
Bénédicte Savoy
Tatkräftiges Mitmischen Alexander von
Humboldt und die Museen in Paris und
Berlin
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Suggested Citation
Savoy, Bénédicte: Tatkräftiges Mitmischen Alexander von Humboldt und die Museen in Paris und Berlin.
- In: Blankenstein, David [u.a.]: „Mein zweites Vaterland" - Alexander von Humboldt und Frankreich. -
Berlin ; Boston, Mass. : De Gruyter Akad. Forschung, 2015. - (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-
Forschung ; 40) - ISBN: 978-3-05-006382-9. - S. 233–259.
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Tatkräftiges
Mitmischen
Alexander
von
Humboldt
und
die
Museen
in
Paris
und
Berlin
Bénédicte
Savoy
Alexander
von
Humboldt
a
joué
un
rôle
déterminant
non
seulement
dans
la
formation
des
musées
de
Berlin,
en
particulier
du
„Neues
Muséum“
inauguré
vers
1850,
mais
aussi
dans
celle
des
musées
parisiens,
multipliant
les
interventions
pour
recommander
l’achat
de
telle
ou
telle
collection.
Son
intérêt
portait
tout
particulièrement
sur
les
objets
en
provenance
d’Egypte
et
d’Amérique
du
Sud.
A
Paris
et
Berlin,
les
archives
des
musées
conservent
de
nombreuses
traces
de
ces
interventions.
Le
présent
article
offre
quelques
pistes
de
reconstitution
des
activi
tés
d’Humboldt
dans
ce
champ
transnational.
Alexander
von
Humboldt,
der
sich
für
alles
interessierte,
interessierte
sich
nicht
für
die
Gene
raldirektion
der
Berliner
Museen.
Das
ist
bekannt
und
auch
sympathisch.
Seine
mehrmalige
Ablehnung
des
attraktiven
Postens
ist
in
verschiedenen
Dokumenten
überliefert,
darunter
in
einem
heute
in
der
Biblioteka
Jagiellonska
in
Krakau
aufbewahrten
Brief
vom
1.
September
1837
an
den
Kultusminister
Altenstein.
1
Darin
erläutert
Humboldt,
wie
so
oft,
dass
er
als
Ge
lehrter
frei
von
offiziellen
Verpflichtungen
bleiben
möchte.
Er
empfiehlt
statt
seiner
seinen
Freund
und
Nachbarn
Ignaz
von
Olfers,
der
den
Job
auch
einige
Zeit
später
bekommen
sollte.
Das
ist
alles
gut
bekannt.
Wie
so
oft
beendet
der
damals
68-jährige
Humboldt
seinen
Brief
mit
einem
Augenzwinkern:
Das
sind
Herzens-Ergiessungen
eines
hinter
dem
Museum
wohnenden
uralten
Reisenden.
Die
Kunst-Festung
entzieht
meinen
Fenstern
fast
das
Licht,
darum
werde
ich
immer
an
dasselbe
ge
mahnt.
2
Kunst-Festungen
In
der
Tat
wohnte
Alexander
von
Humboldt
von
1827
bis
1841
direkt
hinter
dem
Alten
Mu
seum:
Am
Packhof
Nr.
4,
erste
Etage.
3
Als
Humboldt
hier
einzog,
war
das
erste
öffentliche
Kunstmuseum
in
Preußen,
diese
späte
aber
herrliche
Geburt
museographischen
Denkens,
zwar
noch
nicht
offiziell
eröffnet,
das
Gebäude
aber
stand
bereits.
Am
Rande
eines
Briefes
kritzelte
Humboldt
im
Herbst
1828
für
seinen
Freund
Carl
Friedrich
Gauß,
der
ihn
vielleicht
besuchen
wollte,
seine
Wohnsituation.
4
Die
Skizze
versah
er
mit
Ziffern:
1.
„neues
Museum“,
1
Werner
2010,
228f.,
und
Holtz
2010b,
430.
2
Anisch
2011,
9.
3
Humboldt
1985,
49.
4
Schwarz
1992,
6,
und
Humboldt
1977.

234
Bénédicte
Savoy
Abb.
1
Humboldts
Skizze
zu
seiner
Wohn-
situation
in
einem
Brief
an
Carl
Friedrich
Gauß,
1828
2.
„neuer
Packhof“,
3.
„mein
Haus“.
Hier
also,
hinter
dem
Museum,
wohnte
Humboldt
im
Haus
des
„Hofzimmermeisters
Glatz“
zur
Miete.
Auf
einer
verlässlich
genauen,
bisher
un
veröffentlichten
Bleistiftzeichnung
von
Eduard
Gärtner
aus
dem
Jahr
1835
ist
„mein
Haus“
gut
zu
erkennen.
Links
im
Bild
erhebt
sich
die
„Kunst-Festung“
in
ungewohnter
Perspektive
aus
einem
Gewoge
von
Dächern
enggebauter
alter
Bürgerhäuser
und
Schuppen.
Am
rechten
Bildrand
fällt
der
Halbkreis
der
seit
1749
als
„neuer
Packhof“
benutzten
alten
Orangerie
auf.
Gleich
links
daneben,
auf
die
Rückseite
des
Museums
schauend,
steht
das
L-förmige
Haus,
in
dem
Humboldt
wohnte.
Deutlicher
als
an
dieser
Skizze
lässt
sich
die
unmittelbare
physische
Nähe
des
sedentari-
sierten
Reisenden
zur
Schinkel’schen
Museumsbaustelle,
später
zum
Museum
selbst,
kaum
zeigen.
Vor
allem
aber
die
in
jeder
Hinsicht
doch
verblüffende
Tatsache,
dass
das
Haus,
in
dem
der
Uralte
14
Jahre
wohnte,
zugunsten
des
Baus
des
1841
beschlossenen
Neuen
Muse
ums
abgerissen
werden
musste.
Auf
dem
Berlin-Plan
von
Selter
aus
dem
Jahr
1846
ist
der
Hausflügel
mit
der
Humboldt’schen
Wohnung
bereits
zugunsten
des
„Neuen
Museums“
ausgelöscht.
Mit
anderen
Worten:
Hatte
die
Kunst-Festung
am
Lustgarten
Humboldt
an
derthalb
Jahrzehnte
lang
das
Licht
entzogen,
so
entzog
ihm
der
Bau
des
Neuen
Museums
jetzt
die
Wohnung
selbst.
Die
Versuchung
liegt
nahe,
den
genius
Humboldts
mit
dem
genius
loci
des
Neuen
Museums
gleichzusetzen,
als
wohnte
der
Geist
des
alten
Mannes
auf
magische
Weise
weiterhin
in
den
neuen
Steinen
des
Museums.
Zumal,
darauf
wies
die
Forschung
in
den
letzten
Jahren
zunehmend
hin,
Alexander
von
Humboldt
trotz
seiner
systematischen
Ab
lehnung
offizieller
Engagements
im
Preußischen
Staatsdienst,
5
als
eigentlicher
Erfinder
und
Triebkraft
des
Neuen
Museums
angesehen
werden
kann
und
soll.
6
Dass
die
physische
Nähe
Alexander
von
Humboldts
zu
den
Berliner
Museen,
ja
seine
reale,
körperliche
Präsenz
an
ihrem
konkreten
Entstehungsort
auf
der
Museumsinsel
als
starkes
5
Ette
2009,141
ff.
6
Schuster
2004,
Bredekamp
2011,
Holtz
2010b
und
Werner
2013.

Alexander
von
Humboldt
und
die
Museen
in
Paris
und
Berlin
235
Abb.
2
Eduard
Gaertner,
Blick
auf
die
Museumsinsel,
1835
(unveröffentlichte
Bleistiftzeichnung)
Zeichen
einer
intellektuellen
Nähe
zur
Institution
verstanden
werden
kann,
wird
noch
deut
licher,
wenn
man
sich
vergegenwärtigt,
dass
Humboldt
in
den
Jahren
zuvor
in
Paris
ebenfalls
gegenüber
einer
Kunst-Festung
sein
Domizil
hatte:
Quai
Malaquais
Nr.
3,
der
Grande
Gale
rie
des
Louvre
gegenüber.
Hier
wohnte
Humboldt
zwischen
1813
und
1816/
Zwar
sorgte
an
dieser
Stelle
die
zwischen
dem
Museumsriesen
und
dem
Quai
fließende
Seine
für
optimale
Lichtverhältnisse,
doch
muss
der
tägliche
Anblick
der
langen
grauen
Fassade
mit
dem
in
haltsschweren
Hintergrund
eine
ähnlich
„mahnende
Wirkung“
auf
Humboldt
gehabt
haben,
wie
später
die
Rückseite
von
Schinkels
Bau
in
Berlin.
7
7
Humboldt
1985,
39.

236
Bénédicte
Savoy
Abb.
3
Situationsplan
der
Museumsinsel
aus
dem
Berlin-Plan
von
Selter,
1846
(Ausschnitt)
Am
Quai
Voltaire,
einige
wenige
Hausnummern
von
Humboldt
entfernt,
wohnte
auch
Dominique-Vivant
Denon,
der
große
Museumsmann
und
erster
Direktor
des
Louvre,
Napo
leons
Auge
-
ein
Freund
Humboldts.
8
Dies
ist
gewiss
kein
Zufall:
Die
Wahl
eines
Wohnortes
mit
ständigem
Blick
auf
den
Louvre
liest
sich
wie
ein
Bekenntnis
zum
großen
Projekt
des
19.
Jahrhunderts:
die
Erfassung,
Erforschung
und
Veröffentlichung
der
herrlichsten
Monu
mente
menschlicher
Schöpferkraft
seit
der
Antike.
Gleichzeitig
erinnerte
der
Anblick
aber
sicher
auch
an
die
Verantwortung
des
Einzelnen
und
der
Gemeinschaft
für
das
zu
bewah
rende
Kulturerbe
der
(europäischen)
Menschheit.
Nach
1816
zog
Alexander
von
Humboldt
zwar
auf
die
andere
Seite
der
Seine
in
eine
Wohnung
am
„Quai
de
l’Ecole
26“.
9
So
wohnte
er,
wenn
nicht
mehr
vis-à-vis,
doch
noch
dichter
am
Louvre.
Diese
Adresse
behielt
er
auch
bis
zu
seiner
definitiven
Abreise
aus
Frankreich
1827.
Damals
war
das
„Musée
royal“
im
Louvre
eine
junge
Institution
von
knapp
30
Jahren,
geboren
als
Kind
einer
Vergewaltigung
der
Museumslandschaft
Europas
durch
die
Französische
Revolution,
in
jugendlichem
Alter
durch
den
großen
Restitutionsakt
von
1815
mächtig
erschüttert
(aus
französischer
Perspek
tive:
grausam
amputiert),
und
seitdem
im
Begriff,
sich
neu
zu
definieren
und
zu
erweitern.
8
Rosenberg/Dupuy
1999,
180.
9
Humboldt
1985,
42.
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