Grobstruktursimulation der Biomassevergasung in
einer Wirbelschicht am Beispiel von Holz
vorgelegt von
Diplom Ingenieur
Stephan Gerber
aus Potsdam
von der Fakult¨
at III – Prozesswissenschaften
der Technischen Universit¨
at Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
– Dr.–Ing. –
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss
Vorsitzender: Universit¨
atsprofessor Dr.–Ing. Felix Ziegler
Gutachter: Universit¨
atsprofessor Dr. rer. nat. Frank Behrendt
Gutachter: Universit¨
atsprofessor (a.D.) Dr.–Ing. Wolfgang Klose
Gutachter: Dr.–Ing. Michael Oevermann
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 20. Oktober 2011
Berlin 2012
D 83
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis iii
Tabellenverzeichnis ix
Nomenklatur xi
1 Einleitung 2
1.1 Aufteilung der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
2 Einf¨
uhrung 5
2.1 Modellierungssystematik von Gas-Feststoff-Str¨
omungen . . . . . . . . 5
2.1.1 Direkte Numerische Simulation . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2.1.2 Euler-Lagrange-Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
2.1.3 Euler-Euler-Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.2 Literatur¨
ubersicht............................. 12
2.3 ZielderArbeit .............................. 19
3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase 20
3.1 DieGasphase ............................... 20
3.1.1 Homogene Gasphasenchemie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
3.2 DieFestphase............................... 28
3.2.1 Impulsbilanz der Partikel - Bewegungsgleichungen . . . . . . . 29
3.2.2 Partikelkr¨
afte ........................... 30
3.2.3 Partikelkollisionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.2.4 Numerische Verfahren zur L¨
osung der Bewegungsgleichungen . 41
3.2.5 Massen- und Energiebilanz der Partikel . . . . . . . . . . . . . 43
3.2.6 Heterogene Chemie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
3.2.7 Aufheizung, Trocknung, prim¨
are Pyrolyse und Schrumpfung
derPartikel ............................ 49
3.2.8 Integration des Partikelmodells . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
3.3 Mapping Algorithmen zwischen den Phasen . . . . . . . . . . . . . . 59
3.3.1 Euler →Lagrange Mapping . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
3.3.2 Lagrange →EulerMapping ................... 62
3.3.3 Mapping Algorithmen dieser Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . 67
4 Euler-Lagrange-Simulation 69
4.1 Programmablauf ............................. 69
4.2 Parallelisierung .............................. 73
5 Simulationsergebnisse 91
ii Inhaltsverzeichnis
5.1 Rechengebiet ............................... 91
5.2 Simulationsergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
5.2.1 Das Vergleichsszenario . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
5.2.2 Thermische Dynamik der Wirbelschicht - Vergleich dreier Anfangs-
temperaturen der Festphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
5.2.3 Variation der Holzzufuhr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
5.2.4 Einfluss eines verringerten Inertteeranteils . . . . . . . . . . . 131
5.2.5 Einfluss einer erh¨
ohten Leerrohrgeschwindigkeit im Lufteinlass 136
5.2.6 Einfluss der Wandtemperaturen des Reaktors . . . . . . . . . 142
5.2.7 Einfluss der Einlasstemperatur der Luft . . . . . . . . . . . . . 148
5.2.8 Einfluss der Partikelgr¨
oße des zugef¨
uhrten Holzes . . . . . . . 153
5.2.9 Einfluss der Partikeltemperatur des zugef¨
uhrten Holzes . . . . 159
5.2.10 Einfluss der Kollisionsparameter . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
5.2.11 Partikelhistorien in einer Wirbelschicht . . . . . . . . . . . . . 169
5.2.12 Vergleich der Simulationsergebnisse mit experimentellen Da-
ten bzw. anderen numerischen Modellen . . . . . . . . . . . . 179
6 Zusammenfassung 188
6.1 Ausblick..................................189
Literaturverzeichnis 193
Abbildungsverzeichnis
2.1 Einteilung der Euler-Lagrange-Methoden nach der Dichte der Str¨
o-
mung bzw. dem bezogenen Partikelabstand nach Sommerfeld (2000a) 10
3.1 Gleichgewichtskonstante der Wassergas-Shift-Reaktion nach Hiller
u.Reimert(2010)............................ 25
3.2 Frequenz der Bewegung ¨
uber den Partikeldurchmesser bei gegebener
modifizierter Stokes-Zahl von f¨
unf nach Gleichung (3.24) . . . . . . 35
3.3 Darstellung des Feder-D¨
ampfer-Modells f¨
ur die Normalkraft . . . . 38
3.4 Darstellung des Feder-D¨
ampfer-Modells f¨
ur die Tangentialkraft . . . 39
3.5 Reaktionsschema der prim¨
aren Pyrolyse . . . . . . . . . . . . . . . . 53
3.6 Vergleich der zeitlichen Temperaturentwicklung mit Hilfe verschie-
denerModelle.............................. 57
3.7 Partikel in einer Zelle mit ¨
ahnlicher Ausdehnung . . . . . . . . . . . 61
3.8 Partikel mit der Temperatur TPzwischen zwei Zellen i und i+1 mit
den Temperaturen Tiund Ti+1 .................... 65
3.9 Volumenverteilung eines kugelf¨
ormigen Partikels anhand eines volu-
mengleichen W¨
urfels .......................... 67
4.1 Ablauf des Hauptprogramms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
4.2 Ablauf der Partikelbewegung aus 4.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
4.3 Ablauf der Suche nach Kollisionspartnern . . . . . . . . . . . . . . . 73
4.4 Schablonen zur Orientierung auf dem Rechengitter I (zusammen mit
Abb.4.5)................................. 77
4.5 Schablonen zur Orientierung auf dem Rechengitter II (zusammen
mitAbb.4.4) .............................. 77
4.6 M¨
ogliche Gebietsaufteilung die in dieser Arbeit nicht abgebildet wer-
den k¨
onnen (die dicken schwarzen Linien sind Gebietsgrenzen des
zerlegtenGitters) ............................ 78
4.7 Darstellung der vereinfachten Zell-Nachbarschaftbeziehungen f¨
ur die
Kollisions¨
uberpr¨
ufung.......................... 78
4.8 Ablauf des Algorithmuses zur parallelen Kollisionsberechnung aus 4.2 79
4.9 Zelldarstellung des Rechengebietes - Aufteilung f¨
ur parallele Rech-
nungen.................................. 81
4.10 Speed-up der Simulation f¨
ur verschiedene Partikelzahlen . . . . . . . 90
4.11 Parallele Effizienz der Simulation f¨
ur verschiedene Partikelzahlen . . 90
5.1 Schnappsch¨
usse zu Beginn der Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeit-
raum zwischen 0.7 s und 0.9 s) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
5.2 Schnappsch¨
usse zu Beginn der Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeit-
raum zwischen 0.95 s und 1.15 s) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
iv Abbildungsverzeichnis
5.3 Schnappsch¨
usse am Ende der Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeit-
raum zwischen 95 s und 95.2 s) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
5.4 Schnappsch¨
usse am Ende der Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeit-
raum zwischen 95.25 s und 95.45 s) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
5.5 Schnappsch¨
usse der Volumenfraktion der Gasphase zu Beginn der
Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeitraum zwischen 0.7 s und 0.9 s) . 104
5.6 Schnappsch¨
usse der Volumenfraktion der Gasphase zu Beginn der
Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeitraum zwischen 0.95 s und 1.15 s) 105
5.7 Schnappsch¨
usse der Volumenfraktion der Gasphase am Ende der
Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeitraum zwischen 95 s und 95.2 s) 106
5.8 Schnappsch¨
usse der Volumenfraktion der Gasphase am Ende der
Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeitraum zwischen 95.25 s und 95.45s)107
5.9 Axialer Schwerpunkt und H¨
ohe von 90 % der Partikelmasse ¨
uber
dieZeit..................................108
5.10 Zeitlicher Verlauf der Auslasskonzentrationen einiger Produktgase
f¨
urdenFall2 ..............................109
5.11 Zeitlicher Verlauf der Auslasskonzentrationen der Teere f¨
ur den Fall 2109
5.12 Zeitlicher Verlauf der Auslasstemperatur f¨
ur den Fall 2 . . . . . . . 110
5.13 Teer 1 f¨
ur verschiedene H¨
ohenstufen im Reaktor ¨
uber die Zeit (Fall 2)110
5.14 Teer 2 f¨
ur verschiedene H¨
ohenstufen im Reaktor ¨
uber die Zeit (Fall 2)111
5.15 Teer 3 f¨
ur verschiedene H¨
ohenstufen im Reaktor ¨
uber die Zeit (Fall 2)111
5.16 Stromlinien im oberen Reaktorteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
5.17 Richtung und Gr¨
oße der Fluidstr¨
omung im oberen Reaktorteil . . . 112
5.18 Massenanteil des ersten Teeres im oberen Reaktorteil . . . . . . . . 112
5.19 ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber
die Zeit aufgetragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 1
bis3)...................................114
5.20 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene initiale Bett-
temperaturen (F¨
alle 1 bis 3 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . 116
5.21 Auslasskonzentrationen des Kohlenmonoxids ¨
uber die Zeit aufgetra-
gen f¨
ur die F¨
alle1bis3.........................117
5.22 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle1bis3 ..........................118
5.23 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 1 bis 3) . . . . . . . . . . . . 119
5.24 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 1 bis 3) . . . . . . . . . 119
5.25 Zeitlicher Verlauf der Produktgase am Auslass (Fall 1) . . . . . . . 120
5.26 Zeitlicher Verlauf der Produktgase am Auslass (Fall 3) . . . . . . . 120
5.27 Zeitlicher Verlauf der Teere am Auslass (Fall 1) . . . . . . . . . . . 121
5.28 Zeitlicher Verlauf der Teere am Auslass(Fall 3) . . . . . . . . . . . . 121
5.29 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Holzmassenstr¨
o-
me (F¨
alle 2 und 6 bis 8 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . . . . 123
5.30 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle2und6bis8.......................124
5.31 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2, 6, 7 und 8) . . . . . . . . . 125
5.32 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2, 6, 7 und 8) . . . . . . 126
5.33 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall6) ...............................128
5.34 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 6)128
Abbildungsverzeichnis v
5.35 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall7) ...............................129
5.36 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 7)129
5.37 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall8) ...............................130
5.38 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 8)130
5.39 ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber
die Zeit aufgetragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2,
6,7und8)................................131
5.40 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Inertteeranteile
(F¨
alle 2 und 4 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
5.41 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle2und4..........................133
5.42 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 4) . . . . . . . . . . . . 134
5.43 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 4) . . . . . . . . . 134
5.44 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall4) ...............................135
5.45 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 4)135
5.46 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Leerrohrgeschwin-
digkeiten (Fall 2 und Fall 10 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . 136
5.47 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle2und10 .........................137
5.48 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 10) . . . . . . . . . . . 139
5.49 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 10) . . . . . . . . 139
5.50 Axialer Schwerpunkt und Betth¨
ohe bei 90 % der Feststoffmasse ¨
uber
die Zeit (F¨
alle2und10) ........................140
5.51 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall10)...............................140
5.52 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall
10) ....................................141
5.53 ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber
die Zeit aufgetragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2
und10) .................................141
5.54 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle2,12und13 .......................142
5.55 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Wandtempera-
turen (F¨
alle 2, 12 und 13 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . . . 143
5.56 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2, 12 und 13) . . . . . . . . . 144
5.57 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2, 12 und 13) . . . . . . 145
5.58 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall12)...............................145
5.59 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall
12) ....................................146
5.60 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall13)...............................146
5.61 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall
13) ....................................147
vi Abbildungsverzeichnis
5.62 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Einlasstempe-
raturen (F¨
alle 2 und 11 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . . . . 148
5.63 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle2und11 .........................149
5.64 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 11) . . . . . . . . . . . 150
5.65 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 11) . . . . . . . . 151
5.66 zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall11)...............................151
5.67 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall
11) ....................................152
5.68 ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber
die Zeit aufgetragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2
und11) .................................152
5.69 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Partikelgr¨
oßen
(F¨
alle 2 und 14 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
5.70 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle2und14 .........................154
5.71 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 14) . . . . . . . . . . . 155
5.72 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 14) . . . . . . . . 156
5.73 Axialer Schwerpunkt und Betth¨
ohe bei 90 % der Feststoffmasse ¨
uber
die Zeit (F¨
alle2und14) ........................157
5.74 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall14)...............................157
5.75 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall
14) ....................................158
5.76 ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber
die Zeit aufgetragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2
und14) .................................158
5.77 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene initiale Holz-
temperaturen (F¨
alle 2 und 9 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . 159
5.78 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle2und9..........................160
5.79 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 9) . . . . . . . . . . . . 161
5.80 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 9) . . . . . . . . . 162
5.81 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall9) ...............................162
5.82 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 9)163
5.83 ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber
die Zeit aufgetragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2
und9) ..................................163
5.84 Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Kollisionspara-
meter (F¨
alle 2 und 5 aus Tabelle 5.3) . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
5.85 ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentratio-
nen der F¨
alle2und5..........................165
5.86 Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 5) . . . . . . . . . . . . 167
5.87 Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 5) . . . . . . . . . 167
5.88 Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktoraus-
lass(Fall5) ...............................168
Abbildungsverzeichnis vii
5.89 Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 5)168
5.90 Zeitlicher Verlauf der Partikeltemperatur (jedes 50ste Holzpartikel) 169
5.91 Zeitlicher Verlauf der Partikelmasse (jedes 50ste Holzpartikel) . . . 171
5.92 Zeitlicher Verlauf der Partikeldichte (jedes 50ste Holzpartikel) . . . 171
5.93 Zeitlicher Verlauf des Partikelwasseranteils (jedes 50ste Holzpartikel) 172
5.94 Zeitlicher Verlauf des Partikelholzanteils (jedes 50ste Holzpartikel) . 173
5.95 Zeitlicher Verlauf des Partikelholzkohleanteils (jedes 50ste Holzpar-
tikel)...................................175
5.96 Zeitlicher Verlauf der Partikeltemperatur dreier ausgew¨
ahlter Holz-
partikel..................................175
5.97 Zeitlicher Verlauf der Partikelmasse dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel 176
5.98 Zeitlicher Verlauf der Partikeldichte dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel 176
5.99 Zeitlicher Verlauf des Partikelholzkohleanteils dreier ausgew¨
ahlter
Holzpartikel ...............................177
5.100 Zeitlicher Verlauf des Partikelholzanteils dreier ausgew¨
ahlter Holz-
partikel..................................177
5.101 Zeitlicher Verlauf der radialen Position dreier ausgew¨
ahlter Holzpar-
tikel ...................................178
5.102 Zeitlicher Verlauf der axialen Position dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel178
5.103 Zeitlicher Verlauf der Reaktortemperatur f¨
ur verschiedene H¨
ohen
(experimentelle Daten) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
5.104 Zeitlicher Verlauf der Reaktortemperatur f¨
ur verschiedene H¨
ohen
desStandardfalles) ...........................180
5.105 Aus 19 verschiedenen Messungen gemittelte Gaszusammensetzung
des Reaktors (experimentelle Daten) . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
5.106 Gaszusammensetzung des Standardfalles ohne Teer (Simulationsda-
ten)....................................182
viii Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
3.1 Kinetische Daten der homogenen Gasphasenreaktionen . . . . . . . . 26
3.2 Massenanteile der beim Teerzerfall entstehenden Gase nach Rath u.
Staudinger(2001)............................. 27
3.3 Kinetische Daten des Teerzerfalls nach Rath u. Staudinger (2001) . . 27
3.4 Ans¨
atze f¨
ur die W¨
armekapazit¨
aten von Holz und Holzkohle . . . . . . 46
3.5 Kinetische Daten der heterogenen Reaktionen der Holzkohle . . . . . 49
3.6 Kinetische Daten der prim¨
aren Pyrolyse . . . . . . . . . . . . . . . . 54
3.7 Massenanteile der bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehenden Gase nach
Seebauer(1999).............................. 55
3.8 Massenanteile am Gesamtteer der bei der prim¨
aren Pyrolyse entste-
henden Teerkomponenten nach Rath u. Staudinger (2001) . . . . . . 55
5.1 Rand- und Anfangsbedingungen der fluiden Phase . . . . . . . . . . . 96
5.2 Parameter und Anfangswerte der festen Phase . . . . . . . . . . . . . 97
5.3 Variierte Parameter der Simulationen f¨
ur alle 14 F¨
alle......... 98
5.4 ¨
Uber die letzten zehn Simulationssekunden gemittelte Auslasstempe-
raturen aller F¨
alle.............................113
x Tabellenverzeichnis
Nomenklatur
Griechische Buchstaben
Buchstabe Bedeutung Einheit
εVolumenanteil der fluiden Phase 1
ρHolzkohle Dichte der Holzkohle im Partikel kg
/m3
ρgDichte der fluiden Phase kg
/m3
ρpDichte eines Partikels kg
/m3
ρwDichte des Holzes im Partikel kg
/m3
τ
τ
τSpannungstensor der fluiden Phase kg
/m s2
µeff effektive dynamische Viskosit¨
at der fluiden Phase kg
/m s
µlam laminare dynamische Viskosit¨
at der fluiden Phase kg
/m s
µturb turbulente dynamische Viskosit¨
at der fluiden
Phase
kg
/m s
∆ L¨
angenmaß f¨
ur den LES Ansatz m
ω
ω
ωpEigenrotation eines Partikels 1
/s
Lateinische Buchstaben
Buchstabe Bedeutung SI Einheit
AFrequenzfaktor 1
/s
ctParameter im Subgridmodell des LES Ansatzes m
dpDurchmesser eines Partikels m
EAktivierungsenergie J
/mol
gGravitationskonstante m
/s2
hαEnthalpie der Komponente αJ
/kg
hEnthalpie der Gasphase J
/kg
∆h0
αStandardbildungsenthalpie der Komponente αJ
/kg
IPMassentr¨
agheitsmoment eines Partikels kg m2
FsImpulsaustauschterm der Gasphase kg
/m2s2
Fieine am Partikel angreifende Kraft kg m
/s2
mpMasse eines Partikels kg
mHolz Masse des Holzes in einem Partikel kg
mHolzkohle Masse der Holzkohle in einem Partikel kg
mWasser Masse des Wassers in einem Partikel kg
pDruck der fluiden Phase Pa
q
q
qW¨
armestrom der Gasphase J
/m2s
˙
QsEnthalpiewechselwirkung zwischen Gasphase und
Festphase
J
/m3s
rpRadius eines Partikels m
Rαspezielle Gaskonstante der Komponente αJ
/kg K
Runiverselle Gaskonstante J
/mol K
Sij Parameter im LES Ansatz 1
/s
TTemperatur der fluiden Phase K
Tiein am Partikel angreifendes Moment kg m2
/s2
T0Referenztemperatur der Standardbildungsenthal-
pie
K
u
u
ugGeschwindigkeit der fluiden Phase m
/s
u
u
upGeschwindigkeit eines Partikels m
/s
VPartikel,Holz Volumen eines Holzpartikels m3
VPartikel,Holz0Volumen eines Holzpartikels zu m3
Beginn der prim¨
aren Pyrolyse
Tabellenverzeichnis 1
˙wα,g Massenquellterm der Komponente αaufgrund
homogener Gasphasenreaktionen
kg
/m3s
˙wα,s Massenquellterm der Komponente αaufgrund he-
terogener Reaktionen auf der Partikeloberfl¨
ache
kg
/m3s
xikartesische Raumrichtung 1
x
x
xpPosition eines Partikels m
YαMassenanteil der Komponente αin der fluiden
Phase
1
Kapitel 1
Einleitung
Im Zuge der Erf¨
ullung der Klimaschutzziele der Bundesregierung kommt es zu weit-
gehenden ¨
Anderungen unseres Energiemarktes. Um diese ¨
Anderungen am Markt zu
etablieren wird z.B. durch das Gesetz f¨
ur den Vorrang Erneuerbarer Energien eine
breite Palette an unterschiedlichen Technologien staatlich gef¨
ordert. Diese Palette
umfasst u.a. die Nutzung von Wasserkraft, Windkraft, solarer Strahlungsenergie,
Geothermie und auch von Biomasse. Biomasse hat gegen¨
uber einigen anderen rege-
nerativen Energien u.a. den Vorteil grundlastf¨
ahig zu sein und damit unabh¨
angig von
unbeeinflussbaren Schwankungen in der Windst¨
arke und in der Sonneneinstrahlung,
einen Beitrag zur zuk¨
unftigen Energieversorgung zu leisten. Wesentlicher Punkt an
der Nachhaltigkeit der Energieversorgung durch Biomasse ist nat¨
urlich die Nutzung
nachhaltig erwirtschafteter Biomasse.
Speziell die thermochemische Zersetzung von Biomasse gilt als interessant, da sie
Lignin, als einen h¨
aufig und z.T. in hohen Anteilen vorkommenden Bestandteil der
Biomasse, zersetzen kann. Lignin tritt insbesondere bei verholzenden Pflanzen auf
(B¨
aume, Str¨
aucher etc.). Weiterhin ist der Umsatzgrad der eingesetzten Biomasse
bei der thermochemischen Zersetzung deutlich h¨
oher als bei klassischen Biogasanla-
gen, somit kann ein hoher Anteil der geernteten Biomasse in andere Energieformen
(Elektrizit¨
at, W¨
arme, brennbares Schwachgas etc.) umgewandelt werden.
Die Frage warum energietechnisch gesehen eine Vergasung einer anlagentechnisch
einfacheren Verbrennung vorgezogen werden sollte, ist unmittelbar an die potenti-
elle Anlagengr¨
oße gebunden. Je kleiner die erwartete Leistung, desto eher sollte die
1.1 Aufteilung der Arbeit 3
Vergasung der Verbrennung vorgezogen werden, wenn man zus¨
atzlich zur W¨
armege-
winnung auch elektrische Energie erhalten m¨
ochte. Die nachhaltige Nutzung sowohl
der Verbrennung als auch der Vergasung von Biomasse ist an kleine Einzugskreise der
Biomasse gebunden, da zum einen die volumetrische Energiedichte im Vergleich zu
fossilen Energietr¨
agern geringer ist und zum anderen auch das Aufkommen der Bio-
masse weniger konzentriert ist als bei fossilen Energietr¨
agern. Diese beiden Punkte
machen eine zumindest in Teilen dezentrale Art der Energiewandlung interessant.
Die thermochemische Zersetzung von Biomasse hat jedoch auch einige Nachteile,
die die kommerzielle Nutzbarkeit dieser Technologie zu teuer (wartungsintensiv, in-
vestitionsintensiv etc.) werden lassen. Einer dieser Nachteile ist die Entstehung von
Teeren und Partikeln sowie deren Austrag aus dem Reaktor w¨
ahrend der Vergasung.
Sowohl die stoffliche als auch energetische Nutzung des bei der Vergasung entstehen-
den Produktgases setzen meist Teer- und Partikelanteile in engen Grenzen voraus.
Konzepte wie druckaufgeladene Wirbelschichten mit einer nachfolgenden Nutzung
der Produktgase in Gasturbinen k¨
onnen sehr hohe Teer- und Partikelgehalte tolerie-
ren, sind allerdings deutlich weniger geeignet um dezentral eingesetzt zu werden bzw.
deutlich investitionsintensiver. Die Frage nach der notwendigen Investition zur Er-
richtung von Vergasungsanlagen h¨
angt allerdings nicht nur von den technologischen
Problemen ab sondern auch vom Umfang der Nutzung der entsprechenden Anlagen.
Aus wissenschaftlicher Sicht sind die technologischen Probleme der Holzvergasung
Motivation f¨
ur diese Arbeit.
1.1 Aufteilung der Arbeit
Kapitel 2 bietet einen Einblick in die CFD-basierte Modellierung von Gas-Feststoff-
Str¨
omungen und verdeutlicht dabei St¨
arken und Schw¨
achen einzelner Konzepte. Wei-
terhin wird ein Ausschnitt relevanter Literatur gezeigt, der den Stand der Forschung
aufzeigt.
In Kapitel 3 werden die verwendeten Gleichungen f¨
ur die Gasphase und die Festphase
aufgezeigt. Dabei wird detailliert auf die verwendeten Modelle eingegangen. Es wird
dabei unterschieden in Gleichungen f¨
ur die Gasphase (siehe Kapitel 3.1), Gleichungen
4 Kapitel 1 Einleitung
f¨
ur die feste Phase (siehe Kapitel 3.2) und dem Mapping zwischen den Phasen (siehe
Kapitel 3.3). Die Beschreibung der Gasphase betrifft die Massen-, Energie-, Impuls-
und Speziesbilanzen in Kapitel 3.1 sowie die homogenen chemischen Reaktionen der
Gasphase in Kapitel 3.1.1.
Die Pr¨
asentation der Festphase in Kapitel 3.2 unterteilt sich grob in drei Teile.
Zum einen werden die relevanten Partikelbewegungsgleichungen und das Partikel-
abbrandmodell in den Kapiteln 3.2.1 und 3.2.5 aufgezeigt und zum anderen dann
folgend mit den Modellen f¨
ur die modellierten Vorg¨
ange der Partikelbewegung und
des Partikelabbrandes n¨
aher beschrieben. Die Beschreibung der Partikelbewegung
folgt anhand der Bewegungskr¨
afte (siehe Kapitel 3.2.2), der Partikelkollisionen (sie-
he Kapitel 3.2.3) und abschließend der Integration der Bewegungsgleichungen (siehe
Kapitel 3.2.4). Der Partikelabbrand wird in den Kapiteln 3.2.6 (Beschreibung der he-
terogenen Chemie der Simulation), 3.2.7 (Beschreibung der Aufheizung, Trocknung,
Pyrolyse und Schrumpfung der Partikel) und abschließend wieder in einem Kapitel
zur Integration des Modells f¨
ur den Partikelabbrand (siehe Kapitel 3.2.8) erl¨
autert.
Kapitel 4 erl¨
autert das Gesamtkonzept der Simulation und die Arbeiten an der
Parallelisierung. Dabei wird detailliert auf einzelne Berechnungsabl¨
aufe eingegangen
(siehe Kapitel 4.1) und die Parallelisierung getrennt f¨
ur die Simulation als ganzes,
die Partikelkollisionen und die Verteilung der Partikelvolumina ¨
uber die Zellen be-
schrieben (siehe Kapitel 4.2).
In Kapitel 5 wird eine breit angelegte Parameterstudie vorgestellt und deren Ergeb-
nisse diskutiert. Es werden insgesamt 14 Parameters¨
atze pr¨
asentiert und miteinander
verglichen. Dabei wird anhand zeitlich gemittelter Ergebnisse f¨
ur die Hauptprodukte
(inkl. Teer) und die Temperatur erkl¨
art, wie die Ergebnisse zu deuten sind. Die In-
terpretationen der Ergebnisse erfolgt z.T. unter Verwendung von Schwerpunktdaten,
Daten f¨
ur die mittleren Partikeltemperaturen, Daten der Holzzusammensetzung etc.
Es werden sowohl Daten ¨
uber den Reaktorquerschnitt gezeigt als auch ¨
uber die Zeit.
Zus¨
atzlich werden einige Partikelhistorien aufgezeigt und diskutiert.
Letztendlich wird in Kapitel 6 der Arbeit eine Zusammenfassung gegeben.
Kapitel 2
Einf¨
uhrung
2.1 Modellierungssystematik von Gas-Feststoff-Str¨
omungen
Die Modellierung von Gas-Feststoff-Str¨
omungen kann auf verschiedenste Art und
Weise stattfinden. Wesentliche Unterscheidungsmerkmale liegen dabei in der Mo-
dellierung der Impulsbilanzen und der festen Phasen. Modellierungen im Rahmen
der Zell- und Zonenmodelle verwenden meist empirische Ans¨
atze und /oder Da-
ten aus anderen komplexeren Modellierungsarten, um den Impulstransport der be-
teiligten Phasen zu beschreiben, wohingegen die Methoden der Euler-Euler- bzw.
Euler-Lagrange-Modelle meist auf eine aufw¨
andige L¨
osung der entsprechenden Im-
pulsbilanzen im Rahmen der Computational Fluid Dynamics (CFD) setzen.
Kern dieser Arbeit sind Modellierungen der letztgenannten Art, welche sich der CFD-
Methoden bedienen. Hier soll ein kleiner ¨
Uberblick der CFD-basierenden Methoden
gegeben werden (siehe Kapitel 2.1.1, 2.1.2 und 2.1.3). Anschließend werden im Ka-
pitel 2.2 einige Publikationen vorgestellt, die einen Einblick in die Modellierung der
reaktiven Gas-Feststoff-Str¨
omungen mit Fokus auf die Vergasung bzw. Verbrennung
von Biomassen und Kohlen bieten. Die Darstellungen in Kapitel 2.2 k¨
onnen und
sollen nicht alle relevanten Arbeiten beschreiben, da dies den Rahmen der hier vor-
liegenden Arbeit sprengen w¨
urde. Es wird daher ein sinnvoller und beispielhafter
Ausschnitt wichtiger Publikationen gezeigt und kurz erl¨
autert.
6 Kapitel 2 Einf¨
uhrung
2.1.1 Direkte Numerische Simulation
Der Begriff der Direkten Numerischen Simulation (DNS) stammt aus dem Bereich
der einphasigen Simulation von Str¨
omungsvorg¨
angen, bei denen keine Modellierung
der Turbulenz notwendig ist, da die Gitteraufl¨
osung so fein ist, dass alle Str¨
o-
mungsph¨
anomene auf dem betrachteten Rechengitter hinreichend genau aufgel¨
ost
werden k¨
onnen. Insbesondere bedarf es keines Schließungsansatzes f¨
ur die Turbu-
lenz, da nur die Bilanzgr¨
oßen betrachtet werden, f¨
ur die unmittelbar Rand- und
Anfangsbedingungen vorliegen und die nicht von weiteren nicht bilanzierten Gr¨
oßen
abh¨
angen. Materialfunktionen werden nat¨
urlich auch bei dieser Art der Modellie-
rung gebraucht, da z.B. die Impulsbilanz den Spannungstensor enth¨
alt, welcher auf
bekannte bzw. bilanzierte Gr¨
oßen zur¨
uckgef¨
uhrt werden muss. Anwendungen dieser
Methode sind auf akademische F¨
alle beschr¨
ankt, da die Zahl der ben¨
otigten Rechen-
zellen stark mit der Reynoldszahl w¨
achst (die Zahl der Rechenzellen ist proportional
zu Re9
4). Der Grund f¨
ur diese Abh¨
angigkeit zwischen der Zahl der Rechenzellen und
der Reynoldszahl liegt in der Abh¨
angigkeit der Gr¨
oße verschiedener Str¨
omungsph¨
a-
nomene von der Reynoldszahl und der Tatsache, dass alle diese Ph¨
anomene nume-
risch auf dem gew¨
ahlten Rechengitter aufgel¨
ost werden m¨
ussen, um von einer DNS
zu sprechen.
Der Begriff der DNS bei reaktiven Gas-Feststoff-Str¨
omungen ist analog zu den oben
beschriebenen Vorg¨
angen mit einer numerischen Aufl¨
osung aller Ph¨
anomene ver-
bunden, jedoch mit dem zus¨
atzlichen Problem, dass die Phasengrenzfl¨
achen Ort
(Partikel bewegen sich) und Form (Partikel zerbrechen, schrumpfen etc.) ¨
andern.
Die Anzahl der Phasengrenzfl¨
achen ist ebenfalls deutlich gr¨
oßer als im einphasigen
Bereich. Damit verbunden, muss das Rechengitter meist st¨
andig angepasst werden,
um den neuen Positionen der Feststoffe gerecht zu werden. Auch im zweiphasigen
Bereich bleiben die Anwendungen der DNS auf akademische F¨
alle beschr¨
ankt, auf
die hier nicht n¨
aher eingegangen werden soll.
2.1 Modellierungssystematik von Gas-Feststoff-Str¨
omungen 7
2.1.2 Euler-Lagrange-Modelle
Bei den sogenannten Euler-Lagrange-Modellen wird die fluide Phase als Kontinuum
betrachtet (Euler’sche Schreibweise) und die Partikel entsprechend ihres materiel-
len Charakters als disperse Einzelk¨
orper, die in Form der materiellen oder Lagran-
ge’schen Schreibweise behandelt werden. In der Lagrange’schen Schreibweise ¨
uber-
f¨
uhrt man die konvektiven Glieder zusammen mit dem Speicherterm einer Bilanz
(zum Beispiel die des Impulses) in eine materielle oder Lagrange’sche Zeitablei-
tung der entsprechenden Gr¨
oße. Der gedachte Beobachter wechselt seine Position
also von einem ortsfesten Punkt zu dem betrachteten Einzelk¨
orper, er bewegt sich
mit dem Einzelpartikel. Nichts desto trotz werden viele Herleitungen auf Basis der
Lagrange’schen Schreibweise durchgef¨
uhrt und im Nachhinein in ein Euler-System
¨
uberf¨
uhrt.
Der Vorteil der Euler-Lagrange-Modellierung liegt darin, dass sie in gewisser Weise
die nat¨
urliche Formulierung f¨
ur einen Einzelk¨
orper ist (in der Mechanik wird h¨
aufig
mit Lagrange’schen Schreibweisen gearbeitet). Ph¨
anomene wie die Partikel-Partikel-
oder Partikel-Wand-Kollision k¨
onnen mit einfachen mechanischen Modellen hinrei-
chend genau beschrieben werden, wenn sie denn entsprechend zeitlich aufgel¨
ost wer-
den k¨
onnen. Im Rahmen der Euler-Lagrange-Modellierung kann das Verhalten eines
jeden einzelnen Partikels anhand seiner Geschichte und seines Istzustandes berech-
net werden, d.h. es muss nicht davon ausgegangen werden, dass sich Partikel in der
unmittelbaren Nachbarschaft ¨
ahnlich verhalten. Dies ist nat¨
urlich insbesondere f¨
ur
Wirbelschichten von Vorteil, da in Wirbelschichten, durch die zum Teil starke Par-
tikelbewegung bedingt, lokal recht unterschiedliche Partikeleigenschaften vorliegen
k¨
onnen.
Die obigen Bemerkungen gelten dabei f¨
ur alle typischen Bilanzgr¨
oßen wie Masse,
Impuls und Energie. Zus¨
atzlich bietet die Methode der Euler-Lagrange-Modellierung
die M¨
oglichkeit, auch Ph¨
anomene innerhalb der Partikel zu betrachten (zum Beispiel
mit Hilfe eindimensionaler Bilanzen im Fall von kugelsymmetrischen Vorg¨
angen).
Im Unterschied zu der bereits erl¨
auterten Direkten Numerischen Simulation (DNS)
von Partikelstr¨
omungen wird bei den Euler-Lagrange-Methoden das verwendete Re-
chengitter nicht verwendet, um die Oberfl¨
ache der Einzelpartikel zu approximieren,
8 Kapitel 2 Einf¨
uhrung
sondern es muss sogar so grob sein, dass wenigstens ein Partikel komplett in ei-
ne Rechenzelle passt und nicht der Fall auftreten kann, dass einzelne Gebietszellen
zu 100 % mit der festen Phase gef¨
ullt sind. Man muss sich hier bei polydispersen
Partikelstr¨
omungen entsprechend nach dem lokal vorhandenen Maximaldurchmes-
ser der Partikel richten. Die Verwendung von Euler-Lagrange-Methoden mit sehr
wenigen Partikeln pro Zelle ist allerdings auch mit einigen Nachteilen verbunden,
da trotz der Lagrange’schen Betrachtung der Partikel das Fluid weiterhin als Kon-
tinuum betrachtet wird und somit die Wechselwirkungsterme zwischen den beiden
Phasen gewisse Mindestanforderungen erf¨
ullen m¨
ussen, um sie bei der L¨
osung der
kontinuierlichen Feldgleichungen des Fluids verwenden zu k¨
onnen.
Ein wesentlicher Nachteil dieser Methode besteht in der meist sehr großen Partikel-
anzahl realer technischer Systeme, die schon bei kleineren Laborreaktoren schnell
Gr¨
oßenordnungen von weit ¨
uber eine Million erreichen k¨
onnen. Das Verfolgen aller
Partikel solcher Systeme ist mit heutigen Rechenanlagen praktisch nicht abzubil-
den. Aus diesem Grund werden bei den Euler-Lagrange-Methoden (insbesondere im
d¨
unnen Bereich mit hoher Partikelanzahl) h¨
aufig sogenannte virtuelle Partikel be-
trachtet, die mit ihrem Verhalten stellvertretend f¨
ur viele andere Partikel stehen und
damit den Rechenaufwand erheblich reduzieren k¨
onnen.
Die Partikelbewegung selbst kann bei den Euler-Lagrange-Verfahren nur mit Hilfe
von semiempirischen Ans¨
atzen berechnet werden, die streng genommen nur f¨
ur die
station¨
are Bewegung der Partikel gelten. Relationen, die die Zeitkonstante der Be-
wegung und damit das instation¨
are Bewegungsverhalten wiedergeben, sind praktisch
nicht bekannt. Zum anderen k¨
onnen die genannten semiempirischen Relationen meist
nur den Einfluss einer Gr¨
oße beschreiben. Damit impliziert eine linear additive Ver-
wendung von mehreren Termen zur Beschreibung der Partikelbewegung eine gewisse
Form des Gesamtausdruckes, der so nicht experimentell validiert wurde. Die fehlen-
de Aufl¨
osung der Partikeloberfl¨
ache forciert z.B., dass das Partikel zwar von einer
Seite angestr¨
omt werden kann, jedoch das Geschwindigkeitsfeld hinter dem Partikel
(in Bezug auf die Anstr¨
omung) nicht entsprechend ver¨
andert wiedergegeben werden
kann.
2.1 Modellierungssystematik von Gas-Feststoff-Str¨
omungen 9
In der Theorie sollten weiterhin s¨
amtliche Interaktionen der Festk¨
orper im Wir-
belbett in ihrer richtigen zeitlichen Reihenfolge modelliert werden, was letztendlich
bedeutet, dass man zum einen sehr h¨
aufig die zeitliche Reihenfolge bestimmen muss
(z.B. kann man dann lokal nur das erste Kollisionspaar identifizieren und muss dann,
aufgrund der ver¨
anderten Partikeleigenschaften nach der Kollision, neu bestimmen
welches Partikelpaar als n¨
achstes kollidiert) und zum anderen muss der eigentli-
che Kollisionsvorgang selbst zeitlich aufgel¨
ost werden, was sehr schwierig ist, da
die Kontaktzeiten zum Teil extrem klein sein k¨
onnen. Eine Kollisionsbehandlung in
dichten Gebieten mit Mehrfachkollisionen stellt zus¨
atzliche Schwierigkeiten bereit.
Typische mechanische Modelle der Kollision von Partikeln gehen davon aus, dass
nur zwei Partikel zeitgleich miteinander kollidieren k¨
onnen, was im dichten Bereich
offensichtlich nicht zutreffen muss. Daher bedient man sich h¨
aufig der sogenannten
Diskreten Elemente Methode. Die Methode verwendet einfache mechanische Ele-
mente (Feder, D¨
ampfer etc.) zur Modellierung des Kollisionsverhaltens und bringt
damit den Vorteil, dass Mehrfachkollisionen abgebildet werden k¨
onnen.
Sommerfeld (2000a) teilt die verschiedenen Bereiche von Gas-Feststoff-Str¨
omungen
in Abh¨
angigkeit der Volumenfraktion der festen Phase bzw. in Abh¨
angigkeit des
bezogenen Partikelabstandes ein, wie in Abbildung 2.1 dargestellt. Die in dieser Ar-
beit behandelten F¨
alle finden sich im dichten Bereich der Gas-Feststoff-Str¨
omungen
wieder. In Abh¨
angigkeit vom Volumenanteil der festen Phase bzw. dem Ausmaß der
Kr¨
after¨
uckwirkung der beiden Phasen aufeinander kann man die Wechselwirkungen
der fluiden mit der festen Phasen in drei Gruppen unterteilen: Ein-, Zwei- und Vier-
Wege-Kopplungen. Bei der Ein-Wege-Kopplung ist der Anteil der festen Phase so
klein, dass zwar die feste Phase von der fluiden beeinflusst wird aber nicht die fluide
von der festen. Im Gegensatz dazu wird bei der Zwei-Wege-Kopplung eine R¨
uckwir-
kung der Partikel auf das Fluid ber¨
ucksichtigt. Die Vier-Wege-Kopplung findet sich
im Bereich dichter Gas-Feststoff-Str¨
omungen wieder und ber¨
ucksichtigt zum einen
die Partikel-Fluid-Wechselwirkung und zum anderen auch den Volumenanteil der fes-
ten Phase. Zus¨
atzlich ist dieser Bereich h¨
aufig dadurch bestimmt, dass die Partikel-
bewegung von den Partikel-Partikel- und/oder Partikel-Wand-Kollisionen dominiert
wird. In dieser Arbeit wird aufgrund der zum Teil erreichten dichtesten Packung der
Feststoffe ausschließlich die Vier-Wege-Kopplung ber¨
ucksichtigt.
10 Kapitel 2 Einf¨
uhrung
10−810−4100
102101100
Ein-Wege-Kopplung Zwei-Wege-Kopplung Vier-Wege-Kopplung
dichte Str¨
omungd¨
unne Str¨
omung
Volumenanteil der festen Phase
L/DPbezogener Partikelabstand
Abbildung 2.1: Einteilung der Euler-Lagrange-Methoden nach der Dichte der Str¨
omung bzw. dem
bezogenen Partikelabstand nach Sommerfeld (2000a)
Res¨
umierend l¨
asst sich festhalten, dass die Euler-Lagrange-Methoden praktisch nicht
einsetzbar sind f¨
ur industrielle Anlagen (von Kleinstanwendungen abgesehen), je-
doch eine detailgenaue Modellierung erlauben. Typische Anwendungen dieser Me-
thode liegen im Bereich der Modellvalidierung anderer einfacherer Methoden (z.B.
Euler-Euler-Methoden), dem Erstellen von Referenzl¨
osungen und Betrachtungen von
Laboranlagen, wie in dieser Arbeit. Die schnell voranschreitende Entwicklung von
Rechenanlagen ist eng an die weitere Entwicklung der Anwendbarkeit der Euler-
Lagrange-Methoden gekoppelt und sollte daher in den n¨
achsten Jahren den Be-
reich der potentiellen Einsatzfelder erheblich erweitern, da insbesondere die Euler-
Lagrange-Methoden von der steigenden Zahl der prozessorintern verf¨
ugbaren Re-
chenkerne profitieren. Da die meisten Berechnungen auf Partikelebene stattfinden
und sich damit relativ gut parallelisieren lassen (die Berechnungen f¨
ur ein Partikel
sind gr¨
oßtenteils unabh¨
angig vom Geschehen an bzw. in anderen Partikeln), bieten
sich gerade Partikelsysteme zur effizienten Parallelisierung an.
2.1 Modellierungssystematik von Gas-Feststoff-Str¨
omungen 11
2.1.3 Euler-Euler-Modelle
Eine Beschreibung aller Phasen einer Gas-Feststoff-Str¨
omung durch Kontinuumsan-
s¨
atze wird im Allgemeinen als Euler-Euler-Ansatz bezeichnet. Alle Phasen werden
hier als miteinander wechselwirkende Kontinua betrachtet. Das ¨
Ubertragen des kon-
tinuierlichen Ansatzes auf die Str¨
omungsmechanik von Festk¨
orpern erzeugt zwangs-
l¨
aufig große ¨
Ahnlichkeiten bzgl. der Form der entstehenden Bilanzgleichungen. Die
Materialfunktionen wie z.B. der Spannungstensor m¨
ussen allerdings angepasst wer-
den, um den ver¨
anderten Bedingungen Rechnung zu tragen. Dabei wird auf die ki-
netische Theorie zur¨
uckgegriffen, was die Modellierung recht komplex werden l¨
asst.
Typischerweise wird eine feste Phase durch eine ihr eigene Auspr¨
agung einer Mate-
rialeigenschaft charakterisiert. Diese Eigenschaften k¨
onnen durch den Durchmesser
(bzw. den ¨
aquivalenten Durchmesser) aber auch durch Gr¨
oßen wie die Dichte oder
die Zusammensetzung gegeben sein. Keine dieser Eigenschaften muss dabei als zeit-
lich oder r¨
aumlich konstant angenommen werden, auch wenn dies zum Beispiel f¨
ur
den Durchmesser h¨
aufig der Fall ist.
Die L¨
osung der Feldgleichungen aller Phasen f¨
uhrt auf lineare Gleichungssysteme,
deren L¨
osung standardisiert ist. Der Vorteil der Verwendung standardisierter L¨
o-
sungsmethoden verliert allerdings an Bedeutung, wenn man ber¨
ucksichtigt, dass bei
Euler-Euler-Methoden nicht nur einige wenige lineare Gleichungssysteme gel¨
ost wer-
den m¨
ussen, sondern im Gegensatz zu einphasigen Berechnungen ganze S¨
atze an
Bilanzgleichungen. Bei einphasigen Berechnungen von str¨
omungsmechanischen Pro-
blemen werden typischer Weise die Bilanzen f¨
ur die Masse, den Impuls, die Energie
und ggf. die Spezies sequentiell solange gel¨
ost, bis die gew¨
unschte Fehlertoleranz er-
reicht wird. Bei den Euler-Euler-Methoden m¨
ussen allerdings diese Bilanzgleichun-
gen f¨
ur alle Phasen berechnet werden und sind zudem auch noch stark gekoppelt.
Damit erh¨
oht sich der Rechenaufwand signifikant, und es stellt sich zudem die Fra-
ge nach der Stabilit¨
at derartiger sequentieller L¨
osungsmethoden. Nichts desto trotz
profitieren die Euler-Euler-Methoden von der wissenschaftlichen Entwicklung in den
Bereichen der linearen Gleichungssysteme (aufgrund der h¨
oheren Anzahl der Bilanz-
gleichungen allerdings nicht so stark wie die Euler-Lagrange-Methoden). Typische
Randbedingungsarten (Neumann, Cauchy, Dirichlet) lassen sich im Zuge der L¨
osung
12 Kapitel 2 Einf¨
uhrung
der Feldgleichungen leicht implementieren, da im Gegensatz zu den Euler-Lagrange-
Methoden ohne weiteres Ableitungen der gesuchten Gr¨
oßen darstellbar sind.
Es gibt allerdings auch Nachteile dieser Methode. Zum einen impliziert der Kontinu-
umsansatz, dass genug Partikel pro Gebietszelle vorliegen, damit Mittelungsopera-
tionen ohne große Fehler durchgef¨
uhrt werden k¨
onnen. Das Einhalten dieser Bedin-
gung wird bei polydispersen Partikelstr¨
omungen in Wirbelschichten umso schwieri-
ger, da nach obigen Anmerkungen, diverse Durchmesserklassen betrachtet werden
m¨
ussen. Es ist aber keineswegs notwendig, auch nur ann¨
ahernd alle Partikeldurch-
messer durch eigene Phasen zu beschreiben. So zeigte z.B. Fan u. Fox (2009), dass
es f¨
ur eine inerte monomodale Partikelverteilung durchaus ausreichend ist, drei bis
vier Festphasen zu betrachten. In wie weit diese rein fluiddynamisch motivierten
Aussagen auch f¨
ur reaktive Systeme gelten, ist fraglich, da eine f¨
ur inerte Str¨
omun-
gen geeignete fluiddynamische Beschreibung nicht zwangsl¨
aufig auch geeignet sein
muss, um die Einfl¨
usse der modellierten inneren Koordinaten (z.B. die Durchmesser
der Phasen) auf die mittlere Reaktivit¨
at der festen Phasen beschreiben zu k¨
onnen.
Des Weiteren ist die Modellierung der Euler-Euler-Modelle als die kompliziertes-
te der hier vorgestellten Methoden einzustufen (Kollisionen, Spannungstensor etc.).
Der Einzelpartikelcharakter der festen Phase geht in dieser Art der Modellierung
komplett verloren, was die Modellierung zum Teil erheblich erschwert. Zudem gibt
es keinerlei Erweiterungen der Theorie f¨
ur rotationsbehaftete Partikel, was diese
Methode f¨
ur einige F¨
alle ungeeignet macht.
2.2 Literatur¨
ubersicht
Zur Modellierung der Holzvergasung in der Wirbelschicht wird eine enorme An-
zahl von Modellen f¨
ur diverse Vorg¨
ange in den betreffenden Phasen gebraucht. So
hat sich der Bereich der inerten Gas-Feststoff-Str¨
omungen in den letzten Jahren
von vorzugsweise zweidimensionalen Beschreibungen zu vermehrt dreidimensionalen
Modellierungen gewandelt, was sicherlich von der steigenden Effizienz aktueller Re-
chenanlagen beg¨
unstigt wurde. Dabei ist insbesondere die Impulskopplung zwischen
den Phasen ein entscheidendes Manko, da es zwar viele Korrelationen gibt, diese
2.2 Literatur¨
ubersicht 13
jedoch eine weite Streuung der Ergebnisse hervorrufen. Aktuelle ¨
Ubersichtsartikel
f¨
ur den Bereich der inerten Wirbelschichten k¨
onnen zum Beispiel in den Arbeiten
von Deen u. a. (2007); van der Hoef u. a. (2008) gefunden werden.
F¨
ur den Bereich der Simulation des Abbrandes einzelner Biomassepartikel gilt ¨
ahn-
liches. Es gibt eine Vielzahl von Modellen, deren Ergebnisse zum Teil auch durch
Experimente validiert wurde. Probleme bestehen allerdings bei der akkuraten Be-
schreibung der Pyrolyse mit der damit gekoppelten Beschreibung der Teerentstehung
und des Teerabbaus in den Partikeln selbst. Zus¨
atzlich sind auch die Stoffwerte der
beteiligten Substanzen (Holz, Holzkohle, Teere etc.) und deren Abh¨
angigkeit von den
Prozessbedingungen und dem Umsatzgrad mit relativ hohen Unsicherheiten verbun-
den. Die Modellierung des homogenen bzw. heterogenen Abbaus von Pyrolyseteeren
steht aufgrund der vielen Komponenten des Teers und der damit verbundenen po-
tentiell komplexen Reaktionsmechanismen erst am Anfang. Selbst die Frage, was
als Teer gilt und was nicht, ist nicht unumstritten, was die Vergleichbarkeit der
Literaturergebnisse erheblich erschwert.
Res¨
umierend l¨
asst sich hier feststellen, dass eine Literatur¨
ubersicht aller verwendeten
Modelle an dieser Stelle nicht zielf¨
uhrend ist. Daher beschr¨
ankt sich die Literatu-
r¨
ubersicht hier auf Beispiele aus dem Feld der reaktiven Gas-Feststoff-Reaktoren
(meist auf Basis von Biomassen und Kohlen) mit Hilfe diverser Methoden (Euler-
Lagrange, Euler-Euler, gekoppelte Euler-Euler und Euler-Lagrange Modelle), wobei
der Fokus klar auf den Methoden liegt, welche komplexe str¨
omungsmechanische Mo-
dellierungen (CFD) ber¨
ucksichtigen. Einen breiten ¨
Uberblick ¨
uber die Modellierung
von Mehrphasenstr¨
omungen liefern die beiden B¨
ucher von Crowe (2006); Crowe u. a.
(1998), welche sich aufgrund ihrer zahlreichen Referenzen f¨
ur die Einarbeitung in das
Thema anbieten.
Ein aktueller und ausf¨
uhrlicher ¨
Ubersichtsartikel von Gomez-Barea u. Leckner (2010)
¨
uber die Biomassevergasung in Wirbelschichten kann ggf. herangezogen werden, um
sich ¨
uber weitere Modellierungsarten und -ergebnisse zu informieren.
In einer Reihe von Publikationen von (Papadikis u. a. (2008, 2009a,b,c)) wird ei-
ne Kombination aus Euler-Euler und Euler-Lagrange Verfahren pr¨
asentiert, wel-
che im Rahmen von FLUENT 6.2 durch UDF’s (user defined functions) modelliert
14 Kapitel 2 Einf¨
uhrung
wurde. Die beiden Arbeiten Papadikis u. a. (2008, 2009a) dokumentieren in zwei
Teilen einen Vergleich aus zwei- und dreidimensionalen Simulationen eines Wirbel-
bettes aus Sand, in welches ein Holzpartikel mit einem Durchmesser von 0.0005 m
gegeben wird. Das Sandbett wird durch ein Euler’sches Kontinuum entsprechend
der kinetischen Theorie granularer Medien f¨
ur ideal sph¨
arische Partikel modelliert.
Die Sandpartikel haben einen einheitlichen Durchmesser von 0.00044 m und eine
Dichte von 2500 kg
/m3. Der simulierte Reaktor hat eine Breite von 0.04 m und das
Bett hat eine Sch¨
utth¨
ohe von 0.04 m. Die Anstr¨
omung wird durch reinen Stickstoff
bei einer Leerrohrgeschwindigkeit von 0.3m
/srealisiert. Papadikis u. a. (2008) un-
tersucht die Bewegung des Partikels und die einzelnen Anteile der auf das Partikel
wirkenden Kr¨
afte, w¨
ahrend die Zersetzung der Partikel unterbunden wird. Dabei
werden die Widerstandskraft, die Gewichts- und Auftriebskraft sowie die virtuelle
Masse-Kraft ber¨
ucksichtigt. Die Partikelrotation wird nicht ber¨
ucksichtigt. Die Im-
pulswechselwirkung des Lagrange’n Partikels mit der Sandphase wird in Anlehnung
an die Verh¨
altnisse in einer Dreiphasenstr¨
omung modelliert. Die Blasenbildung in-
nerhalb des Wirbelbettes f¨
uhrt zu recht sprunghaften ¨
Anderungen der Kr¨
afte ¨
uber
die gesamte Simulationszeit von 3 s. Vergleiche der Kraftanteile in den zwei- und
dreidimensionalen Situationen verdeutlichen signifikante Unterschiede, was als ge-
nerell akzeptierte Tatsache gelten kann. Leider werden kaum Aussagen bzgl. der
verwendeten Simulationsparameter gemacht (Gitterweiten, Randbedingungen, Inte-
gratoren der Partikelbewegung etc.). Im zweiten Teil der Arbeit von Papadikis u. a.
(2009a) wird der identische Reaktor betrachtet, jedoch unter Ber¨
ucksichtigung der
Zersetzung des Holzes. Holz reagiert dabei in einem ersten Schritt zu Gasen, Teeren
und Holzkohle. Die Teere zerfallen dann in einem zweiten Schritt weiter zu Gasen
und Holzkohle. Die Partikeltemperatur wird mit einer eindimensionalen W¨
armelei-
tungsgleichung modelliert, welche Stoffparameter enth¨
alt, die vom Umsatzgrad des
Holzes linear abh¨
angig modelliert wurden. Konvektion und Strahlung innerhalb des
Partikels werden nicht ber¨
ucksichtigt, was die Form der Energiebilanz erheblich ver-
einfacht (siehe z.B. Grønli (1996)). Als Ergebnisse werden u.a. die Dichte¨
anderung
des Holzpartikels ¨
uber die Zeit, Temperaturprofile innerhalb des Holzpartikels so-
wie Anteile der Edukte und Produkte der Pyrolyse an der urspr¨
unglichen Biomasse
2.2 Literatur¨
ubersicht 15
¨
uber die Zeit gezeigt. Ein detaillierter Vergleich mit experimentellen Daten oder den
Ergebnissen anderer Forschergruppen wird leider nicht pr¨
asentiert.
In Papadikis u. a. (2009c) wird der Prozess der Pyrolyse eines einzelnen Holzparti-
kels in einem leeren Reaktor f¨
ur eine Dauer von 4 s gezeigt. Das Partikel selbst wird
wiederum durch eine eindimensionale Energiebilanz und die entsprechenden Kine-
tiken f¨
ur die prim¨
are und sekund¨
are Pyrolyse beschrieben. Es werden Profile der
Temperatur, der scheinbaren Dichte der Feststoffe und der Edukte und Produkte
der Pyrolyse im Partikel gezeigt. Zus¨
atzlich werden Ergebnisse bzgl. der zeitlichen
¨
Anderung der Partikelmasse und der Partikelgeschwindigkeit pr¨
asentiert. Das in den
Reaktor eingebrachte Partikel wird noch vor Abschluss der Pyrolyse aus dem Reaktor
getragen und somit gibt es keine Aussagen ¨
uber den finalen Zustand der Partikels.
Der dokumentierte Ablauf der Partikelhistorie beginnt mit einem Aufw¨
armen des
Partikels, der Pyrolyse bei Bildung der gasf¨
ormigen und festen Produkte und en-
det mit dem Austrag des Partikels. Das Partikel wird durch eine Kugel mit einem
Durchmesser von 0.0005 m und einer scheinbaren Dichte von 700 kg
/m3modelliert.
Innerhalb von 0.8 s ist die Partikeloberfl¨
ache so heiß, dass die Pyrolyse beginnt, bei
einer festen Anstr¨
omtemperatur von 773 K. Nach 2 s hat das Partikel die Außentem-
peratur angenommen und nach 4 s (dem Austritt aus dem Reaktor) sind noch 37 %
der urspr¨
unglichen Biomasse vorhanden. Ca. 40 % der umgesetzten Biomasse sind
in Teere ¨
ubergangen.
In der Arbeit von Papadikis u. a. (2009b) wird der Einfluss der Partikelschrumpfung
auf das Verhalten zweier Partikel mit einem Durchmesser von 0.0005 m in einem Wir-
belbett aus Sand untersucht. Das Sandbett wird dabei mit Hilfe eines Euler-Ansatzes
als eine Phase beschrieben. Die Schrumpfung der Partikel wird mit zwei verschie-
denen Parameters¨
atzen modelliert und f¨
uhrt zu zwei bzgl. der scheinbaren Dichte
sehr ¨
ahnlichen Partikeln mit unterschiedlicher Gr¨
oße, aber wiederum unvollende-
ter Pyrolyse (die Endwerte der Dichten, Massen etc. werden leider nicht genannt).
Die vorgestellten Daten haben eine zeitliche Dauer von 4 s bzw. 5 s und sind dreidi-
mensional. Das Modell der Gasphase und die entsprechenden numerischen Aspekte
(Gitteraufl¨
osung, Integration der Partikeltrajektorien etc.) sind wie bei Papadikis
u. a. (2009c) wenig aufschlussreich dokumentiert. Jedoch zeigt sich, dass das Parti-
16 Kapitel 2 Einf¨
uhrung
kelschrumpfen von Bedeutung f¨
ur das transiente Bewegungs- und Abbrandverhalten
eines Partikels ist, w¨
ahrend die Profile innerhalb des Partikels stark denen aus der
Arbeit von Papadikis u. a. (2009c) ¨
ahneln.
Die Arbeit von Lathouwers u. Bellan (2001a) befasst sich mit der Euler-Euler-
Modellierung von reaktiven Gas-Feststoff-Wirbelschichten mit Anwendung auf die
Pyrolyse von Biomassen. Es werden detailliert alle Modellannahmen beschrieben
und insgesamt 5 s Simulationszeit analysiert. Um die Zeit zum Erreichen einer sta-
tion¨
aren Fluidisierung zu Minimieren und damit die Aussagekraft der wenigen Se-
kunden Rechenzeit zu erh¨
ohen, wurde das Bett im unteren Bereich initial asymme-
trisch mit Blasen belegt (die Anfangssituation der Partikel im Bett kann als eine Art
abklingende Anfangsbedingung gesehen werden). Eine Parameterstudie dient dazu
die Teerausbeute zu maximieren. Der Reaktor hat eine Breite von 0.1 m und eine
H¨
ohe von 0.55 m. Die Biomassezuf¨
uhrung ist ¨
ahnlich wie bei Abbildung 5.1(a) auf
der dem Gasauslass gegen¨
uberliegenden Seite. Die initiale Betth¨
ohe ist mit 0.163 m
gegeben. Die Einlasstemperatur wird von 600 K bis 950 K variiert, und es werden die
Ausbeuten an Teer, Pyrolysegas und Holzkohle zeitaufgel¨
ost pr¨
asentiert. Zus¨
atzlich
werden die Einlasstemperatur der Biomasse, die Einlassgasgeschwindigkeit des Flui-
disierungsgases, die Orte der Biomassezugabe, die Massenstr¨
ome der zugegebenen
Biomasse und deren Partikelgr¨
oße variiert und bzgl. ihrer Teerausbeute bewertet.
Der Anschaulichkeit wegen werden diverse Schnappsch¨
usse der Ausbeuten der Pro-
dukte, der Volumenfraktionen der Phasen und der Temperaturverteilung gezeigt. In
einer weiteren Arbeit (Lathouwers u. Bellan (2001b)) wird eine Optimierung des
Teergehalts durchgef¨
uhrt, gezielte rechenzeitsparende Modellvereinfachungen getes-
tet und ein Scale-Up vorgenommen. Der fluiddynamische Teil der Arbeit wird durch
die beiden vorherigen Publikationen Lathouwers (1999); Lathouwers u. Bellan (2000)
mit experimentellen Daten verglichen.
In den Publikationen Zhou u. a. (2004a,b, 2003) wird eine Large Eddy Simulation
zum Thema Kohleverbrennung vorgestellt, in der die feste Phase mit Hilfe eines
diskreten Elementeansatzes modelliert wird. Es werden Simulationszeiten von ca.
2 s pr¨
asentiert und im Ganzen 1480 Partikel verfolgt (1460 Sandpartikel und 20 re-
aktive Kohlepartikel). Die Beschreibung des Modells ist sehr ausf¨
uhrlich dargestellt
2.2 Literatur¨
ubersicht 17
und alle wesentlichen Parameter der Simulation werden genannt. Unter anderem
werden die W¨
armeleitung zwischen den Partikeln und diverse Reaktionen stickstoff-
haltiger Komponenten ber¨
ucksichtigt. Der Reaktor selbst ist recht klein mit einer
Breite von ca. 0.05 m und einer H¨
ohe von 0.07 m. Die Gitteraufl¨
osung ist mit neun
mal dreizehn Zellen als grob einzuordnen, wobei die Sandpartikel einen Durchmes-
ser von 0.002 m und die Kohlepartikel Durchmesser zwischen 0.0008 m und 0.002 m
haben. Im ersten Teil der Publikation (Zhou u. a. (2004a)) wird die Wirkung der
variierten Parameter auf die turbulente Struktur der Str¨
omung untersucht. Unter
den variierten Parametern der Simulation befinden sich Gr¨
oßen wie die Einlassge-
schwindigkeit, der Partikeldurchmesser der Kohle sowie die Einlasstemperatur des
fluidisierenden Gases. N¨
aher analysiert wird u.a. das Partikel-Kollisionsverhalten un-
tereinander und an den Reaktorw¨
anden, Partikelgeschwindigkeitsverteilungen, die
mittleren Partikelgeschwindigkeiten sowie die turbulenten Intensit¨
aten der Gas- und
Partikelbewegung. In zweiten Teil der Publikation (Zhou u. a. (2004b) wird der ei-
gentliche Verbrennungsvorgang n¨
aher analysiert. Dabei werden u.a die Heizraten der
Partikel, die energetischen Beitr¨
age zur Partikeltemperatur w¨
ahrend der Aufheizung
und des Abbrandes, die Produktkonzentrationen sowie die ¨
Ubertemperatur der Koh-
lepartikel bzgl. der oben genannten Parametervariation bewertet. Die Energiebilanz
der Kohlepartikel wird vereinfacht als nulldimensional angenommen.
Yu u. a. (2007) untersuchen in ihrer Arbeit die Kohlevergasung mit Hilfe eines Euler-
Euler-Modells. Die experimentelle Validierung ist dabei der Arbeit von Ocampo u. a.
(2003) entnommen. Das zweidimensionale Rechengebiet wird durch 2200 Zellen dis-
kretisiert. Im Ganzen werden die Ergebnisse von sechs verschiedenen Simulationen
mit variierenden Parametern interpretiert. Variiert werden die Brennstoff-, Luft- und
Wasserdampfmassenstr¨
ome in den Einl¨
assen und die Temperaturen der zugef¨
uhrten
Str¨
ome. Die Ergebnisse erl¨
autern den Zusammenhang aus Sauerstoffkonzentration
und Betttemperatur in Abh¨
angigkeit von der Betth¨
ohe, die Abh¨
angigkeit der lokalen
Umsatzraten der Reaktionen des Kohlenstoffs mit Sauerstoff, Wasser und Kohlen-
dioxid vom lokalen Volumenanteil der Kohle sowie die ¨
ortlichen Konzentrationspro-
file der Hauptbestandteile des Produktgases f¨
ur die sechs verschiedenen F¨
alle. Der
Vergleich aus experimentellen Daten und den Simulationsergebnissen liefert Abwei-
chungen bis ca. 20 %.
18 Kapitel 2 Einf¨
uhrung
Simsek u. a. (2009) verwendet ein Euler-Lagrange-Verfahren um die Rostfeuerung
zu Simulieren. Die Simulation ber¨
ucksichtigt ein zweidimensionales Rechengebiet
f¨
ur die eigentliche Feststoffbewegung (mittels diskreter Elemente Methode) sowie
die Kopplung zu einer als dreidimensional betrachteten Brennkammer, in der eine
turbulente Str¨
omung mit diversen Gasphasenreaktionen betrachtet wird. Die Berech-
nung der Brennkammer wird durch ANSYS-CFX bewerkstelligt. Die Schrumpfung
der Feststoffe wird nur w¨
ahrend der Verbrennung - nicht w¨
ahrend Trocknung und
Pyrolyse ber¨
ucksichtigt. Der Feststoff hat bei Simsek u. a. (2009) eine gr¨
oßere He-
terogenit¨
at als in der vorliegenden Arbeit und ber¨
ucksichtigt ein Gemisch aus sechs
initialen Durchmesserklassen die aus verschiedensten Materialien bestehen k¨
onnen
(Papier, Braun- und Steinkohlen, Holz etc.). Zwischen den Partikeln und auch zwi-
schen Brennkammer und den Partikel auf dem sich bewegenden Rost wird der Strah-
lungsaustausch modelliert, da Strahlung eine der wesentlichen Energietranportme-
chanismen bei der Rostfeuerung ist. Quantitative Ergebnisse werden in Form von
Betttemperaturen ¨
uber die Betth¨
ohe pr¨
asentiert und dabei mit experimentellen Er-
gebnissen verglichen. Zus¨
atzlich werden Schnappsch¨
usse u.a. der Temperatur und
der Methankonzentration in der Brennkammer zusammen mit den Massenanteilen
der aus der Pyrolyse resultierenden Kohle auf dem Rost gezeigt.
Zusammenfassend soll hier anhand der Arbeit von Gomez-Barea u. Leckner (2009)
dargelegt werden wo Probleme der bisherigen Modellierung der Biomassevergasung
zu sehen sind. Gomez-Barea u. Leckner (2009) nennen die folgenden Punkte als
wesentliche Mankos der bisherigen Modellierung:
•Modelle der Pyrolyse und der Vergasung sind als Sensitivparameter zu bewer-
ten. Um gute Ergebnisse innerhalb einer Wirbelschichtsimulation zu erhalten,
sind detaillierte Aussagen ¨
uber die Gaszusammensetzung und die Ausbeuten
der Pyrolyse f¨
ur hohe Heizraten und mit der entsprechenden Biomasse bereit-
zustellen.
•Modelle der Holzkohle- und Teerwandlung sind am wenigsten zufriedenstel-
lend. Die Chemie der Teerwandlung kann als stark entwicklungsbed¨
urftig an-
gesehen werden. Die Holzkohlewandlung wird, obwohl in der Literatur h¨
aufig
bereitgestellt, sehr vereinfacht modelliert.
2.3 Ziel der Arbeit 19
•Es gibt keine ausreichende Validierung der Berechnungen durch entsprechende
Experimente, insbesondere f¨
ur gr¨
oßere Anlagen.
•Am besten entwickelt sind die Modelle von Hamel (2001) und de Souza-Santos
(1989). Allerdings ist die G¨
ultigkeit der Modelle direkt an die G¨
ultigkeit der
semiempirischen Modelle der Fluiddynamik gekoppelt.
2.3 Ziel der Arbeit
Ziel der Arbeit ist es, ein Simulationstool zu entwickeln, welches die Holzvergasung
in einer Wirbelschicht mit Hilfe eines Euler-Lagrange-Verfahrens beschreibt. Die tur-
bulenten Schwankungen innerhalb der Gasphase sollen mit Hilfe eines Grobstruktur-
ansatzes beschrieben werden. Die Beschreibung der chemischen Vorg¨
ange innerhalb
der Wirbelschicht beschr¨
ankt sich auf die Verwendung globaler Reaktionskinetiken.
Da die Verwendung eines Euler-Lagrange-Verfahrens sehr rechenintensiv ist, soll das
entstandene Simulationstool parallelisiert werden, um den Anwendungsbereich des
Tools zu vergr¨
oßern und die zeitliche Dauer sowie die Anzahl der ber¨
ucksichtig-
ten Partikel gegen¨
uber der Literatur zu vergr¨
oßern und somit die Aussagekraft zu
erh¨
ohen. Entsprechend den Darstellungen ¨
uber Probleme bei der Modellierung der
Biomassevergasung in Kapitel 2.2 sollen die heterogenen Reaktionen in Abh¨
angigkeit
des Umsatzgrades der Holzkohle modelliert werden und ein m¨
oglichst detailreiches
Teerabbaumodell verwendet werden.
Kapitel 3
Bilanzgleichungen und verwendete Modelle
der Gas- und Festphase
3.1 Die Gasphase
Die Gasphase innerhalb eines Euler-Lagrange-Verfahrens wird als kontinuierliche
Phase beschrieben. Bei der Herleitung der Bilanzgleichungen mehrphasiger Systeme
wurde auf die g¨
angige Literatur zur¨
uckgegriffen. Zum einen sind dabei die sehr fr¨
uhen
Arbeiten von Anderson u. Jackson (1967, 1969) von Nutzen, da sie ein konsisten-
tes nichtreaktives Modell (ohne Energie- und Speziestransportgleichungen) f¨
ur die
Bilanzgleichungen bereitstellen, welches in der letztgenannten Arbeit z.T. auch expe-
rimentell validiert wurde. Darauf aufbauend ist das Buch von Kuo, K. K. (1986) zu
nennen, welches zum anderen nun auch die Energie- und Speziestransportgleichun-
gen bereitstellt und somit ein geschlossenes System zur Berechnung der gesuchten
Bilanzgr¨
oßen der Fluidstr¨
omung bereith¨
alt.
Des Weiteren sind aus dem Bereich der vollkontinuierlichen Modellierung (sogenann-
te Euler-Euler-Modelle) die Arbeit von Gidaspow (1994) sowie die zahlreichen Do-
kumente des Multiphase Flow with Interphase eXchanges (kurz MFIX) Programmes
als Basis dieses Kapitel eingegangen. Euler-Euler-Modelle betrachten zwar alle (also
auch die festen) Phasen als Kontinua, jedoch ist die fluide Phase und deren Mo-
dellierung der hier vorgestellten zumindest artverwandt, wenn nicht teilweise sogar
identisch. Des Weiteren dienten die Arbeiten von Klein (1999); Klein u. a. (2001) als
3.1 Die Gasphase 21
Basis zur Vereinfachung der Bilanzgleichungen, da in dieser Arbeit asymptotische
Entwicklungen der ¨
ublichen Feldgleichungen zur Beschreibung einphasiger Str¨
omun-
gen zu einem verwertbaren Ergebnis f¨
uhrten, n¨
amlich u.a. der Vernachl¨
assigung der
materiellen Ableitung des Druckes in der Energiebilanz 3.6.
Im Folgenden werden hier die verwendeten Bilanzgleichungen der fluiden Phase und
zum Teil auch verwendete Materialgesetze erl¨
autert und vorgestellt.
Die globale Massenbilanz ist gegeben durch:
∂ερg
∂t +∇·(ερgu
u
ug) = X
α
˙wα,s,(3.1)
wobei ε,ρg, and u
u
ugf¨
ur den Volumenanteil der Gasphase, die Gasdichte und die
Geschwindigkeit der Gasphase stehen.
In engem Zusammenhang mit der Massenbilanz steht die Komponentenbilanz der
Gasphase, welche in Gleichung (3.2) dargestellt ist.
∂ερgYα
∂t +∇·(ερgYαu
u
ug) = ˙wα,g + ˙wα,s (3.2)
Yαsteht hier f¨
ur den Massenanteil der Komponente αin der Gasphase und ˙wα,g
f¨
ur die Netto-Produktionsrate der Komponente α, welche durch homogene Gaspha-
senreaktionen hervorgerufen wird. Der Term ˙wα,s stellt in Gleichung (3.2) den Mas-
senaustauschterm der Komponente αzwischen der festen Phase und der Gasphase
dar. Im hier vorliegenden Fall kann dieser Term - je nach Komponente - sowohl ein
positives als auch negatives Vorzeichen haben. Die Pyrolyse und die Trocknung des
Holzes rufen ausschließlich positive Terme hervor, wohingegen die am Partikel ablau-
fenden heterogenen Reaktionen ein negatives Vorzeichen (Edukte der Vergasungs-
reaktionen) als auch eine positives Vorzeichen des Termes ˙wα,s in Gleichung (3.2)
verursachen k¨
onnen (Produkte der Vergasungsreaktionen). Details der Berechnung
des Termes ˙wα,s in Gleichung (3.2) k¨
onnen den Kapiteln 3.2.6 und 3.2.7 entnommen
werden. Die Summe der Massenanteile Yαist definitionsgem¨
aß gleich eins. Diffusive
Prozesse wurden vernachl¨
assigt.
Die Impulsbilanz der Gasphase kann als
∂ερgu
u
ug
∂t +∇·(ερgu
u
ugu
u
ug) + ε∇p+ε(∇·τ
τ
τ) + ε ρgg
g
g=F
F
Fs(3.3)
22 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
geschrieben werden, wobei p,τ
τ
τund g
g
gBezeichner f¨
ur den Druck, den Spannungstensor
und die Gravitationskraft sind. F
F
Fsin Gleichung (3.3) steht f¨
ur den Impulstransport
zwischen der festen und gasf¨
ormigen Phase und wird wie in der Arbeit von Gerber
(2006b) beschrieben berechnet. Der Spannungstensor kann in der herk¨
ommlichen
Schreibweise einer einphasigen Str¨
omung verwendet werden als:
τ
τ
τ=−µeff ∇u
u
ug+∇u
u
uT
g−2
3∇·u
u
ug,
wobei µeff die effektive dynamische Viskosit¨
at der Gasphase ist. Die effektive dyna-
mische Viskosit¨
at ist die Summe aus einem laminaren Wert und einer sogenannten
turbulenten dynamischen Viskosit¨
at, welche an sich kein Stoffwert ist, sondern aus
einem Schließungsansatz f¨
ur die Turbulenz der Str¨
omung resultiert. In dieser Ar-
beit wurde der Ansatz von Marchisio u. Fox (2007) verwendet, der sich wie folgt
darstellen l¨
asst:
µeff =ε(µlam +µturb) = εµlam +ερg(ct∆)2pSij :Sij.(3.4)
∆ ist hier als ∆ = (∆x∆y∆z)1/3definiert und der Term Sij ist durch
Sij =1
2∇u
u
ug+∇u
u
uT
g(3.5)
gegeben. µlam und µturb stehen f¨
ur die laminare und turbulente Viskosit¨
at. Der An-
satz f¨
allt durch seine starke ¨
Ahnlichkeit zu dem einphasigen Ansatz aus Smagorinski
(1963) auf und kann daher als leichte Modifikation des Originalansatzes unter Be-
r¨
ucksichtigung des Volumenanteils des festen Phase gedeutet werden.
Die Energiebilanz wird in dieser Arbeit in Form einer Gesamtenthalpiebilanz behan-
delt und enth¨
alt somit keinerlei chemische Quellterme:
∂ερgh
∂t +∇·εu
u
ugρgh+∇·(εq
q
q) = ˙
Qs.(3.6)
In Gleichung (3.6) stehen q
q
qund ˙
Qsf¨
ur die phaseninterne W¨
armeleitung und den
Energieaustauschterm zwischen der festen und gasf¨
ormigen Phase. Die Summe aus
innerer und chemischer Enthalpie ist durch hbenannt. Ein h¨
aufig in Energiebilanzen
auftretender Term, die materielle Ableitung des Druckes, wird in dieser Arbeit nicht
ber¨
ucksichtigt, denn in Arbeiten, die sich speziell mit Str¨
omungen geringer Machzahl
besch¨
aftigen (Klein (1999); Klein u. a. (2001)), stellte sich heraus, dass dieser Term
3.1 Die Gasphase 23
mit dem Quadrat der Machzahl skaliert und somit einen vernachl¨
assigbaren Einfluss
hat.
Letztendlich wird nat¨
urlich trotz der Verwendung einer Gesamtenthalpiebilanz die
Temperatur zur Auswertung diverser Gleichungen gebraucht (chem. Kinetiken, Be-
ziehungen der Transportkoeffizienten, Partikelmodell der Festphase etc.), weshalb
die Temperatur nach Bestimmung der Gesamtenthalpie mit Hilfe eines Newton-
Verfahrens berechnet wird. Die Gesamtenthalpie hergibt sich als Summe der Ge-
samtenthalpien der einzelnen chemischen Komponenten hαzu
h(T) = X
α
Yαhα(T).(3.7)
Jede der Gesamtenthalpien der einzelnen chemischen Komponenten h¨
angt ihrerseits
von der Temperatur und der komponentenspezifischen Standardbildungsenthalpie
∆h0
αab:
hα(T) = ∆h0
α+
T
Z
T0
cp,α(T) dT,
wobei hier die Annahme eines idealen Gases verwendet wurde, da die Enthalpie hier
als nicht druckabh¨
angig angenommen wurde (das totale Differential der Enthalpie
ergibt i.A. eine Druck und Temperaturabh¨
angigkeit). Die tats¨
achliche Implementa-
tion der W¨
armekapazit¨
aten in OpenFOAM beruht allerdings auf einer polynomialen
Gleichung in Form der Temperatur und beinhaltet keine explizite Darstellung der
Standardbildungsenthalpie ∆h0
α.
Um den Satz an Bilanzgleichungen zu schließen, wird die ideale Gasgleichung zur
algebraischen Kopplung aus dem thermodynamischen Druck pthermodynamisch, der
Temperatur Tund der ¨
uber die Massenanteile der einzelnen Spezies gewichteten
speziellen Gaskonstanten PαYαRαverwendet:
pthermodynamisch =ρgTX
α
YαRα.(3.8)
Der thermodynamische Druck ist in dieser Arbeit entsprechend den Darstellungen
in Klein (1999); Klein u. a. (2001) als zeitlich und r¨
aumlich konstant angenommen
worden. Der Druck in Gleichung (3.3) entspricht daher einem dynamischen Druck,
wie er in inkompressiblen Systemen berechnet wird und hat somit keinerlei expliziten
Einfluss auf Dichte, Temperatur oder Zusammensetzung.
24 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
3.1.1 Homogene Gasphasenchemie
Die homogene Chemie in der Gasphase wird wie die heterogene auch mit Hilfe von
Globalreaktionen modelliert. Dabei werden in dieser Arbeit die Oxidation von Was-
serstoff, Methan und Kohlenmonoxid als irreversible Vorg¨
ange betrachtet und als
einzige reversible Gasphasenreaktion die Wassergas-Shift-Reaktion. Zus¨
atzlich wird
der homogene Zerfall von zwei Teersorten modelliert.
Die Verwendung der globalen Kinetiken ist nat¨
urlich damit verbunden, dass die
Messbedingungen zum Teil Eingang in die hier verwendeten Kinetiken gefunden ha-
ben. Der in dieser Arbeit ber¨
ucksichtigte Reaktionsmechanismus (ohne Teerzerfall)
ist in Gleichung (3.9) abgebildet.
CO + H2OH2+ CO2(i)
CO + 0.5 O2→CO2(ii)
H2+ 0.5 O2→H2O (iii)
CH4+ 2 O2→CO2+ 2 H2O (iv)
(3.9)
Die sehr einfache Beschreibung der chemischen Reaktionen in der Gasphase in dieser
Arbeit liegt im hohen Gesamtrechenaufwand von reaktiven Euler-Lagrange-Verfahren
begr¨
undet. Detaillierte Beschreibungen sind an dieser Stelle eher un¨
ublich (siehe zum
Beispiel Zhou u. a. (2004a)) und w¨
urden die Rechenlast weiter enorm erh¨
ohen. Die
gew¨
ahlten Reaktionen sind dabei typisch f¨
ur diese Modellierungsart und ber¨
ucksich-
tigen die wesentlichen chemischen Vorg¨
ange.
Da nur eine reversible Reaktion in dieser Arbeit ber¨
ucksichtigt wurde, sind die Er-
gebnisse unter Umst¨
anden stark von dieser Reaktion abh¨
angig bzw. ihrer Gleichge-
wichtslage abh¨
angig. Aus diesem Grund zeigt Abbildung 3.1 die Gleichgewichtskon-
stante der Wassergas-Shift-Reaktion (gezeigt wird die Gleichgewichtskonstante der
R¨
uckreaktion aus Gleichung (3.9)). Die Gleichgewichtskonstante deutet darauf hin,
dass bei niedrigen Temperaturen das Gleichgewicht auf Seite des Kohlendioxids sein
wird. Die Gleichgewichtskonstante sinkt bei ca. 1100 Kelvin unter eins und liefert
daher Gleichgewichte die mit steigender Temperatur tendenziell immer st¨
arker auf
der Seite des Kohlenmonoxids liegen. Da dies rein thermodynamische Betrachtungen
3.1 Die Gasphase 25
sind, bleibt hier anzumerken, dass bei niedrigen Temperaturen mit deutlich kleineren
Umsatzraten zu rechnen ist als bei hohen.
600 700 800 900 1000 1100 1200 1300
Temperatur in K
0
5
10
15
20
25
30
Gleichgewichtskonstante
Abbildung 3.1: Gleichgewichtskonstante der Wassergas-Shift-Reaktion nach Hiller u. Reimert
(2010)
Die verwendeten Kinetiken f¨
ur die in Gleichung (3.9) gezeigten Reaktionen sind in
Tabelle 3.1 dargestellt.
Der homogene Zerfall der bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehenden Teere wird an-
hand des Modells von Rath u. Staudinger (2001) modelliert. Dabei entstehen drei
Teere von denen zwei als homogen abbaubar angenommen werden. OpenFOAM er-
laubt die Eingabe von Ratenausdr¨
ucken im CHEMKIN-Format und hat damit eine
Standardschnittstelle f¨
ur chemische Kinetiken. Da wie im Kapitel 3.1 beschrieben,
eine Gesamtenthalpiebilanz verwendet wird, gibt es keine explizite Eingabem¨
oglich-
keit f¨
ur die Reaktionsenthalpie einzelner Reaktionen, da sich die Reaktionsenthalpie
aus den polynomialen Ausdr¨
ucken der W¨
armekapazit¨
aten der an einer Reaktionen
beteiligten Stoffe ergibt.
26 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
Reaktionsnummer und Ratenausdruck Literaturreferenz
(i) r[CO]=−106.44 ·e−12.56
RT [CO]1.0[H2O]1.0Biba u. a. (1978)
(ii) r[CO]=−1014.6·e−167.36
RT [CO]1.0[H2O]0.5[O2]0.25 Dryer u. Glassman (1973)
(iii) r[H2]=−1012.3·e−109.202
RT [H2]1.0[O2]1.0Mitani u. Williams (1980)
(iv) r[CH4]=−1013.2·e−202.505
RT [CH4]0.7[O2]0.8Dryer u. Glassman (1973)
Einheiten der Ratenausdr¨
ucke mol
/cm3s, Einheit der Gaskonstante kJ
/molK
Tabelle 3.1: Kinetische Daten der homogenen Gasphasenreaktionen
Der Zerfall von Teeren in der Arbeit von Rath u. Staudinger (2001) ber¨
ucksichtigt
keine speziellen Komponenten f¨
ur den Teer sondern geht von virtuellen Teerkom-
ponenten aus. Das ist insofern g¨
angig in der Literatur, als das der bei der Pyrolyse
entstehende Teer aus sehr vielen (Gr¨
oßenordnung 100) in ihren Anteilen variieren-
den Komponenten besteht und somit Vereinfachungen notwendig sind. Allerdings
zeigen diese Vereinfachungen bei der Implementation der Teerzerfallskinetiken in
OpenFOAM einige Schw¨
achen.
Die von Rath u. Staudinger (2001) ver¨
offentlichten Daten f¨
ur den Teerzerfall beinhal-
ten Massenfraktionen (siehe Tabelle 3.2) der beim Teerzerfall entstehenden Kompo-
nenten. Auf Basis der ver¨
offentlichten Massenfraktionen lassen sich allerdings keine
sinnvollen Stoffe finden, die den oben genannten Bedingungen entsprechen. Als Teere
werden Benzol, Ethanol und Propanol gew¨
ahlt, wobei Benzol als der nicht abbau-
bare Teer gew¨
ahlt wurde. Diese Stoffauswahl ist an sich vollkommen willk¨
urlich,
da in der Arbeit von Rath u. Staudinger (2001) keine konkreten Spezies genannt
werden. Ethanol und Propanol sind somit aus rein energetischen Gr¨
unden gew¨
ahlt
worden und gelten im Allgemeinen nicht als Teervertreter. Die Reaktionsenthalpie
der Teerzerfallsreaktionen wird damit durch die W¨
armekapazit¨
aten der Teere und
ihrer Zerfallsprodukte bestimmt und ist endotherm.
Die Endothermie der Teerzerfallsreaktionen wurde durch die Wahl der beiden zer-
setzlichen Teere (Ethanol und Propanol) sowie durch die Wahl von C2H2als Pro-
dukt festgelegt. Die Wahl von typischen Teersubstanzen (meist Aromaten) als re-
pr¨
asentative Teersubstanzen f¨
uhrt direkt auf stark exotherme Reaktionen, obwohl
das Cracken von Teeren als endothermer Prozess bekannt ist. Rath u. Staudinger
3.1 Die Gasphase 27
(2001) spezifiziert nur einen Gesamtwert der bei der Teerzersetzung entstehenden
Kohlenwasserstoffe, da sich ansonsten Konsistenzprobleme innerhalb der Ergebnisse
ergeben. Die Wahl von C2H2als Produkt an Stelle von CH4fiel ebenfalls aufgrund
der sich ergebenen Reaktionsenthalpie der Teerzersetzung (Methan w¨
urde die Reak-
tionsenthalpie ins exotherme verschieben). Die kinetischen Daten des als Reaktion
erster Ordnung angenommenen Teerzerfalls sind in Tabelle 3.3 aufgelistet.
Gaskomponente Ethanol Propanol
CO 0.602 0.534
CO20.121 0.085
C2H20.137 0.211
H2O 0.14 0.17
Tabelle 3.2: Massenanteile der beim Teerzerfall entstehenden Gase nach Rath u. Staudinger
(2001)
Gaskomponente Ethanol Propanol
A in 1
/s3.076 ·1031.13 ·106
E in kJ
/mol 66.3 109.0
a 1.0 1.0
kinetischer Ansatz r=A·e−E
RT ·Aa
Tabelle 3.3: Kinetische Daten des Teerzerfalls nach Rath u. Staudinger (2001)
In dieser Arbeit wurde ein Splittingverfahren erster Ordnung zur getrennten Integra-
tion der Quellterme der einzelnen Gasphasenkomponenten aufgrund von homogenen
chemischen Gasphasenreaktionen und den restlichen Feldgleichungen verwendet. Zur
Integration der homogen chemischen Quellterme stehen in OpenFOAM die in Kapitel
3.2.8 genannten Integrationsverfahren zur Verf¨
ugung. Die Ergebnisse dieser Arbeit
basieren bzgl. der homogen chemischen Quellterme ausschließlich auf der Integration
mit dem Verfahren von Cash u. Karp (1990).
28 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
3.2 Die Festphase
Die Bilanzgleichungen der festen Phase sind innerhalb der Euler-Lagrange-Model-
lierung in einfacher Form gegeben (im Vergleich mit der Euler-Euler-Modellierung)
und bieten einen nat¨
urlichen Zugang zu den gesuchten Gr¨
oßen. Die gesuchten Gr¨
o-
ßen sind hier die Masse, die Temperatur, die Zusammensetzung, die Gr¨
oße, die Ge-
schwindigkeit, der Ort und die Rotationsgeschwindigkeit jedes einzelnen Partikels.
Die Partikel werden in dieser Arbeit generell als kugelf¨
ormig angenommen. Der Ein-
fluss dieser Annahme ist rechentechnisch nicht zu untersch¨
atzen, da die Kollisions-
dynamik nicht kugelf¨
ormiger Partikel um einiges kompliziertes ist (siehe Schwager
u. P¨
oschel (2005)). Die Partikelbewegung und der Partikelabbrand nicht kugelf¨
or-
miger Partikel k¨
onnen ohne deutlich gr¨
oßeren Aufwand anhand der Sph¨
arizit¨
at gut
modelliert werden. Die Sph¨
arizit¨
at eines beliebigen K¨
orpers ist als Oberfl¨
ache ei-
ner volumengleichen Kugel im Verh¨
altnis zur Oberfl¨
ache des K¨
orpers definiert. Der
Einfluss der Sph¨
arizit¨
at auf die f¨
ur die Bewegung eines Partikels maßgebliche Wi-
derstandskraft ist in der Literatur gut beschrieben, allerdings kaum f¨
ur andere am
Partikel angreifenden Kr¨
afte oder Momente. Der Abbrand eines Partikels ist maß-
geblich durch die Form des Partikels beeinflusst, wie zum Beispiel die Arbeit von Lu
(2006) zeigt. Der Einfluss der Partikelform kann durchaus Faktor zwei bis drei bei
der Gesamtumsatzzeit des Partikels ausmachen.
Effekte, die die ¨
Anderung des Ortes, der Geschwindigkeit und der Rotationsge-
schwindigkeit beeinflussen, werden in Kapitel 3.2.1, 3.2.3 und 3.2.2 beschrieben.
Kapitel 3.2.1 zeigt die eigentlichen Bewegungsgleichungen (siehe Gleichung (3.10)),
wohingegen in den Kapitel 3.2.2 und 3.2.3 die am Partikel angreifenden Kr¨
afte und
Momente diskutiert werden. Die Berechnung der Masse, der Temperatur, der Zu-
sammensetzung und der Gr¨
oße des Partikels wird in den Kapiteln 3.2.5, 3.2.6 und
3.2.7 erkl¨
art. Die Kapitel 3.2.4 und 3.2.8 dokumentieren die L¨
osungsstrategien der
Partikelbewegung und des reaktiven Partikelmodells.
Die Bewegungsgleichungen der Partikel innerhalb der Euler-Lagrange’schen Model-
lierung basieren auf (semi-) empirischen Gesetzm¨
aßigkeiten, deren Basis h¨
aufig in der
3.2 Die Festphase 29
L¨
osung spezieller Umstr¨
omungsprobleme einer Kugel f¨
ur schleichende Str¨
omungen
und station¨
are Bedingungen liegt.
3.2.1 Impulsbilanz der Partikel - Bewegungsgleichungen
Die Bilanz des Impulses eines Partikels wird hier zusammen mit dem Pendant der
Drehimpulsbilanz der fluiden Phase behandelt. Die ¨
Anderung des Ortes ergibt sich
aus der Tatsache, dass die erste materielle Ableitung des Ortes die Geschwindigkeit
ist. Zusammenfassend ergeben sich die Bewegungsgleichungen eines Partikels zu:
dx
x
xp
dt=u
u
up,
dmpu
u
up
dt=
n
X
i=1
F
F
Fi,(3.10)
dIpω
ω
ωp
dt=
m
X
i=1
T
T
Ti,
wobei x
x
xpden Ort, u
u
updie Geschwindigkeit, ω
ω
ωpdie Rotationsgeschwindigkeit und mp
die Masse des Partikels bezeichnen. Ip=2
5mpr2
psteht in Gleichung (3.10) f¨
ur das
Massentr¨
agheitsmoment eines Partikels, wobei in dieser Arbeit bzgl. des Massen-
tr¨
agheitsmomentes immer davon ausgegangen wird, dass das Partikel eine isotrope
Massenverteilung besitzt und somit Effekte wie die Pyrolyse (es entsteht typischer
Weise am ¨
außeren Rand des Partikels zuerst Holzkohle w¨
ahrend in der Mitte des Par-
tikels noch Holz sein kann) nicht auf die Bestimmung des Massentr¨
agheitsmomentes
einwirken. Der Radius eines Partikels ist durch rpgegeben. Die Gr¨
oßen F
F
Fiund
T
T
Tiin den Bewegungsgleichungen eines Partikels (3.10) ber¨
ucksichtigen die an dem
Partikel angreifenden Kr¨
afte (Widerstandskraft, Kollisionskr¨
afte etc.) und Momen-
te (Kollisionsmomente etc.). Gleichung (3.10) zeigt, dass die Masse eines Partikels
mpsowie deren Massentr¨
agheitsmoment Ipin den zeitlichen Ableitungen der linken
Seite stehen und somit die ¨
Anderung der Masse (bzw. der Dichte), z.B. durch den
Partikelabbrand, und des Durchmessers, z.B. w¨
ahrend der Pyrolyse und der Verga-
sung, direkt auf die zu ermittelnden Trajektorien der Partikel wirken. Zur L¨
osung
dieses Satzes an Bewegungsgleichungen m¨
ussen entsprechende Anfangsbedingungen
vorgegeben werden.
30 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
3.2.2 Partikelkr¨
afte
Es gibt ein Vielzahl an Kr¨
aften, die an einem Partikel wirken, wenn sich dieses
Partikel in einem str¨
omenden Fluid befindet. Eine sehr n¨
utzliche Darstellung der
Partikelkr¨
afte findet sich in Sommerfeld (2000b). In dieser Arbeit wird jede, der
hier kurz besprochenen Kr¨
afte, vorgestellt und am Ende auf ihre Bedeutung f¨
ur
verschiedene Systeme gepr¨
uft. Die dabei untersuchten Systeme sind Kupferpartikel
in Luft, Glaspartikel in Luft und Luftblasen in Wasser, welche wegen ihrer Unter-
schiede im Dichteverh¨
altnis von disperser und kontinuierlicher Phase gew¨
ahlt wur-
den. Basis dieser Untersuchung ist die Arbeit von Hjelmfeld u. Mockros (1966), in
der via Fourierananlyse die Amplitude (Verh¨
altnis der Partikelgeschwindigkeit zur
Fluidgeschwindigkeit) und die Phasenverschiebung (Zeitverzug der Partikelreakti-
on) der L¨
osung der entstehenden Bewegung berechnet wurde. Die Betrachtung gilt
ausschließlich den Kr¨
aften, die bei kleinen Reynoldszahlen (hier kommen verschie-
dene Definitionen der Reynoldszahlen ins Spiel, die dem jeweils zugrunde liegen-
den Effekt angepasst wurden) gelten und somit auch analytisch bestimmbar sind.
Diese Tatsache sollte nicht dar¨
uber hinwegt¨
auschen, dass eine gewisse Generalit¨
at
bzgl. der Reynoldszahlabh¨
angigkeit der Untersuchung gegeben ist, da die allgemei-
nen Bestimmungsausdr¨
ucke der angreifenden Kr¨
afte zumeist als Abweichungen der
analytischen Beziehungen definiert sind und somit angenommen werden kann, dass
es sich eben um Abweichungen handelt und damit der Hauptanteil der Wirkung
einzelner Effekte bereits im analytisch gegebenen Anteil der Kr¨
afte liegt. Andern-
falls w¨
are eine Definition eines Abweichungsfaktors sinnlos, da der Referenzwert der
Abweichung keinerlei Bedeutung h¨
atte. Die in allen analytischen Ausdr¨
ucken impli-
zierte Ungest¨
ortheit der Partikel und der Str¨
omung erlaubt eine Verwendung der
Ausdr¨
ucke nur in d¨
unnen Str¨
omungen (Bereich der Ein-Wege-Kopplung, siehe dazu
auch Abbildung 2.1). Die Art der Str¨
omung h¨
angt nach Crowe (1981) wesentlich
vom Verh¨
altnis zweier Zeitskalen ab: der Zeit zwischen zwei Kollisionen τC(dem
Reziprok der Kollisionsfrequenz) und der Reaktionszeit eines Partikels τP, welche
nur aufgrund von Widerstandskr¨
aften wie folgt definiert ist
τP=ρPd2
P
18 µFfD
,(3.11)
3.2 Die Festphase 31
mit fDals Abweichungsfaktor zur Widerstandskraftberechnung bei nicht Stokes’schen
Verhalten (keine schleichende Str¨
omung) mit Werten gr¨
oßer eins. Ist dann τP
τC<1
handelt es sich um eine d¨
unne Str¨
omung, andernfalls um eine dichte.
Es folgt eine kurze Darstellung der am Partikel angreifende Kr¨
afte, deren Details
(insbesondere der Implementation in die bestehende Simulationssoftware und der
Kraftbeiwerte) in der Arbeit von Gerber (2006a,b) aufgezeigt sind.
Widerstandskraft
Die Widerstandskraft einzelner Partikel in str¨
omenden Fluiden kann hier ohne ¨
Uber-
treibung als eine der am besten erforschten Einfl¨
usse einer Str¨
omung auf Partikel
dargestellt werden. Diese Kraft vereint sowohl Reibungseffekte als auch Formwi-
derstandseffekte und wurde bereits sehr fr¨
uh in der Arbeit von Stokes (1851) f¨
ur
schleichende Str¨
omungen untersucht. Das treibende Potential der Widerstandskraft
ist die Differenzgeschwindigkeit zwischen Fluid und Partikel:
F
F
FW=3ρFmPCW(u
u
uF−u
u
uP)|u
u
uF−u
u
uP|
4ρPDP
(3.12)
mit dem Beiwert der Widerstandskraft CW. Es gibt eine Vielzahl von Relationen
zur Bestimmung des Reibungsbeiwertes (z.B. Martin (1980); Schiller u. Naumann
(1933)). Generell ist der Beiwert als Funktion der Partikelreynoldszahl, die wie folgt
definiert ist, gegeben:
ReP=DP|u
u
uF−u
u
uP|
νF
.(3.13)
Saffmann-Kraft
Die Saffmannkraft ist in den Arbeiten Saffmann (1965, 1968) untersucht worden.
Aufgrund eines Gradienten im anstr¨
omenden Fluidgeschwindigkeitsfeld erf¨
ahrt das
Partikel eine Kraft, die senkrecht zur Anstr¨
omung wirkt und das Partikel zu h¨
oheren
Geschwindigkeiten hin treibt. Der Zusammenhang l¨
asst sich als:
F
F
FS=ρFπD3
PCS
8((u
u
uF−u
u
uP)×ω
ω
ωF) (3.14)
darstellen, dabei ist ω
ω
ωFdie Rotation der Fluidgeschwindigkeit. Dabei steht CSf¨
ur
den Beiwert der Saffmannkraft, der wiederum abh¨
angig ist von der Partikelreynolds-
zahl und der wie folgt definierten Reynoldszahl der Saffmannkraft:
ReS=|ω
ω
ωF|D2
P
νF
.(3.15)
32 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
Diese Kraft wirkt aufgrund der Abh¨
angigkeit vom Gradienten des Fluidgeschwindig-
keitsfeldes insbesondere an Gebietsw¨
anden und Grenzen zwischen den Phasen, da
dort die zu erwartenden Gradienten am gr¨
oßten sein werden, bedingt durch die Haft-
bedingung des Fluids an festen W¨
anden bzw. die starke Geschwindigkeits¨
anderung
am Rand von Gasblasen im Bett, verursacht durch starke ¨
Anderung der lokalen Vo-
lumenanteile der Phasen. Geeignete Korrelationen des Beiwertes sind z.B. in Dandy
u. Dwyer (1990) und Mei (1992) gegeben.
Magnus-Kraft
Die Quantifizierung der Magnuskraft geht auf Arbeiten von Rubinow u. Keller (1961)
und Crowe u. a. (1998) zur¨
uck. Die Magnuskraft ist dabei der Saffmannkraft sehr
¨
ahnlich, jedoch resultiert sie aus der Eigenrotation des Partikel in einer gleichf¨
ormi-
gen Anstr¨
omung. Der formelm¨
aßige Zusammenhang ist gegeben durch:
F
F
FM=ρf
8πD2
PCM|u
u
uF−u
u
uP|Ω
Ω
Ω×(u
u
uF−u
u
uP)
|Ω
Ω
Ω|,(3.16)
wobei CMder Beiwert der Magnuskraft ist und Ω
Ω
Ω als Differenz der Rotationen des
Fluids und des Partikels definiert ist als:
Ω
Ω
Ω = 1
2∇×u
u
uF−ω
ω
ωP.(3.17)
Korrelationen f¨
ur den Beiwert, der hier eine Funktion der Partikelreynoldszahl und
der Gr¨
oße ReR(siehe Gleichung (3.18)) ist, sind z.B. in Osterle u. Dinh (1998) zu
finden.
ReR=|Ω
Ω
Ω|D2
P
νF
(3.18)
Druckkraft
Eine resultierende Kraft an einem Partikel entsteht durch einen lokalen Druckgra-
dienten, wobei die L¨
angenskala zur Bildung des Gradienten gr¨
oßer als der Partikel-
durchmesser sein soll. Der Zusammenhang aus Druckkraft und Druckgradienten ist
im Folgenden gegeben:
F
F
FP=−mp
ρp∇p. (3.19)
3.2 Die Festphase 33
Added-Mass-Kraft
¨
Andert ein Partikel in einer Fluidstr¨
omung seine Geschwindigkeit so wird zwangsl¨
au-
fig auch ein gewisser Teil des umgebenden Fluids seine Geschwindigkeit ¨
andern. Die
Masse des mitbewegten Fluids nennt man ”Added Mass”, da sie sich n¨
aherungsweise
wie eine zus¨
atzliche Partikelmasse verh¨
alt. Der zu ber¨
ucksichtigende Term innerhalb
der Gleichung (3.10) f¨
ur die Added-Mass-Kraft sieht wie folgt aus
F
F
FA=1
2CAρF
mP
ρP
d
dt(u
u
uf−u
u
up),(3.20)
wobei CAein Beiwert zur Ber¨
ucksichtigung h¨
oherer Partikelreynoldszahlen ist, der
der Arbeit von Odar u. Hamilton (1964) entnommen werden kann.
Basset-Kraft
Die Basset-Kraft liegt in der sich instation¨
ar ver¨
andernden Grenzschicht eines Par-
tikels w¨
ahrend einer Geschwindigkeits¨
anderung begr¨
undet. Dabei gilt folgender An-
satz f¨
ur die Basset-Kraft:
F
F
FB= 9rρFµF
π
mp
ρpdp
CB
t
Z
0
d(u
u
uf−u
u
up)
dt
1
(t−τ)0.5dτ+(u
u
uf−u
u
up)0
√t
,(3.21)
wobei CBwiederum ein Beiwert ist, der die Ber¨
ucksichtigung h¨
oherer Partikel-
reynoldszahlen erlaubt und der Arbeit von Odar u. Hamilton (1964) entnommen
werden kann. Aus Gleichung (3.21) l¨
aßt sich klar erkennen, dass es sich bei der
Basset-Kraft um eine Art abklingende Anfangsbedingung handelt (nat¨
urlich muss
das Geschwindigkeitsfeld des Fluids nicht station¨
ar sein).
Gewichtskraft und Auftrieb
Eine der Kr¨
afte, die in einer Gas-Feststoff-Str¨
omung dominieren, ist durch die fol-
gende Gleichung gegeben:
F
F
FG+F
F
FA=VP(ρP−ρF)g
g
g, (3.22)
wobei die Auftriebskraft F
F
FAh¨
aufig gegen¨
uber der Gewichtskraft F
F
FGvernachl¨
assigt
wird, da der Einfluss des verdr¨
angten Volumens aufgrund des Dichteverh¨
altnisses
zwischen fester und fluider Phase sehr klein ist.
34 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
Partikelkontaktkr¨
afte und Partikelkontaktmomente
Diese Art der Kr¨
afte geht auf die Interaktion zwischen den Partikeln zur¨
uck und wird
ausf¨
uhrlich in Kapitel 3.2.3 beschrieben. Eine Beeinflussung der Kollisionsdynamik
durch das die Partikel umgebende viskose Fluid (siehe z.B. Yang (2006)) wird hier
nicht ber¨
ucksichtigt, da das die Partikel umgebende Gas deutlich zu d¨
unn ist, um
hier nennenswerte Effekte hervorzurufen.
Partikelrotation
Die Eigenrotation der Partikel wird durch die folgende Gleichung beschrieben:
T
T
T=ρF
2DP
25
CR|Ω
Ω
Ω|Ω
Ω
Ω,(3.23)
wobei der Beiwert CRaus den Beziehungen der Arbeiten von Dennis u. a. (1980);
Rubinow u. Keller (1961); Sawatzki (1970) verwendet wurde.
Relevante Kr¨
afte einer Gas-Feststoff-Str¨
omung
Resultierend aus der bereits oben angesprochenen analytischen Untersuchung der
Abh¨
angigkeit der Partikeltrajektorien von den verschiedenen hier vorgestellten Kr¨
af-
ten (siehe Sommerfeld (2000b) bzw. Hjelmfeld u. Mockros (1966)) kann hier festge-
stellt werden, dass die Amplitude der L¨
osung (Verh¨
altnis der Partikelgeschwindigkeit
zur Fluidgeschwindigkeit) relativ unabh¨
angig von der Basset-, Added-Mass- und der
Druckkraft sind. Jedoch zeigt sich, dass die Phasenwinkel der L¨
osung (Zeitverzug der
Partikelreaktion bei Anregung) insbesondere f¨
ur große Partikel bzw. hohe Frequen-
zen der Fluidbewegung weiterhin stark von der Druck- und der Added-Mass-Kraft
abh¨
angt und nur die Basset-Kraft bei nicht allzu hohen Frequenzen vernachl¨
assigbar
ist. Laut Sommerfeld (2000b) zeigt sich diese nicht zu vernachl¨
assigende Abh¨
angig-
keit bei modifizierten Stokes-Zahlen St kleiner als f¨
unf, wobei die Stokes-Zahl wie
folgt definiert wurde:
St =µF
ρFω d2
p
.(3.24)
In Gleichung (3.24) steht ωf¨
ur die Frequenz, die in den Fourierans¨
atzen f¨
ur die
Fluid- und Partikelgeschwindigkeit als Parameter steht.
Als Beispiel soll hier die genannte modifizierte Stokes-Zahl von f¨
unf gelten und un-
tersucht werden, unter welchen Umst¨
anden (Durchmesser der Partikel, Frequenz
3.2 Die Festphase 35
der Bewegung) eine Ber¨
ucksichtigung der angesprochenen Kr¨
afte notwendig w¨
are.
Zur Ber¨
ucksichtigung der Fluideigenschaften in Gleichung (3.24) wird ein Wert von
0.0002 m2
/sf¨
ur die kinematische Viskosit¨
at angenommen, der in der Gr¨
oßenordnung
des entsprechenden Wertes f¨
ur Luft bei ca. 1300 K liegt. Als Partikeldurchmesser sol-
len Werte zwischen 10 µm und 4 mm betrachtet werden, was ungef¨
ahr dem in dieser
Arbeit maximal verwendeten Durchmesserspektrum entspricht. Abbildung 3.2 zeigt
die Ergebnisse als zweidimensionale Darstellung, wobei die Frequenz ω¨
uber den Par-
tikeldurchmesser dargestellt ist. Aus Abbildung 3.2 kann man bei gegebenem Par-
tikeldurchmesser ablesen, bei welcher Frequenz der Str¨
omung sich eine modifizierte
Stokes-Zahl von f¨
unf ergibt und damit nach Sommerfeld (2000b) die Vernachl¨
assi-
gung obig genannter Kr¨
afte nicht mehr akzeptabel w¨
are. F¨
ur große Partikel reichen
offensichtlich relativ kleine Frequenzen der Str¨
omung um die Berechnung von obig
genannten Kr¨
aften notwendig zu machen.
10-2 10-1 100101
Partikeldurchmesser in mm
100
101
102
103
104
105
106
Frequenz in 1/s
St=5
Abbildung 3.2: Frequenz der Bewegung ¨
uber den Partikeldurchmesser bei gegebener modifizierter
Stokes-Zahl von f¨
unf nach Gleichung (3.24)
36 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
In der Arbeit von Zhong u. a. (2006) wird der Fall eines Strahlbettes untersucht und
dabei der Einfluss der Widerstands-, Gewichts-, Magnus-, Saffmann- und Kontakt-
kr¨
afte auf die Partikel untersucht. Andere Kr¨
afte wurden nicht ber¨
ucksichtigt. Der
prozentuale Anteil der einzelnen Kr¨
afte wird entsprechend den sehr heterogenen Ver-
h¨
altnissen in einem Strahlbett ¨
uber den Radius des Bettes dargestellt, um bei kleinen
Radien die Verh¨
altnisse im Jet und bei großen Radien die Verh¨
altnisse im dichten
Bett zu untersuchen. Dabei stellt sich heraus, dass die Kontaktkr¨
afte im wandnahen
Bereich klar dominieren (ca. 80 % der Gesamtkraft) und die Widerstandskraft im Jet
dominiert (ca. 65 % der Gesamtkraft). Die Gewichtskraft zeigt ausgepr¨
agte Minima
im Jet und an der Wand mit einem Maximumplateau zwischen Jet und Wand (ca.
25 % der Gesamtkraft). Magnus- und Saffmannkraft haben hier deutlich geringere
Auswirkungen und haben eigentlich nur an der Grenze von Jet und dichtem Bett
Werte von ca. 6 % der Gesamtkraft, da hier die gr¨
oßten Geschwindigkeitsgradienten
auftreten (der Volumenanteil der festen Phase springt hier entsprechend stark).
Relevante Kr¨
afte vs. Modellierung in dichten Str¨
omungen
Trotz der auf den letzten Seiten dargestellten Einschr¨
ankungen bzgl. der G¨
ultigkeit
der Ans¨
atze der verschiedenen Partikelkr¨
afte werden diese h¨
aufig auch f¨
ur dichte
Bereiche verwendet und wie in Zhong u. a. (2006) z.B. dazu verwendet, die relativen
Beitr¨
age einzelner Kr¨
afte auf das Partikel zu bestimmen.
Generell l¨
asst sich hier festhalten, dass es keine g¨
ultigen Relationen f¨
ur alle bis hier
genannten Partikelkr¨
afte bis auf die Widerstandskraft f¨
ur dichte Partikelstr¨
omungen
gibt. Der Grund liegt wohl zum einen darin, dass derartige Systeme messtechnisch
sehr schwer zug¨
anglich sind und zum anderen, dass die Komplexit¨
at der Wechsel-
wirkungen so groß ist, dass die oben genannten semiempirischen Ans¨
atze nicht alle
wesentlichen Kraft-Potential-Paarungen richtig erfassen bzw. Abh¨
angigkeiten bzgl.
mehrerer Potentiale m¨
oglich sind.
Nichts desto trotz werden die vorhandenen und hier im Folgenden dargestellten Be-
ziehungen erfolgreich auf inerte und reaktive Systeme angewandt und es k¨
onnen
qualitativ Effekte wie z.B. die Entmischung bidisperser Systeme und die Blasenbil-
dung sowie quantitativ z.B. der Druckabfall wiedergeben werden. Die Beziehungen
sind allerdings gerade daraufhin angepasst, dass Werte wie der Druckabfall wieder-
3.2 Die Festphase 37
gegeben werden k¨
onnen. Untersuchungen bzgl. der Dynamik des Druckabfalls unter
spezifischen Bedingungen sind nicht bekannt.
Die Herkunft der verf¨
ugbaren Beziehungen f¨
ur die Widerstandskraft im dichten Be-
reich l¨
asst sich nach Li u. Kuipers (2003) in drei Bereiche einteilen:
•Entwicklungen semiempirischer Beziehungen aufgrund von Druckabfallmessun-
gen,
•Entwicklungen semiempirischer Beziehungen aufgrund von Bettexpansionsex-
perimenten,
•Entwicklungen aufgrund von Direkten Numerischen Simulationen.
Insbesondere die ersten beiden Punkte zeigen die großen Unterschiede der Model-
lierung der Partikelkr¨
afte im d¨
unnen und dichten Bereich. Die Entwicklung von
semiempirischen Beziehungen aufgrund von Druckabfallmessungen und Bettexpan-
sionsexperimenten wird in den meisten F¨
allen eindimensionale Abh¨
angigkeiten des
Druckabfalls von den hier als unabh¨
angig angenommenen Variablen hervorrufen, das
heißt, dass dann eine skalare Gr¨
oße (der Druckabfall in axialer Richtung) dazu dient,
das komplexe Verhalten von Partikelschw¨
armen zu beschreiben.
Aus der Gruppe der Korrelationen aufgrund von Druckabfallmessungen sind die
bekanntesten die Beziehungen von Ergun (1952) und Wen u. Yu (1966). Die Arbeit
von Ergun (1952) stammt aus dem Bereich der Festbetten und sollte daher nur
verwendet werden, wenn entsprechende Zust¨
ande herrschen. Die Arbeit von Wen
u. Yu (1966) basiert auf der g¨
ultigen Widerstandskorrelation f¨
ur einzelne Partikel
und erweitert die Formel entsprechend mit einem Korrekturfaktor f¨
ur die dichtere
Packung:
F
F
FW=3ρFmPCW(u
u
uF−u
u
uP)|u
u
uF−u
u
uP|
4ρPDP
| {z }
Gleichung der Einzelkugel
f(α)
|{z}
Korrekturfaktor
.(3.25)
Der Korrekturfaktor kann dabei unter anderen den Arbeiten von Wen u. Yu (1966),
Happel (1958) und Felice (1994) entnommen werden.
Ein Modell mit Druckexpansionsexperimenten als Basis ist z.B. die Arbeit von Ri-
chardson u. Zaki (1954), die auch in Euler-Euler-Modellen (MFIX (2007)) imple-
38 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
mentiert ist. Bettexpansionsexperimente sind allerdings f¨
ur Gas-Feststoff-Systeme
deutlich weniger aussagekr¨
aftig als bei Fest-Fl¨
ussig-Systemen.
Eine weitere Arbeit, die den Einfluss verschiedener Widerstandsbeziehungen quan-
titativ auf Basis dimensionsloser Gr¨
oßen untersucht, ist Boyalakuntla (2003). Dabei
werden mit identischen Werten des Volumenanteils Unterschiede der verschiedenen
Beziehungen (hier Wen u. Yu (1966), Syamlal u. a. (1994), Tsuji u. a. (1993)- vom
Typ Ergun (1952)) mit Faktor 10 und gr¨
oßer festgestellt. Auff¨
allig an den in Boyala-
kuntla (2003) dargestellten Werten ist, dass der Unterschied zwischen den Arbeiten
Wen u. Yu (1966) und Tsuji u. a. (1993) sich fast ausschließlich in einer Abh¨
an-
gigkeit des Volumenanteils ausdr¨
uckt, jedoch nicht in einer Abh¨
angigkeit von der
Partikelreynoldszahl. Der Grund liegt wohl in der sehr ¨
ahnlichen Datenbasis.
3.2.3 Partikelkollisionen
Feder
Kopplung
D¨
ampfer
Abbildung 3.3: Darstellung des Feder-D¨
ampfer-Modells f¨
ur die Normalkraft
Grundlage dieses Kapitels ist das ”Distinct Element Model” von Cundall u. Strack
(1979), welches u.a. in Boyalakuntla (2003) ausf¨
uhrlich besprochen wird.
Dieses Modell geht im Gegensatz zu vielen anderen Kollisionsmodellen davon aus,
dass es nach einem zeitlichen Schritt der Partikelbewegung zu ¨
Uberlappungen der
3.2 Die Festphase 39
Kopplung Reibungselement
Feder
D¨
ampfer
Abbildung 3.4: Darstellung des Feder-D¨
ampfer-Modells f¨
ur die Tangentialkraft
Partikel kommt. Dabei ist es unerheblich, ob sich zwei Partikel oder mehrere Parti-
kel ¨
uberlappen. Die Idee des Modells zeigt Abbildung 3.3 bzw. 3.4 getrennt f¨
ur die
tangentialen und normalen Komponenten der zwischen den Partikeln entstehenden
Kr¨
afte bzw. Momente. Sobald eine ¨
Uberlappung registriert wird, nutzt man diese
¨
Uberlappung, um damit eine Feder zu spannen, die daf¨
ur sorgt, dass sich die ¨
uberlap-
penden Partikel im n¨
achsten Zeitschritt wieder auseinander bewegen. Zus¨
atzlich zu
diesem Mechanismus sind die ¨
uberlappenden Partikel mit einem D¨
ampfer ausgestat-
tet, der f¨
ur die Dissipation der kinetischen Energie der Partikel sorgt. Im Folgenden
wird das Modell kurz skizziert.
Die Bewegungsgleichungen der Partikel (siehe Kapitel 3.2.1) werden durch zwei Ar-
ten auf die Partikel wirkenden Kr¨
afte (bzw. Momente) bestimmt. Zum einen handelt
es sich dabei um Wechselwirkungen der Partikel mit dem Fluid F
F
FFluid bzw. T
T
TFluid,
welche bereits in Kapitel 3.2.2 beschrieben sind und zum anderen um Kontaktkr¨
af-
te (oder Kontaktmomente) F
F
FKontakt bzw. T
T
TKontakt, die zwischen dem betrachteten
Partikel und seinen Nachbarn durch deren ¨
Uberlappung zu Stande kommen. Die
Kontaktkr¨
afte und -momente der Partikel werden dabei in normale und tangentiale
Komponenten zerlegt und getrennt behandelt. Die Normalkraft ist gerade die Kraft
in Richtung des Vektor n
n
n, der wie folgt definiert ist:
n
n
n=x
x
xj−x
x
xi
|x
x
xj−x
x
xi|.(3.26)
40 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
Die relative Geschwindigkeit der beiden Partikel ist durch
v
v
vr=v
v
vi−v
v
vj(3.27)
definiert, womit sich auch die normale Komponente der Relativgeschwindigkeit als
v
v
vr,normal,ij =v
v
vrn
n
nberechnen l¨
asst. Die Normalkraft selbst ergibt sich zu:
F
F
FKontakt,normal,ij =−knδ
δ
δnormal,ij −ηnv
v
vr,normal,ij,(3.28)
wobei es sich bei knund ηnum die Federsteifigkeit bzw. um die D¨
ampfungskonstante
in normaler Richtung handelt. Die normale ¨
Uberlappung wurde durch δ
δ
δnormal,ij =
∆tv
v
vr,normal,ij berechnet. Analog dazu wird die tangentiale ¨
Uberlappung nach Sadd
u. a. (1993) zu δ
δ
δtangential,ij = ∆tv
v
vr,tangential,ij berechnet.
Die tangentiale Kraft l¨
asst sich analog zur normalen Kraft als
F
F
FKontakt,tangential,ij =−ktδ
δ
δtangential,ij −ηtv
v
vr,kontakt,ij (3.29)
berechnen, wobei v
v
vkontakt,ij durch folgenden Ausdruck gegeben ist:
v
v
vr,kontakt,ij =v
v
vr,ij −v
v
vr,normal,ij + (riω
ω
ωi+rjω
ω
ωj)×n
n
n(3.30)
und ktund ηtdie Federsteifigkeit und die D¨
ampfungskonstante in tangentialer Rich-
tung sind.
Die D¨
ampferkonstanten werden nach Tsuji u. a. (1993) berechnet:
η= 2γpmPk, γ =α
1 + α2, α =1
πln 1
e,(3.31)
wobei mPf¨
ur die Partikelmasse, k f¨
ur die Federsteifigkeit und e f¨
ur den Verlustbei-
wert der Kollision steht.
Falls f¨
ur die nach Gleichung (3.29) bestimmte tangentiale Kraft die Bedingung in
Gleichung (3.32) erf¨
ullt ist, wird die tangentiale Kraft nach Gleichung (3.33) be-
stimmt.
|F
F
FKontakt,tangential,ij| ≥ |F
F
FKontakt,normal,ij|µ(3.32)
Dieser Fall entspricht der Gleitreibung und µsteht f¨
ur den Reibungsbeiwert.
|F
F
FKontakt,tangential,ij|=−µ|F
F
FKontakt,normal,ij|,(3.33)
3.2 Die Festphase 41
Sind alle ¨
Uberlappungen des Partikels imit seinen Nachbarn jberechnet worden,
kann man die gesamten auf das Partikel iwirkenden Kr¨
afte und Momente wie folgt
aufsummieren:
F
F
FKontakt,i =X
j
(F
F
FKontakt,normal,ij +F
F
FKontakt,tangential,ij),(3.34)
T
T
TKontakt,i =X
j
(rin
n
n×F
F
FKontakt,tangential,ij).(3.35)
3.2.4 Numerische Verfahren zur L¨
osung der Bewegungsgleichungen
Die Genauigkeit von Euler-Lagrange-Verfahren ist abh¨
angig von dem Integrations-
verfahren der Bewegungsgleichungen. Dies ist insbesondere dann von Bedeutung,
wenn wie in dem hier vorliegenden Fall, das zweiphasige System mit einem einfa-
chen Splittingverfahren behandelt wird (siehe Kapitel 4.1), da sich in diesem Fall
wesentliche Gr¨
oßen des Fluidfeldes (z.B. Volumenanteile der Phasen) direkt aus der
Bewegung bzw. dem Ort der Partikel ergeben.
Die Frage nach einem geeigneten Verfahren wird auch in der Literatur zunehmend
diskutiert. Dabei geben die folgenden Beitr¨
age einen Einblick in die Problematik und
liefern viele weitere wichtige Literaturstellen (siehe z.B. Kruggel-Emden u. a. (2008),
Fraige u. Langston (2004), Asmar u. a. (2003), Peters (2003)). Wichtige Aspekte der
Auswahl eines geeigneten Verfahrens sind zum Beispiel der numerische Aufwand des
Verfahrens, die Stabilit¨
at, die Konsistenz (also im wesentlichen die Frage nach der
numerischen Ordnung), die F¨
ahigkeit energieerhaltend, impulserhaltend und auch
erhaltend bzgl. der Phasenraumdichte zu integrieren (h¨
aufig mit dem Begriff eines
symplektischen Verfahrens verbunden), die zeitliche Reversibilit¨
at und nicht zuletzt
die Frage nach einer geeigneten Kombination aus Tracking- und Integrationsverfah-
ren.
Die Auswahl eines geeigneten Verfahrens ist dabei wesentlich mit der diskreten Ele-
mente Methode verbunden, da diese bedingt durch die numerische Aufl¨
osung von
Partikelkollisionen nach sehr kleinen Zeitschritten verlangt. Kruggel-Emden u. a.
(2008) berichtet von einer Kollisionsdauer von 12.5µs bis 34 µs. Betrachtet wur-
den dabei 0.26 g schwere Aluminiumoxidkugeln mit einer Anfangsgeschwindigkeit
von 3.85 m
/s. Generell gilt es bei der Integration der Bewegungsgleichungen (3.10)
42 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
diesen Prozess der Kollision numerisch so fein aufzul¨
osen, dass der numerische Feh-
ler akzeptabel wird. Zum anderen berichtet zum Beispiel Fraige u. Langston (2004)
davon, dass die Integration der Bewegungsgleichungen einen Großteil einer (inerten)
DEM Rechnung ausmacht und insofern nur Verfahren in Frage kommen, die einen
hinreichend einfachen Aufbau haben.
Sowohl Kruggel-Emden u. a. (2008) als auch Asmar u. a. (2003) f¨
uhren ausf¨
uhrli-
che Untersuchungen bzgl. der zeitlichen ¨
Anderungen der Energie eines Partikelsys-
tems durch. Dabei werden die Unterschiede bzgl. der oben genannten Eigenschaften
offensichtlich. Des Weiteren stellen sich z.B. explizite Einschrittverfahren h¨
oherer
Ordnung (z.B. Runge-Kutta-Verfahren 4(5)) sowie Prediktor-Korrektor Verfahren
(typischerweise Adams-Moulton verbunden mit Adams-Bashford Verfahren) als nu-
merisch sehr zeitaufw¨
andig heraus. Der Zeitaufwand ist h¨
aufig direkt an die Zahl
der Auswertungen der rechten Seite von Gleichung (3.10) gebunden.
In der Arbeit von Sundaram u. Collins (1996) wird der Einfluss von Mapping-
Algorithmen zwischen den Phasen (siehe Kapitel 3.3) als einer der Gr¨
unde benannt,
mit Verfahren mindestens dritter Ordnung die Bewegungsgleichungen zu integrieren,
da das Mapping ebenfalls mindestens dritter Ordnung sein muss.
Generell spiegelt keine der Untersuchungen ein Szenario wieder, welches dem in
dieser Arbeit gleicht. Einige Autoren konzentrieren sich auf die Integration der Be-
wegungsgleichungen an sich (z.B. Sommerfeld (2000b)), die Integration der Partikel-
trajektorien mit Kollisionen aber ohne Fluidwechselwirkung (z.B. Kruggel-Emden
u. a. (2008) und Fraige u. Langston (2004)) oder auf eine komplette Analyse eines
Systems aus Partikeln gekoppelt mit einem Navier-Stokes-System f¨
ur das Fluidfeld,
jedoch mit der Annahme d¨
unner Str¨
omungen (also z.B. unter Vernachl¨
assigung der
Volumenanteile der festen Phase).
In dieser Arbeit wurde, wie auch in vielen anderen Publikationen, mit dem expliziten
Euler-Verfahren gerechnet. Die zeitliche Schrittweite der Integration der Bewegungs-
gleichungen wird explizit vorgegeben (siehe Kapitel 4.1). Jedoch wird eine Neube-
rechnung der rechten Seite von Gleichung (3.10) vorgenommen, sobald das Partikel
in eine neue Zelle eintritt. Die exakte Schrittweite kann also nicht angegeben wer-
3.2 Die Festphase 43
den, da sie von der Bewegung des Partikels abh¨
angt. Alle in Kapitel 5 gezeigten
Ergebnisse beruhen auf Berechnungen mit dem expliziten Euler-Verfahren.
3.2.5 Massen- und Energiebilanz der Partikel
Die Massen- und Energiebilanz der Partikel werden hier zusammen dokumentiert, da
beide durch die betrachtete Trocknung, Pyrolyse und heterogenen Reaktionen (siehe
Kapitel 3.2.6 und 3.2.7) und deren energetischen Effekte recht stark gekoppelt sind
und somit in dieser Arbeit gemeinsam als ein Differentialgleichungssystems gel¨
ost
werden. Die notwendigen Zeitschritte sind wegen der Steifheit des Systems und den
Genauigkeitsanforderungen unter Umst¨
anden noch kleiner als die Zeitschrittweite
des dem Verfahren zugrunde liegenden Kollisionsmodells.
Die in dieser Arbeit verwendete Massenbilanz f¨
ur die Masse eines Partikels mpteilt
sich auf in die Bilanzen der Holzmasse mHolz, der Holzkohlemasse mHolzkohle und der
Wassermasse mW asser eines Partikels. Die Aschebildung w¨
ahrend der Pyrolyse bzw.
der Vergasung wird hier nicht ber¨
ucksichtigt, kann aber ggf. leicht als zus¨
atzliche
Komponente der Biomasse erg¨
anzt werden. Die Energiebilanz f¨
ur die Partikeltem-
peratur Tpist zum einen durch die Quellterme der ablaufenden Reaktionen und
zum anderen durch die Wechselwirkungsterme mit der Umgebung bestimmt. Beide
Bilanzen sind in Gleichung (3.36) dokumentiert.
dmHolz
dt=−( ˙rHolzgas + ˙rTeer(g) + ˙rHolzkohle)mHolz,
cp,Biomassemp
dTp
dt=X
i
(∆hi˙ri) + αA(Tp−Tg),
dmHolzkohle
dt=−( ˙rH2O+ ˙rO2+ ˙rCO2)mHolzkohle + ˙rHolzkohle mHolz,
dmWasser
dt=−˙rV erdampfung,H2O.
(3.36)
Die Terme ˙rH2O, ˙rO2und ˙rCO2in Gleichung (3.36) stehen stellvertretend f¨
ur Quell-
terme der Holzkohlevergasung mit den Gasen H2O, O2und CO2und werden im
Kapitel 3.2.6 n¨
aher erl¨
autert. Die Kinetik der Pyrolyse wird durch die Bildungsra-
ten der Holzkohle ˙rHolzkohle, des Holzteeres ˙rTeer(g) und des Holzgases ˙rHolzgas spezi-
fiziert. Weitere Gr¨
oßen in Gleichung (3.36) sind die W¨
armekapazit¨
at des Partikels
44 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
cp,Biomasse, der Newton’sche W¨
arme¨
ubergangskoeffizient αsowie die Summe der Re-
aktionsenthalpien der ablaufenden chemischen Konversionsprozesse P
i
(∆hi˙ri).
Die ¨
Anderung des Durchmessers, die prim¨
are Pyrolyse und die Trocknung eines
Partikels sind in Kapitel 3.2.7 dokumentiert. Zus¨
atzlich zu den hier vorgestellten
Bilanzen in Gleichung (3.36) wird f¨
ur jede mit dem Partikel wechselwirkende Kom-
ponente der Gasphase eine Massenbilanz berechnet, die einen Teil der das Partikel
umgebenden Gasphase abdecken. Die Bilanzierung betrifft die Komponenten C2H2,
CH4, CO2, CO, O2, H2O, H2und die bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehenden Teere.
Die Masse an Stickstoff kann hier als konstant angesehen werden, da das Partikel im
Rahmen des hier vorgestellten Modells weder Stickstoff aufnimmt noch abgibt. Da
beide Phasen getrennt berechnet werden, kann es Situationen geben, in denen der
Umsatz einer Gasphasenkomponente an einem Partikel gr¨
oßer ist als die tats¨
achli-
che Menge dieser Komponente in der Umgebung eines Partikels. Eine Bilanzierung
dieser Komponenten kann also limitierend auf den Gesamtumsatz dieser Kompo-
nenten wirken. Zudem ¨
andern sich die Anteile der Gasphasenkomponenten durch
die Ums¨
atze am Partikel, was ebenfalls mit einer Bilanzierung dieser Komponenten
innerhalb des Partikelmodells ber¨
ucksichtigt werden kann.
Ein weiterer Grund f¨
ur die Verwendung von Massenbilanzen f¨
ur alle Gasphasen-
komponenten innerhalb des Partikelmodells soll im Folgenden dargelegt werden. Die
Anwesenheit vieler Partikel innerhalb einer Gebietszelle verlangt eigentlich nach ei-
ner parallelen Berechnung der Partikelbewegung bzw. des Partikelabbrandes f¨
ur alle
Partikel, da ansonsten unter Umst¨
anden die Partikel sehr unterschiedlichen Umge-
bungsbedingungen ausgesetzt sind. Am Beispiel einer Gasphasenkomponente, wie
zum Beispiel CO2, die w¨
ahrend der Vergasung durch heterogene Reaktionen am
Partikel abreagiert, l¨
asst sich dies gut verdeutlichen. Die Konzentration dieser Kom-
ponente nimmt w¨
ahrend der sequentiellen Berechnung des Partikelabbrandes aller
Partikel in einer Zelle ab (unter entsprechenden Bedingungen). Sind die Reaktions-
bedingungen so gew¨
ahlt, dass diese Komponente durch den Abbrand der Partikel
abreagieren w¨
urde, bevor die letzten Partikel dieser Zelle bzgl. des Partikelabbran-
des berechnet worden sind, entsteht eine Situation, die mit der zus¨
atzlichen Bilanz
ber¨
ucksichtigt werden kann. Dementsprechend kann die betroffene Reaktion nur an
3.2 Die Festphase 45
einigen wenigen Partikeln innerhalb der Zelle stattfinden. Diese Situation kann ¨
uber
einen Stoff¨
ubergangskoeffizienten allein nicht abgebildet werden, da physikalisch u.U.
alle Partikel reagieren w¨
urden - allerdings in Konkurrenz zueinander. Die f¨
ur ein Par-
tikel verf¨
ugbare Menge an z.B. CO2ist durch die Zahl der Partikel in einer Zelle und
deren Zustand bestimmt. Um zu verhindern, dass ein Partikel eine Komponente
einer Gebietszelle komplett aufbraucht (z.B. CO2), wurde jedem Partikel nur ein
Zehntel des verf¨
ugbaren Gasvolumens in einer Zelle zur Verf¨
ugung gestellt. Dieses
Gasvolumen ist damit das mit den Partikelbilanzen (3.36) integrierte System an Mas-
senbilanzen der Gasphasenkomponenten. An sich w¨
are eine dynamische Berechnung
des verf¨
ugbaren Gasvolumens (hier ein Zehntel des Zellvolumens) f¨
ur ein Partikel
w¨
unschenswert, jedoch sind weder die Partikelanzahl noch die integralen Partike-
leigenschaften innerhalb einer Gebietszelle bevor oder w¨
ahrend der Berechnung des
Abbrandes eines Partikels bekannt, so dass hier davon ausgegangen wurde, dass die
gr¨
oßtm¨
oglichen Partikel vorliegen. Das h¨
aufig empfohlene Umkehren der Partikellis-
te in einer Zelle nach jeder Berechnung ¨
andert an sich nichts an der Problematik.
Auf eine dynamische Bestimmung der Partikelanzahl bzw. der integralen Partike-
leigenschaften in Abh¨
angigkeit der Vorg¨
ange einzelner Partikel (also w¨
ahrend eines
Zeitschrittes) wurde aus rechenzeitlichen Gr¨
unden verzichtet.
Die W¨
armekapazit¨
at cp,Biomasse des Partikels in Gleichung (3.36) wird als Wichtung
der W¨
armekapazit¨
aten von Holz, Holzkohle und Wasser modelliert. Gleichung (3.37)
zeigt die der Berechnung zugrunde liegende Formel:
cp,Biomasse =mHolz +mHolzkohle
mp
(ηcp,Holz + (1 −η)cp,Holzkohle) + mW asser
mp
cp,Wasser,
(3.37)
wobei η=mHolz
mHolz,0ist. mHolz,0ist die Holzmasse zu Beginn der Partikelhistorie. Die
W¨
armekapazit¨
aten von Holz und Holzkohle werden durch polynomiale Ausdr¨
ucke
entsprechend der Arbeiten von Grønli (1996) und Raznjevic (1976) modelliert, w¨
ah-
rend f¨
ur Wasser ein fester Wert von 4.2 kJ
/kg K angesetzt wurde. Die Ans¨
atze f¨
ur Holz
und Holzkohle sind in Tabelle 3.4 aufgezeigt.
46 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
cp,Holz = 1.5+1·10−3T
cp,Holzkohle = 0.42 + 2.09 ·10−3T+ 6.85 ·10−7T2
cp,i in kJ
/kgK,Tin K
Tabelle 3.4: Ans¨
atze f¨
ur die W¨
armekapazit¨
aten von Holz und Holzkohle
3.2.6 Heterogene Chemie
Da das Bettmaterial in dem hier betrachten Wirbelschichtverfahren zu großen Teilen
aus Holzkohle besteht, kommt der Modellierung der heterogenen chemischen Reak-
tionen auf den Holzkohlepartikeln besondere Bedeutung zu. Der Artikel von DiBlasi
(2009) gibt eine ¨
Ubersicht zum Thema Vergasung bzw. Verbrennung von Kohlen, die
aus Biomasse entstanden sind und diskutiert aktuelle Probleme der entsprechenden
Forschung. Die hier zur Modellierung der heterogenen Reaktionen verwendeten Ki-
netiken werden alle in DiBlasi (2009) diskutiert und mit anderen Quellen bzgl. der
Gr¨
oße der Ratenausdr¨
ucke der einzelnen Reaktionen verglichen. Dabei zeigt sich,
dass die Bandbreite der Ratenausdr¨
ucke f¨
ur alle hier ber¨
ucksichtigten Reaktionen
(siehe Gleichung (3.38)) etliche Gr¨
oßenordnungen ausmacht und damit offensichtlich
eine starke Unsicherheit bzgl. der G¨
ultigkeit der verwendeten Kinetiken zu erwarten
ist.
C + O2→CO2(i)
C + CO2→2 CO (ii)
C + H2O→CO + H2(iii)
(3.38)
Die in dieser Arbeit verwendeten Kinetiken f¨
ur die Vergasung mit CO2und H2O
stammen aus den Publikationen von Aarsen u. a. (1985) und Hawley u. a. (1983)
und geh¨
oren, verglichen mit anderen in der Arbeit von DiBlasi (2009) vorgestellten
Kinetiken, tendenziell zur Gruppe der schnelleren Ratenausdr¨
ucke. Der verwendete
Ratenausdruck der Reaktion von Holzkohle mit Sauerstoff stammt aus der Arbeit
von DiBlasi (1999) und geh¨
ort bzgl. der Gr¨
oße des Ratenausdruckes zum Mittelfeld
der in DiBlasi (2009) verglichenen Arbeiten.
3.2 Die Festphase 47
Die verwendeten Kinetiken sind in Tabelle 3.5 aufgelistet. Die tabellierten Raten-
ausdr¨
ucke in Tabelle 3.5 sind in der zeitlichen ¨
Anderung des Holzkohleumsatzgrades
X(t) geschrieben, der nach DiBlasi (2009) wie folgt definiert wurde:
X(t) = M0−M(t)
M0−M∞
,(3.39)
wobei M(t) f¨
ur die aktuelle Masse, M0f¨
ur die initiale Masse und M∞f¨
ur die Masse
des Holzkohlepartikels nach der Vergasung steht. M∞ist in dieser Arbeit zu Null
gesetzt, da keine Asche innerhalb der Biomasse modelliert wird. M0ist das Maximum
der Holzkohlemasse im Partikel w¨
ahrend der gesamten Partikelhistorie.
Die Ratenausdr¨
ucke der heterogenen Reaktionen in Tabelle 3.5 sind durch die De-
finition in Gleichung (3.39) selbst Funktionen des Umsatzgrades der Holzkohle und
spiegeln damit die sich ¨
andernde innere Struktur w¨
ahrend der Vergasung wider. Ei-
ne Umrechnung der dimensionslosen Ratenausdr¨
ucke der Vergasungsreaktionen nach
Tabelle 3.5 in dimensionsbehaftete Ratenausdr¨
ucke ergibt sich mit Hilfe von
rdimensionslos =−1
mHolzkohle
dmHolzkohle
dt=1
1−X
dX
dt(3.40)
zu
rC=rdimensionslos ·mHolzkohle,(3.41)
wobei rCder Umsatz der Holzkohle in Masseneinheiten pro Zeit ist und damit die
Summation ¨
uber alle in Gleichung (3.38) gezeigten Reaktionen den Gesamtmassen-
umsatz an Holzkohle ergibt (siehe Kapitel 3.2.5). Um die Ratenausdr¨
ucke der Gas-
phasenkomponenten aus Kapitel 3.2.5 zu erhalten, wird die Massenabbaurate einer
Vergasungsreaktion aus Gleichung (3.41) mit Hilfe der Molmassen der an der Reakti-
on beteiligten Stoffe und den st¨
ochiometrischen Koeffizienten der Reaktionsgleichung
aus Gleichung (3.38) umgerechnet. Der Massenumsatz einer Gasphasenkomponente
iaufgrund des Holzkohlemassenumsatzes rC,j in der j-ten Reaktion nach Gleichung
3.38 ergibt sich damit zu:
ri,j =rC,j
Mi
MC
νi,j,(3.42)
wobei hier schon davon ausgegangen wurde, dass der st¨
ochiometrische Koeffizient
des Kohlenstoffs in den Reaktionsgleichungen nach Gleichung (3.38) eins ist. In Glei-
chung (3.42) stehen MCf¨
ur die molare Masse des Kohlenstoffs, Mif¨
ur die molare
48 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
Masse der Komponente iund νi,j f¨
ur den st¨
ochiometrischen Koeffizienten dieser
Komponente iin der j-ten Reaktion nach Gleichung (3.38).
Alle Ratenausdr¨
ucke der in den Gleichungen (3.38) zusammenfassend gezeigten Re-
aktionen basieren auf Arrhenius-Ans¨
atzen bzgl. der Kinetik und ber¨
ucksichtigen da-
mit nicht den Einfluss der Produkte auf die Kinetik (die Produkte ¨
andern nat¨
urlich
die Zusammensetzung des mit den Partikeln integrierten Gasvolumens). Generell
werden in DiBlasi (2009) deutlich mehr globale (meist Arrhenius- oder Langmuir-
Hinshelwood-Ans¨
atze) als elementare Kinetiken gezeigt.
Die bloße Existenz elementarer Mechanismen f¨
ur die Vergasungsreaktionen in DiBla-
si (2009) sollte nicht ¨
uber den Fakt hinwegt¨
auschen, dass zum Beispiel keine der in
DiBlasi (2009) vorgestellten Kinetiken die Tatsache widerspiegelt, dass Holzkohle
keineswegs nur aus Kohlenstoff besteht, sondern ein je nach Herstellungsgeschichte
variierendes Gemisch aus den Elementen Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff ist.
Zus¨
atzlich beinhaltet Holzkohle diverse andere Elemente in kleineren Mengen, die
sich je nach Bedingungen durch den Abbau der Holzkohle anreichern k¨
onnen. In der
Arbeit von Klose u. W¨
olki (2005) wird beispielsweise die Elementarzusammenset-
zung (Massenanteile) von Holzkohle aus Buche zu 89 % Kohlenstoff, 1.7 % Wasser-
stoff, 9 % Sauerstoff und 0.3 % Stickstoff angegeben. Bildet man aus den genannten
Zahlen die Molenanteile ergibt sich f¨
ur Wasserstoff ein Wert von ca. 17.5 % und f¨
ur
Sauerstoff ein Wert von ca. 5.8 %. Holzkohle besteht offensichtlich zu beachtlichen
Stoffmengenanteilen aus Wasserstoff und Sauerstoff. Der Aschegehalt in der Holz-
kohle scheint in gewisser Weise mit den Ratenausdr¨
ucken der Vergasungsreaktionen
zu korrelieren (siehe dazu z.B. Mermoud u. a. (2006)), auch wenn meist modellhaft
davon ausgegangen wird (wie in dieser Arbeit auch), dass die ¨
uber den Umsatz-
grad der Holzkohle variable Reaktionsrate der Vergasungsreaktionen nur durch die
¨
Anderung der inneren Oberfl¨
ache bzw. der Porosit¨
at bestimmt wird.
Abgesehen von den schon genannten Problemen der in der Literatur verf¨
ugbaren
Kinetiken, ist es f¨
ur die Reaktionen von Biomasse generell erstrebenswert, Kinetiken
f¨
ur alle in (3.38) genannten Reaktionen aus einer Publikation zu erhalten, um die
hohen Modellunsicherheiten zu reduzieren. Es gibt aber leider praktisch keine Auto-
3.2 Die Festphase 49
Reaktionsnummer und Ratenausdruck f¨
ur dX
dt
1
1−XLiteraturreferenz
(i) 1.51 ·102e
−109
RT ·(1 −X)1.2·PO2DiBlasi (1999)
(ii) 9.1·106e
−166
RT T−0.8(1 −X)2
3P0.8
CO2Aarsen u. a. (1985)
(iii) 6.57 ·103e
−156
RT ·PH2OHawley u. a. (1983)
Ratenausdruck ist dimensionslos, Einheiten: Aktivierungsenergie in kJ
/mol, P in kPa
Tabelle 3.5: Kinetische Daten der heterogenen Reaktionen der Holzkohle
ren, die alle drei hier ber¨
ucksichtigten heterogenen Reaktionen untersucht haben und
sehr wenige die zwei der drei Reaktionen untersuchen (z.B. Klose u. W¨
olki (2005)).
Eine weitere Einschr¨
ankung der G¨
ultigkeit der verwendeten Kinetiken ergibt sich
durch die Arbeit von Roberts u. Harris (2007), in der der parallele Ablauf zweier
Vergasungsreaktionen und die gegenseitige Behinderung der Vergasungsmittel durch
die limitierten freien Oberfl¨
achenpl¨
atze (sogenannte ”active sites”) untersucht wird.
Der Einfluss ist bedeutend, wird aber in dieser Arbeit aufgrund mangelnder Daten
vernachl¨
assigt.
Aufgrund der hohen Temperaturen im unteren Bereich des Reaktors tendieren auch
Partikel in diesem Bereich zu hohen Temperaturen und damit großen Umsatzra-
ten der heterogenen Reaktionen. Aus diesem Grund wurde bei der Berechnung der
effektiven Reaktionsrate der Reaktion von Kohlenstoff mit Sauerstoff auch der Stoff-
¨
ubergang zwischen Gasphase und Partikel ber¨
ucksichtigt, was eine Limitierung der
effektiven Umsatzrate durch den Stofftransport erm¨
oglicht. Diese Limitierung (sie-
he zum Beispiel Baehr u. Stephan (2002)) ist ohne großen Rechenaufwand m¨
oglich,
da es sich bei dieser Reaktion um eine Reaktion erster Ordnung handelt (siehe Ta-
belle 3.5). Der Einfluss der Stoff¨
ubergangskoeffizienten f¨
ur die anderen heterogenen
Reaktionen wurde vernachl¨
assigt.
3.2.7 Aufheizung, Trocknung, prim¨
are Pyrolyse und Schrumpfung der
Partikel
Will man Biomasse (in dieser Arbeit Holz) zur Vergasung nutzen, durchlaufen die
einzelnen Holzpartikel verschiedene Stufen w¨
ahrend sie durch die im Reaktor herr-
50 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
schenden Bedingungen aufgeheizt werden. Wird das Holz mit Raumtemperatur in
den Reaktor eingebracht, heizt es sich zuerst auf, bis eine Partikeltemperatur er-
reicht wird, bei der das Wasser im Partikelinneren verdampft und dann durch die
Poren des Holzes nach außen konvektiert wird. W¨
ahrend der Aufheizung (aber noch
unter einer gedachten Verdampfungstemperatur) verdunstet Wasser aufgrund des
Partialdruckgef¨
alles aus dem feuchten Holz. Die Verdunstung wird allerdings in die-
ser Arbeit nicht ber¨
ucksichtigt, da die Heizraten so hoch sind, dass das Partikel
sehr schnell die gedachte Verdampfungstemperatur erreicht. W¨
ahrend der Verdamp-
fung wird der dem Partikel von außen zugef¨
uhrte W¨
armestrom zur Verdampfung des
Wassers ben¨
otigt und damit in Form der Verdampfungsenthalpie des Wassers gebun-
den. Die Temperatur bleibt hier weitestgehend konstant. Ist das Partikel getrocknet,
heizt es sich entsprechend den ¨
außeren Bedingungen weiter auf, bis die Pyrolyse des
Holzes beginnt. Unter Pyrolyse versteht man die thermochemische Zersetzung der
langkettigen Bestandteile des Holzes in eine Matrix aus Restfeststoffen (Holzkoh-
le) und in gasf¨
ormige Bestandteile ohne Zufuhr von Sauerstoff. Die entstehenden
Gase werden meist in Teere und Holzgase unterschieden. Die Pyrolyse findet ¨
uber
einen breiten Temperaturbereich statt. Nach der Pyrolyse wird die aus dem Holz
entstandene Holzkohle weiter aufgeheizt, bis die Holzkohle Temperaturen erreicht
hat, bei denen die Vergasungsreaktionen der Holzkohle (siehe dazu 3.2.6) relevante
Geschwindigkeiten erreichen. Die Endtemperatur der Partikel h¨
angt stark von den
¨
außeren Bedingungen ab. So ist es durchaus m¨
oglich, dass die Partikel Temperaturen
erreichen, die deutlich ¨
uber denen im umgebenen Wirbelbett liegen k¨
onnen (siehe
z.B. Zhou u. a. (2004b)).
Der oben beschriebene Ablauf der Aufheizung eines Partikels findet so nur an infini-
tesimal großen Holzpartikeln statt, da bei Ber¨
ucksichtigung der Raumdimensionen
des Partikels Trocknungs- und Pyrolysefronten in das Holzpartikel laufen, die f¨
ur
das gesamte Partikel betrachtet einen parallelen Ablauf der verschiedenen oben be-
schriebenen Prozessschritte erm¨
oglichen. Da dieser Arbeit ein nulldimensionales Par-
tikelmodell zugrunde liegt (siehe Kapitel 3.2.5), laufen die einzelnen Prozessschritte
sequentiell ab. W¨
ahrend der Trocknung, der Pyrolyse und der anschließenden Ver-
gasung schrumpft das Partikel in unterschiedlicher Art und Weise.
3.2 Die Festphase 51
Zentraler Punkt der Trocknung ist die Frage in welcher Rate sie von statten geht.
Kraume (2004) unterscheidet zwei Teilabschnitte der Trocknung feuchter G¨
uter. Der
erste Teilabschnitt ist von einer konstanten Rate der Verdampfung gekennzeichnet,
die durch den W¨
arme¨
ubergang an das feuchte Gut bestimmt wird. In dieser Phase
wird das in den Kapillaren des feuchten Gutes vorliegende Wasser verdampft. Die
zweite Phase ist von einer sinkenden Verdampfungsrate gekennzeichnet, die bei hy-
groskopischen G¨
utern wie Holz eines ist, in einem Wert der Verdampfungsrate endet,
der h¨
aufig durch die Diffusion der Feuchtigkeit aus der festen Phase heraus dominiert
wird. Der zweite Abschnitt ist stark von inneren Zust¨
anden bzw. Eigenschaften des
Partikels bestimmt und kann daher im Sinne der Modellierung der Holzpartikel nach
Kapitel 3.2.5 nicht so wiedergegeben werden, wie es vielleicht w¨
unschenswert w¨
are
f¨
ur die Modellierung der Trocknung feuchter G¨
uter.
Die Modellierung der Kinetik der Trocknung kann nach Peters (2003) in zwei Typen
unterschieden werden: ein als heterogene Reaktion modellierter Prozess (siehe z.B.
Chan u. a. (1985)) und ein auf Basis von (Energie-)Bilanzen modellierter Prozess,
¨
ahnlich wie in Kraume (2004). Da die Modellierung als heterogene Reaktion diverse
Nachteile liefert (siehe dazu Peters (2003)), wird hier der folgende isotherme Ansatz
aus Peters (2003) verwendet:
˙rV erdampfung,H2O=
(Tp−TV erd.)ρP artikel cp,P artikel
∆hV erd.δt Tp≥TV erdampfung
0Tp< TV erdampfung
(3.43)
wobei Tpdie Temperatur des Partikels ist, TV erd. die Temperatur bei der die gesamte
Verdampfung stattfindet, ρPartikel die scheinbare Dichte des Partikels, cp,Partikel die
isobare W¨
armekapazit¨
at des Partikels, ∆hV erd. die Verdampfungsenthalpie und δt
der Integrationszeitschritt. In dieser Arbeit wurde die Dichte der Biomasse durch
die Masse der Biomasse ersetzt, was, da keine Schrumpfung w¨
ahrend der Trocknung
ber¨
ucksichtigt wird, keinerlei weitere Auswirkungen hat. Der wesentliche Nachteil
von Gleichung 3.43 ist die Unstetigkeit bzgl. der Temperatur, welche Integratoren
erfordert, die damit umgehen k¨
onnen.
In einem aktuellen ¨
Ubersichtsartikel von DiBlasi (2008) werden diverse Modelle f¨
ur
die prim¨
are Pyrolyse von Biomasse vorgestellt und miteinander verglichen. Es gibt
demnach vier Typen von Reaktionsmechanismen f¨
ur die prim¨
are Pyrolyse. Der ein-
52 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
fachste Typ, der auch in dieser Arbeit gew¨
ahlt wurde, modelliert die Biomasse als ein-
heitliches Material und ber¨
ucksichtigt den Zerfall der Biomasse in Holzkohle, Holz-
gas und Teere (siehe Abbildung 3.5). Der zweite Typ der Mechanismen unterteilt die
Biomasse in mehrere (Pseudo)-Komponenten. Dabei werden meist Cellulose, Hemi-
cellulose und Lignin als die Hauptbestandteile der Biomasse identifiziert und deren
Zerfall in getrennten Reaktionen modelliert. Dar¨
uber hinaus werden h¨
aufig zus¨
atz-
liche virtuelle Komponenten betrachtet (siehe z.B. Diaz (2006). Der große Nachteil
dieser Modelle ist die Notwendigkeit der Angabe der Produkte im Vorhinein. So m¨
us-
sen nach Grønli (1996) sowohl die Holzkohleanteile als auch die Teeranteile bekannt
sein. Der dritte Typ der Pyrolysemechanismen geht von einer Reihe aufeinander
folgender Reaktionen aus, die meist mit virtuellen Zwischenprodukten modelliert
werden. Dieser Typ kann wie die Mechanismen des ersten Typs die konkurrieren-
den Produktausbeuten an Holzkohle, Holzgas und Teeren wiedergeben. Der letzte
Typ an Mechanismen ber¨
ucksichtigt explizit die Tatsache, dass die Pyrolyse von
Biomassen offensichtlich nicht durch einige wenige Komponenten der Biomasse ge-
kennzeichnet ist, sondern es sich bei der Pyrolyse um komplexe Zersetzungsvorg¨
ange
mit vielen Produkten und Zwischenprodukten handelt. In diesem Sinne werden die
Aktivierungsenergien als Gauß-verteilt angenommen, um eine Summe an Reaktio-
nen abbilden zu k¨
onnen. Die Modelle werden in der Literatur h¨
aufig als ”distributed
activation energy”-Modelle bezeichnet.
Die prim¨
are Pyrolyse des Holzes wird in dieser Arbeit mit Hilfe des Modells von
DiBlasi u. Branca (2001) berechnet, wobei hier entgegen den Darstellungen in DiBla-
si u. Branca (2001) anstelle eines Teeres drei Teerkomponenten mit einem festen
Verh¨
altnis entstehen. Die Summe der Raten der drei entstehenden Teere ist damit
wieder eine Gesamtteerrate wie in DiBlasi u. Branca (2001). Der Grund f¨
ur diese
Modifikation liegt in der Tatsache, dass Teer ein Gemisch aus vielen Komponenten
ist und somit der Abbau des Teeres bzw. einzelner Teerkomponenten durch kom-
ponentenspezifische Kinetiken wiedergegeben werden kann bzw. sollte. Der Pyroly-
semechanismus ist in Abbildung 3.5 aufgezeigt. Die Verh¨
altnisse der Teere wurden
mit Hilfe der normierten Maximalwerte der Ausbeuten der drei Teere aus der Ar-
beit von Rath u. Staudinger (2001) ermittelt und sind in Tabelle 3.8 aufgelistet.
Die verwendeten Kinetiken der prim¨
aren Pyrolyse sind zusammen mit der Reakti-
3.2 Die Festphase 53
Holzkohle
Gas
3. Teer
2. Teer
1. Teer
Holz
Abbildung 3.5: Reaktionsschema der prim¨
aren Pyrolyse
onsenthalpie der prim¨
aren Pyrolyse in Tabelle 3.6 dargestellt. Das Holzgas besteht
aus einer festen Mischung an Gasen entsprechend den Darstellungen in Seebauer
(1999). Die Zusammensetzung des Holzgases ist in Tabelle 3.7 aufgezeigt. Die in der
Arbeit von Seebauer (1999) vorgestellten Daten sind bzgl. der Zusammensetzung
der bei der prim¨
aren Pyrolyse des Holzes entstehenden Gase an sich variabel und
verwenden pro entstehende Komponente eine Maximalausbeute dieser Komponente.
Die in Tabelle 3.7 gezeigten Werte beziehen sich auf die normierten Maximalwer-
te der Komponenten. Die Daten aus der Arbeit von Seebauer (1999) sind w¨
ahrend
der Vermessung der Pyrolyse mit Hilfe einer TGA (Thermogravimetrische Analyse)
mit einer Heizrate von 5 K
/min entstanden. Das verwendete Holz hatte eine Gr¨
oße
von 1 mm w¨
ahrend die Messung eine maximale Temperatur von 1173 K hatte. Da
w¨
ahrend der prim¨
aren Pyrolyse bei hohen Heizraten die Ausbeute an Teer deutlich
gr¨
oßer ist als die der Holzgase und die Unsicherheiten bzgl. des Teerabbaus bzw. der
Teerentstehung sehr groß sind, ist die hier getroffene Vereinfachung bzgl. der Kon-
stanz der Holzgaszusammensetzung als ausreichend. Es gibt allerdings sehr wenige
in der Literatur verf¨
ugbare Kinetiken der prim¨
aren Pyrolyse, die komponentenweise
aufgeschl¨
usselt sind.
Die Reaktionsenthalpie der prim¨
aren Pyrolyse ist mit einigen Unsicherheiten ver-
bunden, was zum Beispiel in Rath u. a. (2003) dokumentiert ist. In Rath u. a. (2003)
wird von einer starken Abh¨
angigkeit der Reaktionsenthalpie der prim¨
aren Pyroly-
54 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
se vom Holzkohleanteil nach Vollendung der prim¨
aren Pyrolyse berichtet und dies
durch die eventuelle Konkurrenz zwischen endothermen und exothermen Prozessen
innerhalb des Partikels erkl¨
art. In dieser Arbeit wurde dennoch der in Tabelle 3.6
dargestellte Wert (Annahme einer endothermen Reaktion) als fester Wert verwen-
det, da die Masse an Holzkohle am Ende der prim¨
aren Pyrolyse nicht zu Beginn der
Simulation bekannt ist.
In der Arbeit von DiBlasi (2008) wurde das in dieser Arbeit verwendete prim¨
are
Pyrolysemodell von DiBlasi u. Branca (2001) bzgl. der Ausbeuten an Holzgas, Teer
und Holzkohle mit diversen anderen Modellen verglichen. Dabei stellte sich heraus,
dass zumindest f¨
ur die in DiBlasi (2008) untersuchten Modelle ohne Aufschl¨
usselung
der Holzbestandteile das Modell von DiBlasi u. Branca (2001) als einziges qualitativ
und quantitativ den Erwartungen entspricht. Qualitativ sind mit steigender Heiz-
rate mehr Teere und Holzgase sowie weniger Holzkohle zu erwarten. Insbesondere
die Holzkohleausbeute ist dabei maßgeblich daf¨
ur verantwortlich, dass die schein-
baren Dichten des Holzes in Abh¨
angigkeit der Heizrate mit experimentellen Daten
¨
ubereinstimmen.
Reaktion Holz zu: E A in 1
/s
Gas 153 4.4 ·109
Holzkohle 112 3.3 ·106
Teer 148 1.1 ·1010
Ratenausdruck der Form r=A·e−E
RT ·[Holz]
Einheiten: Aktivierungsenergie kJ
/mol
Kinetische Daten von DiBlasi u. Branca (2001)
Reaktionsenthalpie der Pyrolyse kJ
/m3nach Grønli (1996)
Tabelle 3.6: Kinetische Daten der prim¨
aren Pyrolyse
Die Schrumpfung von Partikeln ist ein in der Literatur leider schlecht dokumen-
tiertes Ph¨
anomen. Es werden f¨
ur gew¨
ohnlich nur Zersetzungskinetiken publiziert,
die der Art der Messung wegen, meist nur die Massenabnahme ¨
uber die Zeit ab-
bilden. Letztendlich ist es aber die Partikeldichte und nicht nur die Masse eines
Partikels, welche maßgeblichen Einfluss auf das Fluidisierungsverhalten der Partikel
3.2 Die Festphase 55
Gaskomponente Massenanteil
CO 0.27
CO20.386
CH40.056
H20.032
H2O 0.256
Tabelle 3.7: Massenanteile der bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehenden Gase nach Seebauer (1999)
Teerkomponente Massenanteil
Ethanol 0.327
Propanol 0.496
Benzol 0.177
Tabelle 3.8: Massenanteile am Gesamtteer der bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehenden Teerkom-
ponenten nach Rath u. Staudinger (2001)
hat. Um dennoch ein Schrumpfen der Partikel zu erm¨
oglichen, wurde der Prozess des
Schrumpfens f¨
ur die Trocknung, Pyrolyse und die Vergasung getrennt implementiert.
W¨
ahrend der Trocknung wird keinerlei Schrumpfung des Partikels modelliert und
das Partikel beh¨
alt sein urspr¨
ungliches Volumen bei. W¨
ahrend der Pyrolyse wird das
Partikelvolumen um einen festen Prozentsatz ge¨
andert, unabh¨
angig von der Heizra-
te des Partikels. Als Basis dient das Modell von Hagge u. Bryden (2002). Entgegen
den Annahmen hier werden in Hagge u. Bryden (2002) auch Schrumpfungen in
Abh¨
angigkeit von der Heizrate genannt, aber eben auch ohne diese Abh¨
angigkeit.
Entsprechend den Darstellungen von Mermoud u. a. (2006) f¨
ur Heizraten im Bereich
von 2.6 K
/min bis 900 K
/min wird eine Schrumpfung der Partikel w¨
ahrend der Pyrolyse
um den Faktor drei ber¨
ucksichtigt. Die Partikelschrumpfung wird dabei entspre-
chend Gleichung (3.44) umsatzgewichtet berechnet, so dass am Ende der Pyrolyse
das Partikel auf ein Drittel des urspr¨
unglichen Volumens geschrumpft ist.
VPartikel =ηVP artikel,Holz0+1
3(1 −η)VPartikel,Holz0η=mHolz
mHolz,0
(3.44)
Die Vergasung hingegen wird durch einen massenproportionalen Ansatz f¨
ur die
Schrumpfung beschrieben, was dem Gedanken folgt, dass w¨
ahrend der Vergasung
56 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
tendenziell eher Holzkohle der ¨
außeren Schichten vergast wird und nicht homogen
¨
uber das gesamte Partikelvolumen vergast wird.
Der W¨
arme¨
ubergang an das Partikel wurde entsprechend den Darstellung in der
Arbeit von Zhou u. a. (2004b) wie folgt modelliert:
αNewton = 2ε+ 0.69Re
1
2
PPr1
3,(3.45)
wobei die Reynoldszahl RePals
ReP=εdP|u
u
u−uP
uP
uP|
νF
(3.46)
definiert ist. Diese Darstellung ist eine Adaption der urspr¨
unglich von Ranz (1952)
publizierten Gleichung f¨
ur den einphasigen W¨
arme¨
ubergang. Da aber die Trock-
nung und Pyrolyse im Wesentlichen durch den W¨
arme- und Stoff¨
ubergang limitiert
werden, f¨
uhrt eine nulldimensionale Modellierung der Partikel zu einer deutlich k¨
ur-
zeren Aufheizzeit (im Vergleich zu einer eindimensionalen Modellierung). Aus diesem
Grund wurde in dieser Arbeit eine modifizierte Form des W¨
arme¨
ubergangs ber¨
uck-
sichtigt. Der Gesamtw¨
arme¨
ubergangskoeffizient wurde dabei als
1
α=1
αNewton
+dP
4πλP
(3.47)
angenommen. Um eine Bewertung dieser Modifikation zu erm¨
oglichen, zeigt Abbil-
dung 3.6 vergleichend die Aufheizung eines Partikels mit Hilfe verschiedener Modelle.
Verglichen werden in Abbildung 3.6 das nulldimensionale Modell mit einem festen
W¨
arme¨
ubergangskoeffizienten, das nulldimensionale Modell mit einem festen W¨
ar-
me¨
ubergangskoeffizienten, aber mit Ber¨
ucksichtigung der W¨
armeleitf¨
ahigkeit nach
Gleichung (3.47) und die integrale Mitteltemperatur der eindimensionalen W¨
arme-
leitgleichung mit einem festen W¨
arme¨
ubergangskoeffizienten. Zus¨
atzlich werden die
Rand- und Kerntemperaturen der eindimensionalen W¨
armeleitgleichung in Abbil-
dung 3.6 gezeigt. Die L¨
osung der kugelsymmetrisch eindimensionalen W¨
armelei-
tungsgleichung wurde dem Standardwerk von Baehr u. Stephan (2002) entnommen
(es wurden die ersten 100 Nullstellen der transzendenten Gleichung in der Biotzahl
ber¨
ucksichtigt).
Wie man deutlich in Abbildung 3.6 sieht, wird durch die Korrektur des ¨
außeren
W¨
arme¨
ubergangskoeffizienten nach Gleichung (3.47) die integrale Mitteltemperatur
3.2 Die Festphase 57
0510 15 20 25 30 35 40
Zeit in s
300
400
500
600
700
800
900
1000
Temperatur in K
1D - Kerntemperatur
1D - Randtemperatur
1D - integrale Mitteltemperatur
OD - Partikeltemperatur
0D - Partikeltemperatur korrigiert
Abbildung 3.6: Vergleich der zeitlichen Temperaturentwicklung mit Hilfe verschiedener Model-
le, dP=4 mm, cp=1700 J
/kgK,ρ=700 J
/kgK,α=200 W
/m2K,λ=0.1W
/mK,300 K Anfangstemperatur,
1000 K Umgebungstemperatur
des Partikels deutlich besser beschrieben als mit dem einfachen nulldimensionalen
Modell. Die Kerntemperatur des Partikels hingegen wird weiterhin nur unzureichend
beschrieben, was allerdings aufgrund des f¨
ur die numerische Aufl¨
osung des Partikels
notwendigen Rechenaufwandes nicht weiter betrachtet wird. Der Vorteil in Gleichung
(3.47) liegt gerade darin, dass wie bei einem einfachen nulldimensionalen Partikel-
modell nur eine Gleichung f¨
ur die Partikeltemperatur gebraucht wird.
Die W¨
armeleitf¨
ahigkeit des Partikels in Gleichung (3.47) wird als umsatzgewichtete
Mischung der W¨
armeleitf¨
ahigkeiten von Holz und Holzkohle berechnet:
λP=ηλHolz + (1 −η)λHolzkohle η=mHolz
mHolz,0
,(3.48)
wobei mHolz,0die Anfangsmasse des Holzes im betrachteten Partikel ist. Die W¨
arme-
leitf¨
ahigkeiten von Holz (λHolz) und Holzkohle (λHolzkohle) werden als feste, tempe-
raturunabh¨
angige Werte angenommen und haben entsprechend den Darstellungen
58 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
aus der Arbeit von Grønli (1996) eine H¨
ohe von 0.35 W
/mK und 0.1W
/mK. Der Was-
sergehalt des Partikels und die W¨
armestrahlung innerhalb des Partikels werden bei
der Berechnung der partikelinternen W¨
armeleitf¨
ahigkeit nicht ber¨
ucksichtigt.
3.2.8 Integration des Partikelmodells
Zur Integration des in Kapitel 3.2.5 vorgestellten nulldimensionalen Partikelmodells
stehen in OpenFOAM drei verschiedene Verfahren zur Verf¨
ugung: ein f¨
unfter Ord-
nung Runge-Kutta-Verfahren (Cash u. Karp (1990)), ein vierter Ordnung Runge-
Kutta-Verfahren (Kaps u. Rentrop (1979)) und ein Bulirsch-Stoer Verfahren (Bader
u. Deuflhard (1983)), wobei die letzten beiden f¨
ur steife Differentialgleichungen in
Frage kommen. Generell haben sich alle drei als wenig zuverl¨
assig in Bezug auf die
Integration des nulldimensionalen Partikelmodells erwiesen.
Aus diesem Grunde wurde nach anderen geeigneten Integratoren gesucht. Als eine
n¨
utzliche Arbeit in Bezug auf die Beurteilung verschiedener Integratoren hat sich die
Arbeit von Bauer (1999) herausgestellt. Hier werden an einigen Beispielen diverse,
zum Teil frei verf¨
ugbare Integratoren f¨
ur ODE (odinary differential equations) und
DAE (differential algebraic equations) Probleme mit Anwendung aus der Verfah-
renstechnik getestet. In den Darstellungen von Bauer (1999) sind h¨
aufig sogenannte
implizite Mehrschrittverfahren unter den effizientesten Verfahren, weshalb zu Beginn
der Arbeit mit der SUNDIALS Bibliothek gearbeitet wurde. Das Verfahren hat sich
als sehr stabil und genau herausgestellt, hat jedoch entscheidende Nachteile. Durch
die unterschiedliche Geschichte der einzelnen Partikel (aus Sicht des Integrationsver-
fahrens handelt es sich um die Anfangsbedingungen), muss das CVODE-Verfahren
f¨
ur jedes Partikel neu initialisiert werden, was im Verh¨
altnis zur eigentlichen Inte-
grationszeit die Gesamtrechenzeit zum Teil dominierte.
Als Alternative wurde das implizite Runge-Kutta-Verfahren RADAU5 gew¨
ahlt. Der
Source Code ist sowohl f¨
ur FORTRAN als auch f¨
ur C++ frei zug¨
anglich (Homepage
von E. Hairer). Eine Beschreibung des Verfahrens und Aussagen ¨
uber die Stabili-
t¨
atseigenschaften von RADAU5 gibt das Buch von Hairer u. Wanner (1996) und
zeigt, dass es sich um ein auch bei f¨
unfter Ordnung stabiles Verfahren handelt. Der
frei verf¨
ugbare Source Code musste in einigen Punkten angepasst werden, um ihn in
3.3 Mapping Algorithmen zwischen den Phasen 59
die von OpenFOAM f¨
ur ODE Integratoren vorgesehenen Klassen einzubetten. Die
w¨
ahrend der Integration ben¨
otigten Jacobi-Matrizen werden in RADAU5 numerisch
¨
uber finite Differenzen approximiert, falls sie nicht analytisch vorgegeben werden.
Die analytische Vorgabe von Jacobi-Matrizen bei Systemen gr¨
oßer als zehn erschien
wenig zielf¨
uhrend, da es gerade Teil dieser Arbeit ist, einfache Modelle zu entwickeln
und sie dementsprechend auch oft zu modifizieren. Um dennoch nicht bei jedem
Partikel und jedem Zeitschritt numerisch Jacobi-Matrizen bestimmen zu m¨
ussen,
wurde die Neuberechnung der Jacobi-Matrizen an einige Parameter gebunden, was
bedeutet, dass jedes Partikel w¨
ahrend der Simulation eine Kopie der zuletzt berech-
neten Jacobi-Matrix speichert. Diese Matrizen werden aus Platzgr¨
unden weder von
der Festplatte gelesen noch auf die Festplatte geschrieben, sondern bei jedem Start
bzw. Neustart der Simulation neu berechnet. Zus¨
atzlich werden die Matrizen neu
berechnet, wenn Partikel von einem Prozessor zu einem anderen wechseln (also in
parallelen Simulationen), um unn¨
otige Netzwerkkommunikation zu vermeiden. Da
w¨
ahrend der Pyrolyse und Verdampfung die Partikeleigenschaften in einem stetigen
Wandel sind, werden f¨
ur Partikel, die diese beiden Prozesse noch nicht abgeschlossen
haben, in jedem Zeitschritt neue Jacobi-Matrizen berechnet und gespeichert. Auf-
grund der Schnelligkeit von Trocknung und Pyrolyse im Vergleich zur Vergasung der
Holzkohlepartikel, besteht der Reaktor ¨
uberwiegend aus Holzkohlepartikeln, was eine
stetige Neuberechnung der Jacobi-Matrizen f¨
ur Holzpartikel beg¨
unstigt. Die gew¨
ahl-
te Strategie bzgl. der Neuberechnung der Jacobi-Matrizen hat die Gesamtrechenzeit
fast halbiert und hat somit wesentlich zur Effizienz der in dieser Arbeit vorgestellten
Simulation beigetragen.
3.3 Mapping Algorithmen zwischen den Phasen
Als Mapping zwischen den Phasen wird der Algorithmus bezeichnet, der zum einen
die Interpolation der Fluiddaten auf die Partikelposition vornimmt und zum zweiten
die Partikeldaten wieder auf das Fluidfeld projiziert.
60 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
3.3.1 Euler →Lagrange Mapping
Im ersten Fall werden Daten wie die Geschwindigkeit, die Temperatur etc. w¨
ahrend
der Berechnung der Trajektorie eines Partikels zum Beispiel zur Auswertung der
Gleichungen (3.10) und (3.36) ben¨
otigt. Der Algorithmus ist also maßgeblich daf¨
ur
verantwortlich, welche Bedingungen das Partikel w¨
ahrend eines Zeitraumes sp¨
urt. Es
stehen Ans¨
atze verschiedener G¨
ute zur Verf¨
ugung, die hier kurz dargestellt werden
sollen.
Das denkbar einfachste Schema verwendet dabei die Fluiddaten der Zelle, in dem
sich gerade das Partikel aufh¨
alt, ohne Ber¨
ucksichtigung des tats¨
achlichen Aufent-
haltsortes des Partikels innerhalb der Zelle. Der Ansatz hat zwar aufgrund seiner
Einfachheit und Schnelligkeit Vorz¨
uge, jedoch ¨
uberwiegen die Nachteil klar. Mit
diesem Ansatz ergibt sich insbesondere ein Schachbrettfeld an Fluidwerten, d.h.,
das Partikel unterliegt beim Wechsel zwischen verschiedenen Gebietszellen einem
unstetigen Fluidfeld. Des Weiteren ist dieser Ansatz insbesondere f¨
ur große Partikel
extrem vereinfachend, da im Allgemeinen nur die Position des Zellmittelpunktes den
interpolierten Wert der Fluiddaten beeinflusst. Im dreidimensionalen Fall auf kar-
tesischen Gittern kann dies dazu f¨
uhren, das nur ein Achtel eines Partikel in einer
Zelle ist und der Wert der Fluiddaten in dieser Zelle daher kein gutes Maß f¨
ur die
tats¨
achlich auf der Partikeloberfl¨
ache geltenden Bedingungen ist. Im Zweidimensio-
nalen betr¨
agt der minimale Anteil eines Partikel, welcher gemeinsam in einer Zelle
mit dem Mittelpunkt des Partikels liegt, ein Viertel. Auch dieser Wert ist sicherlich
zu klein, um sinnvoll interpolierte Werte zu erwarten.
Ein Ansatz, der auch in dieser Arbeit Anwendung findet, bestimmt den Wert der
zu interpolierenden Fluiddaten innerhalb einer Gebietszelle aus einem gewichteten
Mittel der Werte der Nachbarzellen:
φ(x) = 1
PiγiX
i
(γiφi)γi=1
max(δ, |x−c|),(3.49)
wobei φ(x) f¨
ur die interpolierte Gr¨
oße in Abh¨
angigkeit vom Mittelpunkt xdes Par-
tikels, if¨
ur den Index der Nachbarzellen (inklusive der Zelle, die das Partikel beher-
bergt), δf¨
ur eine kleine Zahl, die die Division durch Null verhindern soll, und cf¨
ur
die Zellzentren der Zellen steht, an denen die Gr¨
oßen φgespeichert werden. Dieser
3.3 Mapping Algorithmen zwischen den Phasen 61
Ansatz ist ebenfalls in Nordin (2001) dokumentiert. Dabei werden die Fluiddaten
wiederum am Mittelpunkt des Partikels interpoliert, jedoch als Mittel der nahelie-
genden Zellwerte. Der Ansatz liefert zwar ein unstetiges Feld von Fluiddaten an
den Gebietszellengrenzen, aber die oben genannten Probleme treten nicht bzw. nur
abgeschw¨
acht auf.
Radius
Zellausdehnung
P1
P3
P2
P4
Abbildung 3.7: Partikel in einer Zelle mit ¨
ahnlicher Ausdehnung (die Punkte P1bis P4sind
beispielhaft f¨
ur eine verbesserte Interpolation auf der Partikeloberfl¨
ache anstelle des Partikelmittel-
punktes gew¨
ahlt worden)
Der im Verh¨
altnis zur Gitterweite relativ große Partikeldurchmesser verursacht bzgl.
der Interpolation ein weiteres Problem, dessen Einfluss auf die Modellgenauigkeit
auch in der Literatur nicht dokumentiert ist. Die gr¨
oßten im System befindlichen
Partikel haben einen Durchmesser der h¨
aufig der H¨
alfte bzw. einem Drittel der
Zellausdehnung entspricht, womit der Radius zwischen einem Viertel bzw. einem
Sechstel der Zellausdehnung liegt und somit in der selben Gr¨
oßenordnung wie die
Zellausdehnung selbst ist. Der Fehler von Interpolationsverfahren skaliert ebenfalls
mit einer Potenz der Gitterweite (je nach Verfahren). Somit ist die Annahme, den
Partikelmittelpunkt als Referenzort f¨
ur die Fluideigenschaften zu verwenden, inter-
polatorisch mit einem Fehler gleicher Gr¨
oßenordnung behaftet, denn die exakten
Fluiddaten auf der Partikeloberfl¨
ache ergeben sich aus den integralen Mittelwerten
62 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
der Fluidfelder auf der Partikeloberfl¨
ache und sind somit in dem hier verwendeten
Verfahren an einem um einen halben Partikeldurchmesser versetzten Ort berechnet
worden. Eine Berechnung der Fluidfelder an symmetrisch auf der Partikeloberfl¨
ache
angeordneten Punkten mit nachtr¨
aglicher gleichgewichteter Summation sollte im
Allgemeinen bessere Werte liefern. Abbildung 3.7 zeigt beispielhaft vier Punkte auf
der Partikeloberfl¨
ache, die eine bessere Interpolation gegen¨
uber der Verwendung des
Partikelmittelpunktes erlauben, wenn der Partikelradius in der selben Gr¨
oßenord-
nung wie die Zelle selbst ist. Der Wert einer Fluidgr¨
oße φ(z.B. der Fluidtemperatur),
die das Partikel zur Berechnung der Interaktion mit dem Fluidfeld verwendet (z.B.
W¨
armeaustausch), kann entsprechend den obigen Bemerkungen und der Darstellung
in Abbildung 3.7 mit Hilfe von
φ=φP1+φP2+φP3+φP4
4(3.50)
berechnet werden. In dieser Arbeit wird nicht ber¨
ucksichtigt, dass zum Beispiel Sun-
daram u. Collins (1996) angeben, dass die Interpolation mit mindestens dritter Ord-
nung durchzuf¨
uhren ist.
An dieser Stelle sei auf typische asymmetrische (z.T. auch inh¨
arent instation¨
are)
Wirbelstrukturen im Nachlauf von Partikeln hingewiesen (siehe z.B. Brauer (1971)),
die deutlich machen, dass der Partikelmittelpunkt nicht unbedingt die geeignete Stel-
le zur Interpolation der Fluiddaten ist. Auf der anderen Seite sollte man sich dar¨
uber
im Klaren sein, dass innerhalb einer Euler-Lagrange-Simulation keine Aufl¨
osung der
Partikelgrenzschichten bzw. einer Partikel-individuellen Str¨
omung erfolgt und somit
auch keine Wirbelph¨
anomene auf dieser Skala aufgel¨
ost werden k¨
onnen. Lokal stark
ver¨
anderliche Fluiddaten (z.B. am Rand des Reaktors mit gesetzter Haftbedingung
der Impulsbilanz 3.3) erfordern jedoch theoretisch ein detaillierteres Interpolations-
schema, als es oben beschrieben wurde.
3.3.2 Lagrange →Euler Mapping
Das Mapping der Partikeldaten auf das zugrundeliegende Fluidgitter ist ungleich
schwerer dem obigen inversen Problem, da erstens die Infrastruktur von OpenFO-
AM diesbez¨
uglich deutlich schlechter ausgebaut ist (Standard-OpenFOAM-L¨
oser
3.3 Mapping Algorithmen zwischen den Phasen 63
vernachl¨
assigen in den momentan vorliegenden Versionen den Volumenanteil der
Lagrange’schen Partikel, es ergibt sich also mehr Implementationsaufwand) und
zweitens die ben¨
otigten Ergebnisse eines Mappings materieller Partikeldaten auf
ein Gebiet gewisse Eigenschaften der sich ergebenden Felddaten implizieren (Stetig-
keit, Beschr¨
anktheit der zeitlichen ¨
Anderungen dieser Felder etc.). Das Interpolieren
von Felddaten auf der Partikeloberfl¨
ache ist nur rechenaufw¨
andig, wohingegen der
hier diskutierte R¨
uckweg diverse Probleme mit sich bringt, wie im Weiteren gezeigt
wird. Auch in der Literatur ist dieses Problem deutlich weniger dokumentiert als
das inverse Mapping, da f¨
ur eine große Zahl von Anwendungen (Spray’s, moleku-
lardynamische Simulationen etc.) die Partikelgr¨
oße h¨
aufig sehr klein im Verh¨
altnis
zur Zellgr¨
oße ist und somit ohnehin meist mit repr¨
asentativen Konzepten gearbei-
tet wird. Dadurch wird der Einfluss der Partikelgr¨
oße auf die netto in einer Zelle
auftretenden Quellterme meist sehr klein.
Der in der Literatur h¨
aufig beschrittene Weg des Mappings ist das sogenannte ”Par-
ticle source in cell”-Modell von Crowe u. a. (1977). Dabei werden die ¨
uber die Zeit und
bei entsprechender Partikelbewegung auch ¨
uber den Ort entstehenden Austausch-
gr¨
oßen zwischen den Partikeln und der fluiden Phase der Zelle zugeordnet, in der
der Mittelpunkt des Partikels liegt. Die Nachteile sind bei der inversen Problematik
bereits oben angedeutet worden.
In der hier vorgestellten Arbeit sind einzelne Partikel potentiell so groß, dass ein
Aufteilen des Partikelvolumens eines Partikels auf verschiedene Zellen zwingend not-
wendig ist. Dies ergibt sich aus mehreren Gr¨
unden, die hier n¨
aher erl¨
autert werden.
Insbesondere die Volumenfraktion der Festphase (und damit auch der Fluidphase)
kann zu extrem großen zeitlichen Spr¨
ungen neigen, wenn man nicht spezielle Maß-
nahmen ergreift, um dies zu verhindern. Angenommen, man verfolgt das ”Particle
source in cell”-Konzept und ber¨
ucksichtigt das Volumen des Partikels nur in der
Zelle, in der der Mittelpunkt des Partikels gerade liegt, so wird ein Partikel, das
sehr dicht vor dem Verlassen einer Zelle ist, seinen kompletten Volumenbeitrag nur
dieser einen Zelle entziehen (obwohl wie oben dargelegt u.U. nur 12.5 % des Partikel
tats¨
achlich in dieser Zelle sind). Im Fall des ¨
Ubergangs des Partikelmittelpunktes
in die Nachbarzelle wird dann schlagartig das komplette Partikelvolumen der neuen
64 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
Zelle zugeordnet. Dies ist insbesondere deswegen numerisch instabil, da der Parti-
kelwechsel in die Nachbarzelle f¨
ur jeden finiten Zeitschritt m¨
oglich ist (z.B. wenn
das Partikel direkt auf der Zellwand liegt) und damit das ¨
ubergehende Volumen fix
ist (das gesamte Volumen des Partikels), jedoch der Zeitschritt zur Berechnung der
Volumen¨
anderungsrate (Zeitschritt der Feldgleichungen) beliebig klein werden kann.
Bei der Berechnung der echten Volumen¨
anderungsrate einer Zelle w¨
urde bei kleiner
werdenden Zeitschritt auch das ¨
ubergehende Volumen kleiner werden und damit die
¨
Anderungsrate finit bleiben.
Da, wie im Kapitel 4.1 dargestellt, die Kopplung der Phasen nicht iterativ gestaltet
ist, richtet sich der Massenfluss in ganz wesentlichen Teilen nach der ¨
Anderungsrate
der Volumenanteile. Eine zu abrupte ¨
Anderung der Volumenanteile zieht dement-
sprechend einen lokal sehr großen Massenfluss nach sich, um die vom oben darge-
stellten Szenario betroffenen Gebietszellen mit Fluid aufzuf¨
ullen bzw. zu entleeren
und damit die Massenbilanz zu erf¨
ullen. Dieser Effekt ist schon in der Arbeit von
Gerber (2006a,b) f¨
ur eine zweiphasige Str¨
omung mit einem dichtekonstanten Fluid
klar ersichtlich. In der Literatur ist dieser Effekt nur sehr selten dokumentiert bzw.
erw¨
ahnt (siehe z.B. Darmana u. a. (2006)).
Ein Aspekt, der in der bisherigen Diskussion der Interpolationsverfahren vollkommen
außer Acht gelassen wurde, ist die thermodynamische G¨
ultigkeit der erzielten Inter-
polationsergebnisse. In der Arbeit von Nordin (2001) wird dieser Aspekt betrachtet
und soll hier, da er die bisherigen Ergebnisse zum Teil konterkariert, ebenfalls n¨
a-
her beschrieben werden. Aufgrund des etwas komplexeren Interphasentransportes in
dieser Arbeit (die in Nordin (2001) behandelten Dieselsprays betrachten typischer
Weise nur Massentransport vom Spray in die Fluidphase, wohingegen die Vergasung
naturgem¨
aß einen Massentransport in beide Richtungen hervorruft) soll die Diskus-
sion hier nicht nur f¨
ur die Fluidgeschwindigkeit und die Fluidtemperatur, sondern
auch f¨
ur die an den heterogenen Reaktionen beteiligten Stoffe etwas ausf¨
uhrlicher
durchgef¨
uhrt werden.
Angenommen, die Geschwindigkeit des Fluids an einem Partikel wird ¨
uber die Werte
der Nachbarzellen und der Zelle interpoliert, die das Partikel beherbergt, so sind Si-
tuationen denkbar, bei denen die Partikelgeschwindigkeit gerade zwischen den Wer-
3.3 Mapping Algorithmen zwischen den Phasen 65
ten der beiden betroffenen Gebietszellen (es wird hier, ohne Beschr¨
ankung der Allge-
meing¨
ultigkeit, vereinfachend angenommen, dass das Partikel nur von zwei Zellwer-
ten beeinflusst wird) liegt. So kann die interpolierte Fluidgeschwindigkeit oberhalb
der Partikelgeschwindigkeit liegen, was zum Beschleunigen des Partikels f¨
uhrt. Der
f¨
ur diese Beschleunigung notwendige Impulsaustausch muss folgerichtig den beiden
Gebietszellen entzogen werden. Nun tritt dann aber die Situation auf, dass der Zelle,
die eine Geschwindigkeit unterhalb der Partikelgeschwindigkeit hat, Impuls entzogen
werden muss. Dies verst¨
oßt offensichtlich gegen den thermodynamischen Grundsatz,
dass eine Wirkung proportional zu dem ihr zugrundeliegenden Potential sein soll.
Man kann dies hier je nach Betrachtungsweise auch als mechanisches Prinzip deu-
ten. Das Potential ist in diesem Fall die Geschwindigkeitsdifferenz des Fluids und
des Partikels und die Wirkung ist der Impulsaustausch zwischen den Phasen. Die-
ses Ph¨
anomen tritt dabei unabh¨
angig von dem verwendeten Interpolationsverfahren
h¨
oherer Ordnung auf. Verwendet man hingegen als f¨
ur das Partikel wesentliche Fluid-
geschwindigkeit den Wert der Zelle, in dem der Mittelpunkt des Partikels liegt, wird
dieses Problem vermieden. Insofern scheint hier eine an sich bessere Interpolation
die schlechtere Abbildung des physikalischen Geschehens zu liefern.
Ti
TP
Ti+1
TF
i xPi+1
Abbildung 3.8: Partikel mit der Temperatur TPzwischen zwei Zellen i und i+1 mit den Tempe-
raturen Tiund Ti+1 (TFist die am Partikelort xPinterpolierte Fluidtemperatur)
66 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
Ein ¨
ahnliches Problem wird auch f¨
ur die Temperatur in der Arbeit von Nordin (2001)
dargestellt und soll hier ebenfalls dargelegt werden. Wiederum wird eine Situation
angenommen, in der zwei Zellen Temperaturen an ihren Zellzentren haben, die je-
weils gr¨
oßer bzw. kleiner als die Temperatur des Partikels sind und aus denen eine
interpolierte Fluidtemperatur hervorgeht, die oberhalb der Partikeltemperatur liegt.
Das Partikel w¨
urde also w¨
armer werden und den damit verbundenen W¨
armestrom
den beiden Zellen (angenommen man verteilt den entstehenden Quellterm) entzie-
hen. Dies f¨
uhrt dann f¨
ur die k¨
altere Gebietszelle zu einem direkten Verstoß gegen den
zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, da W¨
arme in diesem Fall offensichtlich vom
k¨
alteren K¨
orper zum w¨
armeren fließen w¨
urde. Die hier diskutierte Situation wird in
Abbildung 3.8 veranschaulicht, wobei TPdie Partikeltemperatur kennzeichnet, TF
die am Partikelort interpolierte Fluidtemperatur und Tiund Ti+1 die Fluidtempe-
raturen in den Zellen i und i+1.
Auch bzgl. der Spezies ergibt sich ein ¨
ahnliches Bild, da im Fall heterogener Reaktio-
nen auf der Partikeloberfl¨
ache (z.B. Vergasungsreaktionen) der Gasphase die Edukte
dieser Reaktionen entzogen werden und die Produkte zugef¨
uhrt werden m¨
ussen. Da-
bei kann die Situation entstehen, in der eine Gebietszelle kein Edukt enth¨
alt, jedoch
der interpolierte Wert dieses Eduktes im Partikelzentrum ungleich Null ist, da eine
(mehrere) Nachbarzelle(n) dieses Edukt enthalten. Folglich w¨
urde die Vergasungsre-
aktion dieses Edukt verbrauchen und den damit entstehenden Massenfluss zumindest
teilweise aus der Zelle beziehen, die dieses Edukt gerade nicht mehr enth¨
alt. Man
w¨
urde also de facto eine Komponente umsetzen, die lokal nicht vorhanden ist. Die
Pyrolyse spielt in dieser Betrachtung eine untergeordnete Rolle, da dabei haupts¨
ach-
lich Material vom Partikel in die Gasphase ¨
ubergeht und nicht umgekehrt (¨
ahnlich
wie bei einem Dieselspray).
Die hier dargestellten Probleme der Interpolation innerhalb einer reaktiven zwei-
phasigen Str¨
omung sind allesamt durch Verwenden des Wertes der Zelle, die den
Mittelpunkt eines Partikels enth¨
alt, gel¨
ost. Leider bringt dieser Ansatz relativ große
Interpolationsfehler mit sich (siehe oben).
3.3 Mapping Algorithmen zwischen den Phasen 67
3.3.3 Mapping Algorithmen dieser Arbeit
Die in dieser Arbeit verwendete Methode, um aus den Partikelpositionen ein Feld
f¨
ur die Volumenfraktionen der Phasen zu erhalten, geht von einem dem Partikel
volumengleichen Quader aus. Da das hier vorgestellte Verfahren im derzeitigen Zu-
stand nur auf einem kartesischen Gitter arbeitet, bietet sich die Form eines W¨
urfels
naturgem¨
aß an. Die Verwendung von Quadern f¨
uhrt zwangsl¨
aufig zu Fehlern in der
Darstellung der Volumenfraktion, hat jedoch den Vorteil, dass der Volumenanteil des
Partikels in einer Zelle direkt mit dem Zeitschritt der Simulation skaliert und somit
abrupte ¨
Anderungen der Volumenanteile in den Gebietszellen vermieden werden,
wenn denn der Zeitschritt klein genug ist und damit auch die Orts¨
anderung.
Die exakte Aufteilung der Kugel ist zumindest f¨
ur den dreidimensionalen Fall recht
aufw¨
andig (siehe Wu u. a. (2009)) aber f¨
ur den zweidimensionalen Fall durchaus
praktikabel (siehe Uhl (1999)). Die Approximation einer Kugel durch einen volu-
mengleichen W¨
urfel vereinfacht nicht nur die Berechnung der Volumenanteile in
Bezug auf die formelm¨
aßige Auswertung, sondern auch bzgl. der betroffenen Zellen.
Es sind Situationen denkbar auf einem kartesischen Gitter, in der die Kugel Volu-
menanteile in einer Zelle hat, die nicht von der W¨
urfelapproximation betroffen ist
und der somit in dieser Arbeit kein Volumenanteil zugeordnet wird.
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Abbildung 3.9: Volumenverteilung eines kugelf¨
ormigen Partikels anhand eines volumengleichen
W¨
urfels
68 Kapitel 3 Bilanzgleichungen und verwendete Modelle der Gas- und Festphase
Ein bei zweidimensionalen Euler-Lagrange-Simulationen inh¨
arentes Problem ist die
Frage nach der Ber¨
ucksichtigung dreidimensionaler K¨
orper in einer zweidimensio-
nalen Str¨
omung. Die Unterschiede werden klar, wenn man die dichteste Packung
von Kugeln in einem Volumen vergleicht mit der dichtesten Packung von Kreisen in
einer Fl¨
ache (f¨
ur monodisperse Systeme). Im ersteren Fall betr¨
agt der gr¨
oßtm¨
ogliche
Volumenanteil der Kugeln π
√18, also ungef¨
ahr 0.74. Dies ist ein Mittelwert, welcher
lokal, je nach Aufteilung des Gebietes, ¨
ubertroffen werden kann. Die dichteste Pa-
ckung von Kreisen in einer Fl¨
ache betr¨
agt π
√12, also ungef¨
ahr 0.91. Nimmt man
an, dass diese beiden dichtesten Packungen einander zuzuorden sind und das nicht
Vorhandensein der festen Phase im Zweidimensionalen auch selbiges im Dreidimen-
sionalen bedeutet, ergibt sich die in der Arbeit von Hoomans u. a. (1996) publizierte
Gleichung (3.51), die auch dieser Arbeit, trotz der Polydispersit¨
at der Festphase
verwendet wurde.
α3D= 1 −2
pπ√3·(1 −α2D)3
2(3.51)
In OpenFOAM werden zweidimensionale Gebiete so behandelt, als handele es sich
um dreidimensionale mit einer Gebietszelle in Tiefenrichtung. Korrigiert man die
Volumenfraktionen nicht mit Gleichung (3.51), so ergeben sich zu kleine Volumen-
anteile der Partikelphase und das Wirbelbett fluidisiert nicht bei den entsprechen-
den Gasgeschwindigkeiten. Eine ¨
ahnliche Umrechnung m¨
usste auch f¨
ur die anderen
volumenbezogenen Quellterme der festen Phase ber¨
ucksichtigt werden, jedoch gibt
es in der Literatur dar¨
uber keine Aussagen und so wurde in dieser Arbeit nur die
Volumenfraktion selbst korrigiert. Die Interpolation der Fluidgr¨
oßen am Ort des
Partikelmittelpunktes wurde wie in Kapitel 3.3.1 dargelegt bewerkstelligt.
Kapitel 4
Euler-Lagrange-Simulation
4.1 Programmablauf
Der Ablauf des in dieser Arbeit implementierten Euler-Lagrange Verfahrens ist in
Abbildung 4.1 dokumentiert. Zu Beginn der Simulation werden die Geometriedaten,
Anfangs- und Randbedingungen eingelesen. Danach wird eine Infrastruktur auf Basis
der lokalen Gitter erstellt, die das Berechnen der Volumenaufteilung eines Partikels
(siehe Abbildung 3.9), die Kollisions¨
uberpr¨
ufung und die Parallelisierung der beiden
zuletzt genannten Teilprozesse erlaubt. Je nachdem ob das Programm neu gestartet
wird oder eine bereits begonnene Rechnung weitergef¨
uhrt werden soll, werden dann
die Partikel initialisiert und deren Anfangsdaten festgelegt (Masse, Durchmesser
etc.) bzw. die entsprechenden Daten eingelesen.
Das Einf¨
ugen der Partikel bei einem Neustart ist relativ aufw¨
andig, da der Ort der
Partikel nicht beliebig frei gew¨
ahlt werden kann. So sollten die Partikel mit einem
Mindestabstand zueinander aber auch zu den Berandungen der Geometrie versehen
werden, damit der Kollisionsalgorithmus (siehe Kapitel 3.2.3) nicht unrealistisch
große ¨
Uberlappungen der Partikel mit anderen Partikeln bzw. Geometriew¨
anden de-
tektiert und damit dann entsprechend große resultierende Kr¨
afte entstehen, die unter
Umst¨
anden deutlich kleinere Zeitschritte erfordern, als f¨
ur die Simulation eigentlich
angedacht. Es ist also darauf zu achten, dass die initialen Partikeldaten physika-
lisch sinnvoll sind, d. h. das beispielsweise die initialen Partikelpositionen so gew¨
ahlt
werden sollten, dass sich keine Partikel¨
uberlappungen ergeben.
70 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
Einlesen der Anfangs- und Randbedingungen sowie der Geometriedaten
Berechnung der Quellterme der homogenen chemischen Reaktionen
Ende der Simulation
Speichern der berechneten Partikel- und Fluiddaten
PISO-Schleife zur Berechnung der Energie-, Impuls-, Spezies- und Massenbilanz der Fluids
while (t < tEnde)
Initialisierung der Anfangsbedingungen der Partikel (Masse, Durchmesser etc.)
Aufbau der Infrastruktur f¨
ur die Partikelkollisionen, der Partikelvolumenverteilung
und ggf. der Infrastruktur f¨
ur parallele Simulationen
Integration der Partikeltrajektorien und des Partikelabbrandes
Abbildung 4.1: Ablauf des Hauptprogramms
Nachdem alle Gr¨
oßen initialisiert worden sind, beginnt die eigentliche Simulation,
welche den Ablauf der Geschehens in der Wirbelschicht vom Anfangszeitpunkt bis
zum Simulationsende mit einem konstanten Zeitschritt ∆tFeldgleichungen berechnet.
F¨
ur jeden Zeitschritt ∆tFeldgleichungen wird zuerst die Partikelbewegung bzw. der
Partikelabbrand berechnet, dann die Feldgleichungen der fluiden Phase gel¨
ost und
zuletzt werden die berechneten Daten gespeichert. Die Unterteilung in Partikelbewe-
gung bzw. Partikelabbrand und der Berechnung der Fluidfeldgleichungen impliziert
ein zeitliches Splitting dieser beiden Prozesse. Das Splitting ist erster Ordnung bzgl.
der zeitlichen Schrittweite ∆tF eldgleichungen. Die Berechnung der Fluidfeldgleichungen
unterteilt sich gem¨
aß Abbildung 4.1 in die Berechnung der homogenen Gasphasen-
4.1 Programmablauf 71
while(Anzahl integrierte Zeitschritte ≤Anzahl zu integrierende Zeitschritte)
Bewegung und Abbrand der Partikel
f¨
ur einen Zeitschritt
Initialisieren der Austauschterme zwischen den Phasen
f¨
ur die Spezies-, Energie- und Impulsbilanzen
Kollisions¨
uberpr¨
ufung
Berechnung der Volumenanteile der festen Phase
Abbildung 4.2: Ablauf der Partikelbewegung aus 4.1
reaktionen und der PISO-Schleife zur Berechnung der Bilanzen der Spezies, der
Energie, der Gesamtmasse und des Impulses der fluiden Phase.
Die homogenen Gasphasenreaktionen werden wiederum mit einem zeitlichen Split-
ting erster Ordnung bzgl. des Zeitschrittes ∆tF eldgleichungen getrennt von den eigent-
lichen Bilanzgleichungen gel¨
ost. Der Zeitschritt dieser getrennten Integration richtet
sich nur nach den vorgegebenen Toleranzen und ist damit unabh¨
angig vom Zeit-
schritt ∆tF eldgleichungen. Nachdem alle Zeitschritte ∆tFeldgleichungen berechnet wurden,
endet die Simulation.
Der zeitliche Aufbau der Partikelbewegung bzw. des Partikelabbrandes wird in Ab-
bildung 4.2 verdeutlicht. Zun¨
achst werden die Datenstrukturen initialisiert, die die
Quellterme der festen Phase aufnehmen sollen. Der Zeitschritt der Partikelbewe-
gung ∆tPartikelbewegung ist typischer Weise nicht identisch mit dem Zeitschritt der
Feldgleichungen ∆tF eldgleichungen, sondern nur ein Bruchteil davon. In dieser Arbeit
wurde der Zeitschritt der Partikelbewegung ∆tP artikelbewegung immer als ein Drittel
des Zeitschrittes ∆tF eldgleichungen angenommen, so dass pro Zeitschritt der Feldglei-
chungsberechnung drei gleichgroße Zeitschritte der Partikelbewegung berechnet wer-
den. Nach jedem einzelnen Zeitschritt ∆tP artikelbewegung wird, wie in Abbildung 4.2
72 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
dargestellt, eine Kollisions¨
uberpr¨
ufung durchgef¨
uhrt. Diese Maßnahme garantiert
eine enge Kopplung des Kollisionsmodells an die Partikelbewegung und garantiert
die f¨
ur die Partikelkollisionen notwendigen kleinen Zeitschritte, ohne die Berechnung
der fluiden Phase unn¨
otig aufw¨
andig zu machen. Alle Partikel in einem Rechengebiet
werden innerhalb eines Zeitschrittes der Partikelbewegung sequentiell abgearbeitet.
Der Partikelabbrand wird mit dem in Kapitel 3.2.8 vorgestellten Verfahren durchge-
f¨
uhrt, das wiederum einen eigenen durch Fehlertoleranzen beeinflussten Zeitschritt
verwendet. Die Partikel bewegen sich auf station¨
aren Feldern der fluiden Phase f¨
ur
die Temperatur, die Dichte, die Geschwindigkeit, den Druck und den Volumenanteil.
W¨
ahrend der Bewegung der Partikel werden jedoch die eben genannten station¨
aren
Felder durch die in den Zellen registrierten Quellterme der Partikel korrigiert, um zu
garantieren, dass das i-te bewegte Partikel in einer Zelle anhand der Bedingungen in
der Zelle sp¨
urt, dass bereits i-1 Partikel in der Zelle bewegt wurden (die Korrektur
wird nur f¨
ur die Spezies und die Temperatur durchgef¨
uhrt).
Nachdem alle Zeitschritte der Partikelbewegung berechnet worden sind, wird anhand
der neu berechneten Positionen der Partikel der Volumenanteil der festen Phase
(und damit auch der fluiden Phase) in den einzelnen Zellen berechnet. Danach wird
entsprechend Abbildung 4.1 weiter verfahren.
Die in Abbildung 4.2 genannte Kollisions¨
uberpr¨
ufung besteht aus zwei Teilen. Zum
einen m¨
ussen potentielle Kollisionspartner gefunden werden und zum anderen die
Kollisionen berechnet werden. Die Berechnung der Kollisionen ist in Kapitel 3.2.3
dokumentiert. In dieser Stelle soll auf das eigentliche Suchverfahren eingegangen wer-
den. Generell kann ein Partikel nin einer Zelle zmit allen anderen Partikeln dieser
Zelle und den Partikel der direkten Nachbarzellen kollidieren. Im Zweidimensionalen
(auf kartesischen Gittern) kommen damit acht Nachbarzellen in Betracht, die po-
tentielle Kollisionspartner des Partikels nbeherbergen k¨
onnen. Wird die Suche nach
Kollisionspartner so durchgef¨
uhrt, dass zellweise das Gebiet durchlaufen wird, kann
man die Nachbarschaftsbeziehungen der Zellen, wie in Abbildung 4.7 gezeigt, verein-
fachen. Es m¨
ussen de fakto pro Zelle nur vier Nachbarzellen mit den darin enthalte-
nen Partikeln bzgl. eines Kollisionsvorfalls ¨
uberpr¨
uft werden, was den Aufwand fast
halbiert (der Suchaufwand innerhalb einer Zelle bleibt davon nat¨
urlich unber¨
uhrt).
4.2 Parallelisierung 73
Der Ablauf der Kollisionssuche f¨
ur eine Zelle ist in Abbildung 4.3 verdeutlicht. F¨
ur
alle Partikel einer Zelle wird zum einen nach potentiellen Kollisionspartnern in der
betreffenden Zelle selbst gesucht und zum anderen in den vier Nachbarzellen. Die
richtigen Nachbarzellen werden durch die in Abbildung 4.1 gezeigte und zu Beginn
der Simulation erstellte Infrastruktur bereitgestellt.
5. Partikel
4. Partikel
3. Partikel
nein nein nein
ja ja ja ja ja ja ja
vorherige Zelle
Partikel-
liste
1. Partikel nein nein nein nein nein nein
ja ja ja
Partikel in der aktuellen Zelle Partikel in den Nachbarzellen der aktuellen Zelle
2. Partikel
¨
Uberlappung?
n¨
achste Zelle
Abbildung 4.3: Ablauf der Suche nach Kollisionspartnern
4.2 Parallelisierung
Die Parallelisierung der L¨
osung verschiedenster mathematischer Probleme ist in den
letzten Jahren immer wichtiger geworden, da die Leistungsf¨
ahigkeit einzelner CPU’s
von einer Entwicklungsstufe zur n¨
achsten nicht mehr so anw¨
achst, wie dies in den fr¨
u-
hen Jahren der Prozessorentwicklung erfolgte. Daraus resultierend sind verschiedene
Wege der Parallelisierung sowohl auf Hardware- als auch auf Softwareseite realisiert
worden.
Die Arbeit von Frank (2002) gibt einen guten ¨
Uberblick bzgl. bestehender Techni-
ken und Aktivit¨
aten diverser Forschungsgruppen. Frank (2002) unterscheidet gene-
rell drei verschiedene Ans¨
atze um Euler-Lagrange Simulationen zu parallelisieren:
die Quasi-Serielle Methode, die Statische Domain Decomposition Methode und die
Dynamische Domain Decomposition Methode. Bei der Quasi-Seriellen Methode wird
das zugrundeliegende Rechengebiet nicht aufgeteilt und alle an der Simulation der
74 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
Partikelbewegung beteiligten Prozessoren arbeiten auf dem selben globalen Rechen-
gebiet. Die eigentliche Parallelisierung findet nur auf Ebene der Berechnung der
Partikelbewegung statt. Die Partikel, die einem bestimmten Prozessor zugeordnet
sind, k¨
onnen sich beliebig im gesamten Rechengebiet bewegen ohne den zugeord-
neten Prozessor wechseln zu m¨
ussen, da alle Prozessoren Zugriff auf die globalen
Felddaten haben. Das Bereitstellen der globalen Felddaten f¨
ur jeden Prozessor ist
zum Beispiel bei großen Rechengebieten mit vielen Rechenzellen und Felddaten ei-
ne sehr speicherintensive wenn ¨
uberhaupt m¨
ogliche Situation, was diese Methode
einschr¨
ankt.
Die Statische und die Dynamische Domain Decomposition Methode (SDD und DDD
Methoden) basieren beide auf der Idee der Domain Decomposition von Feldglei-
chungssystemen. Bei dieser Methode handelt es sich um ein Verfahren, bei welchem
das betrachtete Rechengebiet in Teilst¨
ucke zerlegt wird und dann auf jedem Gebiet
getrennt nach ein und dem selben Verfahren gel¨
ost wird. Jedem Gebiet wird typi-
scherweise auch eine physikalische Recheneinheit zugeordnet, wobei es hier grund-
s¨
atzlich keine Rolle spielt, ob diese Recheneinheit in der selben CPU, dem selben
Knoten oder im selben Rack zu finden ist. Statisch und dynamisch werden Metho-
den dieser Art genannt, wenn die Aufteilung des Rechengebietes statisch ist (d.h.
sich nicht ¨
uber die Rechenzeit ¨
andert) oder sich in Abh¨
angigkeit der Rechenbelas-
tung der einzelnen Prozessoren dynamisch anpasst, um eine m¨
oglichst ausgeglichene
Gesamtrechenlast und damit hohe parallele Effizienzen zu erm¨
oglichen.
In Frank (2002) wird jedoch die Rechengebietsverteilung f¨
ur die Feldgleichungen als
generell statisch angenommen, da es sich hier um ¨
uber die Rechenzeit konstante
Belastungen handelt, welche sehr gut zu Beginn der Simulation gleichm¨
aßig auf-
geteilt werden k¨
onnen. Generell sind nat¨
urlich auch F¨
alle m¨
oglich bei denen die
Lastanteile eines Prozessors zum Beispiel durch bewegte Gitter und /oder adapti-
ve Gitterver¨
anderung variieren und sich somit auch f¨
ur die Domain Decomposition
der Feldgleichungen ein dynamisches Aufteilen des Rechengebietes anbieten w¨
urde.
Diese Aspekte werden in der hier vorliegenden Arbeit nicht n¨
aher betrachtet.
SSD und DDD Methoden in der Arbeit von Frank (2002) sind Methoden bei denen
nur die Partikellast entweder statisch oder dynamisch verteilt wird. SSD Metho-
4.2 Parallelisierung 75
den verwenden die selbe Aufteilung des Rechengebietes f¨
ur die Feldgleichungen als
auch f¨
ur die Partikelbewegung und m¨
ussen dementsprechend mit einer Kommuni-
kationsinfrastruktur arbeiten, die den Wechsel der Partikel zwischen den Rechenge-
bieten realisiert. Inhomogene Partikelverteilungen im globalen Rechengebiet k¨
onnen
dementsprechend zu starken Unterschieden in der Rechenlast einzelner Prozessoren
f¨
uhren. Dem entgegenwirkend arbeiten die DDD Methoden nach Frank (2002) mit
stark an die lokalen Rechenlasten angepassten Prozessaufteilungen. Dabei werden
die bei den SSD Methoden vorhandenen Teilrechengebiete nur f¨
ur die Partikelbewe-
gung zus¨
atzlich in kleinere Bl¨
ocke unterteilt und diese mit jeweils einem Prozessor
abgearbeitet. Allerdings ist es dabei m¨
oglich, dass Prozessoren auch Partikel bear-
beiten, die in Bl¨
ocken liegen, die ihnen nicht zu Beginn eines Zeitschrittes zugewie-
senen wurden, soweit es die lokale Rechenlast zul¨
asst. Sobald ein Prozessor den ihm
zugeordneten Block mit den darin enthaltenen Partikeln berechnet hat, wird ihm
prim¨
ar die Partikelbewegungsberechnung in einem Block desselben statischen Teil-
gebietes zugewiesen und falls hier bereits alle Partikel bewegt worden sind auch die
Berechnung von Bl¨
ocken aus anderen bei der statischen Gebietsaufteilung entstan-
denen Teilgebieten zugewiesen. Damit kann es in extremen Situationen vorkommen,
dass alle beteiligten Prozessoren simultan an der Partikelbewegung innerhalb eines
Blockes arbeiten. Daraus ergibt sich ein deutlich besseres Lastverteilungsverhalten
als bei SSD Methoden.
Weiterhin werden in Frank (2002) diverse Testf¨
alle auf verschiedensten Rechenan-
lagen bzgl. ihrer parallelen Effizienz und des Skalierungsverhaltens getestet sowie
weitere Details m¨
oglicher DDD Kommunikationsstrategien erl¨
autert und quantifi-
ziert. Bei stark inhomogenen Partikelverteilungen ist ein DDD ¨
ahnliches Verfahren
res¨
umierend also eine durchaus erstrebenswerte Art der Parallelisierung von Euler-
Lagrange-Verfahren. Die Wirksamkeit der DDD Methode ist aber unter Umst¨
anden
stark von der Latenz und der Bandbreite der verwendeten Netzwerktechnik abh¨
angig
(siehe Frank (2002)).
Darmana u. a. (2006) zeigt eine mit der ”mirror domain technique” parallelisierte
Applikation zur Modellierung von Blasenstr¨
omungen. Dabei werden ca. 105Partikel
auf einem Gitter von ca. 65 000 Zellen betrachtet und die Ergebnisse unter anderem
76 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
bzgl. der parallelen Effizienz analysiert. Es ergeben sich parallele Effizienzen ¨
uber
0.6 bei bis zu 32 Prozessoren (der Speedup ist dann bei ca. 20). Weiterhin werden
die Abh¨
angigkeiten diverser Gr¨
oßen (Sauterdurchmesser, Schwankungsgeschwindig-
keiten etc.) von der Blasenkoaleszens untersucht. Das Verfahren ¨
ahnelt stark dem
Quasi-Seriellen Verfahren aus Frank (2002).
Im Folgenden werden die Arbeiten an der Parallelisierung des bestehenden Verfah-
rens dokumentiert. Die Darstellung hier sollen sich auf die softwareseitige Paral-
lelisierung von (gekoppelten) Feldgleichungssystemen und der Parallelisierung der
Partikelbewegung und des Partikelabbrandes (im weitesten Sinn) beschr¨
anken.
OpenFOAM bietet zu diesem Zwecke vollst¨
andig parallelisierte L¨
oser f¨
ur verschie-
denartige Feldgleichungsprobleme nach dem Prinzip der statischen Domain Decom-
position (s.o.). Die Randbedingungen dieser Teilst¨
ucke k¨
onnen zum einen aus wirk-
lichen Randbedingungen des urspr¨
unglich betrachteten unaufgeteilten Problems re-
sultieren oder zum anderen durch die Aufteilung des Gebietes im Zuge der Paralleli-
sierung entstehen. Im zweiten Fall sind die Randwerte nur implizit ¨
uber die L¨
osung
der Nachbargebiete gegeben, welche ihrerseits die entsprechende inverse Abh¨
angig-
keit aufweisen. Um die Werte dieser virtuellen R¨
ander zwischen den Teilgebieten
auszutauschen, muss eine Kommunikationsinfrastruktur bereitgestellt werden, die
dies leisten kann. OpenFOAM bietet auch hier eine C++ Bibliothek (libPstream,
im Weiteren nur Pstream), die diese Kommunikation bewerkstelligt.
Die Partikelbewegung selbst ist ebenfalls in OpenFOAM vollst¨
andig parallelisiert
implementiert. Dabei gilt es zu beachten, dass in den bereits in OpenFOAM vor-
handenen Applikationen keine Ber¨
ucksichtigung der Volumenfraktion der Festphase
und auch keine Ber¨
ucksichtigung der Kollisionen ¨
uber stochastische Kollisionsmo-
delle hinaus erfolgt. Dementsprechend musste in dieser Arbeit sowohl eine Paral-
lelisierung der deterministischen Kollisionsmodelle vorgenommen werden, als auch
eine volumenbasierte Aufteilung von Partikeln ¨
uber Prozessorgrenzen hinaus bereit-
gestellt werden. Der zweite Punkt ist deswegen von so eminenter Wichtigkeit, da
es schon bei seriellen Rechnungen starke Konvergenzprobleme aufgrund der unzu-
reichenden Verteilung der Partikelvolumina ¨
uber die Zellgrenzen hinweg gab (siehe
Kapitel 3.3). Abbildung 4.4(a) zeigt die h¨
aufig auf strukturierten Gittern verwendete
4.2 Parallelisierung 77
SSW
OW
SO
NONNW
(a) Kompassnotation
234
234 234 234
657
658235
211
210
(b) Beispiel f¨
ur Nachbarzellindexe
Abbildung 4.4: Schablonen zur Orientierung auf dem Rechengitter I (zusammen mit Abb. 4.5)
0 0 0
0
0 0
1
1
(a) Beispiel f¨
ur Flag’s der Nachbarzellen
1
1
1 1 1
1
1
2
2
(b) Beispiel f¨
ur Prozessorindex der Nachbar-
zellen
Abbildung 4.5: Schablonen zur Orientierung auf dem Rechengitter II (zusammen mit Abb. 4.4)
Kompassnotation, welche es erlaubt, mit Hilfe eines Zellindexes (in Abbildung 4.4(a)
entsprechend die mittlere Zelle) die Indexe der Nachbarzellen zu erhalten. Da es sich
bei OpenFOAM um eine auf unstrukturierten Gittern basierende Bibliothek handelt,
sind entsprechende Nachbarschaftsbeziehungen nur implizit ¨
uber die Datenstruktu-
ren des Gitters selbst gegeben. Im Zuge der Arbeit wurden Datenstrukturen erstellt
(f¨
ur jede Gebietszelle), die ein Zugriff ¨
ahnlich zur Kompassnotation erm¨
oglichen.
78 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
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(a) Beispiel einer Nachbarschaftsbeziehung
aus mehr als zwei Prozessoren (gleich-
schraffierte Zellen sehen sich nicht)
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(b) Nachbarschaftsbeziehung ¨
uber eine
Prozessorgrenze (die unterlegten, nicht
schraffierten Zellen sehen sich nicht)
Abbildung 4.6: M¨
ogliche Gebietsaufteilung die in dieser Arbeit nicht abgebildet werden k¨
onnen
(die dicken schwarzen Linien sind Gebietsgrenzen des zerlegten Gitters)
Parallelisierung des deterministischen Kollisionsmodells
Abbildung 4.7: Darstellung der vereinfachten Zell-Nachbarschaftbeziehungen f¨
ur die Kollisions-
¨
uberpr¨
ufung
4.2 Parallelisierung 79
L¨
oschen der angelegten Listen
Kollisionstest der Partikel mit den physikalischen R¨
andern des Rechengebietes
Partikel in Liste mit Zellindex einordnen
Versenden von Partikeldaten nach Zellen eines Randbereiches geordnet
und Kollisionstest mit den in Frage kommenden Partikeln
Empfangen der vom Nachbarprozessor versendeten Partikeldaten
Kollisionstest der Partikel im Inneren des Rechengebietes (wie im seriellen Fall)
Abbildung 4.8: Ablauf des Algorithmuses zur parallelen Kollisionsberechnung aus 4.2
Das seriell implementierte Kollisionsmodell ist im Kapitel 3.2.3 beschrieben und bie-
tet die Basis der Parallelisierung. Dabei werden in einer seriellen Rechnung zuerst
die Partikel den Zellen zugeordnet und dann wird zellbasiert die Suche nach po-
tentiellen Kollisionspartner begonnen. Kollisionspartner k¨
onnen zum einen in der
betrachteten Zelle selbst liegen oder zum anderen in den betroffenen Nachbarzellen
(siehe Abbildung 4.7). Die Parallelisierung erweitert dieses Bild um die in Abbildung
4.8 dargestellten Punkte, die ein Senden bzw. Empfangen oder das Berechnen der
Kollisionen ¨
uber die Gebietsgrenzen hinweg beinhalten. Die anf¨
angliche Zuordnung
der Partikel zu den Zellen wird im Vergleich zum seriellen Algorithmus um eine Zu-
ordnung der Partikel zu den Randzellen der Nachbargebiete erweitert. Im seriellen
Fall ist dies einfach eine Datenstruktur mit dem Index der lokalen Zellen, die entspre-
chend die Partikel bzw. Zeiger auf die Partikel aufnimmt. Im parallelen Fall werden
zus¨
atzlich entsprechend der Anzahl angrenzender Teilgebiete Listen er¨
offnet, die die
f¨
ur die Kollisionsberechnung notwendigen Partikeldaten (Masse, Geschwindigkeit,
80 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
Rotationsgeschwindigkeit und Ort eines Partikels) aufnehmen. Anschließend wer-
den diese Daten dem entsprechenden Prozessor zugesandt. Dabei werden, entgegen
dem Vorgehen bei der seriellen Simulation, von beiden Seiten einer Prozessorgren-
ze die Partikeldaten versandt und damit das R¨
ucksenden der Partikeldaten nach
Ausf¨
uhrung der Kollision vermieden. Die versandten Datenstrukturen mit den dar-
in enthaltenen Partikeldaten k¨
onnen nach der Kollisionsberechnung verworfen wer-
den. Nachdem die Partikeldaten den entsprechenden Prozessoren zugesandt wurden,
wird wie im seriellen Fall auch, innerhalb eines Teilgebietes nach Kollisionspartnern
(Partikel-Partikel und Partikel-Wand) gesucht und die Kollision ggf. berechnet.
Im seriellen Fall ist an dieser Stelle der Algorithmus zur Berechnung der Kollisionen
zu Ende und es folgen die entsprechend n¨
achsten Schritte des Programmablaufs,
wie in Abbildung 4.1 und 4.2 dargestellt. Im parallelen Fall werden die Daten von
den jeweiligen Nachbarprozessoren empfangen, einer Suche nach Kollisionspartnern
unterzogen (nur in den betroffenen Randzellen des Empf¨
angerprozessors) und ggf.
folgt dann die Kollisionsberechnung. Der Ablauf des hier dokumentierten Vorgehens
ist in Abbildung 4.3 veranschaulicht.
Die Trennung des Sendens und Empfangens von Partikeldaten ¨
uber die Prozessor-
grenzen hinweg garantiert hier einen m¨
oglichst zeitsparenden Ablauf des paralleli-
sierten Programms. Trotz der umfangreichen Arbeiten an der Parallelisierung der
Kollisionen gibt es Situationen, die durch den beschriebenen Ablauf nicht abgebil-
det werden k¨
onnen. So kann es vorkommen, dass bei der Aufteilung des globalen
Rechengebietes, Prozessorgrenzen entstehen, die trotz des verwendeten kartesischen
Gitters nicht geradlinig sind, sondern einzelne Knicke aufweisen (siehe Abbildung
4.6(b)). In diesen F¨
allen kommt es zu nicht ber¨
ucksichtigten Zellen, da diese keinen
fl¨
achigen Kontakt zur Prozessorgrenze haben und somit nicht erfasst worden sind.
Dies liegt im Wesentlichen daran, dass nach der Zerlegung des Gitters die einzel-
nen Prozessoren nur Informationen bzgl. der Geometrie des Gitters haben, die zu
ihrem lokalen Teilst¨
uck geh¨
oren. Ansonsten kennt jeder Prozessor nur die direkten
fl¨
achigen Nachbarzellen der Nachbargebiete an die er grenzt, so dass Zellen, die die
Prozessorgrenze nur punktuell ber¨
uhren, nicht erfasst werden. Diese Situation muss
4.2 Parallelisierung 81
entsprechend umgangen werden, indem die Aufteilung so vorgenommen wird, dass
geradlinige Prozessorgrenzen entstehen.
Abbildung 4.9: Zelldarstellung
des Rechengebietes - Aufteilung f¨
ur
parallele Rechnungen
Eine andere Situation, die mit dem bestehenden Al-
gorithmus nicht abgebildet werden kann, ist das Auf-
einandertreffen von mehr als zwei Prozessorteilgebie-
ten in einem Punkt (siehe Abbildung 4.6(a)). Da-
bei tritt ein Problem ¨
ahnlich dem weiter oben doku-
mentierten auf. In den einzelnen Teilgebieten liegen
wiederum nur Informationen ¨
uber die Indexe fl¨
achi-
ger Nachbarzellen der angrenzenden Prozessorgebie-
te vor, jedoch fehlen in diesem Fall nicht nur die Inde-
xe der Zellen, die die Prozessorgrenze nur punktuell
ber¨
uhren, sondern auch die Index der Prozessoren,
die an diesem Punkt nur punktuell zusammentref-
fen - es sind einem Prozessor nur die Prozessoren via
Index bekannt mit denen ein fl¨
achiger Kontakt be-
steht. In der vorliegenden Arbeit wurde das Gebiet
entsprechend so eingeteilt, das diese Situation zumin-
dest in dem f¨
ur die Partikel relevanten Gitteranteil
nicht auftritt (das Gebiet wurde nur in eine Raum-
richtung zerlegt, siehe Abbildung 4.9).
Ein Nachteil, den auch der serielle Algorithmus hat,
stellt sich in der parallelen Version als unter Um-
st¨
anden zus¨
atzlich verlangsamend heraus. Alle we-
sentlichen Informationen der Partikel einer Randzel-
le, die eine Prozessorgrenze fl¨
achig ber¨
uhrt, werden
¨
uber die Prozessorgrenze hinweg versandt, was bei
kleinen grob diskretisierten Gebieten dazu f¨
uhrt, dass
unter Umst¨
anden alle Partikel in Randzellen liegen
und damit betroffen sind. Hier k¨
onnte man in weiter-
gehenden Arbeiten nur randnahe Partikel der betrof-
82 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
fenen Randzelle versenden, was erstens die zu versendende Datenmenge verkleinert
und zweitens die Suche nach Kollisionspartnern ¨
uber die Prozessorgrenzen hinweg
verk¨
urzt.
Parallele Verteilung der Partikelvolumina
Die Verteilung eines Partikels auf Basis seines Volumens ¨
uber mehrere Zellen wur-
de bereits im Kapitel 3.3 beschrieben. Hier soll zus¨
atzlich auf die Problematik des
Verteilens ¨
uber Prozessorgrenzen hinweg eingegangen werden.
Die Verteilung des Volumens eines Partikels ¨
ahnelt in vielen Punkten den obig be-
schriebenen Algorithmus zur parallelen Kollisionsberechnung. Im Gegensatz zur Kol-
lisionsproblematik wird der Algorithmus nicht zellbasiert durchlaufen, sondern par-
tikelbasiert (die Partikel werden vor der Berechnung nicht geordnet). Zus¨
atzlich zu
der bereits erw¨
ahnten Kompassnotation wurde eine Infrastruktur geschaffen, die die
Nachbarn einer Zelle bzgl. ihres Randstatus einordnet (Randzelle oder nicht) und
dann zus¨
atzlich unterscheidet in Randzellen mit Kontakt zu einer Prozessorgrenze
oder Randzellen mit Kontakt zu einer gew¨
ohnlichen Gebietsgrenze. Im Sinne der
Berechnung der Teilvolumina eines Partikels ist es zudem notwendig, den Index des
Prozessors bereitzustellen, dem die betroffene Prozessorgrenze zugeordnet werden
kann, da dieser auch der Empf¨
anger der potentiell zu ¨
ubertragenden Daten ist.
Die zur Kompassnotationen ¨
ahnliche Infrastruktur ist in den Abbildungen 4.4 bis
4.5 veranschaulicht. Abbildung 4.4(b) zeigt die m¨
oglichen Indexe von Nachbarzellen
einer betrachteten Gebietszelle (mittlere Zelle). Dabei hat die betrachtete Zelle hier
den Index ”234”. Alle drei n¨
ordlichen Zellen haben den gleichen Index, da sie au-
ßerhalb der betrachteten Geometrie liegen. Volumen¨
uberlappungen zu diesen Zellen
k¨
onnen durchaus vorkommen und werden analaog zu Kapitel 3.3 berechnet aber
letztendlich ¨
uber den ihnen zugewiesenen Indexen in Abbildung 4.4(b) der mittle-
ren Zelle mit dem Index ”234” zugewiesen. Die ¨
Uberlappungen entstehen aufgrund
der Tatsache, dass der gesamte Kollisionsmechanismus darauf basiert, ¨
uberlappen-
den Partikeln (entweder mit anderen Partikeln oder mit physikalischen Grenzen des
betrachteten Gebietes) Kr¨
afte und Momente zuzuordnen, die sie im n¨
achsten Zeit-
schritt zur Verkleinerung dieser ¨
Uberlappungen bewegen.
4.2 Parallelisierung 83
Um die im parallelen Fall ablaufenden Berechnungen der Volumenverteilung m¨
og-
lichst einfach zu halten, werden die gleichen Berechnungen wie im seriellen Fall
durchgef¨
uhrt, jedoch wird zus¨
atzlich mit einem Flag bzw. dessen Differenz zu eins
entsprechend der Abbildung 4.5(a) multipliziert. Notwendiger Weise ergeben sich
hier zwei Felder f¨
ur die lokale Volumenverteilung eines Partikels - eines f¨
ur die be-
troffenen Zellen innerhalb des lokalen Gitters und eines f¨
ur die parallele Berechnung.
Die Felder f¨
ur die parallele Berechnung k¨
onnen, bedingt durch den Flag, nur im Fall
der Nachbarschaft zu einer Zelle, die nicht im lokalen Teilgebiet liegt, beschrieben
werden.
Um letztendlich auch zu wissen, welcher Nachbarprozessor welche Information er-
halten soll, wird zus¨
atzlich die in Abbildung 4.5(b) gezeigte Schablone verwendet.
Diese enth¨
alt die Indexe der Prozessoren, denen die Zellen der fremden Nachbarge-
biete zugeordnet werden k¨
onnen.
Zusammenfassend zeigen die Abbildungen 4.4 bis 4.5 eine Situation, in der alle n¨
ord-
lichen Zellen außerhalb des Gebietes liegen, alle ¨
ostlichen Zellen - bis auf die nord-
¨
ostliche - dem Prozessor mit dem Index ”zwei” geh¨
oren.
Aufgrund des zugrundeliegenden zweidimensionalen Rechengebietes ist es h¨
aufig not-
wendig, statt der Volumenanteile eines Partikels die Fl¨
achenanteile zu bestimmen
(siehe Kapitel 3.3), welche dann nach der parallelen Daten¨
ubertragung, mit den loka-
len Fl¨
achenanteilen des betroffenen Teilgebietes verrechnet werden, um sie anschlie-
ßend in Volumenanteile umzurechnen. Dadurch k¨
onnen nicht, wie bei der parallelen
Kollisionspr¨
ufung, erst parallel Daten versandt werden, dann die normale (serielle)
Kollisionsberechnung bzw. Kollisionspr¨
ufung durchgef¨
uhrt werden und letztendlich
die Daten der Nachbargebiete empfangen und lokal verarbeitet werden. Der Ablauf
des Versendens bzw. Empfangens von Daten und den dazugeh¨
origen Berechnungen
ist also st¨
arker verschachtelt.
Parallelisierung einer Euler-Lagrange-Simulation
OpenFOAM bietet, wie bereits erw¨
ahnt, eine volle Parallelisierung bestehender Feld-
gleichungsprobleme, was jedoch keineswegs zu der Annahme f¨
uhren sollte, dass das
Erstellen einer parallelen Applikation basierend auf einer vorhandenen funktions-
t¨
uchtigen seriellen Applikation eine Selbstverst¨
andlichkeit ist. Die obig dokumen-
84 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
tierten Maßnahmen zur Parallelisierung der Partikelbewegung zeigen, dass es recht
aufw¨
andig sein kann, serielle Applikationen in parallele zu ¨
uberf¨
uhren - nicht zuletzt
durch die Mehrphasigkeit bedingt.
Der Ablauf zum Ausf¨
uhren einer lauff¨
ahigen parallelen Simulation in OpenFOAM
ist in OpenFoam User Guide (2008) aufgezeigt. Zuerst werden die entsprechenden
Parameter (Zahl der Prozessoren, Art der Aufteilung etc.) in einer Datei namens ”de-
composeParDict” festgelegt. Danach kann mit dem Programm ”decomposePar” der
zu berechnende Fall in seine Teilgebiete zerlegt werden und mit einem entsprechen-
den MPI-Aufruf die Simulation gestartet werden. Nach Beendigung der Simulation
wird mit dem Programm ”reconstructPar” das Rechengebiet wieder zusammenge-
setzt und die Daten k¨
onnen visualisiert bzw. ausgewertet werden.
Leider f¨
uhrte dieser Ablauf zu starken Konvergenzproblemen w¨
ahrend der Simulati-
on. Kern des Problems ist dabei die Berechnung der Temperatur aus der Gesamtent-
halpie mit Hilfe der Gaszusammensetzung und der entsprechenden Polynomans¨
atze
f¨
ur die W¨
armekapazit¨
aten der betroffenen Spezies. Die L¨
osung der nichtlinearen
Gleichung in der Temperatur wird durch ein Newton-Verfahren bewerkstelligt. Da-
bei ist es stetig zu ¨
Uberschreitungen bzw. Unterschreitungen der Temperaturgren-
zen der Polynome der einzelnen Spezies gekommen und damit verbunden zu einem
Abbruch der Simulation. Da die Temperaturgrenzen der Polynome naturgem¨
aß so
gew¨
ahlt sind, dass sie f¨
ur technische Probleme geeignet sind (meist zwischen 200
und 5000 Kelvin), stellt sich nat¨
urlich die Frage, wie es zu solchen Konvergenzpro-
blemen kommen kann. Bei systematischer Analyse des Problems stellte sich heraus,
dass es keine stetige Entwicklung zu außergew¨
ohnlich hohen bzw. niedrigen Tempe-
raturen gibt, sondern eine abrupte ¨
Anderung der Temperatur. Dieses Problem ist
durchaus bekannt im Zusammenhang mit der Anwendung von OpenFOAM (sowohl
in seriellen als auch in parallelen Berechnungen), was auch als einer der Gr¨
unde
angesehen werden kann, dass in den folgenden Versionen von OpenFOAM das Ge-
samtenthalpiemodell in ein thermisches Enthalpieproblem umformuliert wurde. Ob
sich mit dieser ¨
Anderung in der Formulierung der Engergiebilanz auch die obigen
Probleme l¨
osen lassen, wurde in der vorliegenden Arbeit nicht untersucht. Damit
bleibt hier festzuhalten, dass eine effiziente Parallelisierung der entstandenen seriel-
4.2 Parallelisierung 85
len Simulation auf Basis der standardm¨
aßig in OpenFOAM verf¨
ugbaren Strukturen
nicht innerhalb dieser Promotion realisiert werden konnte und deshalb eine neue
Parallelisierungsstrategie entwickelt und implementiert werden mußte.
Da aber erhebliche Arbeitsanteile an die Parallelisierung gekn¨
upft waren, soll hier
zumindest auf die wesentlichen Ergebnisse der Parallelisierungsversuche eingegan-
gen werden. Der wesentliche Punkt bei der Beurteilung der Effizienz der Paralle-
lisierung ist das sogenannte Scaling, also die Frage um wieviel mal ein paralleler
Gesamtprozess im Vergleich zum seriellen Prozess schneller wird, wenn man ihn mit
n Prozessoren bearbeitet. Abgesehen von Sonderf¨
allen kann ein lineares Scaling, also
eine n-fache Beschleunigung bei n verwendeten Prozessoren, als theoretisches Maxi-
mum angesehen werden. Dies ist dann der Fall, wenn die Kommunikation zwischen
den Prozessoren und die durch den parallelen Ablauf evtl. zus¨
atzlich entstehenden
Aufgaben einen mit variierender Prozessorzahl konstanten Zeitanteil an der Gesamt-
rechenzeit haben.
Praktische Tests mit Hilfe von einfachen Testbeispielen (nur Str¨
omungsprobleme,
keine Partikelbewegung) zeigten jedoch, dass mit einer Gebietszellenanzahl von weit
unter 10000 Zellen praktisch keine Beschleunigung bzgl. der Berechnung der Feldda-
ten zu erreichen ist. Im Gegenteil dazu traten F¨
alle auf, bei denen sich mit steigender
Anzahl der Prozessoren immer l¨
angere Rechenzeiten ergaben. ¨
Ahnliche Resultate er-
gaben auch die Versuche mit der parallelisierten Variante der in dieser Arbeit erstell-
ten Applikation. Durch die Parallelisierung steigt zum Beispiel die Zahl der notwen-
digen Iterationen zur L¨
osung der Druck-Poisson-Gleichungen innerhalb eines PISO
Verfahrens um ca. 100 %, da sich die Randbedingungen des Poisson-Problems nach
der ersten L¨
osung der Poisson-Gleichung ¨
andern (durch die Ergebnisse der Nachbar-
gebiete), was im seriellen Fall nicht passiert. Da jedoch auch die Partikelbewegung
einen großen Anteil an der Gesamtrechenzeit hat, kommt es je nach Partikelanzahl
bei wenigen verwendeten Prozessoren zu einer m¨
aßigen Beschleunigung des Verfah-
rens und bei Verwendung weiterer Prozessoren zu einer deutlichen Zunahme der
Gesamtrechenzeit. Res¨
umierend muss hier angemerkt werden, dass das Berechnen
der Partikelbewegung und der Feldgleichungen auf Basis einer Gebietszerlegung zu
extremer Ineffizienz der Parallelisierung f¨
uhren kann.
86 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
Trotz der obig dokumentierten Probleme konnte in dieser Arbeit ein funktionsf¨
a-
higes und stabiles Parallelisieren der seriellen Applikation erreicht werden. Basis
des Parallelisierungsalgorithmuses ist die Trennung von Partikelbewegung und Feld-
gleichungsberechnung. Die Partikelbewegung wird mit Hilfe der oben beschriebenen
Maßnahmen parallel auf Basis eines statischen Domain Decomposition Ansatzes be-
rechnet. Der wesentliche Unterschied zum OpenFOAM-eigenen Ansatz liegt in der
Tatsache, dass die Feldgleichungen nur auf einem Prozessor berechnet werden. Da-
mit ist sichergestellt, dass die im seriellen Fall vorliegende Stabilit¨
at der Simulation
auch bei parallelen Rechnungen zum Tragen kommt.
Der Ablauf der parallelen Applikation ist in Abbildung 4.1 aufgezeigt. Die beteilig-
ten Prozessoren werden zur besseren Verst¨
andlichkeit der nun folgenden Erkl¨
arun-
gen in den Masterprozessor und die Slaveprozessoren eingeteilt. Der Masterprozes-
sor ¨
ubernimmt in dieser Aufgabenteilung die Berechnung der Feldgleichungen, die
Partikelbewegung wird von allen Prozessoren gemeinsam bearbeitet. Zu Beginn der
Simulation wird in jedem Prozess eine Liste erstellt, die das Mapping von Daten
des globalen Gitters zum lokalen Gitter und umgekehrt erlaubt. Diese Liste wird
von allen Prozessen dem Master zugesandt (der Master selbst hat nat¨
urlich auch
eine derartige Liste seines Teilgebietes) und dort in einer geeigneten Datenstruktur
gespeichert.
Der Prozess des Masters muss zus¨
atzlich geeignete Datenstrukturen erstellen, um
im weiteren Verlauf der Simulation die Daten der Slaveprozessoren aufnehmen zu
k¨
onnen. Zur Bewegung der Partikel m¨
ussen grunds¨
atzlich jedem Prozess die Felder
der Temperatur, der Spezies, der Dichte und des Volumenanteils der Gasphase auf
seinem Gebiet zur Verf¨
ugung stehen. Aus diesem Grund werden, nachdem die Map-
pinginformation eingesammelt worden sind, vom Master die Felddaten den Prozessen
¨
ubermittelt. Mit Hilfe dieser Daten k¨
onnen die einzelnen Prozesse die ihnen zugewie-
senen Partikel bewegen und ggf. austauschen, nachdem sie mit Hilfe des Mapping
die globalen Daten auf das betreffende Teilgitter ¨
ubertragen haben. Nachdem ein
Prozess die Bewegung der Partikel beendet hat, werden die aus der Partikelbewe-
gung resultierenden Daten zum Masterprozess versandt. Die Daten bestehen aus den
Quelltermen der Partikel f¨
ur die Speziesgleichungen (und entsprechend in Summe
4.2 Parallelisierung 87
f¨
ur die Gasdichte), die Energiebilanz, den neu berechneten Volumenanteilen der Gas-
phase und den Quelltermen f¨
ur die Impulsbilanz auf den entsprechenden Teilgebieten
der betrachteten Geometrie. Die einzelnen Quellterme werden vom Master empfan-
gen, mit Hilfe der Mappinginformationen zum globalen Feld zusammengefasst und
k¨
onnen dann zur Berechnung des Feldgleichungssystems verwendet werden. Nach-
dem alle Feldgleichungen berechnet worden sind, sendet der Masterprozess allen
anderen Prozessen die entsprechenden Ergebnisse (wie zu Beginn der Simulation die
Anfangsdaten).
Das Versenden der Daten kann auf verschiedenen Wegen erfolgen. Zum einen kann
man dem Masterprozess vor dem Versenden der Daten das Mapping auf die lokalen
Gitter der einzelnen Prozesse selbst vornehmen lassen oder aber man kann die globa-
len Daten versenden und das Mapping von den einzelnen Prozessen erledigen lassen.
Selbiges gilt f¨
ur die Quellterme der Partikelbewegung bzw. des Partikelabbrandes:
man kann die einzelnen Prozesse sowohl ihre lokalen Daten versenden lassen und
das Mapping dem Masterprozess ¨
uberlassen oder aber alle Prozesse ¨
ubernehmen
das Mapping selbst und Versenden globale Felder f¨
ur die Quellterme, die dann auf
dem Master nur noch aufsummiert werden m¨
ussen.
Das Versenden globaler Felder f¨
ur die Quellterme der Partikelbewegung wird mit
zunehmender Anzahl der Prozessoren ineffizienter, da die Datenmenge eines Pro-
zessors konstant bleibt, w¨
ahrend die Zahl der Prozessoren stetig steigt. Alle Daten
m¨
ussen jedoch seriell vom Masterprozess empfangen werden und aufsummiert wer-
den. Damit w¨
urde in diesem Fall sowohl die versendete Datenmenge als auch die zum
Zusammenf¨
ugen der Felder n¨
otigen Operationen stetig mit der Zahl der beteiligten
Prozessoren steigen. Aus diesem Grund werden die Quellterme der Partikelbewe-
gung als lokale Felder versandt und auf dem Masterprozess zusammengesetzt. Der
Masterprozess selbst versendet globale Daten und diese werden dann von allen Pro-
zessen mit Hilfe des Mappings auf die lokalen Teilgitter ¨
ubertragen. Dies geschieht,
um die Zeit, die nur im Masterprozess verbracht wird, zu minimieren und damit den
anderen Prozessen so fr¨
uh wie m¨
oglich die Chance zu geben, die ihnen zugeordneten
Partikel zu bewegen.
88 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
Die Idee den Masterprozess auf einem kleineren Rechengebiet arbeiten zu lassen als
die anderen Prozesse, um damit die Gesamtrechenzeit weiter zu reduzieren, ist nicht
sinnvoll durchzuf¨
uhren, da durch die Partikelbewegung im Wirbelbett die Partikel-
belastung pro Prozess stark schwankt und damit mehr oder weniger unvorhersehbar
ist, wie das Gebiet aufgeteilt sein m¨
usste. Eine statische Aufteilung innerhalb des
Domain Decomposition Verfahrens f¨
ur die Partikel ist somit zumindest nicht opti-
mal. Typische Str¨
omungssituationen im Wirbelbett lassen es durchaus vorkommen,
dass ein Prozess mehr als doppelt so viele Partikel bewegt wie andere Prozesse.
Bewertung der Parallelisierung
Bez¨
uglich des Scaling der vorliegenden parallelen Applikation l¨
asst sich Folgendes
sagen: Die Zeit zur Berechnung der globalen Feldgleichungen ist unabh¨
angig von der
Zahl der verwendeten Prozessoren, da sie immer in einem Prozess erfolgt. Die Daten-
menge w¨
ahrend des ¨
Ubersendens der Quellterme der Partikelbewegung bleibt bis auf
den Overhead konstant, da nur lokale Felder versendet werden, die mit steigender
Anzahl der beteiligten Prozessoren immer kleiner werden. Die ben¨
otigte Zeit zum
Empfangen und Zusammensetzen der Felder der Quellterme ist schwer abzusch¨
at-
zen, jedoch werden mit steigender Anzahl der Prozessoren immer kleinere Felder auf
das globale Gitter abgebildet und auch immer kleinere Datenmengen pro Prozessor
empfangen. Das Zur¨
ucksenden der Ergebnisse der Feldgleichungsberechnungen mit
Hilfe globaler Gitter nimmt einen steigenden Anteil an der Gesamtrechenzeit mit
steigender Anzahl der Prozessoren ein. Die Partikelbewegung selbst skaliert, bis auf
F¨
alle mit sehr vielen Prozessoren und wenigen Partikeln, fast linear mit der Prozes-
soranzahl.
Um diese theoretischen ¨
Uberlegungen mit Zahlen zu untermauern, werden im Fol-
genden die Abbildungen 4.10 und 4.11 erl¨
autert. Es wurden Rechnungen ¨
uber eine
Sekunde Echtzeit mit 15 000, 30000, 45 000 und 60 000 Partikeln durchgef¨
uhrt. Die
Anzahl der verwendeten Prozessoren wurden von eins bis sechs variiert. Es wur-
den keine Rechnungen mit f¨
unf Prozessoren durchgef¨
uhrt. Abbildung 4.10 zeigt den
Speed-up der Simulation f¨
ur verschiedene Partikelzahlen in Abh¨
angigkeit der ver-
wendeten Prozessoren. Es zeigt sich zum einen, dass der Speed-up mit zwei Prozes-
soren superlinear ist. Dieses Ergebnis war so nicht zu erwarten, da im Normalfall der
4.2 Parallelisierung 89
Speed-up maximal zwei betragen sollte. Ein superlineares Scaling kann nur durch
Cache-Effekte der verwendeten Hardware entstehen. Mit h¨
oherer Partikelanzahl wird
der superlineare Speed-up bei zwei Prozessoren kleiner, was ebenfalls die Abh¨
angig-
keit dieses Ph¨
anomens von der Hardware untermauert.
Anschließend an den superlinearen Bereich bricht der Speed-up unabh¨
angig von der
Partikelzahl ein (bei drei Prozessoren) und steigt danach wieder ann¨
ahernd linear
an. Die Zahl der ber¨
ucksichtigten Partikel in der Wirbelschicht beeinflusst direkt den
Speed-up, was sich gut an den Resultaten f¨
ur sechs Prozessoren zeigen l¨
asst. Je h¨
oher
die Partikelzahl, desto h¨
oher ist auch der Speed-up. Dies ist insofern verst¨
andlich,
als das der Rechenzeitanteil der nicht parallelisierten Programmteile (z.B. Feldglei-
chungsberechnungen) mit zunehmender Partikelzahl kleiner wird. Der Speed-up bei
sechs Prozessoren liegt zwischen 3.25 und 4 .
Die parallele Effizienz der durchgef¨
uhrten Rechnungen ist in Abbildung 4.11 auf-
gezeigt. Es zeigt sich, dass die Effizienz mit h¨
oherer Partikelzahl h¨
oher wird und
generell um 0.6 liegt (Ausnahme bei zwei Prozessoren, s.o.). Die erreichten Werte
sind vergleichbar mit denen der Literatur (siehe Frank (2002)). Res¨
umierend l¨
asst
sich festhalten, dass ohne die vorgenommene Parallelisierung die Berechnungen des
Kapitels 5 zeitlich deutlich aufw¨
andiger gewesen w¨
aren und somit der Zweck der
Parallelisierung erf¨
ullt wurde.
90 Kapitel 4 Euler-Lagrange-Simulation
12 3 4 5 6
Anzahl der verwendeten Cores
1.0
1.5
2.0
2.5
3.0
3.5
4.0
4.5
Speed-up
60000 Partikel
45000 Partikel
30000 Partikel
15000 Partikel
Abbildung 4.10: Speed-up der Simulation f¨
ur verschiedene Partikelzahlen
12 3 4 5 6
Anzahl der verwendeten Cores
0.5
0.6
0.7
0.8
0.9
1.0
1.1
1.2
1.3
parallele Effizienz
60000 Partikel
45000 Partikel
30000 Partikel
15000 Partikel
Abbildung 4.11: Parallele Effizienz der Simulation f¨
ur verschiedene Partikelzahlen
Kapitel 5
Simulationsergebnisse
5.1 Rechengebiet
Der dieser Arbeit zugrunde liegende Reaktor ist schematisch in Abbildung 5.1(a)
dargestellt. Der Reaktor hat zwei ausgepr¨
agte Bereiche: den unteren im Durchmes-
ser schmaleren Teil, in dem sich das Wirbelbett befindet und den oberen etwas
breiteren Teil, in dem gr¨
oßtenteils nur die fluide Phase vorliegt. Wie bei Wirbel-
schichten ¨
ublich, erfolgt die Einstr¨
omung des Fluids von unten. Der Brennstoff wird
auf der linken unteren Seite des Reaktor mit Hilfe einer F¨
orderschnecke (hier nicht
simuliert) in den Reaktor eingetragen. Der Auslass des Reaktors befindet sich im
oberen rechten Teil des Reaktors. Da in dieser Arbeit nur kartesische Gitter ohne
spezielle ”Cut-Cell” Behandlung verwendet werden k¨
onnen, kann der Konus entwe-
der mit Hilfe von stufigen R¨
andern oder sprungf¨
ormig abgebildet werden. F¨
ur die
hier dokumentierten Simulationen wurde immer ein sprungf¨
ormiger ¨
Ubergang vom
unteren Reaktorteil zum oberen angenommen.
Der in Abbildung 5.1(a) gezeigte Stutzen der Brennstoffzuf¨
uhrung ist am realen
Reaktor zum Teil mit einer F¨
orderschnecke ausgef¨
ullt und wurde daher, wie in Ab-
bildung 5.1(b) zu sehen, in der diskretisierten Reaktorgeometrie nicht ber¨
ucksich-
tigt. Das Rechengebiet wird in 1762 (F¨
alle 1-6) bzw. 2034 (F¨
alle 7-14) kartesische
Zellen eingeteilt und ist f¨
ur den ersten Fall in Abbildung 5.1(b) dargestellt. Der
untere Teil des Reaktors wird ann¨
ahernd ¨
aquidistant diskretisiert, wobei der obere
rechte am Gasauslass liegende Teil des Rechengebietes zur Wand hin kleinere Zel-
len aufweist. Der Grund liegt gr¨
oßtenteils darin, dass die Zwischenergebnisse der
92 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
(a) Schema der Laboranlage (b) Diskretisiertes Re-
chengebiet
5.2 Simulationsergebnisse 93
w¨
ahrend dieser Arbeit durchgef¨
uhrten Simulationen zeigten, dass sich aufgrund der
asymmetrischen Str¨
omungsf¨
uhrung ansonsten ein starkes Randverhalten im Auslass
bemerkbar machen w¨
urde. Eine Verfeinerung des verwendeten Gitters ist aufgrund
der ber¨
ucksichtigten maximalen Partikeldurchmesser limitiert.
Die Aufteilung des Rechengebietes in diskrete Zellen geschah in dieser Arbeit zum
Teil auf Basis der verf¨
ugbaren Rechenleistung. Die ersten sechs F¨
alle wurden mit
einem aus 1762 Gitterzellen bestehenden Rechengebiet berechnet, wohingegen die
letzten acht F¨
alle auf einem aus 2034 Gebietszellen bestehenden Rechengebiet be-
rechnet wurden. Der Grund f¨
ur diese Unterschiede liegt in der Anzahl der Gebiets-
zellen am Reaktorboden in radialer Richtung. Das Gitter der ersten sechs F¨
alle hat
zehn Gitterzellen im unteren Bereich des Reaktors und wurde durch f¨
unf Prozessoren
bearbeitet. Das Gitter der letzten acht F¨
alle hat 12 Gebietszellen in radialer Rich-
tung am Reaktorboden und wurde auf drei Prozessoren bearbeitet. Da dieser Arbeit
eine Art statisches Domain Decomposition Prinzip zugrunde liegt, wurde darauf
geachtet, dass die Anzahl der Gebietszellen in radialer Richtung ganzzahlig teilbar
mit der Anzahl der verwendeten Prozessoren ist, da eine m¨
oglichst ausgeglichene
Lastverteilung unter den Prozessoren realisiert werden sollte. Die Unterschiede der
Lastverteilung auf den beiden Gittern lassen sich anhand der Partikelzahlen in den
einzelnen Teilgebieten eines Rechengebietes und an der Gesamtrechenzeit erkennen.
F¨
alle, die mit Hilfe von drei Prozessoren berechnet wurden, neigen zu ¨
uberpropor-
tional langen Gesamtrechenzeiten, da starke asymmetrische Partikelbelastungen in
radialer Richtung weniger gut abgefangen werden k¨
onnen als bei F¨
allen, die mit Hilfe
von f¨
unf Prozessoren berechnet wurden. So kann es sein, dass ein Prozessor zeitwei-
se die H¨
alfte aller Partikelbwegungen zu berechnen hat, in F¨
allen in denen nur drei
Prozessoren verwendet wurden und somit die Gesamtrechenzeit deutlich steigt.
5.2 Simulationsergebnisse
Die Pr¨
asentation der Ergebnisse der Simulationen zur Holzvergasung in Wirbel-
schichten ist in einzelne Vergleichsszenarien aufgeteilt, da insgesamt 14 F¨
alle (Para-
metervariationen) berechnet worden sind. Der Basissatz an Parametern der Simula-
94 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
tion ist in den Tabellen 5.1 bis 5.3 dargestellt. Zus¨
atzlich werden in Kapitel 5.2.11
Partikelhistorien aus einem weiteren Vergleichsszenario gezeigt und diskutiert.
In Tabelle 5.1 werden die Rand- und Anfangsbedingungen aller relevanten Gr¨
oßen
innerhalb der fluiden Phase dargestellt. Die Anfangsdaten der festen Phasen werden
in Tabelle 5.2 gezeigt. Aufgrund der enormen Rechenzeiten der Simulation kann und
soll der Anfahrvorgang eines Wirbelschichtreaktors hier nicht abgebildet werden, da
aus experimenteller Erfahrung heraus nicht damit zu rechnen ist, dass dieser Zeit-
raum im Bereich von wenigen Minuten, sondern eher von wenigen Stunden liegen
wird. Eine realit¨
atsnahe Modellierung w¨
urde entsprechend ¨
ahnliche Zeitr¨
aume des
Anfahrvorganges erfordern und daher den Rechenbedarf der hier vorgestellten Simu-
lationen deutlich ¨
ubertreffen, da in dieser Arbeit Gesamtsimulationszeiten von nur
100 s gezeigt werden, was jedoch bereits deutlich l¨
anger ist, als in aktuellen Publika-
tionen. In diesem Sinne sind die Anfangsbedingungen nahe den zum Teil vermuteten
station¨
aren Reaktorbedingungen gesch¨
atzt worden.
Der Einfluss der Anfangsbedingungen wird mit der Zeit abnehmen und es sollte
sich bei gegebenen gleichen Randbedingungen immer der gleiche station¨
are Zustand
ergeben. Die Abklingraten des Einflusses der gew¨
ahlten Anfangsbedingungen k¨
on-
nen grob als proportional zum Abstand der entsprechenden Gr¨
oße zum station¨
aren
Endwert angenommen werden. Aufgrund der deutlich h¨
oheren Energiedichte der
festen Phasen im Vergleich zur fluiden Phase sind die Zeitkonstanten der Dyna-
mik der festen Phasen bestimmend f¨
ur die Abklingzeit der Anfangsbedingungen. So
kann beispielsweise nicht erwartet werden, aussagekr¨
aftige Aussagen bez¨
uglich des
Verhaltens einer Wirbelschicht zu erhalten, wenn die betrachteten Zeitr¨
aume nicht
deutlich gr¨
oßer als die Abbrandzeiten einzelner Partikel sind.
Aufgrund der obigen Darstellung sind nicht alle relevanten Gr¨
oßen innerhalb der
hier diskutierten F¨
alle station¨
ar. Dies beeinflusst nat¨
urlich die Allgemeing¨
ultigkeit
der Simulationsergebnisse. Ob, wie und wann das in dieser Arbeit betrachtete Sys-
tem station¨
ar wird, kann aufgrund der eingeschr¨
ankten experimentellen Daten bzw.
des eingeschr¨
ankten messtechnischen Zuganges nicht oder nur unzureichend beur-
teilt werden. Nichts desto trotz werden die hier vorgestellten Vergleichsszenarien
anhand ihrer zeitlichen Verl¨
aufe und der ¨
uber die letzten zehn Sekunden gemittel-
5.2 Simulationsergebnisse 95
ten Ergebnisse bewertet. Der Mittelungszeitraum hat nat¨
urlich einen Einfluss auf
die erhaltenen Werte, da verschiedene die Ergebnisse beeinflussende Ph¨
anomene un-
terschiedliche Wellenl¨
angen haben. Der Einfluss soll in dieser Arbeit nicht n¨
aher
untersucht werden.
Zu Beginn einer Simulation ist der Wirbelschichtreaktor durch Stickstoff inertisiert
und die Partikel sind in ca. 75 % des Reaktors gleichm¨
aßig verteilt - allerdings mit
einem lokalen Volumenanteil der deutlich unter dem des entsprechenden Festbettes
liegt. Dadurch fallen zu Beginn der Simulation die Partikel in Richtung Reaktor-
boden und bilden darauf folgend eine typische blasenbildende Wirbelschicht aus.
Parallel dazu werden im unteren Teil des Reaktors Holzpartikel eingebracht, die die
hier ber¨
ucksichtigten Prozesse der Aufheizung, Trocknung, Pyrolyse und Vergasung
durchlaufen. Die Holzpartikel werden aufgrund ihrer Gr¨
oße und /oder ihrer Masse
mehr oder weniger schnell den Reaktorboden erreichen und dort thermochemisch
umgewandelt.
96 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Anfangs- oder Typ bzw. Wert der Einheit
Randbedingungen Anfangs- oder Randbedingung Einheit
Anfangswerte
Temperatur 800 K
Massenanteil Stickstoff 1 -
Geschwindigkeit 0 m
/s
Druck 100010 Pa
Randbedingungen der
Feldgleichungen im Fluid:
Wandtemperatur 800 K
Einlasstemperatur 670 K
Massenanteil der Spezies im Auslass hom. NR -
Massenanteil der Spezies an der Wand hom. NR -
Massenanteil Sauerstoff im Einlass 0.233 -
Massenanteil Stickstoff im Einlass 0.767 -
sonstige Spezies im Einlass 0 -
Druck im Auslass 100000 Pa
Druck im Einlass hom. NR -
Geschwindigkeit an der Wand slip -
Geschwindigkeit im Einlass 0.25 m
/s
Geschwindigkeit im Auslass hom. NR -
Zeitschritte der Simulationsteile Wert Einheit
Fluidfeldberechnungen 5 ·10−5s
Partikelbewegung 1/3 von 5 ·10−5s
Bilanzen des Partikels(Masse etc.) variabel -
homogene Chemie variabel -
hom. NR - homogene Neumannrandbedingung, DR - Dirichletrandbedingung
Tabelle 5.1: Rand- und Anfangsbedingungen der fluiden Phase
5.2 Simulationsergebnisse 97
Anfangswerte der Holzpartikel:
scheinbare Dichte 778 kg
/m3
Masse 2.61e-05 kg
Durchmesser ** 4 mm
Massenanteil Wasser 0.1 -
Massenanteil Holz 0.9 -
Massenanteil Holzkohle 0.0 -
Temperatur ** 300 K
Geschwindigkeit 0 m
/s
Rotationsgeschwindigkeit 0 1
/s
Anfangswerte der Holzkohlepartikel:
Anzahl der Partikel insgesamt (F¨
alle 1-6) 12 000 -
Anzahl der Partikel insgesamt (F¨
alle 7-14) 11 952 -
scheinbare Dichte 450 kg
/m3
Durchmesser (erste Partikelklasse) 1 mm
Durchmesser (zweite Partikelklasse) 1.5 mm
initialer Umsatzgrad 1.0 -
Massenanteil Wasser 0.0 -
Massenanteil Holz 0.0 -
Massenanteil Holzkohle 1.0 -
Temperatur ** 950 K
Geschwindigkeit 0 m
/s
Rotationsgeschwindigkeit 0 1
/s
Kollisionsparameter Partikel-Partikel:
Federsteifigkeit 600 N
/m
Reibungsbeiwert 0.2 -
Verlustbeiwert ** 0.8 -
Kollisionsparameter Partikel-Wand:
Federsteifigkeit 300 N
/m
Reibungsbeiwert 0.2 -
Verlustbeiwert ** 0.6 -
** siehe Tabelle 5.3 bzgl. evtl. variierter Parameter
Tabelle 5.2: Parameter und Anfangswerte der festen Phase
98 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Simulationsfall 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14
Holzkohleanfangs- 850 950 1050 950 950 950 950 950 950 950 950 950 950 950
temperatur in K
Verlustbeiwert Partikel- 0.8 0.8 0.8 0.8 0.6 0.8 0.8 0.8 0.8 0.8 0.8 0.8 0.8 0.8
Partikel-Kollision
Verlustbeiwert Partikel- 0.6 0.6 0.6 0.6 0.4 0.6 0.6 0.6 0.6 0.6 0.6 0.6 0.6 0.6
Wand-Kollision
Holzmassenstrom in 1.09 1.09 1.09 1.09 1.09 1.63 0.543 2.17 1.09 1.09 1.09 1.09 1.09 8.68
Partikel pro Sekunde
Massenanteil inerter Teer 0.177 0.177 0.177 0.0177 0.177 0.177 0.177 0.177 0.177 0.177 0.177 0.177 0.177 0.177
Wandtemperatur in K 800 800 800 800 800 800 800 800 800 800 800 900 1000 800
Eingangstemperatur des 300 300 300 300 300 300 300 300 360 300 300 300 300 300
Holzes in K
Einstr¨
omgeschwindigkeit 0.25 0.25 0.25 0.25 0.25 0.25 0.25 0.25 0.25 0.375 0.25 0.25 0.25 0.25
der Luft
Einstr¨
omtemperatur 670 670 670 670 670 670 670 670 670 670 770 670 670 670
der Luft in K
Durchmesser der 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 2
Holzpartikel in mm
Tabelle 5.3: Variierte Parameter der Simulationen f¨
ur alle 14 F¨
alle
5.2 Simulationsergebnisse 99
5.2.1 Das Vergleichsszenario
Der Basisfall, mit dem alle anderen 13 F¨
alle verglichen werden und auf dessen Ba-
sis die Parameter der Tabelle 5.3 variiert wurden, ist der Fall 2 der Tabelle 5.3.
Einleitend sollen hier die Abbildungen 5.1 und 5.2 herangezogen werden, um die
Partikeldynamik innerhalb des Bettes zu Beginn der Simulation zu veranschauli-
chen. Es zeigt sich, dass zu Beginn der Simulation das Geschehen im Reaktor relativ
symmetrisch im Aufbau und die Betth¨
ohe deutlich niedriger als im sp¨
ateren Verlauf
der Berechnungen ist. Dies liegt daran, dass noch kein bzw. wenig Holz im Reaktor
vorliegt und somit die Pyrolysegase noch keinen merklichen Anteil an der Gesamt-
gasstr¨
omung ausmachen. Der Boden des Reaktors ist mehr oder weniger gleichm¨
aßig
mit Holzkohle bedeckt.
Die Zugabe von Holz im Laufe der Simulation f¨
uhrt zu gr¨
oßeren axialen Bettaus-
dehnungen und zu einem asymmetrischen Geschehen im Reaktor (siehe Abbildungen
5.3 und 5.4) zum Ende der Gesamtsimulationszeit hin (Bilder bei ca. 95 s Simula-
tionszeit). Der Boden des Reaktors ist aufgrund der einseitigen Holzzufuhr links
deutlich st¨
arker mit den gr¨
oßeren Holzpartikeln besetzt als im rechten Teil. Dies
f¨
uhrt zum einen dazu, dass dort mehr Pyrolysegase entstehen und die Gasgeschwin-
digkeit damit lokal h¨
oher ist und zum anderen, dass dort kleinere Reaktortempera-
turen vorliegen, da das Holz große W¨
armestr¨
ome f¨
ur die Aufheizung, Trocknung und
Pyrolyse ben¨
otigt (diese Prozesse wirken allesamt wie eine endotherme Reaktion).
Beide Effekte wirken also gegeneinander, da niedrigere Reaktortemperaturen zu h¨
o-
heren Gasdichten und damit niedrigeren Gasgeschwindigkeiten f¨
uhren, wohingegen
die Pyrolyse und Trocknung durch die aus den Partikeln freiwerdenden Gase h¨
ohere
Gasgeschwindigkeiten bedingen (bei ansonsten festen Einlaufbedingungen).
Die Holzablagerungen am Boden des Reaktors zeigen deutlich, dass die Einlaufge-
schwindigkeit des Reaktors nicht groß genug ist, um die frischen Holzpartikel zu
fluidisieren. Jedoch wird auch deutlich, dass aufgrund der thermischen Zersetzung
der Holzpartikel die aus dem Holz entstehenden Holzkohlepartikel fluidisiert werden
(die Abbildungen 5.3 und 5.4 zeigen im unteren Bereich deutlich weniger große Holz-
partikel als zu diesem Zeitpunkt ohne Zersetzung zu erwarten w¨
aren). Die Blasen-
bildung im Reaktor bringt zumeist Blasen hervor, die fast den Reaktordurchmesser
100 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
erreichen. Der Blasendurchmesser steigt tendenziell mit zunehmender Reaktorh¨
ohe
durch das Zusammenwachsen einzelner Blasen. Analog zu den Abbildungen 5.1 und
5.2 bzw. 5.3 und 5.4 zeigen die Abbildungen 5.5 und 5.6 bzw. 5.7 und 5.8 die zeitlich
korrespondierenden Situationen aus Sicht des Fluids. Es wird die Volumenfraktion
der Gasphase im Reaktor gezeigt, wobei das abgebildete Verhalten in direkter Nach-
barschaft zum Reaktorboden ein durch die Visualisierung hervorgerufener Effekt
ist. Insbesondere das Anheben ganzer Partikelschichten ¨
uber den gesamten Reaktor-
durchmesser hinweg und die großen Unterschiede in den Gasvolumenanteilen geht
aus diesen Abbildung deutlich st¨
arker hervor als im Fall der Visualisierung der ein-
zelnen Partikel. Es zeigen sich stark ausgepr¨
agte Abgrenzungen zwischen den dichten
Partikelschichten und den d¨
unnen Gasstr¨
omungen zwischen den Partikelschichten.
Die Unterschiede im Fluidisierungsverhalten zu Beginn und am Ende der Simulation
werden durch Abbildung 5.9 zus¨
atzlich verdeutlicht. Es ist klar ersichtlich, dass die
Betth¨
ohe zu Beginn der Simulation deutlich kleiner ist als am Ende der Simulation.
Sowohl der axiale Schwerpunkt als auch die H¨
ohenmarke unter der 90 % der Par-
tikelmasse liegen, zeigen station¨
are Werte erst ab 30 s bis 40 s Simulationszeit. Die
h¨
oheren Zeitr¨
aume, um ann¨
ahernd station¨
are Verh¨
altnisse zu erreichen (verglichen
mit inerten Euler-Lagrange-Berechnungen), belegen zudem die starke Abh¨
angigkeit
der Bettfluidisierung von den thermischen Vorg¨
angen im Reaktor und damit auch
den Einfluss der durch Pyrolyse, Trocknung und Vergasung entstehenden Gase auf
die Gesamtgasgeschwindigkeit (und damit auch auf die Betth¨
ohe).
Die Stoffmengenanteile der Produktgase am Auslass sind in Abbildung 5.10 darge-
stellt. Die Daten in Abbildung 5.10 sehen ab der 50sten Sekunde in etwa station¨
ar
aus, wobei relativ starke und hochfrequente Schwankungen aller Signale zu sehen
sind. Die korrespondierenden Werte der Teere im Auslass des Reaktors sind in Ab-
bildung 5.11 aufgezeigt. Die Teere unterliegen ebenfalls starken Schwankungen -
insbesondere das als inert angenommene Benzen. Auff¨
allig in den Abbildung 5.10
und 5.11 sind ausgepr¨
agte Anfangsbereiche bis zur 50sten Sekunde, die damit zusam-
menh¨
angen, dass zum einen der Reaktor mit Stickstoff inertisiert gestartet wurde
und anf¨
anglich kein Holz im Reaktor vorhanden war und zum anderen eine fluid-
dynamische Einlaufphase existent ist. Die Stoffmengenanteile von Kohlendioxid und
Kohlenmonoxid konkurrieren miteinander, was an den leicht steigenden Stoffmen-
5.2 Simulationsergebnisse 101
Abbildung 5.1: Schnappsch¨
usse zu Beginn der Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeitraum zwischen
0.7 s und 0.9 s)
Abbildung 5.2: Schnappsch¨
usse zu Beginn der Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeitraum zwischen
0.95 s und 1.15 s)
genanteilen des Kohlenmonoxids und den leicht sinkenden Stoffmengenanteilen des
Kohlendioxids in Abbildung 5.10 zu erkennen ist. Ferner sind ab der 50sten Sekunde
lokale Minima in den Stoffmengenanteilen des Kohlendioxids zeitlich verbunden mit
lokalen Maxima der Stoffmengenanteile des Kohlenmonoxids und umgekehrt. Dieser
102 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Abbildung 5.3: Schnappsch¨
usse am Ende der Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeitraum zwischen
95 s und 95.2 s)
Effekt l¨
asst sich auf die Wassergas-Shift-Reaktion und die heterogene Vergasung des
Kohlendioxids am Kohlenstoff der Holzkohle zur¨
uckf¨
uhren.
Eine fluidmechanische Startphase von ca. 10 s bis 20 s ist auch aus der Literatur
bekannt und kann zum Beispiel dadurch verkleinert werden, dass das Bett zu Be-
ginn der Simulation nicht homogen angenommen wird, sondern mit partikelfreien
Bereichen initialisiert wird. Dies erleichtert die Fluidisierung des Bettes zu Beginn
der Simulation. Die Konzentrationen der Teere im Auslass in Abbildung 5.11 zeigen,
dass die beiden reaktiven Teerkomponenten einer deutlichen Zersetzung ausgesetzt
sind, da Tabelle 3.8 einen deutlich kleineren Anteil an inerten Teeren zeigt, jedoch
Abbildung 5.11 genau das Gegenteil dokumentiert. Insofern ist klar, dass ein Groß-
teil des bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehenden Teeres im Reaktor zersetzt wird.
Abbildung 5.12 zeigt die Auslasstemperatur des Reaktors ¨
uber die Zeit und Tabelle
5.4 den entsprechenden Mittelwert der letzten zehn Simulationssekunden. Die bei
5.2 Simulationsergebnisse 103
Abbildung 5.4: Schnappsch¨
usse am Ende der Simulation f¨
ur den Referenzfall (Zeitraum zwischen
95.25 s und 95.45 s)
den anderen Gr¨
oßen klar erkennbare Einlaufphase ist auch f¨
ur die Temperatur zu
erkennen. Die Schwankungen der Temperatur betragen ca. 30 K. Die hochfrequen-
ten Schwankungen der Temperatur sind im Experiment so nicht zu erwarten, da die
Temperatur meist mit Hilfe von Thermoelementen gemessen wird, welche eine nicht
zu vernachl¨
assigende thermische D¨
ampfung besitzen. Insofern werden die experimen-
tellen Temperaturwerte immer deutlich weniger hochfrequente Anteile aufweisen, die
zudem auch noch in ihren Amplituden ged¨
ampft sind (typisches PT-Verhalten).
Weiterhin soll hier der Teerabbau und die Teerentstehung anhand der Abbildungen
5.13 bis 5.15 n¨
aher beschrieben werden. Alle drei Abbildungen zeigen die h¨
ochsten
Teeranteile im untersten Teil des Reaktors, was durch die dort stattfindende prim¨
are
Pyrolyse bedingt ist. Im Bereich zwischen 150 mm und 325 mm Reaktorh¨
ohe findet
unter allen hier aufgezeigten Teerkonzentrationen bei verschiedenen Reaktorh¨
ohen
der st¨
arkste Teerabbau statt (insbesondere wenn man ber¨
ucksichtigt, dass dieser
Bereich 12.5 % kleiner als die anderen H¨
ohenabst¨
ande ist und zudem im oberen Re-
104 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Abbildung 5.5: Schnappsch¨
usse der Volumenfraktion der Gasphase zu Beginn der Simulation f¨
ur
den Referenzfall (Zeitraum zwischen 0.7 s und 0.9 s)
aktorteil die Verweilzeit aufgrund der Reaktordurchmessererh¨
ohung gr¨
oßer ist). Die
zum Teil starken Schwankungen der Teerkonzentrationen haben in ihren Extrema
allesamt einen mit gr¨
oßer werdender Reaktorh¨
ohe zeitliche Versetzung nach rechts,
was an der Verweilzeit im Reaktor liegt. Die Teerkonzentrationen in den H¨
ohen von
700 mm, 900 mm und dem Auslass haben alle dicht beieinander liegende Werte. Der
Fakt, dass die abgebildeten Werte der Teerkonzentrationen bei 700 mm und 900 mm
niedriger liegen als am Auslass, liegt in der Art der Mittelung begr¨
undet. Eine Mit-
telung in dieser Arbeit fand auf Basis von
¯
φ=RAφdA
RAdA (5.1)
statt, was allerdings dazu f¨
uhrt, dass die lokalen Werte der Dichte und der Geschwin-
digkeit keine Rolle bei der Berechnung spielen. Dabei ist ¯
φder Mittelwert, Adas
5.2 Simulationsergebnisse 105
Abbildung 5.6: Schnappsch¨
usse der Volumenfraktion der Gasphase zu Beginn der Simulation f¨
ur
den Referenzfall (Zeitraum zwischen 0.95 s und 1.15 s)
Gebiet ¨
uber das gemittelt wird und φdie lokale Gr¨
oße, die gemittelt werden soll.
Eine Mittelung, die diese Werte ber¨
ucksichtigt, kann zum Beispiel mit
¯
φ=RAUAρφdA
RAUAρdA (5.2)
angegeben werden. Hier stehen UAf¨
ur die Geschwindigkeit senkrecht zum Gebiet A
und ρf¨
ur die Dichte der Phase, aus welcher auch φstammt. Man sieht also, dass
die Str¨
omung, wie in Abbildung 5.16 und 5.17 gezeigt, den oberen Teil des Reaktors
nicht homogen durchstr¨
omt, sondern schlauchartig auf den Auslass zul¨
auft. Da so-
wohl eine erh¨
ohte Temperatur als auch eine gesteigerte Verweilzeit den Teergehalt
des Produktgases minimieren, zeigt sich, dass im weniger durchstr¨
omten Teil des
oberen Reaktors der Teergehalt aufgrund der hohen Verweilzeit niedriger ist (siehe
Abbildung 5.18). Somit l¨
asst eine Mittelung nur auf Basis der lokalen Werte (ohne
Ber¨
ucksichtigung der lokalen Dichte und Geschwindigkeit) der zu mittelnden Gr¨
oße
falsche R¨
uckschl¨
usse zu. Eine Teerbildung außerhalb der prim¨
aren Pyrolyse ist je-
106 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Abbildung 5.7: Schnappsch¨
usse der Volumenfraktion der Gasphase am Ende der Simulation f¨
ur
den Referenzfall (Zeitraum zwischen 95 s und 95.2 s)
doch in dieser Arbeit nicht ber¨
ucksichtigt worden, so dass die niedrigen Werte des
Teergehaltes auf den H¨
ohen 700 mm und 900 mm tats¨
achlich nur aufgrund der Art
der Mittelung zustande kommen. Die letzten Aussagen gelten so f¨
ur die Abbildun-
gen 5.13 und 5.14, allerdings nicht f¨
ur Abbildung 5.15. Der als inert angenommene
Teer in Abbildung 5.15 ¨
andert seine Konzentration ¨
uber die H¨
ohe allein aufgrund
der inhomogenen Gemischzusammensetzung. Als Erkl¨
arungsansatz f¨
ur diese ¨
Ande-
rung in der Teilchenzahl kommen nur der Teerzerfall selbst, sowie die Vergasung der
Holzkohle mit Kohlendioxid und Wasser in Frage, da sich nur bei diesen Reaktionen
tats¨
achlich die Teilchenzahl der an den Reaktionen beteiligten Stoffen ¨
andert. Die
Vergasung mit Kohlendioxid und Wasser hat aufgrund der Reaktortemperaturen nur
einen kleinen Anteil an der Gesamt¨
anderung.
Als Indikatoren f¨
ur die zeitlich langwelligen ¨
Anderungen innerhalb der Wirbelschicht
sollen hier die Massen der Holzes und der Holzkohle innerhalb des Reaktors die-
5.2 Simulationsergebnisse 107
Abbildung 5.8: Schnappsch¨
usse der Volumenfraktion der Gasphase am Ende der Simulation f¨
ur
den Referenzfall (Zeitraum zwischen 95.25 s und 95.45 s)
nen. Beide Gr¨
oßen sind im Experiment nur schwer zu erfassen (Start- und Endwer-
te lassen sich relativ gut bestimmen) und k¨
onnen somit hier nur zur Beurteilung
der Stationarit¨
at herangezogen werden. Abbildung 5.23 zeigt die Ergebnisse eines
Vergleichsszenarios unterschiedlicher Partikelstarttemperaturen, wobei hier nur die
Entwicklung der Holzmasse f¨
ur den Fall 2 interessieren soll. Die Holzmasse im Re-
aktor steigt aufgrund der Holzzufuhr am Anfang schnell an, l¨
auft dann zwischen
der 30sten und 50sten Sekunde auf ein Plateau und steigt ab der 50sten Sekunde
wieder an, jedoch weniger stark als zu Beginn der Simulation. Eine Stationarit¨
at
ist nicht erkennbar. Abbildung 5.24 zeigt das gleiche Szenario f¨
ur die Holzkohle-
masse. Die Holzkohlemasse im Reaktor nimmt stetig ab und zeigt nur zwischen der
30sten und 50sten Sekunde eine leichte Abnahme der Rate des Holzkohleabbaus.
Es zeigt sich also, dass Holz- und Holzkohlemasse innerhalb der hier betrachteten
100 s nicht station¨
ar werden. Allerdings zeigt die Arbeit von Gerber u. a. (2010),
108 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
0.40
0.45
Abstand vom Reaktorboden [m]
axiale Koordinate (90
%
der Partikelmasse)
axialer Schwerpunkt der Partikelmasse
Abbildung 5.9: Axialer Schwerpunkt und H¨
ohe von 90 % der Partikelmasse ¨
uber die Zeit
dass die Holzmasse potentiell ein PT-¨
ahnliches Verhalten ausbilden wird und sich
somit der station¨
are Punkt zumindest der Holzmasse im Reaktor durchaus schnell
einstellen kann. Mit PT-¨
ahnlich wird hier der aperiodische Fall der Sprungantwort
einer linearen Differentialgleichung beschrieben.
Der Teerabbau in den Simulationen h¨
angt im Wesentlichen von der Verweilzeit des
Gases und der Temperatur des Gases ab. Abbildung 5.16 und 5.17 zeigen, dass der
gr¨
oßte Anteil des Gases schlauchf¨
ormig auf den Auslass zul¨
auft und damit kleinere
Verweilzeiten realisiert werden als eigentlich m¨
oglich. Es wird nur ca. die H¨
alfte des
vorhandenen Reaktorvolumens effektiv f¨
ur die Str¨
omung genutzt. Teile der schlauch-
f¨
ormigen Gasstr¨
omung k¨
onnen den Auslass nicht erreichen und treten in einen den
gesamten oberen linken Teil des Reaktors ausf¨
ullenden Wirbel ein. Abbildung 5.18
zeigt die Konsequenzen der Str¨
omungsf¨
uhrung auf die Massenanteile des ersten re-
aktiven Teeres. Man kann anhand der Massenanteile des Teeres deutlich die stark
und schwach durchstr¨
omten Teile des oberen Reaktorteiles voneinander trennen.
Die hohen Verweilzeiten im linken oberen Teil des Reaktors reduzieren dennoch den
Teergehalt.
5.2 Simulationsergebnisse 109
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.10: Zeitlicher Verlauf der Auslasskonzentrationen einiger Produktgase f¨
ur den Fall
2
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.11: Zeitlicher Verlauf der Auslasskonzentrationen der Teere f¨
ur den Fall 2
110 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
Temperatur [K]
Abbildung 5.12: Zeitlicher Verlauf der Auslasstemperatur f¨
ur den Fall 2
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
20
40
60
80
100
120
140
160
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
150 mm
325 mm
500 mm
700 mm
900 mm
Auslass
Abbildung 5.13: Teer 1 f¨
ur verschiedene H¨
ohenstufen im Reaktor ¨
uber die Zeit (Fall 2)
5.2 Simulationsergebnisse 111
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
300
350
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
150 mm
325 mm
500 mm
700 mm
900 mm
Auslass
Abbildung 5.14: Teer 2 f¨
ur verschiedene H¨
ohenstufen im Reaktor ¨
uber die Zeit (Fall 2)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
150 mm
325 mm
500 mm
700 mm
900 mm
Auslass
Abbildung 5.15: Teer 3 f¨
ur verschiedene H¨
ohenstufen im Reaktor ¨
uber die Zeit (Fall 2)
112 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Abbildung 5.16: Stromlinien
im oberen Reaktorteil
Abbildung 5.17: Richtung
und Gr¨
oße der Fluidstr¨
omung
im oberen Reaktorteil
Abbildung 5.18:
Massenanteil des ersten
Teeres im oberen Reaktorteil
Besonderes Augenmerk sollte in den folgenden Kapiteln der Instationarit¨
at der Holz-
masse zukommen, da sie direkt mit der Produktgasmenge korrespondiert und somit
in den im Folgenden diskutierten Vergleichsszenarien Auskunft ¨
uber die Vergleich-
barkeit der Ergebnisse verschiedener Szenarien gibt.
5.2 Simulationsergebnisse 113
Simulationsfall Temperaturen in K Simulationsfall Temperaturen in K
1 885 8 885
2 888 9 890
3 892 10 906
4 886 11 877
5 904 12 944
6 876 13 985
7 897 14 877
Tabelle 5.4: ¨
Uber die letzten zehn Simulationssekunden gemittelte Auslasstemperaturen aller F¨
alle
5.2.2 Thermische Dynamik der Wirbelschicht - Vergleich dreier Anfangs-
temperaturen der Festphase
In diesem Kapitel wird der Basisfall (Fall 2 in Tabelle 5.3) mit zwei bis auf die Start-
temperatur der Festphase identischen F¨
allen verglichen (F¨
alle 1 und 3 in Tabelle 5.3).
Die Anfangstemperatur der Festphase kann dabei als eine bez¨
uglich der station¨
aren
Bettbedingungen abklingende Anfangsbedingung betrachtet werden, d.h., dass mit
zunehmender Simulationsdauer der Einfluss der Starttemperatur abklingen sollte
und die Ergebnisse der drei betrachteten F¨
alle auf identische Werte des station¨
aren
Betriebs zulaufen sollten. Somit l¨
asst sich mit den in diesem Kapitel gezeigten Daten
die zeitliche Dynamik des Systems beurteilen.
Abbildung 5.20 zeigt die Auslasstemperatur der drei F¨
alle. Deutlich ersichtlich ist,
dass nach ca. 50 s alle drei F¨
alle Temperatursignale im gleichen Bereich aufweisen
und somit die anf¨
anglich unterschiedlichen Feststofftemperaturen abgeklungen sind.
Abbildung 5.21 zeigt das zu Abbildung 5.20 korrespondierende CO-Signal am Aus-
lass des Reaktors. Dabei ist ebenfalls ein deutliches Abklingen des Einflusses der
Anfangsbedingungen nach ca. 50 s zu verzeichnen. Die relativ geringen Temperatur-
schwankungen nach 100 s in Abbildung 5.20 (ca. 20 K) gehen mit Schwankungen des
CO-Stoffmengenanteils von ca. 5 % einher, was man durchaus als signifikant bezeich-
nen kann, da der Molenbruch des Kohlenmonoxids zwischen 20 und 25 % liegt und
somit die Schwankungen ca. 20 bis 25 % des Gesamtsignals ausmachen. Die ¨
uber die
letzten zehn Sekunden gemittelten Auslasstemperaturen der drei F¨
alle sind in Tabel-
114 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
le 5.4 aufgelistet und zeigen nur schwache, tendenziell den Partikelstarttemperaturen
folgenden Abweichungen untereinander.
Zus¨
atzlich l¨
asst sich aus den Abbildungen 5.20 und 5.21 die deutliche Kopplung
der Reaktortemperatur und des Konzentrationsmaßes des Kohlenmonoxids erken-
nen. Bei h¨
oheren Temperaturen sind die Reaktionsraten der Kohlendioxidvergasung
h¨
oher und damit auch die Kohlenmonoxidkonzentrationen im Auslassstrom. An-
hand der ¨
uber den Reaktorquerschnitt gemittelten Temperaturen auf einer H¨
ohe
von 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden l¨
asst sich gut erkennen, dass sowohl die Koh-
lenmonoxidkonzentration als auch die Temperatur im Auslass direkt an die Fest-
stofftemperaturen gekoppelt sind (siehe Abbildung 5.19).
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
850
900
950
1000
1050
Partikeltemperatur [K]
Fall 1
Fall 2
Fall 3
Abbildung 5.19: ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber die Zeit auf-
getragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 1 bis 3)
Eine zeitliche Mittelung (der letzten 10 Simulationssekunden) der Auslasskonzen-
trationen aller relevanter Gaskomponenten der drei F¨
alle ist in Abbildung 5.22 dar-
gestellt und zeigt die nach 100 s immer noch deutlichen Unterschiede in den Simu-
lationsergebnissen. Nimmt man die Stickstoffkonzentrationen als Indikator f¨
ur die
Gesamtmenge an Produktgasen (Stickstoff wird ausschließlich ¨
uber den Reaktorbo-
5.2 Simulationsergebnisse 115
den in den Reaktor eingeschleust und unterliegt keinerlei Konversionsprozessen) ist
in Abbildung 5.22 deutlich erkennbar, dass die Gesamtmenge an Produktgasen im
Fall 2 kleiner ist als in den F¨
allen 1 und 3. Ein ¨
ahnliches Bild ergibt sich f¨
ur die am
Auslass feststellbaren Teerkonzentrationen. Die F¨
alle 1 und 3 zeigen gegen¨
uber dem
Fall 2 erheblich h¨
ohere Teerkonzentrationen. Ethin wird in dieser Arbeit ausschließ-
lich ¨
uber den homogenen Abbau der reaktiven Teere gebildet und kann daher als
Indikator des homogenen Teerabbaus verwendet werden. Die F¨
alle 1 und 3 zeigen
verglichen mit dem Fall 2 nicht nur h¨
ohere Teerkonzentrationen sondern auch h¨
ohere
Konzentrationen des Ethins, d.h., dass der homogene Teerabbau in den F¨
allen 1 und
3 gr¨
oßere Ums¨
atze generiert als im Fall 2. Selbiges gilt f¨
ur die Methankonzentration,
welche durch den heterogenen Teerabbau bzw. die prim¨
are Pyrolyse erh¨
oht wird.
Der Stoffmengenanteil des Kohlenmonoxids ist im Fall 2 gr¨
oßer als in den F¨
allen
1 und 3 und deutet damit auf h¨
ohere Raten der Kohlendioxidvergasung bzw. der
prim¨
aren Pyrolyse hin. Der homogene Teerabbau ist wie oben schon aufgezeigt im
Fall 2 kleiner als in den beiden anderen F¨
allen und kann damit nicht verantwortlich
sein f¨
ur die h¨
oheren Konzentration des Kohlenmonoxids im Auslass.
Aufgrund der zum Teil noch instation¨
aren Ergebnisse werden die zeitlichen Verl¨
aufe
der Produktgase und Teere am Auslass des Reaktors f¨
ur die F¨
alle 1 und 3 in den Ab-
bildungen 5.25, 5.26, 5.27 und 5.28 hier aufgezeigt. Vergleicht man die Abbildungen
5.25, 5.10 und 5.26 so kann man schlussfolgern, dass je h¨
oher die Partikelstarttem-
peratur der Holzkohle ist, desto instation¨
arer sieht der Verlauf der Produktkonzen-
trationen ¨
uber die Zeit aus. Insbesondere die Kohlenmonoxidkonzentration ist ein
guter Indikator. Die Teerkonzentration in den Abbildungen 5.27, 5.11 und 5.28 zeigen
bei beiden vom Standardfall abweichenden Holzkohlestarttemperaturen eine weni-
ger ausgepr¨
agte Stationarit¨
at, was zum einen die obigen Darstellungen best¨
atigt und
zum anderen die Wahl des Falles 2 als Standardfall untermauert.
Eine m¨
ogliche Erkl¨
arung f¨
ur die zum Teil sehr widerspr¨
uchlichen Ergebnisse in Ab-
bildung 5.22 zeigen die Abbildungen 5.23 und 5.24. Abbildung 5.23 zeigt die Ge-
samtmasse des Holzes im Reaktor. Augenf¨
allig ist der nicht mit der Starttemperatur
der Festphase korrespondierende Verlauf der Holzmasse ¨
uber die Zeit. Bei h¨
oherer
Betttemperatur sollte aufgrund h¨
oherer Pyrolyseraten weniger Holz im Reaktor sein.
116 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
960
Temperatur [K]
Fall 1
Fall 2
Fall 3
Abbildung 5.20: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene initiale Betttemperaturen
(F¨
alle 1 bis 3 aus Tabelle 5.3)
Dies trifft in Abbildung 5.23 sehr wohl f¨
ur die F¨
alle 1 und 3 zu, allerdings l¨
asst sich
Fall 2 nicht entsprechend einordnen. Fall 2 zeigt nach 100 s h¨
ohere Werte der Holz-
gesamtmasse im Reaktor als die F¨
alle 1 und 3. Fall 1 zeigt aufgrund der niedrigeren
Betttemperatur auch eine niedrigere Holzmasse im Reaktor als Fall 3, der von allen
drei F¨
allen am wenigsten Holz im Reaktor aufweist. Fall 2 zeigt entgegen den Er-
wartungen die gr¨
oßte Holzmasse im Reaktor. Damit l¨
asst sich allerdings Abbildung
5.22 besser deuten. Im Fall 2 wurde aufgrund der h¨
oheren Holzmasse im Reaktor
offensichtlich weniger Holz pyrolysiert und es bildete sich entsprechend weniger Pro-
duktgas, was an den recht hohen Stickstoffkonzentrationen in Abbildung 5.22 gut
sichtbar ist.
Insgesamt zeigen alle drei F¨
alle f¨
ur die Gesamtholzmasse einen ausgepr¨
agten transi-
enten Verlauf. Selbiges gilt f¨
ur die Holzkohlemasse im Reaktor, die f¨
ur alle drei F¨
alle
in Abbildung 5.24 aufzeigt wird. In allen drei F¨
allen verringert sich die im Wirbelbett
vorhandene Holzkohlemasse um ca. 8 %. Die Ergebnisse aus Abbildung 5.24 zeigen,
dass weniger Holz im Reaktor (bei gleicher Holzzufuhr) mit mehr Holzkohle w¨
ahrend
5.2 Simulationsergebnisse 117
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
0.40
0.45
CO Molanteil [-]
Fall 1
Fall 2
Fall 3
Abbildung 5.21: Auslasskonzentrationen des Kohlenmonoxids ¨
uber die Zeit aufgetragen f¨
ur die
F¨
alle 1 bis 3
der transienten Phase einhergeht. Zus¨
atzlich wird bei h¨
oheren Pyrolysetemperaturen
weniger Holzkohle aus gegebener Holzmasse gebildet als bei niedrigeren Tempera-
turen. Ohne die Abh¨
angigkeit der Produktanteile der prim¨
aren Pyrolyse von der
Temperatur (und bei vernachl¨
assigbarer Vergasung) w¨
are aus Abbildung 5.23 zu
erwarten gewesen, dass sich in Fall 3, gefolgt von Fall 1 und 2, die meiste Holzkoh-
le gebildet h¨
atte, da weniger Holz im Reaktor vorliegt und dementsprechend mehr
Holzkohle gebildet wurde. Abbildung 5.24 zeigt allerdings aufgrund der genannten
Abh¨
angigkeiten fast das gegenteilige Ergebnis.
Die Instationarit¨
at einzelner Gr¨
oßen der Festphase bei scheinbarer Stationarit¨
at der
Auslassgr¨
oßen wurde auch in dem dieser Arbeit ¨
ahnlichen Modell von Gerber u. a.
(2010) f¨
ur die Holzkohlemasse festgestellt, wobei in Gerber u. a. (2010) die Holz-
masse im Reaktor station¨
ar ist und nur die Holzkohlemasse noch transient ist. Der
Grund f¨
ur die Verl¨
aufe der Holzmasse in den F¨
allen 1 bis 3 in Abbildung 5.23 kann
letztendlich nur in Verbindung mit der Fluiddynamik des Systems gesehen werden.
Die dem Reaktor zugef¨
uhrten Holzpartikel sind mit 4 mm recht groß und weisen
118 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
Molanteil [-]
Fall 1
Fall 2
Fall 3
0
50
100
150
200
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.22: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
1 bis 3
eine h¨
ohere Dichte als die Holzkohlepartikel auf, was bei einem fluidisierten Sys-
tem dazu f¨
uhrt, dass sich das Holz im unteren Teil des Reaktors sammelt. In dem
hier betrachteten System reicht die Leerrohrgeschwindigkeit der Wirbelschicht nicht
aus, um die Holzpartikel in ihrem anf¨
anglichen Zustand zu fluidisieren, d.h. dass die
Holzpartikel am Boden des Reaktors liegen bleiben. Die Frage wo genau die Partikel
zum Liegen kommen, h¨
angt maßgeblich davon ab, wie stark der Reaktor im unteren
Bereich Blasen bildet bzw. fluidisiert ist, was wiederum u.a. von der Pyrolyserate
abh¨
angig ist, da das bei der Pyrolyse entstehende Produktgas maßgeblichen Anteil
am Gesamtgasstrom im Reaktor hat.
Gelangt ein Holzpartikel nach der Zuf¨
uhrung in den Reaktor zum Beispiel in den
Nachlauf einer aufsteigenden Blase so wird es tendenziell leichter den Boden des
Reaktors erreichen, als wenn das Holzpartikel durch eine Blase angehoben wird. Da-
durch wird auch die radiale Verteilung des Holzes auf dem Reaktorboden beeinflusst.
Die radiale Verteilung des im Vergleich zur umgebenden Holzkohle kalten Holzes be-
einflusst die Pyrolyserate des Holzes, da nicht beliebig große W¨
armestr¨
ome innerhalb
5.2 Simulationsergebnisse 119
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0002
0.0004
0.0006
0.0008
0.0010
0.0012
0.0014
Masse Holz [kg]
Fall 1
Fall 2
Fall 3
Abbildung 5.23: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 1 bis 3)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0056
0.0057
0.0058
0.0059
0.0060
0.0061
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 1
Fall 2
Fall 3
Abbildung 5.24: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 1 bis 3)
120 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.25: Zeitlicher Verlauf der Produktgase am Auslass (Fall 1)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
0.40
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.26: Zeitlicher Verlauf der Produktgase am Auslass (Fall 3)
5.2 Simulationsergebnisse 121
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.27: Zeitlicher Verlauf der Teere am Auslass (Fall 1)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.28: Zeitlicher Verlauf der Teere am Auslass(Fall 3)
122 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
des Reaktors zur Verf¨
ugung stehen und somit eine hohe Konzentration des Holzes an
einer Stelle tendenziell lokal niedrigere Betttemperaturen und somit auch niedrige
Pyrolyseraten hervorruft.
5.2 Simulationsergebnisse 123
5.2.3 Variation der Holzzufuhr
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
Temperatur [K]
Fall 7
Fall 2
Fall 6
Fall 8
Abbildung 5.29: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Holzmassenstr¨
ome (F¨
alle 2
und 6 bis 8 aus Tabelle 5.3)
Die F¨
alle 2, 6, 7 und 8 betrachten das Basisszenario mit drei davon abweichenden
Massenstr¨
omen des zugef¨
uhrten Holzes entsprechend den Darstellungen in Tabelle
5.3. Der Massenstrom des Holzes wurde bezogen auf den Fall 2 (Vergleichsszenario)
halbiert (Fall 7), verdoppelt (Fall 8) und um 50 % erh¨
oht (Fall 6). Abbildung 5.29
zeigt die Temperatur am Auslass des Reaktors f¨
ur die vier in diesem Kapitel dis-
kutierten F¨
alle. Die Auslasstemperatur aller vier F¨
alle ist relativ unabh¨
angig vom
Holzmassenstrom. Die zeitlich gemittelten Auslasstemperaturen sind in Tabelle 5.4
aufgelistet. F¨
ur die F¨
alle 7, 2 und 6 f¨
uhrt ein h¨
oherer Holzmassenstrom zu niedri-
geren Auslasstemperaturen. Der Fall 8 (max. Holzeintrag) bricht aus diesem Trend
aus und hat ¨
ahnlich hohe Auslasstemperaturen wie der Fall 2.
Die Auslasskonzentrationen der vier F¨
alle sind vergleichend in Abbildung 5.30 darge-
stellt. Es ergibt sich keine lineare Abh¨
angigkeit der Produktgasanteile vom Holzmas-
senstrom, was allerdings auch nicht zu erwarten ist, wenn man sich die Entwicklung
124 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
der Holz- und Holzkohlemasse in den Abbildungen 5.31 und 5.32 anschaut, da die-
se wie in der letzten Falldiskussion keinen station¨
aren Charakter haben. Lediglich
die F¨
alle 6 und 8 zeigen bez¨
uglich der Entwicklung der Holzkohlemasse einen sta-
tion¨
aren Verlauf. In diesen beiden F¨
allen ist davon auszugehen, dass der gr¨
oßere
Holzmassenstrom zur Stationarit¨
at der Holzkohlemasse f¨
uhrt.
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
Molanteil [-]
Fall 7
Fall 2
Fall 6
Fall 8
0
50
100
150
200
250
300
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.30: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
2 und 6 bis 8
Es wird in den F¨
allen 6 und 8 so viel Holzkohle gebildet, dass der Holzkohleab-
bau durch die heterogenen Reaktionen ausgeglichen werden kann. Ein qualitativer
Aspekt der auch experimentell best¨
atigt werden kann. Zus¨
atzlich ist damit zu rech-
nen, dass h¨
ohere Massenstr¨
ome des Holzes im Einlass des Reaktors zu lokal kleineren
Pyrolysetemperaturen f¨
uhren und somit entsprechend der verwendeten Kinetiken
f¨
ur die prim¨
are Pyrolyse mehr Holzkohle pro umgesetzter Masseneinheit des Hol-
zes entsteht. In den F¨
allen 2 und 7 wird so offensichtlich (siehe Abbildung 5.32)
deutlich weniger Holzkohle gebildet, was dazu f¨
uhrt, dass die gesamte im Reaktor
vorhandene Holzkohlemasse mehr oder weniger stetig abnimmt. Die Holzmasse im
Reaktor ist f¨
ur den Fall 7 (der Fall mit dem kleinsten Holzmassenstrom) als statio-
5.2 Simulationsergebnisse 125
n¨
ar zu betrachten. Dies verst¨
arkt den Eindruck des vorangegangenen Kapitels, dass
der verf¨
ugbare W¨
armestrom zur Aufheizung des Holzes stark limitiert ist und somit
kleine Massenstr¨
ome des Holzes schneller in einen station¨
aren Verlauf der Holzmasse
laufen als gr¨
oßere (bzgl. der Holzkohlemasse ergab sich das gegenteilige Bild, s.o.).
Der Fall 8 ist nach 100 s offensichtlich noch weit entfernt von einem station¨
aren Wert
der Holzmasse im Reaktor. Eine instation¨
are Entwicklung der Holzkohlemasse bei
gleichzeitiger Stationarit¨
at der Holzmasse im Reaktor wurde auch in der Arbeit von
Gerber u. a. (2010) festgestellt. Sie stellt also keine Besonderheit der Euler-Lagrange-
Modellierung dar.
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0005
0.0010
0.0015
0.0020
0.0025
0.0030
0.0035
0.0040
Masse Holz [kg]
Fall 7
Fall 2
Fall 6
Fall 8
Abbildung 5.31: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2, 6, 7 und 8)
Die Ergebnisse der Auslasskonzentrationen in Abbildung 5.30 sollten wie im letzten
Kapitel nur im Zusammenhang mit der Entwicklung der Holzmasse im Reaktor be-
trachtet werden, da, solange die Holzmasse sich nicht eingepegelt hat, irref¨
uhrende
Zahlenvergleiche entstehen k¨
onnen. Die Erwartungen bzgl. der Auslasskonzentration
des Stickstoffes ist, dass der Stickstoffanteil stetig sinken sollte mit gr¨
oßer werden-
dem Holzmassenstrom (bei gleicher Reaktortemperatur), da immer mehr Produkt-
gas entstehen kann. Abbildung 5.30 zeigt dies tendenziell. Allerdings sollte dann der
126 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Fall 8 niedrigere Stickstoffkonzentrationen liefern als alle drei anderen F¨
alle. Da dies
nicht der Fall ist (Fall 8 zeigt h¨
ohere Stickstoffkonzentrationen als Fall 6), deutet
dies darauf hin, dass weitere Abh¨
angigkeiten existieren. Da Wasser innerhalb des
Reaktors ausschließlich durch die Feuchte innerhalb des Holzes eingetragen wird,
kann man anhand von Abbildung 5.30 erkennen, dass f¨
ur die F¨
alle 7, 2 und 6 ein
h¨
oherer Massenstrom des Holzes auch zu gr¨
oßeren Wasseranteilen in der Gasphase
f¨
uhrt. Im Fall 8 ist der Wasseranteil im Auslass deutlich kleiner als in den anderen
F¨
allen und liegt somit entweder in Form von im Holz gebundener Feuchte vor oder
wurde umgesetzt in Wasserstoff und Kohlenmonoxid (durch Vergasungsreaktionen).
Allerdings deuten die Ergebnisse der Wasserstoff- und Kohlenmonoxidkonzentratio-
nen in Abbildung 5.30 darauf hin, dass das Holz im Fall 8 langsamer pyrolysiert
wird (bezogen auf den gesamten Holzmassenstrom). Eine Annahme, die auch durch
die hohen Werte des im Reaktor vorhandenen Holzes in Abbildung 5.31 unterst¨
utzt
wird.
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0056
0.0057
0.0058
0.0059
0.0060
0.0061
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 7
Fall 2
Fall 6
Fall 8
Abbildung 5.32: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2, 6, 7 und 8)
Die Analyse der zeitlichen Verl¨
aufe der Teerkonzentrationen der hier betrachteten
vier F¨
alle zeigt recht deutliche Unterschiede. Der Fall 7 zeigt eine sehr fr¨
uhe Sta-
5.2 Simulationsergebnisse 127
tionarit¨
at (ab ca. 30 s) sowohl der Teerkonzentration als auch der Produktgase (Ab-
bildungen 5.36 und 5.35). Die abbaubaren Teere werden zu großen Teilen innerhalb
des Reaktors zersetzt, was umso erstaunlicher ist, wenn man sich Tabelle 3.8 ins Ge-
d¨
achtnis ruft. Der inerte Teer hat die mit Abstand gr¨
oßten Konzentrationen, obwohl
nur ca. 17 % des bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehenden Teeres als inert angenom-
men wurde. Auff¨
allig ist zudem, dass beide reaktiven Teere zu ann¨
ahernd gleichen
Konzentrationen am Auslass vorliegen (beide hatten unterschiedliche Anteile an der
Gesamtteerproduktion und unterschiedliche Abbaukinetiken). Die Produktgaskon-
zentrationen sind im Fall 7 insbesondere f¨
ur Kohlenmonoxid signifikant h¨
oher als in
vielen anderen Vergleichsf¨
allen (zum Beispiel ca. 20 % mehr CO als im Standard-
fall). Zudem sind auch die Schwankungen innerhalb der Produktgaskonzentrationen
kleiner als im Vergleichsfall. Letztendlich lassen die Ergebnisse nur den Schluss zu,
dass die Aufw¨
armung des in den Reaktor eintretenden Holzes durch den kleineren
Holzmassenstrom deutlich verbessert ist und es zu h¨
oheren Temperaturen im Bett
kommt (siehe auch Tabelle 5.4). Die F¨
alle 6 und 8 zeigen in den Abbildungen 5.34,
5.33, 5.38 und 5.37 zum Teil stark steigende Konzentrationen der Teere, wobei Fall
8, wie bereits angedeutet, nicht die erwartete Steigerung im Vergleich zu Fall 6 zeigt,
da der zur Aufheizung notwendige W¨
armestrom nicht zur Verf¨
ugung steht. Fall 8
zeigt, entgegen der Ergebnisse des Falles 6, bis zum Ende der Simulationszeit stei-
gende Produktgaskonzentration. Offensichtlich ist Fall 8 also weiter vom station¨
aren
Arbeitspunkt entfernt als Fall 6. Der homogene Teerabbau in Fall 8 ist ebenfalls zum
Ende hin einer stetigen Steigerung unterworfen, was mit der langsamer anlaufenden
prim¨
aren Pyrolyse und der steigenden Betttemperatur zusammenh¨
angt (siehe Ab-
bildung 5.39). Die zeitlichen Verl¨
aufe unterst¨
utzen also im Wesentlichen die obigen
Darstellungen des vergleichenden Balkendiagramms (Abbildung 5.30).
128 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.33: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 6)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
300
350
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.34: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 6)
5.2 Simulationsergebnisse 129
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.35: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 7)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.36: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 7)
130 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.37: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 8)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.38: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 8)
5.2 Simulationsergebnisse 131
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
900
920
940
960
980
1000
1020
Partikeltemperatur [K]
Fall 7
Fall 2
Fall 6
Fall 8
Abbildung 5.39: ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber die Zeit auf-
getragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2, 6, 7 und 8)
5.2.4 Einfluss eines verringerten Inertteeranteils
Das in dieser Arbeit verwendete Abbaumodell f¨
ur die bei der prim¨
aren Pyrolyse ent-
stehenden Teere stammt aus der Arbeit von Rath u. Staudinger (2001) und beinhal-
tet einen in der vorliegenden Arbeit festgelegten Anteil an inertem Teer. Der Begriff
”inert” bedeutet allerdings ”inert unter den gew¨
ahlten Bedingungen” und nicht, dass
der Teer tats¨
achlich nicht reaktiv ist. Bei h¨
oheren Temperaturen bzw. Verweilzei-
ten ist davon auszugehen, dass jegliche organische Verbindung einem Abbauprozess
unterworfen sein wird. Um eine Einsch¨
atzung der Modellg¨
ultigkeit bzgl. des Teerab-
baumodells geben zu k¨
onnen, wurde hier (Fall 4) der Anteil des inerten Teers auf ein
Zehntel des urspr¨
unglichen Wertes reduziert (und die Anteile der reaktiven Teere ent-
sprechend erh¨
oht). Abbildung 5.40 zeigt die Temperatur von Fall 4 im Vergleich mit
dem Standardfall. Beide Signale sind fast deckungsgleich, trotz des starken Eingrif-
fes in die Zusammensetzung des bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehenden Teers. Die
gemittelten Temperaturen in Tabelle 5.4 sind praktisch identisch. Allerdings sollte
132 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
nicht vergessen werden, dass die dem homogenen Teerabbau unterliegenden Kompo-
nenten gerade so gew¨
ahlt worden sind, dass nahezu keine thermischen Effekte durch
die Reaktionsenthalpien dieser Reaktionen auftreten. Insofern sind thermische Ef-
fekte durch ¨
Anderung der Teerzusammensetzung weitestgehend minimiert (was ihre
m¨
ogliche Zersetzung angeht).
Ein Vergleich der Teer- und Produktgaskonzentration in Abbildung 5.41 zeigt je-
doch relativ große Unterschiede. So ist die Gesamtteerproduktion im Fall 4 ca. 20 %
kleiner als im Standardfall, womit klar gezeigt ist, dass die Gr¨
oße des fixen Anteiles
an inertem Teer einer der Sensitivparameter des Modells ist. Dies ist insofern zu
erwarten gewesen, da bei den hier vorliegenden Reaktorbedingungen der Großteil
des Holzes zu Teer wird. Der st¨
arkere Abbau des Teeres spiegelt sich zudem in nied-
rigeren Stickstoffkonzentration am Auslass wieder - ein klares Indiz f¨
ur gesteigerte
Produktgasausbeuten. Auf der anderen Seite zeigen die Verl¨
aufe der gesamten Holz-
bzw. Holzkohlemasse im Reaktor in den Abbildungen 5.42 und 5.43, dass im Fall 4
weniger Holz im Reaktor vorliegt, also auch aus diesem Grunde gr¨
oßere Produktgas-
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
Temperatur [K]
Fall 2
Fall 4
Abbildung 5.40: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Inertteeranteile (F¨
alle 2 und
4 aus Tabelle 5.3)
5.2 Simulationsergebnisse 133
konzentrationen zu erwarten w¨
aren. Da der homogene Teerabbau die Teilchenzahl
erh¨
oht, kann man hier zudem vermuten, dass die dadurch st¨
arkere Fluidisierung zu
einer besseren radialen Verteilung des Holzes f¨
uhrt und somit das Holz schneller py-
rolysiert. Sowohl die Holz- als auch die Holzkohlemasse zeigen keinerlei station¨
ares
Verhalten. Die Teersignale am Reaktorausgang in Abbildung 5.45 zeigen ein st¨
arker
schwankendes Signal mit stark instation¨
arem Verlauf im Vergleich mit Abbildung
5.11. Die Auslasskonzentrationen der Produktgase f¨
ur den Fall 4 zeigen im Vergleich
zum Standardfall (siehe Abbildung 5.41) erkennbar h¨
ohere Werte f¨
ur Wasser, Ethin
(mehr Teerabbau), Kohlendioxid und Wasserstoff. Erkl¨
arbar sind diese Werte durch
den st¨
arkeren Teerabbau und die niedrigeren Werte der Holzgesamtmasse im Reak-
tor.
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
Molanteil [-]
Fall 2
Fall 4
0
20
40
60
80
100
120
140
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.41: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
2 und 4
134 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0002
0.0004
0.0006
0.0008
0.0010
0.0012
0.0014
Masse Holz [kg]
Fall 2
Fall 4
Abbildung 5.42: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 4)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0056
0.0057
0.0058
0.0059
0.0060
0.0061
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 2
Fall 4
Abbildung 5.43: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 4)
5.2 Simulationsergebnisse 135
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.44: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 4)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
20
40
60
80
100
120
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.45: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 4)
136 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
5.2.5 Einfluss einer erh¨
ohten Leerrohrgeschwindigkeit im Lufteinlass
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
960
Temperatur [K]
Fall 2
Fall 10
Abbildung 5.46: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Leerrohrgeschwindigkeiten
(Fall 2 und Fall 10 aus Tabelle 5.3)
Die Leerrohrgeschwindigkeit ist von zentraler Bedeutung bei einer Wirbelschicht, da
sie zum einen die mittlere Betth¨
ohe erh¨
oht (siehe Abbildung 5.50) und zum anderen,
durch die hier betrachtete reaktive Wirbelschicht, mehr Luft und damit auch mehr
Sauerstoff in den Reaktor bef¨
ordert. Betrachtet man die im Bett vorhandene Holz-
kohle als Teil des Brennstoffes dieses Reaktors, so wird durch eine Erh¨
ohung der
Leerrohrgeschwindigkeit eine h¨
ohere Betttemperatur beg¨
unstigt (siehe Abbildung
5.53). Dieser Effekt ist auch klar aus Abbildung 5.46 erkennbar. Die Auslasstempe-
ratur betr¨
agt nach den ersten 40 s ca. 20 K mehr als im Vergleichsfall 2. Die Aus-
lasstemperatur des Falles 10 nimmt allerdings zum Ende der Simulation hin etwas
ab. Die bei der Umsetzung des Sauerstoffs freiwerdende Reaktionsenthalpie steigert
zudem die Reaktionsraten der anderen heterogenen Vergasungsreaktionen und sollte
tendenziell mehr Vergasungsprodukte hervorbringen.
5.2 Simulationsergebnisse 137
Abbildung 5.47 zeigt allerdings ein etwas differenzierteres Bild. Die Auslasskonzen-
tration an Kohlenmonoxid ist zwar h¨
oher als im Standardfall, jedoch gilt dies nicht
f¨
ur das zweite wichtige Vergasungsprodukt Wasserstoff. Damit einhergehend sind
die Kohlendioxid- und Wasserkonzentrationen am Auslass im Fall 10 kleiner als im
Standardfall. Die Teerkonzentrationen im Auslass des Falles 10 zeigen in Abbildung
5.47 kumuliert ca. halb so hohe Werte wie im Standardfall. Jedoch ist die Konzen-
tration der Teerabbauprodukte (Methan und Ethin) deutlich kleiner, was auf einen
verringerten Teerabbau hindeuten kann. Das dies nicht der Fall ist, zeigt die extrem
niedrige Stickstoffkonzentration im Auslass (Abbildung 5.47).
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
Molanteil [-]
Fall 2
Fall 10
0
20
40
60
80
100
120
140
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.47: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
2 und 10
Das hier vorgestellte Szenario hat eine um 50 % erh¨
ohte Leerrohrgeschwindigkeit
und damit einen um 50 % angehobenen Massenstrom an Stickstoff, welcher von der
Stoffmenge her klar in der einstr¨
omenden Luft ¨
uberwiegt. Da der Holzmassenstrom
in diesem Szenario unver¨
andert blieb, zeigt Abbildung 5.47 eine niedrige Teerkonzen-
tration durch die Verd¨
unnung aufgrund der eintretenden Luft und der heterogenen
Vergasungsprodukte. Zus¨
atzlich ist durch den konstanten Holzmassenstrom der Was-
138 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
sereintrag in den Reaktor fast festgesetzt (das Holzgas und der Teerabbau k¨
onnen
diesen Wert ebenfalls modifizieren) und daher entsteht keine deutliche ¨
Anderung der
Wasserstoffkonzentration im Fall 10 verglichen mit Fall 2.
Eine erh¨
ohte Leerrohrgeschwindigkeit kann bei entsprechender Gr¨
oße dazu f¨
uhren,
dass das in den Reaktor zugef¨
uhrte Holz sich nicht oder deutlich langsamer im un-
teren heißen Bereich ablagert. Aufgrund des h¨
oheren Eintrages an Sauerstoff erh¨
oht
sich aber auch die Betttemperatur und die Auslasstemperatur. Damit einhergehend
steigt die mittlere Heizrate w¨
ahrend der Pyrolyse, was daran zu erkennen ist, dass
Abbildung 5.48 weniger Holz im Reaktor f¨
ur den Fall 10 als f¨
ur den Fall 2 zeigt.
Die Masse der Holzkohle im Reaktor sinkt im Fall 10 deutlich schneller (mehr Sau-
erstoff) als im Referenzfall 2 (siehe Abbildung 5.49). Zudem f¨
uhrt eine h¨
ohere Leer-
rohrgeschwindigkeit zu einer besseren Durchmischung, insbesondere in Bezug auf
die Vermischung der unterschiedlichen Partikelgr¨
oßenklassen und steht damit der
Entmischung der Partikeldurchmesserklassen entgegen.
Die zeitlichen Verl¨
aufe der Produktgas und Teerkonzentration am Auslass des Re-
aktors sind in den Abbildungen 5.51 und 5.52 abgebildet.
5.2 Simulationsergebnisse 139
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0002
0.0004
0.0006
0.0008
0.0010
0.0012
0.0014
Masse Holz [kg]
Fall 2
Fall 10
Abbildung 5.48: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 10)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0052
0.0054
0.0056
0.0058
0.0060
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 2
Fall 10
Abbildung 5.49: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 10)
140 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
Abstand vom Reaktorboden [m]
90
%
(Fall 2)
Schwerpunkt(Fall 2)
90
%
(Fall 10)
Schwerpunkt(Fall 10)
Abbildung 5.50: Axialer Schwerpunkt und Betth¨
ohe bei 90 % der Feststoffmasse ¨
uber die Zeit
(F¨
alle 2 und 10)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.51: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 10)
5.2 Simulationsergebnisse 141
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
20
40
60
80
100
120
140
160
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.52: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 10)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
940
960
980
1000
1020
1040
1060
Partikeltemperatur [K]
Fall 2
Fall 10
Abbildung 5.53: ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber die Zeit auf-
getragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2 und 10)
142 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
5.2.6 Einfluss der Wandtemperaturen des Reaktors
Der Einfluss der (festen) Wandtemperaturen auf das Geschehen innerhalb der Wir-
belschicht ist schon in der Arbeit von Gerber u. a. (2010) als sehr komplex geschil-
dert worden. In dieser Arbeit wird jedoch keine W¨
armeleitung und W¨
armestrahlung
innerhalb der festen Phase betrachtet, womit sich einige Effekte einfacher deuten
lassen.
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
0.40
0.45
Molanteil [-]
Fall 2
Fall 12
Fall 13
0
50
100
150
200
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.54: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
2, 12 und 13
Abbildung 5.54 zeigt einige klar auf h¨
ohere Wandtemperaturen zur¨
uckf¨
uhrbare Ef-
fekte. Es zeigt sich, dass je h¨
oher die Wandtemperatur ist, desto weniger werden re-
aktive Teere produziert und desto mehr Kohlenmonoxid entsteht. Das Verhalten der
Vergasungsmittel Wasser und Kohlendioxid korreliert weniger stark mit der Wand-
temperatur, da zwar der Fall 2 anteilig mehr Wasser und Kohlendioxid hervorbringt,
jedoch die Unterschiede zwischen den F¨
allen 12 und 13 bzgl. der Konzentration der
Vergasungsmittel kaum registrierbar sind. Die gesamte Produktgasmenge hat ein
Minimum f¨
ur den Fall 12, da in diesem Fall die Stickstoffkonzentration um einiges
5.2 Simulationsergebnisse 143
h¨
oher ist als in den F¨
allen 2 und 13. Aufgrund der vorliegenden Reaktortemperatu-
ren ist davon auszugehen, dass der Einfluss der Vergasungsreaktionen auf die hier
gezeigten Ergebnisse klein ist. Abbildung 5.55 zeigt den deutlichen Effekt der unter-
schiedlichen Wandtemperaturen auf die Temperaturen im Auslass des Reaktors. Die
Erh¨
ohung der Wandtemperatur um jeweils 100 K erh¨
oht die Temperatur im Auslass
um jeweils 50 K. Jedoch kann dieser Effekt haupts¨
achlich auf die W¨
arme¨
ubertragung
der Wand an das Fluid zur¨
uckgef¨
uhrt werden, da die Temperatur der Partikel im
Bett in beiden F¨
allen praktisch identisch ¨
uber die Simulationsdauer ist (hier nicht
gezeigt).
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
850
900
950
1000
1050
Temperatur [K]
Fall 2
Fall 12
Fall 13
Abbildung 5.55: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Wandtemperaturen (F¨
alle 2,
12 und 13 aus Tabelle 5.3)
Abbildung 5.56 best¨
atigt die Erwartungen bez¨
uglich der dynamischen Holzmassen-
entwicklung ¨
uber die Zeit. Je h¨
oher die Wandtemperatur ist, desto weniger Holz
befindet sich im Reaktor. Die Pyrolyse l¨
auft also mit steigender Wandtemperatur
schneller ab, obwohl die Wandtemperatur praktisch keinen Effekt auf die Betttem-
peratur hat. Die zeitliche Entwicklung der Holzkohlemasse in Abbildung 5.57 passt
144 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
ebenfalls sehr gut zu den Erwartungen. Mit h¨
oherer Wandtemperatur baut sich die
Holzkohle im Reaktor schneller ab.
Die zeitlichen Entwicklungen der Produktgas- und Teerkonzentrationen im Reakto-
rauslass in den Abbildungen 5.58, 5.59, 5.60 und 5.61 im Vergleich mit dem Stan-
dardfall zeigen die Tendenz, dass insbesondere Schwankungen f¨
ur die Teere durch die
erh¨
ohte Wandtemperatur ged¨
ampft werden. Außerdem wird mit steigender Wand-
temperatur der Unterschied zwischen den zeitlichen Verl¨
aufen der Teerkonzentratio-
nen zunehmend kleiner.
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0002
0.0004
0.0006
0.0008
0.0010
0.0012
0.0014
Masse Holz [kg]
Fall 2
Fall 12
Fall 13
Abbildung 5.56: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2, 12 und 13)
5.2 Simulationsergebnisse 145
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0056
0.0057
0.0058
0.0059
0.0060
0.0061
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 2
Fall 12
Fall 13
Abbildung 5.57: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2, 12 und 13)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.58: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 12)
146 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.59: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 12)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.60: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 13)
5.2 Simulationsergebnisse 147
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.61: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 13)
148 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
5.2.7 Einfluss der Einlasstemperatur der Luft
In diesem Kapitel soll der Einfluss der Einlasstemperatur der Luft auf die Vorg¨
ange
innerhalb der Wirbelschicht erl¨
autert werden. Da, wie bereits dargelegt, das dem
Reaktor zugef¨
uhrte Holz die Tendenz zeigt, sich im unteren heißen Teil des Reaktors
abzulagern (durch Dichte- und Gr¨
oßenunterschiede zu den Holzkohlepartikeln), sollte
eine erh¨
ohte Einlasstemperatur f¨
ur die prim¨
are Pyrolyse eher ungewollte Resultate
zeigen. Das heißt, es sollte zu einer h¨
oheren Aufheizrate der Partikel kommen mit
einer h¨
oheren Teerproduktion und verringerter Holzkohleproduktion.
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
Temperatur [K]
Fall 2
Fall 11
Abbildung 5.62: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Einlasstemperaturen (F¨
alle
2 und 11 aus Tabelle 5.3)
Abbildung 5.63 zeigt die Produktgas- und Teerkonzentrationen am Auslass des Re-
aktors gemittelt ¨
uber die letzten 10 s. Dabei wird deutlich, dass es zu einer Steigerung
der Teerausbeute um ca. 60 % kommt, wobei gleichzeitig auch die Stoffmengenan-
teile der aus den Teerabbaureaktionen entstehenden Komponenten (Methan und
Ethin) steigen. Dies l¨
asst sich auf die erh¨
ohten Reaktortemperaturen zur¨
uckf¨
uhren,
die ebenfalls am Auslass des Reaktors zu beobachten sind (siehe Abbildung 5.62).
5.2 Simulationsergebnisse 149
Die zum Ende der Simulation sinkende Auslasstemperatur geht einher mit einer
sinkenden Betttemperatur (siehe Abbildung 5.68). Zus¨
atzlich zeigt Abbildung 5.63
eine niedrigere Stickstoffkonzentration am Auslass, es entstehen also absolut mehr
gasf¨
ormige Produkte aus dem Betrieb der Anlage in der Simulation von Fall 11 im
Vergleich zum Standardfall.
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
Molanteil [-]
Fall 2
Fall 11
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.63: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
2 und 11
Die Abbildungen 5.64 und 5.65 zeigen die zeitlichen Verl¨
aufe der Holz- und Holz-
kohlemassenentwicklung des Falles 11 im Vergleich zum Standardfall. Die zeitliche
Holzmassenentwicklung zeigt das erwartete Ergebnis. Es liegt im Fall 11 weniger
Holz im Reaktor vor als im Standardfall. Insofern l¨
auft die prim¨
are Pyrolyse im
Fall 11 tats¨
achlich schneller ab. Es f¨
allt zudem auf, dass im Fall 11 die Holzkohle
weniger stark abgebaut wurde als im Fall 2. Die Holzkohlemasse im Reaktor kann
zum einen vergr¨
oßert werden durch die bei der prim¨
aren Pyrolyse entstehende Holz-
kohle und zum anderen verkleinert werden durch die Vergasungsmittel Sauerstoff,
Wasser und Kohlendioxid. Da nun die prim¨
are Pyrolyse offensichtlich im Fall 11
schneller abl¨
auft, deutet dies auf eine kleinere Holzkohleproduktion pro umgesetzter
150 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Masseneinheit Holz w¨
ahrend der prim¨
aren Pyrolyse hin (eine schnellere Pyrolyse
geht einher mit h¨
oheren Aufheizraten). Insofern m¨
ussen die Reaktionen, die f¨
ur den
Holzkohleabbau verantwortlich gemacht werden k¨
onnen, im Fall 11 deutlich langsa-
mer ablaufen als im Fall 2, da ansonsten die Ergebnisse der Holzkohleentwicklung
unplausibel w¨
aren. Da die Auslasstemperaturen im Fall 11 gr¨
oßer sind als im Fall 2,
bleibt die Vermutung, dass h¨
ohere Einlasstemperaturen zu einer vermehrten Oxida-
tion der gasf¨
ormigen Pyrolyseprodukte f¨
uhrt und damit weniger Holzkohle mit Hilfe
des Sauerstoffs umgesetzt wird. Best¨
atigen l¨
asst sich die letzte Vermutung in die-
ser Arbeit nicht, da die Simulation in ihrem jetzigen Zustand keine entsprechenden
Daten bereitstellt. Ein Vergleich der Ums¨
atze der einzelnen Reaktionen sollte aber
diese Frage kl¨
aren.
Die zeitlichen Verl¨
aufe der Produktgas- und Teerkonzentrationen sind in den Ab-
bildungen 5.66 und 5.67 dargestellt. Der aus Abbildung 5.68 gezeigte Abfall der
Betttemperaturen schl¨
agt sich in Abbildung 5.67 auch in h¨
oher werdenden Teerkon-
zentrationen im Auslass nieder.
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0002
0.0004
0.0006
0.0008
0.0010
0.0012
0.0014
Masse Holz [kg]
Fall 2
Fall 11
Abbildung 5.64: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 11)
5.2 Simulationsergebnisse 151
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0056
0.0057
0.0058
0.0059
0.0060
0.0061
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 2
Fall 11
Abbildung 5.65: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 11)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.66: zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 11)
152 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.67: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 11)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
900
920
940
960
980
1000
Partikeltemperatur [K]
Fall 2
Fall 11
Abbildung 5.68: ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber die Zeit auf-
getragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2 und 11)
5.2 Simulationsergebnisse 153
5.2.8 Einfluss der Partikelgr¨
oße des zugef¨
uhrten Holzes
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
Temperatur [K]
Fall 2
Fall 14
Abbildung 5.69: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Partikelgr¨
oßen (F¨
alle 2 und
14 aus Tabelle 5.3)
Die Partikelgr¨
oße des zugef¨
uhrten Holzes ist ein in dieser Arbeit sehr stark verein-
fachter Parameter. Es wurde angenommen, dass das zugef¨
uhrte Holz monodispers
als Kugeln zugef¨
uhrt wird. Dabei wurden in allen F¨
allen außer dem hier vorgestell-
ten Fall 14 ein Holzkugeldurchmesser von 4 mm angenommen. Der hier vorgestellte
Fall betrachtet einen Holzkugeldurchmesser von 2 mm und damit Partikel, die nur
ein Achtel des Volumens der Holzkugeln des Standardfalles haben. Um den zuge-
f¨
uhrten Massenstrom des Holzes konstant zu halten, wurden entsprechend achtmal
so viele Holzpartikel im Fall 14 verwendet wie im Standardfall. Im Experiment wer-
den nat¨
urlich keine Holzkugeln verwendet und zudem ist der Holzmassenstrom ein
polydisperses Partikelgemisch. Kleinere Partikel tendieren bei ansonsten gleichen
Bedingungen zu h¨
oheren Teerproduktanteilen, da die Aufheizung schneller von stat-
ten geht (mit entsprechenden Wirkungen auf die Anteile der Produkte der prim¨
aren
Pyrolyse). Zus¨
atzlich wird innerhalb der Partikel die Verweilzeit reduziert, somit
154 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
kann die sogenannte sekund¨
are Pyrolyse nicht mehr so effektiv zur intrapartikul¨
aren
Teerreduktion beitragen.
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
Molanteil [-]
Fall 2
Fall 14
0
50
100
150
200
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.70: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
2 und 14
Abbildung 5.69 zeigt vergleichend die zeitlichen Auslasstemperaturverl¨
aufe f¨
ur die
F¨
alle 14 und 2. Auff¨
allig ist die ¨
Ahnlichkeit des Temperaturverlaufes des Falles 14 zu
den Ergebnissen des Szenarios mit einer erh¨
ohten Lufteingangstemperatur (Fall 11
in Kapitel 5.2.7) und die erh¨
ohten Temperaturen im Vergleich zu Fall 2. Abbildung
5.76 zeigt eine noch deutlichere Auspr¨
agung unterschiedlicher, station¨
arer Betttem-
peraturen, bei denen wiederum Fall 2 h¨
ohere Temperaturen erreicht. Die zeitlich
gemittelten Ergebnisse der Teer- und Produktgaskonzentrationen sind in Abbildung
5.70 aufgezeigt. Auch hier ist die ¨
Ahnlichkeit zum Fall 11 sehr stark ausgepr¨
agt
- teilweise sehen die Ergebnisse nahezu identisch aus. Im Fall 14 wird allerdings
mehr Teer gebildet als im Fall 11, was direkt auf die reduzierte Holzpartikelgr¨
oße
zur¨
uckzuf¨
uhren ist.
Die zeitlichen Verl¨
aufe der Holz- und Holzkohlemassenentwicklung des Falles 14 un-
terscheiden sich deutlich von denen des Falles 2, wie es die Abbildungen 5.71 und
5.2 Simulationsergebnisse 155
5.72 verdeutlichen. Die verringerte Holzpartikelgr¨
oße f¨
uhrt dazu, dass sich die Holz-
masse im Reaktor innerhalb von ca. 10 s auf einen station¨
aren Wert einpegelt (siehe
Abbildung 5.71). Insofern bleibt hier zu bemerken, dass Simulationen mit einem po-
lydispersen Holzmasseeintrag bei gleichem Holzmassestrom die Ergebnisse deutlich
beeinflussen werden. Die zeitliche Entwicklung der Holzkohlemasse im Fall 14 f¨
uhrt
nach 100 s Simulationszeit zu gr¨
oßeren Werten als im Fall 2 und auch zu h¨
oheren
Werten als im Fall 11.
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0002
0.0004
0.0006
0.0008
0.0010
0.0012
0.0014
Masse Holz [kg]
Fall 2
Fall 14
Abbildung 5.71: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 14)
Bei Zugabe von kleineren Holzpartikeln ist, wie schon erw¨
ahnt, wegen der h¨
oheren
Aufheizraten mit einer absolut gr¨
oßeren Produktion an gasf¨
ormigen Komponenten
aus der prim¨
aren Pyrolyse zu rechnen. Diese Gase tragen aufgrund ihres Molvolu-
mens mit zur Fluidisierung der Wirbelschicht bei. Um dies zu verdeutlichen, kann
der Bettschwerpunkt in Abbildung 5.73 herangezogen werden. Es zeigt sich, dass
beide Maßzahlen f¨
ur die Bettausdehnung (axialer Schwerpunkt und Betth¨
ohe unter
der sich 90 % der Bettmasse befinden) im Fall 14 um einiges gr¨
oßer sind als im Fall 2.
Die Bettausdehnung ist im Fall 14 also h¨
oher, da mehr Produktgase gebildet werden
(sichtbar auch in Abbildung 5.70 anhand der Stickstoffkonzentration).
156 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Korrespondierend mit der fr¨
uhen Stationarit¨
at der Holzmasse im Reaktor zeigen
auch die Teer- und Produktgaskonzentrationen in den Abbildungen 5.74 und 5.75
eine sehr fr¨
uhe Stationarit¨
at der Daten. An dieser Stelle kann man, da alle Gr¨
oßen bis
auf die Holzkohlemasse ein lang anhaltendes station¨
ares Verhalten aufweisen, klar
sehen, dass die Teerkonzentrationen, auch wenn sie ¨
uber einen l¨
angeren Zeitraum
gemittelt station¨
ar aussehen, recht starke Schwingungen aufweisen. Insofern ist es
plausibel, dass viele der in dieser Arbeit betrachteten F¨
alle bei Instationarit¨
at der
Holzmasse im Reaktor sehr stark schwingende Teersignale aufweisen.
Da das Verhalten des in diesem Kapitel besprochenen Szenarios dem in Kapitel
5.2.7 so ¨
ahnlich ist, sind auch die selben Wirkmechanismen wie im Kapitel 5.2.7
heranzuziehen, um die erhaltenen Daten zu deuten.
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0056
0.0057
0.0058
0.0059
0.0060
0.0061
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 2
Fall 14
Abbildung 5.72: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 14)
5.2 Simulationsergebnisse 157
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
0.40
0.45
0.50
Abstand vom Reaktorboden [m]
90
%
(Fall 2)
Schwerpunkt(Fall 2)
90
%
(Fall 14)
Schwerpunkt(Fall 14)
Abbildung 5.73: Axialer Schwerpunkt und Betth¨
ohe bei 90 % der Feststoffmasse ¨
uber die Zeit
(F¨
alle 2 und 14)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.74: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 14)
158 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
250
300
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.75: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 14)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
920
940
960
980
1000
1020
Partikeltemperatur [K]
Fall 2
Fall 14
Abbildung 5.76: ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber die Zeit auf-
getragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2 und 14)
5.2 Simulationsergebnisse 159
5.2.9 Einfluss der Partikeltemperatur des zugef¨
uhrten Holzes
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
Temperatur [K]
Fall 2
Fall 9
Abbildung 5.77: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene initiale Holztemperaturen
(F¨
alle 2 und 9 aus Tabelle 5.3)
Die Holzpartikeltemperatur zu Beginn des Abbrandes eines Holzpartikels ist in die-
sem Kapitel entsprechend Tabelle 5.3 auf 360 K anstelle der 300 K, die in allen an-
deren F¨
allen verwendet wurde, gesetzt worden. Der Bereich der m¨
oglichen Eintritts-
temperaturen ist generell durch das in Kapitel 3.2.7 verwendete Trocknungsmodell
begrenzt, da von einer isothermen Verdampfung des Wassers innerhalb des Holz-
partikels ausgegangen wird. Dabei wurde die Verdampfungstemperatur auf 373.15 K
gesetzt, was der Verdampfungstemperatur von Wasser bei Normaldruck entspricht.
Das Thomson’sche Gesetz w¨
urde eine klare Abh¨
angigkeit des Verdampfungsdruckes
vom Durchmesser der Kapilaren verlangen, was hier nicht ber¨
ucksichtigt wurde. Zu-
dem impliziert die Verwendung des Normaldruckes, dass die Kapilaren alle nach
außen offen sind und dort Normaldruck herrscht. Eine Holzpartikeltemperatur ¨
uber
der hier verwendeten Verdampfungstemperatur des Wasser impliziert, dass kein Was-
ser mehr im Holzpartikel vorhanden ist. Der Wert der Temperatur der Holzpartikel
im Experiment ist nicht bekannt und kann nur gesch¨
atzt werden. Das Holz wird im
160 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Experiment ¨
uber eine F¨
orderschnecke in den Reaktor gefahren. Bei den zahlreichen
Umbauten am Reaktor wurde allerdings festgestellt, dass innerhalb der F¨
orderschne-
cke kondensierte Pyrolyseprodukte abgelagert wurden, was entweder auf eine schon
in der F¨
orderschnecke beginnende prim¨
are Pyrolyse des Holzes zur¨
uckzuf¨
uhren ist
oder darauf, dass Produktgas aus dem Reaktor in die F¨
orderschnecke einstr¨
omt und
dort kondensiert. Im Modell sollte die erh¨
ohte Temperatur des Holzeintrages einen
verringerten W¨
armebedarf zur Aufheizung des Partikels zur Folge haben und damit
zu lokal h¨
oheren Temperaturen im Reaktor f¨
uhren.
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
Molanteil [-]
Fall 2
Fall 9
0
20
40
60
80
100
120
140
160
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.78: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
2 und 9
Abbildung 5.77 zeigt die Auslasstemperaturen der F¨
alle 2 und 9 ¨
uber die Zeit. Der
Fall 9 zeigt tendenziell etwas niedrigere Temperaturen als der Fall 2. Die Konzentra-
tionen der Produktgase und Teere in Abbildung 5.78 verdeutlichen, dass der Fall 9
h¨
ohere Werte an Teeren, Teerabbauprodukten und den Vergasungsprodukten Koh-
lenmonoxid und Wasserstoff hervorbringt als der Fall 2. Die Stickstoffkonzentration
l¨
asst den R¨
uckschluss zu, dass in Fall 9 insgesamt mehr Produktgas frei wird.
5.2 Simulationsergebnisse 161
Abbildung 5.79 und 5.80 zeigen die zeitlichen Verl¨
aufe der Holz- und Holzkohlemasse
der F¨
alle 2 und 9. Beide F¨
alle zeigen nach 100 s eine in etwa gleiche Holzmasse im
Reaktor, d.h., eventuelle Unterschiede in der gesamten Produktgasentwicklung k¨
on-
nen nicht an der Menge des umgesetzten Holzes liegen. Da die Holzkohleentwicklung
der beiden F¨
alle in etwa parallel abl¨
auft, lassen sich auch hier keine R¨
uckschl¨
usse
auf Unterschiede in Abbildung 5.78 ziehen.
Die h¨
oheren Werte an Wasserstoff k¨
onnen nur durch h¨
ohere Anteile des Holzgases
an der prim¨
aren Pyrolyse oder h¨
ohere Vergasungsraten der heterogenen Wasserstoff-
bildung durch die Vergasung von Wasser an der Holzkohle zustande kommen. Die
vorliegenden Reaktortemperaturen zeigen, dass die prim¨
are Pyrolyse den wesentli-
chen Einfluss hat. Tendenziell schl¨
agt sich also die erh¨
ohte Partikeltemperatur in
einer st¨
arkeren Produktgasbildung bei gleicher Holzmasse im Reaktor nieder. Eine
signifikant h¨
ohere Betttemperatur konnte nicht nachgewiesen werden (siehe Abbil-
dung 5.83).
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0002
0.0004
0.0006
0.0008
0.0010
0.0012
0.0014
Masse Holz [kg]
Fall 2
Fall 9
Abbildung 5.79: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 9)
162 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0056
0.0057
0.0058
0.0059
0.0060
0.0061
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 2
Fall 9
Abbildung 5.80: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 9)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.81: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 9)
5.2 Simulationsergebnisse 163
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.82: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 9)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
940
960
980
1000
1020
Partikeltemperatur [K]
Fall 2
Fall 9
Abbildung 5.83: ¨
Uber den Querschnitt massengemittelte Feststofftemperaturen ¨
uber die Zeit auf-
getragen (ca. 0.146 m ¨
uber dem Reaktorboden, F¨
alle 2 und 9)
164 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
5.2.10 Einfluss der Kollisionsparameter
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
800
820
840
860
880
900
920
940
Temperatur [K]
Fall 2
Fall 5
Abbildung 5.84: Auslasstemperaturen ¨
uber die Zeit f¨
ur verschiedene Kollisionsparameter (F¨
alle
2 und 5 aus Tabelle 5.3)
Innerhalb der Modellierung von Gas-Feststoff-Str¨
omungen hat das Kollisionsverhal-
ten der Partikel eine wesentliche Bedeutung. Variationen in den Kollisionsparame-
tern k¨
onnen zu stark unterschiedlichen Ergebnissen bzgl. der Art und Weise der
Fluidisierung f¨
uhren. In dieser Arbeit ist das Kollisionsverhalten innerhalb der Si-
mulation stark vereinfacht abgebildet worden. So wurden die Partikel als kugelf¨
or-
mig angenommen ohne dabei zu zerbrechen bzw. zu verkleben. Im Experiment sind
die Partikel nicht kugelf¨
ormig, unter Umst¨
anden k¨
onnen die experimentell verwen-
deten Partikel nicht einmal konvex sein. Das Kollisionsverhalten beliebiger K¨
orper
ist deutlich schwieriger zu beschreiben als das von Kugeln, da je nachdem wie der
K¨
orper aussieht, damit zu rechnen ist, dass Mehrfachkontakte zwischen zwei Par-
tikeln auftreten, dass fl¨
achige anstelle von punktuellen Ber¨
uhrungen vorliegen und
die Orientierung der Partikel selbst eine Rolle spielt (dies zieht die Ber¨
ucksichti-
gung weiterer Bewegungsgleichungen der Partikel f¨
ur die Orientierung nach sich).
Das Ber¨
ucksichtigen von asymmetrischen K¨
orpern bei der Berechnung der Kollisi-
5.2 Simulationsergebnisse 165
onsdynamik f¨
uhrt zwangsl¨
aufig dazu, dass der Zeitschritt der Partikelbewegung an
die Rotationsgeschwindigkeit der Partikel gebunden ist. Schlussfolgernd l¨
asst sich
festhalten: Kollisionsdynamiken beliebiger K¨
orper sind daher auch beliebig kompli-
ziert.
Um ¨
uberhaupt eine Aussage ¨
uber die Sensitivit¨
at der hier vorliegenden Simulation
bzgl. der Kollisionsparameter der Kollision kugelf¨
ormiger Partikel zu erhalten, wur-
den die Parameter der Kollisionsberechnung wie in Tabelle 5.3 aufgezeigt variiert.
Die Verlustbeiwerte der Partikel-Partikel- und Partikel-Wand-Kollisionen wurden
von 0.8 auf 0.6 (Partikel-Partikel) bzw. von 0.6 auf 0.4 (Partikel-Wand) ausgehend
vom Standardfall ge¨
andert. Niedrigere Verlustbeiwerte f¨
uhren im Allgemeinen zu
einer st¨
arkeren Clusterbildung in der Wirbelschicht.
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
Teer 1 Teer 2 Teer 3
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
Molanteil [-]
Fall 2
Fall 5
0
20
40
60
80
100
120
140
160
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
Abbildung 5.85: ¨
Uber die letzten 10 s der Simulation gemittelte Auslasskonzentrationen der F¨
alle
2 und 5
Abbildung 5.84 zeigt die Auslasstemperaturen der beiden F¨
alle. Beide F¨
alle haben in
den ersten 70 s ¨
ahnliche Temperaturverl¨
aufe. In den letzten 30 s entwickeln sich die
Temperaturen in unterschiedliche Richtungen, wobei der Fall 5 eine um im Mittel
166 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
16 K h¨
ohere Temperatur aufweist als der Fall 2 (siehe Tabelle 5.4). Einhergehend mit
der Temperatursteigerung in den letzten 30 s zeigt Abbildung 5.82 steigende Teerpro-
duktionen und Abbildung 5.81 steigende Kohlenmonoxid- und sinkende Kohlendi-
oxidkonzentrationen. Zusammenfassend zeigt Abbildung 5.85 den direkten Vergleich
der ¨
uber die letzten 10 s gemittelten Produkt- und Teerkonzentrationen am Auslass
des Reaktors. Fall 5 zeigt gegen¨
uber Fall 2 eine absolut h¨
ohere Menge an Produktga-
sen (siehe Stickstoff in Abbildung 5.85) und h¨
ohere Konzentrationen aller anderen
beteiligten Komponenten. Die h¨
ohere Produktgasausbeute in Fall 5 ist allerdings
aufgrund der h¨
oheren Holzmasse im Reaktor auch zu erwarten (siehe Abbildung
5.86). Die Holzkohlemasse im Reaktor in Abbildung 5.87 entwickelt sich in beiden
F¨
allen sehr ¨
ahnlich und l¨
asst daher keine weiteren R¨
uckschl¨
usse zu. Die gesenkten
Verlustbeiwerte schlagen sich also zumindest bez¨
uglich des instation¨
aren Charakters
dieses Szenarios in h¨
oheren Produktgasausbeuten nieder. Weder die Betttempera-
turen noch die Schwerpunktdaten der Bettmasse der beiden hier diskutierten F¨
alle
zeigen, entgegen den Erwartungen, deutliche Unterschiede zum Standardfall. Aus
diesem Grund werden sie hier nicht gezeigt. Die ¨
Ubertragung des Verhaltens inerter
Wirbelschichten auf das reaktiver Wirbelschichten ist also in diesem Punkt zweifel-
haft.
5.2 Simulationsergebnisse 167
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0000
0.0002
0.0004
0.0006
0.0008
0.0010
0.0012
0.0014
Masse Holz [kg]
Fall 2
Fall 5
Abbildung 5.86: Gesamtholzmasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 5)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.0056
0.0057
0.0058
0.0059
0.0060
0.0061
0.0062
Masse Holzkohle [kg]
Fall 2
Fall 5
Abbildung 5.87: Gesamtholzkohlemasse ¨
uber die Zeit (F¨
alle 2 und 5)
168 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
Molanteil [-]
H
2
O
CH
4
H
2
CO
2
CO
C
2
H
2
Abbildung 5.88: Zeitlicher Verlauf der Produktgaskonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 5)
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
0
50
100
150
200
Teergehalt
h
g
Nm
3
i
C
2
H
5
OH
C
3
H
7
OH
C
6
H
6
Abbildung 5.89: Zeitlicher Verlauf der Teerkonzentrationen am Reaktorauslass (Fall 5)
5.2 Simulationsergebnisse 169
5.2.11 Partikelhistorien in einer Wirbelschicht
Einer der Vorteile der Euler-Lagrange-Simulationen gegen¨
uber anderen vereinfachten
Simulationsarten (Euler-Euler, Zell- und Zonenmodellen etc.) ist der Zugriff auf die
zeitlich aufgel¨
osten Vorg¨
ange einzelner Partikel. Dies soll hier beispielhaft anhand
der Prozesse der Aufheizung, Trocknung, Pyrolyse und Vergasung gezeigt werden.
Das verwendete Szenario ist den F¨
allen 6 und 14 ¨
ahnlich. Es werden bei identi-
schen Bedingungen wie im Standardfall 10.33 Holzpartikel
/seines Durchmessers von ca.
2.11 mm in den Reaktor eingebracht. Der Partikeldurchmesser wurde so gew¨
ahlt,
dass das Partikel nach der Schrumpfung den Durchmesser der gr¨
oßten verwendeten
Holzkohlepartikel hat (1.5 mm), damit das Partikel zumindest nach der Pyrolyse flui-
disiert werden kann. Die Simulationsdauer der hier gezeigten Daten betr¨
agt nur ca.
84 s, da die Daten hier aus einer ¨
uberarbeiteten Version der Simulation hervorgehen,
die ein eindeutiges Identifizieren einzelner Partikel erlaubt.
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
Zeit [s]
300
400
500
600
700
800
900
1000
1100
1200
Temperatur [K]
Abbildung 5.90: Zeitlicher Verlauf der Partikeltemperatur (jedes 50ste Holzpartikel)
Abbildung 5.90 zeigt den Temperaturverlauf einiger Holzpartikel im Reaktor (es wird
nur jedes 50ste der eingebrachten Holzpartikel gezeigt), wobei der Start der Histo-
170 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
rie aller Partikel auf einen gemeinsamen Zeitpunkt gelegt wurde, um den Vergleich
zu erleichtern. Die ersten Partikel haben aufgrund der noch nicht abgeklungenen
Anfangsbedingungen der Simulation noch keinen repr¨
asentativen Charakter. Aus
den Temperaturverl¨
aufen zeigt sich, dass es keinen einzelnen repr¨
asentativen Parti-
kelabbrandvorgang gibt. Jedes Partikel hat aufgrund der f¨
ur das einzelne Partikel
individuell vorliegenden Randbedingungen seine ganz eigene Historie, wobei sich na-
t¨
urlich starke ¨
Ahnlichkeiten ergeben, da viele Betteigenschaften durch die starke
Fluidisierung nahezu homogen sind.
Grundlegend zeigt allerdings gerade in der Anfangsphase (Aufheizung und Trock-
nung) jedes Partikel ein ¨
ahnliches Verhalten. Mit der Anfangstemperatur beginnend
heizt sich das Partikel zun¨
achst auf Trocknungstemperatur auf. Dabei ergibt sich
eine ann¨
ahernd lineare Heizrate. Die Unterschiede bzgl. dieser Heizrate unter den
einzelnen Holzpartikel sind minimal, wie es Abbildung 5.90 deutlich zeigt. Nach
der ersten Aufheizphase folgt das Trocknen der Partikel. Abbildung 5.93 zeigt die
gleichen Partikel wie in Abbildung 5.90, wobei hier der Wasseranteil der einzelnen
Partikel ¨
uber die Zeit aufgetragen wurde. Auch hier zeigen sich keine großen Un-
terschiede in den Verdampfungsraten. Der Wasseranteil sinkt ann¨
ahernd linear ¨
uber
die Zeit.
Nachdem ein Partikel getrocknet ist, beginnt eine zweite Aufheizphase des Partikels
(siehe Abbildung 5.90). Diese Aufheizung ist aufgrund der niedrigen Starttempera-
tur (die Trocknung wurde isotherm bei 373.15 K vollzogen) nicht sofort in der Lage,
die Pyrolyse des Partikels zu starten. Abbildung 5.94 zeigt den Partikelholzanteil.
W¨
ahrend der Trocknung steigt der Holzanteil, da der Wasseranteil in den Parti-
keln sinkt. Daraufhin folgt eine Periode mit konstantem Holzanteil und steigender
Temperatur. In den Abbildungen 5.92 und 5.91 ist diese Periode gut anhand der
konstanten Dichte bzw. der konstanten Partikelmasse erkennbar.
Sobald die Pyrolyse begonnen hat, f¨
allt der Holzanteil und der Holzkohleanteil steigt
monoton (siehe Abbildung 5.95). Nach Ablauf der Pyrolyse heizen sich die Partikel
weiter auf und erreichen die Betttemperatur. Diese dritte Phase der Aufheizung
ist mit einer h¨
oheren Heizrate verbunden, da die prim¨
are Pyrolyse als endotherme
5.2 Simulationsergebnisse 171
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
Zeit [s]
0.0000
0.0005
0.0010
0.0015
0.0020
0.0025
0.0030
0.0035
0.0040
0.0045
Partikelmasse [g]
Abbildung 5.91: Zeitlicher Verlauf der Partikelmasse (jedes 50ste Holzpartikel)
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
Zeit [s]
100
200
300
400
500
600
700
800
900
Partikeldichte [
kg
m
3
]
Abbildung 5.92: Zeitlicher Verlauf der Partikeldichte (jedes 50ste Holzpartikel)
172 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
Reaktion modelliert wurde und daher der Aufheizung entgegengewirkt hat, was nach
Vollendung der prim¨
aren Pyrolyse nicht mehr passiert.
Abbildung 5.90 zeigt, dass es grob eingeteilt zwei Typen von Partikeln gibt: Par-
tikel die schnell aufheizen und schnell pyrolysieren und deren Massenabbau (siehe
Abbildung 5.91) daher sehr schnell von statten geht. Bei der zweiten Klasse von
Partikeln laufen die Vorg¨
ange langsamer ab und es kommt zu einer deutlich ausge-
pr¨
agten Schulter im Temperaturverlauf der Partikel bei etwa 700 K (siehe Abbildung
5.90). Diese Schulter h¨
angt unmittelbar mit der Endothermie der prim¨
aren Pyrolyse
zusammen. Die verwendete Kinetik der prim¨
aren Pyrolyse zeigt eine recht starke
Abh¨
angigkeit der Holzkohleausbeute von der Aufheizrate und man kann daher in
Abbildung 5.92 Dichteunterschiede von ca. 100 kg
/m3(nach Beendigung der Pyroly-
se) sehen, was nat¨
urlich direkt auf die Fluidisierung der Partikel zur¨
uckwirkt.
0.0 0.5 1.0 1.5 2.0 2.5
Zeit [s]
0.00
0.02
0.04
0.06
0.08
0.10
0.12
Wasseranteil [-]
Abbildung 5.93: Zeitlicher Verlauf des Partikelwasseranteils (jedes 50ste Holzpartikel)
Die Gr¨
unde daf¨
ur, dass man die einzelnen Partikel nur schwer in eine vereinfachte,
historienfeste Partikelklasse einteilen kann, sollen anhand der Abbildungen 5.96 bis
5.102 erl¨
autert werden. Es werden drei beliebige Partikel hinsichtlich ihrer zeitlichen
5.2 Simulationsergebnisse 173
Temperatur-, Masse, Holzanteils-, Holzkohlenanteils- und Dichteentwicklung unter-
sucht und dies wird anhand der Position der Partikel im Reaktor diskutiert. Die
Partikel werden sukzessive alle am selben Ort in den Reaktor gegeben und fallen
zun¨
achst alle auf den Boden des Reaktors (linke Seite). Aufgrund der einseitigen
Holzzugabe ist dies der Punkt am Boden des Reaktors, wo relativ niedrige Tempe-
raturen vorherrschen (solange das frische Holz sich hier sammeln kann). Die Partikel
wandern alle auf den rechten Rand des Reaktors zu (siehe Abbildung 5.101). Partikel
1 heizt sich ¨
ahnlich wie Partikel 2 auf - jedoch zeitlich versetzt (Abbildung 5.96).
Die Partikeltemperatur von Partikel 3 bleibt ¨
uber den betrachteten Zeitraum relativ
klein auf einem Plateau von ca. 700 K bis 750 K. Dies erkl¨
art sich ¨
uber die noch nicht
abgeschlossene prim¨
are Pyrolyse und der damit verbundenen endothermen Reaktion
innerhalb des Partikels (siehe Abbildung 5.100).
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
Zeit [s]
0.0
0.2
0.4
0.6
0.8
1.0
Holzanteil [-]
Abbildung 5.94: Zeitlicher Verlauf des Partikelholzanteils (jedes 50ste Holzpartikel)
Sowohl die finale Temperaturerh¨
ohung von Partikel 1 als auch von Partikel 2 tre-
ten zeitgleich mit dem Abheben der Partikel vom Reaktorboden auf. Die niedrige
Temperatur direkt am Reaktorboden ist ein Effekt, der durch die Vernachl¨
assigung
der W¨
armeleitung bzw. W¨
armestrahlung innerhalb der Partikel bzw. zwischen Re-
174 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
aktorwand und Partikel auftritt. Sehr dicht am Reaktorboden liegt die r¨
aumlich
interpolierte Außentemperatur eines Partikels sehr nahe an der Lufteinlasstempera-
tur, da der Reaktorboden nicht als Festk¨
orper modelliert wird und damit auch keine
eigene ¨
uber der Lufteingangstemperatur liegende Temperatur hat. Eine erh¨
ohte Re-
aktorwandtemperatur w¨
urde ¨
uber Mechanismen wie W¨
armeleitung und Strahlung
das Holz schneller pyrolysieren. Zus¨
atzlich korreliert das Abheben von Partikel 1 und
2 in Abbildung 5.101 auch gut mit dem Unterschreiten der urspr¨
unglich angesetzten
Holzkohledichte von 450 kg
/m3(siehe Abbildung 5.98).
Der Massenabbau der Partikel 2 und 3 in Abbildung 5.97 sieht sehr ¨
ahnlich aus
und erfolgt deutlich langsamer als im Fall des Partikels 1 und f¨
uhrt daher auch
zu gr¨
oßeren scheinbaren Partikeldichten als f¨
ur Partikel 1, wie man Abbildung 5.98
entnehmen kann. Der mit dem Massenabbau der Partikel verbundene Aufbau der
Holzkohle innerhalb der Partikel in Abbildung 5.99 sieht f¨
ur alle drei Partikel mit
zunehmender Partikelzahl langsamer werdend aus. W¨
ahrend in Partikel 1 die Holz-
kohle sehr schnell entsteht, entsteht sie in Partikel 2 und 3 ¨
uber einen deutlich
l¨
angeren Zeitraum und damit mit einer h¨
oheren Ausbeute an Holzkohle. Das sehr
leichte Partikel 1 bewegt sich entsprechend seiner Dichte in Abbildung 5.102 zur Bet-
toberfl¨
ache. Partikel 2 folgt Partikel 1 zeitlich versetzt zur Bettoberfl¨
ache, da auch
die scheinbare Dichte von Partikel 2 kleiner als die angesetzte Dichte der Partikel 2
umgebenden Holzkohlepartikel ist.
Ein wesentlicher Aspekt dieser Ergebnisse ist, dass das gemittelte Abbrandverhalten
der Holzpartikel nur schwer mit Hilfe einer einzigen Partikelhistorie beschrieben wer-
den kann, wenn man nicht wesentliche Unterschiede im Partikelverhalten vernach-
l¨
assigen will. F¨
ur diesen Zweck ist es zumindest notwendig, mehrere repr¨
asentative
Holzpartikel zu betrachten, um mit diesen das gemittelte Abbrandverhalten wieder-
zugeben. Das Beschreiben von Vorg¨
angen an einzelnen Partikeln mit Hilfe repr¨
asen-
tativer Partikel ist in einigen Bereichen der Simulation von Mehrphasenstr¨
omungen
g¨
angig und f¨
uhrt h¨
aufig zu einem erheblich gesteigerten Anwendungsbereich derar-
tiger Simulationen, da der Rechenaufwand meist sehr stark sinkt und somit Anlagen
im industriellen Maßstab simulierbar werden.
5.2 Simulationsergebnisse 175
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
Zeit [s]
0.0
0.2
0.4
0.6
0.8
1.0
Holkohleanteil [-]
Abbildung 5.95: Zeitlicher Verlauf des Partikelholzkohleanteils (jedes 50ste Holzpartikel)
0510 15 20
Zeit [s]
300
400
500
600
700
800
900
1000
Partikeltemperatur [K]
Partikel 1
Partikel 2
Partikel 3
Abbildung 5.96: Zeitlicher Verlauf der Partikeltemperatur dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel
176 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0510 15 20
Zeit [s]
0.0000
0.0005
0.0010
0.0015
0.0020
0.0025
0.0030
0.0035
0.0040
0.0045
Partikelmasse [g]
Partikel 1
Partikel 2
Partikel 3
Abbildung 5.97: Zeitlicher Verlauf der Partikelmasse dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel
0510 15 20
Zeit [s]
100
200
300
400
500
600
700
800
900
Partikeldichte
h
kg
m
3
i
Partikel 1
Partikel 2
Partikel 3
Abbildung 5.98: Zeitlicher Verlauf der Partikeldichte dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel
5.2 Simulationsergebnisse 177
0510 15 20
Zeit [s]
0.0
0.2
0.4
0.6
0.8
1.0
Partikelholzkohleanteil [-]
Partikel 1
Partikel 2
Partikel 3
Abbildung 5.99: Zeitlicher Verlauf des Partikelholzkohleanteils dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel
0510 15 20
Zeit [s]
0.0
0.2
0.4
0.6
0.8
1.0
Partikelholzanteil [-]
Partikel 1
Partikel 2
Partikel 3
Abbildung 5.100: Zeitlicher Verlauf des Partikelholzanteils dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel
178 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
0510 15 20
Zeit [s]
0.00
0.02
0.04
0.06
0.08
0.10
0.12
radiale Position [m]
Partikel 1
Partikel 2
Partikel 3
Abbildung 5.101: Zeitlicher Verlauf der radialen Position dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel
0510 15 20
Zeit [s]
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
0.40
axiale Position [m]
Partikel 1
Partikel 2
Partikel 3
Abbildung 5.102: Zeitlicher Verlauf der axialen Position dreier ausgew¨
ahlter Holzpartikel
5.2 Simulationsergebnisse 179
5.2.12 Vergleich der Simulationsergebnisse mit experimentellen Daten
bzw. anderen numerischen Modellen
Abbildung 5.103: Zeitlicher Verlauf der Reaktortemperatur f¨
ur verschiedene H¨
ohen (experimen-
telle Daten)
Die unzureichende Validierung von Simulationsdaten mit Hilfe experimenteller Da-
ten war schon in Kapitel 2.2 ein wesentlicher Punkt, an dem laut Gomez-Barea u.
Leckner (2009) weitere Forschungsarbeiten ankn¨
upfen sollten. Da diese Arbeit den
Schwerpunkt klar auf den numerischen Arbeiten und der Modellierung hat und da-
mit andere in Gomez-Barea u. Leckner (2009) erw¨
ahnte Probleme erfasst, bleibt der
experimentelle Bereich in dieser Arbeit außen vor. Da die messtechnischen und an-
lagentechnischen Probleme relativ fr¨
uh w¨
ahrend der Arbeit an dieser Dissertation
auftraten, wurden andere numerische Methoden verwendet, um hier entsprechende
Vergleiche bzgl. der durchgef¨
uhrten Parametervariationen anstellen zu k¨
onnen.
Ein wesentlicher Aspekt lag dabei auf den sogenannten Euler-Euler-Methoden. In
den beiden Diplomarbeiten Hoffmann (2010) und Merchan (2010) wurde ein Euler-
Euler-Modell mit Hilfe des OpenSource Simulationstools MFIX erstellt, das die Holz-
vergasung in Wirbelschichten modelliert. Auf Basis dieser Arbeiten entstand die
Parameterstudie Gerber u. a. (2010). Die Ergebnisse der hier vorliegenden Arbeit
180 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
sollen im Folgenden mit denen von Gerber u. a. (2010) und experimentellen Daten
verglichen werden und die Unterschiede analysiert werden. Als maßgeblicher Fall
zum Vergleich mit den Szenarien gilt hier der Fall 2 aus Tabelle 5.3.
0 20 40 60 80 100
Zeit [s]
840
860
880
900
920
940
960
980
1000
Temperatur [K]
150 mm
325 mm
500 mm
700 mm
900 mm
Abbildung 5.104: Zeitlicher Verlauf der Reaktortemperatur f¨
ur verschiedene H¨
ohen des Standard-
falles)
Abbildung 5.103 zeigt typische Temperaturverl¨
aufe auf verschiedenen H¨
ohen inner-
halb der Reaktors. Die Daten zeigen die Startphase des Betriebs inkl. Aufheizen und
deuten auf ein station¨
ares Temperaturprofil zwischen Minute 100 und Minute 120
hin. Nach Minute 120 wurden andere Tests an der Anlage durchgef¨
uhrt. Es zeigt
sich erstens, dass, abgesehen von der in Abbildung 5.103 gezeigten Einlasstempe-
ratur, die Temperatur umso niedriger ist, je h¨
oher sie im Reaktor gemessen wird
und das die Temperaturen bei 150 mm, 325 mm, 500 mm sehr dicht beieinander lie-
gen. Die Temperaturen bei 700 mm sind etwas niedriger (ca. 20 K) als die drei zuvor
genannten und die Temperatur bei 900 mm ist nochmal um ca. 100 K niedriger.
Abbildung 5.104 zeigt die Gastemperaturdaten der Simulation f¨
ur den Standardfall
auf den selben H¨
ohen wie in Abbildung 5.103. In der Simulation sieht das Geschehen
5.2 Simulationsergebnisse 181
¨
ahnlich zu den hier gezeigten experimentellen Daten aus. Die Temperaturen der
ersten drei H¨
ohenstufen liegen alle dicht beieinander, allerdings ca. 90 K niedriger als
im Experiment. Die Temperaturen f¨
ur die H¨
ohenstufen 700 mm und 900 mm liegen
in der Simulation ebenfalls dicht beieinander, was sie im Experiment nicht taten. Die
Absolutwerte der Temperaturen bei 900 mm zeigen eine sehr gute ¨
Ubereinstimmung
zwischen Experiment und Simulation.
Abbildung 5.105: Aus 19 verschiedenen Messungen gemittelte Gaszusammensetzung des Reaktors
(experimentelle Daten)
Die Unterschiede in den Absolutwerten der Gastemperatur auf einer Reaktorh¨
o-
he von 700 mm sind nachvollziehbar, da in den Arbeiten von Merchan (2010) und
Gerber u. a. (2010) ¨
ahnliche Unterschiede in verschiedenen F¨
allen auftraten. Mer-
chan (2010) zeigt, dass sich die Temperatur im oberen Reaktorbereich stark mit der
Zahl der ber¨
ucksichtigten Partikeldurchmesserklassen im betrachteten Euler-Euler-
Modell ¨
andert. Partikel mit kleineren Durchmessern fluidisieren besser und f¨
uhren
damit zu einer Ausdehnung des Wirbelbettes (sichtbar an der gesteigerten Bett-
h¨
ohe). Eine gr¨
oßere Betth¨
ohe, bei konstanter Wandtemperatur, f¨
uhrt zu anderen
W¨
arme¨
ubergangsverh¨
altnissen an der Innenseite des Reaktors. Der W¨
arme¨
ubergang
182 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
wechselt von einphasig zu zweiphasig und wird damit intensiver. Da die Tempera-
turrandbedingungen f¨
ur die W¨
ande mit relativ großen Unsicherheiten behaftet sind,
ergibt sich ein weiterer Einfluss.
N
2
H
2
O CH
4
H
2
CO
2
CO C
2
H
2
0.00
0.05
0.10
0.15
0.20
0.25
0.30
0.35
0.40
0.45
0.50
Molanteil [-]
Abbildung 5.106: Gaszusammensetzung des Standardfalles ohne Teer (Simulationsdaten)
Die Messung von einphasigen Temperaturdaten innerhalb eines zweiphasigen Re-
aktors ist unter Umst¨
anden nicht einfach. Werden Thermoelemente innerhalb einer
dichten zweiphasigen Gas-Feststoff-Str¨
omung einfach im Reaktor platziert, kann man
nicht davon ausgehen, dass diese die Gasphasentemperatur messen k¨
onnen. Vielmehr
wird es zu zeitlich begrenzten bzw. andauernden Feststoffkontakten kommen und da-
mit wird die am Thermoelement gemessene Temperatur einen zwischen Gas- und
Feststofftemperatur liegenden Wert haben. Des Weiteren sollten die Temperaturen
eines Thermoelementes auch durch die Strahlung innerhalb des Wirbelbettes be-
einflusst werden, da das Thermoelement als Feststoff deutlich mehr Strahlung pro
Fl¨
ache aufnimmt, als eine d¨
unne Gasschicht. Insofern gibt es einige Gr¨
unde, die
Gastemperaturwerte aus Abbildung 5.103 differenzierter zu betrachten.
5.2 Simulationsergebnisse 183
Vergleicht man die Ergebnisse der experimentell gemessenen Molenfraktionen aus
Abbildung 5.105 mit denen des Falles 2 aus Abbildung 5.106 so treten einige Unter-
schiede auf. Zum einen ist der Anteil an Wasser im Produktgas bei den experimen-
tellen Werten unbekannt, d.h., dass im Folgenden wasserfreie Molenanteile mit nicht
wasserfreien Stoffmengenanteilen verglichen werden. Allerdings ist auch der Pro-
duktgasanteil an Stickstoff an der Anlage nicht messbar, was implizit bedeutet, dass
die Stickstoffdaten in Abbildung 5.105 durch Summenbildung der anderen direkt
gemessenen Stoffmengenanteile erfolgt. Der Stickstoffanteil in Abbildung 5.105 ist
also vielmehr als Summe aus Stickstoff- und Wasseranteilen (und ggf. anderen nicht
gemessenen Komponenten) zu deuten, da der Wasseranteil ebenfalls nicht messbar
ist im Reaktor.
Der summierte Wert der Anteile aus Wasser und Stickstoff in Abbidlung 5.106 (Si-
mulationsdaten) liegt im unteren Mittelfeld der Stickstoffdaten aus Abbildung 5.105
(experimentelle Daten). Die ¨
Ahnlichkeit der Stickstoffwerte kann als Beleg f¨
ur die
¨
Ahnlichkeit der Produktgasmenge gedeutet werden, da sich Stickstoff weitestgehend
inert verh¨
alt. Die Werte der Hauptvergasungsprodukte Kohlenmonoxid und Wasser-
stoff in der Simulation sind h¨
oher als die der experimentellen Daten in Abbildung
5.105. Kohlenmonoxid hat ca. 2 % h¨
ohere Molenanteile als die Maximalwerte aus
Abbildung 5.105 und Wasserstoff hat Werte, die am oberen Ende der Maximalwerte
aus Abbildung 5.105 liegen. Die Simulationsdaten f¨
ur Kohlendioxid liegen im oberen
Bereich der Minimalwerte der experimentellen Daten f¨
ur Kohlendioxid. Da die Was-
seranteile nicht experimentell bestimmt wurden, bleibt hier die Vermutung, dass die
erh¨
ohten Werte an Kohlenmonoxid und Wasserstoff sowie die verringerten Werte an
Kohlendioxid auf zu schnelle Ratenausdr¨
ucke der heterogenen Vergasungsreaktionen
zur¨
uckzuf¨
uhren sind.
Starke Unterschiede zwischen Simulationsdaten und experimentellen Daten zeigen
sich bez¨
uglich der Kohlenwasserstoffanteile im Produktgas. Da Methan in dieser
Arbeit nicht durch das Cracken der Teere gebildet werden kann und Ethin diese
Rolle ¨
ubernommen hat, sind die Simulationsdaten nur in Bezug auf Massenantei-
le aussagekr¨
aftig, da diese durch die zugrundeliegenden Modelle gegeben sind. Um
Stoffmengenanteile aus Massenanteilen zu berechnen, muss die gesamte Mischung
184 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
bekannt sein. Insofern beeinflusst die Wahl der beteiligten Stoffe auch die Stoffmen-
genanteile ¨
uber die unterschiedlichen Molmassen der Komponenten.
Insgesamt sind die Stoffmengenanteile der Kohlenwasserstoffe in der Simulation ca.
Faktor vier zu klein zu sein. Gr¨
unde daf¨
ur k¨
onnen an vielen Stellen zu suchen sein.
Zum einen gibt es die M¨
oglichkeit, dass die Anteile an Kohlenwasserstoffen als Pro-
dukte der prim¨
aren Pyrolyse bzw. des Teercrackens innerhalb der Simulation zu
niedrig sind. Des Weiteren besteht die M¨
oglichkeit, dass die vernachl¨
assigte hetero-
gene Methanbildung mit Hilfe von Wasserstoff eigentlich zu ber¨
ucksichtigen w¨
are. Da
Asche hier als bekannter und relativ guter Katalysator wirkt, w¨
are der Unterschied
zumindest partiell erkl¨
arbar, da die Betrachtung der heterogenen Methanbildung in
der Simulation zudem auch den Wasserstoffanteil senken w¨
urde. Letztendlich bleibt
die M¨
oglichkeit, dass vermehrt Methan bzw. Kohlenwasserstoffe am Reaktoreinlass
mit Sauerstoff verbrannt wurden und so nicht am Reaktorausgang austreten. Al-
lerdings kam es bei ¨
ahnlichen Rechnungen mit Euler-Euler-Modellen zu tendenziell
sehr kleinen Reaktionsums¨
atzen der Oxidation der Gasphasenbrennstoffe, was ge-
gen den zuletzt genannten Punkt spricht. Die genauen Gr¨
unde f¨
ur die Differenzen
im Kohlenwasserstoffgehalt zwischen Simulation und Experiment bleiben daher in
dieser Arbeit offen.
Um die Ergebnisse der Parametervariationen auch ohne Experimente einordnen zu
k¨
onnen, sollen sie hier, trotz aller Modellunterschiede, mit der Arbeit von Gerber
u. a. (2010) qualitativ verglichen werden. In der Arbeit von Gerber u. a. (2010) wird
die Variation der thermischen Randbedingungen (als Dirichletrandbedingung) um ±
50 K gegen¨
uber dem in Gerber u. a. (2010) angenommenen Referenzfall untersucht.
Die entsprechende Variation der Randbedingungen ist in dieser Arbeit im Kapitel
5.2.6 dokumentiert. Dabei stellte sich heraus, dass es einen klaren Trend bzgl. der
Vergasungsleistung des Reaktors in Abh¨
angigkeit von der Wandtemperatur gibt.
Mit h¨
oherer Wandtemperatur nehmen in Gerber u. a. (2010) die Anteile der Verga-
sungsprodukte (Kohlenmonoxid und Wasserstoff) zu und die der Vergasungsmittel
(Wasser und Kohlendioxid) ab. Dieser Trend ist f¨
ur Wasser bzw. Wasserstoff deut-
lich schw¨
acher ausgepr¨
agt. Zudem erkennt man in Gerber u. a. (2010) eine Abnahme
des Gehalts an reaktiven Teer und eine Zunahme des Gehalts an inerten Teer mit
5.2 Simulationsergebnisse 185
steigender Wandtemperatur. Dies h¨
angt zum einen mit den h¨
oheren Aufheizraten
des Holzes w¨
ahrend der prim¨
aren Pyrolyse und zum anderen mit dem erh¨
ohten
Teerumsatz bei h¨
oheren Reaktortemperaturen zusammen. Die ver¨
anderten Wand-
temperaturen in Gerber u. a. (2010) f¨
uhren zudem zu ver¨
anderten Temperaturen
im Auslass des Reaktors. Eine Erh¨
ohung der Wandtemperatur um 50 K f¨
uhrt zu
einer Temperaturerh¨
ohung von 33 K im Reaktorauslass, wohingegen eine Senkung
der Wandtemperatur um 50 K zu einer Senkung der Temperaturen im Auslass von
36 K f¨
uhrt.
Vergleicht man die Ergebnisse dieser ¨
Anderung der Wandtemperaturen aus Gerber
u. a. (2010) mit denen dieser Arbeit zeigen sich starke ¨
Ahnlichkeiten. Auch in dieser
Arbeit f¨
uhrt das Erh¨
ohen der Wandtemperaturen (hier allerdings um jeweils 100 K)
zu gesteigerten Anteilen der Vergasungsprodukte (Wasserstoff und Kohlenmonoxid)
und zu verringerten Anteilen der Vergasungsmittel (Wasser und Kohlendioxid). Wie-
derum zeigt sich, dass dieser Effekt f¨
ur die Vergasung des Wassers weniger stark aus-
gepr¨
agt ist als f¨
ur die Vergasung mit Kohlendioxid. Allerdings f¨
uhrt die ¨
Anderung
der Wandtemperatur nur f¨
ur Kohlenmonoxid zu einem klaren Trend (siehe Abbil-
dung 5.54), da die anderen an der heterogenen Vergasung beteiligten Komponenten
teilweise nur auf eine der beiden in dieser Arbeit vorgenommenen ¨
Anderungen der
Wandtemperatur reagieren (siehe Abbildung 5.54). ¨
Ahnlichkeiten zwischen den bei-
den Arbeiten gibt es aber auch bzgl. der Anteile des reaktiven Teers. Je h¨
oher die
Wandtemperatur desto niedriger sind die Anteile des reaktiven Teers im Auslass des
Reaktors. In Hinsicht auf den als inert angenommenen Teer ergibt sich kein klares
Bild (siehe Abbildung 5.54). Die Auslasstemperaturen des Reaktors in dieser Arbeit
¨
andern sich bei einer Erh¨
ohung der Wandtemperatur um jeweils 100 K von 888 K im
Referenzfall auf 944 K und 985 K (siehe Tabelle 5.4). Der Trend entspricht also dem
der Arbeit von Gerber u. a. (2010).
Ein weiterer Fall aus der Arbeit von Gerber u. a. (2010), der sich mit den Ergebnissen
dieser Arbeit vergleichen l¨
asst, ist die Variation des zugef¨
uhrten Holzmassenstromes
des Reaktors (in dieser Arbeit die F¨
alle 2, 6, 7 und 8 in Kapitel 5.2.3). Dabei wird
hier nicht auf den Fall 8 dieser Arbeit eingegangen, da in diesem Fall die Ergebnisse
einen stark instation¨
aren Charakter haben und sich daher nicht f¨
ur einen Vergleich
186 Kapitel 5 Simulationsergebnisse
eignen. In der Arbeit von Gerber u. a. (2010) entstehen bei einer Vergr¨
oßerung der
Holzzufuhr um 2
7gegen¨
uber dem Referenzfall insgesamt mehr Produkte (geringerer
Anteil an Stickstoff im Auslass des Reaktors) und h¨
ohere Anteile der Komponenten
H2, CH4, CO, H2O und des Teers. Lediglich der Anteil des Kohlendioxids verringert
sich leicht. Die Auslasstemperatur bei einer Vergr¨
oßerung der Holzzufuhr erh¨
oht
sich um 6 K. Bei einer Verringerung der Holzzufuhr um 2
7¨
andern sich die Ergebnisse
dahingehend, dass weniger Produktgase entstehen und die Komponenten H2, CH4,
CO, H2O und der Teer in verringerten Anteilen im Auslass vorliegen. Der Anteil
des Kohlendioxids ¨
andert sich wiederum kaum, ist aber gr¨
oßer als im Referenzfall.
Die Auslasstemperatur sinkt verglichen mit dem Referenzfall um 12 K. Die Tempe-
ratur und der Anteil des Kohlendioxids im Auslass sind also in dem untersuchten
Bereich relativ unabh¨
angig vom zugef¨
uhrten Holzmassenstrom im Rahmen des hier
vorgestellten Modelles.
Die Ergebnisse dieser Arbeit sind in einigen Punkten ¨
ahnlich den Ergebnissen von
Gerber u. a. (2010), unterscheiden sich jedoch teilweise qualitativ. Bei einer Erh¨
o-
hung der Holzzufuhr entstehen auch in dem hier dokumentierten Verfahren mehr
Produktgase und h¨
ohere Anteile der Kohlenwasserstoffe (inklusive der Teere) sowie
des Wasserstoffs und des Wassers (siehe Abbildung 5.30). Jedoch sinkt der Anteil des
Kohlenmonoxids und zus¨
atzlich steigt der Anteil des Kohlendioxids im Produktgas
bei st¨
arkerer Zufuhr des Holzes. Damit einhergehend sinkt die Temperatur im Aus-
lass mit steigender Holzzufuhr, was eine m¨
ogliche Erkl¨
arung f¨
ur die kleineren Anteile
des Vergasungsproduktes Kohlenmonoxid ist. Die Trends f¨
ur die Temperatur und die
Anteile an Kohlendioxid sowie Kohlenmonoxid im Auslass sind also gegenteilig zu
denen aus der Arbeit von Gerber u. a. (2010).
Zur Erkl¨
arung der gegenteiligen Trends kann auf viele Unterschiede in den Modellen
dieser Arbeit und der Arbeit von Gerber u. a. (2010) verwiesen werden, jedoch deu-
tet die Diskussion in Kapitel 5.2.3 schon an, dass die W¨
armeleitung innerhalb der
Festphase von entscheidender Bedeutung sein k¨
onnte. In der Arbeit von Gerber u. a.
(2010) wird die W¨
armeleitung innerhalb der Festphasen ber¨
ucksichtigt und somit
sind auch die thermischen Randbedingungen der Festphasen nicht an die Rand-
bedingungen der Gasphase gebunden. Geht man davon aus, dass das dem Reaktor
5.2 Simulationsergebnisse 187
zugef¨
uhrte Holz aufgrund seiner Dichte und der Partikelgr¨
oße gr¨
oßtenteils am Boden
des Reaktors liegt und dort pyrolysiert, was sowohl in dieser als auch der Arbeit von
Gerber u. a. (2010) der Fall ist, ist es zumindest plausibel, dass bei h¨
oheren Tem-
peraturen des Reaktorbodens (in dieser Arbeit ist dies die Lufteinlasstemperatur,
in der Arbeit von Gerber u. a. (2010) eine ¨
uber der Lufteinlasstemperatur liegende,
als fester Wert gesetzte Wandtemperatur der festen Phasen) sowohl die Pyrolyse
als auch die Vergasung in Bodenn¨
ahe anders abl¨
auft, da dort die Temperatur der
Partikel eben nicht nur durch die Gaseinlasstemperatur, sondern auch durch die
Wandtemperatur des Reaktorbodens bestimmt wird.
Des Weiteren sind die ¨
Anderungen der Holzzufuhr in dieser Arbeit deutlich gr¨
oßer
als in der Arbeit von Gerber u. a. (2010), was unter Umst¨
anden dazu f¨
uhren kann,
dass die Ergebnisse nicht direkt vergleichbar sind, da eine Extrapolation der Er-
gebnisse hier eine lineare Abh¨
angigkeit der untersuchten Gr¨
oßen von der Holzzufuhr
impliziert. Die weiteren in Gerber u. a. (2010) gezeigten Parametervariationen unter-
scheiden sich von denen, die in dieser Arbeit untersucht wurden und k¨
onnen daher
nicht verglichen werden.
Kapitel 6
Zusammenfassung
In dieser Arbeit wurde ein Euler-Lagrange-Verfahren auf Basis eines Diskreten Ele-
mente Ansatzes erstellt. Die Partikelbewegung wird auf Basis empirischer Beziehun-
gen f¨
ur die Widerstandskraft und mit Hilfe der Beziehungen f¨
ur die Gravitations-
kraft und den Auftrieb berechnet. Der Partikelabbrand wird mit Hilfe eines nulldi-
mensionalen Partikelmodells modelliert. Es wurden Modelle f¨
ur die Aufheizung, die
Trocknung, die Pyrolyse und die Vergasung ber¨
ucksichtigt. Das entstandene Simu-
lationstool betrachtet das Vorgehen innerhalb des Wirbelschichtreaktors vereinfacht
als zweidimensional.
Der Einzelpartikelcharakter der partikul¨
aren Phase wird zum Beispiel durch den par-
tikelspezifischen und ver¨
anderlichen Umsatzgrad der Holzkohle ber¨
ucksichtigt. Mit
Hilfe dieser Modelle kann die Vergasung auf Basis des vereinfachten Partikelsystems
wiedergegeben werden. Das Partikelsystem ist dahingehend vereinfacht, dass zu Be-
ginn der Simulation je ca. 6 000 1 mm und 1.5mm große Partikel der Holzkohle als
Bettmasse angenommen wurden. Da es sich bei einer Euler-Lagrange-Methode um
eine partikelbasierte Methode handelt, wurden diverse Ergebnisse bzgl. der festen
Phasen dokumentiert und auch der zeitliche Verlauf des Partikelabbrandes einzelner
Partikel untersucht.
Die Gasphase wurde mit Hilfe eines Grobstrukturansatzes zur Beschreibung der tur-
bulenten Schwankungen und unter Ber¨
ucksichtigung eines einfachen Systems an glo-
balen Reaktionsgleichungen modelliert. Das entstandene Simulationstool ist paralle-
lisiert worden und erfolgreich zur Berechnung der in dieser Arbeit gezeigten Ergeb-
6.1 Ausblick 189
nisse verwendet worden. Bei der Parallelisierung wurden auch die Partikel-Partikel-
Kollisionen und die Berechnung der partikul¨
aren Volumenanteile ber¨
ucksichtigt.
Die Ergebnisse zeigen in vielen Punkten sowohl qualitativ als auch quantitativ ¨
Uber-
einstimmungen zu den experimentellen Daten bzw. zu anderen numerischen Ergeb-
nissen. Die Nutzung des in dieser Arbeit entstandenen Simulationstools zur Voraus-
berechnung des Reaktorgeschehens ist an weitere mit Experimenten abgestimmten
Tests gebunden, die dabei insbesondere Messgr¨
oßen innerhalb des Partikelbettes in
Betracht ziehen sollten.
6.1 Ausblick
Einige Vereinfachungen innerhalb des Modells haben sich als besonders kritisch her-
ausgestellt und sollten in weiteren Arbeiten an dem Thema ber¨
ucksichtigt werden.
Dazu z¨
ahlt zum einen die Zweidimensionalit¨
at des Rechengebietes. In der Arbeit von
Xie u. a. (2008a,b) wird auf die Unterschiede zwischen zwei- und dreidimensionalen
Rechnungen eingegangen und es zeigen sich nicht zu vernachl¨
assigende Unterschie-
de. In reaktiven Modellen kommt jedoch noch ein weiterer Unterschied zum Tragen.
Ein einfaches Beispiel ist das Verh¨
altnis aus Holz- und Holzkohlemasse im Reaktor.
Da Holzkohlepartikel als Produkt der prim¨
aren Pyrolyse von Holzpartikeln immer
kleiner sind als die urspr¨
unglichen Holzpartikel, wird in einer zweidimensionalen re-
aktiven Euler-Lagrange-Simulation (mit einer Ausdehnung von einer Gebietszelle
in der dritten Raumdimension) immer zu wenig Holzkohle ber¨
ucksichtigt. Der dem
Reaktor zugef¨
uhrte Holzmassenstrom ist anhand des in den Reaktor eintretenden
Luftmassenstromes festgelegt (¨
uber die Luftzahl). Die Berechnung dreidimensionaler
Modelle setzt aber entweder deutlich h¨
ohere Rechenzeiten oder aber andere Paral-
lelisierungskonzepte voraus.
Zum anderen wurden die W¨
armeleitung innerhalb der partikul¨
aren Phase und die
W¨
armestrahlung nicht ber¨
ucksichtigt. In wie fern die Gastemperatur durch die Strah-
lung der durchstr¨
omten Packung der Partikel beeinflusst wird, ist unklar und sollte in
weiteren Untersuchungen erfasst werden. Die W¨
armeleitung zwischen den Partikeln
hatte sich schon w¨
ahrend der Arbeit an der Publikation Gerber u. a. (2010) als be-
190 Kapitel 6 Zusammenfassung
deutend herausgestellt und sollte daher ebenfalls in weiteren Arbeiten ber¨
ucksichtigt
werden. Die Arbeit von Zhou u. a. (2004a,b) kommt zwar zu dem Resultat, dass die
W¨
armeleitung vernachl¨
assigbar w¨
are und kaum Einfluss hat, jedoch stammt diese
Erkenntnis aus sehr kurzen Simulationszeiten und kann daher nicht zur Beurteilung
des station¨
aren Geschehens herangezogen werden. Der Prozess der W¨
armeleitung
zwischen den Partikeln mag w¨
ahrend der Aufheizphase klein sein (siehe Zhou u. a.
(2004a,b)), jedoch kann auch dieser kleine Anteil im station¨
aren Betrieb maßgeblich
das letztendlich erreichte Temperaturniveau beeinflussen und damit nicht vernach-
l¨
assigbar sein.
Insbesondere f¨
ur den unteren Reaktorbereich, in dem die Partikel direkt auf der
Bodenplatte des Reaktors liegen, ist eine R¨
uckwirkung des reaktiven Geschehens
¨
uber der Bodenplatte auf die Temperatur der Bodenplatte durch W¨
armeleitung und
W¨
armestrahlung durchaus relevant. Die Differenz der Temperatur der einstr¨
omen-
den Luft und der Temperatur der Bodenplatte wird, je nachdem wie die Bodenplatte
ausgef¨
uhrt ist, unterschiedlich ausfallen. Ganz entscheidenden Einfluss werden hier
die Porosit¨
at, die durchstr¨
omte L¨
ange innerhalb der Bodenplatte und die Gasge-
schwindigkeit haben, da der W¨
arme¨
ubergang zwischen einstr¨
omender Luft und der
Bodenplatte maßgeblich durch diese Faktoren beeinflusst wird. Eine instation¨
are, in
Abh¨
angigkeit des Partikelabbrandes in Reaktorbodenn¨
ahe modellierte thermische
Randbedingung der Gas- als auch der Festphase sollte in weiteren Arbeiten in Be-
tracht gezogen werden.
W¨
armeleitung bzw. W¨
armestrahlung innerhalb der Partikelphase haben vermutlich
auch f¨
ur die frischen Holzpartikel eine große Bedeutung, da nicht davon auszugehen
ist, dass die Aufheizrate des Holzes nicht von der heißeren Umgebung beeinflusst
wird. Der W¨
armeinhalt des Holzkohlebettes, dass das Partikel umgibt, ist volu-
menspezifisch deutlich gr¨
oßer als der des Gases im Wirbelbett. Des Weiteren sind
Dirichletrandbedingungen f¨
ur die thermische Modellierung der Reaktorw¨
ande nur
eingeschr¨
ankt nutzbar, da der effektive W¨
armestrom stark vom zweiphasigen Cha-
rakter der Str¨
omung abh¨
angt. In diesem Zusammenhang sollte auch die ver¨
anderte
Partikeldynamik in Wandn¨
ahe ber¨
ucksichtigt werden.
6.1 Ausblick 191
Ein weiterer nicht zu vernachl¨
assigender Punkt ist die Wechselwirkung verschiedener
Vergasungsmittel auf die Holzkohlepartikel. Gerade bei hohen Temperaturen (wie sie
im unteren Bereich des Reaktors vorliegen) und damit einhergehenden hohen Raten
der Vergasungsreaktionen ist sowohl die Konkurrenz der Vergasungsmittel um Ober-
fl¨
achenpl¨
atze als auch die Limitierung der Gesamtumsatzraten der Vergasungsmit-
tel bzw. Vergasungsprodukte durch diffusive Effekte von Bedeutung. Entsprechende
Ans¨
atze sollten daher implementiert werden.
Um letztendlich ein Simulationstool zu erhalten, das einen breiten Anwendungsbe-
reich hat, muss man im Abgleich mit Experimenten viele Versuche unternehmen, die
gezielt einzelne Effekte untersuchen. Zum einen sollten daher die Raten s¨
amtlicher
homogener chemischer Reaktionen gezielt untersucht werden, da auch katalytische
Wandeffekte in der Literatur dokumentiert sind. Zum anderen sollten die Raten der
heterogenen Reaktionen durch Experimente validiert werden. Diese Effekte sollten
allerdings ohne Holzzufuhr untersucht werden, um aussagekr¨
aftige Ergebnisse zu er-
halten. Die Messung der Produktgase sollte Stickstoff ber¨
ucksichtigen (als direkten
Messwert und nicht via Summenbildung der anderen Produktgase), um die Menge
des entstehenden Produktgases besser beurteilen zu k¨
onnen. Das gleiche gilt f¨
ur das
Wasser.
Des Weiteren ist die Messung von Feststofftemperaturen durch evtl. Ziehen von
Partikelproben aus dem Reaktor ein gutes Mittel, um die Temperatur der Partikel
und damit auch die G¨
ultigkeit der Modelle innerhalb der Simulationen zu beurteilen.
Die Betth¨
ohe wiederum kann als Indikator f¨
ur die Fluidisierung der Partikel und
damit f¨
ur die G¨
ultigkeit der fluiddynamischen Annahmen herangezogen werden.
192 Kapitel 6 Zusammenfassung
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