Felix Axster, Mathias Berek
Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher
Zusammenhalt
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Droumpouki, A. M. (2021). Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt. In S.
Schüler-Springorum (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 30 (2021) (1. Aufl., Bd. 30, S. 13-24).
Metropol.
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felix axster · mathias berek
Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Was haben Antisemitismus und gesellschaftlicher Zusammenhalt miteinander zu
tun? Gefährdet der Judenhass den Zusammenhalt? Oder gibt es Zusammenhalt
durch Antisemitismus? Welche Fragen und Antworten kann die Antisemitismus-
forschung überhaupt in die wissenschaftliche Diskussion um Zusammenhalt
einbringen? Das waren einige der Fragen, die wir uns stellten, als sich das ZfA
vor drei Jahren darum bewarb, sich an einem bundesweiten Verbundinstitut zu
gesellschaftlichem Zusammenhalt zu beteiligen. Seit mehr als einem Jahr ist die-
ses Institut Realität und das ZfA einer seiner elf Standorte. Sechs Forschungs-
und Transfer-Projekte untersuchen heute hier Elemente von Zusammenhalt und
R essentiment aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, aber auf der kritischen
Basis von Antisemitismus- und Rassismusforschung.
Zur Entstehungsgeschichte
Bereits die Entstehungsgeschichte des Forschungsverbunds ermöglicht einen
spannenden Einblick in die bundesrepublikanische Gesellschaft der 2010er-
Jahre. Im November 2017 veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung
und F orschung (BMBF) eine Richtlinie zum Aufbau eines „Instituts für gesell-
schaftlichen Zusammenhalt“. Die Mittel hatte der Bundestag bereitgestellt, Ziel
war der Aufbau eines dezentralen Instituts mit bis zu zehn Standorten. Als Anlass
benannte das Ministerium „aktuelle Entwicklungen, die darauf schließen lassen,
dass es Bevölkerungsgruppen gibt, die das bestehende politische System nicht
mehr unterstützen, die sich an den Rand gedrängt fühlen bzw. zur parlamenta-
rischen Demokratie und ihren Repräsentanten auf Distanz gehen. Die hierfür
ursächlich anzunehmenden Zweifel an den Grundlagen von Staat und Gesell-
schaft erfordern eine umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit
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Strukturen und Wahrnehmungen gesellschaftlicher Zugehörigkeit.“1 Offenbar
hatte man in zwischen auch in Bundestag und Ministerium ernsthafte Zweifel an
der Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung und hoffte, aus der Wissenschaft
Lösungsvorschläge zu bekommen: „Wir sehen gerade, wie schwer es ist, unser
Land zusammenzuhalten“, so Ministerin Anja Karliczek (CDU).2
Die Ausschreibung hat eine Vorgeschichte, die selbst als Teil der Problem-
beschreibung dienen könnte. Denn dass die nicht unerheblichen Mittel in den
Bundeshaushalt eingestellt wurden, beansprucht der Dresdner Politikwissen-
schaftler Werner Patzelt für sich.3 Nach der unwidersprochenen öffentlichen
Darstellung setzte der seinerzeit für Wissenschaftspolitik zuständige sächsische
CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer das Vorhaben im Haushalts-
ausschuss durch.4 Das Geld sollte an eine sächsische Universität zur Gründung
eines „Instituts für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gehen, wie von Patzelt
und seinem Projektpartner Joachim Klose, Leiter der sächsischen Dependance
der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, beabsichtigt.5 Beide hatten dafür
bereits einen Trägerverein gegründet: „Zentrum für gesellschaftlichen Zusam-
menhalt und Integration e. V.“, unter Beteiligung von offenbar ihnen nahestehen-
den Wissenschaftler:innen wie Hermann Lübbe, Ulrike Ackermann oder Barbara
Zehnpfennig.6 Dass es dann doch zu einer Ausschreibung durch das BMBF, einer
dezentralen Struktur und einer Vergabe aufgrund wissenschaftlicher Kriterien
und Begutachtung kam, hat der Erzählung nach vor allem mit Bedenken von SPD
und Grünen zu tun, die hier eine mit Bundesmitteln finanzierte Gründung eines
konservativen Think Tanks befürchteten.
1
Bundesanzeiger vom 8. 11. 2017, www.bmbf.de/foerderungen/bekanntmachung-1454.html.
2 Heike Schmoll, Geisteswissenschaften als Sozialkitt. Das Bundesbildungsministerium legt
ein 700 Millionen schweres Rahmenprogramm auf, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
18. 6. 2019.
3 http://wjpatzelt.de/2018/09/26/institut-fuer-gesellschaftlichen-zusammenhalt-gruendungs
aufruf/.
4 Kretschmer verlor sein Mandat 2017 an den Konkurrenten der AfD und ist inzwischen
sächsischer Ministerpräsident.
5 „Pegida-Institut“: Werner Patzelt geht leer aus, in: Freie Presse, 4. 10. 2018; Doch nicht so
konservativ. Umstrittenes Forschungsinstitut startet, in: taz, 4. 10. 2018, http://www.taz.
de/!5537917/; Mutbürger, Wutbürger, Hutbürger, in: Sächsische Zeitung, 12. 10. 2018.
6 http://wjpatzelt.de/2018/09/26/institut-fuer-gesellschaftlichen-zusammenhalt-gruendungs
aufruf/.
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Die Beteiligung des ZfA
Warum beteiligte sich das ZfA an dieser Ausschreibung? Ausgangspunkt unse-
res Antrags7 war, dass sich in den bestehenden Diskursen um gesellschaftlichen
Zusammenhalt immer wieder eine Widersprüchlichkeit des Konzepts zeigt: Je
nach inhaltlicher und konkreter Ausformung kann es den realen gesellschaft-
lichen Zusammenhalt sowohl fördern als auch ihm schaden, vor allem, indem
es Ausgrenzung und Ausschließung legitimiert. Diese Widersprüchlichkeit lässt
sich besonders prägnant herausarbeiten, wenn gesellschaftlicher Zusammenhalt
in seiner Beziehung zu Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus unter-
sucht wird. Aus der Analyse dieser Beziehung wiederum lässt sich ein kritisches
und, wenn man will, positives Verständnis von gesellschaftlichem Zusammen-
halt gewinnen, welches das gefährdende Potenzial des Konzepts konterkariert.
Eine grundlegende Gefahr von Zusammenhalts-Diskursen liegt in ihrem Poten-
zial zur Legitimation von Einstellungen und Handlungen, die auf Basis von
Ungleichwertigkeitsideologien realen gesellschaftlichen Zusammenhalt theore-
tisch infrage stellen und praktisch angreifen.8 So werden etwa mit dem Hinweis
auf den gefährdeten Zusammenhalt einer imaginierten, patriarchalen Familien-
strukturen verpflichteten Gesellschaft frauenfeindliche Einstellungen und Hand-
lungen gerechtfertigt.9 Oder es werden mit der Behauptung, der Zusammenhalt
einer imaginierten, ethnisch oder anderweitig angeblich homogenen deutschen
Gesellschaft sei gefährdet, der Ausschluss und die Abwertung von Menschen
legitimiert, die real Teil der deutschen Gesellschaft sind, aber als nicht dazuge-
hörig definiert werden.10
Solcherart problematische Zusammenhalts-Diskurse entspringen der grund-
sätzlichen Spannung zwischen dem Zusammenhalt der Gesellschaft als ganzer
7 An dessen Formulierung beteiligt waren außer den Autoren dieses Beitrags: Marcus Funck,
Uffa Jensen und Stefanie Schüler-Springorum.
8 Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Kon-
zeption und erste empirische Ergebnisse, in: ders. (Hrsg.), Deutsche Zustände (Folge 1),
Frankfurt a. M. 2002, S. 15–34.
9 Sabine Hark/Paula-Irene Villa (Hrsg.), Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als
Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015.
10 Wulf D. Hund, Negative Vergesellschaftung. Dimensionen der Rassismusanalyse, Münster
2006.
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und dem von Teilgruppen. Manche dieser Teilgruppen versuchen, ihren eigenen
Zusammenhalt zu sichern, indem sie sich als die Gesamtgesellschaft imaginie-
ren und ihre eigenen Ansprüche zu den gesamtgesellschaftlichen erklären.11
Dabei werden Zusammenhalt und Konflikt als Gegensätze verstanden, das heißt,
demokratischer Streit, politische Debatte, Kritik an Exekutive und Justiz oder die
Infrage stellung ökonomischer Herrschaftsstrukturen erscheinen nicht nur als
Gefahr für den geistigen Zusammenhalt der Gesellschaft, sondern werden sogar
als sein Gegenteil missverstanden. Auf der Grundlage eines statischen Modells
von Kultur und Gesellschaft gehen diese Versionen des Zusammenhalts-Konzepts
meist von einer Gleichartigkeit der angenommenen Wir-Gruppe aus, die naturge-
geben und unveränderlich sei. Sie kritisieren gesellschaftlichen Pluralismus, und
der Begriff „multikulturell“ gerät zum bloßen Schimpfwort.
Der wichtigste Irrtum dieser Gleichartigkeitsideologie besteht darin, dass
alle von ihr als Beleg angeführten Zustände von Homogenität– seien es eth-
nische, religiöse, kulturelle oder sexuelle– in jedem einzelnen Fall historisch
hergestellte Zustände darstellen. Zudem war in fast jedem einzelnen Fall der Pro-
zess der Homogenisierung ein höchst gewaltsamer. In diesem Sinne sind auch
gegenwärtige Forderungen nach Zusammenhalt, die sich auf die vermeintliche
Homogenität der „Autochthonen“ berufen, nur der Aufruf, diese Homogenität
erst herzustellen. Im Übrigen handelt es sich bei den ausgrenzenden Handlun-
gen, Einstellungen und Diskursen oftmals um Reaktionen auf einen gelebten All-
tag, der gerade in urbanen Räumen durch eine Normalität des Zusammenlebens
hochgradig diverser Teilgruppen oder Milieus (sozialer Status, Herkunft, Natio-
nalität, Religionszugehörigkeit etc.) charakterisiert ist. Gerade die Forschung zur
europäisch-jüdischen Geschichte zeigt deutlich, dass den ausgrenzenden Diskur-
sen in Medien, Politik und Wissenschaft schon um 1900 eine im Alltag völlig
selbstverständliche Gemeinsamkeit der Lebenswelt gegenüberstand.12 Dieser
Befund lässt sich in vielerlei Hinsicht auf entsprechende Diskurse in der Gegen-
wart übertragen.
11 Birgit Rommelspacher, Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, Berlin 1995.
12 Klaus Hödl, Zwischen Wienerlied und Der Kleine Kohn. Juden in der Wiener populären
Kultur um 1900, Göttingen 2017.
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Leitkategorie Antisemitismus
Die Herstellung imaginierten Zusammenhalts durch Ausgrenzung der Nicht-
Zugehörigen und damit die Zerstörung realen gesellschaftlichen Zusammenhalts
lässt sich am Antisemitismus besonders deutlich nachweisen. Gerade die deutsche
und europäische Geschichte liefern mit Judenverfolgung und Shoah die extrems-
ten Beispiele für Wir-Gruppen-Konstruktion und -Zusammenhalt qua Ausgren-
zung, für den Versuch der Herstellung von Homogenität durch Massenmord.
Aber es ist nicht nur der industrielle Massenmord, der den Antisemitismus zur
Leitkategorie der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit qualifiziert, sondern
auch sein Alter und seine Langlebigkeit, die sich eben darin zeigen, dass er sogar
den „Zivilisationsbruch“13 der Shoah überlebt hat und weiterhin weltweit gepflegt
wird.
In der Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt geht das Ertrags-
potenzial der Antisemitismusforschung aber noch weiter:
– Der Antisemitismus macht seinen Anhänger:innen ein absolutes und simples
Identitätsangebot, mit dem sie die Komplexitäten moderner Subjektbildung
wie moderner Gesellschaft scheinbar überwinden können.14
– Anhand der Ergebnisse der Antisemitismusforschung lässt sich untersuchen,
welche Rolle Nation und Religion heute noch oder wieder für die Herstellung
oder Zerstörung gesellschaftlichen Zusammenhalts spielen.
– Die vielfältige Forschung zur Erinnerungskultur liefert im Zusammenhang
mit der Shoah wertvolle Erkenntnisse für die Frage, ob und gegebenenfalls wie
aktueller Zusammenhalt durch kollektives Erinnern gestärkt werden kann.15
Antisemitismusforschung kann auch an der Schnittstelle zwischen Shoah-
13 Dan Diner (Hrsg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a. M. 1988.
14 Jan Weyand, Die Semantik des Antisemitismus und die Struktur der Gesellschaft, in: Wolf-
ram Stender/Guido Follert/Mihri Özdogan (Hrsg.), Konstellationen des Antisemitismus.
Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis, Wiesbaden 2010, S. 69–89.
15 Ulrike Jureit/Christian Schneider/Margrit Frölich (Hrsg.), Das Unbehagen an der Erinne-
rung. Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust, Frankfurt a. M. 2012; Kerstin
Schoor/Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Gedächtnis und Gewalt. Nationale und trans-
nationale Erinnerungsräume im östlichen Europa, Göttingen 2016.
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Erinnerung und Migration Erkenntnisse zum gesellschaftlichen Zusammen-
halt liefern. So kann etwa die Behandlung des Themas in der Schule nicht
einfach davon ausgehen, dass die Groß- oder Urgroßeltern aller Schüler:innen
zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland lebten, weil diese erst nach
dem Krieg einwanderten. Daraus folgt eine andere pädagogische Herange-
hensweise, die aber keineswegs zu weniger gesellschaftlichem Zusammenhalt
führen muss.16
– Die Antisemitismusforschung liefert wichtige Erkenntnisse zum Zusam-
menhang zwischen materiellem und geistigem Zusammenhalt. Krisenhafte
wirtschaftliche Umbrüche gehen häufig mit einem Anstieg des Ressen-
timents einher. Juden und Jüdinnen wurden und werden, ebenso wie
Arbeitsmigrant:innen, für reale oder drohende Deklassierungserfahrungen,
die oft mit Angstgefühlen besetzt sind, verantwortlich gemacht. Eine emo-
tionsgeschichtlich informierte Antisemitismusforschung kann für die Kor-
relationen zwischen Angst- und negativen Ausgrenzungsgefühlen sowie für
die Spezifik ressentimentgeladener Diskurse und Praxen (Antisemitismus,
Rassismus, Sexismus etc.) sensibilisieren.17
Antisemitismus kann aber nicht nur als Leitkategorie zur Analyse ausschließen-
der, homogenisierender und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstörender
Denkmuster herangezogen werden. Eine Beschäftigung mit der Geschichte des
Antisemitismus und der Reaktionen auf diesen trägt gleichzeitig dazu bei, Kon-
zepte gesellschaftlichen Zusammenhalts zu begründen, die nicht den Zusammen-
halt sich homogenisierender Teilgemeinschaften, sondern den Zusammenhalt
der gesamten Gesellschaft fördern. Blickt man auf die Geschichte des modernen
Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ist es aus der Perspektive
der Antisemitismusforschung eben nicht der völkische Zusammenhalt, wie ihn
die Antisemit:innen sich vorstellten, sondern der von deutschen Juden im Kampf
16 Elke Gryglewski, Anerkennung und Erinnerung. Zugänge arabisch-palästinensischer und
türkischer Berliner Jugendlicher zum Holocaust, Berlin 2013.
17 Uffa Jensen/Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Antisemitismus und Emotionen, in: Aus
Politik und Zeitgeschichte 28–30 (2014), Themenheft Antisemitismus; Stefanie Schüler-
Springorum/Jan Süselbeck (Hrsg.), Emotionen und Antisemitismus. Geschichte– Litera-
tur– Theorie, Göttingen 2021.
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gegen die antisemitischen Angriffe konzipierte gesellschaftliche Zusammenhalt,
der für normative Thematisierungen von Zusammenhalt heute interessant ist. Für
den Völkerpsychologen Moritz Lazarus etwa gehörte derjenige Mensch zu einem
Volk, einer Nation, einer Gruppe überhaupt, der sich selbst dazu rechnete und der
an den gemeinsamen Aufgaben teilnahm. Seine eigene Biografie und die Aufstiegs-
geschichten der jüdischen Emanzipation vor Augen, war für Lazarus klar, dass
deutsche Jüdinnen und Juden genauso deutsch waren wie deutsche Christ:innen.
Und er erweiterte diese Einsicht zur allgemeinen, universellen Norm. Nicht ver-
meintlich objektive Kategorien wie Sprache, Geburtsort, „Stamm“ oder Religion
entschieden für Lazarus darüber, wer zur Nation gehörte, sondern allein, ob man
sich subjektiv zu dieser zählte und an ihr mitwirkte.18
Gerade das historische Beispiel des Antisemitismus zeigt, dass der Zusam-
menhalt einer Gesellschaft zum einen nur auf der Basis gleicher Rechte für alle
Mitglieder dieser Gesellschaft hergestellt werden kann, wenn er nicht zum blo-
ßen Zusammenhalt von Teilgruppen verkommen soll. Das Konzept von gesell-
schaftlichem Zusammenhalt muss daher notwendig auf der Grundlage von Men-
schenrechten und Menschenwürde basieren. Damit untrennbar verbunden ist
aber zum anderen das Grundkonzept des Pluralismus, und zwar im Sinne eines
nicht relativistischen Modells von Pluralität,19 denn Differenz und Vielfalt sind
immer schon Grundbestandteil jeder Gesellschaft gewesen. Ohne Antworten auf
Diskriminierungsverhältnisse oder extrem ungleiche Zugangsvoraussetzungen
zu gesellschaftlichen Ressourcen wird gesellschaftlicher Zusammenhalt immer
nur imaginiert bleiben. Die Betonung des Pluralismus hilft gleichzeitig, dem meist
absichtlichen Missverständnis vorzubeugen, die Rechts- und Chancengleichheit
für alle Mitglieder der Gesellschaft strebe an, diese gleichartig zu machen, alle
Differenzen einzuebnen und allen Teilgruppen der Gesellschaft das Existenzrecht
zu entziehen. Jede Teilgruppe hat einen legitimen Anspruch auf ihren eigenen
Zusammenhalt. Aber eben nur, solange sie nicht den Anspruch erhebt, damit
18 Mathias Berek, Moritz Lazarus. Deutsch-jüdischer Idealismus im 19. Jahrhundert, Göttin-
gen 2020.
19 Will Kymlicka, Multikulturalismus und Demokratie, Hamburg 1999; Shulamit Volkov,
Jewish Emancipation, Liberalism and the Challenge of Pluralisation in Modern Germany,
in: José Brunner/Shai Lavi (Hrsg.), Juden und Muslime in Deutschland: Recht, Religion,
Identität, Göttingen 2009.
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die gesamte Gesellschaft zu vertreten und anderen Gruppen damit dieses Recht
abspricht.
Auf Pluralismus zu insistieren bedingt gleichzeitig unverzichtbar eine Kritik
an essenzialistischen und kulturrelativistischen Ansätzen, die kulturelle Diffe-
renzen und Identitäten als unveränderbare und notwendige Eigenschaften aller
Menschen verstehen und über Menschenrechte und Rechtsgleichheit stellen.20
Das Recht auf Differenz, Pluralität, Teilhabe und Austritt muss daher unbedingt
auch innerhalb einzelner gesellschaftlicher Gruppen gelten.
Das ZfA als Teil des neuen Instituts
Ende 2018 wurde das neue Institut mit einer Festveranstaltung offiziell auf den
Weg gebracht. Die Interessenbekundung des ZfA war erfolgreich, somit wurde das
Berliner Zentrum zum Teil eines bundesweiten Verbundes von elf Institutionen.
In einer Vorphase einigten sich die Beteiligten in ausführlichen Diskussionen und
Abstimmungen auf ein gemeinsames Forschungsprogramm und eine Arbeits-
struktur. Und nach der Begutachtung und Bewilligung dieses Programms konnte
im Juni 2020 das nun „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“
(FGZ) getaufte Unternehmen seine Arbeit aufnehmen.21 Grundsätzliche Über-
legungen zu den Themen des Instituts veröffentlichten die an der Gründung betei-
ligten Forscher:innen aus Sicht ihrer jeweiligen Disziplinen und Forschungsfelder
in einem im Eröffnungsjahr erschienenen Band.22 Seitdem trat der Verbund mit
mehreren Konferenzen und Workshops an die wissenschaftliche und allgemeine
20 Samuel Salzborn, Voraussetzungen für oder Verhinderung von Demokratie? Ambivalenzen
des Kulturbegriffs und des ethnisch-kulturellen Kontextes von Demokratie, in: Hubertus
Buchstein (Hrsg.), Die Versprechen der Demokratie. 25. wissenschaftlicher Kongress der
Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Baden-Baden 2013.
21 Zu den beteiligten Institutionen und Personen sowie den Forschungs- und Transferprojek-
ten siehe https://www.fgz-risc.de.
22 Nicole Deitelhoff/Olaf Groh-Samberg/Matthias Middell (Hrsg.), Gesellschaftlicher Zusam-
menhalt. Ein interdisziplinärer Dialog, Frankfurt a. M. /New York 2020. Zum Beitrag des
ZfA siehe Felix Axster/Mathias Berek/Stefanie Schüler-Springorum, Verschenkte Poten-
ziale. Marginalisierte Ideen über gesellschaftlichen Zusammenhalt im Kaiserreich und in
der Nachwendezeit, in: ebenda, S. 152–173.
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Öffentlichkeit. Grundlage der Arbeit des FGZ ist unter anderem die Arbeitsdefi-
nition des forschungsleitenden Begriffs, auf die sich die Beteiligten schon in der
Vorbereitungsphase geeinigt hatten:
„Gesellschaftlicher Zusammenhalt bezieht sich folglich auf Gemeinwesen,
deren Mitglieder über (näher zu bestimmende) positive Einstellungen zuei-
nander und zu ihrem Gesamtkontext verfügen, in dem sie als Handelnde in
Praktiken und Beziehungen involviert sind, die einen (näher zu bestimmen-
den) Gemeinschaftsbezug haben und sich in komplexe institutionelle Pro-
zesse der Kooperation und Integration einfügen, die von den Gesellschafts-
mitgliedern thematisiert und evaluiert werden. Zusammenhalt existiert dort,
wo diese Ebenen eine bestimmte Qualität aufweisen und hinreichend (was
ebenfalls näher zu bestimmen ist) übereinstimmen– in den Einstellungen,
Handlungen, Beziehungen, Institutionen und Diskursen innerhalb einer
Gesellschaft.“23
Der „Standort Berlin“ des FGZ ist nun am ZfA beheimatet und bringt sich auf
der Basis der oben genannten grundlegenden Einsichten in die Arbeit des Ver-
bund-Forschungsinstituts ein.24 Das interdisziplinär besetzte FGZ-Team fragt
in seinen Forschungsprojekten nach den Dynamiken von Ein- und Ausschluss,
befasst sich aber auch mit pluralistischen Zusammenhaltskonzepten, die gerade
von marginalisierten Gruppen formuliert wurden und werden. Im Mittelpunkt
stehen die Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus und Rassismus sowie
die P erspektiven der Betroffenen.
Die Forschungsprojekte am ZfA verorten sich in den Feldern „Inklusion –
Exklusion – Populismus“, „Erinnerungskulturen und Erinnerungspolitiken“,
„Demokratie und Öffentlichkeit“, „Medien und Kommunikation“ sowie „Arbeit
23 Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Gründungsantrag. Förderperiode
2020–2024. Hauptteil und Appendix I, 31. 1. 2020, S. 16; vgl. auch: Rainer Forst, Gesell-
schaftlicher Zusammenhalt. Zur Analyse eines sperrigen Begriffs, in: Deitelhoff/Groh-
Samberg/Middell, Gesellschaftlicher Zusammenhalt, S. 41–53, hier S. 44.
24 Sprecherin des Berliner Teilinstituts des FGZ ist die Direktorin des ZfA, Prof. Dr. Stefanie
Schüler-Springorum. Stellvertretende Sprecher und Koordinatoren des Teilinstituts sind
Dr. Felix Axster und Dr. habil. Mathias Berek.
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und Pluralität“. Forschungsleitend sind unter anderen die folgenden Fragestel-
lungen: Wie lässt sich Antisemitismus in der postmigrantischen Gesellschaft im
Zusammenhang mit rassistischen Ausgrenzungsnarrativen und -praxen unter-
suchen und bekämpfen? Inwiefern tragen Erinnerung und die Anerkennung
biografischer Erzählungen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt oder zu seiner
Gefährdung bei? Welche Rolle spielen soziale Ungleichheit, Krisen und Konkur-
renzprinzip für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Wiederaufstieg
ausschließender Ideologien? Wie wirkt sich die Geschichte des Rassismus in DDR
und BRD auf die gegenwärtige Gesellschaft und ihren Zusammenhalt aus? Wie
muss Integration gestaltet werden, um politisch-demokratische Aushandlungs-
prozesse auch im Spannungsfeld von kultureller Eigenheit und staatsbürgerlicher
Gleichheit zu ermöglichen? Welche Effekte haben Religion und religiöse Kon-
flikte auf gesellschaftlichen Zusammenhalt? Welche kritischen und edukativen
Potenziale kann eine in jüdischen Bild- und Sprachtheorien, ethisch-ästhetischen
Verflechtungen und historisch-lebensweltlichen Erfahrungen wurzelnde philoso-
phische Sicht auf die zunehmende Dominanz digitaler Bilder entwickeln?
Die Projekte im Einzelnen:25 Felix Axster und Mathias Berek untersuchen
„Zusammenhalt und Ressentiment in Krisenzeiten: Erinnerungen an die Wende-
und Nachwende-Zeit im Ost-West-Vergleich“. Es geht um biografische Erzählun-
gen über die Wende- und Nachwendezeit im Spannungsfeld zwischen Erfahrungen
von Selbstermächtigung und erfolgreichem Kampf um die Gestaltung der Gesell-
schaft, Erlebnissen von Entsolidarisierung und Hilflosigkeit gegenüber oft selbst
gewählten Mächten sowie enthemmtem Nationalismus und Rassismus. Welche
Erfahrungen in den 1990er-Jahren sind prägend für gegenwärtige Vorstellungen
von Gesellschaft, Zugehörigkeit, Politik und Zusammenhalt? Das Forschungs-
projekt baut in Verbindung mit dem Transferprojekt „Zusammenhalt erzählen“
auf in Interviews erhobenen Umbruchserinnerungen auf. Dieses Transferprojekt
plant, in Kooperation mit dem Konstanzer FGZ-Standort, bisher in öffentlichen
Dis kursen kaum beachteten und erforschten biografischen Erzählungen Raum
zu bieten. Nachwende-Erzählungen und Erzählungen zur „Willkommenskultur“
von 2015 sollen auf einem Webportal gesammelt veröffentlicht werden.
25 Vgl. die Projektdetails auf www.fgz-risc.de. Die Autor:innenschaft der Projektbeschreibun-
gen liegt bei den jeweiligen Projektverantwortlichen.
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Sina Arnold analysiert unter dem Titel „Zwischen Antisemitismus, Rassismus
und Flucht – Multiperspektivische Zugänge zu Juden/Judentum, Nahostkonflikt
und Holocaust(erinnerung) in der post-migrantischen Gesellschaft“ Einstellun-
gen zu den Themenkomplexen Juden/Judentum, Holocaust, Nahostkonflikt und
Antisemitismus bei verschiedenen Akteur:innen der deutschen Gesellschaft. Sie
fragt nach ihren Ursachen angesichts unterschiedlicher Erfahrungen und legt
einen Schwerpunkt auf verschränkte Perspektiven. Die Sichtweisen von „neuen“
(Geflüchteten) und „alten“ Einwander:innen sollen empirisch untersucht werden.
Ziel des Vorhabens ist es, jenseits einer „Opferkonkurrenz“ Aushandlungs- und
Lernprozesse sichtbar zu machen, die die Gemeinsamkeit von Erfahrungen – bei-
spielsweise von Flucht, Vertreibung oder Rassismus –, Normen und Erinnerungen
betonen. Damit soll eine Grundlage für multidirektionale Erinnerungskulturen
sowie für Präventionsmaßnahmen gegen Antisemitismus/Rassismus geschaffen
werden.
Das Projekt von Stefanie Schüler-Springorum und Hannah Lotte Lund
befasst sich mit der „Rolle von Religion in historischen und aktuellen Analysen
von gesellschaftlichem Zusammenhalt“. Es strebt eine Bestandsaufnahme gegen-
wärtiger Debatten um gesellschaftlichen Zusammenhalt und seiner vermeint-
lichen Bedrohtheit an und fokussiert dabei auf religiöse Aspekte und Fragestellun-
gen (Beschneidungs- und Kopftuchdebatte, Islam-Konferenz, Pegida-Bewegung,
Genese des Topos „christlich-jüdisches Abendland“ etc.). Insbesondere geht es
um eine Historisierung dieser Debatten beziehungsweise um einen Vergleich mit
ähnlich gelagerten Auseinandersetzungen über das Verhältnis zwischen Staat und
Religion im 19. Jahrhundert, die vor allem mit Blick auf das Judentum geführt
wurden. Das Ziel ist, zu einem besseren Verständnis der spezifischen Dynami-
ken und Problemkonstellationen von Debatten über Säkularismus, Religion und
M igration beizutragen.
Maria Alexopoulou beschäftigt sich mit „Rassismus seit 1945 und die Trans-
formation Deutschlands zur Einwanderungsgesellschaft: BRD, DDR und die
Bundesrepublik Deutschland (1945–1999)“. Das Thema „Rassismus“ ist in der
deutschen Zeitgeschichtsschreibung ein blinder Fleck geblieben, woraus sich er -
staunlicherweise zugleich die Vorstellung entwickelt zu haben scheint, dieser wäre
nach 1945 – im Gegensatz zum Antisemitismus – plötzlich verschwunden. Kon-
zepte wie Ausländer:innenfeindlichkeit oder Fremdenhass, die i nstitutionelle
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und strukturelle Aspekte kaum adressieren, bedienen lediglich die Vorstellung
anthropologischer Konstanten. Zudem reproduzieren sie die fragwürdige Entge-
gensetzung von „Wir“ und die „Anderen“ in einer gleich nach Kriegsende von
verschiedenen Migrationsströmen geprägten Gesellschaft. Inwiefern haben diese
Begrifflichkeiten die Einsicht in die Bedeutung des Rassismus als Modus der Ver-
gesellschaftung in Deutschland auch nach 1945 verstellt? Welche gesellschaft-
lichen Gruppen waren wann und in welcher Weise von Rassismus betroffen? Wie
wurden rassistische Wissensformationen nach der „Stunde null“ transferiert,
reproduziert und transformiert? Welche Konjunkturen des Rassismus und Anti-
rassismus zeichnen sich ab? Die Zusammenschau der Geschichte in DDR und
BRD soll einen Einblick sowohl in die unterschiedliche Auseinandersetzung mit
der nationalsozialistischen und kolonialen Vergangenheit in beiden deutschen
Staaten als auch in die Verflechtungsgeschichte der beiden Gesellschaften im Hin-
blick auf das dort jeweils konstruierte „Migrationsandere“ erlauben.
Das Forschungsvorhaben von Yael Kupferberg steht unter dem Titel „Das Bild
in der digitalen Öffentlichkeit: Erfahrungs- und Beziehungsverluste in sprach-
loser Vergemeinschaftung“. Es argumentiert explizit aus einer jüdischen Per-
spektive und geht von der Beobachtung aus, dass das Bild das Wort als Medium
der Vermittlung von Emotionen, Wissen und Erfahrung verdrängt. Mit der Ver-
drängung des differenzierten Wortes durch das (digitale) stereotype Bild wird
der Mensch sich selbst fremd: Das Bild als Medium der Weltaneignung fördert
eine Beziehungslosigkeit, die nicht den Zusammenhalt einer ausdifferenzierten,
heterogenen Gesellschaft unterstützt, sondern vielmehr homogene Gemeinschaf-
ten popularisiert. Diese Hypothese basiert auf Erkenntnissen insbesondere der
jüdischen Geschichte beziehungsweise der Antisemitismusforschung: Das Bild als
dominantes Mittel von Darstellung der Wirklichkeit fördert maßgeblich Popu-
lismus und Antisemitismus als kognitiven Habitus. Die Frage nach dem gesell-
schaftlichen Zusammenhalt impliziert die Frage, mit welchen ästhetischen Mit-
teln dieser hergestellt wird und wie dieser tatsächlich auch durch eine spezifische
Medialität geformt wird.
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