DIE ENTSTEHUNG VON TECHNIKMUSEEN
SEIT BEGINN DER ACHTZIGER JAHRE ALS FOLGE
DER MUSEALISIERUNG VON INDUSTRIE UND TECHNIK
Eingereicht als Dissertation
im Fachbereich 2 (Erziehungswissenschaft, Psychologie, Sportwissenschaft)
der Universität Gesamthochschule Paderborn
zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.)
im Fach Erziehungswissenschaft
von Brigitte Lörwald
Grimmestraße 13, 33098 Paderborn
geb. am 12.11.1967 in Arnsberg/Sauerland
Gutachter:
Frau Prof. Dr. Waltraut Schöler
Herr Prof. Dr. Gerd Tulodziecki
– 2 –
– 3 –
INHALTSVERZEICHNIS
Seite
1. EINLEITUNG 9
1.1 Ausgangslage und Problemstellung 9
1.2 Technikmuseen im Kontext der Musealisierungsdebatte 17
1.2.1 Zum Begriff „Technikmuseum“ 17
1.2.2 Die Musealisierungsdebatte seit Beginn der achtziger Jahre 21
1.2.3 Musealisierung und Museum 24
1.3 Gliederung der Arbeit 30
2. DIE ENTSTEHUNG VON TECHNIKMUSEEN
SEIT BEGINN DER ACHTZIGER JAHRE –
GRUNDLAGEN, URSACHEN, RAHMENBEDINGUNGEN
39
2.1 Die Ökologie 41
2.2 Die Informationstechnologie 44
2.2.1 Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Freizeit 46
2.2.2 Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Arbeits-
welt
50
2.3 Musealisierung als Kompensationsversuch 54
2.3.1 Kompensation des erhöhten Risikos in der Informations-
gesellschaft
55
2.3.2 Kompensation der ökologischen Krise und der Zukunfts-
angst
60
2.3.3 Musealisierung: Verdrängung oder Kompensation? 66
2.4 Erlebnis und Bildung als Zielvorstellung 68
3. AUSWIRKUNGEN DER TECHNISCHEN ENTWICKLUNG
AUF DIE AUSSTELLUNGSPRÄSENTATION DER MUSEEN
71
3.1 Das Technikmuseum. Seine Entwicklung bis zur Gegenwart 73
3.1.1 Die Entwicklung zum Technikmuseum im 19. Jahrhundert 73
3.1.2 Das Technikmuseum im 20. Jahrhundert 75
3.1.3 Die Entwicklung des Technikmuseums nach 1945 80
...
– 4 –
3.2 Technikmuseen: Einbeziehung von gegenwärtigen und möglichen
zukünftigen informationstechnischen Entwicklungen in die Aus-
stellungspräsentation
85
3.3. Verschiedene Möglichkeiten der Präsentation 86
3.3.1 Technische Exponate und ihre Vermittelbarkeit im Museum 87
3.3.2 Inszenierung im Technikmuseum 92
3.3.3 Präsentation durch symbolische Mittel 96
3.3.4 Herausforderungen an eine Ausstellungsdidaktik der neuen
Technologien
98
3.4 Vom materiellen zum immateriellen Museumsobjekt 103
3.4.1. Museumsexponate und ihre digitalisierten Abbilder 104
3.4.2. Beziehung zwischen realem Exponat, digitalem Exponat und
Besuchern
110
3.5 Perspektiven für eine zukünftige Ausstellungspräsentation 113
4. DAS THEMEPARK-KONZEPT –
MUSEALISIERUNG ALS FREIZEITSPASS
117
4.1 Das Konzept der Themeparks 118
4.1.1 Das Beispiel Disneyland 121
4.1.2 Virtual Reality-Parks 125
4.1.3 Der geplante Real World-Park und der Swarowski-
Themepark
130
4.2 Gemeinsamkeiten der Themeparks 133
4.3 Das Verhältnis von Themeparks und Museen 136
4.4 Die Bedeutung der Themeparks für die zukünftige Arbeit der
Technikmuseen
141
5. DIE BEDEUTUNG DER MUSEUMSPÄDAGOGIK FÜR
DIE TECHNIKMUSSEN DER GEGENWART
145
5.1 Die Rolle der Museumspädagogik 146
5.2 Museumspädagogik im Technikmuseum 155
5.3 Die Immaterialisation der Exponate als Herausforderung für die
Vermittlung
160
5.4 Zusammenfassung 165
...
– 5 –
6. DREI TECHNIKMUSEEN –
DARSTELLUNG, ANALYSE, BEWERTUNG
167
6.1 Das Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn (HNF) 168
6.1.1 Stellung des HNF im gesellschaftlichen Kontext 169
6.1.1.1 Umsetzung der Zielvorstellungen 171
6.1.1.2 Bewertung des Konzepts 173
6.1.2 Das Ausstellungskonzept 174
6.1.2.1 Umsetzung des Ausstellungskonzepts 175
6.1.2.2 Bewertung des Ausstellungskonzepts 178
6.1.3. Museumspädagogik im HNF 184
6.1.3.1 Umsetzung des museumspädagogischen Konzepts 185
6.1.3.2 Das elektronische Medienkonzept im HNF 185
6.1.3.3 Besucherbegleiter und ihre Vorbereitung 189
6.1.3.4 Museumspädagogische Veranstaltungen 190
6.1.3.5 Bewertung des museumspädagogischen Konzepts 193
6.2 Das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (LTA) 195
6.2.1 Stellung im gesellschaftlichen Kontext 195
6.2.1.1 Umsetzung der Zielvorstellungen 196
6.2.1.2 Bewertung des Konzepts 198
6.2.2 Das Ausstellungskonzept 198
6.2.2.1 Umsetzung des Ausstellungskonzepts 199
6.2.2.2 Bewertung des Ausstellungskonzepts 202
6.2.3 Museumspädagogik im LTA 204
6.2.3.1 Umsetzung des museumspädagogischen Konzepts 205
6.2.3.2 Bewertung des museumspädagogischen Konzepts 207
6.3 Die Deutsche Arbeitsschutzausstellung in Dortmund (DASA) 209
6.3.1 Stellung im gesellschaftlichen Kontext 209
6.3.1.1 Umsetzung der Zielvorstellungen 210
6.3.1.2 Bewertung des Konzepts 211
6.3.2 Das Ausstellungskonzept 212
6.3.2.1 Umsetzung des Ausstellungskonzepts 213
6.3.2.2 Bewertung des Ausstellungskonzepts 215
...
– 6 –
6.3.3. Museumspädagogik in der DASA 215
6.3.3.1 Umsetzung des museumspädagogischen Konzepts 216
6.3.3.2 Mediengestütztes Lernen in der DASA 218
6.3.3.3 Bewertung des museumspädagogischen Konzepts 221
6.4 Vergleich der Vermittlungsarbeit im HNF, im LTA und in der DASA 223
6.5 Zukünftige museumspädagogische Perspektiven für Technik-
museen
226
7. DIE ENTWICKLUNG DER BESUCHERFORSCHUNG
UND IHRE NOTWENDIGKEIT FÜR DIE MUSEUMSARBEIT
233
7.1 Abriß über die Entwicklung der Besucherforschung 236
7.1.1 Besucherforschung bis 1945 236
7.1.2 Besucherforschung nach 1945 237
7.2. Besucherforschung in der Praxis: Das HNF in Paderborn 239
7.2.1 Ergebnisse der Studie 242
7.2.2 Fazit aus der Studie 250
8. SCHLUSSBETRACHTUNG 253
8.1 Neue Inhalte für Technikmuseen 254
8.2 Gentechnologie als zukünftiges Thema von Technikmuseen 256
8.3 Neue Präsentationsformen für Technikmuseen 257
8.4 Besucherorientierung im Technikmuseum 258
LITERATURVERZEICHNIS 261
ANHANG 273
– 7 –
– 8 –
– 9 –
TEIL 1
EINLEITUNG
1.1 Ausgangslage und Problemstellung
Die Institution Museum ist von Beginn der achtziger Jahre bis heute Gegen-
stand einer kontroversen wissenschaftlichen Debatte. Soziologen, Philoso-
phen, Historiker und Pädagogen erörtern die Stellung des Museums in Kultur
und Gesellschaft. In dieser Debatte wird von Wissenschaftlern und Museums-
verantwortlichen gleichermaßen ein – in dieser Tragweite bisher noch nie
stattgefundener – Museumsboom konstatiert. Dieser Boom der Institution
Museum, der scheinbar seit zwanzig Jahren existiert, wird von vielen Fach-
leuten positiv beurteilt. So spricht Walter Hochreiter von einem „Aufschwung
wie noch kaum jemals in [der] Geschichte“1. Walter Grasskamp spricht von
einer „Hausse“2 im Museumswesen. Karl Ruhrberg sieht im Museumsboom
ein „massenhaftes Interesse, das in der bisherigen [...] Museumsgeschichte
ohne Vergleich ist“3. Und Gottfried Korff und Martin Roth sprechen von einer
„Hochschätzung“4, die den Museen widerfahre. Diese positiven Assoziationen
zum Museumsboom lassen erkennen: das Museum ist populär und diskus-
sionswürdig wie noch nie in seiner Geschichte.
Wie manifestiert sich nun dieser Museumsboom seit Beginn der achtziger
Jahre? Zunächst einmal in einer Vielzahl von Museumsneubauten und
Erweiterungsbauten. Karl Stamm stellt fest, daß „Museen [...] wie Pilze aus
dem Boden schießen“5. Dazu gehören Museumsgründungen, die sich nur
einem Thema widmen. Karl Stamm merkt dazu an, daß „es fast keinen
1 Walter Hochreiter: Vom Musentempel zum Lernort. Zur Sozialgeschichte deutscher
Museen 1800-1914. Darmstadt 1994, S. 2.
2 Walter Grasskamp: Das Museum als Metapher. In: Die Zeit. Nr. 14. 1991, S. 52.
3 Karl Ruhrberg: Reliquienschrein oder Warenlager? In: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank
Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er Jahren. München
1990, S. 161.
4 Gottfried Korff / Martin Roth (Hg.): Das historische Museum. Frankfurt am Main / New
York / Paris 1990, S. 10.
– 10 –
Gegenstand des täglichen Lebens mehr gibt, zu dem nicht irgendwo ein
Museum existiert“6. Eine Auswahl solcher Museen, die sich auf lediglich ein
Thema konzentrieren, stellt das Werk
Periphere Museen in Berlin
7 vor: zum
Beispiel ein Zuckermuseum, ein Friseurmuseum, ein Hundemuseum, ein
Wäschereimuseum und viele andere. Korff merkt zur Gründungswelle an: „Es
vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die Einrichtung eines neuen Museums
oder der Ausbau eines schon bestehenden vermeldet werden“8.
Zudem wird eine „nie dagewesene Welle von Museumsbauten“9 konstatiert,
die zum Teil von berühmten Architekten errichtet wurden: „Viele der nam-
haften Baumeister der Gegenwart haben inzwischen ein Museum ihrer Hand-
schrift geschaffen“10. Für die achtziger Jahre seien als Beispiele genannt: die
1984 eröffnete Neue Staatsgalerie Stuttgart von James Stirling und das 1985
eröffnete Museum für Kunsthandwerk von Richard Meier in Frankfurt am
Main. Für die neunziger Jahre können als Beispiele gelten: die 1992 eröffnete
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland von Gustav
Peichl und das 1994 eröffnete Haus der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland in Bonn. Es entstehen sowohl Museen für sogenannte Hohe
Kunst als auch für Dinge des täglichen Lebens. Musealisiert wird alles, was
scheinbar sammlungswürdig ist.
Neben dem Boom der Museumsbauten hat es seit Beginn der achtziger Jahre
einen Boom von Ausstellungen und besonders von Großausstellungen11
gegeben. Das Institut für Museumskunde zählt 1987 4.065 Ausstellungen,
5 Karl Stamm: Zur Problematik von
Medienmuseen
. In: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank
Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.O., S. 302.
6 Karl Stamm: Zur Problematik von
Medienmuseen
. In: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank
Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.O., S. 302.
7 Michael Glasmeier (Hg.): Periphere Museen in Berlin. Berlin 1992.
8 Gottfried Korff: Die Popularisierung des Musealen und die Musealisierung des Popularen.
In: Gottfried Fliedl (Hg.): Museum als soziales Gedächtnis? Klagenfurt 1988, S. 9.
9 Einleitung. In: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.): Das Museum.
Die Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.O., S. 9.
10 Walter Grasskamp: Das Museum als Metapher, a.a.O., S. 52.
11 Die erste Großausstellung in den achtziger Jahren war die Tutanchamun-Ausstellung im
Kölnischen Stadtmuseum, die 1980 stattfand. Es folgten eine Reihe weiterer Groß-
– 11 –
die von 944 Museen durchgeführt wurden.12 Während Großausstellungen –
große überregionale Sonderausstellungen – ein spezifisches Merkmal des
Museumswesen in den achtziger Jahren waren, setzt sich das rege Ausstel-
lungswesen auch noch in den neunziger Jahren fort: 1992 zählte das Institut
für Museumskunde 7.787 Ausstellungen, die von 1.929 Museen durchgeführt
wurden.13 1997 wurden von 2.385 Museen 8.766 Ausstellungen durchge-
führt.14
Ein weiteres Faktum, das für einen Museumsboom spricht, sind die Steige-
rungsraten der Besuchszahlen in den achtziger und neunziger Jahren. So
haben die Museen zwischen 1982 und 1997 – nach der jährlichen Erhebung
des Instituts für Museumskunde – steigende Besuchszahlen gemeldet:
Jahr Museen Besuche
1982 1.454 52.428.40715
1987 1.840 66.336.86916
1992 3.615 93.020.29717
1997 4.274 92.685.88918
Wenn diese Zahlen im folgenden relativiert werden, spiegeln sie dennoch ein
deutliches Besucherinteresse für Museen wieder.
Der Museumsboom wird von vielen Wissenschaftlern anhand der scheinbar
stetig steigenden Besuchszahlen zu belegen versucht. Auch für Lübbe zeigt
sich schon 1982 der Museumsboom vor allem in der Besuchsstatistik:
ausstellungen, beispielsweise die Staufer-Ausstellung in Stuttgart und die große Salier-
Ausstellung in Speyer 1992.
12 Institut für Museumskunde (Hg.): Erhebung der Besuchszahlen an den Museen der
Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 1987. Heft 23. Berlin 1988, S. 4.
13 Ebd. – für das Jahr 1992. Heft 38. Berlin 1993, S. 7.
14 Ebd. – für das Jahr 1997. Heft 50. Berlin 1998, S. 7.
15 Ebd. – für das Jahr 1982. Heft 6. Berlin 1983, S. 4f.
16 Ebd. – für das Jahr 1987. Heft 23. Berlin 1988, S. 4.
17 Ebd. – für das Jahr 1992. Heft 38. Berlin 1993, S. 7.
18 Ebd. – für das Jahr 1997. Heft 50. Berlin 1998, S. 7.
– 12 –
Der gemeinte kulturelle Vorgang läßt sich vermessen [...]. Der Erfolg der
Bemühungen, das Interesse des Publikums auf das Museum zu lenken, ist
nicht ausgeblieben. Die Menge drängt sich in den Sälen, und die statistische
Vermessung dieser Menge hat eindrucksvoll ansteigende Zahlen erbracht:
1966 zählte man in Westdeutschland 12,7 Millionen Besucher, fünf Jahre
später waren es bereits 16 Millionen [...].19
Und in der Tat sind die Besuchszahlen auch in den achtziger Jahren schein-
bar weiter sprunghaft gestiegen: 1982 wurden über 52 Millionen Besuche in
den Museen der Bundesrepublik Deutschland gezählt, 1987 waren es bereits
über 66 Millionen Besuche, 1992 über 93 Millionen Besuche und 1997 über
92 Millionen Besuche.20
Der Soziologe Hans-Joachim Klein, der sich in seinen zahlreichen Arbeiten zur
Besucherforschung und zum Museumswesen intensiv mit der Interpretation
statistischer Zahlenwerte befaßt hat, bemerkt zur Gesamtzahl der
Museumsbesuche:
Die Besuchszahlen an deutschen Museen nehmen insgesamt Jahr für Jahr
kontinuierlich zu. Dieser unbezweifelbare, statistisch belegte Tatbestand läßt
jedoch Raum für verschiedene Deutungen. [...] welche Zahl auch als Gesamt-
summe von Museumsbesuchen genannt wird, sie „stimmt nicht“ exakt und
kann nur auf die jeweils antwortenden Museen bezogen werden, sie ist aber
als Fiktion eine kulturpolitisch bedeutsame „soziale Tatsache“.21
In einer Trendanalyse der Besuchszahlenentwicklung von 1981 bis 1988
haben Heiner Treinen und Helmut Kromrey folgendes Ergebnis erhalten:
Die [...] methodisch abgesicherte Analyse mit den bereinigten und komplet-
tierten Werten zeichnet [...] ein vollständig anderes Bild der Besuchsent-
wicklung , als es die Bruttodaten suggerieren. Statt eines Besuchszuwachses
von 22% von 1981-1988 findet sich zwar auch in den vollständigen Werte-
reihen eine ansteigende Tendenz, sie beträgt jedoch lediglich 5%. [...] Dies ist
eine derart geringe Zuwachsrate, daß die häufig formulierte Zeitdiagnose
19 Hermann Lübbe: Der Fortschritt und das Museum. Über den Grund unseres Vergnügens
an historischen Gegenständen. London 1982, S. 85.
20 Siehe dazu die jährlichen Erhebungen der Besuchszahlen an den Museen der Bundes-
republik Deutschland vom Institut für Museumskunde. Erhebungen der Besuchszahlen
an den Museen der Bundesrepublik Deutschland samt Berlin (West) für das Jahr 1982.
Heft 6. Berlin 1983, S. 5. Erhebungen der Besuchszahlen an den Museen der Bundes-
republik Deutschland samt Berlin (West) für das Jahr 1987. Heft 23. Berlin 1988, S. 4.
Erhebungen der Besuchszahlen an den Museen der Bundesrepublik Deutschland für das
Jahr 1992. Heft 38. Berlin 1993, S. 4. Erhebungen der Besuchszahlen an den Museen
der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 1997. Heft 50. Berlin 1998, S. 7.
21 Hans-Joachim Klein: Der gläserne Besucher. Publikumsstrukturen einer Museumsland-
schaft. Berliner Schriften zur Museumskunde. Band 8. Berlin 1990, S. 22.
– 13 –
wachsenden Interesses des Publikums an [...] Museumssammlungen [...]
nicht aufrechtzuerhalten sein dürfte [...].22
Die scheinbar sprunghafte Steigerung liegt zum einen an der steigenden
Anzahl der an der Erhebung partizipierenden Museen: „Mit zunehmender
Öffentlichkeit der jährlichen Zählungen durch das Institut für Museumskunde
wächst auch die Zahl der teilnehmenden Museen“23. Dies führt zu falschen
Interpretationen, denn „wachsende Zahlen repräsentieren entsprechend
nicht nur neu hinzugekommene Besuche, sondern auch neue Meldungen
über bislang nicht registrierte, vorgängig jedoch vorhandene Besuche“24.
Der Eindruck einer massiven Steigerung der Besuchszahlen in den achtziger
und neunziger Jahren entsteht in erster Linie durch die große Zahl der Son-
der- und Großausstellungen.25 Sie locken das Publikum in Massen an:
Betrachtet man die Museumslandschaft der letzten Jahre, so ist allerorts ein
gestiegenes Interesse an Ausstellungen zu verzeichnen [...]. Den wohl
größten Publikumserfolg feierte 1980/81 ‚Tutanchamun‘, eine Ausstellung, in
der eine größere Anzahl von Funden aus den Grabkammern des Pharaos, [...]
erstmals in der Bundesrepublik zu sehen war.26
Seit 1991 gehen die Besuchszahlen in den Museen der alten Bundesländer
zwar kontinuierlich leicht zurück, die Zahlen sind aber dennoch imposant.27
Als Grund für eine zeitlich begrenzte Zunahme der Besuchszahlen werden
22 Heiner Treinen / Helmut Kromrey: Trendanalyse von Besuchszahlen-Entwicklungen. In:
Hans-Jürgen Andreß / Johannes Huinink / Holger Meinken / Dorothea Rumianek /
Wolfgang Sodeur / Gabriele Sturm (Hg.): Theorie. Daten. Modelle. München 1992,
S. 370.
23 Ebd., S. 368.
24 Ebd.
25 Als Beispiele für eine deutliche Zunahme der Besuchszahlen werden hauptsächlich
Sonderausstellungen genannt: „Das erneute Ansteigen der Besuchszahlen gegenüber
dem Vorjahr wurde durch große überregionale Sonderschauen sowie durch
Ausstellungen und Sonderveranstaltungen aus aktuellem Anlaß erreicht“. Siehe dazu
Institut für Museumskunde (Hg.): Erhebung der Besuchszahlen an den Museen der
Bundesrepublik Deutschland samt Berlin (West) für das Jahr 1987. Heft 23. Berlin 1988,
S. 5.
26 Sigrid Godau: Inszenierung oder Rekonstruktion? Zur Darstellung von Geschichte im
Museum. In: Michael Fehr / Stefan Grohé (Hg.): Geschichte. Bild. Museum. Köln 1989,
S. 199/201. Die Tutanchamun-Ausstellung haben ungefähr – innerhalb von vier Monaten
– 1,3 Millionen Besucher gesehen. Zur Staufer-Ausstellung kamen 700.000 Besucher.
Christian Schmidt: König Tut. In: Kölner Rundschau. 18. Oktober 1980.
27 Institut für Museumskunde (Hg.): Erhebung der Besuchszahlen an den Museen der
Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 1997. Heft 50. Berlin 1998, S. 9.
– 14 –
auch in den neunziger Jahren in erster Linie die Sonderausstellungen
genannt.28
Festzustellen bleibt, daß „Steigerungen der Besuchszahlen letztlich immer
von aktuellen Publikumsanreizen abhängen, die von den Museen gezielt ge-
schaffen werden“29. Dazu gehören neben den genannten Sonderausstel-
lungen auch die Museumsneugründungen, wie Treinen und Kromrey in ihrer
Analyse festgestellt haben:
Spektakuläre Neugründungen und museumsarchitektonisch auffällige Bauten
bewirken eine sichtbare Veränderung des öffentlich zugänglichen städtischen
Ambientes; dieser Tatbestand wiederum aktiviert zusammen mit Presse und
kommunalpolitischer Öffentlichkeit nicht nur habituelle Besucher, sondern
darüber hinaus orts- und regionalbezogene Interessentenkreise. Über-
durchschnittliche Besuchszahlen (mit langsam abflachender Tendenz bei
Gewöhnungsprozessen) sind die Folge.30
Auch der Leiter des Instituts für Museumskunde, Bernhard Graf, sieht die
Problematik der Interpretation von Besuchszahlen und zeigt die verschiede-
nen Faktoren auf, die zu einer Steigerung der Besuchszahlen geführt haben:
Museumsgröße und temporäre Aktivitäten sind Hauptfaktoren der Besuchs-
zahlenveränderungen. [...] Der Museumsboom war und ist auch ein Grün-
dungsboom vieler kleiner, manchmal skurriler und oft andersartiger Museen,
die auch ein von ihrer Interessenslage anders geartetes Publikum ansprechen.
Zudem spielen die Aktivitäten der großen Museen mit ihren temporären Aus-
stellungen eine erhebliche Rolle bei der Erschließung von Besuchergruppen
[...].31
Der Soziologe Gerhard Majce macht die Problematik der Statistikinterpreta-
tion am Beispiel der Maria Theresia-Ausstellung deutlich, die 1980 im Schloß
Schönbrunn in Wien stattfand. Von den 540.000 Besuchern bleiben nach
Abzug der ausländischen Besucher, der Mehrfachbesucher und der Schulklas-
28 Ebd., S. 11.
29 Ebd.
30 Heiner Treinen / Helmut Kromrey: Trendanalyse von Besuchszahlen-Entwicklungen in
den Museen der (vormaligen) Bundesrepublik Deutschland. In: Hans-Jürgen Andreß /
Johannes Huinink / Holger Meinken / Dorothea Rumianek / Wolfgang Sodeur / Gabriele
Sturm (Hg.): Theorie. Daten. Modelle, a.a.O., S. 379.
31 Bernhard Graf: Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Veränderungen der Besucherstruktu-
ren. In: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre
Besucher. Herausforderungen in der Zukunft. Berlin 1996, S. 225f.
– 15 –
sen „bestenfalls 135.000 einigermaßen interessierte Besucher/innen aus
Österreich“32 übrig.
Die Interpretation des Museumsbooms muß also sehr viel differenzierter
gesehen werden als dies bisher geschah. Dennoch bleibt bestehen, daß die
Museen zwar in der Bevölkerung akzeptierte und hochangesehene kulturelle
Institutionen sind, daß es aber auch gegenwärtig einen hohen Anteil von
Nichtbesuchern gibt.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Institution seit fast zwanzig Jah-
ren einen Boom erlebt, der im wesentlichen durch drei Faktoren gekenn-
zeichnet ist: eine Vielzahl neuer Museumsbauten, eine Vielzahl von regio-
nalen und überregionalen Sonderausstellungen und eine Steigerung der
Besuchszahlen.
Der Boom bewirkt aber auch ein Gefühl der Unsicherheit angesichts der
Frage nach der weiteren Entwicklung des Museumswesens. Grasskamp
bringt dieses Gefühl auf den Punkt:
Die Hausse kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die künftige Entwicklung
dieser Institution in ihren Zusammenbruch münden könnte. Sie hat sich wie
eine Supernova in kurzer Zeit auf ein Vielfaches ihres Volumens und ihrer
Leuchtkraft ausgedehnt, und wie bei einem kollabierenden Stern könnte der
gegenwärtige Ort größter Sichtbarkeit auch schon der eines künftigen
schwarzen Lochs sein.33
Über die Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation des Museums-
wesens hinaus ist die Betrachtung der Entwicklung der Museen als Folge des
Booms bedeutsam. Da es im Rahmen einer Dissertation nicht möglich ist, alle
Museumstypen zu berücksichtigen, werde ich mich in der vorliegenden Arbeit
auf einen Museumstyp beschränken: das Technikmuseum. Technikmuseen
spiegeln seit ihrer Entstehung in besonderen Maße gesellschaftliche und
technische Entwicklungen wieder.
32 Gerhard Majce: Großausstellungen. Ihre kulturpolitische Funktion. Ihr Publikum. In:
Gottfried Fliedl (Hg.): Museum als soziales Gedächtnis?, a.a.O., S. 64f.
33 Walter Grasskamp: Das Museum als Metapher. In: Die Zeit. Nr. 14. 1991, S. 52.
– 16 –
Auch die außerordentliche Popularität der Technikmuseen seit Beginn der
achtziger Jahre ist statistisch nachgewiesen.34 „Die Technikmuseen haben
sich bekanntlich überall als besonders erfolgreiche Museen erwiesen“35.
Herles weist auf das gestiegene Publikumsinteresse an Technikmuseen hin:
„Gerade Technikmuseen erfreuen sich großer Besucherzahlen“36. Thomas
Parent betont die „aktuelle Vielfalt“37.
Neben den schon bestehenden Technikmuseen wurden in den achtziger und
neunziger Jahren auch eine Reihe von neuen Technikmuseen gegründet.38
Der Aufschwung der Technikmuseen als Teil des Museumsbooms resultiert
aus einer Vielzahl von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren, die in
dieser Arbeit untersucht und bewertet werden sollen.
Vor diesem Hintergrund stellen sich für diese Arbeit – bei aller späteren Aus-
differenzierung – folgende übergreifende Fragen:
1. Wie läßt sich der gegenwärtige Museumsboom im Kontext technologi-
scher und gesellschaftlicher Entwicklungen deuten?
2. Welche Zielvorstellungen sollen für die zukünftige Entwicklung bedeutend
sein?
34 1996 haben 539 naturwissenschaftliche und technische Museen 12.321.476 Besuche
gezählt. In: Institut für Museumskunde (Hg.): Statistische Gesamterhebung an den
Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 1996. Heft 48. Berlin 1997, S. 26f.
1997 haben 576 naturwissenschaftliche und technische Museen 13.612.071 Besuche
gezählt. In: Institut für Museumskunde (Hg.): Statistische Gesamterhebung an den
Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 1997. Heft 50. Berlin 1998, S. 27.
1987 haben 197 naturwissenschaftliche und technische Museen 9.715.114 Besuche
gezählt. In: Institut für Museumskunde (Hg.): Erhebung der Besuchszahlen an den
Museen der Bundesrepublik Deutschland samt Berlin (West) für das Jahr 1987. Heft 23.
Berlin 1988, S. 13. 1992 haben 825 naturwissenschaftliche und technische Museen
23.373.896 Besuche gezählt. In: Institut für Museumskunde (Hg.): Erhebung der
Besuchszahlen an den Museen der Bundesrepublik Deutschlandfür das Jahr 1992. Heft
38. Berlin 1993, S.28f.
35 Hermann Lübbe: Zeit-Verhältnisse. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Muse-
alisierung. Essen 1990, S. 40.
36 Diethard Herles: Das Museum und die Dinge. Frankfurt am Main / New York 1996, S. 40.
37 Thomas Parent: Das Industrie-Denkmal als Museum der Arbeit. In: Achim Preiss / Karl
Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er
Jahren, a.a.O., S. 246.
38 Ebd., S. 253.
– 17 –
3. Welcher Stellenwert kommt im Rahmen dieser Zielvorstellungen der Aus-
stellungspräsentation und der Museumspädagogik zu?
4. Inwieweit werden Zielvorstellungen und Ausstellungskonzepte sowie
museumspädagogische Funktionen in bedeutenden Museen umgesetzt?
5. Welche Perspektiven ergeben sich für die zukünftige Entwicklung?
Zur Bearbeitung dieser Fragestellungen ist es sinnvoll, zunächst den Begriff
des Technikmuseums näher zu betrachten und zu klären, in welchem muse-
umsbezogenen Deutungskontext die folgende Analyse zu den Technik-
museen steht. Dieser Deutungskontext ist vor allem durch die Musealisie-
rungsdebatte geprägt. Im Anschluß an entsprechende Darstellungen wird das
Vorgehen bei der Arbeit näher erläutert.
1.2 Technikmuseen im Kontext der Musealisierungsdebatte
Der Museumstyp des Technikmuseums wird in der Museumsliteratur mit
einer Vielzahl von unterschiedlichen Begriffserklärungen versehen. Im fol-
genden soll nun der Versuch einer Begriffserklärung unternommen werden,
um für die vorliegende Untersuchung mit einem einheitlichen Begriff operie-
ren zu können.
Die folgende geschichtliche Skizzierung der Musealierungsdebatte vom
Beginn der achtziger Jahre bis heute zeichnet die wichtigsten Erklärungsan-
sätze und Theorien für die Popularität der Museen nach. Die postulierte
Popularität der Technikmuseen wird dabei als Teilaspekt dieser Debatte
hinterfragt und gedeutet, so daß besonders die Entwicklung der Technik-
museen im Musealisierungskontext deutlich wird.
1.2.1 Zum Begriff „Technikmuseum“
Das Technikmuseum
gibt es nicht. Unter dem Oberbegriff „Technikmuseum“
wird eine Vielzahl von unterschiedlichen Museumstypen mit jeweils spezifi-
schen Sammlungsintentionen subsumiert. Nach der Unesco-Klassifikation
umfassen „Technikmuseen [...] dabei alle naturwissenschaftlichen und tech-
– 18 –
nischen sowie Verkehrs-, humanmedizinische und industriegeschichtliche
Museen“39.
In der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur wird sowohl von Technik-
museen als auch von Industriemuseen gesprochen. Thomas Schleper spricht
bei diesen in den letzten zwanzig Jahren entstandenen Museen generell von
Industriemuseen.40 Ebenso Parent:
Bei einem Industriemuseum handelt es sich um einen neuen Museumstyp, der
allerdings verschiedene Impulse aus traditionellen (Technikmuseum, Histori-
sches Museum, Volkskundemuseum, Freilichtmuseum) aufnimmt. Ein Indu-
striemuseum will Themen aus der Sozialgeschichte des Industriezeitalters im
authentischen Rahmen dokumentieren.41
Das Themenspektrum der Industriemuseen zeigt – so Parent 1987 –
detailliert
[...] den Arbeitsalltag in der Fabrik, Konjunktur und Krise, technische Innova-
tionen und ihre Auswirkungen auf den Arbeitsprozeß, auf Arbeitszeit, Arbeits-
platzsicherheit, Frauen- und Kinderarbeit, Arbeitskämpfe [...]42
Drei Jahre später beschränkt sich Parent mit seiner Definition nicht mehr auf
die im Zitat detailliert aufgelisteten Themen, die nun unter dem umfassen-
deren Begriff Alltagskultur subsumiert werden:
Sofern die aktuelle Vielfalt der immer zahlreicher wuchernden Institute, Pro-
jekte und Initiativen überhaupt schon eine gültige Definition zuläßt, geht es
bei diesem neuen Museumstyp mehr oder weniger umfassend um die ‚Alltags-
kultur‘ des Industriezeitalters.43
Die seit Beginn der achtziger Jahre in Deutschland entstandenen Technikmu-
seen haben jeweils ganz spezifische Sammlungs- und Ausstellungskonzep-
tionen. Dazu gehören – um nur einige Beispiele zu nennen – das Rheinische
und das Westfälische Industriemuseum, das Museum für Verkehr und Tech-
39 Volker Kirchberg: Besucher und Nichtbesucher von Museen in Deutschland. In: Deut-
scher Museumsbund (Hg.): Museumskunde. Band 61. Heft 2. Karlsruhe 1996, S. 153.
40 Thomas Schleper: Was ist ein Industriemuseum? Zur Aktualität von Fernand Léger. In:
Rheinisches Industriemuseum (Hg.): Nachlaß des Fabrikzeitalters. Köln 1989, S. 63.
41 Thomas Parent: Die Zeche Zollern II/IV. Ein Bergwerk wird Industriemuseum. In: West-
fälische Museen. Jahrgang 3. Heft 2. 1987, S. 29.
42 Ebd., S. 29.
43 Thomas Parent: Das Industriedenkmal als Museum der Arbeit. In: Achim Preiss / Karl
Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er
Jahren, a.a.O., S. 246.
– 19 –
nik in Berlin, das Museum für Technik und Arbeit in Mannheim, das Museum
der Arbeit in Hamburg, die Deutsche Arbeitsschutzausstellung in Dortmund
und als jüngstes Beispiel das Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn.
Neben diesen ist seit Beginn der achtziger Jahre eine neue Art des Technik-
museums entstanden, das „Science Center“. Für den Museumspädagogen
Kurt Ulbricht haben die Science Center großen Einfluß auf die weitere Ent-
wicklung der Technikmuseen bis zur Gegenwart. Ulbricht faßt diese neuarti-
gen, fast immer außereuropäischen Institutionen zusammen:
Die Entwicklung von neuartigen Museumstypen setzte mit dem Aufbau von
Science Centers (Palais de la Decouverte in Paris, Evaluon in Eindhoven;
Technorama in Winterthur; Ontario Science Center in Toronto; Science
Museum Palm Beach in Florida; Science Center San Diego in California u.v.a.)
ein, bei denen nur eine geringe oder gar keine historische Ausrichtung be-
steht. Ziel dieser Einrichtungen ist nämlich einzig das Bekanntmachen mit
modernen Methoden der natur- und technikwissenschaftlichen Forschung.44
Hans-Peter Schwarz, der die Medienkonzeption für das Zentrum für Kunst
und Medientechnologie in Karlsruhe entwickelt hat, betrachtet die Science
Center differenzierter. Während Ulbricht alle Einrichtungen pauschal beur-
teilt, sieht Schwarz durchaus Unterschiede. So kritisiert Schwarz am Explora-
torium in San Francisco, USA, zwar auch die „Reduktion des komplexen Wir-
kungsgefüges moderner Wissenschaft und Technik auf die Vermittlung
‚reiner‘ Basisexperimente“45. Eine weiterführende Auseinandersetzung mit
den Folgen der Technik sei so nicht möglich:
[...] zumindest den europäischen Besucher beschleicht doch auch das unan-
genehme Gefühl, daß hier einmal mehr trotz der Einbeziehung ökologischer
Fragestellungen die These von der Unschuld der Wissenschaft propagiert wird,
die, nur dem ursprünglichen menschlichen Wissensdrang verpflichtet, nicht für
die gesellschaftliche Verantwortung ihrer Erkenntnisse verantwortlich ist.46
Anders als Ulbricht sieht Schwarz durchaus auch die positive Entwicklung der
europäischen Science Center:
44 Kurt Ulbricht: Geschichte, Gesellschaft und Museum. In: Hildegard Vieregg / Marie-
Louise Schmeer-Sturm / Jutta Thinesse-Demel / Kurt Ulbricht (Hg.): Museumspädagogik
in neuer Sicht. Band 1. Hohengehren 1994, S., 89.
45 Hans-Peter Schwarz: Diskurs I: MedienMuseen. In: Hans-Peter Schwarz: Medien. Kunst.
Geschichte. München / New York 1997, S. 30.
46 Ebd., S. 30.
– 20 –
Aus der charakteristischen Spannung zwischen den hier skizzierten Institutio-
nen läßt sich einiges lernen – und etliche der kleineren Science Center haben
dies auch getan. Sie kommen mehr und mehr ab von aufwendiger, hochspe-
zialisierter und für den Dauerbetrieb im Museum meist ungeeigneter Techno-
logie. Andererseits steht auch nicht mehr die Vermittlung fundamentaler
Grundkenntnisse allein im Zentrum des Interesses.47
Mag den europäischen Besucher auch nach Ansicht Schwarz‘ Skepsis
beschleichen angesichts der oberflächlichen Präsentation, so „beerben die
Science Center ein ursprünglich in Deutschland entwickeltes und wenigstens
kurzzeitig realisiertes Konzept“48, nämlich das der Berliner Urania (1887-
1945).
Bei den gegenwärtigen Institutionen, die mal unter dem Oberbegriff Indu-
striemuseen, mal unter dem Oberbegriff Technikmuseen gefaßt werden, ist
die Zielsetzung eine andere als bei den Science Centern. Die gegenwärtigen
Industrie- und Technikmuseen in Deutschland möchten mehr leisten, als
einen oberflächlichen Blick auf die Geschichte freizugeben. Vielmehr soll der
Mensch im Mittelpunkt der Konzeptionen stehen. Die Deutsche Arbeitsschutz-
ausstellung in Dortmund beispielsweise will die Arbeitswelt – und ihre Aus-
wirkungen auf den Menschen – umfassend betrachtet wissen:
Die Deutsche Arbeitsschutzausstellung zeigt an verschiedenen Beispielen, wel-
chen Belastungen die Menschen bei der Arbeit ausgesetzt sind. Und sie zeigt,
was alles dazu beiträgt, Leben und Gesundheit der arbeitenden Menschen zu
schützen und die Arbeit menschengerecht zu gestalten.49
Auch die anderen oben bereits erwähnten Museen richten einen umfassen-
den Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Menschen und bieten damit
weit mehr als reine Technikgeschichte.
Die seit Beginn der achtziger Jahre entstandenen Museen beschäftigen sich
fast ausschließlich mit dem Zeitalter der Industrialisierung und deren Auswir-
kungen auf den Menschen und seine Lebenswelt. Ab Beginn der neunziger
Jahre ändert sich diese zeitliche Begrenzung, und die Museen richten ihren
47 Ebd., S. 32.
48 Ebd., S. 30.
49 Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Hg.): Deutsche Arbeitsschutzausstellung. Führer durch
die Ausstellung. Dortmund 1993, S. 2.
– 21 –
Blick verstärkt auf die gegenwärtigen Technologien und ihre Auswirkungen,
wie das Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn. Der Begriff Industrie-
museen kann also spätestens seit Beginn der neunziger Jahre nicht mehr als
Überbegriff für Technikmuseen verwendet werden. Es sollte unterschieden
werden zwischen reinen Industriemuseen und den neuen Technikmuseen. In
der vorliegenden Arbeit verwende ich jedoch sowohl den Begriff Inustrie- als
auch den Begriff Technikmuseum, da sich der Musealisierungsboom auf
beide Museumstypen bezieht.
1.2.2 Die Musealisierungsdebatte seit Beginn der achtziger Jahre
Das Museum ist der eigentliche Ort von Musealisierungsvorgängen. Seit es
Museen gibt, sind
Sammeln
und
Bewahren
zwei ihrer wichtigsten Aufgaben.
Seit Beginn der achtziger Jahre jedoch werden unter dem Stichwort Museali-
sierung eine Reihe von Phänomenen und Erscheinungsformen subsumiert,
die weit über die Institution Museum hinausgehen. Das Museum als Institu-
tion, in der gesammelt und bewahrt, das heißt musealisiert wird, ist nur noch
ein Ort von vielen, an denen Musealisierung stattfindet.
Einer der ersten Theoretiker, der den Trend zur Musealisierung erkannt und
benannt hat, ist der Historiker und Philosoph Hermann Lübbe.50 Seit Beginn
der achtziger Jahre erlangte Lübbe Bedeutung mit einer Reihe von Publika-
tionen, die sich mit dem Themenkreis Museum, Musealisierung und progres-
sive Fortschrittsentwicklung auseinandersetzen.51
50 Der Begriff „Musealisierung“ wurde wahrscheinlich 1974 vom Geschichtsphilosophen
Joachim Ritter erstmalig benutzt. Ritter definiert Musealisierung als eine Möglichkeit der
Kompensation zunehmender Fortschrittsdynamik. Ritters These fand zwar in den
siebziger Jahren nur eine geringe Beachtung innerhalb der wissenschaftlichen
Auseinandersetzung mit der Institution Museum. Ritters These ist jedoch von großer
Bedeutung für Hermann Lübbe und dessen Verwendung des Begriffs „Musealisierung“ in
den achtziger Jahren.
51 Siehe Hermann Lübbe: Der Fortschritt und das Museum. Über den Grund unseres Ver-
gnügens an historischen Gegenständen, a.a.O., 1982. Zeitverhältnisse. Zur Kulturphilo-
sophie des Fortschritts. Graz / Wien / Köln 1983. Geschichtsinteresse in einer dynami-
schen Zivilisation. Das historische Bewußtsein ist als Common sense ebenso unvermeid-
lich wie nötig. In: Karl Markus Michel / Tilman Spengler (Hg.): Kursbuch 91. Wozu
Geisteswissenschaften? Berlin 1988. Der Lebenssinn der Industriegesellschaft. Über die
– 22 –
Hermann Lübbe hat 1982 Beispiele für Musealisierug aufgezählt, die über das
Museum hinausweisen.52 Dazu zählt er Flohmärkte, Nationalparks,
Naturdenkmäler, die Restaurierung von Altbauten sowie Neubauten, die mit
historischen architektonischen Zitaten spielen. Gottfried Fliedl nennt 1988
eine Reihe weiterer Beispiele für Musealisierung außerhalb der Museen. Auch
er zählt Nationalparks, Naturdenkmäler und Architektur zu den Musealisie-
rungsphänomenen, „wobei [bei der Architektur] die Grenzen zur Errichtung
fiktiver ‚historischer Umwelten‘ (historische Erlebnisparks, ‚history lands‘)
fließend sind“53.
Die von Lübbe und Fliedl genannten Beispiele betreffen Lebensbereiche, die
täglich – bewußt oder unbewußt – erfahren und erlebt werden. Dies macht
auch die Signifikanz der Musealisierungsphänomene der achtziger und neun-
ziger Jahre im Gegensatz zu Musealisierungsvorgängen in früheren Epochen
aus. Musealisierung ist seit den achtziger Jahren ubiquitär.
Mit dem Aufgreifen des Musealisierungstrends durch Lübbe Anfang der acht-
ziger Jahre begann eine Diskussion, die bis heute anhält. Soziologen, Histo-
riker, Philosophen, Pädagogen und Museumsfachleute diskutieren und
bewerten das Phänomen Musealisierung. Über die historisch beispiellose
Musealisierungstendenz sind sich fast alle Fachleute einig. Allerdings bewer-
ten sie das Phänomen unterschiedlich:
Manche der Theoretiker halten die Musealisierung für ein bedrohliches, zerstö-
rerisches, mittlerweile bereits unkontrollierbares Syndrom. Andere sehen sie
als Chance. Man sucht nach Ursachen, versucht die Grenzen der Musealisie-
rung abzustecken und ihre Folgen und Gefahren zu orten.54
Übereinstimmend wird jedoch der Zusammenhang von Musealisierung und
Fortschrittsdynamik herausgestellt. Lübbe dazu: „Der grundlegende Zusam-
menhang ist [...] dieser: Zum Fortschritt verhält sich der Fortschritt der
moralische Verfassung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation. Berlin / Heidelberg /
New York / London / Paris / Tokyo / Hong Kong / Barcelona 1990.
52 Hermann Lübbe: Der Fortschritt und das Museum. Über den Grund unseres Vergnügens
an historischen Gegenständen, a.a.O., 1982.
53 Gottfried Fliedl: Musealisierung und Kompensation. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Texte
und Dokumente zum Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., 1988, S. 21f.
54 Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung. Berlin 1991, S. 14.
– 23 –
Musealisierung komplementär“55. Bezogen auf Naturmusealisierung schreibt
Großklaus:
In den Umbruchzeiten massiver Modernisierungsschübe (neue Technologien /
Industrien / Untergang alter Strukturen etc.) kommt es zur ebenso massiven
Natur-Thematisierung: ästhetisch, philosophisch, soziologisch, ökologisch
etc.56
Fliedl bemerkt zum Zusammenhang zwischen Musealisierung und Fortschritt:
„Die Zerstörung von Vergangenem schärft die Erfahrung des Verlustes und
treibt Gegenstrategien hervor“57.
Die Einschätzung der Musealisierungsvorgänge verläuft zwischen zwei Polen:
man betrachtet sie entweder als Möglichkeit der Kompensation der Fort-
schrittsdynamik oder man sieht in den Musealisierungsvorgängen eine Form
der Flucht und Verdrängung.58 Die These von der Kompensation geht davon
aus, daß Musealisierungsprozesse die Folgen der Fortschrittsdynamik aus-
gleichen und stabilisieren. Die These von der Musealisierung als Flucht und
Verdrängung geht hingegen von einer Art des unreflektierten und kritiklosen
Umgangs mit den Auswirkungen des Fortschritts aus.59
Die Kompensationstheorie findet sich vor allem bei Lübbe: „Unsere
Vergangenheitszugewandtheit, unsere blühende historische Kultur erfüllt
Funktionen der Kompensation der belastenden Erfahrungen eines ände-
55 Hermann Lübbe: Der verkürzte Aufenthalt in der Gegenwart. Wandlungen des Ge-
schichtsverständnisses. In: Peter Kemper (Hg.): Postmoderne oder der Kampf um die
Zukunft, a.a.O., S. 156.
56 Götz Großklaus: Natur-Raum. Von der Utopie zur Simulation. München 1993, S. 9.
57 Gottfried Fliedl: Testamentskultur. Musealisierung und Kompensation. In Wolfgang
Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 167.
58 Eva Sturm hat die wichtigsten Positionen zur Musealisierung zusammengefaßt. In: Eva
Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung, a.a.O.
59 Zwei Phänomene können dies deutlich machen. „Die Enthistorisierung von Erinnerung,
indem zum Beispiel in manchen Ausstellungen ‚Vergangenheit in ein plattes Jetzt‘ [...]
verwandelt wird, und ‚die Ausgrenzung und Parzellierung von Erinnerungsorganen aus
der Gesellschaft in spezifischen Orten‘ [...]: die genannten ‚Erinnerungsorgane‘, wie
Museen und Denkmäler werden zu ‚Friedhöfen‘ in denen man Inhalte, Erinnerungen etc.
endgültig begräbt.“ In: Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung,
a.a.O., S. 39.
– 24 –
rungstempobedingten kulturellen Vertrautheitsschwundes“60. Auch Odo
Marquard sieht in den Musealisierungsvorgängen eine Form der Kompen-
sation und fordert eine „Philosophie der Kompensation“61.
Gegen die These von der Kompensation als eine Funktion der Stabilisierung
wenden sich diejenigen, die für eine bewußte Aufarbeitung der Vergangen-
heit plädieren. Korff kritisiert die massive Musealisierung, wenn er schreibt:
„Die durch den Verbund von Folklorisierung und Musealisierung evozierte
Reliktbesessenheit und Dingnostalgie ist zum Medium der Gegenwartsflucht,
der Rückdesertion geworden.“62 In ähnlicher Weise äußert sich Fliedl:
All diese Strategien, die Modernisierung ermöglichen und erträglich machen
sollen, aber Analyse und Kritik des zivilisatorischen Fortschritts verweigern,
machen aus dem Überlieferten und Musealisierten eine Testamentskultur [...]
für die es möglicherweise – anders als es die Musealisierung vorgibt – keine
Erben mehr geben wird.63
Bedeutend für die vorliegende Arbeit sind die Musealisierungsphänomene im
Hinblick auf die Institution Museum; Phänomene, die nicht ohne Bezug zum
gesamtgesellschaftlichen Kontext gesehen werden dürfen. Daher wird im
folgenden der Musealisierungstrend innerhalb der Institution Museum als
Charakteristikum einer Gesellschaft untersucht, die seit Beginn der achtziger
Jahre eine Reihe von neuen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen
Phänomenen aufweist.
1.2.3 Musealisierung und Museum
Musealisierung als Zeiterscheinung bezeichnet eine Reihe von gesellschaft-
lichen und kulturellen Phänomenen, die die Institution Museum in besonde-
rem Maße betreffen. Der Zusammenhang von Musealisierung und Museum
60 Hermann Lübbe: Der verkürzte Aufenthalt in der Gegenwart. Wandlungen des
Geschichtsverständnisses. In: Peter Kemper (Hg.): Postmoderne oder der Kampf um die
Zukunft, a.a.O., S. 151.
61 Odo Marquard: Verspätete Moralistik. Bemerkungen zur Unvermeidlichkeit der Geistes-
wissenschaften. In: Karl Markus Michel / Tilman Spengler (Hg.): Kursbuch 91. Wozu
Geisteswissenschaften?, a.a.O., S. 17.
62 Gottfried Korff: Aporien der Musealisierung. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphäno-
men Musealisierung, a.a.O., S. 64.
63 Gottfried Fliedl: Testamentskultur. Musealisierung und Kompensation. In: Wolfgang
Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 175.
– 25 –
ist seit Beginn der achtziger Jahre immer wieder Gegenstand wissenschaftli-
cher und feuilletonistischer Debatten. Neben Lübbe, der oben bereits zitiert
wurde, haben Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen der Diskus-
sion über Funktion und Stellenwert des Museum neue Impulse gegeben.
Die Funktion des Museums als Ort des Sammelns, Bewahrens, Erforschens
und Ausstellens mit Bildungsabsicht von Objekten, die ihrem ursprünglichen
Gebrauchszweck entzogen wurden, bestimmt bis heute die Musealisie-
rungsdebatte:
Dabei wird häufig davon ausgegangen, daß die Grundlagen für öffentliche
Sammlungen in traditionellen Denkmustern wurzeln, daß also mit zunehmend
raschem sozio-kulturellen Wandel von Industriegesellschaften das plötzliche
Veralten kultureller Symbole und zunehmend rascher Objektverschleiß von
dem Versuch begleitet seien, nostalgisch das kulturelle Erbe zu bewahren.64
Das Museum hat nun die Aufgabe, das kulturelle Erbe nostalgisch zu bewah-
ren, sprich zu retten. Das bedeutet, daß den funktionslos gewordenen Objek-
ten eine neue Bedeutung zugewiesen wird; sie werden zu Zeugen des
kulturellen Erbes. Durch die immer schnelleren Veralterungsprozesse von
Objekten werden immer mehr sogenannte „Erinnerungsorgane“ notwendig,
die diese Veränderungsprozesse kompensieren:
Mit der Menge der Neuerungen wächst die Menge der Relikte, und mit der
Menge der Relikte wächst die Menge und Größe der Institutionen, die nötig
sind, diese Relikte zu sammeln [...]65
Lübbe geht in seiner Analyse der Musealisierung von einer – im positiven
Sinne betrachteten – Rettungs- und Kompensationsfunktion des Museums
aus. Musealisierung soll hier als Gegenmaßnahme dienen, um Identitätsver-
lust im Zuge von Modernisierungsprozessen auszugleichen. Gleichzeitig
ermöglicht die Kompensation aber auch erst den Modernisierungsprozeß, da
64 Heiner Treinen: Strukturelle Konstanten in der Entwicklung des Museumswesens. In:
Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 158.
65 Hermann Lübbe: Zeit-Verhältnisse. Zur Kulturphilosophie des Fortschritts. Graz / Wien /
Köln 1983, S. 9.
– 26 –
durch die Kompensation ein ausgleichendes Element zwischen Modernisie-
rungsprozessen und Individuum tritt.66
Auch Grasskamp sieht die Aufgabe der Museen in einer sinnstiftenden Aus-
wahl und kompensatorischen Funktion der aus dem Funktionskreislauf
genommenen Dinge:
Die Erfahrung einer unendlichen, omnipräsenten und fast erdrüc??kenden
Fülle im Reichtum der westlichen Industriegesellschaften ist es doch, die dem
Zeitgenossen zu schaffen macht, sei es im Konsum von Waren oder von
Medien. Es ist eine Überschwemmung der Dinge und Erlebnisse, die in einen
Rausch permanenter Abwechslung versetzt, demgegenüber das Museum
bislang seine spröde Reserve vor der Gegenwart monumentalisierte.67
Grasskamp warnt aber auch: „Bleibt es ein Modell dafür, wie man täglich mit
der Fülle umgeht, sie reduziert und überlebt, oder reift es zu einer weiteren
Metastase des Völlegefühls heran?“68 Während Grasskamp seine Zweifel vor-
sichtig formuliert und darauf hofft, daß das Museum nicht zu dieser Meta-
stase gerät, ist es aus Sicht verschiedener Soziologen und Historiker längst
zur reinen Trauerstätte verkommen, die lediglich den „von der Dynamik des
Fortschritts zurückgelassenen Geschichtsmüll“69 zu horten hat. Der Kunster-
zieher und Psychologe Karl Josef Pazzini bewertet das Konzept des Museum
als Trauerstätte jedoch positiv:
Museen sind immer auch Stätten der Erinnerung, des Gedenkens an vergan-
gene Zeiten, Menschen, an fremde Kulturen und damit oft Eingedenken an
eigene abgelegte, nicht realisierte Möglichkeiten oder Erinnerungen an die
Vorfahren. Die „Arbeit“, die von den im Museum arbeitenden Menschen und
den Besuchern, ist nicht automatisch bewußt, aber sinngemäß Trauerarbeit.70
Das immer schnellere Veralten der Dingwelt bedeute „für das Subjekt [...]
den Verlust eines unschätzbaren Potentials für die Prozesse der Identitäts-
66 Odo Marquard: Verspätete Moralistik. In: Kursbuch 91. Wozu Geisteswissenschaften?,
a.a.O., S. 13.
67 Walter Grasskamp: Die unästhetische Demokratie. Kunst in der Marktgesellschaft. Mün-
chen 1992, S. 93.
68 Ebd., S. 93.
69 Gottfried Fliedl: Testamentskultur. Musealisierung und Kompensation. In: Wolfgang
Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 174.
70 Karl Josef Pazzini: Tod im Museum. Über eine gewisse Nähe von Pädagogik, Museum
und Tod. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 94.
– 27 –
bildung“71, so der Gründer des Museums zur Alltagskultur des 20. Jahrhun-
derts, Eckhard Siepmann. Damit das Museum zu einem identitätsbildenden
Erinnerungsort wird, müsse es zu einem „Ort von Gesprächen, von Diskurs
und Diskussionen“72 werden. Für den Historiker Michael Fehr ist das Museum
dagegen ein „Ort des Vergessens“73. Während das Museum als Trauerstätte
noch einen gewissen Grad an Reflexion ermöglicht, ist das Museum als Ort
des Vergessens zu einer Aufarbeitung der Geschichte und zur eigenen Iden-
titätsbildung im Sinne einer aufklärerisch konstruktiven Museumsarbeit nicht
mehr in der Lage – und will es wohl auch nicht sein. Die Möglichkeiten, so
der Historiker Gottfried Korff, zu neuen Formen sinnlicher Erkenntnis in der
Museumsarbeit zu gelangen, würden durch die Musealisierung verhindert:
„So bringt sich das Museum, durch die Musealisierung, am Ende vielleicht um
die Chance, seine Möglichkeiten zur sinnlichen Bildung und Emanzipation
weiter zu entwickeln.“74 Vielmehr bedeute Musealisierung – so Korff –
radikales Vergessen:
Man verpackt historische Inhalte, Relikte, Erinnerungen, die unangenehm oder
schmerzlich sind, befördert sie ins Museum, räumt ihnen dort einen gebüh-
renden Platz ein, schließt die Tür und wendet sich von ihnen ab.75
Durch die Musealisierung entsteht für die Objekte ein neuer Bezugsrahmen.
Sobald die Dinge ihrem ursprünglichen Lebenskreislauf entnommen werden
und Teil einer Museumssammlung sind, verlieren sie ihre ursprüngliche
Bedeutung und werden in eine neue Ordnung eingefügt. Darin liegen zahlrei-
che Chancen für die Aufarbeitung der Geschichte:
Mit der Musealisierung werden einerseits Sinnzusammenhänge zertrümmert,
es werden aber andererseits durch das sezierende Verfahren an den Dingen
71 Eckhard Siepmann: DDR-Endmoräne und Wende-Identitätsknick. Das Geschichtsgeröll in
den Turbulenzen der Selbstkonstruktion. In: Gerd Kuhn / Andreas Ludwig (Hg.): Alltag
und soziales Gedächtnis. Die DDR Objektkultur und ihre Musealisierung. Hamburg 1997,
S. 123.
72 Ebd., S. 124.
73 Michael Fehr: Geschichte. Bild. Museum. Köln 1989, S. 182.
74 Gottfried Korff: Aporien der Musealisierung. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphäno-
men Musealisierung, a.a.O., S. 67.
75 Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung, a.a.O., S. 46.
– 28 –
auch Beobachtungen und Einsichten möglich, die uns im ursprünglichen
Zusammenhang verborgen bleiben.76
Durch die Musealisierung werden die Museumsobjekte in einen neuen analy-
tischen, wissenschaftlichen Kriterien unterworfenen Zusammenhang ge-
bracht. Erst durch diese wissenschaftliche Interpretation, so Treinen, zeigen
die Überreste der Geschichte ihre kulturelle Bedeutung:
Erst in der Kopplung von Gegenstand und Objektinterpretation durch Kultur-
träger und Meinungsführer können Sammlungsobjekte als augenfällige Hin-
weise auf institutionell bedeutsame Kulturwerte angeboten werden.77
Dem schließt sich der Kulturhistoriker Wolfgang Ruppert an, wenn er meint,
[...] dieser Bedeutungskonnex [...] bedarf der Sichtbarkeit im ästhetischen
Erinnerungsraum des Museums, um dem Individuum mit der Verlebendigung
seiner eigenen Assoziationsbilder die Chance zur Rekonstruktion, Klärung und
Verbreitung seines Selbstbildes zu bieten.78
Die Museumsobjekte werden demnach zweifach interpretiert, zum einen
durch die Wissenschaftler und zum anderen durch das Publikum, wobei die
Interpretationsmöglichkeiten des Publikums durch die wissenschaftlichen
Sammlungs- und Darstellungsmethoden bereits vorgegeben sind.79 Daher ist
es unmöglich, die gesamte Bandbreite der Bedeutungszusammenhänge
aufzuzeigen. Dem Wissenschaftler steht zum einen auf Grund der Frag-
mentarik der Überlieferung lediglich ein kleiner Ausschnitt der Vergangenheit
zur Bearbeitung zur Verfügung. Der Besucher muß sich mit den dargestellten
Objekten und deren Interpretation durch den Wissenschaftler begnügen. Das
hieße aber, daß dem Besucher lediglich eine betrachtende Rolle zugestanden
würde:
76 Klaus Weschenfelder: Museale Gegenwartsdokumentation. Vorauseilende Archivierung.
In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 180.
77 Heiner Treinen: Strukturelle Konstanten in der Entwicklung des Museumswesens. In:
Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 157.
78 Wolfgang Ruppert: Der verblassende Reiz der Dinge. Die Produktion von Bedeutung als
Teilschicht der Objektgeschichte in der industriellen Massenkultur. In: Gerd Kuhn /
Andreas Ludwig (Hg.): Alltag und soziales Gedächtnis. Die DDR Objektkultur und ihre
Musealisierung, a.a.O., S. 227.
79 Dieter Kramer: Die Mitarbeiter von Museen, die sich als Teil des wissenschaftsgestützten
Selbstverständigungsprozesses verstehen, tragen mit ihren Mitteln bei zur Gestaltung
unseres Umganges mit Welt. In: Gerd Kuhn / Andreas Ludwig (Hg.), a.a.O., S. 105.
– 29 –
Daher ist die Kommunikation asymmetrisch und einseitig. Der Teilnehmer ist
zwar nicht zur Passivität verdammt, wohl aber dazu, keinen direkten Einfluß
auf Inhalt und Form der Darbietung nehmen zu können [...].80
Durch die Musealisierung ändert sich demnach nicht nur der Bezugsrahmen
der Objekte und deren Funktion, sondern auch die Beziehung Subjekt-
Objekt. Die Objekte, ehemals durch eine spezielle Funktion bestimmt, wer-
den zu Anschauungsobjekten:
Sie dienen jetzt nicht mehr instrumentellen, sondern eher expressiven Zielen,
weil ihre hauptsächliche Bedeutung in der Selbstdarstellung der betreffenden
Korporation oder einer anderen sozialen Figuration liegt; wobei die Selbstdar-
stellung über wissens- und fachorientierte Deutungen objektiviert wird.81
Diese wissens- und fachorientierten Deutungen müssen in der täglichen Mu-
seumsarbeit immer wieder hinterfragt und aus der Gegenwart heraus reflek-
tiert werden. Identitätsbildung des Einzelnen und historische Bewußtseins-
bildung einer Gesellschaft benötigt hierzu Institutionen:
Die Notwendigkeit der Identitätsbildung in Permanenz gilt auch für die Identi-
tätsbildung der Sozietät. Die Gesellschaft muß ihre eigene Geschichte perma-
nent neu entwerfen, und zwar nach Maßgabe ihrer jüngsten Erfahrungen,
Transformationen und Einsichten. Sie unterhält Institutionen, um das zu
bewerkstelligen. Eine von diesen Institutionen, das Museum, unternimmt
diese Identitätsbildungsarbeit auf der Basis von gesammelten Dingen der Ver-
gangenheit.82
Der Gegenwartsbezug findet in der täglichen Praxis der Museumsarbeit
jedoch noch zu wenig Beachtung. In der vorliegenden Arbeit werden daher
diejenigen Museen beispielhaft dargestellt, bei denen die Thematisierung der
Gegenwart eine bedeutende Rolle spielt.
Die Darstellung der Beziehung zwischen Musealisierung und Museum im
Kontext der gesellschaftlichen Fortschrittsdynamik hat die unterschiedlichen
Positionen deutlich werden lassen. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß
das Museum als Ort von Musealisierungsvorgängen nur dann eine sinnstif-
tende Funktion besitzt, wenn es aus der Gegenwart heraus die Musealisie-
80 Heiner Treinen: Strukturelle Konstanten in der Entwicklung des Museumswesens. In:
Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 163.
81 Ebd., S. 161.
– 30 –
rung von Objekten reflektiert und „komplexe, verfremdende, nichtmimetische
Bilder der Vergangenheit“83 entwirft. Nur durch eine ständige Reflexion der
Vergangenheit und der Gegenwart kann das Museum zu einem Ort der
Auseinandersetzung werden und zur Identitätsfindung des Einzelnen in der
Gesellschaft beitragen. Durch diese Bildungsbemühungen der Museen kön-
nen dann auch Zukunftsperspektiven einer Informationsgesellschaft aufge-
zeigt werden. Nur durch einen Bildungsansatz, der die Zukunft mit ein-
schließt, kann das Museum auch zukünftig seiner Funktion als Bildungsort
gerecht werden.84
1.3 Gliederung der Arbeit
Die vorliegende Arbeit geht von der These aus, daß der technische Fortschritt
und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen in einem
ursächlichen Zusammenhang mit der Popularität der Technikmuseen stehen.
In den achtziger und neunziger Jahren sind neben den bereits vorhandenen
Technikmuseen auffallend viele neue Technikmuseen entstanden. In dieser
Arbeit wird der Versuch unternommen, die Entwicklung der Technikmuseen
vor dem Hintergrund der zahlreichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Veränderungen seit Beginn der achtziger Jahre darzustellen und zu
analysieren.85 Dabei geht es vor allem um die Frage, wie sich der
gegenwärtige Museumsboom im Kontext technologischer und gesellschaftli-
cher Entwicklungen deuten läßt. Die Folgen für die Ausstellungspräsentation
und die Vermittlungsarbeit der Technikmuseen stehen im Vordergrund der
weiteren Analyse.
82 Eckhard Siepmann: DDR-Endmoräne und Wende-Identitätsknick. Das Geschichtsgeröll in
den Turbulenzen der Selbstkonstruktion. In: Gerd Kuhn / Andreas Ludwig (Hg.): Alltag
und soziales Gedächtnis. Die DDR Objektkultur und ihre Musealisierung, a.a.O., S. 126.
83 Ebd., S. 127.
84 Hildegard Vieregg: Futurologische Ansätze einer zeitgemäßen Museologie. In: Hildegard
Vieregg / Marie-Louise Schmeer-Sturm / Jutta Thinesse-Demel / Kurt Ulbricht (Hg.):
Museumspädagogik in neuer Sicht. Erwachsenenbildung im Museum, a.a.O., S. 131-141.
85 Siehe dazu: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.) Das Museum. Die
Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.O. Dieses Werk stellt einen ersten Überblick dar
über verschiedene Strömungen im Museumswesen seit Beginn der achtziger Jahre.
– 31 –
Um die Fragen in der notwendigen Ausführlichkeit zu behandeln, ist die
Arbeit in acht Teile gegliedert. Die Ausgangslage für die weitere Untersu-
chung bildet die oben erfolgte Darstellung des Museumsbooms. Der Muse-
umsboom wurde problematisiert als Teil der Musealisierungsdebatte, die seit
Beginn der achtziger Jahre bis heute anhält. Dabei konnte oben in der Ein-
leitung gezeigt werden, daß der Museumsboom stark relativiert werden muß,
besonders hinsichtlich der Besuchszahlen. Dennoch hat es in unterschiedli-
chen Bereichen einen Boom gegeben. So ist es eine Tatsache, daß es beson-
ders in den achtziger und neunziger Jahren zu einer nie dagewesenen Grün-
dungswelle von Technikmuseen kam. Die Klärung des Begriffes „Technik-
museum“ und die Deutung von Musealisierungvorgängen innerhalb des
Museums bilden die weitere Grundlage dieser Untersuchung.
In Teil 2 dieser Arbeit wird untersucht, inwieweit der technologische Fort-
schritt und seine gesellschaftlichen Auswirkungen als Ursache für die mas-
siven Musealisierungsprozesse gelten können. Dabei stehen die
Auswirkungen des technologischen Fortschritts auf die Umwelt, auf die
Freizeit und die Arbeitswelt im Vordergrund der Analyse. Die in diesem Teil
gewonnenen Ergebnisse der Untersuchung fließen dann in erste
Zielvorstellungen auch als Basis des dritten Teils ein.
In Teil 3 wird gezeigt, daß und in welcher Weise der technologische Fort-
schritt das Selbstverständnis der Bildungsinstitution Technikmuseum deutlich
verändert. Dabei wird herausgearbeitet, welche Formen der Ausstellungs-
präsentation für die zukünftige Entwicklung der Technikmuseen von Bedeu-
tung sein werden.
Musealisierungsprozesse sind mit ein Grund dafür, daß in vielen der heute
existierenden Technikmuseen Exponate ausgestellt werden, die über das
Zeitalter der Industrialisierung hinaus bis weit in unsere Gegenwart hinein-
reichen:
Der Musealisierungsprozeß betrifft aber nicht nur Objekte der Vergangenheit,
er ist auch Objekten der Gegenwart und Zukunft auf den Fersen. Die Bestre-
– 32 –
bungen, zeitgleich und zukunftsantizipierend zu sammeln und zu konservie-
ren, nehmen zu.86
Derartige Exponate, beispielsweise Computer, haben eine andere Anschau-
ungs- und Vermittlungsqualität als die Exponate des Industriezeitalters. Die
Darstellung und Analyse der besonderen Qualität solcher Exponate in Teil 3
ist von großer Bedeutung für die vorliegende Arbeit. Auch haben die techni-
schen Entwicklungen deutliche Auswirkungen auf die Präsentation der Expo-
nate. Neue Technologien – wie Multimedia oder Virtuelle Realität (VR) –
werden gleichsam musealisiert und als Vermittlungsmedien eingesetzt.
Neben traditionellen Vermittlungsmethoden im Museum – wie beispielsweise
Inszenierungen – nehmen die neuen elektronischen Vermittlungsformen eine
immer wichtigere Rolle ein. In Teil 3 werden verschiedene Präsentations-
und Vermittlungsformen dargestellt und im Hinblick auf eine reflexions-
bestimmte, sinnlich-gegenständliche zukünftige Ausstellungspräsentation und
Bildungsarbeit analysiert.
Die vielleicht größte Herausforderung für die Technikmuseen liegt zweifels-
ohne in der kritischen Auseinandersetzung mit den zahlreichen technologi-
schen Entwicklungen in Vergangenheit und Gegenwart. Die Beschäftigung
und Auseinandersetzung mit der Geschichte ist Grundvoraussetzung für eine
humane technologische Entwicklung. Dies setzt eine Öffnung des Technik-
museums für breite Besucherschichten voraus. Nur wenn sich möglichst viele
potentielle Besucher angesprochen fühlen und die Museen auch die Präsen-
tation neuester Technologien in ihre Ausstellungstätigkeit – als Ausstel-
lungsexponate und als Vermittlungsmedien – aufnehmen, werden die Tech-
nikmuseen auch in Zukunft ein zeitgemäßer Ort der Bildung sein.
Wollen die einzelnen Technikmuseen diesem Anspruch gerecht werden,
müssen sie ein eigenständiges und unverwechselbares Profil im Sinne einer
„Corporate Identity“ entwickeln. Diese Profilierung wird vor dem Hintergrund
der Konkurrenz anderer Freizeit- und Bildungsangebote zukünftig immer
wichtiger. Die großen internationalen Freizeitparks – die sogenannten
86 Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung, a.a.O., S. 20.
– 33 –
„Themeparks“ – stellen hier durch ihren für ein Millionenpublikum hohen
Unterhaltungs- und Erlebniswert eine ernsthafte Konkurrenz dar. In Teil 4
der Untersuchung werden die Zusammenhänge zwischen Musealisierungs-
prozessen in Technikmuseen und denen in Themeparks dargestellt und
analysiert. Auf den ersten Blick scheint es, als stünden diese Institutionen
völlig konträr zueinander. Ich gehe jedoch von der Frage aus, inwieweit
bestimmte Themeparks durch die Art und Weise der Musealisierung von
Vergangenheit und Gegenwart einen entscheidenden Einfluß auf das Selbst-
verständnis der Technikmuseen ausüben. Die in dieser Arbeit unter dem
Begriff „Themepark“ zusammengefaßten Freizeitparks und deren Konzepte
werden auf ihre Bedeutung für die Technikmuseen hin analysiert. Dabei wird
auch die Frage von Bedeutung sein, inwieweit die Themeparks durch ihre Art
des Umganges mit Vergangenheit den Besuchern Fluchträume für die Kom-
pensation von als krisenhaft erlebten Modernitätsschüben bieten.
Weiter wird es um die Frage gehen, in welcher Weise die Technikmuseen die
Themepark-Konzeption adaptieren und ob diese Adaption einer Populari-
sierung und Kommerzialisierung der Technikmuseen Vorschub leistet. Die
Gefahr einer zu starken Adaption liegt darin, daß das Museum als Ort der
Bildung durch das Museum als Ort des reinen Freizeitvergnügens abgelöst
wird. Wie weit dieser Prozeß schon fortgeschritten ist, wird in Teil 4 ebenfalls
untersucht.
In Teil 5 dieser Arbeit wird die Rolle der Museumspädagogik im Musealisie-
rungskontext herausgearbeitet. Nach einem kurzen historischen Abriß der
Museumspädagogik wird die Bedeutung der Museumspädagogik speziell für
die Technikmuseen dargestellt. Dabei soll deutlich werden, daß sich die
Museumspädagogik völlig neuen Herausforderungen stellen muß.
Hauptteil dieser Arbeit ist Teil 6. Die in den ersten fünf Teilen herausgear-
beiteten Erkenntnisse zum Verhältnis Museum und Musealisierung werden
anhand von drei praktischen Beispielen überprüft und analysiert: dem Heinz
Nixdorf MuseumsForum in Paderborn (HNF), dem Landesmuseum für Tech-
nik und Arbeit in Mannheim (LTA) und der Deutschen Arbeitsschutzausstel-
– 34 –
lung in Dortmund (DASA). Diese drei Museen wurden aus folgenden Gründen
für diese Untersuchung ausgewählt: Alle drei Museen sind erst in den neun-
ziger Jahren eröffnet worden, wobei die Planungsphase zum Teil in die acht-
ziger Jahre fiel. Am Beispiel dieser neuen Museen wird daher die Auseinan-
dersetzung mit den Musealisierungsprozessen besonders deutlich.
Hier stellt sich die Frage, wie Musealisierungsphänomene in der täglichen
Arbeit der einzelnen Museen aufgenommen und umgesetzt werden. Dabei
soll herausgearbeitet werden, welches Selbstverständnis als Technikmuseum
die einzelnen Häuser besitzen. Wo liegen die Unterschiede und Gemeinsam-
keiten bei der Präsentation und Vermittlung von Exponaten? Welchen Aufga-
ben sollte sich ein Technikmuseum gegenwärtig und zukünftig stellen?
Welchen Stellenwert sollte das Museum in einer Informationsgesellschaft
besitzen?
Um diese Fragen für die Technikmuseen vor dem Hintergrund der Museali-
sierungsdebatte analysieren zu können, werden die drei Museumskonzeptio-
nen eingehend dargestellt. Für eine Klärung der genannten Fragen ist die
Begrenzung auf die Themenbereiche gesellschaftliche Stellung, Ausstellungs-
konzeption und Museumspädagogik sinnvoll.
Der Museumspädagogik im allgemeinen und dem museumspädagogischen
Selbstverständnis der drei Häuser im besonderen kommt innerhalb von Teil 6
eine besondere Bedeutung zu. Die museumspädagogischen Konzepte der
drei Häuser werden dargestellt und analysiert. Ziel der Analyse ist es, eine
den gegenwärtigen Herausforderungen angemessene Bildungs- und Vermitt-
lungskonzeption zu erarbeiten. Dabei geht es nicht darum, für jedes Museum
ein individuelles Konzept zu erstellen, sondern um die Bestimmung
übergreifender Vermittlungsziele. Nur Vermittlungsangebote, die über kurz-
weilige Unterhaltung hinausgehen, die die Besucher beschäftigen und sie zur
Reflexion anregen, können den „neue[n] Wertigkeiten“87 gerecht werden.
87 Peter Kraml: Das Museum im Wohnzimmer. Aspekte zum Thema „Museum und neue
Technologien“. In: Schauplatz 6. Museumspädagogik. Heft 1. 1989, S. 44.
– 35 –
Das Selbstverständnis eines jeden der drei Häuser wird wesentlich mitge-
prägt durch die Aufgaben, die Ziele und die Stellung der Museumspädagogik.
Dabei gehe ich von der Annahme aus, daß die Museumspädagogik durch
vielfältige Vermittlungsangebote den Boden für eine umfassende Bildung im
Museum bereiten sollte sowie „zur Erhaltung und Gewinnung einer gesell-
schaftlichen Identität Vergangenes im Bewußtsein kritisch [...] vergegenwär-
tigen“88 sollte.
Zusammenfassend für Teil 6 läßt sich sagen, daß durch die eingehende Dar-
stellung der drei Technikmuseen Perspektiven und Aufgaben für die zukünf-
tige Entwicklung der Technikmuseen und insbesondere ihrer Museums-
pädagogik aufgezeigt werden können. Durch die in Teil 6 dargestellten Aus-
stellungspräsentationen und die differenzierten museumspädagogischen Ver-
mittlungsformen soll zugleich die Besucherorientierung innerhalb der drei
Museen deutlich werden.
Museen müssen heute besucher- und zielgruppenorientiert arbeiten. „Wer an
seinen Besuchern interessiert ist, kommt an der Frage nach der Strukturie-
rung des Publikums nicht vorbei“89 schreibt der Marketingexperte Walter
Scheele. Dabei geht es nicht nur um sozio-demographische Merkmale,
sondern auch um folgende Fragen: Wie werden die Besucher – die Ziel-
gruppe der Museen – gesehen? Als Besucher, die Spaß und Unterhaltung
erleben wollen, die das Museum als einen Freizeitort wie jeden anderen
benutzen? Oder kommen die Besucher mit dem Wunsch nach Bildung und
Auseinandersetzung in die Museen?
Mit diesen Fragen wird eine Problematik angerissen, die erst in den letzen
Jahren von einzelnen Museen erkannt worden ist: das Wissen über die Mo-
tive der Besucher ist oft nur rudimentär vorhanden. Seit Beginn der achtziger
88 Hans Jakob Schmitz: Historische Spurensuche im Museum – aber wie? In: Frank M.
Andraschko / Alexander Link / Hans Jakob Schmitz: Geschichte erleben im Museum.
Frankfurt am Main 1992, S. 13.
89 Walter Scheele: Marktsegmentierung: Grundlage für die systematische Ansprache der
Besucher. In: Landschaftsverband Rheinland (Hg.): Das besucherorientierte Museum.
Köln 1997, S. 22.
– 36 –
Jahre gewinnt die Besucherforschung stetig an Bedeutung. Als ein Vorreiter
auf diesem Gebiet in Deutschland sei Hans-Joachim Klein genannt, der 1981
zusammen mit Monika Bachmayr eine Studie zur Besucherforschung
veröffentlichte.90 Eine weitere groß angelegte Studie zur Besucherforschung
veröffentlichte Klein 1990.91
In Teil 7 der Untersuchung wird die Besucherforschung als wichtiges Aufga-
benfeld einer effektiven und sinnvollen Museumsarbeit dargestellt. Um
zukünftig die Besucherorientierung der Museen zu verbessern und das Publi-
kum mit seinen unterschiedlichen Motiven und Bedürfnissen kennenzulernen,
hat die Besucherforschung inzwischen ein vielseitiges und differenziertes
Instrumentarium entwickelt. Eine breit angelegte Besucherbefragung im
HNF, die ich in eigener Regie 1997/98 durchführen konnte, bot mir die Mög-
lichkeit, die Besucherstruktur des Hauses zu erfassen und zu analysieren. Ziel
der Befragung war die Ermittlung eines differenziertes Bildes der Besu-
cherstruktur, denn „Kenntnisse über Alter, Geschlecht, Beruf, Stand der for-
malen Bildung, Wohnsitz usw. der Besucher bieten schon manche Vorauset-
zungen für ihre gezielte Betreuung“92. Die Ergebnisse der Besucherbefragung
sollten in die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche des HNF – von der
Öffentlichkeitsarbeit über die Marketingaktionen bis hin zu museumspäd-
agogischen Maßnahmen – einfließen. Inwieweit dies gelungen ist, wird in Teil
7 dargestellt.
Zusammenfassend läßt sich das Ziel dieser Untersuchung wie folgt beschrei-
ben: Die Darstellung der Technikmuseen vor dem Hintergrund der Musea-
lisierungsdebatte seit Beginn der achtziger Jahre bis heute soll zu einem
neuen Verständnis von Zielvorstellungen und Ausstellungskonzeptionen für
90 Hans-Joachim Klein / Monika Bachmayr: Museum und Öffentlichkeit. Fakten und Daten.
Motive und Barrieren. Berliner Schriften zur Museumskunde. Band 2. Berlin 1981.
91 Hans-Joachim Klein: Der gläserne Besucher. Publikumsstrukturen einer Museumsland-
schaft. Berliner Schriften zur Museumskunde. Band 8, a.a.O.
92 Walter Scheele: Marktsegmentierung: Grundlage für die systematische Ansprache der
Besucher. In: Landschaftsverband Rheinland (Hg.): Das besucherorientierte Museum,
a.a.O., S. 23.
– 37 –
Technikmuseen führen. Auf dieser Basis sollen Kriterien für eine
zukunftsweisende Vermittlungsarbeit von Technikmuseen gefunden werden.
Technikmuseen haben durch ihre Sammlungen wie kaum ein anderer Muse-
umstyp die Möglichkeiten, die Herausforderungen der Informationsgesell-
schaft darzustellen und zu vermitteln. Bisher hat das Technikmuseum diese
Chance nur unzureichend wahrgenommen. In Übereinstimmung mit Michael
Dauskardt, Leiter des Westfälischen Freilichtmuseums in Hagen, läßt sich
feststellen: „Museen sind die Problemlöser – nur keiner weiß es.“ 93
93 In einem unveröffentlichten Vortrag von Michael Dauskardt zum Thema „Braucht
Deutschland Science Centers?“ im HNF zur Jahrestagung des deutschen Museums-
bundes 1999 am 26.5.99.
– 38 –
– 39 –
TEIL 2
DIE ENTSTEHUNG VON TECHNIKMUSEEN
SEIT BEGINN DER ACHTZIGER JAHRE –
GRUNDLAGEN, URSACHEN, RAHMENBEDINGUNGEN
Die stetige Zunahme der Technik- und Industriemuseen seit Beginn der
achtziger Jahre zeigt, daß in einer Gesellschaft, die durch einen techno-
logischen Fortschritt ohnegleichen gekennzeichnet ist, ein grundlegendes
Bedürfnis nach einem Sammlungs- und Erinnerungsort wie dem Museum
besteht. Musealisierung kann somit als ein Nebeneffekt des Fortschritts
bezeichnet werden. Ohne diesen expansiven technischen Fortschritt seit
Beginn der achtziger Jahre gäbe es nicht diese große Zahl von Technik- und
Industriemuseen.94
Der technische Fortschritt hat in hohem – und in zunehmendem Maße – die
Entwicklung der modernen bürgerlichen Gesellschaften bestimmt und
wesentlich zu materiellem Wohlstand und sozialer Sicherheit beigetragen.
Seit Beginn der achtziger Jahre ist es in den hochindustrialisierten Ländern
stärker als zuvor zu umwälzenden Veränderungen in vielen gesellschaftlichen
Bereichen gekommen. Die negativen Folgen dieser Veränderungen traten in
den achtziger Jahren immer deutlicher hervor und bewirkten eine „zuneh-
mende Arbeitslosigkeit und neue soziale Ungerechtigkeiten sowie die Zerstö-
rung der Umwelt und der natürlichen Lebensgrundlagen“95. Diese Ambivalenz
– technischer Fortschritt auf der einen Seite und dessen negative Auswir-
94 Vom Institut für Museumskunde in Berlin wurden 1996 539 naturwissenschaftliche und
technische Museen zur Erhebung statistischer Daten angeschrieben, 1995 waren es 519
Museen. In: Materialien aus dem Institut für Museumskunde. Heft 48, a.a.O., S. 37.
Siehe dazu auch Wolfgang Zacharias: Zeitphänomen Musealisierung. In: Angelika
Schmidt-Herwig / Gerhard Winter (Hg.): Museumsarbeit und Kulturpolitik. Frankfurt am
Main 1992, S. 120. Darin schreibt er: „Die Museen sind Exempel und Motor der
Ausbreitung des durchaus je ambivalent zu bewertenden Musealisierungsphänomens als
neue wirklichkeitsgestaltende Kraft.“
95 Günter Einert: Technologischer Wandel und Politik. Standortbestimmung und Perspek-
tive. In: Schriftenreihe des Innenministers des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.):
– 40 –
kungen auf der anderen Seite – ist Gegenstand der Musealisierungsdebatte,
die – wie in Teil 1 dargestellt wurde – von den schon genannten Theoreti-
kern Lübbe, Fliedl, Korff et alii seit Beginn der achtziger Jahre geführt wird.
In den meisten Diskussionsansätzen wird versucht, diese Ambivalenz zu
analysieren und die Entstehung der Institution Museum beispielsweise als
Folge der Fortschrittsdynamik zu deuten. Dabei werden die spezifischen
Eigenarten der unterschiedlichen Museumstypen jedoch nicht ausreichend
berücksichtigt.96 Denn gerade Technikmuseen spielen eine ganz besondere
Rolle im Musealisierungsprozeß.97 An ihnen lassen sich nämlich spezifische
Musealisierungsphänomene aufzeigen, die in dieser Arbeit dazu beitragen
sollen, die zahlreichen charakteristischen Funktionen, die das Technikmu-
seum der Gegenwart prägen, herauszuarbeiten. Technikmuseen können
Musealisierungsprozesse in kritisch-innovative und aufklärerische Vermitt-
lungsarbeit umsetzen.
Dazu müssen die Zusammenhänge zwischen den Musealisierungsphänome-
nen einerseits und dem technischen Fortschritt mit seinen vielfältigen Aus-
wirkungen auf die Gesellschaft andererseits aufgezeigt werden. Hierzu gehö-
ren die Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die Umwelt, auf die
Freizeit und auf die Arbeitswelt. Im Kapitel 2.3. wird der Frage nachgegan-
gen, ob die Musealisierungstendenzen als Verdrängung oder als Kompensa-
tion von Zukunftsängsten aufgefaßt werden können.98 Erst wenn deutlich
wird, wie die Gesellschaft mit den durch technischen Fortschritt bedingten
Veränderungen umgeht, können die möglichen Ursachen für die vermehrte
Schöne neue Welt? Über das Zusammenwirken neuer Technologien. Düsseldorf 1984,
S. 8-17.
96 Siehe Michael Fehr: Das Museum. Ort des Vergessens. In: Wolfgang Zacharias (Hg.):
Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 220. Siehe ferner: Walter Grasskamp: Die
unästhetische Demokratie. Kunst in der Marktgesellschaft, a.a.O., S. 86ff.
97 Gottfried Fliedl: Musealisierung und Kompensation. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Texte
und Dokumente zum Zeitphänomen Musealisierung. München 1988, S. 21f.
98 Innerhalb der Musealisierungsdebatte geht es hauptsächlich um die Frage, ob die Muse-
alisierungstendenzen als Verdrängung oder Kompensation begriffen werden können.
Weitere Ansätze wurden bereits in Teil 1 erläutert, sie spielen aber für die Fragestellung
dieser Arbeit nur eine untergeordnete Rolle.
– 41 –
Entstehung von Technik- und Industriemuseen seit Beginn der achtziger
Jahre dargestellt und analysiert werden.
2.1 Die Ökologie
Das ungehemmte Wirtschaftswachstum und dessen Auswirkungen auf die
natürliche Lebenswelt fordert die Gesellschaft in besonderer Weise heraus.
Seit Beginn der achtziger Jahre erscheinen fast täglich Meldungen und
Berichte in den Medien über die Zerstörung der Umwelt. Reizworte wie
Ozonloch, Waldsterben und Treibhauseffekt gehören heute längst zu unse-
rem Alltagsvokabular. Die Auswirkungen eines unkontrollierten Wirtschafts-
wachstums wurden bereits 1972 im Bericht des Club of Rome
„Die Grenzen
des Wachstums“ deutlich gemacht:
Die Grenzen des Wachstums war der Titel dieses Berichts, der die Welt
schockierte und eine Welle der Entrüstung auslöste. Einige Jahre nachdem
erstmals ein gewisses Umweltbewußtsein aufgekommen war und kurz vor der
ersten Ölkrise (1973) machte ‚Die Grenzen des Wachstums‘ darauf auf-
merksam, daß die Welt in den Untergang zu stürzen drohte aufgrund des
ungebremsten Bevölkerungswachstums, der ungehinderten industriellen
Entwicklung, des Verbrauchs natürlicher Rohstoffe und aufgrund von Umwelt-
zerstörung und Nahrungsmangel.99
Dieser Bericht galt als Anstoß für eine Reihe weiterer wissenschaftlicher
Werke, die sich mit dem Thema Wirtschaftswachstum und Ökologie kritisch
auseinandersetzen100. Das Wissen um die Grenzen des Fortschritts und die
bestehende Möglichkeit einer Selbstzerstörung der Menschheit hat zu einem
tiefgreifenden Bewußtseinswandel geführt:
Um [...] weltweit dahingehend Übereinstimmung zu erlangen, daß ‚wirklicher‘
Fortschritt notwendig ist und man sich auf bestimmte Ziele einigen muß, ist
Kooperation zwischen den verschiedensten Gesellschaftsbereichen
erforderlich: internationale Gremien auf Regierungsebene, nationale und lo-
kale Regierungen, Wirtschaft, Umweltorganisationen, Institutionen von For-
99 Wouter van Dieren (Hg.): Mit der Natur rechnen. Der neue Club of Rome Bericht. Basel /
Boston / Berlin 1995, S. 21.
100 Siehe dazu Immo Lünzer (Hg.): Die Erde bewahren. Dimensionen einer umfassenden
Ökologie. Karlsruhe 1992.
– 42 –
schung und Wissenschaft und der einzelne Bürger – ob er als Nachbar,
Wähler, Angestellter, Investor, Elternteil oder Verbraucher handelt.101
Eine der größten Herausforderungen ist die Umweltverschmutzung, denn das
„Ausmaß und die Geschwindigkeit [...], mit der die Umweltzerstörung in den
letzten Jahrzehnten voranschreitet, ist bislang einmalig in der Geschichte“102.
Aber nicht nur gegen die sichtbaren Schäden muß vorgegangen werden.
Vorbeugende Maßnahmen gegen die erst später auftretenden Schäden müs-
sen ergriffen werden. Die Notwendigkeit des Eingreifens wird auch von vie-
len Wirtschaftswissenschaftlern und von den Experten des Club of Rome
gesehen:
Einer der wichtigsten Aspekte ist die Erkenntnis, daß ein Großteil der Schäden
[...] erst in Zukunft sichtbar werden wird. Beispiele hierfür sind u.a. Schäden
durch den Verlust der Klimastabilität, der Funktionen des tropischen
Regenwaldes (Genreserve, Regulativ für Wasserströme und Klima etc.) sowie
die Zerstörung von Ökosystemen.103
Für Lübbe
[...] gewinnt die ökologische Herausforderung den Rang einer Jahrtausend-
herausforderung. Wenn nichts geschieht, um zu ändern, was längst geschieht,
so scheint es, werden unsere politischen Institutionen, wird unsere Kultur, ja
schließlich die pure Existenz in eine zerstörerische Krise geraten.104
Die durch den technologischen Fortschritt forcierte Umweltzerstörung führt
seit Anfang der achtziger Jahre zu ambivalenten Handlungsmustern. Die
Notwendigkeit des Handlungsbedarfs zum Schutz der Umwelt wird zwar so-
wohl von Seiten der Politik, der Wirtschaft und des Einzelnen eingesehen;
aus dieser Einsicht ergeben sich aber nur sehr wenige konkrete Schutzmaß-
101 Wouter van Dieren (Hg.): Mit der Natur rechnen. Der neue Club of Rome Bericht, a.a.O.,
S. 110f. Verschiedene Institutionen nennt auch Peter S. Thatcher in seinem Aufsatz ‚Auf
der Suche nach dem sanften Wachstum‘. In: Club of Rome (Hg.): Die Herausforderung
des Wachstums. Bern / München / Wien 1990, S. 196-206. Siehe auch Udo Ernst
Simonis: Komponenten einer globalen Umweltpolitik. Darin macht er auf die
Notwenigkeit einer Zusammenarbeit verschiedener Institutionen aufmerksam. In: Immo
Lünzer (Hg.) Die Erde bewahren. Dimensionen einer umfassenden Ökologie, a.a.O., S.
162-173.
102 Wouter van Dieren (Hg.): Mit der Natur rechnen. Der neue Club of Rome Bericht, a.a.O.,
S. 65.
103 Ebd., S. 228.
104 Hermann Lübbe: Der Lebenssinn der Industriegesellschaft. Über die moralische Verfas-
sung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation. Berlin / Heidelberg / New York / Lon-
don / Paris / Tokyo / Hong Kong / Barcelona 1990, S. 32.
– 43 –
nahmen.105 In den achtziger Jahren haben eine Reihe von Experten auf dem
Gebiet des Umweltschutzes und besonders der Volkswirtschaftslehre, wie der
Volkswirtschaftler Joachim Paul die Chancen einer ökologisch orientierten
Marktwirtschaft untersucht.106 Paul stellt die unterschiedlichen an diesem
Prozeß beteiligten Gruppen wie Parteien, Verbände und Bürger vor und
analysiert die Wechselwirkungen zwischen den Gruppierungen. Nach
Meinung Pauls ist das politische Engagement der Unternehmen der Schlüs-
selpunkt auf dem Weg zu mehr Umweltschutz:
Dieses Engagement bildet die Basis, die eine Umstrukturierung des Ablaufs
der politischen Entscheidungsprozesse ermöglichen soll. Denn wie die
Asymmetrie der Vertretung von Interessen den Hauptgrund der Schwierig-
keiten bei der Durchsetzung einer ökologisch orientierten Marktwirtschaft
darstellt, so ist die Umstrukturierung des Ablaufs von Entscheidungsprozessen
auf der politischen Ebene der Schlüssel zur Behebung dieser Schwierig-
keiten.107
Auf politischer Ebene hatte schon in den siebziger Jahren ein Umdenken
eingesetzt. Im Zuge dieses Umdenkens konnte sich dann auch die Partei
Die
Grünen
etablieren, die inzwischen zu einer wichtigen politischen Kraft in der
Bundesrepublik Deutschland aufgestiegen ist. Auch in vielen anderen Län-
dern ist die Ökologie zu einem kontrovers diskutierten politischen und gesell-
schaftlichen Dauerthema geworden. Die mit wirtschaftlichem Wachstum fast
immer verbundene Umweltzerstörung sowie die Ohnmacht der politischen
und administrativen Gremien, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist 1993
auf dem Umweltgipfel in Rio besonders deutlich geworden. An positiven
Absichtserklärungen von Seiten der Industrienationen mangelte es nicht. Der
Wille zum Umweltschutz war zwar bei allen Teilnehmern des Kongresses
vorhanden, aber letztendlich gab es kaum vorzeigbare Ergebnisse, die über
105 „Wachsendes Umweltbewußtsein in den Organisationen: Durch vernetzte Telekommuni-
kation lassen sich viele Transport- und Reisewege zwischen den einzelnen Unterneh-
mensteilen verhindern und so die eigenen ökologischen Kosten und die der Allgemein-
heit reduzieren. Videokonferenzen und Joint Editing sind Beispiele, wie gemeinsames
Arbeiten bei geringster Umweltbelastung möglich sind.“ In: Stefan Bollmann (Hg.):
Kursbuch neue Medien. Mannheim 1995, S. 282.
106 Joachim Paul: Zur politischen Durchsetzungsfähigkeit einer ökologisch orientierten
Marktwirtschaft. Eine Analyse aus ökonomischer Sicht, dargestellt am Beispiel der Bun-
desrepublik Deutschland. Frankfurt am Main 1986.
107 Ebd., S. 502.
– 44 –
reine Lippenbekenntnisse hinausgingen. Sobald bestimmte wirtschaftliche
Interessen bedroht werden – Umsatz- und Gewinnentwicklung oder Arbeits-
plätze zum Beispiel – , werden die Ratschläge der Umweltexperten ignoriert
oder erst mit großer zeitlicher Verzögerung oder unter großem Druck der
Öffentlichkeit umgesetzt. Lübbe macht diesen Widerspruch deutlich:
Die Wirkungslosigkeit wissenschaftlicher Politikberatung beruht in solchen
Fällen nicht auf der mangelnden Tauglichkeit des erteilten Rates. Sie beruht
auf Schwierigkeiten, die es im realen politischen Lebenszusammenhang mit
sich bringt, konkurrierende Interessen homogen zu machen.108
Um der ökologischen Krise mit ihren Interdependenzen Lösungen entgegen-
setzen zu können, ist eine internationale Zusammmenarbeit von großer
Bedeutung. Dabei kommt den Industrienationen eine Vorreiterfunktion zu,
denn sie haben
[...] die spezifische Verpflichtung, die globalen Belastungsgrenzen durch
beschleunigte Einführung moderner Technologien herabzusetzen und dem
Prozeß der Industriealisierung in der Dritten Welt auf diese Weise einen ver-
nünftigen Rahmen zu geben109.
2.2 Die Informationstechnologie
Die Informationstechnik hat inzwischen nahezu alle Bereiche von Wirtschaft
und Gesellschaft durchdrungen. In den achtziger Jahren haben neue Infor-
mationstechnologien – wie PCs oder Vernetzung einzelner Computer – einen
Aufschwung erfahren und so Veränderungen bewirkt, die nicht nur einen
kleinen Teil der Bevölkerung, sondern die Bevölkerung insgesamt betreffen:
[...] unbestreitbar ist, daß dieses Jahrzehnt unsere „Lebenswelt“, die
Lebensgestalt und Lebensform unserer Gesellschaft, radikal verändert hat. Der
Mensch [...] lebt in einem symbolischen und nicht mehr bloß natürlichem
Universum. Dieses symbolische Universum [...] wird durch die neue
108 Hermann Lübbe: Der Lebenssinn der Industriegesellschaft. Über die moralische Verfas-
sung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, a.a.O., S. 64. Siehe dazu auch Kurt
Vittinghoff: Europäische Umweltpolitik. Konsequenzen und Perspektiven. Darin
beschreibt er die Widerstände einzelner poltischer Gremien bei der Durchsetzung von
umweltpolitischen Zielen. In: Karin Roth / Reinhard Sander (Hg.): Ökologische Reform in
Europa. Köln 1992, S. 87-105.
109 Uwe Möller: Unser Weg zur globalen Industriegesellschaft. In: Club of Rome (Hg.): Die
Herausforderung des Wachstums. Bern / München / Wien 1990, S. 75.
– 45 –
Medientechnik, das heißt die Integration von Telekommunikation, Compu-
tertechnik und Unterhaltungselektronik, regelrecht umgepflügt.110
Dem schließt sich auch der Kulturkritiker Florian Rötzer an, wenn er schreibt,
[...] daß in der Konkurrenz mit den immer vielfältiger werdenden Möglich-
keiten interaktiver Medien sich Wahrnehmungsweisen und Erwartungen
verändern, [...] daß wir einen neuen öffentlichen, für jeden entsprechend
technisch Hochgerüsteten zugänglichen Raum bekommen, in dem neue
Formen des sozialen Handelns entstehen.111
Wie diese neuen Lebenswelten zukünftig aussehen werden, ist jedoch noch
nicht vorauszusehen:
Interaktive Medien [...] treiben uns weiter hinein in eine unbekannte Zukunft
der Synergie von Mensch und Maschinen und von Lebenswelten der Tele-
Existenz mit technischen, sozialen und politischen Folgen, die wir noch nicht
überblicken können.112
Auch wenn wir die Folgen der Digitalisierung jetzt noch nicht abschätzen
können, so sind dennoch eine Reihe von Visionären von den positiven Aus-
wirkungen auf die Entwicklung der Gesellschaft überzeugt, so beispielsweise
Bill Gates113 und Nicholas Negroponte. Letzterer schreibt in seinem Werk
Total Digital
wie der Weg in die Informationsgesellschaft konkret aussieht.
Resümierend schreibt er:
[...] die Digitalzeit gibt dennoch berechtigten Anlaß zum Optimismus. Genau
wie eine Naturgewalt kann auch das Digitalzeitalter weder ignoriert noch
gestoppt werden. Denn es besitzt vier mächtige Eigenschaften, die letztend-
lich zu seinem Triumph führen werden: Dezentralisierung, Globalisierung,
Harmonisierung und Befähigung zum Handeln.114
Ob die digitale Zukunft diesem positiven Bild entsprechen wird, läßt sich
gegenwärtig noch nicht abschätzen. Wichtiger als Zukunftsspekulationen ist
es, den gegenwärtigen Stand der Informationstechnik und ihre Auswirkungen
auf die Gesellschaft zu skizzieren. Dabei treten sowohl positive als auch
110 Peter Glotz: Chancen und Gefahren der Telekratie. Der Wandel der Kommunikations-
kultur seit 1984. In: Stefan Bollmann (Hg.): Kursbuch Neue Medien, a.a.O., S. 41.
111 Florian Rötzer: Interaktion. Das Ende herkömmlicher Massenmedien. In: Stefan Bollman
(Hg.): Kursbuch Neue Medien, a.a.O., S. 57.
112 Ebd., S. 78.
113 Siegfried Höfling: Informationszeitalter. Informationsgesellschaft. Wissensgesellschaft.
München 1996, S. 10f.
114 Nicholas Negroponte: Total Digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder die Zukunft der
Kommunikation. München 1995, S. 227.
– 46 –
negative Begleiterscheinungen auf, die sowohl auf politischer als auch auf
wirtschaftlicher Ebene sorgfältig abgewogen werden müssen. Tatsache ist
jedoch, daß die neuen Informations- und Kommunikationstechniken schon
heute die Lebenswelten aller gesellschaftlichen Gruppen betreffen.
Im folgenden sollen nun die Auswirkungen der Informationstechnologie auf
die Freizeit und die Arbeitswelt, da sie als eine der Ursachen für den Tech-
nikboom gelten, dargestellt und analysiert werden.
2.2.1 Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Freizeit
Die Arbeitnehmer in der Informationsgesellschaft haben im Gegensatz zu den
Arbeitskräften der Industriegesellschaft zwar mehr arbeitsfreie Zeit, aber
nicht gleichzeitig auch mehr Freizeit. Auf den Unterschied zwischen der Frei-
zeit und der arbeitsfreien Zeit wurde schon in den achtziger Jahren hinge-
wiesen. Die Psychologin Christiane Müller-Wichmann hat das Phänomen Frei-
zeit erforscht und kommt zu dem Schluß, daß Freizeit nicht mit arbeitsfreier
Zeit gleichzusetzen sei.115 Die arbeitsfreie Zeit wird weniger für die
Regeneration und die Erhaltung der Arbeitskraft genutzt, sondern es scheint,
[...] daß diese neu entstandenen „Freiräume“ zunehmend mit Tätigkeiten
gefüllt werden, die sich als vor- oder nachgelagerte Sphären unmittelbar auf
die Erwerbsarbeit beziehen bzw. es sich oft um aus der Erwerbsarbeit aus-
gelagerte privatisierte Tätigkeiten handelt. Die Zunahme der Ausbildungs-
zeiten, der Fahrzeiten, der Anstieg privatisierter Dienstleistungen, wäre hier
nur beispielhaft zu nennen.116
Auch der Museumspädagoge Kurt Ulbricht kommt zu diesem Schluß. Es ist
nicht abzustreiten, daß die Arbeitnehmer heute durch die 35- oder 38-Stun-
den-Woche wesentlich mehr freie Zeit zur Verfügung haben. Diese Zeit aber
[...] wird zunehmend nicht nur, wie früher, für die Rekreation und Erhaltung
der Arbeitskraft und für längerfristige Sicherung der Gesundheit o.ä. benötigt,
115 Christiane Müller-Wichmann: Weniger Arbeit heißt noch lange nicht mehr Freizeit. In:
Psychologie heute. Heft 2. 1985, S. 60ff. Siehe auch: Christiane Müller-Wichmann: Zeit-
not. Untersuchungen zum Freizeitproblem und seiner pädagogischen Zugänglichkeit.
Weinheim / Basel 1984.
116 Norbert Heimken: Der Mythos von der Freizeitgesellschaft. Münster 1989, S. 107.
– 47 –
sondern zunehmend für die Erledigung von Arbeiten, die auf die Zeitgenossen
umverteilt wurden.117
Zudem muß unterschieden werden zwischen freiwilliger arbeitsfreier Zeit und
ungewollter arbeitsfreier Zeit, wie beispielsweise durch Arbeitslosigkeit be-
dingte Freizeit. Zum anderen können Arbeitnehmer durch unterschiedliche
Arbeitszeitmodelle wie zum Beispiel Gleitzeit ihre Arbeitszeiten flexibel
gestalten.
Es gilt als sicher, daß vielen Arbeitnehmern künftig mehr arbeitsfreie Zeit zur
Verfügung steht als je zuvor seit der Entstehung der Industriegesellschaft.
Die Folgen für den Einzelnen sind gravierend. Die sozialen und gesellschaft-
lichen Schäden, die durch die unfreiwillige Freizeit wie Arbeitslosigkeit ent-
stehen, werden künftig noch stärker zunehmen. Denn durch Arbeitslosigkeit
bedingte freie Zeit wird vom Individuum negativ wahrgenommen und führt
zu großen psychischen Belastungen. Gesundheitliche Probleme, Depressio-
nen und Aggressionen werden für die Betroffenen und ihr soziales Umfeld zu
einer großen Herausforderung.
Die wenigen Stunden innerhalb der arbeitsfreien Zeit, die als echte Freizeit
gelten können, werden von den Arbeitnehmern gut geplant. Dabei stehen
außerhäusliche Aktivitäten an erster Stelle. Seit Beginn der achtziger Jahre
erlebten nicht nur die Museen einen regelrechten Besucherboom, sondern
auch andere kulturelle Institutionen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten
schossen beispielsweise die
Musical Theater
wie Pilze aus dem Boden.
Wenige große Unternehmen planen die speziell auf ein einzelnes Musical
ausgerichteten Theaterbauten. Die in der Regel mit über tausend Plätzen
ausgestatteten Theater sind meist über Monate ausgebucht. Die Besucher
„brausen busweise kreuz und quer durch die Republik auf der Suche nach
Erbauung und Unterhaltung, nach Wahrheit und Schönheit“118. Die Erlebnis-
117 Kurt Ulbricht: Freizeit im Natur- und Technikmuseum. In: Freizeitpädagogik. Heft 12.
1990, S. 39ff.
118 Eleonore Büning / Sabine Rückert: Schale Gefühle und sterbliche Melodien. In: Die Zeit.
Nr. 7. 1996, S. 9ff.
– 48 –
orientierung fordert eine genaue Planung und Einteilung der freien Zeit. Für
Muße und Erholung bleibt dabei wenig Zeit.
Auch wenn diese außerhäusliche Erlebnisorientierung inzwischen zu einem
wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden ist, spielt das Fernsehen, das seit sei-
ner Einführung die Freizeit sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern
und Jugendlichen in zunehmendem Maße verändert hat, immer noch eine
dominante Rolle.119 Im folgenden werden nun die Fernsehgewohnheiten von
Kindern und Jugendlichen betrachtet, denn diese Altersgruppe ist zu einem
besonders hohen Prozentsatz unter den Museumsbesuchern vertreten. Auch
viele museumspädagogische Angebote richten sich explizit an diese Alters-
gruppe. Die spezifischen Medienkonsum-Gewohnheiten von Kindern und
Jugendlichen sollten daher auch bei der museumspädagogischen Arbeit
berücksichtigt werden und in adäquate Konzepte mit einfließen.120
Das Fernsehen bietet eine Reihe von Sendungen speziell für ein sehr junges
Publikum an. Nach verschiedenen Studien sehen Kinder zwischen 6-13 Jah-
ren täglich im Durchschnitt 93 Minuten fern.121 So gibt es seit Anfang der
neunziger Jahre Kinderkanäle, deren Programme und Werbebotschaften
speziell auf Kinder zugeschnitten sind. Gerade die Werbung innerhalb der
Kindersendungen gibt immer wieder Anlaß zu Diskussionen zwischen Päd-
agogen, Fernsehverantwortlichen und den Werbeleuten.122 Während der
Geschäftsführer des Zentralausschusses der Werbewirtschaft Volker Nickel
die Tatsache, daß „Kinder im Alter von 6-7 Jahren die Funktion der Werbung
begreifen und sie
mit zum Kauf anzuregen, anzureizen, damit Produkte bes-
119 Siegfried Höfling: Informationszeitalter. Informationsgesellschaft. Wissensgesellschaft,
a.a.O., S. 24f.
120 Siehe dazu Harald Vockerodt: Psychologische Probleme durch Reizüberflutung und
Konsequenzen für die Museumsdidaktik. In: Hermann Auer (Hg.): Museologie. Neue
Wege. Neue Ziele. München / London / New York 1989, S. 273. Darin befaßt sich
Vockerodt mit den „physiologischen Zusammenhängen des Sehvorganges und der
Wahrnehmung beim Fernsehen [und leitet] aus dieser Analyse heraus Erkenntnisse für
den Seh- und Wahrnehmungsvorgang beim Betrachten von Museumsobjekten [ab].“
121 Siegfried Höfling: Informationszeitalter. Informationsgesellschaft. Wissensgesellschaft,
a.a.O., S. 218.
– 49 –
ser / mehr verkauft werden
bezeichnen“, als durchaus positiv betrachtet und
darin sogar eine kritische Distanz zur Werbung bei den Kindern erkennt, sieht
der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Dieter Baacke die Beziehung Kinder
/ Werbung sehr viel kritischer. Er fordert, die Medienkompetenz von Kindern
zu fördern und stärken.123
Neben den Kinderkanälen für die Kinder bis ungefähr 13 Jahre spielen die
Musikkanäle wie MTV und VIVA, die fast ausschließlich Videoclips senden,
eine wichtige Rolle für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter
von 14-29 Jahren.124 Waren Videoclips ursprünglich lediglich als Werbung
für neue CD-Tonträger gedacht, so
[...] haben sich die Musikvideos spätestens seit Mitte der achtziger Jahre
verselbständigt. Sie gelten als neue, postmoderne Kunstform und haben
längst ihren Platz in Galerien und Museen bezogen, am bislang spektakulär-
sten in der Ausstellung „Is this just Fantasy – A History of the Pop Video“
[...].125
Der MTV-Sender erreicht in Europa ungefähr 25 Millionen Haushalte.126 Für
den MTV-Programmchef Breat Hansen ist MTV „das ideale Marketingmedium,
um junge Erwachsene in Europa durch einen international bekannten
Markennamen, die größte Musikvideothek und 24-Stunden-Programm zu
erreichen“127.
Für die Erwachsenen gelten ähnliche Veränderungen im Bereich der Freizeit.
Auch hier spielt das Fernsehen eine dominierende Rolle. Da viele Haushalte
heute einen Kabelanschluß oder einen Satellitenempfänger besitzen, kann oft
zwischen zwanzig und mehr verschiedenen Kanälen gewählt werden. Das
122 Siehe dazu Volker Nickel: Manipulation oder Marktkommunikation. In: Medien und
Erziehung. Heft 4. München 1997, S. 221-226. Und Dieter Baacke / Sven Kommer: Die
Werbung und die Kinder. Fakten aus Untersuchungen. Ebd., S. 228-234.
123 Ebd., S. 224 (Volker Nickel), S. 234 (Dieter Baacke)
124 Fred Wimmer: Die Musikkanäle MTV und VIVA. In: Medien und Erziehung. Heft 1. Mün-
chen 1995, S. 24.
125 Wunderkind der Populärkultur. Das Musikvideo schafft neue Marktgesetze. Aufstieg als
neue Kunstform. In: Allgemeiner Hochschulanzeiger (FAZ). Nr. 10. Frankfurt 1991, S.
13.
126 Fred Wimmer: Die Musikkanäle MTV und VIVA. In: Medien und Erziehung. Heft 1,
a.a.O., S. 23-25.
127 Ebd., S. 24.
– 50 –
Fernsehen hat einen maßgeblichen Wandel im Freizeitverhalten weiter
Bevölkerungskreise bewirkt. Ein Beispiel für den veränderten Fernsehkonsum
sind die zahlreichen Talkshows, die seit Beginn der neunziger Jahre die
Zuschauer vom frühen Nachmittag bis spät in die Nacht hinein über-
schwemmen. Die feuilletonistische Kritik nimmt diese Talkshows gern unter
die Lupe. In der Wochenzeitung
Die Zeit
wird regelmäßig ein besonders
markanter Dialog aus einer Talkshow wiedergegeben. Das gedruckte Wort
läßt die Banalität und Peinlichkeit bestimmter Talkshow-Dialoge oft beson-
ders deutlich werden.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß neue Technologien das tägliche
Leben grundlegend verändert haben und im Bereich der Freizeit und Unter-
haltung eine dominierende Rolle spielen. Zu diesem Schluß kommt auch eine
Studie der Hans Seidel Stiftung. Sie zeigt, wie sehr sich die private Sphäre
durch die Einführung neuer Technologien – und hier ist besonders das Fern-
sehen gemeint128 – verändert hat.
2.2.2 Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Arbeitswelt
Neben der Freizeit ist besonders die Arbeitswelt von den Auswirkungen der
Informationstechnologie betroffen.129
Das bis heute anhaltende Verschwinden traditioneller Arbeitsformen und
Arbeitsorte geht mit dem Entstehen neuer Arbeitsfelder und -orte einher, die
überwiegend im Dienstleistungssektor entstehen:
Die Landwirtschaft und das produzierende Gewerbe verloren in den indu-
strialisierten Ländern weiter an Boden – allein in Deutschland in den letzten
sieben Jahren 4,5 Millionen Arbeitsplätze –, während der Dienstleistungssektor
im gleichen Zeitraum um 1,5 Millionen Arbeitsplätze zunahm.130
128 Siegfried Höfling: Informationszeitalter. Informationsgesellschaft. Wissensgesellschaft,
a.a.O., S. 23ff.
129 Ebd., S. 14f.
130 Marcus Bierich: Geleitwort. In: Orio Giarini / Patrick M. Liedtke: Wie wir arbeiten
werden. Der neue Bericht an den Club of Rome. Hamburg 1998, S. 13.
– 51 –
Die neuen Technologien – allen voran der Computer – haben dabei ent-
scheidend zum Wandel der Arbeitsformen beigetragen. Die Autoren des
Berichtes an den Club of Rome
Wie wir arbeiten werden
meinen dazu:
Basis des künftigen Arbeitsplatzes in der Verwaltung und in der Dienstleistung
wird der Computer sein. Multifunktionale, mit intelligenten Tele- und Video-
phonen ausgestattete Terminals werden die Verbindung mit einem
intelligenten Netzwerk herstellen.131
Die Bedeutung von Computern und Netzwerken für die Arbeitswelt wird auch
von Don Tapscott hervorgehoben:
Die neuen Medien führen zu einem fundamentalen Wandel der menschlichen
Arbeit, von Geschäftsabschlüssen, den Methoden der Vermögensbildung bis
hin zu der Art und Weise, in der Handel und Wirtschaft insgesamt stattfinden.
Wir bewegen uns von einer Wirtschaft auf der Grundlage von Unternehmen
hin zu einer Wirtschaft, deren Grundlage Netzwerke sind.132
Wie schnell dieser Wandel vollzogen sein wird und wie sich der Arbeitsalltag
im einzelnen verändern wird ist nicht vorhersehbar. Daß sich die Industrie-
nationen in einer extremen Umbruchsituation befinden wird vielerorts deut-
lich. Vollbeschäftigung, Acht-Stunden-Tag, der Beruf für das Leben; diese
Arbeitsmodelle werden in der zukünftigen Arbeitswelt nicht mehr die Rolle
spielen, die sie heute spielen. In dem neuen Bericht an den Club of Rome
wird diese Veränderung auf den Punkt gebracht: „Sicher an der Zukunft der
Arbeit ist nur, daß es den Beruf fürs Leben nicht mehr geben, daß unser
Arbeitsalltag – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Kopf stehen
wird“.133 Die Abnahme der Anzahl sogenannter Normalarbeitsverhältnisse ist
auch statistisch offenkundig: „1970 steckten noch über 80 Prozent aller
Beschäftigten in
normalen
Arbeitsverhältnissen: vierzig Jahre lang von acht
bis vier. 1996 waren es nur noch 66 Prozent.“134
131 Ebd., S. 167.
132 Don Tapscott: Das intervernetzte Unternehmen. In: Stefan Bollmann / Christiane
Heibach (Hg.): Kursbuch Internet. Mannheim 1996, S. 193.
133 Orio Giarini / Patrick M. Liedtke (Hg.): Wie wir arbeiten werden. Der neue Bericht an
den Club of Rome, a.a.O.
134 Monika Held: Die Zukunft der Arbeit. In: Brigitte. Heft 11. 1998, S. 126.
– 52 –
In der Informationsgesellschaft werden neue Arbeitsformen wie Projekt-
arbeit, Teilzeitarbeit und Telearbeit stark an Bedeutung gewinnen: Durch
Projektarbeit ändern sich die traditionellen Arbeitsweisen in Unternehmen:
Die Firma, wie wir sie heute kennen, bricht auf. Was statt dessen kommt:
Effektive Individuen, die in leistungsstarken Teamstrukturen zusammen-
arbeiten; sie werden in der Folge zu integrierten Organisationsnetzen von
Kunden und Dienstleistern.135
In Zukunft – und teilweise schon jetzt – werden Teams aus Mitarbeitern, die
sich aus unterschiedlichen Ländern und Branchen rekrutieren, an einem Pro-
jekt für eine bestimmte Zeit arbeiten. Das bietet dem Unternehmen zahlrei-
che Vorteile. Ein gut funktionierendes Team kann sehr viel schneller und
flexibler auf veränderte Kundenanforderungen und verschärften Konkur-
renzdruck des Mitbewerbers reagieren als die Mitarbeiter in Unternehmen mit
starren Hierarchien. Ein Beispiel ist die Agentur Rauser Advertainment, die
Computerspiele entwickelt. Der zentrale Firmensitz befindet sich in Reut-
lingen, die meisten Mitarbeiter sitzen jedoch in verschiedenen Ländern und
sind über das Datennetz mit der Firma verbunden:
Denn die aufwendige Feinarbeit an Programmen, Grafiken und Soundeffekten
wird an freiberufliche Spielsoftware-Spezialisten oder Subunternehmen
verteilt, die jederzeit über das Telefonnetz auf die Entwicklungscomputer in
Reutlingen geschaltet werden können.136
Das Beispiel zeigt, daß die computergestützte Informationstechnologie längst
die entscheidende Barriere für den internationalen Wettbewerb überwunden
hat. In der Informationsgesellschaft wird über Grenzen hinweg nicht nur mit
Gütern, sondern auch mit Arbeit und Dienstleistungen gehandelt. Weil sich
Daten und Dienste heute elektronisch weltweit übertragen lassen, konkurrie-
ren heimische Arbeitnehmer auf einmal direkt mit Arbeitskräften in Bil-
liglohnländern.
Neben der Telearbeit wird die Teilzeitarbeit ebenso nachhaltig die Arbeitswelt
verändern. Viele große Unternehmen bieten heute schon Teilzeit-
135 Don Tapscott: Das intervernetzte Unternehmen. In: Stefan Bollmann / Christiane
Heibach (Hg.): Kursbuch Internet, a.a.O., S. 204.
136 Gerd Meißner: Cleanman aus der Nacht. Virtuelle Firmen sparen Miete und Personal-
kosten, ihr Sitz ist das Computer-Netz. In: Spiegel Spezial. Nr. 3. Hamburg 1995, S. 93.
– 53 –
Arbeitsplätze an. Teilzeitarbeit kann unterschiedliche Arbeitsformen hervor-
bringen. Eine besonders häufig auftretende Form ist das
Job Sharing
, bei
dem sich zwei Angestellte einen Arbeitsplatz teilen. Teilzeitarbeit kann aber
auch mit Projekt- und Telearbeit kombiniert werden. Selbständige können so
beispielsweise ein Projekt mit anderen Mitarbeitern von zuhause aus durch-
führen und anschließend eine Arbeitspause – freiwillig oder mangels Nach-
frage – einlegen.
In den USA waren schon 1995 fast zehn Millionen Arbeitnehmer in Telear-
beitsverhältnissen beschäftigt.137 In Deutschland lag die Zahl der Telearbeiter
1995 noch bei 150.000.138 Bis zur Jahrtausendwende werden vorraussichtlich
40% der Erwerbstätigen Telearbeiter sein.139 Die Telearbeit als Arbeitsform
hat sowohl für die Arbeitnehmer als auch für die Arbeitgeber Vorteile:140
• Dezentralisation der Arbeitsleistung
• Kostensenkung
• geringere Büroflächen sind nötig
• anteilige Einsparung von Abschreibungen auf Raumkosten
• Einsparung von Wegstrecken und -zeiten
• Steigerung der Arbeitsflexibilität
• Erhöhung der Lebensqualität
Die Veränderungen für die Telearbeitnehmer sind gravierend. Die Grenzen
zwischen Arbeits- und Privatleben verschwimmen. Der Kontakt zu den Kolle-
gen, der im „realen“ Betrieb ein wichtiger sozialer Faktor ist und maßgebli-
chen Anteil an der Herausbildung des Wir-Gefühl hat, geht bei Telearbeits-
verhältnissen weitgehend verloren.
137 Uwe Jean Heuser: Am Bildschirm allein zu Haus. In: Die Zeit. Nr. 43. 1995, S. 54.
138 Gerd Meißner: Cleanman aus der Nacht. Virtuelle Firmen sparen Miete und Personal-
kosten, ihr Sitz ist das Computer-Netz, a.a.O., S. 93ff.
139 Herbert Hahn: Telearbeitsplätze. Organisationsstrategien und Erfahrungen am Beispiel
der IBM Deutschland. In: Martin Koller (Hg.): Industrieller Wandel als Chance für neue
Arbeitsplätze. Nürnberg 1997, S. 178.
140 Gerhard Schub von Bossiazky: Vom vernetzten zum virtuellen Unternehmen. In: Stefan
Bollmann (Hg.): Kursbuch neue Medien, a.a.O., S. 286f.
– 54 –
Positiv zu bewerten ist, daß der Arbeitnehmer durch Telearbeit die Möglich-
keit hat, seine Zeit frei einzuteilen, denn es gibt keine festen Arbeitszeiten
mehr. Aber auch das hat nicht nur Vorteile. Oberstes Ziel ist es, ein Projekt in
möglichst kurzer Zeit erfolgreich zu Ende zu führen. Das führt oftmals zu
verlängerten statt kürzeren Arbeitszeiten. Der Druck auf die Beteiligten
nimmt zu, der einzelne Arbeitnehmer wird zu einem Einzelkämpfer, der seine
Arbeitskraft optimal einsetzen muß. Wird seine erbrachte Arbeitsleistung für
gut befunden, wird er wieder eingesetzt. Die Arbeitnehmer fühlen sich häufig
einem Überstunden-Druck ausgesetzt, da nur die erbrachte Leistung zählt
und die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt groß ist. Für selbständige Telear-
beiter greifen die Vereinbarungen der Tarifpolitik und die Arbeitsschutzge-
setze häufig nicht mehr. Dadurch gehen viele soziale Absicherungen in den
neuen Arbeitsformen verloren.
Durch Faktoren wie Telearbeit und virtuelle Projektteams sowie durch die
Internet- und WWW-Technologie ist die Vision des Medientheoretikers
Marshall Mc Luhan141 vom globalen Dorf längst Wirklichkeit geworden. Die
Globalisierung und die neuen Arbeitsformen werden aber nicht nur neue
Arbeitsplätze schaffen, sie stellen auch hohe Anforderungen an diejenigen,
die einen Arbeitsplatz haben. Ständige Weiterbildung und vorausschauendes
Planen der beruflichen Zukunft sollte daher zu einem Muß werden, denn im
[...] Gegensatz zu früher, als ein Mensch ein bestimmtes Fachwissen erwerben
konnte, das sich während seiner aktiven Zeit im Arbeitsmarkt kaum
veränderte, sieht er sich heute mit einer Situation konfrontiert, in der er sich
ständig weiterbilden muß, um mit den neueren Entwicklungen Schritt zu
halten.142
2.3 Musealisierung als Kompensationsversuch
Hier stellt sich nun die Frage, warum es trotz der Akzeptanz und Selbstver-
ständlichkeit, mit der eine breite Bevölkerungsschicht die neuen Techniken
benutzt, zu der Vielzahl von Musealisierungsformen – wie in der Einleitung
141 Marshall McLuhan: The Gutenberg Galaxy. Toronto 1962. Ders.: Unterstanding Media.
Toronto 1964.
– 55 –
bereits dargestellt – kommt. Es spricht einiges dafür, daß es sich bei Muse-
alisierungsformen um Kompensationsversuche der Folgeerscheinungen des
technologischen Fortschritts handelt. Lübbe hat den Versuch unternommen,
den Bewußtseinswandel in der Informationsgesellschaft zu analysieren und
geht in diesem Zusammenhang von mehreren Möglichkeiten der Kompensa-
tion aus143, von denen hier diejenigen näher untersucht werden sollen, die
für den Musealisierungsboom der achtziger und neunziger Jahre von
Bedeutung sind.
2.3.1 Kompensation des erhöhten Risikos in der Informationsgesell-
schaft
Einer der wichtigsten Versuche ist die Kompensation des Risikopotentials.
Hochentwickelte Informationsgesellschaften verfügen über gewisse Sicher-
heitsmängel, die Risiken für alle Mitglieder der Gesellschaft mit sich brin-
gen.144 Das Beispiel Tschernobyl macht deutlich, daß auch eine als sicher
geltende Technik anfällig ist. Die Katastrophe des Super-Gau, die sich 1986
in einem Atomkraftwerk der damaligen Sowjetunion ereignete, hatte Auswir-
kungen auf eine Reihe von Ländern, darunter auch die Bundesrepublik
Deutschland. Hier riefen vor allem die atmosphärische Strahlenverseuchung
und die erhöhte Strahlenbelastung in Lebensmitteln Angst und Besorgnis
hervor. So konnten verschiedene Lebensmittel – wie Kopfsalat, Milchpulver
und Wildfleisch – wegen der Gefahr erhöhter Strahlenbelastung nicht mehr
verkauft werden. Die bis heute anhaltende öffentliche Diskussion145 über die
142 Orio Giarini / Patrick M. Liedtke (Hg.): Wie wir arbeiten werden. Der neue Bericht an
den Club of Rome, a.a.O., S. 104.
143 Siehe Hermann Lübbe: Der Lebenssinn der Industriegesellschaft. Über die moralische
Verfassung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, a.a.O.
144 Siehe zu den Risiken Mohamed Kassas: Die Grenzen der Biosphäre. Und Brian Locke:
Die Biosphäre und ihre weltweite Gefährdung. In: Club of Rome (Hg.): Die
Herausforderung des Wachstums, a.a.O., S. 145-164 / 165-178.
145 Reinhard Löw: Ethik und Technik. In: Hermann Lübbe (Hg.): Fortschritt der Technik.
Gesellschaftliche und ökonomische Auswirkungen. Heidelberg 1987, S. 29-49. Siehe
auch Ortwin Renn: Eine kulturhistorische Betrachtung des technischen Fortschritts. Ebd.,
S. 79.
– 56 –
Gefahren der Kernkraft in den Medien belegt die Intensität der Emotionen,
weil die Möglichkeit einer solchen Katastrophe immer besteht:
Dabei repräsentiert Tschernobyl nur den Prototyp jener technischen Kata-
strophen, von denen heute jeder aufgeschlossene Medienkonsument spontan
mehrere aufzuzählen vermöchte – von Bhopal über Seveso bis nach Basel.146
Der Reaktorunfall in Tschernobyl kann durchaus als Auslöser einer Bewußt-
seinsänderung in den Industrienationen gesehen werden. Er hat nicht nur
auf dem Sektor der Ernährung und Lebensmittelproduktion zu einem
Bewußtseinswandel geführt.147 In den vergangenen Jahren hat es verstärkt
Bemühungen gegeben, neben den großindustriell produzierten Lebensmitteln
auch wieder kleinere Betriebe wie zum Beispiel Biobauernhöfe zu gründen.
Eine höhere Qualität der Produkte ist das vorrangige Ziel dieser Betriebe.
Berechtigterweise kann hier von Musealisierung gesprochen werden, weil auf
den Biobauernhöfen zumeist traditionelle Arbeitsweisen und -techniken
wieder aufblühen.148 So gibt es auf diesen Höfen zum Beispiel keine Massen-
tierhaltung, sondern es werden kleinere Bestände aufgezogen. Diese Tiere –
zum Beispiel Hühner und Schweine – leben so zum einen artgerecht, und
zum anderen bieten sie eine bessere Fleischqualität. Auf Wochenmärkten
und verstärkt auch in Supermärkten finden diese Lebensmittel immer größe-
ren Absatz, da immer mehr Verbraucher die industriell gefertigten und viel-
fach pharmazeutisch und hormonell behandelten Produkte ablehnen. Der
höhere Preis des sogenannten Biofleisches, der bei der artgerechten Haltung
bis jetzt scheinbar noch unvermeidlich ist, wird von vielen Verbrauchern auf-
grund der verbesserten Qualität akzeptiert.
146 Siehe Hermann Lübbe: Der Lebenssinn der Industriegesellschaft. Über die moralische
Verfassung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, a.a.O., S. 84.
147 Während zwei Jahre nach dem Reaktorunfall noch darüber spekuliert wurde, inwieweit
sich die Einstellung der Bevölkerung zur Atomenergie verändern wird, ist gegenwärtig
ein Ausstieg aus der Atomenergie nur noch eine Frage der Zeit. Ortwin Renn: Eine
kulturhistorische Betrachtung des technischen Fortschritts. In: Hermann Lübbe (Hg.):
Fortschritt der Technik. Gesellschaftliche und ökonomische Auswirkungen, a.a.O., S. 80.
148 Siehe Hermann Lübbe: Der Fortschritt und das Museum. Über den Grund unseres
Vergnügens an historischen Gegenständen, a.a.O. Darin finden sich eine Reihe von
Beispielen der Naturmusealisierung.
– 57 –
Was sich hier im kleinen zeigt, findet auch weltweit in immer größerem Um-
fange statt. Lübbe bemerkt dazu:
Im Extremfall werden heute ganze Kulturlandschaftsbilder museal konserviert.
Nur so läßt sich die Menge musealisierter Windmühlen in den friesisch
besiedelten Nordseeländern erklären.149
Auch dieses Beispiel muß nach Ansicht Lübbes als Versuch gesehen werden,
die Risiken der Informationsgesellschaft durch Musealisierung zu kompensie-
ren:
In genereller Formulierung bedeutet das: Unsere Vergangenheitszugewandt-
heit, unsere blühende historische Kultur erfüllt Funktionen der Kompensation
der belastenden Erfahrungen eines änderungstempobedingten kulturellen
Vertrautheitsschwundes.150
Die Windmühlen sind zum einen Zeichen einer funktionierenden kleinen
Gewerbeeinheit und zum anderen auch Symbol vergangener, alternativer
Energieträger. Ein in sich abgeschlossenes, fast autarkes Versorgungssystem.
Nach Ansicht Lübbes stellen diese Bemühungen den Versuch der „Konservie-
rung von Horizontmarken“151 dar, um ein original historisches Landschaftsbild
zu erhalten. Tatsächlich scheint es hier aber um mehr als bloße ästhetische
Landschaftskonservierung zu gehen. Denn mit der Musealisierung ist auch
ein Vergessen der mühevollen täglichen Arbeit der Mühlenbesitzer verbun-
den. In vielen Fällen werden die Objekte, in diesem Fall die Mühlen, so
restauriert, daß von der früher als mühsam geltenden Arbeit nicht mehr viel
zu sehen ist:
[...] die Kehrseite dieser Lernprozesse ist doch gleichzeitig auch das Verler-
nen, oder sagen wir besser, das Nutzloswerden, das Verdrängen von Wissen
und der Fertigkeiten, die in einem unmittelbaren Umgang mit natürlicher und
menschlicher Umwelt enthalten waren. Der Preis für allseitige Mobilität,
Kommunikation und materiellen Reichtum [...] scheint in einer hochgradigen
149 Hermann Lübbe: Der verkürzte Aufenthalt in der Gegenwart, Wandlungen des
Geschichtsverständnisses. In: Peter Kemper (Hg.): Postmoderne oder der Kampf um die
Zukunft. Frankfurt am Main 1988, S. 147.
150 Ebd., S. 151.
151 Ebd., S. 147.
– 58 –
Distanzierung des Menschen [...] von seinen natürlichen Lebensgrundlagen
[...] zu liegen [...]152
Von Kompensation kann bei diesem Beispiel nur bedingt gesprochen werden,
da Kompensation immer auch konstruktive Auseinandersetzung beinhaltet
und ein Mittel zur Bewältigung eines Verlustes darstellt.
Für den französischen Soziologen Henri Pierre Jeudy stellen Landschaftsmu-
sealisierungen eine Art Therapie dar, die einen scheinbar sanfteren Übergang
vom industriellen zum postindustriellen Zeitalter ermöglicht.153 Es scheint,
daß mit den Risiken der Technik nur deshalb gelebt werden kann, weil die
Vergangenheit in Form alter Objekte oder konservierter Landschaften immer
noch greifbar und sinnlich erlebbar bleibt.154 Die heute vielfach existierende
Gleichzeitigkeit beider Welten – die verklärte und idealisierte Welt der
Vergangenheit und die oft als nüchtern und beängstigend empfundene High-
Tech-Welt der Gegenwart155 – bewirkt einen Zustand der „Versteinerung“156,
der immer weniger Auflehnung und Widerstand gegen die Auswirkungen der
modernen Techniken aufkommen läßt.
Bestimmte Formen der Musealisierung haben daher für viele Menschen die
Funktion, „die Angst vor der Zukunft durch den Lobpreis vormals gültiger
Werte zu bannen.“157 Musealisierungsformen haben demnach die Funktion,
latent vorhandene Ängste in eine bestimmte Richtung zu kanalisieren. Die
152 Helmut Böhme: Soziale Auswirkungen des technischen Fortschritts in historischer
Perspektive. In: Hermann Lübbe (Hg.): Fortschritt der Technik. Gesellschaftliche und
ökonomische Auswirkungen, a.a.O., S. 24.
153 Henri Pierre Jeudy: Die Welt als Museum. Berlin 1987, S. 10.
154 Jeudy spricht in diesem Zusammenhang auch von Simulation: „Der museographische
Wahn ist demnach in der Lage, durch spektakuläre Großanlagen Leben zu simulieren.“
Und weiter heißt es: „Die derzeitige Apologie der regional und örtlich je eigenen
Ethnokulturen ähnelt jedoch eher einer Mumifizierung der Sozialität bzw. einer kraft-
losen Wiederbelebung dessen, was tot ist.“ Ebd., S. 22f.
155 Lübbe begründet die Ängste unter den Schlagworten Technikfeindschaft,
Zukunftsgewißheitsschwund und Erfahrungsverluste. In: Hermann Lübbe (Hg.):
Fortschritt der Technik. Gesellschaftliche und ökonomische Auswirkungen, a.a.O., S. 52-
56.
156 Henri Pierre Jeudy: Die Welt als Museum, a.a.O., S. 7.
157 Der Soziologe François Hubert bezieht sich auf die Tatsache, daß in wirtschaftlichen
Krisenzeiten besonders viele historische und ethongraphische Museen entstehen.
François Hubert: Das Konzept Ecomusée. In: Gottfried Korff / Martin Roth (Hg.): Das
historische Museum. Labor. Schaubühne, Identitätsfabrik, a.a.O., S. 210.
– 59 –
Erinnerung an eine – wenngleich auch verklärte – Vergangenheit wird wach-
gehalten und die Gefahr der Zerstörung der natürlichen Umwelt scheint
gebannt.
Lübbe weist darauf hin, daß die lebensbedrohenden Risiken in hochindu-
strialisierten Gesellschaften nicht zu vergleichen sind mit den Risiken in Ent-
wicklungsländern:
Soweit pragmatisch sinnvolle Vergleichsmaßstäbe verfügbar sind, läßt sich
schwerlich finden, daß wir mit unserer modernen Technikabhängigkeit ris-
kanter als die Menschen in weniger industrialisierten Gesellschaften leben.158
Dieses Argument ist aber aus zwei Gründen zu einseitig. Macht man die
lebensbedrohenden Gefahren allein an der Zahl der Todesopfer fest, wie
Lübbe es versucht159, so scheint das Lebensrisiko in der Tat in einer hoch-
technisierten Gesellschaft nicht höher als in industriell nicht in dem Maße
entwickelten Gesellschaften zu sein. Aber er übersieht einen wesentlichen
Faktor: Zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit besteht die Mög-
lichkeit der völligen Vernichtung aller Lebewesen.160 Und zwar nicht allein
durch Waffen, sondern auch durch Umweltkatastrophen wie die von
Tschernobyl. Erst dieses Bewußtsein, daß der Fortschritt Grenzen hat, läßt
die Intensität der Musealisierung verständlich erscheinen. In den oben
genannten Musealisierungsmaßnahmen spiegeln sich unbewußt auch jene
Ängste wieder, die neben dem Versuch der Kompensation des erhöhten Risi-
kos in der Informationsgesellschaft auch das potentielle Ende der Menschheit
zeigen. Ein weiteres Beispiel von Lübbe macht auf die Gefahren aufmerksam,
die von neuen Technologien ausgehen können:
Vor einigen Jahren hatte ich einmal in offizieller Rolle ein Waffenmuseum zu
eröffnen. Angesichts musealisierter Waffenbestände drängte es sich natürlich
auf zu sagen, welch beruhigenden Anblick doch Waffen bieten, wenn sie
endlich inaktiviert und als Museumsgut unschädlich gemacht sind [...]. Sieht
man genauer hin, so muß man freilich erkennen, daß der Trost, den man
insoweit aus dem Musealisierungsprozeß ziehen möchte, schal ist. Denn daß
auch die Waffenmuseen heute in Blüte stehen, hängt ersichtlich mit dem
158 Hermann Lübbe: Der Lebenssinn der Industriegesellschaft, a.a.O., S. 87f.
159 Ebd., S. 88.
160 Peter Kemper (Hg.): Postmoderne oder der Kampf um die Zukunft, a.a.O., S. 7.
– 60 –
Faktum zusammen, daß die Innovationsrate in der waffentechnischen Ent-
wicklung, die außerhalb des Museums ungehemmt weiterläuft, höher als je
zuvor ist.161
Neben Lübbe sieht auch Jeudy die Möglichkeiten zur Zerstörung der Welt als
maßgebliche Ursache für die Musealisierungsprozesse. Wie im einzelnen mit
der Zukunftsangst in einer Gesellschaft umgegangen wird, wird im folgenden
erklärt.
2.3.2 Kompensation der ökologischen Krise und der Zukunftsangst
Wie in Kapitel 2.1. gezeigt werden konnte, sind die Auswirkungen des tech-
nologischen Fortschritts vielfältig und in hohem Maße miteinander verfloch-
ten, so daß das Engagement einzelner Institutionen oft nicht viel bewirkt.
Notwendig ist die Koordination unterschiedlicher Maßnahmen auf internatio-
naler Ebene. Da dies bis heute allerdings nicht in ausreichendem Maße ge-
schieht, wird die Zerstörung der Umwelt weiter voranschreiten. In gleichem
Maße, wie Teile der natürlichen Lebenswelt zerstört werden, gibt es Bestre-
bungen, der Zerstörung durch unterschiedlichste Musealisierungsformen
entgegenzuwirken. Auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und mit
verschiedenen Mitteln versuchen verschiedene gesellschaftliche Gruppen,
Zerstörung und Katastrophen abzuwenden und sich für mehr Lebensqualität
einzusetzen162. Die Aktivitäten der einzelnen Gruppen ziehen dabei oftmals
Musealisierungsformen nach sich. Im Bereich der Stadtplanung haben
Bürgerinitiativen maßgeblich zu einer höheren Lebensqualität mit bei-
getragen, indem sie den Abriß alter Stadtteile verhinderten. Dadurch konnte
die historisch gewachsene Struktur des Stadtteils erhalten werden:
Die Kosten für die Freilegung und Rekonstruktion einer Zopfstilfassade sind
bekanntlich sehr erheblich. Dennoch lassen sich die Bürger die Aufwendungen
für Fassadenmusealisierung gern gefallen, ja es bilden sich Bürgerinitiativen
gegen den Abriß alter Objekte mit verrotteter Bausubstanz [...]163
161 Hermann Lübbe: Der verkürzte Aufenthalt in der Gegenwart. Wandlungen des Ge-
schichtsverständnisses. Ebd., S.151.
162 Siehe Wolfgang Kabisch (Hg.): Und hinter den Fassaden. Köln 1985.
163 Hermann Lübbe: Der verkürzte Aufenthalt in der Gegenwart. Wandlungen des Ge-
schichtsverständnisses. In: Peter Kemper (Hg.): Postmoderne oder der Kampf um die
Zukunft, a.a.O.,S. 150.
– 61 –
Lübbe begründet diese Bemühungen mit den entstehenden „Verfremdungs-
effekt, der von der städtebaulichen Dynamik ausgeht [...]. Sie sichern kon-
servatorisch jene Marken, an denen die Wiedererkennbarkeit, die Identität
[...] unserer Städte und Dörfer hängt“164.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie eine Gesellschaft mit den Auswirkungen des
Fortschritts umgeht, zeigt sich in der Automobilbranche. Von Umweltexper-
ten wird immer wieder auf die Belastung der Luft durch Industrie- und Auto-
abgase hingewiesen.165 Dennoch setzt gerade die Autoindustrie unvermindert
auf Wachstum und bestätigt damit Lübbes Argument von der mangelnden
Zusammenarbeit der verschiedenen Interessengruppen. Umweltschutz
kommt scheinbar nur in der Werbung vor. So wirbt zum Beispiel der Automo-
bilkonzern Mercedes Benz in einem Werbespot Anfang der neunziger Jahre
mit dem Mercedes als Garagenmodell: das Garagentor eines großen Einfami-
lienhauses öffnet sich und der Blick des Zuschauers wird auf die Vorderfront
des Wagens mit dem prestigeträchtigen Stern gelenkt. Zur Überraschung des
Zuschauers kommt aber nicht der Wagen aus der Garage gefahren, sondern
ein sportlich gekleideter Mann auf einem Fahrrad. Eine zynische Art der Pro-
duktpräsentation, da durch das vermeintliche Umweltbewußtsein des Fahr-
radfahrers das wirkliche Ziel des Automobilherstellers, den Absatz der Autos
zu steigern, in den Hintergrund tritt. Das Werbemotiv
heile Natur
soll der
Absatzsteigerung dienen. Immer öfter wird dieses Motiv in den neunziger
Jahren von Automobilherstellern, beispielsweise BMW oder Volvo, benutzt.
Dabei wird häufig die unberührte Natur als Hintergrundkulisse benutzt. Oder
es werden Bilder einer scheinbar vollkommenen Natur präsentiert, die dazu
dienen, das Auto als vollkommenes Objekt der Naturbeherrschung anzuprei-
sen.166 Das technische Produkt, hier das Auto, für das geworben wird,
erscheint als Erweiterung und Vervollkommnung menschlicher Fähigkeiten.
164 Ebd., S. 150f.
165 Karl Otto Schallaböck: Mobilität im Kopf. Ökologische Verkehrspolitik muß die Raser
bremsen. In: Marion Gräfin Dönhoff / Helmut Schmidt (Hg.): Zeitpunkte. Ein Gipfel für
die Erde. Nach Rio: Die Zukunft des Planeten. Hamburg 1992, S. 58.
166 Werbeanzeige von Mercedes Benz 1998 in verschiedenen deutschen Zeitschriften.
– 62 –
Die vielfältigen Probleme, die durch das Objekt Auto entstehen, werden ver-
drängt – und damit die einhergehenden Ängste.
Die Frage, warum die Gesellschaft Werbebotschaften, die die Natur zum
Vehikel für den Kaufimpuls degradieren, scheinbar kritiklos annimmt, ver-
sucht Götz Großklaus mit dem Begriff Versöhnung zu beantworten:
Und in der Tat gelingen [...] eigenartige ‚Versöhnungen‘ – im schönen Schein
der Bilder: [...] – ein ins Spielzeughafte zurückgenommenes Automobil in der
unberührten Weite der Wüste – überrollt vom gewaltigen Ball der
untergehenden Sonne, wie ein Stück rotes Gestein, nichtig und klein. Alles ist
eitel. Offenbar auch der Aufschwung der Bayerischen Motorenwerke, deren
Automobile – dergestalt „natur-mythisch“ angereichert – Ausbrüche verheißen
aus Technikwelten, deren Produkt sie doch sind.167
Und weiter heißt es bei Großklaus:
Die kalkulierbare Rückkopplung dieser ästhetischen Versöhnungsbotschaft, in
der die realen Ängste und Sehnsüchte der Empfänger immer schon auf die
Programme der Sender einwirken, ermöglicht das Einfließen des Utopischen:
und das gegenläufig zu den Interessen der Auftraggeber.168
Für Großklaus spiegeln derartige Naturadaptionen „Krisenzustände des kol-
lektiven gesellschaftlichen Systems“169.
Das durch Umweltzerstörung wachsende Bedürfnis einer Gesellschaft nach
dem
Ursprünglichen
kann durch Musealisierungsformen nur oberflächlich
befriedigt werden. Die Musealisierung von Natur in der Automobilwerbung
beispielsweise ermöglicht jedoch keine Reflexion der gesellschaftlichen Her-
ausforderungen der Gegenwart. Sie dient lediglich der Beruhigung der Kon-
sumenten und gleichzeitig der Absatzsteigerung. Zu den Folgen der ökologi-
schen Katastrophe schreibt Großklaus:
Ist die Natur auf der Ebene ihrer Erscheinung verwüstet, bis zur Unkennt-
lichkeit zerstört, wird sie auf der Ebene ihrer Gesetze und Codes, ihrer
Strukturen wieder neu synthetisiert oder simuliert.170
Weitere Musealisierungsbeispiele, deren Ursache zum Teil in der Umweltzer-
störung liegt, sind Naturschutzgebiete, Verdopplungen von touristischen
167 Götz Großklaus: Natur-Raum. Von der Utopie zur Simulation, a.a.O., S. 170.
168 Ebd., S. 171.
169 Ebd., S. 177.
170 Ebd., S. 13.
– 63 –
Attraktionen wie die Höhle von Lascaux, die Musealisierung von ganzen
Volksstämmen bis hin zum Freizeitpark, in denen die Natur praktisch über-
wunden und künstlich wieder hergestellt wird.171 In Ägypten soll das „Tal der
Könige“ für die Touristen nachgebaut werden:
Ägyptens kulturelles Prestige-Objekt, das Tal der Könige, soll an anderer
Stelle nachgebaut werden – da dem Original der Touristen Ansturm fatal wird.
Eine Begründung dafür, daß ein solches ‚Double‘ sinnvoll sei: Seitdem die
Höhle von Lascaux so ‚echt‘ in Styropor nachgeformt wurde, haben sich die
Eintrittszahlen vervielfacht.172
Alles, „was vom Verschwinden / Aussterben bedroht ist“173, wird museali-
siert.174 Die Versuche, bestimmte Tierarten zu schützen, nehmen teilweise
groteske Züge an. So wird zum Beispiel versucht, mit Hilfe einer gentechno-
logischen Rückkreuzung Kühe ihrer früheren genetischen Konstitution ent-
sprechend zu züchten.175 Oder es wird der Versuch unternommen, einen
ganzen Volksstamm zu musealisieren, um ihn dann als Anschauungsobjekt
für Forschungszwecke zu instrumentalisieren. So wurde 1971 von der
philippinischen Regierung beschlossen, die Tasaday, einen kleinen Stamm
Eingeborener, den man im Dschungel entdeckt und der bisher noch keinen
Kontakt mit der Zivilisation gehabt hatte, in seiner Abgeschlossenheit zu
belassen, ihn also quasi zu musealisieren.176
171 Ebd., S. 179ff.
172 Amine Haase: Wieviele Füße gehen ins Museum? In: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank
Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.0., S. 152.
173 Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung, a.a.O., S. 19.
174 Ein Versuch Naturschutz, Handwerk und Industrie in
einem
zusammenzufassen, zeigt
die Entwicklung der französischen Ecomusées. Hierzu ein frühes Beispiel, das Freilicht-
museum „Landes de Gascogne“. Hubert: „Im regionalen Naturschutzpark Landes de
Gascogne im Südwesten Frankreichs entwickelt sich indessen ein ehrgeizigeres Projekt.
George Henri Riviere schlägt nun vor, nicht Gebäude künstlich zu verlagern, sondern
Marqueze so, wie es früher aussah, auf Basis des ältesten Katasters aus dem Jahre 1836
zu rekonstruieren. [...] Die Felder werden wieder bebaut, die Wälder wieder
bewirtschaftet: Die gesamte Umgebung sieht wieder so aus wie im 19. Jahrhundert.
Sogar ehemalige lokale Besonderheiten werden wieder zum Leben erweckt, etwa alte
Schaf- und Geflügelrassen neu gezüchtet, und damit ein wahres genetisches Konserva-
torium geschaffen. In: François Hubert: Das Konzept Ecomusée. In: Gottfried Korff /
Martin Roth (Hg.): Das historische Museum. Labor. Schaubühne. Identitätsfabrik, a.a.O.,
S. 202f.
175 Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung, a.a.O., S. 80.
176 Ebd., S. 73.
– 64 –
Eine derartige Vereinnahmung von Natur und Natursimulationen wie die
Verdopplung von Kulturgütern vermag jedoch keine Sensibilisierung des
Bewußtseins gegenüber ökologischen Belangen hervorzubringen. Ökologi-
sches Bewußtsein kann nur durch ein radikales Umdenken in Wirtschaft,
Politik und Gesellschaft herausgebildet werden. Nur durch ein Zusammen-
spiel aller Kräfte können die negativen Folgen der Technik in unseren hoch-
technisierten Gesellschaften aufgehalten werden. Bewußtseinsbildung kann
nur in einem Rahmen geschehen, der das aktive Handeln des Einzelnen und
die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen fördert. Hierzu ist
das Museum als Ort der Reflexion geeignet.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß der technische Fortschritt ein
Hauptgrund für die Umweltzerstörung ist.177 In Umbruchzeiten massiver
Modernisierungsschübe – hier sind die achtziger und neunziger Jahre unse-
res Jahrhunderts gemeint – kommt es zu einer ebenso massiven Thematisie-
rung der Natur und Formen der Naturmusealisierung. Landschaften, Objekte,
Menschen, Tiere, alles was der modernen Technik und deren Folgen
ausgesetzt ist, wird musealisiert. Musealisierung bedeutet hier nicht nur eine
Flucht aus der Gegenwart und eine Idealisierung der Vergangenheit, sondern
auch das Bewußtsein über den Verlust der Vergangenheit und über die
Unumkehrbarkeit der gegenwärtigen Entwicklung.
Gleichzeitig bringt der technologische Fortschritt aber nicht nur Formen der
Naturmusealisierung hervor, auch vergangene Formen technologischer Ent-
wicklung werden musealisiert.178 Diese Musealisierung vergangener technolo-
gischer Entwicklungen, bei der die Angst vor der Zukunft ebenfalls eine
177 Siehe dazu: Hans Achterhuis: Die Widersprüchlichkeit des Wachstums. Darin vor allem in
Kapitel 3 „Der Zustand der Umwelt“ und „Neuorientierung der Technologie“. In: Wouter
van Dieren (Hg.): Mit der Natur rechnen. Der neue Club of Rome Bericht, a.a.O., S. 65-
79.
178 Diethard Herles: Das Museum und die Dinge. Frankfurt am Main, a.a.O. Darin schreibt
er: „Das Interesse an der Vergangenheit wird mit dem Tempo zivilisatorischer
Modernisierungsprozesse erklärt. Das heißt aber nicht, daß die Vergangenheitsver-
gegenwärtigung schlicht als nostalgische Reaktion gegenüber der technischen Zivilisa-
tion zu deuten wäre. Denn auch die Welt der Technik ist in den Musealisierungstrend
einbezogen. Gerade Technikmuseen erfreuen sich großer Besucherzahlen“. S. 40.
– 65 –
wichtige Rolle spielte, wird durch die zu Museen umgebauten Industriean-
lagen verdeutlicht. In den Industriemuseen wird der Gegensatz zwischen der
Arbeitswelt der Vergangenheit und der der Gegenwart besonders deutlich.
Das 20. Jahrhundert ist gekennzeichnet durch umwälzende Veränderungen
der Arbeitswelt. Dies wurde in Kapitel 2.2. bereits eingehend erörtert. Die
Entwicklung der Informationstechnologien wird vielfach als zweite industrielle
Revolution bezeichnet. Die Computer und die Netze sind im Begriff, hoch-
entwickelte Gesellschaften tiefgreifender zu verändern als die Entwicklung
von Dampfmaschine, Fließband oder Automobil. Der Journalistikprofessor
Claus Eurich bestätigt diesen Sachverhalt:
Zwar haben auch diese Techniken die Struktur und Organisierung der
Gesellschaft tiefgreifend verändert, doch nicht in dem ganzheitlichen Umfang,
wie wir das bei der Informationstechnologie erwarten müssen.179
Die Musealisierung von alten und nicht mehr funktionstüchtigen Fabrikanla-
gen ist auch ein Beispiel dafür, daß man auf Krisenerscheinungen – bedingt
durch Technikfortschritt – mit Musealisierungsstrategien reagiert.180 Die In-
dustriemuseen, deren Zahl bis in die Gegenwart ständig steigt, zeigen einer-
seits die technische Entwicklung und den Fortschritt in der Arbeitswelt.
Andererseits machen sie auch auf die damit verbundenen ökologischen Miß-
stände aufmerksam und bieten die Möglichkeit der Kompensation von
Verlusten traditioneller Arbeitswelten.181
Musealisierung kann also – wie bereits dargestellt – die Kompensation von
Zukunftsangst kanalisieren. Ob und wie die Industrie- und Technikmuseen
dieser Aufgabe gerecht werden, wird in Teil 6 anhand dreier Beispiele von
Museen dargestellt.
179 Claus Eurich: Die Megamaschine. Vom Sturm der Technik auf das Leben und die Mög-
lichkeiten des Widerstands. Darmstadt 1988, S. 70.
180 Gottfried Fliedl: Musealisierung und Kompensation. In: Wolfgang Zacharias (Hg.):
Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 21.
181 Siehe François Hubert: Das Konzept Ecomusée. In: Gottfried Korff / Martin Roth (Hg.):
Das historische Museum. Labor. Schaubühne. Identitätsfabrik, a.a.O., S. 199-215.
– 66 –
2.3.3 Musealisierung: Verdrängung oder Kompensation?
Die aufgeführten Musealisierungsphänomene sind oft in sich widersprüchlich.
Positiv betrachtet dienen sie der Bewältigung und Kompensation von Äng-
sten, die in den Modernisierungsschüben der Industrie- und Informations-
gesellschaft begründet sind. Diese positive Akzentsetzung wird von Eva
Sturm hinterfragt:
Nun ist jedoch fraglich, ob die Rechnung von der kompensatorischen Aus-
gleichsfunktion tatsächlich aufgeht; ob es möglich ist, Musealisierung als
rationale Gegenmaßnahme und Lückenfüllung für Geschichtslosigkeit und
Traditionsverlust zu betreiben; ob Musealisierung vor den Gefahren von
Fortschritt und Zerstörung retten kann.182
Musealisierung allein kann sicherlich nicht vor den Gefahren einer hochtech-
nisierten Welt schützen. Durch die Musealisierung von nicht mehr genutzten
und noch genutzten Technikobjekten ist eine Aufarbeitung der Vergangen-
heit nicht möglich. Eine bewußte Aufarbeitung der Vergangenheit kann nur
dann stattfinden, wenn die musealisierten Objekte zum ständigen Refle-
xionsgegenstand bei den Besuchern werden. Ansonsten kommt es lediglich
zu einer Verdrängung von und Distanzierung zur Vergangenheit, indem die
musealisierten Objekte aus der Gegenwart in dafür bestimmte Räume –
Museen, Denkmalstätten oder Naturschutzgebiete – ausgelagert werden.
Eine mögliche Form der Auseinandersetzung mit den musealisierten Objekten
bietet beispielsweise das Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn, das als
erstes Museum neben der Dauerausstellung ein Forum etabliert hat. In
diesem Forum soll eine aktive Auseinandersetzung mit den unterschiedlich-
sten Aspekten der Informationstechnologie stattfinden. In Teil 6 der Arbeit
wird dieser Aspekt einer gründlichen Betrachtung unterzogen.
In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß Musealisie-
rungsprozesse immer einhergehen mit einem Funktionsverlust der museali-
sierten Objekte. Indem die Objekte für die nachfolgenden Generationen – in
Museen beispielsweise – bewahrt werden, erleiden sie zugleich einen Funkti-
182 Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung, a.a.O., S. 39.
– 67 –
onsverlust, denn der Musealisierungsakt bedeutet, „daß die Objekte im Zuge
ihrer Musealisierung eine entscheidende Veränderung in ihrem Seins-Zustand
erfahren, welche wiederum auf den sie umgebenden Rahmen
zurückwirkt“.183
Eine engagiert betriebene Musealisierung sollte sich mit der Verdrängung von
Zukunftsängsten und dem Funktionsverlust der musealisierten Objekte aus-
einandersetzen. Eine engagierte Musealisierung sollte daher immer auch die
Stärkung und Herausbildung eines historischen Bewußtseins in einer
hochtechnisierten Gesellschaft fördern. Den hohen Stellenwert einer bewuß-
ten Aufarbeitung der Vergangenheit hat der Historiker Joachim Ritter bereits
zu Beginn der sechziger Jahre verdeutlicht, bei ihm „enthält der Kompensati-
onsgedanke vor allem den Anspruch konstruktiver Auseinandersetzung, ist
wirksames Mittel zur Bewältigung eines Defizits, rationaler Ausgleich eines
Verlustes.“184
Da die Entwicklung der modernen Gesellschaft mit einem Verlust an Tradition
und einem Schwinden des historischen Sinns einhergeht, braucht die
Gesellschaft bestimmte „Erinnerungsorgane“. Diese Erinnerungsorgane –
unter ihnen die Geisteswissenschaften, die Museen und die Denkmalpflege –
haben ihre Aufgabe auch in einer bewußten Vergangenheitsbewältigung und
Kompensation der Folgen der modernen technisierten Gesellschaft. Dazu
Sturm: Die These von Musealisierung als Kompensation steht im Gegensatz
zur Einschätzung des Phänomens als Mittel der Distanzierung und Verdrän-
gung.185
Werden die Musealisierungsformen als ein bewußter Stabilisierungsprozeß
zum Ausgleich des sich verändernden historischen Bewußtseins gesehen, so
deutet dies auf eine wirkliche Aufarbeitung der Geschichte. Möglicherweise
spricht aber aus dieser Kompensationsthese eine zu hohe Erwartungs-
haltung, die durch Musealisierung nicht eingelöst werden kann.
183 Ebd., S. 40.
184 Joachim Ritter: Subjektivität. Sechs Aufsätze. Frankfurt am Main 1974, S. 27.
– 68 –
Ob es sich bei Formen der Musealisierung um Kompensation oder Verdrän-
gung handelt, kann immer nur jeweils am Einzelbeispiel geprüft werden. Nur
wenn alle Faktoren, die zur Musealisierung eines bestimmten Objekts beige-
tragen haben, erforscht und aufgearbeitet werden, kann diese Frage geklärt
werden.
Dieser Teil der Arbeit hat gezeigt, daß der Museumsboom als Folge der
massiven technologischen Entwicklung seit Beginn der achtziger Jahre gese-
hen werden kann. Die neuen Technologien haben das Leben der meisten
Bürger grundlegend verändert. Vor allem die Auswirkungen des technolo-
gischen Fortschritts auf Umwelt, Freizeit und Arbeitswelt sind gravierend,
was oben gezeigt werden konnte. Welche Zielvorstellungen ergeben sich nun
für die weitere Arbeit der Technikmuseen?
2.4 Erlebnis und Bildung als Zielvorstellung
In diesem Teil der Arbeit ist deutlich geworden, daß die massiven
Musealisierungsformen eher der Verdrängung als einer bewußten
Aufarbeitung der Auswirkungen des Fortschritts dienen. Eine bewußte
Aufarbeitung und Reflexion ist jedoch unerläßlich für das Funktionieren einer
pluralistischen Gesellschaft, die auch zukünftig die Risiken und Folgen der
technologischen Entwicklung einschätzen und bewerten will. Das Technik-
museum bietet hierzu den geeigneten Raum. Denn es kann die schon oben
dargestellte Erlebnisorientierung der Besucher mit einer kritischen Aufarbei-
tung des technologischen Fortschritts in nahezu idealer Weise verbinden.
Für die vorliegende Arbeit ist dabei die Frage von Bedeutung, in welcher
Form die Technikmuseen die Musealisierungstendenzen aufarbeiten und der
Öffentlichkeit präsentieren. Der Einsatz neuer digitaler Techniken wird dabei
von besonderer Bedeutung sein. Denn mit den neuen Technologien werden
andere Formen der Wissensvermittlung möglich, die dem – zuvor genannten
– veränderten Freizeit- und Arbeitsverhalten entgegenkommt.
185 Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung, a.a.O., S. 39.
– 69 –
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Zielvorstellungen – und damit
auch der Bildungsauftrag – der Technikmuseen sich wandeln: Erstens muß
dem Bedürfnis nach Erleben und Unterhaltung entsprochen werden. Und
zweitens muß die Wahrung des Bildungsauftrages wichtiges Ziel der
Technikmuseen sein. Der Bildungsauftrag sollte sich dahingehend ändern,
daß die Technikmuseen zu einem Ort der Diskussion und Reflexion werden.
Inwieweit für die Erlebnisorientierung der Βesucher und den Bildungsauftrag
der Museen der Einsatz neuer Technologien von Bedeutung ist, wird im
folgenden Teil dargestellt.
– 70 –
– 71 –
TEIL 3
AUSWIRKUNGEN DER TECHNISCHEN ENTWICKLUNG
AUF DIE AUSSTELLUNGSPRÄSENTATION DER MUSEEN
In Teil 2 der vorliegenden Arbeit ist der Versuch unternommen worden, den
Musealisierungsboom der letzten zwanzig Jahre als eine „besondere Zeit-
signatur zu umkreisen“186, seine Ursachen zu beschreiben und seine vielfäl-
tigen Erscheinungsformen aufzuzeigen. Es konnte gezeigt werden, daß die
technologische Entwicklung mit ihren Auswirkungen auf Umwelt und Gesell-
schaft seit Beginn der achtziger Jahre als eine der Hauptursachen für den
Musealisierungsboom angesehen werden kann. Für die Öffentlichkeit zeigte
sich der Musealisierungsboom vor allem in der Entstehung vieler neuer
Museen, unter denen der Anteil der Technikmuseen seit Mitte der achtziger
Jahre besonders hoch ist.
Die technologische Entwicklung spielt auch im Museumswesen eine immer
größere Rolle. Sowohl bei der Ausstellungsgestaltung und Vermittlungsarbeit
wie auch bei der Sammlungstätigkeit und Forschungsarbeit wird immer stär-
ker auf technische Hilfsmittel zurückgegriffen. Dieser Tatsache müssen sich
die Museumsverantwortlichen – in erster Linie Fachwissenschaftler und
Museumspädagogen – in zunehmendem Maße stellen.187 Durch den Einsatz
neuer Technologien und neuer Medien haben die Technikmuseen die
Chance, durch die Hinwendung zu mehr Erlebnisorientierung ein breites
Publikum anzusprechen und den Museumsbesuch anregend zu gestalten.188
186 Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 7.
187 Hermann Schäfer: „Ich möchte folgende Herausforderungen für die Zukunft der Museen
benennen: die Herausforderung der Medienwirklichkeit, die Herausforderung der Tech-
nologie, die Herausforderung des
global village
, die professionelle Herausforderung
sowohl hinsichtlich der Mitarbeiter als auch mit Blick auf die Institutionen , die finanzielle
Herausforderung, die demographische Herausforderung und last but not least die
Herausforderung an die Besucherforschung.“ In: Herausforderungen für das Museum
der Zukunft. In: Haus der Geschichte Bonn (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O.,
S. 270-285.
188 Siehe dazu Bernhard Graf: Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Veränderungen der Besu-
cherstrukturen. In: Haus der Geschichte Bonn (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O.,
– 72 –
Die Anwendung neuer digitaler Technologien in der Ausstellungsdidaktik wie
auch die Darstellung der neuen Technologien in Form von Ausstellungsexpo-
naten ermöglichen neue Beziehungen zwischen Besuchern und Exponaten.
Dabei gehe ich von der These aus, daß die gegenwärtigen Technikmuseen
Technikgeschichte nicht mehr nur als eine Abfolge von immer genialeren
Erfindungen und Entwicklungen zeigen sollten.189 Vielmehr sollte die
Wechselbeziehung Mensch-Technik im Mittelpunkt des Präsentations-
konzeptes stehen. Denn die Einführung neuer digitaler Technologien hat –
wie in Teil 2 gezeigt werden konnte – zu einem fundamentalen gesell-
schaftlichen Wandel geführt. Die Informationsgesellschaft steht nun – so der
Informationswissenschaftler Gernot Wersig – vor der Aufgabe,
[...] einen Nutzungskontext zu gewinnen, der die den Techniken inhärenten
Probleme kompensiert. Konkret ergibt sich die Notwendigkeit, das Konzept
der Informationsgesellschaft durch ein Komplement technikübergreifender Art
zu ergänzen [...].190
Essentiell für diesen „Nutzungskontext“ – in dem auch das Technikmuseum
steht – ist unter anderem die
[...] Verdeutlichung, daß technische Einrichtungen, Geräte, Dienste immer nur
Komponenten einer Mensch-Technik-Konstellation sind in der das Primat bei
den Grenzen und Bedingungen der menschlichen Komponente liegt.
und weiter die
[...] Entwicklung eines Technik-Mensch-Verständnisses, in dem wir auf der
Grundlage von Verständnis der Technologien und der Menschen uns von den
Technologien nicht blenden, faszinieren oder überwältigen lassen, uns von
ihnen nicht verführen lassen, eigene Unvollkommenheiten zu verdecken, zu
überspielen, bestehen zu lassen und unsere eigenen Hoffnungen und Ängste
nicht in Technologien projizieren, sondern gegen die wenden (einschließlich
unserer selbst), die für sie verantwortlich sind.191
Das Technikmuseum ist für die Umsetzung dieser Forderungen besonders
geeignet. Zum einen ist es durch die Auseinandersetzung mit dem Gegen-
S. 216-233. Graf beschreibt darin die Herausforderungen, denen sich die Museen
zukünftig werden stellen müssen.
189 Als richtungsweisender Versuch, die Industrialisierung im Museum nicht mehr nur mit
einem Schwerpunkt auf Technikgeschichte darzustellen, kann die 1976 eröffnete Abtei-
lung Industrialisierung im Museum der Stadt Rüsselsheim gelten.
190 Gernot Wersig: Die Komplexität der Informationsgesellschaft. Konstanz 1996, S. 119.
191 Ebd., S. 120.
– 73 –
stand „Technik“ hierzu prädestiniert, zum anderen besitzt es als Bildungs-
stätte die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung.
In Teil 3 dieser Arbeit soll nun gezeigt werden, inwieweit sich die Arbeits-
weise der Technikmuseen – besonders im Bereich der Ausstellungspräsenta-
tion – mit dem Aufkommen der Informationstechnologie seit Beginn der
achtziger Jahre verändert hat. Die Darstellung und die Analyse dieser Verän-
derungen bilden dann die Grundlage für die Untersuchung der drei exempla-
risch ausgewählten Museen in Teil 6. Inwieweit verschiedene Museen unter
Einbeziehung neuer Ausstellungsformen und –medien dieser Forderung
„nach einem Nutzungskontext [...], der die den Techniken inhärenten Pro-
bleme kompensiert“192 gerecht werden, wird ebenfalls in Teil 6 dieser Arbeit
eingehend untersucht. Zunächst soll ein kurzer historischer Überblick die
Veränderungen im Selbstverständnis der Technikmuseen zeigen.
3.1 Das Technikmuseum. Seine Entwicklung bis zur Gegenwart
Das neue Selbstverständnis und die veränderte Arbeits- und Ausstellungs-
weise der neuen Technikmuseen wird besonders im Vergleich mit den Tech-
nikmuseen des 19. und 20. Jahrhunderts deutlich. Die heutigen Technik-
museen haben historische Wurzeln, die im folgenden dargestellt werden. Um
die Vielfalt der heutigen Konzeptionen der Technikmuseen zu verstehen, ist
ein Rückblick von großer Bedeutung. Nur so kann ein kritischer Umgang mit
dem kulturellen Erbe erfolgen. Gerade der Erhalt technischer Denkmäler und
die Einbeziehung von gegenwärtig noch genutzter Technik in die Präsenta-
tionen von Technikmuseen hilft, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
besser zu verstehen.
3.1.1 Die Entwicklung zum Technikmuseum im 19. Jahrhundert
Bis zum 19. Jahrhundert gab es so gut wie keine Spezialmuseen. Erst im 19.
Jahrhundert kam es im Museumswesen zu einer Spezialisierung der Wis-
192 Ebd., S. 119.
– 74 –
sensgebiete und damit zu einer Aufteilung der Museumssammlungen.193 Mit
dem Beginn der Industrialisierung seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde
auch die Bedeutung von technischen Einzelobjekten und Sammlungen immer
größer. Mit der Gründung von polytechnischen Schulen – 1825 in Karlsruhe
und 1827 in München – wurden technische Lehrsammlungen erstellt, die
dem Zweck dienen sollten, „Interesse und Verständnis für die Aufgaben der
Technik zu erwecken“194. Der Aspekt der Unterhaltung stand dabei im Hinter-
grund; vielmehr sollten die Sammlungen bestimmten Lehrzwecken genügen.
Diese Lehrsammlungen waren in erster Linie für Fachleute und Lehrlinge,
darüber hinaus aber auch für die Öffentlichkeit gedacht.
Zur Gründung eines größeren Technikmuseums kam es in Deutschland aber
während des 19. Jahrhunderts nicht. Friedrich Klemm führt dies auf die Zer-
splitterung Deutschlands in Einzelstaaten zurück:
In Österreich und in Deutschland entstanden erst im dritten Jahrzehnt des 19.
Jahrhunderts einige kleinere technische Sammlungen. Zur Gründung eines
größeren naturwissenschaftlich-technischen Museums kam es in dem,
gegenüber dem zentralistisch regierten Frankreich in Einzelstaaten zersplit-
terten Deutschland, im ganzen 19. Jahrhundert nicht.195
Die Zersplitterung in Einzelstaaten war aber nicht der Hauptgrund dafür, daß
die Gründung technischer Museen ausblieb. Vielmehr bildete die konservative
politische Praxis der Monarchen196 in den Einzelstaaten ein Hemmnis für die
Entstehung von Technikmuseen. Technische Erfindungen und Geräte wurden
in Deutschland erst relativ spät eingesetzt. So setzte die industrielle
Revolution in Deutschland erst Mitte des 19. Jahrhunderts ein, in Großbritan-
nien circa dreißig Jahre früher. Geistiger Hintergrund der industriellen
Revolution in Deutschland war der Historismus, der im 19. Jahrhundert das
gesamte kulturelle Leben unter dem Gesichtspunkt seiner historischen
193 Die Geschichte der naturwissenschaftlichen und technischen Museen zeichnet besonders
detailliert Friedrich Klemm nach: Geschichte der naturwissenschaftlichen und tech-
nischen Museen. In: Deutsches Museum. Abhandlungen und Berichte. Jahrgang 41. Heft
2. München 1973.
194 Ebd., S. 46.
195 Ebd.
196 Im Kurfürstentum Hessen sollten zum Beispiel wieder Zünfte wie im Mittelalter einge-
führt werden.
– 75 –
Entwicklung zu fassen suchte. Der Rückgriff auf die Vergangenheit im Histo-
rismus trat in der Architektur am deutlichsten hervor. Wichtiger als die Dar-
stellung der Errungenschaften der Technik in einem Museum war die Gegen-
überstellung von neuester Technik und historischen Bauten. Das Verhältnis
zur Vergangenheit änderte sich besonders in der Zeit des wirtschaftlichen
und technischen Fortschritts im Zuge der Industrialisierung: „Man stellte die
historischen Bauwerke jetzt bewußt den modernen Ingenieursbauten gegen-
über.“197 So beispielsweise den Kölner Dom und die Kölner Eisenbahnbrücke,
die 1859 fertiggestellt wurde.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden dann einige Gewer-
bemuseen, deren Sammlungen Gewerbe- und Industrieprodukte präsen-
tierten. Diese Sammlungen besaßen aber lediglich neu entwickelte Produkte,
die das Ansehen der Industrie in der Bevölkerung stärken sollte. Die Gewer-
bemuseen zeigten keine historischen technischen Entwicklungen, vielmehr
sollte durch die Darstellung von Objekten der Gegenwart der positive Fort-
schrittsglaube gestärkt werden. Darüber hinaus sollten die vielfältigen Mög-
lichkeiten der Technik dargestellt werden.
3.1.2 Das Technikmuseum im 20. Jahrhundert
Das erste deutsche Technikmuseum – das Deutsche Museum in München –
wurde 1903 von dem Ingenieur Oskar von Miller (1855-1934) gegründet.
Von Miller wollte „Meisterwerke der Naturwissenschaften und Technik
zeigen“198. Die Ausstellungsobjekte sollten in einer fortlaufenden Reihe vom
einfachen zum hochentwickelten Technikobjekt präsentiert werden. Die
didaktischen Ziele beinhalteten keine Auseinandersetzung mit der Vergan-
197 Michael Brix / Monika Steinhauser: Geschichte im Dienste der Baukunst. Zur historischen
Architektur-Diskussion in Deutschland. In: Michael Brix / Monika Steinhauser (Hg.):
Geschichte allein ist zeitgemäß. Historismus in Deutschland. Lahn-Gießen 1978, S. 226.
Darin heißt es: „So war die 1859 fertiggestellte Kölner Eisenbahnbrücke, eine
Glanzleistung des Ingenieursbaus, gezielt auf den Chor des mittelalterlichen Domes
ausgerichtet, an dessen Weiterbau und Freilegung damals die gesamte Nation Anteil
nahm.“
198 Zitiert nach Friedrich Klemm: Geschichte der naturwissenschaftlichen und technischen
Museen. In: Deutsches Museum. Abhandlungen und Berichte, a.a.O., S. 2.
– 76 –
genheit, vielmehr waren die dem Höhepunkt der technischen Objektent-
wicklung vorgeschalteten Entwicklungsreihen dazu da, das neueste Objekt in
seiner Leistung bewundern zu können. Der Begriff der Musealisierung ist hier
noch nicht angebracht. Die Sammlung sollte die nicht mehr funktionstüchtige
Hinterlassenschaft der Technik aufnehmen, denn:
Naturwissenschaften, Technik und Industrie waren in Deutschland mächtig
emporgestiegen und begannen, das Gesicht der Zeit wesentlich mitzuprägen.
Die Menschen waren beseelt von einem starken Glauben an den schier
unbegrenzten Fortschritt. Noch war Gelegenheit, alte Zeugen der technischen
Entwicklung, wie Originalmaschinen und -apparate, bevor sie vernichtet
wurden, zu erwerben.199
In erster Linie sollte die neueste Technik jedoch als imposanter Höhepunkt
der Technikentwicklung dargestellt werden. Gleichzeitig sollten auch die
Ingenieure und Wissenschaftler gewürdigt werden. Es galt, so Walter Hoch-
reiter, die
[...] Bedeutung der naturwissenschaftlich-technischen Wissenschaften und
ihrer industriellen Verwertung [...] im Museum durch eine überhöhende Prä-
sentation der Leistungen von Erfindern, Wissenschaftlern, Technikern und
Unternehmern darzustellen. Im kulturell anerkannten Medium des Museums
sollten die Verdienste der Technik und der Industrie gewürdigt werden, und
sie sollten dadurch ihre Anerkennung als Fortschritts- und Kulturträger auch
beim Bildungsbürgertum erlangen.200
Dieser Ansatz führte zu einer besonderen Hervorhebung von historischen
Persönlichkeiten in der Ausstellungspräsentation. Walther von Dyck betont
1925 die Notwendigkeit dieser Vorgehensweise:
Es wird sich dabei immer wieder ergeben, daß die einzelnen Gebiete am
natürlichsten um die vornehmlich an ihrem Ausbau tätigen Männer sich an-
ordnen und so sind in den Abteilungen des Museums jeweils Büsten, Bildnisse
und persönliche Erinnerungen der bedeutendsten Forscher, Erfinder und
Konstrukteure inmitten ihrer Schöpfungen aufgestellt und ergänzen die
sachliche Vorführung nach der persönlichen und biographischen Seite.201
Um dieses Ziel zu erreichen und um Verständnis für die Exponate zu wecken,
waren eine Reihe von Maßnahmen notwendig. Von Miller holte sich deshalb
199 Ebd., S. 49.
200 Walter Hochreiter: Vom Musentempel zum Lernort. Zur Sozialgeschichte deutscher
Museen 1800-1914, a.a.O., S. 157.
201 Conrad Matschoss (Hg.): Das Deutsche Museum. Geschichte. Aufgaben. Ziele. Berlin
1925, S. 20.
– 77 –
bei einer Reihe von Experten – Technikern und Pädagogen – Rat und Unter-
stützung beim Aufbau der Sammlung und deren Präsentation. Die Besucher
des Deutschen Museums sollten in erster Linie belehrt werden und dem Fort-
schrittsoptimismus huldigen. Von Millers Konzept, die Exponate in einer sich
ständig verbessernden Reihe darzustellen, ließ kaum Raum für kritisches
Hinterfragen der Technik und ihrer Auswirkungen auf den Menschen. Das
Publikum sollte ganz einfach staunend und bewundernd die neueste Technik
anschauen. Georg Kerschensteiner, der das Bildungskonzept des Deutschen
Museums entwickelt hat, äußerte sich 1925 zu den Bildungszielen:
Ein echtes Bildungsverfahren muß tiefer graben: es muß das sinnhafte
Geistesgefüge der Besucher beeinflussen, sie höher reißen, sie Werte erleben
lassen, die freilich schon irgendwie im Keime in ihnen schlummern müssen.
Wenn die Grundlage alles Bildungsstrebens Ehrfurcht ist, Ehrfurcht vor der
Wahrheit, der Sittlichkeit, der Schönheit usw., und wenn Ehrfurcht, wie ich
einmal sagte, nichts anderes ist, als das Gefühl scheuer Verehrung eines
Erhabenen, das mit erdrückender Größe und Macht auf unsere wirkliche oder
vermeintliche Kleinheit wirkt, dann muß das Museum als Bildungsanstalt alles
versuchen, dieses Gefühl der Ehrfurcht durch die Methode seiner Organisation
zu erwecken.202
Die Ausstellung gipfelte in dem Ehrensaal der Pioniere, in dem Erfinder und
Forscher bedeutender technischer und wissenschaftlicher Leistungen präsen-
tiert wurden. Auf Säulen wurden deren Büsten dem Publikum präsentiert,
denn
[...] hier sollen zu Stolz und Erhebung des Beschauers die Bildnisse unserer
Größten zu uns sprechen, sollen die beigefügten Inschriften bezeugen, welche
gewaltige Schöpfungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft und Technik
von Deutschen ausgegangen und der Welt gegeben worden sind.203
Die Auswirkungen der Technologien auf Mensch und Gesellschaft wurden nur
unzureichend kritisch hinterfragt. Daß ein derartiges eindimensionales
Konzept nicht unwidersprochen blieb, wundert daher nicht. So wurde von
verschiedenen Seiten eine deutliche Einbindung der Ausstellungskonzeption
in einen soziokulturellen Kontext gefordert.204 Dieser sozialwissenschaftliche
202 Georg Kerschensteiner: Die Bildungsaufgabe des Deutschen Museums. Ebd., S. 40f.
203 Walther von Dyck: Der Ehrensaal des Deutschen Museums. Ebd., S. 20.
204 Kritisiert wurde das Konzept u.a. vom Rektor der technischen Hochschule Berlin-Char-
lottenburg, Alois Riedler. Siehe dazu Maria Osietzki: Die Gründungsgeschichte des
Deutschen Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik in München
– 78 –
Aspekt wurde aber zugunsten des von Millerschen Ansatzes – Darstellung der
Technik als einer fortlaufenden, sich ständig verbessernden Reihe – aufgege-
ben. Damit er seine Vorstellungen dem Publikum vermitteln konnte, mußte
er seinen Ansatz in ein umfassendes pädagogisches Konzept einbetten. Diese
Aufgabe übernahm der schon oben genannte Reformpädagoge Kerschen-
steiner. Genau wie von Miller verfolgte Kerschensteiner das Ziel, durch die
Präsentation von Entwicklungsreihen einen Lernprozeß beim Publikum in
Gang zu setzen, der Wissenschaft und Technik als Bestandteil der Kultur
ansieht und die Leistungen der Wissenschaftler und Techniker hervorhebt.
Hierzu bediente sich Kerschensteiner verschiedener didaktischer Hilfsmittel
[...] wie geeigneter Vorrichtungen, die vom Besucher selbst in Betrieb gesetzt
werden können, wie geschnittener Apparate und Maschinen, welche die
Wirkungsweise klar vor Augen führen, wie anschaulicher Dioramen, die den
Menschen in Verbindung mit der Maschine zeigen und die ein ganzes
Arbeitsmilieu darstellen, wie erklärender Zeichnungen und eindringlicher
Beschriftungen [...].205
Aber auch diese didaktischen Mittel dienten nicht dazu, den Besuchern ein
Bild von den Wechselwirkungen zwischen Technik, Mensch und Gesellschaft
aufzuzeigen, vielmehr dienten sie der Glorifizierung der technischen Ent-
wicklungen und der damit in Verbindung stehenden Persönlichkeiten. Die
Besucher sollten den Fortschritt bestaunen und gleichzeitig die Leistung der
Forscher und Wissenschaftler würdigen.206 Das Museum richtete sich mit
seiner Ausstellungspräsentation und seinen Bildungszielen an „jene Kreise
[...], die von früh auf gewohnt sind, in unermüdlich sich selbst prüfender
1903-1906. In: Technikgeschichte. Heft 52. München 1985, S. 62f. Siehe auch Walter
Hochreiter: Vom Musentempel zum Lernort. Zur Sozialgeschichte deutscher Museen
1800-1914, a.a.O., S. 163f. Darin schreibt er: „Miller erfuhr grundsätzliche Kritik an
seinen Ausstellungsprinzipien von dem Charlottenburger TH-Professor Alois Riedler, der
sich als vehementer Verfechter einer Gleichberechtigung der Ingenieure mit dem
Bildungsbürgertum und einer Integration der Technik in die Kultur hervorgetan hatte.
[...] Die von Riedler gewollte Präsentationsweise der Technik unterschied sich damit [...]
grundlegend von derjenigen Millers. Sie zielte nicht auf ein bloßes Lehren technischen
Fachwissens, sondern erstrebte eine umfassende Darstellung der sozialen Auswirkungen
technischer Umwälzung.“
205 Michael Osietzki: Die Gründungsgeschichte des Deutschen Museums, a.a.O., S.49f.
206 Karlheinz Fingerle: „Obwohl das Deutsche Museum von Anfang an als ‚Unterrichtsanstalt
größten Stils‘ verstanden werden sollte, [...] enthält auch das Deutsche Museum Züge
eines für Genies errichteten Tempels [...].“ In: Deutsches Museum (Hg.): Fragen an die
Museumsdidaktik am Beispiel des Deutschen Museums. München 1986, S. 21.
– 79 –
Arbeit auf technischem oder theoretischem Gebiete ‚den Weg der Seele zu
sich selbst‘ zu finden“207.
Das Deutsche Museum München ist ein Beispiel dafür, wie die wirtschaft-
lichen und technischen Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren
Niederschlag in der Gestaltung und Didaktik des Museums fanden.208 Indu-
strie und Wirtschaft erlebten Anfang des Jahrhunderts einen regelrechten
Boom und prägten das Gesicht der Zeit entscheidend mit. Das Deutsche
Museum München spiegelte genau dieses Selbstverständnis der Gesellschaft
und ihren Fortschrittsoptimismus zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts
wider.
Das Interesse an der Darstellung von technischen und wissenschaftlichen
Leistungen nahm nach dem Ersten Weltkrieg deutlich zu. Hinzu kam noch
das verstärkte Bemühen, auch ganze Industrieanlagen und einzelne Objekte
technikgeschichtlicher Überlieferung zu bewahren. Auch hier war Oskar von
Miller einer der treibenden Kräfte. Zusammen mit dem Verein Deutscher
Ingenieure sowie dem Deutschen Bund Heimatschutz wurden zwei Konzepte
forciert. Zum einen die Übertragung von technischen Baudenkmälern auf das
Freigelände des Deutschen Museums und zum anderen der Erhalt am
authentischen Standort.
Die Musealisierung von Industriekomplexen am authentischen Standort
wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt vorangetrieben. Bis dahin
beschränkte sich der Erhalt auf kleinere Objekte.209 Dabei waren oftmals die
Fabrikanlagen von besonderem denkmalpflegerischen Wert. Denn seit
Beginn der industriellen Revolution wurden die Fabrikgebäude fast immer
auch zum Spiegelbild des jeweiligen Unternehmergeistes. Diese Industrie-
207 Georg Kerschensteiner: Die Bildungsaufgabe des Deutschen Museums. In: Conrad Mat-
schoss (Hg.): Das Deutsche Museum. Geschichte. Aufgaben. Ziele, a.a.O., S. 50.
208 Siehe dazu den Aufsatz von Maria Osietzki: Die Gründung des Deutschen Museums.
Motive und Kontroversen. In: Kultur und Technik. Zeitschrift des Deutschen Museums
München. München 1984. Jg. 8. Heft 1/2, S. 1-8.
209 Thomas Parent: Das Industriedenkmal als Museum der Arbeit. In: Achim Preiss / Karl
Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er
Jahren, a.a.O., S. 251.
– 80 –
komplexe dienten meist nicht nur der reinen Produktion und der Verwaltung.
Vielmehr sollte die Architektur der Firmengebäude das Unternehmen nach
außen hin repräsentieren. In den Produktionsräumen stand oftmals die
Dampfmaschine als ein entscheidendes Funktionselement an zentraler Stelle;
sie wurde durch eine herausragende Architektur hervorgehoben. Während
die Außenfassade die Bedeutung des Unternehmens gegenüber Konkurren-
ten und Geschäftspartnern zum Ausdruck bringen sollte und dementspre-
chend aufwendig gestaltet wurde, diente die Innenausstattung der Produkti-
onsräume dazu, den Arbeitern einen positiven Fortschrittsglauben zu ver-
mitteln.210 So war die optische Hervorhebung der Dampfmaschine nicht auf
öffentliche Wirkung hin ausgerichtet, vielmehr sollte diese Hervorhebung die
Dampfmaschine als Triebfeder des Fortschritts zeigen. Die Musealisierung
der Fabrikanlagen erfolgte sowohl aus Gründen des Denkmalschutzes als
auch aus Gründen der Überlieferung der damaligen immanenten Machtver-
hältnisse und Funktionsansprüche.211
3.1.3 Die Entwicklung des Technikmuseums nach 1945
Die industriellen Überreste lagen lange Zeit außerhalb des Interesses der
Denkmalpflege. In Deutschland kam es bis zum Ende des Zweiten Weltkrie-
ges nur in sehr begrenztem Umfang zum Erhalt von technischen
Denkmälern, sowohl was den In-Situ-Erhalt als auch die Translozierung
betrifft. Während beispielsweise in England nach dem Zweiten Weltkrieg ein
verstärktes Interesse an den Industriegütern aufkam und sich dort die
sogenannte Industriearchäologie212 etablierte, entstand in Deutschland erst
210 Ebd., S. 250.
211 Hierzu Thomas Parent: „In der baulichen Gestaltung von Fabriken spiegeln sich dem-
nach nicht nur technische Funktionszusammenhänge, sondern zum Beispiel auch unter-
nehmerisches Selbstbewußtsein oder zeitgenössische Machtansprüche und Abhängig-
keitsverhältnisse wieder. Der Denkmalwert eines bestimmten historischen Fabrikgebäu-
des kann durchaus in einer solchen Symbolfunktion begründet liegen und den Ruf nach
Denkmalschutz legitim erscheinen lassen.“ Ebd., S. 250.
212 Siehe dazu Eberhard G. Neumann: Gedanken zur Industriearchäologie. Hildesheim 1986,
S. 3-8. Darin versucht Neumann eine Begriffsbestimmung des Gegenstandes Industrie-
archäologie. Siehe zur Etablierung der Industriearchäologie auch: Frank M. Andraschko /
Alexander Link / Hans-Jakob Schmitz: Geschichte erleben im Museum, a.a.O., S. 53:
„Dort hatte die industrielle Entwicklung schon im späten 18. Jahrhundert, mithin also
– 81 –
in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts das Interesse an der äußeren
und inneren Beschaffenheit der Industriebauten. Eberhard G. Neumann, der
sich als einer der ersten in Deutschland mit der Industriearchäologie
beschäftigte, sieht einen Grund des jahrzehntelangen Nichtinteresses in den
nur unzureichenden Forschungsbemühungen der Wissenschaftler.213 Nur
vereinzelt wurden Bemühungen zum Erhalt von Industriedenkmälern
sichtbar. Der Hagener Baurat Wilhelm Claas beispielsweise plante schon in
den zwanziger Jahren ein Freilichtmuseum, das aber erst nach seinem Tod
errichtet werden konnte. Erst in den sechziger Jahren wurde mit dem Aufbau
begonnen, und erst 1970 kam es zur Eröffnung dieses
Westfälischen
Freilichtmuseums technischer Kulturdenkmäler
in Hagen/Westfalen.
Dieses im Gegensatz zu England verspätete Interesse an technischen Denk-
mälern hatte vor allem einen Grund: Nach dem Zweiten Weltkrieg standen
der Wiederaufbau und die Beseitigung von Kriegsschäden im Vordergrund.
Zudem kam es in Deutschland nach 1945 zu einem außerordentlichen
Wirtschaftsboom. Der Wiederaufbau der teilweise oder vollständig zerstörten
Fabriken bescherte der Bundesrepublik Deutschland einen Wirtschaftsboom,
dem teilweise die für die Zukunft nicht mehr rentablen Fabrikanlagen und
deren Maschinen zum Opfer fielen. Erst in den sechziger Jahren wurden auch
Versuche unternommen, die vom Abriß bedrohten Industrieanlagen zu
retten. 1973 kam es zur Gründung von Referaten für Technische Denkmal-
pflege bei den Landesdenkmalämtern in Münster und Bonn214. Das hierdurch
auch in der Öffentlichkeit geweckte Interesse und die zunehmende Sensibili-
sierung für die Industriegeschichte führte schließlich zu weiteren Maßnah-
men. Einen wichtigen Einschnitt markierte das Jahr 1975, das Jahr des Denk-
mehrere Jahrzehnte früher als auf dem Kontinent eingesetzt. Nach dem Zweiten Welt-
krieg erlebte das Geburtsland der Industrialisierung strukturelle Veränderungen und
wirtschaftliche Depressionen wie kein zweites Industrieland. Als Folge davon waren
historisch wertvolle Gebäude, Fabrikensembles und Gerätschaften dem Verfall und der
Zerstörung preisgegeben. Das unmittelbare Erlebnis des Niedergangs einer wichtigen
Epoche schärft offenbar den Sinn für den Zeugniswert ihrer Relikte.“
213 Eberhard G. Neumann: Gedanken zur Industriearchäologie, a.a.O., S. 20.
– 82 –
malschutzes in Deutschland. In den darauf folgenden Jahren kam es zu einer
Reihe von Projekten und Initiativen.215
In die siebziger Jahre fällt auch die Diskussion um die sozialgeschichtliche
Neuorientierung der Museen.216 Technikgeschichte wurde nun in einen über-
geordneten kulturgeschichtlichen Rahmen eingebettet. Nicht nur die Fort-
schritte der Technik sollten dargestellt werden, sondern auch deren Bedin-
gungen und Wechselwirkungen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen. Als
ein gelungenes sozialgeschichtlich orientiertes Museum gilt das mit dem
europäischen Museumspreis ausgestattete Stadtmuseum Rüsselsheim, das in
einem Neubau untergebracht wurde.217 Seit den siebziger Jahren wurden
aber auch verstärkt stillgelegte Fabrikanlagen zu Museen umgebaut. Das
Westfälische Industriemuseum, das sich über acht Standorte in der Region
um Dortmund erstreckt, ist dafür ein Beispiel. Die ehemalige Zeche Zollern
II/IV wurde 1979 zur Zentrale des Westfälischen Industriemuseums. Die
Zeche Zollern II/IV ist auch ein Beispiel dafür, wie ein Denkmal von nationa-
lem Rang vor dem Abbruch gerettet wurde. Die Architektur der Zeche ist
typisch für die Umbruchsituation in der Architektur um die Jahrhundert-
wende. Auf der Gewerbeausstellung 1902 in Düsseldorf „prallten traditiona-
listische und funktionalistische Bauweise aufeinander“218. Der damalige
Direktor der Zeche, Emil Kirdorf, sah auf der Gewerbeausstellung den neu-
artigen Stahlfachwerksbau, und verwarf die zu dem Zeitpunkt bereits vorlie-
genden neugotischen Pläne. So entstand eine Architektur, „die heute ihrer
exemplarischen Bedeutung wegen unter Denkmalschutz steht“219. Nach der
Stillegung 1956 wurde verschiedentlich ein Abbruch in Erwägung gezogen.
214 Thomas Parent: Das Industriedenkmal als Museum der Arbeit. In: Achim Preiss / Karl
Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er
Jahren, a.a.O., S. 252.
215 Ebd., S. 253.
216 Siehe dazu Ellen Spickernagel / Brigitte Walbe (Hg.): Das Museum. Lernort contra
Musentempel. Gießen 1976.
217 Peter Schirmbeck: Museum der Stadt Rüsselsheim. Rüsselsheim 1978, S. 127-137.
218 Hans Joachim Neisser: Zeche Zollern 2/4: Tradition oder Funktion? Zitiert in: Eberhard
G. Neumann: Gedanken zur Industriearchäologie, a.a.O., S. 153f.
219 Ebd., S. 154.
– 83 –
1970 wurde beispielsweise die Maschinenhalle der Zeche Zollern II/IV, die
Jugendstil-Schmuckformen zierten, durch eine Petition, die bekannte Düs-
seldorfer Künstler an den Ministerpräsidenten richteten, vor dem drohenden
Abbruch gerettet220. Heute ist die Maschinenhalle sicherlich eine der
Hauptattraktionen des Westfälischen Industriemuseums. 1978 waren erst
zwei der siebzehn Gebäude, aus denen das Westfälische Industriemuseum
heute besteht, vom Museum angemietet.221
Eines der Hauptanliegen des Westfälischen Industriemuseums ist es, die
Lebensverhältnisse von Menschen in den Mittelpunkt der Präsentation und
der Vermittlungsarbeit zu stellen. Die sozialhistorischen Bedingungen und
Wechselwirkungen zwischen Technik und Mensch sollen erforscht und dar-
gestellt werden. Ein weiteres Beispiel für ein Industriemuseum, das ebenfalls
primär auf die Darstellung der Lebensverhältnisse abzielt, ist das Rheinische
Industriemuseum in der Region um Düsseldorf. Es weist viele Parallelen zum
Westfälischen Industriemuseum auf und erstreckt sich ebenfalls über acht
Standorte.
In den siebziger Jahren sind circa 40 Prozent der heute in Deutschland exi-
stierenden Technikmuseen gegründet worden222. Seit den siebziger Jahren
verzeichnen die Technikmuseen ein stetiges Besucherwachstum, anders als
beispielsweise die Kunstmuseen, deren Besuchszahlen teilweise
stagnieren.223
Auch die Vermittlung und Präsentation224 änderte sich im Laufe des 20. Jahr-
hunderts. Stand in den ersten Jahrzehnten die Präsentation vorrangig unter
220 Hartwig Suhrbier: Architektur-Ensemble von nationalem Rang: Zollern 2. Ebd., S. 154ff.
221 Ebd., S. 159.
222 Siehe Hans-Joachim Klein / Monika Bachmayer: Museum und Öffentlichkeit. Fakten und
Daten. Motive und Barrieren, a.a.O., S. 28.
223 Siehe Kurt Ulbricht: Freizeit im Natur- und Technikmuseum. In: Freizeitpädagogik. Heft
12, a.a.O., S. 50f.
224 Als Beispiel sei hier das Deutsche Museum genannt. Karlheinz Fingerle dazu: „Die [...]
realisierte Präsentation, nämlich die Darstellung chronologischer Entwicklungsreihen,
war von Anfang an umstritten. Diese Darstellung sollte nach dem Prinzip ‚vom Einfachen
zum Komplizierten‘ meisterhafte technische Lösungen aneinanderreihen. Zugleich
wurden die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte der Technik aus-
– 84 –
der Prämisse der Darstellung von herausragenden technischen Leistungen,
wurde seit den siebziger Jahren die Hervorhebung der Beziehung Mensch /
Technik immer bedeutender.225 Betrachtet man die Entwicklung der Technik-
museen seit den siebziger Jahren, erkennt man trotz der Vielfalt und Ver-
schiedenheit der Technikmuseen einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Und
zwar die Präsentation der Alltagskultur des Industriezeitalters. Bei den Indu-
striemuseen, die in den siebziger Jahren entstanden, kann tatsächlich von
einer Musealisierung der Arbeitswelt gesprochen werden. Während in den
siebziger Jahren die sozialhistorische Ausrichtung der Museen an erster Stelle
stand, machte sich in den achtziger Jahren ein neuer Trend bemerkbar: Die
Museen setzten nun verstärkt auf Unterhaltung.
Weitere große und kleinere Industrie- und Technikmuseen sind zur Zeit in
Deutschland in Planung, einige wurden bereits eröffnet. Eröffnet wurden
bereits:
• das Centrum Industriekultur in Nürnberg
• das Museum für Verkehr und Technik in Berlin
• das Museum der Arbeit in Hamburg
• das Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern in Theuern
Als Beispiel einer kleineren Techniksammlung sei in diesem Zusammenhang
auch das Technik-Museum Soest genannt, das den Beinamen „Haus der
nützlichen Künste“ trägt.
Die Entwicklungsgeschichte der Technikmuseen zeigt, daß sich die Technik-
museen seit den siebziger Jahren bezüglich ihren Zielsetzungen deutlich von
früheren Technikmuseen absetzen. Es soll keine reine Technikschau mehr
präsentiert werden, vielmehr sollen die Wechselwirkungen zwischen Technik,
Mensch und Gesellschaft dargestellt werden. Inwieweit dies gelingt, wird
nicht leicht nachzuweisen sein. Besucherzahlen, Bewertungen in der Presse
geklammert oder allenfalls marginal behandelt.“ In: Deutsches Museum (Hg.): Fragen
an die Museumsdidaktik am Beispiel des Deutschen Museums, a.a.O., S. 31.
– 85 –
und in der einschlägigen Literatur sowie Besucherbefragungen bieten hier
deutliche Anhaltspunkte.
3.2 Technikmuseen: Einbeziehung von gegenwärtigen und
möglichen zukünftigen informationstechnischen Entwicklungen in
die Ausstellungspräsentation
Oben wurde bereits dargestellt, daß es in den achtziger Jahren einen Boom
an Neugründungen von Technikmuseum gegeben hat. Obwohl die einzelnen
Einrichtungen eine ganze Reihe von spezifischen Besonderheiten aufweisen,
zeigen viele Einrichtungen eine auffallende Gemeinsamkeit in der Art und
Weise ihrer Präsentationen: Viele der neuen Technikmuseen präsentieren
und thematisieren lediglich die Zeit der Industrialisierung. Als Beispiele dafür
seien hier folgende Museen genannt: das Museum der Arbeit in Hamburg,
das Westfälische Industriemuseum in Dortmund, das Rheinische Industrie-
museum in Oberhausen und das Centrum Industriekultur in Nürnberg. Diese
Museen setzen durch eine vom sozialgeschichtlichen Ansatz dominierte Prä-
sentationsform zwar einen Gegenpol zu den früher gegründeten Technik-
museen, die in ihren Konzepten und Präsentationen eine primär positivistisch
orientierte Technikdarstellung verfolgen. Für diese naturwissenschaftliche
positivistische Technikpräsentation steht das schon oben näher beschriebene
Deutsche Museum München.
Eine ganze Reihe von Gründen sprechen heute dafür, daß die Technik-
museen der Gegenwart und Zukunft weit über die Präsentation der Indu-
strialisierung hinausgehen sollten. Um die Bedeutung der Technik für die
gegenwärtig entstehende Informationsgesellschaft zu präsentieren, ist es
notwendig, über das Ende der Industrialisierung hinauszugehen und die
Informationsgesellschaft in die Präsentation miteinzubeziehen. Nur wenige
Technikmuseen der achtziger und neunziger Jahre betreten dieses Neuland.
Das Betreten ist in erster Linie deshalb riskant, weil es bisher nur wenige
225 Frank M. Andraschko / Alexander Link / Hans-Jakob Schmitz: Geschichte erleben im
Museum, a.a O., S. 160.
– 86 –
Ansätze zu einer adäquaten Präsentationstheorie für die neuen Technologien
gibt.226
Die Innovationszyklen – die Zeit, in der technische Produkte und Entwicklun-
gen veralten und durch neue ersetzt werden – werden zunehmend kürzer.
Die Technikmuseen der achtziger und neunziger Jahre, die wegweisend für
zukünftige Technikmuseen sein sollten, sollten daher in ihren Konzeptionen
immer dieses Moment der Beschleunigung aufgreifen. Von großer Bedeutung
wird die Einbeziehung der Gegenwart und der Zukunft in das jeweilige Aus-
stellungskonzept. Die Praxis, wie die gegenwärtigen und zukünftigen techni-
schen Entwicklungen in den Konzepten der einzelnen Museen umgesetzt
werden, sieht recht unterschiedlich aus.
Drei bedeutende Technikmuseen, die mit ihren offen angelegten Konzepten
richtungsweisend für die Zukunft sind, werden in Teil 6 näher vorgestellt.
Zunächst sollen jedoch die verschiedenen Möglichkeiten der Präsentation von
Objekten in Technikmuseen untersucht werden.
3.3 Verschiedene Möglichkeiten der Präsentation
Die Möglichkeiten, eine technische Sammlung adäquat zu präsentieren, sind
vielfältig. Oftmals geben Art und Beschaffenheit der Exponate – oder auch
der Gebäude – schon eine bestimmte Präsentationsform vor. So kann die
Präsentationsform durch ein Ensemble verschiedener Gebäude vorgegeben
sein, die als zusammenhängendes Industriemuseum genutzt werden können.
Dies ist zum Beispiel beim weiter oben bereits erwähnten Westfälischen
Industriemuseum der Fall. Ein ehemaliges Fabrikgebäude stellt die Archi-
tekten und Designer vor andere Herausforderungen als ein neu errichtetes
Gebäude. Große Exponate benötigen einen anderen Rahmen als kleine tech-
nische Objekte. Neben diesen räumlichen Gegebenheiten, die die Präsenta-
226 Siehe dazu Ursula Winter: Industriekultur. Fragen zur Ästhetik im Technik- und Indu-
striemuseum. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O.,
S. 246-261.
– 87 –
tionsform bedingen, spielen auch finanzielle Gegebenheiten und Beschrän-
kungen eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Präsentation.
Da viele der Technikmuseen, die seit dem Beginn der achtziger Jahre ent-
standen sind, dem Unterhaltungsfaktor bei ihrer Konzeption einen hohen
Stellenwert beimessen, müssen auch hierfür spezielle Vermittlungsformen
gefunden werden, die dem Bedürfnis des Publikums nach Unterhaltung ent-
gegenkommen. Im folgenden werden die zwei häufigsten Präsentationsfor-
men aufgezeigt und deren Vor- und Nachteile für die neue Generation von
Technikmuseen beschrieben. Vorher sollen jedoch noch einige grundsätzliche
Probleme der Vermittelbarkeit technischer Exponate in Museen dargestellt
werden.
3.3.1 Technische Exponate und ihre Vermittelbarkeit im Museum
Dem Objektbestand vieler Technikmuseen ist in den meisten Fällen schon
eine lange und intensive Sammlungstätigkeit vorausgegangen.227 Die einzel-
nen Museen müssen ihre Sammlungen möglichst facettenreich und nach
wissenschaftlich nachvollziehbaren Kriterien aufbereiten und präsentieren:
Das Museum hat also die Aufgabe, im Rahmen einer Sammelkonzeption
Gegenstände von kulturhistorischen Wert zu sammeln, diese durch geeignete
Methoden vor dem weiteren Verfall zu bewahren und sie wissenschaftlich zu
227 Museumsfachleute kritisieren, daß die Sammlungstätigkeit mehr und mehr von
Zufälligkeiten bestimmt wird. Siehe dazu Karl Otto Meyer: Wege und Wünsche
naturwissenschaftlicher und archäologischer Museen zu Selektions- und
Erfassungsproblemen. In: Hermann Auer (Hg.): Museologie. Neue Wege. Neue Ziele,
a.a.O., S. 156. Darin schreibt Meyer: „Durch Ankäufe, durch Stiftungen, durch
Grabungen, durch eigenes Sammeln und durch gezielte Forschungstätigkeit wachsen
unsere Museumsstände unaufhaltsam. Die Übersicht über die Museumsbestände wird
zunehmend schwieriger. Auch das Sammeln insgesamt ist komplexer geworden. Es
gestaltet sich weniger zielgerichtet. [...] Die Überflutung der Museen mit Sammlungsgut
ist zunehmend durch Zufälligkeiten beeinflußt.“ Siehe ferner Michael Fehr:
Understanding Museums. Ein Vorschlag: Das Museum als autopoietisches System. In:
Michael Fehr / Clemens Krümmel / Markus Müller (Hg.): Platons Höhle. Das Museum
und die elektronischen Medien. Köln 1995, S. 19. Fehr ist der Meinung, daß die
Museumssammlungen nur in wenigen Fällen durch wissenschaftliche Kriterien zustande
kommen: „Wissenschaft fand und findet nach wie vor nur innerhalb der Museen, bezo-
gen auf die Sammlungen statt. Wie bestimmte Objekte und Sammlungen in ein Haus
gelangen, ist in der Regel vielmehr eine Frage von Geld, Machtverhältnissen und
anderen, mehr oder weniger zufälligen, sogenannten Randbedingungen.“
– 88 –
erforschen, unter anderem um die Ergebnisse dem Museumsbesucher für
diesen nachvollziehbar zu vermitteln.228
Dies bedeutet, daß die Objekte unter Berücksichtigung des wissenschaftli-
chen Forschungsstandes präsentiert werden. Dabei unterliegt die Auswahl
der Objekte auch immer einem historischen Wandel und damit den subjekti-
ven Werturteilen der Museumsfachleute. Einen Sammlungsbestand, der für
alle Zeiten als gleichermaßen objektiv gelten kann229, kann daher kein
Museum aufweisen:
Objekte, die im Museum lagern, sind gesammelt; sie sind aufbereitete Prä-
parate. Solcherart sind sie das Ergebnis einer Tätigkeit, in der historisch
wechselnde Auswahlkriterien, Bewertungskategorien, Neigungen und Inter-
essen eine Rolle spielen.230
Eine zu einem gegebenen Zeitpunkt existierende Sammlung muß daher auch
immer als eine Selektion aus einer Vielzahl von theoretisch möglichen Samm-
lungen betrachtet werden. Jeder Objektbestand unterliegt unterschiedlichen
Auswahlkriterien und natürlichen Begrenzungen.
So spielen bei Technikmuseen neben dem finanziellen Aspekt zum Beispiel
auch die Größe der Exponate eine entscheidende Rolle. Gerade die Exponate
der Technikmuseen haben oftmals voluminöse Ausmaße, die nur schwer in
228 Michael Dauskardt: Technikhistorische Museen. Herausforderung und Chancen. In:
Museumskunde. Heft 58. Karlsruhe 1993, S. 28.
229 Siehe dazu Michael Fehr: Understanding Museums. In: Michael Fehr / Clemens Krümmel
/ Markus Müller (Hg.): Platons Höhle. Das Museum und die elektronischen Medien,
a.a.O., S. 18f.: „Bis zur Zeit der Aufklärung waren Museen Systeme, in denen mit den
Mitteln der Rhetorik, über Synekdoche und Pars pro toto, Weltbilder bestimmter
‚communities‘ und ihrer Errungenschaften zur Geltung gebracht wurden. [...] Mit der
Aufklärung wurde das grundlegend anders und entstand das, was wir heute unter
Museen verstehen. Denn mit dieser Bewegung wurden die Objekte-Sammlungen
Gegenstand wissenschaftlichen Interesses. [...] der Anspruch wissenschaftlicher
Dokumentation führte zwar zu einer nachhaltigen Stärkung des Museumswesens und
war die Basis für seine ungeheure Expansion, konnte aber sein im Prinzip nicht-
wissenschaftliches Verhältnis zu seiner jeweiligen Umwelt nicht verändern. [...] weil die
Museen in der Regel eben nicht durch objektive Methoden erhobenen, sondern aus ganz
anderen Motiven angehäufte Bestände verwalten und daraus nur im Nachhinein
wissenschaftlich abgesicherte Weltbild-Präsentationen basteln können, müssen sie
dankbar jedes Objekt aufnehmen, das ihre Sammlungen im Hinblick auf die idealen
wissenschaftlichen Canones ergänzt.“
230 Gottfried Korff / Martin Roth: Einleitung. In: Gottfried Korff / Martin Roth (Hg.): Das
historische Museum. Labor. Schaubühne. Identitätsfabrik, a.a.O., S. 19.
– 89 –
den Museumsgebäuden untergebracht werden können.231 Der Direktor des
Museums für Verkehr und Technik in Berlin, Günther Gottmann, sieht dieses
Problem auch im Kontext des Musealisierungsbooms:
Wir besinnen uns immer mehr auf Industriekultur und Alltagskultur und retten
daher nicht nur die Highlights der Technik und gründen darum Museen, die
nicht den Untertitel tragen ‚Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft
und der Technik‘, sondern Museen der Alltagswerke von Naturwissenschaft
und Technik. Dabei geht es dann aber plötzlich um ganze Produktionsstätten.
Natürlich ist der frühe Webstuhl leicht zu ‚schaffen‘, aber wie sieht das mit der
Dimension heutiger Wirkmaschinen aus?232
Neben der Beschränkung durch Größe existieren Beschränkungen klimati-
scher Art. Wenn es sich bei dem Museumsgebäude um eine ehemalige Fabrik
handelt, bedarf es oft besonderer Vorsichtsmaßnahmen, um die Exponate
vor dem Verfall zu schützen. Zum Schutz besonders großer Objekte ist es
daher notwendig, entsprechende Depots zu unterhalten, die den Exponaten
einen ausreichenden Schutz gewähren. Viele Technikmuseen haben dabei
große Schwierigkeiten:
Depots, die den konservatorischen Anforderungen an unsere Exponate eini-
germaßen gerecht werden, sind unbezahlbar. Leerstehende Fabrikhallen und
alte Lagerschuppen, bei denen das Innenklima häufig dem Außenklima ent-
spricht, sind eher die Regel als die Ausnahme bei unseren Magazinen.233
Zum einen ist die ständig wachsende Menge der Exponate vor dem Verfall zu
retten, und zum anderen muß ein Weg gefunden werden, um die Exponate
fachgerecht und besucherbezogen zu präsentieren. Bedingt durch spezifische
Wertvorstellungen vergangener Epochen einerseits sowie durch die Zer-
störung und durch den natürlichen Verfall der Objekte andererseits steht den
nachfolgenden Generationen immer nur ein Teil der vergangenen Lebenswelt
zu Verfügung:
231 Im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn gibt es eine Jaquard-Maschine, die
Webstühle steuert. Da die Maschine komplett mit Webstuhl über drei Meter hoch ist,
konnte sie aufgrund der Maße nur ohne Webstuhl aufgestellt werden. Zur Veranschauli-
chung der Funktion der Jaquard-Maschine wäre ein kompletter Aufbau sicherlich für die
Besucher anschaulicher gewesen.
232 Günther Gottmann: Zahl und Größe technischer Objekte. Ein museologisches Grenz-
problem. In: Hermann Auer (Hg.): Museologie. Neue Wege. Neue Ziele, a.a.O., S. 162.
233 Michael Dauskardt: Technikhistorische Museen. Herausforderung und Chancen, a.a.O.,
S. 29.
– 90 –
Dies ist die Fragmentarik der Überlieferung. Denn authentische Objekte sind,
wie andere Quellengruppen auch (aber in weitaus größerem Maße), nur
bruchstückhaft auf uns gekommen, sie sind [...] Überreste.234
Diese generelle Aussage gilt auch für die Epoche der Industriealisierung.
Auch bei den industriellen Exponaten, die seit den siebziger Jahren ein stän-
dig gestiegenes Interesse fanden, muß daher immer die Fragmentarik im
Auge behalten werden. Keines der überlieferten Objekte erzählt aus sich
heraus von den Bedingungen seiner vergangenen Existenz; es ist zunächst
einmal ein stummer Zeuge der Geschichte, der sozusagen zum Leben
erweckt werden muß. Die Exponate sollten daher als Ausgangspunkt aller
weiteren Überlegungen zur Präsentation gesehen werden:
Was nicht anders als fragmentarisch überliefert ist, bedarf der Ergänzung
durch Re-Kontextualisierung. Und was sich als Defizit ausnimmt, die einge-
schränkte unvollkommene Überlieferung, erweist sich als Vorteil bei der
historischen Imagination. Das Bruchstückhafte fordert stets zu neuer Aneig-
nung, Erklärung und Deutung heraus.235
Die Wissenschaft gibt zwar Kriterien zur Objektivität in der Forschung vor, es
bleibt jedoch letztendlich den Wissenschaftlern des jeweiligen Museums vor-
behalten, welche Aspekte des gegenwärtigen Forschungsstandes betont oder
vernachlässigt werden. So läßt Platzmangel möglicherweise bestimmte
Präsentationsformen von Beginn an aus dem Konzept fallen. Auch kann
durch das Fehlen eines bestimmten Teiles einer Entwicklungsreihe eine
Lücke entstehen, die durch neue Präsentationsformen geschlossen werden
muß.
Die Möglichkeiten der Präsentation reichen von dem Versuch, die Objekte
lediglich aus sich selbst heraus sprechen zu lassen und sie mit nur wenig
oder gar keiner zusätzlichen Information zu versehen, bis hin zur aufwendi-
gen multimedialen Inszenierung. In den meisten Ausstellungen werden die
didaktischen Möglichkeiten der Vermittlung genutzt, um dem Publikum die
Aneignung des Themas zu erleichtern. Es ist jedoch nicht möglich, jede
234 Gottfried Korff / Martin Roth (Hg.): Das historische Museum. Labor. Schaubühne. Iden-
titätsfabrik, a.a.O., S. 18.
235 Ebd.
– 91 –
Bedeutung, die dem Objekt innewohnt sowie die ganze Dimension der histo-
rischen Zusammenhänge herauszustellen, denn:
Gerade weil die Exponate mehrere Bedeutungsebenen haben, stellt sich für
die Präsentation das Problem, welche Ebene betont werden bzw. welche
Bedeutungsschicht als bildungsrelevant gelten soll.236
Es kann in dieser Arbeit also nicht darum gehen, die
eine
optimale Präsenta-
tionsform zu finden. Es geht darum, die Vielfalt an möglichen Präsentations-
formen, die den technischen Museen heute offenstehen, aufzuzeigen und
auszuloten.
Wenn sich diejenigen, die für die Konzeption von Museen im allgemeinen
und Technikmuseen im besonderen verantwortlich sind, darüber im Klaren
sind, daß es für die Darstellung der historischen Vergangenheit nicht die
eine
– absolute und objektive – Konzeption geben kann, können völlig unter-
schiedliche Präsentationskonzepte für sich ihre Berechtigung haben.237 Wich-
tig für jedes Präsentationskonzept ist es, immer auch das eigene Konzept zu
hinterfragen und mögliche konzeptionelle Schwachpunkte zu erkennen und
dann zu verändern. Eine gewisse Offenheit im Hinblick auf die Interpretation
der Exponate sollte in jede Präsentation mit einbezogen werden. Erst dann
ist die Gefahr einer eindimensionalen Sinnbildung gebannt, erst dann können
die Objekte als Ausgangspunkt für Bildung und anschauliches Lernen im
Museum funktionieren. Für viele Museumsfachleute ist diese Thematik neu:
Die Kombination von Denkmalpflege und Alltagsgeschichte erfordert spezifi-
sche Konzepte für Gebäude und Maschinenrestaurierung, Exponatbeschaffung
und Magazinierung, museale Präsentation und didaktische Erschließung.
236 Sebastian Müller-Rolli: Museale Präsentation unter Berücksichtigung bildungsrelevanter
Perspektiven. In: Christa Schulze (Hg.): Frauen. Technik. Geschichte. Museen in der
Konfrontation mit gesellschaftlichen Schlüsselthemen. Heidelberg 1990, S. 193.
237 Siehe dazu Gottfried Korff und Martin Roth: „Die Entwicklung einer
Präsentationssprache
ist deshalb nicht selten als Problem Nummer Eins der Museumsarbeit bezeichnet
worden. Daß diese Präsentationssprache nicht allein auf der Abfassung von Texten
basieren kann, sondern auch Formen der visuellen Rhetorik mit einbeziehen muß, ergibt
sich aus den materiellen und medialen Eigentümlichkeiten des Museums.“ In: Gottfried
Korff / Martin Roth (Hg.): Das historische Museum. Labor. Schaubühne. Identitätsfabrik
a.a.O., S. 23.
– 92 –
Dementsprechend wird zur Zeit an vielen Orten an der (jeweils) best-
möglichen Lösung gefeilt.238
Dies gilt für die Technikmuseen, die über den zeitlichen Rahmen der Indu-
strialisierung hinausgehen, in besonderer Weise. Da die meisten dieser
Technikmuseen mit der Präsentation der neuen Technologien erst wenig
Erfahrungen gesammelt haben, sollten die Konzeptionen dieser Museen –
heute und in den nächsten Jahren – als ein Experimentierfeld betrachtet
werden, um neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden.
Die bestmögliche Lösung ist dann gefunden, wenn die Ausstellung – die
durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, etwa im Sinne des heute oft
verwendeten Begriffes „Infotainment“ – selbständiges Erkunden und Ent-
decken fördert. Die Besucher sollten einen Teil ihrer eigenen Lebenswelt im
Museum wiederentdecken und den Besuch der Ausstellung zur eigenen
Identitätsfindung nutzen können.239 Inwieweit diese Forderung in den
gegenwärtigen Technikmuseen umgesetzt wird, wird in Teil 6 noch zu erar-
beiten sein.
3.3.2 Inszenierung im Technikmuseum
Die Inszenierung als Gestaltungsform ist im Museumswesen nicht neu. Schon
im 19. Jahrhundert wurden Dioramen eingesetzt, um den Besuchern ein
intensiveres Ausstellungserlebnis zu bieten.240 Bedingt durch die Bildungsdis-
238 Thomas Parent: Das Industriedenkmal als Museum der Arbeit. In: Achim Preiss / Karl
Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er
Jahren, a.a.O., S. 254.
239 Wolfgang Zacharias: Medium Museum? Ein aktuelles museumspädagogisches Panorama
und Dilemma. Darin schreibt er: „Das Museum sollte ein Ort mit Produktions- und
Werkstattcharakter werden, der ja dann kontrapunktisch zum Zeitphänomen Museali-
sierung wäre. Das Museum wäre so ein Ort der Sinnstiftung und Sinnproduktion in
einem plural demokratischen Verständnis [...]“. In: Medien praktisch. Heft 1. 1990,
S. 10.
240 Diethard Herles: Das Museum und die Dinge, a.a.O., S. 110f. Herles sieht neben den
Dioramen auch die ersten der Allgemeinheit zugänglichen Museen als Inszenierungen
an. Er schreibt: „
Epochen- und Stimmungsräume
in historischen Museen, genauso wie
die Dioramen in naturwissenschaftlichen Museen, entstanden aus dem Wunsch,
wenigstens andeutungsweise das ursprüngliche Umfeld von Sammlungsgegenständen
zu verdeutlichen.“ Siehe dazu auch Götz Großklaus: Medien-Zeit. Medien-Raum.
Frankfurt am Main 1995, S. 153. Er beschreibt diese neue Wahrnehmungsform: „[...] die
ästhetische Wahrnehmung unterschied sich von der normalen Bild-Wahrnehmung [...]
– 93 –
kussion, die innerhalb der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts stattfand,
knüpften die meisten der damals existierenden Technikmuseen an diese
Traditionen an. Diese Entwicklung hat sich bis heute fortgesetzt, so daß eine
Reihe von neuen Inszenierungsmöglichkeiten entstanden ist. Ein weiterer
Impuls für die Entstehung der Inszenierungskultur muß auch in der Kritik an
der „Text- oder Lesewelle“241, die viele Museen in den siebziger Jahre prägte,
gesehen werden:
Nicht zuletzt dürfte die Betonung der Bildungsfunktion im Laufe der 70er
Jahre dabei eine Rolle gespielt haben. [...] Im Rahmen des Ziels, sich an alle
Schichten der Bevölkerung zu wenden, verstärkte sich die Suche nach Mög-
lichkeiten praktikabler visueller Kommunikation.242
In der wissenschaftlichen Literatur, die seit Beginn der achtziger Jahre zum
Museumswesen erschienen ist243, findet man eine Reihe von unterschiedli-
chen Definitionen des Begriffs der Inszenierung, die zum Teil aus der
Theaterwissenschaft stammen244.
Hans-Joachim Klein und Barbara Wüsthoff-Schäfer haben unterschiedliche
Ansätze zur Systematisierung und Klassifizierung von Inszenierungskonzep-
ten aufgezeigt – von der Einteilung in Einzelarrangement und Gesamtarran-
gement bis hin zur Differenzierung nach „kommunikativen Kanäle[n]“245. Den
durch den Total-Eindruck, die Total-Ausfüllung des vorhandenen Raums, die simulative
Einbezogenheit des Betrachters; die Wahrnehmungssituation war [...] bestimmt durch
Abgeschlossenheit, Halbdunkel, besondere Beleuchtung etc. [...]. Das Manko der
fehlenden Zeit-Illusion wurde in späteren [Dioramen] wettgemacht durch simulatorische
Lichteffekte, die Sonnenauf- und untergänge z.B. vor/hinter den gemalten Alpenkulissen
vortäuschten.
241 Hans-Joachim Klein / Barbara Wüsthoff-Schäfer: Inszenierungen an Museen und ihre
Wirkung auf Besucher. In: Materialien aus dem Institut für Museumskunde. Heft 32.
Berlin 1990, S. 5.
242 Ebd., S. 12.
243 Siehe dazu: Petra Schuck-Wersig / Gernot Wersing: Die Lust am Schauen oder müssen
Museen langweilig sein? Berlin 1982. Ferner: Herman Auer (Hg.): Museologie. Neue
Wege. Neue Ziele, a.a.O.
244 Alheidis von Rohr: Grenzen der Inszenierung im Museum. In: Museumskunde. Band 47.
Heft 1. Karlsruhe 1982, S. 72-82.
245 Hans-Joachim Klein / Barbara Wüsthoff-Schäfer: Inszenierungen an Museen und ihre
Wirkung auf Besucher, a.a.O., S. 16-23.
– 94 –
Vorteil von Inszenierungen sehen Klein / Wüsthoff-Schäfer in „der gleichzei-
tige[n] Animation mehrerer sinnlicher Zugänge“246.
Ob es sich um eine Gesamtdarstellung in einem Freilichtmuseum oder um
eine Einzelinszenierung in einem technischen Museum handelt – Inszenie-
rungen sind besonders geeignet, um komplexe Deutungszusammenhänge
darzustellen. Dabei spielt der Einsatz technischer Hilfsmittel eine wesentliche
Rolle. Der Vorteil von Inszenierungen liegt auch darin, daß die Komplexität
eines Museumsobjektes für das Publikum erfahrbar gemacht werden kann.
Durch die Einbindung des Objektes in eine gestaltete Umwelt wird dem
Exponat ein Teil seiner ursprünglichen Umgebung zurückgegeben und diese
für die Besucher erlebbar gemacht.
Die Inszenierung bedarf der Interpretation durch den Besucher. So ist bei-
spielsweise eine Dampfmaschine an sich erst einmal für die Besucher wenig
aussagekräftig; im Umfeld einer gestalteten Arbeitswelt bietet sie aber zahl-
reiche Deutungsmöglichkeiten247. Das soll aber keineswegs zu einer beliebi-
gen Interpretation durch den Besucher führen, vielmehr muß der wissen-
schaftlich fundierte Inhalt so plausibel dargestellt werden, daß er den unter-
schiedlichen Erlebnisbedürfnissen und Wissensständen der Besucher entge-
genkommt. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, daß die Inszenierung
unterschiedliche Interpretationsebenen erreicht, und daß sich der Besucher
auf wenigstens einer dieser Ebenen angesprochen fühlt. Eine gelungene
Inszenierung balanciert auf dem schmalen Grad zwischen fachwissenschaft-
lich objektiv nachvollziehbaren Inhalten und der Notwendigkeit, eine zeitge-
mäße Präsentation zu konzipieren:
246 Ebd., S. 19.
247 Siehe dazu die verschiedenen Deutungsmuster zum Ausstellungsobjekt Dampfmaschine
bei Ursula Winter: Industriekultur: Fragen der Ästhetik im Technik- und Industrie-
museum. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 252-
256.
– 95 –
Eine Inszenierung muß den Nerv treffen, sie soll dasjenige aus dem zeitge-
schichtlichen Zusammenhang holen, was für den Betrachter auch heute noch
interessant ist und letztlich für ihn eine aufklärerische Wirkung haben kann.248
Die Inszenierung soll also im optimalen Fall Geschichte als etwas prozeßhaf-
tes und der ständigen Veränderung unterworfenes darstellen. Nur so kann
die Herausbildung von Geschichtsbewußtsein beim Publikum gefördert wer-
den.
Kritiker dieser realistisch-rekonstruktivistischen Inszenierungsweise bemän-
geln hingegen, daß diese Form der Ausstellungsgestaltung keine Aufklärung
der Besucher bewirkt:
Da immer nur Momentaufnahmen festgehalten werden, kann Geschichte nicht
als etwas prozeßhaftes erkannt werden, wobei ein Bezug zur Gegenwart nicht
mehr herstellbar ist.249
Das stimmt so sicherlich nicht. So können eine Reihe von nebeneinanderge-
stellten Inszenierungen durchaus einen geschichtlichen Prozeß anschaulich
präsentieren.250 Indem beispielsweise die Entwicklung von der Dampfma-
schine zum Elektromotor in verschiedenen Inszenierungen dargestellt wird,
wird sehr wohl auf die verschiedenen Epochen eingegangen, wobei der
historische Prozeß deutlich wird. Und auch der Bezug zur Gegenwart wird
hergestellt. Die Gefahr der Idyllisierung besteht dennoch. Wichtig ist es des-
halb, der Inszenierung immer auch Momente der Desillusionierung und der
Verstörung bzw. Verfremdung beizufügen. Hier genügen schon Kleinigkeiten,
um das Heraufbeschwören der „guten alten Zeit“ zu verhindern.
Ulrich Paatsch hält dieses desillusionierende Moment für besonders wichtig,
um „aus dieser Verfremdung heraus Bildungsangebote zu eröffnen“251. Mehr-
deutigkeit, Verfremdung und Desillusionierung sind wesentliche Qualitäts-
248 Wolfgang Zacharias (Hg.): Schöne Aussichten? Ästhetische Bildung in einer technisch-
medialen Welt. Essen 1991.
249 Michael Dauskardt: Das Industriemuseum in der postindustriellen Gesellschaft. Chancen
und Grenzen. Ohne Jahres- und Ortsangabe, S. 13.
250 Im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn demonstriert eine Reihe von Inszenie-
rungen die Veränderung in der Bürowelt von der Renaissance bis in die 50er Jahre des
20. Jahrhunderts sehr anschaulich.
251 Ulrich Paatsch: Konzept Inszenierung. Inszenierte Ausstellungen – ein neuer Zugang für
Bildung im Museum? Heidelberg 1990, S. 74.
– 96 –
merkmale der gelungenen Inszenierung. In einem Technikmuseum bildet
eine Präsentation, die diese Momente beinhaltet, die Chance, Technik nicht
allein als ein auf naturwissenschaftliche und technologische Aspekte redu-
ziertes Phänomen zu begreifen, sondern die Wechselwirkung zwischen
Mensch und Technik zu beleuchten. Und sicherlich ist diese Präsentations-
form besser als andere dazu geeignet, dem Erlebnisbedürfnis und dem
Unterhaltungswunsch der Besucher entgegenzukommen.
Aber auch dieser Ansatz wird von einigen Kritikern vehement abgelehnt. Sie
sehen die Auseinandersetzung mit den Originalen gefährdet, weil die Expo-
nate in der Inszenierung in den Hintergrund treten.252 Diesen Kritikern muß
jedoch unbedingt entgegengehalten werden, daß die einzelnen Objekte in
einer Inszenierung durch das Moment des Fiktiven auch einen Zusammenhalt
finden. Mag vielleicht dabei das ein oder andere Objekt in den Hintergrund
treten, so ist der Vorteil des Eingebundenseins in den Kontext der
Inszenierung nicht von der Hand zu weisen. Durch den gemeinsamen
Bezugsrahmen werden Beziehungen zwischen den Exponaten manifest;
dadurch entsteht für die Besucher nachvollziehbar Sinn. Die Vor- und Nach-
teile von Inszenierungen lassen sich kurz und präzise folgendermaßen resü-
mieren:
Ihre Gefahr liegt in einer visuell-erlebnishaften Effekthascherei; ihre Chance
darin, Erlebnisräume bereit zu stellen, in denen sich historische und ästheti-
sche Erfahrungen machen lassen.253
3.3.3 Präsentation durch symbolische Mittel
Eine andere Möglichkeit der Präsentation ist die Gestaltung der Ausstellung
mit Hilfe symbolischer Mittel:
Mit der Bezeichnung ‚symbolisierende Inszenierung‘ soll zum Ausdruck
gebracht werden, daß die intendierte Sinnvermittlung über ein Thema hierbei
durch die Reduktion des Wirklichkeitsspektrums auf ein oder mehrere
‚Zeichen‘ erfolgt. Diese Zeichenbedeutung wird als bekannt oder erkennbar
252 Ebd., S. 8.
253 Ellen Spickernagel: Präsentationsformen in der Postmoderne. In: Ekkehard Nuissl /
Ulrich Paatsch / Christa Schulze (Hg.): Wege zum lebendigen Museum. Heidelberg 1987,
S. 80.
– 97 –
vorausgesetzt. Es kann sich dabei um konkrete oder abstrakte, jedenfalls nach
Meinung der Verwender evidente Zeichen handeln wie Embleme, Insignien,
Staatsfarben oder jede andere Art von materiellen und immateriellen
Objekten, die als Träger einer primären Bedeutung dienen.254
Auf diese Präsentationsform reagieren viele Besucher mit Ratlosigkeit und
Unverständnis. Und zwar deshalb, weil bei ihnen zuviel Vorwissen über die
Bedeutung der Objekte und die Thematik der Ausstellung vorausgesetzt wird,
das sie größtenteils nicht mitbringen.255 Die Exponate stellen eine Realität
dar, deren Besonderheit sich darin zeigt, daß sich diese fiktive Realität
symbolisch auf eine andere Wirklichkeit außerhalb der Ausstellung bezieht.
Wenn in einem Technikmuseum eine alte Druckerpresse vorgeführt wird, so
wird symbolisch ihre „Funktion als Produktionsinstrument[e]“256 herausge-
stellt:
Auch die eindrucksvolle Papiermaschine, die im Mannheimer Landesmuseum
für Technik und Arbeit (LTA) läuft und Büttenpapier mit dem Wasserzeichen
des Hauses für die Besucher ausstößt, ist ein Symbol, weil sie allein weder
den Arbeitsalltag der an ihr und um sie arbeitenden Menschen noch etwa die
ökonomischen Umstände ihres Betriebes anders als transitiv darstellen
kann.257
Das Exponat als Symbol hat die Aufgabe, einen fest umgrenzten Inhalt dar-
zustellen, zum Beispiel die Maschine als Produktionsinstrument. Die abstrakt-
symbolische Vorgehensweise in der Ausstellungsgestaltung erschwert es den
Besuchern, eigene Assoziationen herzustellen. Diese Form der Präsentation
macht das Fachwissen der Ausstellungsplaner zum Maßstab für die Präsen-
tation. Das Publikum besteht aber in erster Linie aus Laien, besitzt also in der
Regel kein Fachwissen. Der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler
Ansgar Häfner spricht von unterschiedlichen Codes, um die unterschiedlichen
Wissensstände des Fachwissenschaftlers auf der einen und des Laien auf der
254 Hans-Joachim Klein / Barbara Wüsthoff-Schäfer: Inszenierungen an Museen und ihre
Wirkung auf Besucher, a.a.O., S. 21f.
255 Einen Einblick in die Schwierigkeiten dieser Präsentationsform gibt Ursula Winter in
ihrem Aufsatz: Industriekultur: Fragen der Ästhetik im Technik- und Industriemuseum.
In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 252-256.
256 Ansgar Häfner: Der Untergang der Titanic im Museum. In: Stefan Müller-Doohm / Klaus
Neumann-Braun (Hg.): Kulturinszenierungen. Frankfurt am Main 1995, S. 320.
257 Ebd., S. 320f.
– 98 –
anderen Seite zu differenzieren258. Gerade wenn es kaum Übereinstim-
mungen zwischen den angewendeten Codes gibt, so Häfner, können Inhalte
nur schwer vermittelt werden. Folgerichtig muß es eine gemeinsame Schnitt-
menge zwischen den unterschiedlichen Codes geben, die von beiden Seiten
benutzt werden kann. In der praktischen Umsetzung bedeutet dies, daß in
einer Ausstellungsgestaltung – bezogen auf Technikausstellungen – soge-
nannte „gemeinsame Alltagsschlüssel“ von den Ausstellungsmachern einge-
setzt werden. Häfer dazu:
Solche eigenen Schlüssel könnten beispielsweise die gemeinsamen Über-
zeugungen darstellen, daß
• Es sinnvoll ist, die technischen Fähigkeiten der menschlichen Gattung
hervorzuheben;
• Ein Sachverhalt sinnvoll als technisches Problem formuliert werden kann;
• Lösungen technischer Probleme möglich sind;
• Die Lösung eines bestimmten technischen Problems mitteilenswert ist;
• In den historisch unterschiedlichen Lösungsarten desselben Problems eine
kulturelle Aussage enthalten ist, usw.259
Die Herstellung eines gemeinsamen Bezugsrahmens bedeutet für die Aus-
stellungsmacher, daß sie die Besucher mit ihren Bedürfnissen und Erwartun-
gen genau kennen. Die Besucherforschung, auf die in Teil 7 noch näher ein-
gegangen wird, spielt dabei eine wichtige Rolle.
3.3.4 Herausforderungen an eine Ausstellungsdidaktik der neuen
Technologien
Angesichts der unterschiedlichen Präsentationsmöglichkeiten sollte ein
Museum nicht nur
eine
Vorgehensweise bei der Ausstellungsgestaltung favo-
risieren, sondern durch die Mischung verschiedener Gestaltungsmöglichkei-
ten einen ansprechenden und verständlichen Rahmen für die Exponate her-
zustellen versuchen.
Die oben skizzierten Ausstellungsformen – Inszenierung und Präsentation
durch symbolische Mittel – spielen in der Regel bei den traditionellen Tech-
258 Ebd., S. 323f.
– 99 –
nikmuseen, das heißt bei denjenigen Museen, die sich mit dem Zeitraum der
Industrialisierung beschäftigen, eine wichtige Rolle. Anders ist die Situation
bei den neuen Technikmuseen, die auch die neuen Informationstechnologien
ausstellen. Diese neuen Technologien haben nämlich ihre eigenen imma-
nenten ästhetischen Gesetzmäßigkeiten. Hier ergeben sich Herausforderun-
gen und Problemstellungen, denen mit den traditionellen Präsentationsmög-
lichkeiten nur unzureichend begegnet werden kann. Diese neuen Technolo-
gien – audiovisuelle Medien, Computer, Multimedia, Internet – erfordern in-
novative und unkonventionelle Vorgehensweisen bei der Konzeption der
Ausstellungsgestaltung und bei der Präsentation der Exponate.260
Die neuen Technikmuseen stehen einer weiteren Herausforderung gegen-
über: während vom Zeitalter der Industrialisierung nur das in die Museen
gekommen ist, was überhaupt erhalten geblieben ist – beispielsweise alte
Fabrikhallen und ihre Maschinen, ist es im Hinblick auf die neuen Informati-
onstechnologien ungleich schwieriger eine Sammlung zu konzipieren. Da die
meisten der neuen Technologien in der Gegenwart noch zur Anwendung
kommen, bedarf es größter Anstrengungen und Weitsicht, um eine Samm-
lung aufzubauen, die auch noch nach einigen Jahren ihre Aktualität und
Aussagekraft besitzt, und die nicht nur die subjektiven Vorstellungen der
Museumsmitarbeiter vermittelt. Für die Epoche der Industrialisierung gibt es
nachvollziehbare und objektivierte Kriterien zur Sammlungstätigkeit, die
durch die geschichtliche Forschung erarbeitet wurden.261 Für die neuen
Technologien hingegen gibt es bis heute nur wenige Forschungsansätze zur
259 Ebd., S. 323.
260 Ein populäres Beispiel für die konventionelle Exponatdarstellung ist die Dampfmaschine.
Eine Dampfmaschine gibt es inzwischen in fast jedem traditionellen Industriemuseum.
Sie ist historisch unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln erforscht worden, so daß
sich praktisch jedes Museum seinen spezifischen Blickwinkel auswählen kann, unter dem
sie dann präsentiert wird.
261 Siehe dazu Gottfried Korff / Martin Roth (Hg.): Das historische Museum. Labor. Schau-
bühne. Identitätsfabrik, a.a.O.
– 100 –
Sammlungs- und Darstellungsproblematik.262 Jedes Museum ist beim Aufbau
einer Sammlung weitgehend auf sich gestellt.
Darüber hinaus haben die neuen Technikmuseen neben dem Problem der
Visualisierung der Bedeutungsdimensionen der Exponate noch mit einem
weiteren – damit eng zusammenhängenden – Problem zu tun: die Immate-
rialität der Objekte. Denn die besonderen Objekteigenschaften und deren
Bedeutungen sind im ausgestellten Objekt nicht mehr sichtbar:
Die Erscheinungsform der modernen Technik im Bereich der Mikroelektronik,
der Molekularbiologie, der Energietechnik etc. steht in immer größerer Dis-
krepanz zur Vermittlungsform des Museums, weil Unanschaulichkeit und
Immaterialität dem Bemühen um Visualisierung und um Vermittlung sinnlich-
konkreter Erfahrung gerade entgegenwirken.263
Als Beispiel für die Unanschaulichkeit von Objekten im Bereich der neuen
Technologien sei hier der Transistor genannt, der folgendermaßen beschrie-
ben wird:
Einfach ausgedrückt ist der Transistor ein steuerbarer Widerstand, der über
die Weiterleitung elektrischer Impulse entscheidet. So wurde er zur Nerven-
zelle der digitalen Welt, in der alle Informationen auf binäre Zahlenkombina-
tionen aus null und eins reduziert werden.264
Einen einzigen Transistor zu zeigen ist noch möglich. Aber einen heutigen
Mikroprozessor mit 7,5 Millionen Transistoren auszustellen und deren Funkti-
onsweise anschaulich zu präsentieren ist schon wesentlich schwieriger. Im
Bereich der Mikroelektronik beispielsweise wäre es unangebracht, dem Laien
nur die äußere Fassade zu zeigen. Ein Computer ist zum einen nicht mehr als
eine bloße Hülle, dem Laien müssen aber auch die Möglichkeiten der
Software vermittelt werden. Dabei stellen sich eine ganze Reihe von Fragen.
Welche Software wird ausgestellt? Nach welchen Kriterien wird Hard- und
Software ausgesucht? Welche Begleittexte können die Vermittlung unterstüt-
262 Siehe Ursula Winter: Industriekultur. Fragen zur Ästhetik im Technik- und Industrie-
museum. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 246-
261.
263 Ansgar Häfner: Der Untergang der Titanic im Museum. In: Stefan Müller-Doohm / Klaus
Neumann-Braun (Hg.): Kulturinszenierungen, a.a.O., S. 250.
264 Michael Riordan / Lilian Hoddeson: Crystal Fire. The Birth of the Information Age. In:
Werner Funk (Hg.): Konrad. Der Mensch in der digitalen Welt. Hamburg 1998, S. 24.
– 101 –
zen? Soll der Computer in einer Inszenierung präsentiert werden? Diese und
weitere Fragen müssen stets im Vorfeld einer Ausstellung geklärt werden.
Gerade der Computer – in seinen zahlreichen Erscheinungsformen – als Aus-
stellungsobjekt ist ein gutes Beispiel für die Probleme, die sich im Rahmen
einer Museumspräsentation ergeben können. Denn obwohl der Computer
heute sowohl in der Arbeitswelt als auch in der Freizeit eine immer wichti-
gere Rolle einnimmt265, können die meisten Benutzer den Computer zwar
bedienen, aber nur wenig oder gar nicht in seiner Funktionsweise nachvoll-
ziehen. Gerade die neuen grafischen Benutzeroberflächen – wie Windows –
ermöglichen einer immer größer werdenden Zahl von Benutzern das Verfas-
sen eines Briefes, das Versenden einer Nachricht (E-Mail) oder das Spielen
einer Schachpartie, ohne auch nur zu ahnen, was sich hinter Begriffen wie
Bit und Byte, Prozessor und Transistor, Festplatte und Hauptspeicher ver-
birgt.
Diese Diskrepanz zwischen selbstverständlicher Nutzung und geringem
Technikverständnis ist eine Hauptursache für die vielerorts vorhandene
Abwehrhaltung gegenüber den Computern, die selbst bei langjährigen
Nutzern häufig anzutreffen ist.266 Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage,
ob es überhaupt notwendig ist, das Innenleben unterhalb von Chassis und
der Benutzeroberfläche zu kennen. Reicht es nicht aus, den Computer
bedienen zu können, ihn als Handwerkzeug benutzen zu können? Diese Fra-
gen müssen sich die neuen Technikmuseen stellen:
Müßte es nicht ein Kernproblem des modernen Technikmuseums sein, für
diesen sich den Sinnen entziehenden Prozeß eine ästhetische Ausdrucksform
265 Die Absatzzahlen für PCs belegen die wachsende Bedeutung dieser Technik für die
Arbeitswelt und die Freizeit. So geht aus einer Marktanalyse des Marktforschungsinstitus
Dataquest vom April 1999 hervor, daß der Umsatz von PCs weltweit von 304 Mrd. DM
(1997) auf 392 Mrd. DM (2002) steigen wird.
266 In der Studie „Der alltägliche Zauber einer digitalen Technik. Wirklichkeitserfahrung im
Umgang mit dem Computer“ beschreiben die AutorInnen Thomas Leithäuser, Elfriede
Löchel, Brigitte Scherer und Erhard Tietel, welche Probleme und Herausforderungen die
Einführung des PCs im Öffentlichen Dienst der Stadt Bremen mit sich brachte. Die Studie
wurde 1990-1993 durchgeführt. Berlin 1995.
– 102 –
zu finden, die nicht fälschlich den Gegenstand, sondern sein Verschwinden der
Wahrnehmung zugänglich macht?267
Während die neuen Museen, die sich mit Mikroelektronik beschäftigen, fast
immer sowohl die Hardware wie auch die Software ausstellen, gibt es nur
vereinzelte Bemühungen von Technikmuseen, auch andere Technikbereiche,
beispielsweise die Biotechnologie, in ihre Ausstellungspräsentationen aufzu-
nehmen. Denn hier wiegt die Diskrepanz zwischen der sichtbaren Oberfläche
und den immanenten Funktionen sehr viel schwerer.268 Welche Aussagekraft
besitzt schon ein gefülltes Reagenzglas? Die Fähigkeit, die ganz unterschied-
lichen Wirkungen und Funktionen der im Reagenzglas befindlichen mole-
kularbiologischen Substanz aufzuzeigen, erfordert vom Museumspersonal ein
fundiertes Vorwissen und vor allem ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen
in die Bedürfnisse und Erwartungen der Besucher. Als ein gelungenes Bei-
spiel für die Darstellung der Biotechnologie als Erscheinungsform der moder-
nen Technik sei die Ausstellung „Genwelten“ im Landesmuseum für Arbeit
und Technik in Mannheim genannt.
Während die Mikroelektronik immer mehr Akzeptanz findet, ist die Biotech-
nologie immer noch ein Thema, dem viele Zeitgenossen mit einer starken
Abwehrhaltung begegnen.269 Das Museum muß hier einen eigenen Weg fin-
den, neue Technologien zu präsentieren: die Abwehrhaltung der Besucher
sollte hinterfragt werden, und das Ambivalente der Technik sollte zum
Vorschein kommen. Grundsätzliches Ziel sollte es sein, die Thematik so zu
präsentieren, daß die Besucher Denkanstöße für ihre eigene Lebenswelt
267 Ursula Winter: Industriekultur: Fragen zur Ästhetik im Technik- und Industriemuseum.
In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 251.
268 Mit den Schwierigkeiten der Visualisierung von Molekülstrukturen beschäftigt sich Roland
Brock in seinem Aufsatz „Realität durch Visualisierung oder visualisierte Realität. Die
Darstellung von Molekülstrukturen.“ In: Michael Fehr / Clemens Krümmel / Markus
Müller (Hg.): Platons Höhle. Das Museum und die elektronischen Medien, a.a.O., S. 107-
121.
269 Siehe Jutta Hoffritz: Die Genküche bleibt kalt. Verbraucherproteste verderben der
Industrie den Geschmack am Novel food. In: Die Zeit. Nr. 23. 1999, S. 25f. Darin
beschreibt sie die Widerstände in der Gesellschaft gegen genetisch veränderte
Nahrungsmittel. Siehe auch Hans Schuh: Kopien mit tödlichen Fehlern. Ebd., S. 35.
– 103 –
bekommen und die Technik als ein wichtiges Kulturphänomen – mit ihren
Vor- und Nachteilen – unserer Zeit kennenlernen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Objekte im Technikmuseum so prä-
sentiert werden sollten, daß sie dem Besucher spezifische und ganzheitliche
Zugänge zur jeweiligen Thematik eröffnen. Im optimalen Fall gelingt es
mittels einer Präsentation, Wissen zu vermitteln, das zur Bildung der Besu-
cher beiträgt, und ihnen Handlungsspielräume in ihrem Leben aufzeigt, um
sie zu aktiven, mündigen und handlungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft
zu machen.
3.4 Vom materiellen zum immateriellen Museumsobjekt
Die oben genannten Probleme bei der Technikinszenierung betreffen die
Museumsexponate direkt. Daneben gibt es aber eine technische Entwicklung
im Museumswesen, die erst auf den zweiten Blick sichtbar wird. Die Technik-
museen der neuen Generation stellen ja nicht nur die neuen Technologien
aus, sondern nutzen sie auch zunehmend innerhalb der Museumsarbeit. Die
klassischen Aufgabenfelder der Museen, Forschen, Vermitteln und Bewahren,
kommen heute nicht mehr ohne digitale Techniken aus. In diesem Kapitel
sollen nun die Veränderungen, die sich daraus für die verschiedenen
Bereiche der Museumsarbeit ergeben, erforscht werden. Dabei soll eine
besucherorientierte Vermittlungsform, die diese neuen Techniken sinnvoll
nutzt, aufgezeigt werden.
Der Einsatz digitaler Techniken innerhalb der Technikmuseen geschieht auf
zweierlei Weise: zum einen werden die Techniken als Hilfsmittel innerhalb
der Ausstellung benutzt, um dem Publikum das bestehende Angebot besser
vermitteln zu können. Zum anderen gehören die digitalen Medien als Werk-
zeuge und Hilfsmittel schon seit Jahren zu den internen Arbeitsbereichen wie
Forschen, Sammeln und Bewahren.
Die Verwendung der digitalen Techniken hat Auswirkungen sowohl auf die
Objekte selbst als auch auf die Beziehung Objekt-Besucher. Im folgenden
– 104 –
sollen nun einige Wechselwirkungen zwischen den Exponaten und ihren
digitalisierten Abbildern dargestellt werden.
3.4.1 Museumsexponate und ihre digitalisierten Abbilder
Seit etwa Mitte der achtziger Jahre fügen sich zwei Stränge im Museums-
wesen zusammen. Zum einen der Museumsboom, der zu einer Vielzahl von
Neugründungen geführt hat, und zum anderen der Versuch, Museums-
objekte digital zu erfassen oder zu präsentieren, um sie dann zum Beispiel in
Datenbanken zu archivieren und durch Computeranimationen den Besuchern
näherzubringen.
Bei der Verwendung neuer Technologien muß unterschieden werden
zwischen ihrer Anwendung unmittelbar innerhalb der Ausstellung einerseits
sowie einer darüber hinausgehenden Anwendung. Zu letzterem zählen bei-
spielsweise die zahlreichen Ausstellungskataloge auf dem Speichermedium
CD-ROM.
Der Wunsch, Objekte nicht nur für eine bestimmte Zeit innerhalb des
Museums zu präsentieren, sondern – durch Überschreitung der zeitlichen und
räumlichen Grenzen der Ausstellung – auch außerhalb des Museums und
noch nach dem Ende der Ausstellung einer breiteren Öffentlichkeit zugäng-
lich zu machen, existiert nicht erst seit dem Aufkommen der neuen Techno-
logien. Einer der Vordenker des „imaginären Museums“ war der französische
Schriftsteller und Kulturminister André Malraux270. In seinen Werken unter-
suchte er die Wirkung von künstlerischen Werken auf die Menschheitsent-
wicklung. Sein Werk
Das imaginäre Museum
beschäftigt sich mit den Mög-
lichkeiten der Vernetzung von Kunstwerken aus allen Epochen. Die Vernet-
zung findet bei Malraux natürlich noch nicht durch den Computer statt. In
seinen Schriften, denen der Gedanke der Vernetzung zugrunde liegt,
entwickelt er ein umfangreiches Beziehungsgeflecht zwischen einzelnen
Kunstwerken. Diese literarische Vernetzung von Kunstwerken – im Vorgriff
270 André Malraux, von 1959 bis 1968 Staatsminister für kulturelle Angelegenheiten in
Frankreich.
– 105 –
auf den heute populären Begriff „Hypertext“ – soll dem Leser einen Überblick
über das gesamte künstlerische Werk der Menschheitsgeschichte ver-
schaffen. Malraux nimmt mit seinem Werk eine Vorreiterrolle ein. Das Werk
bietet einen guten Ausblick auf die – von Malraux‘ Zeit ausgesehenen –
zukünftigen Möglichkeiten, die Malraux zum Zeitpunkt seiner schriftstelleri-
schen Tätigkeit und seiner Arbeit als Kulturminister wahrscheinlich noch nicht
ahnen konnte.
Im Bereich der Bildenden Kunst ist die Praxis der Digitalisierung von Expo-
naten schon bedeutend weiter fortgeschritten als bei technischen Museums-
exponaten. Malraux‘ Vision des Imaginären Museums hat die Berliner Firma
Pixelpark in eine Multimedia-Anwendung umgesetzt, die auf CD-ROM verfüg-
bar ist:
Besucher des imaginären Museums, so verspricht Pixelpark-Projektleiter Georg
Minich, können sich „mit hoher Freiheit durch 3D-Filme bewegen“, in denen
die unterschiedlichsten Kunstwerke und Stilepochen, ganz im Sinne Malraux'
vom Rechner zu neuen Eindrücken zusammengeführt werden – gotische
Gemälde zum Beispiel mit Bildern van Goghs.271
Eine weitere Form des virtuellen Museums hat Heinz Herbert Mann, wissen-
schaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstgeschichte der Technischen
Hochschule in Aachen, eingerichtet. Sein Projekt „Reiff II“ beinhaltet eine
Galerie, in der regelmäßig Ausstellungen veranstaltet werden.272 Für Mann
besonders wichtig ist der Unterschied zum virtuellen Museum des Louvre,
das zwar virtuell ist, aber nicht interaktiv. Das Projekt Reiff II
ist
interaktiv:
Jeder der weltweit angeschlossenen Netzwerkbenutzer kann Bilder beim
'Annahmeschalter' in Aachen abgeben und sich umgekehrt auch die farbigen
Kunstwerke auf seinen Rechner herunterladen.273
Die Berliner Firma Pixelpark, eine der ersten und inzwischen renommierte-
sten Multimedia-Agenturen in Deutschland, führt auch viele Projekte im Auf-
trag von Museen durch. Als ein gelungenes Beispiel für die Arbeit von Pixel-
271 Spiegel special. Heft 3, a.a.O., S. 167.
272 Screen Multimedia. Heft 1. 1995, S. 112. Siehe auch: Spiegel special. Heft 3, S. 167: „In
den virtuellen Ausstellungen der Universität von Illinois geht es wie im wirklichen
Kunstleben zu: Dort ‚hängen‘ die Bilder der Künstler sechs bis acht Wochen, ehe sie
wieder vom Telefondraht abgeklemmt werden.
– 106 –
park kann hier die Ausstellung
Kolumbus
gelten, die 1992 in Berlin stattfand.
Pixelpark entwarf eine Multimedia-Anwendung, die den Seeweg Kolumbus'
von Spanien bis nach Amerika multimedial umsetzt. Das Landesmuseum für
Technik und Arbeit in Mannheim hat ein Computerspiel entwickeln lassen,
das sich mit der Rheinschiffahrt vor 200 Jahren auseinandersetzt, „ein
Thema, das den Besuchern bereits mittels Schiffsmodellen, eines Dioramas
und Texten im ehemaligen Rauchsalon des Schiffes vermittelt wird.“274 Es lie-
ßen sich eine ganze Reihe von interessanten Multimedia-Anwendungen auf-
zeigen. Allen gemeinsam ist der Versuch, Geschichte, Kunst und Technik den
Benutzern so anschaulich und lebendig wie möglich darzubieten.
Hier ist zu fragen, warum es überhaupt derart massive Bestrebungen gibt,
unsere Geschichte in all ihren Facetten zu digitalisieren und für die Zukunft
zu sichern. Hierzu gibt es verschiedene Antworten. Der Medientheoretiker
Abraham A. Moles betont das Aufkommen einer neuartigen Kultur: „Eine
immaterielle Kultur ist im Entstehen begriffen. Es gibt sie allerdings nur des-
halb, weil sie von einer massiven materiellen Basis getragen und ermöglicht
wird.“275 Es wäre aber zu einfach, den Grund für die Entstehung der immate-
riellen Kultur ausschließlich in der Existenz der materiellen Basis zu sehen.
Für das Bildarchiv Marburg276 ist die massive materielle Basis nicht
ausschlaggebend. Vielmehr stellt die Gefahr der Destruktion, die fast immer
273 Ebd., S. 112.
274 Anja Benscheidt: Test eines Computerspiels auf dem Museumsschiff. In: Freizeitpäd-
agogik. Heft 12. 1990, S. 225ff.
275 Abraham A. Moles: Design und Immaterialität. In: Florian Rötzer (Hg.): Digitaler Schein.
Ästhetik der elektronischen Medien. Frankfurt am Main 1991, S. 160.
276 Das Bildarchiv Marburg ist bereits 1913 „im kunstgeschichtlichen Institut der Philipps-
Universität gegründet worden, um kunsthistorische Forscher und alle anderen Interes-
sierten mit fotografischen Wiedergaben von abendländischer Kunst zu versorgen. 1961
vom Wissenschaftsrat als Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte (DDK)
benannt, dient das Zentrum heute Museen, Denkmalämtern und Forschungsinstituten
durch Entwicklung und Bereitstellung computergestützter Arbeitsverfahren für die
Erfassung, Erschließung, Erhaltung und Vermittlung von Kunst.“
– 107 –
mit technischer Innovation einhergeht, einen wesentlichen Grund für die
„Sicherung von Kunst und Kultur“277 dar:
Zwei Weltkriege, aber auch die Phasen des Wiederaufbaus und einer dyna-
mischen Industrialisierung haben zu einer Zerstörung von Kulturgut geführt,
wie sie in früheren, technisch weniger fortgeschrittenen Jahrhunderten
undenkbar gewesen wäre.278
Die Gefahr der Destruktion spielt nicht erst heute eine Rolle bei der Erhaltung
von Kulturgütern. Die Möglichkeiten technikbasierter Zerstörungen sind
allerdings in diesem Jahrhundert wesentlich gestiegen. Aber auch in früheren
Jahrhunderten sind ganze Kulturen der Zerstörung zum Opfer gefallen. Der
englische Schriftsteller und Sozialphilosoph John Ruskin hat bereits im 18.
Jahrhundert versucht, die materielle Basis von Venedig für die Zukunft zu
sichern und deshalb mehrere tausend Zeichnungen über die Bauten von
Venedig angefertigt.279 Auch das Aufkommen von Überblickswerken in der
Kunstgeschichte belegt den Wunsch nach Überlieferung von Kulturgütern.
Erinnert sei hier auch an die romanische Abteikirche Cluny, die zwischen
Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts zerstört
wurde.280 Der Architekt Manfred Koob hat die Kirche in dreidimensionalen
Bildern in aufwendiger Arbeit wieder zum Leben erweckt, sowohl im Buch
wie auch auf dem Computer.
Musealisierung findet häufig in zweifacher Ausprägung statt. Eine Möglichkeit
ist der Wiederaufbau, die Restaurierung oder auch die originalgetreue
Verdoppelung durch Reproduktion der Kulturgüter. Die andere Möglichkeit
besteht darin, die Kulturgüter in das digitale Zeitalter hinüberzuretten. Beide
Möglichkeiten können gemeinsam oder auch nur einzeln zur Anwendung
kommen. Am Beispiel Cluny wird der Wandel von der wirklich existierenden
Ruine zum immateriellen Kulturgut besonders deutlich. Durch Ruinenfotos,
277 Informationsschrift des Bildarchiv Foto Marburg. Von der gedruckten zur digitalen
Überlieferung. Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte (DDK). Marburg
o. J.
278 Ebd., S. 2.
279 Gottfried Fliedl: Testamentskultur. Musealisierung und Kompensation. In: Wolfgang
Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 166-179.
– 108 –
die im Buch und auf dem Computer den auf dem Computer erzeugten Abbil-
dungen der Kirche vorangestellt sind, kann der Leser bzw. Betrachter etwas
von der Einmaligkeit der Kirche und der unwiederbringlichen Zerstörung der
Kirche erfahren. Gerade die Gegenüberstellung beider Formen der
Musealisierung – Ruinenfotos und Computerabbildungen und -animation –
lädt den Betrachter zu einer Auseinandersetzung mit der Kulturzerstörung
und den Möglichkeiten der Musealisierung ein. Die Ruine allein ist nicht in
der Lage, dem Betrachter ein Bild von der sagenhaften Schönheit und dem
aufwendigen Aufbau zu verdeutlichen. Erst die Möglichkeit der Technik, die
Abteikirche durch Computeranimation wiederauferstehen zu lassen, kann den
Betrachtern die ganze Schönheit und architektonische Raffinesse des Bau-
werks näherbringen.
Die digitale Erfassung und Erhaltung historischer Überreste wird immer
bedeutender. So besitzt das Fotoarchiv Marburg bereits heute einen Bestand
von mehr als 900.000 Aufnahmen kulturhistorischer Sachzeugen. Zusammen
mit weiteren Instituten ergibt sich ein Bestand von fünf Millionen Abbildun-
gen.281
Der französische Soziologe Henri Pierre Jeudy hat sich intensiv mit den
Bedingungen der Digitalisierung von Museumsobjekten auseinandergesetzt.
In seinem Aufsatz
Die Transparenz des Objekts
282 untersucht er die Folgen
der Immaterialisierung der Objekte. Jeudy geht der Frage nach, inwieweit die
realen Objekte in der Zukunft noch eine bedeutende Rolle spielen werden
und ob das Abbild der Objekte – also die digitalisierte Form – die Bedeutung
der realen Objekte noch übertreffen wird:
Die Bewunderung des Objekts als ‚königlich‘ ist eine Art Wahrung des Sinns
der Geschichte und der Ordnung des Symbolischen, da das Objekt die jeder
Kultur eigenen transzendentalen Bedeutung repräsentiert. [...] Das immate-
rialisierte Objekt aber – Konglomerat aus Informationen – verzichtet auf die
280 Horst Cramer / Manfred Koob (Hg.): Cluny. Architektur als Vision. Heidelberg 1996.
281 Ebd., S. 7.
282 Henri Pierre Jeudy: Die Transparenz des Objekts. In: Florian Rötzer (Hg.): Digitaler
Schein. Ästhetik der elektronischen Medien, a.a.O., S. 171-182.
– 109 –
Repräsentation und wird in vervielfachten Bildern wahrgenommen, die die
süße Illusion einer tiefgründigen Erkenntnis bieten.283
Jeudys negative Sicht der Digitalisierung beruht auf seiner Vorstellung, daß
die Musealisierung im Grunde ein Phänomen der Zerstörung sei. Genau wie
für das Bildarchiv Marburg spielt auch für Jeudy der Gedanke der Destruktion
eine zentrale Rolle. Erst die massive Zerstörung von Kulturgütern führe zu
dem Versuch der möglichst vollständigen Transformation von realen
Objekten in digitale Information. Nach Ansicht Jeudys und der Initiatoren des
Marburger Bildarchivs werden also in erster Linie nur deshalb Exponate in
eine digitale Form überführt, weil – vor dem Hintergrund einer möglichen
Destruktion – nur so der weitere Erhalt der historischen kulturellen Überliefe-
rung sichergestellt ist.
Der Anstoß, Objekte zu digitalisieren, um sie vor der Zerstörung zu retten,
kommt in erster Linie von den Verantwortlichen in den Museen. Für das
Publikum spielt die Gefahr, daß die Objekte zerstört werden könnten, eine
untergeordnete Rolle. Das Publikum weiß in der Regel nicht, welche Objekte
es im technischen Museum zu erwarten hat, so daß der Moment der Über-
raschung immer eine große Rolle spielt. Die Besucher möchten in erster Linie
die von den Fachleuten ausgesuchten Exponate sehen und etwas über sie
erfahren. Die Überführung der Exponate in die digitale Form ist daher für das
Publikum in erster Linie unter dem Aspekt der Bildung und Unterhaltung
wichtig.
Ob die Digitalisierung erfolgt, um Datenbanken für Forschungszwecke anzu-
legen, oder ob sie erfolgt, um Objekte dem Publikum zu vermitteln – die
digitalisierte Form des Objekt zeigt – durch die erfolgte Umwandlung in
Information – eine ganze Reihe spezifischer Eigengesetzlichkeiten, die dem
realen Objekt fehlen.
283 Ebd., S. 173.
– 110 –
3.4.2 Beziehungen zwischen realem Exponat, digitalem Exponat und
Besuchern
Seit Beginn der achtziger Jahren nimmt der Unterhaltungsaspekt bei Aus-
stellungsbesuchen eine immer bedeutendere Stellung ein.284 Nicht mehr
allein das Exponat lockt das Publikum an, sondern die Gesamtheit der
Ausstellungsgestaltung. Die Zeit der Großausstellungen, die mit außer-
gewöhnlichen Exponaten das Publikum in Scharen anzog, wie in den
achtziger Jahren, geht in den neunziger Jahren allmählich zu Ende. Die
Museen im allgemeinen und die in dieser Arbeit untersuchten
Technikmuseen im besonderen setzen vermehrt auf den Einsatz
elektronischer Medien in den Ausstellungen. Die Besucher werden in den
neuen Technikmuseen nicht nur mit den Exponaten konfrontiert, sondern
auch mit deren Repräsentation mittels neuer elektronischer Medien. Dadurch
bekommt sowohl der Charakter des realen Exponats wie auch die Beziehung
des realen Exponats zum Besucher eine neue Qualität:
Einerseits vermehren sich in den Museen die Orte für die Ausstellung der
Objekte und überhöhen so die symbolische Macht des Objekts über die Zeit
hinweg. Andererseits bewirken das Anlegen von Daten, die Verteilung der
Information und die Kommunikationsnetze eine relative Auflösung des Ob-
jektes und seiner Materialität.285
In den älteren Technikmuseen – als Beispiel sei hier das Deutsche Museum
München genannt – sollte das einzelne Exponat vom Besucher als etwas
Außergewöhnliches wahrgenommen werden. Wenn die Besucher der neuen
Technikmuseen heute mit den realen Exponaten und gleichzeitig mit elektro-
nischen Medien konfrontiert werden, müssen sie die Ausstellung viel selb-
ständiger erkunden, was höhere Anforderungen an das technische Ver-
ständnis der Besucher stellt.
284 „Sicher wird es Menschen geben, die auch in ein langweiliges Museum gehen und noch
nicht einmal enttäuscht sind, weil Museen eben so sind. Aber [...] die Mehrzahl der
Besucher kommt nicht wegen des Informationsgehaltes der Museen, sondern wegen des
erhofften Unterhaltungswertes.“ In: Landesstelle für Museumsbetreuung Baden
Württemberg (Hg.): Museumsarbeit. Zwischen Bewahrungspflicht und Publikums-
anspruch. Museumsmagazin. Heft 5. 1992, S. 133.
285 Henri Pierre Jeudy: Die Transparenz des Objekts. In: Florian Rötzer (Hg.): Digitaler
Schein. Ästhetik der elektronischen Medien, a.a.O., S. 172.
– 111 –
Zum einen hat es seit dem ersten Einsatz elektronischer Medien im Museen
Anfang der achtziger Jahre eine Reihe von technischen Innovationen auf
dem Gebiet der elektronischen Medien gegeben, mit denen der Besucher
Schritt halten muß. Erleichtert wird dieses Schritthalten auf der anderen Seite
durch die immer besseren Benutzeroberflächen der Computerprogramme.
Besucher, die im Umgang mit den neuen Medien nicht geübt sind, haben es
hier ungleich schwerer als beispielsweise Jugendliche, die mit den neuen
Medien groß werden. Hier sind die Museumspädagogen, Medienfachleute
und Fachwissenschaftler gleichermaßen gefordert. Die elektronischen Medien
sollten für alle Museumsbesucher – unabhängig von Bildungsstand und Alter
– einfach zu benutzen sein.
Interaktive Computeranwendungen beispielsweise eröffnen den Besuchern
eine Reihe von Informationsmöglichkeiten. Dabei muß unterschieden werden
zwischen elektronischen Besucherleitsystemen, die einen Überblick über die
Ausstellung geben, und elektronischen Funktionsmodellen, wie zum Beispiel
Computerterminals, die ein bestimmtes Exponat erklären und dessen Funkti-
onsweise simulieren. Exponate im Technikmuseum lassen sich den Besu-
chern oftmals nur schlecht vermitteln. Ihre hochkomplexe technische
Beschaffenheit können Laien allein durch Betrachtung des realen Objektes
meist nicht vollständig begreifen. Weiterführende Informationen in Form von
Texten langweilen womöglich die Besucher und verführen nicht zum
Lesen.286 Hilfsmittel wie Fotos, Grafiken oder mechanische Funktionsmodelle
können hier sicher einiges zur Vermittlung beitragen. Aber erst die elektroni-
schen Medien können hier die Lücke schließen. Sie können ein Exponat nicht
nur auf unterhaltsame Art vermitteln, sie können unter Einbeziehung der
286 Die Voraussetzungen für erfolgreiches Lesen von Museumstexten beschreiben Traudel
Weber und Annette Noschka in: Traudel Weber / Annette Noschka: Texte im Tech-
nischen Museum. Textformulierung und Gestaltung, Verständlichkeit, Testmöglichkeiten.
In: Materialien aus dem Institut für Museumskunde. Heft 32. Berlin Heft 22. Berlin 1988.
– 112 –
oben genannten Möglicheiten – vom Text über das Foto bis zum Film – das
Objekt in vielen Fällen vollständiger erschließen helfen.287
Als Beispiel sei hier das Computerterminal im Heinz Nixdorf MuseumsForum
genannt, das direkt hinter einem Abakus steht, mit diesem verbunden ist und
dessen Funktionsweise erklärt. Die Besucher können selbst Berechnungen
auf dem Abakus durchführen. Unter dem Abakus ist eine Kamera installiert,
die jede Verschiebung der Kugeln registriert und auf den Computerbildschirm
überträgt. Aber auch eine vom Bewegen der Kugeln unabhängige animierte
Erläuterung des Abakus ist auf diesem Computerterminal installiert. Eine
Trickfilmfigur erläutert den Besuchern die einzelnen Abläufe während des
Rechnens. Der Nutzen solcher Computerterminals liegt auf der Hand. Das
Objekt, in diesem Fall ein Abakus, bleibt kein abstrakter, stummer Zeuge der
Vergangenheit, sondern spricht über das Medium Computer die Besucher an
und fordert zum Handeln auf.
Die in vielen Museen erforderlichen Tafeln mit dem Hinweis „Bitte nicht
berühren“ sind bei der Abakus-Anwendung nicht erforderlich, das Berühren
der Exponate ist hier sogar erwünscht. Durch das aktive Handeln der Besu-
cher – wie es zum Beispiel in der spielerischen Nutzung des Abakus zum
Tragen kommt – wird die Bedeutung der realen Exponate sogar noch gestei-
gert. Denn ein Besucher, der beispielsweise die Schwierigkeiten des Rech-
nens mit dem Abakus kennt, wird die realen Exponate mit gesteigertem
Interesse betrachten und sicherlich auch eher die kulturelle Bedeutung zu
würdigen wissen.
Die Ergänzung eines Exponats um ein Computerterminal mit einer Animation
des dargestellten Objekts birgt aber auch eine Gefahr. Es kann nämlich vor-
kommen, daß die Besucher nicht zuerst das reale Exponat ansehen, sondern
287 Sicherlich müssen nicht zwangsläufig technische Medien – als eine Wahrnehmungs-
voraussetzung – in Ausstellungen integriert werden. Ekkehard Nuissl dazu: „Es gibt
Beispiele für zeitgemäße Ausstellungen, die bewußt auf einen Einsatz technischer
Medien verzichten, in denen versucht wird, die inhaltlichen Ziele allein über die
Präsentation der Objekte zu erreichen.“ In: Ekkehard Nuissl: Besucher im Museum –
ratlos?, a.a.O., S. 55.
– 113 –
zuerst die digitale Vermittlungsform erfahren. Das Interesse an den realen
Exponaten kann neben einer aufwendigen Installation in den Hintergrund
des Interesses treten und zweitrangig werden. Dieser Gefahr kann dadurch
begegnet werden, daß die realen Exponate und ihre digitalisierten Ergän-
zungsformen nicht in ein Konkurrenzverhältnis treten, sondern sich in einem
ausgewogenen Verhältnis ergänzen.
Ein weiteres Argument für die Nutzung digitaler Techniken zur Ergänzung der
realen Exponate liegt zweifellos in der Tatsache, daß gerade die Nutzung
dieser neuen Medien als didaktische Vermittlungsformen dazu beigetragen
hat, die Institution Museum für wesentlich breitere Bevölkerungsschichten
zugänglich und vor allem attraktiv zu machen. Der Erkenntnis- und Erfah-
rungsgewinn für die Besucher rechtfertigt daher in der Regel die Nutzung
von Computerterminals in einer Ausstellung, und bei qualitativ hochwertigen
Anwendungen wird auch das Museumsexponat eine höhere Wertschätzung
erfahren. Und Museumsexponate, die den Besuchern positiv in Erinnerung
bleiben, vermögen auch zu einem Wiederholungsbesuch anzuregen.
Es deutet vieles darauf hin, daß in den Museen der neuen Generation beide
Musealisierungsarten zusammengeführt werden. Sowohl die Präsentation
realer Objekte wie auch die Präsentation der digitalisierten Formen dieser
Objekte werden gleichbedeutend nebeneinandergestellt. Die Bewahrung,
Erforschung und Vermittlung der Objekte wird somit zweifach sichergestellt.
Deshalb wird die Digitalisierung der Exponate und die Computeranimation in
Zukunft eine noch bedeutendere Rolle spielen. Die Bemühungen der Museen
müssen sich darauf konzentrieren, die ständig wachsende Zahl der Exponate
in einer qualifizierten Vermittlungsarbeit den Besuchern nahezubringen.
Hierzu bedarf es eines gut ausgebildeten Fachpersonals, das in der Lage ist,
die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Technik auszuschöpfen.
3.5 Perspektiven für eine zukünftige Ausstellungspräsentation
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die elektronischen Kommunikations-
technologien die Präsentationsformen der Technikmuseen nachhaltig verän-
– 114 –
dert haben. Der Medieneinsatz führt gegenwärtig in vielen Technikmuseen zu
einer Vernetzung der einzelnen visuellen und auditiven Medien:
Neu ist, daß mit Hilfe des [...] Computers diese Technologien gesteuert und
koordiniert werden können: Standbild und Video, Graphik, Musik und verbale
Erklärung können ineinander fließen. Und neu ist, daß der Besucher durch
vielfältige Benutzeroberflächen und technische Hilfsmittel in einen Dialog mit
sehr reichhaltigen Programmen eintreten kann, was die [...] Interaktivität
vorantreibt.288
Bisher läßt sich der Begriff „Interaktivität“ nur sehr bedingt auf Computer-
animationen anwenden. Dies, sowie den inflationären Gebrauch des Begriffes
Interaktivität kritisiert auch Schäfer:
‚Interaktiv‘ ist zwar mittlerweile auch in der Museumswelt ein weit verbreitetes
Schlagwort, wirklich dialogfähige Systeme, die den [...] Anforderungen
gerecht werden und tatsächlich erfolgreich eingesetzt werden, gibt es bislang
jedoch nur wenige.289
Matthias Kehle und Annett Rymarcewicz kritisieren ebenfalls die mangelnde
Dialogfähigkeit der Systeme:
Solange per Knopfdruck oder über einen Touchscreen lediglich ein vor-
gegebenens Programm durchlaufen wird, kann man nur unter Vorbehalt von
‚interaktiven Systemen‘ sprechen. Der Besucher selbst müßte Entscheidungen
treffen können, die ihrerseits auf eine Art künstliche Intelligenz im Rechner
stoßen, d.h. daß im Rechner Entscheidungsprozesse ausgelöst werden und ein
entsprechendes Feedback an den Besucher zurückkommt. Erst dieser Dialog
wäre eigentlich Interaktivität.290
Interaktive Computeranimationen werden zukünftig eine bedeutende Rolle in
Technikmuseen spielen. Die sinnvolle Einbeziehung in den Ausstellungs-
kontext erfordert – neben technischem Verständnis – spezielle Kenntnisse
der didaktischen Gestaltung.
288 Hans-Joachim Klein: Das Kuckucksei – Oder: Was hat der Computer im Museum zu
suchen? In: Hans-Joachim Klein (Hg.): Mediendämmerung. Die unaufhaltsame
Computerisierung der Museen. Karlsruhe 1995, S. 2.
289 Hermann Schäfer: Medien im Museum – besucherorientiert und interaktiv. Konzept des
Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. In: Rolf G. Lehmann (Hg.):
Corporate Media. Landsberg / Lech 1993, S. 189. Schäfer gibt in seinem Aufsatz auch
Beispiele gelungener interaktiver Bildschirmsysteme.
290 Matthias Kehle / Annett Rymarcewicz: Eine kurze Geschichte der Evaluation interaktiver
Bildschirmsysteme. In: Hans-Joachim Klein (Hg.): Mediendämmerung. Die unaufhalt-
same Computerisierung der Museen, a.a.O., S. 82.
– 115 –
Bei der didaktischen Gestaltung sollte besonders auf die Benutzerfreundlich-
keit und auf eine sehr kurze Einarbeitungs- bzw. Einführungsdauer geachtet
werden. Hierauf wird auch in den wenigen Evaluationsstudien291, die sich mit
der Wirkung von Computeranimationen auf die Besucher beschäftigen,
besonders hingewiesen.292 Die amerikanische Museumsexpertin Beverly
Serrell empfiehlt:
Weniger ist mehr. Bieten Sie zwei Minuten Information – insgesamt. Ein
interaktives Computerprogramm sollte im Verhältnis zu den anderen
Ausstellungsobjekten nicht unverhältnismäßig viel Zeit und Aufmerksamkeit
des Besuchers in Anspruch nehmen. Da die Leute gewöhnlich etwa 30
Sekunden vor einem Exponat verbringen, [...] ist selbst ein fünfminütiges
Programm zu lang.293
Neben der Kürze und der Benutzerfreundlichkeit sollten die Systeme auch
der Erlebnisorientierung der Besucher entgegen kommen.294 Aufmerksamkeit
und Faszination gehen immer dann von Systemen aus, wenn sie die Benutzer
mit überraschenden Details und Informationen zu fesseln wissen.
Bei der Konzeption und Erstellung benutzerfreundlicher intuitiver Systeme
spielt daher das Wissen um die Wünsche und Bedürfnisse der Besucher eine
bedeutende Rolle. Zukünftig wird eine verstärkte Evaluation der Medien-
konzepte nötig sein, damit Kenntnisse für eine dialogorientierte und wirklich
interaktive Medienintegration in Ausstellungen gewonnen werden können.
Nur durch eine Vielzahl solcher Studien gewinnen die Museumsexperten die
nötigen Daten, um interaktive Systeme sinnvoll einzusetzen. Interaktive
Mediensysteme sollten niemals Selbstzweck, sondern immer Ergänzung der
Originalexponate sein, denn das:
[...] Museum als Kulturinstitut hat die Aufgabe, ein einigermaßen befriedigen-
des Gleichgewicht herzustellen zwischen neuen Kommunikationsformen und
medialer Projektion der Wirklichkeit einerseits und unmittelbarer sinnlicher
291 Siehe dazu den Artikel von Matthias Kehle / Annett Rymarcewicz: Eine kurze Geschichte
der Evaluation interaktiver Bildschirmsysteme. In: Hans-Joachim Klein (Hg.): Medien-
dämmerung. Die unaufhaltsame Computerisierung der Museen, a.a.O., S. 81-104.
292 Beverly Serrell / Britt Raphling: Computer im Ausstellungsbereich. In: Hans-Joachim
Klein (Hg.): Mediendämmerung. Die unaufhaltsame Computerisierung der Museen,
a.a.O., S. 53-64.
293 Ebd., S. 58.
294 Ebd., S. 62.
– 116 –
Erfahrung originaler Werke im Zusammenhang der Bewahrung des kulturellen
Erbes andererseits.295
Der Einsatz interaktiver Systeme zur Ergänzung der Exponate ist sicherlich
von großer Bedeutung bei der Konzeption von Technikausstellungen. Es wird
jedoch übersehen, daß die Exponate in den Technikmuseen zunehmend auch
gleichzeitig zu interaktiven Vermittlungssystemen werden. Als Beispiel sei
hier das Phänomen Virtual Reality genannt.
295 Hermann Schäfer: Medien im Museum – besucherorientiert und interaktiv. Konzept des
Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. In: Rolf G. Lehmann (Hg.):
Corporate Media, a.a.O., S. 192.
– 117 –
TEIL 4
DAS THEMEPARK-KONZEPT –
MUSEALISIERUNG ALS FREIZEITSPASS
Wie in Teil 3 gezeigt werden konnte, haben sich Ausstellungsgestaltung und
Vermittlungsarbeit durch technische Innovationen grundlegend gewandelt.
Durch den Einsatz elektronischer Medien bekommt das Moment der Interak-
tivität zwischen Besuchern und Exponaten immer mehr Gewicht. Neue elek-
tronische Medien können helfen, „den Museumsbesuch weniger langweilig zu
gestalten“296. Denn der Erlebniswert wird für die Besucher als Entscheidungs-
kriterium für den Museumsbesuch immer wichtiger297, und zum Museums-
besuch gibt es genug alternative Freizeitangebote.
Einen ähnlichen Boom, wie ihn die Museen seit Beginn der achtziger Jahre
erfahren haben, gab es auch bei den „Themeparks“. Im Unterschied zu den
Technikmuseen haben die Themeparks – bedingt durch ihre Profitorientie-
rung – von Beginn an den Geschmack des Massenpublikums in den Vorder-
grund gestellt und uneingeschränkt auf Unterhaltung und Kommerz gesetzt.
In den Technikmuseen spielt die Besucherorientierung – wenngleich in
anderer Qualität – erst seit einigen Jahren eine Rolle.298
Zwischen den Themeparks und den Technikmuseen gibt es eine Reihe von
Differenzen hinsichtlich Konzeption und Präsentation. Auf der anderen Seite
übernehmen aber immer mehr Technikmuseen Marketing-Strategien, die von
den kommerziell ausgerichteten Themeparks stammen. Die in der Einleitung
erwähnte These, wonach die Themeparks einen ganz entscheidenden Einfluß
296 Bernhard Graf: Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Veränderungen der Besucherstruk-
turen. In: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre
Besucher. Herausforderungen in der Zukunft, a.a.O., S. 229.
297 Ebd., S. 227f.
298 Dazu ist es notwendig, potentielle Besucherstrukturen zu erfassen und zu analysieren.
Hermann Schäfer dazu: „Wir sind stolz darauf, das erste große Symposium zur Besu-
cherbefragung auf dem europäischen Festland hier im Haus der Geschichte durchführen
– 118 –
auf das veränderte Selbstverständnis der Technikmuseen ausüben, wird hier
belegt. Weiter wird in diesem Zusammenhang überprüft, inwieweit die
Themeparks einer Popularisierung und Kommerzialisierung der Technik-
museen Vorschub leisten.
Um die Faszination zu begreifen, die Themeparks auf jährlich ungefähr 19
Millionen Besucher299 ausüben, ist die Darstellung der Entwicklung vom „ein-
fachen“ Freizeitpark der siebziger Jahre bis hin zum technisch hochgerüste-
ten Themepark der neunziger Jahre unabdingbar. Dabei werden auch die
Besonderheiten dargestellt, die sich beim Umgang der Themeparks mit der
Geschichte manifestieren. Denn in den Themeparks findet eine besondere
Form der Musealisierung statt: Mit ihren Geschichtssimulationen üben sie
einen starken Reiz auf die Besucher aus. Anhand von vier Themeparks wer-
den dann die vielfältigen Erscheinungsformen von Themeparks dargestellt
und analysiert. Anschließend werden die Gemeinsamkeiten der Themeparks
herausgearbeitet, denn daran kann deutlich werden, was die Technikmuseen
von den Themeparks übernehmen können, ohne jedoch ihr eigenes Profil als
Bildungsinstitution aufgeben zu müssen. Denn die Technikmuseen können
bei ihrer Erarbeitung einer zukunftsweisenden Bildungsarbeit durchaus von
den Themeparks lernen.
4.1 Das Konzept der Themeparks
Eine besondere Herausforderung und wachsende Konkurrenz für bildungs-
nahe Freizeiteinrichtungen – und hierzu gehören die Technikmuseen in aller
Regel – stellen die sogenannten Themeparks dar: große, kommerziell und
privatwirtschaftlich geführte Freizeitparks, die ihr Publikum mit Pauschal-
arrangements zu locken wissen. Der Begriff „Themepark“ kommt aus dem
Amerikanischen und bedeutet, daß innerhalb eines abgegrenzten Gebietes
zu können. Die Tagung soll dazu beitragen, die Besucherorientierung unserer Museen
und Ausstellungen nachhaltig zu verbessern. Ebd., S. 10.
299 Siehe dazu Horst W. Opaschowski in seinem Aufsatz: Wir schaffen Glückseligkeit. „Etwa
60 Freizeit- und Ferienparks gibt es derzeit In Deutschland. Künstliche Erlebniswelten
zählen jährlich etwa 19 Millionen Besucher.“ In: Wolfgang Isenberg (Hg.): Kathedralen
der Freizeitgesellschaft. Bensberg 1995, S. 15.
– 119 –
eine Vielfalt von Freizeitaktionen unter einem Motto angeboten wird. Theme-
park ist der Oberbegriff für eine Reihe unterschiedlichster Freizeit- und
Vergnügungsparks, die vornehmlich in der Nähe großer Metropolen ent-
stehen, wie zum Beispiel Euro-Disneyland bei Paris oder der Asterix- und
Obelix-Park, ebenfalls in der Nähe von Paris.
Als Vorläufer der heutigen Themeparks können die in den siebziger Jahren
gebauten Schwimmbäder und die daraus hervorgegangenen Thermalbäder
gesehen werden. Hier wurde schon früh der Trend zur Unterhaltungs- und
Erlebniskultur gesehen und in Form von Spaß- und Erlebnisbädern umge-
setzt. Mit Wasserrutschen, Saunen, Cafés und anderen Attraktionen wurde
den Besuchern ein Freizeitpaket angeboten, das von diesen dankend ange-
nommen wurde.300 Nachdem der Markt mit den unterschiedlichsten Freizeit-
bädern gesättigt war, wurden neue Konzepte ersonnen und neue Freizeit-
parks errichtet. Von relativ einfachen Vergnügungsparks bis hin zu technisch
und finanziell aufwendigen Erlebnis- und Vergnügungsparks wie Disneyland
reicht das Angebot. Die meisten Parks wenden sich besonders an die
Zielgruppe Familie. Diese Parks sind so eingerichtet, daß neben den Erwach-
senen auch die Kinder eine Reihe von Attraktionen und Spielmöglichkeiten
vorfinden.301 Außerdem sind diese Parks zum größten Teil überdacht, so daß
klimatische Einflüsse wie Regen das Freizeitvergnügen nicht trüben können.
Die Themeparks werden mit einem hohen Werbeaufwand in unterschiedli-
chen Medien angepriesen.302 Den Besuchern wird im Rahmen eines Pau-
schalarrangement ein Komplettprogramm aus Unterkunft, Verpflegung und
300 Walter Nahrstedt: Freizeitbad. Lernort zwischen Arbeitswelt und Urlaubsparadies? In:
Johannes Fromme / Walter Nahrstedt (Hg.): Baden gehen. Freizeitorientierte Bäderkon-
zepte. Bielefeld 1996, S. 45.
301 Traum aller Kinder ist das subtropische Badeparadies – mit Schwimmtunnel, Wellenbad,
Wildwasserkanal, Wasserfällen und Hot Whirlpool [...]. Haben die Kleinen vom Plansch-
becken mit Minirutsche trotzdem irgendwann genug, können sie im Kindergarten basteln
und singen, auf dem Spielplatz herumtoben oder eine Runde auf dem Pony reiten. In:
Eltern. März 1996, S. 209ff.
302 Unter dem Slogan „Das gibt's nur einmal!“ verspricht die Disneyland-Werbung dem
Besucher „Mehr als 40 Attraktionen“, „Das größte Abenteuer der Galaxis!“, „6 Hotels
zum Träumen!“, „Sport und Spiel: unbegrenzte Möglichkeiten!“, „Non-Stop Vergnügen!“
– 120 –
Freizeitaktivitäten angeboten, sie können ihren Besuch aber auch auf einen
Tag beschränken. Spaß und Unterhaltung steht dabei stets an erster Stelle.
Die Besucher sollen von den Belastungen und Problemen des Alltags
möglichst ferngehalten werden:
Der Besuch des Disneyparks [hier ist Paris gemeint, die Verfasserin] soll zu
einem ungetrübten, perfekt inszenierten Erlebnis abseits der Alltagssorgen
werden. Umstände, die dieses Heile-Welt-Erlebnis stören könnten, werden
beseitigt bzw. minimiert. Unsauberkeit und Schmutz werden durch hohe
Qualitätsstandards und extremen Mitarbeitereinsatz nie für den Besucher
transparent, negativ belastete Durchsagen sind untersagt, die Mitarbeiter sind
freundlich und in ihrem Auftreten extrem gemaßregelt, – all diese Maßnahmen
schaffen die Atmosphäre eines ungestörten Freizeiterlebnisses.303
Die Besucher sollen vor allem zum Konsum jeglicher Art verführt werden.304
So gibt es in fast allen europäischen Themeparks eine großzügige Einkaufs-
passage, die meist durch ein südländisches Flair gekennzeichnet ist. Auch die
Architektur der meisten europäischen Themeparks spielt bewußt mit den
Charakteristika einer mediterranen Architektur. Der Besucher soll in Urlaubs-
stimmung versetzt werden, ohne jedoch die Unannehmlichkeiten einer lan-
gen Anreise – wie Autofahrt, Flug und Zeitumstellung – in Kauf nehmen zu
müssen.
Dem Besucher wird eine einmalige Attraktion versprochen. Dennoch sind die
einzelnen Parks nach einem ähnlichen Schema aufgebaut, mit geringfügigen
Abweichungen und verschiedenen Akzentuierungen.305 Nach dem Vorbild der
Schnellrestaurant-Ketten – wie Mc Donald’s oder Burger King – und der
internationalen Hotelketten – wie Novotel oder Ibis – zielen auch die Theme-
park-Ketten auf ein weltweit einheitliches Erscheinungsbild und auf einen
überall gleichen Qualitätsstandard.
und „Pauschalen für jeden Geschmack.“ Disneyland-Werbung im Jahre 1997 in unter-
schiedlichen Zeitschriften, zum Beispiel Stern, Eltern, Brigitte, Spiegel, Focus.
303 Carl-Otto Wenzel / Jochen Franck: Euro Disney und Mall of America. In: Wolfgang
Isenberg (Hg.): Kathedralen der Freizeitgesellschaft, a.a.O., S. 81.
304 Ebd., S. 77. Beispiel Disney Freizeitparks: „Die Hauptwachstumssparten liegen [...] nicht
mehr im Freizeitsektor, sondern vor allem im Handelsbereich. Die in den Disney Stores
verkauften Konsumartikel verzeichneten von 1990 bis 1993 fast eine dreifache
Steigerung des Umsatzes [...].“
305 Die Sun Parks in Belgien versuchen sich beispielsweise mit einer qualitativ hochwertigen
Gastronomie und Standorten in bevorzugten Ferienregionen zu etablieren. Ebd., S. 49.
– 121 –
Die Freizeit- und Themeparks musealisieren ein Stück Wirklichkeit, das in der
Realität bereits nicht mehr oder kaum noch existiert.306 Der Wunsch nach
einer „perfekten“ Strandidylle kann meist nur noch durch zeitaufwendige und
teure Fernreisen befriedigt werden. Daher kommen die nahegelegenen
Parks, die auch durch einen kurzen Wochenendtrip erreichbar sind, den
Besuchern gerade recht. Daß sich ihnen hier eine fiktive Welt darbietet, die
mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat, nehmen sie gern in Kauf. Die
steigenden Besucherzahlen belegen dies deutlich.
Die nachfolgend aufgeführten und in Bezug auf ihr Verhältnis zu Technik-
museen analysierten Themeparks wurden aus folgenden Gründen als Bei-
spiele ausgesucht: Zum einen bilden sie einen Querschnitt aus den gegen-
wärtig existierenden Themeparks, und zum anderen bieten sie einen Über-
blick über deren historische Entwicklung. Disneyland ist dabei sicherlich das
älteste und bekannteste Beispiel, während die Virtual Reality-Themeparks
gegenwärtig den Höhepunkt der Entwicklung darstellen. Beim Real World-
Park und beim Swarowski-Park handelt es sich um Künstlerparks mit einem
entsprechend künstlerischen Anspruch im Hinblick auf die Gestaltung und
Intentionen. Der Swarowski-Park ist insofern noch eine Besonderheit, weil er
gleichzeitig den Kristallglashersteller Swarowski repräsentiert und auf Kun-
dengewinnung und -bindung ausgelegt ist.
4.1.1 Das Beispiel Disneyland
Eine Sonderform des Themeparks ist Disneyland, da das Disneyland-Konzept
weit über das Konzept eines herkömmlichen Themeparks hinausgeht. Die
Walt Disney Company hat Freizeitparks in Kalifornien, Florida, Tokio und
Paris errichtet, die nach unterschiedlichen kommerziellen Geschäftsmodellen
betrieben werden – von Franchising-Modellen bis hin zu eigenständigen
306 Von Musealisierung kann hier deshalb gesprochen werden, weil die Themeparks
bestimmte Objekte in ähnlicher Weise behandeln wie authentische original Objekte im
Museum: „Und doch entstand[en] die Kopie von [...] Disneyland mit der Intention,
musealisiert zu werden, bzw. mehr oder weniger in gleicher Weise behandelt zu werden,
wie ‚historische Original-Objekte‘. In: Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und
Musealisierung, a.a.O., S. 86.
– 122 –
Gründungen mit Co-Investoren.307 Die Hauptattraktionen in den Disneyland-
Arealen bilden zweifellos die Themeparks. In ihnen werden die Filme und
Comic Strips
aus den Walt Disney Studios zu dreidimensionalen erfahrbaren
Erlebniswelten:
Die Inszenierung der Einzelthemen wird konsequent und bis ins Detail durch-
geführt. Abgestimmte Architektur, im Design und in der Umsetzung
angepaßte Fahrgeschäfte, kostümierte Mitarbeiter, passende Show- und
Veranstaltungsprogramme sowie thematisch glaubhafte Merchandisingsorti-
mente in den Themenzonen inszenieren ein schlüssiges und stimmiges
Erlebnis. Die Themenabgrenzung bezieht sich auf einen bestimmten ge-
meinsamen historischen, kulturellen oder geographischen Hintergrund.308
Es wird also nur das gezeigt, was die Besucher bereits kennen. Es findet
keine Irritation der Besucher statt; lediglich das in den Köpfen bereits gefe-
stigte Bild der Walt Disney-Welt wird dem Besucher präsentiert. Euro Disney
bei Paris präsentiert innerhalb des Themenparks vier verschiedene Themen-
bereiche: Fantasyland mit Märchenthemen, Frontier- und Adventureland,
Discoveryland und Main Street. Die sogenannte
Main Street
muß beim Eintritt
und beim Verlassen des Themeparks von allen Besuchern durchschritten
werden. Dies hat eindeutig profitorientierte Gründe:
Der Gast lernt bereits zu Beginn seines Anlagenbesuches das Einzelhandels-
angebot kennen und stellt vor diesem Wissensstand den Souvenirkauf zurück,
um sich nicht während seines Besuches mit diesen Waren zu belasten. Zum
Ende seines Besuches und vor Antritt der Rückreise wird er dann erneut mit
dem Shopangebot konfrontiert und deckt sich vor Verlassen des Parks noch
mit den [...] Souvenirs ein.309
Die Musealisierung der Vergangenheit wird in den einzelnen Themeparks mit
der neuesten Technik perfekt inszeniert. Die Besucher bewegen sich im
Schnelldurchlauf durch die amerikanische und/oder europäische Geschichte.
Die
Main Street
, einer amerikanischen Kleinstadt um die Jahrhundertwende
nachempfunden, führt direkt auf das dem Schloß Neuschwanstein nach-
empfundenen Dornröschenschloß zu. Dieser Historienmix ist alles andere als
der Versuch, Geschichte darzustellen wie etwa im Museum. Vielmehr sollen
307 Carl-Otto Wenzel / Jochen Franck: Euro Disney und Mall of America. In: Wolfgang Isen-
berg (Hg.): Kathedralen der Freizeitgesellschaft, a.a.O., S. 100.
308 Ebd., S. 79.
309 Ebd., S. 81.
– 123 –
die Besucher die Szenarien und Lebenswelten, die ihnen bereits aus zahlrei-
chen Filmen und aus der Literatur vertraut sind, wiedererkennen und drei-
dimensional erleben. Nach Ansicht der Betreiber sollen Brüche zwischen der
vorgefestigten Vorstellungswelt und der hier erfahrenen Erlebniswelt auf alle
Fälle vermieden werden:
Stimmen vorgebrachtes Erlebnisbild und erfahrenes Erlebnisbild der Freizeit-
Themenumsetzung nicht überein, kommt es zu kognitiven Dissonanzen hin-
sichtlich des Besuchserlebnisses. Erfolgsvoraussetzungen für die Themen-
umsetzung sind daher die Erforschung der exakten Erlebnisvorstellungen, die
mit den angedachten Themen verbunden sind [...]. Nichts ist zum Beispiel
enttäuschender als ein gallisches Dorf im Parc Asterix bei Paris, das nicht
einmal annähernd den Vorstellungsbildern der Comicwelt entspricht.310
Der Historienmix im Disneyland Paris steht für vergangene kulturelle Origi-
nale. Ein Ensemble, so Großklaus,
[...] soll Täuschungscharakter haben: wenn möglich soll der Besucher zu-
mindest für Augenblicke die Illusion haben, als ob er sich in dem jeweils
fremden fernen Kulturraum befindet. Zumindest soll er die Detailgenauigkeit
der Nachahmung ästhetisch genießen – wie vermittelt auch immer der Ver-
gleich mit dem vielleicht nie gesehenen Original aussehen mag.311
Die Besucher durchschreiten während ihres Besuches nicht nur vergangene
Kulturräume, sondern gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft –
durchsetzt mit phantastischen Elementen:
Das Märchenhaft-Phantastische der Disneyfilme materialisiert sich: das Fiktive
konkretisiert sich, das Konkret-Historische dagegen erscheint extrem
fiktionalisiert. [...] Ein perfektes ‚Code-Mixing‘[...], die Generierung des
Phantastischen aus dem Geist des abendländisch-narrativen und architekto-
nischen Erbes und des amerikanischen Zeichentricks.312
Anders als in Museen sucht der Besucher in Disneyland keine Aufklärung,
auch wenn unterhaltsame Ansätze dazu vorhanden sind. Im
Visionarium
bei-
spielsweise – ein aus neun Leinwänden bestehendes 360-Grad-Kino im
Disneyland Paris – begibt sich der Besucher auf eine Zeitreise, während der
er „Persönlichkeiten, Erfindungen und Landschaften von Frankreich und
310 Ebd., S. 83.
311 Götz Großklaus: Natur – Raum. Von der Utopie zur Simulation, a.a.O., S. 184.
312 Ebd., S. 180f.
– 124 –
Europa begegnet“313. Disneyland soll seinen Besuchern ausschließlich Unter-
haltung, Zerstreuung und Ablenkung vom Alltag bieten. So wird den Besu-
chern in Disneyland ein verzerrtes und künstliches Bild von Amerika und Eu-
ropa präsentiert, das es so nie gegeben hat. Sieht man hinter die Kulissen,
erkennt man die wichtigste Funktion des Parks: auf unterhaltsame Art zu
maximalem Konsum anzuregen.314 Die Besucher scheinen der fiktiven Welt
einen weitaus höheren Erlebniswert zuzuschreiben als der wirklichen Welt.
Die Mischung aus Urlaub, Kirmes und Konsum wird von den Besuchern als
„Quintessenz der Konsumideologie“315 dankbar angenommen.
Der französische Philosoph Jean Baudrillard, der sich ebenfalls mit der Muse-
alisierung als einem der Informationsgesellschaft immanentes Phänomen
beschäftigt hat, erläutert am Beispiel Disneyland den für sein Denken zentra-
len Begriff der Simulation316. Für ihn geht Disneyland über das Phänomen
Musealisierung hinaus, für ihn ist Disneyland Hyperrealität:
Es ist dazu da, das ‚reale Amerika‘, welches sich außerhalb von Disneyland
befindet und laut Baudrillard selbst ein Disneyland ist, in seiner Pseudorealität
zu bestätigen. Es wird als Imaginäres hergestellt, um den Anschein aufrecht
zu erhalten, alles übrige sei real.317
So ist Disneyland mehr als ein Musealisierungsversuch. In Disneyland wird
die Wirklichkeit durch Technik perfekter und wirklicher nachgebildet. Ein alter
Raddampfer wird von den Besuchern nicht als Objekt der Vergangenheit
betrachtet, das etwas über die vergangene Zeit berichten soll, sondern er
wird lediglich nach seinem Erlebnis- und Vergnügungswert für die Gegenwart
bewertet. Und je höher der Einsatz der Technik, um so größer das Vergnü-
gen. Wo tauchen schon auf Kommando Krokodile am Flußufer auf, wo führen
313 Siehe dazu den Aufsatz von Carl-Otto Wenzel / Jochen Franck: Euro Disney und Mall of
America. In: Wolfgang Isenberg (Hg.): Kathedralen der Freizeitgesellschaft, a.a.O.,
S. 94.
314 Götz Großklaus: Natur-Raum. Von der Utopie zur Simulation, a.a.O., S. 180.
315 Umberto Eco: Über Gott und die Welt. München 1987, S. 82.
316 Jean Baudrillard: Agonie des Realen. Berlin 1978, S. 25. Baudrillard sieht „das Reale [...]
im Todeskampf, es droht mehr und mehr zu verschwinden. An seine Stelle schieben sich
die Simulation und das Hyperreale“. Für Baudrillard ist der Begriff Simulation eine
Bezeichnung für „die Substituierung eines Realen durch Zeichen des Realen“. Ebd., S. 9.
317 Eva Sturm: Konservierte Welt. Museum und Musealisierung, a.a.O., S. 81.
– 125 –
Piraten ein Spektakel auf, ohne die Besucher zu gefährden? Nur Disneyland
läßt derartige Höhepunkte zur Realität werden. Der Besucher bleibt dabei
fast immer in der Rolle des passiven Konsumenten. Fragen können nicht
gestellt werden, und der Besucher hat keine Möglichkeit, in das Geschehen
einzugreifen. Die vorgegebenen Spielregeln und Grenzen müssen eingehal-
ten werden. Absperrgitter und langes Anstehen vor den Attraktionen sind
Unannehmlichkeiten, die gern in Kauf genommen werden, um „ganz Anteil
[zu] haben am Reich der Hyperrealität“318. Der Besucher „sucht nicht unbe-
dingt physische Erholung, sondern, bewußt oder unbewußt, Erlebniswelten
und schrille Unterhaltung in der Masse, wobei Streß gesucht, ja in Kauf
genommen wird“319. Disneyland bietet diese Erfüllung in einem „mimetisch-
illusionistischen Objektraum“320. Es ermöglicht den Besuchern einen kurzwei-
ligen Rückzug aus dem Alltag und „kompensiert das Leiden an der Zivilisa-
tion“321.
Neben den hier beschriebenen klassischen Themeparks der ersten Genera-
tion – wie Disneyland – gibt es inzwischen neue Varianten, die ihre Besucher
mit noch mehr Technikeinsatz und Erlebnisorientierung anlocken wollen.
4.1.2 Virtual Reality-Parks
Die Freizeitindustrie setzt in Zukunft vermehrt auf sogenannte Virtual Reality-
Technologie. Darunter versteht man „Hard- und Softwaresysteme, die Wahr-
nehmungen aus der physikalischen Welt nachahmen sollen. Definieren läßt
sich der Freizeitspaß der Zukunft folgendermaßen:
LBE, Location Based Entertainment oder standortgebundene Unterhaltung.
Die Abkürzung LBE umschreibt alle Unterhaltungserfahrungen auf der Basis
der neuesten Medientechnologien, die der Anwender nur außerhalb der
eigenen vier Wände machen kann. LBE bezeichnet einen Ort, eine Art Zen-
trum oder häufiger noch einen Gebäudekomplex, in dem die Zukunftstech-
318 Umberto Eco: Über Gott und die Welt, a.a.O., S. 87.
319 Jürgen Krönig: Überflutete Reize. In: Die Zeit. Nr. 33. 1990, S. 43.
320 Hans-Peter Schwarz: Diskurs I. MedienMuseen. In: Hans-Peter Schwarz (Hg.): Medien.
Kunst. Geschichte, a.a.O., S. 34.
321 Jürgen Hasse: Das künstliche Paradies. In: Wolfgang Isenberg (Hg.): Kathedralen der
Freizeitgesellschaft, a.a.O., S. 171.
– 126 –
nologie zur Schau steht, eine künstliche Erlebniswelt zum Eintauchen ein-
lädt.322
Diese sich gegenwärtig verbreitenden interaktiven Unterhaltungssysteme
basieren allesamt auf digitalen elektronischen Technologien. Hier ist auch der
Unterschied zu den Themeparks der ersten Stunde – wie zum Beispiel
Disneyland – zu sehen: während der Besucher in Disneyland die angebote-
nen Attraktionen fast immer ausschließlich passiv nutzen kann, wird er in den
Parks der neuen Generation zur Interaktion mit der Maschine und anderen
Spielern aufgefordert. Der Besucher soll als Spieler durch seine eigene
Aktivität in eine andere, künstliche Welt versetzt werden. Allerdings besitzt
der Begriff der Aktivität nur begrenzt Gültigkeit. Aktivität gilt hier nicht im
Sinne von wirklicher räumlicher Mobilität, sondern gemeint ist die geistige –
virtuelle – Mobilität:
Die Möglichkeiten, die man schon dem Massenmedium Fernsehen nachsagte,
bei fast vollständiger realer Immobilität eine absolute geistige Mobilität zu
erreichen, treffen auch auf VR zu. So gelangt man beispielsweise in einem
virtuellen Gebäude durch die Bewegung des Fingers in den ersten Stock, oder
man kann Molekülmodelle durchfliegen.323
Diese Form der geistigen Mobilität gilt nur begrenzt, die Grenzen des Spiels
sind durch die Software und die gespeicherten Daten vorgegeben. Nur was
innerhalb der technischen Möglichkeiten für das Spiel umgesetzt wurde, kann
vom Benutzer auch ausgelotet werden.
Virtual Reality-Unterhaltung wird inzwischen auch von vielen Technikmuseen
angeboten, wie zum Beispiel vom HNF in Paderborn. Das dort eingerichtete
Softwaretheater
bietet unterschiedliche Programme an, die den Besuchern
eine Reise in den
Cyberspace
ermöglichen, wie zum Beispiel als Besucher
einer virtuellen Fahrradfabrik. Ursprünglich waren virtuelle Fabrikanlagen zur
Optimierung von betriebswirtschaftlichen Prozessen entwickelt worden:
Die Erlebnisgeneratoren: Mit Virtual-Reality-Technologie, so hieß es bislang,
werden Fabriken und Hersteller effizienter und intelligenter arbeiten und
322 Diego Montefusco: Die Erlebnis-Generatoren. In: Screen Multimedia. Heft 7. 1995,
S. 18ff.
323 Erik Eichhorn: Virtuelle Realität. Medientechnologie der Zukunft? In: Stefan Bollmann
(Hg.): Kursbuch Neue Medien, a.a.O., S. 208.
– 127 –
produzieren können. Jetzt steigt die Unterhaltungsindustrie in das Geschäft
ein, um simulierte Erlebniswelten als Freizeitvergnügen anzubieten.324
Im HNF wird der Besuch in der virtuellen Fahrradfabrik sowohl zur Darstel-
lung der Arbeitsweise eines Unternehmens gezeigt als auch zur Unterhal-
tung. Die
Cyberbikes AG
wurde entwickelt für die
[...] Simulation typischer Vorgänge in einem modernen Industrieunternehmen.
Sie weist ganz neue Perspektiven auf für die betriebliche Schulung und für die
Entwicklung und Erprobung neuer Arbeitsabläufe.325
Will sich das Technikmuseum vom reinen Unterhaltungspark abgrenzen, muß
es über die bloße Darstellung der gegenwärtigen Möglichkeiten der VR-Tech-
nologie hinausgehen. So sollte das HNF auch die historische Entwicklung der
VR-Technologie vermitteln. In diesem Zusammenhang wäre es zum Beispiel
sinnvoll, auf die historische Entwicklung des Begriffs Cyberspace einzugehen.
Der Begriff wurde in den achtziger Jahren von dem amerikanischen Autor
William Gibson326 erstmals verwendet, und zwar zunächst als Synonym für
Virtual Reality. In den neunziger Jahren wurde – durch das Aufkommen des
World Wide Web – der Begriff Cyberspace auch häufig mit dem multi-
medialem Teils des Internet gleichgesetzt. Nach Ansicht des Amerikaners
Benjamin Wolley ist der Cyberspace in drei Etappen entstanden: Der
Besiedlung des amerikanischen Westens, der Raumfahrt und dem damit ver-
bundenen Wunsch nach Besiedlung von Lebensräumen außerhalb der Erde
und als letzte Etappe die Erschließung des virtuellen Raumes. Der Amerika-
ner John Perry Barlow spricht auch vom Cyberspace als Raum hinter einer
„Grenze“327, die durch die VR-Technologie überschritten wird. Diese Ansicht
vertritt auch Bolz:
Nach dem astronautischen Makrokosmos faszinieren uns heute der nano-
technische Mikrokosmos und die vielen möglichen Welten. Nach dem
324 Diego Montefusco: Die Erlebnis-Generatoren. In: Screen Multimedia. Heft 7, a.a.O.,
S. 18ff.
325 In: Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forums. Berlin o.J., S. 84.
326 William Gibson: Neuromancer. München (Deutsche Ausgabe) 1984.
327 Zitiert nach Stefan Bollmann: Einführung in den Cyberspace. In: Stefan Bollmann (Hg.):
Kursbuch Neue Medien, a.a.O., S. 163ff.
– 128 –
bescheidenen und eigentlich gescheiterten Vorstoß zum Unendlichen des
Weltraums wird jetzt der virtuelle Raum erobert.328
Das Technikmuseum sollte diese unterschiedlichen Vorstellungsinhalte der
Begriffe
Cyberspace
und
Virtual Reality
thematisieren und den Besuchern
verdeutlichen. Dem Anspruch, eine Bildungsinstitution zu sein, kann das
Museum nur gerecht werden, wenn es die Wege, die zur heutigen Entwick-
lung geführt haben, aufzeigt. Nur das Wissen um die unterschiedlichen
historischen Stränge, die zur heutigen VR-Technologie geführt haben, er-
möglichen dem Besucher einen kritischen Blick auf diese neue Technik mit
ihren vielfältigen Einsatzgebieten. Ohne die Vermittlung dieses Wissens wäre
auch das Museum nichts weiter als ein unterhaltsamer Freizeitpark. Ein
Technikmuseum sollte, anders als ein Freizeitpark, nicht nur Objekte musea-
lisieren, sondern diese immer auch in einem möglichst breiten Kontext
thematisieren.
Der besondere Reiz der Virtuellen Realität liegt in der Mischung aus media-
lem und sinnlichem Erlebnis. Durch ein Zusammenspiel der verschiedenen
Techniken, durch bestimmte Hardware und Software werden dem VR-Benut-
zer Interaktionen ermöglicht. Im Kursbuch „Neue Medien“ beschreibt Erik
Eichhorn ausführlich die erforderliche Technik für einen Ausflug in den
Cyberspace.329
Kritik am Einsatz von VR-Systemen kommt von verschiedenen Seiten. Zum
einen, so Erik Eichhorn, „steckt VR doch erst in den Kinderschuhen“.330
Bemängelt wird vor allem die noch relativ schlechte Bildqualität der Simulati-
onswelten, die die Qualität eines Fotos längst nicht erreicht. Aber auch die
Herausbildung eines schädlichen Sozialverhaltens wird bei der Virtual Reality
bemängelt:
Ein störender Aspekt von LBE-Konzepten und zugleich eines der größten
Probleme für die Betreiber ist, daß kaum ein Entwickler das alte Strickmuster
328 Norbert Bolz: Inszenierte Welt. In: Michael Fehr / Clemens Krümmel / Markus Müller
(Hg.): Platons Höhle. Das Museum und die elektronischen Medien, a.a.O., S. 163.
329 Erik Eichhorn: Einführung in den Cyberspace. In: Stefan Bollmann (Hg.): Kursbuch Neue
Medien, a.a.O., S. 205ff.
330 Ebd., S. 219.
– 129 –
des „Ballerspiel“-Erlebnisses hinter sich gelassen hat, das fast ausschließlich
auf männliche Jugendliche einen Reiz ausübt.331
Dieser Kritikpunkt, daß die Virtuelle Realität reine Unterhaltung ohne jegli-
chen pädagogischen Gehalt sei, trifft auf viele VR-Freizeitparks zu. Pädago-
gischer Gehalt bedeutet jedoch, daß Technikmuseen – im Gegensatz zu den
Freizeitparks – die VR-Technologie auch als ein Medium präsentieren sollten,
das den Besuchern neue Wahrnehmungsformen ermöglicht:
Ähnlich wie die moderne Kunst die Erwartung an das herkömmliche Bild
dekonstruiert hat, ließe sich vorstellen, daß mit den virtuellen Welten die
eintrainierten Erwartungen eines Beobachters an die Situation in einer Umwelt
oder überhaupt Realität dekonstruiert werden könnten, weil wir uns hier nicht
nur in andere Welten, sondern auch in andere Körper und Menschen
versetzen könnten, die von anderen Menschen nur in der gewählten virtuellen
Identität erkannt werden können.332
Ein weiterer Nachteil der VR-Systeme liegt in den hohen Kosten für Hard-
und Software. Nur eine kurze Spieldauer bei hohem finanziellem Einsatz
garantiert eine schnelle Amortisierung und einen schnellen Profit. Auf eine
differenzierte zeitaufwendige Thematisierung von Inhalten – wie sie im
Technikmuseum erforderlich ist – wird hier verzichtet. Wie in den Freizeit-
parks der ersten Generation wird der Gewinn durch den Verkauf von Speisen
und Getränken noch zu steigern versucht.
Wie die Freizeitparks der Zukunft aussehen könnten soll hier anhand von
zwei besonders innovativen Beispielen dargestellt werden. In den
Virtual
World Centers
der amerikanischen Unternehmensgruppe Virtual World
Entertainment empfängt den Besucher ein Interieur, das zwischen Jules-
Verne-Geschichten und Science Fiction-Abenteuern pendelt.333 Die Spieler
haben die Möglichkeit, zwischen zwei VR-Systemen zu wählen. Beide Spiel-
geräte führen den Akteur auf fremde Planeten, wo er gegen Roboter
kämpfen oder an einem tödlichen Rennen teilnehmen muß. Ein Spiel dauert
331 Diego Montefusco: Die Erlebnis-Generatoren. In: Screen Multimedia. Heft 7, a.a.O.,
S. 25.
332 Florian Rötzer: Bilder in Welten. Oder: Vom Bild zur virtuellen Welt. In: Michael Fehr /
Clemens Krümmel / Markus Müller (Hg.): Platons Höhle. Das Museum und die
elektronischen Medien, a.a.O., S. 73.
– 130 –
25 Minuten, wovon der Spieler aber nur zehn Minuten wirklich spielt: „In der
verbleibenden Zeit läßt er sich in die Mission einführen und stellt sich der
Manöverkritik nach jeder Runde.“334
Der Park
Joypolis
in der japanischen Großstadt Yokohama verfügt über sie-
ben VR-Systeme, deren Themen von Zeit zu Zeit variieren. Um den Gewinn
zu steigern, hat der Betreiber – der Spielehersteller Sega – neben den VR-
Maschinen auch einfache Videospiele installiert. Außerdem wurden zahlreiche
Cafés, Schnellrestaurants und Läden in Joypolis errichtet.
Während in Joypolis Unterhaltung und Konsum an erster Stelle stehen,
haben die Virtual World Center noch den Anspruch der Bildung, der aber nur
eine untergeordnete Rolle spielt.335 Hauptsächlich geht es auch den Betrei-
bern der neuen Themeparks um einen maximalen Gewinn.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Themeparks, und zukünftig vor
allem die VR-Parks, eine für die Freizeitgestaltung immer bedeutendere Rolle
spielen werden. Die Art und Weise der Musealisierung in Themeparks hat
sich von den ersten Themeparks wie Disneyland bis hin zu den VR-Parks
stark verändert. Im Vordergrund der Musealisierung steht nicht mehr die
Reproduktion realer Objekte, wie beispielsweise Schloß Neuschwanstein in
Disneyland, sondern die Simulation neuer Cyber-Welten. Und im Gegensatz
zu den Themeparks der ersten Generation, die sich den Besucher als einen
passiven Konsumenten wünschten, wird in den neuen VR-Themeparks ver-
stärkt auf Interaktivität gesetzt.
4.1.3 Der geplante Real World-Park und der Swarowski-Themepark
Eine ganz andere Vorstellung von einem Themepark hat dagegen der briti-
sche Musiker Peter Gabriel. Als Künstler und Musiker hat er einen weitaus
höheren Anspruch an einen Park als die Betreiber der oben beschriebenen
333 Diego Montefusco: Die Erlebnis-Generatoren. In: Screen Multimedia. Heft 7, a.a.O.,
S. 20.
334 Ebd., S. 20.
335 Ebd., S. 24f.
– 131 –
Parks. Der geplante
Real World Park
soll Besuchern die Möglichkeit geben,
Töne und Bilder dreidimensional zu erfahren. Künstler und Musiker sollen in
einer Umgebung, die sich architektonisch in die Landschaft einfügt, ihre
künstlerischen Vorstellungen verwirklichen können. Hierzu ist eine große Zahl
von Treffpunkten innerhalb des Parks geplant: von kleinen Cafés bis zu
großen elektronischen Theatern mit neuester Technik: Einschienenbahn,
Fernseh- und Rundfunksender, Restaurants, Wald mit sprechenden Bäumen
bis hin zu einem
Quiet Club
336, einer Diskothek, in der die Tänzer mit ihren
Füßen Bilder beeinflussen könnten.337 Die Entwicklung des Projekts wird
auch im World Wide Web dokumentiert.338
Während der Park von Peter Gabriel bislang noch im Planungsstadium ist, ist
eine andere Touristenattraktion bereits realisiert worden, die jedoch auch nur
bedingt mit den herkömmlichen Themeparks verglichen werden kann. Es
handelt sich um „eine multimediale, größtenteils unterirdisch angelegte
Kristallwelt“339 des Kristallglas-Fabrikanten Swarowski in Wattens, Tirol. Der
Künstler Andre Heller hat zusammen mit anderen Künstlern, unter ihnen
auch der amerikanische Avantgarde-Musiker Brian Eno, der auch bei der
Errichtung des Real World-Parks mitarbeitet, „Welten aus geschliffenem
Kristall“340 inszeniert. Der Unterschied zu Themeparks wie beispielsweise
Disneyland liegt darin, daß hier das Unternehmen Swarowski seine Produkt-
palette präsentiert. Mit einem finanziellen Aufwand von rund 20 Millionen
Mark wird die „Corporate Identity des Kristallunternehmens um eine
Emo-
tional Identity
erweitert“341. Von Oktober 1995 bis März 1996 haben bereits
336 Der Künstler Brian Eno hat die Idee des Quiet Clubs schon an anderer Stelle erfolgreich
umgesetzt. Für eine Museumsinstallation der Firma Swarowski hat er einen Quiet Club
entworfen: „Ich habe sie so entworfen, daß ich Bilder und Musik einfach verändern und
sich damit dann der Raum mit der Zeit entwickeln kann.“ In: Screen Multimedia. Heft 3.
1996, S. 42ff.
337 Laurie Anderson: Real World. In: Stefan Bollmann (Hg.): Kursbuch Neue Medien, a.a.O.,
S. 360ff.
338 Unter der Adresse
http://www.voyagerco.com/LA/theme/tpark.html
können sich Inter-
essierte über das Projekt informieren und auch selber ihre Meinung dazu äußern.
339 Screen Multimedia. Heft 3. 1996, S. 42ff.
340 Ebd.
341 Ebd.
– 132 –
über 100.000 Besucher den
Kristallpalast
besucht – weit mehr, als viele
Museen in einem Jahr an Besuchern aufzuweisen haben342.
Die Besucher können sich einen Überblick über das Angebot der Firma Swa-
rowski zum einen über ein Info-Terminal verschaffen und zum anderen auch
im „Shop“ selbst Objekte aus Kristallglas erwerben. In einem Medienzentrum
finden wechselnde Ausstellungen statt, die sich mit dem Thema Kristall aus-
einandersetzen. Die bereits weiter oben beschriebene Idee des Quiet Clubs
wurde hier bereits verwirklicht. Brian Eno: „Ich habe sie [die Diskothek, die
Verfasserin] so entworfen, daß ich Bilder und Musik einfach verändern [kann,
d. V.] und sich damit dann der Raum mit der Zeit entwickeln kann.“343
Der Unterschied zwischen einem künstlerischen Park wie dem Real World-
Park und den Erlebnis- und Freizeitparks wie beispielsweise Disneyland ist
frappierend. Während in Disneyland von den Besuchern eine vorwiegend
passive Haltung erwartet wird, geht es den Erbauern des Real World-Parks
um die aktive Beteiligung der Besucher. Und während konventionelle
Themeparks – von Disneyland bis zum Swarowski-Park – nicht den Anspruch
erheben, eine Bildungsinstitution zu sein, sondern lediglich Vergnügen und
Erlebnis versprechen, geht es in „Real World“ um die Förderung der Phanta-
sie und Kreativität der Besucher:
Die Kunst in der Medienrevolution hat individuelle Erfindung nicht aufgegeben,
sieht diese allerdings in einem Prozeß der Kommunikation mit anderen
Teilnehmern. Das macht ihre Stärke aus. Sie kumuliert Imagination und
Energie. Sie praktiziert Teilnahme, die von anderen Medien verweigert wird.
Die kreative, soziale und politische „Architektur der Kommunikation“ wird
durch die Kunst vorangetrieben.344
Der Umgang mit Kunst und Musik soll einen Kontrast zum Alltag der Besu-
cher bilden.
342 Das HNF in Paderborn hat von der Stiftung Westfalen den Auftrag bekommen, 1998
ebenfalls 100.000 Besucher anzuziehen.
343 Screen Multimedia. Heft 3. 1996, S. 42ff.
344 Jürgen Claus: Die Kunst in der Medienrevolution. In: Stefan Bollmann (Hg.): Kursbuch
Neue Medien, a.a.O., S. 337.
– 133 –
4.2 Gemeinsamkeiten der Themeparks
Die beschriebenen Themeparks – von Disneyland über Virtual Reality-Parks
bis hin zu Künstler-Parks wie Real World – weisen eine Reihe von Gemein-
samkeiten auf:
• Die Besucher sollen für eine gewisse Zeit den Alltag vergessen, indem sie
in eine fiktive Welt eintauchen und ganz in der Simulation der Erlebnis-
welten aufgehen. Der Begriff der Immersion spielt hier eine entschei-
dende Rolle: „Der uralte Traum vom zeitweisen Rückzug aus der Realität,
die Immersion in eine andere Welt mit berechenbaren Abenteuern wird
mit dem Aufkommen virtueller Realität möglich.“345 Ergänzend dazu kann
gesagt werden, daß auch die Themeparks der ersten Generation die
Immersion in fremde Welten ermöglichen.
• Die Themeparks der ersten, zweiten und dritten Generation stellen einen
bedeutenden Wirtschaftsfaktor für die Betreiber dar. In den Themeparks
vom Typ Disneyland und in den VR-Parks soll das Publikum in erster Linie
zum Konsum angeregt werden. Die Künstlerparks bilden hier – zumindest
von ihrem Anspruch her – eine Ausnahme. Durch besondere Leitsysteme
wird der Besucher automatisch an möglichst vielen Shops, Restaurants
etc. entlanggeführt. Die einzelnen Attraktionen sind so angeordnet, daß
auch bei einem hohen Besucheraufkommen möglichst keine langen
Wartezeiten für die Besucher entstehen.
• Die beiden erstgenannten Gemeinsamkeiten sind gekoppelt mit dem
Unterhaltungsfaktor. Erst eine möglichst hohe Attraktivität der einzelnen
Parks lockt das Publikum an. Das heißt, es muß sich auch für das Publi-
kum rechnen. Dabei können schon Kleinigkeiten zu Unstimmigkeiten
führen und das Publikum von einem Besuch fernhalten. Disneyland Paris
hat, bedingt durch Fehlentwicklungen, die zu Besuchereinbußen führten,
das Geschäftsjahr 1992/93 mit einem Verlust von 156 Millionen DM
345 Erik Eichhorn: Virtuelle Realität. Medientechnologie der Zukunft. In: Stefan Bollmann
(Hg.): Kursbuch Neue Medien, a.a.O., S. 208.
– 134 –
abgeschlossen. Die angestrebte tägliche Besucherkapazität liegt bei
70.000. Tatsächlich besuchten in den ersten 18 Monaten aber nur 17
Millionen Besucher den Park, was einer täglichen Besucherzahl von circa
31.000 entspricht.346
Diese Daten geben Aufschluß über das Verhältnis der Besucherzahlen von
Themeparks zu Museen. Das HNF hatte beispielsweise 1998 112.444 Besu-
cher. Es konnte gezeigt werden, daß die Museen die Besuchszahlen der
Themeparks auch durch immensen Werbe- und Marketing-Aufwand nicht
erreichen können.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Themeparks für ein Millionenpu-
blikum einen hohen Unterhaltungswert besitzen. Diese künstlichen Traum-
welten werden in Zukunft immer mehr Urlaubsreisende anziehen, die bisher
zu Kurztrips und längeren Reisen aufbrachen. Daß die natürliche Umwelt als
Urlaubsziel immer unattraktiver wird und die Besucher den künstlichen Frei-
zeitparks den Vorzug geben347, liegt an den vielen Attraktionen und den All-
in-One-Angeboten: die perfekt inszenierte Welt, in der man den Alltag ver-
gessen kann. Diese Freizeitparks ziehen auch deshalb ein Millionenpublikum
an, weil sie eine Erlebniswelt zum Anfassen bieten:
Die Einbeziehung sinnlichen Erlebens unterscheidet freizeitkulturelle Veran-
staltungen wesentlich vom Angebot traditioneller Kultur- und Bildungsange-
bote. [...] Jeder zweite Besucher von freizeitkulturellen Veranstaltungen will
346 Carl-Otto Wenzel / Jochen Franck: Euro Disney und Mall of America. In: Wolfgang
Isenberg (Hg.): Kathedralen der Freizeitgesellschaft, a.a.O., S. 98. Siehe auch S. 107f.:
„Anfänglich zu hohe Preisgestaltung in Bezug auf die gebotene Leistung. Die Über-
schreitung absoluter Preisschwellen in den Segmenten Gastronomie und Einzelhandel
führte zu kognitiven Dissonanzen bei den Besuchern. [...] Mangel an einzigartigen Sen-
sationen, die noch nicht aus anderen Parks bekannt sind.“
347 Ein Beispiel: „Der Reiseleiter hat in seiner ergreifenden Rede den Reisenden prophezeit,
daß ihnen ‚die Würde und Majestät des Grand Canyon den Atem verschlagen werde‘.
Tatsächlich aber bleiben die meisten, obwohl erwartungsgeladen, angesichts der
unzähligen Touristen und Souvenirshops eher unerschüttert. Aber abends gibt es auf
einer 20-mal-35-Meter-Leinwand einen dreidimensionalen Film über den Grand Canyon,
wie er vor tausend und vor hundert Jahren war. Ohne Touristen, dafür mit Indianern
und Pfadfindern. Im Quadrosound tönen rauschende Stromschnellen und Vogelrufe
durch den Saal. Die Zuschauer rasen in sich wild überschlagenden Schlauchbooten durch
den Canyon und gleiten als sanfte Drachenflieger mit den Adlern durch die Schluchten.
Einigen wird schwindlig. Ein Kind schreit, Erwachsene stöhnen. Noch auf der Heimfahrt
brausen Beifallsstürme und ‚Super‘-Schreie durch den Bus.“ Zitiert nach Opaschowski:
Wir schaffen Glückseligkeit. Ebd., S. 33.
– 135 –
erst einmal unterhalten werden – und dies nicht allein, sondern unter vielen
Menschen, die man dort trifft.348
Gemeinschaftliches Erleben in Verbindung mit einer Vielzahl verschiedener
Sensationen kommt den Erwartungen der Themepark-Besucher in idealer
Weise entgegen. Der Erziehungswissenschaftler Horst Opaschowski kritisiert
diese Freizeitkultur als „Eintagsfliege zwischen Show- und Sensationseffekt,
flüchtigem Kitzel und kurzlebigem Spektakel ohne Folgen: Ein ephemeres,
also eintägiges, kurzlebiges und unverbindliches Ereignis“349.
Felizitas Romeiß-Stracke, Professorin für Tourismus- und Freizeitmanage-
ment, sieht dagegen die Möglichkeit, durch den Besuch künstlicher Erlebnis-
welten die Besucher auch längerfristig positiv zu beeinflussen. Ihr Statement
für die künstlichen Ferienparks klingt jedoch zu pathetisch und wenig über-
zeugend:
Viele Urlauber scheinen in den Kathedralen der Freizeitgesellschaft das
Paradies auf Erden zu suchen. Schönheit ist ein wesentlicher Bestandteil aller
Paradiesvorstellungen [...]. Hätten wir mehr solcher Inseln, selbst wenn sie
‚künstlich‘ wären, vielleicht könnten sie in der temporären Erfahrung von Liebe
und Frieden einen Funken in unseren Alltag tragen.350
Die Zukunft der Themeparks liegt aber nicht in den ruhigen künstlichen
Welten der ersten Generation wie den Center Parks; auch den Disneyland-
Themeparks wird nicht mehr die Bedeutung beigemessen, die sie noch in
den achtziger Jahren besaßen. Hans-Peter Schwarz, der die Museumskon-
zeption für das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM)
entwickelt hat, entwirft folgendes Szenario für künftige Themeparks:
Die japanischen Projekte in Oita (Harmonyland), Nagano, Senaij oder die
gigantische ‚Timemachine of Dreams‘ der Sanrio Company zeigen, was, den
bisher gültigen Marktgesetzen folgend auf uns zukommen wird; nicht mehr
die immer noch am herkömmlichen Rummelplatz orientierte Kinderwelt der
Disneylands, sondern hochtechnisierte Konstruktionen neuer Welten, in denen
das heute schon millionenfach verbreitete, hierzulande aber in seiner
348 Ebd., S. 21.
349 Ebd., S. 22.
350 Felizitas Romeiß-Stracke: Was haben Sie gegen künstliche Paradiese? Ebd., S. 182.
– 136 –
kulturellen Bedeutung noch immer unterschätzte Nintendo-Universum Realität
geworden ist.351
Während die Themepark-Konzepte – wie gezeigt werden konnte – fast
durchweg negativ beurteilt werden, sieht Großklaus in den Musealisie-
rungsphänomenen der Themeparks durchaus auch positive Aspekte. Dabei
bezieht er sich jedoch lediglich auf die Themeparks ohne VR-Technologie:
Diesen Musealisierungen kommt im Verlauf eines beschleunigten technolo-
gisch-zivilisatorischen Prozesses eine wichtige soziale Funktion zu. Die ima-
ginären Museen der Natur und der Geschichte schaffen beruhigte Gegenzonen
und ermöglichen einen psychosozialen Aufschub inmitten der unaufhaltsamen
Grundbewegung einer gänzlichen De-naturierung und Ent-historisierung der
Welt.352
4.3 Das Verhältnis von Themeparks und Museen
Die oben beschriebenen Beispiele belegen eindeutig den Trend zu multifunk-
tionalen Themeparks. Bildungseinrichtungen wie Museen stehen angesichts
der Themepark-Konkurrenz vor einem Dilemma. Wollen sich die Museum
angesichts schrumpfender Etats als attraktiver Freizeitort präsentieren, sind
gezielte Marketing-Maßnahmen, wie sie auch von den kommerziellen Theme-
parks durchgeführt werden, unerläßlich.
Zu solchen Marketing-Maßnahmen gehört zum Beispiel die Durchführung von
Ausstellungen und Veranstaltungen, die den Zeitgeist treffen und sich als
Publikumsmagnet erweisen. Die Erwartungen der potentiellen Besucher
sollten zwar eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Themen für derartige
Ausstellungen spielen, „aber der Besucher, das Besucherinteresse, kann auch
nicht das letzte Wort sein“353. Hier muß ein intensiver Vermittlungsprozeß
stattfinden zwischen den Besucherinteressen auf der einen und dem
Anspruch der Museen als Bildungsinstitution auf der anderen Seite. Um diese
beiden Gegensätze optimal in Einklang zu bringen, müssen innovative und
351 Hans-Peter Schwarz: Diskurs I: MedienMuseen. In: Hans-Peter Schwarz (Hg.): Medien.
Kunst. Geschichte, a.a.O., S. 34f.
352 Götz Großklaus: Medien-Zeit. Medien-Raum. Frankfurt am Main 1995, S. 101.
353 Dieter Kramer: Museen in der Prosperitätsgesellschaft. Plaisier und Anregungspotential
für zukunftsfähige Persönlichkeiten? In: Angelika Schmidt-Herwig / Gerhard Winter
(Hg.): Museumsarbeit und Kulturpolitik, a.a.O., S. 52.
– 137 –
zeitgemäße Konzepte erarbeitet werden. Eine Position, wie sie Schwarz ver-
tritt, die das klassische Museum heraufbeschwört, hilft dabei nicht weiter:
Lukrativ betriebene, private Abenteuerplätze, Kuriosenstätten und Disney-
farmen. Schade, daß im Zeitalter des Lebens aus zweiter Hand kapitalkräftige
„Macher“ Klein-Amerika in die klassische europäische Museumslandschaft
drängen und sie aufzuweichen drohen. Gäbe man der Tendenz weiter nach,
hätte man rasch anstelle des klassischen Museums skurrile Orte, die sich den
Begriff „Museum“ zwar angeeignet, ihn aber nicht verstanden haben. Museum
benutzt, ja abgenutzt als wohlfeile Allerweltsfloskel, als schlechte Imitation,
als Klischee und Attrappe.354
Eine Warnung an die heutigen Museumsverantwortlichen vor der vorbehalt-
losen Adaption dieser „distanzlosen Welt- und Geschichtssimulationen“355 ist
jedoch durchaus berechtigt, da die Themeparks
[...] mit ihrer raffinierten Mischung von medientechnischer Faszination,
erlebnisorientierter Präsentation und affirmativer Indoktrination ein An-
spruchsniveau erzeugen, dem mit den beschränkten Mitteln eines Museums
kaum nachzukommen ist.356
Das Museum sollte sich dieser Konkurrenz und diesem Anspruchsniveau mit
den ihm immanenten Besonderheiten und Vorteilen stellen. Von „beschränk-
ten Mitteln“ in der Museumsarbeit kann spätestens seit Beginn der siebziger
Jahre nicht mehr gesprochen werden. Durch den Einsatz neuer Methoden
und zusätzlicher Ressourcen – zunächst in den siebziger Jahren im Bereich
der Museumspädagogik, dann in den achtziger Jahren im Bereich der
Öffentlichkeitsarbeit – wurde die Museumsarbeit zunehmend ausgeweitet.
Die Themepark-Konzeption hat spätestens mit den Großausstellungen der
achtziger Jahre Einzug in die Museen gehalten. Als ausgesprochenes Kom-
merzspektakel kann so zum Beispiel die Ausstellung
Tutanchamun
gesehen
werden, die vom 21. Juni bis zum 19. Oktober 1980 im Kölnischen Stadtmu-
seum stattfand.
Zu sehen waren in der Ausstellung 55 Objekte aus dem Grab des Pharao-
nenkönigs Tutanchamun.357 Im Vordergrund standen hier nicht mehr Bildung
354 Hans-Peter Schwarz: Medien. Kunst. Geschichte, a.a.O., S. 34.
355 Ebd.
356 Ebd.
357 Siehe Katalog zur Ausstellung. Gesamtredaktion: Jürgen Settgast, Mainz 1980.
– 138 –
und Vermittlung, vielmehr sollte durch die hohe Zahl der Besucher – 1,3 Mil-
lionen sahen die Ausstellung – die Vorrangstellung der Stadt Köln vor kon-
kurrierenden Museumsstädten wie Berlin und München deutlich gemacht
werden. Die von Designern gestaltete Ausstellung358, für die ein hoher Wer-
beaufwand getrieben wurde und die nicht zuletzt dadurch auch in den Kultur-
kritiken der Feuilletons ein hohes Medienecho fand, brach alle Besuchs-
rekorde359.
Daß die Zahl der Besucher eine immer wichtigere Rolle für den – scheinbaren
– Erfolg einer Ausstellung spielt, belegen die vielen Großausstellungen seit
Beginn der achtziger Jahre. Großausstellungen wurden zu touristischen Mas-
senereignissen, wie zum Beispiel die Ausstellung zum hundertsten Todestag
von Vincent van Gogh, die 1990 in Amsterdam stattfand:
Der arme Vincent war schließlich nur noch in Erfolgsziffern erkennbar: Den
Millionen-Verkäufen seiner Blumenbilder, den astronomischen Summen der
Versicherungen für seine Gedächtnisschau, dem Zweistundentakt der Ein-
trittszulassungen [...]. Dem genervten Kunst-Touristen blieb schließlich das T-
Shirt mit dem Abziehbild der van Goghschen Boote auf der Vorderseite oder
die Postkarte, auf der Vincents Selbstportrait ein Walkman über die Ohren
gestülpt ist.360
Angesichts einer derartigen Kunstvermittlung wundert es nicht, daß eine
Werbeagentur, die sonst für den Erfolg von populären Künstlern sorgt, bei
der Planung und Konzeption der Ausstellung einen erheblichen Anteil
hatte.361
Die Rentabilität der Museen wird zunehmend wichtiger. Seit Beginn der
neunziger Jahre richtet sich das Augenmerk der Museumsdirektoren ver-
358 „Der Ausstellungsraum selbst ist hell erleuchtet, man geht auf sandfarbenem Teppich-
boden, die Wände sind himmelblau – Farben und Licht, wie sie das Licht Ägyptens
bestimmen. In: Museen der Stadt Köln (Hg.): Kunst in Köln. Nachrichten aus Museen
und Galerien. Juni 1080, 15. Jahrgang, Nr. 6. Tutanchamun in Köln.
359 Die Kölner Ausstellung hatte mehr Besucher zu verzeichnen, als die vierzig Ausstellun-
gen des Jahres 1980 in allen Kölner Museen zusammen. Christian Schmidt: König Tut.
In: Kölner Rundschau. 18. Oktober 1980.
360 Amine Haase: Wieviele Füße gehen ins Museum? In: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank
Günther Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.O., S.
151.
361 Ebd.
– 139 –
mehrt auf die Steigerung der Einnahme. 1994 stellte der Autor Jürgen Krönig
für die Londoner Museen fest:
Den unerbittlichen Gesetzen des Marktes folgend, haben sich viele von Lon-
dons großen Museen in profitorientierte Unternehmen verwandelt. Mehr und
mehr ähneln sie Warenhäusern mit ausgewachsenen Versandabteilungen.362
Ähnlich sieht es der Zeit-Feuilletonist Hanno Rauterberg, der unter dem Titel
„Friedhof der Kuschelkunst“ vor den Gefahren der Kommerzkultur im Muse-
um warnt: „Die einstige Erziehungsanstalt Museum hat sich in den letzten
dreißig Jahren aufgelöst [...]. Dem Museum droht die Verwandlung zum
Einrichtungshaus“.363
Der Begriff
Einrichtungshaus
impliziert deutlich den Begriff
Konsum
. Wie in
den Themeparks sollen die Besucher zum Konsum angeregt werden. In
Bremen wurde im März 1998 die erste deutsche Museumsmesse durchge-
führt. Rauterbergs Kritik richtet sich vornehmlich gegen das Billigsortiment,
das häufig im Rahmen ausgeklügelter
Merchandising
-Aktionen an die Besu-
cher gebracht werden soll. Durch das Sortiment der Museums-Shops würde
die Kunst zur Auflösung gebracht, so Rauterberg. Nicht mehr die Auseinan-
dersetzung mit den Originalen ziehe die Besucher an, sondern ein bloßes
Massenprodukt, das seine Anziehungskraft verloren habe.364 Eine ähnliche
Meinung vertritt auch der renommierte Museumsexperte Heiner Treinen, der
den Museumsbesuch als „kulturelles window-shopping“ bezeichnet. Kommer-
zielle Gesichtspunkte stellen den immer noch geltenden Bildungsauftrag der
Museen in den Schatten: „Hinter klassizistischen Fassaden hat Bildung gegen
362 Damit ist u.a. das Viktoria & Albert Museum in London gemeint: „Am altehrwürdigen
Viktoria & Albert Museum in London hat das neue Management unter der gelernten
Bibliothekarin Esteve-Coll die altgediente Belegschaft sogar bis zur Streikandrohung
gegen sich aufgebracht, weil, so wurde argumentiert, die Umorientierung auf Aus-
stellungen als Massenattraktion und die Erweiterung der Objektpräsentation um soziale
und politische Bezüge das traditionelle, kenntnisreiche, am Einzelobjekt interessierte
Stammpublikum abschrecke.“ Siegfried Mattl: Ausstellungen als Lektüre. In: Gottfried
Fliedl / Roswitha Muttenthaler / Herbert Posch (Hg.): Erzählen, Erinnern, Veranschau-
lichen. Klosterneuburg / Österreich 1992, S. 43.
363 Hanno Rauterberg: Friedhof der Kuschelkunst. Eine neue Messe präsentiert die Zukunft
des Museums – als Einrichtungshaus. In: Die Zeit. Nr. 14. 1998, S. 41f.
364 Ebd., S. 41.
– 140 –
Infotainment kaum noch eine Chance. Die Kommerzkultur triumphiert.“365
Museums-Marketing sollte nicht primär einer Steigerung der Besucherzahlen
und einer Umsatzmaximierung dienen. Dieser Auffassung schließt sich auch
Haase an:
Weiß man [...] ob die Vermittlung nur breiter oder auch besser geworden ist,
ob nur mehr Füße zur Kunst gehen oder ob auch die Köpfe etwas davon
haben? Man weiß immerhin, daß, wenn sich die Kultur den Gesetzen des
Marktes aussetzt, sie sich ihnen auch beugen muß. Das betrifft das Prinzip der
Konkurrenz ebenso wie das des Umsatzes, des Gewinns, der Werbung – kurz
die Regeln der Vermarktung mit all ihren Vor- und Nachteilen.366
Um dem Vordringen der Freizeitindustrie standhalten zu können, werden die
Museen in Zukunft vermehrt neue Wege gehen müssen. Eine Abschottung ist
angesichts der übermächtigen Konkurrenz anderer kultureller Freizeitein-
richtungen längst nicht mehr möglich – und auch nicht angebracht.
Es kann aber auch nicht der richtige Weg sein, durch geschickte Marketing-
und Werbemaßnahmen möglichst viele Besucher ins Museum zu locken, und
sie dann entweder im Rahmen einer schnellen Führung durch die Ausstellung
zu hetzen, oder aber sie weitgehend sich selbst zu überlassen.367
Um die Grenze zwischen sinnvoller Besucherorientierung und musealem
Disneyland zu ziehen, bedarf es von Seiten der Technikmuseen klarer
Zielsetzungen hinsichtlich ihrer Bildungsfunktion. Technikmuseen sollten sich
auch weiterhin in erster Linie als Bildungsinstitution darstellen.
365 Jürgen Krönig: Kaufen kommt von Kunst. Die amerikanische Themepark-Philosophie hält
Einzug in Londoner Museen und andere Kultur-Institutionen. In: Die Zeit. Nr. 48. 1994,
S. 69.
366 Amine Haase: Wieviele Füsse gehen ins Museum? Zu seiner Popularität und den Folgen
In: Achim Preis / Karl Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die
Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.O., S. 153.
367 Die Besuchsstatistik ist oftmals das einzige Kriterium für den Erfolg eines Museums.
Auch im HNF wurde die magische Zahl 100.000 Besuche für 1998 angepeilt. Inzwischen
ist es im HNF so, daß durch die erfolgreichen Marketingmaßnahmen zwar immer mehr
Besucher in die Ausstellung kommen und die öffentlichen Führungen an den Wochen-
enden fast immer mit mehr als 50 Besuchern besetzt sind. Hier ist eine sinnvolle
Vermittlungsarbeit nicht mehr durchzuführen.
– 141 –
4.4 Die Bedeutung der Themeparks für die zukünftige Arbeit der
Technikmuseen
Die Themeparks unterscheiden sich hauptsächlich durch ihre Kommerzialisie-
rung und Erlebnisorientierung von den Technikmuseen. Gleichzeitig werden
kommerzielle Ausrichtung und Erlebnischarakter für die Technikmuseen zu-
nehmend wichtiger.
Technikmuseen müssen – angesichts ihrer schwierigen finanziellen Lage – in
Teilbereichen kommerziell und rentabel wirtschaften. Dies wird in vielen
Museen inzwischen auch erfolgreich praktiziert. So verfügen viele Museen in-
zwischen über einen Museums-Shop und ein Café oder Bistro. Derartige
Einrichtungen sind in den Themeparks selbstverständlich. Im Zuge der zu-
nehmenden Besucherorientierung und Kommerzialisierung haben diese Ein-
richtungen auch in die Museen Einzug gehalten. Für Dauskardt sind diese
Einrichtungen selbstverständlich. Als Leiter des Westfälischen Freilichtmuse-
ums Hagen spricht er vom „kundenorientierten Dienstleistungsbetrieb“368.
Darüber hinaus sollten die Technikmuseen auch auf anderen Gebieten
deutlich wirtschaftlicher agieren. Um der Konkurrenz durch Themeparks –
aber auch anderer Freizeitangbote – gewachsen zu sein, werden die Technik-
museen verstärkt auf gezielte Marketing-Maßnahmen setzen müssen. Dazu
gehört die Durchführung von populären Ausstellungen und Veranstaltungen.
Denn die „aktuelle Entwicklung im Museumsbereich zeigt, daß
Besuchszuwächse sich zumeist auf besondere Aktivitäten der Museen und
damit auf aktuelle Publikumsanreize zurückführen lassen“369. Solche
Events
werden zukünftig ein eigenständiges und bedeutendes Arbeitsgebiet der
Museen werden. Events bieten den Museen die Möglichkeiten, innovative
und außergewöhnliche Ereignisse zu gestalten, in deren Mittelpunkt die
368 Michael Dauskardt: Museumsbesucher als Teilnehmer und Kunden. Aus der Praxis eines
produzierenden Museums. In: Landschaftsverband Rheinland (Hg.): Das besucher-
orientierte Museum, a.a.O., S. 65.
369 Sabrina Helm / Susanne Klar: Besucherforschung und Museumspraxis. München 1997, S.
119.
– 142 –
Erlebnisorientierung steht. Die Durchführung von Sonderveranstaltungen
dient – nach Helm und Klar – zwei Zielen:
Zunächst sollen sie am Tag [...] ihrer Durchführung Besucher anlocken, wobei
einerseits Erstbesucher [...] angezogen werden. Auf der anderen Seite sollen
auch Wiederholungsbesucher gewonnen werden, die bereits ein- oder
mehrmals im Museum waren. Diesem ‚Eigenziel‘ des Events steht ein
‚Transferziel‘ gegenüber, denn der Event soll nicht für sich allein gesehen vom
Besucher beurteilt werden, sondern es sollen Besucher für das eigentliche
‚Produkt‘ – das Museum – gewonnen werden.370
Solche Events müssen nicht zwangsläufig vom Museum selbst organisiert
werden. Im HNF wurde beispielsweise von einem Automobilhersteller ein
neues Automodell ausgewählten Gästen vorgestellt. Nach der Einführung
konnten die Gäste die Ausstellung kennenlernen. Dies ist auch eine
Möglichkeit das „Produkt“ Museum dem Publikum näherzubringen. Daher
sind auch diese – eigentlich museumsfernen Events – sinnvoll und daher in
die Öffentlichkeitsarbeit der Museen einzubeziehen.
Die Ziele solcher Veranstaltungen – Erlebnis- und Konsumorientierung – sind
zwar an das Themepark-Konzept angelehnt, sie gehen aber auch gleichzeitig
weit darüber hinaus. Während Themeparks ein einmaliges Spektakel verspre-
chen, haben die Technikmuseen – gemäß ihrem Bildungsauftrag – die Pflicht,
den Besuchern über ein einmaliges Erlebnis hinaus Anregungen für ihre
Lebenswelt zu geben. Dies kann nur geschehen, wenn die Technikmuseen
ihr eigenes Profil stärker hervorheben und die Besonderheiten des Museums
auch in den Sonderveranstaltungen deutlich sichtbar werden.
Das bedeutet, daß die Museen den Besuchern Denkanstöße – auch in
provokanter Form – für ihre eigene alltägliche Lebens- und Erfahrungswelt
geben sollten. Die Besucher sollen bei einem Museumsbesuch mehr bekom-
men als bloße Unterhaltung. Fragend faßt Dieter Kramer seine Vision
zusammen:
Das Museum als nicht affirmativer, sondern auch provokanter Teil einer
anregungsreichen, Vergnügen und Impuls gleichzeitig bietenden kulturellen
Infrastruktur, in der lebbare, nachvollziehbare Konzeptionen für eine Zukunft
370 Ebd.
– 143 –
in dauerhafter, mit Umwelt und Nachbarn befriedeter freier Lebensweise
entwickelt werden – ist das unsere Utopie?371
Gerade die Technikmuseen bieten hierzu den idealen Rahmen. Zum einen
können sie in ihren Ausstellungen Attribute der Freizeitparks – Unterhaltung,
Zerstreuung und Spannung – mit den spezifische Eigenarten ihrer Sammlun-
gen verbinden. Zum anderen bietet das Thema Technik ausreichend Mög-
lichkeiten, die Besucher und ihre jeweiligen Lebensumstände direkt anzu-
sprechen. So bindet das HNF in Paderborn in seine Ausstellungskonzeption
VR-Attraktionen mit ein, die nichts gemeinsam haben mit Ballerspielen, wie
sie häufig in VR-Freizeitparks gezeigt werden. Oder das Landesmuseum für
Arbeit und Technik in Mannheim: Die Besucher können hier in einer „Arbei-
terkneipe der Jahrhundertwende“ essen und trinken. Durch die Art und
Weise der Ausstellung wird dabei einer Verklärung der Vergangenheit jedoch
vorgebeugt. Damit unterscheiden sich Museen wie das Landesmuseum für
Arbeit und Technik in Mannheim deutlich von Disneyland oder anderen Frei-
zeitparks, die den Akt der Musealisierung auf die Spitze treiben, ohne die
Besucher über die historischen Zusammenhänge aufzuklären.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die heutigen Technikmuseen nur
dann weiterhin ihr Publikum anziehen, wenn sie ihre Ziele klar definieren und
diese für das Publikum transparent machen. Dabei sollte es nicht nur um
Wissens- und Informationsvermittlung gehen, wie der Museumsexperte Ken-
neth Hudson rät:
Nach meiner Meinung sind die Museen in größter Gefahr, deren Daseins-
berechtigung hauptsächlich darin liegt, zu informieren. Der Mensch kann sich
heutzutage auf sehr vielfältige Weise Information holen. Man bekommt sie
über Computer, man sieht sich Videos an. Man kann heute Museen sehen, die
kaum eine andere Leistung erbringen als Bücher. Die Informationsaufgabe der
Museen wird, vermute ich, von Jahr zu Jahr geringer.372
371 Dieter Kramer: Museen in der Prosperitätsgesellschaft: Pläsier und Anregungspotential
für zukunftsfähige Persönlichkeiten? In: Angelika Schmidt-Herwig / Gerhard Winter
(Hg.): Museumsarbeit und Kulturpolitik, a.a.O., S. 54.
372 Kenneth Hudson: Perspektiven für ein Museum des nächsten Jahrhunderts. In: Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher. Heraus-
forderungen in der Zukunft, a.a.O., S. 266.
– 144 –
Nach Ansicht von Hudson gibt es zwei Museumsformen, die eine Zukunft
haben:
Ich glaube also an eine Zukunft für Museen mit Charme und an wenig Zukunft
für die Informationsmuseen. Andererseits sehe ich eine sehr große Zukunft für
das Diskussions-Museum, wo Fragen gestellt werden und Fragen beantwortet
werden.373
Technikmuseen haben die Möglichkeit, sich das Beste aus beiden Bereichen
– Museum und Themepark – anzueignen und das Publikum mit dieser
Synthese zu überraschen und zu überzeugen.
Museen, die schon jetzt neue und innovative Ideen und Konzepte bei der
Museumsarbeit verwirklichen, werden in Teil 6 beschrieben. Wie diese neuen
Wege aussehen können, soll exemplarisch an drei neuen Technikmuseen
dargestellt werden, die alle in den neunziger Jahren entstanden sind: das
Landesmuseum für Technik und Arbeit Mannheim, das Heinz Nixdorf
MuseumsForum in Paderborn und die Deutsche Arbeitsschutzausstellung in
Dortmund.
373 Ebd., S. 266f. Unter dem Begriff Charme-Museum versteht Hudson folgendes: „Ein
Museum mit Charme ist fast immer ein kleines Museum. Vielleicht ist es ein Gebäude, in
dem eine berühmte Person geboren wurde oder starb. Die Sammlungen haben aus-
schließlich mit dieser Person zu tun; es ist ein Ort mit Charme.“ S. 265. Der Begriff
Charme-Museum korrespondiert mit dem Begriff Autorenmuseum, den die stellvertre-
tende Museumsdirektorin des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Marie-Louise
von Plessen verwendet. Sie erklärt dazu: „Das Autorenmuseum verfährt nach dem Prin-
zip der Leidenschaftlichkeit: es setzt den Betrachter den Dingen aus, nimmt ihn nicht an
die Hand wie die didaktisch aufgebaute, nach gattungsgeschichtlichen Kriterien geord-
nete Sammlung, deren innere Bezüge durch Beschriftungsformeln hergestellt werden.
Im Autorenmuseum müssen die Betrachter diese Bezüge selber herstellen, die Enträt-
selung selber vollziehen, am inneren Dialog der Dinge aktiv teilnehmen.“ Marie-Louise
von Plessen: Duell der Sinne und der Dinge. In: Gottfried Korff / Martin Roth (Hg.): Das
historische Museum. Labor. Schaubühne. Identitätsfabrik, a.a.O., S. 181.
– 145 –
TEIL 5
DIE BEDEUTUNG DER MUSEUMSPÄDAGOGIK
FÜR DIE TECHNIKMUSSEN DER GEGENWART
Wie in den vorherigen Teilen dieser Arbeit dargestellt, hat das Technikmu-
seum als Museumstyp in den vergangenen 15 – 20 Jahren eine Reihe von
tiefgreifenden Veränderungen erfahren, die sich auf das Selbstverständnis
des Museums und auf den Erfolg beim Publikum positiv ausgewirkt haben.
Innerhalb der Institution Museum, die in den sechziger Jahren durch tief-
greifende gesellschaftliche Veränderungen in eine Krise geraten war, hat die
Museumspädagogik seit den siebziger Jahren eine immer bedeutendere Rolle
eingenommen. Die Neuorientierung der Museumspädagogik in den siebziger
Jahren hatte die „Hinführung zum kritischen und mündigen Rezipienten“374
zum Ziel. In verschiedenen Publikationen wurde auf die mißliche Lage der
Museen aufmerksam gemacht.375
Innerhalb der Museumspädagogik haben sich seit Beginn der siebziger Jahre
sehr differenzierte Strukturen herausgebildet. Die Aufgabenfelder der Ver-
mittlungsarbeit reichen von der Gestaltung von Ausstellungen bis hin zu per-
sonalen Vermittlungsformen wie Führungen, Workshops und Ferienaktionen
für Kinder.376 Die Weiterentwicklung der Museumspädagogik hat maßgeblich
zu einer besucherorientierten Museumsarbeit geführt.
Problematisch wird die Aufgabenbestimmung der Museumspädagogik für die
Technikmuseen in den achtziger und neunziger Jahren. Wie in Teil 3 und Teil
4 dieser Arbeit dargestellt, haben sich die Technikmuseen der neuen Genera-
374 Jürgen Hüther: Das Museum als Medienverbund. In: Hildegard Vieregg / Marie-Louise
Schmeer-Sturm / Jutta Thinesse-Demel / Kurt Ulbricht (Hg.): Museumspädagogik in
neuer Sicht. Erwachsenenbildung im Museum, a.a.O., S. 61.
375 Deutsche Forschungsgemeinschaft (Hg.): Denkschrift zur Lage der Museen in der Bun-
desrepublik Deutschland und in Westberlin. Berlin 1974.
376 Siehe dazu: Neue Ansätze in der Museumspraxis. In: Ekkehard Nuissl / Ulrich Paatsch /
Christa Schulze (Hg.): Wege zum lebendigen Museum, a.a.O., S. 211-237.
– 146 –
tion gleich mehreren Herausforderungen zu stellen: Eine besondere Her-
ausforderung stellt die immer größer werdende Konkurrenz zu anderen Frei-
zeiteinrichtungen dar. Die seit Beginn der achtziger Jahre progressiv betrie-
bene Musealisierung von Technikobjekten und die damit in Zusammenhang
stehende Digitalisierung der Objekte stellen weitere Herausforderungen an
die Museumsarbeit dar.
Zum besseren Verständnis der gegenwärtigen Herausforderungen, denen
sich die neuen Technikmuseen gegenüberstehen, wird zunächst die Bedeu-
tung der Museumspädagogik seit den siebziger Jahren dargestellt. Durch den
historischen Rückblick läßt sich zum einen die Entwicklung und Veränderung
aufzeigen, zum anderen können neue Perspektiven für eine zukünftige
qualifizierte Vermittlungsarbeit herausgearbeitet werden.
5.1 Die Rolle der Museumspädagogik
Bei der Debatte um die Bildungskrise377, die in den sechziger Jahren
vehement geführt wurde, wurde eine radikale Reform des Bildungssystems
gefordert378:
Nach der Rekonstruktionsperiode bestand, bedingt durch den technologischen
Wandel, ein erhöhter Bedarf an qualifizierten und hochqualifizierten Arbeits-
kräften. Den veränderten Qualifikationsanforderungen standen Lehrermangel,
nicht ausreichende Wissenschaftsentwicklung, sinkende Wachstumsraten und
mangelnde Kapazitäten der Hochschulen gegenüber.379
Auch die Rolle der Museen wird in die Debatte miteinbezogen:
Die Forderung nach neuen Inhalten für den Unterricht und die damit verbun-
dene Neuformulierung von Lernzielen in den Schulen mußte sich zwangsläufig
mit zeitlicher Verschiebung auch auf andere Bildungseinrichtungen , wie etwa
dem Museum auswirken.380
377 Georg Picht: Die deutsche Bildungskatasthrophe. Freiburg 1967.
378 Anfang der sechziger Jahre verließen noch ¾ aller Schulabgänger die Schule mit dem
Hauptschulabschluß. Siehe Hilmar Hoffmann: Das Frankfurter Museumsufer. Eine Bilanz.
In: Angelika Schmidt-Herwig / Gerhard Winter (Hg.): Museumsarbeit und Kulturpolitik,
a.a.O., S. 39.
379 Heidi Hense: Das Museum als gesellschaftlicher Lernort. Aspekte einer pädagogischen
Neubestimmung. Frankfurt am Main 1990, S. 70f.
380 Michael Dauskardt: Kulturvermittlung durch Museen. Ohne Jahres- und Ortsangabe,
S. 2f.
– 147 –
In der damaligen Diskussion um diese „Museumskrise“ in den sechziger
Jahren stand die These vom tiefen Graben zwischen dem Museum und
seinen Besuchern im Mittelpunkt. Museen galten in den sechziger Jahren
immer noch als unnahbare Institutionen; deren Exponaten hatte man sich
mit Ehrfurcht zu nähern.381 Die an der Diskussion Beteiligten waren sich dar-
über einig, daß die damals vielbeschworene
Schwellenangst
seitens der
Besucher durch geeignete Maßnahmen abgebaut werden sollte. Dabei sah
das Museum seine wichtigste Aufgabe in einer stärkeren Integration von
Schule und Museum. Um die Arbeit zwischen Schule und Museum effizienter
zu gestalten, wurde in den sechziger Jahren eine Reihe von Instituten ge-
gründet.382
Wesentlichen Anteil an dem dann einsetzenden kontinuierlichen Abbau dieser
Schwellenangst hatte ohne Zweifel die Museumspädagogik. Die Frage nach
geeigneten Methoden zum Abbau dieser Diskrepanz löste in den siebziger
Jahren heftige Kontroversen innerhalb der Museen aus.
Als exemplarisch kann in diesem Zusammenhang die Diskussion um das
Historische Museum der Stadt Frankfurt383 und um das Römisch-Germanische
381 Der ehemalige Dezernent für Kultur und Freizeit der Stadt Frankfurt am Main und
heutige Präsident der Stiftung Lesen in Mainz, Hilmar Hoffmann, führt diesen „Rückfall
der Museen zu elitären ‚Bildungsinstanzen‘ nach 1945 [auf] eine[r] regide[n] national-
sozialistische[n] Kulturpolitik[...]“ zurück. „Wie in vielen anderen gesellschaftlichen
Bereichen auch, wurde der Neuanfang in den Museen zu einer Restauration bürgerlicher
Bildungswerte. Schulklassen sollten ehrfürchtig vor den Exponaten stehen und staunen.“
In: Angelika Schmidt-Herwig / Gerhard Winter (Hg.): Museumsarbeit und Kulturpolitik,
a.a.O., S. 38.
382 Die Diplom-Pädagogin Heidi Hense führt dazu folgende Institutionen an: „1961: Wie-
deraufnahme der Öffentlichkeitsarbeit durch das Außenamt der Staatlichen Museen.
[...]. 1965: Gründung eines dem Generaldirektors unterstellten Außenreferates in Köln,
das [...] die Koordination zwischen den Kölner Museen und den Schulen [...] übernimmt.
1965: Beginn der Arbeit des kunstpädagogischen Zentrums in Nürnberg als definitivem
Ansatz schulbezogener museumspädagogischer Arbeit.“ In: Heidi Hense: Das Museum
als gesellschaftlicher Lernort. Aspekte einer pädagogischen Neubestimmung, a.a.O., S.
74f.
383 „In dieser Situation spielte das Frankfurter Historische Museum in den siebziger Jahren
eine über Frankfurt hinausweisende wichtige Rolle. Von seiner Thematik her lag es am
nächsten zum neuen Interesse gesellschaftlichen Wandels. [...] Dazu entwickelte das
Historische Museum ein Vermittlungsprofil, das sich radikal an der überwiegenden
Mehrheit der Bevölkerung orientierte: Noch zu Beginn der sechziger Jahre verließen
77,6% aller Schulabgänger mit dem Hauptschulabschluß die Schule [...]. Es war also nur
konsequent, Ausstellungen zu konzipieren, die von jedermann rezipiert werden konnten,
– 148 –
Museum der Stadt Köln angesehen werden. Beide Museen haben seit ihrer
Eröffnung in den siebziger Jahren großen Erfolg beim Publikum:
Der aufklärerische Bildungsauftrag der Museen wurde reaktiviert und deutlich
zum Ausdruck gebracht. Daß dabei eine Überproportionierung verbaler
Erläuterungen, die das eigentliche Exponat häufig erdrückten, und eine zu
große Pädagogisierung das Wissensdefizit zwar ersetzten, ein Funktionieren
wegen ihrer unüberschaubaren Fülle aber letztlich auch verhinderten, waren
Erfahrungen, die es im nachhinein aber als notwendige Entwicklungsstufe zu
würdigen gilt. Das Verdienst des Hauses um eine Öffnung und Demokratisie-
rung der Institution Museum ist durch diese Selbstkritik überhaupt nicht
geschmälert. Das Historische Museum vollzog auf jeden Fall signifikant den
Schritt vom ‚Musentempel‘ zum ‚Lernort‘ Museum.384
Vom Römisch-Germanischen Museum in Köln gehen seit der Eröffnung wich-
tige Impulse in Bezug auf die Ausstellungspräsentation aus. Die Art der Prä-
sentation wurde zwar vielfach von Seiten der Kritiker der Vorwurf des
„Warenhauscharakters“ gemacht. Dem großen Erfolg beim Publikum tut dies
aber keinen Abbruch.385 Beiden Museumskonzeptionen gemeinsam ist das
Ideal eines aktiven Besuchers, für den Bildung und Unterhaltung keine
Gegensätze sind.
Das Frankfurter Museum wurde vielfach als „Buch an der Wand“386 – eben
als Lernort – tituliert, während das Kölner Museum von Kritikern als
„Musentempel“ bezeichnet wurde.
In seinem Werk
Lernort contra Musentempel
387 bringt Klausewitz die Diskus-
sion auf den Punkt. Mit dem Erscheinen dieses für die Museumspädagogik
zentralen Werkes wird die Wende in der Museumspädagogik offensichtlich.
die also Brechts ‚lesenden Arbeiter‘ als Rezipienten voraussetzten.“ In: Angelika
Schmidt-Herwig / Gerhard Winter (Hg.): Museumsarbeit und Kulturpolitik, a.a.O., S. 39f.
384 Hilmar Hoffmann: Das Frankfurter Museumsufer. Eine Bilanz. Ebd., S. 39f.
385 Jörgen Bracker: Zum Konzept des Römisch-Germanischen Museums Köln. In Auswirkung
und Kritik. In: Ellen Spickernagel / Brigitte Walbe (Hg.): Das Museum. Lernort contra
Musentempel, a.a.O., S. 85. Vom März 1974 bis Oktober 1975 haben „mehr als zwei
Millionen Menschen“ das Römisch-Germanische Museum besucht.
386 Hans-Jakob Schmitz: Zum Stellenwert des Museums und der Museumspädagogik. In:
Frank M. Andraschko / Alexander Link / Hans-Jakob Schmitz (Hg.): Geschichte erleben
im Museum, a.a.O., S. 15.
387 Ellen Spickernagel / Brigitte Walbe (Hg.): Das Museum. Lernort kontra Musentempel,
a.a.O.
– 149 –
Nicht mehr elitärer Musentempel, sondern Lernort – ein im positiven Sinne
offener Ort der Bildung – soll zukünftig das Museum sein:388
‚Lernort contra Musentempel‘ war nicht nur der Titel einer [...] progressiv-
museumspädagogisch orientierten politisch fixierten Broschüre [...], sondern
auch ein viel benutztes Schlagwort jener Jahre, das nicht nur die Ablösung der
bisherigen Ausstellungsprinzipien forderte, sondern zugleich als symboli-
sierender Slogan die erwünschte Funktion des Museums als Multiplikator für
erhoffte tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zum Ausdruck brach-
te.389
Die Frage „Lernort oder nicht“ wird durchaus kontrovers diskutiert. Karlheinz
Fingerle, Museumspädagoge im Deutschen Museum München sieht seine
Arbeit vorrangig darin, das Museum als Lernort zu präsentieren.390 Dagegen
lehnt der Soziologe Heiner Treinen die Nutzung des Museums als Lernort –
zumindest für einen Teil der Besucher – strikt ab: „Museen sind für Einzel-
besucher und für Kleingruppen (etwa Freunde, Paare, Kleinfamilien) kein
Lernort.“391 Für Treinen ist das Museum ein Massenmedium, dem die spezifi-
schen Möglichkeiten zum erfolgreichen Lernen – wie beispielsweise in der
Schule – fehlen. Treinen schließt zwar ein Lernen im Museum nicht vollstän-
dig aus, da sich auch durch spätere Gespräche über das Gesehene noch Bil-
dung erreichen läßt.
Dieses besucherorientierte Vermittlungskonzept wurde seitdem ständig wei-
terentwickelt. In einer Zeit, die durch ein zunehmendes Freizeitangebot und
durch eine permanente Reizüberflutung gekennzeichnet ist, soll das Museum
durch seine Vermittlungsarbeit den Besucher zur Reflexion über sich selbst
und seine Einbindung in die sozioökonomische Lebenswelt anregen:
388 Diesem Ansatz fühlen sich auch viele der heute bedeutenden Technikmuseen ver-
pflichtet. Die Deutsche Arbeitsschutzausstellung, kurz DASA genannt, schreibt in ihrem
Führer von 1993 sogar ausdrücklich: „Die Ausstellung will Lernort sein.“
389 Wolfgang Klausewitz: Prinzipielle Aspekte der Museumspädagogik. In: Museumskunde.
Bd. 59. Heft 2/3. 1994, S. 132.
390 Karlheinz Fingerle: Fragen an die Museumsdidaktik am Beispiel des Deutschen Muse-
ums. München 1986, S. 22.
391 Heiner Treinen: Das Museum als Massenmedium. Besucherstrukturen, Besucherinter-
esse und Museumsgestaltung. In: ICOM / CECA-Sektion für die Bundesrepublik Deutsch-
land und Westberlin (Hg.): Museumsarchitektur für den Besucher. Hannover 1981, S.
76-81.
– 150 –
Gesellschaftliche Probleme wie Friedenssicherung, Umweltverschmutzung und
-zerstörung, atomare Bedrohung, neue Technologien, Arbeitslosigkeit und
Orientierungsprobleme in der zunehmenden Freizeit erzeugten und erzeugen
kollektiven und individuellen Handlungsbedarf. [...] Um den Beitrag zur
Identitätsfindung, der von ihnen verlangt wird, leisten zu können, müssen sie
die gesellschaftliche Situation stärker reflektieren und aufgreifen [...].392
Vermittlungssformen, die den Besucher zu einer aktiven Rezeption animie-
ren, sind in den achtziger Jahren immer wichtiger geworden. Museen werden
immer weniger als reine Bildungsstätte gesehen; in der einschlägigen
Literatur wird das Museum immer öfter als Erlebnisort und als Freizeitein-
richtung gesehen.
Die Frage, wie die Museumspädagogik einen Beitrag zur Identitätsfindung
der Besucher leisten kann und dabei gleichzeitig deren Freizeitbedürfnisse –
Unterhaltung, Zerstreuung, Vergnügen – erfüllen kann, ist von zentraler Be-
deutung. Denn bei einem Großteil der Besucher steht zweifelsohne das
Bedürfnis nach Unterhaltung beim Museumsbesuch an erster Stelle.393 Seit
den sechziger Jahren hat es eine Reihe von Anstrengungen gegeben, Ant-
worten auf diese Frage zu finden.
So sind in mehreren Städten in der Bundesrepublik Deutschland museums-
pädagogische Zentren entstanden, die ihre Aufgabe darin sehen, praktische
Ansätze zur Verwirklichung dieses Ziels zu finden. Dabei haben sie sich um
eine intensivere Anbindung der breiten Öffentlichkeit an die Institution Mu-
seum bemüht. Zum Teil sind diese Zentren eigenständige Abteilungen inner-
halb der Museen, zum Teil aber auch unabhängige Institutionen außerhalb
der Museen, die für verschiedene Museen museumspädagogische Bildungs-
392 Ekkehard Nuissl / Ulrich Paatsch / Christa Schulze (Hg.): Besucher im Museum – ratlos?
Einleitende Bemerkungen zur Tagung. In: Wege zum lebendigen Museum, a.a.O., S. 4-
5.
393 Das zeigte sich besonders an den Publikumserfolgen der Groß- und Sonderausstellungen
seit Beginn der achtziger Jahre. Siehe dazu Amine Haase: Wieviele Füße gehen ins
Museum? Zu seiner Popularität und den Folgen. In: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank
Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den achtziger Jahren, a.a.O., S.
151-161.
– 151 –
sarbeit übernehmen, wie zum Beispiel das 1973 gegründete Museums-
pädagogische Zentrum München394.
Die Arbeitsweise der museumspädagogischen Zentren hat sich seit den sieb-
ziger Jahren verändert. In der Anfangsphase der museumspädagogischen
Zentren in den siebziger Jahren standen die Führungen als Vermittlungsform
an erster Stelle. In den achtziger Jahren ging es dann eher darum, soge-
nannte „Multiplikatoren selbst als aktive und verantwortliche Partner bei den
Museumsveranstaltungen zu gewinnen“395. Die Museumspädagogischen
Zentren erarbeiten als Dienstleister unterschiedliche Konzepte für die besu-
cherorientierte Vermittlung der ständigen Sammlungen und Wechselausstel-
lungen der verschiedenen Museen der Stadt oder Region, für die sie zustän-
dig sind. Bei der Erarbeitung dieser Vermittlungskonzepte werden die
jeweiligen Inhalte zielgruppenspezifisch und didaktisch aufbereitet, damit ein
möglichst breites Publikum angesprochen werden kann.
Die Ausrichtung auf ein breites Publikum ist jedoch nicht immer der Fall. Den
Schwerpunkt der museumspädagogischen Vermittlung bildet auch heute
noch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ein Hauptgrund dafür liegt
möglicherweise darin, daß die Museumspädagogik „in den sechziger Jahren
auch mit dem Argument der Aufbesserung der Besucherstatistiken legiti-
miert“396 wurde:
Schulklassen als Zielgruppen dieser Dienste (jede Gruppe mit ca. 30 Perso-
nen!) waren und sind hierfür besonders willkommene Adressaten. Die
Ankopplung der Museumspädagogik und ihre Orientierung an schulpäda-
gogische Vermittlungsmethoden bedeuten aber eine Selbstbeschränkung der
Methoden und des Aufgabenfeldes der Bildungsarbeit.397
Die Besucherstatistik hat aber auch heute noch eine nicht zu unterschät-
zende Bedeutung. So hat die Stiftung Westfalen, die Träger des Paderborner
394 Hildegard Vieregg: Fortbildung für Multiplikatoren. Modelle des MPZ. In: Marie-Louise
Schmeer-Sturm / Jutta Thinesse-Demel / Kurt Ulbricht / Hildegard Vieregg (Hg.): Muse-
umspädagogik in neuer Sicht. Erwachsenenbildung im Museum. Band 2, a.a.O., S. 476.
395 Ebd.
396 Kurt Ulbricht: Museumspädagogische Entwicklungen in Natur- und Technikmuseen. In:
Freizeitpädagogik. Heft 12, a.a.O., S. 39-51.
397 Ebd.
– 152 –
Heinz Nixdorf MuseumsForums ist, die zu erreichende Besucherzahl für 1998
auf 100.000 festgesetzt.398 Eine derartig hohe Besucherzahl läßt sich nur
erreichen, wenn verstärkt Schulklassen ins Museum geholt werden.
Eine Ausrichtung der Museumspädagogik auf Schulklassen birgt die Gefahr,
daß andere potentielle Zielgruppen in der museumspädagogischen Arbeit
nicht ausreichend berücksichtigt werden. Hierauf wird auch in verschiedenen
Publikationen hingewiesen, so zum Beispiel in der Zeitschrift Museumspäd-
agogik:
Die Bildungsarbeit, die die Museumspädagogik zu leisten hat, darf sich aber
nicht in der Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen erschöpfen. Vielmehr ist hier
der Arbeit mit Erwachsenen ein ebenso großer Stellenwert einzuräumen.399
Um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, ist neben einer guten Qualifikation
des einzelnen Museumspädagogen vor allem eine ausreichende Zahl an
Museumspädagogen erforderlich. Die Zahl der festangestellten Museums-
pädagogen ist im Verhältnis zum Besuchsaufkommen jedoch im allgemeinen
zu gering.400
Der Grund für dieses Mißverhältnis ist in einer allgemeinen Geringschätzung
der Museumspädagogik gegenüber anderen Aktivitäten im Museum zu
sehen. Ein Mangel an Möglichkeiten zur Weiterbildung zum Museumspädago-
gen scheidet als Grund dafür jedenfalls aus. Denn Weiterbildungsmöglich-
keiten gibt es in unterschiedlichen Formen, beispielsweise an Universitäten.
In Ludwigsburg existiert seit 1983 innerhalb des Diplomstudienganges Erzie-
hungswissenschaft ein viersemestriger Aufbaustudiengang mit dem Abschluß
398 So äußerte sich Norbert Ryska, einer der drei Geschäftsführer des HNF, im Juni 1998.
Bei einem Gespräch zwischen der Verfasserin und Dr. Kurt Beiersdörfer, einem weiteren
Geschäftsführer des HNF, wollte Beiersdörfer diese Zahl wegen der „hochpolitischen
Brisanz“ – so Beiersdörfer – dieser Angelegenheit nicht bestätigen. Im folgenden wird
daher davon ausgegangen, daß eine Vorgabe in dieser Höhe existiert.
399 Michael Geschwinde: Museumspädagogik in Hildesheim. Der Museumspädagogische
Dienst des Roemer- und Pelizaeus-Museums. In: Museumspädagogik. Schauplatz 6. Heft
1. Wien 1989, S. 50.
400 1987 gab es in der Bundesrepublik Deutschland nur circa 150 festangestellte Museums-
pädagogen. Ekkehard Nuissl / Ulrich Paatsch / Christa Schulze (Hg.): Besucher im
Museum – ratlos? Einleitende Bemerkungen zur Tagung. In: Wege zum lebendigen
Museum, a.a.O., S. 10.
– 153 –
Diplom-Pädagoge.401 Das Studium umfaßt drei Fächer: Allgemeine
Pädagogik, Erwachsenenpädagogik und den Wahlpflichtbereich Spiel-
Theaterpädagogik oder den Wahlpflichtbereich Kunst- und Museums-
pädagogik. Um eine praxisnahe Ausbildung zu gewährleisten, werden neben
einem Praktikum auch projektorientierte Studien verlangt. In erster Linie an
fertig ausgebildete Lehrer wendet sich der Zusatzstudiengang Museums-
pädagogik der Universität Freiburg. Ferner werden an vielen Universitäten –
so auch in Paderborn im Fachbereich Erziehungswissenschaft – Seminare
zum Thema Museumspädagogik angeboten.
Um einen gleichmäßig hohen museumspädagogischen Standard bieten zu
können, ist eine Erhöhung der Stellen für Museumspädagogen und Muse-
umspädagoginnen unabdingbar. Aber nicht nur die Zahl der Stellen muß
erhöht werden, auch die Stellung und der Einfluß der Museumspädagogen
innerhalb der Institution Museum muß verbessert werden. Um eine über-
zeugende Vermittlungsarbeit leisten zu können, ist eine intensive und kon-
struktive Zusammenarbeit von Museumspädagogen und Fachwissenschaft-
lern notwendig. Nur wenn die Museumspädagogen von Beginn einer Aus-
stellung an in die Planung und Konzeption mit einbezogen werden, können
die Museen ihrem Bildungsanspruch gerecht werden. Diese intensive
Zusammenarbeit ist auch Voraussetzung dafür, daß die Widersprüche zwi-
schen den Zielen der Fachwissenschaftler und denen der Museumspädago-
gen ausgeräumt werden. Denn oftmals liegt gerade in den unterschiedlichen
Ansprüchen der an einer Ausstellung Beteiligten die Gefahr des Scheiterns,
und „der Museumspädagoge [gerät] in die wenig wünschenswerte Position,
Ausstellungen vermitteln zu müssen, deren Inhalte er nicht mitgestalten
konnte“.402
401 Kurt Ulbricht / Hildegard Vieregg: Zur Lage der museumspädagogischen Ausbildung. In:
Marie-Louise Schmeer-Sturm / Jutta Thinesse-Demel / Kurt Ulbricht / Hildegard Vieregg
(Hg.): Museumspädagogik in neuer Sicht. Erwachsenenbildung im Museum. Band 2,
a.a.O., S. 249ff.
402 Michael Geschwinde: Museumspädagogik in Hildesheim. Der Museumspädagogische
Dienst des Roemer- und Pelizaeus-Museums. In: Museumspädagogik. Schauplatz 6,
a.a.O., S. 48.
– 154 –
In der Museumspädagogik ist neben der pädagogischen auch die fach-
wissenschaftliche Kompetenz des Museumspädagogen Voraussetzung dafür,
daß die Erwartungen der Besucher gegenüber den Interessen der Fach-
wissenschaftler vertreten werden. Ob die Besucher es bei einem einmaligen
Besuch des Museums belassen, oder ob eine kontinuierliche Anbindung des
Publikums an das Museum stattfindet, hängt wesentlich von der Museums-
pädagogik ab. Eine kontinuierliche Vermittlungsarbeit kann aber nur dann
stattfinden, wenn der Stellenwert der Museumspädagogik auch in Zukunft
gesichert und die Museumspädagogik als fester Bestandteil der Museums-
arbeit nicht in Zweifel gezogen wird. Dies wird nur dann der Fall sein, wenn
auch von Seiten der Fachwissenschaftler die Bedeutung der Museumspäd-
agogik anerkannt wird. Auch angesichts schrumpfender Kulturetats in der
Bundesrepublik Deutschland sind Museumspädagogen und Fachwissen-
schaftler aufgefordert, gemeinsam Überzeugungsarbeit zu leisten und sich so
gegenüber den Kulturpolitikern zu behaupten. Auch gegenüber einer
weiteren Adressatengruppe, deren Bedeutung als Geldgeber stetig zunimmt,
muß Überzeugungsarbeit geleistet werden, wie die Autoren des Bandes
Das
Museum. Die Entwicklung in den achtziger
Jahren
feststellen:
In diesem Sinne wäre der Ratschlag auch an die Adresse der privaten Stifter
und Mäzene angebracht, statt Abermillionen für weitere Einzelwerke auszu-
geben, damit besser den Ausbau einer qualifizierten Forschungs- und Ver-
mittlungsarbeit zu unterstützen [...].403
Bisher ist deutlich geworden, daß sich die Aufgabe der Institution Museum
nicht in den Tätigkeiten Sammeln, Bewahren und Erforschen von Objekten
erschöpfen darf. Um ein Museum lebendig zu gestalten und dessen Inhalte
adäquat zu vermitteln, müssen neue Wege beschritten werden. Welche
Bedeutung die Museumspädagogik speziell für Technikmuseen hat, welche
Problemstellungen sich dabei ergeben, und welche Lösungsansätze und Auf-
gabenbereiche sinnvoll erscheinen, wird im folgenden Kapitel erarbeitet.
403 Siehe Einleitung zu: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank Günter Zehnder (Hg.): Das
Museum. Die Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.O., S. 11.
– 155 –
5.2 Museumspädagogik im Technikmuseum
Über die Rolle der Museumspädagogik in den Kunstmuseen und Historischen
Museen gibt es eine Reihe von Untersuchungen.404 Nur wenig Literatur
befaßt sich dagegen mit der Rolle der Museumspädagogik in Technikmuseen.
Das hat verschiedene Gründe. Seit den siebziger Jahren hat die Museums-
pädagogik selbst einen Wandel ihres Selbstverständnisses erfahren, wie im
vorherigen Kapitel beschrieben wurde. Die Hauptaufgabe der Museumspäd-
agogik lag daher zunächst einmal in einer neuen Bestimmung ihrer Aufgaben
und Ziele.
In den siebziger Jahren öffneten viele neue Technikmuseen ihre Pforten.405
Eine Reihe von bedeutenden Technikmuseen wurde auch in den achtziger
Jahren gegründet, beispielsweise das Zentrum für Industriekultur in Nürn-
berg.406 Während die Besuchszahlen vieler Kunstmuseen in den achtziger
Jahren stagnierten, stiegen die Besuchszahlen für Technikmuseen Jahr für
Jahr an – ein Trend, der bis heute ungebrochen ist407. Diese Verlagerung des
Besucherinteresses in Richtung Technikmuseen kann nicht ohne Konsequen-
zen für die Museumspädagogik bleiben. Hier hat die Museumspädagogik bis
heute Nachholbedarf. Vor dem Hintergrund der Musealiserungsdebatte muß
auch die Museumspädagogik eine neue Standortbestimmung vornehmen.
404 Siehe Annette Noschka-Roos: Materialien aus dem Institut für Museumskunde. Bibliogra-
phie-Report 1993 zu Museologie, Museumspädagogik, Museumsdidaktik und
Besucherforschung. Heft 39. Berlin 1993.
405 „In den letzten 10 Jahren wurden über 40% der technischen Museen gegründet.“ In:
Hans-Joachim Klein / Monika Bachmayer: Museum und Öffentlichkeit. Fakten und Daten.
Motive und Barrieren, a.a.O., S. 28.
406 Die jährlichen Erhebungen der Besuchszahlen, die seit 1982 vom Institut für Museums-
kunde in schriftlicher Form vorliegen, belegen diese Steigerung der Besuche in Technik-
museen. Dazu muß aber auch gesagt werden, daß seit 1982 auch immer mehr Technik-
museen an der Erhebung teilnehmen. So nahmen 1982 94 Technikmuseen an der
Erhebung teil, 1987 waren es schon 189 und 1992 387 Technikmuseen. In: Institut für
Museumskunde (Hg.): Erhebung der Besuchszahlen an den Museen der Bundesrepublik
Deutschland samt Berlin (West) für das Jahr 1982. Heft 6, a.a.O. Statistische Gesamt-
erhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland samt Berlin (West) für das
Jahr 1987. Heft 23, a.a.O. Statistische Gesamterhebung an den Museen der Bundes-
republik Deutschland für das Jahr 1992. Heft 38, a.a.O.
407 So haben 1997 13.612.071 (1996 12.321.476) Besuche in naturwissenschaftlichen und
technischen Museen stattgefunden.
– 156 –
Anders als eine Vermittlung, die oftmals nur der oberflächlichen Kompensa-
tion des technologischen Fortschritts dient, muß die Vermittlung im Tech-
nikmuseum über die zunehmenden ökologischen Schäden und über die
wachsenden kulturellen Defizite der technisierten Gesellschaft aufklären408:
Die Menge des Verlustes ist unüberschaubar groß, und sie hängt vermittelt
mit unseren Lebensformen und –gewohnheiten zusammen. [Gefordert sind]
dringende Aufklärung darüber, wie diese Welten verloren gehen und was
dieser Verlust mit uns zu tun hat. Museen haben sehr spannende Themen. Sie
waren vielleicht noch nie so aktuell.409
Die Notwendigkeit, das Phänomen „Musealisierung“ selbst zu thematisieren,
sieht auch Zacharias:
Museumspädagogische Praxis im Horizont des Musealisierungsphänomens
müßte die damit gemeinten Prozesse, Formen, Verdinglichungen und realen
Erscheinungen im Museum und außerhalb des Museums selbst zum Thema
und Inhalt machen. Der transformatorische Charakter im musealisierenden
Umgang mit Dingen und Themen müßte in Handlungsverläufen und Refle-
xionssituationen erfahrbar und deutlich werden: das ist eine – die neue –
museumspädagogische Aufgabe und Zielsetzung.410
Für Treinen kommt noch die Entwicklung einer Kommunikationsstruktur als
Aufgabe der Vermittlungsarbeit hinzu:
Die Basis für gelungene Vermittlung von Museumsinhalten ist [...] stets die
Herstellung einer kommunikativen Beziehung, sei es im Museum selbst, sei es
in der Herstellung einer relativ andauernden Gesprächssituation oder dadurch,
daß innerhalb des Museums ein interaktiver Bezug zu Objektinhalten
geschaffen wird (etwa durch den Einsatz interaktiver Medien).411
Für Treinen ist nicht nur das authentische Erlebnis im Museum wichtiger
Faktor der Vermittlungsarbeit, sondern auch die Zeit nach dem Museums-
besuch:
Vertiefungswissen und Entdeckungserlebnisse werden unter diesen Umstän-
den nicht nur bei erheblichen Vorwissen oder einer entsprechenden Vorbe-
reitung eintreten, sondern auch im Nachhinein ermöglicht. [...] Fehlen aller-
408 Die Auswirkungen der Technikentwicklung auf die Umwelt und die Arbeitswelt wurden in
Teil 2 ausführlich untersucht.
409 Rainer Wirtz: Das Museum und die Beschleunigung. In: Museumskunde. Band 61.
Heft 1. 1996, S. 89.
410 Wolfgang Zacharias: Zeitphänomen Musealisierung. Konsequenzen für die museums-
pädagogische Arbeit. In: Angelika Schmidt-Herwig / Gerhard Winter (Hg.):
Museumsarbeit und Kulturpolitik, a.a.O., S. 116.
411 Heiner Treinen: Strukturelle Konstanten in der Entwicklung des Museumswesens. In:
Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 164.
– 157 –
dings beim Besucher vorausgegangene und nachhaltige Kommunikations-
prozesse mangels entsprechend motivierter Freundes- und Bekanntenkreise,
dann nützen auch Museumsbesuche wenig.412
Handlungsprozesse sichtbar machen, Reflexions- und besonders Kommuni-
kationssituationen schaffen, das sind die neuen Aufgaben der Museumspäd-
agogik vor dem Hintergrund einer zunehmenden Musealisierung.
Um diese Aufgaben in den heutigen Technikmuseen umzusetzen, bedarf es
neuer pragmatischer Ansätze. Hudson beschreibt ein Modell, das für alle
Technikmuseen Bedeutung gewinnen könnte:
Ich finde es [...] hochinteressant, daß das neue holländische Nationalmuseum
der Wissenschaft und Technologie, das in Amsterdam gebaut wird, ein
Museum mit Stühlen sein wird [...]. Das herkömmliche, traditionelle Museum
ist ein Ort, wo man ständig auf den Füßen steht. Man läuft herum, man sitzt
nicht. Und sobald man an Stühle denkt, so denkt man sitzende Menschen, die
diskutieren, Fragen stellen, sich durch das, was sie im Museum sehen,
provozieren lassen.413
In anderen Museen gibt es andere Ansätze der Vermittlungsarbeit, die hier
nicht im einzelnen aufgezählt werden können.414 Darüber hinaus sprechen
unterschiedliche Ausrichtungen von Technikmuseen und der hohe „Grad an
Komplexität“415 von Technikausstellungen gegen eine einheitliche Vermitt-
lungsmethode. Es gilt also, Erfahrungen zu sammeln, zu experimentieren
und sich mit anderen Technikmuseen regelmäßig auszutauschen. Zur
Herausbildung eines spezifischen museumspädagogischen Instrumentariums
für Technikmuseen ist es auch wichtig, daß die Museumspädagogen ihre
Erfahrungen regelmäßig einem interessierten Fachpublikum präsentieren.
Auch wenn jedes Technikmuseum hinsichtlich Konzeption, Themenauswahl
und Vermittlungsschwerpunkten und -intention einzigartig ist, gibt es den-
noch bestimmte Themen- und Problembereiche in der Vermittlungsarbeit, die
412 Heiner Treinen: Ausstellungen und Kommunikationstheorie. In: Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S. 70.
413 Kenneth Hudson: Perspektiven für ein Museum des nächsten Jahrhunderts. In: Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S.
266.
414 Siehe dazu Ideenmarkt – Praxis. In: Angelika Schmidt-Herwig / Gerhard Winter (Hg.):
Museumsarbeit und Kulturpolitik, a.a.O., S. 200-236.
415 Peter Knoch: In: Museumspädagogik aktuell. Heft 8. 1989, S. 10-12.
– 158 –
für Technikmuseen allgemein gelten. Alle Technikmuseen, die sich mit der
Technik der Gegenwart beschäftigen, müssen sich einer ganz besonderen
Herausforderung stellen – der immer größer werdenden Undurchschaubar-
keit der Technik: ein Computerchip beispielsweise sagt rein gar nichts über
die ihm innewohnenden Möglichkeiten aus.
Die Vermittlung der Technik in all ihren hochkomplexen Erscheinungsformen
und Zusammenhängen geht weit über eine bloße Erklärung der technischen
Funktionen hinaus. Es geht vor allem darum, Sinnzusammenhänge zwischen
Technik und Gesellschaft zu vermitteln. Kurt Ulbricht spricht dabei von der
Orientierungshilfe der Technikmuseen.416 Museumspädagogen stehen dabei
an der Schnittstelle zwischen Fachwissenschaftlern und Besuchern und sind
aufgefordert, die für eine sinnvolle Vermittlung der ausgestellten Objekte
jeweils adäquaten Methoden zu entwickeln und anzuwenden.
Weil die Besucherführungen den größten Anteil an der museumspädagogi-
schen Arbeit haben, werden die Besonderheiten von Führungen im Technik-
museum in diesem Teil herausgestellt. Jede Schulklasse und Erwachsenen-
gruppe kommt mit unterschiedlichen Kenntnissen und Erwartungen ins
Museum. Schulklassen kommen oft nicht „freiwillig“ ins Museum. Erwach-
senengruppen haben oftmals sehr viel Interesse an der Sammlung und
möchten möglichst viel erfahren, sie möchten während der Führung aber
auch von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Daher müssen die Museums-
führer flexibel sein und sich auf die jeweilige Gruppe und Situation einstellen
können. Der Museumspädagoge Kurt Ulbricht hat die wichtigsten Führungs-
methoden für technische Museen zusammengestellt:417
• vor- und nachgestellte Organisationshilfen
• exemplarische Führungsmethode
• genetische Führungsmethode
416 Ulbricht, Kurt: Museumspädagogische Entwicklungen in Natur- und Technikmuseen. In:
Freizeitpädagogik. Heft 12. Kassel 1990, S. 39-51.
417 Kurt Ulbricht: Freizeit im Technikmuseum. In: Freizeitpädagogik. Heft 12, a.a.O., S. 39-
51.
– 159 –
• sokratische Führungsmethode
• entdeckende Führungsmethode
• Methode der Fallstudie
• Vermittlung durch praktische Erfahrung
• orientierende Führungsmethode
Wenn auch die Führungsmethoden für ganz unterschiedliche Wege in der
Vermittlungsarbeit stehen – auf die hier nicht näher eingegangen werden soll
– haben sie doch eines gemeinsam: Die Fähigkeit zu selbständigem Handeln
und aktiver Auseinandersetzung mit der Technik soll gefördert werden. Nicht
blinder Fortschrittsoptimismus und Technikgläubigkeit, sondern die kritische
Auseinandersetzung mit der Technik und ihren Auswirkungen soll geschult
werden.
Daher gilt für alle oben genannten Führungsmethoden gleichermaßen: Nicht
die Einwegkommunikation, sondern der Dialog sollte im Vordergrund stehen.
Die Einwände und Fragen der Besucher müssen ernst genommen werden,
indem sie von den Museumsführern aufgegriffen und in die Führung
eingebracht werden.
Problematisch in diesem Zusammenhang sind aber nicht die Fragen der
Besucher, sondern das Schweigen der Besucher. Gerade bei Schulklassen
gibt es dieses Problem. Der Museumsführer hat die Aufgabe, die Führung so
zu gestalten, daß die Besucher auch zu Fragen angeregt werden. Eine echte
Dialogsituation kann aber nur geschaffen werden, wenn es dem Museums-
führer gelingt, eine Beziehung zum Alltag und zur Lebenswelt der Besucher
herzustellen. Diese Beziehung ist neben dem Funktionieren der Dreiecks-
beziehung „Objekt-Museumsführer-Besucher“ Voraussetzung dafür, daß ein
Lernprozeß in Gang gesetzt wird. Das bedeutet sicherlich nicht, daß alle
Besucherbemerkungen den gleichen Stellenwert besitzen. Ein gut geschulter
Museumsführer sollte aber in der Lage sein, auf die Besucher angemessen
und kompetent zu reagieren.
– 160 –
Zusammenfassend läßt sich folgendes Ziel museumspädagogischer Arbeit im
Technikmuseum definieren: Hauptanliegen sollte die Entwicklung von Kom-
munikationsstrukturen sein, hinter die die Exponate zurücktreten. Das
bedeutet nicht, daß den Exponaten weniger Wert zugemessen wird, vielmehr
sollten die Exponate als Katalysator für Kommunikation genutzt werden.
Eine besondere Herausforderung für die gegenwärtige und künftige Vermitt-
lungsarbeit ist die zunehmende Immaterialisation der Museumsobjekte. Im
folgenden wird daher eingehend auf die Bedeutung der Immaterialisation für
die museumspädagogische Arbeit eingegangen.
5.3 Die Immaterialisation der Exponate als Herausforderung für die
Vermittlung
Eine der größten Herausforderungen, denen die Technikmuseen heute
gegenüberstehen, ist die bereits dargestellte Immaterialisation der Ausstel-
lungsobjekte. Als Folge dieser Immaterialisation geht die Anschaulichkeit und
Übersichtlichkeit der Objekte mehr und mehr verloren. Zu diesem rezeptions-
ästhetischen Problem schreibt Ursula Winter:
Ist der moderne Computer, die Hardware, die sinnlich erfaßbare und damit
ausstellbare Seite der Mikroelektronik nicht schon auf eine bloße Hülle
zusammengeschrumpft, die nur ungenügend die unsinnliche, abstrakte Logi-
stik der Software repräsentiert? Kann man vom Computergehäuse auf die
Digitalisierung des Denkens rückschließen?418
Hier muß die Museumspädagogik ständig neue – unkonventionelle und radi-
kale – Wege finden, um die immer unüberschaubarere und komplexere
Technik dem Publikum überhaupt noch vermitteln zu können:
Die Erscheinungsformen der modernen Technik im Bereich der Mikroelek-
tronik, der Molekularbiologie, der Energietechnik etc. stehen in immer grö-
ßerer Diskrepanz zur Vermittlungsform des Museums, weil Unanschaulichkeit
und Immaterialität dem Bemühen um Visualisierung und um Vermittlung
sinnlich-konkreter Erfahrung gerade entgegenwirken.419
418 Ursula Winter: Industriekultur: Fragen der Ästhetik im Technik- und Industriemuseum.
In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 249.
419 Ebd.
– 161 –
Mit dem Fortschritt im Bereich der Mikroelektronik ist die Maschine allein
durch Form und Gestalt nicht mehr darstellbar und so nicht mehr für den
Besucher begreifbar. Die äußere Form des Exponat läßt längst nicht mehr auf
seine Funktion schließen. Der Bruch zwischen der Hülle der Maschine und
ihrer Funktion wird immer größer. Winter fordert daher
[...] a) für den Besucher des Technikmuseums die Kontinuität längst zerris-
sener Erfahrungszusammenhänge künstlich wiederherzustellen und b) einer
einseitigen Orientierung nach rückwärts und damit der Abspaltung der indi-
viduellen Sinnerfahrung [...] von der deformierten Sinnproduktion auf öko-
nomisch-politischer Ebene entgegenzuwirken.420
Ziel sollte es sein, so Winter,
[...] die Vielschichtigkeit möglicher Wahrnehmungsweisen als kritische Instanz
gegen die Eindimensionalität der Wirklichkeitsbetrachtung gerade auf dem
Gebiet der Technik zu sichern.421
Von dieser starken Objektbezogenheit haben sich bis heute viele Technik-
museen noch nicht ausreichend gelöst, wie zum Beispiel das HNF. Nach
Ansicht von Winter muß diese reine Objektbezogenheit zugunsten einer
mehrdimensionalen Ausstellungspräsentation aufgehoben werden.
Hans-Peter Schwarz, der die Museumskonzeption für das Zentrum für Kunst
und Medientechnologie in Karlsruhe entwickelt hat, sieht diese Objektbezo-
genheit und den damit verbundenen „technologischen Funktionsethos“422
ebenfalls als ein Problem. Dem widerspricht jedoch Kurt Beiersdörfer, einer
der drei Geschäftsführer des HNF. Seiner Meinung nach ist der Vorwurf des
technologischen Funktionsethos – bezogen auf das HNF – eine völlige Feh-
leinschätzung. Beiersdörfer verweist auf verschiedene Ausstellungseinheiten,
die sozialhistorische Aspekte besonders hervorheben.423 Nach Schwarz ist es
für Technikmuseen wichtiger, die Möglichkeiten der neuen Techniken, und
hier besonders des Computers aufzuzeigen, denn „Das Interesse am
420 Ebd., S. 250f.
421 Ebd., S. 257.
422 Hans-Peter Schwarz: Diskurs I: MedienMuseen. In: Hans-Peter Schwarz (Hg.): Medien.
Kunst. Geschichte, a.a.O., S. 36.
423 Dr. Kurt Beiersdörfer in einem Gespräch mit der Verfasserin am 9. Februar 1999.
– 162 –
Computer resultiert [...] weniger daraus, daß man weiß, wie diese Maschine
funktioniert, sondern daraus, was man mit ihr machen kann“.424
Überträgt man diesen Ansatz auf das Beispiel Computer, wäre nicht die
Hardware von vorrangigem Interesse für die Besucher, sondern die Software.
Damit käme eine dritte Darstellungsebene ins Spiel. Am Beispiel Computer
ließen sich folgende Ebenen erkennen:
1. die äußere materielle Erscheinungsform des Computers
2. dessen Funktionsweise, dargestellt in Anwendungsmodellen durch Text,
Grafiken, multimediale Simulationen; das Betriebssystem
3. die Software, das Anwenderprogramm, die Benutzeroberfläche
Daß der Besucher die thematisierten Technologien in der Ausstellung auch
benutzen kann – wie in diesem Falle das Anwenderprogramm – ist die Vor-
aussetzung dafür, daß sich ihm diese dritte Ebene und damit das Exponat in
seiner Gesamtheit erschließt.
Das erste deutsche Technikmuseum – das Deutsche Technikmuseum in
München – hat von Beginn an neben den Objekten auch die Anwendungs-
modelle – also die zweite Ebene – dargestellt. Die Darstellung der dritten
Ebene ist relativ neu bei den Technikmuseen. Eine Sonderausstellung 1993
im Museum Dreieich in Dreieich im Jahre 1993 zeigte dem Publikum die
Entwicklung der Computerspiele seit Beginn der siebziger Jahre.425
Besonders wichtig war dem Ausstellungsmacher Ullrich Dittler dabei, den
Besuchern die Möglichkeit zum Ausprobieren der Spiele zu geben.426 Gerade
jüngere Besucher würden sich durch diese Form der Ausstellungsgestaltung
angesprochen fühlen, so Dittler.427
424 Hans-Peter Schwarz: Diskurs I: MedienMuseen. In: Hans-Peter Schwarz (Hg.): Medien.
Kunst. Geschichte, a.a.O., S. 36.
425 Ullrich Dittler: Computer im Museum. Software als Kulturgut? In: Pädextra. Oktober
1993, S. 46-50.
426 Ebd., S. 47.
427 Ebd.
– 163 –
Diese Nutzung der Technologien durch den Anwender im Museum – wie zum
Beispiel bei der Computersoftware – sollte jedoch nicht im Vordergrund der
Ausstellungsgestaltung stehen. Denn dann würde der Anspruch des
Technikmuseums, Gesamtzusammenhänge aufzuzeigen, weitgehend außer
Acht gelassen. Dann würde gerade Kindern und Jugendlichen – als eine der
Hauptzielgruppen – die Möglichkeit zur Reflexion genommen.
Es kann also nicht darum gehen, ein Museum zu einem Freizeitpark werden
zu lassen. Vielmehr sollten die neuen Technikmuseen ihr aufklärerisches
Potential mit Hilfe des Drei-Ebenen-Modells dazu nutzen, sowohl Kindern als
auch Erwachsenen die Vor- und Nachteile der neuen Technologien zu vermit-
teln.
Eine der Hauptaufgaben der Technikmuseen sollte die Auseinandersetzung
mit der fortschreitenden Immaterialisation der Objekte sein, wobei ständig
neue Wege der Präsentation gefunden werden müssen. Spielwiese und
Lernort sollten kein Gegensatz sein, die Vermittlung von Wissen und Bildung
sollte immer auch Unterhaltung und Vergnügen bereiten. Die Sammlungen
werden in den heutigen Technikmuseen weitgehend so präsentiert, daß eine
Kombination von konventionellen didaktischen Methoden und dem Einsatz
neuer Medien den Besuchern ein hohes Maß an selbständigem Handeln und
Entdecken ermöglicht.
Obwohl der Einsatz von technischen Medien im Museum in den letzten zehn
Jahren stark zugenommen hat, melden sich immer wieder kritische Stimmen
zu Wort. Befürworter des traditionellen Museums sehen in der Verwendung
der technischen Medien eine Herabstufung des Museums zu einem Messe-
stand. Die Kritik bemängelt, daß die Originale hinter den eingesetzten Medien
verblassen, oder daß die Originale ganz verschwinden und durch mediale
Abbilder ersetzt werden. Die Kritik richtet sich aber nicht nur gegen den
Einsatz, sondern auch gegen die zum Teil schlechte Qualität der eingesetzten
Medien.
Diese Einwände müssen sicherlich ernst genommen werden. Durch die
umfangreichen Erfahrungen, die viele Technikmuseen in den letzten Jahren
– 164 –
machen konnten, hat sich die Qualität des Medieneinsatzes jedoch erheblich
verbessert. Ein wesentlicher Grund für diese Verbesserungen liegt in der
Gründung von zahlreichen Beratungs- und Produktionsunternehmen, die seit
Beginn der neunziger Jahre im Museumsumfeld entstanden sind und hier
ihre speziellen Dienstleistungen anbieten.428
Beim Einsatz von technischen Medien kommt es im wesentlichen auf die
sinnvolle Integration in die Ausstellung an. Die Technik sollte nicht in Kon-
kurrenz zu den Objekten treten, und der Einsatz technischer Medien sollte
sich stets den anvisierten Bildungszielen unterordnen. Meist fehlt es den
Museen an erfahrenen Fachleuten, um das Erreichen der Bildungsziele durch
einen adäquaten Medieneinsatz zu flankieren. Da die Ansprüche der Besu-
cher an die Qualität der technischen Medien zunehmen, ist der künftige Ein-
satz von Medienfachleuten in Technikmuseen unabdingbar.
Im HNF sind circa 40 Mitarbeiter allein für die Technik zuständig: Medien-
produktion, Besucherleitsysteme warten und anpassen, Funktionsmodelle
entwickeln und umsetzen, Netz- und Systemadministration. Eine enge und
konstruktive Zusammenarbeit der Techniker mit den Fachwissenschaftlern
und Museumspädagogen ist von großer Bedeutung. Das oberste Ziel bei der
Integration von technischen Medien in das Konzept einer Ausstellung sollte
immer die Intensivierung der Besucher-Objekt-Beziehung sein. Der Besucher
möchte, daß das Museum nicht nur sammelt und ausstellt, sondern ihm das,
was gesammelt und ausgestellt wird, auch erschließt. Dabei wird er den Ein-
satz von didaktisch sinnvollen technischen Medien erwarten, deren
Gebrauch ihm bereits vertraut ist.
Was für Museen allgemein gilt, gilt hier für Technikmuseen im besonderen.
Je nach Museumskonzeption gibt es speziell für Technikmuseen eine Fülle
unterschiedlicher Möglichkeiten, Medien sinnvoll einzusetzen. Da die hier
428 Einen Überblick über Unternehmen, die sich auf Beratung und Produktion von Neuen
Medien im Museumswesen spezialisiert haben, bietet das Handbuch Compania Media
(Hg.): Neue Medien in Museen und Ausstellungen. Einsatz. Beratung. Produktion. Ein
Praxis-Handbuch. Bielefeld 1998, S. 499-510.
– 165 –
untersuchten Technikmuseen erst vor einigen Jahren ihren Betrieb auf-
genommen haben – das HNF wurde erst 1996 eröffnet – sind die Erfahrun-
gen der Museumspädagogik in diesen Häusern noch sehr jung. Zwischen
dem Selbstverständnis der Museen als Bildungseinrichtung auf der einen
Seite und der Umsetzung ihrer Ziele durch Museumspädagogik und Ausstel-
lungsdidaktik auf der anderen Seite bestehen oftmals große Diskrepanzen.
Am deutlichsten können die – nicht immer schriftlich fixierten – Bildungsziele
der Museen an ihrer praktischen Umsetzung in den jeweiligen Präsentations-
konzepten gemessen werden.
5.4 Zusammenfassung
In den Kapiteln 5.1, 5.2 und 5.3 konnte gezeigt werden, wie sich das
Selbstverständnis der Museumspädagogik allgemein und das der Museums-
pädagogik in Technikmuseen im besonderen seit Beginn der siebziger Jahre
bis heute verändert hat. Die Erziehung des Besuchers zur aktiven und selb-
ständigen Nutzung des Museums war und ist das Ziel der Museumspädago-
gik. Dabei konzentrierte sich die Museumspädagogik vornehmlich auf Kinder
und Jugendliche als Zielgruppe ihrer Vermittlungstätigkeit. Diese Begrenzung
auf ein Besuchersegment ist bis heute noch nicht überwunden. Demo-
graphischen Prognosen zufolge wird sich der Anteil älterer Menschen an der
Gesamtbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten noch erhöhen:
Besonders deutlich läßt sich diese Entwicklung anhand der 25- bis 30jährigen
illustrieren. Derzeit werden in dieser Altersgruppe in Deutschland 7,1 Millionen
gezählt, es sind die Geburtsjahrgänge 1965 bis 1969. Im Jahr 2020 wird die
gleiche Altersgruppe – die Jahrgänge 1991 bis 1995 – nur noch rund 4,9
Menschen umfassen. Die auf uns zukommenden grundlegenden Verände-
rungen sind offensichtlich.429
Hier wird sich die Museumspädagogik künftig noch stärker als heute der
Aufgabe stellen müssen, auch ältere Menschen als Zielgruppe für die Ver-
mittlungstätigkeit anzusprechen. Während es relativ einfach ist, Schulklassen
429 Hermann Schäfer: Herausforderungen für das Museum in der Zukunft. In: Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S.
279.
– 166 –
in die Museen zu holen, gestaltet sich die Einbeziehung der Senioren sehr
viel schwieriger.
Wie die Technikmuseen im einzelnen ihre Sammlungen aufgebaut haben und
mit welchen didaktischen Methoden sie ihre Vermittlungsarbeit leisten, soll
nun in den folgenden Kapiteln Gegenstand der Betrachtung sein. Der Rolle
der Museumspädagogik kommt in der Untersuchung der nachfolgend
betrachteten Museen eine besondere Bedeutung zu. Anhand von Technik-
museen soll beispielhaft gezeigt werden, inwieweit die erklärten Ziele durch
die praktische Museumsarbeit erreicht werden.
– 167 –
TEIL 6
DREI TECHNIKMUSEEN –
DARSTELLUNG, ANALYSE, BEWERTUNG
Im folgenden Teil werden drei Technikmuseen exemplarisch dargestellt. Die
Darstellung erfolgt vor dem Hintergrund der Fortschrittsentwicklung mit ihren
massiven und folgenreichen Auswirkungen auf Ökologie, Freizeit und Arbeit
seit Beginn der achtziger Jahre. Nach einer kurzen Darstellung der einzelnen
Museen werden folgende Fragen für die drei Technikmuseen beantwortet:
Zum Themenkomplex gesellschaftlicher Kontext:
• Wie verstehen sich die drei Museen im gesellschaftlichen Kontext?
• Wie wird dieses Verständnis umgesetzt?
• Wie sind Konzept und Umsetzung vor dem Hintergrund der Perspektiven
gemäß Teil 2 zu bewerten?
Zum Themenkomplex Ausstellungskonzeption:
• Welche generelle Ausstellungskonzeption liegt den Museen zugrunde?
• Wie wird die jeweilige Ausstellungskonzeption umgesetzt?
• Wie sind Konzept und Umsetzung vor dem Hintergrund der Perspektiven
gemäß Teil 3 zu beurteilen?
Zum Themenkomplex Museumspädagogik:
• Welches museumspädagogische Konzept wird vertreten, differenziert
nach: Bild vom Besucher / angestrebte Ziele beim Besucher / Vorgehens-
weisen und Vermittlungsformen / mediale Unterstützungen?
• Wie wird das Konzept umgesetzt?
• Wie sind Konzept und Umsetzung vor dem Hintergrund der vorherigen
generellen museumspädagogischen Überlegungen zu bewerten?
Für die Beantwortung dieser Fragen wurden Quellen der einzelnen Museen
herangezogen. Zum Teil lagen mir sehr ausführliche Unterlagen vor, zum Teil
– 168 –
mußte ich mich auf Gespräche mit Museumsverantwortlichen und allgemein
gehaltene Informationsbroschüren beschränken. Hinzu kamen meine eigenen
Erfahrungen als freie Mitarbeiterin im HNF seit Oktober 1996.
6.1 Das Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn (HNF)
Das HNF in Paderborn ist ein besonders interessantes Beispiel für die neuen
Technikmuseen. Die Idee des Museums geht zurück auf den Paderborner
Unternehmer Heinz Nixdorf, nach dem das Museum auch benannt wurde. Ein
großer Teil der Museumsexponate ist auf seine engagiert betriebene Samm-
lungstätigkeit zurückzuführen. Leben und Werk von Heinz Nixdorf bilden den
Grundstein für das Entstehen des HNF. Daher wird im folgenden kurz auf das
Leben von Heinz Nixdorf eingegangen und die Entstehungsgeschichte des
HNF dargestellt.
Heinz Nixdorf wurde 1925 in Paderborn geboren. Nach dem Abitur begann er
zunächst ein Studium der Physik und Betriebswirtschaft in Frankfurt, das er
jedoch abbrach. 1952 gründete er das Labor für Impulstechnik in Essen und
entwickelte seinen ersten Elektronenrechner auf Röhrenbasis. Der anfäng-
liche Zulieferer von Büromaschinenherstellern vertrieb ab 1968 seine Pro-
dukte unter eigenem Namen. Aus kleinsten Anfängen baute er ein weltweit
tätiges Unternehmen mit zuletzt mehr als 25.000 Mitarbeitern auf. Heute gilt
Heinz Nixdorf als ein Wegbereiter der dezentralen Datenverarbeitung.
Die Idee zu einem Firmenmuseum kam Nixdorf erstmals 1977 während der
Vorbereitungen zum 25jährigen Firmenjubiläum.430 Zu diesem Zweck wurden
alte Nixdorf-Maschinen restauriert. Und weitere alte Büromaschinen wurden
als Geschenke überreicht. 1983 wurden Heinz Nixdorf zwei Privatsammlun-
gen mit historischen Schreib- und Rechenmaschinen angeboten. Der Erwerb
dieser Sammlungen gab den entscheidenden Anstoß zur konkreten Planung
eines Museums. Nach dem Tode Nixdorfs 1986 ruhte die Planung allerdings,
bis 1991 die von Heinz Nixdorf gegründete Stiftung Westfalen die Idee wei-
– 169 –
terentwickelte. Nach fast sechs Jahren Planungs- und Entwicklungszeit wurde
das MuseumsForum im Oktober 1996 eröffnet. Für die überregionale
Bedeutung und Ausrichtung des HNF spricht u.a. der Besuch des damaligen
Bundeskanzlers Helmut Kohl zur Eröffnungsfeier im Oktober 1996.
6.1.1 Stellung des HNF im gesellschaftlichen Kontext
Das HNF wird von der von Heinz Nixdorf gegründeten Stiftung Westfalen
getragen. Die Stiftung Westfalen „fördert vorrangig Wissenschaft und Lehre,
insbesondere auf dem Gebiet der Informationstechnik“431. In einer internen
Informationsbroschüre heißt es detaillierter:
Die Einbeziehung des Namens Heinz Nixdorf in die Bezeichnung der firmen-
unabhängigen Einrichtung erinnert an den Initiator der Idee des Museums und
an den Erbauer des Gebäudes. In diesem Sinne fördert die Stiftung Projekte in
Westfalen, die sich aus dem Wunsch Heinz Nixdorfs und aus dem Auftrag der
gemeinnützigen Stiftung Westfalen ergeben.432
Das HNF will mit seiner Ausstellung – die Darstellung der Kulturgeschichte
der Informationstechnik aus fünf Jahrtausenden – und seinen Veranstaltun-
gen ein „Ort der Begegnung, der Bildung und der Kommunikation“433 sein,
und
dem Besucher die Welt der Informationstechnik aus Vergangenheit, Gegen-
wart und Zukunft zugänglich [machen]. Gleichzeitig bietet es die Möglichkeit
zum Dialog und zur Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der
weiteren Entwicklung. Im Wechselspiel von Ausstellungen und Veranstaltun-
gen werden Ideen anschaulich präsentiert, wird materielle Technik geistig
durchdrungen.434
Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung seit Beginn der
achtziger Jahre soll das HNF „mit seinen Ausstellungen und Veranstaltungen
die Orientierung aufgeschlossener Menschen in der modernen Informations-
430 Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forum. Berlin 1996, S. 10.
431 Ebd.
432 Unveröffentlichte interne Information des HNF. Paderborn 1996.
433 Ebd., S. 5.
434 Ebd.
– 170 –
gesellschaft begleiten“435. Weiter soll es „einen Beitrag zur Gestaltung einer
humanen, an ethischen Wertmaßstäben ausgerichteten Gesellschaft“436 lei-
sten.
Um diese Ziele umsetzen zu können, mußte ein geeigneter Raum gefunden
werden. Ein ehemaliges Nixdorf-Gebäude bot die notwendigen Räumlichkei-
ten. Das HNF ist ein Beispiel dafür, wie ein ehemals erfolgreiches Unterneh-
men musealisiert wird:
Unter Wahrung und Restaurierung des gegebenen Rahmens, des ehemaligen
Verwaltungsgebäudes der Nixdorf Computer AG, wurde ein auf die Zukunft
ausgerichtetes, architektonisches Interface mit neuester Technik und flexibler
Raumnutzung geschaffen. Es galt den Wandel von einer Büronutzung zu
einem multifunktionalen, öffentlich zugänglichen, modernen Ort der Bildung
zu vollziehen [...].437
Vor dem Hintergrund der massiven Musealisierung seit Beginn der achtziger
Jahre läßt sich am HNF der Musealisierungsakt an zwei Aspekten verdeut-
lichen: der Musealisierung des Gebäudes und der Musealisierung der Firmen-
und Produktgeschichte. Das Gebäude wurde innen komplett entkernt und
neu gestaltet. Die äußere Hülle des Gebäudes wurde restauriert, ansonsten
aber im ursprünglichen Zustand belassen. Denn das Gebäude „ist auch Aus-
druck eines wichtigen Bestandteils der Nixdorfschen Firmenkultur“438. Die
Produkt- und Firmengeschichte wurde zu einem wichtigen Teil der
Ausstellung.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das HNF im gesellschaftlichen Kon-
text betrachtet ein Ort der Kommunikation ist, der durch den Akt der Musea-
lisierung entstanden ist. Das HNF will jedoch über die Musealisierung der
Vergangenheit hinaus ein Ort sein, der auf die Zukunft ausgerichtet ist.
Darüber hinaus soll das HNF auch die „Bedeutung Paderborns als Wissen-
435 Heinz Nixdorf MuseumsForum: Zeitreise. Zeitzeichen. Zeitfragen. Ohne Ortsangabe.
Ohne Jahresangabe. S. 2.
436 Ebd.
437 Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forum, a.a.O., S. 6.
438 Ebd., S. 24.
– 171 –
schafts- und Bildungsstandort“ stärken. Ob dies gelingt, muß anhand der
Umsetzung der genannten Ziele überprüft werden.
6.1.1.1 Umsetzung der Zielvorstellungen
Um die genannten Ziele umzusetzen wurde in langjähriger Arbeit mit Bera-
tern aus Wissenschaft, Technik, Architektur und Design ein differenziertes
Konzept entwickelt. Die Planungs- und Entwicklungsarbeiten wurden in meh-
reren Teilschritten realisiert. Nachdem den Verantwortlichen klar geworden
war, daß man über das Konzept eines Firmenmuseums hinausgehen würde,
forcierte man einen breiteren kulturhistorischen Ansatz. Das Konzept sah vor,
die Geschichte der Informationstechnik von den Anfängen, das heißt von der
Entwicklung der Schrift, bis hin zur gegenwärtigen Informationstechnik dar-
zustellen.
Zunächst wurde von Januar bis Oktober 1992 die Grundstruktur der Ausstel-
lung erarbeitet. Dann wurden Fachleute beauftragt, Ausstellungskonzepte zu
entwickeln. Die Ausstellungskonzepte wurden anschließend durch ein Team
von Wissenschaftlern praktisch umgesetzt. Zeitgleich mit der praktischen
Umsetzung wurde ein Team von Ausstellungsarchitekten, Designern und
Medienfachleuten gebildet. In der letzten Phase der Ausstellungsrealisierung
wurde jeder einzelne Ausstellungsbereich durch den zuständigen wissen-
schaftlichen Bearbeiter und durch einen Ausstellungsdesigner kontrolliert und
verbessert. Für die zweite Ausstellungsetage wurden noch Fachjournalisten
aus Wissenschaft und Informationstechnik hinzugezogen.
Das Besondere und Neue am HNF ist der Dualismus von Museum und
Forum, eine Verbindung, die es in dieser Form bisher in Europa noch nicht
gab. Das Konzept besteht darin, die Besucher etwas erleben zu lassen und
sie aktiv an Diskussionen teilnehmen zu lassen. Das aktive Eingebundensein
des Besuchers in Ausstellung und Forum ist auch das postulierte Ziel des
HNF. Inwieweit Ausstellung und Forum gemeinsam dieses Ziel erreichen,
wird nachfolgend – unter anderem auch durch die Referenz auf eine 1997/98
durchgeführte Besucherbefragung – zu untersuchen sein.
– 172 –
Während die Ausstellung sich fast ausschließlich mit der historischen Ent-
wicklung der Informationstechnik beschäftigt, hat das Forum die Aufgabe,
gegenwärtige Bedingungen und voraussehbare zukünftige Entwicklungen der
Informationstechnologien zu erfassen, darzustellen und zu diskutieren.
Das Konzept des Forums sieht vor, Einzelveranstaltungen zu planen und zu
realisieren, die sich mit der Schnittstelle Mensch-Maschine beschäftigen. Die
Veranstaltungen werden in Form von wissenschaftlichen Kolloquien, Diskus-
sionen, öffentlichen Vorträgen und Workshops organisiert. Dabei reicht das
Themenspektrum von „Jugend in der Informationsgesellschaft“ bis hin zu
„Internet und Virtual Reality“.
Für dieses Anliegen ist ein hoher technischer Aufwand erforderlich. Das
Forum im HNF ist technisch für die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten auf
höchstem Qualitätsstandard ausgerüstet. Das Forum mit einer Gesamtfläche
von circa 1.400 Quadratmetern beinhaltet ein Auditorium mit 386 Sitzplätzen
und fünf Seminarräume.
Eine besondere Stellung innerhalb des Forums nimmt das sogenannte
„Paderborner Podium“ ein. Seit Mitte 1998 werden hier Fragen zum The-
menbereich „Mensch und Gesellschaft im Informationszeitalter“ thematisiert.
Ziel dieses Podiums ist es, einen bedeutenden Beitrag für eine humane, an
ethischen Wertmaßstäben orientierte Zukunft der Informationsgesellschaft zu
leisten.
Neben der ständigen Ausstellung und den Aktivitäten des Forums finden im
HNF regelmäßig Sonderausstellungen statt. Dabei sollte – so der Anspruch
während der Konzeption des HNF – die Reflexion über die Informationsge-
sellschaft mit künstlerischen Mitteln ein wichtiger Bestandteil sein439: Musik-
veranstaltungen und Ausstellungen, die sich beispielsweise mit Computer-
kunst beschäftigen, sollen den Besuchern die vielfältigen Anwendungs-
möglichkeiten der Computertechnologie näherbringen.
439 Aus einem internen unveröffentlichten Informationspapier des HNF.
– 173 –
Das HNF plant für die Zukunft auch eine Bibliothek und eine Mediathek. Die
Mediathek soll die traditionelle Bibliothek zum Teil ersetzen, aber auch ergän-
zen. Bibliothek und Mediathek sollen nicht nur den internen Mitarbeitern,
sondern allen interessierten Besuchern und externen Wissenschaftlern offen-
stehen.
6.1.1.2 Bewertung des Konzepts
Neu am Konzept des HNF ist der Dualismus von Museum und Forum. Die
Thematik der Ausstellung soll durch Veranstaltungen des Forums aufgegrif-
fen und mit Experten und interessierten Besuchern diskutiert werden. Die
Möglichkeit zur Diskussion stellt somit einen wesentlichen Aspekt des Kon-
zepts dar. Vor dem Hintergrund der Perspektiven aus Teil 2 gelingt es dem
HNF mit den Veranstaltungen des Forums, seinen Bildungsauftrag umzuset-
zen und einen Ort der Kommunikation zu schaffen. Den Teilnehmern der
Veranstaltungen bietet sich somit die Möglichkeit einer bewußten Aufarbei-
tung und Reflexion von gesellschaftlich relevanten Themen rund um die
Informationstechnologie. Der international renommierte Museumsexperte
Kenneth Hudson bezeichnet eine derartige Form des Museums als „Diskus-
sions-Museum, wo Fragen gestellt und Fragen beantwortet werden“.440
Schwarz, der die Medienkonzeption für das Zentrum für Kunst und Medien-
technologie in Karlsruhe entwickelt hat, sieht ebenfalls in dieser Verbindung
einen Vorteil:
Diese in der traditionellen Museologie als Beiprogramm unterschätzten Akti-
vitäten könnten der [...] etwas statisch geratenen Dauerausstellung sicher ein
wenig Dynamik zurückgeben.441
440 Kenneth Hudson: Perspektiven für ein Museum des nächsten Jahrhunderts. In: Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S.
263-268. Als ein weiteres Beispiel führt Hudson das holländische Nationalmuseum für
Wissenschaft und Technologie in Amsterdam an: „Ich finde es schon hochinteressant,
daß das neue holländische Nationalmuseum für Wissenschaft und Technologie, das in
Amsterdam gebaut wird, ein Museum mit Stühlen sein wird – sogar mit sehr vielen
Stühlen.“ S. 266.
441 Hans-Peter Schwarz: Diskurs I. MedienMuseen. In: Hans-Peter Schwarz (Hg.): Medien.
Kunst. Geschichte, a.a.O., S. 36.
– 174 –
Neben dem Ziel, das HNF als Ort des Diskurses zu etablieren, steht das Ziel,
das HNF auch als Ort der Unterhaltung und des Erlebnisses zu präsentieren.
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, werden regelmäßig Sonderveran-
staltungen und -ausstellungen durchgeführt. So finden regelmäßig Familien-
tage statt, an denen sich das ganze Geschehen im HNF um ein spezielles
Thema der Ausstellung dreht. So wurden bereits die Themen „Rechnen“ und
„Schreiben“ besucher- und erlebnisorientiert umgesetzt. An diesen Tagen ist
der Eintritt in das HNF kostenlos. Auch finden zahlreiche Attraktionen statt,
wie Vorführungen bestimmter Exponate, Gewinnspiele und Aktionen, bei
denen die Besucher etwas ausprobieren und erforschen können.
Daneben wendet sich das HNF mit größeren und aufwendigeren Veranstal-
tungen gleichermaßen an Laien wie auch an ein Fachpublikum. So hat 1998
erstmalig die WDR-Computernacht im HNF stattgefunden. Durch den Erfolg
dieser Veranstaltung motiviert, soll auch 1999 dieses Ereignis wieder im HNF
stattfinden.
Zusammenfassend läßt sich das Konzept des HNF hinsichtlich der Inhalte und
der Zielgruppendifferenzierung als sehr vielschichtig einstufen. Auf die
Konzeption der Ausstellung und der museumspädagogischen Arbeit im HNF
wird in den folgenden Teilen näher eingegangen.
6.1.2 Das Ausstellungskonzept
Die Ausstellung präsentiert auf einer Gesamtausstellungsfläche von rund
5000 Quadratmetern die Entwicklung der Informationstechnik von den
Anfängen bis zur Gegenwart und versucht darüber hinaus, künftige Ent-
wicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. In einer Broschüre zur Entstehung des
HNF wird auf die Konzeption näher eingegangen:
Die Entscheidung über die Reichweite der zu präsentierenden Themen wurde
früh in Richtung eines umfassenden historischen Ansatzes getroffen. [Es
wurde] eine Darstellung konzipiert, die sich an der Entwicklungslinie
Rechenmaschine-Schreibmaschine- Computer orientiert.442
442 Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forum, a.a.O., S. 26.
– 175 –
In diese historische Sicht wurden zwei Themenkomplexe eingebettet, die
„Computergeschichte und die Geschichte der Firma Nixdorf“443. Die Ausstel-
lung beginnt „im Jahre 3000 vor unserer Zeitrechnung“444 und endet bei der
Gegenwart. Diese lange Zeitspanne wurde aus folgendem Grund gewählt:
Die rasante Entwicklung der Computertechnologie in den letzten 50 Jahren
läßt vergessen, daß die Maschinen nicht vom Himmel gefallen sind: Uralt ist
die Rechentechnik, lange schon sind praktische Rechenmaschinen wie der
Abakus im Gebrauch, und utopische wie die von Charles Babagge im 19.
Jahrhundert erfundene Differenzmaschine in den Köpfen.445
In einer anderen Broschüre heißt es darüber hinaus:
Welche zuweilen skurrilen und abenteuerlichen Umwege die Geschichte dabei
ging, wie Personen und Ideen, Soziales, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft
diese Wege beeinflußten, und vor allem wie die Geschichte des Computers
das Leben der Menschen verändert und geprägt hat – all dies sind Facetten
der Ausstellung.446
Zusammenfassend lassen sich folgende Ziele der Ausstellung herausstellen:
die kulturhistorische Entwicklungsgeschichte der Informationstechnologie soll
dargestellt werden, wobei die Beziehungen zwischen Mensch-Technik und
Gesellschaft im Vordergrund stehen sollen. Wie diese Ziele umgesetzt wur-
den, wird nun gezeigt.
6.1.2.1 Umsetzung des Ausstellungskonzepts
Die Präsentation der Ausstellung erstreckt sich gegenwärtig über zwei Eta-
gen. Auf der ersten Etage wird die Vor- und Frühgeschichte der Informati-
onstechnologie unter dem Motto „Von der Keilschrift zum Computer“ darge-
stellt. Auf der zweiten Etage wird die Entwicklung der Informationstechno-
logie bis zur Gegenwart unter dem Motto „Der Computer erobert die Welt“
dargestellt.
Die Präsentation der ersten Etage ist kreisförmig aufgebaut. Den inneren
Ring bildet die sogenannte „Galerie der Pioniere“. Diese Galerie ist eingeteilt
443 Ebd., S. 27.
444 Ebd., S. 28.
445 Ebd.
446 Heinz Nixdorf MuseumsForum: Zeitreise. Zeitzeichen. Zeitfragen, a.a.O., S. 8.
– 176 –
in mehrere Kabinen, die das Leben und Werk verschiedener historischer
Persönlichkeiten darstellen, deren Arbeiten oder Entwicklungen mit der
Geschichte der Informationstechnik in Verbindung stehen.
In der Galerie erhält der Besucher bei einem Rundgang anhand von 11
Wegbereitern der Informationstechnik Einblicke in das Leben und Werk der
„Pioniere“. Die Errungenschaften der Technik sollen im Spiegel der histori-
schen Entwicklung gesehen werden. Den Hintergrund der Kabinen bildet eine
Foto- und Bilderwand, die dem Besucher die historische Einordnung der
jeweiligen Persönlichkeit ermöglichen soll. Die Galerie beginnt mit Schickard
und Pascal, die als Erfinder der Rechenmaschine gelten. Die letzte Kabine ist
dem Wegbereiter der dezentralen Datenverarbeitung, Heinz Nixdorf, gewid-
met.
Die um die Galerie herum angeordneten Ausstellungseinheiten präsentieren
die Entwicklung der Schrift- und Rechenkultur und deren Mechanisierung
durch Schreib- und Rechenmaschinen bis hin zur Entwicklung des Compu-
ters. Dabei ist die Präsentation so gestaltet, daß der Besucher, der aus einer
Kabine der Galerie der Pioniere tritt, immer den jeweiligen zeitlichen histori-
schen Rahmen vorfindet. Tritt er beispielsweise aus der Kabine von Hermann
Hollerith, der als Wegbereiter der maschinellen Datenverarbeitung gilt, findet
er verschiedene Techniken der maschinellen Datenverarbeitung ausgestellt.
In drei Eckbereichen der ersten Ausstellungsetage befinden sich sechs Büro-
inszenierungen, die die Veränderung der Bürowelt durch die Entwicklung der
Informationstechnik von der Renaissance – mit der Einführung der
Buchhaltung – bis in die 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts darstellen.
Die zweite Etage zeigt die Entwicklung des Computers seit den 40er Jahren
bis heute. Die Präsentation ist nicht kreisförmig, sondern in rechteckigen
Flächen strukturiert. Die zweite Ausstellungsetage ist unterteilt in fünf Berei-
che: „Besuch im Computer – Eine multimediale Schau“, „Computer nur für
Spezialisten“, „Nixdorf – Wegbereiter der dezentralen Datenverarbeitung“,
„Computer in Wirtschaft und Beruf 1970-1980“ und „Global Digital 1990-
– 177 –
2000“. Den Kernbereich der zweiten Etage bildet die Firmen- und Produkt-
geschichte der Firma Nixdorf.
Um diese Firmen- und Produktgeschichte herum gliedern sich in den fünf
Bereichen die weiteren Entwicklungsschritte der Informationstechnologie:
von den Anfängen im Nachkriegsdeutschland – exemplarisch dargestellt
durch Rechner der Konrad Zuse AG – bis zum heutigen Entwicklungsstand
der Informationstechnologie mit ihren Errungenschaften Virtual Reality und
Internet.
Daß der Computer nicht nur in der Arbeitswelt und in der Unterhaltung eine
Rolle spielt, sondern seit den achtziger Jahren auch im künstlerischen und
kulturellen Bereich immer mehr an Bedeutung gewinnt, wird anhand von
„Computerkunst – Bilder aus Bits und Bytes“ und „Computerklänge – Vom
Synthesizer zur Soundkarte“ veranschaulicht.447 Das sogenannte Software-
Theater erlaubt dem Besucher Einblicke in virtuelle Welten.
In den Eckbereichen finden die Besucher Installationen, die Themen rund um
den Computer präsentieren. So beispielsweise eine Multimedia-Anwendung,
die die Funktionsweise eines Personalcomputers erklärt. Eine „Digitale
Werkbank“ mit einer Reihe von neuen Computer-Anwendungen – wie Inter-
net, Spiele, 3D-Grafikprogramme – gibt Einblicke in den gegenwärtigen
Stand der Informationstechnologie und versucht mögliche künftige Entwick-
lungen vorwegzunehmen. Die Digitale Werkbank rundet die Präsentation ab.
Die Ausstellung ist so aufgebaut, daß sie in einem Rundgang erkundet wer-
den kann. Dem Besucher wird dabei kein bestimmter Gang empfohlen, viel-
mehr kann er die Welt der Informationstechnik auf verschiedenen Wegen
individuell erkunden.
447 Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forum, a.a.O., S. 137.
– 178 –
6.1.2.2 Bewertung des Ausstellungskonzepts
Die Ausstellung weist insgesamt ein sehr vielschichtiges Präsentations-
konzept auf. Neben klassischen Präsentationsmitteln wie Funktionsmodelle
und Vitrinen werden auch Inszenierungen und Multimediaanwendungen
eingesetzt. Es gibt Anwendungen, die Exponate – beispielsweise alte
Rechenmaschinen – erklären, und größere Anwendungen, wie der „Besuch
im Computer“, ein ungefähr 20 Quadratmeter großer Raum, in dem sich das
Publikum einen Film über die Funktionsweise eines Computers ansehen
kann.
Die Inszenierungen werden auf unterschiedliche Weise eingesetzt. Die Gale-
rie der Pioniere zeigt in ihren begehbaren Kabinen 15 Wegbereiter der Infor-
mationstechnologie vor dem Hintergrund eines „kulturhistorische[n] Bild-
kaleidoskop[s]“448. In der Hervorhebung einzelner exemplarisch ausge-
wählter Persönlichkeiten weist die Galerie Parallelen zum Ehrensaal im Deut-
schen Museum München auf, der einmal als „Walhalla der Prominenz in
Naturwissenschaft und Technik“449 bezeichnet wurde. Diese unangebrachte
Nähe zum Personenkult kritisiert Werner Graf:
Unangebracht ist das Prinzip der Ruhmeshalle, also die Nähe zu Personifi-
zierung, wenn nicht Personenkult, weil es die scheinbar Herausgehobenen in
Wirklichkeit reduziert: Als ob Leibniz bedeutend wäre, weil er in die Vorge-
schichte des Computers eingereiht werden kann. Hier wird Tradition geborgt
und gebogen, um die nicht so tolle Gegenwart aufzumotzen. 450
Zwar findet in der Galerie der Pioniere keine Verherrlichung von Meister-
leistungen statt, aber es werden auch kaum kritische Anmerkungen zu den
einzelnen Arbeiten der in der Galerie ausgestellten historischen Persönlich-
keiten vermittelt. Die Galerie der Pioniere erlaubt zwar einen intensiven Ein-
blick in die Biographie der einzelnen Persönlichkeiten, ein Zusammenhang
zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird aber nur unzureichend dar-
448 Heinz Nixdorf MuseumsForum: Zeitreise. Zeitzeichen. Zeitfragen, a.a.O., S. 14.
449 Alexander Rost: Schatzkammer der Genies. In: Geo. Das neue Bild der Erde. Heft 3.
Hamburg 1984, S. 62.
450 Werner Graf: Das größte Warenhaus für Altelektronik. In: TAZ. Nr. 5105. 16.12.1996, S.
15.
– 179 –
gestellt, und erschließt sich fast nur dem interessierten Experten. Die Mög-
lichkeit, die Bedeutung des Lebenswerkes der historischen Persönlichkeiten
in Raum und Zeit darzustellen ist meines Erachtens vertan worden. Dem
schließt sich auch Graf an. Über die Kabine von Heinz Nixdorf urteilt er zu
recht:
Die durchsichtige Absicht, Heinz Nixdorf, dem das Museum gewidmet ist,
durch eine Ahnengalerie bedeutender Geister zu erhöhen, wendet sich gegen
ihn, er wird unbeabsichtigt vorgeführt, weil seine Lebens- und Firmen-
geschichte bloß noch auf einige Fakten und ein unpassendes Schema verkürzt
wird. (Peinlicherweise ist seine Ahnentafel aus dem Jahre 1939, also sein
Ariernachweis, ausgestellt.) Nicht einmal ansatzweise wird herausgearbeitet,
wofür diese Lebensgeschichte und das Lebenswerk steht: Die exemplarische
Biographie des Wirtschaftswunders wurde verschenkt, das Spezifische
(meinetwegen: Pionierhafte) des Aufbaus eines Computerkonzerns wird nicht
herausgestellt, und das Generationstypische im Sinn von Heinz Budes
"Deutsche Karrieren" wird völlig übersehen. Statt dessen sind am Bildschirm
einige Anekdoten zur Person abrufbar.
Zusammenfassend läßt sich zur Galerie der Pioniere sagen, daß der Besucher
bei einem Rundgang kaum in der Lage sein wird, das hier Thematisierte in
einen allgemeineren Zusammenhang von Wechselwirkungen zwischen
Mensch, Technik und Gesellschaft einzuordnen.
Eine andere Art der – meiner Meinung nach gelungenen – Inszenierung fin-
det sich in den sechs „Zeitstationen“451 zum Wandel der Büroarbeit. Bei der
Präsentation der einzelnen Büroensembles wurde darauf verzichtet, durch
bestimmte Stilmittel wie Menschendarstellung durch Puppen den Besuchern
ein distanzloses Bild vergangener Epochen vorzugaukeln. Die gelungene Prä-
sentation schafft die erforderliche Distanz zur heutigen gesellschaftlichen
Wirklichkeit. Dies geschieht durch die Errichtung der Inszenierungen auf
schräggestellten Glasböden, die gleichzeitig als Bodenvitrinen für Exponate
dienen. Dadurch bekommen die Inszenierungen ein überzeitliches abstraktes
Moment.
Dem HNF ist es mit den Büroinszenierungen gelungen, die Balance zwischen
Identifikation und gleichzeitiger Distanz zu vergangenen Arbeitswelten zu
451 Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forum, a.a.O., S.34.
– 180 –
schaffen. Denn gerade bei Inszenierungen unterliegen die Besucher oft der
Versuchung, die „gute alte Zeit“ heraufzubeschwören, obwohl die Museums-
macher gerade das Gegenteil beabsichtigt hatten. Sehr gut gelungen ist
beispielsweise die Inszenierung „Handelskontor der Renaissance“. Die
Synthese von Ausstellungsobjekten auf der einen und der Verwendung
neuester Technik zur Vermittlung der Inhalte auf der anderen Seite über-
zeugt durch eine hohe Anschaulichkeit und optimale Bedienerfreundlichkeit.
So erklärt ein Touchscreen, der ein Renaissance-Gemälde abbildet, das
Leben und Wirken eines Kaufmannes, der auf dem Bild zu sehen ist. Diese
Touchscreen-Anwendung wird auch im Handbuch Neue Medien in Museen
und Ausstellungen als gelungenes Beispiel erwähnt:
Ein kleines Schild fordert den Betrachter auf, das Bild zu berühren, bei dem es
sich um die sensitive Oberfläche einer interaktiven Akustikstation handelt.
Beim Antippen etwa der Briefe, die hinter Gisze an der Wand über eine Stange
gehängt sind, erfährt man etwas über diese frühe Form der Ablage von
Geschäftspost und das aus dieser Zeit und aus diesem Kontext die Redensart
stammt: „Etwas auf die lange Bank zu schieben.“452
Der Vergleich der beiden Inszenierungen macht deutlich: eine gelungene
Inszenierung lebt von – wie bereits in Teil 3 herausgearbeitet wurde – Mehr-
deutigkeit, Verfremdung und Desillusionierung. Bei den Büroinszenierungen
sind diese Aspekte deutlich sichtbar geworden. In der Galerie der Pioniere
fehlen diese Aspekte, so daß dort meines Erachtens weder die historische
Bedeutung der Persönlichkeiten noch die Bedeutung ihrer Entwicklungen für
die heutige Informationstechnologie klar wird.
Diese Einordung in soziale und historische Zusammenhänge fehlt der ersten
Ausstellungsetage fast vollständig. Zusehr haben die Ausstellungsmacher auf
die Wirkung einer Akkumulation von Objekten gesetzt. So bietet die Abtei-
lung der Schreibmaschinen, in der eine Fülle von Schreibmaschinen unter-
schiedlichster Bauart aus den vergangenen zwei Jahrhunderten präsentiert
werden, kaum nennenswerte Erkenntnisse über deren Einsatz in Büros und
die sich dadurch verändernde Arbeitswelt.
452 Compania Media (Hg.): Neue Medien in Museen und Ausstellungen. Einsatz. Beratung.
Produktion. Ein Praxis-Handbuch. Bielefeld 1998, S. 81.
– 181 –
Ähnlich verhält es sich in der zweiten Etage, wo ein großer Teil der Ausstel-
lungsfläche der Produktgeschichte der Heinz Nixdorf Computer AG gewidmet
ist. Auch hier findet sich wieder eine Anhäufung von Produkten, die den
Laien überfordert und kaum einen Sinnzusammenhang zwischen Technik und
Lebenswirklichkeit des Besuchers stiftet. Hier hätte eine kleine Auswahl an
besonders wichtigen exemplarischen Exponaten die Bedeutung der Heinz
Nixdorf Computer AG als Urheber der dezentralen Datenverarbeitung viel
besser hervorheben können.
Die Präsentation der Nixdorf-Produktgeschichte stellt ein besonderes Problem
innerhalb der zweiten Ausstellungsetage dar. Die große Masse der
ausgestellten Produkte widerspricht dem Ziel des HNF, die Entwicklung der
Informationstechnologie in Gesamtzusammenhängen zu zeigen. Die Produkt-
geschichte erschöpft sich in der bloßen Akkumulation von Exponaten, und
diese Überrepräsentation von Nixdorf-Produkten führt zu einer Verzerrung
bei der Darstellung der Gesamtentwicklung. So wird auf eine kritische
Geschichtsbetrachtung verzichtet, die zum Beispiel die sozialen und ökono-
mischen Bedingungen der Arbeitnehmer beleuchtet. Statt dessen wird eine
nostalgische Betrachtung der Unternehmerpersönlichkeit Heinz Nixdorf und
seiner unternehmerischen Leistungen geboten.
Die Bedeutung Nixdorfs ist zweifelsohne nicht von der Hand zu weisen, durch
die Überhöhung seiner Person wird Nixdorf jedoch schon fast „unbeabsichtigt
vorgeführt, weil seine Lebens- und Firmengeschichte bloß noch auf einige
Fakten und ein unpassendes Schema verkürzt wird“453. Die Masse der
Produkte erzeugt höchstens bei ehemaligen Mitarbeitern der Nixdorf
Computer AG einen Aha-Effekt, bietet aber keine Aufklärung über die histori-
sche Dimension der Produkte.
Der stellvertretende Leiter des museumspädagogischen Zentrums München,
Diethard Herles, kritisiert eine derartige Form der Präsentation:
453 Werner Graf: Das größte Warenhaus für Altelektronik. In: TAZ, a.a.O., S. 15.
– 182 –
Die Frage, die sich hierbei eingedenk einer Vermittlungsfunktion des Museums
und der damit verbundenen Verantwortlichkeiten dringlich stellt, ist, bis zu
welchen Grad bei welchen Objektgattungen die Ausklammerung von
Verwendungs- und Wirkungszusammenhängen nicht mehr als unbedenklich
und akzeptabel erachtet werden kann. Hinterfragt ist in diesem Fall auch die
Präsentation von Objekten, deren Ästhetisierung in der Ausstellungssituation
keine aufklärerische Informationen entgegengesetzt sind.454
Verantwortlich für die Auswahl der Exponate aus der Nixdorf-Produktge-
schichte ist die von Nixdorf noch selbst gegründete Stiftung Westfalen, die
bei der Konzeption des HNF federführend war. Der Einfluß dieser dem Unter-
nehmer Nixdorf verpflichteten Stiftung hat nach meiner Einschätzung
maßgeblich dazu beigetragen, daß in der Ausstellung weniger die aufklä-
rerische Dimension, als vielmehr ein chronologischer Aufbau vorherrscht.
Um jedoch das Bildungsziel „Orientierung in der Informationsgesellschaft“ zu
erreichen, sollte ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den einzelnen Aus-
stellungseinheiten existieren. Die Bedeutung gesellschaftlicher und sozialer
Zusammenhänge kann dem Publikum nicht durch eine Hervorhebung einer
einzelnen Persönlichkeit nähergebracht werden.
Neben der viel Raum einnehmenden Firmen- und Produktgeschichte der
Firma Nixdorf werden die weiteren Ausstellungseinheiten stellenweise unzu-
reichend präsentiert. Es gibt aber auch gelungene Beispiele für Präsenta-
tionen. Das Softwaretheater ist ein gutes Beispiel für die Symbiose von
Exponat und Vermittlungsmedium. Virtual Reality-Techniken, wie sie in Teil 4
dieser Arbeit in Zusammenhang mit Themeparks dargestellt wurden, sind
eine wichtige Zukunftstechnologie, die heute immer mehr Anwendungsbe-
reiche erobern: von der Medizin über die Architektur bis zur Kunst. Im HNF
wird diese Technik und ihre Möglichkeiten am Beispiel eines virtuellen Besu-
ches im Petersdom in Rom und einer virtuellen Fahrradfabrik demonstriert.
Eine ebenso gelungene Symbiose von Exponat und Vermittlungsmedium ist
die Digitale Werkbank. Durch den regelmäßigen Ausstausch neuer Program-
me können die Besucher neue Software kennenlernen und ausprobieren.
454 Diethard Herles: Das Museum und die Dinge, a.a.O., S. 93.
– 183 –
Durch die Anwesenheit von Mitarbeitern stehen den Besuchern bei Fragen zu
den Programmen auch fast immer Ansprechpartner zur Verfügung.
Zusammenfassend läßt sich die Ausstellung wie folgt beurteilen: Der kultur-
historische chronologische Aufbau der Sammlung ermöglicht den Besuchern
zwar einen historischen Überblick über die Entwicklung der Information-
stechnologie. Der sozialhistorische Blick fehlt jedoch fast vollständig. Eine
kritische Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Informationstechnolo-
gie durch die Besucher ist daher in der Ausstellung kaum möglich.
Dieser offenkundige Mangel kann durch die Veranstaltungen des Forums
teilweise kompensiert werden. Zukunftsweisend ist das HNF meines Erach-
tens daher nicht durch die Ausstellung, sondern eher durch die Verbindung
von Museum und Forum. Erst diese Dualität erlaubt es, die gesellschaftlichen
Auswirkungen der Informationstechnologie in ihrer ganzen Bandbreite zu
erforschen und zu diskutieren. Das HNF bietet durch Sonderveranstaltungen
und -ausstellungen die Möglichkeit, sowohl Fachpublikum als auch die breite
Öffentlichkeit zu erreichen: „Das HNF spricht mit seinen Veranstaltungen die
interessierte Öffentlichkeit an, ist aber gleichermaßen ein Treff- und
Brennpunkt für das Fachpublikum.“455
Dem Konzept des Forums innerhalb der Gesamtkonzeption des HNF wurde
von Beginn des Hauses an mehr Bedeutung beigemessen als dem Konzept
des Museums. Schon die Verwendung der Abkürzung „HNF“ anstelle der
Abkürzung „HNM“ für Heinz Nixdorf MuseumsForum sowie die in den Regeln
der deutschen Orthographie nicht vorhandene Großschreibung innerhalb
eines Kompositums – MuseumsForum – deuten darauf hin.456
455 Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forum, a.a.O., S. 22.
456 Auch die Personaldecke des Forums ist ungleich höher als die des Museums. So sind für
die Ausstellung gerade mal zwei Wissenschaftler für die Erforschung und Bearbeitung
der Exponate zuständig.
– 184 –
6.1.3 Museumspädagogik im HNF
Das HNF besitzt kein schriftlich fixiertes museumspädagogisches Konzept. In
einzelnen Schriften – Museumskataloge und Infobroschüren – werden jedoch
Bildungsziele explizit formuliert. Im folgenden gehe ich davon aus, daß die
schriftlich fixierten – und nachfolgend genannten – Bildungsziele auch für
den Bereich Museumspädagogik gelten:
Das Heinz Nixdorf MuseumsForum will mit seinen Ausstellungen und Veran-
staltungen die Orientierung aufgeschlossener Menschen in der modernen
Informationsgesellschaft begleiten. Es leistet einen Beitrag zur Gestaltung
einer humanen, an ethischen Wertmaßstäben ausgerichteten Gesellschaft.
[...] In dieser neuartigen Einheit möchte das Heinz Nixdorf MuseumsForum
seine Besucher, junge wie alte, nicht nur unmittelbar Technikgeschichte
erleben lassen, sondern jedem einzelnen die Gelegenheit bieten, einen
selbstbewußten und verantwortungsvollen Umgang mit den Medien unserer
Zeit zu erlernen und auszubauen.457
An anderer Stelle ist zu lesen: „Jungen und jung denkenden Menschen wird
auf spielerische Weise der Umgang mit neuen Informationstechniken näher-
gebracht“458. Schlüsselworte wie „aufgeschlossene Menschen“ und „junge
wie alte“ kennzeichnen die Zielgruppe der Bildungsarbeit im HNF. Nach
Altersgruppen aufgeschlüsselt sollen sowohl „Kinder und Jugendliche“459,
„Lehrer“460 und besonders auch Senioren angesprochen werden.
Ein übergeordnetes Ziel der Bildungsarbeit ist dabei die Förderung des Dia-
logs und der Diskussion:
Ein entscheidendes Ziel des Heinz Nixdorf MuseumsForums war stets die
Förderung der Kommunikation über Fragen der historischen und gesell-
schaftlichen Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnolo-
gien.461
457 Heinz Nixdorf MuseumsForum: Zeitreise. Zeitzeichen. Zeitfragen. Zielsetzung, a.a.O.,
S. 1.
458 Unveröffentlichte interne Information des HNF, a.a.O., S. 5.
459 Ebd., S. 10.
460 Ebd.
461 Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forum, a.a.O., S.14.
– 185 –
Durch die museumspädagogische Vermittlungsarbeit sollen den Besuchern
„spezielle Inhalte der Ausstellung spielerisch vertieft näher erläutert wer-
den“462.
Wie diese Ziele aber durch die museumspädagogische Arbeit in der Praxis
umgesetzt werden sollen, ist nicht schriftlich fixiert. Da es kein schriftliches
museumspädagogisches Konzept gibt, sind die museumspädagogischen
Tätigkeiten für Außenstehende ohne erkennbaren theoretischen Unterbau.
Ob die schon genannten Bildungsziele des HNF durch die verschiedenen
museumspädagogischen Angebote erreicht werden, soll in den nächsten
Kapiteln dieses Teils einer näheren Betrachtung unterzogen werden.
Personell setzt sich die museumspädagogische Abteilung aus einer Vollzeit-
kraft, einer Halbtagskraft und zeitweise weiteren Kräften mit Zeit- oder
Werkverträgen zusammen. Darüber hinaus sind mehr als ein Dutzend frei-
berufliche Mitarbeiter für die museumspädagogische Abteilung tätig. In der
Verwaltung des HNF war anfänglich eine Sekretärin für die Koordination des
Besucherdienstes zuständig. Dieser Bereich wurde 1999 einem Call-Center im
HNF übertragen.
6.1.3.1 Umsetzung des museumspädagogischen Konzepts
Das museumspädagoische Konzept wird durch eine Vielzahl unterschiedlicher
Verfahren, Veranstaltungen und Medien umgesetzt. Im folgenden werden
nun die wichtigsten Vermittlungsformen dargestellt: die Führungen und die
museumspädagogischen Veranstaltungen.
6.1.3.2 Das elektronische Medienkonzept im HNF
Das elektronische Medienkonzept im HNF ist ein „wesentlicher Bestandteil
der Kommunikation“463. Durch das Zusammenwirken unterschiedlicher
Medien in verschiedenen Systemen – inklusive nichtelektronischer Medien –
462 Ebd., S. 10.
463 Heinz Rodehutscord: Kommunikation mit Medien. Elektronische Medien im HNF und ihre
Bezüge. Internes unveröffentlichtes Dokument. Status vom 21.07.1997, S. 6.
– 186 –
entsteht eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten sowohl für die
Besucher als auch für die Mitarbeiter des Hauses. Unter
museumspädagogischen Gesichtspunkten sollen im folgenden die
Wechselwirkungen zwischen den Besuchern – die hier auch zu Anwendern
oder Nutzern werden464 – und den elektronischen Medien im HNF aufgezeigt
werden.
Das HNF unterscheidet drei elektronische Systeme:
• Exponat-Systeme
• Infosysteme (ein Teil des Besucher-Informations- und Leitsystems)
• Arbeitsstationen
Unter Exponat-Systeme werden alle Systeme gefaßt, die im Museums-
bereich in die Ausstellung integriert sind. Sie haben einen direkten Bezug
zum Exponat oder stellen selbst ein Exponat dar. Ein Beispiel für letzteres ist
beispielsweise das Software-Theater in der zweiten Ausstellungsetage:
Bei den besonders aktuellen Ausstellungsthemen verschränken sich Medium
und Inhalt zusehends. Wenn im Softwaretheater moderne Anwendungen
virtueller Realität demonstriert werden, so ist dies Exponat und Vermittlung
zugleich.465
Die Inhalte dieser Systeme sind „sowohl Videos, die zusätzliche Informatio-
nen über Exponate oder deren Umfeld bereithalten, als auch einfache Bild-
schirmanwendungen, die in unmittelbarem Bezug zur Ausstellungsumgebung
stehen.“466 Ein gelungenes Beispiel für ein solches Exponat-System ist eine
Telefonwand: die Besucher können über mehrere Telefone miteinander telef-
onieren. Die Telefonverbindungen werden über eine sichtbare relais-
gesteuerte Telefonanlage (sogenannte Hubdrehwähler) realisiert.
464 Von Nutzern zu sprechen fordert auch der Museumsexperte Kenneth Hudson in seinem
Aufsatz „Perspektiven für ein Museum des nächsten Jahrhunderts“: „Am liebsten würde
ich das Wort „Besucher“ abschaffen, weil es etwas passives impliziert. [...] sagen Sie
von nun an, daß Sie sich mit Menschen befassen, die Museen benutzen.“ In: Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S.
264,268.
465 Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf Museums-
Forum, a.a.O., S. 78.
– 187 –
Unter Infosysteme werden die elektronischen Medien subsumiert, die
„Informationen über die Ausstellung, das Forum oder das Haus“467 bereitstel-
len. Sie sind ein Teil des Besucher-Informations- und Leitsystems. Das
gesamte Besucher-Informations- und Leitsystem umfaßt neben den elektro-
nischen Medien auch die nicht elektronischen Medien, wie Broschüren, Falt-
blätter und Großbücher, um nur einige zu nennen. Der Zweck der Info-
systeme besteht darin, den Besuchern einen Überblick über das HNF zu
geben und gleichzeitig eine Orientierung im Hause zu ermöglichen:
Das elektronische Besucherleitsystem ist deutlich von den Stationen unter-
schieden, die vertiefende Informationen zu den Sachgebieten bereithalten.
Der eine Grund ist, daß ein Besucherleitsystem hinführen soll zum Besuch und
zur Betrachtung von Exponaten und Ausstellungsbereichen.468
Die Infoterminals sind in allen Abteilungen der Ausstellung zu finden, so daß
die Besucher jederzeit auf sie zurückgreifen können.
Bei den Arbeitsstationen handelt es sich um Personalcomputer oder lei-
stungsstarke
Workstations
, die dem Besucher die Möglichkeit geben, sich mit
einem Thema intensiv auseinanderzusetzen. Diese Arbeitsstationen befinden
sich beispielsweise an der sogenannten Digitalen Werkbank in der zweiten
Ausstellungsetage. Hier können die unterschiedlichsten Computeranwen-
dungen und -Programme ausprobiert und erfahren werden: zum Beispiel ein
Flugsimulator, ein Programm zur Erstellung von 3D-Objekten, eine Multi-
media-Anwendung über einen Besuch des Goethe-Hauses in Weimar sowie
eine Multimedia-Anwendung über die Zeit des Hitler-Faschismus469. Die
Software-Produkte, von denen viele regelmäßig ausgewechselt werden,
bieten dem Besucher nicht nur die Möglichkeit, das Produkt zu testen,
sondern auch die Chance, sich mit Themen aus unterschiedlichen
gesellschaftlichen Bereichen auseinanderzusetzen. Teilweise sind die
Programme sehr komplex und erfordern vom Benutzer eine entsprechend
466 „Auf den Monitoren eines nachgebildeten DDR-Rechenzentrums ESER läuft zeitgenös-
sisches Material aus DDR-Wochenschauen“. Ebd.
467 Heinz Rodehutscord: Kommunikation mit Medien. Elektronische Medien im HNF und ihre
Bezüge. Internes unveröffentlichtes Dokument. Status vom 21.07.1997, S. 8.
468 Ebd., S. 24.
– 188 –
lange Einarbeitungszeit. Ob die Besucher diese Möglichkeit im Rahmen eines
Museumsbesuches nutzen, sollte anhand einer entsprechenden Evaluation
überprüft werden. Mit Vermutungen und sporadischen Beobachtungen – wie
es das folgende Beispiel zeigt – ist die Akzeptanz nicht zu messen:
Zu beobachten ist, daß Kinder und Jugendliche direkt zu den Besucher-
informationsterminals laufen, während Erwachsene eher zunächst auf schrift-
liche Informationen zurückgreifen. Hier zeigt sich einfach ein Genera-
tionenwechsel in der Nutzung der Informationsmedien.470
Und selbst wenn diese Beobachtungen sich auch als statistisch haltbar
erweisen würden, wäre noch nicht geklärt, welches Wissen die Kinder und
Jugendlichen daraus ziehen.471
Zum elektronischen Medienkonzept gehört ganz wesentlich die Anbindung an
das Internet. Hier bietet sich dem HNF die Möglichkeit, weltweit und jederzeit
Daten und Informationen zur Verfügung zu stellen. Die Benutzer können sich
sowohl über das Haus informieren; sie haben aber auch die Möglichkeit, über
Email Kontakt mit den Mitarbeitern des HNF aufzunehmen.
Die elektronischen und die nichtelektronischen Medien haben „zueinander
und untereinander ein hohes Maß an Redundanz“472. Es wird davon ausge-
gangen, daß die Besucher erst durch die Benutzung vieler unterschiedlicher
Medien – die alle Sinne ansprechen sollen – ein Verständnis für die Exponate
und Themen der Ausstellung bekommen.473 Auch diese Annahme beruht auf
469 Der Titel dieser Anwendung lautet „Dunkle Schatten“.
470 Heinz Rodehutscord: Kommunikation mit Medien. Elektronische Medien im HNF und ihre
Bezüge. Internes unveröffentlichtes Dokument. Status vom 21.07.1997, S. 11.
471 Hans-Rudolf Leu: Wie Kinder mit Computern umgehen. Studie zur Entzauberung einer
neuen Technologie in der Familie. Weinheim / München 1993, S. 189. Darin schreibt er:
Der Computer ist für Kinder [...] in erster Linie ein Gerät, daß ihnen den Zugang zu einer
Unmenge elektronischer Spiele eröffnet. Die darüber hinausgehenden Möglichkeiten, die
der Computer bietet, spielen für weitaus die meisten praktisch keine Rolle. Dement-
sprechend erwerben sie bei ihrem Umgang mit dem Computer aber auch keine nen-
nenswerten Computerkenntnisse.
472 Heinz Rodehutscord: Kommunikation mit Medien. Elektronische Medien im HNF und ihre
Bezüge. Internes unveröffentlichtes Dokument. Status vom 21.07.1997, S. 12.
473 Ebd., S. 12.
– 189 –
Vermutungen und bedarf der Überprüfung. Die Notwendigkeit einer
empirischen Überprüfung wird auch im HNF gesehen.474
6.1.3.3 Besucherbegleiter und ihre Vorbereitung
Haupttätigkeitsfeld der Museumspädagogik im HNF sind die Führungen durch
die Ausstellung. Diese Führungen sind das Aushängeschild des Museums,
denn gute Führungen prägen das Bild des HNF in der Öffentlichkeit und
ziehen weitere Besucher an. Daher wird im HNF besonders viel Wert auf eine
qualifizierte Vorbereitung der Museumsführer gelegt.475
Während der Vorbereitungsphase lernen die angehenden Museumsführer das
Museum mit allen Ausstellungseinheiten kennen. Ausgebildet werden die
angehenden Museumsführer durch wissenschaftliche Mitarbeiter, die an der
Entwicklung der Ausstellung mitgearbeitet haben und Experten auf dem
jeweiligen Fachgebiet sind. Bevor die Museumsführer mit ihrer Arbeit begin-
nen, müssen sie anhand einer Probeführung ihre erworbenen Kenntnisse
nachweisen. Während der Probeführung werden die angehenden Museums-
führer evaluiert, damit ihre Fähigkeiten weiter geschult werden können.
Die Führung muß von der museumspädagogischen Abteilung vorgegebene
Ausstellungsschwerpunkte beinhalten, innerhalb dieser Ausstellungsschwer-
punkte kann jeder Museumsführer unterschiedliche Akzente setzen und die
verschiedenen Exponate unterschiedlich stark gewichten. Oberstes Ziel dabei
ist, daß die Besucher einen möglichst breiten Überblick über 5000 Jahre
Entwicklung der Informationstechnologie bekommen.
Die Führungen dauern ungefähr eine Stunde und sind untergliedert in Füh-
rungen, die über die gesamte Ausstellung einen Überblick vermitteln und
474 „Die Benutzung der Multimedias [sic, d. V.] in der Ausstellung soll statistisch erfaßt
werden. Zunächst wird jetzt die Statistik für das Besucherinformationssystem
implementiert und steht in den nächsten Wochen zur Verfügung. Die Daten werden in
der Informix-Datenbank [Datenbank des Herstellers Informix, d. V.] abgelegt. Die
Auswertung muß dann über entsprechende Reporting-Tools erfolgen.“ Ebd., S. 19.
475 Daß die Führungen von den meisten Besuchern ausgesprochen gut angenommen
werden, zeigen die vielen positiven Resonanzen. Viele Besucher bedanken sich auch
schriftlich bei der Museumspädagogin des HNF, Dörte Schultze-Geikowski.
– 190 –
solche, die sich mit Teilaspekten der Ausstellung beschäftigen, beispielsweise
mit Leben und Werk von Pionieren der Informationstechnik. Durchgeführt
werden die Führungen von freiberuflichen Mitarbeitern, in der Regel
Studenten und Studentinnen unterschiedlicher Fachrichtungen. Durch ihr
Studium bringen diese zum Teil pädagogische und entsprechende Fach-
kenntnisse mit. Die Museumsführer treffen sich in unregelmäßigen Abstän-
den mit der Museumspädagogin des HNF, um Erfahrungen auszutauschen
und eventuell auftretende Probleme zu lösen.
Auch Fortbildungen werden von der museumspädagogischen Abteilung
angeboten. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Fortbildungsmaß-
nahme „Einführung in das Internet“, die im Januar 1999 erstmalig stattge-
funden hat.
Die Führungen im HNF, die in der Regel etwa eine Stunde dauern, sollen das
Interesse an der Ausstellung und deren Themen wecken. Die Besucher sollen
durch die Führung dazu angeregt werden, das Museum im Anschluß an die
Führung selbständig und aktiv zu erkunden. Deshalb ist es wichtig, den
Besuchern nicht nur die Exponate zu zeigen, sondern ihnen auch die Ausstel-
lungskonzeption und -gestaltung zu erläutern und sie auf die interaktiven
Besucherleitsysteme hinzuweisen. Je nach Besucherinteresse können
bestimmte Funktionsmodelle – zum Beispiel von Rechenmaschinen –
während der Führungen vorgeführt werden.
6.1.3.4 Museumspädagogische Veranstaltungen
Neben den oben beschriebenen Führungen finden im HNF Einzelveranstal-
tungen statt, die bestimmte Aspekte der Ausstellung aufgreifen. Diese Ver-
anstaltungen richten sich hauptsächlich an Kinder und Jugendliche. An eini-
gen der Veranstaltungen können bereits Kinder ab vier Jahren teilnehmen.
Da das HNF ein Ort für alle Generationen sein will, richten sich verschiedene
Veranstaltungen auch an Senioren, beispielsweise die Veranstaltung
„Schreiben wie die alten Römer“.
– 191 –
Über die museumspädagogischen Veranstaltungen des HNF informiert vier-
teljährlich eine kostenlose Überblicksbroschüre. Der Kalender für den Juli,
August und September 1997476 zeigt beispielsweise das folgende Angebot:
• Inventorium
• Geheimschriften
• Museumsrallye
• Rechnen mit dem Abakus
• Surfen im Internet
• Schreiben wie die alten Römer (auch für Senioren)
Von diesen sechs museumspädagogischen Angeboten beschäftigen sich nur
zwei explizit mit den neuen Informationstechnologien: „Surfen im Internet“
und „Inventorium“. Auch im vierten Quartal 1997 sind es nur zwei: „Invento-
rium“ und „Töne aus dem Computer".477 An diesem Sachverhalt wird deut-
lich, daß die neuen elektronischen Technologien nicht so einfach zu vermit-
teln sind, wie beispielsweise das Rechnen mit dem Abakus.478
Diese letztere Veranstaltung ist sehr anschaulich konzipiert, die Inhalte kön-
nen den Teilnehmern leicht vermittelt werden. Die Kinder und Jugendlichen
im Alter von 10-14 Jahren erfahren während der Veranstaltung, was ein
Abakus ist und wie er benutzt wird. Sie können ihren eigenen Abakus anfer-
tigen und nach der Veranstaltung mit nach Hause nehmen. Der Abakus ver-
sinnbildlicht keine abstrakten Ideen, sondern ist ein Objekt mit bestimmten
Funktionen.
Wie man auch neue Technologien anschaulich vermitteln kann, zeigt bei-
spielsweise die Veranstaltung „Inventorium“. Hier können Kinder im Alter von
476 Siehe Anhang.
477 Quartalsüberblick des HNF-Veranstaltungsprogramms für Oktober, November und
Dezember 1997. Siehe Anhang.
478 Diese Vermutung korrespondiert mit der Beobachtung, daß die Führer sich während
einer Führung wesentlich länger auf der ersten Ausstellungsetage befinden und die
Entwicklung der Informationstechnologie ab den fünfziger Jahren wesentlich kürzer
abhandeln.
– 192 –
4 bis 9 Jahren spielerisch erleben, wie ein Computer funktioniert. Anhand
eines Holzmodells wird beispielsweise der Binärcode dargestellt. Die Kinder
können verschiedene Wörter und Sätze mit Hilfe der Binärcodes „schreiben“.
Hier ist es schon sehr viel schwieriger, von dem Funktionsmodell des
Binärcodes Rückschlüsse auf die Bedeutung der Software zu ziehen, die
immer auf der Basis des Binärcodes entsteht. Die spielerische Annäherung an
das Thema läßt schon Kinder im Vorschulalter die Möglichkeiten des
Computers erkunden. Das, was sich normalerweise dem Blick des Benutzers
entzieht und im Verborgenen liegt, wird in der Veranstaltung „Inventorium“
anschaulich ins Licht gerückt.
Neben den Einzelveranstaltungen, die regelmäßig an bestimmten Tagen im
Monat stattfinden, können auch Kindergeburtstage im HNF durchgeführt
werden. Eine Begleitperson – ein Museumsführer, der sich noch zusätzlich
auf diese Aufgabe spezialisiert hat – führt die Geburtstagsgruppe zunächst
durch die Ausstellung. Dabei wird darauf geachtet, daß die Wünsche und
Äußerungen der Kinder im Vordergrund stehen und daß möglichst viele Ex-
ponate entweder von den Kindern selbst bedient oder aber von der Begleit-
person vorgeführt werden. Im Anschluß an die Führung wird eine soge-
nannte Rallye durch die Ausstellung veranstaltet. Dazu bekommen die Kinder
Fotoapparate und Fragebögen ausgehändigt, mit denen sie sich nun auf die
Suche nach bestimmten Exponaten machen. Durch die Einteilung der Kinder
in Gruppen, die um den ersten Platz streiten, ist die Motivation der Kinder
besonders hoch. Die Kinder lernen durch die Kombination von Führung und
Rallye spielerisch die Ausstellung mit ihren wichtigsten Exponaten kennen.
Anschließend werden die Fragebögen ausgewertet und die Kinder bekommen
eine Urkunde und ein kleines Präsent des HNF als Andenken mit nach Hause.
Für die Zukunft sind weitere Veranstaltungen geplant, die sich mit der
Mikroelektronik beschäftigen.479
479 Seit Februar 1999 wird eine Veranstaltung angeboten, während der die Kinder einen
Roboter bauen können.
– 193 –
6.1.3.5 Bewertung des museumspädagogischen Konzepts
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das HNF in Paderborn in seinem Ver-
ständnis von Museumspädagogik in erster Linie eine aktive Beziehung zwi-
schen der Ausstellung und den Besuchern anstrebt. Das HNF setzt bei der
Umsetzung seines Konzeptes vor allem auf Spaß und Freude bei der Ver-
mittlung. Bei den museumspädagogischen Angeboten des HNF wird daher
großer Wert auf die Besucher- und Ereignisorientierung gelegt. Wie wichtig
es ist, dem Bedürfnis der Besucher nach Unterhaltung entgegenzukommen,
konnte in Teil 5 gezeigt werden. Nur ein Besucher, der den Museumsbesuch
und die besuchte Veranstaltung als ein positives Erlebnis empfindet, wird zu
einem möglichen Stammbesucher. Und es ist das Anliegen eines jeden
Museums, möglichst viele Stammbesucher und Dauerkarten-Inhaber unter
den Gästen zu haben.
Die museumspädagogischen Angebote des HNF gehen jedoch nur teilweise
über die reine Wissensvermittlung hinaus. Vor dem Hintergrund einer
zunehmenden Musealisierung müßte das HNF Handlungsprozesse sichtbar
machen und Reflexionssituationen schaffen. Dies geschieht jedoch nur, wenn
die Besucher der museumspädagogischen Veranstaltungen über das
historische Wissen hinaus Anregungen erhalten. Denn, so Fliedl:
Die soziale Reichweite des Museums sowie die Möglichkeit der reflektierenden
Auseinandersetzung mit den musealisierten Kulturdokumenten im Licht ihrer
ursprünglichen
und
gegenwärtigen Bedeutungen und Funktionen entscheiden
darüber, ob das Museum bloß Archiv verdinglichter Geschichte, ein
Mausoleum ewiggültiger ‚kultureller Werte‘ ist – oder eine Agentur des
lebendigen sozialen Gedächtnisses.480
Die museumspädagogischen Angebote im HNF sollten mittels verschiedener
didaktischer, sinnlicher und rationaler Wahrnehmungsformen zu ganzheit-
lichen Erfahrungen hinführen.
Es wäre beispielsweise möglich, die Schulgruppen erst durch die Ausstellung
zu führen und sie dann im „elektronischen Klassenzimmer“ mit dem Internet
480 Gottfried Fliedl: Museumspädagogik als Interaktion. In: Kirsten Fast (Hg.): Handbuch
museumspädagogischer Ansätze. Opladen 1995, S. 53.
– 194 –
vertraut zu machen. Hier böte sich dann auch die Möglichkeit, zentrale
Herausforderungen der Informationsgesellschaft, beispielsweise Globali-
sierung und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft, innerhalb einer Unter-
richtseinheit zu problematisieren. Die Einbindung gesellschaftlicher Schlüs-
selthemen wird auch von Christa Schulze als Notwendigkeit der Museums-
arbeit betrachtet:
Museen haben für uns die Aufgabe, gesellschaftliche Schlüsselthemen auf-
zugreifen [...]. Nur hierdurch kann eine Besucherorientierung gewährleistet
werden, die die BesucherInnen „da abholt, wo sie stehen“; die ihnen Infor-
mationen, Fakten und Fragestellungen vermittelt, die sie heute aktiv nutzen
können, die sie auch persönlich weiterbringen im alltäglichen Leben.481
Für das HNF hieße dies, vermehrt Elemente in die Vermittlungsarbeit aufzu-
nehmen, die gegenwärtig aktuelle Themen aufgreifen. Ein Beispiel: Das HNF
bietet eine Papierwerkstatt an, in der Kinder unter Anleitung Papier schöpfen,
und dieses anschließend auch mit nach Hause zu nehmen können. Das
Erlernen dieser Technik vermittelt jedoch keineswegs auch nur annähernd
die Probleme, die sich in der Informationsgesellschaft stellen. Man könnte
zum Beispiel die Kinder Altpapier von zuhause mitbringen lassen, und das
Thema Papierverbrauch einer Wegwerfgesellschaft diskutieren. Solch ein
Ansatz würde die Kinder da „abholen wo sie stehen“, wie Schulze fordert,
und zum Nachdenken über ihre eigene Lebenswelt auffordern.
Das Prinzip der Mehrperspektivität wird im HNF fast ausnahmslos vom Forum
in Anspruch genommen. Möglicherweise könnten Veranstaltungen des
Forums, die besonders Schüler ansprechen und auch innerhalb der Schul-
zeiten stattfinden, hier Abhilfe schaffen. Wichtig wäre dabei auch die Einbe-
ziehung älterer Schüler in die Vermittlungsarbeit des HNF, da sich die muse-
umspädagogischen Veranstaltungen im HNF lediglich an die Altersgruppe der
Vier- bis 15jährigen richten. Jugendliche ab 15 Jahre werden kaum mit
einbezogen, da für dieses Altersgruppe keine Veranstaltungen angeboten
werden. Das ist bedauerlich, da die Jugendlichen, die kurz vor dem Schulab-
481 Christa Schulze: Jedermann sein eigenes Museum? Besucherorientierung in Zeiten des
Museumsbooms und der Besucherrekorde. In: Angelika Schmidt-Herwig / Gerhard
Winter (Hg.): Museumsarbeit und Kulturpolitik, a.a.O., S. 67.
– 195 –
schluß stehen und dann ins Berufsleben drängen, sich oft orientierungslos im
Hinblick auf ihre Zukunft fühlen.482
Ein erster Schritt zur Einbeziehung auch älterer Schüler ist die Veranstaltung
„Neue Berufe in der Informationsgesellschaft“, die im März 1999 im HNF
erstmalig stattfand. Diese Veranstaltung, die sich auch an Studenten richtet,
will durch die Darstellung neuer Berufsbilder und die Präsentation von Unter-
nehmen neue Perspektiven in der Informationsgesellschaft aufzeigen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die museumspädagogischen Möglich-
keiten, die das HNF mit seiner Dualität von Forum und Ausstellung bietet,
nicht ausgeschöpft werden. Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen
Forum und Museumspädagogik würde helfen, verstärkt Potentiale zu
erschließen.
6.2 Das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (LTA)
Das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (LTA) wurde im
September 1990 eröffnet. Es besteht aus dem Museumsschiff Mannheim –
einem Raddampfer aus dem Jahre 1929 – und dem neuerbauten Museums-
gebäude. Das Museumsschiff wurde bereits im Oktober 1986 nach umfang-
reichen Umbau- und Restaurierungsarbeiten der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht. Diese Außenstelle des Museums beherbergt eine Sammlung zur
Geschichte der Rheinschiffahrt in vorindustrieller Zeit.
6.2.1 Stellung im gesellschaftlichen Kontext
Das Landesmuseum zeigt die Geschichte der Industrialisierung im südwest-
deutschen Raum von ihren Anfängen im Zeitalter der Aufklärung bis zur
Gegenwart:
Eine große Zahl einmaliger Kulturschöpfungen zeugt vom Gestaltungswillen
der Menschen in seinem [im Südwesten, d.V.] Einzugsbereich. Das im 19.
Jahrhundert heraufziehende Industriezeitalter, die großräumige Regulierung
482 Die Jugendarbeitslosigkeit der unter 25jährigen in % der gesamten Erwerbsbevölkerung
betrug 1997 in Deutschland circa 8%. In: Orio Giarini / Patrick M. Liedtke: Wie wir
arbeiten werden. Der neue Bericht an den Club of Rome, a.a.O., S. 28.
– 196 –
des Rheins und der stürmische Aufschwung der internationalen Schiffahrt
gaben der Region ein neues Gepräge: An der Rheinachse entstanden mit den
industriellen Zentren im Rhein- Ruhr-, Rhein-Main- und Rhein-Neckar- Raum
[...] Urbanisationszonen im europäischen Maßstab. Diesen Prozeß in
Südwestdeutschland exemplarisch nachzuzeichenen, ist ein zentrales Anliegen
des Landesmuseums für Technik und Arbeit.483
An anderer Stelle heißt es:
Ziel ist es, sie [die Geschichte der Industrialisierung, d. V.] als vielschichtigen
Prozeß technischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer, ökologischer und
kultureller Veränderungen anschaulich zu vermitteln. [...] Die Organisation der
Ausstellung ist eine chronologische und räumliche Abfolge einer Spirale, die
sog. Raum-Zeit-Spirale. Sie umfaßt 15 Ausstellungseinheiten [...].484
Ziel des Museums – das sich mit seiner Sammlung auf den Südwesten
Deutschlands beschränkt hat – ist es „mit musealen Mitteln Zusammenhänge
zwischen Technik und Gesellschaft [zu] vermitteln“485. Um dieses Ziel zu
erreichen wurde ein Neubau errichtet, indem sich die Sammlung, die Ver-
waltung und die Veranstaltungsräume befinden.
6.2.1.1 Umsetzung der Zielvorstellungen
Konzeptionelle Vorüberlegungen des LTA fanden bereits Ende der siebziger
Jahre statt. Bis 1985 wurde eine Grobkonzeption entwickelt, die „als
Planungsgrundlage vom Ministerrat und Landtag Baden-Württemberg akzep-
tiert wurde“486. In diesem Konzept wurden
Neben inhaltlichen Vorgaben [...] auch Überlegungen zur Gestaltung und
Museumsdidaktik angestellt. Ausdrücklich wurde der Einsatz audiovisueller
Medien befürwortet mit dem Ziel, Informationen zu vermitteln, die sich nicht
unmittelbar aus den präsentierten Objekten ergeben.487
Anschließend wurde dieses Grobkonzept weiter konkretisiert:
Die Umsetzung dieser Rahmenbedingungen in konkrete Planungsvorhaben
durch Museumsmitarbeiter führte zu einem intensiven Diskussionsprozess, der
483 Landesmuseum für Technik und Arbeit: Museumsschiff Mannheim. Broschüre zum
Museumsschiff.
484 Unveröffentlichtes Museumspädagogisches Konzept des Landesmuseums für Technik
und Arbeit in Mannheim vom Mai 1997, o. S. Siehe Anhang.
485 Stefan Mattern: Planung und Einsatz von audiovisuellen Medien am Landesmuseum für
Technik und Arbeit in Mannheim. In: Museumskunde 52. 1987, S. 160.
486 Ebd.
487 Ebd.
– 197 –
schließlich eine weitere Präzisierung der museumsdidaktischen Zielvorstel-
lungen zum Ergebnis hatte.488
Das Konzept sah dabei eine Hierarchisierung verschiedener Methoden zur
Vermittlung der Exponate und deren historischen und aktuellen Zusammen-
hängen vor:
Diese Gewichtung museumsdidaktischer Vermittlungsmethoden war bei der
Ausarbeitung von Entwürfen zu beachten. Jede(r) Konservator/in mußte für
seine / ihre Ausstellungseinheit [...] entscheiden, welche weiterführenden
Informationen mit Hilfe welcher Medien vermittelt werden konnten.489
In dieser Planungsphase wurde auch eine Reihe externer Berater hinzugezo-
gen. Die Umsetzung des Konzepts während der Realisierung sah folgender-
maßen aus:
Zur Vereinfachung der Projektabwicklung wurde die Konstruktion eines
Generalunternehmers gewählt, der für die Leistungen von Sub-Unternehmern
[...] verantwortlich war. [...] Diese Aufgabenteilung (Fachplaner –
Generalunternehmer – museumsinterner Koordinator) hat sich bei der Projekt-
steuerung als außerordentlich tragfähig erwiesen. Als Grundlage der
Projektabwicklung diente ein detaillierter Zeitplan, für dessen Einhaltung die
jeweils zuständigen Personen (mit genau umrissenem Aufgabenbereich) Sorge
zu tragen hatten.490
Zur Vorgabe des Konzepts gehörte es, die Infrastruktur des Hauses so zu
gestalten, daß „etwa alle 6 - 8 Jahre ein Wechsel der präsentierten Objekte
und Themen“491 möglich ist. Dies wurde durch die Verlegung von notwendi-
gen Anschlüssen in einem Rastersystem erreicht, das die notwendige Flexibi-
lität ermöglicht.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Konzept des LTA in mehreren
Schritten – von der Grob- zur Detaillkonzeption – umgesetzt wurde. Bei der
Umsetzung galt dabei immer die Prämisse, daß die Exponate im Vordergrund
stehen sollen und die Vermittlungsmedien dieser Prämisse nachgeordnet
eingesetzt werden sollen.
488 Ebd.
489 Ebd.
490 Ebd., S. 161.
491 Ebd.
– 198 –
6.2.1.2 Bewertung des Konzepts
Das LTA beschränkt sich in seinen Inhalten auf einen geographischen Aus-
schnitt, den Südwesten Deutschlands. Das hat den Vorteil, daß die Besucher
die Entwicklung der Industrialisierung bis zur Gegenwart in einem begrenzten
und überschaubaren Rahmen präsentiert bekommen. Für viele Besucher aus
dem Südwesten ergibt sich durch diesen Ansatz möglicherweise eine sehr
viel stärkere Identifikation mit dem Museum.
Durch den Neubau konnte das LTA die Räumlichkeiten der Sammlung
anpassen und hatte so von Beginn an den Vorteil, Exponate, Vermittlungs-
medien und andere museale Arbeitsbereiche aufeinander abzustimmen. Dies
ist von Bedeutung, da das LTA ein offenes Konzept verfolgt. Schnelle und
flexible Änderungen sind daher unabdingbar.
Die Zielsetzung des LTA, exemplarische Darstellung des technisch-sozialen
Wandels im Südwesten Deutschlands – wird durch dieses Konzept verwirk-
licht. Bestätigt wurde das Konzept auch durch den Europapreis, den das
Museum 1992 erhielt. Dieser Preis zeichnet innovative Museen aus, die auch
die Besucher aktiv in ihre Arbeit miteinbeziehen.
6.2.2 Das Ausstellungskonzept
Die Ausstellung des LTA ist aufgeteilt in 15 Ausstellungseinheiten, die auf
sechs Ebenen präsentiert werden: von Ebene A (ganz oben) bis Ebene F
(Eingangsebene). Technik-, arbeits-, wirtschafts-, sozial- und kulturgeschicht-
liche Aspekte sollen einen möglichst umfassenden Einblick in die Geschichte
der Industrialisierung geben.492
Der Hauptrundgang beginnt im obersten Stockwerk A und führt das Publikum
auf einer Zeitreise vom Zeitalter des Barocks und der Aufklärung hin zur
Eingangsebene, wo der Besucher mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts
konfrontiert wird. Konzeptioneller Teil dieser Ebene ist auch der Ein- und
492 Die Museumspädagogik am Landesmuseum stellt sich vor. – Konzeption, Programm,
Mitarbeitergruppe. Unveröffentlichtes Manuskript, o.J., S. 1. Siehe Anhang.
– 199 –
Ausgangsbereich, der in seinem Symbolcharakter als Schnittstelle zur Außen-
welt und damit zur realen Gegenwart der Besucher fungiert.
Bedeutend beim Ausstellungskonzept des LTA ist das didaktische Grund-
konzept von Einstimmungs- und Vertiefungszonen und der Integration der
AV-Medien in das Ausstellungskonzept. Durch diese Dreigliederung soll der
historische Abriß der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Technik
dargestellt werden. Wie dieses Konzept umgesetzt wurde, wird im folgenden
dargestellt.
6.2.2.1 Umsetzung des Ausstellungskonzepts
In 16 Ausstellungseinheiten – verteilt über sechs Ebenen – wird die Entwick-
lung der Industrialisierung vom Barock bis zur Gegenwart dargestellt. Der
Besucher beginnt seinen Gang durch die Ausstellung auf der obersten Etage,
bis er am Schluß seines Besuches die Eingangsebene – die Gegenwart –
erreicht. Die einzelnen Ebenen gliedern sich wie folgt:
• Ebene A zeigt das Zeitalter des Barocks und der Aufklärung. Manufaktu-
ren treten in Konkurrenz zum Handwerk.
• Ebene B zeigt den Wandel der Technik am Beispiel der Papierherstellung.
• Ebene C zeigt die Veränderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Die Fabrik tritt an die Stelle des Heimgewerbes.
• Ebene D zeigt den technischen Fortschritt am Beispiel der Bedeutung der
Eisenbahn und der Dampfmaschine.
• Ebene E stellt das Leben der Arbeiter und des Bürgertums im Zeitalter der
Industrialisierung bis hinein ins zwanzigste Jahrhundert dar.
• Ebene F – die Eingangsebene – zeigt die Entwicklung neuer Wirtschafts-
zweige wie Chemie, Elektrotechnik und Elektrizitätswirtschaft bis zur
Mikroelektronik.
Die 16 Ausstellungseinheiten bilden die sogenannten Vertiefungszonen.
Ihnen kommt „die Hauptaufgabe bei der Vermittlung der Industrialisierungs-
– 200 –
geschichte des deutschen Südwestens zu“493. Einige Beispiele werden im
folgenden dargestellt:
Die Ausstellungseinheit 3 – vom Hausgewerbe zur Textilfabrik – behandelt
folgende Thematik:
1835 tritt Baden dem Deutschen Zollverein bei. 1876 richtet sich die Familie
Störr in Elzach eine mechanische Weberei ein. Unter Bezug auf diese Ereig-
nisse wird in der Ausstellungseinheit die Bedeutung von Schweizer Kapital für
die Einrichtung von Textilfabriken in Südbaden, der Einsatz wasserkraft-
betriebener Maschinen und die Veränderung der Lebens- und Arbeits-
bedingungen beim Übergang vom Heimgewerbe zur industriellen Produktion
in den Mittelpunkt gestellt.494
Die Ausstellungseinheit 4 – von der bürgerlichen Lesekultur zur Massen-
kommunikation – beinhaltet folgende Thematik:
Die Ausstellungseinheit verbindet kulturgeschichtliche und politische Ereig-
nisse und Entwicklungen im 19. Jahrhundert mit der Behandlung der Frage,
wie sich gleichzeitig und davon abhängig die Technik und die Arbeitswelt im
Bereich des Druckgewerbes verändert haben. Am konkreten Beispiel des
Verlags und der Person des erfolgreichen Unternehmers Johann Friedrich
Cotta (1764 – 1832) wird das Beziehungsgeflecht zwischen Herstellung,
Vermittlung und Konsum von Druckerzeugnissen beschrieben.495
Die Ausstellungseinheit 6 – Technischer Fortschritt und soziale Frage –
behandelt folgende Thematik:
Am Beispiel der 1846 gegründeten Maschinenfabrik Esslingen befaßt sich die
Ausstellungseinheit mit dem Fabrikwesen im 19. Jahrhundert: Wie wurde in
der Fabrik gearbeitet, welche Arbeitnehmer waren hier beschäftigt [...], was
verdienten sie, wie gestalteten sich ihre Arbeitszeiten und welche sozialen
Errungenschaften inner- und außerbetriebllicher Art gab es [...].496
Diese drei Beispiele zeigen deutlich die Einbindung in die Geschichte des
Südwestens Deutschlands.
Verknüpft werden diese Vertiefungszonen durch sogenannte Zeitbilder, die
als Einstimmungszonen fungieren und sozialgeschichtliche Aspekte aufzeigen
und in die historischen Hintergründe einführen:
493 Museumskunde. Band 52. Karlsruhe 1987, S. 160.
494 Die Museumspädagogik am Landesmuseum stellt sich vor. – Konzeption, Programm,
Mitarbeitergruppe. Unveröffentlichtes Manuskript, o. J., S. 2.
495 Ebd.
496 Ebd.
– 201 –
Zwischen diesen Zeitabschnitten sind einstimmende Zonen geschaffen, die
exemplarisch den Zeitgeist der jeweiligen Epoche einfangen. Dies sind die
Zeitbilder. Diese Zeitreise mit den Zeitbildern vermittelt auf eine emotional-
sinnliche Weise einen historischen Einblick in die Geschichte ohne vorder-
gründig belehrend zu sein.497
Innerhalb dieser Einstimmungszonen befindet sich jeweils ein Infoterminal,
das Filmangebote zu den betreffenden Austellungseinheiten bereithält. Dabei
trifft der Besucher auch auf die fiktive historische Figur „Eisele“. Eisele
schlüpft in verschiedene Rollen und erklärt die Ausstellungsetagen:
Als Leitfigur dieser Filmserie wurde ein Geschichtstourist [Eisele, d. V.] aus-
gewählt, der reportageartig jeweils wichtige Zeitthemen aufnimmt. Um den
Wiedererkennungseffekt bei den Besuchern zu erhöhen, wurde diese Kunst-
figur auch dreidimensional neben jedem AV-Terminal platziert.498
Besonders beliebt sind die Zeitreisen bei Familien, wie statistische Daten
belegen.499 Die Zeitreisen wurden von einem Wissenschaftler des LTA in
Zusammenarbeit mit einem Filmproduzenten des Hessischen Rundfunks
erarbeitet:
Neben vielen Spielszenen in historischen Kostümen wurde auch mit modern-
sten elektronischen Verfahren gearbeitet. So wird zum Beispiel bei dem
Betrachter der Eindruck geweckt, daß sich die Leitfigur der Filmepisoden, Herr
Eisele, im Mannheim der Jahrhundertwende mit Hilfe einer Straßenbahn
fortbewegt. [...] Fotografische Vorlagen werden dabei mit Hilfe der Blue-box
zu dreidimensionalen Handlungsräumen erweitert.500
Die einzelnen Episoden haben eine Länge von vier bis sieben Minuten. Die
Terminals werden durch Bewegungssensoren ausgelöst. Die Zeitreisen haben
auch eine besondere didaktische Bedeutung:
Aufgabe dieser Zeitreisen ist damit nicht in erster Linie die Vermittlung histo-
rischen Wissens, sondern eine themen-bezogene [sic] Reflexion der Situation
des Museumsbesuchers bei seiner Annäherung an die Geschichte.501
497 Unveröffentlichtes Museumspädagogisches Konzept des Landesmuseums für Technik
und Arbeit in Mannheim vom Mai 1997, o. S.
498 Siehe dazu Stefan Mattern: Planung und Einsatz von audiovisuellen Medien am
Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, a.a.O.
499 Ebd., S. 161.
500 Ebd., S. 163.
501 Ebd.
– 202 –
Die Vertiefungszonen und die Zeitbilder sollen durch „technik-, arbeits-, wirt-
schafts-, sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte [...] Einblick geben in die
Zusammenhänge dieses komplexen Prozesses“502.
Zusammenfasend läßt sich das Ausstellungskonzept beschreiben als ein drei-
stufiges Modell mit Einstimmungs- und Vertiefungszonen und den Vermitt-
lungsmedien. Diese Vermittlungsmethoden beinhalten neben klassischen
Formen wie Graphiken und Texte auch die schon beschriebenen digitalen
Medien.
6.2.2.2 Bewertung des Ausstellungskonzepts
Das Ausstellungskonzept des LTA ist besucherorientiert und ereignisorientiert
aufgebaut, ohne jedoch den Bildungsanspruch aufzugeben. Dies wird durch
den oben dargestellten Aufbau der Sammlung erreicht.
Das Ausstellungskonzept des LTA stellt die Bedeutung der sozialhistorischen
Zusammenhänge in den Vordergrund. Um das angestrebte Ziel des LTA – die
Wechselwirkung von Technik und Gesellschaft darzustellen – verwirklichen zu
können, wurden neue Präsentationsformen gefunden. Im Zentrum der
dreigliedrigen Ausstellungskonzeption stehen immer die Exponate als
Kristallisationspunkt in einem sozioökonomischen Beziehungsgeflecht. Die
audiovisuellen Medien haben im LTA ausdrücklich eine didaktisch nachran-
gige Bedeutung.503 Dieser didaktische Ansatz macht durch die gelungene
Integration der Objekte in ihren jeweiligen historischen Kontext Geschichte
auch für Laien sichtbar und erfahrbar.
Dabei steht jedoch nicht das Wissen und die Vermittlung von Daten im Vor-
dergrund. Vielmehr wird die Situation der Besucher zum Hauptkriterium bei
der Umsetzung der einzelnen Themen.504 Die Besucher sollen ihre eigene
502 Die Museumspädagogik am Landesmuseum stellt sich vor – Konzeption, Programm,
Mitarbeitergruppe. Unveröffentlichtes Manuskript, o.J., S. 1.
503 Siehe dazu Stefan Mattern: Planung und Einsatz von audiovisuellen Medien am
Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, a.a.O., S. 163.
504 Ebd.
– 203 –
Lebenswelt durch den Blick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
reflektieren lernen.
Diese Reflexion wird besonders durch die Kunstfigur „Eisele“ erreicht.
Mattern zu dieser Leitfigur:
So wird bei den Besuchern der Eindruck erweckt, daß sich die Leitfigur der
Filmepisoden, Herr Eisele, im Mannheim der Jahrhundertwende mit Hilfe einer
Straßenbahn fortbewegt. Selbst die Innenräume eines Zeppelins begutachtet
er ausgiebig. [...]. Die abenteuerlichen Erlebnisse des Geschichtstouristen
Eisele reflektieren auch die Schwierigkeiten, die einen Besucher des
ausgehenden 20. Jahrhunderts bei der Begegnung mit fiktiver historischer
Realität befallen.505
Ein anderes didaktisches Ausstellungselement, das zur Reflexion beiträgt, ist
„die räumliche Öffnung der Stockwerke, die Ausblicke, Durchblicke und
Rückblicke ermöglicht“506. Durch die Aufgabe einer rein chronologischen Glie-
derung wird der Besucher mit überraschenden und ungewöhnlichen Situatio-
nen und Themenzusammenhängen konfrontiert.
Diese Form der Vernetzung von Themen und Zeiten bildet ein wesentliches
Merkmal auch der Informationsgesellschaft. In der Art des Ausstellungsauf-
baus erkennt der Besucher seine Alltagswelt wieder, die auch durch eine
Vielzahl von Vernetzungen gekennzeichnet ist. In der Alltags- und Arbeitswelt
des Besucher ist mehr und mehr – durch den technologischen Fortschritt seit
Beginn der achtziger Jahre – ein vernetztes Denken statt eines linearen
Denkens gefordert. Die Auswirkungen des technologischen Fortschritts
wurden in Teil 2 dieser Arbeit ausführlich dargestellt.
Das Prinzip der Vernetzung von Themen und Zeiten und die sich daraus
ergebende Mehrperspektivität überwindet auch den in vielen Technikmuseen
noch vorherrschenden Funktionsethos der Exponate. Die Überwindung des
Funktionsethos war auch ein Grund für die Preisverleihung als „Europäisches
Museum des Jahres 1992“:
505 Ebd., S. 164.
506 Das Museumspädagogische Konzept des LTA. Unveröffenlichtes Manuskript vom Mai
1997, o.S.
– 204 –
Das Landesmuseum als Vertreter einer neuen Generation von Technik- und
Industriemuseen dokumentiere – anders als traditionelle Technikmuseen – die
Beziehungen zwischen technischen und ökonomischen Entwicklungen auf der
einen Seite und dem sozialen Wandel auf der anderen im angemessenen
Verhältnis. Es stelle die Maschine dorthin, wohin sie wirklich gehöre – in die
Abhängigkeit des Menschen. Dabei werde deutlich, daß die Geschichte der
Technik keineswegs in einem kontinuierlichen, ungebrochenen Fortschritt
bestehe.507
Neben der Möglichkeit der Reflexion und kritischen Aneignung von Geschich-
te kommt im Ausstellungskonzept des LTA aber auch der Erlebnisorientierung
ein hoher Stellenwert zu. Neben der Figur Eisele, die einen sinnlich-emotio-
nalen Zugang zu den Ausstellungsthemen herstellt, der Gestaltung der
Vertiefungs- und Einstimmungszonen mit unterschiedlichen Gestaltungs-
mitteln wie Inszenierungen, trägt besonders das Prinzip des „arbeitenden
Museums“ zur Erlebnisoreintierung bei:
Umgesetzt wird dieses Konzept in Vorführungen von Maschinen, Apparaten,
Fahrzeugen, wie z.B. am Tretkran, Papiermaschine, Hausweberei. Bei diesen
Vorführungen können die Besucher auch selbst Hand, bzw. Fuß anlegen und
mittels diesen [sic] sinnlichen Erfahrungen den Zusammenhang von Technik
und Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes ‚be-greifen‘.508
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Ausstellungskonzeption des LTA
durch die verschiedenen Gestaltungsmittel, aber besonders durch die Durch-
dringung und Vernetzung von Raum und Zeit, die Erlebnisorientierung und
die Bildungsziele gleichermaßen einlöst.
6.2.3 Museumspädagogik im LTA
Das Hauptziel der Museumspädagogik im LTA ist es, „aktive Beziehungen
zwischen der Ausstellung und dem Besucher herzustellen“509. Durch eine kri-
tische Auseinandersetzung mit den Ausprägungen des Industriezeitalters
sollen die vielschichtigen Prozesse der Industrialisierung vermittelt werden.
Um diesem Bildungsauftrag gerecht zu werden, muß die Museumspädagogik
507 Lothar Suhlig: Atmosphäre und Inspiration. Europapreis für das Landesmuseum
Mannheim. In: Die Wirtschaft. Nachrichten der Industrie- und Handelskammer Rhein-
Neckar. Heft 1. 1993, S. 17.
508 Unveröffentlichtes Museumspädagogisches Konzept des Landesmuseum für Technik und
Arbeit in Mannheim vom Mai 1997, o. S.
509 Ebd.
– 205 –
adäquate und zeitgemäße Mittel finden. Der Besuch im LTA soll nicht nur –
im weitesten Sinne – bilden, sondern auch Spaß machen und Zerstreuung
bieten. Das Erlebnis steht dabei deutlich im Vordergrund. Erst durch Spaß
und Freude am Umgang mit Technik kann – so die Museumspädagogik im
LTA – ein Erkenntnisprozeß in Gang gesetzt werden. Der ehemalige Muse-
umspädagoge des LTA – Joachim Kallinich – formulierte dies so:
Das Museum ist mehr als ein Lernort, es ist ein Erlebnisort [...], ein Ort
allerdings, der Bildung nicht ausschließt, sondern Bildung zum Erlebnis
macht.510
Im museumspädagogischen Konzept des Museums treten besonders drei
pädagogisch-didaktische Leitgedanken in den Vordergrund:
1. Das Prinzip der Mehrperspektivität, das Raum läßt, Zusammenhänge zu
erkunden und zu erkennen, ist eine Möglichkeit, Bildung und Erlebnis auf
einen Nenner zu bringen.
2. Das Prinzip des Exemplarischen: Die thematische Auswahl der Ausstel-
lungseinheiten sollte ausdrücklich exemplarisch sein. Der Besucher kann an
einer begrenzten Zahl von Beispielen verallgemeinerbare Erkenntnisse erar-
beiten und wesentliche Merkmale und Strukturen herausfiltern.
3. Das Prinzip der Handlungsorientiertheit. Das Lernen mit allen Sinnen wird
um so wichtiger, je mehr Erfahrungen aus zweiter Hand jene aus erster Hand
zu überlagern beginnen.511
Die genannten Prinzipien sollen den Besuchern eine komplexe Sicht auf die
Ausstellungsobjekte und deren historische, soziale und kulturelle Kontexte
ermöglichen. Wie diese Ziele praktisch umgesetzt werden ist Gegenstand der
folgenden Betrachtung.
6.2.3.1 Umsetzung des museumspädagogischen Konzepts
Die oben genannten Prinzipien werden in den museumspädagogischen Aktio-
nen und Veranstaltungen des LTA umgesetzt. Hauptadressaten der
museumspädagogischen Arbeit sind Kinder und Jugendliche. Besonderer
Wert wird dabei auf die Verknüpfung von schulischen Lehrplänen mit den
Themen der museumspädagogischen Veranstaltungen gelegt:
510 Ebd.
511 Ebd.
– 206 –
Die pädagogischen Stichworte ‚exemplarisch‘, ‚fächerverbindend‘ und ‚hand-
lungsorient‘ bestimmen die Führungs- und Vorführangebote durch die Aus-
stellungsangebote. Was im Schulbuch abstrakt und ohne Bezug zur eigenen
Geschichte abgehandelt wird, zeigt das Museum konkret an Beispielen
westdeutscher Geschichte.512
Die Veranstaltungen für Schüler beginnen in der dritten Jahrgangsstufe. Die
unterschiedlichen Ausstellungseinheiten des Museums sollen den Schülern
einen Einblick in die Geschichte der Industrialisierung vermitteln. Das Ange-
bot der Veranstaltungen ist breit gefächert. Es werden Vermittlungsangebote
offeriert, die das gesamte Themenspektrum beinhalten.
Damit der Museumsbesuch erfolgreich im Sinne eines Lern- und Bildungs-
zieles wird, bietet das Museum eine Reihe von Materialien an, die zur Vorbe-
reitung des Museumsbesuches dienen. Der Überblicksplan der Materialien
zeigt gleichzeitig die Zusammenhänge zwischen den Museumsangeboten für
Schulklassen und den jeweiligen Unterrichtsplänen der umliegenden Bun-
desländer. So haben die Lehrer die Möglichkeit, zum gerade aktuellen Lehr-
plan das jeweils passende museumspädagogische Angebot auszuwählen. Die
Materialien behandeln alle wichtigen Ausstellungseinheiten. Zur Vor-
abinformation besteht für Lehrer die Möglichkeit, das Museum kostenlos –
mittels Lehrerfreikarte – zu besuchen.
Das Landesmuseum in Mannheim, das sich selbst ein arbeitendes Museum
nennt513, legt seinen Hauptschwerpunkt auf die aktive Vermittlungsarbeit, die
verschiedene Angebote bereitstellt. Das Angebot des museumspädagogi-
schen Dienstes bietet insgesamt ein breites Spektrum museumspädagogi-
scher Angebote für Kinder und Jugendliche ab 3 Jahren. Für Kinder zwischen
6 und 12 Jahren gibt es eine Kinderwerkstatt. Hier können die Kinder den
Museumsbesuch vor- und nachbereiten, an Ferienaktionen teilnehmen oder
auch die Werkstatt als Raum für eigene Ausstellungen benutzen. Ältere Kin-
512 Materialien aus dem LTA (Hg.): Informationen für Lehrerinnen und Lehrer allgemein-
bildender Schulen. Museumspädagogik. Landesmuseum für Technik und Arbeit in
Mannheim, o.J., S. 4.
513 So können beispielsweise die Geräte und Maschinen der Ausstellung durch erfahrenes
Fachpersonal täglich vorgeführt können.
– 207 –
der und Jugendliche können in der Forschungswerkstatt eigene Experimente
und Forschungen unter fachkundiger Anleitung durchführen.
Ein wichtiger Baustein im museumspädagogischen Konzept des LTA ist die
Kooperation Schule – Museum – Betrieb. Zusammen mit der BASF Ludwigs-
hafen hat das Museum ein Angebot entwickelt, das sich an allgemein- und
berufsbildende Schulen richtet. Bei diesem Angebot wird am Beispiel der
Ammoniaksynthese in Krieg und Frieden die Ambivalenz der Technik und die
Verantwortlichkeit der Wissenschaft aufgezeigt.514
Auch die Präsentation der neuen Informationstechniken, wie beispielsweise
die Mikroelektronik, ist wichtiger Bestandteil der Ausstellung. Drei der ins-
gesamt 15 Ausstellungseinheiten thematisieren den Einsatz der Mikroelek-
tronik in verschiedenen Tätigkeitsfeldern menschlicher Arbeit: „Mensch und
Automat in der maschinenbaulichen Fertigung“, „Der ‚informierte‘ Mensch“
und „Vom Kontorbuch zum Mikrochip“. Diese Ausstellungseinheiten dienen
auch als Angebot für Schulklassen zur Ergänzung ihrer Unterrichtseinheiten.
Das museumspädagogische Konzept wird von einer Reihe von Mitarbeitern
und freien Mitarbeitern betreut und in die Praxis umgesetzt. Neben zwei
Museumspädagoginnen mit jeweils einer halben Stelle arbeiten in der
museumspädagogischen Abteilung noch ein Diplom-Soziologe, eine Histori-
kerin, eine Verwaltungsangestellte und circa 50 wissenschaftliche Mitarbeiter,
Vorführtechniker und Honorarkräfte.
6.2.3.2 Bewertung des museumspädagogischen Konzepts
Das museumspädagogische Konzept soll durch die drei Prinzipien der Mehr-
perspektivität, des Exemplarischen und der Handlungsorientiertheit die viel-
fältigen Herausforderungen der Informationsgesellschaft widerspiegeln.
Vernetzung und Globalisierung sind nur zwei der Schlagworte, die in der
Diskussion um Gegenwart und Zukunft der neuen Technologien immer
514 Materialien aus dem LTA (Hg.): Informationen für Lehrerinnen und Lehrer allgemein-
bildender Schulen. Museumspädagogik. Landesmuseum für Technik und Arbeit in
Mannheim, o.J., S. 10.
– 208 –
wieder fallen. In Teil 2 dieser Arbeit wurden die Auswirkungen auf die
Gesellschaft ausführlich dargestellt. Das museumspädagogische Konzept des
LTA wird dieser Komplexität durch die oben genannte Mehrperspektivität und
Vernetzung gerecht.
Die Inhalte der museumspädagogischen Veranstaltungen führen durch die
Geschichte der Industrialisierung bis zur Informationsgesellschaft. Die
thematische Bandbreite ermöglicht es den Teilnehmern, den von der
Museumspädagogik postulierten mehrperspektivischen Blick anzunehmen
und in eine reflexionsbestimme Beziehung zu den Themen zu treten.
Die museumspädagogischen Veranstaltungen und Aktionen ermöglichen es
den Teilnehmern, sich Themen handelnd und interaktiv anzueignen. Eine
Reihe von Veranstaltungen fördert zudem die Phantasie der Kinder und
Jugendlichen und ermöglicht so einen ganz eigenen, sinnlich-emotionalen
Zugang zu den Themen des Museums.
Angesichts des – in Teil 2 beschriebenen – ausgiebigen Fernsehkonsums von
Kindern und Jugendlichen ist die Förderung der Phantasie von besonderer
Bedeutung für die geistige Entwicklung. Das LTA setzt mit seinen Veran-
staltungen einen Kontrapunkt zum täglichen Medienkonsum. Vor allem
Sonderveranstaltungen wie der Malwettbewerb „Was muß noch erfunden
werden“ fördert diesen sinnlich-emotionalen Zugang. Bei diesem Malwett-
bewerb sollten sich die Kinder und Jugendlichen Gedanken über täglich
benutze Gegenstände wie Zahnbürste, Computer, Fernseher oder Telefon
machen. Anschließend sollten sie neue „Erfindungen“ malen. Die besten
Erfindungen wurden von einer Jury bewertet und in einer Sonderausstellung
präsentiert. Die Teilnehmer des Malwettbewerbes fühlten sich durch die
Platzierung ihrer Erfindungen in der Sonderausstellung ernst genommen –
ein wichtiger Faktor für die kontinuierliche Einbindung der Besucher in das
Museum.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das museumspädagogische Konzept
des LTA die Komplexität der Informationsgesellschaft sowohl inhaltlich als
– 209 –
auch durch den didaktischen Aufbau der museumspädagogischen Veranstal-
tungen für die Besucher transparent und anschaulich macht.
6.3 Die Deutsche Arbeitsschutzausstellung in Dortmund (DASA)
Die Idee zur Deutschen Arbeitsschutzausstellung (DASA) in Dortmund wurde
bereits in den siebziger Jahren geboren. Mitte der achtziger Jahre war es der
damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, der „die bis dahin eher vor
sich hin welkende Idee der Arbeitsschutzausstellung aufgegriffen und durch
eine weitsichtige politische Entscheidung den Weg zur Errichtung einer
ständigen Ausstellung freigemacht hat“515. Die Deutsche Arbeitsschutzaus-
stellung präsentiert nicht nur die vergangene und gegenwärtige Entwicklung
des Arbeitsschutzes. Vielmehr hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, auch die
mögliche künftige Entwicklung des Arbeitsschutzes zu antizipieren.
6.3.1 Stellung im gesellschaftlichen Kontext
Technische Innovationen verändern die Arbeitswelt und bringen immer neue
Produktionsstätten und -techniken hervor. Damit unterliegt auch der
Arbeitsschutz einem ständigem Wandel. Um die Arbeitnehmer vor möglichen
Gefahren in ihrer Arbeitsumgebung – wie schlechte Luft, falsche Körperhal-
tung usw. – zu schützen, müssen immer wieder neue Schutzmaßnahmen
erarbeitet werden. Außer der Festlegung von Schutz- und Sicherheitsmaß-
nahmen gehören zum Arbeitsschutz noch weitere Aufgaben:
Arbeitsschutz hat heute Ziele, die weit über Sicherheitsvorschriften bei der
Arbeit hinausgehen: Sie betreffen die Gestaltung aller Formen und Bedingun-
gen von Arbeit. Arbeitsschutz in der Bundesrepublik Deutschland umfaßt alles,
was dazu beiträgt, Leben und Gesundheit der arbeitenden Menschen zu
schützen, ihre Arbeitskraft zu erhalten und die Arbeit menschengerecht zu
gestalten.516
Vor dem Hintergrund des technischen Fortschritts und dem dadurch
bedingten raschen Wandel in der Produktion, im Handel und im Dienst-
515 Wolfram Jeiter: Zum Geleit. In: Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Hg.): Mensch. Technik.
Arbeit. Katalog zur Deutschen Arbeitsschutzausstellung. Dortmund 1993, S. 6.
516 Wolfram Jeiter: Einführung. In: Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Hg.): Deutsche
Arbeitsschutzausstellung. Arbeitsschutz zum Anfassen. Bremerhaven 1991, S. 3.
– 210 –
leistungssektor werden „Fragen nach der Sozial- und Umweltverträglichkeit
der Technikentwicklung“517 besonders wichtig. Bei der Darstellung des
Arbeitsschutzes geht es der DASA in ihrem ganzheitlichen Ansatz darum,
[...] Arbeit als einen Lebensraum darzustellen, der nicht allein durch den
unmittelbaren Arbeitsvollzug geprägt ist, sondern auf dessen Gestaltung ver-
schiedene technische, ökonomische, soziale, politische, rechtliche und mentale
Faktoren einwirken.518
Gerhard Kilger sieht den Arbeitsschutzgedanken ebenfalls in einem ganzheit-
lichen gesellschaftlichen Zusammenhang:
Gegenwärtig verfolgt der Arbeitsschutz durch seine gangzheitliche Forderung
nach mehr Lebensqualität das Ziel, neben Freiheitswillen, Demokratiever-
ständnis und Umweltbewußtsein einen Platz einzunehmen, der seinem
eigentlichen Gedanken – dem einer menschenwürdigen Arbeit – zusteht.519
Dabei habe, so Kilger, die Bewußtseinsbildung im Arbeitsschutz ihre „Bedeu-
tung im Feststellen und Sichern seiner gesellschaftlichen Werte: menschen-
gerechte Arbeit für alle (neben Werten wie Freiheit, Gesundheit, Umwelt und
Wohlstand)“520.
6.3.1.1 Umsetzung der Zielvorstellungen
Um diese Bewußtseinsbildung zu erreichen, soll
[d]ie Deutsche Arbeitsschutzausstellung [...] alles andere sein als ein Museum
im herkömmlichen Sinne, in dem Objekte aus einer fernen Vergangenheit
herausgeputzt präsentiert werden. Vielmehr wird hier die Wirklichkeit der
Arbeitswelt aufgegriffen, wird der Besucher letztlich mit seiner eigenen
Arbeitswelt konfrontiert [...].521
Um der Ausstellung einen angemessenen Rahmen zu geben, wurde auf dem
Gelände der Bundesanstalt für Arbeitsschutz in Dortmund ein Neubau errich-
tet:
517 Ebd.
518 Ebd.
519 Gerhard Kilger: Mediengestütztes Lernen in der Deutschen Arbeitsschutzausstellung. In:
Kirstin Fast (Hg.): Handbuch museumspädagogischer Ansätze, a.a.O., S. 366.
520 Gerhard Kilger: Mediengestütztes Lernen in der Deutschen Arbeitsschutzausstellung. In:
Kirstin Fast (Hg.): Handbuch museumspädagogischer Ansätze, a.a.O., S. 366.
521 Norbert Blüm: Grußwort des Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung. In:
Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Hg.): Deutsche Arbeitsschutzausstellung. Arbeitsschutz
zum Anfassen, a.a.O., S. 2.
– 211 –
Der große Zweckbau zeichnet sich durch Baustile moderner und traditioneller
Industriearchitektur aus, er besitzt Tageslichtqualität und ist in mehreren
Bauteilen 1-2stöckig ausgeführt. Die DASA ist rechtlich und örtlich der
Bundesanstalt für Arbeitsschutz in Dortmund zugeordnet.522
Diese Zusammenarbeit der DASA mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz ist
von großer Bedeutung bei der Bewußtseinsbildung für die Aufgaben des
Arbeitsschutzes:
Die Konzeption hat ihre fachwissenschaftliche Basis in der Kompetenz der
Bundesanstalt, mit dem Zusammenwirken von Ausstellung und Wissenschafts-
betrieb schafft die DASA ein Forum für aktuelle Fragestellungen.523
Auch Blüm sieht in der Zusammenarbeit eine wichtige Funktion:
Eine solche Ausstellung ohne fachliche Unterstützung durch die zuständige
Bundesanstalt wäre wie ein Baum, dem man die Wurzeln abhackte. [...] Die
Ausstellung ihrerseits bietet der Bundesanstalt die Möglichkeit, wissenschaft-
liche Erkenntnisse [...] wirksam darzustellen und auch die Anwendung von
Vorschriften und Regeln zu flankieren.524
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Umsetzung der Zielvorstellungen
durch die ganzheitliche Betrachtungsweise, der Möglichkeiten des Neubaus
und der Zusammenarbeit der DASA mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz
gegeben ist.
6.3.1.2 Bewertung des Konzepts
Schon bei seiner Ankunft wird der Besucher durch die äußere Form des
Gebäudes – ein an einen Industriebau erinnernden Neubau – in das Thema
der DASA eingeführt. Auf den 13.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche
bieten sich der DASA vielfältige Möglichkeiten, den ständigen Wandel der
Arbeitswelt und die damit verbundenen notwendigen Arbeitsschutz-
maßnahmen darzustellen.
Die ständige Weiterentwicklung von Sicherheits- und Schutzmaßnahmen in
der Arbeitswelt finden ihre Entsprechung in dem Konzept der DASA, auch die
522 Gerhard Kilger: Mediengestütztes Lernen in der Deutschen Arbeitsschutzausstellung. In:
Kirstin Fast (Hg.): Handbuch museumspädagogischer Ansätze, a.a.O., S. 367.
523 Ebd.
– 212 –
Ausstellung stetig weiterzuentwickeln und als Diskussionsforum für aktuelle
Fragen des Arbeitsschutzes zu etablieren. Erklärtes Ziel der DASA ist es, mit
Dauerausstellung und Sonderausstellungen, Veranstaltungen und Diskussio-
nen ein breites Publikum anzusprechen.
Angesichts der in Teil 2 dargestellten Auswirkungen der neuen Technologien
auf die Arbeitswelt ist eine Bewußtseinsbildung für die Belange der Arbeit-
nehmer von besonderer Bedeutung. Durch den Wegfall sozialer Errungen-
schaften für Arbeitnehmer – Aushebelung von Tarifverträgen oder Schein-
selbständigkeit – verlieren auch Arbeitsschutzmaßnahmen an Bedeutung.
Rentabilität und Umsatzmaximierung stehen an vorderster Stelle. In Teil 2
konnte gezeigt werden, daß die Belastungen für Arbeitnehmer – beispiels-
weise durch Telearbeitsplätze oder unbezahlte Überstunden – deutlich
gestiegen sind.
Auf solche Probleme aufmerksam zu machen und den Besuchern ein
Bewußtsein für die damit verbundenen Gefahren zu vermitteln, ist Ziel der
DASA. Wie diese Ziele in der Ausstellung umgesetzt werden, wird im folgen-
den Teil dargestellt und bewertet.
6.3.2 Das Ausstellungskonzept
Die Deutsche Arbeitsschutzausstellung zeigt in unterschiedlichen Raumfolgen
die Geschichte des Arbeitsschutzes. Die rund 150jährige Entwicklung des
Arbeitsschutzes in Deutschland wird in unterschiedlichen exemplarischen
Aspekten dargestellt. Mit der Ausstellung will die DASA
Neben der breiten Öffentlichkeit [...] vor allem auch das junge Publikum
ansprechen: Schüler und Lehrlinge. Gleichermaßen aber will sie auch die
fachlichen Zielgruppen erreichen, die beim Besuch der Ausstellung durch
aktives Handeln an Problemlösungen herangeführt werden sollen [...].525
Wichtig bei der Ausstellungskonzeption ist die Verbindung von Unterhaltung
und Bildung:
524 Norbert Blüm: Grußwort des Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung. In:
Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Hg.): Deutsche Arbeitsschutzausstellung. Arbeitsschutz
zum Anfassen, a.a.O., S. 2
– 213 –
Die Idee der Deutschen Arbeitsschutzausstellung fällt in die Zeit eines
zunehmenden Freizeitangebots. Sie wird daher die Zielsetzung des Arbeits-
schutzgedankens mit dem Bedürfnis nach Bildung und Unterhaltung verbin-
den.526
Die Konzeption geht dabei von der Vorstellung aus, daß das „Interesse an
‚originaler‘ Vermittlung“527 „angesichts der Reizüberflutung“528 zunimmt:
Diesem Bedürfnis muß eine Ausstellungskonzeption entgegenkommen:
‘Arbeitsschutz zum Anfassen‘ kann spannend dargestellt werden. Andererseits
muß sie ihrem Anspruch als bildungsaktiver Lernort entgegenkommen.529
Neben der Dauerausstellung gibt es zwei Wechselausstellungsbereiche.
6.3.2.1 Umsetzung des Ausstellungskonzepts
Umgesetzt wird das Ausstellungskonzept auf rund 13.000 qm Ausstellungs-
fläche. In zehn Ausstellungseinheiten wird das Problemfeld Arbeitsschutz
vermittelt:
Die Inhalte von 10 Ausstellungseinheiten erschließen sich dem Besucher über
Raumfolgen, die entlang eines gedachten Hauptbesucherwegs zunächst auf
das Problemfeld einstimmen, es in den folgenden Räumen vertiefen und
schließlich zum ‚Studieren‘ von Problemlösungen oder zum Verarbeiten und
Entspannen einladen.530
Die Ausstellung bietet den Besuchern zwar einen Hauptrundgang an, aber es
sind auch individuelle Rundgänge durch die Ausstellung möglich.
Die folgende Liste zeigt die zehn Ausstellungseinheiten mit ihren Inhalten:531
1. Am Bildschirm: Arbeiten mit Informations- und Kommunikationstechniken
2. Mehr Sicherheit am Bau: Arbeitsschutzprobleme in Hoch- und Tiefbau
3. Im Takt der Maschine: Klassische Fabrikarbeit in der Textilindustrie
4. Im Wettlauf der neuesten Nachrichten: Die Arbeit bei Zeitungsherstellung
und Medien
525 Gerhard Kilger: Zur Ausstellungskonzeption. Ebd., S. 4.
526 Ebd.
527 Ebd.
528 Ebd.
529 Ebd.
530 Ebd., S. 10.
531 Ebd., S. 14-33.
– 214 –
5. Vermassung: Der Weg der Rationalisierung zur Kleinserienfertigung
6. Unsichtbare Gefahren: Gefährliche Stoffe am Arbeitsplatz
7. Transportieren und Befördern: Probleme der Arbeit bei Transport und
Verkehr
8. Heilen und Pflegen: Die Gesundheit im Gesundheitswesen
9. Schuften in Schichten: Arbeit und Alltag in der Eisen- und Stahlindustrie
10. Kampf für eine bessere Arbeitswelt: Die Geschichte des Arbeitsschutzes
Bei der Ausstellungsgestaltung geht die DASA auch neue Wege:
Die Ausstellung wird keinesfalls bei der Faszination einmaliger Objekte ver-
weilen, sondern im Sinne eines Lehrpfades von der Betroffenheit über ver-
tiefte Information zu motivierenden Anregungen führen. Selbstverständlich
kommen dabei dem Rückblick auf die Entwicklungen, die zur Gegenwart füh-
ren, eine ganz besondere Bedeutung zu [...].532
Im Eingangsbereich gelangt der Besucher zum Informationszentrum, wo er
sich durch unterschiedliche Medien allgemein über das Thema Arbeitsschutz
informieren kann. Bildschirmterminals, Literatur und Datenbanken können
vom interessierten Besucher genutzt werden. Für Besucher, die das Thema
Arbeitsschutz im eigenen Unternehmen thematisieren wollen oder auch Rat-
schläge für den privaten Arbeitsbereich, zum Beispiel beim Gerätekauf,
wünschen, gibt es in zusammengestellten Infomaterialien Hinweise und
Adressen zum Thema Arbeitsschutz. Ein weiterer Bereich im Informations-
zentrum – der Raum der Gesundheit – ermöglicht dem Besucher, durch eine
Reihe von Tests den Blick auf die eigene Gesundheit zu richten. Durch ver-
schiedene Meß- und Testgeräte erhält der Besucher einen genauen Stand
seiner gesundheitlichen Befindlichkeit.533 Im Auditorium können sich die
Besucher in einer dreidimensionalen Multimedia-Schau – der sogenannten
Holosion – in ein spezielles Problemfeld des Arbeitsschutzes einführen lassen.
532 Ebd., S. 3.
533 Hierzu korrespondiert im HNF ein Computerprogramm „Health“,mit dem die Besucher
auch ihren gesundheitlichen Zustand überprüfen können und sich gleichzeitig ein
maßgeschneidertes Sport- und Ernährungsprogramm zusammenstellen lassen können.
– 215 –
6.3.2.2 Bewertung des Ausstellungskonzepts
Das Ausstellungskonzept ist durch das Ziel einer ganzheitlichen Betrach-
tungsweise des Arbeitschutzgedankens geprägt. Die erste Ausstellungs-
einheit „Arbeiten mit Informations- und Kommunikationstechniken“ macht die
ganzheitliche Betrachtungsweise besonders deutlich. Dabei wird gezeigt, daß
nicht singuläre Belastungen der Arbeitnehmer das Hauptproblem sind,
„sondern das Zusammenwirken vieler Komponeneten“534. Dazu zählen nicht
nur Unfälle und körperliche Belastungen, sondern auch psychische Belastun-
gen.
Die ganzheitliche Betrachtungsweise wird durch ein weitgefächertes Spek-
trum von klassischen und modernen Präsentationsformen ermöglicht:
Die visuelle Kommunikation erfolgt vorrangig durch die Vermittlung ganz-
heitlich gestalteter Innenräume. Diese haben hauptsächlich ästhetische Funk-
tion, d.h. die Wandoberflächen, Licht, Farbe und Raumbildung sind Raum für
Raum auf den jeweiligen Darstellungsinhalt bezogen. Dabei treten Textinfor-
mation und Benutzerterminals visuell zurück.535
Das Thema Arbeitsschutz kann durch die Museumsexponate allein und deren
visuelle Einbindung in den Ausstellungskontext nur unzureichend vermittelt
werden. Die verschiedenen Medien spielen deshalb eine zentrale Rolle.
6.3.3 Museumspädagogik in der DASA
Die DASA will Lernort sein, „an dem der Spaß am Erleben und eigenen Ent-
decken im Vordergrund steht“536. Daher verläuft die Vermittlung „nicht in
Form von Belehrungen und Maßregelungen, sondern tritt als Informations-
und Kommunikationsangebot an die Jugendlichen heran“537.
Die Vermittlungsarbeit der DASA ist eng verknüpft „mit dem in die Ausstel-
lung integrierten didaktischen Konzept und den unter didaktischen Gesichts-
534 Gerhard Kilger: Zur Ausstellungskonzeption. In: Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Hg.):
Deutsche Arbeitsschutzausstellung. Arbeitsschutz zum Anfassen, a.a. O., S. 14.
535 Gerhard Kilger: Mediengestütztes Lernen in der Deutschen Arbeitsschutzausstellung. In:
Kiristin Fast (Hg.): Handbuch museumspädagogischer Ansätze, a.a.O., S. 368.
536 Siehe unveröffentlichtes „Didaktisches Konzept für die Zielgruppe Schule, Ausbildung“
der museumspädagogischen Abteilung der DASA vom 18.8. 1994, S. 2.
– 216 –
punkten gestalteten Ausstellungsaufbau“538. Daraus folgt, daß die Museums-
pädagogik die Möglichkeiten des handlungsorientierten Ausstellungskonzepts
nutzt, aber auch an der „Konzeption, Planung und Gestaltung solcher
Angebote mitarbeitet und Anteil hat an der Frage, wie ein handlungsorien-
tiertes Konzept im Hinblick auf die pädagogische Nutzung integriert werden
kann“539.
Im Zentrum der Museumspädagogik der DASA „steht ein auf Kinder und
Jugendliche ausgerichtetes Vermittlungskonzept, durch das situativ Erfah-
rungs- und Erlebnissituationen gestaltet werden können“540. Das Konzept
bezieht als „Erfahrungshintergrund die Lebenswelt von Kindern und Jugend-
lichen unmittelbar mit ein“541. Wie diese Ziele umgesetzt werden, wird im
folgenden dargestellt.
6.3.3.1 Umsetzung des museumspädagogischen Konzepts
Neben der Einbeziehung der didaktischen Mittel in die Ausstellung „plant die
Museumspädagogik verschiedene Aktionsformen, um unter Einbeziehung der
handlungsorientierten Ausstellungsstruktur spannende und erlebnisreiche
Ausstellungsbesuche zu ermöglichen“542. Die DASA war sich der Bedeutung
des Unterhaltungswertes für die erfolgreiche Vermittlung einer Ausstellung
bewußt. So hat sie bereits in der Planungsphase auf „das Zusammentreffen
von Spaß und Kenntnisgewinn“543 gesetzt.
Den Besuchern soll durch die unterschiedlichen museumspädagogischen Pro-
gramme der Zugang zu den Museumsobjekten erleichtert werden und die
aktive Auseinandersetzung mit den Inhalten der Ausstellung ermöglicht wer-
den.
537 Ebd.
538 Ebd.
539 Ebd., S. 2f.
540 Ebd., S. 2.
541 Ebd.
542 Ebd., S. 3.
543 Ebd., S. 2.
– 217 –
Eine wichtige Vermittlungsform ist die Rallye. Rallyes richten sich sowohl an
geführte Gruppen wie auch an Einzelbesucher, die keine Führung gebucht
haben, aber dennoch nicht ganz ohne Hilfestellung die Ausstellung erkunden
möchten. Das eigene Erkunden wird durch Rallyetexte544 unterstützt.
Sie hat sich als eine Vermittlungsform bewährt, die für das eigenständige
Erkunden von Inhalten prädestiniert ist. Speziell für Kinder ist die Rallye eine
ideale Vermittlungsform, da sie dem Bewegungsdrang der Kinder entgegen-
kommt. Darüber hinaus bietet die DASA spezielle Aktionsprogramme545 sowie
weitere Angebote, die für spezielle Altersstufen entwickelt wurden oder sich
an Lehrende und Lernende richten.
Die einzelnen Veranstaltungen werden in Zusammenarbeit mit freiberuflichen
Kräften durchgeführt, die aus ganz unterschiedlichen Sparten kommen. Bei
der Aktion „Maschinentanz“ wird beispielsweise von einer Tänzerin
vorgeführt, wie Maschinen den Menschen monotone Bewegungen aufzwin-
gen und seine Gesundheit schädigen können. Durch das Erkennen der
Monotonie sollen die Teilnehmer im Verlauf der Veranstaltung ein positives
Bewegungsrepertoire entwickeln. Bei diesen Aktionen geht es der Museums-
pädagogik der DASA darum, die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen
gesellschaftlichen Institutionen interdisziplinär zu fördern.
Weitere museumspädagogische Angebote richten sich an das Lehrpersonal.
Fortbildungen und Fachvorträge sollen es den Lehrern und Lehrerinnen
ermöglichen, sich schnell in bestimmte Ausstellungsinhalte einzuarbeiten.
Der sogenannte Museumskoffer bietet ebenfalls verschiedene Hilfsmittel zur
Erarbeitung der Ausstellung. Er kann vom Lehrpersonal zur Vorbereitung des
DASA-Besuches ausgeliehen werden.
544 „Die Rallye gibt die Möglichkeit, sich selbst anhand des Rallyetextes mit der Ausstellung
zu befassen, dem eigenen Tempo zu folgen und dabei die Hinweise, Erläuterungen und
Fragen, die im Rallyetext enthalten sind, zu verarbeiten.“ Ebd., S. 4.
545 „Gemeint sind hiermit außergewöhnliche Aktionen, die auf besondere Publikums- und
Medienwirksamkeit abzielen. Dabei sollen auch andere Vermittlungsebenen angespro-
chen werden und Künstler/innen oder andere Institutionen zur Mitarbeit gewonnen
werden.“ Ebd., S. 6.
– 218 –
Die DASA ist darüber hinaus mit dem Aufbau eines Kontaktnetzes beschäf-
tigt, das einen regelmäßigen Austausch mit anderen Museen und weiteren
Institutionen sicherstellt. Auf der Basis dieses Netzes werden Tagungen
organisiert und die Teilnahme an Tagungen des Berufsverbandes der Muse-
umspädagogen vereinfacht. Der regelmäßige Austausch fördert den
Bekanntheitsgrad der DASA und macht die museumspädagogische Arbeit der
DASA einer breiten Fachöffentlichkeit bekannt. Das Kontaktnetz leistet auch
bei der Sicherung und Steigerung der Besucherzahlen einen wichtigen
Beitrag. Über die Infrastruktur des Netzes wird das museumspädagogische
Programm der DASA regelmäßig an bestimmte Institutionen verschickt:
Volkshochschulen, Arbeitsämter, Schulen etc.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Museumspädagogik die in der
Ausstellung fest verankerten didaktischen Mittel als Basis für ihre Vermitt-
lungsarbeit nutzt. Die museumspädagogischen Methoden sind „inhaltlich und
altersspezifisch unterschiedlich konzipiert, aber jeweils diesselben
Vermittlungsideen und –methoden“ 546 werden benutzt.
6.3.3.2 Mediengestütztes Lernen in der DASA
Die oben genannten vielfältigen museumspädagogischen Vermittlungsformen
der DASA bauen auf einer „handlungsorientierten Ausstellungsstruktur“547
auf. Der Ausstellungsstruktur liegt ein didaktisches Medienkonzept zugrunde,
das – ebenso wie die Museumspädagogik – ganzheitliche Bewußtseinsbildung
fördern soll.
Um dem Anspruch der ganzheitlichen Bewußtseinsbildung gerecht zu wer-
den, bedarf es eines funktionierenden Zusammenspiels von „kognitiven und
affektiven Formen der Darstellung mit unterschiedlichen Interaktionsange-
boten“548. Das Besucherinformationssystem – zugleich die wichtigste Infor-
mationsquelle – besteht aus einem Infrarot-Kopfhörersystem. Die Besucher
546 Ebd., S. 3.
547 Ebd.
– 219 –
können sich in den 120 Sendezonen der Ausstellung einen Text von jeweils
drei bis vier Minuten Länge anhören. Nachteil dieser Methode ist die perma-
nente Wiederholung des Textes549, der Besucher kann die Rezeption des
Textes nicht steuern.
Durch die Ausstellung führt ein doppelter hölzerner Handlauf, der nicht nur
konventionelle Textmedien anbietet, sondern auch einige tragbare PCs –
sogenannte Notebooks – , an denen der Besucher vertiefende Informationen
zu bestimmten Themen bekommt. Darüber hinaus erfüllt der Handlauf einen
weiteren Zweck: „Dieses einzige ‚Ausstellungsmöbel‘ dient zusätzlich zu
Absperrungen [sic!] und hat seine ergonomische Funktion zum Ausruhen und
Verweilen.“550
Eine interessante Einrichtung innerhalb der Ausstellung sind die sogenannten
Studienmodule551:
In diesen visuell und akustisch abgetrennten Räumen sind AV-Medien, Pro-
jektordner, Literatur und Projektionstechnik für Referenten eingerichtet. Hier
stehen aber auch, nach Zielgruppen gegliedert, ausführliche Studientexte für
die Themenvertiefung zur Verfügung.552
Diese geschlossenen Ausstellungsräume sind in erster Linie für Referenten
eingerichtet worden, werden aber auch von Besuchern oft genutzt. Zur
Themenvertiefung stehen den Benutzern in den einzelnen Ausstellungsabtei-
lungen Benutzerterminals zur Verfügung. Terminals gibt es an Sitzplätzen, als
Terminals dienen auch die Notebooks in den Handläufen.
Anders als im HNF und im LTA sind die AV-Medien oft in überraschende
Inszenierungen eingebunden:
548 Gerhard Kilger / Günter Becker: Mediengestütztes Lernen in der Deutschen Arbeits-
schutzausstellung. Unveröffentlicht. Erfurt o. J., o. S.
549 „In jeder Sendezone kann auf vier Kanälen ein jeweils endlos wiederholter Text von drei
bis vier Minuten Länge empfangen werden.“ Ebd.
550 Ebd.
551 Siehe unveröffentlichtes didaktisches Konzept für die Zielgruppe Schule, Ausbildung der
museumspädagogischen Abteilung der DASA vom 18.8. 1994, S. 3.
552 Gerhard Kilger / Günter Becker: Mediengestütztes Lernen in der Deutschen Arbeits-
schutzausstellung, a.a.O.
– 220 –
[...] Lebensgeschichten von Betroffenen sind durch z.B. in Spinden unter-
gebrachte Monitoren abrufbar, sie ergänzen als Oral Historie die Objekte der
in diesem Bereich ausgestellten Alltagskultur. Für das mediengestützte
Erfassen werden Audio- und Diapräsentationen auch in bühnenbildnerischen
Erlebniszonen wie z.B. in einen begehbaren Gehörgang integriert.553
Eine Steigerung dieser AV-Inszenierungen sind die interaktiven AV-Medien,
die oftmals in die Erlebniszonen eingebettet sind: „So werden in der DASA
beispielsweise die Belastungen und Beanspruchungen bei der Fluglotsenar-
beit an den originalen Leitständen gegenüber einer Airbus-Pilotenkanzel
besonders gern ‚erarbeitet‘“.554 Diese Form der Vermittlung findet auf einer
stark emotional geprägten Ebene statt. Ob diese emotionalen Inszenierungen
zu einem wirklichen Erkenntnisgewinn für die Besucher führen und nicht nur
eine oberflächliche Neugier befriedigen, muß auf der Basis des gegen-
wärtigen Forschungsstandes bezweifelt werden: „Generell gilt, daß große,
isoliert platzierte Exponate bzw. Inszenierungen naheliegenderweise häufiger
‚auffallen‘ [...], daß dies aber keineswegs zu häufigerem ‚Nachdenken‘ über
Bedeutung, Sinn oder Funktion führt.“555
Wie im HNF und im LTA können auch in der DASA die Besucherdaten über
ein Betriebsdaten-Erfassungssystem anonymisiert erfaßt werden. Im Gegen-
satz zu den beiden erstgenannten geht die DASA jedoch einen Schritt weiter.
Hier können sich die Besucher selbständig Daten über ihren Besuch ausge-
ben lassen. Ein Beispiel: „Sie waren 2 Std. und 40 Min. in der DASA. Sie
haben jedoch nicht gesehen: Themen X und Y. Ihr Hörtest zeigt eine leichte
Gehörschädigung, darüber können Sie sich in der Studienzone Z informie-
ren.“556
Das AV-Medienkonzept der DASA ist so in die einzelnen Ausstellungsein-
heiten integriert, daß es zusammen mit den anderen, klassischen Medien wie
553 Ebd.
554 Ebd.
555 Hans-Joachim Klein / Barbara Wüsthoff-Schäfer: Inszenierung an Museen und ihre
Wirkung auf Besucher. Institut für Museumskunde (Hg.): Materialien aus dem Institut
für Museumskunde. Heft 32, a.a.O., S. 86.
556 Gerhard Kilger / Günter Becker: Mediengestütztes Lernen in der Deutschen Arbeits-
schutzausstellung, a.a.O.
– 221 –
Texte, Bilder, Funktionsmodelle etc. ein der ganzheitlichen Bewußtseinsbil-
dung der Besucher förderliches Medienkonzept bildet.
6.3.3.3 Bewertung des museumspädagogischen Konzepts
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Erlebnis- und Ereignisfixierung vieler
Menschen steht Spaß und Unterhaltung im Vordergrund der Vermittlungs-
arbeit bei der DASA:
Bislang wurde sehr stark ausgehend von der Aufgabe der Museumspädagogik,
Wissen zu vermitteln, argumentiert. Es sei darauf hingewiesen, daß es in der
museumspädagogischen Diskussion im Zusammenhang mit der Freizeit-
gesellschaft und den Besucherzahlen der Museen immer mehr darum geht,
den Spaß beim Museumsbesuch in den Vordergrund zu stellen.557
Das museumspädagogische Konzept verweist allerdings auch auf das
Museum als Lernort. Die DASA bringt Erlebnisorientierung und Wissensver-
mittlung auf einen gemeinsamen Nenner. Der Erfahrungshintergrund der
Kinder und Jugendlichen gilt der Museumspädagogik als Basis für ihre Pro-
gramme.
Um die Situation der Kinder und Jugendlichen kennenzulernen, werden
neueste Studien aus der „jugendsoziologischen Forschung“558 herangezogen,
beispielsweise zur Problematik der Jugendarbeitslosigkeit:
Derzeit ist die Situation von Kindern und Jugendlichen gekennzeichnet von der
hohen Jugendarbeitslosigkeit, durch die die Chancen Jugendlicher, ihre
Zukunft zu planen und sich an der gesellschaftlichen Realität aktiv zu betei-
ligen, beträchtlich reduziert werden. U.a. daraus resultiert das zunehmende
Desinteresse Jugendlicher gegenüber Politik und gesellschaftlichen Belangen.
Damit einher geht eine Gleichgültigkeit gegenüber der Umgebung, die zum
Teil auch eine Intoleranz allem Fremden gegenüber beinhaltet. Das Resultat
ist häufig Lern-Unlust und ein Desinteresse an Fachwissen.559
Diese kurze Darstellung der Jugendarbeitslosigkeit zeigt, wie wichtig es ist,
die negativen – in Teil 2 beschriebenen – Auswirkungen des technologischen
Fortschritts zu erkennen und zu kanalisieren. Das Museum mit seinem brei-
ten Methodenspektrum ist hierzu der geeignete Ort. Dieser Ansatz der DASA
557 Siehe unveröffentlichtes „Didaktisches Konzept für die Zielgruppe Schule, Ausbildung“
der museumspädagogischen Abteilung der DASA vom 18.8. 1994, S. 2.
558 Ebd., S. 1.
– 222 –
ermöglicht Kindern und Jugendlichen eine differenzierte Bewußtseinsbildung,
und zwar nicht im Sinne eines Bewußtseins „für ‚ordnungsgemäßes Handeln‘
[...], sondern für gesellschaftliche Werte“560:
Sind denn durch Bewußtseinsbildung – so muß gefragt werden – Verhal-
tensänderungen bei den beteiligetn Personengruppen zu erwarten? Lehren
nicht gerade die Erfahrungen im Umweltschutz, daß selbst ein ausgeprägtes
Bewußtsein ein verantwortliches Verhalten nur selten nach sich zieht? Führt
das Wissen um die Folgen von Karies oder die Angst vor dem Zahnbohrer zum
konsequenten Zähneputzen? Beides gemeinsam, ist die Antwort; denn
Bewußtsein umfaßt die sinnlichen und die rationalen Wahrnehmungsformen
sowie die menschlichen Emotionen und den Willen, d.h. die gesamte psychi-
sche Tätigkeit des Menschen. Das Zusammenwirken von Bewußtseinsbildung
und Verhaltensänderung ist also die eigentliche Frage.561
Durch diesen ganzheitlichen Vermittlungsansatz wird ein eindimensionaler
Blick auf die Technik vermieden. Stattdessen wird der Blick für die unter-
schiedlichsten sozialen, politischen und gesellschaftlichen Implikationen der
Technik geschärft.
Neben dem Methodenspektrum der Vermittlungsarbeit ist der interdiszipli-
näre Ansatz von Bedeutung. Durch Einbindung von Fachkräften aus unter-
schiedlichen Disziplinen in die museumspädagogische Arbeit können die
unterschiedlichsten Bereiche des Arbeitsschutzes beleuchtet und für die
Besucher erlebbar gemacht werden. Was auf den ersten Blick nur am Rande
mit Arbeitsschutz zu tun hat, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine
neue Möglichkeit, das Thema Arbeitsschutz für die Besucher interessant und
lehrreich zu gestalten. Wichtig ist aber, daß im Vordergrund der Vermittlung
immer noch die musealen Objekte stehen. Das Ziel der Ausstellung, „Arbeits-
schutz zum Anfassen“, wird durch die interdisziplinären und ganzheitlichen
Vermittlungsmethoden der Museumspädagogik zu einem Erlebnis für die
Besucher. Die Museumspädagogik geht hier bewußt neue und innovative
Wege. Dies betont auch Gerhard Kilger, Leiter der DASA:
559 Ebd.
560 Gerhard Kilger: Mediengestützes Lernen in der Deustchen Arbeitsschutzausstellung. In
Kirstin Fast (Hg.): Handbuch museumspädagogischer Ansätze, a.a.O., S. 366.
561 Ebd.
– 223 –
Gemäß ihrer bewußtseinsbildenden Aufgabe gehen die museumspädagogi-
schen Ansätze über ihr konventionelles Repertoire der pädagogischen
Erschließung von vorhandenen Schausammlungen weit hinaus.562
Zusammenfassend läßt sich das museumspädagogische Konzept der DASA
als vielschichtig, bewußtseinsbildend, handlungs- und erlebnisorientiert
bezeichnen. Durch die diversen Aktionsformen werden Lernprozesse ange-
regt, die über eine rein kognitive Wissenvermittlung hinausgehen. Die
Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen als Basis der Vermittlungsarbeit
ermöglicht es, die Herausforderungen der Informationsgesellschaft zu erken-
nen und entsprechend den eigenen Zielen umszusetzen. Damit ist das
museumspädagogische Konzept wegweisend für andere Technikmuseen.
6.4 Vergleich der Vermittlungsarbeit im HNF, im LTA und in der
DASA
Zusammenfassend läßt sich für alle drei Museen hinsichtlich ihrer museums-
pädagogischen Arbeit feststellen, daß sie sowohl besucher- als auch ziel-
gruppenorientiert arbeiten. Hauptzielgruppe im HNF, im LTA und in der DASA
sind Kinder und Jugendliche, wobei jedes der drei Museen darüber hinaus
noch spezielle Zielgruppen erreichen möchte. Im HNF und LTA sollen zusätz-
lich auch die Senioren angesprochen werden.563 Die DASA möchte insbeson-
dere – ihrem Thema Arbeitsschutz gemäß – Auszubildende, Betriebs- und
Personalräte, also die „fachlichen Zielgruppen erreichen, die beim Besuch der
Ausstellung durch aktives Handeln an Problemlösungen herangeführt werden
sollen“564.
Wie bei der Darstellung der einzelnen Museen und ihrer Konzeptionen
gezeigt werden konnte, gehen das HNF, das LTA und die DASA in der prakti-
schen Umsetzung ihrer Ziele unterschiedliche Wege. So unterscheiden sich
562 Gerhard Kilger / Günter Becker: Mediengestütztes Lernen in der Deutschen Arbeits-
schutzausstellung, a.a.O.
563 Siehe dazu die Infobroschüre des HNF für Senioren und das museumspädagogische
Konzept des LTA.
564 Gerhard Kilger: Zur Ausstellungskonzeption. In: Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Hg.):
Deutsche Arbeitsschutzausstellung. Arbeitsschutz zum Anfassen, a.a.O., S. 4.
– 224 –
die Museen bereits durch ihre räumlichen Ausstellungskonzeptionen. Für das
LTA und die DASA sind jeweils Neubauten errichtet worden, während das
HNF in einem umgebauten Verwaltungsgebäude der ehemaligen Nixdorf
Computer AG einzog, und somit bereits vorgegebene Räumlichkeiten nutzen
mußte.
Alle drei Museen verfolgen ein offenes Ausstellungskonzept, gehen dabei
aber auch unterschiedliche Wege. Während dem HNF als Raumreserve eine
ganze Etage zur Verfügung steht, die zukünftig mit in die Ausstellung ein-
bezogen werden soll, können das LTA und die DASA565 innerhalb der einzel-
nen Ausstellungseinheiten jederzeit Veränderungen vornehmen, wenn
beispielsweise neue Exponate oder neue Multimedia-Anwendungen integriert
werden sollen.
Einen ganz neuen Weg geht das HNF mit der Dualität von Ausstellung und
Forum. Diese Dualität von Museum und Forum hat Vor- und Nachteile, und
das Ziel, die Inhalte des Museums in den Veranstaltungen des Forums auf-
zugreifen und zu vertiefen und den Besuchern zu vermittlen wird nur teil-
weise erreicht. Zum einen sind die Besucher der Ausstellung und die des
Forums nur zu einem kleinen Teil identisch. Die Ausstellung wird hauptsäch-
lich von Schülern besucht, während zu den Veranstaltungen des Forums nur
wenige Schüler kommen. Ein Schüler, der morgens die Ausstellung gesehen
hat, nimmt in der Regel das Angebot zur Themenvertiefung am Abend nicht
wahr. Dies wäre auch schwer zu organisieren, da viele Gruppen von weit her
zur Ausstellung kommen. Bei einer Führung aber, die wie oben bereits
beschrieben in einem engen Zeitrahmen durchgeführt wird, gibt es kaum
Gelegenheit zur Diskussion und Reflexion des Gesehenen. Um das gesteckte
Ziel – Orientierung in der Informationsgesellschaft – zu erreichen, müßte das
Forum und die Ausstellung durch die Möglichkeiten der Museumspädagogik
sehr viel enger miteinander verzahnt werden. Im Idealfall sollten die Besu-
565 Zur DASA: „Alle Gebäudeteile lassen im Hinblick auf die sich ändernden technischen und
didaktischen Erfordernissen eine flexible Ausstellungsplanung zu.“ In: Bundesanstalt für
– 225 –
cher der Ausstellung und der Forumsveranstaltungen identisch sein. Nur
dann ist die Möglichkeit zur Vertiefung von Themen gegeben, die die
Lebenswelt der Besucher betreffen.
In dem museumspädagogischen Konzept der DASA wird die Notwendigkeit
des Dialogs im Rahmen der Führungen deutlich:
Hier sollte versucht werden, den Führungen einen dialogischen Charakter zu
verleihen und mit der Gruppe ins Gespräch zu kommen: berücksichtigt werden
sollten in jedem Fall die Vorführzeiten, damit die Führung weitere lebendige
Elemente enthält. Für die nächste Zeit ist geplant, kurze didaktische Elemente
in die Führungen zu integrieren, die den Schüler/innen die Möglichkeiten
geben, selbst aktiv zu werden.566
Auch das LTA gibt – allein schon durch die Einbeziehung sozialhistorischer
und gegenwärtiger Bezüge in die Ausstellungsgestaltung – Anregungen zur
Reflexion und Diskussion. Diese Anstöße zur kritischen Betrachtung des
Gesehenen fehlen in der Ausstellung des HNF fast vollständig. Und dies trotz
der zahlreichen Berater aus Industrie und Forschung während der Konzep-
tionierung und Realisierung des HNF.567
Im LTA und in der DASA gibt es diese strikte Trennung von Ausstellung und
Forum nicht. In der DASA beispielsweise soll die Ausstellung gleichzeitig auch
als Diskussionsforum dienen:
Für den Gedanken des Arbeitsschutzes eröffnet sich damit die Chance, mit der
Deutschen Arbeitsschutzausstellung ein Diskussionsforum aufzubauen, das
nicht nur vergangene und aktuelle Problemlagen der Arbeitswelt thematisiert,
sondern auch zum Diskurs über die zukünftige Gestaltung von Arbeit, über die
Frage, wie wir arbeiten und leben wollen, einlädt.568
Diese Ziele werden durch die schon oben genannten museumspädagogi-
schen Angebote sowie durch die Gestaltung der einzelnen Ausstellungsein-
heiten erreicht:
Arbeitsschutz (Hg.): Deutsche Arbeitsschutzausstellung. Arbeitsschutz zum Anfassen,
a.a.O., S. 6.
566 Siehe unveröffentlichtes „Didaktisches Konzept für die Zielgruppe Schule, Ausbildung“
der museumspädagogischen Abteilung der DASA vom 18.8.1994, S. 3.
567 Siehe dazu Ludwig Thürmer / Gerhard Diel (Hg.): Die Entstehung des Heinz Nixdorf
MuseumsForums, a.a.O., S. 14.
568 Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Hg.): Deutsche Arbeitsschutzausstellung. Arbeitsschutz
zum Anfassen, a.a.O., S. 3.
– 226 –
Nicht die Objekte selbst werden es sein, die für sich sprechen, sondern die
Methode der Gestaltung. In didaktisch angelegten Raumfolgen sollen die
Besucher ihren Weg zu den Zielen finden können, deren Aussagen den
Absichten des Arbeitsschutzgedankens entsprechen. Eine Raumdramaturgie,
von Einstimmung über Vertiefung zu Studienzonen zu führen, soll die Methode
der Gestaltung bestimmen.569
Im LTA wird durch „die räumliche Öffnung der Stockwerke, die Ausblicke,
Durchblicke und Rückblicke ermöglicht“570, eine Vernetzung von Zusammen-
hängen erreicht: „Diese Vernetzung fördert eine mehrperspektivische,
zeitsynchrone Betrachtungsweise, statt einer rein chronologischen.“571 Weiter
heißt es im Konzept: „Dieses Prinzip der Mehrperspektivität, das Raum läßt,
Zusammenhänge zu erkunden und zu erkennen, ist eine Möglichkeit, Bildung
und Erlebnis auf einen Nenner zu bringen.“572
6.5 Zukünftige museumspädagogische Perspektiven für Technik-
museen
Wichtig für eine zukunftsweisende museumspädagogische Arbeit in Technik-
museen wird die verstärkte Einbeziehung aktueller Themen sein. Gerade vor
dem Hintergrund sich ständig verkürzender Innovationszyklen bei der
Informationstechnologie und weiteren Schlüsseltechnologien an der Schwelle
zum dritten Jahrtausend steht das Technikmuseum ständig vor neuen Her-
ausforderungen. Wichtig ist das gezielte und punktuelle Aufgreifen aktueller
Themen und die damit einhergehende adäquate und zielgruppengerechte
Umsetzung.
Einen Schwerpunkt innerhalb der museumspädagogischen Arbeit in Tech-
nikmuseen sollte daher die Informationstechnologie und ihre Auswirkungen
auf die Gesellschaft bilden. Die Informationstechnologie nimmt zunehmend –
wie in Teil 2 und 3 gezeigt werden konnte – Einfluß auf nahezu alle Lebens-
bereiche in den höherentwickelten Ländern. Daher sollte nicht mehr die
Umwandlung alter Industrieanlagen in Technikmuseen im Vordergrund
569 Ebd., S. 4.
570 Museumspädagogische Konzept des LTA vom Mai 1997, o. S. Unveröffentlicht.
571 Ebd.
– 227 –
stehen, denn von diesem Museumstyp gibt es inzwischen viele. Vielmehr
sollten verstärkt die neuen Technologien ausgestellt und durch die Muse-
umspädagogik vermittelt werden. Auch die immanenten Widersprüche und
möglichen Gefahren der neuen Technologien müssen in einer Ausstellung
durch die Museumspädagogik vermittelt und deutlich sichtbar werden.573
Die Einbeziehung neuer Technologien als Ausstellungsobjekte fordert auch
Winter:
Wenn es das Ziel eines modernen Museums ist, Verständnis und Urteilsver-
mögen, Handlungs- und Entscheidungskompetenz für unsere hochtechnisierte
und technisch durchorganisierte Gegenwart zu vermitteln, indem historisches
Bewußtsein für Entwicklungen, Wiederholungen, Alternativen und Brüche
sowie für Strukturen und Interessen geweckt wird, so darf sein
Gegenstandsbereich nicht auf die konkrete anschauliche Technik des 19.
Jahrhunderts beschränkt bleiben; vielmehr muß auch die moderne Technik
erfaßt und dabei die eigentümlich widersprüchliche Dynamik zur Anschauung
gebracht werden[...].574
Während im LTA und in der DASA das Bewußtsein der Besucher auch für
Widersprüchlichkeit heutiger Technik gestärkt werden soll, fehlt die Darstel-
lung von Widersprüchen und Nachteilen in der ständigen Ausstellung des
HNF fast vollständig. Dies kritisiert auch Werner Graf am HNF:
Das Konzept [...], führt „Von der Keilschrift zum Computer“. Damit unterstellt
es historische Kontinuität und Zwangsläufigkeit der technischen Entwicklung,
als ob nicht gerade die Geschichte des Computers geprägt wäre von Zufällen,
Individualitäten, von industriellen und ganz gravierend von politisch-
militärischen Entscheidungen. Überhaupt ist der gesamte Komplex Militär und
Computer stillschweigend weggelassen worden, so als ob sich die
Computertechnologie aus der Bürotechnik ergeben hätte. Dabei hätte ja
durchaus darauf hingewiesen werden können, daß Heinz Nixdorf für seinen
Konzern auf Rüstungsaufträge verzichtete, was man freilich vom heutigen
Eigentümer Siemens nicht sagen kann.575
572 Ebd.
573 Für Dauskardt bedeutet dies, daß Technikausstellungen nicht mehr als „der logische
Aufbau einer stetigen Entwicklung“ konzipiert werden sollten, vielmehr sollten auch die
„Sackgassen in der Entwicklung der Technik, die Rückschläge und Verwerfungen“
thematisiert werden. Michael Dauskardt: Technikhistorische Museen. Herausforderungen
und Chancen. In: Museumskunde. Band 58. Heft 1. 1993, S. 35.
574 Ursula Winter: Industriekultur. Fragen der Ästhetik im Technik- und Industriemuseum.
In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung, a.a.O., S. 251.
575 Werner Graf: Das größte Warenhaus für Altelektronik. In: TAZ, a.a.O., S. 15.
– 228 –
Daß militärische Ziele die Entwicklung des Computers entscheidend mitge-
prägt haben, ist unbestreitbar.576 So ist zum Beispiel auch das Internet aus
dem Wunsch heraus entstanden, ein unverwundbares dezentrales Netz für
die Verteidigung zu schaffen. Aber auch jene Entwicklungsstränge, die in der
Geschichte der Technik aus den unterschiedlichsten Gründen untergegangen
sind, sollten in einer Technikausstellung – und dies gilt für alle Technikmu-
seen – thematisiert werden. Denn anders als bei Entwicklungssträngen aus
früheren Epochen haben Museumswissenschaftler heute die Möglichkeit,
ihren Blick auf nicht realisierte Entwicklungslinien der jüngeren Vergangen-
heit zu richten. Dies aus dem einfachen Grund, weil noch genügend Quellen
und Zeitzeugen existieren. Diese Chance sollte sich kein Technikmuseum
entgehen lassen. Die Vermittlung abgebrochener Entwicklungslinien würde
über eine rein kognitive Wissensvermittlung hinausführen und über einen
sinnlich-emotionalen Zugang Reflexion und Diskussion fördern. Je realitäts-
gerechter technologische Sachverhalte präsentiert und vermittelt werden
sollen, desto deutlicher sollten auch die themenbezogenen Differenzen und
Brüche gekennzeichnet werden.
Neben der Notwendigkeit, die neuen Technologien als Exponate in die Aus-
stellung einzubeziehen und die Wechselwirkungen zwischen Mensch, Technik
und Gesellschaft darzustellen, sollten die Technikmuseen die neuen Tech-
nologien zukünftig verstärkt als Vermittlungsmedien nutzen. Die zunehmende
Schwierigkeit, durch immaterielle Züge geprägte Exponate auszustellen,
erfordert neue Formen der Vermittlung. Klassische Medien wie Graphiken
und Texte können nur unzureichend die spezifischen Bedeutungsebenen
neuer Technologien verdeutlichen. Dies wurde in Teil 3 deutlich heraus-
gearbeitet. Der Einsatz von Multimedia im Museum ist zur Darstellung
komplexer Sachverhalte deutlich besser geeignet als die konventionellen
Medien. Dies gilt nicht nur für die Vermittlung neuer Technologien, sondern
576 Siehe dazu den Artikel von Hans G. Helms: Zu einigen gesellschaftlichen Veränderungen
durch die mikroelektronischen Technologien. In: Hermann Sturm (Hg.): Verzeichnungen.
Vom Handgreiflichen zum Zeichen. Essen 1989, S. 165-188. Darin beschreibt er den
– 229 –
auch für schon bestehende Sammlungen, beispielsweise Exponate der Indu-
striekultur.577 Zukünftig wird es darauf ankommen, multimediale Anwendun-
gen sehr viel stärker als kommunikatives Vermittlungsmedium zu nutzen:
Neben einer umfassenden Integration von Standbildern, Text, Computer-
animationen, Video und Sound mittels des Computers [...] bedeutet dies
konkret eine erweiterte Interaktionsmöglichkeit des Anwenders bzw. der
Anwenderin [...]. Videosequenzen laufen nun nicht mehr zwingend ohne
Unterbrechung ab. Sinnvolle Verknüpfungen der Informationseinheiten nach
dem Hypertext-Prinzip [...] ermöglichen das interessengesteuerte ‚Durch-
wandern‘ von Text- oder Bildbeständen [...].578
Der Ausstellungsexperte Christopher Richartz sieht drei Elemente in der
Gestaltung neuer Informationsmedien als besonders wichtig an:
Die heute sich andeutenden Methoden und Möglichkeiten werden mit drei
Elementen arbeiten: 1. Auswählbare Übertragung von gesprochenen Infor-
mationen, Geräuschen, Musik, 2. Interaktive, computergestützte Bild-Ton-
Text-Grafik-Information, 3. Die Darstellung von bewegten Bildern auf flachen
Bildschirmen in unterschiedlichsten Größen auf der Grundlage der Flüssig-
kristalltechnik.579
Die Möglichkeit, Computeranimationen interaktiv zu nutzen, ist ein wichtiger
Grund für den Einsatz multimedialer Vermittlungsmedien. Eine konsequente
Erweiterung der beschriebenen Vermittlungsmedien liegt im Einsatz der VR-
Technologie. VR-Technologie wird bislang kaum im Museum eingesetzt. Bei
der VR-Technologie geht es nicht mehr nur um die Interaktivität, sondern um
die Immersion in eine andere Welt. Im HNF gibt es im
Software-Theater
–
das weiter oben schon dargestellt wurde – die Möglichkeit, verschiedene VR-
Simulationen zu erleben. Sie können mit ihrer
theoretisch unbegrenzten optischen und akustischen (jedoch nicht unbedingt
haptischen) Vielfalt Kreativität und Phantasie geradezu fördern [und] Einblicke
in sonst verschlossene Bereiche (bsw. subatomare oder gänzlich theoretische)
Konflikt zwischen den von Norbert Wiener favorisierten offenen Systemen und den von
John von Neumann im Auftrag des Pentagons favorisierten geschlossenen Systemen.
577 Helga Reuter: Neue Kommunikationsmedien in Museen. Bereicherung oder Verarmung?
In: Hermann Auer (Hg.): Museologie. Neue Wege. Neue Ziele, a.a.O., S. 228-238. Siehe
weiter: Compania Media (Hg.): Neue Medien in Museen Ausstellungen, a.a.O. Und
weiter Peter Kraml: Das Museum im Wohnzimmer. Aspekte zum Thema Museum und
neue Technologien. In: Museumspädagogik. Schauplatz 6. Heft 1. 1989, S. 44-47.
578 Stephan Bode: Multimedia in Museen. Weder Königsweg noch Guillotine. In: Kirstin Fast
(Hg.): Handbuch museumspädagogischer Ansätze, a.a.O., S. 335.
579 Christopher Richartz: Museum, Musentempel und die neuen Medien. Ebd., S. 332.
– 230 –
ermöglichen [...] und die im Umfeld real vorhandenen Ausstellungsobjekte in
ihrem Kontext [...] zeigen.580
Der Einsatz neuer Technologien basiert auf der Auffassung, daß der Besu-
cher mit seinen veränderten Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten auch im
Museum mit einer Ausstellungspräsentation konfrontiert werden soll, die
seinen eigenen Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten entspricht, denn
[...] die sich in der Gesellschaft entwickelnden Standards der Informations-
vermittlung werden Erwartungshaltungen beim Besucher herausbilden, denen
auch das Museum auf Dauer wird entsprechen müssen“581.
Das soll jedoch nicht bedeuten, daß ungünstige Seh- und Wahrnehmungs-
gewohnheiten, wie sie beispielsweise beim Fernsehen häufig anzutreffen
sind, unreflektiert vom Museum adaptiert werden. Denn das Verhältnis von
Medien zu deren Benutzern ist innerhalb des Museums grundlegend anders
als außerhalb:
Die heutigen Museumsbesucher sind zwar in erheblichem Maß an konsump-
tiven Umgang mit Medien gewöhnt, sie besitzen aber nicht in gleicher Weise
Erfahrungen mit Medien als Lehr- und Lernmittel. Wenn ihnen Medien in
ihrem bisherigen Bildungsverlauf begegnet sind, dann in der Form, daß mit
ihnen Informationen ‚verabreicht‘ werden, die den Lernenden in einer aus-
schließlich passiv-rezipierenden Rolle belassen.582
Wenn diese Äußerung von Jürgen Hüther auch relativiert werden muß, so ist
sie doch im Kern richtig. Die im Museum eingesetzten Vermittlungsmedien
müssen aufgrund der dem Museum immanenten Eigengesetzlichkeiten über
eine emotionale Erlebnisorientierung hinausgehen. Es sollten immer auch
Elemente der Reflexion und Irritation in die Vermittlungskonzepte einge-
bracht werden. Ein derartiger Vermittlungsansatz korrespondiert mit den
oben genannten Forderungen von Winter und Dauskardt nach Brüchen in der
Präsentation. Die Musealisierung von Objekten könnte so durch den Einsatz
digitaler Medien in eine reflexionsbestimmte und zukunftsgerichtete Ver-
mittlungsarbeit einmünden.
580 Stephan Bode: Multimedia in Museen. Weder Königsweg noch Guillotine. Ebd., S. 352.
581 Christopher Richartz: Museum, Musentempel und die neuen Medien. Ebd., S. 332.
582 Jürgen Hüther: Das Museum als Medienverbund. In: Hildegard Vieregg / Marie-Louise
Schmeer-Sturm / Jutta Thinesse-Demel / Kurt Ulbricht (Hg.): Museumspädagogik in
neuer Sicht. Erwachsenenbildung im Museum. Band 1, a.a.O., S. 67.
– 231 –
Das bedeutet aber, daß sich die Ausstellungsmacher und vor allem die
Museumspädagogen beim Einsatz der neuen Vermittlungsmedien mit dem zu
vermittelnden Inhalt auseinandersetzen und einer „Verkitschung von
Geschichte, eines ungebremsten Technik-Euphemismus oder dem Verlust an
Abstraktionsfähigkeit und Vorstellungsgabe“583 Einhalt gebieten.584 Rund um
die Produktion multimedialer Anwendungen gibt es zwar inzwischen eine
Vielzahl von Dienstleistungen professioneller Agenturen – unzureichend
berücksichtigt bleiben dabei jedoch häufig die besonderen didaktischen und
museumspädagogischen Implikationen der neuen Vermittlungsmedien. Die
Museumspädagogen sollten hier nicht zu viel Entscheidungs- und Gestal-
tungskompetenz an die Designer und Multimediafachleute abgeben. Vielmehr
sollten sie der Forderung nach Einbeziehung ihrer Kompetenzen Nachdruck
verleihen und auf die Realisierung von multimedialen Anwendungen von
Beginn maßgeblich einwirken – von der Konzeption und der Auswahl der
Inhalte bis in die letzten Feinheiten der Gestaltung.
Neben der Einbeziehung neuer Technologien als Ausstellungsobjekte und
Vermittlungsmedien werden die virtuellen Museen im Internet und auf CD-
ROM zunehmend wichtiger. 1995 gab es bereits über 200 virtuelle Museen
im WWW.585 Den Museen bietet sich hier über das Internet die Chance, auch
Bevölkerungskreise anzusprechen, die sonst nicht den Weg ins Museum fin-
den. Gegenwärtig bestehen die meisten Internet-Auftritte jedoch in den her-
kömmlichen – mehr oder weniger gut gestalteten – „Wegstieß“ der einzelnen
Museen. Das schon weiter oben genannte virtuelle Reif II Museum aus
Aachen ist eines der wenigen, die einen virtuellen Rundgang erlauben.
583 Stephan Bode: Multimedia in Museen. Weder Königsweg noch Guillotine. In: Kirstin Fast
(Hg.): Handbuch museumspädagogischer Ansätze, a.a.O., S. 352.
584 Auf die Probleme der Darstellung im subatomaren Bereich macht Roland Brock
aufmerksam: Realität durch Visualisierung oder visualisierte Realität. Die Darstellung
von Molekülstrukturen. In: Michael Fehr / Clemens Krümmel / Markus Müller (Hg.):
Platons Höhle. Das Museum und die elektronischen Medien, a.a.O., S. 107-120.
585 Stephan Bode: Multimedia in Museen. Weder Königsweg noch Guillotine. In: Kirstin Fast
(Hg.): Handbuch museumspädagogischer Ansätze, a.a.O., S. 349.
– 232 –
Auch bei der Gestaltung des Internet-Auftritts gilt, was bereits oben für die
Multimediaanwendungen in den Ausstellungen festgestellt wurde: Die
Museumspädagogik hat auch hier die Aufgabe, Inhalte und Oberfläche mit zu
gestalten und die Sammlung im Internet besucher- und zielgruppenorientiert
aufzubereiten.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich die Aufgaben der Museumspäd-
agogik ausweiten. Nicht mehr nur die Vermittlung der realen Objekte durch
herkömmliche Mittel wie Spieleaktionen, Ralleys, Ferienprogramme und Füh-
rungen bestimmen zukünftig das Aufgabenfeld der Museumspädagogik. Ver-
stärkt wird sich die Museumspädagogik auch mit den kommunikativen Bedin-
gungen neuer Technologien auseinandersetzen müssen, um diese sinnvoll
für die Vermittlungsarbeit nutzen zu können. Diese beiden Instrumentarien
der museumspädagogischen Arbeit – die klassischen und die neuen Ver-
mittlungsmethoden – bedingen sich gegenseitig.
– 233 –
TEIL 7
DIE ENTWICKLUNG DER BESUCHERFORSCHUNG
UND IHRE NOTWENDIGKEIT FÜR DIE MUSEUMSARBEIT
In Teil 6 der vorliegenden Arbeit wurde die Bildungs- und Vermittlungsarbeit
dreier Technikmuseen dargestellt. Es konnte gezeigt werden, daß die Besu-
cherorientierung für jedes Museum – HNF, LTA und DASA – von großer
Bedeutung ist. Jedoch werden die Bildungsziele der genannten Museen durch
die Besucherorientierung – umgesetzt durch Veranstaltungen, Diskussionen
und museumspädagogische Arbeit – nicht immer erreicht. Die Gründe für
diese Defizite sowie die entsprechenden möglichen Lösungsansätze durch die
Museumspädagogik sind in Teil 5 dargestellt worden.
In Zeiten knapper werdender Haushaltsbudgets sind auch die Museen von
Einsparungen betroffen. Daher werden schon seit den achtziger Jahren ver-
mehrt Stimmen laut, die neue, wirtschaftlichere Wege in der Museumsarbeit
fordern. Hierzu gehören beispielsweise eine verstärkte Marketing- und
Öffentlichkeitsarbeit.586 Der Erfolg einer guten Museumsarbeit hängt im
wesentlichen von einer intensiven Kommunikation zwischen Museum und
Besuchern ab. Um die Wünsche der Besucher kennenzulernen und zielgrup-
penspezifische Vermittlungsangebote machen zu können, ist die Besucher-
forschung unabdingbar:
Aussagen über die Zusammensetzung des Publikums [...] dienen [zwei] Per-
spektiven: den Außenbeziehungen, denn sie verschaffen nicht allein Kennt-
nisse über die erreichten Personenkreise, sondern lassen auch Rückschlüsse
auf Nicht-Besucher und unausgeschöpfte Zielgruppen zu und auch auf Bin-
586 Hermann Schäfer dazu: Informationen über die Arbeit der Museen sind gegenüber der
Öffentlichkeit eine Bringpflicht. Eine Bestandsaufnahme in Deutschland macht jedoch
deutlich, daß die wenigsten Museen über eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit verfü-
gen. Auf diesem Feld geschieht viel zu wenig. Die Museen müssen auch hier besonders
rasch Boden gutmachen.“ In: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
(Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S. 276.
– 234 –
nenstrukturen, denn sie können differenziert erklären, wer sich warum wie
verhält, wofür interessiert oder dieses und jenes nicht versteht.587
Die Ergebnisse der Besucherforschung bilden dann die Basis für die erfolg-
reiche Arbeit des gesamten Museumspersonals. Insbesondere seien hier die
Öffentlichkeitsarbeit, die Museumspädagogik und die wissenschaftlichen Mit-
arbeiter genannt.
In den folgenden Kapiteln geht es darum, die Besucherforschung als einen
wichtigen Arbeitsbereich der Museen darzustellen, deren Bedeutung auch
zukünftig noch steigen wird:
Die Museen des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden Besucherentwick-
lung und Besucherprogramme als festen Bestandteil ihrer Arbeit ansehen
müssen, gleichberechtigt neben dem Sammeln, Verzeichnen und Bewahren
von Gegenständen, der Ausstellungsentwicklung und der musealen For-
schung.588
Dabei sollte sich die Besucherforschung jedoch nicht auf die reine Besucher-
statistik beschränken, vielmehr „hat [die Besucherforschung, d. V.] auch und
vor allem zu interessieren, was in den Köpfen, in den Menschen
geschieht“589. Denn statistische Daten allein sagen noch nichts über den
Grad des Erfolges von Ausstellungskonzeption und Vermittlungsarbeit aus.
Daher wird es zukünftig auf ein Zusammenspiel unterschiedlicher empirischer
Methoden der Besucherforschung ankommen. In dieses Tätigkeitsfeld gehö-
ren zudem auch Ausstellungs- und Programmevaluation:
Evaluationen von Programmen und Ausstellungen können nützliche Aufschlüs-
se darüber geben, was tatsächlich im Besucher vorgeht. Was verstehen
Besucher? Welche Vorstellungen und Erwartungen bringen Besucher mit?590
Hierzu wurden beispielsweise im Bonner Haus der Geschichte verschiedene
Ausstellungselemente vor dem Einsatz in der Dauerausstellung evaluiert:
587 Hans Joachim Klein: Besucherforschung als Antwort auf neue Herausforderungen. Ebd.,
S. 74f.
588 Ross J. Loomis: Museen und Besucherforschung. Ebd., S. 27.
589 Christa Schulze: Jedermann sein eigenes Museum? Besucherorientierung in Zeiten des
Museumsbooms und der Besuchsrekorde. In: Angelika Schmidt-Herweg / Gerhard Win-
ter (Hg.): Museumsarbeit und Kulturpolitik, a.a.O., S. 66.
590 Ross J. Loomis: Museen und Besucherforschung. In: Haus der Geschichte der Bundesre-
publik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S. 27.
– 235 –
So wurde zum Beispiel die Benutzerfreundlichkeit einer Ausstellungseinheit zu
Wahlen geprüft. Da diese sogenannte „Wahlplattform“ an mehreren Stellen
innerhalb der Dauerausstellung verwendet werden sollte, war es wichtig, die
Besucherreaktionen früh genug zu untersuchen, um Änderungen durchzufüh-
ren.591
Der amerikanische Museumsexperte Ross J. Loomis war 1994-95 im Haus
der Geschichte an verschiedenen Studien im Bereich der Besucherforschung
tätig. Als eine besondere Herausforderung sieht er hier die Medienevaluation:
Innerhalb der Besucherforschung entwickelt sich ein deutlich umrissenes
Untersuchungsgebiet um die Medienevaluation in Museen sowie die Verwen-
dung von Computerstationen für Besucher in Ausstellungen.592
Da die neuen elektronischen Medien für die Besucher eine intensive und
spielerische Auseinandersetzung mit den Museumsexponaten ermöglichen
können, ist eine intensive Medienevaluation besonders wichtig. Nur so kön-
nen die Vor- und Nachteile einzelner elektronischer Vermittlungsmethoden,
beispielsweise „Touchscreens“, herausgearbeitet werden. Das Wissen um die
Nutzung der Medien kann so einer Vereinfachung und einer benutzerorien-
tierten Erstellung multimedialer Anwendungen dienen. Die einzelnen Medien
werden dann durch die Ergebnisse der Evaluation stärker an den Bedürfnis-
sen der Zielgruppen ausgerichtet werden könnten.
Gegenstand von Medienevaluation sollten aber nicht nur die Medien sein, die
zur Vermittlung dienen, sondern auch jene, die selbst Gegenstand der Ver-
mittlung sind. Denn in den Technikmuseen der Gegenwart – wie in den vor-
herigen Teilen der Arbeit gezeigt werden konnte – überlagern sich die Expo-
nate und Medien mehr und mehr. So ist das Software-Theater im HNF
gleichzeitig Exponat und Medium. In der Medienevaluation sollte es auch
darum gehen, die Bedeutung dieser Art von Exponaten für die Besucher zu
untersuchen. Diese Mischformen stellen daher ein neues und zusätzliches
Betätigungsfeld innerhalb der Besucherforschung dar.
591 Ebd., S. 28.
592 Ebd., S. 31.
– 236 –
7.1 Abriß über die Entwicklung der Besucherforschung
In Deutschland wird Besucherforschung erst seit wenigen Jahrzehnten be-
trieben, und oft nur sporadisch. Seit einigen Jahren jedoch vermehren sich
die Stimmen, die eine intensive Besucherforschung fordern. Um die Notwen-
digkeit der Besucherforschung für die Gegenwart, aber auch für die Zukunft
der Museen zu verdeutlichen, ist ein kurzer Rückblick auf die Entwicklung der
Besucherforschung sinnvoll. Anschließend werden anhand einer praktischen
Durchführung einer Besucherbefragung im HNF die Chancen und Grenzen für
eine erfolgreiche Museumsarbeit aufgezeigt.
7.1.1 Besucherforschung bis 1945
Bereits im 19. Jahrhundert hat es vereinzelt Ansätze zur Besucherforschung
gegeben. Diese Ansätze führten jedoch zu keiner nennenswerten Weiterent-
wicklung der Besucherforschung im vorigen Jahrhundert. Unklar ist auch,
wann die ersten empirisch repräsentativen Arbeiten zur Besucherforschung
durchgeführt worden sind. Nach Meinung des britischen Museumsexperten
Roger Miles hat Gustav Fechner 1872 die Besucher der Holbein-Ausstellung
in Dresden zur Ästhetik der Ausstellung befragt.593 Nach Meinung von Klein
und Bachmayer kann Fechners Arbeit „Vorschule der Ästhetik“ von 1898
jedoch nicht als Beginn der Besucherforschung gesehen werden:
Unseres Erachtens kann diese bekannte Arbeit jedoch, ungeachtet ihrer
ansonsten hochinteressanten Fragestellungen, nicht in die Ahnengallerie empi-
rischer Museumsforschung vereinnahmt werden, konnte sie doch nicht „bahn-
brechend“ wirken, d.h. eine kontinuierliche, wissenschaftliche Beschäftigung
mit der hier zu diskutierenden Materie auslösen.594
Für Klein und Bachmayer steht eine spätere Arbeit im Vordergrund. 1919
wurde innerhalb der von Alfred Weber herausgegebenen Schriftenreihe
„Schriften zur Soziologie der Kultur“ die Arbeit von Else Biram „Die Industrie-
stadt als Boden neuer Kunstentwicklung“ veröffentlicht. Klein und Bachmayer
würdigen diese Arbeit als eine „ihrer Zeit weit vorauseilende kultursoziologi-
593 Roger Miles: Besucherforschung im europäischen Überblick. Ebd., S. 38-48.
594 Hans-Joachim Klein / Monika Bachmayer: Museum und Öffentlichkeit. Fakten und Daten-
Motive und Barrieren, a.a.O., S. 58.
– 237 –
sche Untersuchung“595. Aber auch diese Lokalstudie des Kulturlebens der
Stadt Mannheim fand keine beachtenswerten Nachahmer.596 Der Beginn
einer kontinuierlichen Besucherforschung wird daher sowohl von Miles als
auch von Klein und Bachmayer in die USA gesehen. Als bedeutende
Pionierarbeiten werden die Arbeiten von Gilman (1916), Robinson (1928)
und Melton (1935)597 genannt. Robinson und Melton haben sich bei ihren
Forschungen intensiv mit der Frage der Präsentation von Objekten
auseinandergesetzt. Ergebnis ihrer Untersuchungen war, daß die Besucher
wesentlich durch die Art der Präsentation angesprochen und gelenkt werden.
Nach diesen beobachtenden Studien, die noch keine Fragebögen nutzten,
kam es erst im Pennsylvania-Museum of Art in Philadelphia zu einer ersten
Besucherbefragung. Über 1000 Fragebögen wurden ausgewertet, die Auf-
schluß über soziodemographische Daten, Besuchermotivation und die Aus-
stellung selbst geben sollten.598
7.1.2 Besucherforschung nach 1945
In den dreißiger und vierziger Jahren kam es zu einem Stillstand der Besu-
cherforschung. Erst in den fünfziger Jahren wurde die Forschung erneut auf-
gegriffen und weitergeführt, wobei es zu einem regelrechten Boom von Fra-
gebogenaktionen kam. Wichtig ist es dabei im Auge zu behalten, daß die
Besucherbefragung nur ein, wenn auch sehr wichtiger Teil der Besucherfor-
schung ist. Es findet teilweise immer noch eine Gleichsetzung von Besu-
cherforschung und Besucherbefragung statt. Auch Hudson setzt die Besu-
cherforschung mit der Besucherbefragung gleich.599
In der Bundesrepublik Deutschland kam es erst in den sechziger Jahren zu
Besucherbefragungen. Hier spielt sicherlich die wirtschaftliche und politische
595 Ebd.
596 Ebd., S. 59.
597 Ebd., S. 60f.
598 Ebd., S. 66.
599 Roger Miles: Besucherforschung im europäischen Überblick. In: Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S. 44.
– 238 –
Lage nach dem II. Weltkrieg eine Rolle. Erst im Zuge des Wiederaufbaus und
wirtschaftlichen Aufschwungs gewannen auch die Museen wieder an Bedeu-
tung. Klein und Bachmayer haben in ihrem Werk „Museum und Öffentlich-
keit“ die wichtigsten Besucherbefragungen seit 1964 bis 1977 aufgelistet600.
Klein und Bachmayer kritisieren, daß trotz der breit angelegten Erhebungen
keine die einzelnen Antworten nicht in einen Gesamtzusammenhang gestellt
werden:
Eine Charakterisierung als „laienhaft“ muß für die meisten Untersuchungen,
als „unsicher bis unzugänglich“ für ihre Ergebnisse gewählt werden. Trotz
vielfach sehr breit angelegten Datenerhebungen begnügen sich die meisten
Studien mit einfachen Grundauszählungen. Auf mehrfache, von der Erhe-
bungsbreite sich anbietende Zusammenhangsanalysen (mehrdimensionale
Tabellen und/oder statistische Koeffizienten) wird gänzlich verzichtet.601
Seit Mitte der siebziger Jahre bis heute hat es in Deutschland zum Teil breit
angelegte Besucherbefragungen gegeben.602 Und doch nimmt dieser Teil in-
nerhalb der Museumsarbeit nur einen geringen Stellenwert ein. Dies wird auf
verschiedene Gründe zurückgeführt.
Interessanterweise hat es bisher kaum Besucherbefragungen zum Medien-
einsatz in Museen gegeben. Seit Mitte der achtziger Jahre kommt fast kein
Museum mehr ohne den Einsatz von neuen Medien, wie beispielsweise Besu-
cherleitsysteme oder Multimedia-Anwendungen aus. Wie diese neuen Tech-
niken aber von den Besuchern der Museen angenommen werden, ist nur
sehr wenig erforscht worden. Das Haus der Geschichte in Bonn hat in mehre-
ren Schritten den Einsatz verschiedener elektronischer Medien evaluiert.603
Das Ergebnis der Studie hat gezeigt, daß die Medien zum einen gut bis sehr
gut von den Besuchern angenommen wurden. Zum anderen konnte der von
Kritikern oftmals geäußerte Vorbehalt, der Einsatz neuer Technologien würde
600 Hans-Joachim Klein / Monika Bachmayer: Museum und Öffentlichkeit. Fakten und Daten.
Motive und Barrieren, a.a.O., S. 74ff.
601 Ebd., S. 77.
602 Siehe dazu: Annette Noschka-Roos: Referierende Bibliographie zur Besucherforschung.
In: Materialien aus dem Institut für Museumskunde. Heft 44. Berlin 1996.
603 Hermann Schäfer: Besucherforschung im Haus der Geschichte. In: Haus der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S. 147.
– 239 –
die Besucher von den Museen fernhalten, widerlegt werden. Im Gegenteil, es
zeigte sich sogar, das die Gesamtverweildauer in Abteilungen mit Medien-
einsatz stieg.604
Als Fazit läßt sich sagen, daß die Besucherforschung trotz ihrer langen Ge-
schichte ihr Potential längst noch nicht ausgeschöpft hat. In Zukunft kommt
es darauf an, die Möglichkeiten der Besucherforschung zu erkennen und als
ein selbstverständliches Arbeitsgebiet in die Museumsarbeit einzubinden. Wie
in den obigen Kapiteln gezeigt werden konnte, haben sich die unterschied-
lichen Arbeitsfelder der Besucherforschung ausdifferenziert und erweitert.
Nicht mehr nur allein die Anzahl der Besucher interessiert die Museums-
verantwortlichen. Vielmehr sollten die sich immer weiter ausdifferenzieren-
den Besucherprofile in ihren unterschiedlichen kulturellen Gewohnheiten und
Bedürfnissen durch die Besucherforschung erfaßt werden. Was der
Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts EMNID generell über die
zukünftigen Aufgaben der Meinungsforschung schreibt, gilt auch für die
Besucherforschung im Museum:
Nicht nur branchenbezogene Erkenntnisse und Erfahrungen sind gefragt, auch
die Erhebungsmethoden werden immer spezifischer, und die Zielgruppen
immer kleiner, um die Homogenität der Lebensstile als Grundlage für halb-
wegs sichere Aussagen zu nutzen. Die Gesellschaft wird zunehmend zu einem
feingliedrigen Mosaik von unterschiedlichen Verhaltensweisen, Erwartungen,
Wünschen und Vorstellungen.605
7.2 Besucherforschung in der Praxis: Das HNF in Paderborn
Als Beispiel einer gelungenen Besucherbefragung wird nun die Befragung im
HNF vorgestellt606. Da das Heinz Nixdorf MuseumsForum erst im Oktober
604 Hermann Schäfer betont jedoch: „Der technologische Aspekt soll nicht im Vordergrund
stehen, sondern nur der Inhalt und somit die Frage, ob sich dieser Inhalt auch mit
einem klassischen Medium transportieren läßt. Nur wenn das nicht geht, sollten Medien
moderner technologischer Art eingesetzt werden“. Ebd., S. 157.
605 Walter Tacke: Meinungsforschung im Jahre 2000. In: Hans-Jürgen Andreß / Johannes
Huinink / Holger Meinken / Dorothes Rumianek / Wolfgang Sodeur / Gabriele Sturm
(Hg.): Theorie. Daten. Methoden. Neue Modelle und Verfahrensweisen in den Sozialwis-
senschaften, a.a.O., S. 427.
606 Siehe Anhang: Der vollständige Fragebogen.
– 240 –
1996 eröffnet wurde, war es für die Leitung des Hauses wichtig, zur Optimie-
rung künftiger Aktivitäten möglichst viel über das Publikum zu erfahren.
Ich bin seit der Eröffnung des HNF bis heute als freiberufliche Mitarbeiterin
im Bereich Museumspädagogik in diesem Hause tätig. Aufgrund meiner
dadurch erworbenen Kenntnisse und aufgrund meiner Forschungsarbeiten im
Bereich Technikmuseen im Rahmen dieser Arbeit entschied sich die Leitung
des HNF, mich mit der Durchführung und Steuerung der Besucherbefragung
zu beauftragen. Im Rahmen eines Werkvertrages führte ich dann von Ende
September 1997 bis Januar 1998 mit der Unterstützung weiterer Kräfte die
Befragung durch.
Die Ablauf der Besucherbefragung sah folgendermaßen aus: Zunächst wur-
den die Ziele der Aktion festgelegt – möglichst genaue Kenntnisse über die
Besucherstruktur und über die Besuchermotivation. Dann habe ich in
Zusammenarbeit mit einem der drei Geschäftsführer, einem Soziologen,
einen entsprechenden Fragebogen erstellt. Der Fragebogen wurde anschlie-
ßend zur Kenntnis- und Stellungnahme allen sachkundigen Mitarbeitern des
Hauses vorgelegt.
Dann wurde ein „Pretest“ mit 100 Fragebögen durchgeführt. 50 davon wur-
den in von den Besuchern mit meiner Unterstützung beantwortet; die ande-
ren 50 wurden unter „Ernstfallbedingungen“ beantwortet. Hier zeigte sich
bereits die gute Vorarbeit bei der Entwicklung des Fragebogens. Die Besu-
cher hatten fast keine Verständnisschwierigkeiten.
Am Ende des Bogens wurde noch eine offene Frage hinzugefügt, um den
Besuchern die Möglichkeit zu Kommentaren zu geben. Von diesem Kom-
mentaren erhoffte man sich Erkenntnisse, die mit den anderen Fragen nicht
abdeckt werden konnten. Die offene Frage spielt auch eine psychologisch
wichtige Rolle, da der Besucher sich persönlich angesprochen fühlt.
Insgesamt war der Fragebogen so gestaltet, daß er zum visuellen und typo-
grafischen Erscheinungsbild des Hauses – dem „Corporate Design“ paßte.
Dies ist ganz wichtig, da Vorläufer dieser Fragebogenaktion – einfache Fra-
– 241 –
geblätter, die am Informationsschalter zur Selbstentnahme auslagen – nur
sehr schlecht oder gar nicht angenommen wurden.
Der Fragebogen wurde in vier Teile gegliedert:
1. Grund für den Besuch
2. Beurteilung des HNF
3. (Lern-)Erlebnisse
4. soziodemographische Angaben
Außer der einen offenen Frage bestand der Fragebogen aus 17 geschlosse-
nen Fragen, die entweder eine oder mehrere Antworten zuließen.
Innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten wurden 2173 Fragebögen
gesammelt. Die Gesamtbesuchszahl innerhalb dieses Zeitraums lag bei
10.924 für das Museum. Bezogen auf die 3000 verteilten Fragebögen lag die
Rücklaufquote bei 72.4%.
Die Erfassung der Daten der ausgefüllten Fragebögen wurde vom Mei-
nungsforschungsinstitut Emnid in Bielefeld mit dem Statistikprogramm
Quantum durchgeführt. Anschließend habe ich diese Daten mit dem Stati-
stikprogramm SPSS ausgewertet und interpretiert.
Diese Studie ist für die vorliegende Untersuchung von großer Bedeutung, da
sie exemplarisch aufzeigt, wie die tägliche Vermittlungs- und Öffentlichkeits-
arbeit von den Ergebnissen der Studie profitieren kann. Anhand der Ergeb-
nisse wird es möglich sein, den Herausforderungen der Vermittlungsarbeit,
die in Teil 5 dargestellt wurden, in adäquater Weise zu begegnen. Das heißt
für die Museumspädagogik im HNF, daß Veranstaltungen und Programme
aufgrund der Erkenntnisse der Studie besser geplant und auf einzelne Ziel-
gruppen hin ausgerichtet werden können.
Auf den folgenden Seiten werden die Ergebnisse der Besucherbefragung
erläutert.
– 242 –
7.2.1 Ergebnisse der Studie
Zu FRAGE 1: Besuchen Sie heute zum ersten Mal das Heinz Nixdorf Muse-
umsForum oder sind Sie bereits hier gewesen?
Von den 2173 befragten Besuchern und Besucherinnen haben 88,8% das
HNF zum ersten Mal besucht, 7,3% ein- bis dreimal. Die hohe Prozentzahl
der Erstbesucher und –besucherinnen ist sicherlich darin begründet, daß das
HNF zum Zeitpunkt der Befragung erst seit einem Jahr öffentlich zugänglich
war.
Zu FRAGE 2: Wie sind Sie auf das Heinz Nixdorf MuseumsForum aufmerksam
geworden?
Die Frage 2 erlaubte Mehrfachnennungen. Es wurde nach dem gesamten
Info- und Werbematerial des HNF sowie nach Multiplikatoren wie Schule,
Freunde etc. gefragt. Hierbei ergab sich folgendes Bild. 60,6% der Befragten
sind durch die Schule, Universität oder Arbeitgeber auf das HNF aufmerksam
geworden. 22,5% kamen durch Anregung von Freunden, Bekannten oder
Verwandten in das Museum. Das Info- und Werbematerial des HNF scheint
auf den ersten Blick keine bedeutende Rolle zu spielen. Zusammengefaßt
ergibt das Info- und Werbematerial aber einen Prozentsatz von 12,4%. Am
wenigsten Aufmerksamkeit erregt derzeit der WWW-Auftritt des HNF
(www.hnf.de). Lediglich 0,9% der Befragten wurden durch diese Einstiegs-
seite auf das Museum aufmerksam, wobei der höchste Prozentsatz mit 2,1%
hier bei den 30-39jährigen lag. Ein Grund hierfür liegt möglicherweise in der
beruflichen Stellung dieser Gruppe. Von den 30-39jährigen HNF-Besuchern
sind 56,0% Angestellte und 17,0% Beamte. Möglicherweise haben sie beruf-
lich die Möglichkeit, das Internet zu nutzen. Hier liegt sicherlich ein noch
nicht ausgeschöpftes Werbe- und Informationspotential für das HNF.
Zu FRAGE 3: Die Werbung und das Infomaterial des HNF ...
Von 2173 Befragten geben 70,3% an, das HNF-Werbe- und Infomaterial
nicht zu kennen. Dabei spielt das Alter der Befragten keine große Rolle. Die
Differenz zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Prozentsatz von
– 243 –
11,8% (75,2% der 50-59jährigen, 63,4% der älter als 59jährigen) kann
dabei vernachlässigt werden. 24,6% der Befragten finden die Werbung und
das Infomaterial sehr gut bis eher gut. Die Öffentlichkeitsarbeit des HNF
scheint also auf dem richtigen Weg zu sein, ist aber sicherlich noch ausbau-
fähig. Da der Prozentsatz der Nichtkenner in jeder Altersstufe ungefähr gleich
hoch ist, könnte ein Ansatz in der zielgruppenspezifischen Adressierung
liegen. Eine Kooperation mit verschiedenen Institutionen böte sich hier an,
beispielsweise mit Volkshochschulen und Unternehmen. Auch eine Zusam-
menarbeit mit der Universität-Gesamthochschule Paderborn wäre denkbar,
beispielsweise Projekttage im HNF für die Studiengänge Medienwissenschaft,
Pädagogik (Richtung Museumspädagogik) und Geschichte. Denkbar wäre
hier, daß die Studenten eines medienwissenschaftlichen Seminars ein
museumspädagogisches Projekt zusammen mit den Mitarbeitern des HNF
planen und umsetzen. Derartige Projekte und Veranstaltungen würden auch
als Multiplikatoren dienen und das HNF in der Öffentlichkeit bekannter
machen.
Zu FRAGE 4: Wie sind Sie heute zum HNF gekommen?
Zwei Anreisemöglichkeiten spielen eine gleich große Rolle: die Anreise mit
dem PKW (43,0%) und die Anreise mit einem gecharterten Bus (38,9%) bei
einer Gruppenreise. Den größten Anteil derer, die mit dem gecharterten Bus
anreisen, bilden die Schulgruppen; die bis 19jährigen schlagen hier 63,7% zu
Buche. Bei der Anreise mit dem Pkw stellen die 20-59jährigen den größten
Anteil. So kommen beispielsweise die 30 bis 39jährigen zu 71,0% mit dem
Pkw zum HNF. Das HNF wirbt damit, kostenlose Parkplätze vor dem Haus
bereitzustellen. Es wäre unter Umweltschutzaspekten zu fragen, inwieweit
dies sinnvoll ist. Hier könnte das HNF in positive Weise Akzente setzen, wenn
beispielsweise die kleine Gruppe der Fahrradfahrer (1,7%) bestimmte
Vergünstigungen bekäme, wie zum Beispiel eine Eintrittspreisermäßigung an
bestimmten Tagen. Auch der relativ kleine Prozentsatz der Bahnreisenden
(6,8%) ließe sich durch entsprechende Maßnahmen sicherlich steigern, bei-
– 244 –
spielsweise durch sogenannte Erlebnis-Pakete607. Die Besucher und Besu-
cherinnen könnten über ein Reisebüro die Anfahrt mit dem Zug, einen
Besuch im HNF mit Führung und ein Essen im Bistro buchen. Diese Erlebnis-
Pakete gibt es im Bereich Kultur schon lange, für ein Museum wäre dies eine
innovative Werbemaßnahme.
Zu FRAGE 5: Besuchen Sie das HNF allein oder in Begleitung?
Die Gruppenbesucher im HNF sind prozentual am stärksten vertreten. 77,8%
der Besucher und Besucherinnen kommen mit einer Gruppe ins HNF, wobei
den größten Anteil hierbei die Schülergruppen bilden. Die bis 19jährigen
kommen zu 94,0% mit einer Gruppe ins HNF. Lediglich 7,0% der Befragten
kommen mit Freunden und Bekannten ins Museum. In den achtziger Jahren,
als die hohen Besuchszahlen als Erfolgskriterium eines Museums galten und
für die Bereitstellung finanzieller Mittel herhalten mußten, hätte dieser hohe
Prozentsatz an Schulgruppen noch positiv gestimmt. Angesichts der Tatsache
jedoch, daß ein durch Schülergruppen volles Haus noch lange nichts über die
Qualität des Hauses aussagt, sollte diese Zahl zum Nachdenken anregen.
Kinder und Jugendliche sind sicherlich ein nicht zu vernachlässigender Faktor
der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Bildungsarbeit eines Museums. Daneben
dürfen aber auch die Erwachsenen in der Museumsarbeit nicht vernachlässigt
werden. Auch hierfür böten sich die schon oben genannte Zusammenarbeit
zwischen HNF auf der einen Seite und anderen Museen, Volkshochschulen
oder auch der Universität auf der anderen Seite an.
Zu FRAGE 6: Der Einlaß in das HNF erfolgte durch...
41,4% der Befragten kamen ohne Eintritt in das HNF, die Mehrzahl davon
(71,9%) die bis 19jährigen, d.h. in der Regel die Schulklassen. Jahreskarten
und Gutscheine werden nur von einer Minderheit der Befragten genutzt. Gut-
607 Die Öffentlichkeitsarbeit im HNF bietet verschiedene Erlebnis-Pakete an. Zur Zeit
beschränkt sich die Verbreitung der Infobroschüren hauptsächlich auf Nordrhein-West-
falen. Die Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit im HNF verschicken Infomaterialien an
Busunternehmen, an Jugend -und Seniorengruppen. Außerdem werden Informationen
auf verschiedenen Messen verteilt.
– 245 –
scheine beispielsweise nur von 2,5% der Besucher. Interessanterweise wer-
den Gutscheine mehr von der Altersgruppe ab 40 benutzt. Die 40-49jährigen
kommen zu 4,9% durch Gutscheine in das HNF, die 50-59jährigen zu 3,9%.
Zu FRAGE 7: Den Eintritt finde ich...
70,6% der Befragten finden das Eintrittsgeld in das HNF genau richtig. Das
entspricht ungefähr dem Prozentsatz derjenigen, die mit einer Gruppe in das
HNF kommen (77,8%). Die Mehrzahl der Gruppenbesuche erfolgt durch
Schülergruppen, sie haben dementsprechend kostenlosen oder ermäßigten
Eintritt. Als viel zu hoch oder zu hoch betrachten aber immerhin 3,1% bzw.
6,8% der Befragten den Eintrittspreis. Hier wären folgende Regelungen
möglich: Eintrittsfreier Tag, Museumskarten bzw. Stadtkarten, die Ermäßi-
gungen für bestimmte Kulturangebote anbieten.608
Zu FRAGE 8: Wie hat Ihnen das HNF insgesamt gefallen?
Das Heinz Nixdorf MuseumsForum wird von der Mehrheit der Befragten als
sehr gut (64,3%) bzw. eher gut (30,0%) bezeichnet. Das HNF ist also seit
der Eröffnung im Oktober 1996 zu einem Publikumsliebling in der Museums-
landschaft arriviert. Dieser Publikumserfolg ist in jeder Altersgruppe gleich.
So sind 79,1% der 50-59jährigen begeistert von dem Heinz Nixdorf
MuseumsForum. Das angestrebte Ziel, ein Ort für Begegnung und Diskurs für
Besucher – junge wie alte – zu sein, ist seit der Eröffnung offensichtlich
verwirklicht worden. Für die zukünftige Arbeit des Hauses ist es notwendig,
diese anfängliche Begeisterung durch neue Ideen und Veranstaltungen zu
erhalten. Nur so können die vielen Erstbesucher zu Stammbesuchern wer-
den. Und das ist – wie oben dargestellt wurde – ein wichtiges Ziel der
Museumsarbeit.
Zu FRAGE 9: Wie lange hat Ihr Besuch im HNF gedauert?
608 Siehe: Institut für Museumskunde (Hg.): Erhebungen der Besuchszahlen an den Museen
der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 1996. Heft 48. Berlin 1997, S. 38-48. Hier
finden sich eine ganze Reihe von Anregungen.
– 246 –
44,0% der Befragten haben ein bis zwei Stunden im HNF verbracht, 31,7%
zwei bis drei Stunden und 14,5% sogar länger als drei Stunden. Die Verweil-
dauer im HNF zeigt, daß die Besucher und Besucherinnen sich intensiv mit
den Angeboten auseinandersetzen. Gefördert wird dieses intensive Erleben
möglicherweise durch die vielen Funktionsmodelle und die Multimedia-Sta-
tionen in der Ausstellung. Dies müßte aber in einer weiterführenden Arbeit
überprüft werden.
Zu FRAGE 10: wie beurteilen Sie das HNF-Veranstaltungsangebot?
Über die Hälfte der Befragten, 53,5%, kennen das Veranstaltungsangebot
nicht. Aber immerhin 20,0% bzw. 20,2% der Befragten finden das Veran-
staltungsangebot sehr gut oder eher gut. Interessant ist hier, daß die Mehr-
heit der Befragten (die Altersgruppe der ab 20jährigen) das Veranstaltungs-
angebot nicht kennt. Dieses Ergebnis entspricht auch dem Ergebnis der
Frage 3, wonach 70,3% die Werbung und das Infomaterial nicht kennen.
Und gerade dieses Material soll ja auf die Veranstaltungen des HNF aufmerk-
sam machen. Um das Veranstaltungsangebot des HNF zukünftig in der
Öffentlichkeit noch bekannter zu machen, müssen also offensivere Werbe-
und Marketingstrategien609 geplant und umgesetzt werden.
Zu FRAGE 11: Wir halten folgende Angebote für Sie bereit. Bitte bewerten Sie
diese auf einer Skala von nicht genutzt bis sehr schlecht.
Das bei den Besuchern abgefragte Angebot umfaßt beide Ausstellungsetagen
und deren Ausstellungsinhalte sowie die didaktischen Vermittlungsmedien.
Das Angebot der Führung durch die Ausstellung wurde von 53,1% der
Befragten mit sehr gut bewertet.
Von den beiden Ausstellungsetagen wurde die zweite Ausstellungsetage „Der
Computer erobert die Welt“ besser bewertet als die erste Etage „Von der
Keilschrift zum Computer“, und zwar 54,2% gegenüber 43,2%. Das liegt
möglicherweise an den Highlights der zweiten Etage, wie dem „Software-
– 247 –
theater“ und der „Digitalen Werkbank“. Das Softwaretheater zeigt Simulatio-
nen aus dem Bereich „Virtual Reality“, die Digitale Werkbank präsentiert ver-
schiedene Computerprogramme und verfügt über Terminals mit Internet-
Anbindung. Sowohl das Softwaretheater als auch die Digitale Werkbank lie-
gen in der Gunst der Besucher weit vorn. Die Digitale Werkbank wird als sehr
gut (23,4%) oder als eher gut (21,7%) bewertet. Das Softwaretheater wird
als sehr gut (37,2%) oder als eher gut (18,0%) bewertet.
Auch die weiteren digitalen Angebote werden von den Besuchern gut ange-
nommen. Das elektronische Besucherleitsystem wird als sehr gut (21,5%)
oder als eher gut (25,1%) bewertet. Aber immerhin 31,0% der Befragten
haben das Besucherleitsystem nicht genutzt. Möglicherweise liegt die Nicht-
nutzung darin begründet, daß die Mehrzahl der Befragten innerhalb einer
personalen Vermittlung das Museum gesehen haben, so daß das Besucher-
leitsystem zur Information nicht notwendig war. Die Funktionsmodelle hin-
gegen, wie beispielsweise die Staffelwalzenmaschine, wird von der Mehrheit
der Befragten als sehr gut (48,7%) oder eher gut (22,1%) bewertet. Als sehr
gut werden die Funktionsmodelle von fast jeder Altersstufe bewertet, ledig-
lich die ab 40jährigen bewerten die Funktionsmodelle etwas schlechter.
Ein weiteres Angebot, das sich speziell an Kinder und Jugendliche richtet,
sind die Spiele-Inseln im Erdgeschoß. Die Programme werden von 30,9% der
Befragten als sehr gut bewertet, und zwar zu 66,7% von den bis-14jährigen
und von 48,5% von den 15-19jährigen. Das Ergebnis zeigt, daß die Spiele-
Inseln ein voller Erfolg für das HNF sind.
Zu FRAGE 12: Haben Sie bereits Veranstaltungen im HNF besucht?
88,6% der Befragten haben noch keine Veranstaltung im HNF besucht. Le-
diglich 4,6% der Befragten haben schon einmal eine Veranstaltung des HNF
besucht. 1,5% der Befragten haben schon einmal eine Veranstaltung einer
Firma oder Organisation im HNF besucht. Hier wird eine Steigerung der
609 Die Verteilung zielgruppenspezifischer Informationsbroschüren ist ein wichtiger Baustein
der Öffentlichkeitsarbeit des HNF.
– 248 –
Besuchsrate von HNF-Veranstaltungen notwendig sein. Gerade im Hinblick
auf die Bedeutung, die dem Forum innerhalb des HNF zugemessen wird,
müssen mehr Besucher für die Veranstaltungen gewonnen werden.
Zu FRAGE 13: Geschlecht
Über die Hälfte der Befragten sind männlichen Geschlechts (55,9), weiblich
hingegen 39,4%. Dieses Ergebnis entspricht den Ergebnissen verschiedener
anderer Besucherbefragungen. So hat beispielsweise auch Klein in seiner
Untersuchung „Der gläserne Besucher“610 eine Männerdominanz bei den
Besuchern von Technikmuseen festgestellt.
Zu FRAGE 14: Wie alt sind Sie?
26,0% der HNF-Besucher sind 19 Jahre und jünger. Mit zunehmendem
Lebensalter nimmt das Interesse an einem Besuch im HNF ab, denn nur
10,6% der Befragten sind 50 bis 59 Jahre, und 7,4% sind 60 Jahre oder
älter. Das zeigt deutlich den Handlungsbedarf in Bezug auf eine stärkere
Adressierung der Senioren. Denkbar wäre hier vielleicht die Zusammenarbeit
mit der Volkshochschule oder mit Senioren-Wohnheimen.
Aufschlußreich ist auch die Korrelation von Alter und Geschlecht. Das Inter-
esse für Technikmuseen scheint bei den Männern mit zunehmendem
Lebensalter zu wachsen, während es bei den Frauen eher abnimmt: In der
Altersgruppe 19 Jahre und jünger beträgt der Anteil der Frauen 56,7% (Män-
ner 43,3%). In der Altersgruppe der 40-49jährigen beträgt der Anteil der
Frauen dann 46,5% (Männer 53,5%). Und in der Altersgruppe der 50-
59jährigen schließlich beträgt der Anteil der Frauen 38,8% (Männer 61,1%).
Wenn in Zukunft auch verstärkt die Senioren angesprochen werden sollen,
ist es sicherlich von Bedeutung, die Geschlechterdifferenz in den älteren
Jahrgängen im Auge zu behalten.
Zu FRAGE 15: Welchen Schulabschluß haben oder planen Sie?
610 Hans-Joachim Klein: Der gläserne Besucher. Publikumsstrukturen einer Museumsland-
schaft. Berliner Schriften zur Museumskunde. Band 8, a.a.O., S. 152ff.
– 249 –
34,7% der Befragten hat ein Fachhochschul- bzw. Hochschulstudium. Hier-
von sind 40,4% Männer und 30,1% Frauen. Lediglich einen Hauptschul-
abschluß haben nur 7,6% der Befragten.
Zu FRAGE 16: Stellung im Erwerbsleben
Die drei großen Gruppen sind: Angestellte 20,7%, Beamte 17,9% und Schü-
ler 26,9%. Arbeiter sind lediglich zu 3,9% im HNF vertreten. Auch hier würde
sich wieder eine zielgruppenspezifische Ansprache anbieten, beispielsweise
über die Zusammenarbeit von Betrieben, Unternehmen und dem HNF. 5%
der Befragten sind Rentner, davon 59,6% älter als 60 Jahre.
Zu FRAGE 17: Von wo haben Sie Ihren Besuch im HNF gestartet?
22,7% der Befragten kommen direkt aus Paderborn. Aus Ostwestfalen-Lippe
kommen 17,9% und dem sonstigen Nordrhein-Westfalen 33,7%. Das Ein-
zugsgebiet des HNF liegt demnach hauptsächlich innerhalb von Nordrhein-
Westfalen. Fast 25% der Befragten kommen aus anderen Bundesländern.
Um das HNF zukünftig verstärkt ins Bewußtsein der Öffentlichkeit zu bringen,
muß der Aktionsradius der Öffentlichkeitsarbeit noch ausgeweitet werden.
Möglich wären zum Beispiel Pauschalangebote, die über Reisebüros und Ver-
kehrsvereine offeriert werden könnten.
Zu FRAGE 18/1: Was hat Ihnen im HNF am besten gefallen? / Was hat Ihnen
im HNF am wenigsten gefallen? Bitte nennen Sie Beispiele.
Diese letzte – offene – Frage bot den Befragten die Möglichkeit, eigene Ge-
danken zur Ausstellung schriftlich zu äußern. Dabei zeigte sich, daß 41,2%
der Befragten von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machten. Die Ant-
worten zeigen aber, daß die Besucherführung und das Softwaretheater die
Highlights des HNF sind. 13,0% finden die Führung durch die Ausstellung am
besten, und 11,0% der Befragten finden das Softwaretheater am besten.
Zu FRAGE 18/2: Was hat Ihnen am HNF am wenigsten gefallen? Bitte geben
Sie Beispiele.
– 250 –
76,9% der Befragten haben hier keine Antwort gegeben. Die Antworten der
ca. 23% der Befragten, die geantwortet haben, verteilen sich fast gleichmä-
ßig auf die verschiedenen Angebote des HNF. Diese Antworten sind daher
nicht sehr aussagekräftig und können daher außer acht gelassen werden.
7.2.2 Fazit aus der Studie
Die Besucherbefragung hat ergeben, daß die Besucher das HNF zu 94,3% als
sehr gut bzw. eher gut bewerten. Damit ist ein wichtiges Ziel des Museums,
das Publikum zu unterhalten und Interesse für die Ausstellung zu wec??ken,
erreicht. Da das HNF erst im Oktober 1996 eröffnet wurde, ist es verständ-
lich, daß 88,8% der Befragten das Museum zum ersten Mal besucht haben.
Für die Bildungs- und Vermittlungsarbeit eines Museums ist aber auf jeden
Fall eine kontinuierliche Anbindung der Besucher an das HNF wünschens-
wert. Ein einmaliger Besuch im HNF wird kaum Lernerfolge in Aussicht stel-
len können. Sicherlich hat das HNF durch seinen Neuigkeitswert große Teile
der Öffentlichkeit erreicht. Steigerungen der Besuchszahlen werden zukünftig
verstärkt von Publikumsanreizen abhängen. Es kommt nun darauf an, die
Besucher durch interessante Angebote auch weiterhin anzusprechen, und
gerade den Schulklassen, die ja einen großen Teil der Besucher im HNF
ausmachen, durch Infomaterial die Nacharbeit des Ausstellungsbesuches zu
ermöglichen. Nur dann ist eine intensive Auseinandersetzung mit den The-
men der Ausstellung möglich.
Durch die Befragung konnten hinsichtlich der Besucherstruktur viele Einzel-
aspekte ans Licht treten, die für eine erfolgreiche Museumsarbeit notwendig
sind. Beispielsweise sind bestimmte Altersstufen verstärkt oder auch kaum
im HNF vertreten, als Beispiel seien hier die Senioren erwähnt, die nur zu
7,4% das Museum besuchen. Ein weiteres Ergebnis betrifft die Geschlech-
terproportion. Im HNF dominieren die männlichen Besucher zu 55,9%. Die
Ergebnisse der Besucherforschung helfen, Besucherpotentiale zu definieren
und gezieltes Marketing und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, um so neue
Besucherschichten für das Museum zu gewinnen.
– 251 –
Die Ergebnisse der Befragung sind im wesentlichen für weiterreichende Dis-
kussionen innerhalb des Museums gedacht. Sie sollen Anstöße liefern und die
zukünftige Arbeit des HNF erfolgreich gestalten helfen.
– 252 –
– 253 –
TEIL 8
SCHLUSSBETRACHTUNG
Die Technikmuseen haben in den letzten zwanzig Jahren in allen Arbeits-
bereichen entscheidende Veränderungen erfahren. Die Gründe liegen haupt-
sächlich in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen seit
Beginn der achtziger Jahre. Diese Gründe transparent zu machen und ent-
sprechende Maßnahmen für die zukünftige Arbeit der Technikmuseen zu
entwickeln war Ziel dieser Arbeit.
In Teil 1 und 2 konnte zunächst gezeigt werden, daß die durch den techni-
schen Fortschritt bedingten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche
zu einem Musealisierungsboom geführt haben, der sich nicht nur auf die
Museen beschränkt, sondern zu einem weitläufigen Phänomen geworden ist,
das viele gesellschaftliche und kulturelle Bereiche umfaßt. Die vielfältigen
Musealisierungsphänomene werden von den Meinungsführern der Museali-
sierungsdebatte oftmals als eine Kompensationsmöglichkeit für die Risiken
einer technologisch hochentwickelten Gesellschaft betrachtet.
Für Technikmuseen ist die Art und Weise der Kompensation entscheidend.
Kompensation kann sowohl mit konstruktiven Implikationen behaftet sein,
kann aber auch auf Verdrängungsmechanismen basieren. So auch Korff:
Die durch den Verbund von Folklorisierung und Musealisierung evozierte
Reliktbesessenheit und Dingnostalgie ist zum Medium der Gegenwartsflucht,
der Rückdesertion geworden.611
Die Aufgabe eines Technikmuseums sollte es demnach sein, Musealisierungs-
phänomene in eine konstruktive und reflektierende Ausstellungs- und Ver-
mittlungsarbeit umzusetzen. Um eine solche Musealisierungsarbeit im Tech-
nikmuseum zu ermöglichen, kommt es auf die Inhalte und auf die Art und
Weise der Präsentation gleichermaßen an.
611 Gottfried Korff: Aporien der Musealisierung. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphäno-
men Musealisierung, a.a.O., S. 64.
– 254 –
8.1 Neue Inhalte für Technikmuseen
Bisher stellen die gegenwärtigen Technikmuseen fast ausschließlich die Zeit
der Industrialisierung dar. Für die Technikmuseen wird es zukünftig aber
darum gehen, diesen zeitlichen Rahmen zu erweitern. Denn notwendiger-
weise müßte ein Technikmuseum, das den Wandel von der Industrie- zur
Informationsgesellschaft darstellen will, die neuen Technologien der Infor-
mationsgesellschaft in seinen Ausstellungen auch darstellen und vermitteln.
Dies geschieht bisher allerdings nur in sehr wenigen Museen. Die drei exem-
plarisch aufgeführten Beispiele – das HNF in Paderborn, das LTA in Mann-
heim und die DASA in Dortmund präsentieren in ihren Ausstellungen die
neuen Informationstechnologien. Das HNF ist unter den drei Beispielen das
einzige Technikmuseen, welches ausschließlich die neuen Technologien und
deren Entstehungsgeschichte zum Thema hat. Das LTA und die DASA hinge-
gen thematisieren die neuen Technologien lediglich in einzelnen Ausstel-
lungseinheiten.
Eines der interessantesten Konzepte – die Aufteilung des Museums in Dauer-
ausstellung und Forum – hat das HNF verwirklicht. Der Nachteil dieses Kon-
zeptes liegt jedoch darin, daß die Ausstellung fast ausschließlich auf eine
Technikschau beschränkt wird. Die Ausstellung und das Forum könnten sich
wechselseitig sehr viel stärker befruchten, wenn auch in der Ausstellung
sozialhistorische und gegenwärtige Bezüge dargestellt würden. Dann könnte
das HNF auch für andere Technikmuseen wegweisend sein.
Möglicherweise wird die Dauerausstellung als Teil des Museums an Bedeu-
tung verlieren und anderen Formen Platz machen müssen: etwa der Diskus-
sion und der Sonderausstellung. Während Diskussionen einen Beitrag zur
aktiven Teilnahme und Reflexion zwischen Laien und Fachwissenschaftlern
ermöglichen, kann die Sonderausstellung auf aktuelle Probleme eingehen
und diese durch interdisziplinäre Konzepte darstellen.
– 255 –
Der Kommunikationswissenschaftler Michael Giesecke hält für die Zukunft
eine andere Form der Ausstellungsgestaltung für notwendig: eine Ausstel-
lung, welche die Besucher zu Gesprächen animiert:
Konsequenterweise müßte dann [...] die Ausstellung als Katalysator oder als
Element von solchen Gesprächen organisiert werden. Davon sind wir augen-
blicklich noch weit entfernt. Die Exponate richten sich im wesentlichen noch
an das Individuum, nicht an Gruppen. Es sollen psychische Sinne angespro-
chen und individuelle Fähigkeiten entwickelt werden. Die Beschäftigung mit
sozialen Schlüsselqualifikationen, sozialer Selbstreflexion, kollektiver Infor-
mationsverarbeitung usf. bilden kaum die Thematik selbst avantgardistischer
Ausstellungen. Die Vereinsamung des Museumsbesuchers wird noch nicht
konsequent aufgebrochen. Sinnvoll wären beispielsweise Exponate, die über-
haupt nur nach und durch kollektive Anstrengungen erlebt werden können.612
Im HNF hat das Forum die Aufgabe, Gespräche und Diskussionen zu initiie-
ren, welche die Themen der Informationstechnologie behandeln. Das Forum
hat bereits heute – was die Beschäftigung mit brennenden Themen innerhalb
der Informationstechnik angeht – der Dauerausstellung an Bedeutung den
Rang abgelaufen. Deshalb wird das Forum künftig auch hinsichtlich der zu
erwartenden Besucherzahlen eine entscheidende wirtschaftliche Bedeutung
für das HNF haben.
Die Gedanke des Forums wird künftig für alle Technikmuseen zweifellos eine
bedeutende Rolle spielen. Daher ist es unabdingbar, daß sowohl Museums-
leiter wie auch viele Museumsmitarbeiter künftig nicht mehr nur wissen-
schaftlich arbeiten werden, sondern auch bestimmte Managerqualitäten in
die Museumsarbeit miteinbringen müssen.613
612 Michael Giesecke: Herkunft und Zukunft der Museen als kulturelle Informationsspeicher.
Unveröffentlichte erweiterte Schriftfassung des Vortrags auf der Veranstaltung Euphorie
Digital? Aspekte der Wissensvermittlung in Kunst, Kultur und Technologie vom 28.-29.
September 1998 im HNF, S. 11.
613 „Der Museumsleiter von heute muß Wissenschaftler und Manager zugleich sein.“ Hans
Schwier: Jede Epoche schafft ihre Museen. In: Achim Preiss / Karl Stamm / Frank
Günter Zehnder (Hg.): Das Museum. Die Entwicklung in den 80er Jahren, a.a.O., S. 79.
– 256 –
8.2 Gentechnologie als zukünftiges Thema von Technikmuseen
Ein ganz neuer Themenbereich für Technikmuseen, der heute lediglich
gestreift wird, ist die Molekularbiologie und die Gentechnologie614. In der
gegenwärtigen Gesellschaft haben sich seit der Diskussion um die Folgen der
Gentechnologie zwei Lager gebildet, Gegner und Befürworter der neuen
Technologie. Während die Befürworter in der Gentechnologie vor allem ein
Allheilmittel im Kampf gegen Krankheiten und Seuchen sehen, warnen die
Gegner vor unabsehbaren Schäden.
Die Begriffe Molekularbiologie und Gentechnologie haben sich seit den vier-
ziger bzw. den siebziger Jahren in der Wissenschaft etabliert: „Etwa zwischen
1940 und 1970 hat sich in der Biologie dieses Jahrhunderts ein
grundlegender Wandel vollzogen, für den der Terminus Molekularbiologie
geläufig geworden ist.“615 Seit den siebziger Jahren hat sich wiederum ein
Wandel in der Molekularbiologie vollzogen. Ziel ist es, alle menschlichen
Gene zu finden und ihre jeweiligen Chromosomen zu lokalisieren und zu
sequenzieren.
Dieser in den letzten fünfzig Jahren stattfindende Wandel hat weitreichende
Folgen für die Menschheit. Hans-Jörg Rheinberger vergleicht die Auswirkun-
gen der Gentechnologie mit den Folgen der Entwicklung von Schrift und
Schreiben:
Als Formen der Kalkulation, Instruktion und Legislation haben Schreiben und
Lesen die kulturellen, sozialen und politischen Machtstrukturen unserer
Gesellschaft geprägt, [...] und zwar von ihren griechischen Anfängen in
Mesopotamien über die Gutenberg-Galaxie der Renaissance und die Expansion
des Buchdrucks während der industriellen Revolution bis zu heutigen
Mikrochip-Industrie mit ihren am Horizont erscheinenden DNA-Chips. Neu am
molekularbiologischen Schreiben ist, daß wir nun Zugang haben zur Textur
und damit zur Kalkulation, Instruktion und Legislation der organischen
Existenz des menschlichen Individuums, zu einem Skript also, das zu schrei-
ben, umzuschreiben und zu verändern bisher das Privileg der Evolution war.616
614 Hans-Jörg Rheinberger: Repräsentationen der molekularen Biologie. In: Nicola Lepp /
Martin Roth / Klaus Vogel (Hg.): Der neue Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhunderts.
Ostfildern-Ruit 1999, S. 82f.
615 Ebd., S. 82.
616 Ebd., S. 87.
– 257 –
Die Gentechnologie stellt die Gesellschaft vor Fragen im Problemfeld
zwischen Ethik und Technik. Eine kritische Beurteilung der Gentechnologie
mit ihren Risiken und Vorteilen ist daher von großer Bedeutung.
Technikmuseen werden sich dieser Herausforderung stellen müssen, und so
ist Gentechnologie als ein zentrales Thema zukünftiger musealer Arbeit zu
betrachten. Eine adäquate Umsetzung des Themas wird andere Präsentati-
onsformen und Vermittlungsmethoden als die herkömmlichen finden müssen.
Perspektiven für eine mögliche zukünftige Präsentations- und Vermitt-
lungsarbeit werden im folgenden aufgeführt.
8.3 Neue Präsentationsformen für Technikmuseen
In Teil 3 der vorliegenden Untersuchung konnte gezeigt werden, welche
neuen Präsentationsformen seit Beginn der achtziger Jahre entwickelt wur-
den. Dabei spielt vor allem die Inszenierung eine dominierende Rolle. Insze-
nierungen sind – neben herkömmlichen Präsentationselementen wie Texte,
Graphiken etc. – zu einem unverzichtbaren Präsentationselement für Tech-
nikmuseen geworden.
Neben den genannten Präsentationsmöglichkeiten werden mit der Verbrei-
tung des PCs dessen vielfältige Anwendungsmöglichkeiten immer stärker in
die Ausstellungskonzeption einbezogen. Hierdurch verändern sich nicht nur
die Ausstellungen, sondern auch viele Arbeitsabläufe im Museum – von der
Museumspädagogik bis zur Forschung:
Museen sind Orte und Einrichtungen, deren kommunikativer Schwerpunkt im
Bereich der visuellen Kommunikation liegt. Sie stellen somit nicht nur einen
wichtigen Anwendungsbereich der neuen digitalen Bildtechnologien dar,
sondern sind auch von ihrer Grundlage her gezwungen, die rasanten
Fortschritte der digitalen Bildverarbeitung im Blick zu behalten, sie zu verfol-
gen und zu nutzen. Da dieser Technologiekomplex mit Bezug auf die Vor-
gängertechnologien sich vollständig neu darstellt [...] kann die Umstellung auf
digitale Bildverarbeitung nicht als „normaler“ Innovationsprozeß angesehen
werden. Es muß daher gefragt werden, inwieweit die Einführung dieses
– 258 –
Technologiekomplexes grundsätzliche Änderungen von Organisation und
Arbeitsabläufen impliziert.617
Ausstellungen werden durch Einführung digitaler Bildtechnologien mehr und
mehr zu einem interaktiven Environment für die Besucher. So sind Compu-
teranimationen bei Museumsleuten und Besuchern gleichermaßen beliebt.
Gelungene Computeranimationen ermöglichen Einblicke in historische und
gesellschaftliche Zusammenhänge durch selbständiges Handeln und Auspro-
bieren der Besucher. Durch die Aktivität der Besucher sollte sich – so Hudson
– der Therminus
Besucher
in
Benutzer
wandeln:
Am liebsten würde ich das Wort ‚Besucher‘ abschaffen, weil es etwas passives
impliziert. [...] Der Begriff wird verwendet, weil man nichts besseres findet.
[...] Mir wären ‚Museumsnutzer‘ viel lieber. Mir wäre es viel lieber, man würde
den Gang zum Museum als etwas Aktives sehen, wo man wirklich etwas
unternimmt.618
Durch den Einsatz neuer digitaler Vermittlungsmedien wird die Aktivität der
Besucher gefördert. Aber nur eine fesselnde und erlebnisreiche Gestaltung
der Inhalte mittels digitalen Medien wird die Besucher auch zu einer
Beschäftigung mit den Inhalten führen. Serrell betont diese Erlebnisorientie-
rung:
Besucher suchen das Erlebnis mit der Technik (-nologie), nicht das inhaltliche.
Besucher sind nicht unbedingt wild auf neue Informationen. Ihre eigentliche
Motivation ist ‚Was kann dieses Ding machen?‘ oder ‚Was kann ich mit diesem
Ding machen?‘ Nur wenn das Programm wirklich fesselt, wird es auch in der
Lage sein, ihnen etwas beizubringen während sie das Gerät bedienen.619
8.4 Besucherorientierung im Technikmuseum
Um Präsentationsformen und Vermittlungsformen auf die Besucher abstim-
men zu können, sind genaue Kenntnisse über die Besucher notwendig. Die
617 Ralf-Dirk Hennings / Petra Schuck-Wersig / Horst Völz / Gernot Wersig (Hg.):
Digitalisierte Bilder im Museum. Technische Tendenzen und organisatorisches Umfeld.
Opladen 1996, S. 9.
618 Kenneth Hudson: Perspektiven für ein Museum des nächsten Jahrhunderts. In: Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deustchland (Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S.
264.
619 Beverly Serrell / Britt Raphling: Computer im Ausstellungsbereich. In: Hans-Joachim
Klein (Hg.): Mediendämmerung. Die unaufhaltsame Computerisierung der Museen,
a.a.O., S. 61.
– 259 –
Besucherforschung erfüllt diesen Zweck. Die Ergebnisse der Studien können
zu einer zielgruppenspezifischen Ansprache genutzt werden.
Technikmuseen werden zukünftig durch eine zielgruppenspezifische Anspra-
che zu Diskussionsforen werden, die durch ihre Art und Weise der Exponat-
präsentation und ihrer Vermittlungsarbeit das Bewußtsein ihrer Besucher für
die Herausforderungen der Informationsgesellschaft stärken. Diese Form der
Besucherorientierung, die Bildung und Erlebnis verbindet, verhindert eine für
das Museum nachteilige Angleichung von Technikmuseum und Themepark.
Bereits heute schon – dies konnte in Teil 4 gezeigt werden – haben die
Technikmuseen vielfach Merkmale der Themepark-Konzeptionen adaptiert.
Dabei ist die Besucherorientierung vielfach zum Selbstzweck geworden. Die
Adaption der Themepark-Konzeptionen durch Technikmuseen ist nicht immer
sinnvoll. Sie führt zwar häufig quantitativ – in Bezug auf die Besucherzahlen
– zum Erfolg, die Qualität der Museumsarbeit leidet aber ebensooft darunter.
Die unreflektierte Adaption der Aspekte Kommerz und Erlebnisorientierung
ist nicht der richtige Weg. Technikmuseen haben in besonderem Maße die
Möglichkeit, Erlebnis
und
Bildung zu koppeln. Dies muß den potentiellen
Besuchern der Technikmuseen deutlich gemacht werden. Bisher ist diese
besondere Eigenschaft der Technikmuseen noch nicht hinreichend an die
Öffentlichkeit gebracht worden.
Die erfolgreiche Durchführung von Veranstaltungen und Sonderausstellungen
setzt genaue Kenntnisse der Bedürfnisse und Wünsche von Besuchern
voraus. Besucherforschung wird daher zu einem unabdingbaren Aufgaben-
feld einer professionellen Museumsarbeit werden. Trotz der Zunahme von
Besucheranalysen ist – wie in Teil 7 gezeigt werden konnte – dieses Aufga-
bengebiet immer noch nicht selbstverständlich geworden. In den USA hinge-
gen treffen sich „regelmäßig 300 bis 500 Experten, die sich intensiv mit den
– 260 –
Besuchern im Museum auseinanderset(zen) – welch ein Kontrast zu den
wenigen Deutschen, die sich mit diesem Thema beschäftigen“620.
Als ein Beispiel für die Evaluation einer Großveranstaltung sei hier das Rhei-
nische Freilichtmuseum Kommern genannt. Hier fand 1996 mehrere Tage
lang auf dem Gelände des Museums ein Historischer Jahrmarkt statt, der
über 40.000 Besucher zählte.621 Ziel der Befragung war es,
[...] detaillierte Informationen hinsichtlich der Besucherstruktur, der Zufrie-
denheit der Besucher mit vorgegebenen Leistungsaspekten und Anhaltspunkte
für Transfereffekte des Events auf den normalen Museumsbetrieb [...]622
zu bekommen.
Die Besucherforschung kann nur dann erfolgreich und sinnvoll eingesetzt
werden, wenn die einzelnen Institutionen dieses Aufgabengebiet als selbst-
verständlich ansehen und auch bereit sind, die Ergebnisse der Analysen in
die tägliche Museumsarbeit einzubinden. Das bedeutet jedoch, daß jedes
Museum vorab seine Ziele hinsichtlich der Besucherorientierung klar definie-
ren muß. Ein besucherorientiertes Technikmuseum kann aufgrund der
Kenntnisse über die Besucher Wissensvermittlung mit Erlebnisorientierung
verbinden.
620 Hermann Schäfer: Begrüßung. In: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
(Hg.): Museen und ihre Besucher, a.a.O., S. 8.
621 Sabrina Helm / Susanne Klar: Besucherforschung und Museumspraxis, a.a.O., S. 120.
Während der Dauer der Veranstaltung wurden 466 Besucher befragt. „Die Befragung
wurde im Rahmen von persönlichen Interviews durchgeführt, wobei der entsprechend
eingewiesene Interviewer einen standardisierten Fragebogen vorlegte und der Proband
diesen während des Gesprächs ausfüllen sollte.“ Ebd., S. 122.
622 Ebd.
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ANHANG
• Heinz Nixdorf MuseumsForum: Termine. 3. Quartal 1997. Quartalsüber-
blick.
• Museumspädagogisches Konzept des LTA: Die Museumspädagogik am
Landesmuseum stellt sich vor – Konzeption, Programm, Mitarbeiter-
gruppe.
• Didaktisches Konzept für die Zielgruppe Schule, Ausbildung der DASA.
• Fragebogen und Auswertung der von mir von September 1997 bis Januar
1998 durchgeführten Besucherbefragung im HNF.
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