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Masterarbeit
Die mittelalterliche Luftheizung des Zisterzienser-Klosters Doberan im
Kontext der Entwicklung der vormodernen Heiztechnik
eingereicht bei
Prof. Dr. Marcus Popplow
Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte
Fakultät I (Geisteswissenschaften)
Technische Universität Berlin
Tim Spiegel
Studienrichtung: MA-GKWT
7. Fachsemester
Matrikelnummer: 326977
Datum: 04.02.2016
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - 3 -
2. Heizungstechnik der Antike - 7 -
2.1. Fußbodenheizungen - 7 -
2.2. Luftheizungen - 11 -
3. Heizungstechnik im Übergang von Antike zum Frühmittelalter - 22 -
3.1. Transformation oder Verlust der Technik? - 22 -
3.2. Frühmittelalterliche Fußbodenheizungen - 29 -
4. Luftheizungen im Frühmittelalter - 35 -
4.1. Heißluft-Kanalheizungen (Typ I nach Bingenheimer) - 35 -
4.2. Direkte Luftheizungen mit Gewölbeofen (Typ II nach Bingenheimer) - 40 -
4.3. Zusammenfassender Zwischenbefund - 46 -
5. Luftheizungen im Hoch- und Spätmittelalter - 48 -
5.1. Indirekte Luftheizungen (Typ III nach Bingenheimer) –
Eine Luftheizung der Zisterzienser? - 48 -
5.2. Steinkammer-Luftheizungen (Typ IV nach Bingenheimer) - 56 -
6. Die Luftheizung des Zisterzienser-Klosters Doberan - 64 -
7. Zusammenfassung - 72 -
Gedruckte Quellen - 76 -
Literatur - 76 -
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1. Einleitung
In einer romantisch-verklärten Weltanschauung galt das Mittelalter lange als ein kaltes und dunkles
Zeitalter. Doch hatte die reale Lebenswelt im Mittelalter auch andere Facetten und kannte in der Tat
eine fortschrittliche und effektive Heiztechnik: die Warmluftheizung.
Eine solche mittelalterliche Warmluftheizung wurde auch im Sommer 2013 bei Grabungen auf dem
Gelände des ehemaligen Zisterzienser-Klosters Doberan freigelegt. Jener neuerliche Fund galt
fortan als Anstoß dieser Arbeit, in der es darum gehen soll, die Luftheizung aus Doberan
typologisch einzuordnen und ihre Ursprünge nachzuzeichnen. Letzteres wiederum führt zurück zur
allgemeinen Entstehungsgeschichte der Warmluftheizungen, die folglich ebenfalls thematisiert
werden wird.
Warmluftheizungen sind eine Abwandlung der Fußbodenheizungen, die jedoch nicht, wie noch die
antiken Hypokausten-Heizungen, rein über Abstrahlung funktionierten, sondern zusätzlich durch
Konvektion, das heißt mittels in den Raum einströmender Heißluft. Daraus resultierend
unterschieden sich diese beiden Heizungstypen sowohl in Bau- als auch Betriebsweise. Während
Strahlungsheizungen aus geschlossenen Systemen bestanden, benötigten Luftheizungen
wiederverschließbare Öffnungen in den Raum. Durch diese musste eine alternierende Arbeitsweise
eingeführt werden, da es das Eindringen von giftigen Rauchgasen zu verhindern galt, derweil die
geschlossenen Strahlungsheizungen kontinuierlich betrieben werden konnten. Bei Luftheizungen
hingegen wurde zuerst in einem, dem eigentlichen Heizprozess vorgeschalteten Anfeuerungsgang
Speicherwärme erzeugt, die anschließend mittels Luftzug in den Raum transportiert werden konnte.
Insbesondere ab dem Spätmittelalter ist die Warmluftheizung weit verbreitet. Belegt durch
zahlreiche archäologische Funde, dürfte sich deren Zahl auf mittlerweile 500 Exemplare belaufen.
In den 90er Jahren verfasste Klaus Bingenheimer einen zusammenfassenden Überblick aller ihm
bekannten Luftheizungen. Dabei beschränkte er sich nicht nur auf eine bloße Aufzählung, sondern
versuchte gleichzeitig eine Klassifizierung der einzelnen Exemplare vorzunehmen, um diese dann
nach Typen einordnen zu können. Des Weiteren stellte er vor diesem Hintergrund verschiedene
Thesen zur Entstehung, Innovation und Diffusion der mittelalterlichen Heizungstechnik auf. Doch
schon 2003 stellt Matthias Untermann resümierend fest: „Die nützliche Zusammenfassung des
Forschungsstands von K. Bingenheimer 1998, […], ist schon wieder überholt.“1 Durch zahlreiche
neue Funde von Luftheizungen in den letzten 10 Jahren wurde diese Tatsache weiter verstärkt. So
soll in dieser Arbeit gleichfalls ein erneuter Blick auf Bingenheimers Geschichte der Luftheizung
geworfen werden, bei dem auch einige wichtige neue Funde einzuordnen sind. Erst daran
1Untermann, Matthias: Ausgrabungen und Bauuntersuchungen in Klöstern, Grangien und Stadthöfen.
Forschungsbericht und kommentierte Bibliographie, Berlin 2003, S. 26.
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anschließend wird die Warmluftheizung des Zisterzienser-Klosters Doberan interpretiert und in der
Gesamtentwicklung verortet.
Im ersten Teil der Arbeit liegt der Schwerpunkt auf der Frage, ob Luftheizungen bereits zur Zeit der
Antike existiert haben oder stattdessen doch eine mittelalterliche Innovation darstellen.
Divergierende Meinungen bestimmen seit längerem die Diskussion um diese Frage. Besonders
drastisch formuliert es zum Beispiel Erika Brödner:
Es ist zu vermuten, dass die Römer in Verbindung mit der ihnen geläufigen Unterflur- und
Wandheizung der Hypokausten die Luftheizung kannten, die nicht auf Strahlung sondern auf
Konvektion beruht. Diese Heizung ist uns aus dem frühen Mittelalter bekannt, aus einer Epoche also,
die in technischer Hinsicht unschöpferisch war und sich technisch fast ausschließlich auf die
römische Überlieferung stützte.2
Aussagen wie diese, dass die Luftheizungen aus der Antike stammen, weil das Mittelalter generell
keine neuen Erkenntnisse, kein Wissen hervorgebracht haben kann, zeigen deutlich die
Dringlichkeit einer argumentativ abgesicherten Neubetrachtung des vorliegenden Themas auf.
Folglich widmet sich der erste Teil, mit einer kurzen Übersicht zur antiken Heizungstechnik, den
Hypokausten. Anschließend wird geprüft, ob es neben den Hypokausten auch Luftheizungen gab,
indem die jeweiligen Positionen zum Nachweis von antiken Luftheizungen und deren wichtigsten
Quellen gegenübergestellt werden. Abschließend wird, weiterhin im Hinblick auf die
Warmluftheizungen und der in ihr inkludierten Nutzung des Konvektionsprinzips, die spätantike
Transformation der Hypokausten zu Kanalheizungen beleuchtet.
Der sich daran anschließende Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Fortgang antiker
Heiztechniken im Übergang zum Mittelalter. In einer Zeitspanne, welche massiven Veränderungen
und Umwälzungen unterworfen ist, stellt sich im besonderen Maße die Frage nach dem Überdauern
und dem Wandel der Fußbodenheizungen. Die Ergebnisse dieses Prozesses, und zwar die
frühmittelalterlichen Kanalheizungen in den benediktinischen Großklöstern, werden ebenfalls in
diesem Abschnitt erörtert. Die Herkunft der Technik, die Arbeits- und Betriebsweise, sowie deren
Verbreitung und Wirkung auf die weitere Entwicklung der mittelalterlichen Heizungstechnik stehen
dabei im Mittelpunkt.
Im nun folgenden zentralen Teil werden die mittelalterlichen Warmluftheizungen fokussiert. Klaus
Bingenheimer identifiziert vier verschiedene Typen: Heißluft-Kanalheizungen (Typ I), Direkte
Luftheizungen mit Gewölbeofen (Typ II), Indirekte Luftheizungen (Typ III) und Steinkammer-
Luftheizungen (Typ IV). Die darauf aufbauenden Betrachtungen orientieren sich an dieser
Einteilung und werden jeweils in einem eigenen Kapitel behandelt. Die ersten beiden
2Brödner, Erika: Römische Thermen und antikes Badewesen, 3. Auflage, Darmstadt 2011, S. 158f.
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Heizungstypen, also Typ I und Typ II, entspringen noch dem frühen Mittelalter und umfassen die
ältesten nachweisbaren Exemplare. Diese werden kursorisch untersucht, um deren Ursprünge und
Entstehung zu beurteilen. In einem zusammenfassenden Zwischenbefund werden die gewonnenen
Erkenntnisse um die Innovation der Luftheizungen dann präsentiert. Nachfolgend geht es speziell
um die Debatte einer möglichen indirekten Variante der Luftheizung. Die von Bingenheimer als Typ
III klassifizierten Exemplare fallen außerordentlich oft in den Bereich des Zisterzienser-Ordens,
weswegen hier eine Eigenleistung der Zisterzienser vermutet wurde. Allerdings lassen diverse
Gegenpositionen das Bild vom Typ III der Warmluftheizungen verschwimmen, sodass auch hier,
anhand eines kurzen Überblicks, nach einer evidenten Lösung gesucht wird. Das letzte Kapitel
widmet sich dem Typ IV, dem entscheidenden Typ der mittelalterlichen Konvektionsheizungen, der
Steinkammer-Luftheizung. Diese erlebt ab 1300 einen wahren Siegeszug und übersteigt ihre
Vorgänger in Hinblick auf deren Verbreitung um ein Vielfaches. Demzufolge liegt der Fokus hier
nochmals auf der Frühzeit, folglich auf der Zeit ihrer Entstehung, und der sich daran
anschließenden Expansion.
Die Heizung aus dem Zisterzienser-Kloster Doberan stellt ein auffällig altes Exemplar dieses
Heizungstyps dar, sodass sich hieran womöglich die frühen Umstände und Merkmale des
Techniktransfers fest und kenntlich machen lassen. Im finalen Abschnitt wird daher, nach einer
kurzen Beschreibung und Interpretation des Fundes, die Luftheizung aus Doberan mit weiteren
frühen Heizungen des Typs IV in Zusammenhang gesetzt und vor dem Hintergrund seiner
Entstehungsgeschichte analysiert.
Abgerundet wird die Arbeit durch eine abschließende Schlussbetrachtung über die gesammelten
Erkenntnisse zur Geschichte der Warmluftheizung von ihren Anfängen bis zur Ausbreitung ihrer
geläufigsten Typen.
Die Quellenlage für die einzelnen Teile der Arbeit ist durchaus unterschiedlich zu betrachten. Der
erste Teil, welcher auf die Entwicklung in der Antike eingeht, verfügt über die reichhaltigste
Quellenbasis. Hier verweisen neben den archäologischen Funden auch diverse literarische
Zeugnisse antiker Autoren auf die zeitgenössische Heizungstechnik. Für die Zeit vom Übergang
zum Mittelalter offenbart sich die Quellenlage hingegen als äußerst unzureichend. So existieren für
diesen Zeitraum kaum schriftliche Belege und auch die archäologischen Evidenzen für häusliche
Heizungseinrichtungen treten in einer sehr geringen Häufigkeit auf. Eine erneute Zunahme an
archäologischen Belegen lässt sich erst wieder ab dem Hochmittelalter verzeichnen, welche in der
Zeit des Spätmittelalters ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Schriftliche Zeugnisse spielen für die
mittelalterliche Heizungstechnik nur eine marginale Rolle und werden daher in der Arbeit kaum
rezipiert. Demnach sind die archäologischen Funde das eigentliche Fundament für die Geschichte
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der vormodernen Heizungstechnik und bleiben auch in dieser Arbeit die zentrale Quellenbasis.
Die wichtigsten archäologischen Berichte sind mittlerweile über die Sekundärliteratur zugänglich.
Daher stützt sich der Hauptteil der Ausführungen auf die einschlägige Literatur zu antiken und
mittelalterlichen Heizungssystemen. Von herausragender Bedeutung hierbei ist die bereits erwähnte
Typisierung von Klaus Bingenheimer (1998). Ergänzt wird diese neben einer Vielzahl von
ungenannten, kleineren Beiträgen in Aufsätzen, Zeitschriften sowie Sammelbänden durch
übergreifende und umfangreichere Studien von Edgar Ring (1985), Diethard Meyer (1989), Rüdiger
Schniek (1999), Gunnar Möller (2006), Verena Hoffmann (2007) und Fikret Yegül (2010). Für die
Besprechung der Heizung auf dem Gelände des Zisterzienser-Klosters Doberan sind die
Monografien von Adolf Friedrich Lorenz (1958) und Joachim Skerl (2007) sowie eine aktuelle
Veröffentlichung zur Ausgrabung von Marlies Konze und Sabine Schulze (2015) ausschlaggebend.
Letzteren gilt besonderer Dank für die Bereitstellung eines unveröffentlichten Vorabberichtes.
Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich nur mit einem einzigen Heizungsfund, dem des
Zisterzienser-Klosters Doberan, im Detail. Alle anderen erwähnten können nicht ausführlich
besprochen werden. Auch können, da dies den Umfang dieser Arbeit übersteigen würde, nicht alle
bekannten Luftheizungen aufgeführt und behandelt werden. Demnach liefert die Arbeit keine
umfassende, gesamtgeschichtliche Entwicklung der Warmluftheizungen. Ebenso bleiben technische
und naturwissenschaftliche Einzelheiten außen vor. Das Hauptaugenmerk liegt vielmehr in der
kulturhistorischen Erkenntnis über Entstehungs-, Innovations-, und Verbreitungsvorgänge in
vormodernen Zeitaltern am Beispiel der Heizungstechnik. Zeitlich sowie räumlich wird das Feld
durch die Funde und Belege von Heizungen begrenzt. Politische, historische, gesellschaftliche und
soziale Rahmen werden ebenfalls nur punktuell und soweit wie nötig beigefügt und erläutert.
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2. Heizungstechnik der Antike
2.1. Fußbodenheizungen
Offene Feuerstellen wie Herde, Feuerschalen oder Öfen und Kamine stellten bis zur frühen Neuzeit
die dominierenden Wärmequellen für Wohn-, Schlaf-, und Nutzräume dar.3 Doch schon in der
Antike bildete sich neben diesen herkömmlichen Methoden ein komplexeres und ausgefeilteres
Heizungssystem heraus: die Hypokausten-Heizung. Bei diesem, oft auch schlicht als
‚Fußbodenheizung‘ bezeichneten, Typ erfolgte die Beheizung des Raumes mittels
Wärmeabstrahlung von, durch heiße Rauchgase erhitzten, Fußbodenplatten. Die Feuerung, das
praefurnium, sowie der mit Rauchgasen gefüllte Hohlraum lagen anfänglich ausschließlich
unterhalb des Fußbodens, weshalb es sich dabei rein definitorisch um Unterflur-
Strahlungsheizungen handelte.4 Ab dem ersten Jahrhundert nach Christus wurden nachweislich
auch Wände mit Hohlräumen versehen, um eben auch dort heiße Rauchgase hineinzuleiten. Diese
Wandheizungen verringerten einerseits den Temperaturverlust des jeweiligen Zimmers, indem sie
Wärme speicherten, übertrugen anderseits aber auch zusätzlich Wärme in den zu beheizenden
Raum.5
Die Entstehung- oder gar die Erfindungsgeschichte der Unterflur-Strahlungsheizungen ist anhand
der Quellen nicht mehr rekonstruierbar. Vermutlich liegen ihre Ursprünge im klassischen
Griechenland des 5. Jahrhunderts vorchristlicher Zeit. Frühe Badeanlagen im Umkreis griechischer
Polis weisen auf die Verwendung von einfachen Formen von Hypokaustenheizungen hin.6 Auch der
bei den lateinischen Autoren7 verwendete Begriff hypocauston lässt eine griechische Herkunft der
Unterflurheizung vermuten.8 Bei den ersten Unterflurheizungen handelte es sich anscheinend um
eine primitive Form der Kanalheizung. Der weitaus bekanntere und von Fikret Yegül als „true
hypocaust“ beschriebene Typus der Unterflurheizungen ist der Pfeiler-Hypokaust. Um einen
besonders großen Hohlraum zu schaffen, wird hierbei der Fußboden auf viele kleine Pfeiler, im
lateinischen als pilae bezeichnet, gestellt. Eine detaillierte Konstruktionsanweisung zum Bau
3Vgl. Forbes, R. J.: Studies in Ancient Technology, 2. Auflage, Leiden 1966, S. 29ff. Vgl. auch Hundsbichler, H.: Art.
„Heizung“, in: Lexikon des Mittelalter, Band 4, München 1991, Sp. 2114.
4Vgl. Yegül, Fikret: Bathing in the Roman World, Cambridge 2010, S. 83f. Vgl. Bingenheimer, Klaus: Die Luftheizung
des Mittelalters. Zur Typologie und Entwicklung eines technikgeschichtlichen Phänomens, Hamburg 1998, S. 24.
5Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 89f. Yegül widerlegt anhand von Untersuchungen an der
Hypokaustenanlage von Sardis die These, dass die Wandheizung ausschließlich vor dem Abkühlen des Raumes
schützte. Stattdessen konnte dort nachgewiesen werden, dass die Gase durch ihren relativ langsamen Zug auch zur
Erwärmung der Räume beitrugen. Von anderen Autoren wurde die Funktion der Wärmeübertragung durch tubuli lange
Zeit bezweifelt. So zum Beispiel bei Kretzschmer, Fritz: Entwicklungsgeschichte des antiken Bades und das Bad auf
dem Magdalensberg, Düsseldorf 1961, S. 20ff.
6Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 81f.
7Insbesondere bei Vitruv in seinen 10 Büchern über die Architektur und in den Briefen von Plinius dem Jüngeren. Aber
zum Beispiel auch bei Statius. Vgl. Statius, Silvae, 1, 5, 57.
8Bei der Wortbildung „hypokaust“ handelt es sich um eine Kombination aus dem griechischen hypo, für von unten,
und kaustum, für ‚Feuer. Vgl. hierzu auch Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 25.
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solcher Anlagen beinhalten die berühmten 10 Bücher über Architektur des antiken Gelehrten Vitruv.
Im fünften Buch, Kapitel X, widmet er sich unter anderem der Errichtung von Pfeiler-Hypokausten
für Badeanlagen:
Suspensurae caldariorum ita sunt faciendae, ut primum sesquipedalibus tegulis solum sternatur
inclinatum ad hypocausim, uta pila, cum mittatur, non possit intro resistere, sed rursus redeat ad
praefurnium ipsa per se; ita flamma facilius pervagabitur sub suspensione. Supraque laterculis
besalibus pilae struantur ita dispositae, uti bipedales tegulae possint supra esse conlocatae;
altitudinem autem pilae habeant pedes duo.9
Wichtigstes Element der Heizung sind demnach die pilae, die Pfeiler, welche die suspensura, also
den hängenden bzw. schwebenden Fußboden, tragen. Der Untergrund der Heizung soll zusätzlich
mit einer Neigung in Richtung der Feuerung angefertigt werden, damit die Flammen bzw. die
Wärme leichter in dem Zwischenraum verteilt wird.10
Plinius der Ältere schreibt die Erfindung des Pfeiler-Hypokaust in seiner Naturalis historiae einem
gewissen Sergius Orata zu:
Ostrearum vivaria primus omnium Sergius Orata invenit in Baiano aetate L. Crassi oratoris ante
Marsicum bellum, nec gulae causa, sed avaritiae, magna vectigalia tali ex ingenio suo percipiens, ut
qui primus pensiles invenerit balineas, ita mangonicatas villas subinde vendendo.11
Folglich erfand Sergius Orata nicht nur den ‚Austernbehälter‘, sondern auch als erster die
sogenannten pensiles balineas, ‚hängenden Bäder‘, welche er in Landhäuser integrieren ließ, um
diese dann wertgesteigert zu verkaufen. Datiert sind die Erfindungen des Sergius Orata nach Plinius
um das Jahr 90 vor Christus.12 Tatsächlich aber sind Pfeiler-Hypokausten archäologisch schon etwa
zwei Jahrzehnte früher nachgewiesen worden. Nach Yegül zählen die Stabianer Therme in Pompeji
und die Badeanlage der Zeus-Heiligtümer in Olympia, beide frühes 2. Jahrhundert vor Christus, zu
den ersten uns bekannten Pfeiler-Hypokausten.13 Hingegen ist dem Sergius Orata eher die
Übernahme der Technik für Austernzuchten und Landvillen zuzurechnen.14 Hierauf rekurrierend
liefert Fikret Yegül ein treffliches Resümee über die Ursprünge der Unterflur-Strahlungsheizungen:
9Vitruv, De architektura, Liber V, 10, 2.
10Ein ähnliches Vorgehen beschreibt auch noch Palladius in seinem Werk Opus agriculturae aus dem 4. Jahrhundert
nach Christus. Hierzu heißt es in Buch 1, Kapitel 40, Über die Bäder: Suspensuras uero cellarum sic facies. Aream
primo bipedis sternis: inclinata sit tamen stratura ad fornacem, ut, si pillam miseris, intro stare non possit, sed ad
fornacem recurrat.
11Plinius d. Ä., Naturalis historiae, Liber 9, 168.
12Plinius der Ältere verweist in seinem Werk auf die Zeit vor dem Marsischen Krieg 91-89 vor Christus.
13Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 84. Zu den Stabianer Thermen siehe ebd., S. 52ff.
14Valerius Maximinus berichtet in seiner Facta et dicta memorabilis folgendes: C. Sergius Orata pensilia balinea
primus facere instituit. quae inpensa leuibus initiis coepta ad suspensa caldae aquae tantum non aequora penetrauit.
Vgl. Valerius Maximinus. Liber 9, 1, 1.
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The truth of the matter is that no specific moment or agent can be identified as the source of the
hypokaust: the efficacy of floor heating methods was well appreciated across the eastern
Mediterranean basin as early as the sixth and fifth centuries B.C., with some primitive versions
emerging around this time. The slow development of this idea into a sophisticated system belongs to
many different sources and traditions, Greek as well as Roman.15
Eine zweifelsfrei römische Innovation ist die Installation der zusätzlichen Wandheizungen. Ab dem
1. Jahrhundert nach Christus etablierten sich hierfür zwei verschiedene Bauweisen. Zum einen die
sogenannten tegulae mammatae, gewölbte, mit Eisenklammern an der Wand befestigte Wandplatten
und zum anderen die tubuli, ausgehöhlte, gebrannte Ziegelsteine, welche übereinandergestapelt ein
System aus Röhren in den Wänden ergeben.16 Der Rauchabzug wurde bei beiden Konstruktionen
durch Auslässe in Traufhöhe geregelt. Separate, freistehende Rauchschlote oder gar Schornsteine,
die über das Dach emporragen, waren bei antiken Hypokaustenanlagen nicht vorgesehen.17
Erstmalige Berichte über die Einrichtung solcher Wandheizungen stammen aus den Briefen des
römischen Philosophen Senecas aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus.
Quaedam nostra demum prodisse memoria scimus, ut speculariorum usum perlucente testa clarum
transmittentium lumen, ut suspensuras balneorum et inpressos parietibus tubos per quos
circumfunderetur calor, qui ima simul ac summa foveret aequaliter.18
Bei dessen Lob auf die Errungenschaft seiner Zeit dürfen auch die hängenden Bäder mit Kanälen in
der Wand nicht fehlen.19 Durch die archäologischen Funde werden Senecas Ausführungen bestätigt.
Tegulae mammatae ist erstmals für die um 50 nach Christus restaurierte Stabianer Therme in
Pompeji belegt und tubuli tauchen in einfacher Form sogar rund zwei Jahrzehnte früher in den
Thermen von Fregellae auf.20 Anschließend etablieren sich die Unterflur-Strahlungsheizungen mit
zusätzlicher Wandbeheizung im gesamten Einflussbereich des Imperium Romanum. Davon zeugen
nicht zuletzt literarische Werke der Spätantike, wie das Mosel-Gedicht des Ausonius,21 De re
rustica des Palladius22 oder gar christliche Autoren, wie Epiphanius, Bischof von Salamis.23 Noch
Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus erfreuten sich Hypokaustenheizungen großer Bekanntheit
15Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 84f.
16Vgl. ebd., S. 87
17Vgl. ebd., S. 87. Vgl. auch Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 62f. Weder Vitruv noch Palladius
erwähnen in ihren technischen Beschreibungen die Anlage von Feuerung, Rauchabzügen oder Schornsteinen. Vgl.
ebenfalls Kretzschmer, Fritz: Bilddokumente römischer Technik, 5. Auflage, Düsseldorf 1983, S. 37.
18Seneca, Epistulae, 90, 25.
19Bestätigt wird die Erwähnung des Senecas durch einen weiteren Hinweis auf Wandheizung bei Martial,
Epigrammaton, Liber 6, 42: Siccos pinguis onyx anhelat aestus. Et flamma tenui calent ophitae.
20Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 86ff.
21Vgl. Ausonius, Mosella, Vers 337ff. Quid quae fluminea substructa crepidine fumant Balnea, feruenti cum Mulciber
haustus operto. Voluit anhelatas tectoria per caua flammas inclusum glomerans aestu expirante uaporem? Nach dieser
Beschreibung handelt es sich um eine unterflurbeheizte Badeanlage, versehen mit tubulierten Wänden.
22Vgl. Palladius, Opus agriculturae, Liber I.
23Vgl. Epiphanius, Panárion, 2, 52, 2.
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und Beliebtheit.24 Die archäologischen Funde bestätigen dieses Bild und reichen von England über
Germanien, Spanien, Afrika ins Römische Kernland, bis in die östlich und südöstlich gelegenen
Provinzen.25 Insbesondere in den Regionen mit durchschnittlich geringeren Temperaturen gehörten
Hypokausten zur allgemeinen Haustechnik und versorgten meist mehrere Aufenthaltsräume sowie
die diversen Baderäume der privaten Anwesen.26
Doch nicht nur in den öffentlichen Thermen- und Badeanlagen und den privaten Landgütern zählen
Hypokausten zur Grundausstattung. Auch kaiserliche Repräsentationsbauten verfügten über
ausgefeilte Heizungsanlagen. Die Trierer Basilika, eine ehemalige Palasthalle von Kaiser
Konstantin, liefert hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. Eine Raumfläche von 1636 m² wurde mit
einer auf Pfeilern gestellten Unterflur-Strahlungsheizung, umgeben von 8 Meter hohen tubuli des
insgesamt 29 Meter hohen Gebäudes, erwärmt.27
In der Spätantike zeichnet sich schließlich noch eine weitere Entwicklung ab. Der Bau von
klassischen Pfeiler-Hypokausten ist rückläufig und wird zunehmend durch die Installation von
Kanalheizungen abgelöst. Als ein variabler Typ von Unterflurheizungen finden sie vor allem im
Wohnungsbau, dank ihrer relativ einfachen und kostengünstigen Konstruktionsbedingungen,
raschen Anklang. Anstatt den Fußboden, wie bisher, auf Pfeiler zu stellen, zog man vom
praefurnium aus Kanäle in verschiedensten Anordnungen28 durch den Fußboden und ließ diese
zumeist in den Raumecken enden. Dort gingen sie über in senkrechte tubuli, welche entweder in
oder vor die Innenwand gesetzt waren und gleichzeitig als Heizkörper und Rauchabzug dienten.29
Insbesondere in den nördlichen und alpinen Provinzen des Reiches wurden solche
Strahlungsheizungen zu Tage gefördert, so bei Ausgrabungen im heute französischen Fontaines-
Salées, im britischen Silchester, im österreichischen Enns oder im schweizerischen Genf. Auch
einige Mischformen, bei denen Konstruktionen von Pfeiler-Hypokausten und hypokaustischen
Kanälen miteinander verbunden worden, sogenannte Kompositheizungen,30 konnten, wie zum
24Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 183. Noch im frühen 5. Jahrhundert nach Christus gab es in alleine in
Konstantinopel 8 Thermen und 153 kleine Bäder.
25Vgl. ebd., S. 90. So zum Beipsiel bei den Hypokaustenanlagen im englischen Bath, in Sardis, der heutigen Türkei
oder im Kastell Niederberg. Vgl. zu letzterem Fusch, Gustav: Über Hypokausten-Heizungen und mittelalterliche
Heizungsanlagen, Hannover 1910. S. 74. Weiterhin zu erwähnen sind die Kaiserthermen in Trier sowie die weite
Verbreitung von Hypokaustenanlagen auf privaten Landsitzen.
26 Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 82. Vgl. auch Yegül, Fikret: Baths and Bathing in Classical Antiquity,
New York 1992. Vgl. auch Kretzschmer, F.: Bilddokumente antiker Technik, S. 37 und 50ff.
27Vgl. Kretzschmer, F.: Bilddokumente antiker Technik, S. 81ff.
28Bekannt sind die sogenannte Kreuzform, Ringform, X-Form, T-Form und Y-Form. Des Weiteren gibt es noch einige
nicht schematisierbare Formen. Vgl. hierzu Baatz, Dietwulf: Heizversuch an einer rekonstruierten Kanalheizung in der
Saalburg, in: Saalburg-Jahrbuch 36, 1979, S. 31f. Vgl. auch Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S.
41ff.
29Vgl. Baatz, D.: Heizversuch an einer rekonstruierten Kanalheizung in der Saalburg, S. 31ff.
30Vgl. ebd., S. 32.
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Beispiel bei den Badeanlagen im Kastell Saalburg, ergraben werden.31 Und nicht nur diese
Besonderheit weisen die Badestätten im Bereich der Kastell Saalburg auf. Nach Louis Jacobi sollen
die dortigen Hypokausten auch das Einströmen heißen Rauches in den Raum zugelassen haben,
demzufolge also als Luftheizungen fungiert haben.32
2.2. Luftheizung
Obwohl kaum gesicherte Erkenntnisse über die Nutzung von Konvektionsheizungen vor dem
Hochmittelalter vorliegen, wollen mehrere Autoren diese bereits für die Zeit der Antike identifiziert
haben. Den Startschuss hierzu lieferte, wie bereits oben erwähnt, Louis Jacobi, der 1897 einen,
dem Kastell Saalburg nahegelegenen, Pfeiler-Hypokausten ergraben hat, bei dem, nach seinen
Befunden, mehrere Luftauslässe in Form von tubuli in den Fußboden integriert waren (siehe
Abbildung 1; bei allen mit „r“ versehenen tubuli handelt es sich nach Jacobi um Luftauslässe). In
seiner anschließenden Befundbeschreibung deutet er diese wie folgt:
Durch die in den Estrich eingemauerten und nur wenig über den Boden vorstehenden Kacheln war
man in der Lage, nach Erlöschen des Feuers je nach Erfordernis Wärme zuzulassen; durch die
Zufuhr kalter Luft, die direkt durch den Schacht und indirekt durch die Kachelöffnungen zu
bewirken war, konnte die Temperatur jederzeit reguliert werden.33
Offenbar gab es bei dieser Anlage einige tubuli, die nicht durch die Wände verliefen, sondern direkt
in den Fußboden mündeten. Die „mit Schiebern verschlossenen Kacheln“ ermöglichten so, die
„angesammelte Wärme“34 in den Raum hineinfließen zu lassen. Gustav Fusch schließt sich dann
1910 dieser Interpretation an und fügt der Beschreibung Folgendes hinzu:
Sieben rechteckige Ziegelröhren, [tubuli], stellen die Verbindung des Hypokaustums mit dem
darüberliegenden Raume her. Sie ragen nur wenig über die Estrichoberfläche hervor und führten die
an dem heißen Mauerwerk des Hypokaustums erwärmte Luft in den Raum. Beim Anheizen waren
diese Röhren durch Ziegel- oder Steinplatten geschlossen; der Rauch wurde durch die Rauchabzüge
abgeleitet. War das Mauerwerk genügend erhitzt, so wurden die Schüröffnung und die Rauchabzüge
geschlossen und die Lufteintrittsöffnungen freigemacht, sodass die […] eintretende Frischluft, nach
Erwärmung im Hypokaustum, in den Raum gelangte.35
Fusch bezeichnet dieses Konstrukt anschließt als „Ventilations-Einrichtung“36, welches die dortige
31Yegül, F.: Baths and Bathing in Classical Antiquity. S. 361f. Vgl. auch Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des
Mittelalters, S. 41ff.
32Vgl. Jacobi, Louis: Das Römerkastell Saalburg bei Homburg vor der Höhe, Homburg 1897, S. 251ff. Vgl. auch
Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 15ff.
33Jacobi, L.: Das Römerkastell Saalburg bei Homburg vor der Höhe, S. 254.
34Vgl. ebd., S. 251ff.
35Fusch, G.: Über Hypokausten-Heizungen und mittelalterliche Heizungsanlagen, S. 65.
36Ebd.
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Fußbodenheizung zu einer „Hypokausten-Luftheizung“37 erweitert. Heizungen gleichen Typs
wurden, nach Fusch, in einem Gebäude in Herculaneum,38 einer römischen Villa in Augusta
Raurica39 sowie in den Kastellen Neckarburken40 und Weißenburg41 gefunden. Die zwei
Hauptargumente, welche bei den von Fusch aufgezählten Beispielen zur Annahme führen, dass es
sich um sogenannte „Hypokausten-Luftheizungen“ handelt, sind zum einen die gefundenen
Öffnungen in Fußbodenhöhe in Form von tubuli und zum anderen auffallend massive Steinpfeiler,
die nach dem Erhitzen Wärme an einströmende Frischluft abgaben und diese erwärmt in den Raum
durch die Öffnungen einströmen ließen.42
Abbildung 1 - Rekonstruktion eines Pfeiler-Hypokaustums nach Louis Jacobi (Aus: Jacobi, 1897, S. 250.)
Als weiterer Beleg für solche „Hypokausten-Luftheizung“ werden von Fusch die Briefe43 Plinius
des Jüngeren herangezogen. Von letzterem sind uns mehrere Briefkorpora überliefert. Zwei dieser
Briefe, welche an ebenfalls reich begüterte Freunde adressiert sind, beinhalten erstaunlich
detaillierte Angaben zu den Villen in seinem Privatbesitz. Landgüter und ihre Ausstattungen waren
für die römischen Adligen von herausragender Bedeutung. Neben ihrer Funktion als Grundlage für
das wirtschaftliche und finanzielle Wohl galten die Villen als Prestigeobjekte, Rückzugspunkte und
37Fusch, G.: Über Hypokausten-Heizungen und mittelalterliche Heizungsanlagen, S. 68.
38Vgl. ebd., S. 63f. Die Nutzung dieser zweigeschossigen Anlage als Luftheizung wird jedoch massiv angezweifelt.
Vgl. hierzu Forbes, R. J.: Studies in Ancient Technology, S. 57.
39Vgl. ebd., S. 72.
40Vgl. ebd., S. 68.
41Vgl. ebd., S. 69f.
42Vgl. ebd., S. 65f. und 74.
43Bezugnehmend auf Berichte von Plinius dem Jüngeren. Plinius d. J., Epistulae. Liber II, 17 und Liber, V, 6.
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Orte für otium, contemplatio und die vita rusticana.44 Daher erscheint es nicht ungewöhnlich, dass
ausgerechnet die beiden Briefe über die Villen zu den umfangreichsten der von ihm erhaltenen
Schriftstücke zählen. Brief 17 im zweiten Buch seiner Briefsammlung enthält die Schilderung
seiner Villa in Laurentinum, dargestellt in Form eines virtuellen Rundgangs durch die Gemächer.
Darin belegt ist auch die Existenz von, mit Unterflurheizungen versehenen, Wohn- und
Baderäumen:
Adhaeret dormitorium membrum transitu interiacente, qui suspensus et tubulatus conceptum
vaporem salubri temperamento huc illuc digerit et ministrat. Reliqua pars lateris huius servorum
libertorumque usibus detinetur, plerisque tam mundis, ut accipere hospites possint.45
Demnach gab es ein Schlafzimmer, dormitorium, welches schwebend, suspensus, und mit
Wandheizung, tubulatus, ausgefertigt war, also über einen Pfeiler-Hypokaust verfügt haben muss.
Anschließend widmet er sich der Badeanlage:
Inde balinei cella frigidaria spatiosa et effusa, cuius in contrariis parietibus duo baptisteria velut
eiecta sinuantur, abunde capacia si mare in proximo cogites. Adiacet unctorium, hypocauston,
adiacet propnigeon balinei, mox duae cellae magis elegantes quam sumptuosae; cohaeret calida
piscina mirifica, ex qua natantes mare aspiciunt […].46
Diese verfügte wohl über einen zentralen, eigenständigen Heizraum, hypocauston, welcher als
separate Einheit im Gesamtgebilde der privaten Bäder mehrere Räume gleichzeitig mit Wärme
versorgte.47 Nachdem der fiktive Rundgang durch das Hauptgebäude des Landgutes abgeschlossen
ist, fährt Plinius mit der Deskription seiner Gartenanlage und einiger kleiner Gartenhäuser fort.
Letztere weisen ebenfalls Zimmer mit Fußbodenheizungen auf, jedoch mit der Besonderheit, dass
hier erstmals Hinweise für eine mögliche Nutzung als Warmluftheizung angesprochen werden:
Applicitum est cubiculo hypocauston perexiguum, quod angusta fenestra suppositum calorem, ut
ratio exigit, aut effundit aut retinet.“48 Also gibt es in diesem Bereich mehrere kleinere Aufenthalts-
und Schlafzimmer, cubiculi, von denen eines mit einer sehr kleinen Hypokaustenheizung,
hypocauston perexiguum, verbunden war, die durch ein enges Fenster, angusta fenestra, mit dem
Zimmer in Verbindung stand. Dies ermöglichte die Raumtemperatur des Zimmers zu regulieren, in
dem die in dem Hypokaust erzeugte Wärme je nach Belieben entweder ausgeströmt oder
44Vgl. Whitton, Christopher: Pliny the Younger. Epistles Book II, Cambridge 2013, S. 219 ff.
45Plinius d. J., Epistulae. Liber II, 17, 9.
46Ebd., 17, 11.
47Diese Konstruktion ist nicht ungewöhnlich. Auch in großen Thermenanlagen waren die verschiedenen Räume in
Reihe geschaltet, sodass die Abwärme mehrere Räume durchlief und erhitzte. Vgl. Kretzschmer, F.:
Entwicklungsgeschichte des antiken Bades und das Bad auf dem Magdalensberg, S. 17ff. Vgl. auch Forbes, R. J.:
Studies in Ancient Technology, S. 40.
48Plinius d. J., Epistulae. Liber II, 17, 23.
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zurückgehalten werden konnte. Für Fusch und Bingenheimer scheint in diesem Fall das Prinzip der
Konvektion für die Beheizung von kleinen Räumen angewendet zu werden und warme Luft direkt
in den Raum hineinzuströmen. Es soll sich also, bei den von Plinius beschrieben Heizungen, um die
von Fusch eingeführten und oben bereits erwähnten „Hypokausten-Luftheizungen“49 handeln. Mit
Verweis auf die syntaktische Zusammengehörigkeit von angusta fenestra und hypocauston schließt
sich Bingenheimer dieser Meinung an und erkennt „diese Stelle als brauchbaren Nachweis einer
Hypokausten-Luftheizung.“50 Ähnliches lässt sich auch aus einem anderen Brief ableiten, in dem er
auf ähnliche Art und Weise, wie oben gesehen, auch seine Villen in Tuscien behandelt. Auch hier
existieren Fußbodenheizungen, angeschlossen an diverse Räumlichkeiten. Und auch hier lässt eine
Ausführung innerhalb der Korrespondenz auf eine Luftheizung schließen, denn sie berichtet von
einem Zimmer, welches mit einem Hypokaust verbunden ist: Idem cubiculum hieme tepidissimum,
quia plurimo sole perfunditur. cohaeret hypocauston et, si dies nubilus, immisso vapore solis vicem
supplet.51 Das Hypokaustum versorgt an trüben und wolkigen Tagen den Raum mit eingeleiteter
Wärme. Mit Verweis auf die bereits oben erwähnte Konstellation aus der Villa in Laurentinum wird
auch diese Stelle von mehreren Autoren als Beleg für eine Hypokausten-Luftheizung
herangezogen.52
Eine der konträren Meinungen vertritt Fritz Kretzschmer. Aus erneuten Untersuchungen der
Heizungsfunde im Kastell Saalburg in den 1950er Jahren entwickelt er eine abweichende Theorie
zu den Warmluftheizungen.53 Einerseits bezweifelt er Jacobis Interpretationen der tubuli als
Heißluftauslässe und geht stattdessen von einem täuschenden Grabungsbefund aus. Seiner
Einschätzung nach handelt es sich bei den Bodenöffnungen um die Reste der Schornsteine, von
denen antike Unterflurheizungen mindestens vier pro Raum aufwiesen. Da diese aber nicht nur als
Rauchabzüge, sondern auch als Heizkörper fungierten, wurden sie folgerichtig nicht an die
Außenwand, sondern als an der Innenwand vorgebaut oder eingetieft realisiert.54 Diese zumeist aus
tubuli bestehenden Konstruktionen zählten, nach Kretzschmer, zu den sensibelsten Teilen einer
Heizungsvorrichtung, denn „die frei vorstehenden zerbrechlichen Tonröhren gingen bei der
49Vgl. Fusch, G.: Über Hypokausten-Heizungen und mittelalterliche Heizungsanlagen, S. 37f.
50Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 24.
51Plinius d. J., Epistulae. Liber V, 6, 25.
52Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 24. Vgl. Whitton, C.: Pliny the Younger, S. 249. Dies
beginnt schon bei Schoepflin, Daniel: Alsatia Illustrata (celtica, romana, francica), Colmar 1751, S. 537ff.
53Siehe hierzu Kretzschmer, Fritz: Hypokausten, in: Saalburg-Jahrbuch 12, 1953, S. 7-41.
54Vgl. Kretzschmer, F.: Hypokausten, S. 29ff. Es müssen pro Raum mindestens vier Schornsteine dazugehören, um eine
effektive Wärmeverteilung zu gewährleisten und die jeweiligen Zuggeschwindigkeiten zu verringern. Gleiches war
auch noch für die spätrömischen Kanalheizungen zutreffend. Auch hier waren die Schornsteine, meistens aus tubuli
angefertigt, ein wichtiger funktioneller Bestandteil der Raumerwärmung. Bestätigt wurde dieses durch die Versuche
von Baatz an antiken Kanalheizungen. Vgl. Baatz, D.: Heizversuch an einer rekonstruierten Kanalheizung in der
Saalburg, S. 32ff. Gleiches findet sich bei: Brödner, Erika: Wohnen in der Antike, Darmstadt 1989. S. 119.
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Zerstörung am ehesten zu Bruch.55 Anderseits stehen für Kretzschmer auch die Aussprüche des
Plinius in einem anderen Kontext, denn sie verweisen nicht auf eine Zufuhr erwärmter Luft in den
Raum, sondern auf in Reihe geschaltete, miteinander gekoppelte Hypokausten zur optimalen
Abhitzeverwertung, ein System, welches den Römern durchaus gut bekannt war. Das von Plinius
genannte angusta fenestra diente folglich als Schieber“ oder „Klappe“, mit dem die Wärmezufuhr
für die angrenzende Unterflurheizung des betreffenden Raumes reguliert werden konnte.56 Daraus
resultierend wendet er sich gegen die „Erzählung von den sogenannten Warmluftheizungen,“57 die
im abwechselnden Betrieb von Feuerung und Raumerwärmung arbeiteten, denn „von der
alternierenden Betriebsweise findet sich in den antiken Quellen nicht ein einziges Wort.58
Stattdessen überwiegen die Vorteile der Strahlungsheizung im Dauerbetrieb:
Die ganz gleichmäßige Raumwärme, eine reine Stubenluft, frei von Rauch, Ruß und Asche, die
einfache und bequeme Bedienung des Dauerbrenners, eines Feuers, das Wochen und Monate
weiterglomm und nicht zu erlöschen brauchte. [...] Es ist kaum glaubhaft, dass derselbe Ingenieur,
dem ein so hoher Stand der Technik sich darbot, Anlagen gebaut haben soll, deren Feuer alle paar
Stunden gelöscht und wieder entfacht werden musste, in denen man abwechselnd schwitzte und fror,
in denen man Rauchgeruch, Teerdunst und Flugasche in das Esszimmer und die Schlafstube
einzog.59
Bekräftigt werden Kretzschmers Ergebnisse durch einen weiteren Heizversuch an den Hypokausten
des Kastells Saalburg von Heribert Hüser aus den 1970er Jahren.60 Darin greift Hüser erneut die
Frage nach den Luftheizungen auf:
Die Hypokaustenheizung ist jedoch in früheren Zeiten von einigen Forschern als Warmluftheizung
bezeichnet worden. Man hat die Vermutung geäußert, dass die Tubuli zum Raum hin geöffnet waren,
sodass Warmluft aus ihnen in den Wohnraum eintreten konnte. Der Verfasser möchte aufgrund
allgemeiner wärmetechnischer Überlegungen und seiner Erkenntnisse über den Mechanismus der
Hypokaustenheizungen die Frage beantworten, ob ein solcher Warmluftzusatz überhaupt möglich ist,
wie er verwirklicht werden müsste und ob er sinnvoll ist, d. h. ob er irgendwelche Vorteile bringt.
Ganz gleich wie das Ergebnis lautet, von vornherein steht fest, dass in einem Raum mit
Hypokaustenheizung die Wärmestrahlung die größte Rolle spielt und der Ausdruck Warmluftheizung
für die Gesamtanlage auf jeden Fall falsch ist.61
Folgender Sachverhalt ergibt sich nun aus seinen Überlegungen: 1. Das Einleiten von Warmluft war
nur möglich, wenn der entsprechende Raum über eine adäquate Abzugsvorrichtung für die
einströmende Luft verfügte. Das Öffnen der Fenster reichte allerdings aus, um den nötigen Luftzug
55Kretzschmer, F.: Hypokausten, S. 19.
56Vgl. ebd., S. 35ff.
57Ebd., S. 36.
58Ebd., S. 37.
59Ebd.
60Vgl. Hüser, Heribert: Wärmetechnische Messungen an einer Hypokaustenheizung in der Saalburg, in: Saalburg-
Jahrbuch 36, 1979, S. 13.
61Ebd., S. 24.
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zu erzeugen und damit die Konvektion von Warmluft zu imitieren. 2. Eine Warmluftzufuhr scheidet
jedoch beim Dauerbetrieb der Hypokausten aus, vornehmlich aus zwei Gründen: Zum einen wäre
die Wärmeleistung der Unterflurheizung in dieser Betriebsweise insgesamt ausreichend und es
ergäbe sich grundsätzlich nicht die Notwendigkeit einer zusätzlichen Warmluftversorgung.“62 Zum
anderen würden sich im Dauerbetrieb unweigerlich ein lebensgefährlicher Rauch und ein
beißender Geruch“ im Raum verbreiten, weshalb sich niemals zur gleichen Zeit Menschen darin
aufhielten.“63 3. Beim Betrieb in abwechselnden Intervallen von Feuerung und Luftzufuhr würden
sich zwar keine giftigen Gase im Raum verteilen, aber die Raumqualität und die „Behaglichkeit“
würde trotzdem gemindert. 4. Zu guter letzt wurde in einem Versuch zum Luftheizungsbetrieb trotz
einer stabilen Funktion gar geringe Effizienz und ein niedriger Wirkungsgrad im Gegensatz zur
Unterflurbeheizung gemessen.64 Demnach bleibt nur die Schlussfolgerung, dass die Heizungen im
Umfeld der Saalburg nicht über Warmluftauslässe verfügt haben. Grundsätzlich zeichnet sich dies
auch für die nördlichen und westlichen Provinzen des Römischen Reiches ab und es gilt weiterhin
das Urteil von Kretzschmer, dass „nördlich der Alpen [...] noch kein einziger beweisender Fund
zutage gefördert“65 wurde.
In den 80er Jahren wurden bei umfangreichen Grabungen in einem kleinen Ort in der Nähe von
Ostia, dem Vicus Augustanus, mehrere antike, kaiserzeitliche Gebäudekomplexe archäologisch
erfasst. Diese Anlage unweit von Plinius Landgütern in Laurentium entfernt umfasste einen
Thermenbereich, mehrere kleinere Baderäume sowie diverse beheizte Wohnräume, welche alle mit
Pfeiler-Hypokausten ausgestattet waren.66 In einem der beheizten Aufenthaltsräumen konnte das
praefurnium erschlossen und freigelegt werden, welches um die Mitte des 2. nachchristlichen
Jahrhunderts an die Außenmauer des Raum angefügt wurde. Durch einen kleinen Gang bzw. eine
kleine Öffnung gelangen von dort die heißen Rauchgase in das Hypokaust.67 (siehe Abbildung 2
Nr. 39 zeigt das praefurnium der Unterflurheizung für die Räume 15, 27, 27a und 28.) Christopher
Whitton hat in seiner kritischen Ausgabe der Plinius Briefe diese Konstellation dem bereits
genannten Auszug über die mutmaßlichen Hypokausten-Luftheizungen zugeordnet. Als Belege
nimmt er die zeitliche und räumliche Nähe, sowie das angusta fenestra als Öffnung zur
Warmluftzufuhr an.68 Anhand der freigelegten Reste lässt sich diese Vermutung jedoch nicht
bestätigen. Die stark eingefallene Unterflurheizung des besagten Zimmers lässt keine
62Hüser, H.: Wärmetechnische Messungen an einer Hypokaustenheizung in der Saalburg, S. 25.
63Ebd.
64Vgl. Ebd., S. 24ff.
65Kretzschmer, F.: Hypokausten, S. 37.
66Vgl. Claridge, Amanda: Il vicus di epoca imperiale. Campagne di ricerche 1987-1991, in: Maria Giuseppina Lauro
(Hg.): Castelporziano III. Campagne di scavo e restauro 1987-1991, Rom 1998, S. 118ff.
67Vgl. ebd., S. 122f. Vgl. auch Claridge, Amanda: Il Vicus di epoca imperial: indagini archeologiche nel 1985 e 1986,
in: Castelporziano II. Campagne di scavo e restauro 1985-1986, Rom 1988, S. 63.
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Warmlufteinlässe erkennen. Und auch im Grabungsbericht zur Gesamtanlage von Amanda Claridge
werden Luftheizungen nicht erwähnt.69
Abbildung 2 - Übersicht zum Vicus Augustanus nach Amanda Claridge (Aus: Claridge, 1988, S. 62)
Vielmehr klingt darin die bereits erwähnte Besonderheit von römischen Unterflurheizungen an: die
Abhitzeverwertung bei in Reihe geschalteten Hypokausten. Aus einer späteren Bauphase
(vermutlich 3. bis 4. Jahrhundert) wurde ein kleiner, mit Pfeiler-Hypokaust und tubuli versehener
Raum gefunden, der über einen Korridor mit dem Zimmer, welchem das praefurnium
angeschlossen war, in Verbindung stand.70 Möglicherweise war die Wärmezufuhr für diesen
separaten Raum, wie schon Kretzschmer behauptet, mittels einer Schiebevorrichtung beeinflussbar.
In diesem Sinne dürften die Heizungseinrichtungen in Vicus Augustanus und in Plinius Landgütern
markante Ähnlichkeiten, wenn nicht gar Gemeinsamkeiten, andeuten.71
In eine ähnliche Richtung deuten die Funde von Hypokausten-Heizungen aus der römischen
68Vgl. Whitton, C.: Pliny the Younger, S. 249.
69Im Speziellen siehe Claridge, A.: Il vicus di epoca imperiale, S. 128. Vgl. auch Claridge, A.: Il Vicus di epoca
imperial: indagini archeologiche nel 1985 e 1986.
70Vgl. ebd., S. 124f.
71Vgl. ebd. Im Vicus Augustanus gab es auch eine eigenständige Thermenanlage, welche über mindestens vier Räume
mit klassischen Pfeiler-Hypokaust konstruiert waren.
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Provinz Britannia. In den 80er Jahren widmete sich E.W. Black72 den britischen
Fußbodenheizungen aus römischer Zeit und gelangte nach der Auswertung der archäologischen
Funde zu folgendem Ergebnis: Auf sieben römischen Landgütern73 des 2. Jahrhunderts nach
Christus konnten in Reihe geschaltete Hypokausten nachgewiesen werden. Hierbei wurden die
Wohnräume indirekt über Pfeiler-Hypokausten benachbarter Räume beheizt. Erst ab 150 nach
Christus bildeten sich dann direkt beheizte, also mit einer eigenen Fußbodenheizung versehenen,
Aufenthaltsräume heraus, wobei diese sowohl als klassische Pfeiler-Hypokausten,74 als
Kanalheizungen75 sowie als Komposit-Heizungen76 konstruiert wurden. Auffallend dabei ist, dass
insbesondere kleinere Wohnräume mittels Abwärme, also indirekt, beheizt wurden. Die Gründe
sieht Black in der hohen und langanhaltenden Wirksamkeit der Fußbodenheizung. Ein kleines
Zimmer mit einem eigenständigen Pfeiler-Hypokaustum wurde hingegen schnell zu warm.77
Aufgrund dieses Befundes interpretiert Black die Textstellen des Plinius ebenfalls in diese Richtung
und geht davon aus, dass für das Anwesen in Laurentinum ein in Reihe geschaltetes Hypokaustum
beschrieben ist. Der Terminus hypocaust verweise hierbei auf die eigentliche Heizungsanlage im
Kellergeschoss, während hypocauston den zu beheizenden oberhalb liegenden Wohnraum
deklariere. Das angusta fenestra wiederum befinde sich auf der Ebene des hypocauston, also auf
der des Wohnraums und nicht, wie von Kretschmer vorgeschlagen, auf der des Kellers und
symbolisiere den Durchlass bzw. Regler für die Wärmeverteilung für die verschiedenen Räume. Es
wird folglich ein zentraler Raum mittels Abstrahlung über den Fußboden erwärmt, dessen
Innenwärme auf die angrenzten Räume übertragen werden kann.78 Somit handelt es sich auch bei
dieser Interpretation definitiv nicht um eine Heizungsvariante, bei der die einströmende Warmluft
den Raum direkt temperiert.
Es bleibt die Erkenntnis, dass die Passagen aus den Briefen des Plinius auch in Abgleich mit den
archäologischen Befunden nur schwer zu dechiffrieren sind und die definitive Funktionsweise
dieser Anlagen kaum mehr zweifelsfrei nachvollzogen werden kann, weshalb sie auch kaum als
Luftheizung anzusprechen ist. Dringend nötige Details, wie beispielsweise über die Lage und Art
der Feuerung, die Wärmespeicherung, die Erzeugung des Luftzuges oder die Ableitung der
72Siehe hierzu Black, E.W.: Hypocaust Heating in Domestic Rooms in Roman Britain, in: Oxford Journal of
Archaeology 4, Nr. 1, 1985, S. 77-92 sowie Black, E.W.: The Roman Villa at Bignor in the Fourth Century. Oxford
Journal of Archaeology 2, Nr. 1, 1983, S. 93-107.
73Die Standpunkte sind Fishbourne, Ashtead, Darenth, Winterton, Brading, Corbridge, Pulborogh nach Black, E.W.:
Hypocaust Heating in Domestic Rooms in Roman Britain, S. 81f.
74Hierzu zählen Newport, Silchester, Farningham, Rapsley, Boxmoor, siehe ebd., S. 85.
75Darunter Gorhambury, Darenth, Ashtead, Faversham, Rockbourne, Titsey, siehe ebd., S. 86.
76Hiervon mehrere in Verulamium nach ebd., S. 87. Die Komposit-Heizungen sind jedeoch erst ab dem 3. Jhd.
nachgewiesen.
77Vgl. ebd., S. 88f.
78Vgl. ebd., S. 79.
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Rauchgase, geben die beiden Berichte des Plinius leider nicht Preis. Warum also fehlen hier exakte
Funktionsbeschreibungen der angenommenen Luftheizung, wenn es sich dabei doch um eine
herausragende Konstruktion handelt? Warum also nutzt Plinius nicht diese Chance zur eigenen
Profilierung? Hierfür eine Erklärung zu finden, gestaltet sich als äußerst schwierig. Bingenheimer
nimmt an, dass „die Kürze der Beschreibung und die selbstverständliche Beiläufigkeit“ darauf
hindeutet, dass es „umständlicher Beschreibungen nicht bedurfte“, da die Adressaten seiner Briefe
„solche Heizungen höchstwahrscheinlich aus eigener Anschauung kannten.“79 Doch warum
existieren keine weiteren Verweise auf Luftheizungen bei anderen antiken Autoren, wenn
angenommen wird, dass sie allgemein gebräuchlich waren? Die Unterflurstrahlungs-Heizung,
vermutlich als klassischer Pfeiler-Hypokaust, war zweifelsfrei weit verbreitet. So berichtet uns
Plinius bei der Beschreibung seiner Villa in Laurentinum nahezu beiläufig, dass das dem Landgut
nahe gelegene Dorf über drei Mietbäder verfügt:
Frugi quidem homini sufficit etiam vicus, quem una villa discernit. In hoc balinea meritoria tria,
magna commoditas, si forte balineum domi vel subitus adventus vel brevior mora calfacere
dissuadeat.80
Diese Mietbäder, balinea meritoria, werden besucht, wenn es sich nicht lohnt, die eigenen
Privatbäder und somit freilich auch ihre Hypokausten anzuheizen. Wenn hier zur Wende des 1./2.
Jahrhunderts nach Christus ein einfaches Dorf in der Nähe von Rom schon über drei Mietbäder
verfügt, wie viele muss es dann erst im gesamten Römischen Kernland und den gut ausgebauten
und erschlossenen Provinzregionen gegeben haben? Freilich wird nicht jedes Bad mit einer
Fußbodenheizung in Form eines Pfeiler-Hypokausten ausgestattet gewesen sein, doch werden auch
einige kleine Bäder ähnlich wie die uns zahlreich bekannten, großen, städtischen Thermenanlagen
ausgestattet gewesen sein.81 Daneben gab es auch auf den privaten Landgütern und großen
Villenanlagen beheizte Badeanlagen. Davon abzugrenzen ist jedoch die Beheizung von kleinen
Wohn- und Schlafräumen, wie sie von Plinius beschrieben wird. Bereits bei seiner 1953
zusammengestellten vergleichenden Sammlung von römischen Heizungsfunden konnte Fritz
Kretzschmer eine bauliche Besonderheit feststellen.82 Von damals 59 bekannten Hypokausten
folgten 51 einem gleichen Schema. Handelte es sich um eine Unterflurheizung für Wohnräume,
waren diese mit einem einfachen Pfeiler-Hypokaust ohne Wandhohlräume versehen. Alle
Konstruktionen für Baderäume und Thermenanlagen verfügten zusätzlich über eine, in den Wänden
79Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 24.
80Plinius d. J., Epistulae. Liber II, 17, 26.
81Zur Verbreitung der Thermen und Badeanlagen hat sich Fikret Yegül ausführlich geäußert. Siehe Yegül, F.: Bathing in
the Roman World.
82Vgl. Kretzschmer, F.: Hypokausten, S. 8ff.
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integrierte, Tubulatur. Nur je vier Fälle wiesen eine entgegengesetzte Anordnung auf.83
Auch was die zeitliche und räumliche Verteilung anbelangt, lassen sich, nach Kretzschmer,
markante Unterschiede, ja möglicherweise gar Zäsuren, erkennen. In den ersten drei Jahrhunderten,
in denen die römischen Baumeister Hypokausten konstruieren, gibt es ausschließlich
Pfeilerhypokausten ohne Tubulatur. Mit der Einführung der Wandheizung durch tegullae
mammatae und tubuli im 1. Jahrhundert nach Christus begann diese Form der Heizung zu
dominieren und sich ab dem 2. Jahrhundert vermehrt auch in Badeanlagen außerhalb des
Mittelmeerraumes zu verbreiten. In den kalten nördlichen Provinzen des Römischen Reiches kam
die Notwendigkeit hinzu, auch Wohn- und Schlafräume ständig beheizbar zu machen im
römischen Kernland gehörte dies zu den selteneren Erscheinungen und somit die
Hypokaustenanlagen den örtlichen Gegebenheiten anzupassen.84 Daher beschritt, nach
Kretzschmer, die technische Entwicklung nördlich der Alpen ihren eigenen Weg.“ Hier galt
vielmehr: Warm wohnen ist nötiger als warm baden,“85 weshalb man wieder zu einer einfacheren
und effektiveren Bauweise von Hypokausten zurückkehrte, in der die einst in Thermenanlagen
perfektionierte Tubulatur obsolet wurde. Eine kleine, schlichte, nichttubulierte Unterflurheizung im
Dauerbetrieb erzeugte immer noch genug Hitze, um gewöhnliche Aufenthaltsräume in Wohnungen
zu erwärmen.86 Gleiches gilt, nach Kretzschmer, für die Einfuhr von Warmluft, also der Integration
von Luftheizungselementen. In Italien könnte „eine alternierende Behelfsheizung genügt haben, die
nur auf Stunden wirkte.“87 Doch „ebenso wäre die angebliche alternierende Luftheizung ein Unsinn
in Germanien, wo man […] die kontinuierliche Hypokaustenheizung hatte.“88
Damit spricht sich Kretzschmer nicht explizit gegen die These der Hypokausten-Luftheizung in
Italien, also in den Anwesen des Plinius, aus, doch bleibt die These für ihn weiterhin mit vielen
Fragezeichen versehen. Insbesondere eine rasche und massive Verbreitung dieses Heizungstyps in
den nördlichen Provinzen sieht er als „ungeklärt und problematisch an, aufgrund mangelnder
beweisender Funde.89
Mehrere Autoren sehen trotzdem die Existenz von Hypokausten-Luftheizungen in römischer Zeit
als belegt an.90 Vielfach werden die Beschreibungen des Plinius als Hauptargument ihrer These
83Vgl. Kretzschmer, F.: Hypokausten, S. 14ff. Vier Thermen ohne Tubulatur wurde vor 90 nach Christus errichtet, in
einer Zeit also, als die tubuli wahrscheinlich noch nicht bis in den Norden vorgedrungen sind. Die vier Wohnräume mit
Tubulatur konzentrieren sich auf den heutigen schweizer Raum und stellen somit vermutlich eine regionale
Besonderheit dar.
84Vgl. ebd., S. 38f.
85Ebd., S. 37f.
86Vgl. ebd., S. 38f. Sogar die Abhitzeverwertung und Reihenschaltung war mit solchen Anlagen möglich.
87Ebd., S. 37.
88Ebd.
89Vgl. ebd., S. 38.
90Siehe hierzu die bereits erwähnten Bingenheimer und Fusch. zum Beispiel Brödner, Erika: Römische Thermen und
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angeführt, wie zum Beispiel auch von Bingenheimer. Zwar deklariert er deren Existenz in Hinblick
auf die archäologischen Erkenntnisse als „schwach abgesichert.“91 Jedoch sieht er aber in den
Beschreibungen Plinius‘ des Jüngeren den Beweis für Hypokausten-Luftheizungen in
„wünschenswerter Eindeutigkeit“92 vorliegen. Gleichzeitig ist, seiner Meinung nach, auch ein
Transfer der Technologie in die nördlichen Provinzen stark anzunehmen, denn „nirgends war eine
solche Erfindung, die der Verbesserung der kleinen Wohnraumhypokausten diente, notwendiger als
im rauen Klima nördlich der Alpen.“93
Festzuhalten bleibt, dass die Diskussion um die Entwicklung der Luftheizungen in der Antike
weiterhin von abweichenden Ansichten geprägt ist. Ein eindeutiger Beweis, weder für noch gegen
die Konvektionsheizung in der Antike, ist bislang nicht erbracht. Erstens fehlt ein klar und
stichhaltig zu identifizierender archäologischer Fund. Zweitens lassen sich auch die angesprochen
Zitate aus Plinius weiterhin sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung interpretieren.
Solange also kein mit Plinius in Einklang zubringender Fund nötig wäre eine archäologisch
zweifelsfrei nachzuweisende Luftheizungsanlage in einem römischen Landgut im italienischen
Kernland – auftaucht, bleibt die These um antike Warmluftheizungen hypothetisch.
antikes Badewesen, 3. Auflage, Darmstadt 2011.
91Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 24.
92Ebd.
93Ebd.
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3. Heizungstechnik im Übergang von Antike zum Frühmittelalter
3.1. Transformation oder Verlust der Technik?
Da eine strikte Epocheneinteilung nach Jahresgrenzen oftmals mit erheblichen Problemen
verbunden ist, soll auch für den nun behandelten Zeitraum eine alternative Herangehensweise in
Betracht gezogen werden. Das Römische Reich der Antike erlebte in der hohen Kaiserzeit (1. und 2.
Jh.) ein Blüte, gefolgt von einer ersten Phase folgenreicher Veränderungen in der Zeit der
Soldatenkaiser (ca. 235-284). In letzterer drangen erstmals wandernde Völker94 in das Imperium
ein. Parallel dazu kam es zum Erstarken des frühen Christentums. Kaiser Diokletian gelang
anschließend eine vorübergehende Konsolidierung der kaiserlichen Macht und der
Reichsstrukturen. Doch das Christentum sollte sich spätestens seit dem Toleranzedikt von Mailand
(313) unter Kaiser Konstantin endgültig durchsetzen. Von nun an prägte es maßgeblich die sich neu
ausformenden gesellschaftlichen Strukturen.95
Zum Ende des 4. Jahrhunderts wurde der politische und gesellschaftliche Wandel durch die
beginnenden Wanderbewegungen an den Grenzen des Römischen Reiches beschleunigt. Dieser
Prozess, welcher in der deutschen Geschichtsforschung als Völkerwanderung bezeichnet wird,
bewirkte das Ende des Römischen Kaisertums durch den sukzessiven Verlust der bedeutenden
Provinzen. An die Stelle eines geeinten Reiches traten zuerst lose Verbünde, geformt durch
umherziehende Kriegergesellschaften, welche sich später als ethnisch fokussierte Königreiche
organisierten und etablierten.96 Durch die hierbei nicht selten kriegerisch auftretenden Völker kam
es zu zahlreichen Plünderungen, Zerstörungen und Verwüstungen und schließlich auch zu einem
Verlust von materieller und geistiger Kultur. Doch auch weit reichende Akkulturationsprozesse, wie
die Annektion römischer Verwaltungsstrukturen, Sitten, Bräuche, Technologien und Lebensweisen
sowie die Verschmelzung von unterschiedlichen Ethnien, zeichnete die Zeit der Völkerwanderung
aus. Im Westen des ehemaligen Römischen Reiches fanden diese Wandlungsprozesse unter den
Karolingern einen vorläufigen Abschluss, indem durch Karl den Großen, als König der Franken,
das Kaisertum reaktiviert wurde. Zeitgleich formierte und konsolidierte sich um Konstantinopel das
byzantinische Reich, während die Araber nahezu den kompletten südlichen Mittelmeerraum
kontrollierten. Aufgrund dieser Konstellation erscheint es sinnvoll, die Epoche der
Wanderbewegungen, also die Zeitspanne vom Ende des 3. bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts, als
94Germanische Stämme im Norden des Reiches, Nomadenstämme in den afrikanischen Teilen sowie die Parther im
Osten.
95Daran beteiligt waren insbesondere die Bischöfe und das aufkommende Mönchtum. Das Episkopat dringt in die
Verwaltungsstruktur des Reiches ein. Das Mönchtum löst die vita rusticana ab.
96Hier zu nennen sind beispielsweise das Reich der Goten unter Odoaker, das Reich der Ostgoten unter Theoderich, die
Vandalen in Afrika, die Sueben in Spanien, das Reich der Merowinger, welches unter Chlodwig zum Frankenreich
übergeht, das Reich der Langobarden in Italien, etc.
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eine Übergangsepoche auszuweisen, den Übergang von der Antike zum Mittelalter.97
Lange deutete man in der Geschichtswissenschaft diese Übergangsspanne von Spätantike ins
Frühmittelalter als eine Zeit des gesellschaftlichen, kulturellen und besonders auch des
wissenschaftlich-technischen Niedergangs und Zerfalls.98 Mittlerweile haben Historiker der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreich belegen können, dass eine solch drastische Ansicht nicht
haltbar ist. So wird der Übergang von der Antike zum Mittelalter nun nicht mehr als eine Zeit des
Niedergangs, sondern eher als eine Epoche, die durch vielfältige Transformationsprozesse in allen
kulturellen Bereichen gekennzeichnet ist, interpretiert.99
Dass dies dennoch nicht allgemein anerkannt ist, zeigt auch ein Beispiel aus der Geschichte der
Heizungstechnik. Erinnert sei an das, in der Einleitung erwähnte, Zitat aus Erika Brödners
Monografie zum antiken Badewesen:
Es ist zu vermuten, dass die Römer in Verbindung mit der ihnen geläufigen Unterflur- und
Wandheizung der Hypokausten die Luftheizung kannten, die nicht auf Strahlung sondern auf
Konvektion beruht. Diese Heizung ist uns aus dem frühen Mittelalter bekannt, aus einer Epoche also,
die in technischer Hinsicht unschöpferisch war und sich technisch fast ausschließlich auf die
römische Überlieferung stützte.100
Mit ihrem Urteil spricht sie den Baumeistern der Übergangsphase und auch denen des
Frühmittelalters jegliche kreative Fähigkeit und Eigenleistung ab. Ein These also, welche durch das
Bild vom Untergang und Rückschritt, vom dunklen, und rückständigen Mittelalter geprägt ist.
Neuere Forschungen zur antiken und frühmittelalterlichen Wissenschaft und Technik führten, wie
bereits erwähnt, zu einer allgemeinen Revision dieses Bildes. Dass sich darin auch die Entwicklung
der Heizungstechnologie einfügen lässt, soll nachfolgend aufgezeigt werden.
Ein grundsätzliches Problem für die historische Untersuchung der Übergangsepoche von Antike zu
Frühmittelalter ist die prekäre Quellenlage. In erster Linie mangelt es an literarischen Quellen,
97Vgl. hierzu im Allgemeinen Angenendt, Arnold: Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis
900, 3. Auflage, Stuttgart 2001. Zur Entwicklung um Byzanz und die Araber siehe Lilie, Ralph-Johannes: Byzanz.
Geschichte des oströmischen Reiches, München 2005. Zum Wandel siehe Hägermann, Dieter, u.a. (Hg.):
Akkulturation. Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frühem Mittelalter, Berlin
2004.
98Bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts in Gibbon, Edward: The History of the Decline and the Fall of the Roman
Empire, London 1776-1783, manifestiert sich dieses Bild. Explizit und detailiert ausgeführt, hält sich seine Theorie
vom Verfall und Untergang des römischen Reiches bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. So zum Beispiel in Seeck,
Otto: Geschichte des Untergangs der antiken Welt, Stuttgart 1895-1920.
99Neue Ansätze zu den Wandlungsprozessen zwischen Spätantike und Frühmittelalter unter anderem in Pohl, Walter:
Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Stuttgart 2005, und Angenendt, A: Das Frühmittelalter. Ebenso im
Sammelband Akkulturation. Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frühem
Mittelalter. Hrsg. von Dieter Hägermann, Wolfgang Haubrichs und Jörg Jarnut, Berlin, 2004. Zur Wissenschaft und
Technik sei auf diverse Einzelstudien verwiesen, wie zum Beispiel von Clemens, Lukas: Technologietransfer oder
Innovation? Kelter- und Mühlentechnologie in Antike und Mittelalter, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters
34, 2006, S. 25-32.
100Brödner, E.: Römische Thermen und antikes Badewesen, S. 158f.
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weshalb man verstärkt auf die archäologischen Funde und die daraus resultierenden Erkenntnisse
angewiesen ist. Gleiches gilt in besonderem Maße für die Entwicklung der Heiztechnik. Außer
einigen unpräzisen und daher wenig brauchbaren Hinweisen in Gregor von Tours‘ Historia
Francorum existieren überhaupt keine literarischen Zeugnisse über die Anlage und den Bau von
Heizungen sowie die verschiedenen Typen oder die Praxis des Heizens aus dieser Zeitspanne.101
Abbildung 3 - Römische Kanalheizung aus Fontaines-Salées (Aus: Yegül, 1992, S. 362)
Aus archäologischer Sicht lässt sich für den besagten Zeitraum eine Fokussierung auf
Kanalheizungen erkennen. Dieser Typ der Unterflur-Strahlungsheizungen, welcher noch aus
spätrömischer Zeit stammt, stellte eine erneute Umformung und Vereinfachung der klassischen
Pfeiler-Hypokausten dar.102 (siehe Abbildung 3) Ursprünglich waren Kanalheizungen in einfacher
Form Vorläufer von Pfeiler-Hypokausten. Doch die Etablierung der römischen Kanalheizungen im
2. Jahrhundert nach Christus offenbart sich als eigenständige Entwicklung, da hier die
kaiserzeitlichen Prinzipien und Elemente einer optimalen Funktionsweise von Fußbodenheizungen
angewendet und weiterentwickelt wurden.103
Die römische Kanalheizung der Spätantike verbreitete sich speziell im nordalpinen Raum als
Bestandteil von kleineren Wohn- und Aufenthaltsräumen, nach Dietwulf Baatz sogar in
„unscheinbaren Fachwerkhäuser.“104 Ihr Siegeszug lässt sich vorrangig durch drei Gründe erklären:
1. Im Gegensatz zu den Pfeiler-Hypokausten war der bauliche Aufwand zur Errichtung einer
Kanalheizung wesentlich geringer. Man konnte auf die immensen Ausschachtungsarbeiten und das
101Vgl. hierzu Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 41.
102Vgl. Yegül, F.: Baths and Bathing in Classical Antiquity, S. 356f.
103So zum Beispiel die Kombination von Kanalheizungen mit tubuli. Vgl hierzu Yegül, F.: Baths and Bathing in
Classical Antiquity, S. 361f.
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Verlegen eines zusätzlichen Unterbodens verzichten, man benötigte weniger maßgefertigte Ziegel-
und Steinplatten und verringerte so den Materialverbrauch sowie die Herstellungs- und
Personalkosten.105 2. Die Kanalheizungen wiesen eine beträchtliche, gute Wärmeübertragung und
Heizleistung auf. Bedingt durch die erhöhte Wärmespeicherkapazität des Mauerwerkes der Kanäle
war der Wirkungsgrad dieser Heizungen denen mit Pfeilern überlegen und es stellte sich rascher
eine konstante Raumtemperatur ein.106 3. Die Bedienung solcher Heizungen gestaltete sich als
einfach und kostete wenig Aufwand. Heizversuche an einer rekonstruierten Kanalheizung in der
Saalburg unter der Leitung von Dietwulf Baatz bezeugten, dass bei kleinen Anlagen ein
„einmaliges Heizen pro Tag“ ausreichte.107
Seit dem 4. Jahrhundert setzt, basierend auf der Anzahl und Anordnung der Kanäle, eine
zunehmende Ausdifferenzierung in diverse Varianten der Kanalheizung ein. Retrospektiv lassen
sich diese nach der Form ihrer Kanäle gruppieren.108 Was alle Kanalheizungen jedoch gemeinsam
haben, ist ihr Wirkprinzip als reine Strahlungsheizung. Viele der spätrömischen Kanalheizungen
waren noch in den folgenden Jahrhunderten weiterhin in Gebrauch geblieben, doch gibt es ab dem
4. Jahrhundert einige Neukonstruktionen zu verzeichnen, welche zumeist mit dem sich
ausbreitenden Christentum in Zusammenhang stehen. Im österreichischen Enns, dem römischen
Lauriacum, trat ein mit Kanalheizung versehener Kirchenraum zu Tage, der in die Reste eines
heidnisch-römischen Vorgängerbaus eingebettet war. Datiert wird dieser Bau auf das Ende des 4.
Jahrhunderts.109 (siehe Abbildung 4) Umfangreiche Ausgrabung auf dem Gelände der Genfer
Bischofsresidenz brachten allein dort neun Kanalheizungen aus dem 3. bis 6. Jahrhundert zum
Vorschein.110
Die beginnende Völkerwanderung setzte dem Neubau von Kanalheizungen also kein jähes Ende.
Indes fielen die klassischen Pfeiler-Hypokausten den gravierenden Veränderungen in der
handwerklichen Produktion zum Opfer. Die Beschaffung und Herstellung der für Pfeilerheizungen
nötigen großen, genormten Ziegelplatten war nun nicht mehr zu bewerkstelligen, weshalb der Bau
von Pfeiler-Hypokausten im Westteil des Römischen Reiches ab dem 4. Jahrhundert zum Erliegen
kam.111 Einen außerordentlich markanten Fall hierzu stellt der heutige Frankfurter Dom dar.
104Baatz, D.: Heizversuch an einer rekonstruierten Kanalheizung in der Saalburg, S. 31.
105Vgl. ebd., S. 32f.
106Vgl. ebd., S. 42f.
107Ebd., S. 44.
108Nach Bingenheimer gibt es X-förmige, L-förmige, T-förmige, Y-förmige, Kreuz-förmige, Ring-förmige sowie
diverse Doppel- und Mischförmige Kanalheizungen. Siehe Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 42ff.
Vgl. auch Baatz, D.: Heizversuch an einer rekonstruierten Kanalheizung in der Saalburg, S. 31f.
109Vgl. ebd., S. 41.
110Vgl. ebd., S. 42. Vgl. Drack, Walter: Die römischen Kanalheizungen der Schweiz, in: Jahrbuch für Schweizer
Urgeschichte 71, 1988, S. 123-159.
111Vgl. ebd., S. 62. Vgl. auch Forbes, R. J.: Studies in Ancient Technology, S. 57. Diese These hat sich als Erklärung für
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Vermutlich um 680 wurde hier der Versuch unternommen, eine klassische Pfeiler-
Hypokaustenheizung zur Erwärmung der Kirchenräume einzuziehen. Brandspuren an den Resten
des Fußbodens sowie an den Pfeilern zeugen von einer mangelhaften Ausführung und belegen die
zunehmende Unkenntnis im Bau von gepfeilerten Unterflurheizungen. Die nicht außerhalb, sondern
innerhalb des Hypokaustums liegende Feuerung bewirkte schließlich eine zeitnahe
Brandkatastrophe, denn schon um 700 musste ein neuer Kirchenbau an gleicher Stelle in Angriff
genommen werden.112
Abbildung 4 - Grundriss der Reste der Kanalheizung von Lauriacum (Aus: Bingenheimer, 1998, S. 42.)
Grundsätzlich anders sah die Situation im östlichen Teil des ehemaligen Römischen Reiches aus. In
dem sich dort etablierenden Byzantinischen Reich waren die Umwälzungen weniger gravierend als
im Westen. Hier lässt sich eine Kulturkonstanz in größerem Ausmaß erkennen, was sich auch
anhand des Badewesens und der Bäderbeheizung belegen lässt. Noch im 5. Jahrhundert zählte die
Notitia Urbis Constantinopolitanae für die Hauptstadt des Ostreiches acht große Thermenanlagen,
thermae, und 153 kleinere Bäder, balineae, auf.113 Insbesondere die Thermen standen noch in
Verbindung mit der klassisch-römischen Tradition der Palastkultur. Mit der zunehmenden
Christianisierung obliegt auch die oströmische bzw. byzantinische Badekultur im 5. und 6.
Jahrhundert einem Transformationsprozess. Nach Fikret Yegül bewegt sich dieser von der
Kombination „palace/mansion/bath“ hin zu „church/monastry/bath“ oder „mansion/church/bath.“114
den Rückgang der Pfeiler-Hypokausten allgemein durchgesetzt. Die in großen Ziegelbrennereien nahezu industriell
angefertigten Fußbodenplatten und Ziegel für die Pfeiler konnten nicht mehr in der entsprechenden Stückzahl
produziert werden. Es fehlte an Material, handwerklichem Können, Personal und Kapital sowohl r die großen
Produktionsbetriebe als auch für die Anlage von profanen Großbauten.
112Vgl. Hampel, Andrea: Der Kaiserdom zu Frankfurt am Main. Ausgrabungen 1991-1993, Nußloch 1994, S. 174ff.
113Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 183.
114Ebd., S. 187f.
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Daraus resultierte eine Abkehr von den großen, kaiserlichen Badehäusern, jedoch nicht eine
Verdrängung der kleinen Badestuben. Letztere sollten die 1000-jährige Geschichte des
Byzantinischen Reiches überdauern und gleichfalls in die islamische Badekultur der Hamam
übergehen.115 Nicht zuletzt werden mit dem Fortleben der antiken Bäder im Byzantinischen Reich
auch deren Heizungssysteme weitergeführt und, nach Berger, sogar „durch das ganze Mittelalter
tradiert.“116
Auch im islamisch-arabischen Raum wurde nicht nur antikes Wissen, sondern auch antike Technik
und Lebensweise adaptiert. So griff man beim Bau großer Repräsentativbauten Elemente römischer
und griechischer Architektur auf. Ein herausragendes Exempel hierfür liefert der Palastkomplex von
Khirbat Al-Mafjar, nahe dem heutigen Jericho. In der Mitte des 8. Jahrhunderts errichtet, verfügte
die Anlage neben einer Moschee über eine gigantische Therme, in welcher der zentrale
Aufenthaltsraum von 30x30 Metern mit einem klassischen, in römischer Tradition stehenden,
Pfeiler-Hypokaust ausgestattet war.117 Die antiken Unterflurheizungen existierten also im islamisch
geprägten Kulturraum des Mittelmeeres in ihren verschiedenen Formen mit diversen regionalen
Abwandlungen und Anpassungen weiter. Während zum Beispiel für den syrischen Raum ein
Übergang zum Bau von Kanalheizungen in Bäderanlagen zu beobachten ist, findet man in Spanien
und im Maghreb noch im 14. Jahrhundert die klassischen Pfeiler-Hypokausten.118
Im westlichen Teil des Reiches erlebte die Badekultur ebenfalls einen grundsätzlichen Wandel. Die
großen römischen Thermen gerieten schier ausnahmslos außer Gebrauch. Einerseits wurde im Zuge
der massiven Wanderbewegungen seit dem 4. Jahrhundert die Wasserversorgung der Städte durch
die Zerstörung der Wasserleitungen und Aquädukte unterbrochen, wodurch eine ausreichende
Versorgung der Bäder mit Frischwasser nicht mehr gewährleistet werden konnte. Auch die in ihnen
integrierten Pfeiler-Hypokausten werden deshalb kaum noch in Betrieb genommen worden sein.119
Anderseits brachten die einwandernden Germanen ihre eigene Badekultur, nämlich das Schwimmen
in freien Fließgewässern, in die besetzten Gebiete. Folglich vernachlässigten sie wohl auch die
Instandsetzung der alten Thermenanlagen.120 Nichtsdestotrotz konnte durch einen neuerlichen Fund
im heutigen Spanien eine kontinuierliche Nutzung eines alten römischen Pfeiler-Hypokaustums
nachgewiesen werden. In der Nähe von Toledo wurde eine klassische Hypokaustenanlage geborgen,
deren Kohlereste anhand von Radiokarbonuntersuchungen in die Zeit um 546 bis 657 nach Christus
115Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 188. Vgl. insbesondere Berger, Albrecht: Das Bad in byzantinischer
Zeit, München 1982, S. 33ff.
116Berger, A.: Das Bad in byzantinischer Zeit, S. 102.
117Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 209.
118Vgl. Grotzfeld, Heinz: Das Bad im arabisch-islamischen Mittelalter. Eine kulturgeschichtliche Studie, Wiesbaden
1970, S. 56ff.
119Vgl. Yegül, F.: Bathing in the Roman World, S. 199f.
120Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 44f.
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datiert werden. Damit war diese Heizung noch in der Westgotenzeit (507-725), also während der
Völkerwanderung, vollständig funktionstüchtig und im Einsatz.121
Trotzdem bleibt festzuhalten, dass in weiten Teilen des römischen Westreiches das Wissen um den
Bau von Pfeiler-Hypokausten sukzessive in Vergessenheit geriet. Hingegen blieb das Wissen um die
bereits an den Wohnungsbau angepassten Kanalheizungen mehr oder weniger konstant erhalten.122
Wenn auch die Funde von Kanalheizungen des 7. Jahrhunderts äußerst spärlich zu Tage treten,
schließt dies nicht aus, dass die alten, bereits in den Häusern installierten Heizungen kontinuierlich
weiterverwendet wurden. So wird von einigen Autoren angenommen, dass beispielsweise die
Kanalheizungen des Genfer Bischofssitzes vom 6. bis zum 10. Jahrhundert in Benutzung geblieben
sind.123 Was sollte auch die einwandernden Germanen davon abgehalten haben, die vorgefundenen
kleinen Wohnungsheizungen weiterzuverwenden? Zumal bereits erwähnt wurde, wie einfach sie zu
bedienen waren. Im Hinblick auf die technischen Errungenschaften der Römer war die
immigrierende Bevölkerung stets um Übernahme und Adaption bemüht. Dies ist unlängst für
andere Technologien, z.B. der Ölpresse oder der Wassermühle, belegt.124 Gleiches gilt vermutlich
auch für die Nutzung der Wohnungsbeheizungssysteme, namentlich der antiken Kanalheizungen.
Nur sind die Evidenzen hierfür kaum greifbar, da die Archäologie in Wohnhäusern aufgrund einer
stetigen Überbauung und Renovierung kaum Funde und Erkenntnisse für die frühen Stadien ihrer
Erbauungsgeschichte hervorbringen kann und wird.
Eine auffallend herausragende Rolle bei der Aneignung des kulturellen Bildungsgutes spielten die
aufstrebenden christlichen Institutionen, wie die Bischofssitze und die Klöster.125 Ähnlich verhält es
sich auch im Bereich der Adaption materieller Artefakte und Technologien. So erleben wir in
Kloster- und Kirchbauten das Fortleben der römischen Heizungstechnik durch die Aneignung und
Weiterentwicklung der römischen Kanalheizung. Archäologische Funde in den fränkischen
Großklöstern belegen dieses Bild, auf das im anschließenden Teil zu sprechen kommen wird. Die
Präsenz von Luftheizungen in der Zeit von Antike zu Mittelalter ist bislang jedoch überhaupt nicht
nachzuweisen. Die Kanalheizungen dieser Epoche funktionieren als reine Strahlungsheizungen und
sind dezidiert nicht als Luftheizungen zu identifizieren. Überhaupt sind keine Elemente von
Luftheizungen bei ihnen erkennbar.
121Vgl. Catanzariti, Gianluca, u.a.: New archaeomagnetic data recovered from the study of Roman and Visigothic
remains from central Spain (3rd7th centuries), in: Geophysical Journal International 188, Nr. 3, 2012, S. 979-993. Mit
Verweisen auf den zugehörigen Grabungsbericht von Rojas, J.-M., Gomez Laguna, A.-J.: El siglo VII frente al siglo
VII, in: Arquitectura. Anejos de AEspALI, 2009, S. 45-90.
122Vgl. Zettler, Alfons: Die frühen Klosterbauten der Reichenau. Ausgrabungen Schriftquellen St. Galler
Klosterplan, Sigmaringen 1988, S. 214.
123Vgl. ebd., S. 215. Im Speziellen siehe dort Fußnote 134.
124Vgl. Clemens, Lukas: Technologietransfer oder Innovation?, S. 25-32.
125Vgl. hierzu Prinz, Friedrich: Von den geistigen Anfängen Europas, in: Dieter Hägermann, u.a. (Hg.): Akkulturation.
Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frühem Mittelalter, Berlin 2004, S. 1-19.
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3.2. Frühmittelalterliche Fußbodenheizungen
Den Karolingern, einem fränkischen Hausmeiergeschlecht, gelang es ab dem 8. Jahrhundert als
Nachfolger des merowingischen Königtums weite Teile des zentralen europäischen Festlands zu
kontrollieren. Nachdem von Karl dem Großen auch das langobardische Königtum in Italien
beseitigte wurde, avancierte er zum mächtigsten König im ehemaligen Westteil des Römischen
Reiches.126
Grundlage für die militärischen und außenpolitischen Erfolge der Karolinger war nicht nur deren
geschicktes strategisches Auftreten, sondern auch die ökonomische Srke des Frankenreichs. In
den fränkischen Kernlanden kam es seit dem Aufstieg der Merowinger zu einem enormen
wirtschaftlichen Wachstum. Dies spiegelt sich unter anderem an den prosperierenden fränkischen
Großklöstern wider, welche mit ihren Grund- und Güterbesitzungen eine zentrale wirtschaftliche
Kraft darstellen. Sie vermochten es neben dem Ausbau des eigentlichen Klostergeländes auch den
außerhalb des Klosters gelegenen Besitz zu vermehren. Hiervon profitierte nicht zuletzt auch die
Ausstattung und Ausgestaltung der zentralen Klostergebäude.127
Ein besonders signifikantes Dokument für die frühmittelalterlichen Bau-, Sozial-, und
Wirtschaftsgeschichte ist der berühmte St. Galler Klosterplan, ein um 820 entstandener Idealplan
eines Benediktiner-Klosters. Dieser zeigt den Grundriss einer Klosteranlage mit all seinen
zugehörigen Gebäudeteilen. Funktion und Ausstattungen einzelner Räume werden hierbei figurativ
wiedergegeben, weshalb der St. Galler Klosterplan eine wichtige Quelle für die frühmittelalterliche
Heizungsgeschichte darstellt. Konrad Hecht hat sich in seiner Monografie über den St. Galler
Klosterplan diesen Symbolen gewidmet und identifizierte Abbildungen für drei verschiedene
Heizungstypen: Fußbodenheizungen, Kamine und offene Feuerstellen.128 (siehe Abbildung 5)
Abbildung 5 - Die Sinnbilder der ortsfesten Ausstattung zum Heizen. Für Kamine und offene Feuerstellen existieren
abweichende Darstellungsweisen. (Aus: Hecht, 1983, S.67.)
Von Interesse sollen hier speziell die Fußbodenheizungen sein. Während offene Feuerstellen, wie
Öfen, Herde oder Feuerschalen, sowie Kamine vielfach im Plan auftreten, lassen sich lediglich drei
Räume finden, die über eine Fußbodenheizung verfügten. Es handelt sich bei diesen jeweils um die
126Siehe hierzu Becher, Matthias: Karl der Große, München 2008.
127Vgl. Angenendt, A.: Das Frühmittelalter, S. 410ff.
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Aufenthalts- respektive Wärmeräume eines Klausurtrakts. Hiervon befindet sich einer im zentralen
Klausurumgang der Klosterkirche, die anderen beiden jeweils in den davon abgesonderten
Klausuren für die Novizen und Kranken.129
Abbildung 6 - Ausschnitt aus dem St. Galler Klosterplan. Deutlich zu erkennen das Symbol, welches auf eine
Unterflurheizung hindeutet.
Den designierten Wärmeräumen beziehungsweise Calefactorien ist im Plan die Bezeichnung pisalis
hinzugefügt, welche als mittelalterlicher Neologismus möglicherweise auf das antike pensilis, für
schwebend, rekurriert. Folglich nahm man lange Zeit an, dass es sich bei den Heizungen der
Wärmeräume um klassische Pfeiler-Hypokausten handelte.130 Eine genaue etymologische Analyse
des Begriffes pisalis von Klaus Bingenheimer, in der er alternative Optionen zur Entstehung des
mittellateinischen pisalis demonstriert, ruft allerdings Zweifel an dieser Interpretation hervor.131
Hinzukommt, dass im Laufe der Zeit möglicherweise eine Bedeutungsverschiebung und daher „für
den Begriff pisalis eine Differenz aus Sein und Heissen“132 zu konstatieren ist.
Die Wärmeräume sind außerdem mit einem schornsteinartigen Symbol versehen, welches
wahlweise die Aufschriften evaporatio fumi und exitus fumi aufweist.133 Auch diese Konstellation
rekurriert auf eine komplexere Heizungsanlage für die besagten Räume, weshalb eine
Fußbodenheizung als wahrscheinlich anzunehmen ist. Jedoch lassen, wie Hecht und Bingenheimer
übereinstimmend feststellen, die im St. Galler Klosterplan angedeuteten Symbole und Beifügungen
nicht auf die tatsächliche Bauart der hypokaustischen Heizungsanlage schließen.134
Mittlerweile gilt die These der Pfeiler-Hypokausten als revidiert. Stattdessen wird nunmehr davon
128Vgl. Hecht, Konrad: Der St. Galler Klosterplan, Sigmaringen 1983, S. 104.
129Vgl. ebd., S. 65f.
130Die verschiedenen Autoren, die diese Meinung vertraten, werden bei Hecht, K.: Der St. Galler Klosterplan, S.65, in
der Fußnote 27 aufgeführt.
131Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 51f. Die mittelalterliche Wortschöpfung pisalis lässt sich
auf verschiedene Weisen herleiten. So könnten die Wurzeln im antiken pensilis für schwebend, in Anlehnung an das
lateinische pensum für Tagewerk, aber auch im mittellateinischen pirale für Feuer bzw. Feuerung liegen. Am
wahrscheinlichsten ist jedoch eine Verschmelzung von ursprünglich divergierenden Bedeutungen.
132Vgl. ebd., S. 43.
133Vgl. Hecht, K.: Der St. Galler Klosterplan, S. 65.
134Vgl. ebd., S. 65f.
- 31 -
ausgegangen, dass die Fußbodenheizungen im St. Galler Klosterplan als Kanalheizungen zu
identifizieren sind. Die nötigen Erkenntnisse hierzu lieferten diverse archäologische Grabungen auf
dem Gelände des auf einer Bodenseeinsel gelegenen Benediktiner-Klosters Reichenau. Dabei
wurden gleich zwei Fußbodenheizungen freigelegt, eine älteren Errichtungsdatum aus dem
östlichen Trakt der Klausur und eine jüngere Installation aus dem westlichen Teil. Beide Heizungen
gehörten zu den Calefactorien des Klosters. Ursprünglich existierte ein solches seit dem frühen 9.
Jahrhundert im Ostflügel, doch wurde dieser zum Ende des gleichen Jahrhunderts überbaut und
umfunktioniert. Mit der Errichtung eines neuen Wärmeraums im Westflügel wurde schließlich auch
die alte Heizanlage aufgegeben, während die neue Heizung bis ins 13. Jahrhundert betrieben
wurde.135
Die Erkenntnisse aus dem Kloster Reichenau sind für die Heizungsgeschichte des Frühmittelalters
in zweifacher Hinsicht von herausragendem Wert. Zum einen wurden bei den Grabungsarbeiten
hervorragend gut konservierte Reste der Fußbodenheizungen freigelegt, die eindeutige
Rückschlüsse auf Art und Funktion der Heizungsanlagen zuließen. Zum anderen zeichnen sich die
Heizungsfunde durch eine besondere zeitliche Nähe zum St. Galler Klosterplan aus.136
Gerade die ältere der beiden Heizungen stellt, aufgrund ihrer Datierung, die Verbindung zu dem
benediktinischen Idealplan dar. Angefertigt wurde der Klosterplan von den Reichenauer Mönchen
wohl zwischen den Jahren 819 und 826. Zur gleichen Zeit kam es in der Klosteranlage zu
zahlreichen baulichen Erweiterungen und Veränderungen.
So ließ der einflussreiche Abt Haito (806-823) den Kirchenbau sowie die Klausur modernisieren
und vergrößern. Den Beginn machte dabei der Bau einer neuen Basilika, welche 816 geweiht
wurde. Anschließend folgte der Ausbau der östlichen Klausur inklusive des Einbaus der
zugehörigen Fußbodenheizung. Diese muss vor 823 fertiggestellt worden sein, da bereits unter dem
nachfolgenden Abt Erlebald (823-838) die Kirchenfassade und der Verbindungsteil zwischen
Kloster und Wärmeraum baulich angepasst wurden.137 Somit fallen die zwei Ereignisse, zum einen
die Errichtung der Heizung und zum anderen die Anfertigung des Klosterplanes, eng aufeinander.
Eine wechselseitige Beeinflussung ist daher stark anzunehmen, sodass sich sowohl die Art und
Betriebsweise der Heizung in den Symbolen und Bezeichnungen des St. Galler Planes
widerspiegeln, als auch die Verortung der Heizungen an den idealplanmäßigen Vorgaben zur
Errichtung eines Klosters orientierte.
135Siehe hierzu Zettler, Alfons: Die Konventbauten der klösterlichen Niederlassung auf der Reichenau, in: Hans-Rudolf
Sennhauser (Hg.): Wohn- und Wirtschaftsbauten frühmittelalterlicher Klöster. Internationales Symposium, 26.9.-
1.10.1995 in Zurzach und Müstair, im Zusammenhang mit den Untersuchungen im Kloster St. Johann zu Müstair,
Zürich 1996, S. 269-280.
136Vgl. Zettler, A.: Die frühen Klosterbauten der Reichenau, S. 198ff.
137Vgl. Zettler, A.: Die Konventbauten der klösterlichen Niederlassung auf der Reichenau, S. 276.
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Abbildung 7 - Kloster Reichenau. Zu erkennen sind die Heizungssysteme (Aus: Zettler, 1996, S. 276.)
Zusätzlich belegt scheint die Verbindung von Klosterplan und der Bauausführung im Kloster
Reichenau durch die archäologischen Kenntnisse über den Rauchabzug der älteren Heizung. Die
Kanäle der Fußbodenheizung aus der östlichen Klausur wurden unterhalb eines Gebäudeannexes
zwischen Klausur und Kirchenhaus in den bereits genannten Schornstein geführt. Dieser Annex,
welcher mit großer Wahrscheinlichkeit als Schreibstube Verwendung fand, wurde somit ebenfalls
durch die über den Schornstein abziehenden Gase erwärmt. Die Reste des Schornsteines wiederum
waren nochmals circa fünf Meter von der Außenwand versetzt im Freien stehend anzutreffen.138
Über einen unterirdischen Kanal mit der Fußbodenheizung verbunden, erscheint diese Konstruktion
in der Draufsicht genau so, wie die evaporatio fumi in ihrer zeichnerischen Umsetzung im St. Galler
Klosterplan. (siehe Abbildung 6 und 7)
Als entscheidenden Unterschied zu den römischen Hypokausten verfügten die Fußbodenheizungen
der Reichenau also über einen separat stehenden Schornstein, während der Rauchabzug in den
antiken Heizungen noch über die Wandtubulatur reguliert wurde. Die Materialen und
Möglichkeiten zur Herstellung solcher tubulierten Räume standen, wie bereits erwähnt, in dieser
Zeit nicht mehr zur Verfügung. Somit behalf man sich anstelle dessen mit einem sich außerhalb
befindenden Schornsteins.139 Ähnliches ist auch für die jüngere Fußbodenheizung des Klosters
Reichenau aus dem Westteil der Klausur anzunehmen. Obwohl die Reste des Abzugs nicht mehr
aufzudecken waren, ist bei diesem, aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts stammenden Anbau,
138Vgl. Zettler, A.: Die frühen Klosterbauten der Reichenau, S. 207.
139Vgl. ebd., S. 208f.
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von einer simultanen Einrichtung des nun hierhin verlegten Calefactoriums auszugehen.140
Bisher sind die beiden großflächigen Kanalheizungen des Klosters Reichenau die einzigen
archäologischen Funde frühmittelalterlicher Unterflur-Strahlungsheizungen. Im Benediktiner-
Kloster Müstair, welches ebenfalls aus der Zeit Karls des Großen stammt, konnten neben dem
ehemaligen Calefactorium die Reste einer ofenartigen Anlage freigelegt werden. Dabei wird es sich
vermutlich um das praefurnium der nicht mehr vorhandenen Kanalheizung des Klosters gehandelt
haben.141
Demzufolge kann man davon ausgehen, dass das Benediktiner-Kloster Reichenau in Hinsicht seiner
Beheizung kein Unikum darstellte. „Höchstwahrscheinlich verfügten indessen die anderen großen
und bedeutenden frühmittelalterlichen Klöster des Frankenreichs über ähnliche Heizungen wie die
Reichenau“142 heißt es hierzu bei Zettler. Auch Bingenheimer schließt sich diesem an und postuliert
ein generelles Vorhandensein solcher Heizungen „in den Klöstern des Bodensee- und
Nordalpengebietes.“143
Die angesprochenen benediktinischen Kanalheizungen stehen dabei eindeutig in römischer
Tradition, denn sie umfassen ein geschlossenes Heizsystem bestehend aus praefurnium, Kanälen
und Abzug. Damit sind sie Folgeprodukte der spätantiken Kanalheizungen, wie sie in Wohnhäusern,
Kirchenräumen und Bischofsresidenzen anzutreffen waren. Markanter Unterschied ist die Ableitung
der Rauchgase. Bei antiken Heizungen geschah dies über tubulierte Wände, in frühmittelalterlichen
Klosterheizungen hingegen über einen freistehenden Schornstein. Damit sind sie „allerdings nur als
Fußbodenheizungen mit einem geschlossenen Kanalsystem, nicht als Luftheizungen“144
anzusprechen.
Die antiken Pfeiler-Hypokausten sind also spätestens seit der Zeit der Karolinger aus dem West-
und Nordeuropäischem Raum verschwunden. Jedoch lebt das antike Erbe in den Kanalheizungen
weiter. Bei der Übermittlung dieses Wissens spielen, nach Zettler, die Benediktiner-Klöster eine
„wichtige, wenn nicht gar die entscheidende Rolle.“145 Somit geht die Entwicklung von den großen
römischen Hypokaustenanlagen wieder zurück zu den scheinbar simpleren Kanalheizungen. Doch
was auf den ersten Blick wie ein Rückschritt anmutet, offenbart sich, wie auch Bingenheimer
feststellt, „bei genauerer Prüfung […] als raffinierte Weiterentwicklungen und Verbesserungen ihrer
140Vgl. Zettler, A.: Die frühen Klosterbauten der Reichenau, S. 198ff.
141Vgl. Courvoisier, Hans Rudolf und Sennhauser, Hans Rudolf: Die Klosterbauten Eine Übersicht, in: Brigitt Sigel
und Alfred Hidber (Hg.): Müstair, Kloster St. Johann. Band 1: Zur Klosteranlage Vorklösterliche Befunde. 25 Jahre
archäologische Untersuchungen im Benediktinerinnenkloster (1969-1994), Zürich 1996, S. 28f. Vgl. auch
Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 58.
142Zettler, A.: Die frühen Klosterbauten der Reichenau, S. 197.
143Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 63.
144Ebd., S. 64.
145Zettler, A.: Die frühen Klosterbauten der Reichenau, S. 221.
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antiken Vorbilder.“146 Mit ihnen war man in der Lage, sowohl ähnlich große Räume wie in der
Antike mit nur einer Feuerstelle zu beheizen, als auch durch die Höhe und Abmessung des
freistehenden Schornsteins die Effizienz und den Verbrauch der Fußbodenheizung zu optimieren.147
Demnach dürfte der These, das Frühmittelalter als ein in technischer Hinsicht
unschöpferisch[es]148 Zeitalter zu charakterisieren, ein weiteres Argument entgegengebracht sein.
146Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 63.
147Vgl. ebd., S. 63f.
148Brödner, E.: Römische Thermen und antikes Badewesen, S. 159.
- 35 -
4. Luftheizungen im Frühmittelalter
4.1. Heißluft-Kanalheizungen (Typ I nach Bingenheimer)
Wie im vorausgegangenen Abschnitt dargestellt, blieb die Strahlungsheizung in römischer Tradition
die dominierende Form der Beheizung großer Räume im Frühmittelalter. Ihre wichtigste Bedeutung
und verbreiteteste Anwendung fand sie in Form von Kanalheizungen für die Calefactorien der
benediktinischen Großklöster. Bei den verschiedenen Ausformungen dieser Fußbodenheizungen
sticht eines deutlich heraus. Es handelte sich dezidiert nicht um Luftheizungen, sondern um reine
Strahlungsheizungen. Warme bzw. heiße Luft, die zur Erwärmung direkt in den Raum eingelassen
wurde, sollte erst in den kommenden Jahrhunderten verwendet werden. Doch waren es nicht die
klösterlichen Heizungen, welche zu Warmluftheizungen weiterentwickelt wurden die Großklöster
hielten vom 9. bis zum 11. Jahrhundert kontinuierlich an Kanalheizung fest149 sondern die
Heizungen repräsentativer Saalbauten, der sich insbesondere nach Osten ausbreitenden
Luidolfinger, Ottonen und Salier.
Nach der Teilung des karolingischen Frankenreiches unter den Söhnen Karls des Großen in drei
Herrschaftsgebiete war es zum Ende des 9. Jahrhunderts das sächsische Adelsgeschlecht der
Konradiner, welches die Dynastie der ausgestorbenen Karolinger im sich nun formierenden
ostfränkisch-deutschen Reich ablöste. Nach den Konradinern übernahmen im frühen 10.
Jahrhundert die Luidolfinger die Herrschaft und begründeten mit der Krönung Heinrich I. zum
ostfränkisch-deutschen König die Zeit der Ottonen. Mit ihnen begann eine Zeit des allgemeinen
Aufschwungs. Grundsätzlich ermöglicht wurde dieser durch ein stetiges Wirtschafts- und
Bevölkerungswachstum in den Kerngebieten der West- und Ostfränkischen Territorien. Der Einsatz
ertragssteigernder Techniken in der Landwirtschaft, wie die Einführung der Dreifelderwirtschaft
oder des Schweren Räderpfluges, sowie arbeitserleichternder und produktionssteigernder
Maschinen in der Verarbeitung, wie wasserradbetriebene Getreidemühlen, bewirkten eine
wechselseitige Befruchtung dieses sich fortführenden Prozesses. Dem kontinuierlichen
Binnenausbau schloss sich ab dem 10. Jahrhundert der Drang in die angrenzenden Gebiete an.
Unter den Ottonen erfolgte dies vorrangig in Richtung der an Sachsen grenzenden und östlich
gelegenen Gebiete mit slawischer Besiedlung. So drangen deutsche Heere und anschließend Siedler
in die Regionen des heutigen Nord- und Ostdeutschland, sowie nach Polen und Böhmen.150 Zur
Festigung und Sicherung ihrer Macht errichteten die Herrscher an den Grenzen ihrer Territorien
149Dies ändert sich erst mit dem Aufkommen der Reformorden im 11. Jh. Während die Benediktiner und Cluniazenser
am alten Bauprogramm festhalten, reduzieren die neuen Orden, die Hirsauer, Zisterzienser oder die Bettelorden, ihr
Bauprogramm. Über den weiteren Weg der Zisterzienser wird in Kapitel 5.1. zusprechen sein. Vgl. hierzu unter
anderem Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 68f. oder auch Zettler, A.: Die frühen Klosterbauten
der Reichenau, S. 221ff.
150Vgl. im Speziellen Higounet, Charles: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter, Berlin 1986.
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repräsentative Pfalzbauten. In der Zeit des sogenannten Reisekönigtums trugen diese enorm zur
Konsolidierung der königlichen Herrschafts- und Verfügungsgewalt bei. Als Rückzugsorte für die
eigene Gefolgschaft, zum Abhalten von Hoftagen für strategische Planungen sowie zur Einbindung
der ansässigen sächsischen Adligen und Eliten in das lokale Machtgefüge stellten die Pfalzen den
sozialen und politischen Mittelpunkt der herrschaftlichen Gesellschaft dar.151
Innerhalb den Pfalzen waren es die großen, geräumigen und weitläufigen Saalbauten, die
vornehmlich als Versammlungs- und Speisesäle dienten, welche einer stetigen Wärmezufuhr
bedurften. Insbesondere in der Winterzeit kälterer Regionen wurde die systematische Beheizung
solcher Säle zur Notwendigkeit. Während allerdings in südlicheren Gebieten einfache offene
Feuerstellen ausgereicht haben dürften obwohl auch hier zum Teil Fußbodenheizung zu erwarten
waren sollte sich an der nordöstlichen Grenze des salischen Einflussgebietes, konkret im
Harzraum, eine neue Art der Beheizung herausbilden. Erstmals wurde hier nachweislich die
Raumtemperierung mittels einströmender Warm- bzw. Heißluft reguliert. Diese frühen Formen der
von Bingenheimer als Heißluft-Kanalheizungen titulierten Installationen sollen nachfolgend
thematisiert werden.152
Insgesamt sind uns bis heute vier Exemplare solcher Heißluft-Kanalheizungen bekannt. Sie alle
sind in der Region um den Harz verortet und datieren in die Zeit vom 10. bis zum 13. Jahrhundert.
Erschlossen und dokumentiert wurden die im Folgenden angesprochenen Fälle bereits Ende des 19.
sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine vergleichende und zusammenfassende
Übersicht der Ergebnisse lieferten jedoch erst Edgar Ring, 1985, und Klaus Bingenheimer, 1998.153
Die Gemeinsamkeiten der vier Heißluft-Kanalheizungen lassen sich an drei für diesen Typ der
Warmluftheizungen konstitutiven Merkmalen festmachen. 1. Eine zentral gelegene Feuerstelle, das
praefurnium, zur Erzeugung von Wärme und heißen Rauchgasen. 2. Mehrere von dieser Feuerung
abgehende, sich unterhalb des zu beheizenden Raums befindende Kanäle, welche sich während der
Befeuerung mit heißem Rauch füllen. 3. Verschließbare Auslässe ausgehend von den Kanälen in
den oberhalb gelegenen Raum.
Letztere, also die verschließbaren Öffnungen, stellen das entscheidende Kriterium bzw. die
eigentliche Neuinnovation für die Identifikation dieser Heizungen als Luftheizungen dar.
Gleichzeitig zieht die Integration dieser Auslässe die Einführung einer sich ständig abwechselnden
Arbeitsweise nach sich. Das praefurnium wurde befeuert, die Dämpfe verteilten sich in den
Kanälen und erhitzten die sie umgebenden Steinmassen. Die Öffnung in den Raum galt es, während
151Siehe hierzu Binding, Günther: Deutsche Königspfalzen. Von Karl dem Großen bis Friedrich II (765-1240),
Darmstadt 1996, S. 27-58.
152Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 70ff.
153Siehe Ring, Edgar: Heißluftheizungen im Harzgebiet, in: Harzzeitschrift 37, 1985, S. 37-48. Siehe auch
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dieses Vorgangs, geschlossen zu halten, da sonst schädliche Rauch- und Abgase in den Raum
gelangten. Erst nachdem alle Rauchgase abgezogen waren, vermutlich durch die Schüröffnung der
Feuerung, konnte der Deckel der Auslassplatte zum Raum hin entfernt werden. Durch den nun
entstehenden Luftzug wurde kalte Luft von unten angesaugt, welche sich in ihrem Weg durch die
Kanäle mit der dort vorhandenen Heißluft mischte, sich durch die im Mauerwerk gespeicherte
Wärme zusätzlich aufheizte und so als warme Luft in den Raum eintrat und diesen temperierte.154
Der aufschlussreichste Fund einer solchen Heizung befindet sich auf der sächsischen Königspfalz
Werla in der Nähe von Goslar. Dort konnte ein Feuerungsraum eingebettet in ein hufeisenförmiges
Kanalsystem mit mehreren Auslassöffnungen freigelegt werden. Der zugehörige Bau stammt aus
der Mitte des 10. Jahrhunderts und wurde bis in das 14. Jahrhundert benutzt. Insbesondere die
deutlich zu Tage geförderten Auslassöffnungen (siehe Abbildung 8) charakterisieren diese Heizung
und lassen sie als Heißluft-Kanalheizungen klassifizieren.155
Abbildung 8 Pfalz Werla: Grundriss (links), Auslassöffnung (rechts) (Aus: Bingenheimer, 1998, S.74 und S.76.)
Eine ähnliche Anlage konnte in der ehemaligen Königspfalz Tilleda bei Sangershausen ausgegraben
werden. Dieser ebenfalls aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts stammende Bau wies ein
vergleichbares Kanalsystems unterhalb nicht näher zu bestimmender Räumlichkeiten auf. Auch hier
lassen die Reste auf eine Heißluft-Kanalheizung schließen, da neben den Kanälen zwar keine
Auslassöffnungen, dafür aber ein runder Verschlussstöpsel für die vorhandenen Öffnungen
gefunden wurde. Vermutlich war die Heizvorrichtung Teil der Hauptburg der Pfalz, welche jedoch
nur bis in das 12. Jahrhundert bewohnt war.156
Ein weitaus jüngerer Fund einer Heißluft-Kanalheizung stammt aus einer hochmittelalterlichen
Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 207-214.
154Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 207-214.
155Vgl. ebd., S. 211ff. sowie Ring, E.: Heißluftheizungen im Harzgebiet, S. 37ff.
156Vgl. ebd., S. 209. Vgl. auch Ring, E.: Heißluftheizungen im Harzgebiet, S. 41. Ring datiert die Anlage der Pfalz
Tilleda in das 12. Jahrhundert und geht somit von einer allgemein kurzen Existenz der Pfalz und ihres
Beheizungssystems aus.
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Burg nahe Gommerstedt im heutigen Thüringen. Hier verfügte der Wohnturm der Motte über eine
Kanalheizung mit Öffnungen in Richtung des Hauptaufenthaltsraumes. Laut Schätzungen wurde
diese Einrichtung allerdings nicht vor dem 13. Jahrhundert angelegt.157
Die vermutlich älteste uns bekannte Luftheizung aus Repräsentationsbauten des Frühmittelalters
entspringt der Burg Quedlinburg. Auch hier konnten Reste von Heizkanälen freigelegt werden, die
nach Bingenheimer, obwohl keine weiteren Hinweise auf Luftauslässe gefunden werden konnten,
als Heißluft-Kanalheizungen identifiziert wird. Unstimmigkeiten über die Datierung der Heizung
bestehen ebenfalls. Während Ring annimmt, dass die Heizung bereits im Jahre 922 beim Hoftag
unter dem ersten Salier Heinrich I. bestanden haben soll, geht Bingenheimer von einer
Erbauungszeit nicht vor 936, dem Jahr der Bestiftung der Burg Quedlinburg durch Heinrichs
Nachfolger Otto I., aus. Nichtsdestotrotz nehmen beide Autoren den salischen Bau in Quedlinburg
als bisher ältesten bekannten Fund einer Luftheizung, in Form einer Heißluft-Kanalheizung, in
Profanbauten des Mittelalters an.158
Aus diesen Ergebnissen drängt sich unweigerlich die Frage nach der Entstehung, Entwicklung bzw.
der „Erfindung“ dieses Heizungstypen auf. Beibehalten blieb ganz offensichtlich das Kanalsystem
und auch die Strahlungswärme des umgebenden Mauerwerks wurde weiterhin genutzt. Die
eigentliche Innovation, das neue Element im Kontrast zu den Kanalheizungen der benediktinischen
Klöster, war die Einleitung von Warmluft mittels Auslassöffnungen, also die Umformung der
Heizung in eine Konvektionsheizung. Dadurch konnte, zwar auf Kosten einer komplizierteren, weil
alternierenden, Betriebsweise, die Dauer, welche zur Erwärmung des Raumes benötigt wurde,
verringert werden, aber auch die Regulierung der Raumtemperatur vereinfacht und leichter
steuerbar gemacht werden.
Weiterhin fällt auf, dass die neuen Heizungstypen räumlich wie zeitlich geballt auftauchen. Mit
Ausnahme der Heizung auf der Burg Gommerstedt datieren die Heißluft-Kanalheizungen in das 10.
Jahrhundert. Alle verteilen sich räumlich in der Region um den Harz, ein Gebiet, welches im 10.
Jahrhundert zunehmend von sächsischen Siedlern unter Führung der salischen Könige erschlossen
wird.159
Warum kommt es aber genau hier zu dieser Neuerung? Fußbodenheizungen, so wie sie in den
fränkischen Klöstern seit dem 7. Jahrhundert nachweisbar sind, nämlich in Form der
Kanalheizungen, dürften auch in den nördlichen Klöstern errichtet worden sein. Nach Ring erhielt
mit den benediktinischen Mönchen auch das Wissen um Fußbodenheizungen Einzug in die
jeweilige Region. So vermutet Ring eine Weitergabe der Technik vom Kloster Reichenau zum
157Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 207.
158Vgl. ebd., S. 208. Vgl. auch Ring, E.: Heißluftheizungen im Harzgebiet, S. 40.
159Vgl. ebd., S. 105f.
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Kloster Fulda, gegründet 744, und dem harznahen Kloster Freckenhorst, gegründet 860 nach
Christus.160
Eine erhöhte Dringlichkeit zur Beheizung bestand ebenfalls in den neuen großen Pfalzbauten, da
das Klima in Harzraum deutlich kälter als das im Süden des ostfränkischen Reiches ausfällt. Doch
wurden hier nun keine einfachen Strahlungsheizungen wie in den Klöstern errichtet, sondern
Kanalheizungen mit Heißluftauslässen. Woher kommt also das Konvektionsprinzip? Klaus
Bingenheimer, der sich ausführlich mit dieser Frage beschäftigt hat, gibt hierzu eine recht plausible
Antwort. Er sieht in den frühen Heißluft-Kanalheizungen das Verschmelzen zweier Kulturen und
deren technische Praxen, denn die sich im Harzraum ausbreitenden sächsisch-salischen Siedler
kamen mit der dort ansässigen slawischen Bevölkerung in Kontakt. Die slawische Kultur kennt
jedoch keine eigenständigen, separaten Heizungsanlagen. Stattdessen wurde die Erwärmung der
slawischen Wohn- und Aufenthaltsräume durch einen multifunktionalen Ofen gewährleistet. Bei
diesem handelte es sich um einen relativ großen Rauchofen in der Mitte des Raumes, der
gleichzeitig zum Kochen, Backen, Grillen, Rösten, aber auch zum Erwärmen der Wohnung und des
Badewassers, als Schlafstelle oder gar als Versteck gedient hat. In den Rauchhäusern der Slawen
erzeugte ein solcher, auch als pec bezeichneter, Ofen ausreichend Wärme für alle nötigen
Tätigkeiten im Haushalt und konnte auch nach dem Verglühen des Feuers durch die abgegebene
Rest- und Speicherwärme eine angenehme Raumtemperatur erzeugen.161
Diese technische Errungenschaft bzw. Ausprägung wurde nun, Bingenheimer zufolge, in die Mitte
der aus den südlichen Regionen bekannten Kanalheizungen verpflanzt und zur Erzeugung von
Wärme für Kanäle und Räume eingespannt. Besonders deutlich wird dies scheinbar am Beispiel des
bereits genannten Falles auf der Pfalz Werla, bei der sich der Ofen, das praefurnium, in der Mitte
der Kanalkonstruktion befand und vermutlich aus einem slawischen Vorgängerbau hervorgeht. Das
heißt, die Kanäle wurden wahrscheinlich nachträglich um den Ofen herum gebaut, um weiterhin
dessen Wirkprinzip und Wärmeleistung zu nutzen.162 Um letzteres noch intensiver auszunutzen,
wurde die Gesamtanlage um Luftzug erzeugende Öffnungen erweitert, sodass abgasfreie Luft
rascher den Raum beheizen konnte.
So versteht Bingenheimer die Entwicklung der Heißluft-Kanalheizung grundsätzlich als eine
Synthese von slawischer und germanisch-sächsischer Kultur. In den Kontaktzonen dieser zwei
Kulturen wird sie anhand der technischen Innovationen greifbar.
Die karolingischen Kanalheizungen in Klöstern des Frühmittelalters standen noch in spätantik-
160Vgl. Ring, E.: Heißluftheizungen im Harzgebiet, S. 46.
161Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 81f.
162Vgl. ebd., S. 98. Bingenheimer vermutet hier einen slawischen Schmelzofen. Trotzdem wurde mehrere slawischen
Öfen im Umkreis von sächsischen Siedlungen gefunden.
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mediterraner Tradition. […] Anders die Anlagen der sächsischen, salischen und staufischen
Kaiserzeit. Hier wird eine kulturelle Kraft spürbar, die Entlegenes und Heterogenes zu etwas noch
nicht Dagewesenem zusammenfügt […] In den Luftheizungen des Harzgebiets manifestiert sich ein
technisches Experimentieren, das Elemente spätantiker Kanalheizungen mit Prinzipien technischer
Öfen und dem Rauchofen slawischer Völker zu einer völlig neuen Erfindung verbindet.163
Diese neue Erfindung war die Luftheizung in seiner frühen Form als Heißluft-Kanalheizung. Die
bislang vier bekannten Exemplare fasst Bingenheimer in seiner Analyse der mittelalterlichen
Luftheizungen als einen separaten Typ (Typ I) zusammen. Sie tauchten frühestens ab dem 10.
Jahrhundert geballt im Harzraum auf, sodass Bingenheimer ihre Entstehung in dergleichen
Umgebung ansiedelt. Möglicherweise lag der Ursprung der Luftheizung jedoch südlicher als
vermutet. Der karolingische Königshof Attersee im heutigen Oberösterreich verfügte ebenfalls über
eine technische Heizanlage. Diethard Meyer titulierte diese als Luftheizung mit Kanälen und
datierte sie in das 9. Jahrhundert.164 Daraus resultierend ließe sich diese Heizung als früheste
Heißluft-Kanalheizungen interpretieren. Bingenheimer jedoch widerspricht und geht von einem
nachträglichen Einbau der Heizung im 13./14. Jahrhundert aus.165 Damit bliebe weiterhin die
salisch-sächsische Harzregion das Entstehungsgebiet dieser Art von Warmluftheizung. Doch sollte
hier bereits deutlich werden, wie schwierig die Genese der frühmittelalterlichen und nach dem
Konvektionsprinzip arbeiteten Heizungen nachzuempfinden ist.
4.2. Direkte Luftheizungen mit Gewölbeofen (Typ II nach Bingenheimer)
Eine erste Stufe der Weiterentwicklung erlebte die Luftheizung der Harzregion in der Zeit der
staufischen Königsherrschaft. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts verschwanden die Kanäle
der Heizungsbauten zu Gunsten eines massiv vergrößerten praefurniums bzw. Feuerungsofens.
Dieser erstreckte sich direkt unterhalb des zu beheizenden Raumes von einem dem Gebäudeteil
seitlich gelegenen Zugangs bis hin zu den meist in der Mitte des Raumes platzierten Luftauslässen.
Dieser neue Ofen war von seiner Bauart her, vom Eingang bis hin zu den Luftauslässen, als
begehbares Gewölbe konstruiert und wird daher nach der Klassifizierung von Bingenheimer als ein
neuer Typ (Typ II), nämlich als eine direkte Luftheizung mit Gewölbeofen, bezeichnet.166
Zwei signifikante Heizungen dieser Art resultierten aus dem staufisch-welfischen Gegensatz. Im 12.
Jahrhundert wetteiferten staufische und welfische Adelige um die vakant gewordene
Königsherrschaft im römisch-deutschen Königreich. Beide Adelsgeschlechter verfügten über
zahlreiche Ländereien, Besitzungen und Güter und hegten Anspruch auf die Krone. Die
163Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 105.
164Vgl. Meyer, Diethard: Warmluftheizungen des Mittelalters. Befunde aus Lübeck im europäischen Vergleich, in:
Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgeschichte 16, 1989, S. 221.
165Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 360.
166Vgl. ebd., S. 215-231.
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Machtdemonstration sollte sich auch in ihren Bauwerken, insbesondere in den Pfalzen und Burgen
widerspiegeln.167
Eine solche Burg ließ der Welfe Heinrich der Löwe zwischen 1160 und 1175 in Dankwarderode bei
Braunschweig errichten. Als Neuerung dieser Burg tritt hier erstmals eine große Gewölbeheizung
unterhalb zweier Säle der Anlage auf. Zwei tunnelartige Öffnungen führten von der Seite aus in
leicht gekrümmten Verlauf bis in die Mitte des Raumes. An den Zugängen zu den Tunneln war
jeweils eine „Art Feuerungsraum“ vorgeschaltet, von dem aus die Gewölbeöfen zu begehen und
bedienen waren.168 An den Enden der Gewölbetunnel sind Luftauslässe zu vermuten, doch konnten
sie archäologisch nicht nachgewiesen werden. Die Funktionsweise dieser Heizung ist wie folgt zu
erklären: In einem ersten Arbeitsschritt wurden brennbare Materialen auf der gesamten Bodenfläche
des Gewölbeofens platziert. Anschließend wurden diese entfacht und bei langsamem Glimmen
erwärmte sich das umliegende Gestein des Mauerwerkes. Dabei gilt es zu erwähnen, dass der Ofen
aus besonders hitzeresistentem Kalkstein unter Verwendung von feuerfestem Lehmmörtel errichtet
wurde um hohe Temperaturen im Mauerwerk ohne große Verschleißerscheinungen zu
gewährleisten.169 Nachdem das Feuer erloschen war, entfernte man die restliche Glut und Asche aus
dem begehbaren Gewölbetunnel und entsorgte sie über das Außengebäude. Nun konnten die Deckel
der Luftauslässe in der Mitte des Saales angehoben werden. Es entstand ein Sog zwischen dem
seitlichen Zugang und dem Luftauslass, welcher warme Luft in den Saal hineinzog.170 (siehe
Abbildung 9)
Kurz nach der Fertigstellung der Burg Dankwarderode trat in den staufischen Besitzungen eine
ganz ähnliche Heizungsvariante auf. Im sächsischen Goslar beherrschten die Staufer die noch aus
ottonischer und salischer Zeit stammende Kaiserpfalz. Im Zuge repräsentativer
Erweiterungsmaßnahmen veranlasste Kaiser Heinrich VI. (1190-1197) die Errichtung einer
Warmluftheizung unter der aula imperialis, den großen Aufenthaltsraum der Pfalz. Vorbild und
Ansporn hierzu wird vermutlich die Heizung in der Burg Heinrichs des Löwen gewesen sein. Auch
in Goslar wurden zwei von außen begehbare Gewölbegänge unterhalb der Aula errichtet. Anders als
in Braunschweig konnten hier Reste von Luftauslässen eindeutig nachgewiesen werden und sind bis
heute sogar noch sichtbar. Ursprünglich existierte nur je eine solche Öffnung an den Enden der
Gewölbe, womit die Warmluftheizung in Goslar einen nahezu identischen Grundriss zu der Anlage
in Dankwarderode aufwies. Nach einem Brand um 1290 wurden die Säle der Pfalz jedoch
167Einen Überblick hierzu gibt Görich, Knut: Die Staufer. Herrschaft und Reich, München 2006.
168Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 102. Vgl. auch Ring, E.: Heißluftheizungen im
Harzgebiet, S. 42f.
169Vgl. ebd., S. 104. Zur Beschreibung des verwendeten Materials siehe auch Hölscher, Uvo: Die Kaiserpfalz Goslar.
Denkmäler deutscher Kunst. Die Deutschen Kaiserpfalzen, Band 1, Berlin 1927, S. 43.
170Vgl. Ring, E.: Heißluftheizungen im Harzgebiet, S. 42f. Vgl. auch Hölscher, U.: Die Kaiserpfalz Goslar, S. 128.
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umfunktioniert. Der große Saalbau wurde nun dem städtischen Bürgerrat übergeben, welcher diesen
durch den Einbau von mehreren Wänden in sieben getrennte Räume unterteilte. Um die Beheizung
der neuen Räume sicherzustellen, wurden die Gewölbeöfen an den Enden durch eine T-Gabelung
erweitert, deren Enden in den benachbarten Räumen lagen und auch dort einen Warmluftauslass
aufwiesen. Somit waren, ausgenommen der zentralen Eingangshalle, die sechs links und rechts
anliegenden Räume über das Unterflurgewölbe mittels Warmluftzufuhr beheizbar.171
Abbildung 9 - Heizungsanlage der Burg Dankwarderode (Aus: Bingenheimer, 1998, S. 103.)
Trotz dieser spätmittelalterlichen Erweiterung bleibt der Gewölbeofen, in dem die nötige
Speicherhitze für die Warmluft erzeugt wird, das entscheidende funktionale Element dieses
Heizungstypen. Und es unterscheidet sich damit deutlich von den noch im 10. und 11. Jahrhundert
konstruierten Heißluft-Kanalheizungen. Klaus Bingenheimer erkennt folglich in diesem Befund
einen neuen Typ der mittelalterlichen Luftheizungen und fasst dies wie folgt zusammen:
Funktion und Bauartmerkmale der Heizungen von Dankwarderode und von Goslar (in ihrer
ursprünglichen Gestalt) sind einander so ähnlich, ihre geografische Lage und ihre Erbauungsdaten
zudem so eng benachbart, dass beide als ein Typus identifiziert werden können, der aus dem selben
technischen Vorbild entwickelt wurde. Dieses Vorbild war, wie ich meine, nichts anderes als die
slawische pec, der multifunktionale, aus Steinen gewölbte Ofen, […].172
Wie schon bei den Heißluft-Kanalheizungen, floss also auch in diesen Entwicklungsschritt das
Wissen um slawische Wohn- und Haustechnik ein. Doch während die pec in ihrer slawischen Form
noch direkt innerhalb der zu beheizenden Räume zu finden war, „wanderte“ sie nun „unter den
beheizten Raum.“173 Eine Veränderung unterlag damit auch dem Wirkungsprinzip der Öfen. Die
171Vgl. Hölscher, U.: Die Kaiserpfalz Goslar. S. 137f. Vgl. auch Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S.
99ff.
172Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 104.
173Ebd.
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Trennung von Feuerungs- und Erwärmungsvorgang so wie es auch beim Backen mit einer pec
praktiziert wurde ermöglicht die Zufuhr rauch- und rußfreier Warmluft. Als zusätzliche
Innovation kamen die Heißluftauslässe hinzu, welche, nach Bingenheimer, „ihre Vorbilder in den
Kanalheizungen des 10./11. Jahrhunderts“174 hatten.
Ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts kommen direkte Luftheizungen mit Gewölbeöfen auch
in einigen Klosterbauten des Dominikaner-Ordens vor. Insgesamt wurden bisher drei solcher
Heizungen identifiziert. 1. Eine um 1251 errichtete, sich im Keller des Refektoriums befindende,
Heizung im Dominikaner-Kloster Budapest. 2. Ein vor 1268 errichteter, sich im Keller der
Westklausur des Klosters befindender, Bau im Dominikaner-Kloster Esslingen. 3. Eine um 1286
errichtete, sich unterhalb des Calefactoriums befindende, Anlage im Dominikaner-Kloster Jena.175
Alle drei waren wesentlich kleiner dimensioniert als die Heizungen der Saalbauten in der
Harzregion und verfügten nicht mehr nur über einen großen Luftauslass am Ende des Gewölbes,
sondern über mehrere kleine Auslasslöcher, die über variierende Systeme zu bedienen waren. So
gab es in Budapest und Esslingen vermutlich ein einfaches Stöpselsystem, während in Jena ein alter
Mühlstein zu einer Regulierungsplatte umfunktioniert wurde.176 Allerdings weisen die in Budapest,
Esslingen und Jena verwendeten Baumaterialen eindeutig auf eine Nutzung des Gewölbes als
Feuerung hin, womit eine direkte Einfuhr der Wärme über den Gewölbeofen vorausgesetzt werden
kann.177
Neben den Gewölbeheizungen von Goslar und Dankwarderode, sowie denen der
Dominikanerklöster, gibt es noch zwei weitere Heizungsfunde ähnlichen Typs, die aber nicht
präzise identifiziert und datiert werden konnten. Dabei handelt es sich neben einen Fund aus einem
Herrensitz in Düna, gelegen im südwestlichen Harzvorland, um eine weitere Heizungsanlage des
Benediktiner-Klosters Reichenau. Beide werden von Bingenheimer als Typ II erkannt und scheinen
wesentlich älter als die vorher besprochen Heizungen zu sein.
Bei umfangreichen Ausgrabungen auf dem Landsitz Düna wurden Reste aus verschiedenen
Siedlungsphasen freigelegt. Bei einem der aus dem Frühmittelalter stammenden Gebäude des
Landgutes konnte eine Heizung entdeckt werden, die nach dem Bericht der Ausgrabung von Lothar
Klappauf auf eine direkte Luftheizung schließen lässt. „Das Gebäude war beheizbar mit einem
aufwendigen, von außen zugänglichen Ofenraum, mit großem überkuppeltem, in das Erdgeschoss
ragendem Ofen.“178 Weitere Hinweise als die bloße Erwähnung eines gewölbten Ofenraumes bietet
174Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 104.
175Vgl. ebd., S. 135ff.
176Vgl. ebd., S. 136ff.
177Vgl. ebd., S. 138f. Weitere Interpretationsmöglichkeiten, wie eine Ofen-in-Ofen Konstruktion oder eine Feuerung
von außen, können demnach für diese Fälle ausgeschlossen werden.
178Vgl. Klappauf, Lothar: Ausgrabungen des frühmittelalterlichen Herrensitzes von Düna/Osterode, in: Ausgrabungen
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der Grabungsbefund indessen nicht. Deshalb bleibt hier unklar, ob die Ofenheizung des
Herrensitzes in Düna das Prinzip der Luftheizung einband. Auch die Datierung bleibt vage.
Während Klappauf den Bau der Heizung in eine Zeit zwischen 800 und 1000 verortet, dürfte, nach
Bingenheimer, eher eine Errichtung der Anlage zwischen 1000 und 1100 zutreffend sein.179 In
jedem Fall wäre die Heizung von Düna früher, als die großen Gewölbeheizungen der nur unweit
entfernt liegenden Pfalzen aus der Stauferzeit, errichtet worden. Ein weiterer Heizungsfund darf
hier, insbesondere aufgrund seiner räumlichen Nähe zum Herrensitz in Düna, nicht außer Acht
gelassen werden. Auch in der, nur wenige Kilometer entfernten Königspfalz Pöhlde, aus ottonischer
Zeit, wurden Reste mehrerer Heizungssysteme gefunden. Königsbesuche für Pöhlde sind von seiner
erstmaligen Nennung 922 bis in die Zeit der Salier 1059 bezeugt. Aufgrund der nur fragmentarisch
und extrem ruinös erhaltenen Überreste besteht jedoch völlige Unklarheit über die Datierung, das
Aussehen und die Funktionsweise der Heizanlage der Pfalz Pöhlde.180
Ein analoger Fall liegt uns für das Benediktiner-Kloster Reichenau vor. Das Inselkloster, welches
bereits bezüglich seiner Kanalheizungen der Calaefactorien thematisiert wurde, war womöglich
auch mit einer direkten Luftheizung bestückt. Zwischen der nördlichen Wand der Klosterkirche und
der östlichen Klausur mit dem alten Calefactorium schloss ein kleiner Raum, welcher als
Schreibstube identifiziert wurde, an. Jene war, nach Zettler, ursprünglich an die Fußbodenheizung
der östlichen Klausur angeschlossen.181 Der Schornstein der Kanalheizung des Calefactoriums
befand leicht versetzt zu der dazwischen liegenden Schreibstube. Dadurch konnten die Abgase
mittels eines weiteren Ringkanals unterhalb dieser entlanggeführt werden, den Raum durch ihre
Restwärme aufheizen und schließlich durch den Schornstein entweichen.182 Im Zuge der Verlegung
des Calefactoriums in den Westflügel der Klausur im 9. Jahrhundert wurde die alte Kanalheizung
außer Betrieb genommen. Folglich war auch die Schreibstube nicht mehr an das Unterflur-
Heizsystem des Klosters angebunden und bedurfte einer unabhängigen Heizmöglichkeit. Letztere
wurde geschaffen, indem von Norden her ein Stichkanal unter die Mitte der Schreibstube geführt
wurde, der dort in einer Öffnung endete. Dieser Befund wurde verschiedentlich gedeutet. Emil
in Niedersachen: Archäologische Denkmalpflege 1979-1984, Stuttgart 1985, S. 227f.
179Vgl. Klappauf, L.: Ausgrabungen des frühmittelalterlichen Herrensitzes von Düna/Osterode, S. 227. Vgl.
Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 218.
180Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 375. Vgl. Ring, E.: Heißluftheizungen im Harzgebiet, S.
45. Eine der Heizungen in Pöhlde befand sich auf einem Gelände, welches ab dem 13. Jahrhundert dem dort errichteten
Benediktinerkloster angegliedert war. Die Mönche formten die Heizung wahrscheinlich im 14. Jahrhundert in eine
Luftheizung mit Steinspeicher um.
181Vgl. Zettler, A.: Die frühen Klosterbauten der Reichenau, S. 211. Zettler bezieht sich bei seinen Ausführungen auf
die ursprünglichen Grabungsberichte von Emil Reisser in Reisser, Emil: Die frühe Baugeschichte des Münsters zu
Reichenau, in: Forschungen zur deutschen Kunstgeschichte 37, 1960.
182Vgl. ebd. S. 211f.
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Reisser183 beschreibt diese Konstruktion als Heizgrube, Alfons Zettler184 hingegen betitelt sie als
Kamin bzw. Ofen und Klaus Bingenheimer185 erkennt in ihr das „auf einer eher experimentellen
Stufe stehende Exemplar einer Luftheizung.“186 Während die beiden älteren Autoren eine
Luftheizung ausschließen, ist nach Bingenheimers Interpretation der Stichkanal als eine von außen
zu bedienende Feuerstelle zu verstehen, die in Verbindung mit dem alten Schornstein der
Kanalheizung stand. Solange gefeuert wurde, war die Öffnung zur Schreibstube mit einem Deckel
verschlossen, sodass der Rauch über den Schlot abziehen konnte. Anschließend wurde, wie bei
Luftheizungen üblich, die Verbindung zum Abzug geschlossen und ein Luftzug durch das Entfernen
der Luftauslassdeckel erzeugt, welcher Warmluft in das Scriptorium transportierte. Trotz des
Fehlens der benötigten archäologischen Evidenzen - weder die Verbindung von Stichkanal zu altem
Schornstein noch die nötigen Regulierungsplatten konnten nachgewiesen werden erscheint die
Erklärung Bingenheimers als relativ schlüssig und durchaus zutreffend.187
Folglich hätte man, wenn die These von Bingenheimer als zutreffend angenommen wird, auf der
Reichenau den frühsten Fund einer mittelalterlichen Warmluftheizung. Mit ihrer Errichtung in der
zweiten Hälfte des 9. Jahrhundert reicht diese direkte Luftheizung188 deutlich weiter als die der
staufischen aus dem 12. Jahrhundert zurück. Auch die ottonischen und salischen Heißluft-
Kanalheizungen entstammen frühestens dem 10. Jahrhundert und wären damit jüngeren Ursprungs.
Demzufolge wäre auch die von Bingenheimer selbst entworfene Theorie der Adaption slawischer
Ofentechnologie in der frühmittelalterlichen Entwicklung von Warmluftheizungen nur noch bedingt
haltbar. Die Luftheizung des Scriptoriums der Reichenau würde daher wohl losgelöst von
slawischem Einfluss entstanden sein. Stattdessen ginge sie eher aus einem kreativen,
problemlösungsorientieren, klösterlichen Kontext hervor, bei dem bereits vorhandene Techniken
weiterentwickelt und angepasst werden. Die slawische pec wird vermutlich erst 100 bis 200 Jahre
später ihre Wirkung auf die Entwicklung der Luftheizungen ausüben. Bis dahin bleiben vermutlich
die benediktinischen Klöster die wirksamste Instanz, über die das Wissen um Unterflur-, Kanal-,
und Luftheizungen Richtung Norden und Osten vordringt. Genauere Auskünfte über das Vordringen
der Technologie und ihrer Prinzipien in den Norden lassen kürzlich getätigte und möglicherweise
auch zukünftige Funde erwarten. So wurde bei Grabungen auf der Burg Affaltersbach-Wolfsölden
bei Ludwigsburg eine Luftheizung aus dem 11. Jahrhundert freigelegt. Diese Anlage, welche sich
jedoch nicht in das Schema von Bingenheimer einpassen lässt, stellt, auf halbem Wege zwischen
183Siehe hierzu Reisser, E.: Die frühe Baugeschichte des Münsters zu Reichenau, S. 69.
184Siehe Zettler, A.: Die frühen Klosterbauten der Reichenau, S. 212.
185Siehe Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 58ff.
186Ebd., S. 61.
187Vgl. ebd., S. 60f.
188Vgl. ebd., S. 228ff. Bingenheimer ordnet diese Heizung des Klosters Reichenau nach seiner Typisierung in den „Typ
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Bodensee und Harz gelegen, womöglich ein weiteres Puzzleteil der doch recht verworrenen
Entwicklungsgeschichte der Warmluftheizungen dar.189
4.3. Zusammenfassender Zwischenbefund
Bei genauer Betrachtung der Entwicklung der Heizungstechnologie für den Zeitraum vom 9. bis
zum 12. Jahrhundert fallen mehrere Aspekte ins Auge. Das Prinzip der über Abstrahlung
arbeitenden Fußbodenheizungen aus der Antike bleibt bis ins Frühmittelalter bekannt. Es
manifestiert sich eindrucksvoll in den Kanalheizungen des Benediktiner-Klosters Reichenau und
dem St. Galler Klosterplan. Mit der Ausbreitung des Benediktiner Ordens wird auch das Wissen um
solche Heizungsanlagen transferiert. Doch beginnt nun eine Phase, in der die Fußbodenheizungen
an neue klimatische Verhältnisse, an größere Räume und an andere Bautechniken angepasst werden
müssen. Diese markiert gleichfalls das Ende der reinen Strahlungsheizungen. In einer Zeit des
Experimentierens entstehen nun die ersten wirklich nachweisbaren Anlagen mit direkter
Warmluftzufuhr über Kanäle in den zu beheizenden Raum. Diese ersten Exemplare, welche noch
deutliche Spuren der frühmittelalterlichen Kanalheizungen aufweisen, lassen sich in gewissem
Maße als ein eigener Typus, wie von Bingenheimer dargelegt, zusammenfassen. Auch der nächste
Entwicklungsschritt, bei dem die Kanäle durch ein vergrößertes Gewölbe ersetzt werden, lässt sich
durchaus als eigenständiger Typ beschreiben. Allerdings kann eine solche Typisierung leicht ein
Bild von einem linear fortschreitenden Prozess suggerieren und dabei die eigentlich äußert
komplexe Entstehungsgeschichte der mittelalterlichen Heizungstechnik verwischen. Die
Entwicklung von Typ I zu Typ II erfolgt nicht schrittweise aufeinanderfolgend. Stattdessen bilden
sich die frühmittelalterlichen Warmluftheizungen durch stetiges und sukzessives Umbauen,
Erweitern, Verbessern und Experimentieren heraus. Hierbei begegnet uns jede Heizung in seiner
Form und Bauausführung als einzigartig; eine Entwicklung, die für das frühe Mittelalter nur allzu
selbstverständlich erscheint. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, ob eine Typisierung überhaupt
sinnvoll und machbar ist, denn auch die Ergebnisse von Bingenheimer weisen markante Schwächen
auf. So lässt der Fall Reichenau deutlich eine Verschmelzung mehrerer Varianten von Heizungen
Fußboden- wie Luftheizungen erkennen und zeigt noch deutlicher, wie schwierig
Entwicklungslinien tatsächlich herzuleiten sind. Denn wie bereits aufgezeigt, existierten im
Benediktiner-Kloster Reichenau mehrere Unterflurheizungen parallel. Davon standen zwei in enger
Verbindung mit den römischen Kanalheizungen. Eine weitere war jedoch eindeutig schon als
II direkte Luftheizung mit Gewölbeofen“ ein
189Eher zutreffend ist hier also die These von Edgar Ring von der Verbreitung der Heizungstechnologie über die
Kloster Fulda und Kloster Freckenhorst. Vgl. hierzu Ring, E.: Heißluftheizungen im Harzgebiet, S. 46. Zu
Affaltersbach-Wolfsölden vergleiche Arnold, S.: Warme Luft und sauberes Wasser, in: Archäologie in Deutschland, Nr.
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Luftheizung zu identifizieren. Letztere wird von Bingenheimer zwar als eine Luftheizung mit
Gewölbeofen, dem Typ II nach seiner Einteilung, angesehen, bleibt aber, als ein Fund aus dem 9.
Jahrhundert, in gewisser Weise ein Sonderfall und lässt sich nicht so recht in das Gesamtbild
einfügen, denn der Typ II taucht dann erst wieder knapp 200 Jahre später und mehrere 100
Kilometer von der Reichenau entfernt in der Region um den Harz auf. Dazwischen, also vom Ende
des 10. bis zum 12. Jahrhundert, dominieren die Funde anderer Heizungsvarianten: den Heißluft-
Kanalheizungen, nach Bingenheimer Typ I. Demnach sagt die Klassifizierung der Heizungen nach
Typen nichts über die Entwicklung und anschließende Diffusion der Technik aus. Für das
Frühmittelalter lassen sich, nur grob, folgende Erkenntnisse festhalten: Die erste nachgewiesene
Luftheizung entstammt wahrscheinlich dem Bodenseekloster Reichenau und wurde im 9.
Jahrhundert nach Christus errichtet. Ab dem 10. Jahrhundert tauchen kombinierte Kanal- und
Luftheizungen in etwas nördlicheren Regionen auf und verbreiten sich dort bis in das 12.
Jahrhundert. Dabei ist jedoch jede Heizung eher als Unikat zu betrachten, denn es gibt kaum
vergleichbare Merkmale zwischen den einzelnen Varianten. Außerdem treten Warmluftheizungen in
dieser Zeit nur punktuell auf und es zeigt sich deutlich ein Stadium des Probierens, Ausfeilens und
Experimentierens. Ob hierbei die slawische pec einen Einfluss hatte, bleibt ungewiss. Für die
Luftheizungen des Harzraumes wäre eine solche These durchaus nachvollziehbar, doch ließe sie
sich nur schwer auf die älteren und doch auch räumlich sehr weit vom slawischen Kulturraum
entfernten Luftheizungen der Alpenregion übertragen.
2, 2006, S. 40
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5. Luftheizungen im Hoch- und Spätmittelalter
5.1. Indirekte Luftheizungen (Typ III nach Bingenheimer) Eine Luftheizung der
Zisterzienser?
Der 1098 gegründete Orden der Zisterzienser erfreute sich im Laufe des 12. Jahrhunderts über
einen immensen Zulauf, sodass bis 1153 bereits 333 Klöster entstanden sind und knapp 100 Jahre
später, um 1250, sich die Zahl der Klöster nochmals fast verdoppelt hatte. Das Leben der
Zisterzienser war von Beginn an streng geordnet. Zugrunde lagen die Mönchsregel des heiligen
Benedikts von Nursia sowie die ordenseigene Verfassung, die carta caritatis, welche im Rahmen
des jährlich stattfindenden Generalkapitels jeweils neu konstituiert wurde.190 Doch nicht nur das
Leben der Mönche, sondern auch der Bau und die Ausstattung der Klosteranlagen sowie die
sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kompetenzen der Zisterzienser wurden durch die carta
caritatis geregelt. Daneben kommt es zu ständigen Besuchen und Visitationen von Äbten und deren
Bediensteten in den Filiationen der Mutterklöster. Nicht zuletzt auch dadurch wurde ein Austausch
von technisch-wissenschaftlichem Knowhow befruchtet und gefördert.191
Im Rekurs auf die regular sancti benedicti proklamierten die Zisterzienser eine Abkehr von
jeglichem weltlichen Einfluss und Luxus. Das Leben der christlichen Mönche sollte stattdessen auf
die Schlichtheit von Askese durch Gebet und Arbeit komprimiert und auch das Bauprogramm der
zisterziensischen Abteien dementsprechend reduziert und angepasst werden. Nichtsdestotrotz
blieben auch die Klöster des neuen Ordens mit großflächig beheizbaren Wärmeräumen ausgestattet.
Die Zuwendung zu den ursprünglich einfachen Idealen des Mönchtums führte also nicht zu einem
absoluten Verzicht auf zweckdienliche Techniken. Im Gegensatz dazu wurde die im Hochmittelalter
standardmäßig verbreitete Technologie auch von den Zisterziensern aufgegriffen und adaptiert.
Dabei waren sie bemüht, Vorhandenes auszureifen, zu verbessern oder stets effektiver und
effizienter zu bewirtschaften. Hierbei traten die Protagonisten des Reformordens äußerst innovativ
auf, was sich in einigen mittelalterlichen Technikbereichen, wie z. B. dem Bergbau,192 dem
Mühlenwesen,193 dem Weinbau194 oder möglicherweise auch der Heizungstechnologie,
190Vgl. Nagel, Bernhard: Die Eigenarbeit der Zisterzienser. Von der religiösen Askese zur wirtschaftlichen Effizienz,
Marburg 2006, S. 9.
191Vgl. Eberl, Immo: Die Zisterzienser. Geschichte eines europäischen Ordens, Darmstadt 2002, S. 227.
192Vgl. Friedmann, Uwe: Das Zisterzienserkloster Grünhain. Die Wirtschaftliche Tätigkeit unter besonderer
Berücksichtigung des nicht agrarischen Bereiches, in: Winfried Schich (Hg.): Zisterziensische Klosterwirtschaft
zwischen Ostsee und Erzgebirge. Studien zu Klöstern in Vorpommern, zu Himmelpfort in Brandenburg und Grünhain
in Sachsen, Berlin 2004, S. 301-407.
193Vgl. Reddig, Wolfgang F.: Zwischen Eigenwirtschaft und Markt, in: Ulrich Knefelkamp und Wolfgang F. Reddig
(Hg.): Kloster und Landschaften. Zisterzienser westlich und östlich der Oder, Frankfurt (Oder) 1998, S. 40. Vgl. auch
Bulach, Doris: Zisterzienser und Stadt. Die städtischen Beziehungen der vorpommerschen Klöster Eldena, Neuenkamp
und Hiddensee, in: Winfried Schich (Hg.): Zisterziensische Klosterwirtschaft zwischen Ostsee und Erzgebirge. Studien
zu Klöstern in Vorpommern, zu Himmelpfort in Brandenburg und Grünhain in Sachsen, Berlin 2004, S. 30ff.
194Vgl. ebd., S. 38.
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eindrucksvoll zeigen lässt.195
Große Fußbodenheizungen dürften den Zisterziensern zur Zeit ihrer Gründung über die
benediktinischen und cluniaziensischen Klöster bekannt gewesen sein und auch mit den ersten
Luftheizungen aus dem Harzraum dürften die Äbte und ranghohen Mönche bei der Ausbreitung des
Ordens im 12. und 13. Jahrhunderts in Kontakt gekommen sein. Ein entsprechender Bedarf an
Wärme für diverse funktionale Klostergebäude bewirkte die anschließende Übernahme und
Weiterentwicklung der mittelalterlichen Heizungstechnologie durch die Baumeister- und Ingenieure
der Zisterzienser.
Zur Entwicklung der Heizungen bei den Zisterziensern existieren zum Teil divergierende
Meinungen, was insbesondere in den stark voneinander abweichenden Interpretationen der
einzelnen Heizungsbefunde begründet liegt. Eine ganz eigene Auslegung vertritt Klaus
Bingenheimer. Er identifiziert eine für die Zisterzienser charakteristische Heizungsart, die indirekte
Luftheizung. Bei diesem entledigten sich die Zisterzienser der alternierenden Betriebsweise der
Luftheizung, indem sie einen Heizungstyp hervorbrachten, der mittels Rauchgastrennung und
Wärmetauscher einen kontinuierlichen Heizbetrieb gewährleistete. Gelöst wurde das Problem der
abwechselnden Phasen von Anfeuern und Erwärmen durch eine innovative Ofen-in-Ofen
Konstruktion. Dabei stand innerhalb des eigentlichen Ofengewölbes ein kleinerer Ofen mit einem
eigenständigen Abzug, von dem die Rauch- und Abgase separat ins Freie transportiert wurden. Über
Abstrahlung fungierte dieser Ofen als Wärmeüberträger an die im Zwischenraum des Gewölbes
umherzirkelnde Luft. Die so abgegebene Wärme konnte dann, durch einen ständigen Luftzug nach
dem üblichen Prinzip der Konvektion über Luftauslässe, in den Raum geführt werden. Da bei dieser
Art von Luftheizung die Wärme nicht direkt in den zu beheizenden Raum transportiert wurde, hat
Klaus Bingenheimer diesen Typ als Typ III, „indirekte Luftheizung“, klassifiziert.196
Auffällig ist, dass ein Großteil der von Bingenheimer als indirekten Heizungen bezeichneten
Exemplare zu Bauten der Zisterzienser gehörte.197 Allerdings wird seine Theorie um die
Entwicklung jener Luftheizungen mit zwei grundlegenden Schwierigkeiten konfrontiert. 1. Der
Zeitpunkt der Errichtung dieser Anlagen ist aufgrund der problematischen Quellenlage oftmals
schwierig zu ermitteln: Da die Luftheizungen in den meisten Fällen der Erwärmung des
Calefactorium dienten, waren sie Teil des Klausurtraktes eines Klosters. Für gewöhnlich schweigen
die Quellen jedoch über den Bau einer solchen Klausur, der sich nur aus der Zeitspanne zwischen
dem Gründungsjahr eines Konventes sowie der Weihe des fertiggestellten Gotteshauses erschließen
lässt. Explizitere Eckpunkte für die Errichtung eines Klosters sind demgegenüber nur selten
195Vgl. Nagel, B.: Die Eigenarbeit der Zisterzienser, S. 10.
196Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 232ff.
197Vgl. ebd., S. 232-247.
- 50 -
gegeben, weshalb die nachfolgenden Zeitangaben als ungefähre Werte zu verstehen sind. 2. Die
zweifelsfreie Identifikation einiger Heizungen als indirekte Luftheizungen ist nahezu unmöglich.
Grund dafür sind die oft nur sehr rudimentär erhaltenen Reste solcher Anlagen sowie eine komplexe
Überbauungshistorie, welche durch die Archäologie oftmals nur schwer zu entschlüsseln ist. Daher
gibt es zum Teil alternative Deutungsmöglichkeiten der klösterlichen Heizungsbefunde.
Abbildung 10 - Interpretation der Heizung im Zisterzienser-Kloster Bebenhausen als indirekte Luftheizung von Klaus
Bingenheimer (Aus: Bingenheimer, 1998, S. 129.)
Ein in dieser Hinsicht besonders signifikanter Fall ist die Luftheizung auf dem Gelände des
ehemaligen Zisterzienser-Klosters Bebenhausen. Die gefundenen Ofenreste lagern unterhalb des
Parlatoriums in der Klausur des Klosters, können aber, aufgrund ihrer Ausrichtung innerhalb des
Raumes, nicht diesem zugehörig gewesen sein. Stattdessen dürfte die Heizung zu einem älteren
Vorgängerbau gehört haben. Quellenmäßig belegt ist die Übertragung des Klosterbesitzes vom
Orden der Prämonstratenser auf die Zisterzienser im Jahr 1187. Da auch kein funktionaler
Zusammenhang mit dem Calefactorium des Zisterzienserbaus nachzuweisen ist, dürfte die
Luftheizung eher in die Zeit vor 1187 verortet werden.198 Die in Bebenhausen gefundenen
Überreste deutet Bingenheimer als eine Ofen-in-Ofen Konstruktion, also ein indirekte Heizung, bei
198Vgl. Scholkmann, Barbara: Eine Unterbodenheizung im ehemaligen Kloster Bebenhausen, Stadt Tübingen, in:
Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1987, Stuttgart 1988, S. 200-203. Unklar bleibt weiterhin, ob die
Heizung in die Zeit der Prämonstratenser datiert oder zu einer noch früheren weltlichen Bebauung gehört. Vgl. auch
Scholkmann, Barbara: Archäologische Forschungen im ehemaligen Zisterzienserkloster Bebenhausen, in: Wilfried
Setzler und Franz Quarthal (Hg.): Das Zisterzienserkloster Bebenhausen. Beiträge zur Archäologie, Geschichte und
- 51 -
der ein durchgehender Heizbetrieb möglich war. (siehe Abbildung 10) Barbara Scholkmann
hingegen vermutet ein durchbrochenes Ofengewölbe und einen mit Feldsteinen aufgefüllten
Zwischenraum, also eine Steinkammer-Luftheizung. (siehe Abbildung 11)
Abbildung 11 - Interpretation der Heizung im Zisterzienser-Kloster Bebenhausen als Steinkammer-Luftheizung, nach
Scholkmann (Aus: Scholkmann, 1995, S. 65.)
Für die These von Scholkmann spricht der Fund von losen Bruchsteinen innerhalb der
Heizungsanlage, die durchaus als Steinspeicher gedient haben können.199 Bingenheimer
argumentiert dagegen, dass die Bruchsteine erst nachträglich hinzugefügt wurden. Zum einen, weil
Steinkammer-Luftheizungen nach seiner Einschätzung erst ab 1300 aufkommen und ein Exemplar
aus dem 12. Jahrhundert nicht zu erwarten ist und zum anderen, weil mehrere Abbruch- und
Veränderungsphasen an der Heizung erkennbar sind. Der nötige Gewölbedurchbruch im inneren
Ofen und das Einfüllen von Feldsteinen kann demnach erst im 14. Jahrhundert stattgefunden haben.
Die indirekte Luftheizung aus der Zeit vor 1187 entstammt auch hier einer Zeit des intensiven
Probierens und Experimentierens, worauf wiederum die mehrmaligen Umformungen hinweisen.200
Eindeutiger scheint die Sachlage für das Zisterzienser-Kloster Kappel am Albis. Hier ist, nach
Bingenheimer, sowohl die Konstruktion eines doppelten Ofens archäologisch sicherer
Architektur, Stuttgart 1995, S. 65f.
199Vgl. Scholkmann, B.: Archäologische Forschungen im ehemaligen Zisterzienserkloster Bebenhausen, S. 62.
200Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 133f.
- 52 -
nachzuweisen als auch die Datierung der Anlage exakter einzuordnen. Bei Ausgrabungen unter der
Feder von Walter Drack konnte eine Heizungsanlage unterhalb des Calefactoriums freigelegt
werden, die ebenfalls mehreren baulichen Veränderungen unterworfen war. Hiervon datiert die
ursprünglich indirekte Heizung des Klosters in die Zeit nach der Klostergründung 1185 bis zu
seiner Umformung in eine Heizung mit Steinspeicher um 1250. Doch ähnlich zu der Anlage in
Bebenhausen ist auch für Kappel am Albis die indirekte Funktionsweise nicht ohne Vorbehalte
anzunehmen. Zwar gibt es auch hier Reste von einer Raum-in-Raum Konstellation, jedoch keine
endgültige Klarheit über die Überwölbung des inneren Ofens und die von Drack als „Düsen“
bezeichneten Luftauslässe in den Raum.201
Auffällig ist, dass in Bebenhausen und Kappel am Albis die Ausmaße der angenommenen Öfen,
sowohl die Inneren als auch die Äußeren, nahezu identisch sind. Trotzdem bleiben einige Fragen
offen und es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, dass es sich um kontinuierlich zu betreibende
indirekte Luftheizungen handelte.
Gleiches gilt für die Calefactoriumsheizungen vieler weiterer Klöster der Zisterzienser, bei denen
die Reste der ehemaligen Heizungen noch schwieriger zu interpretieren sind. Bingenheimer hat von
diesen die Zisterzen Maulbronn, Zwettl und Pforte untersucht, die seiner Meinung nach über
Analogieschlüsse auch als indirekte Luftheizungssysteme anzusprechen sind. Er will dies durch die
in den angesprochenen Klöstern noch vorhandenen Luftauslässe und insbesondere durch die Größe
des Ofenraumes belegt sehen. Anhand einer vergleichenden Studie zeigt er die Zusammenhänge
zwischen baulichen Ausmaßen und technischen Funktionsweisen dieser Anlagen auf und kommt zu
dem Schluss, dass es sich in allen Fällen ebenfalls um indirekte Warmluftheizungen gehandelt
haben muss.202 Für die zeitliche Einordnung der genannten Anlagen ergibt sich folgendes Bild: Das
Kloster von Maulbronn wurde um 1150 gegründet. Die Heizungsanlage ist nachweislich vor 1250
realisiert worden und datiert also in die Zeitspanne zwischen 1150 und 1250.203 Die Zisterze Zwettl
wurde 1138 gegründet, ihre Luftheizung in die Jahre um 1150 eingeordnet.204 Die Abtei Pforte
wurde in den Jahren von 1130 bis 1137 errichtet und wäre somit die älteste uns bekannte indirekte
Luftheizung.205
In Pforte kommen neben der Heizung des Calefactoriums noch zwei weitere Heizungen gleichen
Typs hinzu. So verfügen auch die aus der Zeit um 1200 stammende Abtwohnung und die Infirmerie
201Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 128ff. Vgl auch Drack, Walter: Überreste der
Calefactorium-Heizung im ehemaligen Zisterzienserkloster Kappel am Albis (ZH), in: Zeitschrift für schweizerische
Archäologie und Kunstgeschichte 41, 1984, S. 10-21.
202Vgl. ebd., S. 134ff.
203Vgl. ebd., S. 235.
204Vgl. ebd., S. 246.
205Vgl. ebd., S. 241.
- 53 -
über eine indirekt zu beheizende Luftheizung.206
Doch gibt es für die einzelnen Fälle ebenfalls abweichende Erklärungsmodelle.207 Im Konkreten
soll hier kurz der Fall Maulbronn geschildert werden. Diverse Studien aus dem letzten Jahrhundert
befassten sich mit dem gut erhaltenen Calefactorium und seinen besonders gut erkennbaren 16
Luftauslässen. (siehe Abbildung 12) Mettler (1909) und Hecht (1952) gehen von einem offenen
Feuer im Untergeschoss des Wärmeraums aus.208 Bingenheimer (1998) postuliert, wie schon
erwähnt, eine indirekte Luftheizung mittels eines kleinen Ofens mit eigenem Rauchabzug in der
Mitte des Kellergewölbes.209 In einer Darstellung von Ulrich Knapp (1997) wird eine dritte
Variante vorgelegt, wonach auch die Calefactoriumsheizung von Maulbronn eine Steinkammer-
Luftheizung gewesen sei. Diese ist in ihrer heute noch sichtbaren Form auch erst im 15. Jahrhundert
in den zweigeschossigen Bau eingezogen worden und ersetzte einen älteren Vorgängerbau, über den
aber keine verlässlichen Auskünfte gegeben werden können.210 (siehe Abbildung 13)
Abbildung 12 - Luftauslässe der Calefactoriumsheizung im Kloster Maulbronn (Aus: Knapp, 1997, S. 153.)
Ähnlich wie für Maulbronn angedeutet, verhält es sich mit vielen anderen Klöstern aus der Zeit des
hohen und späten Mittelalters. Quellenmäßig und durch archäologische Grabungen belegt sind die
Existenz von beheizbaren rmeräumen, Abtshäusern, Krankenräumen, Schreibstuben,
Refektorien oder anderen Funktionsräumen.211 Über das Aussehen, die Betriebsweise, die Art und
Weise sowie den Typus hingegen lässt sich größtenteils keine generelle Aussage treffen. Ein
206Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 242f.
207Verwiesen sei dabei auf die ursprünglichen Grabungsberichte. Zu Pforte Hirschfeld, Werner: Zisterzienserkloster
Pforte. Geschichte seiner romanischen Bauten und ein älteres Westwerk, Burg bei Magdeburg 1934. Zu Zwettl siehe
Buberl, Paul: Die Kunstdenkmäler des Zisterzienserklosters Zwettl, in: Ostmärkische Kunsttopographie 29, Baden bei
Wien 1940.
208Vgl. hierzu Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 235ff.
209Vgl. ebd., S. 134.
210Knapp, Ulrich: Das Kloster Maulbronn. Geschichte und Baugeschichte, Stuttgart 1997, S. 151f.
211Eine relativ aktuelle Aufzählung der Klöster zu finden bei Weyer, Angela: Die mittelalterliche Klausur des Klosters
Alpirsbach. Architektur und Reform, in: Alpirsbach. Zur Geschichte von Kloster und Stadt. Hrsg. vom
Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart 2001, S. 241. Eine ältere bei Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des
Mittelalters, S. 200-206.
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charakteristisches Beispiel ist das Zisterzienser-Kloster tom Roden in der Nähe von Corvey. Hier
gab es wohl vier nebeneinander betriebene Heizungen verschiedener Bauarten.212 Darunter
befanden sich vermutlich auch zwei Warmluftheizungen. Eine davon mittels eines von außen zu
bedienenden Gewölbeofens und eine weitere, in einem Kelleruntergeschoss installierte,
Konstruktion. Doch lässt sich keine dieser Heizungen zweifelsfrei einem der von Bingenheimer
anvisierten Typen zuordnen und auch die zeitliche Abfolge der Klostererrichtung ist nur bedingt
rekonstruierbar.213
Abbildung 13 - Luftheizung des Zisterzienser-Kloster Maulbronn nach Knapp (Aus: Knapp, 1997, S. 153.)
Möglicherweise kann man Bingenheimer Recht geben und die Zisterzienser entwickelten einen
eigenständigen, indirekt beheizten, Typus der Luftheizung. Nichtsdestotrotz bleiben einige
Fragezeichen. So können die von Bingenheimer aufgeführten Beispiele für indirekte Luftheizungen
durchaus auch, wie erwähnt, in eine andere Richtung interpretiert werden. Hinzu kommt, dass es
mit dem Benediktiner-Kloster Alpirsbach und der Burg Runneburg zwei weitere Fälle gibt, die
womöglich als indirekte Luftheizung zu identifizieren, aber definitiv nicht dem Wirken der
212Vgl. Plitek, Karl-Heinz: Kloster tom Roden. Eine archäologische Entdeckung in Westfalen. Ausstellung des
Westfälischen Museumsamtes und des Westfälischen Museums für Archäologie, Münster 1982, S. 61f.
213Vgl. ebd. Die weiteren Heizanlagen sind ein Wandkamin und eine Herdstelle im Haus.
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Zisterzienser zuzuordnen sind.214 Auch um die Adaption des Wissens ranken sich lediglich
Spekulationen. Bei Bingenheimer sind es ein weiteres Mal die Elemente der slawischen pec, welche
die Innovation der indirekten Luftheizungen bewirken und hervorrufen:
Die Heizungsfunde von Kappel, Bebenhausen und der Runneburg […] können als Beleg für die
Übernahme der slawischen pec (oder doch zumindest ihrer Funktionsweise, vermittelt
wahrscheinlich durch die entwickelten Konstruktionen in den sächsischen Pfalzen) in die Kultur der
Klöster und den Wohnstandard auf Burgen dienen.215
Wie diese Vermittlung von den sächsischen Pfalzen zu den süddeutschen Klöstern zustande
gekommen sein soll, bleibt völlig offen und ungeklärt. Genauso, ob es einen intensiven Kontakt und
Kulturaustausch zwischen den Zisterziensern deutscher Kernlande und der slawischen Bevölkerung
an deren nordöstlicher Grenze überhaupt gegeben hat.
In eine ganz andere Richtung deuten neuere archäologische Erkenntnisse. In den letzten Jahren
traten einzelne Anlagen ans Licht, die sowohl Elemente von Luftheizungen als auch von frühen
Kachelöfen aufweisen. Diese, wahrscheinlich als Zwitterform zu beschreibenden Heizungen,
werden von Reinhard Schmitt, Bingenheimer folgend, den indirekten Luftheizungen zugeordnet,
stellen allerdings durch ihr besonders frühes Auftreten Burg Neuenburg (1170/75), Pfalz
Ingelheim (möglicherweise karolingisch!) wiederum einen neuen und nur schwer einzuordnenden
Typus dar. Warum die neuen Exemplare vom Autor als indirekte Luftheizungen ausgewiesen
werden, ist aus den bisherigen Berichten nicht nachzuvollziehen. Vermutlich sind auch hier in naher
Zukunft weiterführende Ergebnisse und Erkenntnisse zu erwarten, welche dann ein neues Licht auf
die Anfänge der mittelalterlichen Warmluftheizungen werfen.216
Alles in allem bleibt die von Bingenheimer vertretene Theorie der indirekten Luftheizungen nicht
ohne Vorbehalte bestehen. Und selbst wenn es diesen Typ der Luftheizungen tatsächlich gegeben
hat, so fällt doch auf, dass es sich dabei um eine ephemere Erscheinung in der allgemeinen
Entwicklung der mittelalterlichen Heizungstechnologie handelte. Trotz der offenkundigen Vorteile
gegenüber den direkt beheizenden Anlagen verschwinden die indirekten Luftheizungen dann wieder
mit dem ausgehenden 13. Jahrhundert. Obwohl man vielleicht in der Lage war, dank
Wärmetauscher und Rauchgastrennung, eine stetige und ununterbrochene Raumbeheizung zu
gewährleisten, sollte sich nun wieder das alte Prinzip der abwechselnden bzw. alternierenden
214Zum Kloster Alpirsbach vgl. Weyer, A.: Die mittelalterliche Klausur des Klosters Alpirsbach, S. 240ff. Zur
Runneburg siehe Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 244f.
215Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 131.
216Vgl. Schmitt, Reinhard: Drittes Vorurteil: Die Burg war kalt, in: Rainer Atzbach (Hg.): Burg und Herrschaft.
Wissenschaftlicher Begleitband zu den Ausstellungen "Burg und Herrschaft" und "Mythos Burg". Publikation der
Beiträge des Symposions "Die Burg" vom 19. - 22. März 2009, Berlin 2010, S. 281-282. Leider war es dem Autor bis
dato noch nicht möglich, die jeweiligen Grabungsberichte einzusehen.
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Betriebsweise durchsetzen. Die Gründe für diesen Schritt sieht Bingenheimer zum einen in der
geringen Heizwirkung und zum anderem im extrem hohen Holzverbrauch durch das ständige
Anfeuern der indirekten Luftheizungen.217 Das Hochmittelalter bleibt also, im Hinblick auf seine
Heizungstechnik, eine Zeit des stetigen Wandels. Die einzelnen Funde sind in ihrer Beschaffenheit
so unterschiedlich, dass sie sich kaum klassifizieren und nach bestimmten Schemen ordnen lassen.
Sie alle zeigen, dass wir es hier, und in diesem Punkt kann man Bingenheimer nur zustimmen, mit
einer Phase des „Übergangs und Experimentierens“ zu tun haben.218 Eine eindeutige und
zweifelsfreie Einteilung verbietet der experimentelle Status der einzelnen Exemplare jedoch. Erst
ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sollte sich eine verbesserte Version der direkten
Luftheizungen durchsetzen, die sogenannte Steinkammer-Luftheizung, eine Heizung mit einer
zusätzlichen Steinschicht zur Speicherung der Hitze, welche eine vergleichende Studie der
Einzelfälle zulässt.
5.2. Steinkammer-Luftheizungen (Typ IV nach Bingenheimer)
Die Steinkammer-Luftheizung offenbart sich als finale Entwicklungsstufe der mittelalterlichen
Warmluftheizungen. Nach Bingenheimers Klassifizierung bildet sie einen eigenen Typus (Typ IV).
Das ausschlaggebende Merkmal der Steinkammer-Luftheizung ist ein künstlich hinzugefügter
Wärmespeicher in Form von Feldsteinen. Während bei den Luftheizungen der vorangegangenen
Typen also lediglich das umfassende Mauerwerk als Speichermasse diente, kommt bei diesem Typ
ein extra dafür angelegtes zusätzliches Speichermedium zum Einsatz. Die Feldsteine, welche als
Wärmespeicher fungierten, befanden sich, zumeist in Lehm gepackt, oberhalb des durchbrochenen
Gewölbes der Heizkammer, sodass sie bei der Feuerung die Hitze aufnehmen und eine optimalere
Nutzung der Heizung ermöglichen konnten.219
Die Betriebs- und Funktionsweise dieses Heizungstyps glich der der direkten Exemplare. Bei
geschlossenen Luftauslässen wurde in der Ofenkammer ein Feuer beschickt. Der Heizraum war
dabei oftmals durch einen Vorraum begeh- und bedienbar, über den bei geöffneter Heizkammer die
Rauchgase des Feuers ins Freie gelangen konnten. Bei einigen späteren Heizungen kommen auch
separate, regulierbare Schornsteine zum Einsatz. Nachdem das Anfeuern abgeschlossen war und
sich genügend Hitze in den Feldsteine gesammelt hatte, verschloss man alle möglichen
Abzugswege und entfernte die Deckel auf den Luftauslassplatten in den Räumen. Bei offener
Heizklappe zog nun kalte Luft von unten in die Heizkammer, anschließend durch die
217Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 168.
218Ebd. S. 131.
219Vgl. ebd., S. 146. Drauf hinzuweisen ist, dass die Bezeichnung Steinkammer-Luftheizung terminologisch die
Abgrenzung gegenüber vorheriger Heizungen darstellt. Der ältere Begriff Steinspeicher-Luftheizung hingegen wäre
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Feldsteinpackung und schließlich als warme Luft in den zu beheizenden Raum.220 (siehe Abbildung
14)
Abbildung 14 - Rekonstruktion einer Steinkammer-Luftheizung aus dem Augustiner-Kloster Erfurt. (Aus:
Bingenheimer, 1998, S. 266.)
Wichtige Erkenntnisse über den Betrieb und die Wirksamkeit der Steinkammer-Luftheizungen
konnten Versuche an einer Heizung auf der ehemaligen Ordensburg Marienburg bei Danzig liefern.
In den Jahren von 1822 bis 1824 wurden an der zur damaligen Zeit 400 Jahre alten Steinkammer-
Heizanlage mehrere Testläufe unternommen. Die Ergebnisse dieser Versuche waren jedoch alles
andere als zufriedenstellend, denn sie brachten stark abweichende Resultate hervor. So konnte
beispielsweise am 3. April 1822 ein Raum in nur 20 Minuten von 6°C auf 22,5°C erwärmt werden,
während am 9. April in einem anderen Raum innerhalb von 13 Stunden nur eine
Temperaursteigerung von 5°C auf 6,2°C zu messen war.221 Des Weiteren störten fehlerhafte
Bedienung und bauliche Veränderungen die Heizversuche, weshalb kaum brauchbare Erkenntnisse
über die tatsächliche Heizleistung gewonnen werden konnten. Die Quintessenz hingegen bestand
wohl in der Einsicht, dass der Betrieb einer solchen Heizung ein großes Maß an Erfahrung und
Expertise benötigte. Ein entsprechend geschultes Personal wird schließlich ab dem Spätmittelalter
in Form des sogenannten „Stobenroch“, dem Stubenheizer, greifbar.222
Vorzugsweise in den kälteren Regionen Europas ist die Steinkammer-Luftheizung eine
irreführend, denn jede vormoderne Heizung beruht auf dem Prinzip der Wärmespeicherung von Steinen
220Vgl. Hoffmann, Verena: Wohlige Wärme im Mittelalter Luftheizungen, in: Heiko Schäfer, u.a. (Hg.): Archäologie
unter dem Straßenpflaster, Schwerin 2005, S. 319f.
221Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 156-166. Darin widmet er sich ausführlich den
Heizversuchen auf der Marienburg.
222Vgl. ebd., S. 158f.
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willkommene, weil effektive und schnell einsetzbare, Einrichtung. Bei kleineren Anlagen war die
gewünschte Temperatur innerhalb kürzester Zeit hergestellt und größere Anlagen, mit einer
dementsprechend verhältnismäßig vergrößerten Steinspeichermasse, erbrachten noch bis zu fünf
Tage nach einmaligem Anfeuern eine nennenswerte Heizleistung.223 Im Ganzen wird davon
ausgegangen, dass bei kontinuierlicher Beschickung der Heizung ab September ein Auskühlen der
Wände verhindert werden und somit unter geringem Holzverbrauch die Raumtemperatur auf
durchschnittlich 20-22°C über den gesamten Winter hinweg stabil gehalten werden konnte.224
Gegenüber den vorangegangenen Luftheizungstypen stellte die Steinkammer-Luftheizung demnach
eine enorme qualitative Verbesserung dar.
Steinpackungen als Wärmspeicher waren bereits zur Zeit der frühen Hochkulturen bekannt. Ihre
Anwendung erlebte in antiken Dampfbädern einen zwischenzeitlichen Höhepunkt. Vor allem im
byzantinischen und islamischen Mittelalter bewahrte und bewährte sich diese Bade- und
Reinigungskultur. Daraus abgeleitet erstarkte die These, die Kreuzfahrer hätten die Technik der
Steinspeichernutzung aus dem Orient in den Westen transferiert und diese dann in die ihnen
bekannten Luftheizungen integriert. Doch erübrigt sich diese Annahme, da Badestuben mit
Dampfbädern ebenso für das mittelalterliche Spanien, Frankreich, Island, Finnland und Russland
nachgewiesen werden konnten. Damit dürfte man durchaus von einer allgemein praktizierten und
weit verbreiteten Badekultur sprechen, die durch Verschmelzung mit den frühen
Warmluftheizungen des Hochmittelalters die Steinkammer-Luftheizung hervorbrachte. Als
Berührungspunkte von Bade- und Heizkultur können hier wiederum die Pfalzbauten, Klöster und
Burgen gelten.225
Eine deutliche Verdichtung der Technik lässt sich im Ostseeraum beobachten, die Hand in Hand mit
der Ausbreitung einer weiteren bedeutenden Innovation geht: der Backsteingotik. Eine
Bauausführung mit bereits gebrannten Backsteinen bot enorme Vorteile, denn diese erwiesen sich
als außenordentlich feuerfest und rußbeständig. Doch nicht nur in Burgen, Klöstern und kirchlichen
Bauten waren Steinkammer-Luftheizungen anzutreffen. Mit dem einfachen Backsteinbau wurden
die Luftheizungen zunehmend auch für die höhere und mittlere Stadtschicht attraktiv. Diese
Entwicklung manifestierte sich in zweierlei Resultaten. Erstens wurden ab dem 14. Jahrhundert
öffentliche Gebäude wie Rathäuser, Krankenhäuser, Versammlungsstätten und Gerichtsäle mit
Steinkammer-Luftheizungen ausgestattet. Zweitens konnten bei Grabungen zahlreiche Beispiele
223Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 160f. Bestätigt durch die Heizversuche in der
Marienburg.
224Vgl. Hoffmann, V.: Wohlige Wärme im Mittelalter Luftheizungen, S. 320f.
225Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 169.
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dieses Heizungstyps aus einfachen mittelalterlichen Bürgerhäusern zu Tage gefördert werden.226
Bingenheimer kommt bei seiner Aufzählung aller Heizung von Typ IV auf knapp 200 Exemplare.
Mittlerweile ist seine Katalogisierung, die lediglich die Fälle vor 1996 beinhaltet, stark veraltet. In
den folgenden 20 Jahren konnte durch die Stadtarchäologie eine Vielzahl weiterer Steinkammer-
Luftheizungen ausfindig gemacht und geborgen werden. Allein für das mittelalterliche Stralsund
sind zwischen 1998 und 2005 mindestens 20 neue Funde von Warmluftheizungen nachgewiesen
worden.227 Ein ähnliches Bild präsentiert sich in weiteren deutschen Ostseestädten wie Lübeck,
Wismar, Rostock oder Greifswald.228 Doch selbst in kleineren mittelalterlichen Siedlungen wurden
zahlreiche neue Heizungsfunde getätigt. So wurden beispielsweise in Neubrandenburg vier oder in
Parchim sechs spätmittelalterliche Warmluftheizungen entdeckt.229 Mit den neuen archäologischen
Funden im deutschsprachigen Raum dürfte sich die Zahl der bekannten Heizungen seit
Bingenheimers Auflistung nahezu verdoppelt haben. Unter Einbezug der hinzukommenden Funde
aus weiteren Ostseeanrainerstaaten beliefe sich die Menge der nachgewiesenen Steinkammer-
Luftheizungen wohl auf 500 Exemplare. Komplettiert mit einer Dunkelziffer von überbauten,
zerstörten und nicht mehr auffindbaren Exemplaren werden um 1500 schätzungsweise 800 bis 1000
Luftheizungen in Betrieb gewesen sein.
Das Gros der genannten Steinkammer-Luftheizungen datiert in das 14. und 15. Jahrhundert, doch
bleibt ihr Ursprung, ihr erstmaliges Auftauchen und ihre frühe Entwicklungsgeschichte disputabel.
Bingenheimer sieht die Entstehung dieses Heizungstyps in den Anfangsjahren des 14. Jahrhunderts,
da alle Heizungen aus seinem Forschungskatalog aus der Zeit nach 1300 stammen.230 Inzwischen
gibt es aber diverse Funde von älteren Luftheizungen mit zusätzlicher Steinkammer. So soll nach
Johannes Hertz die Wikingerburg von Kalundborg schon um 1200 mit einer solchen Luftheizung
ausgestattet gewesen sein. Terminologische Ungenauigkeiten in den zugehörigen archäologischen
Berichten verhindern jedoch eine zweifelsfreie Identifikation als Steinkammer-Luftheizung.231 Ein
außerordentlich frühes Auftreten dieses Typus legt auch eine Recherche von Rüdiger Schniek aus
den 90er Jahren nahe. Demnach verfügten drei Klöster des Benediktiner-Ordens schon in der Mitte
des 12. Jahrhunderts über derartige Warmluftheizungen. Dazu zählen die Abteien bei Wadersloh,
Buxtehude und das schon erwähnte Kloster tom Roden. Feldsteinreste und die zugehörigen
226Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 196.
227Vgl. Möller, Gunnar: Mittelalterliche Luftheizungen in Stralsund - neue Befunde, in: Stefanie Brüggemann (Hg.):
Keller in Mittelalter und Neuzeit. Beiträge zur Archäologie, Baugeschichte und Geschichte. Bericht über die Tagung
"Kellerkataster" der Unteren Denkmalschutzbehörde der Hansestadt Stralsund in Stralsund, 21. - 22. Oktober 2005,
Langenweissbach 2006, S. 45.
228Leider existieren hierzu bis dato noch keine Überblickswerke. Die Funde wurden lediglich in einzelnen
Grabungsberichten dokumentiert.
229Vgl. Hoffmann, V.: Wohlige Wärme im Mittelalter Luftheizungen, S. 319.
230Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 248-359.
231Vgl. Hertz, Johannes: Some Examples of Medieval Hypocausts in Denmark, in: Chauteau Gaillard 7, 1975, S. 131ff.
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Auflagekonstruktionen konnten zum Teil nachgewiesen werden.232 Für Buxtehude und tom Roden
nimmt Bingenheimer jedoch an, dass die Steinspeicher erst nachträglich hinzugefügt wurden,
während die Zisterze Wadersloh überhaupt keine Berücksichtigung findet.233 Ein Heizungsfund von
2008 aus dem Benediktiner-Kloster in Hildesheim fügt sich ebenfalls in dieses Bild ein. Die
freigelegten Ofenreste unterhalb eines Klausurflügels datieren in das späte 12. Jahrhundert, lassen
sich aber nicht weiter klassifizieren oder einordnen.234
Zweifelsfrei nachzuweisen sind Steinkammer-Luftheizungen hingegen für das 13. Jahrhundert und
damit dennoch knapp 100 Jahre früher als noch von Bingenheimer anberaumt. Die erste Auflistung
von Warmluftheizungen wird 1987 von Diethard Meyer vorgenommen. In chronologischer
Reihenfolge werden die einzelnen Exemplare nach folgenden Kriterien unterschieden: Ohne oder
mit Findlingssteinen sowie direkte Warmluftzufuhr oder additionale Kanäle. Meyer dokumentiert
demnach auch Warmluftheizungen mit Feldsteinpackung. Zwei, Benediktiner-Kloster Hersfeld und
Zisterzienser-Kloster Altzella, sollen bereits aus dem 12. Jahrhundert stammen und sieben weitere,
Dominikaner-Kloster Bern, die Ordensburgen Marburg und Mühlhausen, das Margarethenkloster in
Budapest sowie die Domkurie, das Burgkloster und das Heiligen-Geist-Spital in Lübeck, fallen in
das 13. Jahrhundert.235 Klaus Bingenheimer, der sein Werk zur Klassifizierung der Luftheizungen
rund 10 Jahre später vollendet, datiert die frühen Heizungen von Meyer alle in das 14. Jahrhundert.
Die Heizanlagen des Benediktiner-Klosters Hersfeld und des Dominikaner-Klosterns Bern lassen
sich durchaus mit einer gewissen Plausibilität in das 14. Jahrhundert setzen, denn hier weisen die
Heizungen als Tragrippen der Feldsteine jeweils für das Spätmittelalter typische spitzbogige
Elemente auf.236 Auch die zwei Heizungen der Ordensschlösser Marburg und Mühlhausen des 13.
Jahrhunderts könnten möglicherweise, wie Bingenheimer annimmt, aus einer Bauphase im 14.
Jahrhundert stammen. Die fünf restlichen Fälle werden von Bingenheimer im Hinblick auf Ihre
zeitliche Einordnung ohne aussagekräftige Argumente alleinig mit dem Kommentar „bauartbedingt
zu früh“ in das 14. Jahrhundert verlegt. Allerdings lassen sich vor allem zwei Heizungen aus
Lübeck stichhaltig dem 13. Jahrhundert zuordnen. So sind die Wände der Heizung im Lübecker
Burgkloster mit Sockelpfeilern aus dem späten 13. Jahrhundert verbunden, weshalb eine zeitgleiche
Errichtung zwischen 1275 und 1300 angenommen werden muss.237 Die Anlage des Heiligen-
Geist-Spital wurde ähnlich konstruiert, da auch in diesem Fall die Heizung parallel zu dem
232Vgl. Schniek, Rüdiger: Mittelalterliche Warmluftheizungen in Norddeutschland und Dänemark. Ergänzende
Bemerkungen zum neueren Stand der Forschung, in: Offa 56, 1999, S. 171181.
233Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 263 zu Buxtehude und S. 333f. zu tom Roden.
234Vgl. Brandorff, Helmut: Mönche auf der Baustelle?, in: Archäologie in Deutschland, Nr. 4, 2008, S. 45.
235Vgl. Meyer, Diethard: Warmluftheizungen des Mittelalters. Befunde aus Lübeck im europäischen Vergleich, in:
Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgeschichte 16, 1989, S. 221.
236Zu Hersfeld siehe Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 276. Zu Bern siehe ebd., S. 257.
237Vgl. Meyer, D.: Warmluftheizungen des Mittelalters, S. 214.
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umfassenden Mauerwerk des zugehörigen Gebäudes hier zwischen 1285 und 1290 errichtet
wurde.238
Ungefähr zeitgleich zu Bingenheimer fasst Gunnar Möller die Funde von Warmluftheizungen im
heutigen Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Schon 1994 veröffentlicht, präsentiert Möller in
seiner analysierenden Studie gleich mehrere Luftheizungen, die aus dem 13. Jahrhundert stammen.
Umso frappierender ist die Tatsache, dass diese von Bingenheimer, der 1998 veröffentlicht,
vernachlässigt wurden beziehungsweise ihm nicht bekannt waren. Möller kommt bei seinen
Recherchen auf 21 Warmluftheizungen in Mecklenburg-Vorpommern, unter denen sich ebenfalls
einige Steinspeicher-Heizungen befinden. Von jenen entspringen fünf dem 13. Jahrhundert und zwei
weitere der Zeit um 1300. Im Landkreis Ludwigslust konnte auf dem Gutshof Dodow eine
Warmluftheizung mit Feldsteinen freigelegt werden. Das Gelände ist vom 13. bis zum 14.
Jahrhundert als Sitz der Ratzeburger Bischöfe dokumentiert. Die Urkunden der Bischofsresidenz
bezeugen umfangreiche Umbauten unter Bischof Ulrich (1257-1284), worunter wohl auch der
Einbau der Luftheizung fiel.239 Unweit von Dodow, nämlich auf dem Landesherrensitz
Mecklenburg, heute Dorf Mecklenburg, ist zudem eine Warmluftheizung aus weltlichen Großbauten
bezeugt. Zur Beheizung der Palas wurde hier in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine von
außen zu bedienende Anlage errichtet.240 Die drei weiteren Fälle kommen wiederum aus dem
geistlichen Milieu. Es handelt sich dabei jeweils um Klosterheizungen: 1. Der Heizung des
Calefactoriums des aus dem Jahre 1199 stammenden Zisterzienser-Klosters Eldena.241 2. Der
Heizanlage unterhalb des Refektoriums des 1220 gegründeten Benediktiner-Klosters Dobbertin.242
3. Um eine Anlage im Bereich des Calefactoriums und Refektoriums im Franziskaner-Kloster von
Rostock aus dem 2. Viertel des 13. Jahrhunderts.243 In allen Fällen waren die Heizvorrichtungen
nach bisherigem Stand der archäologischen Ergebnisse bereits vor 1300 eingebaut und
funktionstüchtig. Ähnlich verhält es sich mit den Anlagen des Franziskaner-Klosters in Stralsund
und des Zisterzienser-Klosters in Rostock. Beide besaßen Calefactorien im Klausurbereich die
mittels Heißluft erwärmt und deren Bauten kurz nach 1300 vollendet wurden.244
Eine gegenüberstellende und zusammenfassende Aufzählung, wie Möller sie für das heutige
Mecklenburg-Vorpommern vorgenommen hat, ist bisher einzigartig geblieben. Eine adäquate
Zusammenstellung für andere Regionen bzw. Bundesländer wäre wünschenswert. Nur so ließe sich
238Vgl. Meyer, D.: Warmluftheizungen des Mittelalters, S. 215.
239Vgl. Möller, G.: Mittelalterliche Luftheizungen in Stralsund - neue Befunde, S. 7. Die Datierung ist zusätzlich belegt
durch die unterschiedlichen Backsteinformate.
240Vgl. ebd., S.7f.
241Vgl. ebd., S. 8.
242Vgl. ebd., S. 7.
243Vgl. ebd., S. 9.
244Vgl. ebd., S. 10f.
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ein Gesamtüberblick über die frühe Entwicklung der Steinkammer-Luftheizung gewinnen. Die
Darstellung von Bingenheimer bringt hierzu allerdings keine Erkenntnisse, da sie einerseits das
Auftreten der Steinkammer-Luftheizung 100 Jahre zu spät postuliert und anderseits zu große Räume
betrachtet, aus denen sich keine regionalen Spezifikationen und Entwicklungsschritte ableiten
lassen. Es ist jedoch anzunehmen, dass weitere regionale Studien zu spätmittelalterlichen
Luftheizungen zum Beispiel mit einem ausschließlichen Fokus auf Dänemark, Schleswig-
Holstein, Brandenburg, Polen oder gar einzelnen Städten und Stadtkreisen ein gleiches Bild, wie
die Arbeit von Gunnar Möller, hervorbringen, das heißt, eine Vielzahl an weiteren Exemplaren aus
dem ausgehenden 13. Jahrhundert nachweisen würden. Bestätigt wird dies schon durch die bislang
nur punktuell getätigten und noch nicht in den Gesamtkontext eingebetteten Funde aus dem letzten
Jahrzehnt. Nur einige Beispiele sollen hier kurz erwähnt werden. Auf dem Gelände des Johanniter
Hofes in Werben an der Elbe konnte eine Warmluftheizung mit Feldsteinresten eines nicht näher zu
bestimmenden Wohn- oder Wirtschaftsgebäudes aus der Zeit um 1300 freigelegt werden.245 In die
gleiche Zeit fällt auch die Errichtung einer Steinkammer-Luftheizung im brandenburgischen
Altenhof, einem dem Zisterzienser-Kloster Lehnin zugehörigen Gutshof nahe der klösterlichen
Hauptanlage.246 Auch das ebenfalls brandenburgische Zisterzienser-Kloster Chorin dürfte über
diverse Luftheizungen verfügt haben. Nach Schniek und Möller besaß das Kloster bereits zu Beginn
des 13. Jahrhunderts im Klausurtrakt einen Funktionsraum mit Warmluftheizung, welcher
vermutlich jedoch noch nicht als Heizung mit Steinspeicher anzusprechen war. Neuere
Untersuchungen brachten jedoch auch Warmluftheizungen mit Steinfundamenten zum Vorschein,
welche allerdings der erst einige Jahrzehnte nach 1300 eingerichteten Infirmerie angehörig
waren.247 Auch in Güstrow konnte 2008 in einem Gebäudekomplex aus dem ausgehenden 13.
Jahrhundert eine Steinkammer-Luftheizung aufgedeckt werden. Die Güstrower Variante wies dabei
enorme Ähnlichkeiten mit der aus der nahegelegenen und zeitgleich errichteten Abtei Dobbertin
auf, steht hingegen wohl nicht mit einer geistlichen Instanz im Zusammenhang, sondern könnte
stattdessen der früheste Beleg einer bürgerlichen Warmluftheizung sein.248
Nichtsdestotrotz überwiegt nach dem bisherigen Stand der Kenntnisse über die ersten Steinkammer-
Luftheizungen der geistliche Impetus und zwar insbesondere der der Klöster. Auffällig viele
Heizungen mit zusätzlichem Steinspeicher des 13. Jahrhunderts hatten ihren Ursprung in
Klosterbauten. Sowohl Zisterzienser, Benediktiner, Dominikaner als auch Franziskaner sind dabei
245Vgl. Böhme, M.: Zentralheizung um 1500 in: Archäologie in Deutschland, Nr. 3, 2011, S. 59.
246Vgl. Schenk, Thomas: Mönchischer Wohnkomfort, in: Archäologie in Deutschland, Nr. 1, 2013, S. 45.
247Vgl. Wittkopp, Blandine: Archäologische Untersuchungen im Kloster Chorin, in: Zisterzienserkloster Chorin.
Geschichte Forschung Denkmalpflege. Hrsg. vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und
Archäologisches Landesmuseum, Worms 2013, S. 79f.
248Vgl. Wietrzichowski, Frank: Warmluftheizung - frühes Know-how im Mittelalter, in: Archäologie in Deutschland,
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vertreten, weshalb für keinen bestimmten Orden ein dominierender Einfluss festgestellt werden
kann. Hinzu kommt, dass auch andere geistliche Institutionen sich neben einigen weltlichen früh als
Bauherren von Steinkammer-Luftheizungen zeigen.
Ab dem 1300 Jahrhundert expandieren die Steinkammer-Luftheizungen dann zunehmend. Hierbei
ist das massive und geballte Auftreten dieses letzten Typs im Ostseeraum besonders augenfällig. Ihr
überwiegender Teil stammt aus den heutigen Ostseeanrainern Deutschland, Dänemark, Schweden,
Finnland, Estland, Lettland und Polen. Dennoch lassen sich auch in südlicheren Regionen so zum
Beispiel in West- und Süddeutschland, in der Schweiz, in Österreich, Tschechien, Ungarn oder
Russland Warmluftheizungen auffinden.249 Überhaupt keine Warmluftheizungen scheint es im
mittelalterlichen West- und Südeuropa gegeben zu haben. Weder für Italien, Frankreich, Spanien,
noch für Großbritannien und Irland sind Funde belegt. Zugegeben, die Notwendigkeit zur
Installation solcher Heizungen in den klimatisch milden, südlichen Territorien bestand kaum. Doch
das Nicht-Vorhandensein von Luftheizungen im mittelalterlichen England erscheint frappierend,
wenn man sich nur deren weite Verbreitung an der dänischen Nordseeküste vor Augen führt.250
Bezüglich der Ursprünge der Steinkammer-Luftheizungen muss resümiert werden, dass die Frage
nach dem Wann und dem Wo ihrer Entstehung nicht geklärt werden kann. Möglicherweise gehören
sie bereits im 12. Jahrhundert zur Ausstattung von Klöstern und Burgen. Für das 13. Jahrhundert ist
ihre Existenz dann endgültig belegt, doch entbehren sich die einzelnen Funde einer Erkenntnis über
Entwicklung und Herkunft. Vielmehr wirken die uns bekannten Fälle des 13. Jahrhunderts eher
zufällig und arbiträr. Im Großen und Ganzen steht die Ausbreitung der Steinkammer-Luftheizung
damit im Zusammenhang mit der sogenannten mittelalterlichen Ostkolonisation.251 Einige wichtige
Impulse gingen in dieser Zeit sicherlich von den Klöstern aus. Doch auch die aufstrebenden
Hansestädte oder die sich ausbreitenden Ritterorden leisteten ihren Beitrag, sodass es hier zu
vielfältigen Synergieeffekten gekommen sein dürfte. Die Verbindungen innerhalb der
interagierenden sozialen Gruppen und Schichten bei der Weitergabe von Technologien und
Techniken wird auch am Fallbeispiel Doberan deutlich, dass nun behandelt werden soll.
Nr. 4, 2008, S. 43-44.
249Vgl. Bingenheimer, K.: Die Luftheizung des Mittelalters, S. 200-206.
250Zur Verteilung der Luftheizungen an der deutschen und dänischen Nordseeküste siehe Bingenheimer, K.: Die
Luftheizung des Mittelalters, S. 171. Grund für die bisher kaum bekannte Existenz von Luftheizungen in England kann
ein mangelnder Fokus der britischen Archäologie auf mittelalterliche Heizungssysteme sein. Anderseits sind
möglicherweise vom Autor bis hierhin noch nicht die entscheidenden archäologischen Berichte von englischen Funden
entdeckt worden.
251Zur Ostkolonisation, wie bereits in Kapitel 4.1. erwähnt, siehe Higounet, C.: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter.
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6. Die Luftheizung des Zisterzienser-Klosters Doberan
Das Zisterzienser-Kloster Doberan gilt als das älteste Kloster im heutigen Mecklenburg. Auf
Drängen des Herzogs von Sachsen, Heinrich des Löwen, verpflichtet sich der mecklenburgische
Lehnsherr Pribislaw die Christianisierung des Landes durch die Gründung eines Klosters
voranzutreiben. 1171 kommt er dieser Aufforderung nach und beauftragt die Zisterzienser in der
Nähe von Doberan ein Kloster zu errichten. Unterstützt wird die Gründung von Berno, dem Bischof
von Schwerin, welcher aus dem Zisterzienserkloster Amelungsborn den Gründungskonvent
herbeiruft.252
Nachdem Pribislaw 1178 stirbt, durchziehen Aufstände und Unruhen das Land, im Zuge derer auch
die alte Klosteranlage von der slawischen Urbevölkerung zerstört und niedergebrannt wird. Doch
schon sieben Jahre später, also 1186, erfolgt unter dem slawischen Fürsten Heinrich Borwin dem I.
die erneute Gründung des Klosters im heutigen Doberan. Im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte -
die Klosterkirche wird erst 1232 geweiht - entsteht hier eine, für die Zisterzienser typische,
Klosteranlage.253 Eine prosperierende Wirtschaft ermöglicht mehrere Erweiterungen auf dem
Klostergelände zum Ende des 13. Jahrhunderts, wie die Errichtung eines neuen, prachtvollen
Gotteshauses, dem hochgotischen Münster. Doch nicht nur dem Kirchenhaus, sondern auch dem
Ausbau der Wirtschaftsanlage, mit Kornhaus, Brauerei und Wassermühlen, widmen sich die
Mönche.
In diese Zeit erhöhter Bauaktivität fiel auch die Errichtung eines, im Sommer 2013 bei
landschaftsgestalterischen Maßnahmen neu entdeckten, Gebäudes im südlichen Teil des
Klostergeländes. Das betreffende Gebäude, von dem lediglich Reste des Fundaments erhalten
waren, fand bisher in keinem der archäologischen Berichte zu Doberan Erwähnung. Stattdessen lag
bei früheren Grabungen insbesondere im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das ehemalige
Zisterzienser-Kloster umfangreich erschlossen der Fokus zumeist auf kunst-, kirchen- und
landesgeschichtlicher Erkenntnisse. Erst in den 1950er Jahren trat dann ein allgemeines Interesse an
den weiteren Bauten der Zisterze hinzu, sodass A. F. Lorenz nach wiederholten Forschungen 1958
eine Rekonstruktion des ehemaligen Klostergeländes erstellte.254 (siehe Abbildung 15)
Bei dem neuerlichen Fund von 2013 handelt es sich also um einen, bislang nicht dokumentierten,
Teil der ehemaligen Klosteranlage, welcher sich südöstlich der Klausur nochmals 11 Meter südlich
der von Lorenz vermuteten südlichen Bebauungsgrenze befindet. Aber er liegt damit noch innerhalb
der Klostermauer, sodass er unzweifelhaft der Zisterzienser-Abtei zuzurechnen ist. Freigelegt von
diesem Gebäude wurden die Fundamente der Südwand mit einer Gesamtlänge von knapp 8 Meter
252Vgl. Wichert, Sven: Das Zisterzienserkloster Doberan im Mittelalter, Berlin 2000, S. 14ff.
253Vgl. ebd. S. 17ff.
254Siehe im Speziellen Lorenz, Adolf Friedrich: Doberan. Ein Denkmal norddeutscher Backsteinbaukunst, Berlin 1958.
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sowie ungefähr 2 Meter der angrenzenden Westwand. Weiterhin wurden in der südwestlichen Ecke
die Reste einer Warmluftheizung mit einem Ausmaß von 1,2 Meter Ost/West und 0,6 Meter
Nord/Süd dokumentiert. Von dieser blieben die stark durch das Feuer beanspruchten Backsteine der
Brennkammer sowie ein bis drei Lagen der umgebenden Einfassungsmauer erhalten. Bei den
Aushebungsarbeiten konnten außerdem gesinterte Feldsteine und Bruchstücke von
Luftauslassplatten aus dem Abraum gesichert werden. Außerdem zeigten sich an den Wänden und
im Fußboden durch Hitzeeinwirkung farbveränderter Kalk- und Lehmmörtel, sodass diese
Funktionsteile eindeutig der Brennkammer zuzuordnen sind. Die Ansätze des Gewölbes, die
Gewölbebögen, die Feldsteinkammer sowie Durchzugskanäle und der Fussboden des eigentlichen
Wohnraumes waren jedoch nicht mehr erkenn- und rekonstruierbar. Dagegen konnten circa 4 Meter
westlich der Brennkammeröffnung Reste des Bedienungs- bzw. Zugangsteil der Heizung freigelegt
werden.255
Sowohl die Form der erhalten Reste der Brennkammer als auch die Feldsteine und Bruchteile der
Auslassöffnungen weisen eindeutig auf eine typisch mittelalterliche Warmluftheizung mit
zusätzlichem Steinspeicher hin. Sie kann demnach dem Typ IV von Klaus Bingenheimer
zugeordnet werden. Im Folgenden soll geklärt werden, welche Funktion dem Gebäude mit
Warmluftheizung innerhalb des Klosters zukam und in welchen Zeitraum dessen Errichtung mit
samt der Heizanlage fällt.
Wie bereits angesprochen, ist der neu zu Tage getretene Teil des Zisterzienser-Klosters Doberan in
bislang in keinem archäologischen Bericht erwähnt und festgehalten worden. Marlies Konze und
Sabine Schulze, Leiterin der Grabungskampagne von 2013, identifizieren es nun als das Abtshaus
des Klosters. Dieses wurde zunächst an einem etwas nördlicher gelegenen spätmittelalterlichen
Anbau an die Klausur verortet. Lorenz wiederum bezog sich dabei auf eine Grabung von 1830 unter
Leitung von Carl Theodor Severin. Allerdings weist schon Lorenz bei der Erstellung seines
Klosterplanes daraufhin, dass die damalige „Grabung nicht planmäßig durchgeführt wurde“ und es
schon damals schwer war zu bestimmen, ob die Reste „zu mittelalterlichen Klosterbauten gehören
oder späteren Jahrhunderten entstammen.“256
255Vgl. Konze, Marlies und Schulze, Sabine: Das Doberaner Abtshaus und die östlich der Klausur liegenden Bauten, in:
Klosterbaukunst in neuem Licht. Doberan im Kontext der europäischen Klosterarchitektur, Convent. Beiträge zur
Geschichte des Klosterwesens in Mecklenburg und Vorpommern, Band 6, Weimar 2015, S. 126ff.
256Lorenz, A. F.: Doberan, S. 72.
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Abbildung 15 - Grundriss Kloster Doberan nach Lorenz (Aus: Lorenz, 1958, Bild 5.)
Folgerichtig werden die betreffenden Gebäude im Klosterplan schließlich mit einem Fragezeichen
gekennzeichnet, welche in späteren Veröffentlichungen des Planes unbegründeter Weise wieder
verschwinden.257 Die neuen Befunde konterkarieren diese Entwicklung, denn das Abtshaus lag nun
doch südlicher als bisher angenommen. Schulze und Konze begegnen diesem mit folgender
Erklärung: „Lorenz ging bei seinen Forschungen sehr wahrscheinlich davon aus, dass der
Grabungsplan von 1830 die Südgrenze der Bebauung südöstlich des Münsters wieder gibt.“258 Dass
sich noch 11 Meter südlich davon weitere Gebäudereste des Klosters befinden, war von diesem
Standpunkt aus nicht vorherzusehen und erst der zufällige Grabungsbefund von 2013 konnte dieses
Bild revidieren.
Auch bezüglich der Abfolge beim Bau des Klosters sind uns nur spärliche Informationen
übermittelt. Gesichert ist die Schlussweihe der ersten, vermutlich romanischen und zum Teil noch
hölzernen,259 Klosterkirche im Jahre 1232. Welche weiteren Gebäude noch aus der ersten Hälfte des
257So bei Erdmann, Wolfgang: Zisterzienser-Abtei Doberan, Königstein im Taunus 1995, S. 12. Siehe auch Skerl,
Joachim: Kloster Doberan, Rostock 2007, S. 10.
258Konze, M./Schulze, S.: Das Doberaner Abtshaus und die östlich der Klausur liegenden Bauten, S. 154.
259Vgl. Mecklenburgische Reimchronik des Ernst von Kirchberg. Hrsg. von Crista Cordshagen und Roderich Schmidt.
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13. Jahrhunderts rühren, bleibt ungewiss. Anzunehmen ist jedoch, dass die Klausur sowie die an ihr
angeschlossenen Funktionsgebäude für die Mönche und Konversen noch bis 1250 fertiggestellt
waren. Im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts setzte dann eine zweite Phase mit Baumaßnahmen im
gesamten Klosterkomplex ein. Den Beginn markierte hierbei der Umbau des Gotteshauses, dem
sogenannten Doberaner Münster. Dieses wurde in mehreren Etappen um die alte romanische Kirche
herum konstruiert, sodass der Kirchenbetrieb solange wie möglich aufrechterhalten werden konnte.
Nach der Mecklenburgischen Reimchronik des Ernst von Kirchberg spielte es sich anschließend wie
folgt ab: „Der [Abt Johann] brach daz hulzene munstir nider, vnd machte es schone steynen
wider.“260 Der Abriss der alten Kirche fällt damit in die Zeit des Abtes Johann von 1294 bis 1299.
Durch dendrochronologische Untersuchungen am Gebälk des Dachstuhls konnte diese Zeitstellung
bestätigt werden, denn sie belegen das Aufsetzen des Dachwerkes im Winter 1296/1297.261 Eine
Rekonstruktion der Baugeschichte des Klosters von Christian Kayser und Jörg Rehm legt einen
Baubeginn des Münsters um 1275 und die Fertigstellung um 1310 nahe.262 Zur Schlussweihe kam
es jedoch erst 1368, da ein Mönchsaufstand die Abläufe im Kloster zeitweise störte.263 Parallel zu
den Bauarbeiten an der Klosterkirche im späten 13. Jahrhundert lassen sich weitere Baumaßnahmen
auf dem Gelände der Zisterze belegen. So wurde der Wirtschaftskomplex mit Wassermühle in der
Zeit von 1278 bis 1283 errichtet,264 die Speichergebäude „Wolfsscheune“ und „Kornhaus“ in den
90er Jahren des 13. Jahrhunderts265 sowie die über einen Kilometer lange Ringmauer zwischen den
Jahren 1283 und 1290.266
Ungefähr zeitgleich soll auch der Bau des neu entdeckten Abtshauses stattgefunden haben.
Hinweise hierzu geben uns zum einen die Gründungstechnik des Gebäudes und zum anderen die
verwendete Verbindungstechnik des Backsteinmauerwerks. Erste besteht aus einem, in Mörtel
Köln 1997, S. 331.
260Mecklenburgische Reimchronik des Ernst von Kirchberg, S. 331.
261Vgl. Kayser, Christian und Rehm, Jörg: Der Bau der Klosterkirche von Doberan, in: Spiritualität und Baukunst.
Leben und Wirken der Zisterzienser im Kloster Doberan, Convent. Beiträge zur Geschichte des Klosterwesens in
Mecklenburg und Vorpommern, Band 5, Weimar 2013, S. 111. Vgl. auch Skerl, J.: Kloster Doberan, S. 16.
262Vgl. ebd. S. 130. Der Abschluss der Arbeiten ist auch durch die Anfertigung der Innenausstattung (Altäre,
Chorgestühl, Kelchschrank, Glocke) um 1300 belegt. Siehe hierzu von Cossart, Kaja: Die Erstausstattung der
Doberaner Klosterkirche um 1300 die erhaltenen Objekte in ihrem mittelalterlichen Gebrauch, in: Klosterbaukunst in
neuem Licht. Doberan im Kontext der europäischen Klosterarchitektur, Convent. Beiträge zur Geschichte des
Klosterwesens in Mecklenburg und Vorpommern, Band 6, Weimar 2015, S. 97-122. Einen noch früheren Beginn des
Baus legt Carl-Christian Schmidt mit 1255 nahe. Vgl. dazu Schmidt, Carl-Christian: Versuch einer Baugeschichte des
gotischen Münsters Bad Doberan auf der Grundlage neuer Forschungsergebnisse, in: Klosterbaukunst in neuem Licht.
Doberan im Kontext der europäischen Klosterarchitektur, Convent. Beiträge zur Geschichte des Klosterwesens in
Mecklenburg und Vorpommern, Band 6, Weimar 2015, S. 27-96.
263Vgl. Voss, Johannes: Das Münster zu Bad Doberan, München 2008, S. 58. Hiernach kommt es ab 1310 zum
sogenannten Mönchskrieg aufgrund von Unstimmigkeiten mit dem Mutterkloster Amelungsborn. Eine Schlichtung
erfolgt erst 1361, woraufhin von 1365 bis 1368 die Weihefeiern des Münsters stattfinden.
264Vgl. Skerl, J.: Kloster Doberan, S. 11.
265Vgl. ebd., S. 11.
266Vgl. ebd., S. 9.
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gesetztem, losen Feldsteingefüge ohne echten Sockel und gleicht hierin exakt denen des nahe
gelegenen Kornhauses und der Wirtschaftsbauten, welche aus der Zeit um 1280/1290 stammen.
Zweites lässt einen sogenannten Läufer/Binder/Läufer/Binder-Verband erkennen. Dieser löste in
Mecklenburg ab 1260 sukzessive den Läufer/Läufer/Binder-Verband ab und findet sich ebenfalls im
Kornhaus sowie den Wirtschaftsgebäuden wieder.267 Ein weiteres Indiz für eine Errichtung des
Abtshauses um 1280/1290 ist der Fund eines zweitverwendeten Ziegelsteines. In der untersten Lage
der Außenmauer wurde ein Backstein der ehemaligen romanischen Vorgängerkirche entdeckt. Die
sekundäre Verwendung von Ziegelsteinen war im Mittelalter durchaus geläufig. Für Doberan ist sie
vielfach belegt und besonders gut nachzuweisen, da Teile der romanischen Vorgängerkirche in der
Westfassade des gotischen Nachfolgebaus integriert und erhalten geblieben sind. Während der
unterschiedlichen Bauphasen des neuen Gotteshauses ebenfalls zwischen 1280 und 1295 kam es
zum Abriss der alten Kirche und zur Weiterverwendung von besonders gut erhaltenen
Backsteinen.268 Und letztlich belegen auch die schriftlichen Zeugnisse die Existenz eines solchen
Abtshauses im Zisterzienser-Kloster Doberan. Wiederum kann Ernst von Kirchberg darüber
berichten, denn es lässt sich aus seiner Reimchronik nicht nur die Abfolge der Doberaner Äbte
rekonstruieren, sondern gar die Bautätigkeit in der Zeit ihrer Regentschaft nachvollziehen.
Appid Wernher von Doberan starb, vnd nach im quam alsus von Czercheym Georgius. Nach des tode
wart also zu appide Sygebodo. Als der gestarb, wart appid drad von Lubike brudir Conrad, der dem
clostere waz getruwe mit arbeyd vnd mit groszem buwe. Der selbe buwte sundir wan dy steyhaus
erst zu Doberan. Erst des appides kemmenade gebuwit wart mit gudem rade, recht in des appides
hofe gelegin. Daz schuchhus buwete her ouch mit phlegen. Das gasthus buwete her sundir suren und
liez daz clostir vmme muren. Noch liez her in der bursen starg silbirs eylftusint mark zu helfe yn
gantzir truwe dem munstere zu gebuwe, daz gebuwet wart gar schone ane gebrechin vnd gehone.
Syne andirn werk, dy her da warb, des weiz ich nicht, da her irstarb.269
Abt Konrad III. von Lübeck, dessen Regierungszeit sich auf die Jahre von 1283 bis 1291 beläuft,270
ließ demnach nicht nur ein Schuhhaus, ein Gasthaus sowie die Mauer errichten, sondern trieb auch
den Bau des Münsters voran. An erster Stelle beauftragte er jedoch den Bau einer eigenen Residenz.
Somit dürfte diese mit großer Wahrscheinlichkeit noch in den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts
fertiggestellt gewesen sein.
Strittig bleibt allerdings, ob die Warmluftheizung zur ursprünglichen Baueinheit gehörte oder doch
erst nachträglich hinzugefügt wurde. An der südwestlichen Ecke der Residenz konnten der Heizung
vorgelagerte Gebäudeteile freigelegt werden, die als Arbeits- und Zugangsraum der Luftheizung
267Vgl. Konze, M./Schulze, S.: Das Doberaner Abtshaus und die östlich der Klausur liegenden Bauten, S. 129.
Erstmaliges nachgewiesen ist dieser Verbund in dem nahegelegen Kröpeliner Torder Stadt Rostock von 1260.
268Vgl. ebd. 131f.
269Mecklenburgische Reimchronik des Ernst von Kirchberg, S. 325.
270Siehe ausführlich Wichert, S.: Das Zisterzienserkloster Doberan im Mittelalter, S. 247, der anhand der Quellen eine
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interpretiert wurden. Diese sind aber zweifelsfrei jüngeren Datums, da sie eine abweichende
Gründungstechnik zum Rest des Mauerfundaments aufweisen. Konze und Schulze vermuten
aufgrund der festen Feldsteingründung einen vorgesetzten bzw. angeschlossen Fachwerkbau,
realisiert zwischen 1300 und 1350.271 Auch die östliche Stützmauer der Heizung erweist sich, nach
dem Grabungsbericht, als „stratigrafisch jünger“, was ebenfalls auf einen nachträglichen Einbau
deuten würde.272 Insgesamt lässt sich allein über den archäologischen Befund jedoch kein
eindeutiges Urteil über die Installation der Steinkammer-Luftheizung fällen. Sie könnte sowohl
bereits Bestandteil des originalen Abtshauses gewesen oder doch erst kurze Zeit später hinzugefügt
worden sein.
Möglicherweise bringt ein Abgleich mit parallelen Warmluftheizungen einen erweiterten Blick auf
die Herkunft des Doberaner Fundes. In erster Linie liegt hierbei ein Vergleich der Heizung der
Abtswohnung mit einer möglichen Heizung des Calefactoriums der Zisterze nahe. Nach dem Plan
von Lorenz befand sich diese, rekurrierend auf den monastischen Idealplan der Zisterzienser, im
südlichen Klausurtrakt und verfügte über eine spezielle Heizvorrichtung:
Der Südflügel enthielt in traditioneller Anordnung im Osten zunächst das beheizbare Calefaktorium
(die Wärmestube) über einen Heizofen im Keller, in den Akten des 16. Jahrhunderts „Piepofen“
genannt wegen der gemauerten Warmluftrohre (Piepen).273
Solche „Piepöfen“ sind aus dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit bekannt. Sie bestehen
aber üblicherweise aus einem metallenen Heizkessel, von dem über angeschlossene Metallröhren
die Heißluft in verschiedene Räume verteilt wird.274 Dass diese Röhren, in den Quellen auch als
„Piepen“ oder „Pipenaven“ bezeichnet, im Doberaner Calefactorium in gemauerter Ausführung
auftreten sollen, erscheint jedoch eher ungewöhnlich. Vielmehr ist anzunehmen, dass auch hier eine
ältere, spätmittelalterliche, gemauerte Warmluftheizung aufzufinden war, die von den Autoren des
16. Jahrhunderts retrospektiv mit den ihnen geläufigeren Begriff des „Piepofens“ betitelt wurde.
Um welchen Typ von Luftheizung es sich dabei handelte, sowie aus welcher Zeit sie stammt, lässt
sich jedoch nicht mehr nachvollziehen, da weder Quellen noch archäologische Funde Auskunft über
den südlichen Trakt der Klausur der Doberaner Zisterze geben.
Ein Blick auf Warmluftheizungen anderer Bauten von Zisterziensern in Mecklenburg eröffnet
bessere Vergleichsmöglichkeiten. Zwar lassen die Calefactoriumsheizungen der Zisterzen Eldena
und Hiddensee ebenso wenige Rückschlüsse wie die des Doberaner Calefactoriums zu, doch
ausführliche Abtsliste erstellt hat.
271Vgl. Konze, M./Schulze, S.: Das Doberaner Abtshaus und die östlich der Klausur liegenden Bauten, S. 134f.
272Ebd., S. 130.
273Lorenz, A. F.: Doberan, S. 34.
274Vgl. Möller, G.: Mittelalterliche Luftheizungen in Stralsund - neue Befunde, S. 46. Ein solcher Heizofen existierte
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brachte ein zweiter Fund aus dem Kloster Hiddensee erstaunliche Parallelen zu Tage.275 Im Kloster
Hiddensee konnte ebenfalls eine, mittels Steinkammer-Luftheizung beheizbare, Abtswohnung
nachgewiesen werden. Diese befindet sich, wie in Doberan, in einem separaten Abtshaus und weist
ähnliche Dimensionen auf.276 Allerdings stammt die Heizung aus Hiddensee aus dem 14.
Jahrhundert das Kloster wurde erst 1296 bestiftet und verdeutlicht vielmehr die Diffusion von
Technik durch die sich ausbreitenden Mönchsorden.277 Eine Weitergabe von technischem Know-
How, wie dem zur Konstruktion einer Warmluftheizung, könnte in diesem Fall über die inhärenten
Übermittlungswege des Ordens stattgefunden haben. In Analogie hierzu müsste die Herkunft der
Luftheizung der Doberaner Abtsresidenz in den vorausgegangenen Klöstern zu suchen sein. Doch
sind weder im Mutterkloster von Doberan, dem Zisterzienser-Kloster Amelungsborn, noch in
anderen frühen norddeutschen Zisterzen wie Loccum, Reynefelde, Walkenried, Neuenkamp, etc.
Luftheizungssysteme belegt, da die meisten der ehemaligen Anlagen in der Neuzeit abgebrochen
oder überbaut worden sind. Eine zisterziensische Linie ist folglich nicht auszuschließen, aber
ebenso wenig zu erkennen und zu substantiieren.
Eine weitere evidente Variante des Techniktransfers stellt sich bei einem erneuten Blick auf die
Bauumstände ein. Möglicherweise als magister operis oder zumindest Auftragsgeber war der aus
Lübeck stammende Abt Konrad III. in den Bau seiner Abtswohnung involviert.278 Womöglich
pflegte Konrad auch während seiner Zeit als Abt gute Beziehungen nach Lübeck.279 Dort kommt es
zeitgleich zum Bau erster Steinkammer-Luftheizungen, denn, wie bereits erwähnt, erhielten das
Lübecker Burgkloster, eine Niederlassung des Dominikaner-Ordens, sowie das Heiligen-Geist-
Hospital im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts, eine Warmluftheizung ähnlichen Typs. Demnach
kursierte in Lübeck das Wissen um die nun durch Steinspeicher verbesserte Luftheizungen
mindestens seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert. Dies könnte den Abt Konrad schlussendlich
veranlasst haben, eine solche Heizung für seine Abtsresidenz bauen zu lassen, sodass das Wissen
um die Steinkammer-Luftheizung über diesen Weg von Lübeck nach Doberan transferiert sein
könnte.
In einer dritten Alternative ließe sich der Transfer der neuen Heizungstechnik auf die
umherziehenden Bauhütten zurückführen. Speziell die jüngsten Funde dienen hierfür als Indizien
zum Beispiel im Grauen Kloster zu Wismar.
275Vgl. Biermann, Felix: Archäologische Untersuchungen am Zisterzienserkloster Hiddensee, in: Archäologische
Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 17, 2009, S. 288.
276Zum Vergleich. Die Brennkammer in Doberan hatte Maße von 1,2 m Länge und 0,6 m Breite. Das Exemplar aus
Hiddensee eine Länge von 1,12 m und eine Breit von 0,86 m.
277Vgl. Biermann, F.: Archäologische Untersuchungen am Zisterzienserkloster Hiddensee, S. 296f.
278Vgl. Kayser, C. und Rehm, J.: Der Bau der Klosterkirche von Doberan, S. 131. Einige der magister operis aus den
Reihen der Mönche sind für Doberan ab 1257 belegt.
279Dies ist für diverse Klosteräbte durch Briefkorpora oder Reiseberichte belegt und daher auch für den Äbte des
Klosters in Doberan zu erwarten.
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beziehungsweise Vergleichsobjekte. So erinnern die Heizungsfunde aus Güstrow oder Pasewalk in
Form und Größe stark an den Doberaner Befund. Beide entstammen ebenfalls aus der Zeit um
1300.280
Welcher Vorgang im Konkreten zum Einbau der Warmluftheizung in der Abtswohnung des
Doberaner Klosters führte, lässt sich nicht mehr exakt rekonstruieren. Auch ob sie zum
ursprünglichen Bau von 1283-1290 gehörte oder doch erst nachträglich eingefügt wurde, lässt sich
zurzeit nicht mit Verlässlichkeit sagen. Je nachdem, welche Variante bevorzugt wird, böten sich
divergente Interpretationsmöglichkeiten an. So könnte eine frühe Installation der Heizung, bei der
die Technik innerhalb des Zisterzienserordens vermittelt worden ist, gar Impulse auf die weitere
Verbreitung der Steinkammer-Luftheizung im heutigen Mecklenburg bewirkt haben. Anderseits
ließe ein nachträglicher Einbau eher auf ein Anpassen der Zisterzienser an eine sich stetig und
allgemein ausbreitenden technischen Standard schließen. Hierbei können ganz unterschiedliche
Faktoren und verschiedene Akteure die Vermittlung des technischen Know-Hows hervorgerufen
und beeinflusst haben. Im Falle von Doberan könnte das Wissen auf Bestreben der Mönche bzw.
des Abtes, über die planenden und ausführenden Bauleute oder durch intensiven Austausch dieser
beiden sozialen Gruppen untereinander transferiert worden sein.
Insofern kann Folgendes resümierend festgestellt werden: Die Doberaner Steinkammer-Luftheizung
ist ein weiterer Beleg für die rasche Expansion dieser Technik seit dem Ende des 13. Jahrhunderts
und gehört vermutlich zu den ersten Exemplaren im heutigen Mecklenburg.
280Vgl. Hoffmann, V.: Wohlige Wärme im Mittelalter Luftheizungen, S. 319f. Vgl. auch Wietrzichowski, F.:
Warmluftheizung - frühes Know-how im Mittelalter, S. 43f.
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7. Zusammenfassung
Bei der im Sommer 2013 entdeckten, mittelalterlichen Heizung auf dem Gelände der Abtsresidenz
des Zisterzienser-Klosters Doberan handelt es sich zweifelsfrei um eine Warmluftheizung. Mit einer
solchen Heizung konnte mittels einströmender Warmluft, also der Nutzung des
Konvektionsprinzips, der zu beheizende Raum effektiv temperiert werden. Funde von Feldsteinen
deuten bei genauerer Analyse auf eine, nach Bingerheimer als Typ IV klassifizierte, Steinkammer-
Luftheizung hin. Diese ist die letzte Entwicklungsstufe in der Geschichte der mittelalterlichen
Luftheizungen und stellt den ausgereiftesten und am weitest verbreiteten Typ der
Warmluftheizungen dar. Ihren Siegeszug feierte die Steinkammer-Luftheizung allerdings erst im 14.
und 15. Jahrhundert. Die Doberaner Heizung entstammt jedoch schon aus dem Ende des 13.
Jahrhunderts und wäre damit ein besonders frühes Exemplar dieser Art von Luftheizungen. In
dieser Arbeit wurde der Fund auf dem Gelände des ehemaligen Zisterzienser-Klosters unter dem
Gesichtspunkt seiner chronologischen Einordnung interpretiert, woraus gleichfalls eine kritische
Betrachtung zur allgemeinen Entwicklung und Geschichte der Luftheizung in der Vormoderne
resultierte. Diese sollte bis in die Antike zurückführen und liefert die nachfolgend summarisch
aufgeführten Ergebnisse:
Die übergeordnete Frage, ob es Luftheizungen bereits in der Antike gegeben hat, kann bis dato
nicht entschieden beantwortet werden, denn in der Diskussion um die Existenz von solchen
Anlagen rangieren weiterhin divergierende Positionen. Einige Autoren sehen, insbesondere durch
die Briefe von Plinius dem Jüngeren, deren Vorhandensein bezeugt. Andere wiederum verweisen
auf dieselben Briefstellen als Gegenargumente und bieten alternative Interpretationen an. Analog
dazu werden auch die wenigen archäologischen Funde gegensätzlich gedeutet. Bislang gibt es
jedoch keinen zweifelsfrei nachgewiesenen Fund einer antiken Luftheizung, weshalb die Nutzung
des Prinzips der Konvektion für die Beheizung von Wohn- und Aufenthaltsräumen für diese Zeit
nicht bewiesen werden kann. Sicher ist hingegen, dass Fußbodenheizungen, die auf dem Prinzip der
Abstrahlung beruhen, in der Antike weit verbreitet waren. Von diesen dominieren lange Zeit die
klassischen auf Pfeiler gestellten Hypokausten-Heizungen. Ab der Spätantike zeichnet sich dann
eine Reduktion der Strahlungsheizung auf einfache Kanalsysteme ab, sodass im Übergang zum
Frühmittelalter die sogenannten Kanalheizungen zu den vorwiegend verbauten
Großheizungssystemen avancieren. Die Kanalheizungen funktionieren jedoch weiterhin nach dem
Prinzip der Abstrahlung und nicht der Konvektion. Insgesamt ist für den Zeitraum zwischen
Spätantike und Frühmittelalter allerdings ein quantitativer Rückgang an neuen Heizungsanlagen zu
verzeichnen. Dieser resultiert aus den politischen Umwälzungen, den wirtschaftlichen Notlagen und
kulturellen Überformungen im Zuge der Völkerwanderung. Überlebt haben die Fußbodenheizungen
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dennoch. Die zu Kanalheizungen transformierten Strahlungsheizungen aus römischer Tradition
erleben in den Großklöstern nördlich der Alpen eine Art Renaissance. Spätestens ab dem 8.
Jahrhundert werden die Calefactorien der benediktinischen Klöster mit Fußbodenheizungen, in
Form von Kanalheizungen, ausgestattet, was einerseits durch den St. Galler Klosterplan und
anderseits durch archäologische Funde aus dem Kloster Reichenau belegt ist. Allerdings handelt es
sich bei allen bekannten Exemplaren dieses Zeitraumes zweifelsohne nicht um Warmluftheizungen.
Erst danach, also ab dem 9. Jahrhundert, beginnt die Epoche der Luftheizung. Sie sollte knapp 700
Jahre andauern, mit einem Höhepunkt in der Zeit von 1400-1500. Den Beginn ihrer Entwicklung
markieren Heizanlagen, deren experimenteller Status das augenfälligste Kriterium darstellt. Daher
bedarf es einer expliziteren Betrachtung der Einzelfälle, welche unter zwei Gesichtspunkten
besonders gewinnbringend erscheint. Erstens dem Versuch einer Einteilung in verschiedene Typen
und Bauarten der Warmluftheizungen. Zweitens den Akteuren bzw. Institutionen, welche solche
Heizanlagen bauen und betrieben ließen sowie deren Verbreitung forcierten.
Was die typenmäßige Unterteilung anbelangt, so versuchte Klaus Bingenheimer in den 90er Jahre
eine Klassifizierung nach ausgewiesenen Bauartmerkmalen vorzunehmen. Er identifizierte vier
voneinander abweichende Typen, in die er alle ihm bekannten Heizungen einzuordnen suchte. Aber
vor allem für die Frühzeit war seine Herangehensweise zum Scheitern verurteilt, da gerade hier jede
Heizung als singulär zu betrachten ist und kaum einer anderen gleicht. Sogar bis in das 13.
Jahrhundert sollte es eine Zeit des Experimentierens bleiben, sowohl in puncto Bauausführung,
Materialverwendung, Funktionsweise als auch im Betrieb der Heizanlage. Manche verfügten
weiterhin über ein Kanalsystem, andere über ein großes, ausgeweitetes Feuerungsgewölbe. Wieder
andere bestanden möglicherweise gar aus einer Ofen-in-Ofen-Konstruktion und konnten dadurch
kontinuierlich betrieben werden. In vielen Fällen tauchten die einzelnen Elemente jedoch in einer
Mischform auf, sodass eine exakte Identifikation und Einteilung äußert schwer fällt. Die oft nur
marginal und stark ruinös erhaltenen Reste der Heizungen erschweren eine generalisierende
Beurteilung zusätzlich.
Unter Berücksichtigung der vielen neuen und ungeklärten Exemplare relativiert sich Bingenheimers
Typisierung der älteren Luftheizungen, also der Typen I bis III. Erst mit den Steinkammer-
Luftheizungen des Spätmittelalters greift eine typenvergleichende und -subsumierende
Zusammenfassung, da hier mit dem Vorhandensein von Feldsteinen als zusätzlicher Hitzespeicher
ein vereinheitlichendes Element gegeben ist. Bis dahin lässt sich im Ganzen nur Folgendes als
Gemeinsamkeit feststellen: Das Einströmen von Warmluft zur Erwärmung des Raumes über
speziell für diesen Zweck angefertigte Auslassplatten mit verschließbaren Auslassöffnungen.
Heizungsanlagen, die dieses Kriterium erfüllen, können ohne Vorbehalte als Warmluftheizungen
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klassifiziert werden. Der bisher älteste bekannte Befund einer so definierten Heizung stammt aus
dem 9. Jahrhundert und war Teil der Klosteranlage des Benediktiner-Klosters Reichenau. Ab dem
10. Jahrhundert tauchen solche Anlagen vermehrt in Pfalzen und Königshöfen in der Harzregion
auf. Anschließend werden die Luftheizungen von den Mönchsorden des 12. und 13. Jahrhunderts
aufgegriffen und als essenzieller Bestandteil der Calefactorien in ihre Klosteranlagen verpflanzt. Ob
hierbei den Zisterziensern eine gesonderte Stellung zukommt und ob sie tatsächlich einen
eigenständigen Heizungstyp hervorbringen, bleibt weiter zu hinterfragen, denn für die meisten Fälle
lassen sich ebenfalls gegenteilige Deutungsmöglichkeiten finden. Auch wenn es die indirekten
Luftheizungen generell oder nur bei den Zisterziensern gegeben hat, bliebe diese Entwicklung
nur von geringem Bestand, denn bereits ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts kommen die
ersten nachweisbaren Steinkammer-Luftheizungen auf. Wann und wie diese Innovation sich
herausgebildet hat, kann ebenfalls nicht mit eindeutiger Sicherheit geklärt werden. Stark
angenommen wird eine Verschmelzung von älteren Warmluftheizungen mit der
Steinspeichertechnik aus Dampf- und Schwitzbädern. Dank ihrer hohen Effizienz und der
einfachen, aber elaborierten Bedien- und Betriebsweise verdrängen die Heizvorrichtungen mit
hinzugefügter Steinkammer sukzessive alle anderen Variationen von Luftheizungen. Hinzukommt
eine massive Expansion dieses neuen Typs ab dem 14. Jahrhundert, denn während von den
Vorgängern nicht mehr als insgesamt 50 Exemplare zu erwarten sind, übersteigen die Steinkammer-
Luftheizungen diese Zahl mindestens um das 10-fache, wenn nicht gar um das 20-fache. Die
Fundplätze sind dabei nicht nur wesentlich weiter gestreut, sondern es verschiebt sich auch deren
soziale Implikation. Sind die älteren Exemplare noch auf die weltliche Herrschaftsschicht und den
klerikalen Bereich beschränkt, so werden Luftheizungen ab dem Ende des 13. Jahrhunderts auch für
das aufstrebende Bürgertum attraktiv und verbreiten sich mit diesem im gesamten Ostseeraum.
Gleichfalls schwer ist die Frage zu beantworten, wer nun wirklich das Wissen um die
Luftheizungen hervorbrachte, forcierte und verbreite. Am Beispiel des Exemplars aus dem Abtshof
des Zisterzienser-Klosters Doberan konnten die vorhandenen Schwierigkeiten aufgezeigt werden.
Einerseits lässt sich alleine über die Bauart oder, wenn man so will, den Typ der Heizung, nicht
herleiten, über welche Wege diese Technologie Einzug in den besagten Raum gefunden hat.
Anderseits geben uns auch die Quellen in diesem Fall keine eindeutigen Hinweise über die
Weitergabe und den Transfer der Technik. Dazu kommt, dass die erhaltenen Überreste oft wenig
aussagekräftig aufgefunden und erschlossen werden können und somit keine stichhaltige
Interpretation zulassen.
Alle angesprochenen Probleme tun sich auch im Fall der Steinkammer-Luftheizung von Doberan
auf, weshalb sich so manche Interpretationsmöglichkeit anbietet. Ob sich die Wissensvermittlung
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dort über den Zisterzienser-Orden, den Abt alleine oder wandernde Bauleute vollzogen hat, kann
nicht endgültig festgestellt werden.
Gleiches gilt für die übergeordnete Entwicklung zur Entstehung der allgemeinen
Luftheizungstechnik und der Durchsetzung des Konvektionsprinzips. Ob diese Innovation aus den
Kreisen der Klöster und Mönchsorden, von den Pfalzherren oder doch aus dem slawischen
Kulturkreis entspringt, bleibt weiterhin offen. Am logischsten erscheint in der Tat eine Synthese von
vielfältigen kulturellen Ausprägungen und Eigenheiten. Die prekäre Quellenlage und die nur vagen
Erkenntnisse aus der Archäologie verwehren jedoch eine definitive und abschließende Antwort.
Auch verschwimmt mit jedem weiteren Fund einer frühen Luftheizung Bingenheimers These vom
Einfluss der slawischen pec auf die Entstehung der Luftheizung. Gleichermaßen lässt sich an seiner
Klassifizierung nur noch bedingt festhalten, da wiederholt neue Funde nicht in das alte Schema der
vier Typen von Bingenheimer einzufügen sind. Diese hatten zur Zeit seiner Entstehung seine
Richtigkeit und Berechtigung, sind jedoch nach nunmehr 20 Jahren und einer Vielzahl von neuen
Funden erst recht „überholt.“281
Nötig wäre demnach eine aktualisierte Auflistung aller Einzelfälle, gefolgt von einer differenzierten
Betrachtung der Kriterien für Typisierung, Entstehung und Verbreitung. Letzteres müsste, als
Desiderat an die Forschung, um gewinnbringende Ergebnisse zu erzielen, den Fokus auf
Kleinräume wie auf Großräume legen, sowie sich an mittelalterlichen Institutionen,
Lebenshorizonten und -abläufen orientieren. Erst dann können Erkenntnisse über eine reine
Summierung hinaus gewonnen werden.
281Untermann, M.: Ausgrabungen und Bauuntersuchungen in Klöstern, Grangien und Stadthöfen, S. 26.
- 76 -
Gedruckte Quellen
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Lateinisch/Deutsch. Herausgegeben, übers. u. kommentiert von Otto Schönberger, Stuttgart 2000.
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1922, Band 3 herausgegeben von Hans Lietzmann, Leipzig 1933.
Martialis, Marcus Valerius: Epigramme. Lateinisch-deutsch, herausgegeben und übersetzt von Paul
Barié und Winfried Schindler, Düsseldorf 1999.
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Roderich Schmidt, Köln 1997.
Palladius, Rutilius Taurus Aemilianus: Opus agriculturae. Herausgegeben von J. C. Schmitt,
Leipzig 1898.
Plinius Caecilius Secundus, Gaius: Briefe. Lateinisch-Deutsch, herausgegeben und übersetzt von
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Literatur
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