scieee Science in your language
[en] (orig)
Atomistische Modellierung der Struktur
und Funktion von Biomolek¨
ulen
Marcus Elstner
Habilitationsschrift zum Habilitationsgesuch
am
Fachbereich Physik
der
Universit¨
at Paderborn
Mai 2003
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einf¨
uhrung 5
1.1 Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.2 Problemstellung am Beispiel Bakteriorhodopsin . . . . . . . . . . 13
2 DFTB 19
2.1 Tests . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.2 Einbeziehung weiterer Atomtypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2.3 Erweiterung fuer H-Bruecken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
2.4 Dispersion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.5 Struktur von Peptiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
2.6 Struktur des Retinals in Bakteriorhodopsin . . . . . . . . . . . . . 29
3 Grosse Systeme 31
3.1 Kombination von Methoden:QM/MM . . . . . . . . . . . . . . . . 31
3.2 O(N) Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
3.3 Kombinierte QM/MM O(N) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
4 Stabilit¨
at von Protein Sekund¨
arstrukturen 37
5 Optische Eigenschaften 41
6 Zeitabh¨
angige Ph¨
anomene 43
7 Zusammenfassung und Ausblick 45
A Relevante Ver¨
offentlichungen 51
3
4INHALTSVERZEICHNIS
Kapitel 1
Einf¨
uhrung
In den letzten Jahren sind theoretische Studien realer Materialien ein wichtiger
Teil der Materialforschung geworden, sei es in der Physik, Chemie oder Biologie.
Dies liegt einerseits an den grossen Fortschritten in der Computertechnik und
andererseits an der Enwicklung effizienter numerischer Simulationsmethoden.
Untersucht werden neben kristallinen und amorphen Festk¨
orpermodifikatio-
nen auch Cluster, Fullerene, organische Molek¨
ule, Polymere und biologische Mo-
lek¨
ule. Ein Hauptschwerpunkt liegt dabei in dem atomistischen Verst¨
andnis der
Struktur und Dynamik dieser Materialien, aber auch weitergehend in der Auf-
kl¨
arung des Verh¨
altnisses von Struktur, Eigenschaft und Funktion. Ferner kann
durch die theoretische Vorhersage experimentell relevanter Daten Hilfestellung
bei der Strukturaufkl¨
arung und bei der Interpretation experimenteller Ergebnisse
gegeben werden. ¨
Uber Beitr¨
age zum Verst¨
andnis von Materialien hinaus k¨
onnen
aber auch gezielte Vorschl¨
age zur Modifikation, zum Design oder Optimierung
gemacht werden. Ein prominentes Beispiel ist hier das sogenannte ’computer ai-
ded drug design’, wo durch theoretische Simulation Struktur und Eigenschaften
neuer Medikamente gezielt untersucht werden k¨
onnen, bevor sie synthetisiert und
getestet werden. Fener k¨
onnen Informationen auf theoretischem Wege gewonnen
werden, die dem Experiment nicht, oder nicht ohne weiteres zug¨
anglich sind.
Dies betrifft etwa die Modellierung chemischer Reaktionen, die Simulation von
Prozessen der Anlagerung von Molek¨
ulen, oder auch Ladungs- und Energietrans-
portprozesse, die auf solch kurzen Zeitskalen stattfinden, dass sie vom Experiment
z.Z. nicht aufgel¨
ost werden k¨
onnen.
Die Simulation biomolekularer Prozesse, stellt eine besondere Herausforderung
f¨
ur theoretische Methoden dar. Dies liegt an der Zusammensetzung, Ausdehnung
und spezifischen Art der Wechselwirkung dieser Systeme mit ihrer Umgebung.
Ausgehend von Methoden, die in der Cluster- und Festk¨
orperphysik inzwischen
eine breite Verwendung finden, liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit deshalb in der
Entwicklung neuer, und in der Weiterenwicklung und Kombination bestehender
5
6KAPITEL 1. EINF ¨
UHRUNG
Methoden. Ziel ist es, ein Methodenspektrum zu entwickeln, das den Herausfor-
derungen bei der Modellierung biochemischer Prozesse gewachsen ist.
Dazu wird im Folgenden zun¨
achst ein ¨
Uberblick ¨
uber die verschiedenen Si-
mulationsmethoden gegeben, die in der theoretischen Materialforschung einge-
setzt werden (Kapitel 1.1). Daran anschliessend wird skizziert, welche besonde-
ren Anforderungen biologische Strukturen und Prozesse an diese Methoden stellen
(Kapitel 1.2). Der Hauptteil dieser Arbeit besch¨
aftigt sich mit der Entwicklung
und dem Testen von Methoden, die eine Beschreibung komplexer biologischer
Strukturen erlauben. Ausgangspunkt der Entwicklung ist ein quantenmechnisches
Rechenverfahren, das bisher auf organische Molek¨
ule, Cluster und Festk¨
orper-
strukturen sehr erfolgreich angewendet wurde. Dieses wird in Kapitel 2 zun¨
achst
kurz eingef¨
uhrt, und erste Erweiterungen des Schemas und Anwendungen und
Tests der Methode f¨
ur biologische Modellstrukturen werden vorgestellt. Kapitel
3 besch¨
aftigt sich mit der Beschreibung grosser Systeme. Hier werden verschie-
dene Algorithmen vorgestellt, die eine quantenmechanische Behandlung grosser
biologischer Molek¨
ule erlauben. In Kapitel 4 wird eine Anwendung vorgestellt,
die Simulation der Stabilit¨
at und Dynamik von Polypeptiden und eines Proteins,
welche erst durch die vorgestellten methodischen Neuerungen m¨
oglich geworden
ist. Kapitel 5 widmet sich der Beschreibung von optischen Anregungen innerhalb
der hier verwendeten Methode, und Kapitel 6 generalisiert dieses Vorgehen auf die
Beschreibung von zeitabh¨
angigen Prozessen, die durch eine Wechselwirkung der
Molek¨
ule mit Licht ausgel¨
ost werden k¨
onnen. Kapitel 7 fasst den gegenw¨
artigen
Stand der Methode zusammen und gibt einen Ausblick auf weitere Entwicklungs-
richtungen. Die Originalarbeiten zu den Themen in den jeweiligen Kapiteln sind
in dem Anhang beigef¨
ugt.
1.1 Methoden
Zur Bestimmung der Eigenschaften und der Dynamik molekularer Systeme muss
im allgemeinen Fall das zeitabh¨
angige quantenmechanische Vielteilchenproblem
f¨
ur die elektronischen und nuklearen Freiheitsgrade gel¨
ost werden. Dieses Vor-
gehen ist jedoch sehr aufwendig. Um zu praktisch realisierbaren Algorithmen zu
kommen wird zun¨
achst der Spezialfall des zeitunabh¨
angigen Problems betrachtet.
Ferner wird angenommen, daß die Dynamik der elektronischen Freiheitsgrade auf
wesentlich kl¨
urzeren Zeitskalen stattfindet, als die Dynamik der Kernfreiheits-
grade. Im Rahmen der sogenannten Born-Oppenheimer (BO) N¨
aherung wird die
Schr¨
odingergleichung (SG) separiert in einen Teil, der die elektronischen Frei-
heitsgrade bei festgehaltenen Kernfreiheitsgraden beschreibt und einen Teil, der
die Kernwellenfunktion in einem Potential beschreibt, das aus der L¨
osung der
elektronischen SG resultiert. Die elektronische Wellenfunktion h¨
angt dann nur
1.1. METHODEN 7
noch parametrisch von den Kernkoordinaten ab (und nicht noch zus¨
atzlich etwa
von den Kernimpulsen), es entsteht das Bild von Potentialenergiefl¨
achen (PES:
’potential energy surface’), auf denen sich die Kerne bewegen. Der Fehler durch
Einf¨
uhren der BO Approximation ist i.A. klein gegen¨
uber den nachfolgend disku-
tierten weiteren N¨
aherungen. Es gibt jedoch chemische Situationen, in denen sie
’zusammenbricht’, etwa bei hochenergetischen St¨
ossen von Teilchen, Wechselwir-
kung mit starken elektromagentischen Feldern, oder in bestimmten molekularen
Konformationen, in denen sich zwei PES entlang einer Reaktionskoordinate (etwa
elektronischer Grund- und angeregter Zustand) kreuzen. In diesem Fall m¨
ussen al-
ternative Zug¨
ange gew¨
ahlt werden, wie in Kapitel 6 ausgef¨
uhrt. In einigen F¨
allen
ist auch die klassische Beschreibung der Atomkerne nicht angemessen. Die wird
akut, wenn chemische Reaktionen untersucht werden, die den Transfer von Pro-
tonen beinhalten.
In einem weiteren N¨
aherungsschritt werden die Atomkerne als klassische Punkt-
teilchen behandelt. Die Quanteneffekte der Atomkerne k¨
onnen jedoch mit Kennt-
nis der PES entlang einer Reaktionskoordinate im Nachinein ber¨
ucksichtig wer-
den. Hierf¨
ur stehen in der Literatur eine Reihe von Zug¨
angen zur Verf¨
ugung, auf
die aber in dieser Arbeit nicht weiter eingegangen wird.
Viele Eigenschaften molekularer Systeme sind demnach durch die Kenntnis
der elektronischen Gesamtenergie des Systems zug¨
anglich. Chemische Informatio-
nen k¨
onnen aus der Kenntnis der Energie in Abh¨
angigkeit von den Kernkoordi-
naten gewonnen werden. Dies betrifft etwa molekulare Strukturen, wie aber auch
Energiebarrieren f¨
ur chemische Reaktionen etc. Weitere Eigenschaften k¨
onnen
aus der Kenntnis der Energie¨
anderungen in Abh¨
angigkeit von ¨
ausseren St¨
orun-
gen gewonnen werden. Auf diese Weise k¨
onnen spektroskopische Daten, wie etwa
optische Eigenschaften, NMR/ESR Spektren, Schwingungsspektren (IR, Raman)
berechnet werden.
Zur Bestimmung der elektronischen Gesamtenergie ist aber die exakte L¨
osung
der Schr¨
odingergleichung (SG) f¨
ur Mehrelektronensysteme wegen des hohen Re-
chenaufwandes i.A. nicht praktikabel. Die L¨
osung der SG etwa durch Monte Carlo
Integration [1] ist auf die Beschreibung von Systemen mit wenigen Atomen be-
schr¨
ankt. Praktikable numerischen Rechenverfahren f¨
ur gr¨
ossere Systeme basieren
daher auf weitergehenden geeigneten N¨
aherungen der elektronischen SG.
Die Methoden, die ausgehend von der molekularen Struktur die elektronische
Gesamtenergie komplexer Systeme zu bestimmen erlauben, lassen sich in drei
Kategorien einteilen: Die wellenfunktionsbasierten ab initio (1.1.1) und Dichte-
funktional Methoden (1.1.2) , die semi-empirischen Verfahren (1.1.3) und die
klassischen Kraftfeldmethoden (1.1.4).
8KAPITEL 1. EINF ¨
UHRUNG
Wellenfunktionsbasierte ab initio Methoden
Einen quantenmechnischen Zugang zu grossen Systemen erlauben erst Wellen-
funktionsbasierte Methoden, die eine n¨
aherungsweise L¨
osung der SG durch einen
Ansatz f¨
ur die Vielteilchen-Wellenfunktion erreichen. Startpunkt ist die Hartree-
Fock (HF) Methode, die als Ansatz ein antisymmetrisiertes Produkt aus Ein-
teilchenwellenfunktionen zu Grunde legt. Davon ausgehend kann die L¨
osung der
HF Methode durch Einbeziehung der Elektronenkorrelationen verbessert werden
(siehe etwa [2]). Zum Einen durch st¨
orungstheoretische Methoden (benannt nach
M¨
oller und Plesset, die als erste die Raileigh-Schr¨
odingersche St¨
orungstheorie in
diesem Kontext anwendeten: MP2, MP4), zum Anderen durch Methoden, die aus-
gehend von der HF Wellenfunktion erweiterte Wellenfunktionsans¨
atze verwenden
(CI, CASSCF, ...).
Die HF Methode ist heute ein Standardverfahren, das insbesondere zur Be-
schreibung von Struktur und Schwingungseigenschaften von Molek¨
ulen sehr er-
folgreich eingesetzt wird. Mit ihr k¨
onnen Systeme von bis zu etwa 100 Atomen
routinem¨
assig behandelt werden. Die Energetik der chemischen und die Struk-
tur und Energetik der H-Br¨
ucken und VdW Bindungen k¨
onnen mit HF nicht,
oder nicht mit ausreichender Genauigkeit berechnet werden. Hierzu ist die Ein-
beziehung der Elektronenkorrelation unbedingt erforderlich. Die entsprechenden
Methoden sind aber wesentlich aufwendiger, mit MP2 etwa k¨
onnen nur noch
Systeme mit bis zu etwa 30 Atomen betrachtet werden.
Die Dichtefunktional Theorie (DFT)
Als Alternative zu den ab initio Verfahren hat sich in den letzten Jahren die
sogenannte Dichtefunktionaltheorie (DFT) etabliert (siehe etwa [3, 4]). Ihre At-
traktivit¨
at beruht darin, daß sie viele relvante molekulare Systeme mit der Genau-
igkeit von post-HF Methoden (etwa MP2) beschreibt, bei gleichzeitig wesentlich
geringerer Rechenzeit.
In diesem Abschnitt sollen einige grundlegende Gleichungen der Dichtefunk-
tionaltheorie eingef¨
uhrt werden ([3, 4]), die als Startpunkt f¨
ur die Entwicklung
eines approximativen Verfahrens zur Bestimmung der elektronischen Struktur
molekularer Systeme dienen.
Der (nicht relativistische) Hamiltonoperator f¨
ur ein System von N Elektronen
in dem Coulomb-Potential der Atomkerne ist (in atomaren Einheiten) durch
ˆ
H=
N
X
i
i
2+VKern(ri) +
N
X
j>i
1
|rjri|
(1.1)
gegeben. VKern(ri) ist das auf die Elektronen wirkende Potential der Atomr¨
umpfe.
1.1. METHODEN 9
Die Eigenzust¨
ande Ψ(r1, ..., rN) des Systems k¨
onnen durch die L¨
osung der
Schr¨
odingergleichung erhalten werden:
ˆ
HΨ(r1, ..., rN) = EΨ(r1, ..., rN) (1.2)
Die Grundidee der Dichtefunktionaltheorie ist, die komplizierte N-Elektronenwellenfunktion
Ψ(r1, ..., rN) und die dazugeh¨
orige Schr¨
odingergleichung durch die viel einfa-
chere Elektronendichte ρ(r) und ein entsprechendes Schema zu ihrer Berech-
nung zu ersetzen. Grundlegend f¨
ur die Dichtefunktionaltheorie ist ein Theorem
von Hohenberg und Kohn [5], nach dem eine eineindeutige Abbildung zwischen
einem externen Potential Vext(r) (z.B. das Coulomb-Potential der Atomkerne,
Vext(r) = VKern(r)) und der Elektronendichte ρ(r) besteht. Nach dem ersten
Hohenberg-Kohn Theorem ist ρ(r) durch das externe Potential Vext(r) eindeutig
bestimmt.
Durch das zweite Hohenberg-Kohn Theorem ist eine Beziehung der Grund-
zustandsenergie zu der N-Elektronendichte gegeben: Die exakte Grundzustands-
energie E0ist durch die Grundzustandsdichte ρG(r) eindeutig festgelegt. F¨
ur eine
Testfunktion ρ0(r), mit ρ0(r)>0 und
Zρ0(r)dr=N
gilt:
E[ρ0(r)] E0.
Das Energiefunktional l¨
aßt sich in folgende Teilausdr¨
ucke zerlegen:
E[ρ(r)] = Ts[ρ(r)] + ZVKern(r)ρ(r)dr+1
2ZVH[ρ(r)]ρ(r)dr+Exc[ρ(r)] (1.3)
VKern(r) = X
A
ZA
|RAr|, VH[ρ(r)] = Zρ(r0)
|rr0|dr0(1.4)
Ts[ρ(r)] ist die kinetische Energie eines nicht wechselwirkenden Elektronenga-
ses, Exc[ρ(r)] ist die sogenannte Austausch- und Korrelationsenergie und ZAsind
die Kernladungszahlen der Atome mit den Koordinaten RA.
Kohn und Sham [6] haben f¨
ur die Bestimmung von ρG(r) ein auf der Einf¨
uhrung
von Einelektronenorbitalen Ψi(r) basierendes Schema vorgeschlagen. Hierbei wird
ein System nicht wechselwirkender Elektronen betrachtet, die sich in einem ex-
ternen Potatial Vsbewegen, wobei sich die Dichte durch die Kohn-Sham (KS)
Orbitale Ψi(r) und Besetzungszahlen nigem¨
ρ(r) =
occ
X
i=1
ni<Ψi(r)|Ψi(r)>
10 KAPITEL 1. EINF ¨
UHRUNG
darstellen l¨
aßt und die kinetische Energie durch
Ts[ρ(r)] =
occ
X
i=1
ni<Ψi(r)|2|Ψi(r)>
gegeben ist.
Die Grundzustandsenergie kann durch Anwendung des Variationsprinzips er-
halten werden. Im Grundzustand des Systems gilt, daß die Variation der Energie
unter der Nebenbedingung der Orthogonalit¨
at der Wellenfunktionen
Z|Ψi(r)|2dr= 1,
verschwindet:
δ
δΨ
i(r)
E[ρ(r)] X
j
njjZ|Ψi(r)|2dr1
= 0
Dies f¨
uhrt zu dem Eigenwertproblem (Kohn-Sham Gleichungen)
h−∇2+Vs[ρ(r)]iΨi(r) = iΨi(r),(1.5)
mit
Vs[ρ(r)] = VKern(r) + VH[ρ(r)] + Vxc[ρ(r)]
und
Vxc[ρ(r)] = δExc[ρ(r)]
δρ(r)
Vs[ρ(r)] ist ein effektives Einteilchenpotential, das die Wechselwirkung eines Elek-
trons mit den ¨
ubrigen Elektronen und den Atomr¨
umpfen beschreibt. Das Eigen-
wertproblem muß, beginnend mit einer Startdichte, iterativ gel¨
ost werden, da der
Hamiltonoperator die Dichte selbst enth¨
alt. Die Iteration wird bis zur Selbstkon-
sistenz durchgef¨
uhrt, d.h., bis sich die Dichten zwischen zwei Zyklen nur noch
innerhalb einer festgelegten Toleranz unterscheiden.
Die Bestimmung des Austausch- und Korrelationsfunktionals Exc ist eine
große Herausforderung im Rahmen der Dichtefunktionaltheorie. Die Hauptde-
fizite dieser Theorie liegen immer noch darin, daß eine angemessene Repr¨
asen-
tation der Austausch- und Korrelationseffekte durch entsprechende Funktionale
im großen und ganzen nicht befriedigend gel¨
ost ist. Auf einige Defizite wird auch
in diesen Ausf¨
uhrungen noch eingegangen. Die Form von Exc ist analytisch nicht
bekannt, wodurch jedes Funktional auf N¨
aherungen beruht. Die Bestimmung von
guten Approximationen f¨
ur Exc ist Gegenstand intensiver Forschung und kann
hier nicht weitergehend behandelt werden.
1.1. METHODEN 11
Die Effizienz der DFT Methoden ist in etwa mit der der HF Methode vergleich-
bar, wie oben schon erw¨
ahnt, es k¨
onnen in etwa Systeme mit 100 Atomen routi-
nem¨
assig behandelt werden. Mit Hilfe der Eigenwertgleichung kann die Gesamt-
energie auch folgendermaßen geschrieben werden:
E[ρ(r)] = X
i
nii1
2ZVH[ρ(r)]ρ(r)drZVxc[ρ(r)]ρ(r)dr+Exc[ρ(r)] (1.6)
+1
2X
A6=B
ZAZB
|RARB|
Diese Gleichung ist der Ausgangspunkt f¨
ur N¨
aherungen zur vereinfachten
Berechnung elektronischer Eigenschaften molekularer Systeme, von denen die
n¨
achsten Abschnitte handeln.
Die meisten heutigen Verfahren zur Bestimmung der elektronischen Struktur
molekularer Systeme basieren auf einer Einelektronenorbitalformulierung, wie sie
am Beispiel der Dichtefunktionaltheorie gerade vorgestellt wurde. In einem sol-
chen Schema wird der Grundzustand E0eines molekularen Systems durch eine
iterative L¨
osung der Eigenwertgleichungen bestimmt. Die L¨
osung beinhaltet da-
mit zwei Rechenschritte: Zun¨
achst m¨
ussen die Matrixelemtente des Hamilton
Operators und der ¨
Uberlappmatrix in einer System von Basisfunktionen berech-
net werden. Dazu werde die Wellenfunktionen Ψidurch die Basisfunktionen φµ
ΨiX
µ
ci
µφµ
dargestellt. Damit k¨
onnen dann die Hamilton- und ¨
Uberlappmatrixelemente in
dieser Basis berechnet werden. Im n¨
achsten Schritt werden dann die Eigenwerte
und Eigenfunktionen der Hamiltonmatrix bestimmt (Dieser Ablauf gilt auch f¨
ur
die oben angesprochenen HF und post-HF Methoden). F¨
ur den ersten Schritt,
sind numerisch aufwendige Integrationen durchzuf¨
uhren. Die auftretenden Inte-
grale sind i. A. Mehrzentrenintegrale, d.h. sie h¨
angen von den Kernkoordinaten
mehrerer Atome ab. Daher skaliert der Aufwand zu ihrer Berechnung auch mit
der dritten (und bei den ab initio Methoden auch der vierten oder f¨
unften) Potenz
der Anzahl der im System vorhandenen Atome. Der zweite Schritt besteht in der
Diagonalisierung der Hamiltonmatrix. Der Zeitaufwand f¨
ur diesen Schritt steigt
mit der dritten Potenz der Dimension dieser Matrix. Die Dimension wiederum
h¨
angt von der Anzahl der Basisfunktionen ab. Bei Verwendung von Basiss¨
atzen,
die an den Atomkernenen lokalisiert sind, h¨
angt somit die Rechenzeit von der
Anzahl der Basisfunktionen pro Atom und der Anzahl der Atome ab. Die Anzahl
der Atome ist durch die Systemgr¨
osse gegeben. Somit l¨
asst sich die Rechenzeit
12 KAPITEL 1. EINF ¨
UHRUNG
durch die Basissatzgr¨
osse (Anzahl der Basisfunktionen pro Atom) beeinflussen.
Allerdings verschlechtert eine kleinere Basis die Qualit¨
at der Ergebnisse, so daß-
eine Balance zwischen Qualit¨
at der Rechnung und Rechenzeit gesucht werden
muß.
Es lassen sich zwei Ansatzpunkte f¨
ur schnellere Verfahren benennen. Der Eine
bezieht sich auf die Bestimmung der Matrixelemente. Hier gibt es vereinfachte,
semi-empirische und empirische Verfahren, die die Matrixelemente im Voraus
und m¨
oglichst unabh¨
angig von den zu betrachteten Systemen zu bestimmen ver-
suchen. Damit f¨
allt eine Berechnung der Matrixelemente weg, was einen signifi-
kanten Rechenzeitgewinn bedeutet, allerdings auch Abstriche bei der Pr¨
azision
der Ergebnisse nach sich zieht. Andererseits kann man versuchen, die Aufwen-
dige Diagonalisierung der Hamiltonmatrix zu umgehen. Die sogenannten O(N)
Verfahren versuchen genau dies, die Bestimmung der Grundzustandsenergie bei
einem Rechenaufwand, der linear mit der Systemgr¨
oße w¨
achst.
Semi-empirische Methoden
Semi-empirische Verfahren vernachl¨
assigen und n¨
ahern die aufwendig zu berech-
nenden Integrale der ab initio Verfahren und ersetzen sie anschließend durch zu
bestimmende Parameter (siehe etwa [7]). Ausgehend von der HF Theorie wurden
in den letzten 40 Jahren eine Reihe von semi-empirschen Verfahren entwickelt.
Bei den erfolgreichsten Vertretern dieser Klasse von Methoden, den AM1 [8] und
PM3 [9] Methoden werden die Parameter an experimentelle Daten von organi-
schen Molek¨
ulen gefittet. Eine zweite Klasse von semi-empirischen Verfahren, die
sogenannten tight-binding (TB) Methoden k¨
onnen als stationa¨
are Approximati-
on an die DFT verstanden werden [10]. Charakteristisch ist die Darstellung der
Gesamtenergie aus Gl. 1.6, welche aus einem Bandstrukturterm Ebs und einem
repulsiven Energiebeitrag, Erep hervorgeht. Ebs repr¨
asentiert den ersten Term auf
der rechten Seite von Gl. 1.6, die restlichen Terme werden in Erep zusammenge-
fasst. Die Kohn-Sham Orbitale werden dann in einer lokalen Basis dargestellt, und
die resultierenden Kohn-Sham Gleichungen werden nicht-selbstkonsistent gel¨
ost.
Da bei diesen beiden Klassen von semi-empirischen Methoden die Wechsel-
wirkungsintegrale nicht mehr berechnet werden m¨
ussen, ist der zeitlimitierende
Schritt durch die Diagonalisierung der Hamiltonmatrix gegeben. Die Rechen-
zeit dieser Methoden skaliert daher kubisch mit der Systemgr¨
osse. Mit semi-
empirischen Verfahren sind Systeme bis zu 1000 Atomen und Simulationszeiten
von 10-100 ps m¨
oglich, sie k¨
onnen damit etwa 10 fach gr¨
ossere Systeme behandeln
als DFT.
1.2. PROBLEMSTELLUNG AM BEISPIEL BAKTERIORHODOPSIN 13
Empirische Kraftfeld Methoden
Kraftfeldmethoden modellieren die Wechselwirkungen zwischen den Atomen durch
klassische Potentiale [11, 12, 13, 14]. Dies f¨
uhrt zu einer erheblichen Vereinfa-
chung in der Berechnung der interatomaren Wechselwirkungen. Der zeitlimitie-
rende Faktor besteht in der Berechnung der Coulomb-Wechselwirkung zwischen
den Atomen, die durch Punktladungen repr¨
asentiert werden. Daher w¨
achst die
Rechenzeit quadratisch mit der Systemgr¨
osse, solange nicht weitere N¨
aherun-
gen, wie etwa das Abschneiden der Coulomb-WW f¨
ur große Abst¨
ande zwischen
den Atomen oder Multipol-Ans¨
atze zur Verwendung kommen. Kraftfeldmethoden
sind allerdings aufwendig zu parametrisieren, da die Wechselwirkung der Atome
von der chemischen Umgebung abh¨
angt. So m¨
ussen beispielsweise verschiedene
Typen eines Elements unterschieden werden, je nach funktionaler Gruppe, in der
es auftritt. Eine sorgf¨
altige Kalibrierung hat jedoch zu erfolgreichen Anwendun-
gen dieser Verfahren gef¨
uhrt, so daß sie inzwischen zum Standardrepertoire bei
der Modellierung komplexer Strukturen geh¨
oren. Mit ihnen lassen sich Systeme
bis zu einigen 10000 Atomen und Simulationszeiten bis zu Nanosekunden reali-
sieren.
Empirische Kraftfelder werden sehr erfolgreich zur Modellierung der Struktur
und Dynamik von Proteinen und DNA eingesetzt. Bestimmte Probleme, wie etwa
das der Proteinfaltung k¨
onnen dennoch zur Zeit auch mit diesen nicht Methoden
behandelt werden, da die hierf¨
ur relevanten Zeitskalen die mit den Kraftfeldern
nicht erreicht werden.
Neben dem Problem ihrer Genauigkeit und ¨
Ubertragbarkeit zwischen ver-
schiedenen chemischen Umgebungen liegt die massgebliche Einschr¨
ankung dieser
Methoden darin, chemische Reaktionen nicht beschreiben zu k¨
onnen. Dies be-
trifft etwa enzymatische Katalyse, Protonentransport, Elektronentransport, die
Wechselwirkung von Materie mit elektromagnetischer Strahlung oder elektronisch
angeregte Zust¨
ande. Hier wird eine quantenmechanische Methode erforderlich
Die Herausforderungen an Simulationsmethoden bei der Modellierung solcher
Prozesse sollen stellvertretend am Beispiel des Protonentransfers in dem Mem-
branprotein Bakteriorhodopsin (bR) skizziert werden.
1.2 Problemstellung am Beispiel Bakteriorho-
dopsin
bR stellt das einfachste bekannte photosynthetische Zentrum dar. Es dient damit
als Modellsubstanz f¨
ur das Studium grundlegender photoinduzierter Prozesse in
der Biologie und wird sowohl experimentell als auch theoretisch intensiv unter-
sucht (einen zusammenfassenden ¨
Uberblick findet man in [15]). Dar¨
uber hinaus
14 KAPITEL 1. EINF ¨
UHRUNG
werden aber auch bedeutende Anwendungspotentiale dieses biologischen Systems
in der molekularen Elektronik gesehen.
Trifft ein Photon auf das Retinal Chromophor, welches das aktive Zentrum in
bR darstellt, so wird ein Protonentransferprozess in Gang gesetzt. Der dadurch
erzeugte pH Gradient ist der Ausgangspunkt f¨
ur die ATP Synthese in der Zelle.
Sowohl das Retinal, als auch die Beschaffenheit der Proteinumgebung des Retinals
sind wesentlich f¨
ur das Funktionieren dieses Prozesses verantwortlich. Durch ge-
zielten Austausch von Aminos¨
auren des bR mit Hilfe gentechnischer Methoden
konnte dies im Detail gezeigt werden. Die optischen Eigenschaften, aber auch
der Protonentransport h¨
angen sensitiv von den elektrostatischen und sterischen
Wechselwirkungen mit der Proteinumgebung ab. Eine genaue Aufkl¨
arung die-
ser Wechselwirkungen ist somit nicht nur f¨
ur das prinzipielle Verst¨
andnis von
bR, sondern auch im Hinblick auf dessen Modifizierung f¨
ur technologische An-
wendungen wichtig. Die Proteinumgebung hat somit einen großen Einfluß auf
die r¨
aumliche Struktur und die elektronischen Eigenschaften des Retinals. Oh-
ne diese Umgebung k¨
onnte das Retinal seine Rolle in der Lichtspeicherung und
umwandlung nicht ausf¨
uhren. Daher ist die Ber¨
ucksichtigung der Proteinumge-
bung in der theoretischen Modellierung des Retinals unumg¨
anglich. Die Gr¨
osse
des Proteins inklusiver seiner Hydrath¨
ulle (etwa 10000 Atome) w¨
urde f¨
ur den
Einsatz empirischer Karftfeldmethoden sprechen. Allerdings kann das konjugier-
te π-Elektronensystem des Retinals, dessen elektronisch angeregten Zust¨
ande wie
auch der Protonentransfer nur mit Hilfe von quantenmechanischen Methoden be-
schrieben werden.
Diese zwei Anforderungen, die Notwendigkeit der quantenmechanischen Be-
schreibung des Retinals zusammen mit der Gr¨
osse des gesamten bR Molek¨
uls
machen die Anwendung neuer Techniken zwingend.
Die hier beschriebene Problemstellung ist typisch f¨
ur eine Reihe biologisch in-
teressanter Fragen, die eine besondere Herausforderung an theoretische Methoden
stellen:
Gegen¨
uber anorganischen und organischen Systemen heben sich die biologi-
schen durch die zu behandelnde Systemgr¨
osse ab. Sie umfassen von einigen
100 bis zu einige 1000 Atomen. Die Behandlung grosser Systeme kann ¨
ubli-
cherweise durch Ausnutzung der Systemsymmetrie (etwa bei Festk¨
orperpro-
blemen) vereinfacht werden, es m¨
ussen dann nur noch kleine Aussschnitte
des Systems behandelt werden. Dieser Ausweg ist jedoch aufgrund der feh-
lenden Symmetrie bei Biomolek¨
ulen nicht gegeben.
Biomolek¨
ule enthalten eine Vielzahl von verschiedenen Atomtypen, von
Wasserstoff bis zu Metallen und ¨
Ubergangsmetallelementen. Dies erschwert
die theoretische Beschreibung im Vergleich zu den oft homogeneren Festk¨
orper-
systemen erheblich.
1.2. PROBLEMSTELLUNG AM BEISPIEL BAKTERIORHODOPSIN 15
Abbildung 1.1: Das bR Molek¨
ul und das Retinal
Biomolek¨
ule liegen meist nicht in der Gasphase vor. Die Wechselwirkung
mit dem sie umgebenden L¨
osungsmittel, das zudem auch teilweise in sie
eindringt, ver¨
andert Struktur, Eigenschaften und Funktion dieser Molek¨
ule
signifikant. Daher muss eine Beschreibung die Umgebung stets mit ber¨
uck-
sichtigen. Diese bedeutet sowohl methodisch, als auch im Rechenzeitbedarf
einen signifikanten Mehraufwand.
Die Stabilit¨
at biomolekularer Strukturen beruht zum grossen Teil auf Was-
serstoffbr¨
ucken und Van der Waals Bindungen, die hohe Anforderungen an
die Genauigkeit der Simulationsmethoden stellen, wie weiter unten noch
n¨
aher diskutiert wird.
Auch ist eine genaue Beschreibung der Struktur und Energetik der che-
mischen Bindungen erforderlich. Zum Einen, um etwaige chemische Reak-
tionen beschreiben zu k¨
onnen, zum Anderen aber, um die Stabilit¨
at der
Konformationen des Proteins zu gew¨
ahrleisten.
Eine zus¨
atzliche Schwierigkeit bei der Beschreibung von Br liegt darin, daß
die Reaktion Photoinduziert wird. Die Beschreibung von Prozessen im elek-
tronisch angeregten Zustand ist theoretisch sehr aufwendig, viele Methoden
erreichen die hierzu erforderlichen Genauigkeitsanforderungen nicht. In den
16 KAPITEL 1. EINF ¨
UHRUNG
letzten Jahren lag daher auch ein Schwerpunkt auf der Entwicklung neuer
Methoden zur Beschreibung angeregter Zust¨
ande.
Die Systemgr¨
osse und die Anforderungen bestimmen demnach die Wahl der
Simulationsmethode. Aus dem bisher gesagten d¨
urfte ersichtlich werden, dass
keine der unter 1.1 beschriebenen Methoden per se in der Lage ist, das skizzierte
Problem zu anzugehen.
Das quantenmechanisch zu beschreibenden Problem (Chromophor und einige
Aminos¨
auren aus der Proteinmgebung) umfasst etwa 100 Atome, ist daher zu
groß um mit ab initio Verfahren behandelt zu werden. F¨
ur derartige System-
gr¨
oßen m¨
ussen quantenmechanische Methoden bereitgestellt werden, welche die
chemische Genauigkeit und ¨
Ubertragbarkeit von Post-Hartree-Fock bzw. DFT-
Rechnungen mit der Effizienz und Einfachheit von st¨
arker gen¨
aherten semiempi-
rischen Verfahren verbinden. Im Rahmen meiner Dissertation [16] habe ich eine
solche Methode, das sogenannte SCC-DFTB Verfahren (’Self-consistent charge
density-functional thight-binding’; im Folgenden wird jedoch der Lesbarkeit hal-
ber die Methode nur noch mit DFTB abgek¨
urzt) entwickelt und anhand von
Tests und ersten Anwendungen f¨
ur organische Molek¨
ule und biologische Systeme
eingef¨
uhrt [17].
In den letzten Jahren wurde die Parametrisierung der Methode um neue
Atomtypen erweitert und die Methode vor allem in Hinblick auf die beschriebe-
nen Anforderungen getestet. Desweiteren wurden verschieden M¨
oglichkeiten un-
tersucht, die Beschreibung von H-Br¨
ucken im DFTB Formalismus zu verbessern.
Van der Waals Wechselwirkungen werden aufgrund der approximativen Behand-
lung der Elektronenkorrelationen in der Dichtefunktionaltheorie nicht ber¨
uck-
sichtigt. Da das DFTB Verfahren als N¨
aherung an die DFT auch ihre Probleme
¨
ubernimmt, wurde ein empirischer Ansatz zur Einbeziehung von VdW (Disper-
sions) Kr¨
aften in die DFTB Methode verfolgt. Damit wurden die Grundsteine
gelegt, mit Hilfe des DFTB biologische Strukturen, wie das hier skizzierte bR,
erfolgreich behandeln zu k¨
onnen (Kapitel 2).
Die Prozesse im reaktiven Zentrum sind allerdings sensitiv abh¨
angig von der
Proteinumgebung, eine isolierte Behandlung des reaktiven Zentrums macht daher
wenig Sinn. Auf Workstations k¨
onnen mit der DFTB Methode komplexe Ato-
manordnungen mit bis zu ca. 500 Atomen behandelt werden. Die Bearbeitung
gr¨
oßerer Strukturen, wie sie bei der hier anvisierten Problemstellung auftreten,
kann durch drei Vorgehensweisen erreicht werden: eine massive Parallelisierung
der Methode [19], die Verwendung von sogenannten Order-N-Verfahren oder ein
sogenanntes QM/MM Verfahren.
Die massive Parallelisierung erlaubt zwar eine Vergr¨
osserung der Systeme,
bedeutet aber nicht eine effizientere Nutzung der Computerressourcen, da
die Gesamtrechenzeit nur auf mehrerere Prozessoren aufgeteilt wird.
1.2. PROBLEMSTELLUNG AM BEISPIEL BAKTERIORHODOPSIN 17
Eine vielversprechende Entwicklung stellen die sogenannten O(N) Algorith-
men dar. Die L¨
osung der quantenmechanischen Eigenwertgleichungen ska-
liert mit O(N3), d.h. die Rechenzeit steigt kubisch mit wachsender System-
gr¨
osse (N: Anzahl der Basisfunktionen), w¨
ahrend unter Verwendung von
O(N) Algorithmen ein lineares Anwachsen erreicht werden kann.
Die Idee von QM/MM Methoden besteht darin, einen Teil des Systems
quantenmechanisch zu beschreiben und den Rest des Systems in der An-
kopplung mit einem empirischen Kraftfeld zu ber¨
ucksichtigen.
In den letzten Jahren wurden alle drei Optionen implementiert und k¨
urzlich so-
gar eine Kombination der drei Strategien realisiert. Diese Entwicklungen, ihre
Implementation und Anwendung werden in Kapitel 3 ausgef¨
uhrt. In Kapitel 5
werden die Entwicklungen zur Beschreibung elektronisch angeregter Zust¨
ande
und in Kapitel 6 Methoden, wie sie etwa zur Behandlung der Wechselwirkung
von Licht mit Materie notwendig sind, dargestellt. Zun¨
achst soll jedoch kurz auf
die charakteristischen Merkmale der DFTB Methode und deren Erweiterungen
und Test eingegangen werden.
18 KAPITEL 1. EINF ¨
UHRUNG
Kapitel 2
DFTB
Eine ausf¨
urliche Diskussion der DFTB Methdode findet sich in meiner Dissertati-
on [16] und in Ref. [17, 18]. Hier sollen nur knapp die wichtigsten Charakteristika
der Methode angesprochen werden.
Die DFTB Methode basiert auf einer Entwicklung des effektiven potentials
in dem Kohn-Sham Energiefunktional nach Ladungsdichtefluktuationen δn an
einer gegebenen Referenz-Elektronendichte n0[16]. Die Gesamtenergie in zweiter
Ordnung in den Ladungsfluktuation ist:
E=
occ
X
ihψi|ˆ
H0|ψii+1
2ZZ 1
|~r ~r0|+δ2Exc
δn(~r)δn(~r0)n0!δn(~r)δn(~r0)d~rd~r0
1
2ZZ0n0(~r)n0(~r0)
|~r ~r0|d~rd~r0+Z[Exc[n0]Vxc[n0]] n0(~r)d~r +Eii (2.1)
ˆ
H0=ˆ
H[n0] ist der effektive Kohn-Sham Hamiltonian, ausgewertet an der Refe-
renzdichte, und die ψisind die sogenannten Kohn-Sham Orbitale. Exc und Vxc
bezeichnen die Austausch- und Korrelationsenergie- und Potentialbeitr¨
age und
Eii ist die Kern-Kern Abstoßung. Um den Ausdruck f¨
ur die Gesamtenergie in der
DFTB Methode zu erhalten, werden noch folgende N¨
aherungsschritte ausgef¨
uhrt:
Die Hamiltonmatrixelemente hψi|ˆ
H0|ψiiwerden in einer minimalen Basis
optimierter atomarer Wellenfunktionen φµdargestellt,
ψi=X
µ
ci
µφµ.
Um die φµzu erhalten werden die atomaren Kohn-Sham Gleichungen un-
ter Verwendung eines harmonischen Zusatzpotentials gel¨
ost [20], welches
die Aufgabe hat, die Wellenfunktionen r¨
aumlich st¨
arker zu lokalisieren. Die
Hamiltonmatrixelemente in dieser Basis H0
µν werden dann wie folgt berech-
net. Als Diagonalbeitr¨
age H0
µµ werden die atomare Eigenwerte angesetzt
19
20 KAPITEL 2. DFTB
und die nicht-Diagonalelemente H0
µν werden durch eine Zweizentrenn¨
ahe-
rung erhalten.
H0
µν =hφµ|ˆ
T+Veff [n0
α+n0
β]|φνiµα, νβ,
Diese werden zusammen mit den ¨
Uberlappmatrixelementen Sµν vorab be-
rechnet und in Abh¨
angigkeit vom interatomaren Abstand Rαβ tabelliert.
Veff ist das effektive Kohn-Sham Potential und die n0
αsind die Elektro-
nendicheten der neutralen Atome α;ˆ
Tist der Operator der kinetischen
Energie.
Die Ladungsdichetfluktuationen δn werden als Superposition atomarer Bei-
tr¨
age δnαgeschrieben,
δn =X
α
δnα,
welche durch die Ladungsdichtefluktuationen qα=qαq0
αausgedr¨
uckt
werden. q0
αist die Anzahl der Valenelektronen des neutralen Atoms αund
die Ladungen qαwerden durch eine Mulliken Populationsanalyse erhalten.
Der Term zweiter Ordnung in δn in Gl. (2.1) wird dann durch Pαβ γαβqαqβ
gen¨
ahert. F¨
ur α6=β, wird γαβ durch eine analytische Funktion bestimmt,
die die Coulomb Wechselwirkung sp¨
arischer Ladungsverteilungen an den
Kernorten Rαund Rβrepr¨
asentiert. Die Diagonalterme γαα werden aus
E2
α
2qαerhalten.
Die ’double counting’ Beitr¨
age und die Kern-Kern Abstoßung werden in
einem Term Erep zusammengefaßt. Dieser wird als Summe von Zweizen-
trenpotentialen U[Rαβ] gen¨
ahert.
Erep =X
α6=β
U[Rαβ ].
Mit diesen N¨
aherungen und Definitionen l¨
asst sich dann die Gesamtenergie
folgendermaßen ausdr¨
ucken:
Etot =X
iµν
ci
µci
νH0
µν +1
2X
αβ
γαβqαqβ+Erep (2.2)
Zur Berechnung der Hamiltonmatrixelemente wird das Austausch- und Korrela-
tionspotential von Perdew, Burcke und Ernzerhof verwendet [21].
Unter Anwendung des Variationsprinzips erh¨
alt man gen¨
aherte Kohn-Sham
Gleichungen, die nun iterativ gel¨
ost werden m¨
ussen, da die Matrixelemente selbst
von der Eletronendichte ¨
uber die Mulliken Ladungen abh¨
angen.
2.1. TESTS 21
DFTB AM1 PM3 LDA GGA
Reaktionen (33)
¯
F(E)(kcal/mol)5.0 - - 11.9 4.6
Geometrien (65 Molek¨
ule getestet)
¯
F(R) (˚
A)0.013 0.017 0.012 - -
¯
F(θ)() 1.9 2.0 2.4 - -
Frequenzen (33 Molek¨
ule getestet)
F(ν) 6% 3-5% 3-5%
Tabelle 2.1: Reaktionsenergien, Bindungparameter und Schwingungsfrequenzen.
Vergleich der semi-empirischen und DFT basierten Methoden mit Bezug auf ex-
perimentelle Werte. LDA bezeichnet DFT in der lokalen Dichten¨
aherung, GGA in
der gradientenkorrigierten Variante. ¯
Fbezeichnet den mitteren absoluten Fehler
in Bezug auf die experimentellen Daten.
F¨
ur die atomaren Kr¨
afte wurden analytische Ausdr¨
ucke hergeleitet, die zwei-
ten Ableitungen nach den Kernkoordinaten werden numerisch ausgef¨
uhrt.
Die Zweizentrenpotentiale U[Rαβ] erh¨
alt man durch Subtraktion der DFT Ge-
samtenergie von der elektronischen Energie des DFTB Formalismus in Abh¨
angig-
keit vom zwischenatomaren Abstand r=Rαβ.
2.1 Tests
F¨
ur Anwendungen auf organische und biologische Systeme wurde die DFTB Me-
thode zun¨
achst f¨
ur die Atomtypen H, C, N, und O parametrisiert und an einem
umfangreichen Satz organischer Molek¨
ule getestet. Zur Evaluierung wurden ins-
besondere 33 Reaktionen zwischen kleinen organischen Molek¨
ulen untersucht und
die erhaltenen Reaktionsenergien mit experimentellen Werten und den Resulta-
ten anderer Methoden verglichen (Daten von Anzelm und Wimmer [22]). Weiter
wurden die Geometrien von 65 (Molek¨
ule aus dem Satz von Ref [8]) und die
Schwingungsfrequenzen von 33 Molek¨
ulen im Vergleich mit anderen Methoden
und experimentellen Daten untersucht. Es wurde jeweils der mittlere Fehler der
verschiedenen Methoden bez¨
uglich der experimentellen Daten ermittelt, wie in
Tabelle 2.1 wiedergegeben. Bez¨
uglich der Reaktionsenergien weist DFTB eine
¨
ahnliche Abweichung von den experimentellen Daten auf, wie DFT-GGA [22],
was als exzellentes Ergebniss zu werten ist. DFT-LDA [22] schneidet hier durch
das wohlbekannte ¨
uberbinden’ (overbinding) wesentlich schlechter ab. F¨
ur die
22 KAPITEL 2. DFTB
semi-empirischen Methoden AM1 [8] und PM3 [9] liegen f¨
ur dieses Set von Re-
aktionen explizit keine Daten vor. Allerdings liegen die Fehler f¨
ur molekulare
Bindungsenthalpien f¨
ur diese Methoden bei 4-6 kcal/mol, der Fehler in den Re-
aktionsenergien sollte daher von der gleichen Gr¨
osse sein.
Die Abweichungen in den Bindungsl¨
angen ¯
F(R) sind bei den drei approxima-
tiven Methoden sehr klein, und sind vergleichbar mit dem Ergebniss von ab initio
MP2 und DFT Methoden, die auch Abweichungen von etwa 0.015 (˚
A) aufweisen.
¨
Ahnliches gilt f¨
ur die Vorhersage der Bindungswinkel θ. Allerdings liegen DFT
und MP2 Daten nicht f¨
ur einen solch grossen Satz von Molek¨
ulen vor, dennoch
kann man aus den vorhandenen Daten einen Eindruck von deren Genauigkeit
gewinnen [23].
Die Schwingungsfrequenzen werden mit einem mittleren Fehler von 6% etwas
schlechter beschrieben als durch DFT-GGA und DFT-LDA, aber wesentlich bes-
ser als bei den semi-empirischen AM1 und PM3 Methoden, die mittlere Fehler
von ¨
uber 10% aufweisen (siehe etwa [24]).
In den untersuchten Molek¨
ulen treten Bindungssituationen auf, wie sie auch
in gr¨
osseren organischen und biologischen Molek¨
ulen typisch sind. Die bisher vor-
gestellten Tests lassen damit auf eine sehr gute Beschreibung der kovalenten Bin-
dungen schließen. Allerdings m¨
ussen ¨
ahnliche Tests f¨
ur jeden weiteren Atomtyp,
der in die Berechnungen einbezogen werden soll, wiederholt werden. Dies betrifft
bei biologischen Anwendungen vor allem die Elemente Schwefel und Phosphor.
Desweiteren aber auch Alkalimetalle und ¨
Ubergangsmetallelemente. Weitere Ele-
mente f¨
ur die Methode zur Verf¨
ugung zu stellen, war daher ein Schwerpunkt der
Weiterentwicklung der Methode.
Dar¨
uberhinaus geben die Tests keinen Aufschluß ¨
uber die Qualit¨
at der Metho-
de bei der Beschreibung von nicht-bindenden Wechselwirkungen (’non-bonding’
interactions), wie etwa bei Wasserstoffbr¨
ucken oder Stapelungs Wechselwirkun-
gen (stacking).
2.2 Einbeziehung weiterer Atomtypen
Zur Beschreibung von Proteinen wird die Parametrisierung von Schwefel in DFTB
notwendig, da einige Aminos¨
auren, wie etwa Cystein oder Methionin dieses Ele-
ment enthalten. Schwefelatome finden ihre fundamentale Bedeutung bei der Sta-
bilisierung der r¨
aumlichen Struktur der Proteine durch die Bildung von Disul-
fidbr¨
ucken. Bei der Parameterenwicklung f¨
ur DFTB stellte sich heraus [24], daß
es zur Beschreibung der sogenannten hypervalenten Schwefelverbindungen wich-
tig ist, die minimale sp-Basis um die unbesetzten 3d Orbitale des Schwefels zu
erweitern. Probleme treten in der minimalen Basis auch schon bei SO2auf, des-
sen Bindungswinkel ohne die d-Funktionen um 13untersch¨
atzt wird. Oder auch
2.2. EINBEZIEHUNG WEITERER ATOMTYPEN 23
bei der S-C Bindung in (C6H5)2SO2, die ohne d-Basisfunktionen um 0.15 ˚
A
¨
ubersch¨
atzt wird. In der minimalen Basis findet im Allgemeinen ein zu star-
ker Ladungstransfer zwischen S und O statt (was zu der Bindungsverl¨
angerung
f¨
uhrt), der durch die sogenannte ’back-donation’ von Elektronen in die Schwe-
fel d-Funktionen abgeschw¨
acht wird. Daher ist die Einbeziehung von d-Orbitalen
in die Basis unbedingt notwendig. Zwei Parameter sind hierf¨
ur zu festzulegen,
den atomaren Energieeigenwert des d-Orbitals, d, und den Kompressionsradius
f¨
ur das d Orbital, rd
0. Bei der Bestimmung der Kompressionsradien ist folgendes
zu beachten: Die unbesetzten Orbitale sind sehr langreichweitig, so daß f¨
ur das
d-Orbital eine st¨
arkere Kompression als bei den besetzten Orbitalen n¨
otig sein
k¨
onnte. Andererseits k¨
onnen die d-Orbital die minimale Basis aber auch als ’dif-
fuse’ Funktionen erweitern, was f¨
ur eher gr¨
ossere Kontraktionsradien sprechen
w¨
urde (und so auch in der Parametrisierung realisiert). Festzuhalten bleibt je-
doch, daß eine vorsichtige Optimierung der Kontraktionsradien n¨
otig ist und das
sonst robuste Schema
r0= 2 rcov
in diesem Fall nicht umstandslos anzuwenden ist. Der atomare Eigenwert dbe-
stimmt, wie stark die unbesetzten Orbitale in der Verbindung mit den besetz-
ten Orbitalen mischen. Da die unbesetzten Orbitale durch die DFT Rechnungen
i.A. energetisch zu niedrig liegend berechnet werden, ist gegebenenfalls auch eine
Nachjustierung des Energiewerts notwendig, wovon im Falle des Schwefels abge-
sehen wurde, z.B. aber bei Silizium wichtig zu sein scheint.
Die Parametrisieung wurde an einem großen Satz organischer Molek¨
ule, ana-
log zu der Parametrisierung f¨
ur O, N, C, H, getestet. Die Abweichungen von den
experimentellen Daten f¨
ur Reaktionsenergien, Geometrien, Schwingungsfrequen-
zen etc. sind durchaus mit den entsprechenden Werten aus DFT Rechnungen in
der Qualit¨
at vergleichbar, vor allem aber zeigt sich eine deutliche Verbesserung
gegen¨
uber den getesteten semi-empirischen quantenchemischen Verfahren.
Die Erfahrungen bei der Parametrisierung des Schwefels konnten unmittelbar
auf die Parametrisierung von Phosphor ¨
ubertragen werden, wo ¨
ahnliche Parame-
terwerte verwendet wurden und eine vergleichbar gute Beschreibung molekularer
Eigenschaften erhalten wurde [25].
Desweiteren wurden Parameter f¨
ur die Wechelwirkung mit Zink entwickelt
[26]. Zink ist zwar durch die gef¨
ullte 3d und 4s Schale nicht kompliziert zu para-
metrisieren, doch waren einige Unsicherheiten bez¨
uglich der Parametrisierungs-
prozedur zu bedenken, deren L¨
osung paradigmatisch f¨
ur die Einbeziehung von 3d
Elementen ist. Zink ist ein biologisch wichtiges Ion, es liegt meist zweifach positiv
geladen vor. Zum Einen hat es katalytische, zum Anderen wichtige strukturelle
Funktionen, indem es Proteinkonformationen durch seine Anlagerung stabilisieren
kann. Obwohl es haupts¨
achlich im doppelt positivierten Zustand vorliegt, wurde
als Startdichte n0die Dichte es neutralen Zink Atoms verwendet. Dies ist deswe-
24 KAPITEL 2. DFTB
gen empfehlenswert, da dann die Energiebeitr¨
age, die in Erep zusammengefasst
sind, keine langreichweitigen Coulombanteile aufweisen, damit Erep insgesamt al-
so eher kurzreichweitig wird. Desweiteren wurde an neutralen, fiktiven Molek¨
ulen
der Form HnZnXHm(X=O, N, C, S, P, H) angepasst und die freien Valenzen
durch eine variable Anzahl von Wassertoffatomen n und m abges¨
attigt. Ange-
passt wurde Erep demnach f¨
ur eine ’kovalente’ Bindung, was nicht repr¨
asentativ
f¨
ur die Bindungssituationen in Proteinen ist. Daher wurden umfangreiche Tests
an f¨
ur die Biologie relevanten Modellkomplexen vorgenommen, z.B. an:
[Zn(H2O)n]2+,[Zn(H2O)n(NH3)m]2+usw.
Sowohl die Struktur, als auch die Energetik (Bindungsenergien, Deprotonierungs-
energien) werden hervorragend im Vergleich zu aufwendigen DFT Rechungen wie-
dergegeben. Mit dieser Entwicklung k¨
onnen nun eine Vielzahl von katalytischen
Prozessen in Zink Proteinen beschrieben werden. In Zukunft werden weitere 3d
Elemente (Cu, Fe) und Alkali Metalle in Anlehnung an die hier beschriebene Pro-
zedur parametrisiert, was eine Beschreibung vieler der interessanten katalytischen
Prozesse in der Biologie erlaubt.
2.3 Erweiterung fuer H-Bruecken
Im Vordergrund der Entwicklung steht die Anwendbarkeit der DFTB Methode
auf Biomolek¨
ule, speziell zun¨
achst auf Proteine und DNA Fragmente. Wichtig f¨
ur
deren Struktur und Funktion sind die langreichweitigen Wechselwirkungen, die
¨
uber Wasserstoff Br¨
ucken (H-Br¨
ucken) und Van der Waals (VdW) Wechselwir-
kungen vermittelt werden. Bisher wurden nur die Eigenschaften der kovalenten
Bindungen, Bindungsl¨
angen, Frequenzen und die Potentialtiefen (Energetik) ge-
testet. Die DNA Doppelhelix wird durch H-Br¨
ucken zwischen den beiden Str¨
angen
der Helix stabilisiert, ebenso Proteine, die durch H-Br¨
ucken entlang des Protein
R¨
uckrats in ihrer dreidimensionalen Struktur stabilisiert werden. Daher ist aber
eine genaue Beschreibung der Struktur als auch der Energetik von Wasserstoff-
br¨
ucken (H-Br¨
ucken) gebundenen Systemen unabdingbar. Die DFTB Methode
wurde deshalb an einem grossen Satz von H-Br¨
ucken gebundenen Modellsyste-
men getestet [27, 28, 29, 30]. Die erhaltenen Geometrien aller Komplexe sind ex-
zellent, wobei die Differenzen zu ab-initio Ergebnissen lediglich innerhalb deren
Streubreite (je nach Methode und verwendetem Basissatz) liegen. Die energeti-
sche Ordnung verschiedener Konformere der H-Br¨
ucken-gebundenen Komplexe
wird ebenfalls ausnahmslos korrekt wiedergegeben. Eine leichte Untersch¨
atzung
aller Bindungsenergien auf Grund der verwendeten minimalen Basis konnte durch
eine Erweiterung der Basis f¨
ur die H-Atome beseitigt werden [27].
2.4. DISPERSION 25
H
H
H
C
C
C
H
N
C
H
O
C
N
O
H
H
N
H
N
C
H
C
C
N
N
C
C
N
H
H
Abbildung 2.1:
2.4 Dispersion
Neben der gerade angesprochenen Stabilisierung der DNA durch H-Br¨
ucken zwi-
schen den Basen auf verschiedenen Str¨
angen, wie in Abbildung 2.1 dargestellt, ist
die Wechselwirkung zwischen den Stufen der DNA durch Van der Waals (VdW)
Kr¨
afte elementar (Abbildung 2.2). Diese sogenannte Stapelungswechselwirkung
resultiert aus den rein quantenmechanischen Energiebeitr¨
agen zur Gesamtener-
gie, der Austausch und Korrelationsenergie. Die Austauschwechselwirkung f¨
uhrt
zur Repulsion, wenn sich die Elektronendichten der zwei molekularen Fragmen-
te ¨
uberlappen (Pauli Repulsion). Der attraktive Teil, die sogenannte Dispersi-
onswechelwirkung resultiert aus der Elektronenkorrelation, die auf HF Niveau
nicht ber¨
ucksichtigt ist. Zahlreiche DFT Studien zu VdW Komplexen in den
letzten Jahren zeigten eine ernstzunehmende Schw¨
ache von DFT in der Beschrei-
bung dieser Wechselwirkung, sie wird beispielsweise mit LDA Funktionalen stark
¨
ubersch¨
atzt, mit einigen GGA Funktionalen wiederum treten starke repulsive
Effekte auf, so daß DFT zum gegenw¨
artigen Zeitpunkt nicht ohne weiteres auf
solche Komplexe anwendbar ist.
Da in der HF Methode nicht enthalten, ist die Disperison erst auf dem MP2
Niveau beschreibbar. Gr¨
ossere DNA Framente sind aber mit MP2 aufgrund des
Rechenaufwandes nicht zu behandeln. Im Prinzip w¨
are es denkbar, daß semi-
emprische Methoden wie AM1 und PM3 hier erfolgreich einsetzbar sind, da sie
¨
uber die Parametrisiung Elektronenkorrelationen enthalten. Es stellt sich aber
heraus, daß diese Methoden anstatt einer Attraktion der Basenpaare f¨
alschlicher-
weise eine Repulsion beschreiben, was zu einer Instabilit¨
at der DNA Doppelhelix
f¨
uhrt. Damit sind diese Methoden in ihrer gegenw¨
artigen Parametrisierung f¨
ur
diese Anwendung unbrauchbar.
Da die DFTB Methode auf der DFT basiert, hat sie auch deren Schw¨
achen.
Dies betrifft insbesondere auch die fehlerhafte Ber¨
ucksichtigung der VdW (Di-
spersions) Kr¨
afte. Innerhalb DFT liegt das an dem approximativen Charakter
der Austausch- und Korrelationsfunktionale. Mit Kenntnis der exakten Funktio-
26 KAPITEL 2. DFTB
O
H
C
NH
C
H
N
C
C
H
C
HN
CC
NH
C
NN
CO
H
N
O
H
H
Abbildung 2.2:
nale w¨
are auch eine korrekte Behandlung der VdW Wechselwirkung m¨
oglich.
Durch die Parametrisierungsprozedur des DFTB werden aber genau die f¨
ur
die Dispersionswechselwirkung verantwortlichen Energiebeitr¨
age vernachl¨
assigt,
selbst wenn sie exakt bekannt w¨
aren. Somit besteht die M¨
oglichkeit, diese Wech-
selwirkung in empirischer Weise auf das DFTB Schema aufzusetzten, ohne die
Korrelationsbeitr¨
age doppelt zu ber¨
ucksichtigen, wie es bei dem analogen Vorge-
hen f¨
ur DFT der Fall w¨
are (da hier die Korrelationsenergie teilweise ber¨
ucksich-
tigt ist). Hierzu wird eine empirische Formel f¨
ur die Dispersion, die eine 1/R6
Abh¨
angigkeit vom zwischenatomaren Abstand R aufweist und nur von atoma-
ren Polarisierbarkeiten abh¨
angt, zu dem DFTB Gesamtenergieausdruck addiert
(DFTB+VdW) [31]. Allerdings wird diese empirische Formel f¨
ur kurze intera-
tomare Abst¨
ande R, bei denen die Elektronendichten der Atome zu ¨
uberlappen
beginnen, ung¨
ultig. Eine bloße Addition der Formel f¨
uhrt daher f¨
ur kleine R zu
zu großer Attraktion, weshalb ein D¨
ampfungsterm eingef¨
uhrt wurde, der den Di-
spersionsteil f¨
ur kleine R zu Null f¨
uhrt.
In dieser Weise k¨
onnen die Energetik und Struktur der Basenpaarstapelung in
hervorragender ¨
Ubereinstimmung mit MP2 Rechungen beschrieben werden [31].
Damit wird der Weg zu einer quantenmechanischen Beschreibung von Fragmenten
der DNA Doppelhelix erstmals geebnet.
2.5 Struktur von Peptiden
Die Bausteine, aus denen Proteine und Polypeptide bestehen, sind die Ami-
nos¨
auren. Die Abfolge der Amins¨
auren entlang des Proteinr¨
uckgrats, die Sequenz,
wird dessen Prim¨
arstruktur genannt. Die dreidimensionale Strukur von Polypep-
tiden und Proteinen ensteht durch die r¨
aumliche Anordnung von sogenannten
Sekund¨
arstrukturelementen, wie etwa αHelizes und β-Faltblattstruktur. Diese
Sekund¨
arstrukturen enstehen durch ein Wechselspiel zwischen den Torsionsbar-
rieren f¨
ur Drehungen um einzelne Bindungen entlang des Proteinr¨
uckgrat und
internen Wasserstoffbr¨
ucken, die zwischen den einzelnen Aminos¨
auren der jewei-
ligen Sekund¨
arstruktur bestehen. Die Stabilit¨
at der Terti¨
arstruktur resultiert aus
2.5. STRUKTUR VON PEPTIDEN 27
den Wasserstoffbr¨
ucken oder Disulfidbr¨
ucken die zwischen den Sekund¨
arstruktu-
relementen ausgebildet werden.
Die Abbildung 2.3 zeigt zwei solcher Sekund¨
arstrukturen, die αHelix und
die βFaltblattstruktur. Diese beiden Strukturen k¨
onnen durch Drehungen der
Bindungswinkel im Peptid R¨
uckgrat ineinander ¨
uberf¨
uhrt werden.
Abbildung 2.3:
Wie von anderen approximativen Methoden (etwa AM1 und PM3) bekannt,
geben Tests an kleineren Molek¨
ulen nur wenig Aufschluss ¨
uber die Zuverl¨
assigkeit
der Methode f¨
ur ausgedehnte komplexe biologische Strukturen. AM1 und PM3
reproduzieren die Energetik und Struktur kleiner organischer Molek¨
ule mit guter
Genauigkeit, k¨
onnen aber die Peptidbindung nicht ad¨
aquat beschreiben. Diese
Methoden k¨
onnen dadurch die Energetik und Struktur verschiedener Konformere
von Polypeptiden nur unzureichend wiedergeben.
Daher ist eine genaue Evaluierung approximativer Verfahren (das bezieht sich
im engeren Sinne auf semi-empirische Methoden, generell aber auch auf ab initio
und DFT Methoden) f¨
ur die Anwendung auf Polypeptide und Proteine unbedingt
erforderlich.
Um die Zuverl¨
assigkeit des DFTB in der Beschreibung von Protein-Sekund¨
arstruk-
turen zu dokumentieren, wurden poly-Alanin Ketten im Vergleich zu ab initio,
DFT und semi-empirischen (AM1, PM3) Methoden untersucht. Die atomaren
Strukturen, Dipolmomente und relativen Energien verschiedener Konformere wer-
den auf der Grundlage des DFTB Verfahren mit einer hervorragenden Genauig-
keit wiedergegeben [30, 27, 32].
28 KAPITEL 2. DFTB
In einer weiteren Arbeit [34] wurden die Geometrien und relativen Energien
zweier Helixtypen untersucht, die in Proteinen am h¨
aufigsten auftreten: der α
und der 310 Helix [34]. Die αHelix wird durch interne Wasserstoffbr¨
ucken stabi-
lisiert, die zwischen der i-ten und der i+4-ten Aminos¨
aure geformt werden, bei
der 310 Helix bestehen diese zwischen der i-ten und i+3-ten Amninos¨
aure entlang
des Proteinr¨
uckgrats. Aufgrund der unterschiedlichen Verkn¨
upfungen ist die 310
Helix d¨
unner und l¨
anger als die αHelix, wie in Bild 2.4 zu sehen ist. Entgegen
Rechnungen mit klassischen Kraftfeldern, wurden mit DFTB und DFT die 310
Helizes als energetisch stabiler beschrieben. Auch sind die αHelizes f¨
ur Ketten
mit weniger als 8 Einheiten strukturell nicht stabil, sie relaxieren in 310 Helizes.
Ebenfalls ein Widerspruch zu den Rechnungen mit empirischen Kraftfeldern. Die
DFTB und DFT Energien und Strukturen stimmen sehr gut ¨
uberein, eine her-
vorragende Best¨
atigung f¨
ur die DFTB Methode, die damit in der Lage ist, diese
feinen Energieunterschiede, wie sie bei Konformations¨
anderungen auftreten, zu
beschreiben. Die αHelizes werden erst durch die Einbeziehung von L¨
osungsmit-
teleffekten stabiler als die 310 Helizes. Diese Problemstellung wird weiter unten
noch fortgef¨
uhrt.
Abbildung 2.4:
Um die Anwendbarkeit f¨
ur Molekulardynamiksimlationen zu evaluieren, wur-
den die Schwingungsfrequenzen von kleinen Peptiden in Abh¨
angikeit von der
Konformationen mit der DFTB-Methode im Vergleich mit MP2 und DFT unter-
sucht. F¨
ur die Standardabweichungen der Frequenzen von den experimentellen
Werten mit MP2 und DFT werden 3.0%, und 4.4% ermittelt, w¨
ahrend das DFTB
Verfahren mit 6.7 % nur unwesentlich schlechter abschneidet [33]. Speziell ist die
Methode in der Lage, die sehr feinen Differenzen in den Freuqenzen zwischen den
verschiedenen Konformeren zu reprozieren.
2.6. STRUKTUR DES RETINALS IN BAKTERIORHODOPSIN 29
Desweiteren wurden IR und Raman Intensitit¨
aten mit Hilfe des DFTB auf
zwei N¨
aherungsstufen berechnet. Zum Einen wurden die Geometrien und Hes-
sische mit dem DFTB Verfahren gewonnen, und die IR und Raman Tensoren
f¨
ur die DFTB-Geometrie mit Hilfe der DFT berechnet. Dieses Hybridverfah-
ren erm¨
oglicht die Berechnung von IR und Raman Intensit¨
aten, die sehr gut
mit den vollen ab initio Werten ¨
ubereinstimmen [33]. Ein weitergehender N¨
ahe-
rungsschritt besteht darin, die IR Intensit¨
aten ganz in der DFTB N¨
aherung un-
ter Verwendung der Mulliken N¨
aherung f¨
ur die (Ableitung der) Dipolmomente
zu berechnen. Dieses Vorgehen erm¨
oglicht sehr effizient die Berechnung von IR
Spektren. Qualitativ werden die Spektren reproduziert, man findet allerdings ei-
ne ¨
Ubersch¨
atzung der Intensit¨
at der intensiven Moden relativ zu den Moden mit
geringer IR Intensit¨
at. Dennoch zeigen die Spektren, eventuell nach einer Ska-
lierung der intensiven Moden, alle qualitiv wichtigen Merkmale der ’fingerprint’
Regionen, die zur Identifikation der Konformation notwendig sind [27].
2.6 Struktur des Retinals in Bakteriorhodopsin
F¨
ur eine Vertiefung des Verst¨
andnisses der Effekte der Proteinumgebung auf die
strukturelle und elektronische Eigenschaften des Chromophors in dem Protein
Bakteriorhodopsin (siehe Einleitung) m¨
ussen alle Einflußfaktoren aus der Protei-
numgebung mit einer hinreichenden Genauigkeit in den Rechnungen ber¨
ucksich-
tigt werden. Die alleinige Einbeziehung einzelner Aminos¨
auren in der Bindungsta-
sche kann den Einfluß des Gesamtproteins einschließlich seiner L¨
osungsmolek¨
ule
auf die RSB nur unvollst¨
andig beschreiben. Die Wechselwirkung der Proteinum-
gebung mit dem Chromophor ist vielmehr durch kollektive Effekte gepr¨
agt, die
durch die Dynamik einer Vielzahl von geladenen, polaren bzw. polarisierbaren
molekularen Gruppen hervorgerufen werden. Die Einbeziehung all dieser Grup-
pen in dynamische Simulationen wird auch in der nahen Zukunft bei weitem die
Leistungsf¨
ahigkeit von ab-initio Rechnungen ¨
ubersteigen. Andererseits w¨
aren die
traditionellen semi-empirischen AM1 und PM3 Verfahren zwar aufgrund ihrer Re-
chengeschwindigkeit f¨
ur die Behandlung entsprechender Fragestellungen geeignet,
versagen aber vollst¨
andig durch zu große Defizite in der erreichbaren Genauigkeit.
Deshalb wurden ab-initio und DFT Rechnungen als Datenbasis f¨
ur umfangrei-
che Tests der DFTB Methode genutzt. Zun¨
achst wurden die Geometrien, Proto-
nenaffinit¨
aten und Isomerisierungsbarriern f¨
ur einige Modelle des Chromophors
berechnet. Desweiteren wurde der Einfluß einzelner Aminos¨
auren und Wasser-
molek¨
ule der Proteinumgebung auf die Geometrie und Ladungsverteilung des
Chromophors untersucht. Alle Ergenisse der DFT Rechnungen wurden dabei
hervorragend reproduziert. Deprotonierungsenergien, Rotationsbarrieren und Ge-
metrie¨
anderungen werden ebenso mit hoher Pr¨
azision wiedergegeben wie Trends
30 KAPITEL 2. DFTB
dieser Gr¨
oßen in Abh¨
angigkeit von der L¨
ange des betrachteten Polyenes oder von
der Einbeziehung einzelner geladener Gruppen in der Umgebung [35]. Die DFTB
Methode ist damit gegenw¨
artig das einzige N¨
aherungsschema, mit dem in einer
mit semiempirischen Verfahren vergleichbaren Effizienz die Wechselwirkung von
Retinoiden in ihrer Proteinumgebung voll quantenmechanisch mit hoher Genau-
igkeit behandelt werden kann.
Kapitel 3
Grosse Systeme
3.1 Kombination von Methoden:QM/MM
Die Idee von QM/MM Methoden besteht darin, einen Teil des Systems quan-
tenmechanisch zu beschreiben (etwa das Reaktionszentrum, wenn eine genauere
Beschreibung n¨
otig ist oder wenn chemische Reaktionen modelliert werden sol-
len), und den Rest des Systems mit einem empirischen Kraftfeld.
Die QM/MM Methodik wurde urspr¨
unglich eingef¨
uhrt, um die enzymatische
Katalyse untersuchen zu k¨
onnen [44, 45]. In den letzten zwei Jahrzehnten wur-
den diese Methodik von verschiedenen Gruppen weiterentwickelt, wobei im QM
Bereich haupts¨
achlich semi-empirische Methoden eingesetzt wurden. Erst in den
letzten Jahren werden vermehrt auch ab initioi (vornehmlich HF) und DFT Me-
thoden im QM Bereich verwendet.
Am Beispiel des bR (siehe Einf¨
uhrung) soll die QM/MM Methode kurz erl¨
autert
werden. Die Proteinumgebung hat einen großen Einfluß auf die r¨
aumliche Struk-
tur und die elektronischen Eigenschaften des Retinals. Ohne diese Umgebung
k¨
onnte das Retinal seine Rolle in der Lichtabsorption- und Umwandlung nicht
ausf¨
uhren. Daher ist die Ber¨
ucksichtigung der Proteinumgebung in der theoreti-
schen Modellierung des Retinals unumg¨
anglich. Das konjugierte π-Elektronensystem
des Retinals kann aber nur mit Hilfe von quantenmechanischen Methoden be-
schrieben werden. Diese zwei Anforderungen, die Notwendigkeit der quantenme-
chanischen Beschreibung des Retinals zusammen mit der Gr¨
osse des gesamten
bR Molek¨
uls machen die Anwendung moderner QM/MM Techniken, wie oben
vorgestellt, zwingend. Hierbei kann das Retinal zusammen mit einigen wichtigen
funktionalen Gruppen der Proteinumgebung quantenmechanisch, der Rest des
Molek¨
uls aber mit den wesentlich weniger aufwendigen empirischen Kraftfeldme-
thoden behandelt werden. Auf diese Weise kann der Einfluß der Proteinumgebung
auf das Retinal, sowie der Protonentransportrozess untersucht werden.
Die Kopplung zwischen beiden Beschreibungsweisen erfolgt ¨
uber ein link-
31
32 KAPITEL 3. GROSSE SYSTEME
atom-Konzept und ber¨
ucksichtigt sowohl elektrostatische als auch Van-der-Waals
Wechselwirkungen.
Die Gesamtenergie f¨
ur den QM/MM Formalismus lautet:
Etot =EQM +EMM +EQMMM ,(3.1)
wobei EQM als Energie des quantenmechnischen Teils durch die DFTB Gesamt-
energie repr¨
asentiert wird, der Energiebeitrag EMM durch die Energiefunktion des
klassischen empirischen Kraftfeldes gegeben ist. EQMMM beschreibt die Kopp-
lung der beiden Teilgebiete.
Das Schema wurde zuerst f¨
ur den Fall implementiert [28], daß durch die
Systemgrenzen keine kovalenten Bindungen verlaufen. In diesem Fall besteht
EQMMM nur aus Coulomb und Van der Waals Wechselwirkungen. Im DFTB
Schema l¨
asst sich dies besonders einfach ausdr¨
ucken:
EQMMM =X
Ak
QAqk
Rak
+EV dW
QAsind die Ladungen auf den MM Atomen, qkdie Mulliken Ladungen
aus dem DFTB und RAk ist der Richtungsvektor zwischen Atom A und Atom k.
EV dW gibt die VdW Wechselwirkung zwischen den Atomen aus den beiden Berei-
chen wieder, wobei auch f¨
ur den QM Bereich die Parameter des MM Kraftfeldes
verwendet werden.
Rechnungen f¨
ur H-Br¨
ucken gebundene Komplexe zeigen eine sehr gute ¨
Uber-
einstimmung mit ab-initio Resultaten [28] f¨
ur Geometrien, Bindungsenergien und
die energetischen Ordnung verschiedener Konformere. Es konnten auch erstmals
die oben diskutierten Polyalanin Helices in einer Umgebung von Wassermolek¨
ulen
untersucht werden, wobei die Wassermolek¨
ule in dem MM Bereich liegen und die
Helix Atome durch QM beschrieben werden. Allerding wurden nur Geometrien-
optimierungen durchgef¨
uhrt, was die Aussage der Rechnungen sehr limitiert hat.
Dennoch konnte man eine energetischer Favorisierung der αHelix feststellen. Die
Analyse ergab, daß die etwas gr¨
oßeren Dipolmomente der αHelix die Energieer-
niedrigung im Vergleich zur 310 Helix erkl¨
aren k¨
onnen.
Durchschneidet die QM-MM Grenze eine kovalente Bindung, wird das Pro-
blem etwas komplexer. Die einfachste L¨
osung besteht in dem sogenannten ’link
atom’ Konzept. Hierbei wird die QM Region durch ein Wasserstoffatom ab-
ges¨
attigt, das entlang der Achse der durchgeschnittenen Bindung im entsprechen-
den Abstand von dem QM Atom plaziert wird. Die Wechselwirkung zwischen den
Atomen der durchgeschnittenen Bindung wird durch das empirische Kraftfeld ver-
mittelt. Das ’link atom’ Wasserstoff ist dabei ein Fremdk¨
orper, dessen Einfluß auf
das System in vielen F¨
allen vernachl¨
assigt werden kann. Dies wurde auch f¨
ur die
DFTB Methode intensiv getestet [29]. Es wurden eine Reihe von Protonentrans-
ferprozessen in dem Enzym Triosephosphate Isomerase (TIM) durchgef¨
uhrt [29].
3.2. O(N) METHODEN 33
Im Vergleich mit DFT-Rechnungen ergibt sich eine mittlere Abweichung von 2-
4 kcal/mol, w¨
ahrend die semi-empirischen Methoden AM1 und PM3 mittlere
Abweichungen von 11 kcal/mol aufweisen. Zus¨
atzlich hervorzuheben ist, daß die
Geometrien der ¨
Ubergangszust¨
ande sehr gut mit den DFT-Geometrien ¨
uberein-
stimmen. In der gleichen Arbeit wurde auch die Stabilit¨
at der Polyalanin Helices
in L¨
osung untersucht, diesmal allerdings mit Hilfe einer QM/MM MD Simulati-
on. Hier zeigte sich, daß die 310 Helix mit acht Aminos¨
aureeinheiten in L¨
osung
dynamisch instabil ist, sie geht innerhalb von 10 ps Simulationszeit in eine α
Helix ¨
uber.
Leztere Simulationen dokumentieren die Begrenztheit der QM/MM Metho-
den. Simulationen mit einem QM Bereich dieser Gr¨
oße werden sehr rechenzei-
tintensiv, wobei die meiste Rechenzeit im QM Teil bei der Diagonalisierung ver-
braucht wird. F¨
ur gr¨
ossere Systeme empfiehlt sich daher die Verwendung von
O(N) Algorithmen in der QM Region.
3.2 O(N) Methoden
Die Entwicklung von linear skalierenden Methoden stellt einen Durchbruch in
der Modellierung großer biologischer Systeme dar. W. Yang entwickelte als erster
einen solchen Algorithmus, das sogenannte ’divide-and-conquer’ (DAC) Schema
[38, 39]. In den folgenden Jahren wurden weitere O(N) Verfahren vorgeschlagen,
die auf ¨
ahnlichen Prinzipien beruhen. Einen zusammenfassenden ¨
Uberblick ¨
uber
die Methoden geben Yang und Perez-Jorda [40]. Geodecker [41] und Galli [42].
Kombiniert man O(N) mit approximativen Verfahren wie AM1, PM3 oder DFTB,
wird die Behandlung von Systemen mit mehreren 1000 Atomen m¨
oglich [43].
In den meisten O(N) Methoden wird die r¨
aumliche Lokalisierung der Elektro-
nendichte ausgenutzt, um zu einer linearen Abh¨
angigkeit der Rechenzeit von der
Systemgr¨
osse zu kommen. In diesem Fall l¨
aßt sich die elektronische Struktur des
Systems aus lokalen Gr¨
oßen, etwa aus den lokalisierten molekularen Orbitalen
oder einer lokalisierten Dichtematrix aufbauen. Eine Dichtematrixformulierung
der Methode von Yang und Lee vereinfacht den Algorithmus weitergehend [39].
Wenn die Dichtematrix
ρµν =X
i
nici
µci
ν(3.2)
r¨
aumlich lokalisiert ist (nicht in Metallen), l¨
asst diese sich aus Beitr¨
agen von lo-
kal ermittleten Dichtematritzen aufbauen. Dies geschieht folgendermassen: Man
teilt das zu behandelnde System in M Untersysteme, die sich ¨
uberlappen. Dann
wird das Eigenwertproblem durch Diagonalisierung f¨
ur die Untersysteme gel¨
ost,
man erh¨
alt die ci
µf¨
ur jedes Untersystem. Anstatt also das Eigenwertproblem f¨
ur
das Gesamtsystem zu l¨
osen, l¨
ost man es f¨
ur die M Untersysteme. Aus den lokal
34 KAPITEL 3. GROSSE SYSTEME
berechneten Koeffizienten ci
µwird dann die Dichtematrix Gl. (3.2) konstruiert.
Um die Besetzungszahlen der Eigenzusta¨
ande der Subsysteme zu finden, wird
das chemische Potential in die Rechnung eingef¨
uhrt. Die Eigenzust¨
ande werden
bis zu diesem Energiewert besetzt, und das chemische Potential wird solange ite-
riert, bis die berechnete Elektronenzahl mit der Gesamtelektronezahl des Systems
identisch ist. Da mit wachsender Systemgr¨
osse die Anzahl der Untersysteme line-
ar anw¨
achst, w¨
achst somit der Gesamtrechenaufwand linear. F¨
ur kleine Systeme
ist allerdings die DAC Methode aufwendiger als die direkte Diagonalisierung, da
bei DAC mehrere Subsysteme diagonalisiert werden m¨
ussen. Erst ab einem ’cross
over’ Punkt wird die DAC Methode effizienter. Dieser liegt bei einer Kombination
mit DFTB bei etwa 200 Atomen (bei etwa 40% Wasserstoffatomen, der Rest der
Atome wird mit minimaler sp Basis beschrieben). Ein Problem entsteht nur an
den Grenzen der Untersysteme, wenn die ¨
Uberlappungen zu klein gew¨
ahlt sind,
so daß Beitr¨
age zur Dichtematrix vernachl¨
assigt werden, die noch signifikant f¨
ur
deren Darstellung sind. Die Qualit¨
at de Methode wird somit ¨
uber die Gr¨
osse
der ¨
Uberlappungsregion bestimmt. Ist diese sehr groß so wird die Methode sehr
genau, aber die Rechenzeit steigt. Ist sie zu klein, werden die Energien und ato-
maren Kr¨
afte ungenau F¨
ur die DFTB Methode wurde der ¨
Uberlappbereich durch
ausprobieren bestimmt. Dabei wurden Alanin Polypeptide mit 20 Aminos¨
aure-
einheiten (212 Atome) verwendet und die Energien und Kr¨
afte f¨
ur verschieden
Konformationen mit verschieden großen ¨
Uberlappbereichen ermittelt. Ein Unter-
system wurde als eine Aminos¨
aure definiert. Zur Bestimmung der ¨
Uberlappbe-
reiche wurden zwei Kriterien verwendet: Zum Einen wurden N Nachbarn jedes
Atoms in Subsystem M ber¨
ucksichtigt, zum Anderen alle Atome im Abstand Rb
eines jeden Atoms aus dem Subsystem M. Die Vereinigung dieser beiden Mengen
ergab die ¨
Uberlappmenge. In Tabelle 3.1 sind die Ergebnisse der Testrechnungen
dargestellt. Zwischen den Konformationen , wie durch Diagonalisierung erhalten,
bestehen Energieunterschiede von etwa 10 kcal/mol. Eine Kombination Rb= 3.5
˚
Aund N=3 ergibt einen Fehler, der in der Gr¨
ossenordnung der Energeidifferen-
zen zwischen den Konformeren liegt. Erst die Kombination Rb= 4.0 ˚
Aund N=
4 f¨
uhrt zu akzeptabel kleinen Fehlern. Ein Fehler von 5 kcal/mol enspricht ei-
nem Fehler von 1meV pro Atom im System, was 0.03 % der koh¨
asiven Energie
entspricht.
Die verschiedenen Konformationen ben¨
otigen unterschiedliche Rechenzeiten
im DAC Formalismus, da je nach Kompaktheit des Molek¨
uls die ¨
Uberlappregio-
nen verschieden groß ausfallen. Bei der gew¨
ahlten Gr¨
oße der ¨
Uberlappregionen
erh¨
alt man eine Halbierung der Rechenzeit im Vergleich zur Diagonalisierung.
Als erste Anwendung wurde das Protein Crambin betrachtet (Abb. 3.1). Die-
ses Molek¨
ul enth¨
alt 46 Aminos¨
auren (=46 Subsysteme in der Rechnung) und
insgesamt 639 Atome.
Die volle Diagonalisierung ben¨
otigt etwa 15 Minuten (auf einer Dec alpha
3.3. KOMBINIERTE QM/MM O(N) 35
Konformation Ceq
7Cext
5310 αRechenzeit[s]
Diagonalisierung 0.0 34.5 -11.9 -32.0 85
Rb(˚
A) N
3.5 3 16.2 13.4 7.1 5.3 16-37
4.0 4 3.1 2.3 1.6 3.2 22-57
5.0 4 0.4 2.1 0.7 1.4 35-110
Tabelle 3.1: Die relativen Energien (kcal/mol) der verschiedenen Konformere,
wie sie durch Diagonalisierung erhalten werden (2. Zeile). In den folgenen Zeilen
werden die Fehler in Bezug auf die exakten Energien in Abh¨
angigkeit von Rbund
N wiedergegeben. Die letzte Spalte gibt die Rechenzeiten (s) wieder.
ev6), w¨
ahrend die DAC Rechnung mit den obigen Parametern nur eine Minute
be¨
otigt. Die Geometrie des Molek¨
uls wurde einer Geometrieoptimierung unterzo-
gen, wobei die Startstruktur, die der Kristallstruktur entspricht, sehr gut erhalten
wird.
3.3 Kombinierte QM/MM O(N)
Da die biologischen Molek¨
ule meist in (w¨
assriger) L¨
osung oder in der Zellumge-
bung sind, machen Rechnungen an isolierten Molek¨
ulen wenig Sinn: Umgebungs-
einfl¨
usse k¨
onnen die elektronische und geometrische Struktur stark beeinflussen.
Um auch Simulationen zu Systemen mit grossen QM Regionen durchf¨
uhren zu
k¨
onnen, wurde das DAC Verfahren in einen QM/MM Algorithmus implementiert.
Als erstes Testbeispiel wurde das Protein Crambin, umgeben von etwa 3000
Wassermolek¨
ulen betrachtet. Das Crambin Molek¨
ul wurde hierbei mit der linear
skalierenden DFTB-Methode behandelt, die Wassermolek¨
ule mit einem empiri-
schen Kraftfelder. F¨
ur 2 Picosekunden Molekulardynamiksimulation dieses Sy-
stems von 7000 Atomen, ben¨
otigt eine DEC/alpha Workstation ca. 3 Tage [46].
Dieses Programmsystem wurde auch paralellisiert, so daß nun f¨
ur Systeme der
oben genannten Gr¨
ossenordung MD Simulationen ¨
uber 100ps in etwa 2 Wochen
auf 16 Prozessoren durchgef¨
uhrt werden k¨
onnen.
Die Simulation ergab, daß Crambin strukturell nicht stabil ist. Crambin enth¨
alt
zwei αHelices, und beide gehen w¨
ahrend der MD in 310 Helices ¨
uber. Nachfolgend
wurden Simulationen durchgef¨
uhrt, in denen die Dispersionswechselwirkung mit
in die Rechnung einbezogen wurde. Damit war die Struktur von Crambin sta-
bil. Im Detail wird dieses Ergbnis weiter unten diskutiert. F¨
ur die geometrischen
Parameter wurde eine hervorragende ¨
Ubereinstimmung mit den experimentellen
Daten gefunden, eine bessere ¨
Ubereinstimmung sogar als die empirischen Kraft-
feldmethoden erzielten, die zum Vergleich herangezogen wurden. Damit wurde
36 KAPITEL 3. GROSSE SYSTEME
Abbildung 3.1: Das Protein Crambin
gezeigt, daß die DFTB + Dispersion Methode sehr gut geeignet ist, Proteinstruk-
turen zu beschrieben. Weiter wurde ein nichtlokaler Ladungstransfer innerhalb
des Proteins gefunden, der von empirischen Potentialen nicht beschreiben werden
kann. Inwieweit dieser Ladungstransfer f¨
ur die Struktur wichtig ist, oder ob es
auch Ladungstransfer zwischen Protein und Wasser gibt, bleibt nachfolgenden
Untersuchungen vorbehalten.
Kapitel 4
Stabilit¨
at von Protein
Sekund¨
arstrukturen
Eine Reihe von Arbeiten haben sich mit der Stabilit¨
at von Sekund¨
arstrukturele-
menten kurzer Polypeptide besch¨
aftigt [34, 32, 27, 28, 29], insbesondere mit der
relativen Stabilit¨
at der 310 vs. der αRHelix.
Unter Verwendung von DFT und DFTB Methoden wurden die Geometrien
von 310 und αRHelices optimiert. Dabei stellte sich heraus, daß zwar die 310
Strukturen stabil f¨
ur alle untersuchten Kettenl¨
angen sind, die αRHelices aber
erst ab einer bestimmten L¨
ange von etwa acht Aminos¨
aureeinheiten. F¨
ur N=8
(N: Anzahl der Aminos¨
aureeinheiten) ist nur eine αRtypische i i+4 H-Br¨
ucke
zu finden, so daß der Großteil der Helix, n¨
amlich die beiden Enden, in der 310
Konformation vorliegt.
In Proteinen, wie etwa Crambin, findet man aber αRFragmente von der L¨
ange
N=6-8. Daher wurde die relative Stabilit¨
at der zwei Helices f¨
ur Dihedralwinkel
in dem Proteinr¨
uckgrat untersucht, die typischerweise in Proteinen aufzufinden
sind. W¨
ahrend der Geometrieoptimierung wurden die Dihedralwinkel bei den
idealen Werten festgeghalten. Dabei stellte sich heraus, daß die αRerst f¨
ur N>>
10 stabiler als die 310 Helix wird. Die Rechnungen beziehen sich auf Differenzen
von Gesamtenergien, nicht von freien Energien. Allerdings scheinen die Entropie-
beitr¨
age zus¨
atzlich die 310 Helix zu favorisieren. Dies steht im Gegensatz zu den
experimentellen Ergebnissen.
Die Stabilisierung der αRgegen¨
uber der 310 Helix findet durch Umgebungsein-
fl¨
usse statt. So fanden wir durch die oben beschriebenen QM/MM Rechnungen,
daß f¨
ur N= 8 die αRHelix in w¨
assriger L¨
osung stabiler wird. Der Wert der dielek-
trischen Konstante von Wasser liegt bei =78, die Vakuumrechnungen unterstel-
len einen Wert von = 1, w¨
ahrend in der Proteinumgebung ein Wert von etwa
= 4-8 angenommen werden kann. Unterstellt man eine monotone Abh¨
angigkeit
der relativen Stabilit¨
aten von dem Wert des Dielektrikums, so bewirkt die Pro-
37
38 KAPITEL 4. STABILIT ¨
AT VON PROTEIN SEKUND ¨
ARSTRUKTUREN
teinumgebung in jedem Fall eine Stabilisierung der αRKonformation relativ zur
310 Helix. Die Simulation an dem Crambin Molek¨
ul hat jedoch ergeben, daß der
Einfluß der Proteinumgebung nicht ausreicht, um die zwei αRHelices in Crambin
zu stabilisieren. Diese gehen im Verlauf der Dynamik innerhalb von 30 ps in 310
Konformationen ¨
uber, im Gegensatz zu den QM/MM Rechnungen in Wasser [29].
Auf der anderen Seite ergab eine MD Simulation unter Einbeziehung der Di-
spersionskr¨
afte [46] in dem DFTB Formalismus strukturell stabile αHelizes in
Crambin. Die Dispersion (Korrelation) scheint daher die αHelix gegen¨
uber der 310
Helix zu favoriserieren. Die Dispersionskr¨
afte haben eine reine 1/R6Abh¨
angig-
keit, kompaktere Molek¨
ule, wie die αRStrukturen weisen daher eine gr¨
ossere
Dispersionswechselwirkung auf als die eher l¨
angliche und d¨
unnere 310 Konforma-
tion.
Um dieses Ergebnis etwas genauer zu verstehen, wurden abermals Rechnun-
gen an Polyalanin Helices durchgef¨
uhrt. Wiederum wurden die Geomtrien beider
Helices f¨
ur N=3,5,8 bei festgehaltenen Dihedralwinkeln des Peptidr¨
uckrades op-
timiert. Es wurden HF, MP2, DFTB und DFTB+Dis Energien f¨
ur die jeweilige
Konformation bestimmt. Mit MP2 sind wegen der langen Rechenzeit Geome-
trieoptimierungen schwer, bzw. z. Z. nicht durchf¨
uhrbar. Die Ergebnisse sind in
Tabelle 4 wiedergegeben.
N MP2 HF B3LYP DFTB DFTB+vdW
2 3.5 3.3 3.6 2.9 2.9
3 4.8 5.4 4.9 3.8 3.3
5 5.1 7.6 6.3 5.2 3.3
8 2.6 8.9 6.1 5.9 1.4
Tabelle 4.1: Die relativen Stabilit¨
aten von αRund 310 (in Kcal/mole) f¨
ur verschie-
dene Kettenl¨
angen N. Die positiven Werte bezeichnen den Energieunterschied
zwischen der stabileren 310 Helix zu der αRHelix.
MP2 und DFTB+vdW beschreiben eine wesentlich schnellere Stabilisierung
der αRHelix, ein crossover ist f¨
ur N=9,10 zu erwarten. Auffallend sind die gr¨
oße-
ren Energieunterschiede in der MP2 Methode. In vorhergehenden Arbeiten wurde
aber eine generelle Tendenz des DFTB gefunden, kleinere Energiedifferenzen zwi-
schen den Konformationen vorherzusagen als die ab initio und DFT Methoden.
Dies m nicht ein Defizit der DFTB Methode sein, es gibt Hinweise, daß die
Energiedifferenzen aufgrund des internen ’basis set superposition error’ (BSSE)
Effektes ¨
ubersch¨
atzt werden [32]. Die 310 Helix hat eine interne Wasserstoffbr¨
ucke
mehr als die αRHelix, und BSSE f¨
uhrt zu einer ¨
Ubersch¨
atzung der Bindungsener-
gie von typischerweise 1-2 kcal/mole f¨
ur Basiss¨
atze mittlerer Qualit¨
at. wie den
39
hier verwendeten. Daher kann man annehmen, daß die Energie der 310 Helix etwa
um diesen Betrag untersch¨
atzt wird, die Energiedifferenz also um diesen Betrag
zu groß ist. Die DFTB+VdW Werte st¨
unden dann aber in sehr guter ¨
Uberein-
stimmung mit solcherart ’BSSE-korrigierten’ ab initio Werten. Leider ist zur Zeit
keine Methode verf¨
ugbar, die den internen BSSE korrigieren kann. Man kann nur
auf Rechnungen zu kleinen Modellpeptiden zur¨
uckgreifen, die diese Diskussion zu
unterst¨
utzen scheinen [32].
Den Werten in Tabelle 4 liegen die Geometrien aus DFT Rechnungen mit
festgehaltenen Dihedralwinkeln des Peptidr¨
uckgrades zu Grunde. Mit dieser Vor-
gehensweise ist der absolute Kreuzungspunkt der relativen Stabilit¨
at nicht genau
bestimmbar, dazu sind volle Geometrieoptimierungen n¨
otig. Um dies zu bewerk-
stelligen, wurden die Geometrien f¨
ur N=4-12 mit der DFTB+VdW Methode
optimiert. F¨
ur N=4 findet noch ein ¨
Ubergang der αRin die 310 Konformation
statt. Aber schon f¨
ur N= 5 bilden sich stabile ii+4 H-Br¨
ucken aus, also par-
tiell stabile αRHelices, wobei aber erst bei N=7-8 der Kreuzungspunkt in den
Stabilit¨
aten liegt. Im Vergleich zu der Situation ohne Dispersionswechselwirkung
bedeutet dies, daß der Kreuzungspunkt bei sehr viel kleineren Peptiden zu finden
ist, als vormals angenommen.
Dieser Wert l¨
asst sich sehr gut mit dem Wert N=6 aus der Analyse der Struk-
turen in den Proteindatenbanken vergleichen. Bis N=6 ist die 310 Konformation
stabil, f¨
ur l¨
angere Ketten findet man αR. Die Umgebungseinfl¨
usse werden die αR
Konformation zudem zus¨
atzlich beg¨
unstigen.
Zur Berechnung von Proteinstrukturen ist also eine korrekte Einbeziehung
der Dispersionskr¨
afte unumg¨
anglich. HF, aber auch DFT Rechnungen sind damit
nicht in der Lage, Proteinstrukturen i. A. vorherzusagen, es ist zu erwarten, daß
auch bei diesen Methoden αRim Protein nicht stabil sind.
Dagegen scheint die Einbeziehung der Dispersionskr¨
afte in den DFTB sehr
vielversprechend zu sein, die gegenw¨
artigen Ergebnisse lassen eine zuverl¨
assi-
ge Beschreibung von Proteinstrukturen erwarten. Da HF und DFT Methoden
z.Z. nicht uneingeschr¨
ankt anwendbar scheinen, andere semi-empirische Metho-
den wie AM1 und PM3 Proteinstrukturen sehr schlechte beschreiben, scheint
DFTB+VdW die z.Z einzige Alternative zu empirischen Kraftfeldmethoden zu
sein.
40 KAPITEL 4. STABILIT ¨
AT VON PROTEIN SEKUND ¨
ARSTRUKTUREN
Kapitel 5
Optische Eigenschaften
Die theoretische Beschreibung optischer Eigenschaften ist sehr aufwendig. Wellen-
funktions basierte Methoden sowie Propagatortechniken erzielen zwar eine sehr
gute ¨
Ubereinstimmung mit dem Experiment, sind gleichzeitig aber extrem re-
chenintensiv und k¨
onnen nur f¨
ur sehr kleine Systeme angewendet werden.
Die DFT, urspr¨
unglich nur streng g¨
ultig f¨
ur den Grundzustand, erm¨
oglicht in
ihrer Erweiterung auf zeitabh¨
angige Dichten (’time dependent’ DFT - TD-DFT)
einen robusten und einfachen Zugang zur Berechnung von Anregungsenergien im
Rahmen der ’linear response’ (LR) Theorie.
Dazu ist in einem ersten Schritt eine DFT Grundzustandsrechnung zur Be-
stimmung der Kohn-Sham Orbitale ψi(r) und Kohn-Sham Energien in¨
otig. In
einem zweiten Schritt wird die sogenannte Kopplungsmatrix Kijσ,k berechnet:
Kijσ,k =ZZ ψi(r)ψj(r) 1
|rr0|+δ2Exc
δnσ(r)δnτ(r0)n0!ψk(r0)ψl(r0)drdr0
(5.1)
Die Differenzen von Kohn-Sham Energien ωij =ijrepr¨
asentieren nicht die
Anregungsenergien des Systems. Um diese zu erhalten, muss die im Angeregten
Zustand modifizierte Elektron-Elektron Wechselwirkung, wie sie durch Kijσ,klτ
berechnet wird, ber¨
ucksichtigt werden. Dies geschieht durch L¨
osung des folgenden
Eigenwertproblems:
X
ijσ hω2
ijδikδjlδστ + 2ωijKijσ,klτ ωijiFI
ijσ =ω2
IFI
klτ (5.2)
Die ωIsind die Anregungsenergien des Systems, aus den Eigenvektoren Fijσ
k¨
onnen Oszillatorst¨
arken berechnet werden.
Obwohl die TD-DFT wesentlich weniger rechenzeitintensiv ist als die herk¨
omm-
lichen Wellenfunktions basierten Methoden, ist dennoch die Untersuchung von
41
42 KAPITEL 5. OPTISCHE EIGENSCHAFTEN
Nanomaterialien mit mehreren 100 Atomen nicht m¨
oglich. Hierzu ist ein Forma-
lismus n¨
otig, der in etwa die Rechenzeiteffizienz von semi-empirischen Methoden
hat, also zwei bis drei Gr¨
ossenordnungen schneller ist, als DFT. Deshalb wurde
der TD-DFT Formalismus auch im Rahmen des DFTB Schmas implementiert.
Die DFTB Methode stellt die Kohn-Sham Orbitale und Energien zur Verf¨
ugung,
ein Problem besteht in der effizienten Bestimmung von Kijσ,k .
Im Rahmen der DFTB Methode wurde jedoch schon eine N¨
aherung f¨
ur ein
Integral gefunden, das die gleiche Form wie Kijσ,klτ aufweist: Der zweite Term auf
der rechten Seite in Gl. 2.1, die zweite Ableitung der Coulomb- und Austausch-
Korrelationsenergie nach der Elektronendichte wurde durch die Funktion γαβ ap-
proximmiert.
Diese N¨
aherung kann ebenfalls zur Bestimmung von Kijσ,klτ verwendet wer-
den. Daraus resultiert ein Schema, das sehr effizient die Anregungsenergien von
Molek¨
ulen und Clustern im Rahmen der DFTB Methoden bestimmen kann [47,
48]. Damit steht mit der TD-DFTB Methode eine sehr schnelle und genaue Me-
thode zur Berechnung von Anregungsenergie biologischer Molek¨
ule zur Verf¨
ugung.
Durch Implementation von numerischen Energiegradienten sind in Zukunft Geo-
metrieoptimierungen und MD Simulationen von Molek¨
ulen im elektronisch ange-
regten Zustand m¨
oglich.
Kapitel 6
Zeitabh¨
angige Ph¨
anomene
Alle bisher diskutierten Methoden beruhen auf der Born Oppenheimer N¨
aherung.
In einigen Anwendungsf¨
allen kann jedoch die Entkopplung der Dyanmik der Elek-
tronen von der der Atomkerne nicht mehr aufrecht erhalten werden. Dies betrifft
zum Einen Stossprozesse, zum Anderen die Wechselwirkung von Materie mit elek-
tromagnetischer Strahlung aber auch strahlungslose ¨
Uberg¨
ange beispielsweise in
photochemischen Reaktionen, wie am Beispiel bR in der Einleitung beschrieben.
Gemeinsam ist allen drei Prozessen, daß im Verlauf der Dynamik der Atomkerne
elektronische ¨
Uberg¨
ange stattfinden. Um diese in die Beschreibung einbeziehen zu
k¨
onnen, ist die Ber¨
ucksichtigung der Zeitabh¨
angigkeit des quantenmechanischen
Zustandes notwendig. Hierzu kann man von einer modifizierten Lagrangefunktion
ausgehen, die ¨
uber das Variationsprinzip gekoppelte Differentialgleichungen f¨
ur
die Elektronen und Kerne ergibt [48]. Die resultierende Schr¨
odingergleichung f¨
ur
die Kohn-Sham-Orbitale innerhalb des DFTB-Schemas wird dann mit Hilfe eines
modifizierten Cayley-Algorithmus’ gel¨
ost.
Bisher wurde das beschriebene Verfahren an sys-anti-Isomerisierungsreaktionen
verschiedener Imine getestet und ergab sowohl bez¨
uglich des Anregungsmecha-
nismus’ als auch der Beschreibung der angeregten Potentialhyperfl¨
ache gute Re-
sultate. Da die benutzte Ankopplung des elektromagnetischen Feldes hinsichtlich
der eingestrahlten Intensit¨
at keine Annahmen macht, erscheint eine weitere An-
wendung der Methode auf Photanregungen von Schwingungsmoden und Photo-
fragmentationsprozesse aussichtsreich. So wurde mit dieser Feldankopplung das
Fulleren C60 untersucht [49]. In Zukunft sollen mit dieser Methode die photoin-
duzierte Dynamik des Retinals in dem bR Protein untersucht werden. Mit dieser
Methode k¨
onnen dann sowohl der Anregungsprozess, als auch der ¨
Ubergang vom
angeregten Zustand in den Grundzustand beschrieben werden.
43
44 KAPITEL 6. ZEITABH ¨
ANGIGE PH ¨
ANOMENE
Kapitel 7
Zusammenfassung und Ausblick
Ausgehend von der Enwicklung des DFTB wurden hier wesentliche Erweiterun-
gen der Methode vorgestellt, die eine Anwendung auf biologische Probleme erst
erm¨
oglicht hat. Zum Einen wurden
Parameter f¨
ur neue Atomtypen entwickelt, die im biologischen Kontext
wichtig sind. Dies betrifft etwa Schwefel, Phosphor, Zink und weitere Me-
talle und ¨
Ubergansmetalle.
Auch wurde die Qualit¨
at der Beschreibung der schwachen Wechselwirkun-
gen, der Wasserstoffbr¨
ucken und der VdW Wechselwirkung wesentlich ver-
bessert, was erst eine stabile Beschreibung vieler wichtiger biologischer
Strukturen erm¨
oglicht
Desweiteren wurden zur Behandlung großer Strukturen, die die M¨
oglichkeiten
der DFTB Methode ¨
ubersteigen, neue Algorithmen implementiert. DFTB wurde
in einen QM/MM Algorithmus implementiert und damit mit einem empir-
schen Kraftfeld kombiniert
in einen linear skalierenden (O(N)) Algorithmus implementiert
in einen kombinierten O(N)-QM/MM implementiert, der zudem paralleli-
siert wurde, was die Anwendung auf sehr große Strukturen und lange Zeits-
kalen erlaubt.
Damit sind alle z.Z. g¨
angigen Methoden zur Verbesserung der Rechenzeiteffizienz
f¨
ur den DFTB verf¨
ugbar. Auch wurde die Methode zur Berechnung spektrosko-
pischer Daten erweitert:
IR Spektren k¨
onnen sehr effizient ermittelt werden. Die Qualit¨
at der Ergeb-
nisse ist als semi-quantitativ zu bezeichnen, eine Skalierung der Ergebnisse
w¨
urde die ¨
Ubereinstimmung mit dem Experiment wesentlich verbessern
45
46 KAPITEL 7. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Die Methode wurde f¨
ur die Berechnung von optischen Anregungsspektren
erweitert.
Es wurden erfolgreiche Anwendungen auf Protontransfer- und Katalysepro-
zesse, auf die Stabilit¨
at von Proteinsekund¨
arstrukturen und die Dynamik eines
Proteins in w¨
assriger L¨
osung vorgestellt. Die Vorhersage von Geometrien und
Schwingungsfrequenzen mit Hilfe des DFTB ist excellent, in Bezug auf die Ener-
getik k¨
onnte man sich eine Verbesserung insofern vorstellen, da das z. Z. vorhan-
dene ’overbinding’ eine genaue Ermittlung von ¨
Uberganszustandsenergien nicht
erlaubt. Desweitern w¨
are die Entwicklung weiterer spektroskopischer Methoden,
wie etwa die Vorhersage des Spektrums des Raman- oder resonanten Ramanef-
fekts, sehr hilfreich.
Insgesamt ist mit der hier vorgestellten Enwicklung ein Methodenspektrum
enstanden, das eine echte Erweiterung der Methoden der Quantenchemie im
Blick auf Nanostrukturen darstellt. Die DFTB Methode ist den ab initio und
DFT Verfahren an Rechenzeitaufwand ¨
uberlegen, den quantenchemischen semi-
empirischen Methoden an Genauigkeit. Sie f¨
ullt damit eine L¨
ucke im Methoden-
spektrum, die zur Behandlung nanoskaliger Materialien dringend ben¨
otigt wird.
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