Ermüdungseigenschaften ultrafeinkörniger kubisch raumzentrierter Werkstoffe
– Einfluss der Mikrostruktur
zur Erlangung des akademischen Grades eines
DOKTORS DER INGENIEURWISSENSCHAFTEN (Dr.-Ing.)
der Fakultät für Maschinenbau
der Universität Paderborn
genehmigte
DISSERTATION
von
Dipl.-Ing. Thomas Niendorf
aus Gütersloh
Tag des Kolloquiums: 15.Juli 2010
Referent: Prof. Dr.-Ing. H.J. Maier
Korreferent: Prof. Dr. rer. nat. Dr.-Ing. E.h. H. Mughrabi
Inhaltsverzeichnis i
1 Einleitung und Zielsetzung................................................................................................. 1
2 Theoretische Grundlagen ................................................................................................... 4
2.1 Ultrafeinkörnige Werkstoffe ...................................................................................... 4
2.2 Verfahrensablauf im ECAP Prozess .......................................................................... 9
2.3 Mikrostrukturelle Entwicklung beim ECAP............................................................ 14
2.4 Monotone mechanische Eigenschaften von UFG Werkstoffen............................... 18
2.5 Ermüdungseigenschaften von UFG Werkstoffen ....................................................23
3 Experimentelle Methoden ................................................................................................ 36
3.1 Materialien ............................................................................................................... 36
3.2 Prüfsysteme und Proben........................................................................................... 37
4 Ergebnisse und Diskussion............................................................................................... 44
4.1 Mikrostrukturelle Entwicklung in Abhängigkeit der ECAP Route ......................... 44
4.2 Mikrostrukturelle Stabilität bei einer Wärmebehandlung........................................ 50
4.3 Monotone mechanische Eigenschaften....................................................................58
4.4 Dehnratenabhängiges Verformungsverhalten.......................................................... 62
4.5 Schädigungsverhalten unter Verformung im Druckbereich..................................... 65
4.6 Verformungseigenschaften bei erhöhter Temperatur............................................... 67
4.7 Ermüdungseigenschaften im LCF Bereich .............................................................. 69
4.7.1 Eigenschaftsoptimierung durch gezielte Wärmebehandlung........................... 79
4.7.2 Einfluss der Textur........................................................................................... 89
4.7.3 Einfluss einer Mittelspannung.......................................................................... 94
4.7.4 Einfluss erhöhter Temperaturen..................................................................... 101
4.7.5 Einfluss der ECAP Route............................................................................... 107
4.7.6 Schädigungsentwicklung................................................................................ 117
4.8 Ermüdungseigenschaften im HCF Bereich - Kerbeinfluss .................................... 125
4.9 Rissfortschrittsverhalten......................................................................................... 135
5 Modellierung.................................................................................................................. 144
5.1 Monotones Spannung-Dehnung Verhalten............................................................144
5.2 Abschätzung der zyklischen Spannung-Dehnung Kurve über das Masing-Verhalten
................................................................................................................................ 147
5.3 Bestimmung der Lebensdauer über das zyklische J-Integral................................. 148
6 Zusammenfassung und Ausblick ................................................................................... 154
7 Zusammenfassung / Summary ....................................................................................... 159
8 Literatur.......................................................................................................................... 161
Einleitung und Zielsetzung 1
1 Einleitung und Zielsetzung
Neue technische Produkte werden in der heutigen Zeit wie auch in der Vergangenheit unter
anderem basierend auf neuentwickelten oder optimierten Werkstoffen entworfen. Als Beispiel
aus früheren Epochen ist hier die erstmalige Verwendung von Kupfer- und Eisenlegierungen
zu nennen, welche zu erheblichen Vorteilen bei der Herstellung von Waffen und somit zu
militärischer Dominanz geführt hat.
In der heutigen Gesellschaft sind sicherlich Ressourceneffizienz und Mobilität zwei der meist
diskutierten Themenbereiche. Gefordert wird eine hohe individuelle Mobilität bei möglichst
hoher Energieeffizienz. Um beiden Forderungen gleichzeitig gerecht zu werden, ist es
erforderlich moderne Transportmittel mit einer hohen Materialeffizienz zu konstruieren, d.h.
entsprechend moderner Leichtbaukonzepte umzusetzen. Neben rein konstruktiven
Maßnahmen, wie z.B. durch Geometrieoptimierungen, kann u.a. auch durch den Einsatz
hoch- und höchstfester Werkstoffe erheblich an Fahrzeugmasse eingespart werden. Realisiert
wird diese Gewichtsreduktion durch eine Verringerung der Wandstärken der verwendeten
Halbzeuge, wobei die Gesamtbauteilfestigkeiten aufgrund der höheren Werkstofffestigkeiten
unverändert bleiben.
Der dominierende Werkstoff im Automobilsektor ist weiterhin aufgrund seiner guten
Verfügbarkeit, seines geringen Preises und seiner ausgewogenen Eigenschaften der Stahl. Die
im Zuge des Leichtbaus einzusetzenden aktuell verfügbaren hochfesten Stahlgüten weisen
jedoch einige inhärente Nachteile auf. Mit den hohen Festigkeiten geht bei diesen
Werkstoffen zumeist eine stark reduzierte Duktilität einher. Bauteile müssen aus diesem
Grund in aufwendigen Warmformprozessen hergestellt werden, wobei dies hohe
Prozesskosten verursacht. Des Weiteren sind die hochfesten Stahlgüten durch hohe
Legierungsanteile gekennzeichnet. Einige der verwendeten Legierungselemente sind am
Weltmarkt rar, so dass die hohen Legierungsanteile hohe Kosten nach sich ziehen.
Ein im Sinne der Ressourcen- und Kosteneffizienz optimaler Konstruktionswerkstoff zeichnet
sich durch folgende Aspekte aus:
• eine hohe Festigkeit, um das Bauteilgewicht möglichst gering halten zu können
• eine hohe Duktilität, um Bauteile bei Raumtemperatur umformen zu können und eine
hohe Energieaufnahme im Falle eines Crashs zu gewährleisten
• einen möglichst geringen Gehalt an teuren Legierungselementen.
2 Einleitung und Zielsetzung
Bisher ist am Markt kein Material verfügbar, das die oben genannten Forderungen erfüllt. Die
bereits kommerziell verfügbaren TRIP (TRansformation Induced Plasticity) und TWIP
(TWinning Induced Plasticity) Stähle sind zwar gekennzeichnet durch die Kombination hoher
Festigkeit und hoher Duktilität, beide sind jedoch hoch legiert.
Bereits seit den 80er Jahren des 20ten Jahrhunderts wird an so genannten nanokristallinen
oder auch submikrometer-skaligen Werkstoffen geforscht [Gle89, Seg95, Val00]. Diese
Werkstoffe, gekennzeichnet durch eine Korngröße im Bereich von wenigen Nanometern bis
zu einem Mikrometer (UFG: UltraFine-Grained), beziehen ihre Festigkeit primär aus der
Reduzierung der Korngröße, d.h. selbst Reinstoffe können auf diese Weise verfestigt werden.
Hergestellt werden diese Werkstoffe über massive plastische Verformung (SPD: Severe
Plastic Deformation) mittels verschiedener Verfahren, oftmals wird das sogenannte ECAP
(equal channel angular pressing) Verfahren eingesetzt. Durch erhebliche Fortschritte vor
allem bei der ECAP Prozessführung ist es mittlerweile auch möglich, Stähle mit einer UFG
Mikrostruktur herzustellen. Diese UFG Stähle sind sowohl gekennzeichnet durch hohe
Festigkeit und gute Duktilität als auch durch einen äußerst geringen Gehalt an
Legierungselementen, erfüllen also im Wesentlichen die Forderungen an den optimalen
Konstruktionswerkstoff.
Für einen kommerziellen Einsatz dieser neuen Stähle ist jedoch allein die Kenntnis der
monotonen mechanischen Eigenschaften nicht ausreichend, da die Werkstoffe in dem
anvisierten technischen Einsatzfeld oftmals durch zyklische Belastungen geschädigt werden.
Bei den UFG Werkstoffen der ersten Generation (Reinkupfer und Reinaluminium) hat sich
gezeigt, dass unter zyklischer Belastung Prozesse ablaufen, die bei den grobkörnigen
Pendants nicht auftreten. So kommt es z.B. zu dynamischer Rekristallisation bei der
Raumtemperaturermüdung von UFG Kupfer [Höp01, Höp02, Mug03].
Für die neuen UFG Stähle ist es daher unbedingt erforderlich das Ermüdungsverhalten unter
verschiedenen Umgebungsbedingungen zu untersuchen und auf mikrostruktureller Ebene zu
verstehen, um die Einsetzbarkeit der UFG Stähle in einem technischen Umfeld aufzuzeigen.
Durch die Untersuchung verschiedener Einflussgrößen soll eine unter zyklischer Belastung
optimale Mikrostruktur aufgezeigt werden, welche dann zukünftig durch eine gezielte
Prozessführung eingestellt werden kann.
Die vorliegende Dissertation ist entstanden im Rahmen der Arbeiten der dislozierten
Forschergruppe „Mechanische Eigenschaften und Grenzflächen ultrafeinkörniger
Werkstoffe“, welche von der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) gefördert wird. Durch
Einleitung und Zielsetzung 3
die Projektpartner in Aachen, Bochum, Düsseldorf und Erlangen werden dabei ergänzend
andere Aspekte der mikrostrukturellen Entwicklung von UFG Werkstoffen untersucht.
4 Theoretische Grundlagen
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Ultrafeinkörnige Werkstoffe
Ultrafeinkörnige (UFG) Werkstoffe zeichnen sich durch eine mittlere Korngröße von 100 nm
bis zu 1 µm aus und heben sich somit eindeutig von den nanokristallinen (NC) Werkstoffen
ab, die eine maximale Korngröße von 100 nm aufweisen [Gle89, Gle00, Val00]. In den Fokus
des wissenschaftlichen Interesses sind beide Werkstoffklassen im späten 20ten Jahrhundert
gerückt, einhergehend mit der Entwicklung geeigneter Verfahren zu ihrer Herstellung [Gle89,
Seg95, Val00]. Die zur Anwendung kommenden Herstellungsverfahren unterscheiden sich
erheblich. Nanokristalline Werkstoffe werden zumeist über sog. „bottom-up“ Verfahren
hergestellt [Gle89, Hao04], bei den UFG Werkstoffen werden sog. „top-down“ Prozesse
verwendet [Val00, Val06]. Bei den „bottom-up“ Verfahren wird ausgehend von einzelnen
Atomen, z.B. aus einer Gas- oder Flüssigphase, oder kleinsten Festkörpern, z.B einem
pulverförmigen Ausgangsmaterial, ein Festkörper geschaffen. Als verwendete Verfahren
können beispielhaft die Elektropuls-Deposition [Nat03] oder auch die Konsolidierung von
Nanopartikeln genannt werden [Hao04]. Die erwähnten Verfahren sind zwar in der Lage,
Werkstoffe mit Körnern minimaler Dimensionen zu erzeugen, also im Sinne der
Feinkornhärtung optimaler Strukturen, jedoch limitieren prozessbedingte Effekte, z.B.
Verunreinigungen oder Porosität, die Einsetzbarkeit der NC Werkstoffe [Koc05, Mey06]. Des
Weiteren ist vor allem bei den auf Abscheidungsvorgängen basierten Prozessen die in
gegebener Zeit erzeugbare Materialmenge äußerst limitiert, so dass bisher in keinerlei Weise
absehbar ist, in wie weit diese NC Werkstoffe in einem industriellen Maßstab produziert
werden können.
Die „top-down“ Verfahren unterscheiden sich hinsichtlich der prozessierbaren
Materialmengen aber auch der Güte der finalen Halbzeuge erheblich von den zuvor
geschilderten „bottom-up“ Verfahren [Val00, Val06, Raa04]. Alle Prozesse aus der Gruppe
der „top-down“ Verfahren bedienen sich großer plastischer Verformungen (z.B. einer
Scherung von γ = 420 [Vor04]), werden daher auch als SPD Verfahren (SPD: Severe Plastic
Deformation) bezeichnet. Eine entscheidende Rolle kommt bei allen Verfahren dem in der
Probe eingestellte Spannungszustand zu: die Umformung des Materials unter hohen
aufgeprägten Druckspannungen ermöglicht die Erreichung der hohen Umformgrade ohne ein
zuvor auftretendes Versagen des Werkstoffs [Val06]. Als wichtigste Vertreter aus der Gruppe
Theoretische Grundlagen 5
der SPD Verfahren sind „High Pressure Torsion“ (HPT) [Vor04, Zhi03], Accumulative Roll
Bonding (ARB) [Höp04, Tsu99] und vor allem „Equal Channel Angular Pressing“ (ECAP)1
zu nennen [Seg95, Val00, Val06b]. Letzteres Verfahren wird ausführlich in Kapitel 2.2
behandelt, daher sollen an dieser Stelle vor allem die beiden erstgenannten Verfahren
beleuchtet werden. Das HPT und das ARB Verfahren (Abbildung 2.1) bilden hinsichtlich der
erreichbaren Korngrößen und des Materialdurchsatzes, entscheidend für eine spätere
industrielle Nutzung des Materials, die Extreme bei den standardisierten SPD Verfahren ab.
Abbildung 2.1: Schematische Darstellung von HPT und ARB [Sai99, Val06]
Beim HPT wird eine rotationssymmetrische Scheibe unter hohem axialen Druck tordiert. die
erreichbaren Umformgrade und somit die erreichbare Kornfeinung sind enorm groß, das
umformbare Volumen ist aber sehr stark begrenzt [Vor04, Zhi03]. Äußerst nachteilig im
Hinblick auf eine spätere technische Anwendung der mittels HPT umgeformten UFG
Werkstoffe ist neben dem geringen Materialumsatz der in den Scheiben vorliegende
inhomogene Verformungszustand. Im Mittelpunkt der Scheibe wird das Material nahezu nicht
umgeformt, zum Rand der Scheibe hin nimmt der Umformgrad zu [Vor04]. Beim ARB
Prozess werden Blechhalbzeuge mittels eines Standardwalzwerks mehrfach umgeformt, dabei
werden nach jedem Prozessschritt die Bleche gefalzt um im nächsten Prozessschritt wieder
miteinander gewalzt zu werden [Höp04, Top09, Tsu99]. Dabei ist es von außerordentlicher
Wichtigkeit die Blechoberflächen nach jedem Walzschritt zu säubern, um ein anschließendes
Verschweißen der Blechoberflächen im Walzprozess zu ermöglichen [Tsu99]. Die beim ARB
Prozess erreichbaren maximalen Umformgrade sind begrenzt, nach Überschreiten einer
1 ECAP wird auch als „Equal Channel Angular Extrusion“ (ECAE) bezeichnet.
6 Theoretische Grundlagen
kritischen Anzahl an Walzvorgängen kommt es zu erheblichen Schädigungen an den
Blechkanten [Sai99]. Hierdurch ist dem Grad der Kornfeinung ein Limit gesetzt. Außerdem
ist bedingt durch die einsinnige Walzrichtung die Kornmorphologie von gelängter Struktur, so
dass eine Richtungsabhängigkeit der finalen mechanischen Eigenschaften der mittels ARB
umgeformten Bleche zu erwarten ist. Im Hinblick auf eine spätere industrielle Nutzung ist
jedoch von erheblichem Vorteil, dass der Prozess einfach in bereits vorhandene
Prozessstraßen zu integrieren sein wird [Sai99].
Abbildung 2.2: Mikrostruktur von UFG Aluminium (verschiedener technischer Reinheiten)
umgeformt mittels a) ARB [Lee02], b) ECAP [May08] und c) HPT [Zhi05] (TEM-
Hellfeldaufnahmen).
a
b
c
Theoretische Grundlagen 7
Die mittels ARB erzielbare Strukturfeinung ist bereits erheblich, reicht jedoch nicht an die
mittels ECAP und HPT erzielbare Größenordnung heran, wie deutlich in Abbildung 2.2
erkennbar ist. Aus der maximal erzielbaren Feinung der Mikrostruktur resultieren die
mechanischen Eigenschaften, so dass von optimalen Eigenschaften eher bei UFG
Werkstoffen, welche mittels ECAP oder HPT umgeformt wurden, auszugehen ist [Hal51,
Pet53]. Der Grad der Feinung der Mikrostruktur ist jedoch nicht die allein entscheidende
Einflussgröße hinsichtlich der mechanischen Eigenschaften, auch die Verteilung der
Orientierungsunterschiede an den Korngrenzen oder aber auch die chemische
Zusammensetzung des Materials spielen eine entscheidende Rolle [Kun06, Val06b], worauf
in den Kapiteln 2.4 und 2.5 näher eingegangen werden wird.
Die Entwicklung der UFG Mikrostruktur ist unabhängig vom angewendeten SPD Verfahren
immer ähnlich. Die massive plastische (Scher-)Verformung sorgt bei den ersten
Umformschritten für die Entstehung hoher Versetzungsdichten und großer neuer Anteile an
Kleinwinkelkorngrenzen (KWKGs). Die Versetzungsdichte erreicht ihr Maximum bereits
nach wenigen Zyklen des Gesamtprozesses, so z.B. beim ECAP nach 4 Prozessschritten,
ähnliches gilt für den Anteil an KWKGs [Mai06, Val96]. Nach dem Einbringen eines höheren
Umformgrades ändern sich die Orientierungsunterschiede an den neu entstandenen
Korngrenzen, so dass aus den KWKGs sukzessive immer höhere Anteile an
Großwinkelkorngrenzen (GWKGs) entstehen. Letztere sind die entscheidende Größe für das
mechanische Verhalten der UFG Werkstoffe, so dass ein hoher Anteil an GWKGs generell
anzustreben ist [Val06b]. Eine schematische Übersicht zur Entstehung der UFG Mikrostruktur
zeigt Abbildung 2.3 [Val96]. Die durch die Verformung stark erhöhte Anzahl an
Versetzungen konzentriert sich zuerst in Zellwänden. Durch Polygonisation entstehen im
folgenden KWKGs und später GWKGs.
Abbildung 2.3: Entwicklung der UFG Mikrostruktur nach Valiev [Val96]
8 Theoretische Grundlagen
Nahezu jedes verfügbare Material kann mittlerweile in eine UFG Struktur überführt werden,
selbst hochfeste Materialien wie z.B. metastabile austenitische Stähle und Nickel-Titan oder
eher spröde Materialien wie Wolfram oder Titan sind mittels SPD umgeformt worden
[Dob07, Kar03, Wei06, Yap06]. Dies wird ermöglicht durch die bereits vorhandenen
fortgeschrittenen Kenntnisse bezüglich der SPD Prozessführung. Die ersten Versuche UFG
Materialien herzustellen wurden an hochreinen kubisch flächenzentrierten (kfz) Materialien,
zumeist Kupfer und Aluminium unternommen, welche durch ihre außerordentliche Duktilität
und geringe Festigkeit im grobkörnigen Zustand gekennzeichnet sind [Val06b]. Mittels der
Untersuchungen an UFG Kupfer und UFG Aluminium konnten tiefgreifende Kenntnisse
bezüglich der Prozessführung und der resultierenden Werkstoffeigenschaften gewonnen
werden, wie in den folgenden Kapiteln 2.3 bis 2.5 dargestellt werden wird. Die
Wechselwirkung von Prozessparametern und resultierenden mechanischen Eigenschaften
stand fast immer im Mittelpunkt der Untersuchungen (siehe Kapitel 2.4 und 2.5), jedoch
wurden auch bereits das Erholungs- bzw. Rekristallisationsverhalten sowie die
Korrosionsbeständigkeit von kfz UFG Werkstoffen untersucht [Mol08, Val00, Val06b,
Vin99]. Beide Aspekte sind sicherlich im Hinblick auf einen industriellen Einsatz der UFG
Werkstoffe von entscheidender Bedeutung, so dass sie im Folgenden kurz dargestellt werden.
Bei der UFG Mikrostruktur handelt es sich um eine massiv (kalt-)verformte Struktur, einen
Zustand im thermodynamischen Ungleichgewicht [Val00, Val06b]. Eine derartige Struktur
neigt zu Erholung bzw. Rekristallisation sobald eine kritische Energiemenge zugeführt wird.
Arbeiten an UFG Kupfer und UFG Aluminium sowie entsprechenden UFG Legierungen
konnten zeigen, dass sich die UFG Materialien wie traditionell kaltverformte Werkstoffe
verhalten. Daher sind Legierungen aufgrund ihrer stabilisierenden Legierungselemente
thermisch stabiler [Mol08]. Zu betonen ist, dass es sich bei der vielfach beobachteten
Vergröberung der UFG Mikrostruktur um eine statische Rekristallisation handelt. Der oftmals
in der Literatur erwähnte Aspekt der Kornvergröberung schließt sich aus, da dieser sich durch
eine andere Krümmung der sich bewegenden Korngrenzen auszeichnet. Neben der zuvor
erwähnten stabilisierenden Wirkung von Legierungselementen kann auch eine vorgeschaltete
Erholungswärmebehandlung die mikrostrukturelle Stabilität der UFG Strukturen erheblich
erhöhen [Mol08]. Die Rekristallisation ist diskontinuierlich, so dass durch eine entsprechende
Wärmebehandlung eine bimodale Korngrößenverteilung eingestellt werden kann [Mol08,
Mug03]. Das Korrosionsverhalten der UFG Werkstoffe ist erst in geringem Maße untersucht
worden. Es konnte jedoch für einige UFG Werkstoffe eindeutig gezeigt werden, dass sich
zentrale Größen der Korrosion, wie das Ruhepotential und die Stromdichte im Ruhepotential,
Theoretische Grundlagen 9
nicht entscheidend ändern verglichen mit den grobkörnigen (CG: Coarse Grained) Pendants
[Vin99, Had07]. Da ein korrosiver Angriff primär an Korngrenzen stattfindet, waren diese
Ergebnisse aufgrund des wesentlich höheren Volumenanteils von Korngrenzen in den UFG
Werkstoffen nicht zu erwarten. Der korrosive Angriff stellt sich sogar in entsprechenden
Medien auf einer UFG Oberfläche wesentlich gleichmäßiger dar [Miy08], so dass im Hinblick
auf spätere Anwendungen von einer Verbesserung des Korrosionsverhaltens auszugehen ist.
Betont werden muss, dass ein Großteil der bisher veröffentlichten Erkenntnisse zu den UFG
Werkstoffen auf den kfz Metallen bzw. kfz Legierungen basiert. In wie weit sich kubisch
raumzentrierte (krz) UFG Werkstoffe oder auch hexagonal dichtest gepackte (hdp)
Werkstoffe im SPD Prozess verhalten und welche Eigenschaften aus einer entsprechenden
UFG Mikrostruktur sich in diesen Werkstoffen ergeben, ist erst in den letzten Jahren im
Detail untersucht worden, unter Anderem im Rahmen der hier vorliegenden Dissertation.
Durch die auf der Gitterstruktur basierenden Unterschiede im Verformungsverhalten der
Werkstoffe ergeben sich wie erwartet Unterschiede in den Prozess-Eigenschafts-
Wechselwirkungen [u.a. Li07, Nie06, Yap06]. Für einen ausgewählten krz Werkstoff, den
UFG IF Stahl, werden diese neuen Erkenntnisse im Detail in Kapitel 4 aufgezeigt werden.
2.2 Verfahrensablauf im ECAP Prozess
Das ECAP Verfahren ist das derzeit meist genutzte Verfahren zur Herstellung von UFG
Werkstoffen. Diese weite Verbreitung hat es gefunden, da es verschiedene Vorzüge in sich
vereint. Einerseits sind mittels ECAP hochwertige UFG Mikrostrukturen zu erzeugen,
gekennzeichnet durch eine geringe mittlere Korngröße, homogene Kornmorphologien und
hohe Anteile an GWKGs [Val06b]. Andererseits erlaubt ECAP die Umformung von mittleren
bis großen Halbzeugen [Hoc09, Val06b], so dass mit einem Prozessdurchlauf große Mengen
an UFG Material hergestellt werden können. Im Hinblick auf eine industrielle Verwendung
von UFG Werkstoffen ist es zudem wichtig zu erwähnen, dass Verfahren zur kontinuierlichen
ECAP Umformung in den vergangenen Jahren vorgeschlagen worden sind [Raa04, Xu10],
sich aber aktuell noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden.
10 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.4: Schematische Darstellung eines ECAP Gesenks [Val06].
Beim ECAP Prozess wird das Material durch ein Werkzeuggesenk gepresst, welches sich
durch einen Ein- und Ausgangskanal auszeichnet, wobei beide Kanäle sich unter einem
bestimmten Winkel (φ) treffen [Val06, Val06b]. Schematisch ist ein solches Gesenk in
Abbildung 2.4 veranschaulicht. Der Winkel zwischen den Kanälen kann variieren,
üblicherweise werden Gesenke mit einem Winkel von 120° und 90° verwendet [Val06b]. Die
für den ECAP Prozess entscheidende Zone wird durch den Winkel vorgegeben. In der
entsprechenden Winkelebene wird das umzuformende Material einer massiven
Scherverformung unterzogen [Seg95, Val06b]. Bei einer Pressung ergibt sich nach Iwahashi
et al. [Iwa96] ein Dehnungsäquivalent ε von 1,05 (für ein ECAP Gesenk mit einem Winkel
von 90° zwischen Eingangs- und Ausgangskanal (φ) sowie einen äußeren Winkel (ψ) von
20°) entsprechend Gleichung 2.1:
3
)
2
ψ
+
2
φ
(eccos•ψ+)
2
ψ
+
2
φ
cot(2
=ε (2.1)
Da Eingangs- und Ausgangskanal eines Gesenkes einen identischen Querschnitt aufweisen2,
kann nach einem vollständig durchgeführten Pressvorgang (im Folgenden als Pass
bezeichnet) das Material wieder in den Eingangskanal eingeführt werden [Val06b]. Zwischen
2 Aufgrund der elastischen Dehnungen im Materialstück muss entweder das Aufmaß aufgrund der Rückfederung
entfernt werden oder aber der Ausgangskanal einen etwas geringeren Querschnitt aufweisen.
Theoretische Grundlagen 11
den einzelnen ECAP Pässen kann das zu prozessierende Material beliebig um seine
Längsachse verdreht werden, es ergeben sich bei UFG Materialien mit mehr als einem
Umformschritt also verschiedene Verfahrensvarianten, die als sogenannte „Routen“
bezeichnet werden [Bar04, Val06b]. In der Literatur gibt es zwei verschiedene
Bezeichnungskonventionen für diese Routen, beide sind in Tabelle 2.1 aufgeführt.
Tabelle 2.1: Bezeichnung verschiedener ECAP Routen3 [Bar04, Val06b]
Nach Valiev Nach Segal Verdrehung zwischen den einzelnen Pässen
A A Keine Verdrehung
BA B 90° alternierend (0, 90, 0, 90, …)
BC C’ 90° fortlaufend (0, 90, 180, 270, …)
C C 180° fortlaufend (0, 180, 360, …)
E E Hybridroute 2C x 2C (0, 180, 270, 450, …)
Um einen UFG Materialzustand zu kennzeichnen, ist die Angabe der Route allein nicht
ausreichend, sondern die Gesamtzahl der Pässe ist ebenfalls anzugeben. Somit setzt sich die
Bezeichnung eines ECAP UFG Materials aus einer Ziffer und dem Buchstaben für die Route
zusammen [Val06b]: ein UFG Material mit der Kennzeichnung 8BC ist also achtmal verpresst
worden und dabei zwischen den einzelnen Pässen jeweils 90° um seine Längsachse verdreht
worden.
Die Wahl der Route hat einen entscheidenden Einfluss auf die mikrostrukturelle Entwicklung
eines mittels ECAP umgeformten UFG Materials. Ursache hierfür ist die Lagebeziehung der
einzelnen ECAP Scherebenen jedes Prozessdurchlaufs [Val06b, Zhu00]. Diese
Lagebeziehung ist in Abbildung 2.5 dargestellt [Zhu00].
3 Im Rahmen der vorliegenden Dissertation wird die Nomenklatur nach Valiev verwendet, in Abbildungen kann
abhängig von der Quelle jedoch auch die Nomenklatur nach Segal vorkommen.
12 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.5: Routenabhängige Scherebenenlage beim ECAP Prozess [Zhu00]
Wie aus Abbildung 2.5 zu entnehmen ist, stellen die Routen C und BC die Extreme bezüglich
der Orientierungsunterschiede der Scherebenen im ECAP Prozess dar. Bei der Route C findet
die Scherung immer auf der gleichen Ebene statt, bei der Route BC werden ständig neue
Scherebenen aktiviert [Zhu00]. Die Lage der Scherebenen bei der Route E ist vergleichbar
mit der bei der Route BC, da auch hier nach jedem dritten Prozessschritt eine Verdrehung des
Materialstückes um 90° stattfindet [Bar04].
Die Wahl der Route im ECAP Prozess hat einen erheblichen Einfluss auf die
mikrostrukturelle Entwicklung im UFG Material. Detailliert wird dieser Aspekt in Kapitel 2.3
dargestellt.
Für UFG Material, welches mittels ECAP umgeformt worden ist, ist zu beachten, dass nicht
das gesamte Materialstück homogen umgeformt werden kann. Nur das Material, das in jedem
Prozessschritt die Scherebene des Gesenks durchlaufen hat, ist optimal prozessiert und somit
nutzbar. Wie Abbildung 2.6 zeigt, sind Anfangs- und Endzone eines Materialstückes nach
einem Pass nicht nutzbar, für Routen mit höheren Passzahlen ergeben sich entsprechend
geometrisch anders geformte nicht nutzbare Bereiche [Bar04]. Einen hohen Volumenanteil an
nutzbarem Material auch nach einer großen Anzahl an Pässen weisen die Routen C und E auf.
Theoretische Grundlagen 13
Dagegen ist die Materialausbeute der Routen A und BA vor allem nach einer hohen Anzahl an
Pässen eher gering [Bar04].
Abbildung 2.6: Homogen umgeformter Bereich beim ECAP [Bar04]
Die Mikrostruktur eines mittels ECAP umgeformten Materials weist generell bedingt durch
die Dominanz des letzten Umformschritts eine gewisse Vorzugsrichtung auf [Zhu00], welche
besonders deutlich bei den Materialien mit einer geringen Anzahl an Umformungen entlang
der Routen A und C deutlich wird, jedoch auch bei allen anderen Routen noch zu finden ist.
Diese Art einer gerichteten Mikrostruktur führt zu richtungsabhängigen Eigenschaften des
untersuchten UFG Materials, so dass es wichtig ist, die Lage der entnommenen Proben in dem
mittels ECAP umgeformten Stück eindeutig zu kennzeichnen. Daher wird in der vorliegenden
Dissertation die Probenlage entsprechend der in Abbildung 2.7 gezeigten Nomenklatur
gekennzeichnet. In der Abbildung kennzeichnet F die „Flow Plane“, L die „Longitudinal
Plane“ und T die „Transverse Plane“.
Abbildung 2.7: Nomenklatur der verschiedenen Werkstückebenen beim ECAP [nach Yap09]
14 Theoretische Grundlagen
2.3 Mikrostrukturelle Entwicklung beim ECAP
Die mikrostrukturelle Entwicklung eines reinen Werkstoffes beim ECAP ist im Wesentlichen
geprägt durch die Anzahl der Pässe und die gewählte Route [Val06b, Zhi06]. Werden
verschiedene Legierungen mittels ECAP verpresst, spielt außerdem der Gehalt an
Legierungselementen eine entscheidende Rolle [Fur01, Val06b]. Höhere
Legierungselementgehalte stabilisieren jede Art von erzeugten Strukturen, so dass höher
legierte Werkstoffe unter konstanten ECAP Bedingungen (Passzahl, Routen) durch eine
geringere Korngröße und eine höhere Versetzungsdichte im Korninneren gekennzeichnet sind
[Fur01, Iwa98]. May konnte die oben genannten Zusammenhänge in seinen Arbeiten an
verschiedenen UFG Aluminium Legierungen (Al 99,5 und verschiedene Aluminium-
Magnesium (AlMg) Legierungen) eindrucksvoll zeigen [May07, May08]. Daher sollen hier
primär die Ergebnisse seiner Arbeit gezeigt werden. Die Mikrostrukturen der verschiedenen
AlMg Legierungen nach 8 Pässen mittels der Route 8BC sind in Abbildung 2.8
gegenübergestellt.
Abbildung 2.8: TEM Hellfeldaufnahmen von UFG AlMg Legierungen nach 8 Pässen
entsprechend der Route 8BC mit Magnesiumgehalten (in Masse-%) von a) 0,5, b) 1, c) 1,5,
und d) 2 [May07].
Theoretische Grundlagen 15
Um den Effekt der ECAP Route bzw. der Anzahl an ECAP Pässen isoliert untersuchen zu
können, ist es folglich zwingend erforderlich, den Effekt an demselben Material zu studieren.
Der Einfluss der ECAP Route wurde durch May jeweils anhand von Al 99,5 und einer
AlMg1,5 Legierung untersucht [May08]. In der Literatur finden sich zudem Versuchsreihen
an diversen anderen Werkstoffsystemen [Mis05, Zhi06]. Im Falle des UFG Al 99,5 nach
jeweils acht ECAP Pässen der Routen A und BC zeigt sich, dass das UFG Material der Route
A gröber und stärker elongiert ist. Die jeweiligen Mikrostrukturen sind in Abbildung 2.9
gezeigt. Dem gegenüber zeigen sich beim UFG AlMg1,5 keine signifikanten Unterschiede
hinsichtlich der mikrostrukturellen Ausprägung, das heißt Korngröße und -morphologie sind
nahezu gleich [May08]. Die Effektivität der ECAP Route scheint somit auch abhängig vom
prozessierten Material zu sein, so dass allgemeingültige Aussagen bisher nicht zu treffen sind.
Abbildung 2.9: TEM Hellfeldaufnahmen von UFG Al 99,5 nach 8 Pässen entsprechend der
Routen a) A und b) BC [May08]
16 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.10: Mikrostruktur (TEM) nach 4 und 12 Pässen entsprechend der Route BC
sowie eine zusammenfassende Darstellung zur Entwicklung wichtiger mikrostruktureller
Größen in Abhängigkeit von der Passanzahl [Mai06, May08]
Der Einfluss der Anzahl an ECAP Pässen stellt sich dagegen eindeutig dar [Mai06, Kaw09,
Val06b]. In Abbildung 2.10 ist die Mikrostruktur von UFG AlMg0,5 nach 4 bzw. 12 Pässen
entsprechend der Route BC visualisiert [May08]. Die Mikrostruktur nach 12 Pässen wirkt im
Vergleich zur Struktur nach 4 Pässen weniger stark elongiert und die Versetzungsdichte
4BC
12BC
Theoretische Grundlagen 17
scheint geringer zu sein. Letzteres deutet dabei auf prozessinduzierte Erholungsprozesse hin,
welche wie bereits im ersten Teil dieses Kapitels dargestellt, eher bei niedriglegierten
Werkstoffen auftreten [Fur01, May08, Kaw09]. Die in Abbildung 2.10 dargestellten SAD-
Diagramme (SAD: Selected Area Diffraction) weisen nach 4 Pässen ein eher punktuelles
Muster auf, deuten also auf eine recht starke Texturierung hin. Hingegen lässt sich nach 12
Pässen, veranschaulicht durch das eher geschlossene ringförmige Muster, eine eher schwache
Texturierung vermuten. Es ist daher davon auszugehen, dass sich die in der TEM
Hellfeldaufnahme sichtbaren Körner hinsichtlich ihrer Orientierungsunterschiede erheblich
unterscheiden, d.h. dass es sich bei den sichtbaren Korngrenzen im Falle des UFG AlMg0,5
eher um KWKGs handelt und dass die Legierung nach 12 Pässen eher durch GWKGs
dominiert ist [May08]. Untersuchungen mittels EBSD (Electron BackScatter Diffraction)
auch in Arbeiten anderer Forscher konnten diese Ergebnisse bestätigen [Kaw09]. Die
Übersicht in Abbildung 2.10 stellt die Entwicklung verschiedener mikrostruktureller Größen
in Abhängigkeit von der Anzahl an ECAP Pässen in verallgemeinerter Form dar. Es zeigt
sich, dass bereits nach einer eher geringen Anzahl von 4 ECAP Pässen die Korngröße4 nicht
mehr abnimmt, sondern dass vielmehr der Charakter der Korngrenzen, d.h. KWKG oder
GWKG, sich ändert [Mai06].
Nicht in allen Bereichen des mittels ECAP umgeformten UFG Materials bildet sich im Falle
von Aluminium Legierungen die in den Abbildungen 2.8 bis 2.10 dargestellte homogene
Mikrostruktur aus. Lokal kommt es selbst nach einer hohen Anzahl von Pässen zu
Inhomogenitäten durch dynamische Rekristallisation oder durch ineffiziente Umformung, d.h.
es entstehen Bereiche, die primär durch KWKGs geprägt sind [Kaw09, May08]. Zudem ist
das Vorhandensein von Scherbändern in der UFG Mikrostruktur direkt nach dem ECAP
Prozess beobachtet worden. In diesen Bändern hoher lokaler Dehnungskonzentration weicht
die Mikrostruktur z.T. erheblich von der umgebenden Struktur ab [May08].
Untersuchungen der ECAP induzierten Mikrostrukturen konnten aufzeigen, dass sich eine
bevorzugte Ausrichtung der Körner unter Winkellagen von 26° ergibt [May08, Zhu00], in
[Zhu00] wird in diesem Sinne der Begriff „grain elongation plane“ verwendet. Eine mögliche
Erklärung für eine derartige Strukturentwicklung kann die resultierende Orientierung eines in
einem 90° (φ) Gesenk deformierten Volumenelementes sein [Sha99]. Abweichungen in der
Strukturentwicklung können dabei durch die im realen ECAP Prozess im Gesenk auftretende
Reibung erklärt werden [Böh09].
4 Oftmals wird in der Literatur die Korngröße eines Werkstoffes anhand von TEM Aufnahmen ermittelt, wobei
hierbei nicht zwischen KWKGs und GWKGs unterschieden wird, so dass die ermittelte Korngröße die Größe
der Substrukturen, nicht der wirklichen Körner, angibt.
18 Theoretische Grundlagen
2.4 Monotone mechanische Eigenschaften von UFG Werkstoffen
Zur Steigerung der Festigkeit bzw. der Härte eines Werkstoffes ist es erforderlich die
Beweglichkeit der Versetzungen, der Träger der plastischen Verformung, zu reduzieren. Es
bestehen vier Möglichkeiten die Versetzungsbewegung zu erschweren:
• Mischkristallverfestigung
• Teilchenverfestigung
• Versetzungsverfestigung
• Korngrenzenverfestigung.
Im Fall der drei erstgenannten Mechanismen geht mit der Festigkeitssteigerung gleichzeitig
eine Abnahme der Duktilität einher, so dass ein Werkstoff, der sich dieser Mechanismen
bedient, entweder hochfest oder sehr duktil ist, aber niemals beide genannten Eigenschaften
gleichzeitig aufweisen kann. Einzig der Mechanismus der Korngrenzenverfestigung kann die
Festigkeit eines Werkstoffes steigern ohne die Duktilität merklich zu reduzieren.
Mit zunehmender Minimierung der Korngröße ergibt sich dabei ein sehr hohes
Verfestigungspotential, welches durch die Hall-Petch Gleichung (2.2) beschrieben wird:
d
k
σσ 0+= (2.2)
Dabei ist σ die Spannung, die zur Versetzungsbewegung erforderlich ist, σ0 und k sind
Materialkonstanten und d ist der mittlere Korndurchmesser. Bis zu welchen Korngrößen
herab die Hall-Petch Beziehung gültig ist, wird aktuell noch untersucht und diskutiert
[Mey06], jedoch scheint für UFG Werkstoffe die Gleichung ihre Gültigkeit in vollem Umfang
zu behalten [Blu09, Jia03].
Abbildung 2.11 zeigt das Potential von UFG Werkstoffen hinsichtlich ihrer monotonen
Eigenschaften auf. Im dargestellten Diagramm sind für verschiedene Werkstoffe die
jeweiligen Festigkeiten und die Bruchdehnungen aufgetragen [Val02, Val04, Val06b].
Offensichtlich können die traditionellen Werkstoffe eine asymptotische Hüllkurve nicht
überschreiten, einzig die nanostrukturierten Werkstoffe weisen zugleich eine hohe Festigkeit
und gute Bruchdehnung auf.
Theoretische Grundlagen 19
Abbildung 2.11: Monotone mechanische Eigenschaften verschiedener reiner Werkstoffe
[Val06b]
Die monotonen Eigenschaften der UFG Werkstoffe hängen dabei stark von der gewählten
Prozessroute sowie der Anzahl an Pässen ab. Abbildung 2.12 zeigt das monotone Spannung-
Dehnung Verhalten von UFG Kupfer, welches mittels ECAP umgeformt wurde. Einerseits ist
für eine konstante Route der Effekt verschiedener Anzahlen von ECAP Pässen erkennbar,
andererseits wird der Einfluss verschiedener Routen bei konstanter Passzahl deutlich [Mai06].
Es zeigt sich somit, dass nicht allein die Korngröße des UFG Materials, sondern auch die
Korngrenzencharakteristik (Anteile der KWKGs und GWKGs) von entscheidender
Bedeutung hinsichtlich der monotonen mechanischen Eigenschaften ist [Mai06, Val06b].
20 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.12: Einfluss der ECAP Prozessführung auf das monotone Spannung-Dehnung
Verhalten von UFG Kupfer [Mai06]
Ein bei verschiedenen kfz UFG Werkstoffen beobachtetes Phänomen ist das
dehnratenabhängige Verformungsverhalten [Blu09, May05, Wei09]. Die in Zugversuchen
auftretende Einschnürung der Proben und hierdurch hervorgerufene Effekte können die
dehnratenabhängigen Effekte überlagern, so dass vielfach Druckversuche zur Untersuchung
dieser Phänomene eingesetzt wurden [May05, May08]. Zumeist werden dabei bei
verschiedenen Temperaturen Druckversuche durchgeführt bei denen die Dehnrate mehrfach
gewechselt wird. Für die Auswertung der Versuche ist es wichtig, dass auf jedem
Dehnratenniveau das Spannung-Dehnung Verhalten eine Sättigung aufweist. Ist dies nicht der
Fall, muss das aufgenommene Verhalten hin zu einer Sättigung extrapoliert werden [May05,
May08]. Zur Beschreibung des dehnratenabhängigen Verhaltens wird die sog.
Dehnratenabhängigkeit m verwendet, welche wie folgt definiert ist (Gleichung 2.3):
)dt/εdln(
σln
m∂
∂
= (2.3)
Dabei ist σ die bereits beschriebene Sättigungsspannung bei gegebener Dehnrate dε/dt.
Untersuchungen an verschiedenen kfz UFG Werkstoffen konnten zeigen, dass sich im
Vergleich zu den CG Varianten eine erheblich erhöhte Dehnratenabhängigkeit einstellt.
Abbildung 2.13 zeigt die Ergebnisse von Versuchen mit Dehnratensprüngen für den
Werkstoff Al99,5 [May05].
Theoretische Grundlagen 21
Abbildung 2.13: Druckversuche mit wechselnden Dehnraten an UFG Al99,5 [May05]
Offensichtlich zeigt das CG Al99,5 kein ausgeprägtes dehnratenabhängiges Verhalten (Abb.
2.13), jedoch ist bei den höheren Dehnraten ein unruhiger Kurvenverlauf zu beobachten,
welcher als Indiz für das Auftreten von dynamischer Reckalterung zu werten ist. Letzterer
Aspekt wird untermauert durch die Ergebnisse weiterer Versuchsreihen an verschiedenen
AlMg Legierungen, welche bei den Dehnratenwechseltests nach einer Absenkung der
Dehnrate nach anfänglicher Abnahme des Spannungsniveaus zu einer erneuten Verfestigung
neigen [May08]. Deutlich zu erkennen bei der Betrachtung der Daten in Abbildung 2.13 ist,
dass bei erhöhter Temperatur die Festigkeit des an sich höherfesten UFG Al99,5 unter das
Niveau des CG Zustands fällt, wenn die Dehnrate sehr stark abnimmt. Hierbei handelt es sich
jedoch nicht um eine massive Veränderung in der Mikrostruktur unter den gewählten
Versuchsbedingungen, wie z.B. extremes Kornwachstum, was anhand der mechanischen
Antwort des Werkstoffes an bereits zuvor gewählten höheren Dehnraten erkennbar ist: das
Spannungssättigungsniveau ist für gleiche Dehnraten gleich [May05, May08]. Als Ursache
für den beobachteten Effekt wird in der Literatur der massiv erhöhte Anteil des
Volumenanteils an Korngrenzen angeführt, bezüglich der konkret auftretenden Mechanismen
gibt es jedoch verschiedene Erklärungsansätze [Blu09, May05, May08, Wei09]. Der erhöhte
Anteil von Korngrenzen führt zu einer gesteigerten Diffusion (durch erhöhte
Korngrenzendiffusionsanteile) in den UFG Werkstoffen. Dieses führt jedoch nicht zu den
22 Theoretische Grundlagen
vielfach postulierten Änderungen der dominierenden Verformungsmechanismen [Koz04,
Tej08]. Untersuchungen an mit einem Gittermuster markierten, definiert verformten Proben
deuten darauf hin, dass zumindest bei Raumtemperatur für die UFG Werkstoffe immer noch
allein Versetzungsbewegungen die Verformung dominieren, d.h. dass Mechanismen wie das
Korngrenzengleiten noch keinen signifikanten Einfluss auf das mechanische Verhalten
ausüben [Haf07]. In [Li04, May08] wird daher der Mechanismus der thermisch aktivierten
Annihilation von Versetzungen in den Korngrenzen oder mit korngrenzennahen Versetzungen
als dominierend beschrieben. Inwieweit die an den kfz Werkstoffen gewonnenen Erkenntnisse
auf die Gruppe der krz Werkstoffe übertragen werden können, wird in diversen Publikationen
zwar ebenfalls kurz diskutiert [May08, Tej08, Wei09], ist aber bisher aufgrund einer nicht
ausreichenden Parametervarianz noch nicht hinlänglich geklärt, so dass entsprechende
Untersuchungen Gegenstand der vorliegenden Dissertation sind (vgl. Kapitel 4.4).
Durch den Effekt des dehnratenabhängigen Verformungsverhaltens ergibt sich für manche
UFG Werkstoffe die Möglichkeit des superplastischen Umformens [Fig09, Ser00, Val07]. Im
Vergleich zu den jeweiligen CG Varianten ist das Prozessfenster dabei zu geringeren
Temperaturen und höheren Dehnraten verschoben, so dass ein entsprechender
Umformvorgang technisch interessant wird [Ser00, Val07]. Über Gleichung 2.4 kann besagter
Zusammenhang beschrieben werden [Val07]:
)
G
σ
()
d
b
(
kT
DGb
A=dt/εdnp (2.4)
Dabei sind D der Korngrenzendiffusionskoeffizient, G der Schubmodul, b der Burgers
Vektor, k die Boltzmann Konstante, T die Versuchstemperatur, d die Korngröße, p der
Korngrößenexponent (in der Regel 2), σ die Fließspannung und n der Spannungsexponent.
Die erzielbaren maximalen Dehnungen sind dabei werkstoffabhängig und betragen bis zu weit
mehr als 2000% für eine ZK60 Magnesium-Legierung, vgl. Abbildung 2.14 [Fig08, Fig09].
Für eine möglichst große maximal erzielbare Dehnung ist es entscheidend, dass die
Korngrenzen nicht durch entsprechende Legierungselemente stabilisiert werden [Moh01].
Inwieweit die Dehnbarkeit von UFG IF Stahl durch die Wahl entsprechender
Prozessparameter gesteigert werden kann, ist bisher aus der Literatur nicht ersichtlich und
wurde daher im Rahmen der vorliegenden Arbeit ebenfalls untersucht (vgl. Kapitel 4.6).
Theoretische Grundlagen 23
Abbildung 2.14: Superplastisch umgeformte UFG Magnesium Proben unterschiedlicher
mikrostruktureller Charakteristik [Fig08]
2.5 Ermüdungseigenschaften von UFG Werkstoffen
Konzepte der Ermüdung
Zyklisch belastete Bauteile sind einer (Teil-)Schädigung in jedem einzelnen Zyklus
unterworfen, so dass ein Werkstoffversagen weit unterhalb der statischen Festigkeiten
eintreten kann. Je nach Art und Höhe der Belastung wird dabei unterschieden in die Bereiche
Low-Cycle Fatigue (LCF) und High-Cycle Fatigue (HCF). Die schädigungsrelevante Größe
ist in beiden Bereichen formal unterschiedlich, im Bereich HCF ist hier die
Spannungsamplitude zu nennen, im Bereich LCF dagegen die plastische Dehnungsamplitude.
Beide Größen sind in einer Hysterese, wie sie in Abbildung 2.15 dargestellt ist, direkt
abzulesen.
24 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.15: Schematische Darstellung einer Spannung-Dehnung-Hysterese [Chr91]
Zur Reduktion der Datenmenge von Ermüdungsversuchen und zur Fokussierung auf spezielle
Aspekte, wie z.B. die zyklische Stabilität oder die Lebensdauer eines Materials, werden
verschiedene Auftragungsformen verwendet. Abbildung 2.16 stellt eine sogenannte
Wechselverformungskurve dar, in der die Entwicklung der Spannungsamplitude (bei
vorgegebener Dehnungsamplitude) über der Zyklenzahl aufgetragen ist. Drei typische
Bereiche sind zu erkennen: Ein anfänglich transientes Verhalten (abhängig von der
Werkstoffvorgeschichte) geht über in ein Sättigungsplateau, welches einen zyklisch stabilen
Werkstoff kennzeichnet, final wird die Kurve von einem weiteren transienten Bereich
abgeschlossen, in dem sich die Ausbreitung eines makroskopischen Risses zeigt. Die
Ausprägung der einzelnen Bereiche kann in realen Werkstoffen von diesem idealisierten
Verhalten abweichen, die entsprechenden drei Bereiche sind jedoch meist auszumachen.
Abbildung 2.16: Wechselverformungskurve für einen zyklisch verfestigenden Werkstoff
[Chr91]
Theoretische Grundlagen 25
In manchen industriellen Anwendungen ist eine detaillierte Beschreibung des
Werkstoffverhaltens nicht notwendig, die Kenntnis allein der Lebensdauer unter
vorgegebenen Belastungsbedingungen ist ausreichend. Abhängig von der Höhe der Belastung,
d.h. im HCF oder im LCF Bereich, kommen verschiedene Konzepte zum Einsatz, welche der
dominierenden Schädigungsgröße Rechnung tragen. Im Falle der HCF Belastung wird das
sog. Wöhlerdiagramm (Abbildung 2.17) verwendet, welches mathematisch im
Zeitfestigkeitsbereich durch die Basquin-Gleichung (Gleichung 2.5) beschrieben wird.
()
b
BB N2
2
'⋅=
∆
σ
σ
(2.5)
σ’B ist der sog. Ermüdungsfestigkeitskoeffizient, b der zugehörige
Ermüdungsfestigkeitsexponent. In Abbildung 2.17 wird deutlich, dass im Rahmen des
Wöhlerdiagramms sich das Verhalten von Aluminium Legierungen und Stählen merklich
unterscheidet. Während für erstere keine Spannungsamplitude auf Dauer ertragbar ist, sind
letztere durch eine sog. Dauerfestigkeit gekennzeichnet.
Abbildung 2.17: Schematische Darstellung des Wöhlerdiagramms für verschiedene
Werkstoffe [Chr98]
26 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.18: Coffin-Manson Diagramm für verschiedene Kupferwerkstoffe [Din02]
Im Falle einer Belastung im LCF Bereich, also bei größeren Dehnungsamplituden, werden die
auftretenden plastischen Dehnungen über der Zyklenzahl aufgetragen. Das sog. Coffin-
Manson Diagramm (Abbildung 2.18) wird mathematisch durch die Coffin-Manson Gleichung
(Gleichung 2.6) beschrieben:
()
c
BB
pl N2
2
'⋅=
∆
ε
ε
(2.6)
ε'B ist hierbei der Ermüdungsduktilitätskoeffizient und c der Ermüdungsduktilitätsexponent.
Neben diesen rudimentären Lebensdauerdiagrammen gibt es weitere Auftragungsformen, die
eine weite Verbreitung gefunden haben. In diesen weiteren Diagrammen wird zumeist ein
empirischer Schädigungsfaktor über der Zyklenzahl aufgetragen. Einer der bekanntesten
Schädigungsparameter ist sicherlich der Schädigungsparameter nach Smith, Watson und
Topper [Smi70]. Der Schädigungsparameter wird nach Gleichung 2.7 berechnet.
22
ε
σ
σ
∆
⋅⋅
⎟
⎠
⎞
⎜
⎝
⎛+
∆
=EP mSWT (2.7)
Beim Schädigungsparameter nach Smith, Watson und Topper wird neben der Spannungs- und
Dehnungsamplitude die wirkende Mittelspannung berücksichtigt, so dass dieser Parameter
beim Auftreten einer solchen Mittelspannung, welche einen erheblichen Einfluss auf die
Ermüdungslebensdauer hat [Smi70, Sur98], den anderen Konzepten vorzuziehen ist.
Alle bisher aufgezeigten Konzepte beruhen auf der Annahme, dass die untersuchte Probe / das
untersuchte Bauteil frei von Defekten ist. Unter dem Begriff Defekt ist in diesem Sinne nur
bedingt das Vorhandensein von konstruktiven Kerben zu verstehen, welche über
Theoretische Grundlagen 27
entsprechende Kerbfaktoren berücksichtigt werden können, vielmehr ist das Vorhandensein
von ideal scharfen Rissen angesprochen. Unter Annahme des Vorhandenseins eines solchen
Risses sind obige Lebensdauerkonzepte nicht mehr anwendbar, vielmehr muss das
Wachstumsverhalten des Risses unter zyklischer Last untersucht und beschrieben werden. Die
linear-elastische Bruchmechanik [Par61, Par63, Ric09] beschreibt das Ausbreitungsverhalten
eines makroskopischen Risses unter Verwendung des sog. zyklischen
Spannungsintensitätsfaktors, welcher in Gleichung 2.8 definiert ist.
)(aYaK ⋅⋅⋅∆=∆
πσ
(2.8)
Neben der wirkenden Spannungsschwingbreite ∆σ ist die Risslänge a sowie ein
rissgeometrieabhängiger Faktor Y(a) zur Berechnung des zyklischen
Spannungsintensitätsfaktors ∆K zu berücksichtigen. Wird die Rissfortschrittsrate da/dN über
dem zyklischen Spannungsintensitätsfaktor aufgetragen, ergibt sich die sog. „S-Kurve“ der
Bruchmechanik, wie sie beispielhaft in Abbildung 2.19 veranschaulicht ist.
Abbildung 2.19: Schematische Darstellung des Rissfortschrittsverhaltens
Im Bereich der S-Kurve kommt es zu einem stabilen Risswachstum im Material. Das
Werkstoffverhalten einer (lang)rissbehafteten Probe lässt sich anhand weniger
aussagekräftiger Kennwerte beschreiben. Der sog. Thresholdwert ∆Kth kennzeichnet den
28 Theoretische Grundlagen
zyklischen Spannungsintensitätsfaktor unterhalb dessen kein Langrisswachstum mehr
stattfindet, bei Überschreitung des kritischen zyklischen Spannungsintensitätsfaktors ∆Kc
kommt es zur instabilen Rissausbreitung. Zudem kann der lineare Bereich der Kurve, der sog.
Paris Bereich, mittels zweier Parameter, C und m, entsprechend Gleichung 2.9 beschrieben
werden.
()
m
KC
dN
da ∆⋅= (2.9)
Die im Paris Bereich ermittelten Parameter sind für die Berechnung von Restlebensdauern
angerissener Bauteile/Proben von entscheidender Bedeutung. Eine Integration der Gleichung
2.9 im Intervall zwischen Anfangsrisslänge und kritischer Risslänge führt zur Restlebensdauer
der zu untersuchenden Komponente.
Ermüdungseigenschaften von kfz UFG Werkstoffen
Wie im Falle der Charakterisierung des monotonen mechanischen Verformungsverhaltens
sind für zyklisch belastete Proben bisher primär die kfz UFG Werkstoffe untersucht worden,
da diese einerseits früh prozesssicher herstellbar waren und andererseits das
Verformungsverhalten der CG Varianten hinreichend untersucht und verstanden ist [Höp06,
Sur98, Val06b, Vin99b]. Besonders gilt dies für den Modellwerkstoff Kupfer (hochreine
Güten), welcher hinsichtlich seines Ermüdungsverhaltens bereits intensiv untersucht wurde
[Höp01, Luk05, Mai06, Mug03, Vin99b]. Es konnte von diversen Gruppen eindeutig gezeigt
werden, dass sich im Falle des UFG Kupfers eine Verbesserung der HCF
Ermüdungseigenschaften ergibt, im Bereich LCF jedoch erhebliche Defizite gegenüber dem
CG Zustand zu verzeichnen sind [Mug01, Mug09]. Ersteres geht eindeutig mit der im
monotonen Zugversuch beobachteten Steigerung der Festigkeit des UFG Kupfers einher, im
Falle der zyklischen Belastung werden hier unter der Annahme gleicher
Spannungsamplituden bzw. Totaldehnungsamplituden diese Belastungen nahezu rein
elastisch aufgenommen (d.h. plastische Dehnungen treten nahezu nicht auf), so dass sich
weniger Werkstoffschädigung in den einzelnen Zyklen ergibt [Sur98]. In diesem Bereich ist
die Mikrostruktur des UFG Kupfer nahezu perfekt stabil, d.h. es ergeben sich keine
Transienten in der Werkstoffantwort (d.h. in der plastischen Dehnungsamplitude bzw. dem
Spannungsniveau). Im Bereich dieser Belastungsgrößen ist das UFG Kupfer seinem CG
Pendant hinsichtlich der erzielbaren Lebensdauern weit überlegen [Höp01, Luk05, Mug09],
wie dies in Abbildung 2.20 in Form eines Wöhlerdiagramms veranschaulicht ist.
Theoretische Grundlagen 29
Abbildung 2.20: Wöhlerkurven für verschiedene Kupferwerkstoffe [Höp01]
Wird jedoch die Belastung erheblich gesteigert, d.h. wird im LCF Bereich ermüdet, ergeben
sich wesentliche Veränderung im Werkstoffverhalten. In diesem Bereich hoher auftretender
plastischer Dehnungsamplituden ist die UFG Mikrostruktur nicht mehr stabil, d.h. es kommt
zu zyklischer Entfestigung, welche verursacht wird durch eine dynamische
Kornvergröberung/Rekristallisation [Agn98, Höp01, Höp02, Mug03]. Bedingt ist diese
mikrostrukturelle Instabilität durch den Charakter der Korngrenzen, welche durch einen
enormen Ungleichgewichtszustand gekennzeichnet sind [Höp01, Mug03, Val06b]. Verursacht
durch die mikrostrukturelle Instabilität kommt es dabei zu lokalisierten Schädigungsprozessen
[Mai05, Mai06, Mug01, Mug09], was konsequenterweise mit einer erheblichen Abnahme der
Lebensdauer des betreffenden Werkstoffs einhergeht.
30 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.21: Wechselverformungskurven von Aluminium verschiedener
mikrostruktureller Charakteristik [Höp06]
Abbildung 2.21 zeigt Wechselverformungskurven von UFG, wärmebehandeltem UFG und
CG Aluminium [Höp06]. Offensichtlich ist die UFG Mikrostruktur instabil, gekennzeichnet
durch eine stetige Abnahme der Spannungsantwort im (plast.) dehnungsgeregelten Versuch.
Die Lebensdauer der UFG Varianten ist zudem gegenüber dem CG Zustand erheblich
verkürzt. Im Coffin-Manson Diagramm wird dies sehr anschaulich dargestellt. Bei
vorgegebener plastischer Dehnung ist die Lebensdauer der UFG Werkstoffe erheblich
reduziert. Als Ursache ist die reduzierte Duktilität der UFG Werkstoffe zu nennen [Mug01,
Sur98]. Bei der Betrachtung der Gesamtdehnungswöhlerline ergibt sich somit für die kfz UFG
Werkstoffe ein Überkreuzen der entsprechenden Kurven für die jeweiligen
Werkstoffzustände, wie dies in Abbildung 2.22 veranschaulicht ist [May08, Mug01, Mug09].
Abbildung 2.22: Dehnungswöhlerlinien zum Vergleich der Ermüdungslebensdauern von CG
und UFG Werkstoffen im Bereich der LCF und HCF Ermüdung [Mug01, Mug09]
Theoretische Grundlagen 31
Die Entwicklung und das Wachstum der schädigungsrelevanten Strukturen ist bisher nicht
eindeutig geklärt. Im UFG Kupfer wurden oftmals makroskopische Scherbänder entdeckt,
welche im Laufe der Belastung entstehen und die Dehnungen auf sich konzentrieren. In
[Mug01, Mug09] werden zwei mögliche Mechanismen für die Entstehung dieser Scherbänder
aufgezeigt. Die Scherbänder breiten sich demnach von anfänglich vergröberten Bereichen aus
oder ein gegenüber der ECAP Umformung geänderter Verformungsmodus verursacht eine
Scherinstabilität. Des Weiteren wurde vielfach aufgezeigt, dass Ermüdungsrisse parallel zur
letzten ECAP Scherebene5 verlaufen [Fan07]. Eine mögliche Ursache für dieses Phänomen
könnte die Ansammlung von nanoskaligen Defekten entlang der letzten Scherebene sein,
wobei diese bisher erst in Ansätzen gezeigt werden konnten [Lap09].
Ziel der Untersuchungen des Ermüdungsverhaltens von UFG Werkstoffen in den letzten
Jahren war es, u.a. aufzuzeigen, in wie weit das Ermüdungsverhalten dieser Werkstoffe im
LCF Bereich zu verbessern ist, d.h. wie die UFG Mikrostruktur gezielt stabilisiert werden
kann, um lokalisierte Dehnungseffekte und die ermüdungsbedingte Entfestigung zu
vermeiden [Gab07, Mai06, Mug03, Mug09]. Sowohl für Kupfer als auch für Aluminium
konnte gezeigt werden, dass ein gezielter Zusatz von Legierungselementen (wie z.B. in
AlMg-Legierungen und CuZr) oder aber auch die Verwendung von technisch reinen
Werkstoffen (z.B. Cu99,9 und Al99,5) zu einer wesentlichen Erhöhung der mikrostrukturellen
Stabilität führt [Gab07, Kun06, May08, Mug09]. Beispielhaft ist in Abbildung 2.23 für
verschiedene AlMg Legierungen dieser zunehmende stabilisierende Effekt des erhöhten Mg
Gehalts gezeigt.
5 Aufgrund der fast ausschließlichen Verwendung des Begriffs ECAP Scherebene in der Literatur wird dieser im
Rahmen der vorliegenden Arbeit auch dann verwendet, wenn Bezug auf die Ebene des Materialfluss beim ECAP
(„grain elongation plane“ [Zhu00]) genommen wird.
32 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.23: Wechselverformungskurven von UFG AlMg der Route 4BC mit
unterschiedlichen chemischen Zusammensetzungen [May08]
Neben der Stabilisierung der Mikrostruktur durch Verunreinigungen bzw.
Legierungselemente hat sich ein weiterer Aspekt zur Steigerung der Ermüdungslebensdauer
zumindest von UFG Kupfer ergeben. Durch eine Wärmebehandlung ist die Einstellung einer
sog. bimodalen Mikrostruktur möglich, d.h. durch partielle Rekristallisation bilden sich in der
UFG Matrix neue (größere) Körner [Höp01, Höp06, Mug03]. Diese neu gebildeten großen
Körner erhöhen merklich die Duktilität des UFG Kupfers, wobei die UFG Matrix immer noch
für eine gegenüber dem CG Zustand gesteigerte Festigkeit sorgt. Bei Betrachtung der
resultierenden Werkstoffeigenschaften ist offensichtlich, dass die bimodale Kupfer-Variante
die Lebensdauereigenschaften selbst des CG Zustands übertrifft (vgl. Abbildung 2.24)
[Mug04].
Theoretische Grundlagen 33
Abbildung 2.24: Coffin-Manson Diagramm für verschiedene Kupfer- und
Aluminiumwerkstoffe [Mug04]
Die Rekristallisationseigenschaften von Aluminium unterscheiden sich erheblich im
Vergleich zum Kupfer (die Neigung zur Erholung ist wesentlich stärker ausgeprägt), so dass
bisher allein Ergebnisse zu den mechanischen Eigenschaften von erholtem UFG Aluminium
verfügbar sind, da es bisher nicht gelungen ist, eine bimodale Mikrostruktur im Aluminium
einzustellen [Höp06, Mug04, Mug09].
Da hochreine UFG Werkstoffe bereits bei Raumtemperatur unter zyklischer mechanischer
Belastung nicht stabil sind, wurden an diesen Werkstoffen keine Ermüdungsuntersuchungen
bei erhöhten Temperaturen unternommen. Für bei Raumtemperatur stabile UFG Legierungen
ist jedoch die Kenntnis eines temperaturabhängigen Stabilitätslimits außerordentlich wichtig,
so dass in dem Bereich erhöhter Temperaturen Untersuchungen vorgenommen wurden
[Can08]. Abbildung 2.25 zeigt beispielhaft Wechselverformungskurven verschiedener UFG
AlMg Proben.
34 Theoretische Grundlagen
Abbildung 2.25: Wechselverformungskurven von UFG AlMg im Bereich erhöhter
Versuchstemperaturen sowie EBSD Aufnahmen zur Charakterisierung der mikrostrukturellen
Entwicklung [Can08]
Offensichtlich bewirkt eine Erhöhung der Temperatur auf Werte von über 150 °C im Falle der
UFG AlMg2 Legierung eine erhebliche Abnahme der Lebensdauer im Vergleich zu
Versuchen bei Raumtemperatur. Mikrostrukturelle Untersuchungen im Rahmen der gleichen
Studie konnten aufzeigen, dass bei Überschreiten einer kritischen Temperatur, welche
abhängig vom Legierungsgehalt ist, eine erhebliche Kornvergröberung stattfindet, welche zu
rascher Entfestigung und somit erhöhter Plastizität führt [Can08]. Da die Vergröberung der
Mikrostruktur in großen Bereichen der Probe und nicht stark lokalisiert erfolgt, ist die
Abnahme in der Lebensdauer dabei aber nicht extrem ausgeprägt.
Bei einer bruchmechanischen Betrachtung der Eigenschaften schneiden die UFG Werkstoffe
klar schlechter als ihre CG Pendants ab [Cav09, Hüb07, Vin07]. Vor allem der Schwellenwert
∆Kth ist in den UFG Werkstoffen merklich reduziert. Abbildung 2.26 zeigt die Lage der „S-
Kurven“ für CG und UFG Kupfer im Vergleich.
Theoretische Grundlagen 35
Abbildung 2.26: Bruchmechanisches Rissfortschrittsverhalten für CG und UFG Cu
verschiedener mikrostruktureller Charakteristik [Vin07]
Mikrostrukturelle Untersuchungen konnten aufzeigen, dass in den UFG Materialien der
Risspfad wesentlich weniger gewunden ist, d.h. durch einen wesentlich geringeren
Energieaufwand für den Rissfortschritt gekennzeichnet ist [Cav09, Hüb07, Vin07]. Des
Weiteren scheint es kein merkliches Rissschließen zu geben. Dieser Umstand hat ebenfalls ein
beschleunigtes Risswachstum zur Folge, da der entscheidende Faktor für den Rissfortschritt,
d.h. der effektive Spannungsintensitätswert ∆Keff Wert, größer ist [Hüb07].
Lediglich für die kfz UFG Werstoffe besteht eine ausreichende Datenbasis, um verschiedene
Einflussparameter zu bewerten und kritische Randbedingungen hinsichtlich der
Ermüdungseigenschaften aufzuzeigen. Sowohl für die krz als auch für die hdp Werkstoffe gab
es bis zum Zeitpunkt der Durchführung der vorliegenden Dissertation nur eine spärliche
Anzahl an Veröffentlichungen, so dass eine systematische Untersuchung des Verhaltens
dieser Gruppe von UFG Werkstoffen die Motivation für die vorliegende Arbeit war.
Besonders im Hinblick auf die Unterschiede im Verformungsverhalten von kfz und krz/hdp
Werkstoffen ist eine Untersuchung des Einflusses einer UFG Mikrostruktur von
entscheidender Bedeutung für das tiefer gehende Verständnis der Ermüdungseigenschaften
dieser neuen Klasse von Werkstoffen.
36 Experimentelle Methoden
3 Experimentelle Methoden
3.1 Materialien
Die Untersuchungen der vorliegenden Arbeit wurden an zwei verschiedenen krz UFG
Werkstoffen durchgeführt. Zur Verfügung standen eine kommerziell verfügbare Stahlgüte, ein
sog. IF (interstitial free) Stahl6 sowie eine Niob-Zirkonium (NbZr) Legierung. Die
chemischen Zusammensetzungen der beiden Werkstoffe sind in Tabelle 3.1 angegeben.
Tabelle 3.1: Chemische Zusammensetzung der untersuchten Werkstoffe [Nie06, Nie07]
IF Stahl
Element C Al S N O Ti Nb Fe
Ma.-% 0,0023 0,05 0,0077 0,0018 0,002 0,065 0 Rest
NbZr
Element Zr Ta O N H Fe C Nb
Ma.-% 1 0,06 0,02 0,006 0,0003 0,0035 0,006 Rest
Beide Werkstoffe sind kommerziell verfügbar, weisen aber jeweils nur sehr geringe Anteile
an Verunreinigungen auf (vgl. Tabelle 3.1). Die Legierungskonzepte der beiden Werkstoffe
zielen dabei auf unterschiedliche Effekte ab. Beim IF Stahl wird Titan zulegiert, um den im
Material vorhandenen Kohlenstoff auf den Korngrenzen in Form von Titankarbiden
abzubinden. Des weiteren besteht die Möglichkeit zur Ausscheidungshärtung mittels
entsprechender Wärmebehandlung [Gho06]. Im Falle des NbZr dient das Zirkonium allein der
Mischkristallverfestigung, die maximale Löslichkeit des Zirkoniums in Niob beträgt 15,2
Ma.-%. Somit ergibt sich in der gegebenen Zusammensetzung des NbZr nicht die Möglichkeit
der Bildung von Ausscheidungen [Smi92].
Die mechanischen Eigenschaften des IF Stahls sind gekennzeichnet durch eine geringe
Fließgrenze sowie Zugfestigkeit und eine hohe Duktilität. Einsatz findet der IF Stahl in
Produkten, die bei Raumtemperatur hohe Umformgrade verlangen, wie z.B. tiefgezogene
Bauteile im Automobil. Das NbZr ist in seiner grobkörnigen Variante ebenfalls durch geringe
Festigkeiten und hohe Duktilität gekennzeichnet. Da sich das Niob durch eine hohe
Neutroneneinfangfläche auszeichnet, findet dieser Werkstoff aktuell eher im Reaktorbau
6 In der DIN EN ist mit der Güte DC06 ein dem IF Stahl vergleichbarer Stahl aufgeführt
Experimentelle Methoden 37
Verwendung, aufgrund seiner hohen Korrosionsbeständigkeit und ausgezeichneten
Biokompatibilität ist aber ein Einsatz als Implantatwerkstoff (unter der Voraussetzung
gesteigerter Festigkeit) zukünftig denkbar [Mat01, Sad07].
Die in Tabelle 3.1 aufgeführten Werkstoffe wurden mittels ECAP entlang verschiedener
Routen bei Raumtemperatur umgeformt. Die Herstellung des krz UFG Materials wurde dabei
vollständig durch einen amerikanischen Projektpartner, der Fachgruppe von Professor I.
Karaman (Department of Mechanical Engineering) an der Texas A&M University,
durchgeführt. Das verwendete Gesenk, welches als spezielles Merkmal bewegte Seitenwände
aufweist, um die Reibung im Kanal zu reduzieren (”sliding walls concept” [Seg95b]), weist
einen Querschnitt von 25 mm × 25 mm auf. Um eine möglichst große Breite verschiedener
UFG Mikrostrukturen untersuchen zu können, wurden die Materialien entsprechend
verschiedener ECAP Routen (Spektrum von 1A bis 16E) umgeformt. In den Untersuchungen
wurde nur das UFG Material aus der homogen umgeformten Zone, welche eine Funktion der
ECAP Prozessroute ist, verwendet (siehe Kap. 2.2 und [Bar04]).
3.2 Prüfsysteme und Proben
In Rahmen der Untersuchungen wurde eine Reihe von Messapparaturen verwendet, welche
im folgenden kurz vorgestellt werden sollen. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf der
jeweiligen Probenvorbereitung und den Versuchsrandbedingungen liegen. Auf eine
detaillierte Dokumentation der jeweiligen Anlagen wird zumeist verzichtet, da die jeweiligen
Funktionsprinzipien als bekannt vorausgesetzt werden. Wenige Versuchsaufbauten werden
detailliert beschrieben, da ihre Konzeption im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführt
wurde.
Verwendete Probenformen
Für die diversen Untersuchungen wurden verschiedene Probengeometrien verwendet. Allen
Probengeometrien war gemein, dass diese nicht einer Norm entsprechen, so dass Vergleiche
zwischen verschiedenen Werkstoffzuständen immer nur auf Versuchsreihen mit gleicher
Probengeometrie basieren. In Abbildung 3.1 sind die in dieser Arbeit verwendeten
Probengeometrien dargestellt.
38 Experimentelle Methoden
a
b
c
d
Abbildung 3.1: Verwendete Probengeometrien (weitere spezielle Probengeometrien werden in
Kapitel 4.8 dargestellt), a) Miniaturprobe LCF, b) Probe für Versuche bei erhöhter
Temperatur, c) Druckprobe, d) Miniatur CT (Compact Tension) Probe
Alle Probengeometrien waren auf höchste Materialeffizienz hin optimiert, d.h. es wurden
jeweils die für die vorhandenen Prüfsysteme minimal möglichen Abmessungen gewählt.
Dieser Weg der maximal möglichen Miniaturisierung wurde gewählt, da a) die ECAP
Prozessführung (gerade bei den Werkstoffen Stahl und NbZr) immer noch sehr komplex ist
und somit die insgesamt vorhandene Menge an UFG Material limitiert war, b) nur bei der
Verwendung von Miniaturproben die Untersuchung des Effekts von richtungsabhängigen
Eigenschaften überhaupt möglich war (ECAP Gesenk: 25 mm × 25 mm) und c) eine
Miniaturisierung der Proben aufgrund der mikrostrukturelle Größen als unkritisch betrachtet
werden konnte (d.h. Probengröße >> Korngröße). Zumeist wurden die Proben so gefertigt,
dass die Belastungsrichtung in den Versuchen der Extrusionsrichtung im ECAP Prozess
entsprach. Bei anders entnommenen Proben wird in den jeweiligen Kapiteln darauf
hingewiesen werden. Alle Proben wurden mittels Drahterodieren gefertigt und im Anschluss
Experimentelle Methoden 39
wurde durch mechanisches Schleifen die Randschicht entfernt, um einen Einfluss des
Erodierens auf die ermittelten Eigenschaften ausschließen zu können. Details zu der finalen
Präparation für die einzelnen Versuche werden im Folgenden dargestellt.
Servohydraulische und Elektromechanische Prüfmaschinen
Die in dieser Arbeit durchgeführten Zugversuche wurden zumeist mit servohydraulischen
Prüfmaschinen in Dehnungs- bzw. Kraftregelung durchgeführt. Ergänzende Versuche mit
sehr geringen Dehnraten bei erhöhten Temperaturen wurden in Wegregelung in einer
elektromechanischen Prüfmaschine durchgeführt. Die servohydraulischen Prüfmaschinen
waren ausgestattet mit Kraftmessdosen, die bis zu einer maximalen Kraft von 100 kN bzw.
15 kN belastbar waren. Zudem waren verschiedene Extensometer vorhanden. Für Messungen
der Dehnungen an den Miniaturproben stand ein Miniaturextensometer mit einer Messbasis
von 3 mm zur Verfügung, welches direkt an der Probe befestigt wurde. Für Messungen bei
erhöhten Temperaturen wurde ein Extensometer mit keramischen Schneiden verwendet.
Letzteres wurde durch eine externe Federkraft auf den Proben angebracht, die Messbasis
betrug 12 mm.
Die meisten Versuche wurden an Laborluft bei Raumtemperatur durchgeführt. Für die
Versuche bei erhöhter Temperatur (maximal bis 440 °C) wurden entweder ein geregelter
Miniaturstrahlungsofen, eine induktive Heizung oder geregelte Heißluftströme verwendet.
Die Temperaturen wurden jeweils mittels eines Thermoelements vom Typ K bestimmt,
welches im Messbereich der Proben angebracht war.
Vor allen mechanischen Untersuchungen wurden die Proben durch mechanisches Schleifen
mit Silizium-Karbid Nassschleifpapier (Körnung von bis zu 5 µm) geschliffen, um eine
definierte Oberflächengüte einzustellen. Die Probenquerschnitte wurden mittels einer
Bügelmessschraube erfasst und erlaubten die Berechnung der wirksamen Spannungen.
Prüfstand für bruchmechanische Untersuchungen
Zur Untersuchung des Rissausbreitungsverhaltens in UFG Materialien erfolgte an sog. CT-
Proben (vgl. Abbildung 3.1), den für diese Art der Untersuchungen gebräuchlichen
Standardproben [AST08]. Hierzu war der Aufbau eines entsprechenden Systems an einer der
servohydraulischen Prüfmaschinen erforderlich. Die Messung der Risslänge sollte dabei
mittels des sog. Elektro-Potentialverfahrens erfolgen. Bei diesem Verfahren wird die Probe
mit einem konstanten Strom beaufschlagt, wobei die über den Riss bestimmte
Potentialänderung (durch die Änderung des elektrischen Widerstands des
Restprobenquerschnitts) bei Risswachstum erfasst und über die Verwendung einer
Kalibrierkurve in eine Risslänge umgerechnet wird. Die Abmaße der in der vorliegenden
40 Experimentelle Methoden
Arbeit verwendeten Proben sind bereits im Abschnitt Verwendete Probenformen dargestellt
worden. Die Probengeometrie war angelehnt an die in der ASTM Norm vorgebenen
Abmessungen (die Maße der UFG Proben waren limitiert durch die Größe des ECAP Kanals)
[AST08], unterschritt jedoch das in den älteren Normen vorgegebene Dickenkriterium. Die
Dicke der Proben musste im Fall der miniaturisierten CT Proben unbedingt limitiert werden,
da sonst die Einspannungen zu hoch belastet und somit ein Versagen in den Einspannungen
wahrscheinlich gewesen wäre. Des Weiteren limitierte der kleine Probenquerschnitt die Höhe
des möglichen Stromes und somit die Größe des aufgenommenen Messsignals, da eine zu
hohe Stromstärke zu einer unzulässigen Probenerwärmung geführt hätte. Die erwähnten
Randbedingungen erforderten somit den Aufbau eines CT-Proben Prüfstands, der sich durch
sehr kleine elektrische Größen auszeichnete. Die verwendete Stromquelle lieferte eine
maximale Stromstärke von 10 A, das Voltmeter zur Bestimmung der Potentialänderung hatte
eine Auflösung von 1 nV.
Die Berechnung der Risslänge erfolgte mittels eines in LabView implementierten
Programmes, die Regelung der Versuche in ∆K-Regelung erfolgte durch die
servohydraulische Prüfmaschine.
Härteprüfung
Als eine weitere Möglichkeit zur mechanischen Prüfung der UFG Werkstoffe verschiedener
Zustände stand ein Vickers-Mikrohärteprüfer zur Verfügung, welcher mit einer Digitalkamera
und einer entsprechenden digitalen Auswerteeinheit ausgestattet war. Je nach untersuchtem
Aspekt (z.B. Entwicklung der Gesamtstruktur oder der Randschicht) variierten die Prüflasten
in einem Bereich von 0,1 N bis 10 N (HV0,01 bis HV1).
Dehnungsmessung mittels digitaler Bildkorrelation (DIC)
Zur Auswertung lokaler Dehnungen auf den Oberflächen verschiedener Proben wurde das
Verfahren der digitalen Bildkorrelation angewendet. Zur Vorbereitung dieser Versuche
wurden die Proben elektropoliert (vgl. Abschnitt Rasterelektronenmikroskop) und dann mit
einem zufälligen Punktemuster versehen. Dieses mikroskalige Punktemuster wurde mittels
eines handelsüblichen Airbrush-Sets aufgetragen. Als Farbe wurden ein schwarzer
Hochtemperaturlack und in Isopropanol gelöste feine Siliziumpartikel verwendet. Ein
typisches Erscheinungsbild einer entsprechend markierten Probe zeigt Abbildung 3.2. Zur
Dehnungsanalyse wertete eine entsprechende DIC Software, im Falle der in dieser Arbeit
vorgestellten Ergebnisse das Programm ”VIC-2D” von Limess-Messtechnik, letztendlich die
Verschiebungsfelder markanter Punkte, d.h. der mikroskaligen Farbpunkte, auf der Oberfäche
der zu untersuchenden Probe aus (zu messtechnischen Details siehe [Aba02, Kir07]). Für die
Experimentelle Methoden 41
mikroskopischen Aufnahmen stand ein digitales Mikroskop zur Verfügung. Das Mikroskop
war ausgerüstet mit einem Weitbereichsobjektiv (Arbeitsabstand 85 mm) und hatte eine
Auflösung von 1200 × 1400 Pixeln, die maximale Vergrößerung betrug 500x. Für die
Aufnahmen wurde in regelmäßigen Abständen die zyklische Belastung der untersuchten
Proben in den servohydraulischen Maschinen gestoppt, unter (statischer) definierter Last die
Oberfläche aufgenommen und anschließend wieder mit der zyklischen Belastung
fortgefahren. Nach einer Konvertierung der Farbaufnahmen in Graustufenbilder wurden diese
mittels der DIC Software hinsichtlich der lokalen Dehnungen ausgewertet. Ausgewertet
wurde jeweils der gesamte im Bildbereich befindliche Probenausschnitt. Dabei wurden die für
die Auswertung der Dehnungen wichtigen Größen des lokal ausgewerteten Bereichs (Subsets)
und der Überlappung dieser Bereiche bei der Auswertung (Stepsize) so gewählt, dass eine
möglichst hohe Auflösung der lokalen Dehnungen zu erreichen war. Die mittels DIC
bestimmten Werte wurden jeweils mit globalen Dehnungswerten, welche durch einen auf den
Proben applizierten DMS-Messstreifen bestimmt wurden, verglichen, um die DIC Werte zu
verifizieren.
Abbildung 3.2: Probe mit zufälligem Markierungsmuster für die DIC Untersuchungen
Rasterelektronenmikroskop (REM) mit EBSD (Electron Backscatter Diffraction) Einheit
Das REM wurde mit Beschleunigungsspannungen im Bereich von 12 kV bis zu 30 kV
betrieben. Zur Auswertung verschiedener mikrostruktureller Aspekte wies es neben einem
Sekundärelektronendetektor (SE) einen Rückstreuelektronendetektor (BSE), einen
energiedispersiven Röntgendetektor (EDX) sowie einen EBSD Detektor auf. Die
Bruchflächenuntersuchungen ermüdeter Proben erfolgten ohne vorhergehende Präparation,
42 Experimentelle Methoden
für EBSD war ein Elektropolieren der zu untersuchenden Oberfläche zwingend notwendig.
Der IF Stahl wurde bei einem Potential von 30 V bei -40 °C mittels 5%iger
Perchlorsäurelösung (gelöst in Ethanol) elektropoliert, das NbZr wurde mittels einer Lösung
von 600 ml Methanol, 340 ml Butanol und 60 ml Perchlorsäure elektropoliert. Per EBSD
wurde auf Flächen verschiedener Größen gescannt (abhängig von der jeweiligen
Strukturgröße), minimal wurde eine Fläche von 30 µm × 30 µm bei einer Schrittweite von
0,15 µm gewählt .
Transmissionselektronenmikroskop (TEM)
Das TEM wurde bei einer Nennspannung von 200 kV betrieben. Die TEM Proben wurden
zumeist mittels Schleifen und elektrolytischem Dünnen hergestellt. Dazu wurden zuerst
Scheiben von 3 mm Durchmesser auf eine Dicke von 0,15 mm geschliffen und dann in einer
Dünneinheit beidseitig elektrolytisch abgetragen bis eine elektronentransparente Schicht
entstand. Dazu wurden verschiedene Elektrolyte und Einstellungen verwendet: Für den IF
Stahl wurde 5%ige Perchlorsäurelösung (gelöst in Ethanol) verwendet, die Prozesstemperatur
betrug bei einem Potential von 25 V -40 °C; das NbZr wurde mittels einer Lösung von 600 ml
Methanol, 340 ml Butanol und 60 ml Perchlorsäure bei einem Potential von 70 V und bei
-25 °C gedünnt. Im Falle einer zwingend erforderlichen Zielprobenpräparation, d.h. einer
exakten Entnahme der Probe an einer zuvor bestimmten Position (Größenordnung µm),
wurden die TEM Proben mittels der Focused Ion Beam (FIB)-Technik (durch einen
Projektpartner, die Arbeitsgruppe von Professor Eggeler an der Ruhr-Universität Bochum)
gefertigt.
Rasterkraftmikroskop (Atomic Force Microscope (AFM))
Das AFM wurde bei Raumtemperatur in Laborluft genutzt. Zur Untersuchung der
Topographie verschiedener Probenzustände wurden die Oberflächen verschiedener Proben im
sog. ”Tapping” Modus untersucht, d.h. die Nadelspitze der durch einen Piezoaktor angeregten
Messsonde berührte die Probenoberfläche zeitweise. Bei den zu untersuchenden
Probenzuständen handelte es sich einerseits um rein elektropolierte Proben oder auch um
ermüdete Proben, die jedoch vor der mechanischen Belastung ebenfalls elektropoliert worden
waren (die verwendeten Elektrolyte sind im Abschnitt Rasterelektronenmikroskop
aufgeführt).
Röntgendiffraktometer (XRD)
Das XRD, welches mit einer Kupferröhre ausgestattet war und mit 40 kV und 50 mA
betrieben wurde, diente der Bestimmung der Textur der UFG Materialien nach dem ECAP
und in ermüdeten Zuständen. Die Proben waren jeweils mechanisch geschliffen (min.
Experimentelle Methoden 43
Körnung 5 µm). Beim IF Stahl wurden zur Auswertung die Ebenen7 <110> (44,568), <200>
(64,910) und <211> (82,303) herangezogen, beim NbZr die Ebenen <110> (38,464), <200>
(55,594) und <211> (69,526). Die Auswertung erfolgte mittels der frei zugänglichen Software
”popLA” [Kal91].
Laser-Konfokalmikroskop
Zur Charakterisierung der Entwicklung der Oberflächentopographie wurde ein Laser-
Konfokalmikroskop eingesetzt. Die Messungen erfolgten auf den Oberflächen von UFG IF
Stahl Proben, welche vor der zyklischen Belastung mittels SiC-Schleifpapier (bis zu einer
Körnung von 5 µm) geschliffen wurden. Die Wellenlänge des verwendeten Lasers betrug 408
nm (violett-Laser), und bei allen Messungen wurde hochaufgelöst (Auflösung in z-Richtung
~0,05 µm) gescannt.
7 Die Winkellagen der Ebenen sind in 2 Theta [°] angegeben.
44 Ergebnisse und Diskussion
4 Ergebnisse und Diskussion
4.1 Mikrostrukturelle Entwicklung in Abhängigkeit der ECAP
Route
Bei den krz UFG Werstoffen ist die mikrostrukturelle Entwicklung wie auch schon im Fall
der kfz UFG Werkstoffe (vgl. Kap. 2.3) stark abhängig von der Anzahl der ECAP Pässe und
vor allem von der gewählten Route. Die Wahl der Prozessbedingungen beim ECAP hat dabei
auf verschiedene mikrostrukturelle Charakteristiken einen unterschiedlich ausgeprägten
Einfluss. Die Abbildungen 4.1 bis 4.4 zeigen den Einfluss der ECAP Parameter auf die
mikrostrukturelle Entwicklung für den IF Stahl. In Abbildung 4.1 sind inverse Polfiguren
(XRD) für IF Stahl im grobkörnigen Zustand, nach 2 Pässen entsprechend der Route A und
nach 16 Pässen entsprechend der Route E dargestellt. Offensichtlich scheinen die Intensitäten
in den entsprechenden Diagrammen mit der Anzahl an Pässen zu steigen. Vergleiche mit an
dieser Stelle nicht gezeigten inversen Polfiguren weiterer UFG Varianten können jedoch
keinen offensichtlichen Trend bezüglich der Intensität aufzeigen. Aus Abbildung 4.1 geht
jedoch klar hervor, dass sich die Ausprägung der Textur zwischen den einzelnen IF Stahl
Varianten nicht wesentlich unterscheidet. Die maximalen Intensitäten sind im Falle aller hier
gezeigten Varianten für die {001} und die {111} Ebenen in der 3-Richtung (entspricht in
diesem Fall der Extrusionsrichtung beim ECAP) zu finden, wobei ebenfalls bei allen
Varianten die {111} Ebene in 1- und 2-Richtung minimale Intensitätswerte annimmt. Es lässt
sich somit festhalten, dass die Art der ECAP Prozessführung im Falle des IF Stahls nur einen
untergeordneten Einfluss auf die Art und die Höhe der finalen Textur hat. Die im
grobkörnigen Zustand vorhandene Walztextur bleibt also auch nach einer hohen Anzahl an
ECAP Schritten vorhanden, somit kann ausgeschlossen werden, dass Prozesse wie z.B. eine
dynamische Rekristallisation, welche eine Texturänderung bewirken würde, während der
ECAP Verformung in hohem Maße auftreten.
Ergebnisse und Diskussion 45
Abbildung 4.1: Texturentwicklung in UFG IF Stahl (CG (As-Received=Anlieferungszustand),
2A, 16E)
Einen erheblich größeren Einfluss hat die Art der ECAP Prozessführung auf den Parameter
Korngröße, wie dies in Abbildung 4.2 anhand von TEM Hellfeldaufnahmen gezeigt wird. Die
Korngröße bezieht sich in diesem Falle nicht allein auf die flächige Ausdehnung der Körner,
vielmehr spielt auch die Kornmorphologie eine entscheidende Rolle. Abbildung 4.2a zeigt die
mikrostrukturelle Ausprägung des CG IF Stahls. Die mittlere Korngröße von 400 µm ist
natürlich nicht mittels der TEM Aufnahme zu erfassen, daher ist hier lediglich die
Vesetzungsanordnung an Korngrenzen und im Korn beispielhaft gezeigt. Nach ECAP
entsprechend der Route 2A (Abbildung 4.2b) ist die Korngröße bereits erheblich reduziert,
weist aber eindeutig eine richtungsabhängige Größe auf, was durch die Strecken 1 und 2
beispielhaft für ein Korn aufgezeigt wird. Diese Art der gelängten Struktur tritt in diesem
Ausmaß nur bei den Routen 1A und 2A auf, kann jedoch lokal auch in anderen UFG
Varianten gefunden werden (vgl. Kapitel 4.9). Neben der Kornfeinung tritt auch eine
erhebliche Erhöhung der Versetzungsdichte im Korninneren auf, wobei die Versetzungsdichte
für verschiedene Körner nicht als konstant angesehen werden kann. Weitere Verformung
mittels ECAP sorgt für eine weitergehende Feinung der Mikrostruktur. Abbildung 4.2c zeigt
46 Ergebnisse und Diskussion
die Mikrostruktur eines 4BC IF Stahls. Im Vergleich zum IF Stahl der Route 2A ist
offensichtlich, dass die Körner nicht mehr in dem Maße gelängt sind und die
Versetzungsdichte nochmals erheblich gesteigert ist. Nach einer weiteren Erhöhung der
Passzahl auf 8 Pässe unter Beibehaltung der Route (BC) scheint die Korngröße auf einem
ähnlichen Niveau zu sättigen (Abbildung 4.2d), im Vergleich zur Route 4BC scheinen diese
Körner nun aber nahezu globular zu sein und dabei eine wesentlich geringere
Versetzungsdichte aufzuweisen. Die Korngrenzen im 8BC Material scheinen zu großen Teilen
dabei wesentlich schärfer umrissen zu sein, was auf einen veränderten Charakter dieser
Korngrenzen hindeutet. Mittels TEM ist dieser Aspekt aber nur sehr aufwändig zu
untersuchen, so dass die entsprechende Charakterisierung von Korngrenzen generell mittels
EBSD durchgeführt wurde (vgl. Abbildung 4.3).
Abbildung 4.2: TEM Hellfeldaufnahmen von UFG IF Stahl in verschiedenen Zuständen,
a) CG, b) 2A, c) 4BC, d) 8BC [Nie06]
Ergebnisse und Diskussion 47
Im Vergleich zu den TEM Aufnahmen erscheint die mittels EBSD erfasste Mikrostruktur
oftmals anders (für einen direkten Vergleich siehe Kapitel 4.7.5). Primär ist die Korngröße in
den TEM Aufnahmen gegenüber der Korngröße in den EBSD Diagrammen reduziert, was auf
die unterschiedlichen Kontrast bildenden strukturellen Größen zurückzuführen ist [Nie07b].
Das TEM ist in der Lage auch kleinste Orientierungsunterschiede von unter einem Prozent zu
erfassen, das EBSD System erfasst nur Unterschiede von mehr als einem Prozent, somit
erscheinen die Strukturen in ersterem Falle wesentlich feiner. Da zur Beschreibung der
Korngrenzenverteilungscharakteristik (KWKGs und GWKGs) im Hinblick auf die
mechanischen Eigenschaften vor allem die Korngrenzen mit großen
Orientierungsunterschieden wichtig sind, ist die Charakterisierung mittels EBSD für diesen
Aspekt besser geeignet. Abbildung 4.3 zeigt die mikrostrukturelle Ausprägung von UFG IF
Stahl, welcher entsprechend der Routen 4C bzw. 4E umgeformt worden ist.
Abbildung 4.3: EBSD Aufnahmen (Inverse Polfiguren, IPF) von UFG IF Stahl der Routen 4C
(links) und 4E (rechts), nach [Nie07b]
Beim Vergleich der in Abbildung 4.3 gezeigten Mikrostrukturen ist direkt ersichtlich, dass die
mikrostrukturelle Entwicklung des UFG IF Stahls eine Funktion der ECAP Prozessroute ist.
Die Route C führt zur Ausbildung von länglichen Kornstrukturen mit hohen Anteilen an
KWKGs, ist aber bezüglich einer optimierten Kornfeinung, d.h. kleiner durchschnittlicher
Korngrößen und hoher Anteile an GWKGs, eher ineffizient. Zu erkennen ist dies an den
gleichmäßig gefärbten Bereichen in der EBSD Darstellungsform „Inverse Polfigur“. In dieser
Darstellungsform kennzeichnet die Farbe eines einzelnen Bereichs seine Orientierung, diese
48 Ergebnisse und Diskussion
ist mittels der Angaben im Standarddreieck direkt auswertbar. Gleich bzw. ähnlich gefärbte
Bereiche haben somit eine ähnliche Orientierung, was bei einem Farbverlauf wie in
Abbildung 4.3 (links) das Vorhandensein von großen Anteilen von KWKGs anzeigt (dies sind
die schwarz markierten Grenzen, welche farblich ähnliche Bereiche trennen). Abbildung 4.3
(rechts) zeigt dagegen eine Mikrostruktur, in der die durch die Korngrenzen getrennten
Bereiche oftmals unterschiedlich farblich kodiert sind, d.h. die entsprechenden Korngrenzen
weisen somit große Missorientierungen auf. Die Route E (wie auch die Route BC) führt somit
zu optimierten Mikrostrukturen, diese Routen sind folglich im Hinblick auf optimierte
Materialeigenschaften vorzuziehen, da diese Eigenschaften vornehmlich eine Funktion des
Anteils an GWKGs sind [Val06b].
Abbildung 4.4: AFM Aufnahmen von UFG IF Stahl der Routen 4A, 4BC und 8BC [Nie09b]
Eine weitere Methode zur Charakterisierung der Mikrostruktur ist die Untersuchung mittels
AFM. Das laterale Auflösungsvermögen des AFM entspricht in etwa der Auflösung des
EBSD Systems. Vorteilhaft ist jedoch, dass Informationen zur Oberflächentopographie direkt
quantitativ bestimmbar sind und somit eine Untersuchung der Topographieentwicklung in
Abhängigkeit der Belastung möglich ist (vgl. Kapitel 4.7.6). Abbildung 4.4 zeigt
mikrostrukturelle Details von UFG IF Stahl der Routen 4A, 4BC und 8BC. Offensichtlich ist
die Kornfeinung bei der Route 4A weniger effektiv, die zu beobachtenden Korngrößen sind
größer als die der Routen 4BC und 8BC. Letztere Routen unterscheiden sich nur marginal
hinsichtlich ihrer Erscheinungsform, die Korngrößen sind ähnlich und beide Varianten
scheinen eine leichte Richtungsabhängigkeit aufzuweisen. Somit zeigen die in Abbildung 4.4
vorgestellten Ergebnisse eindeutig, dass auch bei den sog. optimierten ECAP Routen (d.h.
min. 4 Pässe entlang der Routen BC oder E) lokal immer noch gelängte Strukturen auftreten
können.
Die mikrostrukturelle Entwicklung des ebenfalls krz NbZr beim ECAP unterscheidet sich im
Wesentlichen nicht von der Entwicklung des IF Stahls. Wie aus Abbildung 4.5 ersichtlich
Ergebnisse und Diskussion 49
wird, sind die maximalen Textur-Intensitätswerte wie auch im Falle des IF Stahls nicht stark
ausgeprägt. Auffällig ist jedoch, dass sich die Ausprägung der Textur im Falle verschiedener
NbZr Varianten etwas stärker unterscheidet als im Falle des IF Stahls. Die Ursache für diese
unterschiedliche Entwicklung ist unklar, jedoch können die homologe Temperatur Th8 (Th =
0,11 (NbZr) bzw. Th = 0,16 (IF Stahl)) während des ECAP und damit verbundene
Unterschiede im Fließverhalten als eine Möglichkeit angesehen werden [Val06b]. Im Falle
der beiden optimierten ECAP Prozessrouten 8BC und 16E ist die Ausprägung jedoch wieder
sehr ähnlich, so dass der Einfluss der Textur auf das mechanische Verhalten im Vergleich
dieser beiden Routen im Falle des UFG NbZr als eher gering angesehen werden kann.
Abbildung 4.5: Texturentwicklung in UFG NbZr (CG (AsRec), 8BC, 16E) [Nie07]
8 Die homologe Temperatur ist definiert als der Quotient der Temperatur und des Schmelzpunkts eines
Materials.
50 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.6: TEM Hellfeldaufnahme (links) und EBSD Aufnahme (IPF, rechts) von NbZr
der Route 16E [Nie07]
Die Entwicklung der mikrostrukturellen Größen wie der Korngröße und der
Korngrenzencharakteristik ist ebenfalls der Entwicklung beim IF Stahl sehr ähnlich. Die
Korngröße nach 16 Pässen entsprechend der Route E liegt mit 300 nm etwas unter der
Korngröße des IF Stahls bei gleichen Umformbedingungen, die Mikrostruktur ist wie beim IF
Stahl dominiert von GWKGs (Abbildung 4.6 rechts). Die geringere Korngröße im Verhältnis
zum IF Stahl ist begründet in der niedrigeren homologen Temperatur bei der Umformung des
NbZr. Hierdurch wird eine dynamische Erholung während des ECAP verhindert, so dass
neben der geringeren Korngröße auch eine erhöhte Versetzungsdichte (vgl. Abb. 4.2), wie
dies die TEM Aufnahme zeigt, resultiert. Das in der TEM Aufnahme eingeblendete
Beugungsbild zeigt offensichtlich, dass selbst in dem kleinen untersuchten Bereich primär
GWGKs dominieren.
4.2 Mikrostrukturelle Stabilität bei einer Wärmebehandlung
Eine weitere Eingriffsmöglichkeit in die Mikrostrukturentwicklung stellt eine
Wärmebehandlung im Anschluss an den ECAP Prozess dar. Da es sich bei mittels ECAP
hergestelltem Material um eine hochverformte Struktur handelt, neigt die Mikrostruktur zu
thermisch induzierter Instabilität. Im Falle des UFG Kupfer konnte in diversen Arbeiten
aufgezeigt werden, dass sich durch eine gezielte Wärmebehandlung und eine hierdurch
Ergebnisse und Diskussion 51
eingestellte bimodale Mikrostruktur im Falle einer zyklischen Belastung eine wesentliche
Eigenschaftsverbesserung ergibt [Höp01, Höp06, Mug03, Mug04]. Um auch für die krz UFG
Werkstoffe den Einfluss einer Wärmebehandlung auf die Ermüdungseigenschaften
untersuchen zu können, mussten in einem ersten Schritt die thermische Stabilität und das
Erholungs-/ Rekristallisationsverhalten untersucht werden. Der Einfluss auf das
Ermüdungsverhalten ist dann in Kapitel 4.7.1 dargestellt.
Abbildung 4.7: Härteverlaufskurven für UFG IF Stahl verschiedener ECAP Routen nach
einstündigen Wärmebehandlungen [Nie08, Nie09c]
In Abbildung 4.7 sind Härteverlaufskurven für UFG IF Stahl verschiedener ECAP
Prozessrouten dargestellt. Alle Wärmebehandlungen wurden bei der angegebenen Temperatur
bei einer Temperaturhaltedauer von einer Stunde durchgeführt. Die Mikrohärtemessungen
erfolgten mittels eines Mikrohärteprüfers unter Aufbringung einer Prüflast von 9,81 N. Klare
Unterschiede ergeben sich eindeutig für die Härtewerte des ursprünglichen UFG Zustandes,
d.h. die maximale Härte des UFG IF Stahls der Route 2A ist geringer als die Härte der beiden
Routen mit 8 Pässen. Als Ursache für diese Unterschiede in der Härte der verschiedenen UFG
Zustände ist in der in Kapitel 4.1 dargestellten unterschiedlichen Ausprägung der jeweiligen
Korngrößen und Versetzungsdichten zu sehen. Offensichtlich ist jedoch die Form des
Härteverlaufs über der Wärmebehandlungstemperatur nahezu unabhängig von der
ursprünglichen UFG Mikrostruktur. Eine signifikante Abnahme der Härte ist ab einer
Wärmebehandlungstemperatur von 450 °C zu sehen und ab einer Temperatur von 600 °C
52 Ergebnisse und Diskussion
zeigt sich das Auftreten eines Sättigungsniveaus. Der erste Bereich (RT bis 430 °C) der
Härteverlaufskurven ist somit primär auf eine Erholung der Mikrostruktur zurückzuführen.
Die in großem Maße in der Mikrostruktur vorhandenen Versetzungen sind in diesem
Temperaturbereich beweglich, so dass sich die Möglichkeit zur Neustrukturierung der
Versetzungsanordnung an den Korngrenzen ergibt, einhergehend mit einer Abnahme der
Versetzungsdichte im Korninneren und einer letztendlich moderaten Abnahme der Härte. Zu
einer Kornvergröberung kommt es dabei nicht [Mol08, Mug03, Mug04]. Der
Temperaturbereich von 450 °C bis 600 °C ist gekennzeichnet durch eine stetige starke
Abnahme der Härtewerte für alle UFG Zustände. Dieser Verlauf deutet eindeutig auf einen
Wechsel der in der Mikrostruktur ablaufenden Prozesse hin. Eine derartig betonte Abnahme
der Härte kann nicht mehr allein durch Erholungsprozesse begründet sein, somit kann nur das
Einsetzen von statischer Rekristallisation als ursächlich angesehen werden [Bel05, Mol08,
Sam97]. Mit steigender Temperatur ist die Rekristallisationskinetik beschleunigt, so dass sich
nach konstanter Wärmebehandlungszeit ein erhöhter Volumenanteil an rekristallisiertem
Material einstellt. Nach Erhöhung der Wärmebehandlungstemperatur auf eine Temperatur
von mehr als 600 °C kommt es zu einer vollständigen Rekristallisation des UFG IF Stahls.
Die ermittelten Härtewerte entsprechen ab diesem Punkt den Härtewerten des CG IF Stahls,
d.h. des Materials vor der ECAP Umformung. Zur Einstellung einer bimodalen Mikrostruktur
mit einer möglichst optimalen Kombination von duktilen vergröberten Volumenanteilen und
hochfesten UFG Volumenanteilen in der Mikrostruktur kann also nur das Temperaturintervall
mit partieller Rekristallisation verwendet werden. Die folgenden Abbildungen 4.8 bis 4.10
zeigen die mikrostrukturelle Entwicklung in Abhängigkeit von der gewählten
Wärmebehandlungstemperatur auf.
Ergebnisse und Diskussion 53
Abbildung 4.8: EBSD Aufnahmen (Grain Maps) für UFG IF Stahl der Route 8C a) vor der
Wärmebehandlung, b) nach 1 h bei 300 °C, c) nach 1 h bei 550 °C, d) nach 1 h bei 600 °C.
Die maximale Misorientierung eines einfarbigen Bereichs beträgt 5°, die Grenzen (schwarze
Linien) haben eine minimale Misorientierung von 1° [Nie08]
Abbildung 4.8 zeigt die mikrostrukturelle Entwicklung des UFG IF Stahls der Route 8C nach
einer einstündigen Wärmebehandlung bei 300 °C (Abb. 4.8b), 550 °C (Abb. 4.8c) und
600 °C (Abb. 4.8d). In den EBSD Korndarstellungen sind Korngrenzen mit einer
Misorientierung von > 1° als schwarze Linien dargestellt. Bereiche unterschiedlicher
farblicher Kodierung weisen einen Orientierungsunterschied von mehr als 5° auf. Der UFG IF
Stahl der Route 8C ist vor der Wärmebehandlung durch eine mittlere Korngröße von ~1 µm
gekennzeichnet, jedoch sind bereits in diesem Zustand gröbere Bereiche (> 2 µm) in der
EBSD Darstellung zu erkennen (vgl. Abb. 4.8a und 4.9a). Diese Bereiche sind auf die
Verwendung der ECAP Route C zurückzuführen, welche wie in Kapitel 4.1 erwähnt, nicht zu
54 Ergebnisse und Diskussion
einer optimalen Mikrostrukturausbildung führt, d.h. Korngrenzen mit einer Misorientierung
von < 1° treten in großen Volumenanteilen auf (entsprechende Korngrenzen sind im TEM
sichtbar, vgl. Abb. 4.10a) und der Anteil an KWKGs ist somit relativ hoch. Nach einer
Wärmebehandlung bei einer Temperatur von 300 °C stellt sich keine per EBSD detektierbare
Veränderung der Mikrostruktur ein (Abb. 4.8b), die Korngröße bleibt unverändert, es kommt
nicht zur Rekristallisation. Abbildung 4.8c zeigt dagegen bereits deutliche mikrostrukturelle
Veränderungen. Der Eindruck einer UFG Mikrostruktur bleibt zwar erhalten, aber nach der
Wärmebehandlung bei einer Temperatur von 550 °C zeigt sich eine partielle Vergröberung
der Mikrostruktur. Bei weiterer Steigerung der Wärmebehandlungstemperatur auf 600 °C ist
der IF Stahl dann vollständig rekristallisiert (Abb. 4.8d), die durchschnittliche Korngröße
steigt auf ~ 30 µm. Wie Abbildung 4.9 nochmals zusammenfassend verdeutlicht, ist die
Korngrößenverteilung mittels einer Wärmebehandlung gezielt einstellbar. Nach einer
Wärmebehandlung bei einer Temperatur von 550 °C entwickelt sich aus der ursprünglichen
UFG Mikrostruktur mit primär submikrometerskaligen Körnern (Abbildung 4.9a) ein IF Stahl
mit in etwa bimodaler Korngrößenverteilung (Abbildung 4.9 b).
Abbildung 4.9: Korngrößenverteilung vor (links) und nach einer Wärmebehandlung von 1 h
bei 550 °C (rechts) für UFG IF Stahl der Route 8C [Nie08]
Ergebnisse und Diskussion 55
Abbildung 4.10: TEM Hellfeldaufnahmen von UFG IF Stahl der Route 8C in verschieden
wärmebehandelten Zuständen, a) nicht wärmebehandelt, b) nach 1 h bei 300 °C, c) nach 1 h
bei 550 °C [Nie08]
Die Untersuchung der mikrostrukturellen Entwicklung des UFG IF Stahls mittels TEM
untermauert die Ergebnisse der EBSD Untersuchungen, stellt dabei aber noch vertiefend
weitere Effekte heraus. Der Vergleich des UFG IF Stahl direkt nach dem ECAP und des bei
300 °C wärmebehandelten erholten Zustandes erlaubt keinen Rückschluss auf eine
Veränderung irgendeiner Art (vgl. Abbildungen 4.10a und 4.10b), die anhand der
Härteverlaufskurven postulierte Abnahme der Versetzungsdichte im Korninneren durch die
Wärmebehandlung ist also mittels TEM nicht direkt nachweisbar. Beim Vergleich der beiden
UFG Zustände mit der bimodalen Struktur in Abbildung 4.10c zeigen sich aber signifikante
Veränderungen. Nach der Wärmebehandlung bei 550 °C hat sich nicht allein die
Korngrößenverteilung geändert, die Korngrenzen sind wesentlich schärfer umrissen und
haben somit ihren Charakter verändert.
Eine Wärmebehandlung des UFG NbZr führt, unter der Vorraussetzung, dass die Temperatur
wiederum für eine Stunde gehalten wird und dass im Falle des NbZr die Wärmebehandlung
im Vakuum durchgeführt wird, bei gleichen homologen Temperaturen zu einer ähnlichen
Mikrostrukturentwicklung [Nie07, Rub09]. Bei einer Wärmebehandlung in Laborluft ergeben
sich erhebliche Unterschiede, wie im Folgenden dargestellt wird.
Das System NbZr neigt bei einer Wärmebehandlung in sauerstoffhaltiger Atmosphäre zur
internen Oxidation [Cor91, Dou95, Wag59]. Primäre Vorraussetzungen für die interne
Oxidation sind einerseits das Vorhandensein eines stark sauerstoff-affinen Elements (in nur
geringen Anteilen) in einer reaktionsträgeren Matrix sowie andererseits eine hinreichende
Diffusionsrate des Sauerstoffs in dem Matrix-Material [Cor91, Dou95, Wag59]. Das System
NbZr erfüllt diese Randbedingungen in hervorragender Weise. Der Diffusionskoeffizient des
56 Ergebnisse und Diskussion
Sauerstoffs in Niob ist oberhalb einer Temperatur von ~500 °C ausreichend hoch, um in einer
technisch vertretbaren Wärmebehandlungszeit eine ausreichende Eindiffusion in die
Randschicht einer Probe zu gewährleisten. Außerdem ist das Zirkonium hochgradig
sauerstoff-affin, bei der Reaktion bildet sich monoklines Zirkoniumoxid (ZrO2) (vgl. Abb.
4.12). Problematisch bei der Wärmebehandlung des NbZr ist die Neigung zur Verzunderung
der Probenoberfläche, es bilden sich große Volumenanteile Nioboxid. Einhergehend mit
dieser Verzunderung kommt es lokal zu einer tiefreichenden Schädigung der Oberfläche,
welche auf die lokale Bildung niedrigschmelzender Eutektika zurückführbar sein kann, bisher
aber nicht eindeutig geklärt ist [Nie08b]. Im Hinblick auf eine Optimierung der mechanischen
Eigenschaften des NbZr waren die beiden letztgenannten Effekte weitestgehend zu
eliminieren. Durch Variation der Wärmebehandlungstemperaturen und der jeweiligen
Verweilzeiten im Ofen konnte ein optimaler Parametersatz gefunden werden, der eine
ausreichende Einhärtung bei minimaler Schädigung der Probenoberfläche liefert. Als weiterer
Parameter zur Optimierung des Prozesses wurde der Sauerstoffpartialdruck identifiziert,
entsprechende Untersuchungen wurden im Rahmen der vorliegenden Dissertation aber nicht
unternommen, sind aber Bestand aktueller Forschungsaktivitäten [Rub09].
In Abbildung 4.11 ist der Effekt der internen Oxidation auf die Randschicht von UFG NbZr
zu erkennen. Im oberen Teil der Abbildung ist ein Ausschnitt einer Bruchfläche einer
ermüdeten Probe gezeigt, es lassen sich zwei Bereiche gut unterscheiden. Im oberen Bereich
der REM Aufnahme ist das typische Gewaltbruchverhalten eines metallischen Werkstoffs, ein
sog. duktiler Grübchenbruch, zu erkennen, im unteren Bereich der Probe zeigt sich dagegen
ein verformungsloser Spaltbruch. Letzterer ist typisch für hochfeste, spröde Werkstoffe. Im
Falle des wärmebehandelten UFG NbZr kann er als Maß für die Dicke der gehärteten
Randschicht herangezogen werden. Für die hier untersuchten Probe, welche 1 h bei 600 °C
wärmebehandelt wurde, zeigt sich somit eine Einhärtetiefe von ~60 µm, welche einer
abgeschätzten Eindringtiefe des Sauerstoffs in Niob unter der Verwendung der
temperaturabhängigen Diffusionsrate des Sauerstoffs in Niob entspricht (Berechnung über
x = (Dt)1/2 mit D = 10-8 cm²/s). Eine entsprechende Einhärtetiefe zeigen auch die Ergebnisse
von Mikrohärtemessungen, welche an eingebetteten Proben im Randschichtbereich mit einer
Prüflast von 0,098 N durchgeführt wurden. Wie der untere Teil der Abbildung 4.11
veranschaulicht, zeigen alle untersuchten NbZr Varianten eine entsprechende Aufhärtung der
Randschicht, jedoch ist bei gleicher Temperatur die Aufhärtung der Randschicht des UFG
NbZr im Vergleich zum CG NbZr erheblich stärker ausgeprägt. Beim Vergleich der beiden
vorgestellten Wärmebehandlungsstrategien ist auffällig, dass eine nur einstündige
Ergebnisse und Diskussion 57
Wärmebehandlung bei 600 °C die Randschicht des NbZr mindestens genauso effizient
steigert, wie die wesentlich längere Wärmebehandlung (6 h) bei 560 °C. Da jedoch bei 600 °C
die zuvor bereits geschilderte lokale Schädigung der Probenoberfläche auftritt, wurde zur
Behandlung der Ermüdungsproben die 560 °C Wärmebehandlung verwendet, welche eine
entsprechende Schädigung nicht mehr zeigt .
Abbildung 4.12 zeigt TEM Aufnahmen aus der Randschicht von UFG und CG NbZr nach
einer Wärmebehandlung bei 600 °C. In beiden Zuständen sind ZrO2 Teilchen sichtbar, jedoch
unterscheiden sich diese erheblich in ihrer Größe. Im Falle des CG NbZr (Abb. 4.12b) bilden
sich Teilchen mit einem durchschnittlichen Durchmesser von ~ 30 nm, die Teilchen im UFG
NbZr sind zumeist < 10 nm (Abb. 4.12a). Diese feineren und auch besser verteilten
nanoskaligen Teilchen im UFG NbZr sorgen für die in den Härteverlaufskurven auffallenden
größeren Steigerungen beim UFG NbZr und lassen sicherlich auch in Hinblick auf die
weiteren mechanischen Eigenschaften erhebliche Verbesserungen erwarten (vgl. Kapitel
4.7.1).
Abbildung 4.11: Entwicklung der Randschichthärte in CG und UFG NbZr nach
verschiedenen Wärmebehandlungen sowie eine REM Aufnahme der Bruchfläche einer
wärmebehandelten Probe [Nie08b]
58 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.12: TEM Aufnahmen zur Visualisierung der Teilchen in NbZr nach der
Wärmebehandlung a) in UFG NbZr, b) in CG NbZr. Die eingefügten SAD Aufnahmen zeigen
das Vorhandensein von Zirkoniumoxid [Nie08b]
4.3 Monotone mechanische Eigenschaften
Die im ECAP Prozess verwendete Route hat im Falle des IF Stahls einen wesentlichen
Einfluss auf die mechanischen Eigenschaften im Zugversuch wie Abbildung 4.13 aufzeigt.
Neben den Kurven für verschiedene UFG IF Stahl Varianten ist auch die wahre Spannung-
wahre Dehnung Kurve für das CG Material („As-Received“) abgebildet. Der CG IF Stahl ist
durch eine sehr geringe Streckgrenze und eine sehr hohe Bruchdehnung gekennzeichnet.
Zudem ist das Verfestigungspotential recht hoch, so dass sich ein großes Zugfestigkeits-
Streckgrenzenverhältnis ergibt. Das mechanische Eigenschaftsprofil prädestiniert den IF Stahl
zur Verwendung in Tiefzieh-Applikationen, wie diese häufig z.B. im Bereich Automobilbau
zu finden sind. Für die Durchführung des ECAP Prozesses ist das Eigenschaftsprofil sehr gut
geeignet, da eine signifikante Steigerung der Festigkeit durch ECAP möglich ist, gleichzeitig
jedoch die bei Raumtemperatur maximal auftretenden Presskräfte keine kritischen Grenzen
(in Bezug auf das ECAP Werkzeuggesenk) erreichen.
Ergebnisse und Diskussion 59
Abbildung 4.13: Monotones Spannung-Dehnung Verhalten von UFG IF Stahl verschiedener
ECAP Prozessrouten [Nie06]
Nach einem ECAP Pass ergibt sich bereits eine massive Steigerung der Streckgrenze des IF
Stahls (siehe Kurve „1A“ in Abb. 4.13), diese übersteigt bereits die Zugfestigkeit des CG
Materials. Das mechanische Verhalten ist jedoch nicht als optimiert zu bezeichnen, da sich
eine erhebliche Reduktion der Bruchdehnung ergibt. Ein weiterer ECAP Prozessschritt
entsprechend der Route A (Kurve „2A“ in Abb. 4.13) verstärkt diese Entwicklung nochmals
erheblich. Eine ECAP Umformung entsprechend der Route B (Kurve „2B“ in Abb. 4.13)
resultiert dagegen in einem deutlich anderen Spannung-Dehnung Verhalten. Die Streckgrenze
ist in diesem Falle im Vergleich zum IF Stahl der Route 2A nahezu identisch, die
Bruchdehnung ist aber wesentlich gesteigert und nähert sich der ursprünglichen
Bruchdehnung des CG IF Stahls an. Ursächlich hierfür ist die routenabhängige
mikrostrukturelle Entwicklung des IF Stahls, wie sie in Kapitel 4.1 aufgezeigt worden ist. Die
mit der ECAP Route A einhergehende richtungsabhängige Mikrostruktur (d.h. mit gelängten
Körnern) ist hinsichtlich der mechanischen Eigenschaften ungünstig, da es zu frühzeitigem
Versagen der IF Stahl Proben führt. Auch bei einer erhöhten Anzahl an ECAP Pässen (vgl.
Kurve „4A“ in Abb. 4.13) bleibt das mechanische Verhalten des IF Stahls dieser Route
ähnlich, d.h. die Duktilität ist weiterhin reduziert.
Die Erhöhung der Anzahl an ECAP Pässen erhöht, wie aus Abbildung 4.13 zu entnehmen ist,
stetig die Streckgrenze und die Zugfestigkeit des IF Stahls, ohne dabei die Duktilität des
Materials signifikant zu reduzieren (mit Ausnahme der Route A). Hierbei ist jedoch zu
beachten, dass auch die ECAP Route weiterhin einen erheblichen Einfluss auf die
60 Ergebnisse und Diskussion
resultierenden monotonen mechanischen Eigenschaften hat. So liegen z.B. die
Festigkeitswerte des UFG IF Stahls der Route 8BC (Kurve „8C’ “ in Abb. 4.13) über denen
der Route 16E. Ursächlich hierfür ist die routen- und passanzahlabhängige Entwicklung in der
Mikrostruktur, wie sie in Kapitel 4.1 aufgezeigt ist. Mit steigender Anzahl an Pässen unter
Beibehaltung der Prozessroute nimmt der Anteil an GWKGs stetig zu, so dass der Einfluss
der Korngrenzen auf die Versetzungsbewegung intensiviert wird.
Die optimierten ECAP Routen, d.h. die Routen 8E, 16E und 8Bc sorgen für eine Steigerung
der Streckgrenze des IF Stahls (im Verhältnis zum CG Zustand) um einen Faktor > 6, der
Zugfestigkeit um einen Faktor > 2 bei einer minimalen Abnahme der Bruchdehnung auf einen
Wert von 30%. Somit wird deutlich, dass das Energieaufnahmevermögen der optimierten
UFG IF Stähle im Verhältnis zu dem CG IF Stahl wesentlich gesteigert ist, was für eine
zukünftige Nutzung der UFG IF Stähle z.B. in crashrelevanten Strukturen von wesentlicher
Bedeutung ist.
Charakteristisch für das Spannung-Dehnung Verhalten aller UFG IF Stahl Varianten ist der
im Verhältnis zum CG IF Stahl deutlich veränderte Kurvenverlauf zu sehen. Streckgrenze und
Zugfestigkeit liegen sehr nah beieinander, d.h. der Bereich der Gleichmaßdehnung scheint im
traditionellen Sinne sehr klein zu sein (im Falle des CG IF Stahls charakterisiert der Bereich
der stetigen Verfestigung bis zur Zugfestigkeit den Bereich der Gleichmaßdehnung). Eine
optische Kontrolle der Proben bei den Zugversuchen sowie die nach dem Erreichen der
Zugfestigkeit gemessenen großen Dehnungswerte legen nahe, dass sich hier das Verhalten der
UFG IF Stähle wesentlich von traditionellen Stählen unterscheidet. Die optische Kontrolle
zeigte, dass es zu keiner Einschnürung der Proben nach Erreichen der Zugfestigkeit in den
Proben kommt, dennoch nimmt ab diesem Punkt die wahre Spannung stetig leicht ab. Die
Ergebnisse der Forschungsaktivitäten anderer Gruppen zeigen zwar, dass bei Verformung von
UFG Nickel bei Raumtemperatur noch kein Korngrenzengleiten oder andere vergleichbare
Mechanismen auftreten [Haf07], dieses kann aber im Hinblick auf das in Abbildung 4.13
dargestellte Verhalten angezweifelt werden. Es muss bei Raumtemperatur neben der
traditionellen Versetzungsbewegung bei diesen großen aufgeprägten Dehnungen noch zum
Auftreten weiterer (korngrenzenbasierter) Verformungsmechanismen kommen [Tej08],
welche für den UFG IF Stahl jedoch nicht näher untersucht wurden. Dass sich das
Verformungsverhalten von UFG IF Stahl im Verhältnis zum grobkörnigen IF Stahl zumindest
bei erhöhten Temperaturen erheblich unterscheidet, wird in Kapitel 4.4 gezeigt.
Ergebnisse und Diskussion 61
Abbildung 4.14: Monotones Spannung-Dehnung Verhalten von UFG NbZr verschiedener
ECAP Prozessrouten [Nie07]
Abbildung 4.14 zeigt das technische Spannung-Dehnung Verhalten von NbZr
unterschiedlicher mikrostruktureller Charakteristik. Im Rahmen dieser Auftragungsform ist
das stark entfestigende Verhalten der UFG Varianten wesentlich deutlicher erkennbar als im
Falle der Auftragung der wahren Dehnung, vgl. Abbildung 4.13 (für den IF Stahl). Deutlich
zu erkennen ist, dass CG NbZr durch eine sehr geringe Festigkeit gekennzeichnet ist, somit
aber gleichzeitig auch per ECAP bei Raumtemperatur umgeformt werden kann. Mittels der
optimierten ECAP Routen 8BC und 16E ergibt sich wie im Falle des UFG IF Stahls eine
erhebliche Steigerung der Streckgrenze, in diesem Fall um den Faktor ~ 3, und der
Zugfestigkeit (Faktor ~ 2). Zudem erhöhen sich nach der ECAP Umformung die
Bruchdehnungen, im Falle des NbZr der Route 16E sogar erheblich, wobei der größte Anteil
der Dehnung nach dem Erreichen der Zugfestigkeit umgesetzt wird. Wie auch bereits für den
UFG IF Stahl lässt sich somit vermuten, dass zusätzliche Verformungsmechanismen eine
Rolle spielen.
In Abbildung 4.15 ist die Festigkeit verschiedener Niob-Legierungen über der Quadratwurzel
der Korngröße aufgetragen. Dabei weist unabhängig von der Korngröße das hochreine Niob
stets die geringsten Festigkeiten auf. Verunreinigungen (im Falle des kommerziell reinen Nb)
und gezielte Legierungsmaßnahmen steigern durch den Effekt der Mischkristallverfestigung
(unabhängig von der Korngröße) die Festigkeit in einem gewissen Maße. Die stetig
gesteigerte Festigkeit durch eine stetige Minimierung der Korngröße kann bei der gewählten
Auftragungsform jeweils durch eine Gerade beschrieben werden (Hall-Petch Beziehung, vgl.
Kapitel 2.4). Offensichtlich ist, dass für die drei gewählten Nb-Werkstoffe die Steigung der
Geraden ähnlich ist. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass verschiedene
62 Ergebnisse und Diskussion
Charakterisierungsmethoden verschiedene Korngrößen liefern, ergeben sich verschieden
Steigungen für die Gerade. Die Breite der mittels EBSD, XRD und TEM ermittelten
Korngrößen ist daher zur Beurteilung des Einflusses in Abbildung 4.15 angegeben, die Punkte
zur Ermittlung der Hall Petch Geraden wurden dabei mittels TEM ermittelt. Diese mittels
TEM bestimmten Korngrößen scheinen im Hinblick auf die monotonen mechanischen
Eigenschaften relevant zu sein, da auch KWKGs mit minimalen Misorientierungen unter
dieser Belastung als Hindernisse für gleitende Versetzungen wirken. Erst in
Korngrößenbereichen kleiner als 25 nm scheint die Hall Petch Gleichung ihre Gültigkeit zu
verlieren [Mey06], mittels ECAP sind derartige Korngrößen jedoch nicht erzielbar, so dass
für mittels ECAP umgeformte Werkstoffe die Gültigkeit der Hall Petch Gleichung
vorausgesetzt werden kann und somit gefolgert werden kann, dass traditionelle
Verformungsmechanismen das Werkstoffverhalten zumindest bis zum Erreichen der
Streckgrenze dominieren.
Abbildung 4.15: Hall Petch Beziehung für NbZr verschiedener Charakteristik (Korngröße und
chemische Zusammensetzung) [Nie07]
4.4 Dehnratenabhängiges Verformungsverhalten
Im Falle der UFG Werkstoffe wurde bereits an vielen Metallen und Legierungen eine
gesteigerte Dehnratensensitivität festgestellt. Für krz Legierungen existiert jedoch bisher
Ergebnisse und Diskussion 63
keine umfassende Studie. In [Din09, May08, Tej08] werden verschiedene Stahlwerkstoffe nur
bei Raumtemperatur bzw. Reineisen in einem stark eingeschränkten Temperaturbereich
untersucht. Technisch interessant ist eine gesteigerte Dehnratensensitivität in Hinblick auf
eine verbesserte Umformbarkeit (siehe Kapitel 4.6) des Werkstoffes. In sich einschnürenden
Bereichen steigt die Dehnrate an, das erforderliche örtliche Spannungsniveau steigt und
verlagert somit die Dehnung auf andere Bereiche. Die Abbildungen 4.16 und 4.17 zeigen die
Ergebnisse von Druckversuchen mit Dehnratenwechseln an CG und UFG IF Stahl bei
verschiedenen Temperaturen. Alle Versuche wurden unter Druckbelastung durchgeführt, da
hier der Effekt einer Einschnürung nicht auftreten kann und somit nicht zusätzlich in das
mechanische Verhalten einspielt [May08]. Offensichtlich hat ein Dehnratenwechsel im Falle
des CG IF Stahls nur einen geringen Einfluss im Temperaturbereich von RT bis 400 °C
(Abbildung 4.16), die Spannung-Dehnung Kurve stellt sich nahezu als einzügige Kurve dar.
Dagegen zeigen sich im Falle des UFG IF Stahls der Route 8 BC, also im Falle einer
optimierten ECAP Route, erhebliche Änderungen im Spannungsniveau nach einer Änderung
der Dehnrate, vor allem im Bereich der hohen Temperaturen (Abbildung 4.17). Das in
Abbildung 4.17 gezeigte Verhalten weist dabei trotz des extrem geringen Kohlenstoffgehalts
auf das Vorhandensein des Effekts der dynamischen Reckalterung hin. Nach der Absenkung
der Dehnrate sinkt das Spannungsniveau erst deutlich, um anschließend wieder anzusteigen.
Dieses Verhalten zeigt, dass es zu Wechselwirkungen zwischen den sich bewegenden
Versetzungen und diffundierenden Atomen kommt, so dass dies zu einer Verfestigung des IF
Stahls auf einem Dehnratenniveau führt [May08]. Bei der anfänglich gewählten Dehnrate von
6 x 10-4 s-1 ist das Niveau der Fließgrenze im Falle des UFG IF Stahls gegenüber dem Niveau
des CG IF Stahls noch erheblich erhöht, bei den extrem geringen Dehnraten fällt das
Spannungsniveau jedoch unter das Niveau des CG IF Stahls, wie dies Abbildung 4.18
deutlich zeigt. Die mit steigender Temperatur einhergehende Dehnratensensitivität eröffnet
dabei die Möglichkeit zu einer verbesserten Verformungsstrategie, wie sie in Kapitel 4.6
beschrieben wird. Die in Abbildung 4.18 gezeigte Abnahme des Spannungsniveaus des UFG
IF Stahls bei einer Temperatur von 400 °C und geringer Dehnrate ist nicht zurückzuführen auf
eine einsetzende Kornvergröberung. Dies geht direkt aus den Druckversuchen hervor. Eine
Erhöhung der Dehnrate nach dem Spannungsminimum im Kurvenverlauf führt bei gleicher
(wieder erhöhter) Dehnrate auf das gleiche Sättigungsspannungsniveau. Dies wäre im Falle
einer Kornvergröberung nicht zu beobachten. Zudem konnten EBSD Untersuchungen [Nie09]
an allen UFG IF Stahl Proben nach den Druckversuchen eindeutig zeigen, dass die
64 Ergebnisse und Diskussion
Korngrößenverteilung auch nach den Versuchen bei 400 °C konstant geblieben ist (die
lastfreie Rekristallisation des UFG IF Stahl setzt ab ~ 430 °C ein, vgl. Kapitel 4.2).
Abbildung 4.16: Versuche mit Dehnratenwechseln bei verschiedenen Temperaturen für CG IF
Stahl
Abbildung 4.17: Versuche mit Dehnratenwechseln bei verschiedenen Temperaturen für UFG
IF Stahl
Ergebnisse und Diskussion 65
Abbildung 4.18: Vergleich des mechanischen Verhaltens von CG und UFG IF Stahl bei
Verformung mit verschiedenen Dehnraten bei einer Temperatur von 400 °C
Die ausgeprägte Dehnratensensitivität des UFG IF Stahls bei erhöhten Temperaturen lässt
abermals auf die Aktivierung von weiteren Verformungsmechanismen neben dem
Versetzungsgleiten schließen [Tej08]. Auf die Angabe von konkreten Werten für die
Dehnratenempfindlichkeit m wird bewusst verzichtet, da diese nur über eine Extrapolation der
Daten auf den jeweiligen Dehnratenniveaus zu bestimmen wären. Als eine Abschätzung für
die Dehnratensensitivität des UFG IF Stahls bei einer Temperatur von 400 °C (den
maximalen Wert) kann jedoch der Wert m = 0,033 genannt werden, welcher darauf hindeutet,
dass der UFG IF Stahl zu keiner ausgeprägten Superplastizität neigen wird (erforderlicher
Wert: m ~ 0,25 [May08]; vgl. Kapitel 4.6).
4.5 Schädigungsverhalten unter Verformung im Druckbereich
In wie weit die ECAP Scherebene auf das Verformungs- und Schädigungsverhalten unter
monotoner Belastung Einfluss hat, wurde mittels der UFG IF Stahl Druckproben der Route
8BC untersucht (vgl. Kapitel 4.4). Um das Verformungsverhalten bis zu sehr hohen
Dehnungswerten untersuchen zu können, wurde der UFG IF Stahl im Druck verformt. Die
66 Ergebnisse und Diskussion
Aufnahmen in Abbildung 4.19 zeigen Druckproben nach einer Verformung von -21 %. Die
grobkörnige IF Stahl Probe (links im Bild) zeigt das typische Verformungsbild einer
Druckprobe, das heißt die Probe wölbt sich in alle Richtungen gleichmäßig tonnenförmig. Die
rechts im Bild dargestellte UFG IF Stahlprobe dagegen zeigt eine ganz andersartige
Verformung. Anstatt einer gleichmäßigen Verformung schert diese Probe unter einem Winkel
von ~ 45° ab. Die Scherebene konnte in diesem Fall eindeutig in Bezug zu der letzten ECAP
Scherebene gebracht werden (vgl. Abbildung 2.5). Die Schädigungsebene ist parallel zur
letzten ECAP Scherebene angeordnet. Um das Schädigungsverhalten des UFG IF Stahls
genauer zu untersuchen, wurde die lokale Verformung auf der Oberfläche der Druckprobe
mittels DIC ermittelt. Die lichtmikroskopische Aufnahme der unverformten Probe mit dem
sehr feinen Punktemuster ist oben in Abbildung 4.19 dargestellt. Bereits nach einer eher
geringen Verformung von -1,7 % zeigt das DIC System eine sich unter einem Winkel
entwickelnde Schädigung an, wobei Schädigung in diesem Fall das Auftreten einer lokal
betragsmäßig erhöhten negativen Dehnung in Belastungsrichtung bedeutet. Nach weiterer
Verformung auf einen Wert von -5 % hat sich deutlich eine Zone stark erhöhter negativer
Dehnung ausgebildet, welche eindeutig unter einem Winkel von 45° bezüglich der
Belastungsachse im Versuch angeordnet ist. Diese Zone hat sich bezüglich der zuvor bereits
bei der Dehnung von – 1,7 % gezeigten Zone offensichtlich neu ausgerichtet, wobei die
Ausrichtung nun der letzten ECAP Scherebene folgt. Die ursprüngliche Ausrichtung lässt sich
durch das Vorhandensein von zwei Bändern, die jeweils parallel zur ECAP Scherebene
ausgerichtet sind, erklären. Bei Erhöhung der globalen Dehnung auf – 5 % lokalisiert sich die
Dehnung auf nur noch eines der beiden Scherbänder, so dass sich der Eindruck der
Schädigungsrichtung in den DIC Auswertungen ändert. Dieses eine Scherband nimmt ab
diesem Punkt nahezu die gesamte weitere Dehnung lokal auf, so dass sich sehr hohe lokale
Dehnungswerte einstellen. Nach weiterer Steigerung der Dehnung auf -10 % hat sich diese
lokale Schädigung noch stärker ausgebildet und es werden lokal Dehnungswerte von bis zu -
16 % erreicht. Durch die sehr hohen Verformungen mit einhergehender Aufrauung der
Oberfläche war ab diesem Zeitpunkt die weitere Analyse der lokalen Dehnungen per DIC
nicht mehr möglich. Daher ist für den Dehnungswert von
-15% die weitere Verformungsentwicklung mittels einer lichtmikroskopischen Aufnahme
visualisiert. Es ist offensichtlich, dass es zu einem weiteren starken Abgleiten entlang der 45°
Ebene gekommen ist. Die durchgeführte DIC Untersuchung konnte also in diesem Fall
zeigen, dass sich bereits bei eher geringen Dehnungswerten ein Bereich in der Probe
ausbildet, der sich durch erhöhte lokale Dehnungen auszeichnet. Diese entwickeln sich im
Ergebnisse und Diskussion 67
Laufe der steigenden Verformung unter einem Winkel von 45°. Somit ergibt sich unter
monotoner (Druck-)Belastung eine Entwicklung der Schädigung parallel zur letzten ECAP
Scherebene.
Abbildung 4.19: Vergleich der Verformungscharakteristik von CG und UFG IF Stahl im
Druckversuch [Nie09d]
4.6 Verformungseigenschaften bei erhöhter Temperatur
Wie bereits in Kapitel 4.4 angedeutet ist durch den Effekt der erhöhten Dehnratensensitivität
in UFG IF Stahl bei erhöhter Temperatur die Möglichkeit gegeben, eine wesentliche
Erhöhung der Bruchdehnung zu erreichen. Es ist weithin bekannt, dass eine Minimierung der
Korngröße auch im Bereich der kommerziellen Werkstoffe (Korngröße bis herab zu 1 µm)
bereits zum Auftreten von Superplastizität führen kann. Die erforderliche Dehnrate ergibt sich
aus Gleichung 2.4. Bei einer passenden Kombination von Dehnrate (für feinkörnige
Werkstoffe relativ hoch) und Temperatur (bei feinkörnigen Werkstoffen relativ gering)
kommt es in den entsprechenden Werkstoffen zur Aktivierung z.B. des
Korngrenzengleitmechanismus [Fig08, Fig09]. Somit kommt es im Falle der Verformung
68 Ergebnisse und Diskussion
unter den genannten Randbedingungen nicht zum Einschnüren der Proben und daher ist eine
erhebliche Steigerung der Bruchdehnung möglich. Die in den Abbildungen 4.17 und 4.18
dargestellten Ergebnisse lassen somit auch für den UFG IF Stahl die Möglichkeit einer
Steigerung der Bruchdehnung erwarten. Abbildung 4.20 zeigt die Ergebnisse von Versuchen
an Miniaturproben (vgl. Abbildung 3.1) unter verschiedenen Versuchsbedingungen.
Abbildung 4.20: Erhöhte Dehnungen bei Zugversuchen mit verschiedenen Dehnraten an UFG
IF Stahl bei einer Versuchstemperatur von 400 °C
Offensichtlich hat die Wahl der Prozessparameter im Zugversuch einen erheblichen Einfluss
auf das mechanische Verhalten des UFG IF Stahls der Route 8BC, also einer optimierten UFG
Variante. In Abbildung 4.20 ist im Vergleich zur Spannung-Dehnung Kurve bei
Raumtemperatur das Verhalten des UFG IF Stahls bei 400 °C unter verschiedenen Dehnraten
dargestellt. Unter Beibehaltung der Dehnrate ergibt sich zwar eine signifikante Abnahme der
Fließspannung bei gleichzeitiger Zunahme der Bruchdehnung, aber eine zusätzliche
Erniedrigung der Dehnrate verstärkt die geschilderten Effekte erheblich. So lässt sich durch
die Verwendung einer Dehnrate von 1,15 x 10-5 s
-1 die Fließspannung noch deutlich
reduzieren und dabei die Bruchdehnung nahezu verdoppeln. Durch die Kombination von
hoher Prozesstemperatur und geringer Dehnrate lässt sich der Anteil von
Verformungsmechanismen wie dem Korngrenzengleiten erheblich steigern, so dass sich das
gezeigte mechanische Verhalten für den UFG IF Stahl ergibt. Es sind jedoch nicht die für
bestimmte UFG Werkstoffe wie z.B. UFG Magnesium- oder Titanlegierungen berichteten
Ergebnisse und Diskussion 69
Bruchdehnungen von weit mehr als 2000 % möglich [Fig08, Fig09], da die Kombination von
homologer Temperatur und Legierungscharakteristik die Korngrenzenstabilität auf einem zu
hohen Niveau hält.
4.7 Ermüdungseigenschaften im LCF Bereich
Wie sich bereits im Falle der monotonen mechanischen Eigenschaften gezeigt hat (Kapitel
4.3), hat die ECAP Prozessroute einen erheblichen Einfluss auf das Spannung-Dehnung
Verhalten des untersuchten IF Stahls. Dieser erhebliche Einfluss ist natürlich auch bei den
Ermüdungsergebnissen deutlich sichtbar (vgl. Abbildungen 4.21 und 4.22).
Im Bereich großer Dehnungsamplituden (LCF mit Dehnungsamplituden von 0,22% bis 0,6%)
zeigt sich wiederum ein signifikanter Unterschied zwischen den optimierten Routen (d.h. 8E,
8BC) und Routen, die zur Ausbildung gelängter Kornstrukturen führen (z.B. 1A). Letztere
Routen sind durch ein zyklisch instabiles Verhalten, d.h. eine Abnahme der
Spannungsschwingbreite während des Versuchs, und geringe Lebensdauern gekennzeichnet
(Abbildung 4.21). Die optimierten Routen dagegen zeigen die höchsten Lebensdauern und
gleichzeitig ein nahezu ideal stabiles Ermüdungsverhalten, im Falle der
Wechselverformungskurven in Abbildung 4.21 bei einer Dehnungsamplitude von 0,28%.
Hervorzuheben für den LCF Bereich ist die im Vergleich zum CG IF Stahl erhöhte
Lebensdauer der optimierten UFG IF Stahl Varianten, da bisher in der Literatur diese Art der
zyklischen Belastung als die kritische für alle Arten von UFG Werkstoffen betrachtet wurde
[Höp01, Mug01]. Im Falle des untersuchten IF Stahls ergeben sich einige Aspekte, die die
Stabilität des UFG IF Stahls fördern. Der untersuchte IF Stahl ist eine kommerzielle Güte und
weist Verunreinigungen (und auch gezielt Legierungselemente) auf, welche die Korngrenzen
und somit die Mikrostruktur erheblich stabilisieren. Dieser Effekt konnte bereits anhand von
Untersuchungen an verschiedenen UFG Kupfer- und Aluminium- Legierungen gezeigt
werden [Gab07, May08]. Des Weiteren handelt es sich beim IF Stahl um einen krz Werkstoff,
welcher sich hinsichtlich seiner Verformungsmechanismen deutlich von den kfz Werkstoffen
unterscheiden kann, z.B. bei einer Verformung nahe der Übergangstemperatur [Sur98].
Letztendlich ist zudem noch die homologe Temperatur als weitere wichtige Größe zu nennen.
Im Falle von hochreinem UFG Kupfer konnte gezeigt werden, dass sich ab einer bestimmten
homologen Temperatur zyklische Stabilität in einer zyklisch instabilen Struktur einstellt
[Höp02]. Aufgrund des höheren Schmelzpunkts von Eisen im Verhältnis zu Kupfer und
Aluminium ist natürlich die homologe Temperatur bei Versuchen bei Raumtemperatur hier
70 Ergebnisse und Diskussion
die geringste (Th(Fe) = 0,16; Th(Cu) = 0,22; Th(Al) = 0,32) und fördert somit die zyklische
Stabilität des UFG IF Stahls.
Zudem ist in Abbildung 4.21 zu erkennen, dass die Wechselverformungskurven von Proben
mit einer Anzahl von 4 ECAP Pässen die Grenze zwischen zyklisch stabilen und zyklisch
instabilen UFG IF Stählen darstellen. Auf die mikrostrukturellen Aspekte dieser stabil-instabil
Grenze wird in Kapitel 4.7.5 näher eingegangen.
Abbildung 4.21: Wechselverformungskurven (Spannungsschwingbreite) für IF Stahl
verschiedener Zustände bei konstanter Dehnrate (6 × 10-3 s-1) sowie konstanter
Dehnungsamplitude (0,28%) [Nie06]
Ergebnisse und Diskussion 71
Abbildung 4.22: Wechselverformungskurven (plast. Dehnungsschwingbreite) für IF Stahl
verschiedener Zustände bei konstanter Dehnrate (6 × 10-3 s
-1) sowie konstanter
Dehnungsamplitude (0,28%) [Nie06]
Abbildung 4.22 zeigt die Entwicklung der während der Versuche (mit einer
Dehnungsamplitude von 0,28%) auftretenden plastischen Dehnungsschwingbreite. Auch in
diesem Falle ist ein deutlicher Unterschied zwischen optimierten und nicht optimierten ECAP
Routen zu erkennen. Im Falle der UFG IF Stähle der Routen 4BC und 8BC (in Abb. 4.22: 4C’
und 8C’) ist eine perfekte zyklische Stabilität zu beobachten, die plastische
Dehnungsschwingbreite ändert sich über die gesamte Lebensdauer nicht. Im Falle nicht
optimierter UFG Varianten, wie z.B. der Route 1A, nimmt die plastische
Dehnungsschwingbreite im Laufe des Versuchs zu, die Mikrostruktur entfestigt und ist somit
mikrostrukturell nicht stabil. In Abbildung 4.22 ist zudem ein deutlicher Unterschied zum CG
Zustand zu erkennen. Der CG IF Stahl ist unter den gegebenen Bedingungen als einziger in
der Lage während des Versuchs zu verfestigen. Dies geschieht durch die Aktivierung von
Versetzungsquellen und einer einhergehenden Erhöhung der Versetzungsdichte [Sur98].
Aufgrund der massiven ECAP induzierten Vorverformung bei einer Dehnungsamplitude von
0,28% ist dies bei keiner der UFG Varianten möglich.
72 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.23: Wechselverformungskurven (Spannungsschwingbreite) für UFG IF Stahl der
Route 2B bei konstanten Dehnungsamplituden (0,28%) und verschiedenen Dehnraten bei
Raumtemperatur [Nie06]
Wie in Kapitel 4.4 gezeigt wurde, neigt auch der UFG IF Stahl wie andere UFG Werkstoffe
[May05] zur Dehnratensensitivität. Wie die in Abbildung 4.23 veranschaulichten
Wechselverformungskurven jedoch zeigen, hat eine Variation der Dehnrate im Falle der LCF
Ermüdung eines IF Stahls der Route 2B mit einer Dehnungsamplitude von 0,28% jedoch
keinen großen Einfluss auf die Spannungsschwingbreite, die zyklische Stabilität und die
Lebensdauer. Begründet ist dieses Verhalten in der eher geringen Versuchstemperatur, eine
wesentlich gesteigerte Dehnratensensitivität ergab sich erst bei erhöhter Temperatur (vgl.
Abb. 4.17). In Kapitel 4.7.4 wird der Effekt erhöhter Temperatur auf das Ermüdungsverhalten
des UFG IF Stahls näher erläutert werden.
Einen wesentlich größeren Einfluss auf das mechanische Verhalten des UFG IF Stahls hat
hingegen die Dehnungsamplitude. Wechselverformungskurven für Dehnungsamplituden von
0,28% bis zu 0,6% sind für IF Stahl der Routen 4BC und 8BC (in Abb. 4.24: 4C’ und 8C’)
gezeigt. Die Lebensdauer sinkt mit steigender Dehnungsamplitude, die
Spannungsschwingbreiten steigen dabei gleichzeitig an. Offensichtlich ist dabei das Verhalten
des UFG IF Stahls der Route 8BC hinsichtlich der Lebensdauer der Route 4BC stets überlegen.
Dabei kann im Bereich der hohen Dehnungsamplituden sogar eine Verfestigung in den
Wechselverformungskurven der Route 8BC abgelesen werden. Ursächlich hierfür sind die
Ergebnisse und Diskussion 73
mikrostrukturellen Unterschiede zwischen den IF Stählen dieser beiden Routen. Wie bereits
in den Kapiteln 2.3 und 4.1 gezeigt, ist der IF Stahl der Route 8BC durch einen größeren
Anteil an GWKGs und eine geringere Versetzungsdichte im Korninneren im Vergleich zum
Material der Route 4BC gekennzeichnet. Die geringere Versetzungsdichte gibt dem UFG IF
Stahl der Route 8BC die Möglichkeit, während der zyklischen Belastung zu verfestigen, der
Effekt des größeren Anteils an GWKGs wird in Kapitel 4.7.5 näher erläutert.
Abbildung 4.24: Wechselverformungskurven für IF Stahl der Routen 4BC und 8BC bei
verschiedenen Dehnungen und konstanter Dehnrate (6 × 10-3 s-1) [Nie06]
Eine nähere Untersuchung der Hysteresen eines mittels verschiedener Dehnungsamplituden
untersuchten Werkstoffes erlaubt Rückschlüsse auf die amplitudenabhängige
mikrostrukturelle Entwicklung, z.B. auf die Entwicklung von Versetzungsnetzwerken. Zeigt
ein Werkstoff Masing-Verhalten, so bildet sich unabhängig von der äußeren Belastung immer
die gleiche Mikrostruktur aus, was sich im Falle der Hysteresen aus verschiedenen Versuchen
darin zeigt, dass die oberen Äste dieser Hysteresen bei der Darstellung in relativen
Koordinaten deckungsgleich liegen. Abhängig vom Gleitcharakter (d.h. planares oder
welliges Gleiten) zeigen verschiedene Werkstoffe im grobkörnigen Zustand unter Umständen
Masing-Verhalten. Im Falle des IF Stahls ist ein entsprechendes Verhalten bei
Raumtemperatur (oberhalb der Übergangstemperatur) nicht zu erwarten, wie dies Abbildung
4.25a auch deutlich zeigt. Dagegen zeigt der UFG IF Stahl der Route 4BC (Abbildung 4.25b)
deutlich ein nahezu perfektes Masing-Verhalten, die oberen Hystereseäste sind nahezu
74 Ergebnisse und Diskussion
deckungsgleich. Die UFG Mikrostruktur scheint das mechanische Verhalten des in diesem
Falle zyklisch stabilen UFG IF Stahls somit deutlich zu dominieren, eine belastungsabhängige
Entwicklung von ermüdungsinduzierten Mikrostrukturen ist nicht möglich. Dieser Aspekt ist
zu erklären durch die Größen der belastungsabhängigen Strukturen, wie sie z.B. von
Mughrabi [Mug09] vorgestellt wurden. Die Größe von z.B. Zellwandstrukturen liegt im
Submikrometerbereich und ist dementsprechend in derselben Größenordnung wie die
Korngröße der UFG Werkstoffe, wodurch belastungsabhängige Strukturen in den UFG
Körnern nicht mehr ausgebildet werden können.
a
b
Abbildung 4.25: Nicht-Masing-Verhalten bei CG IF Stahl und Masing-Verhalten bei UFG IF
Stahl der Route 4BC, die Hysteresen von verschiedenen Einstufenversuchen (CAT) sind in
relativen Koordinaten dargestellt [Nie06]
Ergebnisse und Diskussion 75
Abbildung 4.26: Smith-Watson-Topper Diagramm für CG und UFG IF Stahl [Nie06]
Zur Beschreibung der Lebensdauern können verschiedene Konzepte herangezogen werden.
Für den UFG IF Stahl wurde zumeist der Parameter nach Smith, Watson und Topper
verwendet, da er den Einfluss von Mittelspannungen berücksichtigt. Wie in Kapitel 4.7.3
dargestellt werden wird, treten diese im Fall des untersuchten UFG IF Stahls deutlich in
Erscheinung. Beim Vergleich der beiden Geraden für den CG und den UFG IF Stahl
(Abbildung 4.26) fällt sofort auf, dass die Steigung dieser Geraden sehr unterschiedlich ist.
Die Gerade, welche die Eigenschaften der stabilen UFG IF Stahl Varianten beschreibt, ist
durch eine geringe Steigung gekennzeichnet. Die Steigung der CG IF Stahl Geraden ist
wesentlich höher, ein Schnittpunkt beider Geraden ergibt sich im Bereich einer Lebensdauer
von ~ 1000 Zyklen. Im Bereich sehr geringer Zyklenzahlen, also sehr großer auftretender
plastischer Dehnungsamplituden ist der CG IF Stahl dem UFG IF Stahl also deutlich
überlegen, was in seiner höheren Duktilität begründet liegt [Sur98, Mug01]. Im technisch
interessanten Bereich hoher Lastwechselzahlen ist der UFG IF Stahl dagegen seinem CG
Pendant weitaus überlegen, ursächlich hierfür ist die gesteigerte Festigkeit des UFG IF Stahls,
welche dafür sorgt, dass große Anteile der Belastung rein elastisch aufgenommen werden
können. Der bei ~ 1000 Zyklen liegende Schnittpunkt zeigt, dass der UFG IF Stahl sogar weit
bis in den LCF Bereich klare Vorteile hinsichtlich der Lebensdauer bietet, was in diesem Falle
der hohen zyklischen Stabilität des UFG IF Stahls zuzuschreiben ist.
76 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.27: Wechselverformungskurven von UFG NbZr der Route 16E, a) bei konstanter
Dehnungsamplitude und b) bei konstanter Dehnrate und variierender Dehnungsamplitude
[Nie07]
Abbildung 4.27 zeigt Wechselverformungskurven von UFG NbZr der Route 16E unter
einerseits Variation der Dehnrate bei konstanter Dehnungsamplitude (a) und bei konstanter
Dehnrate sowie stetig gesteigerter Dehnungsamplitude (b). Offensichtlich spielt wie im Falle
des UFG IF Stahls die Dehnrate bei Versuchen bei Raumtemperatur keine erhebliche Rolle,
sowohl Spannungsschwingbreiten als auch die Lebensdauern sind sehr ähnlich. Im Falle des
NbZr ist die homologe Temperatur im Verhältnis zum IF Stahl nochmals erheblich gesenkt
(Th (Nb) = 0,11), so dass unter Annahme ähnlicher Temperatur-Dehnratensensitivität
Wechselwirkungen ein derartiges Verhalten zu erwarten ist. In Abbildung 4.27b zeigt sich
abermals, dass der Effekt steigender Dehnungsamplituden bei weitem stärker ausgeprägt ist.
(Anmerkung: Die Dehnungsamplituden sind im Vergleich zu den Versuchen an UFG IF Stahl
Ergebnisse und Diskussion 77
erhöht (vgl. Abbildung 4.24), da ähnliche plastische Dehnungsschwingbreiten eingestellt
werden sollten und diese aufgrund des geringeren Elastizitätsmoduls (IF Stahl: ~210 GPa;
NbZr: ~105 GPa) des NbZr nur bei gesteigerter Gesamtdehnungsamplitude zu erreichen
sind.) Mit steigender Amplitude steigt die plastische Dehnungsschwingbreite erheblich an,
gleichzeitig nimmt die Lebensdauer ab. Das zyklisch stabile Verhalten des UFG NbZr bei
geringer Dehnungsamplitude entwickelt sich hin zu einem leicht zyklisch entfestigenden
Verhalten. Aufgrund der geringeren homologen Temperatur bei den
Raumtemperaturversuchen bedarf dieses auf den ersten Blick überraschende Ergebnis einer
Erklärung. Das NbZr der Route 16E weist eine dem UFG IF Stahl der Route 8BC
vergleichbare mikrostrukturelle Beschaffenheit auf. Das heißt es sind hohe Anteile an
GWKGs (vgl. Abbildung 4.28) und gleichförmige Körner mit einer durchschnittlichen Größe
von ~400 nm zu erkennen. Die Versetzungsdichte im Korninneren scheint jedoch höher zu
sein, was vermutlich auf die Durchführung des ECAP Prozesses bei einer geringeren
homologen Temperatur und somit einen geringeren prozessinduzierten Erholungsgrad
zurückzuführen ist. Diese erhöhte Versetzungsdichte direkt nach dem ECAP verhindert in
jedem Fall eine Verfestigung während der zyklischen Belastung, erklärt jedoch noch nicht das
Auftreten der zu beobachtenden Entfestigung. Diese kann auf die Legierungscharakteristik
des NbZr zurückgeführt werden, da Zirkonium in hohen Anteilen vollständig im Niob lösbar
ist, so dass es nicht wie im Falle des UFG IF Stahls zur Bildung von Ausscheidungen kommt,
welche die Mikrostruktur zusätzlich stabilisieren. Wie jedoch die TEM und EBSD
Aufnahmen in Abbildung 4.28 erkennen lassen, ergeben sich vor (linke Spalte) und nach
(rechte Spalte) der Ermüdung keine signifikanten Unterschiede, so dass die die Entfestigung
verursachenden Mechanismen nicht eindeutig zu identifizieren sind. Es ist zu betonen, dass es
zu keiner Kornvergröberung wie im Falle der im LCF Bereich ermüdeten hochreinen UFG
Werkstoffe kommt [Höp01, Höp02, Mug03], somit das UFG NbZr immer noch als
ausreichend mikrostrukturell stabil betrachtet werden kann.
Abbildung 4.29 stellt die Spannungsschwingbreiten von UFG IF Stahl und UFG NbZr in
einem Diagramm vergleichend dar. Neben den zuvor bereits diskutierten Aspekten der
zyklischen Stabilität wird zudem deutlich, dass die Spannungsschwingbreiten im Falle des
UFG IF Stahls stets oberhalb der Schwingbreiten des UFG NbZr liegen, obwohl die
gewählten Dehnungsamplituden wesentlich geringer sind. Begründet werden kann dies durch
die um den Faktor 2 verschiedenen elastischen Steifigkeiten der beiden Werkstoffe, wobei im
Sinne einer angedachten Verwendung des NbZr im Bereich medizinischer Implantate der
recht geringe Elastizitätsmodul des NbZr durchaus vorteilhaft ist.
78 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.28: TEM Hellfeldaufnahmen und EBSD Aufnahmen (IPF) von UFG NbZr der
Route 16E vor und nach der Ermüdung mit einer Dehnungsamplitude von 0,7 % bei einer
Dehnrate von 6 × 10-3 s-1 [Nie07]
Ergebnisse und Diskussion 79
Abbildung 4.29: Vergleich von Wechselverformungskurven von UFG IF Stahl der Route 8BC
und UFG NbZr der Route 16E bei verschiedenen Dehnungsamplituden [Nie07]
4.7.1 Eigenschaftsoptimierung durch gezielte Wärmebehandlung
Bei Betrachtung der Ermüdungseigenschaften von IF Stahl verschiedener mikrostruktureller
Beschaffenheit im Coffin-Manson Diagramm zeigt sich sofort, dass der UFG IF Stahl dem
grobkörnigen Material deutlich unterlegen ist (Abbildung 4.30). Ursächlich zu begründen ist
dies in der reduzierten Duktilität der hochfesten UFG Varianten, welche bei der Betrachtung
allein der plastischen Dehnungsamplitude zu erheblicher Abnahme der Lebensdauer führt
[Sur98, Mug01]. Für UFG Kupfer konnte durch Mughrabi et al. gezeigt werden, dass eine
gezielte Wärmebehandlung mit einer resultierenden bimodalen Mikrostruktur eine erhebliche
Verbesserung im Rahmen dieses Konzepts erbringt (vgl. Abbildung 2.24) [Mug03, Mug04].
80 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.30: Coffin-Manson Diagramm für IF Stahl verschiedener Zustände [Nie08]
In Abbildung 4.31 sind Wechselverformungskurven für einen UFG IF Stahl der Route 8C
sowie einen bimodalen IF Stahl veranschaulicht. Der bimodale IF Stahl wurde entsprechend
der in Kapitel 4.2 vorgestellten Wärmebehandlungsstrategie 1 h bei 550 °C in Laborluft
geglüht. Nach der Wärmebehandlung ist der ursprüngliche UFG IF Stahl durch die in
Abbildung 4.9 gezeigte bimodale Korngrößenverteilung charakterisiert und sollte damit eine
erhöhte Duktilität aufweisen aber auch immer noch von der ursprünglichen Festigkeit des
UFG Zustandes profitieren. Die Wechselverformungskurven in Abbildung 4.31 zeigen, dass
mit der bimodalen Struktur eindeutig die Spannungsschwingbreite abnimmt, dabei aber auch
gleichzeitig die Lebensdauer reduziert ist (wie im Falle der Dehnungsamplitude von 0,23%)
oder nahezu unverändert bleibt. Alle getesten Varianten sind im gesamten Bereich nahezu
zyklisch stabil, interessanterweise ist der bimodale IF Stahl auch bei hohen Amplituden nicht
in der Lage zu verfestigen. Die zyklische Stabilität der Mikrostruktur ist auch wiederum den
in Abbildung 4.32 gezeigten EBSD Aufnahmen zu entnehmen. Der Vergleich der bimodalen
Mikrostrukturen vor (links) und nach (rechts) der Ermüdung zeigt ähnliche
Korngrößenverteilungen, es kommt zu keiner ermüdungsinduzierten Kornvergröberung.
Ergebnisse und Diskussion 81
Abbildung 4.31: Wechselverformungskurven für IF Stahl der Route 8C in UFG und
bimodalem Zustand [Nie08]
Abbildung 4.32: EBSD Diagramm (Grain Map, min. Misorientierung der Korngrenzen 1°) für
bimodalen IF Stahl vor und nach der Ermüdung [Nie08]
In Ergänzung zu den Versuchen an bimodalem IF Stahl wurden auch rein erholte UFG IF
Stahl Varianten untersucht. Diese Varianten wurden entsprechend der in Kapitel 4.2
dargestellten Ergebnisse bei einer Temperatur von 300 °C für 1 h wärmebehandelt, die
resultierende Mikrostruktur ist gekennzeichnet durch eine bezüglich des UFG Zustandes
unveränderte Korngröße sowie eine leicht reduzierte Härte des Materials. Abbildung 4.33
zeigt für den IF Stahl der Route 8E die mittels EBSD ermittelte mikrostrukturelle
Charakteristik vor und nach der Wärmebehandlung, welche eindeutig unverändert ist.
82 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.33: EBSD Diagramm (Grain Map, min. Misorientierung der Korngrenzen 1°) für
IF Stahl der Route 8E vor (links) und nach (rechts) der Erholungswärmebehandlung [Nie08]
Vergleichend untersucht wurden IF Stähle der Routen 8C und 8E, welche im UFG Zustand
bei Raumtemperatur durch ähnliche Ermüdungseigenschaften gekennzeichnet sind (8E IF
Stahl zeigt eine etwas bessere Performance). Durch die (identische) Wärmebehandlung
werden die Wechselverformungskurven signifikant unterschiedlich beeinflusst (Abbildung
4.34). Während sich bei dem UFG IF Stahl der Route 8E im erholten Zustand die erhoffte
Erhöhung der Lebensdauer bei gleichbleibender Spannungsschwingbreite ergibt, nimmt die
Lebensdauer des erholten IF Stahls der Route 8C stark ab. Die Verbesserung des
Ermüdungsverhaltens des IF Stahls der Route 8E nach der Erholung kann zurückgeführt
werden auf die leicht erhöhte Duktilität dieses Zustandes. Die drastische Abnahme der
Lebensdauer des erholten 8C Zustandes ist über die erwartete Entwicklung der Mikrostruktur
nach der Wärmebehandlung (vgl. Kapitel 4.2) nicht zu erklären.
Ergebnisse und Diskussion 83
Abbildung 4.34: Wechselverformungskurven für IF Stahl der Routen 8C und 8E in UFG und
erholtem Zustand für eine Dehnungsamplitude von 0,28% bei einer Dehnrate von 6 × 10-3 s-1
[Nie08]
Wird die Charakteristik der Korngrenzen der Routen 8C und 8E direkt verglichen, fallen
allerdings direkt signifikante Unterschiede auf. Der IF Stahl der Route 8C ist gekennzeichnet
durch einen hohen Anteil an KWKGs (Abbildung 4.35 (links)), der IF Stahl der Route 8E
dagegen weist eine optimierte Struktur mit hohen Anteilen an GWKGs auf (Abbildung 4.35
(rechts)). Bei einer Erholungswärmebehandlung kommt es somit im Falle des 8E Materials zu
einer homogenen Erholung in der gesamten Struktur, in der Mikrostruktur des 8C Materials
scheint es zu heterogenen (d.h. lokal veränderlichen) Erholungsprozessen zu kommen, welche
jedoch mittels der angewendeten Untersuchungsmethoden nicht zu detektieren waren. Diese
heterogene Erholung führt dann unter zyklischer Belastung zu lokalisierten
Schädigungsprozessen, welche dann zu stark reduzierten Lebensdauern führen.
84 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.35: Mittels EBSD ermittelte Korngrenzencharakteristik von UFG IF Stahl der
Routen 8C (links) und 8E (rechts) [Nie08]
Werden die Daten für die wärmebehandelten IF Stahl Zustände in das entsprechende Coffin-
Manson Diagramm eingetragen (vgl. Abbildung 4.30), ergibt sich zwar eine Verbesserung
gegenüber dem UFG Zustand direkt nach dem ECAP, jedoch wird keine über das Niveau des
CG Zustandes reichende Verbesserung der Materialeigenschaften erzielt (vgl. Abbildung
2.24). Die durch die partielle Vergröberung des UFG IF Stahls steigende plastische
Dehnungsamplitude unter zyklischer Belastung kann nicht durch eine stark gesteigerte
Duktilität überkompensiert werden, so dass die gleichen Verbesserungen wie bei
(hochreinem) bimodalem Kupfer nicht erreicht werden können [Höp01, Höp06, Mug03].
Wird entsprechend der Erläuterungen in Kapitel 4.7 dagegen das Smith, Watson, Topper
Diagramm zur Veranschaulichung der Ermüdungseigenschaften der verschiedenen IF Stahl
Varianten verwendet (Abbildung 4.36), ergeben sich im Hinblick auf eine technische
Anwendung die folgenden Konsequenzen: Der bimodale IF Stahl ist dem UFG IF Stahl in
allen Lebensdauerbereichen unterlegen, so dass eine weitere Untersuchung dieses bimodalen
Zustandes in technisch reinen krz Materialien als nicht zielführend angesehen werden kann.
Durch eine gezielte Erholungswärmebehandlung ergeben sich jedoch im Falle optimierter
Routen mit hohen Anteilen an GWKGs Möglichkeiten zur Verbesserung der
Ermüdungseigenschaften, welche in Abbildung 4.36 durch eine entsprechende Beschriftung
der Punkte für den IF Stahl der Route 8E hervorgehoben sind.
Ergebnisse und Diskussion 85
Abbildung 4.36: Erweiterung des Smith-Watson-Topper Diagramms für IF Stahl (Abbildung
4.26) um wärmebehandelte Materialzustände [Nie08]
Die Möglichkeit der Steigerung der Lebensdauer von UFG Werkstoffen durch eine gezielte
Erholungswärmebehandlung ergibt sich somit für UFG Werkstoffe unterschiedlicher
Gitterstrukturen oder auch chemischer Zusammensetzung, bimodale Strukturen scheinen in
Werkstoffen mit nicht extrem hoher Duktilität jedoch eher kritisch zu sein. In den folgenden
Abbildungen 4.37 bis 4.39 wird für das UFG NbZr sowie eine technisch reine UFG Titan
Legierung der Effekt entsprechender Wärmebehandlungen verdeutlicht.
Abbildung 4.37 zeigt Wechselverformungskurven von UFG NbZr der Route 16E direkt nach
der ECAP Umformung sowie von einer bei 600 °C (homologe Temperatur entsprechend der
Erholungswärmebehandlung bei Stahl) für 1 h wärmebehandelten Variante. Letztere wurde
im Vakuum wärmebehandelt, um den Effekt der Randschichthärtung durch interne Oxidation
getrennt betrachten zu können. Offensichtlich ist der Effekt der Erholung auf die Lebensdauer
im Falle des UFG NbZr etwas erhöht im Vergleich zu dem Effekt beim IF Stahl. Ursächlich
hierfür ist vermutlich die erhöhte Versetzungsdichte beim UFG NbZr nach ECAP, welche
somit stärkere Veränderungen in der Mikrostruktur erlaubt, die aber wiederum nicht eindeutig
nachweisbar sind (vgl. TEM Aufnahmen des UFG NbZr vor und nach der Wärmebehandlung
in Abbildung 4.37). Des Weiteren ist der Effekt von ECAP induzierten Eigenspannungen,
welche sich als Mittelspannungen im Ermüdungsversuch äußern können, sicherlich nicht zu
vernachlässigen, wie in Kapitel 4.7.3 im Detail dargestellt werden wird.
86 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.37: Einfluss einer Erholungswärmebehandlung in Vakuum auf die
Wechselverformungskurve von NbZr bei konstanter Dehnungsamplitude sowie Dehnrate, die
TEM Aufnahmen zeigen die vor und nach der Wärmebehandlung nahezu unveränderte
Mikrostruktur [Nie07]
Wird die Wärmebehandlung bei einer ähnlichen Temperatur (d.h. reduziert auf 560 °C, vgl.
Kapitel 4.2) für 1 h an Laborluft durchgeführt, kommt es zu einem Anstieg der
Randschichthärte bis auf Werte von ~700 HV (vgl. Abbildung 4.11). In dieser extrem harten
Randschicht ist die Rissinitiierung wesentlich erschwert solange eine kritische Dehnung nicht
überschritten wird. Beim Auftreten einer entsprechenden kritischen Dehnung reißt die
Randschicht sehr schnell auf. Abbildung 4.38 zeigt Wechselverformungskurven von UFG
NbZr in einem Zustand direkt nach ECAP sowie in der wärmebehandelten
randschichtgehärteten Variante. Offensichtlich ist die Lebensdauer der randschichtgehärteten
UFG NbZr Variante erheblich gesteigert, bei einer Dehnungsamplitude von 0,4% kam es
nicht zum Versagen der Probe. Erst nach einer Erhöhung der Dehnungsamplitude auf einen
Wert von 0,5% versagte die Probe, die Lebensdauer auf diesem Belastungshorizont war
gegenüber dem nicht randschichtgehärteten Zustand aber immer noch erhöht. Die in
Abbildung 4.38 gezeigten Hysteresen (jeweils nach 12500 Zyklen) zeigen, dass neben der
gesteigerten Randschichthärte ein weiterer Aspekt zur Verlängerung der Lebensdauer
beiträgt. In dem nicht wärmebehandelten UFG NbZr baut sich im Laufe der zyklischen
Belastung eine positive Mittelspannung auf, welche sich negativ auf die Lebensdauer
auswirkt. Diese positive Mittelspannung ist nach der Wärmebehandlung nicht mehr messbar,
so dass dies sicherlich lebensdauerverlängernd wirken wird. Wie aber die Ergebnisse der im
Ergebnisse und Diskussion 87
Vakuum erholten UFG NbZr Probe zeigen (vgl. Abb. 4.37), kann dieser Effekt allein nicht zu
der in Abbildung 4.38 gezeigten massiven Steigerung der Lebensdauer führen. Wie sich eine
Mittelspannung auf das Ermüdungsverhalten von UFG Werkstoffen im Allgemeinen
auswirkt, wird in Kapitel 4.7.3 diskutiert.
Abbildung 4.38: Einfluss einer Erholungswärmebehandlung in Luft auf die
Wechselverformungskurve von NbZr sowie die Entwicklung der Hysteresen für einen
Ermüdungszustand nach jeweils 12500 Zyklen [Nie08b]
Der Effekt einer bimodalen Struktur auf das Ermüdungsverhalten eines Werkstoffes, welcher
durch eine sehr geringe Duktilität im CG Zustand gekennzeichnet ist, wurde anhand einer
Titanlegierung (Reinheitsklasse CP2) charakterisiert. Abbildung 4.39 zeigt die Hysteresen bei
halber Lebensdauer (a) und die entsprechenden Wechselverformungskurven (b).
Offensichtlich weist das UFG Titan die größte Lebensdauer auf, die bimodale Titanvariante
dagegen fällt sogar noch unter das Niveau des CG Titan. Wie auch schon im Falle des UFG
IF Stahl nimmt nach der Wärmebehandlung in der bimodalen Mikrostruktur die plastische
Dehnung zu, im Falle des Titan sind die grobkörnigen Bereiche jedoch nicht durch eine
gestiegene Duktilität gekennzeichnet. Somit kommt es im bimodalen Titan zu einer stark
lokalisierten Schädigung, die vergröberten Bereiche sind zwar weniger fest aber nicht
duktiler. Es kann somit gefolgert werden, dass eine bimodale Mikrostruktur im Falle nicht
extrem duktiler Werkstoffe zu einer Verschlechterung der Ermüdungseigenschaften führt.
88 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.39: Einfluss einer Wärmebehandlung auf a) die Hysteresen bei halber
Lebensdauer sowie b) die Wechselverformungskurven (plastische Dehnungsschwingbreiten)
von Ti verschiedener mikrostruktureller Charakteristik bei konstanter Dehnrate von
6 × 10-3 s-1 und einer Dehnungsamplitude von 0,4% [Nie09e]
Abbildung 4.40 zeigt einerseits die Mikrostruktur bzw. Korngrößenverteilung des Titan nach
einer Wärmebehandlung von 1 h bei 450 °C, andererseits wird die ungünstige
mikrostrukturelle Konfiguration in der schematischen Darstellung nochmals deutlich
aufgegriffen. Liegt im Falle von mäßig duktilen UFG Werkstoffen eine derartige
Korngrößenverteilung vor, kommt es zu einer frühen Schädigung und somit zu geringen
Lebensdauern. Neben der Konzentration der plastischen Dehnung in den weniger festen
vergröberten Bereichen kommt es an der Grenzfläche feinkörnig/grobkörnig zu deutlichen
Spannungsüberhöhungen, so dass dieser Mechanismus eine frühe Rissinitiierung in diesen
Bereichen begünstigt. In den Kapiteln 4.7.6 und 5.1 wird im Detail auf die
Schädigungsentwicklung und ihre mikrostrukturellen Ursachen eingegangen.
Ergebnisse und Diskussion 89
Abbildung 4.40: Schematische Darstellung (rechts) der schädigungsrelevanten
mikrostrukturellen Ausprägung sowie eine EBSD Darstellung (IPF) für bimodales Ti, welche
eben diese Strukturen zeigt [Nie09b, Nie09e]
4.7.2 Einfluss der Textur
Um den Einfluss der Textur auf das Ermüdungsverhalten von UFG IF Stahl charakterisieren
zu können, wurden Proben aus einer ECAP Route verwendet. Zwar zieht die Umformung
mittels verschiedener ECAP Routen auch die Entwicklung verschiedener Texturen nach sich,
gleichzeitig werden jedoch auch andere wichtige Kenngrößen wie die Korngröße, der
Eigenspannungszustand und der Korngrenzcharakter massiv beeinflusst (vgl. Kapitel 4.1).
Daher wurden alle Proben aus einem Materialstück der Route 8E entnommen, Abbildung 4.41
zeigt die gewählten Probeentnahmerichtungen.
Abbildung 4.41: Darstellung der Probeentnahmerichtungen [Nie08c]
Wie bereits in Kapitel 4.1 gezeigt worden ist, ist auch der UFG IF Stahl optimierter Routen
texturiert, so dass die Entnahme der Proben in verschiedene Richtungen (entsprechend
90 Ergebnisse und Diskussion
Abb. 4.41) zu unterschiedlich texturierten Proben mit aber sonst identischen
mikrostrukturellen Eigenschaften führt. Zu beachten ist jedoch, dass nur ein IF Stahl einer
ECAP Route verwendet werden kann, welche zur Ausbildung von gleichachsigen Körnern
(vgl. Abbildung 4.2) führt, wie dies bei der Route 8E der Fall ist.
Abbildung 4.42: Textur der UFG IF Stahl Proben der Route 8E aus den verschiedenen
Entnahmerichtungen a) 0°, b) 45° und c) 90° [Nie08c]
Abbildung 4.42 zeigt die Ergebnisse von XRD Texturmessungen an den unterschiedlich
entnommenen Proben. Dabei ist in (a) eine inverse Polfigur für die sog. 0° Probe
(Probenlängsachse parallel zur Extrusionsrichtung) aufgeführt, in (b) die entsprechende
Polfigur für die sog. 45° Probe (Probenlängsachse unter 45° zur Extrusionsrichtung) und in
(c) die Polfigur für die sog. 90° Probe (Probenlängsachse unter 90° zur Extrusionsrichtung).
In allen drei Fällen zeigt die mit 1 bezeichnete inverse Polfigur die Texturierung in der
Probenlängsachse, also die für Unterschiede in der Spannung-Dehnung Antwort
Ergebnisse und Diskussion 91
entscheidende Größe. Ein Vergleich der Texturen in der entscheidenden Richtung zeigt, dass
die Intensität des {111} Pols von der 0° Probe zur 90° Probe stetig steigt. Aufgrund der
elastischen Anisotropie des Eisens mit einem maximalen E-Modul für die <111> Richtung ist
somit ein Einfluss auf das Ermüdungsverhalten des UFG IF Stahls zu erwarten.
Abbildung 4.43 zeigt Wechselverformungskurven für die aus verschiedenen Richtungen
entnommenen UFG IF Stahl Proben der Route 8E. Unabhängig von der Dehnungsamplitude
stellt sich für die 0° Probe generell die geringste Spannungsschwingbreite ein, gleichzeitig ist
die Lebensdauer für die Proben dieser Entnahmerichtung maximal. Für die 90° Probe ist die
Lebensdauer dagegen stets minimal, die Spannungsschwingbreite aufgrund der {111}
dominierten Textur stets maximal. Die 45° Probe liegt mit ihren Eigenschaften immer
zwischen den beiden anderen Varianten, was bereits durch die Ausprägung der Textur in
Abbildung 4.42b zu erwarten ist. Weitere Auffälligkeiten in der Mikrostruktur konnten im
Falle der optimierten Route 8E nicht gefunden werden, entsprechende Ergebnisse zur
Mikrostruktur sind in Kapitel 4.7.1 dargestellt.
Die auftretenden plastischen Dehnungen sind im Falle aller Proben nahezu identisch, die
Abnahme der Lebensdauer hin zur 90° Probe ist somit bedingt durch die pro Zyklus
umgesetzte Energie, die aufgrund der höheren Spannung für die 90° Probe maximiert ist.
Abbildung 4.43: Wechselverformungskurven der verschieden entnommenen UFG IF Stahl
Proben der Route 8E bei konstanter Dehnrate für zwei verschiedene Dehnungsamplituden
[Nie08c]
In wie weit die Texturierung Einfluss auf die Ermüdungseigenschaften anderer UFG
Werkstoffe hat, wurde zum Vergleich an einer Titanlegierung (Reinheitsgrad CP2)
untersucht. Aufgrund seines Verformungsverhaltens ist beim Titan ein wesentlich größerer
92 Ergebnisse und Diskussion
Einfluss der Textur zu erwarten. Abbildung 4.44 zeigt die Textur einer 0° Probe (parallel zur
Extrusionsrichtung) vor und nach der Ermüdung. Die als 1 bezeichnete inverse Polfigur ist
wiederum die zur Probenlängsachse gehörige. Auf die Darstellung der Polfiguren für die
weiteren Probenentnahmerichtungen (vgl. Abbildung 4.45) wurde verzichtet, da sie aus
Gründen der Kristallsymmetrie bereits aus der gezeigten Darstellung ableitbar sind.
Abbildung 4.44: Textur von UFG Titan für eine Probe der Entnahmerichtung parallel zur
Extrusionsrichtung [Nie09e]
Wie Abbildung 4.45 zeigt, hat die in Abbildung 4.44 gezeigte Texturierung der Titanproben
der Route 8BC einen erheblichen Einfluss auf die Ermüdungseigenschaften, sowohl
Spannungsschwingbreite als auch Lebensdauer sind von der Entnahmerichtung und somit der
Textur abhängig. Im Falle des UFG Titan ist zudem bereits im Falle monotoner Zugversuche
festgestellt worden, dass es zu einer erheblichen Anisotropie der Spannung-Dehnung Kurven
kommt [Yap06], was neben der Textur auf Basis gerichteter KWKGs und GWKGs erklärt
wurde. Die hiermit verbundenen Unterschiede in der freien Weglänge der Versetzungen
werden also auch einen gewissen Einfluss auf das Ermüdungsverhalten des UFG Titan haben.
Ergebnisse und Diskussion 93
Abbildung 4.45: Wechselverformungskurven (Spannungsschwingbreiten) von Ti Proben
verschiedener mikrostruktureller Charakteristik sowie verschieden entnommenen UFG Ti-
Proben bei einer konstanten Dehnrate von 6 × 10-3 s
-1 a) nach ECAP und b) in einem
wärmebehandelten Zustand [Nie09e]
Nach einer Wärmebehandlung verbunden mit der Einstellung einer bimodalen Mikrostruktur
(vgl. Kapitel 4.2 und 4.7.1) ist der Einfluss der Entnahmerichtung noch immer zu erkennen,
obwohl sich große Bereiche der Mikrostruktur neu ausgebildet haben. Die Lebensdauer ist
dabei im Vergleich zu den UFG Varianten erheblich reduziert, zurückzuführen ist dies auf
stark lokalisierte Schädigungsprozesse (vgl. Kapitel 4.7.1). Texturuntersuchungen haben
gezeigt, dass sich die Textur während der Wärmebehandlungen nicht signifikant ändert, so
dass die in Abbildung 4.44 gezeigten Polfiguren noch immer für die wärmebehandelte 0°
Probe („Parallel to extrusion direction“) Gültigkeit besitzen. Da sich die lokale Schädigung
auf die neu gebildeten vergröberten Strukturen konzentriert, welche nicht durch gerichtete
Strukturen (gerichtete KWKGs und GWKGs) dominiert wird (vgl. Abbildung 4.40 und
[Yap06]), ist eher von einem dominierenden Einfluss der Textur auf das Ermüdungsverhalten
(d.h. vor allem die Lebensdauer) auszugehen.
94 Ergebnisse und Diskussion
4.7.3 Einfluss einer Mittelspannung
Wie bereits in Kapitel 4.7.1 im Falle des wärmebehandelten UFG NbZr gezeigt, ist es
möglich, dass sich im Laufe der zyklischen Belastung in Dehnungsregelung eine
Mittelspannung in den UFG Materialien aufbaut. Dieser Aufbau einer Mittelspannung ist an
sich ungewöhnlich, aber auch im Falle des UFG IF Stahl erkennbar wie Abbildung 4.46 zeigt.
Abbildung 4.46: Entwicklung von Mittelspannungen bei Versuchen in Dehnungsregelung mit
konstanter Dehnrate von 6 × 10-3 s-1 und verschiedenen Dehnungsamplituden (vgl. Kapitel
4.7) [Nie08d]
Bei Betrachtung der Verläufe der Mittelspannungen über die Gesamtlebensdauer ist direkt
auffällig, dass die Mittelspannungen generell im Laufe des Zyklierens abgebaut werden.
Dieser Prozess läuft jedoch abhängig von der gewählten Dehnungsamplitude unterschiedlich
schnell ab. Im Falle kleinerer Dehnungen ist der Abbau der Mittelspannung wesentlich
weniger betont, so wurde z.B. für die Probe der Route 8BC ermüdet mit einer Amplitude von
0,23% die Mittelspannung nach 10000 Zyklen nur unwesentlich abgebaut. Bei den großen
Dehnungsamplituden (0,6%) dagegen ist bereits nach 100 Zyklen die Mittelspannung nahezu
vollständig abgebaut. Zurückzuführen ist dies auf die effektivere Einflussnahme der erhöhten
zyklischen plastischen Dehnung auf mikrostrukturelle Anordnungen, welche für den Aufbau
der Mittelspannungen verantwortlich sind. Sehr auffällig ist der Unterschied in der
Entwicklung der Mittelspannung der beiden verschiedenen UFG IF Stahl Zustände. So ist die
Entwicklung im Falle des 4BC Materials gegenüber dem 8BC generell beschleunigt, was auf
Ergebnisse und Diskussion 95
eine geringere zyklische Stabilität der Mikrostruktur im Falle des 4BC IF Stahls schließen
lässt. Dies wurde auch bereits in einem anderen Zusammenhang in Kapitel 4.7 diskutiert. Die
absolute Größe der sich in den ersten Zyklen aufbauenden Mittelspannung ist abhängig von
der Materialvorgeschichte, d.h. einerseits von der ECAP Prozessroute, aber auch von einer
nachträglichen Wärmebehandlung. So reduziert eine Erholungswärmebehandlung die Höhe
der Mittelspannung bereits erheblich. Wird eine bimodale Struktur eingestellt, so liegt das
Mittelspannungsniveau bei Null [Nie09].
Die sich entwickelnden Mittelspannungen sind zwar einfach in den Ermüdungsergebnissen zu
zeigen, doch ihre Ursache ist bisher nicht direkt nachgewiesen worden. Da sowohl die ECAP
Prozessroute als auch eine Wärmebehandlung nach dem ECAP Prozess Einfluss auf die Höhe
der Mittelspannungen haben, scheint es sich um ECAP induzierte Effekte zu handeln. Es ist
durchaus denkbar, dass nach dem ECAP Prozess Eigenspannungen in der Mikrostruktur
vorliegen, welche aber bisher nicht mittels XRD Messungen zu ermitteln waren. Somit
scheinen diese Eigenspannungen eher von lokaler Natur zu sein, so dass ein mittelndes
Verfahren wie es XRD ist, diese Eigenspannungen nur schwer nachweisen kann.
Zur konkreten Untersuchung des Einflusses der Mittelspannungen auf das
Ermüdungsverhalten von UFG IF Stahl wurde ein IF Stahl der Route 8E
spannungskontrolliert ermüdet. Entsprechend der in den dehnungsgeregelten Versuchen mit
einer Amplitude von 0,28% auftretenden Spannungsschwingbreite wurde die
Spannungsamplitude in dem mittelspannungsfreien Versuch gewählt. Wie sich in Abbildung
4.47 zeigt, erreicht die Probe ohne Mittelspannung (bezeichnet als 0 MPa) eine nahezu
identische Lebensdauer wie im dehnungsgeregelten Versuch (vgl. Abb. 4.21). Entsprechend
der in diesem Versuch gewählten Belastung wurden mittels der Gleichung nach Goodman
[Rad07] Mittelspannungs/Spannungsamplituden-Paare ermittelt, die in eine ähnliche
Lebensdauer münden sollten. Die entsprechenden Werte sind in Tabelle 4.1 aufgelistet.
Tabelle 4.1: In den Untersuchungen zum Mittelspannungseinfluss gewählte
Belastungsparameter [Nie08d]
Mittelspannung [MPa] Spannungsamplitude
[MPa]
R-Verhältnis
0 400 -1
25 390 -0.88
50 380 -0.77
75 380 -0.67
100 380 -0.58
200 350 -0.27
-75 380 -1.49
96 Ergebnisse und Diskussion
Wie Abbildung 4.47 zeigt, haben die nach der Goodman-Näherung errechneten
Belastungsgrößen im Falle mittlerer bis geringer Mittelspannungswerte tatsächlich zu
ähnlichen Lebensdauern geführt. Lediglich für die negative Mittelspannung von -75 MPa
sowie die beiden Mittelspannungsniveaus > 100 MPa sind erhebliche Abweichungen zu
erkennen. Die in Abbildung 4.47 gezeigten Verläufe zur Entwicklung der plastischen
Dehnungsschwingbreite in den spannungsgeregelten Versuchen zeigen, dass für alle
Mittelspannungsniveaus < 100 MPa die Entwicklung der plastischen Dehnungsschwingbreite
nahezu identisch ist. In diesen Versuchen ist der UFG IF Stahl der Route 8E nahezu perfekt
zyklisch stabil, lediglich eine leichte Tendenz zur Entfestigung ist erkennbar. Wird das
Mittelspannungsniveau auf hohe positive Werte gesteigert (> 100 MPa) kommt es zu einer
stark beschleunigten Entfestigung, sichtbar in der schnell zunehmenden plastischen
Dehnungsschwingbreite. Zu beachten ist in diesem Fall, dass aufgrund der Abschätzung über
die Goodman-Gleichung die Spannungsamplitude im Versuch mit einer Mittelspannung von
200 MPa reduziert ist, so dass das anfängliche Niveau der plastischen Dehnungsschwingbreite
geringer ausfällt. Doch auch unter dieser Randbedingung scheint die Mikrostruktur des mit
200 MPa Mittelspannung beaufschlagten UFG IF Stahls schnell zu kollabieren, dynamische
Rekristallisation scheint dabei die Hauptursache zu sein (vgl. Abbildung 4.51).
Abbildung 4.47: Entwicklung der plastischen Dehnung in UFG IF Stahl der Route 8E in
spannungsgeregelten Versuchen mit unterschiedlichen Mittelspannungsniveaus bei konstanter
Versuchsfrequenz von 0,5 Hz [Nie08d]
Wird die Entwicklung der Mitteldehnung betrachtet, wie dies in Abbildung 4.48 der Fall ist,
zeigt sich deutlich, dass der Einfluss verschiedener Mittelspannungsniveaus in drei Gruppen
Ergebnisse und Diskussion 97
eingeteilt werden kann. Der in Abbildung 4.48 mit (2) gekennzeichnete Bereich zeigt, dass
bei kleinen bis mittleren Mittelspannungen ein stabiles Verhalten des UFG IF Stahls
verzeichnet werden kann. Im Falle einer Mittelspannung von 0 MPa entwickelt sich eine
kleine negative Mitteldehnung, bei 25 MPa Mittelspannung ist der Aufbau einer
Mitteldehnung nicht nachzuweisen. Der Aufbau einer positiven Mittelspannung im Falle von
mitteldehnungsfreien dehnungsgeregelten Versuchen und der Aufbau einer negativen
Mitteldehnung für mittelspannungsfrei spannungsgeregelte Versuche scheinen dabei durchaus
auf Basis von ECAP induzierten Eigenspannungen, die durch die Belastung umgelagert
werden, erklärbar zu sein. Neben der stabilen Mikrostruktur des UFG IF Stahls im Bereich (2)
der Abbildung 4.48 gibt es zwei Bereiche, welche eine signifikante Entwicklung einer
Mitteldehnung zeigen und somit Mittelspannungsniveaus festlegen, bei denen die UFG
Mikrostruktur nicht mehr stabil ist. Bei Belastung der Probe mit einer negativen
Mittelspannung (Bereich (3)) kommt es zu einem stetigen Aufbau einer negativen
Mitteldehnung, es stellt sich keine Sättigung ein. Auch bei den hohen positiven
Mittelspannungen (Bereich (1)) kommt es zu einer schnell voranschreitenden Entwicklung
der Mitteldehnung (hin zu positiven Werten) ohne dass ein Sättigungsniveau erreicht wird. Da
für die beiden Proben in diesem Bereich die plastischen Dehnungsamplituden sehr groß sind
(Abb. 4.47), schreitet die mikrostrukturelle Entwicklung sehr schnell voran, so dass die
Proben das anvisierte Ziel von 10000 Zyklen nicht erreicht haben (welches unter der
Annahme einer zyklisch stabilen Mikrostruktur errechnet wurde). Nicht nur die reduzierten
Lebensdauern dieser Proben, sondern auch die Hysteresen bei halber Lebensdauer (Abbildung
4.49) zeigen, dass sich die Mikrostrukturen bei der Ermüdung mit unterschiedlichen
Mittelspannungswerten verschieden entwickeln. Masing-Verhalten, wie es in
dehnungsgeregelten Versuchen im Falle des Materials der Route 8E zu beobachten ist, stellt
sich nicht ein, die mit einer Mittelspannung von 200 MPa belastete Probe weist einen
veränderten Kurvenverlauf auf (Abbildung 4.49).
98 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.48: Entwicklung der Mitteldehnungen in UFG IF Stahl der Route 8E in
spannungsgeregelten Versuchen mit unterschiedlichen Mittelspannungsniveaus [Nie08d]
Abbildung 4.49: (Nicht-)Masing-Verhalten für UFG IF Stahl der Route 8E im Falle
verschieden großer aufgeprägter Mittelspannungen [Nie08d]
Ergebnisse und Diskussion 99
Abbildung 4.50: Mikrostrukturelle Entwicklung (EBSD, REM) von UFG IF Stahl der Route
8E ermüdet unter verschiedenen Mittelspannungen, a) 0 MPa, b) -75 MPa, c) und d) 200 MPa
[Nie08d]
Abbildung 4.51: Mikrostrukturelle Entwicklung (TEM-Hellfeldaufnahmen) unter
verschiedenen Belastungen, a) direkt nach dem ECAP, b) ermüdet mit einer Mittelspannung
von 0 MPa, c) ermüdet mit einer Mittelspannung von 200 MPa [Nie08d]
100 Ergebnisse und Diskussion
Die Ergebnisse von elektronenoptischen Untersuchungen (REM, EBSD, TEM) an unter
verschiedenen Belastungsbedingungen ermüdeten Proben des UFG IF Stahls sind in den
Abbildungen 4.50 und 4.51 zusammengefasst. Abbildung 4.50a zeigt dabei die Mikrostruktur
des UFG IF Stahls der Route 8E nach einer zyklischen Belastung mit einer Mittelspannung
von 0 MPa, welche sich nicht von der Mikrostruktur direkt nach dem ECAP unterscheidet
(vgl. Abb. 4.33). Auch die Mikrostruktur nach der Ermüdung mit einer Mittelspannung von -
75 MPa zeigt sich unverändert in der EBSD Aufnahme in Abbildung 4.50b, die Ursache für
den stetigen Aufbau der negativen Mitteldehnung ist also mikroskopisch nicht aufzuklären.
Für die mit einer Mittelspannung von 200 MPa ermüdete Probe ergeben sich jedoch
signifikante Hinweise auf eine Instabilität der Mikrostruktur. Die EBSD Aufnahme in
Abbildung 4.50c zeigt deutliche Anzeichen einer gelängten Mikrostruktur, welche im Falle
des untersuchten UFG Materials der Route 8E unerwartet ist und in keiner anderen ermüdeten
Probe (d.h. in dehnungs- oder spannungsgeregelten Versuchen) beobachtet wurde. Abbildung
4.50d zeigt eine REM Aufnahme der Probe nach der Ermüdung. Im Bereich der EBSD
Messung (Abb. 4.50c) zeigt sich eine deutliche Schädigung der Oberfläche, die Probe scheint
in diesem Bereich lokal stark geschädigt zu sein. Einen tiefer gehenden Einblick in die
mikrostrukturelle Entwicklung der verschiedenen Proben erlauben die TEM Aufnahmen in
Abbildung 4.51. Die Mikrostruktur des UFG IF Stahls der Route 8E direkt nach dem ECAP
(Abb. 4.51a) und im ermüdeten Zustand (Abb. 4.51b), mit einer Mittelspannung von 0 MPa,
d.h. im Bereich (2) der Abbildung 4.48) unterscheiden sich hinsichtlich mikrostruktureller
Kenngrößen, wie der Korngröße oder der Versetzungsdichte nicht signifikant. Im Falle der
Untersuchung der mikrostrukturellen Gegebenheiten im Bereich des in Abbildung 4.50d
markierten stark geschädigten Bereichs ergibt sich jedoch eine deutliche Veränderung sowohl
der Korngröße als auch der Versetzungsdichte (Abb. 4.51c). Die massive Vergröberung der
Struktur bei gleichzeitiger Abnahme der Versetzungsdichte zeigt eindeutig, dass die
Mikrostruktur des UFG IF Stahls unter den gewählten Randbedingungen nicht mehr stabil ist
und somit eindeutig eine Einsatzgrenze für das Material auch im Falle einer optimierten Route
vorhanden ist. Vergleichbare Ergebnisse zu anderen UFG Werkstoffen sind bisher nicht
veröffentlicht, so dass eine Einordnung dieses Stabilitätslimits nicht möglich ist. Ursächlich
für diese lokalisierte Instabilität könnten leichte Inhomogenitäten in der Mikrostruktur sein
(vgl. Kapitel 4.7.5 und 4.7.6). Diese auch in den optimierten Routen vorhandenen
Inhomogenitäten können lokale Erholungsprozesse unter geeigneten Randbedingungen
begünstigen, somit zu einer lokalen Abnahme der Festigkeit und damit zu lokaler plastischer
Instabilität führen. Eine Untersuchung dieser ursächlichen Strukturen vor dem Versagen der
Ergebnisse und Diskussion 101
Probe ist aufgrund ihrer Größe äußerst aufwendig, eine mögliche Methode wird in Kapitel
4.7.6 vorgestellt.
Abbildung 4.52: Smith-Watson-Topper Diagramm (vgl. Abb. 4.26) erweitert um die
Ergebnisse der mittelspannungsbehafteten Versuche [Nie08d]
Abbildung 4.52 zeigt deutlich, dass auch die Ermüdungseigenschaften der in
spannungsgeregelten Versuchen mit verschiedenen Mittelspannungsniveaus ermüdeten UFG
IF Stahl Proben sehr gut mittels des Parameters nach Smith, Watson und Topper abgebildet
werden. Die Messpunkte für die zyklisch stabilen UFG IF Stahl Proben liegen alle auf der
Geraden, die auch das Verhalten der zyklisch stabilen Varianten in den nahezu
mittelspannungsfreien dehnungsgeregelten Versuchen beschreibt (vgl. Kapitel 4.7). Da der
empirische Parameter explizit für die Beschreibung mittelspannungsbehafteter Versuche
entwickelt wurde [Smi70], ist dieser Aspekt natürlich so erwartet. Deutlich fällt jedoch auf,
dass das Verhalten des Versuchs mit einer Mittelspannung von 200 MPa verändert ist, der
Messpunkt liegt nicht mehr auf der zuvor geschilderten Gerade. Somit ist der Parameter nach
Smith, Watson und Topper nicht mehr für den UFG IF Stahl anwendbar, wenn dieser
zyklische Instabilität zeigt.
4.7.4 Einfluss erhöhter Temperaturen
Anhand der Untersuchungen an verschiedenen UFG Werkstoffen hat sich gezeigt, dass die
UFG Mikrostruktur hinsichtlich ihrer Stabilität unter thermischer oder auch kombinierter
thermisch-mechanischer Belastung erhebliche Defizite aufweisen kann [May08, Mol08,
Mug01]. Da es sich bei jeder Art von UFG Mikrostruktur um eine massiv kaltverformte
102 Ergebnisse und Diskussion
Struktur handelt, ist die Triebkraft für eine Vergröberung durch statische oder auch
dynamische Rekristallisation sehr groß [May08, Mol08, Mug01]. Durch Verwendung
technisch reiner Werkstoffe oder aber auch durch gezielte Legierungsmaßnahmen kann die
Stabilität der UFG Mikrostruktur im Vergleich zu reinen UFG Metallen erheblich gesteigert
werden, wie dies z.B. für UFG CuZr oder aber auch UFG AlMg gezeigt werden konnte
[Can08, Gab07, May08]. In Kapitel 4.2 wurde bereits veranschaulicht, dass im Falle einer
lastfreien Wärmebehandlung die Rekristallisation beim UFG IF Stahl ab einer Temperatur
von 450 °C einsetzt. Zudem wurde in Kapitel 4.7 gezeigt, dass bei einer zyklischen Belastung
bei Raumtemperatur (unter Verwendung einer optimierten ECAP Route) der UFG IF Stahl
zyklisch stabil ist. In diesem Falle konnten bei mikrostrukturellen Untersuchungen vor und
nach der Ermüdung keine signifikanten Veränderungen festgestellt werden. Bis zu welchem
Temperaturniveau diese zyklische und somit mikrostrukturelle Stabilität des UFG IF Stahls
einer optimierten ECAP Route erhalten bleibt, wurde anhand von Versuchen im
Temperaturbereich bis 440 °C gezielt untersucht. Alle Versuche wurden in Dehnungsregelung
mit einer Dehnungsamplitude von 0,28% durchgeführt. Zur Verwendung kamen dabei
aufgrund der geometrischen Randbedingungen des Versuchsaufbaus Miniaturproben mit einer
leicht veränderten Geometrie (vgl. Kapitel 3.2). Um einen Einfluss der Probengeometrie auf
das temperaturabhängige Schädigungsverhalten exakt erfassen zu können, wurde auch der
Versuch an Raumtemperatur mit dieser veränderten Probengeometrie durchgeführt.
Abbildung 4.53: Wechselverformungskurven von UFG IF Stahl der Route 8E im Falle
konstanter Dehnrate und Dehnungsamplitude bei verschiedenen erhöhten Temperaturen
[Nie09c]
Ergebnisse und Diskussion 103
Abbildung 4.53 zeigt Wechselverformungskurven von bei verschiedenen Temperaturen
ermüdeten UFG IF Stahl Proben der Route 8E. Dehnungsamplitude und Dehnrate waren in
allen Versuchen konstant. Es ist deutlich zu erkennen, dass bis zu einer Temperatur von
120 °C das Spannungsniveau (über die gesamte Versuchslaufzeit) und die Lebensdauer des
UFG IF Stahls sehr ähnlich sind. Erst bei einer Temperatur von 200 °C sinkt die Lebensdauer
signifikant ab, um dann bei höheren Temperaturen sehr stark abzunehmen (Faktor > 10). Die
Temperatur von 200 °C (Th = 0.26) kennzeichnet für eine zyklische Belastung des UFG IF
Stahls somit ein weiteres Stabilitätslimit. Bis auf die bei 440 °C ermüdete Probe erreichen alle
Proben nach einer Zyklenzahl von ~300 das gleiche Spannungsniveau, d.h. die bei geringen
Temperaturen ermüdeten Proben entfestigen in den ersten Zyklen und die bei den höheren
Temperaturen ermüdeten Proben sind in der Lage zu verfestigen, was so nicht zu erwarten
war. Welche mikrostrukturellen Mechanismen für das Spannung-Dehnung Verhalten des
UFG IF Stahl unter den gegebenen Randbedingungen verantwortlich sind, ist in den
Abbildungen 4.54 und 4.55 dargestellt.
104 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.54: Mikrostrukturelle Entwicklung nach der Ermüdung von UFG IF Stahl bei
verschiedenen Temperaturen (EBSD Grain Maps mit min. Misorientierungen von 1° sowie
REM BSE) für a) RT, b) 200 °C, c)-e) 440 °C. Der weiße Pfeil zeigt jeweils auf die Rissspitze
[Nie07c, Nie09c]
Abbildung 4.54 zeigt die Ergebnisse einer kombinierten REM/EBSD Studie an den bei
verschiedenen Temperaturen ermüdeten UFG IF Stahl Proben der Route 8E. Der Vergleich
zwischen der Mikrostruktur der bei Raumtemperatur ermüdeten Probe (welche der
Ergebnisse und Diskussion 105
Mikrostruktur der Route 8E direkt nach ECAP entspricht, vgl. Kapitel 4.7.1) und der bei
200 °C ermüdeten Probe zeigt nur minimale Unterschiede, die Mikrostruktur der 200 °C
Probe scheint lediglich leicht vergröbert zu sein. Die Mikrostruktur der bei 440 °C ermüdeten
Probe ist in zwei verschiedenen EBSD Aufnahmen dargestellt. Wie die REM Aufnahme
(Rückstreu-Elektronen Kontrast) in Abbildung 4.54 zeigt, unterscheidet sich die
Mikrostruktur vor der Rissspitze und an den Rissflanken erheblich von der Mikrostruktur in
anderen Bereichen der Probe. Ausschließlich im Bereich des Risses scheint die Mikrostruktur
erheblich vergröbert zu sein. Die beiden EBSD Aufnahmen zu der bei 440 °C ermüdeten
Probe verdeutlichen dies. Die linke Aufnahme (Abb. 4.54c) zeigt die Mikrostruktur in einem
Bereich weit entfernt vom dem in der REM BSE Aufnahme dargestellten Riss. Zu erkennen
ist im Vergleich zu den Mikrostrukturen nach der Ermüdung bei geringeren Temperaturen
zwar eine stärkere Vergröberung der Mikrostruktur, diese erreicht aber bei Weitem noch nicht
die Ausmaße der Vergröberung vor der Rissspitze (Abb. 4.54d). In letzterem Bereich sind
primär Körner mit Korngrößen weit über 5 µm dominierend, dieser Bereich ist im Gegensatz
zu den umliegenden Bereichen also von erheblich geringerer Festigkeit. Die starke Abnahme
der Lebensdauer bei den Versuchen bei erhöhten Temperaturen ist somit auf lokalisierte
Schädigungsprozesse zurückzuführen. Lokale Inhomogenitäten in der UFG Mikrostruktur
führen zur Rissinitiierung unter den gegebenen Randbedingungen. Nach der Rissinitiierung
kommt es dann zu einer erhöhten Plastizität im Bereich des Risses, welche eine lokale
dynamische Rekristallisation begünstigt und somit zu einer lokalen Abnahme der Festigkeit
führt. Diese wiederum erhöht die lokale Plastizität nochmals erheblich. Dieser sich selbst
verstärkende Mechanismus verringert die Lebensdauer konsequenterweise signifikant.
Ein weiterer in Abbildung 4.53 herausgestellter Aspekt, das Erreichen eines
temperaturunabhängigen Spannungsniveaus bei den Ermüdungsversuchen, konnte mittels der
Ergebnisse der EBSD Untersuchungen nicht erklärt werden. Daher wurde in diesem Falle das
TEM verwendet. In Abbildung 4.55 sind drei verschiedene Probenzustände dargestellt. Die
Mikrostruktur der Route 8E nach dem ECAP ist in Abbildung 4.55a dargestellt, die
Mikrostruktur in der Abbildung 4.55b Aufnahme zeigt die Mikrostruktur der bei
Raumtemperatur bis zum Bruch ermüdeten Probe. Abbildung 4.55c ist die Mikrostruktur
einer bei 300 °C ermüdeten Probe dargestellt, wobei diese Probe nicht bis zum Bruch ermüdet
wurde, sondern der Versuch nach Erreichen des maximalen Spannungsniveaus gestoppt
wurde. Im Vergleich der verschiedenen Mikrostrukturen fällt auf, dass sich die
Mikrostrukturen der beiden ermüdeten Varianten sehr stark ähneln. Beide scheinen durch eine
geringe Versetzungsdichte und wohl definierte Korngrenzen charakterisiert zu sein. Dagegen
106 Ergebnisse und Diskussion
wirken die Korngrenzen des Zustandes direkt nach ECAP eher unscharf [Mol08, Val06b], die
Versetzungsdichte ist eher hoch. Das Erreichen des nahezu gleichen Spannungsniveaus auch
bei erhöhten Versuchstemperaturen scheint somit auf mikrostrukturelle Erholungsprozesse
zurückzuführen zu sein, wobei in diesem Falle das Wort Erholung nicht mit einer Abnahme
der Festigkeit verbunden sein soll. Die Schärfung der Korngrenzen scheint im hier
dargestellten Zusammenhang die Wechselwirkungen zwischen neuen Versetzungen und eben
diesen Korngrenzen zu intensivieren, so dass eine leichte Verfestigung in den ersten
Ermüdungszyklen die Konsequenz ist. Zudem hat sich in den Untersuchungen zur
Dehnratenempfindlichkeit (vgl. Kapitel 4.4) gezeigt, dass der Effekt der dynamischen
Reckalterung bei erhöhter Temperatur in dem UFG IF Stahl auftritt, so dass auch dieser
Effekt zur beobachteten Verfestigung beitragen kann. Der nachfolgende schnelle Abfall der
Spannung im Versuch geht einher mit der im obigen Teil dieses Kapitels beschriebenen
lokalisierten Schädigung (vgl. Abbildung 4.54) und ist somit unabhängig zu betrachten.
Abbildung 4.55: Mikrostrukturelle Entwicklung von UFG IF Stahl der Route 8E zu
unterschiedlichen Zeitpunkten der Ermüdung bei verschiedenen Temperaturen (TEM-
Hellfeldaufnahmen), a) nach ECAP (nicht ermüdet), b) RT gebrochen, c) 300 °C bei
Erreichen des in Abbildung 4.53 auftretenden max. Spannungsniveaus [Nie07c]
Wie in Arbeiten an UFG Kupfer gezeigt werden konnte [Mol08], kann die Neigung der UFG
Mikrostruktur zur Rekristallisation durch eine gezielte Wärmebehandlung nach dem ECAP
Prozess, die eine Erholung der UFG Mikrostruktur zum Ziel hat, erheblich verringert werden.
Daher wurde der UFG IF Stahl der Route 8E nach dem ECAP Prozess bei einer Temperatur
von 300 °C für 1 h wärmebehandelt (vgl. Kapitel 4.2). Die anschließende Ermüdung bei einer
Temperatur von 200 °C erbrachte jedoch keine großen Änderungen im Vergleich zum nicht
wärmebehandelten Zustand (Abbildung 4.56). Das bei der nicht wärmebehandelten Probe
Ergebnisse und Diskussion 107
anfänglich zu beobachtende transiente Verhalten ist in der wärmebehandelten Probe nicht
vorhanden, beide Proben erreichen nach 50 Zyklen nahezu das gleiche maximale
Spannungsniveau. Die Mikrostruktur der wärmebehandelten Probe entspricht also wiederum
den in Abbildung 4.55 (b und c) gezeigten Strukturen. Auch hinsichtlich der
Schädigungsentwicklung haben sich keine Veränderungen eingestellt, da die Lebensdauern
beider Proben nahezu identisch sind. Somit ist auch in der wärmebehandelten Variante der
UFG IF Stahl immer noch anfällig gegenüber der dynamischen Rekristallisation bei einer
homologen Temperatur von 0,26, d.h. die in [Mol08] aufgezeigten Verbesserungen greifen
unter den hier zugrundeliegenden Randbedingungen (zyklisch mechanische Belastung bei
erhöhter Umgebungstemperatur) nicht.
Abbildung 4.56: Einfluss einer vor der Ermüdung durchgeführten Wärmebehandlung bei
300 °C auf das Ermüdungsverhalten einer UFG IF Stahl Probe der Route 8E im Falle der
Ermüdung bei einer Temperatur von 200 °C [Nie07c]
4.7.5 Einfluss der ECAP Route
Wie bereits in Kapitel 4.7 aufgezeigt wurde, muss im Falle der Ermüdung von UFG IF Stahl
verschiedener ECAP Routen bei Raumtemperatur bereits zwischen zyklisch stabilen und
108 Ergebnisse und Diskussion
zyklisch instabilen Routen unterschieden werden (vgl. Abbildung 4.21). In den
dehnungsgeregelten Versuchen mit einer Dehnungsamplitude von 0,28% konnte bereits eine
Änderung im Stabilitätsverhalten des UFG IF Stahl im Bereich der Varianten mit 4 Pässen
aufgezeigt werden, wobei deutlich ein Effekt der Route zu beobachten war. Um auf die
mikrostrukturellen Ursachen der zyklischen Stabilität schließen zu können, wurde im Rahmen
der vorliegenden Dissertation ein experimenteller Ansatz gewählt, der die mikrostrukturelle
Untersuchung mittels EBSD (in verschiedenen Ermüdungsstadien) mit der Ermüdung an
Laborluft kombinierte. Um die Degradation der elektropolierten Probenoberfläche mit der
Zeit während der Ermüdungsexperimente zu minimieren, wurde für die dehnungsgeregelten
Versuche eine erhöhte Dehnungsamplitude von 0,4% gewählt. EBSD Messungen wurden an
einer stabilen (Route 4E) und einer instabilen (Route 4C) UFG IF Stahl Variante vor der
Ermüdung und zu in Abbildung 4.57 gekennzeichneten Zeitpunkten vorgenommen. Die
EBSD Messungen erfolgten immer auf den gleichen Flächen der jeweiligen Proben, zur
Markierung dieser Flächen diente ein während der ersten EBSD Messung aufgebrachter
Kohlenstofffilm (vgl. Abbildung 4.61), der während der kurzen Verweildauer an Laborluft
während des Versuchs unverändert bestehen blieb. Der Kohlenstofffilm entsteht beim EBSD
durch das Aufbrechen von im Prozessraum befindlichen Restmolekülen durch den
hochenergetischen Elektronenstrahl, er hat keine signifikante Auswirkung auf die
Signalintensität bei der EBSD Messung. Das Ermüdungsverhalten (Dehnungsamplitude
0,4%) aller untersuchten Proben mit jeweils vier Pässen entsprechend verschiedener ECAP
Routen ist in Abbildung 4.57 dargestellt. Offensichtlich lässt sich auch hier zwischen den
stabilen Routen 4BA, 4BC und 4E sowie den instabilen Routen 4A und 4C unterscheiden. Die
Proben der Routen 4C und 4E wurden an den markierten Stellen mittels EBSD charakterisiert,
im Falle der Probe der Route 4C ergab sich durch das Unterbrechen des Ermüdungsversuchs
einer kleiner Sprung in der Wechselverformungskurve, welcher jedoch keinen Einfluss auf
die zyklische Stabilität des Materials hat, die Steigung der Wechselverformungskurve ist vor
und nach dem Sprung identisch.
Ergebnisse und Diskussion 109
Abbildung 4.57: Wechselverformungskurven für verschiedene UFG IF Stahl Varianten mit
jeweils 4 Pässen bei konstanter Dehnrate (6 × 10-3 s-1) und konstanter Dehnungsamplitude
von 0,4% [Nie07b]
Zur Charakterisierung der Mikrostruktur und der Korngröße von UFG Werkstoffen wird
oftmals allein das TEM herangezogen [Fur01, Zhi05]. Abbildung 4.58 zeigt TEM Aufnahmen
von UFG IF Stahl der Routen 4C und 4E. Auffällig hierbei ist, dass sich die Mikrostrukturen
dieser beiden Proben in den gezeigten Aufnahmen nur marginal unterscheiden. Somit lässt
eine Untersuchung mittels TEM keine Rückschlüsse auf das deutlich unterschiedliche
Ermüdungsverhalten dieser beiden UFG IF Stahl Varianten zu. Ursächlich hierfür ist das
Vermögen des TEM auch kleinste Orientierungsunterschiede in der Mikrostruktur auflösen zu
können. Wie bereits in Kapitel 4.1 aufgezeigt, ist eine Unterscheidung zwischen Korngrenzen
großer und kleiner Misorientierung dabei nur schwer möglich (d.h. sehr aufwändig in der
Realisierung). Da jedoch der Korngrenzencharakter einen erheblichen Einfluss auf die
mechanischen Eigenschaften des Werkstoffes hat [Val06b], ist im Hinblick auf die
Untersuchungen der zyklischen Stabilität ein Verfahren, welches direkt die Misorientierung
der einzelnen Korngrenzen liefert, eindeutig zu bevorzugen. Somit wurde zur
Charakterisierung der Mikrostrukturen der UFG IF Stahl Routen 4C und 4E primär das EBSD
Verfahren eingesetzt.
110 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.58: Mikrostruktur von UFG IF Stahl der Routen 4C und 4E direkt nach dem
ECAP (TEM-Hellfeldaufnahmen) [Nie07b]
Im Vergleich der Aufnahmen in den Abbildungen 4.58 und 4.59 fällt direkt auf, dass die
mittels EBSD ermittelten Korngrößen das Niveau der in den TEM Aufnahmen gezeigten
Körner teils bei Weitem überschreiten, was ursächlich in der geringeren Sensitivität des
EBSD im Falle kleiner Misorientierungen zu sehen ist. Die in Abbildung 4.59 gezeigten
EBSD Darstellungen visualisieren neben den Korngrenzen mit einer minimalen
Misorientierung von 1° (schwarze Linien) auch direkt die Orientierungen der einzelnen
Körner durch eine farbliche Kodierung, wie sie in dem eingefügten Dreieck angegeben ist
(Darstellungsform: Inverse Polfigur). Der eingefügte weiße Pfeil dient in den folgenden
EBSD Darstellungen, welche die ermüdete Mikrostruktur der jeweiligen Proben zeigen, als
Orientierungshilfe (Abbildung 4.60).
4C 4E
Ergebnisse und Diskussion 111
Abbildung 4.59: Mikrostruktur von UFG IF Stahl der Routen 4C und 4E (EBSD IPF) in
Anlehnung an Abb. 4.3, der weiße Pfeil dient der einfacheren Auffindbarkeit der Strukturen
in Abbildung 4.60 [Nie07b]
Abbildung 4.60: Mikrostruktur von UFG IF Stahl der Routen 4C und 4E nach der Ermüdung
mit einer Dehnungsamplitude von 0,4% (EBSD IPF) [Nie07b]
Die Mikrostruktur des UFG IF Stahls der Routen 4C und 4E unterscheidet sich bereits direkt
nach dem ECAP erheblich (Abbildung 4.59). Die Mikrostruktur der Probe der Route 4C
(Abb. 4.59 (links)) ist primär dominiert durch KWKGs (d.h. Grenzen zwischen ähnlich
orientierten/gefärbten Körnern), die Körner sind gleichzeitig deutlich gelängt. Der UFG IF
Stahl der Route 4E (Abb. 4.59 (rechts)) dagegen weist globulare Körner auf, die Korngrenzen
4C 4E
4E 4C
112 Ergebnisse und Diskussion
sind zumeist von hoher Misorientierung (d.h. die Korngrenzen trennen deutlich
unterschiedlich orientierte/gefärbte Körner).
Nach der Ermüdung (Abbildung 4.60) ergeben sich im Falle der Probe der Route 4E (Abb.
4.60 (rechts)) keine signifikanten Unterschiede, die Mikrostruktur scheint unverändert, der
UFG IF Stahl der Route 4E somit zyklisch stabil zu sein. Eine erhebliche Evolution der
Mikrostruktur ist dagegen im Falle des UFG IF Stahls der Route 4C (Abb. 4.60 (links)) zu
erkennen. Einige Bereiche waren durch das EBSD System nicht mehr zu indizieren (zu
erkennen durch die schwarze Farbgebung), in den anderen Bereichen scheint die
Mikrostruktur sehr stark zerrüttet zu sein. Bei der Ermüdung mit einer Dehnungsamplitude
von 0,4% bei Raumtemperatur scheint die UFG Mikrostruktur der Route 4C somit zyklisch
nicht stabil zu sein, wie dies bereits die Wechselverformungskurve in Abbildung 4.57 nahe
gelegt hat. Korngrenzen in den nur durch KWKGs dominierten Bereichen haben sich neu
orientiert, neu entstandene Grenzanordnungen können dabei aber auch auf eine lokal
schlechte Indizierung der Struktur in diesen Bereichen zurückzuführen sein.
Interessanterweise sind in der EBSD Aufnahme der Route 4C die wenigen Bereiche mit
erhöhten Anteilen an GWKGs noch immer deutlich auszumachen, diese Strukturen scheinen
also nicht so stark wie die umgebenden Bereiche geschädigt zu werden. Inwieweit diese
Bereiche die Schädigungsentwicklung beeinflussen wird im Detail in Kapitel 4.7.6 dargestellt.
Die Ursache für die schwarzen, nicht indizierten Bereiche in der EBSD Aufnahme der Route
4C liegen in einer sehr stark entwickelten Oberflächentopographie in dem Bereich der
Messung begründet, wie dies sehr deutlich durch die REM Aufnahme in Abbildung 4.61
(links) gezeigt wird. Das EBSD Verfahren ist für eine erfolgreiche Indizierung einzelner
Punkte auf eine hohe Oberflächengüte angewiesen. Die Informationstiefe ist mit ~200 nm
sehr gering, eine erhebliche Aufrauung der Probenoberfläche sorgt u.a. für
Abschattungseffekte und macht eine Messung schließlich unmöglich.
Abbildung 4.61: Oberflächen von UFG IF Stahl der Routen 4C und 4E nach der Ermüdung
mit einer Dehnungsamplitude von 0,4% (REM) [Nie07b]
4C 4E
Ergebnisse und Diskussion 113
Im Vergleich zu der durch eine sehr hohe lokale Extrusionsdichte charakterisierten
Oberfläche der Probe der Route 4C (Abbildung 4.61 (links)) wirkt die Oberfläche der Probe
der Route 4E (Abb. 4.61 (rechts)) auch nach der Ermüdung noch poliert, signifikante
Extrusionsmale sind nicht zu erkennen. Zur näheren Charakterisierung der Oberflächen und
der unter der Ermüdungsbelastung gebildeten Extrusionen wurden die Oberflächen der
ermüdeten Proben mittels AFM vermessen. Das AFM ist in der Lage neben den qualitativen
Daten zur Extrusionsdichte auch quantitative Daten zur Extrusionsgröße und zur
Oberflächenbeschaffenheit im Allgemeinen zu liefern. Abbildung 4.62 zeigt die AFM
Aufnahmen aus den Bereichen der EBSD Messungen (bei identischer Skalierung der z-
Achse). Die bereits anhand der REM Aufnahmen (Abbildung 4.61) zu erkennenden
qualitativen Unterschiede werden hier nochmals deutlich hervorgehoben. Für den UFG IF
Stahl der Route 4E (Abb. 4.62 (rechts)) ergibt sich eine Topographie mit Rauhigkeiten im
nm-Maßstab, die Probenoberfläche unterscheidet sich also nicht wesentlich von der einer
polierten Fläche. Im Falle des Materials der Route 4C (Abb. 4.62 (links)) ergeben sich
dagegen Extrusionshöhen von mehr als 1 µm, dabei werden eindeutig Materialblöcke mit
einer Breite von ~20 µm aus der Probenoberfläche herausgedrückt. Somit ist die
Größenordnung der heraus gescherten Bereiche weit jenseits der Korngröße in dem
untersuchten UFG IF Stahl der Route 4C. Es kann somit gefolgert werden, dass in der
Mikrostruktur der Route 4C zyklisch besonders instabile Bereiche/Grenzstrukturen existieren,
welche das in den Abbildungen 4.60 – 4.62 gezeigte Schädigungsbild herbeiführen. Welche
Rolle dabei die gelängten Strukturen oder aber auch die KWKGs und GWKGs spielen, wird
nochmals detailliert in Kapitel 4.7.6 dargestellt.
Abbildung 4.62: Oberfläche von UFG IF Stahl der Routen 4C (links) und 4E (rechts) nach der
Ermüdung mit einer Dehnungsamplitude von 0,4% (AFM Topographie) [Nie07b]
4E 4C
114 Ergebnisse und Diskussion
Eine weitergehende Analyse der mikrostrukturellen Entwicklung in dem UFG IF Stahl der
Routen 4C und 4E ist anhand der Auswertung der Entwicklung der
Misorientierungsverteilung der Korngrenzen vorgenommen worden. Dazu wurden die EBSD
Daten der in den Abbildungen 4.59 und 4.60 dargestellten inversen Polfiguren entsprechend
ausgewertet und zusätzlich mit den Daten einer EBSD Messungen im Probeninneren (nach
einem entsprechenden Schleifen der Proben) verglichen, um in letzterem Fall
Oberflächeneinflüsse auf die Ergebnisse auszuschließen.
Abbildung 4.63: Korngrenzencharakteristik von UFG IF Stahl der Routen 4C (linke Spalte)
und 4E (rechte Spalte) in verschiedenen Zuständen, a) vor der Ermüdung, b) nach der
Ermüdung (Dehnungsamplitude 0,4%) auf der Probenoberfläche, c) nach der Ermüdung
(Dehnungsamplitude 0,4%) im Probeninneren [Nie07b]
Abbildung 4.63 (rechte Spalte) zeigt eindeutig, dass es im Falle des Materials der Route 4E zu
keiner signifikanten Änderung in der Misorientierungsverteilung kommt, der UFG IF Stahl
4C 4E
Ergebnisse und Diskussion 115
der Route 4E ist somit mikrostrukturell unter der gewählten zyklischen Belastung stabil. Im
Falle des Materials der Route 4C Abbildung 4.63 (linke Spalte) kommt es dagegen zu
erheblichen ermüdungsbedingten Veränderungen. Abbildung 4.63a zeigt die
Misorientierungsverteilung direkt nach dem ECAP, offensichtlich dominieren Korngrenzen
mit sehr kleinen Orientierungsunterschieden die Mikrostruktur. Nach der Ermüdung erhöht
sich sogar scheinbar der Anteil dieser KWKGs nochmals (Abbildung 4.63b), was aber in
diesem Falle zurückzuführen ist auf die schlechte Indizierung durch das EBSD System
aufgrund der erheblichen Oberflächenzerrüttung in dem untersuchten Bereich (vgl. Abb.
4.61). Die EBSD Messung im Probeninneren, welche aufgrund der Probenpräparation nicht
durch eine Schädigung der Oberfläche beeinflusst wird zeigt dagegen deutlich auf, dass der
Anteil an KWKGs erheblich abnimmt (Abbildung 4.63c). Die großen Unterschiede sind dabei
nicht durch lokale Schwankungen der jeweiligen Anteile im Probenvolumen zu begründen
(die Probe wurde aus dem homogen umgeformten Bereich entnommen), es muss sich folglich
um eine ermüdungsinduzierte Änderung handeln. Somit wird deutlich, dass die zyklische
Instabilität des UFG IF Stahls der Route 4C (und somit auch der weiteren instabilen Routen,
vgl. Abbildung 4.21) auf die Instabilität von KWKGs zurückzuführen ist, welche sich durch
eine ermüdungsbedingte Umordnung bzw. auch einen Abbau dieser Art von Korngrenzen
ergibt. Abbildung 4.64 stellt nochmals die wichtigen mikrostrukturellen Unterschiede stabiler
und instabiler UFG IF Stahl Varianten dar. Der UFG IF Stahl der Route 8E weist durch einen
hohen Anteil an GWKGs und globulare Körner eine zyklisch stabile Mikrostruktur auf. Der
UFG IF Stahl der Route 4C dagegen ist zyklisch nicht stabil. Wie die TEM Aufnahme nach
der Ermüdung zeigt, kann es sogar zu lokaler Kornvergröberung durch den Abbau von
KWKGs kommen. Somit lässt sich als ein weiteres Stabilitätslimit (in Ergänzung zu Kapitel
4.7.3 und 4.7.4) für den UFG IF Stahl formulieren: Ist die gewählte ECAP Prozessroute nicht
geeignet einen hohen Anteil an GWKGs in der Mikrostruktur zu etablieren, werden also
Routen mit einer Passzahl < 4 oder ineffiziente Routen wie die Routen A und C verwendet,
wird sich keine zyklisch stabile Materialantwort einstellen.
116 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.64: Schematische Darstellung zur mikrostrukturellen Stabilität von krz UFG
Werkstoffen, die TEM-Hellfeldaufnahmen sowie die EBSD IPF Darstellungen zeigen die
wesentlichen mikrostrukturellen Unterschiede [Nie07]
Ergebnisse und Diskussion 117
4.7.6 Schädigungsentwicklung
Wie bereits im vorangegangenen Kapitel 4.7.5 gezeigt werden konnte, hat die ECAP
Prozessführung durch sich routenabhängig einstellende Mikrostrukturen einen erheblichen
Einfluss auf die Schädigungsinitiierung. Der Einfluss der ECAP induzierten Strukturen hat
jedoch nicht nur einen Einfluss auf die Rissinitiierungsphase, auch das
Rissausbreitungsverhalten ist erheblich beeinflusst durch den ECAP Prozess. Abbildung 4.65
zeigt die Schädigungsausbreitung auf den Probenflanken von UFG IF Stahl Proben der Route
8E, welche in Dehnungsregelung mit einer Amplitude von 0,28% ermüdet wurden. Alle
Proben entstammen der gleichen Prozessroute, jedoch wurden sie in verschiedenen
Richtungen bezüglich der ECAP Extrusionsrichtung entnommen (vgl. Kapitel 4.7.2). Die in
Abbildung 4.65 (b) und (c) gezeigten Proben (Probenlängsachse unter 45° und 90° bezüglich
der Extrusionsrichtung) weisen das erwartete Schädigungsverhalten auf, der Riss wächst
senkrecht zur Belastungsrichtung. Dagegen ist das Rissausbreitungsverhalten in der Probe,
deren Längsachse parallel zur Extrusionsrichtung angeordnet ist, ungewöhnlich. Eine
Entwicklung unter ~45° ist für eine Ermüdungsbelastung nicht erwartet, kann aber im Falle
der ermüdeten Probe direkt mit der Scherebene im letzten ECAP Prozessschritt korreliert
werden. Es ist somit davon auszugehen, dass die ECAP induzierten Strukturen einen
erheblichen Einfluss auf das Schädigungsentwicklungsverhalten in den zyklisch belasteten
Proben ausüben. Da eine Untersuchung der mikrostrukturellen Details (d.h. eine
Untersuchung der Bruchflächen und anschließende weitere Charakterisierung) nach dem
Probenversagen im Falle der UFG Werkstoffe aufgrund der extrem kleinen
schädigungsauslösenden Strukturen nicht zielführend war, wurde eine neue in-situ Technik
zur Untersuchung der Rissinitiierung eingesetzt (vgl. Kapitel 3.2). Die DIC Technik erlaubt
die Berechnung und Visualisierung lokaler Dehnungsfelder. Benötigt werden lediglich
Aufnahmen einer mit einem Markierungsmuster versehenen Probenoberfläche in
verschiedenen Ermüdungsstadien.
118 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.65: Schädigung in verschiedenen UFG IF Stahl Proben nach der Ermüdung
(Dehnungsamplitude 0,28%) bei Variation der Probenentnahmerichtung, a) 0° Probe, b) 45°
Probe, c) 90° Probe (vgl. Kapitel 4.7.2) [Nie08c]
Da im Falle der Untersuchungen mittels DIC kein Extensometer an den Proben anzubringen
war, da dieses mit seinen Befestigungsfedern die Probenoberfläche verdeckt und somit die für
die Bildkorrelation notwendigen Aufnahmen verhindert hätte, wurden alle DIC Versuche in
Spannungsregelung (mit einer Mittelspannung von 0 MPa) durchgeführt (zur Messung der
globalen Dehnungswerte wurde ein in der Messlänge applizierter DMS verwendet). Aufgrund
der Spannungsregelung ist bei der Bewertung der mittels DIC ermittelten Dehnungswerte
stets zu berücksichtigen, dass sich im Versuchsverlauf eine negative Mitteldehnung aufbaut,
wie dies in Abbildung 4.66 gezeigt ist und auch bereits in Kapitel 4.7.3 diskutiert wurde. Wie
Abbildung 4.66 zudem zeigt, ist der Aufbau der Mitteldehnung im Falle der Probe der Route
4A wesentlich stärker ausgeprägt als im Material der Route 8BC, was auf die geringere
zyklische Stabilität des UFG IF Stahls der Route 4A zurückzuführen ist (vgl. Kapitel 4.7.5).
In Abbildung 4.66 ist zudem für einen Zyklus veranschaulicht, auf welchen
Belastungsniveaus mikroskopische Aufnahmen der Probenoberfläche aufgezeichnet wurden.
Bei maximaler und minimaler Spannung sowie auf den Null-Niveaus nach den jeweiligen
Ergebnisse und Diskussion 119
Extremwerten wurden die Aufnahmen angefertigt, wobei dieser Zyklus jeweils nach 500
Zyklen eingestreut wurde.
Abbildung 4.66: Schematische Darstellung zur Versuchsführung in den DIC gestützen
Untersuchungen. Die linke Spalte zeigt die Entwicklung der Mitteldehnung in den
spannungsgeregelten Versuchen (vgl. Kapitel 4.7.3), die rechte Spalte zeigt die
unterschiedlichen Spannung-Dehnung Zustände zu den Zeitpunkten der Aufnahmen [Nie09b]
120 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.67: Rissausbreitung auf der Probenflanke eines UFG IF Stahls der Route 8BC
ermüdet in Spannungsregelung mit einer Amplitude von 450 MPa. Die Visualisierung lokaler
Dehnungen erfolgte mittels DIC. Die mikroskopischen Aufnahmen zeigen die
Probenoberfläche in dem gestörten sowie ungeschädigten Bereichen der Probe [Nie09b]
Wie Abbildung 4.67 zeigt, ist die fortschreitende Schädigung auf der Probenflanke einer UFG
IF Stahl Probe der Route 8BC gut erfassbar. Die ungewöhnliche Schädigungsentwicklung
unter ~45° zur Belastungsachse und somit parallel zur letzten ECAP Scherebene (vgl. Abb.
4.65) wird gezielt detektiert, die mit dem Risswachstum einhergehenden großen lokalen
Dehnungswerte werden sicher erfasst. Die DIC Auswertung zeigt deutlich, dass es im Falle
des optimierten Materials der Route 8BC nur an einer Stelle zur Rissinitiierung kommt. Der
auf der rechten Probenoberfläche entstandene Riss wächst nach seiner Initiierung sehr schnell
unter einem Winkel von ~45°, weitere Risse sind nicht detektierbar. Die mikroskopischen
Aufnahmen zeigen einerseits den auf der untersuchten Fläche gewachsenen Riss, andererseits
eine durch die Ermüdung nicht beeinflusste schädigungsfreie Zone. Es stellt sich somit
eindeutig dar, dass es im Falle der optimierten UFG IF Stahlvarianten zu einer stark
lokalisierten Schädigung kommt, ausgehend von einem Ort der Rissinitiierung, welcher durch
einen bestimmten mikrostrukturellen Charakter geprägt ist, wie die folgenden Abbildungen
zeigen werden.
Ergebnisse und Diskussion 121
Abbildung 4.68: Entwicklung der lokalen Dehnung in verschiedenen UFG IF Stahl Proben
unter verschiedenen Belastungsniveaus (zur Erläuterung siehe Haupttext) nach jeweils 500,
2500 und 4500 Zyklen [Nie09b]
In Abbildung 4.68 ist die Entwicklung lokaler Dehnungsfelder für UFG IF Stahl der Routen
4A, 4BC und 8BC dargestellt. Alle Versuche wurden spannungsgeregelt durchgeführt, die
jeweilige Spannungsamplitude wurde so gewählt, dass sich für alle Proben eine ähnliche
Dehnung pro Zyklus einstellt (die Spannungen wurden entsprechend der sich einstellenden
Sättigungsspannungen in den dehnungsgeregelten Versuchen gewählt, vgl. Kapitel 4.7). Im
Falle aller untersuchten UFG IF Stahl Varianten stellt sich eine inhomogene
Dehnungsverteilung ein. Die Darstellungen in Abbildung 4.68 stellen immer die
Dehnungsverteilung unter maximaler Spannung dar. Zu beachten ist, dass gleiche Farben in
diesem Falle nicht gleiche Dehnungswerte kodieren, die dynamische Skalierung wurde
gewählt, um die Inhomogenitäten in der Dehnungsverteilung klar herausstellen zu können. Im
Vergleich der untersuchten UFG IF Stahl Varianten gibt es sowohl Gemeinsamkeiten als auch
signifikante Unterschiede. Bei allen Proben ändert sich der generelle Eindruck der
122 Ergebnisse und Diskussion
Dehnungsverteilung im Laufe der 4500 Zyklen nicht, Bereiche die nach 4500 Zyklen eine
auffällige Dehnungsakkumulation zeigen, zeigen diese bereits nach einer geringen Zyklenzahl
von 500 Zyklen. Dagegen ist bei allen Proben die Verteilung der Dehnungen signifikant
unterschiedlich. Nach 4500 Zyklen zeigt sich im Falle der Probe der Route 8BC eine
Konzentration der Dehnung in einem einzigen Bereich, bei der Probe der Route 4A in zwei
Bereichen und im Falle der Probe der Route 4BC kommt es zu einer diffusen Verteilung
verschiedener Bereiche hoher Dehnungen. In wie weit diese Bereiche mit einer
Rissinitiierung zu verknüpfen sind und welchen mikrostrukturellen Größen eine
entscheidende Rolle zukommt zeigen die Abbildungen 4.69 bis 4.71.
Abbildung 4.69: Untersuchung des Rissinitiierungsortes im Falle des UFG IF Stahls der
Route 8BC, die DIC Aufnahme nach 4500 Zyklen liefert Hinweise auf den Riss der nach 5000
Zyklen deutlich zu sehen ist (mikroskopische Aufnahme), die AFM Aufnahmen zeigen die
Mikrostruktur nahe des Rissinitiierungsortes sowie an der Rissspitze [Nie09b]
Wie Abbildung 4.69 eindeutig zeigt, ist nach 5000 Zyklen in dem Bereich, welcher zuvor in
den DIC Aufnahmen durch eine erhöhte lokale Dehnung aufgefallen war, ein Riss initiiert.
Bis zu einer Zyklenzahl von 4500 Zyklen war dieser Riss in den mikroskopischen Aufnahmen
Ergebnisse und Diskussion 123
(unter maximaler Zugbelastung) nicht zu entdecken. Wie zudem bereits in verschiedenen
Quellen aufgezeigt wurde [Hüb07, Vin07] sind UFG Werkstoffe im Allgemeinen sehr
anfällig gegenüber Risswachstum, so dass davon auszugehen ist, dass der Kurzriss in
Abbildung 4.69 erst wenige hundert Zyklen zuvor entstanden ist. Die DIC Technik hat jedoch
bereits nach 500 Zyklen den schädigungsrelevanten Bereich eindeutig herausgehoben, ein
Fakt, der das Potential dieser Technik zur sehr frühen Schädigungsdetektion aufzeigt.
Vorteilhaft in Bezug auf die Klärung der mikrostrukturellen Versagensursachen ist in diesem
Zusammenhang die Möglichkeit hochauflösende Untersuchungsmethoden an noch nicht
massiv geschädigten Probenbereichen anwenden zu können, was erhebliche Vorteile im
Vergleich zur post-mortem Studie bietet. AFM Untersuchungen konnten im Bereich des
Initiierungsortes des Kurzrisses sowie im Bereich der Rissspitze eindeutig aufzeigen, dass
gelängte Strukturen in diesen Bereichen stark gehäuft vorkommen. In wie weit diese Körner
noch Subkorngrenzen mit sehr kleinen Misorientierungen aufweisen ist zerstörungsfrei nicht
zu klären. Unabhängig von der möglichen Präsens dieser Subkorngrenzen ist entsprechend
der Erkenntnisse in Kapitel 4.7.5 jedoch davon auszugehen, dass diese gelängten Strukturen
mechanisch als ein Korn agieren und somit das lokale Schädigungsverhalten deutlich
beeinflussen wie in Kapitel 5.1 gezeigt werden wird.
Die mikrostrukturellen Untersuchungen an dem UFG IF Stahl der Probe 4A (Abbildung 4.70)
erbrachten ähnliche Ergebnisse wie für das Material der Route 8BC. Im Unterschied zu den in
Abbildung 4.69 gezeigten Ergebnissen wurden jedoch in diesem Falle EBSD Untersuchungen
anstelle der AFM Untersuchungen unternommen, da letzteres Verfahren nicht in der Lage ist,
die langreichweitigen Inhomogenitäten des IF Stahls der Route 4A in geeigneter Weise zu
erfassen. Die EBSD Messungen wurden bereits nach 3000 Zyklen in verschiedenen Bereichen
der Probe durchgeführt, also weit bevor es zur Rissinitiierung nach 5300 Zyklen kam. Die
Mikrostruktur in verschiedenen Bereichen unterscheidet sich erheblich, wie in den gezeigten
EBSD Aufnahmen (Inverse Polfiguren mit farblicher Kodierung der Kornorientierung; die
Verwendung einer großen Schrittweite in den Messungen verhindert die Auflösung feinster
Details) ersichtlich wird. In dem Bereich erhöhter plastischer Dehnungswerte in den DIC
Aufnahmen ist die Mikrostruktur durch gelängte Strukturen (welche ein Konglomerat von
vielen nur durch KWKGs getrennten Körnern darstellen) dominiert, in den anderen
Probenbereichen sind diese Anhäufungen ähnlich orientierter Körner eher von globularer
Form. In wie weit diese gelängten Strukturen das Spannung-Dehnung Verhalten und somit die
Schädigungsentwicklung beeinflussen wird in Kapitel 5.1 dargestellt.
124 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.70: Untersuchung des Rissinitiierungsortes im Falle des UFG IF Stahls der
Route 4A, die DIC Aufnahme nach 3000 Zyklen liefert Hinweise auf mehrere
Rissinitiierungsorte. Die Risse sind nach 5300 Zyklen in der mikroskopischen Aufnahme erst
schwer auszumachen. Die EBSD Aufnahmen (IPF) zeigen die Mikrostruktur an den
Rissinitiierungsorten sowie in einem nicht geschädigten Referenzbereich [Nie09b]
Auch die Ergebnisse der Untersuchungen an der Probe der Route 4BC deuten auf einen
identischen Schädigungsverlauf hin (Abbildung 4.71). Es kommt in dieser Probe zur
Entwicklung von mehreren Bereichen erhöhter Dehnung, die Untersuchung in diesen
Bereichen zeigen jedoch jeweils wieder das Vorhandensein großer gelängter Strukturen, wie
diese auch bereits im Material der Route 4A zu finden waren (vgl. Abb. 4.70). Abseits der
Bereiche mit hohen Dehnungen wirkt die Mikrostruktur homogen, entspricht also der der
optimierten ECAP Routen. Die nach 5000 Zyklen durchgeführten EBSD Untersuchungen
konnten das Vorhandensein von diversen Mikrorissen aufzeigen, welche in der REM
Aufnahme in Abbildung 4.71 gezeigt sind. Diese Risse waren zu diesem Zeitpunkt nicht in
den lichtmikroskopischen Aufnahmen zu finden. EBSD Messungen in diesen Bereichen
konnten eindeutig aufzeigen, dass es zur Rissinitiierung entlang der großen nur durch
Ergebnisse und Diskussion 125
KWKGs dominierten Bereiche kommt, diese also schädigungsrelevant sind. Welcher
Mechanismus die Schädigungsentstehung entlang dieser Strukturen begünstigt, wird in
Kapitel 5.1 dargestellt.
Abbildung 4.71: Untersuchung des Rissinitiierungsortes im Falle des UFG IF Stahls der
Route 4BC, die DIC Aufnahme nach 4500 Zyklen liefert Hinweise auf mehrere
Rissinitiierungsorte, die nach 5000 Zyklen im REM gut zu sehen sind. Die EBSD Aufnahmen
(IPF) zeigen die Mikrostruktur an einem der Rissinitiierungsorte sowie in einem nicht
geschädigten Referenzbereich [Nie09b]
4.8 Ermüdungseigenschaften im HCF Bereich - Kerbeinfluss
Zur Ermittlung der Ermüdungseigenschaften im HCF Bereich wurden Versuche in
Spannungsregelung an Proben vorgenommen, die sich durch verschiedene Kerbgeometrien
auszeichneten. Ziel war es einerseits den Einfluss der Kerben auf das Ermüdungsverhalten im
HCF Bereich zu untersuchen, da dieser dort stark ausgeprägt ist, und andererseits die
Dauerfestigkeit des UFG IF Stahls an einer ungekerbten Probengeometrie zu bestimmen.
Dazu wurde die ursprüngliche Geometrie der Miniaturprobe um drei weitere Varianten
126 Ergebnisse und Diskussion
erweitert. Abbildung 4.72 zeigt die verschiedenen Geometrien sowie ihre Abmaße im
Vergleich.
Abbildung 4.72: Darstellung der zur Untersuchung der Kerbempfindlichkeit verwendeten
Probengeometrien
Die im LCF Bereich verwendete Miniaturprobe mit einem Radius R2 wurde somit um Proben
erweitert, welche einerseits einen schärferen Kerbradius R1 aufwiesen, andererseits jedoch
auch erhebliche günstigere Radien R4 und R20 (vgl. Abbildung 4.72). Inwieweit sich diese
verschiedenen Kerbradien auf die Spannungsverteilung in der jeweiligen Probe auswirken,
wurde mittels der Finite Elemente Methode (FEM) berechnet. Die Geometrie der Probe wurde
in I-DEAS implementiert und vernetzt, die Definition der Randbedingungen sowie die
Berechnung der Spannungsverteilung erfolgte durch die kommerzielle ABAQUS Software
(beide Arbeitsschritte wurden in der Fachgruppe Angewandte Mechanik der Universität
Paderborn durchgeführt [Nie09f]). Da die Spannungsverteilung an den Kerben in der
einfachen Flachprobengeometrie mittels einer zweidimensionalen Berechnung bereits
berechenbar war, wurde dabei auf die Verwendung von Volumenmodellen verzichtet, um den
Rechenaufwand zu minimieren. Die Vernetzung erfolgte mit Hilfe von Dreieckselementen,
die auf einem linearen Verschiebungsansatz beruhten, das Werkstoffverhalten wurde als rein
elastisch angenommen. Um einen Einfluss der Einspannungsrandbedingungen auf die
Spannungsverteilung im Bereich der Kerben zu verhindern, wurden Proben mit einer extrem
Ergebnisse und Diskussion 127
großen Gesamtprobenlänge modelliert, so dass sich oberhalb und unterhalb der betrachteten
Kerben eine homogene Spannungsverteilung über den Querschnitt einstellte. Die simulierten
Ergebnisse zur Spannungsverteilung an den verschiedenen Kerben zeigen die Abbildungen
4.73 und 4.74.
Abbildung 4.73: FEM-Berechnungen zur Spannungsverteilung in den Proben verschiedener
Geometrien, angegeben ist jeweils die Spannungskomponente in Probenlängsrichtung
[Nie09f]
Abbildung 4.73 zeigt die Spannungsverteilung in der Messlänge der unterschiedlich gekerbten
Proben. Die Farbskalierung ist im Falle der gezeigten Aufnahmen dynamisch skaliert, einen
quantitativen Vergleich der Spannungswerte zeigt Abbildung 4.74. Es wird offensichtlich,
dass die Spannungsverteilung in den verschiedenen Kerben qualitativ und quantitativ
wesentliche Unterschiede aufweist. Im Falle der Proben mit den Radien R1 und R4 ist die
Spannung direkt im Kerbgrund erwartungsgemäß stark erhöht, ein deutlicher
Spannungsgradient über den Querschnitt ist vor allem bei der R1 Probe deutlich zu erkennen.
Auch in der in den LCF Versuchen verwendeten Miniaturprobe ist eine deutliche
Spannungsüberhöhung im Übergang des Radius in die Messlänge zu erkennen. Die Spannung
128 Ergebnisse und Diskussion
in der Messlänge ist nahezu konstant, die Probe somit gut für die Untersuchungen im LCF
Bereich zu verwenden. Die Spannungsüberhöhung im Auslauf des Radius, d.h. die dortige
Kerbwirkung, reduziert die Lebensdauer zwar, die Kerbwirkung ist im Falle einer LCF
Belastung jedoch nicht so deutlich ausgeprägt wie im Falle einer HCF Belastung, da bereits
ohne das Vorhandensein einer Kerbe eine schnelle Schädigungsinitiierung aufgrund der
hohen Belastung stattfindet.
Im Hinblick auf die Untersuchungen der HCF Ermüdungseigenschaften ist jedoch die
Verwendung der Proben mit einem großen Kerbradius, d.h. der R20 Proben, vorzuziehen.
Wie die Ergebnisse zur Spannungsverteilung im Kerbgrund in Abbildung 4.73 eindeutig
zeigen, ist die Probe nahezu frei von Spannungsgradienten, so dass sie als ungekerbte Probe
behandelt werden kann. Die quantitativen Werte zur Spannungsüberhöhung an den Kerben
sind in Abbildung 4.74 dargestellt. Alle FEM Rechnungen wurden mit einem
Nennspannungsniveau von 500 MPa durchgeführt. Es zeigt sich deutlich, dass im
Kerbquerschnitt der R20 Probe auch quantitativ nahezu keine Spannungsüberhöhung eintritt.
Die maximale Randspannung beträgt hier 520 MPa, die Probengeometrie kann somit als
kerbfreie Geometrie betrachtet werden. Alle anderen Probengeometrien zeigen dagegen eine
deutliche Spannungsumverteilung im Kerbquerschnitt. Dabei ist zu beachten, dass die
Miniaturprobe (R2) sowie die R4 Probe mit maximalen Randspannungen von 600-650 MPa
sehr ähnliche Werte aufweisen. Die R1 Probe mit einer maximalen Randspannung von über
900 MPa übersteigt diese Werte nochmals erheblich, und ist somit die einzige
Probengeometrie, die einen stark dominierenden Einfluss der geometrischen Kerbe erwarten
lässt.
Ergebnisse und Diskussion 129
Abbildung 4.74: Spannungsverlauf über den Kerbquerschnitt für die verschieden gekerbten
Proben berechnet mittels FEM [Nie09f]
Zur Beschreibung der Kerbwirkung einer bestimmten Geometrie ist es üblich, einen
Kerbfaktor zu verwenden. Der Kerbfaktor α ist definiert als:
nenn
max
σ
σ
α= (4.1)
In Gleichung 4.1 ist σmax die maximal auftretende Spannung im Kerbgrund und σnenn das
Nennspannungsniveau im ungekerbten Probenquerschnitt. Tabelle 4.2 listet die Kerbfaktoren
für die verschiedenen Probengeometrien auf.
Tabelle 4.2: Kerbfaktoren α für die untersuchten Probengeometrien
Probengeometrie R20 R4
LCF
Miniaturprobe
(R2)
R1
α 1,04 1,23 1,33 1,85
Wie bereits im Falle der qualitativen Betrachtung der FEM Ergebnisse herausgestellt,
unterscheidet sich die R1 Probe erheblich bezüglich der Schärfe ihrer Kerbe von den weiteren
Proben, so dass sie einen dominierenden Einfluss ihrer Kerbe auf das Versagensverhalten
erwarten lässt.
130 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.75: Wöhlerkurven für CG und UFG IF Stahl der Route 8BC für Proben
verschiedener Kerbgeometrie (vgl. Abbildung 4.72), jeweils mit einer Ausgleichsgeraden für
die als ungekerbt und gekerbt definierten Proben
Die in Abbildung 4.75 dargestellten Wöhlerkurven zeigen, dass sich die unterschiedlich
gekerbten Proben hinsichtlich ihrer Lebensdauern im HCF Bereich erheblich unterscheiden.
Untersucht wurden sowohl Proben aus UFG IF Stahl der Route 8BC, also einer optimierten
Route, als auch Proben aus einer wärmebehandelten (2 h bei 600 °C, vgl. Kapitel 4.2)
grobkörnigen IF Stahl Variante. Alle Proben wurden hinsichtlich der Extrusionsrichtung im
ECAP Prozess in einer 0° Orientierung entnommen (Probenlängsachse parallel zur
Extrusionsachse, vgl. Kapitel 4.7.2). Im Falle der wärmebehandelten Proben scheint der
Einfluss der verschiedenen Kerbgeometrien nicht sehr stark ausgeprägt zu sein, daher wurde
auf die Untersuchung von Proben mit einem mittleren Kerbfaktor in diesem Falle verzichtet.
Im Vergleich zur optimierten UFG Variante liegen die Ergebnisse unabhängig von der
gewählten Spannungsamplitude bei geringeren Lebensdauern. Dies ist mit der wesentlich
geringeren Festigkeit des CG IF Stahls zu erklären. Die höhere Festigkeit des UFG Zustandes
erlaubt diesem im HCF Bereich die Belastungen zu einem hohen Grad elastisch aufzunehmen,
was den Schädigungseintrag einer gegebenen Belastung erheblich senkt. Bei der
Charakterisierung der Wöhlerkurven für die verschiedenen Geometrien des UFG IF Stahls
ergibt sich eine Aufteilung in zwei Gruppen, welche sich wesentlich hinsichtlich der
Ergebnisse und Diskussion 131
erreichten Lebensdauern auf verschiedenen Spannungsniveaus unterscheiden. Die
Lebensdauer der R1 sowie der R2 Proben fällt gegenüber der Lebensdauer der R4 und R20
Probengeometrien wesentlich ab. Erstere Proben scheinen also erheblich von der
Kerbwirkung beeinflusst zu werden. Die eher geringen Lebensdauerwerte der R2 Proben
waren anhand der FEM Ergebnisse nicht erwartet worden, da der Kerbfaktor der R2 Proben
doch eher dem der R4 Proben entsprach. Fraktographische Untersuchungen der verschiedenen
Probengeometrien im REM konnten jedoch wieder eindeutig zeigen, dass einzig das Versagen
der R1 Probe durch den geometrischen Kerb dominiert wird. Abbildung 4.76 zeigt REM
Aufnahmen der vier untersuchten Geometrien. Das Brucherscheinungsbild der R1 Probe zeigt
deutlich, dass es in beiden Kerben zu einer Rissinitiierung kam, so dass zwei dominierende
Risse (einer von jeder Kerbe aus) in die Probe hineingewachsen sind und es anschließend in
der Mitte der Probe zum Gewaltbruch kam. Alle weiteren dargestellten Probenformen zeigen
dagegen ein anderes Bruchbild. In der R20, der R4 und der R2 Probe kam es nur auf einer
Seite zu einer Rissinitiierung, welche einen dominanten ausbreitungsfähigen Riss
hervorbrachte. Der Gewaltbruch in allen Proben erfolgte auf der dem Rissinitiierungsort
gegenüberliegenden Seite, so dass gefolgert werden kann, dass im Laufe der gesamten
Lebensdauer an dortiger Stelle kein Riss initiiert ist. Somit ist der Rissinitiierungsort nicht
allein von dem geometrischen Kerb ausgegangen, eine mikrostrukturelle Kerbe muss an der
entsprechenden Stelle zusätzlich vorgelegen haben. Somit untermauern die REM Aufnahmen
in Abbildung 4.76 die FEM Ergebnisse hinsichtlich des Einflusses der verschiedenen Kerben.
Die mikrostrukturellen Kerben sorgen für eine erhebliche Streuung der Lebensdauern im HCF
Bereich.
Die Ergebnisse bezüglich der Lebensdauern der verschieden gekerbten Proben erlauben es,
eine Kerbwirkungszahl β zu berechnen. Diese ist wie folgt definiert:
btkergeD
btkerungeD
)R(
)R(
=
β
(4.2)
Unter der Annahme, dass es sich bei der R20 Probe um eine ungekerbte Probe handelt (α =
1,04), lassen sich somit die in Tabelle 4.3 aufgeführten Kerbwirkungszahlen berechnen.
132 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.76: Brucherscheinungsbild (REM) für die verschiedenen Kerbgeometrien im
Falle des UFG IF Stahl der Route 8BC nach spannungsgeregelten Versuchen im HCF Bereich
Tabelle 4.3: Kerbwirkungszahlen β für die verschiedenen Probengeometrien
Probengeometrie UFG R4 UFG R1 CG R1
β 1,15 1,83 1,38
Zu Bewertung der Kerbwirkungszahlen wurde das Konzept der Stützwirkungszahl nach
Siebel angewandt (Abbildung 4.77) [Rad07, Sie49]. Im Rahmen dieses Konzepts wird ein
Zusammenhang zwischen dem Kerbfaktor α und der Kerbwirkungszahl β hergestellt. Die
verknüpfende Größe zwischen den beiden Werten ist die Stützziffer nX (nach Siebel [Rad07,
Sie49]), welche ein Maß für das Vermögen eines Werkstoffes darstellt, eine Spannungsspitze
an einer Kerbe durch Plastifizierung abzubauen. Ein wichtiger Parameter zur Ermittlung von
nX anhand von Tabellenwerten ist das sog. bezogene Spannungsgefälle X, welches eine
Funktion der Belastung sowie der Kerbgeometrie ist. In dem in Abbildung 4.77 gezeigten
Diagramm zeigt sich, dass die Stützwirkung besonders hoch ist für sehr duktile Werkstoffe,
wie z.B. die austenitischen Stähle. Sie nimmt dagegen Werte nahe eins für hochfeste
Federstähle an. Welche Werte sich für die hochfesten und gleichzeitig duktilen UFG
Ergebnisse und Diskussion 133
Werkstoffe durch das Konzept ergeben war unbekannt. Die für die untersuchten
Kerbgeometrien des UFG und CG IF Stahls errechneten Werte nX sind in Tabelle 4.4
angegeben.
Abbildung 4.77: Stützwirkungszahl-Konzept nach SIEBEL [Rad07]
Tabelle 4.4: Stützwirkungszahl nX für die verschiedenen Probengeometrien und IF Stahl
Zustände
Probengeometrie UFG R4 UFG R1 CG R1
nX 1,07 1,01 1,34
X 0,5 2 2
Die Einordnung der in Tabelle 4.4 errechneten Werte in das entsprechende Diagramm in
Abbildung 4.77 zeigt deutlich, dass sich der CG und der UFG IF Stahl hinsichtlich ihrer
Stützwirkungskennzahl deutlich unterscheiden. Der CG IF Stahl reiht sich erwartungsgemäß
in die Gruppe der weichen Stähle ein, der UFG IF Stahl verhält sich dagegen wie ein
hochfester Federstahl. Dabei sind die errechneten Stützwirkungszahlen nX mit einem Wert
nahe eins auch im Hinblick auf den Wertebereich der Gruppe der Federstähle besonders klein.
Bei der Ermüdung von gekerbten Proben kann der UFG IF Stahl somit nicht von seiner hohen
Duktilität profitieren, er verhält sich vielmehr sogar auch im Vergleich mit den Eigenschaften
hochfester Federstähle ungünstig. Dieser Aspekt ist im Hinblick auf eine spätere technische
134 Ergebnisse und Diskussion
Anwendung des UFG IF Stahls als sehr negativ zu bezeichnen und muss über entsprechende
Maßnahmen (z.B. einer Wärmebehandlung, vgl. Kapitel 4.7.1) kompensiert werden.
Abbildung 4.78: Versuchskonzept zur Ermittlung der Dauerfestigkeit an UFG IF Stahl der
Route 8BC durch Auswertung lokaler Dehnungen (in Probenlängsachse) mittels DIC (siehe
Text für Details)
Auch bei den Untersuchungen im HCF Bereich wurde das DIC Verfahren (vgl. Kapitel 4.7.6)
verwendet, um die gewonnen Erkenntnisse hinsichtlich der Schädigungsentwicklung zu
untermauern. In diesem Falle sollte gezeigt werden, dass der an der R20 Probe ermittelte Wert
von 330 MPa im Übergangsbereich zur Dauerfestigkeit (d.h. 1,2 × 106 Zyklen) der
eigentlichen Dauerfestigkeit im Sinne eines Stahls nahezu entspricht. Unter der
Voraussetzung, dass eine Probe solange dauerfest ist wie keine lokal erhöhten plastischen
Dehnungen auftreten, kann die DIC Technik in diesem Falle wertvolle Erkenntnisse liefern,
da sie Auskunft über lokale Dehnungen gibt. Basis für die in Abbildung 4.78 gezeigten DIC
Aufnahmen war ein treppenstufenförmiger Laststeigerungsversuch. Beginnend mit einer
kleinen Lastamplitude wurde diese jeweils nach einer für 20.000 Zyklen konstanten Last um
Ergebnisse und Diskussion 135
ein Inkrement von 10 MPa erhöht. Nach der oben angegebenen Zahl an Zyklen wurde jeweils
auf einem Lastniveau von 0 MPa (nach Erreichen der maximalen Amplitude) eine Aufnahme
mittels des Digitalmikroskops vorgenommen, um plastische Dehnungsfelder mittels DIC
sichtbar zu machen. Wie Abbildung 4.78 zeigt (die Skalierung der Dehnungen ist in dieser
Abbildung einheitlich), verändert sich das Dehnungsprofil in der untersuchten Probe auch
nach der Ermüdung bei 310 MPa nicht merklich, erst nach 320 MPa ist im oberen rechten
Bereich der Probe eine erhöhte lokale plastische Dehnung auszumachen, somit kann das
Niveau unterhalb dieser Spannungsamplitude als dauerfest bezeichnet werden. Ein
Dauerfestigkeitswert von 310 MPa scheint im Hinblick auf eine auf einem Niveau von 330
MPa erreichte Lebensdauer von 1,2 Mio. Zyklen durchaus sinnvoll. Versuche zur
mikrostrukturell verursachten Streuung im Bereich der Dauerfestigkeit müssen jedoch
zukünftig noch durchgeführt werden.
4.9 Rissfortschrittsverhalten
Für verschiedene UFG Werkstoffe konnte bereits gezeigt werden, dass sie hinsichtlich ihrer
bruchmechanischen Kennwerte ihren CG Varianten unter zyklischer Belastung erheblich
unterlegen sind [Hüb07, Vin07]. In wie weit der fortschreitende Riss direkt mit den
Mikrostrukturen der verschiedenen UFG Werkstoffe wechselwirkt ist bisher nur für den Fall
der instabilen Rissausbreitung an mittels HPT verformten Material gezeigt worden [Hoh10].
Es gibt bisher primär Aussagen zu der erhöhten Risswachstumsrate, welche begünstigt wird
durch den einfacheren, geraderen Rissfortschritt in den UFG Materialien und ein geringeres
Maß an Rissschließen. Die Ergebnisse wurden dabei zumeist anhand von Probengeometrien
gewonnen, welche nicht der bruchmechanischen Standardprobe, der sog. Kompaktzugprobe
(Compact Tension, CT), entsprechen. Zudem wurden UFG Werkstoffe untersucht, welche
nicht als zyklisch stabil zu bezeichnen sind (vgl. Kapitel 2.5). Da der UFG IF Stahl, welcher
im LCF Bereich zyklisch stabil ist (vgl. Kapitel 4.7), in diesem Bereich bereits einen
erheblichen Einfluss von gerichteten Strukturen gezeigt hat, kann unter bruchmechanischer
Belastung ein entsprechender Einfluss der ECAP Prozessroute sicherlich erwartet werden.
Wie Abbildung 4.79 eindeutig zeigt, ist dieser Einfluss im Falle von CT Proben, welche
senkrecht zur Extrusionsrichtung entnommen wurden (der Einfluss der ECAP Scherebene
wird erst in Abb. 4.81 untersucht) auch sicher zu detektieren. Dabei sind vor allem im Bereich
des sog. Threshold Wertes (∆Kth) deutliche Unterschiede zwischen den UFG IF Stählen
verschiedener Routen zu erkennen. Diese Unterschiede sind jedoch noch wesentlich
136 Ergebnisse und Diskussion
signifikanter, wenn in die Ergebnisse einbezogen wird, dass die Risse nicht in allen Proben
entsprechend der üblichen Risswachstumsrichtung in CT Proben, d.h. senkrecht zur
Belastungsrichtung unter einer Mode I Belastung [Ric09], gewachsen sind. Wie Abbildung
4.80 deutlich zeigt, weicht die Rissausbreitungsrichtung in den Proben der Routen 2A und 8E
nicht von dieser Mode I Wachstumsrichtung ab, im Material der Route 16E dagegen wächst
der Riss unter einem Winkel von ~10° und für die Probe der Route 8BC werden sogar
Abweichungen von ~30° festgestellt. Da das verwendete Elektropotentialverfahren im Falle
eines abgeknickten Risses nur die Projektion der Risslänge misst, ist die wahre
Risswachstumsrate in diesem Falle sogar noch geringfügig höher. Da im Bereich der Paris
Geraden alle UFG Varianten eine ähnliche Risswachstumscharakteristik aufweisen
(Abbildung 4.79, unter Vernachlässigung der verschiedenen Risspfade) können für alle
Zustände die gleichen Konstanten entsprechend der Paris Gleichung (Gl. 2.8) abgeleitet
werden: C = 5,4 × 10-11 m/Zyklus, m = 2,3.
Abbildung 4.79: Rissfortschrittskurven (R = 0,1) für CT Proben verschiedener IF Stahl
Varianten bei gleichbleibender Probenentnahmerichtung (die Werte wurden nicht um einen
Projektionsfaktor korrigiert, vgl. Text) [Nie09g]
Ergebnisse und Diskussion 137
Abbildung 4.80: Rissverlauf auf der TP Ebene im Falle der verschiedenen UFG IF Stahl
Routen [Nie09g]
Die Rissausbreitung ist für die UFG Werkstoffe nicht nur von der verwendeten ECAP Route
abhängig, sondern auch von der Entnahmerichtung. Im Falle der Untersuchung von CT
Proben der gleichen ECAP Route hat sich eindeutig gezeigt, dass dieser Parameter sowohl
einen Einfluss auf die gemessenen Rissfortschrittsraten (Abbildung 4.81) als auch auf die
Rissausbreitungsrichtung (Abbildungen 4.82 und 4.83) hat. Im Falle des Risswachstums auf
einer Fläche, welche mit einer der letzten Scherebenen (d.h. der letzten oder auch der
vorletzten Scherebene) in Einklang zu bringen ist, wächst der Riss entsprechend der
Ausrichtung dieser ECAP Scherebene (Abbildung 4.82 und 4.83), aber abweichend von dem
idealen Scherwinkel von 45°, da der Materialfluss in dem mittels ECAP umgeformten
Material unter einem Winkel von ~30° stattfindet [Zhu00, Bön09]). Diese Art von
Risswachstum ist auch stets mit einer leichten Erhöhung der Risswachstumsrate verbunden.
In den Abbildungen 4.79 und 4.81 ist dies jedoch nicht direkt ersichtlich, da der
Korrekturfaktor zur Berücksichtigung des Effekts der abknickenden Risse nicht verwendet
wurde, unter Berücksichtigung des Faktors wären die Kurven für den UFG IF Stahl der
Routen 2A und 8BC bei den FP und LP Proben leicht nach oben verschoben.
138 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.81: Rissfortschrittskurven (R = 0,1) für UFG CT Proben verschiedener
Entnahmerichtungen für die Routen 2A und 8BC (die Werte wurden nicht um einen
Projektionsfaktor korrigiert, vgl. Text) [Nie09g]
Ergebnisse und Diskussion 139
Abbildung 4.82: Rissverlauf bei verschiedenen Entnahmerichtungen für UFG IF Stahl der
Routen 2A und 8BC (bei letzterer spiegelt die gezeigte TP-Probe den Rissverlauf für die drei
verschiedenen Proben wieder, vgl. Abb 4.83) [Nie09g]
Abbildung 4.83: Hochaufgelöste Risspfade im REM für Material der Route 8BC, die
Belastungsrichtung der Proben ist angegeben [Nie09g]
140 Ergebnisse und Diskussion
Abbildung 4.84: Konfokalmikroskopie-Aufnahme der plastischen Zone in UFG IF Stahl der
Route 8BC im Bereich eines abknickenden Risses (vertikale Auflösung 1 µm) [Nie09g]
Bei der Betrachtung der Rissverläufe im REM (Abbildung 4.83) fällt für den Fall des UFG IF
Stahls der Route 8BC deutlich auf, dass die Risse auf den verschiedenen Flächen nicht
geradlinig in dem für die jeweilige Ebene typischen Winkel verlaufen, sondern dass sich eine
Vielzahl von Verzweigungen oder ein treppenstufenähnliches Relief ergibt. Es ist davon
auszugehen, dass mikrostrukturelle Gegebenheiten ein derartiges Muster verursachen. In wie
weit Bereiche verschiedener mikrostruktureller Charakteristik (d.h. KWKGs oder GWKGs
dominierte Bereiche, gelängte Strukturen, vgl. Kapitel 4.7.5 und 4.7.6) dieses verursachen ist
aus den bisher vorgestellten Ergebnissen für den LCF und den HCF Bereich jedoch nicht
direkt ableitbar. Daher wurden in Ergänzung zu den bruchmechanischen Versuchen
eingehende Mikrostrukturuntersuchungen vorgenommen. Die Ergebnisse sind in den
Abbildungen 4.84 bis 4.87 dargestellt. Die Oberflächentopographie eines ermüdeten UFG IF
Stahls der Route 8BC, dargestellt in Abbildung 4.84, wurde mittels konfokaler Mikroskopie
erstellt. In dem Bereich um den gewachsenen Riss ist die plastische Zone zu erkennen, in der
das Material in Probendickenrichtung plastisch geflossen ist. Entlang der Rissflanke zeigen
sich in weiten Bereichen keine auffälligen Merkmale, lediglich an der Stelle, an der der Riss
abknickt, zeigt sich ein aus der Probenoberfläche herausgepresster Bereich. Dies ist ein Indiz
für erhöhte lokale Plastizität [Nie07b].
Ergebnisse und Diskussion 141
Abbildung 4.85: EBSD Ergebnisse (IPF) für die drei verschiedenen Ebenen im UFG IF Stahl
der Route 2A
Abbildung 4.86: EBSD Aufnahmen (IPF) auf identischen Probenoberflächen (Flow Plane)
von UFG IF Stahl der Routen 2A und 8BC, die REM Aufnahme zeigt jeweils den Riss unter
einer Einbaulage von 70° (erforderlich für die EBSD Messung) [Nie09g]
142 Ergebnisse und Diskussion
Die Ergebnisse der EBSD Untersuchungen zeigen vor allem im Fall des UFG IF Stahl der
Route 2A deutlich den Grad der mikrostrukturellen Inhomogenität auf den verschiedenen
Flächen (Abbildung 4.85). Aufgrund der optimierten Mikrostruktur zeigen sich in den EBSD
Untersuchungen des UFG IF Stahls der Route 8BC keine derartigen mikrostrukturellen
Unterschiede, so dass auf eine vergleichbare Darstellung verzichtet wurde.
Eine direkte Bewertung des Einflusses der Mikrostruktur auf das Risswachstumsverhalten ist
jedoch nur bei EBSD Messungen im direkten Umfeld des Risses möglich, wie dies in
Abbildung 4.86 veranschaulicht ist. Die REM und EBSD Aufnahmen in Abbildung 4.86
zeigen die lokalen mikrostrukturellen Gegebenheiten im Falle des UFG IF Stahls der Routen
2A und 8BC. Die Mikrostruktur an sich erscheint jeweils gelängt und gibt entsprechend die
Hauptwachstumsrichtung des Risses vor. Trifft der Riss auf ungünstig orientierte Bereiche,
knickt er ab. Nachdem ein entsprechender Bereich passiert ist, schwenkt der Riss wieder in
seine ursprüngliche Wachstumsrichtung ein. Entlang dieser Hauptwachstumsrichtungen
scheint der Rissfortschritt besonders einfach zu sein, erkennbar in dem ständigen
Wiedereinschwenken in diese Richtung (Abbildungen 4.84 und 4.86) sowie in den recht
hohen Rissfortschrittsraten in den Proben mit ungewöhnlichen Risswachstumsrichtungen
(Abbildungen 4.79 und 4.81). Die Ursache für die hohe Anfälligkeit bestimmter Richtungen
für den Rissfortschritt konnte nicht endgültig aufgeklärt werden, ist aber auf zwei Aspekte
zurückzuführen. Wie bereits für die Phase der Rissinitiierung im LCF Bereich gezeigt werden
konnte, führen gelängte Strukturen zu einer Spannungsüberhöhung in der Struktur (vgl.
Kapitel 5.1), die den Riss entlang dieser Strukturen vorantreibt. Zudem kommt es vermutlich
zu einer Art Vorschädigung konzentriert auf die Fließebenen im ECAP Prozess (z.B.
Mikroporennetzwerke [Lap09]), welche sicherlich auch durch die in Abbildung 4.86
gezeigten gerichteten gelängten Strukturen repräsentiert wird. Wie Abbildung 4.87 zeigt, sind
auf den Bruchflächen von UFG IF Stahl Proben der Route 8BC eindeutig Anzeichen von
lokalen strukturellen Schwächen zu erkennen. Die Topographie im Bereich des noch kurzen
Risses ist sehr stark ausgeprägt, es sind deutliche Stufen zu erkennen, über die verschiedene
kleine Risse zu einem dominierenden Riss zusammengewachsen sind. In diesen Bereichen
finden sich deutliche Zeichen von parallel zur Oberfläche verlaufenden weiteren Rissen, die
Mikrostruktur scheint also parallel zur Bruchfläche schädigungsanfällig zu sein.
Entsprechende Anzeichen von Ablösungen zeigen sich auch im weiteren Verlauf der
Bruchfläche. Lokal scheint es unter der bruchmechanischen Belastung immer wieder zu
Materialablösungen in mikrostrukturell schwachen Bereichen zu kommen. Die vorgestellten
EBSD Ergebnisse (Abbildung 4.86) zeigen, dass es sich bei diesen mikrostrukturell
Ergebnisse und Diskussion 143
schwachen Bereichen um die gelängten lediglich durch KWKGs dominierten Bereiche
handelt, die auch bereits im Falle der DIC Untersuchungen unter LCF Belastung
versagensrelevant waren (vgl. Kapitel 4.7.6).
Abbildung 4.87: Bruchflächen einer CT Probe (REM) für UFG IF Stahl der Route 8BC für
den Fall einer mittleren Rissfortschrittsrate im Paris Bereich (vgl. Abbildung 4.79). Zur
besseren Sichtbarkeit der schädigungsrelevanten Strukturen auf der Bruchfläche ist die Probe
unter einem Winken von ~70° im REM eingebaut [Nie09g]
144 Modellierung
5 Modellierung
5.1 Monotones Spannung-Dehnung Verhalten
Wie in den Kapitel 4.7, 4.7.1, 4.7.5, 4.7.6 und 4.9 gezeigt werden konnte, spielen zwei
verschiedene mikrostrukturelle Konfigurationen eine erhebliche Rolle bei der
Schädigungsinitiierung und der Schadensentwicklung in den untersuchten UFG Werkstoffen,
beide sind in Abbildung 5.1 dargestellt.
Abbildung 5.1: Schematische Darstellung zur Veranschaulichung der unter zyklischer
Belastung versagenskritischen mikrostrukturellen Ausprägungen (vgl. Abb. 4.40) sowie der
resultierenden Spannungsverteilungen an den Korngrenzen in UFG IF Stahl. [Nie09b]
Im Falle einer bimodalen Korngrößenverteilung liegen neben den submikrometer großen
Körnern auch vergröberte Körner vor, die im Falle des UFG IF Stahl und vor allem des UFG
Titan (vgl. Kapitel 4.7.1) aufgrund der lokal reduzierten Festigkeit größeren
Versetzungsaktivitäten und somit plastischen Dehnungen unterworfen sind. Dieses führt
letztendlich zu erhöhter Schädigung pro Zyklus und final zu geringen Lebensdauern. In
Modellierung 145
beiden Werkstoffen ist durch die Kornvergröberung die (lokale) Duktilität nicht in einem
ausreichenden Maß erhöht, wie dies beim Kupfer der Fall ist [Mug01, Mug03].
Zudem haben sich gelängte Mikrostrukturen als besonders ungünstig für das mechanische
Verhalten der untersuchten UFG Werkstoffe herausgestellt, vgl. Kapitel 4.7, 4.7.1, 4.7.5, 4.7.6
und 4.9. Es konnte gezeigt werden, dass sowohl die Rissinitiierung primär im Bereich
gelängter Strukturen stattfindet (Kapitel 4.7.5, 4.7.6) als auch das Rissfortschrittsverhalten
durch die gelängten Strukturen maßgeblich beeinflusst wird (zu bewerten unter
Berücksichtigung eventuell vorhandener Vorschädigungen in Richtung dieser Strukturen,
Kapitel 4.9). Um den Effekt dieser gelängten Strukturen auf das Spannung-Dehnung
Verhalten und somit die Schädigungsentwicklung verstehen zu können, wurden Simulationen
mittels eines modifizierten VPSC (Visco Plastic Self Consistent) Modells durchgeführt
[Can03, Leb93, Leb02, Nie09b]. Die Modellierung erfolgte in der Arbeitsgruppe von
Professor Canadinc (Department of Mechanical Engineering, Koc University, Istanbul,
Türkei). Simuliert wurde das monotone Spannung-Dehnung Verhalten der Werkstoffe, da
dies einen deutlichen Effekt hinsichtlich der untersuchten Parameter versprach. Ein Übertrag
der Simulationsergebnisse auf die experimentellen Ermüdungsuntersuchungen scheint
sinnvoll zu sein, da die im monotonen Fall wirksamen Größen auch das mechanische
Verhalten der Werkstoffe unter zyklischer Belastung stark beeinflussen. Da die Durchführung
der Simulationen nicht ein konkreter Arbeitspunkt der vorliegenden Dissertation war, soll an
dieser Stelle auf die Darstellung der entsprechenden Gleichungen sowie die theoretischen
Grundlagen von VPSC verzichtet und auf [Nie09b] verwiesen werden. Für die Einordnung
der in Abbildung 5.2 gezeigten Ergebnisse ist es jedoch wichtig, die grundlegenden
Rahmenbedingungen der Simulation aufzuzeigen. Da die Form der Körner nicht direkt als
Eingangsgröße in die bisher verfügbaren VPSC Modelle eingeht, wurden die gelängten
Strukturen als ellipsoide Einschlüsse behandelt, deren Volumenanteil auf einen Wert von 1
gesetzt wurde. Simulationen wurden durchgeführt für zwei verschiedene mikrostrukturelle
Zustände. Als ein Referenzzustand diente der in [Nie09b] untersuchte UFG IF Stahl der Route
4A, welcher sich in AFM Aufnahmen als eher von globularen Körnern dominierte Variante
gezeigt hatte (vgl. Kapitel 4.7.6). Informationen zur texturellen Ausprägung dieser Route
waren ebenfalls verfügbar, so dass mittels dieser Informationen das VPSC Modell so
angepasst werden konnte, dass es den Verlauf der experimentell ermittelten Spannung-
Dehnung Kurve wiedergibt (vgl. Abbildung 5.2 (links)). Ebenfalls unter Verwendung der
Eingangsparameter Kornform und Textur wurde das experimentell ermittelte Verhalten des
UFG IF Stahls der Route 8BC in VPSC abgebildet (vgl. Abbildung 5.2 (rechts)).
146 Modellierung
Nach der Implementierung des experimentellen Spannung-Dehnung Verhaltens wurden der
Effekt der Textur sowie der Kornform auf das mechanische Verhalten untersucht. Für die
Untersuchung des Einflusses der Textur wurde für beide UFG Varianten anstelle der
experimentell ermittelten Texturdaten eine Normalverteilung für die Simulation verwendet.
Zur Ermittlung des Einflusses der Kornform wurde unter Beibehaltung der experimentell
ermittelten Textur die Kornform variiert (durch Veränderung des Werts für die ellipsoiden
Einschlüsse).
Abbildung 5.2: Gegenüberstellung von experimentell ermittelten und mittels VPSC
simulierten monotonen Spannung-Dehnung Kurven für UFG IF Stahl der Routen 4A und 8BC
[Nie09b]
Wie die Ergebnisse in Abbildung 5.2 deutlich zeigen, ist der Einfluss der Kornform
wesentlich stärker ausgeprägt als der Einfluss der Textur. Sowohl für den UFG IF Stahl der
Route 4A als auch für den der Route 8BC ergeben sich in der Spannung-Dehnung Antwort
keine erheblichen Unterschiede bei der Verwendung einer (Textur-)Normalverteilung. Wird
jedoch die Kornform der jeweiligen Variante verändert, ergeben sich signifikante
Unterschiede. Es zeigt sich dabei eindeutig, dass sowohl das Material der Route 4A als auch
das der Route 8BC jeweils in der Variante mit den gelängten Strukturen das höhere
Spannungsniveau erreichen (Abbildung 5.2). Dieses ist in beiden Fällen um ~200 MPa erhöht.
Da bei einer Ermüdungsbelastung die auftretenden Dehnungswerte nicht das hier simulierte
Niveau erreichen, werden die Unterschiede im Spannungsniveau zwischen globularen und
gelängten Bereichen in der Mikrostruktur zwar nicht so ausgeprägt sein wie in Abbildung 5.2
dargestellt, es wird jedoch in jedem Fall zu einer Spannungsüberhöhung an gelängten
Strukturen kommen (vgl. Abbildung 5.2). Somit ist sowohl für den Aspekt der Rissinitiierung
als auch für das Risswachstumsverhalten die Spannungsüberhöhung an den in allen UFG IF
Stählen (in verschiedenen Ausprägungen und Größen) vorhandenen gelängten Strukturen als
Modellierung 147
ursächlich anzusehen. In wie weit dieser Aspekt noch durch das Vorhandensein von
(prozessinduzierten) Porennetzwerken [Lap09] gefördert wird, ist über den hier gewählten
Ansatz nicht zu beurteilen, da die Verteilung entsprechender Defekte nicht bekannt ist.
5.2 Abschätzung der zyklischen Spannung-Dehnung Kurve über
das Masing-Verhalten
In Kapitel 4.7 wurde für den UFG IF Stahl der Route 4BC gezeigt, dass dieser nahezu
perfektes Masing-Verhalten unter zyklischer Belastung zeigt. Auch für alle weiteren zyklisch
stabilen UFG IF Stahl Varianten hat sich dieses Ergebnis bestätigt. Die extrem geringe
Korngröße dominiert das mechanische Verhalten des UFG IF Stahls im Falle der zyklischen
Belastung somit erheblich, so dass sich keine belastungsabhängigen Strukturen in der zyklisch
stabilen Mikrostruktur einstellen können [Chr91]. Die Auswertung des mechanischen
Verhaltens basiert dabei auf der Analyse der Hysteresen bei halber Lebensdauer.
Abbildung 5.3: Vergleich des Spannung-Dehnung Verhaltens im Zugversuch und unter
zyklischer Belastung von UFG IF Stahl der Route 4BC, nach [Nie06]
Allgemein gilt, dass es möglich ist für Werkstoffe, die ein nahezu perfektes Masing-Verhalten
zeigen, die Kurvenverläufe der Hysteresen aus den Ermüdungsversuchen mit dem Verlauf der
Kurve des monotonen Zugversuchs über einen Faktor 2 zu korrelieren [Chr91]. Unter dieser
Annahme ist allein die Kenntnis des monotonen Spannung-Dehnung Verhaltens ausreichend,
148 Modellierung
um eine zyklische Spannung-Dehnung Kurve zu bestimmen und somit die Hysteresekurve
einer beliebigen Belastungsamplitude abzubilden.
In Abbildung 5.3 sind die monotone Spannung-Dehnung Kurve (skaliert um den Faktor 2)
und Hysteresen aus verschiedenen Einstufenversuchen für den UFG IF Stahl der Route 4BC
gezeigt. Wie in den Kapiteln 4.7, 4.7.5 und 4.7.6 gezeigt werden konnte, handelt es sich bei
dieser Route um eine zyklisch stabile Route, die durch eine sehr hohe Versetzungsdichte im
ECAP prozessierten Zustand gekennzeichnet ist. In den ersten Zyklen der
Ermüdungsversuche kommt es zu einer dynamischen Erholung der Struktur, d.h. zu einer
leichten zyklischen Entfestigung einhergehend mit einer Schärfung der Korngrenzen (vgl.
Kapitel 4.7 und 4.7.5). Danach ist das zyklische Verhalten nahezu perfekt stabil, d.h. es gibt
keine ausgeprägten Transienten in der Wechselverformungskurve. Das anfänglich transiente
Verhalten dieses UFG Zustandes (sowie anderer UFG Zustände [Nie09]) führt zu den in
Abbildung 5.3 sichtbaren Abweichungen zwischen den oberen Ästen der Hysteresekurven
und der monotonen Spannungskurve. Letztere liegt dabei auf einem höheren Niveau, zeigt
also, dass die ursprüngliche mikrostrukturelle Konfiguration des UFG IF Stahl zu einer leicht
erhöhten Festigkeit führt.
Im Sinne einer durchgängigen Modellierung des Ermüdungsverhaltens von UFG IF Stahl
scheint eine Bestimmung des Hysteresenverlaufs einer beliebig belasteten UFG IF Stahl
Probe aus monotonen Daten jedoch durchaus sinnvoll zu sein. Soll (wie in Kapitel 5.3
gezeigt) z.B. für eine beliebige UFG IF Stahl Variante bei einer beliebigen zyklischen
Belastung die Lebensdauer mittels eines energiebasierten Konzepts abgeschätzt werden, wird
diese Abschätzung aufgrund der in Abbildung 5.3 aufgezeigten Lagebeziehung der zyklischen
und monotonen Kurven eher konservativ sein. Somit kann z.B. eine Mindestlebensdauer unter
den gegebenen Belastungen näherungsweise bestimmt werden.
5.3 Bestimmung der Lebensdauer über das zyklische J-Integral
Zur Berechnung der Lebensdauer zyklisch belasteter Werkstoffe hat sich in den letzten
Jahrzehnten die sog. mikrostrukturbasierte Modellierung als sehr erfolgreicher Ansatz
etabliert [Mai00, Neu89]. Ein bruchmechanischer Ansatz, der auf dem zyklischen J-Integral
basiert [Ric68] dient der Berechnung der Lebensdauer eines Werkstoffes. Die
Anfangsrisslänge wird in Abhängigkeit von der wirkenden Belastung anhand
mikrostruktureller Größen, z.B. der durchschnittlichen Korngröße einer Phase, definiert. Wie
im Rahmen der Bruchmechanik üblich, wird zur Berechnung der (Rest-)Lebensdauer die
Modellierung 149
Rissfortschrittskurve in den Grenzen der Anfangsrisslänge bis zur kritischen Risslänge
integriert. Dabei wird davon ausgegangen, dass ein Riss bereits im ersten Zyklus entsteht und
somit ist lediglich das Rissfortschrittsverhalten (des Kurz- sowie Langrisses) entscheidend für
die Lebensdauer. Im Sinne des J-Integrals ist hinsichtlich des Rissfortschrittsverhaltens nicht
lediglich der Spannungsintensitätsfaktor entscheidend, plastische Verformungsanteile
während der zyklischen Beanspruchung sind hier nicht zu vernachlässigen [Ric68]. Daher
wird das zyklische Spannung-Dehnung Verhalten des zu untersuchenden Werkstoffes auf
Basis der Hysteresen hinsichtlich der pro Zyklus umgesetzten elastischen und plastischen
Energien ausgewertet. Hierbei macht die letztere Größe im Bereich der LCF Ermüdung den
höheren Energieanteil aus und ist somit primär schädigungsrelevant. Die zur Berechnung der
Lebensdauer verwendeten Gleichungen sind im Folgenden angegeben [Mai00]:
0
1
0
1
)()1(
)()( N
ZCm
aa
Nm
D
mm
f
f+
××−
−
=
−−
(5.1)
In Gleichung 5.1 kennzeichnen a0 die Anfangsrisslänge und af die kritische Risslänge. C und
m sind die Materialkonstanten aus dem Paris-Gesetz, ZD ist ein Energieparameter, der die je
Zyklus dissipierte Energie beschreibt, N0 ist die Anfangszyklenzahl, die hier stets den Wert
Null annahm und Nf ist die zu bestimmende Lebensdauer der verschiedenen untersuchten
Zustände.
Zur Berechnung des effektiven zyklischen J-Integrals diente die folgende Beziehung [Hei84,
Mai00]:
(
)
aZaWWJ Dpeffeleff ×=×+=∆ 5,29,2 , (5.2)
Dabei stellen Wel,eff und Wp die effektiven elastischen sowie plastischen Energieanteile dar,
die pro Zyklus umgesetzt werden, a ist die Risslänge. Die zur Bestimmung von Wel,eff
benötigte Gleichung wird im Folgenden dargestellt, Wp ist direkt ermittelbar als Fläche
unterhalb des oberen Hystereseastes eines Zyklus bei der Auftragung der wirkenden
Spannung σ über der plastischen Dehnung εpl.
Bei der Ermittlung von Wel,eff werden über die Gleichungen 5.3 und 5.4 Rissschließeffekte
berücksichtigt [Hei84, Mai00].
E
Weff
effel 2
2
,
σ
∆
= (5.3)
()
74,1
372,3 −
−××∆=∆ R
eff
σσ
(5.4)
In obigen Gleichungen kennzeichnen E den Elastizitätsmodul des untersuchten Werkstoffs
sowie R das Spannungsverhältnis bei der Ermüdung, welches im Falle des untersuchten UFG
150 Modellierung
IF Stahls stets als -1 angenommen wurde. In Kapitel 4.7.3 wurde die Entwicklung der
Mittelspannung in den dehnungsgeregelten Versuchen dargestellt, welche zwar das
Vorhandensein einer derartigen Mittelspannung in den Versuchen aufzeigte, aber auch im
Falle aller größeren Dehnungsamplituden deren schnellen stetigen Abbau.
Für die Berechnungen der Lebensdauern wurden die Materialkonstanten des Paris Gesetzes,
welches eigentlich nur das Langrisswachstum charakterisieren, angewandt, da unter den in
den Proben wirkenden Belastungsbedingungen (ebene Dehnung) der folgende
Zusammenhang gilt [Hei84, Mai00]:
E
KJ effeff
)1( 2
2
ν
−
×∆=∆ (5.4)
Aufgrund des in Gleichung 5.4 angegebenen Zusammenhangs der Größen ∆J und ∆K sind
somit die im Rahmen der linear elastischen Bruchmechanik (LEBM) ermittelten Konstanten
auch im Rahmen der elastisch-plastischen Bruchmechanik (EPBM) anwendbar.
Mit Hilfe der Gleichungen 5.1 bis 5.4 und der experimentell ermittelten Daten (Kapitel 4.7 bis
4.7.6) war somit eine Berechnung der Anfangsrisslänge a0 in den verschiedenen UFG IF
Stählen möglich. Dazu wurde die Anfangsrisslänge a0 in der Gleichung 5.1 unter
Berücksichtigung aller weiteren Eingangsgrößen in den Gleichungen 5.1 bis 5.4 solange
variiert, bis die berechnete Lebensdauer der für den jeweiligen Zustand unter gegebener
Belastung ermittelten experimentellen Lebensdauer entsprach. Die so ermittelten
Anfangsschädigungsgrößen für die verschiedenen UFG IF Stahl Varianten sind in den
Abbildungen 5.4 und 5.5 dargestellt.
Abbildung 5.4: Berechnete Anfangsschädigungsgröße für UFG IF Stahl verschiedener Routen
bei verschiedenen Dehnungsamplituden
Modellierung 151
Die in Abbildung 5.4 dargestellten errechneten Anfangsschädigungsgrößen für verschiedene
Zustände des UFG IF Stahls (Route 8BC, Route 8C sowie bimodaler Zustand) zeigen
eindeutig die Anwendungsgrenzen des gewählten Konzepts auf. Wie zu sehen ist, ist die
Anfangsrisslänge in allen untersuchten Zuständen von der Belastungsamplitude abhängig, vor
allem bei den UFG Varianten nimmt die Anfangsrisslänge stark mit sinkender
Dehnungsamplitude zu. Erst ab einer Amplitude oberhalb von 0,28% stellt sich ein konstanter
Wert ein. Da für die getesteten UFG IF Stahl Proben einer Route jedoch von einer gleichen
mikrostrukturellen Beschaffenheit auszugehen ist, und zufällig vorhandene Defekte nicht für
verschiedene Routen derart gleiche Tendenzen zeigen würden, ist von einem Versagen des
Konzepts für geringe plastische Dehnungsamplituden auszugehen. Dieses Versagen kann auf
die für die Untersuchungen verwendete Probenform zurückgeführt werden (Miniaturprobe),
welche wie in Kapitel 4.8 gezeigt, signifikant gekerbt ist. Bedingt durch die vorhandene
geometrische Kerbe und die hohe Kerbempfindlichkeit des UFG IF Stahls unter zyklischer
Belastung (der zyklische Kerbfaktor β entspricht dem monotonen Kerbfaktor α, vgl. Kapitel
4.8) ist somit die Auswertung allein der Hysteresefläche unzureichend, da lokal eine höhere
Energiemenge umgesetzt wird. Diese lokale Erhöhung des Energieumsatzes sorgt für eine
verkürzte Lebensdauer, die ermittelte Anfangsrisslänge scheint somit erhöht, wenn dieser
Effekt vernachlässigt wird. Da die Auswirkung von Kerben im Bereich geringerer Belastung
stärker ausgeprägt ist [Sur98], steigt die ermittelte Anfangsrisslänge für die Versuche mit
hohen Zyklenzahlen (Nf > 10000 Zyklen, Übergang in den HCF Bereich), wie aus Abbildung
5.4 ersichtlich, an. Da der bimodale IF Stahl mit vergröberten Strukturen eine reduzierte
Kerbempfindlichkeit aufgrund der gesteigerten Duktilität aufweist (vgl. Kapitel 4.7.1), ist für
diesen Zustand eine geringere Zunahme der anscheinenden Anfangsrisslänge durchaus auf
Basis der oben dargestellten Zusammenhänge zu erwarten. Aber sogar in diesem Zustand
sollte die mikrostrukturell ermittelte Anfangsrisslänge erst ab einer Dehnungsamplitude von
0,4% ausgewertet werden (Abbildung 5.4). Es ergeben sich laut Abbildung 5.4
Anfangsrisslängen in den untersuchten UFG Varianten mit Größen im Bereich von 1,3 µm
(bimodaler IF Stahl, geringste Größe aufgrund geringster Kerbempfindlichkeit) bis zu 2,5 µm
(UFG IF Stahl Route 8BC), die weit oberhalb der eigentlichen mittleren Korngröße der
jeweiligen Routen liegen. Auch bei Betrachtung der in Abbildung 5.5 gezeigten Ergebnisse
für alle 4-Pass UFG IF Stahl Varianten, die mit jeweils 0,4% ermüdet wurden, ergeben sich
Anfangsschädigungsgrößen in einer ähnlichen Größenordnung von 7 µm für das Material der
Route 4A bis herab zu 2 µm für die Routen 4BA und 4E.
152 Modellierung
Abbildung 5.5: Berechnete Anfangsschädigungsgröße für UFG IF Stahl verschiedener Routen
(mit jeweils 4 Pässen) bei gleicher Dehnungsamplitude
Wie in den Kapiteln 4.7.5 und 4.7.6 auf experimentellem Weg für verschiedene UFG IF Stahl
Varianten gezeigt werden konnte, findet die Rissinitiierung tatsächlich immer in Bereichen
mit gelängten Strukturen, d.h. entlang der Übergangsbereiche der gelängten Strukturen hin zu
optimierten Bereichen statt. Diese gelängten Strukturen, oftmals Bereiche, welche nur durch
KWKGs getrennt sind, weisen geometrische Ausdehnungen von wenigen Mikrometern bis zu
mehr als 10 µm auf, wie in den Kapiteln 4.7.5 und 4.7.6 gezeigt wurde. Somit deutet neben
den experimentellen Befunden der Ansatz der mikrostrukturbasierten Modellierung eindeutig
auf den entscheidenden Einfluss der gelängten, KWKGs dominierten, Bereiche auf die
Schädigungsentwicklung in dem UFG IF Stahl hin. Berechnungen für UFG NbZr zeigen
zudem identische Tendenzen auf [Nie09].
Ein hinsichtlich der Ermüdungseigenschaften, hierbei vor allem der Lebensdauer, optimaler
Werkstoffzustand kann somit durch eine UFG Mikrostruktur abgebildet werden, die folgende
Eigenschaften erfüllt: Die Körner sollten möglichst gleichachsig sein und zudem eine
möglichst geringe Korngröße und somit noch weiter gesteigerte Festigkeit aufweisen. Zudem
sollte der Anteil an GWKGs möglichst hoch sein, es sollten sich keine Agglomerate von nur
durch KWKGs getrennten Subkörnern ergeben und die Mikrostruktur sollte durch Teilchen
stabilisiert sein. Aus Literaturdaten geht hervor, dass nur mittels HPT prozessiertes Material
entsprechende Eigenschaften aufweist. Bisher wurde in [Hoh10, Iva05, Tod08] jedoch nur
mittels HPT verformtes Eisen untersucht. Das HPT Eisen sollte somit einen hinsichtlich der
Ermüdungseigenschaften nahezu optimalen Materialzustand darstellen (es fehlen die
Teilchen), entsprechende Daten sind in der Literatur aber leider noch nicht verfügbar. Da auch
Modellierung 153
die zum monotonen Spannung-Dehnung Verhalten vorhandenen Daten [Hoh10, Tod08]
hinsichtlich der Mikroplastizität nicht auswertbar sind, kann der in Kapitel 5.2 vorgestellte
Ansatz zur Abschätzung der zyklischen Spannung-Dehnung Kurve nicht angewandt werden.
Unter den folgenden Annahmen lässt sich jedoch die zu erwartende Lebensdauer für einen
mittels HPT verformten UFG Stahl abschätzen. Die durchschnittliche Korngröße nach HPT
liegt für das in [Iva05] untersuchte Eisen prozessabhängig im Bereich von 130 nm bis
350 nm. Zudem konnten EBSD Messungen am HPT Eisen zeigen, dass es zu keinen großen
Agglomeraten von Subkörnern kommt [Iva05], so dass bei der Berechnung der Lebensdauer
über den in diesem Kapitel vorgestellten Ansatz von einer Anfangsschädigungsgröße von
350 nm ausgegangen wird. Da keine belastbaren Daten zur Mikroplastizität vorhanden sind,
werden im Rahmen der Abschätzung die Spannung-Dehnung Werte für den optimierten UFG
IF Stahl der Route 8BC (verformt mittels ECAP) verwendet. Da die Streckgrenze und
Zugfestigkeit des HPT verformten Materials deutlich die jeweiligen Werte des per ECAP
hergestellten Materials übertreffen [Hoh10, Tod08] und dies unter der Annahme von
zyklischer Stabilität und Masing-Verhalten auch beim HPT Eisen im zyklischen Spannung-
Dehnung Verhalten sichtbar werden wird, wird dies zu einer eher konservativen Abschätzung
der Lebensdauer führen, da entsprechend der Ergebnisse in Kapitel 4.7 die in den Versuchen
auftretenden Dehnungen in höherem Grade elastisch sein werden. Unter der Berücksichtigung
dieser Annahmen ergeben sich für einen mittels HPT verformten UFG Stahl Lebensdauern
von 3500 Zyklen bei einer zyklischen Belastung mit einer Dehnungsamplitude von 0,6 %
(dehnungsgeregelt mit Rε = -1) und 42000 Zyklen bei Verwendung einer Dehnungsamplitude
von 0,4 %. Die Lebensdauern sind somit in beiden Belastungsfällen deutlich gesteigert
(Faktor > 10, vgl. Kapitel 4.7). Eine weitere Optimierung der UFG Mikrostruktur scheint im
Falle der krz UFG Werkstoffe folglich eine wesentliche Verbesserung der
Ermüdungslebensdauern nach sich zu ziehen, so dass es zukünftig sehr interessant sein wird,
derartige Mikrostrukturen hinsichtlich ihrer Eigenschaften zu charakterisieren, um ein
mögliches Eigenschaftsoptimum aufzeigen zu können.
154 Zusammenfassung und Ausblick
6 Zusammenfassung und Ausblick
In der vorliegenden Dissertation wurde das mechanische Verhalten eines kubisch
raumzentrierten (krz) ultrafeinkörnigen (UFG) IF Stahls (IF = interstitial free) untersucht. Der
UFG IF Stahl wurde mittels „Equal Channel Angular Pressing“ (ECAP) unter der
Verwendung verschiedener Prozessrouten hergestellt, so dass sich für die Untersuchungen
eine große Bandbreite verschiedener mikrostruktureller Ausprägungen des Materials ergab.
Zur Optimierung des UFG IF Stahls hinsichtlich verschiedener mechanischer Eigenschaften
wurden zudem verschiedene Wärmebehandlungsstrategien nach dem ECAP Prozess
aufgezeigt, die die UFG Mikrostrukturen auf verschiedene Arten beeinflussen.
Alle mechanischen Untersuchungen wurden dabei von zahlreichen mikroskopischen
Verfahren, so z.B. der Rasterelektronenmikroskopie (REM), Electron Backscatter Diffraction
(EBSD), der Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) und weiteren Verfahren zur
Charakterisierung der mikrostrukturellen Ursachen für das gefundene Verhalten begleitet.
Die Untersuchungen erfolgten in einem weiten Belastungsbereich. In einem ersten Schritt
wurde das mechanische Verhalten bei einer monotonen Verformung im Zug- sowie im
Druckbereich sowie bei wechselnden Dehnraten untersucht. In einem weiteren Schritt wurde
das Ermüdungsverhalten charakterisiert, wobei die durchgeführten Untersuchungen ein
breites Lebensdauerspektrum sowie das Rissfortschrittsverhalten abdeckten. Eine Vielzahl der
Versuche behandelte den Bereich „Low-Cycle Fatigue“ (LCF), da für kubisch
flächenzentrierte (kfz) UFG Werkstoffe in der Literatur dieser Bereich des
Ermüdungsspektrums, gekennzeichnet durch hohe Belastungsamplituden und eine
einhergehende signifikante Veränderung der Mikrostruktur, bisher als sehr kritisch angesehen
wurde. Des Weiteren wurde das Verhalten des UFG IF Stahls im Bereich „High-Cycle
Fatigue“ (HCF) untersucht, also im Bereich eher kleiner Belastungsamplituden nahe der
Dauerfestigkeit (Lebensdauer > 2 × 106 Zyklen), sowie das Rissausbreitungsverhalten (Linear
Elastische Bruchmechanik, LEBM).
Im Falle der optimierten UFG IF Stahl Varianten 8E, 8BC und 16E zeigt der UFG IF Stahl bei
einer monotonen Zugbelastung gegenüber seinem grobkörnigen (CG) Pendant eine erhebliche
Steigerung der Festigkeit (Streckgrenze und Zugfestigkeit) bei nahezu gleichbleibender
Bruchdehnung und aber gleichzeitig deutlich reduzierter Gleichmaßdehnung (aufgrund der
fehlenden Verfestigungsmöglichkeit). Es zeigt sich dabei ein erheblicher Einfluss der ECAP
Prozessroute. Bei nicht optimierter Prozessführung kommt es zu einer deutlichen Abnahme
Zusammenfassung und Ausblick 155
der ursprünglichen Bruchdehnung sowie zu einer nur mäßigen Steigerung der Festigkeit. Die
Untersuchung der Dehnratenempfindlichkeit zeigt, dass im Bereich erhöhter Temperaturen
der UFG IF Stahl zu erhöhter Empfindlichkeit neigt, so dass bei entsprechender Wahl
optimaler Prozessparameter (Temperatur und Dehnrate) eine wesentliche Steigerung der
Umformbarkeit des UFG IF Stahls erreicht werden kann. Die Untersuchungen im
Druckbereich bis hin zu großen Dehnungswerten konnten zudem aufzeigen, dass hier der
UFG IF Stahl in der untersuchten Form zu einem ungünstigen Schädigungsverhalten neigt.
Parallel zur letzten ECAP Scherebene kommt es zu einem Abgleiten des Materials, so dass
eine optimierte Prozessstrategie in diesem Punkt zu entwerfen sein wird.
Im Bereich der LCF Ermüdung zeigt der UFG IF Stahl eine wesentliche
Eigenschaftsverbesserung. Im Gegensatz zu vielen bisher untersuchten UFG Werkstoffen ist
der UFG IF Stahl optimierter Prozessrouten selbst bei hohen zyklischen
(Total-)Dehnungsamplituden mikrostrukturell stabil (dynamische Kornvergröberung bzw.
Rekristallisation ist nicht zu beobachten), so dass er sowohl hinsichtlich der
Spannungsschwingbreiten als auch der Lebensdauern dem CG Zustand überlegen ist. Eine
ausgeprägte Dehnratenempfindlichkeit ist bei der Raumtemperaturermüdung nicht zu
verzeichnen, Masing-Verhalten stellt sich ein. Die Lebensdauer aller optimierten Routen kann
mittels des Schädigungsparameters nach Smith, Watson und Topper in sehr guter Weise
beschrieben werden.
Eine gezielte Wärmebehandlung des UFG IF Stahls kann die Ermüdungseigenschaften noch
weiter verbessern. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die im Falle des UFG Kupfers im Sinne
der Ermüdungseigenschaften optimale bimodale Mikrostruktur beim UFG IF Stahl zu keiner
Verbesserung der Ermüdungseigenschaften führt. Die gezielt vergröberten Bereiche im UFG
IF Stahl unterliegen erhöhter plastischer Dehnung aufgrund ihrer reduzierten Festigkeit, dabei
ist die Duktilität aber nicht wie im Falle des bimodalen Kupfers extrem gesteigert. Zu einer
Steigerung der Lebensdauer führt beim UFG IF Stahl jedoch die Einstellung einer rein
erholten Mikrostruktur, da in diesem Falle eine leichte Erhöhung der Duktilität bei weiterhin
homogener Festigkeitsverteilung erreicht wird.
Ursächlich für die hervorragende zyklische Stabilität des UFG IF Stahls unter LCF
Ermüdungsbedingungen ist neben der optimierten Mikrostruktur mit hohen Anteilen an
Großwinkelkorngrenzen (GWKGs) der stabilisierende Effekt der in dem Werkstoff
vorhandenen Ausscheidungen bzw. Verunreinigungen sowie die geringe homologe
Temperatur bei der Ermüdung bei Raumtemperatur.
156 Zusammenfassung und Ausblick
Durch gezielte Variation der Versuchsparameter konnten wichtige Einflussgrößen auf das
Ermüdungsverhalten sowie diverse Stabilitätslimits des UFG IF Stahls aufgezeigt werden. So
hat die Textur einen Einfluss auf das Spannung-Dehnung Verhalten sowie die Lebensdauer
des UFG IF Stahls. Mittelspannungen können in dehnungsgeregelten Versuchen auftreten
(Umlagerung von ECAP induzierten Eigenspannungen), werden aber in Abhängigkeit von der
Höhe der Belastungsamplitude unterschiedlich schnell während des Versuchs abgebaut.
Werden Mittelspannungen in spannungsgeregelten Versuchen gezielt aufgeprägt, kommt es
oberhalb von kritischen Mittelspannungsniveaus zum raschen Aufbau von erheblichen
Mitteldehnungen, die UFG Mikrostruktur ist in diesen Fällen zyklisch nicht mehr stabil. Als
ein weiteres Stabilitätslimit für die Mikrostruktur können für den UFG IF Stahl Temperaturen
oberhalb von 450 °C im lastfreien Zustand bzw. von 200 °C bei gleichzeitiger zyklischer
Belastung genannt werden. In ersterem Fall setzt oberhalb einer
Wärmebehandlungstemperatur von 450 °C Rekristallisation ein (mit einhergehender
erheblicher Vergröberung der Mikrostruktur). Bei gleichzeitiger Ermüdung kommt es bereits
ab 200 °C zu einer lokalen Vergröberung der Mikrostruktur durch dynamische
Rekristallisation einhergehend mit stark lokalisierter Schädigung und einer erheblichen
Abnahme der Lebensdauer.
Durch die im Rahmen der vorliegenden Arbeit als krz Referenzmaterial ermüdete Niob-
Zirkonium (NbZr) Legierung konnte gezeigt werden, dass die Erkenntnisse hinsichtlich der
Ermüdungseigenschaften des krz UFG IF Stahls als übertragbar auf andere technisch reine krz
UFG Werkstoffe angesehen werden können. Besonders zu erwähnen ist zudem für das NbZr
die Möglichkeit der gezielten Randschichthärtung mittels des Effekts der internen Oxidation,
so dass eine weitere Optimierung der Ermüdungseigenschaften zu erreichen ist.
Da sich die Ermüdungseigenschaften des UFG IF Stahls im LCF Bereich erheblich von dem
in der Literatur aufgezeigten Ermüdungseigenschaften der kfz UFG Werkstoffe (vor allem
Kupfer und Aluminium) unterscheiden, wurde die Entwicklung der Schädigung unter
zyklischer Belastung in UFG IF Stahl eingehend untersucht. Dabei wurden alle Stadien einer
Ermüdungsschädigung charakterisiert, die Phase der Rissinitiierung ebenso wie die Phase der
Rissausbreitung. Vergleiche der mikrostrukturellen Entwicklung im bei Raumtemperatur
zyklisch stabilen UFG IF Stahl mit der von zyklisch nicht stabilen Varianten konnten
eindeutig aufzeigen, dass der Anteil an GWKGs hier einen erheblichen Einfluss hat. Zyklisch
nicht stabile UFG IF Stahl Varianten weisen große Bereiche auf, in denen lediglich
Kleinwinkelkorngrenzen (KWKGs) auftreten. In diesen Bereichen kommt es bei der
Ermüdung zu erheblichen Umstrukturierungen, einhergehend mit einer signifikanten
Zusammenfassung und Ausblick 157
Topographieentwicklung. Dies ist ein Anzeichen für lokal erhebliche plastische Aktivitäten
und somit schnelle Schädigungsentwicklung. Ermüdungsversuche begleitet von der
Auswertung lokaler Dehnungsfelder mittels der Technik der digitalen Bildkorrelationen (DIC)
wurden verwendet, um (über die Auswertung erhöhter lokaler Dehnungen) auch in den
optimierten UFG IF Stahl Varianten die schädigungsrelevanten Bereiche herauszustellen.
Auch in den optimierten UFG Strukturen der Routen BC und E sind durch die vorzeitige
Kenntnis der versagensrelevanten Bereiche die kritischen Strukturen auffindbar. Die
Rissinitiierung erfolgt in Bereichen, in denen gelängte Strukturen (Bereiche nur separiert
durch KWKGs) an optimal ausgebildete Mikrostrukturbereiche angrenzen. Nach erfolgter
Rissinitiierung kommt es dann zu einer Ausbreitung des Risses entlang eben dieser gelängten
Strukturen. Durch die Art der Scherung im ECAP Prozess kommt es zu einer bevorzugten
Orientierung der gelängten Strukturen nahezu parallel zur Scherebene im letzten ECAP
Prozessschritt. Somit kann dies als ursächlich für die eher unübliche Art der
Schädigungsausbreitung (d.h. das Auftreten von Ermüdungsrissen unter Winkeln von
30° bis 45°) in UFG IF Stahl Proben angesehen werden. Für die Schädigungsentwicklung
entlang dieser gelängten Strukturen kann auf der einen Seite die mit dieser mikrostrukturellen
Konfiguration einhergehende Erhöhung der lokalen Spannungen angesehen werden, aber
auch mögliche Vorschädigungen entlang der letzten Scherebene sind vermutlich nicht zu
vernachlässigen.
Über die durchgängige Simulation des Ermüdungsverhaltens, d.h. (a) Bestimmung des
monotonen Spannung-Dehnung Verhalten mittels VPSC (Visco Plastic Self Consistent), (b)
Bestimmung der zyklischen Spannung-Dehnung Werte über das Masing-Verhalten, (c)
Bestimmung der Lebensdauer durch Verwendung des zyklischen J-Integrals, kann die
Lebensdauer des UFG IF Stahls berechnet werden. Unter Annahme einer perfekten
mikrostrukturellen Entwicklung, d.h. die Abwesenheit von gelängten Strukturen sowie von
Agglomeraten von Subkörnern kann über den gewählten Modellierungsansatz abgeschätzt
werden, dass eine derartige Struktur den vorliegenden UFG Varianten des IF Stahls
hinsichtlich der Lebensdauer nochmals deutlich überlegen ist und stellt somit einen Grenzwert
für die Optimierung des Ermüdungsverhaltens dar.
Gegenüber dem CG IF Stahl ist der UFG IF Stahl aufgrund seiner gesteigerten monotonen
Festigkeit im HCF Bereich erwartungsgemäß deutlich verbessert. Im Vergleich dieser beiden
Zustände zeigen sich jedoch im Falle des UFG IF Stahl hinsichtlich zweier Aspekte
erhebliche Defizite auf. Die Kerbempfindlichkeit des UFG IF Stahl bei zyklischer Belastung
ist sehr hoch, die (zyklische) Kerbwirkungszahl ist dem (statischen) Kerbfaktor nahezu
158 Zusammenfassung und Ausblick
gleichzusetzen. Zudem ist das Rissausbreitungsverhalten, vor allem der Schwellenwert
unterhalb dessen kein Langrisswachstum mehr stattfindet, im Falle der optimierten UFG IF
Stahl Varianten stark reduziert. Im Hinblick auf die Verwendung des UFG IF Stahl in
technischen Bauteilen sind diese beiden Aspekte sicherlich kritisch zu bewerten. Inwieweit
die vorgeschlagenen Wärmebehandlungsstrategien die entsprechenden Kennwerte verbessern
ist daher zukünftig unbedingt zu prüfen.
Im Hinblick auf eine technische Anwendung des UFG IF Stahls bzw. des UFG NbZr ist
sicherlich auch das Korrosionsverhalten noch eingehend zu untersuchen. Korngrenzen sind
bei der elektrochemischen Korrosion der bevorzugte Angriffspunkt in der Mikrostruktur.
Somit lässt eine UFG Mikrostruktur mit ihrem wesentlich erhöhten Volumenanteil an
Korngrenzen eine deutliche Veränderung der Korrosionseigenschaften erwarten. Erste
Voruntersuchungen [Nie09] konnten jedoch bereits zeigen, dass es zu keiner signifikanten
Veränderung wichtiger Kenngrößen (Stromdichte im Ruhepotential, Lage des Ruhepotentials)
kommt, jedoch der Angriff an der Oberfläche sich homogener darstellt. Somit scheint das
Korrosionsverhalten des UFG IF Stahls sogar im Vergleich zum CG Zustand verbessert zu
sein. Letztere Aussage ist jedoch zukünftig noch mit belastbaren Daten zu untermauern.
Zusammenfassung / Summary 159
7 Zusammenfassung / Summary
Das mechanische Verhalten von kubisch raumzentrierten (krz) ultrafeinkörnigen (UFG)
Werkstoffen, mittels „Equal Channel Angular Pressing“ (ECAP) hergestellt, wurde
untersucht. Der Schwerpunkt der Untersuchungen lag auf der Charakterisierung des
Ermüdungsverhaltens dieser UFG Werkstoffe in den Bereichen „Low-Cycle Fatigue“ und
„High-Cycle Fatigue“ (LCF und HCF) sowie der stabilen Rissausbreitung. In allen Bereichen
wurde der Einfluss der Mikrostruktur auf das Schädigungsverhalten detailliert herausgestellt.
Im LCF Bereich weisen die krz UFG Legierungen nach der Umformung entsprechend sog.
effizienter ECAP Routen sehr gute Ermüdungseigenschaften auf. Die zyklische Stabilität ist
zurückzuführen auf hohe Anteile an Großwinkelkorngrenzen sowie die vorhandenen
Legierungselemente/Ausscheidungen. Eine (Erholungs-) Wärmebehandlung kann die
Ermüdungseigenschaften sogar noch weiter verbessern. Weitere wichtige Einflussgrößen bei
der Ermüdung sind Mittelspannungen und die homologe Temperatur. Die Rissinitiierung
findet in allen UFG Varianten an gelängten Strukturen statt, welche zu einer
Spannungsüberhöhung in der Mikrostruktur führen.
Im HCF Bereich weist der UFG IF Stahl deutlich verbesserte Ermüdungseigenschaften, d.h.
eine erhöhte Dauerfestigkeit aufgrund seiner gesteigerten monotonen Festigkeit, auf, jedoch
ist seine Kerbempfindlichkeit gegenüber dem grobkörnigen IF Stahl gesteigert. Im Falle eines
vorhandenen Risses weisen die UFG Zustände mit den geringsten Korngrößen das
ungünstigste Rissausbreitungsverhalten auf. Die Ausbreitung des Risses folgt wiederum den
gelängten Strukturen, welche sich parallel zur Richtung des Materialflusses während des
ECAP einstellen.
160 Zusammenfassung / Summary
The mechanical behavior of body-centered cubic (bcc) ultrafine-grained (UFG) materials
processed by equal channel angular pressing (ECAP) has been investigated. Focus was on the
characterization of fatigue properties of UFG bcc alloys in the low-cycle and high-cycle
fatigue (LCF and HCF) regimes and under crack growth conditions. Under all loading
conditions the role of microstructural characteristics on the damage evolution has been
examined in detail.
In the LCF regime the UFG bcc alloys processed along so called efficient ECAP routes show
superior fatigue properties. Cyclic stability is found to be due to high volume fractions of high
angle grain boundaries and the impurity content. A heat treatment aiming at pure recovery of
the microstructure is able to improve fatigue behavior. Additional factors influencing the
fatigue response are mean stress and the homologous temperature. Crack initiation can be
linked to elongated structures present in the UFG microstructure eventually leading to
increased local stresses.
In the HCF regime UFG IF steel shows superior properties, i.e. an increased fatigue limit, due
to increased monotonic strength, but at the same time notch sensitivity is pronounced. The
crack growth behavior for the UFG conditions featuring the smallest grains is inferior. The
crack follows elongated structures, which are in fact aligned parallel to the direction of
material flow during ECAP.
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Danksagung
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Lehrstuhl für Werkstoffkunde an der Universität Paderborn. Gefördert wurde das
Forschungsvorhaben durch die DFG im Rahmen der Forschergruppe „Mechanische
Eigenschaften und Grenzflächen ultrafeinkörniger Werkstoffe“. Viele Personen haben zum
erfolgreichen Zustandekommen dieser Arbeit beigetragen, denen ich an dieser Stelle herzlich
danken möchte:
• Mein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr.-Ing. H. J. Maier, der
mich in den vergangenen Jahren optimal gefordert und gefördert hat und der sich
immer die Zeit genommen hat (auch wenn er diese eigentlich nicht hatte) einzelne
Ergebnisse zu diskutieren, Publikationsentwürfe kritisch zu prüfen und …
Prof. Maier hat mit seinen Ideen und Anregungen den Verlauf meiner Arbeit
maßgeblich beeinflusst und so zu seinem erfolgreichen Abschluss beigetragen. Zudem
hat er mir jede erdenkliche Freiheit bezüglich meiner Forschungsaktivitäten gegeben
und gleichzeitig auch dafür gesorgt, dass stets die finanziellen Mittel für die
Durchführung der entsprechenden Vorhaben gegeben waren.
• Herrn Prof. Dr. rer. nat. Dr.-Ing. E.h. H. Mughrabi, einem der anerkanntesten Experten
auf dem Gebiet der Ermüdung von UFG Werkstoffen, danke ich für die Übernahme
des Korreferates.
Zudem danke ich Herrn Prof. Dr.-Ing. H. A. Richard für die Übernahme des Vorsitzes
der Promotionskommission sowie Herrn Dr. rer. nat. T. Tröster für die Übernahme der
Rolle des Beisitzenden.
• Ich danke Herrn Prof. Dr. D. Canadinc für die gute Zusammenarbeit bei der Erstellung
diverser Publikationen, die aktive Unterstützung des Projektes durch seine
Simulationsergebnisse sowie seine Rolle als Teilprojektantragssteller für die zweite
Förderperiode der Forschergruppe. Als Zimmergenosse hat er dafür gesorgt, dass ich
niemals allein im Büro arbeiten musste, sowohl zu später Abendstunde als auch an
Wochenenden war er (vertieft in neue Publikationsprojekte) anzutreffen.
• Herrn Prof. Dr. I. Karaman und seiner Fachgruppe an der Texas A&M University
danke ich für die Herstellung der UFG Werkstoffe und seine wertvollen Anregungen
bei der Erstellung diverser Veröffentlichungen.
• Die Arbeitsatmosphäre am LWK war während der gesamten Zeit harmonisch und
inspirierend. Häufige Diskussionsrunden kurz vor Feierabend haben immer wieder zu
neuen Ideen geführt, bei deren Umsetzung ich mich auf die Mithilfe der Kolleginnen
und Kollegen sowie der studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräfte verlassen
konnte. Dabei konnte ich mir bei manchen Personen sogar sicher sein, dass sie zu den
unmöglichsten Tageszeiten oder am Wochenende für mich die ein oder andere
Messung durchgeführt haben. Allen somit vielen Dank für die hervorragende
Unterstützung und die tolle Zeit.
• Allen Studentinnen und Studenten, die mich im Rahmen von Studien- oder
Abschlussarbeiten unterstützt haben, kann ich nur herzlich danken. Die Qualität der
Arbeiten lag generell auf einem äußerst hohen Niveau, was sicherlich in dem großen
Engagement aller Studentinnen und Studenten begründet lag.
• Den Kolleginnen und Kollegen aus den weiteren Teilprojekten der UFG
Forschergruppe danke ich für konstruktive Diskussionen bei diversen
Forschergruppentreffen, es war immer eine große Freude zusammenzukommen.
• Ein Dank gilt zudem der Zentralwerkstatt der Fakultät, die mich immer mit
Probenmaterial und Teilen für diverse Versuchsaufbauten versorgt hat.
• Meinen Eltern gilt ein herzlicher Dank, da sie es mir überhaupt erst ermöglicht haben
diese Dissertation zu verfassen, indem sie mir mein Studium ermöglicht haben.
• Zu guter letzt gilt mein Dank meiner lieben Frau Janina, die sicherlich unter meinem
übermütigen Forscherdrang am meisten gelitten hat. Sie musste auf so manchen freien
Abend oder so manches freies Wochenende verzichten, da es mal wieder galt, einen
Versuch zu betreuen oder eine Publikation zu verfassen. Da sie sich durch ihr
Maschinenbaumstudium zudem qualifiziert hatte, meine Arbeiten zu durchdringen,
durfte sie zudem stets die erste Korrekturphase eines jeden schriftlichen Werkes
einleiten. Meinen herzlichsten Dank dafür, ich verspreche, ich werde mich
revanchieren.