der Rüst-
und Wartezeiten wird für die vorliegende Arbeit mit 40 % angenommen. Tabelle 5-5 zeigt
eine Übersicht der Stundensätze.
Tabelle 5-5: Umschlags- und Transportkosten sowie Zeitbedarf inklusive Personalkosten
(in Anlehnung an DBFZ (2012))
Maschine
Auslastung [h]
Vollkosten [€ h-1]
Zeitbedarf [h t-1]
Teleskoplader
2.000
=34,85
= 0,0435
LKW-Gliederzug
(Warte- und Rüstzeit)
2.000
=57,69
=0,1473
LKW-Gliederzug
(Fahrtzeit)
2.000
=57,69
=0,0021a
Portalkran
4.150
=93,98
=0,0157
ain h (t*km)-1
Die angegebenen Preise für alle Umschlags- und Transportaktivitäten beziehen sich auf die
transportierte Trockenmasse. Die Transportkosten lassen sich auf Basis des vorge-
stellten Zeit- und Kostenaufwandes wie folgt abschätzen.
146
Gleichung 5.19
∑
mit:
5.2.1.2.4 Betriebsgebundene Kosten
Betriebsgebundene Kosten entstehen durch die Aufrechterhaltung der Betriebsbe-
reitschaft einer Anlage. Da sie nur unwesentlich durch die Auslastung der Anlage beeinflusst
werden zählen sie zu den Fixkosten. Wie bereits oben erwähnt, kann eine klare Abgrenzung
nicht immer vorgenommen werden. Im Gegensatz zur VDI 6025 werden Wartung und In-
spektion hier nicht erfasst. Sie werden bereits in den kapitalgebundenen Kosten berücksich-
tigt. In der Modellanlage beinhalten die betriebsgebundenen Kosten daher ausschließlich die
Personalkosten. Wie auch die Investitionskosten lassen sich diese in Abhängigkeit der Anla-
genkapazität beschreiben (vgl. hierzu: Hamelinck et al. (2005), Lange (2007), Haase (2012)).
Unter der Voraussetzung, dass die Personalkosten der Modellanlage für eine gegebene Anla-
genkapazität
bekannt sind, lassen sich die betriebsgebundenen Kosten wie
folgt darstellen.
Gleichung 5.20
(
)
mit:
Betriebsgebundene Kosten
€ a-1
Referenzpersonalkosten
€ a-1
Anlagenkapazität
t a-1
Referenzkapazität
t a-1
Degressionsexponent
-
Die Referenzpersonalkosten des Basisszenarios
werden für Mitarbeiter verschie-
dene Leistungsgruppen
41
abgebildet. Diese Kosten werden jeweils durch das Produkt
der Mitarbeiteranzahl in einer Leistungsgruppe
und dem durchschnittlichen Brut-
toverdienst in der Leistungsgruppe
gebildet. Die Summe über alle Leistungsgrup-
pen entspricht unter Berücksichtigung eines Zuschlags für indirekte Personalkosten
den Referenzpersonalkosten
.
41
Das Prinzip der Leistungsgruppen beruht auf der Darstellungsweise der Publikationen des Statistischen Bundes-
amtes (2012)
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
147
Gleichung 5.21
∑
mit:
Referenzpersonalkosten
€ a-1
Mitarbeiteranzahl in ei-
ner Leistungsgruppe
MA
Durchschnittspersonalkosten
einer Leistungsgruppe
€ MA-1
Zuschlagsfaktor indirek-
te Personalkosten
-
5.2.1.2.5 Sonstige Kosten
Kosten, die nicht den bereits vorgestellten Kostenarten zuzuordnen sind, werden in Sonsti-
gen Kosten erfasst. Dazu zählen Verwaltungskosten, Versicherungen und Steuern. Sie
gehören zu den Fixkosten und lassen sich wie folgt angeben:
Gleichung 5.22
mit:
Sonstige Kosten
€ a-1
Verwaltungskosten
€ a-1
Versicherungskosten
€ a-1
Steuern
€ a-1
Verwaltungskosten
Die Abschätzung der Verwaltungskosten ist auf der Basis von Einzelposten sehr
aufwändig. Neben der Einzelermittlung kann daher nach VDI 6025 eine Faktormethode auf
Basis anderer Kostenarten herangezogen werden. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass
der Verwaltungsbedarf für kapital- , verbrauchs- und betriebsgebundene Kos-
ten mit deren Höhe proportional zunimmt. Die Höhe des dabei eingesetzten Verwal-
tungskostenfaktors wird auf der Basis von Literatur- und Erfahrungswerten
abgeschätzt. Die Verwaltungskosten lassen sich wie folgt darstellen:
148
Gleichung 5.23
mit:
Verwaltungskosten
€ a-1
Kapitalkosten
€ a-1
Verbrauchsgebundene
Kosten
€ a-1
Betriebsgebundene Kosten
€ a-1
Verwaltungskostenfaktor
%
Versicherungskosten
Versicherungen stellen bei Analgenbauprojekten einen Bestandteil der Risikosteuerung dar.
Die Höhe der Versicherungskosten lässt sich in Abhängigkeit der Investitionskosten über
den Versicherungskostenfaktor ( abschätzen, der auf der Basis von Erfahrungswerten
ermittelt wird:
Gleichung 5.24
mit:
Versicherungskosten
€ a-1
Fixed Capital Investment
€
Versicherungskostenfaktor
%
Steuern
Es gibt eine Vielzahl von Steuerarten, die in Abhängigkeit des Anlagenbauprojektes eine Rol-
le spielen können. In der Praxis werden der Bau und Betrieb von Anlagenbauprojekten häu-
fig über Projektgesellschaften abgewickelt, was auch für die Modellanlage angenommen
wird. Für die Modellanlage fallen daher unter anderem Körperschafts- und Gewerbesteuer
an, deren Abschätzung im Folgenden vorgenommen wird. Es gibt darüber hinaus weitere
Steuerarten wie beispielsweise die Grundsteuer, die abschließend in Form der sonstigen
Steuern behandelt werden. Die Steuern der Modellanlage lassen sich wie folgt dar-
stellen:
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
149
Gleichung 5.25
mit:
Steuern
€ a-1
Körperschaftssteuer
€ a-1
Gewerbesteuer
€ a-1
Sonstige Steuern
€ a-1
- Körperschaftssteuer
Voraussetzung für die Berechnung der Körperschafts- und Gewerbesteuer ist die Kenntnis
über die Höhe des Gewinns. Geht man von einer vollständigen Ausschüttung des Gewinns an
die Anteilseigener aus, entspricht dieser den Eigenkapitalkosten vor Abzug der Kapitaler-
tragssteuer:
Gleichung 5.26
mit:
Gewinn
€ a-1
Eigenkapitalanteil
€ a-1
Total Capital Investment
€ a-1
Eigenkapitalzins
% a-1
Körperschaftssteuersatz
%
Die Körperschaftssteuer
bemisst sich nach der Höhe des zu versteuernden Einkom-
mens der Kapitalgesellschaft. Diese wird auf Basis des Steuerbilanzgewinns unter Berück-
sichtigung von Kürzungen und Hinzurechnungen ermittelt. Für die Modellanlage werden
diese jedoch nicht berücksichtigt. Der Tarif beträgt 15 %. Die Körperschaftssteuer
ergibt sich damit wie folgt:
150
Gleichung 5.27
mit:
Körperschaftssteuer
€ a-1
Gewinn
€ a-1
Körperschaftssteuersatz
%
- Gewerbesteuer
Die Bemessungsgrundlage für die Gewerbesteuer
ist der Gewerbeertrag. Dieser ba-
siert auf dem Steuerbilanzgewinn, der abhängig von Kürzungen und Hinzurechnungen be-
messen wird. Eine der relevantesten Hinzurechnungen sind die Fremdkapitalkosten, die zu
insgesamt 25 % dem Gewerbeertrag hinzugerechnet werden. Die Fremdkapitalzinsen der
Modellanlage berechnen sich aus dem Zinssatz
, der über die Anlagenlebensdauer auf
durchschnittlich die Hälfte des Fremdkapitals erhoben wird. Andere Positionen werden für
die Abschätzung nicht berücksichtigt. Die Steuermesszahl beträgt 3,5 %. Sie wird mit dem
gemeindeabhängigen Hebesatz multipliziert. Die Gewerbesteuer
ergibt sich wie folgt:
Gleichung 5.28
(
)
mit:
Gewerbesteuer
€ a-
1
Gewinn
€ a-
1
Fremdkapitalzins
%
a-1
Fremdkapitalanteil
%
Total Capital Investment
€
Gewerbesteuermesszahl
%
Gewerbesteuerhebesatz
%
- Sonstige Steuern
Sonstige Steuern
, wie beispielweise die Grundsteuer, werden nicht differenziert be-
trachtet. Sie werden im Folgenden näherungsweise auf der Basis des Fixed Capital Invest-
ments mit Hilfe des Faktors
abgebildet:
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
151
Gleichung 5.29
mit:
Sonstige Steuern
€ a-1
Fixed Capital Investment
€
Faktor sonstige Steuern
% a-1
5.2.2 Umsetzung der Modellierung von Zahlungsströmen einer Modellanlage
zur Herstellung von n-Butanol
5.2.2.1 Umsatzerlöse
Wie angegeben ergeben sich die Umsatzerlöse aus dem Skalarprodukt des Umweltvektors
und des Preisvektors . Im Folgenden werden die Produktpreise für
n-Butanol , Aceton und Ethanol ermittelt. Der Preis, den der Endverbrau-
cher für n-Butanol bereit wäre zu zahlen, kann mit einer Abschätzung eingegrenzt
werden.
Zum einen ersetzt beziehungsweise ergänzt n-Butanol FAME als alternative Biokomponente
im Bioheizöl (siehe Kapitel 2.1.2). Der Preis pro Energieeinheit n-Butanol sollte daher den
von FAME nicht übersteigen. Der Preis für FAME inklusive Energiesteuer von 0,07 € L-1, je-
doch ohne Mehrwertsteuer, beträgt etwa 0,025
42
€ MJ-1. Geht man vom gleichen Preis für
n-Butanol ohne Energiesteuer
43
aus, dürfte dieser nicht mehr als 816 € t-1 betragen. Er stellt
damit die Untergrenze des vom Verbraucher akzeptierten Preises dar.
Zum anderen wird n-Butanol fossiler Herkunft als chemischer Rohstoff weltweit gehan-
delt. Unter Berücksichtigung eines Preisaufschlags von 5 % für die Erneuerbarkeit des Pro-
duktes sind demnach etwa 1.110 € t-1 zu erzielen (ICIS, 2012c). Für Endverbraucher, die
bereit sind einen Preisaufschlag für eine erhöhte Nachhaltigkeit von n-Butanol gegenüber
FAME zu akzeptieren, stellt dieser Preis die Obergrenze dar. Es kann davon ausgegangen
werden, dass der Betreiber der Modellanlage n-Butanol vorzugsweise für den höheren Preis
von 1.110 € t-1 veräußern wird. Im Folgenden wird daher der höhere Preis für n-Butanol an-
genommen.
42
Mittelwert 10/2012: 1,37 € L-1 inkl. Energiesteuer von 0,422 € L-1 und Mehrwertsteuer (UFOP, 2012); 0,96 inkl.
Energiesteuer von 0,076 € L-1 und Mehrwertsteuer; Dichte 0,879 kg L-1; Heizwert 37,2 MJ kg-1
43
Alkohole, die aus lignocellulosebasierten Rohstoffe hergestellt werden, genießen bis Ende 2015 eine Befreiung
von der Energiesteuer (EnergieStG, 2012)
152
Geht man bei der Abschätzung des Preises für Aceton ( ) von einem akzeptierten Preis-
aufschlag für die Nachhaltigkeit des Produktes in Höhe von 5 % aus, beträgt dieser etwa
905 € t-1 (ICIS, 2012a). Für erneuerbares Ethanol existiert bereits ein internationaler Markt,
weshalb kein gesonderter Preisaufschlag berücksichtigt wird. Der Marktpreis von Ethanol
wird mit 1.038 € t-1 angenommen (ICIS, 2012b).
5.2.2.2 Kapitalgebundene Kosten
Ausgangspunkt für die Ermittlung des Annuitätenfaktors ist die Verteilung des Fremd- und
Eigenkapitalanteils. Wie bereits in der Entwicklung des angepassten Ansatzes beschrieben,
lassen sich die Owner’s Cost nicht fremdfinanzieren (vgl. hierzu: Kapitel 5.2.1.2.2). Die Abbil-
dung für die Modellanlage erfolgt durch die Annahme, dass alle Genehmigungen und 50 %
der Ingenieurleistungen bereits vor Finanzierungsschluss anfallen und daher vom Betreiber
finanziert werden müssen. Ausgehend davon können die Owner’s Cost der Modellanlage aus
Kapitel 5.1 entnommen werden:
Tabelle 5-6: Owner’s Cost der Modellanlage
Position
Einheit
Betrag
Working Capital
€
28.033.000
Genehmigungen
€
3.243.000
50 % der Ingenieurleistungen
€
11.350.000
Summe
€
42.626.000
Für den Finanzierungsgrad ist neben dem Kreditausfallrisiko der Anlage beziehungsweise
der Projektgesellschaft vor allem die Besicherung entscheidend. Für die Modellanlage wird
angenommen, dass eine politische Unterstützung des Projektes hinsichtlich der Bereitstel-
lung von Garantien besteht und einen Finanzierungsgrad
) von 60 % ermöglicht. Aus
Gleichung 5.12 ergibt sich für das gesamte Projekt damit ein Fremdkapitalanteil von 51,2 %
und eine Eigenkapitalanteil von 48,8 %.
Der Fremdkapitalzinssatz für das Darlehen ist insbesondere vom aktuellen Zinsniveau (Eu-
ribor 3 Monate) und einem Risikoaufschlag darauf abhängig. Geht man für die Modellanlage
von einem Euribor-Wert von 0,36
44
% und einem Risikoaufschlag von 400 Basispunkten be-
ziehungsweise 4 % aus, können die Darlehenszinsen
mit einer Höhe von 4,36 % ange-
nommen werden.
Ein Investor folgt dem gleichen Vorgehen zur Ermittlung der Eigenkapitalkosten bezie-
hungsweise kalkulatorischen Zinsen. Da das Ausfallrisiko für den Investor höher ist, wird
von einem Risikoaufschlag von 800 Basispunkten beziehungsweise 8 % ausgegangen. Die
kalkulatorischen Zinsen
betragen ausgehend davon 8,36 %. Nach Gleichung 5.14 er-
44
Durchschnitt Euribor 3 Monate im Q3 2012: 0,36 % (EZB, 2012b)
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
153
geben sich die gewichteten Durchschnittskapitalkosten (Weighted Average Cost of Capital)
zu 6,37 %.
Die Annuität
hängt neben dem WACC von der Laufzeit des Darlehens beziehungswei-
se der Anlage ab, die mit 20 Jahren angenommen wird. Mit Hilfe von Gleichung 5.16 kann der
Annuitätenfaktor mit 8,53 % abgeschätzt werden. Die Höhe des Restwertes der Modellanla-
ge wird mit 20 % der Total Capital Investment angenommen. Die Annuität der Anlage be-
trägt daher 22.354.000 €.
Die Höhe des Instandhaltungsfaktors liegt nach Peters (2004) zwischen 2 und 10 % des Fi-
xed Capital Investment. Da die Modellanlage keine Katalysatoren oder ähnlich kosten- und
verschleißintensive Komponenten besitzt, wird die Höhe des Instandhaltungsfaktors mit 4 %
angenommen. Auf Basis der oben abgeschätzten Faktoren und der Abschätzungen des Total
Capital Investment und Fixed Capital Investment in Kapitel 5.1 beträgt die Höhe
der kapitalgebundenen Kosten 32.446.000 € a-1.
5.2.2.3 Verbrauchsgebundene Kosten
Wie in Kapitel 5.2.2.3 entwickelt, werden die verbrauchsgebundenen Kosten über
das Skalarprodukt des Umweltvektors der Modellanlage und des Faktorpreisvektors
berechnet. Im Folgenden werden die zugrunde liegenden Preise beziehungsweise Ge-
bühren der Produktionsfaktoren und Reststoffe auf Basis der Stoff- und Energiestrommodel-
lierung in Kapitel 4 abgeschätzt.
Preis Weizenstroh
Das Strohaufkommen
im Einzugsgebiet der Modellanlage wurde in Kapitel 2.5.2 mit
11,5 t km-2 a-1 Weizenstroh (FM) abgeschätzt. Die Größe des Einzugsgebietes
kann
nach Gleichung 5.16 mit 40.388 km² abgeschätzt werden. Daraus ergibt sich nach Gleichung
5.20 eine mittlere Transportdistanz
von 106,9 km. Die Preise für Reststroh gelten im
Allgemeinen für die Abholung ab Hof inklusive Beladung. Die Kosten für den Umschlag trägt
damit der Erzeuger. Unter Berücksichtigung dieses Umstandes und auf Basis des vorgestell-
ten Zeit- und Kostenaufwandes lassen sich die Transportkosten nach Gleichung 5.22
mit 37,80 € t-1 abschätzen. Diese werden gemeinsam mit dem Preis für Weizenstroh den
verbrauchsgebundenen Kosten zugeordnet (siehe Kapitel 5.2.2.3).
Stroh wird in Deutschland bislang vornehmlich regional gehandelt, Erzeuger und Abnehmer
treten dabei überwiegend direkt in Kontakt. Handelsplätze für Stroh existieren zwar bereits
(beispielsweise Proplanta, Raiffeisen), besitzen jedoch keine bundesweite Gültigkeit. Die
Preise pro Tonne Weizenstroh schwanken zurzeit zwischen 40 und 80 € t-1 Frischmasse
Stroh. Im Emsland geht 2013 die erste großtechnische Strohfeuerungsanlage Deutschlands
in Betrieb. Für das aus einem Umkreis von etwa 60 km bezogene Stroh wird ein Preis von
154
durchschnittlich 80 € t-1 inklusive Transport gezahlt (Otto, 2012). Unter Berücksichtigung
der Transportkosten entspricht das einem Preis für Weizenstrohfrischmasse von
57,71
45
€ t-1. Dieser wird im Folgenden auch für die Modellanlage angenommen. Unter Be-
rücksichtigung der Transportkosten von 33,95 € t Trockenmasse und einem Feuch-
tigkeitsgehalt
von 14 % (m/m) beträgt der Bereitstellungspreis für
Weizenstrohtrockenmasse bei gegebener Kapazität 99,74 € t-1.
Preis Wasser
Die Preise für Frischwasser schwanken mit dem Standort der Anlage. Im Folgenden wird ein
Preis von 2 € t-1 Frischwasser angenommen (Wasserbetriebe Berlin, 2012).
Preis Schwefelsäure
Die Preise für Schwefelsäure in Europa beziehungsweise Deutschland lagen im Verlauf des
Jahres 2011 relativ stabil bei einem Wert um 100 € t-1. Für die Modellanlagen wird dieser
Bereitstellungspreis für Schwefelsäure angenommen (Fertecon, 2012).
Preis Calciumhydroxid
Der Preis für Calciumhydroxid ist in den letzten Jahren leicht gestiegen und wird umgerech-
net mit 94 € t-1 angegeben (USGS, 2012), der auch als Bereitstellungspreis für die Mo-
dellanlage angenommen wird.
Preis Gips
Gips kann als Rohstoff für die Bauindustrie verwendet werden. Der Preis für Gips liegt bei
etwa 21 € t-1. Es ist jedoch nicht bekannt, ob der in der Modellanlage erzeugte Gips den Han-
delsspezifikationen genügt. Es wird daher angenommen, dass der Gips zu einem Preis
von 0 € t-1 abgegeben wird.
Preis Enzyme
Die in der Literatur verfügbaren Preise für Cellulase und andere Enzyme zur Hydrolyse von
Lignocellulose variieren stark. Die Enzyme sind zwar in sehr hohen Reinheiten für den La-
borbedarf verfügbar, jedoch besteht eine Preisintransparenz in Bezug auf die Güte von En-
zymen für industrielle Anforderungen. Für die Modellanlage wird auf Basis einer
Abschätzung der DECHEMA (2009) ein Enzympreis von 2000 € t-1 angenommen.
Entsorgungsgebühren gasförmiger Emissionen
Es fallen keine Entsorgungsgebühren an.
45
Nach Gleichung 5.19 entspricht ein Transportradius von 60 km durchschnittlichen Transportkosten von 22,29 € t-
1 Frischmasse. Daraus ergibt sich ein Strohpreis von 57,71 € t-1 Frischmasse.
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
155
Entsorgungsgebühren Asche
Die Eignung von Weizenstrohasche als Kalium- beziehungsweise Phosphatdünger wurde in
einem Langzeitversuch in Thüringen nachgewiesen (TLL, 2010). Es wird davon ausgegangen,
dass die Asche daher nicht entsorgt werden muss und keine Gebühren anfallen.
Preis elektrische Energie
Für elektrische Energie variieren die Bereitstellungspreise maßgeblich mit der Abnahme-
menge und Konstanz der Abnahme. Für Industrieanlagen wie der Modellanlage wird ein Be-
zugspreis von 0,11 € kWh-1 angenommen. Dieser setzt sich aus einem
Industriestrompreis von 0,0895 € kWh-1 (Statista, 2012) und der Stromsteuer von 0,0205
€ kWh-1 (StromStG, 2012) zusammen.
Die Einspeisung der durch die Anlage erzeugten elektrischen Energie ist dann sinnvoll, wenn
die durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gewährte Einspeisevergütung höher als
der Bezugspreis ist. Die vom EEG vorgesehene Einspeisevergütung bemisst sich zum einen
nach der installierten Bemessungsleistung, zum anderen nach der Einsatzstoffvergütungs-
klasse. Für eine installierte Bemessungsleistung von etwa 28 MW sieht das EEG eine Vergü-
tung von 0,073 € kWh-1 vor, die um 0,02 € kWh-1 Vergütung für den Einsatzstoff auf
insgesamt 0,093 € kWh-1 erhöht wird (EEG, 2012). Die ab dem Jahr 2013 geltende Verringe-
rung der Vergütung von 2 % pro Jahr wurde im Hinblick auf das Bezugsjahr 2012 nicht be-
rücksichtigt. Da der Bezugspreis höher als der Verkaufspreis ist, speist die Anlage daher nur
Strom ein, wenn sie ihn selbst nicht verbrauchen kann.
Preis Kühlwasser
Mit dem Standort der Modellanlage variiert der Bereitstellungspreis von Kühlwasser. Für die
Modellanlage wird ein Preis von 0,043 € t-1 angenommen (DECHEMA, 2009), wie ihn Haase
(2012) für den Industriestandort Leuna annimmt. Die Wärmemenge , die durch eine t
Kühlwasser abgeführt werden kann, ergibt sich aus Gleichung 5.30. Nimmt man für das
Kühlwasser eine Temperaturdifferenz von 20 auf 30 °C beziehungsweise 10 K und ei-
ne Wärmekapazität bei 20 °C von 4,190 kJ kg-1 K-1, ergibt sich eine Wärmemenge
von 41,9 MJ t-1 Kühlwasser. Der Preis für Kühlwasser beträgt demnach 0,00103 € MJ-1.
Gleichung 5.30
mit:
Wärmemenge Kühlwasser
MJ t-1
Wärmekapazität bei 20°C
kJ kg-1 K-1
Temperaturdifferenz
K
156
Der Faktorpreisvektor nimmt damit die unten gezeigte Form an. Auf dessen Basis er-
geben sich die verbrauchsgebundenen Kosten nach Gleichung 5.16 zu
86.056.000 € a-1.
[
]
5.2.2.4 Betriebsgebundene Kosten
Im Basisszenario entsprechen die betriebsgebundenen Kosten nach Gleichung 5.23
den Referenzpersonalkosten
für eine Kapazität von 100.000 t a-1. Es kann davon
ausgegangen werden, dass sowohl das Degressionsverhalten der Personalkosten als auch die
Personalstruktur einer Anlage zur Herstellung von Ethanol unter Berücksichtigung techno-
logischer Besonderheiten vergleichbar mit der einer Anlage zur Herstellung von n-Butanol
ist. Hamelinck et al. (2005) untersuchten die Produktion von Ethanol auf Basis von schwefel-
säurevorbehandelter lignocellulosehaltiger Biomasse. Für die Abschätzung der Personalkos-
ten in Abhängigkeit unterschiedlicher Kapazitäten schlagen sie einen
Degressionsexponenten von 0,25 vor.
Die Struktur des Personalbedarfes wird in Anlehnung an Reimelt (2008) unter Berücksichti-
gung eines zusätzlichen Mitarbeiters pro Schicht für die Biomasseannahme abgeschätzt. Da-
bei wird bei einer durchgehenden Produktion von 8.000 h a-1 von einem Fünfschichtbetrieb
ausgegangen. Basierend darauf sind bei der im Basisszenario angenommenen Kapazität von
100.000 t a-1 insgesamt 36 Mitarbeiter in der Modellanlage beschäftigt (siehe Tabelle 5-7).
Diese können den Leistungsgruppen 1 mit Arbeitnehmern in leitender Stellung, Leistungs-
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
157
gruppe 2 mit Herausgehobenen Fachkräften oder Leistungsgruppe 3 mit Fachkräften zuge-
ordnet werden.
Tabelle 5-7: Personalbedarf der Modellanlage bei einer Kapazität von 100.000 t a-1 nach Schicht und
Leistungsgruppe
Einsatzbereich
Leistungsgruppe
Mitarbeiter
pro Schicht
Anzahl
Schichten
Personalbedarf
Betriebsleitung
1
1
1
1
Kaufmännische Leitung
1
1
1
1
Sekretariat
3
2
1
2
Produktionsleitung
2
1
1
1
Schichtleitung
3
1
5
5
Anlagenführer
3
1
5
5
Mechaniker / Schlosser
3
1
5
5
Elektriker / MSR
3
1
5
5
Biomasseannahme
3
1
5
5
Laborleitung
2
2
1
2
Laborant
3
1
1
1
Buchhaltung
2
1
1
1
Personalreferent
2
1
1
1
Einkauf / Verkauf
2
1
1
1
Personalbedarf Leistungsgruppe 1
2
Personalbedarf Leistungsgruppe 2
6
Personalbedarf Leistungsgruppe 3
28
Der durchschnittliche Bruttoverdienst
46
der Leistungsgruppe 1 beträgt etwa
101.208 € a-1, der der Leistungsgruppe 2 65.328 € a-1 und der der Leistungsgruppe
3 48.144 € a-1. Die Verwaltungskosten sowie ein Personalreferent werden in den
Kosten der Modellanlage bereits berücksichtigt. Der Zuschlag für indirekte Personalkosten
wird daher mit 20 % angenommen. Nach Gleichung 5.21 ergeben sich die Refe-
renzpersonalkosten
zu 2.331.000 € a-1.
5.2.2.5 Sonstige Kosten
Verwaltungskosten
Nach Gleichung 5.23 lassen sich die Verwaltungskosten der Modellanlage als Funktion des
Verwaltungskostenfaktors , der Kapitalkosten , der verbrauchs- und
der betriebsgebundenen Kosten darstellen. Der Verwaltungskostenfaktor der
Modellanlage wird mit 2 % angenommen. Die Verwaltungskosten betragen damit
2.202.000 € a-1.
46
Durchschnitt Männer und Frauen inkl. Sonderzahlungen (Statistisches Bundesamt, 2012)
158
Versicherungskosten
Der Versicherungskostenfaktor ( kann mit 1 % des Fixed Capital Investment an-
genommen werden. Nach Gleichung 5.23 betragen die Versicherungskosten da-
mit 2.417.000 € a-1.
Körperschaftssteuer
Bemessungsgrundlage der Körperschaftssteuerveranlagung ist der Gewinn . Nach Glei-
chung 5.26 ergibt sich dieser aus dem Eigenkapitalanteil, den Total Investment Cost, dem Ei-
genkapitalzins und dem Körperschaftssteuersatz. Bei Eigenkapitalkosten von 8,36 % beträgt
der Gewinn 13.544.000 € a-1. Bei einem Körperschaftssteuersatz von 15 % beträgt die Höhe
der Körperschaftssteuer
2.032.000 € a-1.
Gewerbesteuer
Die Bemessungsgrundlage für die Gewerbesteuer
, der Gewerbeertrag, beträgt
14.321.000 € a-1, die Steuermesszahl
3,5 %. Der gemeindeabhängige Hebesatz
betrug im Jahr 2011 durchschnittlich 438 % (DIHK, 2011). Unter der Annahme, dass dieser
Hebesatz ebenfalls für die Modellanlage zutrifft, beläuft sich die Gewerbesteuer
auf
2.195.000 € a-1.
Sonstige Steuern
Weitere Steuerarten werden auf der Basis des Fixed Capital Investments mit Hilfe des Fak-
tors
abgebildet. Er wird für die Modellanlage auf 0,5 % des Fixed Capital Investments
geschätzt. Nach Gleichung 5.29 ergeben sich die sonstigen Steuern
zu
1.261.000 € a-1.
Summe der sonstigen Kosten
Nach Gleichung 5.22 bestehen die sonstigen Kosten aus den Verwaltungskosten, Ver-
sicherungskosten und den Steuern. Für die Modellanlage betragen sie 10.428.000 € a-1.
5.2.3 Ergebnisse der Zahlungsströme
Im Folgenden werden die für das Basisszenario identifizierten Kosten zur Herstellung von n-
Butanol den Umsatzerlösen gegenübergestellt. Nach Gleichung 5.10 beträgt die Summe der
Produktionskosten abzüglich der Umsätze der Produkte Aceton, Ethanol und Elektrizität
1,21 € L-1. Abbildung 5-8 zeigt die Kosten für n-Butanol in der Übersicht. Inklusive des
Transportes entfällt deutlich mehr als die Hälfte aller Kosten auf die Bereitstellung von Wei-
zenstroh und Enzymen mit 0,42 beziehungsweise 0,29 € L-1. Die Annuität, Instandhaltung
und Kosten für Chemikalien betragen 0,21, 0,09 beziehungsweise 0,06 € L-1 und tragen mit
einem Viertel zu den Gesamtkosten bei. Darüber hinaus entfallen 0,05 € L-1 auf Steuern,
während Personalkosten mit etwa 0,02 € L-1 eine untergeordnete Rolle einnehmen. Durch
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
159
die Berücksichtigung der Umsätze von Aceton, Ethanol und Elektrizität werden die Gesamt-
kosten zur Herstellung von n-Butanol um etwa 36 % verringert.
Abbildung 5-8: Kosten zur Herstellung von einem Liter n-Butanol aus Reststroh im Basisszenario
Den Gesamtkosten von 131.261.000 € a-1 steht ein Umsatz in Höhe von 107.162.000 € a-1 ge-
genüber. Daraus ergibt sich ein Fehlbetrag von 24.099.000 € a-1. Pro Liter n-Butanol ent-
spricht das 0,31 € L-1. Damit die Modellanlage kostendeckend arbeitet, müssten entweder
die Kosten auf 0,90 € L-1 n-Butanol fallen oder der Verkaufspreis aller Produkte um etwa
26 % steigen.
Durch die Verwendung des entwickelten Ansatzes ergeben sich jedoch Unschärfen. Er bildet
alle Zahlungsströme mit der für eine Abschätzung hinreichenden Genauigkeit ab, kann je-
doch kein detailliertes Finanzierungsmodell ersetzen.
Zum einen entsteht eine Unterbewertung der ermittelten Kosten durch die Berücksichti-
gung des Restwertes der Anlage im Total Capital Investment. Zwar geht der Restwert diskon-
tiert in die Berechnung ein, jedoch verringert er die Höhe der Annuität und führt damit zu
einer Unterbewertung. Darüber hinaus sind die Bauzinsen, die im Zeitraum vor der Inbe-
triebnahme der Anlage entstehen, nicht detailliert erfasst und führen ebenfalls zu einer Un-
terbewertung.
Zum anderen entspricht die Darlehenslaufzeit im Modell der Anlagenlaufzeit und erhöht
damit absolut die Zinslast, was zu einer Überbewertung der Kosten führt. Ferner sind keine
Preissteigerungen für Produkte und Rohstoffe berücksichtigt, die bei konstantem Zinssatz
ebenfalls zu einer Überbewertung der Finanzierungskosten führen. Des Weiteren bildet das
Weizenstroh; 0,28
Transport
Weizenstroh; 0,14
Enzyme; 0,29
Annuität; 0,21
Instandhaltung; 0,09
Chemikalien; 0,06
Steuern; 0,05
Versicherungskosten;
0,02
Verwaltungsk.; 0,02
Personalkosten; 0,02
Kühlbedarf; 0,02
Wasser; 0,00
160
Modell keinen Verlustvortrag in den ersten Betriebsjahren ab, der einen reduzierenden Ein-
fluss auf die Steuerlast aufweist. In erster Näherung gleichen sich die Effekte der Unter- und
Überbewertung jedoch aus.
5.2.4 Sensitivitätsanalyse
Wie in Kapitel 4 dargestellt, geht die Entwicklung eines Modells aus einer Reihe von Abstrak-
tionen hervor. Die systemimmanente Unsicherheit von Investitionskostenabschätzungen
wurde bereits diskutiert und lässt sich mit Hilfe der in der Literatur verfügbaren Genauigkei-
ten abgrenzen (vgl. hierzu: Kapitel 5.1). Die Datenunsicherheit des in dieser Arbeit vorgeleg-
ten Modells kann nicht anhand realer Systeme eingegrenzt werden, da bislang keine
industrielle Realisierung der Modellanlage existiert. Um den Einfluss externer Faktoren auf
die Gesamtkosten zu quantifizieren und damit die Robustheit der Annahmen zu überprüfen,
wird im Folgenden eine Sensitivitätsanalyse durchgeführt.
Die Sensitivitätsanalyse ist ein Werkzeug zur Untersuchung einzelner Parameter auf eine re-
sultierende Kennzahl. Dabei wird innerhalb eines geeigneten Rahmens eine Parametervaria-
tion durchgeführt und das Ergebnis graphisch in Form eines Strauss-Plots dargestellt (vgl.
hierzu: Couper (2003)). Parameter, deren Variation eine starke Auswirkung auf die resultie-
rende Kennzahl haben, weisen dabei eine hohe Steigung auf. Abhängig vom Modell und der
Wahl des Untersuchungsrahmens kann ein Strauss-Plot neben der Steigung der erzeugten
Verläufe auch Hinweise auf das Vorliegen von Maxima oder Minima geben. Kritik an der Sen-
sitivitätsanalyse ergibt sich aus der Annahme unabhängiger Parameter. In der Realität treten
häufig Wechselwirkungen zwischen Parametern auf. Diese finden im Folgenden keine Be-
rücksichtigung.
Ausgehend davon werden relevante Parameter zur Variation identifiziert und im Intervall
von -80 % bis +80 % des Ausgangswertes variiert. Auf Basis der Kostenpositionen in Abbil-
dung 5-8 werden die Kosten für Reststroh inklusive Transport, Enzyme und Total Capital In-
vestment variiert. Die Betrachtung des Einflusses von Reststroh erstreckt sich somit über
den Bereich von 50,96 und 156,22 € t-1, die der Enzyme von 400 bis 3.600 € t-1 und die des
Total Capital Investments von 56,10 bis 504,60 Mio. €. Zusätzlich findet eine Analyse der
Einflüsse der Abschreibungsdauer
47
, der Jahresvolllaststunden und der Kapazität der Model-
lanlage statt. Diese werden in den Grenzen von 4 bis 36 a, 1.600 bis 8700 h a-1 beziehungs-
weise von 20.000 bis 180.000 t a-1 variiert. Abbildung 5-9 zeigt die Ergebnisse der Variation.
47
Neben der Abschreibungsdauer verändert sich die Dauer der Darlehenslaufzeit
5.2. Zahlungsströme der Modellanlage
161
Abbildung 5-9: Einfluss der Variation ausgewählter Parameter auf die Herstellungskos-
ten von n-Butanol im Basisszenario
Durch den hyperbolischen Verlauf beeinflusst die Anzahl der Jahresvolllaststunden die Pro-
duktionskosten insbesondere im unteren Bereich. Eine Erhöhung der Volllaststunden um
10 % führt zu einer Reduzierung der Kosten von 0,03 € L-1. In geringere Ausprägung trifft
diese Beobachtung auch für die Abschreibungsdauer zu. Der über den gesamten Variations-
bereich sensitivste Parameter ist jedoch das Total Capital Investment. Mit jedem Anstieg be-
ziehungsweise jeder Abnahme um 10 % variieren die Gesamtkosten um über 0,05 € L-1.
Ähnliche Effekte lassen sich bei den Kosten für Weizenstroh und den Kosten für Enzyme mit
Ausprägungen von jeweils etwa 0,04 € L-1 beobachten.
Während höhere Ausprägungen der bereist diskutierten Parameter über das untersuchte In-
tervall hinaus unwahrscheinlich sind, ist eine Erweiterung der Anlagenkapazität über
180.000 t a-1 hinaus denkbar.
Bei der Erweiterung der Anlagenkapazität lassen sich zwei Effekte unterscheiden. Zum
einen steigen die Investitionskosten mit wachsender Kapazität unterproportional stark an
(vgl. hierzu: Kapitel 5.1.1.2.1), so dass die Gesamtkosten sinken. Zum anderen steigen die
Transportkosten mit wachsender Kapazität, wodurch die Gesamtkosten steigen. Für die Ge-
samtfunktion existiert daher ein Minimum.
Der in Abbildung 5-9 zu erkennende asymptotische Verlauf lässt darauf schließen, dass
dieses Minimum im Rahmen des untersuchten Intervalls nicht erreicht wird. Nimmt man die
Variation des Einzelparameters Anlagenkapazität für ein erweitertes Intervall vor, lässt sich
das Minimum der Gesamtkosten graphisch ermitteln. Die optimale Anlagenkapazität der
Modellanlage liegt demnach bei 340.000 t a-1 (siehe Abbildung 5-10). In diesem Fall betragen
die Gesamtkosten zur Herstellung von n-Butanol 1,13 € L-1, das Total Capital Investment be-
läuft sich auf 634 Mio. €. Da die vorgestellte Technologie wie bereits beschrieben noch nicht
0,7
0,9
1,1
1,3
1,5
1,7
1,9
2,1
2,3
-80 -70 -60 -50 -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 70 80
Kosten n-Butanol € L-1
Variation in %
Total Capital Investment Reststroh
Enzyme Abschreibungsdauer
Volllaststunden Kapazität der Modellanlage
162
großtechnisch realisiert wurde, ist davon auszugehen, dass vorerst kein Investor dieses Risi-
ko übernehmen wird.
Abbildung 5-10: Einfluss der Variation der Anlagenkapazität auf die Herstel-
lungskosten von n-Butanol im Basisszenario
5.3 Ergebnisse der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung
Zur Ermittlung der Wirtschaftlichkeit des Basisszenarios der Modellanlage wird das Modell
um eine Investitionskostenschätzung und die Darstellung aller periodischen Zahlungsströme
erweitert. Die Total Investment Cost der Modellanlage betragen 280 Mio. €, die des Fixed
Capital Investment 252 Mio.
48
€. Die beschriebene Modellanlage arbeitet unter den gegebe-
nen Voraussetzungen nicht wirtschaftlich. Bei einem Preis für Weizenstroh von etwa 58 € t-1
Frischmasse stehen den Produktionskosten von 1,21 € L-1 n-Butanol Erlöse von 0,90 € L-1
gegenüber. Der daraus resultierende Fehlbetrag beträgt 0,31 € L-1.
Die mittlere Transportstrecke von 107 km verursacht dabei Transport-, Lagerungs- und
Umschlagkosten von Reststroh in Höhe von annähernd 38 € t-1 Stroh bzw. 0,14 € L-1 n-
Butanol. Obwohl die Transportkosten bei der gegebenen Kapazität bereits 37 % der Bereit-
stellungskosten von Stroh betragen, sinken die Produktionskosten durch eine Erhöhung der
Anlagenkapazität und damit erhöhte Transportdistanz. Sie betragen bei optimaler Kapazität
von 370.000 t a-1 etwa 1,13 € L-1. Trotz dieser Verringerung um 7 % wäre auch dann der
wirtschaftliche Betrieb der Modellanlage nicht gewährleistet.
48
Für eine Anlage zur Produktion von Ethanol aus Reststroh der gleichen Kapazität jedoch mit Änderungen in Bio-
massevorbereitung sind Fixed Capital Investment Cost in Höhe von etwa 241 Mio. € zu erwarten (Abschätzung mit
Hilfe des Größendegressionsansatzes (siehe Kapitel 5.1.1.2.1) auf Basis von Klein-Marcuschamer (2010) und einem
Degressionsexponenten in Höhe von 0,6)
1,12
1,13
1,14
1,15
1,16
1,17
1,18
1,19
1,20
1,21
1,22
0100 200 300 400 500
Kosten n-Butanol € L-1
Variation in %
Kapazität der Modellanlage
Minimum 1,13 € L-1
bei 240 % bzw.
340.000 t a-1
5.3. Ergebnisse der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung
163
Wie auch die Bereitstellung erneuerbarer elektrischer Energie der ersten technologischen
Generation muss das entstehende wirtschaftliche Defizit jedoch dem ökologischen Nutzen
gegenübergestellt werden. Kapitel 6 erweitert das Modell daher um eine ökologische Be-
trachtung. Die Identifikation und Umsetzung technischer und wirtschaftlicher Potentiale
wird in Form eines Fortschrittsszenarios in Kapitel 7 betrachtet.
165
6 Erweiterung des Modells um eine ökologische Betrachtung
Im vorhergehenden Kapitel wurden die Produktionskosten von n-Butanol im Basisszenario
auf Basis des entwickelten Stoff- und Energiestrommodells abgeleitet. Die mit der Herstel-
lung von n-Butanol verbundene ökologische Nachhaltigkeit wurde bislang nicht betrachtet.
Der ursprünglich aus der Forstwirtschaft stammende Begriff Nachhaltigkeit
(Bibliographisches Institut GmbH, 2012) wird heute meist als Synonym für eine nachhaltige
Entwicklung gebraucht. Darunter ist eine Entwicklung zu verstehen, „[…]die die Bedürfnisse
der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürf-
nisse nicht befriedigen können.“ (Hauff, 1987). Das Konzept der Nachhaltigkeit wird sowohl
für die ökologische Dimension als auch die ökonomische und soziale genutzt (Bundestag,
1998).
Ziel dieses Kapitels ist die Erweiterung des Modells um die Betrachtung der ökologischen
Nachhaltigkeit. Darüber hinaus findet eine Überprüfung im Hinblick auf energie- und klima-
politische Rahmenbedingungen sowie die vergleichende Gegenüberstellung der Prozessket-
ten von n-Butanol, Heizöl und FAME statt. Dazu wird zunächst der Ansatz der Ökobilanz
beziehungsweise des Life Cycle Assessment und eine geeignete Methoden zur Wirkungsab-
schätzung und rechnergestützten Umsetzung vorgestellt. Anschließend findet die Konzepti-
on der Ökobilanz für das zu untersuchenden Produktionssystem statt.
Für die Umsetzung werden die Ergebnisse der Stoff- und Energieflussmodellierung aus
Kapitel 4 herangezogen und die Ergebnisse in Abschnitt 6.3 dargestellt und ausgewertet. In
diesem Zusammenhang werden auch die Treibhausgasvermeidungskosten auf Basis der
Wirtschaftlichkeitsberechnung in Kapitel 5 abgeleitet.
6.1 Methodisches Vorgehen der Nachhaltigkeitsüberprüfung
Die Ökobilanz ist eine Umweltmanagementmethode, die Umweltaspekte und potentielle
Umweltwirkungen über den Produktlebenszyklus beziehungsweise alle Produktionsstufen
vom Rohstoff bis zur Entsorgung betrachtet. Sie ist durch die DIN EN ISO 14040 spezifiziert
und umfasst die Aufstellung und anschließende Bewertung aller relevanten Input- und Out-
putströme. Ökonomische oder soziale Aspekte werden dabei weder erfasst noch bewertet.
Der Ansatz besteht aus den folgenden vier Phasen (DIN, 2006).
166
- Festlegung von Ziel und Untersuchungsrahmen
- Sachbilanz
- Wirkungsabschätzung
- Auswertung
Die Ökobilanz gibt kein festes Bewertungsinstrument zur Wirkungsabschätzung vor. Sie lässt
sich mit verschiedenen Instrumenten durchführen, die sich in Abhängigkeit ihrer Einsetz-
barkeit für die Bearbeitung der Zielsetzung eignen (DIN, 2006). Im Hinblick darauf werden
in den folgenden Abschnitten die relevantesten Methoden vorgestellt (siehe Kapitel 6.1.1).
Aufgrund der vielfältigen Einsatzgebiete der Ökobilanzierung existieren unterschiedliche
rechnergestützte Ansätze und Datenbanken zur Aufstellung der Sachbilanz und Umsetzung
der Wirkungsabschätzung. In den Kapiteln 6.1.1 und 6.1.2 wird die jeweils geeignetste der
vorgestellten Methoden zur Darstellung des zu untersuchenden Produktionssystems identi-
fiziert. Das methodische Vorgehen schließt mit der Konzeption einer angepassten Ökobilanz
in Anlehnung an DIN EN ISO 14040. Diese umfasst die Festlegung des Ziel- und Untersu-
chungsrahmens sowie die Durchführungsplanung der Sachbilanz und der Wirkungsabschät-
zung.
6.1.1 Ökologieorientierte Methoden zur Wirkungsabschätzung im Rahmen
einer Ökobilanz
Es existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Bewertungsmethoden, die sich in Abhängigkeit
der Zielsetzung zur Wirkungsabschätzung eignen. Eine Übersicht und Vorstellung der rele-
vantesten geben die folgenden Abschnitte
49
. Alle vorgestellten Methoden eignen sich insbe-
sondere für die Bewertung überregionaler Vorhaben.
6.1.1.1 Methode des Umweltbundesamtes (UBA)
Die Bewertungsmethode des Umweltbundesamtes (UBA) wurde 1999 eingeführt und ist
seitdem für alle vom UBA durchgeführten oder beauftragten Ökobilanzen bindend. Die Me-
thode beruht auf dem Konzept der Wirkungsindikatoren und ist speziell für den Einsatz als
Bewertungsmethode einer Ökobilanz nach DIN EN 14040 entwickelt worden. Die Bewertung
der Sachbilanz kann dabei in den folgenden zehn Wirkungskategorien erfolgen: direkte Ge-
sundheitsschädigung, direkte Schädigung von Ökosystemen, aquatische Eutrophierung, ter-
restrische Eutrophierung, Naturraumbeanspruchung, photochemische Oxidantienbildung
(Sommersmog), Ressourcenbeanspruchung, stratosphärischer Ozonabbau, Treibhauseffekt
und Versauerung. Die Ergebnisse der Sachbilanz werden durch Charakterisierungsfaktoren
zu Indikatorergebnissen verdichtet.
49
Die Auswahl der Methoden basiert auf den Ausführungen von Bielig (2010).
6.1. Methodisches Vorgehen der Nachhaltigkeitsüberprüfung
167
Dabei geht das UBA im Gegensatz zur später vorgestellten Methode der ökologischen
Knappheit davon aus, dass ein direkter qualitativer oder quantitativer Vergleich der Indika-
torergebnisse der unterschiedlichen Wirkungskategorien nicht zulässig ist. Beispielsweise
liegen keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse dazu vor, ob eine bestimmte Flächenver-
siegelung oder eine bestimme Menge Treibhausgase eine größere ökologische Gefahr dar-
stellen. Das UBA führt daher für jede Wirkungskategorie die Kriterien ökologische
Gefährdung, Distance-to-target und Spezifischer Beitrag an, die anhand relativer Prioritäten A
(höchste Priorität) bis E (niedrigste Priorität) innerhalb der Kategorie charakterisiert wer-
den. Nach einem festen Rangfolgesystem kann daraus die Ökologische Priorität einer Wir-
kungskategorie ermittelt werden (UBA, 1999).
6.1.1.2 Methode des Centrums voor Milieukunde (CML)
Wie auch die Methode des UBA greift die von Heijungs et al. (1992) entwickelte Methode des
Centrums voor Milieukunde (CML) das Konzept der Wirkungsindikatoren auf. Sie erfüllt da-
mit ebenfalls die Anforderungen einer Ökobilanz nach DIN EN 14040. Im Gegensatz zur UBA-
Methode umfasst die CML-Methode bereits die Erstellung der Zieldefinition und Sachbilanz.
Sie gehört zu den cradle-to-grave-Methoden, die neben der Herstellung ebenfalls die Entsor-
gung berücksichtigen und ist prinzipiell nicht auf die Niederlande beschränkt. Wie auch die
UBA-Methode untersucht sie verschiedene Wirkungskategorien und bewertet diese anhand
definierter Kriterien. Kritik an der CML-Methode ergibt sich durch das mehrdimensionale
Kennzahlenprofil, wodurch keine eindeutige Interpretation möglich ist (Gabler, 2012b).
6.1.1.3 Methode der Ökologischen Knappheit
Die Methode der ökologischen Knappheit wurde erstmals 1990 im Auftrag des Schweizer
Bundesamtes für Umwelt und weiterer privater Unternehmen konzipiert. Sie geht davon aus,
dass eine bestimmte Umweltbelastung (kritischer Fluss) gesellschaftspolitisch tolerierbar
ist. Durch den Vergleich des aktuellen mit dem tolerierbaren Fluss ergibt sich eine Differenz
(Distance-to-target). Durch die Beaufschlagung mit Bewertungsfaktoren beziehungsweise
Ökofaktoren werden diese zu einem oder mehreren Indikatoren zusammengefasst. Die
Ökofaktoren basieren auf der aktuellen Gesetzgebung und den umweltpolitischen Zielen. Al-
le Umwelteinwirkungen werden in Umweltbelastungspunkten ausgedrückt und anschlie-
ßend summiert. Die dimensionslosen Umweltbelastungspunkte spiegeln das Verhältnis von
vorliegender Umweltbelastung zu tolerierbarer Umweltbelastung wieder (BAFU, 2009).
Kritik an der Methode ergibt sich durch den Bezug auf die aktuelle Gesetzgebung und
umweltpolitische Ziele. Die Bewertung unterliegt damit nicht rein naturwissenschaftlichen
Erkenntnissen und kann in unterschiedlichen Regionen voneinander abweichen. Darüber
hinaus reflektiert die Bewertung die Humantoxizität, während die Ökotoxizität nicht berück-
sichtigt wird (Wietschel, 2002).
168
6.1.1.4 Eco-Indikator 99-Methode
Der Eco-Indikator 99 bewertet die Sachbilanz auf Basis eines schadensorientierten Konzep-
tes. Der Eco-Indikator 99 ist eine Weiterentwicklung des Eco-Indikator 95 (Gabler, 2012c).
Dabei werden alle Emissionen sowie der Flächen- und Ressourcenverbrauch den Schädigun-
gen der menschlichen Gesundheit, der Ökosystemqualität und der Ressourcen zugeordnet.
Das Vorgehen enthält eine Wirkungsanalyse, eine Schadensanalyse und die Auswertung in
Form einer Normierung beziehungsweise Gewichtung. Darüber hinaus beinhaltet die Me-
thode die Berücksichtigung von Unsicherheiten. Das Ergebnis der Eco-Indikator 99-Methode
ist eine dimensionslose aggregierten Punktzahl (Goedkoop, 2000). Kritisch anzumerken ist
die beschränkte Aussagekraft einer eindimensionalen Kennzahl (Gabler, 2012c).
6.1.1.5 Methode des Material-Inputs pro Serviceeinheit (MIPS)
Die Methode des Material-Inputs pro Serviceeinheit (MIPS) berechnet den kumulierten Ma-
terialeinsatz für jede Einheit oder Dienstleistung. Sie wurde am Wuppertal Institut für Klima,
Umwelt, Energie entwickelt und gibt die Umweltbelastung über den gesamten Lebenszyklus
wieder. Der Materialeinsatz wird dabei einer der folgenden fünf Kategorien zugeordnet:
biotische Rohmaterialien, abiotische Rohmaterialien, Bodenbewegung in Land- und Forst-
wirtschaft, Luft und Wasser. Das Ergebnis wird in Form einer aggregierten Kennzahl ange-
geben (Schmidt-Bleek, 1994). Ähnlich der Methode der ökologischen Knappheit und der Eco-
Indikator 99-Methode setzt sich der MIPS-Ansatz der Kritik an der beschränkten Aussage-
kraft einer eindimensionalen Kennzahl aus.
6.1.2 Rechnergestützte Ansätze zur Durchführung der Wirkungsabschätzung im
Rahmen einer Ökobilanz
Für die Durchführung der Wirkungsabschätzung stehen verschiedene rechnergestützte Si-
mulations-Ansätze zur Verfügung. Sie bestehen meist aus einer Programm- beziehungsweise
Berechnungsoberfläche und einer angeschlossenen Datenbank mit Sachbilanzen. Reine Da-
tenbanken wie Ecoinvent oder Probas werden daher im Folgenden nicht berücksichtigt. Alle
vorgestellten Instrumente eignen sich im Hinblick auf die vorgestellte Vorgehensweise der
Ökobilanz nach DIN EN ISO 14040. Weitere Anforderungen zur Abbildung des zu untersu-
chenden Produktionssystems im Rahmen einer Ökobilanz ergeben sich aus der Zielsetzung
des Kapitels:
- Möglichkeit, die zu untersuchende Prozesskette als Black- oder Grey-Box abzubilden
sowie einfache Modifikation der Datenbankeinträge zur Modellierung von Prozess-
ketten
- Programmwartung und -update, um den entwickelten Ansatz auch für zukünftige
Projekte nutzen zu können
6.1. Methodisches Vorgehen der Nachhaltigkeitsüberprüfung
169
- Verfügbarkeit einer umfangreichen Datenbank mit Bilanzdaten zu Prozessen, Pro-
dukten und Dienstleistungen
- Nachvollziehbarkeit und Prüfbarkeit der Datenbankeinträge
GaBi
GaBi (Ganzheitliche Bilanzierung) ist ein Programm zur Erstellung von Ökobilanzen, das von
der Universität Stuttgart in Zusammenarbeit mit PE Europe entwickelt wurde. GaBi wird un-
ter anderem von Kraft Foods, der Volkswagen AG und Tata Steel eingesetzt und ist weltweit
verbreitet (PE International, 2012). Derzeit ist Version 5 kostenpflichtig erhältlich. GaBi er-
füllt alle definierten Anforderungen an einen rechnergestützten Ansatz.
SimaPro
Die von PRé Consulting entwickelte Software SimaPro weist ein vergleichbares Leistungs-
spektrum wie GaBi auf. SimaPro ist nach eigenen Angaben Marktführer und international mit
einem Beraterteam aufgestellt (Pré Consultants, 2012). Die Version 7 ist in verschiedenen
Ausführungen kostenpflichtig erhältlich. SimaPro erfüllt alle definierten Anforderungen an
einen rechnergestützten Ansatz.
Umberto
Die Software Umberto wurde vom Institut für Umweltinformatik (IFU) in Kooperation mit
dem Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) entwickelt. Umberto verfügt unter
anderem über die Möglichkeit, flexible Prozessspezifikationen zu definieren und wird im
Schwerpunkt im europäischen Raum z.B. von der BASF AG, der Henkel KGaA und der
DECHEMA e.V. eingesetzt (Umberto, 2012). Version 5.5 ist in verschiedenen Ausführungen
kostenpflichtig erhältlich. Auch Umberto erfüllt alle definierten Anforderungen, die an einen
rechnergestützten Ansatz gestellt werden.
GEMIS
Das Globale Emissions-Modell Integrierter Systeme (GEMIS) wurde vom Öko-Institut unter
Förderung des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft und Forsten konzipiert
und seit der Einführung 1987 kontinuierlich weiterentwickelt (2008). Neben der Möglich-
keit, neue Produkte und Produktionsprozesse anzulegen, verfügt GEMIS bereits über eine
Reihe von Prozessen, die zur Untersuchung von Nutzungspfaden in der Wärmebereitstellung
für den Raum Deutschland angelegt wurden. GEMIS wurde daher auch zur Abbildung der
Emissionen der Shell-Hauswärmestudie herangezogen (Shell, 2011). Die aktuelle verfügbare
Version 4.7 steht entgeltfrei zur Verfügung. GEMIS erfüllt alle definierten Anforderungen und
eignet sich durch die bereits angelegten Prozesse für den Raum Deutschland in besonderer
Weise. Daher wird GEMIS im Folgenden als rechnergestützter Ansatz zur Erhebung und Wir-
kungsabschätzung eingesetzt.
170
6.1.3 Konzeption einer Ökobilanz des zu untersuchenden Produktionssystems
In der vorliegenden Arbeit wurden bereits die Einsetzbarkeit von n-Butanol als Biokompo-
nente in Heizöl EL und deren Wirtschaftlichkeit überprüft. Die Ökobilanz erweitert das ent-
wickelte Modell um die Überprüfung der ökologischen Nachhaltigkeit. Weiterhin ermöglicht
sie die Identifikation der größten Hebel zur Erhöhung der Nachhaltigkeit. Im Folgenden wird
die Ökobilanz in Anlehnung an die Vorgehensweise der DIN EN ISO 14040 unter Anwendung
der Methode des Umweltbundesamtes durchgeführt. Die Auswertung umfasst eine Gegen-
überstellung sowohl mit fossilem Heizöl EL und FAME
50
als auch mit den Emissionsminde-
rungsvorgaben der EU-Richtlinie 2009/28/EG.
6.1.3.1 Festlegung des Ziel- und Untersuchungsrahmens
Der Untersuchungsrahmen der Ökobilanz erstreckt sich über das gesamte Produktionssys-
tem vom Anbau des Reststrohs hin zur Bereitstellung von Raumwärme. Wie in Abbildung
6-1 dargestellt umfasst die Systemgrenze zum einen den Anbau (Prozessstufe 1), die Ernte
inklusive Ballenpressung und Bereitstellung im Zwischenlager (Prozessstufe 2), den Trans-
port des Reststrohs (Prozessstufe 3) sowie dessen Konversion zu ABE-Produkten (Prozess-
stufe 4). Zum anderen beinhaltet sie den Transport des Brennstoffes (Prozessstufe 5) und
dessen Einsatz in einem Ölbrenner zur Bereitstellung von Raumwärme (Prozessstufe 6).
Abbildung 6-1: Prozessstufen in der Produktion von n-Butanol aus Weizenstroh
Als funktionale Einheit für n-Butanol wird das Europäische Standardmaß von einem MJ ver-
wendet (EG, 2009). Durch den Reststoffcharakter des eingesetzten Strohs kommen keine
Landnutzungsänderungen zum Tragen. Innerhalb der Systemgrenze kommt es mehrfach zu
Kuppelproduktion
51
. Bei der Produktion von n-Butanol aus Reststroh fallen die Koppelpro-
dukte Aceton und Ethanol an. Um eine transparente Darstellung beziehungsweise Zuord-
nung der Emissionen für jedes Produkt zu gewährleisten, ist der Einsatz eines
Allokationsverfahrens notwendig. Die EU-Richtlinie 2009/28/EG sieht für diesen Einsatz-
zweck die Energieallokationsmethode vor (EG, 2009), die im Folgenden für alle Wirkungska-
tegorien Anwendung findet. Dabei werden alle Emissionen auf das Hauptprodukt und alle
50
Fatty Acid Methyl Esther
51
Reststroh selbst ist nach EU-Richtlinie 2009/28/EG als Kuppelprodukt des Getreideanbaus definiert
Anbau
Ernte und Be-
reitstellung
Transport
Biomasse-
vorbereitung
Fermentation
Separation
Produktion von
Weizenstroh
Transport
Produktion von n-Butanol
in Modellanlage
Transport
Verbrennung
Transport
Einsatz
6.1. Methodisches Vorgehen der Nachhaltigkeitsüberprüfung
171
Koppelprodukte nach Maßgabe ihres Heizwertes aufgeteilt. Für die Erstellung der Sachbilanz
wird auf die Stoff- und Energiestrommodellierung in Kapitel 4 zurückgegriffen.
Für die Wirkungsabschätzung kommt die in Kapitel 6.1.1.1 vorgestellte Methode des Um-
weltbundesamtes zum Einsatz. Im Hinblick auf das Hauptziel von Biobrennstoffen, die Ver-
ringerung der Treibhausgasemissionen pro Energieeinheit, erfolgt eine Abschätzung für die
Wirkungskategorien Treibhauseffekt und Ressourcenbeanspruchung. Darüber hinaus wird
die Wirkungskategorie Versauerung betrachtet. Die Ergebnisse jeder Wirkungskategorie
werden zu Indikatorergebnissen aggregiert. Da die Zielsetzung eine Gegenüberstellung mit
fossilem Heizöl EL nach EU-Richtlinie 2009/28/EG vorsieht, wird auf die Priorisierung der
Betrachtungskriterien verzichtet und ausschließlich ein Vergleich der Indikatorergebnisse
angestellt.
6.1.3.2 Sachbilanz
In Kapitel 6.1.2 wird eine Reihe rechnergestützter Ansätzen vorgestellt. Das Programm
GEMIS und die von GEMIS genutzte Datenbank sind öffentlich verfügbar und werden vom
Ökoinstitut kontinuierlich verbessert. Insbesondere die Datenbank ist Grundlage einer Viel-
zahl von Forschungsprojekten und erfährt daher eine stetige Ergänzung. Für das zu untersu-
chende Produktionssystem kann bereits auf eine Vielzahl relevanter Bilanzen zurückgriffen
werden. Im Hinblick auf die gestellten Anforderungen eignet sich GEMIS daher in besonderer
Weise sowohl zur Durchführung der Wirkungsabschätzung als auch zur Quantifizierung von
Anbau-, Ernte- und Transportvorgängen in der Sachbilanz.
Zur Erstellung der Sachbilanz greift GEMIS auf in der Datenbank verfügbare Stoff- und Ener-
giebilanzen zurück oder bietet die Möglichkeit, neue Prozesse zu erstellen. Für die Prozess-
stufen eins bis drei liegen in GEMIS bereits hinterlegte Sachbilanzen vor. Alle dazu
notwendigen Angaben können aus den Ausführungen des Kapitels 5 entnommen werden.
Für die Modellanlage (Prozessstufe 4) stehen die Ergebnisse der Stoff- und Energiebilanzie-
rung aus Kapitel 4 zur Verfügung, in denen alle Koppelprodukte und Abfallstoffe quantifi-
ziert sind. Für die aufwandsgerechte Zuordnung kommt wie im vorherigen Kapitel erläutert
die Energieallokationsmethode zum Einsatz.
N-Butanol ist als Biokomponente in Heizöl EL nicht für den Reineinsatz vorgesehen (siehe
Kapitel 3). Die Abbildung von n-Butanol/Heizöl EL-Gemischen in der Ökobilanz ist für einen
Vergleich zu anderen flüssigen Brennstoffen jedoch nicht praktikabel. Um eine vollständig
transparente Abbildung des Produktionssystems zu gewährleisten, werden alle Aufwände
und Emissionen für den Lebenszyklus von reinem n-Butanol erhoben.
172
6.1.3.3 Wirkungsabschätzung
Die Wirkungsabschätzung besteht aus drei Schritten, wobei zunächst die zu untersuchenden
Wirkungskategorien, Wirkungsindikatoren und Charakterisierungsmodelle identifiziert
werden. Nachfolgend findet eine Klassifizierung der Sachbilanzergebnisse in den ausgewähl-
ten Wirkungsindikatoren statt. Basierend darauf werden die Wirkungsindikatoren berech-
net. Wie bereits in der Festlegung des Ziel- und Untersuchungsrahmens definiert, werden die
Wirkungskategorien Treibhauspotential, Ressourcenbeanspruchung und Versauerung un-
tersucht.
Treibhauspotential
Das Treibhauspotential der Energiebereitstellung ist in der umweltpolitischen Diskussion
die derzeit prominenteste Wirkungskategorie. Die folgende Wirkungsabschätzung erfolgt in
Übereinstimmung mit der Methodologie der EU-Richtlinie 2009/28/EG. Diese greift auf die
Berechnungsvorschriften des IPCC (2007) zurück. Der vorgesehene Wirkungsindikator sind
die CO2-Äquivalente (CO2eq). Dabei werden die zu berücksichtigen Treibhausgase Kohlen-
stoffdioxid (CO2), Distickstoffmonoxid (Lachgas) und Methan in der Gewichtung 1:296:23
berücksichtigt.
Die Richtlinie definiert Reststroh als Ernterückstand und sieht für die kumulierten Le-
benszyklus-Treibhausgasemissionen der Ernte bis auf weiteres den Wert null vor. Ein
Brennstoff gilt dann als nachhaltig, wenn er gegenüber der fossilen Referenz mit
77 g CO2eq MJ-1 eine Einsparung von mindestens 30 % aufweist. Ab dem Jahr 2017 muss die
Einsparung mindestens 50 % betragen, für alle danach in Betrieb gehenden Anlagen mindes-
tens 60 %.
Eine Möglichkeit, die Einsparung an Treibhausgasen in Bezug zu ihrem finanziellen Aufwand
zu setzen, besteht in der Abschätzung der CO2eq–Vermeidungskosten (vgl. hierzu: Matthes
(1998) und FfE (2009)). Matthes (1998) unterscheidet dabei den volkswirtschaftlichen An-
satz, den gesellschaftlichen Ansatz, den Einzelwirtschaftlichen Ansatz und den Budgetansatz.
Im Folgenden werden die CO2eq–Vermeidungskosten auf Basis des Einzelwirtschaft-
lichen Ansatzes erhoben, die im Fall der zu untersuchenden Prozesskette auch die Steuern
miteinbeziehen. Sie ergeben sich aus dem Quotienten der Emissions- und Marktpreisdiffe-
renz zur fossilen Referenz Heizöl nach folgender Gleichung.
6.1. Methodisches Vorgehen der Nachhaltigkeitsüberprüfung
173
Gleichung 6.1
mit:
Vermeidungskosten
€ MJ-1
Kosten n-Butanol
€ MJ-1
Kosten Heizöl EL
€ MJ-1
Emissionen n-Butanol
CO2eq MJ-1
Emissionen Heizöl EL
CO2eq MJ-1
Versauerung
Die Emission versauernder Luftschadstoffe führte in Deutschland durch die Versauerung der
Böden bereits zur Teilschädigung von Ökosystemen. Darüber hinaus begünstigt sie die Ent-
stehung von Atemwegserkrankungen und kann zu Materialschäden an Bausubstanz führen.
Als Wirkungsindikator werden dabei die Schwefeldioxid-Äquivalente (SO2-Äquivalente) her-
angezogen. Dazu tragen neben Schwefeldioxid auch andere Verbindungen bei, die in Bezug
auf Schwefeldioxid mit folgenden Gewichtungen in die Berechnung eingehen: Stickstoffver-
bindungen beziehungsweise NOx (0,67), Flusssäure (1,60) und Salzsäure (0,88).
Dabei haben die Stickstoffverbindungen Ammoniak und Ammonium aus der Landwirt-
schaft mittlerweile die größte Bedeutung (UBA, 2011). Insbesondere für einen landwirt-
schaftlich erzeugten Rohstoff wie Reststroh ist eine Betrachtung des Versauerungspotentials
sinnvoll. Da Reststroh zurzeit als Reststoff ohne Emissionen betrachtet wird, erfolgt die Un-
tersuchung der Anbauemissionen erst im Rahmen des Fortschrittsszenarios in Kapitel 7.
Ressourcenbeanspruchung
Hinsichtlich der Ressourcenbeanspruchung sind im Sinne des Öko-Institutes (2007) zwei
Definitionen gebräuchlich. Der kumulierte Energieaufwand (KEA) stellt den kumulierten
Ressourcenaufwand an Primärenergie zur Herstellung, Nutzung und Beseitigung eines Pro-
duktes dar. Er erfasst nicht energetisch eingesetzte Produktionsfaktoren wie Baustoffe (Holz,
Kunststoffe und weitere) mit ihrem Heizwert und der zur Bereitstellung notwendigen Ener-
gie.
Der kumulierte Energieverbrauch (KEV, früher kumulierter Prozessenergieaufwand)
stellt ebenfalls den kumulierten Ressourcenaufwand an Primärenergie zur Bereitstellung
dar. Er berücksichtigt dabei jedoch nur die energetisch genutzten Produktionsfaktoren und
den Energieaufwand zur Bereitstellung der stofflich genutzten. Hintergrund ist die Annahme,
dass Baustoffe nach ihrem bestimmungsgemäßen Einsatz für eine energetische Nutzung zur
Verfügung stehen. Da diese Voraussetzung für das zu untersuchende Produktionssystem
nicht garantiert werden kann, wird zur Abschätzung der Ressourcenbeanspruchung im Fol-
genden der KEA herangezogen.
174
Die Durchführung basiert dabei auf dem Vorgehen der VDI-Richtlinie 4600 (2012). Bei der
ursprünglichen Berechnung nach VDI-Richtlinie treten die Förderverluste fossiler Energie-
träger nicht in Erscheinung (Effektivität 100 %). Die Umwandlungseffektivität erneuerbarer
Energien wird jedoch mit dem tatsächlichen Wirkungsgrad berücksichtigt. Bei Windkraftan-
lagen entspricht die Effektivität nach der VDI-Veranschlagung daher etwa 30 % (Öko-
Institut, 2007). Dieses Vorgehen kann im zu untersuchenden Produktionssystem zu erhebli-
chen Verzerrungen führen. Entgegen der Vorgabe der VDI-Richtlinie wird daher sowohl die
Umwandlungseffektivität fossiler als auch erneuerbarer Energieträger mit 100 % angenom-
men.
6.1.3.4 Auswertung
Die Auswertung einer Ökobilanz hat die Aufgabe, die ermittelten Ergebnisse darzustellen
und diese im Hinblick auf die Zielsetzung zu diskutieren. Die Auswertung erfolgt getrennt für
alle drei Wirkungskategorien. Sie dient dazu, Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen für
das untersuchte System zu ziehen. Dadurch, dass keine Massenauszüge oder ähnliche Infor-
mationen zur Abschätzung des Bauaufwandes der Modellanlage vorliegen, kann der Materi-
al- und Energieaufwand nicht verlässlich abgeschätzt werden. In der Auswertung werden die
Bau-Vorleistungen daher in keiner der untersuchten Wirkungskategorien berücksichtigt.
6.2 Umsetzung der Sachbilanz
In den vorangegangenen Kapiteln wurde das Konzept der Ökobilanz diskutiert und die Vor-
gehensweise für das zu untersuchende Produktionssystem entwickelt. Wie in Abbildung 6-1
dargestellt, umfasst die Systemgrenze dabei alle sechs Prozessstufen vom Weizen- bezie-
hungsweise Strohanbau über die Konversion zu n-Butanol in der Modellanlage bis hin zum
Einsatz in der Ölfeuerungsanlage. Im Folgenden werden die einzelnen Prozessstufen in
GEMIS übertragen.
Basisszenario, Prozessstufe 1: Anbau Stroh beziehungsweise Getreide
In Prozessstufe eins werden in Übereinstimmung mit den Vorgaben der EU-Richtlinie
2009/28/EG weder Energieaufwand noch Emissionen für den Anbau von Stroh berücksich-
tigt. Alle In- und Outputs der Prozessstufe werden dem Anbau von Weizen zugeordnet, der
außerhalb des betrachteten Systems beziehungsweise der Systemgrenze liegt. Der Output
der Prozessstufe ist Weizenstroh, das auf dem Feld verteilt vorliegt.
Basisszenario, Prozessstufe 2: Bergung und Bereitstellung von Strohballen
Die zweite Prozessstufe bildet die Strohbergung und –Verarbeitung zu Ballen ab. Der Output
der Prozessstufe besteht aus Strohballen inklusive deren Umschlag auf das nachfolgende
Transportmittel. Eine Differenzierung zwischen der Lagerung am Feldrand und in einem
6.2. Umsetzung der Sachbilanz
175
Zwischenlager wird nicht getroffen. Die Software GEMIS stellt einen Bergungs- und Bereit-
stellungsprozess
52
zur Verfügung, der jedoch den Umschlag nicht umfasst. Dieser wird durch
einen pauschalen Faktor von 5 % der eingesetzten Energie abgeschätzt.
Basisszenario, Prozessstufe 3: Transport der Strohballen
Die am Feldrand bereitstehenden Strohballen werden von einem LKW übernommen und zur
Modellanlage transportiert. Die durchschnittliche Transportdistanz wurde in Kapitel 5.2.2.3
analysiert und beträgt für die einfache Strecke 106,9 km. Die bereits zuvor herangezogene
Studie des deutschen Biomasseforschungszentrums (2012) sieht für den Transport im opti-
mierten Szenario den Einsatz eines Gliederzuges vor. Pro Fahrt transportiert dieser eine Be-
ladung von 33 Strohballen beziehungsweise 11,88 t. Ein geeigneter Transportprozess
53
liegt
in GEMIS vor und wird entsprechend angepasst.
Basisszenario, Prozessstufe 4: Konversion zu n-Butanol
In der Modellanlage erfolgt der Umschlag der Strohballen in das Zwischenlager. In GEMIS
liegt kein Prozess zur Abbildung der Modellanlage vor, weshalb ein neuer Prozess des Typs
Vergärung angelegt wird. Für die Darstellung der Stoff- und Energieflüsse wird auf die in Ka-
pitels 4 ermittelten Ergebnisse zurückgegriffen. Für die Bereitstellung von Wasser, Schwefel-
säure, Calciumhydroxid, elektrische Energie und Prozesswärme stellt GEMIS geeignete
Prozesse
54
zur Verfügung. Da diese die gesamte Vorkette berücksichtigen, werden neben
dem Bedarf an Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen sowie Energie auch Gutschriften mit einbezo-
gen. Beispielsweise entsteht bei der Bereitstellung von Schwefelsäure eine Gutschrift von
Prozesswärme, die für weitere Prozesse nutzbar gemacht werden kann. Die bei der Herstel-
lung von n-Butanol anfallenden Koppelprodukte Aceton und Ethanol werden energetisch al-
lokiert. Für die zur weiteren Nutzung vorgesehenen Reststoffe Gips und Strohasche trifft das
nicht zu.
Die bei der Verbrennung von Lignin und anderen Bestandteilen entstehenden Emissio-
nen werden auf Basis eines vorliegenden Prozesses auf die Modellanlage übertragen
55
. Zur
Abbildung der Kühlung des Rückkühlwassers wird auf Basis von Herstellerangaben ein neu-
er Prozess
56
eingeführt. Analog erfolgt die Berücksichtigung der Enzymbereitstellung.
In der Literatur liegen nur wenige vollständige Angaben zu den Emissionen der Enzympro-
duktion vor. Bezogen auf das Treibhausgaspotential schwanken die Angaben zwischen 2.264
und 8.000 g CO2eq kg-1 Enzyme (MacLean, et al., 2009). Durch den ausgesprochen hohen
Energieaufwand zur Bereitstellung von Enzymen kommt der ökologischen Bewertung der
Enzymherstellung eine wichtige Rolle im Hinblick auf das Ergebnis der ökologischen Ge-
samtbetrachtung zu. Im Folgenden wird eine von Nielsen (2009) vorgenommenen Abschät-
52
Eingesetzter Prozess: Xtra-Rest\Strohballen-DE-2010
53
Eingesetzter Prozess: LKW-Diesel->12t-Solo-DE-2010
54
Eingesetzte Prozesse: Xtra-generisch\Wasser; Chem-Anorg\Schwefelsäure-2000; Steine-Erden\Kalk-gelöscht-
DE-2000; EL-KW-Park-DE-2010; Gas-Kessel-DE-2010
55
Eingesetzter Prozess: Lignin-Kessel-WSF-DE-2020
56
Eingeführter Prozess: Xtra-Kühlwasser-DE-2010 beruht auf Herstellerangaben von COFELY (2009)
176
zung zur Enzymherstellung
57
übernommen. Diese ist mit angenommenen 6.291 g CO2eq kg-1
eher konservativ und wird in einen neuen Prozess
58
überführt. Output der Prozessstufe ist
transportfertiges n-Butanol, das auf das nachfolgende Transportmittel umgeschlagen wird.
Basisszenario, Prozessstufe 5: Transport des n-Butanols
Für den Transport des n-Butanols aus der Modellanlage eignen sich neben dem Straßen-
transport auch die Beförderung über das Schienennetz oder Wasserwege. Für das vorliegen-
de System wird angenommen, dass der überwiegende Anteil des n-Butanols haushaltnah zur
Bereitstellung von Raumwärme eingesetzt wird. Der Transport über das Schienennetz oder
über Wasserwege spielt daher eine untergeordnete Rolle und wird nicht weiter betrachtet.
In GEMIS steht auch für diesen Transport ein entsprechenden Prozess
59
zur Verfügung.
Basisszenario, Prozessstufe 6: Verbrennung des n-Butanols
In der vorliegenden Arbeit wird n-Butanol als Biokomponente in Heizöl EL, nicht für den
Reineinsatz vorgesehen. Wie in der Konzeption der Ökobilanz bereits diskutiert, bietet die
Untersuchung von reinem n-Butanol jedoch Vorteile hinsichtlich einer transparenten Dar-
stellung (siehe Kapitel 6.1.3.2). Die Verbrennung wird in GEMIS daher nicht als Gemisch
sondern im Reineinsatz abgebildet. Für die Verbrennung von Heizöl stellt GEMIS einen ge-
eigneten Prozess
60
zur Verfügung. Zur Darstellung des Einsatzes von n-Butanol wird dieser
Prozess lediglich bezüglich des Brennstoffes modifiziert.
6.3 Ergebnisse der ökologischen Betrachtung
Im vorliegenden Kapitel werden die Ergebnisse der untersuchten Wirkungskategorien dar-
gestellt und diskutiert. Dabei werden die Indikatorergebnisse des Basisszenarios jeder Kate-
gorie den Referenzen Heizöl EL und FAME gegenübergestellt (siehe Abbildung 6-2). Wie in
Kapitel 6.1.3.1 definiert, erfolgt die Auswertung für jede Wirkungskategorie getrennt. Die
angegebenen Werte enthalten bereits die Gutschrift durch die Kuppelproduktion von Aceton
und Ethanol sowie den Überschuss an elektrischer Energie.
57
Betrachtete Enzyme Celluclast 1.5 L und Novozyme 188. Es wird angenommen, dass die Angaben auch für die Be-
reitstellung von Viscostar gelten
58
Eingeführter Prozess: Xtra-Rest\Cellulase-DE-2010
59
Eingesetzter Prozess: LKW-Diesel-DE-2010
60
Eingesetzter Prozess: Öl-Heizung-DE-2010 (Endenergie)
6.3. Ergebnisse der ökologischen Betrachtung
177
Abbildung 6-2: Ergebnisse der Nachhaltigkeitsuntersuchung des Basisszenarios (BS) und der Re-
ferenzen Heizöl EL und FAME (etwaige Gutschriften sind Bestandteil der Einzelsummen)
Indikatorergebnisse der Wirkungskategorie Treibhausgasemissionen
Das Basisszenario weist CO2eq-Emissionen in Höhe von 37,0 g CO2eq MJ-1 auf und liegt damit
deutlich unterhalb der Emissionen von FAME in Höhe von 58,2 g CO2eq MJ-1. Beide Werte
enthalten bereits Gutschriften aus der Produktion der Kuppelprodukte Aceton, Ethanol so-
wie elektrischer Energie. Ohne diese würden sich die Treibhausgasemissionen auf
56,06 g MJ-1 CO2eq belaufen. Die absolute Einsparung gegenüber der Referenz Heizöl EL be-
trägt mit 87,9 g CO2eq MJ-1 insgesamt 50,9 g CO2eq MJ-1 (60 %).
Für die Berechnung der CO2-Minderungen eines Brennstoffs sieht die EU-Richtlinie
2009/28/EG jedoch einen von der oben berechneten Referenz für Heizöl EL abweichenden
Betrag in Höhe von 77 g CO2eq MJ-1 vor. Die unterschiedlichen Referenzwerte lassen sich auf
unterschiedliche Annahmen und Gewichtungen zurückführen. Gemäß EU-Richtlinie
2009/28/EG ist ein Brennstoff in Bezug auf seine Treibhausgasemissionen dann nachhaltig,
wenn er eine Mindesteinsparung gegenüber dem Referenzwert von aktuell 35 % und bis
zum Jahr 2017 von 50 % aufweist. Bezogen auf die Referenz von 77 g CO2eq MJ-1 beträgt die
Einsparung des Einsatzes von n-Butanol im Basisszenario annähernd 52 %.
Der Einsatz von n-Butanol übersteigt damit beide Mindestanforderungen und ist somit
auch im Sinne der EU-weiten Gesetzgebung als nachhaltiger Brennstoff einzustufen. Die Her-
stellung von n-Butanol im Basisszenario und dessen Einsatz im Raumwärmemarkt ist daher
in hohem Maße dazu geeignet, zur Verringerung der Treibhausgasemissionen beizutragen.
0
0,2
0,4
0,6
0,8
1
1,2
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
BS
Heizöl EL
FAME
BS
Heizöl EL
FAME
BS
Heizöl EL
FAME
CO2-Äquivalente SO2-Äquivalente KEAfos
SO2eq g MJ-1 / KEAfos MJ MJ-1
CO2eq g MJ-1
Anbau/Vorkette Transport Vorprodukt Anlage/Raffinerie
Transport Brennstoff Ölbrenner
178
Die Treibhausgasemissionen lassen sich hinsichtlich ihrer verursachenden Prozessstufen
weiter differenzieren. Die durch den Transport des Reststrohs verursachten Emissionen sind
mit 1,9 g CO2eq MJ-1 im Gegensatz zu den Emissionen der Modellanlage eher gering. Abbil-
dung 6-2 zeigt deutlich, dass der Betrieb der Modellanlage den weitaus größten Beitrag
(87,2 %) zu den Gesamtemissionen des Basisszenarios liefert. Er beträgt damit ein Vielfaches
der Anlagen zur Herstellung von Heizöl EL (6,8 %) und FAME (8,6 %).
Die Treibhausgasemissionen aus dem Transport des fertigen Produktes und dessen Ein-
satz im Ölbrenner sind im Basisszenario eher gering. Sie weisen mit 2,8 g CO2eq MJ-1 die glei-
che Höhe auf wie die Emissionen aus dem Transport und der Verbrennung von FAME.
Während bei der Verbrennung von Heizöl EL 76,9 g CO2eq MJ-1 frei werden, sind die Treib-
hausgasemissionen der erneuerbaren Brennstoffe der Atmosphäre in gleicher Höhe zuvor
entzogen worden und werden daher bei der Verbrennung nicht berücksichtigt.
Vor dem Hintergrund, dass Stroh als Reststoff eingestuft wird und daher keine Anbauemissi-
onen berücksichtigt werden (siehe Kapitel 6.2), ist die Höhe der absoluten Einsparung je-
doch als nicht optimal zu bewerten. Würden die gleichen Emissionen für den Anbau der
Biomasse anfallen wie bei Biodiesel (50,2 g CO2eq MJ-1), wäre keine Einsparung gegenüber
der Heizölreferenz zu verzeichnen.
Darüber hinaus zeigt eine detailliertere Analyse der Treibhausgasemissionen der Modell-
anlage, dass auf den Einsatz von Enzymen vor allen anderen Produktionsfaktoren mit
30,15 g CO2eq MJ-1 der weitaus größte Anteil entfällt. Es ist daher sinnvoll, eine Überprüfung
auch mit Einbeziehung der Anbauemissionen durchzuführen und insbesondere den Enzy-
meinsatz zu verringern (siehe Kapitel 7).
Zur Ermittlung der CO2eq-Vermeidungskosten wird im Folgenden auf den errechneten Refe-
renzwert von 87,9 g CO2eq MJ-1 zurückgegriffen. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass alle
Angaben transparent nachvollzogen werden können und der gleiche Berechnungsansatz
zum Tragen kommt. Wie oben angegeben, beträgt die Verminderung damit 50,9 g CO2eq MJ-1.
Nach Gleichung 6.1 sind darüber hinaus noch die Mehrkosten des Einsatzes heranzuziehen.
Die in Kapitel 5 ermittelten Produktionskosten für n-Butanol betragen 1,21 € L-1 bezie-
hungsweise 0,045 € MJ-1. Diese beinhalten bereits den Unternehmergewinn des Anlagenbe-
treibers.
Alkohole, die aus lignocellulosebasierten Rohstoffen hergestellt werden, genießen bis
Ende 2015 eine Befreiung von der Energiesteuer (EnergieStG, 2012). Unter Berücksichtigung
der Mehrwertsteuer in Höhe von 19 %, beträgt der Marktpreis von n-Butanol demnach
0,054 € MJ-1. Der Heizölpreis beträgt inklusive Energie- und Mehrwertsteuer 0,92 € L-1 be-
ziehungsweise 0,026
61
€ MJ-1. Nach Gleichung 6.1 ergeben sich die CO2eq-Vermeidungskosten
damit zu 527 € t-1 CO2eq. Unter Berücksichtigung der Energiesteuer für Heizöl EL betragen
die CO2eq-Vermeidungskosten 587 € t-1 CO2eq.
61
Mittelwert 10/2012: 0,923 € L-1 inkl. Energie- und Mehrwertsteuer (MWV, 2012); Dichte 0,84 kg L-1; Heizwert
42 MJ kg-1
6.3. Ergebnisse der ökologischen Betrachtung
179
Im Vergleich dazu wird FAME zu etwa 0,96 L-1 beziehungsweise 0,029
62
€ MJ-1 gehandelt. Die
CO2eq-Vermeidungskosten für den Einsatz von FAME betragen damit nur 101 € t-1 CO2eq. Es
zeigt sich deutlich, dass die Herstellung und der Einsatz von n-Butanol im Basisszenario
zwar die Treibhausgasemissionen verringert, jedoch aufgrund der hohen Kosten keine opti-
male Alternative zum Einsatz von Heizöl EL bietet. Um die CO2eq-Vermeidungskosten wirk-
sam zu verringern, sollte daher darauf abgezielt werden, sowohl die Kosten zur Herstellung
von n-Butanol zu senken als auch die Einsparung an Treibhausgasemission weiter zu erhö-
hen (siehe Kapitel 7).
Indikatorergebnisse der Wirkungskategorie Versauerung
Die Versauerung durch den Betrieb der Modellanlage im Basisszenario und den Einsatz von
n-Butanol im Raumwärmemarkt beläuft sich auf 0,19 g SO2eq MJ-1. Das Basisszenario verur-
sacht damit etwa 66 % höhere Emissionen als der Einsatz von Heizöl EL (0,12 g SO2eq MJ-1),
jedoch nur etwa 26 % der Emissionen des Einsatzes von FAME (0,74 g SO2eq MJ-1). Auch
wenn durch den Ersatz von Heizöl EL durch n-Butanol mehr SO2-Äquivalente emittiert wer-
den, resultiert der Einsatz von n-Butanol gegenüber FAME in einer geringeren Versauerung.
Bezüglich der Entstehungsorte der Emissionen ergeben sich große Unterschiede in den Pro-
zessketten von n-Butanol und FAME. Während der Anbau von Stroh im Basisszenario auf-
grund der Charakterisierung als Reststoff nicht berücksichtigt wird (siehe Kapitel 6.2), stellt
die Bereitstellung der Grundstoffe der FAME-Produktion mit 0,73 g SO2eq MJ-1 den weitaus
größten Anteil der Emissionen des Lebenszyklus dar. Verantwortlich dafür sind die SO2-
Äquivalente, die beim Anbau insbesondere durch die Freisetzung der Stickstoffverbindungen
Ammoniak und Ammonium frei werden (siehe Kapitel 6.1.3.3).
Hingegen weist die Produktion von FAME durch die Berücksichtigung des Kuppelproduk-
tes Glyzerin mit -0,01 g SO2eq MJ-1 sogar eine minimal positive Bilanz auf. Im Gegensatz dazu
emittiert der Betrieb der Modellanlage zur Herstellung von n-Butanol 0,16 g SO2eq MJ-1 und
ist damit für 86 % der Emissionen der gesamten Prozesskette verantwortlich. Würden die
gleichen Emissionen bei der Bereitstellung von Reststroh anfallen wie in der Bereitstellung
von Pflanzenöl für die Produktion von FAME, lägen die Emissionen an SO2-Äquivalenten
24 % über denen von FAME und bedeuteten eine Verschlechterung der vorhandenen Alter-
native zu Heizöl EL. Eine Überprüfung der Anbauemissionen ist daher Gegenstand des Kapi-
tels 7.
Im Vergleich zu den erneuerbaren Brennstoffen fallen im Lebenszyklus von Heizöl EL
damit insgesamt deutlich weniger SO2eq-Emissionen an. Inklusive der Vorkette verursacht
die Bereitstellung von Heizöl EL insgesamt nur 0,05 g SO2eq MJ-1. Den höchsten Beitrag zur
Versauerung durch den Einsatz von Heizöl EL leistet mit 59 % die Verbrennung im Ölbren-
ner (0,07 g SO2eq MJ-1). Durch die Schwefelfreiheit weisen sowohl der Einsatz von n-Butanol
als auch FAME in dieser Prozessstufe deutlich geringere Emissionen in Höhe von etwa 30
und 35 % auf.
62
Mittelwert 10/2012: 1,37 € L-1 inkl. Energiesteuer (Diesel) von 0,422 € L-1 und Mehrwertsteuer (UFOP, 2012);
0,96 inkl. Energiesteuer (Heizöl EL) von 0,076 € L-1 und Mehrwertsteuer; Dichte 0,879 kg L-1; Heizwert 37,2 MJ kg-1
180
Wie auch in der Wirkungskategorie Treibhauspotential ist im Basisszenario die Modellanla-
ge mit großem Abstand (86 %) vor den anderen Prozessstufen für die Emissionen von SO2-
Äquivalenten verantwortlich. Der Einsatz von Schwefelsäure verursacht dabei mit
0,04 g SO2eq MJ-1 bzw. 22 % einen großen Anteil, der jedoch von Enzymen mit
0,11 g SO2eq MJ-1 bzw. 55 % übertroffen wird. Der Transport der Rohstoffe trägt hingegen nur
zu 3 % der Emissionen bei. Neben der Überprüfung der Anabauemissionen sollte daher eine
Reduktion des Einsatzes von Enzymen und Schwefelsäure angestrebt werden (siehe Kapitel
7).
Indikatorergebnisse der Wirkungskategorie Ressourcenbeanspruchung
Der fossile kumulierte Energieaufwand, der durch das Basisszenario hervorgerufen wird
weist eine Höhe von 0,39 MJ MJ-1 auf. Er beträgt damit nur etwa 33 % des Aufwandes von
Heizöl EL mit 1,18 g MJ-1 und etwa 76 % des Aufwandes des Lebenszyklus von FAME
(0,51 MJ MJ-1). Der Einsatz von n-Butanol ist daher prinzipiell dazu geeignet, den kumulier-
ten Energieaufwand sowohl in Bezug auf die fossile Referenz Heizöl EL als auch die erneuer-
bare Alternative FAME zu verringern. Während der Energieaufwand zur Bereitstellung von
Reststroh nicht berücksichtigt wird, verursacht die Bereitstellung der Rohstoffe der FAME-
Produktion (0,25 MJ MJ-1) durch Anbau, Ernte und Pressung 49 % des Gesamtaufwandes.
Würden die gleichen Emissionen für den Anbau und die Ernte von Reststroh im Basisszena-
rio anfallen, wäre der kumulierte Energieaufwand des Basisszenarios höher als der von
FAME (25 %), jedoch geringer als der von Heizöl EL (54 %).
In der Betrachtung der Vorkette von Heizöl EL lässt sich anhand des Energieaufwandes
von 1,05 MJ MJ-1 die fossile Herkunft deutlich erkennen. Der Transport der Rohstoffe für die
Herstellung von FAME und n-Butanol hat mit jeweils 6 % hingegen eine eher geringe Bedeu-
tung. Mit einer Beteiligung von 84 % trägt die Modellanlage zur Herstellung von n-Butanol
(0,33 MJ MJ-1) wie auch in den beiden bereits untersuchten Wirkungskategorie maßgeblich
bei. Auch in der Wirkungskategorie der Ressourcenbeanspruchung sind die Enzyme zur
Produktion von n-Butanol mit 0,32 MJ MJ-1 beziehungsweise 81 % der Modellanlage verant-
wortlich. Für die Produktion von FAME ist ebenfalls ein hoher Aufwand von 0,23 MJ MJ-1
notwendig. Im Gegensatz dazu ist der fossile Aufwand zur Produktion Heizöl EL mit
0,09 MJ MJ-1 gering.
Zusammenfassung der Ergebnisse
Die Untersuchung der Ergebnisse der verschiedenen Wirkungskategorien zeigt, dass die
Herstellung und der Einsatz von n-Butanol im Basisszenario dazu geeignet sind, die Emissio-
nen an CO2-Äquivalenten und die Ressourcenbeanspruchung sowohl in Bezug auf die Refe-
renz Heizöl EL als auch FAME zu verringern. Im Vergleich zu Heizöl EL weisen die
CO2-Verminderungskosten eine Höhe von 527 € t-1 auf.
6.3. Ergebnisse der ökologischen Betrachtung
181
Hingegen verringert sich die Emission an SO2-Äquivalenten zwar hinsichtlich FAME deutlich,
jedoch übersteigen sie die von Heizöl EL. Zwar liegen die CO2-Verminderungskosten von
FAME mit einer Höhe von 101 € t-1 deutlich unter denen des Basisszenarios. Jedoch übertref-
fen die Emissionen von FAME die des Basisszenarios in allen untersuchten Wirkungskatego-
rien bei weitem.
Im Gegensatz zur Prozesskette von FAME wurde im Basisszenario festgestellt, dass der Be-
trieb der Modellanlage über alle Wirkungskategorien den weitaus größten Einfluss auf die
Emissionen bzw. den Energieaufwand aufweist. Als Hauptverursacher wurde insbesondere
der Einsatz von Enzymen, Schwefelsäure und elektrischer Energie identifiziert. Eine mögli-
che Reduzierung des Einsatzes ist Gegenstand von Kapitel 7.
Am Beispiel von FAME wurde verdeutlicht, dass der Anbau der Biomasse hohen Einfluss auf
die ökologische Nachhaltigkeit haben kann. Wie beschrieben wird Reststroh in der Europäi-
schen Union zurzeit als Rest- beziehungsweise Abfallstoff deklariert. Alle Emissionen, die
während des Anbaus anfallen, werden bislang vollständig der Produktion von Weizen ange-
rechnet (EG, 2009).
Die deutsche Bundesregierung kündigte an, vermehrt Reststoffe aus der Landwirtschaft
zur Bereitstellung von Bioenergie zur fördern (Bundesregierung, 2011). Darüber hinaus geht
ab dem Jahr 2013 die erste großtechnische Strohfeuerung in Betrieb (Otto, 2012). Es kann
daher eine zukünftig verstärkte Nutzung von Reststroh erwartet werden. In diesem Fall ist
davon auszugehen, dass die alleinige Allokation auf das Hauptprodukt Weizen den realen
Einfluss des Anbaus auf die nachfolgende Prozesskette nicht mehr aufwandsgerecht wieder-
gibt. Wenn der Reststoffcharakter von Weizenstroh nicht mehr aufrechterhalten werden
kann, ist daher langfristig einer potentiellen Korrektur entgegenzusehen. Diese wird in Kapi-
tel 7 in Form des Fortschrittsszenarios inklusive Anbauaufwand untersucht.
183
7 Analyse, Bewertung und Umsetzung der Modellergebnisse
Ziel des Kapitels ist die Identifikation und Auswertung eines technologischen Fort-
schrittsszenarios. Dazu werden die in den Ergebnissen der Kapitel 4, 5 und 6 identifizierten
größten Hebel zur Verringerung der Kosten und der Steigerung der ökologischen Nachhal-
tigkeit herangezogen und detailliert analysiert. Die aufgedeckten Potentiale werden mit Hilfe
des entwickelten Modells auf ihre Wirtschaftlichkeit und ökologische Nachhaltigkeit über-
prüft und anhand einer Szenarioanalyse mit den Ergebnissen des Basisszenarios gegenüber-
gestellt.
7.1 Analyse und Bewertung des Basisszenarios
7.1.1 Wirtschaftlichkeitsbetrachtung
Der Betrieb der Modellanlage ist in der Konfiguration des Basisszenarios nicht wirtschaftlich.
Unter Berücksichtigung der Unternehmergewinne des Anlagenbauers (etwa 4,4 % des Fixed
Capital Investments) und des Anlagenbetreibers (9,1 % a-1 des investierten Eigenkapitalan-
teils) betragen die Kosten zur Herstellung von n-Butanol im Basisszenario 1,21 € L-1. Bei ei-
nem Verkaufspreis von 1.110 € t-1 beziehungsweise 0,90 € L-1 entspricht das einem
Fehlbetrag von 0,31 € L-1.
Kurz- und mittelfristig kann jedoch nicht mit einem Anstieg des Produktpreises gerech-
net werden. Im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit von n-Butanol als Brennstoff ist es
daher das Ziel, einen wirtschaftlichen Betrieb mit Produktionskosten von 0,90 € L-1 zu errei-
chen. Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden die größten Einflüsse auf den Produkt-
preis quantifiziert. Das Ergebnis ist Grundlage für die Umsetzung der Stoff- und
Energieströme des Fortschrittsszenarios in Kapitel 7.2.1.
Die Zusammensetzung der Kosten (siehe Abbildung 5-8) zeigt, dass Weizenstroh (0,28 € L-1)
und dessen Transport (0,14 € L-1) zu etwa 35 % zum Gesamtaufwand beitragen. Die höchste
Einzelkostenposition entfällt auf den Enzymeinsatz mit 0,29 € L-1 und 24 % Anteil. Darüber
hinaus nimmt die Annuität mit 0,21 € L-1 (17 %) eine wesentlich Kostenposition ein.
Für die Bereitstellung elektrischer Energie fallen zwar keine externen Kosten an, jedoch
entsteht ein erheblicher Aufwand innerhalb der Modellanlage. Berücksichtigt man die Kos-
ten des Turbogenerators vollständig und den auf die Energieerzeugung entfallenden Anteil
des Dampfkessels mit 82 %, lassen sich die Kosten zur Bereitstellung von elektrischer Ener-
184
gie mit etwa 0,13
63
€ L-1 beziehungsweise 11 % angeben. Während der Enzymbedarf der
Modellanlage eindeutig zuzuordnen ist, wird elektrische Energie in fast allen Prozessen be-
nötigt. Der Bedarf ist ausgehend von den Ergebnisse der Energiestrommodellierung nach-
vollziehbar (siehe Kapitel 4.3).
Die Hauptverbraucher an elektrischer Energie sind die Gebläse der Fermentation (62 %),
der Verdampfer der Wasseraufbereitung (23 %) und die Rekondensation der Fermentation
(7 %). Sie weisen mit insgesamt 92 % den weitaus größten Bedarf der Modellanlage auf und
werden in der Umsetzung auf eine Optimierung untersucht. Darüber hinaus tragen die In-
standhaltung mit 0,09 € L-1 (7 %) und Chemikalien mit 0,06 € L-1 beziehungsweise 5 % zu
den Kosten bei. Auf alle weiteren Kostenarten (Steuern, Versicherung und weitere) entfallen
gemeinsam 12 % der Gesamtkosten.
Unabhängig vom spezifischen Bedarf an Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen kann eine Verringe-
rung der Produktionskosten durch die Erhöhung der Kapazität der Modellanlage erzielt
werden (siehe Kapitel 5.2.4). Die Kosten erreichen bei einer Kapazität 340.000 t a-1 ihr rela-
tives Minimum und einen Produktionspreis von 1,13 € L-1. Darüber hinaus bietet die Redu-
zierung der Baugrößen bei gleichbleibender Kapazität ein erhebliches Einsparungspotential.
Die Erhöhung des Biomasse/Wasser-Verhältnisses durch die Verringerung der Wasserzuga-
be von 50 % würde die Produktionskosten auf 1,11 € L-1 verringern. Andere Einflüsse, wie
Preisvorteile durch die Verhandlung von Nachlässen bei der Beschaffung von Anlagenkom-
ponenten, Dienstleistungen und Verbrauchsgütern, werden im Folgenden nicht betrachtet.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die größten Hebel zur Erhöhung der Wettbe-
werbsfähigkeit von n-Butanol als Brennstoff in der Verringerung der Transportstrecke, des
Enzymbedarfs und des Bedarfs an elektrischer Energie, insbesondere der Gebläse der Fer-
mentation und der Verdampfer der Wasseraufbereitung, bestehen. Darüber hinaus ergeben
sich Vorteile durch die Erhöhung der Kapazität und der Verringerung des Biomasse/Wasser-
Verhältnisses.
7.1.2 Ökologische Betrachtung
Kapitel 6.3 zeigt deutlich, dass die Emissionen und der Ressourcenverbrauch des Einsatzes
von n-Butanol im Basisszenario in allen Wirkungskategorien maßgeblich durch die Modell-
anlage bestimmt werden. Während die Wirkungskategorien Treibhausemissionen und Res-
sourcenbeanspruchung bereits deutlich geringer als die der Referenz Heizöl EL sind,
übersteigen die Emissionen an SO2-Äquivalenten die von Heizöl EL um 67 %.
Das Ziel des Fortschrittsszenarios in Bezug auf die Verbesserung der ökologischen Nach-
haltigkeit ist es daher, die Emissionen von SO2-Äquivalenten auf den Wert von Heizöl EL mit
0,12 g SO2eq MJ-1 zu begrenzen und sowohl die Treibhausgasemissionen als auch die Res-
63
Turbogenerator und Verdampfer (anteilig) tragen mit etwa 25 % zu allen vom Fixed Capital Investment abgeleite-
ten Kosten bei
7.2. Umsetzung des Fortschrittsszenarios
185
sourcenbeanspruchung weiter zu verringern. Im Folgenden werden daher die größten Hebel
zur Erreichung dieses Ziels quantifiziert.
Von allen Hilfs- und Betriebsstoffen weisen Enzyme in den Wirkungskategorien Treibhaus-
gasemissionen, Versauerung und Ressourcenbeanspruchung mit 94, 55 und 81 % den je-
weils größten Einfluss auf. Dieser hohe Wert ist auf die energieaufwendige Bereitstellung der
erhältlichen Enzyme zurückzuführen (vgl. hierzu: MacLean et al. (2009); Nielsen (2009)). Ei-
ne Verringerung des Enzymeinsatzes würde sich daher insbesondere mindernd auf die
Emission von Treibhausgasen und die Ressourcenbeanspruchung auswirken. Die Wirkungs-
kategorie der Versauerung würde davon zwar profitieren. Jedoch wäre eine Verringerung
des Enzymeinsatzes von beispielsweise 50 % allein nicht ausreichend, um die Emissionen
von Heizöl EL zu unterschreiten.
Kapitel 6.3 zeigt weiterhin, dass darüber hinaus der Einsatz von Schwefelsäure zu 22 %
zur Versauerung durch den Betrieb der Modellanlage beiträgt. Eine Verringerung des Einsat-
zes um 50 % würde daher zu einer Reduktion der Versauerung von 11 % führen. Darüber
hinaus ist mit der Verringerung des Schwefelsäureeinsatzes ebenfalls die Verringerung des
Einsatzes von Calciumhydroxid möglich. Diese wirkt sich mit zusätzlichen 3 % auf das Er-
gebnis aus.
Neben der Verringerung des Materialeinsatzes besteht Optimierungspotential durch die
Einsparung elektrischer Energie. Eine Verringerung um 50 % würde zu einer Reduktion der
SO2-Äquivalente von 10 % führen. Wie in Kapitel 6.3 bereits erwähnt, könnte die Berücksich-
tigung der Anbauemissionen von Stroh als Kuppelprodukt zu Weizen zu erheblichen Emissi-
onen führen. Sie wird daher als Modifikation des Fortschrittsszenarios in einem eigenen
Szenario erfasst.
Zusammenfassend bestehen die größten Hebel zur Verringerung der SO2eq-Emissionen in der
Reduzierung des Einsatzes von Enzymen und Schwefelsäure sowie elektrischer Energie.
Durch die damit verbundene Senkung der Kosten konkurrieren diese Maßnahmen nicht mit
den oben identifizierten der wirtschaftlichen Optimierung.
7.2 Umsetzung des Fortschrittsszenarios
7.2.1 Umsetzung von Stoff- und Energieflüssen sowie Zahlungsströmen
Ziel dieses Kapitels ist die Überprüfung und Umsetzung der in Kapitel 7.1 identifizierten He-
bel zur Verringerung des Produktionspreises von n-Butanol. Die Umsetzung erfolgt in Form
des Fortschrittsszenarios, das im Gegensatz zum Basisszenario nicht ausschließlich auf der
Übertragung großtechnisch umsetzbarer experimenteller Ergebnisse basiert. Es umfasst da-
her Technologien, die bislang keine Umsetzungsreife aufweisen, deren Realisierung im Zeit-
raum der nächsten 10 Jahren jedoch wahrscheinlich ist (siehe Kapitel 2.4).
186
Da der Fokus der Betrachtung auf den möglichen Einsparungen liegt, wird auf die detail-
lierte technische Beschreibung der einzelnen Prozessstufen des Fortschrittsszenarios ver-
zichtet. Im Folgenden werden die einzelnen Hebel auf ihre Umsetzbarkeit hin überprüft. Die
Identifizierung der optimalen Kapazität der Modellanlage bedarf der vollständigen Definition
aller Eingangsdaten und kann nicht ex ante durchgeführt werden. Sie ist daher Gegenstand
der Auswertung in Kapitel 7.3.
Enzyme
Für die Verminderung des Enzymbedarfs eignet sich neben der Senkung der Enzymkonzent-
ration das Recycling von Enzymen. Zwar liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass auch geringere
Enzymkonzentrationen als die im Basisszenario eingesetzten zu einem wirksamen Auf-
schluss führen. Jedoch variiert die Strohzusammensetzung und die damit notwendige En-
zymmenge und Zusammenstellung innerhalb der gleichen Sorte stark mit dem
Anbaustandort (vgl. hierzu: Lindedam et al. (2010)). Da dieser Umstand in der vorliegenden
Arbeit nicht mit der notwendigen Tiefe betrachtet werden kann, wird die Verringerung des
Enzymeinsatzes nicht untersucht. Als geeignete Technologie wird im Folgenden daher auf
die Möglichkeit des Enzymrecyclings herangezogen.
Filtrationsverfahren eignen sich aufgrund des hohen Partikelgehaltes von Weizenstrohhyd-
rolysaten nur eingeschränkt zur Rückgewinnung von Enzymen (vgl. hierzu: Steele et al.
(2005)). Darüber hinaus wird ein Teil der Enzyme durch das freie Lignin adsorbiert und
steht daher nicht mehr für ein Recycling zur Verfügung (Tu, et al., 2007).
Für den vorliegenden Einsatz eignen sich insbesondere Immobilisierungsverfahren (vgl.
hierzu: Mandali et al. (2010); Tu et al. (2006)). Dabei werden die Enzyme auf Trägersubstan-
zen wie Glas oder Kunstharze immobilisiert und können über einfache Trennverfahren sepa-
riert werden. Für die Abschätzung der notwendigen Enzymkonzentration muss davon
ausgegangen werden, dass nur ein Teil der Enzyme recycelt werden kann. Zum einen wird
die Enzymaktivität bei jeder Nutzung durch den teilweisen Verschluss der Trägerkörper-
oberfläche geringer. Dies kann durch die Ausbildung eines Biofilms oder durch Abrasion
während der Separation beziehungsweise Reinigung geschehen. Zum anderen kommt es zu
einer irreversiblen Hemmung eines Teils der Enzyme.
Im Folgenden wird angenommen, dass der Enzymverlust durch beide Effekte pro Einsatz
40 % beträgt. Der Enzymbedarf der Modellanlage
verringert sich dadurch auf
0,0037 t t-1. Die Mehrkosten durch die Immobilisierung der Enzyme werden auf 10 % ge-
schätzt. Die zur Umsetzung des Verfahrens notwendige Modifikation der Fermenter sowie
die anschließende zentrale Filtrationsstufe werden im folgenden Abschnitt erfasst.
Fermenter
Der größte in Kapitel 7.1 genannte Verbraucher elektrischer Energie, das Gebläse der Fer-
mentation, ist direkt abhängig von der Menge der produzierten ABE-Produkte. Eine Verrin-
7.2. Umsetzung des Fortschrittsszenarios
187
gerung des Bedarfs an elektrischer Energie ist mit der vorliegenden Technologie daher nicht
möglich.
Im Folgenden wird deshalb eine alternative Technologie zur in-situ-Entfernung der Fer-
mentationsprodukte, die Pervaporation, eingesetzt (siehe Kapitel 2.4.3). Pervaporation be-
zeichnet die Diffusion aus einer flüssigen Phase durch eine Membran in eine gasförmige
Phase (Melin, et al., 2007). Dabei wird die Fermentationsbrühe in-situ an einer Membran be-
ziehungsweise einem Membranmodul entlang geführt. Das gasförmige Permeat wird durch
ein Trägergas abgeführt und rekondensiert. Dieser ebenfalls in der Gas-Stripping-
Technologie eingesetzte und energieaufwändige Prozessschritt entfällt daher nicht.
Die Funktionalität der Pervaporation für die Fermentation mit Clostridium beijerinckii
wurde im Versuch bereits erfolgreich nachgewiesen (Qureshi, et al., 1999; Qureshi, et al.,
2008b). Es wird jedoch in einigen Experimenten von einer Einschränkung der Membran-
funktionalität durch Verschmutzung (Fouling) berichtet (Wu, et al., 2012; Qureshi, et al.,
2008c). Wie Wu et al. berichten, besteht jedoch die Möglichkeit einer Reinigung während des
Betriebs.
Im Folgenden wird daher angenommen, dass die bestehenden technischen Hindernisse der
großtechnischen Realisierung überwunden werden können. Bedingt durch die Verringerung
des Energiebedarfes des Gebläses kann eine Verminderung des Bedarfs an elektrischer
Energie um etwa 36,9 % gegenüber dem Gas-Stripping-Prozess angenommen werden
(Qureshi, et al., 2005). Durch dessen Substitution besteht jedoch die Notwendigkeit eines
Rührwerks. Zwar ist auch für die Pervaporation ein Gebläse zur Umwälzung des Trägergases
notwendig, jedoch in deutlich geringerer Kapazität. Darüber hinaus besteht ein nicht unwe-
sentlicher Aufwand durch die Bereitstellung der Membranmodule. Die Mehrkosten der ge-
samten Fermentation einschließlich des Enzymrecyclings werden daher auf 15 % geschätzt.
Verdampfer, Biomasse/Wasser-Verhältnis und Schwefelsäure
Der Verdampfer ist mit 23 % Anteil zweitgrößter Verbraucher an elektrischer Energie. Sein
Energiebedarf hängt von der Menge des zu recycelnden Wassers ab. Diese wird direkt durch
das Biomasse/Wasser-Verhältnis
beeinflusst. Eine Erhöhung des Biomas-
se/Wasser-Verhältnisses führt daher zum einen zu einer Verringerung des Bedarfs an
elektrischer Energie. Zum anderen reduziert sie das Volumen der eingesetzten Apparate und
Maschinen und vermindert so Investitionskosten der Apparate und Maschinen.
Wie in Kapitel 4.2.2 diskutiert, setzt eine Erhöhung des Biomasse/Wasser-Verhältnisses
jedoch den Umgang mit einer deutlich erhöhten Viskosität und die wirksame Entgiftung der
Maische voraus. Wie auch in der Diskussion zum Basisszenario liegen keine spezifischen Li-
teraturangaben für den großtechnischen Einsatz vor. Im Folgenden wird angenommen, dass
eine Erhöhung des Biomasse/Wasser-Verhältnisses im Fortschrittsszenarios
um
ein Drittel auf 20 % (m/m) möglich ist, wenn eine entsprechende Entgiftung eingesetzt wird
(vgl. hierzu: Cho et al. (2009), Purwadi et al. (2004), Jurardo et al. (2009)).
188
Die Entgiftung findet durch sogenanntes Overliming statt (Purwadi, et al., 2004). Dabei wird
der Strohsuspension nach dem thermischen Schwefelsäureaufschluss Calciumhydroxid hin-
zugegeben und nach 90 Minuten bei 30 °C in einem Neutralisationsbehälter mit Schwefel-
säure neutralisiert. Die ausgefällten Inhibitoren werden in der Vakuumfiltration gemeinsam
mit dem Gips abgetrennt. Die durch die Behandlung mit Calciumhydroxid entstehenden Zu-
ckerverluste werden von Purwadi et al (2004) zwar als vernachlässigbar bezeichnet, im Fol-
genden jedoch mit 2 % (m/m) berücksichtigt.
Es wird angenommen, dass der Chemikalienbedarf der Entgiftung dem der Säurebehand-
lung entspricht. Jedoch verringert sich bei einem geringeren Wasseranteil die notwendige
Menge an Schwefelsäure und Calciumhydroxid zur Konditionierung. Darüber hinaus liegen
wie in Kapitel 4.2.1 diskutiert Hinweise vor, dass auch deutlich geringere Säure/Biomasse-
Verhältnisse einen wirksamen Aufschluss bewirken (vgl. hierzu: Koostra et al. (2009)). Es
wird daher ein Mehrverbrauch von 20 % eingesetzt. Die Mehrkosten zur Bereitstellung eines
zusätzlichen Behälters entsprechen den in Kapitel 5.1 identifizierten Kosten eines Neutrali-
sationsbehälters.
Zur Überprüfung der Strohsuspension hinsichtlich ihrer Viskosität wird erneut eine Arbeit
Rosgaards et al. (2007a) herangezogen, die eine Untersuchung des Verhalten der Roggen-
strohhydrolyse in Abhängigkeit des Biomasse/Wasser-Verhältnisses beschreibt. Durch stu-
fenweise Befüllung der Fermenter können demnach hohe Anfangsviskositäten vermieden
werden. Zwar erhöht sich die Dauer bis zur vollständigen Hydrolyse durch dieses Vorgehen,
jedoch ist bereits im Basisszenario die Hydrolyserate höher als die Fermentationsrate,
wodurch keine Verzögerungen zu erwarten sind (siehe Kapitel 4.2.2).
Transportentfernung
Durch die Entgiftung können über Weizenstroh hinaus auch Roggen- und Maisstroh
64
verar-
beitet werden, die zuvor nicht geeignet waren (vgl. hierzu: Qureshi et al. (2010c); Qureshi et
al. (2010a)). Damit erhöht sich die für die Fermentation zur Verfügung stehende Strohmenge
von 51,5 auf 71,6 % (DBFZ, 2012). Nach der in Kapitel 5.2.1.2.3 entwickelten Abschätzung
steigt das nachhaltige Strohaufkommen
damit von 11,5 auf 16,1 t km-2 a-1 Rest-
stroh. Die erhöhte Verfügbarkeit führt zu einer Reduktion der mittleren Transportstrecke
von 106,9 auf 91,3 km.
Aktivitäts- und Umweltvektoren des Fortschrittsszenarios
Die Umsetzung der oben vorgestellten technischen beziehungsweise technologischen Modi-
fikationen führt ausgehend von dem in Kapitel 4 entwickelten Modell zu den Aktivitätsvekto-
ren der Biomassevorbereitung , Fermentation , Separation und
Wasseraufbereitung . Zur Berechnung des Umweltvektors lässt sich das in 4 entwickel-
te Vorgehen heranziehen. Tabelle 7-1 zeigt die Stoff- und Energieströme des Fortschrittssze-
narios in der Übersicht.
64
Englisch: Corn stover; Rückstände der Maisspflanze nach der Ernte, besteht maßgeblich aus Blättern und Stängeln
7.2. Umsetzung des Fortschrittsszenarios
189
Tabelle 7-1: Stoff- und Energieströme der Modellanlage des Fortschrittsszenarios
Bezeichnung
Einheit
Vektor
Betrag a-1
Betrag h-1
Weizenstroh, feucht
t
-473.944
-59,2
Wasser
t
-53.777
-6,7
Schwefelsäure
t
-50.378
-6,3
Calciumhydroxid
t
-38.061
-4,8
Gips
t
55.959
7,0
Enzyme
t
-9.452
-1,2
Gasförmige Emissionen
t
428.474
53,6
n-Butanol (99,5%)
t
63.000
7,9
Aceton (99,5%)
t
33.000
4,1
Ethanol (99,5%)
t
4.000
0,5
Asche
t
41.178
5,1
Elektrische Energie
kWh
97.372.832
12.172,0
Prozesswärme
MJ
0
0
Kühlbedarf
MJ
-2.002.532.150
-250.316,0
7.2.2 Umsetzung der Sachbilanz
Basierend auf den Ergebnissen des vorherigen Kapitels wird im Folgenden die Sachbilanz
zur Durchführung der Ökobilanz erstellt. Das bereits diskutierte Fortschrittsszenario wird
dabei mit den bis auf die Modellanlage (Prozessstufe 4) unveränderten Annahmen aufge-
stellt. Darüber hinaus berücksichtigt das Fortschrittsszenario inklusive Anbauaufwand den
anteilig beim Weizenanbau entstehenden Aufwand zur Bereitstellung von Stroh.
Umsetzung der Sachbilanz des Fortschrittsszenarios
Das Fortschrittsszenario unterscheidet sich vom Basisszenario ausschließlich in der Modell-
anlage. Das zur Berechnung der Umweltindikatoren herangezogene Programm GEMIS ver-
arbeitet Eingangsdaten bereits auf einem sehr hohen Aggregationsniveau. Die erneute
Modellierung oder Verknüpfung bereits vorhandener Prozesse zur Abbildung des Fort-
schrittsszenarios ist daher nicht notwendig.
Die Prozessstufen eins (Anbau Stroh beziehungsweise Getreide), zwei (Bereitstellung von
Strohballen), drei (Transport von Strohballen) sowie fünf (Transport von n-Butanol) und
sechs (Verbrennung von n-Butanol) können deshalb unverändert aus Kapitel 6.2 entnom-
men werden. Zur Abbildung der vierten Prozessstufe (Konversion zu n-Butanol) kann auf die
im vorherigen Kapitel 7.2.1 identifizierten Stoff- und Energieströme zurückgegriffen werden.
Umsetzung der Sachbilanz des Fortschrittsszenarios inklusive Anbauaufwand
Für die Bereitstellung von Reststroh werden sowohl im Basis- als auch im Fortschrittsszena-
rio ausschließlich Emissionen und Energieaufwand für die Ballenpressung, jedoch nicht für
den Anbau berücksichtigt. Das vorliegende Szenario unterscheidet sich vom Fortschrittssze-
nario durch die aufwandsgerechte Allokation der Anbauemissionen.
190
Dazu werden diese den Produkten Weizen und Stroh nach der Energieallokationsmethode
zugewiesen (siehe Kapitel 6.1.3.1). Zu diesem Zweck muss ausschließlich Prozessstufe eins
(Anbau Stroh beziehungsweise Getreide) modifiziert werden. Für die Abbildung der Pro-
zessstufen zwei (Bereitstellung von Strohballen) und drei (Transport von Strohballen) kön-
nen die Ausführungen aus Kapitel 6.2 herangezogen werden. Die vierte Prozessstufe
(Konversion zu n-Butanol) entspricht der des oben definierten Fortschrittsszenarios. Die
Stufen fünf (Transport von n-Butanol) und sechs (Verbrennung von n-Butanol) werden
ebenfalls ohne Modifikation aus Kapitel 6.2 entnommen.
In der Energieallokationsmethode werden die Vorkette und Emissionen des Weizenanbaus
auf die Produkte Weizen und Stroh in Abhängigkeit ihrer Anteile am gesamten Energieout-
put bezogen. Weizen und Stroh weisen Heizwerte von 17,0 MJ kg-1 beziehungsweise
17,2 MJ kg-1 auf (CARMEN, 2010). Die Gewichtung zwischen beiden Produkten erfolgt dabei
unter Berücksichtigung des Korn-Stroh-Verhältnisses von 1:0,8 (DüV, 2006). Wie in Kapitel
2.5.2 diskutiert, steht jedoch nur ein Bruchteil (14 %) des technischen Potentials von Strohs
für die nachhaltige energetische Nutzung zur Verfügung. Der übrige Teil wird unter anderem
zur Erhöhung des Bodenkohlenstoffanteils oder in der Viehzucht eingesetzt.
Es entfallen demnach 89,5 % der Ressourcenbeanspruchung und aller Emissionen auf
Weizen und nur 10,5 % auf Stroh. Als Basis wird ein von GEMIS zur Verfügung gestellter
Prozess
65
zur Abbildung des Weizenanbaus in Nordeuropa herangezogen und wie beschrie-
ben hinsichtlich der Ressourcenbeanspruchung und aller Emissionen, die anteilig auf den
Anbau von Stroh entfallen, modifiziert.
7.3 Ergebnisse des Fortschrittsszenarios
Ergebnisse der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung des Fortschrittsszenarios
Durch die diskutierten technologischen Änderungen müssen Mehrpreise bei Apparaten und
Maschinen berücksichtigt werden. Diese werden jedoch von den Einsparungen durch das
höhere Biomasse/Wasser-Verhältnis und die damit verbundenen geringeren Baugrößen
überkompensiert. Die Total Investment Cost des Fortschrittsszenarios betragen 269 Mio. €
und liegen damit etwa 4 % unterhalb derer des Basisszenarios.
Durch die höhere räumliche Dichte von verfügbarem Stroh sinkt die Größe des Einzugs-
gebietes von 40.388 auf 29.438 km². Die daraus resultierende mittlere Transportstecke inkl.
Leerfahrt verringert sich von 213,8 auf 182,5 km. Den Produktionskosten von 120 Mio. €
steht damit ein Umsatz von 113 Mio. € gegenüber. Die Kosten der n-Butanol-Bereitstellung
betragen 0,99 € L-1 und liegen auch im Fortschrittsszenario über den Umsatzerlösen von
0,90 € L-1.
Neben der durch die Einsparungen zu erwartenden Verringerung der Ausgaben weist das
Fortschrittsszenario einen erhöhten Umsatz durch die Einspeisung elektrischer Energie in
Höhe von 0,12 € L-1 auf. Abbildung 7-1 zeigt die detaillierten Kostenbestandteile.
65
Eingesetzter Prozess: Anbau\Weizen-Körner Nordeuropa-2010
7.3. Ergebnisse des Fortschrittsszenarios
191
Abbildung 7-1: Kosten zur Herstellung von einem Liter n-Butanol aus Reststroh im Fortschrittsszenario
Es fällt auf, dass die Kosten für Weizenstroh mit 0,26 € L-1 trotz des berücksichtigten Zucker-
verlustes um etwa 5 % unter denen des Basisszenario mit 0,28 € L-1 liegen. Dieser Effekt
lässt sich auf die in Gleichung 5.8 dargestellte Berücksichtigung der Umsatzerlöse elektri-
scher Energie im Vollkostenansatz zurückführen. Der Verminderungseffekt trifft daher auf
alle Kostenbestandteile zu. Nach Weizenstroh ist die Annuität mit 0,18 € L-1 der zweitgrößte
Einzelposten, die Kosten der Enzyme sinken von 0,29 auf 0,17 € L-1. Während diese im Ba-
sisszenario sogar leicht über den Kosten für Weizenstroh liegen, verlieren sie im Fort-
schrittsszenario erwartungsgemäß an Einfluss.
Die Verringerung des Schwefelsäureeinsatzes durch das höhere Biomasse/Wasser-
Verhältnis wird jedoch durch den Mehrverbrauch der Entgiftung überkompensiert. Die Kos-
ten für Chemikalien steigen dadurch von 0,06 auf 0,07 € L-1.
Die Sensitivitätsanalyse zeigt, dass das Total Capital Investment auch im Fortschrittsszenario
den größten Einfluss auf das Ergebnis aufweist. Eine Steigerung von 10 % verursacht zusätz-
liche Kosten in Höhe von etwa 0,05 € L-1 (siehe Abbildung 7-2). Durch den berücksichtigten
Zuckerverlust ist die Bedeutung des Weizenstrohpreises zwar relativ angestiegen, liegt je-
doch noch immer in gleicher Höhe von 0,04 € L-1.
Des Weiteren kann abgeleitet werden, dass eine Reduktion des Bereitstellungspreises
von Weizenstroh um 23 % auf etwa 84,6 € t-1 einen profitablen Betrieb des Fortschrittssze-
Weizenstroh; 0,26
Transport
Weizenstroh; 0,11
Enzyme; 0,17
Annuität; 0,18
Instandhaltung; 0,08
Chemikalien; 0,07
Steuern; 0,04
Versicherungskosten;
0,02
Verwaltungsk.; 0,02
Personalkosten; 0,02 Kühlbedarf; 0,02
Wasser; 0,00
192
narios ermöglichen würde. Dies trifft ebenfalls auf ein um 18 % auf 221 Mio. € verringertes
Total Capital Investment zu. Durch den zusätzlichen Umsatz aus der Einspeisung von Elekt-
rizität verringern sich die Preissensitivitäten der Anlage im Vergleich zum Basisszenario. Da
sich die Modellanlage in einem Marktumfeld mit entkoppelten Beschaffungs- und Absatz-
märkten befindet, führen geringere Preissensitivitäten gegebenenfalls zu Wettbewerbsvor-
teilen.
Abbildung 7-2: Einfluss der Variation ausgewählter Parameter auf die Herstellungskos-
ten von n-Butanol im Fortschrittsszenario
Wie auch beim Basisszenario ist bei den Ergebnissen des Fortschrittsszenarios durch die Er-
höhung der Kapazität ein Kostenminimum zu erwarten. Es liegt jedoch außerhalb des in Ab-
bildung 7-2 untersuchten Bereiches. Analog zum Vorgehen in Kapitel 5.2.4 lässt es sich bei
einer Kapazität von 380.000 t a-1 und Produktionskosten von 0,90 € L-1 lokalisieren. Die Mo-
dellanlage des Fortschrittsszenarios würde n-Butanol bei dieser Kapazität kostendeckend
herstellen. Die mittlere Transportstrecke läge in diesem Fall bei etwa 178 km. Innerhalb des
Einzugsbereiches von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-
Anhalt ist eine Realisierung einer Anlage dieser Größenordnung indes kaum realistisch.
Als Zwischenergebnis lässt sich jedoch festhalten, dass eine Erhöhung der Kapazität auch
unterhalb des Optimums zu einer deutlichen Verringerung der Produktionskosten führt. So
liegen diese bei einer Verdopplung der Kapazität von 100.000 auf 200.000 t a-1 bei 0,92 € L-1.
Alternativ könnte ein kostendeckender Betrieb und damit das Ziel des Fortschrittsszenarios
auch ohne weitere Modifikationen der Anlage oder deren Kapazität erreicht werden. Stiege
die Verfügbarkeit von Reststroh durch eine optimierte Positionierung der Modellanlage um
20 % von 16,1 auf 19,32 t km-2, betrügen die Produktionskosten 0,90 € L-1.
0,4
0,6
0,8
1
1,2
1,4
1,6
1,8
2
-80 -70 -60 -50 -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 70 80
Kosten n-Butanol € L-1
Variation in %
Total Capital Investment Reststroh
Enzyme Abschreibungsdauer
Volllaststunden Kapazität der Modellanlage
7.3. Ergebnisse des Fortschrittsszenarios
193
Ergebnisse der ökologischen Betrachtung des Fortschrittsszenarios
Abbildung 7-3 zeigt die Indikatorergebnisse des Basisszenarios, Fortschrittsszenarios und
des Fortschrittsszenarios inklusive Anbau in Gegenüberstellung zu den Referenzen Heizöl EL
und FAME. Wie auch in der Diskussion der Ergebnisse des Basisszenarios in Kapitel 6.3 er-
folgt die Auswertung getrennt für jede der drei Wirkungskategorien.
Abbildung 7-3: Ergebnisse der Nachhaltigkeitsuntersuchung des Basisszenarios (BS), Fortschrittsszena-
rios (FS), Fortschrittsszenarios inklusive Anbau (FS Anbau) und der Referenzen Heizöl EL und FAME
(etwaige Gutschriften sind Bestandteil der Einzelsummen)
- Indikatorergebnisse der Wirkungskategorie Treibhausgasemissionen
Das Fortschrittsszenario weist mit 23,5 g CO2eq MJ-1 etwa 64 % der Emissionen des Ba-
sisszenarios auf. Die Einsparung gegenüber Heizöl EL wächst damit auf 64,3 g CO2eq MJ-1.
Wie die Abbildung zeigt, variiert dabei ausschließlich der Beitrag der Modellanlage, der
mit 19,1 g CO2eq MJ-1 und einem Anteil von 81 % im Vergleich zu FAME mit etwa 9 %
noch immer vergleichsweise hoch ist. Im Fortschrittsszenario inklusive Anbau betragen
die Emissionen an CO2-Äquivalenten insgesamt 27,0 g CO2eq MJ-1. Dies entspricht einer
Erhöhung von 15 % gegenüber dem Fortschrittsszenario ohne Anbau.
Im Vergleich zum Basisszenario wird der Mehraufwand damit durch die Anbauemis-
sionen von den Einsparungen durch technologische Modifikationen überkompensiert.
Der Einsatz von n-Butanol des Fortschrittsszenarios inklusive Anbau verringert die
Treibhausgasemissionen gegenüber Heizöl EL damit um 60,9 g CO2eq MJ-1. Dass die An-
bauemissionen von Weizenstroh im Gegensatz zu denen von FAME (50,2 g CO2eq MJ-1)
0
0,2
0,4
0,6
0,8
1
1,2
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
BS
FS
FS Anbau
Heizöl EL
FAME
BS
FS
FS Anbau
Heizöl EL
FAME
BS
FS
FS Anbau
Heizöl EL
FAME
CO2-Äquivalente SO2-Äquivalente KEAfos
SO2eq g MJ-1 / KEAfos MJ MJ-1
CO2eq g MJ-1
Anbau/Vorkette Transport Vorprodukt Anlage/Raffinerie Transport Brennstoff Ölbrenner
194
nur mit 3,5 g CO2eq MJ-1 zu den Gesamtemissionen beitragen, zeigt auch grafisch, dass der
Anbauaufwand von Stroh deutlich geringer als der von Raps für FAME ist.
Aufbauend darauf lassen sich anhand der in Kapitel 6.3 erläuterten Gleichung 6.1 die
CO2-Vermeidungskosten abschätzen. Während die Kosten zur Verringerung von
CO2-Äquivalenten im Basisszenario etwa 527 € t-1 CO2eq betragen, ergeben sich die Kos-
ten im Fortschrittsszenario zu 266 € t-1 CO2eq und im Fortschrittsszenario inklusive An-
bau zu 281 € t-1 CO2eq. Wäre der profitable Betrieb der Modellanlage beispielsweise
durch eine optimale Positionierung mit Kosten von 0,90 € L-1 möglich, betrügen die CO2-
Verminderungskosten gegenüber Heizöl EL 205 € t-1 CO2eq.
- Indikatorergebnisse der Wirkungskategorie Versauerung
Der Einfluss der technologischen und technischen Modifikationen auf das Indikatorer-
gebnis der Versauerung ist mit einer Reduktion von 22% auf 0,150 g SO2eq MJ-1 zwar sehr
deutlich, jedoch weniger stark ausgeprägt als im Treibhauspotential. Ursächlich dafür ist
der nach wie vor hohe Anteil der Enzyme am Versauerungspotential von 40 % bezie-
hungsweise 0,058 g SO2eq MJ-1 (vgl. hierzu: Kapitel 6.3). Auf die Emissionen der Modell-
anlage entfallen im Fortschrittsszenario nur noch 83 % im Vergleich zu 85 % im
Basisszenario. Trotz der Berücksichtigung des Anbaus von 0,026 g SO2eq MJ-1 emittiert
der Einsatz von n-Butanol im Fortschrittsszenario inklusive Anbau 0,016 g SO2eq MJ-1
weniger SO2eq-Äquivalente als im Basisszenario.
Um das Ziel des Fortschrittsszenarios zu erreichen, kein höheres Versauerungspo-
tential im Vergleich zu Heizöl EL (0,115 g SO2eq MJ-1) aufzuweisen, müssen jedoch noch
weitere Einsparung realisiert werden. Das Ziel wäre zu erreichen, könnte auf den Einsatz
von Schwefelsäure und Calciumhydroxid weitgehend verzichtet werden. Dies setzt eine
alternative Biomassevorbehandlung voraus.
- Indikatorergebnisse der Wirkungskategorie Ressourcenbeanspruchung
Der fossile kumulierte Energieaufwand beträgt im Fortschrittsszenario 0,245 MJ MJ-1
und sinkt damit auf etwa 63 % des Bedarfes im Basisszenario. In Bezug auf Heizöl EL
liegt der Bedarf bei etwa 21 %. Mit der Verringerung des Ressourcenbedarfs der Modell-
anlage verringert sich deren Einfluss im Fortschrittsszenario auf etwa 77 %. Im Gegen-
satz zur Wirkungskategorie Versauerung resultiert die Berücksichtigung des Anbaus in
einem geringeren Anstieg von 9 % (0,021 MJ MJ-1). Das Fortschrittsszenario inklusive
Anbau bleibt damit deutlich unterhalb der Ressourcenbeanspruchung des Basisszena-
rios von 0,390 MJ MJ-1.
Zusammenfassung
Ziel des Kapitels ist die Verringerung der Produktionskosten und der Erhöhung der techno-
logischen Nachhaltigkeit. Dazu wurden die wichtigsten Hauptansatzpunkte in Form techni-
7.3. Ergebnisse des Fortschrittsszenarios
195
scher beziehungsweise technologischer Modifikation der Modellanlage des Basisszenarios
identifiziert.
Die Reduzierung des Bedarfes an Enzymen, elektrischer Energie und Schwefelsäure sowie
die Erhöhung des Biomasse/Wasser-Verhältnisses im Rahmen eines Fortschrittsszenario
ermöglicht die Produktion von n-Butanol als Brennstoff zu Kosten von 0,99 € L-1.
Um den wirtschaftlichen Betrieb der Modellanlage zu Produktionskosten von 0,90 € L-1 zu
gewährleisten, sind jedoch darüber hinaus weitere Maßnahmen notwendig. Neben einer Er-
höhung der Kapazität bietet sich vor allem die optimierte Positionierung der Modellanlage
an. Eine um 20 % gesteigerte Strohflächenverfügbarkeit würde einen wirtschaftlichen Be-
trieb der Modellanlagen im Fortschrittsszenario ermöglichen.
Die ökologische Nachhaltigkeit erhöht sich gegenüber dem Basisszenario durch die genann-
ten Maßnahmen in allen Wirkungskategorien. Der Einfluss der Berücksichtigung des Anbau-
aufwandes wird durch die Einsparungen überkompensiert. Die Emission an SO2-
Äquivalenten unterschreitet jedoch auch im Fortschrittsszenario die von Heizöl EL nicht. Der
größte Hebel zur Verringerung der SO2-Äquivalente liegt dabei in der Biomassevorbereitung.
197
8 Schlussbetrachtung und Ausblick
8.1 Schlussbetrachtung
In den kommenden Jahren wird in Deutschland die Bedeutung erneuerbarer Energien so-
wohl im Raumwärmemarkt als auch in anderen Energiesektoren weiter zunehmen. Hinsicht-
lich des Einsatzes agrarbasierter Brennstoffe sollte aufgrund ethischer Bedenken und der
beschränkten Anbaufläche ein Konflikt zwischen Nahrungsmittelproduktion und Bio-
massebereitstellung vermieden werden. FAME
66
, die derzeit einzige verfügbare Biokompo-
nente in Heizöl EL, erfüllt diese Forderung nur in beschränktem Umfang. In der vorliegenden
Arbeit wird der Einsatz von n-Butanol auf der Grundlage des Reststoffes Weizenstroh als ei-
ne alternative Biokomponente zu FAME in Heizöl EL untersucht.
Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht in der Überprüfung der Einsetzbarkeit von
n-Butanol im Raumwärmemarkt unter technischen, ökonomischen sowie ökologischen Kri-
terien. Das gewählte Vorgehen umfasst eine Verbrennungsversuchsreihe und die Entwick-
lung eines Stoff- und Energiestrommodells. Auf dessen Grundlage erfolgt die
Modellerweiterung um eine wirtschaftliche und eine ökologische Betrachtung in Form einer
Szenarioanalyse.
In der experimentellen Überprüfung werden Gemische aus Heizöl EL und bis zu 20 % (V/V)
n-Butanol hinsichtlich der bei der Verbrennung entstehenden NOx-, CO- und Rußemissionen
und ihrer Betriebssicherheit untersucht (siehe Kapitel 3). Die Überprüfung der Einsetzbar-
keit in einem weit verbreiteten Stauscheibenbrenner zeigt, dass der Einsatz von n-Butanol
keine Erhöhung der Emissionen verursacht. Dies trifft sowohl auf die absolute Höhe der
Emissionen zu als auch auf deren Veränderung relativ zum Heizwert der Gemische. Weiter
beeinträchtig der Einsatz von Heizöl EL/n-Butanol-Gemischen den Brennerbetrieb innerhalb
des Einsatzbereiches nicht. Die Untersuchung der Systemkomponenten zeigt keine Korrosi-
on oder übermäßigen Verschleiß. Es ist hervorzuheben, dass der Einsatz von n-Butanol in-
nerhalb des untersuchten Betriebsbereiches dazu keiner Modifikation des Brenners bedarf.
Andererseits verursacht die Zugabe von n-Butanol als Biokomponente zu Heizöl EL im
Gemisch einen Abfall des Flammpunktes. Im Gegensatz zu Heizöl EL bedürfen Gemische mit
höheren n-Butanol-Konzentrationen besonderer Lagerbedingungen für entzündliche Flüs-
sigkeiten. Diese liegen in vielen Industriebetrieben vor. Für den flächendeckenden Einsatz
dürfen Heizölgemische den in der Spezifikation DIN 51603-6 angegebenen Flammpunkt von
55 °C jedoch nicht unterschreiten. Der flächendeckende Einsatz ist daher nur bis zu einer
66
Fatty Acid Methyl Esther
198
Konzentration von 0,5 % (V/V) n-Butanol als Biokomponente in Heizöl EL in Kombination
mit 10 % (V/V) FAME möglich. Für eine Erhöhung der Konzentration von n-Butanol ohne
Unterschreitung des Flammpunktes besteht weiterer Forschungsbedarf. Allein durch den
flächendeckenden Einsatz mit 0,5 % n-Butanol könnten in Deutschland pro Jahr etwa
100.000 t a-1 Heizöl EL substituiert werden. Bezogen auf den europäischen Bedarf wären es
etwa 350.000 t a-1.
Für die fermentative Herstellung von n-Butanol aus Reststroh liegen bislang ausschließlich
experimentelle Ergebnisse vor. Auf dieser Grundlage wird ein Stoff- und Energiestrommodell
als Ausgangspunkt für die wirtschaftliche und ökologische Bewertung des Einsatzes von
n-Butanol entwickelt (siehe Kapitel 4). Das Modell bildet ein Basisszenario ab, das überwie-
gend industriell bewährte Prozesse einsetzt. Reststroh wird dabei mittels verdünnter Schwe-
felsäure vorbehandelt. Die anschließende Aufspaltung in nutzbare Zucker erfolgt
enzymatisch und simultan zur semi-kontinuierlichen Fermentation. Mittels Gas-Stripping
durch Fermentationsgase werden dabei in-situ die entstehenden Produkte abgetrennt. Das
Ergebnis der Untersuchung ist ein Umweltvektor in Form aller ein- und ausgehenden Stoff-
und Energieströme.
Die auf dem Umweltvektor aufbauende Investitionskostenschätzung der Modellanlage
weist ein Fixed Capital Investment in Höhe von 252 Mio. € auf (siehe Kapitel 5). Die periodi-
sierten Investitionskosten und bewerteten Stoff- und Energieströme des Basisszenarios ver-
ursachen Produktionskosten in einer Gesamthöhe von 1,21 € L-1 n-Butanol. Bei einem
angenommenen Marktpreis von 1.100 € t-1 n-Butanol decken die Umsatzerlöse in Höhe von
0,90 € L-1 die Kosten nicht. Der Betrieb der Modellanlage ist im Basisszenario daher nicht
wirtschaftlich. Neben der Bereitstellung von Weizenstroh (0,42 € L-1) tragen insbesondere
Enzyme mit 0,29 € L-1 zu den Gesamtkosten bei. Die Produktionskosten sind jedoch in Ge-
genüberstellung zu den ökologischen Vorteilen zu bewerten.
Die Erweiterung des Modells um eine ökologische Betrachtung basiert auf der Bewertung
der identifizierten Stoff- und Energieströme. Diese werden mit Hilfe der Software GEMIS 4.7
ausgewertet (siehe Kapitel 6). Da Weizenstroh derzeit als Reststoff gilt, berücksichtigt die
Betrachtung des Basisszenarios keine Anbauemissionen. Im Vergleich zu Heizöl EL stellt
n-Butanol im Basisszenario in den Wirkungskategorien Treibhausgasemissionen und Res-
sourcenbeanspruchung den vorteilhafteren Brennstoff dar. Mit einer Treibhausgaseinspa-
rung von 50,9 g CO2eq MJ-1 gegenüber Heizöl EL entstehen durch den Einsatz von n-Butanol
im Raumwärmemarkt jedoch CO2-Verminderungskosten in Höhe von 527 € t-1 CO2eq. Der
Einsatz von FAME weist diesbezüglich deutlich geringere Kosten in Höhe von 101 € t-1 CO2eq
auf. Die erzielte Einsparung an CO2-Äquivalenten ist mit 29,7 g CO2eq MJ-1 jedoch erkennbar
geringer.
In der Wirkungskategorie Versauerung erhöht der Einsatz von n-Butanol im Basisszena-
rio die Emissionen gegenüber Heizöl EL um etwa 67 %. Zwar stellt es damit relativ zu Heizöl
EL die nachteiligere Variante dar, jedoch trägt FAME mit einer Erhöhung der
8.1. Schlussbetrachtung
199
SO2-Äquivalente von 544 % erheblich stärker zur Versauerung bei. In der Gegenüberstellung
zu FAME verringert der Einsatz von n-Butanol die Gesamtemission daher auch in dieser
Wirkungskategorie.
Die Ressourcenbeanspruchung geht durch den Einsatz von n-Butanol mit 0,39 MJ MJ-1 im
Vergleich sowohl zu Heizöl EL als auch FAME um 67 % beziehungsweise 24 % zurück. Es ist
hervorzuheben, dass die Modellanlage in jeder der untersuchten Wirkungskategorien den
jeweils größten Einfluss aufweist. Den Hauptanteil daran hat der Enzymeinsatz. Bezogen auf
die Modellanlage verursachen Enzyme 81 % der Treibhausgasemissionen, 55 % der Versau-
erung und 81 % der Ressourcenbeanspruchung. In den genannten Wirkungskategorien ist
der Transport von Weizenstroh mit 5 %, 3 % und 6 % von vergleichsweise geringer Bedeu-
tung.
Die detaillierte Untersuchung des Basisszenarios zeigt, dass die größten Potentiale sowohl
zur Reduzierung der Produktionskosten als auch zur Erhöhung der ökologischen Nachhal-
tigkeit in der Minimierung des Bedarfes an Enzymen, Schwefelsäure und elektrischer Ener-
gie sowie in der Erhöhung des Biomasse/Wasser-Verhältnisses bestehen (siehe Kapitel 7).
Darüber hinaus wird am Beispiel von FAME verdeutlicht, dass der Anbau der Biomasse einen
hohen Einfluss auf die ökologische Nachhaltigkeit haben kann. Durch die Kategorisierung
des Reststrohs als Reststoff wird dieser Einfluss zurzeit nicht berücksichtigt.
Auf Basis dieser Erkenntnisse wird ein Fortschrittsszenario abgeleitet, das neben etab-
lierten Technologien auch bislang großtechnisch nicht überprüfte Prozesse einsetzt. Dazu
zählen beispielsweise die Immobilisierung und Mehrfachnutzung von Enzymen, in-situ-
Produktabtrennung mittels Pervaporation und ein gegenüber dem Basisszenario erhöhtes
Biomasse/Wasser-Verhältnis. Das Fortschrittsszenario senkt die Produktionskosten auf
0,99 € L-1 beziehungsweise einen Marktpreis von 0,044 € MJ-1 und verbessert die ökologi-
sche Nachhaltigkeit im Vergleich zum Basisszenario und der Referenz FAME in allen Wir-
kungskategorien (siehe Abbildung 8-1). Dies gilt auch unter der Berücksichtigung der
anteiligen Anbauemissionen für Stroh. Es wird deutlich, dass darüber hinaus eine Optimie-
rung einzelner Kriterien zwar möglich ist, jedoch im Hinblick auf das Gesamtoptimum einer
engen Koordination technologischer und wirtschaftlicher Ziele bedarf.
Wie in Abbildung 8-1 abschließend deutlich wird, sinken die Emissionen an
CO2-Äquivalenten im Fortschrittsszenario in Bezug auf das Basisszenario deutlich ab und lie-
gen damit etwa 60 % unterhalb derer von FAME und 73 % unterhalb derer von Heizöl EL.
Die CO2-Vermeidungskosten betragen im Fortschrittsszenario 266 € t-1 CO2eq, inklusive der
Berücksichtigung des Anbaus 281 € t-1 CO2eq.
Die Emissionen an SO2-Äquivalenten sinken jedoch auch im Fortschrittsszenario nicht
unter die von Heizöl EL, sondern liegen fast 30 % darüber. Bezogen auf die Biokomponente
FAME reduziert der Einsatz von n-Butanol jedoch die Emissionen an SO2-Äquivalenten um
80 %.
200
Der Ressourcenverbrauch verringert sich gegenüber FAME um 53 % und liegt damit weit
unter dem von Heizöl EL. Es zeigt sich, dass der Einfluss der anteiligen Anbauemissionen von
Reststroh in allen Wirkungskategorien verhältnismäßig gering ist. Insbesondere im Ver-
gleich zu den Anbauemissionen von FAME beträgt der Anstieg in den Treibhausgasemissio-
nen, Versauerung und Ressourcenbeanspruchung lediglich 15, 17 und 9 %.
In Bezug auf Heizöl EL entstehen durch den Einsatz von FAME nur geringe technische
Hindernisse. Eine Beimischung ist daher in Abhängigkeit des Brennertyps bis zu 20 % (V/V)
möglich. Aus technischer Sicht können ebenfalls Beimischungen bis zu 20 % (V/V) n-Butanol
eingesetzt werden, jedoch unterschreitet das Brennstoffgemisch bereits ab 0,5 % (V/V) die
zulässige Flammpunktgrenze.
Steigt die Flächenverfügbarkeit von Reststroh durch die optimierte Positionierung der
Anlage um 20 %, ist der wirtschaftliche Betrieb der Modellanlage im Fortschrittsszenario zu
Produktionskosten von 0,90 € L-1 möglich. Die mittlere Transportstrecke beträgt in diesem
Fall 83 km. Jedoch muss hervorgehoben werden, dass das Fortschrittsszenario im Vergleich
zum Basisszenario auch auf bislang großtechnisch nicht etablierte Prozesse zurückgreift.
Insbesondere für den Einsatz der in-situ-Produktabtrennung durch Pervaporation liegt noch
kein Nachweis der industriellen Eignung vor. Um das volle Potential dieser Prozesskette aus-
zuschöpfen, besteht daher noch Forschungsbedarf. Der Verringerung des Fixed Capital In-
vestments kommt dabei eine doppelte Bedeutung zu. Mit den Investitionskosten sinkt die
kostenoptimale Kapazität, so dass auch die Transportkosten sinken. Diese wiederum redu-
zieren die dabei entstehenden Kosten und erhöhen die ökologische Nachhaltigkeit.
8.2. Ausblick
201
Abbildung 8-1: Zusammenfassende Darstellung der untersuchten Kriterien des Einsatzes von
n-Butanol als Biokomponenten in Heizöl EL im Vergleich zur Referenz FAME
Die vorliegende Arbeit zeigt zum einen, dass sich n-Butanol für den Einsatz im Raumwär-
memarkt technisch eignet und auf der Basis von Getreidestroh deutliche ökologische Vortei-
le aufweist. Zum anderen besteht für die Realisierung eines wirtschaftlichen Betriebs einer
entsprechenden n-Butanol-Anlage noch Forschungsbedarf.
8.2 Ausblick
Im Zuge der Energiewende wird die Bereitstellung von erneuerbarer Energie im Raumwär-
memarkt weiter an Bedeutung gewinnen. N-Butanol eignet sich in diesem Rahmen im Ge-
gensatz zu anderen Technologien für den flächendeckenden Einsatz. Es ist keine
Modifikation der bestehenden Distributionswege oder vorhandenen Endgeräte notwendig.
Zur Nutzung entstehen daher keine direkten Investitionskosten. N-Butanol stellt als Bio-
komponente im Raumwärmemarkt aufgrund dessen eine ideale flächendeckende Über-
gangstechnologie dar.
Neben der Verwendung als Brennstoff eignet sich n-Butanol auch als Kraftstoff im Verbren-
nungsmotor und als Grundstoff der chemischen Industrie. Die vielseitigen Einsatz- und Ab-
satzmöglichkeiten von n-Butanol tragen daher zu einer intensiven Forschung zur
0,25 MJ MJ-1
0,26 MJ MJ-1
0,39 MJ MJ-1
Referenz FAME
0,054 € MJ-1
0,029 € MJ-1
Marktpreis
CO2eq
SO2eq
Ressourcen-
verbrauch
Technische
Hindernisse
keine
geringe
Flammpunkt-
unterschreitung
1,18 MJ MJ-1
0,51 MJ MJ-1
0,74 g MJ-1
0,12 g MJ-1
0,15 g MJ-1
0,18 g MJ-1
0,19 g MJ-1
87,9 g MJ-1
23,5 g MJ-1
27,0 g MJ-1
58,2 g MJ-1
0,044 € MJ-1
0,027 € MJ-1
37,0 g MJ-1
Basisszenario
Fortschrittsszenario
Fortschrittsszenario inkl. Anbau
Heizöl EL
FAME
202
Kommerzialisierung bei. Neben institutionellen Forschungseinrichtungen arbeiten bereits
Unternehmen wie Butamax, Cobalt Technologies und Butalco an diesem Ziel. Für die Zukunft
kann aus diesen Gründen eine deutliche Kostenverringerung erwartet werden.
Die Bereiche mit dem größten Verbesserungspotential in der Prozesskette liegen in der
Biomassevorbereitung und in der in-situ-Produktabtrennung. Wie auch im Fortschrittssze-
nario diskutiert besteht für erstere ein erhebliches Potential zur Reduzierung des Einsatzes
von Enzymen, Schwefelsäure und Calciumhydroxid. Insbesondere die Vorbehandlung mit
Dampf (Dampfexplosion) und die Immobilisierung von Enzymen (Enzymrecycling) bieten
hier Ansätze. In der in-situ-Produktabtrennung steht die Reduzierung des Energiebedarfs im
Fokus. Dazu eignen sich insbesondere die Pervaporation und die Flüssig-Flüssig-Extraktion
beispielsweise mit Oleylalkohol oder Mesitylen.
Der Biomassevorbereitung kommt dabei im Hinblick auf den technologischen Fortschritt
eine besondere Rolle zu. Aufgeschlossene Lignocellulose eignet sich neben der Herstellung
von n-Butanol auch für andere Fermentationsarten wie beispielsweise die Herstellung von
Ethanol. Durch dieses nochmals erweiterte Einsatzspektrum und das erhöhte Marktpotential
ist insbesondere für diesen Prozess eine zügige Entwicklung zu erwarten.
Durch die anteilig hohen Transportkosten eignen sich als Anlagenstandort speziell Anbauge-
biete mit deutlich überdurchschnittlichem Reststrohaufkommen. Es kann daher davon aus-
gegangen werden, dass in Deutschland vorerst nur ausgewählte Standorte in Frage kommen.
Die ersten kommerziellen Anlagen werden voraussichtlich in Anbaugebieten wie Nordame-
rika, Osteuropa und China in Betrieb genommen werden können. Diese Regionen bieten
durch ihr hohes lokales Aufkommen an Reststroh deutliche wirtschaftliche Vorteile gegen-
über den heterogenen Getreideanbauflächen in Deutschland. Wie auch in anderen Technolo-
gien werden sich im Zuge der Realisierung Standardtechnologien und -Komponenten
etablieren und zur Senkung des Fixed Capital Investment beitragen. Dadurch verringert sich
zukünftig die kostenoptimale Kapazität und es werden ebenfalls Anbaugebiete mit durch-
schnittlichem Strohaufkommen wirtschaftlich.
Für die Standortwahl kann darüber hinaus die Verfügbarkeit alternativer Substrate aus der
Lebensmittelindustrie eine Rolle spielen. Neben der Einsetzbarkeit setzt dies ein hohes loka-
les Aufkommen der Substrate voraus. Im Raum Deutschland bieten sich dafür insbesondere
extrahierte Zuckerrübenschnitzel aus der Zuckerherstellung an. Dabei ergibt sich ein zusätz-
licher Wettbewerbsvorteil für die Zuckerherstellung. Da die Nassfermentation zur Herstel-
lung von n-Butanol nicht auf getrocknete Substrate angewiesen ist, entfallen der aufwändige
Trocknungsprozess und die Lagerung der Zuckerrübenschnitzel. Wie auch für die Realisie-
rung des Fortschrittsszenarios besteht für den Einsatz dieses Substrates jedoch Forschungs-
bedarf.
Der Ausblick zeigt, dass die Treiber für die Kommerzialisierung von n-Butanol insbesondere
in Einsatzgebieten außerhalb des Raumwärmemarktes und den Parallelen zur fermentativen
8.2. Ausblick
203
Ethanolproduktion liegen. Es ist daher weiterhin eine verstärkte Forschungstätigkeit zu er-
warten, so dass sich die Kosten für den Einsatz von n-Butanol auch im Raumwärmemarkt
künftig deutlich verringern werden.
205
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Anhang A Abbildungen zu Versuchen
A-1
Anhang A Abbildungen zu Versuchen
Abbildung 9-1: Verwendeter Zugbegrenzer am Abgasrohr
Abbildung 9-2: Eingesetzte Düse des Typs Fluidics 0,4 60° HF nach
Beendigung aller Versuchsreihen. Die Düse weist weder Ablagerun-
gen noch Verkokungen auf
A-2
Abbildung 9-3: Eingesetzter Düsenfilter des Typs Fluidics 0,4 60° HF
nach Beendigung aller Versuchsreihen. Der Filter zeigt keine Ablage-
rungen
Anhang B Investitionskostenabschätzung
B-1
Anhang B Investitionskostenabschätzung
Tabelle 9-1: Komponenten einer Modellanlage zur fermentativen Herstellung von n-Butanol im Basissze-
nario, Basiskapazität (BK), Zielkapazität (ZK), Basisjahr (BJ), Zieljahr (ZJ)
Apparate und Maschinen
Investition
(BK, BJ)
BK
ZK
Einheit
BK/ZK
Exponent
Investition
(ZK, BJ)
BJ
CEPCI
BJ
Investition
(ZK, ZJ)
Investition
(ZK, ZJ)
Quelle
Aktivität 1
$11.228.163
8.598.027 €
Bandförderer
$450.000
31,57
58,06
t h-1
1,8
0,6
$648.645
2010
550,8
$679.028
519.969 €
Kumar et al. (2011)
Schredder
$639.000
31,57
58,06
t h-1
1,8
0,6
$921.075
2010
550,8
$964.219
738.356 €
Kumar et al. (2011)
Wärmetauscher 1
$564.000
148,50
387,94
t h-1
2,6
0,78
$1.192.776
2010
550,8
$1.248.647
956.158 €
Kumar et al. (2011)
Hydrolysereaktoren
$2.659.000
102,85
387,94
t h-1
3,8
0,6
$5.897.380
2010
550,8
$6.173.619
4.727.482 €
Klein-Marcuschamer et al. (2010)
Bandfilter
$235.000
25,33
387,94
t h-1
15,3
0,6
$1.208.189
2010
550,8
$1.264.781
968.513 €
Kumar et al. (2011)
Neutralisierung
$83.000
110,07
332,87
t h-1
3,0
0,71
$182.094
2010
550,8
$190.623
145.971 €
Kumar et al. (2011)
Hydrozyklon & Vakuumfilter
$199.000
110,07
332,87
t h-1
3,0
0,39
$306.396
2010
550,8
$320.747
245.614 €
Kumar et al. (2011)
Wärmetauscher 2
$76.000
147,36
382,80
t h-1
2,6
0,78
$160.031
2010
550,8
$167.527
128.285 €
Kumar et al. (2011)
Pumpen
$99.000
148,50
382,80
t h-1
2,6
0,79
$209.173
2010
550,8
$218.971
167.678 €
Kumar et al. (2011)
Aktivität 2
$13.557.815
10.381.971 €
Gebläse (5)
$2.350.620
2,40
14,74
MW
6,1
0,5
$5.824.876
2010
550,8
$6.097.719
4.669.361 €
(Aerzener Maschinenfabrik, 2012)
Fermenter (5)
$3.865.000
19521
44133
m³
2,3
0,71
$6.897.331
2010
550,8
$7.220.409
5.529.067 €
Kumar et al. (2011)
Kondensator ABE-Produkte
$132.800
12,53
16,58
t h-1
1,3
0,68
$160.665
1997
386,5
$239.688
183.542 €
(NREL, 2010)
Aktivität 3
$3.207.764
2.456.363 €
Butanol Kolonne
$752.122
14,71
16,58
t h-1
1,1
0,68
$815.884
2010
550,8
$854.101
654.032 €
Mansur et al.(2010)
Pumpe Butanol Kolonne
$12.450
18,82
16,58
t h-1
0,9
0,68
$11.423
2010
550,8
$11.958
9.157 €
Mansur et al.(2010)
Aceton Kolonne
$1.215.870
5,82
8,71
t h-1
1,5
0,68
$1.599.173
2010
550,8
$1.674.079
1.281.935 €
Mansur et al.(2010)
Pumpe Aceton Kolonne
$12.450
5,82
8,71
t h-1
1,5
0,68
$16.375
2010
550,8
$17.142
13.126 €
Mansur et al.(2010)
B-2
Apparate und Maschinen
Investition
(BK, BJ)
BK
ZK
Einheit
BK/ZK
Exponent
Investition
(ZK, BJ)
BJ
CEPCI
BJ
Investition
(ZK, ZJ)
Investition
(ZK, ZJ)
Quelle
Fortsetzung Aktivität 3
$3.207.764
2.456.363 €
Ethanol Kolonne
$177.000
17,30
4,58
t h-1
0,3
0,68
$71.736
2010
550,8
$75.097
57.506 €
Kumar et al. (2011)
Pumpe Ethanol Kolonne
$12.450
5,82
4,58
t h-1
0,8
0,79
$10.309
2010
550,8
$10.792
8.264 €
Mansur et al.(2010)
Tanklager
$340.000
11,09
12,50
t h-1
1,1
0,71
$370.155
2010
550,8
$387.493
296.725 €
Klein-Marcuschamer et al. (2010)
Molekularsiebe
$1.155.000
8,24
0,53
t h-1
0,1
0,7
$169.178
2010
550,8
$177.103
135.617 €
Kumar et al. (2011)
Aktivität 4
$44.380.810
33.984.846 €
Verdampfer
$8.488.350
80,00
313,52
t h-1
3,9
0,68
$21.487.448
2011
585,7
$21.153.598
16.198.482 €
GIG Karasek (2012)
Verbrennung & Boiler
$7.312.000
18,10
27,79
t h-1
1,5
0,75
$10.087.902
2010
550,8
$10.560.429
8.086.706 €
Kumar et al. (2011)
Turbogenerator, Kondensator
$19.588.500
60,00
28,22
MW
0,5
0,71
$11.465.130
2009
521,9
$12.666.783
9.699.658 €
(MAN Diesel & Turbo, 2012)
Nicht aufgelistete Positionen
$9.075.000
32,36
49,93
t a-1
1,5
0,6
$11.772.220
2010
550,8
$12.323.642
9.436.896 €
Kumar et al. (2011)
Summe Apparate und Maschinen
$84.698.194
64.858.101 €