Universität Paderborn
Fakultät für Naturwissenschaften
Department Sport und Gesundheit
D
ISSERTATION ZUM
T
HEMA
B
ÜRGERKOMPETENZEN VON
V
EREINSMITGLIEDERN
–
E
INE EMPIRISCHE
U
NTERSUCHUNG ZU
B
ÜRGERTYPEN IN
V
EREINEN
VORGELEGT VON
K
ATRIN
S
LIEP
F
LÜGGESTR
.
8
22303
H
AMBURG
H
AMBURG
,
DEN
15.
DEZEMBER
2008
Ohne seine Idealisten könnte kein Verein existieren.
Ohne seine Phlegmatiker hätte keiner genug Mitglieder.
(Verfasser unbekannt)
Gliederung 1
Gliederung
A
BBILDUNGSVERZEICHNIS
6
T
ABELLENVERZEICHNIS
8
A
BKÜRZUNGSVERZEICHNIS
10
1. E
INFÜHRUNG IN DIE
P
ROBLEMSTELLUNG
11
1.1 U
NTERSUCHUNGSLEITENDE
F
RAGESTELLUNGEN
14
1.2 A
UFBAU DER
A
RBEIT
15
2. S
TAND DER
F
ORSCHUNG
19
2.1 B
EGRIFFSKLÄRUNG
20
2.1.1
Demokratie als Bezugsrahmen……………………………. 20
2.1.2
Vereine in der Demokratie…............................................ 21
2.1.3
Anmerkungen zum Bürgerbegriff………………………… 23
2.1.4
Anmerkungen zum Kompetenzbegriff…………………… 24
2.1.5
Anmerkungen zu einem vorläufigen Arbeitsbegriff
„demokratischer Bürgerkompetenzen“……………………. 25
2.2 T
HEORETISCHE
Ü
BERLEGUNGEN ZU
B
ÜRGERKOMPETENZEN
25
2.2.1
Demokratietheoretische Ansätze………………………… 26
2.2.2
Politikdidaktische Ansätze………………………………… 29
2.3 T
HEORETISCHE
Ü
BERLEGUNGEN ZUR
B
EDEUTUNG VON
V
EREINEN IN
DER
D
EMOKRATIE
31
2.3.1
Vereine als Sozialisationsinstanzen für
Bürgerkompetenzen…………………………….................. 32
2.3.2
Kritische Stimmen zu Vereinen und Bürgerkompetenzen 32
2.3.3
Überlegungen zur Rolle von Sportvereinen……………… 34
2.3.4
Zusammenfassung…………………………………………... 34
Gliederung 2
2.4 E
MPIRISCHER
F
ORSCHUNGSSTAND ZU
B
ÜRGERKOMPETENZEN VON
V
EREINSMITGLIEDERN
35
2.4.1
Empirische Ergebnisse der politischen Kulturforschung… 35
2.4.2
Empirische Ergebnisse der Vereinsforschung……………. 38
2.4.3
Empirische Ergebnisse zur Bedeutung von Sportvereinen 39
2.4.4
Zusammenfassung…………………………………………... 40
2.5 F
AZIT AUS DEM
F
ORSCHUNGSSTAND
41
2.6 K
ONSEQUENZEN AUS DEM
F
ORSCHUNGSSTAND FÜR DIE EIGENE
U
NTERSUCHUNG
42
3. D
ER
I
DEALTYPUS NACH
M
AX
W
EBER ALS METHODOLOGISCHER
B
EZUGSRAHMEN
45
3.1 D
ER
I
DEALTYPUS ALS THEORETISCHES
K
ONSTRUKT
45
3.2 I
DEALTYPISCHE
G
ATTUNGSBEGRIFFE UND
R
EALTYPEN
49
3.3 K
ONSEQUENZEN FÜR DAS METHODISCHE
V
ORGEHEN
50
4. T
HEORETISCHE
G
RUNDLAGEN EINES
„I
DEALTYPUS DEMOKRATISCHER
B
ÜRGER
“ 52
4.1 G
ESELLSCHAFTLICHE UND POLITISCHE
P
ARTIZIPATION ALS
G
RUNDLAGE DER
D
EMOKRATIE
52
4.1.1
Vorüberlegungen: Partizipation als zweck- bzw.
wertrationales soziales Handeln…………………………… 55
4.1.2
Erklärung politischer Partizipation mit Hilfe des
Akteurmodells „Homo Oeconomicus“……………………... 57
4.1.3
Erklärung politischer und gesellschaftlicher Partizipation
mit Hilfe des Akteurmodells „Homo Sociologicus“……….. 59
4.1.4
Konsequenzen für die Konstruktion eines „Idealtypus
demokratischer Bürger“……………………………………... 60
4.1.5
Wertorientierungen eines „Idealtypus demokratischer
Bürger“………………………………………………………… 61
Gliederung 3
4.2 K
OMPETENZEN ALS
G
RUNDLAGE VON
P
ARTIZIPATION IN DEMOKRA
-
TISCHEN
G
EMEINWESEN
62
4.2.1
Kompetenztheoretische Überlegungen…………………… 62
4.2.2
Handlungskompetenzen als „Werkzeuge“ politischer
Partizipation…………………………………………………... 65
4.2.3
Handlungsdispositionen als „Motor“ für Partizipation……. 67
4.3 A
BSCHLIEßENDE
K
ONSTRUKTION DES
„I
DEALTYPUS
DEMOKRATISCHER
B
ÜRGER
“ 71
4.3.1
Allgemeine Bürgerkompetenzen…………………………… 72
4.3.2
Politische Bürgerkompetenzen…………………………….. 73
4.3.3
Verknüpfung von allgemeinen und politischen
Bürgerkompetenzen…………………………………………. 74
5. B
ÜRGERKOMPETENZEN UND
V
EREINE
76
5.1 T
HEORETISCHE
B
EGRÜNDUNGSZUSAMMENHÄNGE FÜR
B
ÜRGER
-
KOMPETENZEN VON
V
EREINSMITGLIEDERN
76
5.1.1
Partizipation…………………………………………………... 77
5.1.2
Handlungsdispositionen……………………………………... 80
5.1.3
Handlungskompetenzen…………………………………….. 83
5.2 H
INTERGRUNDINFORMATIONEN ZU DEN
V
EREINEN UND IHRE
B
EDEUTUNG FÜR DIE
B
ÜRGERKOMPETENZEN
84
5.2.1
Demokratische Vereinsstruktur…………………………….. 85
5.2.2
Vereinstyp……………………………………………………... 86
5.2.3
Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion…………………….. 87
6. M
ETHODISCHE
U
MSETZUNG
90
6.1 A
NLAGE DER EMPIRISCHEN
U
NTERSUCHUNG
90
6.1.1
Festlegung der Erhebungsorte und Auswahl der Vereine:
Die Vorstudie………………………………………………….. 91
6.1.2
Hintergrundinformationen zu den Vereinen: Die Organisa-
tionserhebung……………………………………………. 94
6.1.3
Erhebung der Bürgerkompetenzen: Schriftliche
Mitgliederbefragung……………………………………………
94
Gliederung 4
6.2 O
PERATIONALISIERUNG DER
F
ORSCHUNGSFRAGE
96
6.2.1
Operationalisierung der Hintergrundinformationen zu den
Vereinen………………………………………………………...
96
6.2.2
Operationalisierung der Kompetenzaspekte des
„Idealtypus demokratischer Bürger“………………………… 99
6.2.3
Operationalisierung soziodemographischer Merkmale…… 106
6.3 A
USWERTUNGSVERFAHREN
110
6.3.1
Bildung von Realtypen………………………………………...
110
6.3.2
Weitere statistische Auswertungsverfahren………………...
120
7. B
ÜRGERTYPEN IN
V
EREINEN
121
7.1 B
ÜRGERKOMPETENZEN VON
V
EREINSMITGLIEDERN
122
7.2 K
ONSTRUKTION DER
B
ÜRGERTYPEN
124
7.2.1
Der Aktive……………………………………………………… 125
7.2.2
Der politisch Engagierte……………………………………… 128
7.2.3
Der Vereinsmeier………………………………………………
130
7.2.4
Der Misstrauische…………………………………………….. 132
7.2.5
Der Desinteressierte………………………………………….. 134
7.2.6
Vergleichende Zusammenfassung der Bürgertypen……… 136
7.3 S
OZIODEMOGRAPHISCHE
B
ESONDERHEITEN DER EINZELNEN
B
ÜR
-
GERTYPEN
139
7.3.1
Horizontale Ungleichheitsmerkmale…………………………
140
7.3.2
Vertikale Ungleichheitsmerkmale…………………………….
143
7.3.3
Weitere Merkmale der Bürgertypen………………………….
146
7.3.4
Soziale Ungleichheiten zwischen den Bürgertypen……… 147
8. B
ÜRGERTYPEN IN
S
PORT
-
UND ANDEREN
V
EREINEN
150
8.1 V
EREINE MIT UNTERSCHIEDLICHER
Z
IELSTELLUNG UND INHALTLICHER
A
USRICHTUNG
151
8.1.1
Vereine mit unterschiedlichen Zielstellungen……………… 152
8.1.2
Vereine aus unterschiedlichen Bereichen…………………..
154
Abbildungsverzeichnis 5
8.2 V
EREINE MIT UNTERSCHIEDLICHEN
S
TRUKTUREN
156
8.2.1
Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion……………………...
156
8.2.2
Demokratische Struktur………………………………………. 158
8.3 V
EREINE MIT UNTERSCHIEDLICHEN
B
ÜRGERTYPEN
160
8.3.1
Vereine mit einem hohen Anteil von Aktiven………………. 160
8.3.2
Vereine mit einem hohen Anteil politisch Engagierter……..
164
8.3.3
Vereine mit einem hohen Anteil Vereinsmeier…………….. 168
8.3.4
Vereine mit einem hohen Anteil misstrauischer bzw.
desinteressierter Bürger……………………………………… 170
8.4 Z
USAMMENFASSUNG
:
B
ÜRGERTYPEN IN
V
EREINEN
173
9. F
AZIT
178
9.1 D
ER
„I
DEALTYPUS DEMOKRATISCHER
B
ÜRGER
“ 180
9.2 F
ÜNF
B
ÜRGERTYPEN IN
V
EREINEN
184
9.3 B
ÜRGERKOMPETENZEN UND
V
EREINSSTRUKTUREN
187
9.4 A
USBLICK
190
10. L
ITERATUR
192
11. A
NHANG
203
Abbildungsverzeichnis 6
Abbildungsverzeichnis
Abb.
1
Die Stellung von Vereinen als organisierter Teil der Zivilgesell-
schaft im Netz von Staat, Markt und Privatsphäre 22
Abb.
2
Zusammenfassende Darstellung der Bestandteile von Bürger-
kompetenzen 43
Abb.
3
Annäherung von empirisch vorfindbarer Realität und dem Ideal-
typus als theoretisches Konstrukt nach der Methode von Max
Weber 50
Abb.
4
Annäherung von empirisch vorfindbaren Merkmalsausprägungen
unter Vereinsmitgliedern und einem theoretisch konstruierten
„Idealtypus demokratischer Bürger“ nach der Methode von Max
Weber. 51
Abb.
5
Direkte versus repräsentative Demokratie 53
Abb.
6
Überblick über die Bestandteile von Handlungskompetenz 64
Abb.
7
Zusammenfassende Darstellung der Kompetenzdimensionen 71
Abb.
8
Bürgerkompetenzen eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ 73
Abb.
9
Auswahl der Vereine für die empirische Untersuchung 93
Abb.
10
Dendrogramm (Ausschnitt) aus der hierarchischen Clusterana-
lyse (nach dem Single-Linkage-Verfahren) zur Identifikation von
Ausreißern. 114
Abb.
11
Anstieg der Fehlerquadratsumme in Abhängigkeit von der An-
zahl der Fusionierungsschritte 116
Abb.
12
Bürgerkompetenzen eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ 125
Abb.
13
Visualisierung der Bürgerkompetenzen des Aktiven auf der
Grundlage der T-Werte 127
Abb.
14
Visualisierung der Bürgerkompetenzen des „politisch Engagier-
ten“ auf der Grundlage der T-Werte 129
Abb.
15
Visualisierung der Bürgerkompetenzen des „Vereinsmeiers“ auf
der Grundlage der T-Werte 131
Abb.
16
Visualisierung der Bürgerkompetenzen des „Misstrauischen“ auf
der Grundlage der T-Werte. 133
Abb.
17
Visualisierung der Bürgerkompetenzen des „Desinteressierten“
auf der Grundlage der T-Werte 135
Abb.
18
Anteil der verschiedenen Bürgertypen an der Gesamtstichprobe 136
Abb.
19
Geschlechterverteilung in den Bürgertypen und in der
Gesamtstichprobe in Prozent 141
Abb.
20
Regionale Herkunft der Mitglieder in den Bürgertypen und in der
Gesamtstichprobe in Prozent 142
Tabellenverzeichnis 7
Abb.
21
Alter der Mitglieder in den Bürgertypen und in der Gesamtstich-
probe in Prozent 143
Abb.
22
Prozentuale Verteilung von Bildungsabschlüssen in den Bürger-
typen und in der Gesamtstichprobe 145
Abb.
23
Prozentuale Verteilung der beruflichen Autonomie in den Bürger-
typen und in der Gesamtstichprobe 146
Abb.
24
Prozentuale Verteilung des Äquivalenzeinkommens in den Bür-
gertypen und in der Gesamtstichprobe 146
Abb.
25
Dauer der Vereinsmitgliedschaft der Bürgertypen und in der Ge-
samtstichprobe in Prozent 147
Abb.
26
Bürgertypen in Sport-, außenorientierten und fremdbezogenen
Vereinen 153
Abb.
27
Bürgertypen in Vereinen aus den Bereichen Sport, Politik, Frei-
zeit und Geselligkeit sowie Gesundheit und Soziales 155
Abb.
28
Bürgertypen in Vereinen differenziert nach den Gelegenheits-
strukturen zur Interaktion im Rahmen von Mitgliederversamm-
lungen, geselligen Veranstaltungen und bürgerschaftlichem En-
gagement 157
Abb.
29
Bürgertypen in Vereinen differenziert nach der Offenheit des
Vereins für die Einflussnahme durch die Mitglieder 159
Abb.
30
Prozentualer Anteil der verschiedenen Bürgertypen in Vereinen
mit überdurchschnittlich vielen Aktiven 161
Abb.
31
Prozentualer Anteil der verschiedenen Bürgertypen in Vereinen
mit überdurchschnittlich vielen politisch Aktiven 165
Abb.
32
Prozentualer Anteil der verschiedenen Bürgertypen in Vereinen
mit überdurchschnittlich vielen Vereinsmeiern 168
Abb.
33
Prozentualer Anteil der verschiedenen Bürgertypen in Vereinen
mit überdurchschnittlich vielen Misstrauischen bzw.
Desinteressierten 171
Abb.
34
Bestandteile von Bürgerkompetenzen im Sinne des „Idealtypus
demokratischer Bürger“, sowie Beispiele für ihre Operationalisie-
rung im Rahmen der empirischen Untersuchung zu
„Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ 183
Tabellenverzeichnis 8
Tabellenverzeichnis
Tab.
1
Skala „Demokratische Entscheidungsstruktur“ auf Basis der
Funktionsträgerbefragung 97
Tab.
2
Operationalisierung der Interaktionsmöglichkeiten für die Mit-
glieder 98
Tab.
3
Skala zur allgemeinen Handlungskompetenz der Mitglieder 100
Tab.
4
Skala zum Vertrauen in andere Menschen 101
Tab.
5
Item zur allgemeinen Hilfsbereitschaft der Mitglieder 102
Tab.
6
Item zur Solidarität der Mitglieder mit anderen Menschen 102
Tab.
7
Skala zur Aktivität im Verein 103
Tab.
8
Skala zum freiwilligen Engagement im Verein 103
Tab.
9
Skala zur Aktivität in anderen Vereinen 104
Tab.
10
Skala Politisches Wissen 104
Tab.
11
Skala zum politischen Interesse 105
Tab.
12
Skala zur Politikverdrossenheit 105
Tab.
13
Skala zur politischen Partizipation 106
Tab.
14
Skala zum höchsten erreichten Bildungsabschluss 107
Tab.
15
Frage zur beruflichen Stellung 107
Tab.
16
Transformation der beruflichen Stellung in die Skala
„Berufsautonomie“ 109
Tab.
17
Abfrage des Haushaltsnettoeinkommens 110
Tab.
18
Deskriptive Statistik der verwendeten Skalen und Items 112
Tab.
19
Darstellung der F-Werte nach der Clusteranalyse nach Ward
und der Clusterzentrenanalyse (K-Means-Verfahren) sowie der
Differenz beider Werte 118
Tab.
20
Kreuzvalidierung der Clusterzuordnungen durch die hierar-
chische Clusteranalyse nach Ward und die Clusterzentren-
analyse (partionierendes K-Means Verfahren). 118
Tab.
21
T-Werte für die 5-Clusterlösung der Clusterzentrenanalyse 119
Tab.
22
Übersicht über die Bürgerkompetenzen der befragten
Vereinsmitglieder 122
Tab.
23
Gesellschaftliche Aktivität der Mitglieder außerhalb des Vereins
der Befragung 123
Tab.
24
Höchste Bildungsabschlüsse (in Prozent) auf der Grundlage des
ALLBUS 2002 und der Mitgliederbefragung 144
Tab.
25
Ergebnisse einer univariaten Varianzanalyse zur Ermittlung sig-
nifikanter Gruppenunterschiede zwischen den Bürgertypen 148
Tab.
26
Zuordnung der Vereine zu den Bereichen Sport, Politik, Freizeit/
Kultur und Soziales/Gesundheit. 152
Abkürzungsverzeichnis 9
Tab.
27
Bildungsabschlüsse und berufliche Autonomie der Mitglieder
differenziert nach Zielstellung des Vereins 154
Tab.
28
Anzahl der Vereine mit geringen bis sehr guten Gelegenheits-
strukturen zur Interaktion aufgeteilt nach Bereich des Vereins 157
Tab.
29
Anzahl der Vereine mit geringen bis guten Einflussmöglichkeiten
der Mitglieder aufgeteilt nach Bereich des Vereins 159
Tab.
30
Verbundenheit der Vereinsmitglieder mit dem Verein der Befra-
gung im Vergleich zu anderen Vereinen, in denen eine Mitglied-
schaft besteht 166
Tab.
31
Übersicht über die Bürgerkompetenzen des Aktiven 203
Tab.
32
Übersicht über die Bürgerkompetenzen des politisch Engagier-
ten 203
Tab.
33
Übersicht über die Bürgerkompetenzen des Vereinmeiers 204
Tab.
34
Übersicht über die Bürgerkompetenzen des Misstrauischen 204
Tab.
35
Übersicht über die Bürgerkompetenzen des Desinteressierten 205
Tab.
36
Soziodemographische Besonderheiten (horizontale Ungleich-
heitsmerkmale) der fünf Bürgertypen 205
Tab.
37
Soziodemographische Besonderheiten (vertikale Ungleichheits-
merkmale) der fünf Bürgertypen 206
Tab.
38
Unterschiede in der Mitgliedschaftsdauer der fünf Bürgertypen 206
Tab.
39
Bürgertypen in binnenorientierten Sportvereinen, außenorientier-
ten und fremdbezogenen Vereinen 207
Tab.
40
Bürgertypen in Vereinen aus den Bereichen Sport, Politik, Frei-
zeit und Kultur sowie Gesundheit und Soziales 207
Tab.
41
Bürgertypen in Vereinen differenziert nach den Gelegenheits-
strukturen zur Interaktion im Rahmen von Mitgliederversamm-
lungen, geselligen Veranstaltungen und bürgerschaftlichem
Engagement 207
Tab.
42
Bürgertypen in Vereinen differenziert nach der Offenheit des
Vereins für die Einflussnahme durch die Mitglieder 208
Abkürzungsverzeichnis 10
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
Abs. Absatz
ALLBUS Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften
Aufl. Auflage
BGB Bürgerliches Gesetzbuch
BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung
bspw. beispielsweise
CI Cramers Index
DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft
DOSB Deutscher Olympischer Sportbund
ebd. ebenda
erg. ergänzte
et al. und andere
GG Grundgesetz
hiba Heidelberger Institut für Beruf und Arbeit
Hrsg. Herausgeber
i. E. im Erscheinen
ISB Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung
Kap. Kapitel
M Mittelwert
Max. Maximum
Min. Minimum
N Anzahl
NOK Nationales Olympisches Komitee
p Signifikanzwert
S. Seite
SD Standardabweichung
u. A. unter Anderem
überarb. überarbeitete
v. a. vor allem
VereinsG Vereinsgesetz
vgl. vergleiche
z. B. zum Beispiel
ZUMA Zentrum für Umfragen, Methoden, Analysen
Abkürzungsverzeichnis 11
1.1 Untersuchungsleitende Fragestellungen 11
1. Einführung in die Problemstellung
An einigen Sonntagen im Jahr versucht die Demokratie, sich den Deutschen
ins Gedächtnis zu rufen. An diesen Tagen sind alle Bürger
1
oder aber Bürger
bestimmter Regionen aufgefordert, sonntags einen Gang zur Wahlurne
vorzunehmen. Allerdings gelingt es der Demokratie nicht immer, die Men-
schen in die Wahllokale zu locken, denn das „Konkurrenzprogramm“ ist groß.
Zwischen Sonntagsbrunch und Sportschau noch die Zeit zu finden, um „seine
Kreuzchen“ zu machen, ist nicht jedermanns Sache. Hinzu kommt, dass
einem die Entscheidung auch nicht leicht gemacht wird. Die Zeiten, in denen
den Menschen die Parteienbindung ihrer sozialen Herkunft entsprechend in
die Wiege gelegt wurde, sind vorbei. Inzwischen ist in den großen Volks-
parteien ein Streit um die so genannte „Mitte“ entbrannt und auch die kleinen
Parteien sind bemüht, Wähler aller Schichten anzusprechen. Trotz dieses
Buhlens um die Gunst der Wähler verzichten immer mehr Menschen darauf,
die einfachste Möglichkeit zur Mitbestimmung, die ihnen die Demokratie bietet,
zu nutzen. Deshalb gehört es – ähnlich wie die Verkündung der ersten
Prognose um 18 Uhr – schon fast zum Ritual von Wahlen, die zumeist
sinkende Beteiligung zu beklagen und zu diskutieren, wie viel Politikverdros-
senheit und politische Apathie eine Demokratie verkraften kann. Die Demo-
kratie befindet sich in einem Dilemma: Einerseits ist sie auf die Beteiligung der
Bürger an Wahlen angewiesen, denn nur so lässt sich der Herrschafts-
anspruch der Regierung in einer repräsentativen Demokratie legitimieren.
Andererseits verfügt die Demokratie nicht über die Möglichkeiten, die Beteili-
gung an Wahlen zu erzwingen. Deshalb ist die Demokratie in dieser Hinsicht
auf die Einsicht und das Wohlwollen der Bürger angewiesen. Dieses Dilemma
stellt eine zunehmende Herausforderung für die Demokratie dar, wie folgen-
des Zitat deutlich macht:
„Die moderne, rechtsstaatlich verfasste Demokratie zeigt sich zunehmend unfähiger, die
für ein gutes Funktionieren notwendigen Bürgeraktivitäten auch mobilisieren zu können.
„Politik- und Parteienverdrossenheit“, „Rückzug ins Privatleben“, Trittbrettfahrersyndrome
und „Ohne-mich-Verhaltensweisen“ der Bürger wurden ebenso wie neuer Nationalismus,
Ausländerfindlichkeit und „Das-Boot-ist-voll“-Mentalitäten beklagt“ (Lohmann, 2003, 12).
Mit dem Rückzug der Bürger aus demokratischen Entscheidungsprozessen
geht die Diskussion einher, inwieweit es den Bürgern an demokratischen
Werten und Kompetenzen mangele oder ob das politische Desinteresse
lediglich ein Ausdruck einer vorübergehenden Übersättigung bzw. allgemeinen
Zufriedenheit sei. Während von manchen die Distanzierung der Bürger vom
1 Im Rahmen dieser Arbeit wir in der Regel ausschließlich die männliche Version verwendet. Gemeint
sind jedoch, wenn nicht anders vermerkt, beide Geschlechter.
1.1 Untersuchungsleitende Fragestellungen 12
politischen Geschehen als eine ernstzunehmende Bedrohung moderner
Demokratien angesehen wird (vgl. Roßteutscher, 2002; Weidenfeld, 1996),
halten andere diesen Prozess für eine normale Entwicklung, die keinen Anlass
zur Sorge bereite (vgl. Schwaabe, 2002).
In jedem Fall schwingt in diesen Diskussionen eine Erwartung an die Bürger
demokratischer Systeme mit:
Wenn auf der einen Seite bestimmte Handlungen der Bürger als mehr oder
weniger defizitär bzw. bedrohlich eingestuft werden können, dann muss es
auch bestimmte wünschenswerte bzw. demokratisch notwendige Verhaltens-
weisen geben, die Bürger einer Demokratie im Idealfall auszeichnen sollten.
Hierbei werden hohe Erwartungen an die Bürger geknüpft. Sie sollen als
„Retter in der Not“ (Himmelmann, 1998, 44) helfen, die politischen und
gesellschaftlichen Herausforderungen zu meistern (vgl. im Überblick Gebhard,
1996; Kymlicka & Wayne, 1994). Die Diskussion um die Bürger moderner
Gesellschaften hat in jedem Fall Konjunktur, wie Die Zeit anmerkte (Jessen
2006).
Welche Kompetenzen die Bürger demokratischer Gemeinwesen aufweisen
sollten, um durch ihr Handeln den Bestand der Demokratie langfristig
sicherzustellen, wird in diesen Diskussionen nur selten expliziert. Somit
scheint es wesentlich leichter zu sein, zu benennen, wie Bürger nicht sein
sollten, als sich über notwendige demokratische Bürgerkompetenzen zu
verständigen (vgl. Dörner, 2003; Schmitz, 2000).
Neben der Frage nach notwendigen Bürgerkompetenzen wird ebenfalls
diskutiert, wie sich Bürger die von ihnen erwarteten Kompetenzen aneignen
könnten. Insbesondere seit den 1990er Jahren wird im Zuge der Debatten
über die Bedeutung der Zivilgesellschaft die Rolle von Vereinen als mögliche
„Vermittlungsinstanzen“ von Bürgerkompetenzen diskutiert. Vereine als
„organisierte Infrastruktur“ der Zivilgesellschaft gelten im Rahmen dieser
Überlegungen als Basiselemente und mögliche Schulen der Demokratie (vgl.
Zimmer, 1996; Himmelmann, 2001; Detjen, 2002; Schmidt & Bergmann, 2007;
Müller, 2008).
Auf die Bedeutung von Vereinen für demokratische Gemeinwesen hatte
bereits im Jahr 1830 Alexis de Tocqueville nach seiner Studienreise durch
Amerika hingewiesen (Tocqueville, 1987). Auch Max Weber hob 80 Jahre
später auf dem Deutschen Soziologentag von 1910 die politische Bedeutung
von Vereinen hervor, indem er den Vereinen „beträchtliche Wirkungen […] z.B.
auf politischem Gebiet“ bescheinigte (Weber, 1924, 445). Obwohl Max Weber
damals eine eigene „Soziologie des Vereinswesens“ gefordert hatte, rückten
Vereine erst in den 1960er Jahren in das Blickfeld der Forschung, als zwei
1.1 Untersuchungsleitende Fragestellungen 13
amerikanische Wissenschaftler in einer empirischen Untersuchung zur
politischen Kultur überraschend feststellten, dass sich Vereinsmitglieder durch
ein größeres politisches Interesse und einen höheren Grad an politischer
Aktivität im Vergleich zu Nicht-Vereinsmitgliedern auszeichneten. Die in-
zwischen zum Klassiker avancierte Studie „The Civic Culture“ von Almond und
Verba (1963) kam zu dem Ergebnis, dass Vereinsmitglieder somit die
„besseren Demokraten“ seien. Obwohl Almond und Verba damals weiteren
Forschungsbedarf im Bezug auf die Mitglieder von Vereinen konstatierten,
erhielten Vereine erst wieder im Zuge der Zivilgesellschaftsdiskussion in den
1990er Jahren Einzug in die empirische Forschung. Seitdem wird diskutiert,
inwiefern zivilgesellschaftliche Organisationen nicht nur die gesellschaftliche
Einbindung und Beteiligung fördern sondern darüber hinaus auch Interesse an
politischen Zusammenhängen wecken könnten (vgl. dazu kritisch Stecker &
Nährlich, 2005). Vereinen werden hier zahlreiche gesellschaftliche Funktionen
zugeschrieben, so sollen Vereine z. B. politisierende Wirkungen entfalten,
indem sie ihre Mitglieder auf eine politische Teilhabe vorbereiten. Darüber
hinaus wird erwartet, dass „zivilgesellschaftliche Aktivitäten den passiven
Bürger in einen aktiven, engagierten Demokraten zurückverwandeln“
(Lohmann, 2003, 12) und in Vereinen soziale und organisatorische Fähig-
keiten trainiert werden könnten. Vertreter der Zivilgesellschaftsdebatte gehen
somit davon aus, dass Vereine für die Demokratie unerlässliche Bürger-
kompetenzen schaffen könnten; eine These, die vor allem von dem
amerikanischen Politikwissenschaftler und Soziologen Robert Putnam
vertreten wird (vgl. Deth, 2001; Putnam, 1996; Putnam, 1999; Putnam, 2000).
Es finden sich jedoch auch Stimmen, die die positiven gesellschaftlichen
Effekte von Vereinsmitgliedschaften in Frage stellen bzw. relativieren. So
merkt zum Beispiel Oswald an: „Nicht alle freiwilligen Tätigkeiten haben
dieselben positiven Folgen für die Entwicklung einer demokratischen
Persönlichkeit. In dieser Frage besteht ein ausgesprochener Forschungs-
bedarf” (Oswald, 2004, 22). Und auch Offe schränkt ein:
“Associations (…) are discredited for their inherent propensity to cultivate not civic virtues,
but to the contrary, collective selfishness, particularism, or ‘amoral familism’. They
obstruct the proper course of democratic government, operate as exploitative coalitions,
or can easily give rise to exclusive, xenophobic, and authoritarian forms of the exercise of
political power” (Offe, 2003, 319).
Die Bedeutung von Vereinen für demokratische Gemeinwesen wird demnach
kontrovers diskutiert. Einerseits werden von Vereinen Bürgerkompetenzen
generierende Effekte erwartet bzw. erhofft und andererseits wird davor
gewarnt, dass Vereine die Demokratie untergraben könnten (vgl. Fiorina,
1999; Pollack, 2003; Strecker & Nährlich, 2005).
1.1 Untersuchungsleitende Fragestellungen 14
Für die Sportwissenschaft stellt sich in diesem Kontext die Frage nach der
gesellschaftspolitischen Bedeutung von Sportvereinen, die mit über 80.000
Vereinen zahlenmäßig die bedeutsamste Gruppe des deutschen Vereins-
wesens ausmachen. So ist, rein statistisch betrachtet, jeder dritte Deutsche in
eine Sportorganisation eingebunden (33,46%, DOSB, 2008, S. 13). Allerdings
wurde die Rolle von Sportvereinen sowohl im Rahmen des Diskurses um die
Bedeutung der Zivilgesellschaft als auch im Rahmen der Dritte-Sektor-
Forschung eher nachrangig behandelt. So konstatiert die Politikwissenschaft-
lerin und Vereinsforscherin Annette Zimmer: „Insgesamt ist die politische Rolle
des Sports bisher eher unterbelichtet“ (Zimmer, 2005, 64) und fordert dazu
auf, Sportvereine im Rahmen der Dritte-Sektor-Forschung verstärkt in den
Blick zu nehmen.
Somit offenbart dieser kurze Problemaufriss bereits drei grundlegende
Forschungsdefizite. Erstens wird die Frage welche Kompetenzen die Bürger
einer Demokratie auszeichnen sollten in den hitzig geführten Debatten über
Politikverdrossenheit bisher nur unzureichend beantwortet. Zweitens ist die
Bedeutung von Vereinen in diesem Zusammenhang umstritten und drittens ist
die Rolle von Sportvereinen, als der zahlenmäßig bedeutsamsten Vereinsform
in Deutschland, weitgehend unerforscht.
1.1 Untersuchungsleitende Fragestellungen
Ziel dieser Arbeit ist es, die Diskussionslinien zu demokratischen Bürger-
kompetenzen und zur Rolle von Vereinen als „Basiselemente der Demokratie“
aufzugreifen und zu verknüpfen. Zunächst wird theoriegeleitet herausge-
arbeitet, welche Kompetenzen die Mitglieder demokratischer Gesellschafts-
systeme auszeichnen sollten. Darauf aufbauend werden Vereinsmitglieder
dahingehend untersucht, inwiefern sie diese Bürgerkompetenzen tatsächlich
aufweisen. Weiterhin wird durch den Vergleich von unterschiedlichen
Vereinstypen die Rolle von Sportvereinen in diesem Kontext beleuchtet.
Die der Arbeit zu Grunde liegenden Fragestellungen lauten somit:
(1) Durch welche Bürgerkompetenzen sollten sich die Mitglieder demokra-
tischer Gemeinwesen auszeichnen, um den Anforderungen, die demokra-
tische Systeme an sie stellen, gerecht werden zu können?
(2) Inwieweit zeichnen sich Vereinsmitglieder allgemein durch Bürger-
kompetenzen aus?
(3) Durch welche Bürgerkompetenzen zeichnen sich Sportvereinsmitglieder im
Vergleich zu Mitgliedern anderer Vereine aus?
1.2 Aufbau der Arbeit 15
Die erste Frage nach den Kompetenzen von Bürgern demokratischer
Gemeinwesen soll theoretisch bearbeitet werden. Somit steht im Zentrum des
theoretischen Teils die Auseinandersetzung mit dem facettenreichen Begriff
der „Bürgerkompetenzen“.
Die Fragen zwei und drei werden mit Hilfe empirischer Daten bearbeitet.
Mitglieder von Sport- und anderen Vereinen werden auf ihre Bürger-
kompetenzen hin untersucht und zu Bürgertypen zusammengefasst. Dadurch
kann die bisher nur unzureichende empirische Untersuchung der demokra-
tischen Kompetenzen von Vereinsmitgliedern strukturiert und theoriegeleitet
weitergeführt werden.
1.2 Aufbau der Arbeit
Im Rahmen des folgenden zweiten Kapitels werden zunächst die zentralen
Begriffe der Arbeit dargestellt. Der Demokratiebegriff als Gesellschafts- und
Lebensform ist hierbei von zentraler Bedeutung. Es wird allerdings auch eine
erste Annäherung an den Begriff der Bürgerkompetenzen vorgenommen
werden (vgl. Abschnitt 2.1). Im Folgenden (vgl. Abschnitte 2.2 bis 2.5) wird der
theoretische und empirische Forschungsstand zu Bürgerkompetenzen aufge-
arbeitet. Hierbei werden zentrale Ergebnisse aus Demokratietheorie,
politischer Bildung und politischer Kulturforschung zusammengeführt. Neben
grundlegenden demokratietheoretischen Überlegungen werden Diskussions-
linien über „Bürgerleitbilder“ aus der Politikdidaktik berücksichtigt und ein
kurzer Überblick über den Stand der empirischen Forschung aus politischer
Kultur- und Vereinsforschung gegeben.
2
In diesem Zusammenhang wird auch
auf bisherige Ergebnisse zu den Besonderheiten von Sportvereinsmitgliedern
eingegangen werden.
Der Stand der Forschung bildet die Grundlage für die weiterführenden
theoretischen Überlegungen zu den Bürgerkompetenzen von Vereinsmit-
gliedern. Auch werden aus den bisherigen Forschungsergebnissen Konse-
quenzen für die vorliegende Untersuchung abgeleitet (vgl. Abschnitt 2.6)
2 Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass diese Diskussionen vor allem im deutschsprachigen Raum und
in den Vereinigten Staaten geführt werden. Während die Diskussion um Bürgerkompetenzen und
Bürgertypen vor allem in Deutschland geführt wird, so finden empirische Untersuchungen zu
politischer Aktivität und Vereinsmitgliedschaft vor allem in den USA statt. Es ist somit notwendig,
theoretische Erkenntnisse aus dem deutschsprachigen Raum zu amerikanischen Ergebnissen in
Beziehung zu setzen. Es sollen dabei jedoch nicht die unterschiedlichen demokratischen Systeme
Deutschlands und der USA gegenübergestellt werden, sondern es sei an dieser Stelle grundlegend
angemerkt, dass wesentliche Unterschiede bestehen, die in dieser Arbeit jedoch unberücksichtigt
bleiben sollen. Ziel der Arbeit ist es, vor allem Aussagen für die Bedeutung des Vereinswesens in
Deutschland zu treffen - ohne dabei empirische und theoretische Grundlagen aus der in den USA
stark verbreiteten politischen Kulturforschung außer Acht zu lassen.
1.2 Aufbau der Arbeit 16
Im dritten Kapitel erfolgen methodologische Überlegungen, die sich aus der
Forschungsfrage nach notwendigen demokratischen Bürgerkompetenzen
ergeben. Die Methode des „Idealtypus“ nach Max Weber (1922) bietet die
Möglichkeit, eine theoretisch fundierte Typenbildung vorzunehmen. Somit
bietet diese Methode theoretische Anknüpfungspunkte, um Vereinsmitglieder
hinsichtlich ihrer Bürgerkompetenzen zu systematisieren und zu Bürgertypen
zusammenzufassen. Deshalb wird im dritten Kapitel die idealtypische Methode
und ihr Potenzial im Hinblick auf die Bearbeitung der leitenden Fragestellung
in Bezug auf die Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern vorgestellt.
Im vierten Kapitel werden Bürgerkompetenzen herausgearbeitet, die in einer
Demokratie notwendig sind. Auf der Grundlage theoretischer Überlegungen
ergeben sich drei verschiedene Kompetenzaspekte, die Bürger einer
Demokratie auszeichnen sollten.
Ausgehend von demokratietheoretischen Überlegungen wird in Abschnitt 4.1
Partizipation als konstituierendes Merkmal demokratischer Gemeinwesen und
somit als ein wesentlicher Bestandteil von Bürgerkompetenz herausgearbeitet.
Als weitere wesentliche Aspekte von Bürgerkompetenzen ergeben sich aus
den in Abschnitt 4.2 dargestellten Überlegungen allgemeine sowie politische
Handlungskompetenzen, die eine gesellschaftliche bzw. politische Beteiligung
erst ermöglichen. Darüber hinaus benötigen Bürger in der Demokratie
bestimmte allgemeine und politische Wertorientierungen, um ihr Handeln nicht
ausschließlich am persönlichen Nutzen sondern auch am Wohlergehen der
Gemeinschaft auszurichten.
Die theoretischen Überlegungen zu notwendigen Kompetenzen von Bürgern in
modernen Demokratien werden am Ende des Kapitels (Abschnitt 4.3) in dem
theoretischen Konstrukt eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ zusammen-
geführt. Das theoretische Konstrukt des Idealtypus ermöglicht es, die
Relevanz der unterschiedlichen Bürgertypen in Vereinen für die Demokratie
beurteilen zu können. Somit bildet das Modell des Idealtypus die Grundlage
für die empirische Auseinandersetzung mit den Bürgerkompetenzen von
Vereinsmitgliedern.
Im fünften Kapitel wird die Bedeutung von Vereinen in Bezug auf die
verschiedenen Aspekte von Bürgerkompetenzen analysiert. Hier steht die
Frage im Vordergrund, wie sich Zusammenhänge zwischen Vereinsmitglied-
schaft und bestimmten Bürgerkompetenzen theoretisch begründen lassen
(vgl. Abschnitt 5.1). Darüber hinaus werden theoretische Überlegungen zu den
Auswirkungen bestimmter Strukturbesonderheiten von Vereinen auf die
Bürgerkompetenzen der Mitglieder angestellt (vgl. Abschnitt 5.2).
1.2 Aufbau der Arbeit 17
Im sechsten Kapitel wird sowohl die Anlage der empirischen Untersuchung
vorgestellt (vgl. Abschnitt 6.1) als auch die Operationalisierung des
theoretischen Konstrukts des „Idealtypus demokratischer Bürger“ dargelegt
(vgl. Abschnitt 6.2). Um die Bürgerkompetenzen der Vereinsmitglieder
empirisch zu erfassen, wurde eine Re-Analyse des Datenmaterials aus dem
Forschungsprojekt „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ von Prof. Dr. Dr.
Sebastian Braun durchgeführt. Im Rahmen dieses Projekts wurden 24 Vereine
unterschiedlicher Bereiche umfassend untersucht. Neben Sportvereinsmit-
gliedern wurden die Mitglieder von Kultur-, Musik-, Umwelt- und karitativen
Vereinen an zwei Standorten in Deutschland (Potsdam und Münster) befragt.
Zum einen wurden alle erwachsenen Mitglieder der Vereine in einer
schriftlichen Fragebogenerhebung zu ihrer Mitgliedschaft, ihrem ehrenamt-
lichen Engagement aber auch zu ihrer allgemeinen politischen Partizipation
und ihrer gesellschaftspolitischen Aktivität befragt (N=827). Zum anderen
wurden die strukturellen Besonderheiten der Vereine durch die schriftliche
Befragung eines Funktionsträgers erhoben.
Neben der Anlage der empirischen Untersuchung und der Operationalisierung
der Kompetenzaspekte des „Idealtypus demokratischer Bürger“ wird auch die
Methode der Typenbildung mit Hilfe clusteranalytischer Verfahrensweisen
transparent gemacht (vgl. Abschnitt 6.3).
Im siebten Kapitel werden zunächst die Bürgerkompetenzen der untersuchten
Vereinsmitglieder kurz dargestellt (vgl. Abschnitt 7.1) als auch die mit Hilfe von
Clusteranalysen aus den empirischen Daten generierten Bürgertypen
ausführlich vorgestellt (vgl. Abschnitt 7.2). Sie werden im Hinblick auf ihre
Bürgerkompetenzen analysiert und vor dem Hintergrund des theoretisch
konstruierten „Idealtypus“ hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Demokratie
interpretiert. Darüber hinaus werden auch soziodemographische Besonder-
heiten der einzelnen Bürgertypen herausgearbeitet (vgl. Abschnitt 7.3).
Im achten Kapitel wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich unterschied-
liche Vereine im Hinblick auf die Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder
unterscheiden. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf der Herausarbeitung der
Besonderheiten von Sportvereinen. Die Daten machen deutlich, dass sich
diese im Hinblick auf die Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder deutlich von
anderen Vereinen abheben (vgl. Abschnitt 8.1). Aber auch vereinstrukturelle
Merkmale werden zur Interpretation unterschiedlicher Verteilungen von
Bürgertypen in den Vereinen herangezogen (vgl. Abschnitt 8.2). An dieser
Stelle werden auch die Besonderheiten einzelner Vereine berücksichtigt,
indem Vereine portraitiert werden, in denen in bestimmter Bürgertyp stark
überrepräsentiert ist (vgl. Abschnitt 8.3).
1.2 Aufbau der Arbeit 18
Im neunten Kapitel werden die Ergebnisse der drei leitenden Fragestellungen
zusammengeführt und abschließend diskutiert. Darüber hinaus werden
Konsequenzen für zukünftige Forschungsvorhaben herausgearbeitet.
2.1 Begriffsklärung 19
2. Stand der Forschung
Anliegen des Kapitels zum Forschungsstand ist es, bisherige Diskussions-
linien und empirische Ergebnisse zu demokratischen Bürgerkompetenzen zu
bündeln und darzustellen. Durch die Aufarbeitung des Forschungstandes zu
Bürgerkompetenzen werden wesentliche Erkenntnisse, aber auch Grenzen
und Defizite bisheriger theoretischer Überlegungen und empirischer Unter-
suchungen herausgearbeitet. Es wird dargestellt, welche Anknüpfungspunkte
sich aus bisherigen Überlegungen und Erkenntnissen für die Untersuchung
gewinnen lassen.
Die Darstellung des Forschungstandes umfasst neben normativen Dis-
kussionslinien auch empirische Ergebnisse aus der politischen Kultur- und der
(Sport-) Vereinsforschung. Ziel ist es deutlich zu machen, an welche Erkennt-
nisse bei der empirischen Untersuchung von Bürgerkompetenzen von Ver-
einsmitgliedern angeknüpft werden kann und wo weiterer Forschungsbedarf
besteht.
Am Anfang des Kapitels steht die Ausdifferenzierung der zentralen, dieser
Arbeit zugrunde liegenden Begriffe. Es soll transparent gemacht werden, was
im Rahmen dieser Arbeit unter „Demokratie“, „Vereinen“, „Bürgern“, und
„Kompetenzen“ verstanden werden soll. Daran anschließend wird als Grund-
lage für die Darstellung des Forschungsstandes ein erster, weit gefasster
Arbeitsbegriff der „Bürgerkompetenzen“ vorgestellt werden.
Somit gliedert sich die Darstellung des Forschungsstandes in vier Teile:
Erstens erfolgt eine inhaltliche Klärung zentraler Begriffe der Arbeit (vgl. Ab-
schnitt 2.1).
Zweitens findet eine Auseinandersetzung mit theoretisch-normativen Über-
legungen zu Bürgerkompetenzen statt (vgl. Abschnitt 2.2),
drittens werden theoretische Überlegungen zur Bedeutung von Vereinen in
demokratischen Gemeinwesen zusammengefasst und
viertens werden Ergebnisse bisheriger empirischer Untersuchungen zu Bür-
gerkompetenzen von Vereinsmitgliedern aus der politischen Kultur- und der
Vereinsforschung vorgestellt (vgl. Abschnitt 2.4).
Im Anschluss an die Darstellung des Forschungsstandes wird ein Resümee
gezogen, welches die Leistungen bisheriger Forschungen zusammenfasst und
noch vorhandene Forschungsdefizite in Bezug auf die Fragestellung dieser
Arbeit aufdeckt (vgl. Abschnitt 2.5). Daran anknüpfend werden aus den
2.1 Begriffsklärung 20
bisherigen Erkenntnissen Konsequenzen für die weitere Arbeit gezogen (vgl.
Abschnitt 2.6).
2.1 Begriffsklärung
Diese Arbeit geht zum einen der Frage nach, durch welche Kompetenzen sich
die Mitglieder demokratischer Gesellschaftssysteme auszeichnen sollten, zum
anderen wird untersucht, inwiefern Vereinsmitglieder über solche Bürger-
kompetenzen verfügen.
Um die Auseinandersetzung mit den Fragestellungen zu erleichtern, werden
an dieser Stelle zunächst die wesentlichen, dieser Arbeit zugrunde liegenden
Begriffe näher erläutert.
2.1.1 Demokratie als Bezugsrahmen
Wenn in dieser Arbeit die Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern unter-
sucht werden, so geht es immer um Vereine als Bestandteil eines
demokratischen Gemeinwesens. In einem engen Verständnis von Demokratie
handelt es hierbei sich um eine Herrschafts- bzw. Staatsform, bei der in Ab-
grenzung zu anderen Herrschaftsformen, wie Monarchien oder Diktaturen, die
Herrschaft aus dem Volk hervorgeht und in seinem Interesse ausgeübt wird
(vgl. Guggenberger, 1991; Lenk, 1991; Schmidt, 2000; Schultze; 2001a).
Im Rahmen dieser Arbeit soll jedoch ein eher weit gefasstes Demo-
kratieverständnis zugrunde gelegt werden, welches Demokratie nicht aus-
schließlich als Herrschafts-, sondern auch als Lebensform versteht. Während
der eng gefasste Demokratiebegriff im Wesentlichen die politische Teilhabe
des Volkes umfasst, bedeutet Demokratie als Lebensform, dass auch das
gesellschaftliche Miteinander durch demokratische Umgangsformen bestimmt
wird (vgl. Himmelmann, 2002). In diesem Sinne erschöpft sich Demokratie
nicht darin, Politik auf eine bestimmte Weise zu betreiben, sondern bedarf
auch einer „staatsbürgerlichen Kultur“ (Barber, 1994, 19). Das bedeutet, „dass
die Demokratie auf bestimmten Werten, demokratischen Verhaltensweisen
und gesellschaftlichen Vorbedingungen beruht, die immer wieder in Er-
innerung gerufen, neu eingeübt und neu ‚erfahren’ werden müssen“ (Himmel-
mann, 2001, 184).
Demokratie lebt von der Mitbestimmung der an ihr beteiligten Personen und ist
in unterschiedlichem Maße (vgl. Kapitel 2.2.1) immer auf eine Teilhabe der
Bevölkerung angewiesen. Ein Kennzeichen der Demokratie ist, dass sie zahl-
lose Formen gesellschaftlicher Vereinigungen ermöglicht und somit kollektives
2.1 Begriffsklärung 21
solidarisches Handeln, wie es in Vereinen häufig anzutreffen ist, nicht nur
erlaubt, sondern auch schützt (vgl. Schubert/Klein, 1997, Schultze, 2001a).
2.1.2 Vereine in der Demokratie
Was formal betrachtet unter einem Verein zu verstehen ist, ist klar im Vereins-
gesetz der Bundesrepublik Deutschland geregelt:
„Verein im Sinne dieses Gesetzes ist ohne Rücksicht auf die Rechtsform jede Ver-
einigung, zu der sich eine Mehrheit natürlicher oder juristischer Personen für längere Zeit
zu einem gemeinsamen Zweck freiwillig zusammengeschlossen und einer organisierten
Willensbildung unterworfen hat“ (§ 2, Absatz 1, VereinsG).
Allerdings soll es im Rahmen dieser Arbeit nicht um Vereine jeglicher Art
gehen, sondern um „rechtsfähige ideelle Vereine“, die nicht-wirtschaftliche
Zwecke verfolgen und somit das Kriterium der Gemeinnützigkeit erfüllen. Die
Rechtsform dieser Art von Vereinen ist „e.V.“, was für die Eintragung in das
Vereinsregister steht (vgl. § 21, BGB). Im Rahmen dieser Gesetze wird auch
die formal demokratische Verfasstheit dieser Vereine geregelt. So ist das
formell höchste Beschlussorgan eines solchen Vereins immer die Mitglieder-
versammlung (vgl. §. 27 und § 32, BGB). Im Rahmen von Mitgliederver-
sammlungen werden Beschlüsse auf der Grundlage von Mehrheitsent-
scheidungen gefasst. So erfolgt auch die Wahl des Vorstands, der den Verein
nach Außen vertritt und die Geschäftsführung innehat. Neben der Nichtwirt-
schaftlichkeit müssen die Vereine sicherstellen, dass ihre Ziele und/oder
Tätigkeiten nicht der verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesrepublik
entgegenstehen. Insofern sind Vereine Bestandteil der demokratischen
Ordnung der Bundesrepublik Deutschland (vgl. im Überblick van Bentem,
2006). So verwundert es nicht, dass die Vereinigungsfreiheit zu den demo-
kratischen Grundrechten gehört und im Grundgesetz verankert ist (Vgl. Art. 9,
Abs. 1, GG). Damit wird den Bürgern der Zusammenschluss zu Interessen-
gemeinschaften jenseits von Staat, Markt und Privatsphäre ermöglicht. Dieser
gesellschaftliche Teilbereich wird als Zivilgesellschaft bezeichnet (vgl. Stecker,
2005). Vereine bilden den Teil der Zivilgesellschaft, in dem sich Menschen
jenseits von staatlicher Steuerung und privatwirtschaftlichen Interessen in
Organisationen zusammenschließen und so den Teilbereich der „organisierten
Zivilgesellschaft“ bilden (vgl. Himmelmann, 2001; Zimmer, 2005).
Vereine gelten als Infrastruktur der Zivilgesellschaft, „auf die ein demo-
kratisches Gemeinwesen nachhaltig angewiesen ist“ (Zimmer & Priller, 2005,
51). Dies wird auf die besonderen Handlungslogiken zurückgeführt, die
Vereine kennzeichnen. Vereine stellen Wertgemeinschaften auf freiwilliger
Basis dar, in denen Handlungen nicht in erster Linie auf individuellen
Nutzenkalkülen beruhen (vgl. Adloff, 2005; Strob, 2005).
2.1 Begriffsklärung 22
Abb. 1: Die Stellung von Vereinen als organisierter Teil der Zivilgesellschaft im Netz von Staat, Markt
und Privatsphäre (in Anlehnung an Braun, 2003, 46).
Aufgrund ihrer besonderen Stellung im Geflecht der Institutionen werden
Vereinen zahlreiche gesellschaftliche und auch politische Funktionen zuge-
schrieben.
So sollen Vereine den sozialen Zusammenhalt stärken, den Wohlfahrtsstaat
entlasten, Wege aus der Arbeitslosigkeit aufzeigen und zur Stabilität demo-
kratischer Systeme beitragen (vgl. v. a. Putnam, 1993, 1996, 1999; aber auch
Himmelmann, 1991). Insbesondere der letzte Punkt – die Rolle von Vereinen
in demokratischen Gemeinwesen – ist für diese Arbeit von Bedeutung. Der vor
allem von Putnam konstatierte Zusammenhang zwischen Vereinen als Organi-
sationen der Zivilgesellschaft und der Entwicklung demokratischer Einstel-
lungen und partizipativer Verhaltensweisen wird von Mutz und Nobis (2007)
auf den Punkt gebracht:
„Über zivilgesellschaftliche Formen der Partizipation und des Engagements, so der
unterstellte kausale Zusammenhang, könne ‚Politik im Kleinen’ erprobt und praktiziert
werden und der Einzelne erwerbe hierbei wichtige Schlüsselkompetenzen, die auch auf
den politischen Bereich übertragbar seien“ (Mutz & Nobis, 2007, 234).
Zusammenfassend geht es im Rahmen dieser Arbeit somit um ideelle
rechtsfähige Vereine, die keine wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Hier
stellt sich die Frage, inwiefern sich der vor allem von Putnam (1993, 1996,
1999) unterstellte Zusammenhang zwischen zivilgesellschaftlicher Partizi-
pation und politischen Schlüsselkompetenzen in den demokratischen Bürger-
kompetenzen von Vereinsmitgliedern niederschlägt.
Markt
Privat
s
phäre
Staat
Zivilgesellschaft
Vereine
2.1 Begriffsklärung 23
2.1.3 Anmerkungen zum Bürgerbegriff
Der Bürgerbegriff ist eng mit dem Staatsbegriff und somit mit dem politischen
System verknüpft, denn erst durch „Bürger“ wird der Staat zu dem, was er ist:
„der Staat ist eine Vielheit von Bürgern“ (Sternberger, 1967, 8).
Möchte man den Begriff des Bürgers theoretisch eingrenzen, so wird schnell
deutlich, dass es sich hierbei um einen facettenreichen, oftmals unspezifisch
gebrauchten und historisch „vorbelasteten“ Begriff handelt. So schreibt
Jessen, „um das gröbste Durcheinander zu verhindern, müsste mindestens
zwischen dem Bürgertum, dem Bürger und dem Bürgerlichen unterschieden
werden“ (Jessen, 2006, 51). Denn zum einen fasst der Begriff einen formal
rechtlichen Status, nämlich den des Staatsbürgers. Dies ist „jeder freie,
gesellschaftlich und politisch vollberechtigte Einwohner eines Staates, mit in
Verfassung und Gesetz präzisierten Rechten, wie aktives und passives
Wahlrecht, und Pflichten, wie Einhaltung von Verfassung und Gesetz, Steuer-
und Wehrpflicht“ (Schmidt, 1995, 178).
Diese Definition verweist auch bereits auf die zweite, historisch bedingte
Bedeutung des Bürgerbegriffs als „Klassenbegriff“: Wenn nicht jedes Mitglied
einer Gesellschaft den gleichen rechtlichen Status hat, so bilden diejenigen,
denen der Bürgerstatus mit gleichzeitigen Bürgerrechten und -pflichten zuer-
kannt wird, eine eigene Klasse. Hierher rührt auch der Begriff des „Bürger-
tums“ (vgl. Schmidt, 1995).
Zuletzt sind mit dem Begriff „Bürger“ bestimmte Attribute verbunden, die meist
negativ konnotiert sind (bspw. konservativ, spießig) und mit dem Adjektiv „bür-
gerlich“ beschrieben werden (vgl. Jessen, 2006).
Neben diesen Aspekten des Bürgerbegriffs existiert jedoch auch ein moder-
nes, weit gefasstes Verständnis vom Bürger, das sich auf alle Mitglieder einer
Gesellschaft, unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft bezieht (vgl. Buchstein,
1996; Schneider 1999). Hierbei stehen nicht die Staatbürgerschaft und die
damit verbundenen Rechtsansprüche im Mittelpunkt. Vielmehr geht es um
eine „Zivilbürgerschaftlichkeit“ bzw. eine „Werte- und Verantwortungsgemein-
schaft“ (vgl. Himmelmann, 2001, 115).
Insgesamt haben die „Bürger“ im Sinne dieses weit gefassten Verständnisses
in den letzten Jahren im Rahmen der wissenschaftlichen Diskussion an
Bedeutung gewonnen. Während Breit und Massing (2002) von der „Rückkehr
des Bürgers in die Politische Bildung“ sprechen, konstatiert Himmelmann die
„Wiederentdeckung der bürgerschaftlichen Demokratie“, wobei die „Bürger,
das bürgerschaftliche Engagement und die (notwendigen) Qualifikationen [der
Bürger; K.S.] wieder als ein zentraler Bestandteil der Demokratietheorie“
2.1 Begriffsklärung 24
(Himmelmann, 2001, 114) ins Zentrum der wissenschaftlichen Auseinander-
setzung gerückt seien.
Auch im Rahmen dieser Arbeit sollen die Bürger nicht nur als Mitglieder
sondern auch als Mitgestalter demokratischer Gesellschaftssysteme in den
Blick genommen werden. Im Mittelpunkt steht die von Himmelmann (2001)
angesprochene Frage nach den „notwendigen Qualifikationen“ der Bürger.
2.1.4 Anmerkungen zum Kompetenzbegriff
Der Kompetenzbegriff ist – ebenso wie der Bürger – ein schillernder Begriff,
der einer einheitlichen Definition entbehrt. Selbst in der wissenschaftlichen
Auseinandersetzung herrscht keine Einigkeit hinsichtlich des Kompetenzbe-
griffs. Erschwerend kommt hinzu, dass zahlreiche Begriffe, wie Fähigkeiten,
Fertigkeiten und Können oftmals synonym zum Kompetenzbegriff verwendet
werden.
Eine weitere Parallele zum Bürgerbegriff ist die Konjunktur, die auch den
Kompetenzbegriff erfasst hat: Im Zuge der Diskussion um lebenslanges Ler-
nen und dessen Zertifizierung ebenso wie in der Auseinandersetzung um
Bildungsstandards und die damit verbundene Neuformulierung der Rahmen-
pläne in den allgemeinbildenden Schulen lautet das Schlagwort „Kompetenz-
orientierung“ (vgl. Klieme, 2003; ISB, 2006).
Ganz allgemein kann Kompetenz als die Fähigkeit definiert werden,
„Anforderungen in bestimmten Bereichen zu entsprechen“ (Schaub & Zenke,
2000, S. 326). Diese kurze Definition macht bereits zwei zentrale Aspekte
deutlich: (A) Kompetenzen müssen sich zunächst in Handlungen nieder-
schlagen, um für andere sicht- bzw. messbar zu werden. Und (B) Kompetenz
ist im Spannungsfeld zwischen Sozialisation und Individuation angesiedelt:
Kompetenz ist das Resultat aus von außen an das Individuum heran-
getragenen Erwartungen (Anforderungen) und dem Wunsch des Individuums,
diesen Anforderungen durch das Zeigen von (individuellen) Lösungsmöglich-
keiten zu entsprechen.
Auf diese „Individualität“ der Handlung verweist auch die folgende Definition
von Erpenbeck und Rosenstiel, wonach Kompetenzen „Dispositionen selbst-
organisierten Handelns“ darstellen (Erpenbeck & Rosenstiel, 2003, XI).
Nicht jede Handlung zeugt demnach von Kompetenz, sondern erst dann,
wenn eine Handlung „selbstorganisiert“ ist und daher auf das sie ausführende
Individuum zurückzuführen ist, greift der Kompetenzbegriff.
2.2 Theoretische Überlegungen zu Bürgerkompetenzen 25
2.1.5 Anmerkungen zu einem vorläufigen Arbeitsbegriff „demokratischer
Bürgerkompetenzen“
Beginnen möchte ich die Anmerkungen zum Begriff der Bürgerkompetenzen
mit einem Zitat von May, der konstatiert, „politisch-demokratische Kompetenz
in den verschiedensten Formulierungsvarianten bildet nach wie vor eine
Leerformel“ (May, 2007, 17). Er selbst schlägt vor, geleitet von einem eher
pädagogischen Verständnis von Kompetenzen und dem Ziel, den Begriff für
die Politikdidaktik nutzbar zu machen, unter politisch-demokratischer Kompe-
tenz „das komplexe Gefüge von Dispositionen, das zur Bewältigung der
Anforderungen demokratischer Gesellschaften notwendig ist“ (ebd. 16) zu
verstehen. In diesem Verständnis wird die Auffassung deutlich, dass demokra-
tische Gesellschaftssysteme bestimmte Anforderungen an die Bürger stellen.
Im Sinne der Definition von Kompetenzen manifestieren sich diese „Bürger-
kompetenzen“ letztlich in unterschiedlichen, noch näher zu bezeichnenden
Handlungsformen. Die Ausdifferenzierung des Begriffs demokratischer Bürger-
kompetenzen wird im weiteren Verlauf der Arbeit erfolgen. Allerdings ist für die
nun folgenden Darstellungen zum Forschungsstand anzumerken, dass die
Verwendung des Begriffs Bürgerkompetenzen zunächst nur im Sinne der
jeweiligen Verfasser erfolgt. Es handelt sich hierbei in den verschiedenen
theoretischen Ansätzen und empirischen Studien zum Teil um sehr unter-
schiedliche Auffassungen von Bürgerkompetenzen. Diese begriffliche Un-
schärfe stellt ein entscheidendes Forschungsdefizit dar und sollte nicht der
Verfasserin dieser Arbeit angelastet werden. Die abschließende Eingrenzung
und Ausdifferenzierung des facettenreichen Begriffs der demokratischen Bür-
gerkompetenzen kann und soll somit erst im Anschluss an die Darstellung des
Forschungsstandes vorgenommen werden. In Kapitel 3 erfolgen eine theore-
tisch begründete Ausdifferenzierung des Begriffs demokratischer Bürgerkom-
petenzen sowie die Synthese verschiedener Facetten und Aspekte von Bür-
gerkompetenzen zu einem „Idealtypus demokratischer Bürger“.
2.2 Theoretische Überlegungen zu Bürgerkompetenzen
Der folgende Teil zu vorliegenden theoretisch-normativen Überlegungen zu
Bürgerkompetenzen gliedert sich in zwei Abschnitte. Erstens werden demo-
kratietheoretische Ansätze unter der Prämisse vorgestellt, welche Kompe-
tenzen Bürger demokratischer Gemeinwesen benötigen, um den Anforde-
rungen des Systems gewachsen zu sein. Zweitens werden politikdidaktische
Überlegungen zu Bürgerleitbildern und Bürgerkompetenzen dargestellt.
2.2 Theoretische Überlegungen zu Bürgerkompetenzen 26
2.2.1 Demokratietheoretische Ansätze
Im Rahmen demokratietheoretischer Ansätze wird die Frage, wodurch sich
Bürgerinnen und Bürger von Demokratien auszeichnen sollten, um den
Anforderungen des Systems gerecht zu werden, eher am Rande thematisiert,
da Demokratietheoretiker in der Regel ausgehend von Überlegungen zu einer
funktionierenden bzw. wünschenswerten Demokratie her argumentieren.
Jedoch beruhen diese Ausführungen zum Teil auf sehr unterschiedlichen
Menschenbildern, die sich im jeweiligen Demokratieverständnis wieder finden.
Je nach zugrunde gelegten demokratietheoretischen Überlegungen fallen die
Anforderungen an die Bürger somit ganz unterschiedlich aus (vgl. Himmel-
mann, 2001, May, 2008). Zwei zentrale demokratietheoretische Ansätze, die
sich in Bezug auf das zugrunde liegende Menschenbild stark unterscheiden,
sind repräsentative bzw. partizipative Demokratiemodelle. Am Beispiel dieser
beiden demokratietheoretischen Strömungen sollen die unterschiedlichen An-
forderungen an die Bürger im Folgenden verdeutlicht werden.
Theorien, die die repräsentativen Elemente von Demokratien betonen, legen
ihren Schwerpunkt auf die Kompetenzen des politischen Führungspersonals.
Ihre Anforderungen an die Kompetenzen der Bürger sind dagegen eher
gering. Sie verlangen von den Bürgern „ein Mindestmaß an politischer
Informiertheit, eine hinreichende Identifikation mit der ‚demokratischen Metho-
de’ sowie ausreichendes politisches Kompetenzbewusstsein für den Gang zur
Wahlurne“ (Geißel, 2006, 5). Vertreter repräsentativer Demokratiemodelle
(darunter z. B. Schumpeter (1950), Sartori (1993), Dahrendorf (1968),
Fraenkel (1964)) sprechen den Bürgern relativ geringe Kompetenzen zu und
meinen, die politische Apathie vieler Bürger sei die Voraussetzung für ein
funktionierendes, entscheidungsorientiertes politisches System und trage zu
dessen Stabilität bei, da basisorientierte Aushandlungsprozesse eine poli-
tische Entscheidungsfindung erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen
würden (vgl. Beyme, 1972; Himmelmann, 1998). Die Vertreter repräsentativer
Demokratietheorien gehen zudem davon aus, dass „die Komplexität der Rege-
lungsmaterien das Fassungsvermögen der meisten Bürger, einschließlich der
Politiker, übersteigt“ (Schmidt, 1997, 44) und die Bürger somit überfordere.
Weiterhin liegt repräsentativen Demokratietheorien zumeist die Ansicht
zugrunde, dass die Bürger in erster Linie ihre eigenen Interessen verfolgen
und ihnen für politische Entscheidungen die notwendige Weitsicht fehlen
würde (vgl. Detjen, 2000). Im Sinne repräsentativer Demokratiemodelle erfolgt
die Stabilisierung des politischen Systems nicht durch kompetentes Handeln
der Bürger, sondern über das Funktionieren der Institutionen und die Kom-
petenzen der politischen Führungselite. Repräsentative Demokratiemodelle
2.2 Theoretische Überlegungen zu Bürgerkompetenzen 27
messen somit den Bürgern einer Demokratie nur eine geringe Bedeutung bei
und erwarten von ihnen – abgesehen von der Beteiligung an Wahlen – keine
Kompetenzen, sondern fordern zum Teil sogar ein politisches Desinteresse
der Bürger, um die Stabilität der Demokratie sicherzustellen (vgl. Massing,
2002).
Unter den Vertretern partizipativer Demokratiemodelle herrscht hingegen
„weitgehend Einverständnis darüber, daß die Lebensfähigkeit und Stabilität
moderner Demokratien nicht (…) von der Effizienz ihrer institutionellen
Grundstruktur abhängt, sondern von der Qualität und den Einstellungen ihrer
Bürger“ (Massing, 2002, 98f.). Es wird von den Bürgern erwartet, dass sie in
unterschiedlichen Lebensbereichen für ihre Interessen eintreten. Die Erwar-
tungen reichen von einer aktiven politischen Partizipation bis hin zu umfas-
sender Beteiligung an gesellschaftlichen Gruppen.
3
Um den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Demokratiemodellen und
den Anforderungen an die Beteiligung der Bürger zu verdeutlichen, wird im
Folgenden ein partizipativer Ansatz einer repräsentativen Theorie gegenüber-
gestellt. Zwei Extreme mit recht unterschiedlichen Erwartungen an die Bürger
sind zum einen die liberalen Demokratietheorien (vgl. Schumpeter, 1950;
Downs, 1957) und zum anderen republikanische Demokratiemodelle (vgl. z.B.
Etzioni (1995) zum Kommunitarismus).
Der Hauptunterschied zwischen Liberalismus und Republikanismus betrifft die
Stellung zwischen Individuum und Gesellschaft: Das liberale Denkmuster wird
dadurch geprägt, dass das Individuum den Ausgangspunkt der Überlegungen
bildet. In der republikanischen Tradition steht hingegen die Gemeinschaft im
Mittelpunkt. Hierbei geht die liberale Demokratietheorie von einem negativen
Freiheitsbegriff, also einer „Freiheit von etwas“, aus und betont somit die
Schutzfunktion des Staates. Im Republikanismus steht die positive Freiheit,
die „Freiheit zu etwas“, im Vordergrund und meint damit auch eine Freiheit
weg von staatlicher Bevormundung hin zu politischer Partizipation und
bürgerschaftlichem Engagement (vgl. Münkler & Krause, 2002). Allein dadurch
wird bereits deutlich, welche Rolle den Bürgern in den beiden unterschied-
lichen demokratischen Ansätzen zukommt: Im liberalen Modell kann sich der
Bürger in eine eher passive Rolle zurückziehen, denn die Aushandlung von
Partikularinteressen wird – so die Vorstellung – durch Wahlen auf die institu-
3 Den partizipationsorientierten Demokratietheorien werden z. B. die starke Demokratie (Barber,
1994) der Kommunitarismus (Etzioni, 1995), die assoziative (Hirst, 1994) und die deliberative
Demokratie (Habermas, 1996) zugerechnet. Hierbei ist anzumerken, dass diese unterschiedlichen
Ansätze durchaus verschiedene Schwerpunkte besitzen und somit eigenständig sind. Parallelen
bestehen in Bezug auf ihre relativ hohen Anforderungen an die Beteiligung der Bürger (vgl. Massing &
Breit, 2003).
2.2 Theoretische Überlegungen zu Bürgerkompetenzen 28
tionelle Ebene verlagert. Die liberale Demokratietheorie „sieht den Bürger als
mehr oder weniger rational seinen individuellen Nutzen verfolgenden
Konsumenten, dessen Mitwirkungsmöglichkeiten in der Politik sich im wesent-
lichen auf die periodische Bestätigung bzw. Abwahl der Regierenden und ihrer
(Partei-) Programme beschränken“ (Schultze, 2001a, 52). Im Gegenzug
erwartet der Republikanismus von seinen Bürgern die aktive Aushandlung
ihrer eigenen Interessen und somit eine wesentlich aktivere Mitgestaltung des
Gemeinwesens (vgl. im Überblick Münkler & Loll, 2005). Nach Detjen
„entspricht dem Republikanismus eine basisorientierte, dem politischen Libe-
ralismus eine eher elitenorientierte Demokratietheorie“ (Detjen, 2000, 14).
Aus diesen unterschiedlichen Herangehensweisen resultieren weitere gegen-
sätzliche Erwartungen an die Bürger: Zwar zeichnet sich der Liberalismus
durch relativ geringe Anforderungen an die Bürger aus, doch ist er auf eine
hohe Wahlbeteiligung angewiesen, um sich als Demokratie zu legitimieren.
Eine sinkende Wahlbeteiligung und der Rückzug in völlige politische Apathie
werden als Entzug des Vertrauens und somit als Krise der Demokratie
gewertet.
Im republikanischen Modell gilt eine geringe Wahlbeteiligung als weniger
problematisch, solange sich die Bürger durch eine hohe gesellschaftliche
Aktivität in Form von bürgerschaftlichem Engagement auf lokaler Ebene
auszeichnen. Hier wird ein Rückgang des gesellschaftlichen Engagements als
demokratiegefährdend eingestuft (vgl. Putnam, 1996, 1999).
Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass repräsentative Demokratie-
modelle eher von einem skeptischen Menschenbild ausgehen und den
Bürgern gegenüber misstrauisch in Bezug auf ihre politischen Fähigkeiten
sind. Partizipative Demokratietheorien hingegen zeichnen sich durch ein
deutlich höheres Vertrauen in die Kompetenzen der Bürger aus.
Fasst man die Ansprüche unterschiedlicher Demokratietheorien an die
Kompetenzen der Bürger zusammen, so reichen sie von der Fähigkeit, sich an
Wahlen zu beteiligen, über die Kompetenzen, politisch Einfluss zu nehmen
und ihre Interessen zu vertreten bis hin zu den Fähigkeiten, die benötigt
werden, um an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen teilhaben zu
können. Demokratietheoretische Ansätze erwarten vom Bürger also einerseits
politische und andererseits auch gesellschaftliche Handlungsfähigkeit. Offen
bleibt bei den demokratietheoretischen Überlegungen jedoch, was die
politische und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit von Bürgern kennzeichnet.
Deshalb sollen die demokratietheoretischen Erkenntnisse im Folgenden durch
einen politikdidaktischen Blickwinkel ergänzt werden, um die Bürgerkompeten-
zen näher ausdifferenzieren zu können.
2.2 Theoretische Überlegungen zu Bürgerkompetenzen 29
2.2.2 Politikdidaktische Ansätze
Während sich Demokratietheoretiker eher allgemein mit der Frage befassen,
welche Anforderungen die Bürger einer Demokratie erfüllen sollten, befassen
sich Vertreter der politischen Bildung damit, herauszuarbeiten, über welche
konkreten Bürgerkompetenzen der Einzelne verfügen sollte, um den Anfor-
derungen der Demokratie gewachsen zu sein.
Da auch politikdidaktische Überlegungen auf unterschiedlichen demokratie-
theoretischen Ansätzen basieren, finden sich auch hier unterschiedliche Anfor-
derungen an die Kompetenzen der Bürger. Darüber hinaus unterliegen die
Entwicklungen politikdidaktischer Leitbilder gesellschaftspolitischen Einflüssen
und sind somit einem permanenten Wandel ausgesetzt (vgl. Massing, 2005;
Sliep, 2006).
Das Bürgerleitbild, das unter Politikdidaktikern aktuell breite Zustimmung
findet, ist der interventionsfähige Bürger. Dieses Bürgerleitbild greift die
kognitiven Kompetenzen des „urteilsfähigen Zuschauers“ aus den 1950er
Jahren auf, wonach der Bürger dazu in der Lage sein sollte, das politische
Geschehen zu verstehen (vgl. Hennis, 1957). Gleichzeitig werden im Leitbild
des interventionsfähigen Bürgers Ansprüche an permanente Aktivität rela-
tiviert, wie sie im Leitbild des „Aktivbürgers“ in den 1970er Jahren formuliert
wurden (vgl. Ackermann 1999). Im Leitbild des interventionsfähigen Bürgers
bilden neben kognitiven Fähigkeiten auch so genannte prozedurale Kompe-
tenzen die Grundlage gesellschaftlicher und politischer Handlungsfähigkeit.
Die notwendigen Kompetenzen des interventionsfähigen Bürgers werden im
folgenden Zitat verdeutlicht und ausdifferenziert:
„Das eigentliche Ziel politischer Bildung ist jedoch der interventionsfähige Bürger. Über
die Kenntnisse und Fähigkeiten des reflektierten Zuschauers hinaus muss dieser über
Qualifikationen verfügen, auf verschiedenen politischen Handlungsfeldern gegebenen-
falls rational agieren zu können. Hierzu zählen einmal bestimmte schriftliche und
gestalterische Fertigkeiten, wie die Gestaltung eines Leserbriefs, das Abfassen einer
Beschwerde oder gar einer Petition und die Gestaltung eines Flugblattes oder eines
Plakats. Dann gehören dazu organisatorische Fähigkeiten, wie das Werben von
Gleichgesinnten für eine politische Intervention und die Durchführung einer Versammlung
oder Kundgebung“ (Detjen, 2002, 35).
Die von Detjen bereits angedeuteten relevanten Kompetenzen eines inter-
ventionsfähigen Bürgers systematisiert Buchstein (2002), indem er drei Kom-
petenzaspekte unterscheidet:
Er differenziert zwischen kognitiven und prozeduralen Kompetenzen sowie
habituellen Dispositionen.
Unter kognitiven Kompetenzen versteht Buchstein (2002) die sachliche
Informiertheit in Bezug auf politische Prozesse und Verfahren.
2.2 Theoretische Überlegungen zu Bürgerkompetenzen 30
Bei prozeduralen Kompetenzen handelt es sich nach Buchstein um „die
Kenntnisse, die ein potenzieller politischer Akteur benötigt, um die im Rahmen
der bestehenden institutionellen Ordnung gegebenen Partizipationschancen
und Einflussmöglichkeiten auch tatsächlich wahrnehmen zu können“ (Buch-
stein 2002, 12). Zu den prozeduralen Kompetenzen gehören im Sinne Buch-
steins auch die von Detjen (2002) erwähnten schriftlichen, gestalterischen und
organisatorischen Fertigkeiten.
Um vorhandenes politisches Wissen und prozedurale Kompetenzen auch
tatsächlich in politisches Handeln zu überführen, bedarf der interventions-
fähige Bürger darüber hinaus gemeinsinnorientierter und affektiv verankerter
habitueller Dispositionen. Diese Einstellungen sorgen dafür, dass das als
sachlich richtig Erkannte und verfahrenstechnisch Durchsetzbare auch dann
realisiert wird, wenn es nicht unmittelbar dem Eigeninteresse des Bürgers
entspricht. Buchstein (2002) kennzeichnet diese Handlungsbereitschaft als ein
Gefühl der tugendhaften Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwesen.
Bürgerkompetenzen im Sinne politikdidaktischer Überlegungen setzen sich
somit erstens aus kognitiven Aspekten zusammen, die die Grundlage eines
reflektierten Handelns bilden. Hinzu kommen zweitens bestimmte handlungs-
orientierte Fähigkeiten, die politische Handlungen erst ermöglichen. Drittens
bilden habituelle Dispositionen einen Bestandteil von Bürgerkompetenz, da sie
dafür sorgen, dass die kognitiven und prozeduralen Kompetenzen im Sinne
der Demokratie und des Gemeinwohls zur Anwendung gelangen.
Diese drei Kompetenzebenen sind die Voraussetzungen für eine überlegte,
am Gemeinwohl ausgerichtete politische und gesellschaftliche Teilhabe.
Zusammenfassung
Führt man die theoretischen Ansätze mit den politikdidaktischen Überlegungen
zusammen, so benötigen Bürger demokratische Kompetenzen, um sowohl
politisch als auch gesellschaftlich handlungsfähig zu sein. Diese Handlungs-
fähigkeit setzt sowohl kognitive und prozedurale Kompetenzen als auch
habituelle Dispositionen voraus. Problematisch an diesen theoretischen
Überlegungen ist, dass weitgehend unklar bleibt, was unter politischer und
gesellschaftlicher Teilhabe bzw. unter den verschiedenen Kompetenzaspekten
zu verstehen ist. Dieses Defizit theoretisch-normativer Überlegungen fasst
May (2007) im Folgenden zusammen:
2.3 Theoretische Überlegungen zur Bedeutung von Vereinen in der Demokratie 31
„Formulierungen wie der ‚interventionsfähige Bürger’ mögen für die politische Theorie ein
angemessenes konkretes Bild und für die Didaktik ein notwendiges abstraktes Richtziel
abgeben, sie bleiben aber (…) solange fruchtlos, wie die damit verbundenen konkreten
Kompetenzen nicht systematisch bearbeitet und beschrieben werden“ (May, 2007, 202).4
Diese Problematik setzt sich auch in den empirischen Untersuchungen zu
Bürgerkompetenzen fort, da auch hier – vermutlich aufgrund des eben darge-
legten Theoriedefizits – keine klaren und erst recht keine einheitlichen Vorstel-
lungen von Bürgerkompetenzen zugrunde liegen (vgl. Abschnitt 2.3).
2.3 Theoretische Überlegungen zur Bedeutung von Vereinen in der
Demokratie
Neben den allgemeinen theoretischen Überlegungen zu den Kompetenzen
von Bürgern in demokratischen Gemeinwesen wird auch die Bedeutung von
Vereinen in diesem Zusammenhang diskutiert. Zur Bedeutung von Vereinen
für die Demokratie und die Gesellschaft gibt es sowohl theoretische
Überlegungen als auch empirische Untersuchungen.
5
Während die empirisch-
en Ergebnisse zu den Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern in Abschnitt
2.4 dargestellt werden, wird im folgenden Teil zunächst der Forschungsstand
theoretischer Arbeiten dargestellt.
Die Darstellung der theoretischen Überlegungen zur Bedeutung von Vereinen
für demokratische Gemeinwesen erfolgt in drei Abschnitten. Im ersten
Abschnitt werden Überlegungen zur Bedeutung von Vereinen als Sozialisa-
tionsinstanzen für Bürgerkompetenzen dargestellt. Im Rahmen solcher
Überlegungen wird davon ausgegangen, dass Vereinsmitglieder Bürgerkom-
petenzen im Verein entwickeln würden. Im zweiten Abschnitt wird auf eher
kritische Stimmen eingegangen, die positive Zusammenhänge zwischen
Bürgerkompetenzen und Vereinsmitgliedschaften in Frage stellen und
stattdessen auch auf mögliche negative Effekte hinweisen. Und im dritten
Abschnitt werden kurz theoretische Annahmen in Bezug auf Sportvereine
vorgestellt.
4 May (2007) unternimmt selbst den Versuch, die fachdidaktische Diskussion durch eine
Systematisierung und Konkretisierung „politisch-demokratischer Kompetenz“ zu bereichern. Da sein
komplexes Modell jedoch stark an der schulischen Vermittlung und der Formulierung zukünftiger
Kompetenzraster ausgerichtet ist und darüber hinaus stark in der politikdidaktischen Tradition der
Urteilsbildung (vgl. Kayser & Hagemann, 2005; Sutor, 1997) steht, soll es an dieser Stelle nicht weiter
aufgegriffen werden.
5 Oftmals bilden die theoretischen Überlegungen den Ausgangspunkt für empirische Untersuchungen.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit sollen sie jedoch getrennt dargestellt werden.
2.3 Theoretische Überlegungen zur Bedeutung von Vereinen in der Demokratie 32
2.3.1 Vereine als Sozialisationsinstanzen für Bürgerkompetenzen
Vereinen werden aufgrund ihrer Struktur, ihrer Handlungslogiken bzw. ihrer
sozialen Ausgestaltung Sozialisationsleistungen in Bezug auf die Bürger-
kompetenzen ihrer Mitglieder zugeschrieben. Vertreter der Sozialisationsthese
gehen davon aus, dass sich in Vereinen durch die Mitgliedschaft bestimmte
Werthaltungen und Fähigkeiten bei den Mitgliedern entwickeln könnten. So
würden „die Organisationen der Bürgergesellschaft (.) zu Lernorten für Bür-
gerkompetenzen und Generatoren für politisches Interesse“ (Krüger, 2004, 5).
Diese sozialisierenden Effekte werden mit unterschiedlichen Mechanismen
begründet. So soll dies zum Beispiel durch demokratisches Training aufgrund
demokratischer Strukturen in den Vereinen erreicht werden. Demnach würden
die Mitglieder in Vereinen mit demokratischen Willensbildungs- und Entschei-
dungsprozessen konfrontiert, wodurch die Mitglieder demokratisch relevante
Handlungsfähigkeit erwerben könnten (vgl. Simon, 1983; Rittner & Breuer,
2004; Müller, 2008). Auch durch freiwilliges Engagement in Vereinen könnten
Fähigkeiten – so die Überlegungen – eingeübt werden, die in gesell-
schaftlichen Kontexten für die Vertretung eigener Interessen und eine
politische Einflussnahme von Bedeutung sind (vgl. Simon, 1983, Himmel-
mann, 2001; Putnam, 1993, 2000). Durch den Kontakt mit politisch aktiven
Mitgliedern könnten darüber hinaus andere Mitglieder zu politischer
Partizipation angeregt werden (vgl. Olsen, 1972; Simon, 1983). Durch die
politisch Aktiven würden zudem lokalpolitische Themen in den Verein
hineingetragen, wodurch Vereinsmitglieder einen Informationsvorsprung
erwerben könnten (vgl. Birkhölzer et al., 2005).
2.3.2 Kritische Stimmen zu Vereinen und Bürgerkompetenzen
Zwar sind Sozialisationszuschreibungen in der Literatur zu Vereinen am
häufigsten anzutreffen, aber es gibt auch vereinzelte Stimmen, die vereins-
spezifische Sozialisationsmechanismen in Frage stellen und stattdessen
Selektionsmechanismen anführen. Hier wird davon ausgegangen, dass
Vereinsmitglieder im Zuge einer Mitgliedschaft keine Bürgerkompetenzen ent-
wickeln, sondern dass Vereine Menschen mit ausgeprägten Bürgerkompe-
tenzen an sich binden (vgl. im Überblick Braun, 2006; Braun & Nagel, 2003).
So wird zum Beispiel angenommen, dass die verstärkte Neigung, mit anderen
Kontakt aufzunehmen, zu kooperieren und Führungsaufgaben zu übernehmen
dazu führt, dass sich Menschen Vereinen anschließen, um dort aktiv mitzu-
arbeiten. Der Mensch lerne „nicht im Verein politisch zu fliegen, er kommt
vielmehr bereits dorthin geflogen, aber nur, wenn er auch politisch schon
flügge ist“ (Simon, 1983, 256). Als ein weiteres Selektionskriterium wird der
2.3 Theoretische Überlegungen zur Bedeutung von Vereinen in der Demokratie 33
Bildungsstand angeführt: Vereine würden ihre Mitglieder nicht aus allen
Bevölkerungsschichten rekrutieren, sondern wirkten sozial selektiv. Somit
seien vermehrt Menschen mit hohem bzw. mittlerem Bildungsstand Mitglieder
in Vereinen. Da sich Menschen mit hohem Bildungsstand ohnehin durch ein
höheres politisches Interesse und eine regere politische Beteiligung auszeich-
nen würden, käme Vereinen keine Bedeutung als Sozialisationsinstanzen zu,
sondern Vereine fungierten vielmehr als Reproduktionsinstanzen sozialer
Ungleichheiten (vgl. Roth, 2003). Solche sozialen Schließungsprozesse
innerhalb von Vereinen und die damit einhergehende Reproduktion sozialer
Ungleichheiten stehen, so Roth (2003), einer Ausbildung von Bürgerkompe-
tenzen eher entgegen:
„Die Folgen sozialer Abgrenzungen und Schließungen für politische Lernprozesse dürften
erheblich sein und markieren eine offene Flanke für das demokratische Potential von
Zivilgesellschaften. Je stärker z. B. das Vereinswesen alltäglich als Ausdruck von
Exklusivbürgerschaft erfahren wird, desto weniger kann es zur Entfaltung von
Bürgertugenden beitragen“ (Roth, 2003, 64).
Einige Autoren stellen nicht nur Sozialisationsprozesse in Frage, sondern
betonen die Gefährdungen, die von Vereinen im Hinblick auf die Bürger-
kompetenzen der Mitglieder ausgehen könnten: So könnten Vereine auch ihre
Mitglieder zu politischer Enthaltsamkeit bewegen (vgl. Weber, 1924) oder
undemokratische, wenn nicht sogar antidemokratische Werthaltungen vermit-
teln (vgl. Roth, 2003; Horch, 1992). Unter dem Deckmantel eines Vereins
könnten sich demnach Seilschaften formieren, die weniger auf demokra-
tischen Prinzipien als vielmehr auf Klüngel und Vetternwirtschaft basieren und
dadurch demokratische Strukturen untergraben (vgl. Emrich et al., 1996;
Emrich & Papathanassiou, 2003). Demokratische Defizite könnten zum einen
auf dieser strukturellen Ebene hervortreten, aber auch inhaltlich könnten
Vereine sich gegen demokratische Werte wenden. So würden zum Teil
rechtsradikale Gruppen als „soziale Hilfsorganisationen“ operieren, wobei sie
die Vorteile eingetragener Vereine (vgl. Abschnitt 2.1.2) nutzen würden (vgl.
Stecker & Nährlich, 2005).
Auch Roth (2003) vertritt die Auffassung, man könne Vereine nicht „pauschal
als freiwillige Vereinigungen mit demokratischen Entscheidungsstrukturen und
ehrenamtlichem Engagement beschreiben“ (Roth, 2003, 63). Vielmehr
könnten Vereine auch relativ undemokratisch strukturiert sein. Und je weniger
autonom und freiwillig Vereine organisiert sind, desto unwahrscheinlicher sei
es, dass Vereine demokratische Lernorte darstellen.
2.3 Theoretische Überlegungen zur Bedeutung von Vereinen in der Demokratie 34
2.3.3 Überlegungen zur Rolle von Sportvereinen
Da es sich bei Sportvereinen um die größte Vereinsgruppe in Deutschland
(knapp 24 Mio. Mitglieder) handelt, in denen in etwa jeder dritte Bürger
organisiert ist (vgl. DOSB, 2008), geraten auch die Sportvereine in den Fokus,
wenn es um erwartete positive bzw. befürchtete negative Effekte von
Vereinsmitgliedschaften in Bezug auf die Bürgerkompetenzen geht. Allerdings
konstatiert Zimmer, dass die Bedeutung des Sports in dieser Hinsicht bislang
unterbelichtet geblieben sei (vgl. Zimmer, 2005). Sie selbst bescheinigt den
Sportvereinen eine sehr gute Vernetzung in der Lokalpolitik, was im Sinne
eines „Kontakts zu politisch aktiven Mitgliedern“ und eines „Informations-
vorsprungs“ (vgl. Abschnitt 2.3.1) positiv im Hinblick auf mögliche
Sozialisationseffekte für Bürgerkompetenzen interpretiert werden kann.
Allerdings spricht sie im selben Zusammenhang von einer „Sportmafia“
(Zimmer, 2005, 55), was wiederum eher an negative Effekte wie anti-
demokratische Tendenzen und Seilschaften denken lässt (vgl. Abschnitt
2.3.2).
Somit steht zur Diskussion, inwiefern Mitglieder in Sportvereinen im selben
Maße über Bürgerkompetenzen verfügen wie die Mitglieder politischer
Vereine. Hier führt Schäfer (2006) das Argument an, dass sich
Sportvereinsmitglieder zumeist bewusst gegen eine politische Betätigung
entscheiden würden und stattdessen ihre zeitlich begrenzten Ressourcen
lieber in die unpolitische Tätigkeit im Sportverein einbringen würden. Demnach
steht er den Erwartungen an ähnliche Bürgerkompetenzen unter Sport- und
anderen Vereinsmitgliedern eher skeptisch gegenüber.
2.3.4 Zusammenfassung
Es liegen theoretisch plausible Annahmen vor, warum Vereinsmitglieder
aufgrund von Selektions- oder Sozialisationsprozessen über Bürger-
kompetenzen verfügen könnten. Es wird aber auch vor negativen Auswir-
kungen von Vereinsmitgliedschaften auf die Bürgerkompetenzen gewarnt.
Daraus wird deutlich, dass es nicht möglich ist, generelle Wirkungsmecha-
nismen einer Vereinsmitgliedschaft aufzudecken. Vielmehr müssen die
Rahmenbedingungen der Vereine (Zielstellung, demokratische Struktur)
ebenso ins Blickfeld genommen werden, wie die Besonderheiten der
Mitgliedschaft (soziale Abgrenzung nach Außen). Somit gibt es verschiedene
Erklärungsansätze, die die Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern
betreffen. Hierbei ist zu beachten, dass Sozialisations- und Selektionseffekte
immer auch eine negative Seite aufweisen können: Vereine geben einen
Rahmen vor, in dem demokratische Werte gelebt werden können; sie können
2.4 Empirischer Forschungsstand zu Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 35
aber auch „undemokratisch“ strukturiert sein oder „antidemokratische“ Werte
vermitteln. Vereine können sozial aktive, statushohe Mitglieder an sich binden
und deren gesellschaftliche Aktivität verstärken. Dies kann jedoch die soziale
Ungleichheit sowohl innerhalb des Vereins als auch außerhalb des Vereins
(Abgrenzungs- und Schließungsprozesse) verstärken.
Die Ansichten über die Bedeutung von Sportvereinen in diesem Kontext sind
ambivalent. Zum einen gelten sie als Hoffnungsträger, da sie zahlenmäßig die
mitgliederstärksten Vereine in Deutschland darstellen. Gleichzeitig erscheint
es auf den ersten Blick nicht plausibel, dass unpolitische Sportvereine
dieselben gesellschaftlichen Effekte aufweisen sollen wie beispielsweise
politische Vereine.
2.4 Empirischer Forschungsstand zu Bürgerkompetenzen von
Vereinsmitgliedern
Im Folgenden werden zunächst empirische Ergebnisse zu Bürgerkompe-
tenzen aus der politischen Kulturforschung dargestellt. Hierbei sollen insbe-
sondere Ergebnisse berücksichtigt werden, die sich mit den Bürgerkompe-
tenzen von Vereinsmitgliedern befassen. In einem zweiten Schritt werden
Ergebnisse zu Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern aus der Vereinsfor-
schung dargestellt. In einem dritten Abschnitt geht es um bisherige For-
schungsergebnisse zu Sportvereinen.
2.4.1 Empirische Ergebnisse der politischen Kulturforschung
Im Rahmen von Surveyuntersuchungen der politischen Kulturforschung
werden Vereinsmitglieder Nicht-Mitgliedern vergleichend gegenübergestellt.
Dies hat zur Folge, dass sich in der Stichprobe Mitglieder aus völlig
unterschiedlichen Vereinen finden, wobei zumeist keine Hintergrundinfor-
mationen zu den Vereinen vorliegen. Aus der Gegenüberstellung von
Mitgliedern und Nichtmitgliedern in Bezug auf bestimmte politische Fähig-
keiten wird dann auf Sozialisations- bzw. Selektionswirkungen von Vereinen
geschlossen. Verlässliche Aussagen über Entwicklungsprozesse aufgrund von
Vereinsmitgliedschaften wären jedoch nur auf Basis längsschnittlich ange-
legter Untersuchungsdesigns zu zeigen und fehlen bisher (vgl. zu dieser
Problematik auch Nobis, 2007). Dennoch wird im Folgenden auf empirische
Ergebnisse der politischen Kulturforschung eingegangen.
Weitgehende Einigkeit im Rahmen der politischen Kulturforschung besteht
dahingehend, dass Vereinsmitglieder im Vergleich zu Nicht-Mitgliedern über
höher ausgeprägte politische Kompetenzen verfügen.
2.4 Empirischer Forschungsstand zu Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 36
Hierbei unterscheiden sich die einzelnen Untersuchungen zum Teil hinsichtlich
der untersuchten politischen Kompetenzen. Während in älteren Untersuch-
ungen vor allem die verschiedenen Facetten politischer Beteiligungsformen
von Vereinsmitgliedern und Nicht-Mitgliedern gegenübergestellt wurden (vgl.
Almond & Verba, 1963; Verba & Nie, 1972), rücken in neueren Untersuch-
ungen kommunikative und organisatorische Fähigkeiten ins Zentrum der
empirischen Analyse (vgl. Brady, Verba & Lehman Schlozman, 1995; Green &
Brock, 2005).
Als Indikatoren politischer Aktivität werden zumeist Faktoren wie Wahlbetei-
ligung (vgl. Olsen, 1972; Dunckelmann, 1975) oder die Bereitschaft zu
kommunalpolitischer Beteiligung (vgl. Dunckelmann, 1975) herangezogen.
Almond und Verba (1963) haben darüber hinaus politisches Interesse und
Wissen sowie die Selbsteinschätzung der politischen Einflussmöglichkeiten
berücksichtigt. In neueren Studien rücken als kommunikative und organisa-
torische Kompetenzen die Bereitschaft zu politischen Diskussionen (Dunckel-
mann, 1975) und die Fähigkeiten, Reden zu halten, Briefe zu schreiben und
Versammlungen zu leiten (Brady, Verba & Lehman Schlozman, 1995) in den
Mittelpunkt der empirischen Erhebungen.
Bei der Gegenüberstellung von Vereins- und Nicht-Vereinsmitgliedern hin-
sichtlich der genannten Indikatoren zeichnen sich Vereinsmitglieder durch eine
höhere politische Beteiligung, Diskussionsbereitschaft und organisatorische
Kompetenzen aus. So kommen zum Beispiel Almond und Verba (1963) zu
dem Ergebnis, dass die Mitglieder von Vereinen eher „dem Modell eines
demokratischen Bürgers“ entsprächen als Nicht-Mitglieder
„The organizational member, compared with the non-member, is likely to consider himself
more competent as a citizen, to be a more active participant in politics, and to know and
care more about politics. He is, therefore, more likely to be close to the model of the
democratic citizen” (Almond and Verba 1989, 265).
Ihr empirisches Ergebnis, nach dem Vereinsmitglieder die „besseren“ demo-
kratischen Bürger seien, da sie höhere politische Kompetenzen aufweisen
würden, erklären die Autoren damit, dass in Vereinen politische Kompetenzen
trainiert würden, die von den Mitglieder auch auf politische Beteiligung
übertragen werden könnten (vgl. Almond & Verba,1989).
Als Erklärung für die höhere politische Aktivität von Vereinsmitgliedern führen
Verba und Nie (1972) hingegen nicht nur den Trainingseffekt, sondern auch
die Verbreiterung der Interessen aufgrund der Mitgliedschaft an. Dies gelte
nach Meinung der Wissenschaftler auch für völlig unpolitische Sportvereine
(vgl. Verba & Nie, 1972).
2.4 Empirischer Forschungsstand zu Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 37
Dunckelmann stellt fest, dass Mitglieder von Vereinen durch die Mitgliedschaft
bestimmte Werthaltungen verinnerlichen würden. Allerdings würden aus die-
sen Werthaltungen nicht unbedingt politische Handlungen resultieren (vgl.
Dunckelmann, 1975).
Als wesentliche Einflussfaktoren, die in einem positiven Zusammenhang mit
den Bürgerkompetenzen der Vereinsmitglieder stehen, werden der Aktivitäts-
grad und der Bildungsstand genannt (vgl. Almond & Verba, 1963; Verba & Nie,
1972, Olsen 1972). Somit zeigen die Ergebnisse, dass die positiven Wir-
kungen von Vereinen zum Teil an bestimmte Bedingungen (vereinsinterne
Aktivität) geknüpft sind und zudem auch auf sozialstrukturelle Selektions-
prozesse zurückzuführen sind. Da Personen mit hohem Bildungsstand in
Vereinen überrepräsentiert sind, können damit die überdurchschnittlichen
Bürgerkompetenzen zum Teil erklärt werden.
Als ein weiterer Einflussfaktor werden politische Stimuli angeführt (vgl. Verba
& Nie, 1972). Mitglieder von Vereinen, die sich mit politischen Sachverhalten
auseinandersetzen oder in denen unter den Mitgliedern politische Diskussion-
en stattfinden, weisen höhere Bürgerkompetenzen auf als die Mitglieder
anderer Vereine. Insgesamt kommen jedoch alle Studien zu dem Ergebnis,
dass sich Vereinsmitglieder – auch Mitglieder aus völlig unpolitischen
Vereinen – durch ein höheres Maß an politischer Aktivität, Diskussionsbereit-
schaft, Konflikt- oder Organisationsfähigkeit auszeichnen als Nicht-Mitglieder.
Da die Stichproben der vorliegenden Studien zumeist Bevölkerungsquer-
schnitte abbilden und in der Auswertung der Daten Vereinsmitglieder den
übrigen Befragten gegenübergestellt wurden, fehlen genauere Informationen
zur Mitgliedschaft und Struktur der Vereine.
So bedauern zum Beispiel Almond und Verba, dass die Daten eine
differenzierte Auswertung nach unterschiedlichen Vereinstypen nicht erlauben
(vgl. Almond & Verba, 1989, 250).
Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass zahlreiche empirische Unter-
suchungen vorliegen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten von Bürgerkom-
petenzen auseinandersetzen. Viele dieser Untersuchungen kommen zu dem
Ergebnis, dass die als Indikatoren für „Bürgerkompetenzen“ untersuchten
Merkmale unter Vereinsmitgliedern höher ausgeprägt sind als unter den
übrigen Befragten. Dies wird in unterschiedlichem Maße auf Sozialisations-
und Selektionsprozesse von Vereinen zurückgeführt. Für eine tiefere
Interpretation der Ergebnisse im Hinblick auf die Bedeutung von Vereinen in
diesem Zusammenhang fehlen in diesen Untersuchungen Hintergrund-
informationen zu den Vereinen.
2.4 Empirischer Forschungsstand zu Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 38
2.4.2 Empirische Ergebnisse der Vereinsforschung
Diesem Defizit der politischen Kulturforschung begegnet die Vereinsforschung
durch die gezielte empirische Untersuchung einzelner Vereine und ihrer
Mitglieder. Als Indikator für Bürgerkompetenz werden auch hier am häufigsten
Aspekte politischer Partizipation wie die Beteiligung an Wahlen bzw.
Demonstrationen, das Verfassen politischer Briefe und das Führen politischer
Gespräche erfasst (vgl. Erickson & Nosanchuk, 1990; Leighley, 1996). Erlach
(2005) berücksichtigt in seiner Studie allerdings ausschließlich die Orga-
nisations- und Kommunikationsfähigkeiten, wie das Verfassen von Texten, die
Teilnahme an Entscheidungsprozessen, das Organisieren und Leiten von
Sitzungen sowie die Beteiligung an Präsentationen und Vorträgen. Vortkamp
(2005) legt seinen Schwerpunkt der Befragung auf die Zustimmung zu
demokratischen Normen und Werten wie Toleranz und die Einstellung zur
Lösung von Konflikten.
Somit ist auch in der Vereinsforschung zu erkennen, dass politische Kompe-
tenzen durch sehr unterschiedliche Indikatoren eingefangen werden sollen.
Während einige Forscher konkrete politische Handlungen (Wahlen,
Demonstrationen) der Vereinsmitglieder analysieren, beschränken sich andere
auf grundlegende Handlungskompetenzen (Organisations- und Kommuni-
kationsfähigkeiten), die eine politische Teilhabe ermöglichen sollen.
Aufgrund der wesentlich engeren Perspektive der Vereinsforschung im
Vergleich zu den breit angelegten Untersuchungen der politischen Kultur-
forschung gelangen Forscher zu wesentlich differenzierteren Ergebnissen im
Hinblick auf die Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern und die Bedeu-
tung der Vereine in diesem Zusammenhang. So stellen Erickson und
Nosanchuk (1990) nach eingehender Analyse eines unpolitischen Vereins
fest, dass der Kontakt mit politisch aktiven Mitgliedern und die Beteiligung an
politischen Diskussionen insbesondere weniger aktive und integrierte
Mitglieder zu politischer Partizipation anregen. Eine sehr hohe Vereinsaktivität
der Mitglieder stehe hingegen politischer Aktivität eher entgegen. (Erickson &
Nosanchuk, 1990).
Leighley (1996) kommt zu dem Ergebnis, dass nur Vereine mit einem klaren
politischen Bezug die politische Partizipation der Mitglieder erhöhen würden.
Unpolitische Vereine würden lediglich völlig unintendiert Werthaltungen
verstärken, die den Eigennutz der Mitglieder einschränken und die Interaktion
und Aktivität fördern.
Diese Interaktion und Aktivität im Verein sieht Erlach (2005) als
Voraussetzung für die politisierende Wirkung von Vereinen. Nur aktive
Mitglieder, die im Verein interagieren, könnten von einer Mitgliedschaft
2.4 Empirischer Forschungsstand zu Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 39
profitieren. Allerdings nur dann, wenn der Verein die notwendigen Gelegen-
heitsstrukturen bietet, um Organisations- und Kommunikationsfähigkeiten
einzuüben. Allerdings verweist Erlach auf die Möglichkeit einer Schein-
korrelation mit dem Bildungsstand.
Vortkamp (2005) identifiziert demokratische Strukturen des Vereins als
Voraussetzung für positive Wirkungen, fasst aber sein Ergebnis ganz
allgemein wie folgt zusammen:
„Die optimistische Annahme, die Mitgliedschaft in Vereinen an sich würde zivilgesell-
schaftliche und demokratische Werte fördern oder gar generieren, kann in dieser Allge-
meinheit ganz offensichtlich nicht bestätigt werden“ (Vortkamp 2005, 78).
Untermauert werden die skeptisch stimmenden Ergebnisse aus der
Vereinsforschung von aktuellen Debatten zum Bürgerengagement aus den
USA. Auch hier wird ein positiver Zusammenhang zwischen Vereinsaktivität
und Bürgerkompetenzen in Frage gestellt. Neuere Befunde zur Frage, ob
„civic engagement“ tatsächlich in der Lage ist, die Demokratie durch die
Generierung von Bürgerkompetenzen zu stützen, kommen zu dem Ergebnis,
dass „civic engagement“ politischem Interesse eher entgegen steht und eine
Überführung von bürgerschaftlichem Engagement in Vereinen in gesell-
schaftspolitisches Engagement allenfalls durch gezielte Projekte und Maß-
nahmen, die explizit auf die Erhöhung politischer Aktivität ausgerichtet sind,
erreichbar ist (vgl. Ball 2005). Sowohl Galston (2004), Westheimer und Kahne
(2004) als auch Ball (2005) konstatieren, dass die Gleichung
„Bürgerengagement“ = „politisches Engagement“ nicht aufgeht. Auch Theiss-
Morse und Hibbing (2005) kommen in ihrem aktuellen Überblicksartikel über
Bürgerengagement zu einem ernüchternden Fazit hinsichtlich der politi-
sierenden Wirkung von Vereinen:
„Voluntary groups perform wonderful services and have undeniable value to society, but
their effect on democratic politics is tenuous and possibly negative“ (Theiss-Morse and
Hibbing 2005, 244).
Sie betonen aber auch den nach wie vor bestehenden Forschungsbedarf
hinsichtlich des „wahren Charakters“ freiwilliger Vereinigungen: „The real
nature of voluntary groups is rarely investigated“ (Theiss-Morse & Hibbing
2005, 244).
2.4.3 Empirische Ergebnisse zur Bedeutung von Sportvereinen
Bisherige empirische Ergebnisse zu den Bürgerkompetenzen von Sportver-
einsmitgliedern deuten darauf hin, dass diese sich von den Mitgliedern
anderer Vereine unterscheiden: Mitglieder von Sportvereinen stachen in bishe-
rigen Untersuchungen zumeist durch schlechtere Ergebnisse im Vergleich zu
anderen Vereinsmitgliedern hervor. So zeichneten sich Sportvereinsmitglieder
2.5 Fazit aus dem Forschungsstand 40
durch ein geringeres politisches Interesse und geringere politische Partizi-
pation aus als die Mitglieder anderer Vereine. Darüber hinaus weisen
Sportvereine öfter als andere Vereine eine oligarchische Vereinsstruktur auf
(vgl. Braun & Nagel, 2003; Horch, 1992, Schlagenhauf, 1977; Schöb, 1999).
Für die politischen Sozialisationsleistungen von Sportvereinen bei Jugend-
lichen und jungen Erwachsenen kommen Mutz und Nobis in ihrer Re-Analyse
des Datenmaterials von vier Surveyuntersuchungen (2007) zu ähnlichen
Ergebnissen. So scheine die Mitgliedschaft in einem Sportverein „weniger
politisch ‚sozialisierend’ zu wirken als beispielsweise die Mitgliedschaft in einer
politischen, konfessionellen oder kulturellen Vereinigung“ (Mutz & Nobis, 2007,
251). Stattdessen sehen die Autoren das Potential von Sportvereinen in ihrer
gesellschaftlichen Streubreite, da über sie mehr Menschen erreicht werden
könnten als über andere Vereinsformen.
2.4.4 Zusammenfassung
Als Ergebnis des Forschungsstandes aus der Vereinsforschung lässt sich
zusammenfassen, dass die positiv stimmenden Ergebnisse aus der politischen
Kulturforschung bei differenzierterer Betrachtungsweise von Vereinen in Frage
gestellt werden müssen. Zum einen konnte festgestellt werden, dass nicht alle
Mitglieder von Vereinen gleichermaßen betroffen sind. (Dies hatte sich auch in
der politischen Kulturforschung bereits angedeutet, konnte aber durch Ergeb-
nisse der Vereinsforschung weiter spezifiziert werden.) So ist vereinsinterne
Aktivität eine wesentliche Voraussetzung für einen positiven Zusammenhang
zwischen Bürgerkompetenzen und Mitgliedschaft. Allerdings steht eine beson-
ders hohe Aktivität einem positiven Zusammenhang wieder entgegen.
Auch unterscheiden sich die Vereine, wie sich dies auch schon in der
politischen Kulturforschung angedeutet hatte: demokratische Strukturen und
gute Gelegenheitsstrukturen zu Kommunikation und Interaktion wirken sich
ebenso positiv aus wie konkrete politische Bezüge des Vereins.
Die Ergebnisse zu Sportvereinen sind ebenfalls eher ernüchternd. Sie weisen
im Vergleich zu anderen Vereinen in der Regel die schlechtesten Ergebnisse
im Hinblick auf etwaige Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder auf.
Als Defizit der Arbeiten aus der Vereinsforschung muss jedoch angeführt
werden, dass die Verwendung völlig unterschiedlicher Indikatoren für
demokratische Kompetenzen die Interpretation und Vergleichbarkeit der
Ergebnisse erschwert.
2.5 Fazit aus dem Forschungsstand 41
2.5 Fazit aus dem Forschungsstand
Die Aufarbeitung des theoretischen Forschungsstandes hat gezeigt, dass
keine eindeutigen Vorstellungen über die notwendigen Kompetenzen von
Bürgern einer Demokratie vorliegen. Es konnten jedoch zwei Ebenen
herausgearbeitet werden, auf denen sich Bürger demokratischer
Gemeinwesen als handlungsfähig erweisen sollten: Sowohl im Rahmen
politischer Kontexte als auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen sollten
sich Bürger durch Kompetenzen auszeichnen (vgl. Abschnitt 2.2). Diese
Kompetenzen setzen sich aus kognitiven und prozeduralen Fähigkeiten sowie
habituellen Dispositionen zusammen (vgl. Abschnitt 2.3). Problematisch bei
dieser begrifflichen Eingrenzung ist, dass diese Kompetenzaspekte
theoretisch abstrakt bleiben.
Im Rahmen der Darstellung des empirischen Forschungstandes konnte
festgestellt werden, dass bisher keine eindeutigen Ergebnisse zum Zusam-
menhang zwischen Vereinsmitgliedschaft und Bürgerkompetenzen vorliegen.
Während zahlreiche Autoren einen positiven Zusammenhang empirisch unter-
mauern konnten, kommen insbesondere aktuelle Untersuchungen zu Ergeb-
nissen, die einen solchen positiven Zusammenhang in Frage stellen. Somit
gibt es einerseits Anhaltspunkte dafür, dass sich Vereinsmitglieder durch eine
höhere politische Partizipation auszeichnen und häufiger an politischen
Diskussionen beteiligt sind, und andererseits bestehen aufgrund anderer
empirischer Ergebnisse berechtigte Zweifel an einem solchen Zusammen-
hang. Allerdings untersuchen bisherige Arbeiten zur Bedeutung von Vereinen
nur die Ausprägung einzelner demokratischer Bürgerkompetenzen unter den
Mitgliedern bestimmter Vereine (vgl. Bekkers, 2005; Erickson & Nosanchuk,
1990; Green & Brock, 2005; von Erlach, 2005; Vortkamp, 2005) oder sie
stellen Vereinsmitglieder und Nicht-Mitglieder hinsichtlich ihrer politischen
Partizipation gegenüber (vgl. Almond & Verba, 1963; Schlozman, 1999; Verba,
Schlozman, Brady & Nie, 1993). Ausgeblendet wird in diesen Arbeiten jedoch
weitgehend die Auseinandersetzung damit, welche Bürgerkompetenzen einen
Bürger in einer Demokratie auszeichnen sollten und welche Bedeutung den
Vereinen in Bezug auf die Ausprägung demokratischer Bürgerkompetenzen
ihrer Mitglieder zukommt.
Auf der Grundlage des Forschungsstandes lassen sich insgesamt drei
wesentliche Forschungsdefizite benennen.
Erstens hat die theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der
Bürgerkompetenzen gezeigt, dass derzeit keine einheitliche Vorstellung vom
Begriff Bürgerkompetenzen vorliegt. Abhängig von der zugrunde gelegten
2.6 Konsequenzen aus dem Forschungsstand für die eigene Untersuchung 42
demokratietheoretischen Herangehensweise und dem Bürgerleitbild werden
unter dem Begriff Bürgerkompetenzen ganz unterschiedliche Aspekte
subsumiert.
Zweitens findet sich diese begriffliche Unschärfe auch in den empirischen
Untersuchungen der politischen Kultur- und (Sport-) Vereinsforschung wieder.
Da den verschiedenen Untersuchungen keine einheitlichen Vorstellungen von
Bürgerkompetenzen zugrunde liegen, kommen Forschungen zu unterschied-
lichen Ergebnissen, je nachdem, welchen Aspekt von Bürgerkompetenzen sie
der Erhebung zugrunde legen. Eine dezidierte theoretische Auseinander-
setzung mit dem Begriff Bürgerkompetenzen hat in bisherigen Untersuchung-
en nicht ausreichend stattgefunden.
Drittens fehlen Untersuchungen, die Hintergrundinformationen zu den
Vereinen, aus denen sich die befragten Mitglieder rekrutieren, mit Infor-
mationen zu den Bürgerkompetenzen dieser Mitglieder verknüpfen. Bisher
liegen entweder repräsentative Bevölkerungsquerschnitte vor (häufig
Surveyuntersuchungen der politischen Kulturforschung), wobei Hintergrund-
informationen zu den Vereinen fehlen, die es ermöglichen, die Bürgerkom-
petenzen der Mitglieder zur Mitgliedschaft in Beziehung zu setzen. In Unter-
suchungen der Vereinsforschung finden sich zwar zum Teil dezidierte
Informationen zu dem Verein der untersuchten Mitglieder, jedoch wurden dann
zumeist keine weiteren Vereine untersucht, so dass auch hier keine
Vergleiche zwischen unterschiedlichen Vereinen möglich sind.
2.6 Konsequenzen aus dem Forschungsstand für die eigene Unter-
suchung
Für die folgende Arbeit ergeben sich aus diesen Forschungsdefiziten folgende
Konsequenzen:
Erstens muss die theoretische Diskussion um demokratische Bürgerkompe-
tenzen weitergeführt und mit dem aktuellen politikdidaktischen Leitbild vom
interventionsfähigen Bürger verknüpft werden.
Knüpft man an die demokratietheoretischen und politikdidaktischen Über-
legungen an, wie sie im Forschungsstand dargestellt wurden, dann lassen sich
diese Erkenntnisse folgendermaßen zusammenführen: Bürgerkompetenzen
umfassen sowohl kognitive, prozeduralen als auch habituelle Aspekte (politik-
didaktischer Ansatz) und sollen sowohl die politische als auch die gesell-
schaftliche Handlungsfähigkeit der Bürger sicherstellen (demokratietheore-
tischer Ansatz, vgl. Abb. 2).
2.6 Konsequenzen aus dem Forschungsstand für die eigene Untersuchung 43
Abb. 2: Zusammenfassende Darstellung der Bestandteile von Bürgerkompetenzen
Zweitens sollte eine mehrdimensionale Vorstellung von demokratischen
Bürgerkompetenzen, wie sie in Abb. 2 skizziert wurde, die Grundlage für die
empirische Untersuchung der Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern
bilden, um mehr als nur willkürliche Ausschnitte von Bürgerkompetenzen zu
erfassen und somit zu differenzierten Aussagen über die Bürgerkompetenzen
von Vereinsmitgliedern zu gelangen. Bestandteile einer solchen komplexen
Definition demokratischer Bürgerkompetenzen könnten in Anlehnung an
bisherige empirische Untersuchungen sowohl Elemente politischer Partizi-
pation als auch kommunikative und diskursive Kompetenzen der Mitglieder
sein. Nur durch die Verknüpfung von theoretischen Überlegungen und
empirischen Verfahren lassen sich Informationen über demokratische Bürger-
kompetenzen empirisch erfassen und theoriegeleitet interpretieren.
Drittens sollen Hintergrundinformationen zu den Vereinen in die empirische
Analyse mit einbezogen werden, um Rückschlüsse auf die Bedeutung des
Vereins für die Bürgerkompetenzen seiner Mitglieder ziehen zu können. Diese
Informationen sollten über die bloße Erfassung des Vereinsgegenstands
hinausgehen und auch vereinsstrukturelle Besonderheiten umfassen.
Neben der Typisierung von Vereinen nach ihrer Zielstellung sollen Vereine
auch nach weiteren Kriterien differenziert und auf den Einfluss auf die
Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder untersucht werden. Hierbei sollen die von
Leighley (1996) als wesentlich erachteten Gelegenheitsstrukturen zur Inter-
aktion unter den Mitgliedern ebenso Berücksichtigung finden wie die von
Politische Handlungsfähigkeit
Kognitive Kompetenzen
Wissen
Prozedurale Kompetenzen
z.B. politische Beteiligung Können z.B. organisieren, kommunizieren
Habituelle Dispositionen
z.B. politisches Interesse Einstellungen z.B. Hilfsbereitschaft
pos. Einstellung zur Politik
Gesellschaftliche Handlungsfähigkeit
2.6 Konsequenzen aus dem Forschungsstand für die eigene Untersuchung 44
Vortkamp (2005) geforderte Ausgestaltung der demokratischen Strukturen
innerhalb der Vereine.
Darüber hinaus eröffnen die im Rahmen des Forschungsstands dargestellten
Ergebnisse aktueller empirischer Untersuchungen Anknüpfungspunkte für das
weitere Vorgehen. Zum einen lassen sich aus den vorliegenden Arbeiten
Erkenntnisse für eine sinnvolle methodische Herangehensweise generieren.
Zum anderen können aus den Ergebnissen Informationen zu den Mitgliedern
abgeleitet werden, die auch für diese Untersuchung von Bedeutung sind.
Methodische Konsequenzen.
Zunächst soll in der Untersuchung der Empfehlung von Erickson und
Nosanchuk (1990) gefolgt werden, indem unterschiedliche Vereinstypen in die
Untersuchung mit einbezogen werden.
Für die Erfassung demokratischer Kompetenzen soll auf die von Brady, Verba
und Schlozman (1995) angewandte Methode der „skill-acts“ zurückgegriffen
werden: Hierbei wurden Kompetenzen über konkrete Handlungen abgefragt.
Es wird davon ausgegangen, dass konkrete Handlungen bestimmte Kompe-
tenzen seitens des Individuums erfordern. Handlungen gelten demnach als
Ausdruck vorhandener individueller Kompetenzen. Ein solches methodisches
Vorgehen wird auch durch die dieser Arbeit zugrunde liegende Auffassung des
Kompetenzbegriffs (vgl. Abschnitt 2.1.4) nahegelegt.
Hintergrundinformationen zu den Mitgliedern.
Mehrfach haben sich in bisherigen Untersuchungen der Aktivitätsgrad und der
Bildungsstand des Mitglieds als einflussreiche Kriterien in Bezug auf die
Bürgerkompetenzen erwiesen. Diese beiden Faktoren sollen auch in dieser
Untersuchung Berücksichtigung finden (vgl. Erickson & Nosanchuk, 1990;
Erlach, 2005).
3.1 Der Idealtypus als theoretisches Konstrukt 45
3. Der Idealtypus nach Max Weber als methodologischer
Bezugsrahmen
Die Auseinandersetzung mit dem Forschungstand hat deutlich gemacht, dass
einer empirischen Untersuchung von Vereinsmitgliedern zunächst eine
fundierte theoriegeleitete Ausdifferenzierung des Begriffs der demokratischen
Bürgerkompetenzen vorausgehen muss. Nur auf dieser Grundlage können die
Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern empirisch untersucht sinnvoll
interpretiert werden.
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Beitrag zur Aufarbeitung der in Kapitel 2
skizzierten Forschungsdefizite zu leisten. Um die Lücke zwischen Theorie und
Empirie zu schließen, ist das Forschungsprogramm dieser Arbeit nicht hypo-
thesenprüfend sondern explorativ angelegt.
Der Schwerpunkt der theoretischen Arbeit liegt nicht auf der Formulierung von
Hypothesen, sondern es gilt zunächst ein theoretisch fundiertes Raster zu
formulieren, mit dessen Hilfe im zweiten Teil der Arbeit die empirische Analyse
der Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern erfolgen kann. Erst ein sol-
ches theoretisch begründetes Raster ermöglicht durch seine Orientierungs-
punkte eine systematische empirische Analyse der komplexen Realität.
Ein sozialwissenschaftlich verbreitetes und akzeptiertes Vorgehen stellt die
Methode des Idealtypus nach Max Weber dar. Diese Methode verknüpft die
theoriegeleitete Begriffsbildung mit einer empirischen Analyse und ermöglicht
darüber hinaus eine Typenbildung (vgl. Schmidt, 1995). Deshalb wird die
Methode des Idealtypus nach Max Weber im folgenden Abschnitt ausführlich
vorgestellt.
3.1 Der Idealtypus als theoretisches Konstrukt
Mit der Konstruktion von Idealtypen hat Max Weber bereits 1904 eine Methode
entwickelt, die die empirische Analyse sozialwissenschaftlicher Phänomene
erleichtert und darüber hinaus einer begründeten Typenbildung den Weg
ebnet. Der Idealtypus im Sinne Webers ist ein theoretisches Konstrukt, das die
Aufmerksamkeit auf bestimmte wesentliche (und zu begründende) Aspekte
der Wirklichkeit lenkt. Ziel ist es, die soziale Wirklichkeit durch Gegenüber-
stellung mit dem konstruierten Idealtypus zu beschreiben und – im besten
Falle – zu erklären. Wie die Konstruktion eines solchen Idealtypus erfolgen
sollte, beschreibt Max Weber wie folgt:
3.1 Der Idealtypus als theoretisches Konstrukt 46
„Er wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und
durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger,
stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig
herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbilde.
In seiner Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch
vorfindbar, es ist eine Utopie, und (…) [es] erwächst die Aufgabe, in jedem einzelnen
Falle festzustellen, wie nahe oder wie fern die Wirklichkeit jenem Idealbilde steht“
(Weber, 1922, S. 191).
Der konstruierte Idealtypus ist somit „eine Utopie“ und dient als Maßstab, mit
dessen Hilfe eine empirische Analyse zeigen kann, wie nah oder fern die
Wirklichkeit dem Idealtypus steht (vgl. Schmidt, 1995). Somit bildet der
Idealtypus eine Projektionsfläche, an der die (empirisch vorfindbare) Realität
gespiegelt werden kann und mit dessen Hilfe sich die Realität beschreiben
lässt. Der Idealtypus zielt nicht darauf ab, die Realität in vollem Umfang
einzufangen, sondern seine Leistung liegt darin, dass er den Fokus auf die in
einem theoretischen Zusammenhang bedeutsam erscheinenden Ausschnitte
lenkt (vgl. Käsler, 1979).
Die Wortwahl „Ideal-Typus“ verleitet dazu, ein solches Konstrukt als
Gütekriterium zu begreifen, welches eine Forderung an die „ideale Realität“
stellt. Allerdings muss es sich im Sinne Webers beim „Idealtypus“ nicht um
eine ideale Realität in Form eines wünschenswerten bzw. anzustrebenden
Zustandes handeln, sondern um eine „ideale Vorstellung von einem Hand-
lungszusammenhang“ (Korte, 2004, 110). „Ein ‚Idealtypus’ (…) ist (…) etwas
gegenüber der wertenden Beurteilung völlig indifferentes, er hat mit irgend
einer (sic!) anderen als einer logischen ‚Vollkommenheit’ nichts zu tun“ (Weber
1922, 200).
Inwiefern der zur Erklärung sozialwissenschaftlicher Phänomene entwickelte
Idealtypus wissenschaftlich ertragreich ist, kann im Vorfeld nicht festgestellt
werden, sondern ist nur am Erkenntnisgewinn zu messen, der mit der Verwen-
dung des Idealtypus einhergeht (vgl. Korte, 1995):
„Ob es sich um ein reines Gedankenspiel oder um eine wissenschaftlich fruchtbare
Begriffsbildung handelt, kann a priori niemals entschieden werden: es gibt auch hier nur
einen Maßstab: den des Erfolges für die Erkenntnis konkreter Kulturerscheinungen in
ihrem Zusammenhang, ihrer ursächlichen Bedingtheit und ihrer Bedeutung. Nicht als Ziel,
sondern als Mittel kommt mithin die Bildung abstrakter Idealtypen in Betracht“ (Weber,
1922, S. 193).
Der Idealtypus im Sinne Webers dient als Methode zur Fortentwicklung
theoretischer Erkenntnisse und erhebt nicht den Anspruch eines über-
dauernden Konstrukts, sondern er muss immer wieder den gegenwärtigen
Gegebenheiten angepasst werden (iterativer Prozess). Dies ist notwendig, da
gesellschaftliche Prozesse „nicht naturwissenschaftlichen bedeutsamen Ge-
setzen folgen, sondern im Strom der Geschichte stets individuell-einmalig
ausgeprägt sind.“ (Hillmann, 1994, 348).
3.1 Der Idealtypus als theoretisches Konstrukt 47
Im Folgenden soll die Methode des Idealtypus anhand von zwei Beispielen
verdeutlicht werden. Im ersten Beispiel wendet Max Weber die von ihm ent-
wickelte Methode selber an. Im zweiten Beispiel wird verdeutlicht, wie sich
andere Forscher dieser sozialwissenschaftlichen Methode bedient haben. In
der Gegenüberstellung beider Beispiele zeigt sich, dass die Methode auf die
jeweilige Problemstellung zugeschnitten werden muss. Während es Weber
(1922b) darum geht, den sehr weitreichenden Begriff der „Herrschaftsformen“
zu typisieren, und er hierfür drei verschiedene Idealtypen konstruiert, möchte
Horch (1985) die „typischen“ Besonderheiten einer bestimmten Organisations-
form, nämlich die „freiwilliger Vereinigungen“, herausarbeiten. Horch konstru-
iert hierfür lediglich einen „Idealtypus freiwilliger Vereinigungen“.
1. Fallbeispiel: Max Webers idealtypische Herrschaftsformen
Ein bekanntes Fallbeispiel für die Anwendung der Methode des Idealtypus
durch Max Weber (1922b) ist seine Differenzierung von Herrschaftsformen auf
der Basis ihres Legitimitätsanspruchs. Insofern rückt der Legitimitätsanspruch
als entscheidendes Differenzierungskriterium in den Fokus seiner Analyse. Er
arbeitet drei idealtypische Herrschaftsformen heraus, die sich auf unterschied-
liche Weise legitimieren: Die legale, die traditionale und die charismatische
Herrschaftsform.
Legale Herrschaftsformen stützen sich auf Ordnungen (z.B. Verfassungen),
die durch die Beherrschten aufgrund ihrer formalen Legalität anerkannt und
befolgt werden.
Traditionale Herrschaftsformen legitimieren sich über Traditionen. Es herrscht
ein „Alltagsglaube“ an die Autorität der Herrschenden und deshalb wird diese
Herrschaftsform tradiert und legitimiert.
Charismatische Herrschaftsformen zeichnen sich durch die Legitimation über
den Glauben der Beherrschten an die Vorbildlichkeit einer charismatischen
Führerpersönlichkeit aus (vgl. Weber, 1922b, 124).
Diesen drei Idealtypen lassen sich nun real existierende Herrschaftsformen
vergleichend gegenüberstellen und gegebenenfalls zuordnen. Da wäre zum
Beispiel die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland, welche sich dem
Idealtypus der legalen Herrschaftsform zuordnen lässt, da sie sich über eine
Verfassung und über Wahlen legitimiert.
3.1 Der Idealtypus als theoretisches Konstrukt 45
Aufgrund der Tatsache, dass sich Demokratien grundsätzlich über Ordnungen
legitimieren, können sie als eine bestimmte Ausprägung des Idealtypus der
legalen Herrschaftsform angesehen werden. Max Weber bezeichnet diese aus
der Realität abgeleiteten Sammelbegriffe als „Gattungen“. Es gibt weitere
„Gattungen“ von Herrschaftsformen, die sich einem Idealtypus zuordnen las-
sen. So lassen sich Monarchien zumeist als traditionale Herrschaftsformen
charakterisieren, da sich ihr Herrschaftsanspruch über Traditionen legitimiert.
Fragen wirft allerdings die Einordnung der „Gattung parlamentarische Mo-
narchie“ auf: Der Einfluss des „Monarchen“ ist auf repräsentative Zwecke
beschränkt und das Parlament stützt sich auf Ordnungen. Monarch und Par-
lament legitimieren ihre Herrschaft auf unterschiedliche Weise zum einen über
Traditionen und zum anderen über Ordnungen. Es handelt sich bei der
Gattung der parlamentarischen Monarchie somit um einen „Mischtyp“.
Wiederum eindeutig zuordnen lässt sich die „Gattung Diktatur“, soweit sie auf
dem Führungsanspruch einer charismatischen Führerpersönlichkeit beruht.
Das Beispiel der charismatischen Herrschaftsform zeigt, dass Weber bei der
Konstruktion seines Idealtypus nicht ausschließlich Staatsformen im Sinn
hatte, sondern „Herrschaft“ auch in deutlich kleinerem Rahmen stattfinden
kann: Die charismatische Herrschaftsform mit ihrer Legitimation über den
Glauben an die Vorbildlichkeit der Führungsperson findet sich auch häufiger in
„quasi-religiösen“ Gruppen, die sich unter dem Gattungsbegriff der Sekten
zusammenfassen lassen.
2. Fallbeispiel: Der „Idealtypus freiwillige Vereinigung“ von Horch
Ein zweites Beispiel soll verdeutlichen, wie sich andere Sozialwissenschaftler
der Methode des Idealtypus bedient haben. So hat Horch (1985) sich bemüht,
einen „Idealtypus freiwillige Vereinigung“ zu entwickeln. Auf der Basis theore-
tischer Überlegungen entwickelt er „fünf idealtypische Charakteristika frei-
williger Vereinigungen“ (Horch, 1985, 259), mit deren Hilfe er die komplexe
Realität der Vereinigungslandschaft zu strukturieren und einzuordnen ver-
sucht. Horchs Idealtypus der freiwilligen Vereinigung zeichnet sich aus durch
- die Interessenidentität zwischen der Vereinigung und ihren Mitgliedern,
- die Unabhängigkeit der Vereinigung von den Interessen Dritter,
- eine demokratische Entscheidungsstruktur,
- die freiwillige Mitgliedschaft der Mitglieder und
- das freiwillige Engagement der Mitglieder.
3.2 Idealtypische Gattungsbegriffe und Realtypen 46
Anhand dieser Merkmale lassen sich freiwillige Vereinigungen nun charak-
terisieren und zu „idealtypischen Gattungsbegriffen“ zusammenfassen, die
sich in bestimmter Hinsicht vom Idealtypus unterscheiden und ihm in anderer
Hinsicht entsprechen. Ein Beispiel für einen solchen idealtypischen Gattungs-
begriff könnten „verberuflichte Vereinigungen“ darstellen, die durch die
Beschäftigung bezahlter, professioneller Mitarbeiter von dem Charakteristikum
des freiwilligen (und unbezahlten) Engagements abweichen. Ein weiteres
Beispiel bilden „oligarchische Vereinigungen“, die dem Kriterium der demokra-
tischen Entscheidungsstruktur nicht (mehr) entsprechen, da sich die Führung
der Vereinigung dem Einfluss der Mitglieder weitgehend entzieht. „Kommerzia-
lisierte Vereinigungen“ bilden eine weitere idealtypische Gattung. Diese Ver-
einigungen sind von den Interessen Dritter abhängig, da sie auf deren
finanzielle Unterstützung angewiesen sind.
6
Diese drei Beispiele für idealtypische „Gattungen“ wurden relativ willkürlich
herausgegriffen. Die Realität freiwilliger Vereinigungen stellt sich weit kom-
plexer dar, da Vereinigungen den fünf Kriterien in unterschiedlichem Maß
entsprechen und sich zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten der verschie-
denen Merkmale ergeben. Insofern sind die idealtypischen Gattungsbegriffe
ein Stück von der Realität entfernt, da es „die professionalisierte Vereinigung“
an sich nicht gibt. Vereinigungen unterscheiden sich stark im Ausmaß der
Professionalisierung und sind auch sonst unterschiedlich. So neigen
„Großvereine“ eher zu Professionalisierung ihrer Angebotsstruktur als ein
Zusammenschluss von nur 20 Mitgliedern. Vereinigungen, die sich hinsichtlich
ihrer Charakteristika ähneln und weitgehend der empirisch erfassten Wirklich-
keit entsprechen, können deshalb als Realtypen bezeichnet werden (vgl. auch
Abb. 3).
3.2 Idealtypische Gattungsbegriffe und Realtypen
Wie auch schon aus den Beispielen zum Idealtypus hervorgeht, differenziert
Weber zwischen dem zu theoretischen Vergleichszwecken konstruierten und
wertungsfreien „Idealtypus“, den er mit einer Utopie gleichsetzt, und dem aus
der Realität abgeleiteten „idealtypischen Gattungsbegriffen“. Diese wiederum
lassen sich von empirisch vorfindbaren Realtypen abgrenzen, die eine Zusam-
6
Es ist zu berücksichtigen, dass die Darstellung der Idealtypen Webers und Horch an dieser Stelle
exemplarisch verkürzt und zur Veranschaulichung der komplexen Methode des Idealtypus erfolgt. Die
Arbeiten Webers und Horchs können an dieser Stelle keinesfalls umfassend beschrieben und
ausreichend gewürdigt werden. Dem interessierten Leser seien deshalb die Primärquellen (Horch,
1985; Weber, 1922b) empfohlen.
3.3 Konsequenzen für das methodische Vorgehen 47
menfassung von Merkmalsausprägungen bezeichnen, welche einem in der
Wirklichkeit vorkommenden Muster weitgehend entsprechen (vgl. Schmidt,
1995).
Demnach bilden der theoretisch konstruierte Idealtypus einerseits und die aus
der Forschung gewonnenen Daten andererseits die Eckpunkte dieses
Forschungsprogramms (vgl. Abb. 3). Durch Zusammenfassung der empirisch
erfassten Einzelfälle können Realtypen gebildet werden. Durch die
Gegenüberstellung dieser Realtypen mit dem Idealtypus lassen sich
theoriegeleitet idealtypische Gattungsbegriffe entwickeln, die den Blick auf
einen bestimmten „idealtypischen“ Ausschnitt lenken. Durch diese Verknüp-
fung von Theorie und Empirie können soziale Phänomene analysiert und
interpretiert werden (vgl. Haller, 2003).
Abbildung 3 veranschaulicht die Annäherung und Gegenüberstellung der
empirisch vorfindbaren Realität mit dem theoretischen Konstrukt des Ideal-
typus mit Hilfe von statistisch generierten Realtypen, aus denen wiederum
theoriegeleitet idealtypische Gattungsbegriffe entwickelt werden können.
Abb. 3: Annäherung von empirisch vorfindbarer Realität und dem Idealtypus als theoretisches
Konstrukt nach der Methode von Max Weber
Utopie Realität
Idealtypus → Idealtypische
Gattungsbegriffe
← Realtypen ← Individuen
3.3 Konsequenzen für das methodische Vorgehen
Die dieser Arbeit zu Grunde liegende Fragestellung nach den Bürgerkompe-
tenzen von Vereinsmitgliedern soll mit Hilfe der Methode des Idealtypus
beantwortet werden. Um diese Methode Webers auf die Fragestellung dieser
Arbeit anzuwenden, werden Mitglieder verschiedener Vereine schriftlich be-
fragt (vgl. zur Untersuchungsmethode ausführlich Kap. 6). Die Befragung der
Vereinsmitglieder liefert die im Sinne Webers „empirisch erfasste Realität“ (vgl.
Abb. 4).
Auf der anderen Seite bedarf es der Konstruktion eines Idealtypus, der in sich
solche Kompetenzen vereinigt, die die Bürger demokratischer Systeme benöti-
gen, um den Anforderungen der Demokratie entsprechen zu können. Dieses
theoretisch zu begründende Konstrukt wird als „Idealtypus demokratischer
Bürger“ bezeichnet.
Aus dem empirischen Datenmaterial werden mit Hilfe computergestützter
statistischer Verfahren Typen gebildet, die sich in ihren Merkmalsausprä-
gungen möglichst ähnlich sind (Realtypen; vgl. auch Abschnitt 6.3).
3.3 Konsequenzen für das methodische Vorgehen 48
In einem abschließenden Schritt werden diese Realtypen dem Idealtypus
gegenübergestellt, um auf der Grundlage theoretischer Überlegungen Gat-
tungsbegriffe zu formulieren, die einen bestimmten Typ von Mitgliedern hin-
sichtlich seiner Bürgerkompetenzen kennzeichnen (vgl. Abb. 4). Durch die
Kontrastierung der gattungsmäßigen Typen mit dem Idealtypus und durch eine
Abgrenzung der verschiedenen Gattungstypen voneinander kann dargestellt
werden, inwiefern die einzelnen Bürgertypen bestimmten Anforderungen
demokratischer Gemeinwesen gerecht werden können.
Abb. 4: Annäherung von empirisch vorfindbaren Merkmalsausprägungen unter Vereinsmitgliedern und
einem theoretisch konstruierten „Idealtypus demokratischer Bürger“ nach der Methode von
Max Weber.
Utopie Realität
Idealtypus → Idealtypische
Gattungsbegriffe
← Realtypen ← Individuen
Theoretisches
Konstrukt des
„Idealtypus
demokratischer
Bürger“
Theoriegeleitete
Formulierung von
Gattungsbegriffen
Computergestützte
Typenbildung
(Clusterung) auf der
Grundlage der
empirischen Daten
Empirische Erfassung
individueller
Merkmalsausprägungen
unter
Vereinsmitgliedern
Das folgende Kapitel (vgl. Kap. 4) hat die Konstruktion eines „Idealtypus
demokratischer Bürger“ zum Gegenstand. Auf der Grundlage theoretischer
Überlegungen sollen Aspekte herausgearbeitet werden, die einen „Idealtypus
demokratischer Bürger“ ausmachen können. Ist die Konstruktion des Ideal-
typus abgeschlossen, muss die empirisch vorfindbare Realität geordnet wer-
den, um sie dem Idealtypus gegenüberstellen zu können. Dies geschieht
durch die Zusammenfassung von Individuen mit möglichst ähnlichen Merk-
malsausprägungen zu so genannten „Realtypen“ (vgl. Kap. 6). Aus der
Gegenüberstellung von Realtypen und dem „Idealtypus demokratischer Bür-
ger“ werden in Kapitel 7 idealtypische Gattungsbegriffe entwickelt, die be-
stimmte Aspekte des Idealtypus in exemplarischer Form aufweisen. Durch die
Gegenüberstellung der empirisch erfassten Realität in Vereinen mit dem
Konstrukt des Idealtypus soll deutlich gemacht werden, in wie fern die Mit-
glieder unterschiedlicher Vereine über demokratierelevante Bürgerkompe-
tenzen verfügen.
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 52
4. Theoretische Grundlagen eines „Idealtypus demokra-
tischer Bürger“
Um die Methode des Idealtypus nach Weber (vgl. Kap. 3) auf die Kompeten-
zen von Bürgern in demokratischen Gemeinwesen anwenden zu können,
bedarf es zunächst der theoriegeleiteten Konstruktion eines solchen Ideal-
typus.
Wie durch die Aufarbeitung demokratietheoretischer und politikdidaktischer
Überlegungen im Rahmen des Forschungsstandes deutlich geworden ist (vgl.
Abschnitt 2.2), werden an die Bürger demokratischer Gemeinwesen unter-
schiedliche Anforderungen gestellt: Sie reichen von der Fähigkeit, sich an
Wahlen zu beteiligen, über die Kompetenzen, politisch Einfluss zu nehmen
und ihre Interessen zu vertreten, bis hin zu den Fähigkeiten, die benötigt wer-
den, um an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen teilhaben zu können.
Somit sollten sich die Bürger demokratischer Gemeinwesen durch gesell-
schaftliche und politische Handlungsfähigkeit auszeichnen. Handlungsfähigkeit
bildet die Grundlage für politische und gesellschaftliche Beteiligung, wobei im
Folgenden theoretisch zu begründen sein wird, weshalb Demokratien auf die
Partizipation der Bürger angewiesen sind. Darüber hinaus wird heraus-
gearbeitet, inwiefern demokratische Systeme auf bestimmte Wertorientierun-
gen ihrer Bürger angewiesen sind (vgl. Abschnitt 4.1).
In einem zweiten Teil des Kapitels (vgl. Abschnitt 4.2) wird darauf einge-
gangen, welche grundlegenden Kompetenzen Bürger demokratischer Ge-
meinwesen benötigen, um politisch und gesellschaftlich handlungsfähig zu
sein und somit an demokratischen Entscheidungsprozessen partizipieren zu
können.
Den Abschluss dieses Kapitels (vgl. Abschnitt 4.3) bildet die Synthese der
theoretisch herausgearbeiteten Aspekte demokratisch relevanter Bürgerkom-
petenzen zum „Idealtypus demokratischer Bürger“.
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der
Demokratie
Bereits das Wort „Demokratie“, das sich aus den griechischen Begriffen
demos (Volk, Vollbürgerschaft) und kratein (herrschen, Macht ausüben)
zusammensetzt, macht deutlich, dass das Volk bzw. die Bürger einer Demo-
kratie an der Herrschaft beteiligt sind (vgl. Meier, 2000 und auch Abschnitt
2.1.1). Bei der Demokratie handelt es sich um eine Staatsform, in der im
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 53
„Idealfall“ die Beherrschten mit den Herrschenden „identisch“ sind und somit
„jeder nur sich selbst gehorcht“ (Rousseau, 1977, 17).
Dieses Ideal „direkter Demokratie“, welches durch die Mitbestimmung aller in
allen Fragen gekennzeichnet ist, lässt sich jedoch nur in überschaubaren
Gemeinschaften verwirklichen. Deshalb werden Entscheidungsprozesse in
modernen Demokratien nicht von „allen“, sondern von legitimierten Vertretern
getroffen. Gesellschaftliche Aushandlungsprozesse erfolgen nicht mehr in
einer „Vollversammlung“, an der alle Mitglieder der Gesellschaft beteiligt sind,
sondern es werden auf der Basis freier (Freiheit des Einzelnen bei der
Wahlentscheidung) und gleicher (alle Stimmen haben dasselbe Gewicht)
Wahlen Repräsentanten legitimiert, die im Namen ihrer Wähler allgemein
verbindliche Entscheidungen treffen. Individuelle Freiheit und rechtliche
Gleichheit gelten als die tragenden Prinzipien der Demokratie (vgl. Lenk,
1991).
Offe fasst die Kennzeichen repräsentativer Demokratien im folgenden Zitat
zusammen:
„Demokratien sind institutionelle Formen des politischen Lebens, die nicht mehr und vor
allem nicht weniger enthalten als die Garantie befristeter, unter fairen Wettbewerbs-
bedingungen erlangter Herrschaftsbefugnisse repräsentativer Akteure; deren Handeln ist
an Gewaltenteilung und Gesetz gebunden und weiterhin durch die Freiheitsrechte der
Bürger begrenzt, wobei alle Bürger auf der Grundlage gleicher Rechte kommunizierend
und entscheidend am politischen Prozess teilnehmen können“ (Offe, 2003a, 229).
Zwischen direkter und repräsentativer Demokratie bestehen vielfältige Abstu-
fungsmöglichkeiten, so dass es sich nicht um Alternativen, sondern vielmehr
um die Pole eines Kontinuums handelt (vgl. Abb. 5). Auch findet häufig eine
Durchmischung beider Modelle statt.
7
Abb. 5.: Direkte versus repräsentative Demokratie
Direkte Demokratie
Repräsentative Demokratie
Unmittelbare Beteiligung aller an
politischen Entscheidungsprozessen Bestimmung von Repräsentanten (auf
der Grundlage freier und gleicher
Wahlen), die für alle verbindliche
Entscheidungen treffen
Das Schema (vg. Abb. 5) macht deutlich, dass Demokratien, auch repräsen-
tative, immer auf eine Beteiligung der Bürger angewiesen sind. Diese
Beteiligung reicht von unmittelbarer Beteiligung an allen politischen und gesell-
schaftlichen Entscheidungsprozessen als Maximalanforderung direkter Demo-
kratien, bis hin zur Beteiligung an Wahlen als Minimalanforderung repräsen-
7
Als Beispiel können Plebiszite angeführt werden: Im Rahmen solcher Volksabstimmungen wird die
Entscheidungsgewalt über bestimmte Themen von den gewählten Repräsentanten an die Bürger
„zurückgegeben“.
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 54
tativer Demokratien. Dies ist der Fall, da es sich bei der Demokratie-Idee um
ein normatives Konzept handelt, das auf der Idee einer Herrschaft aller über
alle beruht. Deshalb sind Demokratien von ihrer Idee her auf die Legitimation
durch die Beteiligung der Bürger angewiesen. Eine Demokratie, bei der sich
alle Gesellschaftsmitglieder der Beteiligung entziehen, ist demnach keine
Demokratie mehr (vgl. Deichmann, 2004).
Da die Demokratie die Freiheit des Einzelnen als grundlegendes Prinzip
anerkennt
8
, gerät sie an diesem Punkt in ein Dilemma: Da die Demokratie die
Entscheidungsfreiheit des Einzelnen zum Grundsatz erhebt, stellt sie jedem
Bürger frei, ob er sich für oder gegen eine Beteiligung entscheidet. Es wird
also niemand zur Partizipation gezwungen: „Diese Entscheidungsfreiheit bildet
ein konstitutives Element der freiheitlichen Demokratie: Sie lebt vom poli-
tischen Engagement der Bürger, zwingt diese allerdings nicht dazu“ (Deich-
mann, 2004, 31).
Ein zentrales Problem der Demokratie besteht somit darin, dass sie einerseits
für ihren Fortbestand auf die politische Beteiligung der Gesellschaftsmitglieder
angewiesen ist, andererseits aber niemanden zur Beteiligung zwingen kann
(vgl. Lohmann, 2003).
Die Partizipation der Bürger stellt demnach die grundlegende Voraussetzung
für den Fortbestand demokratischer Systeme dar und sollte deshalb bei der
Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ berücksichtigt werden.
Im Rahmen dieser Arbeit soll unter Partizipation – angelehnt an unter-
schiedliche demokratietheoretische Herangehensweisen – sowohl die Beteili-
gung an gesellschaftlichen Zusammenschlüssen und Interessengruppen als
auch die Beteiligung an politischen Entscheidungs- und Willensbildungs-
prozessen verstanden werden. Wenn im Folgenden der Begriff Partizipation
verwendet wird, bezieht er sich immer auf beide Begriffsdimensionen.
Damit Menschen in Demokratien partizipieren können, müssen sie über
„Handlungsfähigkeit“ verfügen. Eine solche Handlungsfähigkeit umfasst nicht
allein die Kompetenz, politische Entscheidungsprozesse im eigenen Interesse
zu beeinflussen (politische Handlungsfähigkeit), sondern beinhaltet ebenfalls
die Fähigkeit zur Kommunikation- und Interaktion, wodurch Meinungen, Ein-
stellungen und Werte gebildet und die Lebensbedingungen der Menschen
verändert werden können (gesellschaftliche Partizipation; vgl. Deichmann,
8 Schon die Wegbereiter der modernen Demokratie haben die Notwendigkeit der Freiheit aller im
Staat vereinigter Individuen als oberstes Prinzip herausgehoben. So schreibt Rousseau: „Auf seine
Freiheit verzichten, heißt auf seine Eigenschaft als Mensch (…) verzichten“ (Rousseau, 1977, 11).
Auch Kant stellt fest, die Freiheit sei das „einzige, ursprüngliche, jedem Menschen, kraft seiner
Menschlichkeit, zustehende Recht“ (Kant, 1956, 345; vgl. auch Speth, 2003).
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 55
2004). Die Art der Partizipation selbst wird wesentlich durch die Ausprägung
eben solcher „Meinungen, Einstellungen und Werte“ (Deichmann, 2004, 31)
bestimmt. Diese bestimmen somit die demokratische Tragweite der Hand-
lungsfähigkeit. Im Rahmen soziologischer Erklärungsmodelle werden zwei
Handlungstypen, der Homo Oeconomicus und der Homo Sociologicus, diffe-
renziert, die sich hinsichtlich ihrer Wertorientierungen unterscheiden. Mit Hilfe
dieser beiden Handlungstypen soll die Bedeutung, die politische und gesell-
schaftliche Partizipation für die Demokratie hat, herausgearbeitet werden.
4.1.1 Vorüberlegungen: Partizipation als zweck- bzw. wertrationales soziales
Handeln
Die Soziologie ist bemüht, menschliches Handeln zu analysieren und zu
erklären. Wesentlich ist hierbei die klare Trennung von „sozialem Handeln“
und bloßem „sich Verhalten“. Soziales Handeln findet im Gegensatz zum Ver-
halten „absichtsvoll“ statt. „Absichtsvolles Handeln“ bedeutet, dass sich hinter
den Handlungen bestimmte universelle und verfestigte Wertideen verbergen.
Diese können sich zwar situativ verändern, aber es wird davon ausgegangen,
dass ein Individuum aufgrund seiner verfestigten Wertideen in ähnlichen
Situationen ähnlich handeln wird (vgl. Haller, 2003; Gukenbiehl, 2003).
Da die Partizipation im Rahmen demokratischer Gemeinwesen eine Form
sozialen Handelns darstellt
9
, ist auch hier nach den „verfestigten Wertideen“
zu suchen, die diesem Handeln zu Grunde liegen. Ziel ist es, das Handeln auf
eine „konkrete Ursache“ zurückzuführen (vgl. Haller 2003, 531). Um diese
konkreten Ursachen für soziales Handeln nach wissenschaftlichen Kriterien zu
analysieren, schlägt Weber (1922b, 2) vor, zunächst davon auszugehen, dass
eine Handlung aufgrund zweckrationaler Überlegungen zu Stande kommt:
„Für die (.) wissenschaftliche Betrachtung werden nun alle (…) Sinnzusammenhänge des
Sichverhaltens, die das Handeln beeinflussen (..) als ‚Ablenkungen’ von einem konstru-
ierten rein zweckrationalen Verlauf desselben erforscht und dargestellt“ (Weber 1922b,
2).
Zweckrationales Handeln bedeutet, dass es als Mittel dient, um „rational, als
Erfolg, (sic!) erstrebte und abgewogene eigne (sic!) Zwecke“ (Weber, 1922b,
12) zu verfolgen. Der „Wert“, der einer zweckrationalen Handlung zu Grunde
liegt, ist somit der persönliche Nutzen für das Individuum.
9 Politische und gesellschaftliche Partizipation ist soziales Handeln, da sie a) in soziale Kontexte
eingebettet ist und b) in ihren Konsequenzen Auswirkungen auf andere hat. Dieses sind die
Voraussetzungen, die Max Weber anführt, um soziales Handeln von „Verhalten“ abzugrenzen (vgl.
Weber, 1922b).
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 56
Ackermann et al. definieren Zweckrationalität wie folgt:
„Zweckrationalität bezieht sich im wesentlichen auf die Frage nach den zweckmäßigen
Mitteln für beliebige Ziele. Zweckrationalität ist zum Bespiel ein Charakteristikum von
Planung. Diese ist dann zweckrational, wenn der Planungsakteur in seinem Handeln
Zwecke, Mittel und Nebenfolgen gegeneinander abwägt und auf diese Weise zu einer
verbesserten Zielverwirklichung gelangt“ (Ackermann, et al., 1995, 84).
Soziales Handeln kann aber auch noch auf weiteren „verfestigten Wertideen“
beruhen, wie z.B. auf wertrationalen Orientierungen, was bedeutet, dass das
Handeln einen Eigenwert besitzt (vgl. Weber, 1922b). Neben Zweck- und
Wertrationalität finden sich bei Weber weitere Erklärungsansätze für soziales
Handeln. So kann Handeln auch auf Emotionen oder Traditionen zurückge-
führt werden. Im ersten Fall handelt jemand „im Affekt“, also unter dem Ein-
fluss starker Gefühle, im zweiten Fall unterliegt das Handeln stark verfestigten
Gewohnheiten:
„Wie jedes Handeln kann auch das soziale Handeln bestimmt sein 1. zweckrational:
durch Erwartungen des Verhaltens von Gegenständen der Außenwelt und von andren
Menschen und unter Benutzung dieser Erwartungen als »Bedingungen« oder als »Mittel«
für rational, als Erfolg, erstrebte und abgewogene eigne Zwecke, — 2. wertrational: durch
bewußten Glauben an den — ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst
zu deutenden — unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als
solchen und unabhängig vom Erfolg, — 3. affektuell, insbesondere emotional: durch
aktuelle Affekte und Gefühlslagen, — 4. traditional: durch eingelebte Gewohnheit“
(Weber, 1922b, 12).
Allerdings stellen sowohl affektuelles als auch traditionales Handeln Grenzfor-
men sozialen Handelns dar, da sie nicht eindeutig sinnhaft orientiert sind.
Emotionales Handeln erfolgt häufig spontan und unreflektiert, traditionales
Handeln hingegen gewohnheitsmäßig. Beide Handlungsformen sind in der
Klassifikation Webers an der Grenze zum bloßen „sich Verhalten“, da sie nicht
„rational“ begründet sind. Dies macht auch schon die sprachliche Diffe-
renzierung der Handlungsformen durch Weber (1922b) deutlich. Aus diesem
Grund sollen affektuelles und traditionales Handeln im Folgenden nicht für die
Erklärung politischer und gesellschaftlicher Partizipation herangezogen wer-
den. Stattdessen sollen Zweck- und Wertrationalität als „konkrete Ursache“
politischer und gesellschaftlicher Partizipation näher betrachtet werden.
Für politisches und gesellschaftliches Handeln bedeutet Wertrationalität, dass
dieses an den „Grundwerten menschenwürdigen Zusammenlebens und der
Demokratie“ orientiert sein sollte und daher solches Handeln ausschließt, dass
den demokratischen Werten widerspricht (Ackermann et al., 1995, 86). Dies
macht deutlich, dass die Demokratie auf wertrationale Orientierungen ange-
wiesen ist. Was genau diese wertrationalen Orientierungen in einer demokra-
tischen Gesellschaft ausmacht, ist einem permanenten gesellschaftlichen
Diskurs unterworfen (vgl. Ackermann et al., 2005).
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 57
Zweck- und wertrationale Orientierungen finden sich auch in den zwei
vorherrschenden Menschenbildern der Soziologie wieder; dem Homo Oeco-
nomicus und dem Homo Sociologicus. Während das Handeln des Homo
Sociologicus vorwiegend an Normen und Werten orientiert und im Sinne der
Klassifikation Webers „wertrational“ orientiert ist, handelt der Homo Oecono-
micus vorwiegend nutzenmaximierend und deshalb „zweckrational“. Diese un-
terschiedlichen Menschenbilder mit ihren zu Grunde liegenden Wertorien-
tierungen sollen im Folgenden zur Erklärung politischer und gesellschaftlicher
Partizipation herangezogen werden.
4.1.2 Erklärung politischer Partizipation mit Hilfe des Akteurmodells „Homo
Oeconomicus“
Inwiefern kann mit Hilfe des Modells vom Homo Oeconomicus politische und
gesellschaftliche Beteiligung erklärt werden? Ein idealtypischer Homo
Oeconomicus handelt in erster Linie zweckrational und nutzenmaximierend.
Ziel seines Handelns ist die Verwirklichung eigener Interessen.
10
Der Homo
Oeconomicus lässt sich bei seiner politischen und gesellschaftlichen Betei-
ligung demnach von Vernunftsprinzipien leiten, wobei er seine Ziele unter der
Berücksichtigung der ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gegen die
Kosten der Zielverwirklichung abwägt (vgl. Schimank, 2002, Haller, 2003). Ein
Homo Oeconomicus partizipiert immer dann, wenn dies der Verwirklichung
seiner Ziele und Interessen dient und die damit verbundenen Kosten den
Einsatz der dafür notwendigen Ressourcen in seinen Augen rechtfertigen.
Die Partizipation eines Homo Oeconomicus soll mit Hilfe eines Beispiels ver-
anschaulicht werden:
Herr A. wohnt in seinem ruhig gelegenen Haus am Stadtrand. Es steht zur
Diskussion, ob in den nächsten Jahren in seiner unmittelbaren Nachbarschaft
ein Flughafen gebaut werden soll. Dies ist nicht im Interesse Herrn A’s, da er
um seine Ruhe zu Hause fürchtet. Darüber hinaus würde der Bau des Flug-
hafens eine Wertminderung seines Grundstücks bedeuten. Deshalb beschließt
Herr A., sich in einer Bürgerinitiative gegen den Bau des Flughafens zu
engagieren.
In diesem Fall lohnt es sich für Herrn A., aktiv zu werden und eigene
Ressourcen wie Zeit und auch Geld zu investieren, da er hofft, eine für ihn
persönlich sehr negative Entwicklung abzuwenden.
Würde Herr A. nicht in einem Eigenheim sondern in einer Mietwohnung
wohnen, würde seine Kosten-Nutzen-Rechnung möglicherweise anders aus-
10 Das Menschenbild des Homo Oeconomicus geht auf wirtschaftswissenschaftliche Überlegungen
im Rahmen der Rational-Choice-Theorie zurück, die ursprünglich darauf abzielte, menschliches
Konsumverhalten zu erklären.
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 58
fallen: Statt eines Engagements in der Bürgerinitiative sucht Herr A. lieber
nach einer neuen Wohnung und zieht um.
Das Akteurmodell des Homo Oeconomicus kann also erklären, warum sich
Menschen in Situationen politisch bzw. gesellschaftlich beteiligen, in denen sie
eigene Interessen verfolgen. Ein Gedankenexperiment macht jedoch deutlich,
dass Partizipation nicht immer ausreichend mit Hilfe des Akteurmodells vom
Homo Oeconomicus erklärt werden kann:
Die Minimalanforderung, die repräsentative Demokratien an ihre Bürger
stellen, ist die Beteiligung an Wahlen. Ein Homo Oeconomicus wird sich dann
an der Wahl von Repräsentanten beteiligen, wenn er ein bestimmtes Ziel
verfolgt, das er mit Hilfe seiner Stimmabgabe meint erreichen zu können.
Wenn sich also eine Partei in ihrem Programm gegen den Flughafenbau
ausspricht, wird Herr A. dieser Partei wahrscheinlich seine Stimme geben.
Somit braucht der Homo Oeconomicus in jedem Fall ein Ziel, das er mit der
Beteiligung an der Wahl meint erreichen zu können. Dies setzt voraus, dass
einer der zur Wahl stehenden Repräsentanten dasselbe Ziel verfolgt wie er
selbst. Ist dies der Fall, kann der Wähler begründet davon ausgehen, dass der
Repräsentant für die Interessen des Wählers eintreten wird.
Hat der Wähler jedoch kein politisches Ziel oder meint er, dass keine der zur
Wahl stehenden Personen bzw. Organisationen seine Ziele angemessen
verwirklicht, besteht für einen „Homo Oeconomicus“ kein Grund, sich an der
Abstimmung zu beteiligen.
Aber selbst wenn ein „Homo Oeconomicus“ ein konkretes Ziel hat und sich
von einem zur Wahl stehenden Repräsentanten in seinen Interessen
angemessen vertreten sieht, kann die Kosten-Nutzen-Rechnung eines Homo
Oeconomicus so ausfallen, dass sie eine Wahlbeteiligung verhindern müsste:
„Ein witziger Zeitgenosse hat einmal ausgerechnet, dass die mathematische
Wahrscheinlichkeit, auf dem Weg zum Wahllokal tödlich zu verunglücken, bei weitem
höher liegt als die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Stimme wahlentscheidend ist“
(Buchstein, 2002a, 9).
Da also die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Stimme die Wahl entscheidet,
verschwindend gering ist und die Kosten, die mit dem Gang zur Wahlurne
verbunden sind, den Nutzen übersteigen, würde ein „echter“ Homo Oeco-
nomicus am Wahltag lieber zu Hause bleiben (vgl. Downs 1968; Pappi/
Shikano, 2005).
Dass sich trotz dieser ungünstigen Kosten-Nutzen-Relation immer noch die
Mehrheit der Wahlberechtigten an Wahlen beteiligt, wird in der Wahlforschung
als „Wählerparadoxon“ bezeichnet (Pappi/Shikano, 2005, 22).
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 59
Für langfristige Stabilität sind Demokratien auf eine regelmäßige und dauer-
hafte Partizipation der Bürger angewiesen. Diese lässt sich nur bedingt mit
den Wertvorstellungen des Homo Oeconomicus erklären. Deshalb muss – im
Sinne Webers (1922b) – nach den Gründen für die „Abweichungen“ vom
zweckrationalen Handeln gesucht werden. Deshalb wird im Folgenden das
Akteurmodell des Homo Sociologicus zur Erklärung politischer und gesell-
schaftlicher Partizipation herangezogen.
4.1.3 Erklärung politischer und gesellschaftlicher Partizipation mit Hilfe des
Akteurmodells „Homo Sociologicus“
Im Gegensatz zum Akteurmodell des Homo Oeconomicus, dessen Handeln
durch Nutzenmaximierung gekennzeichnet ist, handelt der Homo Sociologicus
auf der Grundlage gesellschaftlicher Normen und Werte. Es stellt sich somit
die Frage, inwiefern beständige Partizipation als Grundlage demokratischer
Stabilität mit Hilfe des Akteurmodells des Homo Sociologicus erklärt werden
kann.
Das Akteurmodell des Homo Sociologicus geht auf Émile Durkheims Theorie
zurück, wonach die soziale Umwelt die „Gussform“ für das Verhalten des
Einzelnen bilde (vgl. Durkheim, 1961). Durch Erziehung tradierte Normen und
Werte seien die Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration in die Gesell-
schaft. Bei der Verfolgung seiner Interessen sei der Einzelne nicht frei in
seinen Entscheidungen. Zwar habe der Mensch möglicherweise das Ziel,
seinen persönlichen Nutzen zu maximieren, doch gleichzeitig „normieren“
vorherrschende Wertvorstellungen und gesellschaftliche Erwartungen sein
Handeln. Deshalb werden diese Überlegungen auch unter dem Schlagwort
des „normativen Paradigmas“ zusammengefasst (vgl. im Überblick Schimank,
2002).
Weber bezeichnet, wie oben dargestellt, die Orientierung des Handels an
Normen und Werten als wertrationales Handeln.
„Rein wertrational handelt, wer ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen handelt
im Dienst seiner Überzeugung von dem, was Pflicht, Würde, Schönheit, religiöse
Weisung, Pietät, oder die Wichtigkeit einer »Sache« gleichviel welcher Art ihm zu
gebieten scheinen. Stets ist (im Sinn unserer Terminologie) wertrationales Handeln ein
Handeln nach »Geboten« oder gemäß »Forderungen«, die der Handelnde an sich
gestellt glaubt“ (Weber, 1922b, 12f.).
Überträgt man diese Überlegungen auf politische und gesellschaftliche Parti-
zipation als eine Art des sozialen Handelns, partizipiert der Homo Sociologicus
deshalb, weil dies den gesellschaftlichen Normen entspricht und weil er die
gesellschaftliche Normen und Werte so sehr verinnerlicht hat, dass die Parti-
zipation dadurch einen Eigenwert erhält. Denn im Sinne Webers ist Wert-
rationalität „durch bewußten Glauben an (…) den unbedingten Eigenwert
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 60
eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg“
gekennzeichnet (Weber, 1922b, 12).
An dieser Stelle soll das wertrationale Handeln des Homo Sociologicus
wiederum am Beispiel der Bürgerinitiative gegen den Flughafenbau verdeut-
licht werden:
Frau B. wohnt am anderen Ende derselben Stadt wie Herr A.. Obwohl sie
keine Lärmbelästigung zu befürchten hat, engagiert auch sie sich in der
Bürgerinitiative gegen den Flughafenbau. Ihr Anliegen ist es, die mit einem
Flughafenbau verbundene Zerstörung der Natur zu verhindern.
Es wird deutlich, dass für Frau B. die Partizipation einen Eigenwert darstellt,
da sie ihr Handeln an der gesellschaftlichen Norm ausrichtet, wonach Men-
schen ihre Umwelt schützen und erhalten sollten.
Gesellschaftliche Normen und der damit im Zusammenhang stehende sub-
jektiv empfundene Eigenwert einer Handlung können somit erklären, weshalb
Menschen von rein nutzenorientiertem Handeln abweichen und politisch parti-
zipieren, ohne dass sie Kosten-Nutzen-Bilanzen erstellen.
Allerdings handelt es sich bei der Differenzierung von zweck- und
wertrationalem Handeln um eine analytische Trennung. In der Realität ist es
selten so, dass Handlungen ausschließlich wert- bzw. zweckrational orientiert
sind, sondern bei manchen Handlungen überwiegen Nutzenorientierungen,
während in anderen Situationen wertrationales Handeln vorherrscht.
11
. Somit
stellen Wert- und Zweckrationalität theoretische Pole dar, zwischen denen
Handeln zu analytischen Zwecken eingeordnet werden kann.
4.1.4 Konsequenzen für die Konstruktion eines „Idealtypus demokratischer
Bürger“
Ausgangspunkt dieses Abschnitts war die Frage, wie Partizipation – als grund-
legender Bestandteil von Bürgerkompetenz – erklärt und im Hinblick auf die
Bedeutung für die Demokratie eingeordnet werden kann. Es wurde gezeigt,
dass sowohl das Akteurmodell des Homo Oeconomicus als auch das Modell
des Homo Sociologicus dazu beitragen können, politische und gesellschaft-
liche Partizipation zu verstehen und zu erklären. Allerdings konnte deutlich
gemacht werden, dass eine demokratische Gesellschaft, in der alle zu jeder
Zeit nutzenorientiert handeln, in ihrem Fortbestand gefährdet ist. Demokratien
sind somit zur Sicherung ihrer Überlebensfähigkeit auf Individuen angewiesen,
11
Darüber hinaus gibt es noch andere Handlungsorientierungen (vgl. auch Abschnitt 4.1.1: Weber
1922b zum traditionalen und affektuellen Handeln) und Akteurmodelle (vgl. Schimank 2002 zum
Emotional Man und Identitätsbehaupter), die jedoch für die Erklärung politischer Partizipation von
untergeordneter Bedeutung sind und deshalb nicht weiter berücksichtig werden sollen.
4.1 Gesellschaftliche und politische Partizipation als Grundlage der Demokratie 61
die ihr Handeln nicht ausschließlich an ihrem persönlichen Nutzen sondern
auch an Normen und Werten der Gesellschaft ausrichten (vgl. Ackermann et
al, 1995). Dies korrespondiert auch mit den normativen politikdidaktischen
Überlegungen zu Bürgerkompetenzen, wie sie im Forschungsstand ausführ-
lich dargestellt wurden (vgl. Abschnitt 2.2.1). Demnach sollten die Bürger
demokratischer Gemeinwesen bestimmte Werte internalisiert haben (habitu-
elle Dispositionen, vgl. Buchstein 2002), die dafür sorgen, dass sie ihr Handeln
an der Gemeinschaft ausrichten. Diese Vorstellungen, wonach Bürger in der
Demokratie bestimmte „Werte“ aufweisen sollten, rekurriert somit auf das
Menschenbild des normorientiert handelnden Homo Sociologicus. Die Tat-
sache, dass politische Beteiligung auch ohne die Wertorientierungen eines
Homo Sociologicus erfolgen kann, hat zur Konsequenz, dass von der bloßen
Tatsache politischer oder gesellschaftlicher Beteiligung noch keine Rück-
schlüsse auf die Wertorientierung des Bürgers gezogen werden können. Diese
Tatsache wird in bisherigen empirischen Untersuchungen weitgehend ausge-
blendet.
Für die Konstruktion des Idealtypus demokratischer Bürger bedeutet dies,
dass die Orientierung an Normen und Werten neben der Partizipation, einen
zentralen Bestandteil von Bürgerkompetenzen darstellt. Zwar konnte gezeigt
werden, dass politische und gesellschaftliche Partizipation auch ohne interna-
lisierte Normen und Werte, nämlich auf Grundlage individueller Nutzenver-
folgung, stattfinden kann. Im Sinne demokratischer Stabilität ist Partizipation in
Verbindung mit bestimmten Wertorientierungen jedoch als beständiger einzu-
schätzen als eine rein nutzenorientierte Beteiligung.
Im Folgenden muss somit herausgearbeitet werden, welches entsprechende
Wertorientierungen sind, die die Demokratie stützen und die somit Bestandteil
eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ sein sollten.
4.1.5 Wertorientierungen eines „Idealtypus demokratischer Bürger“
Anhaltspunkte, über welche allgemeinen Wertorientierungen Bürger in einer
Demokratie verfügen sollten, finden sich in der Politikwissenschaft und auch in
der demokratietheoretischen Ideengeschichte. Hier wird zwischen dem eigen-
nützig handelnden „Bourgeois“ und dem gemeinschaftsorientierten „Citoyen“
unterschieden (vgl. Schultze, 2001a, 52): Während der Bourgeois dem Akteur-
modell des Homo Oeconomicus nahe kommt, da er bemüht ist, im Staat seine
politischen Interessen durchzusetzen, entspricht der Citoyen weitgehend dem
Homo Sociologicus, da sein Handeln am Gemeinwohl ausgerichtet ist. Der
erstere strebt somit „in erster Linie nach Maximierung [seines] Anteils am
gemeinsamen Gut“, letzter stellt „die Maximierung des Gesamtnutzens vor
persönliche Verteilungsfragen“ (Braun, 2000, 127) und handelt deshalb ge-
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokratischen Gemeinwesen 62
meinwohlorientiert. Als gemeinwohlorientiert soll solches Handeln gelten, das
nicht oder nicht in erster Linie am persönlichen Nutzen des Akteurs ausge-
richtet ist, sondern der Gesellschaft im Allgemeinen, Teilen der Gesellschaft
bzw. Anderen als dem Akteur und dessen Familie zu Gute kommt. Das
bedeutet, dass sich gemeinwohlorientiertes Handeln somit auf der Makro-
ebene auf die Gesellschaft als Ganzes beziehen (z. B. Umweltschutz), auf der
Mesoebene bestimmte gesellschaftliche Gruppen betreffen (z. B. Wohlfahrts-
pflege für Arme, Alte oder Kranke) oder auf der Mikroebene einer eingrenz-
baren Gruppe zu Gute kommen kann, wie z.B. den Mitgliedern eines Vereins,
der Nachbarschaft oder der Gemeinde (vgl. Braun, 2000).
Gemeinwohlorientierung stellt einen grundlegenden Wert dar, der dafür
verantwortlich ist, dass Individuen ihre individuellen Nutzenerwartungen zu-
rückstellen und bereit sind, zum Wohle der Gemeinschaft zu handeln. Ein
solcher Gemeinsinn stellt somit eine Ressource dar, „die für das Funktionieren
demokratischer Gesellschaften bedeutsam ist und nicht versiegen darf“
(Adloff, 2005, 13). Somit handelt es sich bei Gemeinwohlorientierung um eine
Wertorientierung, die bei der Konstruktion eines „Idealtypus demokratischer
Bürger“ berücksichtigt werden soll.
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokra-
tischen Gemeinwesen
Die Beteiligung der Bürger – vor allem auf der Grundlage gemeinwohl-
orientierter Wertvorstellungen – stellt eine Voraussetzung für demokratische
Stabilität dar. In den bisherigen Überlegungen ist jedoch ein zentraler Aspekt
unberücksichtigt geblieben: Um überhaupt politisch partizipieren zu können,
sind grundlegende Handlungskompetenzen von Nöten. Welche Kompetenz-
aspekte für die Bürger demokratischer Gemeinwesen von Bedeutung sind, soll
im Folgenden herausgearbeitet werden.
4.2.1 Kompetenztheoretische Überlegungen
Problematisch am Kompetenzbegriff ist, dass selbst in der wissenschaftlichen
Auseinandersetzung keine einheitliche Definition vorliegt (vgl. auch Abschnitt
2.1.4). So differenzieren z.B. Edelmann und Tippelt (2004) zwischen drei
unterschiedlichen Kompetenzkonzepten: im pädagogischen Diskurs gelten
Kompetenzen als Persönlichkeitsmerkmale, in der Diskussion um Bildungs-
standards markieren Kompetenzen überprüfbare Leistungskategorien und im
Rahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung sind Kompetenzen die vom
Arbeitgeber geforderten Qualifikationen, die zur Bewältigung von Arbeits-
aufgaben benötigt werden.
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokratischen Gemeinwesen 63
Ganz allgemein wurde Kompetenz als die Fähigkeit definiert, „Anforderungen
in bestimmten Bereichen zu entsprechen“ (Schaub & Zenke, 2000, S. 326).
Soziale Kompetenz bedeutet, „in sozialen, gesellschaftlichen und politischen
Bereichen urteils- und handlungsfähig zu sein“ (ebd.). Diese Definition macht
deutlich, dass sich Kompetenzen zum einen in Handlungen niederschlagen
müssen, um für andere sicht- bzw. messbar zu werden. Und zum anderen,
dass Kompetenz im Spannungsfeld zwischen Sozialisation und Individuation
angesiedelt ist: Kompetenz ist das Resultat aus von Außen an das Individuum
herangetragenen Erwartungen (Anforderungen) und dem Wunsch des Indi-
viduums, diesen Anforderungen durch das Zeigen von (individuellen) Lösungs-
möglichkeiten zu entsprechen.
Der Kompetenzbegriff verweist somit einerseits auf menschliche Fähigkeiten,
die dem Handeln zu Grunde liegen und dieses erst ermöglichen – aber erst
durch Handlungen werden vorhandene Kompetenzen überhaupt „sichtbar“
(vgl. Reetz, 1999). Kompetenzen stellen somit eine Grundlage erfolgreichen
Handelns dar. Auch Himmelmann (2005) verweist mit seiner Vorstellung von
Kompetenzen als kognitiven Problemlösungsfähigkeiten auf das Zusammen-
spiel von kognitiven Grundlagen und praktischem Handeln (Problemlösen).
Birkelbach (2005) differenziert zwei grundlegend unterschiedliche Arten von
Kompetenzen: Zum einen benötigt das Individuum „Werkzeuge“, mit dessen
Hilfe es eine Handlung ausführen kann. Hierunter fasst er sowohl kognitive
Wissensbestände, auf die der einzelne in seinen Handlungen zurückgreift,
sowie praktische und soziale Fähigkeiten zusammen. Die andere Kompe-
tenzdimension, auf die Birkelbach verweist, sind „personale Dispositionen“, die
die Richtung und die Dynamik des Handelns prägen (vgl. Abb. 6).
Erworben werden Kompetenzen als Folge von Entwicklungs- bzw. Lern-
prozessen. Diese geschehen im Spannungsfeld von Individuation und Sozia-
lisation und münden letztendlich in der Ausprägung einer eigenständigen
Identität. Das übergeordnete Ziel solcher Entwicklungsprozesse ist eine um-
fassende „Handlungskompetenz“, welche die Fähigkeit eines Individuums
beinhaltet, in unterschiedlichen Situationen selbstständig, verantwortlich und
sachgerecht Probleme und Aufgaben zu bearbeiten und zu lösen (vgl. Deich-
mann, 2004; May, 2007).
In Bezug auf diese Arbeit geht es um Kompetenzen, die eine gesellschaftliche
und politische Handlungsfähigkeit der Bürger sicherstellen sollen.
Solche allgemeinen Handlungskompetenzen lassen sich in Anlehnung an
Reetz (1999) weiter differenzieren in:
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokratischen Gemeinwesen 64
− Sachkompetenzen,
− Methodenkompetenzen,
− Sozialkompetenzen sowie
− Selbstkompetenzen.
Diesen Kompetenzdimensionen werden verschiedene „Schlüsselqualifikatio-
nen“ zugeordnet (vgl. auch im Überblick Edelmann/Tippelt, 2004). Während
die Schlüsselqualifikationen der Sach-, Methoden- und Sozialkompetenz eher
„Werkzeugcharakter“ haben und somit der Verwirklichung von Handlungs-
zielen dienen, sind „Selbstkompetenzen“ eben jene personalen Dispositionen,
die die Richtung des Handelns prägen.
Als Sach- und Methodenkompetenzen gelten Fachwissen und Strategien zur
Problemlösung. Schlüsselqualifikationen der Sozialkompetenz sind kommuni-
kative Fähigkeiten, Verhandlungs- und Kooperationsfähigkeit und die Fähigkeit
zur situationsgerechten Selbstdarstellung, und als Schlüsselqualifikationen der
Selbstkompetenz gelten Einstellungen wie Verantwortungsbewusstsein und
Solidarität (vgl. zusammenfassend Abb. 6).
Abb. 6: Überblick über die Bestandteile von Handlungskompetenz (in Anlehnung an Birkelbach, 2005,
Edelmann & Tippelt, 2004)
Werkzeuge Dispositionen
„Können“ „Wollen“
Kognitive Wissensbestände (Sachkompetenz)
• Fachwissen
Einstellungen (Selbstkompetenz)
• Fähigkeit zu solidarischem Handeln
Praktische Fähigkeiten (Methodenkompetenz)
• Problemlösungsstrategien
Soziale Fähigkeiten (Sozialkompetenz)
• Kommunikative Fähigkeiten
Wesentlich bei der Differenzierung zwischen „Werkzeugen“ und „Dispositio-
nen“ ist, dass die personalen Dispositionen handlungsleitend werden können.
Das heißt, ob und wie ein Individuum in einer bestimmten Situation handeln
möchte, hängt mit seinen personalen Dispositionen zusammen. Die Disposi-
tionen bestimmen somit das Wollen des Handelns. Wie letztlich jedoch
gehandelt wird, hängt in entscheidendem Maße vom Können des Individuums
ab: Es benötigt die entsprechenden „Werkzeuge“, um sein Handeln
auszuführen. Damit ein Individuum im Rahmen zivilgesellschaftlicher bzw.
politischer Institutionen sinnhaft handeln kann, benötigt es bestimmte grund-
legende Kompetenzen, die ein absichtsvolles Handeln erst ermöglichen. Ob
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokratischen Gemeinwesen 65
jemand eher entsprechend dem Akteurmodell des Homo Oeconomicus
handelt oder ob das Handeln eher dem eines Homo Sociologicus entspricht,
hängt im Wesentlichen von den personalen Dispositionen des Individuums ab
(vgl. May 2007). Dass überhaupt gehandelt werden kann, ist hingegen auf
kognitive, methodische und soziale Kompetenzen zurückzuführen. Somit
entscheiden die Selbstkompetenzen darüber, ob ein Bürger nach gemein-
wohlorientierten Wertvorstellungen handelt, wie sie in Abschnitt 4.1.5
herausgearbeitet wurden.
Für die politische Partizipation bedeutet dies, dass die Einstellungen – also die
„personalen Dispositionen“ – darüber entscheiden, ob jemand überhaupt poli-
tisch partizipiert bzw. ob dies aus individuellen Nutzenkalkülen oder aus Ge-
meinwohlorientierung geschieht. Letztlich entscheiden jedoch die Kompetenz-
ressourcen in Form von Sach-, Methoden und Sozialkompetenzen darüber, ob
ein Handlungsziel erreicht werden kann oder nicht (vgl. Himmelmann, 2001).
Um die praxisorientierten Sach-, Methoden- und Sozialkompetenzen
sprachlich klar von den handlungsleitenden personalen Dispositionen abzu-
grenzen, werden im Folgenden Sach-, Methoden- und Sozialkompetenzen
unter dem Begriff der Handlungskompetenzen zusammengefasst. Demgegen-
über werden die Selbstkompetenzen als Handlungsdispositionen bezeichnet.
Insofern gilt es im Folgenden zu klären, welche Handlungskompetenzen und
-dispositionen für die Partizipation in demokratischen Gemeinwesen benötigt
werden. Darüber hinaus soll an dieser Stelle eine inhaltliche Ausdifferenzie-
rung dieser Kompetenz- und Handlungsdimensionen versucht werden, um die
im Kapitel 6 anstehende Operationalisierung des „Idealtypus demokratischer
Bürger“ vorzubereiten.
4.2.2 Handlungskompetenzen als „Werkzeuge“ politischer Partizipation
Nach kompetenztheoretischen Überlegungen bilden Sach-, Methoden- und
Sozialkompetenzen die grundlegenden „Werkzeuge“ für eine allgemeine
Handlungsfähigkeit. Anhaltspunkte, welche Bedeutung diesen Handlungs-
kompetenzen für die Partizipation in demokratischen Gemeinwesen zukom-
men, finden sich in der Politikdidaktik. Wie in Abschnitt 2.2.2 dargelegt wurde,
wird im Rahmen politikdidaktischer Überlegungen zwischen kognitiven und
prozeduralen Kompetenzen unterschieden. Zwischen den politikdidaktischen
Ansätzen und den hier dargelegten kompetenz-theoretischen Überlegungen
finden sich zahlreiche Anknüpfungspunkte. Die kognitiven Kompetenzen,
wonach Bürger über politisches Wissen verfügen sollten, entsprechen bei-
spielsweise den geforderten „Sachkompetenzen“ des kompetenztheoretischen
Ansatzes (vgl. Abb. 6). Die prozeduralen Kompetenzen, die für ein aktives
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokratischen Gemeinwesen 66
Mitgestalten auf gesellschaftlicher und politischer Ebene notwendig sind (vgl.
Münkler & Loll, 2005), finden sich im Rahmen der Kompetenzdiskussionen
(vgl. Abschnitt 4.2.1) sowohl unter den Methoden- als auch unter den Sozial-
kompetenzen wieder (vgl. Abb. 6).
Sachkompetenzen: Kognitive Kompetenzen
Unter die kognitiven Kompetenzen bzw. Sachkompetenzen fallen all jene
Fähigkeiten, die ein Bürger benötigt, um Strukturen und Prozesse in der
Demokratie und somit das politische Geschehen verstehen und bewerten zu
können. Der Einzelne muss Verfahrensabläufe kennen und politische Ent-
scheidungen beurteilen können. Hierfür benötigt er Informationen über
politische Belange, um informiert seine Wahlentscheidung treffen oder ander-
weitig seine politischen Interessen artikulieren zu können (vgl. Himmelmann,
2001; May, 2007; Scherb, 2003).
Methodenkompetenzen: Organisatorische Fähigkeiten
Methodenkompetenzen umfassen solche Kompetenzen, die eine politische
aber auch eine gesellschaftliche Einflussnahme erst ermöglichen. Dasselbe
galt auch für die prozeduralen Kompetenzen, die im Rahmen politikdidak-
tischer Überlegungen einen interventionsfähigen Bürger kennzeichnen sollten
(vgl. Abschnitt 2.2.1). Besonders umfassend hat sich Detjen (2002) mit der
Ausdifferenzierung der prozeduralen Fähigkeiten auseinandergesetzt. Er
differenziert zwischen zwei Schlüsselqualifikationen, die einen interventions-
fähigen Bürger in der Demokratie auszeichnen sollten. Um in gesellschaft-
lichen Organisationsgebilden handlungsfähig zu sein, benötige der Bürger
zum einen organisatorische und zum anderen diskursive Fähigkeiten.
Organisatorische Fähigkeiten sind nach Detjen notwendig, um Vorhaben
umsichtig zu planen, denn um Willensbildungsprozesse steuern und initiieren
zu können, benötige das Individuum die Fähigkeit zur Selbstorganisation und
zur Organisation von Allianzen (vgl. Detjen, 2002). Somit bilden organisato-
rische Fähigkeiten einen wesentlichen Bestandteil von Methodenkompetenz.
Die diskursiven Fähigkeiten, die sich aus Präsentationstechniken und Kommu-
nikationsfähigkeiten zusammensetzen, lassen sich im Sinne kompetenztheo-
retischer Überlegungen eher den Sozialkompetenzen zuordnen (vgl. im Über-
blick May, 2007).
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokratischen Gemeinwesen 67
Sozialkompetenzen: diskursive Fähigkeiten
Die diskursiven Fähigkeiten im Sinne Detjens (2002) umfassen Sprech-,
Schreib- und Dialogfähigkeiten und werden für die Aushandlung von
Interessen und die Austragung von Konflikten benötigt. Um sich an demokra-
tischen Willensbildungsprozessen beteiligen zu können, müsse das Individu-
um in der Lage sein, seine Interessen zu artikulieren. Hierfür benötige es
Schreib-, Sprech- und Präsentationsfähigkeiten. Um Allianzen mit andern bil-
den zu können, damit die Chancen auf die Durchsetzung der eigenen In-
teressen vergrößert werden, seien darüber hinaus Diskussions-, Dialog-,
Argumentations- und Konfliktfähigkeiten notwendig (vgl. auch Himmelmann,
2001).
Prozedurale Kompetenzen in Form von Methoden- und Sozialkompetenzen
zeichnen sich immer durch eine klare Handlungsorientierung aus. Für den
„Idealtypus demokratischer Bürger“ bedeutet dies, dass er, um gesellschaftlich
und politisch handlungsfähig zu sein, prozedurale Kompetenzen benötigt, um
seine Interessen einbringen und ggf. durchsetzen und mit anderen inter-
agieren zu können. Diese prozeduralen Kompetenzen, bestehend aus organi-
satorischen und diskursiven Kompetenzen, sind in hohem Maße unspezifisch
und unpolitisch und werden für jede Art der gesellschaftlichen oder politischen
Beteiligung benötigt.
4.2.3 Handlungsdispositionen als „Motor“ für Partizipation
Da es sich bei den als Selbstkompetenzen bezeichneten personalen
Dispositionen um Persönlichkeitseinstellungen handelt, die das Handeln be-
stimmen, kann hier an die theoretischen Überlegungen aus Abschnitt 4.1
angeknüpft werden. Hier wurde festgehalten, dass zu den Bürgerkompetenzen
eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ bestimmte Wertorientierungen ge-
hören. Auch bei den personalen Dispositionen handelt es sich um Wertorien-
tierungen, die dem Handeln – in diesem Fall der politischen Partizipation – zu
Grunde liegen. Somit entscheiden personale Dispositionen darüber, ob ein
Individuum ausschließlich nutzenmaximierend oder auch gemeinwohlorientiert
handelt. Es ist somit zu klären, welche personalen Dispositionen bei der
Konstruktion eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ berücksichtigt werden
sollten.
In Frage kommen solche Dispositionen, die eine Voraussetzung für
gemeinwohlorientiertes Handeln darstellen oder die – in Anlehnung an die
theoretischen Überlegungen zum Homo Sociologicus – als Ausdruck gemein-
wohlorientierter oder demokratischer Wertorientierungen angesehen werden
können.
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokratischen Gemeinwesen 68
Im Rahmen politikdidaktischer Überlegungen werden gemeinwohlorientierte
personale Dispositionen und demokratische Werte konkretisiert und unter dem
Begriff „habituelle Dispositionen“ zusammengefasst (vgl. Kap. 2.2.2).
Habituelle Dispositionen: Selbstkompetenzen
Bei habituellen Dispositionen handelt es sich um verinnerlichte Wertorientie-
rungen, die dem Handeln zu Grunde liegen. Unter Vertretern der Politischen
Bildung herrscht weitestgehend Konsens, dass „habituelle Dispositionen“
einen wesentlichen Aspekt von Bürgerkompetenzen in der Demokratie darstel-
len (vgl. Buchstein, 2002b; Detjen, 2002; Massing, 2002; Münkler, 1997). Im
Rahmen politikdidaktischer und politikwissenschaftlicher Überlegungen lassen
sich zwei unterschiedliche Richtungen von Wertorientierungen differenzieren.
Habituelle Dispositionen im Sinne demokratischer Bürgerkompetenzen
umfassen zum einen gemeinwohlorientierte Persönlichkeitseigenschaften und
zum anderen eine demokratische Gesinnung. Gemeinwohlorientierung wurde
bereits im Rahmen der Diskussion um Wertorientierungen als Bestandteil von
Bürgerkompetenzen herausgearbeitet (vgl. Abschnitt 4.1.5) und soll an dieser
Stelle aufgegriffen und konkretisiert werden.
Habituelle Dispositionen seien notwendig, damit der Bürger das aufgrund
seiner Sachkompetenz als wichtig Erkannte und aufgrund seiner Methoden-
kompetenzen auch verfahrenstechnisch Durchsetzbare tatsächlich zu reali-
sieren versucht (vgl. Buchstein, 2002b). Dies stellt insbesondere dann eine
Herausforderung für den Bürger dar, wenn das zu realisierende Ziel nicht dem
unmittelbaren Eigeninteresse des Bürgers entspricht, sondern er sich aufgrund
einer „moralischen Verpflichtung“ gegenüber dem Gemeinwesen zum Handeln
entschließt. Habituelle Dispositionen umfassen zum einen die Einstellung,
wonach die Demokratie als Wert an sich zu schätzen ist, den es zu schützen
und zu verteidigen gilt und für den es sich einzusetzen lohnt. Zum anderen
beinhalten habituelle Dispositionen in der politikdidaktischen Diskussion aber
auch konkrete gemeinwohlorientierte Persönlichkeitseigenschaften wie Hilfs-
bereitschaft und Solidarität. Diese Wertorientierungen werden in der Politik-
didaktik, aber auch in der politischen Ideengeschichte, mit dem Begriff der
„politischen Tugend“ belegt und gelten als Kern eines anspruchsvollen Bürger-
begriffs. Erst mit der Verinnerlichung solcher Werthaltungen vollzieht sich der
Übergang vom einfachen Bürger zum Bürger, der bereit ist, für die Gemein-
schaft Verantwortung zu übernehmen, selbst dann, wenn seine eigenen
Belange davon nicht unmittelbar berührt werden (vgl. Buchstein, 2002b;
Himmelmann, 2001; May 2007).
4.2 Kompetenzen als Grundlage von Partizipation in demokratischen Gemeinwesen 69
Die Tatsache, dass Menschen bereit sind, ihren persönlichen Nutzen zu be-
grenzen, um dem Gemeinwohl zu nützen bzw. politisch zu partizipieren wird
im Rahmen politikwissenschaftlicher Überlegungen mit dem Vorhandensein
von Vertrauen begründet.
Vertrauen als Erwartung „generell wohlwollender, zumindest nicht feindseliger
Absichten von Interaktionspartnern“ (Offe, 2001, 244) stellt eine Voraus-
setzung für gemeinwohlorientiertes Handeln im Sinne des wertrational han-
delnden Homo Sociologicus dar: Dadurch, dass Menschen anderen vertrauen,
„zwingen“ sie sie gleichsam, die durch das Vertrauen in das Handeln der
anderen gesetzten Erwartungen zu erfüllen, das eingesetzte Vertrauen zu
rechtfertigen und ggf. selbst Vertrauen zu schenken. Offe (2001) bringt diesen
zirkulären und sich selbst verstärkenden Prozess auf den Punkt: „Die Kraft der
moralischen Verpflichtung, die daraus erwächst, dass Vertrauen geschenkt
wird, kann Vertrauen zu einer sich selbst erfüllenden Erwartung machen“
(Offe, 2001, 254). Dieses reziproke Vertrauen – so die theoretische Annahme
– führt dazu, dass die Angst vor Ausbeutung abnimmt und Akteure bereit sind,
Leistungen zu erbringen, ohne unmittelbare Gegenleistungen zu erwarten.
Vertrauen schaffe dadurch „eine Interaktionssituation, in der die strikte
ökonomische Rationalität des Aufrechnens von Geben und Nehmen
aufgeweicht wird“ (Braun, 2000, 135).
Es stellt sich die Frage, wie Vertrauen – als Grundlage gemeinwohlorientierten
Handelns – gebildet werden kann. Vertrauen könne, so Offe (2001) „weder
gekauft, noch befohlen oder im Rahmen eines formalen Lehrplans (wie
Wissen) gelehrt werden.“ (ebd., 234). Es entstehe vielmehr im Rahmen
längerfristiger Beziehung der Interaktionspartner und erleichtere die Interaktion
zwischen den Individuen. Bestätigen sich die Erwartungen auf wohlwollendes
Handeln der Interaktionspartner, erfährt das Vertrauen eine positive
Verstärkung. Negative Erfahrungen könnten jedoch auch einen Vertrauens-
verlust zur Folge haben (vgl. Braun, 2000).
Putnam (1993) vertritt die Auffassung, dass Vertrauen durch die regelmäßige
und aktive Mitarbeit in Vereinen erworben werden könne. Von diesem Ver-
trauen profitiere sowohl der Einzelne als auch die Gesellschaft.
Zimmer bringt diesen angenommen Prozess auf den Punkt:
„Für den Einzelnen zahlt sich Engagement aus, da man eingebunden wird in soziale
Netze und dadurch durch Mitgliedschaft Informationen erhält, die man für das persönliche
Fortkommen nutzen kann. Für die Gesellschaft (…) [zeigen sich] positiv (.) Effekte, da
man seinem gegenüber vertraut und dieser durch sein Verhalten das in ihn gesetzte
Vertrauen auch nicht enttäuscht. Langwierige, mit hohen Transaktionskosten verbundene
Kontrollen (…) werden daher überflüssig“ (Zimmer, 2005, 61f.).
4.3 Abschließende Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ 70
Im Rahmen politischer Partizipation ist Vertrauen in zweifacher Hinsicht von
Bedeutung: Zum einen erfordert das politische System Vertrauen als „Ein-
gangsbedingung“ (vgl. Luhmann, 2001, 157), da Menschen nur dann bereit
sind, als „Citoyen“ politisch zu partizipieren, wenn sie dem politischen System,
seinen Regelungsmechanismen und Vertretern vertrauen (vgl. Zimmer, 2005).
Erst Vertrauen führt somit zu Engagement und Aktivität und ein „Mangel an
Vertrauen vermindert (.) schlicht das aktive Handeln“ (Luhmann, 2001, 158).
Zum anderen benötigen Individuen, um politisch zu partizipieren, Vertrauen in
die Gemeinwohlorientierung ihrer Interaktionspartner. Denn ein Individuum
wird sich nur dann politisch für das Gemeinwohl einsetzen, wenn es das
Vertrauen hat, dass andere sein Engagement nicht – oder wenigstens nicht
ausschließlich – zur Maximierung ihres eigenen Nutzens verwenden (Trittbrett-
fahrerverhalten).
Die Demokratie bedarf also eines generalisierten Vertrauens zu fremden
Personen: „Verallgemeinertes Vertrauen, das heißt das Vertrauen, das großen
und unspezifischen Kategorien von ‚fremden’ Personen entgegengebracht
wird (…), ist die Grundlage für politisches Vertrauen in Demokratien“ (Offe
2001, 262).
Vertrauen als Grundlage gemeinwohlorientierter Persönlichkeitseigenschaften
und politischer Tugendhaftigkeit lässt sich somit als ein weiterer Aspekt
„personaler Dispositionen“ theoretisch begründen und soll deshalb ebenfalls
bei der Konstruktion eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ berücksichtigt
werden.
Abbildung 7 fasst Handlungskompetenzen zusammen, über die Bürger ver-
fügen sollten, um gesellschaftlich und politisch handlungsfähig zu sein.
Darüber hinaus werden Handlungsdispositionen angeführt, die benötigt wer-
den, um die Stabilität demokratischer Gemeinwesen langfristig sicherzustellen.
Abb. 7: Zusammenfassende Darstellung der Kompetenzdimensionen
Handlungskompetenzen Handlungsdispositionen
allgemein
Methodenkompetenz
• Organisationsfähigkeit
Sozialkompetenz
• Kommunikationsfähigkeit
Gemeinwohlorientierte Persönlichkeits-
eigenschaften
• Vertrauen
• Hilfsbereitschaft
• Solidarität
politisch
Sachkompetenz: kognitive Kompetenzen
• politisches Fachwissen
Selbstkompetenz: habituelle Dispositionen
• Demokratie als Wert (politische Tugend)
4.3 Abschließende Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ 71
4.3 Abschließende Konstruktion des „Idealtypus demokratischer
Bürger“
Im Verlauf dieses Kapitels wurden wesentliche Aspekte von Bürgerkompe-
tenzen herausgearbeitet. Hierbei konnte an die Erkenntnisse aus dem For-
schungsstand angeknüpft werden. Im Folgenden sollen die theoretisch
herausgearbeiteten Aspekte von Bürgerkompetenzen zu einem „Idealtypus
demokratischer Bürger“ verknüpft werden.
Als wesentliche Anforderung demokratischer Systeme an die Bürger wurde
deren Partizipation herausgearbeitet. Um in demokratischen Systemen über-
haupt Handeln und Partizipieren zu können, benötigen die Mitglieder demokra-
tischer Systeme grundlegende Handlungskompetenzen. Darüber hinaus
konnte gezeigt werden, dass Demokratien auf Handlungsdispositionen ange-
wiesen sind, die ein gemeinwohlorientiertes Handeln der Bürger ermöglichen.
Die drei Aspekte Handlungskompetenzen, Handlungsdispositionen und
Partizipation bilden als zentrale Bürgerkompetenzen die Grundlage für die
Konstruktion eines „Idealtypus demokratischer Bürger“.
Als Ergebnis des Forschungstandes konnte herausgearbeitet werden, dass
Demokratien sowohl auf die politische als auch auf die gesellschaftliche
Handlungsfähigkeit der Bürger angewiesen sind (vgl. Abschnitt 2.5). An diese
Erkenntnisse anknüpfend fasst das folgende Schaubild die grundlegenden
Kompetenzaspekte eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ zusammen (vgl.
Abb. 8). Der Idealtypus setzt sich aus allgemeinen und politischen Bürger-
kompetenzen in den drei beschriebenen Kompetenzdimensionen zusammen.
Im weiteren Verlauf sollen die einzelnen Dimensionen von Bürgerkompetenz
erläutert und zueinander in Beziehung gesetzt werden.
4.3 Abschließende Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ 72
Abb. 8: Bürgerkompetenzen eines „Idealtypus demokratischer Bürger“
Handlungskompetenzen Handlungsdispositionen Partizipation
allgemein
A
Methodenkompetenz
• Organisationsfähigkeit
Sozialkompetenz
• Diskursive Fähigkeiten
B
Gemeinwohlorientierte
Persönlichkeitseigenschaften
• Vertrauen
• Hilfsbereitschaft
• Solidarität
C
soziale Aktivität
z. B. aktive
Mitgliedschaft in
zivilgesellschaftlichen
Organisationen;
freiwilliges
Engagement
Bürgerkompetenzen
politisch
D
Sachkompetenz:
kognitive Kompetenzen
• politisches Fachwissen
E
Selbstkompetenz:
habituelle Dispositionen
• Demokratie als Wert
(politische Tugend)
F
politische Partizipation
z. B. Mitarbeit in
Bürgerinitiativen,
Parteien
4.3.1 Allgemeine Bürgerkompetenzen
Allgemeine Bürgerkompetenzen weisen keinen explizit politischen bzw.
demokratischen Bezug auf, bilden aber dennoch die Grundlage gesellschaft-
licher und politischer Handlungsfähigkeit im Sinne eines „Idealtypus demokra-
tischer Bürger“.
Ein Element allgemeiner Bürgerkompetenzen bilden die allgemeinen Hand-
lungskompetenzen, die dem Einzelnen ermöglichen, innerhalb der Gesell-
schaft zu interagieren und somit die Voraussetzungen für soziale Aktivität und
freiwilliges Engagement schaffen. Solche grundlegenden Fähigkeiten, wie
Kommunikations- und Organisationsfähigkeiten, machen gesellschaftliche
Aktivität erst möglich (vgl. Abschnitt 4.2.2 und Zelle A in Abb. 8).
„Gesellschaftliche Aktivität“ umfasst in diesem Zusammenhang zunächst alles,
was der Durchsetzung eigener Interessen bzw. der Verwirklichung von Zielen
in Zusammenarbeit mit anderen dient. Diese Form sozialer Aktivität ist an den
eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen ausgerichtet.
Allgemeine Handlungskompetenzen stellen die Basis jeglicher gesellschaft-
licher Partizipation dar. Im Hinblick auf ihren Beitrag zur Stabilitätssicherung
demokratischer Systeme sind sie jedoch insbesondere dann von Bedeutung,
wenn sie mit gemeinwohlorientierten Handlungsdispositionen gepaart sind
(vgl. Abschnitt 4.2.3 und Zelle B in Abb. 8). Um gemeinwohlorientiert zu
handeln, benötigen die Bürger Werthaltungen und Persönlichkeitseigen-
schaften, damit sie die Bereitschaft entwickeln, im Interesse des Gemeinwohls
4.3 Abschließende Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ 73
Verantwortung zu übernehmen und eigene Nutzenerwartungen zurückzustel-
len (vgl. Münkler & Loll, 2005). Im Einzelnen bedeutet dies, dass Bürger nicht
nur aktiv werden, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen, sondern sich auch für
andere einsetzen. Um in gesellschaftlichen Kontexten die Bereitschaft zu
gemeinwohlorientiertem Handeln jenseits von individuellen Nutzenerwartun-
gen zu entwickeln, benötigen Bürger allgemeine Handlungsdispositionen wie
Vertrauen, Solidarität und Hilfsbereitschaft (vgl. Abschnitte 4.2.3). Solche Per-
sönlichkeitseigenschaften können dazu führen, dass Vereinsmitglieder zum
Beispiel bereit sind, eine Chorreise des Nachwuchschores zu begleiten oder
aber im Sportverein eine Gruppe zu leiten (vgl. Zellen A, B und C, Abb. 8).
Demnach bilden gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen zusammen
mit allgemeinen Handlungskompetenzen die Voraussetzung für freiwilliges
Engagement zum Wohl der Allgemeinheit jenseits individueller Nutzenkalküle.
4.3.2 Politische Bürgerkompetenzen
Neben den allgemeinen Bürgerkompetenzen gehören zum „Idealtypus demo-
kratischer Bürger“ auch Kompetenzaspekte, die in einem unmittelbaren Bezug
zum politischen System stehen und deshalb als politische Bürgerkompetenzen
bezeichnet werden sollen. Ein wesentliches Element stellen die kognitiven
politischen Kompetenzen dar, denn um politische Entscheidungen treffen und
politische Sachverhalte angemessen bewerten zu können, benötigen Bürger in
der Demokratie politisches Fachwissen. Ein solches politisches Wissen ist die
Grundvoraussetzung dafür, dass Wahlentscheidungen informiert und nicht nur
„aus dem Bauch heraus“ getroffen werden können (vgl. Zelle D, Abb. 8).
Demokratische Systeme sind darüber hinaus auf Handlungsdispositionen der
Bürger angewiesen, die in einer positiven Einstellung der Bürger gegenüber
dem politischen System zum Ausdruck kommen (vgl. Zelle D, Abb. 8). Erst
die Verknüpfung von politischem Wissen mit Wertorientierungen, die den de-
mokratischen Beteiligungsmöglichkeiten einen Eigenwert beimessen, bildet
die Grundlage für dauerhafte politische Partizipation und damit verbundene
demokratische Stabilität. Ein möglicher Indikator dafür, ob das politische Ge-
schehen von den Bürgern als etwas Wichtiges betrachtet wird, über das sie
sich informieren bzw. ggf. sogar engagieren, wäre das politische Interesse
(vgl. Geißler, 2002).
Die Bedeutung von Handlungsdispositionen soll an einem Beispiel veran-
schaulicht werden: Der Bürger, der dann wählen geht, wenn gerade ein für ihn
persönlich wichtiges Thema den Wahlkampf bestimmt, trägt unter theore-
tischen Gesichtspunkten in geringerem Maße zu politischer Stabilität bei als
4.3 Abschließende Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ 74
ein Bürger, der aufgrund demokratischer Überzeugung seine politischen Par-
tizipationsmöglichkeiten bei jeder Wahl in Anspruch nimmt (vgl. Zellen C, D
und E, Abb. 8).
4.3.3 Verknüpfung von allgemeinen und politischen Bürgerkompetenzen
Dass es sich bei der theoretischen Differenzierung von politischen und all-
gemeinen Bürgerkompetenzen um eine analytische Trennung handelt, soll
folgendes Gedankenexperiment veranschaulichen:
Möchte sich ein Bürger über die bloße Teilnahme an Wahlen hinaus an poli-
tischen Willensbildungsprozessen beteiligen, so wird er dafür über die kogni-
tiven politischen Kompetenzen hinausgehend auch solche allgemeinen
Handlungskompetenzen benötigen, die ihm die Teilhabe an Diskussions- und
Aushandlungsprozessen ermöglichen. Diese allgemeinen Handlungskompe-
tenzen bilden somit nicht nur die Grundlage für gesellschaftliche Aktivität, son-
dern werden auch für eine erweiterte politische Partizipation benötigt. An
dieser Stelle käme es somit zu einer Verknüpfung von allgemeinen und poli-
tischen Bürgerkompetenzen (vgl. Zellen A und D, Abb. 8).
Darüber hinaus kann auch im Rahmen politischer Aktivität zwischen interes-
sengeleiteter und gemeinwohlorientierter Aktivität differenziert werden. Um
sich auch über die Verwirklichung unmittelbarer Eigeninteressen hinaus poli-
tisch zu engagieren, benötigt der Einzelne neben den politischen und allge-
meinen Handlungskompetenzen auch gemeinwohlorientierte Handlungsdispo-
sitionen, wie Vertrauen, Solidarität und Hilfsbereitschaft (vgl. Zelle A, D und B,
Abb. 8).
Politische bzw. gesellschaftliche Beteiligung benötigt somit bestimmte
Kompetenzen in unterschiedlichen Bereichen. Um sich sozial oder politisch zu
engagieren, reichen in der Regel bestimmte Handlungskompetenzen aus.
Geht es jedoch darum, eigene Nutzenerwartungen zurückzustellen und zum
Wohle der Allgemeinheit aktiv zu werden, sind Handlungsdispositionen im
Sinne von Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen unerlässlich.
Eine Zielstellung dieser Arbeit war es, zu einem theoretisch begründeten
Verständnis von Bürgerkompetenzen zu gelangen. Dies konnte mit der
theoriegeleiteten Konstruktion eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ er-
reicht werden, der verschiedene Aspekte von Bürgerkompetenzen miteinander
verknüpft.
Dieser „Idealtypus demokratischer Bürger“ ermöglicht es, Bürgerkompetenzen
anhand der in ihm zusammengefassten Kriterien zu erfassen und vergleichend
4.3 Abschließende Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ 75
zu analysieren. Somit sind die Grundlagen für die empirische Untersuchung
der Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern gelegt worden. Im Folgenden
soll herausgearbeitet werden, inwiefern sich Zusammenhänge zwischen Be-
sonderheiten von Vereinen und den Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder theo-
retisch begründen lassen.
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 76
5. Bürgerkompetenzen und Vereine
Ziel dieser Arbeit ist es, Vereinsmitglieder auf ihre Bürgerkompetenzen hin zu
untersuchen und zu Typen zusammenzufassen, um so Anhaltspunkte für die
Bedeutung von Vereinen für demokratische Gemeinwesen zu erhalten.
Als Forschungsdefizite bisheriger empirischer Untersuchungen zu diesem
Themenbereich wurden uneinheitliche und undifferenzierte Vorstellungen über
den Begriff der Bürgerkompetenzen sowie unzureichende Hintergrund-
informationen zu den Vereinen herausgearbeitet (vgl. Kap. 2).
Anliegen des vorherigen Kapitels war es, den undifferenzierten Vorstellungen
über Bürgerkompetenzen durch die theoriegeleitete Konstruktion eines „Ideal-
typus demokratischer Bürger“ entgegenzutreten und zu differenzierten Vorstel-
lungen über notwendige Kompetenzen von den Bürgern demokratischer Ge-
meinwesen zu gelangen (vgl. Kap. 4).
Im Rahmen dieses Kapitels soll nun der Versuch unternommen werden,
theoretisch zu begründen, inwiefern eine Mitgliedschaft in Vereinen in einem
Zusammenhang mit den unterschiedlichen Aspekten von Bürgerkompetenzen
der Mitglieder stehen kann (vgl. Abschnitt 5.1). Darüber hinaus soll der Ein-
fluss struktureller Besonderheiten von Vereinen auf die Bürgerkompetenzen
der Mitglieder diskutiert werden (vgl. Abschnitt 5.2).
Hierbei ist anzumerken, dass bereits im Rahmen der Aufarbeitung des For-
schungsstands eine Vielzahl theoretisch-normativer Funktionszuschreibungen
an Vereine in demokratischen Gemeinwesen herausgearbeitet wurde (vgl. Ab-
schnitt 2.3). An dieser Stelle sollen die theoretischen Betrachtungen auf die im
„Idealtypus demokratischer Bürger“ spezifizierten Bürgerkompetenzen einge-
grenzt werden.
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompe-
tenzen von Vereinsmitgliedern
Im Rahmen des Überblicks über den Stand der Forschung ist deutlich gewor-
den, dass Vereinen zahlreiche Sozialisations- und Selektionsmechanismen
zugeschrieben werden, die für eine überdurchschnittliche Ausprägung einzel-
ner Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern verantwortlich gemacht wer-
den (vgl. Abschnitt 2.2.2).
An dieser Stelle soll es darum gehen, die Kompetenzaspekte Partizipation,
Handlungsdispositionen und Handlungskompetenzen des „Idealtypus demo-
kratischer Bürger“ herauszugreifen und theoretisch zu beleuchten, inwiefern
Vereine zu einer Entwicklung dieser Kompetenzen beitragen können.
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 77
5.1.1 Partizipation
Politische und gesellschaftliche Beteiligung stellen einen wesentlichen
Bestandteil des „Idealtypus demokratischer Bürger“ dar (vgl. Kap. 4). Es
konnte gezeigt werden, dass demokratische Gemeinwesen auf ein Mindest-
maß an Bürgerbeteiligung angewiesen sind, um ihre Existenz langfristig zu
sichern. Hier bestehen erstaunliche Parallelen zu Vereinen, die aufgrund ihrer
formalen Struktur in zweifacher Hinsicht ebenfalls auf die Beteiligung ihrer
Mitglieder angewiesen sind, um bestehen zu können.
Zum einen sind Vereine – ebenso wie Demokratien – auf die Legitimation ihrer
Führungsgremien angewiesen. Diese Legitimation erfolgt in Vereinen in der
Regel durch Wahlen im Rahmen von Mitgliederversammlungen (vgl. Bentem,
2006).
Zum anderen basiert die Leistungserstellung von Vereinen zumeist auf der
freiwilligen Mitarbeit der Mitglieder.
Horch (1983, 1985, 1992) hat sowohl die formale demokratische Struktur als
auch die freiwillige Mitarbeit als Strukturbesonderheiten idealtypischer
freiwilliger Vereinigungen (vgl. auch Kap. 3) gekennzeichnet.
Idealtypisch demokratische Struktur von Vereinen
Geht man davon aus, dass Vereine idealtypischer Weise eine demokratische
Struktur aufweisen und deshalb ebenso wie Demokratien auf Beteiligung an-
gewiesen sind, dann ergeben sich daraus Konsequenzen für die Mitgliedschaft
in Vereinen:
Vereine eröffnen Mitgliedern Partizipationsmöglichkeiten. Werden diese durch
die Mitglieder wahrgenommen, kommen Vereinsmitglieder durch eine aktive
Beteiligung mit demokratischen Strukturen in Berührung.
Eine Partizipationsmöglichkeit, die Vereine idealtypischerweise eröffnen, ist
die Beteiligung an Mitgliederversammlungen. Auf diesen regelmäßig stattfin-
denden Versammlungen werden in formellem Rahmen die Entscheidungen
getroffen und es erfolgt die Wahl der Vorstandsmitglieder statt. Auch Fragen,
die die Ziele des Vereins betreffen, werden auf Mitgliederversammlungen be-
handelt. Die Entscheidungsfindung erfolgt idealtypisch auf der Basis von
demokratischen Aushandlungsprozessen mit abschließender Mehrheitsent-
scheidung in Form von geheimen oder öffentlichen Abstimmungen (vgl.
Bentem, 2006).
Darüber hinaus ist es theoretisch denkbar, dass Vereinsmitglieder durch ihre
Partizipation auch mit Fragen allgemeinpolitischer Bedeutung konfrontiert
werden (vgl. Buchstein, 2002a). Durch die Auseinandersetzung mit politisch
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 78
relevanten Fragestellungen im Rahmen von Mitgliederversammlungen könn-
ten sich auch Mitglieder unpolitischer Vereine politisch bedeutsames Fach-
wissen als Grundlage politischer Handlungskompetenz im Sinne des „Ideal-
typus demokratischer Bürger“ aneignen (vgl. Krüger, 2004; Rittner & Breuer,
2004).
In Bezug auf die Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern lässt sich also
Folgendes schlussfolgern:
Vereinsmitglieder können durch ihre Mitgliedschaft
− mit demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen in Be-
rührung kommen und dadurch Erfahrungen über den Ablauf solcher Ab-
stimmungen sammeln,
− Erfahrungen über die Arbeit von Gremien sammeln, wie sie für eine Betei-
ligung auf (gesellschafts-) politischer Ebene ebenfalls notwendig wäre,
− Fachwissen durch die politische Relevanz behandelter Themen erwerben,
− ihre kommunikativen Fähigkeiten einbringen und verbessern, indem sie
ihre eigenen Interessen artikulieren bzw. sich im Rahmen von Diskus-
sionen für die Interessen anderer einsetzen.
Durch diese theoretischen Überlegungen lassen sich sowohl allgemeine als
auch politische Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern begründen und
erklären.
Allerdings gibt es auch zahlreiche theoretische Überlegungen, die gegen einen
solchen Begründungszusammenhang sprechen. So sind Vereine nicht ver-
pflichtet regelmäßige Mitgliederversammlungen durchzuführen (vgl. Horch,
1992). In der Regel finden Mitgliederversammlungen jedoch etwa einmal
jährlich statt. Es ist natürlich fraglich, inwiefern mit dem Besuch einer jährlich
stattfindenden Veranstaltung weitreichende Konsequenzen auf die Bürger-
kompetenzen des jeweiligen Mitglieds begründet werden können.
Darüber hinaus ist die Teilnahme an Mitgliederversammlungen meistens nicht
verpflichtend. Empirische Ergebnisse aus der Sportvereinsforschung deuten
darauf hin, dass in etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Vereinsmitglieder regel-
mäßig an Vereinsversammlungen teilnimmt (vgl. Baur, et al., 2003; Schlagen-
hauf, 1977).
Außerdem ist es fraglich, inwiefern Meinungsbildungs- und Abstimmungs-
prozesse in Vereinen überhaupt „demokratisch“ verlaufen. Die „Realität“ in
Vereinen sieht nicht selten so aus, dass Entscheidungen im Vorfeld getroffen
und dann durch „Abnicken“ in der Mitgliederversammlung entschieden wer-
den. Auch die Nominierung der Kandidaten für Vorstandsämter wird häufig im
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 79
Voraus abgesprochen, so dass es in den seltensten Fällen zu einer „Wahl-
entscheidung“ kommt, da keine Alternativkandidaten antreten (vgl. Emrich &
Papathanassiou, 2003, Schimank, 2005).
12
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es zwar plausible Erklärungen
dafür gibt, weshalb Vereinsmitglieder aufgrund vereinsinterner Partizipation
Bürgerkompetenzen erwerben bzw. verbessern können, allerdings finden sich
ebenso zahlreiche Argumente, die einen solchen Wirkungszusammenhang
zwischen Vereinsmitgliedschaft und Bürgerkompetenzen in Frage stellen bzw.
einschränken.
Idealtypische freiwillige Mitarbeit bei der Leistungserstellung
Eine idealtypische Strukturbesonderheit von Vereinen im Sinne Horchs (1985)
ist darüber hinaus das freiwillige Engagement der Mitglieder. Freiwilliges
Engagement bedeutet in diesem Fall, dass die Mitglieder freiwillig und unent-
geltlich oder gegen eine geringfügige Aufwandentschädigung Aufgaben im
Verein übernehmen. Unter freiwilliges Engagement fällt auch die Ausübung so
genannter „Ehrenämter“ im Vereinsvorstand (für eine umfassende Definition
von freiwilligem Engagement vgl. Rosenbladt, 2000). Freiwilliges Engagement
stellt eine wesentliche Ressource in den Vereinen für die Leistungserstellung
dar. Ohne die freiwillige Mitarbeit (zum Mindest eines Teils) der Mitglieder
können Vereine nicht längerfristig existieren, ohne sich finanziell von Dritten
abhängig zu machen oder den Weg der Professionalisierung einzuschlagen.
13
Je nach Art des Engagements eröffnen sich den Mitgliedern in den Vereinen
unterschiedliche Möglichkeiten, Kompetenzen zu vertiefen bzw. zu erweitern.
Im Bezug auf die im Idealtypus zusammengefassten Bürgerkompetenzen
erscheint freiwilliges Engagement in mehrfacher Hinsicht bedeutsam:
− Freiwilliges Engagement in Vereinen stellt eine Form gesellschaftlicher
Partizipation dar, wie sie im Rahmen partizipativer Demokratietheorien als
wesentliches Merkmal von Bürgerkompetenzen gefordert wird (vgl. Ab-
schnitt 2.2.1).
12 An dieser Stelle sei an den „Eklat“ bei der Wahl des NOK-Präsidenten 2002 erinnert: Zum ersten
Mal in der damals 107-jährigen Geschichte des NOK stand mehr als eine Person zur Wahl. Die
Tatsache, dass der amtierende Präsident durch einen weiteren Kandidaten herausgefordert wurde,
galt als Affront.
13 Die Unabhängigkeit von Dritten stellt ein weiteres idealtypisches Strukturmerkmal von Vereinen im
Sinne Horchs dar. Horch beschäftigt sich ausführlich mit Prozessen und Mechanismen, die dazu
führen, dass Vereine diesen idealtypischen Zustand aufgeben (vgl. Horch, 1988).
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 80
− Freiwilliges Engagement eröffnet den Mitgliedern die Möglichkeit, allge-
meine Handlungskompetenzen, wie Organisationsfähigkeit und diskursive
Fähigkeiten anzuwenden. Dies kann zum Beispiel durch die Mitwirkung an
Vereinsveranstaltungen oder durch Interaktion mit anderen Mitgliedern im
Rahmen des Engagements erfolgen (vgl. dazu auch Abschnitt 5.1.3).
− Freiwilliges Engagement kann von den Mitgliedern gemeinwohlorientierte
Handlungsdispositionen, wie Hilfsbereitschaft und Solidarität erfordern (vgl.
dazu Abschnitt 5.1.2). Dies ist jedoch nur der Fall, wenn das Engagement
nicht ausschließlich der Befriedigung eigener Interessen dient.
Die Bedeutung von Vereinsmitgliedschaften für die allgemeinen Handlungs-
kompetenzen und die Handlungsdispositionen sollen in den folgenden Ab-
schnitten ausführlich behandelt werden (vgl. Abschnitt 5.1.2 und 5.1.3).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich durch freiwilliges
Engagement sowohl allgemeine Handlungskompetenzen als auch Handlungs-
dispositionen von Vereinsmitgliedern begründen lassen. Allerdings betrifft dies
nicht alle Mitglieder von Vereinen gleichermaßen, sondern nur diejenigen, die
sich auch tatsächlich freiwillig engagieren. Auch bestehen große Unterschiede
in der Art des freiwilligen Engagements und in den Gründen für das
Engagement, die die Bedeutung des Engagements für die Bürgerkompe-
tenzen beeinflussen. Die Gleichung Freiwilliges Engagement = Bürgerkompe-
tenzen ist in jedem Fall zu pauschal und für die Begründung bzw. Erklärung
der Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern nur bedingt geeignet.
5.1.2 Handlungsdispositionen
Es wird angenommen, dass sich durch die Teilhabe an zivilgesellschaftlichen
Organisationen auch Handlungsdispositionen bei Vereinsmitgliedern ent-
wickeln können, auf die die Demokratie angewiesen ist und welche sich in
einer Solidarität mit den Mitmenschen und gegenseitiger Hilfsbereitschaft
äußern (vgl. Klein, 2002 und Abschnitt 4.2.3).
Eine Handlungsdisposition, die dazu führt, dass Menschen bereit sind, nicht
nur ihre individuellen Interessen durchzusetzen, sondern auch die Interessen
anderer zu berücksichtigen, ist Vertrauen. Vereine werden auch als Orte
diskutiert, in denen sich Vertrauen als gemeinwohlorientierte Handlungsdis-
position herausbilden kann, da sie dauerhafte und regelmäßige face-to-face-
Interaktionen ermöglichen (vgl. Putnam 1993, Zimmer & Priller, 2005). Durch
die längerfristige Interaktion können sich Vertrauensbeziehungen unter den
Mitgliedern herausbilden, die einen „Wechsel von Interessenorientierung zu
einer kooperativen Allgemeinwohlorientierung“ (Braun, 2000, 135) ermög-
lichen. Dadurch kann die „Überwindung individualistisch-selbstbezüglicher
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 81
Nutzenkalküle, die ‚Trittbrettfahren’ nahe“ legen, erreicht werden (Heinelt,
1997, 335). Die Interaktionen im Rahmen einer Vereinsmitgliedschaft schaffen
somit das gegenseitige Vertrauen, das notwendig ist, damit Menschen ge-
meinwohlorientiert handeln, ohne dass einer von ihnen das Gefühl hat, ‚der
Dumme’ zu sein, auf dessen Kosten andere profitieren (vgl. Buchstein,
2002a). Durch das gegenseitige Vertrauen unter den Vereinsmitgliedern
könnten „stabilisierende Muster von Freiwilligkeit und sozialer Verpflichtung
entstehen“ (Adloff, 2005, 154).
Es besteht darüber hinaus die Hoffnung, dass Vereine nicht nur das Vertrauen
unter den Mitgliedern fördern, sondern auch die „Verallgemeinerbarkeit von
Vertrauen“ (Eisenstadt, 2001, 353) ermöglichen. Das zunächst auf der Ebene
des Vereins aufgebaute Vertrauen soll letztlich auch auf Menschen außerhalb
des Vereins übertragen und somit generalisiert werden können (vgl. Luhmann,
2001).
Vertrauen, das in Vereinen gebildet werden kann, schafft somit unter
theoretischen Gesichtspunkten das Fundament für gemeinwohlorientiertes
freiwilliges Engagement von Vereinsmitgliedern auch außerhalb des Vereins.
Freiwilliges Engagement in Vereinen bietet die Möglichkeit, gemeinwohl-
orientierte Handlungsorientierungen zu fördern, wenn es sich nicht ausschließ-
lich um ein Engagement aus zweckrationalen Gründen handelt. Erfolgt das
Engagement aufgrund wertrationaler Überzeugungen und aus der Absicht
heraus, Anderen etwas Gutes tun zu wollen, kann das Engagement als ein
„symbolischer Beitrag zur Stärkung einer besseren, hilfsbereiten Gesellschaft“
interpretiert werden (Beher et al., 2000, 27). Hilfsbereitschaft und Solidarität,
als gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen im Sinne des „Idealtypus
demokratischer Bürger“ wären dann die Folge von geteilten Werten und
sozialer Nähe im Verein.
Somit können gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen von Vereinsmit-
gliedern durch wertrationales freiwilliges Engagement begründet werden.
Allerdings sind auch hier wieder Einschränkungen vorzunehmen: In vielen
Vereinen ist eine aktive Teilnahme am Vereinsleben ohne freiwilliges Engage-
ment nicht nur möglich sondern sogar die Regel. Insbesondere in Sport-
vereinen, die das Ziel haben, ihren Mitgliedern ein Sportangebot zu eröffnen,
sind Mitglieder neben ihrer sportlichen Beteiligung häufig nicht freiwillig enga-
giert. Anders stellt sich die Situation in karitativen Vereinen dar, wo eine aktive
Mitgliedschaft fast immer mit freiwilligem Engagement einhergeht.
Für die Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern bedeutet dies, dass sich
die Möglichkeiten, gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen im Rahmen
ihrer Mitgliedschaft zu erweitern, von Verein zu Verein unterscheiden.
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 82
Auch muss differenziert werden, inwiefern das Engagement aufgrund individu-
eller Nutzenerwartungen bzw. aufgrund gemeinwohlorientierter Überzeugung-
en erfolgt. Individuelle Nutzenerwartungen liegen beispielsweise dann vor,
wenn mit dem freiwilligen Engagement angestrebte Gratifikationen oder per-
sönliche Vorteile, wie der Zugang zu Ressourcen, wie Netzwerke, Macht oder
Prestige, verbunden sind. Positive Auswirkungen auf die gemeinwohlorien-
tierten Handlungsdispositionen im Sinne des Idealtypus sind jedoch insbeson-
dere dann zu erwarten, wenn sich das Mitglied aufgrund wertrationaler Über-
zeugungen freiwillig engagiert.
Es lassen sich somit eine Anzahl von Punkten zusammenfassen, die die Be-
deutsamkeit von Vereinen für die Entwicklung von Handlungsdispositionen im
Sinne des „Idealtypus demokratischer Bürger“ begründen können.
− Vereine können relativ stabile Strukturen für face-to-face-Interaktionen
eröffnen.
− Durch längerfristige Interaktionen kann sich in Vereinen Vertrauen unter
den Akteuren herausbilden.
− Vertrauen kann eine Grundlage für die Bereitschaft zu gemeinwohl-
orientiertem freiwilligen Engagement darstellen.
− Das personale Vertrauen kann auf unbekannte Personen außerhalb des
Vereins übertragen und somit generalisiert werden.
14
Es kann dadurch die
Bereitschaft zu gemeinwohlorientiertem Handeln auch außerhalb des Ver-
eins gefördert werden.
− Vereine können Möglichkeiten zum gemeinwohlorientierten freiwilligen
Engagement bieten.
Vereine können somit einen Rahmen bilden, in dem sich Vertrauen, Solidarität
und Hilfsbereitschaft als gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen im
Sinne eines „Idealtypus demokratischer Bürger“ entwickeln können. Dies gilt
jedoch im Wesentlichen nur für Mitglieder, die ihre Möglichkeiten zu face-to-
face Interaktionen im Verein nutzen. Die bloße Mitgliedschaft im Verein reicht
nicht aus, um Handlungsdispositionen von Bürgern auf den Verein zurück-
führen zu können.
14 Mit der Frage, inwieweit in Vereinen eine Generalisierung des Vertrauens stattfindet, hat sich sie
Studie zu Sozialkapital und Bürgerkompetenz von Braun et al. (i. E.) auseinandergesetzt. Diese
Fragestellung soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden. Für diese Untersuchung ist lediglich
von Bedeutung, dass Vertrauen ein Element von Bürgerkompetenzen im Sinne des „Idealtypus
demokratischer Bürger“ (vgl. Abschnitt 4.2.) darstellt.
5.1 Theoretische Begründungszusammenhänge für Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 83
5.1.3 Handlungskompetenzen
Es konnte bereits gezeigt werden, dass allgemeine Handlungskompetenzen in
Vereinen aufgrund der notwendigen Beteiligung der Mitglieder an Entschei-
dungsprozessen im Rahmen von Mitgliederversammlungen oder im Rahmen
von freiwilligem Engagement entstehen können. Allerdings musste ein-
schränkend bemerkt werden, dass dies nur für den Teil der Mitglieder gilt, die
ihre formalen Möglichkeiten zur Interessenartikulation im Rahmen von Veran-
staltungen bzw. freiwilliger Tätigkeiten nutzen. Aber auch für Mitglieder, die
sich weder an Mitgliederversammlungen noch an freiwilligem Engagement
beteiligen, bieten Vereine Möglichkeiten zur Anwendung allgemeiner Hand-
lungskompetenzen im Sinne des „Idealtypus demokratischer Bürger“. Voraus-
setzung hierfür ist jedoch eine aktive Beteiligung des Mitglieds am Vereins-
leben. Vereine, sofern sie auf lokaler Ebene agieren, eröffnen ihren Mit-
gliedern Möglichkeiten zur Interaktion. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern
sollen Ziele erreicht werden, die ein Einzelner ohne den Verein nicht ohne
weiteres erreichen kann (vgl. Adloff, 2005). Somit schließen sich in Vereinen
Menschen zusammen, die im Hinblick auf bestimmte Bereiche ähnliche
Interessen verfolgen (vgl. Bentem, 2006). Trotz der relativen Interessen-
homogenität sind Aushandlungsprozesse unter den Mitgliedern notwendig, um
sich immer wieder über die Interessenlage zu verständigen. Bietet und fördert
ein Verein nicht die Möglichkeiten zur Interessenartikulation und zum
Meinungsaustausch besteht die Gefahr, dass sich ein Verein von den Interes-
sen seiner Mitglieder entfernt. Die „Interessenhomogenität“ zwischen Verein
und Mitgliedern ist jedoch ein weiteres idealtypisches Strukturmerkmal von
Vereinen (vgl. Horch, 1992) und eine Voraussetzung für eine langfristige
Existenz. Denn eine unzureichende Berücksichtigung der Mitgliederinteressen
kann zur Folge haben, dass Mitglieder die „Exit-Option“ wählen und ihre
Mitgliedschaft beenden. Deshalb sollten Vereine bemüht sein, die Interaktion
ihrer Mitglieder zu fördern, um den Prozess der Interessenaushandlung in
Gang zu halten und so die Zufriedenheit der Mitglieder und ihre langfristige
Mitgliedschaft sicherzustellen. Für diese Interaktion im Rahmen einer aktiven
Mitgliedschaft benötigen die Mitglieder diskursive Fähigkeiten (vgl. Wehling,
1998). Diese bilden auch einen Bestandteil allgemeiner Handlungskompe-
tenzen im Rahmen des „Idealtypus demokratischer Bürger“.
Es lassen sich somit auch hier Punkte zusammenfassen, die die
Bedeutsamkeit von Vereinen für die Entwicklung von Handlungskompetenzen
im Sinne des „Idealtypus demokratischer Bürger“ begründen können:
5.2 Hintergrundinformationen zu den Vereinen und ihre Bedeutung für die Bürgerkompetenzen 84
− Im Rahmen ihres freiwilligen Engagements können Mitglieder Handlungs-
kompetenzen, wie Organisationsfähigkeit und diskursive Fähigkeiten an-
wenden, verbessern bzw. erwerben.
− Im Rahmen aktiver Mitgliedschaften werden Aushandlungsprozesse unter
den Vereinsmitgliedern notwendig. Hierfür benötigen Vereinsmitglieder dis-
kursive Kompetenzen.
Somit können allgemeine Handlungskompetenzen von Vereinsmitgliedern
unter der Voraussetzung einer aktiven Mitgliedschaft durch vereinsinterne
Interaktionsprozesse begründet werden.
5.2 Hintergrundinformationen zu den Vereinen und ihre Bedeutung
für die Bürgerkompetenzen
Ein Defizit bisheriger Untersuchungen zu den Bürgerkompetenzen von
Vereinsmitgliedern stellen die fehlenden Hintergrundinformationen zu den
Vereinen dar (vgl. Abschnitt 2.4).
Bei der theoretischen Aufarbeitung der Begründungszusammenhänge bezüg-
lich einer Mitgliedschaft in Vereinen und den Bürgerkompetenzen wurde die
Bedeutung verschiedener idealtypischer Besonderheiten von Vereinen
herausgearbeitet. Im Folgenden soll theoretisch begründet werden, welche
zentralen Kriterien herausgegriffen werden sollen, um im weiteren Verlauf der
Arbeit empirisch untersuchen zu können, inwiefern Zusammenhänge zwischen
strukturellen Besonderheiten von Vereinen und den Bürgerkompetenzen der
Mitglieder bestehen.
Als eine idealtypische Strukturbesonderheit von Vereinen wurde die
demokratische Vereinsstruktur genannt. Gleichzeitig wurde darauf hingewie-
sen, dass Vereine diesem normativen Anspruch in der Realität oftmals nicht
genügen. Um einen Zusammenhang zwischen den Strukturen und den
Bürgerkompetenzen untersuchen zu können, soll die Vereinsdemokratie als
ein Kriterium zur Differenzierung von Vereinen in die empirische Untersuchung
einbezogen werden.
Darüber hinaus wurde festgestellt, dass Vereine in unterschiedlichem Maße
gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen ihrer Mitglieder erfordern. In
diesem Zusammenhang wurde auf die Bedeutung des Vereinstyps hinge-
wiesen (karitative versus andere Vereine, vgl. Abschnitt 5.1.2), der ebenfalls
als Differenzierungskriterium in die empirische Untersuchung eingehen soll.
Auch die Interaktionsmöglichkeiten, die Vereine ihren Mitgliedern eröffnen,
wurden als wesentliches Kriterium für die Möglichkeit, allgemeine Handlungs-
kompetenzen in Vereinen erwerben zu können, herausgearbeitet. Diese drei
5.2 Hintergrundinformationen zu den Vereinen und ihre Bedeutung für die Bürgerkompetenzen 85
Differenzierungskriterien sollen im Folgenden dargestellt und mögliche Zusam-
menhänge mit den Bürgerkompetenzen begründet werden.
5.2.1 Demokratische Vereinsstruktur
Idealtypisch sollten sich Vereine durch eine demokratische Struktur auszeich-
nen. Eine demokratische Vereinsstruktur ist dadurch gekennzeichnet, dass
Entscheidungsprozesse nicht nur für die Mitglieder transparent gemacht
werden, sondern dass die Mitglieder darüber hinaus an Entscheidungspro-
zessen des Vereins beteiligt sind. Horch schreibt hierzu:
„Als Demokratie kann man jenes Verfahren zur Erreichung verbindlicher Entscheidungen
bezeichnen, das jedem Mitglied die gleichen Möglichkeiten zur Beteiligung und zur
Durchsetzung seiner Interessen bietet“ (vgl. Horch 1988, 531).
Üblicherweise erfolgt die Beteiligung der Mitglieder auf regelmäßig statt-
findenden Mitgliederversammlungen. Allerdings äußerte schon Weber 1924
die Befürchtung, dass in Vereinen häufiger einige Wenige Entscheidungen
treffen, als dass es sich um Beschlüsse der Mehrheit handelt:
„Jeder Verein, zu dem man gehört, stellt dar ein Herrschaftsverhältnis zwischen
Menschen. Zunächst, wenigstens der Regel nach, formal und offiziell ein
Majoritätsherrschaftsverhältnis. (…) Wobei ich hier nur auf den Punkt zu sprechen
kommen kann, der der entscheidende ist: daß selbstverständlich innerhalb jedes solchen
Gremiums, wie es auch heiße, Partei, Verein, Klub oder was es ist; in Wirklichkeit die
Herrschaft stets eine Minoritätsherrschaft, zuweilen eine Diktatur einzelner ist, die
Herrschaft Eines oder einiger irgendwie im Wege der Auslese und der Angepaßtheit an
die Aufgaben der Leitung dazu befähigter Personen, in deren Händen die faktische
Herrschaft innerhalb eines solchen Vereins liegt“ (Weber 1924, 444).
Dieser Prozess, zu dem es insbesondere bei zunehmender Größe und
Bestandsdauer des Vereins kommt, wird als „Oligarchie der Aktiven“ bezeich-
net, wobei sich die Mitglieder in „Führer“ und „Geführte“ aufspalten (vgl.
Heinemann, 2004):
„Diejenigen, die mehr am politischen Leben der Vereinigung interessiert sind, bewerben
sich um die Stimmen der anderen, machen die Arbeit und werden dafür mit
Entscheidungsspielräumen und Einflusschancen belohnt“ (Horch, 1992, 46).
An diesem Punkt besteht die Gefahr, der tatsächlichen Oligarchisierung ur-
sprünglich demokratischer Entscheidungsstrukturen. Es droht das „eherne
Gesetz der Oligarchie“, wenn mit der Größe der Organisation auch die Macht
der Führungsgruppe zunimmt und diese sich zunehmend von der Vereins-
basis entfernt (vgl. Schubert & Klein, 1997, 201). Oligarchie im eigentlichen
Sinne bedeutet, dass die Macht bzw. die Herrschaft in den Händen Weniger
liegt. Dies muss nicht unbedingt auf undemokratische Intentionen der
Vereinsführung zurückgehen, sondern kann ebenso in einer sich verstärken-
den Trittbrettfahrer-Mentalität der Mitglieder begründet sein: „Was ehedem in
schenkender Hingabe (…) bereitwillig geleistet wurde, wird nunmehr aus
5.2 Hintergrundinformationen zu den Vereinen und ihre Bedeutung für die Bürgerkompetenzen 86
eigensüchtigem Kalkül heraus verweigert“ (Kirsch, 1983, 115). Auch dieser
Prozess der Distanzierung und Rückbesinnung auf eigene Nutzenkalküle wird
als typischer Entwicklungsprozess von Organisationen angesehen.
Unabhängig davon ob die Distanzierung durch die Vereinsführung oder die
Basis vorangetrieben wurde, können die daraus resultierenden oligarchischen
Strukturen Auswirkungen auf die Bürgerkompetenzen der Mitglieder haben.
Liegt die Führung des Vereins in den Händen immer derselben wenigen
Mitglieder, sind darüber hinaus die Einflussmöglichkeiten der übrigen Mit-
glieder gering und herrscht zudem eine geringe Transparenz bezüglich der
Entscheidungsprozesse im Vorstand, so sind die Möglichkeiten solcher
Vereine, die Bürgerkompetenzen der Mitglieder im Sinne des „Idealtypus
demokratischer Bürger“ zu stützen, als gering einzuschätzen.
5.2.2 Vereinstyp
Wie in Abschnitt 5.1.2 deutlich geworden ist, stellen Vereine unterschiedliche
Anforderungen an die Aktivität bzw. das freiwillige Engagement ihrer
Mitglieder. Während eine aktive Mitgliedschaft in Sportvereinen mit einer
regen Teilnahme am Sportangebot verbunden sein kann, so ist eine aktive
Mitgliedschaft in karitativen Vereinigungen fast immer mit einem freiwilligen
Engagement verknüpft (vgl. Mutz & Nobis, 2007). Somit lässt sich eine aktive
Mitgliedschaft in Sportvereinen weit häufiger mit individuellen Nutzenkalkülen
begründen, als eine Mitgliedschaft in Vereinen, die Hilfeleistungen für bedürf-
tige Personen bereitstellen. Es stellt sich die Frage, inwiefern sich die Bürger-
kompetenzen der Mitglieder in verschiedenen Vereinen unterscheiden. Weber
hält es für möglich, dass der Gesamthabitus eines Menschen durch den Inhalt
seiner Vereinstätigkeit beeinflusst wird.
„In solchen und ähnlichen Fällen handelt es sich ja wesentlich um die unbewußte
Beeinflussung des Gesamthabitus durch den Inhalt der Vereinstätigkeit. Aber es gibt die
allerverschiedensten Abschattierungen in der Art des Übergreifens rein fachliche oder
rein sachliche Ziele verfolgender Gemeinschaften auf das Gebiet der Beeinflussung und
Reglementierung der praktischen Lebensführung. Sie kann auch ganz bewußt erfolgen,
von rein fachlich-sachlichen Positionen aus, hinter denen wir sie an sich gar nicht
vermuten würden“ (Weber 1924, 446).
Dies legt nahe, Vereine nach ihren Zielstellungen zu differenzieren.
In Anlehnung an Horch (1992) können Vereine in mitgliederbezogene, außen-
orientierte und fremdbezogene Vereine differenziert werden.
Mitgliederbezogene Vereine zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Leistungen
primär ihren Mitgliedern vorbehalten bleiben. Sportvereine sind Vertreter
dieses Vereinstyps, da sie das Ziel verfolgen, ein Sportangebot für ihre Mit-
glieder bereitzuhalten. Auch solche Vereine sind auf das freiwillige Enga-
gement ihrer Mitglieder angewiesen, um die Leistungen ihren Mitgliedern zur
5.2 Hintergrundinformationen zu den Vereinen und ihre Bedeutung für die Bürgerkompetenzen 87
Verfügung stellen zu können. Eine aktive Mitgliedschaft kann jedoch auch nur
eine Inanspruchnahme der Leistungen des Vereins umfassen.
Den Gegenpol zu dieser Art der mitgliederorientierten Vereine stellen Vereine
dar, die ihre Leistungen in erster Linie Nicht-Mitgliedern zur Verfügung stellen.
Eine Mitgliedschaft in solchen Vereinen kann sich auf eine Fördermit-
gliedschaft beschränken, wobei das Mitglied den Verein zwar finanziell unter-
stützt aber selber nicht aktiv ist. Eine aktive Mitgliedschaft in solchen Vereinen
ist mit einer aktiven Unterstützung des Vereinsziels, also der Leistungser-
stellung für Dritte, verbunden. Hierbei handelt es sich zumeist um karitative
Vereine, die ein Hilfsangebot für Bedürftige bereitstellen. Dies verdeutlicht
noch einmal, weshalb eine Mitgliedschaft in karitativen Vereinen zumeist
gleichbedeutend mit feiwilligem Engagement ist. Da sich die Leistungen
dieses Vereinstyps an Dritte richten, werden sie als fremdbezogen gekenn-
zeichnet.
Eine Mischform zwischen mitglieder- und fremdbezogenen Vereinen, sind
Organisationen, die sich zwar an ihre Mitglieder richten, jedoch auch offen für
Nicht-Mitglieder sind. Hierzu gehören oftmals Vereine aus den Bereichen
Kunst- und Kultur. Diese Vereine organisieren häufig Veranstaltungen, mit
denen sie sich sowohl an Mitglieder als auch an Nicht-Mitglieder wenden.
Zumeist streben sie neben einer Förderung ihrer Mitglieder gleichzeitig eine
Außenwirkung an. Dieser Vereinstyp soll als außenorientiert bezeichnet
werden.
Es ist davon auszugehen, dass die unterschiedlichen Zielstellungen von
Vereinen in einem Zusammenhang mit den Bürgerkompetenzen, insbe-
sondere den gemeinwohlorientierten Handlungsdispositionen der Mitglieder,
stehen können. So werden Menschen, die in erster Linie nutzenmaximierend
handeln seltener in karitativen Vereinen anzutreffen sein.
Somit lassen sich Zusammenhänge zwischen Handlungsdispositionen und
Vereinsmitgliedschaft für fremdbezogene Vereine, die uneigennütziges frei-
williges Engagement quasi zur Voraussetzung einer Mitgliedschaft machen,
besonders gut begründen.
5.2.3 Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion
Damit sich allgemeine Handlungskompetenzen von Vereinsmitgliedern durch
eine Mitgliedschaft begründen lassen, sind zwei Voraussetzungen nötig: Zum
einen muss es sich um ein aktiv am Vereinsleben teilnehmendes Mitglied
handeln und zum anderen muss der Verein den Mitgliedern Möglichkeiten zur
Interaktion bieten.
5.2 Hintergrundinformationen zu den Vereinen und ihre Bedeutung für die Bürgerkompetenzen 88
Möglichkeiten zum gegenseitigen Austausch können auf verschiedenen
Ebenen bestehen und Vereine lassen sich dahingehend differenzieren, inwie-
fern sie ihren Mitgliedern solche Gelegenheiten zur Interaktion eröffnen. Es
lassen sich drei zentrale Ebenen für Interaktion in Vereinen differenzieren: Die
Ebenen formeller und informeller Interaktion, sowie die Interaktionsebene im
Rahmen freiwillig ausgeübter Tätigkeiten.
Zur formellen Ebene vereinsinterner Interaktionsmöglichkeiten zählen insbe-
sondere offizielle Versammlungen und Sitzungen, die zur Entscheidungsfin-
dung und zu Informationszwecken einberufen werden. Auch eine Geschäfts-
stelle bietet Mitgliedern die Möglichkeit zum formellen Austausch sowohl mit
Funktionsträgern des Vereins als auch mit anderen Vereinsangehörigen.
Hinsichtlich der Häufigkeit von solchen formellen Versammlungen und dem
Vorhandensein einer „offiziellen“ Anlaufstelle für die Mitglieder, bestehen
zwischen Vereinen erhebliche Unterschiede. Während in manchen Vereinen
seltener als einmal pro Jahr eine Mitgliederversammlung einberufen wird,
kommen die Mitglieder anderer Vereine monatlich zu solchen Veranstaltungen
zusammen (vgl. Braun et al., i. E.). In Vereinen, die kaum formale Inter-
aktionsmöglichkeiten eröffnen, können politische Handlungskompetenzen der
Mitglieder nicht auf die Vereinsmitgliedschaft zurückgeführt werden.
Darüber hinaus können Vereine ihren Mitgliedern auch informelle Inter-
aktionsmöglichkeiten eröffnen. Dies kann in Rahmen von Vereinsfesten oder
kleineren geselligen Veranstaltungen erfolgen. Hierfür stellen Vereine in unter-
schiedlichem Maße eine Infrastruktur bereit: Während manche Vereine über
ein eigenes Vereinsheim verfügen, wo Mitglieder unkompliziert in einen
gegenseitigen Austausch treten können, sind Vereine ohne solche Räum-
lichkeiten hinsichtlich ihrer Gelegenheitsstrukturen für informelle Mitglieder-
interaktion benachteiligt. Weitere vereinsspezifische Gelegenheitsstrukturen
für die Interaktion der Mitglieder betreffen zum Beispiel die Organisation von
Festen und Mitgliederreisen: Während manche Vereine mehrere feste Ter-
mine für informelle Treffen und Reisen pro Jahr anbieten, gibt es diese
Möglichkeiten in anderen Vereinen kaum. Verfügen Vereine über eine
schlechte Infrastruktur für informelle Mitgliederinteraktion, so lassen sich
Bürgerkompetenzen wie organisatorische und diskursive Kompetenzen nur
sehr eingeschränkt mit der Mitgliedschaft im Verein begründen.
Eine dritte Interaktionsmöglichkeit, die Vereine ihren Mitgliedern in unter-
schiedlichem Maße bieten, ist die Möglichkeit, sich freiwillig zu engagieren.
Auch im Rahmen von freiwilligem Engagement eröffnen sich den Mitgliedern
Möglichkeiten zum Austausch. Ist der Verein so konstituiert, dass er nur auf
die freiwillige Mitarbeit weniger Mitglieder angewiesen ist, so verringert sich für
5.2 Hintergrundinformationen zu den Vereinen und ihre Bedeutung für die Bürgerkompetenzen 89
das Gros der Mitglieder die Möglichkeit auf diesem Wege mit anderen zu
interagieren und Bürgerkompetenzen zu erlangen, zu verbessern oder über-
haupt anzuwenden. Somit gilt auch hier: Vereine, die nur geringe Mög-
lichkeiten für freiwilliges Engagement eröffnen, mindern die Möglichkeiten,
dass die Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder auf eine Mitgliedschaft zurück-
geführt werden könnten.
Die drei Differenzierungskriterien Vereinsdemokratie, Vereinstyp und Inter-
aktionsmöglichkeiten sollen im empirischen Teil als Hintergrundinformationen
herangezogen werden, um die Interpretation der Bürgerkompetenzen zu
erleichtern, indem die Kompetenzen der Vereinsmitgliedern zur Vereinsstruk-
tur des jeweiligen Vereins in Beziehung gesetzt werden.
Im folgenden Kapitel soll die Methode der empirischen Untersuchung, die
Operationalisierung der Indikatoren und Differenzierungskriterien sowie die
Methode der Typenbildung ausführlich dargelegt werden.
6.1 Anlage der empirischen Untersuchung 90
6. Methodische Umsetzung
Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Frage, wie die „empirische Realität“
erfasst werden kann, damit sie dem theoretischen Konstrukt des „Idealtypus
demokratischer Bürger“ gegenübergestellt werden kann (vgl. Kap. 3). Ziel ist
es, die Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern zu untersuchen, um zu
differenzierten Erkenntnissen über den Beitrag von Vereinen zu demokra-
tischer Stabilität zu gelangen. Nachdem die Aspekte eines „Idealtypus demo-
kratischer Bürger“ in Kapitel 4 herausgearbeitet wurden und in Kapitel 5 die
Bedeutung von Vereinen in diesem Zusammenhang theoretisch diskutiert
wurde, folgen nun Überlegungen, wie sich die im Idealtypus zusammen-
gefassten Kompetenzaspekte bei Vereinsmitgliedern empirisch erfassen und
auswerten lassen.
In einem ersten Schritt wird die Anlage der Untersuchung, die sich aus einer
Organisations- und einer Mitgliedererhebung zusammensetzt, dargestellt. In
einem zweiten Schritt erfolgt die Operationalisierung des im Theorieteil (vgl.
Kap. 4) herausgearbeiteten Idealtypus demokratischer Bürger für die empi-
rische Untersuchung. Im dritten Teilabschnitt dieses Kapitels wird dargestellt,
wie aus der „empirischen Realität“ der erfassten Bürgerkompetenzen „Real-
typen“ gebildet werden können, die sich hinsichtlich ihrer Bürgerkompetenzen
möglichst ähnlich sind (vgl. Kap 3).
6.1 Anlage der empirischen Untersuchung
Um der Forschungsfrage nach den Bürgerkompetenzen von Vereinsmit-
gliedern nachzugehen, wird auf das Datenmaterial des durch die DFG geför-
derten Forschungsprojekts „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ an der
Universität Paderborn zurückgegriffen.
15
Unter der Leitung von Prof. Dr. Dr.
Sebastian Braun wurden die sozialen und politischen Integrationsleistungen
freiwilliger Vereinigungen umfassend untersucht (vgl. Braun et al., i. E.)
16
. Das
breit angelegte Projekt legte den Schwerpunkt der Datenauswertung auf die
binnenintegrativen Leistungen von Vereinen und die vereinsspezifischen
Kompetenzen der Mitglieder. Um einer oftmals beklagten Unterauswertung
vorhandener Datensätze entgegenzuwirken, soll eine detaillierte Re-Analyse
15 Das Forschungsprojekt wurde von November 2002 bis Oktober 2006 unter dem Geschäftszeichen
BR 2070/1-2/1-3 zunächst an der Universität Potsdam und ab Oktober 2003 an der Universität
Paderborn durchgeführt.
16 Die Verfasserin war von 2003 bis 2006 Mitarbeiterin im Forschungsprojekt und an der Erstellung
der Erhebungsinstrumente beteiligt.
6.1 Anlage der empirischen Untersuchung 91
der Daten in Bezug auf die Bürgerkompetenzen der Mitglieder erfolgen. Da es
sich bei der empirischen Erhebung zu „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“
um ein sehr breit angelegtes Forschungsprojekt handelt, sollen im Folgenden
nur die für diese Untersuchung relevanten Erhebungsschritte beschrieben
werden.
17
6.1.1 Festlegung der Erhebungsorte und Auswahl der Vereine: Die Vorstudie
Die Wahl der Erhebungsorte erfolgte in erster Linie unter forschungs-
pragmatischen Gesichtspunkten und fiel auf die Städte Potsdam und
Münster.
18
Dieses Forschungsdesign hat die Konsequenz, dass die unter-
suchten Vereine keinen repräsentativen Querschnitt der deutschen Vereins-
landschaft darstellen sondern lediglich für Vereine in urbanen Räumen stehen
können. Sicherlich stellen sich die Vereinslandschaft und die individuelle Be-
deutung von Vereinen für den Einzelnen im ländlichen Raum anders dar.
Diese Tatsache sollte bei der Beurteilung der Reichweite der Untersuchungs-
ergebnisse berücksichtigt werden.
Um die Vereinslandschaft an den Erhebungsorten zu erfassen, wurde auf der
Grundlage von Informationen in Vereinsregistern, Telefonbüchern, Gelben
Seiten, Stadtmagazinen, Freiwilligenagenturen, Stadtverwaltungen und im
Internet eine Vereinsdatenbank erstellt. Auf der Grundlage von Telefonge-
sprächen mit Funktionsträgern der Vereine wurden 24 Vereine nach folgenden
Kriterien für die Untersuchung ausgewählt.
19
(A) Vereine mit unterschiedlichen Zielstellungen
Um möglichst unterschiedliche Vereine in die empirische Untersuchung
einzubeziehen, wurden anhand der satzungsmäßigen Zielstellung drei Typen
17 Die Studie „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ umfasst zusätzlich zu den hier dargestellten
Erhebungsinstrumenten eine qualitative Mitgliederbefragung. Dem interessierten Leser sei die
umfassende Darstellung des Untersuchungsdesigns bei Braun et al. (i. E.): Sozialkapital und
Bürgerkompetenz, empfohlen.
18 Ein entscheidendes Kriterium für die Auswahl der Erhebungsorte stellten die Kooperationspartner
vor Ort dar. Sowohl in Potsdam als auch in Münster erhielt die Forschungsgruppe Unterstützung
durch zwei ausgewiesene Experten der Vereinsforschung, die darüber hinaus vertraut mit der
Vereinslandschaft am jeweiligen Standort waren. An der Universität Potsdam unterstützte Prof. Dr.
Jürgen Baur, Inhaber des Lehrstuhls für Sportsoziologie, die Untersuchung und in Münster kooperierte
Prof. Dr. Annette Zimmer, Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster und
Leiterin des Zentrums für Nonprofit-Management mit den Wissenschaftlern des Forschungsprojekts
(für eine ausführliche Begründung und für Städteportraits zu Potsdam und Münster vgl. Braun et al., i.
E.).
19 Es ist anzumerken, dass diese Kriterien insbesondere im Hinblick auf die binnenintegrativen
Leistungen der Vereine ausgewählt wurden. Es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass ein
Zusammenhang mit den Bürgerkompetenzen der Mitglieder besteht. Um jedoch die Auswahl der
Vereine transparent zu machen, sollen die Kriterien an dieser Stelle kurz erläutert werden. Der
fehlende Bezug zu den Bürgerkompetenzen sei an dieser Stelle entschuldigt.
6.1 Anlage der empirischen Untersuchung 92
von Vereinen ausgewählt. Der Vereinstyp ist, wie in Abschnitt 5.2.2 dargestellt,
auch als ein relevantes Differenzierungskriterium im Hinblick auf die Bürger-
kompetenzen der Mitglieder zu betrachten. In Anlehnung an Horch (1992)
erfolgte eine Differenzierung in mitgliederbezogene, außenorientierte und
fremdbezogene Vereine. Einen Überblick über die Differenzierung nach Ver-
einstypen liefert Abbildung 9.
(B) Lokal agierende Vereine
Lokale agierende Vereine wurden ausgewählt, da sie im Vergleich zu
Vereinen, die überregional ihre Ziele verfolgen, einen stärkeren Bezug zur
Lebenswelt ihrer Mitglieder aufweisen (vgl. Horch, 1992; Strob, 1999). Dies
erschien insbesondere im Bezug auf die binnenintegrativen Leistungen von
Vereinen von Bedeutung.
(C) Kleinere Vereine unter 120 Mitgliedern
Um eine Vollerhebung, also die Befragung aller Vereinsmitglieder, zu ermög-
lichen und eine Vergleichbarkeit zwischen den Vereinen zu gewährleisten,
wurden Vereine bis zu einer maximalen Mitgliederzahl von 120 Personen in
die Untersuchung einbezogen.
20
(D) Sozial offene Vereine
Um nicht im Vorfeld der Untersuchung bestimmte gesellschaftliche Gruppen
auszuschließen, wurde bei der Auswahl der Vereine auf die formale soziale
Offenheit der Vereine geachtet. Es wurden nur solche Vereine ausgewählt, die
allen Interessierten offen stehen und Personen nicht aufgrund von Geschlecht,
Einkommen oder ethnischer Zugehörigkeit von einer Mitgliedschaft aus-
schließen.
(E) Eingetragene Vereine
Um sicherzustellen, dass die Vereine im Hinblick auf ihre Struktur bestimmten
Kriterien hinsichtlich einer formalen Organisationsstruktur genügen (demokra-
tische Entscheidungsstrukturen, Satzung, Vereinsvorstand), wurden bei der
Auswahl nur Vereine berücksichtigt, die in das Vereinsregister eingetragen
sind.
(F) Längerfristige Existenz des Vereins
Da im Zuge des Forschungsprojekts „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ die
sozialen Integrationsleistungen der Vereine im Fokus der Untersuchung stan-
den, sollten die Vereine bereits länger als fünf Jahre bestehen, um sicher-
20 Dies gilt für die Anzahl der volljährigen Mitglieder, da die empirische Erhebung nur unter den
erwachsenen Mitgliedern der Vereine durchgeführt wurde.
6.1 Anlage der empirischen Untersuchung 93
zustellen, dass sich überhaupt längerfristige Prozesse im Verein abgespielt
haben können. Somit wurden nur solche Vereine ausgewählt, die zum Erhe-
bungszeitpunkt 2003 sechs Jahre und länger bestanden und somit spätestens
1997 gegründet worden sind.
Des Weiteren wurden die Vereinsvertreter auch nach ihrem Interesse und
Ihrer Bereitschaft zur Teilnahme an der geplanten empirischen Untersuchung
gefragt (für eine Ausführliche Begründung der Auswahlkriterien vgl. Braun et
al. i. E.).
Auf der Grundlage der Vorstudie wurden letztendlich 24 lokal agierende,
formal offene Vereine mit bis zu 120 Mitgliedern und unterschiedlichen Ziel-
setzungen ausgewählt, die sich seit längerem in der Vereinslandschaft etab-
liert haben. Die ausgewählten Vereine verfolgen zu jeweils einem Drittel unter-
schiedliche Zielstellungen und verteilen sich gleichmäßig auf die Befragungs-
orte Potsdam und Münster.
Bei den acht binnenorientierten Vereinen handelt es sich um Sportvereine aus
den Bereichen Ballsport, Wassersport, Tanzsport und Segelflug.
Die mitgliederbezogenen Vereine sind in den Bereichen Musik und Kunst
sowie Stadtteilförderung und interkulturelle Begegnungen angesiedelt.
Als fremdbezogene Vereine wurden Naturschutzvereine, Vereine mit Zielen im
Bereich der Entwicklungshilfe bzw. der Kulturförderung sowie karitative
Vereine ausgewählt. Die Auswahl der Vereine wird in Abbildung 9 verdeutlicht.
Abb. 9: Auswahl der Vereine für die empirische Untersuchung
Datenbank der Vereine in Potsdam und Münster
Selektion nach Zielstellung des Vereins, Ebene der Vereinstätigkeit,
Mitgliederzahl, formalen Zugangsvoraussetzungen, Rechtsform, Alter
des Vereins, Mitgliederzahl und Beteiligungsbereitschaft
Fremdbezogenes Ziel Mitgliederbezogen es Ziel
binnenorientiert
außenorientiert
8 Sportvereine
Ballsport
Wassersport
Tanz
Segelflug
8 Kulturvereine
Gesang
Kunst
Stadtteilförderung
Interkulturelle
Begegnung
8 Vereine
Umweltschutz
Karitative Vereine
Entwicklungshilfe
Denkmalpflege
6.1 Anlage der empirischen Untersuchung 94
6.1.2 Hintergrundinformationen zu den Vereinen: Die Organisationserhebung
Als Defizit bisheriger empirischer Untersuchungen zu Bürgerkompetenzen von
Vereinsmitgliedern wurden unter anderem die fehlenden Hintergrundinforma-
tionen zu den Vereinen beklagt. Deshalb wurde im Vorfeld der schriftlichen
Mitgliederbefragung eine Organisationserhebung durchgeführt. Um an Infor-
mationen über die strukturellen Besonderheiten der Vereine zu gelangen,
wurde jeweils ein Funktionsträger jedes Vereins schriftlich befragt. Dieser
eigens konstruierte standardisierte Fragebogen erfasst in erster Linie die von
Horch (1985) als idealtypische Strukturbesonderheiten von Vereinen identi-
fizierten Aspekte:
• Freiwillige Mitgliedschaft (Fragen zur Mitgliedergewinnung und -bindung)
• Orientierung an den Interessen der Mitglieder (Fragen zu den Zielen und
Leistungen der Vereine)
• Demokratische Entscheidungsstrukturen (Fragen zur Vorstandszusammen-
setzung und Einflussmöglichkeiten der Mitglieder)
• Unabhängigkeit von Dritten (Fragen zur finanziellen Situation, zu Spon-
soring und Förderungen)
• Leistungserstellung auf der Grundlage freiwilliger Mitarbeit (Fragen zur
Mitarbeitersituation und zu hauptamtlichem Personal)
Alle an der Untersuchung teilnehmenden Vereine haben den Fragebogen
vollständig ausgefüllt zurückgesandt, so dass auf der Grundlage der schrift-
lichen Angaben der Funktionsträger für jeden Verein genaue Rückschlüsse
auf dessen strukturelle Besonderheiten gezogen werden konnten. Für die
Untersuchung der Bürgerkompetenzen sind insbesondere die in Abschnitt 5.2
genannten Hintergrundinformationen von Bedeutung. Dazu gehören die demo-
kratischen Entscheidungsstrukturen sowie die Gelegenheitsstrukturen, die
Vereine ihren Mitgliedern zur Interaktion im Rahmen formeller, offizieller Ver-
sammlungen, informeller geselliger Veranstaltungen sowie durch Möglichkei-
ten zur freiwilligen Mitarbeit eröffnen (zur Operationalisierung vgl. Abschnitt
6.2.1).
6.1.3 Erhebung der Bürgerkompetenzen: Schriftliche Mitgliederbefragung
Erhebungsverfahren
Im Rahmen einer schriftlichen Mitgliederbefragung erhielten die volljährigen
Mitglieder der 24 Vereine einen mehrseitigen, weitgehend standardisierten,
Fragebogen. Die Verteilung bzw. Versendung der Fragebögen übernahmen
die Vereine, um eine Herausgabe von Mitgliederadressen an Dritte zu vermei-
6.1 Anlage der empirischen Untersuchung 95
den. Jedem Fragebogen wurde ein frankierter Rückumschlag beigelegt, der
die völlig anonyme Rücksendung der Fragebögen ermöglichen sollte. Die
schriftliche Mitgliederbefragung fand im Zeitraum von Juli bis Oktober 2003
statt. Zwei Wochen nach Versendung der Fragebögen folgte (wiederum aus
Gründen des Datenschutzes durch die Vereine) ein Erinnerungsschreiben.
Von den 2.192 versendeten Fragebögen wurden 845 an die Universität
zurück gesandt, was einer Rücklaufquote von 39% entspricht. Nach Bereini-
gung des Datensatzes
21
blieben 827 Fragebögen übrig.
Die Daten der Fragebögen wurden per Handeingabe in eine SPSS Datenbank
überführt, um eine umfassende computergestützte statistische Analyse des
Datenmaterials zu ermöglichen.
Erhebungsinstrument
Bei der Erhebung zu „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ standen
insbesondere die binnenintegrativen Leistungen von Vereinen im Fokus der
Untersuchung. Deshalb wurden Vereinsmitglieder nach ihrem vereinspo-
litischen Interesse und Wissen, ihrer Beteiligung an Organisations- und Dis-
kussionsprozessen im Verein, ihrer sozialen Einbindung, ihrem bürgerschaft-
lichen Engagement sowie nach Mitgliedschaftsmotiven gefragt. An dieser
Stelle soll jedoch keine umfassende Darstellung des Erhebungsinstruments
erfolgen, sondern es werden nur die Teile des Fragebogens vorgestellt, auf
die für die Messung der Bürgerkompetenzen der Mitglieder zurückgegriffen
wurde (für eine ausführliche Darstellung des Messinstruments vgl. Braun et
al., i. E.).
Der Fragebogen beinhaltete zahlreiche Itembatterien über verschiedene
Kompetenzaspekte der Mitglieder unabhängig von ihrer Vereinsmitgliedschaft.
Weiterhin wurden das soziale und politische Engagement der Mitglieder
erhoben, sowie Informationen über ihre Mitgliedschaft (Mitgliedschaftsdauer,
Aktivität im Verein) abgefragt. Ein umfangreicher Komplex zur Soziodemo-
graphie schloss den Fragebogen ab.
Bei der Konstruktion des Fragebogens wurde, soweit möglich, auf bekannte
Erhebungsinstrumente aus der Vereins- und politischen Kulturforschung
zurückgegriffen. Zum Teil mussten jedoch Items angepasst, abgewandelt,
übersetzt und in Einzelfällen auch neu konstruiert werden.
21 Einige Fragebögen mussten ausgeschlossen werden, da sie zu lückenhaft ausgefüllt wurden. Zum
Teil wurden die Fragebögen auch von Minderjährigen ausgefüllt. Diese Fragebögen wurden ebenfalls
ausgeschlossen. Entweder lag hier ein Fehler bei den Vereinen vor, oder aber erwachsene Mitglieder
haben den Fragebogen an jüngere Familienangehörige bzw. Freunde zum Ausfüllen weitergereicht.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 96
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage
Ziel dieses Abschnitts ist es darzustellen, wie sich die im Idealtypus zusam-
mengefassten Kompetenzaspekte auf der Grundlage des vorhandenen Daten-
materials operationalisieren lassen, um die Bürgerkompetenzen von Vereins-
mitgliedern empirisch zu erfassen (vgl. Abschnitt 6.2.2).
Zunächst wird jedoch die Operationalisierung der Hintergrundinformationen,
die auf der Grundlage der Funktionsträgerbefragung erhoben wurden, transpa-
rent gemacht (vgl. Abschnitt 6.2.1).
6.2.1 Operationalisierung der Hintergrundinformationen zu den Vereinen
Da die Vereine bereits bei der Auswahl nach den Vereinszielen differenziert
wurden (vgl. Abschnitt 6.1.1), sind nun noch die demokratischen Entschei-
dungsstrukturen und die Interaktionsmöglichkeiten zu operationalisieren.
Für die Überprüfung der Güte der Instrumente wurden Faktorenanalysen
(Hauptkomponenten- bzw. Hauptachsenanalysen) sowie Reliabilitätstests
durchgeführt.
Demokratische Entscheidungsstrukturen
Auf Basis der Funktionsträgerangaben wurden die Vereine danach dif-
ferenziert, inwieweit sie eine offene Führungsstruktur aufweisen bzw. der Vor-
stand eher einen geschlossenen Führungszirkel bildet (vgl. Abschnitt 5.2.1).
Die Messung oligarchischer Tendenzen erfolgte in Anlehnung an die Indika-
toren, die Horch in seiner Untersuchung von Oligarchisierungsprozessen in
Vereinen herangezogen hat (Horch, 1988, 533). Es wurden vier Merkmale
ausgewählt, an denen sich offene bzw. auch geschlossene Vereinsstrukturen
manifestieren können: Gibt es bei Wahlen zum Beispiel keine Alternativ-
kandidaten und sind die Vorstandsmitglieder alle schon sehr lange im Amt,
spricht dies dafür, dass es sich um einen Verein mit relativ verfestigten Struk-
turen handelt. Haben jedoch auch relativ neue Mitglieder die Möglichkeit ein
Vorstandsamt zu besetzen und fließen Anregungen der Mitglieder in die
Vorstandsarbeit mit ein, dann spricht das für eine offene Struktur.
Die aus vier Merkmalen generierte Rohskala wurde zu einer dreistufigen Skala
zusammengefasst: Werte bis 0,5 wurden als „wenig offen“ gewertet, Werte ab
1,5 als „offen“ und die übrigen Werte wurden zu einer mittleren Kategorie
zusammengefasst.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 97
Tab. 1: Skala „Demokratische Entscheidungsstruktur“ auf Basis der Funktionsträgerbefragung22
M SD
Bitte denken Sie an die letzte Vorstandswahl: Bei wie vielen Ämtern gab es mehr
als einen Kandidaten / mehr als eine Kandidatin?
bei keinem Amt (0); bei einem Amt; bei zwei Ämtern; bei mehr als zwei Ämtern (4)
,51 1,07
Anteil der Vorstandsmitglieder, die weniger als drei Jahre ihr Amt innehaben.
Keiner (0) bis alle (4)
1,46 1,39
Anteil der Vorstandsmitglieder, die weniger als drei Jahre Vereinsmitglied sind.
Keiner (0) bis alle (4)
,23 ,54
In freiwilligen Vereinigungen können Anregungen bzw. Veränderungsvorschläge
von ganz unterschiedlichen Personen und Gruppen kommen, z.B. vom Vorsitzen-
den, vom Geschäftsführer, anderen Vorstandsmitgliedern oder von Mitgliedern, die
nicht dem Vorstand angehören. Wie ist das in Ihrer Organisation? Bitte kreuzen Sie
an, wie häufig Anregungen von folgenden Mitgliedergruppen kommen.
andere Mitglieder: nie (0), selten , gelegentlich , häufig, sehr häufig (4)
1,78 ,67
Rohskala: N=22, Min.= 0, Max. = 2,75, M= 0,999, SD=0,660
Operationalisierung der Interaktionsmöglichkeiten
Bei der Analyse der Interaktionsmöglichkeiten für die Mitglieder wurden drei
Aspekte berücksichtigt: Die Möglichkeiten zum formellen Austausch auf Mit-
gliederversammlungen, zum informellen Austausch im Rahmen von geselligen
Veranstaltungen und zur Übernahme von Ämtern im Rahmen eines freiwilligen
Engagements.
Zur Konstruktion der Skala wurde (A) die Häufigkeit von Mitgliederversamm-
lungen herangezogen, wobei häufige Mitgliederversammlungen als gute for-
male Gelegenheitsstrukturen gewertet wurden. Es wurde eine sechsstufige
Skala erstellt, bei der 1 für „Mitgliederversammlungen alle 2 Jahre“ steht und
somit für geringe Möglichkeiten zum formellen Austausch unter den Mit-
gliedern und 6 für „monatliche Mitgliederversammlung“ und häufige Möglich-
keiten zum Austausch.
Darüber hinaus wurde (B) das Vorhandensein von Strukturen für Vereinsge-
selligkeit abgefragt, wie Räumlichkeiten für Veranstaltungen, Organisatoren für
Veranstaltungen, Reisen für Mitglieder, finanzielle Zuschüsse für gesellige
Veranstaltungen, technische Ausstattung für gesellige Veranstaltungen. Auch
hier wurde durch Vergabe von Punkten eine sechsstufige Skala erstellt.
Zuletzt wurden (C) die organisationalen Gelegenheitsstrukturen für freiwilliges
Engagement erhoben. Um dies zu quantifizieren wurde auf der Basis der
Funktionsträgerangaben die Anzahl der im Verein zur Verfügung stehenden
22 Alle Skalen wurden auf Werte zwischen 0 und 4 relativiert (nach Brosius, 2002, 763).
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 98
Ämter erhoben und auf die Anzahl der Mitglieder umgerechnet. Je mehr
Möglichkeiten Vereine ihren Mitgliedern zum Engagement im Rahmen von
Ämtern bieten, desto mehr Mitgliedern eröffnen sich Interaktionsmöglichkeiten
im Rahmen von freiwilligen Tätigkeiten.
23
Hierbei gehen Vereine, in denen
lediglich ein Amt auf 20 und mehr Mitglieder zu vergeben ist, mit dem Wert 1
in die Skala ein und Vereine, in denen ein Amt auf vier und weniger Mitglieder
kommt, mit dem Wert 6.
Diese drei sechsstufigen Skalen wurden zu einer Gesamtskala für Gelegen-
heitsstrukturen zur Interaktion zusammengefasst.
24
Skalenwerte von 1,3 bis
2,5 werden als schlechte Gelegenheitsstrukturen gewertet. Skalenwerte von
2,6 bis 3,0 als mittlere, Werte von 3,1-3,9 als gute und Skalenwerte von 4,0 bis
4,3 als sehr gute Gelegenheitsstrukturen.
Tab. 2: Operationalisierung der Interaktionsmöglichkeiten für die Mitglieder
M SD
formale Gelegenheitsstrukturen:
„Wie häufig findet in der Regel die Mitgliederversammlung in Ihrer Organisation
statt?“ Daraus sechsstufige Skala zur Häufigkeit von Mitgliederversammlungen (1=
alle zwei Jahre, 6=monatlich) gebildet.
2,63 1,31
Geselligkeitsstrukturen:
Freiwillige Vereinigungen gelten auch als Orte von geselligem Miteinander und
Zusammensein. Wie ist das in Ihrer Organisation?
- Wir besitzen eigene Räumlichkeiten für gesellige Veranstaltungen.
- Für gesellige Veranstaltungen werden Räumlichkeiten angemietet.
- Es gibt ein Stammlokal, in dem sich die Mitglieder regelmäßig treffen können.
- Für die Organisation geselliger Veranstaltungen ist ein spezielles Gremium bzw.
eine bestimmte Person zuständig.
- Wir organisieren für unsere Mitglieder Reisen.
- Wir stellen für Reisen Gelder zur Verfügung
- Wir besitzen technische Geräte für Vorträge und sonstige Veranstaltungen.
- Für Feste gibt es Zuschüsse von der Organisation.
- Sonstiges: (Eintragen)
Für jede zutreffende Antwort wurde 1 Punkt vergeben. Daraus konnte wiederum eine
sechsstufige Skala zu den Gelegenheitsstrukturen zum informellen Austausch von 1
„sehr schlecht“ bis 6“sehr gut“ erstellt werden.
3,67 1,27
23 Auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden Daten konnte nur die Anzahl der formalen Ämter
in Relation zur Mitgliederzahl berechnet werden. Genaue Angaben über die Möglichkeiten zum
informellen freiwilligen Engagement lagen nicht vor.
24 Das Minimum dieser Rohskala lag bei 1,33, das Maximum bei 4,33 Punkten.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 99
Fortsetzung Tab. 2: Operationalisierung der Interaktionsmöglichkeiten für die Mitglieder
M SD
Gelegenheitsstrukturen für die Übernahme von Ehrenämtern:
„Bitte tragen sie hier alle Vorstandsämter, Ämter in weiteren Gremien und andere
Positionen, die ehrenamtlich von Mitgliedern in ihrem Verein übernommen werden
ein.“
Daraus Berechnung der Anzahl von Mitgliedern, die auf jedes zu vergebende Amt
kommen. Aufteilung in sechs gleichgroße Gruppen, um zu einer sechsstufigen Skala
zur Anzahl von Ämtern pro Mitglied von 1 „ein Amt auf 20 und mehr Mitglieder“ bis 6
„ein Amt auf 4 und weniger Mitglieder“ zu gelangen.
3,50 1,75
Rohskala: N=24, Min 1,33, Max=4,33, M= 3,22, SD=0,733
6.2.2 Operationalisierung der Kompetenzaspekte des „Idealtypus demokra-
tischer Bürger“
Im Folgenden soll die Operationalisierung der einzelnen Aspekte von
Bürgerkompetenzen erfolgen, die im „Idealtypus demokratischer Bürger“
zusammengefasst sind (vgl. Abschnitt 4.4, Abb.8). Um noch einmal die im
Idealtypus zusammengefassten Aspekte ins Gedächtnis zu rufen, wird an
dieser Stelle Abbildung 8 erneut wiedergegeben.
Abb. 8: Bürgerkompetenzen eines „Idealtypus demokratischer Bürger“
Handlungskompetenzen Handlungsdispositionen Partizipation
politisch
D
Sachkompetenz:
kognitive Kompetenzen
• politisches Fachwissen
E
Selbstkompetenz
habituelle Dispositionen
• Demokratie als Wert
(politische Tugend)
F
politische Partizipation
z. B. Mitarbeit in
Bürgerinitiativen,
Parteien
Bürgerkompetenzen
allgemein
A
Methodenkompetenz
• Organisationsfähigkeit
Sozialkompetenz
• Diskursive Fähigkeiten
B
Gemeinwohlorientierte
Persönlichkeitseigenschaften
• Vertrauen
• Hilfsbereitschaft
• Solidarität
C
soziale Aktivität
z. B. aktive
Mitgliedschaft in
zivilgesellschaftlichen
Organisationen;
freiwilliges
Engagement
Im Folgenden wird zunächst die Rohskala vorgestellt, wie sie in die Cluster-
analyse zur Typenbildung einbezogen wurde. Darüber hinaus wurden diese
Rohskalen jeweils zu einer dreistufigen Skala zusammengefasst, um in Kapitel
7 die Ausprägung der Bürgerkompetenzen in den einzelnen Bürgertypen auch
in übersichtlichen Prozentwerten darstellen zu können.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 100
(A) Allgemeine Handlungskompetenzen
Zu den allgemeinen Handlungskompetenzen zählen Methoden- und Sozial-
kompetenzen, die dem Individuum das Handeln in gesellschaftlichen und
darüber hinaus auch in politischen Kontexten ermöglichen (vgl. Kapitel 4).
Bürger sollten Vorhaben planen, mit Anderen kooperieren und gemeinsame
Vorhaben verwirklichen können. Dafür werden neben organisatorischen Fähig-
keiten auch Argumentations-, Diskussions- und Konfliktfähigkeiten benötigt.
Neun Items aus der Befragung „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ (vgl.
Abschnitt 6.1.), die von „trifft überhaupt nicht zu“ (1) bis „triff voll und ganz zu“
(4) bewertet werden konnten, erfassen die oben genannten Kompetenz-
aspekte. Die Formulierung der Items erfolgte in Anlehnung an Vortkamp
(2003), ZUMA (2002) und Erlach (o. J.). Die folgende Tabelle veranschaulicht
die Items, die auf der Grundlage einer Faktorenanalyse (Hauptachsenanalyse)
zur Skala „Allgemeine Handlungskompetenz“ zusammengefasst wurden.
Tab. 3: Skala zur allgemeinen Handlungskompetenz der Mitglieder
M
SD
Antwortmöglichkeiten bei allen Items von „trifft überhaupt nicht zu“ (1) bis „trifft voll
und ganz zu“ (4)
Ich organisiere gerne Aktivitäten im Freundes oder Bekanntenkreis 2,49
1,082
Organisatorische Aufgaben liegen mir nicht (rekodiert)25 3,25
,951
Es fällt mir im Allgemeinen schwer, vor einer großen Gruppe zu sprechen (rekodiert) 2,94
1,063
Ich kann meine Meinung auch schriftlich gut in Worte fassen 3,15
,933
Ich halte Konflikte für konstruktiv und gewinnbringend 2,83
,911
Es fällt mir leicht, in meinem Freundeskreis eine Meinung zu vertreten, die nicht der
Meinung der Mehrheit entspricht 3,17
,876
Ich schließe mich meistens der Meinung der Mehrheit an (rekodiert) 3,32
,775
Ich finde bei Problemen und Widerständen in der Regel Mittel und Wege mich
durchzusetzen 2,80
,781
Mir gelingt es häufiger, andere von meiner Meinung zu überzeugen 2,20
,778
Rohskala: N=803, Min 1,4, Max=4, M= 2,91, SD=0,475, Cronbachs alpha: .66
26
25 Negativ formulierte Items werden für die Verwendung in der Skala umkodiert. Mittelwerte und
Standardabweichungen beziehen sich auf die umkodierten Items.
26 Bei Cronbachs alpha handelt es sich um einen Koeffizienten, der die interne Konsistenz von Multi-
Item-Skalen bestimmt. Er gilt als Standardmethode zur Reliabilitätsbestimmung bei der Skalenbildung.
Im Allgemeinen wird in der Literatur angegeben, dass ein Cronbachs alpha von >=.6 als
befriedigendes Ergebnis gilt und ein Wert von >=.70 als guter Wert. Ein Problem von Cronbachs alpha
ist, dass er mit der Anzahl der in der Skala verwendeten Items steigt. Für Skalen, die nur aus 2 Items
bestehen, ist es deshalb schwierig ein „befriedigendes“ alpha zu erreichen (vgl. Brosius, 2002;
Rammstedt, 2004).
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 101
Um die prozentuale Verteilung der allgemeinen Handlungskompetenzen in
den einzelnen Bürgertypen deutlich machen zu können, wurde eine dreistufige
Skala erstellt. Werte zwischen 1 und 2,4 wurden als geringe Ausprägung von
Handlungskompetenzen gewertet. Hoch ausgeprägt sind die Handlungskom-
petenzen von Mitgliedern mit Werten zwischen 3,1 und 4. Werte zwischen 2,5
und 3 bilden eine mittlere Kategorie.
(B) Allgemeine Handlungsdispositionen
Auf der Grundlage der theoretischen Überlegungen in Kapitel 4 wurden für die
empirische Analyse der allgemeinen Wertorientierungen die Indikatoren Ver-
trauen, Solidarität und Hilfsbereitschaft verwendet.
Das generalisierte Vertrauen wurde im Rahmen des Forschungsprojekts zu
„Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ (vgl. Abschnitt 6.1) mit Hilfe von drei
Items auf einer elfstufigen Skala von 0 bis 10 erhoben, bei denen nur die Pole
mit einer Aussage gekennzeichnet waren (vgl. Tab. 4). Die Formulierung der
Items erfolgte in Anlehnung an den Wohlfahrtssurvey (vgl. ZUMA, 1998). Die
drei Items wurden auf Grundlage einer Faktorenanalyse mit Varimax-Rotation
zu einer Skala zusammengefasst und mit einer Reliabilitätsanalyse abge-
sichert.
Tab. 4: Skala zum Vertrauen in andere Menschen
M
SD
Würden Sie sagen, dass man den meisten Menschen vertrauen kann, oder sollte
man lieber vorsichtig sein mit anderen? Antwortmöglichkeiten: „Man kann den
meisten Menschen vertrauen“ (10) bis „Man sollte lieber vorsichtig sein mit anderen“
(0).
5,12
2,16
Würden Sie sagen, dass die Leute die meiste Zeit hilfsbereit sind (10) oder nur ihre
eigenen Interessen verfolgen (0)? 6,00
2,21
Glauben Sie, dass die die meisten Leute Sie ausnützen würden, falls sie eine
Möglichkeit dazu hätten (0), oder versuchen würden, Ihnen gegenüber fair zu sein
(10)?
5,18
2,32
Rohskala: N=815, Min 0, Max=10, M= 5,44, SD=1,82, Cronbachs alpha: .75
Auch hier wurde wieder eine dreistufige Skala erstellt, um die Ausprägung des
Vertrauens in den einzelnen Bürgertypen zu verdeutlichen. Werte zwischen 0
und 3.3 wurden zu „geringem Vertrauen“ zusammengefasst, 3.4 bis 6,6 bildet
mittleres Vertrauen ab und Mitglieder mit Werten zwischen 6,7 und 10
zeichnen sich durch ein hohes allgemeines Vertrauen aus.
Um die Indikatoren Hilfsbereitschaft und Solidarität bei der empirischen
Analyse berücksichtigen zu können, sollen zwei Items (vgl. Vester et al., 2001)
aus der Erhebung „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ verwendet werden.
Diese Items sollten auf einer vierstufigen Skala von „trifft überhaupt nicht zu“
bis zu „trifft voll und ganz zu“ beantwortet werden (vgl. Tab. 5 und 6).
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 102
Die Variablen zur allgemeinen Hilfsbereitschaft und Solidarität der Vereins-
mitglieder konnten auf der Grundlage einer Faktorenanalyse einer gemein-
samen Hintergrundvariablen zugeordnet werden, deren schlechte Reliabilitäts-
analyse jedoch keine Zusammenfassung in einer Skala erlaubt. Aus diesem
Grund gehen Solidarität und Hilfsbereitschaft mit je einem Item getrennt in die
Clusteranalyse ein.
Tab. 5.: Item zur allgemeinen Hilfsbereitschaft der Mitglieder
M
SD
Ich helfe einem Freund auch dann, wenn ich dadurch Unannehmlichkeiten bekomme. 3,01
,82
Tab. 6.: Item zur Solidarität der Mitglieder mit anderen Menschen
M
SD
Ich bin jederzeit bereit mich für andere einzusetzen, wenn mich das Anliegen überzeugt. 3,40
,76
Um auch Hilfsbereitschaft und Solidarität in einer dreistufigen Skala darstellen
zu können, wurden die Werte 1 und 2 zur Kategorie „geringe Hilfsbereitschaft
bzw. Solidarität“ zusammengefasst.
(C) Gesellschaftliche Partizipation
Bestandteil allgemeiner gesellschaftlicher Partizipation ist die aktive Mitglied-
schaft in Vereinen und das freiwillige Engagement von Bürgerinnen und
Bürgern in Vereinen (vgl. Abschnitt 4.4.1).
Um die gesellschaftliche Partizipation empirisch zu erfassen, wird zum einen
die aktive Mitgliedschaft, zum anderen das freiwillige Engagement in dem
Verein, in dem die Befragung durchgeführt wurde, einbezogen. Darüber
hinaus sollen (aktive) Mitgliedschaften in anderen Vereinen bei der Analyse
berücksichtigt werden
27
Die Skala zur allgemeinen Aktivität im Verein setzt sich aus zwei Fragen
zusammen, die wie in Tab. 7 dargestellt zusammengefasst wurden.
27
Es muss nicht zwangsläufig ein Unterschied zwischen aktiver Mitgliedschaft und freiwilligem
Engagement bestehen, denn in karitativen Vereinen kann eine aktive Mitgliedschaft mit freiwilligem
Engagement gleichgesetzt werden. Allerdings kann beispielsweise in Sportvereinen eine aktive
Mitgliedschaft bestehen (also rege Teilnahme am Angebot des Vereins) ohne dass das Mitglied auch
freiwillig engagiert ist. Aus diesem Grund wird zwischen aktiver Mitgliedschaft und freiwilligem
Engagement unterschieden (vgl. auch Abschnitt 5.1.2 und Gensicke et al., 2005).
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 103
Tab. 7: Skala zur Aktivität im Verein
M SD
Würden Sie sich eher als „passives“ oder „aktives“ Mitglied bezeichnen? (von 0 =
passiv bis 10 = aktiv). 5,10 3,19
„Wie viel Zeit verbringen sie insgesamt in Ihrem und für ihren Verein?“28 5,93 3,25
Skala: N = 753, M = 5,52, SD = 2,91, Min = 0, Max = 10; Cronbachs α = .77
Auch hier wurde eine dreistufige Skala gebildet. Bei Mitgliedern mit Werten
zwischen 0 und 3,3 handelt es sich eher um passive Mitglieder. Mitglieder mit
Werten zwischen 3,4 und 6,6 zeichnen sich durch eine mittlere Vereinsaktivität
aus und Mitglieder mit Mittelwerten zwischen 6,7 und 10 sind in ihrem Verein
sehr aktiv.
Inwiefern sich die Mitglieder in ihrem Verein freiwillig engagieren, wurde wie in
Tab. 8 dargestellt erhoben.
Tab. 8: Skala zum freiwilligen Engagement im Verein.
M SD
„Wir interessieren uns dafür, ob Sie sich in Ihrem oder für Ihren Verein freiwillig
engagieren. Gemeint sind freiwillig übernommene Tätigkeiten, die man unbezahlt
oder gegen geringe Aufwandsentschädigung ausübt, z.B. Mitarbeit bei Veranstal-
tungen, Öffentlichkeitsarbeit oder die Übernahme von Ämtern. Üben Sie in diesem
Sinne gegenwärtig eine oder mehrere der folgenden Tätigkeiten in Ihrem oder für
Ihren Verein aus?“29
„Wie viel Zeit widmen Sie monatlich Ihrem freiwilligen Engagement in Ihrem oder für
Ihren Verein? Schätzen sie ggf. bitte.“
Daraus wurde eine Skala entwickelt: fe4_4g: 0=kein freiwilliges Engagement,
1=Engagement bis zu einer Stunde pro Woche, 2= Engagement bis zu 2,5 Stunden
pro Woche, 3=Engagement bis zu 5 Stunden pro Woche, 4=Engagement über 5
Stunden/Woche
1,36 1,299
Die ursprünglich fünfstufige Skala wurde so zusammengefasst, dass Engage-
ment bis zu 2,5 Stunden in der Woche als mittleres Engagement gewertet
wurde und Engagement über 2,5 Stunden als hohes Engagement. Die Nicht-
Engagierten bilden auch in der dreistufigen Skala eine eigene Gruppe.
28 Auf der Grundlage der angegeben Stundenzahl wurde eine elfstufige Skala nach Perzentilen
erstellt: 0=0 Stunden, 1= bis zu 1,7 Stunden, 2=bis zu 3 Stunden, 3= bis zu 5 Stunden, 4= bis zu 9
Stunden, 5= bis zu 10 Stunden, 6= bis zu 14 Stunden, 7= bis zu 18 Stunden, 8= bis zu 24 Stunden, 9=
bis zu 36 Stunden, 10= 37 Stunden und mehr.
29 Als Antwortmöglichkeiten stand eine umfangreiche Liste mit unterschiedlichen Tätigkeiten zur
Auswahl (vgl. BMFSFJ, 2000): Geld sammeln/ Mittelbeschaffung (Fundraising), Arbeit im Vorstand,
Büro- und Verwaltungsarbeit, Beratung, Öffentlichkeitsarbeit, Lehren und Ausbilden, pädagogische
Betreuung oder Anleitung einer Gruppe, Transport-/ Fahrleistungen, Wartung oder Pflege von
Anlagen/ Einrichtungen, Betreuung und Pflege von Personen, Unterstützung bei Vereins-
veranstaltungen, Organisation und Durchführung von Treffen oder Veranstaltungen, Interessen-
vertretung und Mitsprache, Sonstiges (mit Möglichkeit zur Präzisierung) und als Filterfrage am Ende
konnte angegeben werden: „Ich bin in meinem Verein nicht freiwillig engagiert“.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 104
Die Skala zur allgemeinen gesellschaftlichen Aktivität in anderen Vereinen
wurde ebenfalls über zwei Fragen erhoben, die zu einer Skala zusammen-
gefasst wurden (vgl. Tab. 9).
Tab. 9: Skala zur Aktivität in anderen Vereinen
M SD
Neben der Mitgliedschaft in dem Verein, um den es in dieser Befragung geht:
Beteiligen Sie sich derzeit auch aktiv in einer oder mehreren anderen freiwilligen
Vereinigungen, d.h. Vereinen, Initiativen oder anderen Zusammenschlüssen? Bitte
kreuzen Sie an, an welchen der genannten Bereiche Sie sich aktiv beteiligen.
Antwortmöglichkeiten: Sport und Bewegung, Kultur und Musik, Freizeit und
Geselligkeit, Umwelt, Soziales und Gesundheit, Politik, Religion, Berufsvereinigung,
Ich beteilige mich in keiner Vereinigung aktiv.
Daraus wurde die Skala "Aktivität in anderen Vereinen" entwickelt: 0= keine weiteren
Mitgliedschaften, 1= weitere Mitgliedschaften ohne Aktivität, 2= weitere aktive
Mitgliedschaften in einem der oben genannten Bereiche, 3= weitere aktive Mitglied-
schaften in mehreren der oben genannten Bereiche
1,25 1,11
Um auch diese Skala zur besseren Vergleichbarkeit der Bürgerkompetenzen
in den einzelnen Bürgertypen dreistufig darstellen zu können, wurden die
Kategorien 0 und 1 zusammengefasst und stehen nun für „keine weitere
Vereinsaktivität“.
(D) Politische Kompetenzen
Bestandteil politischer Bürgerkompetenzen ist das Wissen über politische
Vorgänge und Inhalte. Dieses wurde in der schriftlichen Mitgliederbefragung
über die subjektive Selbsteinschätzung des eigenen politischen Wissens in
Anlehnung an Erlach (o. J.) und Verba et al. (2002) erfasst. Die Items konnten
wieder von trifft überhaupt nicht zu“ (1) bis „trifft voll und ganz zu“ (4)
beantwortet werden.
Tab. 10: Skala Politisches Wissen
M SD
Ich habe einen ziemlich guten Einblick in die wichtigsten Probleme, denen die
Bundesrepublik gegenübersteht. 2,68 ,890
Die meisten Leute sind besser über Politik informiert als ich (rekodiert). 2,03 ,883
Rohskala: N=818, Min= 1,00, Max=4,00, M=2,82, SD=.75, Cronbachs alpha=.61
Die zwei Variablen wurden zu einer Skala „politisches Wissen“ zusammen-
gefasst. Werte zwischen 1 und 2,4 gelten als eine geringe Ausprägung von
Sachkompetenz. Werte zwischen 2,5 und 3 gelten als mittleres politisches
Wissen und Werte zwischen 3,1 und 4 als hoch ausgeprägtes politisches
Wissen.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 105
(E) Politische Wertorientierungen
Im Rahmen der Untersuchung zu „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ wurde
das politische Interesse der Mitglieder erhoben. Dieses soll in dieser Unter-
suchung als Indikator für eine positive Einstellung gegenüber politischen Pro-
zessen verwendet werden. Die Operationalisierung erfolgte in Anlehnung an
die allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS, vgl.
ZUMA, 2002) sowie in Eigenkonstruktion.
Auf der Grundlage einer Faktorenanalyse (Hauptkomponentenanalyse mit
Varimax Rotation) wurden drei Items (vgl. Tab. 11) zu einer Skala „politisches
Interesse“ und zwei Items zu einer Skala „Politikverdrossenheit“ (vgl. Tab. 12)
zusammengefasst.
Tab. 11.: Skala zum politischen Interesse
M SD
Wie sehr interessieren Sie sich – ganz allgemein gesprochen – für Politik?
Antwortmöglichkeiten von „gar nicht“ (1) bis „sehr stark“ (4)
3,10 ,81
Für mich gibt es wichtigere Dinge, als mich um Politik zu kümmern (rekodiert). 2,92 1,20
Politik langweilt mich (rekodiert) 1 „Trifft voll und ganz zu“ bis 4 „trifft überhaupt nicht
zu“ 3,25 ,93
Rohskala: N=666, Min= 1, Max= 4, M=3,07 SD=,77, cronbachs alpha=.72
Die positive Einstellung gegenüber der Politik über die beiden Items zur
Politikverdrossenheit wurden in Anlehnung an Vester (vgl. Vester et al., 2001)
abgefragt. Auch hier konnte wieder von trifft überhaupt nicht zu (1) bis trifft voll
und ganz zu (4) abgestuft werden.
Tab. 12.: Skala zur Politikverdrossenheit
M SD
Politiker können versprechen was sie wollen, ich glaube ihnen nicht. 2,96 ,91
Es ist egal, welche Partei man wählt, ändern wird sich doch nichts. 2,45 1,13
Rohskala: N=810, Min= 1, Max= 4, M=2,71, SD=,87, cronbachs alpha=.60
Für die Erstellung der dreistufigen Skalen stehen Skalenwerte von 1 bis 2,4 für
ein geringes politisches Interesse bzw. geringe Politikverdrossenheit und
Mitglieder mit Werten zwischen 3,1 und 4,0 zeichnen sich durch ein hohes
politisches Interesse bzw. hohe Politikverdrossenheit aus.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 106
(F) Politische Partizipation
Die Skala zur politischen Partizipation wurde aus der Standardfrage zur
Wahlbeteiligung (vgl. Brady et al., 1995) und dichotomen Items zur Beteiligung
an politischen Protestformen generiert. Für die Erstellung der Gesamtskala
„politische Partizipation“ wurden die Antworten zur Wahlbeteiligung ebenfalls
dichotomisiert, indem die Antworten „habe an den meisten Wahlen
teilgenommen“ bzw. „habe bei allen Wahlen gewählt“ zusammengefasst
wurden. Auch die Beteiligung „bei gar keiner“ und „bei sehr wenigen“ Wahlen
wurde zusammengefasst. Für die Beteiligung an politischen Protestformen
wurden Punkte vergeben (vgl. Tab. 13). Insgesamt konnten 10 Punkte erreicht
werden.
Tab. 13.: Skala zur politischen Partizipation
Wenn Sie an die Bundestags- und Landtagswahlen seit der Wiederver-
einigung 1990 denken, haben Sie dann bei allen gewählt, bei den
meisten, bei sehr wenigen oder bei gar keiner? (vgl. Verba et al., 1995)
gar keiner
/sehr
wenigen
(0 Punkte)
den
meisten/
allen
(1 Punkt)
Wenn Sie politisch in einer Sache Einfluss nehmen wollten, welche der
folgenden Möglichkeiten haben Sie bisher genutzt? nein ja
meine Meinung offensiv vertreten (z.B. im Bekanntenkreis und am
Arbeitsplatz) 0 Punkte 1 Punkt
Teilnahme an öffentlichen Diskussionen (z.B. auf Versammlungen)
(doppelt gewichtet nach Expertenrating) 0 Punkte 2 Punkte
Mitarbeit in einer Partei bzw. Bürgerinitiative (dreifach gewichtet nach
Expertenrating) 0 Punkte 3 Punkte
Beteiligung an Demonstrationen bzw. Unterschriftensammlungen (doppelt
gewichtet nach Expertenrating) 0 Punkte 2 Punkte
Beteiligung an Diskussionsforen im Internet, Schreiben von Leserbriefen 0 Punkte 1 Punkt
Skala: N = 816, M = 4.00, SD = 2.45, Min = 0.0, Max = 10.0
Für die Erstellung der dreistufigen Skala wurde die Rohskala zusammen-
gefasst: Bei 0-2 Punkten partizipieren die Mitglieder nur wenig an politischen
Abläufen, bei 3-5 Punkten weist das Mitglied eine mittlere politische
Beteiligung auf und bei 6-10 Punkten wurde die politische Partizipation als
hoch ausgeprägt gewertet.
6.2.3 Operationalisierung soziodemographischer Merkmale
Um die verschiedenen Bürgertypen auf soziodemographische Besonderheiten
untersuchen zu können, werden auch einige soziodemographische Merkmale
berücksichtigt.
So wird nicht nur zwischen den Befragungsorten Münster und Potsdam
differenziert, sondern es werden auch Männer und Frauen gegenübergestellt.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 107
Darüber hinaus werden drei Altersgruppen unterschieden: 18 bis 40-jährige,
41 bis 60-jährige und 60 bis 87-jährige Mitglieder
30
.
Der Bildungsstand wurde mit der Frage: „Welchen höchsten berufsqualifi-
zierenden Abschluss haben Sie?“ in Anlehnung an Baur und Braun (2003)
abgefragt. Einen Überblick über die verschiedenen Antwortmöglichkeiten gibt
Tabelle 14. Die Antworten wurden zu fünf Gruppen zusammengefasst.
Tab. 14: Skala zum höchsten erreichten Bildungsabschluss.
„Welchen höchsten berufsqualifizierenden Abschluss haben Sie?“
Keinen Abschluss/
Hauptschule
Keinen Schulabschluss,
Hauptschulabschluss/ Polytechnische Oberschule 8. bzw. 9. Klasse ohne
berufliche Ausbildung,
Hauptschulabschluss/ Polytechnischen Oberschule 8. bzw. 9. Klasse und
berufliche Ausbildung
Mittlere Reife Mittlere Reife/ Polytechnische Oberschule 10 Klasse ohne berufliche
Ausbildung,
Mittlere Reife/ Polytechnische Oberschule und berufliche Ausbildung
Abitur Abitur/ Fachhochschulreife ohne berufliche Ausbildung, Abitur/ Fachhoch-
schulreife mit berufliche Ausbildung
FH Fachhochschulabschluss,
Universität Universitätsabschluss
Neben dem Bildungsabschluss hat auch das Berufsprestige einen Einfluss auf
das gesellschaftliche Ansehen einer Person. Daher wird auch der berufliche
Status der Mitglieder berücksichtigt. Dieser wurde in Anlehnung an Hoffmeyer-
Zlotnik (1998) durch die Abfrage der beruflichen Stellung erhoben, wodurch
die berufliche Handlungsautonomie der Mitglieder bestimmt werden konnte.
Einen Überblick über die Frage zur beruflichen Stellung gibt Tab. 15.
Tab. 15: Frage zur beruflichen Stellung (nach Hoffmeyer-Zlotnik, 1998).
In welcher beruflichen Stellung sind Sie tätig? Falls Sie nicht mehr berufstätig sind, geben Sie bitte
Ihre letzte berufliche Stellung an.
• Landwirt/in
• Mithelfende/r Familienangehörige/r
Akademiker/in in freiem Beruf (z.B. Arzt, Anwalt)
• allein oder mit einem Mitarbeiter
• mit 2-9 Mitarbeitern
• mit 10 oder mehr Mitarbeitern
30 Das Alter der Mitglieder wurde über das Geburtsjahr der Mitglieder erhoben und dann in eine Skala
zusammengefasst.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 108
Fortsetzung Tab. 15: Frage zur beruflichen Stellung (nach Hoffmeyer-Zlotnik, 1998).
In welcher beruflichen Stellung sind Sie tätig? Falls Sie nicht mehr berufstätig sind, geben Sie bitte
Ihre letzte berufliche Stellung an.
Selbstständige/r in Handel, Gewerbe, Handwerk, Industrie, Dienstleistungen usw.
• Industrie- und Werkmeister/in im Angestelltenverhältnis
• allein oder mit einem Mitarbeiter
• mit 2-9 Mitarbeitern
• mit 10 oder mehr Mitarbeitern
Beamter/in, Berufssoldat/in
• im einfachen Dienst
• im mittleren Dienst
• im gehobenen Dienst
• im höheren Dienst
Angestellte/r
• mit einfacher Tätigkeit, die nach Anweisung erledigt wird (z.B. Verkäufer/in,
Stenotypist/in)
• mit schwierigen Aufgaben, die nach allgemeiner Anweisung selbstständig erledigt werden
(z.B. Sachbearbeiter/in, Buchhalter/in, technische/r Zeichner/in)
• mit selbstständiger Leistung in verantwortlicher Tätigkeit oder mit begrenzter Verantwortung
für die Tätigkeit anderer (z.B. wiss. Mitarbeiter/in, Prokurist/in, Abteilungsleiter/in)
• mit umfassenden Führungsaufgaben (z.B. Direktor/in, Geschäftsführer/in)
Arbeiter/in
• ungelernt/ angelernt
• Facharbeiter/in
• Vorarbeiter/in, Kolonnenführer/in,
• Meister/in, Polier/in
• Ich war (noch) nicht berufstätig
Einen Überblick über die Transformation von beruflicher Stellung in die
zunächst fünfstufige Skala „Berufsautonomie“ liefert Tab. 16.
6.2 Operationalisierung der Forschungsfrage 109
Tab. 16: Transformation der beruflichen Stellung in die Skala „Berufsautonomie“ (nach Hoffmeyer-
Zlotnik, 1998).
„In welcher beruflichen Stellung waren bzw. sind Sie tätig?“31
Selbständige Beamte Angestellte Arbeiter
sehr niedrig Un- und angelernte
Arbeiter
niedrig Landwirte Einfacher Dienst Einfache Tätigkeit
wird nach
Anweisung erledigt
Facharbeiter
mittel Mit einem
Mitarbeiter mittlerer Dienst Tätigkeit wird nach
Anweisung
selbständig erledigt
Vorarbeiter,
Kolonnenführer
hoch Mit 2-9 Mitarbeitern
Gehobener Dienst Mit selbständiger
Leitung in
verantwortlicher
Tätigkeit;
Industrie- und
Werkmeister
Meister, Poliere
sehr hoch Mit mehr als 10
Mitarbeitern Höherer Dienst Mit umfassenden
Führungsaufgaben
Aufgrund der geringen Fallzahl in der Ausprägung „sehr geringe Berufs-
autonomie“ (N=5) wurde die ursprünglich fünfstufige Skala zu einer vier-
stufigen Skala zusammengefasst. Die endgültige Skala zur beruflichen
Autonomie lautet somit niedrig (1; N = 46), mittel (2; N = 215), hoch (3; N
=254) und sehr hoch (4; N = 82).
Darüber hinaus wurde das Haushaltsnettoeinkommen auf einer 15-stufigen
Einkommensskala sowie die Haushaltskonstellation abgefragt, um auf dieser
Grundlage das Äquivalenzeinkommen berechnen zu können (zur Abfrage des
Haushaltsnettoeinkommens vgl. Tab. 17). Hierbei wird das zur Verfügung
stehende Einkommen auf die Haushaltsmitglieder umgerechnet. Eine er-
wachsene Person pro Haushalt wird mit dem Faktor 1 gewichtet, jede weitere
Person im Haushalt ab 14 Jahren wird mit dem Faktor 0,5 gewichtet, und
jedes Kind unter 14 Jahren mit dem Faktor 0,3. Ausgehend von dem mittleren
Wert der jeweiligen Einkommensklasse wurde dieser durch die Summe der
jeweiligen Gewichtung der Haushaltsmitglieder geteilt. Eine Familie bestehend
aus beiden Elternteilen und einem Kleinkind mit einem Haushaltsnetto-
einkommen von 1600 Euro hätte sich also in der Stufe 5 der Einkommens-
skala eingruppiert. Zur Berechnung des Äquivalenzeinkommens wird der
mittlere Wert zwischen 1500 und 1750 herangezogen, in diesem Fall 1625
31 Mithelfende Familienangehörige wurden der Kategorie mittlere berufliche Autonomie zugerechnet.
6.3 Auswertungsverfahren 110
Euro.
32
Dieser Wert wird durch die Summe aus 1 (für den ersten
Erwachsenen), 0,5 (für den zweiten Erwachsenen) und 0,3 für das Kind
(insgesamt also durch 1,8) geteilt. Dies ergibt für diese Familie ein
Äquivalenzeinkommen von 902,77 Euro.
Das Äquivalenzeinkommen wurde zu einer vierstufigen Skala zusammen-
gefasst. Einkommen unter 955€ werden als niedriges Einkommen gewertet,
Einkommen bis 1303€ als mittleres, bis 1757 als hohes und alle darüber
liegenden Äquivalenzeinkommen werden als hohes Einkommen gewertet. Die
Beispielfamilie gehört somit zur Gruppe mit einem geringen Einkommen.
Tab. 17: Abfrage des Haushaltsnettoeinkommens.
Bitte geben Sie die Summe an, die nach Abzug der Steuern und Sozialversicherungsbeiträge
verbleibt. Auch Renten, Pensionen, Unterhaltszahlungen, Mieteinnahmen, Kindergeld u. ä. zählen
zum Haushaltseinkommen.
(1) unter 750 €, (2) 750 bis unter 1000 €, (3) 1000 bis unter 1250 €, (4) 1250 bis unter 1500 €; (5)
1500 bis unter 1750 €, (6) 1750 bis unter 2000 €, (7) 2000 bis unter 2250 €, (8) 2250 bis unter 2500
€, (9) 2500 bis unter 2750 €, (10) 2750 bis unter 3000 €, (11) 3000 bis unter 3250 €, (12) 3250 bis
unter 3500 €, (13) 3500 bis unter 3750 €, (14) 3750 bis unter 4000 €, (15) über 4000 €.
Zuletzt wurde auch die Mitgliedschaftsdauer der Mitglieder mit der Frage „In
welchem Jahr sind Sie in Ihren Verein eingetreten? Wenn Sie es nicht genau
wissen, schätzen Sie bitte“ abgefragt.
6.3 Auswertungsverfahren
Die Analyse der Bürgerkompetenzen der Vereinsmitglieder erfolgt auf der
Grundlage einer Typenbildung. Im Folgenden soll die Auswahl der statis-
tischen Verfahren begründet und die Typenbildung transparent gemacht
werden.
6.3.1 Bildung von Realtypen
Mit Hilfe der in Abschnitt 6.1 vorgestellten Skalen und Items sollen die
befragten Vereinsmitglieder zu Gruppen zusammengefasst werden. Ziel dieser
Typenbildung ist es, Mitglieder, die sich hinsichtlich ihrer Bürgerkompetenzen
möglichst ähnlich sind, in einer Gruppe zusammenzuführen, die sich möglichst
stark von anderen Mitgliedergruppen unterscheidet. Die Bildung der Realtypen
32 Dieses Vorgehen hat natürlich Verzerrungen von bis zu 125 Euro bei der Berechnung des
Äquivalenzeinkommens zur Folge. Da diese Abweichungen jedoch sowohl nach unten als auch nach
oben auftreten können, ist letztendlich in der Gesamtstichprobe ein etwa ausgeglichenes Verhältnis zu
erwarten.
6.3 Auswertungsverfahren 111
erfolgt auf der Grundlage von Clusteranalysen mit Hilfe von SPSS. Cluster-
analysen sind für diese explorativ angelegte Untersuchung besonders geeig-
net, da es sich um ein klassifizierendes, strukturentdeckendes Verfahren und
nicht um ein Verfahren zur Hypothesenprüfung handelt. Da Clusteranalysen,
je nach dem zu Grunde gelegten Proximitätsmaß, dem Fusionierungsalgo-
rithmus und der gewählten Anzahl der Cluster zu unterschiedlichen Clusterlö-
sungen gelangen, werden im Folgenden unterschiedliche Verfahren kombi-
niert, um die Clusterzuordnungen abzusichern (vgl. Backhaus et al., 2006).
Um die Mitglieder der Vereine zu Bürgertypen zusammen zu fassen, wird
zunächst das hierarchisch agglomertative Verfahren
33
nach Ward verwendet,
da es im Vergleich zu anderen Fusionierungsalgorithmen in der Regel zu sehr
verlässlichen Clusterlösungen findet (vgl. Backhaus et al., 2006, 528). Ein
weiterer Vorteil der Ward-Methode ist, dass sie weder zur Kettenbildung und
somit zur Identifikation eines großen Clusters, noch zur Differenzierung in zu
viele kleine Cluster neigt.
Das Ward-Verfahren führt nur dann zu verlässlichen Ergebnissen, wenn
Ausreißer im Vorfeld der Clusteranalyse eliminiert werden. Bei Ausreißern
handelt es sich um solche Fälle in der Stichprobe, die bezüglich ihrer
Merkmalsausprägungen den anderen Fällen sehr wenig ähneln und somit sehr
schwer einem Cluster zuzuordnen sind. Deshalb wurde als erstes eine Clus-
teranalyse nach dem Single-Linkage-Verfahren durchgeführt, um Ausreißer zu
identifizieren und aus der weiteren Analyse ausschließen zu können.
Da die Ward-Methode darüber hinaus die Verwendung Euklidischer Distanzen
als Proximitätsmaß voraussetzt, müssen die in die Clusteranalyse einbe-
zogenen Skalen und Items zunächst standardisiert werden, damit den Berech-
nungen vergleichbare Maßeinheiten zu Grunde liegen. Darüber hinaus müs-
sen die Variablen mindestens Intervallskalenniveau aufweisen. Es ist ein üb-
liches Vorgehen bei Daten, die auf Ratingskalen basieren, von einem Inter-
vallskalenniveau auszugehen. Die Daten sollten normalverteilt sein, was bei
schwach gestuften Ratingskalen oftmals nicht der Fall ist. Bortz und Döring
(2002) weisen jedoch darauf hin, dass sich die Forderung nach Normal-
verteilung bei Stichproben mit mehr als 30 Fällen erübrigt (vgl. Bortz & Döring,
2002, 217). Aus diesem Grund soll im Folgenden auf die Durchführung eines
Tests auf Normalverteilung verzichtet werden.
33 Bei hierarchisch agglomerativen Verfahren wird die Clusteranalyse mit einer Anzahl von Clustern
begonnen, die der Zahl der in die Analyse einbezogenen Fälle entspricht. Sukzessive werden die
Fälle zu Gruppen zusammengefasst, bis nach dem letzten Agglomerationsschritt alle Fälle in einem
Cluster zusammengefasst sind.
6.3 Auswertungsverfahren 112
Die Ergebnisse der Clusteranalyse nach Ward werden in einem weiteren
Schritt durch das partionierende Verfahren der Clusterzentrenanalyse (k-
means-Methode) abgesichert (vgl. Backhaus et al., 2006; Wiedenbeck & Züll,
2001).
Das methodische Vorgehen für die Bildung der Bürgertypen gliedert sich also
in folgende Schritte.
1. Standardisierung der Daten
2. Eliminierung von Ausreißern durch das Single-Linkage-Verfahren
3. Clusteranalyse nach Ward
4. Überprüfung der Ergebnisse durch Clusterzentrenanalyse
Standardisierung der Daten
In der folgenden Tabelle werden zunächst die nicht standardisierten Kenn-
werte der für die Operationalisierung des „Idealtypus demokratischer Bürger“
verwendeten Skalen und Items dargestellt (vgl. Tab. 18).
Tab. 18: Deskriptive Statistik der verwendeten Skalen und Items (N=667, da listenweiser Fallaus-
schluss)
Min
Max M
SD
Schiefe
Exzess
Allgemeine Handlungskompetenzen 1
4 2,93
0,46
-,353
-,015
Allgemeine Wertorientierungen
-
Vertrauen 0
10
5,43
1,76
-,257
,005
-
Hilfsbereitschaft 1
4 3,01
0,79
-,477
-,229
-
Solidarität 1
4 3,38
0,75
-1,031
,482
Gesellschaftliche Beteiligung
-
Vereinsaktivität 0
10
5,53
2,95
-,306
-1,037
-
Aktive Mitgliedschaften 0
3 1,28
1,11
,059
-1,456
-
Freiwilliges Engagement 0
4 1,39
1,28
,532
-,831
Politische Kompetenzen 1
4 2,87
0,73
-,290
-,440
Politische Wertorientierungen
-
Politisches Interesse 1
4 3,11
,73
-,649
-,278
-
Politikverdrossenheit 1
4 2,68
,86
,008
-,942
Politische Partizipation 0
10
3,69
2,37
,939
,142
Aus Tabelle 18 gehen die unterschiedlichen Skalierungen der verwendeten
Skalen und Items hervor. Unterschiedliche Skalierungen der Variablen führen
bei Clusteranalysen zu einer Verzerrung in der Distanzmatrix und somit zu
verzerrten Proximitätsmaßen. Um eine Vergleichbarkeit der Daten zu gewähr-
6.3 Auswertungsverfahren 113
leisten, wird eine z-Standardisierung durchgeführt. Dadurch wird erreicht, dass
alle Variablen einen Mittelwert von Null und eine Varianz von 1 aufweisen.
Eliminierung von Ausreißern durch das Single-Linkage-Verfahren
Durch die Anwendung des Single-Linkage-Verfahrens sollen Mitglieder mit
extremem Antwortverhalten identifiziert werden. Einzelne Mitglieder, die sich in
ihren Antworten von allen anderen Mitgliedern unterscheiden, erschweren eine
sinnvolle Clusterzuordnung und sollen deshalb von der Typenbildung ausge-
schlossen werden. Aufgrund der Tendenz des Single-Linkage-Algorhitmus,
möglichst viele Fälle in großen Gruppen zusammenzufassen (Kettenbildung),
lassen sich Ausreißer mit diesem Verfahren identifizieren, da sie als letztes in
das Cluster einbezogen werden.
Um die Ausreißer mit Hilfe des Single-Linkage-Verfahrens identifizieren zu
können, wurde das Dendrogramm – also die graphische Darstellung des Fu-
sionierungsprozesses – herangezogen. Das Dendrogramm macht auf einer
normierten Skala von 0-25 die Heterogenitätsentwicklung bei den einzelnen
Fusionierungsschritten deutlich. Sprunghafte Anstiege des Heterogenitäts-
maßes am unteren Ende des Dendrogramm deuten auf Ausreißer in der
Stichprobe hin. Abb. 10 zeigt die Zuordnung der letzten Mitglieder am unteren
Ende des Dendrogramms nach der Durchführung einer Clusteranalyse mit
dem Single-Linkage-Verfahren (vgl. Abb. 10).
6.3 Auswertungsverfahren 114
Abb. 10: Dendrogramm (Ausschnitt) aus der hierarchischen Clusteranalyse (nach dem Single-
Linkage-Verfahren34) zur Identifikation von Ausreißern.
C A S E 0 5 10 15 20 25
Label Num +---------+---------+---------+---------+---------+
489 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòú
308 òòòòòòòòòòòòòòòòòûòòòòòú
824 òòòòòòòòòòòòòòòòò÷ ó
142 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòûòú
170 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòò÷ ùòø
336 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòú ó
780 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòò÷ ùòø
428 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòú ó
595 òòòòòòòòòòòòòûòòòòòòòòòòò÷ ùòø
724 òòòòòòòòòòòòò÷ ó ó
66 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòò÷ ùòòòòòø
623 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòú ó
204 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòò÷ ùòø
597 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòú ó
442 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòò÷ ó
569 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòú
219 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòôòòòòòòòòòòòø
609 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòú ó
628 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòûò÷ ó
820 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòò÷ ó
245 òòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòòò÷
Das Dendrogramm zeigt zwei sprunghafte Anstiege in der Heterogenitäts-
entwicklung. Der erste Anstieg beginnt mit Fall 597. Es findet ein Anstieg des
Heterogenitätsmaßes von 15 auf 18 statt. Der zweite Anstieg betrifft Mitglied
245, bei dem das Heterogenitätsmaß von 19 auf 25 ansteigt (vgl. Abb. 10).
Betrachtet man das Mitglied 245 hinsichtlich seiner Merkmalsausprägungen
genauer, wird deutlich, dass es bei sieben von elf Variablen Extremwerte
aufweist. Das bedeutet, dass dieses Mitglied dazu neigt, Items entweder als
immer zutreffend oder als überhaupt nicht zutreffend zu bewerten. Dieser Fall
wird aus der Clusteranalyse ausgeschlossen.
Werden die anderen Fälle nach dem ersten kleineren Anstieg (beginnend mit
Fallnummer 597) betrachtet, so treten auch dort Extremwerte im Antwortver-
halten auf, jedoch deutlich seltener. Um die Zahl der Fälle nicht unnötig zu
reduzieren, werden diese Mitglieder nicht von der Clusteranalyse ausge-
34 Als Verfahren zur Distanzbestimmung wurde der quadrierte Euklidische Abstand gewählt. Die
quadrierte Euklidische Distanz misst die Unähnlichkeit zweier Fälle durch die Bildung der Summe der
quadrierten Differenzen zwischen den Variablenwerten dieser beiden Fälle (vgl. Brosius & Brosius,
1995, 865).
6.3 Auswertungsverfahren 115
schlossen. Die Stichprobe für die Clusteranalyse besteht somit aus insgesamt
666 Mitgliedern.
Clusteranalyse nach Ward
Das Ward-Verfahren unterscheidet sich von anderen Cluster-Methoden
dadurch, dass nicht diejenigen Fälle zu Gruppen zusammengefasst werden,
die die geringste Distanz aufweisen, sondern es werden die Fälle zu Gruppen
zusammengefasst, die die Varianz in der Gruppe am wenigsten erhöhen. Als
Varianzkriterium wird die Fehlerquadratsumme berechnet (zur Berechnung der
Fehlerquadratsumme vgl. Backhaus et al., 2006). Als Proximitätsmaß wird die
quadrierte euklidische Distanz verwendet, da die Ward-Methode die Verwen-
dung von Distanzmaßen voraussetzt.
Zur Interpretation der Ergebnisse wird in diesem Fall die Zuordnungsübersicht
herangezogen, da Dendrogramme bei größeren Stichproben äußerst
unübersichtlich werden. Die Zuordnungsübersicht gibt für jeden Fusionie-
rungsschritt den Anstieg der Fehlerquadratsumme an. Zu Beginn der Agglo-
meration nimmt die Heterogenität der Gruppen, und somit das Varianzkrite-
rium, nur sehr langsam zu. Je mehr Mitglieder in einer Gruppe zusammen-
gefasst werden, desto höher wird die Fehlerquadratsumme. Ab einer bestimm-
ten Anzahl von Fusionierungsschritten steigt das Varianzkriterium sprunghaft
an. Um die möglichst optimale Anzahl von Clustern zu ermitteln, wurde die
Heterogenitätsentwicklung gegen die Fusionierungsschritte in einem Koordi-
natensystem abgetragen. Sprunghafte Anstiege in dieser Darstellung sind ein
Hinweis auf die optimale Clusteranzahl. Hierbei kennzeichnet die Lösung vor
dem sprunghaften Anstieg die Anzahl der zu wählenden Cluster (vgl. Abb. 11).
6.3 Auswertungsverfahren 116
Abb. 11: Anstieg der Fehlerquadratsumme in Abhängigkeit von der Anzahl der Fusionierungsschritte.
(Darstellung der letzten 10 Fusionierungsschritte, N=666).
655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665
Fusionierungsschritt
5000,000
6000,000
7000,000
Fehlerquadratsumme
Die grafische Darstellung der letzten zehn Fusionierungsschritte lässt zwei
leichte Anstiege, den einen nach dem 661. und den anderen nach dem 664.
Fusionierungsschritt, erkennen. Somit sind eine 2- und eine 5-Clusterlösung
denkbar. Da bei der Entscheidung über die Clusterzahl auch sachlogische
Überlegungen herangezogen werden können (vgl. Backhaus et al., 2006, 53),
erscheint eine Lösung mit fünf Clustern als die bessere Variante. Zum einen
weisen Backhaus et al. (2006) darauf hin, dass ein Anstieg beim Übergang
von der Zwei- zur Einclusterlösung sehr häufig auftritt und daher nicht
zwingend berücksichtigt werden muss, und zum anderen erscheint für die
Generierung von Bürgertypen eine Lösung mit fünf Clustern aussagekräftiger
als eine Zweiclusterlösung.
Deshalb wird in einem weiteren Schritt die Zuordnung der Mitglieder zu den
fünf Clustern vorgenommen, um anschließend Informationen über die Cluster-
zentren zu erhalten, die für die weitere Absicherung des Ergebnisses mit dem
partionierenden Verfahren der k-means bzw. Clusterzentrenanalyse benötigt
werden.
Überprüfung der Ergebnisse durch eine Clusterzentrenanalyse
Bei der Clusterzentrenanalyse handelt es sich um ein partionierendes Ver-
fahren, welches sich von hierarchischen Clusteranalysemethoden dahin-
gehend unterscheidet, dass eine einmal getroffene Clusterzuordnung nicht,
wie bei den hierarchischen Verfahren, endgültig ist, sondern im Verlauf des
Fusionierungsprozesses verändert werden kann. Bei den partionierenden
6.3 Auswertungsverfahren 117
Verfahren können Fälle somit von Cluster zu Cluster verschoben werden, so
dass sich diese Verfahren durch eine höhere Variabilität als die hierarchischen
Verfahren auszeichnen. Die höhere Variabilität erfordert jedoch auch eine
höhere Rechnerleistung, da die Anzahl der denkbaren Tauschprozesse mit
steigender Fall- und Variablenzahl stark zunimmt. Deshalb erfordern partionie-
rende Verfahren die Angabe einer Anfangspartition in Form einer vorgege-
benen Anzahl von Clustern. Da die Clusteranzahl nicht nur auf sachlogischen
Überlegungen sondern auf dem Ergebnis einer hierarchischen Clusteranalyse
beruht, werden die Clusterzentren, also die Mittelwerte der Variablen in den
einzelnen Clustern, im Vorfeld der Clusterzentrenanalyse angegeben.
Um zu überprüfen, ob sich die Homogenität der bestehenden Gruppen durch
die Clusterzentenanalyse verbessert, wird zunächst der F-Wert für alle
Variablen in den fünf Clustern berechnet.
35
Je kleiner der F-Wert der jewei-
ligen Variable ist, desto homogener ist das Cluster im Bezug auf diese
Variable. Liegt der F-Wert über 1, so ist die Streuung innerhalb des Clusters
größer als in der Grundgesamtheit. Dies ist ein Anhaltspunkt für Heterogenität
des Clusters in Bezug auf diese Variable. Tab. 19 macht deutlich, dass nach
der Gruppierung mit dem Ward-Verfahren pro Cluster ein bis zwei Variablen
innerhalb der Gruppen weniger homogen als in der Grundgesamtheit sind
(kursive Werte).
In einem weiteren Schritt, werden die Clusterzentren der hierarchischen
Clusteranalyse als Ausgangswerte für die Clusterzentrenanalyse verwendet.
Die neue Clusterzugehörigkeit wird nach 7 Iterationsschritten erreicht. Werden
auch für diese Clusterzentren die F-Werte berechnet, so zeigt sich, dass sich
die Homogenität der Cluster in 38 von 55 Fällen verbessert hat (vgl. Tab. 19).
Die Differenz der F-Werte, die jeweils in der dritten Spalte (vgl. Tab. 19)
dargestellt ist, zeigt an, ob sich die Homogenität eines Clusters verbessert
(negative Werte) oder verringert hat (positive Werte, fettgedruckt).
35 Der F-Wert berechnet sich wie folgt: Die Varianz einer Variable innerhalb eines Clusters wird durch
die Varianz der Variablen in der Grundgesamtheit dividiert (vgl. Backhaus et al. 2005).
6.3 Auswertungsverfahren 118
Tab. 19: Darstellung der F-Werte nach der Clusteranalyse nach Ward und der Clusterzentrenanalyse
(K-Means-Verfahren) sowie der Differenz beider Werte.
Cluster1 Cluster2 Cluster3 Cluster4 Cluster5
F-Werte
Ward K-
Means Diffe-
renz Ward K-
Means Diffe-
renz Ward K-
Means Diffe-
renz Ward K-
Means Diffe-
renz Ward K-
Means Diffe-
renz
Allg.
Handlungs
kompetenz
0,608
0,592
-0,016
0,615
1,544
0,929
0,798
1,028
0,230
0,623
0,545
-0,078
0,822
0,903
0,081
Vertrauen
0,956
0,954
-0,002
0,838
0,896
0,058
0,793
0,858
0,065
0,932
0,882
-0,050
0,878
1,047
0,169
Hilfsbereit
-
schaft
0,927
1,068
0,141
0,937
0,800
-0,137
0,636
0,621
-0,015
0,918
0,812
-0,106
1,504
1,057
-0,447
Solidarität
1,544
1,314
-0,230
0,475
0,676
0,201
0,352
0,462
0,110
1,008
0,892
-0,116
1,106
1,068
-0,038
Aktivität im
Verein
0,798
0,616
-0,182
0,577
0,490
-0,087
0,374
0,250
-0,124
0,378
0,306
-0,072
0,795
0,781
-0,014
Mehrfach
mitglied
-
schaft
1,028
0,777
-0,251
0,682
0,524
-0,158
0,901
1,031
0,130
0,871
0,875
0,004
0,225
0,872
0,647
Freiwilli
-
ges Enga
-
gement
0,623
0,367
-0,256
0,290
0,230
-0,060
0,691
0,565
-0,126
0,927
0,585
-0,342
0,164
0,288
0,124
Politische
Kompeten
-
zen
0,545
0,416
-0,129
0,792
0,744
-0,048
0,79
0,579
-0,211
0,908
0,527
-0,381
0,644
0,542
-0,102
Politisches
Interesse
0,822
0,561
-0,261
0,59
0,497
-0,093
0,497
0,386
-0,111
1,101
0,85
-0,251
0,928
0,75
-0,178
Politikver
-
drossen
-
heit
0,903
0,755
-0,148
0,697
0,757
0,06
0,732
0,937
0,205
0,891
0,803
-0,088
0,894
0,778
-0,116
Politische
Partizipa
-
tion
0,772
0,541
-0,231
1,267
1,244
-0,023
0,984
1,079
0,095
0,425
0,411
-0,014
0,249
0,382
0,133
Die Homogenität der Cluster konnte bezüglich der meisten Variablen durch
das K-Means-Verfahren weiter optimiert werden. Einige Merkmale sind inner-
halb der Cluster jedoch weniger homogen als in der Grundgesamtheit.
Die folgende Tabelle (vgl. Tab. 20) veranschaulicht, wie sich die Zuordnung
der Mitglieder zu den Clustern durch das K-Means Verfahren verändert hat.
Die fettgedruckten Zahlen zeigen an, wie viele Fälle im selben Cluster ver-
blieben sind.
Tab. 20: Kreuzvalidierung der Clusterzuordnungen durch die hierarchische Clusteranalyse nach Ward
und die Clusterzentrenanalyse (partionierendes K-Means Verfahren).
K-Means
Cluster 1
Cluster 2
Cluster 3
Cluster 4
Cluster 5
Gesamt
Cluster 1
77
8
17
10
23
135
Cluster 2
23
129
12
1
11
176
Cluster 3
13
10
107
22
1
153
Cluster 4
7
0
18
92
20
137
Ward
Cluster 5
6
1
0
2
56
65
Gesamt
126 148
154 127
111
666
6.3 Auswertungsverfahren 119
Es wird deutlich, dass der größte Teil der Mitglieder sowohl durch das Ward-,
als auch durch das K-Means-Verfahren denselben Gruppen zugeordnet wur-
de. Dies weist auf stabile Clusterlösungen hin. Allerdings sind auch deutliche
Verschiebungen, insbesondere in Cluster 5, erkennbar.
Um die Merkmalsausprägungen innerhalb der Cluster zu analysieren, lässt
sich der so genannte T-Wert berechnen. Dies ist ein normierter Wert, der für
jede Variable in den fünf Clustern berechnet wird und deutlich macht, inwiefern
eine Variable in ihrer Gruppe im Vergleich zur Erhebungsgesamtheit unter-
bzw. überrepräsentiert ist.
36
Negative Werte zeigen an, dass ein Merkmal im
jeweiligen Cluster unterrepräsentiert ist, positive Werte hingegen zeigen, dass
ein Merkmal innerhalb des Clusters stärker vertreten ist als in der Grundge-
samtheit (vgl. Tab. 21).
Tab. 21: T-Werte für die 5-Clusterlösung der Clusterzentrenanalyse
Cluster 1
Cluster 2
Cluster 3
Cluster 4
Cluster 5
Allgemeine Handlungskompetenz
0,107
0,532
0,588
-0,529
-1,040
Vertrauen
-0,522
0,235
0,246
0,102
-0,178
Hilfsbereitschaft
-0,423
0,227
0,497
-0,499
0,059
Solidarität
-0,570
0,183
0,522
-0,316
0,040
Aktivität im Verein
-0,197
-0,975
0,780
0,824
-0,501
Mehrfachmitgliedschaften
-0,453
0,751
-0,007
-0,076
-0,391
Freiwilliges Engagement
-0,538
-0,689
0,896
0,897
-0,740
Politische Kompetenzen
0,503
0,399
0,554
-0,737
-1,028
Politisches Interesse
0,352
0,410
0,606
-0,639
-1,057
Politikverdrossenheit
0,349
-0,624
-0,231
0,093
0,649
Politische Partizipation
-0,230
0,718
0,272
-0,420
-0,593
Je unterschiedlicher die T-Werte in den einzelnen Clustern sind, desto besser
lassen sich die Cluster hinsichtlich dieses Merkmals voneinander abgrenzen.
Es zeigt sich, dass einige Cluster bezüglich der Bürgerkompetenzmerkmale
eher unterdurchschnittliche andere eher überdurchschnittliche Ausprägungen
aufweisen. Da die Analyse der T-Werte bereits zur inhaltlichen Interpretation
der Cluster und zur Bildung von Bürgertypen überleitet, soll sie im folgenden
Kapitel fortgesetzt werden (vgl. Abschnitt 7.2). Die computergestützte Bildung
von Realtypen kann mit der Zuordnung zu den fünf Clustern als abgeschlos-
sen betrachtet werden. Im folgenden Kapitel sollen die Realtypen dem „Ideal-
36 Der T-Wert berechnet sich wie folgt: Die Differenz aus dem Mittelwert einer Variable in ihrem
jeweiligen Cluster und in der Grundgesamtheit wird durch die Standardabweichung dieser Variable in
der Grundgesamtheit dividiert (vgl. Backhaus et al., 2006).
6.3 Auswertungsverfahren 120
typus demokratischer Bürger“ gegenübergestellt und auf dieser Grundlage
Bürgertypen entwickelt werden (vgl. Kap. 7).
6.3.2 Weitere statistische Auswertungsverfahren
In einem ersten Schritt erfolgt im folgenden Kapitel (vgl. Abschnitt 7.1) eine
sehr knappe deskriptive Auswertung der Daten auf der Grundlage der drei-
stufigen Skalen (vgl. Abschnitt 6.2), um einen Überblick über die Verteilung
der Bürgerkompetenzen in der Gesamtstichprobe zu erhalten.
Um zu untersuchen, inwieweit sich die einzelnen Bürgertypen signifikant
hinsichtlich soziodemographischer Merkmale, wie Geschlecht, Alter, Bildungs-
stand und beruflichem Status unterscheiden, wurden Chi²-Tests und, wo es
das Datenmaterial zulässt, auch univariate Varianzanalysen auf der Grundlage
der Rohskalen durchgeführt (vgl. Abschnitt 7.3)
37
. Die univariaten Varianz-
analysen wurden um Post-Hoc-Tests (nach Scheffé bzw. Tamhane, je nach
Varianz der Daten) und um die Berechnung der Effektstärke eta² ergänzt
38
.
Unterschiede zwischen einzelnen Vereinen bzw. Vereinstypen hinsichtlich der
Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder, wurden ebenfalls mit Hilfe von Chi²-Tests
auf ihre Signifikanz getestet (vgl. Kapitel 8).
37 Ab einer Irrtumswahrscheinlichkeit von <= 5% (p<=.05) werden Unterschiede im Rahmen dieser
Untersuchung als signifikant betrachtet und mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet.
Ab einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 1% (p<=.01) werden die Ergebnisse mit zwei Sternchen (**)
und ab einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 0,1% (p<=.001) mit drei Sternchen (***) gekennzeichnet.
38 Eta² kennzeichnet den Anteil aufgeklärter Varianz, den eine Variable zur Erklärung einer anderen
Variablen leisten kann. Ab einer aufgeklärten Varianz von 1% (eta²=0,01) spricht man von einem
kleinen Effekt, ab 6% (eta²=0,06) von einem mittleren und ab 13,8% (eta²=0,138) von einem starken
Effekt (vgl. Cohen, 1988).
7.1 Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 121
7. Bürgertypen in Vereinen
Durch die Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ in Kapitel 4
konnte gezeigt werden, welche Kompetenzen von Bürgern demokratischer
Gemeinwesen für gesellschaftliches und politisches Handeln benötigt und aus
diesem Grund als „Bürgerkompetenzen“ bezeichnet werden können. Bürger-
kompetenzen umfassen demnach sowohl Handlungskompetenzen als auch
Handlungsdispositionen, damit politische und gesellschaftliche Partizipation
als sinnhaftes Handeln möglich wird. Denn demokratische Gemeinwesen sind,
wie in Kapitel 4 ausführlich dargelegt wurde, nicht nur auf eine aktive
Beteiligung der Bürger angewiesen, sondern diese sollte auf gemeinwohl-
orientierten und demokratischen Handlungsdispositionen und grundlegenden
Handlungskompetenzen aufbauen (vgl. Abb. 8 in Abschnitt 4.3).
Vereinsmitglieder lassen sich, je nachdem über welche Aspekte von
Bürgerkompetenzen sie verfügen, zu Realtypen zusammenfassen (vgl. Ab-
schnitt 6.3.1). Im Folgenden werden die fünf in Vereinen vorkommenden
Typen vorgestellt. Die Bürgerkompetenzen dieser empirisch vorfindbaren
Realtypen werden dabei dem „Idealtypus demokratischer Bürger“ gegenüber-
gestellt. Gleichzeitig werden die Ergebnisse unter Einbeziehung theoretischer
Überlegungen zugespitzt, so dass aus den einzelnen Realtypen idealtypische
Gattungsbegriffe, die Bürgertypen, abgeleitet werden können (vgl. Weber,
1922). Jeder Bürgertyp repräsentiert ein charakteristisches Kompetenzprofil
(vgl. Abschnitt 7.2). Um einen genauen Einblick in die Bürgerkompetenzen der
Mitglieder zu ermöglichen, verdeutlichen im Anhang Tabellen für jeden Bürger-
typ die prozentuale Verteilung der Bürgerkompetenzen unter den Mitgliedern
des jeweiligen Typs (vgl. Abschnitt 11.1 im Tabellenanhang).
Das folgende Kapitel gliedert sich in vier Abschnitte, die unterschiedliche
Zielstellungen verfolgen:
(1) Bevor die einzelnen Bürgertypen vorgestellt werden, wird zunächst die
Verteilung der verschiedenen Kompetenzaspekte in der Gesamtstichprobe
dargestellt um einen ersten Überblick über die Verteilung der verschiedenen
Kompetenzen unter Vereinsmitgliedern zu erhalten (vgl. Abschnitt 7.1).
(2) Im zweiten Abschnitt wird dargestellt, welche Bürgerkompetenzen die ein-
zelnen Realtypen aufweisen und wie sich daraus Bürgertypen mit einem
bestimmten Kompetenzprofil ableiten lassen (vgl. Abschnitt 7.2).
(3) Im dritten Teil soll der Frage nachgegangen werden, welche Mitglieder sich
hinter den einzelnen Bürgertypen verbergen. Es geht hier insbesondere um
die Darstellung soziodemographischer Besonderheiten der Mitglieder in den
7.1 Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 122
einzelnen Bürgertypen. Auch soll, soweit möglich, berücksichtigt werden,
inwiefern sich die Mitglieder von Vereinen von der Gesamtbevölkerung
unterscheiden (vgl. Abschnitt 7.3).
7.1 Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern
An dieser Stelle erfolgt ein kurzer Überblick über die Verteilung der im
„Idealtypus demokratischer Bürger“ zusammengefassten Bürgerkompetenzen
in der Gesamtstichprobe der befragten Mitglieder. Hierbei werden nur die
Mitglieder berücksichtigt, die auch in die Konstruktion der Bürgertypen ein-
bezogen worden sind, da von ihnen alle Kompetenzbereiche in der Befragung
angegeben wurden (N=666; vgl. Kap. 6).
Eine ausführliche Analyse der Bürgerkompetenzen erfolgt in Abschnitt 7.2
wenn es um die Darstellung der fünf Bürgertypen geht. Die Überblicks-
darstellung an dieser Stelle ermöglicht jedoch einen Vergleich mit den Bürger-
kompetenzen der einzelnen Typen und erleichtert so die Einordnung der
Ergebnisse.
Tab. 22: Übersicht über die Bürgerkompetenzen der befragten Vereinsmitglieder (N=666;
Prozentwerte auf der Grundlage dreistufiger Skalierungen, vgl. Kap. 6.2.2).
Prozentwerte
gering
mittel hoch
Allgemeine Handlungskompetenzen 17,0%
41,4%
41,6%
Allgemeine Wertorientierungen
-
Vertrauen 13,4%
57,5%
29,1%
-
Hilfsbereitschaft 23,1%
48,5%
28,4%
-
Solidarität 12,2%
35,4%
52,4%
Gesellschaftliche Beteiligung
-
Vereinsaktivität 24,9%
34,7%
40,4%
-
Freiwilliges Engagement 32,7%
45,8%
21,5%
-
weitere aktive Mitgliedschaften
48,9%
36,8%
14,3%
Politische Kompetenzen 20,4%
47,6%
32,0%
Politische Wertorientierungen
-
Politisches Interesse 20,7%
27,5%
51,8%
-
Politikverdrossenheit 33,8%
39,0%
27,2%
Politische Partizipation 33,0%
35,3%
31,7%
Die allgemeinen Handlungskompetenzen der befragten Mitglieder, wozu kom-
munikative und organisatorische Fähigkeiten gehören, sind in der Gesamt-
stichprobe hoch ausgeprägt. Nicht einmal jedes fünfte Mitglied weist in diesem
Bereich geringe Kompetenzen auf. Auch Wertorientierungen als Grundlage
gemeinwohlorientierten Handelns, wie ein generalisiertes Vertrauen in die
7.1 Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern 123
Mitmenschen, sowie Solidarität und Hilfsbereitschaft sind bei einem Großteil
der Mitglieder vorhanden.
Die gesellschaftliche Partizipation der Mitglieder, wie sie mit dem
Datenmaterial dieser Erhebung nachgezeichnet werden kann, ist in Bezug auf
den Verein relativ hoch: Die meisten befragten Mitglieder nehmen ihre
Mitgliedschaft aktiv wahr. Nur bei einem knappen Viertel der Stichprobe
handelt es sich um eher passive bzw. wenig aktive Mitglieder. Zwei Drittel der
Mitglieder engagieren sich über eine bloße aktive Mitgliedschaft hinaus auch
noch freiwillig in ihrem Verein. Darüber hinaus ist mehr als die Hälfte der
Mitglieder auch noch in weiteren Vereinen bzw. anderen gesellschaftlichen
Bereichen aktiv. Tabelle 23 gibt eine Übersicht über die Bereiche in denen die
Mitglieder neben ihrer Mitgliedschaft im Verein der Befragung noch aktiv sind.
Tab. 23: Gesellschaftliche Aktivität der Mitglieder
außerhalb des Vereins der Befragung (N=666).
Aktive Beteiligung im Bereich
Sport 20,4%
Kultur/Freizeit 20,3%
Politik/Umwelt 18,8%
Gesundheit/Soziales 11,7%
Religion 9,0%
Berufsvereinigung 6,9%
Somit handelt es sich bei den Befragten mehrheitlich um sehr aktive Mitglieder
mit allgemeinen Handlungskompetenzen und -dispositionen. Hier ist davon
auszugehen, dass sich insbesondere aktive Mitglieder die Zeit genommen
haben, an der Befragung teilzunehmen und den Fragebogen vollständig
auszufüllen, so dass sich vermehrt die besonders engagierten Mitglieder der
befragten 24 Vereine in der Gesamtstichprobe der 666 Mitglieder wieder-
finden. Dieser anzunehmende Selektionsmechanismus muss bei der weiter-
gehenden Dateninterpretation berücksichtigt werden.
Die politischen Bürgerkompetenzen der Mitglieder sind im Vergleich zur
gesellschaftlichen Partizipation eher mittelmäßig bis hoch ausgeprägt. Die
Hälfte der Befragten gibt ein hohes Interesse am politischen geschehen an.
Das politische Wissen ist bei etwa jedem dritten Befragten hoch und die
Politikverdrossenheit niedrig ausgeprägt. Ca. 20% zeichnen sich dagegen
durch ein niedriges politisches Wissen und Interesse aus. Bei etwa 27% der
Mitglieder ist das Vertrauen in das politische System gering und sie können als
politikverdrossen betrachtet werden. Bei einem Drittel der Befragten be-
schränkt sich die politische Beteiligung in erster Linie auf die Beteiligung an
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 124
Wahlen und ist somit als gering einzustufen (vgl. Kap. 6 zur Operationalisie-
rung).
Im Folgenden sollen die einzelnen Bürgerkompetenzen nicht länger separat
betrachtet und analysiert werden, sondern ihr kombiniertes Auftreten soll
untersucht werden. Aus diesem Grund wurden im vorhergehenden Kapitel mit
Hilfe von Clusteranalysen Realtypen gebildet. Die Bürgerkompetenzen dieser
Realtypen sollen im Folgenden vorgestellt und unter Berücksichtigung des
„Idealtypus demokratischer Bürger“ und weiterer theoretischer Überlegungen
zu Bürgertypen zugespitzt werden.
7.2 Konstruktion der Bürgertypen
Der theoretisch konstruierte „Idealtypus demokratischer Bürger“ vereinigt drei
Kompetenzaspekte auf zwei verschiedenen Ebenen (vgl. Kap. 4). Im
Folgenden soll untersucht werden, in welcher Kombination diese Aspekte bei
Vereinsmitgliedern auftreten. Auf der Grundlage von Clusteranalysen konnten
fünf Gruppen von Vereinsmitgliedern identifiziert werden, die sich hinsichtlich
ihrer Bürgerkompetenzen unterscheiden. Aus diesen Realtypen wurden unter
Zuspitzung der Ergebnisse in Hinblick auf den „Idealtypus demokratischer
Bürger“ Bürgertypen herausgearbeitet.
An dieser Stelle sollen die fünf Bürgertypen und ihre Hauptkennzeichen
zunächst kurz genannt werden, um einen Überblick zu geben und die
Orientierung zu erleichtern. Im weiteren Verlauf dieses Abschnitts erfolgt eine
ausführliche Vorstellung der Typen in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit.
Überblick über die Bürgertypen:
(1) Der Aktive: Dieser Bürgertyp verfügt in fast allen Bereichen des „Idealtypus
demokratischer Bürger“ über hohe Kompetenzen und ist sowohl politisch als
auch gesellschaftlich sehr engagiert.
(2) Der politisch Engagierte: Hauptkennzeichen dieses Bürgertyps ist seine
außerordentlich hohe politische Beteiligung gepaart mit einer geringen Aktivität
im Verein.
(3) Der Vereinsmeier: Die zentralen Merkmale dieses Bürgertyps sind seine
hohe Vereinsaktivität und seine gering ausgeprägten sonstigen Bürger-
kompetenzen.
(4) Der Misstrauische: Dieser Typ zeichnet sich vor allem durch sein hohes
gesellschaftliches Misstrauen und seine eher geringe gesellschaftliche und
politische Beteiligung aus. Im Gegensatz dazu stehen seine relativ hohen
politischen Handlungskompetenzen.
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 125
(5) Der Desinteressierte: Kennzeichen dieses Bürgertyps sind sein politisches
Desinteresse und seine gesellschaftliche und politische Apathie. Er verfügt in
fast allen Bereichen über stark unterdurchschnittlichen Kompetenzen.
Im Folgenden sollen die fünf Typen ausführlich vorgestellt werden. Abbildung
12 gibt zuvor einen Überblick über die im „Idealtypus demokratischer Bürger“
zusammengefassten Bürgerkompetenzen. Die farbliche Zuordnung soll die
Differenzierung in den Diagrammen der folgenden Seiten erleichtern. Gelbe
und rote Farben kennzeichnen die allgemeinen Bürgerkompetenzen, blaue
und grüne Farbtöne hingegen die politischen Bürgerkompetenzen.
Die Besonderheiten des jeweiligen Typs sollen durch die graphische
Darstellung der T-Werte (vgl. Kap. 6.3.1) visualisiert werden, die deutlich
machen, inwiefern bestimmte Kompetenzen in einer Gruppe im Vergleich zur
Erhebungsgesamtheit unter- bzw. überrepräsentiert sind. Tabellen, die die
prozentuale Verteilung der Bürgerkompetenzen enthalten, finden sich im
Tabellenanhang (vgl. Abschnitt 11.1).
39
Abb. 12: Bürgerkompetenzen eines „Idealtypus demokratischer Bürger“
Handlungskompetenzen Handlungsdispositionen Partizipation
politisch
D
Politisches Fachwissen
E
Demokratische Tugend
• Politisches Interesse
• Geringe
Politikverdrossenheit
F
Politische Partizipation
Bürgerkompetenzen
allgemein
A
Organisationsfähigkeit und
diskursive Fähigkeiten
B
Gemeinwohlorientierte
Persönlichkeitseigenschaften
• Vertrauen
• Hilfsbereitschaft
• Solidarität
C
Soziale Aktivität
• Vereinsaktivität
• Freiwilliges
Engagement
• Aktivität in
anderen Vereinen
7.2.1 Der Aktive
Die Mitglieder dieser Gruppe, zu der 23% der befragten Vereinsmitglieder
gehören, heben sich mit insgesamt stark überdurchschnittlichen Bürgerkom-
petenzen von der Gesamtstichprobe ab (vgl. Abb. 13).
39 Die prozentuale Verteilung der Bürgerkompetenzen beruht auf den dreistufigen Skalen für jede
Variable und hat lediglich illustrierenden Charakter (vgl. Kap. 6). Die Typenbildung erfolgte auf der
Grundlage der Rohskalen.
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 126
Allgemeine Bürgerkompetenzen
Die Mitglieder verfügen über hohe allgemeine Handlungskompetenzen, d. h.,
sie können ihre Interessen artikulieren und durchsetzen. Sie haben organisa-
torische Fähigkeiten ausgebildet und sind in der Lage, Konflikte auszutragen.
Diese Handlungskompetenzen bilden im Sinne des Idealtypus die Grundlage
für erfolgreiches gesellschaftliches und politisches Handeln.
Darüber hinaus zeichnen sich die Mitglieder dieser Gruppe im Sinne des
„Idealtypus demokratischer Bürger“ durch gemeinwohlorientierte Handlungs-
dispositionen aus. Sie sind hilfsbereit und setzen sich für die Interessen
anderer ein. Somit verfügen die Mitglieder dieser Gruppe über gemeinwohl-
orientierte Wertorientierungen, die die Grundlage dafür bilden, dass sie ihre
Handlungskompetenzen nicht nur im Sinne eines Homo Oeconomicus zur
individuellen Nutzenmaximierung verwenden, sondern sich in ihrem Handeln
auch am Gemeinwohl orientieren (vgl. Abschnitt 5.1.2). Die hoch ausge-
prägten Handlungskompetenzen und die gemeinwohlorientierten Handlungs-
dispositionen dieser Mitglieder schlagen sich in einer hohen gesellschaftlichen
Partizipation im Rahmen des Vereins nieder: Sie beteiligen sich aktiv am
Vereinsleben und verbringen viel Zeit im Verein. Auch engagieren sie sich
häufig freiwillig. Allerdings konzentriert sich dieses Engagement oftmals nur
auf den Verein, in dem die Befragung durchgeführt wurde. Insofern nutzen die
Aktiven nur selten in weiteren gesellschaftlichen Bereichen ihre hohen
allgemeinen Bürgerkompetenzen. Die gesellschaftliche Beteiligung dieses
Typs entspricht weitgehend der Partizipation der Mitglieder, die im Typ
Vereinsmeier (vgl. 7.2.3) zusammengefasst sind.
Politische Bürgerkompetenzen
Auch die politischen Sachkompetenzen dieses Typs sind hoch ausgeprägt.
Die Mitglieder kennen sich in der Regel gut mit politischen Belangen aus. Ihre
politischen Handlungsdispositionen sind aufgrund ihres sehr großen
Interesses für die Politik und ihrer Überzeugung, politisch etwas bewirken zu
können, hoch ausgeprägt. Anzeichen für politische Verdrossenheit bestehen
bei diesem Typ eher selten. Auch die politische Partizipation dieses Bürger-
typs ist (im Vergleich zu den anderen Typen) relativ hoch, das heißt, die
Mitglieder vertreten offensiv ihre Meinung, beteiligen sich an Unterschriften-
sammlungen und nehmen auch gelegentlich an Demonstrationen teil. Aller-
dings beschränkt sich die politische Beteiligung bei etwa einem Viertel der
Mitglieder dieser Gruppe im Wesentlichen auf die regelmäßige Beteiligung an
Wahlen. Dass sich die Mitglieder dieser Gruppe nicht auch noch politisch
engagieren, sich z. B. in Bürgerinitiativen oder Parteien beteiligen, ist vermut-
lich auf die hohe vereinsinterne Aktivität und das hohe freiwillige Engagement
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 127
dieser Gruppe zurückzuführen. Im Sinne des Ressourcenmodells (vgl. dazu
Kap. 2 und Roth, 2003), wonach auch zeitliche Ressourcen über gesell-
schaftliche Beteiligung entscheiden, fehlt diesen Mitgliedern die Zeit für
politische Betätigungen, die über eine Beteiligung an Wahlen hinausgehen
sowie für weiteres gesellschaftliches Engagement.
Abb. 13: Visualisierung der Bürgerkompetenzen des Aktiven auf der Grundlage der T-Werte
-1 -0,5 0 0,5 1
Allgemeine Handlungskompetenz
Vertrauen
Hilfsbereitschaft
Solidarität
Aktiv ität im Verein
Mehrfachmitgliedschaften
Freiwilliges Engagement
Politisches Wissen
Politisches Interesse
Politikv erdrossenheit
Politische Partizipation
T-Werte
Das Kompetenzprofil des Aktiven lässt sich wie folgt zuspitzen:
- hohe allgemeine Handlungskompetenzen und Handlungsdispositionen
- hohe gesellschaftliche Aktivität und hohes freiwilliges Engagement im Ver-
ein
- ausgeprägte politische Kompetenzen und Handlungsdispositionen
- vergleichsweise hohe politische Beteiligung
Gegenüberstellung mit dem „Idealtypus demokratischer Bürger“
Stellt man das Kompetenzprofil des Aktiven dem „Idealtypus demokratischer
Bürger“ gegenüber, so wird deutlich, dass dieser Bürgertyp über ausgeprägte
Kompetenzen in allen Bereichen des Idealtypus verfügt.
Insgesamt verfügen die Mitglieder dieser Gruppe sowohl über allgemeine als
auch über politische Bürgerkompetenzen im Sinne des Idealtypus und sind
somit mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet um im Rahmen demokra-
tischer Gesellschaftssysteme politisch und sozial zu partizipieren. Da sich
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 128
dieser Bürgertyp darüber hinaus auch über gemeinwohlorientierte Wertorien-
tierungen und politische Tugenden auszeichnet, ist davon auszugehen, dass
die Vereinsmitglieder dieser Gruppe ihr Handeln in besonderem Maße am
Allgemeinwohl und demokratischen Werten orientieren.
7.2.2 Der politisch Engagierte
Die Hauptkennzeichen dieses Bürgertyps, dem 22% der befragten Mitglieder
angehören, sind seine außerordentlich hohe politische Beteiligung gepaart mit
einer geringen Aktivität im Verein.
Allgemeine Bürgerkompetenzen
Die allgemeinen Handlungskompetenzen dieses Bürgertyps, wie organisato-
rische und kommunikative Fähigkeiten, sind in etwa so hoch wie beim Aktiven.
Allerdings sind die gemeinwohlorientierten Handlungsdispositionen Hilfsbereit-
schaft und Solidarität dieses Bürgertyps etwas geringer. Zu diesen etwas ge-
ringeren gemeinwohlorientierten Handlungsdispositionen kommt eine sehr
geringe Partizipation und fehlendes freiwilliges Engagement im Verein der
Befragung. Stattdessen sind diese Mitglieder sehr häufig noch in einem oder
mehreren anderen Vereinen aktiv. Allerdings geht aus den Daten der Unter-
suchung nicht hervor, inwiefern sie dort auch freiwillig engagiert sind.
Politische Bürgerkompetenzen
Die politischen Sachkompetenzen dieses Typs sind ebenso wie seine
politischen Handlungsdispositionen hoch ausgeprägt. Ein hohes Politikwissen
geht mit Interesse am politischen Geschehen einher. Politikverdrossene Mit-
glieder findet man in dieser Gruppe kaum. Besonders herausragend ist die
politische Beteiligung dieser Mitglieder. Sie sind zu einem Großteil politisch, oft
auch in Parteien oder Bürgerinitiativen, aktiv.
Insgesamt ist für diesen Bürgertyp die Bedeutung des Vereins, in dem die
Befragung durchgeführt wurde, als gering einzuschätzen, da er sich in erster
Linie in Bereichen außerhalb des Vereins bzw. in anderen Vereinen engagiert.
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 129
Abb. 14: Visualisierung der Bürgerkompetenzen des „politisch Engagierten“ auf der Grundlage der T-
Werte
-1 -0,5 0 0,5 1
Allg. Handlungskompetenz
Vertrauen
Hilfsbereitschaft
Solidarität
Aktivität im Verein
Mehrfachmitgliedschaften
Freiwilliges Engagement
Politisches Wissen
Politisches Interesse
Politikverdrossenheit
Politische Partizipation
T-Werte
Das Kompetenzprofil des politisch Engagierten lässt sich wie folgt zuspitzen:
- hohe allgemeine Handlungskompetenzen
- mittelmäßige allgemeine Handlungsdispositionen
- geringe Vereinsaktivität und wenig freiwilliges Engagement im Verein; hohe
gesellschaftliche Beteiligung in anderen Vereinen
- ausgeprägte politische Kompetenzen und Handlungsdispositionen
- sehr hohe politische Beteiligung
Gegenüberstellung mit dem „Idealtypus demokratischer Bürger“
Insgesamt zeichnet sich der politisch Engagierte durch überdurchschnittliche
Bürgerkompetenzen aus. Es handelt sich bei diesem Typ um einen in erster
Linie politisch engagierten Bürger, der in verschiedenen Bereichen aktiv ist.
Seine etwas geringeren allgemeinen Handlungsdispositionen, insbesondere
bei der Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber seinen Mitmenschen,
deuten darauf hin, dass dieser Bürgertyp sein Handeln etwas weniger am
Gemeinwohl ausrichtet. Er scheint vielmehr aktiv zu sein, um seine Interessen
zu verwirklichen. Durch seine hohe politische Beteiligung erfüllt dieser Bürger-
typ die Anforderungen demokratischer Systeme in dieser Hinsicht in besonde-
rem Maße. Darüber hinaus zeichnet sich der politisch Engagierte durch sein
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 130
überdurchschnittliches Interesse am politischen Geschehen und sein poli-
tisches Wissen aus.
7.2.3 Der Vereinsmeier
Die zentralen Merkmale dieses Bürgertyps sind seine hohe Vereinsaktivität
und seine unterdurchschnittlichen sonstigen Bürgerkompetenzen. Als Bezeich-
nung dieses Bürgertyps kommt der charakteristische Begriff des „Vereins-
meiers“ in Frage, da ein „Vereinsmeier derjenige ist, der sich in der kusche-
ligen Enge und Wärme seines Vereins wohl fühlt und die Welt drumherum
nicht mehr wahrnimmt“. Ein Vereinsmeier liebt das „behaglich Unpolitische“
und geht im Vereine seinen „geordneten Aktivitäten“ nach (Speth et al., 2004,
2). Rund jedes fünfte Mitglied (19%) erfüllt Merkmale eines Vereinsmeiers.
Allgemeine Bürgerkompetenzen
Die im „Idealtypus demokratischer Bürger“ unter allgemeine Handlungskompe-
tenzen zusammengefassten organisatorischen und kommunikativen Fähig-
keiten sind bei diesem Typ vergleichsweise gering ausgeprägt. Das Auftreten
vor Gruppen, das Austragen von Konflikten und das Durchsetzen eigener
Interessen sind nicht die Stärke des Vereinsmeiers. Auch gehört er bezüglich
seiner Handlungsdispositionen nicht zu den Mitgliedern, die sich jederzeit für
andere einsetzen und anderen hilfsbereit zur Seite stehen. Seinen Mitmen-
schen steht dieser Typ weder besonders misstrauisch noch besonders ver-
trauensvoll gegenüber. Von den fünf Typen ist der Vereinsmeier jedoch der-
jenige mit der höchsten Aktivität und dem größten freiwilligen Engagement. So
engagieren sich mehr als die Hälfte der Mitglieder dieser Gruppe mehr als
zehn Stunden im Monat freiwillig für ihren Verein. In seiner gesellschaftlichen
Partizipation ähnelt der Vereinsmeier somit dem Aktiven. Bemerkenswert am
Vereinsmeier ist, dass sein hohes freiwilliges Engagement mit einer relativ
gering ausgeprägten Solidarität und Hilfsbereitschaft einhergeht. Vermutlich ist
der Vereinsbezug dieses Bürgertyps so hoch, dass sich seine Bereitschaft zu
uneigennützigem Handeln, wie sie aus seinem freiwilligen Engagement her-
vorgeht, nicht in einer generellen Gemeinwohlorientierung niederschlägt. Statt-
dessen scheinen sich die gemeinwohlorientierten Handlungsdispositionen wie
Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Solidarität in erster Linie auf die Mitglieder des
Vereins zu beziehen.
Politische Bürgerkompetenzen
Im Gegensatz zu den beiden ersten Bürgertypen interessiert sich der Vereins-
meier relativ wenig für das politische Geschehen und schätzt auch sein
politisches Wissen nicht sehr hoch ein. Stattdessen hat er politisch zum Teil
stark resigniert und hält eine politische Beteiligung für sinnlos. Somit sind die
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 131
politischen Bürgerkompetenzen dieses Typs hinsichtlich der Sachkompe-
tenzen und Handlungsdispositionen als gering einzustufen. Es verwundert
nicht, dass die politische Partizipation eines Großteils dieser Mitgliedergruppe
gering ist. Die politischen Bürgerkompetenzen des Vereinsmeiers sind stark
unterdurchschnittlich und werden lediglich durch den desinteressierten Bürger-
typ (vgl. Abschnitt 7.2.5) unterboten.
Abb. 15: Visualisierung der Bürgerkompetenzen des „Vereinsmeiers“ auf der Grundlage der T-Werte
-1 -0,5 0 0,5 1
Allg. Handlungskomp.
Vertrauen
Hilfsbereitschaft
Solidarität
Aktivität im Verein
Mehrfachmitgliedschaften
Freiwilliges Engagement
Politisches Wissen
Politisches Interesse
Politikverdrossenheit
Pol. Partizipation
T-Werte
Das Kompetenzprofil des Vereinsmeiers lässt sich wie folgt zuspitzen:
- geringe allgemeine Handlungskompetenzen und -dispositionen
- sehr hohe Vereinsaktivität und hohes freiwilliges Engagement
- geringe politische Kompetenzen und Handlungsdispositionen
- geringe politische Beteiligung
Gegenüberstellung mit dem „Idealtypus demokratischer Bürger“
Den Anforderungen demokratischer Systeme genügt der Vereinsmeier in
deutlich geringerem Maße als der Aktive und der politisch Engagierte. Die
Gegenüberstellung mit dem Idealtypus zeigt, dass wesentliche Kompetenz-
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 132
aspekte, vor allem die politischen Kompetenzen, bei ihm unterdurchschnittlich
ausgeprägt sind. Betrachtet man den Vereinsmeier, so scheinen sich für
diesen Fall die Befürchtungen Max Webers zu bewahrheiten, der bereits 1924
gewarnt hatte, dass Vereine gute Bürger „im passiven Sinn des Wortes“ (vgl.
Weber, 1924, 445) generieren würden.
7.2.4 Der Misstrauische
Hauptkennzeichen des Misstrauischen ist sein geringes Vertrauen in andere
Menschen und seine gesellschaftliche und politische Passivität in Verbindung
mit einem relativ hohen politischen Interesse und Wissen. Fast jedes fünfte
befragte Vereinsmitglied (19%) gehört zu dieser Gruppe.
Allgemeine Bürgerkompetenzen
Während die allgemeinen Handlungskompetenzen des Misstrauischen noch
als mittelmäßig bis recht gut eingeordnet werden können, so sind sein
Vertrauen in die Mitmenschen und seine Solidarität unter allen Bürgertypen
am geringsten ausgeprägt. Gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen
sind somit bei einem Großteil der Misstrauischen kaum vorhanden. Zwar
partizipiert er gelegentlich am Vereinsleben doch ist er nur sehr selten freiwillig
engagiert. Die meisten Mitglieder dieser Gruppe sind auch nicht in weiteren
Vereinen aktiv, so dass ihre gesellschaftliche Partizipation als gering bewertet
werden kann.
Politische Bürgerkompetenzen
Auffallend ist, dass die politischen Sachkompetenzen des Misstrauischen
besonders hoch sind und auch sein politisches Interesse deutlich über dem
Durchschnitt liegt. Trotz seiner grundlegenden Sachkompetenzen beteiligt er
sich jedoch wenig am politischen Geschehen.
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 133
Abb.16: Visualisierung der Bürgerkompetenzen des „Misstrauischen“ auf der Grundlage der T-Werte.
-1 -0,5 0 0,5 1
Allg. Handlungskomp.
Vertrauen
Hilfsbereitschaft
Solidarität
Aktivität im Verein
Mehrfachmitgl
Freiw. Engagement
Politisches Wissen
Politisches Interesse
Politikverdrossenheit
Pol. Partizipation
T-Werte
Das Kompetenzprofil des Misstrauischen lässt sich wie folgt zuspitzen:
- mittelmäßige allgemeine Handlungskompetenzen
- sehr gering ausgeprägtes Vertrauen und andere Handlungsdispositionen;
geringe gesellschaftliche Beteiligung
- hohe politische Kompetenzen gepaart mit relativ hoher Politikverdrossenheit
- geringe politische Beteiligung
Gegenüberstellung mit dem „Idealtypus demokratischer Bürger“
Ein Fünftel der Befragten verfügt zwar über grundlegende allgemeine und
politische Handlungskompetenzen, wendet diese aufgrund politischer Verdros-
senheit und starkem Misstrauen jedoch nur selten an. Aufgrund dessen erfüllt
dieser Bürgertyp die Anforderungen demokratischer Systeme an die Bürger
eher nicht. Allerdings besteht die Hoffnung, dass sich der misstrauische Bür-
gertyp in Situationen, in denen seine gesellschaftliche bzw. politische Beteili-
gung bedeutsam wird, auf seine durchaus vorhandenen Kompetenzen (wie
bspw. politisches Interesse und Wissen) besinnt und diese anwendet. In der
Gegenüberstellung mit dem Idealtypus ist dieser Bürgertyp als prinzipiell
„interventionsfähig“ (vgl. Kap. 2.2.1) zu bewerten.
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 134
7.2.5 Der Desinteressierte
Kennzeichen dieses Bürgertyps sind seine stark unterdurchschnittlichen
Kompetenzen in fast allen Bereichen des „Idealtypus demokratischer Bürger“.
17% der befragten Mitglieder gehören aufgrund ihres politischen Desinteres-
ses und ihrer gesellschaftlichen Passivität zu dieser Gruppe.
Allgemeine Bürgerkompetenzen
Die Handlungskompetenzen dieser Mitgliedergruppe sind außerordentlich
gering. Die meisten Mitglieder geben an, organisatorische Aufgaben würden
ihnen nicht liegen und sie hätten Probleme, sich gegenüber anderen zu
artikulieren und durchzusetzen. Somit fehlen diesen Mitgliedern bereits grund-
legende Kompetenzen für erfolgreiches gesellschaftliches und politisches
Handeln. Allerdings verfügen diese Mitglieder über grundlegende Handlungs-
dispositionen wie Hilfsbereitschaft und Solidarität. Das heißt, sie sind
prinzipiell bereit, andere zu unterstützen und nicht nur im Eigeninteresse zu
handeln. Allerdings sind die desinteressierten Mitglieder kaum freiwillig enga-
giert. Mitgliedschaften in anderen Vereinen oder gar Parteien oder Bürger-
initiativen gehen sie nur sehr selten ein. Ihre gesellschaftliche Partizipation ist
somit sehr gering.
Politische Bürgerkompetenzen
Besonders auffallend sind die geringen politischen Bürgerkompetenzen dieses
Typs. In allen Bereichen, die im „Idealtypus demokratischer Bürger“ zu
politischen Bürgerkompetenzen zusammengefasst sind, schneiden die Mit-
glieder dieser Gruppe am schlechtesten von allen fünf Typen ab. Desinteres-
sierte verfügen über geringe Sachkompetenzen und ein geringes Interesse am
politischen Geschehen. Dies geht einher mit einem hohen Maß an Politikver-
drossenheit. Somit verfügen sie nicht über die politischen Tugenden, die im
„Idealtypus“ als notwendige Handlungsdispositionen für die Mitglieder demo-
kratischer Gemeinwesen aufgeführt sind. Analog dazu ist auch die politische
Partizipation dieses Typs außerordentlich gering. Somit fehlen den Desinteres-
sierten nicht nur grundlegende allgemeine Handlungskompetenzen, sondern
darüber hinaus auch notwendige politische Kompetenzen und Tugenden, wie
eine positive Einstellung zum demokratischen System.
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 135
Abb. 17: Visualisierung der Bürgerkompetenzen des „Desinteressierten“ auf der Grundlage der T-
Werte
-1 -0,5 0 0,5 1
Allg. Handlungskomp.
Vertrauen
Hilfsbereitschaft
Solidarität
Aktivität im Verein
Mehrfachmitgl
Freiwilliges Engagement
Politisches Wissen
Politisches Interesse
Politikverdrossenheit
Pol. Partizipation
T-Werte
Das Kompetenzprofil des Desinteressierten lässt sich wie folgt zuspitzen:
- geringe allgemeine Handlungskompetenzen und gesellschaftliche Partizi-
pation
- mittelmäßige Gemeinwohlorientierung
- geringe politische Kompetenzen, ausgeprägtes politisches Desinteresse
und sehr hohe Politikverdrossenheit
- geringe politische Beteiligung
Gegenüberstellung mit dem „Idealtypus demokratischer Bürger“
Der Desinteressierte weist in fast allen Bereichen des Idealtypus stark unter-
durchschnittliche Kompetenzen auf. Somit scheint er den Herausforderungen
demokratischer Gemeinwesen an die Bürger am wenigsten von allen Bürger-
typen gewachsen zu sein. Politische und gesellschaftliche Aktivitäten können
von diesem Bürgertyp aufgrund seines Desinteresses und der fehlenden
Handlungskompetenzen nicht erwartet werden.
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 136
7.2.6 Vergleichende Zusammenfassung der Bürgertypen
Die folgende Abbildung stellt die Häufigkeitsverteilung der Bürgertypen dar.
Abb. 18: Anteil der verschiedenen Bürgertypen an der Gesamtstichprobe (N=666).
Vereinsmeier
19%
Politisch
Engagierte
22%
Aktive
23%
Desinteressierte
17%
Misstrauische
19%
Den größten Anteil an den befragten Mitgliedern haben mit 23,1% die Aktiven.
Dieser Bürgertyp zeichnet sich durch hohe allgemeine und politische Bürger-
kompetenzen sowie durch eine hohe Vereinsaktivität aus. Fast ebenso häufig
(22,2%) ist in Vereinen ein Bürgertyp anzutreffen, der sich ebenfalls durch
hohe allgemeine und politische Bürgerkompetenzen auszeichnet, jedoch
durch seine hohe politische Partizipation und seine geringe Beteiligung am
Vereinsleben hervorsticht. Deshalb wird dieser Typ als der politisch Engagierte
bezeichnet. Sowohl die Aktiven als auch die politisch Engagierten zeichnen
sich dadurch aus, dass sie in allen Bereichen des „Idealtypus demokratischer
Bürger“ über relativ hohe Kompetenzen verfügen. Somit weisen beide Bürger-
typen grundlegende Handlungskompetenzen und Handlungsdispositionen auf,
um sich in unterschiedlichen Bereichen des gesellschaftlichen und politischen
Lebens aktiv zu beteiligen. Hier liegt dann auch der entscheidende Unter-
schied zwischen diesen beiden hoch-kompetenten Bürgertypen: Während die
Aktiven ihre gesellschaftliche Aktivität auf den Verein konzentrieren sind die
politisch Engagierten überwiegend in mehreren gesellschaftlichen Organisa-
tionen und auch auf politischer Ebene aktiv. Der folgende Abschnitt (vgl. 7.3)
stellt dar, inwiefern sozio-demographische Unterschiede zwischen diesen bei-
den Bürgertypen bestehen, die ggf. erklären können, weshalb die eine Gruppe
ihren Schwerpunkt auf die gesellschaftliche Beteiligung im Verein und die
andere Gruppe ihren auf die politische Partizipation legt. Einen ersten Erklä-
rungsansatz bietet in jedem Fall das Ressourcenmodell (vgl. Brady et al.,
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 137
1995; Roth, 2003) wonach die zur Verfügung stehende freie Zeit begrenzt ist
und deshalb Schwerpunkte in der Aktivität gesetzt werden müssen.
Als wichtiges Resultat der Untersuchung ist festzuhalten, dass es sich sowohl
bei den Aktiven als auch bei den politisch Engagierten um Bürger handelt, die
mit umfassenden Kompetenzen im Sinne des „Idealtypus demokratischer
Bürger“ ausgestattet sind. Somit verfügt knapp die Hälfte der befragten Ver-
einsmitglieder (45,3%) über Kompetenzen, die darauf schließen lassen, dass
diese Bürger in der Lage sind, die Anforderungen, die Demokratien an ihre
Bürger stellen, in hohem Maße erfüllen zu können. Diese Ergebnisse bestä-
tigen somit die Resultate bisheriger Untersuchungen, wonach es sich bei
Vereinsmitgliedern oftmals um besonders kompetente Bürger handelt. Aller-
dings sind in bisherigen empirischen Untersuchungen nur einzelne Aspekte
von Bürgerkompetenzen eingeflossen (vgl. Almond & Verba, 1963; Verba &
Nie, 1972; Brady, Verba & Lehman Schlozman, 1995; Dunckelmann, 1975;
Green & Brock, 2005; Olsen, 1972 und im Überblick Kap. 2). Durch die Kombi-
nation verschiedener Kompetenzaspekte im Sinne des „Idealtypus demokra-
tischer Bürger“ können erstmals kompetente vereinsbezogene Bürger von
kompetenten politisch orientierten Bürgern abgegrenzt werden, die in den
untersuchten Vereinen fast gleich stark vertreten sind. Inwiefern bestimmte
Charakteristika von Vereinen mit diesen unterschiedlichen Orientierungen der
Mitglieder in Verbindung stehen, soll in Kapitel 8 in den Blick genommen
werden.
Fast jedes fünfte untersuchte Vereinsmitglied (19,1%) gehört zur Gruppe der
Vereinsmeier. Dieser Bürgertyp zeichnet sich durch ein hohes Vereins-
engagement in Verbindung mit relativ geringen allgemeinen und politischen
Bürgerkompetenzen aus. Hinsichtlich des gesellschaftlichen und politischen
Lebens außerhalb des Vereins verfügt dieser Bürgertyp über „Scheuklappen“.
Bemerkenswert an diesem Bürgertyp sind seine hohe vereinsbezogene Aktivi-
tät und sein großes freiwilliges Engagement in Verbindung mit geringen allge-
meinen Handlungskompetenzen und geringer Gemeinwohlorientierung. Diese
Daten lassen an der häufig geäußerten Vermutung zweifeln, dass Vereins-
aktivität und freiwilliges Engagement bei den Mitgliedern per se Bürgerkom-
petenzen generieren würden (vgl. Simon, 1983, Himmelmann, 2001; Putnam,
1993, 2000 und im Überblick Kap. 2). Hohe Aktivität in und für den Verein
kann auch weitgehend unabhängig von allgemeinen und politischen Bürger-
kompetenzen auftreten. Insofern bedeuten freiwilliges Engagement und aktive
Mitgliedschaft im Verein nicht zwangsläufig dass Mitglieder den Anforderun-
gen demokratischer Systeme gewachsen sind. Vielmehr muss hier zwischen
Mitgliedern wie den Aktiven und Mitgliedern wie den Vereinsmeiern differen-
ziert werden, die zwar gleichermaßen im Verein engagiert sind, deren Poten-
7.2 Konstruktion der Bürgertypen 138
ziale, den Herausforderungen von Demokratien zu genügen, sich jedoch stark
unterscheiden. Auch hier stellt sich die Frage nach soziodemographischen
Besonderheiten der beiden Typen, welche die Unterschiede zwischen diesen
Gruppen erklären helfen könnten (vgl. Abschnitt 7.3).
Den Vereinsmeier hatte möglicherweise Max Weber im Sinn, als er 1910 auf
dem Deutschen Soziologentag die Befürchtung äußerte, dass man in Vereinen
vor allem gute Staatsbürger „im passiven Sinn des Wortes“ (Weber, 1924,
445) antreffen würde. Er vermutete, dass die starke Konzentration dieser Mit-
glieder auf die Vereinsbelange gesellschaftliches bzw. politisches Handeln für
diese Menschen überflüssig mache.
Die Ergebnisse der hier vorliegenden Untersuchung geben Max Weber nur
teilweise Recht: Tatsächlich gibt es Menschen in Vereinen, die sich außerhalb
des Vereins durch Passivität auszeichnen, allerdings trifft dies auf eine
Vielzahl von Vereinsmitgliedern nicht zu.
Ein weiterer Bürgertyp, der in Vereinen fast genauso häufig anzutreffen ist, wie
der Vereinsmeier ist der misstrauische Bürger, der 18,9% der befragten Mit-
glieder ausmacht. Im Gegensatz zum Vereinsmeier ist der Misstrauische
jedoch in keinem gesellschaftlichen oder politischen Bereich besonders aktiv.
Stattdessen weisen seine allgemeinen und politischen Handlungskompeten-
zen und sein relativ hohes politisches Interesse in Verbindung mit sehr gerin-
gem Vertrauen in die Mitmenschen und relativ hoher Politikverdrossenheit
darauf hin, dass dieser Mensch resigniert hat bzw. stark enttäuscht ist.
Auffallend sind auch seine fehlenden Dispositionen zum gemeinwohlorientier-
ten Handeln. Es stellt sich die Frage inwiefern der Verein ein Ort ist, der dazu
dienen kann, seine Enttäuschung zu überwinden und zu gesellschaftlicher
Aktivität und zu Vertrauen zurückzufinden oder ob Resignation und Ent-
täuschung durch den Verein verstärkt bzw. ausgelöst wurden. Aufschlussreich
könnte in diesem Zusammenhang die Berücksichtigung der Mitgliedschafts-
dauer sein. Trotz seiner geringen gesellschaftlichen und politischen Aktivität
kann dieser Bürgertyp aufgrund seiner vorhandenen allgemeinen und poli-
tischen Kompetenzen als prinzipiell interventionsfähig eingestuft werden.
Die kleinste Gruppe unter den Vereinsmitgliedern, die hinsichtlich ihrer
Bürgerkompetenzen den größten Anlass zur Sorge bereitet, sind die Des-
interessierten, die 16,5% der Mitglieder ausmachen. Dieser Bürgertyp ist
durch äußerst geringe allgemeine und politische Handlungskompetenzen,
politisches Desinteresse und sehr hohe Politikverdrossenheit gekennzeichnet.
Auch im Verein zeigen Desinteressierte kein größeres Engagement. Darin
unterscheiden sie sich maßgeblich von den Vereinsmeiern. Die Desinteres-
sierten stellen hinsichtlich ihrer politischen Bürgerkompetenzen die negative
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 139
Steigerungsform des Vereinsmeiers dar: Sie interessieren sich noch weniger
für Politik, wissen noch weniger über politische Belange, sind noch seltener
politisch aktiv und in noch stärkerem Maße politikverdrossen.
In ihren allgemeinen Bürgerkompetenzen heben sich die Desinteressierten in
einer Hinsicht positiv von den Vereinsmeiern und auch den Misstrauischen ab:
Sie verfügen durchaus über ein gewisses Maß an gemeinwohlorientierten
Persönlichkeitseigenschaften, das heißt sie zeigen Solidarität mit den Mitmen-
schen, sind hilfsbereit und haben in der Regel auch Vertrauen zu anderen
Menschen.
Insgesamt geben die Desinteressierten eher Anlass zur Sorge, als dass sie im
Sinne des „Idealtypus demokratischer Bürger“ den Anforderungen der Demo-
kratie Genüge leisten könnten.
Es stellt sich die Frage, inwiefern soziodemographische Merkmale mit den
unterschiedlichen Bürgerkompetenzen der Mitglieder in Verbindung stehen.
Deshalb werden im Folgenden soziodemographische Besonderheiten der
einzelnen Bürgertypen herausgearbeitet (vgl. Abschnitt 7.3).
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürger-
typen
Nachdem die fünf Bürgertypen in Bezug auf ihre Bürgerkompetenzen ausführ-
lich dargestellt wurden, wird nun untersucht, inwiefern sich die einzelnen
Typen in Bezug auf soziodemographische Merkmale unterscheiden. Berück-
sichtigt werden als horizontale Ungleichheitsmerkmale das Geschlecht, das
Alter und die regionale Herkunft. Als vertikale Ungleichheitsmerkmale finden
der Bildungsabschluss, die berufliche Autonomie sowie das Einkommen Be-
rücksichtigung (zur Operationalisierung vgl. Abschnitt 6.2.3, vgl. auch Ab-
schnitt 11.2 im Anhang).
Hierbei stehen vier Fragen im Mittelpunkt, die in Abschnitt 7.2 durch die
Gegenüberstellung der Bürgerkompetenzen der einzelnen Bürgertypen aufge-
worfen wurden.
(1) Geben die soziodemographischen Merkmale Hinweise darauf, wie sich die
Aktiven von den politisch Engagierten Mitgliedern unterscheiden? Gibt es
bestimmte soziodemographische Merkmale, die entweder Vereinsaktivität
oder politische Aktivität begünstigen?
(2) Gibt es soziodemographische Faktoren, die erklären können, weshalb sich
die gleichermaßen in Vereinen aktiven Typen Vereinsmeier und Aktive hin-
sichtlich ihrer sonstigen Bürgerkompetenzen so stark unterscheiden?
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 140
(3) Worin unterscheiden sich Desinteressierte von Vereinsmeiern? Gibt es
soziodemographische Merkmale, die erklären können, weshalb die eine
Gruppe trotz geringer Bürgerkompetenzen den Verein als zentrales Betäti-
gungsfeld gewählt hat, wohingegen die andere Gruppe in allen Bereichen eher
desinteressiert und passiv ist, obwohl sie durchaus über gemeinwohlorientierte
Handlungsorientierungen verfügt?
(4) Zuletzt soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern es Anzeichen gibt,
dass die Misstrauischen im Zuge ihrer Vereinsmitgliedschaft zu gesellschaft-
licher Aktivität und gemeinwohlorientierten Handlungsdispositionen, wie Ver-
trauen Solidarität und Hilfsbereitschaft (zurück-) finden könnten. Deshalb soll
zusätzlich zu den soziodemographischen Merkmalen auch die Mitgliedschaft-
sdauer berücksichtigt werden (zur Operationalisierung vgl. Abschnitt 6.2.3).
Um die einzelnen Fragen beantworten zu können, werden im Folgenden die
einzelnen Bürgertypen hinsichtlich soziodemographischer Merkmale differen-
ziert und gegenübergestellt.
7.3.1 Horizontale Ungleichheitsmerkmale
Geschlecht
Unter den befragten Vereinsmitgliedern sind Männer mit 60% etwas über-
repräsentiert (vgl. Abb. 19). Dieses Geschlechterverhältnis in Vereinen wird
durch empirische Ergebnisse repräsentativer Untersuchungen bestätigt. So
kommt die Forschungsgruppe Wahlen für Männer zu einem vergleichbaren
Organisationsgrad von 61% (vgl. Bertelsmann Stiftung, 2004).
Dass dies eine für Vereine typische Verteilung ist, lässt sich auch für die
Sportvereine mit Zahlen belegen. Nach den aktuellen Mitgliedschaftssta-
tistiken des Deutschen Olympischen Sportbundes für 2006 (vgl. DOSB, 2006)
sind insgesamt 60,4% der Sportvereinsmitglieder männlich und 39,6% weib-
lich.
In drei der fünf Bürgertypen sind die Geschlechter ebenfalls in diesem
Verhältnis vertreten. Unterschiede in der Geschlechterverteilung weisen
jedoch die Misstrauischen und die Desinteressierten auf. Während Frauen
signifikant seltener als Männer zum Bürgertyp der Misstrauischen gehören,
sind sie wesentlich häufiger in der Gruppe der Desinteressierten zu finden.
Dies korrespondiert mit Ergebnissen aus der politischen Kulturforschung,
wonach Frauen, im Vergleich zu Männern, geringere politische Kompetenzen
aufweisen und sich in geringerem Maße für Politik interessieren würden (vgl.
Geißler, 2002, Greiffenhagen & Greiffenhagen, 1993; Kulke, 1996,). So zeigen
Ergebnisse der allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 141
von 2002, dass 41% der Männer ein starkes bzw. sehr starkes Interesse an
Politik haben, wohingegen dies nur auf 23% der Frauen zutrifft (vgl. ZUMA,
2002). Begründet werden die „politischen Defizite“ von Frauen unter Anderem
mit immer noch vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen und Normen,
wonach Frauen die häuslichen Dinge regeln und Männer für die gesell-
schaftlichen Belange zuständig sind. Darüber hinaus werden bestimmte
weibliche Persönlichkeitsmerkmale für ihr geringeres Interesse am politischen
Geschehen verantwortlich gemacht. Politische Machtkämpfe und „männer-
bündisches Gehabe“ lehnten sie ebenso ab, wie politische Stammtischparolen
und Ellenbogenmentalität (vgl. Greiffenhagen & Greiffenhagen, 1993).
Allerdings zeigen die Ergebnisse auch, dass bezüglich der politischen und
gesellschaftlichen Aktivität von Frauen nicht mehr Anlass zur Sorge besteht,
als bezüglich der von Männern. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen,
dass weibliche Vereinsmitglieder ebenso häufig wie männliche gesellschaftlich
und politisch aktive Bürger sind und somit beide Geschlechter gleichermaßen
häufig den Anforderungen demokratischer Systeme an die Bürger genügen
können.
Da desinteressierte und misstrauische Bürger diesen Anforderungen in
wesentlichen Bereichen des Idealtypus demokratischer Bürger nicht ent-
sprechen, spielen die bei diesen Bürgertypen auftretenden Geschlechter-
unterschiede unter demokratischen Gesichtspunkten eine vergleichsweise
untergeordnete Rolle.
Abb. 19: Geschlechterverteilung in den Bürgertypen und in der Gesamtstichprobe in Prozent (χ2 (4,
663) = 12,4; p = .015*; CI=.137).
40,8%
39,9%
40,5%
31,7%
54,1%
41,0%
59,2%
60,1%
59,5%
68,3%
45,9%
59,0%
0% 20% 40% 60% 80% 100%
Der Aktive
Der politisch Aktive
Der Vereinsmeier
Der Desillusionierte
Der Desinteressierte
Gesamt
Frauen Männer
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 142
Regionale Herkunft
In der Gesamtstichprobe kommen 47% der Mitglieder aus Potsdam und 53%
aus Münster. Ein ähnliches Verhältnis von ost- und westdeutschen Vereins-
mitgliedern findet sich auch in fast allen Bürgertypen (vgl. Abb. 20).
Ins Auge fallen jedoch die Vereinsmeier, die zu zwei Dritteln aus Münster und
nur zu einem Drittel aus Potsdam stammen. Die Vereinsmeier zeichnen sich
durch eine starke Orientierung am Verein aus, ihr politisches und gesell-
schaftliches Interesse ist dagegen eher gering ausgeprägt (vgl. Abschnitt
7.2.3). Somit handelt es sich bei diesem auch als „Minusvariante des Bürgers“
bezeichneten Typ (Speth et al., 2004, 2) möglicherweise um ein west-
deutsches Phänomen.
In der Gruppe der Aktiven sind hingegen die Potsdamer Vereinsmitglieder mit
52% leicht überrepräsentiert. Dies korrespondiert mit Befunden zu Sport- und
anderen Vereinen, wonach ostdeutsche im Vergleich zu westdeutschen
Vereinsmitgliedern als „ernsthaftere Demokraten“ bezeichnet werden können
(vgl. Baur, 2003; Braun et al., i. E.). Es gibt jedoch andere Untersuchungen,
die diesen Ergebnissen widersprechen und denen zu Folge „das politische
Interesse der neuen Bundesbürger hinter den alten Ländern zurückbleibt und
sich dieser Umstand auf die öffentliche aktive Beteiligung (…) in den neuen
Ländern auswirkt“ (Gensicke, 2000, 177; vgl. auch Schöbel, 2002). Dies mag
für die Gesamtbevölkerung zutreffen; die Ergebnisse für die Potsdamer
Vereinsmitglieder weisen jedoch eine andere Tendenz auf.
Abb. 20: Regionale Herkunft der Mitglieder in den Bürgertypen und in der Gesamtstichprobe in
Prozent, χ2 (4, 666) = 9,6; p = .047*; CI=.120.
52,6%
48,0%
35,4%
50,8%
48,6%
47,3%
47,4%
52,0%
64,6%
49,2%
51,4%
52,7%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Der Aktive
Der politisch Engagierte
Der Vereinsmeier
Der Misstrauische
Der Desinteressierte
Gesamt
Potsdam Münster
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 143
Alter
Die Bürgertypen unterscheiden sich nicht signifikant (p=.142) hinsichtlich der
Altersstruktur der Mitglieder. Dennoch fällt ins Auge (vgl. Abb. 21), dass ein
Großteil (46%) der desinteressierten Mitglieder jünger als 40 Jahre ist. Und
auch bei den politisch eher wenig interessierten Vereinsmeiern ist die jüngere
Altersgruppe mit 41% etwas überrepräsentiert. Bei den Aktiven und politisch
Engagierten sind die Jüngeren eher unter-, ältere Mitglieder hingegen eher
überrepräsentiert (vgl. Abb. 21). Dies kann entweder darauf hindeuten, dass
die Bürgerkompetenzen mit dem Alter zunehmen oder aber, dass diese
insbesondere in der jüngeren Generation erodieren. Empirische Untersuch-
ungen weisen mit ihren Ergebnissen eher in die Richtung, dass politisches
Interesse mit dem Alter zunimmt (vgl. Bertelsmann Stiftung 2004, Hradil,
2001).
Abb. 21: Alter der Mitglieder in den Bürgertypen und in der Gesamtstichprobe in Prozent, χ2 (4, 666) =
12,1; p = .147; CI=.095.
30,5%
33,1%
40,9%
34,1%
45,9%
36,3%
35,1%
41,2%
29,9%
35,7%
29,7%
34,7%
34,4%
25,7%
29,1%
30,2%
24,3%
29,0%
0% 20% 40% 60% 80% 100%
Der Aktive
Der politisch Engagierte
Der Vereinsmeier
Der Misstrauische
Der Desinteressierte
Gesamt
18-40 Jahre 41-60 Jahre 61-87 Jahre
7.3.2 Vertikale Ungleichheitsmerkmale
Zunächst ist anzumerken, dass die Vereinsmitglieder in Potsdam und Münster
im Vergleich zu repräsentativen Bevölkerungsstichproben einen überdurch-
schnittlich hohen Bildungsstand aufweisen.
Während in der Gesamtbevölkerung etwa 39% keine Schulausbildung voll-
endet bzw. die Hauptschule abgeschlossen haben, trifft dies nur für jedes
zehnte Vereinsmitglied zu. In Vereinen haben 71% der Mitglieder das Abitur
oder einen noch höheren Bildungsabschluss erworben. In der Gesamtbevölke-
rung liegt dieser Anteil bei 31%. Insofern ist zu berücksichtigen, dass Vereins-
mitglieder bezüglich ihres Bildungsabschlusses nur einen kleinen Teil der
Gesamtbevölkerung widerspiegeln, nämlich vorrangig den der hoch Gebil-
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 144
deten. Insofern wirken Vereine trotz ihrer formalen Offenheit hoch selektiv.
Dieses Problem soll an dieser Stelle jedoch nicht weiter thematisiert werden.
40
Tab. 24: Höchste Bildungsabschlüsse (in Prozent) auf der Grundlage des ALLBUS 2002, N=2820 (vgl.
ZUMA, 2002) und der Mitgliederbefragung, (N= 665).
Ohne
Schulab-
schluss
Hauptschul-
abschluss
Mittlere
Reife
Abitur Fachhoch-
schule
Universität
Gesamt-
bevölkerung
(ALLBUS 2002)
2,6 36,0 30,4 13,6 6,0 11,4
Vereinsmitglieder 0,6 9,5 18,8 21,8 17,0 32,3
Bildungsabschluss, beruflicher Status, Äquivalenzeinkommen
Die fünf Bürgertypen unterscheiden sich hoch signifikant (p<.001***) hinsicht-
lich der Bildungsabschlüsse und des beruflichen Status ihrer Mitglieder (vgl.
Abb. 22 und 23).
Die Ergebnisse spiegeln bekannte gesellschaftliche Phänomene wider: Es
zeigt sich, dass politische Aktivität und politisches Interesse eng mit einem
hohen Bildungsstand verknüpft sind (vgl. Hradil, 2001). Darüber hinaus gibt es
interessante Details in den einzelnen Bürgertypen: Knapp 70% der politisch
Engagierten besitzen einen Hochschulabschluss. Dies ist auch die Gruppe mit
dem höchsten beruflichen Status. Ein Viertel der Mitglieder weist eine sehr
große Autonomie im beruflichen Handeln auf (vgl. Hoffmeyer-Zlotnik, 1998),
das heißt sie sind zum Beispiel Selbständig und beschäftigen zahlreiche
Angestellte, stehen in einem höheren Beamtenverhältnis oder sind als Ange-
stellte mit umfassenden Führungsaufgaben betraut. Dies schlägt sich auch in
einem überdurchschnittlich hohen Äquivalenzeinkommen dieser Gruppe nie-
der (vgl. Abb. 24). Dies ergänzt die bereits vorhandenen Informationen zu
diesem Bürgertyp. Aufgrund der beruflichen Verantwortung fehlt den politisch
Engagierten möglicherweise die Zeit für mehr Aktivität und ein intensives
Engagement im Verein (vgl. Ressourcenmodell; Kap. 2 und Roth, 2003).
Stattdessen sind sie oftmals in verschiedenen gesellschaftlichen und poli-
tischen Bereichen aktiv.
Die Aktiven, die sowohl politisch interessiert als auch im Verein sehr aktiv sind,
weisen zur Hälfte einen Hochschulabschluss auf. Diesem Typ zugehörig sind
überwiegend Mitglieder, die eine hohe berufliche Autonomie aufweisen, zum
Beispiel als Selbständige mit mehreren Mitarbeitern oder als Angestellte und
Beamte im gehobenen Dienst (vgl. Kap. 6.2.3). Allerdings sind in diesem Typ
auch Mitglieder mit einem relativ geringen Einkommen überrepräsentiert. Das
40 Zur sozialen Ungleichheit durch Vereine vgl. z. B. Nagel (2003, vor allem für Sportvereine).
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 145
deutet darauf hin, dass es sich bei den Aktiven teilweise um Idealisten handeln
könnte, denen soziales Engagement wichtiger ist, als ihre berufliche Karriere
bzw. ein hohes Einkommen.
Vereinsmeier und Desinteressierte zeichnen sich hingegen durch vergleichs-
weise niedrigere Bildungsabschlüsse aus. Mitglieder mit Hautschulabschlüs-
sen und Mittlerer Reife sind in diesen Bürgertypen überrepräsentiert. Die
Misstrauischen verfügen hingegen noch häufiger als die Aktiven über einen
Hochschulabschluss.
Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Je höher der Bildungs-
stand eines Mitglieds ist, desto höher fällt in den meisten Fällen seine
politische Beteiligung aus; je geringer der Bildungsstand eines Mitglieds ist,
desto geringer ist oftmals auch seine politische Partizipation.
Die Vereinsaktivität steht nicht in einem solchen deutlichen Zusammenhang
zum Bildungsstand. Allerdings zeigt sich, dass sowohl ein sehr hoher, als auch
ein sehr niedriger Bildungsabschluss eher in einem negativen Zusammenhang
zu Vereinsaktivität und freiwilligem Engagement stehen.
Abb. 22: Prozentuale Verteilung von Bildungsabschlüssen in den Bürgertypen und in der
Gesamtstichprobe ( χ2 (8, 665) = 61,2; p < .001***; CI=.152).
6,8%
13,5%
7,9%
18,0%
10,1%
15,6%
8,8%
23,8%
19,8%
29,7%
18,8%
27,9%
16,9%
27,0%
19,0%
17,1%
21,8%
16,9%
19,6%
16,7%
18,3%
12,6%
17,0%
33,1%
48,0%
19,0%
34,9%
22,5%
32,3%
6,5%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Der Aktive
Der politisch Engagierte
Der Vereinsmeier
Der Misstrauische
Der Desinteressierte
Gesamt
Hauptschulabschluss Mittlere Reife Abitur Fachhochschule Universität
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 146
Abb. 23: Prozentuale Verteilung der beruflichen Autonomie in den Bürgertypen und in der
Gesamtstichprobe (χ2 (12, 597) = 50,3, p < .001***; CI=.168).
6,9%
11,7%
6,9%
11,7%
7,7%
25,4%
27,0%
42,3%
41,4%
48,5%
36,0%
53,8%
44,5%
38,7%
41,4%
31,1%
42,5%
13,8%
25,5%
7,2%
10,3%
8,7%
13,7%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Der Aktive
Der politisch Engagierte
Der Vereinsmeier
Der Misstrauische
Der Desinteressierte
Gesamt
Geringe Autonomie Mittlere Hohe Sehr hohe Autonomie
Abb. 24: Prozentuale Verteilung des Äquivalenzeinkommens in den Bürgertypen und in der
Gesamtstichprobe (χ2 (12, 625) = 15,4; p = .219, CI=.091).
27,6%
16,8%
27,0%
24,1%
25,3%
24,0%
28,3%
23,8%
23,8%
25,0%
31,3%
26,2%
24,1%
23,8%
25,4%
21,6%
22,2%
23,5%
20,0%
35,7%
23,8%
29,3%
21,2%
26,2%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Der Aktive
Der politisch Engagierte
Der Vereinsmeier
Der Misstrauische
Der Desinteressierte
Gesamt
unter 955 € 957 bis 1303 € 1304 bis 1757 € über 1757 €
7.3.3 Weitere Merkmale der Bürgertypen
Mitgliedschaftsdauer
Die Mitglieder der verschiedenen Bürgertypen unterscheiden sich signifikant
(p=.002**) hinsichtlich der Dauer ihrer Mitgliedschaft. So besteht die Gruppe
der Desinteressierten zu fast 50% aus Mitgliedern, die weniger als drei Jahre
dem Verein angehören. Bürgertypen wie der Aktive und der Vereinsmeier, die
sich durch eine hohe Vereinsaktivität auszeichnen, bestehen zu fast 40% aus
langjährigen Vereinsmitgliedern. Auch unter den Misstrauischen sind Mit-
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 147
glieder mit kurzer Mitgliedschaftsdauer überrepräsentiert. Das könnte darauf
hin deuten, dass diese Mitglieder im Zuge einer länger andauernden Mitglied-
schaft entweder aus dem Verein ausscheiden oder ihre Aktivität im Verein
erhöhen und sich ihr Misstrauen dann ggf. verringert und sie dadurch aus
diesem Typ hinausfallen. Allerdings bleibt ein solcher Zusammenhang
spekulativ und kann nur mit Hilfe von Längsschnittuntersuchungen abgesichert
werden (vgl. zu dieser Problematik auch Nobis, 2007).
Abb. 25: Dauer der Vereinsmitgliedschaft der Bürgertypen und in der Gesamtstichprobe in Prozent (χ2
(8, 649) = 24,8; p = .002**; CI=.138).
25,8%
28,3%
25,0%
37,9%
48,6%
32,2%
35,1%
37,9%
35,5%
33,1%
31,4%
34,8%
39,1%
33,8%
39,5%
29,0%
20,0%
33,0%
0% 20% 40% 60% 80% 100%
Der Aktive
Der politisch Engagierte
Der Vereinsmeier
Der Misstrauische
Der Desinteressierte
Gesamt
0 bis 3 Jahre 4 bis 10 Jahre Über 10 Jahre
7.3.4 Soziale Ungleichheiten zwischen den Bürgertypen
Es stellt sich die Frage, welches die zentralen soziodemographischen Merk-
male sind, in denen sich die Bürgertypen unterscheiden. Deshalb wurden die
Ergebnisse der Chi²-Tests durch univariate Varianzanalysen ergänzt. Hierfür
wurden bei den Variablen Alter, Mitgliedschaftsdauer und Äquivalenzeinkom-
men die Ursprungswerte (metrisches Skalenniveau) und nicht die zusammen-
gefassten Skalen verwendet. Tabelle 25 gibt einen Überblick über die Ergeb-
nisse.
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 148
Tab. 25: Ergebnisse einer univariaten Varianzanalyse zur Ermittlung signifikanter Gruppenunter-
schiede zwischen den Bürgertypen (N= 538, DF=4).
F p Eta²
Alter 1,458
,214
,011
Bildungsabschluss 8,130
<.001***
,057
Berufsautonomie 12,066
<.001***
,082
Äquivalenzeinkommen 3,957
,004**
,029
Mitgliedschaftsdauer 9,769
<.001***
,068
Die Ergebnisse der Varianzanalysen zeigen, dass für die Variablen Bildungs-
abschluss, Berufsautonomie, Mitgliedschaftsdauer und Äquivalenzeinkommen
signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Bürgertypen bestehen. Die
stärksten Effekte weist mit einer aufgeklärten Varianz von 8,2% die Variable
Berufsautonomie auf, gefolgt von der Mitgliedschaftsdauer mit 6,8% und dem
Bildungsabschluss mit 5,7% aufgeklärter Varianz (vgl. Tab. 25). Dies bestätigt
im Wesentlichen die Ergebnisse der Chi²-Tests, weist jedoch zusätzlich auf die
Bedeutung des Äquivalenzeinkommens hin. Es zeigt sich somit, dass mit stei-
gender beruflicher Autonomie und steigendem Bildungsstand Vereinsmitglie-
der signifikant häufiger den Anforderungen, die demokratische Systeme an
ihre Bürger stellen, genügen.
Die Vereinsaktivität nimmt mit der Länge der Mitgliedschaft zu. Das bedeutet,
dass Vereinsmitglieder, wenn sie aktiv sind, ihrem Verein lange treu bleiben
und dass sie sich bei geringer Aktivität schon nach kurzer Zeit häufiger gegen
eine Mitgliedschaft entscheiden. Hierbei ist zu beachten, dass die Vereinsakti-
vität eines Bürgertyps nicht immer mit ausgeprägten Bürgerkompetenzen ein-
hergeht (vgl. 7.2.6).
(1) Um die eingangs aufgestellte Frage (vgl. Abschnitt 7.3) zu beantworten,
worin sich die Gruppe der Aktiven von den politisch Engagierten unter-
scheidet, müssen vor allem die vertikalen Ungleichheitsmerkmale Bildungs-
abschluss, Berufsautonomie und Äquivalenzeinkommen betrachtet werden.
Der größte Anteil an Mitgliedern mit Universitätsabschluss, sehr hoher beruf-
licher Autonomie und hohem Äquivalenzeinkommen findet sich unter den
politisch Engagierten. In dieser Gruppe hat jeder Zweite ein Universitäts-
studium abgeschlossen, jeder Dritte verfügt über ein monatliches Äquivalenz-
einkommen über 1750€ und jeder Vierte arbeitet in einer Position, die mit dem
größtmöglichen beruflichen Prestige verbunden ist. Diese drei Variablen zu-
sammengenommen zeigen deutlich, dass es sich bei den politisch Aktiven
vorrangig um Personen mit einem hohen gesellschaftlichen Status handelt.
Die Aktiven entsprechen hingegen, was ihre Statusvariablen betrifft, eher dem
durchschnittlichen Vereinsmitglied. Personen mit einem geringen Äquivalenz-
7.3 Soziodemographische Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 149
einkommen von unter 950€ sind unter den Aktiven sogar leicht überreprä-
sentiert.
Somit scheint der Status ein entscheidendes Kriterium dafür zu sein, ob ein
Vereinsmitglied seine Bürgerkompetenzen vorrangig im Verein anbringt oder
ob es gesellschaftspolitisch aktiv wird. Zugespitzt kann man resümieren, dass
Akademiker in gut bezahlten hohen beruflichen Positionen am ehesten dem
Bürgertyp des politisch Engagierten entsprechen, wohingegen die Aktiven
eher die ganze Bandbreite der Vereinsmitglieder widerspiegeln.
(2) Auch um die Unterschiede zwischen den beiden Typen mit hoher
Vereinsaktivität, den Vereinsmeiern und den Aktiven deutlich zu machen, sind
die Statusvariablen Bildungsabschluss und Berufsautonomie geeignet. Ver-
einsmeier weisen im Gegensatz zu den Aktiven wesentlich häufiger einen
niedrigeren bzw. mittleren Bildungsabschluss und eine geringere berufliche
Autonomie auf. Hinzu kommt, dass Vereinsmeier deutlich häufiger in Münster
und Aktive häufiger in Potsdam anzutreffen sind. Insofern lässt sich auch in
diesem Fall wieder schlussfolgern, dass mit dem Status auch das Potenzial
zunimmt, die komplexen Anforderungen der Demokratie besser erfüllen zu
können. Dieser Zusammenhang zwischen vertikalen Ungleichheitsmerkmalen
und Bürgerkompetenzen trifft vor allem für Münsteraner Vereinsmitglieder zu.
(3) Desinteressierte und Vereinsmeier unterscheiden sich vor allem hinsicht-
lich ihrer Mitgliedschaftsdauer. Während jedes zweite Mitglied der Gruppe der
Desinteressierten erst seit weniger als vier Jahren Mitglied des Vereins ist,
sind fast 40% der Vereinsmeier seit über zehn Jahren Mitglied. Bei den
Vereinsmeiern handelt es sich besonders häufig um jüngere Mitglieder mit
einer langen Mitgliedschaftsdauer. Denkbar ist, dass dieser Typ daran interes-
siert ist, berufliche Defizite durch eine starke Fokussierung auf den Verein
auszugleichen. Seine geringe berufliche Autonomie versucht er durch starkes
freiwilliges Engagement im Verein zu kompensieren.
Weitere Unterschiede zwischen Desinteressierten und Vereinsmeiern beste-
hen hinsichtlich des Bildungsstandes, der bei den Vereinsmeiern etwas höher
ausfällt als bei den Desinteressierten. Insgesamt ist festzuhalten, dass mit der
Höhe des Bildungsstandes eines Bürgertyps auch die politischen Bürgerkom-
petenzen des Bürgertyps zunehmen.
(4) Auch in der Gruppe der Misstrauischen sind Kurzzeitmitglieder über- und
langjährige Mitglieder leicht unterrepräsentiert. Insofern ist es möglich, dass
Mitglieder im Zuge einer länger andauernden Mitgliedschaft Bürgerkompe-
tenzen entwickeln bzw. gesellschaftlich oder politisch aktiv werden. Allerdings
ist es auch denkbar, dass Misstrauische und Desinteressierte ihre Mitglied-
schaft nach nur einigen Jahren wieder aufgeben.
8.1 Vereine mit unterschiedlicher Zielstellung und inhaltlicher Ausrichtung 150
8. Bürgertypen in Sport- und anderen Vereinen
In Kapitel 7 konnte gezeigt werden, dass sich die Mitglieder von Vereinen hin-
sichtlich ihrer Bürgerkompetenzen stark unterscheiden. Während sich ca. die
Hälfte der Vereinsmitglieder in hohem Maße durch allgemeine und politische
Bürgerkompetenzen auszeichnet, gehört die andere Hälfte der befragten Mit-
glieder zu einem der drei Bürgertypen, die in einigen Bereichen des „Ideal-
typus“ nur geringe Kompetenzen aufweisen.
Auch wenn die Frage, ob Vereine Bürgerkompetenzen bei ihren Mitgliedern
generieren, durch diese Arbeit nicht beantwortet werden kann, so kann, durch
die empirische Untersuchung der Bürgerkompetenzen der Mitglieder eines
Vereins, geklärt werden, inwiefern die Mitglieder von Vereinen bestimmten
Anforderungen demokratischer Systeme an die Bürger genügen bzw. in wel-
chen Bereichen sie mit demokratischen Bürgerkompetenzen ausgestattet sind.
Bisherige empirische Ergebnisse zu Bürgerkompetenzen von Vereinsmit-
gliedern deuten in die Richtung, dass manche Vereine demokratiekompe-
tentere Mitglieder aufweisen als andere. Allerdings konnte dieser Fragestel-
lung bisher nur unzureichend nachgegangen werden, da in vorliegenden
Untersuchungen nur einzelne Mitglieder von Vereinen erfasst und einer be-
stimmten Gruppe von Vereinen zugeordnet werden konnten (vgl. Kap. 2). Im
Rahmen dieser Untersuchung ist es möglich, aufgrund der durchgeführten
Vollerhebung der Mitglieder ausgewählter Vereine mit unterschiedlichen Ziel-
stellungen detaillierte Aussagen über die Bürgerkompetenzen der Mitglieder
einzelner Vereine, bestimmter Vereinstypen sowie von Vereinen mit ähnlichen
strukturellen Besonderheiten zu machen (Tab. vgl. Abschnitt 11.3 im Anhang).
Das Kapitel gliedert sich in vier Abschnitte mit unterschiedlichen Schwer-
punkten.
(1) Zunächst werden Vereine nach ihren Zielstellungen und nach ihren
Inhalten differenziert. An dieser Stelle geht es vor allem um die Frage,
inwiefern sich Sportvereinsmitglieder von den Mitgliedern anderer Vereine
unterscheiden. So werden zunächst die Bürgerkompetenzen von Mitgliedern
binnenorientierter Sportvereine den Bürgerkompetenzen von Mitgliedern
außenorientierter und fremdbezogener Vereine gegenübergestellt (vgl. Ab-
schnitt 8.1.1). Darüber hinaus werden die Kompetenzen von Mitgliedern in
Sport-, Politik-, Kultur- und karitativen Vereinen verglichen (vgl. Abschnitt
8.1.2).
(2) In einem zweiten Schritt werden Vereine nach ihren Strukturbesonder-
heiten differenziert und hinsichtlich der Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder
8.1 Vereine mit unterschiedlicher Zielstellung und inhaltlicher Ausrichtung 151
gegenübergestellt. Es wird die Frage beantwortet, inwiefern sich in Vereinen
mit guten Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion der Mitglieder andere Bürger-
typen zusammenfinden als in Vereinen, die ihren Mitgliedern diese Möglich-
keiten nicht eröffnen. Auch soll dargestellt werden, inwiefern die Mitwirkungs-
möglichkeiten an Entscheidungsprozessen mit den Bürgerkompetenzen der
Mitglieder in einem Zusammenhang stehen (vgl. Abschnitt 8.2).
(3) In einem dritten Schritt wird am Beispiel einzelner Vereine analysiert, was
Vereine auszeichnet, deren Mitglieder sich durch besonders umfassende
Bürgerkompetenzen auszeichnen bzw. deren Mitglieder eher zu den Bürger-
typen mit gering ausgeprägten Bürgerkompetenzen gehören. Hierbei werden
Vereine vorgestellt, in denen ein bestimmter Bürgertyp stark überrepräsentiert
ist (vgl. Abschnitt 8.3).
(4) Im vierten Abschnitt wird auf der Grundlage der vorangegangenen
Ergebnisse zusammengefasst, inwiefern die Mitglieder bestimmter Vereine
den Anforderungen demokratischer Systeme in besonderer Weise gerecht
werden. Hierbei wird versucht, vorsichtig über bestimmte Zusammenhänge
zwischen Vereinsbesonderheiten und Bürgerkompetenzen der Mitglieder
nachzudenken (Vgl. Abschnitt 8.4).
8.1 Vereine mit unterschiedlicher Zielstellung und inhaltlicher Aus-
richtung
In Anlehnung an Horch (1992) wurden die befragten Vereine nach ihren
Zielstellungen differenziert (vgl. Abschnitt 5.2.2). Insgesamt wurden acht
binnenorientierte Vereine untersucht, bei denen es sich ausnahmslos um
Sportvereine handelt. Darüber hinaus wurden sechzehn andere Vereine
untersucht, die sich zu gleichen Teilen aus außenorientierten und fremdbe-
zogenen Vereinen zusammensetzen. Allerdings musste die ursprüngliche
Zuordnung der Vereine (vgl. Abschnitt 6.1.1) auf der Grundlage der Funktions-
trägerangaben korrigiert werden: In drei Fällen, bei denen ursprünglich von
einer fremdbezogenen Zielstellung ausgegangen worden war, stellte sich nach
der Befragung der Funktionsträger heraus, dass es sich um Vereine handelt,
die vielmehr eine außenorientierte Zielstellung verfolgen. An der Befragung
haben sich somit elf Vereine mit außenorientierten Zielen beteiligt, sowie fünf
Vereine, die sich mit Ihren Leistungen an Dritte richten und somit fremdbe-
zogene Ziele verfolgen.
Prozentual machen die Sportvereine in der Stichprobe mit 36% die größte
Mitgliedergruppe aus (N=241), gefolgt von den außenorientierten Vereinen mit
34% (N=227) und den fremdbezogenen Vereinen mit 30% (N=198).
8.1 Vereine mit unterschiedlicher Zielstellung und inhaltlicher Ausrichtung 152
Um die Vergleichbarkeit mit anderen empirischen Daten zu erhöhen, werden
die Vereine darüber hinaus auch nach ihrer inhaltlichen Ausrichtung diffe-
renziert. Hierbei werden Vereine aus den Bereichen Sport, Politik, Freizeit/-
Kultur und Soziales/Gesundheit unterschieden. Diese Differenzierung ist ange-
lehnt an eine repräsentative Bevölkerungsbefragung der Forschungsgruppe
Wahlen zu politischer Partizipation (vgl. Bertelsmann Stiftung, 2004, 106).
Tabelle 26 gibt einen Überblick über die Zuordnung der Vereine in der
Stichprobe.
Tab. 26: Zuordnung der Vereine zu den Bereichen Sport, Politik, Freizeit/Kultur und Soziales/Gesund-
heit.
Verein aus dem Bereich Zielstellung des Vereins Art des Vereins
Sport binnenorientiert (8) Sportvereine (8)
Politik fremdbezogen (2) Umweltschutzverein (1)
Politischer Verein (1)
Freizeit/Kultur außenorientiert (9)
fremdbezogen (1)
Kunst- und Kulturvereine (6)
Musikvereine (2)
Freizeit-/Geselligkeitsvereine
(2)
Soziales/Gesundheit außenorientiert (2)
femdbezogen (2)
Selbsthilfeverein (1)
Wohltätigkeitsvereine (2)
Gesundheitsverein (1)
Sowohl bei der Differenzierung nach Zielstellungen als auch bei der Unter-
scheidung nach Inhalten bilden Sportvereine eine eigene Gruppe (vgl. Tab.
25). Aus diesem Grund werden Sportvereinsmitglieder im Folgenden den Mit-
gliedern anderer Vereine hinsichtlich ihrer Bürgerkompetenzen gegenüber-
gestellt.
8.1.1 Vereine mit unterschiedlichen Zielstellungen
Betrachtet man die Bürgerkompetenzen der Mitglieder in Sport- und anderen
Vereinen, so wird deutlich, dass sich Vereine mit unterschiedlichen
Zielstellungen und inhaltlichen Ausrichtungen signifikant voneinander unter-
scheiden (vgl. Abb. 26 und 27). Insbesondere Sportvereine unterscheiden sich
in ihrer Mitgliederzusammensetzung deutlich von den Mitgliedern anderer
Vereine. Während in den binnenorientierten Sportvereinen die hochkom-
petenten Bürgertypen der Aktiven und politisch Engagierten ein knappes
Drittel der Mitglieder ausmachen, sind dies in Vereinen mit anderen Ziel-
stellungen 50 bis 60%. Hierbei wird deutlich, dass mit der Stärke des Außen-
bezugs eines Vereins auch der Anteil an Mitgliedern mit allgemeinen und
politischen Bürgerkompetenzen zunimmt. Somit scheinen die Bürgerkompe-
8.1 Vereine mit unterschiedlicher Zielstellung und inhaltlicher Ausrichtung 153
tenzen der Mitglieder von Vereinen in einem engen Zusammenhang mit der
Zielstellung eines Vereins zu stehen. Vereine, die sich mit ihren Leistungen
auch oder vor allem an Außenstehende richten, weisen unter demokratischen
Gesichtspunkten die mit umfassenderen Kompetenzen ausgestatteten Mit-
glieder auf, als Vereine, die sich ausschließlich an ihren Mitgliedern und deren
Interessen orientieren, wie dies bei Sportvereinen in der Regel der Fall ist.
Die starke Binnenorientierung von Sportvereinen kann auch begründen,
weshalb jedes vierte Mitglied in Sportvereinen dem Typ Vereinsmeier zuge-
rechnet werden kann. Dadurch, dass Sportvereine in erster Linie bemüht sind,
die Interessen ihrer Mitglieder in Bezug auf das Sporttreiben zu befriedigen,
gibt es in diesen Vereinen viele freiwillig engagierte und hoch aktive Mitglieder,
die in ihrer Aktivität stark auf den Verein konzentriert sind. Während freiwilliges
Engagement in anderen Vereinen häufig auch ein Interesse an gesellschaft-
lichen und politischen Prozessen voraussetzt, steht in Sportvereinen die Arbeit
für den Verein und dessen Mitglieder im Mittelpunkt.
Auch Misstrauische und Desinteressierte sind in Sportvereinen überreprä-
sentiert und machen zusammen fast die Hälfte (46,1%) der Mitglieder aus (vgl.
Abb. 26).
Abb. 26: Bürgertypen in Sport-, außenorientierten und fremdbezogenen Vereinen (χ2 (8, 666) = 50,7,
p < .001***, CI=.195).
16,6%
27,8%
25,8%
12,9%
22,0%
33,8%
24,5%
15,0%
17,2%
24,5%
18,9%
12,1%
21,6%
16,3%
11,1%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Sportvereine
Außenorientierte Vereine
Fremdbezogene Vereine
Aktive Politisch Engagierte Vereinsmeier Misstrauische Desinteressierte
Dieses Ergebnis kann zum Teil mit dem geringeren Bildungsstand und der
geringeren Berufsautonomie der Sportvereinsmitglieder erklärt werden. Hier
liegt gleichzeitig auch das Potenzial von Sportvereinen: Während außen-
orientierte und fremdbezogene Vereine in hohem Maße sozial selektiv wirken,
da sie fast ausschließlich überdurchschnittlich gebildete und somit mit beson-
ders hohen Ressourcen ausgestattete Mitglieder aufweisen, finden sich in
Sportvereinen am ehesten auch Mitglieder mit einem durchschnittlichen Bil-
dungsstand. Auch liegt der berufliche Status von Sportvereinsmitgliedern unter
dem der Mitglieder von Vereinen mit außenorientierten bzw. fremdbezogenen
8.1 Vereine mit unterschiedlicher Zielstellung und inhaltlicher Ausrichtung 154
Zielstellungen. Somit weisen Sportvereine im Vergleich zu anderen Vereinen
die geringste soziale Selektivität auf und scheinen somit am ehesten auch
Menschen aus bildungsfernen Schichten einen Zugang zu einer Vereins-
mitgliedschaft zu ermöglichen (vgl. Tab. 27).
Tab. 27: Bildungsabschlüsse und berufliche Autonomie der Mitglieder differenziert nach Zielstellung
des Vereins (Prozentwerte).
Binnenorientiert
Außenorientiert Fremdbezogen
Bildungsabschluss
Ohne bzw. Hauptschulabschluss
8,7% 14,2% 7,1%
Mittlere Reife
23,7% 21,2% 10,1%
Abitur
29,0% 11,1% 25,3%
Hochschulabschluss
38,6% 53,5% 57,6%
Berufsautonomie
Gering
10,6% 7,0% 5,1%
Mittel
45,7% 31,5% 30,1%
Hoch
33,7% 47,9% 46,6%
Sehr hoch
10,1% 13,6% 18,2%
Sportvereinsmitglieder scheinen die komplexen Anforderungen demokra-
tischer Systeme an die Kompetenzen der Bürger in geringerem Maße zu
erfüllen als die Mitglieder anderer Vereine. Während in Sportvereinen Vereins-
meier und Misstrauische am stärksten vertreten sind, machen in anderen
Vereinen Aktive und politisch Engagierte die Mehrheit der Mitglieder aus.
Allerdings könnten Sportvereine andere soziale Funktionen erfüllen. So deuten
die Ergebnisse darauf hin, dass anscheinend vor allem Sportvereine Men-
schen, die im Beruf weniger verantwortungsvolle Tätigkeiten ausführen, die
Möglichkeit bieten, dieses Defizit durch umfangreiches freiwilliges Engage-
ment im Verein zu kompensieren.
8.1.2 Vereine aus unterschiedlichen Bereichen
Die Gegenüberstellung von Bürgertypen in Vereinen aus unterschiedlichen
Bereichen führt zu weiteren Erkenntnissen: Handelt es sich nicht nur um
fremdbezogene Vereine, sondern noch dazu um Vereine, die politische Ziele
verfolgen, so steigt der Anteil hochkompetenter Aktiver bzw. politischer
Engagierter auf zwei Drittel an (vgl. Abb. 27). Darüber hinaus findet man in
Vereinen mit einem Politikbezug nur noch wenige misstrauische bzw. des-
interessierte Mitglieder. Nur jedes fünfte Mitglied gehört einem dieser beiden
Typen an.
8.1 Vereine mit unterschiedlicher Zielstellung und inhaltlicher Ausrichtung 155
Kultur- und Freizeitvereine weisen den größten Anteil an Aktiven auf, das heißt
28% der Mitglieder solcher Vereine verfügen über umfassende Bürger-
kompetenzen und sind noch dazu im Verein sehr stark engagiert.
Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass sich in Vereinen aus den Bereichen
Soziales und Gesundheit ähnlich wie in Sportvereinen zahlreiche Mitglieder
des Typs Vereinsmeier zusammenfinden. Dieser hohe Wert geht im Wesent-
lichen auf einen Verein in dieser Gruppe zurück, in dem der Anteil der
Vereinsmeier bei 42% liegt. Der Verein soll in Abschnitt 8.3.3 noch genauer
betrachtet werden.
Abb. 27: Bürgertypen in Vereinen aus den Bereichen Sport, Politik, Freizeit und Geselligkeit sowie
Gesundheit und Soziales ( χ2 (12, 666) = 55,2, p < .001***, CI=.166).
16,6%
23,7%
28,0%
26,3%
12,9%
42,1%
25,6%
21,1%
24,5%
14,5%
14,6%
21,1%
24,5%
7,9%
18,5%
14,7%
21,6%
11,8%
13,4%
16,8%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Sport
Politik
Freizeit/Kultur
Soziales/Gesundheit
Aktive Politisch Engagierte Vereinsmeier Misstrauische Desinteressierte
Aufgrund der Tatsache, dass sich die Bürgerkompetenzen von Vereins-
mitgliedern in unterschiedlichen Vereinen stark unterscheiden, sind Rück-
schlüsse möglich, inwiefern die Mitglieder bestimmter Vereine den Anforde-
rungen demokratischer Systeme in besonderem Maße gerecht werden. Je
mehr Kompetenzbereiche im Sinne des „Idealtypus demokratischer Bürger“
ein Bürgertyp abdeckt, desto eher ist er potenziell in der Lage, in verschie-
denen gesellschaftspolitischen Bereichen kompetent zu Handeln. Durch be-
sonders umfangreiche Kompetenzen zeichnen sich die aktiven und die poli-
tisch Engagierten Mitglieder aus. Diese sind vor allem in Vereinen mit poli-
tischem Bezug anzutreffen, aber auch in Freizeit- und Kulturvereinen. Insofern
ist ein klarer Bezug zwischen Vereinsziel und Vereinsinhalt und den Bürger-
kompetenzen der Mitglieder auszumachen. Zwar können Kultur- und Freizeit-
vereine als unpolitische Vereine eingestuft werden, doch reicht der gesell-
schaftliche Außenbezug dieser Vereine, um Mitglieder mit einem breiten Spek-
trum an Bürgerkompetenzen an sich zu binden.
Die Möglichkeiten von Sportvereinen, dort nur zum Sporttreiben „vorbeizu-
schauen“ fördert hingegen die Mitgliedschaft nicht nur politisch sondern auch
8.2 Vereine mit unterschiedlichen Strukturen 156
gesellschaftlich mit geringeren Kompetenzen ausgestatteter Bürger. Diese
Menschen nutzen den Sportverein möglicherweise in erster Linie, um ihr Inter-
esse an sportlicher Bewegung zu befriedigen. Allerdings bieten Sportvereine
auch den Desinteressierten und Misstrauischen ein Wirkungsfeld, in dem sie
sozial aktiv werden können. Dass dies in Sportvereinen von wesentlicher
Bedeutung ist, zeigt der große Anteil von Mitgliedern, die ausschließlich für
den Verein engagiert sind (Vereinsmeier). Insofern kommt Sportvereinen als
Möglichkeit, Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen den Anschluss an
soziale Aktivitäten zu ermöglichen, eine wesentliche Bedeutung zu.
Im Folgenden soll untersucht werden, welche Bedeutung vereinsspezifische
Besonderheiten, wie Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion und die demokra-
tische Struktur eines Vereins, für die Bürgerkompetenzen der Mitglieder
haben.
8.2 Vereine mit unterschiedlichen Strukturen
8.2.1 Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion
Vereine unterscheiden sich nicht nur in Bezug auf ihre Zielstellung und ihre
inhaltliche Ausrichtung, sondern auch hinsichtlich der vereinsinternen Struk-
turen. Während in manchen Vereinen ein großer Teil der Mitglieder in frei-
williges Engagement eingebunden ist, sind in anderen Vereinen eher wenige
Mitglieder engagiert. Auch die Häufigkeit von Mitgliederversammlungen ist in
den Vereinen sehr unterschiedlich und schwankt zwischen alle zwei Jahre und
monatlich. Hinzu kommen die Möglichkeiten, die die Vereine für gesellige
Veranstaltungen eröffnen. Diese Faktoren wurden in einer Skala zu den Inter-
aktionsmöglichkeiten der Mitglieder in Vereinen zusammengeführt. Vereine,
die ihren Mitgliedern im Rahmen von Mitgliederversammlungen, geselligen
Veranstaltungen und freiwilligem Engagement die Möglichkeit zum Austausch
geben, weisen somit gute Gelegenheitsstrukturen auf. Vereine, die nur selten
formelle oder informelle Zusammenkünfte organisieren und nur wenig freiwillig
engagierte Mitglieder haben, bieten stattdessen schlechtere Interaktionsmög-
lichkeiten für ihre Mitglieder. Hierbei ist anzumerken, dass die Mitglieder eines
Vereins die Strukturen ihres Vereins mitbestimmen. So können sie sich be-
stehenden Strukturen anpassen und sie so erhalten oder durch ihr Handeln
die Strukturen des Vereins verändern. Somit stellten die Vereinsstrukturen
jeweils nur eine Momentaufnahme dar. Zum Zeitpunkt der Befragung stellten
sich die Gelegenheitsstrukturen für die Interaktion der Mitglieder in fünf der
befragten Vereine als sehr gut (N=91), in acht Vereinen als gut (N=235), in
8.2 Vereine mit unterschiedlichen Strukturen 157
sieben Vereinen als mittelmäßig (N=215) und in vier Vereinen als eher
schlecht dar (N=125).
Aus welchen Bereichen die Vereine mir unterschiedlichen Gelegenheits-
strukturen zur Interaktion stammen, zeigt Tabelle 28.
Tab. 28: Anzahl der Vereine mit geringen bis sehr guten Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion
aufgeteilt nach Bereich des Vereins (N=24 Vereine).
gering
mittelmäßig
gut
sehr gut
Sport 2
2
2
2
Politik 0
1
0
1
Freizeit/Kultur 2
2
5
2
Soziales/Gesundheit
0
2
1
1
Es stellt sich die Frage, inwiefern solche strukturellen Besonderheiten von
Vereinen in einem Zusammenhang mit den Bürgerkompetenzen ihrer Mit-
glieder stehen. Einen Überblick über die Verteilung der Bürgertypen in Ver-
einen mit unterschiedlichen Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion gibt Ab-
bildung 28.
Abb. 28: Bürgertypen in Vereinen differenziert nach den Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion im
Rahmen von Mitgliederversammlungen, geselligen Veranstaltungen und bürgerschaftlichem
Engagement (χ2 (12, 666) = 36,1; p < .001***, CI=.134).
22,4
18,6
24,3
31,9
12,0
27,4
26,0
14,3
20,8
13,0
20,4
27,5
21,6
22,8
16,2
13,2
23,2
18,1
13,2
13,2
0% 20% 40% 60% 80% 100%
gering
mittel
gut
sehr gut
Der Aktive Der politisch Engagierte
Der Vereinsmeier Der Misstrauische
Der Desinteressierte
Die Abbildung zeigt deutlich, dass sich die Bürgertypen in Vereinen je nach
den Interaktionsmöglichkeiten, die ein Verein seinen Mitgliedern bietet,
signifikant unterscheiden. Je schlechter die Gelegenheitsstrukturen sind, die
ein Verein seinen Mitgliedern eröffnet, desto größer ist der Anteil an misstrau-
ischen und desinteressierten Bürgern mit eher geringen allgemeinen und
politischen Bürgerkompetenzen. Während in Vereinen mit geringen Interak-
8.2 Vereine mit unterschiedlichen Strukturen 158
tionsmöglichkeiten fast jedes zweite Mitglied (45%) zum Bürgertyp der Miss-
trauischen und Desinteressierten zu zählen ist, betrifft dies in Vereinen mit
guten Gelegenheitsstrukturen nur etwa jedes vierte Mitglied (26%). Auch der
Anteil der Aktiven ist in Vereinen mit sehr guten Gelegenheitsstrukturen mit
32% besonders hoch. Ebenfalls zahlreich ist in diesen Vereinen die Gruppe
der Vereinsmeier (27,5%) vertreten, die sich ebenso wie die Aktiven durch
eine hohe Vereinsaktivität auszeichnen.
Somit stellen die Strukturen von Vereinen neben ihrer Zielstellung und ihren
Inhalten einen weiteren Aspekt dar, der in einem Zusammenhang mit den
Bürgerkompetenzen der Mitglieder steht.
Der hohe Anteil an Vereinsmeiern in Vereinen mit sehr guten Gelegenheits-
strukturen legt die Vermutung nahe, dass solche Vereine in der Lage sind,
politisch wenig interessierte Mitglieder in ihre Arbeit einzubinden, so dass sie
eine sehr hohe Aktivität und einen starken Bezug zum Verein entwickeln. Für
Sportvereine lässt sich daraus ableiten, dass sie sich um gute Interaktions-
strukturen bemühen sollten, um so misstrauische und desinteressierte Mit-
glieder aus ihrer Passivität zu „locken“.
8.2.2 Demokratische Struktur
Wie in Abschnitt 6.2.1 bereits dargestellt wurde, unterscheiden sich Vereine
auch im Hinblick auf die Möglichkeiten der Mitglieder, an Entscheidungs-
prozessen des Vereins zu partizipieren. So kann es vorkommen, dass der
Vorstand eines Vereins einen geschlossenen Zirkel bildet und die Möglich-
keiten zur Mitwirkung für die Mitglieder begrenzt sind (vgl. Abschnitt 5.2.1).
Deshalb wurden auf der Grundlage der Funktionsträgerangaben Vereine mit
eher offenen Strukturen und guten Einflussmöglichkeiten für die Mitglieder von
Vereinen unterschieden, die sich eher durch einen geschlossenen Führungs-
zirkel auszeichnen. Insgesamt verfügen sechs der untersuchten Vereine
(N=149) über gute Einflussmöglichkeiten für die Mitglieder und eine offene
Vereinsstruktur. In acht Vereinen zeichnen sich hingegen oligarchische
Tendenzen ab (N=228) und acht weitere Vereine (N=227) gehören zu einer
mittleren Kategorie.
Wie sich die Vereine mit ihren unterschiedlichen demokratischen Strukturen
auf die verschiedenen Bereiche verteilen zeigt Tabelle 29.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 159
Tab. 29: Anzahl der Vereine mit geringen bis guten Einflussmöglichkeiten der Mitglieder aufgeteilt
nach Bereich des Vereins (N=22 Vereine).
gering
mittel
gut
Sport 4
2
2
Politik 0
1
1
Freizeit/Kultur*
3
3
3
Soziales/Gesundheit*
1
2
0
* Jeweils ein Verein ohne Angaben.
Es stellt sich die Frage, inwieweit auch hier ein Zusammenhang zwischen
Vereinsstruktur und den Bürgerkompetenzen der Vereinsmitglieder besteht.
Abb. 29 zeigt, dass die verschiedenen Bürgertypen in Vereinen mit offener
und geschlossener Vereinsstruktur zum Teil voneinander abweichen. Der
Chi²-Test zeigt jedoch, dass die Abweichungen zwischen erwarteten und
tatsächlichen Häufigkeiten zufällig und nicht signifikant sind.
Abb. 29: Bürgertypen in Vereinen differenziert nach der Offenheit des Vereins für die Einflussnahme
durch die Mitglieder (χ2 (8, 584) = 11,7; p = .167, CI=.100).
19,2%
26,4%
24,8%
24,0%
25,1%
20,8%
16,3%
13,2%
22,8%
24,0%
18,9%
15,4%
16,3%
16,3%
16,1%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Geringe Offenheit
Mittlere Offenheit
Hohe Offenheit
Der Aktive Der politisch Engagierte Der Vereinsmeier
Der Misstrauische Der Desinteressierte
Es erscheint plausibel, dass ausgeprägte demokratische Strukturen eines Ver-
eins in einem positiven Zusammenhang mit den Bürgerkompetenzen der
Mitglieder stehen (vgl. Abschnitt 5.2.1). Allerdings zeigen die Daten, dass die
Bürgerkompetenzen der Mitglieder nicht in signifikantem Maße mit der Offen-
heit der Vereinsstrukturen zusammenhängen. Entscheidend für die demokra-
tische Bedeutung eines Vereins sind somit weniger vereinsinterne demokra-
tische Strukturen, wie Transparenz und Mitwirkungsmöglichkeiten in der Ver-
einsführung, als vielmehr allgemeine Interaktionsmöglichkeiten für die Mitg-
lieder untereinander.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 160
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen
In den Abschnitten 8.1 und 8.2 wurde versucht, Zusammenhänge zwischen
Vereinszielen, -inhalten und -strukturen auf der einen und den Bürgerkompe-
tenzen der Vereinsmitglieder auf der anderen Seite aufzudecken. Es ist
deutlich geworden, dass Zusammenhänge zwischen der Zielstellung, den
Inhalten und auch den Interaktionsmöglichkeiten eines Vereins und den
Bürgerkompetenzen der Mitglieder bestehen. Bisher sind die untersuchten
Vereine anhand bestimmter charakteristischer Merkmale zu Gruppen zusam-
mengefasst worden. Eine Stärke dieser empirischen Untersuchung liegt
jedoch auch darin, dass sie einen Blick auf die Bürgertypen in einzelnen
Vereinen ermöglicht. So ist in Abschnitt 8.1 zum Beispiel deutlich geworden,
dass der relativ hohe Anteil an Vereinsmeiern in Vereinen aus den Bereichen
Soziales und Gesundheit im Wesentlichen auf einen Verein zurückgeführt
werden kann. Aus diesem Grund sollen an dieser Stelle die Vereine nicht
länger zu Gruppen zusammengefasst werden, sondern stattdessen die Einzel-
fälle, also die einzelnen Vereine, betrachtet werden. Es soll der Frage
nachgegangen werden, was einen Verein auszeichnet, in dem ein bestimmter
Bürgertyp stark überrepräsentiert ist. Hierbei wird auch untersucht, inwiefern
sich die folgenden bisherigen Erkenntnisse bestätigen lassen (vgl. Abschnitt
8.1 und 8.2):
(1) Vereine, in denen viele zum Bürgertyp der Aktiven zählen, verfügen über
gute Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion.
(2) Politisch Engagierte findet man in Vereinen mit politischem Themenbezug
und eher geringen Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion.
(3) Vereinsmeier findet man in Vereinen, die in ihrer Vereinspraxis sehr stark
am Vereinszweck orientiert sind.
8.3.1 Vereine mit einem hohen Anteil von Aktiven
Von allen befragten Vereinsmitgliedern gehören 23% zum Bürgertyp der
Aktiven. Es gibt jedoch einige Vereine, in denen der Anteil der Aktiven bei über
40% liegt. Es stellt sich die Frage, wodurch sich diese Vereine auszeichnen.
Bei den Vereinen in denen der Bürgertyp der Aktiven stark überrepräsentiert
ist, handelt es sich um einen Verein, der sich für fairen Handel mit Dritte-Welt-
Ländern einsetzt (41,7%), um einen Kunstverein (41,7%) und um einen
Verein, der sozial Benachteiligten Hilfe zur Selbsthilfe anbietet (40,7%).
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 161
Abb. 30: Prozentualer Anteil der verschiedenen Bürgertypen in Vereinen mit überdurchschnittlich
vielen Aktiven (N=74).
41,7
41,7
40,7
16,7
16,7
7,4
27,8
25
8,3
16,7
25,9
5,6
25,9
0% 20% 40% 60% 80% 100%
Dritte-Welt-Verein
Kunstverein
Selbsthilfeverein
Aktive Politisch Engagierte Vereinsmeier Misstrauische Desinteressierte
Vereinsstrukturelle Besonderheiten
Auffallend ist, dass es sich bei zwei dieser Vereine um relativ kleine Gruppen
mit weniger als 50 Mitgliedern handelt
40
. Kleine Vereine bieten demnach
besonders günstige Bedingungen für eine aktive Vereinsmitgliedschaft. Die
„Gefahr“, dass sich in solchen kleinen Gruppen so genannte „Trittbrettfahrer“
zusammenfinden, die in erster Linie von den „Dienstleistungen“ anderer Mit-
glieder profitieren möchten, ist eher gering (vgl. Horch, 1985). In Kleinvereinen
sind die Strukturen überschaubar, da sich die Mitglieder untereinander kennen
und dadurch eine Ungleichverteilung anfallender Arbeiten auffallen würde.
Dies kann die hohe vereinsinterne Aktivität der Mitglieder in kleinen Vereinen
erklären (vgl. auch Michels, 1970).
Die hohen politischen Kompetenzen der Mitglieder dieser drei Vereine lassen
sich mit dem Interesse der Mitglieder an den gesellschaftlichen und zum Teil
politischen Zielstellungen der Vereine begründen. Alle Vereine weisen eine
mehr oder weniger ausgeprägte Außenorientierung und politische Bezüge auf.
So schreibt der Funktionsträger des Dritte-Welt-Vereins, dass das Ziel seiner
Organisation die „Förderung des Verständnisses für Probleme der so ge-
nannten Dritten Welt unter Berücksichtigung des Welthandels und der Aus-
wirkungen“ sei.
41
Der Selbsthilfeverein versucht die private und öffentliche
Situation sozial benachteiligter Gesellschaftsmitglieder durch Beratungsange-
40 Die Informationen zu den Mitgliederzahlen beruhen auf den Angaben aus der schriftlichen
Funktionsträgerbefragung. Die dort angegebenen Zahlen stehen zum Teil im Gegensatz zu den
ersten mündlichen Aussagen, wonach der Verein mind. 80 Mitglieder haben sollte, um an der Befra-
gung teilzunehmen.
41 Aus Gründen der Anonymität werden die Namen der Vereine und der Funktionsträger nicht
veröffentlicht.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 162
bote und die Förderung des Meinungs- und Erfahrungsaustauschs zu
verbessern. Der Kunstverein verfolgt nach eigenen Angaben das Ziel „kulturel-
ler Jugendbildung“, bietet Förderprogramme für Kinder und Jugendliche an
und versucht darüber hinaus auch kulturpolitisch Einfluss zu nehmen. Unter
den zentralen Aktivitäten dieser Organisationen werden unter anderem Pro-
testveranstaltungen (Selbsthilfeverein), Informationsveranstaltungen und Ver-
kauf fair gehandelter Produkte (Dritte-Welt-Verein) sowie Internationale Pro-
jekte (Kulturverein) genannt. Alle Vereine benötigen für ihre Tätigkeiten frei-
willig engagierte Mitglieder. Für die anfallenden Verkaufs-, Beratungs- und
Kursleitertätigkeiten benötigen engagierte Mitglieder diskursive und organisa-
torische Fähigkeiten und somit wesentliche allgemeine Bürgerkompetenzen.
Insofern scheinen die Anforderungen, die ein Verein im Rahmen freiwilliger
Tätigkeiten an seine Mitglieder stellt, in einem engen Bezug zu den Bürger-
kompetenzen der Mitglieder zu stehen.
Darüber hinaus zeigt sich, dass sich zwei der Vereine durch sehr gute Ge-
legenheitsstrukturen zur Interaktion auszeichnen und durch eine demokra-
tische Vereinsstruktur gekennzeichnet sind. Eine Ausnahme bildet hier der
Selbsthilfeverein, der über mittelmäßige Interaktions- und Einflussmöglichkei-
ten verfügt.
Soziale Zusammensetzung
In den drei Vereinen fällt auf, dass die weiblichen Mitglieder überwiegen und
60-80% der Gesamtmitgliederzahl ausmachen. Auch die Vereinsvorstände be-
stehen mindestens zur Hälfte aus Frauen und das freiwillige Engagement wird
von Frauen dominiert.
42
Bereits in Abschnitt 7.3.1 wurde gezeigt, dass Frauen unter den Aktiven häu-
figer zu finden sind als unter den politisch Engagierten. Das deutet darauf hin,
dass für Frauen bei einer Mitgliedschaft die Vereinsaktivität das zentrale An-
liegen ist. Selbst wenn der Verein zum Teil politische Zielstellungen verfolgt,
nehmen Frauen ihre Aktivität nicht vordergründig aufgrund eines politischen
Interesses auf.
Insofern scheinen Vereine, die ihren Mitgliedern gute Interaktionsmöglich-
keiten und herausfordernde Tätigkeiten bieten und die noch dazu nicht von
Männern dominiert werden, besonders die aktive Mitgliedschaft von Frauen zu
fördern. Ein weiterer Erklärungsansatz ist, dass Frauen häufiger als Männer
eine Mitgliedschaft aufnehmen, um eine verantwortungsvolle soziale Aufgabe
42 Die Zahlen beruhen auf den schriftlichen Angaben der Funktionsträger zur Mitgliederstruktur des
Vereins.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 163
zu übernehmen (vgl. Picot & Gensicke, 2005). Dies kann mit der noch immer
unterschiedlichen Erwerbsstruktur von Männern und Frauen begründet wer-
den. Frauen haben aufgrund geringerer beruflicher Belastungen oftmals mehr
Ressourcen für ein umfangreiches freiwilliges Engagement (vgl. Dressel,
2005).
In der Stichprobe der Vereinsmitglieder zeigt sich, dass die Mehrzahl der
Mitglieder in diesen Vereinen nicht erwerbstätig sind (63%).
Die Altersstruktur der drei Vereine ist hingegen recht unterschiedlich. Während
es sich bei dem Kunst- und dem Dritte-Welt-Verein um Vereine mit eher
jüngeren Mitgliedern handelt (ein Großteil der Mitglieder ist zwischen 18 und
30 Jahren) sind die Mitglieder des Selbsthilfevereins zumeist 50 Jahre und
älter. Dies kann möglicherweise darauf zurückgeführt werden, dass insbe-
sondere Frauen mit Kindern, die ein hohes Maß an den zur Verfügung stehen-
den zeitlichen Ressourcen beanspruchen, ihre Vereinsaktivität einschränken
bzw. in anderen Bereichen gesellschaftlich aktiv sind, die eher im Zusammen-
hang mit ihren familiären Beanspruchungen liegen (vgl. Zierau, 2001).
Weitere Hintergrundinformationen
Ebenfalls unterschiedlich ist das Ausmaß, in dem die drei Vereine auf die
Mitarbeit hauptamtlich Beschäftigter setzten. Während der Selbsthilfeverein
ausschließlich auf freiwilliges Engagement angewiesen ist, setzt der Kunst-
verein in hohem Maße auf Hauptamtliche. Der kleine Verein mit seinen 25
erwachsenen Mitgliedern beschäftigt neben vier Vollzeitkräften noch fünf wei-
tere Hauptamtliche, zum Beispiel Zivildienstleistende und Personen, die ein
freiwilliges soziales Jahr ableisten. Im Dritte-Welt-Verein kommen hingegen
nur zwei Teilzeitbeschäftigte auf über 100 Mitglieder. Insofern liefert diese
Untersuchung keine Anhaltspunkte dafür, dass die Anzahl der hauptamtlichen
Mitarbeiter eines Vereins im Zusammenhang mit den Bürgerkompetenzen der
Mitglieder steht. In Vereinen mit vielen Hauptamtlichen können sich ebenso
wie in rein ehrenamtlich geführten Vereinen äußerst kompetente Mitglieder
zusammenfinden.
Die Tatsache, dass die Mitglieder von zwei Vereinen keinerlei Aufwandsent-
schädigungen erhalten, zeigt, dass bei den Mitgliedern keine materiellen
Gründe für die hohe Aktivität bestehen. Stattdessen stellt der Wunsch, gesell-
schaftliche Veränderungen zu bewirken, ein wichtiges Mitgliedschaftsmotiv
dar. So finden unter den Vereinsmitglieder Statements wie „Ich bin Mitglied
meines Vereins, weil ich als Mitglied daran mitarbeiten kann gesellschaftliche
Probleme zu lösen“ oder „weil ich mich als Bürger um etwas kümmern will“
eine hohe Zustimmung.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 164
Zusammenfassende Bemerkungen
Durch die Einzelanalyse der drei Vereine gelingt es, die bisherigen Ergebnisse
zu untermauern und auszudifferenzieren. Der Anteil von Vereinsmitgliedern,
die sich sowohl durch hohe allgemeine als auch politische Kompetenzen
auszeichnen und dadurch den Anforderungen demokratischer Gemeinwesen
an die Bürger gerecht werden, hängt entscheidend von der Zielstellung und
der inhaltlichen Ausrichtung eines Vereins ab. Ein gesellschaftlicher Bezug
des Vereins scheint ebenso positiv für die Bürgerkompetenzen zu sein wie
eine inhaltliche Ausrichtung an politischen Themen. Hinzu sollten jedoch auch
noch gute Gelegenheitsstrukturen für die Interaktion der Mitglieder kommen,
die ebenfalls in einem positiven Zusammenhang mit dem Anteil von hoch kom-
petenten Bürgern stehen.
Über diese bekannten Ergebnisse hinaus deutet die Verteilung der Geschlech-
terstrukturen darauf hin, dass Vereine mit überwiegend weiblichen Mitgliedern
besonders hohe Anteile hoch kompetenter Aktivbürger aufweisen. Dies ist ein
bemerkenswertes Ergebnis und es wäre zu untersuchen, inwiefern weibliche
Dominanz in Vereinen mit guten Interaktionsmöglichkeiten und offenen Ver-
einsstrukturen einhergeht und solche Vereine somit ein „günstiges Klima“ für
vereinsaktive Menschen mit hohen Bürgerkompetenzen bereitstellen. Darüber
hinaus sind die Ergebnisse bemerkenswert, weil es sich bei den drei Vereinen
nicht um Vereine handelt, von denen bekannt ist, dass sie in erster Linie
weibliche Mitglieder ansprechen (wie beispielsweise bei karitativen Vereinen),
sondern auch um in der Regel männlich dominierte Vereine (wie beispiels-
weise politische Vereine; vgl. Gensicke, Picot & Geiss, 2005).
8.3.2 Vereine mit einem hohen Anteil politisch Engagierter
Etwa 22% der befragten Vereinsmitglieder gehören zur Gruppe der politisch
Engagierten, das heißt, es handelt sich um sowohl gesellschaftlich als auch
politisch aktive Bürger, die häufig in mehreren Vereinen Mitglied sind. Aller-
dings sind sie im Verein der Befragung nicht besonders aktiv, verfügen jedoch
über ein starkes allgemeines politisches Interesse und Wissen. Auch diese
Vereinsmitglieder haben aufgrund ihrer Bürgerkompetenzen das Potenzial,
den Anforderungen der Demokratie gerecht zu werden.
Auch hier stechen wiederum drei Vereine hervor, in denen dieser Bürgertyp
überrepräsentiert ist. In einem Umweltschutzverein machen die politisch
Engagierten zwei Drittel der Mitglieder aus (65%). In einem Gesundheitsver-
ein, der sich für die Erforschung und Dokumentation einer im Mittelalter
verbreiteten Seuche einsetzt, liegt der Anteil der politisch Engagierten bei
46%. In einem Kulturverein, der sich um die „Pflege der niederdeutschen
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 165
Sprache mit künstlerischen Mitteln“ bemüht, gehören 42% der Mitglieder zur
Gruppe der politisch Engagierten.
Abb. 31: Prozentualer Anteil der verschiedenen Bürgertypen in Vereinen mit überdurchschnittlich
vielen politisch Aktiven (N=88).
7,5
18,2
26,9
65,0
45,5
42,3
9,1
11,5
7,5
18,2
7,7
17,5
9,1
11,5
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Umweltschutzverein
Gesundheitsverein
Kulturverein
Aktive Politisch Engagierte Vereinsmeier Misstrauische Desinteressierte
Vereinsstrukturelle Besonderheiten
Auch bei diesen drei Vereinen handelt es sich – wie auch schon bei den
Aktiven – um Gruppen, die außenorientierte oder fremdbezogene Zielstellun-
gen verfolgen. Wesentliche Unterschiede zwischen Aktiven und politisch
Engagierten bestehen zum einen in der geringeren Vereinsaktivität der poli-
tisch Aktiven und zum anderen in ihren häufigen Mehrfachmitgliedschaften.
Eine Erklärung dafür, weshalb die Gruppe der politisch Engagierten ihre Kom-
petenzen eher in anderen Vereinen einsetzt, könnte die geringe Bedeutung
geselliger Aktivitäten in den Vereinen der Befragung sein. In zweien dieser
Vereine spielen gesellige Veranstaltungen im Rahmen des Vereinslebens so
gut wie keine Rolle. Im Kulturverein gibt es zwar ein Stammlokal und andere
Strukturen, die ein geselliges Miteinander fördern, aber aufgrund der wech-
selnden Mitwirkung unterschiedlicher Mitglieder bei den künstlerischen Pro-
jekten, werden gesellige Rahmenveranstaltungen nur schlecht angenommen.
Die Daten zeigen, dass vielen Mitgliedern dieser Vereine andere Mitgliedschaf
ten wichtiger sind (vgl. Tab. 30).
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 166
Tab. 30: Verbundenheit der Vereinsmitglieder mit dem Verein der Befragung im Vergleich zu anderen
Vereinen, in denen eine Mitgliedschaft besteht (Prozentwerte, N=48).
Naturschutzverein Gesundheitsverein Kulturverein
schwächer 42,4 44,4 40,0
genauso stark 45,5 38,9 45,0
stärker 12,1 16,7 15,0
Aber nicht nur der Stellenwert geselliger Veranstaltungen ist in diesen Ver-
einen eher mittelmäßig, sondern die Interaktionsmöglichkeiten allgemein sind
weniger gut, als in den Vereinen, in denen die Aktiven die stärkste Mitglie-
dergruppe ausmachen. Auch die Führungsstrukturen in diesen Vereinen sind
weniger mitgliederorientiert als bei Vereinen mit vielen Aktiven. Stattdessen
zeigen sich bei allen drei Vereinen oligarchische Tendenzen, was bedeutet,
dass der Vorstand seit Jahren aus denselben Mitgliedern besteht, demokra-
tische Entscheidungsstrukturen durch fehlende Alternativkandidaten unterwan-
dert werden und sich den Mitgliedern wenig Einflussmöglichkeiten auf die
Vorstandsarbeit bieten.
Soziale Zusammensetzung
Hinsichtlich der Alterstruktur werden zwei der Vereine fast ausschließlich von
Mitgliedern über 50 Jahren aufgesucht. Die Mitglieder der Umweltschutz-
organisation sind hingegen fast alle zwischen 30 und 50 Jahren alt. Somit sind
die Mitglieder von Vereinen, in denen viele politisch Engagierte anzutreffen
sind, älter als die Mitglieder der Vereine mit vielen Aktiven. Dies könnte darauf
zurückgeführt werden, dass mit höherem Lebensalter auch eine Zunahme des
politischen Interesses verknüpft ist. Darüber hinaus führt die Aufnahme einer
Berufstätigkeit und ggf. die Familiengründung dazu, dass im mittleren Lebens-
alter weniger Zeit für aktive Vereinsmitarbeit zur Verfügung steht bzw. ein
Engagement bevorzugt wird, das in einem Zusammenhang mit den familiären
Verpflichtungen steht (vgl. Dressel, 2005). Deshalb sind in Vereinen, in denen
die Mitgliedschaft nicht mit einer hohen aktiven Beteiligung, sondern vielmehr
mit einer ideellen Unterstützung der Vereinsziele einhergeht, mehr Mitglieder
aus diesen Altersgruppen anzutreffen.
Im Gegensatz zu den drei Vereinen, in denen die Aktiven überrepräsentiert
waren, sind in diesen drei Vereinen 58-68% der Mitglieder Männer und auch
die Vereinsvorstände sind stark männlich dominiert.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 167
Weitere Hintergrundinformationen
Auffällig ist, dass in zwei der drei Vereine die Mehrheit der Mitglieder schon
sehr lange (länger als 10 Jahre) Mitglied des Vereins ist. Dies macht deutlich,
dass lange Vereinskarrieren auch unter den politisch Engagierten vorkommen,
obwohl ihre vereinsinterne Aktivität deutlich hinter der der Aktiven zurücksteht
(vgl. Abschnitt 7.2). Auffallend ist darüber hinaus, dass die drei Vereine trotz
des hohen Anteils an wenig aktiven politisch Engagierten unter den
Mitgliedern gänzlich ohne hauptamtliche Mitarbeiter auskommen. Dies spricht
dafür, dass alle wesentlichen Aufgaben von einem aktiven Kern der Mitglieder
übernommen werden. Darauf deuten auch die tendenziell eher oligarchischen
Vereinsstrukturen und die langen Mitgliedschaftsdauern hin (Oligarchie der
Aktiven; vgl. Michels 1970).
Zusammenfassende Bemerkungen
Es ist deutlich geworden, dass auch bei Vereinen mit vielen politisch
Engagierten die Zielstellung des Vereins im Zusammenhang mit den po-
litischen Bürgerkompetenzen der Mitglieder steht. Je stärker der politische
Bezug dieser Vereine ist (z. B. Umweltschutzverein), desto größer ist der
Anteil politisch Engagierter. Aber auch die Vereinsstrukturen stehen mit den
Bürgerkompetenzen der Mitglieder im Einklang: In Vereinen, die ihren Mit-
gliedern weniger Raum für den Austausch mit anderen Mitgliedern lassen und
wo die Möglichkeiten der Mitglieder, Einfluss auf das Vereinsgeschehen zu
nehmen eher gering sind, sind die Mitglieder seltener aktiv. Sie sehen die
Vereine hingegen oftmals nur als „Zweitvereine“. Das heißt, sie stehen zwar
hinter den Zielen der Organisation, setzten sich aber nicht aktiv für diese Ziele
im Rahmen des Vereins ein. Interessant ist, dass solche Vereine eher von
Männern dominiert werden, als Vereine mit vielen Aktiven unter den Mit-
gliedern. Daraus könnte man schlussfolgern, dass Frauen eher aktive Mitglied-
schaften bevorzugen, Männer hingegen ihren Vereinen auch über die Jahre
treu bleiben wenn sie sich dort nicht (mehr) aktiv beteiligen.
Letztlich stellt sich die Frage in welchem Zusammenhang Vereinstruktur und
Aktivität der Mitglieder zueinander stehen: Während in Vereinen mit über-
durchschnittlich vielen aktiven Mitgliedern eher offene Strukturen vorherr-
schen, sind in Vereinen mit vielen politisch Engagierten oligarchische Ten-
denzen anzutreffen. Unklar bleibt, inwiefern oligarchische Tendenzen auf die
Passivität eines Großteils der Mitglieder zurückzuführen sind, oder ob die
schlechten Beteiligungsmöglichkeiten den Großteil der Mitglieder in die Pas-
sivität drängen. Um die Wirkungsweise in Vereinen aufdecken zu können,
besteht weiterer Forschungsbedarf.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 168
8.3.3 Vereine mit einem hohen Anteil Vereinsmeier
In etwa jedes fünfte befragte Mitglied (19%) gehört zur Gruppe der
Vereinsmeier. Vereinsmeier zeichnen sich hinsichtlich ihrer Bürgerkompe-
tenzen durch eine hohe Vereinsaktivität und ausgeprägtes freiwilliges Enga-
gement aus, jedoch ohne dass sie dabei über allgemeine oder politische
Bürgerkompetenzen verfügen (vgl. Abschnitt 7.2.3). Sie sind somit zwar
gesellschaftlich aktiv, aber um den Anforderungen demokratischer Systeme im
Sinne des Idealtypus gerecht werden zu können, fehlen ihnen politische Kom-
petenzen sowie gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen.
Im Folgenden sollen zwei Vereine, in denen Vereinsmeier stark überre-
präsentiert sind, vorgestellt werden. Dieses sind ein karitativer Verein, in dem
42% der Mitglieder zu den Vereinsmeiern gehören, und ein Ballsportverein mit
35% Vereinsmeiern.
Abb. 32: Prozentualer Anteil der verschiedenen Bürgertypen in Vereinen mit überdurchschnittlich
vielen Vereinsmeiern (N=94).
16,3
19,6
18,6
5,9
41,9
35,3
7,0
21,6
16,3
17,6
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Karitativer Verein
Ballsportverein
Aktive Politisch Engagierte Vereinsmeier Misstrauische Desinteressierte
Vereinsstrukturelle Besonderheiten
Bei den beiden Vereinen mit einem weit überdurchschnittlichen Anteil von
Vereinsmeiern unter den Mitgliedern handelt es sich um Vereine mit ganz
unterschiedlichen Zielstellungen und Inhalten. Während in einem Verein der
Sport im Mittelpunkt steht und somit die Bedürfnisse der Mitglieder befriedigt
werden, ist der andere Verein sozial ausgerichtet und wendet sich mit seinen
Leistungen an Nicht-Vereinsmitgliedern. Insofern scheinen weder die Zielstel-
lung eines Vereins noch die Inhalte, mit denen sich der Verein auseinander-
setzt, darüber zu entscheiden, inwiefern ein Verein besonders viele Vereins-
meier aufweist oder nicht.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 169
Auch scheinen Vereinsmeier nicht von besonders ausgeprägten Interaktions-
möglichkeiten angezogen zu werden. Die Möglichkeiten, die die beiden Ver-
eine zum Austausch mit anderen Mitgliedern bieten, sind in beiden Vereinen
nur mittelmäßig.
Soziale Zusammensetzung
Auch die Altersstruktur und die Geschlechterzusammensetzung beider Ver-
eine liefert ein uneinheitliches Bild, so dass davon auszugehen ist, dass auch
diese beiden Faktoren nicht für die hohe Konzentration von Vereinsmeiern in
den Vereinen verantwortlich gemacht werden können. Während im Ballsport-
verein überwiegend Männer (67%) unter 50 Jahren Mitglied sind, sind die
Mitglieder des karitativen Vereins zumeist Frauen (83%) über 65 Jahren.
Weitere Hintergrundinformationen
Hauptamtliche Mitarbeiter sind in beiden Vereinen nur von untergeordneter
Bedeutung. Der Sportverein beschäftigt keine Hauptamtlichen und der karita-
tive Verein hat einen hauptamtlichen Mitarbeiter als Lagerwart angestellt.
Somit geben die in der Funktionsträgerbefragung erfassten Informationen zu
den beiden Vereinen keine Anhaltspunkte dafür, warum in diesen Vereinen
besonders viele Vereinsmeier anzutreffen sind. Allerdings wurden im Rahmen
der qualitativen Mitgliedererhebung des Forschungsprojekts (vgl. Abschnitt
6.1) Mitglieder der Vereine zu ihrer Mitgliedschaft befragt. Aus diesen Ge-
sprächen ist deutlich geworden, dass es sich beim Sportverein um einen
Verein handelt, der aus einem Freundeskreis hervorgegangen ist und dass
diese engen Freundschaften bis heute bestehen und auf neue Mitglieder
ausgeweitet wurden. Dies kann erklären, weshalb der Verein für einige
Mitglieder von so zentraler Bedeutung ist. Dass die Mitglieder trotz ihrer hohen
Vereinsaktivität nur wenige Bürgerkompetenzen aufweisen, kann (zumindest
für die politischen Bürgerkompetenzen) mit dem zumeist unpolitischen Inhal-
ten binnenorientierter Sportvereine erklärt werden.
Anders stellt es sich beim karitativen Verein dar: Durch die aktive Mitarbeit in
diesem Verein werden die Mitglieder mit akuten gesellschaftlichen Problem-
lagen und politischen Missständen konfrontiert. Dennoch ist es so, dass ein
großer Teil der Mitglieder trotz der aktiven Mitarbeit nur über geringe allge-
meine und politische Bürgerkompetenzen verfügt. Dies ist dadurch zu erklä-
ren, dass für viele Mitglieder des Vereins eindeutig im Vordergrund steht,
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 170
Bedürftigen zu helfen
43
. Dieses Motiv findet sich häufig in weiblich dominierten
karitativen Vereinen (vgl. Beher et al., 2000). Aus den Interviews mit den
Vereinsmitgliedern wird deutlich, dass die freiwillige Mitarbeit in diesem Verein
für sie eine sinnvolle Tätigkeit im Anschluss an ihr Erwerbsleben darstellt. An
der politischen Dimension der Vereinsarbeit zeigen die Mitglieder des Vereins
nur wenig Interesse. Auch Geselligkeit und soziales Miteinander spielen in
diesem Verein nur eine untergeordnete Rolle.
Zusammenfassende Bemerkungen
Im Rahmen dieser Untersuchung lassen sich zwei Besonderheiten von
Vereinen kennzeichnen, die die Mitgliedschaft von Vereinsmeiern zu fördern
scheinen. Eine Besonderheit, die sich für binnenorientierte (Sport-) Vereine
abzeichnet, ist ein hoher Stellenwert von Vereinsgeselligkeit und engen
sozialen Bindungen.
Eine zweite Besonderheit, die die Mitgliedschaft von Vereinsmeiern fördern
kann, sind freiwillige Tätigkeiten, die für die Mitglieder in erster Linie einen
Selbstzweck darstellen: Sie streben durch ihr freiwilliges Engagement die
Befriedigung individueller Bedürfnisse durch die Ausübung einer sinnstiftenden
Tätigkeit an. Dadurch liegt ihr Fokus ganz auf der freiwilligen Mitarbeit. Andere
Kompetenzen oder „Blicke über den Tellerrand“ scheinen für viele Mitglieder
nicht von Bedeutung zu sein.
8.3.4 Vereine mit einem hohen Anteil misstrauischer bzw. desinteressierter
Bürger
Während in der Gesamtstichprobe 19% der Mitglieder dem Bürgertyp der
Misstrauischen und 17% den Desinteressierten zugerechnet werden können,
sind in einem Tanzsportverein 37% misstrauische und 29% desinteressierte
Mitglieder anzutreffen. Dies bedeutet, dass in diesem Verein zwei Drittel der
Mitglieder nur geringe Bürgerkompetenzen im Sinne des Idealtypus aufwei-
sen. In einem weiteren Sportverein, in dem Wassersport betrieben wird,
machen die Desinteressierten sogar 31% der Mitglieder aus.
43 92,5% der Mitglieder stimmen der Aussage zu, dass sie Mitglied des Vereins sind, weil sie sich für
andere einsetzen möchten. Dies stellt für die Mitglieder dieses Vereins das wichtigste Mitgliedschafts-
motiv dar.
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 171
Abb. 33: Prozentualer Anteil der verschiedenen Bürgertypen in Vereinen mit überdurchschnittlich
vielen Misstrauischen bzw. Desinteressierten (N=70).
10,5
12,5
10,5
15,6
13,2
25,0
36,8
15,6
28,9
31,3
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Tanzsportverein
Wassersportverein
Aktive Politisch Engagierte Vereinsmeier Misstrauische Desinteressierte
Vereinsstrukturelle Besonderheiten
Während der Tanzsportverein seinen Mitgliedern nur mittelmäßige Möglich-
keiten zum gegenseitigen Austausch bietet, sind die Interaktionsmöglichkeiten
für die Mitglieder des Wassersportvereins äußerst vielfältig.
Im Tanzsportverein gibt es keine Räumlichkeiten zur Durchführung geselliger
Veranstaltungen oder ein Stammlokal, Feste werden nicht finanziell bezu-
schusst. Allerdings richtet der Verein einmal im Jahr einen großen Ball aus
und gesellige Veranstaltungen kommen hin und wieder auf Initiative einzelner
Mitglieder zu Stande.
Die Mitgliederversammlungen finden in diesem Verein einmal im Jahr in
angemieteten Räumlichkeiten statt. Darüber hinausgehend bietet sich den Mit-
gliedern kaum die Möglichkeit, ihre Interessen in die Vereinsarbeit einzu-
bringen.
Der Wassersportverein ist hingegen einer der wenigen Vereine, die sich
sowohl durch sehr gute Interaktionsmöglichkeiten für die Mitglieder als auch
durch eine sehr offene Vereinsstruktur auszeichnen. Die Mitglieder treffen sich
viermal im Jahr zu Mitgliederversammlungen, die allerdings nur von einem
Viertel der Mitglieder besucht werden. Der Verein besitzt eigene Räumlich-
keiten für gesellige Veranstaltungen, es gibt einen Mitgliederstammtisch und
ein eigenes Gremium, das für Feste und Feierlichkeiten verantwortlich ist.
Gesellige Aktivitäten werden auch vom Verein finanziell unterstützt und
Mitgliederreisen finden mehrmals im Jahr statt.
Während der Fokus des Tanzsportvereins in erster Linie auf der Förderung
des Wettkampfsports, der Teilnahme an Wettkämpfen und der Ausrichtung
von Wettkampfveranstaltungen liegt, setzt der Wassersportverein seine
8.3 Vereine mit unterschiedlichen Bürgertypen 172
Schwerpunkte auf das soziale Miteinander und die breitensportliche Betäti-
gung seiner Mitglieder.
Soziale Zusammensetzung
Auch im Hinblick auf sozialstrukturelle Besonderheiten zeigen die beiden
Vereine keine Gemeinsamkeiten. Während die Geschlechterstruktur des
Tanzsportvereins ausgewogen ist, sind im Wassersportverein nur etwa ein
Drittel der Mitglieder Frauen. Hinsichtlich der Altersstruktur zeigt sich der
Tanzsportverein äußerst heterogen, wohingegen im Wassersportverein die
meisten Mitglieder zwischen 30 und 50 Jahre alt sind.
Weitere Hintergrundinformationen
Auch bezüglich der Mitgliedschaftsdauer ihrer Mitglieder unterscheiden sich
die beiden Vereine erheblich. Während der Großteil der Mitglieder des
Tanzsportvereins kürzer als 3 Jahre Mitglied ist, besteht der Wassersport-
verein zur Hälfte (53%) aus langjährigen Mitgliedern mit einer Mitgliedschafts-
dauer von über zehn Jahren.
Was die Mitgliedschaftsmotive angeht, zeigen sich die Mitglieder des
Tanzsportvereins etwas nutzenorentierter als die Mitglieder des Wassersport-
vereins. Zwar ist in beiden Vereinen der persönliche Nutzen das vorder-
gründige Mitgliedschaftsmotiv, doch im Tanzsportverein ist die Zustimmung
mit 97% gegenüber 80% im Wassersportverein deutlich höher. Als zweites
wichtiges Motiv für die Mitgliedschaft nennen 83% der Tänzer den Wunsch
nach einem Ausgleich zum Beruf bzw. Alltag. Bei den Wassersportlern
hingegen ist das zweite wichtige Motiv die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten
(75% Zustimmung).
Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass der Funktionsträger des
Tanzsportvereins bei der Übergabe der Fragebögen berichtete, dass sich der
Verein bei den politischen Gremien der Stadt für den Erhalt einer
Veranstaltungshalle einsetzen würde, damit dort weiterhin Tanzsportveran-
staltungen stattfinden könnten. Trotz dieses politischen Vorstoßes sind die
Bürgerkompetenzen der Vereinsmitglieder eher gering. Dies deutet darauf hin,
dass von den politischen Belangen, von denen auch unpolitische Vereine wie
Sportvereine berührt werden, nur ein kleiner Teil der Mitglieder, nämlich der
aktive Kern, Notiz nimmt.
8.4. Zusammenfassung: Bürgertypen in Vereinen 173
Zusammenfassende Bemerkungen
Bei den beiden hier vorgestellten Sportvereinen handelt es sich um sehr
unterschiedliche Vereine mit verschiedenen Schwerpunkten. Während die
Hintergrundinformationen zum Tanzsportverein darauf hindeuten, dass die
Mitglieder in erster Linie wettkampforientierten Tanzsport ausüben möchten
und der Verein diese Bedürfnisse der Mitglieder befriedigt, ohne sich darüber
hinaus besonders für das soziale Miteinander der Mitglieder einzusetzen,
liegen die Schwerpunkte des Wassersportvereins eindeutig auf dem gesel-
ligen Miteinander. Die Wettkampforientierung des Tanzsportvereins führt dazu,
dass Mitglieder, sobald sie dem Wettkampfsport den Rücken kehren, auch die
Mitgliedschaft im Verein beenden. Dies wird dadurch begünstigt, dass in
diesem Verein, wie die Funktionsträgerbefragung zeigt, kein Status für
„passive Mitglieder“ bzw. eine Fördermitgliedschaft vorgesehen ist. Im Was-
sersportverein wird eine Mitgliedschaft hingegen auch bei geringer Aktivität
über Jahre aufrechterhalten.
Beiden Vereinen gemeinsam ist ihr hoher Anteil an desinteressierten
Mitgliedern. Hier kann nur geschlussfolgert werden, dass vorrangiges Ziel von
Sportvereinen die Befriedigung individueller Bedürfnisse ist (Sport treiben)
und hierfür weder soziales noch politisches Engagement bzw. Interesse von
Nöten ist.
8.4. Zusammenfassung: Bürgertypen in Vereinen
Anliegen dieses Kapitels war es darzustellen, inwiefern sich die Mitglieder
verschiedener Vereine hinsichtlich ihrer Bürgerkompetenzen unterscheiden.
Im Rahmen dieses Kapitels wurden erstens die Bürgerkompetenzen der Ver-
einsmitglieder in Vereinen mit unterschiedlichen Zielstellungen (mitglieder-
bzw. außenorientiert oder fremdbezogen) und Inhalten (Sport, Politik, Kultur/-
Freizeit oder Gesundheit/Soziales) gegenübergestellt. Zweitens wurden Ver-
eine hinsichtlich ihrer Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion der Mitglieder und
ihrer Organisationsstruktur verglichen und drittens wurden Vereine mit ihren
Besonderheiten vorgestellt, in denen ein bestimmter Bürgertyp stark über-
repräsentiert ist.
Die Ergebnisse dieses Kapitels lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Außenorientierung
Es hat sich gezeigt, dass der Außenbezug eines Vereins in einem engen
Zusammenhang mit den Bürgerkompetenzen der Vereinsmitglieder steht. Je
8.4. Zusammenfassung: Bürgertypen in Vereinen 174
stärker die Außenorientierung eines Vereins ist, desto eher finden sich in
diesen Vereinen Mitglieder mit hohen Bürgerkompetenzen.
Da sich Sportvereine zumeist ausschließlich an den Bedürfnissen und
Interessen ihrer Mitglieder orientieren und somit eine starke Binnenorientie-
rung aufweisen, sind hier insbesondere solche Bürgertypen anzutreffen, die
eher über geringe Bürgerkompetenzen im Sinne des Idealtypus verfügen.
Politikbezug
Unter den Vereinen, die einen Außenbezug aufweisen zeichnen sich
insbesondere solche Vereine durch Mitglieder mit ausgeprägten politischen
Bürgerkompetenzen aus, die auch ein politisch bedeutsames Vereinsziel wie
Umweltschutz, fairen Handel oder Ähnliches verfolgen.
Interaktionsmöglichkeiten
Auch in Bezug auf die Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion, die Vereine
ihren Mitgliedern bieten, deutet sich ein positiver Zusammenhang mit den
Bürgerkompetenzen der Mitglieder an. Je günstiger und vielfältiger die Mög-
lichkeiten sind, die ein Verein seinen Mitgliedern zum gegenseitigen Aus-
tausch eröffnet, desto eher finden sich unter den Mitgliedern solche mit umfas-
senden Bürgerkompetenzen.
Diese zentralen Ergebnisse finden sich auch in den einzelnen Vereinen
wieder, in denen bestimmte Bürgertypen überrepräsentiert sind und die in
Abschnitt 8.3 portraitiert wurden. Über diese Ergebnisse hinaus offenbart der
Blick auf einzelne Vereine jedoch weitere interessante Ergebnisse:
Der Bürgertyp der Aktiven findet sich auffallend häufig in Vereinen, die nicht
nur im Hinblick auf die Mitgliederzahl von Frauen dominiert werden, sondern in
denen Frauen auch in der Vereinspolitik Verantwortung übernehmen. Diese
Vereine sind zudem häufig durch gute Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion
gekennzeichnet.
Im Gegensatz dazu sind Vereine, in denen der Bürgertyp der politisch
Engagierten übermäßig stark vertreten ist, eher von Männern dominiert und
die Gelegenheitsstrukturen sind weniger gut ausgeprägt.
Mitglieder, die sich zwar durch eine hohe Vereinsaktivität, jedoch durch eher
geringe Bürgerkompetenzen auszeichnen (Vereinsmeier), finden sich in
solchen Vereinen, in denen die Bedürfnisbefriedigung der Mitglieder an erster
Stelle steht. Auch eine ausgeprägte Vereinsgeselligkeit scheint diesen Bürger-
typ anzuziehen. Vereinsmeier findet man insbesondere in Sportvereinen
häufig. Aber auch in karitativen Vereinen, in denen die soziale Hilfeleistung für
8.4. Zusammenfassung: Bürgertypen in Vereinen 175
die Vereinsmitglieder einen Selbstzweck darstellt, die der Befriedigung
individueller Bedürfnisse dient, sind Vereinsmeier überrepräsentiert.
Insgesamt sind in Sportvereinen vermehrt solche Bürgertypen anzutreffen,
deren Bürgerkompetenzen im Sinne des Idealtypus eher gering ausgeprägt
sind. In Sportvereinen steht zumeist eindeutig das Sporttreiben im Mittelpunkt,
wofür den Mitgliedern eher geringe allgemeine und politische Bürgerkompe-
tenzen abverlangt werden.
Allerdings scheinen Sportvereine politisch Desinteressierten und Menschen
mit Vorbehalten gegenüber der Gesellschaft (Misstrauische) ein Wirkungsfeld
zu eröffnen, in dem sie sich gesellschaftlich engagieren können.
Nachdem in Kapitel 7 umfassend dargestellt wurde, welche Bürgertypen in
Vereinen anzutreffen sind und welche soziodemografischen Merkmale die
einzelnen Bürgertypen kennzeichnen, wurde in diesem Kapitel gezeigt, inwie-
fern Bürgertypen in unterschiedlichen Vereinen überrepräsentiert sind.
Am Ende dieses Kapitels soll deshalb abschließend der Versuch unter-
nommen werden, die einzelnen Bürgertypen mit ihren jeweils spezifischen
Besonderheiten in aller Kürze lebendig werden zu lassen. Ziel ist es, ein
„typisches“ Exemplar jeden Typs vorzustellen. Dieses Vorgehen hat den
Vorteil, dass einzelne wichtige Ergebnisse noch einmal plastisch dargestellt
werden können. Der Nachteil liegt in der damit zwangsläufig verbundenen
Reduktion der Ergebnisse. Wenn z.B. einem Bürgertyp mehr Frauen als
Männer zugeordnet sind, wäre der „typische“ Bürger demnach eine Frau,
obwohl dennoch auch zahlreiche Männer diesem Typ angehören. Um zu
verdeutlichen, dass es sich bei den folgenden Darstellungen um eine Art
illustrierenden Exkurs handelt, der jedoch keineswegs wissenschaftlichen
Ansprüchen genügt, werden die einzelnen Typenbeschreibung kursiv ge-
druckt.
Ein typischer „Aktiver“
Der (bzw. die
44
) typische Aktive ist langjähriges Mitglied eines ostdeutschen
Kunstvereins, der sich für die Förderung der Kunst und des künstlerischen
Austausches in der Kommune einsetzt. Nach seinem Studium war dieses
Mitglied beruflich mit verantwortungsvollen Tätigkeiten betraut und steht jetzt
aber am Übergang zur Rente. Der Aktive zählt zum Kern des Vereins, dessen
Belange ihm außerordentlich wichtig sind und für die er sich sehr engagiert. Er
44 Bei den Typen „Aktiver“ und „politisch Engagierter“ ist eine „typische“ Geschlechterzuordung nicht
möglich, da kein Geschlecht im Vergleich zur Gesamtstichprobe überrepräsentiert ist. Da jedoch etwa
60% der beiden Typen Männer sind, erfolgt im Weiteren die Darstellung in männlicher Form.
8.4. Zusammenfassung: Bürgertypen in Vereinen 176
übernimmt ehrenamtliche Funktionen aber auch sonstige anfallende Aufga-
ben. Auch am gesellschaftlichen und politischen Geschehen außerhalb seines
Vereins zeigt er Interesse. Die Beteiligung an Wahlen zählt für ihn zur Bürger-
pflicht, darüber hinaus ist er jedoch nicht weiter politisch aktiv.
Ein typischer „politisch Engagierter“
Der typische politisch Engagierte ist Mitglied einer Umweltschutzorganisation,
der er sich vor einigen Jahren aus Überzeugung angeschlossen hat. Nach
seinem Studium hat er inzwischen die Karriereleiter erklommen und steht nun
mitten im Berufsleben in verantwortlicher Position. Die Mitgliedschaft in Ver-
einen ist für ihn Ausdruck seines gesellschaftlichen Engagements und Interes-
ses. Er versteht sich als Netzwerker, der den verschiedensten Gruppierungen
und freiwilligen Vereinigungen angehört und sich hier und da mit seinem
umfassenden politischen Wissen einbringt, Entscheidungen vorantreibt und
Aktivitäten initiiert. Um sich jedoch darüber hinaus in den Vereinen zu enga-
gieren, fehlen ihm aufgrund seiner verantwortlichen beruflichen Position die
zeitlichen Ressourcen. Aber durch sein überdurchschnittlich hohes Einkom-
men ist es dem politisch Engagierten möglich, ihm sinnvoll erscheinende Or-
ganisationen mit seinem Mitgliedsbeitrag zu unterstützen, auch wenn er in den
Vereinen nicht selbst aktiv ist. Politisches Engagement, das über die reine Be-
teiligung an Wahlen hinausgeht, wie die Beteiligung an Bürgerinitiativen und
auch die Mitgliedschaft in Parteien, ist für ihn selbstverständlich.
Ein typischer „Vereinsmeier“
Einen typischen Vereinsmeier könnte man z. B. in einem westdeutschen
Fußballverein finden. Er ist schon seit Jahrzehnten Mitglied des Vereins und
empfindet den Verein als seine Familie. Er verbringt sehr viel Zeit auf dem
Vereinsgelände, bereitet die Mitgliederversammlungen und Vereinsfeiern vor
und tauscht sich rege mit seinen Vereinskollegen, die er als seine Freunde
bezeichnet, während des gemeinsamen Sporttreibens oder im Rahmen gesel-
liger Veranstaltungen aus. Somit erfüllt der Verein seine Bedürfnisse nach
sozialen Kontakten und sportlicher Betätigung, so dass er auch in keinem
weiteren Verein Mitglied ist. Er ist durch seine Tätigkeiten im Verein ausge-
lastet, so dass er auch wenig Interesse an anderen gesellschaftlichen oder
politischen Bereichen hat. Im Verein fühlt er sich wohl, für seine Arbeit erfährt
er Wertschätzung und Anerkennung. Dies ist eine Erfahrung, die ihm in seiner
beruflichen Tätigkeit fehlt.
8.4. Zusammenfassung: Bürgertypen in Vereinen 177
Ein typischer „Misstrauischer“
Der typische Misstrauische ist erst seit kurzer Zeit Mitglied eines Sportvereins.
Dem Vereinsleben gegenüber ist er distanziert und scheut vor Aufgaben und
freiwilligem Engagement zurück. Er ist dort in erster Linie Mitglied, um seinem
Hobby nachzugehen und nicht, um sich in die Vereinsarbeit einzubringen. Er
hat zwar durchaus eigene Überzeugungen und politische Ansichten, behält sie
jedoch anderen gegenüber lieber für sich. Er akzeptiert die Strukturen, die er
vorfindet, da er nicht davon überzeugt ist, durch eigenes Engagement etwas
ändern zu können. Dies ist auch der Grund, weshalb er nur unregelmäßig zur
Wahl geht und sich nicht politisch engagiert.
Eine typische „Desinteressierte“
Die Desinteressierte findet man in einem Sportverein, in dem sie Mitglied ist,
um ihrem Hobby nachzugehen. Sie ist noch relativ jung und auch noch nicht
lange Mitglied des Vereins. Bisher ist sie nicht sonderlich am Vereinsleben
interessiert bzw. engagiert. Auch außerhalb des Vereins zeigt sie wenig
Interesse an gesellschaftlichen und politischen Belangen. Sie traut sich
insgesamt wenig zu, meint schlecht vor Gruppen sprechen zu können,
organisiert und argumentiert ungern. Ihr ist es lieber, sich der Meinung der
Mehrheit anzuschließen, als zu versuchen, gegen Widerstände anderer ihre
Interessen durchzusetzen.
An dieser Stelle ist das Ende der Darstellung der empirischen Ergebnisse
erreicht. Im nun folgenden Fazit werden die dieser Arbeit zu Grunde liegenden
Fragestellungen und deren Ergebnisse zusammenfassend dargestellt.
9.1 Der „Idealtypus demokratischer Bürger“ 178
9. Fazit
Im Rahmen dieser Arbeit sollten die demokratischen Kompetenzen von
Vereinsmitgliedern in den Blick genommen werden. Diese Zielstellung knüpft
an aktuelle Diskussionslinien zur Bedeutung von Vereinen in demokratischen
Gemeinwesen an (vgl. u. A. Zimmer, 1996). In der Darstellung des For-
schungsstandes konnte gezeigt werden, dass bisherige Forschungsergebnis-
se zu dieser Thematik ambivalent sind. Während ältere Studien nahe legen,
dass Vereinsmitglieder die „besseren Demokraten“ seien (vgl. Almond &
Verba, 1963), kommen aktuelle Forschungsarbeiten zu dem Ergebnis, dass
eine Vereinsmitgliedschaft keinen Einfluss auf die demokratischen Kompe-
tenzen habe (vgl. Vortkamp, 2005). Als eine Ursache für diese gegenläufigen
Ergebnisse wurden u. A. die uneinheitlichen Vorstellungen über demokra-
tische Bürgerkompetenzen identifiziert.
Auf der Grundlage des Forschungsstandes konnten insgesamt drei zentrale
Forschungsdefizite benannt werden, die richtungsweisend für den weiteren
Verlauf des Forschungsprozesses waren.
A) Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Bürger-
kompetenzen zeigte, dass auch im Rahmen normativer Arbeiten kein Konsens
über einzelne Aspekte von Bürgerkompetenzen besteht. Je nachdem, welche
demokratietheoretische Herangehensweise und welches Bürgerleitbild zu
Grunde gelegt werden, umfassen Bürgerkompetenzen ganz unterschiedliche
Facetten.
B) Diese Unklarheit auf der begrifflichen Ebene behindert auch die empirische
Forschung. So kommen Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen, je
nachdem welcher Aspekt von Bürgerkompetenzen in der Erhebung berück-
sichtigt wird. Eine dezidierte theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff
Bürgerkompetenzen lassen bisherige Untersuchungen weitgehend vermissen.
C) In bisherigen Untersuchungen fehlen Hintergrundinformationen zu den
Vereinen, die es ermöglichen, die Bürgerkompetenzen der Mitglieder zur
Mitgliedschaft in Beziehung zu setzen. Dies hat zur Folge, dass Aussagen
über die Bedeutung bestimmter Vereinsstrukturen und Vereinsinhalte für die
Bürgerkompetenzen der Mitglieder bisher nur begrenzt möglich sind.
Auf der Grundlage des Forschungstandes und der herausgearbeiteten For-
schungsdefizite ergaben sich für den weiteren Verlauf der Untersuchung zwei
Stränge: Einerseits die theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der
demokratischen Bürgerkompetenzen und andererseits die empirische Unter-
9.1 Der „Idealtypus demokratischer Bürger“ 179
suchung von Vereinsmitgliedern im Hinblick auf die Ausprägung ihrer Bürger-
kompetenzen.
Die der Arbeit zu Grunde liegenden Fragestellungen lauteten somit:
(1) Durch welche Bürgerkompetenzen sollten sich die Mitglieder demokra-
tischer Gemeinwesen auszeichnen, um den Anforderungen, die demokra-
tische Systeme an sie stellen, gerecht werden zu können?
(2) Inwieweit zeichnen sich Vereinsmitglieder allgemein durch Bürgerkompe-
tenzen aus?
(3) Durch welche Bürgerkompetenzen zeichnen sich Sportvereinsmitglieder im
Vergleich zu Mitgliedern anderer Vereine aus?
Diese drei zentralen Fragestellungen sollen auch im Fazit der Reihe nach
aufgegriffen werden.
Als Herangehensweise zur Verknüpfung der theoretischen Überlegungen mit
einer empirischen Untersuchung wurde die idealtypische Methode von Max
Weber (vgl. Weber, 1922) gewählt. Mit Hilfe dieser Methode lässt sich die
theoriegeleitete Begriffsbildung in Bezug auf Bürgerkompetenzen mit einer
empirischen Analyse der Kompetenzen von Vereinsmitgliedern verknüpfen.
Darüber hinaus ist die Methode so angelegt, dass sie eine Typenbildung – und
somit die Konstruktion von Bürgertypen – ermöglicht (vgl. Kap. 3).
Die theoriegeleitete inhaltliche Ausdifferenzierung von Bürgerkompetenzen
erfolgte im Rahmen dieser Methode durch die Konstruktion eines „Idealtypus
demokratischer Bürger“ (vgl. Kap. 4). Hierbei handelt es sich im Sinne Webers
um ein theoretisches Konstrukt, welches einzelne Aspekte von Bürgerkompe-
tenzen zu einem in sich einheitlichen Gedankenbild zusammenfasst. Dieser
„Idealtypus demokratischer Bürger“ vereinigt in sich Kompetenzen, die Bürger
benötigen, um Anforderungen demokratischer Systeme gerecht werden zu
können.
Diesem „Idealtypus demokratischer Bürger“ wurde die empirisch vorfindbare
Realität der Bürgerkompetenzen von Vereinsmitgliedern gegenübergestellt,
um festzustellen, inwiefern die Wirklichkeit dem Idealtypus entspricht. Aus
dem empirischen Datenmaterial, welches aus der Untersuchung „Sozialkapital
und Bürgerkompetenz“ an der Universität Paderborn resultiert, sind mit Hilfe
clusteranalytischer Verfahren Realtypen generiert worden (vgl. Kap. 6). Auf
der Grundlage dieser Realtypen konnten fünf Bürgertypen herausgearbeitet
werden (Weber bezeichnet diese als Gattungsbegriffe), die sich im Hinblick
auf ihre Bürgerkompetenzen unterscheiden. Durch die Gegenüberstellung der
Bürgertypen mit dem „Idealtypus demokratischer Bürger“ waren Rückschlüsse
möglich, inwiefern die einzelnen Bürgertypen den komplexen Anforderungen
9.1 Der „Idealtypus demokratischer Bürger“ 180
demokratischer Systeme auf der Grundlage ihrer Bürgerkompetenzen in unter-
schiedlichem Maße gewachsen sind. Die zentralen Ergebnisse der Arbeit
sollen im Rahmen des Fazits in drei einzelnen Abschnitten zusammengefasst
werden. Jeder Abschnitt bezieht sich auf eine der oben genannten Frage-
stellungen.
9.1 Der „Idealtypus demokratischer Bürger“
Zentrale Fragestellung: Durch welche Bürgerkompetenzen sollten sich die Mit-
glieder demokratischer Gemeinwesen auszeichnen, um den Anforderungen,
die demokratische Systeme an sie stellen, gerecht werden zu können?
Grundlegend für die theoriegeleitete Auseinandersetzung mit dem Begriff der
Bürgerkompetenzen war die Frage nach notwendigen Kompetenzen von Bür-
gern in demokratisch organisierten Gemeinwesen. Daher wurden in die
Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ solche Kompetenz-
aspekte einbezogen, die die Bürger dazu befähigen, die Anforderungen der
Demokratie an die Bürger erfüllen zu können. Um sich dieser Frage anzu-
nähern wurden sowohl demokratietheoretische als auch politikdidaktische
Überlegungen herangezogen. Aber auch soziologische und kompetenz-
theoretische Herangehensweisen sind bei der Konstruktion des „Idealtypus
demokratischer Bürger“ berücksichtigt worden.
Partizipation als Voraussetzung für Demokratie
Als Voraussetzung für den Bestand von Demokratien wurde die Beteiligung
der Bürger herausgestellt, da diese das zentrale Merkmal der Demokratie als
Staats- aber auch als Lebensform darstellt. Eine Demokratie hört ohne die
Beteiligung der Bürger auf zu existieren.
Über das in Demokratien notwendige Ausmaß der Bürgerbeteiligung herrscht
jedoch keine einheitliche Auffassung. Dieses hängt vielmehr von der zu
Grunde gelegten Demokratietheorie ab. Während repräsentative demokratie-
theoretische Ansätze die politische (Wahl-) Beteiligung in den Vordergrund
stellen, wird in eher partizipationsorientierten Ansätzen die Notwendigkeit
einer gesellschaftlichen Beteiligung der Bürger betont. Darunter kann zum
Beispiel das freiwillige Engagement in Vereinen oder die aktive Beteiligung im
Rahmen anderer gesellschaftlicher Zusammenschlüsse, in denen es um die
Verwirklichung gemeinsamer Interessen geht, verstanden werden. Um den
„Idealtypus demokratischer Bürger“ nicht ausschließlich auf einen demokratie-
theoretischen Ansatz zuzuschneiden sondern die in ihm zusammengefassten
Bürgerkompetenzen als Grundlage einer allgemeinen demokratischen Hand-
9.1 Der „Idealtypus demokratischer Bürger“ 181
lungsfähigkeit zu betrachten, wurden im „Idealtypus demokratischer Bürger“
Kompetenzen berücksichtigt, die sowohl eine gesellschaftliche als auch eine
politische Beteiligung ermöglichen.
Im Sinne Webers (vgl. Weber 1922b) kann Partizipation im Rahmen demokra-
tischer Gemeinwesen als soziales Handeln charakterisiert werden, da sie zum
einen ein absichtsvolles Tun darstellt (im Gegensatz zu bloßem „sich Verhal-
ten“) und zum anderen in soziale Kontexte eingebettet ist und in ihren
Konsequenzen Auswirkungen auf Andere hat.
Partizipation als soziales Handeln erfordert einerseits bestimmte grundlegende
Kompetenzen, die ein Handeln erst ermöglichen, andererseits aber auch eine
bestimmte Handlungsabsicht, die die Richtung des Handelns bestimmt und es
vom bloßen Verhalten abgrenzt. Daraus ergeben sich zwei wesentliche
Teilbereiche eines „Idealtypus demokratischer Bürger“: Zum einen der Bereich
der Handlungskompetenzen, zum anderen der Bereich der Handlungsdis-
positionen. Diese beiden Teilbereiche sollen nacheinander in ihrer Relevanz
für den Idealtypus kurz dargestellt werden.
Handlungskompetenzen als Grundlage gesellschaftlicher und politischer Par-
tizipation
Um in der Demokratie gesellschaftlich bzw. politisch handlungsfähig zu sein,
benötigen Individuen bestimmte grundlegende Handlungskompetenzen.
Um zu durchdringen, welche Handlungskompetenzen im Rahmen des „Ideal-
typus demokratischer Bürger“ von Bedeutung sind, wurde auf kompetenztheo-
retische Überlegungen zurückgegriffen. Demnach lassen sich Kompetenzen
ganz allgemein in vier Dimensionen unterteilen: Sach-, Methoden-, Sozial- und
Selbstkompetenzen.
Während Sachkompetenzen die für das gesellschaftliche und politische Han-
deln notwendigen kognitiven Wissensbestände beinhalten, geht es bei
Methodenkompetenzen um Strategien zur Lösung von Problemen und Durch-
setzung von Interessen. Die sozialen Kompetenzen umfassen vor allem kom-
munikative Fähigkeiten, die eine Artikulation eigener Interessen und den Dis-
kurs mit Anderen ermöglichen. Somit haben diese drei Kompetenzebenen
„Werkzeugcharakter“, da sie Instrumente darstellen, die ein erfolgreiches Han-
deln im Rahmen gesellschaftlicher Zusammenhänge – also auch in demokra-
tischen Gemeinwesen – ermöglichen. Bürgerkompetenzen umfassen dem-
nach sowohl Sachkenntnisse, methodische Fähigkeiten als auch soziale
Kompetenzen, um informiertes und zielgerichtetes Handeln zu ermöglichen.
9.1 Der „Idealtypus demokratischer Bürger“ 182
Die Selbstkompetenzen hingegen beinhalten personale Dispositionen, wie
Hilfsbereitschaft und Solidarität. Dies unterscheidet sie von den übrigen
Kompetenzebenen und lässt sie näher an die bereits erwähnten Handlungs-
dispositionen heranrücken. Daher soll ihre Bedeutung für den „Idealtypus de-
mokratischer Bürger“ im nächsten Abschnitt näher ausgeführt werden.
Handlungsdispositionen als Grundlage demokratisch bedeutsamer gesell-
schaftlicher und politischer Partizipation
Handeln als absichtsvolles Tun verbindet grundlegende Handlungskompeten-
zen, die ein Handeln erst ermöglichen, mit individuellen Handlungsdispositio-
nen, die über die Richtung des Handelns entscheiden. Um die demokratischen
Bürgerkompetenzen eines „Idealtypus“ herauszuarbeiten, wurde gefragt, wel-
che Handlungsdispositionen für demokratische Stabilität sorgen. Hierbei wur-
den die soziologischen Akteurmodelle des nutzenmaximierenden „Homo
Oeconomicus“ und des gemeinwohlorientierten „Homo Sociologicus“ gegen-
übergestellt.
Beide Akteurmodelle sind in der Lage gesellschaftliches und politisches Han-
deln zu erklären: Ein Homo Oeconomicus partizipiert dann gesellschaftlich
bzw. politisch, wenn der Nutzen, den er mit seiner Handlung verbindet, größer
als die damit verbundenen Kosten sind. Er handelt, um eigene Interessen
durchzusetzen. Seine Handlungsabsicht ist somit rein zweckrational. Der
Homo Sociologicus orientiert sein Handeln an gesellschaftlichen Normen und
Werten, die er soweit verinnerlicht hat, dass sein normorientiertes Handeln für
ihn zu einem Wert an sich geworden ist. Sein gesellschaftliches bzw. poli-
tisches Handeln entzieht sich Kosten-Nutzen-Rechnungen, da es nicht in
erster Linie am Erfolg der Handlung ausgerichtet ist.
Am Beispiel des Wählerparadoxons konnte gezeigt werden, dass Demokratien
für ihren Bestand auf die Partizipation wertrational handelnder Bürger im Sinne
eines Homo Sociologicus angewiesen sind. Demokratien brauchen Bürger,
deren gesellschaftliches und politisches Handeln nicht ausschließlich durch
die Befriedigung individueller Bedürfnisse bestimmt ist. Stattdessen sind sie
auf Bürger angewiesen, die Demokratie als Wert an sich betrachten und ihr
Handeln danach ausrichten und für die nicht der individuelle Nutzen einer
Handlung sondern ihr Wert für das Allgemeinwohl handlungsleitend ist. Somit
stellt Gemeinwohlorientierung und die Ausrichtung an demokratischen Normen
und Werten einen weiteren wesentlichen Bestandteil von Bürgerkompetenzen
im Sinne des „Idealtypus demokratischer Bürger“ dar.
Demokratische Bürgerkompetenzen umfassen somit grundlegende Hand-
lungskompetenzen, die den Bürgern die politische und gesellschaftliche
9.1 Der „Idealtypus demokratischer Bürger“ 183
Beteiligung ermöglichen sowie Handlungsdispositionen, die die Richtung der
Partizipation bestimmen. Während die Handlungskompetenzen sicherstellen,
dass überhaupt gehandelt werden kann, entscheiden die Handlungsdisposi-
tionen über den Beitrag zu demokratischer Stabilität, wobei gemeinwohlorien-
tierte Handlungsabsichten unter den Bürgern für den Bestand von demokra-
tischen Gemeinwesen von existenzieller Bedeutung sind. Einen Überblick über
die Bestandteile des „Idealtypus demokratischer Bürger“ liefert Abbildung 34.
Alle Aspekte des Idealtypus sind in Abbildung 8 (Abschnitt 4.3) anschaulich
dargestellt worden.
Abb. 34: Bestandteile von Bürgerkompetenzen im Sinne des „Idealtypus demokratischer Bürger“,
sowie Beispiele für ihre Operationalisierung im Rahmen der empirischen Untersuchung zu
„Sozialkapital und Bürgerkompetenz“.
Durch die Konstruktion des „Idealtypus demokratischer Bürger“ ist es gelun-
gen, den schillernden Begriff der Bürgerkompetenzen inhaltlich zu durchdrin-
gen, zu strukturieren und theoriegeleitet auszudifferenzieren.
Auf der Grundlage des Idealtypus wurden aus dem umfassenden Datenmate-
rial der Erhebung zu „Sozialkapital und Bürgerkompetenz“ Items ausgewählt,
mit denen sich die verschiedenen Aspekte von Bürgerkompetenzen operatio-
nalisieren lassen. Mit Hilfe clusteranalytischer Verfahren (vgl. Kap. 6) konnten
fünf Gruppen von Vereinsmitgliedern (Realtypen) identifiziert werden, die sich
Partizipation
Handlungskompete
n
zen
Sachkompetenzen
z. B. politisches Wissen
Methodenkompetenzen
z.B. organisatorische Fähigkeiten
Sozialkompetenzen
z.B. diskursive Fähigkeiten
Handlungsdispositionen
Selbstkompetenzen
z.B. Vertrauen, Hilfsbereitschaft
S
Normen und Werte
z.B.
demokratische Werte
z. B. freiwilliges
Engagement oder
politische Beteiligung
9.2 Fünf Bürgertypen in Vereinen 184
im Hinblick auf ihre Bürgerkompetenzen ähneln und deshalb als Bürgertypen
bezeichnet werden.
9.2 Fünf Bürgertypen in Vereinen
Zentrale Fragestellung: Inwieweit zeichnen sich Vereinsmitglieder allgemein
durch Bürgerkompetenzen aus?
Um nicht nur die einzelnen Merkmalsausprägungen der unterschiedlichen
Bestandteile von Bürgerkompetenzen unter den befragten Vereinsmitgliedern
wiederzugeben, wurden die Mitglieder mit Hilfe clusteranalytischer Verfahren
zu fünf Gruppen zusammengefasst, die sich hinsichtlich ihrer Bürgerkompe-
tenzen ähneln (vgl. Kap. 6). Dadurch lassen sich charakteristische Kompe-
tenzprofile unter Vereinsmitgliedern erstellen, die Aussagen über die Bürger-
kompetenzen der jeweiligen Gruppe zulassen. Aus diesem Grund werden die
Gruppen als Bürgertypen bezeichnet. Durch die Gegenüberstellung der fünf
Bürgertypen mit den im „Idealtypus demokratischer Bürger“ zusammenge-
fassten Kompetenzen, konnten die einzelnen Typen dahingehend analysiert
werden, inwiefern sie den komplexen Anforderungen demokratischer Systeme
an die Bürger gerecht werden. Hierbei zeigt sich, dass knapp die Hälfte der
Vereinsmitglieder (45%) aufgrund der Ausprägungen ihrer Bürgerkompeten-
zen in der Lage ist, den Anforderungen in hohem Maße zu genügen. Die
beiden Bürgertypen wurden mit den Gattungsbegriffen (vgl. Weber 1922)
Aktive (23%) und politisch Engagierte (22%) versehen und zeichnen sich in
allen Bereichen des „Idealtypus demokratischer Bürger“ durch hohe Kompe-
tenzen aus.
Das heißt, diese Vereinsmitglieder besitzen sowohl allgemeine als auch
politische Handlungskompetenzen, wie organisatorische und diskursive Fähig-
keiten und politisches Fachwissen. Darüber hinaus zeichnen sich beide Bür-
gertypen auch durch gemeinwohlorientierte Handlungsdispositionen und
demokratische Wertorientierungen aus. Der Unterschied zwischen beiden
Bürgertypen liegt in ihrer gesellschaftlichen bzw. politischen Aktivität. Während
die Aktiven in erster Linie im Verein, in dem die Befragung stattfand, aktiv sind,
sind die politisch Engagierten in mehreren Vereinen Mitglied und halten sich
im Verein der Befragung, was ihre Beteiligung angeht, eher zurück.
Stattdessen sind sie vermehrt politisch aktiv. Somit unterstützen die beiden
Bürgertypen die Demokratie auf unterschiedlichen Ebenen: Während die
politisch Engagierten durch ihre Beteiligung am politischen Geschehen eher
den Anforderungen auf der politischen Ebene entsprechen können, liegt der
9.2 Fünf Bürgertypen in Vereinen 185
Beitrag der Aktiven in ihrer ausgeprägten gesellschaftlichen Beteiligung im
Rahmen ihres Vereins.
Ob ein Mitglied eher zur Gruppe der Aktiven oder politisch Engagierten gehört,
hängt in entscheidendem Maße mit seinem Bildungsstand zusammen. So
zeichnen sich die politisch Engagierten durch signifikant höhere Bildungsab-
schlüsse aus als die übrigen Vereinsmitglieder. Auch ihr beruflicher Status und
ihr Einkommen liegen höher als die der meisten anderen Mitglieder. Somit
zeigt sich auch hier der schon vielfach belegte Zusammenhang zwischen
politischer Beteiligung und dem Bildungstand (vgl. Abschnitt 7.3.2).
Zugespitzt kann man resümieren, dass Akademiker in gut bezahlten hohen
beruflichen Positionen am ehesten dem Bürgertyp des politisch Engagierten
entsprechen, wohingegen die Aktiven eher die ganze Bandbreite der Vereins-
mitglieder widerspiegeln.
Neben diesen zwei im Sinne des Idealtypus sehr umfassend mit Kompetenzen
ausgestatteten Bürgertypen finden sich in Vereinen noch drei weitere Typen
mit unterschiedlichen Bürgerkompetenzen.
Einer dieser Typen, zu dem fast jedes fünfte Mitglied (19%) gehört, ist der
Vereinsmeier. Das zentrale Merkmal dieses Bürgertyps ist seine außerordent-
lich hohe Vereinsaktivität und sein freiwilliges Engagement. Seine allgemeinen
und politischen Handlungskompetenzen und -dispositionen sind hingegen
gering ausgeprägt. Somit widerspricht die Existenz dieses Bürgertyps dem
verbreiteten Argumentationsgang, dass Vereinsmitglieder durch aktive
Mitarbeit im Verein Bürgerkompetenzen erwerben würden (vgl. dazu z.B.
Buchstein, 2002). Die Untersuchung zeigt vielmehr, dass es auch Vereins-
mitglieder gibt, bei denen eine hohe aktive Beteiligung im Verein nicht mit
Gemeinwohlorientierung, kognitiven Fähigkeiten oder organisatorischen bzw.
diskursiven Kompetenzen einhergeht. Den Anforderungen demokratischer
Gemeinwesen im Sinne des Idealtypus werden sie trotz ihrer hohen gesell-
schaftlichen Beteiligung im Verein aufgrund fehlender sonstiger Bürgerkom-
petenzen (insbesondere demokratischer Werte und gemeinwohlorientierter
Handlungsdispositionen) nur in geringem Maße gerecht.
Der Bürgertyp des Vereinsmeiers findet unter Münsteraner Vereinsmitgliedern
(65%) erheblich mehr Verbreitung als unter Potsdamer Mitglieder (35%).
Somit könnte es sich um ein primär westdeutsches Phänomen handeln,
welches vor allem aus den etablierten Vereinsstrukturen der alten Bundes-
länder hervorgeht. Auffallend ist auch hier wieder der Zusammenhang mit dem
Bildungsstand. Die Vereinsmeier zeichnen sich im Vergleich zur Gesamt-
stichprobe durch niedrigere Bildungsabschlüsse und einen geringeren beruf-
lichen Status aus.
9.2 Fünf Bürgertypen in Vereinen 186
Ein weiterer Typ, der in den Vereinen ebenso häufig anzutreffen ist wie der
Vereinsmeier (19%) ist der Misstrauische. Dieser Typ verdankt seine Bezeich-
nung dem hohen gesellschaftlichen Misstrauen, mit dem er anderen Men-
schen gegenübertritt. Seine demokratischen Wertorientierungen fallen ebenso
gering aus, wie seine gesellschaftliche und politische Beteiligung. Im Gegen-
satz dazu stehen seine relativ hohen politischen Handlungskompetenzen.
Dieser Bürgertyp verfügt also über grundlegende Kompetenzen, die ihm eine
politische Beteiligung ermöglichen könnten, aber möglicherweise aufgrund
seines Misstrauens und seiner negativen Einstellungen zum demokratischen
System, sieht er sowohl von gesellschaftlicher als auch von politischer Partizi-
pation ab. Auffallend ist der überproportionale Anteil von Männern unter den
Misstrauischen (68%).
Der letzte Bürgertyp, der in den befragten Vereinen anzutreffen ist, ist mit 18%
der Desinteressierte. Dieser zeichnet sich durch sein ausgeprägtes politisches
Desinteresse, gepaart mit einer außerordentlich geringen Ausprägung demo-
kratischer Werte und hoher gesellschaftlicher und politischer Apathie aus.
Seine gemeinwohlorientierten Handlungsdispositionen liegen jedoch im mittle-
ren Bereich. In diesem Bürgertyp sind Frauen mit 54% deutlich überreprä-
sentiert (in der Mitgliederstichprobe machen Frauen nur 41% aus). Auch zeigt
sich hier wieder die nicht unerhebliche Bedeutung des Bildungstandes. Die
Schulabschlüsse sind im Vergleich zu den anderen Vereinsmitgliedern unter
den Desinteressierten deutlich niedriger, auch der berufliche Status liegt unter
dem Durchschnitt der Gesamtstichprobe. Zum Beispiel verfügt fast jedes
zweite Mitglied in der Gruppe der Desinteressierten über einen Haupt- bzw.
Realschulabschluss. In der Gesamtstichprobe liegt der Anteil dieser Bildungs-
abschlüsse unter 30%.
Fast jedes zweite Mitglied der untersuchten Vereine verfügt somit über
umfassende Kompetenzen im Sinne des „Idealtypus demokratischer Bürger“
und es ist anzunehmen, dass diese Mitglieder in besonderem Maße fähig sind,
gesellschaftliche und politische Anforderungen der Demokratie zu meistern.
Sie sind in der Lage, ihr Interesse zu artikulieren und zu vertreten, richten ihr
Handeln aber auch an den Belangen des Gemeinwohls aus.
Die andere Hälfte der Mitglieder besteht hingegen aus Bürgern, denen in
Teilen wesentliche Kompetenzen fehlen, um am gesellschaftlichen und/oder
politischen Leben demokratischer Gemeinwesen umfassend partizipieren zu
können. Hierbei zeigten sich signifikante Zusammenhänge mit vertikalen
sozialen Ungleichheitsfaktoren wie dem Bildungsstand und dem beruflichen
Status.
9.3 Bürgerkompetenzen und Vereinsstrukturen 187
Es stellt sich die Frage nach Zusammenhängen zwischen den Vereinen und
den Bürgertypen unter den Mitgliedern.
9.3 Bürgerkompetenzen und Vereinsstrukturen
Zentrale Fragestellung: Durch welche Bürgerkompetenzen zeichnen sich
Sportvereinsmitglieder im Vergleich zu Mitgliedern anderer Vereine aus?
Als drei für die Bürgerkompetenzen der Mitglieder bedeutsame Differenzie-
rungskriterien zwischen Vereinen wurden in Abschnitt 5.2 der Vereinstyp, die
demokratische Vereinsstruktur sowie die Möglichkeiten zur Interaktion heraus-
gearbeitet.
Zusammenhänge zwischen den Bürgerkompetenzen der Vereinsmitglieder
und bestimmten vereinstrukturellen Besonderheiten zeigen sich beim
Vereinstyp, wobei hier sowohl die Zielstellung des Vereins (mitgliederbezogen,
außenorientiert oder fremdbezogen) als auch der Bereich der Vereins-
aktivitäten (Sport, Politik, Freizeit und Geselligkeit sowie Gesundheit und
Soziales) untersucht wurden. Hinsichtlich ihrer Zielstellungen und ihrer Ver-
einsaktivitäten bilden Sportvereine jeweils eine separate Gruppe, die hinsicht-
lich der Bürgerkompetenzen ihrer Mitglieder den anderen Vereinen gegen-
übergestellt wurde.
Neben den Zielstellungen und den Vereinsinhalten stehen die Interaktions-
möglichkeiten, die Vereine ihren Mitgliedern eröffnen, ebenfalls in einem
Zusammenhang mit den Bürgerkompetenzen der Mitglieder.
Als unbedeutend für die Bürgerkompetenzen der Mitglieder haben sich
hingegen die demokratischen Vereinsstrukturen herausgestellt. Allerdings
stellt sich die Frage, inwiefern hier eine Verzerrung dadurch stattgefunden
haben könnte, dass in den Vereinen mit geringen demokratischen Einfluss-
möglichkeiten vor allem solche Mitglieder durch die Befragung erreicht wur-
den, die ohnehin eine Funktion inne haben und somit über Einflussmöglich-
keiten und eine hohe Aktivität verfügen.
Sport- versus andere Vereine
In Sport- und anderen Vereinen unterscheiden sich die Bürgerkompetenzen
der Mitglieder signifikant. Während in den mitgliederbezogenen Sportvereinen,
Vereinsmeier, Misstrauische und Desinteressierte überrepräsentiert sind,
finden sich in Vereinen mit außenorientierten und fremdbezogenen Zielstel-
lungen vor allem Aktive und politisch Engagierte. Hier wird deutlich, dass sich
9.3 Bürgerkompetenzen und Vereinsstrukturen 188
die politisch Engagierten Mitglieder vor allem in Vereinen mit fremdbezogenen
Zielstellungen finden.
Der Blick auf den konkreten Bereich der Vereinsaktivitäten macht die Ergeb-
nisse noch transparenter: Während Sportvereine zu je einem Viertel aus
Vereinsmeiern und Misstrauischen bestehen, gefolgt von knapp 22% Des-
interessierten, kehrt sich dieses Verhältnis in anderen Vereinen um. In
Vereinen mit politischen Inhalten gehören 42% zu den politisch Engagierten,
Desinteressierte gibt es in diesen Vereinen kaum. In Vereinen aus den
Bereichen Freizeit und Kultur bzw. Gesundheit und Soziales bilden hingegen
die Aktiven die stärkste Mitgliedergruppe.
Somit zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Vereinsinhalten und
Bürgerkompetenzen:
Je mehr Vereine in ihrer Arbeit einen gesellschaftlichen Außenbezug auf-
weisen, desto eher finden sich unter den Mitgliedern aktive oder politisch
engagierte Mitglieder. Kommt zur gesellschaftlichen Außenorientierung noch
eine politische Zielstellung hinzu, finden sich unter den Mitgliedern besonders
viele politisch engagierte Bürger und besonders wenig Desinteressierte.
In Sportvereinen, die aufgrund ihrer Zielstellungen in erster Linie die
Bedürfnisbefriedigung ihrer Mitglieder Im Blick haben, finden sich vor allem
solche Bürgertypen, die sich in einzelnen oder mehreren Bereichen des
Idealtypus demokratischer Bürger eher durch weniger umfassende Bürger-
kompetenzen auszeichnen. In Sportvereinen begegnet man vermehrt den
Bürgertypen Vereinsmeier, Misstrauischer und Desinteressierter.
Allerdings darf an dieser Stelle der signifikante Zusammenhang zwischen
demokratischen Bürgerkompetenzen und dem Bildungsstand nicht außer Acht
gelassen werden: Sportvereine sind diejenigen Vereine, die am ehesten in der
Lage sind alle Teile der Bevölkerung anzusprechen. Während man in außen-
orientierten und fremdbezogenen Vereinen in erster Linie hoch Gebildete
antrifft, sind in Sportvereinen vermehrt auch Menschen aus bildungsferneren
Schichten anzutreffen. Insofern sollte das Augenmerk nicht ausschließlich auf
den geringeren Anteil von Aktiven und politisch Engagierten unter den Mit-
gliedern von Sportvereinen gelegt werden. Vielmehr ist das Verdienst von
Sportvereinen, ihre Mitglieder aus allen Kreisen der Bevölkerung zu rekrutie-
ren, als besonders positiv hervorzuheben.
Interaktionsstrukturen in den Vereinen
Auch im Hinblick auf die Interaktionsmöglichkeiten die Vereine ihren Mitglie-
dern im Rahmen von Mitgliederversammlungen, geselligen Veranstaltungen
9.3 Bürgerkompetenzen und Vereinsstrukturen 189
und freiwilligem Engagement eröffnen, zeigen sich eindeutige Zusammen-
hänge mit den Bürgerkompetenzen der Mitglieder.
Je besser die Gelegenheitsstrukturen sind, die Vereine ihren Mitgliedern zum
gegenseitigen Austausch bieten, desto mehr Aktive (32%) und desto weniger
Desinteressierte (13%) finden sich unter den Mitgliedern. Allerdings nimmt
auch der Anteil von Vereinsmeiern zu (28%). Somit stehen gute Gelegenheits-
strukturen zwar in einem positiven Zusammenhang mit der Vereinsaktivität der
Mitglieder, aber diese geht nicht immer auch mit weiteren Bürgerkompe-
tenzen, wie Fachwissen, organisatorischen und diskursiven Kompetenzen
oder gemeinwohlorientierten oder demokratischen Einstellungen einher.
Während sich die dargestellten Zusammenhänge zwischen Vereinsstrukturen
bzw. Zielstellungen und den Bürgerkompetenzen empirisch belegen lassen, er
möglicht das Datenmaterial aufgrund der Vollerhebung der Mitglieder auch die
Analyse einzelner Vereine. Der Blick auf die Fallbeispiele eröffnet weitere
interessante Hinweise auf die Bedeutung vereinsstruktureller Besonderheiten
für die Bürgerkompetenzen der Mitglieder. Diese Ergebnisse sind jedoch, da
es sich um Einzelfallbeschreibungen handelt, empirisch nicht abgesichert.
So zeigt sich zum Beispiel ein interessanter Zusammenhang zwischen dem
Geschlecht und dem Anteil von Aktiven bzw. politisch Engagierten.
Aktive sind besonders stark in Vereinen vertreten, in denen Frauen nicht nur
die Mehrheit der Mitglieder stellen, sondern in denen sie auch in der Vereins-
politik Verantwortung übernehmen. Diese Vereine sind zudem häufig durch
gute Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion gekennzeichnet. Im Gegensatz
dazu werden Vereine, in denen der Bürgertyp der politisch Engagierten
übermäßig stark vertreten ist, eher von Männern dominiert und die Gelegen-
heitsstrukturen sind dort weniger gut ausgeprägt. Dies könnte dahingehend
interpretiert werden, dass Frauen, entweder im Verein aktiv sind oder aus dem
Verein ausscheiden, wohingegen Männer häufiger auch eher passive Mitglied-
schaften aufrechterhalten und in mehreren Vereinen gleichzeitig Mitglied sind
(vgl. Abschnitt 8.3.1).
Dies korrespondiert mit Ergebnissen aus der Vereinsforschung wonach
Frauen häufiger bereit sind ihren Verein zu wechseln, wohingegen Männer
langjährige Mitgliedschaften präferieren (vgl. Schubert, 1996).
Vereinsmeier finden sich vor allem in solchen Vereinen, in denen die
Bedürfnisbefriedigung der Mitglieder an erster Stelle steht. Auch eine ausge-
prägte Vereinsgeselligkeit scheint diesen Bürgertyp anzuziehen. Vereinsmeier
sind besonders häufig in Sportverein aber auch in karitativen Vereinen anzu-
treffen in denen die soziale Hilfeleistung für die Vereinsmitglieder einen Selbst-
9.4 Ausblick 190
zweck darstellt, die der Befriedigung individueller Bedürfnisse dient (vgl.
Abschnitt 8.3.3).
9.4 Ausblick
Es ist gelungen, den diffusen Begriff der Bürgerkompetenzen zu schärfen und
zu einem empirisch tragfähigen Modell eines „Idealtypus demokratischer
Bürger“ zu gelangen. Es wäre wünschenswert, dieses Modell als Ausgangs-
punkt für weitergehende empirische Untersuchungen zu nutzen, da diese
Arbeit sich auf die Re-Analyse eines bereits vorliegenden Datensatzes be-
schränken musste. In einer solchen weiterführenden Untersuchung sollten die
einzelnen Facetten des Idealtypus durch umfangreichere Itembatterien und
nicht nur durch einzelne Variablen abgedeckt werden.
Darüber hinaus wäre eine Einbeziehung von Nicht-Vereinsmitgliedern in
zukünftige empirische Untersuchungen wünschenswert, um hier nicht auf
schwer vergleichbare Datensätze repräsentativer Bevölkerungsbefragungen
zurückgreifen zu müssen. Weiterhin sollte zukünftig auch die Ausdehnung der
Stichprobe auf weitere Erhebungsorte überlegt werden, um zum Beispiel auch
Vereine aus dem ländlichen Raum erfassen und so zu repräsentativen
Ergebnissen gelangen zu können.
Ebenfalls weiter zu erforschen wäre die besondere Bedeutung von Sport-
vereinen in der Gesellschaft. In dieser Untersuchung hat sich angedeutet,
dass das Potenzial von Sportvereinen in der Einbeziehung von Mitgliedern mit
vergleichsweise niedrigeren Bildungsabschlüssen liegt und dass sie diese in
eine hohe gesellschaftliche Aktivität involvieren können. An dieser Stelle wäre
es notwendig die gesellschaftlichen Leistungen von Sportvereine in dieser
Hinsicht genauer zu untersuchen. Da diese Arbeit darauf abzielte, Vereins-
mitglieder auf ihre demokratischen Bürgerkompetenzen hin zu untersuchen,
wurden Sportvereine unter diesem Fokus in ein eher trauriges Licht gerückt.
Allerdings bot das deduktive Vorgehen der Arbeit wenig Spielraum, um Kom-
petenzen zu untersuchen, die außerhalb des „Idealtypus demokratischer
Bürger“ angesiedelt sind. Für die weitergehende Untersuchung von Sportver-
einen wäre somit ein eher offen angelegtes Forschungsprogramm empfeh-
lenswert.
Last but not least sei darauf hingewiesen, dass durch die Verknüpfung von
Theorie und Empirie, wie in dieser Arbeit geschehen, eine „theoretische
Erkenntnis der objektiven Realität“ (vgl. Bayertz, 1976) immer nur für einen
Augenblick erreicht werden kann. Denn die gewonnenen wissenschaftlichen
Erkenntnisse spiegeln, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, wo Ge-
9.4 Ausblick 191
setzmäßigkeiten entschlüsselt werden, immer nur eine gesellschaftliche
Momentaufnahme wider. Aufgrund gesellschaftlicher Wandlungsprozesse
müssen theoretisch und empirisch fundierte Erkenntnisse immer wieder
hinterfragt und aktualisiert werden (vgl. Haller, 2003). Max Weber brachte
1904 diesen iterativen Prozess in den Sozialwissenschaften auf den Punkt:
„Die Geschichte der Wissenschaften vom sozialen Leben ist und bleibt daher ein steter
Wechsel zwischen dem Versuch, durch Begriffsbildung Tatsachen gedanklich zu ordnen,
– der Auflösung der so gewonnenen Gedankenbilder durch Erweiterung und Verschie-
bung des wissenschaftlichen Horizontes, – und der Neubildung von Begriffen auf der so
veränderten Grundlage“ (Weber, 1922, 208)
Unter diesem Blickwinkel sind auch die im „Idealtypus demokratischer Bürger“
zusammengefassten Aspekte von Bürgerkompetenzen und die daraus resul-
tierenden Ergebnisse zu betrachten.
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11.1 Tabellen zu den Bürgerkompetenzen der einzelnen Bürgertypen 203
11. Tabellenanhang
11.1 Tabellen zu den Bürgerkompetenzen der einzelnen Bürgerty-
pen
Tab. 31: Übersicht über die Bürgerkompetenzen des Aktiven (N=154; T-Werte, Mittelwerte und Stan-
dardabweichungen auf der Grundlage z-standardisierter Rohskalenwerte, Prozentwerte auf
der Grundlage dreistufiger Skalierung, vgl. Kap. 6.2.2).
Skalenkennwerte Prozentwerte
T-Wert
M SD
gering
mittel
hoch
Allgemeine Handlungskompetenzen 0,588
,62
,740
2,6
31,8
65,6
Allgemeine Handlungsdispositionen
-
Vertrauen 0,246
,24
,890
7,8
55,2
37,0
-
Hilfsbereitschaft 0,497
,48
,756
7,1
44,8
48,1
-
Solidarität 0,522
,50
,664
2,6
16,9
80,5
Gesellschaftliche Beteiligung
-
Vereinsaktivität 0,780
,80
,508
0
25,3
74,7
-
weitere aktive Mitgliedschaften
-0,007
,02
1,018
48,1
37,7
14,3
-
Freiwilliges Engagement 0,896
,90
,737
1,9
50,6
47,4
Politische Kompetenzen 0,554
,60
,739
3,9
42,2
53,9
Politische Handlungsdispositionen
-
Politisches Interesse 0,606
,62
,597
2,6
16,9
80,5
-
Politikverdrossenheit -0,231
-,26
,965
44,2
37,0
18,8
Politische Partizipation 0,272
,31
1,025
23,4
35,1
41,6
Tab. 32: Übersicht über die Bürgerkompetenzen des politisch Engagierten (N=148; T-Werte,
Mittelwerte und Standardabweichungen auf der Grundlage z-standardisierter Rohskalenwerte,
Prozentwerte auf der Grundlage dreistufiger Skalierung, vgl. Kap. 6.2.2).
Skalenkennwerte Prozentwerte
T-Wert
M SD
gering
mittel
hoch
Allgemeine Handlungskompetenzen 0,532
,56
,747
3,4
30,4
66,2
Allgemeine Wertorientierungen
-
Vertrauen 0,235
,23
,909
9,5
51,4
39,2
-
Hilfsbereitschaft 0,227
,22
,858
14,2
50,7
35,1
-
Solidarität 0,183
,16
,804
4,7
37,8
57,4
Gesellschaftliche Beteiligung
-
Vereinsaktivität -0,975
-,98
,711
64,9
31,8
3,4
-
weitere aktive Mitgliedschaften
0,751
,78
,726
14,9
52,7
32,4
-
Freiwilliges Engagement -0,689
-,66
,471
55,4
44,6
0
Politische Kompetenzen 0,399
,45
,838
7,4
49,3
43,2
Politische Wertorientierungen
-
Politisches Interesse 0,410
,43
,678
6,1
23,6
70,3
-
Politikverdrossenheit -0,624
-,66
,867
60,1
31,8
8,1
Politische Partizipation 0,718
,75
1,100
14,2
25,0
60,8
11.1 Tabellen zu den Bürgerkompetenzen der einzelnen Bürgertypen 204
Tab. 33: Übersicht über die Bürgerkompetenzen des Vereinmeiers (N=127; T-Werte, Mittelwerte und
Standardabweichungen auf der Grundlage z-standardisierter Rohskalenwerte, Prozentwerte
auf der Grundlage dreistufiger Skalierung, vgl. Kap. 6.2.2).
Skalenkennwerte Prozentwerte
T-Wert
M SD
gering
mittel
hoch
Allgemeine Handlungskompetenzen -0,529
-,47
,760
28,3
59,1
12,6
Allgemeine Wertorientierungen
-
Vertrauen 0,102
,10
,903
10,2
57,5
32,3
-
Hilfsbereitschaft -0,499
-,47
,865
40,2
52,0
7,9
-
Solidarität -0,316
-,32
,923
16,5
51,2
32,3
Gesellschaftliche Beteiligung
-
Vereinsaktivität 0,824
,84
,562
0,8
22,8
76,4
-
weitere aktive Mitgliedschaften
-0,076
-,05
,938
53,5
37,0
9,4
-
Freiwilliges Engagement 0,897
,90
,750
1,6
47,2
51,2
Politische Kompetenzen -0,737
-,65
,705
40,9
57,5
1,5
Politische Wertorientierungen
-
Politisches Interesse -0,639
-,58
,886
41,7
37,0
21,3
-
Politikverdrossenheit 0,093
,06
,893
28,3
43,3
28,3
Politische Partizipation -0,420
-,37
,632
44,1
41,7
14,2
Tab. 34: Übersicht über die Bürgerkompetenzen des Misstrauischen (N= 126; T-Werte, Mittelwerte
und Standardabweichungen auf der Grundlage z-standardisierter Rohskalenwerte, Prozent-
werte auf der Grundlage dreistufiger Skalierung, vgl. Kap. 6.2.2).
Skalenkennwerte Prozentwerte
T-Wert
M SD
gering
mittel
hoch
Allgemeine Handlungskompetenzen 0,107
,15
,751
6,3
50,8
42,9
Allgemeine Wertorientierungen
-
Vertrauen -0,522
-,50
,938
23,8
64,3
11,9
-
Hilfsbereitschaft -0,423
-,40
,992
39,7
45,2
15,1
-
Solidarität -0,570
-,57
1,120
27,0
44,4
28,6
Gesellschaftliche Beteiligung
-
Vereinsaktivität -0,197
-,19
,797
21,4
53,2
25,4
-
weitere aktive Mitgliedschaften
-0,453
-,42
,883
70,6
24,6
4,8
-
Freiwilliges Engagement -0,538
-,51
,594
26,0
50,8
3,2
Politische Kompetenzen 0,503
,55
,626
1,6
49,2
49,2
Politische Wertorientierungen
-
Politisches Interesse 0,352
,38
,720
4,0
33,3
62,7
-
Politikverdrossenheit 0,349
,31
,866
15,9
47,6
36,5
Politische Partizipation -0,230
-,18
,725
36,5
40,5
23,0
11.2 Tabellen zu den sozio-demographischen Besonderheiten der einzelnen Bürgertypen 205
Tab. 35: Übersicht über die Bürgerkompetenzen des Desinteressierten (N=111; T-Werte, Mittelwerte
und Standardabweichungen auf der Grundlage z-standardisierter Rohskalenwerte, Prozent-
werte auf der Grundlage dreistufiger Skalierung, vgl. Kap. 6.2.2).
Skalenkennwerte Prozentwerte
T-Wert
M SD
gering
mittel
hoch
Allgemeine Handlungskompetenzen -1,040
-,97
,874
54,1
38,7
7,2
Allgemeine Wertorientierungen
-
Vertrauen -0,178
-,17
,983
18,0
61,3
20,7
-
Hilfsbereitschaft 0,059
,06
,987
18,9
50,5
30,6
-
Solidarität 0,040
,02
1,010
13,5
29,7
56,8
Gesellschaftliche Beteiligung
-
Vereinsaktivität -0,501
-,50
,897
37,8
44,1
18,0
-
weitere aktive Mitgliedschaften
-0,391
-,36
,936
65,8
27,9
6,3
-
Freiwilliges Engagement -0,740
-,71
,526
65,8
33,3
0,9
Politische Kompetenzen -1,028
-,94
,715
58,6
39,6
1,8
Politische Wertorientierungen
-
Politisches Interesse -1,057
-,98
,832
60,4
29,7
9,9
-
Politikverdrossenheit 0,649
,61
,879
10,8
36,9
52,3
Politische Partizipation -0,593
-,54
,609
55,0
36,0
9,0
11.2 Tabellen zu den sozio-demographischen Besonderheiten der
einzelnen Bürgertypen
Tab. 36: Soziodemographische Besonderheiten (horizontale Ungleichheitsmerkmale) der fünf Bürger-
typen (Angaben in Prozent und Chi²-Test).
Der
Aktive
Der
politisch
Engagierte
Der
Vereins-
meier
Der
Miss-
trauische
Der Desinte-
ressierte
Gesamt
Geschlecht
Frauen 40,8% 39,9% 40,5% 31,7% 54,1% 41,0%
Männer 59,2% 60,1% 59,5% 68,3% 45,9% 59,0%
χ2 (4, 663) = 12,4; p = .015*; CI=.137
Wohnort
Potsdam 52,6% 48,0% 35,4% 50,8% 48,6% 47,3%
Münster 47,4% 52,0% 64,6% 49,2% 51,4% 52,7%
χ2 (4, 666) = 9,6; p = .047*; CI=.120
Alter
18-40 Jahre
30,5% 33,1% 40,9% 34,1% 45,9% 36,3%
41-60 Jahre
35,1% 41,2% 29,9% 35,7% 29,7% 34,7%
61-87 Jahre
34,4% 25,7% 29,1% 30,2% 24,3% 29,0%
χ2 (4, 666) = 12,1; p = .147; CI=.095
11.3 Tabellen zur Verteilung der Bürgertypen in unterschiedlichen Vereinen 206
Tab. 37: Soziodemographische Besonderheiten (vertikale Ungleichheitsmerkmale) der fünf
Bürgertypen (Angaben in Prozent und Chi²-Test).
Der
Aktive
Der
politisch
Engagierte
Der
Vereins-
meier
Der
Miss-
trauische
Der
Desinte-
ressierte
Gesamt
Höchster
Bildungsabschluss
ohne Abschluss bzw.
Hauptschulabschluss 6,5% 6,8% 13,5% 7,9% 18,0% 10,1%
Mittlere Reife 15,6% 8,8% 23,8% 19,8% 29,7% 18,8%
Abitur 27,9% 16,9% 27,0% 19,0% 17,1% 21,8%
Fachhochschule 16,9% 19,6% 16,7% 18,3% 12,6% 17,0%
Universität 33,1% 48,0% 19,0% 34,9% 22,5% 32,3%
χ2 (8, 665) = 61,2; p < .001***; CI=.152
Berufsautonomie
Gering 6,9% 2,9% 11,7% 6,9% 11,7% 7,7%
Mittel 25,4% 27,0% 42,3% 41,4% 48,5% 36,0%
Hoch 53,8% 44,5% 38,7% 41,4% 31,1% 42,5%
Sehr hoch 13,8% 25,5% 7,2% 10,3% 8,7% 13,7%
χ2 (12, 597) = 50,3, p < .001***; CI=.168
Äquivalenzeinkommen
unter 955 € 27,6% 16,8% 27,0% 24,1% 25,3% 24,0%
956 bis 1303 € 28,3% 23,8% 23,8% 25,0% 31,3% 26,2%
1304 bis 1757 € 24,1% 23,8% 25,4% 21,6% 22,2% 23,5%
über 1757 € 20,0% 35,7% 23,8% 29,3% 21,2% 26,2%
χ2 (12, 625) = 15,4; p = .219, CI=.091
Tab. 38: Unterschiede in der Mitgliedschaftsdauer der fünf Bürgertypen (Angaben in Prozent und Chi²-
Test).
Der
Aktive
Der
politisch
Engagierte
Der
Vereins-
meier
Der
Miss-
trauische
Der
Desinte-
ressierte
Gesamt
Mitgliedschaftsdauer
0-3 25,8% 28,3% 25,0% 37,9% 48,6% 32,2%
4-10 35,1% 37,9% 35,5% 33,1% 31,4% 34,8%
über 10 39,1% 33,8% 39,5% 29,0% 20,0% 33,0%
χ2 (8, 649) = 24,8; p = .002**; CI=.138
11.3 Tabellen zur Verteilung der Bürgertypen in unterschiedlichen Vereinen 207
11.3 Tabellen zur Verteilung der Bürgertypen in unterschiedlichen
Vereinen
Tab. 39: Bürgertypen in binnenorientierten Sportvereinen, außenorientierten und fremdbezogenen
Vereinen
Sportvereine Außenorientierte
Vereine
Fremdbezogene
Vereine
Der Aktive 16,6% 27,8% 25,8%
Der politisch Engagierte 12,9% 22,0% 33,8%
Der Vereinsmeier 24,5% 15,0% 17,2%
Der Misstrauische 24,5% 18,9% 12,1%
Der Desinteressierte 21,6% 16,3% 11,1%
χ2 (8, 666) = 50,7, p < .001***, CI=.19545
Tab. 40: Bürgertypen in Vereinen aus den Bereichen Sport, Politik, Freizeit und Kultur sowie
Gesundheit und Soziales.
Sport Politik Freizeit/Kultur
Soziales/
Gesundheit
Der Aktive 16,6% 23,7% 28,0% 26,3%
Der politisch Engagierte 12,9% 42,1% 25,6% 21,1%
Der Vereinsmeier 24,5% 14,5% 14,6% 21,1%
Der Misstrauische 24,5% 7,9% 18,5% 14,7%
Der Desinteressierte 21,6% 11,8% 13,4% 16,8%
χ2 (8, 666) = 55,2, p < .001***, CI=.166
Abb. 41: Bürgertypen in Vereinen differenziert nach den Gelegenheitsstrukturen zur Interaktion im
Rahmen von Mitgliederversammlungen, geselligen Veranstaltungen und bürgerschaftlichem
Engagement.
Gering Mittel Gut Sehr gut
Der Aktive 22,4% 18,6% 24,3% 31,9%
Der politisch Engagierte 12,0% 27,4% 26,0% 14,3%
Der Vereinsmeier 20,8% 13,0% 20,4% 27,5%
Der Misstrauische 21,6% 22,8% 16,2% 13,2%
Der Desinteressierte 23,2% 18,1% 13,2% 13,2%
χ2 (12, 666) = 36,1; p < .001***, CI=.134
45 CI = Cramers Index oder Cramers V basiert auf dem Kontingenzkoeffizienten C bzw. auch als CC
bezeichnet.
11.3 Tabellen zur Verteilung der Bürgertypen in unterschiedlichen Vereinen 208
Tab. 42: Bürgertypen in Vereinen differenziert nach der Offenheit des Vereins für die Einflussnahme
durch die Mitglieder.
Geringe Offenheit Mittlere Offenheit Hohe Offenheit
Der Aktive 19,2% 26,4% 24,8%
Der politisch Engagierte 24,0% 25,1% 20,8%
Der Vereinsmeier 16,3% 13,2% 22,8%
Der Misstrauische 24,0% 18,9% 15,4%
Der Desinteressierte 16,3% 16,3% 16,1%
χ2 (8, 584) = 11,7; p = .167***, CI=.100