scieee Science in your language
[en] (orig)
Situativ trainierte Regeln zur
Ablaufsteuerung in Fertigungssystemen
und ihre Integration in Simulationssysteme
Dissertation
zur Erlangung der W¨
urde eines
Doktors der Wirtschaftswissenschaften
(Dr.rer.pol.)
der Universit¨
at Paderborn
vorgelegt von
Dipl.-Wirt.-Inf. Mark Aufenanger
Paderborn, August 2009
Referent: Prof. Dr.-Ing. habil. Wilhelm Dangelmaier
Korreferentin: Prof. Dr. Leena Suhl
Vorwort
Geht es um das Schreiben, so geh¨
ort nicht zuletzt das Vorwort zu den sch¨
oneren Ab-
schnitten. Zum einen f¨
ur den Autor, denn dann ist der Rest des Buches bereits fertig.
Zum anderen f¨
ur die Leser, denn hier erfahren sie nicht selten wie aufw¨
andig und schwie-
rig das Unterfangen des Autors war und wer ihm unterst¨
utzend zu Seite gestanden hat.
Es ist auch die Zeit danke zu sagen.
Meinem Doktorvater Herrn Prof. Dr.-Ing. habil. Wilhelm Dangelmaier gilt besonderer
Dank. Er hat mir die M¨
oglichkeit zur Promotion gegeben. Mit seiner Unterst¨
utzung
und den Hilfestellungen sowie den stets hilfreichen Anregungen hat er zum Gelingen
dieser Arbeit beigetragen. Herzlich bedanken m¨
ochte ich mich auch bei Frau Prof. Dr.
Leena Suhl f¨
ur die ¨
Ubernahme des Zweitgutachtens. Zudem geb¨
uhrt mein Dank Herrn
Prof. Dr. Stefan Betz und Herrn Prof. Dr. Dennis Kundisch, die mir als Mitglieder der
Promotionskommission wertvolles Feedback gegeben haben.
Den Studenten Herrn Matthias Giese, Herrn Nedim Lipka M.Sc., Herrn Dipl.-Inf. Pa-
trick van L¨
uck, Herrn Yi Tan M.Sc. und Herrn Dipl.-Wirt.-Inf. Hendrik Varnholt, die
viel Arbeit und Zeit in die Implementierung investiert haben.
Ebenfalls sei ganz herzlich Herrn Dr. rer. pol. J¨
org Habich gedankt. Er hat mir, in mir
unz¨
ahlig vorkommenden Situationen, stets mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Dabei
hat er so einige Wochenenden f¨
ur Diskussionen mit mir geopfert. Danke J¨
org.
Lieber Dank geb¨
uhrt Herrn Prof. Dr. theol. habil. Hans J¨
urgen Brandt, der mich seit
dem Beginn meines Studium st¨
andig unterst¨
utzte und stets mit Herr Doktor begr¨
ußte
seitdem ich promovierte. Was ich bis jetzt immer mit Noch nicht Herr Professor
verneinen musste. Die Zeit ist nun vorbei. Dankesch¨
on Onkel J¨
urgen.
Dank auch Herrn Prof. Dr. theol. Karl Hengst, der mich w¨
ahrend meiner Zeit als Dok-
torand immer unterst¨
utzt hat.
Auch sei Herrn Dieter Sander gedankt, der mich auf die Idee brachte, das Abitur anzu-
gehen. Onkel Dieter, das war ein guter Rat, denn hiernach ergab sich das Studium.
Ein ganz besonders lieber Dank gilt meinen Eltern Monika und Ferdinand meiner
Familie insgesamt.
Katrin, Liebe meines Lebens! F¨
ur den Dank, den ich dir entgegenbringen m¨
ochte gibt
es keine Worte.
Paderborn, im November 2009 Mark Aufenanger
Abstrakt
Die Arbeit Situativ trainierte Regeln zur Ablaufsteuerung in Fertigungssystemen und
ihre Integration in Simulationssysteme widmet sich dem sensiblen unternehmerischen
Problembereich der Optimierung der Fertigung. Schwerpunkt hierbei ist die zeitkritische
Auftragsreihenfolgeplanung.
Das entwickelte Verfahren kann dem Planungsproblem der Maschinenbelegung schnell
eine gute eine L¨
osung zuf¨
uhren. Es werden aktive Ablaufpl¨
ane erzeugt, welche den zu
durchsuchenden L¨
osungsraum erheblich einschr¨
anken, da der im Sinne der verfolgten
Zielfunktion optimale Ablaufplan immer auch ein aktiver ist. Hierzu bildet das Ver-
fahren in Situationen mit Entscheidungsnotwendigkeit eine Konfliktmenge der in Frage
kommenden Auftragskandidaten. Um diese Menge passend aufzul¨
osen, wurde ein ma-
schinelles Lernverfahren als situativer wissensbasierter Entscheider integriert. Dieser
trifft ¨
uber die Beschreibung von Steuerungssituationen die Entscheidung f¨
ur die in der
jeweiligen Situation passendste Steuerungsregel. Das Verfahren wird damit durch den
L¨
osungsraum gesteuert und nur ein Pfad, der zu einer guten L¨
osung f¨
uhrt, durchlaufen.
F¨
ur das Training des wissensbasierten Entscheiders wird der Zeitraum vor Beginn des
Fertigungsprozesses genutzt. Das Verfahren ist parallel zur laufenden Fertigung adap-
tierbar.
Im Rahmen der Evaluierung des Verfahrens mit alternativen Methoden der Ablaufpla-
nung und -steuerung anhand von Benchmark-Problemen konnten sehr gute Ergebnisse
erzielt werden.
Leidenschaft braucht man nicht, Willen braucht man.
(Helmut Schmidt)
F¨
ur Katrin & Mich
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis V
Tabellenverzeichnis VII
Symbolverzeichnis IX
1. Einleitung 1
2. Problemstellung 5
2.1. Ablaufplanung und -steuerung in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops . . 5
2.1.1. BetrachteteOrganisationsformen .................. 5
2.1.2. Zielfunktionen der Ablaufplanung und -steuerung ......... 7
2.1.3. Komplexit¨
atdesReihenfolgeplanungsproblems........... 12
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens ......... 13
2.2.1. Aufbau eines L¨
osungsverfahrens................... 13
2.2.2. AnforderungenaneineSteuerungskomponente........... 15
2.2.2.1. Reduktion der Komplexit¨
at ................ 15
2.2.2.2. Bew¨
altigungvonUnsicherheiten.............. 17
2.2.2.3. Minimierung der Rechenzeit ................ 20
2.2.2.4. Maximierung der L¨
osungsqualit¨
at............. 22
2.2.3. AnforderungenaneineLernkomponente .............. 23
2.2.3.1. Approximation von Trainingsverfahren .......... 23
2.2.3.2. Adaptierbarkeit....................... 24
2.2.3.3. Ausgabe der Entscheidungssicherheit ........... 24
2.2.3.4. Minimierung der Lern- und Vorhersagezeit ........ 25
2.2.3.5. Bew¨
altigung von kardinalen Merkmalen ......... 26
2.3. Ableitung der Problemstellung ........................ 27
3. Stand der Technik 29
3.1. Analyse von Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung ......... 29
3.1.1. Optimierende Verfahren ....................... 30
3.1.2. HeuristischeVerfahren ........................ 32
3.2. AnalysevonLernverfahren.......................... 43
3.2.1. Entscheidungsbaumverfahren .................... 45
3.2.2. K¨
unstlicheNeuronaleNetze ..................... 49
3.2.3. Naive-Bayes-Klassizierer ...................... 51
I
Inhaltsverzeichnis
4. Zu leistende Arbeit 55
4.1. Entwicklung einer Steuerungskomponente .................. 55
4.2. Entwicklung einer Lernkomponente ..................... 55
4.3. Entwicklung eines Trainingsverfahrens ................... 56
4.4. Entwicklung einer R¨
uckkopplung in das Trainingsverfahren ........ 57
4.5. Evaluierung des Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens ........ 57
5. Konzeption 59
5.1. Ablauf des Verfahrens zur Ablaufplanung und -steuerung ......... 59
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente .................. 61
5.2.1. Notwendige Vor¨
uberlegungen .................... 61
5.2.2. Steuerungskomponente f¨
urJob-Shops................ 64
5.2.3. Steuerungskomponente f¨
ur Flexible-Flow-Shops .......... 68
5.3. Entwicklung der Lernkomponente ...................... 77
5.3.1. SituativeRegelauswahlmitNaive-Bayes-Klassikation ...... 77
5.3.2. SituationsbeschreibendeMerkmale ................. 81
5.3.2.1. MerkmaleinJob-Shops .................. 82
5.3.2.2. Merkmale in Flexible-Flow-Shops ............. 88
5.3.3. Priorit¨
atsregelnalsKlassen ..................... 92
5.3.3.1. SteuerungsregelninJob-Shops .............. 95
5.3.3.2. Steuerungsregeln in Flexible-Flow-Shops ......... 96
5.3.3.3. Potenzmengenklassen ................... 99
5.3.4. Entwicklung einer Trainingskomponente ..............103
5.3.4.1. Training in Job-Shops ...................104
5.3.4.2. Training in Flexible-Flow-Shops ..............105
5.3.4.3. AdaptiondesKlassizierers ................107
5.4. R¨
uckkopplung in die simulative Trainingskomponente ...........109
5.4.1. Integration als Steuerung in die Ablaufsimulation .........109
5.4.2. Informationserweiterung mittels Ablaufsimulation .........111
6. Evaluierung 113
6.1. Evaluierungsaufbau ..............................113
6.1.1. L¨
osungsgeschwindigkeit ........................114
6.1.2. L¨
osungsapproximation ........................114
6.1.3. Simulatives Training .........................115
6.1.4. Trainingsmenge ............................115
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
uteinJob-Shops ..........116
6.2.1. Benchmark: L¨
osungsgeschwindigkeit .................116
6.2.2. Benchmark: L¨
osungsapproximation .................116
6.3. Evaluierung der dezentralen Verfahrensg¨
ute in Flexible-Flow-Shops . . . 135
6.3.1. Benchmark: Simulatives Training ..................135
6.3.2. Benchmark: Trainingsmenge .....................138
7. Fazit 141
II
Inhaltsverzeichnis
Literaturverzeichnis 145
A. Anhang 155
A.1. Taxonomie L¨
osungsverfahren.........................155
A.2.TaxonomieBenchmark-Probleme ......................156
A.3.Benchmark-Probleme.............................158
A.4.Gier/Thompson-Heuristik.........................162
A.5.Precision,RecallundF-Maß.........................164
A.6. Ergebnis: Zwei-Klassifizierer-System .....................167
A.7. Ergebnis: Ein-Klassifizierer-System .....................167
A.8. Ergebnis: Adaptionsmechanismus ......................169
A.9. Klassifikation von Schedulingproblemen ...................173
III
IV
Abbildungsverzeichnis
2.1. Taxonomie von Ablaufpl¨
anen ........................ 8
2.2. Aufbau eines L¨
osungsverfahrens....................... 14
2.3. Schema eines proaktiv-reaktiven Verfahrens zur Ablaufsteuerung ..... 19
2.4. Beispielhafter initial gegebener Schedule .................. 20
2.5. Effizienter Schedule nach Umplanung .................... 21
2.6. Ineffizienter Schedule nach Umplanung ................... 21
2.7. Hypothese zur Entscheidungsgenauigkeit und L¨
osungsg¨
ute ........ 23
3.1. Taxonomie der Echtzeit-Priorit¨
atsregeln .................. 33
5.1. Baum der mit dem Steuerungsalgorithmus generierbaren Ablaufpl¨
ane . . 64
5.2. Zustandsraumgraph durch Anwendung der Steuerungskomponente .... 67
5.3. Inklusion von zwei Schedules ......................... 67
5.4. Start- und Bearbeitungszeiten eines Flexible-Flow-Shops ......... 74
5.5. Zustandsraumgraph einer Flexible-Flow-Shop-Probleminstanz ...... 75
5.6. KlassikationeinesZustands......................... 79
5.7. Beispielhaftes Gantt-Chart zur Maschinenauslastung ........... 85
5.8. BeispielhaftesSteuerungsregelranking.................... 88
5.9. LokaleundglobaleSituationsmerkmale................... 89
5.10. Zustandsraumgraph einer Job-Shop-Probleminstanz ............ 93
5.11. Priorit¨
atsregelnalsKlassen ......................... 95
5.12. Beispielhaftes Flexible-Flow-Shop Konfliktset ............... 99
5.13. Training der Lernkomponente ........................106
5.14. Schematische Darstellung einer Flexible-Flow-Shop-Umgebung ......111
6.1. Probleminstanz bei nicht-optimaler Einplanung einer Operation .....118
6.2. Allwissender Klassifizierer: L¨
osungsg¨
utekleineRegelmengen .......120
6.3. Allwissender Klassifizierer: L¨
osungsg¨
utegroßeRegelmengen........122
6.4. Makespan FT06: Benchmark WbsGT-Verfahren..............126
6.5. Makespan FT06: Verbesserung der L¨
osungsg¨
ute ..............128
6.6. Makespan ABZ7: Benchmark WbsGT-Verfahren .............129
6.7. Makespan SWV01: Benchmark WbsGT-Verfahren ............131
6.8. Makespan CAR03: Benchmark WbsGT-Verfahren ............134
6.9. Makespan simulatives Training: Benchmark WbsGT-Verfahren .....137
6.10. Trainingsmenge: Simulationsl¨
aufe und Scheduling-Ergebnis ........139
A.1. Taxonomie von Shop-Scheduling-Verfahren .................155
A.2. L¨
osungeinesJob-Shop-ProblemsmitGier-Thompson-Heuristik ....162
V
Abbildungsverzeichnis
A.3. Fehlerhafte Giffler-Thompson-L¨
osungeinesJob-Shop-Problems......164
A.4. Beispielhaftes Klassifikationsergebnis ....................165
A.5.BeispielhaftePrecision-,Recall-undF-Maß-Werte.............165
A.6. Verteilung des Klassifikationsergebnisses zweier Klassifizierer .......166
A.7. Precision-, Recall- und F-Maß-Werte f¨
urzweiKlassizierer........166
A.8. Ergebnis Ein-Klassifizierer-System bei einem 10 ×5Problem.......168
A.9. Ergebnis Adaptionsmechanismus absolut ..................170
A.10.Ergebnis Adaptionsmechanismus ......................171
VI
Tabellenverzeichnis
2.1. Komplexit¨
at von Scheduling-Problemen ................... 13
3.1. Bewertung: Optimierende Verfahren ..................... 32
3.2. Legende zur Giffler-Thompson-Heuristik nach Z¨
apfel und Braune ..... 36
3.3. Legende zur Giffler-Thompson-Heuristik nach Chang und Sullivan .... 38
3.4. Bewertung:HeuristischeVerfahren ..................... 42
3.5. Bewertung: Entscheidungsb¨
aume ...................... 49
3.6. Bewertung: K¨
unstlicheNeuronaleNetze .................. 51
3.7. Bewertung:Naive-Bayes-Klassizierer.................... 54
5.1. PhasendesentwickeltenVerfahrens..................... 61
5.2. BeispielhaftesJob-Shop-Problem ...................... 63
5.3. Legende zum Steuerungsalgorithmus f¨
urJob-Shops ............ 66
5.4. Legende zum Steuerungsalgorithmus f¨
ur Flexible-Flow-Shops ...... 73
5.5. BeispielhaftverplanteOperationen ..................... 83
5.6. Priorit¨
atsregelninJob-Shops ........................ 95
5.7. BeispielhafteJob-Shop-Koniktmenge....................100
5.8. LegendezurOperationsauswahlmitPotenzmengen ............101
6.1. Durchschnittliche Rechenzeiten der L¨
osungsverfahren ...........116
6.2. Benchmark-Problem: Fisher and Thompson (FT06) 6 ×6.........119
6.3. Allwissender Klassifizierer: Alternative Verfahren und Regeln .......119
6.4. Klassifikationsgenauigkeit FT06: WbsGT-Genauigkeit ..........124
6.5. Makespan FT06: ¨
Ubersicht..........................127
6.6. Makespan ABZ7: ¨
Ubersicht .........................130
6.7. Makespan SWV01: ¨
Ubersicht ........................132
6.8. Makespan CAR3: ¨
Ubersicht .........................133
6.9. Untersuchte Flexible-Flow-Shop-Problemtypen ...............135
6.10. Qualit¨
at der Trainingsmenge .........................140
A.1. Benchmark-Problem: Adams, Balas, and Zawack (ABZ7) 20 ×15 ....158
A.2. Benchmark-Problem: Carlier (CAR3) 12 ×5................158
A.3. Benchmark-Problem: Storer, Wu, and Vaccari (SWV01) 20 ×10.....159
A.4. Benchmark-Problem: Fisher and Thompson (FT10) 10 ×10 .......159
A.5. Benchmark-Problem: Lawrence (LA21) 15 ×10 ..............160
A.6. Benchmark-Problem: Lawrence (LA26) 20 ×10 ..............160
A.7. Benchmark-Problem: Lawrence (LA27) 20 ×10 ..............161
A.8. Beispielhafte Scheduling-Probleminstanz ..................163
VII
Tabellenverzeichnis
A.9. Makespan Zwei-Klassifizierer-System: ¨
Ubersicht ..............167
A.10.Makespan Ein-Klassifizierer-System bei 10 ×5 Problem: ¨
Ubersicht....169
A.11.Relative Verbesserung durch mit Adaptionsmechanismus .........172
VIII
Symbolverzeichnis
α.................. ArtundAnordnungderzurVerf¨
ugung stehenden Maschinen eines
Fertigungssystems
β.................. Charakteristika der Arbeitsauftr
¨
age (Jobs)
γ.................. Optimalit
¨
atskriterium (Zielfunktion)
σ.................. L
¨
osungskandidat einer Probleminstanz I
cst
j,m ................ Fertigstellungszeitpunkt des Jobs jauf Maschine mauf Ferti-
gungsstufe st
Cj(I,σ) ............ Fertigstellungszeitpunkt des L¨
osungskandidaten σf¨
ur die Proble-
minstanz I
Cmax .............. Zielfunktion: Minimierung der maximalen Durchlaufzeit (Make-
span)
CL ................ Menge der verwendeten Klassen cli
cli................. Klasse der Menge CL
CM ............... Anzahl der Maschinen in der Konfliktmenge
CS ................ Konfliktmenge bestehend aus um eine Ressource konkurrierenden
Jobs bzw. Operationen
d(o) ............... Fertigstellungzeit einer Operation o
dj................. Liefertermin eines Jobs j
DΠ................ Menge der Probleminstanzen
dmin ............... Minimum der Fertigstellungzeitpunkte
dlj................. Versp
¨
atung eines Jobs jzum aktuellen Zeitpunkt
dmlfst ............. Mittlere Auslastung aller Maschinen der Fertigungsstufe st
E/Tmax ............ Zielfunktion:Minimierung der Summe aller Terminabweichungen
F(ci) .............. Geometrisches Mittel aus Pr
¨
azision prec(ci) und Recall rec(ci)
f(o) ............... Fertigstellungzeit einer Operation o
fj................. Fertigstellungzeit des Jobs j
fmin ............... Minimale Fertigstellungzeit
Fort(st) ........... PositionderFertigungsstufest im Verh¨
altnis zu allen Fertigungs-
stufen FS
Fortschritt(j) . . . . . Bearbeitungsfortschritt des Jobs j
FQk ............... Flexible-Flow-Shop mit bis zu kuniformen Maschinen auf den
Fertigungsstufen
IX
Symbolverzeichnis
FRk ............... Flexible-Flow-Shop mit bis zu kunverwandten Maschinen auf den
Fertigungsstufen
FS ................ Anzahl der Fertigungsstufen in einem Flexible-Flow-Shop
I.................. Eine Probleminstanz, IDΠ
J.................. Job-Shop
j.................. Index der Auftr
¨
age einer Stufe st
jstj................ Fr¨
uhester Starttermin von Job j
K................. Durchschnittliche Kapazit¨
atsauslastung eines Fertigungssystems
Kmin .............. Zielfunktion:Maximierung der durchschnittlichen Kapazit¨
atsaus-
lastung
Lm................ Leerzeit einer Maschine m
Lmax .............. Zielfunktion: Minimierung der Summe aller Leerzeiten
LB ................ Untere Schranke
M................. Anzahl der zur Verf¨
ugung stehenden Maschinen
m................. Index der Maschinen
M(o) .............. Maschine, die Operation obearbeitet
Mi,st ............... Maschine iauf Fertigungsstufe st
Mst ................ Anzahl Maschinen auf Stufe st
mb(m) ............. Anzahl der belegten Zeiteinheiten einer Maschine mbis zum ak-
tuellen Zeitpunkt
mrst
m............... Freigabetermin von Maschine mauf Stufe st
mstm.............. Fr¨
uheste Freigabe von Maschine m
N................. Anzahl einzuplanender Jobs
N(o) .............. Menge der Operationen otechnologisch als n¨
achstes nachfolgen-
den Operation
O.................. Menge aller noch einplanbarer Operationen
o.................. Aus der Konfliktmenge CS ausgew¨
ahlte Operation
ost
j,m ................ Operationszeit von Job jauf Maschine mder Stufe st
ost
j................. Standard-Bearbeitungszeit des Jobs jauf Stufe st
oj,m ................ Operationszeit von Job jauf Maschine m
omin ............... Minimale Fertigstellungszeit von Operation o
oprio ............... Operation o, die von Priorit¨
atsregel prio ausgew¨
ahlt wird
of(j) .............. Anzahl der bereits verplanten Operationen des Jobs j
oj(j) .............. Anzahl aller Operationen des Jobs j
or ................. Index der technologischen Reihenfolge einen Jobs
P(σ) .............. L
¨
osungspfad des L¨
osungskandidaten σdurch den Zustandsraum-
graphen
pst
j,m ................ Bearbeitungszeit des Jobs jauf Maschine mauf Fertigungsstufe
st
X
Symbolverzeichnis
pj,m ................ Bearbeitungszeit von Job jauf Maschine m
pf(j) .............. Bereits verplante Bearbeitungszeit des Jobs j
pj(j) .............. Gesamte Bearbeitungszeit des Jobs j
pjc(j) ............. Bearbeitungszeit eines Jobs j
prec(ci) ............ Pr
¨
azision als Maß f¨
ur die relevanten Klassen ciim Klassifikati-
onsergebnis (Trefferquote eines Klassifizierers)
prio ............... Eine Priorit
¨
atsregel
psst
j................ Standard-Bearbeitungszeit des Jobs jauf Stufe st
pt ................. Bearbeitungszeit einer Operation
ptj................. Gesamte Restbearbeitungszeit eines Jobs j
pw(o) .............. Priorit
¨
atswert von Operation o
pwmax ............. H
¨
ochster Priorit¨
atswert unter den vergebenen Werten
r(o) ............... Fr¨
uhestm¨
oglicher Startzeitpunkt einer Operation o
ri.................. Bereitstellungszeitpunkt der Operationen
rj................. Freigabetermin von Job j
rec(ci) ............. Recall als Maß der gefundenen Klassen ciim Verh¨
altnis zur ge-
samten Anzahl der Klassen
Rest(j) ............ RestlicheBearbeitungszeit des Jobs jab der aktuellen Fertigungs-
stufe
S.................. Menge der aktuell einplanbaren Operationen
s.................. ZustandeinesFertigungssystemsbzw.KnotenimZustandsraum-
graphen
Sv................. Partieller Schedule im Knoten v
SΠ(I) .............. L
¨
osungskandidaten eines Problems Π
sdj................ Summe der Bearbeitungszeiten der bereits eingeplanten Opera-
tionen oeines Jobs j
sfj................ Stufenbasierter Fortschritt von Job j
SPI ............... Menge der Teilprobleminstanzen einer Shop-Probleminstanz
st ................. Eine Stufe des Fertigungssystems, st FS
t(o) ................ Fr¨
uhestm¨
oglicher Startzeitpunkt einer Operation o
Tmax ............... Zielfunktion: Minimierung der Summe aller Versp¨
atungen
UB ................ Obere Schranke
vst
j,m ................ Relative Maschinengeschwindigkeit der Maschine mauf Ferti-
gungsstufe st in Abh¨
angigkeit von Job j
vi.................. Ein Zustand im Zustandsraumgraph
wlm............... Auslastung einer Maschine m
XI
XII
1. Einleitung
Obwohl Job-Shops (Werkstattfertigungen) und Flexible-Flow-Shops (flexible Fließfer-
tigungen) seit langem untersucht werden, fehlen bislang immer noch praxistaugliche
Steuerungsverfahren.1Steuerungsnotwendigkeit besteht immer dann, wenn mehrere Ar-
beitsauftr¨
age um die Zugeh¨
origkeit zu einem Arbeitsmittel konkurrieren oder ein Auf-
trag von mehreren Arbeitsmitteln bearbeitet werden kann.2Daher ist im Rahmen der
Ablaufplanung und -steuerung die Bestimmung der Auftragsreihenfolge (Scheduling)
von besonderer Relevanz. Scheduling ist die Erzeugung und / oder Umsetzung von Ab-
arbeitungsreihenfolgen f¨
ur Auftr¨
age. Ergebnis ist der Ablaufplan (Schedule). Ein Ab-
laufplan ist die Vorschrift der zeitlichen Abl¨
aufe von Produktionsprozessen, insbesonde-
re die zeitliche Zuordnung der Auftr¨
age zu den Maschinen (Maschinenbelegung). Damit
gibt der Ablaufplan die Bearbeitungsreihenfolge der Auftr¨
age an.
Aufgrund der Unsicherheiten in einem Fertigungssystem k¨
onnen Ablaufpl¨
ane jedoch
in den seltensten F¨
allen wie geplant ausgef¨
uhrt werden; unvorhergesehene Ereignisse
k¨
onnen einen einmal erzeugten Plan unzul¨
assig machen.3Rescheduling ist der Pro-
zess, einen existierenden Schedule zu aktualisieren bzw. zu erneuern, wenn sich ein oder
mehrere Parameter des Problems ¨
andern. Vieira et al. beschreiben diesen Rescheduling-
Sachverhalt als Aufgabe der Produktionsplaner, die in dynamischen und stochastischen
Fertigungssystemen L¨
osungen erzeugen m¨
ussen. Jedoch ist das Ermitteln einer guten
L¨
osung unter den genannten Bedingungen schwierig: [...] determining the best resche-
duling solution still remains an open research issue and, consequently, is the most dif-
ficult part of the rescheduling process.4So werden heute in der Produktionsplanung
vor dem Start des Produktionsprozesses intensive ¨
Uberlegungen ¨
uber den Ablauf,5im
Betrieb jedoch nur noch die Durchsetzung und Steuerung nach fest definierten Re-
geln unternommen.6Das Problem der Produktionswirtschaft besteht demzufolge darin,
1Vgl. (Vieira et al., 2003).
2Vgl. (Schekelmann, 1999, Seite 4) und (Vitiello, 1997, Seite 12 f.).
3Vgl. (Georgi, 1995, Seite 92).
4(Vieira et al., 2003)
5Der Ablauf wird beispielsweise mittels eines mathematischen Verfahrens oder einer Heuristik simuliert.
6Die Regeln werden ohne Bezug zur aktuellen Auspr¨
agung des Fertigungssystems angewendet.
1
1. Einleitung
dass ein geeignetes Verfahren zum Rescheduling in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops
fehlt.
In dieser Arbeit soll eine Umgebung geschaffen werden, mit der vor und parallel zum
laufenden Produktionsbetrieb in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops Handlungsalter-
nativen erarbeitet und bewertet werden k¨
onnen, um bei Steuerungsnotwendigkeit ange-
messen entscheiden zu k¨
onnen. Zun¨
achst erfolgt hierzu in Kapitel 2 die Konkretisierung
der betrachteten Organisationsformen. Job-Shops zeichnen sich u. a. durch eine hohe
Flexibilit¨
at und weite Verbreitung im praktischen Einsatz als auch in der Literatur aus.
Die hier verwendeten Methoden liefern somit gute Vergleichsm¨
oglichkeiten mit dem
entwickelten Verfahren. Flexible-Flow-Shops werden gerade in kapitalintensiven Ferti-
gungen immer h¨
aufiger angewendet und sind auf einer Fertigungsstufe den Job-Shops
sehr ¨
ahnlich. Daher ist in Flexible-Flow-Shops der dezentrale Einsatz des entwickelten
Verfahrens evaluierbar. Anschließend werden die Bestandteile bei der Ablaufplanung
und -steuerung in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops angef¨
uhrt, der Rahmen und die
Anforderungen an ein m¨
ogliches L¨
osungsverfahren dargelegt. Das Kapitel schließt mit
der Ableitung der Problemstellung. Kapitel 3 beleuchtet den f¨
ur den Untersuchungskon-
text dieser Arbeit relevanten Stand der Technik. Hierzu werden existierende Verfahren
und Konzepte dargestellt und auf Erf¨
ullung der Anforderungen an ein L¨
osungsverfah-
ren hin untersucht.7Das vierte Kapitel verbindet den relevanten Stand der Technik mit
der dargelegten Problemstellung zu den sich hieraus ergebenden Arbeitspaketen, um
das aufgeworfene Problem sukzessiv zu l¨
osen. Die Aufgliederung der Arbeitspakete ori-
entiert sich an dem im zweiten Kapitel dargestellten Rahmen eines L¨
osungsverfahrens
sowie den erarbeiteten Anforderungen. Kapitel 5 widmet sich der Konzeptionsaufgabe
zur L¨
osung der Problemstellung mittels situativ trainierter Regeln zur Ablaufplanung
und -steuerung in Fertigungssystemen. Zun¨
achst werden die Grundlagen des Verfah-
rens dargelegt, der Ablauf des Verfahrens in verschiedene Phasen untergliedert und die
erforderlichen Schnittstellen vorgestellt. Damit ist das Verfahren f¨
ur die speziellen Aus-
pr¨
agungen in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops einfach zu konfigurieren und leicht
erweiterbar. Anschließend werden die Hauptbestandteile entwickelt. Neben der Kon-
zeption der allgemeinen Heuristik werden die wissensbasierte Methode zur Auswahl der
Steuerungsregeln sowie situationsbeschreibende Merkmale und Steuerungsregeln selbst
beschrieben. Das Kapitel schließt mit dem Konzept zur R¨
uckkopplung. Innerhalb von
Kapitel 6 wird das entwickelte L¨
osungsverfahren evaluiert, um dessen Zweckm¨
aßigkeit
darzulegen. Dazu werden die in den einzelnen Experimenten zu Job-Shops und Flexible-
Flow-Shops erreichten Ergebnisse aufgezeigt und die generelle Funktionsf¨
ahigkeit des
7Dabei kann es einen Erkenntniszuwachs nur geben, wenn bestehende Verfahren falsifiziert und deren
Grenzen aufzeigt werden, um auf dieser Basis ein neues Verfahren zu entwickeln (vgl. Popper, 2002).
2
Verfahrens vorgestellt. Anschließend wird die Leistung des entwickelten Verfahrens in
Job-Shops dargestellt. Die Ergebnisse beim dezentralen Verfahrenseinsatz in Flexible-
Flow-Shops beenden das Kapitel. Ein Fazit schließt die Untersuchung in Kapitel 7 ab.
3
4
2. Problemstellung
2.1. Ablaufplanung und -steuerung in Job-Shops und
Flexible-Flow-Shops
2.1.1. Betrachtete Organisationsformen
Fertigung ist die Herstellung physischer Erzeugnisse mittels fortschreitender, diskonti-
nuierlicher und zielgerichteter Transformationen in einem abgegrenzten System, dem
Fertigungssystem.
Ein Fertigungssystem ist eine technisch, organisatorisch (und kostenrechnerisch) selb-
st¨
andige Allokation von Potentialfaktoren zu Fertigungszwecken. Es besteht aus (ele-
mentaren) Arbeitssystemen, die die kleinste Einheit einer Kombination der Potential-
faktoren Betriebsmittel und Arbeitskr¨
afte darstellen und eine oder mehrere Klassen von
Transformationen durchf¨
uhren k¨
onnen.1
Job-Shops und Flexible-Flow-Shops sind verschiedene Problemklassen f¨
ur Organisati-
onsformen der Fertigung.
Job-Shops
Job-Shops (Werkstattfertigungen) sind nach dem Verrichtungsmerkmal zentralisiert.2
Das hier betrachtete Job-Shop-Problem ist ein Problem der Art J||Cmax.3Im Fall der
1(Dangelmaier, 2001, Seite 5)
2Vgl. (Dangelmaier, 2001, Seite 79).
3Die Drei-Felder-Notation α|β|γwird zur Beschreibung von Problemklassen der Ablaufplanung und
-steuerung verwendet. Der α-Wert kennzeichnet Art und Anordnung der zur Verf¨
ugung stehenden
Maschinen. Charakteristika der Auftr¨
age werden durch den β-Wert dargestellt und der γ-Wert be-
schreibt das Optimalit¨
atskriterium (Zielfunktion). Eine Beschreibung der Drei-Felder-Notation ist in
Anhang A.9 zu finden. F¨
ur weiterf¨
uhrende Informationen zu der auf (Graham et al., 1979) zur¨
uckge-
henden α|β|γ-Notation sei auf (Br¨
asel et al., 2003; Leung, 2004; Brucker, 2007; Blazewicz et al., 2007)
verwiesen.
5
2. Problemstellung
Plananpassung w¨
ahrend des laufenden Produktionsprozesses wird das Problem zu ei-
nem J|ri|Cmax, bei dem die Bereitstellungszeiten rider Auftr¨
age nicht alle Null sind.
Nachfolgend werden die Eigenschaften der untersuchten Job-Shop-Umgebung vorge-
stellt:
Job-Shop mit mehreren Arbeitsmitteln (Maschinen) m={1,...,M}(M2),
die unterschiedliche Auftr¨
age (Jobs) j={1,...,N}bearbeiten k¨
onnen.
Jede Maschine mkann zur gleichen Zeit h¨
ochstens einen Auftrag jbearbeiten.
Auftr¨
age bestehen aus Operationen o. Dabei ist oj,m die Bearbeitungszeit des
Auftrags jauf Maschine m.
Transportzeiten zwischen den Maschinen sind zu vernachl¨
assigen.
Jeder Auftrag jNist zur gleichen Zeit h¨
ochstens von einer Maschine mM
bearbeitbar.
Flexible Fertigungsumgebung mit vernachl¨
assigbaren R¨
ustzeiten und -kosten.
Ausreichend große Lagerkapazit¨
aten.
Dem System ist ein hohes Maß an Unsicherheit inh¨
arent, so dass ein vor Beginn der Fer-
tigung erstellter Ablaufplan w¨
ahrend der Fertigung in der Regel mehrfach anzupassen
ist.
Flexible-Flow-Shops
Flexible-Flow-Shops (flexible Fließfertigungen) werden nach dem Objektmerkmal zen-
tralisiert.4Das hier betrachtete Flexible-Flow-Shop-Problem ist ein Problem der Art
FQk||Cmax bzw. FRk||Cmax. Im Fall von erforderlichen Plananpassungen w¨
ahrend
des laufenden Produktionsprozesses wird das Problem zu einem FQk|ri|Cmax bzw.
FRk|ri|Cmax, bei dem die Bereitstellungszeiten rider Jobs nicht alle Null sein m¨
ussen.
Die Eigenschaften der untersuchten Flexible-Flow-Shop-Umgebung werden nachfolgend
vorgestellt:
Flexible-Flow-Shop mit in der Regel mehreren Fertigungsstufen st ={1,...,FS}
(FS 2).
In der Regel mehr als eine Maschine m={1,...,M
st}(Mst 1) pro Fertigungs-
stufe st. Maschinen k¨
onnen nur einen Auftragstyp bearbeiten.
4Vgl. (Dangelmaier, 2001, Seite 79).
6
2.1. Ablaufplanung und -steuerung in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops
Auftr¨
age bestehen aus Operationen o. Dabei ist ost
j,m die Bearbeitungszeit des
Auftrags jauf Maschine mauf Stufe st.
Auspr¨
agung 1: FQk||Cmax bzw. FQk|ri|Cmax mit uniformen Maschinen auf den
Fertigungsstufen. Uniforme Maschinen haben unterschiedliche Bearbeitungsge-
schwindigkeiten. Dabei ist das Verh¨
altnis der Bearbeitungsgeschwindigkeiten un-
abh¨
angig von den Jobs immer gleich.
Auspr¨
agung 2: FRk||Cmax bzw. FRk|ri|Cmax mit unverwandten Maschinen pro
Stufe. Die Bearbeitungsgeschwindigkeit der Maschinen ist unterschiedlich und
wird von den Jobs determiniert.
Jede Maschine mkann zur gleichen Zeit h¨
ochstens einen Job j={1,...,N}
bearbeiten.
Jeder Job jist zur gleichen Zeit h¨
ochstens von einer Maschine mbearbeitbar.
Transportzeiten zwischen den Maschinen sind zu vernachl¨
assigen.
Flexible Fertigungsumgebung mit vernachl¨
assigbaren R¨
ustzeiten und -kosten.
Ausreichend große Lagerkapazit¨
aten zu Beginn und am Ende der Fertigung sowie
zwischen den Fertigungsstufen.
Kapitalintensive Fertigung komplexer Produkte.
Vor Beginn der Fertigung erstellte Ablaufpl¨
ane sind w¨
ahrend der Fertigung in der Regel
mehrfach anzupassen, da dem System ein hohes Maß an Unsicherheit inh¨
arent ist.
2.1.2. Zielfunktionen der Ablaufplanung und -steuerung
Im Rahmen der Ablaufplanung und -steuerung verfolgte Ziele werden ¨
uber Zielfunktio-
nen abgebildet.5
5Die Optimierungsziele im Bereich der Ablaufplanung und -steuerung geh¨
oren zur Klasse der kombi-
natorischen Optimierungsprobleme. Ein kombinatorisches Optimierungsproblem Π ist entweder
ein Minimierungs- oder ein Maximierungsproblem und besteht aus den folgenden Teilen: Einer Menge
DΠvon Probleminstanzen I, jeweils einer endlichen Menge von L¨
osungskandidaten SΠ(I)f
¨
ur jede
der Probleminstanzen IDΠund einer Zielfunktion fΠ, die jeder Probleminstanz IDΠund jedem
L¨
osungskandidaten σSΠ(I)eineL¨
osungsg¨
ute fΠ(I,σ)Q+zuweist. Ist Π ein Minimierungspro-
blem, dann ist die optimale L¨
osung einer Instanz IDΠein L¨
osungskandidat σSΠ(I), so dass
f¨
ur alle σSΠ(I)gilt:fΠ(I,σ)fΠ(I,σ). Ist Π ein Maximierungsproblem, dann ist die optima-
le L¨
osung einer Instanz IDΠein L¨
osungskandidat σSΠ(I), so dass f¨
ur alle σSΠ(I) gilt:
fΠ(I,σ)fΠ(I,σ).
7
2. Problemstellung
Eine Zielfunktion (Zielkriterium) bewertet die Entscheidungen. Die Zielfunktion bringt
Entscheidungen in eine (besser-schlechter) Reihenfolge. So gestatten z. B. Kostenfunk-
tionen als Zielfunktionen die Kostenbewertung von Fertigungsentscheidungen.6
Um die nachfolgend dargestellten Zielfunktionen zu skizzieren, sind folgende Aspekte
zu ber¨
ucksichtigen. Sei IDΠals eine Probleminstanz If¨
ur ein Problem Π mit den L¨
o-
sungskandidaten SΠ(I) gegeben. Die Probleminstanz Ibesteht aus NAuftr¨
agen, wobei
sich f¨
ur jeden Auftrag jdurch einen L¨
osungskandidaten σein Fertigstellungszeitpunkt
Cj(I,σ) ergibt. Um eine optimale L¨
osung eines Scheduling-Problems mit einem Opti-
mierungskriterium zu finden, das einer regul¨
aren Zielfunktion unterliegt, reicht es nach
French aus, die Menge der L¨
osungskandidaten auf aktive Schedules7zu beschr¨
anken,
da die Menge der semiaktiven Schedules8, die der aktiven enth¨
alt und der optimale
Schedule immer auch ein aktiver ist.9Eine regul¨
are Zielfunktion fΠ(I,σ)verh
¨
alt sich
in allen Variablen Cj(I,σ) mit j∈{1,...,N}monoton wachsend. Es muss gelten:
Cj(I,σ)Cj(I,σ) mit j∈{1,...,N}⇒fΠ(I,σ)fΠ(I,σ)
Wie Abbildung 2.1 illustriert, ist der optimale Schedule immer ein aktiver Schedule.
g¨
ultige Schedules
semiaktive Schedules
aktive Schedules
optimale Schedules
Abbildung 2.1.: Taxonomie von Ablaufpl¨
anen10
Zwischen den verschiedenen Zielen lassen sich konkurrierende, komplement¨
are und in-
differente Beziehungen zueinander unterscheiden.11 Zwei Ziele sind konkurrierend,wenn
6In Anlehnung an (Schneeweiß, 2002, Seite 108). Vgl. auch (Domschke et al., 1997, Seite 291 ff.) und
(Z¨
apfel und Braune, 2005, Seite 18 f.).
7Ein Schedule ist immer dann aktiv, wenn es nicht m¨
oglich ist, den Beginn irgendeiner Operation,
eventuell durch Vertauschung der Auftragsreihenfolge vorzuverlegen, ohne dabei den Beginn mindestens
einer anderen Operation zu verz¨
ogern (vgl. Z¨
apfel und Braune, 2005, Seite 29).
8Ein Schedule ist immer dann semiaktiv, wenn keine Operation vorher als im Plan vorgesehen durch-
f¨
uhrbar ist, ohne dabei eine der Nebenbedingungen zu verletzen oder die Reihenfolge der Bearbeitung
der Operationen auf den Maschinen zu ver¨
andern (vgl. Z¨
apfel und Braune, 2005, Seite 9).
9Vgl. (French, 1982).
10Vgl. (Stosik, 2005, Seite 49).
11Hierbei existiert zwischen konkurrierenden Zielen einen Zielkonflikt.
8
2.1. Ablaufplanung und -steuerung in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops
mit der Verschlechterung (Verbesserung) der einen Zielgr¨
oße die andere verbessert (ver-
schlechtert) wird. Ziele sind komplement¨
ar zueinander, wenn mit der Verbesserung (Ver-
schlechterung) der einen Zielgr¨
oße die andere ebenfalls verbessert (verschlechtert) wird.
Komplement¨
are Zielgr¨
oßen sind substituierbar. Dabei kann eine Zielgr¨
oße durch die an-
dere ersetzt werden.12 Beeinflussen sich Ziele weder konkurrierend noch komplement¨
ar,
so sind diese als indifferente Ziele zu bezeichnen.
Die Optimierung konkurrierender Produktionsziele, auch als Dilemma der Produkti-
onssteuerung bezeichnet, wurde bereits 1951 von Gutenberg aufgezeigt:13 Maximale Ka-
pazit¨
atsauslastung kann beispielsweise nur durch hohe Best¨
ande erreicht werden, was
wiederum zu hohen Durchlaufzeiten f¨
uhrt. Jedoch ben¨
otigt die Minimierung der mitt-
leren Durchlaufzeit geringe Best¨
ande. Es werden folgende Zielsetzungsgruppen unter-
schieden:14
Kapazit¨
atsorientierte Zielsetzungen
Kapazit¨
atsorientierte Ziele sollen eine m¨
oglichst hohe produktive Ausnutzung der vor-
handenen Ressourcen (Maschinen) gew¨
ahrleisten. Nachfolgend werden exemplarisch ei-
nige kapazit¨
atsorientierte Ziele aufgef¨
uhrt.
Lmax Minimierung der Summe aller Leerzeiten
Sei pj,m die Bearbeitungszeit von Job jauf Maschine m. Die Leerzeit Lmeiner
Maschine mist die Summe der Zeitspannen, in denen mkeinen Auftrag innerhalb
der Belegungszeit des ganzen Fertigungssystems durch den gegebenen Auftrags-
bestand bearbeitet:
Lm= Makespan15
N
j=1
pj,m
Es handelt sich um ein Minimierungsproblem, der L¨
osungskandidat mit dem ge-
ringsten Wert der gegebenen Zielfunktion wird gesucht. F¨
ur die Minimierung der
Summe der Leerzeiten ist die Zielfunktion:
fΠ(I,σ):
M
m=1
Lm
12
Minimierung der Zykluszeit und Minimierung der maximalen Durchlaufzeit bilden beispielsweise
zwei komplement¨
are Zielgr¨
oßen (vgl. Rixen, 1997, Seite 18).
13Vgl. (Gutenberg, 1951). Vgl. auch (Kurbel und Rohmann, 1995, Seite 20) und (Wiendahl, 2008, Seite
252 f.).
14Vgl. (Domschke et al., 1997).
15Zur Definition des Makespans siehe durchlaufzeitbezogene Zielsetzungen.
9
2. Problemstellung
Kmin Maximierung der durchschnittlichen Kapazit¨
atsauslastung
Die durchschnittliche Kapazit¨
atsauslastung Keines Fertigungssystems ist:
K=N
j=1 M
m=1 pj,m
M
F¨
ur die Maximierung der durchschnittlichen Kapazit¨
atsauslastung ist die Ziel-
funktion:
fΠ(I,σ): K
Makespan15
Terminorientierte Zielsetzungen
Bei terminorientierten Zielen wird die Zielsetzung verfolgt, mit Kunden vereinbarte Ter-
mine m¨
oglichst gut einzuhalten. Dazu bewerten terminorientierte Ziele den Auftrags-
bestand bez¨
uglich dessen Einhaltung der Zieltermine. Hierzu z¨
ahlen z. B. die folgenden
Zielsetzungen.
Tmax Minimierung der Summe aller Versp¨
atungen
F¨
ur einen Auftrag jist der Liefertermin djgegeben. F¨
ur die Minimierung der
Summe aller Versp¨
atungen ist die Zielfunktion:
fΠ(I,σ):
N
j=1
max{Cj(I,σ)dj;0}
E/Tmax Minimierung der Summe aller Terminabweichungen
Die Minimierung der Summe aller Terminabweichungen ber¨
ucksichtigt verfr¨
uhte
und versp¨
atete Fertigstellungen und hat die Zielfunktion:
fΠ(I,σ):
N
j=1
|Cj(I,σ)dj|
Die Zielfunktion Tmax ist regul¨
ar, E/Tmax ist nicht regul¨
ar, da die verfr¨
uhte und die
versp¨
atete Fertigstellung negativ gewichtet werden.
Durchlaufzeitbezogene Zielsetzungen
Bei durchlaufzeitbezogenen Zielen wird die Zielsetzung verfolgt, durch einen schnellen
Produktionsfluss die auftragsbedingten Kapitalbindungskosten zu minimieren.
10
2.1. Ablaufplanung und -steuerung in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops
Durchlaufzeit ist die Zeitdauer, die zwischen dem Zugang und dem Abgang eines Ar-
beitsauftrags in einem bestimmten Arbeitssystem vergeht.16
Eng mit der Durchlaufzeit sind die Termintreue, die Kapazit¨
atsauslastung sowie die
Produktionskosten und -leistungen verkn¨
upft. Bei funktionaler Betrachtung steht die
Planung der Durchlaufzeit im Zentrum produktionswirtschaftlicher ¨
Uberlegungen. Mit
frei werdenden Ressourcen ist daher insgesamt mehr Wertsch¨
opfung zu erzielen.17 Das
Streben, die Produktion m¨
oglichst schnell durchzuf¨
uhren, zeigt sich in der Forderung
nach kurzen Durchlaufzeiten.18
Ausgehend von der Durchlaufzeit wird bei der Minimierung der maximalen Durchlauf-
zeit ein Schedule gesucht, bei dem die Zeit f¨
ur die Durchf¨
uhrung aller notwendigen
Operationen minimal ist.
Cmax Minimierung der maximalen Durchlaufzeit (Makespan19)
Ziel ist es, die maximale Durchlaufzeit (Makespan) vom Beginn der Bearbeitung
des erstens Auftrags der NAuftr¨
age in Izu minimieren. Der Makespan sei
Cmax(I,σ)=max{C1(I,σ),C
2(I,σ),...,C
N(I,σ)}f¨
ur einen L¨
osungskandidaten
σ. Die Zielfunktion f¨
ur die Minimierung der maximalen Durchlaufzeit ist:
fΠ(I,σ):Cmax(I,σ)
F¨
ur das Minimierungsproblem der mittleren Durchlaufzeit ist die Zielfunktion:
fΠ(I,σ): 1
N
N
j=1
Cj(I,σ)
Ein Großteil von Ver¨
offentlichungen im Bereich der Ablaufplanung und -steuerung in
Fertigungssystemen verwendet die regul¨
are Zielfunktion Cmax, die zur Sicherstellung der
Vergleichbarkeit auch in dieser Arbeit verwendet wird.20 Das heißt, im weiteren Verlauf
dieser Arbeit wird das durchlaufzeitbezogene Optimierungsziel der Minimierung der
maximalen Durchlaufzeit (Makespan) als prim¨
ares Ziel betrachtet.
16Vgl. (Kern et al., 1996, Seite 362).
17Vgl. (Schneeweiß, 2002, Seite 265).
18Vgl. (G¨
unther und Tempelmeier, 2005, Seite 3).
19Der Makespan wird auch als schedule length, Zykluszeit oder Gesamtbearbeitungszeit bezeichnet (vgl.
Domschke et al., 1997, Seite 292).
20Vgl. u. a. (Adams et al., 1988; Bierwirth, 1995; Jain und Meeran, 1999; Jansen et al., 1999).
11
2. Problemstellung
2.1.3. Komplexit¨
at des Reihenfolgeplanungsproblems
Da f¨
ur die Bestimmung einen Schedules die Komplexit¨
at ein entscheidender Faktor
ist, sind bei der Entwicklung von Verfahren zur Ablaufsteuerung komplexit¨
atstheoreti-
sche Aspekte zwingend zu beachten. Beispielsweise sind Job-Shop-Scheduling-Probleme
der Art J||Cmax mit 2 Maschinen (M=2)starkNP-vollst¨
andig und schwach NP-
vollst¨
andig f¨
ur M= 2 und nj3oderf
¨
ur M= 3 und nj2f
¨
ur alle j∈{1,...,N},
mit njals Anzahl der Operationen des Auftrags j,NAuftr¨
agen und MMaschinen.
Probleme mit M= 2 und nj2f
¨
ur alle j∈{1,...,N}sind in polynomialer Zeit l¨
os-
bar.21 Gleiches gilt z. B. auch f¨
ur Flexible-Flow-Shop Scheduling-Probleme, f¨
ur welche
die Zugeh¨
origkeit zur Klasse der NP-vollst¨
andigen Probleme als sicher gilt.22 Einerseits
existieren also Klassen von Probleminstanzen von Scheduling-Problemen, die effizient
l¨
osbar sind. Andererseits gibt es Klassen von Probleminstanzen, f¨
ur die kein effizien-
ter Algorithmus existiert. Nach Jain und Meeran hat ein effizienter Algorithmus die
Eigenschaft, eine optimale L¨
osung zu konstruieren, wobei die Anforderungen des Algo-
rithmus an Laufzeit und Speicherplatz mit der Eingabegr¨
oße des Problems polynomial
ansteigen.23
Bei Scheduling-Problemen handelt es sich im Regelfall um ganzzahlige bzw. gemischt-
ganzzahlige Modelle. Diese f¨
uhren im Gegensatz zu nichtganzzahligen Optimierungsmo-
dellen zu einer kombinatorischen Explosion. F¨
ur ein Job-Shop-Scheduling-Problem ist
die Anzahl g¨
ultiger aktiver Schedules mittels der Formel (N!)Mberechenbar.24 Tabel-
le 2.1 zeigt das Wachstum exemplarisch. Schon f¨
ur kleine, aus wenigen Maschinen (M)
und Auftr¨
agen (N) bestehende Scheduling-Probleme existiert eine sehr große Anzahl
von m¨
oglichen Wertekombinationen, die selbst mit aktueller IT-Unterst¨
utzung nicht in
vertretbaren Zeiten zu enumerieren sind.25
Hopp und Spearman geben ein weiteres Beispiel zur Veranschaulichung der Problemkom-
plexit¨
at. Sie untersuchen die erforderliche Rechenzeit zur Probleml¨
osung in Abh¨
angig-
keit der Problemgr¨
oße. Hierbei wird die Rechenzeit zwischen zwei Computersystemen
verglichen. Ein langsames System, das 1.000.000 Sequenzen pro Sekunde vergleichen
kann und ein zweites, 1.000-mal schnelleres System. Bereits bei 20 Auftr¨
agen brauchen
21Vgl. u. a. (Brucker, 2007; Blazewicz et al., 2007; Pinedo, 2005; Brucker und Knust).
22Vgl. (Huang et al., 2004; Chang und Liao, 1992).
23Vgl. (Jain und Meeran, 1998). Vorausgesetzte Grundlagen der Komplexit¨
atstheorie sind beispielsweise
in (Garey und Johnson, 1990) und (Cormen et al., 2001) nachzulesen.
24Jede Maschine mMmuss jeden Auftrag jNgenau einmal bearbeiten. F¨
ur jede Maschine ergeben
sich N! verschiedene Reihenfolgen, in welcher die Auftr¨
age bearbeitbar sind. Diese M¨
oglichkeit ist f¨
ur
jede der Maschinen vorhanden, weswegen N! mit der Anzahl der Maschinen Mzu potenzieren ist (vgl.
Z¨
apfel und Braune, 2005, Seite 21).
25Vgl. (Suhl und Mellouli, 2006, Seite 9).
12
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
(N,M)Anzahl m¨
oglicher Schedules
(2,2) 4
(3,3) 216
(5,5) 24.883.200.000
(10,10) 3,9594086612242519324387557078267e+65
(20,10) 7,2651764878989683833782015500172e+ 183
(100,50) 3,1636085149628783193203122468751e+ 7898
(100,100) 1,0008418835945628294822635692522e+ 15797
Tabelle 2.1.: Komplexit¨
at von Scheduling-Problemen
beide Systeme ca. 77 Jahre, um die optimale L¨
osung des Problems zu finden.26 Das
Problem potenziert sich konsequenterweise bei Flexible-Flow-Shops.27
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und
Steuerungsverfahrens
Auf dieser Grundlage der bisherigen Ausf¨
uhrungen kann jetzt der Aufbau eines L¨
o-
sungsverfahrens dargelegt werden. Zur Entwicklung eines geeigneten Ablaufplanungs-
und Steuerungsverfahrens wird dieses in Komponenten unterteilt. Anschließend kann
die Entwicklung der Anforderungen an die Komponenten vorgenommen werden. Mit
den aufgezeigten Anforderungen ist im Kapitel 3 der Stand der Technik auf geeignete
Verfahren zu bewerten bzw. Defizite bestehender Methoden aufzuzeigen.
2.2.1. Aufbau eines L¨
osungsverfahrens
Abbildung 2.2 illustriert den Aufbau eines L¨
osungsverfahrens.
Die Steuerungskomponente stellt den Rahmen des Verfahrens dar und generiert den
grundlegenden Schedule. Im Allgemeinen werden Algorithmen zur L¨
osung komplexer
Probleme h¨
aufig mit Strategien verbessert, die auf Hypothesen und Vermutungen auf-
bauen und mit h¨
oherer Wahrscheinlichkeit die L¨
osungsfindung beschleunigen. Derarti-
ge Strategien werden als Heuristiken bezeichnet. Dies sind typischerweise Faustregeln
fr¨
uher beobachteter Eigenschaften von L¨
osungen oder das Nachbilden des menschlichen
26Vgl. (Hopp und Spearman, 2007, Seite 522 ff.). Bei dem Experiment wird vorausgesetzt, dass jede der
m¨
oglichen L¨
osungen zu betrachten ist, um das Optimum zu finden.
27Zur Komplexit¨
at von Flexible-Flow-Shop-Problemen vgl. u. a. (Brucker, 2007, Seite 150 ff.).
13
2. Problemstellung
Scheduling
(Trainingskomponente) Fertigung
Wissensakquisition
(Lernkomponente)
Wissensanwendung
(Steuerungskomponete)
inititaler Schedule
Trainingsbeispiele
Rescheduling-
Ereignis
aktualisierter
Schedule
Abbildung 2.2.: Aufbau eines L¨
osungsverfahrens
Probleml¨
osungsprozesses.28 Demzufolge wird eine Art Wissen zur Erstellung von L¨
osun-
gen angewendet. Um zu guten L¨
osungen zu kommen, muss die Steuerungskomponente
in der Lage sein, den L¨
osungsraum grunds¨
atzlich einzuschr¨
anken, sowie Situationen
mit der Notwendigkeit einer Steuerungsentscheidung darzustellen. Beim Durchlaufen
des L¨
osungsraums sind also gute Entscheidungen zu treffen.
Dazu sind nach Aytug et al. geeignete Wissensrepr¨
asentationsformen und dynamische
Lernmethoden erforderlich.29 Ein derartiger Ansatz ist auf die Ablaufplanung und -
steuerung in Fertigungssystemen ¨
ubertragbar.30 Dem folgend soll eine Lernkomponente
(wissensbasierter Klassifikationsmechanismus) in die Steuerungskomponente eingesetzt
werden, um bei Steuerungsnotwendigkeit passende Entscheidungen zu treffen. Dazu
trainiert die Lernkomponente die Entscheidungen vor Beginn des Produktionsprozesses
und kann anschließend auf dieser Basis gute Steuerungsentscheidungen treffen. Eingabe
ist die Situation des Fertigungssystems, die Ausgabe eine passende Steuerungsentschei-
dung. Die Lernkomponente soll eine dynamische Methode sein, damit das Wissen aus
speziellen L¨
osungen f¨
ur ¨
ahnliche Probleminstanzen verwendet werden kann und per-
manent durch neue Trainingsbeispiele anpassbar ist. Im Kontext der Ablaufplanung
und -steuerung entstehen ¨
ahnliche Probleme immer dann, wenn sich Parameter wie
Bearbeitungszeiten, Anzahl der Maschinen und neue Auftr¨
age der urspr¨
unglichen In-
stanz nicht ¨
uberm¨
aßig stark ver¨
andern. Dieses ist beim Rescheduling der Fall. F¨
ur die
Lernkomponente muss daher die grunds¨
atzlich Annahme gelten, dass ¨
ahnliche Proble-
minstanzen auch ¨
ahnlich zu l¨
osen sind. Auch muss es m¨
oglich sein, die wissensbasierte
Lernkomponente einfach in die Steuerungskomponente zu integrieren, nicht zuletzt um
die Lernkomponente ohne großen Aufwand austauschen zu k¨
onnen. Allerdings muss
28Vgl. (Engesser, 1988, Seite 264).
29Vgl. (Aytug et al., 1994).
30Vgl. (Wang, 2007; Tavakkoli-Moghaddam und Daneshmand-Mehr, 2005).
14
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
die Steuerungskomponente zur Ablaufplanung und -steuerung auch ohne eine Lern-
komponente eingeschr¨
ankt funktionsf¨
ahig sein. Obwohl eine Lernkomponente also nicht
zwingend erforderlich ist, ist diese zu integrieren, da die G¨
ute der erzeugten L¨
osungen
zur Ablaufplanung und -steuerung ohne Lernkomponente gering ist.
Damit die Lernkomponente in Steuerungssituationen wissensbasiert entscheiden kann,
ist eine Wissensbasis zu erstellen, es sind Trainingsbeispiele zu erzeugen. Die Trai-
ningskomponente l¨
ost beispielhaft Scheduling-Probleminstanzen und ¨
ubergibt diese als
Trainingsl¨
osungen. Das bedeutet, dass das zum Training verwendete Fertigungssystem
mit dem f¨
ur den Wissenseinsatz verwandt ist.31 Hierbei sollte ein Verfahren verwen-
det werden, das m¨
oglichst gute L¨
osungen erzeugt. Da das Training vor dem Start des
Fertigungsprozesses durchgef¨
uhrt wird, steht ausreichend Zeit zur Generierung ei-
ner Vielzahl von guten Trainingsbeispielen zur Verf¨
ugung. Das beispielhafte L¨
osen von
Scheduling-Probleminstanzen zum Training ist von verschiedenen Verfahren durchf¨
uhr-
bar (Ablaufsimulatoren, Heuristiken, optimierende Verfahren).
Die Unterscheidung in eine Steuerungs-, Lern- und Trainingskomponente hat mehrere
Vorteile. Zum einen k¨
onnen die Komponenten autark entwickelt werden und sind in
einem gewissen Rahmen selbstst¨
andig lauff¨
ahig. Da die Trainings- und die Lernkom-
ponente direkt agieren, erscheint es sinnvoll die Trainings- in die Lernkomponente zu
integrieren, um so den indirekten fehleranf¨
alliger Datenaustausch durch wenige Schnitt-
stellen zu vermeiden. Zum anderen sind ganze Komponenten oder einzelne Teile leicht
austauschbar. So kann z. B. das integrierte Trainingsverfahren durch ein anderes ersetzt
werden, das bessere Beispiele liefert.
2.2.2. Anforderungen an eine Steuerungskomponente
2.2.2.1. Reduktion der Komplexit¨
at
Zur Bew¨
altigung der in Abschnitt 2.1.3 problematisierten Komplexit¨
at des zu l¨
osen-
den Planungs- und Steuerungsproblems in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops ist die
31AlsverwandteSystemek
¨
onnen beispielsweise zwei Job-Shops bezeichnet werden, da sie die grundlegend
gleiche Organisationsform besitzen. Ein Job-Shop zum Training und ein Open-Shop als Anwendungs-
system sind z. B. zwei unverwandte Systeme. Hieraus wird jedoch ersichtlich, dass das Trainieren auf
beispielsweise einem nach dem Job-Shop-Prinzip angeordneten Fertigungssystem mit zehn Maschinen
f¨
ur die Wissensanwendung auf einem Job-Shop mit 500 Maschinen zu wahrscheinlich weniger guten
Ergebnissen f¨
uhrt als auf einem Fertigungssystem mit elf Maschinen.
15
2. Problemstellung
Steuerungspositionierung von entscheidender Bedeutung. Damit sollen komplexe Ent-
scheidungsprobleme derart reduziert werden, dass die Entscheidungsfindung in akzep-
tabler Zeit erfolgen kann. Dies gilt insbesondere f¨
ur Flexible-Flow-Shops, da hier vor
jeder Fertigungsstufe Entscheidungen der Ablaufplanung und -steuerung zu treffen sind.
Im Normalfall ist der Anteil der Planung in zentralen Steuerungssystemen h¨
oher als in
dezentralen. Grundsatzidee der dezentralen Ans¨
atze ist die Verteilung von Entscheidun-
gen. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass aufgrund der dezentralen Steuerungseingriffe
die Systemdynamik ver¨
andert wird.32
Zentral
Die Steuerung stellt in der Logistik ein elementares Instrument dar. Im Rahmen die-
ser Steuerung sind im Vorfeld der Ausf¨
uhrung Entscheidungen ¨
uber unterschiedliche
Systemparameter und -variablen des gesamten Fertigungssystems m¨
oglich. Auf dieser
Basis kann das System anschließend im mathematischen Sinne als Optimierung konfi-
guriert werden. Bestandteile der zentralen Planung und Steuerung sind: Eine Zielfunk-
tion, die vom Verfahren bestm¨
oglich zu erreichen ist, Variablen, von denen die jeweilige
Zielfunktion abh¨
angig ist, und die bei der L¨
osungsbestimmung einzuhaltenden Restrik-
tionen.33
Bei einer zentralen Planung und Steuerung werden s¨
amtliche Entscheidungen des Sys-
tems zentral an einer einzigen Stelle getroffen. In komplexen und dynamischen Fer-
tigungssystemen ist dieses jedoch aus mehreren Gr¨
unden oft nicht m¨
oglich. Zun¨
achst
ist das Entscheidungsproblem zu komplex,34 woraus eine hohe Rechenzeit resultiert.
Gleichzeitig steht im Fertigungsprozess nicht gen¨
ugend Zeit zur Berechnung einer opti-
malen L¨
osung zur Verf¨
ugung. Auch sind die ben¨
otigten Informationen nicht immer zum
Zeitpunkt der Entscheidung vorhanden. Daher wird in zentral gesteuerten Systemen zur
Erreichung eines stabilen Systemverhaltens eine suboptimale Leistung akzeptiert. Auf-
grund der oft unrealistischen Annahmen in den Modellen einer zentralen Steuerung
sind derartige Verfahren nicht im Untersuchungskontext einsetzbar.35 Ebenso k¨
onnen
sie keine situativen Entscheidungen treffen.
Dezentral
Zur Verbesserung der Stabilit¨
at und Robustheit, somit der Effizienz, empfiehlt sich
32Vgl. (Scholz-Reiter et al., 2008, Seite 122).
33Vgl. (Scholz-Reiter et al., 2008, Seite 123).
34Siehe Abschnitt 2.1.3.
35Vgl. (Hopp und Spearman, 2007, Seite 524 f.).
16
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
der R¨
uckgriff auf dezentrale Ans¨
atze.36 Scholz-Reiter et al. erkl¨
aren die Einf¨
uhrung
von dezentralen Steuerungen in Logistiksystemen damit, dass in komplexen und dy-
namischen Systemen eine augenblickliche optimale Entscheidungsfindung h¨
aufig nicht
m¨
oglich ist.37
Im Falle von dezentralen Steuerungsstrategien wird von Selbststeuerung der Produktion
gesprochen. Selbststeuerung setzt voraus, dass interagierende Elemente in nichtdeter-
ministischen Systemen die F¨
ahigkeit und M¨
oglichkeit zum autonomen Treffen von Ent-
scheidungen besitzen. Ziel des Einsatzes von Selbststeuerung ist eine h¨
ohere Robustheit
und positive Emergenz des Gesamtsystems durch eine verteilte, flexible Bew¨
altigung von
Dynamik und Komplexit¨
at.38 Die Idee der Dezentralisierung besteht darin, Entschei-
dungen zu verteilen, um einzelne Entscheidungsfunktionen von einer zentralen Instanz
auf einzelne Steuerungspunkte in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops zu verlagern. Da-
mit k¨
onnen z. B. Maschinen oder Jobs aufgrund von lokalen Informationen Entscheidun-
gen ¨
uber die Reihenfolge bei der Bearbeitung oder die Route durch das Maschinennetz
treffen.39 Durch die Dezentralisierung ist das komplexe Entscheidungsproblem soweit
zu reduzieren, dass augenblickliche Steuerungsentscheidungen m¨
oglich werden. Damit
l¨
asst sich unter Inkaufnahme von global ung¨
unstigen Ergebnissen schnell und flexibel
auf kurzfristige ¨
Anderungen oder nicht vorhersagbare Ereignisse reagieren.
Aufgrund der ¨
Uberlegenheit der dezentralen Ans¨
atze sollte die Steuerungskomponente
ebenfalls einen dezentralen Einsatz erm¨
oglichen.
2.2.2.2. Bew¨
altigung von Unsicherheiten
Im Zusammenhang mit Job-Shops und Flexible-Flow-Shops ist der Planungs- und Steu-
erungszeitpunkt, d. h. die Ber¨
ucksichtigung von Unsicherheiten von Relevanz.40 Eine
Anpassung des initialen Plans ist immer dann erforderlich, wenn etwas zum urspr¨
ung-
lichen Planungszeitpunkt Unbekanntes wie Maschinenausf¨
alle, fehlende Montageteile
oder Materialm¨
angel in der Fertigung auftritt.41 In derartigen F¨
allen ist die verf¨
ug-
bare Zeit zur ¨
Uberarbeitung bzw. Neuerstellung eines Planes oder zum Treffen einer
Steuerungsentscheidung gering.
36Vgl. (Z¨
apfel, 1998, Seite 17 ff.).
37Vgl. (Scholz-Reiter et al., 2008, Seite 123).
38(Scholz-Reiter et al., 2007)
39Derartige Entscheidungen werden h¨
aufig durch relativ simple Regeln getroffen (vgl. u. a. (G¨
unther und
Tempelmeier, 2005, Seite 224) und (Reese, 1996, Seite 868 f.)).
40Zur grunds¨
atzlichen Bew¨
altigung von Unsicherheiten in der Produktionsplanung vgl. (Schneeweiß,
2002, Seite 104 ff.).
41Zu weiteren Rescheduling-Ereignissen vgl. u. a. (Vieira et al., 2003).
17
2. Problemstellung
Proaktiv
Eine proaktive Ablaufplanung und -steuerung ber¨
ucksichtigt m¨
ogliche Unsicherheiten
schon bei der initialen Planerstellung vor dem Beginn des Fertigungsprozesses. Ein Sche-
dule ist proaktiv, wenn dieser f¨
ur eine bestimmte Zeitspanne vorausschauend erstellt
ist. Unter Ber¨
ucksichtigung der Nebenbedingungen wird versucht, die Zielfunktion zu
optimieren. Aufgrund der unvollkommenen Information zum Planungszeitpunkt wird
zun¨
achst von einer statischen Planungsumgebung gesprochen.42 Durch die bestehen-
den Unsicherheiten sind viele Systeme allerdings sehr dynamisch. Daher sind derartige
Probleme bei der proaktiven Ablaufplanung und -steuerung zun¨
achst in statische Pro-
bleme zu transformieren. Liegen beispielsweise stochastische Bearbeitungszeiten vor,
kann der ung¨
unstigste anzunehmende Fall (Worst-Case-Fall) einberechnet werden, um
einen unter allen Umst¨
anden ausf¨
uhrbaren Plan zu erhalten.43 Dadurch l¨
asst sich ein
Rescheduling vermeiden.44 Doch treten unter besser als zum Planungszeitpunkt ange-
nommenen Umst¨
anden unn¨
otige Kosten auf, da zur Verf¨
ugung gehaltene Ressourcen
nicht optimal genutzt werden. Diese Kosten sind durch eine genauere Planung zwar
vermeidbar, jedoch nur auf Kosten von Systemausf¨
allen.
Reaktiv
Bei der reaktiven Planung und -steuerung wird ein partieller bzw. tempor¨
ar g¨
ultiger
Schedule erzeugt, in Situationen mit Steuerungsnotwendigkeit zum Entscheidungszeit-
punkt ad hoc entschieden. Dabei kann durchaus ein Ablaufplan erstellt werden, der
abgearbeitet wird, solange sich keine entscheidungsrelevanten Parameter ver¨
andern. Im
Falle von ¨
Anderungsereignissen wird der Plan dann durch einen neuen ersetzt. Sauer
merkt hierzu an, dass die Reaktion auf ¨
Anderungen m¨
oglichst schnell erfolgen muss.45
Durch die reaktive Steuerungsmethode entstehen in vielen F¨
allen jedoch schlechte Ent-
scheidungen bzgl. des langfristigen Fertigungshorizonts. Aytug et al. betonen: In a
strictly reactive situation [...], the future is taken as it occurs everything is a surprise
and there is no active mitigation of possible side-effects and problems.46
Proaktiv-reaktiv
Aufgrund der Nachteile der dargestellten proaktiven und reaktiven Ans¨
atze bietet sich
oft eine Kombination aus beiden an. Diese proaktiv-reaktiven Verfahren lassen sich in
42Vgl. (Sauer, 2002, Seite 12).
43Vgl. (Aytug et al., 2005).
44Gravierende Defekte des Fertigungssystems ausgenommen. Es wird also von normalen Umst¨
anden
ausgegangen.
45Vgl. (Sauer, 2002, Seite 17).
46(Aytug et al., 2005)
18
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
zwei Schritte unterteilen. Zun¨
achst wird nach proaktiver Vorgehensweise ein initialer
Ablaufplan f¨
ur einen bestimmten Zeithorizont erstellt. Dieser ist statisch und braucht
Unsicherheiten gar nicht oder nur in geringem Maß zu ber¨
ucksichtigen. W¨
ahrend der
Abarbeitung des Plans findet st¨
andig ein Soll-Ist-Vergleich statt. Bei Abweichungen
wird eine reaktive Plananpassung bzw. Planerneuerung durchgef¨
uhrt.47 Abbildung 2.3
zeigt das Schema eines solchen Ablaufs. Grunds¨
atzlich ist bei derartigen Verfahren zu
kl¨
aren: Wann und wie ist die Plananpassung durchzuf¨
uhren? Vieira et al. bezeichnen
diese Fragestellung als rescheduling policies“.48
Fertigung
Proaktives Scheduling
Teilweise Fertigung
Plan¨
uberwachung
Fertigungsende
Rescheduling
Abbildung 2.3.: Schema eines proaktiv-reaktiven Verfahrens zur Ablaufsteuerung
Proaktiv-reaktive Verfahren bieten ausreichende Flexibilit¨
at. Im Idealfall finden fast alle
Planungsschritte vor dem Beginn des Produktionsprozesses statt, so dass die Planung
das Fertigungssystem nur in Ausnahmef¨
allen verlangsamt.
Lawrence und Sewell zeigen, dass in unsicheren und schnelle Entscheidungen fordernden
Fertigungssystemen reaktive Planungs- und Steuerungsverfahren den Offline-Techniken
wie proaktiven Ans¨
atzen ¨
uberlegen sind.49 Als Ablaufplanungs- und Steuerungsverfah-
ren der in dieser Arbeit zu betrachteten Job-Shops und Flexible-Flow-Shops kommen
daher (proaktiv-)50 reaktive Verfahren zum Einsatz.51 Nachteil derartiger Verfahren ist
aber, dass sie nur auf lokalen Betrachtungen der aktuellen Fertigungssituation beruhen.
Durch die Kombination einer Steuerungs- und Lernkomponente kann dieser Nachteil
47Vgl. (Aytug et al., 2005; Sabuncuoglu und Bayiz, 2000; Church und Uzsoy, 1992).
48Vgl. (Vieira et al., 2003).
49Vgl. (Lawrence und Sewell, 1997). Vgl. auch (Wan, 1995), der zeigt, dass bei zuf¨
alligen Bearbeitungs-
zeiten ein globaler offline Algorithmus zu schlechteren Ergebnissen im Vergleich zu priorit¨
atsregelba-
sierten L¨
osungen f¨
uhrt. Eine weitere ¨
Ubersicht zu reaktiven und proaktiv-reaktiven Ans¨
atzen geben
u. a. (Aytug et al., 2005).
50Hierbei wird die proaktive Phase (insbesondere der dabei erzeugte Ablaufplan) als gegeben voraus-
gesetzt. Mittels des initial erstellten Ablaufplanes wird das Verfahren f¨
ur den reaktiven Einsatz, das
vollst¨
andige Erneuern des Planes, trainiert.
51Ein Ablaufplan wird generiert. Dieser wird, sobald sich signifikante ¨
Anderungen ergeben, verworfen
und ein neuer Plan generiert. Umr¨
ustkosten, Transportwege usw. werden hierbei nicht mit in Betracht
gezogen. Dabei werden der proaktive Verfahrensteil sowie der Soll-Ist-Vergleich und die Ausl¨
osung der
Umplanung als gegeben vorausgesetzt.
19
2. Problemstellung
jedoch mit einem globalen Plan im Vorfeld umgangen werden. Zus¨
atzlich wird somit
das Wissen ¨
uber die proaktive Planerstellung gesichert; der Aufwand zur initialen Pla-
nerstellung ist bei ¨
Anderungen nicht umsonst.
2.2.2.3. Minimierung der Rechenzeit
W¨
ahrend der Anpassung des Plans werden die Ressourcen des Fertigungssystems blo-
ckiert.52 Es steht wenig Zeit zum Generieren eines neuen Ablaufplans zur Verf¨
ugung.
Aus diesem Grund muss eine Plananpassung derart schnell durchgef¨
uhrt werden, dass
der neue Plan besser ist als der initial erstellte.53
Fast computation methods are nee-
ded for the heuristics of [...] scheduling problems in practical manufacturing environ-
ments.54 Beispiel 2.1 zeigt den Zusammenhang zwischen der erforderlichen Rechenzeit
zur Planerstellung und dem Makespan, der durch den neu berechneten Plan erreichbar
ist.
Beispiel 2.1 Rechenzeit und Makespan
Das Job-Shop-Beispiel verdeutlicht den Einfluss der Rechenzeit eines Ablaufplanungs-
und Steuerungsverfahrens auf den Makespan (Cmax). Ausgangspunkt ist der in Ab-
bildung 2.4 dargestellte Gantt-Chart55 des initialen Schedules. Hier sind die Opera-
tionen (oj,m) von drei Auftr¨
agen (j=1,...,3) eingeplant, die von drei Maschinen
(m=1,...,3) bearbeitet werden.
M1
M2
M3
0 50 100 150 200 t
o1,3
o1,1
o1,2
o2,2
o2,3
o2,1
o3,2
o3,1
o3,3
Abbildung 2.4.: Beispielhafter initial gegebener Schedule
52Werden w¨
ahrend der Umplanung Ressourcen neu belegt, kann der erstellte Plan ggf. nicht mehr ange-
wendet werden. Ist die Plananpassung also nicht schnell genug, gehen im laufenden Fertigungssystem
Handlungsoptionen verloren.
53Vgl. (Mahajan, 2007).
54(Li et al., 2006)
55Der ¨
Okonom Henry L. Gantt gilt als Namensgeber f¨
ur Gantt-Diagramme. Diese sind Balkendiagramme
und stellen die Belegungsdauer von Maschinen durch Auftr¨
age in Form von Balken auf der Zeitach-
se (Abszisse) dar. Es kann zwischen zwei Diagrammtypen unterschieden werden. Auftragsorientierte
Gantt-Diagramme bilden die Auftr¨
age auf der Ordinate ab, maschinenorientierte Gantt-Diagramme
die Maschinen. An Ersten lassen sich Arbeitsfortschritte der Auftr¨
age gut erkennen, wohingegen
Produktions- und Stillstandzeiten der Maschinen an Letzteren gut zu erkennen sind.
20
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
Zum Zeitpunkt t= 120 tritt ein Ereignis mit Steuerungsnotwendigkeit auf. Es wird
ein neuer Auftrag 4 (j= 4) mit den Operationen o4,1= 20, o4,2=20undo4,3=25
hinzugef¨
ugt. Ein schnelles Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahren, das f¨
ur die Neu-
berechnung eines Schedules zehn Zeiteinheiten ben¨
otigt, k¨
onnte den in Abbildung 2.5
illustrierten Schedule erstellen.
M1
M2
M3
0 50 100 150 200 t
o1,3
o1,1
o1,2
o2,2
o2,3
o2,1
o3,2
o3,1
o3,3
o4,1
o4,2
o4,3
o
1,3
o
1,1
o
2
,
2
o
3
,
2
o
3,1
o
3,3
r
Abbildung 2.5.: Effizienter Schedule nach Umplanung
Wenn das Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahren einen vollst¨
andig neuen Schedule
f¨
ur diejenigen Operationen berechnet, die sich nicht in Bearbeitung finden, d¨
urfen w¨
ah-
rend der Berechnung keine weiteren Operationen ihre Bearbeitung starten. Beginnt eine
Operation w¨
ahrend des Umplanungsprozesses, ist diese mittels des Ablaufplanungs- und
Steuerungsverfahrens nicht mehr umplanbar. Vor der Berechnung des neuen Schedules
ist noch unklar, welche Startzeit passend (optimal) ist; auch sind Unterbrechungen nicht
erlaubt. Dar¨
uber hinaus muss es ein zeitliches Intervall geben, in dem das Verfahren ter-
miniert. Dem Gantt-Diagramm ist zu entnehmen, dass der neue Schedule den Makespan
im Vergleich zu dem initialen Schedule nicht verl¨
angert. Die Anwendung des Verfahrens
erfordert wenig Zeit f¨
ur die Berechnung, was sich positiv auf das Rescheduling-Ergebnis
auswirkt. Beispielsweise k¨
onnte ein Verfahren, das eine Rechenzeit von 45 Zeiteinheiten
besitzt, den Schedule in Abbildung 2.6 generieren.
M1
M2
M3
0 50 100 200 t
o1,3
o1,1
o1,2
o2,2
o2,3
o2,1
o3,2
o3,1
o3,3
o4,1
o4,2
o4,3
o
1,3
o
1,1
o
2
,
2
o
3
,
2
o
3,1
o
3,3
r
Abbildung 2.6.: Ineffizienter Schedule nach Umplanung
Dieser Schedule hat einen um 35 Zeiteinheiten l¨
angeren Makespan als der vom ersten
Verfahren generierte (C1
max = 195 zu C2
max = 230), was durch die l¨
angere Zeit zur
21
2. Problemstellung
Berechnung der L¨
osung verursacht wird. Er ist jedoch schneller (effizienter) als die
einfache Ausf¨
uhrung des alten (initialen) Schedules und die anschließende Abarbeitung
des neu eingetroffenen Auftrags, was zu einem Makespan von 260 Zeiteinheiten f¨
uhrt. So
w¨
urde selbst durch das schlechtere Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahren ein um 30
Zeiteinheiten besserer Makespan im Vergleich zur L¨
osung ohne Rescheduling erreicht.
Das schnellere Verfahren erreicht hier allerdings eine Verbesserung um 65 Zeiteinheiten.
Es wird deutlich, dass das zu entwickelnde Verfahren zur Ablaufplanung und -steuerung
wenig Rechenzeit verbrauchen darf. Andernfalls w¨
urde der Fertigungsprozess unn¨
otig
verlangsamt, was zu zus¨
atzlichen Kosten f¨
uhrt.
2.2.2.4. Maximierung der L¨
osungsqualit¨
at
Neben der Rechenzeit stellt die Qualit¨
at der L¨
osung einen weiteren Faktor des zu entwi-
ckelnden Verfahrens zur Ablaufplanung und -steuerung dar. Die Qualit¨
at56 einer L¨
osung
ist deren Abweichung vom optimalen Zielfunktionswert.57 Piramuthu et al. schreiben:
The need for generating efficient manufacturing schedules has further increased in the
face of increasing global competition that requires a reduction in manufacturing cycle
times, as well as greater adaptability and flexibility.58
Weil im Kontext der betrachteten Job-Shops und Flexible-Flow-Shops eine optimale
L¨
osung nur schwer in sinnvoller Rechenzeit ermittelt werden kann, ist das Ziel,
unter den gegeben Umst¨
anden eine m¨
oglichst hohe L¨
osungsqualit¨
at zu erreichen.59
56Qualit¨
at ist mit einer Wertung wie ausgezeichnete oder schlechte Qualit¨
at verbunden, welche die
Zweckm¨
aßigkeit zum Ausdruck bringt. Die Qualit¨
at ist vom jeweiligen Bezugssystem hier determiniert
¨
uber die Zielfunktion abh¨
angig (vgl. Klaus und Buhr, 1987, Seite 996 ff.).
57Vgl. (Nissen, 1997, Seite 19).
58(Piramuthu et al., 1994)
59Vgl. (Georgi, 1995, Seite 91). Insgesamt gilt es, bei der Entwicklung eines L¨
osungsverfahrens folgendes
zu beachten: Komplizierten Verfahren ist eine gr¨
oßere Fehleranf¨
alligkeit inh¨
arent. Gleichfalls verringert
der h¨
ohere Erkl¨
arungsbedarf die Akzeptanz. Einfache Verfahren sind demnach leichter in der betrieb-
lichen Praxis umzusetzen. Werden durch das kompliziertere Verfahren theoretisch bessere L¨
osungen
erzielt, ist abzuw¨
agen, ob dieser Mehrnutzen bei der praktischen Umsetzung tats¨
achlich erreichbar ist
und der Mehraufwand f¨
ur die Einf¨
uhrung und den Betrieb gerechtfertigt sind (vgl. L¨
odding, 2008, Seite
80). Daher ist bei gleicher oder besserer L¨
osungsqualit¨
at das einfachere Verfahren vorzuziehen. Blumer
et al. nennen als eine der verschiedenen Begr¨
undungen f¨
ur dieses Vorgehen (Sparsamkeitsprinzip): Es
existieren viele komplexe Modelle, die einen Sachverhalt erkl¨
aren, jedoch nur wenige einfache Modelle,
die ebenfalls den Sachverhalt erkl¨
aren. Wenn durch ein einfaches Modell ein Sachverhalt erkl¨
art werden
kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses zuk¨
unftige Ereignisse ebenfalls erkl¨
art, h¨
oher als bei
einem komplexen Modell (vgl. Blumer et al., 1987). Zus¨
atzlich sind Modelle mit wenigen Annahmen
einfacher zu falsifizieren als komplexere.
22
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
2.2.3. Anforderungen an eine Lernkomponente
2.2.3.1. Approximation von Trainingsverfahren
Das Lernverfahren muss in der Lage sein zu erlernen, wie der Trainer sich verh¨
alt. Es
muss die Entscheidungsmethodik des Trainers mit einer hohen Genauigkeit approxi-
mieren. Da ein Lernverfahren als Auswahlmethode in Steuerungssituationen verwendet
werden soll, muss folgende Annahme gelten: Es besteht ein Zusammenhang zwischen
der Genauigkeit der Auswahlmethode und dem erreichten Planungs- und Steuerungser-
gebnis, gemessen an der Zielfunktion. Trifft die Lernkomponente gute Entscheidungen,
ist die L¨
osungsg¨
ute des entwickelten Verfahrens hoch. Im Folgenden wird also davon
ausgegangen, dass die Abweichung des Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens zur
optimalen L¨
osung mit steigender Auswahlgenauigkeit der Lernkomponente abnimmt.
0
20
40
60
80
100
0 20 40 60 80 100
Abweichung zur
optimalen Lösung [%]
Genauigkeit der Entscheidung [%]
Abbildung 2.7.: Hypothese zur Entscheidungsgenauigkeit und L¨
osungsg¨
ute
Abbildung 2.7 illustriert die Hypothese des Zusammenhangs zwischen Genauigkeit der
Entscheidung des Lernverfahrens und dem Planungsergebnis. Es sind beispielhaft drei
Geraden f¨
ur die Beziehung dargestellt, jedoch ist nicht zwingend von einem linearen
Zusammenhang auszugehen. Ebenso wird das Ausmaß einer Verbesserung der G¨
ute
der Entscheidungen mit der damit einhergehenden Verbesserung des Planungsergeb-
nisses von den, dem Verfahren zur Verf¨
ugung stehenden Attributen (Merkmalen) und
Klassen (Steuerungsregeln), beeinflusst. Grunds¨
atzlich kann unabh¨
angig von der Ge-
nauigkeit die optimale L¨
osung nur dann erreicht werden, wenn mit den vorhandenen
Steuerungsregeln auch optimal zu entscheiden ist. Im Falle einer null-prozentigen Ab-
weichung des Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens von der optimalen L¨
osung,
mit der trainiert wurde, approximiert das Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
das Trainingsverfahren zu 100 Prozent.
23
2. Problemstellung
Demzufolge sind die Approximationsf¨
ahigkeit von anderen Verfahren, insbesondere des
zum Training eingesetzten, sowie eine hohe Genauigkeit bei den Entscheidungen von
der Lernkomponente zu erf¨
ullende Anforderungen.
2.2.3.2. Adaptierbarkeit
Die Charakteristik des Produktionssystems und der Auftr¨
age kann sich im Laufe des
Einsatzes ver¨
andern. Wird beispielsweise ein neuer Typ von Auftr¨
agen eingef¨
uhrt oder
eine Maschine ersetzt, mit dem die Lernkomponente bisher nicht trainiert wurde, so
sind keine guten Entscheidungen f¨
ur die neuen Situationen m¨
oglich. Ebenso k¨
onnen
beim Einsatz des Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahren im laufenden Produkti-
onsprozess weitere Informationen, z. B. Trainingsbeispiele ¨
uber das System, gewonnen
werden. Damit diese zus¨
atzlichen Daten nutzbar werden, muss das Lernverfahren die
Beispielmenge der Wissensbasis, auf deren Grundlage durch die Lernkomponente Ent-
scheidungen getroffen werden aktualisierbar sein. Die Aktualisierung der Wissensbasis
muss zus¨
atzlich ohne großen Aufwand und automatisiert durchzuf¨
uhren sein, um die
neuen Informationen schnell in den Entscheidungsprozess einzubinden.
Damit sich das Verhalten des L¨
osungsverfahrens dem Fertigungssystem im laufenden
Fertigungsprozess anpassen kann, ist die Anforderung nach einer adaptierbaren Lern-
komponente zu erf¨
ullen.
2.2.3.3. Ausgabe der Entscheidungssicherheit
Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass das Ziel bez¨
uglich Entscheidungen der Lern-
komponente darin besteht, eine m¨
oglichst hohe Erfolgsrate, im Sinne einer hohen Anzahl
korrekter Entscheidungen f¨
ur die Vorhersagen zu erzielen. Daraus folgt, dass das Er-
gebnis f¨
ur eine zuzuordnende Situation immer dann korrekt ist, wenn die Vorhersage
mit dem tats¨
achlichen Wert identisch ist. Inkorrekt ist ein Ergebnis, wenn Vorhersa-
ge und tats¨
achlicher Wert nicht ¨
ubereinstimmen. Die Zuordnung ist eine Null- oder
Eins-Entscheidung und es sind keine Randbereiche vorhanden. Immer dann, wenn vom
Lernverfahren bei dessen Einsatz entweder eine korrekte oder eine inkorrekte Vorhersage
zu treffen ist, ist der Erfolg das zu w¨
ahlende Maß.60 Jedoch ist in den hier betrachte-
ten Organisationsformen in vielen F¨
allen nicht eindeutig zwischen diesen Auspr¨
agungen
60Dieses Erfolgsmaß ist auch als 0-1-Verlustfunktion bekannt. Der Verlust ist Null bei korrekter Vorhersa-
ge und Eins bei inkorrekter. Die Anwendung des Verlustbegriffs ist also konventionell, doch k¨
onnte eine
optimistische Terminologie das Ergebnis ebenso im Hinblick auf den Erfolg ausdr¨
ucken (vgl. Witten
und Frank, 2005, Seite 142).
24
2.2. Rahmen eines Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
differenzierbar und die Zuordnung einer Wahrscheinlichkeit zur Vorhersage w¨
unschens-
wert. Ebenso sind in Fertigungssystemen selten alle Informationen vorhanden, so dass
keine 100-prozentig korrekten Aussagen erzielbar sind. Dieses Mapping auf eine Null-
Eins-Entscheidung w¨
urde hier zu Potentialverlusten des Verfahrens f¨
uhren. Ein mit einer
Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent korrekt vorhergesagtes Ergebnis kann mehr Gewicht
haben als ein mit 34 Prozent vorhergesagtes. Bei beispielsweise drei Alternativen ist
die korrekte Vorhersage mit einer Wahrscheinlichkeit von 34 Prozent nur geringf¨
ugig
besser als eine inkorrekte Vorhersage mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent.61
Diese Unsch¨
arfe ist ausnutzbar. Es k¨
onnen mehrere alternative L¨
osungen erstellt und
miteinander verglichen werden. W¨
urde es nur zu Null-Eins-Entscheidungen kommen,
w¨
are dieses nicht m¨
oglich, die L¨
osungen w¨
aren alle gleich. Erst durch die alternativen
L¨
osungen mit Wahrscheinlichkeiten wird eine qualitative und gezielte Berechnung von
Alternativen m¨
oglich.
Aus diesem Grund muss die Lernkomponente in der Lage sein, die Wahrscheinlichkeiten
bei der Zuordnung in Steuerungsentscheidungen mit auszugeben.
2.2.3.4. Minimierung der Lern- und Vorhersagezeit
Sollen maschinelle Lernverfahren in Fertigungssystemen eingesetzt werden, ist es auf-
grund der Datenmengen erforderlich, dass die Lernalgorithmen auf den Datenmengen
effizient arbeiten. Um eine komplexe Situation beschreiben zu k¨
onnen, muss das Lern-
verfahren mit einer großen Anzahl an beschreibenden Merkmalen arbeiten k¨
onnen, es
muss skalieren. Dabei sind die zwei voneinander unabh¨
angigen Gr¨
oßen Speicherplatz
und Rechenzeit kritisch zu betrachten. Die relevante der beiden Gr¨
oßen in Fertigungs-
systemen ist die Rechenzeit.62 Diese wird zum einen durch die Lernzeit, die erforderliche
Zeit zur Verarbeitung der gegeben Trainingsbeispiele f¨
ur das Training, und zum anderen
durch die Vorhersagezeit, die ben¨
otigte Zeit zum Treffen einer Entscheidung, determi-
niert.
Verh¨
alt sich die Lernzeit nicht linear oder zumindest ann¨
ahernd linear zur Anzahl der
Trainingsdaten, ist die Verarbeitung von großen Datenmengen irgendwann nicht mehr
m¨
oglich. ¨
Ahnlich verh¨
alt es sich bei einer kleineren Datenmenge. Ist das Lernverfahren
langsam, so ist die Anwendung in der zeitkritischen Ablaufplanung und -steuerung von
Fertigungssystemen bereits hier nicht m¨
oglich. Dieses gilt besonders bei der Adaptier-
barkeit des Verfahrens zur Laufzeit. Demzufolge sind bei Anwendungen, in denen die
61Vgl. (Witten und Frank, 2001, Seite 142).
62Speicherplatz wird als in ausreichender Menge gegeben vorausgesetzt.
25
2. Problemstellung
Anzahl der Attribute ein kritischer Faktor ist, nur Lernverfahren akzeptabel, die sich
linear zur Zahl der Attribute verhalten.63
Neben der erforderlichen Zeit f¨
ur das Training des Lernverfahrens ist insbesondere die
Vorhersagezeit bei der Anwendung zur Ablaufplanung und -steuerung in den betrach-
teten Job-Shops und Flexible-Flow-Shops ein kritischer Faktor.64 Da im Produktions-
prozess unter strengen Zeitbeschr¨
ankungen zu agieren ist,65 ist es wichtig, dass das
Lernverfahren das Wissen schnell auswerten kann, um ben¨
otigte Entscheidungen be-
reitzustellen. Die Vorhersagezeit ist im Produktionsprozess also kritischer zu bewerten
als die Trainingszeit. Verz¨
ogerungen der Produktion durch zu sp¨
ate Entscheidungen des
Lernverfahrens f¨
uhren zu Kosten.
Insgesamt ist also zu ber¨
ucksichtigen, dass die Lernkomponente mit großen Datenmen-
gen umgehen k¨
onnen muss und dabei eine minimale Lern- und Vorhersagezeit gew¨
ahr-
leistet.
2.2.3.5. Bew¨
altigung von kardinalen Merkmalen
Die Werte von situationsbeschreibenden Merkmalen f¨
ur ein maschinelles Lernverfahren
k¨
onnen aus verschiedenen Formaten bestehen.66 In Fertigungssystemen sind die Werte
eines Merkmals in aller Regel numerischer Natur, d. h. kardinal skaliert. Der Vorteil
von kardinalen Merkmalen ist, dass mit deren Hilfe Situationen pr¨
aziser beschreibbar
und vergleichbar sind als beispielsweise bei der Verwendung von Werten mit nominaler
Skalierung. Gleichzeitig stellen kardinale Merkmale eine Herausforderung an Lernver-
fahren dar, weil theoretisch unz¨
ahlige Auspr¨
agungen eines kardinal skalierten Merkmals
existieren.
Die sich hieraus ergebende Anforderung ist, dass das eingesetzte Lernverfahren in der
Lage sein muss, kardinal skalierte Merkmale angemessen zu verarbeiten.
63Vgl. (Witten und Frank, 2001, Seite 352).
64Einfache Lernverfahren wie nach der Methode der n¨
achsten Nachbarschaft m¨
ussen f¨
ur die Ableitung
einer einzigen Vorhersage beispielsweise die gesamte Datenbank durchsuchen, was zu sehr langen Vor-
hersagezeiten f¨
uhrt (vgl. Witten und Frank, 2001, Seite 352).
65Siehe Abschnitt 2.2.2.3.
66Vgl. u. a. (Tan et al., 2006, Seite 26), der die Maßebenen von Merkmalen als Nominal, Ordinal, Intervall
und Ratio ordnet. Dabei sind die Maßebenen Nominal und Ordinal kategorischer Natur, Intervall und
Ratio numerischer.
26
2.3. Ableitung der Problemstellung
2.3. Ableitung der Problemstellung
Ziel ist die Entwicklung eines Verfahrens zur Ablaufplanung und -steuerung f¨
ur den
Einsatz im laufenden Fertigungsprozess in zeitrestriktiven Fertigungssystemen hier
Job-Shops und Flexible-Flow-Shops. Es ist ein (proaktiv-) reaktives Verfahren unter
Ber¨
ucksichtigung maschineller Lernverfahren zu konzipieren. Dabei ist sicherzustellen,
dass dieses vor dem operativen Einsatz trainiert wird, um zu zweckm¨
aßigen Entschei-
dungen hinsichtlich der Zuordnung von Jobs zu Maschinen in Job-Shops und Flexible-
Flow-Shops zu gelangen. Gleichzeitig soll das Verfahren in der Lage sein, Echtzeit nahe
Entscheidungen zu erm¨
oglichen, um dem dynamischen Charakter des Fertigungssystems
gerecht zu werden. Aufgrund des stufenweisen (dezentralen) Einsatzes in Flexible-Flow-
Shops sowie der vom Fertigungssystem geforderten Rechenzeit minimalen Steuerungs-
entscheidungen kann es aus zentralem Blickwinkel betrachtet zu ung¨
unstigen Entschei-
dungen kommen. Weil das Verfahren f¨
ur Rechenzeit minimale Steuerungsentscheidun-
gen situativ trainiert wird, kann es zu schlechteren Ergebnissen kommen als bei offline
Planungsverfahren mit ausreichender Berechnungszeit und s¨
amtlichen Situationsinfor-
mationen. Diese potentiellen Einbußen von L¨
osungsqualit¨
at sind den Anforderungen des
Fertigungssystems an das Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahren geschuldet. ¨
Uber
eine Simulation des Fertigungsprozesses sind Methoden zur Erzeugung von Trainings-
daten zu entwickeln. Das Verfahren ist zu adaptieren.
27
28
3. Stand der Technik
Kapitel 3 beleuchtet den f¨
ur den Untersuchungskontext dieser Arbeit relevanten Stand
der Technik, um vorhandene Methoden zur Probleml¨
osung zu identifizieren. Hierzu
werden existierende Verfahren und Konzepte dargestellt und auf Erf¨
ullung der Anfor-
derungen an ein L¨
osungsverfahen hin untersucht. Dazu werden die in Abschnitt 2.2
skizzierten Anforderungen herangezogen.
3.1. Analyse von Verfahren der Ablaufplanung und
-steuerung
Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung lassen sich in optimierende und heuristi-
sche Verfahren unterteilen. Optimierende Verfahren finden mit ihrer Ausf¨
uhrung eine
bzw. alle optimalen L¨
osungen. Heuristische Verfahren werden zur L¨
osung von prakti-
schen Problemen eingesetzt, f¨
ur die in der Regel eine exakte L¨
osung nur schwer oder
zeitaufw¨
andig zu bestimmen ist. Dabei haben Heuristiken zwar eine geringe Laufzeit,
garantieren jedoch keine optimale L¨
osung.1Eine m¨
ogliche Aufteilung heuristischer Ver-
fahren im Bereich des Shop-Schedulings bieten Jain und Meeran.2Die Autoren un-
terscheiden konstruierende und iterative Heuristiken. Als konstruierend lassen sich auf
Priorit¨
atsregeln basierende Verfahren bezeichnen, weil sie L¨
osungen aufbauen, ohne be-
reits erstellte Teill¨
osungen zu ¨
andern. Die Teill¨
osungen werden zu einer Gesamtl¨
osung
zusammengesetzt. Iterative Algorithmen (Suchverfahren) n¨
ahern sich einer L¨
osung an
bzw. verbessern schrittweise eine m¨
ogliche L¨
osung oder Teill¨
osung. Dazu geh¨
oren haupt-
s¨
achlich lokale Suchverfahren sowie solche mit k¨
unstlicher Intelligenz.
1Vgl. (Z¨
apfel und Braune, 2005, Seite 22 f.).
2Vgl. (Jain und Meeran, 1999) und Anhang A.1.
29
3. Stand der Technik
3.1.1. Optimierende Verfahren
Mit optimierenden Verfahren sind, bis auf wenige Spezialf¨
alle, hohe Zeitanforderungen
an die L¨
osungserstellung verbunden. Es gibt sogenannte effiziente Methoden, die eine
kleine Klasse von Shop-Scheduling-Problemen mit polynomial wachsender Laufzeit in
der Eingabegr¨
oße optimal l¨
osen. Dazu geh¨
oren Job-Shop-Scheduling-Probleme mit N
Auftr¨
agen und MMaschinen, die darauf beschr¨
ankt sind, dass sie maximal aus zwei
Auftr¨
agen (2 ×M-Problem) oder aus h¨
ochstens zwei Operationen pro Auftrag (Nj×2-
Problem) bestehen. Ebenso k¨
onnen Nj×2-Probleme mit beliebig vielen Operationen
f¨
ur jeden Auftrag jeffizient gel¨
ost werden, wenn die Bearbeitungszeiten einheitlich sind.
Solange P =NP gilt, existiert zur L¨
osung von Scheduling-Problemen realistischer Gr¨
o-
ße kein effizientes Verfahren. Vollst¨
andig enumerierende Verfahren k¨
onnen aufgrund der
Gr¨
oße des L¨
osungsraumes nur begrenzt eingesetzt werden. Da es bis zu (N!)ML¨
osun-
gen geben kann, ist ein Aufz¨
ahlen aller L¨
osungen schon bei einer kleinen Maschinen-
und Auftragsanzahl Mund Nnicht m¨
oglich.3Optimierende Verfahren stoßen also sehr
schnell an Grenzen.
Branch-and-Bound-Verfahren
Zu den schnellsten optimierenden Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung in Job-
Shops und in Flexible-Flow-Shops geh¨
oren die auf der Grundlage der Graphensuche
aufbauenden Branch-and-Bound-Verfahren.
Ein Graph G=(V,E) sei ein Tupel, welches aus einer nicht-leeren Knotenmenge V=
{v1,...v
n}sowie einer Kantenmenge E(Eist eine Menge von Paaren aus V) besteht.
Ein Weg der L¨
ange lzwischen zwei Knoten u, v Vsei eine Folge von Kanten (u, v1),
(v1,v
2), ..., (vl1,v). Ein Kreis sei ein Weg mit l2, wobei alle Kanten verschieden
sind. Ein Graph sei zusammenh¨
angend, wenn es zwischen zwei beliebigen Knoten u, v
einen Weg gibt. Ein Baum sei ein zusammenh¨
angender, zyklenfreier Graph G=(V,E)
mit |V|−1Kanten.
Branch-and-Bound-Verfahren k¨
onnen f¨
ur eine gr¨
oßere Klasse von Problemen optima-
le L¨
osungen finden. Dazu durchsuchen sie den Suchraum mit potentiellen L¨
osungen
m¨
oglichst geschickt. Eine Baumstruktur, die dynamisch erzeugt wird, repr¨
asentiert die
m¨
oglichen L¨
osungen. Jeder innere Knoten steht f¨
ur einen partiellen Schedule und jedes
Blatt f¨
ur einen vollst¨
andigen. Ein partieller Schedule unterscheidet sich von einem voll-
st¨
andigen dadurch, dass noch nicht alle Operationen eines Problems eingeplant sind.
Aus einem partiellen Schedule k¨
onnen vollst¨
andige Schedules aufgebaut werden. Ein
3Siehe Abschnitt 2.1.3.
30
3.1. Analyse von Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung
vollst¨
andiger Schedule enth¨
alt alle partiellen Schedules seiner Vorg¨
anger in der Baum-
struktur. Branch-and-Bound-Verfahren f¨
uhren eine Tiefensuche durch, die mit der Wur-
zel in Tiefe Null des Baumes beginnt und mit einem Blatt endet. Zus¨
atzlich gibt es eine
obere Schranke (UB) und eine gesch¨
atzte untere (LB), die den noch zu untersuchenden
Bereich einschr¨
anken. Die Qualit¨
at der besten bisher gefundenen L¨
osung bestimmt die
obere Schranke. Wird diese Schranke ¨
uberschritten, bedeutet dies, dass bereits eine bes-
sere L¨
osung bekannt ist. Die L¨
osungsqualit¨
at eines partiellen Schedules wird gesch¨
atzt,
wenn der vollst¨
andige Schedule f¨
ur eine exakte Bestimmung noch nicht aufgebaut ist.
Sie bildet die untere Schranke. Die Sch¨
atzung darf dabei die L¨
osungsqualit¨
at nicht
untersch¨
atzen und bessere Werte annehmen als die vollst¨
andigen Schedules, die den
partiellen Schedule enthalten, da ansonsten die Terminierung des Branch-and-Bound-
Verfahrens nicht garantiert werden kann. Sobald LB(v)f
¨
ur den durch den Knoten v
repr¨
asentierten partiellen Schedule Svgr¨
oßer als UB ist, k¨
onnen alle Schedules, die auf
Svaufbauen, nicht mehr besser werden als UB. Dies hat zur Folge, dass alle folgenden
Schedules, die den partiellen Schedule enthalten, nicht weiter untersucht werden m¨
us-
sen. Dadurch ist der Suchraum schneller explorierbar. Das Branch-and-Bound-Prinzip
wird beispielsweise von Brucker sowie Blazewicz et al. beschrieben.4
Verfahren nach dem Branch-and-Bound-Prinzip f¨
uhren eine systematische Suche aus,
das heißt, die Suche ist beendet, wenn alle Knoten genau einmal untersucht sind. Dies
kann explizit oder implizit erfolgen, indem ein Teil des Suchraums ausgeschlossen wird,
dessen L¨
osungsqualit¨
aten schlechter sind als die aktuelle obere Schranke. Im ung¨
unstigs-
ten Fall ist der Aufwand eines Branch-and-Bound-Verfahrens f¨
ur Job-Shop-Scheduling-
Probleme O((N!)M) mit NAuftr¨
agen und MMaschinen. In der sich aus dem Auf-
wand ben¨
otigten Berechnungszeit liegt die gr¨
oßte Schw¨
ache von Branch-and-Bound-
Verfahren. Realit¨
atsnahe Probleme sind von diesen auch nach Jahren der Forschung
und immer schnelleren Computern nicht in akzeptabler Zeit l¨
osbar.5Gleiche Aussagen
treffen auch auf Branch-and-Bound-Verfahren f¨
ur Flexible-Flow-Shops zu.6
Analyse optimierender Verfahren
Hackstein beschreibt die Problematik des Reihenfolgeproblems in Ablaufpl¨
anen mit
exakten Verfahren zur Optimierung, die mit vertretbarer Rechenzeit auskommen, als
praktisch nicht l¨
osbar.7Aytug et al. fassen die Unzul¨
anglichkeiten optimierender Verfah-
ren wie folgt zusammen: The implication is obvious-realistically sized problems cannot
4Vgl. (Brucker, 2007, Seite 56 ff. und 202 ff.) und (Blazewicz et al., 2007, Seite 33 ff.).
5Siehe Abschnitt 2.1.3.
6Vgl. u. a. (Lo et al., 2008; Brockmann und Dangelmaier, 1998).
7Vgl. (Hackstein, 1989, Seite 18).
31
3. Stand der Technik
besolvedoptimally[...].Furthermore,thestaticnatureofmostORmodelsignoresthe
dynamic nature of most real-time scheduling environments [...]. The OR scheduling pro-
blem is a classic. Yet, although textbooks promote these analytical models, few real-life
applications are known.8Diese Meinung teilen Hopp und Spearman:Unfortunately,
most real-world problems violate the assumptions made in the classic scheduling theory
literature [...]. We cannot hope to nd optimal solutions of many realistic-size sche-
duling problems.9Wang erg¨
anzt: The branch and bound solution method is an exact
method, which provides optimal solutions. One major limitation is that the exact me-
thod is computationally expensive, and has been proved impractical for even modestly
sized problems.10
Reduktion der
Komplexit¨
at
Bew¨
altigung
von
Unsicherheiten
Minimierung
der
Rechenzeit
Maximierung der
L¨
osungsqualit¨
at
Optimierende
Verfahren
 ⊕⊕
Tabelle 3.1.: Bewertung: Optimierende Verfahren11
Die Bewertung von optimierenden Verfahren zur Ablaufplanung und -steuerung an-
hand der in Abschnitt 2.2.2 dargelegten Anforderungen f¨
ur eine Steuerungskomponente
zeigt Tabelle 3.1. Optimierende Verfahren k¨
onnen also nicht zur Ablaufplanung und
-steuerung im Kontext der hier betrachteten Organisationsformen eingesetzt werden.
Aufgrund der mit optimierenden Verfahren erreichbaren L¨
osungsqualit¨
at k¨
onnen die-
se jedoch trotz ihrer langen Rechenzeit vor dem Beginn des Fertigungsprozesses zum
Trainieren verwendet werden.
3.1.2. Heuristische Verfahren
Nicht zuletzt aufgrund der langen Rechenzeiten der optimierenden Verfahren wurden
und werden f¨
ur den Einsatz in Fertigungssystemen Heuristiken entwickelt und verwen-
det.12
8(Aytug et al., 1994).
9(Hopp und Spearman, 2007, Seite 525).
10(Wang, 2005).
11Legende zur Erf¨
ullung der Anforderungen bei der Bewertung:  =sehrschlecht,= schlecht, =
einigermaßen, = gut und ⊕⊕ =sehrgut.
12Vgl. (Hackstein, 1989, Seite 18).
32
3.1. Analyse von Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung
Priorit¨
atsregeln
Die Erstellung von Schedules mit Hilfe von Priorit¨
atsregeln (Dispatching-Rules) ist eine
der ersten Methoden, die wegen ihrer Einfachheit noch heute angewendet werden.13
Eine Reihenfolgepolitik, die eine bestimmte Auftragsreihenfolge-Entscheidung bei jedem
Freiwerden einer Maschine oder Ankunft eines neuen Auftrages festlegt, wird Priorit¨
ats-
regel genannt. Eine solche determiniert den als n¨
achsten aus dem Wartevorrat f¨
ur die
Wiederbelegung der Maschine auszuw¨
ahlenden Arbeitsauftrag oder die Maschine aus
den zur Bearbeitung des Auftrages bereitstehenden.14
Machine scheduling in most production systems is done by allocating priorities to jobs
waiting at various machines through dispatching heuristics.15 Als Hauptgrund kann
angef¨
uhrt werden, dass der Berechnungsaufwand sehr gering ist. Priorit¨
atsregeln sind
als einfache Steuerungsmethoden einsetzbar. Dabei haben Priorit¨
atsregeln den entschei-
denden Vorteil, lokal und in Echtzeit angewendet werden zu k¨
onnen.
Panwalkar und Iskander stellen etwa 113 verschiedene Priorit¨
atsregeln vor, so dass an
dieser Stelle von einer umfassenden Darlegung abgesehen werden muss.16 Dabbas und
Fowler ordnen Priorit¨
atsregeln als lokal oder global. Lokale Regeln ziehen nur loka-
le Kriterien zur Ablaufplanung und -steuerung heran, wohingegen globale Regeln auch
vergangene und / oder erwartete Situationen ber¨
ucksichtigen. Dabbas und Fowler geben
in ihrer Klassifikation, wie in Abbildung 3.1 dargestellt, Nuancen der Unterscheidungen
an. Ebenfalls wird von ihnen eine M¨
oglichkeit der Erweiterung des Dispatching-Ansatzes
vorgestellt. Demzufolge sind verschiedene Regeln derart in einer Linearkombination ver-
kn¨
upfbar, dass das Dispatching gleichzeitig mehreren Zielfunktionen17 gerecht wird.
Dispatching
Verfahren
Lokale
Regeln
Nach
Ankunftszeit
Nach
Durchlaufzeit
Nach
Frist
Globale
Regeln
Voraus-
schauend
Zur¨
uck-
blickend
Abbildung 3.1.: Taxonomie der Echtzeit-Priorit¨
atsregeln18
13Vgl. (G¨
unther und Tempelmeier, 2005, Seite 224), (Nyhuis et al., 2009) und (Aytug et al., 1994).
14Vgl. (Haupt, 1996, Seite 1419).
15(Piramuthu et al., 2000)
16Vgl. (Panwalkar und Iskander, 1977).
17Siehe Abschnitt 2.1.2.
18Vgl. (Dabbas und Fowler, 2003).
33
3. Stand der Technik
Wie Leeetal.sowie Dabbas und Fowler zeigen, besteht der Vorteil von Priorit¨
atsregeln
trotz der immer leistungsst¨
arker werdenden Computersysteme in vielen Einsatzgebie-
ten19 fort.20 Insbesondere dann, wenn große Unsicherheiten vorherrschen und zugleich
schnelle Entscheidungen gefordert werden, kommen Priorit¨
atsregeln vielfach zum Ein-
satz. Jedoch existiert den Feststellungen von Blackstone Jr. et al. zufolge keine Regel,
die in Bezug auf eine Zielsetzung stets bessere Ergebnisse liefert als alle anderen Re-
geln.21 So stellen verschiedene Studien fest, dass es keine optimale Priorit¨
atsregel gibt.22
Die dynamische Verwendung von Regeln f¨
uhrt also zu besseren Ergebnissen als die Ver-
wendung einer einzelnen Regel. Nach Piramuthu et al. h¨
angt die Effizienz von Prio-
rit¨
atsregeln vom Status des Systems ab, der ¨
uber die Systemattribute wiedergegeben
wird.23 Dazu stellen Piramuthu et al. heraus: [...] it may be possible to improve system
performance by implementing a scheduling policy rather than a single dispatching rule.
Since the values of these attributes change continually in a dynamic system, it appears
natural to use an approach that adaptively employs different scheduling heuristics at
various points in time.24 Hierzu sind Mechanismen erforderlich, die den aktuellen Sys-
temstatus identifizieren und die passende Priorit¨
atsregel ausw¨
ahlen. Jeong schl¨
agt zur
Ermittlung der besten Priorit¨
atsregel die Nutzung von Simulationstechniken vor.25
Bei dem Einsatz von Priorit¨
atsregeln kann in vielen F¨
allen keine eindeutige Priori-
sierung eines Auftrages f¨
ur ein Ziel vorgenommen werden. Regeln bieten hinsichtlich
eines bestimmten Ziels gute L¨
osungen, unterst¨
utzen andere Ziele jedoch nicht gut.26
Um Konflikte w¨
ahrend der Zuteilung zu vermeiden und mehrere Ziele zu vereinbaren,
ist eine Kombination von Priorit¨
atsregeln vorzunehmen. Hierbei sind die Kombinati-
onsm¨
oglichkeiten additiv, multiplikativ und alternativ umsetzbar. Bei Anwendung der
additiven Kombination werden die Priorit¨
atskennzahlen addiert. Multiplikative Regel-
verkn¨
upfungen setzen die Regeln ins Verh¨
altnis. Diese erlauben eine Gewichtung der
Regeln ¨
uber den Exponenten. Mittels alternativ Verkn¨
upfungen werden Bedingungen
formuliert, ¨
uber die immer nur eine Priorit¨
atsregel ausgew¨
ahlt wird.27
Daher k¨
onnen Priorit¨
atsregeln dezentral eingesetzt werden und erlauben ebenso eine
19Voraussetzung f¨
ur den Einsatz von Priorit¨
atsregeln ist eine hinreichend große Flexibilit¨
at des Ferti-
gungssystems. So d¨
urfen beispielsweise keine allzu langen Vorlaufzeiten vor der Nutzung eines Arbeits-
systems erforderlich sein (vgl. Aytug et al., 2005).
20Vgl. (Lee et al., 2009; Dabbas und Fowler, 2003).
21Vgl. (Blackstone Jr. et al., 1982). Vgl. auch (Priore et al., 2006).
22Vgl. (Jain und Meeran, 1998).
23Vgl. (Piramuthu et al., 2000).
24(Piramuthu et al., 2000)
25Vgl. (Jeong, 1998).
26Vgl. (Canbolat und Gundogar, 2004, Seite 528).
27Vgl. (Z¨
apfel und Braune, 2005, Seite 36).
34
3.1. Analyse von Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung
schnelle situative L¨
osungsfindung.28 Allerdings ist die Qualit¨
at, von mit Priorit¨
atsregeln
erstellten L¨
osungen in den seltensten F¨
allen gut im Sinne der verfolgten Zielfunktion.
Aus diesem Grund sind Priorit¨
atsregeln nicht direkt zur Ablaufplanung und -steuerung
in dem in Kapitel 2 dargelegten Problem geeignet.
Verfahren nach Giffler/Thompson
Das Verfahren nach Giffler-Thompson ist Grundlage vieler auf Priorit¨
atsregeln basieren-
der Algorithmen, da sich mit dessen Hilfe aktive Schedules29 erstellen lassen.30 Mit der
Giffler-Thompson-Heuristik wird aus der Menge der aktuell einplanbaren Operationen
diejenige ausgew¨
ahlt, f¨
ur die sich der geringste Fertigstellungszeitpunkt berechnet. An-
dere Operationen, die auf derselben Maschine der ausgew¨
ahlten Operation bearbeitet
werden m¨
ussen und einen fr¨
uheren Startzeitpunkt als den Fertigstellungszeitpunkt der
Auswahl haben, bilden einen Konflikt. Eine Auswahlregel legt fest, welche Alternative
(Operation) bei einem Konflikt bevorzugt und eingeplant wird. Eine formalere Beschrei-
bung des Giffler-Thompson-Verfahrens in der Umsetzung von Z¨
apfel und Braune31 gibt
Algorithmus 3.1. Die zugeh¨
orige Legende zeigt Tabelle 3.2.
Algorithmus 3.1 : Giffler-Thompson-Heuristik nach (Z¨
apfel und Braune, 2005)
SO := {o|erste Operation oeines Auftrags};1
t(o):=0,oSO;2
while SO=do3
// Bestimmen der Operation mit der kleinsten Fertigstellungszeit
d(o):=t(o)+p(o),oSO;
4
dmin := min{d(o)|oSO};5
// Bilden der Konfliktmenge
CS := {o|oSO M(o)=M(omin)t(o)<d
min};6
W¨
ahle mit Priorit¨
atsregel eine Operation oCS und plane diese ein;7
// Einplanen der ausgew¨ahlten Operation
t(o):=d(o),oCS \{o};8
SO := SO N(o)\{o};9
t(o):=d(o),oN(o);10
end11
Die vorgestellte Heuristik generiert bei einigen Scheduling-Problemen jedoch ung¨
ultige
Schedules, so dass es zu Doppelbelegungen von Maschinen kommen kann. Dieser Sach-
verhalt wird in Beispiel A.2 anschaulich dargestellt. Ebenso kann das Verfahren von
28Vgl. (Kern et al., 1996, Seite 23 f.).
29Siehe Abschnitt 2.1.2.
30Vgl. (Giffler und Thompson, 1960).
31Vgl. (Z¨
apfel und Braune, 2005, Seite 32).
35
3. Stand der Technik
SO Menge der aktuell einplanbaren Operationen
CS Konfliktmenge gleichzeitig auf einer Maschine einplanbarer Operationen
N(o) Menge der Operationen otechnologisch direkt nachfolgenenden Operation
M(o) Maschine die Operation obearbeitet
t(o)Fr
¨
uhestm¨
oglicher Startzeitpunkt einer Operation o
p(o) Bearbeitungszeit einer Operation o
d(o) Fertigstellungzeit einer Operation o
dmin Minimum der Fertigstellungzeitpunkte
omin Operation omit minimaler Fertigstellungszeit
Tabelle 3.2.: Legende zur Giffler-Thompson-Heuristik nach Z¨
apfel und Braune
Giffler und Thompson in dieser Form nur zur Ablaufplanung und -steuerung in Ferti-
gungsumgebungen wie Job-Shops mit einmal vorhandenen Maschinentypen eingesetzt
werden. Stehen mehrere gleichartige Maschinen, wie beispielsweise in einem Flexible-
Flow-Shop, zur Bearbeitung von Auftr¨
agen parallel zur Verf¨
ugung, ist das Verfahren
nicht einsetzbar. Einen rudiment¨
aren L¨
osungsvorschlag liefern Giffler und Thompson
selbst. Von ihnen wird vorgeschlagen, in Produktionssystemen, in denen parallele Ma-
schinen mit gleichen F¨
ahigkeiten vorhanden sind, die Auftr¨
age beliebig zuzuteilen. Sup-
pose that there are kmachines available [...]. Then [...] we can permit conflict sets to
be as large as kwithout harm.32 Dies ist jedoch nur in F¨
allen mit identischen, nicht
aber in dem hier betrachteten Fall von uniformen und unverwandten Maschinen in
Flexible-Flow-Shops auf den einzelnen Stufen zutreffend.
Eine Adaption des Verfahrens von Giffler und Thompson f¨
ur dynamische Job-Shops
wird von Chang und Sullivan vorgestellt und von Nascimento,derG
¨
uteanalysen und
Vergleiche durchf¨
uhrt, detaillierter untersucht.33 Das Verfahren von Chang und Sullivan
ist in Algorithmus 3.2 aufgef¨
uhrt, die Legende in Tabelle 3.3.
Das Verfahren von Giffler und Thompson w¨
are grunds¨
atzlich zur Ablaufplanung und
-steuerung in den hier betrachten Organisationsformen geeignet. Die Anforderungen
an die Verfahrenspositionierung, nach dem Planungs- und Steuerungszeitpunkt sowie
nach geringer Rechenzeit werden erf¨
ullt. Jedoch sind Korrekturen und Erweiterungen
f¨
ur den Einsatz in den untersuchten Job-Shops und Flexible-Flow-Shops vorzunehmen.
Ebenso ist das Verfahren dahingehend zu erweitern, dass die Anforderung nach hohen
L¨
osungsqualit¨
aten erf¨
ullt wird.
Verfahren der K¨
unstlichen Intelligenz
Im Vergleich zu konventionellen Heuristiken geh¨
oren Verfahren der K¨
unstlichen Intel-
32(Giffler und Thompson, 1960)
33Vgl. (Chang und Sullivan, 1990; Nascimento, 1993).
34Vgl. (Chang und Sullivan, 1990).
36
3.1. Analyse von Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung
Algorithmus 3.2 : Giffler-Thompson-Heuristik nach (Chang und Sullivan, 1990)
t=0;1
PS0=;2
Q0={(j, i)|=1,2,...,n};3
W={(PS0,Q
0)};4
while t<TOdo5
W=while W=do6
Remove one (PSt,Q
t)fromW;7
Find f=min{fijk}for all iwhere (i, j)Qt;8
foreach (j, k)Qtdo9
Find s
ijk for any isuch that Pijk = 0 and if s
ijk <f
then
10
PSt+1 =PSt+{(i, j, k, s,P)};11
Qt+1 =Qt−{(j, k)}+{direct successor of (j, k)};12
Put (PSt+1,Q
t+1)intoW;13
end14
end15
end16
W=W;17
t=t+1;18
end19
ligenz, insbesondere das maschinelle Lernen, zu den aktuelleren L¨
osungsans¨
atzen von
Scheduling-Problemen. Derartige Verfahren unterscheiden sich durch ihre wissensba-
sierte Arbeitsweise von den Methoden, die in den vorangegangenen Abschnitten darge-
stellten wurden.
Chen und Yih sowie Piramuthu et al. zeigen, dass die Nutzung des maschinellen Lernens
zur Auswahl der anzuwendenden Priorit¨
atsregel bei der Ablaufplanung und -steuerung
h¨
aufig vorteilhaft ist.35 Halevi und Wang stellen ein Knowledge-Based-Manufacturing-
System vor. Innerhalb dieses Ansatzes ist es nicht mehr die Aufgabe der Planer, Ent-
scheidungen zu treffen bzw. Entscheidungsregeln vorzugeben; stattdessen fertigen die
Produktionsplaner eine wissensbasierte Road-Map an. Jeder sp¨
atere Nutzer generiert
durch die Anwendung des Systems einen Satz von Routinen, der den individuellen
Bed¨
urfnissen gerecht wird.36 Mahl und Krikler beschreiben eine Softwareanwendung
zur Erfassung und Wiederverwendung von regelbasiertem Wissen f¨
ur die Ablaufsteue-
rung in Produktionssystemen.37 O’Kane stellt eine wissensbasierte Anwendung vor,
die genutzt wird, um reaktive Planungsszenarien in einer bestimmten Konfiguration
eines Produktionssystems zu untersuchen. Konzepte des History Logging und des
Experten-System-learning werden von O’Kane f¨
ur die Bereitstellung von Entschei-
35Vgl. (Chen und Yih, 1996; Piramuthu et al., 1993).
36Vgl. (Halevi und Wang, 2007).
37Vgl. (Mahl und Krikler, 2007).
37
3. Stand der Technik
iSubscript of workstations, i=1,2,3, ..., m
jSubscript of jobs, j=1,2,3, ..., n
kSubscript of operations, k=1,2,3, ..., w
TO Total number of operations to be scheduled
Pijk Process time of operation kof job jon workstation i
di1i2Transfer time form workstation i1to workstation i2
sijk Start time of operation kof job jon workstation i,Pijk =0
fijk Finish time of operation kof job jon workstation i,i.e.fijk =sijk +Pijk
s
ijk Earliest possible start time of sijk
f
ijk Earliest possible finish time of fijk
PS
iA partial schedule containing tscheduled operations from TO operations,
i. e. PS
t={u|u=(i, j, k, s, P)},whereuis one of the scheduled operations represented by
(i, j, k, s, P); sis the abbreviated notation of sijk,andPfor Pijk
QtThe set of schedulable operations corresponding to PS
t,
i. e. Qt={h|h=(j, k)},wherehis one of the schedulable operations represented by (j, k), and
where all the predecessors of operation kof job jhave been scheduled
WA set that contains all partial schedules and corresponding schedulable operation, i. e. W=
{g|g=(PS
t,Q
t)}
Tabelle 3.3.: Legende zur Heuristik nach Chang und Sullivan34
dungen und die Kontrolle des Systems w¨
ahrend der Planlebenszeit aufbereitet.38 Wang
beschreibt die M¨
oglichkeiten der Anwendung von Data-Mining in Kombination mit Ent-
scheidungsb¨
aumen in der Produktionssteuerung.39 Canbolat und Gundogar zeigen Fuzzy
Priorit¨
atsregeln f¨
ur das Job-Shop-Scheduling.40 Kwak und Yih beschreiben ein, auf ei-
nem Entscheidungsbaum basierendes Verfahren zur Steuerung einer flexiblen Kontroll-
und Nachbearbeitungsmaschine. Das Competitive-Decision-Selector-Verfahren beinhal-
tet zwei Algorithmen, einerseits die Langzeituntersuchung der Regelanwendung, an-
dererseits die kurzfristige Regelauswirkung mittels Data-Mining-Methoden auf Basis
simulativ erstellter Trainingsdaten.41 Priore et al. entwickeln ein Verfahren zur situati-
onsabh¨
angigen Auswahl von Priorit¨
atsregeln in einem flexiblen Fertigungssystem. Das
Verfahren setzt Methoden des maschinellen Lernens um. Sie analysieren die Perfor-
mance des Systems in der Vergangenheit und gewinnen hiermit Scheduling Wissen“,
wor¨
uber sie die geeignete Priorit¨
atsregel in jeder Situation mit Steuerungsnotwendig-
keit ausw¨
ahlen wollen.42 Metan und Sabuncuoglu entwickeln einen simulationsbasierten
Lernmechanismus. Die Leistung des vorgestellten Systems wird ¨
uberwacht und der Ent-
scheidungsbaum zur Auswahl, wenn erforderlich, angepasst.43 Weitere Verfahren aus
dem Bereich der K¨
unstlichen Intelligenz werden u. a. von Piramuthu et al.; Park et al.;
Shaw et al. vorgestellt.44
38Vgl. (O’Kane, 2000).
39Vgl. (Wang, 2007).
40Vgl. (Canbolat und Gundogar, 2004).
41Vgl. (Kwak und Yih, 2004).
42Vgl. (Priore et al., 2006, 2001).
43Vgl. (Metan und Sabuncuoglu, 2005).
44Vgl. (Piramuthu et al., 2000, 1994, 1993; Park et al., 1997; Shaw et al., 1992).
38
3.1. Analyse von Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung
Die dargestellten Verfahren zur Ablaufplanung und -steuerung mit Unterst¨
utzungsfunk-
tionalit¨
aten der K¨
unstlichen Intelligenz bei Entscheidungen erf¨
ullen die in Abschnitt 2.2
erarbeiteten Anforderungen an ein L¨
osungsverfahren f¨
ur die betrachteten Organisati-
onsformen nicht. Einige Anforderungen werden von einzelnen Verfahren zwar erf¨
ullt,
jedoch nicht in G¨
anze und nicht f¨
ur beide hier untersuchten Organisationsformen. Den-
noch wird durch die Verfahren deutlich, dass die Verwendung des maschinellen Lernens
bei der Ablaufplanung und -steuerung ein guter Ansatz ist, es aber Erweiterungen und
Verbesserungen bedarf.
Lokale Suchverfahren
Bei Lokalen Suchverfahren handelt es sich um kombinatorische Verfahren, die versuchen,
durch Reihenfolgever¨
anderungen die optimale Bearbeitungsreihenfolge zu finden.45 Zu
den bekanntesten Verfahren geh¨
oren genetische Algorithmen,46 Ant Colony Optimizati-
on,47 Tabu-Suche48. Jede der genannten Methoden eignet sich f¨
ur kombinatorische Op-
timierungsprobleme bei Scheduling-Problemen, da sie die M¨
oglichkeit bieten, ein lokales
Optimum zu verlassen. Die Wahrscheinlichkeit, ein besseres lokales oder das globale Op-
timum zu verpassen, sinkt damit. Genetische Algorithmen bilden Konzepte der Evoluti-
onstheorie wie Selektion, Mutation und Rekombination nach. Mit der Anwendung dieser
Konzepte ver¨
andern sie iterativ einzelne L¨
osungen aus einer L¨
osungsmenge, bis sie ei-
ne vorher definierte Abbruchbedingung erreichen. Ant-Colony-Optimization-Verfahren
verwenden zur L¨
osung von Optimierungsproblemen Mechanismen der Schwarmintelli-
genz.49 Eine Tabu-Suche durchsucht iterativ den L¨
osungsraum, indem sie eine L¨
osung
modifiziert. Die leichte Modifikation einer L¨
osung bildet eine neue L¨
osung, die in der
Nachbarschaft der urspr¨
unglichen L¨
osung liegt. In einer Iteration werden gleich mehrere
L¨
osungen in der Nachbarschaft untersucht und die beste ausgew¨
ahlt.50
45Vgl. (Schneeweiß, 2002, Seite 275 f.) und (Domschke et al., 1997, Seite 46 ff.).
46Vgl. u. a. (Fang et al., 1993; Liu et al., 2006).
47Vgl. u. a. (Dorigo und St¨
utzle, 2004; Dorigo und Blum, 2005) und aus dem verwandten Bereich der
Bienenalgorithmen (Scholz-Reiter et al., 2007).
48Vgl. u. a. (Dell’Amico und Trubian, 1993).
49In einer k¨
unstlichen Ameisenkolonie, deren Ameisen aus Agenten bestehen, die L¨
osungen f¨
ur ein Pro-
blem erzeugen, kann das Zusammenwirken der Ameisen zu einer besseren L¨
osung f¨
uhren. Ameisen
legen bei der Nahrungssuche eine Pheromonspur, die sich nach einer Weile au߬
ost; dabei w¨
ahlen sie
eher Wege mit einer st¨
arkeren Pheromonspur als mit einer schw¨
acheren. K¨
urzere und h¨
aufig benutzte
Wege zur Nahrung entwickeln schnell eine starke Pheromonspur und werden bevorzugt.
50Es ist zul¨
assig, dass die neue L¨
osung auch schlechter als die vorherige sein kann. Um Zyklen zu ver-
meiden, speichert die Tabu-Suche bereits bekannte L¨
osungen in einer Tabu-Liste. L¨
osungen, die in der
Tabu-Liste stehen, d¨
urfen nicht mehr ausgew¨
ahlt werden. Die L¨
ange der Liste ist f¨
ur das Verhalten
der Tabu-Suche ausschlaggebend, denn eine zu kurze Liste kann dazu f¨
uhren, dass sich die Suche in
einem Zyklus verliert. Andernfalls besteht die Gefahr, die Suche mit einer zu langen Liste zu stark
einzuschr¨
anken.
39
3. Stand der Technik
Die L¨
osungsqualit¨
at von Lokalen Suchverfahren ist relativ gut, weil sie versuchen eine
gegebene L¨
osung zu verbessern.51 Jedoch stellt die Rechenzeit zur Verbesserung der
L¨
osungen ein Problem dar, was Lokale Suchverfahren f¨
ur den Einsatz in den hier be-
trachteten Job-Shops und Flexible-Flow-Shops ungeeignet erscheinen l¨
asst. Ebenfalls
sind einzelne situative Steuerungsentscheidungen nicht abbildbar. Lokale Suchverfah-
ren eignen sich dennoch zur Generierung von Trainingsdaten vor dem Beginn des Fer-
tigungsprozesses.
Shifting-Bottleneck-Verfahren
Shifting-Bottleneck-Verfahren stellen den Versuch eines Kompromisses der L¨
osungs-
qualit¨
at und der zur Generierung der L¨
osung erforderlichen Rechenzeit dar.52 Da diese
grunds¨
atzlich immer gleich aufgebaut sind, wird nachfolgend exemplarisch das Job-
Shop-Verfahren nach Adams et al. beschrieben.53 Es ist auch f¨
ur andere Problemklas-
sen wie Flexible-Flow-Shops anpassbar.54 Das Shifting-Bottleneck-Verfahren zerlegt die
Job-Shop-Probleminstanz, um sie f¨
ur die einzelnen Maschinen optimal zu l¨
osen. Da-
bei gilt die Annahme, dass viele Abh¨
angigkeiten zwischen der optimalen L¨
osung eines
Ein-Maschinenproblems und der optimalen Gesamtl¨
osung bestehen.55 Die dem Verfah-
ren zugrunde liegende Idee ist, in Iteration italle in den vorhergehenden Iterationen
(i0,...,i
t1) festgelegten Auftragsreihenfolgen zu ber¨
ucksichtigen.56 F¨
ur das Shifting-
Bottleneck-Verfahren sind folgende Teilaufgaben zu l¨
osen: Auswahl einer Maschine
(m, mM), Erstellung einer Ein-Maschinenprobleminstanz Iund Berechnung einer
optimalen L¨
osung f¨
ur I. Der Shifting-Bottleneck-Algorithmus referenziert die beiden
Mengen Mund M.MengeMbeinhaltet alle schon untersuchten Maschinen und ist
initial leer. Menge Mbesteht aus den Maschinen der Probleminstanz. Solange beide
Mengen ungleich sind (M=M), wird das Verfahren fortgesetzt.
Shifting-Bottleneck-Verfahren eignen sich zwar grunds¨
atzlich als L¨
osungsverfahren f¨
ur
die betrachteten Job-Shops und Flexible-Flow-Shops, allerdings hat die L¨
osung auf-
grund des angestrebten Kompromisses oft große Abweichungen zum Optimum. Auch
ist die erforderliche Rechenzeit f¨
ur den (proaktiv-) reaktiven Einsatz zu hoch.57 Ebenso
ist das Generieren von einzelnen situativen Entscheidungen kaum m¨
oglich. Der Einsatz
51Vgl. u. a. (Domschke et al., 1997).
52Vgl. (Fleischmann, 1998, Seite 1367).
53Vgl. (Adams et al., 1988).
54Vgl. u. a. (Paternina-Arboleda et al., 2007; Acero-Dom´ınguez und Paternina-Arboleda, 2004; Xu et al.,
2003).
55Vgl. (Blazewicz et al., 2007, Seite 362 ff.).
56Vgl. (Domschke et al., 1997, Seite 408 ff.).
57Vgl. (M¨
onch, 2006, Seite 26); (Henning, 2002, Seite 104); (Blazewicz et al., 2007, Seite 362 ff.) und
(Domschke et al., 1997, Seite 408 ff.).
40
3.1. Analyse von Verfahren der Ablaufplanung und -steuerung
von Shifting-Bottleneck-Verfahren zur Generierung von Trainingsbeispielen ist dennoch
denkbar.
Simulationsverfahren
Die Simulation kann ebenfalls als Hilfsmittel zur Ablaufplanung und -steuerung einge-
setzt werden58 und ist als Methode zur Auswahlunterst¨
utzung zu bezeichnen.59 Hierbei
k¨
onnen die zuvor diskutierten Verfahren innerhalb der Simulation angewendet werden.
Semini et al. geben eine gute ¨
Ubersicht bzgl. des Einsatzes von diskreten ereignisge-
steuerten Simulationsverfahren in Fertigungssystemen.60 Auch bei Verfahren der Ab-
laufsimulationen sind ebenso wie bei optimierenden L¨
osungsverfahren nicht alle
m¨
oglichen L¨
osungsvarianten in der zur Verf¨
ugung stehenden Zeit simulierbar, da dies
einer vollst¨
andigen Aufz¨
ahlung s¨
amtlicher L¨
osungen des NP-schweren Problems ent-
sprechen w¨
urde. Stattdessen wird das Ziel auf eine h¨
ohere Ebene projiziert, d. h. durch
den Einsatz der Simulation sollen Tendenzen erkannt und zweckm¨
aßige Entscheidungen
im Sinne der Zielfunktion identifiziert werden.61
Die meisten der in Simulationen getroffenen Entscheidungen beruhen auf Priorit¨
atsre-
geln und deren passender Auswahl.62 Wie beschrieben existiert keine dominante Regel.
Aus diesem Grund wird das Problem in aktuellen Simulationsans¨
atzeninZeitintervalle
zerlegt, in denen unterschiedliche Regeln verwendet werden. Ans¨
atze, welche eine Regel
f¨
ur das beste Ergebnis ¨
uber das gesamte Problem suchen, werden als Single-Pass Me-
thoden bezeichnet. Die Unterteilung in Teilintervalle ist unter dem Begriff Multi-Pass
bekannt. Eines der Probleme bei der Umsetzung derartiger Simulationsverfahren ist die
Bestimmung einer geeigneten Gr¨
oße der einzelnen Teilintervalle. Hierzu wurden u. a.
Ans¨
atze von Wu und Wysk; Ishii und Talavage; Kim und Kim vorgestellt.63 Diese in
den neunziger Jahren entwickelten Grundlagen haben bis heute G¨
ultigkeit. Moderne
Simulationsalgorithmen sind in der Regel Multi-Pass Verfahren, die den Vorteil von
aufgeteilten Simulationszeitr¨
aumen nutzen. Teilweise werden die Simulationszeitr¨
aume
dynamisch bestimmt oder andere Erweiterungen untersucht, um die Performance der
Systeme weiter zu steigern. Ans¨
atze hierzu werden beispielsweise von Shiue und Guh;
Metan und Sabuncuoglu; Yoo et al. gegeben.64
58Vgl. (Teich, 1998).
59Vgl. (Schultz et al., 1995).
60Vgl. (Semini et al., 2006).
61Vgl. (Tavakkoli-Moghaddam und Daneshmand-Mehr, 2005).
62Vgl. (Semini et al., 2006) und (Manivannan und Banks, 1992, Seite 155 ff.).
63Vgl. (Wu und Wysk, 1989; Ishii und Talavage, 1991; Kim und Kim, 1994).
64Vgl. (Shiue und Guh, 2006; Metan und Sabuncuoglu, 2005; Yoo et al., 2004).
41
3. Stand der Technik
Wie beschrieben f¨
uhrt der Wechsel der Steuerungsregel bei St¨
orungen im Fertigungs-
system zu einer Verbesserung der Performance. Das Initiieren eines neuen Durchlaufs
der Simulation bei einer St¨
orung ist insbesondere deshalb wichtig, weil sich das Ferti-
gungssystem vereinfacht haben k¨
onnte. So arbeitet die gew¨
ahlte Regel zwar weiterhin
innerhalb der zul¨
assigen Performancegrenzen, jedoch w¨
aren mit einer anderen Priori-
t¨
atsregel aufgrund des vereinfachten Systems noch bessere Ergebnisse erreichbar.
Simulationsbasierte Verfahren erf¨
ullen die Positions- und Zeitpunktanforderung in gu-
tem Maße und sind mit den aktuellen Multi-Pass-Ans¨
atzeninderLage,Priorit
¨
atsregeln
auf ihre grunds¨
atzliche Eignung zur L¨
osungserstellung zu untersuchen. Die situative
Auswahl von Steuerungsregeln zur Erreichung einer hohen L¨
osungsqualit¨
at ist jedoch
auch mit den Multi-Pass-Ans¨
atzen nicht m¨
oglich. F¨
ur das Generieren von situativ gu-
ten Entscheidungen im Kontext der betrachteten Organisationsformen ist die ben¨
otigte
Rechenzeit zu hoch.65 Dennoch sind Simulationsverfahren grunds¨
atzlich geeignet, um
Trainingsbeispiele f¨
ur die Lernkomponente zu generieren. Hierzu bedarf es vor der Ver-
wendung der Beispiele zum Training einer Verarbeitung.
Analyse heuristischer Verfahren
Die Ergebnisse der vorangegangenen Analyse fasst Tabelle 3.4 zusammen. Mit heuris-
tischen Verfahren zur Ablaufplanung und -steuerung sind zwar schnell L¨
osungen zur
Verf¨
ugung zu stellen, die Qualit¨
at der L¨
osung ist aber selten optimal.66 Heuristische
Verfahren werden vielmehr dazu eingesetzt, um in kurzer Zeit annehmbare L¨
osungen zu
erstellen. F¨
ur den hier betrachteten Untersuchungskontext im Fertigungsprozess ist kei-
nes der vorgestellten Verfahren direkt geeignet. Weiterentwicklungen sind erforderlich.
Hierzu zeichnen sich das Verfahren von Giffler und Thompson sowie Priorit¨
atsregeln in
Kombination mit Verfahren der K¨
unstlichen Intelligenz (maschinelle Lernverfahren) als
vielversprechend ab.
Reduktion der
Komplexit¨
at
Bew¨
altigung
von
Unsicherheiten
Minimierung
der
Rechenzeit
Maximierung der
L¨
osungsqualit¨
at
Heuristische
Verfahren
···⊕ ··· ··· ···⊕
Tabelle 3.4.: Bewertung: Heuristische Verfahren67
65Vgl. (Suhl und Mellouli, 2006, Seite 293 ff.).
66Vgl. (Knauer, 2002, Seite 60).
67Legende zur Erf¨
ullung der Anforderungen bei der Bewertung:  = sehr schlecht, = schlecht, =
einigermaßen, = gut und ⊕⊕ =sehrgut.
42
3.2. Analyse von Lernverfahren
3.2. Analyse von Lernverfahren
Funktionslernen aus Beispielen ist f¨
ur die Lernkomponente eine geeignete Art der ma-
schinellen Lernverfahren, da diese die L¨
osungsmethode des Trainingsverfahrens erlernen
k¨
onnen. Das Funktionslernen aus Beispielen geh¨
ort zu den popul¨
arsten, am h¨
aufigsten
genutzten Lernaufgaben des maschinellen Lernens.68
Sei Oeine Menge m¨
oglicher Instanzbeschreibungen, Deine Wahrscheinlichkeitsvertei-
lung auf O,Ceine Menge m¨
oglicher Zielwerte (Klassen) und F eine Menge zul¨
assiger
Funktionen. Funktionslernen aus Beispielen ist, bei einer gegebenen Menge Evon Bei-
spielen der Form (o, c)O×C,f
¨
ur die gilt y=f(o), f¨
ur eine unbekannte Funktion f
eine Funktion fFzu finden, so dass der wahre Fehler err(f,f)vonfim Vergleich
zu f,beigem
¨
Verteilung Dgezogenen Instanzen aus O,m
¨
oglichst gering wird.69
Die Lernaufgabe Ades Funktionslernens aus Beispielen ist also die Approximation einer
unbekannten Funktion f, welche die Instanzen einer definierten Form einer gegebenen
Menge von Klassen klassifiziert.70 Hierbei ist die Erfahrung Edie Anzahl der bereits
von fklassifizierten Instanzen und das Performancemaß Pdurch den Anteil korrekt
zugeordneter Instanzen gegeben. Daraus ergibt sich die vereinfachte Definition eines
durch das Funktionslernen aus Beispielen erstellten Klassifizierers:
Ein Klassifizierer sei eine Funktion fann¨
ahernde Funktion f,sodassfund fsich
m¨
oglichst ¨
ahnlich sind. Wenn fund fungleich sind, macht der Klassifizierer Fehler
und kann nicht alle Eingaben korrekt klassifizieren. Ein Klassifizierer hat eine hohe
Klassifikationsgenauigkeit, wenn er wenig Fehler macht.
Damit bestm¨
ogliche Ergebnisse mittels Methoden des maschinellen Lernens erreichbar
sind, m¨
ussen die bereits klassifizierten Beispielinstanzen in Eeine repr¨
asentative Stich-
probe aller in Ovorkommenden Elemente abbilden. Die schon klassifizierten Instanz-
beschreibungen m¨
ussen mit derselben Wahrscheinlichkeitsverteilung aus der Menge der
m¨
oglichen Instanzbeschreibungen Ogezogen werden, wie dieses im sp¨
ateren Einsatzge-
biet des erzeugten Klassifizierers sein wird.
Vor der Diskussion von Klassifikationsverfahren, wird im Folgenden auf deren Evalu-
ierung im Einsatz eingegangen. Zur experimentellen Untersuchung von Klassifizierern
eigenen sich verschiedene Vorgehensweisen bzw. G¨
utemaße.71 Vordergr¨
undigstes Evalu-
ierungsmaß ist die Fehlerquote bzw. die hieraus resultierende Klassifikationsgenauigkeit,
68Vgl. (G¨
orz et al., 2003, Seite 521).
69Vgl. (G¨
orz et al., 2003, Seite 523).
70Vgl. (Beierle und Kern-Isberner, 2008, Seite 102 f.).
71Vgl. (Tan et al., 2006; Witten und Frank, 2005).
43
3. Stand der Technik
da der Nutzen eines Klassifizierers mit steigender Klassifikationsgenauigkeit zunimmt.72
Um die Fehlerrate zu berechnen, werden vom trainierten Klassifizierer Testinstanzen
klassifiziert. Anschließend ist die Fehlerrate aus dem Verh¨
altnis von falsch klassifizierten
Testinstanzen zur Anzahl aller klassifizierten Testinstanzen zu berechnen. Die Klassifi-
kationsgenauigkeit (100 Fehlerrate) spiegelt die Erfolgsrate des Klassifizierers wider.
Von besonderem Interesse ist, wie sich ein Klassifizierer zur Laufzeit einer Anwendung
verh¨
alt. Aufgrund der h¨
aufig unterschiedlich ausfallenden Klassifikationsgenauigkeiten
bei der Klassifikation von unbekannten oder bekannten Testinstanzen ist zu ber¨
ucksich-
tigen, welche Instanzen vom Klassifizierer w¨
ahrend der Laufzeit zu klassifizieren sind.73
Instanzen gelten als bekannt, falls sie f¨
ur das Training des Klassifizierers Verwendung
finden, anderenfalls als unbekannt. Muss der Klassifizierer im Einsatz unbekannte In-
stanzen zuordnen, wie im Anwendungsszenario dieser Arbeit, sollten die zur Evaluierung
eingesetzten Testinstanzen ebenfalls unbekannt sein.
Die Messung von Fehlerrate und Klassifikationsgenauigkeit als alleiniges G¨
utemaß f¨
ur
Klassifizierer ist nicht ausreichend, da verschiedene Klassifizierer damit nicht immer
aussagekr¨
aftig miteinander zu vergleichen sind. Beispielsweise werden als Resultat von
Internetsuchmaschine A auf eine Suchanfrage 100 Ergebnisse zur¨
uckgeliefert, von denen
40 dem gew¨
unschten Inhalt entsprechen. Bei Internetsuchmaschine B werden 400 Er-
gebnisse zur¨
uckgeliefert. Hiervon entsprechen 160 dem gew¨
unschten Inhalt. Weil beide
eine Genauigkeit von 40 Prozent ausweisen, stellt sich die Frage, welche der beiden Such-
maschinen (Klassifizierer) das bessere Ergebnis liefert.74 F¨
ur eine genauere Bewertung
des Klassifizierers bez¨
uglich der verwendeten Klassen C={c1,...,c
n}der Instanzen
gibt es die Maße Recall75 rec(ci), Precision76 prec(ci) und F-Maß F(ci), wobei letztere
eine Kombination aus Recall und Precision ist.77 Gegeben sei die Menge der Testin-
stanzen T
ci, die zu der Klasse cigeh¨
oren, und die Menge Tcider Testinstanzen, die ein
Klassifizierer zu cizuordnet. Dann sind Precision und Recall:
prec(ci)=|T
ciTci|
|Tci|,rec(ci)=|T
ciTci|
|T
ci|(3.1)
72Siehe Abschnitt 2.2.3.1.
73Vgl. (Witten und Frank, 2005, Seite 127 ff.).
74Vgl. (Witten und Frank, 2005, Seite 155 ff.).
75Recall ist das Maß, das den Anteil der vom System erkannten relevanten Elemente der Klasse xangibt.
76Precision ist das Maß, das den Anteil der von einen System korrekt erkannten Elemente der Klasse x
im Verh¨
altnis zu allen zur Klasse xzugeordneten Elementen angibt.
77Vgl. (van Rijsbergen, 1979) und (Witten und Frank, 2005, Seite 155 ff.). Weitere Maße zur Auswertung
wie beispielsweise die falschen positiven (FP)gegen
¨
uber falschen negativen Klassifikationen (FN)
finden sich u. a. in (Witten und Frank, 2005).
44
3.2. Analyse von Lernverfahren
Das F-Maß als Kombination aus Precision und Recall ergibt sich mit:
F(ci)= 2
1/prec(ci)+1/rec(ci)(3.2)
Ein Beispiel zu Berechnung von Precision, Recall und F-Maß ist in Abschnitt A.5 auf-
gef¨
uhrt.78
3.2.1. Entscheidungsbaumverfahren
G¨
orz et al. beschreiben Entscheidungsb¨
aume als zu den h¨
aufig verwendeten Klassifika-
tionsverfahren geh¨
orend, die insbesondere f¨
ur die Approximation von nominalen Funk-
tionen geeignet sind. Der Vorteil von Entscheidungsb¨
aumen liegt u. a. in deren einfacher
Lesbarkeit. Entscheidungsb¨
aume sind als Wenn-Dann-Regeln darstellbar und damit f¨
ur
den Anwender verst¨
andlich.79 Ein Entscheidungsbaum besteht aus mindestens einem
Wurzelknoten und ist ein endlicher Baum.80 Der Wurzelknoten unterteilt die Menge
Xder m¨
oglichen Instanzbeschreibungen in paarweise disjunkte Teilmengen. An jedem
inneren Knoten werden die Teilmengen rekursiv in weitere paarweise disjunkte Teil-
mengen aufgeteilt. Diese Zerlegung wird mit Hilfe eines Split-Kriteriums durchgef¨
uhrt,
das die Instanzbeschreibung testet. Ausgehende ¨
Aste eines inneren Knotens entsprechen
einem m¨
oglichen Attributwert. Jedem Blattknoten ist ein Klasse cCder m¨
oglichen
Zielwerte zugeordnet. Entscheidungsb¨
aume klassifizieren die Instanzen, indem sie, vom
Wurzelknoten ausgehende, abw¨
arts bis zu einem Blatt einsortieren. Durch die Kon-
struktion der Split-Kriterien folgt jedes Element genau einem Pfad von der Wurzel bis
zu einem Blatt des Baumes. Dabei entspricht die Klasse des Blattes der Klassifikation
des Elementes.
Die Zerlegung der Menge m¨
oglicher Instanzbeschreibungen mit dem Split-Kriterium
wird durch den Test von Attributen vorgenommen. In welcher Reihenfolge die Attribu-
te getestet werden, ist nicht festgelegt, hat jedoch großen Einfluss auf die Struktur des
Entscheidungsbaumes. Nachfolgend werden beispielhaft der ID3-Algorithmus und des-
sen Strategie zur Auswahl des Split-Kriteriums beschrieben.81 Die Split-Kriterien sollen
m¨
oglichst so ausgew¨
ahlt werden, dass diese die Trainingsmenge nach ihrer Klassenzu-
geh¨
origkeit aufteilen. Demzufolge ist ein Attribut besonders f¨
ur die Klassifikation mit
78F¨
ur weitere Beispiele sei u. a. auf (Witten und Frank, 2005) verwiesen.
79Vgl. (G¨
orz et al., 2003).
80Siehe Abschnitt 3.2.
81F¨
ur weitere zum Entscheidungsbaumlernen eingesetzte Algorithmen vgl. u. a. (Witten und Frank,
2005), (Russel und Norvig, 2003, Seite 653 ff.), (Kl¨
osgen und ˙
Zytkow, 2002, Seite 267 ff.) und (Mitchell,
1997, Seite 52 ff.).
45
3. Stand der Technik
hohem Informationsgewinn geeignet, wenn es die Trainingsmenge so aufteilt, dass die
neu entstehenden Kindknoten einer Klasse genau zugeordnet werden k¨
onnen. Der vom
Split-Kriterium erzeugte Informationsgewinn wird beim ID3-Algorithmus ¨
uber die Ab-
nahme der Entropie innerhalb der neu entstehenden Kindknoten determiniert. Entropie
beschreibt hierbei die Reinheit (Uniformit¨
at) einer Menge bez¨
uglich der Klasse, der in
der Menge enthaltenen Elemente. Entropie ist wie folgt berechenbar:82
Entropie(T)=
C
i=1
pilog2pi(3.3)
Wobei Cdie Anzahl der m¨
oglichen Klassen und piden Anteil der Klasse ian der
Menge der Beispiele in Tangibt. Mittels Gleichung 3.3 kann jetzt der erreichte Infor-
mationsgewinn durch die Auswahl des Attributes Af¨
ur eine Trainingsmenge Tdefiniert
werden:83
Informationsgewinn(A, T)=Entropie(T)
kKlassen(A)
|Tk|
|T|·Entropie(Tk)(3.4)
Klassen(A)stehtf
¨
ur die Menge aller m¨
oglichen Wertebelegungen von Attribut A.Die
Anzahl der Beispiele mit der Auspr¨
agung kim Attribut Akennzeichnet |Tk|,|T|die
Anzahl der Beispiele in der Menge Tinsgesamt.
Der ID3-Algorithmus ¨
uberpr¨
uft s¨
amtliche Attribute auf ihre Tauglichkeit als Split-
Attribut. Anschließend wird das Attribut mit dem h¨
ochsten Informationsgewinn aus-
gew¨
ahlt. Dieses Verfahren wird rekursiv bis zur Erreichung einer Abbruchbedingung
auf alle neuen Kindknoten angewandt: Die Entropie eines Knotens ist null, da alle
Trainingsbeispiele innerhalb des Knotens derselben Klasse angeh¨
oren,dannwirddem
Blattknoten die entsprechende Klasse zugeordnet. S¨
amtliche Attribute auf dem Pfad des
Split-Elements wurden eingesetzt, folglich wird dem Blattknoten die Klasse derjenigen
Instanz mit der gr¨
oßten Auspr¨
agung innerhalb des Knotens zugeordnet.
Es werden also die Attribute mit dem h¨
ochsten Informationsgewinn bevorzugt. Die
rekursive Zerlegung in Teilmengen wird abgebrochen, sobald die Elemente einheitli-
che Klassen besitzen. Hierdurch weisen mittels des ID3-Algorithmus erzeugte Entschei-
dungsb¨
aume zwei Merkmale auf: Attribute, die einen hohen Informationsgewinn er-
zielen, sind nahe der Wurzel angeordnet. Die generierten Entscheidungsb¨
aume haben
eine geringe Gr¨
oße, sie sind jedoch mit der Trainingsmenge konsistent. Aufgrund der
Tatsache, dass kleine Entscheidungsb¨
aume erzeugt werden, kann tendenziell schneller
82Vgl. (Beierle und Kern-Isberner, 2008, Seite 116).
83Vgl. (Mitchell, 1997, Seite 55 ff.).
46
3.2. Analyse von Lernverfahren
klassifiziert werden. Auch entsprechen kleinstm¨
ogliche Entscheidungsb¨
aume dem Prin-
zip der Sparsamkeit in der Wissenschaft (Occam’s Razor).84 Dieses besagt, dass bei
mehreren Theorien, die einen Sachverhalt erkl¨
aren, die einfachste zu bevorzugen ist.
F¨
ur eine sp¨
atere Beschneidung (pruning) des Entscheidungsbaumes ist der Umstand,
dass wichtige Attribute in der N¨
ahe des Wurzelknotens sind, ebenfalls von Vorteil. Die
Beschneidung des Baumes wird zur Vermeidung von ¨
Uberanpassung durchgef¨
uhrt.
¨
Uberanpassung (Overfitting) bedeutet, dass sich der Entscheidungsbaum (Klassifizierer)
zu stark an die Trainingsbeispiele angepasst hat.
Eine Funktion hH85 heißt genau dann ¨
uberangepasst (overfitted) an die Trainings-
menge, wenn eine Funktion hHexistiert, so dass heinen kleinen Trainingsfehler
aber einen gr¨
oßeren wahren Fehler als hbesitzt.
Durch das vorgestellte Verfahren werden die ¨
Aste des Entscheidungsbaumes derart auf-
geteilt, dass die Trainingsmenge fehlerfrei klassifiziert wird. Auf den ersten Blick er-
scheint der Einsatz dieser Strategie sinnvoll, kann in der Praxis allerdings zu Schwierig-
keiten f¨
uhren. Immer dann, wenn die Trainingsmenge keine repr¨
asentative Stichprobe
der Menge von m¨
oglichen Instanzbeschreibungen ist oder die Trainingsmenge (beispiels-
weise durch verrauschte Messdaten) unkorrekt ist, kommt es zu Fehlern. Dann wird vom
Algorithmus ein Entscheidungsbaum erzeugt, der ¨
uberangepasst an die Trainingsmenge
ist.
Die ¨
Uberanpassungsgefahr besteht immer dann, wenn Daten verrauscht sind oder ein-
zelne Daten Fehler bei den Werten der Attribute oder Klassen enthalten. Enth¨
alt die
Trainingsmenge zuf¨
allige Regelm¨
aßigkeiten, die keinerlei Bezug zur gesuchten Funkti-
on faufweisen, kann es auch bei fehlerfreien Daten zu einer ¨
Uberanpassung kommen.
In einer Studie kommt Mingers zu dem Ergebnis, das sich die Performance des ID3-
Algorithmus durch die ¨
Uberanpassung bei verrauschten Daten um 10-25 Prozent ver-
schlechtert.86 Zur Vermeidung von ¨
Uberanpassung ist ein erzeugter Klassifizierer hier-
auf zu testen. Ist der Trainingsfehler des Entscheidungsbaumes kleiner als der Fehler
auf einer unabh¨
angigen Testmenge, kann von einer ¨
Uberanpassung ausgegangen wer-
den. Da sich ein Entscheidungsbaum mit steigender Komplexit¨
at immer exakter der
Trainingsmenge anpasst, ist die Komplexit¨
at des Baumes zu verringern, um der ¨
Uber-
anpassung entgegen zu wirken. Hierzu ist der Entscheidungsbaum mit dem sogenannten
Pruning-Verfahren von unten, d. h. von den Bl¨
attern stutzen. Dabei werden die inneren
84Vgl. (Blumer et al., 1987).
85Sei Hdie Menge zul¨
assiger Funktionen.
86Vgl. (Mingers, 1989b).
47
3. Stand der Technik
Knoten oberhalb der Blattknoten testweise in Blattknoten umgewandelt. Als Klassifi-
zierung wird den neuen Blattknoten, die in dem von diesen aufgespannten Unterbaum
am h¨
aufigsten vorkommenden Klassenmenge zugewiesen. Anschließend wird der neue
Entscheidungsbaum erneut mit der Testmenge ¨
uberpr¨
uft und entsprechend der Ver¨
an-
derung angepasst, welche die gr¨
oßte Verbesserung erzielt. Dieser Vorgang wird so lange
f¨
ur die restlichen inneren Knoten durchgef¨
uhrt, bis der Entscheidungsbaum auf eine
Gr¨
oße schrumpft, so dass weitere Vereinfachungen keine Verbesserung ergeben.
F¨
ur den Einsatz in der Praxis existieren unterschiedliche Modifikationen. Diese ¨
andern
die grunds¨
atzliche Methodik des Entscheidungsbaumlernens nicht, tragen aber verschie-
denen Herausforderungen der Praxis Rechnung. Derartige Ans¨
atze setzen sich beispiels-
weise mit der Nutzung von kontinuierlichen nummerischen Attributwerten sowie feh-
lenden Attributwerten auseinander.87 Der ID3-Algorithmus ist nur in der Lage, diskrete
Attributwerte zu verarbeiten, weil andernfalls die Anzahl der ¨
Aste aus einem Knoten zu
groß ist. Im praktischen Einsatz der Ablaufplanung und -steuerung in Job-Shops und
Flexible-Flow-Shops sind jedoch oft kontinuierliche nummerische Attribute zu finden.88
Damit diese vom Entscheidungsbaum verarbeitet werden k¨
onnen, ist der Wertebereich
in wenige disjunkte Intervalle zu unterteilen. Fayyad und Fayyad untersuchten hierzu
die Berechnung der optimalen Grenzwerte f¨
ur die Intervalle.89 Zum Umgang mit feh-
lenden Attributwerten wurde von Mingers eine Strategie untersucht, in der fehlende
Attributwerte durch den am h¨
aufigsten vorkommenden Attributwert unter einer Menge
von ¨
ahnlichen Beispielen erg¨
anzt werden. Alle Beispiele, die einen gemeinsamen Pfad
zu dem Knoten wie das zu Testende besitzen, werden in Betracht gezogen.90 Quinlan
beschreibt den C4.5-Algorithmus, eine Weiterentwicklung des ID3-Algorithmus, zum
Umgang mit fehlenden Attributwerten.91
Analyse von Entscheidungsb¨
aumen
Entscheidungsb¨
aume k¨
onnten als Lernkomponente eingesetzt werden. Sie sind in der
Lage, mit einer großen Anzahl von beschreibenden Merkmalen und großen Trainings-
mengen zu arbeiten. Die Klassifizierung einer unbekannten Instanz erfolgt sehr schnell,
da maximal so viele einfache Tests erforderlich sind, wie Merkmale existieren. Mit den
dargelegten Erweiterungen k¨
onnen Entscheidungsb¨
aume auch mit fehlenden und nume-
rischen Attributen umzugehen. Jedoch kann dadurch die ben¨
otigte Zeit f¨
ur eine Klas-
87Vgl. (Witten und Frank, 2005; Mitchell, 1997; Quinlan, 1993).
88Siehe Abschnitt 2.2.3.5.
89Vgl. (Fayyad, 1992; Fayyad und Irani, 1992).
90Vgl. (Mingers, 1989a).
91Vgl. (Quinlan, 1993). Vgl. auch (Kl¨
osgen und ˙
Zytkow, 2002, Seite 267 ff.).
48
3.2. Analyse von Lernverfahren
sifizierung leicht ansteigen. Ebenso ist eine Erweiterung der Trainingsmenge problema-
tisch, da dazu der gesamte Baum neu aufzubauen ist. Tabelle 3.5 zeigt die Bewertung
von Entscheidungsb¨
aumen anhand der in Abschnitt 2.2.3 dargelegten Anforderungen
an eine Lernkomponente.
Approximation Adaptier-
barkeit
Ent-
scheidungs-
sicherheit
Lern- und
Vorher-
sagezeit
Kardinale
Merkmale
Entschei-
dungsb¨
aume
⊕⊕ ⊕⊕
Tabelle 3.5.: Bewertung: Entscheidungsb¨
aume92
3.2.2. K¨
unstliche Neuronale Netze
K¨
unstliche Neuronale Netze stellen eine weitere Methode zum Erlernen von Funktio-
nen aus Beispielen dar. Sie basieren auf einer Analogie menschlicher Gehirnstrukturen,
versuchen deren Lern- und Ged¨
achtnisf¨
ahigkeit nachzubilden und bestehen aus k¨
unst-
lichen Neuronen, den sogenannten Perzeptrons93. Ein Perzeptron besitzt xEing¨
ange
sowie xden Eing¨
angen zugeh¨
orige Gewichte und einen Ausgang. Durch die Anwendung
des Skalarprodukts aus Eingangsvektor und Gewichtsvektor auf die ¨
Ubertragungsfunk-
tion94 wird der Wert des Ausgangs eines Perzeptrons berechnet. Perzeptrons sind oft in
die drei Schichten: Eingabeschicht, verdeckte Schicht und Ausgabeschicht unterteilt.
Aus der Verbindung vieler Perzeptrons entsteht ein K¨
unstliches Neuronales Netz. Die-
ses lernt aus der Trainingsmenge, durch Modifizierung der Gewichte an den Eing¨
angen
der Perzeptrons, so dass die Trainingsinstanzen korrekt klassifiziert werden. Kantenge-
wichte geben die Verbindungsst¨
arke zwischen den jeweiligen Knoten unterschiedlicher
Schichten an. Zus¨
atzlich existiert f¨
ur jede Kante ein sogenannter Node-bias-Wert. Hier-
bei handelt es sich um eine Konstante, die den Einflussgrad des Knotens zur Ermittlung
des neuen Ergebniswertes angibt.95 Beide Werte werden vor Trainingsbeginn mit klei-
92Legende zur Erf¨
ullung der Anforderungen bei der Bewertung:  =sehrschlecht,= schlecht, =
einigermaßen, = gut und ⊕⊕ =sehrgut.
93Vgl. (Russel und Norvig, 2003, Seite 740) und (Tan et al., 2006, Kapitel 5.4.1).
94Die ¨
Ubertragungsfunktion, auch Aktivierungsfunktion, beschreibt den zuk¨
unftigen Erregungszustand
einer Zelle ilokal durch die Zust¨
ande der verbundenen Zellen ej.Diebeiweitemamh
¨
aufigsten einge-
setzte ¨
Ubertragungsfunktion ist die Sigmoid-Funktion f(x)=1/1+eαx (vgl. G¨
orz et al., 2003, Seite
84).
95Vgl. (Shmueli et al., 2007, Seite 170).
49
3. Stand der Technik
nen Zufallswerten initialisiert. Diese repr¨
asentieren den Anfangszustand ohne Wissen
¨
uber das K¨
unstliche Neuronale Netzwerk.
Die Konstruktion eines K¨
unstlichen Neuronalen Netzes ist eine schwierige und zeitinten-
sive Aufgabe, die sehr viel Wissen ¨
uber die zugrundeliegende Problemstellung erfordert.
Hier gilt es, sowohl die Anzahl an Zwischenschichten als auch die Anzahl an Knoten der
Zwischenschichten und Ausgabeschicht zu bestimmen.96 H¨
aufig werden deshalb mehrere
Architekturen ausprobiert oder Erfahrungswerte der Vergangenheit genutzt.97
Beim Training werden Fehler, die das erstellte Netz auf den Trainingsinstanzen macht,
gemessen und die Gewichte der einzelnen Perzeptrons mittels des Gradienten-Abstiegs-
Verfahrens fehlerminimierend modifiziert. Dieser Vorgang ist so lange iterativ zu wie-
derholen, bis das erstellte Netz das gew¨
unschte Verhalten zeigt. Aus dem Vergleich
zwischen bekannter Klasse der Trainingsinstanz und vorhergesagter Klasse des Lern-
verfahrens kann eine m¨
ogliche Abweichung abgeleitet werden. Anschließend wird dieser
Fehler, ausgehend von der Ausgabeschicht, zu den betroffenen Zwischenschichten zu-
r¨
uckgegeben. Dieser Vorgang wird als R¨
uckw¨
artspropagierung Backpropagation be-
zeichnet. Auf jeder beteiligten Schicht sind neue Kantengewichte sowie Node-bias-Werte
zu berechnen.
K¨
unstliche Neuronale Netze verf¨
ugen ¨
uber die F¨
ahigkeit, sehr komplexe Zusammen-
h¨
ange darzustellen. Folglich besitzen sie eine gute Klassifikationsleistung bei schwieri-
gen Problemstellungen. Hierzu m¨
ussen die Kantengewichte jedoch optimal eingestellt
werden, was bereits bei einfachen Problemstellungen eine hohe Anzahl verf¨
ugbarer Trai-
ningsinstanzen sowie ausreichend Trainingszeit ben¨
otigt. Ein Problem K¨
unstlich Neuro-
naler Netze stellt die Bestimmung der besten Netzgr¨
oße dar. Analog zu Entscheidungs-
b¨
aumen ist ein K¨
unstliches Neuronales Netz mit steigender Gr¨
oße in der Lage, sich
komplexen Funktionen anzun¨
ahern. Allerdings w¨
achst mit steigender Gr¨
oße des Netzes
die Gefahr der ¨
Uberanpassung. Hier ist eine Abstimmung zwischen Trainingsdauer und
Genauigkeit zu finden.
Analyse von Neuronalen Netzen
Problematisch sind qualitativ schlechte Trainingsdaten. Diese f¨
uhren w¨
ahrend des R¨
uck-
propagierungs-Schrittes zu abweichenden Ergebniswerten und einer starken Anpassung
der Kantengewichte sowie Bias-Werte. Aus diesem Grund ist eine gezielte Auswahl von
96Weitere Informationen zur Konstruktion von Neuronalen Netzen sind u. a. in (Tan et al., 2006, Seite
255) zu finden.
97Vgl. (Shmueli et al., 2007, Seite 181).
50
3.2. Analyse von Lernverfahren
Daten und Merkmalen Voraussetzung zur Erzielung guter Leistungen. Der Lernfak-
tor98 beeinflusst die Berechnung neuer Kantengewichte und Bias-Werte und hilft die-
sem Problem vorzubeugen. Die Laufzeit von K¨
unstlichen Neuronalen Netzen steigt mit
der Anzahl verwendeter Merkmale, da mehr Gewichte berechnet werden m¨
ussen. Weil
die Kantengewichte w¨
ahrend des Trainingsprozesses fortlaufend angepasst werden, ist
der Umgang mit redundanten Merkmalen unproblematisch. Gewichte derartiger Merk-
male sind in der Regel sehr klein und beeinflussen den Klassifizierungsvorgang nicht.
Tabelle 3.6 zeigt die Bewertung K¨
unstlicher Neuronaler Netze anhand der dargelegten
Anforderungen an eine Lernkomponente.
Approximation Adaptier-
barkeit
Ent-
scheidungs-
sicherheit
Lern- und
Vorher-
sagezeit
Kardinale
Merkmale
K¨
unstliche
Neuronale
Netze
⊕⊕  ⊕⊕
Tabelle 3.6.: Bewertung: K¨
unstliche Neuronale Netze99
Die gr¨
oßte Schw¨
ache von K¨
unstlichen Neuronalen Netzen liegt in der ben¨
otigten langen
Trainingszeit. Diese ist ungleich l¨
anger als die erforderliche Zeit f¨
ur den Aufbau eines
Entscheidungsbaums. Ist das K¨
unstliche Neuronale Netz zu adaptieren, wird hierzu viel
Zeit ben¨
otigt. Auch sieht der Anwender das K¨
unstliche Neuronale Netz immer nur als
eine Blackbox“. Die modellierten Strukturen bleiben zum Nachteil des Systemverst¨
and-
nisses im Inneren des Netzes als versteckte Schichten verborgen, womit Entscheidungen
nicht nachvollziehbar sind.
3.2.3. Naive-Bayes-Klassifizierer
Ein weiteres Verfahren zum Erlernen von Funktionen aus Beispielen ist das Naive-Bayes-
Klassifikationsverfahren. Dieses Verfahren nutzt einen anderen Ansatz als den der bisher
vorgestellten Entscheidungsb¨
aume und K¨
unstliche Neuronale Netze. Es ist ein probabi-
listisches Klassifikationsverfahren, da es auf statistischen Wahrscheinlichkeiten basiert.
Der Naive-Bayes-Klassifizierer erzeugt auf Grundlage des Bayes’schen-Theorems eine
mathematische Funktion f, die jedem Punkt Xdes Merkmalsraums eine Klasse Y
98Vgl. (Shmueli et al., 2007, Seite 173).
99Legende zur Erf¨
ullung der Anforderungen bei der Bewertung:  =sehrschlecht,= schlecht, =
einigermaßen, = gut und ⊕⊕ =sehrgut.
51
3. Stand der Technik
zuordnet. Dabei wird die Trainingsmenge nicht aufgeteilt, so dass jedes der Trainings-
beispiele die Wahrscheinlichkeit f¨
ur eine Klasse an einem Punkt im Merkmalsraum
beeinflussen kann. Der Lernvorgang eines Naive-Bayes-Klassifizierers besteht in der Be-
stimmung bedingter Wahrscheinlichkeiten. Unter der naiven Annahme, die Merkmale
in Xseien bedingt unabh¨
angig,100 ist die Formel des Naive-Bayes-Klassifizierer wie in
Gleichung 3.5 gegeben. Dabei stellen xjdie Merkmale und yidie Klassen dar.101
y=argmax
(yiY)P(yi)·
n
j=1
P(xj|yi)(3.5)
Die Anzahl von erforderlichen Beispielen steigt beim Naive-Bayes-Klassifizierer nur li-
near mit der Anzahl der Attribute.102 Aus diesem Grund ist das Naive-Bayes-Verfahren
ein beliebter Ansatz f¨
ur praxisrelevante Probleme. Allerdings ist die Annahme, dass die
beobachteten Attribute bedingt unabh¨
angig voneinander sind, stark vereinfachend und
trifft im Allgemeinen nicht zu. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass mit dem Naive-Bayes-
Verfahren trotzdem sehr gute Ergebnisse erzielt werden.103 Aus dem Aufbau des Naive-
Bayes-Klassifizierers ergeben sich zwei zu beachtende Punkte, wenn der Algorithmus er-
folgreich eingesetzt werden soll.104 Attribute werden als bedingt unabh¨
angig betrachtet,
deshalb ist eine sorgf¨
altige und gezielte Attributauswahl vorzunehmen. Da die errech-
neten Wahrscheinlichkeiten Produkte aus Einzelwahrscheinlichkeiten sind, d¨
urfen keine
Null-Wahrscheinlichkeiten vorkommen. Diese w¨
urden die Terme dominieren. Bei der
Attributwahl k¨
onnen abh¨
angige Attribute die Leistung eines Naive-Bayes-Klassifizierers
vermindern. Falls im Extremfall dem Merkmalsraum ein neues Attribut xn+1 hinzu-
gef¨
ugt wird, das mit einem vorhandenen Attribut xnvollkommen identisch ist, gehen
die Einzelwahrscheinlichkeiten des Attributs xn, im Vergleich mit dem Merkmalsraum
ohne das Attribut xn+1, quadratisch in die Gleichung ein. Dieser Effekt verschlimmert
sich mit der Anzahl von identischen Attributen. Demzufolge bekommt das Merkmal
eine wesentlich h¨
ohere Gewichtung. Um Trainingsdaten mit korrelierenden Attributen
so zu modifizieren, dass sie von einem Naive-Bayes-Klassifizierer besser nutzbar sind,
existieren verschiedene Techniken. Sie basieren auf der Wahl einer m¨
oglichst geeigneten
Untermenge der Attribute.105 Diese sind allerdings extrem rechenintensiv und ersetzen
100Zufallsvariable Aheißt bedingt unabh¨
angig von Bbei gegebenem Cwenn eine der drei ¨
aquivalenten
Bedingungen erf¨
ullt ist: P(A|B,C)=P(A|B)oderP(B|A, C)=P(B|C)oderP(A, B|C)=P(A|C)·
P(B|C)
101Vgl. (Mitchell, 1997, Seite 182 f.).
102Vgl. (Witten und Frank, 2001, Seite 352).
103Vgl. (Mitchell, 1997, Seite 128 f.).
104Vgl. (Witten und Frank, 2005, Seite 84 f.).
105Eingesetzte Techniken sind z. B. die verfahrensspezifische Attributauswahl mit R¨
uckw¨
artselimination
oder Vorw¨
artsauswahl sowie die Zusammenfassung korrelierender Attribute zu einem (multivariaten)
52
3.2. Analyse von Lernverfahren
nicht die gute Vorauswahl der Attribute. Die Laplace-Erweiterung wird eingesetzt, um
das Problem von Nulltermen zu beheben.106 Das Naive-Bayes-Klassifikationsverfahren
bildet f¨
ur die Berechnung der Wahrscheinlichkeit der Zugeh¨
origkeit einer Instanz zu
einer Klasse yidas Produkt ¨
uber alle Terme P(xj|yi). Existiert in der begrenzt großen
Trainingsmenge kein Beispiel f¨
ur einen Wert, nimmt dieser Term den Wert null an und
dominiert unerw¨
unschter Weise das Produkt. Da die Auspr¨
agung eines einzelnen Attri-
butes in Kombination mit der Klasse yinicht in der Trainingsmenge vorhanden ist, wird
die Wahrscheinlichkeit f¨
ur die Klasse yi, unabh¨
angig wie große der Wert der restlichen
Terme ist, mit null berechnet. Mit der Laplace-Erweiterung werden virtuelle Instanzen
in die Trainingsmenge eingef¨
ugt. Auf diese Art und Weise kann vermieden werden, dass
einzelne Nullterme die Wahrscheinlichkeitsberechnungen f¨
ur eine Klasse dominieren und
keine Null-Wahrscheinlichkeiten mehr auftreten. Die technische Umsetzung lautet wie
folgt: Die Z¨
ahler aller Terme P(xj|yi)=yxj/y107 werden f¨
ur jeweils ein virtuell beob-
achtetes Beispiel um eins erh¨
oht. Gleichzeitig sind die Nenner f¨
ur die mit den virtuellen
Beispielen um nvergr¨
oßerte Trainingsinstanz um nzu erh¨
ohen. Durch das Einf¨
ugen von
virtuellen Beispielen werden die beobachteten relativen H¨
aufigkeiten ver¨
andert. Ist eine
a priori Wahrscheinlichkeitsverteilung (P1,...,P
n)|Pi>0,n
i=1 Pi=1¨
uber die Attri-
bute bekannt, kann diese zur detaillierteren Modellierung verwendet werden. Dann wird
auf den Z¨
ahler des Attributs xjnicht 1, sondern 1·Pjaddiert. In der Praxis sind diese a
priori Wahrscheinlichkeitsverteilungen h¨
aufig nicht bekannt. Jedoch haben diese einen
so geringen Einfluss,108 dass in der Regel eine einfach eingesetzte Laplace-Erweiterung
ausreicht.109
Immer dann, wenn ein Attribut einem nominalen Wertebereich unterliegt, ist die An-
wendung des Naive-Bayes-Klassifizierers einfach. Die Wahrscheinlichkeiten sind wie be-
schrieben ermittelbar. Numerische Attribute sind allerdings nicht so einfach wie nomi-
nale Attribute auszuz¨
ahlen.110 Beispielsweise ist ein Attributwert xjvon 10 ungleich
einem Wert xjvon 11. Dennoch ist auszudr¨
ucken, dass eine Instanz mit dem numme-
rischen Attributwert xj= 10 einer Instanz mit xj=11¨
ahnlicher ist als einer Instanz
mit einem Wert xj= 83. Daher wird angenommen, dass die beobachteten Attributwer-
te einer Verteilungsfunktion unterliegen.111 F¨
ur jede Klasse yiwerden Mittelwert und
Standardabweichung der ermittelten Werte eines numerischen Attributs berechnet, um
Attribut (Clustering) (vgl. Witten und Frank, 2005, Seite 210 ff.).
106Vgl. (Mitchell, 1997, Seite 175 f. ) und (Witten und Frank, 2005, Seite 84 f.).
107Mit yals Anzahl der Trainingsbeispiele mit Klasse yiund yxjals Anzahl der Trainingsbeispiele mit
xj=wahr unter den Beispielen von y.
108Eine ausreichend große Trainingsmenge sei vorausgesetzt.
109Vgl. (Witten und Frank, 2005, Seite 85).
110Siehe Abschnitt 3.2.1.
111 ¨
Ublicherweise einer Normalverteilung, die im Bedarfsfall jedoch angepasst bzw. ersetzt werden kann.
53
3. Stand der Technik
anschließend die Wahrscheinlichkeit mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion zu
ermitteln. Diese gibt die Wahrscheinlichkeit daf¨
ur an, dass der Wert eines numerischen
Attributs im Bereich um den Punkt yliegt. Dieser Wert eignet sich f¨
ur den Einsatz als
bedingte Wahrscheinlichkeit im Naive-Bayes-Klassifikationsverfahren; das Ergebnis der
Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion f¨
ur einen gegebenen Wert eines numerischen Attri-
buts112 ist als bedingte Wahrscheinlichkeit P(Attribut =Wert|Klasse) nutzbar.113
Analyse von Naive-Bayes-Klassifizierern
Der Naive-Bayes-Klassifizierer erf¨
ullt alle gestellten Anforderungen an eine Lernkompo-
nente. Der Klassifizierer kann mit vielen Merkmalen und einer großen Trainingsmenge
umgehen. Die Klassifikation erfolgt schnell und fehlende Attributwerte beeintr¨
achtigen
den Klassifizierer nicht. Tabelle 3.7 zeigt die Bewertung des Naive-Bayes-Klassifizierers
anhand der in Abschnitt 2.2.3 dargelegten Anforderungen. Durch die Annahme, dass
alle Attribute bedingt unabh¨
angig sind114 und unter Ber¨
ucksichtigung aller Trainings-
daten f¨
ur jede Klassifikationsentscheidung,115 ignoriert der Naive-Bayes-Klassifizierer
Zufallsattribute zuverl¨
assig. Zu den St¨
arken des Naive-Bayes-Klassifizierers geh¨
ort, dass
jedes Trainingsbeispiel in die Berechnung der Wahrscheinlichkeit zur Zugeh¨
origkeit ei-
ner Instanz zu einer Klasse mit einfließt. ¨
Uberdies kann eine Hypothese auch aufrecht
gehalten werden, wenn dieser ein einzelnes Trainingsbeispiel widerspricht. Ebenso ist
der Trainingsdatensatz einfach erweiterbar. Zus¨
atzlich zu der Klassifikation wird beim
Naive-Bayes-Klassifizierer eine Wahrscheinlichkeitsverteilung ¨
uber alle Klassen berech-
net. Damit ist die Ausgabe der Zuverl¨
assigkeit des Ergebnisses der Klassifikation sowie
wahrscheinlicher Alternativen m¨
oglich.
Approximation Adaptier-
barkeit
Ent-
scheidungs-
sicherheit
Lern- und
Vorher-
sagezeit
Kardinale
Merkmale
Na¨
ıve-Bayes-
Klassifizierer
⊕⊕ ⊕⊕ ⊕⊕ ⊕⊕ ⊕⊕
Tabelle 3.7.: Bewertung: Naive-Bayes-Klassifizierer116
112Sowie Mittelwert und Standardabweichung f¨
ur das numerische Attribut.
113Vgl. (Witten und Frank, 2005, Seite 85 ff.).
114Diese Annahme ist insbesondere f¨
ur ein komplett unabh¨
angiges Zufallsattribut korrekt.
115Andere Verfahren zerlegen die Menge der Trainingsbeispiele, wodurch enthaltene Zufallsattribut
großen Einfluss erhalten k¨
onnen.
116Legende zur Erf¨
ullung der Anforderungen bei der Bewertung:  =sehrschlecht,= schlecht, =
einigermaßen, = gut und ⊕⊕ =sehrgut.
54
4. Zu leistende Arbeit
Im Folgenden wird der dargelegte Stand der Technik zur Ablaufplanung und -steuerung
in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops sowie zu Lernverfahren mit der dargelegten Pro-
blemstellung zu den sich hieraus ergebenden Arbeitspaketen verbunden. Eine Aufteilung
in Arbeitspakete ist zweckm¨
aßig, um das aufgeworfene Problem sukzessive zu l¨
osen. Die
Aufgliederung der Arbeitspakete orientiert sich an den in Kapitel 2 erarbeiteten Anfor-
derungen an ein L¨
osungsverfahren.
4.1. Entwicklung einer Steuerungskomponente
Im ersten Schritt soll eine Heuristik f¨
ur Job-Shop-Fertigungssysteme entwickelt wer-
den, um eine effiziente Steuerungskomponente sicherzustellen. Diese ist in einem zwei-
ten Schritt f¨
ur den Einsatz in Flexible-Flow-Shops-Systemen zu erweitern. Dabei ist
das hier vorherrschende Auswahlproblem zu ber¨
ucksichtigen. Grunds¨
atzlich ist auf die
Beschr¨
ankung des L¨
osungsraumes zu achten.
Die Ablaufsteuerungsheuristik muss einen Entscheidungssituation fordernden Bestand-
teil enthalten. Hier ist ein Lernverfahren (Lernkomponente) nach Art trainierter Regeln
zu integrieren. In Konfliktsituationen sind geeignete Steuerungsregeln auszuw¨
ahlen, wo-
bei in Flexible-Flow-Shop-Umgebungen zwei Entscheidungen zu treffen sind.
4.2. Entwicklung einer Lernkomponente
Wissensbasierte Auswahlmethode
Es ist ein wissensbasiertes Verfahren als Klassifizierer zur situationsabh¨
angigen Aus-
wahl von Steuerungsregeln zu entwickeln. Hierbei muss ein f¨
ur den vorliegenden Unter-
suchungsgegenstand passendes Lernverfahren in der Lage sein, den in Abschnitt 2.2.3
55
4. Zu leistende Arbeit
gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Ergebnis ist eine wissensbasierte Auswahl-
methode (Klassifikationsmethode), die einfach in die Steuerungskomponente zu inte-
grieren ist.
Situationsmerkmale
Aufgabe dieses Teilarbeitspakets ist die Entwicklung einer initialen Menge von Attri-
buten (Situationsmerkmalen) zur quantitativen Differenzierung von Systemsituationen.
Dazu dienen Vorarbeiten wie die von Chen und Yih1oder Priore et al.2Es ist zwischen
den Merkmalen f¨
ur die betrachteten Organisationstypen zu unterscheiden. In Flexible-
Flow-Shops ist zus¨
atzlich zwischen lokalen und globalen Merkmalen zu differenzieren,
da hier mehrere Fertigungsstufen betrachtet werden.
Steuerungsklassen
Schwerpunkt dieses Teilarbeitspaketes ist die Auswahl und Konzeption von geeigneten
Steuerungsregeln als Klassen f¨
ur die wissensbasierte Klassifikationsmethode. Hierbei
sind Fragen zu beantworten wie: Welche Entscheidung kann mit welcher Regel abge-
bildet werden? Wie groß muss der Regelkatalog sein so groß wie n¨
otig, so klein wie
m¨
oglich? Wie beeinflussen sich verschiedene Regeln gegenseitig? Eine initiale Menge von
Steuerungsregeln ist zu definieren. Es ist zwischen Regeln f¨
ur Job-Shops und Flexible-
Flow-Shops zu unterscheiden, da in Flexible-Flow-Shops zur Auftragsauswahl noch eine
zus¨
atzliche Auswahl der Maschine erfolgen muss.
4.3. Entwicklung eines Trainingsverfahrens
Die Entwicklung geeigneter Methoden zum Training der Lernkomponente ist Aufga-
be in Arbeitspaket 4.3. F¨
ur das Training in Job-Shops soll ein optimierendes Verfahren
eingesetzt werden, f¨
ur das in Flexible-Flow-Shop-Umgebungen ein Ablaufsimulator. Zur
effizienten Generierung einer Vielzahl von Trainingsbeispielen sowie der Verfahrenseva-
luierung sind erforderliche Erweiterungen vorzunehmen.
1Vgl. (Chen und Yih, 1996).
2Vgl. (Priore et al., 2006).
56
4.4. Entwicklung einer R¨
uckkopplung in das Trainingsverfahren
4.4. Entwicklung einer R¨
uckkopplung in das
Trainingsverfahren
Aufgabe dieses Arbeitspakets ist die Ver¨
anderung des bestehenden statischen Systems
in ein dynamisches System, welches die Adaption simulative Informationserweiterung
in Steuerungssituationen sowie permanente Adaption der wissensbasierten Auswahlme-
thode erm¨
oglicht. Gleichfalls wird der Simulator durch die R¨
uckkopplung des entwi-
ckelten Verfahrens um dessen Steuerungsfunktionalit¨
at erweitert.
4.5. Evaluierung des Ablaufplanungs- und
Steuerungsverfahrens
Aufgabe dieses Arbeitspakets ist die Evaluierung des entwickelten Verfahrens zur Ab-
laufplanung und -steuerung in den untersuchten Job-Shops und Flexible-Flow-Shops.
Hierbei bedingen unterschiedliche Ziele unterschiedliche Kennzahlen zur Evaluierung.
Da der Schwerpunkt dieses Verfahrens in der guten Zielerf¨
ullung (minimaler Make-
span) und geringen L¨
osungsfindungszeit liegt, sollen hierf¨
ur zun¨
achst Kennzahlen wie
L¨
osungsgeschwindigkeit, L¨
osungsapproximation und Trainingsmenge eingesetzt werden.
Zur Evaluierung der Ablaufplanung und -steuerung sind Verfahren wie Vergleich zur zu-
f¨
alligen sowie fixen Auswahl von Steuerungsregeln anzuwenden. Ebenfalls werden die
Ergebnisse des Verfahrens mit denen eines Offline-Verfahrens verglichen. Dazu wird die
optimale L¨
osung mit den zum Entscheidungszeitpunkt unbekannten Ereignissen und
ausreichender Berechnungszeit generiert.
57
58
5. Konzeption
Zur L¨
osung der vorgestellten Problemstellung ist im Folgenden ein Verfahren zur Ab-
laufplanung und -steuerung zu entwickeln. Abschnitt 5.1 gibt eine ¨
Ubersicht ¨
uber die
Phasen und Schnittstellen des Verfahrens. Die grunds¨
atzliche Ablaufplanungs- und
Steuerungsheuristik f¨
ur die beiden betrachteten Umgebungen wird in Abschnitt 5.2 vor-
gestellt. Darauf aufbauend wird die wissensbasierte Komponente zur Entscheidungsfin-
dung in Abschnitt 5.3 aufgezeigt. Hierbei wird neben den Merkmalen zur Situationser-
kennung und den Steuerungsregeln als Klassen das Training vorgestellt. Der abschließen-
de Abschnitt stellt das Konzept f¨
ur die R¨
uckkopplung in die simulative Trainingskom-
ponente zur Vorschau in Entscheidungssituationen sowie als Steuerungsfunktionalit¨
at
vor.
5.1. Ablauf des Verfahrens zur Ablaufplanung und
-steuerung
Beim Ablauf des Verfahrens ist zu unterscheiden, dass es eine erste Phase im Vorfeld
der Fertigung und eine zweite Phase w¨
ahrend der Fertigung gibt. In Abschnitt 2.2.2
wurde dargelegt, dass ein zweckm¨
aßiges Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahren eine
(proaktiv-) reaktive Steuerung umsetzt, um f¨
ur (stochastische und dynamische)1Job-
Shops und Flexible-Flow-Shops geeignet zu sein. So wird zun¨
achst proaktiv ein initialer
Schedule erzeugt und in einem zweiten Schritt wenn erforderlich reaktiv erneuert.
Der initiale Schedule sei gegeben, da dieser a priori vor dem Start des Fertigungs-
prozesses und dem m¨
oglichen Einsatz des Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahrens
1Bei statischen Ablaufplanungs- und Steuerungsproblemen sind alle Auftr¨
age des Problems bekannt und
stehen vor Beginn der Fertigung zur Bearbeitung bereit, d. h. die Auftragsmenge ist endlich. Dynami-
sche Probleme haben die Eigenschaft, dass immer neue Auftr¨
age, auch nach dem Start des Fertigungs-
prozesses, zur Verarbeitung eintreffen, d. h. die Auftragsmenge ist unendlich. Probleme k¨
onnen zudem
deterministisch oder stochastisch sein. Bei deterministischen Problemen sind alle Informationen der
Auftr¨
age wie Bearbeitungszeiten, Arbeitsgangfolgen und Ankunftszeiten gegeben. Andererseits kann
das Problem stochastisch sein. Dann sind einige Informationen unsicher oder unbekannt. F¨
ur weiter-
f¨
uhrende Literatur wird auf (Domschke et al., 1997, Seite 280 f.) verwiesen.
59
5. Konzeption
berechnet werden kann. Dieser dient als initiale L¨
osung und ist gleichzeitig geeignet,
Wissen ¨
uber die Erstellung dieser L¨
osung zu gewinnen. Es werden, wie in Tabelle 5.1
dargestellt, die zwei Phasen proaktiv-reaktiver Strategien um die Wissensakquisition
und die Adaption erweitert.
Die Phase I umfasst die Lern- beziehungsweise Trainingskomponente, mit deren Hilfe
eine Wissensbasis vor dem operativen Einsatz aufgebaut wird. Um hieraus zu lernen,
werden die Informationen ¨
uber eine Situation mit Steuerungsnotwendigkeit sowie ausge-
w¨
ahltem Auftrag festgehalten. Diese guten Entscheidungen werden in der Wissensbasis
abgelegt. Auf Grundlage dieser Informationen wird mit der Lernkomponente ein Kla-
ssifizierer erzeugt.
Die Phase II l¨
auft w¨
ahrend des operativen Einsatzes, d. h. w¨
ahrend des Fertigungs-
prozesses ab. Diese Phase l¨
asst sich weiter in die beiden Teilphasen Wissensanwendung
der zuvor akquirierten Informationen und Adaption der Lernkomponente untergliedern.
Bei der Wissensanwendung (Phase IIA) wird ausschließlich mit den vor dem operati-
ven Einsatz gewonnenen Informationen gearbeitet. Der in Phase I erzeugte Klassifizierer
wird genutzt, um Konfliktsituationen des zu l¨
osenden Shop-Problems aufzul¨
osen. Hier-
bei muss nicht zwingend ein kompletter Schedule generiert werden. Ebenso kann der
Klassifizierer auch nur eine einzige Entscheidung treffen, die direkt umgesetzt wird.
Dieser Vorgang wiederholt sich dann f¨
ur jede zu treffende Steuerungsentscheidung. Ins-
gesamt ist es dadurch m¨
oglich, nicht nur sehr schnell, sondern auch gute L¨
osungen
zur Ablaufplanung und -steuerung f¨
ur ein Shop-Problem zu finden. In der Adaptions-
phase (Phase IIB) wird der Klassifizierer w¨
ahrend des Ablaufes permanent angepasst,
z. B. Steuerungsklassen oder neue Trainingsbeispiele hinzugef¨
ugt oder entfernt. So ist
der Klassifizierer an ein spezielles Fertigungssystem anpassbar. Informationen ¨
uber den
bisherigen L¨
osungsprozess und Charakteristika des zu l¨
osenden Problems werden auf-
gezeichnet und verarbeitet. Dadurch ist es m¨
oglich, das System kontinuierlich auf das
zu l¨
osende Problem abzustimmen und die Qualit¨
at der erzeugten L¨
osung zu erh¨
ohen.
Die beiden Teilphasen Wissensanwendung und Adaption k¨
onnen parallel ablaufen. Das
Verfahren ist ohne die Adaptionsmechanismen funktionsf¨
ahig.
Bei der Betrachtung der Schnittstellen sind die Trainings- und Klassifikationsschnittstel-
le von besonderer Relevanz, da hier zwischen den beteiligten Komponenten die entschei-
dungsrelevanten Informationen transferiert werden. Die Trainingsschnittstelle f¨
ur den
Aufbau der Trainingsdaten ist zwischen der Trainingskomponente und der Lernkom-
ponente angesiedelt. Ausgehend von dem in der Lernkomponente eingesetzten Klassifi-
zierer, ist der Aufbau der Trainingsbeispiele festzulegen. Die Klassifikationsschnittstelle
dient dem Aufruf der Lern- aus der Steuerungskomponente. In Situationen mit Kon-
60
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
Phase I Phase II
Im Vorfeld der Fertigung W¨
ahrend der Fertigung
PhaseIIa PhaseIIb
Wissensanwendung Adaption
Erstellen des
initialen Schedules
Falls erforderlich, Erstellen
eines neuen Schedules
Generieren von neuen bzw.
zus¨
atzlichen
Trainigsbeispielen
Lernen aus den
initialen
Schedulingl¨
osungen
Generieren von
situationserweiternden
Informationen
Tabelle 5.1.: Phasen des entwickelten Verfahrens
flikten innerhalb der Steuerungskomponente w¨
ahlt die Lernkomponente, wie beschrie-
ben, die situativ passendste(n) Regel(n) aus. Wie beschrieben soll die wissensbasierte
Entscheidungskomponente zur Au߬
osung der Steuerungssituation auch ohne die Steue-
rungskomponente einsetzbar sein. Dabei sind Merkmalauspr¨
agungen zu beachten, d. h.
spezifische, nur in der Steuerungskomponente vorhandene Merkmale m¨
ussen herausge-
filtert werden.
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
Als Heuristik f¨
ur die Steuerungskomponente bietet sich das von Giffler und Thompson
entwickelte Verfahren an, da dieses die in Abschnitt 2.2.2 erarbeiteten Anforderungen
an eine Steuerungskomponente am Besten erf¨
ullt.2
5.2.1. Notwendige Vor¨
uberlegungen
Das Verfahren nach Giffler und Thompson besitzt eine lineare Laufzeit und kann mit
M·Nals der Anzahl der einzuplanenden Operationen, in O(M·N) einen aktiven
Schedule erzeugen. Wie beschrieben ist hierbei die Beschr¨
ankung der L¨
osungssuche auf
aktive Ablaufpl¨
ane bei regul¨
aren Zielfunktionen ausreichend, da die optimale L¨
osung ein
aktiver Ablaufplan ist.3Mit der Heuristik sind alle aktiven Schedules einer Scheduling-
Probleminstanz erzeugbar. St¨
unden der Heuristik hinreichend viele Auswahlregeln zur
2Siehe Abschnitt 3.1.2.
3Siehe Abschnitt 2.1.2.
61
5. Konzeption
Anwendung bereit, w¨
aren durch die unterschiedliche Anwendung der Regeln alle aktiven
L¨
osungen f¨
ur das Scheduling-Problem generierbar. Demzufolge muss eine (oder meh-
rere) Reihenfolge(n) der Regelanwendung existieren, die zu der gleichen L¨
osung f¨
uhrt
(f¨
uhren), welche von jedem anderen, aktive L¨
osungen erzeugenden Scheduling-Verfahren
erstellt werden. Das Verfahren eignet sich f¨
ur alle regul¨
aren Zielfunktionen.4Da das
hier konzipierte Ablaufplanungs- und Steuerungsverfahren auf der Giffler-Thompson-
Heuristik aufbaut und wissensbasiert ist, soll das Verfahren im Folgenden wissensba-
sierter Giffler-Thompson (WbsGT)heißen.
An der Giffler-Thompson-Heuristik sind Korrekturen und Erweiterungen zur Konflik-
tau߬
osung vorzunehmen.5Von Zhao und Deng wurde beispielsweise eine Funktion ent-
wickelt, die f¨
ur jeden Schedule eines Job-Shops einen ¨
ahnlichen aktiven Schedule kon-
struieren kann.6Damit werden die L¨
osungen f¨
ur ein Job-Shop-Problem in den Bereich
der aktiven Schedules verschoben. Angewandt auf lokale Suchmethoden wie Geneti-
sche Algorithmen oder Simulated Annealing, hat sich eine deutliche Verbesserung der
Algorithmen gezeigt. Allerdings steht dem praktischen Einsatz dieser Funktion in der
jetzigen Form der noch deutlich zu hohe Zeitaufwand f¨
ur das Verschieben einer L¨
osung
in den Bereich der aktiven Ablaufpl¨
ane entgegen. Jedoch unterst¨
utzt die Untersuchung
die theoretische ¨
Uberlegung, dass ein hoher Performancegewinn im Sinne der besse-
ren Erf¨
ullung der Zielfunktion durch die Einschr¨
ankung auf aktive Schedules erreichbar
ist.
Mit der Verwendung der Konstruktionsidee von Giffler und Thompson und der damit
verbundenen Einschr¨
ankung auf die Konstruktion von aktiven Ablaufpl¨
anen bei der
Suche nach einer guten L¨
osung f¨
ur ein Shop-Problem ergeben sich folgende weitere
Vorteile:
Der zu durchsuchende Raum wird deutlich reduziert, enth¨
alt aber weiterhin alle
optimalen L¨
osungen.7
Die durchschnittliche L¨
osungsg¨
ute innerhalb der Menge aktiver Schedules ist h¨
o-
her als die durchschnittliche L¨
osungsg¨
ute aller zul¨
assigen L¨
osungen. Demzufolge
wird bereits in einem Unterraum von besseren L¨
osungen gesucht.8
4Aus Vergleichbarkeitsgr¨
unden mit anderen Verfahren wird die Evaluierung in Kapitel 6 ¨
uber die Mi-
nimierung des Makespans durchgef¨
uhrt (siehe Abschnitt 2.1.2).
5F¨
ur die Anwendung in Job-Shops erforderliche Korrekturen werden in Abschnitt 5.2.2 entwickelt, die
Erweiterungen f¨
ur Flexible-Flow-Shops in Abschnitt 5.2.3.
6Vgl. (Zhao und Deng, 2006).
7Siehe Abschnitt 2.1.2.
8Vgl. (Zhao und Deng, 2006).
62
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
Bei der dargestellten Konstruktionsmethode wird der zu betrachtende Zustandsraum
also bereits durch die aktiven Schedules eingeschr¨
ankt.
Die Menge aller Teilprobleminstanzen einer Shop-Probleminstanz SPI =(P,T) mit
den Bearbeitungszeiten Pund den technologischen Reihenfolgen T, die durch die Ein-
planung der Operationen oj,m SPI entstehen, definieren den Zustandsraum. Die
Verbindung der Elemente des Zustandsraumes mit Kanten, die mit den eingeplanten
Operationen beschriftet sind, beschreibt einen Zustandsraumgraphen.
Beispiel 5.1 Ersparnis bei der Einschr¨
ankung auf aktive Ablaufpl¨
ane
Sei ein Scheduling-Problem bestehend aus drei Jobs (N= 3) und zwei Maschinen (M=
2) gegeben. Die Bearbeitungszeiten der einzelnen Operationen und die Reihenfolge mit
der die einzelnen Jobs die Maschinen durchlaufen m¨
ussen, sind in Tabelle 5.2 gegeben.
Die or-Werte bilden die organisatorische Reihenfolge eines Jobs ab, die pt-Werte die
Bearbeitungszeiten auf den Maschinen.
Maschine 1 Maschine 2
or pt or pt
Job 1 I2II 4
Job 2 II 4 I3
Job 3 I1II 3
Tabelle 5.2.: Beispielhaftes Job-Shop-Problem
Die erzeugbaren Ablaufpl¨
ane sind als Baum darstellbar.9Jede Auswahl aus der Kon-
fliktmenge stellt einen inneren Knoten des Baumes dar, mit einer Anzahl von ¨
Asten,
die der Anzahl der Operationen in der Konfliktmenge entspricht. Der Baum ist in Ab-
bildung 5.1 illustriert. Im Baum sind nur die Konflikte mit einer Mindestgr¨
oße von zwei
abgetragen. Eingeplante Operationen ohne Konflikt werden nicht dargestellt.
Die Wurzel des Baums steht f¨
ur den leeren Startzustand, in dem noch keine Operation
eingeplant ist. Die Beschriftungen an den ¨
Asten geben den zugeh¨
origen Job der gew¨
ahl-
ten Operationen an. Jeder Ast aus einem Knoten entspricht einer m¨
oglichen Au߬
osung
einer Konfliktmenge. In einem Blatt sind alle Konfliktmengen aufgel¨
ost und alle Opera-
tionen eingeplant. Damit entspricht ein Blatt einem vollst¨
andigen und aktiven Schedule.
Dem Verfahren entsprechend, ist jeder der acht m¨
oglichen Schedules S1,...,S
8ein ak-
tiver; die Schedules S1,...,S
8bilden die Menge aller zu diesem Problem existierenden
aktiven Ablaufpl¨
ane. Insgesamt gibt es 3!2=36M
¨
oglichkeiten, um die drei Auftr¨
age auf
9Siehe Abschnitt 5.2.2 und 5.2.3 zur Generierung des jeweiligen Baums f¨
ur Job-Shops und Flexible-
Flow-Shops.
63
5. Konzeption
S1
2
S2
3
1
S3
1
S4
3
2
1
S5
1
S6
3
2
S7
1
S8
2
3
3
Abbildung 5.1.: Baum der mit dem Steuerungsalgorithmus generierbaren Ablaufpl¨
a-
ne
den zwei Maschinen anzuordnen.10 Die Einschr¨
ankung auf die acht aktiven Schedules
S1,...,S
8reduziert in diesem Beispiel die Menge der zu durchsuchenden Ablaufpl¨
ane
somit auf weniger als 25 Prozent der urspr¨
unglichen Alternativen.
5.2.2. Steuerungskomponente f¨
ur Job-Shops
In der in Abschnitt 3.1.2 beschriebenen Giffler-Thompson-Heuristik kann es zur gleich-
zeitigen Belegung einer Maschine von mehr als einer Operation kommen, insbesondere
wenn die Bearbeitungszeiten der Operationen sehr inhomogen sind.11 Um dieses Pro-
blem zu verhindern, wurde die Menge Oeingef¨
uhrt. Diese enth¨
alt die Informationen zu
s¨
amtlichen noch einplanbaren Operationen. Die Menge umfasst die aktuell fr¨
uhesten,
maschinenbedingten Einplanungszeiten. Die Heuristik wurde um die Funktionen zur
Verwaltung der Menge Oerweitert. Algorithmus 5.1 zeigt die hier entwickelte und kor-
rigierte Ablaufplanungs- und Steuerungsheuristik f¨
ur Job-Shops. Diese baut auf dem
von Z¨
apfel und Braune vorgestellten und in Algorithmus 3.1 dargelegten Verfahren
auf.
Mit dem hier entwickelten L¨
osungsansatz werden weiterhin die Vorteile eines verbesser-
ten L¨
osungsraums ausgenutzt, indem die Menge der betrachteten L¨
osungen von Anfang
an auf aktive Ablaufpl¨
ane eingegrenzt wird. Beim Start des Algorithmus 5.1 werden die
Start- und die Fertigstellungszeiten aller Operationen auf null gesetzt. Diese Zeiten
werden durch die Anwendung des Algorithmus derart angepasst, dass nach dem Ver-
fahrensdurchlauf ein korrekter aktiver Schedule beschrieben wird. Die Hauptschleife
des Algorithmus wird solange ausgef¨
uhrt, bis s¨
amtliche noch einzuplanenden Opera-
tionen in den Schedule aufgenommen sind. Hierzu wird zun¨
achst eine Konfliktmenge
CS aufgebaut. In dieser sind diejenigen Jobs enthalten, deren n¨
achste Operation so in
10Siehe Abschnitt 2.1.3.
11Siehe Abschnitt 3.1.2 und Anhang A.4.
64
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
Algorithmus 5.1 : Steuerungsalgorithmus f¨
ur Job-Shops
O:= {o|∀Operationen oJobs N};1
SO := {o|erste einplanbare Operation oeines Jobs j};2
r(o):=0,oSO;3
while SO =do4
// Berechne die Operation mit der kleinsten Fertigstellungszeit
f(o):=r(o)+p(o),oSO;
5
fmin := min{f(o)|oSO};6
// Bilde die Konfliktmenge
CS := {o|oSO M(o)=M(omin)r(o)<f
min};7
// ahle mittels einer Priorit¨atsregel Operation oCS aus
// Plane die ausgew¨ahlte Operation ein
if N(o)=then8
r(o):=f(o),oN(o)r(o)<f(o);9
SO := SO N(o)\{o};10
end11
// Passe die nicht gew¨ahlten Operationen an
O:= O\{o};12
r(o):=f(o),oOr(o)<f(o)M(o)=M(o);13
end14
den Schedule integriert werden kann, dass sich daraus ein aktiver Schedule ergibt. Zur
Bildung der Konfliktmenge wird der Job mit der kleinsten Fertigstellungszeit f¨
ur die
als n¨
achstes einzuplanende Operation gesucht. Die minimale Fertigstellungszeit fmin
ergibt sich durch Berechnung der minimalen Fertigstellungszeit f¨
ur jeden Job omin, die
durch Hinzuf¨
ugen der n¨
achsten Operation des Jobs zum Schedule erreicht wird. Die-
ser Job, dessen n¨
achste Operation den minimalen Fertigstellungszeitpunkt fmin besitzt,
wird zum Aufbau der Konfliktmenge genutzt. In die Konfliktmenge werden zus¨
atz-
lich alle Auftr¨
age mit aufgenommen, deren n¨
achste zu bearbeitende Operation mit der
Operation des zum Konfliktmengenaufbau verwendeten Jobs in Konflikt steht.12 Diese
Konfliktmenge enth¨
alt jetzt alle Jobs, deren n¨
achste Operation so in den Schedule ein-
geplant werden kann, dass ein aktiver Schedule entsteht. Aus dieser Menge wird dann
eine Operation oausgew¨
ahlt.
Nach der Auswahl sind die Startzeiten r(o) aller Operationen anzupassen, dabei ist die
Einplanung der gew¨
ahlten Operation zu ber¨
ucksichtigen. Die Nachfolgeoperation des
gew¨
ahlten Jobs kann nicht vor Beendigung der Vorg¨
angeroperation starten. Daher wird
ihre Startzeit, sofern diese einen geringeren Wert hatte, auf den Fertigstellungzeitpunkt
12Hierbei steht eine bearbeitungsbereite Operation B mit einer Operation A in Konflikt, wenn durch
die Einplanung der Operation A in den Schedule die Ausf¨
uhrung von Operation B verz¨
ogert wird.
Dies ist immer genau dann der Fall, wenn der Fertigstellungszeitpunkt der Operation A nach dem
fr¨
uhestm¨
oglichen Startzeitpunkt der Operation B liegt (siehe Anhang A.4).
65
5. Konzeption
OMenge aller noch einplanbaren Operationen
SO Menge aller aktuell einplanbaren Operationen
NMenge aller zu bearbeitenden Jobs
MMenge aller Maschinen
CS Konfliktmenge von Operationen auf einer Maschine M
N(o) Menge der Operationen oin einem Job jdirekt nachfolgenender Operationen
M(o) Maschine die Operation obearbeitet
r(o)Fr
¨
uhestm¨
oglicher Startzeitpunkt einer Operation o
p(o) Bearbeitungszeit einer Operation o
f(o) Fertigstellungzeit einer Operation o
fmin Minimale Fertigstellungzeit
omin Minimaler Fertigstellungszeit von Operation o
oAus der Konfliktmenge CS ausgew¨
ahlte Operation
Tabelle 5.3.: Legende zum Steuerungsalgorithmus f¨
ur Job-Shops
f(o) der eingeplanten Operation angehoben. Gleichfalls kann die von der ausgew¨
ahl-
ten Operation belegte Maschine in dieser Zeit keine anderen Operationen bearbeiten.
Es sind die Startzeitpunkte aller Operationen, die noch auf dieser Maschine zu bear-
beiten sind, auf jenen Wert zu setzen, der dem Fertigstellungszeitpunkt der gew¨
ahlten
Operation entspricht. Besitzen diese Operationen durch andere Einschr¨
ankungen wie
beispielsweise Fertigstellungszeiten ihrer Vorg¨
angeroperationen bereits sp¨
atere Start-
zeitpunkte, d¨
urfen diese nicht ver¨
andert werden, damit die bisherigen Bedingungen
nicht unterlaufen werden.
Die Steuerungskomponente unterliegt der simplen Konstruktionsvorschrift: So lange
nicht-eingeplante Operationen vorhanden sind und kein Konflikt entsteht, plane die
Operation mit fr¨
uhestem Fertigstellungszeitpunkt ein. Anders formuliert: Ein Konflikt
ist eine Menge einplanbarer Alternativen. Die Steuerungskomponente kann den Zu-
standsraumgraphen f¨
ur eine Probleminstanz als Baum abbilden, in dem die Wurzel ein
leerer Schedule ist, die Bl¨
atter aktive, vollst¨
andige und die inneren Knoten partielle
Schedules sind.13
Abbildung 5.2 zeigt einen beispielhaften Zustandsraumgraphen eines Job-Shops. Die
Verzweigungen in diesem Baum entsprechen einem Konflikt. Einen Konflikt mit nal-
ternativen Operationen bilden nausgehende Kanten ab. Da die Operationen eines Kon-
flikts auf derselben Maschine mausgef¨
uhrt werden, haben die ausgehenden Kanten die
Beschriftungen oj0,m bis ojn,m. Die Steuerungskomponente baut den Zustandsraumgra-
phen iterativ auf. Jede Iteration des Verfahrens nach Algorithmus 5.1 bildet durch die
Einplanung einer Operation oj,m eine Kante, die zu einem partiellen bzw. vollst¨
andi-
gen Schedule f¨
uhrt. Der partielle Schedule des direkten Vorg¨
angerknotens wird um die
13S¨
amtliche m¨
oglichen L¨
osungen, die durch Auswahl aller Operationen aus der Konfliktmenge entstehen,
sind im Zustandsraumgraph visualisierbar. Die L¨
osungen sind die aktiven Schedules, die zu dieser Job-
Shop-Probleminstanz existieren (vgl. (Giffler und Thompson, 1960, Seite 495) und siehe Beispiel 5.1).
66
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
Operation oj,m erg¨
anzt. Die Bl¨
atter repr¨
asentieren alle existierenden aktiven L¨
osungen
f¨
ur eine Scheduling-Probleminstanz.
vollst¨
andiger Schedule
partieller Schedule
Konflikt
oj0,m ojn,m
Abbildung 5.2.: Zustandsraumgraph durch Anwendung der Steuerungskomponente
Abbildung 5.3 zeigt ein Beispiel f¨
ur zwei Knoten vS,v
Sdes Baumes, welche die Sche-
dules Sund Srepr¨
asentieren.
(a)partieller Schedule S
M1
M2
0t
o1,1
(b)partieller Schedule S
M1
M2
0t
o1,1
o1,2
Abbildung 5.3.: Inklusion von zwei Schedules
Im Zustandsraumgraphen ist vSder direkte Vorg¨
anger von vS. Diese Eigenschaft be-
dingt, dass alle Operationen in Smit den gleichen Startzeiten in Senthalten sind. Der
erzeugte Baum eines Job-Shops hat die Tiefe N·M, mit NAuftr¨
agen und MMaschi-
nen, weil N·MOperationen eingeplant werden. Er enth¨
alt nur g¨
ultige Schedules, da
seine Konstruktion die technologischen Reihenfolgen der Auftr¨
age ber¨
ucksichtigt. Die
maximalen Knotengrade sind abh¨
angig von der Tiefe des Baumes. In Job-Shops gibt es
zwei Schranken f¨
ur den maximalen Grad, wobei die jeweils niedrigere Schranke gilt: die
Anzahl verbleibender Operationen und die Anzahl der Auftr¨
age. Es k¨
onnen maximal N
Auftr¨
age um eine Maschine konkurrieren; damit kann ein Knoten maximal Nverschie-
dene Nachfolger haben. Des Weiteren kann die Anzahl der Nachfolger die Anzahl der
noch nicht eingeplanten Operationen nicht ¨
ubersteigen. In Tiefe (N·M)2kannesz.B.
h¨
ochstens zwei Nachfolger geben und in Tiefe (N·M)1 genau einen. Die maximalen
Knotengerade in Flexible-Flow-Shops werden in Abschnitt 5.2.3 vorgestellt.
Bisher ist keine Aussage dar¨
uber getroffen worden, welche Operation aus der Konflikt-
menge zu w¨
ahlen ist. Um einen m¨
oglichst guten Pfad durch diesen Baum (L¨
osungsraum)
67
5. Konzeption
zu finden, werden die Entscheidungen f¨
ur eine Operation in den Knoten von einem ma-
schinellen Lernverfahren, d. h. der Lernkomponente getroffen werden. Dieses Verfahren
wird in Abschnitt 5.3 entwickelt. Zuvor ist im nachfolgenden Abschnitt die bisherige
Steuerungskomponente f¨
ur den Einsatz in Flexible-Flow-Shop-Umgebungen zu erwei-
tern, um damit zu den Auftr¨
agen zus¨
atzlich noch Maschinen bei der Entscheidung zu
ber¨
ucksichtigen.
5.2.3. Steuerungskomponente f¨
ur Flexible-Flow-Shops
Es ist das Wesen der Ablaufplanung und -steuerung, eine Menge von gleichzeitig ferti-
gungsbereiten Auftr¨
agen den zur Verf¨
ugung stehenden Maschinen zuzuteilen und dabei
eine zeitliche Abfolge festzulegen. Im Fall der bisher betrachteten Job-Shops ist die
Art aller hierzu notwendigen Entscheidungen gleich. Aus einer Auftragsmenge ist zu
einem bestimmten Zeitpunkt genau ein Auftrag zur Bearbeitung auf einer bestimmten,
frei werdenden Maschine auszuw¨
ahlen. Es muss aus mehreren Auftr¨
agen, nicht aber
aus mehreren Maschinen gew¨
ahlt werden. Im Fall von Flexible-Flow-Shops bekommt
genau diese Entscheidung Relevanz. Da auf den einzelnen Stufen der Fertigungsum-
gebung mehrere parallele Maschinen vorhanden sind, ist zus¨
atzlich zum Auftrag auch
noch eine Maschine zu w¨
ahlen. Aus diesem Grund kommt der Entscheidung f¨
ur eine
der parallelen Maschinen pro Stufe in dem hier betrachteten Flexible-Flow-Shops zu-
s¨
atzliche Bedeutung zu, insbesondere dann, wenn es sich um unterschiedlich schnelle
uniforme oder unverwandte Maschinen handelt. Zur Ablaufplanung und -steuerung
im Fall der hier betrachteten Flexible-Flow-Shops sind also immer wieder zwei verschie-
denartige Entscheidungen zu treffen. Dazu ist zun¨
achst die Frage zu beantworten, in
welcher Reihenfolge dieses geschehen soll:
Maschinenentscheidung Auftragsentscheidung
Auftragsentscheidung Maschinenentscheidung
Hierbei ist zwischen Entscheidungen bei uniformen oder unverwandten Maschinen zu
differenzieren.
Im Falle von uniformen Maschinen ist die Reihenfolge der Entscheidungen irrelevant,
weil sich die Geschwindigkeit der Maschinen einer Fertigungsstufe nicht erst nach Aus-
wahl eines Auftrags ergibt. Die Uniformit¨
at der Maschinen bedeutet, dass diese zwar
im Vergleich untereinander unterschiedlich schnell sind, die Geschwindigkeit aber nicht
zus¨
atzlich von dem auf diesen bearbeitetem Auftrag determiniert wird. Auch wenn un-
ber¨
ucksichtigt bleibt, dass die Auftr¨
age deren Operationen unterschiedlich lange
68
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
Durchlaufzeiten aufweisen, ergibt sich aus der Uniformit¨
at der Arbeitssysteme, dass
Entscheidungen, die auf der Geschwindigkeit der Maschinen beruhen, unabh¨
angig von
der Auswahl eines Auftrags gleich lauten. Im Ergebnis kann bei uniformen Maschinen
die Entscheidung f¨
ur eine Maschine also beliebig vor oder auch nach der Auswahl ei-
nes Auftrags erfolgen. In dem hier entwickelten Verfahren soll die Wahl eines Auftrags
der Wahl einer Maschine vorangehen. Als ein Grund hierf¨
ur ist anzuf¨
uhren, dass die
Auswahl aus einer potenziell großen Menge von Auftr¨
agen oft l¨
anger dauert als die
Auswahl aus einer in der Regel kleineren Menge an Maschinen. Im Fall, dass sich die
Fertigungssituation w¨
ahrend des ersten Entscheidungsprozesses leicht ver¨
andert, w¨
a-
re der zweite, schnellere Entscheidungsprozess in der Lage, diese ¨
Anderung noch zu
ber¨
ucksichtigen.14
Bei unverwandten Maschinen ist die Reihenfolge der Entscheidungen (Auftrag und Ma-
schine) nicht einfach trennbar. Hier bedingt die Wahl eines Auftrags die Geschwindigkeit
der Maschine und umgekehrt. Die Bearbeitungszeiten werden durch die Variable psst
j
als Standard-Bearbeitungszeit des Auftrags jauf Stufe st abgebildet. Die auftragsab-
h¨
angige Maschinenleistung der Maschine mauf Stufe st bei Auftrag jgibt vst
j,m an.
Beispiel 5.2 Auftragsauswahl bei unverwandten Maschinen
Seien die beiden Auftr¨
age 1 und 2 mit den Standard-Bearbeitungszeiten psst
1= 4 und
psst
2= 16 sowie die beiden Maschinen m1und m2gegeben. Weiterhin seien die auftrags-
abh¨
angigen Maschinenleistungen mit vst
1,1=0,2; vst
1,2=1,0; vst
2,1=1,0 und vst
2,2=0,8
gegeben. Die Bearbeitungszeit ergibt sich jetzt mit psst
j/vst
j,m. Werden zun¨
achst die Auf-
tr¨
age ausgew¨
ahlt,dannistf
¨
ur Auftrag 1 Maschine 2 die schnellere und f¨
ur Auftrag 2
umgekehrt Maschine 1. Findet hingegen erst die Auswahl der Maschine statt, dann ist
bei Maschine 1 der zweite Auftrag und bei Maschine 2 der erste Auftrag der schnelle-
re. Hierdurch wird deutlich, dass Auswahl von Maschine und Auftrag sich gegenseitig
bedingen die Entscheidungen sind abh¨
angig voneinander.
Infolgedessen ist das in Abschnitt 5.2.2 entwickelte Verfahren f¨
ur den Einsatz in Flexible-
Flow-Shops zu erweitern.15 Einen Ansatz geben Giffler und Thompson f¨
ur den Fall par-
alleler Arbeitssysteme mit gleichen F¨
ahigkeiten selbst.16 Dieser ist nur f¨
ur identische,
nicht f¨
ur die hier betrachteten uniformen und unverwandten Maschinen auf den einzel-
nen Stufen zutreffend. Ein weiterer Vorschlag zur Erweiterung f¨
ur Systeme mit unifor-
14Der umgekehrte Entscheidungsprozess w¨
urde ebenso funktionieren. Jedoch sind hier gegebenenfalls er-
neute Entscheidungen erforderlich. F¨
allt bei der Auftragsauswahl, nachdem die vorherige Entscheidung
f¨
ur eine Maschine abgeschlossen ist, diese Maschine aus, muss der Prozess neu gestartet werden und
eine neue Maschine ist zu w¨
ahlen.
15Vorteilhafte Eigenschaften der Steuerungskomponente f¨
ur Job-Shops wie das ausschließliche Generieren
von aktiven Schedules bleiben erhalten.
16Vgl. (Giffler und Thompson, 1960) und siehe Abschnitt 3.1.2.
69
5. Konzeption
men Arbeitssystemen liefern Nascimento17 sowie Chang und Sullivan18, deren Verfahren
in Abschnitt 3.1.2 vorgestellt wurde. Nascimento identifiziert das Verfahren von Giffler
und Thompson aufgrund von durchgef¨
uhrten Experimenten als gut geeignet f¨
ur flexi-
ble Fertigungssysteme.19 Demzufolge liefert das Verfahren von Giffler und Thompson
in vergleichsweise kurzer Zeit gute Ergebnisse, wenn es in einer von Chang und Sulli-
van vorgestellten Abwandlung zur Ermittlung aller aktiven Schedules in Umgebungen
mit mehreren flexiblen Fertigungssystemen eingesetzt wird. Die von Chang und Sulli-
van vorgeschlagenen Modifikationen bestehen haupts¨
achlich in der Anweisung, nach der
Auftragswahl zus¨
atzlich die bearbeitende Maschine auszuw¨
ahlen. Die vorgeschlagenen
Adaptionen beziehen sich allerdings auf flexible Fertigungssysteme und nicht auf die
hier betrachteten Flexible-Flow-Shops.
Die ¨
Uberlegungen von Chang und Sullivan sind auf Flexible-Flow-Shops ¨
ubertragbar,
da Umgebungen aus flexiblen Fertigungssystemen, welche teilweise die gleichen Arbei-
ten verrichten k¨
onnen, im Vergleich zu Flexible-Flow-Shops aber eine Verallgemeine-
rung darstellen. Umgekehrt gilt f¨
ur Flexible-Flow-Shops eine Einschr¨
ankung. Vergli-
chen mit Umgebungen, die aus mehreren flexiblen Fertigungssystemen bestehen, kann
in Flexible-Flow-Shops auf einer Stufe eingesetzten Maschinen nur ein Auftragstyp be-
arbeitet werden. Hieraus folgt, dass das Verfahren nach Giffler und Thompson in der
Abwandlung von Chang und Sullivan eine geeignete Grundlage f¨
ur die Ablaufsteuerung
in Flexible-Flow-Shops darstellt. Damit die in Abschnitt 5.2.2 konzipierten Heuristik in
Flexible-Flow-Shop-Umgebungen eingesetzt werden kann, sind folgende Erweiterungen
durchzuf¨
uhren:
Methoden zur Behandlung von mehreren Maschinen sowie zur Berechnung der
kleinsten Fertigstellungszeiten bei uniformen und unverwandten Maschinen sind
zu entwickeln, um hiermit die Konfliktmenge mit konkurrierenden Operationen
aufzubauen.
In der Konfliktmenge mit den als n¨
achstes zu bearbeitenden Operationen werden
nur Operationen betrachtet, die aktuell zur Bearbeitung anstehen oder unmittel-
bar vor der betrachteten Fertigungsstufe bearbeitet werden. Bei letzteren muss die
Bereitstellungszeit, d. h. der neue Startzeitpunkt bekannt sein. Dies verringert so-
wohl den Berechnungsaufwand als auch den Einfluss von Unsicherheiten. W¨
urden
17Vgl. (Nascimento, 1993).
18Vgl. (Chang und Sullivan, 1990).
19Ein flexibles Fertigungssystem umfasst eine Reihe von Fertigungseinrichtungen, die ¨
uber ein gemeinsa-
mes Steuerungs- und F¨
ordersystem so miteinander verkn¨
upft sind, dass die Fertigung von fertigungs-
¨
ahnlichenObjekten(ProduktartenundWerkst
¨
uckarten) mit relativ kleinen Losgr¨
oßen stattfinden kann
(vgl. Tempelmeier, 1998, Seite 502).
70
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
Stufen, die technologisch weiter zur¨
uck liegen ebenfalls mit betrachtet, k¨
onnten
die Startzeiten nur noch mit großen Unsicherheiten berechnet werden. Es steht
noch nicht fest, von welcher Maschine die Operationen auf der zur¨
uckliegenden
Stufe bearbeitet werden damit ist die Bearbeitungszeiten extrem unsicher.
Wie beschrieben, ist nach der Auswahl der auf der betrachteten Fertigungsstufe
als n¨
achste zu bearbeitenden Operation in der Regel eine der auf dieser Stufe zur
Verf¨
ugung stehenden Maschinen, zu w¨
ahlen. Dieses entspricht den von Chang und
Sullivan getroffenen Annahmen.20 Jedoch sind bei der Entscheidung f¨
ur Operation
und Maschine alternative L¨
osungsm¨
oglichkeiten zu ber¨
ucksichtigen: Ein System
mit eben diesen zwei aufeinander folgenden Entscheidungen (Zwei-Klassifizierer-
System) oder ein System, das die Auswahl f¨
ur Maschine und Operation in einer
gemeinsamen Entscheidung vereint (Ein-Klassifizierer-System).
Die Auswahl von Operation und Maschine werden mit der in Abschnitt 5.3 entwickelten
Lernkomponente f¨
ur Flexible-Flow-Shops getroffen. Das Zwei-Klassifizierer-System auf
Basis von zwei Entscheidungen erfordert einen zweiten Klassifizierer. Bei diesem System
wird mit dem ersten Klassifizierer die zu bearbeitende Operation aus der Konfliktmen-
ge gew¨
ahlt. Ausgehend von dieser Entscheidung ist mittels des zweiten Klassifizierers
eine Maschine auszuw¨
ahlen.21 Beim Ein-Klassifizierer-System wird eine Entscheidung
f¨
ur Operation und Maschine getroffen. Hierzu ist die Bildung der Konfliktmenge anzu-
passen. Beim Aufbau der Konfliktmenge sind alle Maschinen zu ber¨
ucksichtigen. Das
Verfahren zur Ablaufsteuerung in Flexible-Flow-Shops wird in Algorithmus 5.2 darge-
stellt.22 Tabelle 5.4 zeigt die verwendenden Mengen und Variablen. Diese orientieren
sich an den bereits aus Algorithmus 5.1 bekannten Notationen und erweitern diese um
die, f¨
ur Flexible-Flow-Shops erforderlichen.
20Vgl. (Chang und Sullivan, 1990).
21Dabei werden nur die zum Entscheidungszeitpunkt zur Bearbeitung bereiten Maschinen ber¨
ucksichtigt.
22Hier f¨
ur das Ein-Klassifizierer-System.
71
5. Konzeption
Algorithmus 5.2 : Steuerungsalgorithmus f¨
ur Flexible-Flow-Shops
// Initialisieren der Auftragsmenge
SO ={j|j∈{1,2,...,n}∧sfj=st};1
// Startzeiten der Auftr¨age setzen
jstj=rj,jSO;2
// Startzeiten der Maschinen setzen
mstm=mrst
m,m={1,2,...,M
st};3
// osen des Problems ur die aktuelle Stufe
while SO =do
4
// Bestimme die Operation mit der kleinsten Fertigstellungszeit
fmin =;mtemp =0;jtemp =0;5
// Die Maschinen der aktuellen Stufe untersuchen
foreach jSO do
6
for m=1;mMst;m++do7
if mstm>jst
jthen8
fj=mstm+psst
j/vst
j,m;
9
else10
fj=jstj+psst
j/vst
j,m;
11
end12
if fj<f
min then13
fmin =fj;mtemp =m;jtemp =j;14
end15
end16
end17
// Bilden der Konfliktmenge
CS := {(j, m)|jSO jstj<f
min mstm<f
min};18
// Aufl¨osen der Konfliktmenge
if alle (j,m) in CS mit gleichem j then
19
// ahle Operation ost
jtemp,mtemp
m=mtemp;j=jtemp;20
else21
// ahle mit Priorit¨atsregeln aus der Konfliktmenge
end
22
// Einplanen der Operation
if mstm>jst
jthen23
mstm=mstm+psst
j/vst
j,m;
24
else25
mstm=jstj+psst
j/vst
j,m;
26
end27
// Startzeit anpassen
jstj=mstm;28
// Operation entfernen
SO =SO\{j};
29
end30
72
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
FS Menge aller Fertigungsstufen
SO Menge aller auf der aktuellen Stufe einplanbaren Auftr¨
age
CS Konfliktmenge der Operationen
st Index der aktuell beplanten Stufe
jIndex der Auftr¨
age einer Stufe st
mIndex der Maschinen einer Stufe st
fjFertigstellungzeit des Auftrags j
Mst Anzahl Maschinen auf Stufe st
rjFreigabetermin von Auftrag j
mrst
mFreigabetermin von Maschine mauf Stufe st
sfjStufenbasierter Fortschritt von Auftrag j
fmin Minimale Fertigstellungzeit
psst
jStandard-Bearbeitungszeit des Auftrags jauf Stufe st
mstmFr¨
uheste Freigabe von Maschine m
jstjFr¨
uhester Starttermin von Auftrag j
vst
j,m Relative Geschwindigkeit der Maschine mauf Stufe st bei Auftrag j
Tabelle 5.4.: Legende zum Steuerungsalgorithmus f¨
ur Flexible-Flow-Shops
Algorithmus 5.2 wird sukzessive von Fertigungsstufe 1 bis zu Stufe FS eingesetzt, um
einen Ablaufplan f¨
ur Flexible-Flow-Shops zu generieren. Auf diese Art und Weise wird
ein Problem mit FS Stufen in FS Teilprobleme unterteilt.23 Bei der Generierung eines
vollst¨
andigen Plans f¨
ur einen Flexible-Flow-Shop wird das Teilproblem auf den Stufen
st + 1 bis FS noch nicht ber¨
ucksichtigt, wenn das Teilproblem auf der Stufe st noch
nicht gel¨
ost ist.24 Innerhalb einer Stufe berechnet der Algorithmus iterativ einen mini-
malen Fertigstellungstermin fmin und baut daraus eine Konfliktmenge CS von Opera-
tionen auf. Die Konfliktmenge in Flexible-Flow-Shops mit unverwandten (FRk||Cmax)
oder uniformen Maschinen (FQk||Cmax) wird anders aufgebaut als die Konfliktmenge
in Job-Shops. Ausganspunkt in beiden F¨
allen ist die Operation mit minimalem Fer-
tigstellungszeitpunkt fmin, die aus der Menge noch nicht eingeplanter Operationen der
aktuellen Stufe ausgew¨
ahlt wird. Bei uniformen Maschinen wird hierzu die Standard-
Bearbeitungszeit des Auftrags verwendet. Alle Operationen, die auf der aktuellen Stufe
bereit sind oder die sich auf der vorgelagerten Stufen bereits in Bearbeitung befinden
und deren fr¨
uhester Startzeitpunkt auf der aktuellen Stufe oder Fertigstellungszeit-
punkt auf der vorgelagerten Stufe st 1vorfmin liegt, werden in die Konfliktmenge
aufgenommen. F¨
ur unverwandte Maschinen wird die minimale Fertigstellungszeit aus
der Standard-Bearbeitungszeit der Auft¨
age und relativer Maschinengeschwindigkeit be-
rechnet. Auch hier werden s¨
amtliche Operationen, die auf der aktuellen Stufe bereit sind
oder die sich auf der vorgelagerten Stufen bereits in Bearbeitung befinden und deren
23Dabei werden die Teilprobleme auf den einzelnen Stufen aufgrund der global trainierten Lernkompo-
nente nicht lokal, sondern mit globalen Zielen gel¨
ost.
24Grunds¨
atzlich ist das Treffen von einzelnen Entscheidungen in Steuerungssituationen auf den verschie-
denen Stufen gew¨
unscht. Die beschriebene ganzheitliche Vorgehensweise im Sinne der Generierung
eines Plans f¨
ur den gesamten Flexible-Flow-Shop wird aus Gr¨
unden der Evaluierung durchgef¨
uhrt.
Einzelne Entscheidungen werden in Flexible-Flow-Shops mit nur einer Fertigungsstufe evaluiert. Zur
Evaluierung in Flexible-Flow-Shops siehe Abschnitt 6.3.
73
5. Konzeption
fr¨
uhester Startzeitpunkt sowie der Freigabezeitpunkt der entsprechenden Maschine vor
fmin liegen, in die Konfliktmenge aufgenommen. Hierbei k¨
onnen Auftr¨
age mehrmals in
der Konfliktmenge vertreten sein, da die einzuplanende Operation eines Auftrags auf
den unverwandten Maschinen jeweils anders ausgepr¨
agt sein kann.25
Beispiel 5.3 Konfliktmenge bei unverwandten Maschinen
Sei eine Situation mit drei Jobs (N= 3) und drei Maschinen (M= 3) auf einer Stufen
eines Flexible-Flow-Shops gegeben. Abbildung 5.4 zeigt eine m¨
ogliche Auspr¨
agung. Die
einzelnen Operationen werden von Variable ost
j,m dargestellt. Dabei gilt Stufenindex st,
Auftragsindex jund Maschinenindex m. Bei den Operationen ost
j,m eines Jobs jund
den Maschinen Mst der Stufe st mit m={1,...,M
st}gilt, dass diese nur von einer
Maschine bearbeitet werden m¨
ussen; es wird nur ein mgew¨
ahlt.
Mst
1
Mst
2
Mst
3
0 50 100 t
ost
1,1
ost
1,2
ost
1,3
ost
2,1
ost
2,2
ost
2,3
ost
3,1
fmin
Abbildung 5.4.: Start- und Bearbeitungszeiten eines Flexible-Flow-Shops
Der fr¨
uheste Fertigstellungszeitpunkt fmin = 50 wird durch den Wert ost
1,1determiniert.
Die Operationen ost
1,2,o
st
1,3,o
st
2,1,o
st
2,2und ost
2,3haben einen fr¨
uheren Startzeitpunkt als ost
1,1
(ost
j,m <f
min) und werden in die Konfliktmenge aufgenommen. Operation ost
3,1kann nicht
vor fmin starten und steht daher nicht im Konflikt zu ost
1,1. Aus der Konfliktmenge CS
kann jetzt eine Operation ost
j,m ausgew¨
ahlt und in den Schedule eingeplant werden.
Solange noch nicht alle Auftr¨
age auf der Stufe eingeplant werden, wird die Iteration
fortgef¨
uhrt. Wenn alle Auftr¨
age eingeplant werden, ist das Teilproblem der aktuellen
Stufe st gel¨
ost. Anschließend kann die Belegungsplanung f¨
ur die n¨
achste Stufe st +1
durchgef¨
uhrt werden, um eine Gesamtl¨
osung zu generieren. Dabei stellt die L¨
osung der
Stufe st die Ausgangsituation f¨
ur die nachfolgende Stufe st + 1 dar. Algorithmus 5.2 ist
zur Berechnung einer L¨
osung f¨
ur eine beliebige Stufe einsetzbar, unabh¨
angig davon, ob
L¨
osungen f¨
ur die anderen Stufen existieren. Um die Eigenschaften des Algorithmus zu
25Das Verh¨
altnis der Bearbeitungszeiten der Auftr¨
age untereinander schwankt bei unverwandten Ma-
schinen auf einer Stufe von Maschine zu Maschine und ist nicht wie bei uniformen Maschinen f¨
ur eine
Stufe konstant.
74
5.2. Entwicklung der Steuerungskomponente
untersuchen, wird das Problem als ein Suchproblem betrachtet.26 Jede Probleminstanz
hat dabei einen Zustandsraum, der deren aktive vollst¨
andige und partielle Schedules als
Zust¨
ande beinhaltet.
Der Zustandsraum bei Flexible-Flow-Shops ist wie bei Job-Shops durch einen Zustands-
raumgraphen in der Form eines Baums darstellbar; mehrere Knoten im Zustandsraum-
graphen d¨
urfen einen gleichen Zustand repr¨
asentieren. Abbildung 5.5 zeigt einen bei-
spielhaften Zustandsraumgraphen einer Flexible-Flow-Shop-Probleminstanz. Die Wur-
zel repr¨
asentiert einen leeren Schedule, die inneren Knoten stellen jeweils einen aktiven
partiellen Schedule dar. Die Bl¨
atter repr¨
asentieren alle vollst¨
andigen aktiven Schedules
als L¨
osungen der Probleminstanz. Dieser Baum enth¨
alt nur die aktiven Teill¨
osungen
und L¨
osungen der Flexible-Flow-Shop-Probleminstanz.
o1
j,m
oFS
j,m oFS
j,m
ost
j,m ost
j,m
o1
j,mStufe 1
(Tiefe N)
Stufe st
(Tiefe st ·N)
Stufe FS
(Tiefe FS·N)
Abbildung 5.5.: Zustandsraumgraph einer Flexible-Flow-Shop-Probleminstanz
Mit Algorithmus 5.2 wird im Zustandsraumgraph eine Stufe st durchsucht. F¨
ur jeden
Teilbaum (Stufe) und insgesamt f¨
ur den gesamten Baum (Fertigungssystem) wird mit-
tels des Verfahrens nur ein Pfad bis zu einer L¨
osung durchlaufen; in Abbildung 5.5 als
schwarzer, nicht gestrichelter Pfad dargestellt. Jede Kante entspricht genau einer Ope-
ration. Da die Operationen eines Konflikts auf derselben Stufe st zu bearbeiten sind,
haben die Beschriftungen ost
j,m aller Kanten einer Stufe den gleichen st-Wert. Die stufen-
weise Anwendung von Algorithmus 5.2 baut den Baum iterativ auf. Jede Iteration des
26Gleiches gilt f¨
ur Algorithmus 5.1.
75
5. Konzeption
Algorithmus bildet f¨
ur jede Operation ost
j,m im Konflikt eine Kante, die zu einem par-
tiellen bzw. vollst¨
andigen Schedule f¨
uhrt. Es wird also, eine Teilprobleminstanz durch
die Einplanung einer Operation ost
j,m zu einer anderen Teilprobleminstanz mit einem
partiellen Schedule oder zu einer L¨
osung mit einem vollst¨
andigen Schedule ver¨
andert.
Nach jeder Iteration des Algorithmus wird genau eine Operation ausgew¨
ahlt und in den
Schedule eingeplant. Ab dem Startknoten sind nach NIterationen, wobei Ndie Anzahl
der Jobs ist, die Operationen aller Auftr¨
age auf der ersten Stufe fertig eingeplant. Wenn
der Startknoten mit der Tiefe null im Zustandsbaum bezeichnet wird, wird das Teil-
problem auf der ersten Stufe in der Tiefe Ngel¨
ost. Dieser Prozess wird f¨
ur alle Stufen
st ={1,2,...,FS}durchgef¨
uhrt. Die Knoten des Zustandsbaums in der Tiefe Nrepr¨
a-
sentieren die Teilprobleminstanzen mit jeweils einem partiellen Schedule als Teill¨
osung.
In dieser ist der Schedule f¨
ur die erste Stufe vollst¨
andig erstellt. Die Schedules auf den
Stufen 2 bis FS wurden noch nicht berechnet. Analog ist in Tiefe 2 ·Ndes Zustands-
baums der Schedule auf der Stufe 1 und 2 vollst¨
andig, auf den Stufen 3 bis FS jedoch
noch offen. Auf der Tiefe FS·Nsind alle Jobs auf allen Stufen eingeplant, d. h. die Kno-
ten in der Tiefe FS·Ndes Baums sind die L¨
osungsknoten mit jeweils einem vollst¨
andi-
gen aktiven Schedule f¨
ur die Probleminstanz. Res¨
umierend sind drei Eigenschaften des
Zustandsraumgraphen von Flexible-Flow-Shop-Probleminstanzen ableitbar:
1. Der Zustandsraumgraph einer Flexible-Flow-Shops-Probleminstanz besitzt eine
maximale Tiefe von FS ·N,wobeiFS die Anzahl der Fertigungsstufen und N
die Anzahl der Jobs der Probleminstanz ist.
2. Ein Knoten in der Tiefe iim Zustandsraumgraphen repr¨
asentiert einen partiellen
Schedule als Teill¨
osung,indemiOperationen fertig eingeplant sind.
3. Sei st ∈{1,2,...,FS}eine Stufe des Fertigungssystems. Ein Knoten in der Tiefe
st ·Nim Zustandsraumgraphen repr¨
asentiert eine Teilprobleminstanz mit einem
partiellen Schedule als Teill¨
osung. In diesem sind die Operationen auf den Stufen
1 bis st vollst¨
andig eingeplant, die Einplanung der Operationen auf den Stufen
st + 1 bis FS ist noch offen.
Wie in Job-Shops wird eine erstellte L¨
osung f¨
ur Flexible-Flow-Shops durch einen Pfad
vom Wurzelknoten bis zu einem Blattknoten im Zustandsbaum dargestellt. In jedem
Konflikt wird eine Operation ausgew¨
ahlt und dem Pfad hinzugef¨
ugt. Auch in Flexible-
Flow-Shops werden Entscheidungen zur Auswahl einer Operation aus der Konfliktmen-
ge von der Lernkomponente getroffen. Die Auswahlstrategie in Konflikten ist also ein
wichtiger Teil des Verfahrens. Diese leitet die Suchrichtung im Zustandsbaum (L¨
osungs-
raum) und bestimmt wesentlich die Qualit¨
at der generierten L¨
osung. Hierzu wird im
76
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Folgenden die Lernkomponente entwickelt.
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Im Abschnitt 5.3.1 wird die wissensbasierte Auswahlmethode erarbeitet, die zur Ent-
scheidungsoptimierung integriert wird. Wissensbasierte Systeme unterscheiden sich von
konventionellen Programmen dahingehend, dass sie anwendungsspezifisches und -unab-
h¨
angiges Wissen trennen und das anwendungsspezifische Wissen in einer Wissensbasis
ablegen.27 Herk¨
ommliche Programme implementieren in der Regel beide Arten von
Wissen in Form von Algorithmen oder Datenstrukturen. Die Trennung von Wissen in
wissensbasierten Systemen erm¨
oglicht sowohl die Transformation als auch die Sicherung
des Wissens in einer Datenbank. Mit wissensbasierten Systemen lassen sich aufgrund
der Verarbeitungsm¨
oglichkeiten adaptive Systeme entwickeln, die durch ¨
Anderung der
Wissensbasis dynamisch konfigurierbar sind. Zielsetzung bei dem Einsatz von wissens-
basierten Systemen in der Produktionsplanung ist die m¨
oglichst performante Planung in
dynamischen Job-Shop- und Flexible-Flow-Shop-Umgebungen. WbsGT ist wissensba-
siert, da es anwendungsspezifisches Wissen mit einer, im Folgenden genauer konzipier-
ten Klassifikationstechnik akquiriert und zur Probleml¨
osungen einsetzt. Der Vorgang
der Wissensakquisition erstellt einen Klassifizierer, der das Wissen repr¨
asentiert und
anwendbar macht. Sowohl die hierf¨
ur erforderlichen Merkmale als auch deren global
und lokal orientierter Charakter werden in Abschnitt 5.3.2 dargelegt. Abschnitt 5.3.3
zeigt die verwendeten Steuerungsregeln als Klassen f¨
ur den Klassifizierer. Abschließend
wird das Training des Verfahrens vorgestellt. Hierbei wird das Training f¨
ur Job-Shops
und f¨
ur Flexible-Flow-Shops unterschieden, da f¨
ur beide Organisationstypen nicht die
gleichen Trainingsverfahren zur Verf¨
ugung stehen.
5.3.1. Situative Regelauswahl mit Naive-Bayes-Klassifikation
Wie beschrieben hat die Auswahl in Konfliktsituationen entscheidende Auswirkungen
auf die Qualit¨
at der L¨
osung des erstellten Schedules. Bei zuf¨
alliger Operationsauswahl
ist die Qualit¨
at der L¨
osung ebenfalls immer zuf¨
allig und somit nicht kontrollierbar.
¨
Ahnliches gilt f¨
ur die Auswahl mit immer der gleichen Entscheidungsregel.28 Ist die
27Vgl. (Beierle und Kern-Isberner, 2008, Seite 8 ff.).
28Siehe Abschnitt 3.1.2.
77
5. Konzeption
Auswahlstrategie komplex, um damit gute L¨
osungen zu generieren, wird die Anforde-
rung nach schnellen Entscheidungen des Verfahrens nicht erf¨
ullt.29 Aus diesem Grund
ist eine Strategie zu entwickeln, die Konflikte sowohl schnell als auch gut im Sinne der
Zielsetzung au߬
ost. Daher wird die vorgestellte Steuerungskomponente30 um eine wis-
sensbasierte Regelauswahlmethode dem Klassifizierer im Sinne trainierter Regeln
erweitert. Das Wissen ist zun¨
achst zu trainieren, um es anschließend situationsabh¨
angig
anwendenzuk
¨
onnen.
WbsGT verwendet als maschinelles Lernverfahren den Naive-Bayes-Klassifizierer, da
sich dieser bei der Analyse der Lernverfahren in Abschnitt 3.2 als am Geeignetsten
herausgestellt hat. Der Naive-Bayes-Klassifizierer ist u. a. in der Lage, schnell Entschei-
dungen zu generieren, mit vielen Merkmalen zu arbeiten sowie große Trainingsmengen
zu verarbeiten und die Wahrscheinlichkeit bei einer Entscheidung mit auszugeben.31
Der Klassifizierer lernt aus einer Menge von Objekten (OB), die in Klassen (CL) auf-
geteilt sind. Dabei ist f¨
ur jedes Tupel (oi,cl
j) bestehend aus einem Objekt oiund einer
Klasse cljbekannt, ob oizu cljgeh¨
ort. Der Klassifizierer kann nach dem Lernvorgang
bei der Wissensanwendung idealerweise entscheiden, ob o
izu cl
jgeh¨
ort oder nicht. Dies
gilt unabh¨
angig davon, ob der Klassifizierer mit (o
i,cl
j) trainiert wird oder nicht. Dieser
Idealzustand wird in der Praxis jedoch nicht erreicht, da Klassifizierer Fehler machen.
F¨
ur die hier vorliegende Anwendung ist dieses unproblematisch, wenn die Klassifikati-
onsgenauigkeit hinreichend groß ist.32
Die Wissensanwendung ist die Entscheidung f¨
ur eine Operation und / oder Maschine
innerhalb der Konfliktmenge der in Abschnitt 5.2 entwickelten Steuerungskomponen-
te f¨
ur Job-Shop- oder Flexible-Flow-Shop-Probleminstanzen. WbsGT kann mittels des
lenkenden Einsatzes des trainierten Klassifizierers bei Steuerungsereignissen einen Sche-
dule f¨
ur die resultierende Probleminstanz berechnen. Der Klassifizierer w¨
ahlt in jedem
Konfliktfall die zu verwendende Regel aus. Die Eingabe des Klassifizierers hierzu ist der
Merkmalsvektor, der den aktuellen Zustand des Fertigungssystems beschreibt.
Beispiel 5.4 WbsGT-Klassifikation
Abbildung 5.6 zeigt ein Beispiel eines m¨
oglichen Ablaufs des Verfahrens f¨
ur die ersten
beiden Iterationen zur Auswahl einer Operation in Job-Shops.
Da es ausgehend vom leeren Schedule zu keinem Konflikt kommt, plant WbsGT in
diesem Beispiel die Operation o1,2ein. In der zweiten Iteration entsteht ein Konflikt, da
29Siehe Abschnitt 2.2.2.3.
30Siehe Abschnitt 5.2.
31Siehe Abschnitt 3.2.3.
32Siehe Abschnitt 2.2.3.1.
78
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Regel B
o1,1
Regel A o2,1
o1,2
Zustand s
M1
M2
0t
M1
M2
0t
o1,2
M1
M2
0t
o1,2
o2,1 M1
M2
0t
o1,2
o1,1
Abbildung 5.6.: Klassifikation eines Zustands
die Operationen o1,1und o2,1alternativ auf Maschine M1einplanbar sind. Eingabe des
Klassifizierers ist der Merkmalsvektor, der den Zustand srepr¨
asentiert. Der Klassifizier-
er k¨
onnte beispielsweise die Regel A klassifizieren, welche die Operation o2,1ausw¨
ahlt.
WbsGT plant in diesem Fall die zugeh¨
orige Operation o2,1ein. Auf diese Weise wird
das Verfahren fortgesetzt, bis alle Operationen eingeplant sind.
F¨
ur den Einsatz von Techniken des maschinellen Lernens im Scheduling ist ein Modell
f¨
ur Scheduling-Probleminstanzen notwendig. Eine Probleminstanz im Shop-Scheduling
besteht aus Parametern wie Anzahl der Maschinen und der Auftr¨
age, technologische
Reihenfolgen, Bearbeitungszeiten etc. Jede Probleminstanz hat dabei einen Zustands-
raum, der alle ihre zul¨
assigen aktiven Schedules beinhaltet. Wie gezeigt erm¨
oglicht
die Steuerungskomponente das Erstellen des Zustandsraumgraphen einer Problemin-
stanz.33
Ein probabilistisches Klassifikationsverfahren wie der Naive-Bayes-Klassifizierer basiert
auf statistischen Wahrscheinlichkeiten und gibt die Wahrscheinlichkeit aus, mit der
die Instanz o
izur Klasse cl
jgeh¨
ort. Probabilistische Verfahren sind insbesondere f¨
ur
Anwendungen geeignet, in denen viele Daten vorhanden sind, aber nur wenig Wissen
¨
uber deren Entstehungsprinzipien. Dieses ist bei der Ablaufplanung und -steuerung
in Job-Shops und Flexible-Flow-Shops der Fall: Wird die Aufgabe der Ablaufplanung
und -steuerung als das L¨
osen von Konfliktsituationen gesehen, so wie dieses in der
Steuerungskomponente der Fall ist, dann ist unklar nach welchem Prinzip die Konflikte
aufzul¨
osen sind, um zu guten L¨
osungen zu gelangen.
Wie gezeigt wird immer dann, wenn es innerhalb der Steuerungskomponente zu Kon-
33Siehe Abschnitt 5.2.
79
5. Konzeption
fliktsituationen kommt, der trainierte Klassifizier der Lernkomponente zur Konfliktauf-
l¨
osung eingesetzt. Die Konflikte werden also nicht durch die zuf¨
allige Auswahl einer
Operation oder fest eingestellte Regeln aufgel¨
ost. Insgesamt bestimmt der Klassifizierer
also den Pfad durch den Zustandsraum. Es ist nicht erforderlich zeitintensiv verschiede-
ne Alternativen zu probieren, sondern es wird nur ein Pfad von der Wurzel zur L¨
osung
durchlaufen. Dabei wird durch die trainierte Lernkomponente eine gute L¨
osung sicher-
gestellt. Damit durch die Lernkomponente eine Regel auszuw¨
ahlen ist, wird die aktuelle
Steuerungssituation (Zustand) wie dargestellt ¨
uber Merkmale abgebildet. Darauf auf-
bauend errechnet der Naive-Bayes-Klassifizierer, welche der zur Verf¨
ugung stehenden
Steuerungsregeln die Konfliktsituation am besten aufl¨
osen kann. Wie dargelegt ist das
in Job-Shop jeweils eine einzige Entscheidung.
Kommt es in Flexible-Flow-Shops zu Steuerungssituationen mit Konflikten34 wird auch
hier vom Klassifizierer die geeignetste Regel zur Aufl¨
osung der Konfliktmenge ausge-
w¨
ahlt. Im Unterschied zu Job-Shops ist hier zus¨
atzlich zur Auswahl der Operationsregel
auch eine Regel zur Auswahl aus den alternativen Maschinen zu w¨
ahlen. Die Entschei-
dung ist ¨
uber die zwei folgenden alternativen Auswahlmethoden abbildbar:
Auswahlmethode 1: Zwei-Klassifizierer-System35
Bei dem Zwei-Klassifizierer-System sind die Entscheidungen f¨
ur ei-
ne Operation und eine Maschine getrennt. Nach der Auswahl einer
Regel f¨
ur die Operation durch den ersten Klassifizierer wird eine
Regel zur Maschinenauswahl vom zweiten Klassifizierer gew¨
ahlt.
Auswahlmethode 2: Ein-Klassifizierer-System36
Beim Ein-Klassifizierer-System wird sowohl die Operation als auch
die Maschine in einer Entscheidung ausgew¨
ahlt. Hierbei werden
alle passenden Operationen der Konfliktauftr¨
age mit in die Kon-
fliktmenge aufgenommen. Wird jetzt ¨
uber den Klassifizierer eine
Operation ausgew¨
ahlt, ergibt sich daraus automatisch die Maschi-
ne, welche die Operation bearbeitet.
Je nachdem, welche Auswahlmethode gew¨
ahlt wird, muss die Steuerungskomponente
geringf¨
ugig anders ausgestaltet sein. In Algorithmus 5.2 wird die Auspr¨
agung f¨
ur ein
Ein-Klassifizierer-System dargestellt. Beim Zwei-Klassifizierer-System werden bei der
Bestimmung der minimalen Fertigstellungszeit (Zeilen 5-16) nur die Jobs betrachtet.
Maschinen werden nicht mit ber¨
ucksichtigt. Die Jobs werden in die Konfliktmenge CS
34Siehe Algorithmus 5.2.
35F¨
ur dein Einsatz in Flexible-Flow-Shops mit uniformen Maschinen.
36F¨
ur dein Einsatz in Flexible-Flow-Shops mit unverwandten Maschinen.
80
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
nur einmal, mit deren Standard-Bearbeitungszeit psst
jaufgenommen. Die Konfliktmenge
der alternativen Maschinen wird im Anschluss an die Auswahl eines Jobs aufgebaut.
Klassifizierer geh¨
oren zur Klasse der ¨
uberwachten Lernmethoden.37 Durch das Training
wird jedoch nur eine endliche Menge von Trainingsbeispielen erzeugt, die in den we-
nigsten F¨
allen alle Auspr¨
agungen einer Klasse abdeckt. Wenn alle Auspr¨
agungen einer
Klasse abgedeckt w¨
urden, w¨
are das eine vollst¨
andige Aufz¨
ahlung und der Klassifizierer
¨
uber߬
ussig. Wie in Abschnitt 3.1 dargestellt, sind vollst¨
andige Aufz¨
ahlungen bei dem
hier vorliegenden Problem nicht durchf¨
uhrbar. Beim Klassifizieren kommt es folglich
zu Situationen, in denen Objekte zu klassifizieren sind, obwohl f¨
ur die Auspr¨
agungen
deren Merkmale keine oder wenige Trainingsinstanz vorhanden ist. Im Idealfall sollten
unbekannte Objekte von Klassifizierer korrekt zugeordnet werden. Wenn der Klassi-
fizierer ¨
uber eine hohe Generalisierbarkeit verf¨
ugt, kann er Objekte richtig zuordnen,
deren Merkmalsauspr¨
agungen sehr un¨
ahnlich zu denen der Trainingsinstanzen sind.
Bei der Erstellung eines Klassifizierers wird eine hohe Generalisierbarkeit angestrebt,
die allerdings von vielen Faktoren beeinflusst wird. Die Zust¨
ande sind durch aussage-
kr¨
aftige (passende) Merkmale zu beschreiben. Sind gute Merkmale vorhanden, aber nur
wenige Trainingsinstanzen, welche nicht die gesamte Klassifikation repr¨
asentieren k¨
on-
nen, spezialisiert sich der Klassifizierer auf diese Beispiele und ist damit ¨
ubertrainiert
(overfitted).38
Entscheidungen sind also keinesfalls immer sicher. Der Naive-Bayes-Klassifizierer kann
zus¨
atzlich zur Entscheidung, die Wahrscheinlichkeit der Entscheidung mit ausgeben. So
ist ermittelbar, wie sicher die einzelnen Entscheidungen sind, um damit bei zu unsiche-
ren Entscheidungen weitere Maßnahmen zu ergreifen.39 Da wie gezeigt die Merkmale
zur Beschreibung der Situation im Fertigungssystem wichtig sind, werden diese im Fol-
genden entwickelt.
5.3.2. Situationsbeschreibende Merkmale
Damit durch den Klassifizierer in Konfliktsituationen Regeln ausgew¨
ahlt werden k¨
on-
nen, m¨
ussen derartige Zust¨
ande beschrieben werden. Dazu werden situationsbeschrei-
benden Merkmale eingesetzt. Als Eingabe wird dem Klassifizierer ein Vektor von Merk-
37Zu ¨
uberwachtem Lernen vgl. u. a. (Kl¨
osgen und ˙
Zytkow, 2002, Seite 69 f.).
38Siehe Abschnitt 3.2.
39Derartige Maßnahmen k¨
onnten beispielsweise die simulative Vorschau zur Informationserweiterung
(siehe Abschnitt 5.4.) oder das zuf¨
allige Ausw¨
ahlenausdensicherstenOptionenbeigleichzeitigem
Wegfall der unsichersten sein.
81
5. Konzeption
malen ¨
ubergeben.40 Die Merkmale repr¨
asentieren die Steuerungszust¨
ande in Konfliktsi-
tuationen, hier partielle Schedules des Zustandsraumgraphen, d. h. die aktuelle Situati-
on des Fertigungssystems. Merkmale beschreiben also das vom Klassifizierer geforderte
Modell der Zust¨
ande und sind f¨
ur die Qualit¨
at des entwickelten Verfahrens von großer
Bedeutung. Nur wenn die Situation richtig erkannt wird, kann durch den Klassifizierer
auch eine gute Entscheidung getroffen werden. Das Modell muss die f¨
ur das Anwen-
dungsgebiet relevanten Merkmale beinhalten, da von diesen abh¨
angt, welche Informa-
tionen verf¨
ugbar sind und was daraus abzuleiten ist. Damit hat der Modellierer großen
Einfluss auf die G¨
ute des Klassifikationsverfahrens. Die Bedeutung der Merkmale soll
zus¨
atzlich durch folgendes Beispiel aus dem t¨
aglichen Umfeld dargelegt werden.
Beispiel 5.5 Bedeutung der eingesetzten Merkmale
Besitzt ein Navigationssystem in einem Auto keine externen Informationen wie das
TMC-Signal41, sondern nur lokale Informationen des Fahrzeugs wie Geschwindigkeit,
Position usw., wird ein voraus liegender Stau nicht erkannt und das Navigationssystem
reagiert nicht bzw. nicht korrekt. Das System w¨
urde zwar f¨
ur sich richtig reagieren, aber
eben auf die falsch erkannte Situation des nicht vorhandenen Staus.
Es besteht also ein starker Zusammenhang zwischen den Merkmalen und der Qualit¨
at
der Entscheidung des Naive-Bayes-Klassifizierers. Die Auswahl und Entwicklung der
Merkmale ist schwierig, da die Zusammenh¨
ange von Merkmalen und deren tats¨
achli-
che Relevanz bei einer Entscheidungsfindung nicht immer einsehbar sind. Nachfolgend
werden die hier prototypisch eingesetzten Merkmale entwickelt. Hierbei ist zwischen
den Merkmalen in Abh¨
angigkeit der betrachteten Organisationsform zu unterscheiden.
Insgesamt ist darauf zur achten, dass die Merkmale generischer Natur sind. W¨
urde bei-
spielsweise die Auslastung der Maschine 3 einer Fertigungsstufe als Merkmal verwendet,
dann m¨
usste im Falle eines Maschinenausfalls dieser Maschine, ein anderer Klassifizierer
eingesetzt werden. Dazu w¨
are eine Vielzahl von unterschiedlichen Klassifizierern einsatz-
bereit zu halten.
5.3.2.1. Merkmale in Job-Shops
Nachfolgend werden die situationsbeschreibenden Merkmale f¨
ur den Verfahrenseinsatz
in Job-Shop-Umgebungen entwickelt.
40Siehe Abschnitt 3.2.
41 ¨
Uber den Traffic Message Channel (TMC) werden Informationen bzgl. Beeintr¨
achtigungen des Stra-
ßenverkehrs im nicht h¨
orbaren Bereich des Radio-Signals ¨
ubertragen.
82
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Merkmal 1: Verh¨
altnis Konfliktoperationen
Das Verh¨
altnis der Konfliktoperationen ist ein Maß f¨
ur die relative Kom-
plexit¨
at der zu treffenden Entscheidung. Je mehr Konflikte existieren, desto
schwieriger wird es f¨
ur den Klassifizierer die optimale Entscheidung zu tref-
fen. Sei CS die Menge der aktuell konflikt¨
aren Jobs und Ndie Menge aller
Jobs.
Verh¨
altnis Konfliktoperationen = CS
N(5.1)
Sei beispielhaft ein Job-Shop-Problem mit f¨
unf Jobs j={1,2,...5}und
drei Maschinen m={1,2,3}gegeben. Aktuell wird Maschine 2 betrachtet.
Angenommen Auftrag 1, 3 und 4 m¨
ussen zum jetzigen Zeitpunkt auf Ma-
schine 2 bearbeitet werden. Damit hat das Situationsmerkmal den Wert
3/5=0,6.
Merkmal 2: Durchschnittlich verplante Bearbeitungszeit
Mit diesem Merkmal wird die durchschnittlich bereits verplante Bearbei-
tungszeit aller Jobs N. Der Klassifizierer erkennt also beim Vergleich von
Werten dieses Merkmals, wie weit die Jobs j={1,2,...N}bereits fortge-
schritten ist. Sei pj(j) die gesamte Bearbeitungszeit und pf(j) die bereits
verplante Bearbeitungszeit eines Jobs j.
Durchschnittlich verplante Bearbeitungszeit = N
j=1
pf(j)
pj(j)
N(5.2)
Sei das in Tabelle 5.5 aufgef¨
uhrte Problem mit drei Auftr¨
agen und zwei Ma-
schinen gegeben. Werte in den Zellen geben die Bearbeitungszeiten wieder,
fett darstellte Bearbeitungszeiten markieren bereits eingeplante Operatio-
nen.
Maschine 1 Maschine 2
Job 1 67
Job 2 12 13
Job 3 514
Tabelle 5.5.: Beispielhaft verplante Operationen
Die durchschnittliche verplante Bearbeitungszeit ergibt sich wie folgt:
(6/13 + 25/25+5/19)/3=0,5749. Durchschnittlich sind also 57,49% der
Bearbeitungszeiten der Jobs bereits eingeplant.
83
5. Konzeption
Merkmal 3: Anteil bereits verplanter Operationen
Dieses Merkmal bestimmt das prozentuale Verh¨
altnis der bereits verplan-
ten Operationen im Vergleich zu s¨
amtlichen Operationen der Jobs j=
{1,2,...N}. Der Klassifizierer erkennt beim Vergleich von Werten dieses
Merkmals, wie weit das Scheduling bereits fortgeschritten ist. Sei oj(j) die
Anzahl aller Operationen und of(j) die bereits verplanten Operationen
eines Jobs j.
Anteil bereits verplanter Operationen = N
j=1 of(j)
N
j=1 oj(j)(5.3)
Sei das in Tabelle 5.5 aufgef¨
uhrte Problem mit drei Auftr¨
agen und zwei
Maschinen gegeben. Vier der sechs Operationen sind bereits verplant 4/6=
0,66. Der Anteil der bereits verplanten Operationen liegt also bei 66%.
Merkmal 4: Vergleich der Merkmale 2 und 3
Der Vergleich bildet ab, ob im bisherigen Scheduling-Verfahren im Durch-
schnitt eher kurze oder eher lange Operationen ausgew¨
ahlt wurden. Dabei
gibt es drei m¨
ogliche Ergebnisse:
0das Verh¨
altnis der Fortschritte ist gleich.
1Merkmal 2 ist weiter fortgeschritten. Dies bedeutet, dass im
Durchschnitt bisher relativ l¨
angere Operationen ausgew¨
ahlt wurden.
•−1Merkmal 3 ist weiter fortgeschritten. Dies bedeutet, dass im
Durchschnitt bisher relativ k¨
urzere Operationen ausgew¨
ahlt wurden.
Gegeben sei das gleiche Beispiel wie bei Merkmal 2 und 3. Der Fortschritt
nach Bearbeitungszeiten ist 57,49% und der Fortschritt nach Operatio-
nen 66%. Hieraus ergibt sich -1 als R¨
uckgabewert f¨
ur Merkmal 4. Die
durchschnittliche Bearbeitungszeit der verplanten Operationen betr¨
agt 9
Zeiteinheiten und die durchschnittliche Bearbeitungszeit aller Operationen
9,5. Damit sind bis jetzt verplante Operationen relativ k¨
urzer.
Merkmal 5: Durchschnittliche Maschinenauslastung
Eine Maschine ist ausgelastet, wenn ein Auftrag auf ihr bearbeitet wird.
Festgehalten wird die durchschnittliche prozentuale Auslastung aller Ma-
schinen M¨
uber die gesamte bisher verplante Zeit zum Zeitpunkt t. Seien
84
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
mb(m) die belegten Zeiteinheiten von Maschine mbis zum aktuellen Zeit-
punkt t.
Durchschnittliche Maschinenauslastung = M
m=1
mb(m)
t
M(5.4)
Gegeben sei das in Abbildung 5.7 dargestellte Gantt-Diagramm. Der ak-
tuelle Zeitpunkt tsei 25. Zum Zeitpunkt t= 25 ist Maschine 1 zu 92%
ausgelastet (23/25) und Maschine 2 zu 56% (14/25). Daraus ergibt sich
eine durchschnittliche Maschinenauslastung von 74%
M1
M2
o1,1
o2,2
o2,1o3,1
0 5 10 15 20 t
Abbildung 5.7.: Beispielhaftes Gantt-Chart zur Maschinenauslastung
Merkmal 6: Maschinenauslastungsdifferenz
Als Kennzahl f¨
ur das Merkmal dient die Differenz zwischen der Maschine
mit der h¨
ochsten Maschinenauslastung und der mit der niedrigsten. Sei
wlmdie Auslastung der Maschine mund Mdie Menge der Maschinen.
Differenz der Auslastungen = max(wlm)min(wlm),mM(5.5)
Gegeben sei das in Abbildung 5.7 dargestellte Gantt-Diagramm zum Zeit-
punkt t= 25. Maschine 1 ist zu 92% ausgelastet und Maschine 2 zu 36%,
womit sich die Maschinenauslastungsdifferenz von 92% 56% = 36% er-
gibt.
Merkmal 7: Minimal verbleibende Bearbeitungszeit der Jobs
Zur Berechnung der minimal verbleibenden Bearbeitungszeit der Jobs wird
die verbleibende Bearbeitungszeit aller Jobs j={1,2,...CS}im Konflikt
CS untersucht. Sei ptjdie verbleibende gesamte Bearbeitungszeit eines
Jobs j.
Minimale Bearbeitungszeit = min(ptj),jCS (5.6)
Sei das in Tabelle 5.5 dargestellte Scheduling-Problem gegeben. Die ver-
bleibenden Zeiten der sich im Konflikt befindlichen Jobs 1 und 3 sind 7
85
5. Konzeption
und 14. Damit ergibt sich ein Merkmalswert von 7.
Merkmal 8: Maximal verbleibende Bearbeitungszeit der Jobs
Zur Berechnung dieses Merkmals wird die verbleibende Bearbeitungszeit
aller Jobs j={1,2,...CS}im Konflikt CS untersucht. Zur¨
uckgegeben
wird der gr¨
oßte dieser Werte.
Maximale Bearbeitungszeit = max(ptj),jCS (5.7)
Sei das in Tabelle 5.5 dargestellte Scheduling-Problem gegeben. Die ver-
bleibenden Zeiten der sich im Konflikt befindlichen Jobs 1 und 3 sind 7
und 14. Damit ergibt sich ein Merkmalswert von 14.
Merkmal 9: Durchschnittlich verbleibende Bearbeitungszeit
Zur Berechnung dieses Merkmals wird der Durchschnitt der verbleibenden
Bearbeitungszeiten aller Jobs j={1,2,...CS}der Konfliktmenge CS
untersucht. Sei pjc(j) die Bearbeitungszeit eines aktuell einzuplanenden
Jobs j.
Durschnittlich verblante Bearbeitungszeit = C
j=1 Spjc(j)
CS (5.8)
Gegeben sei das in Tabelle 5.5 dargestellte Scheduling-Problem. Die ver-
bleibenden Zeiten der konflikt¨
aren Jobs 1 und 3 sind 7 und 14. Damit ergibt
sich ein Merkmalswert von 10,5.
Merkmal 10: Minimale Versp¨
atung
Dieses Merkmal beschreibt die Dauer der minimalen Versp¨
atung unter al-
len Jobs j={1,2,...CS}in der Konfliktmenge CS.Seitder aktuelle
Zeitpunkt und dsjdie Summe der Bearbeitungszeiten der bereits einge-
planten Operationen eines Jobs j. Dann wird die Versp¨
atung dljdes Jobs
jwie folgt definiert:
dlj=tdsj
Die minimale Versp¨
atung wird definiert als:
Minimale Versp¨
atung = min(dlj),jCS (5.9)
Gegeben sei das in Abbildung 5.7 dargestellte Gantt-Diagramm. Als Wert
der minimalen Versp¨
atung der sich im Konflikt befindlichen Jobs ergibt
86
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
sich zum Zeitpunkt t= 25 damit der Merkmalswert von 19 des Auftrags
1.
Merkmal 11: Maximale Versp¨
atung
Dieses Merkmal beschreibt die Dauer der maximalen Versp¨
atung unter
allen Jobs j={1,2,...CS}in der Konfliktmenge CS. Die maximale Ver-
sp¨
atung wird definiert als:
Maximale Versp¨
atung = max(dlj),jCS (5.10)
Sei das in Abbildung 5.7 dargestellte Gantt-Diagramm gegeben. Als Wert
der maximalen Versp¨
atung der sich im Konflikt befindlichen Jobs ergibt
sich zum Zeitpunkt t= 25 damit der Merkmalswert von 20.
Merkmal 12: Durchschnittliche Versp¨
atung
Als R¨
uckgabewert des Merkmals wird die durchschnittliche Versp¨
atung al-
ler Jobs j={1,2,...CS}in der Konfliktmenge CS berechnet. Die durch-
schnittliche Versp¨
atung wird definiert als:
Durchschnittliche Versp¨
atung = CS
j=1 dlj
CS (5.11)
Sei das in Abbildung 5.7 dargestellte Gantt-Diagramm gegeben. Die Ver-
sp¨
atungen der konflikt¨
aren Auftr¨
age 1 und 3 zum Zeitpunkt t=25ist:
Auftrag 1 = 19 und Auftrag 3 = 20. Daraus ergibt sich eine durchschnitt-
liche Versp¨
atung von 19,75.
Merkmal 13: Ranking Steuerungsregeln
Das Merkmal Ranking der Steuerungsregeln gibt f¨
ur jede verwendete Steue-
rungsregel eine Kennzahl zur¨
uck. Sei die Menge CS der Jobs in einem Kon-
flikt sowie eine Steuerungsregel prio gegeben. Sei oprio die Operation, die
von prio aus CS ausw¨
ahlt wird. Die Operation oprio ist eine Teiloperation
eines Jobs joprio . Die Funktion Rank(j) erstellt f¨
ur diesen Job ein Ranking
¨
uber dessen Fortschritt im Vergleich zu anderen Jobs in CS.
Priorit¨
atsregelranking = Rank(joprio )(5.12)
Bei der Funktion Rank(joprio ) werden die Merkmale 13-1 bis 13-4 unter-
schieden.
Sei die in Abbildung 5.8 aufgezeigte Konfliktmenge gegeben. Weiterhin sei
87
5. Konzeption
Konfliktmenge
o1,2
o2,2
o4,2
o7,2
Ranking der Auftr¨
age
Auftrag 1 4
Auftrag 2 3
Auftrag 3 5
Auftrag 4 2
Auftrag 5 1
Abbildung 5.8.: Beispielhaftes Steuerungsregelranking
die Steuerungsregel SPT zur Auswahl zu verwenden. Von dieser wird aus
den vier m¨
oglichen Operationen die Operation o2,2ausgew¨
ahlt. Das aktu-
elle Fortschrittsranking zeigt: Auftrag 2 ist zu ungef¨
ahr 50% fertiggestellt
und belegt derzeit Position drei. F¨
ur das Merkmal Steuerungsregelranking
w¨
urde der Wert 3 zur¨
uckgegeben.
Merkmal 13-1: Steuerungsregelranking Bearbeitungszeiten aller Jobs
Das Fortschrittsranking Rank(j) wird anhand der Bearbeitungszeiten
erstellt. Hierzu fließen alle aktuell einplanbaren Jobs in das Ranking mit
ein.
Merkmal 13-2: Steuerungsregelranking Bearbeitungszeiten der Konfliktjobs
Das Fortschrittsranking Rank(j) wird anhand der Bearbeitungszeiten
von Jobs, die in Konflikt miteinander stehen erstellt.
Merkmal 13-3: Steuerungsregelranking Alle durchgef¨
uhrten Operationen
Das Fortschrittsranking Rank(j) wird anhand der Anzahl der bis jetzt
durchgef¨
uhrten Operationen erstellt. Alle einplanbaren Jobs fließen in
das Ranking mit ein.
Merkmal 13-4: Steuerungsregelranking Durchgef¨
uhrte Operationen im Konflikt
Das Fortschrittsranking Rank(j) wird anhand der Anzahl der bis jetzt
durchgef¨
uhrten Operationen erstellt. Nur in Konflikt miteinander ste-
hende Jobs werden ber¨
ucksichtigt.
5.3.2.2. Merkmale in Flexible-Flow-Shops
Nachfolgend werden die bei dem Verfahrenseinsatz in Flexible-Flow-Shops, verwende-
ten Merkmale entwickelt. Hierbei sind Merkmale f¨
ur das Ein-Klassifizierer- und das
Zwei-Klassifizierer-System zu unterscheiden. Grunds¨
atzlich lassen sich die Merkmale in
88
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Flexible-Flow-Shops in lokale und globale Merkmale unterteilen. Abbildung 5.9 illus-
triert diesen Sachverhalt.
Stufe st =2 Stufe st =3
QM2,1
M1,1
M3,1
P2 M2,2
M1,2
M3,2
P3 M2,3
M1,3
M3,3
S
Lokale Merkmale
Globale Merkmale
Abbildung 5.9.: Lokale und globale Situationsmerkmale
Lokale Merkmale sind nur auf der aktuellen Fertigungsstufe g¨
ultig, deren Auspr¨
agungen
unterscheiden sich im Steuerungszeitpunkt t0von Stufe zu Stufe. Die globalen Merkmale
dagegen sind im Zeitpunkt t0auf allen Stufen gleich ausgepr¨
agt, die Information eines
globalen Merkmals ist f¨
ur jede Fertigungsstufe identisch. ¨
Uber die globalen Merkmale
wird die aktuelle Situation des gesamten Flexible-Flow-Shops bei der Entscheidung des
Klassifizierers ber¨
ucksichtigt.
Zwei-Klassifizierer-System: Auftrag und Maschine getrennt
Nachfolgend sind die Merkmale f¨
ur das Entscheidungssystem mit zwei Klassifizierern
Auftrags- und Maschinenauswahl beschrieben. Die Merkmale werden alle in beiden
Klassifizierern eingesetzt. Dieses gilt nicht f¨
ur die lokalen Merkmale 5 und 6. Das Merk-
mal 5 wird ausschließlich im Klassifizierer f¨
ur die Auftr¨
age verwendet, Merkmal 6 nur
im Klassifizierer f¨
ur die Maschinen.
Lokale Merkmale: Lokale Merkmale sind auf der aktuellen Stufe messbar. Sie be-
schreiben die Situation dieser Stufe, lassen das restliche Fertigungssystem, die vor- und
nachgelagerten Stufen, jedoch außer Acht. ¨
Uber die lokalen Merkmale kann der Kla-
ssifizierer die Situation der Fertigungsstufe erkennen und lokal gute Entscheidungen
treffen.
Merkmal 1: Konfliktmengengr¨
oße
Die Anzahl der in der Konfliktmenge CS vorhandenen Jobs.
89
5. Konzeption
Merkmal 2: Standardabweichung der Bearbeitungszeiten
Die Standardabweichung der Bearbeitungszeiten der in der Konfliktmenge
CS vorhandenen Jobs auf der betrachteten Fertigungsstufe st.
Merkmal 3: Verh¨
altnis der bearbeitbaren zu nicht bearbeitbaren Auftr¨
agen
Das Verh¨
altnis der Anzahl von auf der betrachteten Stufe st fertigungsbe-
reiten Jobs Nr, zur Anzahl der noch nicht fertigungsbereiten Jobs Nnr in
der Konfliktmenge CS.
Merkmal 4: Auslastung der Stufe
Die kumulierte Auslastung der Maschinen Mst auf der betrachteten Ferti-
gungsstufe st.
Merkmal 5: Letzte Klassifizierung Auftrag
Das Ergebnis der zuletzt vorgenommenen Klassifizierung eines Auftrags.
Merkmal 6: Letzte Klassifizierung Maschine
Das Ergebnis der in derselben Situation bereits vorgenommenen Klassifi-
zierung zur Auftragsauswahl.42
Globale Merkmale: Um bei einer Steuerungsentscheidung global gute Ergebnisse zu
erzielen, muss die Entscheidung immer auch bez¨
uglich der Situation des gesamten Fer-
tigungssystems getroffen werden. Hierzu werden globale Merkmale eingesetzt. Diese
versetzen den Klassifizierer in die Lage, globale Informationen zu ber¨
ucksichtigen.
Merkmal 1: Auslastung der nachfolgenden Fertigungsstufe
Dieses Merkmal gibt die kumulierte Auslastung der Maschinen auf der
nachfolgenden Stufe an. Sei dmlfst die gemittelte Auslastung aller Maschi-
nen 1 bis Mst einer Stufe st.
Auslastung nachfolgende Stufe = dmlfst+1 (5.13)
Merkmal 2: Position der Fertigungsstufe
Die Position der betrachteten Fertigungsstufe st in der Reihe aller Ferti-
gungsstufen FS, gemessen als Fertigungsfortschritt Fort(st).
Fort(st)= st
FS (5.14)
42Es wird vorausgesetzt, dass die Auswahl der Maschine nach der Auswahl eines Auftrags durchge-
f¨
uhrt wird. Werden die Entscheidungen in einer anderen Reihenfolge durchgef¨
uhrt, sind die Merkmale
anzupassen bzw. auszutauschen.
90
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Ein-Klassifizierer-System: Auftrag und Maschine gemeinsam
F¨
ur den Fall von nur einem eingesetzten Klassifizierer wird eine andere Merkmalsmenge
entwickelt. Hier wird in einer Entscheidung sowohl der als n¨
achstes zu bearbeitende Job
als auch die Maschine ausgew¨
ahlt, die diesen Job bearbeitet. Auch bei der Auspr¨
agung
des Verfahrens mit einem Klassifizierer wird eine Unterteilung in lokale und globale
Merkmale vorgenommen.
Lokale Merkmale:
Merkmal 1: Verh¨
altnis Konfliktauftr¨
age
Verh¨
altnis der Anzahl der Jobs im Konflikt CS und der Anzahl der noch
auf der aktuellen Stufe st zu planenden Jobs N.
Verh¨
altnis Konfliktoperationen = CS
N(5.15)
Merkmal 2: Verh¨
altnis Maschinenkonflikte
Das Verh¨
altnis zwischen der Anzahl der Maschinen bei denen sich Ope-
rationen im Konflikt befinden und der Anzahl aller Maschinen auf der
aktuellen Stufe st.SeiCM die Anzahl der m¨
oglichen Maschinen in der
Konfliktmenge CS, d. h. welche Maschinen f¨
ur die Operationen ost
j,m im
Konflikt zur Bearbeitung bereit stehen. Dieses wird ¨
uber den Index mder
Operationen ost
j,m im Konflikt berechnet. Hierbei ist Mst die Anzahl der
Maschinen auf Stufe st.
Verh¨
altnis Maschinenkonflikte = CM
Mst
(5.16)
Merkmal 3: Differenz der Maschinengeschwindigkeiten
Differenz der maximalen und minimalen Maschinengeschwindigkeiten aller
Operationen im Konflikt CS.Seivst
j,m die relative Maschinengeschwindig-
keit von Operation ost
j,m.
Differenz Maschinengeschwindigkeiten = max(vst
j,m)min(vst
j,m),jCS
(5.17)
Merkmal 4: Differenz der Bearbeitungszeiten
Differenz der maximalen und minimalen Bearbeitungszeiten aller Opera-
tionen im Konflikt CS.Seipsst
jdie Standard-Bearbeitungszeit eines Jobs j
91
5. Konzeption
auf der Stufe st,vst
j,m die relative Maschinengeschwindigkeit der Maschine
mauf Stufe st bei Job jund pst
j,m =psst
j/vst
j,m die Bearbeitungszeit der
aktuellen Operation eines Jobs jauf Maschine mder Stufe st.
Differenz Bearbeitungszeiten = max(pst
j,m)min(pst
j,m),jCS (5.18)
Globale Merkmale:
Merkmal 1: Durchschnittlicher Fortschritt der Konfliktauftr¨
age
Dieses Merkmal gibt den durchschnittlichen Fortschritt aller sich im Kon-
flikt befindenden Jobs zur¨
uck. Sei st die aktuelle Stufe und bjdie gesamte
geplante Bearbeitungszeit von Job jauf den Stufen 1 bis st 1, dann ist
die restliche Bearbeitungszeit von jab Stufe st gegeben als
Rest(j)=
FS
st
psst
j·Mst
m=1 vst
j,m
Mst
(5.19)
Der Fortschritt eines Auftrags jwird berechnet mit:
Fortschritt(j)= bj
bj+Rest(j)(5.20)
¨
Uber den Fortschritt der Jobs im Konflikt wird der durchschnittliche Fort-
schrittswert ermittelt:
Durchschnittlicher Fortschritt = CS
j=1 Fortschritt(j)
CS (5.21)
Merkmal 2: Differenz des Fortschritts aller Konfliktauftr¨
age
Die Differenz zwischen maximalen und minimalen Fortschritt der Jobs in
der Konfliktmenge CS.
Fortschrittsdifferenz = max(Fortschritt(j)) min(Fortschritt(j)),jCS
(5.22)
5.3.3. Priorit¨
atsregeln als Klassen
Damit die vom Klassifizierer ausgew¨
ahlten Klassen (Steuerungsregeln) m¨
oglichst effi-
zient ausgef¨
uhrt werden k¨
onnen, d. h. wenig Rechenzeit beanspruchen, ist bei der Mo-
dellierung und Auswahl von Steuerungsregeln f¨
ur die Lernkomponente auf die einfache
92
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Form der Regeln zu achten. Eine derartige Beschr¨
ankung auf einfache Regeln vergr¨
oßert
zwar die erforderliche Anzahl der Regeln jedoch nur in einem geringen Maße und
die Regeln lassen sich aufgrund deren einfachen Struktur sehr schnell ausf¨
uhren. Hierzu
eignen sich insbesondere Priorit¨
atsregeln.43 Diese verbrauchen minimale Rechenzeit und
sind gut in der Steuerungskomponente einsetzbar.44 Ebenso sind mit Priorit¨
atsregeln ge-
nerische Aussagen m¨
oglich. W¨
urde eine Steuerungsregel beispielsweise lauten: Aus drei
Auftr¨
agen ist der mit der k¨
urzesten Bearbeitungszeit zu w¨
ahlen, so k¨
onnte diese Klasse
auch nur Mengen mit drei Auftr¨
agen bearbeiten. Priorit¨
atsregeln dahingegen w¨
ahlen
aus der Auftragsmenge beispielsweise den Auftrag mit der k¨
urzesten Bearbeitungszeit,
unabh¨
angig davon, wie groß die Auftragsmenge ist.
Beispiel 5.6 Auswahl im Zustandsraumgraph mit Priorit¨
atsregeln
Abbildung 5.10 zeigt den Zustandsraumgraphen der Job-Shop-Probleminstanz aus dem
Beispiel in Anhang A.1. Dieses Beispiel kann ebenfalls f¨
ur eine Fertigungsstufe einer
Flexible-Flow-Shop-Probleminstanz verstanden werden.
SPT
o1,1
LPT o2,1
o1,1o2,1
o2,2o2,2
M1
M2
0t
o1,2
M1
M2
0t
o1,2
o2,1 M1
M2
0t
o1,2
o1,1
M1
M2
0t
o1,2
o1,1
o2,1 M1
M2
0t
o1,2
o1,1 o2,1
M1
M2
0t
o1,2
o1,1
o2,1
o2,2
M1
M2
0t
o1,2
o1,1 o2,1
o2,2
Abbildung 5.10.: Zustandsraumgraph der Job-Shop-Probleminstanz45
Die Probleminstanz besteht aus zwei Maschinen und zwei Auftr¨
agen und hat demnach
vier Operationen. Der Zustandsraumgraph entspricht einem Baum und hat die Tiefe
43Siehe Abschnitt 3.1.2.
44St¨
anden der Steuerungskomponente hinreichend viele Priorit¨
atsregeln zur Anwendung bereit, k¨
onnte
diese durch die unterschiedliche Anwendung der Regeln alle L¨
osungen f¨
ur das Scheduling-Problem
erzeugen. Demzufolge ist ¨
uber die unterschiedliche Anwendung von Priorit¨
atsregeln auch die optimale
L¨
osung abbildbar.
45F¨
ur die Daten der Probleminstanz siehe Beispiel A.1.
93
5. Konzeption
vier, wobei die Wurzel mit schon einer eingeplanten Operation in Tiefe 1 liegt. Insge-
samt gibt es zwei verschiedene vollst¨
andige Schedules, die g¨
ultig und aktiv sind. Jeder
Knoten ist durch seinen zugeh¨
origen Schedule dargestellt, die Kanten sind mit den hin-
zukommenden Operationen beschriftet. Die Verzweigung des Baumes ist ein Konflikt,
der einerseits mit der Regel SPT und andererseits mit der Regel LPT aufgel¨
ost wird.
Die L¨
osung mit der k¨
urzesten Produktionsdauer Cmax kann mit der Regel LPT erreicht
werden.
Wie dargestellt sind Priorit¨
atsregeln prio0,...,prio
p46 als Klassen clprio0,...,cl
priopf¨
ur
die Zust¨
ande des Zustandsraumgraphen einer Scheduling-Probleminstanz Igeeignet.
Ein Zustand sgeh¨
ort in die Klasse clprio, wenn in ihm die Regel prio angewendet wird.
Dabei werden die Zust¨
ande einer initialen L¨
osung f¨
ur Iverwendet, die als Merkmals-
vektoren repr¨
asentiert werden. Jeder Knoten vides Zustandsraumgraphen beschreibt
einen Zustand si. Ein Zustand mit kNachfolgern entspricht einem Konflikt in der
Steuerungskomponente mit kAlternativen. Die mit Operationen beschrifteten Kanten
k¨
onnen auch mit den Priorit¨
atsregeln beschriftet werden, welche die Operation einer
Kante ausw¨
ahlen. Der Knoten vihabe z. B. eine ausgehende Kante, die mit der Ope-
ration obeschriftet sei. Die Regel prio w¨
ahle in der zu vigeh¨
orenden Konfliktmenge o
aus. Die ausgehende Kante wird mit prio beschriftet.47
Jeder L¨
osungskandidat σeiner Scheduling-Probleminstanz hat genau einen Pfad P(σ)
durch den Zustandsraumgraphen. Dieser besteht aus einer Folge von Zust¨
anden (v0=
vr, ..., v
l1,v
l=vσ)vonderWurzelvrausgehend bis zum Knoten vσ. Der Knoten vσ
steht dabei f¨
ur den L¨
osungskandidaten σ. Eine Klasse clprio mit dem Namen einer Prio-
rit¨
atsregel prio fasst alle Zust¨
ande viP(σ) zusammen, wenn seine ausgehende Kante
(vi,v
i+1) mit der Operation beschriftet ist, welche die Regel prio in Zustand viausw¨
ahlt.
Abbildung 5.11 illustriert dieses. Hier sind eine optimale L¨
osung und ihr Pfad nicht
gepunktete Knotenverbindungen durch den Zustandsraumgraphen eingetragen.
Durch den Pfad P(σ)istf
¨
ur jeden Konflikt erkennbar, welche Alternative zur optimalen
L¨
osung f¨
uhrt. Im Idealfall sind diese Alternativen durch jeweils eine Priorit¨
atsregel
ausw¨
ahlbar. Die Klasse clprio beinhaltet alle Zust¨
ande in Form von Merkmalsvektoren;
diese haben eine ausgehende Kante, die
1. auf dem Pfad der optimalen L¨
osung liegt und
2. mit prio ausgew¨
ahlt wird.
46Seien pdie verwendeten Priorit¨
atsregeln.
47Die ausgehende Kante kann mit allen weiteren Priorit¨
atsregeln, die oausw¨
ahlen, beschriftet werden
(siehe Abschnitt 5.3.3.3).
94
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
vollst¨
andiger Schedule
partieller Schedule
Zustand vr
clprio =MWR
clprio =LW R
Zustand v
Optimale L¨
osung
clprio =MSO clprio =LSO
clprio =LPT
clprio =SPT
Abbildung 5.11.: Priorit¨
atsregeln als Klassen
Die Instanzen einer Klasse clprio m¨
ussen sich nicht auf Zust¨
ande der L¨
osung einer Shop-
Scheduling-Probleminstanz Ibeschr¨
anken. Es eignen sich auch mehrere L¨
osungen von
Ioder auch von ¨
ahnlichen Probleminstanzen I. Um gute Klassifikationsergebnisse zu
erzielen, sind durch die Trainingskomponente mehrere Probleminstanzen Izu l¨
osen.
5.3.3.1. Steuerungsregeln in Job-Shops
Um m¨
oglichst breit aufgestellt zu sein, d. h. so viele Entscheidungen wie m¨
oglich mit
so wenigen Regeln wie m¨
oglich zu treffen, werden f¨
ur Job-Shops prototypisch die in
Tabelle 5.6 dargestellten Priorit¨
atsregeln verwendet.
Priorit¨
atsregel Beschreibung
SPT
(Shortest Processing Time)
Die Operation mit der k¨
urzesten Bearbeitungszeit wird bevorzugt.
LPT
(Longest Processing Time)
Die Operation mit der l¨
angsten Bearbeitungszeit wird bevorzugt.
LSO
(Least Scheduled Operations)
Der Auftrag mit den am wenigsten bearbeiteten Operationen wird bevorzugt.
MSO
(Most Scheduled Operations)
Der Auftrag mit den am meisten bearbeiteten Operationen wird bevorzugt.
LWR
(Least Work Remaining)
Der Auftrag mit den wenigsten noch zu bearbeitenden Operationen wird be-
vorzugt.
MWR
(Most Work Remaining)
Der Auftrag mit den meisten noch zu bearbeitenden Operationen wird bevor-
zugt.
Tabelle 5.6.: Priorit¨
atsregeln in Job-Shops
Hierbei werden gegens¨
atzliche Regeln wie SPT und LPT oder LWR und MWR einbe-
zogen, um die mit den Priorit¨
atsregeln abgedeckte Menge von Operationen bei einer
kleinen Regelmenge m¨
oglichst groß zu halten. Diese Regelmenge f¨
ur den Klassifizierer
ist einfach zu ver¨
andern und damit den Gegebenheiten der realen Einsatzumgebung
95
5. Konzeption
anzupassen. Kommt es bei der Auswahl mit einer Regel zu einer Situation, in welcher
der Auftrag nicht eindeutige ausw¨
ahlbar ist, sind weiter Maßnahmen zu ergreifen. Diese
werden im Abschnitt 5.3.3.3 beschrieben.
5.3.3.2. Steuerungsregeln in Flexible-Flow-Shops
Bei dem Verfahren in Flexible-Flow-Shops kann, wie beschrieben, ein Ein-Klassifizierer-
oder ein Zwei-Klassifizierer-System eingesetzt werden. Aus diesem Grund ist zwischen
den Steuerungsregeln der beiden verwendeten Klassifikationsmethoden zu differenzie-
ren. Hierzu werden nachfolgend die prototypischen Steuerungsregeln f¨
ur die jeweilige
Klassifikationsmethode vorgestellt.
Steuerungsregeln f¨
ur das Zwei-Klassifizierer-System
Bei dem Zwei-Klassifizierer-System ist zwischen den Regeln f¨
ur die Auftragsauswahl und
die Maschinenauswahl zu unterscheiden. F¨
ur die Steuerungsregeln zur Auftragsauswahl
gilt: Naturgem¨
weisen die Auftr¨
age in einem Flexible-Flow-Shop mit uniformen Ma-
schinen große ¨
Ahnlichkeiten untereinander auf. Auftr¨
age sind in der gleichen Reihenfolge
und auf den gleichen Fertigungsstufen zu bearbeiten, jedoch sind die Bearbeitungszei-
ten der Auftr¨
age unterschiedlich. Aus diesem Grund k¨
onnen die Bearbeitungszeiten
der Auftr¨
age als Unterscheidungsmerkmal, d. h. Klasse verwendet werden. Zwei Auftr¨
a-
ge innerhalb einer Konfliktmenge sind als herausragend einzustufen; derjenige mit der
k¨
urzesten und derjenige mit der l¨
angsten Bearbeitungszeit auf der jeweils betrachteten
Fertigungsstufe. Es ist zu erwarten, dass eine Entscheidung f¨
ur einen dieser exponier-
ten Auftr¨
age im Vergleich zur Entscheidung f¨
ur den anderen exponierten Auftrag einen
großen m¨
oglicherweise den gr¨
oßtm¨
oglichen Unterschied bez¨
uglich der L¨
osungsg¨
ute
bedeutet. Um unabh¨
angig von den in der Konfliktmenge vorhandenen Auftr¨
agen eine
Entscheidung zu erm¨
oglichen, sollen aufgrund dieser Schlussfolgerungen f¨
ur die Wahl
eines zu bearbeitenden Auftrags die folgenden Priorit¨
atsregeln verwendet werden:
SPT Shortest Processing Time
LPT Longest Processing Time
Damit ist es m¨
oglich, mit einer geringen Anzahl von m¨
oglichen Klassifikationsklassen,
den entscheidenden Auftrag auszuw¨
ahlen. F¨
ur die Steuerungsregeln zur Maschinenaus-
wahl gilt: Die uniformen Maschinen einer Stufe sind untereinander sehr ¨
ahnlich, weil
die Maschinen die gleichen F¨
ahigkeiten besitzen. Zu unterscheiden sind sie im Wesent-
lichen durch ihre Bearbeitungsgeschwindigkeit. Diese ist jedoch f¨
ur s¨
amtliche Auftr¨
age
96
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
identisch und wird nicht erst durch den Auftrag determiniert. Analog zu den vorgestell-
ten ¨
Uberlegungen zur Auswahl eines Auftrags, werden deshalb zur Maschinenauswahl
folgende initiale Regeln verwendet:
Fastest machine Die schnellste Maschine auf der betrachteten Fertigungsstufe.
Slowest machine Die langsamste Maschine auf der betrachteten Fertigungsstufe.
Damit ist es bei den Regeln zur Maschinenauswahl, analog zu den Regeln f¨
ur die Auf-
tragsauswahl, m¨
oglich, mit einer geringen Anzahl m¨
oglicher Klassifikationsklassen, die
entscheidende Maschine auszuw¨
ahlen. Hierbei ist die Nutzung zahlreicher weiterer Prio-
rit¨
atsregeln, die beispielsweise die Auslastung der Maschinen als Entscheidungskriteri-
um verwenden, denkbar. Gleiches gilt f¨
ur die Auftragswahl.
¨
Ahnlich wie bei den Steuerungsregeln f¨
ur Job-Shops kann es bei der Auswahl mit einer
Regel in Flexible-Flow-Shops mit uniformen Maschinen zu einer Situation kommen, in
welcher der Auftrag bzw. die Maschinen nicht eindeutig ausgew¨
ahlt werden k¨
onnen.
Darum sollen die in Abschnitt 5.3.3.3 beschriebenen Maßnahmen zur Auswahl ange-
wendet werden.
Steuerungsklassen f¨
ur das Ein-Klassifizierer-System
Bei dem System mit einem Klassifizierer wird in einer einzigen Entscheidung sowohl
die Operation, als auch die bearbeitende Maschine ausgew¨
ahlt. F¨
ur diesen einstufigen
Entscheidungsprozess sind mehr Auswahlregeln als beim Zwei-Klassifizierer-System er-
forderlich. Die hierzu prototypisch verwendeten Regeln werden nachfolgend skizziert.
Regel 1: Min pst
j,m
Die Operation mit der k¨
urzesten Bearbeitungszeit pst
j,m erh¨
alt die h¨
ochste Prio-
rit¨
at.
Regel 2: Max pst
j,m
Die Operation mit der l¨
angsten Bearbeitungszeit pst
j,m erh¨
alt die h¨
ochste Prio-
rit¨
at.
Regel 3: Min vst
j,m
Die Operation mit der niedrigsten relativen Maschinengeschwindigkeit vst
j,m
wird bevorzugt.
Regel 4: Max vst
j,m
Die Operation mit der h¨
ochsten relativen Maschinengeschwindigkeit vst
j,m wird
bevorzugt.
97
5. Konzeption
Regel 5: Min cst
j,m
Die Operation mit der fr¨
uhesten Fertigstellungszeit wird bevorzugt.
Regel 6: Max cst
j,m
Die Operation mit der sp¨
atesten Fertigstellungszeit wird bevorzugt.
Regel 7: FCFS Min pst
j,m
Nur FCFS bildet hier keine Priorit¨
atsregel, sondern trifft eine Vorauswahl und
wird mit anderen Priorit¨
atsregel kombiniert, um die Priorit¨
atsmengengr¨
oße zu
reduzieren. Die Operationen ost
j,m mit der fr¨
uhesten Startzeit werden bevorzugt.
Das heißt, die Operationen haben den kleinsten auftrags- (jstj) oder maschi-
nenbedingten (mst(i)) Startzeitwert in der Konfliktmenge. Anschließend wird
die Regel Min pst
j,m zur Zuweisung der Priorit¨
aten f¨
ur die Operationen ange-
wendet.
Regel 8: FCFS Max pst
j,m
Die Vorauswahl mittels FCFS reduziert die Konfliktmenge und Max pst
j,m weißt
die Priorit¨
aten zu.
Regel 9: FCFS Min vst
j,m
Die Vorauswahl mittels FCFS reduziert die Konfliktmenge und Min vst
j,m weißt
die Priorit¨
aten zu.
Regel 10: FCFS Max vst
j,m
Die Vorauswahl mittels FCFS reduziert die Konfliktmenge und Max vst
j,m weißt
die Priorit¨
aten zu.
Nachfolgend wird die Operationsauswahl unter Verwendung der vorgestellten Priori-
t¨
atstregeln an einem Beispiel illustriert.
Beispiel 5.7 Operationsauswahl in Flexible-Flow-Shops mit unverwandten Maschinen
Abbildung 5.12 zeigt eine beispielhafte Konfliktmenge eines Flexible-Flow-Shops mit
unverwandten Maschinen, bestehend aus drei Maschinen und zwei Auftr¨
agen mit insge-
samt sechs Operationen. Die Standard-Bearbeitungszeit von Auftrag 1 ist 100, die von
Auftrag 2 ist 50.
Die vorgestellten Priorit¨
atsregeln w¨
ahlen wie folgt aus:48
Min pst
j,m =ost
2,1;Maxpst
j,m =ost
2,2;Minvst
j,m =ost
1,2;Maxvst
j,m =ost
2,2;Mincst
j,m =ost
2,1;
Max cst
j,m =ost
2,2;FCFSMin pst
j,m =ost
1,2;FCFSMax pst
j,m =ost
1,2;FCFSMin vst
j,m =
ost
1,2;FCFSMax vst
j,m =ost
1,3.
48Die relativen Maschinengeschwindigkeiten sind f¨
ur Auftrag 1 (vst
1,1=4/5; vst
1,2=2/5; vst
1,3=1)undf
¨
ur
Auftrag2(vst
2,1=3/5; vst
2,2=11/5; vst
2,3=8/5).
98
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Mst
1
Mst
2
Mst
3
0 50 100 t
ost
1,1
ost
1,2
ost
1,3
ost
2,1
ost
2,2
ost
2,3
fmin
Abbildung 5.12.: Beispielhaftes Flexible-Flow-Shop Konfliktset
Wie in Job-Shops und beim Zwei-Klassifizierer-System kann es auch beim Ein-Klassifi-
zierer-System vorkommen, dass mit der klassifizierten Steuerungsregel keine eindeutige
Priorisierung eines Auftrags m¨
oglich ist. Aus diesem Grund wird bei Steuerungsent-
scheidungen die in 5.3.3.3 dargelegte Methode verwendet.
5.3.3.3. Potenzmengenklassen
W¨
ahrend des Trainings kann es passieren, dass der einzuplanende Auftrag von mehr als
einer Priorit¨
atsegel ausgew¨
ahlt wird.49 Diese Situation l¨
asst sich auf verschiedene Art
und Weise behandeln.
1. Die erste zutreffende Priorit¨
atsregel wird mit dem Zustand in der Wissensbasis
abgelegt und das Training f¨
ur die aktuelle Operation anschließend beendet:
Zustand s=clprioA
2. F¨
ur jede geeignete Priorit¨
atsregel wird ein Beispiel in der Wissensbasis abgelegt:
Zustand s=clprioA, Zustand s=clprioB
3. In der Wissensbasis wird ein Beispiel abgelegt, welches die Menge aller geeigneten
Priorit¨
atsregeln (Potenzmenge) enth¨
alt:
Zustand s={clprioA,cl
prioB}
Die Variante 1 ist unvollst¨
andig, da diese nicht s¨
amtliche in der Situation vorhandenen
Informationen enth¨
alt. So ist beispielsweise bei einer gesamten Regelmenge aus SPT,
LPT und MWR die Aussage (SPT, LPT) informativer als lediglich (LPT). Durch (SPT,
LPT) wird deutlich, dass MWR f¨
ur die aktuelle Situation nicht geeignet ist. Diese Infor-
mation geht beim Klassifikationsbeispiel (LPT) verloren. Bei Umsetzung der Variante
49Zum Training siehe Abschnitt 5.3.4.
99
5. Konzeption
2werden f¨
ur ein und dieselbe Instanz (Zustand s), mit exakt den gleichen Werten in
allen beschreibenden Attributen, verschiedene Klassifizierungen abgelegt. Dies ist bei
Verwendung von Klassifikationstechniken wenn m¨
oglich zu verhindern, da eine derar-
tig aufgebaute Wissensbasis f¨
ur ein maschinelles Lernverfahren sehr ung¨
unstig ist.50
F¨
ur diese mehrfach vorkommenden Belegungen der Attribute mit verschiedenen Klas-
sen ist die korrekte Klasse nicht mehr eindeutig bestimmbar. Variante 3 nutzt keine
einzelnen Priorit¨
atsregeln, sondern eine Untermenge der Potenzmenge aller m¨
oglichen
Priorit¨
atsregeln zur Klassifizierung. Hiermit wird die Information abgespeichert, wel-
che Regelmenge im Zustand sin der Lage gewesen ist, die richtige Operation aus der
Konfliktmenge auszuw¨
ahlen.
Wird bei der Klassifikation eine Potenzmenge bzw. Untermenge der Potenzmenge klas-
sifiziert, ist zu entscheiden, welche der, von den Regeln ausgew¨
ahlten Operationen ein-
zuplanen ist. Die auf den ersten Blick einfachste L¨
osung ist die zuf¨
allige Auswahl einer
der klassifizierten Regeln. Hiermit ist die Entscheidung jedoch ebenfalls zuf¨
allig und
insbesondere immer noch nicht zwingend eindeutig, da eine Priorit¨
atsregel mehrere
Auftr¨
age gleich bewerten kann. Auch gehen hierbei, wie beschrieben, die Informatio-
nen der anderen Regeln verloren. Aus diesem Grund wird ein Ranking-Verfahren zur
Auswahl eingef¨
uhrt.
Beispiel 5.8 Operationsauswahl mit Potenzmengenklassen
Die aktuelle Konfliktmenge besteht aus den in Tabelle 5.7 aufgef¨
uhrten Operationen.
Als Potenzmengenklasse wurde (SPT, LPT, MSO) klassifiziert.
Operation Bearbeitungszeit Ausstehende
Operationen
o1,28 7
o2,22 7
o4,28 3
o7,24 3
o9,22 2
Tabelle 5.7.: Beispielhafte Job-Shop-Konfliktmenge
Mit der Regel SPT werden o2,2und o9,2ausgew¨
ahlt, mit LPT o1,2und o4,2sowie o9,2
mit MSO. Bis auf die Priorit¨
atsregeln MSO sind die Entscheidungen nicht eindeutig.
Darum sollen im Folgenden alle Regeln angewendet werden. Diese setzten den Z¨
ahler,
aller von ihnen ausgew¨
ahlten Operation, jeweils um Eins hoch. F¨
ur das aktuelle Beispiel
f¨
uhrt dies zu folgendem Ergebnis:
50Vgl. (Witten und Frank, 2005) und siehe Abschnitt 3.2.3.
100
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Z¨
ahler o1,2= 1, da von LPT ausgew¨
ahlt.
Z¨
ahler o2,2= 1, da von SPT ausgew¨
ahlt.
Z¨
ahler o4,2= 1, da von LPT ausgew¨
ahlt.
Z¨
ahler o9,2= 2, da von SPT und MSO ausgew¨
ahlt.
Damit wird Operation o9,2eindeutig ausgew¨
ahlt. F¨
ur den Fall, dass immer noch mehrere
Operationen gleich berechtigt sind, wird per Zufall entschieden. Die Menge der Opera-
tionen mit dem h¨
ochsten Z¨
ahler ist in der Regel kleiner als die initiale Menge, was bei
dieser Zufallsauswahl zu genaueren Entscheidungen f¨
uhrt. Das formale Verfahren zur
Operationsauswahl mittels Potenzmengenklassen zeigt Algorithmus 5.3.
Algorithmus 5.3 : Operationsauswahl bei Potenzmengen
pw(o):={0|oCS};1
pwmax := 0;2
foreach prio Pdo3
foreach oCS do4
// Bewerte Operationen mit Priorit¨atsregel
if prio selects othen
5
// Falls Operation von Regel gew¨ahlt wird, ahler erh¨ohen
pw(o):=pw(o)+1;
6
end7
// Aktualisiere den ochsten Priorit¨atswert
if pw(o)>pw
max then8
pwmax := pw(o);9
end10
end11
end12
bestOperaitions := {o|pw(o)=pwmax};13
W¨
ahle so zuf¨
allig aus den Operationen mit maximalem pwmax;14
CS Aktuelle Konfliktmenge
PF¨
ur aktuelle Situation ausgew¨
ahlte Regelmenge
pw(o) Priorit¨
atswert von Operation o
pwmax H¨
ochster Priorit¨
atswert
so Eingeplante Operation
Tabelle 5.8.: Legende zur Operationsauswahl mit Potenzmengen
Hinsichtlich der Bewertung der Klassifikationsgenauigkeit von Potenzmengenklassen
gilt: Weil unterschiedliche Priorit¨
atsregeln dieselbe Operation aus dem Konfliktset w¨
ah-
len k¨
onnen, erschwert dieses die Evaluierung des Klassifizierers. In der Wissensbasis
wurden Beispiele f¨
ur korrekte Klassifikationen w¨
ahrend des Trainings abgespeichert. Ist
101
5. Konzeption
der wahre Fehler eines Klassifikationsverfahrens zu berechnen, wird untersucht, in wie
viel Prozent der Entscheidungsf¨
alle das Verfahren die korrekte Klassifikation ausgeben
kann.51 Dieses ist bei der vorgestellten Art von Potenzmengenklassen in der Wissens-
basis problematisch.
M¨
oglichkeit 1: Originale Klassifikationsgenauigkeit (Variante 3)
Die Klassifikationsgenauigkeit wird wie in Abschnitt 3.2 dargestellt be-
rechnet. Danach w¨
are die klassifizierte Klasse abei echter Klasse (a, b)
ein Fehler. Dieses ist auch ein Klassifikationsfehler per definitionem, al-
lerdings waren w¨
ahrend des Lernens beide Regeln (a, b) gleichwertig. In
der trainierten Situation f¨
uhrten (a, b) zum gleichen Ergebnis, egal f¨
ur
welche der beiden Regeln sich entschieden wurde. Unter dieser Voraus-
setzung ist die Klassifikation von (a, b) kein Klassifikationsfehler.
M¨
oglichkeit 2: Klassifikationsgenauigkeit angepasst an Potenzmengen
Die Berechnung der Klassifikationsgenauigkeit ist aufgrund der Potenz-
mengen anzupassen. S¨
amtliche Potenzmengen der Klasse werden nicht
als Klassifikationsfehler gewertet. Allerdings fallen hierbei Fehler des
Klassifizierers nicht auf, weshalb dieser Messwert nicht realit¨
atsnah ge-
nug ist.
M¨
oglichkeit 3: Keine Potenzmengenklassen (Variante 2)
Hierbei entstehen zwei Probleme. Zum einen gibt es f¨
ur jede Situation, in
der zwei Klassen gleichberechtigt sind, mehrere Trainingsbeispiele, was
unerw¨
unscht ist. Zum anderen gehen Informationen verloren. Stehen
insgesamt beispielsweise die Klassen a,bund czur Verf¨
ugung und es
wird die Potenzklasse (a, c) klassifiziert, enth¨
alt diese Potenzklasse die
zus¨
atzliche Information, dass in der aktuellen Situation zwischen aund c
Unentschlossenheit herrscht, aber die Klasse bnicht zu w¨
ahlenist.Diese
Information geht ohne die Verwendung von Potenzklassen verloren.
Im Weiteren soll M¨
oglichkeit 1 zur Bestimmung des Fehlers des Naive-Bayes-Klassifi-
zierers eingesetzt werden, da diese Klassifikationsgenauigkeit des Klassifizierers per de-
finitionem widerspiegelt.
Beispiel 5.9 Klassifikationsgenauigkeit
Sei ein Konfliktset aus den Operationen x,yund zgegeben. Weiterhin stehen zur Aus-
wahl aus diesen Operationen die Priorit¨
atsregeln a,bund czur Verf¨
ugung. Hierbei
51Siehe Abschnitt 3.2.
102
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
w¨
ahlen die Regeln aund bbeide die korrekte Operation xim Zustand s. Bei Potenz-
mengenklassen (Variante 3) wurde ein Beispiel in die Wissensbasis aufgenommen, das
die Regelmenge (a, b) als korrekte Klassifikation enth¨
alt. Falls das Verfahren als Klas-
sifikation f¨
ur diese Instanz aoder bseparat angibt, wird diese Klassifikation als Fehler
gewertet. Obwohl die Klassen aund bdieselbe Operation w¨
ahlen wie die Klasse (a, b),
ist nach der Definition des wahren Fehlers nur die Klassifikation der Potenzmengen-
klasse (a, b) korrekt. Des Weiteren werden in der Praxis die Klassifikationen (a, b, d)
und (a, b, e) meist dieselbe Operation w¨
ahlen.52 Eine solche Fehlklassifikation hat weni-
ger Auswirkungen als eine Fehlklassifikation, in der eine gegens¨
atzliche Priorit¨
atsregel
gew¨
ahlt wird. Da die Klassen jedoch nominal skaliert sind, sind derartige Fehlklassifi-
kationen nicht zu gewichten.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die erreichte Klassifikationsgenauigkeit, wie be-
schrieben, in einem starkem Zusammenhang mit dem Prozentsatz der richtig gew¨
ahlten
Operationen steht.53 Jedoch entspricht er diesem nicht direkt. Im Allgemeinen wird der
prozentuale Anteil von korrekten Auswahlentscheidungen im Konfliktset also h¨
oher sein
als die Klassifikationsgenauigkeit.
5.3.4. Entwicklung einer Trainingskomponente
Damit der Klassifizierer gute Entscheidungen treffen kann, sind nicht nur aussagekr¨
af-
tige Merkmale und Steuerungsregeln (Klassen), sondern auch gute Trainingsbeispiele
zwingend erforderlich. Da WbsGT die L¨
osungsg¨
ute des Trainingsverfahrens approxi-
miert, kann es bei korrekter Funktionsweise der Klassifizierer macht kaum Fehler
maximal so gute Ergebnisse erzielen wie das Trainingsverfahren.54 Nachfolgend werden
zwei Methoden zur Generierung von Trainingsdaten entwickelt. Hierbei wird zwischen
dem Training f¨
ur Job-Shops und Flexible-Flow-Shops unterschieden, da jeweils unter-
schiedliche Trainingsverfahren eingesetzt werden. Zun¨
achst wird das Training in Job-
Shops im Detail dargelegt, anschließend das Training in Flexible-Flow-Shops. Hierbei
wird nur auf die Unterschiede beim Trainingsverfahren eingegangen, da das grunds¨
atz-
liche Vorgehen dem in Job-Shops entspricht.
52Im Allgemeinen w¨
ahlen Klassifikationen, deren Priorit¨
atsregelmengen sehr ¨
ahnlich sind, h¨
aufig die
gleiche Operation.
53Siehe Abschnitt 2.2.3.1.
54Siehe Abschnitt 2.2.3.1. Dieses gilt f¨
ur optimierende Trainingsverfahren. Werden die Trainingsbeispiele
mit nicht-optimierenden Verfahren erzeugt und findet eine Vorauswahl der Trainingsdaten statt, dann
kann das Lernverfahren besser werden als der nicht-optimierende Trainier.
103
5. Konzeption
5.3.4.1. Training in Job-Shops
Das Erstellen von Trainingsbeispielen f¨
ur Job-Shops soll mittels eines Branch-and-
Bound-Algorithmus, der optimale L¨
osungen generiert, durchgef¨
uhrt werden.55 Die f¨
ur
den Algorithmus zur Verf¨
ugung stehende Berechnungszeit muss begrenzbar sein, so dass
der Algorithmus beispielsweise nach xMinuten terminierbar ist und das bis dahin beste
gefundene Ergebnis zur¨
uckgibt. Zum Training wird das initiale Scheduling-Problem au-
tomatisch ¨
uber eine Verteilung abge¨
andert und die so erzeugten Probleminstanzen vom
Trainingsalgorithmus gel¨
ost. F¨
ur die ¨
Anderung wird eine Normalverteilung56 eingesetzt,
damit die abge¨
anderten Probleme in der Grundstruktur gleich bleiben. Die Verteilungs-
funktion ver¨
andert die einzelnen Operationszeiten der Probleminstanz. Dabei wird ein
Mechanismus umgesetzt, der sicherstellt, dass zum einen Operationszeiten nicht ins
Negative ver¨
anderbar sind und zum anderen kleine Operationszeiten gering ge¨
andert
werden und große Operationszeiten viel. Damit bleibt der grundlegende Charakter
des Problems erhalten.
Beispiel 5.10 Ver¨
anderung der Operationszeiten zum Training
Eine Operation mit einem Bearbeitungsdauer von 7 Zeiteinheiten wird nicht um 300
Zeiteinheiten ver¨
andert, sondern in einem Rahmen von 5-15 Zeiteinheiten. Wohingegen
Operationen mit beispielsweise 732 Zeiteinheiten auch mit großen Werten abge¨
andert
werden. Kleine Abwandlungen w¨
urden hier zu einer nicht ausreichenden ¨
Anderung der
Probleminstanz f¨
uhren.
Die Initialisierung von WbsGT zum Training vollzieht sich folgendermaßen: Zu Be-
ginn wird ein beispielhaftes Scheduling-Problem (Scheduling-Probleminstanz) geladen,
von welchem anschließend mehrere Varianten erzeugt werden. Diese unterscheiden sich
vom initialen Problem durch die ver¨
anderten Bearbeitungszeiten der Operationen.57
Die Ver¨
anderungen des Problems werden wie dargestellt grunds¨
atzlich durch prozen-
tuale Ab¨
anderungen der urspr¨
unglichen Werte herbeigef¨
uhrt.58 Anschließend werden
mit dem Branch-and-Bound-Trainingsverfahren initiale Schedules berechnet.59 So kann
der initiale Schedule eine m¨
oglichst hohe L¨
osungsg¨
ute erreichen. Er bietet Trainingsin-
55Wie beschrieben sind hier auch anderen Trainingsverfahren denkbar.
56Anderen Verteilungsfunktionen wie die Exponentialverteilung oder die Weibullverteilung sind ebenfalls
denkbar.
57Ebenso sind z. B. durch Ver¨
anderungen der Jobanzahl auch Variationen der Problemgr¨
oße m¨
oglich.
58Mit den Parametern mean (μ), variance (σ) und delete (κ) sind die Problemvariationen kontrollier-
bar. Die Parameter μund σbilden Mittelwert und Varianz einer Normalverteilung, mittels welcher
die Operationszeiten des Problems prozentual angepasst werden. Der delete-Wert legt fest, welcher
prozentuale Anteil von Jobs in den variierten Problemen gel¨
oscht wird.
59Da diese Berechnung vor dem Einsatz des WbsGT-Verfahrens, d. h. vor dem Beginn des Fertigungs-
prozesses erfolgt, ist es m¨
oglich, dieses aufwendige Scheduling-Verfahren zu verwenden.
104
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
stanzen f¨
ur die Klassen der WbsGT-Konfiguration, mit denen dann der Naive-Bayes-
Klassifizierer in WbsGT trainiert wird. Die Klassifikationsgenauigkeit l¨
asst sich durch
zus¨
atzliche Trainingsinstanzen erh¨
ohen. Diese werden mittels der L¨
osung der Varianten
der initialen Probleminstanz erzeugt.
Weil die Trainingsphase (Phase I) von der Betriebsphase (Phase II) getrennt60 ist, gel-
ten f¨
ur den Aufbau der Wissensbasis nicht die f¨
ur die Betriebsphase charakteristischen
strengen Zeitbeschr¨
ankungen. Dennoch k¨
onnen aufgrund des exponentiell ansteigenden
Zeitbedarfs f¨
ur optimale L¨
osungen auch in der Trainingsphase ab einer bestimmten Gr¨
o-
ße Benchmark-Probleme nicht mehr optimal gel¨
ost werden. In derartigen F¨
allen wird
die beste in einer vorgegebenen Zeit gefundene L¨
osung des optimierenden Trainings-
verfahrens zur¨
uckgegeben oder die Trainingsdaten von einem heuristischen Verfahren
erzeugt.61
Nachdem die Referenzl¨
osungen erstellt sind, werden diese mit der Steuerungs- und der
Lernkomponente im Lernmodus durchlaufen. WbsGT bildet die Referenzl¨
osungen nach
und akquiriert dabei Trainingsbeispiele. Bei der WbsGT Ausf¨
uhrung ergeben sich Kon-
fliktmengen, aus denen eine Operation zu w¨
ahlen ist.62 Durch die Referenzl¨
osung ist die
optimale bzw. beste Auswahl aus der Konfliktmenge bekannt. F¨
ur die Wissensbasis wer-
den der ¨
uber die Merkmale abstrahierter Systemzustand und die Operationsauswahl der
Referenzl¨
osung betrachtet. Die Priorit¨
atsregeln, welche in diesem Systemzustand die-
selbe Operation ausw¨
ahlen wie in der Referenzl¨
osung, und der Zustand dieser wird
berechnet werden in der Lernkomponente (deren Wissensbasis) als Trainingsbeispie-
le abgelegt. Anschließend wird diese Operation fest in den Schedule eingeplant und
die n¨
achste Konfliktmenge aufgebaut. Abbildung 5.13 zeigt das Durchlaufen einer Bei-
spiell¨
osung. Da es hier im letzten Teilschritt zu keinem Konflikt kommt, wird auch
kein Trainingsbeispiel in der Wissensbasis abgelegt. Kann keine der Lernkomponente
zur Verf¨
ugung stehenden Priorit¨
atsregeln die Operation der Referenzl¨
osung ausw¨
ah-
len, wird ebenfalls kein Trainingsbeispiel abgelegt, die Operation eingeplant und das
Verfahren fortgef¨
uhrt.
5.3.4.2. Training in Flexible-Flow-Shops
Da das Scheduling in Flexible-Flow-Shops noch komplexer ist als in Job-Shops, erfor-
dert die Generierung von Trainingsl¨
osungen mit optimierenden Verfahren mehr Zeit.
60Siehe Abschnitt 5.1.
61Eine zus¨
atzliche, von einem lokalen Suchverfahren optimierte L¨
osung kann ebenfalls in Betracht gezogen
werden. WbsGT bietet hierf¨
ur die M¨
oglichkeit einer Verbesserung mit einer Nachbarschaftssuche.
62Siehe Abschnitt 5.2.
105
5. Konzeption
Zustand sSPT & MWR
Zustand s LPT
M1
M2
0t
M1
M2
0t
o1,2
M1
M2
0t
o1,2
o2,1
M1
M2
0t
o1,2
o1,1
o2,1
o2,2
Abbildung 5.13.: Training der Lernkomponente
Hierbei kann selbst die zur Verf¨
ugung stehende Zeit vor dem Beginn des Fertigungspro-
zesses nicht ausreichend sein, um gen¨
ugend Trainingsbeispiele zu generieren. Zus¨
atzlich
k¨
onnte beispielsweise durch das optimierende L¨
osen der einzelnen Stufen der Gesamt-
zusammenhang des Fertigungssystems verloren gehen bzw. w¨
urde nicht genau genug
abgebildet. Aus diesem Grund soll f¨
ur das Training in Flexible-Flow-Shops auf ein nicht
optimierendes Trainingsverfahren (Ablaufsimulation) zur¨
uck gegriffen werden. Hiermit
kann zus¨
atzlich die Qualit¨
at des dezentralen Einsatzes von WbsGT unter weitgehend
realistischen Voraussetzungen durch Simulation evaluiert werden. F¨
ur beide Aufgaben
soll ein einheitliches Simulationssystem verwendet werden. Sehr gut geeignet f¨
ur diese
Zwecke ist der Ablaufsimulator d3FACT insight63, da dieser in der Lage ist, in kurz-
er Zeit, eine Vielzahl von alternativen Zufallsl¨
osungen zu generieren und ohne großen
Aufwand f¨
ur das vorliegende Problem angepasst werden kann.
63Beim Ablaufsimulator d3FACT insight handelt es sich um eine in der Programmiersprache Java reali-
sierte, ereignisbasierte Modellierungs- und Simulationsumgebung, die sich durch eine modulare Struk-
tur auszeichnet. d3FACT insight besteht aus einer Komponente zur zweidimensionalen Modellierung,
einem Simulatorkern und einer zweidimensionalen sowie einer dreidimensionalen Visualisierungskom-
ponente. Um die im Rahmen dieser Arbeit an das Simulationssystem gestellten Anforderungen zu
erf¨
ullen, braucht lediglich das Kernelmodul von d3FACT insight eingesetzt zu werden. Es dient in die-
sem Zusammenhang als diskreter, ereignisgesteuerter Simulator der Material߬
usse. Zur Beschreibung
der Fertigungsumgebung wird in der Kernelkomponente eine Datei im Format der Auszeichnungsspra-
che XML (Eextensible Markup Language) verwendet. Darin sind die in der Umgebung vorhandenen
Arbeitssysteme mit ihrer Gruppierung zu Fertigungsstufen und ihre Beziehungen zueinander zu be-
schreiben. Zudem sind mit Hilfe der XML-Datei und darin enthaltenen Java-Quellcode-Fragmenten die
in der Umgebung zu fertigenden Auftr¨
age zu definieren. Konkret wird in der Datei h¨
aufig festgelegt,
dass die Art der Auftr¨
age aus einer weiteren Datei einzulesen ist (vgl. Laroque, 2007).
106
5.3. Entwicklung der Lernkomponente
Das Training in Flexible-Flow-Shop-Umgebungen funktioniert bis auf zwei Abwandlun-
gen genauso wie in Job-Shop-Umgebungen. Zum einen wird bei dem Zwei-Klassifizierer-
System in Konfliktsituationen neben den Trainingsbeispielen f¨
ur die Auswahl eines Auf-
trags zus¨
atzlich ein Trainingsbeispiel f¨
ur die Auswahl der Maschinen abgelegt. Im Fall
des Ein-Klassifizierer-Systems entf¨
allt das Trainingsbeispiel f¨
ur die Maschinenauswahl.
Zum anderen ist eine Auswahl aus den Beispiell¨
osungen zu treffen, bevor diese WbsGT
f¨
ur den Aufbau der Wissensbasis ¨
ubergeben werden. Da bei der zuf¨
alligen L¨
osung einer
Probleminstanz durch einen Ablaufsimulator zuf¨
allige L¨
osungen generiert werden, ist
die Trainingsmenge auf die guten Ergebnisse zu beschr¨
anken. Hierbei wird ¨
uber einen
Parameter gesteuert, welcher prozentuale Anteil der gesamten Beispiell¨
osungen f¨
ur das
Training verwendet werden soll.64
Im Gegensatz zu Job-Shops werden in Flexible-Flow-Shops mehrere WbsGT-Instanzen
ben¨
otigt, d. h.WbsGT wird auf jeder Fertigungsstufe eingesetzt. Dabei sind zwei M¨
og-
lichkeiten zu unterscheiden. Zum einen kann ein globaler Klassifizierer trainiert werden
und von diesem werden Instanziierungen auf den jeweiligen Stufen eingesetzt. Zum
anderenkannf
¨
ur jede Stufe ein eigener Klassifizierer trainiert werden. Bei der ersten
M¨
oglichkeit werden zwar die Eigenschaften des gesamten Systems ber¨
ucksichtigt, jedoch
nicht die Eigenheiten der einzelnen Stufen. Dies f¨
uhrt insbesondere zu Problemen, wenn
die Stufen unterschiedlich sind, d. h. unterschiedliche Maschinenzahl auf den Stufen etc.
Der Klassifizierer m¨
usste sehr generalisiert sein, damit er auf jeder Stufe eingesetzt wer-
den kann. Aus diesem Grund wird die Variante mit einem eigenen Klassifizierer f¨
ur jede
Stufe angewendet. Hierbei werden die inh¨
arenten Eigenschaften der jeweiligen Stufe be-
r¨
ucksichtigt und globale Systemeigenschaften lassen sich ¨
uber Merkmale abbilden.65
5.3.4.3. Adaption des Klassifizierers
Weil Fertigungssystemen eine große Dynamik inh¨
arent ist, muss WbsGT w¨
ahrend des
Einsatzes im Produktionsprozess fortw¨
ahrend adaptiert werden. W¨
ahrend Auftr¨
age auf
Basis einer vorhergehenden Planung abgearbeitet werden, sind bereits neue Auftr¨
age
anzunehmen und einzuplanen. Diese Dynamik wird von WbsGT bislang nicht vollst¨
an-
dig abgebildet. Der Trainingsprozess ist nach dem initialen Training abgeschlossen und
wird w¨
ahrend der Anwendung nicht fortgef¨
uhrt. Das Verfahren wird nicht adaptiert.
Nachfolgend wird ein Konzept zur Adaption des Verfahrens entwickelt.
64Anstelle der x%bestenL
¨
osungen als Auswahlkriterium f¨
ur die Trainingsmenge, ist beispielsweise auch
ein Parameter denkbar, der die Auswahl der Trainingsbeispiele als prozentualen Bereich um die beste
L¨
osung aller Beispiele beschreibt.
65Siehe Abschnitt 5.3.2.
107
5. Konzeption
Die grunds¨
atzliche Annahme ist, dass aus dem schon bekannten Teil des Problems,
Schl¨
usse auf das Gesamtproblem gezogen werden k¨
onnen. Daher kann mittels der Ad-
aption eine Verbesserung des Verfahrens erreicht werden. Wenn ein Teil des Problems
bekannt ist, kann WbsGT st¨
arker auf dieses spezielle Problem angepasst werden. Zur
Adaption m¨
ussen Eigenschaften des Schedules gefunden werden, die von dem bereits
gel¨
osten Teil bedingt werden bzw. die ¨
uber die gesamte L¨
osung stabil bleiben. Werden
Eigenschaften zu Beginn der L¨
osung beobachtet, sind diese f¨
ur den Rest des Problems
vorhersagbar und WbsGT kann entsprechend anpasst werden. Es werden zwei Arten
der Adaption, die auf unterschiedlichen Eigenschaften beruhen, behandelt:
Die Anpassung der Wissensbasis w¨
ahrend der Laufzeit mit neuen Trainingsbei-
spielen aus dem schon gel¨
osten Teil des Problems.
Die Auswahl eines guten Priorit¨
atsregelsatzes auf Grundlage der L¨
osungsg¨
ute der
Regels¨
atze bei dem schon gel¨
osten Teil des Problems.
Adaption der Wissensbasis
Bei der Adaptionsmethode zur Anpassung der vorhandenen Wissensbasis wird das
Scheduling-Problem mit WbsGT gel¨
ost. Parallel zur Abarbeitung des entwickelten
Schedules wird in einer R¨
uckschau auf bereits abgearbeitete Teile des Problems eine
zeitoptimale Trainingsl¨
osung erstellt.66 Die Konfliktaufl¨
osungen dieser Trainingsl¨
osung
werden als zus¨
atzliche Beispiele in die Wissensbasis eingef¨
ugt und k¨
onnen damit zu-
k¨
unftige Entscheidungen des Klassifizierers beeinflussen. Die hierbei zugrunde liegende
Hypothese lautet: Gute Konfliktaufl¨
osungen einer Probleminstanz korrelieren st¨
arker
mit denen von anderen Teilen der Probleminstanz als gute Konfliktaufl¨
osungen von
verschiedenen Problemen (wie beim Training). Es ist also davon auszugehen, dass die
¨
Ahnlichkeit von verschiedenen Teilen eines einzelnen Problems wie beim praktischen
Verfahrenseinsatz ¨
ublich zueinander h¨
oher ist als die ¨
Ahnlichkeit von Scheduling-
Problemen generell. Die speziell auf das zu l¨
osende Problem abgestimmte Wissensbasis
kommt automatisch zum Einsatz, wenn durch Ver¨
anderungen im Fertigungssystem eine
Aktualisierung der bestehenden Planung mit WbsGT notwendig wird. Zus¨
atzlich kann
die Wissensbasis bei großen Problemstellungen genutzt werden, um die Planung f¨
ur
den noch nicht bearbeiteten Teil des Schedules zu optimieren. Demzufolge k¨
onnen Bei-
spiele f¨
ur optimale Konfliktaufl¨
osungen des bisher bekannten oder noch ausstehenden
Teilproblems die Wissensbasis positiv beeinflussen. Durch die Abstimmung der Wis-
sensbasis auf das zu bearbeitende Problem wird die Entfernung der Wissensbasis von
66Als zeitoptimal werden die nach dem Abbruch des Trainingsverfahrens bisher besten L¨
osungen be-
zeichnet.
108
5.4. R¨
uckkopplung in die simulative Trainingskomponente
denzul
¨
osenden Problemen effektiv verhindert. Ver¨
andern sich das Fertigungssystem
oder die Charakteristik der Auftr¨
age im Laufe der Zeit, wird die Wissensbasis durch die
st¨
andigen Aktualisierungen mit neuen Beispielen immer an die ver¨
anderten exogenen
Bedingungen angepasst.67
Adaption der Potenzmenge
Bei der Auswahl der geeigneten Potenzregelmenge lautet die zugrunde liegende Hy-
pothese: Die Struktur eines Scheduling-Problems ist insoweit konsistent, als dass ein
Priorit¨
atsregelsatz welcher f¨
ur einen (fr¨
uheren) Teil des Problems gut geeignet ist, mit
hoher Wahrscheinlichkeit auch f¨
ur das gesamte Problem gut geeignet ist. Dies entspricht
den in Abschnitt 3.1.2 dargelegten Aussagen ¨
uber die grunds¨
atzlich gute Eignung von
einzelnen Priorit¨
atsregeln. In diesem Fall kann in einer R¨
uckschau f¨
ur den bereits ge-
l¨
osten Teil des Problems der optimale Priorit¨
atsregelsatz bestimmt werden, um diesen
f¨
ur die weitere Bearbeitung des Problems zu priorisieren.
5.4. R¨
uckkopplung in die simulative
Trainingskomponente
Nachfolgend wird das Konzept zur Integration des entwickelten WbsGT-Verfahrens
in einen Ablaufsimulator (hier d3FACT insight) dargelegt, um diesen mit WbsGT zu
erweitern. Dabei stellt 5.4.1 die eigentliche Integration von WbsGT in den Simulator
vor. Das Konzept zur simulativen Informationserweiterung in Konfliktsituationen wird
abschließend erl¨
autert.
5.4.1. Integration als Steuerung in die Ablaufsimulation
WbsGT wird als Steuerungsmodul in d3FACT insight68 verwendet. Durch die Funkti-
on als Steuerungsmodul im Ablaufsimulator wird dieser um eine bisher nicht vorhan-
dene Funktionalit¨
at erweitert. WbsGT erm¨
oglicht der Ablaufsimulation, qualifizierte
Ablaufplanungs- und Steuerungsentscheidungen zu treffen und nicht nur generelle Sze-
narien zu entdecken. Damit wird die bisher zuf¨
allige Anwendung von Auswahlregeln zur
67Das L¨
oschen von schlechten bzw. veralteten Trainingsbeispielen aus der Wissensbasis ist ebenfalls
denkbar.
68Hierbei dient der Ablaufsimulator d3FACT insight als Beispielumgebung, da dieser bereits f¨
ur das
Training in Flexible-Flow-Shops eingesetzt wird. Das WbsGT-Verfahren ist grunds¨
atzlich auch in
andere Ablaufsimulatoren integrierbar.
109
5. Konzeption
Steuerung des Fertigungssystems ¨
uberwunden. Hierzu wird in jedem Steuerungspunkt
des Fertigungssystems eine Instanz des WbsGT-Verfahrens integriert. Hierbei sind mit
der Simulation Fertigungssysteme realit¨
atsnah nachbildbar, womit beispielsweise Ma-
schinenausf¨
alle vor dem realen Einsatz untersucht werden k¨
onnen, um etwaige L¨
osungen
zu trainieren. Kommt es jetzt zu entscheidungsrelevanten Situationen, wird die Regel
zur Steuerung des Materialflusses, d. h. der Bearbeitungsreihenfolge direkt von Wbs-
GT ausgew¨
ahlt. Dabei k¨
onnen s¨
amtliche Entscheidungen direkt abgearbeitet werden,
wodurch ein Ablaufplan entsteht, der von der Simulation durchgef¨
uhrt wird. Kommt es
zu neuen Ereignissen, ist der alte Plan zu verwerfen und neue Entscheidungen werden
getroffen.
Da WbsGT als lokale Steuerungsmethode in den Ablaufsimulator integriert wird, bei-
spielsweise vor jeder Fertigungsstufe eines Flexible-Flow-Shops zur Verteilung der Ar-
beitsauftr¨
age, kommt es zu lokal betrachtet guten Entscheidungen. Vom globalen Stand-
punkt aus gesehen, k¨
onnen dieses jedoch schlechte Entscheidungen sein. Dieser Aspekt
ist der Komplexit¨
at der Fertigungssysteme sowie der zeitkritischen Entscheidungen zu-
zuschreiben. Allerdings kann den Entscheidungen ¨
uber die situationsbeschreibenden
Merkmale ein globaler Charakter gegeben werden.69 Ist beispielsweise auf der Stufe st
eine Entscheidung zu treffen und existieren Merkmale, welche die Materialverf¨
ugbarkeit
auf der Stufe st + 1 beschreiben, k¨
onnen schlechte Entscheidungen verhindert werden.
Genau dann, wenn die eigentlich beste Entscheidung auf Stufe st Auftrag A w¨
are, je-
doch f¨
ur diesen Auftrag auf der n¨
achsten Bearbeitungsstufe Materialen fehlen. Diese
Ber¨
ucksichtigung des technologischen Vor- und Nachbereichs einer Entscheidungssitua-
tion ¨
uber Merkmale kann in der Simulation detailliert (realit¨
atsnah) untersucht werden.
Dabei werden in der aktuellen Auspr¨
agung der WbsGT-Steuerungskomponente die be-
kannten Auftr¨
age auf einer, der aktuellen Fertigungsstufe vorgelagerten Stufe mit in die
Steuerungsentscheidung einbezogen. Eine derartige Vorschau kann der technologischen
Blickrichtung zugeordnet werden. Das bedeutet zum Entscheidungszeitpunkt t0k¨
onnen
alle Informationen ber¨
ucksichtigt werden, die sicher sind. Hierunter fallen genau die
Auftr¨
age, die auf den vorgelagerten Stufen bereits in Bearbeitung sind und f¨
ur welche
der Fertigstellungstermin, der Bereitstellungstermin auf der aktuellen Stufe, bekannt
ist. Kommt es hierbei nach der getroffenen Entscheidung zu St¨
orungen auf der vorge-
lagerten Stufe, wird der aktuelle von der Simulation abgearbeitete Plan verworfen und
ein neuer generiert. Alternativ ist es m¨
oglich, dass kein Plan generiert wird, sondern mit
der WbsGT-Steuerungskomponete jeweils nur einzelne Entscheidungen zur Steuerung
getroffen werden.
69Siehe Abschnitt 5.3.2.
110
5.4. R¨
uckkopplung in die simulative Trainingskomponente
5.4.2. Informationserweiterung mittels Ablaufsimulation
Um in Konfliktsituationen weitere Informationen f¨
ur WbsGT zur Entscheidung zu
generieren, ist mittels der Ablaufsimulation in einem gewissen zeitlichen Rahmen ei-
ne Vorschau durchf¨
uhrbar. Dabei beschreibt der zeitliche Rahmen, d. h. die L¨
ange der
zeitlichen Vorschau, eine wichtige Gr¨
oße. Wie beschrieben, k¨
onnen zum Entscheidungs-
zeitpunkt t0beispielsweise die Informationen ¨
uber schon in Bearbeitung befindliche
Auftr¨
age auf den direkten Vor- bzw. Nachfolgestufen mit ber¨
ucksichtigt werden. Auf-
tr¨
age, f¨
ur die noch nicht entschieden ist, auf welcher Maschine sie bearbeitet werden,
sind bei dieser Betrachtung nicht zu ber¨
ucksichtigen. Hierbei ist jetzt der Ablaufsimu-
lator als Werkzeug zur Informationserweiterung zur zeitlichen Vorschau einsetzbar.
Stufe 2 Stufe 3
QM2,1
M1,1
M3,1
P2 M2,2
M1,2
M3,2
P3 M2,3
M1,3
M3,3
S
Abbildung 5.14.: Schematische Darstellung einer Flexible-Flow-Shop-Umgebung
Abbildung 5.14 zeigt eine beispielhafte Flexible-Flow-Shop-Umgebung bestehend aus
drei Stufen mit jeweils drei parallelen unverwandten Maschinen. Ist auf der dritten Stufe
im Puffer P3 zum Zeitpunkt t0eine Entscheidung zu treffen, kann mittels Simulation
eine Vorschau durchgef¨
uhrt werden. Damit ist zu eruieren, von welcher der Maschinen
(M1,2;M2,2oder M3,2) die in Stufe 2 noch im Puffer P2 befindlichen Auftr¨
age nach dem
Zeitpunkt t0bearbeitet werden. Da die Maschinen unverwandt sind, ergibt sich erst
aus der konkreten Zuordnung eines Auftrags zu einer Maschine die Fertigstellungszeit
des Auftrags auf Stufe 2 und damit die Bereitstellungszeit auf Stufe 3. Gleiches gilt
f¨
ur uniforme Maschinen. Diese Informationen k¨
onnen dann in die Entscheidung der
WbsGT-Instanz in P3 einfließen. Somit sind beispielsweise f¨
ur einen Eilauftrag, der
zwar auf Stufe 2 vorhanden, aber noch nicht in Bearbeitung ist, bereits Kapazit¨
aten
auf der aktuellen Stufe 3 freizuhalten. Es werden passende Entscheidungen bei der
Zuordnung von Auftr¨
agen und Maschinen auf der dritten Stufe getroffen.
Es sind bei einer derartigen Vorschau gewisse Aspekte zu beachten. So entstehen mit
zunehmender zeitlicher und technologischer Entfernung von der aktuellen Entschei-
111
5. Konzeption
dungsposition (hier z. B. Stufe 3) immer gr¨
oßere Unsicherheiten. Informationen ¨
uber
den direkten Vorg¨
angen und Nachfolger sind noch als einigermaßen sicher einzustu-
fen, da hier die Anzahl von m¨
oglichen Alternativen und Folgeentscheidungen gering
ist. Die Informationen von weiter entfernten Stufen hingegen, werden mit zunehmender
Entfernung immer unsicherer. Auftr¨
age von Stufe 1 m¨
ussen noch Stufe 2 durchlaufen
bevor sie von Stufe 3 zu bearbeiten sind. Entscheidungen f¨
uhren demgem¨
zu Folge-
entscheidungen. Damit werden die Unsicherheiten der Stufen 1 und 2 verkn¨
upft, was
zu sehr unsicheren Information ¨
uber die vorgelagerte Stufe 1 bei Entscheidungen auf
der dritten Stufe f¨
uhrt. Von der Ausgangssituation einer Entscheidung kann ein Baum
der Folgeentscheidungen aufgebaut werden. Dieser wird aufgrund der m¨
oglichen alter-
nativen Entscheidungen sehr schnell tief und breit. Aus diesem Grund m¨
ussen bei der
Informationserweiterung von Entscheidungen mittels Ablaufsimulation Grenzen festge-
legt werden, mit denen ein Rahmen noch signifikanter Information erstellt wird. Der
Baum von Alternativen ist zu beschneiden. Nur damit kann die Simulation eingesetzt
werden, ohne den Entscheidungsprozess zu verlangsamen oder das Fertigungssystem zu
blockieren. Insgesamt kann bei einer Entscheidung im laufenden Fertigungsprozess also
nur ein kleiner Vorschauhorizont simulativ betrachtet werden.70
70(Mahajan, 2007) definiert diesen Horizont beispielsweise ¨
uber die mittlere Rechenzeit des von ihm
entwickelten Verfahrens.
112
6. Evaluierung
Innerhalb des folgenden Kapitels wird das entwickelte L¨
osungsverfahren WbsGT eva-
luiert, um dessen Zweckm¨
aßigkeit darzulegen. Hierzu werden die in den einzelnen Expe-
rimenten zu Job-Shops und Flexible-Flow-Shops erreichten Ergebnisse aufgezeigt und
die generelle Funktionsf¨
ahigkeit der Lernkomponente dargelegt. Anschließend wird die
Leistung des entwickelten Verfahrens mit optimierender Trainingsmethode in Job-Shop
erl¨
autert. Die Ergebnisse der Simulationsintegration und der simulativen Trainingsme-
thode bei dezentralem Verfahrenseinsatz in Flexible-Flow-Shops beenden das Kapitel.
6.1. Evaluierungsaufbau
Zur Evaluierung wurde WbsGT mit verschiedenen Verfahren verglichen. Dazu wurden
als externe Methoden zur Generierung von Vergleichsl¨
osungen in Job-Shops die in der
Library of Scheduling Algorithms (LiSA) umgesetzten Branch-and-Bound- und Shifting-
Bottleneck-Verfahren verwendet.1Hier ist die zur Verf¨
ugung stehende Rechenzeit f¨
ur die
Verfahren begrenzbar. Die simulativen Trainingsbeispiele f¨
ur Flexible-Flow-Shops wur-
den mit dem Ablaufsimulator d3FACT insight2generiert, der ebenfalls als Vergleichsver-
fahren eingesetzt wurde. Als Bibliothek f¨
ur den verwendeten Naive-Bayes-Klassifizierer
wurde Weka verwendet.3Im Einzelnen wird das entwickelte WbsGT-Verfahren anhand
der nachfolgend aufgef¨
uhrten Punkte evaluiert.
1Vgl. (Br¨
asel et al., 2003). Insgesamt stehen in der Scheduling-Umgebung LiSA zwei Branch-and-Bound-
Implementierungen zur Verf¨
ugung. F¨
ur das Training in Job-Shops kam das Verfahren nach Brucker
et al. zum Einsatz (vgl. Brucker et al., 1994). F¨
ur das Shifting-Bottleneck-Verfahren ist in LiSA die
Version von (Adams et al., 1988) umgesetzt.
2Vgl. (Laroque, 2007).
3Vgl. (Witten und Frank, 2005).
113
6. Evaluierung
6.1.1. L¨
osungsgeschwindigkeit
Die Ablaufplanung und -steuerung dient dazu, die Kosten einer Produktion zu senken.4
Je schneller die Fertigung durchgef¨
uhrt werden kann, desto eher steht das Fertigungs-
system wieder zur Verf¨
ugung. Von Bedeutung f¨
ur den Einsatz des Verfahrens in der
zeitkritischen Ablaufplanung und -steuerung der Produktionsprozesse ist die L¨
osungs-
geschwindigkeit, die erforderliche Rechenzeit des Verfahrens bis zur Generierung einer
L¨
osung.5
6.1.2. L¨
osungsapproximation
Die Annahmen, WbsGT ist in der Lage, andere L¨
osungsverfahren Trainingsverfah-
ren zu approximieren, ist zu evaluieren. Aus diesem Grund sind hierzu die folgenden
Experimente durchzuf¨
uhren:
Experiment 1: Allwissender Klassifizierer
Bei dem Experiment mit dem allwissenden Klassifizierer wird unter-
sucht, was f¨
ur L¨
osungen mit WbsGT m¨
oglich sind, wenn der Klassifi-
zierer keine Fehler macht.
Experiment 2: Klassifikationsgenauigkeit
Bei dem Experiment zur Klassifikationsgenauigkeit wird untersucht, wie
sich die Klassifikationsgenauigkeit des in WbsGT eingesetzten Klassi-
fizierers bei Benchmark-Problemen6verh¨
alt.
Experiment 3: Makespan
Das Experiment zur Untersuchung des Makespans widmet sich dem
Vergleich mit anderen L¨
osungsverfahren. Ziel ist die Evaluierung, wie
die WbsGT-L¨
osungsg¨
ute mit seinen unterschiedlichen Konfigurationen,
d. h. mit verschiedenen Priorit¨
atsregels¨
atzen bei der L¨
osung von Bench-
mark-Problemen, gegen¨
uber den Vergleichsverfahren ist.
4Siehe Abschnitt 2.2.2.3.
5Allerdings verursacht die Ablaufplanung und -steuerung zun¨
achst selbst Kosten, die es zu beurteilen
gilt, um dessen Einsatz abzuw¨
agen. Hierbei zu ber¨
ucksichtigende Faktoren sind beispielsweise die In-
stallation von Sensorik, um den Zustand des Systems zu messen, als auch Mechanismen, welche die
Produktion f¨
ur die Ausf¨
uhrung eines neuen Schedules umstellen. Derartige Aspekte werden hier jedoch
nicht mit ber¨
ucksichtigt, da sie im gewissen Maße unabh¨
angig vom eigentlichen Steuerungsverfahren
sind.
6Benchmark- und Scheduling-Problem werden synonym verwendet.
114
6.1. Evaluierungsaufbau
6.1.3. Simulatives Training
Bei der Evaluierung des simulativen Trainings wird nicht mit einem optimierenden
Verfahren trainiert, sondern mit einem Ablaufsimulator. Hierbei sind die Trainingsbei-
spiele in der Regel nicht optimal, sondern basieren auf zuf¨
alligen Entscheidungen. Die
zugrundeliegende Hypothese hierbei lautet: WbsGT f¨
uhrt zu besseren L¨
osungen als
die einfache Anwendung der immer gleichen Auswahlregeln oder des simulativen Trai-
ningsverfahrens bei zuf¨
alliger Regelauswahl. Letztere Aussage steht auf den ersten Blick
der allgemeinen Hypothese, dass das WbsGT-Verfahren nicht zu besseren Ergebnissen
f¨
uhren kann als das Trainingsverfahren, entgegen. Jedoch bezieht sich diese Aussage auf
Methoden, mit denen immer gleiche L¨
osungsg¨
uten erzielt werden. Vom Ablaufsimulator
werden hingegen zuf¨
allige L¨
osungen bei der mehrmaligen L¨
osung derselben Problemin-
stanz generiert. Aus diesem Grund sind bei der Anwendung der Simulation mit WbsGT
als Steuerungsmodul bessere L¨
osungen im Sinne der Zielfunktion zu erwarten als vom
simulativen Trainer.
6.1.4. Trainingsmenge
Der im WbsGT-Verfahren eingesetzte Klassifizierer verwendet Wissen, welches das Ver-
fahren aus Beispiell¨
osungen f¨
ur eine Probleminstanz gewinnt. Ziel dieses Experiment ist
die Untersuchung der eingesetzten Trainingsbeispiele.7Dabeiistzumeinenzuunter-
suchen, welche L¨
osungsg¨
uten in Abh¨
angigkeit der Gr¨
oße der Trainingsmenge erreicht
werden. Zum anderen soll untersucht werden, ob bei steigender Anzahl der Simulati-
onsdurchl¨
aufe und gleichzeitig steigendem Faktor zur Generierung der Trainingsmenge
(damit bessere Beispiele in der Trainingsmenge) bessere Ergebnisse erzielbar sind. Der
erste Punkt betrachtet die grunds¨
atzliche Gr¨
oße der Trainingsmenge, der zweite die
Qualit¨
at der Trainingsbeispiele.
7Hierzu wird das Zwei-Klassifizierer-System mit simulativem Training verwendet.
115
6. Evaluierung
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in
Job-Shops
6.2.1. Benchmark: L¨
osungsgeschwindigkeit
Wie beschrieben, ist die erforderliche Rechenzeit (L¨
osungsgeschwindigkeit) zur L¨
osungs-
findung ein wichtiges Kriterium f¨
ur den Einsatz eines Verfahrens zur Ablaufplanung
und -steuerung in zeitkritischen Fertigungsumgebungen.8Eine beispielhafte ¨
Ubersicht
der durchschnittlichen Rechenzeiten einzelner L¨
osungsverfahren gibt Tabelle 6.1.
Initiales Problem Branch-and-Bound Shifting-Bottleneck WbsGT
FT06 (6 ×6) <1Sek. <1Sek. <1Sek.
FT10 (10 ×10) <3Sek. <1Sek. <1Sek.
LA21 (15 ×10) ca. 20 Min. ca. 70 Sek. <1Sek.
LA26 (20 ×10) >60 Min. ca. 10 Min. <1Sek.
LA27 (20 ×10) >60 Min. ca. 15 Min. <1Sek.
SWV01 (20 ×10) >60 Min. ca. 21 Min. <1Sek.
Tabelle 6.1.: Durchschnittliche Rechenzeiten der L¨
osungsverfahren9
F¨
ur die Probleminstanzen FT6 und FT10 sind alle aufgelisteten Scheduling-Verfahren
geeignet. Bei dieser Gr¨
oße der Probleminstanzen sollte ein Branch-and-Bound-Algorith-
mus eingesetzt werden, da dieser die optimale L¨
osung liefert. Das WbsGT-Verfahren
ist hier im Nachteil, da es zus¨
atzlichen Aufwand f¨
ur das Training ben¨
otigt. Die Instanz
LA21 hat eine weit gr¨
oßere Komplexit¨
at und der Rechenaufwand eines Branch-and-
Bound-Verfahrens ist zu hoch f¨
ur die knappen Zeitbeschr¨
ankungen. Hier ist WbsGT
mit seiner geringen Rechenzeit geeigneter. Der zus¨
atzliche Aufwand des Trainings wird
vor die Produktion verlagert. Gleiches gilt f¨
ur die Instanzen LA26, LA27 und SWV01,
wo auch das Shifting-Bottleneck-Verfahren lange Berechnungszeiten erfordert und das
Branch-and-Bound-Verfahren innerhalb einer Stunde keine optimale L¨
osung findet.
6.2.2. Benchmark: L¨
osungsapproximation
Nachfolgend werden die drei Experimente allwissender Klassifizierer,Klassifikationsge-
nauigkeit und Makespan zur L¨
osungsapproximation dargelegt. Dabei wird das Expe-
8Siehe Abschnitt 2.2.2.
9Zur ausf¨
uhrlichen Darstellung der Benchmark-Probleme FT10, LA21, LA26, LA27 und SWV01 siehe
Anhang A.3. F¨
ur das FT06-Problem siehe Tabelle 6.2.
116
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
riment zum Makespan exemplarisch an verschiedenen Benchmark-Problemen durchge-
f¨
uhrt.
Benchmark: Allwissender Klassifizierer
Einen Test im Hinblick auf die grunds¨
atzliche WbsGT-L¨
osungsqualit¨
at liefert das Ex-
periment mit dem so genannten allwissenden Klassifizierer.10 Es gilt die Hypothese zu
evaluieren, dass eine hohe Klassifikationsgenauigkeit bei der Auswahl der Alternativen
aus der Konfliktmenge zu einem guten Ergebnis f¨
uhrt.11 Das bedeutet: G¨
abeeseinen
genauen Klassifizierer f¨
ur WbsGT,w
¨
are seine L¨
osungsg¨
ute hoch. Hier stellt sich jetzt
die Frage, ob ein Klassifizierer wirklich die G¨
ute des erstellten Schedules anhebt, wenn
er in den meisten Konflikten die korrekte Priorit¨
atsregel klassifiziert, welche auch die
Operation w¨
ahlen kann, die ein optimales Verfahren als n¨
achstes einplanen w¨
urde. Der
Zusammenhang zwischen Klassifikationsgenauigkeit und G¨
ute eines Schedules ist auf
Korrelationen zu untersuchen. Diese Untersuchung soll im Folgenden exemplarisch an
einem Job-Shop-Problem durchgef¨
uhrt werden. Dabei kommen keine Situationsmerk-
male zum Einsatz, da diese das Ergebnis verf¨
alschen w¨
urden. Ziel dieses Experiments ist
es weiterhin, die erreichbare L¨
osungsg¨
ute einer Regelmenge in Abh¨
angigkeit der Klas-
sifikationsgenauigkeit zu untersuchen. Da es schwierig ist, einen Klassifizierer mit einer
konkreten Klassifikationsgenauigkeit zu erstellen, wird in jedem Konflikt die optimale
Alternative berechnet. Damit kennt der Klassifizierer zu jedem Zeitpunkt die korrekte
Entscheidung; die als n¨
achstes auszuw¨
ahlende Operation. Diese wird von einer der zur
Verf¨
ugung stehenden Priorit¨
atsregeln mit einer Wahrscheinlichkeit ausgew¨
ahlt, die der
gew¨
unschten Klassifikationsgenauigkeit entspricht. Kann keine der vorhandenen Priori-
t¨
atsregeln die optimale Operation ausw¨
ahlen, wird per Zufall mit einer der verwendeten
Priorit¨
atsregeln ausgew¨
ahlt. Die Berechnung einer optimalen Alternative in einem Kon-
flikt erfolgt durch die Anwendung eines optimalen Scheduling-Verfahrens, hier dem Trai-
ningsverfahren.12 Aus einem optimalen Schedule f¨
ur eine Scheduling-Probleminstanz er-
gibt sich die optimale Au߬
osung aller Konflikte. Diese besteht darin, die Operationen in
10Bei dem allwissenden Klassifizierer kann die Klassifikationsgenauigkeit vorgegeben werden. F¨
ur das Ex-
periment wurde diese Genauigkeit sukzessive in 5 Prozent Schritten die Schrittgr¨
oße ist frei w¨
ahlbar
von 0 auf 100 Prozent erh¨
oht. Von g¨
anzlichen Zufallsentscheidungen des Klassifizierer, der Klassifizierer
w¨
ahlt zuf¨
allig eine der zur Verf¨
ugung stehenden Priorit¨
atsregeln, bis hin zur korrekten Klassifikation.
Wird eine korrekte Klassifikation der Priorit¨
atsregeln gew¨
unscht, kann es dennoch vorkommen, dass
mit den zur Verf¨
ugung stehenden Regeln die Auswahl der korrekten Operation aus der Konfliktmenge
unm¨
oglich ist. In derartigen F¨
allen w¨
ahlt der allwissende Klassifizierer ebenfalls zuf¨
allig aus der Menge
der zur Verf¨
ugung stehenden Regeln.
11Siehe Abschnitt 2.2.3.1.
12Hierzu wird die allgemeine Implementierung des in LiSA umgesetzten Branch-and-Bound-Algorithmus
verwendet, da dieser Bereitstellungszeiten (ri)unterst
¨
utzt (vgl. Br¨
asel et al., 2003).
117
6. Evaluierung
der Reihenfolge wie in dem optimalen Schedule einzuplanen.13 Die nicht-optimale Aus-
wahl einer Konfliktalternative ist zuf¨
allig. Durch eine nicht-optimale Auswahl weicht der
berechnete Schedule vom optimalen ab. Eine Abweichung vom optimalen Pfad,14 wie
in Abbildung 6.1 dargestellt, macht die Berechnung des neuen Schedules erforderlich,
der unter allen noch m¨
oglichen Schedules, welche die nicht-optimale Auswahl enthalten,
der Beste ist.
Auswahl
Nicht-optimale Auswahl
A
Optimale L¨
osung
Resultierende
Teilprobleminstanz
A
Neue optimale
L¨
osung
Abbildung 6.1.: Probleminstanz bei nicht-optimaler Einplanung einer Operation
Anders formuliert resultiert aus jeder nicht-optimalen Einplanung durch den Klassifi-
zierer eine neue Teilprobleminstanz, die eine eigene neue optimale L¨
osungsg¨
ute besitzt.
Abbildung 6.1 illustriert dieses. Sind bereits Operationen eingeplant, welche die Einpla-
nung ihrer Nachfolger verz¨
ogern, ist dieses zu ber¨
ucksichtigen, indem f¨
ur die Auftr¨
age
der neuen Instanz Bereitstellungszeiten berechnet werden. Der Fertigstellungszeitpunkt
der zuletzt eingeplanten Operation ides Auftrags jwird seine neue Bereitstellungszeit
ri=d(oj,m). Alle vorangehenden Operationen von jwerden verworfen. Damit wird
das urspr¨
ungliche J||Cmax-Problem zu einem J|ri|Cmax. Die Berechnung einer neuen
optimalen L¨
osung f¨
ur die resultierende Teilprobleminstanz, bei einer Abweichung von
der initialen optimalen L¨
osung, ist aufwendig und ben¨
otigt unter Umst¨
anden lange Re-
chenzeiten. Darum wurde f¨
ur das Experiment mit dem allwissenden Klassifizierer das
noch gut l¨
osbare Fisher-Thompson (FT06) Benchmark-Problem verwendet. Das FT06-
Problem ist in Abbildung 6.2 dargestellt. Die or-Spalten beschreiben die einzuhaltende
Bearbeitungsreihenfolge eines Auftrags (j) und die pt-Spalten die Bearbeitungszeiten
auf der jeweiligen Maschine (m).
WbsGT verwendet in den jeweiligen Zust¨
anden aus einer Potenzmenge von Priorit¨
ats-
regeln die geeignete. Von der Regelmenge h¨
angt ab, welche einzuplanenden Alternativen
13Siehe Abschnitt 5.3.4.
14Der optimale Pfad wird hier schwarz und nicht gestrichelt dargestellt.
15Vgl. (Fisher und Thompson, 1963).
118
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
M1M2M3M4M5M6
or pt or pt or pt or pt or pt or pt
J1311326476356
J2283551061011044
J3354468192157
J4251535435869
J5392355641341
J62343691105431
Tabelle 6.2.: Benchmark-Problem: Fisher and Thompson (FT06) 6 ×615
in einem Konflikt theoretisch ausw¨
ahlbar sind.16 Beispielsweise sind mit den Regeln SPT
und LPT Konflikte mit mehr als zwei Alternativen problematisch, da m¨
oglicherweise
keine der Regeln die optimale Alternative ausw¨
ahlen kann. Neben der Annahme, alle
Alternativen w¨
aren ausw¨
ahlbar (hierzu dient die Konfiguration WbsGT (alle Alter-
nativen)), zeigt das Experiment das Verhalten von konkreten Regelmengen, wie etwa
WbsGT (SPT LPT). Das Giffler-Thompson-Verfahren, welches Alternativen aus der
Konfliktmenge zuf¨
allig und ohne Regeln ausw¨
ahlt, wird in den Abbildungen 6.2 und 6.3
als GT und GTiter dargestellt.
Der optimale Wert der Zielfunktion Cmax ist f¨
ur dieses Experiment mit dem FT06-
Problem 54.17 F¨
ur das Experiment wird das Problem 100 von den Verfahren gel¨
ost. Die
Ergebnisse werden gemittelt. Die Abweichungen alternativer Verfahren, die zu genau
einer L¨
osung f¨
uhren und somit keine Mittelung ben¨
otigen, sind in Tabelle 6.3 festge-
halten.
Scheduling-
Verfahren
Prozentuale
Abweichung zur
optimalen L¨
osung
Shifting-Bottleneck 12%
Giffler-Thompson mit SPT 50%
Giffler-Thompson mit LPT 16%
Giffler-Thompson mit LSO 18%
Giffler-Thompson mit MSO 44%
Giffler-Thompson mit LWR 68%
Giffler-Thompson mit MWR 9%
Tabelle 6.3.: Allwissender Klassifizierer: Alternative Verfahren und Regeln
Abbildung 6.2 zeigt Beispielkonfigurationen f¨
ur WbsGT, in denen ausschließlich Po-
16Siehe Abschnitt 5.3.3.3.
17Vgl. (Jain und Meeran, 1999).
119
6. Evaluierung
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
0 20 40 60 80 100
Mittlere Abweichung zur optimalen Lösung [%]
Klassifikationsgenauigkeit [%]
WbsGT (SPT LPT)
WbsGT (LSO MSO)
WbsGT (LWR MWR)
wbsGT (LSO MWR)
WbsGT (LWR MSO)
GTiter (min. 20 Läufe)
GT (1 Lauf)
Abbildung 6.2.: Experiment allwissender Klassifizierer: L¨
osungsg¨
ute des allwissender
Klassifizierers mit kleinen Priorit¨
atsregelmengen
tenzmengen bestehend aus zwei verschiedene Regeln zum Einsatz kommen. Es ist zu
erkennen, dass die Abweichung des WbsGT-Verfahrens von der optimalen L¨
osungs-
g¨
ute bei vielen Potenzmengenklassen bereits bei einer Klassifikationsgenauigkeit von 0
Prozent unterhalb der Abweichung von 40 Prozent des von der Klassifikationsgenau-
igkeit unabh¨
angigen Giffler-Thompson-Verfahrens (GT) mit zuf¨
alliger Auswahl und
einem Durchlauf liegt. GT verwendet keine Priorit¨
atsregeln, die Operationen wer-
den zuf¨
allig der Konfliktmenge entnommen. Als zweite Variante der intialen Giffler-
Thompson-Heuristik wird eine iterationsbasierte Version (GTiter) verwendet. Diese l¨
ost
das Benchmark-Problem so lange, bis der Iterationsz¨
ahler gr¨
oßer 20 ist. Wird eine bes-
sere L¨
osung als die bisher beste erreicht, wird der Z¨
ahler zur¨
uck gesetzt und erneute
20 Durchl¨
aufe sind erlaubt.18 Die GTiter-Konfiguration erreicht eine durchschnittliche
L¨
osungsg¨
ute von ca. 23 Prozent.
Es treten zwei WbsGT-Auspr¨
agungen durch Extrema hervor. Mittels WbsGT (LWR
MSO) werden mit 48 Prozent deutlich schlechtere Ergebnisse erzielt als mit der GT-
18Dieser Z¨
ahler kann frei variiert werden, in Experimente hat sich jedoch gezeigt, das auch gr¨
oßere Z¨
ahler
kaum besser Ergebnisse liefern.
120
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
Konfiguration.19 Das andere Extrem mit einer Abweichung von 15 Prozent bildet Wbs-
GT (LSO MWR). Hierbei ist zu beachten, dass die beiden Verfahren mit komplemen-
t¨
aren Priorit¨
atsregeln ausgestattet sind und dass WbsGT (LSO MWR) grunds¨
atzlich
unabh¨
angig der Klassifikationsgenauigkeit dazu geeignet ist, beim FT06-Problem
gute Ergebnisse zu erzielen.20
Wie gezeigt, liegen bis auf WbsGT (LSO MWR) alle WbsGT-Auspr¨
agungen bei einer
Klassifikationsgenauigkeit von 0 Prozent ¨
uber den Ergebnissen des GTiter. Ab einer
Klassifikationsgenauigkeit von ca. 57 Prozent liegen die Abweichungen der WbsGT-
Varianten unterhalb des iterativen Giffler-Thompson. WbsGT (LWR MSO ) bildet
auch hier eine Ausnahme und ist selbst bei steigender Klassifikationsgenauigkeit bis
hin zu 100 Prozent nicht in der Lage, die L¨
osungsg¨
ute des GTiter zu erreichen insbe-
sondere diese nicht zu ¨
ubertreffen. Sogar die L¨
osungsg¨
ute des GT ist nicht erreichbar.
Der Grund f¨
ur das schlechte Abschneiden der Konfiguration WbsGT (LWR MSO ), im
Vergleich zu den anderen L¨
osungen, ist in der Regelmenge selbst zu sehen. Durch die
Auswahl der Priorit¨
atsregeln sind nicht alle L¨
osungen erreichbar. So liegt die initiale
L¨
osungsg¨
ute der Konfiguration WbsGT (LWR MSO ) bei 0 Prozent Klassifikationsge-
nauigkeit sogar unterhalb der einfachen Regelanwendung von MSO (siehe Tabelle 6.3).
Erst mit steigender Genauigkeit lernt das Verfahren von den beiden schlecht geeigneten
Regeln die bessere MSO Regeln anzuwenden.
Insgesamt verbessern alle WbsGT-Konfigurationen mit zwei Priorit¨
atsregeln ihre L¨
o-
sungsg¨
ute, wenn sich die Klassifikationsgenauigkeit erh¨
oht. Doch erreichen die einzelnen
Varianten unterschiedlich gute L¨
osungen bei einer Klassifikationsgenauigkeit von 100
Prozent. Die bei geringer Klassifikationsgenauigkeit dominierende Konfiguration Wbs-
GT (LSO MWR) konnte sich nur um 7 Prozent auf eine Abweichung von 9 Prozent
verbessern. Hier hat der Klassifizierer wie bei der Konfiguration WbsGT (LWR MSO )
gelernt, dass die einfache Anwendung einer Regel (MSO) zu den besten Ergebnissen
f¨
uhrt. Die beste L¨
osungsg¨
ute der WbsGT Verfahren liefern WbsGT (SPT LPT) und
WbsGT (LSO MSO) mit der optimalen L¨
osung. Dieses Ergebnis liegt deutlich unter
der L¨
osungsg¨
ute bei einfacher Anwendung der besten der beiden Priorit¨
atsregeln LPT
mit 16 und LSO mit 18 Prozent. Die Ergebnisse zeigen den Effekt, der durch Auswahl
aus der Regelmenge auftritt. Funktioniert der Klassifizierer schlecht, wird mindestens
das Ergebnis der besten einfachen Regel erreicht. Arbeitet der Klassifizierer hingegen
gut und ist ein besseres Ergebniss mit der Regelkombination im Vergleich zur besten
einfachen Regel m¨
oglich, ¨
ubertrifft das Verfahren mit Klassifizierer die Leistung der
19Die beiden Priorit¨
atsregeln sind also grunds¨
atzlich schlecht zur L¨
osung des FT06-Problems geeignet.
20Die beiden Priorit¨
atsregeln sind also grunds¨
atzlich gut zur L¨
osung des FT06-Problems geeignet.
121
6. Evaluierung
besten einzelnen Regel deutlich. WbsGT-Konfigurationen mit mehr als zwei Regeln
sind in Abbildung 6.3 dargestellt.
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
0 20 40 60 80 100
Mittlere Abweichung zur optimalen Lösung [%]
Klassifikationsgenauigkeit [%]
wbsGT (alle Alternativen)
wbsGT (SPT LSO MWR)
wbsGT (SPT LWR LPT MWR)
wbsGT (SPT LPT LSO MSO LWR MWR)
wbsGT (LSO MWR)
GTiter (min. 20 Läufe)
GT (1 Lauf)
Abbildung 6.3.: Allwissender Klassifizierer: L¨
osungsg¨
ute große Regelmengen
Die in Abbildung 6.3 dargestellten Ergebnisse, die mit dem Giffler-Thompson-Verfahren
und der m¨
oglichen Auswahl von allen Operationen (WbsGT (alle Alternativen)) er-
reicht werden, st¨
utzen die Hypothese21 zus¨
atzlich. Eine h¨
ohere Klassifikationsgenauig-
keit f¨
uhrt grunds¨
atzlich zu besseren und insbesondere bei einer Genauigkeit von 100
Prozent zu optimalen Ergebnissen.22 Bei einer Klassifikationsgenauigkeit von 0 Prozent
wird eine 37 prozentige Abweichung zum Optimum erreicht und eine Klassifikations-
genauigkeit von 100 Prozent f¨
uhrt zu einer Abweichung von 0 Prozent das optimale
Ergebnis. Bei dieser Auspr¨
agung des Verfahrens wird operationsweise aus der Konflikt-
menge und nicht mittels Priorit¨
atsregeln ausgew¨
ahlt, weshalb jede Konfliktoperation
w¨
ahlbar ist. Im realen Einsatz k¨
onnen die Operationen nicht direkt aus der Konflikt-
menge gew¨
ahlt werden, da der Klassifizierer sonst f¨
ur jede m¨
ogliche Art von Operation
21Siehe Abschnitt 2.2.3.1.
22Hierbei muss vorausgesetzt werden, dass die richtige Klassifikationsentscheidung mit der korrekten
Auswahl aus der Konfliktmenge gleichzusetzten ist. Grunds¨
atzlich sind korrekte Klassifikation und
korrekte Entscheidung nicht zwingend identisch, da trotz korrekter Klassifizierung die Regeln nicht
zwingend die optimale Operation w¨
ahlen kann.
122
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
eine Klasse haben m¨
usste.23 Gleichzeitig w¨
urde das Verfahren hierdurch an Flexibilit¨
at
verlieren, weshalb WbsGT (alle Alternativen) nur f¨
ur das Experiment zur Untersu-
chung der Hypothese eingesetzt wird.24
Bei WbsGT-Konfigurationen mit mehr als zwei Regeln wird die L¨
osungsg¨
ute der GTi-
ter-Konfiguration bereits bei einer Klassifikationsgenauigkeit von 50 Prozent unterboten
und die Ergebnisse sind nie schlechter als die des einfachen GT ohne Iterationen. Die
Konfiguration WbsGT (SPT LWR LPT MWR) hat eine hinreichend große Regelmen-
ge um die optimale L¨
osung zu erreichen. Dahingehend ist WbsGT (SPT LSO MWR)
mit der kleineren Regelmenge bei geringen Klassifikationsgenauigkeiten deutlich besser,
doch aufgrund der nicht ausreichenden Anzahl von Regeln zur Operationsauswahl nicht
in der Lage, das optimale Ergebnis selbst bei einer 100 prozentigen Klassifikationsge-
nauigkeit zu erreichen.
Grunds¨
atzlich zeigt dieses Experiment, dass bei steigender Klassifikationsgenauigkeit
die L¨
osungsg¨
ute des WbsGT-Verfahrens ansteigt. Eine hinreichend große Regelmenge
vorausgesetzt, so ist mit hoher Klassifikationsgenauigkeit das optimale Ergebnis er-
reichbar. Damit kann die Hypothese des Zusammenhangs zwischen L¨
osungsg¨
ute und
Klassifikationsgenauigkeit gest¨
utzt werden.25
Benchmark: Klassifikationsgenauigkeit
Wie gezeigt, steht die Klassifikationsgenauigkeit in einem starken Zusammenhang mit
der L¨
osungsg¨
ute der WbsGT-Verfahren. Tabelle 6.4 listet die Klassifikationsgenauig-
keiten einiger WbsGT-Konfigurationen auf, die mit den hier verwendeten Merkmalen
und Trainingsinstanzen beim FT06-Problem erreicht werden.
In der Konfiguration WbsGT (LWR MWR LSO MSO) stehen dem Klassifizierer die
Klassen cLW R,cMWR,cLSO,cMSO,cLW RMW R,cLSOMSO etc. zur Verf¨
ugung. Ob die
gesamte Potenzmenge verwendet wird, h¨
angt vom Training ab.27 Die Klassifikationsge-
nauigkeit werden ermittelt und mit einer Strategie verglichen, die mit der Wahrschein-
lichkeit beim Raten hier ca. 6 Prozent eine der genannten Regeln ausw¨
ahlt. Die
Klassifikationsgenauigkeit von 49 Prozent ist somit 635 Prozent genauer als das zu-
f¨
allige Ausw¨
ahlen einer Klasse. Bei der Konfigurationen WbsGT (SPT LSO MWR)
23Siehe Abschnitt 5.3.3.
24Zus¨
atzlich kann mit diesem Experiment anschaulich gezeigt werden, dass die Giffler-Thompson-
Heuristik die optimale L¨
osung generieren kann.
25Siehe Abschnitt 2.2.3.1.
26Unter den F-Maß Werten sind nur die vom Klassifizierer ausgew¨
ahlten Werte angegeben. S¨
amtliche
nicht aufgef¨
uhrten F-Maße haben einen Wert von Null.
27Gab es keine Situation in der SPT und MSO geeignet waren, ist diese Klasse nicht vorhanden.
123
6. Evaluierung
WbsGT Klassifikations-
genauigkeit
F-Maß
LWR MWR LSO MSO 49% 0,148 MWR
0,174 LSO
0,500 MSO
0,653 MWR LSO
0,324 MWR
MSO
0,472 LWR LSO
0,382 LWR MSO
SPT LSO MWR 48% 0,317 SPT
0,367 LSO
0,144 MWR
0,604 MWR LSO
0,452 SPT LSO
0,208 SPT MWR
0,845 SPT LSO
MWR
LWR MWR 59% 0,467 LWR
0,671 MWR
Tabelle 6.4.: Klassifikationsgenauigkeit FT06: WbsGT-Genauigkeit26
(WbsGT (LWR MWR))ist die Klassifikationsgenauigkeiten von 48 Prozent (59 Pro-
zent) etwa 236 Prozent (77 Prozent) genauer als die zuf¨
allige Auswahl. Damit zeigt
sich zum einen, dass Klassifizieren zu besseren Ergebnissen f¨
uhrt als Raten. Zum ande-
ren ziegt sich, dass durch weitere (andere) Merkmale das Ergebnis wahrscheinlich noch
verbessert werden kann.
Benchmark: Makespan
Nachfolgend werden die Ergebnisse der Evaluierung des Makespans vorgestellt. Hier-
zu sind exemplarisch vier Benchmark-Probleme (FT06, ABZ7, SWV01 und CAR03)
aufgef¨
uhrt. Ergebnisse zum Adaptionsmechanismus finden sich im Anhang A.8.
Makespan FT06: Im Folgenden werden die Ergebnisse des WbsGT-Verfahrens bei
der Anwendung im FT06-Benchmark-Problem28 dargestellt. F¨
ur das Experiment sind
100 Iterationen mit abgewandelten Probleminstanzen gel¨
ost und die Ergebnisse gemit-
telt worden. Die Auspr¨
agungen der Parameter zur ¨
Anderung der Probleminstanzen
waren:29 μ=0,σ= 50 und κ= 0. Zum Training wurde das Problem mittels des
Branch-and-Bound-Algorithmus in 28 abgewandelten Probleminstanzen gel¨
ost. Die bei
dem Experiment eingesetzten WbsGT-Konfigurationen verwendete Regelmengen
sind:
28Siehe Tabelle 6.2.
29Siehe Abschnitt 5.3.4.
124
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
WbsGT (LWR MWR LSO MSO)
WbsGT (SPT LSO MWR)
WbsGT (SPTLPTLSOMSOLWRMWR)
WbsGT (LWR MWR)
WbsGT (LSO MWR)
WbsGT (SPT LPT LWR MWR)
WbsGT (SPT LPT)
WbsGT (LSO MSO)
WbsGT (LWR MSO )
Die aufgef¨
uhrten Regelmengen wurden ebenfalls in den weiteren Experimenten zur Eva-
luierung des Makespans eingesetzt. Als L¨
osungsverfahren bei den folgenden Experimen-
ten zum Makespan wurden eingesetzt:30
Das WbsGT-Verfahren
Das WbsGT-Verfahren mit gleicher Regelmenge jedoch ohne Klassifizierer
Die Giffler-Thompson-Heuristik mit einer fest eingestellten Priorit¨
atsregel jedoch
ohne Klassifizierer
Die normale Giffler-Thompson-Heuristik mit zuf¨
alliger Auswahl aus der Konflikt-
menge
Eine Shifting-Bottleneck-Heuristik
In Abbildung 6.4 sind die L¨
osungsergebnisse der einzelnen Verfahren abgetragen. Die
detaillierten Auspr¨
agungen der Einzelwerte sind in Tabelle 6.5 aufgef¨
uhrt. Den Refe-
renzwert bildet jeweils die Branch-and-Bound-L¨
osung. F¨
ur jede Verfahrensauspr¨
agung
werden der Mittelwert sowie die Varianz ¨
uber die 100 gel¨
osten Instanzen im Diagramm
dargestellt.
Das Shifting-Bottleneck-Verfahren findet L¨
osungen, die im Durchschnitt etwa um 8,8
Prozent von den optimalen L¨
osungen abweichen. Die Varianz f¨
allt dabei mit 6,63 gering
aus. Das Scheduling mit Priorit¨
atsregeln hat gr¨
oßere Abweichungen. Es n¨
ahert sich mit
den hier besten einzelnen Regeln LSO und MWR bis ca. zu 14 Prozent und 15 Prozent
30Bei den Auspr¨
agungen mit Giffler-Thompson-Heuristik wurde der Z¨
ahler f¨
ur die Iterationsl¨
aufe auf 20
gesetzt.
125
6. Evaluierung
0
10
20
30
40
50
60
70
80
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18
Durchschnittliche Abweichung zur besten gefundenen Lösung [%]
Ranking der SchedulingMethoden
WbsGT ohne Klassifizierer
WbsGT
ShiftingBottleneck
Prioritätsregel
GifflerThompson
Abbildung 6.4.: Makespan FT06: Benchmark WbsGT-Verfahren
den optimalen Werten an. Die Varianzen liegen hierbei mit 6,85 und 7,43 in der N¨
ahe der
Varianz der Shifting-Bottleneck-Heuristik. Das Giffler-Thompson-Verfahren mit zuf¨
alli-
ger Operationsauswahl erreicht eine Abweichung von etwa 21 Prozent, wobei die Varianz
hier mit 8,94 relativ groß ist. Die hier beste L¨
osung wird von der WbsGT-Konfiguration
WbsGT (LWR MWR LSO MSO ) mit einer durchschnittlichen Abweichung von 5,32
Prozent generiert. Ebenso ist die Varianz mit einem Wert von 3,60 am geringsten. Wbs-
GT ohne Klassifizierer und mit der Regelmenge (LWR MWR LSO MSO) dahingegen
erreicht nur einen Mittelwert von 18,28 Prozent bei der relativ großen Varianz von 8,60.
Es zeigt sich, dass die meisten WbsGT-Konfigurationen (6 von 9) n¨
aher an der op-
timalen L¨
osung liegen als das Shifting-Bottleneck-Verfahren. Ebenso generieren diese
Konfigurationen immer bessere L¨
osungen als die gleichen Konfigurationen ohne Klassi-
fizierer und mit zuf¨
alliger Priorit¨
atsregelauswahl, bei meistens geringerer Varianz. Es ist
gut zu erkennen, dass die einzelnen Regeln LSO und MWR die besten Ergebnisse unter
den Regeln liefern und in Kombination das beste Ergebnis ohne Klassifizier. Offensicht-
lich ist die Regelmenge jedoch nicht ausreichend groß, um zu besseren Ergebnisse zu
126
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
Rang Verfahren Abweichung
& Varianz
Regelmenge Abw. & Var.
ohne Klassifizierer
1WbsGT 5,32 3,60 LWR MWR LSO MSO 18,28 8,60
2WbsGT 6,61 3,87 SPT LSO MWR 11,81 6,40
3WbsGT 6,7 3,87 SPT LPT LSO MSO LWR MWR 17,94 8,60
4WbsGT 6,98 4,24 LWR MWR 18,32 8,77
5WbsGT 7,39 4,35 LSO MWR 10,06 5,65
6WbsGT 8,1 4,89 SPT LPT LWR MWR 19,38 7,68
7 Shifting-Bottleneck 8,8 6,63 ––
8WbsGT 9,2 5,38 SPT LPT 21,14 9,43
9WbsGT 10,55 5,09 LSO MSO 21,37 12,08
10 LSO 14,25 6,85 ––
11 MWR 15,42 7,34 ––
12 Giffler-Thompson 21,39 8,94 ––
13 LPT 31,74 14,14 ––
14 WbsGT 33,38 15,55 LWR MSO 37,88 16,49
15 SPT 43,71 16,00 ––
16 MSO 50,35 19,18 ––
17 LWR 51,09 20,17 ––
Tabelle 6.5.: Makespan FT06: ¨
Ubersicht
gelangen.31 So liegen die L¨
osungen von WbsGT (LSO MWR) mit einer durchschnitt-
lichen Abweichung von 7,39 Prozent nur auf einem mittleren Rang. Erst mit gr¨
oßeren
Regelmengen k¨
onnen mehr Operationen aus der Konfliktmenge ausgew¨
ahlt werden,
womit bessere L¨
osungen zu erzielen w¨
aren.
Abbildung 6.5 illustriert die Verbesserung der wissensbasierten Regelauswahl (WbsGT)
beim FT06-Benchmark-Problem im Vergleich zur zuf¨
alligen Auswahl der Priorit¨
atsre-
geln (WbsGT ohne Klassifizierer). Wie bereits beschrieben, wird bei letzter Variante
zuf¨
allig eine Regel zur Auswahl einer Operation aus der Konfliktmenge gew¨
ahlt.32 Die
Regelmengen sind f¨
ur beiden Verfahren identisch.
In Abbildung 6.5 wird besonders deutlich, dass die Ergebnisse der wissensbasierten
Auswahl der Priorit¨
atsregeln bei allen neun Regelmengen besser sind als bei der zu-
f¨
alligen Auswahl. Sowohl bei der hier am besten geeigneten Regelmenge (LWR MWR
LSO MSO), als auch bei der am schlechtesten geeignetsten Regelmenge (LWR MSO)
ist eine Verbesserung durch das WbsGT-Verfahren erzielbar. Bei den geeignetsten Re-
geln kommt es zu einer Verbesserung von ca. 13 Prozent und bei den ungeeignetsten
Regeln immer noch zu einer Verbesserung von 4 Prozent gegen¨
uber dem Verfahren oh-
ne Klassifizierer. Zus¨
atzlich ist ein Unterschied in der Varianz zu erkennen. Bei den
ungeeignetsten Regeln ist der Wert des Unterschieds ca. 1 und bei den geeignetsten
sogar etwa 5. Insgesamt wird damit deutlich, dass dasWbsGT-Verfahren gut funktio-
31Siehe Abschnitt 6.1.2. Dabei sind die Werte jedoch nicht 100 prozentig zu vergleichen, da das initiale
Problem beim allwissenden Klassifizierer ohne Abwandlungen gel¨
ost wurde.
32Werden mehrere Operation der Konfliktmenge von der gew¨
ahlten Regeln gleich bewertet, so wird aus
diesen per Zufall eine Operation gew¨
ahlt (siehe Abschnitt 5.3.3.3).
127
6. Evaluierung
0
2
4
6
8
10
12
14
16
18
0 1 2 3 4 5 6 7 8
Durchschnittliche Makespan Verbesserung WbsGT zu WbsGT ohne Klassifizierer [%]
SPT|LPT
LSO|MSO
LWR|MWR
LSO|MSO
SPT|LPT|LWR|MWR
SPT|LPT|LWR|MWR|LSO|MSO
SPT|MWR|LSO
LWR|MWR|LSO|MSO
LWR|MSO
Abbildung 6.5.: Makespan FT06: Verbesserung der L¨
osungsg¨
ute
niert und eine deutliche Verbesserung der L¨
osungen im Vergleich zu den Verfahren ohne
Klassifizierer erreicht wird.
Makespan ABZ7: Nachfolgend werden die Ergebnisse des WbsGT-Verfahrens bei
der Anwendung im ABZ7-Benchmark-Problem33 dargestellt. F¨
ur das Experiment sind
zehn Iterationen mit abgewandelten Probleminstanzen gel¨
ost worden. Die Auspr¨
agun-
gen der Parameter zur ¨
Anderung der Probleminstanzen waren: μ=0,σ= 50 und κ=0.
Zum Training wurde das Problem mittels des Branch-and-Bound-Algorithmus in 40 ab-
gewandelten Probleminstanzen gel¨
ost. Im Vergleich zu dem bereits untersuchten FT06-
Benchmark-Problem ist das ABZ7 deutlich komplexer. Bei diesem konnte der Branch-
and-Bound-Algorithmus keine optimalen L¨
osungen bilden. Aus diesem Grund findet der
Vergleich der Ergebnisse hier nicht mit den optimalen L¨
osungen statt, sondern mit der
besten erreichten L¨
osung nach dem Beenden des Branch-and-Bound-Algorithmus.34
33Siehe Tabelle A.1.
34Im Experiment wurde der Branch-and-Bound-Algorithmus nach 30 Minuten beendet und das bis zu
diesem Zeitpunkt erreichte Ergebnis als Trainings- bzw. Referenzl¨
osung verwendet.
128
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
0
10
20
30
40
50
60
70
80
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18
Durchschnittliche Abweichung zur besten gefundenen Lösung [%]
Ranking der SchedulingMethoden
WbsGT ohne Klassifizierer
WbsGT
ShiftingBottleneck
Prioritätsregel
GifflerThompson
Abbildung 6.6.: Makespan ABZ7: Benchmark WbsGT-Verfahren
Abbildung 6.6 illustriert die Resultate, Tabelle 6.6 zeigt die L¨
osungsergebnisse der ein-
zelnen Verfahren im Detail. F¨
ur jede Auspr¨
agung werden Mittelwert und Varianz im
Diagramm abgetragen. Im Gegensatz zum eher kleinen FT06-Benchmark-Problem fin-
det das Shifting-Bottleneck-Verfahren beim komplexeren ABZ7 lediglich L¨
osungen, die
im Durchschnitt um etwa 39,9 Prozent von den Branch-and-Bound-L¨
osungen abwei-
chen. Auch f¨
allt die Varianz mit 19,31 groß aus. Das Scheduling mit Priorit¨
atsregeln
hat geringere Abweichungen und n¨
ahert sich mit den hier besten einzelnen Regeln MWR
und LSO bis auf ca. 13 Prozent und 14 Prozent den besten Werten an. Die Varianzen
liegen hierbei mit 5,09 und 4,12 deutlich unterhalb der Varianz der Shifting-Bottleneck-
Heuristik. Das Giffler-Thompson-Verfahren mit zuf¨
alliger Operationsauswahl erreicht
eine 23 prozentige Abweichung vom besten Ergebnis bei einer relativ kleinen Varianz
von 4,69. Damit ist die L¨
osungsg¨
ute des Giffler-Thompson-Verfahrens besser als die
des Shifting-Bottleneck-Verfahrens. Die beim ABZ7-Benchmark-Problem beste L¨
osung
(nach dem Branch-and-Bound-Verfahren) wird von der WbsGT-Konfiguration Wbs-
GT (SPT LSO MWR) mit einer durchschnittlichen Abweichung von 7,7 Prozent und
einer Varianz von 3,16 generiert. Dahingegen erreicht WbsGT ohne Klassifizierer mit
der Regelmenge (SPT LSO MWR) nur einen Mittelwert der Abweichung von 10,4 Pro-
129
6. Evaluierung
Rang Verfahren Abweichung
& Varianz
Regelmenge Abw. & Var.
ohne Klassifizierer
1WbsGT 7,7 3.16 SPT LSO MWR 10,4 3.31
2WbsGT 8,6 3,46 LSO MWR 8,7 3,87
3WbsGT 9,4 3,31 LWR MWR 20,5 4,58
4WbsGT 9,5 3,31 LWR MWR LSO MSO 21,2 5,19
5WbsGT 10,1 2,44 LSO MSO 21,9 4,12
6WbsGT 10,8 3,46 SPTLWRLPTMWR 21,7 3,87
7WbsGT 11,0 3,46 SPT LPT LSO MSO LWR MWR 21,7 2,44
8MWR 13,5 5,09 ––
9LSO 14,1 4,12 ––
10 WbsGT 15,9 3,87 SPT LPT 23,1 2,64
11 Giffler-Thompson 23,4 4,69 ––
12 LPT 39,1 5,65 ––
13 Shifting-Bottleneck 39,9 19,31 ––
14 SPT 49,3 14,28 ––
15 WbsGT 49,7 4,47 LWR MSO 48,3 6,24
16 MSO 59,9 11,09 ––
17 LWR 69,4 5,09 ––
Tabelle 6.6.: Makespan ABZ7: ¨
Ubersicht
zent bei einer ¨
ahnlich großen Varianz von 3,31. Es ist zu erkennen, dass fast alle Konfi-
gurationen (8 von 9) des WbsGT-Verfahrens n¨
aher an der Branch-and-Bound-L¨
osung
liegen als das Shifting-Bottleneck-Verfahren. Auch generiert WbsGT immer bessere L¨
o-
sungen als die gleichen Konfigurationen ohne Klassifizierer mit zuf¨
alliger Regelauswahl
(WbsGT (LWR MSO ) ausgenommen). Ferner zeigen die Ergebnisse, dass die einzelnen
Regeln LSO und MWR wie beim dem FT06-Benchmark-Problem die besten L¨
osungen
unter den einzelnen Regeln generieren. Auch bei dem komplexeren ABZ7-Benchmark-
Problem ist die aus zwei Elementen bestehende Regelmenge nicht hinreichend groß. Die
L¨
osungen von WbsGT (LSO MWR) liegen mit einer durchschnittlichen Abweichung
von 8,6 Prozent zwar auf dem zweiten Rang, jedoch werden diese noch von der WbsGT-
Konfiguration mit der um die Regel SPT erweiterten Menge ¨
ubertroffen. Gleichzeitig
sinkt die Varianz von 3,46 auf 3,16. Damit wird auch hier deutlich, dass erst mit aus-
reichend großen Regelmengen genug Operationen aus der Konfliktmenge ausgew¨
ahlt
werden k¨
onnen, um gute L¨
osungen zu erzielen.
Makespan SWV01: Die Ergebnisse des WbsGT-Verfahrens bei L¨
osung des SWV01-
Scheduling-Problems35 werden im Folgenden dargestellt. F¨
ur das Experiment wurden 50
Iterationen mit abgewandelten Probleminstanzen gel¨
ost. Die Auspr¨
agungen der Para-
meter zur ¨
Anderung der Probleminstanzen waren: μ=0,σ= 50 und κ= 0. Zum Trai-
ning wurde das Problem mittels des Branch-and-Bound-Algorithmus in f¨
unf abgewan-
delten Probleminstanzen gel¨
ost. Beim komplexen SWV01-Problem konnte der Branch-
35Siehe Tabelle A.3.
130
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
and-Bound-Algorithmus keine optimale L¨
osungen bilden. Aus diesem Grund findet der
Vergleich der Ergebnisse hier nicht mit den optimalen L¨
osungen statt, sondern mit der
besten erreichten L¨
osung nach dem Beenden des Branch-and-Bound-Algorithmus.36
0
10
20
30
40
50
60
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18
Durchschnittliche Abweichung zur besten gefundenen Lösung [%]
Ranking der SchedulingMethoden
WbsGT ohne Klassifizierer
WbsGT
ShiftingBottleneck
Prioritätsregel
GifflerThompson
Abbildung 6.7.: Makespan SWV01: Benchmark WbsGT-Verfahren
Abbildung 6.7 zeigt die erreichten Ergebnisse. Die detaillierten Ergebnisse der einzelnen
Verfahren beim SWV01-Benchmark-Problem zeigt Tabelle 6.7. F¨
ur jede L¨
osung wer-
den Mittelwert und Varianz im Diagramm abgetragen. Verglichen mit dem komplexe-
ren ABZ7-Benchmark-Problem, findet das Shifting-Bottleneck-Verfahren beim SWV01-
Problem, mit einer im Durchschnitt 33,54 prozentigen Abweichung von den L¨
osungen
des Branch-and-Bound-Verfahrens, etwas bessere L¨
osungen. Auch die Varianz f¨
allt mit
13,19 Prozent geringer aus. Doch ist beim SWV01-Benchmark-Problem die L¨
osungs-
qualit¨
at des Shifting-Bottleneck-Verfahren insgesamt ebenfalls schlecht. Das Scheduling
mit Priorit¨
atsregeln erreicht bessere L¨
osungen als das Shifting-Bottleneck-Verfahren, bei
gleichzeitig geringeren Varianzen. Die besten einzelnen Regeln MWR und LSO weichen
im Mittel um 22,24 Prozent und 25,78 Prozent bei Varianzen von 6,48 und 6,70 von den
L¨
osungen des Branch-and-Bound-Verfahrens ab. Das Giffler-Thompson-Verfahren mit
36Im Experiment wurde der Branch-and-Bound-Algorithmus nach 30 Minuten beendet und das bis zu
diesem Zeitpunkt erreichte Ergebnis als Trainings- bzw. Referenzl¨
osung verwendet.
131
6. Evaluierung
Rang Verfahren Abweichung
& Varianz
Regelmenge Abw. & Var.
ohne Klassifizierer
1WbsGT 9,06 4,58 LWR MWR LSO MSO 18,9 5,74
2WbsGT 11,38 4,24 SPT LPT LSO MSO LWR MWR 19,92 5,91
3WbsGT 11,48 5,09 SPT LSO MWR 17,12 5,09
4WbsGT 11,72 5,38 LSO MSO 19,52 6,24
5WbsGT 11,98 6,00 LWR MWR 18,64 5,56
6WbsGT 12,0 4,89 SPT LPT LWR MWR 20,44 6,24
7WbsGT 16,36 5,83 SPT LPT 21,08 5,65
8WbsGT 18,08 6,24 LSO MWR 20,46 6,08
9Giffler-Thompson 19,82 6,00 ––
10 MWR 22,24 6,48 ––
11 LSO 25,78 6,70 ––
12 WbsGT 26,7 6,16 LWR MSO 27,5 5,74
13 Shifting-Bottleneck 33,54 13,19 ––
14 MSO 37,42 7,93 ––
15 SPT 39,96 8,18 ––
16 LWR 40,94 8,83 ––
17 LPT 42,06 9,48 ––
Tabelle 6.7.: Makespan SWV01: ¨
Ubersicht
zuf¨
alliger Operationsauswahl erreicht mit einer Abweichung von 19,82 Prozent und ei-
ner Varianz von 6,00 ein etwas besseres Ergebnis als beim ABZ7-Benchmark-Problem,
jedoch ist die Varianz beim SWV01 gr¨
oßer. Die L¨
osungsg¨
ute des Giffler-Thompson-
Verfahrens ist um mehr als 13 Prozentpunkte besser als die des Shifting-Bottleneck-
Verfahrens. Die beim SWV01-Benchmark-Problem besten L¨
osungen (nach den L¨
osun-
gen des Branch-and-Bound-Verfahrens) werden von der WbsGT-Konfiguration Wbs-
GT (LWR MWR LSO MSO) mit einer durchschnittlichen Abweichung von 9,06 Pro-
zent und einer Varianz von 4,58 generiert. Dahingegen erreicht WbsGT ohne Klassi-
fizierer mit der Regelmenge (LWR MWR LSO MSO) nur eine mittlere Abweichung
von 18,9 Prozent bei einer gr¨
oßeren Varianz von 5,74. Die wissensbasierten L¨
osungen
sind um mehr als 13 Prozentpunkte besser. Beim SWV01-Benchmark-Problem sind alle
WbsGT-Konfigurationen n¨
aher an der L¨
osung des Branch-and-Bound-Verfahrens als
das Shifting-Bottleneck-Verfahren. Ebenso sind alle L¨
osungen von WbsGT besser als
die gleichen Konfigurationen ohne Klassifizierer und mit zuf¨
alliger Regelauswahl. Wei-
terhin zeigen die Ergebnisse, dass die einzelnen Regeln LSO und MWR wie bei dem
FT06- und ABZ7-Benchmark-Problem, die besten Einzell¨
osungen liefern. Allerdings ist
auch beim SWV01-Benchmark-Problem die aus zwei Elementen bestehende Regelmen-
ge nicht groß genug, um gute L¨
osungen zu erm¨
oglichen. Die L¨
osungen von WbsGT
(LSO MWR) mit einer durchschnittlichen Abweichung von 18,08 Prozent liegen nur
auf dem achten Rang und damit nur um etwa 2 Prozentpunkte unter den L¨
osungen
des Giffler-Thompson-Verfahrens mit zuf¨
alliger Operationsauswahl. Die beste Konfigu-
ration von WbsGT mit zwei Regeln liegt erst auf dem vierten Rang. Damit zeigt sich
auch beim SWV01-Experiment, dass erst mit ausreichend großen Regelmengen gen¨
u-
132
6.2. Evaluierung der zentralen Verfahrensg¨
ute in Job-Shops
gend Operationen aus der Konfliktmenge ausw¨
ahlbar sind, um so gute L¨
osungen zu
erzielen.
Makespan CAR03: Im Folgenden sind die Ergebnisse des WbsGT-Verfahrens bei der
Anwendung innerhalb des Flow-Shop-Benchmark-Problems CAR337 dargestellt. Flow-
Shop-Probleme sind eine Spezialisierung von Job-Shop-Problemen. Ziel dieses Experi-
ments ist zu untersuchen, wie gut die L¨
osungen des WbsGT-Verfahrens beim Einsatz
in verwandten Organisationsformen sind.
F¨
ur das Experiment wurden 100 Iterationen mit abgewandelten Probleminstanzen ge-
l¨
ost. Die Parameter zur ¨
Anderung der Probleminstanzen waren wie folgt ausgepr¨
agt:38
μ=0,σ= 50 und κ= 0. Zum Training wurde das Problem mittels des Branch-
and-Bound-Algorithmus in 10 abgewandelten Probleminstanzen gel¨
ost. Das CAR3-
Benchmark-Problem ist etwas komplexer als das FT06, jedoch konnte der Branch-and-
Bound-Algorithmus hier die optimalen L¨
osungen berechnen. Abbildung 6.8 ziegt die
Ergebnisse dieses Experiments. Es wird deutlich, dass WbsGT auch in Flow-Shop-
Umgebungen gute L¨
osungen erzeugen kann.
Die L¨
osungen der einzelnen Verfahren beim CAR3-Benchmark-Problem sind in Tabel-
le 6.8 dargestellt. F¨
ur jede Variante sind Mittelwert und Varianz im Diagramm abge-
tragen.
Rang Verfahren Abweichung
& Varianz
Regelmenge Abw. & Var.
ohne Klassifizierer
1WbsGT 10,58 5,74 SPT LSO MWR 34,63 10,72
2WbsGT 14,07 6,70 SPT LPT LSO MSO LWR MWR 40,24 11,61
3WbsGT 15,13 7,93 SPTLWRLPTMWR 38,16 12,96
4WbsGT 17,26 8,66 SPT LPT 39,31 12,68
5WbsGT 22,72 7,54 LSO MSO 42,77 10,81
6WbsGT 24,98 11,83 LWR MWR 37,90 11,83
7WbsGT 25,21 10,53 LWR MWR LSO MSO 42,62 11,00
8 Shifting-Bottleneck 30,44 10,53 ––
9WbsGT 33,65 9,74 LSO MWR 42,15 11,26
10 Giffler-Thompson 35,73 10,36 ––
11 WbsGT 36,35 9,64 LWR MSO 43,39 11,26
12 MWR 40,93 12,60 ––
13 LSO 42,77 10,81 ––
14 MSO 42,77 10,81 ––
15 LWR 50,28 12,00 ––
16 SPT 55,07 15,03 ––
17 LPT 72,37 16,88 ––
Tabelle 6.8.: Makespan CAR3: ¨
Ubersicht
37Siehe Tabelle A.2.
38Siehe Abschnitt 5.3.4.
133
6. Evaluierung
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18
Durchschnittliche Abweichung zur besten gefundenen Lösung [%]
Ranking der SchedulingMethoden
WbsGT ohne Klassifizierer
WbsGT
ShiftingBottleneck
Prioritätsregel
GifflerThompson
Abbildung 6.8.: Makespan CAR03: Benchmark WbsGT-Verfahren
Die L¨
osungen des Shifting-Bottleneck-Verfahren liegen mit einer durchschnittlichen Ab-
weichung von 30,44 Prozent und einer Varianz von 10,53 auf dem achten Rang. Keine
der einzelnen Priorit¨
atsregeln erreicht bessere L¨
osungen als das Shifting-Bottleneck-
Verfahren. Die L¨
osungen der Konfigurationen mit jeweils nur einer Regel belegen die
letzten Pl¨
atze (12-17). Die erreichten Ergebnisse mit der Regel LPT weichen sogar um
72,37 Prozent bei einer Varianz von 16,88 von der optimalen L¨
osung ab. MWR und
LSO bilden hier mit ca. 40 und 42 Prozent Abweichung noch die besten Ergebnisse.
Das Giffler-Thompson-Verfahren mit zuf¨
alliger Operationsauswahl erreicht mit einer
Abweichung von 35,73 Prozent und einer Varianz von 10,36 zwar eine ¨
ahnliche G¨
ute
wie das Shifting-Bottleneck-Verfahren, jedoch f¨
allt die mittlere Abweichung um etwa 4
Prozentpunkte schlechter aus. Die beste L¨
osung des CAR3-Benchmark-Problems wird
von WbsGT (SPT LSO MWR) mit einer durchschnittlichen Abweichung von 10,58
Prozent und einer Varianz von 5,74 berechnet. Auff¨
allig ist, dass die Konfiguration oh-
ne Klassifizierer eine mittlere Abweichung von 34,64 Prozent bei einer fast doppelt so
großen Varianz erreicht. Dieser Unterschied der Abweichungen tritt bei s¨
amtlichen Kon-
figurationen des WbsGT-Verfahrens beim CAR03-Problem auf. Damit wird besonders
deutlich, dass der Einsatz des Klassifizierers zu großen Verbesserungen der Ergebnisse
134
6.3. Evaluierung der dezentralen Verfahrensg¨
ute in Flexible-Flow-Shops
f¨
uhren kann. Die Ergebnisse zeigen, dass die einzelnen Regeln MWR und LSO, wie bei
den zuvor untersuchten Benchmark-Problemen, die besten Einzell¨
osungen liefern. Eben-
falls ist beim CAR3-Benchmark-Problem die aus zwei Elementen bestehende Regelmen-
ge nicht groß genug, um gute L¨
osungen zu erm¨
oglichen. Die L¨
osungen von WbsGT
(LSO MWR) mit der durchschnittlichen Abweichung von 33,65 Prozent sind sogar die
zweit schlechtesten in der Gruppe der wissensbasierten L¨
osungen und liegen unterhalb
der L¨
osungsg¨
ute des Shifting-Bottleneck-Verfahrens. Die beste WbsGT-Konfiguration
mit zwei Regeln (SPT LPT) liegt auf Rang 4.
6.3. Evaluierung der dezentralen Verfahrensg¨
ute in
Flexible-Flow-Shops
Dieser Abschnitt evaluiert den dezentralen Einsatz des WbsGT-Verfahrens innerhalb
eines Flexible-Flow-Shops. Nachfolgend wird das Generieren von Trainingsdaten mittels
des Ablaufsimulators d3FACT insight untersucht. Abschnitt 6.3.2 zeigt die Verfahrens-
g¨
ute in Abh¨
angigkeit der Gr¨
oße der Trainingsmenge auf.
6.3.1. Benchmark: Simulatives Training
Zur Untersuchung der L¨
osungsqualit¨
at des dezentralen Einsatzes des WbsGT-Verfah-
rens in Flexible-Flow-Shop-Umgebungen wurden unterschiedliche Benchmark-Probleme
behandelt. Die betrachteten Problemtypen mit uniformen Maschinen sind in Tabelle 6.9
dargestellt.
Bezeichnung Fertigungsstufen Maschinen
pro Stufe
Mittlere
Bearbeitungszeit39
1×31 3 35
2×42 4 40
3×23 2 32
3×33 3 20
4×44 4 25
Tabelle 6.9.: Untersuchte Flexible-Flow-Shop-Problemtypen
39Die Bearbeitungszeiten wurden mittels einer Normalverteilung mit der gegebenen mittleren Bearbei-
tungszeit um bis zu 40 Prozent ver¨
andert. Die Geschwindigkeiten der Maschinen wurden ¨
uber eine
Normalverteilung (random), die Werte zwischen 0 und 1 zur¨
uckliefert, erzeugt. Die Maximale Maschi-
nengeschwindigkeit (maxSpeed) liegt bei 100 Prozent, d. h. Bearbeitungszeit des Jobs, die Minimale
135
6. Evaluierung
F¨
ur das Experiment wurden jeweils sechs Varianten der Benchmark-Probleme erstellt.
Hiervon ist je eine Variante 100-Mal zur Generierung von Beispiell¨
osungen durch den
Ablaufsimulator d3FACT insight per Zufall gel¨
ost worden. Zum Training wurden die
besten 10 Prozent der Ergebnisse verwendet.40 Anschließend wurden die restlichen
Benchmark-Probleme von den einzelnen Verfahren, d. h.WbsGT,konstante Regeln41
und zuf¨
allige Regelauswahl42 gel¨
ost. Als Regeln wurde die in Abschnitt 5.3.3 entwickel-
ten eingesetzt. Abbildung 6.9 illustriert die prozentualen Abweichungen des Makespans
bei konstanten Regeln SPT / fastest,SPT / slowest,LPT / fastest und LPT / slowest so-
wie bei zuf¨
alliger Regelauswahl; jeweils im Vergleich zum durch WbsGT erzielten Re-
ferenzwert.43 Wie aus den Werten hervorgeht, weichen die L¨
osungsg¨
uten der Verfahren
ohne Lernkomponente in fast allen F¨
allen deutlich nach oben von den wissensbasierten
L¨
osungen ab. Eine Ausnahme stellt lediglich das, mit den Priorit¨
atsregeln LPT f¨
ur die
Auswahl des Auftrags und slowest f¨
ur die Auswahl der Maschine, erzielte Ergebnis im
Fall des Problemtyps (1 ×3) dar. Es liegt 0,07 Prozent unter dem WbsGT-Wert.44
Damit kann zun¨
achst festgestellt werden, dass das entwickelte WbsGT-Verfahren in
der Regel bessere L¨
osungen generiert als die Vergleichsverfahren mit fest eingestellten
Regeln oder zuf¨
alliger Auswahl. Der Unterschied zu WbsGT und dem in diesem Expe-
riment besten anderen Verfahren betr¨
agt im Durchschnitt ¨
uber alle Problemtypen und
-varianten 4,62 Prozent.
Ferner zeigen die Evaluationsergebnisse, dass die anhand ihrer L¨
osungsg¨
ute zu ermit-
telnde Rangfolge der verschiedenen nicht wissensbasierten Verfahren von Problemtyp
zu Problemtyp sehr unterschiedlich ist. Zwar stellt die Ablaufplanung und -steuerung
durch zuf¨
allige Auswahl der Priorit¨
atsregeln nach der wissensbasierten Auswahl im
Mittel das Zweitbeste der getesteten Verfahren dar, doch gilt dies bei einer einzelnen
Betrachtung der Problemtypen nur in zwei von f¨
unf Benchmark-Problemen. Bei dem
Vergleich der verschiedenen, mit konstanten Regeln erzielten, Ergebnisse untereinander
ist festzustellen, dass die Wahl der Priorit¨
atsregel zur Auftragsauswahl einen deutlich
minSpeed bei 40 Prozent. Als Berechnungsformel f¨
ur die Maschinengeschwindigkeiten wurde verwen-
det: random ·(maxSpeed minSpeed)+minSpeed
40Der Parameter zur Bestimmung des Trainingsanteils ist frei w¨
ahlbar. Ein Anteil 10 Prozent beschr¨
ankt
die Trainingsmenge zwar stark, stellt jedoch sicher, dass eher gute Beispiele verwendet werden.
41Die Verfahrensauspr¨
agungen mit statischen Regeln (Jobauswahlregel / Maschinenauswahlregel) sind:
(SPT / slowest), (SPT / fastest), (LPT / slowest) und (LPT / fastest).
42Jede Problemvariante wurde 100-mal mit zuf¨
alliger Regelauswahl gel¨
ost und das Ergebnis gemittelt.
43Die detaillierten Ergebnisse sind in Tabelle A.9 aufgef¨
uhrt.
44Insgesamt ist festzustellen, dass die Vorteile des entwickelten WbsGT-Verfahrens bei den untersuchten
einstufigen Problemen kaum zum Tragen kommen. Dieses erscheint logisch, da das entwickelte Ver-
fahren seine Vorteilhaftigkeit vor allem aus der globalen Orientierung zieht, welche im Fall einstufiger
Probleme kaum zu einem positiven Effekt f¨
uhren kann. Das einstufige Problem ist zu klein, als das
WbsGT zu deutlich besseren L¨
osungen kommen k¨
onntealsdieanderenVerfahren.
136
6.3. Evaluierung der dezentralen Verfahrensg¨
ute in Flexible-Flow-Shops
0
20
40
60
80
100
Problem 1x3 Problem 2x4 Problem 3x2 Problem 3x3 Problem 4x4 Mittelwert
Durchschnittliche Abweichung zur wissensbasierten Lösung [%]
SPT/fastest
SPT/slowest
LPT/fastest
LPT/slowest
Zufällige Auswahl
Abbildung 6.9.: Makespan simulatives Training: Benchmark WbsGT-Verfahren
gr¨
oßeren Einfluss auf die L¨
osungsg¨
ute hat als die Wahl der Priorit¨
atsregel f¨
ur die Ma-
schinenauswahl. Ist die zur Auftragsauswahl genutzte Regel LPT, so ist der Makespan
in der Regel deutlich geringer als bei Nutzung der Regel SPT. Doch gilt dieses nicht f¨
ur
alle Problemtypen. Im Vergleich zu den anderen betrachteten Verfahren liefert lediglich
das im Rahmen dieser Arbeit entwickelte WbsGT-Verfahren beim dezentralen Einsatz
in Flexible-Flow-Shops gute und gleich bleibende Ergebnisse.
Daher kann mit Blick auf die L¨
osungsg¨
ute festgehalten werden, dass das vorgestellte
WbsGT-Verfahren zum adaptiven Scheduling in Flexible-Flow-Shop-Umgebungen mit
uniformen Maschinen erhebliche Vorteile gegen¨
uber den anderen getesteten Vorgehens-
weisen bietet. ¨
Ahnlich gute Ergebnisse wurden bei Flexible-Flow-Shops mit unverwand-
ten Maschinen erreicht.45
45Siehe Anhang A.7.
137
6. Evaluierung
6.3.2. Benchmark: Trainingsmenge
Als Trainingsverfahren f¨
ur die Experimente in Flexible-Flow-Shop-Umgebungen wur-
de der Ablaufsimulator d3FACT insight verwendet. Dieser garantiert keine optimalen
Ergebnisse im Sinne der Zielfunktion und durch die zuf¨
allige Auswahl schwanken die
Ergebnisse bei ein und derselben Scheduling-Probleminstanz von Simulationslauf zu
Simulationslauf. Aus diesem Grund beeinflusst insbesondere hier die Anzahl der Si-
mulationsdurchl¨
aufe die G¨
ute des erstellten Klassifizierers, da mit der Anzahl der zur
Verf¨
ugung stehenden Simulationsergebnisse potentiell bessere Beispiele f¨
ur das Trai-
ning zur Verf¨
ugung stehen. Es wird nicht die gesamte Menge der Ergebnisse aus den
Simulationen zum Training verwendet, sondern die besten zehn Prozent. Dabei gilt die
Annahme, dass die nach sehr vielen Simulationsdurchl¨
aufen generierten Trainingsmen-
gen besser sind als solche, die nach weniger Simulationsdurchl¨
aufen entstehen. Nach der
Annahme steigt mit der Anzahl der Simulationsl¨
aufe, wenn der Anteil der als gut und
damit zum Training verwendeten Simulationsdurchl¨
aufe konstant bleibt, die G¨
ute der in
der Trainingsmenge abgebildeten Entscheidungssituationen und damit die Genauigkeit
des Klassifizierers; damit die L¨
osungsg¨
ute.
Der Einfluss der Anzahl der Simulationsdurchl¨
aufe wurde beispielhaft f¨
ur das Flexible-
Flow-Shop-Problem FQ3||Cmax46 mit drei Fertigungsstufen und je drei Maschinen un-
tersucht.47 Hierbei wurde der Lernprozess nach 25, 50, 75 und 100 Simulationsdurch-
l¨
aufen unterbrochen. Anschließend ist auf der Grundlage des bis dahin gesammelten
Wissens ein Scheduling f¨
ur die Problemvarianten durchgef¨
uhrt worden. Die sich dabei
ergebenden Ergebnisse in Form des Makespans sind in Abbildung 6.10 dargestellt.
Das Experiment zeigt, dass im Durchschnitt fett und nicht gepunktet dargestellte
Linie in Abbildung 6.10 eine Verbesserung des erreichten Zielfunktionswerts mit der
Erh¨
ohung der Anzahl von Simulationsdurchl¨
aufen einhergeht. Diese Verbesserung flacht
jedoch tendenziell ab, da nach einer gewissen Anzahl der Mittelwert der Simulationser-
gebnisse konstant bleibt. Somit werden die Trainingsbeispiele ab diesem Punkt ebenfalls
nicht mehr verbessert. Sowohl positive als auch negative Ausreißer fallen damit kaum ins
Gewicht. Bei zwei der f¨
unf getesteten Problemvarianten ist, ab einer ¨
uber ein bestimmtes
Maß hinausgehenden Erh¨
ohung der Zahl der Simulationsdurchl¨
aufe, eine Verschlechte-
rung des Ergebnisses zu beobachten. Dieser Effekt kann auf die Einfl¨
usse der zuf¨
alligen
Entscheidungen innerhalb der Simulation bzw. Overfitting-Effekte zur¨
uckgef¨
uhrt wer-
46Siehe Tabelle 6.9.
47Siehe Benchmark-Problem 3 ×3 in Tabelle 6.9.
138
6.3. Evaluierung der dezentralen Verfahrensg¨
ute in Flexible-Flow-Shops
60000
70000
80000
90000
100000
110000
120000
130000
140000
150000
160000
30 40 50 60 70 80 90 100
Planungsergebnis (Makespan)
Anzahl Trainingsdurchläufe
Variante 1
Variante 2
Variante 3
Variante 4
Variante 5
Mittelwert
Abbildung 6.10.: Trainingsmenge: Simulationsl¨
aufe und Scheduling-Ergebnis
den.48 Die Gesamtbetrachtung zeigt, dass mit steigender Anzahl der Trainingsdaten
eine Verbesserung der L¨
osungsg¨
ute einhergeht. Ab einem bestimmten Punkt ist die
Durchf¨
uhrung weiterer Simulationen zum Training je nach Anwendungsumgebung
m¨
oglicherweise nicht mehr durch die Verbesserung des erreichbaren Zielfunktionswerts
gerechtfertigt.
Aus den in Abbildung 6.10 dargestellten Ergebnissen l¨
asst sich folgern, dass eine Ver-
kleinerung des Anteils der als gut eingestuften Ablaufpl¨
ane zum Training bei einer
gleichzeitigen Erh¨
ohung der Anzahl der Simulationsdurchl¨
aufe sinnvoll sein kann. Da
der Klassifizierer offenbar ab einer bestimmten Anzahl zur Verf¨
ugung stehender Trai-
ningsschedules etwa durch Overfitting-Effekte kaum noch von zus¨
atzlichen Sche-
dules profitieren kann, erscheint es demzufolge sinnvoll, die Simulationsergebnisse vor
dem Lernprozess st¨
arker zu filtern. Eine Erh¨
ohung der Anzahl der Simulationsdurchl¨
au-
fe w¨
urde wahrscheinlich dazu f¨
uhren, dass sich der durchschnittliche Zielfunktionswert
der zum Lernen genutzten Schedules verbessert. Es ist zu erwarten, dass sich dadurch
48Bei dem aktuellen Trainingsanteil von 10 Prozent kann es vorkommen, dass die Trainingsbeispiele sich
sehr ¨
ahnlich sind.
139
6. Evaluierung
tendenziell eine Verbesserung der Ergebnisse mit trainiertem Klassifizierer erzielen lie-
ße. Zur Untersuchung dieses Zusammenhangs wurde beispielhaft ein Experiment mit
einem Flexible-Flow-Shop-Problem FQ4||Cmax mit vier Fertigungsstufen und je drei
Maschinen durchgef¨
uhrt. Ausgehend von den in Abbildung 6.10 dargestellten guten
Ergebnissen bei einer Trainingsmengengr¨
oße von zehn Beispiell¨
osungen, bestehen die
Trainingsmengen bei diesem Experiment auch immer aus zehn Beispiell¨
osungen. Die
Anzahl der Trainingsl¨
aufe waren 800, 1.000 und 2.000, die der mit trainierter Lern-
komponente gel¨
osten Testprobleme jeweils 96.49 Tabelle 6.10 illustriert die erreichten
Ergebnisse.
Trainingsl¨
aufe Trainingsfaktor Makespan
800 80 436.816
1.000 100 421.987
2.000 200 410.800
Tabelle 6.10.: Qualit¨
at der Trainingsmenge
Die erzielten Ergebnisse st¨
utzen die aufgestellte Annahme. Die Ergebnisse k¨
onnen bei
der Erh¨
ohung von 800 auf 1.000 Simulationsdurchl¨
aufen um 3,4 Prozent gesteigert wer-
den. Bei der Verdopplung von 1.000 auf 2.000 Durchl¨
aufe wurde die G¨
ute des Ergeb-
nisses nochmals um 2,7 Prozent erh¨
oht.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Annahme zutreffend ist. Mit der
Erh¨
ohung der Qualit¨
at der Trainingsbeispiele geht beim Einsatz der Lernkomponente
eine Verbesserung des erreichbaren Ergebnisses einher.
49Zum Training wurden die xabsolut besten Trainingsschedules mit x= Trainingsl¨
aufe/Trainingsfaktor
verwendet.
140
7. Fazit
Die vorliegende Arbeit zum Thema Situativ trainierte Regeln zur Ablaufsteuerung in
Fertigungssystemen und ihre Integration in Simulationssysteme behandelt den sensiblen
unternehmerischen Problembereich der Optimierung der Fertigung. Die ¨
Uberlegungen
in der Arbeit setzen an der allt¨
aglichen menschlichen Erfahrung an. Dem Menschen wer-
den dauernd die unterschiedlichsten Entscheidungen abverlangt. Hierbei reicht es nicht
aus, dass einfach nur entschieden wird, die Entscheidungen m¨
ussen auch gut sein. In
Fertigungssystemen steht zur Entscheidung: welches Produkt soll hergestellt werden, wo
ist die Fabrikationsanlage zu errichten, welcher Lieferant ist vorzuziehen? Einen eng mit
dieser Frage verbundenen Faktor der Fertigung stellt das Problem der Geschwindigkeit
der Entscheidung dar. Dabei stehen Geschwindigkeit und Qualit¨
atsfrage der L¨
osung in
einem Zielkonflikt. Das gilt insbesondere bei operativen Entscheidungen. Weil das zur
Verf¨
ugung stehende Zeitintervall vom Auftreten eines Problems bis zu dessen L¨
osung
immer kleiner wird, ist der Entscheidungsprozess immer schneller durchzuf¨
uhren, wenn
keine Handlungsoptionen verloren gehen sollen. Das Zeitproblem stellt sich vermehrt
bei der Bildung von Auftragsreihenfolgen: Soll zuerst der Auftrag des Stammkunden
bearbeitet werden oder erst der Auftrag des neuen Kunden, der viele neue Auftr¨
age in
Aussicht gestellt hat? Bei nur zwei Alternativen ist das Problem noch unkompliziert
und damit kann eine gute L¨
osung schnell berechnet werden. Mit steigender Zahl der
Variablen, die etwa durch zahlreiche Auftr¨
age und unterschiedlich schnelle Maschinen
gegeben ist, wird das Problem komplexer. Dieser Zuwachs an Komplexit¨
at vollzieht sich
derart schnell, dass schon kleine Probleme nicht mehr schnell und optimal l¨
osbar sind.
Weil das Entscheidungsproblem immer gr¨
oßer wird, ben¨
otigen die Fertigungsplaner ef-
fektivere Unterst¨
utzungsmethoden zur Steuerung von Fertigungssystemen.
Der Stand der Technik von Methoden zur Ablaufplanung und -steuerung ist vielseitig,
allerdings von unterschiedlicher Qualit¨
at. Optimierende Methoden sind selbst in ver-
besserter Form als Branch-and-Bound-Verfahren nicht einsetzbar, da sie die strengen
Zeitrestriktionen zur Generierung einer L¨
osung nur bei kleinen, unrealistischen Proble-
men einhalten. Einfache Heuristiken wie Priorit¨
atsregeln sind zwar in der Lage, schnell
m¨
ogliche Reihenfolgel¨
osungen zu finden, doch sind diese nur selten gut. Regeln sind je
141
7. Fazit
nach Entscheidungssituation unterschiedlich gut zur Probleml¨
osung geeignet. Die immer
beste Regel existiert bis zum heutigen Tage nicht. Mit dem Einsatz von Ablaufsimula-
toren k¨
onnen zwar f¨
ur Zeitintervalle gut geeignete Regeln gefunden werden, ihr Nachteil
besteht jedoch darin, dass die Entscheidungsg¨
ute der Regeln f¨
ur das Zeitintervall nur
gemittelt wird. Treten im Intervall ungeplante Vorg¨
ange auf, so ist die Simulation zu
wiederholen. Ein zus¨
atzliches Problem stellt die Bestimmung der korrekten Intervall-
gr¨
oße dar. Die f¨
ur die jeweilige Entscheidungssituation passende Regelauswahl ist nicht
m¨
oglich. Andere Heuristiken wie das Shifting-Bottleneck-Verfahren erzeugen zwar m¨
og-
liche L¨
osungen und das auch relativ schnell, allerdings ist auch hier die L¨
osungsg¨
ute
aufgrund des eingegangenen Kompromisses zwischen L¨
osungsg¨
ute und -geschwindigkeit
im Allgemeinen nicht zufriedenstellend. Metaheuristiken, wie Verfahren der K¨
unstli-
chen Intelligenz versuchen das Problem mit Hilfe von naturanalogen Vorgehensweisen
zu l¨
osen. Zur Optimierung der Ergebnisse wird mit k¨
unstlichen Mutationen die gene-
rierte L¨
osung ver¨
andert. In Expertensystemen soll das Wissen von Planungsexperten
verallgemeinert werden. Allerdings ist das Erfahrungswissen der Experten schwer zu
formalisieren. Res¨
umierend ist festzustellen: Alle genannten Verfahren weisen Schw¨
a-
chen auf. Die vorliegende Arbeit weist nach, dass es bessere L¨
osungsmethoden als die
bisher gel¨
aufigen gibt.
In der Arbeit ist ein Verfahren (WbsGT) zur Ablaufplanung und -steurung in zeitkri-
tischen Situationen entwickelt worden. Grundlegede Steuerungsheuristik bildet hier das
von Giffler und Thompson entwickelte Verfahren, welches f¨
ur die untersuchten Organi-
sationsformen Job-Shops und Flexible-Flow-Shops einerseits zu korrigieren und ande-
rerseits zu erweitern war. Die Heuristik eignet sich insbesondere deshalb, weil sie dem
Planungsproblem der Maschinenbelegung in linearer Zeit eine L¨
osung zuf¨
uhren kann.
Zus¨
atzlich werden von der Heuristik nur aktive Ablaufpl¨
ane erzeugt, die den zu durchsu-
chenden L¨
osungsraum erheblich einschr¨
anken. Der im Sinne der verfolgten Zielfunktion
optimale Ablaufplan ist immer auch ein aktiver. Zus¨
atzlich bildet die Heuristik in Si-
tuationen mit Entscheidungsnotwendigkeit eine Konfliktmenge der in Frage kommenden
Auftragskandidaten. Um diese Menge gut aufzul¨
osen, wurde ein maschinelles Lernver-
fahren integriert. Dieses trifft mittels der Beschreibung von Steuerungssituationen durch
Merkmale die Entscheidung f¨
ur die in der jeweiligen Situation passendste Priorit¨
atsre-
gel. Es steuert WbsGT damit durch den L¨
osungsraum, womit nur ein Pfad, der zu
einer guten L¨
osung f¨
uhrt, zu durchlaufen ist. Hierzu wurden f¨
ur den wissensbasierten
Naive-Bayes-Klassifizierer prototypisch situationsbeschreibende Merkmale entwickelt.
Geeignete Priorit¨
atsregeln sind ausgew¨
ahlt bzw. konzipiert worden. F¨
ur das Training
des wissensbasierten Entscheiders wird der Zeitraum vor Beginn des Fertigungsprozes-
ses genutzt, indem beispielhafte Trainingsl¨
osungen berechnet werden. Ebenso ist das
142
entwickelte System parallel zur laufenden Fertigung st¨
andig adaptierbar. Als Trainings-
verfahren sind u. a. optimierende Verfahren sowie der Ablaufsimulator d3FACT insight
eingesetzt worden. Letzterer erforderte aufgrund der nicht optimalen L¨
osungen vor der
Aufnahme der erzeugten Trainingsbeispiele eine Vorbetrachtung.
Mittels R¨
uckkopplung des entwickelten Verfahrens in die Ablaufsimulation ist diese um
eine bisher nicht vorhandene Steuerungskomponente erweitert worden. Zus¨
atzlich er-
m¨
oglicht die Simulation eine Erweiterung der Informationen zum Entscheidungszeit-
punkt. Dazu erzeugt die simulative Vorausschau zum Entscheidungszeitpunkt noch
nicht bekannte Informationen in zeitlicher und maschineller Dimension.
Das Verfahren wurde prototypisch umgesetzt und anschließend evaluiert. Eine Unter-
suchung der theoretischen L¨
osungsqualit¨
at ohne situationsbeschreibende Merkmale hat
aufgezeigt, dass bei hinreichend hoher Klassifikationsgenauigkeit optimale L¨
osungen
erreicht werden k¨
onnen. Die G¨
ute der Verfahrensergebnisse wurde anhand von Bench-
marks untersucht und f¨
uhrte zu durchweg guten Ergebnissen. Im Vergleich mit alter-
nativen L¨
osungsverfahren wie einer Shifting-Bottleneck-Implementierung, einem Ab-
laufsimulator (d3FACT insight), der naiven Giffler-Thompson-Heuristik oder der ein-
fachen / zuf¨
alligen Anwendung der Priorit¨
atsregeln sind substanziell bessere Ergebnisse
im Sinne der verfolgten Zielfunktion (hier Makespan) erreicht worden. Dabei liegt die
erforderliche Rechenzeit des Verfahrens im Sekundenbereich und ist damit deutlich ge-
ringer als die der Referenz- oder Trainingsverfahren. Durch die Evaluierung konnte die
Tauglichkeit des Verfahrens nachgewiesen werden.
Offene Forschungsfragen sind beispielsweise Merkmale, die Situationen mit Steuerungs-
notwendigkeit beschreiben. Die Verfahrensintegration in ein PPS-System f¨
ur den prak-
tischen Einsatz ist zu untersuchen. Ebenso sind weitere Forschungsarbeiten im Bereich
der Priorit¨
atsregeln zur Auswahl in Konfliktsituationen durchzuf¨
uhren. Weiterhin ist zu
untersuchen, welche Methoden zur Bestimmung und zur Behandlung von zu unsicher
klassifizierten Entscheidungen eingesetzt werden k¨
onnen. F¨
ur die Merkmalsgenerierung
und -evaluierung notwendige Methoden wurden bereits umgesetzt. Die Erweiterung
des Verfahrens um eine Komponente zur Betriebsdatenerfassung in Echtzeit wurde in
Grundlagen vorbereitet und durch erste Experimente evaluiert. Dieses Konzept ist wei-
ter auszuarbeiten und vollends umzusetzen.
143
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154
A. Anhang
A.1. Taxonomie L¨
osungsverfahren
Abbildung A.1 illustriet die Taxonomie zur Klassifikation von Verfahren des Shop-Sche-
dulings nach Jain und Meeran.
Abbildung A.1.: Taxonomie von Shop-Scheduling-Verfahren1
Die Taxonomie nach Jain und Meeran wurde beispielhaft gew¨
ahlt. Weitere Taxonomien
zur Klassifikation von Shop-Scheduling Verfahren sind z. B. in Schoner,Dr´eo et al.,
Mathirajan und Sivakumar,Evers und Domschke et al. zu finden.2
1Jain und Meeran (1998)
2Vgl. (Schoner, 2008; Dr´eo et al., 2006; Mathirajan und Sivakumar, 2006; Evers, 2002; Domschke et al.,
1997).
155
A. Anhang
A.2. Taxonomie Benchmark-Probleme
Eine große Sammlung von Testadatens¨
atzen f¨
ur den Bereich des Operations Research ist
in der OR-Library zu finden.3F¨
ur die Evaluierung des entwickelten WbsGT-Verfahrens
zur Ablaufplanung und -steuerung wurden Testdaten aus Beasley verwendet.4Nachfol-
gend ist der einleitende Teil dieser Datei mit Benchmark-Problemen aufgef¨
uhrt. Dieser
beschreibt vor allem die Herkunft der Probleminstanzen die eigentlichen Problemin-
stanzen werden in der Datei aufgelistet:
This file contains a set of 82 JSP test instances .
These instances are contributed to the ORLibrary by
Dirk C. Mattfeld (email dirk@unibremen . de) and
Rob J.M. Vaessens (email robv@win. tue . nl ).
oabz5abz9 are from
J. Adams, E. Balas and D. Zawack (1988),
The shifting bottleneck procedure for job shop
scheduling , Management Science 34, 391401.
oft06,ft10,andft20arefrom
H. Fisher , G.L. Thompson (1963),
Probabilistic learning combinations of local jobshop
scheduling rules , J.F. Muth, G.L. Thompson (eds.) ,
Industrial Scheduling ,
Prentice Hall , Englewood Cliffs , New Jersey , 225251.
ola01la40 are from
S. Lawrence (1984) ,
Resource constrained project scheduling :
an experimental investigation of heuristic
scheduling techniques (Supplement),
Graduate School of Industrial Administration ,
CarnegieMellon University , Pittsburgh , Pennsylvania .
oorb01orb10 are from
3Vgl. (Beasley, 1990b).
4Vgl. (Beasley, 1990a).
156
A.2. Taxonomie Benchmark-Probleme
D. Applegate , W. Cook (1991) ,
A computational study of the jobshop scheduling
instance , ORSA Journal on Computing 3 , 149156.
(they were generated in Bonn in 1986)
o swv01swv20 are from
R.H. Storer , S.D. Wu, R. Vaccari (1992),
New search spaces for sequencing instances with
application to job shop scheduling ,
Management Science 38, 14951509.
oyn1yn4 are from
T. Yamada , R. Nakano (1992) ,
A genetic algorithm applicable to largescale jobshop
instances , R. Manner, B. Manderick (eds.) ,
Parallel instance solving from nature 2,
NorthHolland , Amsterdam, 281290.
++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
Each instance consists of a line of description , a line
containing the number of jobs and the number of machines ,
and then one line for each job , listing the machine number
and processing time for each step of the job. The machines
are numbered starting with 0.
[...]
157
A. Anhang
A.3. Benchmark-Probleme
M1M2M3M4M5M6M7M8M9M10 M11 M12 M13 M14 M15
or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt
24 312 917 427 021 625 827 726 130 531 1118 1416 1339 1019 1226
6 30 3 15 12 20 11 19 1 24 13 15 10 28 2 36 5 26 7 15 0 11 8 23 14 20 9 26 4 28
6 35 0 22 13 23 7 32 2 20 3 12 12 19 10 23 9 17 1 14 5 16 11 29 8 16 4 22 14 22
920 629 119 714 1233 430 032 521 1129 1024 1425 229 313 820 1318
11 23 13 20 1 28 6 32 7 16 5 18 8 24 9 23 3 24 10 34 2 24 0 24 14 28 12 15 4 18
824 1119 1421 133 734 635 540 1036 323 226 415 928 1338 1213 025
13 27 3 30 6 21 8 19 12 12 4 27 2 39 9 13 14 12 5 36 10 21 11 17 1 29 0 17 7 33
5 27 4 19 6 29 9 20 3 21 10 40 8 14 14 39 13 39 2 27 1 36 12 12 11 37 7 22 0 13
13 32 11 29 8 24 3 27 5 40 4 21 9 26 0 27 14 27 6 16 2 21 10 13 7 28 12 28 1 32
12 35 1 11 5 39 14 18 7 23 0 34 3 24 13 11 8 30 11 31 4 15 10 15 2 28 9 26 6 33
10 28 5 37 12 29 1 31 7 25 8 13 14 14 4 20 3 27 9 25 13 31 11 14 6 25 2 39 0 36
0 22 11 25 5 28 13 35 4 31 8 21 9 20 14 19 2 29 7 32 10 18 1 18 3 11 12 17 6 15
12 39 5 32 2 36 8 14 3 28 13 37 0 38 6 20 7 19 11 12 14 22 1 36 4 15 9 32 10 16
8 28 1 29 14 40 12 23 4 34 5 33 6 27 10 17 0 20 7 28 11 21 2 21 13 20 9 33 3 27
9 21 14 34 3 30 12 38 0 11 11 16 2 14 5 14 1 34 8 33 4 23 13 40 10 12 6 23 7 27
9 13 14 40 7 36 4 17 0 13 5 33 8 25 13 24 10 23 3 36 2 29 1 18 11 13 6 33 12 13
325 515 228 1240 739 131 835 631 1136 412 1033 1419 916 1327 021
12 22 10 14 0 12 2 20 5 12 1 18 11 17 8 39 14 31 3 31 7 32 9 20 13 29 4 13 6 26
5 18 10 30 7 38 14 22 13 15 11 20 9 16 3 17 1 12 2 13 12 40 6 17 8 30 4 38 0 13
931 839 1227 114 533 331 1122 1336 016 711 1414 429 628 222 1017
Tabelle A.1.: Benchmark-Problem: Adams, Balas, and Zawack (ABZ7) 20 ×155
M1M2M3M4M5
or pt or pt or pt or pt or pt
0 456 1 537 2 123 3 214 4 234
0 789 1 854 2 225 3 528 4 123
0 876 1 632 2 588 3 896 4 456
0 543 1 145 2 669 3 325 4 789
0 210 1 785 2 966 3 147 4 876
0 123 1 214 2 332 3 856 4 543
0 456 1 752 2 144 3 321 4 210
0 789 1 143 2 755 3 427 4 123
0 876 1 698 2 322 3 546 4 456
0 543 1 532 2 100 3 321 4 789
0 210 1 145 2 114 3 401 4 876
0 124 1 247 2 753 3 214 4 543
Tabelle A.2.: Benchmark-Problem: Carlier (CAR3) 12 ×56
5Vgl. (Adams et al., 1988).
6Vgl. (Carlier, 1978).
7Vgl. (Storer et al., 1992).
8Vgl. (Fisher und Thompson, 1963).
9Vgl. (Lawrence, 1984).
10Vgl. (Lawrence, 1984).
11Vgl. (Lawrence, 1984).
158
A.3. Benchmark-Probleme
M1M2M3M4M5M6M7M8M9M10
or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt
319 227 139 413 025 837 940 554 774 693
269 030 41 34 164 771 52 984 631 88
479 380 086 255 154 881 672 786 559 975
276 315 126 017 430 844 791 683 552 968
473 387 174 039 298 9100 543 817 77 677
163 049 216 355 49 973 561 834 682 746
087 171 443 380 239 770 818 641 979 544
470 222 073 362 164 525 819 669 941 728
316084158 47 29 58610717842965
38 010 13 441 23 740 856 553 996 613
462 160 364 212 039 52 764 687 921 860
266 171 323 475 078 774 635 924 823 550
15 392 46 069 280 713 517 989 680 847
082 384 124 247 493 785 534 673 828 991
455 057 363 224 140 730 637 599 888 941
175247368 07478 780 62923849550
091 425 210 121 394 86 759 584 975 670
285 131 094 494 311 521 97 661 850 793
127 077 413 230 32 588 74 939 653 854
134 212 331 024 424 716 56 988 881 611
Tabelle A.3.: Benchmark-Problem: Storer, Wu, and Vaccari (SWV01) 20 ×107
M1M2M3M4M5M6M7M8M9M10
or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt
029 178 29 336 449 511 662 756 844 921
043 290 475 911 369 128 646 546 772 830
191 085 339 274 890 510 712 689 945 433
181 295 071 499 69 852 785 398 922 543
214 06122561326469821749972653
284 12552395848972047665 46725
146 037 361 213 632 521 932 889 730 455
231 086 146 574 432 688 819 948 736 379
076 169 376 551 285 911 640 789 426 874
185 013 261 67 864 976 547 352 490 745
Tabelle A.4.: Benchmark-Problem: Fisher and Thompson (FT10) 10 ×108
159
A. Anhang
M1M2M3M4M5M6M7M8M9M10
or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt
234 355 595 916 421 671 053 852 121 726
339 231 012 142 979 877 677 598 455 766
119 083 334 492 654 979 862 537 264 743
460 287 824 577 369 738 187 641 983 093
879 977 298 496 317 044 743 675 149 525
835 795 69 910 235 17 528 461 095 376
428 559 316 943 046 850 652 727 259 191
59420239654145771087341943814
1 28 5 33 0 78 3 26 2 37 7 8 8 66 6 89 9 42 4 33
294 584 678 981 174 327 869 069 745 496
131 424 020 217 925 881 576 387 732 618
528 997 058 445 676 399 223 172 890 786
527 948 827 762 498 667 348 042 146 217
112 850 080 250 980 319 528 663 494 798
461 355 637 514 250 879 141 972 718 075
Tabelle A.5.: Benchmark-Problem: Lawrence (LA21) 15 ×109
M1M2M3M4M5M6M7M8M9M10
or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt
852 726 671 916 234 121 595 421 053 355
455 598 339 979 012 877 677 766 231 142
537 492 264 654 119 743 083 334 979 862
187 577 093 369 287 738 824 641 983 460
298 525 675 977 149 317 879 044 743 496
17461095235910835528376795 69
559 943 046 428 652 316 259 191 850 727
59943814771420654341087145239
128 866 078 237 942 326 533 689 433 78
496 327 678 584 294 869 174 981 745 069
424 732 925 217 387 881 576 618 131 020
890 528 172 786 223 399 676 997 445 058
217 498 348 146 827 667 762 042 948 527
080 850 319 798 528 250 494 663 112 980
972 075 461 879 637 250 514 355 718 141
396 214 557 047 765 475 879 171 660 922
131 747 858 332 444 558 634 033 269 951
144 740 217 062 866 615 329 938 58 497
258 350 463 987 057 621 757 832 139 520
185 084 556 361 915 770 830 290 667 420
Tabelle A.6.: Benchmark-Problem: Lawrence (LA26) 20 ×1010
160
A.3. Benchmark-Probleme
M1M2M3M4M5M6M7M8M9M10
or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt or pt
360 448 595 087 172 95 835 739 654 266
737 634 097 555 221 320 459 946 819 146
445 273 124 828 028 325 523 783 95 678
053 212 912 137 833 371 655 529 787 438
490 249 927 765 57 623 048 383 817 140
385 425 284 664 913 166 746 859 062 519
588 667 414 041 173 757 253 380 947 874
178 564 463 646 384 084 828 952 726 241
111 064 697 938 217 485 573 310 895 767
393 295 743 165 832 059 685 546 985 460
261 341 549 423 066 749 870 999 190 617
413 77198857073373268540998 69
986 676 414 341 185 037 819 217 754 579
140 253 797 587 896 484 316 666 952 095
633 133 387 018 255 813 477 760 942 574
792 591 879 254 469 679 333 161 939 016
682 141 428 564 278 376 76 849 947 058
052 542 824 991 347 688 491 752 228 135
582 276 386 693 484 738 895 937 121 023
977 48642764070245845528367186
Tabelle A.7.: Benchmark-Problem: Lawrence (LA27) 20 ×1011
161
A. Anhang
A.4. Giffler/ Thompson-Heuristik
Beispiel A.1 Giffler-Thompson
Das folgende Beispiel in Abbildung A.2 zeigt den Ablauf eines Giffler-Thompson-Ver-
fahrens, wobei die Konfliktmengenaufl¨
osung mittels der Regel SPT durchgef¨
uhrt wird.
(a)Job-Shop-Scheduling-Problem
M1
M2
Operationen:
J1
J2
0t
o1,2 o1,1
o2,1 o2,2
(b)1. Iteration
M1
M2
Operationen:
J1
J2
0t
o1,1
o2,1 o2,2
o1,2
(c)2. Iteration
M1
M2
Operationen:
J1
J2
0t
o2,1 o2,2
o1,2
o1,1
(d)3. und 4. Iteration
M1
M2
Operationen:
J1
J2
0t
o1,2
o1,1 o2,1
o2,2
Abbildung A.2.: L¨
osung eines Job-Shop-Problems mit Giffler-Thompson-Heuristik
Das vorgestellte Scheduling-Problem besteht aus zwei Maschinen und zwei Auftr¨
agen.
In den Teilabbildungen sind sowohl der Schedule mit den bereits eingeplanten Opera-
tionen als auch die noch ausstehenden Operationen dargestellt. Die noch ausstehen-
den Operationen sind derart eingezeichnet, dass der fr¨
uheste Startzeitpunkt erkennbar
ist. Abbildung A.2(a) zeigt den noch leeren Schedule und die zwei Auftr¨
age mit ihren
in technologischer Reihenfolge sortierten Operationen. Im 1. Iterationsschritt (Abbil-
dung A.2(b)) ermittelt die Heuristik diejenige Operation mit dem fr¨
uhesten Fertigstel-
lungszeitpunkt (hier o1,2). Es kann kein weiterer Auftrag auf Maschine M2ausgef¨
uhrt
werden; deshalb ist o1,2direkt einplanbar. Beim 2. Iterationsschritt (Abbildung A.2(c))
ist Operation o1,1diejenige, die den fr¨
uhestm¨
oglichen Fertigstellungszeitpunkt hat. Hier
ist allerdings auch Operation o2,1vor der Fertigstellung der ausgew¨
ahlten Operation
o1,1auf derselben Maschine bearbeitbar. Dieser Konflikt wird mit der Priorit¨
atsregel
SPT aufgel¨
ost und somit Operation o1,1eingeplant. Abbildung A.2(d) zeigt die letzten
162
A.4. Giffler/ Thompson-Heuristik
beiden Iterationsschritte. Innerhalb dieser werden die noch ausstehenden Operationen
der vorliegenden Scheduling-Probleminstanz eingeplant.
Beispiel A.2 Giffler-Thompson f¨
ur inhomogene Operationszeiten
Das folgende Beispiel zeigt den Ablauf des Giffler-Thompson-Verfahrens f¨
ur eine Proble-
minstanz mit inhomogenen Operationszeiten. Die Konfliktmengenaufl¨
osung wird mit-
tels der Regeln SPT und LPT durchgef¨
uhrt. Der erste Konflikt wird mit der SPT Regel
gel¨
ost, der zweite mit der LPT Regel, der dritte mit der SPT Regel usw.
Maschine 1 Maschine 2 Maschine 3
or pt or pt or pt
Job 1 I2II 4 III 2
Job 2 I3III 7 II 3
Job 3 II 3 III 6 I9
Job 4 III 1 II 3 I4
Tabelle A.8.: Beispielhafte Scheduling-Probleminstanz
Die Scheduling-Probleminstanz besteht aus 3 Maschinen und 4 Auftr¨
agen (siehe Tabel-
le A.8). Reihenfolgenummer und Prozesszeit der Operationen eines Jobs beschreiben
die beiden Variablen or und pt. In den Teilabbildungen (siehe Abbildung A.2(a) bis
Abbildung A.2(j)) des Beispiels sind die ersten 5 Iterationsschritte dargestellt. Einzelne
Operationen sind als oj,m dargestellt, wobei jdie Jobnummer und mdie Maschinennum-
mer abbilden. Die Gantt-Charts werden von Iteration zu Iteration sukzessive erweitert.
Beispiel A.2 zeigt, dass trotz korrekter Ausf¨
uhrung des Giffler-Thompson-Verfahrens
ung¨
ultige Schedules erzeugt werden k¨
onnen. Obwohl f¨
ur die Operation o1,3der fr¨
uhest-
m¨
ogliche Startzeitpunkt im Sinne des Verfahrens immer korrekt angepasst wurde, l¨
auft
das Verfahren dennoch in einen Fehler. Maschine M3wird durch die Operationen o3,3
und o1,3doppelt belegt. Ist das Scheduling-Problem inhomogen, d. h. es sind Operatio-
nen mit langen und kurzen Operationszeiten vorhanden, kann es zu diesen Problemen
kommen. Wenn also die Differenz zwischen den Bearbeitungszeiten der Jobs nicht hin-
reichend groß ist, kann es zu nicht ausreichenden Anpassungen der fr¨
uhestm¨
oglichen
Starttermine einzelner Operationen kommen. Im dargestellten Beispiel w¨
are Operation
o1,3, obwohl nicht in der Konfliktmenge, bei der Einplanung von Operation o3,3mit zu
aktualisieren gewesen.
163
A. Anhang
(a)1. Iterationsschritt
Einpl. Operationen: o1,1;o
2,1;o
3,3;o
4,3
Op. mit min F-Zeit: o1,1
Konfliktmenge: o1,1,o
2,1
SPT w¨
ahlt aus: o1,1
(b)Gantt-Chart nach 1. Iteration
M1
M2
M3
0t
o1,1
(c)2. Iterationsschritt
Einpl. Operationen: o1,2;o
2,1;o
3,3;o
4,3
Op. mit min F-Zeit: o4,3
Konfliktmenge: o4,3,o
3,3
LPT w¨
ahlt aus: o3,3
(d)Gantt-Chart nach 2. Iteration
M1
M2
M3
0t
o1,1
o3,3
(e)3. Iterationsschritt
Einpl. Operationen: o1,2;o
2,1;o
3,1;o
4,3
Op. mit min F-Zeit: o2,1
Konfliktmenge: o2,1
SPT w¨
ahlt aus: o2,1
(f)Gantt-Chart nach 3. Iteration
M1
M2
M3
0t
o1,1
o3,3
o2,1
(g)4. Iterationsschritt
Einpl. Operationen: o1,2;o
2,3;o
3,1;o
4,3
Op. mit min F-Zeit: o1,2
Konfliktmenge: o1,2
LPT w¨
ahlt aus: o1,2
(h)Gantt-Chart nach 4. Iteration
M1
M2
M3
0t
o1,1
o3,3
o2,1
o1,2
(i)5. Iterationsschritt
Einpl. Operationen: o1,3;o
2,3;o
3,1;o
4,3
Op. mit min F-Zeit: o2,3
Konfliktmenge: o2,3;o
1,3;o
4,3
SPT w¨
ahlt aus: o1,3
(j)Gantt-Chart nach 5. Iteration
M1
M2
M3
0t
o1,1
o3,3
o2,1
o1,2
o1,3
Abbildung A.3.: Fehlerhafte Giffler-Thompson-L¨
osung eines Job-Shop-Problems
A.5. Precision, Recall und F-Maß
Als Resultat auf eine Suchanfrage bei Internetsuchmaschine A werden beispielsweise
100 Ergebnisse zur¨
uckgeliefert, von denen 40 dem gew¨
unschten Inhalt/Resultat ent-
sprechen. Bei Internetsuchmaschine B werden 400 Ergebnisse zur¨
uckgeliefert. Hiervon
entsprechen 160 dem gew¨
unschten Inhalt. Weil beide eine Klassifikationsgenauigkeit von
40% ausweisen, stellt sich die Frage, welche der beiden Suchmaschinen (Klassifizierer)
das bessere Ergebnis liefert.12
Beispiel A.3 Precision, Recall und F-Maß
Die gegebene Menge von 150 Testinstanzen ordnet ein Klassifizierer den drei Klassen a, b
12Vgl. (Witten und Frank, 2005, Seite 155 ff.).
164
A.5. Precision, Recall und F-Maß
und czu. In der Menge sind die drei Klassen gleichverteilt, d. h. jeweils 50 Testinstanzen
geh¨
oren zu einer der drei Klassen. Als Klassifikationsergebnis sei angenommen, dass alle
Testinstanzen der Klassen aund ckorrekt zugeordnet wurden. Die Testinstanzen der
Klasse bwerden alle falsch klassifiziert. Der Klassifizierer ordnet zwei b-Testinstanzen
der Klasse aund die restlichen 48 der Klasse czu. Tabelle A.4 zeigt das Ergebnis
¨
ubersichtlich.
Zuordnung des
Klassifizierers
ab c
a 50 0 0
b2048
c0050
Abbildung A.4.: Beispielhaftes Klassifikationsergebnis
Tabelle A.5 ist so zu lesen, dass die Zeile die korrekte Klasse einer Testinstanz und die
Spalte das Ergebnis des Klassifizierers angibt. Eintrag (i, j) gibt die Anzahl der Testin-
stanzen aus i, die jzugeordnet werden an. Sind alle Wertepaare auf der Hauptdiagonalen
der Tabelle angeordnet, dann hat der Klassifizierer alle Instanzen richtig zugeordnet,
wodurch die Klassifikationsgenauigkeit bei 100% liegt. Die Klassifikationsgenauigkeit im
Beispiel liegt bei ca. 67%. Die Werte f¨
ur Precision, Recall und das resultierende F-Maß
sind in Tabelle A.5 aufgelistet.
Klasse Precision Recall F-Maß
a 0,962 1,000 0,980
b 0,000 0,000 0,000
c 0.510 1,000 0,676
Abbildung A.5.: Beispielhafte Precision-, Recall- und F-Maß-Werte
Obwohl s¨
amtliche Testinstanzen der Klassen aund bkorrekt klassifiziert wurden, d. h.
rec(a)=rec(c) = 1, ist das F-Maß kleiner als eins. Das ist damit zu erkl¨
aren, dass
der Klassifizierer die Testinstanzen der Klasse bden Klassen aund czuordnet und sich
so die Precision-Werte verschlechtern. Das Ergebnis f¨
ur die Klassen aund cist also
durch die falsche Zuordnung der Instanzen von bverschmutzt. Unter dem Ausschluss
der Klasse bund deren Instanzen w¨
aren die Werte f¨
ur das F-Maß mit F(a)=F(c)=1
perfekt.
Mit den jetzt zur Verf¨
ugung stehenden Maßzahlen sind die beiden eingangs beschrie-
165
A. Anhang
benen Klassifizierer der Internetsuchmaschine genauer zu vergleichen. Dazu werden in
Abbildung A.6 zun¨
achst die genauen Verteilungen der jeweils zur¨
uckgelieferten Sucher-
gebnisse dargestellt.
(a)Klassifizierer A mit einer Genau-
igkeit von 40 Prozent
Zuordnung des
Klassifizierers
abc
a4000
b5020
c530 0
(b)Klassifizierer B mit einer Genauig-
keit von 40 Prozent
Zuordnung des
Klassifizierers
abc
a 120 0 0
b10 30 0
c90 140 10
Abbildung A.6.: Verteilung des Klassifikationsergebnisses zweier Klassifizierer
Mittels der detaillierten Suchergebnisse f¨
ur die beiden Klassifizierer A & B sind jetzt
die genaueren Vergleichszahlen berechenbar. Abbildung A.7 zeigt die Precision, Recall
und F-Maß Werte f¨
ur die beiden Klassifizierer.
(a)Klassifizierer A
Klasse Precision Recall F-Maß
a 0,80 1,00 0,89
b 0,00 0,00 0,00
c 0,00 0,00 0,00
(b)Klassifizierer B
Klasse Precision Recall F-Maß
a 0,56 1,00 0,72
b 0,18 0,75 0,29
c 1,00 0,04 0,08
Abbildung A.7.: Precision-, Recall- und F-Maß-Werte f¨
ur zwei Klassifizierer
Hiermit wird deutlich, dass, obwohl beide Klassifizierer eine Genauigkeit von 40% errei-
chen, Klassifizierer B der bessere von beiden ist. Er ordnet nicht nur alle Ergebnisse des
Typs arichtig zu, das macht Klassifizierer A ebenso, zus¨
atzlich trifft B jedoch einige
Typen der Klassen bund c, was Klassifizierer A nicht gelingt.
166
A.6. Ergebnis: Zwei-Klassifizierer-System
A.6. Ergebnis: Zwei-Klassifizierer-System
Tabelle A.9 zeigt die Ergebnisse der Evaluation des Zwei-Klassifizierer-Systems. Die
Ergebnisse der einzelnen Problemvarianten wurden je Problemtyp zu Mittelwerten zu-
sammengefasst.
Problem Auftragswahl Arbeitssystem-
wahl
Makespan
(Mittelwert)
Abweichung
(Mittelwert)
1×3 wissensbasiert wissensbasiert 284,217
SPT fastest 295,417 4,05 %
SPT slowest 295,338 4,02 %
LPT fastest 284,217 0 %
LPT slowest 284,036 -0,07 %
zuf¨
allig zuf¨
allig 290,118 1,53 %
2×4 wissensbasiert wissensbasiert 121,27
SPT fastest 174,054 46,13 %
SPT slowest 198,042 69,83 %
LPT fastest 123,962 2,32 %
LPT slowest 123,514 1,89 %
zuf¨
allig zuf¨
allig 127,355 5,17 %
3×2 wissensbasiert wissensbasiert 715,714
SPT fastest 913,626 27,74 %
SPT slowest 931,557 30,26 %
LPT fastest 752,077 5,33 %
LPT slowest 749,999 5,19 %
zuf¨
allig zuf¨
allig 716,92 0,4 %
3×3 wissensbasiert wissensbasiert 95,41
SPT fastest 100,47 5,8 %
SPT slowest 124,79 32,77 %
LPT fastest 104,5 10,04 %
LPT slowest 108,092 14,39 %
zuf¨
allig zuf¨
allig 105,115 10,61 %
4×4 wissensbasiert wissensbasiert 111,702
SPT fastest 143,435 28,07 %
SPT slowest 219,575 97,2 %
LPT fastest 124,292 11,15 %
LPT slowest 142,842 29,51 %
zuf¨
allig zuf¨
allig 117,528 5,41 %
Tabelle A.9.: Makespan Zwei-Klassifizierer-System: ¨
Ubersicht
A.7. Ergebnis: Ein-Klassifizierer-System
Beim Experiment zum Ein-Klassifizierer-System wurde ein Flexible-Flow-Shops mit
unverwandten Maschinen auf den Stufen verwendet (FR5||Cmax). Das Benchmark-
Problem besteht aus 5 Stufen mit jeweils 3 unverwandten Maschinen auf den Stufen
und insgesamt 10 zu bearbeitenden Jobs. Die Ober- und Untergrenzen der Standard-
Bearbeitungszeit der Jobs liegen bei 20 und 200, die relativen Maschinengeschwindig-
keiten sind im Intervall von 50 bis 200 Prozent gleichverteilt (Schrittgr¨
oße 10 Prozent).
167
A. Anhang
Zum Training und zur Evaluierung wurden jeweils 200 unterschiedliche Probleminstan-
zen verwendet. Die Trainingsbeispiele sind mittels eines Genetischen Algorithmus simu-
liert worden.13 Abbildung A.8 illustriert die erreichten Ergebnisse, Tabelle A.10 zeigt
diese im Detail.
0
10
20
30
40
50
60
70
80
0 2 4 6 8 10 12 14
Durchschnittliche Abweichung zur besten gefundenen Lösung [%]
Ranking der SchedulingMethoden
WbsGT ohne Klassifizierer
WbsGT
Prioritätsregel
GifflerThompson
Abbildung A.8.: Ergebnis Ein-Klassifizierer-System bei einem 10 ×5 Problem
Die Ergebnisse der einfachen Regelanwendung sind wie folgt: FSFOMin v(μ=90,38;
σ=17,51), Min v(μ=99,22; σ=19,37), FSFOMax p(μ= 105,07; σ=18,68),
Max p(μ= 115,10; σ=21,03), Max c(μ= 118,10; σ=21,00). Da die Ergebnisse
extrem schlecht ausfallen, wurden diese nicht mit in Abbildung A.8 und Tabelle A.10
aufgenommen. Es ist festzustellen, dass das WbsGT-Verfahren der zuf¨
alligen Auswahl
von Priorit¨
atsregeln ¨
uberlegen ist (Rang 1-5 wird von WbsGT-Auspr¨
agungen belegt).
Nicht nur die erreichten Ergebnisse sind besser, auch ist die Varianzen geringer. Das
beste Ergebnis wird von WbsGT (Alle Regeln) mit einer Abweichung von 11,50 Pro-
zent und einer Varianz von 4,75 erreicht. Die gleiche Auspr¨
agung mit Zufallsauswahl
13Implementiert wurde der Genetische Algorithmus in der Auspr¨
agung von Ruiz und Maroto (vgl. Ruiz
und Maroto, 2006). Als Selektionskomponente wurde das Verfahren von Jungwattanakit et al. umgesetzt
(vgl. Jungwattanakit et al., 2008).
168
A.8. Ergebnis: Adaptionsmechanismus
erreicht eine deutlich schlechtere Abweichung von 46,94 Prozent, bei einer h¨
oheren Va-
rianz von 9,43. Den zweiten Rang belegt WbsGT (FSFOMin p,FSFOMax p,
FSFO Min v,FSFO Max v) bei einer 11,71 prozentigen Abweichung und einer
Varianz von 5,05. Die Auspr¨
agung mit zuf¨
alliger Regelauswahl erreicht in diesem Fall
lediglich eine Abweichung von 39,31 Prozent bei einer um 2,15 Punkte h¨
oheren Vari-
anz. Die erste Auspr¨
agung mit einer einfachen Priorit¨
atsregel liegt mit einer Abwei-
chung von 16,13 Prozent und einer Varianz von 7,29 auf Rang 6. Die Giffler-Thompson-
Heuristik bei g¨
anzlich zuf¨
alliger Auswahl der Operationen liegt mit einer Abweichung
von 38,02 Prozent und einer Varianz von 7,10 auf Rang 14 und ist damit schlechter als
alle WbsGT-Varianten. Insgesamt ist festzustellen, dass das WbsGT-Verfahren sowohl
der zuf¨
alligen Auswahl von Priorit¨
atsregeln als auch der einfachen Regelanwendung und
der einfachen Giffler-Thompson-Heuristik ¨
uberlegen ist.
Rang Verfahren Abweichung
& Varianz
Regelmenge Abw. & Var.
ohne Klassifizierer
1WbsGT 11,50 4,75 Alle Regeln 46,96 9,43
2WbsGT 11,71 5,05 FSFOMin p,FSFOMax p,
FSFOMin v,FSFOMax v
39,31 7,20
3WbsGT 12,77 5,76 Min p,Minv,Minc,
FSFOMin p,FSFOMin v
37,82 7,66
4WbsGT 13,66 5,99 Min c,Maxc,Minp,Maxp,
Min v,Maxv
50,10 8,84
5WbsGT 15,58 7,06 Min c,Maxc,Minp,Maxp51,34 9,09
6FSFOMin p16,13 7,29 ––
7FSFOMax v17,14 7,25 ––
8WbsGT 20,51 7,13 Min v,Maxv47,73 8,71
9Max v23,09 8,06 ––
10 WbsGT 23,97 9,31 Min c,Maxc51,86 9,57
11 Min c23,97 9,31 ––
12 WbsGT 24,61 8,34 Min p,Maxp51,62 9,77
13 Min p27,29 9,54 ––
14 Giffler-Thompson 38,02 7,10 ––
Tabelle A.10.: Makespan Ein-Klassifizierer-System bei 10 ×5 Problem: ¨
Ubersicht
A.8. Ergebnis: Adaptionsmechanismus
Bei der Evaluierung des Adaptionsmechanismus sollen zwei wesentliche Punkte unter-
sucht werden. Zum einen die Steigerung der L¨
osungsg¨
ute in Bezug auf die Zielfunktion
Minimierung des Makespans. Zum anderen die so erreichte WbsGT-L¨
osungsg¨
ute
insgesamt. Dazu wurden zwei Testreihen durchgef¨
uhrt.
In der ersten Testreihe werden identische Probleme jeweils mit und ohne Adaptionsme-
chanismus gel¨
ost.14 F¨
ur den Test werden das FT10-, ABZ7- und ABZ7-8-Benchmark-
14Die Variationen des Benchmark-Problems sind f¨
ur die L¨
osung mit Adaptionsmechanismus sowie f¨
ur
169
A. Anhang
Problem verwendet. Hierbei wurde das ABZ7-8 neu entwickelt. Es basiert auf dem
ABZ7 Problem, welches zu einem dynamischen Job-Shop-Problem erweitert wurde.15
Hierzu werden w¨
ahrend des L¨
osungsvorgangs dynamisch weitere Jobs zum Problem
hinzugef¨
ugt. Die neu hinzugef¨
ugten Jobs stammen aus dem ABZ8-Benchmark-Problem
und erweitern das Problem zwischen den Zeitpunkten 50 und 500 im Abstand von je
50 Zeiteinheiten um jeweils einen Job.
0
0.5
1
1.5
2
2.5
3
3.5
FT10 ABZ7 ABZ78
Verbesserung des Makespans [%]
Abbildung A.9.: Ergebnis Adaptionsmechanismus absolut
Abbildung A.9 zeigt die prozentuale Verbesserung der generierten Schedules beim Ein-
satz des Adaptionsmechanismus. Es ist zu erkennen, dass der Adaptionsmechanismus
in allen drei Testreihen zu einer Verbesserung der erzeugten L¨
osungen f¨
uhrt. Die Ma-
kespans der Schedules, welche bei dem Einsatz des Adaptionsmechanismus gefunden
werden, liegen in den Testreihen 1,4 bis 3,4 Prozent unter den L¨
osungen, die ohne
Adaptionsmechanismus generiert werden.
In der zweiten Testreihe werden dieselben Probleme wie in der vorherigen Testreihen
die L¨
osung ohne identisch. Es wurden 100 Varianten generiert. Der verwendete Mittelwert war μ=0,
die Standardabweichung σ= 50.
15Zu Details zum FT10- und ABZ7-Benchmark-Problem siehe Tabelle A.4 und A.1.
170
A.8. Ergebnis: Adaptionsmechanismus
verwendet. Es kommen die gleichen L¨
osungsverfahren wie in Kapitel 6.2 zum Einsatz.
Abbildung A.10 zeigt die von den einzelnen Verfahren erreichten durchschnittlichen
Makespans.16
0
10
20
30
40
50
60
70
80
FT10 ABZ7 ABZ78
Durchschnittliche Abweichung zur ReferenzLösung [%]
Adaption
PRSet1
PRSet2
SB
PR1
PR2
Abbildung A.10.: Ergebnis Adaptionsmechanismus
Es zeigt sich, dass die WbsGT-L¨
osungsg¨
ute mit Adaptionsmechanismus steigt und
WbsGT den anderen Verfahren noch deutlicher ¨
uberlegen ist als ohne Adaption. Die
erreichten Makespans liegen im Durchschnitt nur 5 bis maximal 10 Prozent ¨
uber der
Referenzl¨
osung des Branch-and-Bound-Verfahrens. F¨
ur die Giffler-Thompson-Heuristik
mit Einsatz einer festen Priorit¨
atsregel liegt die Differenz zur Referenzl¨
osung bei 13 bis
30 Prozent bei Einsatz der beiden bestgeeigneten Priorit¨
atsregeln (PR1 und PR2)
f¨
ur das jeweilige Problem.17 Die Differenz ist damit mehr als doppelt so hoch wie die
16Als Referenzwert f¨
ur die Benchmark-Probleme wird die nach einer Stunde Berechnungszeit erreichte
Branch-and-Bound-L¨
osung verwendet. Die L¨
osungen wurden mittels der Brucker et al.-Variante der
LiSA-Scheduling-Umgebung erzeugt (vgl. Br¨
asel et al., 2003). Da die hierbei die Verarbeitung von
Bereitstellungszeiten nicht m¨
oglich ist, wurde f¨
ur dynamische Probleme die beste ¨
ubrige L¨
osung als
Referenzwert verwendet. Dieser wird von WbsGT erzeugt.
17Die bestgeeigneten Priorit¨
atsregeln waren beim FT10-Benchmark-Problem LSO (29,4%) und MWR
(29,6%), beim ABZ7-Benchmark-Problem MWR (13,1%) und LSO (13,8%) sowie MWR (4,67%) und
LSO (5,37%) beim ABZ7-8-Benchmark-Problem.
171
A. Anhang
der WbsGT-L¨
osung. Auch der Wert der besten Priorit¨
atsregelmengen (PR-Set1 und
PR-Set2) liegt noch deutlich ¨
uber dem des entwickelten Verfahrens.18 Die L¨
osungen des
Shifting-Bottleneck-Verfahrens19 sind nur beim FT10-Benchmark-Problem konkurrenz-
f¨
ahig und liegen ansonsten weit hinter den L¨
osungen, die auf der Giffler-Thompson-
Heuristik basieren.
Die Berechnungszeiten f¨
ur eine L¨
osung liegen bei allen Heuristiken unter 10 Sekunden.
Der Branch-and-Bound-Algorithmus wurde nach einer Stunde (pro L¨
osung) abgebro-
chen und die bis dahin gefundene zeitoptimale L¨
osung als Referenzl¨
osung verwendet.
Abbildung A.10 zeigt, das WbsGT mit Adaptionsmechanismus gute Schedules im Sin-
ne der Zielfunktion erzeugt. Die generierten Schedules sind der bestgeeignetsten Prio-
rit¨
atsregel um 9 bis 20 Prozent ¨
uberlegen. Im Vergleich zu den L¨
osungen des Shifting-
Bottleneck-Algorithmus werden sogar Verbesserungen von bis zu 73 Prozent erreicht.
Die Branch-and-Bound-L¨
osungen konnten auf 5 bis maximal 10 Prozent approximiert
werden. Die zur Erzeugung des Schedules ben¨
otigte Zeit liegt dabei jedoch im Gegen-
satz zu der f¨
ur das Branch-and-Bound-Verfahren ben¨
otigten Zeit im Bereich weniger
Sekunden. Zus¨
atzlich kann WbsGT Bereitstellungszeiten verarbeiten und ist somit f¨
ur
dynamische Job-Shops und Flexible-Flow-Shops geeignet.
FT10 ABZ7
Differenz zur Branch-and-Bound-Referenzl¨
osung 8,9% 5,0%
Absolute Verbesserung durch den Adaptionsmechanismus 3,3% 2,7%
Relative Verbesserung durch den Adaptionsmechanismus
(Absolute Verbesserung ·100/Differenz ohne Adaption)
25,1% 35,1%
Tabelle A.11.: Relative Verbesserung durch mit Adaptionsmechanismus
Durch den Einsatz des Adaptionsmechanismus wurden in allen Tests Verbesserungen
der WbsGT-L¨
osungen erreicht. Die Verbesserungen liegen dabei im Bereich von 1,4 bis
3,4 Prozent. Wie dargestellt, liegt die generierte L¨
osung weniger als zehn Prozent ¨
uber
der, mit hohem Zeit- und Rechenaufwand erstellten Branch-and-Bound-L¨
osung. Eine
Verbesserung im Bereich von wenigen Prozent bedeutet eine starke Ann¨
aherung an die
Qualit¨
at der Trainingsl¨
osungen, mit denen die Lernkomponente vorab trainiert wird.
18Die bestgeeigneten Priorit¨
atsregelmengen waren beim FT10-Benchmark-Problem {SPT LSO MWR}
(15,7%) und {SPT LWR LPT MWR}(16,7%), beim ABZ7-Benchmark-Problem {LSO MWR}(7,5%)
und {LWR MWR}(9,35%) sowie {LSO MWR}(1,77%) und {LWR MWR}(3,07%) beim ABZ7-8-
Benchmark-Problem.
19Eingesetzt wurde die Shifting-Bottleneck-Implementierung der LiSA-Scheduling-Umgebung (vgl. Br¨
a-
sel et al., 2003).
172
A.9. Klassifikation von Schedulingproblemen
Tabelle A.11 zeigt die durch die Adaption erreichte relative Verbesserung in Bezug auf
die Referenzl¨
osungen.
Zusammenfassend l¨
asst sich feststellen, das WbsGT bei einem geringen Zeitbedarf
L¨
osungen mit einem guten Zielfunktionswert erzeugt. Die erstellten L¨
osungen sind den
Vergleichsl¨
osungen der Giffler-Thompson-Heuristik mit festen Priorit¨
atsregeln und den
Shifting-Bottleneck-L¨
osungen ¨
uberlegen. Die L¨
osungsg¨
uten des Branch-and-Bound-Ver-
fahrens wird ann¨
ahernd erreicht. Mit dem entwickelten Adaptionsmechanismus konnte
der Abstand um ca. 25 Prozent verringert werden.
A.9. Klassifikation von Schedulingproblemen
Als Klassifikation von Scheduling-Problemen wird die nachfolgend angef¨
uhrte Drei-
Felder-Notation verwendet. [...] A notation proposed by Graham et al. and Blazewicz
et al. will be presented [...].20
The notation is composed of three fields α|β|γ. They have the following meaning: The
first field α=α1
2describes the processor environment.
Parameter α1∈{,P,Q,R,O,F,J}characterizes the type of processor used:
α1=: single processor21,
α1=P: identical processors,
α1=Q: uniform processors,
α1=R: unrelated processor,
α1=O: dedicated processor: open shop system,
α1=F: dedicated processor: flow shop system,
α1=J: dedicated processor: job shop system.
Parameter α2∈{,k}denotes the number of processors in the problem:
α2=: the number of processors is assumed to be variable,
α2=k: the number of processors is equal to k(kis a positive integer).
20Vgl. (Graham et al., 1979; Blazewicz et al., 1983).
21In this notation denotesanemptysymbolwhichwillbeomittedinpresentingproblems.
173
A. Anhang
The second field β=β1
2
3
4
5
6
7
8describes task and resource characteri-
stics. Parameter β1∈{,pmtn}indicates the possibility of task preemption:
β1=: no preemption is allowed,
β1=pmtn: preemptions are allowed.
Parameter β2∈{,res}characterizes additional resources:
β2=: no additional resources exist,
β2=res: there are specified resource constraints [...].
Parameter β3∈{, prec, uan, tree, chains}reflects the precedence constraints:
β3=, prec, uan, tree, chains: denotes respectively independent tasks, general
precedence constraints, uniconnected activity networks, precedence constraints
forming a tree or a set of chains.
Parameter β4∈{,r
j}describes ready times:
β4=: all ready times are zero,
β4=rj: ready times differ per task.
Parameter β5∈{,p
j=p, p pjp}describes task processing times:
β5=: tasks have arbitrary processing times,
β5=(pj=p): all tasks have processing times equal to punits,
β5=(ppjp): no pjis less than por greater than p.
Parameter β6∈{,˜
d}describes deadlines:
β6=: no deadlines are assumed in the system (however, due dates may be
defined if a due date involving criterion is used to evaluate schedules),
β6=˜
d: deadlines are imposed on the performance of a task set.
Parameter β7∈{,n
jk}describes the maximal number of tasks constituting a job
in case of job shop systems:
β7=: the above number is arbitrary or the scheduling problem is not a job shop
problem,
β7=(njk): the number of tasks for each job is not greater than k.
174
A.9. Klassifikation von Schedulingproblemen
Parameter β8∈{,no-wait}describes a no-wait property in the case of scheduling on
dedicated processors:
β8=: buffers of unlimited capacity are assumed
β8= no-wait: buffers among processors are of zero capacity and a job after finis-
hing its processing on one processor must immediately start on the consecutive
processor.
The third field, γ, denotes an optimality criterion (performance measure), i. e. γ
{Cmax,Cj,wjCj,L
max,Dj,wjDj,Ej,wjEj,Uj,wjUj,−},where
Cj=F, wjCj=Fw,Dj=D,wjDj=Dw,Ej=E,wjEj=Ew,Uj
=U, wjUj=Uwand means testing for feasibility whenever scheduling to meet
deadlines is considered. [...]22
22Vgl. (Blazewicz et al., 2007, Seite 68 f.).
175