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Von der Müllkippe zur Abfallwirtschaft
- Die Entwicklung der Hausmüllentsorgung
in Berlin (West) von 1945 bis 1990 -
von M. A. Jinhee Park
von der Fakultät I Geisteswissenschaften
der Technische Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Philosophie
-Dr. phil.-
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. Eckart Mensching
Gutachter: Prof. Dr. Wolfgang König
Gutachter: Prof. Dr. Dr. h.c. Karl J. Thomé-Kozmiensky
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 21. Oktober 2003
Berlin 2004
D 83
2
Inhalt
Einleitung..................................................................................................................................5
I. Vorgeschichte der Müllbeseitigung in Berlin..................................................................15
1. Städtehygiene und Regulierung der Müllabfuhr ..............................................................15
2. Müllverbrennung vs. Müllverwertung: Debatte über Müllbeseitigungsmethoden .......... 20
3. Müllverwertungsversuche in Berlin.................................................................................24
4. Kommunalisierung der Müllabfuhr und Fortsetzung der Müllverwertung...................... 27
II. Von der Kippe zum Kamin: Umstellung der Müllbeseitigung auf Müllverbrennung
1945 - 1970...............................................................................................................................32
1. Die modernen Müllprobleme ........................................................................................... 32
1.1. Der Wiederaufbau der Müllabfuhrsysteme und Müllprobleme im Rahmen der
Gewässerreinhaltung........................................................................................................ 32
1.2. Müll-Lawine und Technisierung der Müllbeseitigung.............................................. 36
2. Müllbeseitigungsprobleme im Kontext der Berliner Insellage ........................................ 42
2.1. Müllnotstand in der gespaltenen Stadt ...................................................................... 42
2.2. Der Umstellungsplan der Müllbeseitigung auf Müllverbrennung ............................ 46
3. Auf dem Weg zur technisierten Müllbeseitigung............................................................ 53
3.1. Aufbau des vereinheitlichten Sammelsystems und Motorisierung der Müllabfuhr..53
3.2. Von der Müllkippe zur Müllverbrennung................................................................. 59
3.2.1. Einstellung des Müllkippens und Inbetriebnahme der geordneten Deponie...... 59
3.2.2. Bau der Müllverbrennungsanlage Ruhleben mit Sinterwerk............................. 65
III. Von der Müllbeseitigung zur Abfallwirtschaft im Rahmen des
Abfallverbringungsvertrags:1970 - 1982 .............................................................................72
1. Abfallproblematik im Umweltdiskurs..............................................................................72
1.1. Umweltpolitik und Abfallbeseitigung....................................................................... 72
1.2. Umweltschutz durch „Recycling“ des Abfalls......................................................... 76
1.3. Abfall und Bürgerbewegung..................................................................................... 78
2. Berliner Abfallbeseitigungsplan und Abschluss des Abfallverbringungsvertrags...........79
2.1. Unzulängliche Abfallbeseitigungspläne und Unbehagen in der Bevölkerung.......... 79
2.2. Müllverbringungsvertrag mit der DDR.................................................................... 84
3. Aufbau des Müllverbringungssystems und seine Folgen................................................ 92
3.1. Errichtung der zwei Umladestationen zur Müllverbringung..................................... 92
3.2. Rekultivierung der Deponien und Entlastung der MVA Ruhleben .......................... 97
3.2.1. Rekultivierung der Deponie ............................................................................... 97
3.2.1. Auswirkungen des Müllvertrags auf die MVA Ruhleben................................ 100
3
4. Entwicklung des Abfallrecyclings im Rahmen des Müllverbringungsvertrags............. 107
4.1. Getrennte Sammlung von Abfallstoffen zum Recycling ........................................ 107
4.1.1. Altstoffsammlung der BSR und privater Firmen............................................. 107
4.1.2. Entwicklung des Berliner Modells und Recyclingaktivitäten der Bürger........ 110
4.1.3. Konflikt zwischen privaten Firmen und den BSR wegen Recyclingaktivitäten
.................................................................................................................................... 113
4.2. Neue Versuche mit der Abfallbehandlungstechnik im Rahmen des Abfallrecyclings
........................................................................................................................................ 116
4.2.1. Pyrolyseverfahren als Alternative zu Müllverbrennung .................................. 116
4.2.2. Erfolglose Versuche der Kompostierung......................................................... 120
4.3. Eine kurze Episode der neuen Müllsammeltechnik - die Müllsauganlage ............. 123
IV. Die Berliner Abfallwirtschaft von 1983 bis 1990: Entwicklung und Grenzen.........130
1. Abfallproblematik im Abfallwirtschaft-Diskurs............................................................ 130
1.1. Entstehung der Umwelt- und Müllbewegung ......................................................... 130
1.2. Bürger als Partner in der Abfallwirtschaft .............................................................. 133
1.3. Schadstoffproblematik und Grenzen der Abfallwirtschaft...................................... 135
2. Entwicklung der abfallwirtschaftlichen Entsorgung in Berlin (West)...........................139
2.1. Berliner Abfallwirtschaftsprogramm 1983 ............................................................. 139
2.2. Erneuerung des Abfallverbringungsvertrags........................................................... 142
2.3. Entwicklung der Abfallwirtschaft nach dem Marktprinzip..................................... 144
2.4. Formierung der ökologischen Müllbewegung in Berlin (West) ............................ 148
3. Aufbau des Recyclingsystems im Rahmen des Abfallwirtschaftsprogramms.............. 150
3.1. Erweiterung des Berliner Modells........................................................................... 150
3.2. Stoffliche Verwertung: Rückgewinnungsversuche von Sekundärrohstoffen ......... 153
3.2.1. Rückgewinnungsversuche von Eisenschrott.................................................... 154
3.2.2. Getrennte Erfassung und Aufarbeitung von Kunststoffen ............................... 156
3.2.3. Verwertung organischer Abfälle durch Kompostierung.................................. 160
3.3. Energetische Verwertung: Müll-Kohle-Entgasung, Deponiegasnutzung und
Abwärmenutzung der MVA Ruhleben .......................................................................... 164
3.3.1. Energetische Verwertung als Alternative zur stofflichen Verwertung ............ 165
3.3.2. Scheitern des Müll-Kohle-Entgasung-Projekts............................................... 166
3.3.3. Verwertung von Deponiegas............................................................................ 172
3.3.4. Müllverbrennung als energetische Verwertung von Abfällen ......................... 177
4. Schadstoffprobleme in der abfallwirtschaftlichen Entsorgung...................................... 180
4.1. Getrennte Sammlung und Verwertung von Schadstoffen im Hausmüll................. 180
4.1.1. Getrennte Erfassung der Problemabfälle im Hausmüll.................................... 180
4.1.2. Verwertungsversuche von Altbatterien............................................................ 182
4.1.3. Absaugen der FCKW aus Kühlschränken........................................................ 184
4.2. Ausrüstung der MVA Ruhleben mit einer erweiterten Abgasreinigung................ 186
4.2.1. Dioxin-Emission aus der MVA Ruhleben und Errichtung der
Abgasreinigungsanlage ..............................................................................................186
4.2.2. Verbesserung des Feuerungssystems: Wirbelschicht-Projekt.......................... 190
4.3. Verlagerung der Schadstoffe in die DDR-Deponie................................................. 192
4.3.1. Verseuchung der Deponie Vorketzin............................................................... 192
4.3.2. Folgen der Müllverbringung in die DDR......................................................... 193
4
Zusammenfassung................................................................................................................197
Ausblick.................................................................................................................................210
Quellenverzeichnis ...............................................................................................................214
Literaturverzeichnis.............................................................................................................215
5
Einleitung
Wandel der Abfallproblematik
„Vom Abfall her denken“- diese Devise, die die Vermeidung der Abfallerzeugung betont,
scheint heute ein Echo zu finden. Diesem Motto folgend, integriert die Industrie zunehmend
von Umweltbewußtsein geprägte Auffassungen. So legten zum Beispiel am 21. Februar 1996
die Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie und die Vertreter weiterer Verbände
ein gemeinsames Konzept für eine umweltgerechte Altautoverwertung vor.1 Dazu zählen die
recyclinggerechte Konstruktion der Fahrzeuge und ihrer Teile, die Entwicklung, der Aufbau
und die Optimierung von Stoffkreisläufen und Verwertungsmöglichkeiten. Nach Angaben des
Vorsitzenden des Fachverbandes Hauswärmetechnik Hans-Jürgen Kohnke sieht auch die
Elektro- und Elektronikindustrie ihre vorrangige Aufgabe in der Entwicklung und Einführung
umweltverträglicher Produkte und Produktionsverfahren.2 Mit anderen Worten bemüht sie
sich ähnlich wie die Autoindustrie um recyclinggerechte Konstruktion und umweltgerechte
Fertigung sowie minimalen Energie- und Umweltverbrauch bei der Nutzung ihrer Produkte.
All dies deutet darauf hin, dass das Prinzip Abfallvermeidung näher an die Praxis gerückt ist.
Auf der anderen Seite entwickelt sich ein Trend, die Möglichkeiten der Verbraucher, der
Maxime des Umweltschutzes zu folgen, zu erweitern, indem umweltgerechte Produkte wie
Produkte mit wenigen Verpackungen angeboten werden. Auf politischer Ebene zeichnet sich
eine Neuorientierung in der Abfallpolitik ab durch die Verabschiedung des
Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzes im Jahr 1994, das durch Anreiz oder
Verpflichtungen ein abfallbewussteres Handeln von Verbraucher, Wirtschaft und Staat zu
veranlassen sucht.3 Mittels des Gesetzes wird dem Staat Handlungsspielraum geschaffen, die
Produktverantwortung der Wirtschaft zuzuschreiben oder umweltfreundliche Produkte zu
fördern.
Offensichtlich bewirkt der veränderte Umgang mit dem Abfallproblem, dass sich Produktion
und Konsum an neuen Verhaltensmustern orientieren. Bei der Produktherstellung sollten
neben ökonomischen Faktoren die abfallwirtschaftlichen Eigenschaften des Produktes
berücksichtigt werden. Gleiches gilt auch für das Konsumverhalten der Verbraucher. Unter
der Neuorientierung der Umweltpolitik, der „ökologischen Modernisierung“4, gewinnt diese
vorsorgliche Abfallpolitik eine breite Resonanz.
1 Wöhrl, Freiwillige, S. 284.
2 Kohnke, Die Entsorgung , S. 291 ff.
3 Vgl. Fischer, Strategien, S. 4 ff.
4 Vgl. Jänicke u.a., Umweltpolitik, S. 34 f.
6
Wie Gottfried Hösel in „Unser Abfall“ darstellt, begleitet Abfall die ganze
Menschheitsgeschichte.5 Aber erst im 19. Jahrhundert wurde Abfall in Deutschland als ein
gesellschaftliches Problem aufgefasst. Die Verstädterung und die Industrialisierung der
zweiten Jahrhunderthälfte ließ neben den Abwässern auch die schnell anwachsenden
Abfallmengen - Hausmüll und Fäkalien - zu einem Problem werden. Bis dahin war nur wenig
Abfall angefallen, da die verbleibenden Überreste insbesondere der Haushalte weitgehend
genutzt werden konnten.6 Ende des 19. Jahrhunderts stellte die Städteassanierung, die aus den
Forderungen nach städtischen Reformen hinsichtlich des öffentlichen Gesundheitswesens
resultierte, die tradierten Abfallbeseitigungen in Frage. 7 Gegenüber der seinerzeitigen
gesellschaftlichen Umgangsform - höchstmögliche Verwertung des Abfalls - hegten
Hygieniker Bedenken und plädierten für den Einsatz des Verbrennungsverfahrens als
Hygienisierung des Mülls. Daraus entwickelten sich jahrelange Diskussionen, in denen die
Befürworter der Müllverbrennung den Vertretern der landwirtschaftlichen Nutzung
gegenüberstanden. 8 Im Lauf der Diskussion wurden jedoch hygienische Bedenken
heruntergespielt, während die Vorstellung, Müll sei Materie am falschen Ort, immer mehr
Resonanz gewann. Unter Fachleuten bekundete man Interesse an den
Verwertungsmöglichkeiten von Müll. Nun standen Ingenieure hinsichtlich des Mülls vor
vielfältigen Aufgaben: der Entwicklung und Verbesserung von Müllverbrennungsöfen, der
Entwicklung eines neuen Verfahrens für die Verwertung des Mülls usw.9 Der Abfall wurde
zunehmend zu einem technischen Problem.10
Neben dieser Technisierungstendenz war zu beobachten, dass Abfallbeseitigung als
städtehygienische Aufgabe der Kommunen aufgefasst wurde, für deren Bewältigung die
zuständigen Organisationen entwickelt wurden. 11 Das im Jahr 1900 erlassene
Reichsseuchengesetz schrieb die staatliche Überwachung für die Einrichtungen von
Trinkwasser und die Fortschaffung der Abfallstoffe fest und verpflichtete die Gemeinden
dazu, für die Beseitigung der vorgefundenen Missstände Sorge zu tragen.12
Dieser Prozess setzt sich nach dem zweiten Weltkrieg weiter fort, so dass durch die
Mobilisierung von Wissenschaften und Ingenieuren und administrativen Kräften ein
umfangreiches Fachwissen erarbeitet werden und zahlreiche technische Anlagen und
Einrichtungen entwickelt werden konnten. Die technischen Aufgaben erstreckten sich von
5 Hösel, Unser Abfall.
6 Brüggemeier u. Toyka-Seid (Hg.), Industrie, S. 232.
7 Vgl. Lindemann, Verbrennung, S. 93.
8 Ebda.
9 Vgl. Hösel, Unser Abfall.
10 Vgl. Melosi, Garbage.
11 Vgl. Münch, Stadthygiene.
12 Ebda., S. 60.
7
Abfallanalysen bis zum gesamten Abfallmanagement und dementsprechend erhöhte sich die
Anzahl der Fachleute stetig. Auf diese Weise wurden Wissen und Technik ständig erneuert
und generiert. Auf Bundes- und Landesebene wurden umfangreiche Forschungsprojekte zur
Abfallthematik initiiert 13 , und mit der Entsorgungswirtschaft bildete sich ein neuer
Wirtschaftssektor heraus. All dies war allerdings erst im Rahmen der Umweltpolitik möglich,
die den Gedanken der Stadthygiene ablöste und sich zu einem der wichtigsten Politikfelder
etablierte. 14 So wurden Technisierung und Verwissenschaftlichung zu dieser Zeit einer
anderen Logik unterworfen. Ebenso unterschieden sich die Debatten über Abfallprobleme von
denen der Vergangenheit.
Im Zuge der öffentlichen Debatten über Umweltprobleme wurde der Technisierungsprozess
aber selbst in Frage gestellt. Der Glaube an den technischen und wissenschaftlichen
Fortschritt wurde durch von der Technik verursachte Unfälle oder die Umweltzerstörung
langsam untergraben. 15 Zugleich büßten Experten und administrative Institutionen ihre
Autorität als Entscheidungsträger ein. Stattdessen etablierten sich durch die neue soziale
Bewegung zunehmend die Bürger als politische Entscheidungsträger, und im Rahmen der
Diskussionen wurden verstärkt ökologische Bedenken berücksichtigt.16 Ein ähnlicher Wandel
vollzog sich hinsichtlich des Abfallproblems: Technikorientierte Lösungen gerieten in die
Kritik und die Bürger wurden in die Aushandlungsprozesse bezüglich des Abfallproblems
einbezogen. Dies bewirkte, dass die technische Entwicklung neue Wege einschlug.
Dieser Technisierungsprozess und sein Wandel machen das Thema Abfall aus
technikhistorischen und –soziologischen Gesichtspunkten interessant. In der Geschichte des
Abfalls kann man Interaktionen zwischen Gesellschaft und Technik, die ein Hauptthema in
den beiden Disziplinen bilden, nachspüren. In einem Artikel über Recycling gibt der
Technikhistoriker Reinhold Reith ein gutes Beispiel dafür.17 Dort wird unter dem Begriff
Stoffströme das Recycling im politischen und gesellschaftlichen Kontext betrachtet. Aus
soziologischer Perspektive befasst sich das jüngst herausgegebene Buch Entsorgungsnetze mit
dem gegenwärtigen Spannungsverhältnis zwischen Kommunen und Bürgern bezüglich
technischer Lösungen des Abfallproblems. 18 Die dort aufgeführten Regionalstudien
veranschaulichen Aushandlungsprozesse zum Thema Abfall.
13 Vgl. UBA (Hg.), Jahresberichte.
14 Zur Geschichte der Umweltpolitik vgl. Weidner. 25 Years.
15 Zu dieser Problematik vgl. Beck, Risiko; Giddens, Die Konsequenzen.
16 Zu den neuen sozialen Bewegungen vgl. Roth u. Rucht (Hg.), Neue soziale.
17 Vgl. Reith, Recycling, S. 99 ff. Zu einem weiteren historischen Arbeit bezüglich dieses Themas zählt der
Aufsatz von Norman Fuchsloch. Es geht jedoch hier hauptsächlich um die technische Entwicklung in der
Aufarbeitung des Abfalls, obwohl dem sprachlichen Wandel der Abfalldefinition nachgegangen wird. Vgl.
Fuchsloch, Metamorphosen, S. 373 ff.
18 Herbold u.a., Entsorgungsnetze.
8
Es ist jedoch selten, dass dem Thema Abfall aus dieser Perspektive nachgegangen wird. In
einer Reihe von historischen Untersuchungen bleibt eine eingehende Erkundung in dieser
Richtung aufgrund des umfangreichen Zeitraums ausgespart. Melosis Studie Garbage in the
Cities, 19 das als Standardwerk zum Thema Abfallbeseitigung bezeichnet wird, schildert
ausführlich kontextuelle Hintergründe der Entwicklung des Entsorgungssystems in den
amerikanischen Großstädten in der Vorkriegszeit wie Bürgerbewegungen, Aktivitäten der
Fachingenieure und die neue öffentliche Wahrnehmung des Abfallproblems. Für die
Nachkriegszeit erspart er sich jedoch eine derartige Beschreibung. In Gottfried Hösels Studie
Unser Abfall aller Zeiten wird das Ziel verfolgt, „die wesentlichen historischen Fragen der
Städtereinigung und Abfallbeseitigung in einer Gesamtübersicht darzustellen“. 20 Hierbei
werden die technischen Entwicklungen mit kulturgeschichtlichen Hintergründen wie der
Wohnkultur, den Lebensverhältnissen, der Bäderkultur usw., in Verbindung gebracht. Das
Schwergewicht des Buches liegt jedoch auf der Beschreibung der Entwicklung der
Abfallbeseitigung im Zusammenhang mit der städtischen Ver- und Entsorgung, das heißt der
Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Fäkalienabfuhr, Einrichtung der öffentlichen
Bedürfnisanstalten. Münchs Studie Städtehygiene im 19. und 20. Jahrhundert weist zwar
anhand des Beispiels München das Paradox der technischen Entwicklung im städtischen
Entsorgungssystem auf, aber sein Augenmerk richtet sich auf die Entwicklung der städtischen
Leistung hinsichtlich der Stadthygiene.21 So besteht das Hauptthema nicht in der technischen
Frage, sondern in der Entwicklung der Organisationsformen und der Finanzierungswege der
Stadt.
In soziologischen Untersuchungen werden Probleme wie das Abfallverhalten, die
Verteilungsgerechtigkeit, das Verwaltungshandeln oder der gesellschaftliche Diskurs zum
Thema Abfall behandelt. 22 Im Bereich Techniksoziologie werden abfalltechnische
Entwicklungen selten thematisiert.23
Gegenstand und Ansätze der Forschung
In der vorliegenden Studie wird dem Wandel des gesellschaftlichen Umgangs mit dem
Abfall 24 im Hinblick auf technische Entwicklungen nachgegangen. Gegenstand ist die
19 Vgl. Melosi, Garbage.
20 Vgl. Hösel, Unser Abfall.
21 Vgl. Münch, Stadthygiene, S. 37
22 Vgl. Martens, Resonanz.
23 Zu Beispielen gehören folgende Aufsätze: Krohn, Rekursive Lernprozesse., S. 65 ff.; Herbold, Technologies,
S. 185 ff.
24 Der Begriff Abfall wird mit dem Wort Hausmüll gleichgesetzt. Anstelle von Industrie- und Sonderabfällen
gehören zum Hausmüll Festabfälle aus Haushaltungen und aus Gewerbebetrieben mit hausmüllähnlichem
Charakter. Diese Definition entstammt dem im Jahr 1967 herausgegebenen Merkblatt des
9
Entwicklung der Abfallentsorgung in Berlin (West) nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine
exemplarische Untersuchung kann durch die Geschichte Berlins (West) begründet werden, die
eine generelle Tendenz impliziert, obwohl sie von ihrer regionalen Besonderheit geprägt ist.
Darüber hinaus wird diese Regionalgeschichte uns näher bringen, wie gesellschaftliches
Handeln in bezug auf das Problem Abfall Gestalt annahmen und einem Wandel unterzogen
waren. Hinsichtlich des Untersuchungszeitraumes wird berücksichtigt, dass der Einsatz der
Technik bei der Abfallentsorgung in großem Maße und die wesentlichen technischen
Entwicklungen erst nach dem zweiten Weltkrieg zu beobachten sind.
Im Zentrum der Untersuchung stehen vor allem die Fragen, wie das Problem Abfall in der
Gesellschaft wahrgenommen und definiert wurde, wie die Gesellschaft darauf reagierte oder
welche Lösungen anvisiert wurden, welche Rolle die Technik dabei spielte und welche
technische Entwicklungen aufkamen. Mit diesen Fragen verknüpft, werden die öffentlichen
Diskurse über Abfall, die politischen Maßnahmen wie Abfallbeseitigungspläne, der Einsatz
von Abfallbehandlungsverfahren und die Entwicklung bestimmter Abfalltechniken in
Augenschein genommen. Das Augenmerk richtet sich vor allem auf die Zusammenhänge
zwischen dem gesellschaftlichen Verständnis des Abfallproblems und den technischen
Entwicklungen. Wie die Geschichte um die Jahrhundertwende zeigt, hing der Einsatz der
Verbrennungstechnik mit den Hygieneauffassungen hinsichtlich des Abfallproblems eng
zusammen. Daraus ergibt sich die Frage, welche gesellschaftliche Wahrnehmung des
Abfallproblems nach dem Zweiten Weltkrieg auf die weitere technische Entwicklung im
Abfallbereich Einfluss hatte. Im Kontext des Transformationsprozesses werden Kontroversen
zwischen verschiedenen Akteuren (Politiker, Verwaltungen, Fachexperten und Bürger usw.)
über Abfallproblematik und Techniken eingehender betrachtet.
In die methodischen Überlegungen werden einige Diskussionen der Sozialwissenschaften,
der Technikgeschichte und der Techniksoziologie als Grundlage einbezogen. Im Hinblick auf
die Frage der technischen Entwicklung beruht die vorliegende Studie vor allem auf der
Ansicht von „Social Shaping of Technology“25, die die Ursache des technischen Wandels
nicht der immanenten technischen Logik, sondern externen, insbesondere soziokulturellen,
Faktoren zuschreibt. Demnach folgt die Technik nicht einem rationalen, zielgerichteten
Problem-Lösungsweg, sondern wird durch soziale Faktoren gestaltet.26 Diese Grundannahme
Bundesgesundheitsamts. In vorliegender Untersuchung wird diese Definition verwendet. Zu dem Begriff vgl.
Mitteilungen aus dem Bundesgesundheitsamt 1968, S. 240- 242.
25 Es handelt sich hierbei weniger um eine Theorie, als um eine Ansicht über Technik. Sie entstammt dem
gleichnamigen Sammelband, der von Donald Mackenzie und Judy Wajcman im Jahr 1985 herausgegeben
wurde. Die Herausgeber/in ordneten unter dem Titel Ansätze ein, die dem technikdeterministischen Ansatz
gegenübergestellt wurden. Vgl. Mackenzie u. Wajcman (Hg.), The Social Shaping.
26 Bijker, Sociohistorical, S. 241.
10
stützt sich auf technikhistorische Forschungen, die nachwiesen, dass die Entwicklung
technischer Artefakte oder Maschinen von sozialen Faktoren wie z. B. Managementinteressen,
rassistischer Ideologie, Geschlechterdifferenz oder Gegenkulturen beeinflusst wurden.27 Auch
techniksoziologische Studien gaben Denkanstöße in dieser Richtung. Mit der Theorie „Social
Construction of Technology“ hoben W.E. Bijker und T.J. Pinch die gesellschaftliche
Gestaltbarkeit der Technik hervor.28 Dem Ansatz nach ist die technische Entwicklung ein
sozialer Prozess, in dem “relevante soziale Gruppen“ mit verschiedenen interpretativen
Möglichkeiten auf Entwicklung Einfluss nehmen können: „The social groups that constitute
the social environment play a critical role in defining and solving the problems that arise
during the development of an artifact.“29 In der exemplarischen Studie zur Entwicklung des
Fahrrads wurde gezeigt, dass es relevante soziale Gruppen gibt, die bestimmte Interessen im
Hinblick auf ein Artefakt haben, und der Erfolg des Niedrigfahrrads mit dem Interesse der
Frauen, das auf Sicherheit des Fahrrads ausgerichtet war, in Zusammenhang stand.30 Diese
Studien brachten uns auf diese Weise Aushandlungsprozesse zwischen Gesellschaft und
Technik näher und veranlassten eine Korrektur der historischen Interpretationen, die bis dahin
der Gesellschaft gegenüber der Technik nur eine passive Rolle zuschrieben.31
Außerdem löste dieser radikale Ansatz32 Diskussionen aus, deren Ergebnis eine Verfeinerung
des „Social Shaping Modells“ waren. Gegen die „interpretative Flexibilität“ betonte der
Technikhistoriker Thomas Hughes das „technological momentum“, das seiner Ansicht nach
die interpretative Möglichkeit einschränkte.33 Hughes ging davon aus, dass die moderne
Technik nicht als einzelnes Artefakt, sondern als technisches System, das nicht nur aus
physikalischen Artefakten, sondern auch aus sozialen Komponenten wie Firmen oder
Verwaltungsorganisationen besteht, betrachtet werden sollte. Darüber hinaus sei die
Interaktion zwischen dem technischen System und der Gesellschaft nicht symmetrisch,
sondern das technische System nehme mit dem „technological momentum“ die Rolle des
Gestalters ein. 34 So spielen tradiertes technisches Wissen, vorhandene physikalische
Maschinen oder Prozessverfahren und Organisation im stabilisierten System eine
entscheidende Rolle. Der Techniksoziologe Werner Rammert wies ebenfalls auf die
Ausblendung der relativ fixierten Entwicklungsbahn der Technik hin: „Der Spielraum
27 Vgl. Noble, Forces; Winner, The Whale; Cowan, More Work; Ceruzzi, From scientific, S. 1 ff.
28 Zum Hintergrund des Ansatzes und seinen Auswirkungen, vgl. Pinch, Review, S. 17 ff.
29 Bijker u.a. (Hg.),The Social Construction, Introduction. Zu den Grundsätzen der Theorie, vgl. Bijker, Of
Bicycles, S. 268 ff.
30 Vgl. Bijker, Of Bicycles, S. 19 ff.
31 Vgl. Hughes, Momentum, S. 101 ff.
32 Thomas Hughes bezeichnete diese Theorie als „Sozialdeterminismus“ im Gegensatz zum Begriff
„Technikdeterminismus“. Vgl. hierzu: Hughes, Momentum, S. 108.
33 Ebda, S. 107 f.
34 Ebda, S. 108. Zu seinem Begriff System und “technological momentum”, vgl. Hughes, The Evolution, S. 51
ff.
11
technischer Entwicklungsmöglichkeiten wird durch technologische Paradigmata eingeengt
gesehen, welche eine relativ fixierte Entwicklungsbahn jenseits individueller Interpretationen
vorzeichnet.“35 Aus diesen Diskussionen resultierte eine modifizierte Auffassung von „Social
Shaping of Technology“, der zufolge Technik und Gesellschaft gegenseitig konstitutiv und
miteinander eng gekoppelt seien.36
Neben dieser Auffassung wird in der vorliegenden Untersuchung auf den Begriff
„Soziotechnische Systeme“ Bezug genommen. Im Anschluss an Ansätze wie die Theorie des
technischen Systems von Thomas P. Hughes, die Theorie hochriskanter Systeme des
Organisationsforschers Charles Perrow oder die Aktor-Netzwerk-Theorie des
Innovationsforschers Michel Callon und des Wissenschafts-und Technikforschers Bruno
Latour wird in der Technikforschung vermehrt die Auffassung vertreten, dass die
herkömmliche Differenz von Technik und Gesellschaft nicht mehr vorausgesetzt werden kann
und dass die beiden als Soziotechnische Systeme oder Soziotechnische Ensembles begriffen
werden können.37
Welche Bedeutung und Implikation dieser Begriff für die Abfallfrage hat, zeigt der Band
Entsorgungsnetze deutlich, der sich mit der Genese und Implementation kommunaler
Abfallwirtschaftskonzepte anhand von Regionalstudien befasst. 38 Die Autoren verstehen
Abfallentsorgungssysteme als soziotechnische Systeme, die aus Artefakten, Technologie und
heterogenen Akteuren wie Verwaltungen, politischen Institutionen und Bürgern bestehen. In
diesem System werden alle Komponenten miteinander verkoppelt, soziale und technische
Komponenten stehen in wechselseitigen Anpassungen zueinander: „Neue Gesetze und
Richtlinien reagieren auf erkannte Fehlfunktionen vorhandener Praxis und auf veränderte
gesellschaftliche Einstellungen, mit Anpassung des Stands der Technik wird auf technische
Probleme reagiert[...]. Neue gesellschaftliche Einstellungen zur Umwelt können, [...] zu
Akzeptanzproblemen eingeschlagener technischer Pfade und zu Neubewertungen führen.“39
Diese Abfallentsorgungssysteme werden als Ergebnis von Innovationsprozessen aufgefasst,
in denen Innovation, Diffusion und Stabilisierung rekursiv miteinander verbunden sind. In
diesem Prozess werden technologisches Wissen, technische Artefakte und soziale
Verhaltensweisen erzeugt und in der Form eines spezifischen Arrangements miteinander
verkoppelt. So befindet sich das System fortwährend in Veränderung. Gesellschaftliche
Einstellungen oder technische Veränderung könnten zu neuen Entscheidungen der
35 Vgl. Rammert, Technik, S. 56 f.; ders., Technisierung, S. 145
36 Vgl. Rammert, Technik, S. 57 f.; MacKenzie u. Wajcman (Hg.), The social shaping (Second Edition), Intro-
duction Essay; Bijker, Sociotechnological, S. 254 f.
37 Vgl. Rammert, Technik, S. 58; Bijker, Sociohistorical, S. 250 ff. Zu den genannten Theorien, vgl. Hughes,
Networks; Perrow, Katastrophe; Callon, Society; Latour. Where.
38 Herbold u.a., Entsorgungsnetze.
39 Ebda, S. 62.
12
Verwaltungen oder der Bürger, zum Beispiel zum Einsatz einer neuen
Abfallbehandlungsanlage, führen und demzufolge eine Novellierung der vorhandenen
Richtlinien unentbehrlich machen. Dieser Prozess findet unter unterschiedlichen
Entscheidungen verschiedener Akteure statt. Hier erhält kein Akteur eine prädestinierte
überlegene Position, die Akteurkonstellation wird gegebenen Bedingungen angepasst. Dieser
Ansicht folgend, wird in der vorliegenden Arbeit dem Einfluss unterschiedlicher Akteure auf
die technische Entwicklung nachgegangen. Zugleich ist der Einfluss der Technik auf die
sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren genauso bedeutsam wie der Einfluss
unterschiedlicher Akteure auf Technik.40 An diesen Ansatz geknüpft wird in vorliegender
Arbeit der Versuch unternommen, die technischen Entwicklungen im Abfallbereich als
Ergebnis der Aushandlungsprozesse zwischen unterschiedlichen Akteuren darzustellen, die in
einem soziotechnischen System mit anderen technischen und organisatorischen Komponenten
eng verkoppelt sind.
Wie oben kurz dargestellt, könnte das System durch eine neue Wertorientierung der Akteure
Veränderungen ausgesetzt werden. Es war die Orientierung an hygienischen Normen,
aufgrund derer sich die Schwemmkanalisation im 19. Jahrhundert durchsetzte.41 In dieser
Hinsicht werden öffentliche Diskurse über Abfall, die mit dem Wandel der Wertorientierung
in Zusammenhang stehen, in die Betrachtung eingezogen. Über den Begriff des öffentlichen
Diskurses gibt der Aufsatz Karl-Werner Brands, der sich mit den ökologischen Diskurs
befasst, Aufschluss: „Öffentliche Diskurse sind kontrovers strukturierte Felder symbolischer
Interaktion, in denen verschiedene Akteure um die Definition der Wirklichkeit, um die
Durchsetzung spezifischer Deutungen der ökologischen Probleme konkurrieren.“42 Diese
Kontroversen werden von den beteiligten Akteuren unter Rückgriff auf einen gemeinsamen,
historisch strukturierten Bestand an kulturellen Deutungen und Symbolisierung geführt. So
kann man in der Durchsetzung einer bestimmten Deutungen bei Konflikten einen Wandel der
symbolischen Ordnungen erkennen, die bestimmte Normen und Werte der Akteure definieren.
Quellenlage
Die Studie stützt sich auf verschiedene Quellenbestände. Einblicke in die Abfalldiskussionen
sowohl auf technischer als auch auf politischer Ebene erlaubten Fachzeitschriften, die sich
anfänglich in bezug auf Städtehygiene, später bezüglich der Umweltfrage mit dem Thema
Abfall befassten. Die meisten davon wurden im Untersuchungszeitraum gegründet. Zu den
Hauptquellen gehören Der Städtetag, Städtehygiene, Müll und Abfall, Umwelt,
40 Ebda., S. 61 ff.
41 Vgl. Stadtentwässerung Zürich (Hg.), Von der Schissgruob.
42 Brand, Der ökologische Diskurs, S. 49.
13
Umweltmagazin, Entsorgungspraxis, Müllmagazin. Diese Zeitschriften boten zugleich
ausführliche Informationen über abfalltechnische Projekte in Berlin (West). Für weitere
Informationen hinsichtlich abfalltechnischer Projekte wurden auch andere Fachzeitschriften in
bezug auf einzelne Berichte zur Abfallentsorgung in Berlin (West) zu Rate gezogen.
Über die konkreten Abläufe der politischen Entscheidungen zum Abfallproblem in Berlin
(West) gaben die folgenden Dokumentationen des Abgeordnetenhauses von Berlin Auskunft:
Drucksache des Abgeordnetenhauses Berlin, Plenarprotokolle, Mitteilungen des
Abgeordnetenhauses Berlin. Wegen der Gegenwartsnähe des Untersuchungszeitraums
standen Bestände des Landesarchives Berlin nur in geringem Umfang zur Verfügung, so dass
Akten der Senatsverwaltungen, die sich mit der Abfallfrage beschäftigten, fast gar nicht
konsultiert werden konnten. Daraus ergab sich, dass die Darstellung der Abfallpolitik in
Berlin (West) hauptsächlich auf gedrucktem veröffentlichtem Material beruhte. Die
politischen Entscheidungen waren im Lauf der Zeit zunehmend mit der Kritik von Seiten der
Umweltverbände und Bürgerinitiativen konfrontiert. Für Informationen zu dieser
Auseinandersetzung wurden Publikationen dieser Gruppen - Zeitschriften, Zeitungen u.a. – zu
Rate gezogen.
Über die gesamten Vorgänge der Abfallentsorgung konnte das Archiv der Berliner
Stadtreinigungsbetriebe, trotz einer kaum systematisierten Ablage der Dokumente, Aufschluss
geben. Aktenvermerke der jeweiligen Abteilungen, Gutachten über Projekte, Briefwechsel
mit den jeweiligen Senatsverwaltungen und interne Berichte ermöglichten annähernd eine
Rekonstruktion der Entscheidungsabläufe und der Debatten, die sie auslösten. Was die
technischen Entwicklungen anbelangt, erwiesen sich die Geschäftsberichte der BSR als
ergiebig.
Wegen des besonderen Verhältnisses zwischen Berlin (West) und der DDR wurden
Bestände der Stiftung der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv in
die Untersuchung einbezogen. Die Geschichte des Müllvertrags mit der DDR basiert auf
diesen Dokumenten. Eine Ergänzung bot die Privatsammlung Piesches, in der sich relevante
Dokumente der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der
ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik befinden.
Die für die Studie verwendeten anderen Archivalien waren die Sammlung Erhard und das
Landesarchiv Berlin. Unter den umfangreichen Materialien der Sammlung Erhard waren
Zeitungsabschnittbände und einige Monographien in die Studie einbezogen. Bei der
Recherche erwies sich das Landesarchiv Berlin nicht als aufschlussreich, so wurde nur wenige
Hinweise entnommen wurden.
Es blieb jedoch eine große Lücke in den Quellenbeständen. Außer den unzugänglichen
Aktenbeständen der Senatsverwaltungen konnte die Studie keinen Bezug nehmen auf
14
Dokumente von Firmen, die für die Geschichte der Abfallentsorgung in Berlin(West)
relevant waren. Demzufolge bleiben die Recyclingaktivitäten privater Firmen
unberücksichtigt und die Verhandlungsprozesse des Müllvertrags unvollständig. Darüber
hinaus machten die nicht geordnet aufbewahrten Dokumente im BSR-Archiv es unmöglich,
zu bestimmten Themen die nötigen Informationen zu beschaffen. So zeigt sich, abhängig vom
Thema, Uneinheitlichkeit der Quellendichte.
Das ganze Buch wird in vier Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel vermittelt einen Überblick
über die Geschichte der Müllbeseitigung vor dem Zweiten Weltkrieg. Es handelt sich um die
Kommunalisierung, die Debatte über die Müllverbrennung und die Müllverwertung. Die
Darstellung basiert hauptsächlich auf zwei Büchern: Berliner Gold und Müll von gestern.43
Thema der zweiten Kapitels ist der erste Technisierungsschub. Hier wird der Baugeschichte
der Müllverbrennungsanlage in Zusammenhang mit dem ersten Müllbeseitigungsplan Berlins
nachgegangen. Die Verknüpfung des Abfallproblems mit dem Umweltschutz, der
umfangreiche Technikeinsatz und die Entwicklung abfallrelevanter Regelungen oder
Institutionen werden im dritten und vierten Kapitel behandelt. Im dritten Kapitel geht es auch
um den Müllvertrag, der die Abfallbeseitigung durch Müllverbringung in die DDR sicherte.
Die Geschichte des Vertrags wird im Kontext des wachsenden Umweltbewusstseins der
Bürger und der Berliner Sonderlage dargestellt und der Einfluss des Vertrags auf den
verzögerten Übergang zur Abfallwirtschaft thematisiert. Das vierte Kapitel zeigt die
abfallwirtschaftliche Entwicklung in Berlin (West). Hier werden die Entwicklung der Berliner
Abfallwirtschaft, die spätere Modernisierung der Abfallanlage-Müllverbrennunganlage, die
Grenzen der ökonomische Abfallwirtschaft und die Etablierung des ökologischen Prinzips
dargestellt.
43 „Berliner Gold“ kann man eine kleine Geschichte der Müllbeseitigung in Berlin nennen. Die gesamte
Geschichte von 1212 bis zur Gegenwart wird mit Photos illustrativ sehr kurz zusammengefasst. Wann in der
Geschichte der Müllbeseitigung was geschah, darüber kann man hier kompakte Informationen erhalten. Das
Buch „ Müll von gestern“ ist eine Sammlung studentischer Aufsätze, die Erfahrungen in diesem Bereich -
Müllabfuhr, Müllverwertung und Deponien - von 1880 bis 1945 beschreiben. Der Sammelband ist das
Ergebnis einer zweijährigen Projektarbeit der Gruppe „smög“ ( Abkürzung von „StudentInnen machen
Ökologie geschichte“).
15
I. Vorgeschichte der Müllbeseitigung in Berlin
1. Städtehygiene und Regulierung der Müllabfuhr
Städtehygienische Reform und Müll
Eine Reform des Gesundheitswesens, wie sie nach dem Ausbruch der großen
Choleraepidemie erstmals in England eingeleitet worden war, vollzog sich in Deutschland erst
ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu der von der Gesundheitspolizei auf Abwehr
ausgerichteten Strategie zielte die Reform in erster Linie auf Präventivmaßnahmen durch die
öffentliche Gesundheitspflege. 44 Zudem bestand diese Reform in einer bürgerlichen
Hygienebewegung, an der sich nicht nur Ärzte, sondern auch Gemeindebeamten, Bürger und
Ingenieure beteiligten. 45 Die Bewegung setzte sich vor allem für „vorbeugende
Krankheitsbekämpfung“ ein, die mit der Verbesserung des hygienischen Zustandes
gleichgesetzt war. Im Jahr 1873 wurde auf Initiative des Münchner Mediziners Max von
Pettenkofer ein Fachverband ‚Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege
(DVföG)‘ gegründet, der auf eine praktischpolitische Umsetzung hygienischen Fachwissens
abzielte.46
Zur Vorbeugung der Krankheit rückte die Verbesserung der Städtehygiene, die zu dieser Zeit
„Städteassanierung“47 genannt wurde, in den Mittelpunkt der Reform. Mediziner beteiligten
sich gemeinsam mit Baumeistern und Verwaltungsbeamten an der städtischen Baupolitik.
Dabei wurde die Errichtung einer geordneten Wasserver- und entsorgung in den Vordergrund
gestellt.48 Anlagen zur Kanalisation und Wasserversorgung sollten zentrale Elemente der
Städte sein. In Berlin ging im Jahr 1856 das erste zentrale Wasserwerk vor dem Stralauer Tor
in Betrieb.49 1873 setzten sich der Stadtverordnete Rudolf Virchow sowie Stadtrat James
Hobrecht, Mitglied des DVföG, mit dem Kanalisationsplan durch. 50 1907 waren in
Deutschland insgesamt 626 Orte an die Abwasserkanalisation angeschlossen. Mit der
Schwemmkanalisation konnten Abwässer und Fäkalien schnell abtransportiert und damit ein
wichtiger Krankheitsüberträger beseitigt werden. Die ergriffenen Maßnahmen basierten
44 Münch , Stadthygiene, S. 29.
45 Vgl. Rüb, Müll und Stadthygiene, S. 17.
46 Er sah die „Seuchenprophylaxe“, die„Bekämpfung der endemischen Infektionskrankheiten“, die „Hygiene der
Ernährung“, die „Bau- und Wohnhygiene“ und die „Wasserversorgung und Beseitigung der Abfallstoffe“ als
seine Aufgabe an. Vgl. hierzu: Münch, S. 30 f.
47 Unter diesem Begriff wurden alle Forderungen an die Verwaltungen, die sich aus den Untersuchungen der
hygienischen Verhältnisse in den Städten ergeben hatten, zusammengefasst. Vgl. Curter, Gold, S. 19.
48 Zu den städtehygienischen Maßnahmen vgl. Rodenstein, Mehr Licht; Simpson, Water; ders., Kanalisation.
49 Mohajeri u. Dinçkal, Zentrale, S. 129.
50 Rüb, Müll und Stadthygiene, S. 18. Zur Debatte über die Kanalisation in Berlin und der Durchführung vgl.
Simson, Kanalisation, S. 89-129.
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zunächst auf der „Miasma-Lehre“, der zufolge ansteckende Krankheiten durch
Ausdünstungen und übelriechende Beimengungen der Luft verursacht würden. Später gaben
naturwissenschaftliche Erkenntnisse, insbesondere der Bakteriologie51, der Hygienebewegung
eine theoretische Grundlage.
Im Rahmen der städtehygienischen Reform wurden städtische Abfälle erst mit Verspätung,
Ende des 19. Jahrhunderts, unter die Lupe genommen. Die mit der Einführung der
Schwemmkanalisation von Exkrementen getrennt gesammelten häuslichen Abfälle wurden
als „Müll“52 begriffen, das aus Kehricht, Scherben, Lumpen, Asche und Nahrungsmittelresten
bestand. Der Müll verlor seinen Dungwert und verwandelte sich in etwas Unhygienisches,
Gefährliches. Durch den Wegfall der Fäkalien schien die landwirtschaftliche Nutzung des
Mülls nicht mehr lohnend zu sein. Darüber hinaus wurde der Müll immer mehr mit
hygienischen Fragen in Zusammenhang gebracht. Wegen der Krankheitsanfälligkeit gerieten
die bis dahin verwendeten Müllgruben für häusliche Abfälle unter Verdacht. Ebenso äußerte
man gegen die Müllunterbringung der Abfuhrleute im Auftrag der Hausbesitzer Bedenken,
denn die Ablagerung geschah oft nicht ordnungsgemäß.53 Bis 1887 stellten Großstädte wie
zum Beispiel Berlin keinen offiziellen Müllabladeplatz zur Verfügung.
Diese Problematik spiegelte sich in der folgenden Formulierung von „Meyers Konversations
Lexikon“ in der Auflage des Jahres 1893 wider: „Die gefahrlose Beseitigung (der häuslichen
Abfälle) ist eine dringende hygienische Forderung. Wo tägliche Abfuhr nicht möglich ist,
muß der Müll zunächst in steinernen oder eisernen Behältern aufbewahrt werden. Auch
sollten Vorkehrungen getroffen werden, um den Staub bei der Entleerung der Behälter in den
verschließbaren Kastenwagen zu vermeiden. Die Beseitigung des Mülls stößt namentlich für
große Städte auf erhebliche Schwierigkeiten[...]“ 54 Solche Bedenken in bezug auf die
Müllbeseitigung brachte auch der DVföG in verschärfter Form zum Ausdruck, dessen
Mitglieder auf der 19. Versammlung im Jahr 1894 erklärten: „Eine längere Lagerung des
Kehrichts (=Müll) ohne landwirtschaftliche Verwendung und insbesondere eine Anhäufung
des selben auf Plätzen, welche früher oder später zur städtischen Bebauung herangezogen
werden könnten, ist unstatthaft.“55 Die bisher ohne Rücksicht auf hygienische Wirkungen
praktizierte Müllbeseitigung, also Müllablagerung, wurde aus Gesundheitsgründen kritisiert.
51 Insbesondere gelang es vielen Forschern, Mikroorganismen als Krankheitserreger nachzuweisen. 1882
entdeckte Robert Koch das Tuberkulose-Bakterium Vgl. hierzu: Genschorek, Koch.
52 Das Wort ‚Müll‘ und seine umlautlose Nebenform ‚Mull‘ sind mittelalterlichen Ursprungs und gehören im
Sinne von „Zerriebenes, Zerbröckeltes“ zu der Wortgruppe von ‚mahlen‘. 1885 kam den beiden Wörtern die
Bedeutung „Staub, zerfallene Erde, Unrat“ zu. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts trennten sich sie von
einander. Während der Begriff ‚Mull‘ wachstumsfördernde, nährstoffreiche Substanz bedeutete, wurde das
Wort ‚Müll‘ zunehmend negativ besetzt. Jasner, Müllbeseitigung, S. 9 f.
53 Vgl. Curter, S. 19.
54 Meyers Konversations-Lexikon. 1893, zit. n. Kuchenbuch, Abfall, S. 266.
55 Beseitigung des Kehrichts, in: V.ö.G. (1895), zit. nach: Jasner, S. 20.
17
Das im gleichen Jahr erschienene „Handbuch der Hygiene“ schrieb, dass Müll sehr reich an
pathogenen Mikroorganismen sei und zur Zersetzung und Fäulnis neige.56 So warnte Theodor
Weyl, Privatdozent der Hygiene in Charlottenburg, vor der Gefahr des Fäulnisgeruchs des
Mülls: „Der Müll besitzt stets einen sehr unangenehmen Geruch. [...]Auch als
gesundheitsschädlich kann dieser Geruch bezeichnet werden, weil er erfahrungsgemäß den
Frauen und Kindern den Appetit verdirbt. Diese Personen kommen also in ihrer Ernährung
zurück und sind, hierdurch geschwächt, manchen Gesundheitsschädigungen, namentlich auch
der Einwanderung krankheitserregender Bakterien gegenüber weniger widerstandsfähig, als
Personen, die sich bei gutem Appetit und in gutem Ernährungszustande befinden.“57 Eine
Quelle großer Besorgnis stellte ebenfalls die Möglichkeit der Übertragung
krankheitserregender Keime durch Müll dar. Infektionskrankheiten, wie Tuberkulose oder
Diphterie, so glaubte man, könnten durch den aus infizierten Wohnungen stammenden
Müllstaub verbreitet werden. Vom hygienischen Standpunkt aus waren die Abladeplätze des
Mülls eine Pestbeule: „Die Aufhäufung des Mülls auf sogenannten Ablageplätzen kann als
eine Methode zur Beseitigung des Mülls selbstverständlich nicht bezeichnet werden. Ein
Ablageplatz ist vielmehr eigentlich nicht anderes als ein behördlich konzessionierter
Fäulnisherd.“58
Aufgrund dieser Bedenken forderten Mediziner und Hygieniker rigorose Maßnahmen, die
jedoch erst Jahrzehnte später in die Tat umgesetzt werden konnten. Der DVföG entschied im
Jahr 1888, Müllablageplätze seien so anzulegen, „dass eine Verunreinigung des Untergrundes,
beziehungsweise des Grundwassers und etwaiger Brunnen, ausgeschlossen ist“59. Ebenso hielt
man die Verwendung des Mülls als Bauschutt für bedenklich. In dieser Hinsicht plädierten sie
anstelle der Müllablagerung für den Einsatz des Müllverbrennungsverfahrens.
Regulierung der Müllabfuhr
Auf diese radikalen Forderungen reagierten die staatlichen Verwaltungen nur zögernd. Erst
im Jahr 1895 traf die preußische Behörde Maßnahmen, die zum Teil die hygienischen
Forderungen erfüllten. Der Polizeipräsident von Berlin erließ eine Polizeiverordnung zur
Müllabfuhr, die wesentliche Veränderung bei der bisherigen Müllabfuhr mit sich brachte:
„Haus- und Wirtschaftsabgänge, insbesondere Müll, Asche, Schlacken, Abraum, Schutt,
Kehricht, Modder, Küchen- und Fleischabfälle, Knochen, Lumpen usw. dürfen auf der Straße
56 Richter, E., Straßenhygiene, in: Handbuch der Hygiene. Hg. V. Th. Weyl. 2 Bd. Jena 1894, zit. nach: ebda., S.
20.
57 Weyl, Theodor, Über Müllentladestellen in Wohnquartieren, in: V.ö.G. (1906), S. 346 f., zit. nach: ebda., S. 21.
58 Weyl, Theodor, Bemerkungen über den Stand der Müllbeseitigung, in: Fortschritt der Straßenhygiene, H. 1, zit.
nach: ebda., S. 25.
59 Ref.v.Heuser auf der 14. Versammlung der DvföG., in: V.ö.G. (1889), zit. nach: ebda., S. 23.
18
nur in völlig undurchlässigen, geschlossenen Behältern transportiert werden.“ 60 Das
Polizeipräsidium behielt sich vor, die den Anforderungen entsprechenden Abfuhrsysteme
zuzulassen.61 Obwohl dieser Vorschrift im Rahmen der städtehygienischen Reform größte
Bedeutung beigemessen wurde, galt diese Verordnung nur für die Regelung der
wahrnehmbaren Sauberkeit. Die von Hygienikern behaupteten unsichtbaren Gefahren des
Mülls blieben noch ausgeblendet.
Für die „staubfreie Müllabfuhr“ wurde die Bereitstellung in einheitlichen geschlossenen
Gefäßen und die Abfuhrwagen mit dicht schließenden Deckeln gefordert. Seit den 1890er
Jahren setzten sich einheitliche Müllgefäße durch und ersetzten die Müllgruben, die oft zum
Quartier von Ratten oder Fliegen geworden waren. 62 Ab 1904 schrieb eine
Bundesratsverordnung zusätzlich Staubschutz bei Müllfuhren per Bahn vor, und es wurden
vier moderne Umladestationen für Müll an den Bahnlinien in Berlin geschaffen: an der
Schlesischen Bahn (Mühlenstraße, Friedrichshain), der Anhalter Bahn (Monumentenbrücke,
Schöneberg), der Lehrter Bahn (Beusselbrücke, Moabit) und an der Nordbahn (Behmbrücke,
Prenzlauer Berg).63
Mit dem Erlaß des Berliner Polizeipräsidenten setzte sich in Berlin das vom
Charlottenburger Stadtbaurat Kinsbruner entwickelte Staubschutzsystem durch.64 Anstelle der
Müllgrube wurden die viereckigen Müllkästen (Nutzinhalt von 200 l) aus Eisenblech als
Müllgefäße verwendet. Der Sammelwagen bestand aus verzinktem Eisen und war nach außen
hin dicht verschlossen. Durch die Verwendung von Eisen konnte erstmals den Forderungen
nach Vermeiden der „Selbstzündung, des Auslaufens feuchter und faulender Teile und des
Verstaubens krankheitserregenden Mülls“ entsprochen werden. 65 Das Umleeren des
Sammelkastens in den Wagen geschah durch Einhängen in eine Vorrichtung. Durch
Umkippen des Müllkastens wurde mittels eines Mechanismus der Schiebedeckel sowie der
Schieber der Einschüttöffnung des Aufsatzes gleichzeitig und selbsttätig geöffnet. Das
Verdecken der Schüttöffnung durch den Kasten bewirkte den Abschluß des Müllraumes und
verhinderte so das Entweichen von Staub. Nach dem Einschütten wurde der Kasten durch
eine Zugvorrichtung wieder in seine ursprüngliche Lage gebracht.
60 Zit. nach: Hösel, Unser Abfall, S. 158.
61 Curter, S. 25. Dieses Reglement sah Sanktionen vor: „Den Fuhrunternehmern drohte der Konzessionsentzug,
wenn sie nicht innerhalb einer bestimmten Frist ihre Fuhrwerke umrüsteten.“
62 Hösel, Unser Abfall, S. 159.
63 Köstering, Standort, S. 33.
64 BSR, Über Pferde, Staubschutz und Berliner Tonne: Zur Geschichte der Berliner Stadtreinigung (Teil 1),
Beiheft des BSR-Geschäftsberichts 1995, S. 10.
65 Schulz, Sammlung, S. 24.
19
Als Alternative zu dem schweren Müllkastensystem bot der Berliner Unternehmer Röhrecke
das Wechseltonnensystem66 an, bei dem gefüllte gegen leere Mülltonnen ausgetauscht wurden.
Die Müllgefäße wurden mittels einfachster Transportanhänger befördert, die mit den Gefäßen
beladen wurden. Zum ersten Mal wurde das System in Moabit erfolgreich praktiziert.67 So
kamen in Berlin zwei unterschiedliche Abfuhrsysteme zum Einsatz: das
Wechseltonnensystem und das Umleersystem mit Staubschutzwagen.
Auf diese Weise wurden Müllsammlung und Abfuhr miteinander verbunden. Die
Einführung der staubfreien Abfuhr bewirkte, dass viele der mehr als 60 Fuhrunternehmer,
meist kleine Familienbetriebe, den Fuhrbetrieb einstellen mussten, weil sie die Anforderungen
nicht erfüllen konnten. Um 1901 beherrschten vier große Unternehmen den „Berliner
Müllmarkt“: „Wirtschaftsgenossenschaft Berliner Grundbesitzer“, die „Firma Bruno
Röhrecke“, die „Staubschutz G.m.b.H.“ sowie die „Vereinigten Müllabfuhrunternehmer“.68
So blieb die Müllabfuhr in privaten Händen.
Vor dieser Regelung der Abfuhr ließ die Stadt Berlin 1887 drei städtische Müllabladeplätze
anlegen – auf dem Stralauer Anger (heute Osthafen), in der Landsberger Allee
(Friedrichshain) und in der Müllerstraße im Wedding (heute Schillerpark).69 Als Maßnahme
gegen die wilde Müllablagerung wurden allerdings erst im Jahr 1893 zwei
Polizeiverordnungen erlassen, die den Betrieb eines Müllplatzes genehmigungspflichtig
machten und die Kriterien einer geordneten Deponie definierten.70 Hygienische Bedenken
und der Bevölkerungszuwachs veranlassten den Regierungspräsidenten 1899, das Abladen
von Müll innerhalb des Stadtkreises Berlin zu verbieten. Die Verfügungen des
Regierungspräsidenten von 1898 bzw. 1900 besagten, dass genehmigte Abladeplätze jenseits
bestimmter Bannmeilen angelegt werden müssten.71 Dadurch fungierten die umliegenden
Gemeinden weiterhin als Müllschlucker der Hauptstadt.72 Insoweit erstreckte sich der Einfluß
66 Das Wechselkasten- oder –tonnensystem war im allgemeinen weitaus unwirtschaftlicher als das Umleersystem.
Durch das hohe Eigengewicht der stets mittransportierten Kästen bzw. Tonnen, die oft nicht ganz gefüllt
waren, waren Plattenwagen mit großer Ladefläche erforderlich. Weiterhin erforderten die in den
Abladestationen befindlichen Vorrichtungen zur staubfreien Entladung, sowie die Wasch- und
Desinfektionsanlagen hohe Ausgaben bei vergleichsweise geringerer Effektivität gegenüber dem
Umleersystem. In Städten mit kurzen Transportwegen und Müllgefäßen großen Inhalts konnten sich diese
noch durchsetzen. Schulz, S. 27.
67 BSR, Geschichte (Teil 1), S. 11.
68 Curter, S. 27.
69 BSR, Geschichte (Teil 1), S. 9.
70 Demnach musste der Platz mindestens 100 Meter von öffentlichen Wegen und 500 Meter von bewohnten
Häusern entfernt sein. Er musste wenigstens 10 000 qm Fläche haben, durfte nur sechs Meter hoch mit Müll
beschüttet werden und sollte, wenn diese Höhe erreicht war, mit einer mindestens 30 Zentimeter dicken Sand-
,Kies-, Lehm- oder Erdschicht abgedeckt werden. Zur Verhinderung von Papier- und Staubverwehungen
waren Müllplätze außerdem mit mindestens zwei Meter hohen Bretterzäunen zu umgeben. Köstering,
Standort, S. 33 f.
71 Jasner, S. 68.
72 In den 20er Jahren gab es Proteste aus diesen Vororten. Vgl. hierzu: Köstering, Standort, S. 33 ff.
20
der städtehygienischen Reform bis zur Jahrhundertwende nur auf die Regelung der
Müllabfuhr, die lediglich den staubfreien Mülltransport aus Berlin anstrebte.
2. Müllverbrennung vs. Müllverwertung: Debatte über Müllbeseitigungsmethoden
Müllverbrennung als hygienische Müllbeseitigung
Auf die Suche nach Lösungen für die hygienische Entsorgung des Mülls folgte in den
anschließenden Jahren die Förderung von Müllverbrennungsanstalten. Die erstmals in
England praktizierte Müllverbrennung 73 wurde unter Hygienikern als Zukunft der
Müllbeseitigung angesehen. Die hygienischen Anforderungen an die Müllbeseitigung
schienen dadurch erfüllt zu sein, dass bei der Verbrennung alle Keime durch die „reinigende
Flamme“ vernichtet werden könnten. Über die Beseitigung aller Gefahren des Mülls hinaus
böte diese Technik weitere Vorteile wie die Reduzierung der Müllmassen und die Verwertung
der Abwärme.
Nach dem Studium der englischen Erfahrungen kam der Berliner Hygieniker Weyl 1893 zu
folgendem Schluss: „Und so sei denn die Müllverbrennung als eine nützliche, daher
nachahmenswerte Methode der Städtereinigung auch den deutschen Hygienikern und
Stadtverwaltungen aufs angelegentlichste empfohlen.“74 Auch das „Handbuch für Hygiene
(1894)“plädierte für die Methode der Müllverbrennung: „Diese Zerstörung der Abfälle durch
Feuer ist unzweifelhaft das sicherste und deshalb vom gesundheitstechnischen Standpunkt das
empfehlenswerteste Mittel zur Unschädlichmachung desselben.“75 Diese Meinung teilten auch
die Mitglieder der DVföG.
Die neue Technik fand ebenso Befürworter unter Kommunalbeamten. Deren Auffassung
nach sollte diese in gesundheitlicher Hinsicht vollkommene Müllbeseitigung gefördert werden.
Um der Skepsis gegenüber der Verbrennungstechnik entgegenzutreten, die insbesondere auf
die hohen Kosten zurückzuführen war, wiesen einige städtische Ingenieure die Rentabilität
der Müllverbrennung rechnerisch nach. Der Oberingenieur F. A. Meyer aus Hamburg
prognostizierte, dass sich das Kostenverhältnis zugunsten der Verbrennungsanstalt entwickeln
würde, wenn die Einwohnerzahl der Stadt auf über 100.000 wüchse.76
73 In England baute die Firma Meak u. Co. 1870 im Londoner Stadtteil Paddington den ersten
Müllverbrennungsofen mit Rost. Die Müllverbrennung fand anschließend breite Verwendung, nachdem die
Firma Fryer im Jahr 1875 den ersten brauchbaren Verbrennungsofen entwickelte. Im Jahr 1900 waren bereits
in England 121 Müllverbrennungsanlagen in Betrieb. Vgl. hierzu: Hösel, Unser, S. 160.
74 Weyl, Theodor, Studien zur Straßenreinigung mit besonderer Berücksichtigung der Müllverbrennung.
Reisebericht, dem Magistrat der Stadt Berlin erstattet, mit dessen Genehmigung erweitert und veröffentlicht
(um. 1893), zit. nach: Jasner, S. 27.
75 Richter (1894), zit. nach: ebda., S. 28
76 Ebda., S. 28.
21
Gegen robuste Einwände von Seiten der Landwirte, die auf die Verwendung von Unrat als
Düngemittel angewiesen waren, ebnete die 1892 ausgebrochene große Cholera-Epidemie in
Hamburg den Weg für die erste deutsche Müllverbrennungsanstalt.77 1896 ging die erste
deutsche, nach englischem Vorbild gebaute, Anlage in Betrieb. Die Hamburger Anlage wurde
schnell zum Mekka für Fachkommissionen aus anderen deutschen Städten. Aus zahlreichen
Gemeinden wurden Müllproben nach Hamburg geschickt, um die Tauglichkeit für die
Verbrennung testen zu lassen.78 Entgegen den Erwartungen fielen allerdings die Ergebnisse
schlecht aus, so dass die erste Euphorie hinsichtlich der Müllverbrennung schnell verflog. Es
stellte sich heraus, dass Müllproben, meistens aus den Orten, wo mit Braunkohle geheizt
wurde, ohne zusätzliche Brennstoffe nicht verbrannt werden konnten. Die Verbrennungsöfen,
die in England, wo überwiegend Steinkohle verwendet wurde, entwickelt worden waren,
erwiesen sich als uneffizient für den deutschen Müll.
Ähnliche enttäuschende Erfahrungen machte man in Berlin. Dort wurde, dem Rat von Weyl
folgend, ab 1893 ein Versuch der Müllverbrennung durchgeführt. Auf dem Grundstück des
stillgelegten Wasserwerkes vor dem Stralauer Thor 38 installierte man zwei englische Öfen
der Firmen „Goddart, Massey & Warner“ aus Nottingham und „Horsfall-Refuse Co.“ aus
Leeds.79 Nach kurzen Unterbrechungen gingen die Müllöfen ab Februar 1895 in Dauerbetrieb.
Eineinhalb Jahre lang verfolgten die Stadtverordneten den Versuch voller Hoffnung. Doch
trotz aller Bemühungen, der Veränderung der Verbrennungstechnologie oder der Verwendung
von Schüttelrosten und trockenen Unterwinden, brannte der Berliner Müll einfach nicht. So
lief die Investition der gewaltigen Summe von 130.000 Mark schließlich ins Leere.80 Der
Berliner Müll war durch seinen Gehalt an Braunkohleasche nahezu unverbrennbar, da die
Stubenöfen in Berliner Wohnungen fast nur mit Lausitzer Braunkohle befeuert wurden. Unter
diesen Umständen sah der Magistrat keinen Anlass zur weiteren Finanzierung des Versuchs,
so dass die Ausgaben für die Müllverbrennung auf 3.024 Mark im Jahre 1901 und 77 Mark
1905 sanken.81
Auf das Scheitern der Verbrennungsversuche hin vermeldete die auf private Initiative
gegründete Gesellschaft „Müllschmelz“ im Jahr 1899 Erfolg mit der Entwicklung des neuen
Berliner Müll-Schmelzofens“. In dem Schmelzofen könnte der Berliner Müll bei einer
77 Zu der Geschichte vgl. Zwahr, 100 Jahr, S. 126 ff. Zu den Debatte zwischen Hygienikern und Landwirten vgl.
Lindemann, Verbrennung, S. 91 ff.
78 Münch, S. 55.
79 Vgl. Stellberger, Rote, S. 100; Jasner, S. 65.
80 Curter, S. 28. Nach der Auffassung Jasners litten die Berliner Versuche im Vergleich zu der Hamburger
Versuchsweise an einer Reihe von Mängeln. Die Verwendung der Dampfstrahlgebläse, die Konstruktion der
Ofenzellen und die Position des Hauptrauchkanals führten zum Misserfolg, obwohl Versuche mit Berliner
Müll in der Hamburger Verbrennungsanlage sehr erfolgreich gewesen war. Vgl. hierzu: Jasner, S. 64 f.
81 Ebda., S. 65.
22
Temperatur von 1.600 bis 2.000 °C geschmolzen und die überschüssige Wärme darüber
hinaus ausgenützt werden. Obwohl der Stadtrat das Schmelzverfahren als die „beste Art der
Beseitigung des Mülls in hygienischer Beziehung“ bewertete, wurde für die erste
Müllschmelzanlage keine Konzession erteilt.82 So blieben alle Versuche, die Müllverbrennung
in Berlin zu etablieren, im Ansatz stecken.
Während in England 1911 schon 460 Städte über eigene Müllverbrennungsanlagen
verfügten, fand die Müllverbrennung in Deutschland keine breite Verwendung. Bis zum
Ersten Weltkrieg wurden außer der Hamburger Anlage lediglich acht weitere
Verbrennungsanstalten errichtet: 1906 in Frankfurt a. M., Kiel und Wiesbaden; 1910 in
Barmen und Fürth; 1911/12 die zweite Hamburger Anlage am Teichweg; 1912/13 in Altona;
1913 in Aachen.83 Der auf die völlig andere Zusammensetzung zurückgehende niedrige
Heizwert des Mülls führte zum technischen Versagen der englischen Öfen in Deutschland und
damit zu hohen Kosten. So wurde es um die Müllverbrennung als neues
Beseitigungsverfahren nach und nach ruhiger.
Müll als Materie am unrechten Ort
Infolge der Fehlschläge auf dem Gebiet der Müllverbrennung wurden zunehmend andere
Lösungswege in Betracht gezogen. Neben der bisher praktizierten Müllverwertung, also
Sortierung und Separierung des Mülls, gewannen verschiedene Versuche, aus dem häuslichen
Müll nutzbare Materialien herzustellen, als mögliche Beseitigungsverfahren an Bedeutung.
Diese Alternative basierte vor allem auf der Auffassung von Hans Thiesing,
wissenschaftliches Mitglied der ‚Königlichen Versuchs- und Prüfungsanstalt für
Wasserversorgung und Abwässerbeseitigung‘. Er argumentierte gegen die herrschende
Hygienevorstellung folgendermaßen: „Sie [die Argumente der Hygiene, z.B. „Müll sei
gesundheitsgefährdend.“, d. Vf.] stützen demnach ihr Urteil offenbar auf theoretische
Erwägungen oder bestenfalls auf Deduktionen aus analogen Erscheinungen und
Beobachtungen. Dieser Modus berechtigt dann aber auch zu dem Schlusse, dass dieser
theoretischen Gefährlichkeit des Mülls in der Praxis nicht die Bedeutung zukommt, die man
ihr beizumessen geneigt ist. [...] Müll ist kein wertloser Abfall, sondern Materie am unrechten
Ort.“84
Seiner Ansicht zufolge waren alle Verfahren wie das Aufstapeln des Mülls oder das
Versenken desselben ins Meer zulässig für die Müllbeseitigung, wenn es auf von
menschlichen Wohngebieten weit entfernten Plätzen geschehen würde oder die Gefahr einer
82 Curter, S. 30.
83 Heigl, Moderne, S. 9.
84 Müllbeseitigung und Müllverwertung. Ref. v. Thiesing auf der 30.Versamml.d. DVfÖ. In: V.ö.G. (1906), zit.
nach: Jasner, S. 33 f.
23
Anschwemmung ans Ufer nicht bestünde. Von allen Verfahren räumte er jedoch der
volkswirtschaftlichen Verwertung der Abfallstoffe den Vorzug ein. Die Aufbringung des
Mülls auf Ödland schien in dem Maß sinnvoll, als dass sumpfige Löcher oder tiefgelegene
Stelle durch die Müllauffüllung landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden könnten. Zugleich
empfahl er aufgrund der Rentabilität die Sortierung des Mülls behufs Verwertung seiner
einzelnen Bestandteile nach einem Dreiteilungsverfahren, das seit 1900 in Charlottenburg
durchgeführt wurde. Die Furcht vor Infektionsgefahren, die auch von Hygienikern oft zum
Ausdruck gebracht wurde, sei, so Thiesing, stark übertrieben und entbehre einer sachlichen
Grundlage. 85 Zwar widerlegte er die gesundheitlichen Argumente für den Einsatz der
Müllverbrennung als unhaltbar, dennoch nahm er keine ablehnende Haltung diesem
Beseitigungsverfahren gegenüber ein. Vielmehr durfte seiner Meinung nach die
Müllverbrennung aufgrund der entwickelten technischen Verbesserungen als eine Art der
Müllverwertung eingesetzt werden.
Je deutlicher es wurde, dass die Müllverbrennung unter deutschen Verhältnissen nicht
rentabel zu betreiben war, desto stärker fanden die Standpunkte Thiesings Gehör. In der ersten
Dekade des 20. Jahrhunderts suchten weiterhin die Befürworter der Verbrennung, zumeist
Hygieniker, den Vorwurf mangelnder Rentabilität dadurch zu entkräften, indem sie der
bloßen Wirtschaftlichkeit das Interesse der Volksgesundheit gegenüberstellten: „Die
hygienischen Vorteile der Müllverbrennung liegen aber so klar, die ideellen Werte sind so
groß, dass meines Erachtens die Rentabilitätsfrage überhaupt nicht aufgeworfen werden darf,
wenn es sich um Leben und Gesundheit der Mitglieder eines Gemeinwesens handelt[...].“86
Die Techniker betonten ihrerseits das fortschrittsideologische Argument, dass der Bau von
Müllverbrennungsanlagen ein Indikator für die kulturelle Entwicklungsstufe Deutschlands im
internationalen Wettbewerb sei.87 Hygieniker wie Techniker scheiterten jedoch daran, die
Kommunalbeamten zu überzeugen, die als Entscheidungsträger aus ökonomischen Gründen
die kostengünstigere Praxis der Müllbeseitigung nach der Vorstellung Thiesings favorisierten.
So gaben sie dem älteren Verfahren der Separation und Verwertung aller Müllbestandteile
gegenüber der Müllverbrennung den Vorzug. Aus der Stadtverordnetenversammlungen
kamen wiederholt Vorschläge zu einer Sortierung oder Verwertung des Berliner Mülls.
85 Ebda., S. 39 f.
86 Neue Erfahrungen auf dem Gebiet der Müllverbrennung, in: V.ö.G. (1908), S. 147-161, zit. nach:
Brüggemeier u.Toyka-Seid (Hg.), Industrie, S. 241.
87 Jasner, S. 47.
24
3. Müllverwertungsversuche in Berlin
Charlottenburger Dreiteilungssystem
Der Trend, die Müllverwertung der Verbrennung vorzuziehen, zeichnete sich seit der
Jahrhundertwende deutlich ab. Als die Müllabfuhr durch die erheblichen Unkosten des
Transports88 und die Abneigung der umliegende Gemeinde, den Müll aufzunehmen, immer
problematischer wurde, traf der Charlottenburger Magistrat im Jahr 1900 die Entscheidung,
einen neuen, eigenen Weg einzuschlagen. Um zunächst die Frage der Müllbeseitigung zu
lösen, wurden zwei Systeme- das Müllverwertungs- und Müllverbrennungssystem - in
Erwägung gezogen. Infolge der negativen Ergebnisse aus den Verbrennungsversuchen
bevorzugte der Magistrat das „Dreiteilungssystem“, das die „Charlottenburger
Abfuhrgesellschaft“ (CHA) seit 1900 nach amerikanischem Vorbild praktizierte.89 Dieses
System, das die getrennte Aufnahme des Hausmülls in drei Gruppen -Asche, Küchenabfällen
und Gerümpel- vorsah90, wurde nicht nur aus Kostengründen, sondern auch hygienischen
Gründen positiv beurteilt. Sowohl von der Presse, als auch von Haus- und
Grundstückseigentümern, die bereits Kunden der Gesellschaft waren, wurde das System
unterstützt. 1903 hatte sich ein „Verein für gemeinnützige Abfallverwertung“ mit dem Ziel
gegründet, durch das Dreiteilungssystem den Müll besser zu verwerten.91 All dies begünstigte
die Einführung des Systems in Charlottenburg.
Zugleich wurde die Forderung nach der Kommunalisierung der Müllabfuhr lauter. Dieser
Ansicht nach sollte die Müllabfuhr wie die Kanalisation zu den Aufgaben der Stadt gehören,
vor allem um eine Vereinheitlichung zu gewähren. Der Charlottenburger Magistrat reagierte
auf diese Forderungen, indem er im Jahr 1906 mit der Charlottenburger Abfuhrgesellschaft
mbH einen Vertrag abschloss, der die Gesellschaft dazu verpflichtete, mit ihrem
Dreiteilungssystem die gesamte Müllabfuhr für eine Dauer von 15 Jahren zu übernehmen.92
Gleichzeitig wurden ein Ortsstatut und eine Polizeiordnung erlassen, die die Dreiteilung in
den Haushalten obligatorisch machten und den Gebührensatz regelten.93 Diese Entscheidung
für das Dreiteilungssystem war in doppelter Hinsicht bedeutend, weil damit die
Müllverwertung erstmals in Deutschland unter städtischer Regie stattfand, und zum anderen
ein wichtiger Schritt zur Kommunalisierung der Müllabfuhr gemacht wurde.
88 Der Charlottenburger Müll wurde bis 1900 größtenteils in Schiffscontainern zu Wasser nach außerhalb
geschafft und dort gelagert.
89 Jasner, S. 85.
90 In dem System wurde der Hausmüll in drei Gruppen klassifiziert. Die erste umfasste Speisereste und
Küchenabfälle. Die zweite Gruppe waren Abfälle, wie Lumpen, alte Kleidung, Schuhe, Glas oder alte Möbel.
Die dritte Gruppe bestand aus Feuerungsrückständen wie Asche und Schlacke. Curter, S. 30.
91 Ebda, S. 31.
92 Jasner, S. 81.
93 Ebda., S. 83.
25
Nach Vertragsabschluß stellte die Abfuhrgesellschaft auf den Grundstücken neben dem
Müllkasten, der Asche und Kehricht aufnahm, ein zylindrisches Gefäß für die Küchenabfälle
sowie einen Schrank mit einem Sack für die sperrigen Gegenstände auf. Daneben konstruierte
die Gesellschaft ein dreigeteiltes Spind für die getrennte Müllsammlung jedes Haushalts.94
Die Küchenabfälle wurden in das obere rechte Fach des Spindes, Asche und Kehricht in das
Klappfach darunter geworfen. Die linke Hälfte war für die sperrigen Abfälle vorgesehen. Die
Müllabfuhr und –verwertung geschah folgendermaßen: „Die Gefäße für Asche und Kehricht
wurden in den „Staubschutzwagen“ entleert, die Küchenabfälle in einen anderen
Kastenwagen. Die Säcke mit dem Gerümpel-Sperrmüll- schichtete man zur Abfuhr auf
einfache Plattformwagen. Mit Asche und Kehricht wurde das 30 km entfernte Umland von
Röthehof aufgeschüttet. Küchenabfälle und Gerümpel kamen nach Seegefeld (14 km entfernt).
Während die Küchenabfälle gereinigt, gekocht und geseiht zur Schweinemast dienten, wurde
das Gerümpel auf langen Sortierbändern ausgelesen und als Altmaterial verkauft.“95
Kurz nach der Einführung geriet jedoch die Gesellschaft in finanzielle Schwierigkeiten.
Entgegen der errechneten Gewinnerwartung brachte das System 1908 einen Verlust von
knapp einer halben Million Mark ein. Der Krieg verschlechterte diese Lage zusätzlich, so dass
die „Dreiteilung“ trotz der städtischen finanziellen Unterstützung schließlich am 13.April
1917 eingestellt werden mußte.96 Hintergründe für das Scheitern waren zum einen in der
Nichtbereitschaft der Bevölkerung für die Mülltrennung zu suchen, die entscheidende Rolle
spielte jedoch die finanzielle Lage der Gesellschaft. Wie der Magistrat im Jahr 1911 beschrieb,
war trotz der polizeilichen Verordnung und der Aufklärung die Durchführung der Dreiteilung
des Hausmülls ungenügend und nicht erfolgreich.97 In den Haushalten wurde der Müll nicht
ordentlich dreigeteilt, was den Verwertungsbetrieb empfindlich störte. In finanzieller Hinsicht
schlugen mehrere Faktoren zu Buche: Zum einen wurde der erwartete Erlös der mit dem
Hausmüll gefütterten Mastschweine durch die Pest eingebüßt. Darüber hinaus brachte die
verzögerte Inbetriebnahme der Sortieranstalt, die im Jahr 1904 durch ein Feuer völlig zerstört
worden war, einen weiteren Verlust des Erlöses bei. Schließlich trieb die Erhöhung der
Personalkosten nach dem Krieg die Abfuhrgesellschaft schließlich endgültig in den Ruin.98
In Berlin fasste anstelle des Dreiteilungssystems seit 1915 das in England praktizierte
Zweiteilungssystem Fuß, in dessen Rahmen nur die Küchenabfälle getrennt gesammelt
wurden. Der „Verein Berliner Molkereibesitzer“ hatte sich dem Magistrat gegenüber
vertraglich zur regelmäßigen Abholung dieser Abfälle verpflichtet. Gegen „unberechtigte
94 Ebda., S. 87.
95 Curter, S. 31.
96 Jasner, S. 96.
97 Ebda., S. 96 f.
98 Ebda.,
26
Sammler“ wurde Strafanzeige erstattet. 99 Nach dem Ersten Weltkrieg leitete eine
Selbsthilfeorganisation der Molkereien eine Tauschaktion ein, bei der man Kleinholz gegen
Küchenabfälle wie Kartoffelschalen tauschen konnte.
Landwirtschaftliche Müllverwertung: Melioration
Parallel zu dem Charlottenburger Versuch verliefen in Berlin Versuche der
landwirtschaftlichen Verwertung des Mülls. Ein entscheidender Anstoß wurde im Jahr 1897
gegeben, als eine „Denkschrift“ von Bruno Röhrecke, ehemaliger Fuhrunternehmer und
Vorsitzender des Grundbesitzvereins „Nordwest“ in Moabit, und eine Monographie über die
Beseitigung und Verwertung des Hausmülls von Prof. Vogel erschienen. 100 Nach der
Auffassung von J. H. Vogel, einem der prominentesten Verfechter der landwirtschaftlichen
Müllverwertung, war Hausmüll insbesondere für Sand- und Moorboden ein vorzügliches
Dünge- und Meliorationsmittel (Bodenverbesserungsmittel), und der Boden der Mark
Brandenburg eignete sich hervorragend zur Düngung mit Feinmüll.101 Aus diesem Grund
schlug Röhrecke die Auffüllung von Tonlöchern und Sümpfen mit Müll vor, die anschließend
mit Sand bedeckt werden sollte. Sein Versuch auf den Spreewiesen zwischen Charlottenburg
und Spandau erwies sich als erfolgreich, so dass Feld- und Gartenfrüchte aller Art dort
gepflanzt werden konnten.102 Nach dem Erfolg versuchte er, die Müllmelioration auf die
Gebiete des Nauener, Havel-, Rhin- und Kremmener Luchs anzuwenden, aber der Magistrat
lehnte ab. Schließlich wurde das Verfahren bei Kladow und Paretz praktiziert.103
In den Jahren 1888 –1890 besserte ein Herr Nauck die Köllnischen Wiesen bei Rixdorf durch
Müllaufschüttungen auf. Der Fuhrunternehmer A. Tabbert unternahm ähnliche Versuche in
Spreehagen. Dort wurden zwischen 1915 und 1918 Gemüsefelder angelegt.104 1907 begann
der Domänenpächter Arthur Schurig auf dem Gut in Etzin dieses Verfahren zu übernehmen.105
Mit grobsortiertem Charlottenburger und unsortiertem Berliner Müll leitete er seit 1913 einen
Meliorationsversuch in Röthehof. Ab 1917 pachtete er die Rittergüter Markee, Markau und
Schwandebeck (etwa. 2.000 ha), um dort den Versuch weiter durchzuführen.106
99 Hierzu ließ der Magistrat von Berlin eine Bekanntmachung veröffentlichen: „Die Haushaltungsvorstände
haben streng darauf zu halten, dass sämtliche pflanzlichen Speise- und Brotreste ohne Beimengung von Müll
und Harrnadeln, Scherben oder anderen dem Vieh schädlichen Gegenständen nur in den vom Hauswirt
bestimmten Abfallbehälter und nicht in den Müllkasten geworfen oder gar verbrannt werden.“, zit. nach:
Hösel, Unser, S. 216.
100 Jasner, S. 61.
101 Ebda.
102 Ebenda, S. 62.
103 Curter, S. 32.
104 BSR, Geschichte (Teil 1), S. 7.
105 Zu der Pionierarbeit Schurigs vgl. Rüb, Grenzen.
106 Curter, S. 34.
27
Dieses Konzept hatte angesichts der Nachkriegskrise staatliche Unterstützung erhalten.
Staatliche Behörden sahen darin eine Möglichkeit, durch die Kultivierung von Ödland den
kriegsbedingten Verlust von Agrargebieten zu kompensieren. So schuf das Land Preußen die
finanziellen, technischen und organisatorischen Voraussetzungen eines
Kultivierungsprogramms durch das sogenannte „Dampfpfluggesetz“ vom 9. 2. 1924.107 Das
Programm sah die Kultivierung der 250 000 ha großen Niederungsmoorgebiete entlang der
Wasserläufe in der Provinz Brandenburg vor.
4. Kommunalisierung der Müllabfuhr und Fortsetzung der Müllverwertung
Kommunalisierung der Müllabfuhr und Einsatz von Kraftwagen
Die Nachkriegsbedingungen veranlassten die Städte dazu, die Kommunalisierung der
Müllabfuhr voran zu bringen. Das ging vor allem auf die steigenden Abfuhrgebühren und
Streiks der Müllkutscher zurück.108 In Berlin stiegen von Oktober 1915 bis 1917 die
Abfuhrgebühren bereits um 100 %. Trotzdem erfüllte die „Wirtschaftsgenossenschaft Berliner
Grundbesitzer“, die 90% aller Berliner Haushalte als Kunden gewonnen hatte, nicht die an sie
gestellte Erwartung. Zudem legten Streiks der Müllfahrer die Müllabfuhr häufig lahm. Unter
diesen Umständen fand die Forderung nach Kommunalisierung immer mehr Resonanz.
Als die Genossenschaft im Jahr 1922 schließlich zusammengebrochen war, stand die Stadt
Berlin jedoch einer angespannten Finanzlage gegenüber, die eine vollständige
Kommunalisierung unmöglich machte. Dieses Problem wurde gelöst, indem im selben Jahr
die „Berliner Müllabfuhr-Aktiengesellschaft“ (BEMAG) unter Beteiligung zweier Berliner
Fuhrunternehmer gegründet wurde, die den Müllabfuhrbetrieb übernahm. 109 An dieser
Gesellschaft beteiligte sich die Stadt Berlin selbst, indem sie 25 % der Aktien der Gesellschaft
hielt. Darüber hinaus war die Stadt trotz des geringen Anteils an den Aktien im Aufsichtsrat
vertreten. Somit wurde die Privatgesellschaft formal unter städtische Kontrolle gebracht.
Mit einem Bereicherungsskandal in der BEMAG konfrontiert, schlug der Stadtrat Ernst
Reuter der Stadt im Jahr 1926 vor, einen größeren Aktienanteil und somit auch die Kontrolle
im Aufsichtsrat zu erwerben. So übernahm die Stadt Berlin im Jahr 1927 85,8% des
Aktienkapitals.110 Mit der Übernahme der Aktienmehrheit und der verstärkten Einflussnahme
der Stadt auf die Geschäftsführung der BEMAG war die Kommunalisierung der Müllabfuhr
weitgehend verwirklicht. Im Lauf der Zeit wurden bestehende Bezirksmüllbetriebe in die
BEMAG eingegliedert. Am 1. April 1931, nach der Übernahme der Müllbetriebe in Spandau,
107 Rüb, Grenzen, S. 64.
108 Vgl. Schmid, Der lange Weg, S. 26 f.
109 Ebda., S. 27.
110 BSR, Geschichte (Teil 2), Beiheft des BSR-Geschäftsberichts 1996, S. 10.
28
Wilmersdorf und Schöneberg war dieser Prozeß abgeschlossen. Damit war die Müllabfuhr
von Groß-Berlin unter einheitlicher, kommunaler Verwaltung und Organisation. Mit der
Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die BEMAG am 1. April 1935 in die
kommunale Dienststelle „Städtische Müllbeseitigung“ umgewandelt.111 An ihre Stelle trat im
Jahr 1945 eine zentrale Verwaltung für die „Groß-Berliner Straßenreinigung und Müllabfuhr“.
Parallel zu dieser Entwicklung erfuhr die Müllabfuhr in den 1930er Jahren eine wesentliche
Veränderung durch die Motorisierung. Während sich die technische Entwicklung vor dem
Ersten Weltkrieg vor allem auf die Konstruktion staubfreier Schüttwagen richtete,
beschäftigten sich die Ingenieure nach dem ersten Weltkrieg mit der Verkopplung des
Schüttungssystems an elektromotorische und verbrennungsmotorische Antriebe. Um 1925
wurden erstmals Kraftwagen mit Elektromotoren für die Müllabfuhr eingesetzt. Das kurze
Anfahren bis zum nächsten Grundstück und die verhältnismäßig kurzen Wege zu den vier
Umladestationen führten dazu, dass der Kraftwagen erst Ende der dreißiger Jahre das
Pferdegespann ersetzte. 1935 besaß die BEMAG insgesamt 550 Wagen, davon 386
Pferdewagen, 64 Automobile und 85 Elektromobile.112
Scheitern der Schöneberger Müllverbrennung
Das kurz nach Kriegsende entstandene Müllabfuhrproblem ließ die Diskussion um die
Müllverbrennung erneut aufflammen. Anfang 1919 entschied sich die Stadt Schöneberg im
Rahmen der Kommunalisierung der Müllabfuhr für den Bau einer Verbrennungsanlage nach
Münchner Muster. Zugleich wurden die Errichtung einer Schlackensteinfabrik und die
Dampflieferung ans benachbarte Kraftwerk der Südwest AG in Angriff genommen.113 Dieser
Plan war zu dieser Zeit nicht abwegig, da die Ideen zur Verwertung von Schlacke und Dampf
bereits um die Jahrhundertwende verfochten und teilweise auch schon technisch umgesetzt
worden waren. In den Jahren von 1900 bis 1910 vertraten zahlreiche Ingenieure die Meinung,
dass es daher die Aufgabe der Technik sei, „dem Müllverbrennungsverfahren seine
ursprünglich rohe Form zu nehmen und, ähnlich unsern Dampfkesselfeuerungen, die
Verbrennung selbst möglichst vollkommen zu gestalten, so dass es sich nicht allein mehr um
eine Müllbeseitigung, sondern auch gleichzeitig um eine Müllverwertung handelt.“114 Auf der
Jahresversammlung der ‚Vereinigung der technischen Oberbeamten Deutscher Städtetag‘ im
Jahr 1910 wurde die vollständige Ausnutzung und die Verwertung der im Müll vorhandenen
111 Schmid, S. 30.
112 BSR, Geschichte (Teil 2), S. 11.
113 Vgl. Stellberger, S. 104 f.
114 Meyer, Technik, S. 5
29
Heizkraft zum Ziel der technischen Entwicklung bei Müllverbrennung erklärt.115 In anderen
Städten, z. B. in Barmen, wurde eine erfolgreiche Verwertung der Müllschlacke als
Baumaterial vermeldet. Ein ähnlicher Versuch, aus Müllschmelzen Baustoff herzustellen,
wurde 1913 auch in Berlin durchgeführt.
Vor diesem Hintergrund kam der Verbrennungsanlage dieses Mal eine erhöhte Bedeutung als
Verwertungsanlage zu. Der Schöneberger Stadtbaurat, Ernst Goger, unterstrich die hohe
Dampferzeugungsleistung der Anlage.116 Schließlich wurde die Schöneberger Anlage im Jahr
1921 in Betrieb genommen. Es zeigte sich jedoch bald, dass die Leistung der Anlage den
Erwartungen bei weitem nicht entsprach. Der vielgerühmte neue Münchner Ofen erwies sich
als ungeeignet für den Berliner Müll, so blieben Teile des Mülls wie bei den vorherigen
Versuchen mit englischen Öfen unverbrannt. Trotz zweijähriger Umbauarbeit und teilweiser
Neukonstruktion führte der Versuch kaum zu befriedigenden Ergebnissen. Zum einen
entstand ein bedeutender Energieverlust durch unverbrannte Zusatzkohle, zum anderen
verschmutzte eine große Menge Flugasche die benachbarten Wohnviertel. Darüber hinaus
stellte sich heraus, dass die erzeugte Schlacke für die Verwendung als Baustoff ungeeignet
war. Durch die Schließung eines Kraftwerkes der Südwest AG schrumpfte die Menge der
Dampfabgabe, so dass die Anlage ihre Wirtschaftlichkeit einbüßen musste. Nach knapp
sechsmonatigem Dauerbetrieb wurde die Anlage im März 1924 endgültig stillgelegt. Damit
geriet das Verbrennungsverfahren bei der Mülldiskussion bis zu den 1960er Jahren in
Vergessenheit.
Im April 1925 beschloß die Berliner Stadtverordnetenversammlung, die stillgelegte Anstalt
an den Berliner Ingenieur Kurt Gerson zu verpachten, der die Auffassung vertrat, dass man
die im Müll steckenden, sehr beträchtlichen Werte restlos ausnutzen könnte. Eine Nutzung
schien durchaus vorstellbar, zumal ihm bereits zahlreiche Patente erteilt worden waren, wie z.
B. für ein „Verfahren zur Trennung von Mischgut“ oder für ein „Verfahren zur Herstellung
dampfgehärteter Kunststeine“. 117 Gerson verwandelte das Gelände der ehemaligen
Müllverbrennungsanstalt nach und nach in ein großes Müll-Laboratorium. Zunächst
praktizierte er die aus den USA stammende Mülltrennung, um organische und anorganische
Fraktionen des Mülls zu separieren. Parallel strebte er die Entwicklung technischer Verfahren
zur Trennung der für die Müllwolle geeigneten Substanzen vom Rest des Mülls an. Nach
seiner Schätzung enthielt der Müll eine Restfraktion von 13,5%, aus der Müllwolle
115 Bericht über die Jahresversammlung der Vereinigung der technischen Oberbeamten Deutscher Städte in
Elberfeld am 12.und 13.September 1910, Berlin 1911, S. 75.
116 Vgl. Stellberger, S. 105.
117 Ebda., S. 106.
30
entstand.118 Diese aus pflanzlichen und tierischen Fasern bestehende Müllwolle konnte als
Rohstoff zur Herstellung von Papier, Isolierplatten und Teer verwendet werden. Wie
Stadtbaurat Ernst Goger beschrieb, schienen die Anwendungsgebiete für die Müllwolle
erweiterungsfähig zu sein.119 Es gelang Gerson, ein für die Herstellung der „Gerschen
Müllwolle“ geeignetes Verfahren (ein Luftstromverfahren mit Schlagmühle) zu entwickeln,
auf dessen Grundlage er in der Tat Müllwolle herstellte und überregionale Erfolg erreichte.
Die Müllwolleherstellung wurde bis 1939 weiter betrieben.120
Müllspülverfahren und Altmaterialverwertung im Rahmen des Vierjahresplans
Nach dem Kultivierungsprogramm setzte sich die landwirtschaftliche Müllverwertung fort.
Die BEMAG und die Stadtverwaltung waren sich 1929 nach den Meliorationsversuchen
darüber einig, dass große Gebiete des Golmer Luchs, das 1927 zum Naturschutzgebiet erklärt
wurde, für 100 und mehr Jahre Platz für den gesamten Berliner Müll böten.121 Mit dem
Versprechen, große Gärten und Gemüsefelder anzulegen, warben sie um öffentliche
Zustimmung. Nach dieser Vereinbarung fuhr die von der Firma „Beton- und Tiefbau
Mast“ und der BEMAG gemeinsam gegründete Firma „Müllkultivierung GmbH“ ab 1934 fast
die Hälfte des Berliner Mülls (600-1000 t täglich) mit Lastkähnen in dieses Gebiet. 1936 ließ
die BEMAG dafür in der Charlottenburger Helmholtzstraße an der Spree eine hochmoderne
und allen Belangen der städtischen Hygiene entsprechende Müllverladehalle errichten, in der
der Müll aus den Pferdewagen in die Schiffe umgeladen wurde.122 Die Firma verwendete
dabei das umstrittene Verfahren der „Müllspülung“, das die Firma Mast um 1930 entwickelt
hatte. Nach diesem Verfahren wurde der im Luch angekommene Müll in den Schiffen mit
Wasser vermengt, so dass eine dicke Müllbrühe entstand. Eine Pumpe schleuderte diese
Brühe unter hohem Druck mehrere hundert Meter weit ins Luch. Dadurch wurde der Müll
abgesetzt und der Boden nach und nach erhöht. Auf diesem Wege sollten verwertbare
Altmaterialien aus dem Brei gelöst werden. Trotz Beschwerden der Bauherrn wegen des
Müllwassers erfolgte die Müllspülung bis 1948, als das Luch trockengelegt wurde.
Um 1930 wurde etwa ein Sechstel des Berliner Mülls in die Gegend um Nauen verbracht, wo
Schurigs Meliorationsversuch stattfand.123 Dieses Experiment war zwar so erfolgreich, dass er
zum Deutschlands größtem Gemüselieferanten wurde, aber es kam bald zu Ende. Nachdem
unter der nationalsozialistischen Herrschaft die Altmaterialsammlung ab 1936 forciert und
schließlich 1937 die Küchenabfallsammlung für die Schweinemast zwangsweise eingeführt
118 Ebda.
119 Ebda., S. 109.
120 Ebda., S. 111.
121 Zu diesem Kultivierungsversuch vgl. :Köstering, Golmer; Curter, S. 34.
122 Köstering, Golmer, S. 81.
123 Curter, S. 34.
31
worden war, verlor der Müll seinen Wert für den Landwirt.124 Damit wurde die seit 20 Jahren
betriebene Meliorationspraxis unterminiert.
Nach der Verkündung des Vierjahresplans von 1936 war die Müllverwertung in die
Kriegsvorbereitung einbezogen worden.125 Die möglichst vollständige Wiederverwertung aller
Altstoffe sollte angestrebt werden, um Rohstoffe einzusparen. 1937 setzte Göring einen
„Reichkommissar für Altmaterialverwertung“ ein, der die Altstoffsammlungen reichsweit
organisieren und propagandistisch begleiten sollte.126 So mussten alle deutschen Gemeinden
mit mehr als 35.000 Einwohnern Eisen und Metall, Papier, Lumpen, Knochen und Gummi
aus dem Müll aussortieren. Unter dem Motto „Verwertung des Wertlosen“ standen Berliner
Müllplätze für die Sammelaktion zur Verfügung. Dort wurden 1935 rund 5.000 t gesammelt,
1938 erreichte die Menge gesammelten Altmaterials 17.000 t. Die Altmaterialsammlungen
erreichte bei weitem nicht das anfänglich gestellte Ziel, da der Müll immer ärmer wurde. Die
Minimalversorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern erzwang einen sparsamen Umgang
mit gebrauchtem Material im Haushalt. 127 Statt der materiellen Bedeutung kam den
Sammelaktionen im Lauf der Zeit eine propagandistische Rolle zu: eine unmittelbare
Beteiligung der Bevölkerung an der Kriegswirtschaft.
124 Rüb, Grenzen, S. 72.
125 Zu der Altmaterialsammlung vgl. :Köstering, Millionen, S.114 ff.
126 Ebda., S. 114.
127 Ebda., S. 115.
32
II. Von der Kippe zum Kamin: Umstellung der Müllbeseitigung auf
Müllverbrennung 1945 - 1970
1. Die modernen Müllprobleme
1.1. Der Wiederaufbau der Müllabfuhrsysteme und Müllprobleme im Rahmen der
Gewässerreinhaltung
Im Jahr 1945 lagen alle Städte und Gemeinden in Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Zur
Abwendung drohender Seuchengefahren war die möglichst schnelle Beseitigung dieser
Trümmerberge sehr dringlich. Für die „Normalisierung“ des Lebens stellten die Alliierten, die
die oberste Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hatten, die Wiederherstellung der
Müllabfuhrsysteme in den Vordergrund. Diese Aufgabe wurde jedoch nur langsam bewältigt,
weil Personen- und Maschinenmangel durch Kriegsschäden nicht leicht zu kompensieren
waren. Dem Mangel sollte mittels einer organisatorischen Reform bei Verwaltungen
entgegengewirkt werden. So entstand in Berlin zum Beispiel die „Großberliner
Straßenreinigung und Müllabfuhr“ als zentrale Verwaltung, die ab 1. Oktober 1945 alle
Bezirksbetriebe übernahm.128 Zwar verbesserte diese Rationalisierung auf organisatorischer
Ebene die Leistung der städtischen Müllabfuhr, andere Probleme, wie die fehlender
Fahrzeuge, blieben noch ungelöst. Daher beschloß zum Beispiel der Münchner Stadtrat im
April 1947 die Motorisierung der städtischen Müllabfuhr.129 In Städten, wo keine finanzielle
Mittel dafür zur Verfügung standen, sollte die Müllbeseitigung durch die alten Pferdekutschen
oder per Appell initiierte Sammlungsaktionen der Bevölkerung gelöst werden. Die Berliner
Bevölkerung beteiligte sich unter dem Befehl der Alliierten an der „Reinigungs-
Sonderaktion“ im Jahr 1948 gemäß, wobei insgesamt 60.000 „Trümmerfrauen“ einen großen
Beitrag zur Müllbeseitigung leisteten.130 Manche Städte konnten sich erst in den fünfziger
Jahre von den Kriegsschäden bei der Müllbeseitigung erholen.
Mit der Normalisierung des Lebens stellten sich erneut alte Müllfragen. Die Müllablagerung,
die als Beseitigungsmethode ununterbrochen praktiziert worden war, erforderte von den
städtischen Verwaltungen die ständige Suche nach neuen Müllabladeplätzen. Das Fernhalten
dieser Plätze aus den Innerstädten drängte sie darüber hinaus dazu, die Motorisierung der
Müllabfuhr zu beschleunigen, für die die kommunalen Regierungen die notwendigen
128 BSR, Geschichte (Teil 3), Beiheft des BSR-Geschäftsberichtes 1997, S. 5.
129 Münch, S. 323.
130 BSR, Geschichte (Teil 3), S. 7 f.
33
Finanzmittel auftreiben sollten. Der Berliner Senat fasste 1951 einen Beschluss, demzufolge
der Berliner Stadtreinigung ein Kredit in Höhe von 25 Millionen DM zum Zweck des
Wiederaufbaus erhalten konnte. 131 Daneben schien die Organisation der Müllabfuhr
reformbedürftig zu sein, da die Müllabfuhr wegen uneinheitlicher Müllgefäße und
unterschiedlicher Leerprozesse ohne System ausgeführt wurde. Zur Abschaffung der
unsystematischen Müllabfuhr wurden zunehmend genormte Müllgefäße und ein
Ringumleersystem eingesetzt.132
Auf diese Weise erfuhren Müllsammlung und –transport einen Fortschritt, während die
Müllbeseitigung nach der alten Methode praktiziert wurde. Die vor dem Krieg mit dem
Ansatz landwirtschaftlicher Müllverwertung praktizierte Müllablagerung in Form der
Aufschüttung fand man bis Mitte fünfziger Jahre nicht problematisch. So war unter
Fachleuten nicht mehr die Rede davon, dass Müll ein Krankheiterreger sei. Auf einem
Symposium, das 1955 in Zürich unter der Teilnahme von Fachleuten aus verschiedenen
Ländern veranstaltet wurde, stellte der Direktor des Hygienisch-Bakteriologischen Instituts
der Universität Erlangen Knorr in seinem Beitrag fest: „Die Hygiene hält bisher Müll für
keinen gesundheitlich besonders gefährlichen Stoff. [...] Die Hygieniker sahen deshalb immer
in der ordnungsgemäß vorgenommenen Mülldeponierung auf Halden keine gesundheitliche
Gefahr.[...] »Drohende Seuchengefahren« gehen vom Müll nicht aus, Müllhalden sind auch
nicht jahrzehntelang »gefährliche Bakterienherde« und Krankheitserreger finden sich weder
im Staub noch Asche, selbst nicht in vergärenden und faulenden Küchenabfällen [Hervorh. i.
Orig.].“ 133 Er stützte seine These auf zahlreiche medizinische Untersuchungen der
Müllarbeiter und bakteriologische Mülluntersuchungen.
Was er jedoch als ein großes hygienisches Problem bei Müllhalden ansah, war die Auffüllung
von Sand-, Kies- und Lehmgruben sowie von Steinbrüchen im tributären Gebiet der
Grundwasservorkommen.134 Anfang der fünfziger Jahre wurde die Wasserhärtung in dieser
Gegend gemeldet und wissenschaftlich nachgewiesen. Während Keime im Müll durch
chemische und physikalische Methoden gefahrlos vernichtet werden konnten, schien die
Gefahr der Wasserhärtung (hoher Nitratwert) durch Müllhalden schwer abwendbar.
Der Gefahr der Grundwasserverschmutzung durch Müllhalden wurde daher in
Zusammenhang mit der zu dieser Zeit lebhaft diskutierten Reinhaltungsfrage der Gewässer
131 Drucksache des Abgeordnetenhaus Berlin Nr. 818 am 29.12.1951 (1.Wahlperiode), Dringlichkeitsvorlage-
zur Beschließung- über die Zustimmung zur Aufnahme eines Investitionskredits aus GARIOA-Mitteln in
Höhe von 2 Millionen DM durch die Berliner Stadtreinigung bei der Berliner Industriebank
Aktiengesellschaft, S. 1 f.
132 Vgl. AkA (Hg.), Sammlung, S. 34 f.
133 Knorr, Hygienische, S.56 ff.
134 Ebda., S. 65.
34
besondere Aufmerksamkeit zuteil. Themen wie Wassermangel oder Wasserverschmutzung
machten seit 1954 Schlagzeilen. So titelte das Hamburger Abendblatt: „Wasserkreislauf in der
größten Gefahr“, die Bildzeitung beschwerte sich: „Der Rhein stinkt noch“ und die Welt
befürchtete Gefahren für die Gesundheit: „20 Million Trinkwasser aus dem größten deutschen
Abwasser“. 135 Wegen fehlender Kläranlagen 136 verschlechterte sich die Reinheit der
Oberflächenwasser nach und nach. Die Gewässerbelastung mit Schwermetallen,
Kohlenwasserstoffverbindungen, Nitraten und Pestiziden nahm zu dieser Zeit stark zu.
Aufgrund großer Verluste in der Fischerei wegen der Wasserverschmutzung sah sich die im
Jahr 1951 gegründete „Vereinigung deutscher Gewässerschutz“ dazu veranlaßt,
Wissenschaftler, Beamten und Industrie zu einer gemeinsamen Aktion aufzurufen, im
Rahmen derer die Bundesregierung aufgefordert werden sollte, ein Wassergesetz zu
verabschieden.137 An einem solchen Gesetz zeigte auch der Bundesverband der Deutschen
Industrie Interesse, weil er die Beeinträchtigung des industriellen Wachstums durch den
Wassermangel befürchtete.138 Anläßlich der Eröffnung einer Tagung im Jahr 1959 räumte der
Bundesminister für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft, Prof. Dr. Balke, ein, dass die
Wasserlage in Deutschland „lebensgefährlich sei.139
All dies führte dazu, dass von der Bundesregierung eine Rahmengesetzgebung für den
Wasserhaushalt vorgenommen wurde. Beim Entwurf des Gesetzes orientierte man sich nicht
an Einzelfallregelungen, sondern an der Reinhaltung des gesamten Wasserbestandes. Neben
der Verschmutzung des Oberflächenwassers wurden auch die Gefahren der Verschmutzung
der Grundwassers berücksichtigt.140 Aufgrund der Gefährlichkeit der Müllhalden war die
Frage der Müllablagerung somit ins Problemfeld der Gewässerreinhaltung eingedrungen.
Mitte Mai 1955 hatte man einen Rahmengesetzentwurf zur Ordnung des Wasserhaushalts
erstellt, doch erst nach einem langwierigen Kompromissprozess wurde das Gesetz am 27. 6.
1957 verabschiedet. Ab 1960 trat das Wasserhaushaltsgesetz (WHG) in Kraft. Damit wurde
die alte Praxis der Müllablagerung zum ersten Mal einer gesetzlichen Regelung unterworfen.
Nach Artikel § 34 Abs.2 des Wasserhaushaltsgesetzes durften feste Abfallstoffe nur so
gelagert und abgelagert werden, dass eine schädliche Verunreinigung des Grundwassers nicht
zu befürchten war. Alle vorhandenen und die in Aussicht gestellten Gruben und Plätze für die
„offene Ablagerung“ von Kehricht und Müll sollten darauf überprüft werden, ob die dort
135 Dominick III , Movement, S. 139 f.
136 75 % der Bevölkerung des Bundesgebietes waren zwar an eine Kanalisation, aber nur 40 % an eine
Kläranlage angeschlossen. Wey, Umwelt, S. 174.
137 Ebda.
138 Wey, S. 174.
139 Ebda., S. 141.
140 Vgl. ebda., S. 174.
35
lagernden Stoffe mit dem Grundwasser in Berührung kamen und ob die Abfallstoffe geeignet
waren, eine Grundwasserverunreinigung herbeizuführen.141 Diese erste Regulierung wurde
später durch die Erstellung einer Richtlinie zu geordneten Mülldeponien ergänzt.
Obwohl die Verabschiedung des WHGs die Müllfrage ein Stück näher zur Umweltfrage
brachte, beschränkte sich die Mülldiskussion unter den Fachleuten auf die Müllverwertung.
Die im Jahr 1952 gegründete erste „Arbeitsgemeinschaft für kommunale Abfallwirtschaft
(AkA)“142 , die sich auf das Studium aller kommunaler Abfallfragen konzentrieren sollte,
beschäftigte sich hauptsächlich mit Müllverwertungsverfahren. Wie die Bezeichnung
„Kommunale Abfallwirtschaft“ zeigte, ging sie davon aus, dass Siedlungsabfälle aus der
Perspektive von Stoff- und Energiekreislauf betrachtet werden sollten. Ihrer Ansicht zufolge
könne das Wesen der städtischen Abfallwirtschaft kurz als die Umwandlung der festen und
flüssigen Siedlungsabfälle in volks- und landwirtschaftlich wertvolle Produktionsgüter
bezeichnet werden.143 Aufgrund dessen verfolgte sie insbesondere Kompostverfahren, die eine
Mitverwertung des Klärschlamms ermöglichen sollten. Diese Grundvorstellung prägte ihre
Arbeit, so dass das von der AkA herausgegebene Taschenbuch 144 zur Müllfrage sich
hauptsächlich den Fragen der Aufbereitung und Verwertung von Siedlungsabfällen widmete.
Gegenüber dem Einsatz der Müllverbrennung nahm die AkA eine zurückhaltende Position ein,
so dass sie den Einsatz nur in sehr großen Städten für möglich hielt.
In den fünfziger Jahren war die Müllbeseitigung überwiegend eine Frage des Abtransportes
der festen Abfallstoffe aus den Siedlungen, um sie dann am Rand der Städte abzulagern. Das
Wasserhaushaltsgesetz des Bundes, das erste Regulierungsinstrument der Entsorgung, gab
zum ersten Mal Anlass, nach anderen Wegen der Müllbeseitigung als der bisherigen
Ablagerung zu suchen. Insgesamt war die Mülldiskussion von der alten Tradition der
Müllverwertung geprägt.
141 Jacobi, Wasserhaushalt, S. 578 f.
142 Mit der Frage der Beseitigung von Müll und der Mitverwertung von Abwasserschlamm befassten sich
insbesondere Verbände wie der Deutsche Städtetag, die Abwassertechnische Vereinigung (ATV), der
Verband Kommunaler Fuhrparks- und Stadtreinigungsbetriebe (VKF) und die Deutsche
Landwirtschaftsgesellschaft. Als Vorbild ihrer Arbeit diente ihnen der „Deutsche Gemeindetag“, der im Jahr
1938 Empfehlungen zu Müllfragen herausgegeben hatte. Es stellte sich aber bald heraus, dass die Fragen zu
komplex und vielfältig waren, um ihr Ziel zu erreichen. So entschieden sie sich mit Unterstützung der
Bundesregierung für die Errichtung einer Arbeitsgemeinschaft. Die Trägerorganisationen der AkA waren
kommunale Fachverbände. In dieser Arbeitsgemeinschaft arbeiteten nicht nur Fachleute aus Verbänden,
sondern auch solche aus der Landwirtschaft, von Universitäten, Hoch- und Fachschulen und aus
Abfallbeseitigungsanlagen zusammen. Der AkA oblag die Aufgabe, das schwierige neuartige Sachgebiet zu
erforschen und den Städten zuverlässiges Material als Grundlage für ihre eigenen Planungen zu liefern. Dabei
war die Frage der Industrie- und Gewerbeabfälle noch nicht im Problemfeld aufgenommen. Vgl. hierzu:
Hösel, Unser, S. 193; Straub, Arbeitsgemeinschaft, S. 24 ff.; AkA (Hg.),Vorwort.
143 AkA (Hg.), Einleitung
144 Ebda.
36
1.2. Müll-Lawine und Technisierung der Müllbeseitigung
Ein neues Müllproblem im Zeitalter des Massenkonsums: Müll-Lawine
Das „Wirtschaftswunder“ in den späten fünfziger und sechziger Jahren stellte einen
Wendepunkt für die deutsche Nachkriegsgesellschaft dar. Die Gesellschaft war in dieser Zeit
stark durch den Konsum geprägt, was auch in den Formulierung von Soziologen und
Historikern deutlich wurde, die das Charakteristikum dieser Wendezeit als „Demokratisierung
des Konsums“ oder „Nivellierung des Konsums“ bezeichneten.145 In seiner Untersuchung über
den Wandel des Konsumverhaltens bezeichnet Michael Wildt den Wandel als „den Ausbruch
aus dem behutsamen, sparsamen Umgang mit Resourcen hin zu einer linearen Perspektive,
die im ständig Neuen, im ungehemmten Besitzergreifen einer unbegrenzt erscheinenden
Warenwelt ihre Erfüllung findet“.146 Dieses „Konsumbegehren“ trug seine Kehrseite in sich:
die vermehrte Produktion von Abfall. Anfang sechziger Jahre konnte man diese Folge der
„Konsumwelle“ deutlich erkennen.147
Gottfried Hösel, der ehemalige Ministerialrat des Bundesministeriums für das
Gesundheitswesen, fasste in seinem Buch diese Lage folgendermaßen zusammen: „Das
Volumen ist allein in den Jahren 1950 bis 1961 pro Einwohner um etwa 100 % gestiegen.
Aschen und Schlacken haben rasch abgenommen, der Anteil an Küchenabfällen ist nicht
größer geworden, dafür ist aber der Anteil an voluminösem Verpackungsmaterial um so
stärker gewachsen. Im Jahre 1951 wurden in der BRD beispielsweise noch für etwa 1,3
Milliarden DM Verpackungsmaterialien, also Papier, Pappen, Gläser, Dosen, Tuben, Kisten,
Holzwolle usw. hergestellt. Im Jahre 1965 betrug deren Herstellungswert bereits etwa 8
Milliarden DM und für 1970 rechnet man schon mit 12 bis 13 Milliarden DM. In den Jahren
1954 bis 1962 haben Blechpackungen um 84 %, Verpackungen an Hohlglas um 120 % und
solche an Kunststoff um 3780 % zugenommen.“ 148 Die durch Verpackungsmaterial
verursachte Zunahme der Müllvolumenmenge brachte kommunale Regierungen in
Schwierigkeiten, da die für die Ablagerung in Frage kommenden Flächen wegen des WHGs
sehr beschränkt waren und die Ablagerung in Form der Aufschüttung für diese Abfälle nicht
geeignet erschien. Dazu erschwerten eine Reihe der von der Bundesregierung nach dem WHG
erlassenen Vorschriften die Müllablagerung, indem sie die Anforderungen an eine
145 Vgl. hierzu: Abelhauser, Lange; Schelsky , Gesellschaft.
146 Wildt, Wohlstand, S.230.
147 Vgl. König , S. 446 ff.
148 Hösel, Notwendigkeit, S. 129.
37
einwandfreie Abfallbeseitigung verschärften.149 In fast allen Gemeinden stand mehr die
Behandlung des Mülls als das Wegbringen des Mülls im Vordergrund. Einer Erhebung aus
dem Jahr 1962 zufolge waren von 528 befragten Gemeinden 514 Gemeinden ausschließlich
auf die alte Müllablagerung angewiesen.
Diese „Müll-Lawine“ wurde auf Bund- und Länderebene als ein dringliches Problem
wahrgenommen. Im Jahr 1962 wurde von der Bundesregierung ein Beschluss gefasst, dass
ein Gremium für die Ausarbeitung von Grundsätzen und Richtlinien der Müllbeseitigung ins
Leben gerufen werden sollte, um befriedigende Regelungen der Müllbeseitigungsprobleme
zu finden. Das Gremium sollte eine unabhängige Beurteilung der Zweckmäßigkeit der
verschiedenen Möglichkeiten und Verfahren gewährleisten.150 Daraufhin wurde 1966 eine
„Zentralstelle für Abfallbeseitigung“ (ZfA) im Bundesministerium für Gesundheitswesen
eingerichtet. Für die bessere Zusammenarbeit der Länder im Abfallbereich wurde 1963 in
Bad Godesberg die „Länderarbeitsgemeinschaft Abfallbeseitigung“ (LAG) gegründet. Die
LAG bemühte sich zum einen um eine einheitliche Willensbildung der Länder in der ZfA und
übernahm zum anderen eine Beratungsfunktion in bezug auf die Verbindlicherklärung von
Grundsätzen, Richtlinien und Merkblättern.151 Im Jahr 1967 bildeten sich die AkA und die
von der Industrie gegründete Arbeitsgemeinschaft für industrielle Abfallstoffe (AfIA) eine
„Arbeitsgemeinschaft für Abfallbeseitigung“ (AFA) zusammen, die als Gesprächspartner der
ZfA und LAG fungierte.152 Diese Gründung der Institutionen führte dazu, dass die Frage der
Abfallbeseitigung zu einem speziellen Arbeitsgebiet wurde, das sich in einem vernetzten
Raum von Behörde, Industrie und Experten befand.
Ergebnisse dieser institutionellen Arbeit waren seit 1967 die allen Bundesländern zur
Verfügung gestellten Merkblätter über die Abfallbeseitigung zu unterschiedlichen
Schwerpunktthemen, wie „Einführung in die Abfallbeseitigung“, „Vorarbeiten bei der
Planung der Abfallbeseitigung“, „Die geordnete Ablagerung fester und schlammiger Abfälle
aus Siedlung und Industrie“ und „Untersuchungen in Kompostwerken über die Rottevorgänge
und Komposteigenschaften“. 153 Die Merkblätter bildeten mit den oben genannten
149 Dazu gehören das Gesetz zur Änderung der Gewerbeordnung und Ergänzung des Bürgerlichen Gesetzbuches
(1959), das mit der Reinhaltung der Luft zu tun hatte, und das Bundes-Seuchgesetz zur Verhütung und
Bekämpfung übertragbarer Krankheiten beim Menschen (1961). Vgl. Erster Bericht der Bundesregierung zum
Problem der Beseitigung von Abfallstoffen, S. 141 f.
150 Ebda.
151 Vgl. Dunz , Aufbau, S. 86 ff.
152 Vgl. Straub, S. 24 ff.
153 Mitteilungen aus dem Bundesgesundheitsamt. Merkblatt Juli 1967, in: Bundesgesundheitsblatt 11 (1968), Nr.
16, S. 240-242.
38
Bundesgesetzen Richtlinien, die den für Abfallbeseitigung zuständigen Verwaltungen als
Anweisung dienten.154
Einsatz von Müllbehandlungstechnik: Müllverbrennung vs. Müllkompostierung
Während sich die Müllfrage bis Ende der fünfziger Jahre auf die Sammlung und Transport
beschränkten, handelte es sich nun um die Frage der Müllbehandlung. Das WHG und der
lineare Zuwachs des Müllvolumens führten dazu, dass viele Städte unter der Knappheit der
Ablagerungsplätze litten. Ein von der Bundesregierung herausgegebener Bericht zum
Problem der Müllbeseitigung besagte, dass die für die Ablagerung in Frage kommenden
Flächen in vielen Städten nur noch für sehr beschränkte Zeit ausreichen würden.155 Hinzu kam,
dass das alte Verfahren, den Müll in Haldenform aufzuschütten, angesichts der rasch
steigenden Müllmenge keine Lösung bot und sich für die Beseitigung von Abfallstoffen wie
Papier und Kunststoffen, die einen großen Teil des Mülls ausmachten, als problematisch
erwies. Ebenso häuften sich Beschwerden von Anwohnern gegen Müllhalden aufgrund der
Geruchsbelästigung und Ungezieferprobleme. Nach Angaben der Bundesregierung wurden im
Jahr 1962 aus insgesamt 293 Städten und Gemeinden erhebliche Belästigungen der
Allgemeinheit durch Ablagerung von Abfällen gemeldet.156 Vor diesem Hintergrund kamen
die Vorbehalte gegen das alte Verfahren auf. Demgegenüber zogen die bisher in Deutschland
wenig praktizierten Müllbehandlungsverfahren, also Müllverbrennung und
Müllkompostierung, das Interesse der Kommunen auf sich. 157 Im Hinblick auf die
Volumenreduzierung des Mülls158 waren den beiden Verfahren ein großer Vorteil gegenüber
der Müllschüttung zuteil.
Insbesondere in Großstädten schien der Einsatz der beiden Verfahren angesichts des
Flächenmangels immer dringender. Nun standen dort die kommunalen Regierungen
hinsichtlich der Müllfrage vor der Entscheidung, welches Behandlungsverfahren eingesetzt
werden sollte. Die Entscheidungen wurden von Fachdiskussionen begleitet, die den Debatten
über den Einsatz der Müllverbrennung in der Vorkriegszeit ähnelten. Während die
Müllverbrennung als gesicherte Methode für „eine wesentliche Volumenreduktion unter
154 Nach Billigung der Merkblätter durch die LAG wurden diese den Ländern zugestellt mit der Bitte, diese
möglichst ungehend als Richtlinien einzuführen. Vgl. Dunz, Aufbau, S. 87.
155 Erster Bericht, S. 142.
156 Ebda.
157 Nach Angaben der Bundesregierung waren bis zum Jahr 1962 Müllverbrennungsanlagen in 8 Städten und
Kompostierungsanlagen in 6 Städten eingerichtet und betrieben. Vgl. Erster Bericht, S. 142.
158 Die Volumenreduzierung wurde zu einem wichtigen Auswahlkriterium für die Müllbeseitigungsmethode:
„Das zur Erzielung optimaler Ergebnisse auszuwählende Verfahren für die Beseitigung fester Abfallstoffe
sollte den nachstehend der Rangfolge nach wiedergegebenen Forderungen entsprechen: 1.Hygiene des
Verfahrens 2. Erzielung einer maximalen Volumenreduzierung 3. Wirtschaftlichkeit des Verfahrens“(Zit.
nach: Erbel und Kaupert, Müll und Abfall, S.110).
39
völlig hygienischen Verhältnissen“ befürwortet wurde 159 , unterstützte man die
Müllkompostierung aus wirtschaftlichem Grund.
In erster Linie hoben die Befürworter der Müllverbrennung eine hygienisch einwandfreie
Volumenreduzierung hervor: „Während bei der Kompostierung von Müll nicht
kompostierungsfähige Anteile ausgeschieden werden, kann mit Hilfe der Verbrennung der
Müll vollständig vernichtet werden.“160 Als „einzige absolute sichere Methode“161 konnte die
Müllverbrennung dazu dienen, die Bevölkerung vor den hygienischen Gefahren wie z. B.
Grundwasserverschmutzung zu schützen. Im Hinblick auf die Luftverschmutzung, die zu
dieser Zeit auf die offene Müllablagerung zurückzuführen war, hielt man die
Müllverbrennung für richtig: „Sofern die Anlage den Ansprüchen der Luftreinhaltung genügt
und auch sonst nach hygienischen Gesichtspunkten mit Luftabsaugung aus den Bunkern
gebaut wird, bestehen heute bei Müllverbrennungsanlagen keine Bedenken mehr, sie mitten in
den Städten vorzusehen, wie es in den USA, Schweden und in der Schweiz bereits seit vielen
Jahren geschieht.“162 In bezug auf die Wirtschaftlichkeit, die in der Vorkriegszeit ein Grund
gegen das Verfahren war, kamen die Befürworter aufgrund geänderter Mülleigenschaften, d.h.
des steigenden Heizwertes, zu dem Schluss: „Die Betriebskosten können bestenfalls gedeckt
werden, sofern die erzeugte Wärme in Form von Dampf oder elektrischer Energie verwendet,
die ausgesonderten Metallteile verkauft und die Schlacke zum Wegebau oder an das
Baugewerbe abgesetzt werden können.“163 Das galt insbesondere für die in Großstädten zu
errichtenden Anlagen.
Diese Argumente standen im Kontrast zu Vorstellungen, die die Befürworter der
Müllkompostierung zum Ausdruck brachten. Für sie war die Müllverbrennung keine saubere
Lösung: „Damit ist verständlich, dass zumindest die Verhärtung des Grundwassers kaum eine
Verbesserung nach Verbrennung des Mülls und Ablagerung der Schlacken im Grundwasser
erfährt! [...] Bei der Verbrennung bleiben Verbrennungsrückstände in der Größenordnung von
bis zu 60 % (Gewichtsprozente) des verbrannten Mülls zurück. [...]Versuche, aus den
Rückständen Schlackensteine herzustellen, schlugen infolge der stark wechselnden
Eigenschaften fehl.“164 Von großer Bedeutung war die Frage, ob nicht aus abgelagerten
Verbrennungsrückständen Salze herausgelöst werden können, die dann ins Grundwasser
gelangen. Auf das Plädoyer für die Wirtschaftlichkeit kontert man mit dem folgenden
Hinweis:„Über die Möglichkeiten des Verkaufs der erzeugten Wärme herrschen aber vielfach
159 Heinz , Aktuelle, S. 239; Preuner, Hygienische, S. 592.
160 Rasch, Kompostieren, S. 555.
161 Preuner, S. 592.
162 Erbel u. Kaupert, S. 110.
163 Kaupert, heutige, S. 107.
164 Heinz, S. 240.
40
allzu optimistische Vorstellungen. Müll fällt nicht in ständig gleichbleibender Menge an, sein
Heizwert schwankt von Stunde zu Stunde und die Nachfrage nach Wärmeenergie ist keine
konstante Größe.“ 165 Die Wirtschaftlichkeit würde nur mit Ausnahmen erreicht:„Im
allgemeinen wird der Brennstoff für die Müllverbrennungsanlage ganz oder zum Teil gekauft
und herantransportiert werden müssen. Ob man dann noch von einer wirtschaftlichen
Überlegenheit der Müllverbrennungsanlage sprechen kann, erscheint fraglich.“166
In wirtschaftlicher Hinsicht wurde dem Verfahren der Müllkompostierung der Vorzug
gegeben. Eine Kompostanlage erforderte nur etwa ein Drittel bis ein Fünftel der Summe, die
eine Verbrennungsanlage kostete. Nicht zuletzt sprach das Klärschlammproblem für einen
Einsatz der Kompostierung: „Eine Verbrennung der Schlämme ist kaum möglich und würde
die Energiebilanz der Verbrennungsanlage wesentlich verschlechtern. Bei der Kompostierung
kann jedoch nicht nur der Klärschlamm nach entsprechender Entwässerung mit dem Müll
kompostiert und damit auch verkauft werden (unter wesentlicher Verbesserung des
Kompostes), sondern es erübrigt sich auch eine Ausfaulung der Schlämme, die trotz großen
Kostenaufwandes nicht zu einer einwandfreien Hygienisierung führt.“167 Die wesentlich
geringere Menge der Rückstände bei Kompostierung stellte sich ebenfalls als Vorteil dar.
Entgegen der Meinung, die Müllkompostierung sei für Großstädte nicht geeignet, wies man
darauf hin, dass „dezentralisiert aufgestellte mehrere Kompostanlagen“168 eine Lösung für
Großstädte sein könnten.
Trotz dieser gleichrangigen Gegenüberstellung der beiden Verfahren erlangte das
Verbrennungsverfahren mehr Resonanz als die anderen. Im Lauf der Zeit fand die
Verbrennung mehr und mehr Verfechter, während die Kompostierung allgemein
nebensächlich behandelt wurde. Insbesondere steigerte sich das industrielle Interesse an der
Müllverbrennung deutlich. Ab Anfang der sechziger Jahre wurde das Thema
Müllverbrennung zu einem der wichtigsten Tagesordnungspunkte der Jahresversammlung der
Vereinigung der Großkesselbesitzer (VGB), in der sich zahlreiche
Energieversorgungsunternehmen zusammengeschlossen hatten. So beschäftigte sich z. B.
RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG) mit dem Bau einer
Müllverbrennungsanlage, die sie im Rahmen des 2. Kongresses der Internationalen
Arbeitsgemeinschaft für Müllforschung (IAM) vorstellte.169 In der Erwartung kommender
lukrativer Geschäft konzentrierten sich viele Firmen auf die Entwicklung des
165 Ferber, Ordnungsaufgabe, S. 374.
166 Keiler , Gedanken, S. 99.
167 Heinz, S. 240.
168 Ebda., S. 241.
169 Vgl. Zweiter Kongreß der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Müllforschung (IAM), in: BWK 14 (1962)
Nr. 10, S. 479; Entwicklungsstand der Müllbeseitigung, in: Der Städtetag NF 16 (1963), Heft 6, S. 313.
41
Müllverbrennungsverfahren.170 Hinzu kam, dass das Müllverbrennungsverfahren aufgrund
komplexerer technischer Aufgaben das Interesse der Ingenieure auf sich zog. Im Jahr 1962
erließ der VDI (Verein Deutscher Ingenieure) die VDI-Richtlinie 2301 für
Staubauswurfbegrenzung-Abfallverbrennung in kleinen und mittelgroßen Anlagen, um die
Konstruktionsverbesserung zu fördern.171
Auch die Müllzusammensetzung, die durch den zunehmenden Anteil an brennbaren
Substanzen wie Papier und Verpackungen gekennzeichnet war, machte das
Verbrennungsverfahren ratsam. Darüber hinaus schienen moderne Müllverbrennungsanlagen
mit Vollautomatik dem Zeitgeist zu entsprechen. In der Öffentlichkeit herrschte zu dieser Zeit
eine Reihe von Begriffen wie „Hochleistungs- und Spitzentechniken“ oder „High-Tech“ vor,
und die technische Innovationen erreichten einen hohen Stellenwert.172 Einen weiteren Vorteil
der Technik stellte die Möglichkeit der Personaleinsparungen dar. In dieser Hinsicht hielt man
ebenso die Idee vom Mülltransport zur Nordsee durch eine Pipeline für machbar. 173
Unterdessen vermittelten Kompostierungsanlagen, die sich mit relativ einfachen Techniken
und manueller Arbeit ausrüsteten, einen unzeitgemäßen Eindruck. Die Müllverbrennung bei
solchen automatisierten Anlagen, wurde behauptet, sei einfacher und weniger
personalintensiv als die Herstellung eines Qualitätskompostes.174
Vor diesem Hintergrund wurden in den meisten Großstädten Müllverbrennungsanlagen
errichtet. So steigerte sich die Anzahl der Anlagen von 7 im Jahr 1965 auf 24 im 1970. Um
die Rentabilität zu gewährleisten, befanden sich die Anlagen möglichst in der Nähe der
Wärmebedarfsträger.175 Die Anschlussquote der Einwohner an MVAs erreichte in der BRD
14,4 %, während sie für Kompostanlagen bei 2 % blieb.176
Parallel zum Siegeszug der Verbrennungsanlagen fand das alte Verfahren, die Müllschüttung,
in geänderter Form wieder Verwendung. Die Müllablagerung war trotz zunehmender
Bedenken nicht ganz verzichtbar, da sie immer noch die billigste Beseitigungsmethode
darstellte. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, begaben sich die zuständigen Behörden
daran, Merkblätter zur Durchführung der geordnete Ablagerung, also den Betrieb der
„geordneten Deponien“ zu erarbeiten. Im Jahr 1965 gab der VKF das Merkblatt über
„Geordnete und kontrollierte Ablagerung fester Siedlungsabfälle“ heraus, das die Abdichtung
170 Kaupert, heutige, S. 105.
171 VDI Richtlinie, in: Energie 17 (1965) Nr. 10, S. 412.
172 Vgl. Radkau, Technik, S. 314 f.
173 Nordsee-Zeitung 1.7. 1965: Unrat durch Pipelines in die Nordsee?
174 Kaupert, heutige, S. 104.
175 Vgl. Bundesminister des Innern und LAGA (Hg.), Planung.
176 Thomé-Kozmiensky (Hg.), Kompostierung, S. 5.
42
des Untergrundes und die kontrollierte Lagerung mittels Raupenfahrzeugen vorschrieb.177
Diese Grundansätze übernahmen die bereits oben erwähnten Merkblätter des
Bundesgesundheitsamtes. So praktizierte man die Müllablagerung in Form der „geordneten
Deponierung“.
2. Müllbeseitigungsprobleme im Kontext der Berliner Insellage
2.1. Müllnotstand in der gespaltenen Stadt
Normalisierung der Müllabfuhr und Spaltung der Stadt
Unmittelbar nach Kriegsende lag die Stadt Berlin fast vollständig in Trümmern. Um den
Ausbruch von Seuchen zu vermeiden, wurden Müllbeseitigung und Straßenreinigung zur
vornehmlichsten Aufgabe. So forderte die sowjetische Militäradministration am 23. Mai 1945
die Berliner Bevölkerung mit dem Befehl Nr. 21 auf, „alle Anordnungen der
Gesundheitsverwaltung zur Müllbeseitigung und zur Sauberhaltung der Straßen und Häuser
nach besten Kräften zu befolgen, um keine Infektionsherde entstehen zu lassen.“178 Die
meisten Maßnahmen zur Müllbeseitigung in den ersten Nachkriegsjahren gingen auf Befehle
der Alliierten an die Berliner Verwaltung zurück.
Unter den Alliierten vollzog sich die erste grundlegende Reform der Stadtreinigung. Im
August 1945 wurde die „Großberliner Straßenreinigung und Müllabfuhr“ als zentrale
Verwaltung gegründet, die nicht nur die Straßenreinigung der sechs Innenbezirke Berlins,
sondern auch die 14 Außenbezirke übernahm. 179 Trotz dieser Reform konnten die
Erwartungen der Alliierten nicht erfüllt werden, da die durch den Krieg verlorengegangenen
technischen und personellen Mittel dadurch nicht kompensiert werden konnten. In der Tat
verfügte die Verwaltung im Jahr 1947 nur noch über 300 Pferde, deren Anzahl vor dem Krieg
ca. 800 betragen hatte.180 Zudem stellte die Zusammenarbeit von zentraler Verwaltung und
Bezirken ein großes Problem dar. Wegen ihres hohen Eigenbedarfs an Transporten aller Art
waren die Bezirke oft nicht in der Lage, die von der Müllabfuhrverwaltung erbetenen
Fahrzeuge und Fahrkräfte zu stellen.181
Dennoch erhoben die Alliierten weitere Forderungen nach einer stärkeren Zentralisierung und
Rationalisierung des technischen Betriebs der Stadtreinigung. Als weitere Maßnahme wurde
ein Beschluss getroffen, die Bezirksverwaltung sowie die Hauseigentümer und –verwalter zu
177 Erbel u. Kaupert, S. 146 ff.
178 BSR, Geschichte (Teil 3), S. 4.
179 Curter, S. 35.
180 Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin. Stenographischer Bericht, 54. Sitzung v. 29.Januar 1948,
Anfrage des Stadtv. Landsberg (CDU) über Materialbeschaffung für die Müllabfuhr und die BVG, S. 43.
181 Vgl. dazu: Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin. Stenographischer Bericht, 12. Sitzung v.23.Januar
1947, Anfrage des Stadtv. Litke (SED), betr. Entfernung der Müllberge, S. 37.
43
einer Beteiligung an der Müllbeseitigung zu verpflichten.182 Zur Kontrolle dieser Maßnahmen
wurden Bezirksmüllausschüsse eingerichtet. Im Frühjahr 1948 mobilisierten die US-Alliierten
Arbeitskräfte aus Gartenverwaltungen, BVG, Bezirksverwaltungen und der Berliner
Bevölkerung zur größten Reinigungs- und Entrümpelungsaktion der Nachkriegsjahre in ihrem
Sektor.183 Eine aufwendige Öffentlichkeitskampagne begleitete die Aktion.
Als großes Problem der Müllbeseitigung im amerikanischen Sektor erwies sich der
Transport zu den außerstädtischen Deponien. Völlig unzulänglich war die zur Verfügung
stehende Kapazität an Zugwaggons. Die Reichsbahn war nicht in der Lage, genügende
Wagon für die Müllabfuhr zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus stieß man bei den großen
Müllwagen auf Schwierigkeiten, z. B. die großen Luftreifen zu beschaffen. 184 Die
Stadtreinigungs-Verwaltung musste deshalb mehr und mehr innerstädtische
Deponiemöglichkeiten ausfindig machen. Nach längerer Suche wurden ein U-Bahn-Schacht,
der vom heutigen Theodor-Heuss-Platz unter der Heerstraße Richtung Spandau verlief, und
einige Schächte im Bezirk Tiergarten zur Müllgrube erklärt. 185 Munitions- und
Kanalisationsgräben im Tiergarten sowie ein zerstörter Bunker in Friedrichshain wurden auch
mit Müll gefüllt.186 Zugleich unternahm die Verwaltung einen Versuch, aus dem Müll eine
Komposterde zu machen. Auf dem Zeppelinplatz im Wedding wurde eine
Müllkompostierungsanlage errichtet.187 Angesichts der landwirtschaftlichen Nutzung des
Mülls entstanden bereits in fast allen Stadtbezirken die Trümmerberge (etwa 30, zwischen 60
und 100 m hohe Erhebungen) aus Schutt. Zu diesen Trümmerplätzen gehörten der
Teufelsberg, der Insulaner und die Humboldthöhe, Kaulsdorf und Wannsee.188
Die Müllbeseitigung in den West-Sektoren verschlechterte sich radikal, als am 24. Juni 1948
die totale Blockade der Verkehrswege nach Berlin (West) begann. Infolge des Ausscheidens
der Sowjetischen Militärregierung fand die Vier-Mächte-Verwaltung Groß-Berlin ihr Ende.
Am 30. November 1948 konstituierte sich infolge eines Staatsstreichs ein selbständiger
Magistrat für den sowjetischen Sektor. Damit war die Spaltung der Stadt in zwei Teile
vollzogen: in Berlin (West), das den amerikanischen, den britischen und den französischen
Sektor umfasste, und in den sowjetischen Sektor. Mit der politischen und administrativen
Teilung der Stadt trennten sich auch Müllabfuhr und Straßenreinigung. Am 1. April 1951
bezog die Berliner Verwaltung ihren Sitz in der Ringbahnstraße in Tempelhof als „Berliner
182 BSR, Geschichte (Teil 3), S. 6
183 Ebda., S. 7.
184 Steno. 12. Sitzung, S. 37 f., a.a.O.
185 Curter, S. 35.
186 Steno. 12. Sitzung, S. 38, a.a.O.
187 Ebda.
188 Vgl. Schindler, Rekultivierung, S. 125 ff.
44
Stadtreinigung (BSR)“, während die Ost-Berliner Verwaltung bis 1976 den alten Namen
„Großberliner Stadtreinigung und Müllabfuhr“ behielt.189
Durch die Blockade wurde der Mülltransport aus Berlin (West) nach außen völlig
unterbrochen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Müllbeseitigung in Berlin (West)
hauptsächlich durch verschiedene Freiablagerungssysteme und zum Teil durch ein
Müllspülverfahren mittels Müllschuten in der Mark Brandenburg vorgenommen worden.190 Es
war von September 1949 bis Juni 1952 nur einmal möglich, den Müll von der
Bahnverladestelle Monumentenbrücke zum Schöneicher Plan in die DDR zu transportieren.191
Die Blockade führte dazu, dass der in Berlin (West) anfallende Müll sämtlich auf Kiesgruben
und Ödland innerhalb Berlin (West) abgelagert werden sollte. Schließlich waren bis zum Jahr
1958 33 Abladeplätze für Müllablagerung angewiesen. Große Abladeplätze befanden sich an
der Teufelsseeschaussee (Teufelsberg), am Diedersdorfer Weg (Marienfelde), an der
Waßmannsdorfer Chaussee (Rudow), in der Quickborner Straße (Lübars) sowie im Jagen 76
in Wannsee. Kleinere Abladeplätze hatte man (bis 1958) in Lichterfelde, Tempelhof,
Zehlendorf, Reinickendorf, Kladow, Rudow, Britz, Wittenau, Schöneberg, Hermsdorf,
Charlottenburg und Heiligensee geschaffen. Der größte Abladeplatz war bis 1958 der
Rohbruch in Haselhorst mit einem Fassungsvermögen von 1,5 Millionen m³.192
Zuwachs des Müllvolumens und Schrumpfung der Müllabladeplätze
Die „Müll-Not“ in Berlin (West) fand ihren Ausdruck nicht nur in der erzwungenen Insellage,
sondern auch in sogenannten großstädtischen Müllproblemen. Zunächst überschritt die
Müllmenge vom Volumen her den Stand der Vergangenheit. Während das Prokopf-
Müllaufkommen seit der Jahrhundertwende bis 1950 fast konstant geblieben war, stieg es
zwischen 1950 und 1960 auf das Doppelte an. Die Gesamtmenge des Haushaltsmülls steigerte
sich von 995.000 m³ im Jahr 1950 auf 1.650.000 m³ im Jahr 1959.193 Die Veränderung betraf
nicht nur die Menge, sondern auch die Müllzusammensetzung: Es gab erstmals größere
Mengen an Kunststoffabfall, und auch der Anteil von Glas an der Abfallmenge nahm stark zu.
Besonders stark war die Zunahme bei Papier und Pappe. Der Anteil dieser Stoffe am
Gesamtmüll stieg bis Anfang 1960 um das Dreifache an.194 Diese grundlegende Veränderung
ging vor allem auf den Massenkonsum zurück, der in der Nachkriegszeit durch die staatliche
189 BSR, Geschichte (Teil 3), S. 10.
190 Stenographischer Bericht des Abgeordnetenhauses von Berlin, 55. Sitzung vom 16. Februar 1961 (3.
Wahlperiode), Anfrage der Fraktion der SPD über Müllbeseitigung, S. 53 f.
191 BSR, Geschichte (Teil 3), S. 8.
192 Curter, S. 36.
193 Steno. 55. Sitzung, S. 34.
194 BSR, Geschichte (Teil 3), S. 12.
45
Politik und die Massenproduktion in Gang gesetzt worden war. 195 Die
Nahrungsmittelversorgung wurde durch industrielle Halb- und Fertiggerichte gedeckt. An die
Stelle des Selbermachens trat das Einkaufen der industriellen Produkte als neue Lebensweise.
Dementsprechend fanden zum Beispiel Konserven nach dem Zweiten Weltkrieg einen
stärkeren Absatz. Zwischen 1953/54 und 1963/64 verdreifachte sich der Verbrauch von
Gemüsekonserven in der Bundesrepublik. 196 Diese Konsumwelle erfasste insbesondere
Großstädte und löste neue städtische Müllprobleme aus.
Hinzu kam, dass die bisherige Müllbeseitigung, die Ablagerung, aus hygienischen Gründen
für immer problematischer gehalten wurde. In den zuständigen Bezirksämtern gingen
zahlreiche Beschwerden über unerträgliche Geruchsbildung der Müllabladeplätze ein. Im Jahr
1957 war das Probleme der Abladeplätze in Berlin (West) Thema einer parlamentarischen
Sitzung. 197 Die großen Abladeplätze wie der in Rohrbruch waren zunehmend auf den
Unwillen der Bevölkerung gestoßen. Diese Abladestellen wurden als Bakterienherde in
Zusammenhang mit Seuchengefahr gebracht. 198 Über den allgemeinen Zustand der
Müllabladeplätze berichtete ein Ingenieur folgendermaßen: „Es riecht dort übel. [...]Leicht
entstehen Brände mit stinkenden Rauchschwaden, die oft schwer zu löschen sind. Gewässer
und das Grundwasser können verunreinigt werden.“199
Gegen solche Gefahren durch wilde Müllhaldeplätze konnten die Kommunen Maßnahmen
ergreifen, als das WHG zur Reinhaltung des gesamten Wasserbestandes im Jahr 1957
verabschiedet wurde. 200 In diesem Gesetz wurde das Planfeststellungsverfahren als
wasserrechtliche Zulassung zur Nutzung und Veränderung von Gewässern vorgeschrieben.
Dem Gesetz gemäß sollten das Abkippen des Mülls in Gewässer und in der Nähe von
Trinkwasser-Einzugsgebieten und die Anlage von Abladeplätzen an Gewässern verboten
werden. Die von Hygienikern bereits zur Jahrhundertwende erhobene Forderung stand somit
zum ersten Mal im Gesetzbuch. Das Gesetz machte es zur Aufgabe der Landesregierungen,
die Lage der Müllabladeplätze bereits bei der Planung der Flächennutzung einzubeziehen.
Bisher waren Müllabladeplätze unter der Leitung der Stadtreinigung nach dem jeweiligen
Bedarf ausfindig gemacht und zur Verfügung gestellt worden. Für die Genehmigung und
Überwachung der Müllabladeplätze galt die alte „Polizeiordnung über die Beseitigung und
195 Zu den Massenkonsum vgl.: König, Konsumgesellschaft; Strasser, Waste; Wildt, Wohlstand; Wittke,
Massenproduktion.
196 Vgl. Wildt, S. 132.
197 Stenographischer Bericht, 68. Sitzung vom 10.Oktober 1957 (2. Wahlperiode), Anfrage Benda (CDU) wegen
des Müllabladeplatzes der städtischen Müllabfuhr in Haselhorst, S. 445.
198 Mitteilungen Nr. 51 des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, 1957 (2. Wahlperiode), Kleine
Anfrage des Abgeordneten Theis (SPD) über Müllabladestellen im Gebiet West-Berlins, S. 9 f.
199 Kampschulte , Städtereinigung, S. 583.
200 Jacobi, S. 578.
46
Lagerung von Müll“, die im Jahr 1893 erlassen worden war.201 Im Rahmen des WHGs legte
der Berliner Senat 1958 ein Gutachten von Sachverständigen über die
Grundwasserverhältnisse vor, dem zufolge Berliner Müll nur an der Peripherie des
Stadtgebietes im Süden und Norden abgelagert werden konnte.202 Die anderen innerstädtische
Müllabladeplätze wurden für ungeeignet erklärt und außer Betrieb genommen. So war Berlin
(West) ab 1958 auf nur 5 große Müllabladeplätze angewiesen: Spandau, Lübars, Wannsee,
Rudow, Marienfelde.203
Abbildung 1 5 Müllabladeplätze in Berlin (West) (Quelle: BSR, Geschäftsbericht 1965)
2.2. Der Umstellungsplan der Müllbeseitigung auf Müllverbrennung
Unzureichender Brennwert des Berliner Mülls
Obwohl die zunehmende Müllmenge und die hygienischen Fragen der Müllbeseitigung für
immer problematischer erachtet wurden, hielt der Berliner Senat bis Ende der fünziger Jahre
eine Umstellung zur neuen Müllbeseitigung nicht für notwendig. Seit Mitte der fünfziger
201 Müllbeseitigung in Großstadt, S. 491.
202 Mitteilungen Nr. 73, 1958 (2. Wahlperiode), Vorlagen zur Kenntnisnahme Nr. 295 über Finanzierung von
Einrichtungen der Müllverladung in den Innenbezirken Tiergarten, Charlottenburg, Wilmersdorf und
Schöneberg, S. 2.
203 Curter, S. 36.
47
Jahre war sehr oft die Frage aufgeworfen worden, ob man in Berlin nicht zu einer
Müllverbrennung oder anderweitigen Verwertung des Mülls kommen sollte. Aufgrund des
negativen Ergebnisses der Müllanalyse und der hohen Investitionskosten lehnte der Senat im
Jahr 1958 die Errichtung von Müllverbrennungsanlagen ab.204 Die seit 1952 in Abständen
von einem Vierteljahr durchgeführte Müllanalyse ergab, dass die Brennwerte des Mülls nicht
besser als in den 20er Jahren waren.205 Man stellte fest, dass der Anteil der Braunkohleasche,
die in den 20er Jahre den Betrieb der Schöneberger Müllverbrennungsanlage erschwert hatte,
immer noch zu hoch war. Über die Hälfte des Mülls bestand noch aus Asche und
unverbrennbaren Teilen. Dies bedeutete für den Betrieb von Müllverbrennungsanlagen, dass
eine Zugabe von Brennstoffen sehr wahrscheinlich notwendig sei. Darüber hinaus war
abzusehen, dass aus dieser Müllzusammensetzung eine nur verhältnismäßig geringe
Verminderung des Gesamtvolumens würde erreicht werden können. Dies bedeutete wiederum,
dass diese Rückstände, die aufgrund der Sterilisierung nicht mehr als
Bodenverbesserungsmittel eingesetzt werden könnten, innerhalb des Stadtgebietes abgelagert
werden müssten.206 So sah man im Einsatz des Verbrennungsverfahren keinen Vorteil. Das
galt ebenso für die Kompostierung. Nach Angaben der Berliner Stadtreinigung würde die
Kompostierung im wesentlichen daran scheitern, dass Berlin kein Hinterland habe und daher
den Müllkompost nicht absetzen könne.207
Die Berliner Stadtreinigung unterstützte diese Stellungnahme des Senats mit dem Argument:
„[...] dass in der Umgebung Berlins noch weite Gebiete vorhanden sind, die durch die
Ablagerung von Müll wieder einer landwirtschaftlichen Kultur zugeführt werden können, wie
es in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg gehandhabt worden ist, und dass bei Aufhebung
der Abschnürung Berlins von seinem Hinterland diese Art der Müllverwertung sicher die
zweckmäßigste und wirtschaftlichste darstellt.“ 208 Die Kapazität der vorhandenen
Abladeplätze schätze man demgegenüber für längere Zeit als ausreichend ein: „Die
verbleibenden vier Freiabladestellen bieten, wenn der gesamte in Westberlin anfallende Müll
dort untergebracht wird, noch für einen längeren Zeitabschnitt, der auf acht bis zehn Jahre
geschätzt wird, Aufnahmemöglichkeiten.“209 Auf dieser Grundlage erstellte die BSR im Jahr
1958 einen Investitionsplan für den Zeitraum von 1957 bis 1965, der auf die Verbesserung der
Müllabfuhrleistung ausgerichtet war. Praktisch richtete sich dieser Plan hauptsächlich auf die
Umstellung der Müllgefäße und die Erweiterung des Fuhrparks.210
204 Mitteilungen Nr. 73, S. 2.
205 BSR, Berliner Stadtreinigung 1948-1958, Basel 1958.
206 Mitteilungen Nr. 73.
207 Ebda.
208 BSR, Berliner Stadtreinigung 1948-1958.
209 Bochert, Umladestelle, S. 528.
210 Berliner Stadtreinigung, S. 286 f.
48
Diese Grundhaltung spiegelte sich auch im Finanzierungsplan des Senats, der im August 1958
vorgelegt wurde. Anstelle der Errichtung kostspieliger Müllverbrennungsanlagen entschied
der Senator für Verkehr und Betrieb Theuner, eine Verladestelle sowie einen neuen
Abladeplatz errichten zu lassen. Dies ging vor allem darauf zurück, dass sich die Umladung
des Mülls in bestimmen Ladestellen als lohnend erwies, wenn die Kosten der Müllbeseitigung
wegen des verlängerten Transportweges stetig gesteigert wurden. Die Wirtschaftsfläche des
Stadtgutes Marienfelde wurde zu einem neuen Abladeplatz erklärt, die Einrichtung neuer
Verladeplätze wurde auf den Fuhrhöfen Forckenbeckstraße, Wilmersdorf, Ilsenburger Straße
und in Charlottenburg geplant. 211 Zugleich wurde die Beschaffung der dazu benötigten
Transportfahrzeuge vorgenommen.
Der Einsatz der Müllverbrennung sei möglich
Drei Jahre später war der skeptische Blick des Berliner Senats auf die Müllverbrennung
gewichen, als der Senat im 1961 einen Bericht über Müllbeseitigung vorlegte, der sich
hauptsächlich mit der Möglichkeit des Einsatzes der Müllverbrennung in Berlin befasste.212
Zuvor hatten die BSR den Berliner Müll in die Hamburger MVA geschickt, um dessen
Brennbarkeit zu testen. Zur Besichtigung von Müllverbrennungsanlagen unternahm die BSR
eine Studienreise nach Belgien und in die Schweiz. Ganz anders als im Jahr 1958 bekannte
der Senat, dass er von der Müllverbrennung überzeugt war. Als Hauptproblem der
Müllbeseitigung wurde in erster Linie die Zunahme der Müllmenge dargestellt, die jährlich
eine Zuwachsquote von 5% erreichte. Aufgrund dieser Rechnung ging man davon aus, dass
die Aufnahmefähigkeit der vorhandenen Abladeplätze bis Ende 1968 erschöpft sei.213 Dazu
erschwerte das seit 1960 in Kraft getretene WHG die Freiablagerung von Müll. Das 1959
verabschiedete Bundesgesetz zur Reinhaltung der Luft zwang außerdem dazu, das einfache
Verkippen aufzugeben.
Diese Problemlage machte es unumgänglich, einen anderen Weg bei der Müllbeseitigung
einzuschlagen. Dafür standen zwar zwei technische Lösungen - Müllkompostierung und
Müllverbrennung - zur Verfügung, die Kompostierung war jedoch aufgrund der
Bodenknappheit und des Absatzproblems von vorn herein aus der Überlegung
ausgeschlossen. 214 In den engen Grenzen Berlins standen große Flächen für die
Müllkompostierung nicht zur Verfügung, und die Kompostprodukte könnten wegen der
Insellage nur mit hohen Transportkosten abgesetzt werden. Für die spezifische Westberliner
211 Mitteilungen 73.
212 Mitteilungen Nr. 37 des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, 3.Periode (1961), Vorlagen zur
Kenntnisnahme über die Möglichkeiten der Müllbeseitigung in Berlin, S. 9-12.
213 Ebda., S. 11.
214 Ebda., S. 9.
49
Verhältnisse schien der Einsatz der Müllverbrennungstechnik der einzige Weg bei der
Müllbeseitigung zu sein.
Dem Bericht zufolge begünstigten die Veränderung der Müllzusammensetzung und
technische Neuerungen bei der Müllverbrennungstechnik die Umstellung. Die Ergebnisse der
Müllanalyse wiesen zunächst darauf hin, dass sich die Zusammensetzung des Hausmülls
zugunsten der Müllverbrennung geändert hatte. Der Anteil der Asche an gesamtem Müll
betrug im Jahr 1960 29,89%, während er in den 50er Jahren durchschnittlich über 40%
erreichte. Im Gegensatz dazu stieg der Papieranteil um 10 %.215 Aus der Zunahme der
leichten und sperrigen Bestandteile des Mülls ergab sich eine deutliche Senkung der
Mülldichte.
Tabelle 1 Zusammensetzung des Hausmülls in Gewichtsprozenten (Quelle: Mit. Nr. 37, S. 9)
Stoffgruppe 1952
(%)
1955
(%)
1959
(%)
1960
(%)
Feinelemente (Asche, Sand usw.) 41,15 42,63 28,65 29,59
Pflanzenteile, Speisereste einschl. Brot 11,00 11,53 10,15 9,55
Papier, Pappe 6,54 9,05 20,42 19,61
Lumpen 1,77 1,36 1,45 1,40
Knochen 0,75 0,95 0,93 0,97
Sonst. orga. Stoffe (Holz, Leder, Gummi usw.) 1,28 0,32 0,45 1,12
Glas, Porzellan, Steingut 5,26 4,45 5,55 5,67
Eisen-Konservendosen, NE-Metalle 2,76 5,22 4,86 4,60
Sonst.anorgan. Stoffe (Stein,Ziegel usw.) 6,80 5,40 3,94 2,83
All dies führte zur Erhöhung des Heizwertes, der zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit
von Müllverbrennungsanlagen dienen könnte.216 Aufgrund der Betrachtung des technischen
Standes und der Berliner Müllanalyse kam der Bericht zu dem Schluss: „Nach dem heutigen
Stand der Müllverbrennungstechnik wäre es für Berliner Verhältnisse schon positiv zu
bewerten, wenn aus den Erträgen die reinen Betriebskosten gedeckt werden könnten“217.
Nicht die Verbesserung des Heizwertes, sondern auch der technische Fortschritt wurde als
Grundlage für die Anwendbarkeit der Müllverbrennung in Berlin (West) gesehen. Aus dem
215 Ebda., S. 10.
216 Ebda., S. 9 f.
217 Ebda., S. 11.
50
Bericht des Senats ging deutlich hervor, dass diese technische Entwicklung bei der Bewertung
eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Vor allem wurden neue Versuche hinsichtlich der
Wärmeenergienutzung und der Verwertung der Verbrennungsrückstände hervorgehoben.
Diese Neuentwicklungen lagen der positiven Bewertung der Müllverbrennung zugrunde. Die
hohen Betriebs- und Investitionskosten218, die in der Vergangenheit oft zum Scheitern der
Müllverbrennung führten, sah man durch den möglichen Einsatz der technischen Neuerungen
als weniger problematisch an als in der Vergangenheit. Technische Fortschritte bei der
Kopplung der Müllverbrennungsanlagen an Wärmekraftwerke führten dazu, dass die
Betriebskosten durch Erlöse aus der Dampfabgabe teilweise ausgeglichen werden könnten.
Ähnliche Chancen sah man auch in der Entwicklung von Müllschmelzverfahren, die die
Verwertung des Mülls als Baustoff oder Düngemittel ermöglichen konnten. 219 Diese
technischen Entwicklungen waren auf die für den Kontinent spezifischen Diskussionen
zurückzuführen, die die Verbrennungsanlagen stets als Verwertungsanlage interpretiert und
präsentiert hatten.220 In Anbetracht dieser technischen Möglichkeit vertrat der Senat die
Meinung, dass die Umstellung zur Müllverbrennung möglich sei, wenn geeignete technische
Lösungen, die neue Entwicklungen in Berlin (West) anzuwenden, gefunden werden würden.
In diesem Bericht äußerte der Senat konkrete Planungsüberlegungen, denen zufolge zwei
Anlagen in Anlehnung an vorhandene oder geplante Kraft- und Klärwerke errichtet werden
sollten.221 Als Standorte wurden Ruhleben und Marienfelde erörtert.222 Insoweit hatte der
Senat eine totale Umstellung zur Müllverbrennung im Visier.
Auch die Politiker, die sich mit den Beschwerden der Bevölkerung über Geruchsbelästigung
und Grundwasserverschmutzung durch die Müllabladeplätze befassten, befürworteten die
Umstellung zur „modernen“ Müllbeseitigung. Der SPD-Abgeordnete Haase plädierte in einer
Plenarsitzung aus gesundheitlichen Gründen für den Weg zur Müllverbrennung: „Unser
Grundwasser und unser Oberflächenwasser sauber zu halten und die Bevölkerung vor
Gefahren zu schützen, ist eine hygienische Aufgabe der Stadtverwaltung und darf nicht allein
von finanziellen Momenten her beurteilt werden. Deshalb sind wir der Ansicht, daß die
218 Die gesamte Investitionssumme wurde auf ca. 130 bis 150 Mio. DM und die jährlichen Betriebskosten auf 5
Mio. DM geschätzt. Von der Größenordnung her waren die Kosten unvergleichbar. Für das im Jahr 1958
erstellte Investitionsprogramm (von 1957 bis 1965) wurde die Gesamtsumme 40 Mio. DM zur Verfügung
gestellt.
219 Mitteilungen Nr. 37, S. 11.
220 Zu der spezifischen Entwicklung, vgl. : Martin, Altes.
221 Miteilung. Nr. 37, S. 12.
222 Über den Standort sagte Theuner, der Senator für Verkehr und Betrieb: „Die Zweite Anlage soll im Raum
Marienfelde-Rudow untergebracht werden. Der Standort hängt davon ab, ob der Energie- und Wärmebedarf
des in Marienfelde geplanten Klärwerks zum Teil durch den Wärmeanfall der Müllverbrennungsanlage
gedeckt werden kann, oder ob es zweckmäßiger ist, in die Nähe des im Bau befindlichen Heizkraftwerkes
Rudow zu gehen, um den Dampf dorthin absetzen zu können.“ Steno. 88.Sitzung, S. 145.
51
modernste und sauberste Vernichtung des Mülls die der Verbrennung ist.“ 223 Die
Verzögerung der Planung erweckte im Jahr 1962 seinen Unmut: „Ich bin auch der Meinung,
dass die Ansichten einiger leitender Leute in Berlin, weiterhin Versuche in der
Bundesrepublik und im Ausland abzuwarten, nicht sehr begrüßt werden von den Anliegern
und Einwohnern um diese sehr lästigen Freiabladeplätze der Müllabfuhr[...].“ 224 Der
hygienische Vorteil wurde auch in zeitgenössischen Fachzeitschriften als wichtiger Grund für
den Bau von Müllverbrennungsanlagen hervorgehoben: „Das Problem darf man heute nur von
den gesundheitlichen Anforderungen aus anpacken. Rein wirtschaftliche Überlegungen
müssen vor der Notwendigkeit zurücktreten, die Volksgesundheit zu erhalten, die
gegebenenfalls auch mit finanziellen Opfern erkauft werden muß. Wie man nicht danach
fragen kann, welche Einnahmen etwa aus dem Verkauf des Methangases einer Kläranlage
erzielt werden können, so muß auch die Bilanz einer Müllverbrennungsanlage in den
Hintergrund treten, wenn mangels einer anderen Möglichkeit, den Hausmüll unterzubringen,
ihr Bau unausweichlich ist.“225
Umstellungsplan der Müllbeseitigung auf Müllverbrennung
Schließlich wurde der Plan zur Umstellung auf die Müllverbrennung auf den Weg gebracht,
als im Jahr 1962 auf Anregung der BSR der „Arbeitskreis Müllverwertung Berlin“ gebildet
wurde, dem Wissenschaftler der TU Berlin sowie zahlreiche Mitarbeiter der verschiedenen
Senatsverwaltungen angehörten.226 Zu den Aufgaben des Arbeitskreises gehörten nicht nur die
Planung, sondern auch die Baudurchführung einer wirtschaftlich sinnvollen
Müllverbrennungsanlage. Im November 1963 stellte der Senat einen von diesem Arbeitskreis
verfassten Bericht mit dem Titel „Über Umstellung der Müllbeseitigung auf
Müllverbrennung“ vor.227 Diesem Bericht zufolge richteten sich die Vorbereitungsarbeiten vor
allem auf die Untersuchung der Verwertungsmöglichkeit von Verbrennungsrückständen, da
die Volumenreduzierung durch Verbrennung bei nur 20% lag, so dass am Ende eine große
Menge an Rückständen blieb. Weiterer Hintergrund für diese Schwerpunktsetzung war die
Frage nach der Absatzmöglichkeit umgewandelter Abfallstoffe. Dabei stellte der zu dieser
223 Steno.55. Sitzung, S. 53.
224 Stenographischer Bericht, 88. Sitzung vom 17. Mai 1962 (3.Wahlperiode), Große Anfrage des Abgeordneten
Thesis, Haase und der übrigen Mitglieder der Fraktion der SPD über Müllbeseitigung in Berlin, S. 144.
225 Erhard , Müllbeseitigung, S. 213.
226 Daran nahmen folgende Personen teil: Abgeordneter Krüger, Prof. Kayser, Prof. Gerlach, Dr. Arand (TU-
Berlin), Dr. Rathge (Bewag), Dr. Baat (Sen. f. Verkehr u. Betriebe), Weber (Sen. f. Bau u. Wohnungswesen),
Thielecke (Senator f. Finanzen), Fuchs (Senator für Wirtschaft), Dr. Helfer (Senator f. Gesundheitswesen),
Weyer-Menkhoff (Senator f. Arbeit u. soziale Angelegenheit).
227 Mitteilung Nr. 10, 1963 (4.Periode), Vorlagen zur Kenntnisnahme Nr. 40 über Umstellung der
Müllbeseitigung auf Müllverbrennung, S. 5-18.
52
Zeit deutlich gesteigerte Bedarf der Berliner Bauwirtschaft an Betonzuschlagstoffen eine
Absatzmöglichkeit der Abfallstoffe dar.228
Um diese Überlegungen zu überprüfen, wurde der TU Berlin ein Forschungsauftrag über
Müllschmelzverfahren229 erteilt, die die Rückstände mittels Schmelzprozesses in nutzbare
Stoffe umwandeln ließen. Die Untersuchungen ergaben, dass dieses Verfahren im
gegenwärtigen Stande seiner Entwicklung weder ein einheitliches Schmelzgut liefert noch als
dauerbetriebsfähig gelten konnte.230 Das aus den Versuchen erhaltene Schmelzgut erwies sich
jedoch als ungeeignet zur Herstellung nutzbarer absatzfähiger Produkte. Die Verwendung
von hochwertigen Zusatzberennstoffen, wie Heizöl oder Heizgas, war bei diesem Verfahren
unentbehrlich. Demzufolge wurden für weitere Versuche andere Forschungsansätze auf dem
Gebiet der Veredelung von Rückständen gefolgt. Ab August 1962 begann eine
Forschungsgruppe der TU Berlin unter der Leitung von Dr. Ing. Korth, nach dem
Sinterverfahren der Trümmerverwertungsgesellschaft mbH Testversuche mit Feinmüll
durchzuführen.231 Beim Sinterverfahren wurden feinkörnige und pulverförmige Stoffe so
erhitzt, dass eine Erweichung und beginnende Verschmelzung an der Oberfläche der Teilchen
einsetzt, die sich dadurch zu formbeständigen größeren Schlackenbrocken (Sinterschlacke)
verfestigen. Es war der Gesellschaft gelungen, nach ihrem Saugzug-Sinterbandverfahren
Trümmerschutt in Betonzuschlagstoffe umzuwandeln.232 Die ein Jahr lang an der TU Berlin
durchgeführte Untersuchung zeigte, dass sämtliche verwendeten Abfallstoffe einzeln und in
Gemischen auf dem Saugzug-Sinterband zu hochwertigen Betonzuschlagstoffen veredelt
werden konnten. 233 Darüber hinaus bestand das hierbei gewonnene Sinterprodukt die
betontechnologischen Prüfungen mit einem guten Ergebnis. Auf Basis dieser Untersuchungen
kam die konkrete Planung der ersten neuen MVA zustande, die mit einer Sinteranlage
gekoppelt werden sollte.
Wie im 1961 vorgelegten Bericht des Senats dargelegt, waren die Standorte für zwei MVAs
im Einvernehmen mit dem Senator für Bau- und Wohnungswesen endgültig festgelegt
worden.234 Das wichtigste Kriterium für die Ortswahl war die Anwendungsmöglichkeit der
Abwärme. In der Nähe des Standorts Ruhleben befand sich das Kraftwerk Ernst Reuter. Eine
228 Ebda., S. 6.
229 Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wendete man die Müllschmelzverfahren an, um aus Ofenrückständen
Steine herzustellen. In den in Kiel, Köln und Aachen errichteten Anlagen wurde der Feinmüll in Drehrohr-
Öfen niedergeschmolzen, das Schmelzgut in Formen gegossen und so verschiedene Bauelemente wie
Pflastersteine, Bordschwellen usw. hergestellt. Vgl. Mitteilung Nr. 37, S. 11.
230 Mitteilung Nr. 10, S. 6.
231 Ebda.
232 Ebda.
233 Vgl. Knoll, Planung, S. 221 f.
234 Mitteilungen Nr. 10, S. 7.
53
Vollabnahme der Abwärme in Form von Mitteldruckdampf wurde von der BEWAG, dem
Betreiber des Kraftwerks, sichergestellt. Für die östlich des Klärwerks Marienfelde zu
errichtende zweite Anlage sah der Plan vor, die Abwärme zur Beheizung von Wohnungen zu
verwenden.235 Zudem erwog der Umstellungsplan die Möglichkeit, Rohschlämme aus dem
Klärwerk bei dieser Anlage zu behandeln.
Auf der Grundlage dieser Überlegungen wurde eine Bauplanung für die
Müllverbrennungsanlage Ruhleben erstellt, in der Ausbau und Inbetriebnahme für das Jahr
1968 vorgesehen waren. Die Anlage sollte für einen Mülldurchsatz von 328.400 t /Jahr
ausgelegt werden. Nach Angaben des Senats standen den reinen Betriebskosten in Höhe von
5,18 Mio. DM Einnahmen in Höhe von 7,25 Mio. DM gegenüber. 236 Zu den
Einnahmequellen zählten Dampflieferung, Sinterprodukte und Schrottverkauf. Anhand dieser
Zahlen wollte der Senat nachweisen, dass die geplante Anlage mit Sinterung wirtschaftlich
nicht mehr bedenklich war.
Mit dem Umstellungsplan erreichte die Stadt Berlin (West) einen Wendepunkt bei der
Müllbeseitigung.
3. Auf dem Weg zur technisierten Müllbeseitigung
3.1. Aufbau des vereinheitlichten Sammelsystems und Motorisierung der Müllabfuhr
Umstellung der Müllgefäße auf Umleertonne
Nicht nur die politische Situation, sondern auch die Kriegsschäden stellten die BSR, die ab
1951 als Zentralverwaltung in Berlin (West) arbeitete, vor eine Reihe schwieriger Aufgaben.
Trotz der organisatorischen Neuerung durch die Zentralisierung verbesserte sich die Lage der
Müllabfuhr nicht. Der Verlust der maschinellen und technischen Mittel war zu groß, um sie
durch die Umstrukturierung kompensieren zu können.
Besonders der Mangel an Müllgefäßen und verschiedene Sammelsysteme erschwerte die
Müllabfuhr. Während der Kriegszeit waren Müllgefäße in nicht ausreichendem Umfang
vorhanden, und diese Kapazität schrumpfte unmittelbar nach Kriegsende noch weiter.
Vorläufig musste man vorhandene alte 200-l-Müllkästen durch kostspielige Reparatur zum
Einsatz bringen. Nach einer vom 5. 5. 1950 datierten Zeitungsmeldung beschäftigten sich eine
ganze Reihe von Betrieben der Berliner Metallindustrie mit diesen Reparaturarbeiten.237 Diese
Müllkästen waren erstmals um die Jahrhundertwende in Berlin eingeführt und im
überwiegenden Teil des Stadtgebietes eingesetzt worden. Erst nach der Beendigung der
Blockade war es möglich, langsam mit der Neuanfertigung von Müllkästen zu beginnen. So
235 Ebda., S. 9.
236 Ebda, S. 8 f.
237 Sozialdemokrat 5.5. 1950. (Sammlung Erhard Zeitungsabschnitt ZXIII)
54
dürfte Berlin die einzige Stadt in Europa sein, die zu der Zeit noch 200-l-Müllkästen
verwendete.238 Aus weiteren Gründen war der Einsatz der Kästen unausweichlich. Es fehlte
noch an Großraummüllwagen, die den Einsatz anderer Müllgefäße ermöglichten, der sog.
„Umleertonnen“, die mit verringerten Volumen (meistens 110 Liter) direkt in den Wagen
entleert wurden und in den meisten europäischen Städten Verwendung fanden.239 Anstelle der
Großraumwagen war die Müllabfuhr in Berlin (West) immer noch auf die mit Pferden
bespannten überalterten Staubschutzwagen angewiesen.
Darüber hinaus blieb Berlin an ein altes Problem gefesselt: die Uneinheitlichkeit von
Gefäßarten und-größen sowie der Abfuhrsysteme. Im Bezirk Spandau verwendete man neben
den 200-l-Müllkästen ein viereckiges Gefäß mit einem Fassungsvermögen von 180 Litern,
während die Bezirke Wilmersdorf und Schöneberg noch immer das vor der Bildung von
Groß-Berlin abweichend eingeführte Wechseltonnensystem benutzten. Lediglich in Teilen des
Verwaltungsbezirkes Zehlendorf fanden die Umleertonnen mit einem Fassungsvermögen von
110 Liter Verwendung. 240 Diese Uneinheitlichkeit machte die Berechnung der
Abfuhrgebühren immer komplizierter, und die Müllabfuhr blieb uneffizient.
Insbesondere hegte man Bedenken in bezug auf die Verwendung der Müllkästen. Diese
Gefäße erschwerten zum einen die Arbeitsbedingungen der Müllmänner und brachten zum
anderen hygienische Probleme. Über die Arbeitslage berichtete die Zeitung Der Tag
folgendermaßen: „In keiner Stadt der Bundesrepublik und Europas müssen die Müllschaffner
so schwer arbeiten wie in Berlin. Hier werden nämlich Müllkästen für 200 Liter Inhalt
gebraucht, die allein leer schon einen Zentner wiegen.“241 Aufgrund des Gewichtsproblems
sollte ein weiterer Einsatz untersagt werden. In hygienischer Hinsicht hielt man die
Verwendung für problematisch. Müllkästen führten vor allem in den Außenbezirken mit ihren
vielen Siedlungshäusern dazu, dass wegen des teilweise geringen Müllanfalls nicht alle
Gefäße in regelmäßigen wöchentlichen Abständen geleert werden konnten, da die Benutzer
den Gefäßraum möglichst ausnutzen wollten.242 Demzufolge bildete sich der Zustand heraus,
dass eine erhebliche Anzahl von Gefäßen nur alle vier oder gar alle acht Wochen entleert
worden, was in hygienischer Hinsicht problematisch gefunden wurde.
Vor diesem Hintergrund fiel im Jahr 1952 die Entscheidung, auf die Umleertonne
überzugehen. Für die Umstellung kamen vier Größen für 110, 90, 60 und 30 Liter
238 Ryneck, Nachkriegs, S. 165; Harms, Müllbeseitigung, S. 219.
239 Berliner Stadtreinigung, S. 286.
240 BSR, Berliner Stadtreinigung 1948-1958.
241 Der Tag v. 27.11.1952. (Sammlung Erhard Zeitungsabschnitt ZXIV)
242 Griesch, Berliner, S. 41.
55
Fassungsvermögen zum Einsatz.243 Im Unterschied zu Müllkästen wog die gefüllte 110-Liter-
Tonne nur noch 150 Pfund. Mit dem ersten Einsatz der Umleertonnen im Bezirk
Reinickendorf begann ab 1953 schrittweise die Umstellung. Nach Angaben der Berliner
Stadtreinigung fanden die Umleertonnen 1958 im überwiegenden Teil des Berliner Gebietes
Anwendung: Tiergarten, Wedding, Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg, Spandau,
Neukölln und Reinickendorf. In den dichtbesiedelten Ortsteilen herrschte die 110-Liter-Tonne
vor, während die 30-Liter Tonne (Hausstandgefäß) nur in den Außenortsteilen mit
Kleinhäusern und dünner Besiedlung Verwendung fand. 244 Die Benutzung von
Hausstandgefäßen brachte eine leichtere Tourenabwicklung mit sich, die schließlich zur
Verbesserung der hygienischen Zustände führte. Der Abstand zwischen den Abholterminen
wurde verkürzt und eine vorzeitige Müllverrottung trat nicht so oft wie früher ein. Trotz
dieser Entwicklung verschwand der 200-Liter-Müllkasten nicht aus der Müllabfuhr. Noch im
Jahr 1965 fanden sie Verwendung, aber in der stark reduzierten Anzahl von 816
Müllkästen.245
Im Zuge der Rationalisierung der Müllabfuhr wurde im Jahr 1960 mit der Großraumabfuhr
(1,1 m3-und 5,5 m3-Gefäße) begonnen. Die Großraumbehälter wurden bevorzugt in
Großsiedlungen ausgestellt und waren besonders in Hochhäusern mit Müllschluckanlagen
unentbehrlich geworden. Diese Behälter boten Vorteile gegenüber der Mülltonne hinsichtlich
von Platzersparnis, Lärmverminderung, Hygiene und Wirtschaftlichkeit.246 In den sechziger
Jahren wurde die Müllabfuhr noch mal erleichtert, indem die Müllgefäße aus Kunststoffen
zum Einsatz kamen. Ab 1965 ersetzten die Kunststoffgefäße allmählich die Eisenblechtonne,
die Ende der sechziger Jahre im ganz aus dem Stadtbild verschwand.247
Im Hinblick auf den Mülltonnenstandort war in den sechziger Jahren die Regelung getroffen,
dass der in Berlin geltenden Bauordnung zufolge ein Mülltonnenstandort nicht mehr als 30 m
von der Bordsteinkante der Ladestraße entfernt sein dürfte.248 Durch die Berücksichtigung der
Müllsammlung im anfänglichen Bauplan versuchte man, Erschwernissen bei der Müllabfuhr
zu entgehen.
Motorisierung der Müllabfuhr
Parallel zur Umstellung der Müllgefäße vollzog sich langsam die Motorisierung der
Müllabfuhr. Wie im Fall Müllgefäße blieb der BSR nach dem Krieg nichts anderes übrig, als
243 BSR, 1948-1958.
244 Ebda.
245 BSR, Geschäftsbericht 1965.
246 Ebda.
247 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1969.
248 BSR, Geschäftsbericht 1965.
56
alte Staubschutzwagen wieder instand zu setzen. Zu Beginn des Müllabfuhrbetriebes nach
dem Zweiten Weltkrieg standen an Kraftfahrzeugen lediglich 12 Müllautomobile und 27
Elektrowagen älterer Bauart zur Verfügung.249 Dieser Zustand machte es unumgänglich, auf
sämtliche noch vorhandenen pferdebespannten Staubschutzwagen und auf eine große Zahl
angemieteter Lastkraftwagen zurückzugreifen. Im Jahr 1948 wurden die Verwaltungsbezirke
Tiergarten, Charlottenburg, Spandau, Kreuzberg, Tempelhof und Neukölln von diesen
Staubschutzwagen bedient. Bis zum Jahr 1951 befanden sich 90 Schutzwagen und 160 Pferde
im Einsatz. In die Verwaltungsbezirke Schöneberg und Wilmersdorf fuhren noch
Elektrofahrzeuge, die bereits mehr als 20 Jahre im Betrieb waren.250 Der überwiegende Teil
des Hausmülls in den Außenbezirken mussten auf gemieteten Lastwagen abgefahren werden.
Mit zunehmenden Schwierigkeiten bei der Pferdepflege konnte der Einsatz der
Staubschutzwagen nur eine provisorische Lösung sein. Die pferdebespannten
Staubschutzwagen mit ihrer Bodenentleerung ließen ein direktes Verbringen des Mülls auf
Abladestellen ohne besondere Entladeeinrichtungen nicht zu. Außerdem war die Leistung der
Pferdewagen so gering, dass in den meisten Fällen eine Umladestelle notwendig war.251 Für
die Fahrt zur Abladestelle innerhalb Westberlins erwiesen sich die Pferdewagen und die
Elektrofahrzeug als ungünstig.
Während der Blockade gelang es der Stadtreinigung, die ersten 40 Großraum-Müllwagen
vier verschiedener Systeme zu erwerben.252 Diese Spezialkraftfahrzeuge wie der KUKA-
Wagen der Firma Keller & Knappich (Augsburg), die Wagen der Firma STREICHER
(Stuttgart), der Firma KRUPP und der FAUN-Werke (Nürnberg) fuhren direkt zur
Abladestelle.253 Die Umstellung auf den Großraum-Müllwagen wurde von der BSR weiter
vorangetrieben. Bei der Umstellung musste sich die Stadtreinigung jedoch in erster Linie mit
zahlreichen technischen Fragen beschäftigen. Vor der Beschaffung von Fahrzeugen musste
man hinsichtlich der Fahrzeugtypen verschiedene Faktoren berücksichtigen: Welche
Fahrzeuge rentable Zuladung gewährleisten konnte, wie groß und schwer diese Fahrzeuge
sein sollten, welcher Fahrzeugtyp sich dem Straßenverkehr am besten anpassen konnte, usw.
Ein erstes Kriterium wurde festgestellt, als die BSR mit einer Berliner Firma, die sich mit der
Herstellung der Nahverkehrsfahrzeuge beschäftigte, einen Sattelschlepper entwickelte. Dabei
zeigte sich, dass dieser Sattelschlepper es ermöglichte, gebrauchsfähige Staubschutzwagen
durch Umbau auf Luftbereifung rationell in Betrieb zu halten. Auf der Grundlage dieser
Erfahrung wurde eine Entscheidung getroffen, bei dem Bau weiterer Großraum-Müllwagen
249 Bochert, S. 527.
250 BSR, 1948-1958.
251 Bochert, S. 528.
252 Ryneck, S. 165.
253 Die Müllbeseitigung in Westberlin, S. 219.
57
das Sattelschlepperprinzip beizubehalten. 254 Hinsichtlich der Zuladung zeigte der
Sattelmüllwagen Vorteile gegenüber dem Wagen auf einem Lastkraftwagen-Fahrgestell.
Eine Reihe von Untersuchungen zielten vor allem auf die Ermittlungen des für Berliner
Verhältnisse günstigsten Fahrzeuges, das mit möglichst geringer Motorenstärke den
höchstmöglichsten Nutzeffekt bringen konnte. Zum Test wurde bei einer Reihe von 10 m3-
Staubschutzwagen der Pferdezug durch Sattelschlepper mit einem luftgekühlten 2 Zylinder
Motor mit 26 PS ersetzt. 255 Dieser Probelauf lieferte den Beweis, dass die Motorstärke nicht
ausreichte, um die Fahrzeuge etwa auch auf den schlechten Bodenverhältnissen einer
Freiabladestelle zu verwenden. Im Jahr 1954 unternahm die BSR eine weitere Überprüfung
mit einem 45-PS-Sattelschlepper mit Differentialsperre, weil es klar geworden war, dass der
gesamte Müll in Westberlin unterbracht werden sollte.256 Unter diesen Rahmenbedingungen
muss das Fahrzeug das Befahren der Freiabladestelle aus Kostengründen unbedingt
gewährleisten. Obwohl dieses Fahrzeug einsatzfähig war, zeigte sich sehr bald, dass die
Motorleistung für die Verfrachtung des Mülls auf die Abladeplätze wiederum nicht
ausreichend war. Die Wahl fiel schließlich auf ein Fahrgestell mit einer Leistung von 90 PS
mit Allradantrieb.257
Nach dieser Entscheidung wurde die Frage des Aufliegers relativ schnell geklärt, indem sich
einige westdeutschen Firmen entschlossen, Lizenzen an Berliner Firmen zu vergeben, so dass
die Auflieger mit einem Nenninhalt von 12 bis 13 m3 in Berlin gefertigt werden konnten. Seit
Mitte der fünfziger Jahre führte dieser neue Sattelschlepper mit Spezialauflieger zur
Änderung des Straßenbildes. Im Jahr 1958 befanden sich 125 dieser Sattelschlepper im Dienst.
Diese neuen Müllwagen leisteten darüber hinaus auch einen Beitrag zur Erleichterung der
Abfuhrarbeit, da sie alle mit der Kippvorrichtung (Druckluft-Kippanlage) ausgerüstet
wurden. 258 Durch den Fortschritt der Motorisierung waren die Zwischenverladestellen
überflüssig geworden.259
Parallel zu dieser Entwicklung mussten die Müllkutscher ihren letzten Einsatz mit Zügel und
Peitsche vorbereiten. Im April 1955 verkündete die Stadtreinigung, bis zum 30. April 71
Pferde zu verkaufen und durch Sattelschlepper zu ersetzen. Diese Entscheidung zog eine
Weile die Aufmerksamkeit der Medien auf sich, weil tierliebende Berliner, die die
Schlachtung der Pferde befürchteten, eine Reihe von Rettungsaktionen eingeleitet hatten.260
254 Ryneck, S. 166.
255 Griesch, S. 40.
256 Ebda, S. 41.
257 BSR, 1948-1958
258 Ebda.
259 Vgl. hierzu: Bochert, S. 527.
260 Vgl. Westfälische Nachrichten v. 28.4.1955; Frankfurter Allgemeine v.22.4.1955; Berliner Nachrichten
v.28.4.1955 (Sammlung Erhard Zeitungsabschnitt Z XV).
58
Dank der Aktionen konnten einige Pferde ihrem Schicksal entkommen, aber die meisten
„jahrelang in treuer Ergebenheit“ für die Stadtreinigungsarbeit eingesetzten Vierbeiner
landeten nach ihrer Pensionierung beim Pferdeschlächter. Am 30. April 1955 sahen die
Berliner zum letzten Mal die vor Staubschutzwagen gespannten Müllpferde.261
Mit der Beschränkung der Ablagerung des Mülls auf 5 große Abladeplätze schien eine
Verladung des Mülls wieder sinnvoll zu sein. Denn die Anfahrt der Sammelfahrzeuge war
wegen des Standorts der Abladeplätze wesentlich verlängert worden und verursachte eine
Kostensteigerung der Müllabfuhr. Nach parlamentarischem Beschluss wurde im Jahr 1959
eine neue Umladestelle im Bezirk Wilmersdorf errichtet und in Betrieb genommen.262 Die aus
der ehemaligen Umladestelle für Wechseltonnenentleerung umgebaute Anlage war so
konstruiert, dass drei Mülltransportwagen - Umladefahrzeuge - gleichzeitig den Müll beladen
konnten. Als Fahrzeugtyp der Transportwagen wurde nach den Betriebserfahrungen ein
Sattelschlepper ausgewählt, der mit luftgekühltem Dieselmotor (125 PS) und Allradantrieb
ausgerüstet wurde. Bereits im Jahr 1958 war die Anschaffung der 16 Müll-Umladefahrzeuge
mit 40-Kbm-Auflieger vom Senat bewilligt worden.263 Im Jahr 1965 standen insgesamt 18
dieser Fahrzeug zur Verfügung.264 Somit verfügte der Fuhrpark über einen Bestand von drei
verschiedenen Fahrzeug-Typen: Großraum-Müllwagen, Sattelschlepper und
Großraumsattelschlepper.
Im Jahr 1967 erweiterte sich der Bestand der Fahrzeuge, indem neue Spezialfahrzeuge durch
die Einführung der Großraumgefäße (1,1 und 5,5 m3-Gefäße) zum Einsatz kamen: die
Ochsner-Müllwagen. 265 Der Abtransport der Großraumgefäße erfolgte mit Hilfe von
Hebevorrichtungen, die den Behälter auf der Ladefläche des Fahrzeuges absetzen. Die
Großraumabfuhr erwies sich als kostengünstig und brachte zugleich eine Rationalisierung der
Müllabfuhr mit sich. Hinzu kam, dass die Großraumbehälter gegenüber der Mülltonne
positiver bewertet wurden, da mit ihnen Platzersparnis, Lärmverminderung und
Wirtschaftlichkeit erreicht werden konnten. Im Jahr 1969 lag die Zuwachsrate der
Großraumabfuhr bei 40 %.266
Seit 1962 fand die Umstellung von dreiachsigen Sattelzügen mit geringerem Ladevolumen
(der erste Sattelschlepper) auf zweiachsige starre Müllfahrzeuge mit 14 cbm Behältervolumen
261 BSR, Geschichte (Teil 3), S. 13.
262 Die Anlage bestand aus der Entladehalle, die ebenerdig auf dem Gelände des Fuhrhofes errichtet wurde und
aus der darunterliegenden Beladehalle, in welcher auch die Maschinen- und Entstaubungsanlage
untergebracht war. Die Beladehalle enthielt zwölf Schütt-Trichter. Bochert, S. 536.
263 Mitteilung Nr. 73, 1958, S. 2.
264 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1965.
265 BSR, Bericht 1967, S. 23.
266 BSR, Bericht 1969, S. 24.
59
statt. Als Grund dafür nannte die BSR den Gewichtsverlust des Hausmülls.267 Seit dem Jahr
1962 wurden nur noch diese Müllwagen, die sämtlich mit Hubkippern ausgerüstet waren,
angeschafft. 1968 wurden 40 dieser Müllfahrzeugen in Dienst genommen.268
3.2. Von der Müllkippe zur Müllverbrennung
3.2.1. Einstellung des Müllkippens und Inbetriebnahme der geordneten Deponie
Müllbeseitigung durch Auffüllung der Gruben
Bis Ende der fünfziger Jahre bedeutete die Müllbeseitigung nichts anderes als die
Verlagerung des Mülls aus den Siedlungen an den Rand der Städte. So kann man hier keinen
wesentlichen Unterschied zwischen Vor- und Nachkriegszeit erkennen. Das traf auch auf die
Stadt Berlin zu.
Kurz nach dem Krieg steckte Berlin wie andere deutsche Städte im Trümmerschutt. So
schnell wie möglich sollten diese Trümmermassen aus der Innenstadt verschwinden. Dabei
schlug ein Arbeitskreis zur Grünplanung vor, den Trümmerschutt zur Abrundung und
Unterteilung der Urlandschaft zu verwenden.269 Dem zufolge konnte man den Trümmerschutt
auf den Hochflächen oder an den Rändern des Urstromtals aufschütten, so dass die Stadt
durch die Begrünung dieser Aufschüttungen eine neue Landschaft erhalten sollte. Dieser Idee
folgend wurde z. B. am Humboldthain der große Luftschutzbunker durch Trümmerschutt
nach und nach aufgefüllt und in einen „Mont Wedding“ verwandelt. 270 Auch im Schöneberger
Südgelände stieg ein großer „Trümmerberg“ auf. In Marienfelde waren durch
Trümmerschüttung drei Höhenzüge auf dem Gelände ehemaliger Luftschutzbunker
gewachsen, das so in eine hügelige Grünlandschaft umgewandelt wurde.271 Auf diese Weise
verschwanden die Trümmermassen hinter den „synthetischen“ Berliner Landschaften.
Manchmal wurden diese Schuttplätze jedoch so stark begrünt, dass sie mit ihrer Umgebung
nicht im Einklang standen. 272 Trotz dieses Schönheitsfehlers folgte man der Idee der
Begrünung in Form der Gestaltung von Mülldeponien weiter. So betonte die Berliner
Stadtreinigung in ihrem Geschäftsbericht 1969, dass als spätere Nutzung der Deponien eine
aktivere Gestaltung von Erholungslandschaften in Erwägung gezogen werden sollte.273
267 BSR, Geschäftsbericht 1965.
268 BSR, Bericht 1968, S. 24.
269 Schindler, Rekultivierung, S. 125.
270 Der Tag v. 25.4.1951 (Sammlung Erhard Zeitungsabschnitt Z XIII).
271 Ebda.
272 Schindler, S. 126.
273 BSR, Geschäftsbericht 1969, S. 8.
60
Die Müllbeseitigung der Siedlungsabfälle unterschied sich zu dieser Zeit vom Grundprinzip
her eigentlich nicht von der Trümmerbeseitigung. Die Ablagerung des Mülls am Stadtrand
war oft dem Landgewinn, der Urbarmachung unfruchtbarer Böden gleichgesetzt. Nach
Angaben der BSR konnte Unland in der Umgebung Berlins durch die Ablagerung von Müll
wieder einer landwirtschaftlichen Kultur zugeführt werden. 274 Über das Müllgelände
Rohbruch, das als Sumpfgelände seit 1949 durch Westberliner Müll aufgefüllt wurde,
berichtete eine Berliner Zeitung folgendermaßen: „Das Müllgelände, das im allgemeinen mit
einer 30 cm starken Schicht Mutterboden zugedeckt und dann zur Bildung einer
Humusschicht mit Lupinen bepflanzt wird, eignet sich sehr für eine landwirtschaftliche
Nutzung.“275 Für die Verwendung der Kiesgruben als Müllabladeplätze galt die selbe Logik.
Die aus dem großen Bauvorhaben entstandenen Kiesgruben konnten durch Müll
wiederaufgefüllt und in ebenes Land umgewandelt werden, das später z. B. für Parkanlagen
vorbereitet werden konnte. Eine ähnliche Funktion erfüllten die gesprengten Bunker.
Allmählich stapelte sich der Berliner Müll in den Britzer Kiesgruben, den Gruben in
Lichterfelde Süd, in Zehlendorf und in den Marienfelder Bunkern auf.276 Unter diesem
Zustand fügte die Blockade und die Spaltung der Stadt Berlin Anfang der fünfziger Jahre
keinen wesentlichen Schaden zu: „Es war glücklicherweise kein Problem, in Parallelschaltung
mit dem großen Bauvorhaben und Enttrümmerungsarbeiten innerhalb der Insel Westberlin
Möglichkeiten zur Müllunterbringung zu ermitteln, beispielsweise durch Wiederauffüllung
von Kiesgruben und Abdeckung von Unland. Gleichzeitig wurde das Müll auch auf die
großen Schuttsammelstellen am Teufelssee, Insulaner usw. verbracht.“277
Nach einem Bericht278 der BSR wurde bis zum Jahr 1952 der aus den Siedlungen gesammelte
Müll vom Gruben- oder Böschungsrand in die Tiefe gekippt und an der Oberfläche von Hand
planiert. Vor dem „Müllkippen“ oder der „Müllschüttung“ mussten die Müllwagen zur
Entladung bis an den Böschungsrand heranfahren. Die Müllschüttung in Gruben wie die
Luftschutzbunker in Marienfelde ging folgendermaßen vor sich: „40 bis 50 Müllfahrzeuge der
Stadtreinigung fahren täglich bis zum Gipfel der riesigen Schutthalde. Polternd stürzt von hier
aus der Abfall der Stadt aus den Müllkesseln den Hang hinab oder in die wie Gletscherspalten
aufgerissenen, meterdicken Wände des gesprengten Luftschutzbunkers, der an einer Stelle
noch nicht zugedeckt ist.“279 Im Rohbruch fuhren die Loren der Feldbahn bis zum Rande der
274 BSR, 1948-1958.
275 Der Tag v. 10.6.1951 (Sammlung Erhard Zeitungsabschnitt Z XIII).
276 Curter, S. 36.
277 Ryneck, S. 165.
278 Jüch, Müllkippen, S. 10 ff.
279 Berliner Anzeiger v. 9.10.1951 (Sammlung Erhard Zeitungsabschnitt ZXIII).
61
Sumpfgelände hin und her.280 Eine Verdichtung erfolgte nur durch das Eigengewicht des
Mülls, durch Witterungseinflüsse, später durch die Verrottung und in geringem Maße durch
das Befahren der vorgetriebenen Schüttung mit dem Müllfahrzeug. Daraus entstanden häufig
Hohlräume im Innern der Schüttung, was den Anwohnern ein Dorn im Auge war aufgrund
der sich dort aufhaltenden Ratten und anderen Ungeziefers. Die Müllwagen selbst sackten oft
im geschütteten Müll ein, weil die Schüttung zu lose war. Dadurch unterlagen die Wagen
einem erhöhten Verschleiß, im schlimmsten Fall führte dies zu schweren Schäden an den
Antriebsorganen oder den Federn. 281 Der Reifenverschleiß stellte sich als besonders
problematisch dar. Darüber hinaus kamen Brandfälle in der losen Schüttung, die sehr schwer
lösbar waren, häufig vor.
Einsatz der Planierraupe und Übergang zu geordneten Abladeplätzen
All diese Erfahrungen führte dazu, dass eine neue Schüttungsmethode und neue Maschinen
in Erwägung gezogen wurden. Im Jahr 1953 verwendete die Stadtreinigung zur Befüllung
einer neuen Kiesgrube zum ersten Mal eine Planierraupe. Die Schüttung wurde erstmalig auf
der Grubensohle vorangetrieben. Der Einsatz dieser Planierraupen bewährte sich sehr, da sie
zur Verdichtung des abgeladenen Mülls erheblich beitrugen und die Fahrzeuge der
Müllabfuhr nicht mehr bis unmittelbar an die Schüttkante heranzufahren brauchten, sondern
auf verhältnismäßig festem und ebenem Gelände entladen konnten. Die Müllwagen befuhren
nur noch einigermaßen festen Untergrund, dann ebnete die Planierraupe den entladenen Müll
ein, verdichtete ihn und walzte ihn fest. Schon im darauffolgenden Jahr konnte festgestellt
werden, dass der Reifenverschleiß stark zurückgegangen war. Aus diesem Grund wurde die
Planierraupe zur Standardausrüstung der Abladeplätze. Im Jahr 1956 waren alle 5
Abladeplätze in Westberlin mit Planierraupen ausgestattet.
Die Folge der Erneuerung waren an den folgenden Zahlen abzulesen: Während 1952 für 130
Müllwagen 172.000 DM für Bereifungen ausgegeben werden mussten, betrug der Aufwand
im Jahre 1956 für 145 Müllfahrzeuge nur noch 90.000 DM.282 Diese Verbesserung hatte als
Nebenwirkung auch die Reduzierung der Rattenplage zur Folge. Um die Nistbildung zu
verhindern, ergriff die Stadtreinigung eine weitere Maßnahme: Sie verfügte die Besprühung
der Abladeplätze mit DDT-Mitteln.
Weitere Verbesserungen der Müllablagerungspraxis entstanden erst nach der Verabschiedung
des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG). Bevor das Gesetz in Kraft trat, entschied sich der
Berliner Senat im Jahr 1958 für die Schließung der Müllabladeplätze, die hinsichtlich des
280 Die Welt v.16.3.1950 (Sammlung Erhard Zeitungsabschnitt ZXIII).
281 Jüch, S. 10.
282 Ebda.
62
Grundwasserschutzes den Anforderungen des WHG nicht genügten. So beschränkte sich seit
1958 die Müllunterbringung auf fünf große Abladeplätze. Für den Betrieb dieser geordneten
Abladeplätze standen acht Planierraupen zur Verfügung, die mit einem Motor von 60 PS und
einem Schwenkschild ausgerüstet waren.283 Der Einsatz der Planierraupe hatte die Beseitigung
der Hohlräume und der Brandgefahr zur Folge, aber das reichte nicht aus, um alle Probleme
zur Zufriedenheit zu lösen. Die Untersuchungen zeigten, dass eine Schichthöhe von zwei
Metern die optimale Höhe für eine Müllschütte war. Nur bei maximal 2 m Höhe sei es
möglich, noch die gesamte aufgeschüttete Müllmenge einheitlich zu verdichten, um die
Hohlräume zu beseitigen und damit den Ratten und anderen Nagern den Aufenthalt zu
verwehren sowie die Bildung von Nestern als mögliche Brandherde zu verhindern. 284
Außerdem erwies sich die hohe Verdichtung als geeignet, die Verschmutzung des
Grundwassers durch Sickerwasser zu vermindern.285 Diese Erkenntnisse wurden für die
Berliner Müllabladeplätze in die Praxis umgesetzt.
Eine weitere Maßnahme gegen Brandgefahr und Geruchsbelästigung bildete die Abdeckung
der Müllabladeplätze. Die Schüttungsflächen und vor allem die Böschungen sollten mit
Boden abgedeckt werden. Diese Methode befand sich schon bei früheren Müllsschüttungen
im Einsatz, aber ihr Hauptzweck lag darin, dem Einsinken des Bodens, auf dem die
Müllwagen fahren sollten, vorzubeugen. 286 Es zeigte sich jedoch bald, dass das feste
Abdeckmaterial laufend in den lockeren Untergrund hineingedrückt wurde und ersetzt werden
musste. In der neuen Praxis, der flachen Schüttung mittels Planierraupe, kam der
Verwendung des Abdeckens die andere Funktion der Vermeidung von Brandgefahr und der
Schädlingsbekämpfung zu.
Als Abdeckmaterial verwendete man Materialien wie Bodenaushub, Bauschutt oder Kehricht.
Nach Angaben der Berliner Stadtreinigung traten Müllbrände durch das Abdecken mit Boden
nur in geringem Umfang auf und konnten schnell und einfach gelöscht werden.287 Aufgrund
der positiven Erfahrungen war die Abdeckungsmethode in den 60er Jahren zur Routine
geworden. Im Jahr 1964 hatte die Stadtreinigung für Abdeckboden rund 80.000 DM
ausgegeben.288 Hinsichtlich des Wasserproblems verwies das Institut für Wasser-, Boden- und
Lufthygiene des Bundesgesundheitsamtes darauf, dass die Schüttung nach allen Seiten
abfallen und im gewachsenen Boden versickern konnte, ohne groß in die Müllschüttung
einzudringen.289
283 BSR, 1948-1958.
284 Kaupert , Zur gegenwärtigen, S. 78.
285 Erbel u. Kaupert, S. 47 f.
286 Ebda., S. 78.
287 Jüch, S. 11
288 Ebda.
289 Ebda., S. 12.
63
Parallel dazu waren Überwachungspersonal und Zäune Bestandteil der Müllabladeplätze
geworden. Zur Sicherung der geordneten Ablagerung wurde der Einstellung
verantwortungsbewussten Aufsichtspersonals große Bedeutung beigemessen. Um zu
verhindern, dass die Abladeplätze von Unbefugten betreten wurden, wurden sie eingezäunt
und mit Toren versehen. Die Zäune waren mit Sichtblenden aus Rohrgeflecht ausgestattet.290
Diese Betriebspraxis der Müllabladeplätze wurde erst im Jahr 1965 einer einheitlichen
Richtlinie unterworfen, als der VKF ein Merkblatt über die geordnete und kontrollierte
Ablagerung fester Siedlungsabfälle veröffentlichte. 291 Diesem Merkblatt gemäß lag ein
wesentlicher Unterschied zwischen ungeordneten und geordneten Müllabladeplätzen darin,
dass die einzelnen Müllschichten bei der ungeordneten Müllkippe unverdichtet der
Einwirkung von Luft und Feuchtigkeit ausgesetzt waren, während der durch geordnete
Ablagerung gestapelte Müll anaerober Verrottung über einen längeren Zeitraum überlassen
wurde.
Die geordnete Ablagerung wurde vor allem in Hinsicht auf den Grundwasserschutz
vorangetrieben. In dieser Hinsicht wurde die Dichtung des Untergrundes mit Erdaushub als
neue Maßnahme eingeführt. Zu diesem Zweck waren von Ingenieuren weitere Versuche
unternommen worden, mit Kunststoffolien die Grubensohle abzudichten oder durch
Kunstharzlösungen aufzusprühen.292
Diese neue Ablagerungsmethode wirkte ebenfalls auf die spätere Nutzung der
Müllabladeplätze ein, so dass eine solche geordnete Müllablagerung nicht willkürlich
verändert werden sollte. Wegen des unverrotteten Materials wurde die Nutzung als Bauplatz
für einen längeren Zeitraum untersagt.293 Ausschließlich eine planmäßige künftige Nutzung
als Erholungsplatz oder Sportplatz hielt man noch für durchführbar. Trotz dieser Neuheit
standen die geordneten Müllabladeplätze weiter für Altstoffsammlungen der
Altstoffhändler294, die die vertragliche Befugnis erhielten, zur Verfügung.
Im Jahr 1967 erschien ein ähnliches Merkblatt über die geordnete Ablagerung fester und
schlammiger Abfälle aus Siedlung und Industrie, das auf Bundesebene von der Zentralstelle
290 Ebenda.
291 Vgl. Erbel u. Kaupert , Müll und Abfall.
292 Ebda., S. 47.
293 Ebda., S. 49 ff.
294 Über die Sammlung der Altstoffe berichtete eine Berliner Zeitung so: „Inmitten des rauchenden Mülls
klettern die ,amtlich zugelassenen´ Altmetallsammler herum, für die der Schuttberg ein ,Schlaraffenland´ mit
verborgenen Werten ist: Papier, Lumpen, Flaschen, der sogenannte „Schmelz, wie Büchsen und Blech,
Kupfer, Eisen, Zinn und Draht. ,Reines Geld ist das´, sagte der Altmetallhändler, der für das Kilo Papier
immerhin zwanzig Pfennig und für zusammengelesenes Metall noch mehr bekommt. Die Schutthalde wurde
ihm von der Direktion der Stadtreinigung verpachtet, die in der Tempelhofer Ringbahnstraße ihren Sitz
hat.“ Berliner Anzeiger v. 9.10.1951 (Sammlung Erhard Zeitungsabschnitt C ZXIII).
64
für Abfallbeseitigung beim Bundesgesundheitsamt (ZfA) erarbeitet wurde.295 Darin wurde die
arbeitstägliche Abdeckung der jeweils im Vortrieb befindlichen Müllschicht als Grundlage für
den Betrieb der Ablagerung hervorgehoben. Diese Anforderung zielte in erster Linie auf die
Verminderung von Umweltbeeinträchtigungen wie z. B. der Geruchsbildung. Damit wurden
jedoch manche Betreiber von Abladeplätzen mit einem neuen Problem, dem Mangel an
Abdeckmaterial, konfrontiert, da das Abdeckmaterial wie Bodenaushub als Abfallstoff
keinesfalls kontinuierlich anfiel. Manchmal fehlte sogar die Möglichkeit ganz. So stießen die
Betreiber auf die Schwierigkeit der Materialbeschaffung.296 In dieser Situation gab ein
ingenieurbiologisches Verfahren zur Begrünung von Rohböden und Abraumhalden den
Anstoß, an ein synthetisches Produkt zu denken.297 Demnach hielt man die Entwicklung eines
Verfahrens für machbar, Abfallschichten durch Überschäumen mit geeigneten synthetischen
Stoffen zu jedem Zeitpunkt abzudecken. 298 Dieser Gedanke erweckte das Interesse der
kunststofferzeugenden Industrie und wurde in die Praxis umgesetzt.
Die ersten gezielten Untersuchungen über die Möglichkeiten des Einsatzes von
„Deponieschaum“ als Abdeckmaterial wurden unter der Leitung von Herribert Pierau, später
wissenschaftlicher Direktor beim Senat für Gesundheit und Umweltschutz (SenGeU) in
Berlin, auf dem Gelände des Berliner Abladeplatzes Wannsee durchgeführt. 299 Der
Deponieschaum aus einer Harnstoff-Formaldehyd-Verbindung wurde von der BASF in
Ludwigshafen entwickelt und zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse zeigten, dass sich der
Deponieschaum in verschiedener Hinsicht als geeignetes Abdeckmaterial bewährte.300 Staub,
Papier und Plastik wurden durch die verklebende Wirkung des Schaumes auf der
Schichtfläche fixiert. Gerüche wurden weitgehend gebunden, und der Schaum verhinderte
Oberflächenbrände und den Befall mit Ungeziefer. Insbesondere zeichnete er sich durch die
Funktionen der Volumenreduzierung und der Pufferwirkung beim Niederschlag aus. Diese
positiven Eigenschaften waren der Grund dafür, dass dieses Verfahren später auch als eine
Maßnahme zur Verminderung der Sickerwassermenge Anwendung fand.301
295 Dunz, Aufbau, S. 86.
296 Nach Angabe von Herribert Pierau handelte es sich um ein internationales Problem. Vgl. hierzu: Pierau,
Schaumabdeckung, S. 13 ff.
297 Im Jahr 1969 führte die BSR gemeinsam mit einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut Versuche durch,
um mit Hilfe eines künstlich erzeugten Schaumstoffes in Verbindung mit Düngemitteln und Grassamen eine
schnellere Begrünung des in den Deponiekörper eingebauten Mülls zu erreichen. Vgl. BSR, Bericht über das
Geschäftsjahr 1969, S. 8.
298 Ebda., S. 13 f.
299 Vgl. Pierau, Schaumabdeckung, S. 13 ff.
300 Ebda., S. 18.
301 Das Verfahren wurde auf dem Deponie Uttingen als eine Lösung des Sickerwasserproblems eingesetzt. Vgl.
hierzu: Knoch, Sickerwasser, S. 36.
65
3.2.2. Bau der Müllverbrennungsanlage Ruhleben mit Sinterwerk
Bauplanung der MVA Ruhleben und der Sinteranlage
Nach der Entscheidung für die Umstellung der Müllbeseitigung auf Müllverbrennung
bewilligte der Senat am 17. Juli 1961 die Summe von 307.000 DM für die Vorbereitung der
MVA Ruhleben. Die Vorbereitungsarbeit übernahm die Berliner Stadtreinigung im Auftrag
des Senats. 302 Die Finanzmittel wurden zunächst für den ab 1960 durchgeführten
Laborversuch zur Struktur- und Eigenschaftsanalysen des Berliner Mülls ausgegeben. Das
Versuchslabor war in der ehemaligen Verladeanlage der Müllabfuhr in der Ilsenburger Straße
in Charlottenburg eingerichtet. Um die Untersuchung auf das gesamte Stadtgebiet Berlins
auszuweiten, kam ab Januar 1961 ein Sonderfahrzeug der Müllabfuhr zum Einsatz. Die
Überprüfung der anfallenden Abfallstoffe ließ Schlüsse auf die Gesamtheit der Abfälle und
die Einflüsse zu, die Menge, Zusammensetzung und Eigenschaften des Mülls bestimmen
sollten.303 Um über das Brennverhalten des Berliner Mülls generell Aufschluss zu erhalten,
war mit der Stadt Hamburg vereinbart worden, im Sommer und Winter 1961 in der dortigen
Anlage zwei Großversuche mit jeweils 100 t Müll durchzuführen. Die Untersuchungen
ergaben, dass die Zusammensetzung des Hausmülls immer noch stark von Braunkohlenasche
geprägt war, während durch die Zunahme der Verpackungsmaterialien jedoch der Heizwert
gestiegen war.304
Was den Bau der Anlage betraf, forderte die BSR im Juli 1962 von verschiedenen
Unternehmen Projektplanungen mit Kostenvorschlägen an. Damit beabsichtigte sie, eine
Übersicht über die gegenwärtig erprobten Verfahren und ihre finanziellen Anforderungen zu
gewinnen. Anfang 1963 lagen drei Vorprojekte namhafter Unternehmen305 vor, die folgende
Verfahren anboten: Zum einen das Düsseldorfer Verfahren (Feuerung mit Walzenrosten),
darüber hinaus das Verfahren der schweizer Firma von Roll (Feuerung mit drei
Vorschubrosten) sowie schließlich das Vølund-Verfahren aus Dänemark (Feuerung mit zwei
Vorschubrosten und nachgeschalteter Drehtrommel). Die Auswertung der Angebote wurde
von einem Gutachtergremium unternommen, das sich aus dem Professor der TU Berlin H. G.
Kayser (Brennstofftechnik), dem Betriebsdirektor der BEWAG Berlin W. Rathge und dem
Professor der TU Berlin A. Zinsen (Dampfkessel- und Feuerungstechnik) zusammensetzte.
Im abschließenden Bericht empfahlen die Gutachter einstimmig das Düsseldorfer Verfahren:
„Sorgfältige und reifliche Abwägung aller eigenen Beobachtungen, der uns mitgeteilten
302 Der Tagesspiegel v. 17.Juli 1961.
303 Mitteilungen Nr. 37 S. 12.
304 Mitteilungen Nr.10, S. 5.
305 Zu drei Unternehmen gehörten Borsig AG. (Berlin-Tegel), Von Roll AG. (Zürich) und Wistra-Ofenbau
GmbH.(Düsseldorf-Heerdt).
66
Betriebserfahrungen, unserer eigenen fachlichen Erfahrungen und der in Berlin gestellten
Bedingungen haben uns einhellig zu der Überzeugung gebracht, dass das Düsseldorfer
Verfahren (Walzenrostsystem für Müllverbrennung) für die Verarbeitung des Berliner
Stadtmülls das am besten geeignete Verfahren ist, und deshalb empfehlen wir, das Vorprojekt
der Borsig AG., Berlin der weiteren Planung zugrunde zu legen.“306 Als Grund dafür führten
sie die große Anpassungsfähigkeit des Verfahrens an wechselnde Müllbeschaffenheit an. Das
Walzenrostverfahren konnte auch die Anforderung der geplanten Sinteranlage am besten
erfüllen, indem es eine gleichmäßige Beschaffenheit der Verbrennungsrückstände
gewährleistete.307
Abbildung 2 Modell der MVA Ruhleben (Quelle: BSR-Archiv)
Auf Basis dieser Vorarbeiten legte der Senator für Verkehr und Betriebe im November 1963
den gesamten Bauplan der Müllverbrennungsanlage Ruhleben vor, demzufolge das
Verbrennungswerk aus einer Müllverbrennungsanlage, der Schlackenaufbereitung und der
Müllschlackensinteranlage bestehen sollte. Die Verbrennungsanlage sollte für die
Jahreskapazität von 432.000 t ausgelegt werden. Zum Einzugsgebiet des Werks gehörten die
sechs Verwaltungsbezirke Spandau, Reinickendorf, Wedding, Tiergarten, Charlottenburg und
Wilmersdorf. Zur Verarbeitung sollten Abfälle verschiedener Herkunft zugeführt werden:
Hausmüll, Hausrat aus Sonderabfuhren nach Zerkleinerung, Marktabfälle, Straßenkehricht,
306 BSR-Archiv, H.G. Kayser: Zur Projektierung einer Müllverbrennungsanlage in Berlin-Ruhleben.
Technischer Bericht im Auftrag der Berliner Stadtreinigung und für die Berliner Stadtreinigung. Mai 1963.
307 Mit. Nr. 10, S. 6.
67
nicht verkäufliches Laub und Beigaben von Industriemüll. So durfte ein Teil des
Industriemülls mit Hausmüll gemischt in der Anlage verbrannt werden.308 Die nutzbare
Dampfmenge, deren Abnahme von der BEWAG zugesichert wurde, war in Höhe von 410
000 t/a vorgesehen. Von der Sinteranlage erwartete man die Herstellung des als
Betonzuschlagstoff geeigneten Sintermaterials in einer Menge von etwa 175 000 t/a. In der
geplanten Anlage sollten aus Hausmüll abgesiebte Feinfraktion, Rückstände aus der
Müllverbrennungsanlage, ausgefaulter Schlamm des Klärwerks Ruhleben und Flugaschen aus
BEWAG-Kraftwerken verarbeitet werden dürfen.309
Als Feuerungssystem der Verbrennungsanlage wurde der Düsseldorfer Walzenrost mit sieben
Walzen bestimmt. Für die Verbrennung wurden acht Kesseleinheiten vorgesehen und für die
Dampferzeugung Trommel-Strahlungskessel eingerichtet. Zur Rauchgasreinigung wurde der
bereits seit 1931 bekannte Elektrofilter eingesetzt.310 Der gleiche Filter befand sich in der
Sinteranlage, die hauptsächlich aus Saugzug-Sinterband, Sinterkühler und Bunker bestand.
Das 1964 erlassene Gesetz zur Reinhaltung der Luft ließ die Abgasreinigung mit diesem Filter
zu.311
Verzögerter Ausbau und Probleme der Sinteranlage
Das Abgeordnetenhaus von Berlin stimmte dem ersten Bauvorhaben im Jahr 1964 einhellig
zu. Mit den weiteren Projektarbeiten, der Erstellung baureifer Unterlagen und der Abgabe
verbindlicher Kostenangebote wurden die Borsig AG Berlin (für die
Müllverbrennungsanlage), die Lurgi Gesellschaft für Chemie und Hüttenwesen mbH,
Frankfurt und Dr. Korth (für die Müllsinteranlage) beantragt. Für die städtebauliche und
architektonische Gestaltung der Gesamtanlage zeichnet das Berliner Architektenbüro Hendel
und Haseloff verantwortlich.312 Parallel befasste sich der „Arbeitskreis Müllverwertung
Berlin“ weiter mit Untersuchungen der Sinterung und Betriebsfragen der MVA.
308 Diese Zusammenbrennung wurde für die Erprobung der Industriemüllverbrennung durchgeführt. Dem
Gutachtergremium zufolge war empfehlenswert, mit den normalen Hausmüll-Verbrennungsöfen
(Düsseldorfer Roste) Erfahrungen mit Industriemüll zu sammeln. Bei der Erprobung sollte der Frage
nachgegangen werden, in welcher Weise und mit welchen Mengenanteilen Industriemüll dem Hausmüll
zugegeben werden kann, ohne dass der Betrieb, sein sicherer Gang und seine Einrichtungen dadurch gestört
oder gar gefährdet werden. Vgl. hierzu: Mitteilung Nr. 10, S. 6.
309 Mit. Nr. 10, S. 7.
310 Vgl. Herrmann, Wanderroste. Über den Einsatz der E-Filter schrieb Heermann in dem Artikel: „Diese
Kopplung zwischen Wärmenutzung und E-Filtern führte zu unterschiedlichen Entwicklungen der MVA in
Mitteleuropa. Ohne gesetzliche Bestimmungen zur Ausrüstung für die Entstaubung der Abgase hatten die
MVA in England oder USA keine E-Filter. Es fehlte dort auch ein Zwang zur Wärmenutzung. Durch den
Einbau der Elektrofilter und die Wärmenutzung wurde es zum Problem in Mitteleuropa, Rauchgas
abzukühlen. Die Forderung zur Nutzung der Abwärme, die durch die Kühlung des Rauchgases entstand, und
gleichzeitig auf die Luftreinhaltung brachte den Ingenieuren in Mitteleuropa andere technische Aufgaben als
in den USA.“
311 Diese Vorschrift stützte sich auf die Gewerbeordnung. Vgl. hierzu: Kloepfer, Umweltrecht, S. 82.
312 Knoll, Planung, S. 220.
68
Am 28. 10. 1964 wurde in einer Feierstunde der Grundstein für die Anlage gelegt. Dabei war
von gelungener Technik und der Notwendigkeit der Anlage die Rede: „Mit der Kombination
Müllverbrennung und Sinterwerk glauben wir eine Lösung gefunden zu haben, bei der die
gegenüber einer Freiablage erheblich höheren Betriebskosten der Müllverbrennung
weitgehend ausgeglichen werden können.“ 313; „der Bau einer modernen Verbrennungsanlage
zeigt sich in allen Fällen als absolute Notwendigkeit. Die Müllkippe alten Stils mit ihren
unangenehmen Begleiterscheinungen, Geruchs- und Staubbelästigungen ist heute zum
Schrecken der Gemeinden geworden.“314
Abbildung 3 Grundsteinlegung im Jahr 1964 (Quelle: BSR-Archiv)
Während die Genehmigung zum Bau der Müllverbrennungs- und Müllsinterungsanlage315
ohne Probleme erteilt wurde, schritt die Bauarbeit jedoch nicht so schnell wie geplant fort.
Die zwei ersten Kessel gingen nicht im April/Mai 1966, sondern erst im Februar 1967 in
Betrieb. Am 15. Februar 1967, um 9.15 Uhr, wurde der Kessel 4 zum ersten Mal mit Müll
beschickt.316 Die Kesseleinheiten 5 und 6 befanden sich hingegen noch 1968 im Stadium der
Montage. An das Kraftwerk Reuter wurden 1968 insgesamt 241.700 t Dampf aus der Anlage
abgegeben. Die Verhandlungen über eine vertragliche Regelung der Dampflieferungen waren
bis zum Jahr 1968 noch nicht abgeschlossen.317 Nach der ersten Inbetriebnahme stieß man auf
313 B. Rep. 11 Acc.1322 2-8, (Nr.6) 28.10.1964 Reden bei der Grundsteinlegung der Müllverbrennungsanlage in
Ruhleben
314 Ebda.
315 Die Genehmigungen mussten nach der Gewerbeordnung erfolgen. Dafür waren der Senator für Wirtschaft
und der Senator für Arbeit zuständig. Die bezirklichen Gesundheitsbehörden und der Technische
Überwachungsvereine wirkten bei der Genehmigung mit. BSR-Archiv, Protokoll v. 1964.
316 BSR, 30 Jahre Abfallbehandlungsanlage Ruhleben, Jubiläumsschrift (Broschüre). Berlin 1997.
317 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1968, S. 8
69
Probleme wie Verschleißschäden durch Erosion und Korrosion. Diese Schäden sowie die
unzureichende Bereitschaft der BEWAG ließen eine durchschnittliche zeitliche Verfügbarkeit
der Kesseleinheiten von lediglich 75% zu.318 Im Jahr 1973 wurde schließlich der Bau der
„europaweit“ größten Anlage vollendet.319
Im Betrieb der Sinteranlage stellten sich ebenfalls Probleme ein. Es handelte sich dabei
insbesondere um die Qualität des Sintermaterials. Die Voruntersuchungen mit
Sintergutproben ergaben, dass Sintermaterial kurz nach der Inbetriebnahme als Zuschlag zu
Asphalten und als Betonzuschlagstoff ohne große Schwierigkeiten verwendet werden
konnte.320 Zudem bestätigten die halbtechnischen Versuche bei der Lurgi Gesellschaft, die für
den Bau der Sinteranlage zuständig war, dass sämtliche verwendeten Rohstoffe auf dem
Saugzug-Sinterband zu hochwertigen Betonzuschlagstoffen veredelt werden konnten. 321
Trotzdem wurde der mit Sintermaterial aus dieser Anlage hergestellte Beton von der
Materialprüfungsanstalt nicht zugelassen. Bei der Prüfung des Sintermaterials wurde nämlich
festgestellt, dass starke Gasentwicklung im Beton auftrat, was auf den gestiegenen
Aluminiumanteil im Müll zurückzuführen war. Daher blieb die Zulassung des Sinters als
Zuschlag für die Herstellung von Beton und Stahlbeton nach der Inbetriebnahme im Jahr 1967
untersagt. Infolge dessen mussten die erzeugten Sintermaterialien als Streugut und für andere
Zwecke wie Sportplatzbau der Bauwirtschaft abgegeben werden.322
Es stellte sich heraus, dass nachträglich eine chemische Nachbehandlung eingeführt werden
musste, um die Anforderungen der Prüfungsanstalt zu erfüllen. 323 In Bezug auf die
zugeführten Stoffe kamen die Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Feinfraktion
aufgrund der Geruchsbildung ausgeschlossen bleiben sollten. Für die Verarbeitung dieses
Stoffs war darüber hinaus erforderlich, eine katalytische Nachreinigung der Sinterabgase
einzusetzen, aber diese Anforderung war in ökonomischer Hinsicht unerfüllbar.324 Aus
diesem Grund wurde nur die Müllverbrennungsschlacke als Ausgangsmaterial für die
Sinterung verwendet. Die Erwartungen, aus Verbrennungsrückständen Baustoffe herzustellen,
blieb unerfüllt.
Trotz dieser Schwierigkeiten trat die Stadt Berlin hinsichtlich der Müllbeseitigung in eine
neue Ära ein. Auf der Grundlage der Großdeponien und der neuen MVA, die mit der
318 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1970, S. 9.
319 BSR, 30 Jahre.
320 BSR-Archiv, Protokoll über die 5. Vollsitzung des „Arbeitskreises Müllverwertung Berlin“ v. 3.Mai 1965.
321 Knoll, S. 223.
322 BSR, Bericht 1968, S. 8.
323 VGB-Fachtagung „Müllverbrennung 1969“, S. 647
324 BSR-Archiv, Protokoll über die 4. Vollsitzung des „Arbeitskreises Müllverwertung Berlin“ v. 19. Juni 1964,
S. 6.
70
Gesamtsumme von 110 Mio. DM gebaut wurde und ein Betriebspersonal von 104
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erforderte, befand sich die Stadt in der Lage, die
wachsenden Müllberge unter Kontrolle zu bringen. Die Umstellung brachte auch auf
Verwaltungsebene eine Veränderung mit sich. Mit dem Betrieb der MVA Ruhleben erhielt
die bisher als Gebührenanstalt geltende BSR vom 1. Januar 1967 den Status eines
Eigenbetriebes des Landes Berlin.325 Die „Berliner Stadtreinigungs-Betriebe“ verfügten ab
1970 über einen einheitlichen Wirtschaftsplan, in dem die vier Betriebszweige Müllabfuhr,
Straßenreinigung, Müllverbrennungsanlagen und Sonderdienste erfasst wurden. 326 Dieser
Schritt wurde damit begründet, dass die MVA Ruhleben im kaufmännischen Sinne eines
echten Versorgungsbetriebes betrieben werden sollte. Eine kaufmännische Buchführung war
deshalb erforderlich, weil die mit der MVA erzeugten Produkte Dampf und Sintermaterial
Handelswaren gleichgesetzt und in Handel gebracht werden konnten.
Die Umstellung wurde in bezug auf die städtischen Entwicklungen als gut empfunden. Der
SPD-Abgeordnete Eckert lobte den Übergang als mutigen Schritt: „Die MVA sind der erste
mutige Schritt im großen Maßstab, Formen einer Verwertung und gefahrlosen Ablagerung
des Mülls in die Praxis umzusetzen. Desto erfreulicher ist es, dass Berlin als eine der wenigen
Städte der BRD neue Wege auf diesem Gebiet beschritten hat, die vorbildlich für die weitere
Entwicklung sein dürften.“327 Dieser Schritt sollte weiter fortgesetzt werden. So bestand zu
diesem Zeitpunkt kein Zweifel daran, dass der Bauplan der zweiten Müllverbrennungsanlage
ohne Probleme umgesetzt würde.
325 BSR, Bericht 1967, S. 7.
326 Ebda.
327 Stenographischer Bericht, 52.Sitzung vom 12. Juni 1969 (5.Wahlperiode), über Gesetz zur Änderung des
Eigenbetriebsgesetzes, S. 311 f.
71
Abbildung 4 MVA Ruhleben und Kraftwerk Reuter (Quelle: BSR-Archiv)
72
III. Von der Müllbeseitigung zur Abfallwirtschaft im Rahmen des
Abfallverbringungsvertrags:1970 - 1982
1. Abfallproblematik im Umweltdiskurs
1.1. Umweltpolitik und Abfallbeseitigung
Seit Ende der 1960er Jahre begann das Problem Abfall aus einer neuen Perspektive betrachtet
zu werden. Es zeigte sich, dass die Abfallfrage nicht nur in Zusammenhang mit der
Wasserversorgung, sondern mit der Umweltverschmutzung im allgemeinen Sinne gestellt
wurde. Die Lage der Abfallbeseitigung, die immer noch auf 50.000 Müllkippen angewiesen
war, stellte ein großes Problem hinsichtlich der Umweltbeeinträchtigung dar. Die gleichen
Fragen betrafen die aus hygienischen Gründen errichteten modernen
Abfallbeseitigungsanlagen. Diese neue Ansicht war mit der Ausweitung des ökologischen
Gedankens eng verknüpft.
Gegen Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre fand in der Bundesrepublik
Deutschland allmählich auch die ökologische Warnung vor Konsequenzen des
rücksichtslosen industriellen Fortschritts öffentliche Aufmerksamkeit.328 Eine Reihe von
Büchern wie „Silent Spring“ von Rachel Carson, das bereits 1962 mit einem Bericht über
verheerende Wirkungen des Einsatzes von Chemikalien ein großes Aufsehen erregte329 ,
gewannen ein breites Publikum. Die Berichten über den „Tod der Natur“ - die verpestete Luft,
das tote Wasser, die Vergiftung des Bodens wie die allgemeine Landschaftszerstörung -
häuften sich in den Massenmedien und lösten ökologische Bedenken aus. Der Parole
„Wohlstand für alle“ wurde die Schattenseite des Wachstums - wie landschaftszerstörende
Wohntürme und Autobahnen, umweltvergiftende Industrieansiedlungen und die
Verschmutzung der Luft und des Wassers - entgegengesetzt. Unvorstellbare Mengen von
Schadstoffen, die jährlich von Kraftwerken, Einzelhausheizungen, Verkehrssystemen und
Chemiewerken ausgingen, verloren ihre Bedeutung als Wohlstandsymbol. Stattdessen
erwiesen sie sich als Zerstörer des Lebensraumes.
Dieser Wahrnehmungswandel war auch von der Bundesregierung vorangetrieben worden,
die im Oktober 1969 die Lösung von Umweltproblemen zu einer der wichtigsten
Regierungsaufgaben erklärt hatte. Aus dieser zum damaligen Zeitpunkt Erstaunen
328 Zur Entwicklung des ökologischen Diskurses vgl. : Hermand, Grüne.
329 Carson. Frühling.
73
hervorrufenden Initiative der Bundesregierung 330 folgten konkrete Maßnahmen zum
Umweltschutz. Bereits 1969 beauftragte die Bundesregierung die Bundesanstalt für
Vegetationskunde mit einer Studie über die Belastung der Landschaft in der
Bundesrepublik. 331 Im Jahr 1970 wurde ein Sofortprogramm für den Umweltschutz
beschlossen, das an der internationalen Entwicklung wie der frühen Umweltgesetzgebung der
USA orientiert war.332 Eine im Rahmen dieses Programms durchgeführte Untersuchung
zeichnete ein beängstigendes Bild: Wachsender Verbrauch vieler Chemikalien und Biozide,
unbefriedigende Industriemüllbeseitigung, beträchtliche Luftbelastung und der wachsende
Müllberg durch Kunststoffe und Chemikalien.333
Darauf beruhend legte die Bundesregierung im folgenden Jahr das Umweltprogramm 1971
vor. Dabei wurden Schutz und Entwicklung der Naturgrundlagen zu den vorrangigen
Aufgaben staatlicher Daseinsvorsorge erklärt. Für den vorsorglichen Umweltschutz wurde
einer Umweltplanung durch die Schaffung eines Umweltrechtes und die organisatorische
Straffung der Umweltbehörde große Bedeutung beigemessen.334 So wurden im Rahmen der
sektoral gegliederten Aktionsprogramme weit über hundert Gesetze und Verordnungen
geplant. 335 Als wesentliche Maßnahmen des Programms wurden Entwürfe für das
Immissionsschutzgesetz, ein neues Änderungsgesetz zum Wasserhaushaltsgesetz und ein
Abfallbeseitigungsgesetz sowie Maßnahmen gegen Lärm und den Einsatz von DDT erstellt.
In den Entwürfen des Gesetzes wurde als neues Prinzip aufgestellt, dass Menschen,
Lebewesen und „andere Sachen“ vor schädlichen Umwelteinwirkungen nicht nur geschützt
werden müssten, sondern dass dem Entstehen schädlicher Umwelteinwirkungen vorgebeugt
werden müsse. Unter schädlichen Umwelteinwirkungen waren Immissionen von
Luftverunreinigungen, Geräusche, Erschütterungen, Licht, Wärme, Strahlen und ähnliche
Umwelteinwirkungen zu verstehen.336 So richteten sich die umweltpolitischen Bemühungen
darauf, dass diese medialen Umwelteinwirkungen auf Luft, Boden, Wasser und andere
Schutzgüter messbar gemacht und durch Grenzwerte reguliert werden konnten.337 Daraus
ergab sich, dass auf mediale Umwelteinwirkungen zielende Gesetze und
Verwaltungsvorschriften in den siebziger Jahren als wichtige Vollzugsinstrumente der
Umweltpolitik erfassen wurden. Im Jahr 1974 gründete die Bundesregierung als ein
330 Die führende Rolle der Bundesregierung wurde überraschend angesehen, weil es zu dieser Zeit weder
öffentliche Forderung, noch ausgeübte Druck zur Umweltpolitik gegeben hatte. Vgl. Hierzu: Weidner, 25
Years, S. 3.
331 Wey, S. 200
332 Vgl, Jänicke u.a., Umweltpolitik, S. 57.
333 Schüssler, Bedeutung, S. 45 f.
334 Umweltprogramm der Bundesregierung 1971, S. 7.
335 Jänicke u.a., S. 31.
336 Wey, S. 207ff.
337 Jänicke u.a., S. 34 f.
74
Bundesamt für Umweltschutz das Umweltbundesamt, das sich mit Vorberitungen der
Gesetzesvorlage, Forschungskoordinationen sowie der öffentlichen Bildung im
Umweltbereich beschäftigte.338
Zu einem wichtigen Bestandteil des Umweltprogramms 1971 zählte das
Abfallbeseitigungsprogramm, in dem in erster Linie „die Abfallbeseitigung in geordneten
Großdeponien und in Großverbrennungsanlagen sowie nach Verfahren, die eine nützliche
Wiederverwertung des Abfalls ermöglichen“339 angestrebt werden sollte. Umweltschäden wie
Verunstaltung der Landschaft und Luftverunreinigung wurden in Zusammenhang mit
mangelhafter Beseitigung von Abfällen betrachtet, so dass „wilde Deponien“ sowie kleine
Müllverbrennungsanlagen unter Kontrolle genommen werden sollten, um ihr
Umwelteinwirkungen zu vermindern. In der Tat existierten zu Beginn der siebziger Jahre erst
hundert 100 sog. Geordnete Deponien, auf denen lediglich 15% des Hausmüllaufkommens
entsorgt wurden.340 Im Jahr 1970 deckten 24 Müllverbrennungsanlagen in der Bundesrepublik
Deutschland 14,4% des gesamten Entsorgungsbedarfes.341
Als ein frühes Umweltgesetz wurde im Jahr 1972 das Abfallbeseitigungsgesetz (AbfG)
erlassen, in dem zum ersten Mal einheitliche Regelungen zur Einsammlung, Beförderung,
Behandlung, Lagerung und Ablagerung von Abfällen gebündelt wurden. Die Beseitigung
wurde zur öffentlichen Aufgabe erklärt, die Erstellung der Abfallbeseitigungspläne nach
überregionalen Gesichtspunkten fiel nach dem AbfG in den Kompetenzbereich der Länder.
Festgelegt wurde, dass die Abfälle ohne schädliche Umwelteinwirkung zu beseitigen seien
und dies nur in zugelassenen Anlagen vorgenommen werden dürfe. Diese Anlagen wurden
von der Errichtung bis zur Schließung einer behördlichen Überprüfung unterzogen. So
schrieb das Gesetz die Planfeststellung für die Errichtung und den Betrieb von ortsfesten
Anlagen und die Überwachung der Anlagen vor. Mit Planfeststellungsverfahren war die
Unschädlichkeit der Anlage nachzuweisen. Darüber hinaus wurden auch die
Einspruchsmöglichkeit von Betroffenen und das Anhörungsverfahren vorgesehen.342 Mit der
Einführung des Gesetzes erhielten die Länder wichtige Steuerungsinstrumente, die die
Abfallbeseitigung im Sinne des Umweltschutzes unter Kontrolle bringen konnten. Nach
Schenkel war dieses Gesetz die solide Grundlage, auf der die durchgreifende Neuordnung und
Planung dieses Teilbereichs des Umweltschutzes gemeinsam mit den Ländern vorgenommen
338 Weidner, S. 28.
339 Umweltprogramm 1971, S. 11.
340 Kloepfer, S. 127.
341 Thomé-Kozmiensky, Kompostierung, S. 5.
342 Vgl. Gesetz über die Beseitigung von Abfällen (Abfallbeseitigungsgesetz - AbfG), in: Bundesgesetzblatt Nr.
49, 10.Juni 1972, S. 873 -880.
75
werden konnte. 343 Die Beseitigung von Abfall wurde nun als ein wichtiger Teil der
Umweltvorsorge und des Umweltschutzes betrachtet.
Wie dem Gesetz zu entnehmen war, stellten nun nicht nur der Abfall selbst, sondern die
Beseitigungsanlagen ein großes Problem dar. Aus den Anlagen emittierte Abgase, Abwässer
und Rückstände wandelten sich selbst in zu behandelnde Schadstoffe. Mit der Entwicklung
des Umweltbewusstseins in der Bevölkerung verschärfte sich das Misstrauen gegenüber
diesen Anlagen. Demgegenüber ergriff die Bundesregierung administrative Instrumente,
insbesondere die sogenannten Technischen Anleitungen, die zu den Verwaltungsvorschriften
gehörten.344 Die 1974 erlassene TA Luft - Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft -
diente den Behörden als Vorschrift, die ihren Entscheidungen bei der Genehmigung einer
Anlage zugrunde lag. Die in der Schrift aufgeführten Grenzwerte bildeten die Basis der
Entscheidung. Nach der Sachlage, d.h. den für einzelne Schadstoffe vorgeschriebenen
Grenzwerten, konnte die Umweltverträglichkeit der Anlage beurteilt werden. Die Festsetzung
der Grenzwerte war so geordnet, dass diese mit Beteiligung der Fachexperten nach dem
neuesten Stand der Technik und Wissenschaft ständig erneuert werden konnten.345 In der
Einhaltung dieser Grenzwerte sah man eine Maßnahme vorsorgenden Umweltschutzes. Indem
die Technik mittels der Grenzwerte auf dem neuesten Stand gehalten wurde, sah man die
Möglichkeit, Umweltschäden zu vermeiden.
Diese Grenzwert-Maßnahmen erwiesen sich jedoch als nachsorgende
Umweltschutzpolitik.346 Elektrische Filteranlagen bei Müllverbrennungsanlagen wurden mit
der Verschärfung der Emissionsgrenzwerte durch Rauchgaswäscheanlagen ergänzt. Für
geordnete Deponien wurden Drainage für Sickerwasser nachträglich eingerichtet. All dies
machte es wiederum erforderlich, eine neue Ausrüstung zu entwickeln, um Schadstoffe aus
diesen neuen Anlagen zu beseitigen. Der Einsatz der „End-of-Pipe-Technologie“ war nötig,
weil die Vorschrift TA keine Angabe über die technische Methode zur Einhaltung der
Grenzwerte beinhaltete.347 So schaffte die vorbildlich eingeleitete Umweltpolitik nur die
Rahmenbedingung, unter der die Umweltschäden mit Technologien hinterher kompensiert
werden konnten.348 Das galt auch für die Abfallpolitik.
343 Schenkel, Abfallwirtschaft-Stand, S. 166.
344 Jänicke u.a., S. 178 f.
345 Im Umweltprogramm von 1971 fand man ein gleiches Prinzip: „Der Gesetz sollte demnach ständig
fortgeschrieben, und bei allen umweltrelevanten Entscheidungen der Gesetzgebung, Verwaltung und
Rechtsprechung sollte ein neuester Stand von Wissenschaft und Technik berücksichtigt werden.“
346 Jänicke u.a., S. 34.
347 Zur Beschränktheit der Grenzwertpolitik vgl. Luhmann, Grenzwerte, S. 213.
348 Vgl. Jänicke u.a., S. 35.
76
1.2. Umweltschutz durch „Recycling“ des Abfalls
Anfang der siebziger Jahre erregte die durch eine rasche und kurzfristige Ausbeutung der
Natur gekennzeichnete Umweltkrise das Aufsehen der Öffentlichkeit, weil man als Folge der
Krisen den Zusammenbruch der Wohltandgesellschaft kommen sah. Diese Besorgnis löste
vor allem der 1971 veröffentlichte Bericht des Club of Rome „Limits of Growth“ aus, der in
Deutschland ein Jahr später unter dem Titel „Grenzen des Wachstums“349 publiziert wurde. In
diesem Bericht verwies ein amerikanisches Forscherteam anhand einer Modellrechnung auf
ein mögliches Zusammenbrechen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems. Nur durch eine
radikale Bevölkerungsbeschränkung, einen wesentlich sparsameren Umgang mit den
übriggebliebenen Rohstoffen und eine Reduzierung des materiellen Wohlstands,
prognostizierten die Wissenschaftler, sei die ökologische Katastrophe aufzuhalten. Zu einer
möglichen Maßnahme gehörte die Rohstoffgewinnung aus Abfällen.350
Mit dem Ausbruch der Ölkrise 1973/74 lag die Vermutung nah, dass dieses düstere Szenario
Realität werden könnte. Durch das Verbot des Autofahrens an Sonntagen351 bekam die
Bevölkerung die Grenzen des Wachstums zu spüren. Die Massenmedien widmeten ihre
Berichterstattungen zunehmend Themen wie Ökologie, Bodenerosion, Ressourcen. 352 Im
Felde der Politik wurde der sparsamen Verwendung von Rohstoffen als Maßnahme zum
Umweltschutz eine zentrale Bedeutung beigemessen.
In den neuen Rahmenbedingungen wurde hinsichtlich der Müllfrage die alte Parole „Müll
sei Materie am unrechten Ort“ 353 immer lauter. Unter dem generellen Trend zur
Rohstoffverteuerung erlebte der Altstoffmarkt einen großen Aufschwung, und die
Privatwirtschaft entdeckte eine neue Marktchance in Abfallstoffsammlungen.354 In fachlichen
Diskussionen über Abfall kursierte der Begriff „Recycling“ im Sinne des Wiederverwendens,
der Weiterverwendung und der Verwertung von Abfällen, der in den USA bereits 1970 mit
gesetzlichen Grundlagen355 umgesetzt worden war. Im Jahr 1973 fand ein Symposium über
das Abfallrecycling statt unter umfangreicher Beteiligung von Fachleuten, des
Bundesministers für Forschung und Technik (BMFT), aus Wirtschaft und Industrie, von
Hochschulen und Forschungsinstituten.356 Nach Angaben von Gottfried Hösel standen die
349 Meadows, Grenzen.
350 Ebda., S. 120:„Verfahren zur Wiedergewinnung von Rohstoffen aus Abfällen werden mit Sicherheit die
Umweltverschmutzung durch diese Abfälle und toxische Metalle verringern.“
351 Tagesspiegel v. 21.11. 1973; Der Spiegel, Nr. 48 (1973), Ein Schock für drei bis vier Jahre, S. 28-34.
352 Hermand, S. 134.
353 Vgl. hierzu: Kapitel 1.2.
354 Wolbeck , Abfallwirtschaft, S. 271.
355 Im Jahr 1970 verabschiedete die amerikanische Regierung den Resource Recovery Act. Oppermann, Neue
Wege, S. 30.
356 Hösel, Möglichkeiten, S. 97.
77
neuen Bedingungen - die erhöhte Berücksichtigung von ökologischen Kriterien unter
Einbeziehung von Beseitigungskosten in die Wirtschaftlichkeitsberechnungen sowie
zunehmende Rohstoffverknappung - für das Recycling.357 Von diesen Diskussionen veranlasst,
befasste sich die Bundesregierung mit einem Abfallwirtschaftsprogramm mit dem
Schwerpunkt Recycling.
Schließlich legte die Bundesregierung im Jahr 1975 das neue umfangreiche
Abfallwirtschaftsprogramm vor, das nicht nur auf die Verstärkung der behördlichen
Überwachung der Abfallbeseitigung, sondern auf die Verwertung von Abfällen ausgerichtet
wurde. Nach dem Abfallwirtschaftsprogramm standen die Reduzierung der Abfälle auf
Produktions- und Verbraucherebene sowie die Nutzbarmachung von Abfällen durch
Verwertung im Produktionsprozess und durch Ausnutzung im Rahmen des Energiehaushalts
im Vordergrund. Die Errichtung von großtechnischen Demonstrations- und Versuchsanlagen
zur Rückgewinnung von Rohstoffen aus Abfällen und zur Verbesserung der Marktsituation
für Altmaterialien durch Beseitigung diskriminierender Regelungen für Verwertungsprodukte
wurden als wichtige Maßnahmen festgelegt.358 Als Voraussetzungen für die Durchsetzung
des Recyclings wurden ökonomische Vertretbarkeit und ökologische Vernünftigkeit
genannt.359 Dem Programm folgte im Jahr 1976 die Novellierung des Abfallgesetzes, die den
Betriebsbeauftragten für Abfall verpflichte, auf die Einführung von Verfahren zur
Reduzierung und Wiederverwendung von Abfall hinzuwirken.360
Zwar gewann der neue Begriff Abfallwirtschaft in fachlichen und politischen Diskussionen
Resonanz, aber dessen Umsetzung in die Praxis wurde bis Ende der siebziger Jahre selten ins
Auge gefasst. Nach Angaben von Werner Schenkel kamen Sortieranlagen zur
Materialrückgewinnung und Brennstoffherstellung mit einer Ausnahme in den Landesplänen
nicht vor.361 Die technologischen Versuchsprogramme zum Recycling hingegen wurden im
Rahmen des Umweltforschungsplans intensiv vorangetrieben. Dazu zählten vor allem zwei
Verfahren: Aufbereitungsverfahren zur Rohstoffgewinnung und Aufbereitungsverfahren zur
Brennstoffgewinnung. Für die Verwertung der Hausmüllbestandteile wurde das
„Bundesmodell Wiederverwertung“ eingeleitet, das durch die Entwicklung und Erprobung
einer Modellanlage auf die Erstellung eines Hausmüllverwertungssystems abzielte.362 Bei
diesen Untersuchungen fand man heraus, dass von den erprobten Modellen die getrennte
357 Ebda., S. 98.
358 BT-Drucksache 8/1938, 1978. S. 224f.
359 Karnowsky, Stand,S.180.
360 Kloepfer, S. 129.
361 Schenkel, Stand und Entwicklungstendenz, S. 275.
362 Schenkel, Abfallwirtschaft-Stand, S. 168.
78
Sammlung aufgrund einer hohen Bereitschaft der Bürger gute Ergebnisse lieferte.363 Mit der
Entwicklung des Umweltbewusstseins in der Bevölkerung wurde diesem Modell eine gute
Durchsetzbarkeit gegenüber mechanischen Sortieranlagen eingeräumt. In der Tat fasste die
getrennte Einsammlung in kleinstädtischen Gebieten und Landkreisen Fuß.364
1.3. Abfall und Bürgerbewegung
Den Abfalldiskurs in den siebziger Jahren begleitete auch ein neues Sozialphänomen: die
„Bürgerinitiative“. Ende der sechziger Jahre traten eine Reihe von Bürgerprotesten in
Erscheinung, die in großer Zahl gegen behördliche Planung und regionale Politik wie zum
Beispiel die Wohnungspolitik mobilisierten. Unter den Bürgern wurden die politischen
Entscheidungen als immer problematischer empfunden, die zum Verschwinden der
Grünflächen, zum Bau menschenunwürdiger Wohnungen oder zur Förderung der
Industrieansiedlung in Naherholungsgebieten führten. Die Politik, die den
Reproduktionsbereich betraf, wurde als unzulänglich angesehen.365 So begannen einige von
solchen Planungen betroffene Bürger, eine Initiative zu gründen, die eigene Interessen gegen
die tradierte politische Macht durchsetzen wollte.366 Wissenschaftlich ausgedrückt, suchten die
Bürgerinitiativen als eine Form der Selbstorganisation Einfluss auf politische
Willensbildungsprozesse zu gewinnen.367 Neben den herkömmlichen politischen Akteuren
bildeten die Bürgerinitiativen neue politische Akteure.368
Das Phänomen Bürgerbewegung weitete sich so stark aus, dass nach Untersuchungen des
Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (Infas) 1973 schon ca. 3% der Bevölkerung in
einer Bürgerinitiative mitgearbeitet hatten oder dort tätig waren.369 Die Aktionsfelder der
Bürgerinitiativen, die anfänglich aus spontanen Gruppierungen von Bürgern entstanden,
betrafen hauptsächlich die Bereiche Wohnen/Stadtplanung und Stadtsanierung, Erziehung und
Sozialwesen sowie Regionalplanung - insbesondere Verkehrsplanung -, für die die
Kommunen zuständig waren. Die Aktionen zielten, wie im Ausdruck „Ein-Punkt-
Bewegung“ abgelesen werden konnte, auf vereinzelte spezifische Maßnahmen ab.370
An die sich rasch ausweitenden Debatten über die Dringlichkeit von Umweltproblemen
schlossen sich die Bürgerinitiativen in zunehmender Zahl an. Dadurch sahen sie sich mit
363 Vgl. Vogel, Die Möglichkeit, S. 61 ff..
364 Schenkel, Abfallbeseitigung des Bundes, S. 298.
365 Knirsch u. Nickolmann, Bürgerinitiativen, S. 12 f.
366 Der Soziologe Dieter Rucht formulierte diese Entwicklung als „Reaktion und Herausforderung politisch-
administrativer Planung“. Vgl. Rucht, Planung.
367 Ebda, S. 202 ff.
368 Vgl. Karl, Bürgerinitiativen; Knirsch u. Nickolmann; Rucht , Modernisierung; Roth u. Rucht (Hg.), Neue
soziale.
369 infas report: Mitwirkung in Bürgerinitiativen, Bonn-Bad Godesberg v. 23.7.1973, zit. nach: Knirsch, S. 21
370 Rucht , Planung, S. 213 f.
79
einem neuen organisatorischen Problem konfrontiert. Es stellte sich heraus, dass sie durch die
an der Ein-Punkt-Bewegung orientierten Aktionen und Organisationsform Ziele nur
beschränkt erreichen konnten. Um diesem Effekt entgegenzuwirken, entstanden zunächst im
Jahr 1972 auf regionaler und nationaler Ebene lose Zusammenschlüsse von Initiativen,
namentlich der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), der sich in den
folgenden Jahren zu einer kämpferischen Organisation entwickelte. 371 Zwischen den
Initiativen kam die organisatorische Verflechtung nach dem jeweiligen Inhalt zustande.
Diese Bürgerinitiativbewegung diente vor allem dazu, dass den Bürgern in der politischen
Arena eine neue Rolle zukam. Sie ließen sich nicht mehr als Verwaltete und Verplante,
sondern als Gegenspieler und Partner der Staatsverwaltung repräsentieren.372 Während bis
1973 politische Maßnahmen zum Umweltschutz von Staat und Industrien bestimmt und
getroffen worden waren, stieg die neue Bürgerorganisation „Bürgerinitiative“ in die
politischen Entscheidungen ein, indem sie auf die Regierung Druck ausübte.373 Gegen die an
ökonomisch-politischem Interesse orientierte Entscheidungsfindung vertraten sie die
bürgerlichen Interessen, die auf eine hohe Lebensqualität – durch saubere Luft oder
Erholungsplätze - abzielten. Mit den Bürgerinitiativen wuchs das Umweltbewusstsein in der
Bevölkerung heran, was schließlich zum Übergang zur Abfallwirtschaft führte.
2. Berliner Abfallbeseitigungsplan und Abschluss des Abfallverbringungsvertrags
2.1. Unzulängliche Abfallbeseitigungspläne und Unbehagen in der Bevölkerung
Müllnotstand in Berlin (West)
Anfang der siebziger Jahre zog in Berlin die rasant ansteigende Menge an Abfällen immer
stärker die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Statistik der in Berlin (West) anfallenden
Müllmenge selbst zeigte schon hinreichend, wie alarmierend die Lage war: 1971 produzierte
jeder Berliner 1,6 m³ Hausmüll. Das der Müllabfuhr zugeführte Volumen hatte sich von
2.009.800 m³ im Jahr 1965 auf 2.763.800 m³ im Jahr 1970 gesteigert. Innerhalb von fünf
Jahren hatte sich die Müllmenge also um 37 % erhöht. In einem 1970 vorgelegten Bericht der
Berliner Stadtreinigungs-Betriebe (BSR) wurde die jährliche Steigerung der Abfallmenge auf
5 bis 6 Volumenprozent geschätzt.374 Die im Jahr 1971 eingesammelte Abfallmenge war
bereits so groß, dass das Olympiastadium damit viermal bis zum Rand hätte gefüllt werden
371 Ebda., S. 244.
372 Knirsch u. Nickolmann, S. 17.
373 Jänicke u.a., S. 35.
374 Auszug aus dem Bericht der BSR, in: Informationen. Umweltschutzforum Berlin, Nr.2, 1972, Beilage.
80
können. Anhand solcher Zuwachsraten war von einer baldigen Erschöpfung der vorhandenen
Müllablagerungsplätze in Berlin (West) auszugehen. Nach Angaben der BSR würde die
Hälfte der Berliner Abfälle in den Jahren 1977/78 mit den vorhandenen Anlagen unbeseitigt
bleiben.375
Anders als in der Vergangenheit erregte dieser Müllnotstand besondere Besorgnis wegen des
Zuwachses desjenigen Müllvolumens, das auf den außerordentlichen Anstieg der
Verpackungsmaterialien und speziell der Einwegbehälter zurückzuführen war. Drei Viertel
des Mülls waren alte Verpackungen aus Papier, Glas, Metall und Kunststoff. Gleichzeitig
machten neue Arten des Mülls wie Autowracks, Altreifen, Altöl und Schrott die
Müllbeseitigung schwieriger. "Eine absolute Zunahme der verbraucherspezifischen
Abfallmengen"376 und die vorgesehene Bodenverknappung zwangen Berlin (West), sich dem
drängenden Müllproblem umgehend zu stellen.
Über diese Müllnotlage informierten die BSR den Berliner Senat bereits Ende 1970 in einem
Bericht, der Prognosen im Hinblick auf das künftig anfallende Müllvolumen erhielt und zu
dessen Bewältigung den Bau einer zweiten Müllverbrennungsanlage (MVA) und die
Erweiterung vorhandener Deponien vorschlug.377 Dabei wurde die Umsetzung der im Jahr
1963 geplanten zweiten MVA aufgrund des geringen Platzbedarfes und starker
Volumenreduzierung für geeignet gehalten, obwohl Bedenken hinsichtlich der
Wirtschaftlichkeit der Anlage zum Ausdruck gebracht wurden. 378 Wie bei dem vorigen
Umstellungsplan der Müllbeseitigung fand die Kompostierung aufgrund schlechter
Absatzmöglichkeiten kein Gehör.379 Diese Ansicht wurde im Grundsatz von der im Auftrag
des Berliner Senats am 16. Dezember 1970 gebildeten Kommission zur Erstellung eines
langfristigen Abfallbeseitigungsplans übernommen. So gingen die Abfallbeseitigungspläne
der Kommission davon aus, dass der Bau einer zweiten MVA für Hausmüll 380 bereits
festgestellt wurde. An dieser Kommission waren mehrere Senatoren (Senator für Arbeit,
Gesundheit und Soziales, Wirtschaft, Finanzen), die Berliner Forstbetriebe und die BSR
beteiligt.381
375 Ebda.
376 Nickel, Abfallbewirtschaftung, S. 15.
377 Auszug aus dem Bericht der BSR.
378 Im Geschäftsbericht 1971 bezog die BSR folgendermaßen Stellung: „Nach dem Stand unserer Überlegungen
wird für West-Berlin auch in Zukunft die MVA als zwar wirtschaftlich aufwendigste, aber hygienisch
einwandfreie Müllbeseitigungsart Vorrang haben.“ BSR, Bericht über das Geschäft 1971, S. 13
379 Ebda.
380 Nach dem Erläuterungsbericht der BSR wurde die MVA für eine jährliche Verbrennungsleistung von ca.
370.000 t ausgelegt. Vgl. BSR-Archiv, Erläuterungsbericht zum Müllverbrennungswerk Berlin-Lichtenrade
der BSR. April 1970.
381 Drucksache des Abgeordnetenhauses von Berlin Nr. 6 / 335 v. 18.2. 72, Mitteilungen des Präsidenten Nr. 17,
Vorlagen zur Kenntnisnahme über langfristige Pläne über Anfall und Unterbringung von Abfallstoffen bis
1980, S. 3- 15, hier S. 3 ff.
81
„Kein Müll mehr vor uns“ - Unbehagen in der Bevölkerung
Als die Grundsätze der Pläne in der Öffentlichkeit bekannt wurden, entstand Unbehagen in
der Bevölkerung. Das betraf vor allem den Bauplan der zweiten MVA. Bereits Anfang 1971
wurde die Entscheidung getroffen, dass Berlin-Marienfelde, das beim Plan der Umstellung
zur Müllverbrennung in den sechziger Jahren als zweiter Standort festgestellt worden war, in
den Flächennutzungsplan aufgenommen werden dürfte. Dennoch kam die Durchführung des
Plans nicht zustande, weil dieser Standort wegen des Einspruchs der Alliierten aufgegeben
werden sollte. Die Amerikaner lehnten den Plan aufgrund der Flugbehinderung durch den
Schornstein der MVA ab.382 Im sofortigen Anschluss begann der Senat mit der Suche nach
einem neuen Standort für die MVA im südlichen Berlin. Im Juli 1971 schließlich gab der
Senator für Bau- und Wohnungswesen bekannt, dass Berlin-Buckow als „am ehesten
geeigneter“383 Standort nachgewiesen worden war
Diese Meldung beunruhigte die Anwohner dieser Gegend, so dass einige der Betroffenen
umgehend die "Bürgerinitiative gegen die Errichtung der Müllverbrennungsanlage am
Töpchiner Weg e.V." (BIG Müll) bildeten.384 Die Initiative erwiderte, dass Berlin-Buckow als
ein dicht besiedeltes Wohngebiet für die Errichtung der MVA nicht geeignet sei.385 Gegen
den Plan wurde mit dem Argument gefochten, dass die MVA mit Abgasen und
Verbrennungsrückständen umwelt- und gesundschädliche Folgen herbeiführen könnte.
Insbesondere erregte die Gefährdung der Luft durch die Anlage Besorgnis, denn eine
Messung zum damaligen Zeitpunkt zeigte, dass der Zustand der Berliner Luft allgemein dem
des Ruhrgebiets vergleichbar war.386 Dazu verbreitete sich in der Öffentlichkeit die Erkenntnis,
dass Kunststoffe, allen voran PVC, bei Verbrennung Chlorwasserstoff entwickeln konnten.387
So warnte die Bürgerinitiative in den an Bürger verteilten Flugblättern in erster Linie vor den
Gefahren - die vorhersehbare Emission von Schwefeldioxyd, Chlorwasserstoff und Feinruß
sowie die Schlacken mit ihren giftigen Salzen.388 Hier spiegelte sich die zu dieser Zeit zu
beobachtende Sensibilisierung der Gesellschaft gegenüber der Umweltzerstörung wider.
382 Drucksache 6 /170 v.17.09.71, Mitteilungen des Präsidenten Nr. 4, Kleine Anfrage des Abgeordneten
Wischner (CDU) über Müllverbrennungsanlage, S. 32. Nach Angaben der „Bürgerinitiative gegen Errichtung
der MVA am Töpichner Weg“ waren die Radaranlagen der Alliierten der Grund. Semesterbericht WS 71/72
der Untergrupper Bürgerinitiativen im Projekt BIN (unveröffentlichtes Material), S. 96
383 Drucksache 6/170.
384 Komitee der Bürgerinitiative: Drobnik (Versicherungskaufmann), Ehrlich-Carli (Kosmetikerin), Hörnlein
(Polizeibeamter), Hühner (Rechtsanwalt), Dr. Koos (Arzt), Lasson (Hausfrau), Luxat (Apotheker), Prof.
Mardus (Physiker), Perschke (Kraftfahrer), Prietz (kaufmännischer Angestellter), Schmidt (Ofensetzer),
Vogelsang (Pfarrer). Semesterbericht WS 71/72, S. 29.
385 Hühner, Weshalb, S. 7.
386 Lorenzen, Grauen, S. 19.
387 Vgl. Rasch, Fachtagung, S. 370 f.
388 Semester, S. 30. Unter dem Einfluss dieser Initiative beschloss im September 1972 die Bezirksverordneten-
versammlung von Charlottenburg die Empfehlung: „Das Bezirksamt wird beauftragt bei den zuständigen
Stellen darauf einzuwirken, dass die lässtigen Nebenwirkungen wie Ruß-, Rauch- und Geruchsbelästigung
82
Gegen den Senatsplan schlug die Bürgerinitiative aus eigener Analyse Albrechts Teerofen als
einen alternativen Standort vor.389 Zugleich forderte sie von Politikern und Behörden neue
Überlegungen zur Müllbeseitigung. Im Unterschied zur Müllverbrennung, so meinte die
Bürgerinitiative, sei die Müllkompostierung eine Müllbeseitigung ohne giftige Rückstände
und ohne Lärm- und Geruchsbelästigung. 390 Die verhältnismäßig niedrigen Bau- und
Betriebskosten der Kompostanlage wurden als weitere Vorteile hervorgehoben. Ohne
angestrengte Bemühungen, wie zum Beispiel die Planerstellung für den Absatz von
Müllkompost, so kritisierte die Initiative, entschied sich der Senat für den einseitigen
Abfallbeseitigungsplan.391
Darauf reagierten die BSR, die für die Durchführung des Plans zuständig waren, zunächst
mit der Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit. In einer am 12. Oktober 1971 stattfindenden
Sitzung der BSR wurde die Vorbereitung von Informationsmaterial angeordnet, das zur
Überzeugung des zweiten Anlage-Plans dienen sollte.392 Darüber hinaus wurden zwei neue
Gutachten hinsichtlich der Emissionsfrage der MVA vom Senator für Gesundheit und
Umweltschutz vorgestellt. 393 Parallel dazu versprachen die BSR, ein unabhängiges
Ingenieurbüro mit einem Gutachten zu beauftragen, um die Anforderungen der
Kompostierung zu überprüfen. Bezüglich des vorgeschlagen Standortes hingegen äußerte der
Senator für Bau- und Wohnungswesen aufgrund der Waldschäden Bedenken.394
Unzulänglichkeit der „langfristigen Abfallbeseitigungspläne“
Inmitten dieser Komplikation legte der Berliner Senat im Februar 1972 die "langfristigen
Pläne über Abfallbeseitigung bis 1980" 395 vor, die hauptsächlich Vorschläge zur
Unterbringung von Abfällen außerhalb Berlins und zur Erweiterung von bestehenden
Deponien beinhalteten. In den Plänen fanden sich hinsichtlich des Hausmülls zwei
Maßnahmen: Unterbringung des Mülls außerhalb Berlins und Erweiterung der Deponien
(Wannsee, Lübars).396 Die Angaben über die zweite MVA wurden hier ausgespart, weil dieser
durch die MVA in Ruhleben so eingeschränkt werden, dass die Anwohner davon nicht mehr betroffen werden
können“. Vgl. hierzu: BSR-Archiv, MV-C/Wei Aktennotiz v. 22. September 1972.
389 Semester, S. 96. Den Vorschlag kommentierte eine studentische Gruppe, die zu dieser Zeit Aktivitäten der
Bürgerinitiativen begleitend untersuchte folgendermaßen: „Die durch die MVA entstehende
Luftverschmutzung bedroht hauptsächlich die Bevölkerung des Kreises Potsdam. Die betroffenen Gebiete
haben eine ähnliche hohe Bevölkerungsdichte wie die Gebiete um den Töpchiner Weg. Nicht ganz
uneigennützig erschienen uns auch die Überlegungen der BIG Müll.“ Semester, S. 97.
390 Hühner, Weshalb, S. 7 f.
391 Müllverbrennung? An die Teilnehmer des Berliner SPD-Landesparteitages, in: Informationen.
Umweltschutzforum. Nr. 2, 1972.
392 BSR-Archiv, Bericht über die Besprechung „Öffentlichkeitsarbeit“ am 12.Oktober 1971 in Ruhleben. 2S.
393 BSR-Archiv, Schrift des Senators für Finanzen an den Regierenden Bürgermeister von Berlin. 10.Mai 1972
394 BSR-Archiv, Stellungnahme zum Standortvorschlag der „Bürgerinitiative gegen die Errichtung der
Müllverbrennungsanlage am Töpchiner Weg e.V.“ vom 14. 2. 1972. Schrift von 21.April 1972.
395 Drucksache 6/ 335.
396 Ebda, S. 4 f.
83
Plan bereits im Jahr 1963 festgelegt war und sich lediglich in der Durchführungsphase befand.
So befasste sich der Bericht des Senats mit den anderen Beseitigungsmaßnahmen. Als ein
Vorschlag zur Unterbringung wurde die Lieferung von festen Abfallstoffen in die DDR
erörtert. Somit gab der Senat zum ersten Mal bekannt, dass Verhandlungen mit der DDR über
die Müllverbringung eingeleitet worden waren. Die Überlegung wurden damit begründet,
dass Großdeponien außerhalb Berlins nahe der Stadtgrenze eine wirtschaftliche Lösung
darstellen könnten.397
Mit diesen Plänen stieß der Senat auf harte Kritik. Von der Oppositionen wurde dem Senat
Konzeptlosigkeit und Einseitigkeit vorgeworfen. Peter Borroffka, Mitglied der CDU-Fraktion
des Abgeordnetenhauses von Berlin, sah einen grundlegenden Mangel der Pläne darin, dass
sich die Vorlagen ausschließlich mit Restschutt und Lehm, mit flüssigen Sonderabfällen und
mit Müll beschäftigten, ohne Autowracks, Altreifen und Klärschlamm zu berücksichtigen.398
Klaus-Dieter Heise, der Vorsitzende des Fachausschusses für Umweltpolitik in der Berliner
FDP, bemängelte, dass Lösungsmöglichkeiten nicht genügend berücksichtigt wurden.399 Von
Versäumnissen und undurchsichtiger Informationspolitik war ebenfalls die Rede. Nach
Angaben von Heise wurde den Abgeordneten nicht genügend Zeit für die Überprüfung der
Planvorlagen und die Diskussion gegeben.400 Der Senat, so kommentierte Borroffka in einer
Schrift, musste sich unter dem selbstverschuldeten Zeitdruck für die Erweiterung der Deponie
entscheiden.401
Nicht nur im Parlament, sondern auch in der Öffentlichkeit wurde die Kritik an den Plänen
lauter. Im März 1972 kündigte eine neue Bürgerinitiative ihre Proteste an. 402 Die
„Bürgerinitiative Grüne Hand“403 wandte sich gegen die geplante Erweiterung der Müllkippe
Lübars und mobilisierte die Öffentlichkeit gegen das Projekt, indem sie Veranstaltungen wie
eine Fotoausstellung und einen „Müll-Gottesdienst“ organisierte. Anlass für diese Aktionen
war in erster Linie, dass dieser Plan im Widerspruch zum Wahlversprechen der SPD in
Reinickendorf stand, den gesamten Nordraum vor dem Märkischen Viertel der Bevölkerung
als Freizeit- und Erholungsgebiet zuzusichern.404 An der Initiative beteiligten sich auch die
SPD-Mitglieder, die Fehler ihrer Parteipolitik zu berichtigen suchten. Gegen den weiteren
Plan, eine Ablagerungsfläche am Teufelsberg für Schutt und Lehm zu eröffnen, organisierten
397 Ebda, S. 4.
398 Plenarprotokolle des Abgeordnetenhauses von Berlin (PlPr) 6/27, 27 Sitzung vom 20. April 1972
(6.Wahlperiode), Große Anfrage der Fraktion der CDU über Abfallbeseitigung, S. 909.
399 Heise, roter, S. 13.
400 Ebda.
401 Vgl. Contra von der CDU? S. 13.
402 Tagesspiegel v. 4. 3. 1972.
403 Zu dieser Initiative hatten sich der Mieterverbund Märkisches Viertel, die Evangelische Gemeinde am
Seggeluchbecken, die SPD in Lübars, im Märkischen Viertel und in Waidmannslust sowie die
Reinickendorfer Jungsozialisten zusammengeschlossen. Vgl. hierzu: Hensel, Kein Müll, S. 2 f.
404 Ebda., S. 3.
84
auch die Wilmersdorfer Proteste.405 Gegen den „Umweltraub“, der aus mangelnden Planungen
und bedenkenloser Politik resultierte, wurde eine umweltbewusste Bürgerwehr ins Leben
gerufen.406 Auf diese Weise stand das zu dieser Zeit neu herausgebildete Problembewusstsein
über Umwelt in der Bevölkerung den Plänen im Wege.
Eine Reihe von Diskussionen über die Abfallbeseitigung fand auch in einer kirchlichen
Umweltorganisation, dem Umweltschutzforum Berlin, statt.407 Das Forum beschäftigte sich
mit kritischen Auseinandersetzungen der Abfallpolitik und strebte ein alternatives Konzept an,
denn die langfristigen Pläne wurden dort auch als mangelhaft empfunden.
Die lautstarken Einwände gegen die Pläne wurden aber langsam besänftigt, als sich die
Lieferung des Abfalls in die DDR abzeichnete. Im April 1972 wurde öffentlich bekannt
gemacht, dass die DDR ihre Bereitschaft zur Abnahme des Abfalls erklärte. 408 Diese
Nachricht war nicht nur dem Senat, sondern auch den Bürgerinitiativen willkommen. In ihrem
Vorschlagspapier forderte die "Grüne Hand" den Senat auf, zwecks Übernahme der in Berlin
(West) nicht verwertbaren Haushalts- und Industrieabfälle in Verhandlungen mit der DDR zu
treten.409 Sie sah darin eine Möglichkeit, ihre Wohnraum vor der Gefahr von Müllbergen zu
schützen. Das Umweltschutzforum Berlin vertrat eine ähnliche Meinung: „Der Abtransport
von Abfall (Schutt und Müll) aus Berlin darf keine ’ultima ratio’ sein, sondern muss unter den
geographisch-politischen Gegebenheiten als ein wichtiger Aspekt der Abfallwirtschaft Berlins
betrachtet werden.[...] Wir halten es für dringend notwendig, die eingeleiteten Verhandlungen
mit der DDR über Abnahme von Abfallstoffen, sobald aus politischen Gründen möglich,
wieder aufzunehmen und weiterzuführen.“ 410 Das Forum betonte aber zugleich die
Notwendigkeit der Reduzierung des Müllaufkommens und der Wiederverwertung von
Abfallstoffen als einer Voraussetzung dieser Maßnahme. So fanden der Senat und die
Bürgergruppe einen Kompromiss.
2.2. Müllverbringungsvertrag mit der DDR
Verhandlungen mit der DDR über Müllverbringung
Unter dem gegebenen Zeitdruck und aufgrund der Bürgerproteste sah der Berliner Senat in
der Unterbringung des Mülls außerhalb Berlins eine realisierbare Möglichkeit. Die Senat für
405 Naulin, Müllverbringung, S. 9.
406 Hensel, Kein Müll, S. 2.
407 Das in einer Form der Bürgerinitiative organisierte Forum hatte sich zur Aufgabe gestellt, sowohl die
Dokumentation der Berliner Umweltschutzaktivitäten zu besorgen als auch der aktuellen Information über
Bürgerinitiativen und freie Meinungsäußerungen zu dienen. Vgl. hierzu: Knirsch u. Nickolmann, S. 124 f.
408 Drucksache 6/743 v.12.01.73, M. Nr. 40, Vorlage zur Kenntnisnahme über Verbringung von Abfallstoffen in
die DDR. S. 8-9.
409 Hensel, S. 3
410 Der Dreck muß weg, in: Informationen. Umweltschutzforum. Nr. 3. 1.Juli 1972, S. 7 f.
85
Bau- und Wohnungswesen, für Finanzen, für Wirtschaft, die Treuhandstelle für den
Interzonenhandel und die BSR führten Verhandlungen im Rahmen der
Abfallbeseitigungspläne. Zu den möglichen Partnern zählten westdeutsche Länder, Polen und
die DDR. 411 Die Verhandlungen mit anderen Bundesländern blieben aber wegen des
Kapazitätsmangels oder der Grundwassergefährdung erfolglos, und Polen war nicht bereit,
Berliner Hausmüll unterzubringen.412 In den Verhandlungen mit der DDR präsentierte sich
die Lage zuerst nicht anders, weil die DDR durch ihre Interzonenhandelsfirma die Ablehnung
von Siedlungsabfällen mitteilte. Bei der Erneuerung des Abkommens, das im Jahr 1969 über
die Lieferung von Trümmerschutt abgeschlossen wurde, hatte die Treuhandstelle gefragt, ob
die Unterbringung von Siedlungsabfällen in die DDR möglich sei.413
Diese Lage änderte sich jedoch im April 1972, als sich die DDR erstmals zur Abnahme von
Siedlungsabfällen bereit erklärte.414 Der Berliner Senat, der zu schnellem Handeln gezwungen
war, wollte sich das unerwartete Angebot nicht entgehen lassen. Als Verhandlungspartner
wurde umgehend die BC Berlin-Consult GmbH (BC)415 beauftragt, auf DDR-Seite führte die
Bergbau-Handel-GmbH (BBH) die Verhandlung. 416 An den Verhandlungen und
vorbereitenden Besprechungen nahmen auch Vertreter der zuständigen Senatsverwaltungen
und Ministerien teil. So fand die erste Sitzung am 7. 4. 1972 statt.417
Nach dem Bericht von Michael Ferber, der als technischer Direktor der BSR an den
Verhandlungen teilgenommen hatte, waren die Verhandlungen aus folgenden Gründen
kompliziert und zeitraubend: „Der Verhandlungspartner aus der DDR hatte
verständlicherweise hinsichtlich der Materie Müll sowohl in bezug auf die zur Verhandlung
stehenden großen Mengen als auch die vielfachen Abfallarten keine praktischen Erfahrungen
und ging deshalb mit äußerster Vorsicht in die Verhandlungen. Auf der Seite der Vertreter aus
Berlin-West war einerseits ein erhebliches Misstrauen vorhanden, nach den Erfahrungen der
letzten dreißig Jahre kein Wunder, andererseits bestand jedoch Interesse, die tatsächlichen
Möglichkeiten unter Berücksichtigung der politischen Gegebenheiten weitestgehend zu
411 Vgl. Drucksache 6/417 v.21.04.72, M. Nr. 21, Kleine Anfrage des Abg. Blasek (SPD) über Abfallbeseitigung,
S. 3.
412 Drucksache 6 / 417, S. 3.
413 Vgl. Albrecht, Transit, S. 978 ff.
414 Dabei soll der persönliche Kontakt des Senators für Finanzen mit einem Mitarbeiter des Politbüros des ZK
der SED eine entscheidende Rolle gespielt haben. Persönliche Mitteilung von Herrn Tiemann, der an der
Ausrhandlung des Langfristvertrags beteiligt war.
415 Die Firma BC wurde im Jahr 1968 als 50% landeseigene Industrieplanungs- und Beratungsfirma gegründet.
Am Anfang beschäftigten sie sich mit der Planung und Errichtungen von zwei Fleischkombinaten in Polen
sowie für zwei Industriewerke in der DDR. Vgl. Drucksache 6/1408 v. 24.05.74, M. Nr. 88, Kleine Anfrage
des Abgeordneten Boehm (CDU) über Beteiligung Berlins an Consult-Gesellschaften, S. 33.
416 Diese Verhandlungen sollten über die Interzonenhandelsfirmen beider Seiten abgewickelt werden, da der
politische Status von West-Berlin dem Senat keine direkten Verhandlungen mit der DDR-Regierung erlaubte.
417 SAMPO-BArch, DY 30 / 2957, Bl. 1.
86
nutzen.“418 In der Tat bereitete sich die DDR-Regierung auf den Verhandlungen vor, indem
sie Gutachten über die Abfallarten bei mehreren Stellen - die Staatliche Zentrale für
Strahlenschutz beim Ministerrat der DDR, das Ministerium für Umweltschutz und
Wasserwirtschaft, das Staatssekretariat für Geologie, das Ministerium für Gesundheitswesen
(Hygiene-Inspektion) - erstellen ließ.419 Demzufolge konnte man den schnellen Abschluss der
Verhandlungen nicht erwarten.
Dennoch kamen beide Partner zu einer grundsätzlichen Einigung, einen Vertrag über die
Beseitigung der in Berlin (West) anfallenden Abfallstoffe für einen Zeitraum von mindestens
zwanzig Jahren zu schließen. Von DDR-Seite wurde dem Vertrag aus ökonomischem
Interesse, d. h. hoher Valutaeinnahmen, große Bedeutung beigemessen420, während auf der
Berliner Seite (West) das Interesse, das dringende Müllproblem zu lösen, das Misstrauen
überwog. Ein sofortiger Abschluss des Vertrags kam jedoch nicht zustande, weil immer noch
technische und organisatorische Probleme ungelöst waren. Als eine Grundlage für den
geplanten Vertrag wurde zunächst der Abschluss eines sogenannten Kurzfristvertrages mit
realisierbaren Lösungen vereinbart. Dementsprechend wurde eine vorläufige Regelung für die
Beseitigung von Bodenaushub, Bauschutt und Siedlungsabfällen gefunden und am 27. 10.
1972 der kurzfristige Abfallverbringungsvertrag abgeschlossen.421
Dieser Vertrag sah vor, dass während der Anlaufphase 1973 2,5 Mio. Kubikmeter feste
Siedlungsabfälle, Restschutt und Bodenaushub mit Lastkraftwagen - Restschutt und
Bodenaushub zum Teil auch per Schiff und Bahn - in die DDR verbracht und dort beseitigt
werden.422 Unter dem Begriff „feste Siedlungsabfälle“ verstand man folgende Abfallstoffe:
Hausmüll aus Haushalten und Kleingewerbebetrieben, feste Verbrennungsrückstände aus der
MVA Ruhleben, Schlacke aus der Zentralheizungsanlage. Für die Ablagerung von
Abfallstoffen wurde vereinbart, etwa 1 km südlich der Stadtgrenze auf einem Gelände in
Groß-Ziethen eine neue Deponie einzurichten. Diese Deponie sollte nach einem mit der DDR
abgestimmten Plan von den BSR mit eigenem Personal und Gerät als geordnete Deponie
betrieben werden.423 Über diese technischen Leistungen hinaus sollte der Senat für die
Nutzung des Geländes jährlich 60.000 DM zahlen. Außerdem sollte die DDR je Kubikmeter
418 Ferber, Erfahrungen, S. 201 ff.
419 SAMPO-BArch, DY 30 /2957, Bl. 2.
420 Das ökonomische gesamte Ergebnis aus diesem Vertrag wurde auf ca.1,5 Milliarden Valutamark eingeschätzt.
Vgl. SAMPO-BArch, DY 30 / 3128, Bl. 10
421 Tagesspiegel v. 28. 10. 1972.
422 Vgl. MfS Rechtstelle 188 Vertrag und 5 Beilage, 40 S. (Privatsammlung Pisches); Drucksache 6 / 743 des
Abgeordnetenhauses von Berlin, S. 8 f.
423 Ebda.
87
Müll eine Beseitigungsgebühr erheben können: 4 DM pro transportiertem Kubikmeter Müll
und zwei DM für jeden Kubikmeter Trümmerschutt und Bodenaushub.
Die Verhandlungen, die allerdings auf einer abgeschotteten politischen Bühne geführt
wurden, schilderte Boroffka folgendermaßen: „Seit dem 7. 4. 1972 sind mit der DDR
Verhandlungen wegen Verbringung im Gange. Seitdem aber wurde im Parlament über diese
Frage geschwiegen, weil die SPD-Fraktion mit ihrer Mehrheit eine Behandlung nicht
zuließ.“424 Einzelheiten über Verhandlungen wurden kaum veröffentlicht. Kurz vor dem
Abschluss gelangte die Verhandlung wieder in die Öffentlichkeit, und der Senat informierte
das Parlament darüber.425 Der Abschluss des Ein-Jahresvertrags löste ein weites Echo in der
Berliner Tagespresse aus. Es war die Rede von der Abwendung des Müllproblems mittels des
Vertrags.426 Die Einsprüche der Bürgerinitiative schienen ihre Gültigkeit zu verlieren, als der
Senator für Finanzen im Dezember 1972 beim Bericht über die Verhandlungen und den Inhalt
des Vertrags ankündigte, Maßnahmen wie die Errichtung der MVA und die Erweiterung der
Deponien bis auf weiteres zurückzustellen.427
Anhand des Vertrags gelang es dem Senat, weitere Konflikte zu vermeiden. Nach Ansicht
der BSR war das ganze Abfallproblem nun ein Transportproblem - die Entwicklung eines
neuen Transportsystems war vonnöten. 428 Angesichts der Devisenbeschaffung hatte der
Abschluss des Vertrags für die DDR-Regierung große Bedeutung, obwohl der Vertrag
zugleich eine Menge technischer und organisatorischer Probleme aufwarf.429 Vor der DDR-
Öffentlichkeit versuchte die DDR-Regierung den Abschluss des Vertrags geheim zu halten,
was nicht ganz gelang. Eine Ortsgruppe Groß-Ziethen des Anglerverbandes der DDR
kritisierte den Vertrag als schlechtes Geschäft für die DDR und forderte dessen
Veröffentlichung.430 Ihr Einwand richtete sich darauf, dass der Vertrag ohne Entschädigung
die Errichtung der Deponien auf dem Erholungsgebiet des Orts erlaubte. Auf dem Gebiet
befand sich ein kleiner See, wo Strandfeste und Jugendversammlungen stattfanden. Mit
Inkrafttreten des Vertrags wurde die Umwelt Ost-Berlins der Abwendung des Müllproblems
in Berlin (West) geopfert.
424 Contra, S. 14.
425 Tagesspiegel v. 23. 9. 1972: „Vor einer Vereinigung über den Mülltransport in die DDR“; Contra, S. 14.
426 Wiesemann, Umwelt, S. 21.
427 Drucksache 6 /743 v. 12.01.73, M. Nr. 40, S. 9.
428 Wiesemann, S. 21.
429 Vgl. SAMPO-BArch, DY 30 /2957, Beseitigung von Abfallstoffen aus Westberlin in die DDR.
430 MfS Rechtsstelle 188 BStU 118 Brief von Ortsgruppe Groß-Ziethen. (Privatsammlung Piesches)
88
Fast ein Jahr später, am 10. September 1973, rollten die ersten 52 Lastwagen mit West-
Berliner Müll und Bodenaushub durch einen Mauer-Durchlass am Kölner Damm in Berlin
Buckow auf einer eingezäunten, etwa 700 Meter langen Straße zur Deponie Groß-Ziethen.431
Abschluss des Abfallverbringungsvertrags mit der DDR
Im Oktober 1973 begannen die Verhandlungen 432 über den beim Abschluss des
Kurzfristvertrags vorgesehenen Zwanzig-Jahres-Vertrag. Trotz der vorherigen Gespräche und
grundsätzlichen Vereinbarungen liefen diese Verhandlungen nicht reibungslos.433 Angesichts
der technischen Frage- der Transportmittel und der Transportsysteme- stießen die beiden
Partner auf Schwierigkeiten. Für die Ausführung des Vertrags hatte die DDR als
Deponiestandorte Schöneiche (Kreis Zossen), Vorketzin und Deetz (Kreis Brandenburg)
vorgesehen, die in dreißig bis vierzig Kilometer Entfernung von Berlin (West) liegen. Das
machte den Einsatz eines Ferntransportsystem erforderlich, mit dem weder der eine noch der
andere Erfahrungen hatte. Daher unternahmen beide Partner eine Erkundungsreise nach
Holland, Dänemark und Frankreich, um sich über die Erfahrungen mit Ferntransportsystemen
zu unterrichten.434 Auf Grundlage der Erkundungen legte man ein Containerfahrzeugsystem
für den Transport fester Siedlungsabfälle fest. In bezug auf den Transport bereiteten der
DDR-Seite die Festlegung des Grenzübergangs und die Strassenführung für diese Fahrzeuge
das größte Kopfzerbrechen.435 Aus Gründen der territorialen Sicherheit war es für die DDR
unentbehrlich, dass die Abstimmungen mit dem Minister für Verteidigung der DDR und dem
Minister für Staatssicherheit eingeleitet werden sollten. Diese Koordinierungsarbeit hatte
zum Teil die Verzögerung der Verhandlungen zur Folge.436
Eine weitere Schwierigkeit kam bei den Verhandlungen über die Eigenart der zu
verbringenden Abfallstoffe auf. Obwohl die Beseitigung flüssiger, schlammiger, bedenklicher
und toxischer Abfallstoffe von der DDR-Seite auf Grund ökonomischer Ergebnisse akzeptiert
wurde437, tat man sich schwer, eine Vereinbarung nicht zu treffen. Nach Angaben von Ferber
431 Wetzel (Hg.), Berlin, S. 296
432 Die Akten der DDR über die Verhandlungen zeigten, dass der Abteilungsleiter der
Kommerzielle Koordinierung im Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel Schalke-
Golodkowski seit 1974 die Aufgabe der Beratungen und der Koordinierungen zwischen Ministerien
übernommen hatte. Vgl. SAMPO-BArch, DY 30 / 3128. Bl. 9.
433 Vgl. Drucksache 6/1743 v. 14.04.75, M. Nr. 114 Vorlage zur Kenntnisnahme über langfristige Verbringung
von Abfallstoffen in die DDR und andere Maßnahmen der Abfallbeseitigung, S. 5-6.
434 Ferber, Erfahrungen, S. 203
435 SAMPO-BArch, DY 30 / 3128, Bl. 12.
436 SAMPO-BArch, DY 30 / 3128, Bl. 37.
437 „Dabei ist die Beseitigung von ca.120 Mio t Abfallstoffen aus Westberlin in der Zeit von 1975-1994 mit
einem geschätzten ökonomischen Gesamtergebnis für die DDR von ca.1,5 Milliarden VM vorgesehen. Die
Erreichung dieser ökonomischen Ergebnisse schließt auch aus ökonomischen und technologischen Gründen
die Beseitigung flüssiger, schlammiger, bedenklicher und toxischer Abfallstoffe ein.“ SAMPO-BArch, DY
30 / 3128, Bl.10. Schrift v. Schalke. April 1974.
89
ging die Firma Bergbau damit sehr vorsichtig um. 438 Am Ende kamen die folgenden
Vereinbarungen zustande: Die flüssigen Abfälle sollten in entwässerter Form übernommen
werden, und die Beseitigung giftiger Abfallstoffe sollte schrittweise im Lauf eines Jahres
vereinbart werden, wenn entsprechende Möglichkeiten in der DDR bereitgestellt würden.439
Im Grunde genommen waren lediglich Abfallstoffe von höchster Toxizität von der Abnahme
ausgeschlossen.
Bei den Preisverhandlungen kam noch einmal Spannung zwischen den beiden Partnern auf,
da die diesbezüglichen beiderseitigen Vorstellungen weit auseinander lagen. Aus taktischen
Gründen entschieden sich die Vertreter der DDR für eine hohe Preisforderung. So forderten
sie für feste Siedlungsabfälle (inklusive Sonderabfälle) einen Preis in Höhe von 41,00 DM/t,
dem anfänglich nur ein Berliner (West) Angebot von 20 DM/t gegenüberstand.440 Am Ende
akzeptierte die DDR-Seite einen Preis von 25,7 DM/t mit folgenden Zusatzkonditionen: eine
jährliche Preiskorrektur auf der Grundlage der Teuerungsrate in der Bundesrepublik
Deutschland, die Stellung der gesamten Deponieausrüstung durch die Westberliner Seite und
eine 90%ige jährliche Vorauskasse.441 Durch den Vertrag gelang es der DDR, Valutaeinahmen
in Höhe von insgesamt 1,25 Milliarden Valutamark für zwanzig Jahre zu erwirtschaften.
Schließlich wurde am 11. Dezember 1974 ein Vertrag zwischen der Firma BBH und der BC
abgeschlossen: Ein „Vertrag über die Verbringung von Abfallstoffen aus Berlin (West) und
ihre Beseitigung in der DDR“442. Seine Gültigkeit erstreckte sich vom 1. Januar 1975 bis zum
31. Dezember 1994. Der Abschluss wurde von einem Briefwechsel zwischen dem Senator für
Finanzen und dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR begleitet, der die
politische Gewährleistung der Einhaltung der Bedingungen für den Vertrag zusicherte.443
Dieser Vertrag war ein kommerzieller Vertrag im Rahmen des Interzonenhandelsabkommens
(Berliner Abkommen 1951).444
Mit diesem Vertrag konnte bis 1994 die Verbringung von 18 Mio. m³ Bodenaushub, 38 Mio.
m³ Bauschutt und 35 Mio. t fester Siedlungsabfälle in die DDR gesichert werden. Das für die
Jahre 1979 bis 1983 festgelegte Liefersoll für Siedlungsabfälle schrieb einen jährlichen
Anstieg um 100.000 t vor.445 Für die Jahresliefermenge innerhalb eines Dreijahresabschnitts
war entweder ein Ausgleich durch Überschreitung im vierten Jahr oder eine
438 Ferber, Erfahrungen, S. 203.
439 SAMPO-BArch, DY 30 / 3128, Bl. 47.
440 SAMPO-BArch, DY 30 / 3128, Bl. 38
441 SAMPO-BArch, DY 30 / 3128, Bl. 46.
442 BT-Drucksache 7/7600 Anlage Dokument 434 Vertrag, 10 S.
443 SAMPO BArch, DY/ 30/ JIV 2/2J Nr. 5569 Briefwechsel.
444 Druck 7/1229 v. 05.05.78, M. Nr. 142, Vorlage zur Kenntnisnahme über Durchführung und Auswirkungen
der Verträge über die Verbringung von Abfallstoffen in die DDR, S. 2-21, hier S. 4
445 Jörgensen, S. 112.
90
Ausgleichszahlung im fünften Jahr bei Unterschreitung der Sollmenge um mehr als 10 %
vereinbart.446 Von der DDR wurden mit Hilfe von der Firma BC drei Deponien ausschließlich
für den Westberliner Müll errichtet und betrieben: die Deponien Schöneiche und Vorketzin
(Siedlungsabfälle mit Sonderabfällen) und die Deponie Deetz (Bodenaushub, Bauschutt). In
der Kategorie „Siedlungsabfälle“ war auch die Anlieferung gewerblicher Sonderabfälle,
darunter flüssiger, schadstoffhaltiger Abfälle inbegriffen.447 Etwa 1 Mio t Sonderabfälle448
konnten gemischt mit Siedlungsabfällen in den Deponien gelagert werden. Eine solche
Beseitigung von Sonderabfällen wurde durch die Deponieverordnung der DDR erlaubt.449
Hinsichtlich der Errichtung der Deponie wurde während der Verhandlungen nur eine
Richtlinie hervorgehoben: die Deponien sollten 2 m über dem Grundwasserspiegel errichtet
werden.450 Von der Basisabdichtung und dem Sickerwasserproblem war dabei kaum die Rede.
In Rahmen des Langfristvertrags war grundsätzlich vorgesehen, alle in Berlin anfallenden
Abfallstoffe – soweit sie nicht im Müllverbrennungswerk Ruhleben beseitigt oder zur
Verfüllung benötigt wurden – in die DDR zu verbringen.451
Abfallverbringung in die DDR als „Umweltfreundliche Abfallbeseitigung“
Aufgrund dieser Verbringung wurde der Plan zum Bau der zweiten MVA endgültig
aufgegeben. Ebenso überflüssig wurde die Maßnahme zur Erweiterung bestehender Deponien,
„denen wertvolles - für die Erholung der Bevölkerung notwendiges - Waldgebiet hätte
geopfert werden müssen“452. Das völlig ausweglos scheinende Müllproblem war durch den
Vertrag ohne weitere Umweltbelastung in Berlin (West) gelöst worden, die zugespitzten
Konfrontationen zwischen der Bevölkerung und dem Senat wurden beschwichtigt. Es war
nicht unbegründet, dass Finanzsenator Striek die Vereinbarung als „einen der glücklichen
Verträge“ bezeichnete, die im beiderseitigen Interesse lägen und zum beiderseitigen Vorteil
gereichten.453 Für den Senat war der Zwanzig-Jahres Vertrag glücklich insoweit, als er der
heftigen Kritik entfliehen und die Abfallprobleme anscheinend „sauber“ lösen konnte. In der
Öffentlichkeit fand diese Lösung ebenfalls eine breite Zustimmung.454 Für diese Lösung
sprachen sich auch die Bürgerinitiativen aus, die sich mit Umweltschutz befassten.
446 Vertrag, S. 4. a.a.O..
447 Ebda.
448 „Gewerbliche stichfeste Schlämme und feste Abfallstoffe, die unter besonderen Vorkehrungen auf den
Deponien beseitigt werden können, sowie feste, schlammige und flüssige Abfallstoffe, die unter besonderen
Vorkehrungen zu beseitigen sind.“ Jörgensen, S. 112.
449 „Reine“ Hausmülldeponien gibt es kaum, in der Regel werden große Mengen industrieller Abfälle
miteingelagert. Vgl. Czemey , Zum Abfallproblem, S. 11.
450 Persönliche Mitteilung von Herrn Tiemann
451 Drucksache 6 /1743, S. 2, a.a.O.
452 BSR, Berichte über das Geschäftsjahr 1974, S. 6.
453 Tagesspiegel v. 12.12. 1974.
454 BSR, Bericht 1974, S. 6.
91
Vor dem Abschluss des Vertrags hatte es jedoch kritische Stimmen gegeben. Günter
Wiesemann verwies darauf, dass die Verbringung lediglich eine Verlagerung des Problems
sei: „Geben wir uns keinen Illusionen hin, auch die DDR ist mit unserem Müll nicht glücklich.
Vielmehr hat man dort die gleichen Probleme.“455 Mit einem ähnlichen Hinweis forderte
Gerhard Naulin, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Umweltschutz der SPD, die
Wiederverwertung des Abfalls als einzige umweltgerechte Maßnahme. 456 Der CDU-
Abgeordnete Boroffka kritisierte den überhasteten Abschluss des Vertrages: „Der Senat will
nunmehr den scheinbar problemlosen Weg einer Verbringung aller Abfallstoffe einschlagen,
wobei die Kostenfrage als sekundär angesehen wird.“457 Sein Besorgnis betraf jedoch die
mögliche Verwertung des Abfalls in der DDR: „Es wäre für den Senat von Berlin mehr als
peinlich, vom Schaden für unsere Stadt ganz zu schweigen, wenn die Abfälle Berlins, frei
Haus nach drüben geliefert und mit Aufgeld von uns bezahlt, dort als Rohstoffe dienten, um
dann als teuer zu bezahlende Produkte zu uns zurückzukehren.“458 Nach Vertragsabschluss
kamen solche Bedenken kaum auf.
Im Lauf der Zeit etablierte sich der „glückliche Vertrag“ als eine wichtige Maßnahme für den
Umweltschutz: „Durch die vertraglichen Vereinbarungen über die Verbringungen von
Abfallstoffen in die DDR hat sich die Situation der Abfallbeseitigung in Berlin grundlegend
geändert. Nunmehr entfallen Umweltbelastungen, die sonst zwingend eingetreten wären“459;
„Die Verbringung von Siedlungsabfällen in die DDR ist auch unter dem Gesichtspunkt des
Umweltschutzes eine optimale Möglichkeit der Abfallbeseitigung in Berlin“460; „Der Senat
geht davon aus, dass die weitgehende Verbringung der Abfälle in die DDR für Berlin unter
den Gesichtspunkten des Umweltschutzes zur Zeit die optimale Möglichkeit zur
Abfallbeseitigung ist.“ 461
Auf der Grundlage des Vertrags war man in Berlin (West) gezwungen eine
„rückwärtsgewandte“ Praxis der Abfallbeseitigung umzusetzen. So ergriff der Berliner Senat
ironischerweise für die moderne politische Aufgabe, den Umweltschutz, eine alte Maßnahme,
d.h. die Müllablagerung in Umland, die bis 1948 in Berlin üblich war.462 Bereits nach dem
Ein-Jahresvertrag waren insgesamt 1,8 Mio. m³ Abfälle und 0,7 Mio. m³ Bauschutt auf die
Deponie Groß-Ziethen verbracht worden. Im Jahr 1974 betrug die Müllabfuhrmenge in Berlin
(West) etwa.3,9 Mio m³.463 So ging fast die Hälfte der gesammelten Abfälle auf die DDR-
455 Wiesemann, S. 23.
456 Vgl. Naulin, S. 9 f.
457 Contra, S. 16.
458 Ebda., S. 17.
459 Senat von Berlin, Umweltschutzbericht 1976, S. 34.
460 Senat von Berlin, Umweltschutzbericht 1978, S. 31.
461 Senat von Berlin, Umweltschutzbericht 1980, S. 69.
462 Vgl. Wiesemann, S. 22.
463 Berliner Statistik 1974.
92
Deponien. Dieses Verhältnis wurde in den folgenden Jahren zugunsten des Senats verbessert:
Im Jahr 1978 wurden 46,7% des Gesamtabfallaufkommens in der DDR entsorgt, und der
Anteil stieg kontinuierlich von 53,4% 1979 bis 78,1% 1981. 464 Ab 1977 wurden die
Sonderabfälle in die Deponie Vorketzin verbracht und, mit Siedlungsabfällen gemischt,
gelagert. Diese Menge stieg im Lauf der Zeit vom 13.000 t auf 30.000 t pro Jahr. So bestand
die Abfallpolitik mit dem Vertrag in der Sicherung des Mülltransits.
3. Aufbau des Müllverbringungssystems und seine Folgen
3.1. Errichtung der zwei Umladestationen zur Müllverbringung
Mit dem Abschluss des Zwanzig-Jahres-Vertrags stand den BSR eine neue technische
Aufgabe bevor. Zur Durchführung des Vertrags wurde vorausgesetzt, Umschlagstationen für
Siedlungsabfälle zu errichten und ein geeignetes Transportsystem zur Verfügung zu stellen.465
Die technischen Voraussetzungen waren zwar bis ins Detail bei den Verhandlungen
übereinstimmend vereinbart worden, aber die Ergebnisse - ein Container-Verfahren als
Umschlagtechnik und Lkws als Transportträger - stellten nicht alle Seiten zufrieden. Nach
einem kurzen Bericht Ferbers war das Umschlagverfahren in Übereinstimmung mit der
Senatsverwaltung für Gesundheit und Umweltschutz bestimmt worden.466 Von den BSR
wurde das Paketierverfahren467 favorisiert, während der Vertreter der Senatsverwaltung das
Verfahren aufgrund der dazu nötigen Kläranlage ablehnte. Wegen fehlender Erfahrungen war
es für die DDR-Vertreter schwer, dem Verfahren zuzustimmen. 468 Als Ergebnis dieser
Situation kamen am 4. 3. 1974 auf der Westseite die Beteiligten zu der Auffassung, „dass das
Paketierverfahren nicht rechtzeitig produktionsreif zur Verfügung stehen würde und mit allem
Nachdruck das bekannte Containerverfahren weiterverfolgt und technische Lösungen mit
leistungsfähigen Herstellern erarbeitet werden sollten.“469 Vor diesem Hintergrund kam die
Vereinbarung über das Containerverfahren zustande.
464 Vgl. BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1978; 1979; 1980; 1981.
465 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1974, S. 6.
466 BSR-Archiv, Durchführung des Abfallbeseitigungsvertrages v. 25. 2. 1980.
467 Mit dem Verfahren wurde der Abfall zu ballförmigen Paketen komprimiert
468 Solche technische Unkenntnis setzte die Vertreter der DDR Schwierigkeiten aus. Vgl. hierzu: MfS 188 Brief
von Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Dresden. (Privatsammlung Pisches)
469 BSR-Archiv, Durchführung v. 25. 2. 1980. Über die Entscheidung gab der Bericht des Berliner Senats eine
differenzierte Erklärung an: „Bei den Verhandlungen wurde von West-Seite wegen der erwarteten
Verringerung des Abfallgewichts und aus Umweltschutzgründen ein System zur Verdichtung dieser Abfälle
in einer geschlossenen Anlage als am geeignetesten ausgewählt. Am Ende wurde ein solches Verfahren mit
dem Transportträger LKW aufgrund der niedrigsten Gesamtbetriebskosten von beiden Verhandlungspartnern
vereinbart.“ Vgl. Drucksache 7/1224 v. 05.05.78, M. Nr. 140, Kleine Anfrage des Abg. Arnold Krüger (CDU)
über Art der Abfallverbringung aus der Müllumladestation Gradestraße in die DDR, S. 14.
93
In bezug auf Transportmittel wurde von Seiten der DDR dem Containertransport auf LKWs
zugestimmt. Bestimmend dafür, so beschrieb Ferber die Lage, sei der Wunsch der DDR auf
Beförderung in geschlossenen Behältern zur Minimierung von Geruchsbelästigungen und
Verschmutzungen auf dem Transportweg. Der anfängliche Vorschlag der DDR, die
Einschaltung der Reichsbahn als Transportträger, fand während der Verhandlung von keiner
der beiden Seiten Zustimmung. Während die DDR wegen der mangelnden Pünktlichkeit und
der fehlenden Wagen Bedenken hatte, fürchtete die westliche Delegation, dass die zu
errichtenden Umladestationen im Falle einer „politischen Havarie“ aus Mangel an
Transportmittel unbrauchbar würden. Bei Benutzung von LKWs, so dachten die West-
Vertreter, könne der Wagen in einem solchen Falle ohne schwerwiegende Umstellung auf
Westberliner Deponien oder sogar in den Raum Helmstedt fahren.470 Für die West-Seite hatte
dabei die Sicherung der Müllverbringung oberste Priorität.
Im Oktober/ November 1974 wurde zwischen der Firma BC und den BSR ein Vertrag über
ein Versuchsprogramm an einer Müllumschlaganlage geschlossen. Die Durchführung des
Bauprojekts stieß von Anfang an auf Schwierigkeiten. Vor allem waren Standorte für
derartige Anlagen, in denen sich ca.15.000 m³ Bunkerraum und über 35 m hohe Schornsteine
befanden471, in dicht besiedelten Gebieten außerordentlich schwer zu finden. Um den Standort
festzulegen, wurden 32 in Frage kommende Flächen auf ihre Eignung untersucht. Aufgrund
der Nähe zu den insgesamt zu entsorgenden Bereichen waren ursprünglich zwei Orte,
Reinickendorf (Nord) und Neukölln (Süd), als Standort vorgesehen.472 Für die Umladestation
Süd wurde ohne Schwierigkeit das Grundstück Gradestraße 73/81 in Berlin-Neukölln als
Standort festgelegt. Demgegenüber kamen Einwände gegen den nördlichen Standort vor, als
ein Grundstück Montanstraße in Reinickendorf wegen des günstigen Einzugsbereiches für die
Müllsammelfahrzeuge der BSR für geeignet erklärt wurde. Der CDU-Abgeordnete Böhme
erwiderte darauf, dass der vorgesehene Standort ein wertvolles und erschlossenes
Industriegelände sei.473 Diese Standortfrage wurde durch die Verlegung der Umladestation auf
das Gelände der MVA Ruhleben gelöst.474
470 BSR-Archiv, Durchführung, S. 3.
471 Oschlies, Umschlagstation, S. 274.
472 Drucksache 6/1734 v. 07.02.75, M. Nr. 113, Kleine Anfrage des Abg. Boehm (CDU) über Umschlagstelle für
feste Siedlungsabfälle, S. 39-40.
473 Drucksache 6/1734, S. 40, a.a. O.; Tagesspiegel v. 4. Mai 1975.
474 Über den Hintergrund der Verlegung besagte das Dokument des Abgeordnetenhauses folgendes: „der
ursprüngliche Standort für die Abfallumladestation Nord auf dem Grundstück Montanstraße 18-28 in Berlin-
Reinickendorf wurde nach näheren Prüfungen aufgegeben, da die Errichtung auf dem Gelände der MVA
Ruhleben zweckmäßiger erschien. Nachdem sich im Laufe des Jahres 1975 herausstellte, dass die erwarteten
Abfallmengen eher unter- als überschritten werden würden, konnte die für die Entsorgung Nord-Berlins
vorgesehene Umladestation in reduzierter Größe auf dem Gelände der bereits vorhandenen Müllverbrennung
in Ruhleben installiert werden. So wurde die erste Umladestation auf dem Gelände der Sinteranlage, deren
94
Diese Verlegung kam auf Vorschlag der BSR zustande, die Besorgnis wegen der
Bauverzögerung der Umladestation hatte. Denn die Firma BC räumte im Oktober 1975 ein,
dass sie den Bautermin der Umladestation Süd- der Betriebnahme am 1.1.1977- nicht mehr
einhalten könne.475 Die Einhaltung des Vertrags war deshalb fragwürdig geworden. Dabei
schlug die Firma BC zur Realisierung der Verträge vor, sofort Verhandlungen mit der DDR
aufzunehmen, um die für 1977 vereinbarten Liefermengen zusätzlich auf der Deponie in
Groß-Ziethen ablagern zu dürfen. Demgegenüber bestanden die BSR darauf, dass die
vertraglich vereinbarte Menge unbedingt termingemäß geliefert werden müßte, um
gleichzeitig sicherzustellen, dass flüssige Abfälle von der DDR angenommen werden.476 Zu
dieser Zeit stelle die Beseitigung der flüssigen Abfälle ebenfalls ein dringliches Problem dar.
Vor diesem Hintergrund versuchte die BSR, eine Presslinie der Umladestation auf dem
Gelände der MVA Ruhleben zu installieren. Ihrer Meinung nach konnte auf Grund der
baulichen Vorteile (Mitbenutzung der vorhandenen baulichen Anlagen wie Bunker,
Kipphalle) die Verzögerung vermieden werden. Dazu hoben die BSR die Möglichkeit hervor,
dass sich Müllverbrennung und Müllpresse gegenseitig funktional ergänzen könnten: „Fällt
die Presse aus, wird entsprechend mehr Müll verbrannt.“477 Dieser Plan wurde von den
Senatsverwaltungen für Verkehr und Betriebe und für Finanzen befürwortet. Am 25. 11. 1975
teilte der Senator für Verkehr und Betriebe dem Senator für Finanzen mit, dass das für die
zweite Umladestation vorgesehene Grundstück in der Montanstraße in Berlin-Reinickendorf
nicht mehr benötigt würde.478
Nach Erstellung eines entsprechenden Projektes im Winter 1975/76 begann die Bauvorarbeit
der Umladestation Nord im April 1976. Als Umschlagkapazität der Anlage waren ein
Volumen von 120.000 t hausmüllähnlicher Abfällen und 110 000 t Verbrennungsrückstände
pro Jahr vorgesehen.479 Für die Verladung der Verbrennungsrückstände wurde gleichzeitig
eine Umstellung und Ergänzung der vorhandenen maschinellen Einrichtungen im
Schlackenaufbereitungsgebäude durchgeführt. Nach angestrengten Bauarbeiten ging die
Einstellung wegen der mangelnden Wirtschaftlichkeit endgültig festgestellt worden war, errichtet und 1977 in
Betrieb gesetzt. Beim Planen wurde diese Umladestation für die hausmüllähnlichen Abfälle und
Verbrennungsrückstände vorgesehen.“ Drucksache 7/1229, S. 14. a.a.O..
475 BSR-Archiv, Durchführung, S. 6; BSR-Archiv, Schrieben von Preisamt an die BSR v. 21.10.1975.
476 BSR-Archiv, TK/App. 303, Maßnahmen zur Realisierung des Langfristvertrages im Jahre 1977 v. 5. 9. 1975.
Nach Angaben der BSR wollte die DDR frühzeitig Hausmüll in Vorketzin haben, um dort entsprechende
Maßnahmen zur Abnahme pastöser und vielleicht auch flüssiger Abfallstoffe treffen zu können. Daher war
die planmäßige Lieferung der Siedlungsabfällen eine Voraussetzung.
477 BSR-Archiv, Maßnahmen.
478 BSR-Archiv, Durchführung, S. 6.
479 Umladestation Berlin Nord, S. 82.
95
Anlage 480 im Jahr 1977 in Betrieb. Die Containerwagen von der Umladestation Nord
begannen am 3. Januar 1977 in Richtung der DDR-Deponie Vorketzin zu rollen.
Nach einer langen Verzögerung nahm die Umladestation Süd, die wegen der angespannten
Haushaltslage in abgespeckter Form errichtet wurde, erst im Jahr 1978 den Betrieb auf. Die
Umschlagleistung betrug 500 000 t pro Jahr. Die Zahl der geplanten Pressenlinien musste von
vier auf drei reduziert werden, und die Kapazität der Anlage blieb damit hinter der
ursprünglichen Planung zurück.481 Vor allem verhinderte das Planfeststellungsverfahren einen
früheren Betrieb der Anlage. Obwohl die Errichtung der Station im Jahr 1977 erfolgte,
verzögerte sich die Inbetriebnahme dadurch, dass ein Planfeststellungsverfahren aufgrund der
Feststellungsklage einer Anwohnerin nachträglich eingeleitet werden sollte. 482 Bis zum
Baubeginn hatten die BSR keinen Anlass gefunden, ein Planfeststellungsverfahren für diese
Anlage einzuleiten, weil sie dachten, diese Umschlaganlage sei mit Abfallbeseitigungsanlagen,
in denen Abfallstoffe gelagert und behandelt werden, nicht vergleichbar. Das Verdichten des
Abfalls, so ihre Auffassung, sei nicht als „Behandeln“ im Sinne des
Abfallbeseitigungsgesetzes zu verstehen. Aufgrund dieser rechtlichen Wertung der Anlage
hatten die BSR eine Baugenehmigung nach Baurecht beantragt, die vom Bezirksamt Neukölln
für die Einrichtung der Anlage erteilt worden war. Diese rechtliche Auffassung der BSR
wurde vom Senator für Gesundheit und Umweltschutz erneut geprüft und widerlegt, nachdem
die Feststellungsklage eingereicht worden war. So wurde im August 1977 kurz vor
Inbetriebnahme ein Planfeststellungsverfahren nach dem Abfallbeseitigungsgesetz
nachträglich eingeleitet und mit Erlass des Planfeststellungsbeschlusses am 10. Januar 1978
abgeschlossen.483
So hielten die Bürgerproteste gegen die Abfallbehandlungsanlage weiter an. Vor diesem Fall
hatte schon im Jahr 1976 eine Bürgerinitiative versucht, durch den Petitionsausschuss des
Abgeordnetenhauses die Realisierung einer Bauschuttanlage an der Spree zu verhindern.484
480 Die Anlage wurde folgendermaßen konzipiert: „Der in den Müllbunker entleerte Abfall wird durch einen
zusätzlich installierten Kran über einen Trichter sowie einen Vibrationsförderer auf ein Förderband
aufgegeben. Von der Bandbrücke aus erfolgt die Übergabe auf einen Dosier-Platten-Bauförderer mit
Aufgabetrichter in die eigentliche Müllpresse mit Wäge- und Dosiervorrichtung. Dieses als Vorkammerpresse
ausgeführte Aggregat nimmt nun die Verdichtung der Abfälle vor. Da zum Transport Container eingesetzt
werden, die möglichst leicht gebaut sein müssen, um eine hohe Nutzlast der Fahrzeuge zu gewährleisten,
musste dafür Sorge getragen werden, dass der eigentliche Verdichtungsvorgang nur in der Presse und nicht im
Container stattfindet. Dies wird dadurch erreicht, dass der Müll erst in den Container eingeschoben wird,
wenn er bereits gegen die Pressenwände verdichtet ist. Darüber hinaus erfolgt ein ständiges Wiegen und
Dosieren, damit der Container nur so befüllt wird, dass das zulässige Gesamtgewicht in keinem Falle
überschritten wird.“ Umladestation Berlin Nord, S. 83.
481 BSR-Archiv, Durchführung, S. 7.
482 PlPr 7/68, 68.Sitzung vom 20.Oktober 1977, Mündliche Anfrage des Abg. Dr. Kunze (F.D.P.) über
ordnungswidrige
Errichtung einer Umladestation, S. 2781.
483 Drucksache 7/1229 v. 05.05.78, M. Nr.142, S. 14
484 Tagesspiegel v. 19.5.1976: Spandauer Bürger gegen Bauschuttanlage an der Spree.
96
Aufgrund der „unerträglichen Beeinträchtigung der Lebensbedingungen“ der Anwohner
durch Staubentwicklung und Lärm forderte die „Bürgerinitiative Bauschutt“ bei der
Bezirksverordnetenversammlung, die Errichtung der Anlage auf dem geplanten Standort zu
unterlassen. Um mehr Wirkung auf das Planfeststellungsverfahren zu erzielen, entschied die
Versammlung, ihre Resolution an den Ausschuss zu schicken.485 Schließlich erreichte die
Initiative ihr Ziel, indem die Anlage auf dem von der Initiative vorgeschlagenen Standort
verlagert und dort errichtet wurde.486 Auf diese Weise erhielten die Bürger ihr Recht, an der
Entscheidungsfindung teilzunehmen, die in der Vergangenheit ein Vorrecht der Politiker und
der Beamten gewesen war. Dadurch wurde Umweltschutzmaßnahmen Vorrang eingeräumt.
Infolge solcher unerwarteter Hindernisse begann die Umladestation Süd erst Ende 1978 ihren
Vollastbetrieb. Die Anlage war für folgende Abfälle vorgesehen: feste und stichfeste
Siedlungsabfälle, feste gewerbliche Abfälle, Sperrgut. Hinsichtlich der Funktionen und der
Operation unterschied sich die Anlage nicht von der ersten Anlage. Aber die Größe der
Anlage zwang die Ingenieure dazu, sorgfältige Umweltschutzmaßnahmen zu treffen. Auf
Vorkehrungen wie Absaugen des Staubs im Bunkerbereich oder Schallschutzmauern wurde
großer technischer Aufwand verwendet. 487 Für die Errichtung konnte das Land Berlin
Finanzmittel aus dem Regionalfonds der EU verwenden, da die Anlage als zukunftsweisende
Technologie anerkannt wurde.488
Als Teil des Transportsystems entwickelten die BSR mehrere neue Fahrzeug-Konzeptionen,
so zum Beispiel für die festen Siedlungsabfälle einen Sattelzug, kombiniert mit einer
Ausstoßvorrichtung sowie auf- und absetzbaren Containern: „Der Container hat ein Volumen
von 49 m³. Das Auf- und Absetzen erfolgt durch einen Kran mit Ladegeschirr. Die Befüllung
des Containers geschieht nur im abgesetzten Zustand. Der gefüllte Behälter wird zum
Transport auf das Fahrgestell aufgesetzt. Die Leerung des Containers wird über einen
Teleskopzylinder bewerkstelligt.“489 Bei der konstruktiven Gestaltung wurde ein besonderes
Augenmerk auf robuste Ausführung sowie leichte und unkomplizierte Handhabung und
Bedienung gelegt. Daraus ergab sich, dass sämtliche Arbeitsfunktionen des Fahrzeugs über
eine zusätzliche Bedientafel vom Führerhaus aus kontrolliert wurden.490 So wurde der Müll zu
DDR-Deponien mit Sattelzugfahrzeugen mit Wechselcontainern abtransportiert.
485 „Diese Entscheidung leitete sich aus der Auffassung ab, dass Bezirkverordnetenversammlung und Bezirksamt
nur beratend und empfehlend tätig sein könnten, da der Senat Träger der Anlage sei.“ Ebenda.
486 Vgl. Drucksache 7/1229, S. 14. a.a.O..
487 Oschlies, 274 f.
488 Drucksache 7/1122 v. 31.01.78, M. Nr. 121, Kleine Anfrage des Abg. Henning Lemmer (CDU) über
Müllumladestation Gradestraße, S. 21.
489 Der Städtetag N.F.32 (1979), H. 10, S. 616.
490 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1975, S. 17.
97
Mit den zwei Umladestationen und den Containerfahrzeugen wurde die technische Grundlage
für die Müllverbringung in die DDR geschaffen. Wider Erwarten sahen sich aber die
Senatsverwaltungen und die BSR wieder mit anderen Problemen konfrontiert. Gleich nach
der Errichtung der Umladestationen war von der Erweiterung der Pressenlinien die Rede.
Nach einer Berechnung der BSR schien es notwendig, vorgeplante Pressenlinien für beide
Umladestationen einzubauen. Im Oktober 1979 wurde bei der Genehmigungsbehörde des
Senators für Gesundheit und Umweltschutz der Antrag auf Planfeststellung für die Errichtung
einer zusätzlichen Pressenlinie in der Umladestation Süd gestellt.491 Der Erweiterungsplan
wurde jedoch im folgenden Jahr in Frage gestellt und aufgrund der negativen
Abfallentwicklungsprognosen im Jahr 1981 endgültig eingestellt. Wegen des abnehmenden
Abfallaufkommens rückte die Frage der Erfüllung der Abfallmenge in den Mittelpunkt. Mit
dem neuen Abfalldiskurs - Recycling und Wiederverwertung - stellte man den Vertrag in
Frage, dem die Abfallbeseitigung zugrunde lag.
3.2. Rekultivierung der Deponien und Entlastung der MVA Ruhleben
3.2.1. Rekultivierung der Deponie
Wegen der Sicherstellung der DDR-Deponien für in Berlin (West) anfallenden Müll sollten
die Deponien rekultiviert werden. Der Verbringungsvertrag machte den weiteren Betrieb der
drei großen Deponien - Wannsee, Marienfelde, Lübars - überflüssig.492 Damit wurde die
Rekultivierung, die bereits nach dem Abschluss des Ein-Jahresvertrags für die Deponien
Marienfelde und Lübars eingeleitet wurde, in Gang gesetzt. Für die Rekultivierungspläne, die
seit 1969 für sechs Deponien – einschließlich der Bauschuttdeponie - entwickelt wurden,
erstellte der Senat im Jahr 1974 einen Investitionsplan mit einer Gesamtbausumme von rund
72 Millionen DM.493 Die Pläne wiesen die forstliche Bepflanzung der Deponie Wannsee und
die Errichtung von Freizeitparks auf den Deponien Marienfelde und Lübars aus.494 Für die
Deponie Wannsee betraf das Projekt nur einen Teil der Deponie, denn auf die Deponie war
man für die Beseitigung der Industrie- und Sonderabfälle (insbesondere flüssige Abfälle) noch
angewiesen. Nach Angaben der BSR wurden auf der Deponie Wannsee bis 1979 zum
überwiegenden Teil Industrie- und Gewerbeabfälle und besonders zu behandelnde Abfälle
deponiert.495
491 BSR-Archiv, TK/ APP. 303 v. 14. 02. 1980. Maßnahmen zur Kapazitätserweiterung auf dem Umschlagsektor.
492 Der Betrieb der Deponie Rudow wurde im Jahr 1972 eingestellt. Vgl. Jäger u. Jager, Sicherung, S. 16.
493 Schindler, S. 129.
494 Freizeitpark mit Spiel- und Wintersportanlagen, mit Kleingärten und einem Freizeitraum auf der Deponie
Marienfelde; Freizeitpark mit Rodel- und Schihängen, Spiel- und Volkssportanlagen, einem Freizeitzentrum
und anderen landschaftsbetonen Einrichtungen. Schindler, S. 128.
495 BSR, Moderne Stadreinigung und Abfallbeseitigung in einem Ballungsgebiet, Berlin 1979, S. 14.
98
Unter den abgeschlossenen Deponien wurde erstmals die Deponie Rudow im Jahr 1972 zu
einem Kinderspielplatz umgewidmet. 496 Auf der Deponie Lübars fand ab 1973 eine
Anböschung zur landschaftlichen Umgestaltung statt, die die Eingliederung der Deponie in
einen Freizeitpark am Rande des Märkischen Viertels bezweckte. Bis 1975 waren die
wesentlichen gestalterischen Maßnahmen abgeschlossen, die Wanderwege fertiggestellt sowie
die beiden Rodelbahnen angelegt. Im Jahr 1976 wurde die Genehmigung erteilt, auf dem
Südteil der Deponie weitere 900.000 m³ Abfälle abzulagern, um auch in diesem Bereich
günstigere Neigungsverhältnisse der Deponieböschung zu schaffen.497 Im Mai 1975 wurde die
Deponie Marienfelde umgestaltet. 498 Auf der Deponie Wannsee wurde die forstliche
Bepflanzung fortgesetzt.
Die landschaftlichen Umgestaltungen der großen Deponien, die dank des Vertrags zustande
gekommen waren, gingen nur noch mit langsamen Schritten voran. Denn die geplante
Bepflanzung war wegen des Deponiegases häufig gescheitert. Zum Beispiel auf der Deponie
Lübars waren hohe Ausfälle bei den Jungpflanzen zu beobachten.499 So stellte das beim
biologisch-chemischen Abbau der Müllkörper entstehende Deponiegas nicht nur für den
Deponiebetrieb, sondern auch für die Rekultivierung eine Gefahr dar. Es war schon bekannt,
dass das Methangas aus Deponien Verpuffungen im Deponieraum verursachte, die häufig den
Müllwagen beschädigte. Die Schäden durch Methangas traten auch an Pflanzenbeständen auf,
die sich auf den abgeschlossenen Deponien fanden.500
Die Auswirkungen von Deponiegas waren schon in den sechziger Jahren bekannt, und als
Abhilfemaßnahmen wurden 1969 in den USA Gasbarrieren an den Deponiegrenzen oder der
Abbau des Gasdrucks durch Gasbrunnen vorgeschlagen.501 Zur gleichen Zeit untersuchte
Herribert Pierau auf der Versuchsdeponie Berlin-Wannsee und auf anderen Deponien im
Rahmen eines Forschungsvorhabens im Auftrag des Bundesministers für Gesundheit und
später des Bundesministers des Innern erstmalig den Gashaushalt von Deponien im Hinblick
auf die spätere Nutzung des Geländes. 502 Im Jahr 1975 wurde der erste Versuch zur
technischen Entgasung unter der Leitung von Pierau auf der Deponie Wannsee
durchgeführt.503 Das Ziel lag in der Erprobung eines Zwangsentgasungsapparates. Zu diesem
496 Tagesspiegel v. 21.6.1972.
497 Jäger u. Jager, S. 19 f.
498 Tagesspiegel v. 27.5.1975.
499 Jäger u. Jager, S. 20.
500 Neumann, Zusammenhang, S. 271
501 Franzius, Entwicklung, S. 12
502 Vgl. Pierau, Einfluß, S. 11 ff.
503 Vgl. Pierau, Entgasung, S. 119 ff.
99
Zweck wurde ein von der Firma UWT entwickelter Prototyp einer Entgasungsanlage acht
Monate lang eingesetzt. Dieser erste Apparat 504erwies sich als funktionsfähig.
Nach diesem erfolgreichen Test wurden in den Jahren 1975/76 erstmalig auf drei Berliner
Deponien - Rudow, Lübars und Wannsee - je fünf Entgasungsanlagen, die nach dem
getesteten Prototyp serienmäßig hergestellt wurden, in Betrieb genommen.505 Die Anlagen
bestanden aus sieben Meter tiefen Gasbrunnen, aus denen mit Hilfe von Membranpumpen 11
m³ Deponiegas pro Stunde gefördert und abgefackelt wurden.506 Parallel dazu rief im Jahr
1975 der Senator für Gesundheit und Umweltschutz hinsichtlich des Problems eine
„Messgruppe Abfallbeseitigung“ ins Leben. Zu ihren Aufgaben gehörte die Untersuchung des
Gashaushalts von Deponien, die Entgasung von Abfalldeponien und die Untersuchung des
Wasserhaushalts von Abfalldeponien.507 Mit dem Einsatz dieser Gruppe wurde versucht,
jegliche Gefahr für die Rekultivierung zu vermeiden. Im Jahr 1978 begann der Senator für
Gesundheit und Umweltschutz in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin
(TU Berlin), dem Umweltbundesamt und dem Bezirksamt Reinickendorf mit der
Vorbereitung für das Vorhaben „Sicherung der Nutzung abgeschlossener Deponien“ am
Beispiel Lübars, für das er Bundesmittel beantragte.508
Es stellte sich jedoch heraus, dass das Primärziel, die Sicherung der Nutzung und
Rekultivierung der Deponien, mit diesen Anlagen nicht erreicht wurde. Die vertikal
befestigten Röhren erwiesen sich als wirkungslos für die Oberflächen der Deponien. Der
Wirkungsbereich der Entgasung war in der Deponieabdeckung lediglich im unmittelbaren
Umfeld wenige Meter um die Sonde nachweisbar.509 So waren die Schäden trotz dieser
Anlagen nicht zu vermeiden. Im Juli 1980 wurde ein schwerer Unfall auf der Deponie Lübars
504 Der erste Apparat funktionierte folgendermaßen: „Die Entnahmesonde wurde mit ihrem perforierten
Rohrabschnitt durch die Endabdeckung hindurch 2 m tief in den Müllkörper niedergebracht. Die eigentliche
Entgasungsapparatur steht, auf einem Betonsockel montiert, unter einem Schutzgehäuse. Dem Herzstück der
Anlage – der von einem Elektromotor angetriebenen Pumpe – vorgeschaltet, befindet sich eine Filtereinheit,
die die von der Pumpe angesaugten Zersetzungsgase vor Durchlaufen der Anlage von allen nichtgasförmigen
Ballaststoffen befreit. Über die Pumpe werden die Gase einem Kompressor zugeleitet. Dieser drückt die Gase
aus einem Sammelbehälter in das neben der Anlage stehende Flammenrohr. Am Austritt des Flammenrohres
werden die brennbaren Komponenten des Zersetzungsgases abgefackelt und damit schadlos gemacht.
Schädliche Verbrennungsrückstände entstehen nicht. Eine Flammenrückschlagsperre verhindert, dass die
eigentliche Anlage durch einen Rückschlag der Gasflamme gefährdet werden könnte. Ein elektronisch
gesteuerter, automechanischer Zündmechanismus am Ende des Flammenrohres sichert zuverlässig, dass die
brennbaren Schadgase das Flammenrohr nur als brennende Fackel verlasen und nie frei in die Atmosphäre
ausströmen.“ Ebda., S. 122 f.
505 Tagesspiegel v. 4.6.1975.
506 Jäger u. Jager, S. 59
507 Drucksache 7/334 v. 23.01.76, M. Nr. 28, Kleine Anfrage des Abg. Peter Boroffka (CDU) über Aufgaben der
Meßgruppe Abfallbeseitigung der Abteilung V, SenGeU, S. 33.
508 Es handelte sich dabei auch um Maßnahmen zur Entgasung des Deponiekörpers. Vgl. hierzu: B. Rep. 16 Acc.
3691, Nr. 571, Bericht von einem Expertengespräch über Die Sicherung der Nutzung von Deponien : Der
Senator für Gesundheit und Umweltschutz, September 1978.
509 Jäger u. Jager, S. 59; Neumann, S. 271 f.
100
gemeldet.510 Es war nicht auszuschließen, dass sich die Besucher eines von einer Deponie in
einer Freizeitpark umgewandelten Geländes der Gefahr des Deponiegases aussetzen könnten.
Aus diesem Grund wurde die großflächige Entgasung über die offenen Deponieoberflächen
empfohlen. Dementsprechend wurde eine Oberflächen-Gasdrainage in einem Teil der
Deponie Lübars nachträglich eingerichtet.511
Trotz vieler Schwierigkeiten erlangte die Stadt Berlin angesichts dieser Problematik eine
vorrangige Position. Eine Entgasungsanlage in dieser Art kam in der Bundesrepublik
Deutschland zum ersten Mal in Berlin zum Einsatz. Die Berliner Erfahrung wurde von
anderen Ländern in den folgenden Jahren weiter verfolgt. Darin kann eine indirekte Folge des
Vertrags gesehen werden, der eine Rahmenbedingung dafür schaffte. Diese
Entgasungsversuche wurden in den achtziger Jahren zum Zweck der Energienutzung
fortgesetzt.
Parallel zu den Projekten war eine andere Untersuchung der Müllkippenplätze zur
„Eingliederung in die Landschaft“ zu beobachten.512 Am Institut für Ökologie an der TU
Berlin wurde seit 1969 die Vegetationsentwicklung auf alten Mülldeponien verfolgt, um
Wirkungen von Mülldeponien auf die Umgebung und die Möglichkeit des Pflanzenanbaus zu
ermitteln. Dabei erwies sich die direkte Beeinflussung der Umgebung durch Mülldeponien als
relativ gering. Stattdessen wurde in einem Bericht aus dem Jahr 1975 betont, dass eine
Verseuchung von Grund- und Oberflächenwasser als schwerwiegender angesehen werde.513
Im Hinblick auf Bepflanzungen empfahl dieser Bericht einen gezielten Einsatz von Pflanzen,
die auf den Deponien spontan auftreten. Die ökologische Untersuchung ergab, dass eine
gelungene Bewaldung der Mülldeponien ein langer Prozess sein würde.
Auf diese Weise blieben in Berlin (West) die mit dem Betrieb der Deponie verbundenen
Probleme wie Sickerwasserbehandlung oder Basisabdichtung ausgespart.
3.2.1. Auswirkungen des Müllvertrags auf die MVA Ruhleben
Nachdem die großen Deponien für Siedlungsabfälle geschlossen wurden, stand die MVA
Ruhleben als einzige Beseitigungsanlage in Berlin (West) zur Verfügung. Mit dem Vertrag
bildete die Anlage nun zusammen mit den DDR-Deponien die technischen Grundlage des
Abfallbeseitigungssystems. Von der Funktion her blieb die Anlage unverändert, befand sich
aber in einer neuen Lage. Anders als in den sechziger Jahren kamen kritische Stimmen gegen
den Betrieb der Anlage auf, die in Debatten über die Standortfrage der zweiten MVA
510 Jäger u. Jager, S. 20.
511 Jäger, Untersuchung, S. 51.
512 Vgl. Kunick u. Sukopp, Vegetation, S. 141 ff.
513 Ebda.
101
Resonanz erreichten. Auf die Frage nach Schadstoffemissionen und Rückständeproblemen
richtete die Öffentlichkeit einen geschärften Blick. Darüber hinaus sollte die Anlage gemäß
dem Müllvertrag ihren Durchsatz zugunsten der Müllverbringung herabsetzen.
Die neue Umgebungssituation wirkte sich zunächst so aus, dass ein wichtiger Bestandteil der
Anlage endgütig außer Betrieb gesetzt wurde. Die Sinteranlage, die als eine Möglichkeit des
Kostenausgleichs beim Betrieb der Verbrennungsanlage angesehen worden war, erfüllte die
Erwartung kaum und ging schließlich im Jahr 1975 außer Betrieb.514 Bis 1969 erhielten die
BSR immer noch keine Zulassung für die Herstellung des Zuschlagmaterials, denn aufgrund
der Gasentwicklung durch den hohen Aluminiumanteil durfte die Schlacke nicht zu
Betonstein und Beton verarbeitet werden.515 So beschränkte sich die Funktion der Sinteranlage
auf die Herstellung des Leichtzusschlagstoffes, der für Leichtbeton-Hohlblocksteine sowie für
den Wege- und Sportplatzbau Verwendung fand.516
Für die Produktion von Betonzuschlagstoffen sollte zusätzlich eine chemische
Nachbehandlung eingesetzt werden.517 Dementsprechend war im Jahr 1971 zwischen der
Firma Lurgi und den BSR vereinbart worden, dass eine Nachbehandlungsanlage für die
Sinteranlage neu errichtet werden sollte.518 Nach Erprobung von verschiedenen chemischen
Nachbehandlungsverfahren stellten die BSR schließlich im Jahr 1974 beim Senator für
Wirtschaft einen Antrag auf Genehmigung einer Anlage zur Nachbehandlung des
Sintermaterials nach dem Ca (OH)2-Verfahren (Kalkwasser).519 Bis zu diesem Zeitpunkt
wurde die Sinterung in den innerbetrieblichen Diskussionen nicht grundsätzlich in Frage
gestellt. Demzufolge wurde die Verbesserung der Sinterbimsqualität nach dem neuen
Verfahren weiter verfolgt.
In folgendem Jahr veränderte sich die Lage. Denn eine neue Möglichkeit wurde der BSR
anhand des Vertrags gegeben: Die Lieferung der unbehandelten Schlacke in die DDR-
Deponie. Anfang 1975 kam der Bericht „Grundlagen für eine wirtschaftliche Beurteilung der
Müllsinterung“ bei den BSR in Umlauf. Er beruhte auf den Kostenrechnungen, die nach fünf
Modelltypen erstellt wurden.520 Bei der Entwicklung der Modelle wurde der Transport der
514 BSR-Archiv, MT/KE, Brief an Firma Lurgi v. Mai 1975.
515 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1969, S. 9.
516 Ebda.
517 Rasch, Fachtagung 1969, S. 413.
518 BSR-Archiv, MV-E, 2. Juni 1971.
519 BSR-Archiv, MT-A, 30. Sept. 1974.
520 Dabei wurden 5 Modelltypen berücksichtigt: Modell I- Die anfallende Rohschlacke wird nicht entschrottet in
die DDR geliefert; Modell II-Die anfallende Rohschlacke wird entschrottet in die DDR geliefert; Modell III-
Die gesamte anfallende Rohschlacke wird in der SAB aufbereitet und vollständig zu abgabefähigem Sinter
verarbeitet. Der gewonnene Schrott wird verkauft. Die nicht sinterfähige Schlacke wird in die DDR gebracht;
102
Schlacken in die DDR einbezogen. Dieser Rechnung nach zeichnete sich kein großer
Kostennachteil bei der Sinterung mit Nachbehandlung gegenüber der Verbringung in die
DDR ab. Für die Sinterung stellte der Absatzmarkt von Sinterprodukten ein großes Problem
dar. Allerdings waren hier die durch Schadstoffbeseitigung entstehenden Kosten bei der
Sinterung nicht eingerechnet. Demgegenüber wies der Bericht darauf hin, dass sich höhere
Transportkosten aus dem unsicheren Planungsstand für den Abtransport der Schlacke ergeben
würden.521 Daraus kam der Bericht zu dem Schluss, dass die Kosten von Deponierung und
Ferntransport in Höhe von 75,87 DM/t durch die Sinterung eingespart würden.522 Diese
Argumente wurden in einen anderen Bericht mit folgenden Hinweisen widerlegt: „Die
Leistung der Sinteranlage widerspreche der Grundannahme dieser Modellrechnung und die
mangelhafte Entstaubung sei nicht erwähnt.523
Nach diesen Auseinandersetzungen beschlossen die BSR im Mai 1975, die Ausrüstung der
Nachbehandlungsanlage ganz aufzugeben.524 In dem Schreiben an die Firma Lurgi wurde der
Grund folgendermaßen dargestellt: „Es hat sich dabei herausgestellt, dass unter den neuen
Voraussetzungen der Abfallbeseitigung[dem Müllvertrag, d. Vf.] in Berlin (West) die
Realisierung der geplanten Sinternachbehandlungsanlage nicht mehr zu vertreten ist.“525
Zugleich stellten die BSR den Betrieb der Sinteranlage ein. Bei dieser Entscheidung schien
ebenfalls der fehlende Absatzmarkt und die Emissionsfrage eine entscheidende Rolle gespielt
zu haben. Nach persönlicher Mitteilung eines damaligen Mitarbeiters in der MVA Ruhleben
sahen sich die BSR mit dem Widerstand der Bauindustrie konfrontiert, die sich gegen die
Einführung des Sinterbims auf den Baumarkt äußerte.526 Es fehlte dem Sinterprodukt eine
wesentliche Absatzchance. Zudem war es unter dem derzeitigen Umweltdiskurs vorhersehbar,
dass Emissionsprobleme der Sinteranlage, die die Schwierigkeiten mit dem Abgasgebläse und
der mangelhafte Entstaubung hatte, eine Kostenerhöhung verursachen würden527 Gegenüber
dieser unsicheren Zukunft der Anlage gaben die BSR der neuen Alternative, also dem
Abtransport der Schlacke in die DDR, den Vorzug.
In der Sinterhalle wurde später eine Entgasungsanlage zu Forschungszwecken errichtet.528 Die
entschrottete Schlacke aus der Schlackenaufbereitungsanlage wurde ohne Behandlung an den
Modell IV- Wie Modell III, aber mit der Annahme, dass 10 % der Sinterproduktion Ausschuss sind und in die
DDR gebracht werden müssen; Modell V-Wie Modell IV, aber mit Errichtung und Betrieb einer
Sinterbehandlungsanlage. Siehe BSR-Archiv, WP/ge, 6. 3. 1975: Grundlagen für eine wirtschaftliche
Beurteilung der Müllsinterung, S. 2.
521 BSR-Archiv, WP/ge, S. 3.
522 Ebda.
523 BSR-Archiv, MT Stellungnahme zur Aktennotiz MV v. 21.April 1975.
524 BSR-Archiv, MT/ke, Brief an Firma Lurgi v. Mai 1975.
525 Ebda.
526 Persönliche Mitteilung von Herrn Rogge, dem ehemalige Mitarbeiter in der MVA Ruhleben.
527 BSR-Archiv, MT Stellungnahme.
528 Blitewski und Urban, Abfallwirtschaftsseminar, S. 305.
103
Baustoffhandel abgegeben oder auf Deponien in die DDR gebracht. Nun behielt die MVA
Ruhleben ihre Funktion als Verwertungsanlage nur mit der Dampflieferung bei.
Wie bei der Debatte über die Standortfrage der zweiten MVA warf die Öffentlichkeit einen
geschärften Blick auf die Frage des Einflusses des Abgases auf die Umwelt oder der
Auswirkung von PVC-haltigen Material bei der Müllverbrennung. Die tiefe Skepsis kann man
darin erkennen, dass im Zeitraum von 1971 bis 1975 bundesweit nur sechs MVA neu gebaut
wurden, während siebzehn MVA zwischen 1965 und 1970 errichtet wurden.529 Unter den
Fachleuten wurde das Problem der Schadstoffemissionen viel ernster als früher veranschlagt.
Bis zum Ende der sechziger Jahre herrschte die Ansicht vor, dass die emittierten Schadstoffe
bedeutungslos und das Problem mit hohen Schornsteinen zu lösen sei.530 Demgegenüber kam
in einer 1972 eröffneten Fachtagung die Forderung zum Ausdruck, konkrete Maßnahmen
gegen die Emissionen zu treffen.531 Die Umweltbelastung durch Schadstoffe aus MVA bildete
einen neuen Schwerpunkt der Müllforschung.
Auf politischer Ebene wurde es für dringlich gehalten, Mißtrauen der Bevölkerung gegen die
Anlage abzubauen, weil der Müllverbrennung große Bedeutung als einer für die kommunale
Abfallbeseitigung unentbehrliche Technik beigemessen wurde. So versuchte der Bundesrat,
das Problem durch die Novellierung des Immissionsschutzgesetzes in den Griff zu bekommen.
In das Gesetz wurde ein neuer Absatz aufgenommen, in dem die Herstellung und der Verkehr
der Packungen aus Kunststoff untersagt werden dürfen, wenn der Kunststoff geeignet ist, bei
der Verbrennung Umwelteinwirkungen durch Luftverunreinigungen hervorzurufen.532 Im
Jahr 1974 erließ die Bundesregierung die TA Luft 1974, die erstmals Grenzwerte für Staub,
Kohlenmonoxid, Chlor- und Fluorwasserstoff sowie Schwermetalle, z. B. Arsen, Blei,
Cadmium, Quecksilber und Thallium, bei Müllverbrennungsanlagen festlegte.533 Daraus
ergab sich, dass bei Neu- und Erweiterungsbauten von MVA außer der
Staubabscheidungsanlage (Filteranlage) Abgasreinigungsanlagen zur Abscheidung von
Chlorwasserstoff und Fluorwasserstoff unentbehrlich wurden. Für Schwefeldioxid und
Stickstoffoxid sah jedoch die Vorschrift noch keine Emissionsbegrenzung bei
Müllverbrennungsanlagen vor. 534 Diese Regulierungsversuche führten dazu, dass die
Verbesserung der Verbrennungstechniken und die Entwicklung der Abgasreinigungsverfahren
529 Thomé-Kozmiensky, Kompostierung, S. 5.
530 Problem der Müllverbrennung, S. 529.
531 Rasch, VGB-Konferenz, S. 203.
532 Doose, Bundesabfallgesetz, S. 28. Zur Begründung dieser Vorschrift hatte sich der Bundesrat darauf berufen,
dass nachteilige Folgen für die Luftreinhaltung wie die Entstehung von Salzsäure durch den wachsenden
Anteil an chlor- und fluorhaltigen Kunststoffen im Müll auftreten könnten.
533 Reimann, Der Weg, S. 519.
534 UBA (Hg.), Abgaswäsche, S. 5.
104
zur Verminderung der Schadstoffemissionen intensiv angestrebt wurden. Seit 1972 befand
sich ein neuer Typ von MVA im Betrieb, die mit Anwendung der Abgaswäsche zur
Verringerung gasförmiger Emissionen, besonders hinsichtlich HCI und HF, und
konzentrierter Ausnutzung der Abwärme gekennzeichnet war.535
In Zusammenhang mit den Standortsproblemen rückte die Debatte über die
Müllverbrennung in Berlin (West) zwar ins Blickfeld der Öffentlichkeit, aber dies hielt nicht
lange an. Nach dem Abschluss des Vertrags erweckte dieses Thema zusammen mit anderen
Abfallprobleme in der Öffentlichkeit nicht das Interesse wie früher. Es herrschte die Ansicht
vor, dass man den Umweltbelastungen durch Abfälle mit Hilfe des Vertrags ausweichen
konnte. Unter diesen Umständen blieb die MVA Ruhleben angesichts der Emissionsprobleme
von heftigen Auseinandersetzungen verschont. Was die Probleme der Anlage angeht, bestand
der Schwerpunkt in der Erhaltung und Steigerung der Leistung.
Im Jahr 1971 wies der Senator für Finanzen beim Bericht über den Zustand der MVA
Ruhleben auf das PVC-Problem hin, d.h. auf die durch PVC verursachte Betriebsstörung.
Gegen das Problem trafen die BSR langfristige Maßnahmen, die darauf gerichtet waren,
durch Verbesserung der Feuerführung die vom PVC-Material verursachten
Korrosionsschäden zu verhindern.536 Es war zu beobachten, dass sich mit dem Erlass der TA
Luft die Emissionsprobleme auf den Tagesordnungen des Abgeordnetenhauses wiederfanden.
Dabei zeigte sich, dass Immissionsmessungen für Fluorwasserstoff, dessen Grenzwert in der
TA Luft festgelegt war, bis zum Jahr 1974 nicht durchgeführt worden waren.537 Im Jahr 1979
wurde über eine überhöhte Abgabe von gasförmigen Emissionen (HCl-Salzsäure) durch die
MVA berichtet.538 Nach dem internen Dokument erwies sich die Chloremission der Anlage als
sehr hoch. 539 Jedoch stellte Senator für Gesundheit und Umweltschutz Pätzold keine
besondere Umweltbelastung fest: „Für die spezifische Bestimmung von HCI neben anderen
hygienisch unbedenklichen Chloriden fehlt gegenwärtig noch ein ausreichend erprobtes
Meßverfahren.[...]ist der Senat sicher, daß es auch zukünftig durch die HCI-Emissionen des
Abfall-Verbrennungswerks Ruhleben nicht zu schädlichen Umwelteinwirkungen kommen
wird.“540 Die Emissionsfrage brachte keinen öffentlichen Druck zu sofortigen Maßnahmen
mit sich. So wurde es nicht für dringlich gehalten, die Filteranlage durch eine kostspielige
535 Reimer, Anlagen, S. 1
536 Drucksache 6/242 v. 19.11.71, M. Nr. 11, Kleine Anfrage des Abgeordneten Gribach (SPD) über
Müllverbrennungsanlage Ruhleben, S. 12.
537 Drucksache 6/1408 v. 24.05.74, M. Nr. 88, Kleine Anfrage des Abg. Wronski (CDU) über Emissionsmessun-
gen für die Müllverbrennungsanlage Ruhleben, S. 40.
538 Drucksache 7/1628 v. 07.03.79, M. Nr. 214, Kleine Anfrage des Abg. Friedrich von Kekulé (CDU) über
Müllverbrennungsanlage Ruhleben, S. 16 f.
539 BSR-Archiv, Vermerk über die Ergebnisse der Besprechung bei SenDir am 12. und 13.März 1979.
540 Drucksache 7/1628. Ebenfalls vgl. hierzu: Umweltbelastungen durch das Berliner Industriegebiet Ruhleben,
S. 93 ff.
105
Abgasreinigungsanlage zu ergänzen. Hinzu kam, dass der sinkende Durchsatz der Anlage im
Vergleich dazu als viel problematischer angesehen wurde.
Der Durchsatz, der im Jahr 1977 auf 418.859 t stieg, erreichte im Jahr 1981 lediglich die
Menge von 300.000 t.541 Das ging in erster Linie auf die abgeschwächte Mengenentwicklung
der Abfälle zurück. Dazu führte der Müllvertrag auch zum Rückgang der Menge, die der
MVA zugeführt wurde. Die im Vertrag festgelegte Liefermenge sollte trotz der gesunkenen
Abfallmenge eingehalten werden, da die BSR die DDR-Firma für die fehlende Menge
entschädigen sollte. Das Problem war der BSR bereits im Jahr 1978 bekannt. Die Berechnung
der Abfallmenge zeigte, dass die Abfallmenge (Gewichtsmenge) der festen Siedlungsabfälle
sich nicht so hoch entwickeln würde, wie man im Jahr 1974 geschätzt hatte.542 Neben dem
Bevölkerungsrückggang führten die verstärkten Recycling-Aktivitäten zu diesem
Rückgang.543 An den getrennten Sammlungen von Papier und Glas beteiligten sich die Bürger
seit 1975 in zunehmendem Maß.
Der Berechnung nach konnte die Liefermenge bis zum Jahr 1980 nach der 80%-Regelung
des Vertrags gesichert werden, während die Vertragsmenge im Jahr 1983 durch die Lieferung
fast der gesamten Abfälle nicht erreicht werden konnte.544 Es stand fest, dass eine neue
Festlegung der Liefermenge bei der vorgesehenen Verhandlung im Jahr 1984 unabdingbar
war. Davon ausgehend entschieden sich die BSR dafür, die niedrige Auslastung der MVA bis
zur Verhandlung in Kauf zu nehmen. Demzufolge war es nicht abzuwenden, dass sich die
verbrannte Abfallmenge von 419.000 t (1977) über 340.000 t (1980) bis 300.000 t (1981)
verminderte.545 Unter diesen Umständen wurde der Kessel 8 der Anlage seit 1978 zur
Reparatur stillgelegt.
In einer Plenarsitzung im Jahr 1978 wurde die niedrige Auslastung der MVA als ein Grund
für Bedenken hinsichtlich des Vertrags genannt. Der CDU-Abgeordnete Böhme bezeichnete
den Vertrag als ein schweres Versagen der Verwaltungen mit dem Hinweis, dass eine
Stillegung der MVA Ruhleben wegen des Mengenvertrags notwendig werden könnte.546 Ein
ähnlicher Vorwurf - bezüglich der hohen Erhaltungskosten der MVA durch den
541 BSR, Berichte 1977 und 1981; BSR-Archiv, Energiegewinnung durch Abfallverbrennung.
542 BSR-Archiv, WP 4 /ge v.28. 7. 1978. Überlegungen zu einem mittelfristigen Abfallbeseitigungskonzept.
543 BSR, Geschäftsbericht 1981.
544 BSR-Archiv, Überlegungen.
Liefermenge (in 1.000 t)
1978 1979 1980 1981 1982 1983
100 % 1.100 1.100 1.200 1.300 1.400 1.500
80 % 880 880 960 1.040 1.120 1.200
545 BSR, Energiegewinnung durch Abfallverbrennung in Berlin.
546 PlPr 7/78 v. 8.Juni 1978, über Durchführung und Auswirkungen der Verträge über die Verbringung von
Abfallstoffen in die DDR, S. 3800.
106
Mengenvertrag - gegen den Senat fand sich auch in der Rede Peter Boroffkas.547 Vor diesen
Kritiken und der stetig sinkenden Auslastung wurden die BSR nunmehr von den
Senatsverwaltungen ersucht, die Verbrennungskapazität möglichst maximal zu nutzen. Bei
einer Sitzung zwischen den BSR, dem Senator für Gesundheit und Umweltschutz und der
Senatskanzlei im Jahr 1980 wurde empfohlen, die Müllverbrennungsanlage in Ruhleben sollte
trotz des Müllvertrags aus dem Energie- und Recyclinggedanken mit möglichst hoher
Leistung betrieben werden.548
Ein ähnliches Bedenken fand sich auch in einem Brief des Senators für Arbeit und Betriebe,
in dem der Senator die BSR darum bat, die Verbrennungskapazität des
Abfallverbrennungswerks Ruhleben optimal, d.h. ohne Rücksicht auf die Einhaltung des
Müllvertrags zu nutzen.549 Er fügte hinzu, dass die BSR Ausgleichszahlungen im Fall der
Untererfüllung übernehmen sollten, weil die Abfallverbrennung unter Berücksichtigung von
Ausgleichszahlungen kostengünstiger als die Abfallverbrennung sei. Diese Bedenken blieben
jedoch nur in der Form einer Empfehlung, die für den Abfallbeseitigungsplan der BSR
berücksichtigt werden konnte. Denn der Senat verlieh den BSR das Recht, alle notwendigen
Entscheidungen für die Erfüllung des Vertrags selbst zu treffen. Vom Senat wurden keine
weiteren konkreten Anweisungen gegeben. Hinsichtlich der Energiegewinnung, die zu dieser
Zeit als Recyclingaktivitäten der BSR hervorgehoben wurde, räumten die BSR zwar ein, dass
bei Erfüllung des Langfristvertrags die für den Erlös aus der Dampferzeugung notwendigen
Müllmengen nicht für die Verbrennung zur Verfügung stünden.550 Trotzdem trafen sie keine
kurzfristigen Maßnahmen und warteten nur auf die neue Aushandlung des Mengenvertrags im
Jahr 1984.
Die Erfüllung des Vertrags stellte sich als erste Aufgabe der BSR dar, während dem
Emissionsproblem relativ geringe Bedeutung beigemessen wurde. Die Reduzierung der
Auslastung ließ auch das Emissionsproblem eine Weile vernachlässigen. Somit kam ein
konkreter Plan für die Nachrüstung zur Abgasreinigung erst im Jahr 1982 heraus, obwohl sich
die BSR in internen Gesprächen bereits im Jahr 1979 damit befassten.551 Nach einem
Zeitungsartikel bestand der Grund für die erste Überlegung darin, dass seit November 1978
eine große Abgasbelastung in der Umgebung der Müllverbrennung festgestellt worden war.552
Erst Ende 1982, als die Überschreitung der Schadstoffe wie Chlor- und Fluorverbindung,
547 PlPr 7/78 v.8. Juni 1978, S. 3804.
548 BSR-Archiv, TK / App. 303 v.14. 2. 1980, Maßnahmen zur Kapazitätserweiterung auf dem Umschlagsektor.
549 BSR-Archiv, Brief v. 27. 10. 1981.
550 BSR-Archiv, Brief an Senator für GeU v. 9. 2. 1981;BSR-Archiv, Entwurf Bericht über die Abschlussprüfung
für das Geschäftsjahr 1981 bei den BSR.
551 BSR-Archiv, Vermerk über die Ergebnisse der Besprechung bei SenDir am 12. und 13. März 1979 v. 21. 3.
1979.
552 Tagesspiegel v. 17. 5. 1980.
107
Schwefeldioxide deutlicher geworden war, beantragte die BSR das Planfeststellungsverfahren
für die Abgasreinigungsanlage.553 Dieser verspätete Plan lag dennoch bis zum Jahr 1985 auf
dem Tisch der Genehmigungsbehörde.
4. Entwicklung des Abfallrecyclings im Rahmen des Müllverbringungsvertrags
4.1. Getrennte Sammlung von Abfallstoffen zum Recycling
Während die Abfallprobleme mittels Müllexports „umweltgerecht“ gelöst schienen, formierte
sich langsam eine andere Umgangsform mit dem Abfall. In der Abfallproblematik zog die
Frage der Abfallverwertung desto mehr Aufmerksamkeit auf sich, je mehr der Diskurs über
die Ressourcenknappheit in der Bevölkerung Gehör fand. Angesichts der Rohstofferhaltung
und Abfallverminderung wurden der Abfallverwertung im Vergleich zur Abfallbeseitigung
Vorteile zugeschrieben. Die Parole „Wiederverwertung der Rohstoffe im Abfall-
Recycling“ fand positive Resonanz in der Öffentlichkeit. Mit der Ölkrise 1973/74
intensivierte sich dieser Diskurs, der schließlich zu praktischem Handeln führte. Die in der
kirchlichen Organisation „Umweltforum Berlin“ stattfindenden Diskussionen zeigten diese
Tendenz deutlich. Wie oben erwähnt, entwickelten sich die Recycling-Aktivitäten so breit,
dass die Erfüllung des Müllvertrags wegen des Abfallaufkommensrückgangs gefährdet wurde.
Hinter den verstärkten Aktivitäten standen das neue Umweltbewusstsein der Bevölkerung und
die Privatwirtschaft, die die Altstofferfassung als Geschäftsfeld wieder entdeckte.
4.1.1. Altstoffsammlung der BSR und privater Firmen
Dieser Wandel war zeitlich allerdings zuerst in Aktivitäten der BSR zu beobachten. Schon
relativ früh, bereits im Jahr 1974, begannen die BSR versuchsweise mit der getrennten
Altstoffsammlung (Papier). In erster Linie war diese Aktion zwar durch die verbesserte
Marktsituation des Altpapiers veranlasst554, aber die neue Wahrnehmung über den Abfall
spiegelte sich auch darin wider. In ihrem Geschäftsbericht 1973 fand sich folgende
Formulierung: „In dem Maße, wie die Rohstoffquellen unserer Erde als Folge der
Wohlstandsbedürfnisse der Industrienationen einer immer schnelleren Auszehrung
unterliegen, sollte sich die Einsicht durchsetzen, dass das im Abfall enthaltene Potential an
Rohstoff und Energie nicht nutzlos vertan werden darf. Dieses Problem ist für die BSR aber
nicht allein eine Frage gesamtwirtschaftlichen Interesses, sondern vielmehr auch unter dem
553 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1983, S. 8.
554 Kussatz, Altpapiersammlung, S. 97.
108
Aspekt der Abfallverminderung bedeutsam.“ 555 So bewegte das seinerzeitige
Krisenbewusstsein die BSR dazu, die Wiederverwertung von Abfällen voranzutreiben.
Im Juli 1973 riefen die BSR eine Arbeitsgruppe „Altstofferfassung“ ins Leben, die aus sechs
bis acht Abteilungsleitern bestand.556 Ihrem Vorschlag gemäß wurde Anfang 1974 eine
Straßensammlung durchgeführt, die nach einigen Monaten eingestellt werden sollte. Diese
Sammlung erwies sich zwar als wirtschaftlich vorteilhaft, brachte aber negative
Begleiterscheinungen wie Straßenverschmutzung mit sich. Dazu fehlte in der Bevölkerung die
Bereitschaft, Abfallpapier getrennt vom übrigen Abfall zu halten. Demzufolge war der
Versuch nach kurzer Zeit gescheitert. 557
Im Herbst 1974 kam ein neuer Versuchsplan zur Altpapiererfassung in den Haushalte
heraus: eine getrennte Sammlung des Papiers in besonderen Gefäßen. Nach einigen
Versuchen zeigte sich, dass eine Aufstellung von Papierbehältern die Papierseparierung der
Bevölkerung fördern und die Straßenverschmutzung vermeiden konnte. 558 Dem gemäß
wurden für drei ausgewählte Wohngebiete zwei Sorten von Gefäßen - 220-l und 1,1 m³ - in
der Nähe von Mülltonnenstandplätzen zur getrennten Sammlung aufgestellt. 559 Dieser
Versuch ergab ein gutes Ergebnis, weil die Bürger im Gegensatz zum ersten Versuch die
Aufforderungen zur Papierseparierung bereitwillig erfüllten. Mit dem verbesserten
Rohstoffmarkt und dem Rohstoffbewusstsein der Bevölkerung erstreckte sich die getrennte
Sammlung Ende des Jahres 1974 über mehrere Bezirke. Nach Stand von Ende April 1975
betrug die Zahl der 220-l-Gefäße 1760 und die der 1,1 m³ Gefäße 146.560 Die gesammelte
Menge erreichte etwa 200 t pro Monat. Als das Abfallwirtschaftsprogramm 1975 der
Bundesregierung zur neuen Abfallpolitik erklärt wurde, waren die BSR der Ansicht, die
Papiersammlung sei ein Beispiel für die Beteiligung der BSR an dem Programm.561
Dennoch hielt die Sammlungsaktion nicht länger an. Denn die Wirtschaftlichkeit der
Sammlung verschlechterte sich mit sinkendem Papierpreis in dem Maß, dass eine
Kostendeckung durch den Erlös kaum zu erwarten war. Während die Erlöse am Anfang eine
Deckung der Einsammlungskosten in Höhe von 120 DM /t erbrachten, wurde Anfang 1975
von der direkt belieferten Berliner Papierfabrik nur noch 30 DM /t bezahlt.562 Obwohl die
555 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1973, S. 10.
556 Drucksache 8/158 v.05.10.79, M. Nr.24, Kleine Anfrage des Abg. Peter Boroffka (CDU) über Arbeitsgruppe
„Altstofferfassung“ bei den BSR, S. 17.
557 Kussatz, Altpapiersammlung, S. 98 f.
558 Drucksache 7/210 v. 17.10.75 M. Nr.16, Nicht behandelte Mündliche Anfragen des Abg. Bode (CDU) über
Abfalltonnen der BSR „ Nur für Papier“, S. 93.
559 Vgl. Kussatz, Altpapiersammlung; Drucksache 7/210, a.a. O..; BSR, Bericht für das Geschäftsjahr 1974, S. 8.
560 Kussatz, Altpapiersammlung, S. 100
561 BSR, Bericht 1974, S. 8.
562 Sierig und Kussatz, Abfallverwertung, S. 104.
109
BSR ihren Willen zur Durchführung dieser Aktion erklärten, stellten sie die Sammlung
schließlich Ende 1975 ein.563
Das Streben nach Recycling war nicht so ausgereift, dass diese Aktion aus ökologischem
Grund trotz der schlechten Marktsituation fortgesetzt werden konnte. Es zeigte sich, dass das
Recycling in Richtung zur Abfallverminderung wenig beachtet wurde. Das ging vor allem
darauf zurück, dass die DDR-Deponien mit dem Zwanzig-Jahres-Vertrag sichergestellt
wurden. Unter dessen hatten die BSR keinen Anlass, diese kostspielige Sammlung dennoch
zu betreiben. Statt dessen beschränkten sie sich hinsichtlich der Abfallverwertung auf die
Abfallnutzung durch Energiegewinnung: Erzeugung von Hochdruckheißdampf in der MVA
Ruhleben. Dies zählte zu den wichtigen Recyclingaktivitäten der BSR. Die Sammlung von
Papier fand seither nur in auf der Deponie Wannsee aufgestellten Containern statt.564
Diese getrennten Sammlungen wurden von privaten Firmen weiter betrieben. Im Jahr 1975
begann die Firma „Recyclinggesellschaft für Rohstoffgewinnung“ (RGR), die später zur
größten Berliner Entsorgungsfirma ALBA wurde, mit der getrennten Sammlung des
Hausmülls in einer neuen Form. Für das Projekt der „Arbeitsgruppe Recycling“, das im
folgenden Abschnitt dargestellt wird, entwickelte sie ein neues Sammlungssystem. Ein Teil
der offiziellen Müllgefäße (110 l-und 1100 l-Behälter) in Wohnblocks wurde durch
gleichartige, jedoch durch Aufschrift und Farbgebung besonders gekennzeichnete Gefäße für
die Aufnahme von Papier und Glas ersetzt.565 An diesem Projekt beteiligten sich 20.000
Haushalte über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren. 566 Es zeigte sich, dass das
„Substitutionssystem“ zur Förderung der getrennten Sammlung führte, indem die
Sammelarbeit viel leichter gegenüber der offiziellen zentralen Sammlungsstelle wurde. Im
Jahr 1978 erstreckte sich das System über 50.000 Wohneinheiten.567 So setzte sich das
System unter hoher Bürgerbeteiligung durch.
Unterdessen fand das System auch für die anderen Abfallstoffe wie Metall Verwendung und
etablierte sich im Lauf der Zeit zum „Berliner Modell“, das mit dem
Abfallwirtschaftsprogramm Berlin in allen Bezirken zum Einsatz kam.
Ein anderes Berliner Unternehmen, die Glas-Recycling Berlin (GRB), zeigte ebenfalls ein
positives Ergebnis bei der Sammlung des Altglases. Sie stellte auf gemeinsam mit den
Bezirksverwaltungen ausgesuchten zentralen Standplätzen in den Wohngebieten kostenlos
Spezialbehälter mit durchmesserbegrenzenden Einfüllstutzen auf. Mit der großen Akzeptanz
der Bevölkerung stieg die Zahl der aufgestellten Behälter mit je 2,6 m³ Inhalt von 180 Stück
563 Drucksache 8/158, a.a.O..
564 Ebda.
565 Jäger, Berliner Aktualitäten, S. 494.
566 Schweitzer, Darstellung, S. 921.
567 Ebda.
110
Ende 1977 auf 500 Stück Ende Mai 1978. Für die Aufstellung der Behälter nahm die Firma
kostenlos das Altglas entgegen.568 Diese Glassammlungen waren oft von Öffentlichkeitsarbeit
begleitet, die auf die Förderung der Bereitschaft bei den Bürgern abzielte. Unter dem Motto
„Altglas ist kein Müll, sondern Rohstoff“, zum Beispiel, wandte sich der Umweltausschuss
der Deutschen Hohlglasindustrie an die Öffentlichkeit.569
Aus diesen Aktivitäten der privaten Firmen bildete sich in Berlin relativ früh ein
Recyclingsystem - getrennte Sammlung - heraus, das die Mitarbeit der Bürger voraussetzte.
Nach Angaben von Josef Schweitzer, dem Geschäftsführer der Firma RGR, waren jedoch zu
dieser Zeit günstige Bedingungen dafür nicht gegeben. Er schrieb in einem Artikel: „[...]
bezogen auf das Recycling in Berlin können die Verantwortlichen gar nicht so sehr daran
interessiert sein, bereits fehlende Müllmengen noch dadurch zu vergrößern, dass man die
Recycling-Idee und praktische Durchführung unterstützt.“570 Seiner Ansicht nach stand der
Müllvertrag im Wege. Erst Ende der siebziger Jahre unternahm der Senat Bemühungen um
die Wiederverwertung der Abfälle auf.
4.1.2. Entwicklung des Berliner Modells und Recyclingaktivitäten der Bürger
Es war vor allem der eifrigen Beteiligung der Bürger an Recycling zu verdanken, dass diese
unternehmerischen Recyclingaktivitäten positive Ergebnisse erlangten.
Die Firma RGR konnte ihre Idee des Substitutionssystems im Rahmen eines Projekts in die
Tat umsetzen, das eine Berliner Umweltschutzgruppe entwickelte. Im Frühjahr 1975
gründeten drei Mitglieder der „Gesellschaft für Umweltschutz e.V.- Berlin“ 571 eine
„Arbeitsgruppe Recycling“, um die Rohstoffwiedergewinnung zur Verringerung der
Abfallmenge in Gang zu bringen.572 Die Arbeitsgruppe kam zu der Überzeugung, dass die
Ursache der Erfolglosigkeit der getrennten Sammlung von Altpapier nicht in Unfähigkeit der
Bürger zu suchen war. Vielmehr musste man die Ursache im Fehlen „begreifbarer“ Modelle
und Alternativen sehen, an denen der Bürger verändertes Sozialverhalten, das mit gesteigerter
Sensibilität für Umweltprobleme und Wegwerfgesellschaft eng verbunden war, einüben
konnte.573 In dieser Hinsicht bereitete diese Arbeitsgruppe nach konzeptionellen Arbeiten ein
Projekt vor, das „Pilotprojekt Recycling Berlin“ genannt wurde. Das Ziel des Projekts bestand
568 Jäger, Berliner Aktualitäten, S. 496.
569 Informationen. Umweltschutzforum, Nr. 18, Jan. 1975, S. 25.
570 Schweitzer, Getrennte Sammlung, S. 98 f.
571 Die Gesellschaft wurde im Jahr 1971 gegründet. Im Jahr 1973 eröffnete sie zusammen mit der 1966 in Berlin
gegründete Gesellschaft für Lärmbekämpfung e.V. das Aktionszentrum Umweltschutz Berlin als ein
Informationszentrum. Mit dem Berliner Senat und den Kommunalbetrieben bildeten die beiden
Gesellschaften auch eine Arbeitsgemeinschaft. Vgl. hierzu: Vondracek, Informationsstrategien, S. 253 f.
572 BSR-Archiv, Bericht zum „Pilotprojekt Recycling Berlin“ der Gesellschaft für Umweltschutz e.V.- Berlin.
573 Vondracek, S. 255.
111
darin, durch Schaffung eines möglichst flexiblen dezentralen Sammelsystems einen
kontinuierlichen Altmaterialien-Rückflusses zu begünstigen sowie die Wertstoff-Sammlung
kostendeckend durchzuführen und auf diese Weise eine Lösung des Umwelt-, insbesondere
des Abfallproblems, zu bieten.574 Bezüglich der Durchführung des Projekts war die Gruppe
auf einen Partner angewiesen, der die technische Ausstattung zur Verfügung stellte, wozu sich
die Firma RGR bereit erklärte. Die BSR hatten zuvor ihre Mitarbeit abgelehnt. So konzipierte
die Arbeitsgruppe mit der Firma ein dezentrales Sammelsystem, das später als „Berliner
Modell“ bekannt wurde.
Im Planungsstadium war der Einsatz vier farblich verschiedener Behälter vorgesehen: Rot für
Papier, Grün für Altglas, Blau für Schrott, Gelb für Kunststoff. Wegen der Schwierigkeit bei
der Aufarbeitung wurden dennoch lediglich die ersten zwei Behälter mit unterschiedlichen
Volumen (240 l, 770 l, 1100 l, 5300 l) eingesetzt. Der mit 22.424 Haushalten durchgeführte
Testversuch des Systems zeigte hohe Sammelleistungen und eine Betriebskostenminderung.
So lagen die erreichten Rückführquoten für Altpapier bei 69,5% und für Altglas bei 85,7%.575
Während des Projektzeitraumes wurden 1000 t Altpapier pro Jahr und 1.200 t Altglas pro Jahr
gesammelt. Daraus resultierte eine dreißigprozentige Reduzierung der Gesamtabfallmenge (in
Volumen). In diesem Projekt beteiligten sich auch die Berliner Kirchengemeinden.576
Nach diesem Erfolg wurde das Projekt seit Ende 1978 in erweiterter Dimension unter dem
Namen „Recycling Modell Berlin“ von der Firma RGR als ständige privatwirtschaftliche
Einrichtung durchgeführt. Dieser Projekt wurde durch Gebühren finanziert, die wesentlich
unter denen der Abfallbeseitigung lagen. Durch Einsparung von Müllbehältern ergab sich für
den Abfallerzeuger im Ergebnis eine Einsparung.577 An das Sammelsystem waren 100.000
Wohneinheiten mit Stand März 1981 angeschlossen.
Die Idee von Recycling, angefangen mit der getrennten Sammlung von Altpapier, wurde mit
Umweltschutz gleichgesetzt und drang ins Bewusstsein der Bürger vor. In der öffentlichen
Diskussion über Abfälle setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Abfall einer der
wichtigsten Rohstoffe der Zukunft sei. Das führte dazu, dass auch die öffentliche
Zentralsammlung von Papier und Glas ohne große Hindernisse durchgeführt werden konnte.
Auf Berliner Straßen und Plätzen waren bis Ende Februar 1980 insgesamt 60 Container für
Altpapier aufgestellt worden. Die dadurch gesammelte Altpapiermenge stieg von 127.200 t
(1978) auf 145.000 t (1979).578
574 BSR- Archiv, „Pilotprojekt“, S. 6.
575 Ebda, S. 7.
576 Umweltschutzforum Berlin, Nr. 49, Juli 1980, S. 12.
577 Vondracek, S. 257.
578 Umweltschutzforum Berlin, Nr. 49, Juli 1980, S. 13 f.
112
Unter dieser Recycling-Euphorie wurde das Kompostierungsverfahren, das von
Bürgerinitiativen als Alternative zur zweiten MVA vorgeschlagen wurde, angesichts der
Abfallverwertung erneut in Betracht gezogen. Seit 1980 versuchte die Umweltorganisation
„Umweltschutzforum Berlin“, öffentliches Interesse für die Kompostierung zu wecken, indem
sie eine Reihe von Beiträge in ihrer Zeitschrift veröffentlichte.579 Dabei wurde das Verfahren
im Hinblick auf die Verwertung von Küchenabfällen und die Herstellung von
Bodenverbesserungsmitteln beleuchtet und als „Bio-Recycling“ bezeichnet. Die praktische
Umsetzung fand jedoch erst in der Mitte der achtziger Jahre statt.
Anfang 1981 erweiterte sich das Recycling von Abfällen durch bürgerliche Initiative und
erstreckte sich auch auf Metall. Zu dieser Zeit wurde die Verwertung von Metall-Abfällen nur
für Industrie und Gewerbeabfälle durchgeführt. Die von Norbert Kopytziok, dem Gründer des
IfÖRs (Institut für ökologisches Recycling)580, geleitete „Alu-Gruppe“ begann im Jahr 1981
mit der Aluminiumsammlung aus Haushalten, indem sie Sammelbehälter in Läden und auf
privaten Grundstücken aufstellte. Nach Angaben Kopytzioks hatte sich an dieser Sammlung
bis 1983 über 3000 Personen beteiligt.581 Allein im Jahr 1984 konnten etwa 3,7 Tonnen
überwiegend aus Verpackungsmaterial bestehendes, hochwertiges Aluminium dem
Tempelhofer Aluminium-Schmelzwerk geliefert werden. Die überraschend hohe Alu-
Sammelleidenschaft der Berliner Bevölkerung führte jedoch zu einer zunehmenden
Überlastung der ausschließlich ehrenamtlich tätigen Gruppe bei der Betreuung der
Sammelstellen. Beim Tonnenleeren, Sortieren und Transportieren war die Arbeit sehr
aufwendig, die durch den Erlös des Aluminiums kaum entlohnt werden konnte. Dennoch lief
das Projekt bis 1986, als es aus der Einsicht heraus eingestellt wurde, dass in anderen Ländern
(Italien, England, Österreich, Schweden) mit Recycling-Pilot-Projekten der
Aluminiumdosenmarktanteil erhöht werden konnte.582 Die Alu-Gruppe fürchtete, dass ihre
Aktivität als Alibi-Maßnahme für die Aluminiumindustrie missbraucht werden könnte, weil
der Vertreter der Vereinigten Aluminiumwerke auf einem Kongress erklärte, der europäische
Markt sei für die Aluminiumindustrie erst dann zu erschließen, wenn ein Recyclingsystem
aufgebaut werde. Die Gruppe sah einen Widerspruch des Recyclingsystems darin, dass das
Recycling die Verbreitung umweltverträglicher Produkte wie Mehrwegbehälter behindern
und gleichzeitig umweltbelastende Produkte sich vermehren würde. Daher hatte sich die
Gruppe von ihrem Projekt verabschiedet.
579 Vgl. Umweltschutzforum Berlin, Nr. 49, 54, 57.
580 Vgl. hierzu: Kapitel 4. 2.
581 Vgl. Alusammeln ein Ausweg, S. 33 ff.
582 Recycling-Rundbrief, Nr. 10, März/April 86, S. 5.
113
4.1.3. Konflikt zwischen privaten Firmen und den BSR wegen Recyclingaktivitäten
Unter hoher gesellschaftlicher Akzeptanz des Recycling erweiterten die privaten Firmen ihre
Geschäfte ohne große Schwierigkeit, aber sie sahen sich Ende der siebziger Jahre mit einem
neuen Problem konfrontiert. Die BSR, denen nach geltendem Berliner Recht allein die
Beseitigung des Hausmülls zugewiesen worden waren,583 dachten an das Abfallrecycling, was
für die privaten Firmen einen Gewinnverlust mit sich bringen könnte. Das
privatwirtschaftliche Recycling des Hausmülls war aus dem Grund zugelassen, dass
wiederverwertbare Rohstoffe wie Papier oder Glas aus Haushaltsabfällen nicht als Abfall,
sondern als „Wirtschaftsgut“ galten, wenn sie zum Zweck der Wiederverwertung weggegeben
wurden. Solche Rohstoffe konnten als Handelsware von privaten Firmen gesammelt und
gehandelt werden. So lange die BSR nicht am Recycling interessiert waren, lag die
Handelsware allein in den Händen der privaten Firmen und brachte einen hohen Profit mit
sich.
Diese Lage veränderte sich, als der Berliner Senat Recyclingaktivitäten in die Betätigungen
der BSR einzuschließen suchte. Mit den privatwirtschaftlichen Entwicklungen und der
zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz kam der Senat auf die Idee, dass Maßnahmen
zum Recycling ergriffen werden sollte. Zur Diskussion darüber tagte am 11. 9. und am 2. 11.
1978 eine Kommission des Verwaltungsrats unter Beteiligung des Senats für Gesundheit und
Umweltschutz und der BSR.584 Dabei zeigte sich, dass zuerst die Rechtslage der BSR für diese
Betätigung geklärt werden musste. Denn die BSR war dem Abfallbeseitigungsgesetz nach
von Recyclingtätigkeiten der verwertbaren Rohstoffe ausgeschlossen. Auch die
Betriebssatzung vom 1. 12. 1977 erlaubte keine Tätigkeit im Recyclingbereich. Ohne
Änderung dieser Rechtlage wären die BSR nicht in der Lage gewesen, ihre eigenen
Recyclingaktivitäten zu betreiben. Eine Lösung sah der Senat darin, ein Landesabfallgesetz,
das der BSR die Beseitigung der Industrie- und Gewerbeabfälle auf Grund des Recyclings
erlaubt, zu verabschieden.585
Während dessen versuchten die privaten Firmen, die Gewinnverluste durch die BSR-
Recyclingaktivitäten befürchteten, auf Grund dieser Rechtslage den Plan des Senats zu
verhindern. Sie betonten, es sei Aufgabe der BSR, für die Müllabfuhr zu sorgen und nicht,
sich im privatwirtschaftlichen Bereich als Konkurrentin des Berliner Rohstoffhandels zu
583 Die Aufgabe der Abfallbeseitigung wurde im Land Berlin zwei Institutionen zugewiesen: für Bauabfälle der
Senator für Bau- und Wohnungswesen, für die übrigen Abfälle der Eigenbetrieb Berliner
Stadtreinigungsbetriebe. Keiner Regelung in einem Landesgesetz bedurfte die Einschaltung Dritter bei der
Abfallbeseitigung, da dies bereits im Abfallgesetz des Bundes geregelt war. Vgl. PlPr 7/ 84 vom 25. Mai 1978,
über Gesetz zur Ausführung des Gesetzes über die Beseitigung von Abfällen (Landesabfallgesetz), S. 3683.
584 BSR-Archiv, GA 4/ dÖ v. 19. 6. 1979, Bericht über mögliche BSR-Recycling-Aktivitäten, S. 2.
585 PlPr 7/84 v. 25.Mai 1978, S. 3688.
114
betätigen.586 Nach der Auffassung der BSR trat die Firma RGR als ein strikter Gegner auf.587
Im Parlamentsausschuss für den SenGeU meldete auch der Verband der privaten
Städtereinigungsbetriebe Bedenken an, die privaten Unternehmen könnten in ihrer Existenz
gefährdet werden, wenn das vorgesehene Landesabfallgesetz verabschiedet werden würde.
Aus dieser Besorgnis heraus schlug der Verband vor, dass die Privatunternehmer bei der
Beseitigung von Abfällen aus Industrie- und Gewerbebetrieben in freier Konkurrenz zur BSR
tätig bleiben dürften.588 So nahmen die privaten Unternehmen eine ähnliche Stellung wie beim
Streit über den Beschluss des Landesabfallgesetzes589 im Jahr 1973 ein. Damals waren sie
auch gegen den Gesetzentwurf auf Grund des Ausschlusses der privaten Unternehmen in der
Abfallbeseitigung gewesen.
Trotz dieser Widerstände wurden vorteilhafte Bedingungen für die BSR geschaffen. Der
Regierende Bürgermeister von Berlin erklärte in seiner Regierungserklärung vom 31. Mai
1979 die Wiedergewinnung von Rohstoffen aus Abfällen zu einem Schwerpunkt der
Umweltschutzpolitik. 590 Aus der Öffentlichkeit wurde an die BSR die Forderung
herangetragen, durch abfallwirtschaftliche Maßnahmen Kosten zu sparen und
wiederverwertbare Teile des Mülls anderweitig zu nutzen. Im Hinblick auf die Rechtslage
kamen neue Interpretationen des AbfGs heraus, in denen die Tätigkeit der BSR im Bereich
des Recyclings als möglich dargelegt wurde. Im Kommentar von Gottfried Hösel und
Heinrich von Lersner zum AbfG fanden die BSR eine wichtige Passage, die neue Aufgaben
anzudeuten schien: „Ferner sei an keiner Stelle des AbfG gesagt, dass eine Sache, die einmal
Abfall wurde, auch Abfall bleibe. Desgleichen habe die beseitigungspflichtige Körperschaft
die Möglichkeit, die ihr als Abfall überlassenen Sachen der Verwertung zuzuführen.“591 Auf
Grund dieser Auffassung ermächtigte das Landesabfallgesetz von Baden-Württenberg die
beseitigungspflichtige Körperschaft, Abfälle der Wiederverwertung zuzuführen.
Anhand dieser Vorlagen überzeugten die BSR den Senat für Gesundheit und Umweltschutz
davon, dass es keine formalen Hindernisse gäbe, Abfälle in Form einer getrennten Sammlung
zu verwerten. Daraus ergab sich, dass das geplante Landesabfallgesetz nicht unbedingt
verabschiedet werden sollte. So kam kein Landesgesetz hinsichtlich der Abfallbeseitigung
zustande. Ende 1979 schließlich wurde die Geschäftsleitung der BSR vom Senat beauftragt,
umgehend dem Verwaltungsrat eine Konzeption des Recycling vorzulegen.
586 BSR-Archiv, Brief vom Fachgemeinschaft Rohstoffe Berlin e.V. an den BSR v. 15. Juni 1979.
587 BSR-Archiv, Brief an Sen. GeU. v. 21. 6. 79.
588 Protokolle: Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz, 7/62. S. 22 ff.
589 PlPr 6/62 v.12. Dezember 1973, über Landesabfallgesetz, S. 2387 f.
590 PlPr 8/28, Sitzung vom 29. Mai 1980, Große Anfrage der Fraktion der CDU über Folgen der Novellierung
des Abfallbeseitigungsgesetzes für die Berliner, S. 1256.
591 BSR-Archiv, Brief an Sen. GeU v. 23. 10. 79.
115
In der Verwaltungsratsitzung vom 16. 12. 1980 wurden hinsichtlich der getrennte Erfassung
verwertbarer Bestandteile des Hausmülls folgende Maßnahmen der BSR vorgestellt:
Aufstellung von 1,1-m³- Behältern für Papier in geschlossenen Wohnsiedlungen (Märkisches
Viertel, Gropiusstadt und Falkenhagener Feld) und die Sammlung mit Großbehältern (240 l
Behälter).592 Auf diese Weise lehnten sich die BSR vom Prinzip her an dem Modell der Firma
RGR an. Die Gründe dafür waren die sofortige Anwendbarkeit ohne große technischen
Entwicklungen und die Deckungsmöglichkeit der Sammelkosten durch Entgelt.593
Diese Recyclingaktivitäten der BSR wurden nach dem Regierungswechsel im Jahr 1981 noch
intensiver weiterbetrieben. Die neue Regierung betonte, dass im Land Berlin künftig mehr
Abfall in Rohstoff umgewandelt werden sollte. Sie war darüber hinaus der Ansicht, dass
Maßnahmen der Abfallwirtschaft kostengünstiger als die Beseitigung in der DDR seien.594
Demnach wurde eine Arbeitsgruppe vom Senator für Arbeit und Betriebe dazu einberufen, die
Vertragsmenge für die Verbringung in die DDR ab 1984 unter Berücksichtigung des
Recycling neu festzulegen und die insgesamt für Recycling-Maßnahmen verfügbare
Abfallmenge zu bestimmen.595 Somit bereitete der Senat den Übergang zur Abfallwirtschaft
vor, der die Wiederverwertung, insbesondere Recycling, zugrunde lag.
Dementsprechend stellten die BSR fest, dass Prioritäten auf Recyclingmaßnahmen auch für
den Fall einer Mindernutzung bestehender Anlage gewährleistet werden sollten.596 Seit 1981
bemühten sie sich darum, die Vorbereitungsarbeit für Recycling fortzusetzen. Neben der
Erprobung der getrennten Erfassung beschäftigten sie sich mit der Entwicklung neuer
Sammelsysteme und anderer Recyclingtechniken: die Erprobung eines sogenannten
„Multiplexer- Trennsystems“, die Entwicklung des Prototyps eines kombinierten Containers
mit getrennten, nacheinander zu entleerenden Kammern für Müll, Papier und Glas sowie für
die Brennstoffgewinnung aus Abfällen. 597 Nach längerem Vorlauf eröffnete ein
Verwaltungsratsbeschluss vom 2. Dezember 1982 den BSR schließlich die Möglichkeit, in
einem zeitlich und räumlich begrenzten Versuchslauf Erfahrungen mit der getrennten
Erfassung von Altglas und Altpapier zu sammeln.598
Nachdem die Beteiligung der BSR am Recycling rechtsmäßig und fördernd geklärt wurde,
sah sich die Regierung mit einem neuen Problem konfrontiert. Anhand des neuen
Abfallbegriffs verwischte sich die klare Abgrenzung der Abfallsammlung zwischen privaten
Müllabfuhrbetrieben und den BSR, woraus oft Interessenkonflikte resultierten. Von den
592 BSR-Archiv, Vorlage am 16. 12. 1980.
593 BSR-Archiv, Entwurf: Technische Möglichkeiten des Recycling.
594 BSR-Archiv, MT/247 v. 1. 10. 81. Vorbereitung und Durchführung von Recycling-Maßnahmen bei den BSR.
595 BSR-Archiv, MT/247 v. 1. 10. 81, Vorbereitung und Durchführung von Recycling-Maßnahmen bei den BSR.
596 Ebda.
597 BSR Archv, MT/247.
598 PlPr 9/45, Sitzung v. 2. Juni 1983 über Recycling bei der BSR, S. 2626.
116
privaten Firmen wurde beklagt, dass die BSR aus steuerrechtlichen Gründen einen Vorteil bei
der getrennten Sammlung hätten. Denn die BSR plante, auch für die Abfuhr von getrennt
erfassten, verwertbaren Bestandteilen des Hausmülls kostendeckende Entgelte zu erheben.
Dabei äußerten die privaten Firmen ihre Sorge, die BSR könnte mit künstlich niedrig
gehaltenen Entgelten einen Unterbietungswettbewerb eröffnen.599 Demgegenüber warfen die
BSR den privaten Firmen vor, sie dehnten ihr Arbeitsgebiet auf Kosten der BSR aus und
gefährdeten damit Arbeitsplätze bei den BSR. 600 Diese Konflikte blieben eine Zeitlang
ungelöst.
4.2. Neue Versuche mit der Abfallbehandlungstechnik im Rahmen des Abfallrecyclings
4.2.1. Pyrolyseverfahren als Alternative zu Müllverbrennung
Parallel zu den Müllverhandlungen mit der DDR beschäftigten sich die BSR seit 1974 mit
dem Plan der Errichtung eines Abfallforschungswerks.601 Es handelte sich dabei um ein neues
Abfallbeseitigungsverfahren, dessen Grundprinzip darin bestand, Abfallstoffen bei hoher
Temperatureinwirkung und unter Luftausschluss in brennbare Gase und auch brennbare Teere
und Öle überzuführen. Die neue Technik wurde als eine Variante der Pyrolyseverfahren602
begriffen, die zu dieser Zeit als neue Müllverarbeitungsmethode mit großem Interesse verfolgt
wurden. In anderen Staaten wurde bereits Pyrolyseverfahren im Einsatz. Im Jahr 1973
errichtete die Stadt Baltimore unter finanzieller Unterstützung des amerikanischen
Umweltamts (EPA) die weltgrößte Pyrolyseanlage, die 1000 t Stadtmüll je Tag verarbeiten
sollte. 603 In der Anlage wurde Haushaltsmüll in Gase und Eisen- und Stahlrückstände
umgesetzt. In der dänischen Stadt Kalundborg wurde eine Versuchsanlage, die auch die
Umwandlung der Haus-und Industrieabfälle in Pyrolysekoks und Gas bezweckte, von der
599 Ebda.
600 BSR-Archiv, Brief an Senator für Arbeit und Betriebe v. 23. 10. 1981.
601 BSR, Bericht für Geschäftsjahr 1974, S. 8.
602 Der Begriff “Pyrolyse” bedeutet ein Prozeß, in dem organisches Material in sauerstoffarmen Raum thermisch
langsam zersetzt wird. Das englische Wort wurde mit dem deutschen Ausdruck „Entgasung“ in gleicher
Bedeutung verwendet. Vgl. hierzu: UBA(Hg.), Jahresbericht 1983, S. 146.
603 Vgl. EPA (Hg.), Baltimore.
117
Firma Pollution Control KG errichtet.604 Diese nach dem Entgasungsverfahren arbeitende
dänische Anlage zog die besondere Aufmerksamkeit deutscher Fachleuten in der
Abfallforschung auf sich. Denn die Entgasungsvariante (thermische Zersetzung organischen
Materials unter Ausschluss von Luftsauerstoff) ließ gegenüber der Müllverbrennung Vorteile
erwarten: geringere Schadstoffbelastung der Umwelt sowie die Möglichkeit, Metalle in nicht
oxidierter Form zurückzugewinnen.605 Die Verwendungsmöglichkeit des Pyrolysegases, das
durch Zersetzung des Mülls erzeugt wird, zählte zu den weiteren Vorteilen. Angesichts dessen
startete 1974 der Bundesminister für Forschung und Technologie gemeinsam mit dem
Bundesminister des Innern unter Mitwirkung des Umweltbundesamtes ein Förderprogramm
„Neue Verfahren der thermischen Abfallbehandlung“, das insbesondere auf die Entwicklung
der Entgasung- und Vergasungsverfahren606 abzielte.607
Für die dänische Anlage interessierte sich auch die BSR, so dass ihre Mitarbeiter zur
Besichtigung der Anlage nach Dänemark geschickt wurden.608 Im Juni 1974 entwickelte
Professor. Thomé-Kozmiensky, der das Fachgebiet Abfallwirtschaft des Instituts für
Technischen Umweltschutz an der TU Berlin609 lehrte, ein Forschungskonzept über „Abfall-
Pyrolyse“. 610 Zur Durchführung des Vorhabens wurde die Errichtung einer
Forschungspyrolyseanlage auf dem Grundstück des Müllverbrennungswerkes geplant. Diese
Technikumsanlage sollte nach dem Destrugasverfahren 611 - einem Entgasungsverfahren-
arbeiten. Dieses Forschungsvorhaben wurde im Rahmen des Bundesförderprogramms „Neue
604 Vgl. Abfall in die Torte?, S. 17; Willerup, Entgasung, S. 198.
605 Zeitung für kommunale Wirtschaft 36 (1976), S. 27.
606 Unter Vergasung versteht man die Umsetzung von kohlenstoffhaltigem Material bei hohen Temperaturen zu
gasförmigem Brennstoff unter Verwendung von Vergasungsmitteln wie Dampf, Kohlendioxid, Sauerstoff und
Luft.
607 Vgl. UBA(Hg.), Jahresbericht 1983, S. 146; Barniske, Thermische Verfahren, S. 353 ff. An diesem
Programm beteiligten sich viele anderen Forschungsgruppen: messtechnische Untersuchung der
Pyrolyseanlage Herbold (Uni Stuttgart, Maschinenfabrik Herbold), Verwertung von Kunststoffabfällen durch
pyrolytischen Abbau (Uni Hamburg), Pyrolytische Rohstoffrückgewinnung (GMU), Vergasung von Haus-
und Industriemüll (Saarberg Fernwärme GmbH), Bau und Betrieb einer Anlage nach dem Andco-Torrax-
Verfahren (Stadt Frankfurt), Bau und Betrieb einer Anlage nach dem Steen/Wille-Verfahren (Freie und
Hansestadt Hamburg).
608 Vgl. BSR, Bericht 1974, S. 8; UBA (Hg.), Neue Verfahren, S. 116 f.
609 Durch eine Strukturreform im Jahr 1969 wurde ein neuer Fachbereich „Umwelttechnik“ an der Technischen
Universitität Berlin gegründet. In diesem Fachbereich wurde seit 1973 das neue Fachgebiet Abfallwirtschaft
eingegliedert. Im Jahr 1978 etablierte sich der Fachbereich „Umwelttechnik“ zu dem ersten deutschen Institut
für technischen Umweltschutz, das aus den vier Fachgebieten bestand: Abfallwirtschaft, Luftreinhaltung,
Siedlungswasserbau und Wasserreinhaltung. Zur Entwicklungsgeschichte, vgl. Institut für Technischen
Umweltschutz, 10 Jahre Institut für Technischen Umweltschutz, Berlin 1988; Landesarchiv Berlin, B. Rep.
16 Nr.311; Thomé-Kozmiensky, Der Aufbau, S. 92 ff.
610 Thomé-Kozmiensky u.a., Prozeßgestaltung; BSR-Archiv, Antrag auf Gewährung eines Zuschusses für das
Vorhaben von K. J. Thomé-Kozmiensky.
611 Nach dem Verfahren wird der Müll unter vollständigem Ausschluss von Luft bzw. Sauerstoff beheizt. Der
Entgasungsprozess findet in Schachtreaktor bei 800-1000 °C. Ein Teil des Pyrolysegases lässt sich zur
Deckung des Energiebedarfs der Entgasung verwenden. Vgl. hierzu: BSR-Archiv, Vorplanung für eine
Forschungspyrolyseanlage System Destrugas für Berlin (West).
118
Verfahren der thermischen Abfallbehandlung“ mit finanzieller Unterstützung der
Bundesregierung durchgeführt.612
Ende 1975 wurde die Technikumsanlage in der ehemaligen Sinterhalle der BSR aufgestellt.
Zu den zu untersuchenden Abfällen gehörten Hausmüll, Kunststoffharze, Altreifen,
Klärschlamm und Hühnerkot. Die Untersuchungen waren darauf gerichtet, Aussagen zur
Massen- und Energiebilanz und Erkenntnisse über die Prozessgestaltung und Prozessführung
des Verfahrens zu gewinnen.613 Parallel zu den Untersuchungen der TU Berlin übernahmen
die BSR als Teil der Forschungsaufgaben die Entwicklung eines mehrstufigen
Reinigungssystems für die bei diesem Verfahren anfallenden, mit Schadstoffen
hochbelasteten Wässern. 614 Es war bekannt, dass das beim Destrugas-Pyrolyseverfahren
entstandene Gaswasser, das Kondensat aus Müllfeuchte und von Kohlenhydraten
abgespaltetem Wasserdampf, durch eine große Palette organischer und anorganischer
Substanzen verunreinigt wurde. Die Behandelbarkeit des Abwassers aus der
Destrugaspyrolyse wurde in diesem Projekt technisch geprüft.615
Die dreijährigen Untersuchungen ergaben, dass dieses Verfahren neben den erwarteten
Vorteilen Probleme aufwarf, die denen der Müllverbrennung kaum nachstanden.616 Es zeigte
sich, dass das Verfahren wegen der Zerkleinerungsaggregate einen erheblichen
Energieaufwand erforderte, während die Gewinnung des Pyrolysekokses im Vergleich zum
Abfallinput nur gering war.617 Zudem erwies sich die Gaswäsche als problematisch, da eine zu
diesem Zweck einzusetzende alkalische Wäsche Sonderabfälle erzeugen konnte. Die
Ergebnisse hatten die folgende Erwartung nicht erfüllt: „dieses Verfahren sollte durch
Energie-Erzeugung, Wiedergewinnung von Eisen- und Nichteisenmetallen sowie durch die
Weiterverarbeitbarkeit des Müllkokses als einzigen festen Rückstände dem Gedanken des
Recyclings und der Rohstoff-Rückgewinnung Rechnung tragen.“618 Das Umweltbundesamt
kam später zu dem Schluss, dass das Verfahren zusammen mit dem anderen Verfahren - dem
Hochtemperaturverbrennungsverfahren nach Stehen - wenig aussichtsreich sei.619 Eine weitere
Untersuchung des Verfahren wurde versagt und die Technikumsanlage der TU Berlin wurde
im Jahr 1979 abgebaut.
612 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1975, S. 8.
613 Thomé-Kozmiensky u.a., Prozeßgestaltung, S. 5 f.; Bilitewski, Forschungsprogramm, S. 238.
614 Das Projekt lautet „Abwasserreinigung beim Destrugas-Pyrolyseverfahren.“ BSR-Archiv, Forschungsantrag
der BSR vom 21.10.1975..
615 UBA, F&E Berichtsmerkblatt 1976.
616 Bilitewski u. Urban, Abfallwirtschaftsseminar, S. 305.
617 Thomé-Kozmiensky u.a., Prozeßgestaltung, S. 322 f.
618 BSR-Archiv, Vorplanung.
619 UBA, Jahresbericht 1981, S. 51.
119
Abbildung 5 Schema des Destrugasverfahrens (Quelle: BSR-Archiv)
Mit gestiegenem Energie- und Rohstoffbewusstsein wurden Pyrolyseverfahren seit Mitte
der siebziger Jahre vor allem angesichts der Energienutzung von Abfällen und der
Wiedergewinnung von Eisen- und Nichteisenmetallen intensiv vorangetrieben. Im Rahmen
des Abfallwirtschaftsprogramms 1975 legte das Bundesförderprogramm „Neue Verfahren der
thermischen Abfallbehandlung“ den Schwerpunkt auf die Energie- und
Rohstoffrückgewinnung. Dementsprechend wurden Forschungsvorhaben über
Entgasungsverfahren in großem Umfang gefördert und vorangetrieben.620 Wider Erwarten
zeigten dennoch eine Reihe von Versuchen, dass das entstehende Pyrolysegas für ein
wirtschaftlich speicherbares Gas einen zu niedrigen Heizwert aufwies. Das zentrale
technische Problem aller Verfahren bestand darin, den zu zersetzenden Stoffen die nötige
Wärme zuzuführen.621 Die Reinigung des Gases erwies sich aus chemischen Gründen als zu
problematisch. Die Bilanz in diesem Forschungsbereich wurde auf dem Internationaler
Recycling Congress folgendermaßen dargestellt: „In der Zwischenzeit sind einige der neuen
Verfahren ganz aus der Diskussion verschwunden. [...]Von den Verfahren zur Entgasung von
Haushaltsabfällen werden nur noch wenige ernsthaft weiter entwickelt.“622
Trotzdem herrschte die Meinung vor, dass den Verfahren durchaus Chancen eingeräumt
wurden, zukünftig zur Rohstoff- und Energiegewinnung aus Abfällen einen nicht
620 Seit 1975 wurden nur Entgasungsverfahren ins Programm aufgenommen. UBA, Jahresbericht 1983, S. 146.
621 Pautz und.Pietrzeniuk , Abfall und Energie, S. 45.
622 Müll und Abfall 11 (1979) 6, S. 160
120
unerheblichen Beitrag zu leisten. 623 In Berlin (West) kam ein neuer Versuch zu
Müllentgasungsverfahren wieder auf, als die BSR im Jahr 1981 erklärten, dass ein
Forschungsvorhaben „Kohle-Müll-Entgasung“ mit dem Ziel der „Ölunabhängigen
Gaserzeugung in Berlin“ im Rahmen der Recycling-Maßnahmen vorbereitet wurde.624
4.2.2. Erfolglose Versuche der Kompostierung
Eine Reihe von Diskussionen über die Wiederverwertung des Abfalls führte zu einer
Neubewertung der Kompostierung, die in den sechziger Jahren durch die Einführung der
Müllverbrennung aus dem Praxisfeld zurückgedrängt worden war. Als Alternative zur
Müllverbrennung hielt die „BIG Müll“ ein Plädoyer für die Kompostierung. Vorteile wie
geringere Investitionskosten, keine Schadgase und die Möglichkeit von Erlösen durch die
„Produktion“ des Kompostes wurden dieser Technik zugeschrieben.625 Darüber hinaus meinte
die Bürgerinitiative: „Sollte man aus mangelnder Betriebserfahrung in Berlin vor
Kompostwerken zurückschrecken, böte sich ein Kompostwerk privatwirtschaftlich neben dem
Klärwerk Marienfelde an.“626 Unter Fachleuten wurde die Ansicht vertreten, dass der
Kompostierung im Hinblick auf die Beseitigung von Klärschlamm und auf die
Bodenverbesserung die gleiche Bedeutung wie der Verbrennung beigemessen werden
sollte.627
Solche Befürworter stießen immer wieder auf die ablehnende Haltung der BSR, die an einer
ökonomischen Begründung, d.h. dem fehlenden Absatzmarkt, festhielt. Im Jahr 1972
versuchte die BSR, ihre Haltung erneut zu verteidigen, indem sie eine unabhängige Firma mit
einem Gutachten beauftragte. Diesem Gutachten gemäß könne nur noch der zwanzigste Teil
der gesamten Müllmenge durch Kompostierungsanlagen beseitigt werden. Die Errichtung
einer großen Anlage sei wegen der hohen Transportkosten der Kompostprodukte ökonomisch
unvertretbar.628
Dahingegen wies das Gutachten zugleich eine Möglichkeit auf, 25 000 t Müllkompost bei
Vermarktungsbemühungen in Berlin abzusetzen. Auf Grund dieser Aussage forderten einige
Abgeordnete den Senator verstärkt auf, das Kompostierungsverfahren als eine mögliche
Abfallbeseitigung ernsthaft zu überprüfen.629 Diesmal wiesen die BSR diese Forderung nicht
623 UBA, Jahresbericht 1981, S. 50.
624 BSR-Archiv, MT/247 Vorbereitung und Durchführung.
625 Hühner, Weshalb, S. 8 f.
626 Tagesspiegel v. 24. 2. 1972. Nach Angaben der Bürgerinitiative kostete zehn Werke 40 Millionen Mark,
während die MVA mit gleicher Kapazität bis zu 200 Millionen Mark kosten.
627 Vgl. Informationen. Umweltschutzforum Berlin, 1. Juli 1972, Nr. 3. S. 8 ff.
628 Vgl. Informationen Umweltschutzforum Berlin, Feb. 1973, Nr. 7, 14 ff. ; Der Tagesspiegel v. 19. Nov. 1972:
Nur ein kleiner Teil des Mülls wäre als Kompost zu verarbeiten.
629 Protokolle: Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz, 9.Sitzung v. Febr. 1976, S. 1 f.
121
sofort zurück und antworteten, die Errichtung eines „Müllkompostwerkes“ in Berlin als eine
Versuchs- und Lehreinrichtung sei nicht unmöglich. 630 Im Jahr 1974 wurde eine
Projektgruppe „Kompostierung in Berlin“ durch den Senator für Gesundheit und
Umweltschutz Naulin ins Leben gerufen. 631 Zu dieser Gruppe gehörten die BSR, das
Ingenieurbüro für Gesundheitstechnik und die Firma BC. Die Planungsarbeit wurde so weit
vorangetrieben, dass konkrete Aufgaben wie Finanzierung oder Errichtung des Werkes unter
den Teilnehmern aufgeteilt wurden.632 Trotz dieser Bemühungen wurde das Vorhaben nie
realisiert. Zunächst zeigte der Senator für Bau- und Wohnungswesen keine Bereitschaft, das
benötigte Grundstück auszuweisen, weil er die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung
bestritt. Darüber hinaus erwies sich der Finanzierungsplan als gescheitert, da ein Antrag der
BSR auf Bundesmittel trotz gemeinsamer Unterstützung durch die Senatsverwaltung für
Finanzen und das Umweltbundesamt abschlägig beschieden worden war.633 So wurde dieses
Projekt bis zum Jahr 1976 auf die Auswertungsarbeit verschiedener Kompostverfahren
beschränkt, die von dem Ingenieurbüro und einer Gruppe der BSR geleistet wurde.
Es lag aber nahe, dass das Projekt aus anderen Gründen zum Scheitern verurteilt war. Das
Projekt war kurz vor dem Abschluss des Müllvertrags angekündigt worden. So befand es sich
noch am Anfangsphase, als der Vertrag schließlich abgeschlossen wurde. Das Vorhaben des
Projekts verlor unter dieser Bedingung an Dringlichkeit, wie der Senator für Gesundheit und
Uweltschutz Pätzold in einer Sitzung einräumte.634 Eine intensive Beschäftigung mit der
Entwicklung einer alternativen Abfallbeseitigung schien nicht so notwendig wie vorher, als
die in Berlin anfallenden Hausabfälle zwanzig Jahre lang in die DDR gebracht werden durften.
Darüber hinaus war für die BSR nun die Aufgabe viel wichtiger, die Abfallverbringung in die
DDR zu sichern.635 Der damit verbundene finanzielle Aufwand machte die Durchführung des
Projekts ohne Bundesmittel unmöglich. Dennoch fehlten dem Projekt der Kompostierung im
Unterschied zu dem Fall der Entgasungsanlage Bundesfördermittel, die die Durchführung des
Projekts hätten ermöglichen sollen.
Nach Abschluss des Vertrags fand die Diskussion über die Kompostierung unter anderen
Rahmenbedingungen statt. Die Wirtschaftlichkeit der Kompostierung wurde nun mit der der
630 In einem von den BSR veranstalteten Symposium befürwortete Michael Ferber, der technische Direktor, die
Errichtung aus günstigen Bedingungen für Forschungen: Unterstützung der zahlreichen Institute,
verschiedene Erprobungsmöglichkeiten der Kompostprodukte, Existenz von verschiedenartigem Müll
aufgrund der unterschiedlich strukturierten Stadtbezirke. BSR-Archiv, Ergebnisprotokoll zum Symposium
über ein geplantes Forschungskompostwerk in Berlin, v. 22. 4. 1974.
631 Vgl. UBA, Infoblatt: Kompostierung in Berlin, 1983.
632 Vgl. BSR-Archiv, TD v. 9. 9. 1974 Aufgabenverteilung für die Planung des Forschungskompostwerkes.
633 Vgl. Ausschuss, 9.Sitzung, S. 8. a.a.O.
634 Protokolle: Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz, 14. Sitzung v. 19. Mai 1976, S. 1.
635 Zu dieser Zeit beschäftigten sich die BSR mit dem Bau zweier Umladestationen und der Entwicklung der
Spezialfahrzeuge.
122
Müllverbringung verglichen. So betonte der Senator für Gesundheit und Umweltschutz
Naulin in einer parlamentarischen Ausschusssitzung im Jahr 1977, die Kompostierung des
Hausmülls sei preislich nicht günstiger als die Verbringung.636 Als weitere Begründung für
die ablehnende Haltung wies der Senator darauf hin, dass Kompostprodukte aus
Siedlungsabfälle wegen ihrer unterschiedlichen Zusammensetzung keine hohe Qualität
zeigten und nicht gut absetzbar waren. Dagegen wurde die Kompostierung bestimmter
organischer Abfälle für möglich gehalten. Die Spezialabfälle - etwa Pferdemist,
Schweinegülle, Schlachthofabfälle und Hühnerkot - wurden als Einsatzbereich der
Kompostierung dargestellt, weil diese Abfälle als rein organische Stoffe einen hohen Dünge-
und Bodenverbesserungswert besitzen.637 Diese Ansicht stützte sich auch darauf, dass sich ein
anderer Versuch, ein Pyrolyseverfahren, hinsichtlich der Verwertung von Hausmüll aufgrund
einer positiven Beurteilung im Unterschied zur Kompostierung bereits in der Erprobung
befand. Die Realisierung der Müllverwertung in dieser Form wurde unter den
Senatsverwaltungen leichter als die Kompostierung befunden.638
Daraus ergab sich, dass die Kompostierung auf die Spezialabfälle beschränkt umgesetzt
wurde. Mitte 1978 wurde eine Arbeitsgruppe beim Senator für Gesundheit und Umweltschutz
gegründet. Diese Arbeitsgruppe sollte die Möglichkeiten eines Spezialkompostwerkes zur
Verarbeitung organischer Sonderabfälle prüfen. 639 Diese Abfälle sollten zusammen mit
zellulosehaltigen pflanzlichen Rückständen wie Laub etc. zu einem nährstoffreichen
Bodenverbesserungsmittel umgewandelt werden. Nach einem Bericht von Professor Bernhard
Jäger der TU Berlin, der am Projekt beteiligt war, interessierte sich nicht nur das
Umweltbundesamt, sondern auch die dem Bundesernährungsminister unterstellte
Forschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig, die auf dem Gebiet der
Gülleforschung bahnbrechende Entwicklungen betrieb, für das Projekt. Es zeigt sich jedoch,
dass das Projekt im Streit der Verwaltungs-Experten, die sich weder auf einen Anlagen-
Standort, noch auf eine Betriebsgenehmigung für einen privaten Unternehmer festlegen
konnten, scheiterte. Die Bezirksgartenbauämter als mögliche Kompost-Verwerter hatten sich
auch zurückgezogen.640 Dem zufolge gab die Arbeitsgruppe das Projekt auf.
636 Vgl. Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz, 33.Sitzung v. 1.6.1977, S. 5.
637 Vgl. Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz, 39. Sitzung v.26. Okt. 1977; Senat, Umweltschutzbericht
1978, S. 99.
638 Der Senator für Gesundheit und Umweltschutz Pätzold behauptete folgendermaßen: „Leichter als die
Kompostierung ließe sich die Müllverwertung in Form einer Vergasung in Berlin realisieren.“ Protokolle:
Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz, 14.Sitzung vom 19. Mai 1976, S. 2.
639 Senat von Berlin, Umweltschutzbericht 1978, S. 23.
640 Umweltschutzforum Berlin, 1981, Heft 54, Juni, S. 16
123
Trotz solcher Misserfolge fand die Kompostierung unter der Verbreitung des
Recyclingdiskurses stetig Beachtung. Im Jahr 1981 wurde erneut eine Facharbeitsgruppe
„Kompostierung/Großküchenabfälle“ ins Leben gerufen. In den nächsten Jahren versucht man
die Pflanzenabfallkompostierung. In Rahmen dieses Projekts begannen die Gartenbeamter
von sechs Bezirken im Jahr 1982 jährlich 65800 m³ Abfälle zu kompostieren. Gleichzeitig
wurde im Auftrag des Senats ein Untersuchungsplan für Laubkompost erstellt. Auf der
Deponie Wannsee wurde im Frühjahr 1983 mit der Kompostierung des von der
Straßenreinigung eingesammelten Laubs begonnen. Die Vermarktung ab Herbst 1983
bereitete keine Schwierigkeiten. 641 Diese Versuche wurden im Rahmen des
Abfallwirtschaftsprogramms Berlin weiter vorangetrieben.
So blieb die Kompostierung in den Rahmenbedingungen der Müllverbringung trotz
technischer Realisierbarkeit vom praktischen Einsatz entfernt. Aufgrund des zunehmenden
öffentlichen Interesses an der Abfallverwertung kam die Technik langsam zum Einsatz, aber
sie beschränkte sich nur noch auf bestimmten Abfälle, z. B. auf Spezialabfälle wie Laub usw.
4.3. Eine kurze Episode der neuen Müllsammeltechnik - die Müllsauganlage
Während ein Großteil des technischen Gefüges des Abfallbeseitigungssystems in Berlin
(West) in Zusammenhang mit dem Müllvertrag und dem Recyclingdiskurs stand, gab es
andererseits einen Bestandteil, der vor einem völlig neuen Hintergrund mit dem System
zusammengefügt wurde. Hierbei handelte es sich um die Müllsauganlage Schlangenbader
Straße, die ab 1982 in Betrieb genommen wurde. Die Anlage stellte sich als eine neue
moderne Sammelmethode dar, die als „Pneumatische Müllsammlung“ oder
„Müllsaugung“ bezeichnet wurde.
Die Grundidee der Methode lautete, dass sich Abfälle ähnlich wie in der
Abwasserkanalisation mittels Rohrleitung und Luftstrom vom Entstehungsort zum
Sammelbehälter befördern lassen. Deswegen bezeichnet man die Methode gelegentlich auch
als „Müllkanalisation“. Die erste Anlage in dieser Art, die „Müllsauganlage“ genannt wurde,
kam 1967 in Stockholm zum Einsatz.642 Die Anlage bestand aus Müllabwurfschächten,
Ventilscheiben mit Steuer- und Stelleinrichtungen, Transportluftventilen, Transportrohren aus
Stahl und der Maschinenzentrale, die mit einem Abfallabscheider, einer Abfallpresse und dem
dazugehörigen Container ausgerüstet waren.643
641 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1983, S. 9.
642 Harmsen, Müllkanalisation, S. 336.
643 Der Hausmüll wird in den Wohnungen oder in den Treppenhäusern in Müllabwurfschächte (oder
Müllschlucker) geworfen. Er fällt dann durch die Rohrleitung auf eine waagerechte Scheibe, die den
124
Diese Müllsauganlage zog Anfang der siebziger Jahre besondere Aufmerksamkeit der
kommunalen Abfallentsorger auf sich, die zu technisch-organisatorischen Überlegungen für
bessere Lösungen bei der Müllabfuhr gezwungen worden waren. Zu dieser Zeit stellte man im
Hinblick auf die Unbequemlichkeit für die Bewohner und die Arbeitsbedingungen der
Müllmänner die Müllabfuhr in Frage. Dieser Ansicht nach war für die Bewohner die
rechtzeitige Bereitstellung der Gefäße am Rande der Straße oder ihr Transport bis zu den
Müllbehälterplätzen nicht zumutbar. Dazu machte die zunehmende Müllmenge eine
Erhöhung der Abholhäufigkeit oder den Übergang auf größere Gefäße unvermeidlich. Das
brachte für den Müllmänner physische Belastungen mit sich.644 Unter diesen Umständen
führten andere Faktoren wie Personalmangel oder die damit verbundene
Lohnkostensteigerung die Entsorger dazu, einen neuen Weg bei der Müllabfuhr einzuschlagen.
Dabei erschien die hoch technisierte Müllsammlung mit geringem Personalaufwand als ideale
Lösung, wie ein Bericht zeigte: „Ein erfolgversprechender Weg ist die Methode, den Müll
direkt unter den Fallschächten der Häuser abzusaugen und in einem Rohrleitungssystem zu
einer Zentrale zu transportieren. [...]die Methode stellt eine technisch ausgereifte und
finanziell vertretbare Verbesserung der Mülleinsammlung dar und bedeutet einen
bedeutenden Schritt im Hinblick auf die Verbesserung des Wohnwertes einer neuen Siedlung
und Einsparung von schwerer und unerquicklicher Handarbeit.“645 Den Zweifeln an der
Wirtschaftlichkeit der Anlage wurde die Lohnkostensteigerung der herkömmlichen
Müllabfuhr entgegengesetzt. Darüber hinaus betonten die Befürworter die Sauberkeit der
Anlage: es gebe „keine Geruchs- und Lärmbelästigung durch Behälterstandplätze und
Entleerungsarbeiten“.646
In der Bundesrepublik Deutschland entstand 1972 die erste Müllsauganlage auf dem
Münchener Olympia-Dorf. Beim Umbau des Dorfs in Studenten- und Privatwohnungen
wurde die größte automatische Müllsauganlage der Welt von der deutschen
Tochtergesellschaft der schwedischen Firma Centralsug errichtet. Der oben erwähnten
Bewertung zufolge wurde die erste Anlage folgendermaßen angepriesen: „Umweltschutz
durch Müllpipeline - Problemlose Abfallbeseitigung im Olympia-Dorf“647. Im folgenden Jahr
Fallschacht am unteren Ende abschließt. Zu einem vorgewählten Zeitpunkt wird durch eine
Ventilatorengruppe in der Zentrale der für den Transport erforderliche Unterdruck und Luftstrom erzeugt.
Jetzt öffnen sich der Reihe nach, mechanisch gesteuert, die Schachtventile unter den Fallschächten. Der
angesammelte Müll fällt aus den Stauräumen in das Transportrohr und wird dort durch den Luftstrom zum
Sammelbehälter in der Maschinenzentrale mitgerissen. Innerhalb des Müllsammelraumes befindet sich eine
Müllpresse, die den Müll kontinuierlich in Großbehälter presst. Die Transportluft wird in
Hochleistungsstaubfiltern gereinigt und anschließend über Schalldämpfer ausgeblasen. Der ganze Vorgang
läuft automatisch ab. Vgl. hierzu: Mahlke,Trend, S. 21f.; Jaehn, Planung, S.145.
644 Vgl. Horstmann, S. 167 ff.
645 Ebda., S. 172.
646 Mahlke, Trend, S. 18.
647 BSR-Archiv, Haustechnische Rundschau, 1972, Heft 10.
125
wurde in Heidelberg-Emmertsgrund eine „der fortschrittlichsten Müllsauganlagen der
Welt“ in Betrieb genommen. 648 Die neue Anlage bot den dreitausend Einwohnern des
demonstrativen Wohngebiets zusätzlich die Lösung des Sperrmüllproblems zusätzlich an. Der
Vormarsch der Anlage führte über Frankfurt am Main und Mannheim bis nach Berlin.
Mit ähnlichen Erwartungen entschieden sich die BSR dafür, dass eine pneumatische
Müllsammlungsanlage im Rahmen des Großbauvorhabens Berlin-Ruhwald errichtet und in
Betrieb genommen werden sollte. In einer Rentabilitätsstudie aus dem Jahr 1976 begründete
man die Entscheidung damit, dass die Müllentsorgung dieser Art hinsichtlich des
Umweltschutzes, der Hygiene und des Wohnwerts eine befriedigende Lösung bieten und den
Bewohnern einen hohen Wohnkomfort wegen des kurzen Weges zur Mülleingabestelle
gewährleisten könnten.649 Im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit, so erläuterten die BSR,
würden die Betriebskosten mit der pneumatischen Sammlung erheblich gesenkt. So legten die
BSR mit den Wohnungsbauträgern zunächst Mitte 1977 als Baubeginn für das Projekt Berlin-
Ruhwald fest. Dieses Bauprojekt wurde jedoch abgebrochen und existierte somit nur noch auf
dem Papier.650
Währenddessen schritt ein anderes Projekt, an dem die BSR zusammen mit einer
Unternehmergruppe beteiligt war, voran. Zu Beginn der siebziger Jahre war von der
Unternehmensgruppe Mosch eine Wohnbebauung mit 1.290 Wohneinheiten im Bereich
Schlangenbader Straße geplant, die als besonderes Merkmal eine Überbauung des
Autobahnabschnittes zwischen Breitenbachplatz und Mecklenburgischer Straße aufwies. Bei
der Konzeption der über der Autobahn liegenden Gebäudeteile sahen die Architekten für die
Abfallbeseitigung einen pneumatischen Transport des über Abwurfschächte eingegebenen
Hausmülls vor. Damit wurde beabsichtigt, dass sowohl Stellplätze für Müllbehälter in den
Pkw-Parkdecks als auch die Kosten für den Transport der Behälter bis zur nächsten
möglichen Haltestelle eines Müllsammelfahrzeuges vermieden werden konnten.
648 Harmsen, S. 334.
649 BSR-Archiv, Vergleichende Wirtschaftlichkeitsrechnung der Müllentsorgung des Projektes Ruhwald,
29.April 1976.
650 Kussatz, Pneumatische, S. 202.
126
Abbildung 6 Schema der Müllsauganlage in der Schlangenbader Straße (Quelle: BSR-Archiv)
Nachdem die Mosch-Gruppe in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, übernahm das
kommunale Wohnungsbauunternehmen DeGeWe das Bauprojekt. So trafen die BSR mit der
DeGeWe im Jahr 1976 auf der Grundlage eines Gutachtens der Ingenieurbüros Arpke und
Buschmann erneut die Vereinbarung, dass eine pneumatische Müllsauganlage zur Entsorgung
von Haushalts- und Gewerbeabfällen errichtet werden sollte.651 Dabei übernahmen die BSR
sämtliche Investitionen ab Fallschachtende, also für die Förderanlage, die damit in
Zusammenhang stehende Container-Füllpresse sowie für den anschließenden
Containertransport.652
Das Gutachten des Büros Arpke und Buschmann kam zu dem Ergebnis, dass der Einbau
einer pneumatischen Müllsauganlage sehr günstige Ausgangsbedingungen besitze und aus
wirtschaftlichen Gesichtspunkten auf jeden Fall zu befürworten sei.653 Die Aufgabe der
Planung und Lieferung der technischen Anlage wurde der Firma Centralsug übertragen, die
mit der Mosch-Gruppe seit 1973 an dem Projekt beteiligt war. Ende 1976 traf das Projekt in
die Bauphase ein. Im Jahr 1979 wurde nach langwierigen Verhandlungen eine Vereinbarung
über die Entsorgung von der DeGeWo und den BSR unterzeichnet.654
651 BSR-Archiv, Müllsauganlage Schlangenbader Straße. Protokoll über das Gespräch DeGeWe/ BSR v. 13.5.
1976.
652 Kussatz, Pneumatische, S. 216.
653 BSR-Archiv, Wirtschaftlicher Vergleich von konventioneller und pneumatischer Müllentsorgung.
654 BSR-Archiv, Erläuterungen zum Bauvorhaben Müllsauganlage Schlangenbader Straße. 24.März 1983.
127
Im Sommer 1981 schließlich wurde die Anlage in Betrieb genommen, der automatische
Betrieb aber begann erst im Jahr 1982, nachdem eine Reihe von Mängeln behoben worden
waren. Nach weiterer Betriebsführung durch die Firma Centralsug übernahmen die BSR erst
am 1. Dezember 1982 den Betrieb der Müllsauganlage.655
Während die BSR in einer Pressemitteilung die Anlage mit den selben Argumenten wie
zuvor anpriesen 656 , reagierte die Öffentlichkeit zurückhaltender. Die lokale Presse
kommentierte den Bau der Anlage mit nüchternen Schlagzeilen, wie: „ Einmalig in Berlin: die
Sauganlage mit dem Sturmgebläse“; „Einfach weggesaugt - Neue Müllanlage in der
Schlangenbader Straße“.657 Es fehlte den Meldungen die Euphorie der siebziger Jahre, als
Schlagzeilen wie „Umweltschutz durch Müllpipeline“ oder „Zukunft der
Abfallbeseitigung“ die zukunftsweisende Entwicklung der Müllbeseitigung fokussierten.
Stattdessen überwogen nun die Bedenken gegenüber der Anlage. Ein Bericht wies auf
mögliche personelle Auswirkungen durch Einsparung der Arbeitsplätze hin, während ein
anderer auf die fehlende Müllsortierung für die Wiederverwertung verwies.658 So veränderte
sich mit der Verlagerung des Schwerpunkts der Abfallproblematik auf die Wiederverwertung
– Recycling – die Wahrnehmung der Technik.
In der Tat erwiesen sich die anfänglichen Erwartungen als nicht erfüllbar. Die hohen
Betriebskosten der Anlage verursachten eine rapide Erhöhung des Entsorgungspreises, und
die wiederholte Verstopfung der Abwurfschächte schränkten den Komfort der Anlage
erheblich ein. Die Beseitigung der Verstopfungen verursachte dem Eigentümer hohe Kosten,
die er seinerseits auf die Betriebskosten umlegte. Die Gebäudeverwaltung schrieb in einem
Brief, dass sie eine Preiserhöhung der jedem Haushalt zugeschriebenen Kosten um 29, 5%
innerhalb sechs Monaten nicht nur für instinktlos, sondern für sittenwidrig hielte. 659
Im Gegensatz zum anfänglichen Lob erwies sich das Saugsystem als unrentabel und fand
deshalb keine weiteren Kunden. Dieses Problem wurde in einer Schrift der BSR erörtert: „Bei
einem Vergleich der Betriebskosten der Müllsauganlage mit den erzielten Entgelten der
angeschlossenen Wohneinheiten wurde deutlich, dass entgegen früherer Prognosen der
Betrieb der Anlage für die BSR nicht wirtschaftlich ist. Der Grund ist vorwiegend darin zu
sehen, dass die tatsächlich anfallende Müllmenge niedriger liegt, als die in der
Betriebskostenprognose ursprünglich auf der Basis damaliger Erkenntnisse angenommene
Müllmenge. Aber die Überlegungen des Anschlusses weiterer Wohngebiete kam zu dem
Schluss, dass mit dem Anschluss weiterer Wohngebiete an die vorhandene Maschinenzentrale
655 Ebda.
656 BSR-Archiv, Presse-Information, Erste pneumatische Müllsauganlage Berlins für Wohnanlagen in der
Schlangenbader Straße.
657 Volksblatt Berlin, Seite 9 v. 6.8.1981; BZ v. 6.8.1981.
658 Vgl. Die Wahrheit v. 10.8.1981; Volksblatt Berlin v. 6.8.1981.
659 BSR-Archiv, Brief der Hermes Hausverwaltung GmbH an die BSR vom 3. Mai 1982.
128
eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der Müllsauganlage nicht erreicht werden kann.“660
Nicht nur der Erweiterungsplan für die Anlage in der Schlangenbader Straße, sondern auch
der Plan zu Errichtung einer weiteren Müllsaubanlage in der Alexandrinenstraße wurde
wegen zu erwartender mangelnder Rentabilität abgelehnt.661 Aufgrund hoher Investitions-und
Betriebskosten und des veränderten Umgangs mit Müll blieb die Müllsauganlage
Schlangenbader Straße die einzige Anlage ihrer Art in Berlin (West).
Im Hinblick auf die Wiederverwertung hatte sich eine Alternative abgezeichnet, als ein
Student der Abfallwirtschaft an der TU Berlin ein System für die Abwurfschächte entwickelte,
das die getrennte Sammlung von Wertstoffen ermöglichte. Mit Unterstützung der Berliner
Stadtreinigung entwickelte Karlheinz Scheffold 1980 unter der wissenschaftlichen Betreuung
vom Professor Bernhard Jäger den sogenannten Multiplexer-Müllschacht-Separator
(MMS).662 Die Idee war einfach: „Alle Einwurfmulden werden elektromechanisch verriegelt
und mit Wahltasten für verschiedene Wertstoffe versehen. Am unteren Ende des
Abwurfschachtes wird ein Separator angeordnet. Diese mechanische Einrichtung verteilt die
herabfallenden Fraktionen auf spezifische Behälter. Wenn die Anlage sich im Ruhezustand
befindet und ein Benutzer beispielweise auf die Taste >Glas< drückt, ordnet der Separator den
Abwurfschacht dem >Glasbehälter< zu. Nun kann der Benutzer sein Altglas separat
abgeben.“ 663 Dieser Separator wurde in einem Berliner Mietshaus mit traditioneller
Abwurfanlage installiert und getestet. Dabei stellte sich heraus, dass die getrennt erfassten
Wertstoffe problemlos der Verwertung zugeführt werden konnten. Auf der Grundlage dieses
Ergebnisses wies der Entwickler darauf hin, dass dieses System vollständig auf pneumatische
Absauganlagen übertragen werden könne.664 Diese Modell wurde jedoch nicht realisiert, weil
die hohen Investitionskosten der Sauganlage keine weiteren Kosten mehr erlaubten. Die
ungetrennt in die Container gepressten Abfälle wurden nach dem Müllverbringungsvertrag
direkt in die Deponien der DDR transportiert und dort abgelagert.665
Mit dem steigenden Umweltbewusstsein rückte der Gedanke über die Wiederverwendung und
Verwertung des Abfalls in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Berliner Bevölkerung beteiligten
sich zunehmend an der getrennten Sammlung des Abfalls. Vor diesem Hintergrund gewannen
660 BSR-Archiv, BMT MSA v. 3.10.1983.
661 BSR-Archiv, Aktennotiz. Projekt Müllsauganalge Alexandrinenstraße.
662 Scheffold, Hausmüll, S. 18 f.
663 Ebda.
664 Dieses Multiplexingkonzept kann für die Sauganlage folgendermaßen verwendet werden: An die zentralen
Saugleitungen werden – durch pneumatische Absperrventile getrennt – kleine Pufferspeicher für die
Wertstoffe angekoppelt. Diese Zwischenspeicher können als Sammelstellen oder als Schachtenden einer
Müllabwurfanlage dienen. In der Müllsammelstation erfolgt eine Verteilung der Fraktionen auf verschiedene
Behälter. Die Pufferspeicher werden synchron entsprechend der Separatorstellung und ihrer Kodierung
entleert. Ebda., S. 20.
665 Vgl. BSR-Archiv, AFS 465/466 v. 16. März 1982.
129
die abfallwirtschaftlichen Maßnahmen an Bedeutung. In den achtziger Jahren vollzog sich
dieser Übergang.
130
IV. Die Berliner Abfallwirtschaft von 1983 bis 1990: Entwicklung und
Grenzen
1. Abfallproblematik im Abfallwirtschaft-Diskurs
1.1. Entstehung der Umwelt- und Müllbewegung
In den achtziger Jahren drangen ökologische Orientierungen nach und nach in politische,
gesellschaftliche und wirtschaftliche Handlungsfelder durch. Der Umweltschutz rückte in den
Mittelpunkt gesellschaftlicher Entscheidungen. Ein wichtiger Grund dafür war die seit 1978
entstehende „Ökologiebewegung“ oder „Umweltbewegung“, die darauf abzielte, das
Anliegen eines umfassend verstandenen Umweltschutzes auch auf politischer Ebene geltend
zu machen. 666 Die Basis dieser Bewegung bildete sich in erster Linie heraus, indem
Bürgerinitiativen im Bereich des Umweltschutzes an Zulauf gewannen. In einem 1978
erschienenen Bericht des Wissenschaftszentrums Berlin wurde diese Entwicklung
folgendermaßen geschildert: „Im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) sind
derzeit ca. 1000 Umweltschutzinitiativen organisiert. Neben diesen existieren ca. 2000
weitere Gruppen, die sich mit unterschiedlichen Problemen des Umweltschutzes befassen.
[...]Thaysen schätzte vor der „Deutschen Vereinigung für Parlamentsfragen e.V.“ die Zahl
derer, die sich in Bürgerinitiativen in der Bundesrepublik engagiert haben, auf 1, 5 Millionen.
Die Hälfte aller Bürgerinitiativen ist in irgendeiner Form mit Umweltschutzfragen befasst, so
kommt man auf 750.000 Bundesbürger, die sich mit dem Ziel einer Verbesserung der Umwelt
zusammengeschlossen haben.“667 Diese Bürgerinitiativenbewegung schlug sich in einer neuen
Orientierung der traditionellen Naturschutzverbände668 nieder und förderte schließlich eine
neue Organisationsform.
Die Mehrzahl der traditionellen Verbände öffnete sich dem politisch orientierten
Umweltthema und versuchten, sich der Ökologiebewegung anzuschließen. 669 Zugleich
entstand eine Reihe neuer Umweltverbände, die sich in Programmatik und Aktionen von den
traditionellen Verbänden deutlich unterschieden. Dazu zählten der 1975 gegründete Bund für
Umwelt und Naturschutz (BUND), die deutsche Sektion von Greenpeace und sektorale
Organisationen wie die Bundesvereinigung gegen Fluglärm.670 Anders als bei den alten
Verbänden wurden dort offensive Widerstandaktionen als übliches Instrument anerkannt und
666 Vgl. Rucht, Von der Bewegung, S. 242.
667 Fietkau und Hüttner, Bürgerengagement, S. 3.
668 Zu den Verbänden zählten der Bund für Vogelschutz und der Deutsche Naturschutzring.
669 Zu dieser Entwicklung, vgl. Rucht, Von der Bewegung; Dominick III . Environment.
670 Rucht , Von der Bewegung, S. 250 ff.
131
eingesetzt. Es fehlte jedoch nicht an Bemühungen um die Entwicklung ihrer Sachkompetenz.
Von ihrer Seite kamen eine Reihe konkreter Lösungsvorschläge und Programme, die
ökologische Werte in den Vordergrund stellten.
Diese ökologische Orientierung wurde auch von den neuen Organisationen intensiviert. Seit
Ende der siebziger Jahre begannen sich ökologisch orientierte Forschungsinstitute
herauszubilden.671 Wie im Erklärungspapier des 1977 gegründete Öko-Instituts dargestellt,
zielten die Institute anfänglich darauf ab, den Bürgerinitiativen wissenschaftliche
Unterstützung zu bieten. 672 Diese Zielsetzung begründete sich darauf, dass die
Bürgerinitiativen zu dieser Zeit bei Verhandlungen vor Gericht oder mit Behörden oft mit
wissenschaftlichen Argumentationen seitens der Experten aus Industrie und Administration
konfrontiert waren. Die Gruppierung der „Gegenexperten“673, die für die Bürger Gutachten
lieferten und Sachverständige vermittelten, wurden also als dringend benötigt. So
organisierten sich die sogenannten kritischen Wissenschaftler in dieser Gruppe. Im Sommer
1980 entstand die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF), in der sich
15 Institute zusammengeschlossen hatten.674 Im Lauf der Zeit verlagerte sich die Tätigkeit von
der Vermittlung Sachverständiger hin zur Entwicklung wissenschaftlich-technischer
Gegenentwürfe, die im Kontrast zu administrativen Planungen standen. Mithilfe dieser
Gegenentwürfe konnten die Bürger gegen administrative Planungen argumentieren.
Zu den neuen Organisationen der Umweltbewegung zählte auch die erste Umweltpartei, DIE
GRÜNEN, in der ab 1977 verschiedene Gruppen als Wählergemeinschaft
zusammengeschlossen waren. 675 Am Anfang vertraten Protestparteien aus verschiedenen
regionalen grünen Gruppen DIE GRÜNEN. Aktivisten aus Bürgerinitiativen beteiligten sich
bei den GRÜNEN, um ihren Anliegen im Parlament Ausdruck zu verleihen. Diese Aktivitäten
trugen Früchte, indem diese Parteien in einigen Bezirksverordnetenversammlungen Einzug
hielten. Im Januar 1980 wurde die Partei DIE GRÜNEN offiziell gegründet und erhielt bei
den Bundestagswahlen 1,5 Prozent der Zweitstimmen. Im Jahr 1983 schließlich zog sie in den
Bundestag ein.676
Auf dieser Handlungsbasis gestaltete sich die Umweltbewegung systematisch und
professionell. Die Aktionsfelder erstreckten sich über verschiedene Felder wie das
Waldsterben und die Verkehrspolitik. Allmählich kamen Kooperationen zwischen
671 Vgl. Rucht, Planung, S. 223 ff. Er sah darin die Politisierung wissenschaftlich-technischer Fragen und die
Zerstörung des Mythos einer wertneutralen Wissenschaft und Technik.
672 Vgl. Roose, Öko-Institut.
673 Diese Gegenexperten befanden sich auch in Umweltverbänden. Im Jahr 1977 wurde das Öko-Institut
Freiburg/Darmstadt als erstes unabhängiges Umweltforschungsinstitut gegründet. Zur Entstehung der
Gegenexperten, vgl. Huber, Umweltsoziologie, S. 264 f.
674 Rucht, Von der Bewegung, S. 253.
675 Vgl. Mez, Bürgerinitiativen, S. 265 ff.-276.; Fietkau, Umweltbewußtsein.
676 Weidner, S. 9.
132
Umweltengagierten und Gegenexperten und Industrie zustande. Von Seite der Unternehmer
wurde die Gegenexperten allmählich als Gesprächs- und Verhandlungspartner anerkannt. Ab
Anfang /Mitte der achtziger Jahre begannen alle Parteien, sich eigene umweltpolitische
Programme zu erarbeiten. Sie griffen dabei zunehmend auf die Expertise der Gegen-Experten
zurück. Die Bürger akzeptierten Umweltbewusstsein und umweltgerechtes Handeln immer
stärker als eine allgemeine gesellschaftliche Norm.677 Die getrennte Sammlung begleitende
soziologische Untersuchungen wiesen darauf hin, dass die Bereitschaft zum Verzicht auf
Bequemlichkeit zugunsten des Umweltschutzes in der Bevölkerung wuchs.678
Im Rahmen der Umweltbewegung formierte sich die „Müllbewegung“, die durch die
kritische Auseinandersetzung mit der praktizierten Abfallpolitik nach einem anderen
Müllkonzept suchte. Um die Abfallproblematik herum entstanden neue Bürgerinitiativen wie
der „AK Recycling“ in Tübingen oder „Kompost und Humus e.V.“ in Aachen, während
innerhalb der bereits etablierten Umweltverbände und Bürgerinitiativen Arbeitsgruppen zu
diesen Themen gebildet wurden. Im Jahr 1982 tagte in Offenbach der erste bundesweite
Müllkongreß „Alternativen zum Müll“, der von dem BBU, dem BUND und der GRÜNEN
veranstaltet wurde. 679 In dem nächsten Jahr fand in Berlin ein Treffen zwischen
Bürgerinitiativen, Vereinen und Instituten statt, das den Austausch von Ideen für ökologische
Lösungen von Abfallproblemen zum Ziel hatte.680 In Oberschleißheim wurde im Jahr 1984
unter Einberufung von Umweltschutzgruppen ein erster südbayerischer Abfallkongress
eröffnet. Im Rahmen solcher Tagungen wurden neue Konzepte, die der praktizierten
Abfallpolitik gegenüberstanden, vorgestellt und diskutiert. Dazu gehörten das Müllkonzept
vom BUND-Hessen, dessen Schwerpunkt in der Mietenkompostierung durch die Bio-Tonne-
Sammlung lag, das Pilotprojekt „Grüne Mülltonne“ im Landkreis Hersfeld-Rotenburg und die
Idee von Recycling-Center usw. 681 1986 schlossen sich 16 Bürgerinitiativen und Müll-
Arbeitsgruppen zum „Besseren Müllkonzept Südbayern“ zusammen. 1988 entstand der
bayernweite Dachverband des „Besseren Müllkonzepts“. 1991 wurde der bundesweite
Dachverband „Das bessere Müllkonzept“ ins Leben gerufen.682
Im Rahmen der Müllbewegung gewannen ökologische Ansichten immer mehr an Bedeutung.
Der Abfallvermeidung kam Priorität in der Abfallpolitik zu. Präventive Maßnahmen wie das
Verbot von Einwegverpackungen oder die Förderung des Pfandsystems wurden anstelle der
677 Vgl. Huber, S. 270 f.
678 Joerges 1980, S. 28
679 Vgl. Die GRÜNE Offenbach(Hg.), Alternative zum Müll.
680 Recycling –Rundbrief Nr. 4 Okt. 1983.
681 Die GRÜNE Offenbach (Hg.); Recycling-Rundbrief, Nr. 7, März 1985.
682 Keller, S. 110 f.
133
nachträglichen Abfallverwertung gefordert. Darüber hinaus vertrat man den Grundsatz, dass
die Produktion an sich hinterfragt und verändert werden musste.683 Für die Lösung der
Abfallprobleme bauten die Beteiligten nicht auf die Entwicklung technischer Lösungen,
sondern auf einen gesellschaftlichen Konsens in bezug auf den Umgang mit Müll. In dieser
Hinsicht waren Maßnahmen wie die Förderung der intensiven Öffentlichkeitsarbeit
hinsichtlich des Abfallverhaltens oder die Schaffung von Rahmenbedingungen, in denen die
Bürgerbeteiligung an Abfallvermeidung erhöht werden können, von Bedeutung.
1.2. Bürger als Partner in der Abfallwirtschaft
Mit zunehmendem Umweltbewusstsein der Bevölkerung war die Durchsetzung der
kommunalen Abfallbeseitigungspläne gefährdet. In der Standortfrage für
Müllbehandlungsanlagen standen Behörden und Bürger oft gegeneinander, auch wenn die
nach dem Stand der Technik verschärften Regelungen Sicherheit versprachen. Unter den
Bewohnern, die in der Nähe zentral gelegener Großanlagen wohnten, ging der Widerstand so
weit, dass sie sich weigerten, den Müll anderer Kreise aufzunehmen.684 In dieser Situation
wurde die an zentralen Großenanlagen und reiner Beseitigung orientierte bisherige
Abfallpolitik in Frage gestellt. In den Kommunen setzte sich langsam die Ansicht durch, dass
Abfallverringerung und Abfallverwertung statt Beseitigung angestrebt werden sollten. So
verlagerte sich die Zielsetzung der Abfallpolitik in der Abfallwirtschaft, deren Grundsätze
bereits 1975 von der Bundesregierung formuliert worden waren.
Gemäß den Leitlinien des Abfallwirtschaftsprogramms vom 1975 verfolgten die Kommunen
im wesentlichen die Abfallverwertung, die seit der Ölkrise unter dem Namen von
„Recycling“ durch die Privatwirtschaft vorangetrieben wurde. Die Erweiterung der
Verwertungsmöglichkeiten für Altstoffe aus Haushaltungen bildete den Kernpunkt der
kommunalen Abfallpolitik. 685 Zu wichtigen Maßnahmen zählten die Entwicklung der
Verwertungstechniken und die Verbesserung der Marktchancen für die Produkte aus Abfall.
All dies zielte darauf ab, Abfallstoffe nach dem Marktprinzip in den Rohstoffkreislauf
zurückzuführen.
Hier fällt ins Auge, dass auch die neue Grundlage - das Umweltbewusstsein der
Bevölkerung- berücksichtigt wurde. Wie Meinolf Dierkes, Professor am
683 Kopytziok, Abfallvermeidung, S. 2.
684 Schenkel, zeitgemäß, S. 228.
685 Vgl. BT-Drucksache 8/1938, Umweltgutachten 1978, S. 228.
134
Wissenschaftszentrum Berlin, darstellte, wiesen Forschungsarbeiten zur Problematik der
getrennten Hausmüllsammlung - Modellversuch Konstanz, Untersuchung TU Hannover in
Detmold, EMNID-Umfragen usw. - die hohe Bereitschaft der Bevölkerung zur Mitarbeit
nach. 686 Zahlreiche Sammelaktionen in diesem Bereich führten unter einer
„Recyclingbegeisterung“ zu einem großen Erfolg. 687 Dabei schien es sinnvoll, diese
Bereitschaft der Bevölkerung in die Abfallpolitik einzubeziehen. Es handelte sich um die
Frage, wie die technischen, regulativen und ökonomischen Rahmenbedingungen für die
Förderung des Umweltverhaltens geschaffen werden sollten.688 Diese Einstellung stützte sich
auch darauf, dass die großen mechanischen Konzepte wie die Errichtung einer großen
Sortieranlage zum Recycling nicht sehr erfolgreich waren, während die Trennung von
Abfallstoffen im Haushalt auf Basis der freiwilligen Mitarbeit eine hohe qualitative
Rohstoffgewinnung gewährleisten konnte. 689 Statt der rein technischen Lösung sah die
Kopplung von technischen mit sozialen Elementen geeignet aus.
Dementsprechend kamen Maßnahmen wie die Intensivierung von Informations- und
Beratungsarbeit oder die Schaffung ökonomischer Anreizstrukturen für Haushalte große
Bedeutung zu. In einem Artikel schilderte Werner Schenkel, ehemaliger Erster Direktor des
Umweltbundesamtes, wie stark Bürger und ihre Initiativen in den letzten Jahren die etablierte
Szene der kommunalen und privaten Städtereiniger aktiviert haben.690 Er hob darüber hinaus
ein Abfallwirtschaftskonzept hervor, das aus der Förderung der Recyclinginitiativen, der
Verringerung des Abfalls durch Gebührengestaltung und Vermarktungsmaßnamen
umweltfreundlicher Produkte bestand.
Zugleich begannen die Bürgerinitiativen und Umweltverbände in dieser
abfallwirtschaftlichen Politik als Partner anerkannt zu werden. Wie der Bericht des Berliner
Senats darstellte, beteiligten sich neben den Fachreferenten Repräsentanten der Bürger wie
der BBU Berlin, das Aktionszentrum Umweltschutz und die Verbraucherzentrale Berlin an
der Planung und Gestaltung der Abfallwirtschaft Berlin.691 In der Abfallwirtschaft, die durch
das Zusammengehen von Technik und sozialem charakterisiert werden konnte, waren die
Umweltgruppen von großer Bedeutung, da sie zur Bildung der öffentlichen Meinung und zur
Suche alternativer Lösungen beitrugen.
686 Protokolle: Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz 7/62, S. 67. a.a.O..
687 Vgl. BT-Drucksache 8/1938, Umweltgutachten 1978, S. 228.
688 Vgl. Herbold u.a., Von der Müllkippe, S. 9.
689 Vgl. Schenkel ,Was kann, S. 429.
690 Schenkel, zeitgemäß, S. 228.
691 Vgl. Drucksache 9/1551 v. 31.01.84 M. Nr. 173 Mitteilung zur Kenntnisnahme über externe Erarbeitung
eines Abfallwirtschaftsplans (Abfallwirtschaftsprogramm Berlin), S. 5.
135
1.3. Schadstoffproblematik und Grenzen der Abfallwirtschaft
Während die Abfallwirtschaft auf kommunaler Ebene auf den Weg gebracht wurde, schienen
die durch Abfall verursachten Umweltprobleme immer noch nicht im Griff zu sein. Vor allem
stellte sich nach und nach heraus, dass der Stand der Technik der Abfallbehandlungsanlagen,
den man für einen Schutz gegen Umweltverschmutzung hielt, für diesen Schutz keine
ausreichende Garantie bot. Die mit neuen Abgaswaschanlagen ausgestatteten MVA wurden
gemäß der Vorschrift TA-Luft 74 als sicher bewertet, sie wurden jedoch bald als neue Gefahr
für das Grundwasser eingestuft.692 Diese Umstand erforderte, diese Vorschrift durch die TA-
Luft 1986693 zu ersetzen. Ulrich Beck kritisierte in seinem Buch „Risikogesellschaft“, die
Grenzwerte der Vorschriften funktionierten nur als „symbolische Beruhigungspillen“, die mit
Hilfe des naturwissenschaftlichen Fortschritts immer wieder neu festgelegt werden mussten.694
Die Gefahren würden nach dieser Politik somit bloß von einem Ort zu einem anderen Ort
verschoben.
Anfang der achtziger Jahren wurden Müllverbrennungsanlagen erneut in eine Dioxindebatte
verwickelt, die mit Giftmüllexport und -beseitigung verbunden war. Anfang 1983 versetzte
eine Meldung, 41 Fässer mit Seveso-Giftmüll seien in westdeutschen Dörfern gelagert
worden, die Bevölkerung in Unruhe. Zwar stellte sich im nachhinein heraus, dass die tödliche
Fracht aus Seveso in ein französisches Dorf gebracht worden war, aber die dadurch entfachte
Unruhe ließ sich nicht schnell besänftigen.695 Es dauerte nicht lange, bis neue Dioxinfunde
die Öffentlichkeit beunruhigten. Im gleichen Jahr wurden bei Untersuchungen von Wasser-
Öl-Emulsionen im Bereich der Hamburger Mülldeponie Georgswerder
Dioxinkonzentrationen von bis zu 45 Mikrogramm festgestellt. Nach Angaben der Experten
war diese Konzentration gefährlich und ausreichend, um beim Menschen Krebs zu
erzeugen.696 Es wurde bekannt, dass große Mengen Dioxinabfälle der Firma Boehringer,
Hamburg, die bei deren 2,4,5-T-Produktion anfielen, auf der Deponie Georgswerder
abgelagert wurden. Aufgrund des Messungsergebnisses ordnete die Hamburger
Umweltbehörde dem Werk Hamburg der Firma C. H. Boehringer & Sohn die sofortige
Produktionseinstellung an. 697 Als Aufklärungsmaßnahme veröffentlichte das
Umweltbundesamt im Jahr 1983 eine Liste „dioxinverdächtiger“ chemischer Prozesse und
Substanzen. Diese Maßnahme erwies sich jedoch als wirkungslos, weil nur die Fälle, in denen
692 Reimann, S. 520.
693 In dieser erneuerten Vorschrift befanden sich die äußerst niedrigen Grenzwerte für die Müllverbrennung. Vgl.
Schumacher, TA Luft, S. 351 f.
694 Beck, S. 85 ff.
695 Vgl. Der Spiegel 1983, Nr.22 Chemie-Müll: „Nach uns die Giftflut“, S. 31-47.
696 Degler und Uentzelmann (Hg.), Supergift, S. 174.
697 Vgl. ebda., S. 173 ff.
136
eine Dioxinemission bei der Herstellung auftrat, in die Liste aufgenommen worden waren.
Gerade der Fall Firma Boehringer brachte den Schwachpunkt der Maßnahme ans Licht, weil
das Auftreten von Dioxinen auch bei der Verwendung und der Beseitigung zu beobachten war.
Offensichtlich versagte eine an der Emissionsminderung orientierte Regelung in diesem
Fall.698
Unterdessen geraten Müllverbrennungsanlagen hinsichtlich der Dioxin-Emissionen in
Mistrauen, da diesbezüglich Hinweise aus verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen
vorlagen. Die im Jahr 1977 in den Niederlanden durchgeführten Untersuchungen wiesen
TCDD (Tetrachlodibenzodioxin, Seveso-Dioxin) des in den Elektrofiltern abgeschiedenen
Staubes nach.699 Weitere Untersuchungen führten zu der Erkenntnis, dass die durch den Unfall
in Seveso bekannt gewordenen toxischen Dioxine in Müllverbrennungsanlagen und bei
anderen thermischen Prozessen auftreten können. Im Jahr 1982 ergaben die von der
Landesanstalt für Immissionsschutz Nordrhein-Westfalen durchgeführten Untersuchungen,
dass der Staub im Quarzwattefilter einer Verbrennungsanlage deutlich nachweisbare TCDD-
Mengen enthielt.700 Dieser Verdacht bestätigte sich, als das Umweltbundesamt im Jahr 1985
erneut einen Bericht vorlegte, der Dioxin-Emissionen bei Müllverbrennungsanlagen
nachwies.701
Diese Dioxinfälle vertieften das öffentliche Misstrauen gegenüber den
Müllverbrennungsanlagen.702 Trotz der neuen Techniken, der Abgaswaschanlagen, schien
diese Abfallbehandlungstechnik keine Sicherheit im Hinblick auf die Gesundheit zu
gewährleisten. Gegen dieses Gefahrenpotential der Müllverbrennungsanlagen forderten
Bürgerinitiativen, die im Dachverband BBU organisiert waren, den Ausstieg aus der
Müllverbrennung: „Eine Bewertung des Umweltrisikos von Müllverbrennungsanlagen führt
zu der Forderung, so schnell wie möglich aus dem scheinbaren Sachzwang Müllverbrennung
auszusteigen.“703 Ein ähnlicher Aufruf kam vom Umweltverband BUND, der unter dem Titel
„Müllverbrennung: Ein brennendes Problem für Mensch und Natur“ ein zwölfseitiges
Informationspapier gegen die Müllverbrennung veröffentlichte.704 Die Grünen, die 1983 zum
ersten Mal in den Bundestag eingezogen waren, beantragten am 29.3.84 die vorläufige
698 Vgl. Friege, Dioxin-Welle, S. 470.
699 Landesanstalt für Immissionsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.), Dioxin, S. 5.
700 Ebda., S. 3.
701 Vgl. UBA (Hg.), Sachstand Dioxin.
702 Reimann, S. 520.
703 BBU, Info-Dienst Meldungen und Meinungen aus der Umwelt- und Friedensbewegungen Nr. 7 1988, S.13.
704 Vgl. Keller, S. 108.
137
Stillegung aller Müllverbrennungsanlagen.705 Aus diesem Anlass fand am 13.12.84 eine
Bundestagssitzung zum Thema Dioxinemissionen statt.
Parallel dazu nahm die Bundesregierung die Novellierung des Abfallbeseitigungsgesetzes in
Angriff, um durch Ablagerung des toxischen Abfalls in anderen Länder verursachten
Giftmüllskandalen vorzubeugen. Im Rahmen dieser 3. Novellierung wurde ein Artikel über
die Kontrolle grenzüberschreitender Abfallbeseitigung hinzugefügt.706
Es lag jedoch nahe, dass das auf dem Prinzip der „End-of-Pipe-Regelungen“ beruhende
Regelwerk der Abfallbeseitigung nicht mehr lange funktionieren würde. Wider Erwarten
diente die medienorientierte Regelung nicht dazu, eine erhöhte Akzeptanz gegenüber den
Anlagen zu schaffen. Darüber hinaus zeigte sich, dass die auf Rohstoffrückgewinnung
ausgerichtete Verwertung für die Schadstoffprobleme keine Lösung war. Das auf bestimmte
Abfallstoffe wie Papier und Glas beschränkte Rückführungssystem hatte keine Auswirkung
auf die Vermeidung von den Schadstoffen, die auf Kunststoffe, Lösungsmittel und
Pflanzschutzmittel zurückgeführt wurden.707
In der Praxis der Abfallwirtschaft zeigte sich diese Problematik deutlich. Zwar äußerte sich
die Bundesregierung dahingehend, dass die Vermeidung von Abfällen vorrangig gegenüber
der Verwertung angestrebt werden sollte, aber es folgten nur wenige Maßnahmen in diese
Richtung. In der Tat war die Abfallwirtschaft im wesentlichen der ökonomischen Logik
unterworfen, wobei auf politische Interventionen so weit wie möglich verzichtet werden sollte.
Auf Maßnahmen wie Produktionseinschränkung, wodurch das Inverkehrbringen von
Schadstoffen von vornherein ausgeschlossen werden sollte, wurden aufgrund wirtschaftlicher
Beeinträchtigung soweit wie möglich verzichtet. Außerdem bemühte sich die
Bundesregierung nicht darum, Maßnahmen gegen den Rückgang des
Mehrwegbehälterverbrauchs zu treffen.708 Die an der Verwertung orientierte Abfallwirtschaft
begünstigte den Verbrauch der Einwegbehälter, der schließlich zum Zuwachs der
Abfallmenge führte.
Die Forderung nach einer umweltverträglichen Abfallwirtschaft rückte in den Vordergrund.
Mit dieser Kritik konfrontiert, verabschiedete der Bundestag im Jahr 1986 das „Gesetz über
die Vermeidung und Entsorgung von Abfällen“, in dem die Abfallverwertung nicht unter dem
Gesichtspunkt der Abfallnutzung als Sekundärrohstoff, sondern der Verhinderung einer
Akkumulation von Schadstoffen und der davon ausgehenden Umweltbelastungen gesehen
705 Ebda., S. 100.
706 Schenkel, TA Siedlungsabfälle, Einführung.
707 Vgl. Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen, Umweltgutachten 1987.
708 IfÖR (Hg.), Kongreß 1987, S. 8 f.
138
wurde. 709 Im neuen Gesetz wurden Regelungen wie Kennzeichnungspflicht oder
Rücknahmepflicht der schadstoffhaltigen Erzeugnisse neu aufgenommen. Nach diesem
Gesetz dürfen bestimmte Erzeugnisse, bei deren Entsorgung die Freisetzung schädlicher
Stoffe nicht verhindert werden konnte, aus dem Verkehr gezogen werden.710
Die Anwendung dieser Regelungen setzte stoffbezogene Verordnungen voraus, die erst seit
1989 nach und nach erlassen wurden. Aufgrund der Interessen der beteiligten Industrie und
des Handels war der erste Entwurf des Gesetzes, das Rücknahmepflicht und Pfandregelungen
für Verpackungen enthielt, aufgegeben worden.711 Demzufolge konnte mit diesem Gesetz im
Hinblick auf eine ökologische Abfallwirtschaft ein vollständiger Wendepunkt nicht markiert
werden. Dennoch stellte das Gesetz einen klaren Abschied von der Abfallbeseitigungspolitik
dar. Im neuen Gesetz wurden unter dem neuen Begriff „Abfallentsorgung“ statt
„Abfallbeseitigung“ alle Aktivitäten vom Einsammeln über das Verwerten und Behandeln bis
zum Beseitigen der Abfallstoffe erfasst. Der Begriff Abfall wurde so neu definiert:
„Bewegliche Sachen, die der Besitzer der entsorgungspflichtigen Körperschaft oder dem von
dieser beauftragten Dritten überlässt, sind auch im Falle der Verwertung Abfälle, bis sie oder
die aus ihnen gewonnenen Stoffe oder erzeugte Energie dem Wirtschaftskreislauf zugeführt
werden.“ 712 So verankerte das Gesetz den Übergang von der Abfallbeseitigung zur
Abfallwirtschaft im Recht und diente als Richtlinie der von Land zu Land unterschiedlich
ausgeführten Abfallwirtschaftsprogramme. Angesichts dessen bedeutete das Gesetz „den
entscheidenden, qualitativen Sprung“ von der bloßen Ordnung der Abfallbeseitigung zu einer
Rahmensetzung für die Abfallwirtschaft. 713
Erst im Jahr 1990 legte die Bundesregierung dem Bundesrat einen ersten Entwurf zur
Verpackungsverordnung vor. Nach mehrmaligen Verhandlungen verabschiedete der
Bundesrat am 19.4.1991 die „Verordnung über die Vermeidung von Verpackungsabfällen“.714
Das zentrale Ziel der Verordnung war die Reduzierung von Verpackungsabfall, was, nach
diesen Vorgaben, durch Maßnahmen zur Abfallvermeidung und Abfallverwertung auf der
Entstehungsseite (Vermeidung von Materialeinsatz, Materialzusammensetzung) wie auf der
Entsorgungsseite (Wiederverwendung, stoffliche Verwertung) erreicht werden sollte. In
709 Vgl. Gesetz über die Vermeidung und Entsorgung von Abfällen (Abfallgesetz-AbfG), in: Bundesgesetzblatt,
Jg. 1986, Nr. 44. Teil 1.
710 Nach diesen neuen Regelungen konnte zum Beispiel der giftige Stoff P-PCB, der als Wirkstoff in
Toilettensteinen weiterarbeitet und deshalb als Wirtschaftsgut von den Kontrollen des Abfallgesetzes
ausgeschlossen war, aus dieser Regelung heraus fallen. Vgl. hierzu: Klinski 1985, IV. 11. Zur Bedeutung der
Novellierung des Gesetzes, vgl. Schuster, Abstieg, S. 17ff.
711 Keller, S. 101 f.
712 Gesetz über die Vermeidung und Entsorgung von Abfällen, a.a.O..
713 Schuster, S. 14.
714 Keller, S. 122.
139
dieser Verordnung wurde die Rücknahmepflicht auf den gesamten Verpackungsbereich
ausgedehnt, verbunden mit der Verpflichtung zur Wiederverwendung und zur stofflichen
Verwertung des Verpackungsmaterials.715 Vor dem Erlass dieser Verordnung gründete eine
Koalition von Produzenten, Vertreibern und Entsorgern die Trägerorganisation eines
privatwirtschaftlich organisierten Rücknahmesystems für Verkaufsverpackungen, die „Duales
System Deutschland GmbH (DSD)“, die in Abstimmung mit den Kommunen die
haushaltsnahe Entsorgung von gebrauchten Verpackungen übernehmen sollte.
Die dafür benötigten Verwaltungsvorschriften wie „TA Siedlungsabfall“ wurden erst am 14.
5. 1993 erlassen. Bereits im Jahr 1987 legte der Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit den ersten umfassenden Bericht zur TA-Abfall vor, die insbesondere
Entsorgungsanlagen für besonders überwachungsbedürftige Abfälle einschließlich der
Verwertungsanlagen betraf. Anders als die TA-Luft sollten Anforderungen und Regeln für
das ganze Managementsystem des Abfalls gelten: die Überwachung der Abfälle, der
Abfallartenkatalog, die Analytik, die Annahmeprozedur, die Zuordnung der Abfälle zu den
Beseitigungsverfahren und die Anforderungen an Vermeidung, Verminderung, Verwertung
und Beseitigung.716 Diese Grundsätze spiegelten sich in der im Jahr 1993 erlassenen TA
Siedlungsabfall wider, die technische Kriterien für die Abfallentsorgung vorgibt. Diese
Vorschriften richten ihr Ziel darauf, das Risiko von Grundwasser- und Luftgefährdungen
durch Deponien ebenso wie Umwelt- und Gesundheitsgefährdungen durch
Müllverbrennungsanlagen auszuschließen.
2. Entwicklung der abfallwirtschaftlichen Entsorgung in Berlin (West)
2.1. Berliner Abfallwirtschaftsprogramm 1983
Die Diskussionen über den Übergang der Abfallbeseitigung zur Abfallwirtschaft fanden in
Berlin seit Ende der siebziger Jahre statt. Der Regierende Bürgermeister erklärte in seiner
Regierungserklärung vom 31.Mai 1979 die Wiedergewinnung von Rohstoffen aus Abfällen
zu einem Schwerpunkt der Umweltschutzpolitik.717 Diese Erklärung ging davon aus, dass die
Verwertung und Rückführung von wertvollen Altstoffen zur Einsparung von Deponieraum
oder Beseitigungsanlagen und schließlich zur Schonung der Umwelt führen könnten. Wie im
vorigen Kapitel beschrieben, begannen sich die BSR mit der Frage des Recycling zu befassen.
715 Brand u.a., Nachhaltigkeit und abfallpolitische Steuerung, S. 32 f.
716 Schenkel, Bundesweite, S. 238 ff.
717 D 8/ 376 v. 25. 04. 1980 M. Nr. 59, Kleine Anfrage des Abg. Ekkehard Kittner (CDU) über Recycling bei der
BSR, S. 23.
140
Nach dem parlamentarischen Beschluss über die Erarbeitung eines Abfallwirtschaftsplans
bestand die Hauptaufgabe des Senats darin, ein abfallwirtschaftliches Konzept zu
entwickeln.718
In einer Sitzung des Abgeordnetenhauses im Jahr 1982 stellte der Senat die Grundsätze des
„Abfallwirtschaftprogramms Berlin“ vor: „Bei der Planung der Abfallwirtschaft ist zuerst auf
die Abfallvermeidung abzuheben.[...]Die Verwertung von Abfallwertstoffen und Altstoffen
hat Vorrang vor der Deponierung der Abfälle. [...]Die Abfallwirtschaftplanung wird
dezentrale Lösungen und Maßnahmen anstreben. [...]Der einzelne Bürger ist in seinem
Rahmen mehr als bisher an der Abfallwirtschaft zu beteiligen und motivieren.“719 Das darauf
basierende Abfallwirtschaftsprogramm wurde schließlich am 29. November 1983 im
Abgeordnetenhaus von Berlin beschlossen. Im Jahr 1984 kam im Rahmen des Programms der
Abfallentsorgungsplan zustande, der aus drei Teilplänen für die Abfälle - Siedlungs-, Bau-
und Sonderabfälle - bestand.720
In diesem Abfallwirtschaftsprogramm wurde die Abfallvermeidung, die man für umwelt- und
wirtschaftspolitisch sinnvoll hielt, der aufwendigen nachträglichen Beseitigung von
Abfallstoffen entgegengesetzt. Zur Realisierung dieses Ziels sah das Programm die Förderung
des Einsatzes umweltfreundlicher und ressourcenschonender Produktionsverfahren, die
Erhöhung der Lebensdauer von Produkten und den Verzicht auf Verpackungsaufwand vor. Es
fehlten jedoch konkrete Planungen und Maßnahmen in dieser Richtung. Aufgrund der
Befürchtung, dass die Durchsetzung solcher Maßnahmen einen erheblichen Eingriff in
bestimmte Wirtschaftszweige bedeuten könnte, wurden in dem Programm lediglich die
Förderung und Unterstützung entsprechender Initiativen von Herstellern und Verbrauchern
sowie eine mögliche Einführung der Kennzeichnung für Produkte aufgenommen.721
Dieser Bericht enthielt umfangreiche Maßnahmen für die Verwertung von Abfallstoffen, die
nach Stoffarten aufgeteilt dargestellt wurden. Die Planung des Senats umfasste eine
Bestandsaufnahme, eine Problemdarstellung sowie Lösungsansätze für die Stoffgruppen wie
Papier, Glas, Kunststoff, Altöl, Textil und Großküchen-Abfälle. Auf Grundlage des
getrennten Sammlungssystems sah das Programm für jeden Abfallstoff Maßnahmen zur
718 Am 12. März 1981 wurde der Antrag der Fraktion der CDU über externe Erarbeitung eines
Abfallwirtschaftsplanes angenommen. Vgl. hierzu BSR-Archiv, Konzept und derzeitiger Sachstand für ein
Abfallwirtschaftsprogramm Berlin (Schlussbericht) v. 31.März 1982.
719 Drucksache 9/356 v.01.03.82 M. Nr. 34 Mitteilung zur Kenntnisnahme über externe Erarbeitung eines
Abfallwirtschaftsplanes, S. 2; Drucksache 9/1551 v. 1984.
720 Vgl. Drucksache 9/293 v.27.01.82 M. Nr. 24 Vorlage zur Kenntnisnahme über Abfallbeseitigungsplan -
Teilplan: Siedlungsabfälle, S. 11-14; Drucksache 9/1748 v.18.05.84, M. Nr. 192, Vorlage zur Kenntnisnahme
über Abfallbeseitigungsplan -Teilplan: Sonderabfälle, S. 3-5; Drucksache 9/1803 v.07.06.84 M. Nr. 197,
Vorlage zur Kenntnisnahme über Abfallbeseitigungsplan - Teilplan Bauabfälle, S. 6-9.
721 Drucksache 9/356, S. 3. a.a.O..
141
Erweiterung der Erlösmöglichkeit und Verbesserung der Verwertungstechniken vor. 722
Darüber hinaus wurde die energetische Verwertung als gleichwichtig mit der stofflichen
Verwertung ins Programm aufgenommen, weil die energetische Verwertung von Abfällen zur
Erzeugung von Dampf und elektrischen Strom in Müllverbrennungsanlagen zur Einsparung
von Primärenergie und der Reduzierung der Ölimporte beitragen. Die Anlagen bezeichnete
man daher „thermische Verwertungsanlagen“. Der Ansicht des Senats zufolge sollte die
energetische Verwertung der stofflichen Verwertung gleichgesetzt werden. 723 Die
Entscheidung, welche Verfahren verwendet werden sollte, hing von der Wirtschaftlichkeit
und der Umweltbeeinträchtigung ab.
Das Abfallwirtschaftsprogramm unterschied sich von der bisherigen Politik nicht nur im
Hinblick auf die Verwertungsmaßnahmen, sondern auch auf das Verhältnis zu den Bürgern.
Während die an technischen, ordnungsrechtlichen Instrumenten orientierte
Beseitigungspolitik dem Verhalten und den Einstellungen der Abfallproduzenten keine
Bedeutung zuschrieb, maß die neue Politik dem einen neuen Stellenwert bei. Das zeichnete
sich darin ab, dass die Kooperation zwischen Staat und Bürgern in den Grundsätzen des
Programms klar hervorgehoben wurde.724 Es hing damit zusammen, dass die Erweiterung des
Berliner Modells, das ein umweltgerechtes Handeln der Bürger, also die bewusste Trennung
von Abfallstoffen für die Abfallwirtschaft, erforderte, im Rahmen dieses Programms geplant
wurde. Dementsprechend kamen die Förderungsmaßnahmen in Frage wie zum Beispiel die
Motivation der Bürger zur getrennten Sammlung zu erhöhen. Hinzu kam, dass eine
Kooperation mit Umweltgruppen, die auf das Umweltbewusstsein der Bevölkerung Einfluss
ausübten, als wichtig eingeschätzt wurde. Nach Angaben des Senats beteiligten sich an der
Erstellung des Programms nicht nur Verwaltungen und Wirtschaft, sondern auch
Verbraucher- und Umweltverbände.725 So etablierten sich die Bürger und ihre Repräsentanten
als Partner der Regierung in der Abfallwirtschaft.
Die Bereitschaft der Bürger war tatsächlich vorhanden, eine neue Abfallpolitik
mitzugestalten, wie Dierkes in einem parlamentarischen Ausschuss darstellte: „Die
sozialwissenschaftlichen Untersuchungen unseres und anderer Institute haben ergeben, dass
die Voraussetzungen für die getrennte Abfallerfassung und -verwertung in der Bevölkerung,
gerade auch in Berlin, bei richtiger Bekanntmachung und Handhabung sehr hoch ist, dass
auch erfolgversprechende Methoden der Abfallerfassung und –verwertung gefunden werden
722 Vgl. Drucksache 9/1551, S. 8 ff. a.a.O..
723 Vgl. IfÖR (Hg.) Kongreß 1987.
724 Drucksache 9/1551, S. 4. a.a.O..
725 Ebda.
142
können.“ 726 Nach einer Umfrage, die im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen
Untersuchung 1978 durchgeführt wurde, zeigte sich, dass 65 % der Berliner Bevölkerung an
der getrennten Sammlung von Papier teilnahmen und 30 % an der Containersammlung von
Altglas. 727 Angesichts dieser hohen Bereitschaft hielt es der Senat für sinnvoll, die
Beteiligung der Bürger weiter zu fördern.
Im Jahr 1984 legte der Senat den „Bericht für eine flächendeckende Konzeption der
getrennten Sammlung wiederverwertbaren Hausmülls für Berlin (West)“ vor, in dem die
Ausweitung der getrennten Sammlung, die Einrichtung von Recyclinghöfen und bei der
Verwertung der eingesammelten Stoffe auftretende Probleme dargestellt wurden. Darin fand
sich ein Hinweis auf den Müllbringungsvertrag, demzufolge der Vertrag an die Eckdaten des
Abfallwirtschaftsprogramms anzupassen sei. 728 Im Rahmen der Diskussion über das
Abfallwirtschaftsprogramm meldeten manche Abgeordnete ihre Zweifel in bezug auf den
Mengenvertrag an. Sie sahen, dass der Vertrag ein Hindernis für die Durchführung des
Programms darstellte. Dieser Übergang zur abfallwirtschaftlichen Entsorgung machte die
Erneuerung des Müllvertrags unentbehrlich.
2.2. Erneuerung des Abfallverbringungsvertrags
Im Jahr 1978 wurde die Liefermenge im Müllvertrag modifiziert, die für den Zeitraum vom 1.
Januar 1978 bis zum 31.Dezember 1984 gelten sollte. Diese Menge wurde so festgelegt, dass
das Gewicht der zu verbringenden Siedlungsabfälle (einschließlich der Sonderabfälle) jährlich
um 0,1 Mio. t erhöht wurde.729 Es stellte sich aber heraus, dass sich die Menge des in Berlin
(West) anfallenden Abfalls rückläufig entwickelte. Demzufolge konnten bis 1981 nur 87,4 %
der Vertragsmenge in die DDR verbracht werden, im Jahr 1983 nur noch weniger als 63 %.730
Die Gründe dafür lagen zum einen in der rückgängigen Einwohnerzahl und der Überalterung
der Bevölkerung. Der wesentliche Grund jedoch, so erklärten die BSR, lag im zunehmenden
Glas- und Papierrecycling. 731 Durch das Recycling verringerte sich das Gewicht des
anfallenden Hausmülls, das Aufkommen der Siedlungsabfälle blieb immer mehr hinter der
Vertragsmenge zurück. Dies bedeutete für Berlin (West) eine zusätzliche finanzielle
726 Protokolle: Ausschuss 7/62, S. 67 f., a.a.O..
727 Fietkau und Schiffer 1979, S. 5.
728 Drucksache 9/1830 v. 29.06.84 M. Nr. 201 Mitteilung zur Kenntnisnahme über Bericht für eine
flächendeckende Konzeption der getrennten Sammlung wiederverwertbaren Hausmülls für Berlin (West), S.
11.
729 Drucksache 7 / 1229 des Abgeordnetenhauses von Berlin, S. 13, a.a.O..
730 Vgl. BSR, Bericht über das Geschäftjahr 1981; 1982; 1983.
731 Vgl. BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1981.
143
Belastung, weil bei Unterschreitung der Menge eine Ausgleichszahlung über die Firma
Berlin-Consult fällig wurde.
Als der Übergang von der Abfallbeseitigung zur Abfallwirtschaft als unumkehrbar erkannt
wurde, war die Anpassung des Vertrags an die neue Lage notwendig. Darüber hinaus wurde
von Seiten der Bürgerinitiativen an diesem Vertrag kritisiert, dass er den
Recyclingmaßnahmen entgegenwirke.732 Auch die steigenden Verbringungskosten machten
den Vertrag fragwürdig. Der Aufwand für Schüttgebühren, Umladestationen, Ferntransport
stieg zwischen 1978 und 1981 kontinuierlich von 54,1 Millionen auf 92, 9 Millionen DM.733
Im Jahr 1983 betrugen die Kosten der Müllverbringung in die DDR 98 DM pro Tonne, die
höher als die Kosten des Verbrennens in der MVA Ruhleben (62 DM/t) war.734
Im Jahr 1983 fanden erstmals Neuverhandlungen über die Mengenrichtwerte statt. Dabei
weigerte sich die Firma Intrac, die seit 1981 als Rechtsnachfolgerin der Firma Bergbau-
Handel eintrat, trotz der objektiv rückläufigen Mengen an Abfallstoffen Mindereinnahmen
zuzulassen. Um den vorherzusehenden Verlust zu vermeiden, forderte sie für die Beseitigung
der Siedlungsabfälle einen im internationalen Vergleich an der Spitze liegenden Preis von 40
DM/t. Unter voller „Nutzung der sich aus der geographischen Lage Westberlins ergebenden
Situation“735 erreichte sie schließlich ihr Ziel.
Diese Vereinbarung ging auch auf das Interesse von Seiten Berlins (West) zurück. Die
Vertreter von Berlin (West) strebten bei diesen Verhandlungen an, die Reduzierung der
Liefermenge von Siedlungsabfällen und zugleich die Entsorgung seines sogenannten
Problemmülls (Sonderabfälle) zu erreichen. So erklärten sie sich mit dem hohen Preis
einverstanden, als der Verhandlungspartner der Abnahme von maximal 40.000 t Sonderabfall
pro Jahr zu den gleichen Kosten wie für die der Siedlungsabfälle und der zusätzlichen
Verbringung und Beseitigung von 50.000 t verunreinigtem Bodenaushub und Bauschutt von
dem Verhandlungspartner zustimmte.736
Dafür hatte der Berliner Senat zusätzlich die Investitionen für die Errichtung einer
Sonderabfallverbrennungsanlage (SVA) am Rand der Deponie Schöneiche zu übernehmen.737
732 Recycling-Rundbrief Juni 1985, S. 2.
733 Lemke, Geschichte, S. 265.
734 Drucksache 9/2032, v. 13.08.84 M. Nr. 212 Kleine Anfrage des Abg. Reinhard Ueberhorst (SPD) über
politische Probleme im Zusammenhang mit der Müllverbrennungsanlage Ruhleben, S. 23.
735 SAMPO-BArch, DY 30 / 3130, Bl. 368.
736 Drucksache 10 / 446 v. 12.12.85, M. Nr. 41, Vorlage zur Kenntnisnahme über Änderung des
Abfallbeseitigungsvertrags, S. 4.
737 Zum Plan der SVA vgl. Drucksache 10/1610 v. 15.07.87 M. Nr. 184 Vorlage zur Kenntnisnahme des Senats
von Berlin über Errichtung einer Sonderabfallverbrennungsanlage im Rahmen der Abwicklung des
Abfallbeseitigungsvertrags, S. 3-4; Druckksache 10/267 v. 17.10.85, M. Nr. 27, Kleine Anfrage des Abg. Stefan
Klinski (AL) über die geplante Sondermüllverbrennungsanlage in der DDR, S. 9 f.; Protokolle Ausschuss für
Stadtentwicklung und Umweltschutz, 12.Sitzung v.15.Januar 1986, über Abfallbeseitigungsvertrag; Drucksache
144
Dies wurde von Seiten der DDR damit begründet, dass die vertraglich vereinbarte Abnahme
der Sonderabfallstoffe bei reduzierten Abfallstoffmengen (Siedlungsabfall) aus
technologischen Gründen nicht mehr gewährleistet werden könne. Aufgrund der gesteigerten
Sonderabfallmenge war die bisherige Beseitigungsmethode, also die gemeinsame
Deponierung mit Siedlungsabfällen, nicht mehr anwendbar.738
Die DDR-Vertreter wiesen auf die Verbrennung als eine alternative Beseitigungsmöglichkeit
für die vereinbarte Menge der flüssigen und schlammigen Abfälle hin, was ihrer Meinung
nach in Übereinstimmung mit internationalen Trends und Empfehlungen stand. 739 Die Anlage
wurde so geplant, dass sie mit einer Kapazität von rd. 15.000 t pro Jahr spätestens 1988 in
Betrieb gehen sollte.740
Aufgrund dieser Vereinbarung erreichten beide Seiten im Januar 1985 schließlich die
Erneuerung des Vertrags. Demnach sollte die Liefermenge der Siedlungsabfälle für die Jahre
1985 und 1986 bei 1,0 Mio. t pro Jahr bleiben, während sie für den Zeitraum zwischen 1987
und 1994 nur noch 0, 8 Mio. t pro Jahr betragen sollte.741
2.3. Entwicklung der Abfallwirtschaft nach dem Marktprinzip
Mit dem Beschluss des Abfallprogramms vollzog sich die Erweiterung der Abfallverwertung
dahingehend, dass Glas, Papier, Kunststoffe, Textilien, Altholz und Altreifen getrennt
eingesammelt und der Verwertung zugeführt wurden. Im Zeitraum zwischen 1982 bis 1985
erhöhte sich die verwertete Abfallmenge von rund 600 000 Tonnen im Jahre 1982 auf 700
000 Tonnen im Jahre 1985. Dabei erzielten Altglas und Altpapier den größten Zuwachs.742
Organische Abfälle wie Gartenabfälle gingen in die Kompostierung, jährlich wurden rund
8000 m³ Kompost abgesetzt.
Von den erfassten Abfallstoffen gingen nur Papier, Kunststoffe, Textilien und Altholz in die
Verarbeitung der Sekundär-Rohstoffe zu neuen Zwischen- oder Fertigprodukten. Alle anderen
Stoffe wurden ins übrige Bundesgebiet oder ins Ausland transportiert und dort verarbeitet.
Über die Absatzsituation für Produkte aus Sekundär-Rohstoffen berichtete der Senat im Jahr
10/763 v. 30.05.86, M. Nr. 77, Kleine Anfrage des Abg. Stefan Klinski (AL) über Sonderabfallbeseitigung in
Berlin (West) V: Vereinbarungen über den Bau einer Sonderabfallverbrennungsanlage in der DDR, S. 8.
738 SAMPO-BArch DY 30/3130, Bl. 369.
739 Von der Errichtung der SVA erwartete die DDR auch eine rationale Nutzung des auf der Deponie anfallenden
Deponiegases. Vgl. SAMPO-BArch, DY 30 / 3130, Bl. 370
740 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1984, Berlin 1985, S. 7
741 SAMPO-BArch, DY 30 /3130 Bl. 368.
742 Drucksache 10/2595 v.22.11.88, M. Nr. 308 Vorlage zur Kenntnisnahme über die abfallwirtschaftliche
Entwicklung in Berlin (Fortschreibung des Abfallwirtschaftsprogramms), S. 3.
145
1988, dass sich nur die Erlössituation bei Papier als problematisch darstellte.743 Mit dem
Zuwachs der eingesammelten Stoffe, insbesondere Altpapier und Altglas, wurde die
Sicherung des Absatzes von Abfallstoffen zur wichtigsten Aufgabe des Senats. So war von
der Absatzverbesserung durch Qualitätserhöhung der Altstoffe oder der Erweiterung des
Einsatzbereiches die Rede. Um Impulse für die Stabilisierung der Märkte zu geben, wurde
eine Beschaffungsmaßnahme der Produkte aus Sekundär-Rohstoffen durch die öffentliche
Hand eingeleitet.744
Demgegenüber forderten einige Grünen-Abgeordnete, die seit 1979 im Berliner
Abgeordnetenhaus vertreten waren, noch aktivere Maßnahmen wie die Errichtung einer
Glashütte und einer altpapierverarbeitenden Papierfabrik zur Wiederverwertung der
Abfallstoffe.745 In diesem Zusammenhang wies der Senat darauf hin, dass die Errichtung
solcher Produktionsstätten letzten Endes eine Frage des Marktes sei. Der Senat war der
einhelligen Auffassung, dass sich die Abfallverwertung am Wirtschaftsprozess orientieren
muss.746 Nach dieser Ansicht dürfte der Senat nur solche Maßnahmen wie Verbesserung der
Nachfragesituation ergreifen.
Das den Wirtschaftsmechanismen folgende, hauptsächlich im Recyclingprinzip der
getrennten Sammlung bestehende Abfallwirtschaftsprogramm geriet bald in die Kritik. Eine
generelle Skepsis wurde vor allem von Seiten der GRÜNEN (Alternative Liste für
Demokratie und Umweltschutz –AL) formuliert. In einer Plenarsitzung 1986 warf der AL-
Ageordnete Stefan Klinski dem Senat vor, er habe das Gelingen des Recycling dem freien
Markt unterworfen und die Wiederverwertung zum Objekt der Wirtschaft gemacht. Im
Rahmen dieser Stellungnahme wurden die Alibi-Funktion des Recyclings und die
unverarbeitet verbleibende Menge von eingesammelten Altstoffen hervorgehoben: „Recycling
von Altglas hat somit im Grunde dazu geführt, dass der Einweganteil von Altglas gestiegen ist
zuungunsten der eigentlich umweltfreundlichen Mehrwegflasche. Die getrennte Sammlung
hat sich also als Alibi der dahinterstehenden Industriezweige ergeben[...] es gibt keinen
genügenden Anteil von Altpapier bei der Wiederverwendung in der Papierindustrie und in der
verarbeitenden Industrie[...] es muss darauf ankommen, nicht nur einfach mehr Altpapier zu
sammeln, sondern tatsächlich mit Druck darauf hinzuwirken, dass das Altpapier wieder in den
Produktionsprozess einfließt.“747
743 Druchsache 10/2595 v.28.10.88, S. 3.
744 Ebda., S. 12f.
745 PlPr. 9/45, Sitzung vom 2. Juni 1983, Recycling bei der BSR, S. 2626.
746 PlPr. 10/34,Sitzung vom 11. September 1986 Große Anfrage der Fraktion der AL über Probleme der
Abfallwirtschaft, S. 1930.
747 PlPr 10/34, Sitzung vom 11. September 1986, S. 1928 f.
146
Die widersprüchliche Politik des Senats war auch daran abzulesen, dass die Ansiedlung einer
der größten Getränkeeinwegdosenhersteller - die Firma PLM/Ball - vom Senat subventioniert
wurde.748 Das Fehlen der strukturellen Fördermaßnahmen, das oft der Nicht-Bereitschaft der
Politik zuzuschreiben war, zeigte sich auch auf Bundesebene und machte einen wichtigen
Kritikpunkt aus. 749 Die Alibi-Funktion beklagte auch die Alu-Gruppe, die aus eigenem
Antrieb eine Aluminium-Sammlung initiierte. Ihrer Ansicht nach wurde das bürgerliches
Recyclingengagement von der Aluminium-Industrie so missbraucht, dass der
Legitimationseffekt der Abfallsammlung zur Steigerung des Verkaufs von Alu-
Getränkedosen eingesetzt wurde.750 Daraus resultierte ihre Entscheidung für die Einstellung
der Aktion.
Auch in bezug auf die Einstellung des Senats zur Müllverbrennung kritisierte man die
ausschließliche Orientierung an marktwirtschaftlichen Kriterien. Wegen des stagnierenden
Papiermarktes verschlechterte sich die Erlösmöglichkeit von Altpapier, so dass der Senat und
die BSR in der Müllverbrennung eine Alternative sahen. Ihrer Ansicht nach war das
Verbrennen von Altpapier als energetische Verwertung anstelle des stofflichen Recycling
einzusetzen, wenn es wirtschaftlich profitabel wäre. Der SPD Abgeordnete Norbert Meisner
kritisierte dies scharf mit dem Ausdruck „umweltpolitisch ein gewaltiger Hammer“.751 Er sah,
dass der Senat die Krise - die Stagnation des Altpapiermarktes - dazu nutzen wollte, den Plan
einer weiteren Müllverbrennungsanlage, die nach der Dioxin-Debatte in Zweifel gezogen
worden war, durchzusetzen. In der Tat erörterte der Direktor der BSR Georg Fischer, dass die
Errichtung einer zweiten Müllverbrennungsanlage unter dem Gesichtspunkt der energetischen
Abfallverwertung planbar und machbar sei.752 Meisners Ansicht nach griff der Senat auf die
Müllverbrennung zurück, denn die Verwertungs- oder Verminderungsmaßnahmen forderten
in der seinerzeitigen Situation einen staatlichen Eingriff in den Markt.753
Was in der ökonomischen Abfallwirtschaft sehr problematisch befunden wurde, war der
erkennbare Rückgang des Mehrwegbehälteranteils am Gesamtbestand der Behälter. Nach
Angabe eines SPD-Abgeordneten war 1986 der Anteil an Einwegbehältern754 in Berlin um
748 IfÖR und IÖW, Auswirkungen, S. 80. Peter Sellin (AL) stellte bereits im Jahr 1983 darüber eine Anfrage
beim Senat. Vgl. hierzu, Stachel, Zeitung der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz August
1983, S. 7
749 Vgl. Ansorge, Warnung, S. 50.
750 IfÖR , 10 Jahre, S. 4.
751 PlPr 10/34, S. 1935, a.a.O..
752 Tagesspiegel v. 12.September 1986; Fischer, Abfallwirtschaft, S. 74 ff.
753 Vgl. PlPr 10/34, S. 1935., a.a.O..
754 Die Debatte über „Einweg- oder Pfandflasche?“ wurde Anfang 1981 vom Bundesminister Baum eingleitet,
als er versuchte, den Einwegverpackungen von Milch eine Abfuhr zu erteilen. Die Mehrwegverpackungen, so
meinte er, leisteten eine wichtigen Beitrag zur Lösung unserer Umwelt-, Rohstoff- und Energieprobleme. Auf
den Versuch „Einweg-Embargo“ reagierte die Arbeitsgemeinschaft Kartonverpackungen für flüssige
Nahrungsmittel im Fachverband Faltschachtel-Industrie (FFI) mit „9 guten Gründen für Milch und Saft im
147
80 % höher als im übrigen Bundesgebiet. Während die Sammlung von Glas ständig gefördert
worden war, ging die Entwicklung des Mehrweganteils dessen ungeachtet bundesweit zurück.
Als die Bedenken gegenüber Einwegbehältern immer lauter wurden, verfasste der Bundesrat
schließlich im Jahr 1988 die „Entschließung zur kurzfristigen Stabilisierung und
mittelfristigen Steigerung des Mehrweganteils bei Getränkeverpackungen“. 755 In Berlin
(West) teilte der Senat im selben Jahr mit, dass Wirtschaftlichkeitsüberlegungen vom Senat
angestellt worden waren, ob die Errichtung einer Flaschenspülanlage für Weinflaschen
initiiert und ggf. unterstützt werden sollte.756 Von einer Gesamtplanung in diesem Bereich war
aber nicht die Rede.
Das ökologische Fiasko des Abfallwirtschaftsprogramms, so kritisierten Umweltverbände,
sei auch durch das Schadstoffproblem im Hausmüll sichtbar geworden. Es fehlte an der
systematischen Erfassung der Problemabfälle aus Haushalten, die durch die gesteigerte
Verwendung von Chemikalien wie Pflanzenschutzmittel oder Lösungsmittel erzeugt
wurden.757 Wie in einer im Jahr 1990 vorgelegte Studie dargestellt, beschränkte sich das
Abfallwirtschaftsprogramm auf die Verwertung der rohstoffwirtschaftlich interessanten
Fraktionen wie Papier und vernachlässigte die Verwertung der Problemabfälle.758 Hinzu kam,
dass das Gebot der Abfallvermeidung, die in einer Form der Produktionsbeschränkung
bestimmter Schadstoffe eingesetzt werden konnte, im Programm nicht ausreichend verfolgt
wurde. Das Grundprinzip des Programms „Recycling und Getrennte Sammlung“ bot für
Schadstoffprobleme keinen Lösungsansatz. Es wurde als unentbehrlich angesehen,
Vorsorgemaßnahmen wie Eingriffe in Produktionsverfahren oder Einführung eines
Pflichtpfands für gefährliche Abfälle zu treffen.759
Nach und nach wurde die Beschränktheit des laufenden Abfallwirtschaftsprogramms deutlich.
Es kam ans Licht, dass Recyclingmaßnahmen ohne vorgelagerte Abfallvermeidungsschritte
am Abfallaufkommen wenig ändern konnten. Dieses Problem war beim Zuwachs des
Einwegbehälterverbrauchs abzulesen. An die Stelle des konventionellen „Ökonomischen
Karton“. Diese Debatte wurde Mitte der achtziger Jahre wieder belebt. Vgl. Umweltforum, Sept. 1981 Heft
55/56, S. 31ff.
755 Keller, S. 107.
756 Vgl. Drucksache 10/2595, S. 6. Ende des Jahres 1981 hatte es sich der Senator für Stadtentwicklung und
Umwelt im Rahmen der Vorarbeit für das Abfallwirtschaftsprogramms vorgenommen, eine Verminderung
von Wegwerfglasverpackungen durch den Abschluß von freiwilligen Vereinbarungen mit den
Einzelhandelsverbänden und der Berliner Getränkeindustrie zu erreichen. Darüber hinaus teilte er mit, dass
eine Möglichkeit der Einführung der Mehrweg-Milchflasche aus Glas geprüft werde. Aber der Endbericht
über das Programm enthielt nur noch den Satz „ möglicherweise ein Verbot des Einsatzes von
Einwegbehältnissen in den Restaurationsbetrieben der gesamten Berliner Verwaltung“. Vgl. hierzu: BSR-
Archiv, Protokoll der 3. Besprechung der Facharbeitsgruppe „Papier, Glas, Textilien, Kunststoffe und Metalle
am 10.12.1981; Drucksache 9/356.
757 IfÖR (Hg.), Alternative.
758 Vgl. ITU , Konzeptstudie, S. 29.
759 PlPr 10/34, S. 1930, a.a.O..
148
Recycling“ trat eine ökologische Abfallwirtschaft, die nach dem Prinzip der Umweltvorsorge
die Durchsetzung der Abfallvermeidung anstrebte. 760 Trotz der öffentlichen Kritik
signalisierte der Berliner Senat bis 1990 keine wesentliche Wende in der Abfallpolitik. Der
Senat stellte fest, dass im Bereich des Haus- und Gewerbemülls zur Durchsetzung der
Abfallvermeidung auf Landesebene keine rechtlichen Kompetenzen vorhanden seien. Die
einzige Möglichkeit zur Durchsetzung der Abfallvermeidung in Berlin sah man in der
Initiierung und Förderung freiwilliger Maßnahmen.761 Die Politik folgte immer mehr dem
Marktprinzip.
2.4. Formierung der ökologischen Müllbewegung in Berlin (West)
Kritische Stimmen gegen die praktizierte Abfallwirtschaft wurden immer lauter, als
Umweltverbände, Bürgerinitiativen und neue Institute diese Problematik in Augenschein zu
nehmen versuchten. Im Oktober 1983 fand in Berlin der alternative Müllkongress unter dem
Motto „Leben ohne Müll“ statt, an dem ökologisch orientierte Initiativen gegen Müll
teilnahmen.762 Erstmals hatten die Initiativen Gelegenheit, ihre Vorstellungen und Aktivitäten
zum Müllproblem überregional auszutauschen. Es wurde betont, dass die Politik in Richtung
auf die Reduzierung von Abfallmengen und die Entwicklung umweltfreundlicher
Müllbehandlung betrieben werden müsse.763
Veranstalter war die Recycling-Gruppe Berlin, die erstmals in Berlin mit dem Aluminium-
Recycling angefangen hatte. Auf diesem Müllkongress gab sie die Gründung des Instituts für
ökologisches Recycling (IfÖR) bekannt, das von seiner Aufgabenstellung her mit dem Öko-
Institut Freiburg vergleichbar war.764 In diesem nichtstaatlichen und überparteilichen Institut
schloss sich eine kleine Gruppe kritischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
unterschiedlicher Fachbereiche zusammen.765
Zur Hauptaufgabe des Instituts wurde die Forschung und Konzeptentwicklung für eine
vorsorgende Abfallwirtschaft und –politik erklärt, in der die Abfallvermeidung der
Verwertung vorgezogen wurde. Die Gründungsmitglieder waren der Auffassung, dass in der
gegenwärtigen Abfallpolitik Wirtschaftsinteressen vorherrschten und das Ziel eines
präventiven Umweltschutzes nicht erreicht wurde. 766 Demnach legten sie ihren
760 Vgl. Seyfert, Fortschritt, S. 6 f; Sperling, Recycling, S. 39.
761 Seyfert, S. 7.
762 Recycling Rundbrief Nr. 4, Okt. 1983.
763 Ebda.
764 Das IfÖR war Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF) und im BBU.
765 IfÖR (Hg.), Kongreß 1987; ders., 10 Jahre.
766Vgl. IfÖR (Hg.) Kongreß 1989, S. 369; ders., 10 Jahre, S. 5 f.
149
Arbeitsschwerpunkt in der Konkretisierung abfallvermeidender Maßnahmen bis hin zur
Erstellung von ökologischen Konzepten für Kommunen und Wirtschaft.
Im Jahr 1987 stellte das Institut erstmals sein Müllkonzept in dem Gutachten vor, das im
Auftrag der AL gegen den Senatsplan für die zweite MVA in Berlin-Britz erstellt wurde.767 Im
Mittelpunkt des Konzepts standen Abfallvermeidungsmaßnahmen wie ein Einweg-
Verpackungsverbot, das Verbot überflüssiger Produkte und der Einsatz von Abfallberatern.
Zum Recycling nicht vermeidbarer Stoffe wurde die Einführung der Drei-Komponenten-
Sammlung für Organik, Papier/Pappe und Restmüll empfohlen. Mit einer Modellrechnung
zum möglichen Vermeidungs- und Verwertungspotential versuchten die Gutachter, eine
Alternative zum Neubau einer MVA nachzuweisen.768 Bezogen auf diese Studie forderte das
Institut auf dem Müllkongress im Juli 1987 den Senat dazu auf, den Bauplan aufzugeben und
ein neues Abfallkonzept mit konkreten Umsetzungsmöglichkeiten zu erstellen.769
Auf der Grundlage des alternativen Müllkonzepts beschäftigte sich das Institut mit
zahlreichen Projekten, Beratungen und Veranstaltungen. Im Jahr 1988 erschien unter seiner
Leitung eine Fachzeitschrift „MüllMagazin“, das als Forum für ganzheitliche ökologische
Ansätze und konkrete Lösungen zur Abfallvermeidung diente. Der vom Institut veranstalte
Müllkongress etablierte sich im Jahr 1989 als Fachkongress für die ökologische
Abfallwirtschaft.770
Wie die Gründung und Aktivitäten des Instituts zeigten, führte die Umweltbewegung in den
achtziger Jahren zur Etablierung von Gegenexperten, die im Vergleich zu den tradierten
Experten die Interessen der betroffenen Bürger vertreten konnten.
Parallel dazu war zu beobachten, dass Ein-Punkte-Aktionen der Bürgerinitiativen durch
Kooperationen zwischen Initiativen in themenspezifischen Aktionen übergegangen war. Im
Dezember 1988 schlossen sich auf Anruf der „BI gegen Müllverbrennung“ eine Vielzahl von
Organisationen und Initiativen, die in Berlin (West) zum Thema Abfall arbeiteten, zum
„Müllnetz - Initiativen für Müllvermeidung, Entgiftung und Recycling“(Müllnetz)
zusammen.771
Der aktuelle Anlass der Vernetzung war, die Planung und den Bau einer zweiten Berliner
MVA in Britz zu verhindern. Bezogen auf die Studie des IfÖR forderte der Verband eine
konsequente Abfallvermeidungspolitik als Alternative und erklärte seine Bereitschaft dazu,
sich an der Umstrukturierung der Abfallwirtschaft für eine umweltgerechte Müllpolitik
767 Vgl. IfÖR und IÖW .
768 Vgl. Jordan, Eckpfeiler, S. 35 ff.
769 Tagesspiegel v.11.Juli 1987:Reduzierung des Mülls gefordert
770 In Kooperation mit dem BUND, dem Müllnetz Berlin und der TU Berlin organisierte das IfÖR den Kongress.
771 Taz v. 14.9.1989: Müllnetz.
150
konstruktiv zu beteiligen.772 So wurden ein Forum für die alternative Müllpolitik geschaffen,
an dem auch Vertreter aus den Senatsverwaltungen teilnahmen.
Zudem organisierte der Verband Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen. An dem
Verband beteiligten sich nicht nur Bürgerinitiativen, sondern die Alternative Liste Berlin
sowie die Umweltverbände BUND und Robin Wood.773 Innerhalb dieser Organisationen fand
das Thema ökologische Abfallwirtschaft im Hinblick auf die präventive Umweltpolitik großes
Interesse. Auf diese Weise formierte sich die Müllbewegung in Form einer Zusammenarbeit
zwischen Umweltgruppen, die auf die Entwicklung eines neuen Müllkonzepts zielte.
3. Aufbau des Recyclingsystems im Rahmen des Abfallwirtschaftsprogramms
3.1. Erweiterung des Berliner Modells
Im Rahmen des Abfallwirtschaftsprogramms wurde der breite Einsatz des Berliner Modells,
das von der Gesellschaft für Umweltschutz und privaten Firmen erarbeitet wurde, als
Möglichkeit eines größeren Recyclingangebots vom Senat angestrebt. Wie der Senat
anerkannte, fand das Modell wegen der bequemen Handhabung im Alltag bei den Bürgern
große Resonanz. Darüber hinaus erwies sich das Modell als geeignet für die
Qualitätssicherung des Stoffes.774 So ergriff der Senat eine Maßnahme zur Ausweitung der
Aufstellung von Recyclingbehältern auf Grundstücken.
Nachdem verschiedene Probleme wie das zu entrichtende Entgelt oder zu nutzende Typen
von Sammelbehältern geklärt worden waren, teilte der Verwaltungsrat der BSR im Dezember
1982 mit, dass ein zeitlich und räumlich begrenzter Versuchslauf der getrennten Sammlung
von Altpapier und Altglas eingeleitet wurde. Neben den Mülltonnen wurden
Wertstoffbehälter für Altglas oder Altpapier von den BSR in Wohnsiedlungen aufgestellt.
Bisher leisteten die BSR Recyclingaktivitäten in beschränkter Form, indem sie auf ihrer
Betriebshöfen Depotcontainer für Papier, Glas, Altholz aufgestellt hatten.775 Ab dem 1. Juli
1983 begannen die BSR die getrennte Sammlung auf das gesamte Stadtgebiet auszuweiten.776
Durch die Umstellung von der Ringtonne auf MGB (Müll-Groß-Behälter) standen nun 240-
Liter, 660-Liter und 1,1-m³-Behälter für die Stoffsammlung zur Verfügung. Für diese
772 IfÖR (Hg.), Kongreß 1989, S. 371 f.
773 Unter den Mitgliedgruppen befanden sich außerdem folgende Gruppe und Initiativen: AG BRD/DDR; AG
„Politische Durchsetzbarkeit von Umweltschutz“; BI „Atemberaubendes Charlottengehörten“; BI gegen
Müllverbrennung; Britzer Umweltforum; Ges. f. Ver-/Entsorgung in der Umwelttechnik; Initiative
Pfandflasche; IfÖR; LBU –Landesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz; PAULA –Lernwerkschaft Müll;
Umweltgruppe der TFU Berlin und andere. Vgl. hierzu: ebda., S. 373.
774 Vgl. Drucksache 9/1551, S. 9f.
775 Vgl. Ferber, Recylingaktivitäten, S. 86 ff.
776 Ebda., S. 86.
151
Umstellung entschied man sich aufgrund der hohen Sammelkosten, die durch die
Verwendung der kleinen Behälter entstanden.777
Durch die Beteiligung der BSR erhöhte sich der Anteil der Bürger, die an dieses
Sammlungssystem angeschlossen wurden. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass sich der im
Abfallwirtschaftsprogramm zugelassene Wettbewerb zwischen den BSR und den privaten
Unternehmen zugunsten der Bürger auswirkte. Das niedrige Entgelt, das die BSR forderten,
wurde von privaten Unternehmen zwar als Dumpingpreis bezeichnet, doch führte der
Wettbewerb am Ende zugunsten der Bürger zu einer Preissenkung aus.778 Somit entstand eine
günstige Voraussetzung für die getrennte Sammlung.
Als weitere Möglichkeit zur Abfallsammlung wurde vom Senat die Einrichtung von
Recyclinghöfen empfohlen. Diese Recyclinghöfe wurden so konzipiert, dass die Bürger die
Möglichkeit hatten, an einer Stelle mehrere Stoffe (Glas, Papier, bestimmte Kunststoffarten,
Metalle) der Verwertung zuzuführen, indem mehrere Behälter dort nebeneinander aufgestellt
wurden. Anders als das nach dem Abholungsprinzip funktionierende Berliner Modell
beruhten sie auf dem Bringsystem, dem die Bereitschaft der Bürger zu zusätzlichem Aufwand
zugrunde lag.779 Für die Errichtung der Höfe stellten mehrere private Sammelfirmen sowie die
BSR Teile ihrer Grundstücke versuchsweise zur Verfügung.780 So wurden im März 1983 auf
sechs Betriebshöfen der BSR Recyclinghöfe zur gesonderten Annahme von Altstoffen
eingerichtet.781 Auf diesen Höfen durften geeignete Behälter von Privatfirmen öffentlich
zugänglich aufgestellt werden. Im Jahr 1984 erhöhte sich die Zahl der durch private Firmen
sowie die BSR eingerichteten Höfe in zehn Bezirken auf 26.782
Für Altpapier und Altglas boten die privaten Firmen außerdem weitere Möglichkeiten. Nach
Auskunft der in diesem Bereich tätigen Unternehmen waren bis zum Jahr 1984 für die
Erfassung von Altglas rund 1.700 Container an etwa 1.100 Standorten zur Verfügung gestellt
worden. Zwar blieb die Erfassung von Altpapier im Vergleich dazu relativ gering, aber es
wurden etwa dreihundert Behälter an rund hundertfünfzig Standorten, überwiegend auf
Schulhöfen, von diesen Unternehmen aufgestellt. 783 Die Betätigung der privaten
Unternehmen im Recycling erstreckte sich zu dieser Zeit auch auf die Sammlung anderer
777 Vgl. BSR-Archiv, Vorlage für die Sitzung des Verwaltungsrates am 16.12.1980. Im August 1984 wurde die
Umstellung auf das Müllgroßbehältersystem (MGB) in den Bezirken Wilmersdorf und Schöneberg eingeleitet.
1986 verlief die Umstellung in 5 Berliner Bezirken –Tempelhof, Kreuzberg, Charlottenburg, Stegliz und
Zehlendorf. Vgl hierzu: BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1984;1985;1986.
778 Vgl. Ferber, Recyclingaktivitäten, S. 86.
779 Vgl. Tabasaran, Vergleich, S. 166.
780 Vgl. Drucksache 9/1551, S. 9, a.a.O..
781 Vgl. BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1983, S. 5.
782 Vgl. Drucksache 9/1830, S. 10, a.a.O..
783 Ebda.
152
Abfallstoffe, nämlich von Metall und Kunststoffen. Die Berliner Recycling GmbH, die als „
Recyclinggesellschaft für Rohstoffgewinnung (RGR)“ gegründet worden war, betrat Neuland
bei der Altstoffverwertung in Berlin, indem sie im September 1984 die „Gelbe Tonne“ für die
getrennte Sammlung von Eisen- und Nichteisen-Metallen, Altkunststoffen und Textilien aus
den Haushalten einführte. Diese Altstoffgemische wurden auf einer eigens hierfür
entwickelten Sortieranlage manuell getrennt und mit modernen Aufbereitungsmaschinen
verarbeitet. 784 Außerdem wurde berichtet, dass einige karitative Verbände und ähnliche
Organisationen getrennte Sammlungen von Altaluminium mit Erfolg betrieben hatten.785
Im Juli 1984 begann die Lebensmittelkette co-op Berlin Aktiengesellschaft einen
großangelegten Versuch, der nach schwedischem Modell auf das Recycling von
Getränkedosen gerichtet wurde.786 Zehn Retour-Automaten wurden in den co-op Filialen
aufgestellt, um Getränkedosen zurückzunehmen. Die Dosen wurden in den Automaten beim
Einwurf einzeln zusammengepresst, so dass ein hohes Raumgewicht für den Transport zum
Verwerter entstand. Der anliefernde Bürger erhielt eine Gutschrift von 3 Pfg. pro Dose. Diese
Automaten wurden von den Bürgern positiv beurteilt, so dass etwa drei Millionen Dosen im
Lauf der halbjährigen Testzeit eingesammelt werden konnten.787 Dem guten Willen zum Trotz
war dieser Versuch zum baldigen Scheitern verurteilt, da die Automaten störungsanfällig
waren und der niedrige Erlös für den gesammelten Stoff die Rentabilität des Systems nicht
gewährleisten konnte. Darüber hinaus wurde das System von Seiten der Getränkeindustrie als
ungeeignet verworfen, weil sich die Getränke in Dosen durch die Einführung des Systems
verteuern würden. 788 Statt der Automaten befürworteten sie die Stoffgewinnung mit
Magnetscheidern aus dem Müllgemisch, bei der die getrennte Erfassung der Dosen nicht
notwendig sei.
Für die getrennte Erfassung des Dosenschrotts erprobten die BSR das sog.
Mehrkammermüllsystem. Bereits im Schlussbericht über das Abfallwirtschaftsprogramm
wurde die Einführung eines Mehrkammermüllsystem angesichts der hohen
Rückgewinnungsquoten zum mittel- bis langfristigen Ziel erklärt.789 Diese Planung sollte
geändert werden, weil der private Entsorgungs-Konkurrent Alba den Einsatz dieses Systems
initiierte. Im März 1985 beeilten sich die BSR, den ersten Vier-Kammer-Container
(„Braunschweiger Kammerquartett“) vor dem Umweltbundesamt aufzustellen, weil das
Unternehmen Alba bereits ankündigte, an dieser Stelle ebenfalls einen Mehrkammer-
784 Vgl. Umweltmagazin 15 (1986), November, S. 51.
785 Drucksache 9/1551, S. 12. Es schien, dass die Aktion der Alu-Gruppe auch als karitative Aktivitäten
bezeichnet wurde.
786 Erste Automaten in Berlin Aufgestellt, in: pack-report (1984), H. 7/8, S. 10-11.
787 Vgl. Ferber, Recylingaktivitäten, S. 87 f.
788 Stahl braucht Schrott, in: pack-report (1985), H. 2, S. 62.
789 Vgl. Drucksache 9/1551, S. 7.
153
Container zur getrennten Sammlung bereitzustellen.790 Nach dieser symbolischen Aktion
stellten die BSR die bunten Mehrkammerbehälter kostenlos auf Parkplätzen, vor
Supermärkten oder auch auf öffentlichem Straßenland zur Verfügung.791 Die Bürger erhielten
so die Möglichkeit, verbrauchte Kleinbatterien, nicht verbrauchte Altmedikamente sowie die
Altstoffe Bunt- und Weißglas, Dosenschrott und Altpapier in getrennten Kammern abzulegen.
Ein 7,5-t-Fahrzeug wechselte am Standplatz volle gegen leere Behälter, was dem
Wechseltonnenprinzip entsprach. Die Behälterkammern wurden in der Entladestelle einzeln
nacheinander entleert. Papier, Gründglas, Weiß- und Buntglas wurden ohne kostspielige
Aufbereitung an den Altstoffhandel verkauft. Im Unterschied dazu wurde Dosenschrott nach
der Müllverbrennungsanlage bei der Stahlschmelze von störenden Stoffen gereinigt. Auf diese
Weise konnte Dosenschrott ohne Schwierigkeit verkauft werden.
Tabelle 2 Abfallverwertung bei den Siedlungsabfällen (Quelle, Drucksache vom
Abgeordneten Haus Berlin 10/2595, S. 3)
Altstoffe 1982 / t 1983 / t 1984 / t 1985 / t 1986 / t 1987 / t
Glas 38 000 42 000 49 000 58 200 65 000 60 000
Papier 170 000 180 000 200 000 210 000 135 000 170 000
Kunststoffe 8 000 8 000 10 000 10 000 10 000 7 500
Metalle (ohne
Separierung)
100 000 100 000 100 000 100 000 100 000 100 000
Textilien 2 500 2 500 3 500 2 500 2 500 2 500
Organische
Abfälle
(Kompostierung)
56 800 60 000 60 000 63 000 60 000 60 000
Mit diesem Kostenvorteil etablierte sich das Mehrkomponentensystem zur wichtigsten
Recyclingmaßnahme der BSR. Im Jahr 1988 standen fünfzig Mehrkammerbehälter in Berlin
zur Verfügung. Mit diesen Behältern wurden 3500 t Papier, Glas und Dosenschrott
gesammelt.792
Zur flächendeckenden Ergänzung wurden im Jahr 1989 die BSR-Papier-Iglus mit einem
Fassungsvermögen von jeweils 2,5 m³ an zentralen Punkten auf öffentlichem Straßenland
aufgestellt.793
3.2. Stoffliche Verwertung: Rückgewinnungsversuche von Sekundärrohstoffen
790 Hauptsache Wirtschaftlich. Dosen Recycling in Berlin, S. 58.
791 Ferber, Recyclingaktivitäten, S. 88; BSR, Berichts für das Geschäftsjahr 1985, S. 8.
792 Vgl. Müll und Abfall 20 (1988), Heft 10, S. 480.
793 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1989, S. 11.
154
Neben getrennten Sammlungen machte das Abfallwirtschaftsprogramm es zu einer wichtigen
Aufgabe des Senats, die Verwertungsmöglichkeiten von Abfallstoffen zu erweitern. Dazu
gehörten nicht nur die Ausweitung der Verwertung von Abfallstoffen und die Förderung des
Verbrauchs von Recyclingpapier in Behörden, sondern auch die Förderung der Erforschung
von Verwertungstechniken.794 Auf Bundesebene liefen bereits zahlreiche Forschungen und
Pilotprojekte zur Verwertungsmöglichkeit von Abfallstoffen. Dabei prüfte man zum Beispiel
für Altpapier Einsatzmöglichkeiten in der Spanplattenindustrie oder bei der Herstellung von
Pflanzencontainern und von Formteilen. 795 Als eine Möglichkeit der Verwertung von
Kunststoffen entwickelte ein Münchner Unternehmer im Jahr 1984 ein Verfahren,
Altkunststoffe zu handlichen Platten von unterschiedlicher Dicke zu verarbeiten. 796 Im
Hinblick auf Metalle orientierten sich die Forschungsvorhaben an der Verbesserung der
Sortierung. Die Abtrennung der Eisenbestandteile mit Magnetscheidern und ein Verfahren zur
Reinigung des Metalls wie Entzinnung waren wichtige Themen der Forschung.797
Vor diesem Hintergrund hielt der Senat es für notwendig, die Ergebnisse dieser Forschungs-
und Entwicklungsvorhaben auf ihre Eignung zur Anwendung in Berlin zu prüfen und selbst
neue Ansätze zu finden.798
3.2.1. Rückgewinnungsversuche von Eisenschrott
Aufgrund dieser Ansätze fand ab 1984 unter der Leitung der BSR ein Versuch zur
Metallrückgewinnung statt, weil die Verwertungsquote zu niedrig geblieben war.
Wie der Schlussbericht über das Abfallwirtschaftsprogramm Berlin aufzeigte, waren jährlich
ca. 50.000 t Eisenschrott im Hausmüll und im hausmüllähnlichen Gewerbeabfall enthalten.
Davon wurden nur noch zwischen 6000 und 10.000 t Eisenschrott erfasst und der
Wiederverwertung zugeführt.799 Für die Rückgewinnung wurde nur die Magnetscheidung
nach der Verbrennung und Schlackenaufbereitung in der MVA Ruhleben angewendet. Die
getrennte Erfassung von Eisenschrott wurde von den BSR wegen mangelnder
Wirtschaftlichkeit ausgeschlossen. Daher blieb die Entwicklung des Metallrecyclings in
Haushalten weit hinter dem im Bereich von Industrie und Gewerbe zurück, wo die
Metallabfälle fast vollständig wiederverwertet wurden. Angesichts der anfallenden großen
Menge hielt der Senat geeignete Maßnahmen zur Steigerung der Erfassungsquote im
Haushalsbereich für notwendig. Dieser Auffassung schlossen sich die BSR allmählich an.
794 Vgl. Drucksache 9/ 1551, a.a.O..
795 Vgl. ebda., S. 11.
796 Vgl. Sonderteilrecycling, in: Umweltmagazin 14 (1985), S. 58.
797 Vgl. Krüger, Schrottfraktion, S. 439 ff.
798 Drucksache 9/1551, S. 11 ff., a.a.O..
799 Vgl. Drucksache 9/1551, S. 12.
155
Im Jahr 1984 initiierten die BSR zusammen mit dem Berliner Stahlwerk (BSW) und der
Berliner Weißblech-Recycling ein „Weißblech-Recycling-Projekt“. 800 Der Ansatz des
Projektes ging davon aus, dass der Anteil der Weißblechverpackungen an den gesamten
Eisenmetallabfällen bei etwa bei etwa 80 % lag, und diese Verpackungen mit anderen
Abfällen in MVA Ruhleben beseitigt wurden. So betrug der Eiseninhalt der Schlacke jährlich
zwischen 15.000 und 20.000 t. Davon wurden nur 8000 t Eisenschrott zurückgewonnen.
Gegen die niedrige Rückgewinnungsquote ergriffen die BSR die Maßnahme, eine
Aufbereitungsanlage einzusetzen, die den aus den Schlacken der MVA Ruhleben gewonnenen
Schrott zu einem stahlwerksfähigen Produkt verarbeiten konnte.801 Zudem sah man einen
weiteren Vorteil des Projektes darin, dass die Anlage den Bürgern direkt und indirekt Gewinn
bringen könnte, indem die getrennte Erfassung der Weißblechdosen überflüssig wurde und
damit verbundene Kostenerhöhung der Müllentsorgung und Sortierungsarbeit vermieden
werden konnten. 802 Das Recycling-Projekt hatte das Ziel, eine Müllschrott-
Aufbereitungsanlage mit einer jährlichen Kapazität von 30. 000 Tonnen zu errichten und zu
betreiben.
Im Rahmen des Projektes wurde in erster Linie der Einsatz der
„Schreddertechnologie“ erforscht, die die Herstellung hochwertigen Schrotts für die
Stahlindustrie ermöglichte. 803 Diese Technologie wurde damals schon lange zur
Automobilverschrottung angewendet. Zu dieser Zeit war ihre Eignung für die Stahlindustrie
anhand intensiver Forschungs- und Entwicklungsarbeiten nachgewiesen worden. Auf dieser
technischen Grundlage konzipierte die Ferrum WRG Weißblech-Recycling GmbH, die als
Projektträger neu gegründet wurde und zur Otto-Wolff-Gruppe gehörte, 804 eine neue
Aufbereitungsanlage, die der Schredderanlage ähnlich, aber für Müllschrott modifiziert wurde,
und errichtete sie im Turm der Schlackenverwertung an der MVA Ruhleben. Die Gewinnung
des Eisenschrotts lief in dieser Anlage folgendermaßen ab: „Aus den Aschen wird der
kleinstückige Schrott – meist sind das Dosen – mit Magnetscheidern herausgeholt und danach
in einer Siebtrommel von anhaftender Schlacke befreit. Der vorgereinigte Schrott fällt auf die
Förderrinne, die dem Zerdirator vom Type Nogro von Lindemann KG GmbH & Co.
vorgeschaltet ist. Im Zerdirator wird der Schrott zerkleinert und verdichtet und fällt auf eine
Förderinne, hinter der mit einem Magnetscheider eisenhaltigen Bestandteile von den übrigen
Teilen getrennt werden. Der so aufbereitete Schrott wird in einer weiteren Siebtrommel von
800 Vgl. Weißblech-Recycling für Berlin, S. 211 ff.; Fischer, Aktivitäten, S. 12 ff.; Fortschritt, S. 40 ff.;
Blechrecycling, S. 68 ff.
801 Forschritt, S. 41.
802 Ebda., S. 42.
803 Weißblech, S. 212.
804 Blechrecycling, S. 68.
156
Schlacke und Asche befreit und ist fertig zum Einsatz in Stahlwerk.“805 Als potentieller
Abnehmer für den aufbereiteten Schrott wurde das Berliner Stahlwerk in das Vorhaben mit
einbezogen.
Dennoch kam die Anlage nicht zum Einsatz, weil die Strukturprobleme der Stahlindustrie
zunehmend die Vermarktung des Schrotts erschwerten, der bei der Abfallverbrennung in
Ruhleben anfiel. Schrott aus der Abfallverbrennung wurde immer als Material minderer Güte
gehandelt.806 Hier wurde darauf hingewiesen, dass nur der Teil des Schrotts aus dem Müll
gewonnen wurde, der in Ruhleben verbrannt wurde. Der gesamte Schrott in dem Müll, der
deponiert wurde, konnte nicht erfasst werden.
3.2.2. Getrennte Erfassung und Aufarbeitung von Kunststoffen
Die Menge der Altkunststoffe aus Haushaltungen liegt sich in ähnlicher Größenordnung wie
die der Eisenmetallabfälle. Nach Angaben des Senats fielen jährlich ca. 30.000 t
Kunststoffabfälle an.807 Obwohl diese Stoffe als wertvolle Ressource angesehen wurden,
kamen die Verwertungsversuche nur mit kleinen Schritten voran. Das lag vor allem an den
Eigenschaften der Stoffe. Volumenintensive, aber gleichzeitig leichte Kunststoffe erschwerten
die getrennte Sammlung. Sie war wesentlich aufwendiger und schwieriger als die getrennte
Sammlung von Glas oder Papier. Zudem machte die Vielfalt der Kunststoffarten es fast
unmöglich, eine Sorte Kunststoff unvermischt zu erfassen. Für die Laien ist die
Identifizierung einzelner Kunststoffqualitäten kaum möglich. Diese Schwierigkeit verhinderte
wiederum die Aufbereitung der Kunststoffabfälle zu qualitativ hochwertigen
Sekundärrohstoffen. Eine Trennung von Kunststoffgemischen war zwar möglich, aber wegen
des hohen technischen Aufwands zu kostenintensiv. Daraus ergab sich, dass die
Kunststoffabfälle nur gemischt aufbereitet und die daraus gewonnenen Rohstoffe schwer
abgesetzt wurden.
Angesichts dieser Problemlage hielt der Senat die Unterstützung der Forschungen und der
Pilotprojekte im Bereich des Kunststoffrecyclings für erforderlich.808 Er teilte darüber hinaus
die Auffassung, dass eine getrennte Sammlung von Kunststoffabfällen möglich sein müsse.
Dementsprechend wurde das Kunststoffrecycling seit Mitte der achtziger Jahre intensiv
erforscht. Insbesondere erzielten die von den BSR durchgeführten Projekte die Verbesserung
der getrennten Erfassung.
805 Weißblech, S. 213; Fortschritt, S. 42.
806 BSR, Bericht für das Geschäftsjahr 1986. Meine Recherchen zu den Ergebnisse des Projekts blieben erfolglos,
auch die gegenwärtige Broschur zur MVA Ruhleben erwähnt die Aufbereitungsanlage nicht.
807 Vgl. Drucksache 9/1551, S. 11, a.a.O..
808 Ebda., S. 12.
157
Im Jahr 1987 starteten die BSR in Bezirk Reinickendorf zusammen mit der TU-Berlin
(Fachgebiet Abfallwirtschaft) einen auf ein Vierteljahr begrenzten Modellversuch einer
sortenreinen getrennten Sammlung von Kunststoffabfällen.809 Als zu erfassende Abfallarten
wurden Polystyrol und Polyethylen ausgewählt, da diese beiden Stoffarten 70 % aller
Kunststoffe im Haushalten bildeten. An diesem Versuch beteiligten sich rund fünfzig
Haushalte. Für die Sammlung stellten die BSR diesen Haushalten kostenlos
verschiedenfarbige Säcke zur Verfügung. In einen weißen Sack sollten alle Kunststoffabfälle
aus Polystyrol, das waren zum Beispiel Joghurtbecher, und in einen grünen Sack die Abfälle
aus Polyethylen wie etwa Kunststofftragetaschen, Verpackungs- und Abdeckfolien
gesammelt werden. Die Aufbereitung wurde außerhalb von Berlin durchgeführt, da sich keine
Berliner Firma interessiert zeigte. Die Aufbereitung übernahmen die Amberger Kaolinwerke
(AKW) in der Oberpfalz.810
Die Ergebnisse des Modellversuches zeigten die positive Auswirkung der getrennten
Sammlung deutlich. Rüdiger Oetjen, der am Projekt beteiligte Diplom-Ingenieur, schilderte
die Ergebnisse folgendermaßen: „Die Trennung von Kunststoffen aufgrund ihrer
unterschiedlichen Dichte erfolgt mehrstufig. Durch getrennte Sammlungen, wie wir sie in
Berlin erproben, wird der Vorgang wesentlich vereinfacht und im Ergebnis verbessert.“811
Gleichzeitig bestätigte dieser Versuch, wie schwierig die getrennte Sammlung der Kunststoffe
war. Trotz Anweisungen warfen die Haushalte andere Kunststoffe in die Säcke. Darüber
hinaus war es für die Beteiligten umständlich, dass die Stoffe möglichst sauber – d.h. Becher
ohne Essensreste – gehalten werden sollten.812 Nach diesem Versuch unterbreitete die TU
Berlin den BSR einen Vorschlag für eine gemeinsame Weiterführung des Projekts, in dem die
Sammlung über die Recyclinghöfe der BSR vorgesehen war.
Diesem Versuch folgte ein anderes Projekt im Jahr 1988, als das Kunststofftechnikum der
TU Berlin, die Arbeitsgemeinschaft Verpackung und Umwelt e.V. 813 sowie die BSR
gemeinsam einen Feldversuch vorbereiteten.814 Wie beim ersten Versuch handelte es sich um
die sortenreine Sammlung und die Aufbereitung der Kunststoffverpackungen. Die Sammlung
fand allerdings nicht in Säcken, sondern über die Recyclinghöfe der BSR statt. Um möglichst
vielen Haushalten die Möglichkeit zur Mitwirkung zu geben, wurde je ein Recyclinghof pro
Bezirk eingerichtet. Somit wurde erstmals ein flächendeckender Recyclingversuch in Berlin
vorbereitet. Die Projektträger zielten darauf ab, Strategien zur getrennten Erfassung
809 Mülll und Abfall 19 (1987), H. 8, S. 341.
810 Umwelttechnik Berlin, Juli 1987, Nr. 4, S. 5.
811 Ebda.
812 Vgl. Müll und Abfall 19 (1987), H. 8, S. 341.
813 An dem Verband wurden 46 Unternehmen der Verpackungshersteller, Abfüller und Abpacker sowie
Unternehmen des Handels zusammengeschlossen.
814 Vgl. Umwelttechnik Berlin, 1988, Nr. 7, S. 8.
158
verschiedener Kunststoffverpackungen sowie Strategien zur Aufarbeitung und
Wiedereinsetzung von Kunststoffen und deren Wirtschaftlichkeit zu untersuchen.
Drei verschiedene Kunststoffsorten wurden ausgewählt: Farbeimer aus Polyethylen,
Weichspüler- und Flüssigwaschmittelflaschen aus Polyethylen und Getränkeflaschen aus PET.
Um die Identifizierung der Stoffe zu erleichtern, wurden die für den Versuch ausgewählten
Produktgruppen mit einem Symbol gekennzeichnet. Die Kennzeichnung geschah in den
meisten Fällen durch das Anbringen eines Etikettes. Das Etikett wurde in den Verkaufsfilialen
angebracht, die zusätzlichen Kosten wurden von den am Projekt beteiligten
Handelsunternehmen übernommen. Bei der Einzelhandelskette Aldi wurde der Hinweis auf
den Test bei zwei Produkten (Flüssigwaschmittel und Speiseöl) direkt in das Produktetikett
eingedruckt.
Die am Projekt teilnehmenden Einwohner waren angewiesen, nur völlig entleerte Flaschen
abzugeben. Für die mögliche Trennung wurde dafür ausgebildetes Personal eingestellt, das
auf den Höfen dafür sorgte, dass die jeweilige Verpackung in den dafür vorgesehenen
Container gelangte. Diese überwachte Sammlungsaktion wurde von an die beteiligten Bürger
gerichteten Befragungen begleitet. Dabei wurde den Fragen nachgegangen, wie die Haushalte,
die sich beteiligen, sozial einzuordnen waren und in welcher Entfernung sie von der
Sammelstelle lagen. Die Auswirkung möglicher Anreize für den Bürger zur aktiven
Teilnahme war ebenfalls ein wichtiges Untersuchungsthema.
Einen anderen Teil des Projekts bildete die Untersuchung über die Aufbereitungsmöglichkeit
von Kunststoffabfällen im Kunststofftechnikum der TU-Berlin. Hier wurde intensiv erforscht,
welche Maßnahmen nötig waren, um ein umfassendes Recycling mit der direkten
Wiederverarbeitung von Thermoplasten zu erreichen.815 Zu dieser Zeit beschäftigte sich das
Institut besonders mit der Produktentwicklung und Charakterisierung von Recyclaten, die zur
direkten Wiederverarbeitung eingesetzt werden konnten. Anschließend legte das Institut den
Schwerpunkt des Projekts darauf, mit möglichst geringem Aufwand an Energie und
Maschinentechnik ein marktfähiges Recyclat subventionsfrei, kostendeckend und
verkaufsfähig herzustellen. Im Unterschied zu bisherigen Techniken der Wiederverwertung
von Kunststoffen aus Haushalten, die eine Verarbeitung gemischter Kunststoffe zu
Zwischenprodukten wie Profilen oder Platten vorsahen, wurde durch die sortenreine
Erfassung die Erzeugung eines Granulat von möglichst gleichbleibender Qualität angestrebt.
Am 20. 2. 1989 wurde die für den Recyclingtest vorgesehene maschinentechnische
Ausrüstung des Kunststofftechnikums vorgeführt. Außer unterschiedlichen aus der
Kunststoffverarbeitung bekannten Mühlen wurde ein Abfallzerkleinerer der Firma Hatlapa
815 Vgl. Käufer, Aktives, S. 497 ff.
159
vorgeführt, der für die angestrebte notwendige Volumenreduzierung für den Transport und
gleichzeitig für eine Vorzerkleinerung der großvolumigen Gebinde vorgesehen war.816 Aus
diesen Entwicklungsarbeiten wurde im Jahr 1990 eine neue Recycling-Anlage im
Pilotmaßstab entwickelt, die nach Angaben eines Projektleiters zum Einsparen der für neue
Kunststoffprodukte erforderlichen Energie dienen könnte.817
Trotz dieses Fortschritts ergab die Auswertung des zweijährigen Versuchs, dass die
sortenreine Rücknahme und Verwertung von PE-Flüssigwaschmittelverpackungen, PE-
Farbeimern und PT-Speiseölflaschen zu dieser Zeit noch nicht erfolgversprechend umgesetzt
werden konnte.818 Nach der Beendigung des Versuchs übernahm das Kunststoff-Recycling-
Zentrum Berlin (KRZB), das als praxisbezogenes Forschungsinstitut gegründet wurde, die
Projekte des Kunststofftechnikums der TU Berlin. Darüber hinaus zeigten die privaten
Unternehmen ihr Interesse an der Unterstützung und Förderung der Arbeiten des Instituts,
indem sie im Jahr 1991 den Kunststoff-Recyclings-Zentrum-Verband gründeten.819 Diese
breite Unterstützung war möglich, weil 1991 die Rechtsverordnung „Verordnung über die
Vermeidung von Verpackungsabfällen (VerpackVO)“ in Kraft getreten war, die Hersteller
und Vertreiber verpflichtete, Transportverpackungen zurückzunehmen und einer erneuten
Verwendung oder Verwertung außerhalb der öffentlichen Abfallentsorgung zuzuführen.820
Vor diesem Hintergrund erschien die Wiederverarbeitung der Kunststoffe dringlicher als
vorher.
Während solcher Versuchen wurde auf dem Internationalen Recyling Congress darauf
hingewiesen, dass die stoffliche Verwertung von gemischten Kunststoffen mit unsinnigen
Aufwand im Vergleich zum Wert verbunden sei und dennoch nur minderwertige Produkte
erzeigt werden, dass die energetische Verwertung sinnvoll sei.821
Während diese Recyclingversuche in verschiedener Form intensiv weiter verfolgt wurden,
waren zugleich, wenn auch selten, Pilotversuche in die andere Richtung zu finden. Das
Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) Berlin erarbeitete seit 1989 im
Auftrag des Bundesministeriums für Forschung und Technologie das Projekt
„Entsorgungsfreundliche Gestaltung komplexer Produkte“.822 Der Grundidee des Projekts lag
die Auffassung zugrunde, dass Entsorgungsprobleme aus der wachsenden Komplexität von
816 Vgl. Tiemann, Verpackungen, S. 287 f.
817 Vgl. Umwelt 20 (1990), H. 4, S. 133.
818 Vgl. BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1990, S. 18.
819 Vgl. Härdtle (Hg.), Recycling, S. 28.; Drucksache 11/774 Kleine Anfrage der Abg. Dr. Käthe Zillbach (SPD)
über Konzeption zum Aufbau einer Kunststoff-Recycling-Versuchsanlage, S. 10.
820 Härdtle, S. 22 f.
821 Vgl. Thomé-Kozmiensky (Hg.), Recycling International.
822 Vgl. Umwelttechnik Berlin, 1989, Nr. 15, S. 6.
160
Produkten resultierten. Der zunehmende Einsatz neuer Kunststoffe war damit eng verbunden.
Das führte schließlich dazu, dass Schadstoffe beim Recycling freigesetzt wurden. Auf diesem
Verständnis basierend stellte das Institut ein Projektvorhaben vor, das sich an der Förderung
der entsorgungsfreundlichen Gestaltung orientierte. Im Rahmen des Projekts versprach das
BMFT Zuschüsse für Firmen, die sich an der Gestaltung von Prototypen solcher Produkte
beteiligen würden. Ziele des Projektes waren auch Verbesserungen im Bereich von
Demontierbarkeit, Schadstoffvermeidung, Materialeinsparung, Wiederverwendung,
Recycling, Separierbarkeit, Langlebigkeit, Materialkennzeichnung usw. Vor diesem Projekt
behandelte eine 1986 im Fachbereich Konstruktion und Fertigung der TU Berlin vorgelegte
Dissertation ein ähnliches Thema. Mohammad Pourshirazi, der Verfasser, betonte, der Einsatz
verwertungsfreundlicher Kunststoffe solle schon bei der Konstruktionsarbeit in die
Überlegung einbezogen werden, um eine wesentliche Ressourcenschonung durch Recycling
zu erreichen.823 Solche Forschungen begannen erst in den neunziger Jahren bundesweit
durchgeführt zu werden.
3.2.3. Verwertung organischer Abfälle durch Kompostierung
Im Rahmen des Abfallwirtschaftsprogramms zog die Kompostierung die besondere
Aufmerksamkeit des Senats auf sich. Anders als in den siebziger Jahren, als die
Kompostierung als Alternative zur Müllverbrennung aus ökonomischen Gründen abgelehnt
und verworfen worden war, wurde der Kompostierung innerhalb des
Abfallwirtschaftsprogramms als Verwertungsverfahren neue Bedeutung beigemessen. Man
kann die Kompostierung als stoffliche Verwertung bezeichnen, da die durch die
Kompostierung hergestellten Bodenverbesserungsmittel verwertet werden können. Das
Potential wurde vom Senat anerkannt und ein umfassender Förderungsplan erstellt.824
Der Plan beruhte auf der Erkenntnis, dass nur die Kompostierung organischer Abfälle,
besonders pflanzlicher Abfälle, von praktischer Bedeutung war. Obwohl die an allen
Haushalten anfallenden organischen Küchenabfälle ein bedeutendes Verwertungspotential
darstellten, wurde die Kompostierung gemischten Hausmülls wegen der durch die anderen
Müllbestandteile verursachten hohen Schadstofffrachten und Absatzprobleme des
zwangsläufig minderwertigen Komposts ausgeschlossen.825 Daher richtete sich die Planung
auf die Intensivierung der Kompostierung pflanzlicher Abfälle, wie sie bereits von
Gartenbauämtern und privaten Gartenbaubetrieben praktiziert wurde. Nach einer
823 Vgl. Pourshirazi, Recycling.
824 Vgl. Drucksache 9/ 1551, S. 21 ff., a.a.O..
825 Ebda, S. 22.
161
Untersuchung betrieben zu dieser Zeit zwölf Gartenbauämter für ihren Eigenbedarf in mehr
oder weniger großem Umfang die Kompostierung ihrer eigenen Abfälle.826 Die bezirklichen
Gartenbauämter verarbeiteten jährlich mehr als 10.000 t Kompost, der mit bei der Pflege von
Grünflächen anfallenden Stoffen (Gras-, Hecken-, Baumschnitt usw.) erzeugt wurde. Der
Kompost wurde bei Neuanlagen von oder Pflegemaßnahmen an vorhandenen Grünflächen
eingesetzt. 827 Daher hielt der Senat es für realistisch, die Aktivitäten zu fördern und
auszuweiten, um das Verwertungspotential der Kompostierung zu nutzen. Die Überlegung
stützte sich vor allem auf die Erfahrungen des Gartenbauamtes Spandau. Dort wurden seit
1980 auf ca. 2,5 Hektar Fläche jährlich rund 10.000 bis 15.000 m³ organische Abfälle aus der
Grünflächenpflege kompostiert. Der Mietenkompostierung wurden Materialien wie
Grassschnitt, Laub aus der Straßenreinigung, Pferdemist und Panseninhalte vom Berliner
Schlachthof, sowie Lehm aus Baustellenabfuhr zugeführt. Dadurch hergestellte Komposte
erwiesen sich als optimal für die Verwendung bei Straßenbaumpflanzungen.828 Damit war das
Gartenbauamt in der Lage, einen Großteil des Bodenverbesserungsmittelbedarfs mit eigenem
Kompost zu decken und den Torfeinsatz zu begrenzen. 829 Einer „vorläufigen
Kostenvergleichsrechnung“ zwischen Kompostierung und Beseitigung von der Abteilung
Umweltschutz der Senatsverwaltung zufolge konnte das Gartenbauamt jährlich ca. 266.000
DM durch die Kompostierung einsparen.830
Anhand des Spandauer Beispiels setzte sich der Senat dafür ein, dass die zentrale
Kompostierung, die von den Gartenbauämtern und der gewerblichen Gartenbaubetrieben
durchgeführt wurden, mittels Einfachtechnologie wie zum Beispiel dem Einfachverfahren der
Mietenkompostierung intensiviert werden konnten. Parallel dazu wurden Maßnahmen zur
Aktivierung der dezentralen Kompostierung ergriffen, die von Kleingärtnern,
Eigenheimbesitzern und Gartenbaufirmen betrieben wurden. 831 Für die zentrale
Kompostierung wurde geplant, dass von den Bezirksämtern ungenutzte und unbebaute
Grundstücke für die Kompostierung zur Verfügung gestellt werden sollten. Mithilfe
aufklärender Öffentlichkeitsarbeit mit praktischen Hinweisen zur ökologisch ausgerichteten
Gartenpflege, so sah es der Senat, könnte sich die Kompostierung kleiner Menge intensivieren
lassen. Zur Förderung der Kompostanwendung wurde die Einrichtung einer Kompostbörse
vorgesehen, die als Vermittlungsstelle für organische Abfälle an Unternehmen wie
Landschaftsgärtner fungieren sollte. Darüber hinaus plante man die Verpflichtung zur
826 Habighorst u.a., Kompostierung, S. 77.
827 Vgl. Drucksache 9/1551, S. 21, a.a.O..
828 Karbe, Versuche, S. 197.
829 Habighorst u.a., S. 77.
830 Ebda.
831 Drucksache 9/1551, S. 22, a.a.O.; Brüggemann, Kompostierung in Berlin, S. 183 f.
162
Kompostanwendung beim Garten- und Landschaftsbau. 832 Die Qualitätssicherung von
Kompostprodukten durch geringen technischen Aufwand wurde zum Forschungsziel erklärt.
Mitte Juni 1984 stellte der Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Horst Vetter, die
Aktion „Kompostbörse Berlin“ auf einer Pressekonferenz vor. 833 Die zuständige
Senatsverwaltung hatte an 350 Betriebe des Garten- und Landschaftsbaus geschrieben und an
diese appelliert, sich zur Annahme kompostierbaren Materials bereit zu erklären. Von den
aufgerufenen Stellen zeigten sich lediglich 25 Betriebe und Gartenbauämter bereit, organische
Abfälle zur Kompostierung anzunehmen: allerdings unter der Voraussetzung genügenden
Platzangebotes. In der Tat fehlten vielen Betrieben die nötigen Flächen zur Kompostierung.834
Die meisten Betrieben hatten nicht einmal Platz genug, um ihre eigenen Abfälle zu
kompostieren. Es zeigte sich, dass der Erfolg der Kompostbörse die Bereitstellung der nötigen
Flächen voraussetzte. Trotz der Bekundung, die benötigten Freiflächen zur Verfügung zu
stellen, hatte der Senat bis zum Ende 1985 keine Grundstücke bereitgestellt.835 Aufgrund der
unterschiedlichen Interessen der an der Flächenvergabe beteiligten Senatsverwaltungen waren
auch die Bemühungen, vorübergehend Industriereserveflächen, Forst- und Friedhofsflächen
für die Kompostierung zu nutzen, fehlgeschlagen.836 Demzufolge ging der Plan für die
Ausweitung der Kompostierung von pflanzlichen Abfällen nicht voran. Im Jahr 1988 standen
die Senatsverwaltungen bezüglich der Kompostierung vor den fast gleichen Aufgaben wie im
Jahr 1984. Lediglich die Öffentlichkeitsarbeit des Senats gewann so große Resonanz, dass
fünfhundert Bürger das Kompostierungsmerkblatt sowie die Kompostfibel des
Aktionszentrums Umweltschutz Berlin (AZU) anforderten.837
Bezüglich der Aktivierung der dezentralen Kompostierung leistete die Arbeitsgruppe
Recycling, die das Grundkonzept des Berliner Modells erarbeitete, einen wesentlichen Beitrag
zur Öffentlichkeitsarbeit. Die Bürgerorganisation startete 1982 die Aktion „Kompost statt
Laubsack“, um die Hobby- und Freizeitgärtner zu motivieren, die organischen Abfälle in
ihren Gärten selbst zu verwerten.838 Zugleich entwickelte sie ein Modell der Kompostbörse
zur Verstärkung der Kompostierung von Reststoffen aus Hausgärten. Ihre Arbeit weitete sich
ab 1983 dahin gehend aus, dass eine Demonstrations- und Forschungskompostanlage zur
öffentlichen Beratung für die Kompostierung in Betrieb genommen wurde.839 Nach Angaben
der Gruppe richteten sich diese Aktionen darauf, durch die Kompostierung vor Ort die
832 Drucksache 9/1551, S. 23, a.a.O..
833 Müll und Abfall 18 (1986), H. 3, S. 122.
834 Habighorst u.a., S. 82.
835 Ebda, S. 80.
836 Drucksache 10/2595, S. 12, a.a.O..
837 Müll und Abfall 18, S. 122.
838 Vondracek, S. 261.
839 Ebda. Diese Anlage wurde auf dem Gelände des Ökowerkes am Teufelssee eingerichtet.
163
Transportaufwendungen zu vermeiden und gleichzeitig die Abfallmenge zu reduzieren.
Anders als in den Plänen des Senats wurde hier eine ökologische Bilanz der Kompostierung
berücksichtigt. Im Jahr 1985 stellte die Gruppe ein Konzept zur Kompostierung vor, das die
Installation von Komposttoiletten als eine weitere Möglichkeit der Kompostierung
beinhaltete.840
Währenddessen leiteten die BSR ab 1983 ein Kompostierungsprojekt ein. Sie betrieben einen
Großversuch zur Kompostierung von Laubsackinhalten mit Zuschlagstoffen wie Stallmist aus
der Pferdehaltung. Im Zentrum des Forschungsvorhabens stand die Grundfrage, ob mit der
einfachen offene Mietenkompostierung die organischen Abfälle für die Erzeugung von
Komposterden genutzt werden können.841 Die Untersuchung wurde aus Mitteln des Senators
für Wissenschaft und Forschung finanziert, eine Teilfläche der Deponie Wannsee für die
Forschung zur Verfügung gestellt. Im Hintergrund des Projektes stand vor allem das
zunehmende Interesse der Gartenbaubetrieben an größeren Mengen Komposterde für
Begrünungsmaßnahmen.
Bis zum Jahre 1982 wurden die mit Laubsäcken eingesammelten Gartenabfälle842 wegen
fehlenden privatwirtschaftlichen Interesses an einer Nutzung ohne weitere Verarbeitung
beseitigt. Lediglich das im Herbst eingesammelte Laub von Straßenbäumen wurde an die
bezirklichen Gartenbauämter und private Interessenten zur Verwertung abgegeben. Diese
Lage veränderte sich, als sich bei den Gartenbauämtern ein erheblicher Bedarf an
Bodenverbesserungsmitteln abzeichnete. Hier erkannten die BSR eine Absatzmöglichkeit für
Kompostprodukte. So unternahmen die BSR neben der Forschung zu Methoden und
mechanischen Verfahren zur Kompostherstellung Untersuchungen zum Inhalt der Laubsäcke.
Beim Versuch stellte sich die Trennung nicht kompostierbarer Stoffe, wie Glas und
Kunststoff vom organischen Rohmaterial als zentrales Problem heraus. Daher appellierte der
Senator für Stadtentwicklung und Umwelt an alle Bürger, die Laubsäcke ausschließlich mit
kompostierbaren Gartenabfällen zu füllen und alle übrigen Stoffe getrennt zu sammeln.843
Eine Anschlusspflicht für Laubenkolonien an die reguläre Abfuhr und eine Merkblatt-Aktion
des Aktionszentrums Umweltschutz führten auch zum Rückgang des Fremdstoffanteils.844
Das von der TU Berlin und der Landesanstalt für Lebensmittel-, Arzneimittel- und
gerichtliche Chemie erstellte Gutachten ergab, dass der Laubkompost wegen seiner insgesamt
840 Ebda., S. 264 f.
841 Fischer, Laubsack, S. 185.
842 Zu dieser Zeit wurden von den BSR jährlich ca. 1,5 Mio. Laubsäcke eingesammelt. Diese Laubsäcke waren
110 l fassende Polyäthylensäcke, die den Bürgern gegen ein Entgelt von 3 DM zur Verfügung gestellt wurden.
Vgl. hierzu: ebda.
843 Müll und Abfall 18 (1986), H. 3, S. 123.
844 Habighorst u.a., S. 79.
164
guten Eigenschaften als Bodenverbesserungsmittel im Landschaftsgartenbau und in
Zierpflanzengärtnereien gut verwendet werden konnte. 845 Die Untersuchung der
Schwermetallgehalte ergab, dass alle Werte die damals geltenden Richtwerte für
Müllkomposte einhielten.
Wegen dieser positiven Ergebnissen stellten die BSR im Jahr 1984 etwa 4800 m³ fertigen
Kompost für den Markt bereit.846 In den folgenden Jahren wurde der Verkauf von Kompost in
60 l-Säcken über den Gartenbedarf-Fachhandel versucht. Aufgrund des Wegfalls der
Beseitigungskosten ließ sich die Kompostierung kostendeckend durchführen. 847 Die
Kompostierungsmenge steigerte sich von 3600 t im Jahr 1986 auf 13 500 t im Jahr 1988.848
Eine weitere Steigerung der Menge war nicht zu erwarten, weil es an geeigneten Flächen für
die Ausweitung der Kompostierung fehlte. Hinzu kam, dass sich der BSR-Kompost den
konkurrierenden Produkten aus abgesiebter Erde und Torf gegenüber als
wettbewerbsnachteilig erwies und von Verbrauchern nicht ausreichend akzeptiert wurde.849
Der eingeschränkte Absatzmarkt verhinderte die Ausweitung der Kompostierung.
Im Jahr 1989 begannen die BSR zum ersten Mal einen Versuch zur Kompostierung von
organischen Bestandteilen des Hausmülls anzustellen. Aus der Perspektive der
Abfallvermeidung wurde dem Vorhaben zur getrennten Erfassung kompostierbarer
Bestandteile im Hausmüll ein besonderer Stellenwert beigemessen.850 Im September 1990
startete die getrennte Sammlung von Biomüll zwecks Kompostierung in fünf
Versuchsgebieten verschiedener Verwaltungsbezirke. Erste Ergebnisse im Hinblick auf die
Schadstoffbelastung des Biomülls und damit auf die Qualität des erzeugten Kompostes
wirkten erfolgversprechend.851 Die Sammlung schloss sich in den neunziger Jahren dem
getrennten Erfassungssystem für andere Abfälle zur Verwertung an. Dennoch wurde die
Kompostierung wegen der Möglichkeit der Umweltbeeinträchtigung wie
Sickerwasserproblem und Schadstoff im Kompost oft zur Debatte gestellt.
3.3. Energetische Verwertung: Müll-Kohle-Entgasung, Deponiegasnutzung und
Abwärmenutzung der MVA Ruhleben
845 Drucksache 9/1551, S. 22, a.a.O..
846 BSR, Bericht für das Geschäftsbericht 1984, S. 9.
847 Habighorst u.a., S. 80.
848 BSR Geschäftsberichte 1986 und 1988.
849 Drucksache 10/2595, S. 12, a.a.O..
850 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1989, S. 16. Bereits im Jahr 1986 wies ein Forschungsbericht auf die
Kompostierungsmöglichkeit dieser Abfälle hin. Vgl. Peters u. Wiegel, Dezentrale.
851 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1990, S. 19.
165
3.3.1. Energetische Verwertung als Alternative zur stofflichen Verwertung
Obwohl der Schwerpunkt des Abfallprogramms auf die stofflichen Verwertungen gelegt
wurde, strebte der Senat zugleich aus praktischen Gründen eine andere Recyclingform, die
energetische Verwertung, z. B. durch Verbrennung, an. Seiner Meinung nach war eine
mögliche vollständige Materialverwertung nur langfristig realisierbar, daher war der
energetischen Verwertung als ressourcenpolitisch sinnvolle Maßnahme vor der Deponie
Vorrang einzuräumen.852 Demnach war die Verbrennung der Abfallstoffe, die aufgrund des
fehlenden Marktes für Abfallstoffe und fehlender Verfahren nicht in den Stoffkreislauf
zurückgeführt wurden, im Sinne der energetischen Verwertung der stofflichen Verwertung
gleichzusetzen oder sogar sinnvoller, wenn sich die stoffliche Verwertung als wirtschaftlich
belastender erweisen würde. Hinsichtlich der Verwertung der Abfälle bestehe kein
Unterschied zwischen stofflicher und energetischer Verwertung. So vertrat der Senat die
Meinung, dass die getrennte Erfassung brennbarer Fraktionen des Mülls insoweit sinnvoll sei,
als die Müllverbrennung durch Verminderung des Heizwertes der Abfälle nicht unmöglich
gemacht werde.853
Aufgrund dieser Auffassung wurde eine Verwertung von nicht stofflich verwertbarem
Altpapier zur Energieerzeugung, z. B. durch Verbrennung in Feuerungsanlagen, als eine
mögliche Lösung zur Erhöhung der Altpapierverwertung ins Abfallwirtschaftprogramm
aufgenommen. Daher stellte sich der Senat die Aufgabe, potentielle Betreiber mit den
Herstellern solcher Feuerungsanlagen in Kontakt zu bringen.854 Außerdem wurde ein Projekt
zur Brikettierung von Altpapier im Auftrag des Senats durchgeführt. Nach Ansicht des Senats
war das Verfahren so weit fortgeschritten, dass keine große technische Entwicklung mehr
erforderlich war. Gegenüber diesen Ansätzen brachten die BSR in einer Schrift ihre Bedenken
zum Ausdruck: „Es darf bezweifelt werden, dass durch die getrennte Verbrennung von Papier
und besonders von heizwertreichem Abfall und dem damit verbundenen Aufwand ein
insgesamt wirtschaftlich günstigeres Ergebnis zu erzielen ist.“855 Anstelle der Errichtung
solcher Feuerungsanlagen wurde von den BSR die Erhöhung der Dampferzeugung bei der
MVA Ruhleben durch die Verbrennung von Altpapier für geeignet gehalten. Diese
Stellungnahme wurde im Jahr 1986 dadurch verdeutlicht, dass ein Gutachten über „Neubau
des Kessels 1 der MVA Ruhleben als Kombikessel zur Verbrennung von Hausmüll und
Altpapier“856 im Auftrag der BSR erstellt wurde.
852 Drucksache 9/1551 v. 1984, S. 24.
853 Ebda.
854 Ebda., S. 25.
855 BSR-Archiv, Stellungnahme zum Entwurf des Schlussberichtes für ein Abfallwirtschaftsprogramm.
856 BSR-Archiv, Gutachten von G.A.T. Berlin, Dezember 1986.
166
Mit der Verschlechterung des Altpapiermarktes zeigte der Senat seine Neigung zur
energetischen Verwertung. Wie sich in einer Plenarsitzung zeigte, verteidigte der Senator für
Stadtentwicklung und Umwelt Starnick diese Orientierung. Seiner Ansicht nach könne dieser
Weg als Marktregulativ funktionieren, da auf diese Art und Weise der Minimalabsatzpreis
von Altpapier stabilisiert werden könne.857 Insofern folgte die Abfallwirtschaftspolitik der
Logik des Marktes und ließ für ökologische Bedenken nur wenig Spielraum. Der Senat
blendete die Gefahr möglicher ökologischer Belastung durch die energetische Verwertung aus.
3.3.2. Scheitern des Müll-Kohle-Entgasung-Projekts
Parallel zu den Altpapierprojekten beteiligte sich der Senat an einem großen
Forschungsvorhaben, das unter dem Titel „Kohle-Müll-Kombiprozeß“ durchgeführt wurde.
Das Ziel des Vorhabens, so der Senat, bestehe darin, eine neue Technologie zu entwickeln,
mit der aus Müll und Kohle in einem betriebswirtschaftlich rentablen und zudem
betriebssicheren Kombiprozess brennbares Gas, nutzbares Öl und überwiegend lagerfähiges
Koks gewonnen werden. 858 Im Schlussbericht über das Abfallwirtschaftsprogramm
begründete der Senat die Entscheidung folgendermaßen: „Besonders interessant erscheint die
technische Entwicklung, die die reine Pyrolysetechnik abwandeln, indem der Einsatzstoff
Müll energetisch aufgewertet wird. Daher beteiligt sich der Senat an dem
Forschungsvorhaben“.859 Als eine Möglichkeit zur energetischen Verwertung der Abfälle war
die Entwicklung dieser Technik im Abfallwirtschaftsprogramm aufgenommen worden.
Die Technik wurde allerdings 1982 vom Berliner Senat ursprünglich im Rahmen des Projekts
„Ölunabhängige Gaserzeugung in Berlin“ berücksichtigt.860 Als Verfahren für „Abfall-Kohle-
Entgasung“ hatte die Firma Saarberg-Hölter-Umwelttechnik GmbH die Technik entwickelt,
und eine Technikumsanlage war seit 1982 im Rahmen eines vom BMFT geförderten
Forschungsauftrags in Betrieb. 861 An der im Technikumsmaßstab realisierten Anlage
bekundete der Berliner Senat sein Interesse, weil er auf der Suche nach einer gesicherten
Gasversorgung für Berlin war. Die vom Senat einberufene Kommission für die Gaserzeugung
machte im Juli 1982 eine zweitägige Dienstreise nach Gladbeck, wo sich die
857 PlPr 10/34 v. 11.September 1986, S. 1930.
858 Drucksache 9/1551, S. 26.
859 Ebda.
860 Im Jahr 1983 legte der Senat das Gaserzeugungsprogramm aus der Auffassung vor, dass die Gasversorgung
in Berlin durch eine hohe Kostenbelastung bei der Gaserzeugung und das steigende Gasverbrauchs immer
schwieriger werden würde. Als Ausweg wurde die Möglichkeit der Erdgasversorgung und anderer Verfahren
der Gaserzeugung verfolgt. Vgl. hierzu Drucksache 9/1115 v. 14.04.83 Vorlage zur Beschlußfassung über
Erdgasversorgung des Landes Berlin; BSR-Archiv, IS Aktennotiz v. 28. 7. 1982.
861 Vgl. Drucksache 9/1234 v.05.08.83 M. Nr. 135 Kleine Anfrage des Peter Sellin (AL) über Kohle-Müll-
Kombiprozeß-Anlage, S. 8.
167
Technikumsanlage befand. Der Reisebericht ergab, dass der Kombiprozess der Firma Hölter
GmbH zur gemeinsamen Entgasung eines Müll-Kohle-Gemisches auf Jahre hinaus keine
solide Basis bot, um einen Teil der Energieplanung Berlins darauf zu stützen.862
Unabhängig davon wurde am 30. September 1982 ein Abschlußbericht 863 des
wissenschaftlichen Beirates über das Projekt der Firma Hölter vorgelegt. Dieser Beirat864 war
im Juli 1981 vom Berliner Senat für Wissenschaft und kulturelle Angelegenheiten zur
Begleitung des Hölter-Projekts ins Leben gerufen worden. Der Beirat kam nach vier
Sitzungen zu dem Schluss, dass eine Substitution von schwerem Heizöl mit einem
finanziellen Vorteil im Vergleich zur Müllverbrennung möglich sei, und keine Bedenken für
den Einsatz der Abfall-Kohle-Entgasungsanlage in ökologischer Hinsicht bestünden.
Entgegen diesem positivem Urteil brachten die BSR nach einem am 14. 10. 1982 zwischen
den BSR und dem Umweltbundesamt stattfindenden Gespräch ihre Skepsis zum Ausdruck. In
dieser Kritik wurden insbesondere die Fehler, die in der Wirtschaftlichkeitsstudie zur
Anwendbarkeit dieses Verfahrens in Berlin aufgezeigt worden waren, aufgegriffen: Die
Kostenrechnungsfehler, z. B. das Fehlen der Gasreinigungskosten, die zu hoch angesetzte
Verfügbarkeit der Anlage oder der zu hoch kalkulierte Gutschriftansatz für den erzeugten
Koks.865 Darüber hinaus wurde die technische Konzeption der Firma Hölter hinsichtlich der
weiteren Entwicklung in Frage gestellt. Trotz dieser Bedenken erhielt die Firma Hölter im
Dezember 1982 eine Bewilligung von Projektfördermitteln für die Planung und Konzeption
für die Errichtung der Kohle-Müll-Kombiprozeß-Anlage in Berlin. Somit beschäftigte sie sich
in Zusammenarbeit mit der Firma PEB GmbH mit der Machbarkeitsstudie.866
Nach der Bewilligung durch den Senat fand am 14. 2. 1983 ein Gespräch zwischen den BSR
und der Firma Hölter statt, die die BSR besuchten, um die ehemalige Sinterhalle zu
besichtigen, wo die Pilotanlage errichtet werden sollte.867 Bei diesem Gespräch gab die Firma
Hölter zu, dass bei der Einschätzung der Wirtschaftlichkeit der Anlage die spezifische Lage
Berlins nicht angemessen berücksichtigt worden sei. Der vom Müll-Kohle-Müllkoks zu
verdrängende Brennstoff sei die Braunkohle, die aus der DDR zu einem sehr günstigen Preis
importiert werde. Außerdem sei der in Berlin in Kraftwerken verfeuerte Brennstoff bis auf ca.
862 BSR-Archiv, Dienstreise am 14./15. 7. 1982 nach Gladbeck und in dessen weitere Umgebung unter dem
Hauptthema „Ölunabhängige Gaserzeugung in Berlin“ v. 28.7.1982.
863 BSR-Archiv, Abschlußbericht des wissenschaftlichen Beirats des Senats für Wissenschaft und kulturelle
Angelegenheiten zum Abfall-Kohle-Vergasungs-Projekt der Firma Hölter v. 30. September 1982.
864 Die Mitglieder des Beirats waren folgende Personen: Prof. Dr.-Ing. Buch (Salzgitter, Vorsitzender), Dipl.Ing.
Bers (Bewag), Dr.Fichtel (Bayerisches Landesamt für Umweltschutz), Dr.Jank (Planung, Energie
u.Bautechnik :PEB), Dipl.Ing. Jorzyk (Saarbergwerke AG), Prof. Dr. Kroepelin (Unversität Braunschweig)
und Dr.- Ing. Restin (Gasag). BSR-Archiv, Abschlußbericht.
865 BSR-Archiv, Hölter-Pyrolyse von Abfall-Kohle-Gemischen v. 18.10.1982.
866 Drucksache 10/813 v. 23.06.86, M. Nr. 83, Kleine Anfrage der Abg. Renate Heitmann (AL) über
Bauvorhaben der Firma E. S. 10; 10/322 v.05.11.85 M. Nr. 31 Kleine Anfrage der Abg. Renate Heitmann
(AL) über Bauvorhaben der Firma E., S. 34.
867 BSR-Archiv, Müll-Kohle-Pyrolyse nach dem Konzept Fa. Hölter v. 15. 2.1983.
168
50% der üblichen Preise herunter subventioniert.868 Daraus ergab sich, dass die erwartete
Wirtschaftlichkeit nicht realisierbar sein würde. Im Gegensatz dazu hatte der
wissenschaftliche Beirat die Verfeuerung des Pyrolysegases und Pyrolyseöls im Kraftwerk
Lichterfelde und die Verbrennung des Pyrolysekokses in den Kraftwerkskesseln der BEWAG
für realistisch gehalten.869 Dieses Gespräch vermittelte den BSR den Eindruck, dass mit ca.
40 Mio DM öffentlicher Gelder ein wirtschaftlich schlecht fundiertes und technisch
schwankendes Konzept subventioniert werden sollte. Denn die technische Konzeption der
Firma Hölter, insbesondere zur Integration einer Müllbehandlungsanlage in ein Kraftwerk,
schien den BSR fragwürdig.870 Die „Schaffung von Arbeitsplätzen“, die in einem Bericht871
der Firma als Argument hervorgehoben wurde, schien den BSR nichts anderes als ein
Verdecken mangelnder Überzeugungskraft des Konzeptes zu sein.
Von dieser Skepsis nicht beeinflusst, beauftragte der Senator für Wissenschaft und Forschung
im Jahr 1983 die Firma ENERGAS GmbH, eine Tochter der Firma Hölter, mit der
Engineeringstudie. Diese Studie beinhaltete die Erarbeitung der Konstruktion und
Genehmigung der Anlagenteile.872 Als Grundlage dafür legte die Firma ENERGAS dem
Senator im April 1983 ihre Machbarkeitsstudie vor. Dieser Bericht besagte, dass die Planung,
der Bau und Betrieb von Anlagen zur Kohle-Müll-Entgasung in Berlin sowohl für die
Entsorgung von Müll als auch für die Versorgung mit Energie auf der Basis einheimischer
Energieträger einen wirksamen Beitrag leisten würde.873 Die Studie brachte vor allem die
Technologie in Zusammenhang mit der abfallwirtschaftlichen Zielsetzung und betonte die
umweltverträglichere kostengünstigere Beseitigung des Mülls gegenüber der konventionellen
Müllentsorgung, die zur Schonung der Deponieflächen führen könnte. Als Standort für die
Anlage wurde die MVA Ruhleben für geeignet gehalten. Am Ende der Studie wurde ein
Zeitplan für den Bau und Betrieb der Pilotanlage angefügt, demzufolge die Pilotanlage bis
April 1984 fertiggestellt und ab Mai 1985 in Betrieb genommen werden sollte.
In einer Diskussionsrunde am 7. Juli 1983, an der unter anderem Senatoren, Gutachter und
die ENERGAS GmbH teilgenommen hatten, wurde die Finanzierung einer Pilotanlage mit
einer Zuwendung von 13,9 Mio. DM aus Landesmitteln vorgeschlagen.874 Gegenüber der
Errichtung einer Pilotanlage äußerten die Teilnehmer keine grundsätzlichen Bedenken, aber
868 Ebda.
869 BSR-Archiv, Abschlußbericht.
870 BSR-Archiv, Müll-Kohle.
871 BSR-Archiv, Zwischenbericht zum Stand der Überlegungen zur KM-Pyrolyse-Pilotanlage „Ruhleben“ v. 15.
12. 1982.
872 Drucksache 10/813, S. 10.
873 BSR-Archiv, Machbarkeitsstudie für die Errichtung einer Kohle-Müll Pilotanlage (1,5 t/h) und einer
Großanlage mit 2 x 7,5 t/h Kohle-Müll-Durchsatz. ENERGAS-Gesellschaft zur Energiegewinnung aus Müll
und Kohle mbH, Berlin. April 1983.
874 BSR-Archiv, Inhaltsprotokoll zu der Diskussionsrunde über die Machbarkeitsstudie am 7.Juli 1983.
169
sie stimmten überein, dass für die Errichtung einer großtechnischen Demonstrationsanlage
weitere Überlegungen erforderlich sein würden. Vor allem sei der Abwasseraufbereitung in
Hinblick auf Schadstoffe und deren Verbleib bei der Planung und Durchführung der
Pilotanlage besondere Beachtung zu schenken.
Anfang 1984 stellte der Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz Vetter das Projekt
als eine Maßnahme zur energetischen Verwertung des Abfalls im Rahmen des
Abfallwirtschaftsprogramms vor. Neben der allgemeinen Vorstellung des Projekts wurde
dabei auf den Entwicklungszustand hingewiesen, dass zu dieser Zeit erwogen wurde, das
erzeugte Synthesegas zur Substitution von schwerem Heizöl in Kraftwerkskesseln in Berlin
zu verwenden.875 Für die Förderung des Vorhabens war der Senator für Wissenschaft und
Forschung zuständig.
Nach der Vorstellung reichte der Abgeordnete Wolfgang Petersen (fraktionslos) im Juni 1984
eine kleine Anfrage zu dem Projekt an den Senat ein. Es ging dabei um die ökologischen
Vorteile des Verfahrens und die Verzögerung der Forschungsergebnisse, die aus dem Betrieb
der Anlage der Firma Hölter in Gladbeck erbracht werden sollten. 876 Der Senator für
Wissenschaft und Forschung Oxfort räumte daraufhin ein, dass das Verfahren nicht den
Anspruch erhebe, ökologisch besser zu sein als die Müllverbrennung. Dieser Anfrage folgte
eine weitere, die stärker auf ökologische Fragen gerichtet war. Im Januar 1985 befragte der
SPD-Abgeordnete Norbert Meisner den Senat zur Schadstoffemission bei der Verbrennung
des Pyrolysekoks und der Entstehung von Dioxinen.877 Neben diesen ökologischen Bedenken
entstanden unter den Abgeordneten eine Reihe von Zweifeln gegenüber dem gesamten
Forschungsvorhaben, da sich herausstellte, dass die Durchführung des Projekts nicht zu den
versprochenen Ergebnissen führte und das Vorhaben auf falschen Voraussetzungen beruhte.
Im November 1985 gab der Senat zu, dass Planungen, Konstruktionsarbeiten und
bauvorbereitende Maßnahmen nicht zulagenbegünstigt seien. Das Argument, dass das Projekt
im Rahmen des Strukturprogramms neue Arbeitsplätze in Berlin878 schaffe, erwies sich als
zweifelhaft. Die Schaffung neuer dauerhafter Arbeitsplätze, so der Senator, werde erst dann
relevant, wenn die Demonstrationsanlage ihren Betrieb aufgenommen hat und die erwarteten
875 Drucksache 9/1551, S. 26.
876 Drucksache 9/2051 v. 13.09.84, M. Nr. 218, Kleine Anfrage des Abg. Wolfgang Petersen (fraktionslos) über
Kohle-Müll-Entgasung, S. 10.
877 Drucksache 9/2457 v.28.03.85, M. Nr. 256, Kleine Anfrage des Abg. Dr. Norbert Meisner (SPD) über Kohle-
Müll-Pyrolyse in Ruhleben, S. 13.
878 Drucksache 10/322 v. 05.11.85, M. Nr. 31, Kleine Anfrage der Abg. Renate Heitmann (SPD) über
Bauvorhaben der Firma E., S. 34. Nach Angaben der Abgeordneten Renate Heitmann stellte der Vorsitzende
der Firma Hölter den Politikern durch den Bau der Pyrolyse-Anlage ca. 200 Arbeitsplätze in Aussicht. Vgl.
hierzu: Drucksache 10/813, S. 9.
170
positiven Ergebnisse zu einer Anlagekonzeption führen.879 Die Skepsis wurde durch die
Stellungnahmen der anderen Institutionen gegenüber dem Projekt bekräftigt. Im Januar 1986
wurde bekannt gegeben, dass das Umweltbundesamt und die Kernforschungsanlage Jülich
erhebliche Zweifel bezüglich der Realisierbarkeit des Projektes hegten und angenommene
Vorteile des Pyrolyseverfahrens gegenüber herkömmlichen Verfahren, z. B. der
Müllverbrennung nicht bestätigt wurden.880
Die Aussagefähigkeit der Machbarkeitsstudie wurde auch vom Umweltbundesamt in Frage
gestellt, da zwei grundlegende Voraussetzungen, d.h. der Nachweis der prozesstechnischen
Realisierbarkeit und eines angemessenen apparatetechnischen Entwicklungsstandes der
Kohle-Müll-Entgasung nicht gegeben waren.881 Hinzu kam, dass Kohle-Einsatzkosten und
Stromkosten bei der Machbarkeitsstudie zu niedrig eingeschätzt worden waren. Dadurch
wurde die Annahme der Wirtschaftlichkeit noch deutlicher in Frage gestellt. Nach Angaben
der AL-Abgeordneten Renate Heitmann war die Firma ENERGAS auf Erlösprobleme
gestoßen, da die BEWAG erklärte, man werde keinen Brennstoff verwenden, der in
irgendeiner Hinsicht Probleme schaffe.882
Auf der Grundlage dieser Fakten stellte sich die Frage, ob das Projekt politisch beeinflusst
wurde. Mögliche politische Hintergründe, z. B. die Beziehung zwischen dem SPD-
Bundesabgeordneten Karl Liedtke und der Firma ENERGAS, wurden hinterfragt. Das
erklärte sich daraus, dass Liedtke 1980 mit einer Empfehlung für das Verfahren der Firma
Hölter an den Senator für Arbeit und Soziales herangetreten war und seit 1983 Mitglied des
Beirats der Firma ENERGAS war. 883 Die Debatte führte schließlich dazu, dass die
Realisierung der „Pyrolyse Stufe“ Anfang Dezember 1985 unterbrochen wurde.884
Das hatte der Senator im März 1986 bekannt gegeben und mit einer aktuellen technischen
Bewertung begründet. Mit der Entwicklung einer neuen Technik wurde ein Systemvergleich
zwischen dem ENERGAS-Verfahren und dem zwischenzeitlich entwickelten Pyrolyse-
Verfahren, das von Siemens/KWU auf der Basis der Kiener-Pyrolyse entwickelt wurde, für
notwendig gehalten.885 So rückte die Realisierung der Pilotanlage in weite Ferne. Das führte
879 Drucksache 10/453 v. 19.12.85, M. Nr. 42, Kleine Anfrage der Abg. Renate Heitmann (AL) über
Bauvorhaben der Firma E. (II), S. 20.
880 Nach Angaben der Abgeordneten Renate Heitmann (AL) schrieb das Umweltbundesamt in seiner
Stellungnahme vom 7.November 1984: „Bei Berücksichtigung dieses Mitteleinsatzes im Verhältnis zum
bisher erarbeiteten Ergebnis- und Erkenntnisstand haben wir erheblichen Zweifel, dass mit dem geplanten
weiteren Zeit- und Mittelaufwand eine für den Standort Berlin realisierbare Variante der thermischen
Abfallbehandlung erreicht werden kann.“ Drucksache 10/513 v. 12.02.86, M. Nr. 57, Kleine Anfrage der
Abg. Renate Heitmann (AL) über Bauvorhaben der Firma E. (Teil 3), S. 27.
881 Drucksache 10/673 v. 18.04.86, M. Nr. 70, Kleine Anfrage der Abg. Renate Heitmann (AL) über
Bauvorhaben der Firma E. (Teil 4), S. 14.
882 Ebda.
883 Drucksache 10/513, S. 27.
884 Drucksache 10/813, S. 10.
885 Drucksache 10/513, S. 28.
171
schließlich dazu, dass das anfänglich vielversprechende Projekt nach mehrjähriger
Durchführung und der Zuwendung von Haushaltsmitteln in Höhe von etwa 6 Mio. DM ins
Leere lief. Im 1988 vorgelegten Bericht räumte der Senat ein, Abfallpyrolyse könne aufgrund
des derzeitigen Entwicklungsstandes nicht als Alternative zur herkömmlichen
Abfallverbrennung gelten; der großtechnische Einsatz dieser Technik böte sich nach den
bundesweiten Erfahrungen nicht an.886
Die BSR, die zu Anfang wenig Vertrauen in das Projekt hatten, beteiligten sich schließlich
doch an einem Projekt der Firma Hölter. Ihr Engagement war allerdings nicht mit der
beschriebenen Pilotanlage verbunden, sondern lag in der Erprobung der Wirbelschichttechnik
zur Verbrennung von aufbereitetem Hausmüll. Im Jahr 1986 wurden vom BMFT Zuschüsse
für das Forschungsvorhaben der BSR unter dem Titel „Wirbelschichtdemonstrationsanlage
zur thermischen Abfallbehandlung“ bewilligt.887 Das Projekt bezog sich auf die Erhöhung der
Wirtschaftlichkeit und der Umweltverträglichkeit der Müllverbrennung. Im Mittelpunkt
standen die Vermeidung von Schwelphasen in der Feuerung und die Verringerung der
Abgasmenge.888 Dabei wurde die Verwendung der Müllaufarbeitungsanlage, die für das
Entgasungsprojekt vorgesehen war, vorausgesetzt. Dadurch war das Projekt der BSR mit dem
Entgasungsprojekt indirekt verbunden. Im September 1986 zog der AL-Abgeordnete Stefan
Klinski in diesem Zusammenhang das Entgasungsprojekt noch einmal in Zweifel. Er fragte,
ob die Müllbereitungsanlage der Firma Hölter nicht in der Lage sei, gleichzeitig auch Müll für
die geplante Wirbelschichtfeuerung aufzubereiten. 889 Mit der Unterbrechung des
Entgasungsprojektes wurde die Erforschung der Wirbelschichttechnologie seit 1988 in
anderem Rahmen weiter verfolgt.
Die Förderung dieser aufwendigen und kostenintensiven Forschungen stützte sich auf die
Logik des Abfallwirtschaftsprogramms, die Unterschiede zwischen stofflichen und
energetischen Verwertungen überwiegend aus ökonomischer Perspektiven betrachtete.
Gemäß den Kriterien des volkswirtschaftlichen Nutzens unterschied sich die eine von der
anderen Verwertungsform kaum.890 Wie eine Umweltgruppe kritisierte, wurden im Rahmen
des Programms der Umwelt- und Energiebilanz keine Beachtung geschenkt.891 Daraus ergab
sich, dass die mit der energetischen Verwertung verbundenen ökologischen Bedenken in den
886 Drucksache 10/2595: Über die abfallwirtschaftliche Entwicklung in Berlin, S. 12.
887 Drucksache 10/824 v. 27.06.86, M. Nr. 86, Kleine Anfrage des Abg. Dietrich Pawlowski (F.D.P.) über
Einsatz von Forschungsmitteln im Umweltbereich, S. 16.
888 Vgl. Fischer, Aktivitäten, S. 12 ff.
889 Drucksache 10/1024 v. 21.10.86, M. Nr. 114, Kleine Anfrage des Abg. Stefan Klinski (AL) über die
Müllaufbereitungsanlage der Firma H., S. 47.
890 „Abfallwirtschaftliche Vermeidungs- und Verwertungsverfahren sollten grundsätzlich auch ohne dirigistische
Eingriffe des Staates entwickelt und nach marktwirtschaftlichen Kriterien betrieben werden.“ Drucksache
9/1551, S. 4.
891 Klinski, IV. 11.
172
Hintergrund gedrängt worden waren. So vernachlässigte man bei der Entscheidung für das
Müll-Kohle-Entgasungsprojekt angesichts der Energie- und Deponieraumeinsparung die
möglichen Umweltbeeinträchtigungen des Verfahrens. Außerdem spiegelte sich hier eine
Neigung der Abfallpolitik zu einer bestimmten Technik wider. Dem Verbrennungsverfahren
des Abfalls wurde laufend vor dem Kompostierungsverfahren Vorrang eingeräumt, obwohl
die Vorteile des Verfahrens wie das Müll-Kohle-Entgasungsverfahren nicht ausreichend
nachgewiesen worden waren. Die in den siebziger Jahren fortgesetzten Pyrolyseforschungen
und die Größenordnung der Investition für das Verfahren führten zu diesem Anhang.
3.3.3. Verwertung von Deponiegas
Bereits bei der Forschung zur Entgasungsapparatur auf Deponien war von der energetischen
Verwertung des Deponiegases die Rede. In einem Artikel brachte Pierau, der auf der Deponie
Wannsee ein Modell der Entgasungsapparatur erprobte, diesen Gedanken folgendermaßen
zum Ausdruck: „Wenn man bedenkt, dass jede Entgasungsapparatur rund 260. 000
Kubikmeter Zersetzungsgas in einem Jahr fördern kann. Wovon mit einiger Sicherheit 160.
000 Kubikmeter auf das hochenergetische Methan entfallen, dann lässt sich leicht errechnen,
wie viel Überschussenergie für andere Zwecke zur Verfügung gestellt werden kann. Ein
Deponiebetrieb sollte seinen gesamten Eigenbedarf an elektrischer Energie ohne Mühe
decken können.“892 Aber diese Idee wurde in Berlin (West) bis Anfang der achtziger Jahre
nicht weiter verfolgt. Im Gegenzug fanden Umsetzungen dieser Idee in den anderen Ländern
frühzeitig statt. 1976 wurde auf der Deponie Mayen im Landkreis Mayen-Koblenz zum
erstenmal Deponiegas für die Beheizung eines Gewächshauses genutzt. Auf den Deponien
Ahrenshöft in Schleswig-Holstein (1979), Geldern in Nordrhein-Westfalen (1980), und
Breinermoor in Niedersachsen (1981) wurden weitere Anlagen gebaut. Großtechnisch wurde
dies mit der Inbetriebnahme der Deponien Am Lemberg in Baden-Württemberg (1981) und
Abendstern in Hessen(1982) fortgesetzt.893
In Berlin legte man erst Anfang der achtziger Jahre auf das Projekt zur Deponiegasnutzung
im Sinne der energetischen Verwertung neues Gewicht. Eine vom Senat beauftragte
Wirtschaftlichkeitsuntersuchung der Deponiegasnutzung ergab, dass eine Anlage zur
Gewinnung des Gases aus der Deponie und dessen Einsatz in Verbrennungsmotoren zur
Erzeugung von Wärme und elektrischen Strom unter den gegebenen Rahmenbedingungen die
892 Pierau, Entgasung, S. 124.
893 Thomé-Kozmiensky, Energie aus Deponiegas, S. 240.
173
technisch und wirtschaftlich sinnvollste Verwertungsmöglichkeit sei. 894 Eine solche Anlage
würde den Gasaustritt durch die Deponieoberfläche auf etwa 30 % vermindern und damit die
Probleme der Rekultivierung und der öffentlichen Sicherheit deutlich reduzieren. Von diesen
Resultaten ausgehend hatte das Hahn-Meitner Institut (HMI) im Auftrag des Senators für
Wirtschaft und Verkehr im September 1982 eine Versuchsanlage auf einer Fläche von ca. 2,5
Hektar der Deponie Wannsee eingerichtet, mit deren Hilfe Gasmenge und Gasqualität
ermittelt wurden.895 Die Messergebnisse und Erfahrungen mit der Versuchsanlage zeigten,
dass mit technischen Einrichtungen der größte Teil des Gases (bis zu 70 %) aus der Deponie
entnommen werden konnte, bevor es durch die Oberfläche austrat. Dieses vermindert die
Rekultivierungsschäden erheblich. Gleichzeitig ergaben die Messwerte, dass die Menge des
gewinnbaren Gases den Eigenbedarf des HMI überstieg. Auf Grundlage dieses Ergebnisses
schlossen der Senat und das Landesforstamt mit dem HMI einen Vertrag, der die weitere
Nutzung der Anlage zur Wärmeerzeugung im HMI zuließ. Seither wird das abgesaugte Gas in
einem umgerüsteten Heizkessel des HMI eingesetzt. Nach Angaben des Senators für
Stadtentwicklung und Umweltschutz diente der Betrieb dieses Heizkessels zur Öleinsparung
in einer Größenordnung von 450.000 Litern.896
Im Jahr 1983 erstellte eine vom HMI und der Firma BC gegründete Arbeitsgemeinschaft ein
vom Senator für Wirtschaft und Verkehr finanziertes Gutachten mit dem Titel
„Wirtschaftliche Nutzungsmöglichkeiten der Zersetzungsgase von Berliner Mülldeponien am
Beispiel der Großdeponie Berlin-Wannsee“, in dem Angaben über die nutzbare Gasmenge
sowie die technischen Möglichkeiten der Nutzung enthalten waren.897 Demnach entsprach die
gewinnbare Gasmenge einer nutzbaren Energiemenge von 16.400 kWh/h. Die Errichtung
eines Blockheizkraftwerkes (BHKW) auf dem Gelände des HMI wurde als die sinnvollste
Alternative bezeichnet. Dies Werk bestand aus vier Gasmotor-Generator-Einheiten, und die
Motoren wurden zum Antrieb der Generatoren mit einer elektrischen Gesamtleistung von
mehr als 4000 kW eingesetzt. Es wurde erwartet, dass eine Hochspannung von 10.000 Volt
erzeugt werden konnte. Durch die Nutzung der Wärme aus Motorkühlwasser, -schmieröl und
-abgas konnte praktisch die gesamte Wärmeversorgung des HMI und benachbarter
Wohnhäuser für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre gedeckt werden.
Im Gutachten wurde auch darauf hingewiesen, dass die Umwandlung des Deponiegases in
ein Gas mit Erdgasqualität technisch und wirtschaftlich möglich sei. Allerdings könne das
Gas in das Netz des GASAG erst nach Umstellung des Versorgungsbereiches Wannsee
894 Vgl. Schneider, Abgesaugt, S. 99 f.
895 Vgl. Drucksache 9/1397 v. 09.12.83, M. Nr. 158, Kleine Anfrage des Abg. Walter Momper (SPD) über
Zusammenarbeit des Hahn-Meitner-Instituts und der Bewag bei der Nutzung von Deponiegas, S. 37.
896 Ebda.
897 Vgl. Ehemalige Mülldeponie liefert jetzt Energie für das Stromnetz, in: Umwelttechnik Berlin (1988), Nr. 10,
S. 9.
174
eingespeist werden. Aber diese Nutzungsvariante wurde für den Fall empfohlen, dass die
Nutzung im Blockheizkraftwerk nicht realisierbar wäre.898
Nach der Prüfung des Gutachtens zeigte die BEWAG ihr Interesse an der Beteiligung am
Blockheizkraftwerk-Projekt, so dass das HMI mit der BEWAG in Verhandlung trat. Es
wurden Art und Umfang der Kooperation diskutiert, wobei die Frage nach dem von der
BEWAG an das HMI für den erzeugten Strom zu zahlenden Preis nicht erörtert wurde. Von
der BEWAG war vor den Verhandlungen ein Preis von 90DM/ MWh als Zahlung für die
Grundlaststrom genannt worden. Im Herbst 1986 gründeten beide die Tochtergesellschaft
DEPOGAS GmbH, die alle wesentliche Planungs- und Genehmigungsunterlagen anfertigte.
Während der Planung stellte sich die Frage, ob auch Furane und Dioxine bei der Verbrennung
des Gases in der Anlage entstehen könnten.899 Diese Gefahr ergab sich aus der Tatsache, dass
bei Untersuchungen des Deponiegases Verbindungen analysiert wurden, die unter bestimmten
thermischen Randbedingungen zur Bildung von Dioxin-Isomeren führen können. Einem
Bericht zufolge führte das HMI schon im Jahr 1984 Untersuchungen des Heizkessels durch
und kam zu dem Schluss, dass das 2,3,7,8-TCDD (Seveso-Gift) nicht nachgewiesen werden
konnte und Dioxin- und Furan-Isomere in niedrigerer Menge als bei der MVA auftraten.900
Auf Grundlage dieser Messergebnisse wies der Senat die Zweifel an der geplanten Anlage
zurück, er räumte aber ein, dass geeignete Maßnahmen gegen die potentielle Gefahr ergriffen
werden müssen.901 So wurde die Entscheidung getroffen, für die geplante Nutzung des Gases
eine Gasvorreinigung vor der Verwertung durchzuführen. Schließlich wurde eine
Gasreinigungsanlage errichtet, in der eine Gaswäsche mit einem speziellen Waschmedium
stattfand. 902 Hinsichtlich der geplanten Errichtung eines mit Deponiegas betriebenen
Blockheizwerkes prüfte der Senat auch die Möglichkeit, anstelle einer Deponiegasfackel
einen Druckgasbrenner mit einem gemauerten Kamin einzusetzen, da bei einem derartigen
Brenner zum einen höhere Verbrennungstemperaturen erreichbar waren und andererseits auch
die Möglichkeiten zur Emissionsmessung im Unterschied zu einer offenen Deponiegasfackel
wesentlich günstiger waren.903
Die 135 Gasabsaugbrunnen wurden im Frühjahr 1987 errichtet. Der Bau der Gebäude, der
Verdichterstation und des Blockheizkraftwerkes wurde Ende des Jahres 1987 abgeschlossen.
Somit entstand nach Angaben der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel die europaweit größte
Anlage erstmals mit Gasvorreinigung, die mit Fördermitteln in Höhe von 21,5 Mio. DM
898 Vgl. Drucksache 9/1397, S. 37.
899 Vgl. Drucksache 9/2457v.28.03.85, M. Nr. 256, Kleine Anfrage des Abg. Dr. Norbert Meisner (SPD) über
Deponiegas der Mülldeponie Wannsee, S. 6.
900 Vgl. Schneider, Gasnutzung, S. 87.
901 Vgl. Drucksache 9/2457, S. 6.
902 Vgl. Schneider, Ausdünstung, S. 44.
903 Ebda.
175
realisiert wurde.904 Nach Angaben von Joachim Schneider, der seit 1986 als technischer
Geschäftsführer an diesem Projekt arbeitete, konnten die Investitionen in ca. 15 Jahren durch
die Einnahmen aus dem Stromverkauf und aus dem Wärmeverkauf abgetragen werden.905
Trotz dieser optimistischen Einschätzung wurde ein derart aufwendiges Projekt später nicht
weiter verfolgt. Die zu dieser Zeit intensiv geförderten Projekten brachten jedoch viele
wertvolle Erkenntnisse im Bereich der Abfallforschung mit sich.
Auf der Deponie Lübars wurde ein Entgasungsprojekt durchgeführt. Das Anfang der
achtziger Jahre im Auftrag des Berliner Senats erstellte Gutachten zur Bestimmung des
Gaspotentials besagte, dass das Gas nicht nur abgefackelt, sondern bei Interesse den in der
Nähe liegenden Industriebetrieben angeboten werden sollte. Die Untersuchungen des
Gaspotentials ergaben, dass in den nächsten Jahren eine mittlere nutzbare Gasmenge von rund
400 m³/h zur Verfügung stehen werde. Auf dieser Grundlage schlossen ein Privatunternehmer
und das Bezirksamt Reinickendorf einen Vertrag über die Entgasung und die Gasnutzung der
Deponie Lübars.906 Die kompletten Investitionen waren von der Firma Vereinigte Tufting
Werke VTW zu tragen; dafür konnte im Gegenzug die gesamte thermische Versorgung des
Betriebes in Zukunft durch Deponiegas erfolgen. Zum Gasabsaugen wurden 50 Gasbrunnen,
die sich als das am meisten geeignete Sondensystem bei hohen Wasserbeständen erwiesen,
netzartig auf dem Deponiekörper angeordnet. Schwierigkeiten traten bei diesem Projekt vor
allem hinsichtlich der Gastransportarbeit auf, da der geringe Gasdruck und der Wassergehalt
des Gases häufig zu Rohrverschlüssen führten. Durch ein aktiv gesteuertes Gasregelsystem
wurde dieses Problem gelöst. So konnte das Gas von der Deponie über eine 600 m lange
HDPE-Leitung zur Firma VTW transportiert werden. Ein Dampfkessel mit 10 t
Dampfleistung wurde mit der Gaspumpstation mit Gas versorgt und betrieben. Das Amt für
Arbeitsschutz erteilte die Auflage, zwei Dioxinmessungen durchzuführen. Die Resultate
führten zu keinen Beanstandungen und veranlassten die Firma VTW, die bei der Realisierung
der Hochtemperaturverbrennungsanlagen Wolfsburg und Gifhorn angewandte Technik in
Kombination mit einer Muffelbrennkammer einzusetzen.
Auch bei der Deponie Marienfelde war es gelungen, ein privates Unternehmen zu finden. Im
Mai 1982 wurde ein vom Senat in Auftrag gegebenes Gutachten unter der Überschrift
„Konzeption einer Demonstrationsanlage zur industriellen Nutzung von Deponiegasen aus der
Deponie Marienfelde unter Verwendung von Erkenntnissen aus dem Projekt
Deponieentgasung Wannsee“ vorgelegt. Zur Erstellung des Gutachtens wurden
904 Tagesspiegel v. 10. April 1987.
905 Schneider, Ausdünstung, S. 43.
906 Vgl. Martens, Prozessdampf, S. 66 f.
176
Probebohrungen und vier Versuchs-Einbausonden eingesetzt.907 Die Untersuchungen ergaben,
dass das Gasvolumen rechnerisch einem Heizöläquivalent von rund 3500 m³ entsprach. In den
nächsten Jahren stehe ein Gaspotential von bis zu 800 m³/h zur Verfügung.908 Anhand dieses
Ergebnisses wurden Verhandlungen vom Senat mit möglichen Abnehmern des Deponiegases
geführt. Es stellte sich aber bald heraus, dass die hohen Kapital- und Betriebskosten wegen
der Umleitung der Feuerungsanlage und der Neuschaffung des Transportsystems den Vorteil
niedriger Brennstoffkosten zunichte machen würden. Die topologische Situation der Deponie
war für eine Entgasung nicht sehr günstig, da sie großflächig als Tafelberg mit wenig Gefälle
und großen inneren und oberflächenhaften Wassereinschüssen versehen war. Nur wenige
private Unternehmen waren bereit, die Kosten zu übernehmen. Die Entscheidung über das
Gasnutzungsprojekt wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass eine Garantieerklärung über
die zukünftige Entwicklung der Deponiegasentwicklung seitens des Landes Berlin nicht
möglich war.909
Abweichend vom ersten Konzept, nach dem die Gasmenge an mehrere kleine Verbraucher
verteilt werden sollte, wurde das Projekt so realisiert, dass die gesamte thermische
Versorgung eines Betriebs mit Deponiegas gedeckt werden konnte. Über diese gesamte
Gasnutzung schlossen die Firma Hildebrandt und das Bezirksamt Marienfelde im Dezember
1984 einen Vertrag.910 Die kompletten Investitionen waren von der Firma Hildebrandt
aufzubringen. Für die Gasnutzung war das Unternehmen verpflichtet, jährlich einen
Pauschalbetrag von 100. 000 DM zu zahlen.911 Untersuchungen zufolge waren folgende
Gasentstehungsraten zu erwarten: 12 Mio. m³ p.a. (1986), 9,5 Mio. (1991) und 5 Mio. (2001).
Nach Vertragsabschluss begann die Planung und der Bau des Entgasungs-und
Gasnutzungsystems. Wie im Fall der Deponie Lübars erwiesen sich Gasbrunnen als das am
meisten geeignete Sondensystem. Insgesamt wurden 87 Brunnen netzartig auf dem
Deponiekörper angeordnet. Durch ein obenflächennah verlegtes Rohrsystem, das durch den
Einbau von geschlitzten Rohren Rohrverschlüsse vermeiden sollte, erreichte das Gas eine
Gebläsestation (Gas-Pumpstation). Zur Gasnutzung wurden insgesamt zwei Dampfkessel mit
5 und 2 t Dampfleistung errichtet.912
907 Vgl. Drucksache 9/899 v. 23.12.82, M. Nr. 94, Kleine Anfrage des Abg. Edgar Swinne (F.D.P.) über Nutzung
des Deponiegases der ehemaligen Müllkippe Marienfelde, S. 41-42.
908 Martens, Marienfelde, S. 23 f.
909 Drucksache 9/1562 v. 08.02.84, M. Nr. 174, Kleine Anfrage des Abg. Edgar Swinne (F.D.P.) über Nutzung
des Deponiegases der ehemaligen Müllkippe Marienfelde, S. 83.
910 Martens , Marienfelde, S. 24.
911 Drucksache 10/719 v. 20.05.86, M. Nr. 76, Kleine Anfrage des Abg. Dietrich Pawlowski (F.D.P.) über
Verwendung des Gases der ehemaligen Deponie in Marienfelde, S. 27.
912 Martens, Marienfelde, S. 24.
177
Einem Bericht nach waren im Jahr 1987 bundesweit etwa fünfunddreißig größere Anlagen
zur Deponiegasnutzung durch Stromerzeugung und thermische Verwertung in Betrieb.913 Zur
Beheizung von Gewächshäusern, zur Ziegelherstellung, für Tierkörperverwertungsanstalten
oder für die Fernheizung sowie die Stromerzeugung wurde das aus Deponien gewonnene Gas
eingesetzt. Während die zur Gasnutzung eingesetzten Anlagen anfänglich gegen Korrosion
und Chlorkohlenwasserstoffe kämpfen mussten, stellten sich seit Mitte der achtziger Jahre
Schadstoffemissionen der Anlage als großes Problem dar. Mit der Verschärfung der TA-Luft
wurden die Betreiber der Anlage verpflichtet, Gasreinigungsanlagen einzusetzen. Daher hatte
die Entwicklung von Deponiegas-Reinigungs-Systemen höchste Priorität.
Mit der Entwicklung der Deponiegasnutzung prägte allmählich der Begriff „Deponie als
Bioreaktor“ die Diskussion über die Deponienutzung, die in den siebziger Jahren der
landschaftlichen Gestaltung gleichgesetzt worden war.914
3.3.4. Müllverbrennung als energetische Verwertung von Abfällen
Im Rahmen der Abfallwirtschaft erreichten die Müllverbrennungsanlagen als
Verwertungsanlage im Sinne der energetischen Verwertung einen neuen Stellenwert. Die
Erzeugung von Strom und Fernwärme bei den Müllverbrennungsanlagen wurde aufgewertet,
so dass die wegen der Dioxin-Emission in öffentliche Debatte verwickelten Anlagen einen
abfallwirtschaftlich wichtigen Beitrag leisten konnten. In einer Schrift der BSR zu
Recyclingmaßnahmen ist diese Tendenz deutlich erkennbar: „Angesichts der hohen
Energiepreise und der möglichen langfristigen Nutzung vorhandener Anlagen erscheint die
Verbrennung mit Dampferzeugung als vielleicht sinnvollste Maßnahme. Hierzu wären aber
auch Überlegungen für die Beseitigung oder Verwertung der Verbrennungsrückstände und
möglicherweise für die aus dem Dampfverkauf erzielbaren Erlöse anzustellen. Die Nutzung
bestehender Anlagen für Recyclingmaßnahmen ist denkbar.“915
Im Abfallwirtschaftsprogramm stellte sich die energetische Verwertung mit
Verbrennungsanlagen als realistische Verwertungsform dar. Anhand der bisherigen
Dampferzeugungsleistung wurde der MVA Ruhleben ressourcenpolitische Bedeutung
beigemessen. Die im Jahr 1982 erzeugte Dampfmenge von 600.000 t, so der Senat, entspreche
dem Heizwert von 60.000 t Steinkohle oder 40.000 t leichtem Heizöl.916 Darüber hinaus bot
die Anlage eine andere Möglichkeit, Eisenschrott zu verwerten. Durch magnetische
913 Thomé-Kozmiensky, Energie aus Deponiegas, S. 240.
914 Jäger und Jager, S. 99 f.
915 BSR-Archiv, MT/247 v. 1. Okt. 1981, Vorbereitung und Durchführung von Recycling-Maßnahmen bei den
BSR.
916 Drucksache 9/1551, S. 25.
178
Sortierung waren jährlich zwischen 6000 und 10.000 t Eisenschrott gewonnen und an den
Schrotthandel abgegeben worden. Aus diesen Verwertungseffekten der Anlage folgerte der
Bericht zu Recyclingmaßnahmen, dass eine möglichst optimale Nutzung der Anlage durch
geeignete technische Maßnahmen erzielt werden sollte.917 Eine Maßnahme im Hinblick darauf
war die Errichtung einer Abgasreinigungsanlage bei der MVA Ruhleben.
Diese energetische Verwertung war jedoch aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten
nicht von Bedeutung. Zu dieser Zeit konnten die BSR neben dem BEWAG der Firma Be-
PAK sowie der Tierkörperbeseitigungsunternehmen Drauschke regelmäßig den bei der MVA
erzeugten Dampf liefern. Jedoch entsprachen die von der BEWAG und der BE-PAK
gezahlten Preise nicht den marktüblichen, sondern lagen erheblich darunter. Wie Karl-Heinz
Hofmeister Lemke in seiner Dissertation über die Geschichte der BSR ausdrückte, stellte die
Dampflieferung politisch gewollte Subventionen dar. 918 Von der Dampferzeugung
profitierten die BSR kaum, so sahen sie immer rote Zahlen in ihrer Haushaltsrechnung. Die
Erwartung, die Betriebskosten mit der Dampflieferung zu decken, blieb immer noch unerfüllt.
Währenddessen erfuhr die Öffentlichkeit im September 1986 von der Planung einer neuen
Müllverbrennungsanlage, die von den BSR erstellt und vom Senator für Arbeit und Betriebe
unterstützt wurde. Nach Angaben des technischen Direktors der BSR, Georg Fischer,
überlegten die BSR und der Senat den Bau einer MVA auf dem Gelände der Britzer
Umladestation, die mit einem Finanzvolumen von 350 bis 400 Mio. DM für etwa 600.000
Tonnen pro Jahr ausgelegt werden sollte.919 Als Hauptgrund für diese Planung wurde in erster
Linie das für das Jahr 1994 vorgesehene Auslaufen des Müllvertrages benannt. Aufgrund des
gesättigten Recyclingmarktes wurde die stoffliche Verwertung von Altpapier für
wirtschaftlich nicht sinnvoll gehalten. Zu dieser Zeit war der Berliner Senat mit der
Altpapierverwertung in Schwierigkeiten geraten, weil die Märkte für Altpapier gesättigt
waren und daher die Preise gesunken waren, während sich die Transportkosten rasch erhöhten.
Die weitere Förderung stofflicher Verwertung konnte folglich zur Verschlechterung dieser
Lage führen. Aus dieser Problematik nahm die Senatsverwaltung Rücksicht auf die
Errichtung einer zweiten Müllverbrennungsanlage. Bei dieser Überlegung wurde die Funktion
der Volumenreduzierung in Verbindung mit der Schonung der Deponieräume wieder
hervorgehoben. Zur Reduzierung der zu deponierenden Abfallmenge trugen die
Müllverbrennungsanlagen bei. In Bezug auf das Abfallwirtschaftsprogramm unterstrich
Georg Fischer die Funktion der Strom- und Fernwärmeerzeugung der Anlagen. Seiner
917 BSR-Archiv, Vorbreitung.
918 Lemke, S. 270.
919 Tagesspiegel v. 12.September 1986. Vor dieser Meldung gab im Juni 1986 der Senator für StadtUm Starnick
auf die Anfrage des SPD-Abgeordneten Schoenthal eine kurze Erläuterung zur Planung. Vgl. hierzu,
Drucksache 10/913 v. 15.08.86 M. Nr. 99 Kleine Anfrage des Abg. Hans-Ludwig Schoenthal (SPD) über Bau
einer zweiten Müllverbrennungsanlage, S. 9.
179
Meinung nach konnte die Stromerzeugung etwa acht Prozent des Berliner Bedarfs decken.
Die nicht für die Stromproduktion verwendbare Restenergie des Dampfes konnte in Britz zur
Fernwärmeversorgung verwendet werden.920 Diese Schätzung beruhte auf der Annahme, der
Heizwert je Tonne Müll werde 1994 rund 10.000 Kilojoule betragen, was einem Drittel des
Heizwertes von Steinkohle entsprach. So versuchten die BSR, den Bau der Anlage mit
energetischer Verwertung zu rechtfertigen.
Nach dem Scheitern des Entgasungsprojektes wurde die herkömmliche Müllverbrennung als
ein zuverlässiges und bewährtes Verfahren anerkannt, das zur Energiegewinnung durch
energetische Verwertung von Abfällen diente.921 Die Statistik wies darauf hin: Die jährliche
Dampfmenge stieg im Jahr 1988 auf 880.000 t, deren Heizwert 88.000 t Steinkohle oder
63.000 t Öl entsprach, während sie im Jahr 1980 nur noch bei 667.851 t lag.
An der Planung der zweiten MVA und der thermischen Verwertung übten Umweltgruppen
wie IfÖR ausführlich Kritik. Die Kritiken betrafen vor allem die Ausblendung von
Umweltbeeinträchtigungen durch die Anlage. Trotz der technischen Entwicklungen der
Abgasreinigung, die vom Senat oder den BSR als Grundlage für die Sicherheit der Anlage
benannt wurden, hielten sie die technische Lösung der schadstoffhaltigen Abfälle aus der
MVA für problematisch. Diese Zweifel verstärkten sich nach der Ermittlung des
Dioxingehalts in den Flugstäuben der MVA Ruhleben. Ihrer Meinung nach wurde diesen
ökologischen Gefahren vom Senat zu wenig Beachtung geschenkt. Auch die
energieeinsparende Wirkung der MVA wurde vom IfÖR für fragwürdig gehalten. Das vom
IfÖR erstellte wissenschaftliche Gutachten zeigte auf, dass nur 20% der Gesamtenergie, die
eine t Müll beinhaltet, durch Verbrennung verwertet werden konnte.922 Das hieß, die durch
Müllverbrennung zu gewinnende Energie je Tonne Müll machte nur noch 6% der
Steinkohleenergie aus. Um die geplante Stromproduktion zu ermöglichen, sollte die der neuen
MVA zuzuführende Müllmenge vergrößert werden. Die Gutachter warnten aufgrund der
niedrigen Effizienz vor einer „irreführenden Abfallverwertung“: „Die neue Anlage würde die
Durchführung konsequenter Müllvermeidungs- und -verwertungsmaßnahmen verhindern,
weil die Entnahme der Abfallstoffe wie Papier oder Kunststoffe gleich zum Rückgang des
Heizwertes führen kann.“923 Im Hinblick auf Betriebskosten sollte die Auslastung der Anlage
möglichst gewährleistet werden, was wiederum dem abfallpolitischen Ziel der
Müllvermeidung widersprach. An dieser Stelle zeigte sich die Schwäche der Abfallwirtschaft,
derer Schwergewicht auf der Verwertung der aufkommenden Abfälle lag .
920 Ebda.
921 Drucksache 10/2595, S. 11.
922 IfÖR und IÖW, S. 13 f; Reiser, Müllverbrennung, S. 19.
923 IfÖR und IÖW, S. 32.
180
Die Debatte auf den Plan kam jedoch zum Ende, als die AL-Umweltsenatorin Michaela
Schreyer im Oktober 1989 den Verzicht des Plans erklärte.924 Nach ihren Angaben entschied
sich der Senat dafür, ein neues Abfallwirtschaftsprogramms zu verfolgen, in dem Zieldaten
zur jährlichen Verminderung der Abfallmengen festgelegt und Konzepte zur Förderung der
Vermarktung von Wiederverwertungsprodukten enthalten sein sollten. Dem Programm gemäß
würde eine neue MVA überflüssig. Zwecks der Entwicklung des Programms bildete sich eine
Arbeitsgruppe unter Federführung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
Umweltschutz. Somit deutete sich unter dem rot-grünen Senat eine Neuorientierung der
Abfallpolitik an.925
4. Schadstoffprobleme in der abfallwirtschaftlichen Entsorgung
4.1. Getrennte Sammlung und Verwertung von Schadstoffen im Hausmüll
4.1.1. Getrennte Erfassung der Problemabfälle im Hausmüll
In bezug auf Schadstoffprobleme bei der Abfallbehandlung richtete man das Augenmerk
mehr auf Problemabfälle aus Hausmüll. Bereits Ende der siebziger Jahre geriet das Thema
„Schadstoffe im Hausmüll“ ins Blickfeld der Umweltdiskussion. 926 Mit zunehmender
Verwendung schadstoffhaltiger Produkte wie Haushaltsgeräte, Batterien und
Haushaltschemikalien stellten herkömmliche Hausmüllbeseitigungsverfahren wie
Verbrennung ohne weitgehende Abgasreinigung und Entsorgung der Verbrennungsabfälle
und Deponierung ohne vorherige Abfallbehandlung in verstärktem Maß Probleme dar. Denn
die „Chemisierung des Hausmülls“ verursachte die Gefahr weiterer Umweltbeeinträchtigung
durch Abfallbeseitigungsanlagen. Bei der Deponierung dieser unbehandelten Abfälle wurden
organische und anorganische Schadstoffe in Sickerwasser gefunden. Wegen fehlender
Abdichtung der Deponien gelangte das Sickerwasser in den Boden und damit ins
Grundwasser. Deponiegas gelangte in die Atmosphäre. Bei der Müllverbrennung ohne
Abgasreinigung waren Abgasemissionen von Chlorwasser, Fluorwasser, Schwefeldioxid auf
diese Stoffe zurückzuführen.
In den siebziger Jahren waren solche Gefahren deshalb außer Acht gelassen worden, weil
unter Experten die Auffassung vorherrschte, dass die Einbringung solcher Schadstoffe in den
Hausmüll aufgrund der Vermischung mit den im Verhältnis sehr großen Mengen inerten
924 Vgl. Tageszeitung v. 1.11.1989: Weniger Müll.
925 Vgl. PlPr. 11/23 vom 18. Januar 1990 Große Anfrage der Fraktion der CDU über Müllberge versetzen-aber
wie? S. 1160 ff.
926 Lubjahn u.a., Giftstoffe, II.52.01-16.
181
Abfalls vernachlässigbar wäre.927 So unterblieb eine Ermittlung des Schadstoffgehalts im
Hausmüll. Dies veränderte sich, als dem hohen Verteilungsgrad und der Akkumulationsgefahr
dieser Stoffe größere Bedeutung zukam und die Verseuchung des Untergrunds von
Hausmülldeponien erkannt wurde. Auf Bundesebene wurden Anfang der achtziger Jahre
einige Aktionen eingeleitet, die in der Ermittlung der Schadstoffe im Hausmüll, der
Verbesserung des Rückführungssystems dieser Stoffe und der Entwicklung neuer Formen der
Schadstofferfassung bestanden.928 Diesen Ermittlungen zufolge enthielten Hausmüll und
hausmüllähnlicher Gewerbemüll etwa 0,4 bis 1% Schadstoffe. Als Entsorgungsmaßnahme
wurde auf Initiative der Bundesregierung ab 1983 ein zweieinhalbjähriges Projekt in Hessen
durchgeführt, dessen Ziel darin lag, ein bürgernahes Angebot für die Entgegennahme von
Schadstoffen zu untersuchen.929
Unterdessen erprobten die BSR im Jahr 1983 die getrennte Sammlung der Problemabfälle.
Die Hausmüllanalyse der Firma ARGUS ergab, dass der Anteil der Problemabfälle an der
gesamten Menge des Berliner Hausmülls zu diesem Zeitpunkt 1982 0,5% betrug. Die
Gesamtmenge des Sonderabfalls, der pro Jahr aus Haushalten, Dienstleistungs- und
Gewerbebetrieben anfiel, wurde auf 7000 t/ Jahr geschätzt.930 Zunächst ergriffen die BSR die
Maßnahme, Problemabfälle beim Labor der BSR abgeben zu lassen. Seit Ende 1983 wurde
ein praktischer Versuch zur Erfassung in Kleinmengen anfallender Problemabfälle
durchgeführt. Mittels Öffentlichkeitsarbeit versuchten die BSR, die Bürger dazu zu bewegen,
Problemabfälle wie Batterien und Altöl in die BSR-Recyclinghöfe zu bringen.
Für besonders bedenkliche Stoffe wurde eine mobile Annahmestelle eingesetzt. Im Auftrag
des Senators für Wissenschaft und Forschung führten die BSR seit November 1983 die
Aktion „Mobile Sammelstelle“ in Zusammenarbeit mit der privaten Firma GEWU durch.931
An 12 zentralen Orten wurden die Sammelstellen eingerichtet. Nach Angaben der BSR nahm
die Menge der gesammelten Abfälle im Lauf der Zeit zu, und das Sammlungssystem wurde
seit 1985 zu einem festen Bestandteil der betrieblichen Organisation.932 Es zeigte sich jedoch,
dass diese Erfassung hinsichtlich der Schadstoffemission nicht viel brachte, weil sie
zwangsläufig unvollständig war. Darüber hinaus fehlte es an Abnehmern, die die
gesammelten Materialien der Verwertung zuführen konnten. So mussten die BSR schließlich
mindestens 95% des Problemabfalls nach wie vor in der MVA Ruhleben und auf DDR-
927 Ebda.
928 Vgl. Folgerungen aus der Schadstoffbelastung der Abfälle und Auswirkungen auf die Praxis der
Abfallbeseitigung und-wirtschaft, S. 557 ff.; UBA (Hg.), Jahresbericht 1983, S. 129, Berlin 1983.
929 UBA, Jahresbericht 1986, S. 118.
930 IföR (Hg.) Alternative, II. 52. 07.
931 Vgl. GEWU , Einsammlung.
932 Helten, Einsammeln, S. 151.
182
Deponien beseitigen.933 Dazu förderte das System die Beteiligung der Bürger nicht erfolgreich.
Als Ergebnis dieser Bemühungen betrug die insgesamt gesammelte Menge an
Problemabfällen aus Haushalten 600 t, was fast ein Zehntel der gesamten Menge ausmachte.
934
4.1.2. Verwertungsversuche von Altbatterien
In bezug auf die Problemabfälle folgerten die BSR, dass es nicht nur um die getrennte
Sammlung, sondern auch um die Verwertung ging. Aus dieser Problematik entwickelten sie
eine Reihe von Projekten. Dazu zählte zunächst die Sammlung und Verwertung von
Altbatterien.
Unter den Problemabfällen zogen Altbatterien wegen des Quecksilberproblems frühzeitig
die Aufmerksamkeit der Bürger auf sich, so dass deren getrennte Sammlung auf keine große
Schwierigkeit stieß. Bereits vor der Sammelaktion der BSR initiierte eine Kirchengemeinde
eine Sammelaktion für Altbatterien. Im Oktober 1981 begann die Evangelischen
Kirchgemeinde Berlin-Dahlem die Sammelaktion, die bis Mai 1982 200 kg Batterien
zusammenbrachte.935 Die Sammelaktion fand auch in den anderen Bürgerinitiativen wie dem
„Arbeitskreis Umweltschutz Wannsee“ Anklang. 936 Die Wirkung der in Batterien enthaltenen
Schadstoffe wie Quecksilber und Cadmium waren bekannt, so dass die getrennte Sammlung
von Batterien bei den Bürgern gut ankam. Währenddessen suchten die BSR bezüglich der
Emissionsreduzierung der MVA Ruhleben nach einer Möglichkeit der getrennten Erfassung
von Altbatterien. Aus dem gleichen Grund forderte der Senator für Stadtentwicklung und
Umweltschutz in einem Brief die BSR auf, Maßnahmen zur Getrenntsammlung zu
ergreifen.937
Vor diesem Hintergrund begannen seit 1983 die BSR, Altbatterien getrennt zu erfassen.
Aufgrund der breiten Bereitschaft der Bürger verlief die getrennte Sammlung von Altbatterien
ohne Schwierigkeit. So lag die jährlich gesammelte Menge von Altbatterien
(Trockenbatterien) im Jahr 1988 bei 200 Tonnen. Nach Angaben der BSR machte das
933 IföR (Hg.), Alternative, II. 52. 09; Der Tagesspiegel v. 28. 10. 1984:Deutlich mehr Kleinchemikalien.
934 Vgl. Fischer, BSR, S. 2.
935 Umweltschutzforum Berlin, April 1982 Heft 59, S. 22; . BSR-Archiv, Untersuchung zur getrennten Erfassung
von verbrauchten Alkali-Mangan-Zellen, anderer quecksilberhaltiger Batterien und cadmiumhaltiger
Akkumulatoren (21 S.), S. 5.
936 BSR-Archiv, Untersuchung zur getrennten, S. 7.
937 BSR-Archiv, Brief vom Senator für StadtUm am 7.4.1982. Als Hintergrund für den Brief bezeichnete der
Senator die 1980 abgeschlossene Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Batterie-Herstellern
und –Importeuren, der zufolge die Hersteller und Importeure den Verkaufsstellen von
Quecksilberoxidbatterien die für die Einsammlung und den Versand notwendigen Behältnisse zur Verfügung
stellen sowie diese getrennt gesammelten Batterien zurücknehmen und der Verwertung zuführen sollten.
183
Mengenwachstum der erfassten Batterien 17% aus.938 Das ging vor allem darauf zurück, dass
Sammelstellen flächendeckend an verschiedenen Orten errichtet wurden. Im Jahr 1988
standen an 560 Stellen in allen Stadtbezirken, auf den 28 BSR-Recyclinghöfen, bei Behörden,
beim Fachhandel und vor allen Dingen in 360 Schulen Sammelbehälter. Dazu stellten die
BSR mobile Sammelstellen und Mehrkammercontainer für die Sammlung zur Verfügung.939
In dieser Größenordnung schien eine stoffliche Verwertung sowohl wirtschaftlich als auch
ökologisch sinnvoll. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die gesammelten Batterien mit den
Siedlungsabfällen in die DDR-Deponien (Vorketzin und Schöneiche) transportiert und dort
abgelagert. Zwar waren bereits Anfang der achtziger Jahre die ökologischen Gefahren der
Deponierung thematisiert worden, aber die Beseitigung der Batterien in dieser Form wurde
mit den Kosten begründet. Darüber hinaus blieben die DDR-Deponien wegen der territorialen
Entfernung am Rande der Risikowahrnehmung der Berliner Bevölkerung. Erst Anfang des
Jahres 1988 gelangten die ökologisch beunruhigenden Lagen beider Deponien an die
Öffentlichkeit.940 So wurde die BSR dazu gezwungen, einen anderen Weg für die Batterie-
Entsorgung einzuschlagen. Als ersten Schritt nahmen die BSR Kontakt zur schweizerischen
Firma Recytec S.A. auf, die ein besseres Recyclingverfahren im Vergleich zum
herkömmlichen entwickelt haben sollte.
An diesem Verfahren fanden die BSR deshalb Interesse, weil es im Vergleich zu anderen
Verfahren eine 95-prozentige Verwertung ohne mechanische Aufbereitung versprach.941 Aus
den Verhandlungen ergab sich, dass die erste Anlage Europas, die nach dem Verfahren dieser
Firma funktionierte, ab 1989 in Betrieb genommen werden sollte. Erst im Jahr 1990 wurde
das Vorhaben zur Errichtung einer Trockenbatterie-Recyclinganlage zur abfallrechtlichen
Genehmigung eingereicht. 942 Die Vertragsverhandlungen über die Bereitstellung bzw.
Abnahme der Trockenbatterien, so die BSR, sollten 1991 abgeschlossen werden.943
938 BSR, Geschäftsbericht 1988, S. 16.
939 Greiner, Problemabfällen, S. 46.
940 Vgl. hierzu: Kapitel 3.4.
941 Über den Vorteil des Verfahrens: Verbrauchte Trockenbatterien werden herkömmlich nach zwei Verfahren
zur Gewinnung von Wertstoffen verarbeitet. Bei dem einen Verfahren werden nur Komponenten der Batterien
zurückgewonnen, bei denen sich der Kostenaufwand für die Bearbeitung lohnt. Das ist zum Beispiel bei
Silber der Fall. Der Rest der Batterien ist dann Sondermüll. Eine andere Entwicklungsrichtung ist die
Separierung wertvoller, aber auch giftiger Komponenten, wie zum Beispiel Cadmium und Quecksilber. Bei
diesem Verfahren ist der restliche Abfall kein Sondermüll. Ein besonderer Vorteil des von dem Schweizer
Spezialisten Hanulik entwickelten neuen Verfahrens ist, dass ein 95-prozentiges Recycling aller
Batteriekomponenten gewährleistet wird. Die Reinheit der zurückgewonnenen Wertstoffe kann gesteuert
werden. Elektrolyse und Zementation sorgen für optimale Produktqualität. Eine mechanische Aufbereitung
der Batterien erfolgt nicht. Der Prozeß wird ausschließlich mit recyclingfähigen flüssigen Chemikalien in
geschlossenen Kreisläufen durchgeführt. Vgl. hierzu: Greiner, S. 46 f.
942 Vgl. Drucksache 11/697 Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Käthe Zillbach (SPD) über Ergebnisse von
Forschungsvorhaben der BSR, S. 14.
943 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1990, S. 18.
184
Außer Altbatterien wurden Leuchtstoffröhren und –lampen, die in der MVA Ruhleben und
bei der Deponierung große Schwierigkeit verursachten, ins Versuchsfeld der BSR
aufgenommen. Allein in Berlin (West) fielen jährlich rund 2 Millionen Leuchtstoffröhren
und-lampen an, die entsorgt werden mussten.944 Nur das Quecksilber wurde so gut wie
möglich aus den ausgesonderten Lampen entfernt. Im Jahr 1988 erstellten die BSR einen
Errichtungsplan für die Anlage zur Behandlung von ausgesonderten Leuchtstofflampen. Die
Anlage wurde nach einem neuen Verfahren von Professor Dr. Kühl, der zuvor bei Osram auf
dem Spezialgebiet der Leuchtstoffröhren tätig war, konstruiert.945 In der ersten Stufe des
Prozesses wurden die Leuchtstoffröhren durch einen kleinen Schredder zerstört. Danach
folgte die thermische Stufe des Verfahrens, in der man den Lampenschrott auf 550 Grad C
erhitzte. Die mit Quecksilberdampf angereicherte Ofenluft kam durch ein Gebläse in einen
Kondensator. Hier wurde der Quecksilberanteil auf 1/100 der ursprünglichen Menge reduziert.
Nachdem die Luft den Kondensator passiert hatte, wurde sie in den Ofen zurückgepumpt. Die
dritte Stufe des Verfahrens bildete die Weiterverarbeitung von Leuchtstoff und Altglas. Diese
Stufe befand sich jedoch noch in der Planung. 946 Die erste Leuchtstofflampen-
Entsorgungsanlage wurde für einen Durchsatz von 300.000 Lampen im Jahr ausgelegt. Seit
1989 lief die Anlage im Dauerbetrieb. Ein Projekt zur Optimierung der Anlage erfolgte mit
dem Ziel der Glas- und Metallrückgewinnung947
4.1.3. Absaugen der FCKW aus Kühlschränken
Ein neuer Lösungsweg wurde auch für den Schadstoff FCKW eingeschlagen. Seitdem die
Risikohypothese, es gebe einen direkten Zusammengang zwischen dem Ozonabbau in der
Stratosphäre und den FCKW-Emissionen, im Jahr 1974 wissenschaftlich verifiziert worden
war, häuften sich Erkenntnisse über die klimatischen und gesundheitsschädigenden Folgen
der FCKW.948 In der Folge entstand zunehmender politischer Druck, die Verwendung dieses
Stoffes zu regulieren. Im Jahr 1987 wurde das Montreal-Abkommen abgeschlossen, welches
die Herstellung und den Gebrauch der FCKWs auf internationaler politischer Ebene regelte.
Auch in Deutschland setzte sich die Regulierungspolitik durch. So überlegte die
Bundesregierung, ein Verwendungsverbot für FCKW beim Einsatz als Treibmittel in
Spraydosen und bei der Herstellung von Kunststoffen und Verpackungsmaterialien ab 1990
zu erwirken. Das Land Berlin brachte im August 1989 in den Bundesrat einen Antrag ein, in
944 Greiner, S. 49.
945 Ebda.
946 Zeitung für Kommunalwirtschaft, September 1988, S. 34.
947 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1989, S. 16.
948 Vgl.sch, Genese, S. 42 ff.
185
dem ein generelles Produktions- und Verwendungsverbot ab dem 1. 1. 1990 gefordert
wurde.949
Von Seiten der BSR wurden Maßnahmen zur Lösung des Entsorgungsproblems für FCKW –
haltige Abfälle eingeleitet. Anfang 1988 wurde von der Technischen Geschäftsleitung der
BSR entschieden, dass die bis dahin praktizierte Entsorgung der Kühlgeräte zu verändern und
umweltfreundlicher zu gestalten sei. Durch die BSR wurden jährlich etwa 40.000 Kühlgeräte
aus privaten Haushalten entsorgt; jedes Kühlgerät enthielt durchschnittlich etwa 650 g FCKW
und 350 g Öl.950 Mit der Sperrmüllabfuhr und dem Transport zu den BSR-Recyclinghöfen
wurden 40 % der insgesamt zu entsorgenden Kühlgeräte eingesammelt. Bis zu diesem
Zeitpunkt wurden die eingesammelten Kühlgeräte nach dem Verpressen direkt auf die
Deponie gebracht. Nur die auf den Recyclinghöfen entsorgten Geräte konnten an den
Schrotthandel abgegeben werden.
Um einen anderen Entsorgungsweg einzuschlagen, leiteten die BSR eine Reihe von
Untersuchungen über Forschungs- und Technikstand sowie Entsorgungsverfahren ein.
Zugleich suchten sie nach geeigneten Absaugsystemen für FCKW. Es war bereits bekannt,
dass das Kölner Stadtreinigungs- und Fuhramt ab Mitte 1987 FCKW aus den Kühlkreisläufen
der Kühlgeräte absaugte.951 So entschied man sich im August 1988 für das Absaugsystem,
das Fa. Alfred Teves GmbH (Ate), Frankfurt, entwickelt hatte. Das System wurde hinsichtlich
des Standes der Technik für repräsentativ gehalten und in einer Spezialwerkstatt (Tempelhof)
der BSR installiert. Die Anlage 952 war im ersten Ansatz für 20.000 Kühleinheiten
Jahresdurchsatz ausgelegt. Nach dem Abschluss der behördlichen Genehmigungsverfahren
ging die Anlage am 14. November 1988 in Betrieb.
Während der Pilotphase wurden Kühlschränke aus Privathaushalten entgeltfrei im Rahmen
der Sperrmüllabfuhr abgenommen. Die durch die Medien vermittelte Risikowahrnehmung der
Bürger gab unter diesen günstigen Bedingungen diesem Projekt einen großen Antrieb. Die
Menge der ausgesonderten Kühlschränke und –truhen bei den BSR stieg so stark an, dass die
Anlagenkapazität bald verdoppelt werden sollte. Zugleich wurde ein Plan für die Errichtung
einer zweiten größeren Anlage gestellt, deren Inbetriebnahme für 1989 vorgesehen war. Die
Anlage wurde so konzipiert, dass sie der vollständigen Entsorgung von FCKW, also auch aus
den Wärmeisolationsschäumen (PUR) der Haushaltsgeräte dienen konnte.953 Die Kapazität
949 Vgl. Abraham, FCKW, S. 218.
950 Ebda, S. 220.
951 Ebda, S. 222.
952 Bei dieser Anlage werden die FCKW der Kühlkreisläufe und das Öl der Kompressoren in einem
gemeinsamen Arbeitsgang abgesaugt. Das Gemisch wird in Druckgasflaschen abgefüllt. Die
Wiederaufbereitung soll über den Fachhandel erfolgen. Die so „entschärften“ Kühleinrichtungen soll der
Schrotthandel entsorgen. Vgl. Zeitung für kommunale Wirtschaft 35 (1988), September, S. 34; Greiner, S. 48.
953 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1990, S. 18.
186
wurde auf 100.000 Stück ausgelegt. Entgegen der Planung wurde die auf dem
Betriebsgelände in Adlershof installierte Anlage erst 1991 in Betrieb genommen.954
Seit Inbetriebnahme der Absauganlage wurden bis Ende 1989 insgesamt 41 497
Kälteaggregate abgesaugt, über 12 000 kg FCKW-/Öl-Gemisch in Stahldruckflaschen
abgefüllt und der Verwertung zugeführt. Es wurde umgerechnet ca. 300 g FCKW-/Öl-
Gemisch je Kühleinheiten zurückgewonnen. Das entsprach einer Rückgewinnungsrate von
etwa 60 %.955 Aus den durch diese Entsorgungspraxis gewonnenen Daten stellte Harald
Abraham, der als Diplom-Ingenieur daran beteiligt war, diese Maßnahme in Frage. Die bei
den BSR gelandeten Kühlgeräte waren meistens so alt, dass das meiste FCKW aus dem
Kühlsystem entwichen war. Daher schien die Rückgewinnung der FCKW aus diesem Gerät
nicht viel zu bringen. Seiner Ansicht nach diente das mit zunehmender Diskussion über die
Klimaänderungen entstandene öffentliche und politische Interesse als Begründung für die
Durchführung dieser Maßnahme.956 Mit zunehmender Aufmerksamkeit auf die Gefahren des
FCKWs wurde diese Praxis zu einer Routinearbeit der BSR. Im Jahr 1990 wurden jährlich
40.000 Haushaltskühlgeräte von den FCKW und Kompressorenölen mit zwei Absauganlagen
entsorgt.
4.2. Ausrüstung der MVA Ruhleben mit einer erweiterten Abgasreinigung
4.2.1. Dioxin-Emission aus der MVA Ruhleben und Errichtung der Abgasreinigungsanlage
Die Anfang der achtziger Jahre ausgelöste Dioxinwelle erfasste auch Berlin (West).
Nachdem bekannt geworden war, daß Untersuchungen der Flugasche an einigen
Abfallbeseitigungsanlagen im übrigen Bundesgebiet zu dem Ergebnis geführt hatten, dass die
Flugasche teilweise Dioxin enthielt, erteilte die BSR Anfang Februar 1984 der TU Berlin den
Auftrag, die Flugasche der MVA Ruhleben zu untersuchen. Trotz dieser Bemühungen schien
die Öffentlichkeit dem Berliner Senat nicht zu vertrauen. Eine Meldung des Tagesspiegels
vermittelte den Eindruck, dass der Berliner Senat nicht beabsichtigte, Maßnahmen gegen das
Dioxin-Problem zu treffen: „Der Berliner Senat sieht derzeit keine Veranlassung nach Dioxin
zu suchen, da es in Berlin nie eine Produktion gegeben habe, bei der TCDD anfällt.“ 957 Trotz
954 BSR, Geschäftsbericht 1991, S. 13.
955 Abraham, S. 225.
956 Ebda.
957 Tagesspiegel v. 19.7.1984
187
der Erklärung der BSR führte die Verspätung des Ergebnisberichtes unter der Bevölkerung zu
großer Besorgnis.958
Als die Ergebnisse der Untersuchungen zur Dioxin-Emission an der Müllverbrennungsanlage
Ruhleben vorgelegt wurden, forderten Umweltverbände wie der BUND Berlin und Robin
Wood die sofortige Stillegung.959 Den Messungen zufolge wurden aus den Schornsteinen der
Anlage pro Kubikmeter Luft zwischen 1.07 und 1,13 Nanogramm Dibenzodioxin an die
Atmosphäre abgegeben.960 Aufgrund der Überschreitung des zulässigen Grenzwertes von 0,2
Nanogramm wurde die Stillegung der Anlage gefordert.
Gegen die öffentliche Beunruhigung erklärten die BSR, es bestehe zwar keine Gefahr für
Menschen, dennoch habe sie beim Bundesministerium für Forschung in Bonn ein
Forschungsprojekt beantragt, das die Entwicklung von Konzepten zur Vermeidung von
Dioxinen und Furanen zum Ziel haben sollte. Im September 1984 hatte die BSR beim
Bundesministerium für Forschung den Forschungsantrag unter dem Titel „Praktische
Konzepte zur Verminderung von Dioxinen und Furanen bei kommunalen MVA“ gestellt.961
Die Debatte über Dioxin führte schließlich dazu, dass das Planfeststellungsverfahren für die
Errichtung der Abgasreinigungsanlage hinsichtlich der Schadstoff-Grenzwerte sehr ernst
genommen und erneut diskutiert wurde. Wegen der Überschreitung der zulässigen
Grenzwerte bei Schadstoffen wie Chlor- und Fluorverbindungen und Schwefeldioxiden hatten
die BSR schon Ende 1982 das Planfeststellungsverfahren beantragt.962 Auch wegen der
Dioxin-Problematik wurden neue Grenzwerte im Planfeststellungsverfahren unentbehrlich. So
wurde z. B. der Grenzwert für SO2-Emissionen um mindestens 50% herabgesetzt. Bei einer
Anfrage erklärte der Senat, er nehme die von der Verbrennungsanlage ausgehende
Luftverschmutzung sehr ernst und habe sich daher verstärkt dafür eingesetzt, dass die
Auflagen zur Abgasreinigung nunmehr schnellstens realisiert werden.963 Am 30. September
1985 schließlich wurde der Planfeststellungsbeschluss für die Errichtung und den Betrieb von
16 Schadgasreaktoren zur Reduzierung der Schadstoffe im Abgas der
Abfallverbrennungsanlage Ruhleben getroffen.964 Nach Anschluss der ersten drei Kessel an
die Abgasreinigung im Oktober 1987 wurden 1988 zwei weitere und im September 1989 die
letzten beiden Kessel angeschlossen.965 Die Investitionskosten für diese Anlage lagen bei
insgesamt sechzig Millionen DM. Jährlich entstanden durch den Betrieb der Anlage Betriebs-
958 Stachel, Nov. 1984.
959 Stachel, Dez. 1984.
960 Tagesspiegel v. 24. 11. 1984.
961 BSR, Bericht über das Geschäftsjahr 1984, S. 8f.
962 BSR, Bericht 1983, S. 8.
963 Drucksache 9/2032 v. 13.08.84 M. Nr. 212 Kleine Anfrage des Abg. Reinhard Ueberhorst (SPD) über
politische Probleme im Zusammenhang mit der Müllverbrennungsanlage Ruhleben, S. 23 f.
964 Ebda.
965 MuA, 3/88, S. 131.
188
und Kapitalkosten von etwa fünfzehn Millionen DM, die im Rahmen des
Kostendeckungsprinzips durch Tariferhöhungen der Abfallbeseitigungsentgelte aufgebracht
werden mussten.
Auffällig bei der Umrüstungsarbeit war, dass die Genehmigungsbehörde ein
Trockenverfahren billigte, das im Vergleich zu üblichen Nassverfahren als kostenintensiver
bewertet wurde. Wie ein Bericht über den Zustand der Abgasreinigungstechnik zeigte,
wurden bis zum Jahr 1984 die Trockenverfahren nur in Ausnahmefällen eingesetzt. Die
Gründe dafür waren, dass das Entschwefelungsprodukt technisch nicht verwertbar und der
Entschwefelungsgrad geringer als beim Nassverfahren war.966 Trotz dieser Nachteile trafen
die BSR die Entscheidung für das Trockenverfahren. Als Gründe benannte der Senator für
Arbeit und Betriebe Wronski auf eine Anfrage des AL-Abgeordneten Stefan Klinski die
weniger problematische Handhabung der Rückstände und die Leistung der
Emissionsreduzierung.967 Ohne Abwasserprobleme konnten die trockenen Rückstände in
Deponien (Sonderdeponien) abgelagert werden.
Dieser Vorteil schien bei der Entscheidung eine besonders wichtige Rolle gespielt zu haben.
Nach Angaben des Senats könnten die Rückstände aus der Abgasreinigung auf der hierfür
vorgesehenen Deponie in der DDR abgelagert werden.968 Daher brauchte der Berliner Senat
keine zusätzlichen Transportkosten einzurechnen, während die Verwendung des Verfahrens
für die anderen Länder eine Kostenerhöhung bedeutete. 969 So hielten die BSR das
Trockenverfahren970, das keine leicht auslaugbaren Rückstände produziert, für vorteilhafter. In
der Tat wurde die Entsorgung der Rückstände durch den im Jahr 1985 erneuerten Vertrag
gesichert, mit dem ein umfangreicher Transport der Sonderabfälle in die DDR zugelassen
wurde.
Entgegen dieser Tatsache behauptete der Umweltsenator Starnick bei der Anfrage Klinskis,
dass der Senat in Übereinstimmung mit den abfallwirtschaftlichen Zielsetzungen des Bundes-
966 Vgl. Eggersdorfer, Methodik, S. 47.
967 Vgl. Drucksache 9/2032, S. 24 ff., a.a.O..
968 Ebda., S. 24. 1984.
969 Vgl. Rauchgasreinigung bei Müllverbrennungsanlagen, S. 178 f. Über das Trockenverfahren wird
folgendermaßen geschrieben: „Die Ablagerung der trockenen Rückstände ist meist nur auf einer
Sonderdeponie gestattet, was die Kosten erhöht, da je nach Standort der MVA weite Transportwege zur
Sonderdeponie zu überwinden sind.“
970 Das von den BSR ausgewählte Trockenverfahren, das CDAS-Verfahren, funktioniert so: „Das mit Flugasche
und Schadstoffen beladene Rauchgas der MV tritt tangential in einen Reaktionsbehälter ein. In einem
zyklonartigen Trichter wird der Hauptanteil von Flugasche abgeschieden und pnematisch in ein Verladesilo
befördert. Dann wird die Temperatur des Rauchgases durch Eindüsung von Wasser gesenkt. Dadurch scheidet
sich gasförmiges Quecksilber ab. Im Reaktor kommt über Düsen trockener Rezirkulations- und Frischkalk in
den Rauchgasstrom. Dadurch binden sich die Schadgase(Schwermetall) als erste Reaktion an den Löschkalk.
Die Kalkpartikel werden mit dem Gas mitgetragen und in Form einer Nachreaktion in einem nachgeschalteten
Gewebefilter abgeschieden. Reaktionsprodukt und restliche Flugasche kommen über eine Sammmelschnecke
und ein pnematisches Fördersystem zum Verladesilo, von dem aus sie entsorgt werden.“ Konzentrierte
Aktivitäten, in: ENTSORGA-Magazin 7 (1988), S. 33f.
189
Immissionsschutzgesetzes und des Abfallgesetzes der Auffassung sei, dass die Schlacke der
Verwertung zugeführt werden solle, sofern dadurch andere umweltpolitische Ziele nicht
gefährdet werden.971 An der Entscheidung für Trockenverfahren zeigte das IfÖR in seinem
Gutachten Zweifel aus dem Grund, dass die Grenzwerte der TA-Luft 1986 bei Trocken- oder
Quasitrockenverfahren nur mit einem sehr hohen Überschuss an Kalk zu erreichen seien und
dadurch sehr viel größere Mengen an Rückständen anfallen würden.972 Im Jahr 1987 wiesen
Vertreter einer Bund-/Länder-Kommission darauf hin, dass Trockenverfahren sowie Quasi-
Trocken-Verfahren der Abgasbehandlung bei MVA wegen der Verschärfung der TA zur
Reinhaltung der Luft nicht mehr als dem Stand der Technik entsprachen.973
Trotzdem wurde die Entscheidung der BSR damit gerechtfertigt, dass die Ausrüstung der
Rauchgasreinigungsanlage eine Verbesserung der Berliner Luftqualität durch erhebliche
Reduzierung der Schadstoffe mit sich bringe. Hinsichtlich der Dioxin-Emission zeigte die
MVA-Ruhleben eine deutliche Verbesserung: Der Anteil der MVA an der Gesamtdioxin-
Emission in Berlin (West) wurde von ca. 37% im Jahr 1987 auf ca. 4% im Jahr 1990
gesenkt.974 Das Forschungsvorhaben „Praktische Konzepte zur Verminderung der Bildung
von polychlorierten Dibenzodioxinen und Dibenzofuranen bei kommunalen
Müllverbrennungsanlagen“ bestätigte auch, dass die neue Abgasreinigungsanlage der
Abfallverbrennung in Ruhleben eine „hervorragende“ Abscheidleistung für Dioxine und
Furane besaß.975
971 Drucksache 10/1799 v. 09.11.87 M. Nr. 213 Kleine Anfrage des Abg. Stefan Klinski (AL) über
Müllverbrennungsanlage Ruhleben, S. 7.
972 IfÖR und IÖW, S. 20.
973 Vgl. Drucksache 10/1560 v.12.06.87, M. Nr. 175, Nicht behandelte Mündliche Anfrage der Abgeordneten
Gabriele Vonnekold (AL) über Einhaltung des Standes der Technik bei Müllverbrennungsanlagen, S. 34.
974 Vgl. Senat für Stadtentwicklung und Umwelt, Dioxin-Bilanz für Berlin, Informationsreihe zur
Luftreinhaltung in Berlin 13, 1991.
975 BSR, Geschäftsbericht 1990, S. 18. Trotzdem blieb die Dioxin-Gefahr immer noch, weil die in der
Rauchgasreinigung der MVA Ruhleben anfallenden Reaktionsprodukte und Flugaschen Dioxine enthielten.
Vgl. Drucksache 11/596 Kleine Anfrage der Abg. Dr. Käthe Zillbach (SPD) über Beseitigung der Rückstände
aus der Rauchgasreinigung in der MVA Ruhleben, S. 30 f.
190
Abbildung 7 Modell der Rauchgasreinigung in der MVA Ruhleben (Quelle: BSR-Archiv)
4.2.2. Verbesserung des Feuerungssystems: Wirbelschicht-Projekt
Außer der Umrüstung der Abgasreinigung wurde ein weiterer Versuch, das Feuerungssystem
zu verbessern, unternommen, um die Schadstoffmenge aus der MVA zu reduzieren: das
Wirbelschichtverfahren. Die Abfälle werden in einem Verbrennungsraum, der mit einem
Sandbett gefüllt ist, das durch die Verbrennungsluft in einen Schwebezustand gebracht wird,
verbrannt. Angaben von Fachleuten zufolge kann das Verfahren geringere Dioxinbildung,
einen besseren Ausbrand des Abfalls gewährleisten. Daher entschieden sich die BSR im Jahr
1987, das Forschungsvorhaben „Wirbelschicht-Demonstrationsanlage“ fortzusetzen, dessen
erste Versuchsphase zu diesem Zeitpunkt durch die Förderung vom
Bundesforschungsministerium und vom Berliner Senat erfolgreich abgeschlossen worden
war. 976 In dieser Vorphase des Wirbelschicht-Projekts konnten Vorteile gegenüber der
konventionellen Verbrennung festgestellt werden: ein besserer Ausbrand des Abfalls und ein
höherer Wirkungsgrad der Anlage im Vergleich zu den herkömmlichen
Verbrennungsanlagen; der Heizwert der Abfälle kann in großen Bereichen schwanken, ohne
dass sich die charakteristischen Betriebswerte wesentlich verändern; die Stickoxidbildung ist
976 Zeitung für Kommunalwirtschaft 35 (1988), Januar, S. 19.
191
durch den vergleichbar niedrigen Temperaturverlauf geringer; der Aufwand für die
Abgasreinigung kann verringert werden.977
Nach dem Plan wurde die Pilotanlage zur Verbrennung von Müll nach dem rotierenden
Wirbelschicht-Verfahren in der ehemaligen Sinteranlage vorgesehen.978 Wider Erwarten war
jedoch das Genehmigungsverfahren für den Betrieb dieser Verbrennungsanlage zum
Jahresende 1989 noch nicht abgeschlossen. 979 Zudem sollte die Forschung auf
privatwirtschaftlicher Basis abgewickelt werden. Das hieß, das Pilotprojekt sollte von einer
Arbeitsgemeinschaft betrieben werden, die aus zwei Privatunternehmen, der FTB, Stahlbau-
Fertigungstechnik GmbH, und der ABT, Gesellschaft für Abfallbeseitigungstechnologien
GmbH, bestand. Die BSR verkaufte an die ARGE den zu verbrennenden Rohmüll.980 Diese
angestrebte Verfahrenstechnik scheiterte aber zum Schluss an der Realisierung, weil dieses
Projekt keine weitere private Investition fand. Nach diesem Scheitern wurden die
Möglichkeiten des SNCR-Verfahren (SNCR=Selektive Nichtkatalytische Reduktion) zur
Reduzierung des NOx-Ausstoßes (Stickoxide) in Erwägung gezogen.981
Abbildung 8 MVA Ruhleben mit der Abgasreinigungsanlage (Quelle: BSR-Archiv)
977 Lemke, S. 269.
978 BSR, Bericht für das Geschäftsjahr 1988, S. 16.
979 BSR, Geschäftsbericht 1989, S. 16.
980 UTB (1989), Nr. 20, S. 6.
981 BSR, Geschäftsbericht 1990, S. 18.
192
4.3. Verlagerung der Schadstoffe in die DDR-Deponie
4.3.1. Verseuchung der Deponie Vorketzin
Der erneuerte Müllverbringungsvertrag mit der DDR führte dazu, dass die für die
Siedlungsabfälle aus Berlin (West) zur Verfügung gestellte Deponie langsam durch
Sonderabfälle überfrachtet wurde. Bis zum Jahr 1985 war der Sondermüllhandel mit der DDR
durch Pressemitteilungen in der Bevölkerung in Berlin (West) bekannt. Schon im Jahr 1979
hatte der Spiegel unter dem Titel „DDR nimmt Giftmüll ab“ über die Ablagerung der
Flugaschen aus der Sonderabfallverbrennungsanlage Hamburg in die Deponie Schönberg
(Kreis Grevesmühlen) berichtet.982 Die seit 15. 5. 1979 in Betrieb genommene Deponie
Schönberg wurde nach den lukrativen Erfahrungen mit dem in Berlin (West) anfallenden
Müll für die Einlagerung von Abfällen fast aller Art, besonders von Sonderabfällen, geplant
und aufgebaut. Mit Verweis auf diese Anlage konnten die kommerziellen Verhandlungen
über die Sonderabfallbeseitigung weiter voran getrieben werden. 983 Das Abnahmegebiet
erweiterte sich über die Bundesrepublik hinaus bis nach Frankreich.984 Die Verschärfung des
Umweltgesetzes und der Abfallbeseitigungsprobleme begünstigte das Geschäft zusätzlich.
Dieser Handel wurde von den bundesdeutschen Medien als „Giftmüllhandel“ bezeichnet und
heftig kritisiert. Diese von DDR-Seite als „Verleumdungsversuch“ bezeichnete
Berichterstattung riss seit 1979 nicht mehr ab: „Arsenhaltiger Bodenaushub in die DDR“,
„Dumpingpreise auf dem Giftmüll-Markt“, „Wo wird Giftmüll aus Seveso gelagert“ usw.
Während der Giftmülldebatte wegen der räumlichen Entfernung von den Bevölkerung in
Berlin (West) mit Gelassenheit betrachtet wurde, änderte sich diese Situation nach der
Ausstrahlung eines Fernsehberichtes über die Deponie Vorketzin. In dem Fernsehmagazin
"Kontraste" vom 12. Januar 1988 wurde der Streifen eines Amateurfilmers von der Deponie
Vorketzin gezeigt und außerdem aus einem bisher geheimen Protokoll eines DDR-
Wissenschaftlers zitiert. Dieser Bericht warnte vor den erhöhten Gefahren der Verseuchung
des Grundwassers durch Schadstoffe. Die Sendung gab dem Publikum zu bedenken, dass zur
Beseitigung von solch gefährlichem Abfall in einer modernen Entsorgungsanlage im
Bundesgebiet pro Tonne 800 DM gezahlt werden mussten, während die DDR lediglich 40
DM pro Tonne verlangte und erhielt.985
Diese Sendung löste in Berlin (West) starke Bedenken gegen die Abfallverbringung und die
Errichtung der SVA Schöneiche aus. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlins
nach dieser Sendung waren diese Bedenken deutlich zu spüren. „Widerstände gegen Anlagen
982 Der Spiegel v. 26. 11. 1979
983 Nach dem Bericht des Deutschen Bundestages wurde die Deponie Schönberg von der DDR-Führung von
Anfang an zum Zwecke der Devisenerwirtschaftung eingerichtet. Vgl. BT-Drucksache 12/7600, 1994, S.497.
984 SAMPO-BArch, DY 30 / 3128, Bl. 280 f.
985 SAMPO-BArch, DY 30 / 3133, Bl.7 f.
193
bei uns, die zur Optimierung, also zum höchsten Stand der Technik führen, werden gegen
Entgelt umgangen; Entgelt, für das die DDR mit ihrem Hunger nach Devisen sehr
empfänglich ist.[...]statt Müllprobleme grundsätzlich durch Programme zur Vermeidung oder
Wiederverwertung von Müll anzugehen, wird das Problem auf einfache und auch sehr brutale
Art dadurch gelöst, daß man seinen Müll dem Nachbarn aufbürdet. Dabei nutzt dieser Senat
schamlos aus, daß die DDR-Bürger nicht über die bei uns üblichen Rechte verfügen, um sich
gegen die Zerstörung ihrer Umwelt wehren zu können. Weiter nutzt der Senat den
Devisenhunger der DDR skrupellos aus[...]“.986
Trotz solch grundlegender Kritik wurde der Transitverkehr mit Sonderabfällen unverändert
fortgeführt. Die DDR-Behörde versprach lediglich die Verbesserung der
Sicherheitsmaßnahmen und der Umweltdatenermittlung für die SVA. Wegen fehlender
Alternativen konnte der Berliner Senat den Verkehr nicht aufkündigen, während die DDR-
Regierung den Müllhandel weiter treiben wollte. Die erwähnte „Kontraste“-Sendung rief in
Ost-Berlin eine Flut von Anfragen aus der Bevölkerung hervor, die die Regierung zu der
Einschätzung brachten, das Müllgeschäft sei von nun an als politisch sensible Frage zu
behandeln. Mit offensiver Öffentlichkeitsarbeit, die die Sicherheit der Anlage herausstellen
sollte, versuchte sie, die Bürger zu beruhigen und die Abfallannahme zu sichern. Ihre
Bereitschaft, auf die Besorgnisse der Bürger in Berlin (West) und ihre Forderungen nach einer
umweltgerechten Abfallbeseitigung einzugehen, zeigte sie durch den Vorschlag, die
Emissionsdaten der SVA zu ermitteln und eine Basisabdichtung der Deponie Schöneiche
vorzunehmen. Im Februar 1988 teilte die DDR-Regierung sogar ihre Bereitschaft mit, auch
nach 1994 Abfallstoffe aus Westberlin anzunehmen.987
Auf diese Vereinbarung gestützt, wurden die Sonderabfälle aus Berlin (West) bis zum
Dezember 1989 ohne Hindernisse in die DDR-Deponien gebracht. Zwar organisierten die
Westberliner Umweltgruppe – Bürgerintiative „Bloß Rüber Damit/Dreck Dankend Retour“,
Robin Wood, BUND und AL - im November 1988 ihre Protestaktion gegen den Müllexport
und den Probebetrieb der SVA Schöneiche988, aber der grenzüberschreitende Mülltransport
lief weiter.
4.3.2. Folgen der Müllverbringung in die DDR
986 PlPr 10/68, 68. Sitzung v. 21.1.1988, S. 4038 f.
987 SAMPO-BArch, DY 30 / 3133, Bl.72
988 Am 2.Novermber 1988 blockierten die Mitglieder dieser Umweltgruppen für eine Stunde den Grenzübergang
am Kirchhainer Damm in Lichtenrad. Die Aktion sollte nach Angaben von Robin Wood auch als
Unterstützung von DDR-Gruppen verstanden werden. Auch in Ost-Berlin gab es Initiativen, die sich gegen
importierte Problemstoffe wenden. Vgl. hierzu Tagesspiegel v.2. November 1988: Aus Protest gegen
Sondermüllexport den Grenzübergang blockiert.
194
Der Zustand der Deponien verschlechterte sich so sehr, dass die dafür zuständige Behörde,
der Rat des Bezirks Potsdam, vom Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft sofortige
Sanierungsmaßnahmen forderte. Im Juni 1989 berichtete diese Behörde, dass im
unmittelbaren Bereich der Deponien Schöneiche und Vorketzin Belastungen des
Grundwassers mit Salzen und in geringem Umfang mit Schadstoffen (Schwermetalle)
aufgetreten seien. 989 Nach diesem Bericht versuchte der Minister, der vorgesehenen
finanziellen Belastung durch die Seite von Berlin (West) zu entkommen. Im Oktober 1989
führte Minister Hans Reichelt mit der grünen Umweltsenatorin Michaela Schreyer in Ost-
Berlin ein Gespräch. Dabei wurde die Gültigkeit des Müllvertrags und dessen geplante
Verlängerung über 1994 hinaus von beiden Seiten bekräftigt, nach dem die Senatorin eine
gemeinsame Untersuchung und die Verbesserung der Deponien zugesagt hatte.990
Nach der politischen Wende in der DDR gründeten die Anwohner von Westmülldeponien -
in Vorketzin, im Kreis Königs Wusterhausen, in Schöneiche - Bürgerinitiativen und forderten
die Beendigung der Müllimporte. 991 Umweltinitiativen schlugen die „Einberufung einer
Gesprächsrunde von Experten, Behörden und Vertretern der Umweltbewegung“ vor, um
gemeinsame Lösungen zu finden.992 Im Dezember 1989 kam es zu einem gemeinsamen
Vorgehen von westlichen und östlichen Umweltgruppen gegen Sonderabfallexporte und zur
Aufklärung über Grundwasserschädigungen durch die Deponie Vorketzin. Im Januar 1990
führten die Anwohner Blockadeaktionen durch, in deren Folge die Mülllaster der BSR ohne
Entladung umkehren mussten.993
Unter diesen Umständen bereitete die DDR-Regierung einen Importstopp vor. Ein Beschluss
des DDR-Ministerrats vom 13. Januar 1990 sah vor, den Import von Sonderabfällen zur
Ablagerung auf der Deponie Vorketzin zu prüfen und mit der Bundesrepublik über die
Einstellung des Imports von Sonderabfällen in die DDR in Verhandlungen zu treten.994 Am 18.
Januar 1990 teilte die Firma Intrac mit, dass die Deponie Vorketzin ab dem 31. Januar nicht
mehr für die Aufnahme von Sondermüll aus Berlin (West) zur Verfügung stehe.995
989 SAMPO-BArch DY 30 / 3134, Bl.173.
990 Ebd.; Vgl. Drucksache 11/274 Kleine Anfrage der Abg. Dr. Käthe Zillbach (SPD) über Eignung der Deponie
Vorketzin zur Lagerung von flüssigen Sonderabfallstoffen und mögliche langfristige Folgeschäden, S. 6 f.
Der Senator für Arbeit, Verkehr und Betriebe Wagner erklärte im August 1989, „der Senator wird für die
weitergehenden Verhandlungen der Firma BC mit der Firma Intrac darauf hinwirken, dass neu zu errichtende
oder zu erweiternde oder sonst zu verändernde Deponien nach dem neuesten Stand der Technik errichtet oder
verändert werden. Die Deponie Vorketzin ist durch die derzeit im Probebetrieb befindliche SVA in
Schöneiche entlastet worden, und durch die geplante chemisch-physikalische Behandlungsanlage für
Sonderabfälle wird der Schadstoffanteil der dann noch zu deponierenden Abfälle vermindert werden.“
991 Jörgensen, S. 178 f; PlPr 11/23, 23.Sitzung vom 18.Januar 1990, S. 1180.
992 Jörgensen, S. 179.
993 Tageszeitung v. 26. 1. 1990; Der Spiegel, Nr.3 (1990), Ausverkauf an den Klassenfeind, S. 57-66.
994 Jörgensen, S. 179.
995 PlPr 11/23, S. 1161; Thies Schröder, Berliner Abfälle, in: Grünstift, 1990, H.2, S. 4
195
Für den Berliner Senat kam dieser Schritt jedoch zu früh, weil es ihm an Alternativen fehlte.
Nach dem Gespräch mit dem Umweltminister der DDR hatte der rot-grüne Senat noch keine
Wende in der Sonderabfallpolitik vorbereitet und ging davon aus, dass die Entsorgung von
Sonderabfällen in der DDR fortgesetzt werden konnte. So sprachen die Umweltsenatorin und
der Senator für Arbeit, Verkehr und Betriebe von Vertragstreue bzw.-bruch.996 Zum Schluss
endete der Boykott-Versuch der Firma Intrac mit der Reduzierung der Importmenge. Die
Anwohnerinitiativen setzten sich aber mit ihrer Forderung nach einem Importstop auf die
Deponie Vorketzin ab Mitte Februar 1990 durch.997 Damit geriet der Senat in die Zwangslage,
ein Notentsorgungskonzept für Sonderabfälle erstellen zu müssen.998
Erst im April 1990 kam ein Signal für eine politische Wende, als das Umweltressort der
Senatsverwaltung für Arbeit, Verkehr und Betriebe ein Thesenpapier über die Schaffung einer
Gesellschaft zur Unterstützung der Vermeidung und Entsorgung von Sonderabfällen
(GUVES) verfasste.999 Parallel dazu wurde die Konzeptstudie über die Abfallwirtschaft für
das wiedervereinigte Berlin fortgesetzt. Ende 1989 wurde der Provisorische
Regionalausschuss vom Senat von Berlin, vom Magistrat von Berlin, von den Räten der
Bezirke Potsdam und Frankfurt/Oder und von den Regierungen der Bundesrepublik
Deutschland und von der DDR gegründet. Der Ausschuss beauftragte seine Expertengruppe
Abfall, für die Region Berlin eine Abfallwirtschaftskonzeption zu erarbeiten.1000 Das Ergebnis
war ein Abfallwirtschaftskonzept, in dem die Integration der Abfallvermeidung und die
Ausschöpfung des Recyclingpotentials im Mittelpunkt stand.
Diese politischen Bemühungen kamen jedoch zu spät. Die Folgen der alten Politik, die durch
das Schweigen der Öffentlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland und die
Verschleierungspolitik der DDR-Regierung begünstigt wurde, stellten akute gesundheitliche
Gefahren dar. Nach einem Bericht1001 waren die Auswirkungen der Ablagerung auf der
Deponie Vorketzin so erheblich, dass die Erholungsfähigkeit des Grundwassers in Frage
gestellt wurde. Fischuntersuchungen ergaben, dass an 9 von 25 untersuchten Aalen, die in
deponienahen Seen gefangen wurden, Höchstmengenüberschreitungen an PCB nachgewiesen
996 PlPr 11/23, S. 1161;Jörgensen, S. 184; PlPr 11/32, S. 1680.
997 Jörgensen, S. 180.
998 Zur Notlage der Sonderabfallentsorgung vgl. Drucksache 11/1223 Kleine Anfrage des Abg. Joachim Palm
(CDU) über Umweltschutzpolitik des Senats-Sprüche statt Taten hier: Fehlendes
Sondermüllentsorgungskonzept des Senats. S. 6 f.; PlPr 11/28. v. 5.April 1990, S. 1543; PlPr 11/32. v. 31.
Mai 1990 Große Anfrage der Fraktion der CDU über Sondermüll-Notstand, S. 1679 ff.
999 Vgl. rgensen, S. 202.
1000 ITU, S. 1.
1001 „Als Ergebnis langdauernder Verhandlungen des ehemaligen Ministeriums für Umweltschutz Berlin mit
mehreren verantwortlichen Institutionen wurde auf den Druck der Bürger Ketzins eine Gefahrenabschätzung
zur Deponie Vorketzin in Auftrag gegeben. Ausführender dieser Untersuchung ist die Projektgemeinschaft Dr.
Pieles und Dr. Gronemeier, Consulting GmbH Kiel und die Gesellschaft für Umwelt und Wirtschaftsgeologie
m. b. H. Berlin.“ Vgl. hierzu: Die Deponie Vorketzin - Ergebnisse einer Analyse (unveröffentlichtes
Manuskript), 6S.
196
wurden. Die höchsten Werte entsprachen dem Doppelten des zulässigen Höchstwerts. Auf der
Deponie ohne Basisabdichtung wurden zwischen 1977 bis 1989 folgende Abfallmengen
eingelagert: 3,7 Mio. t Siedlungsabfälle, 1,3 Mio. t Flugaschen und Schlacke,
starkverunreinigter Bauschutt und Bodenaushub 440.000 t. 1002 Auch bei der Deponie
Schöneiche meldete die örtliche Wasserbehörde Schadstoff-Funde im Grundwasser.1003 Trotz
dieser Umweltschäden hat die DDR-Regierung von 1975 bis 1989 durch den Betrieb der
Deponien - Schöneiche, Vorketzin und Deetz - Valutaeinahmen in Höhe von 870 Mio. DM
erwirtschaftet.1004
So sah sich die Bevölkerung in der wiedervereinigten Stadt Berlin durch Altlasten der
Müllverbringungspolitik erdrückt.1005
1002 Ebda.
1003 Der Spiegel, Ausverkauf, S. 61.
1004 SAMPO-Barch DY 30 / 3134, Bl.172.
1005 Die Kosten zur Sicherung und Sanierung der Deponie Vorketzin wurden zwischen 395 Mio und 1105 Mio
DM abgeschätzt. Vgl. Drucksache 12/3172 Mitteilung zur Kenntnisnahme über Beteiligung an der Sicherung
der vom Land Berlin beschickten Deponien in Brandenburg.
197
Zusammenfassung
Auf dem Weg zum technisch-administrativen Abfallbeseitigungssystem
Seit Anfang der sechziger Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt des Mülldiskurses hin zur
Frage der Müllbehandlung. Mit dem Erlass des Wasserhaushaltsgesetzes stießen
insbesondere Großstädte bezüglich der Müllablagerung auf Schwierigkeiten. Viele Städte
litten unter der Knappheit der Ablagerungsplätze und der finanziellen Belastung, die durch
Verordnungen wie die Pflicht der Sohleabdichtung bzw. des Einsatzes der Planierraupe
verursacht wurde. Dazu machte der lineare Zuwachs des Müllvolumens es unausweichlich,
den Einsatz von Müllbehandlungsverfahren – Müllverbrennung und -kompostierung –
ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Die Müllaufschüttung bot angesichts der rasch steigenden
Müllmenge keine Lösung und erwies sich für die Beseitigung von Abfallstoffen wie Papier
und Kunststoffen, die einen großen Teil des Mülls ausmachten, als problematisch.
Die Organisatoren der kommunalen Müllbeseitigungspläne standen vor der Entscheidung,
welches Behandlungsverfahren eingesetzt werden sollte. Es fanden eine Reihe von
Fachdiskussionen statt, in denen beiden Verfahren - Müllverbrennung und -kompostierung -
mit unterschiedlichen Argumenten gleichrangig entgegengesetzt wurden. Die
Rahmenbedingungen - der steigende Heizwert des Mülls, die Flächenprobleme - begünstigten
indessen die Entscheidung für die Müllverbrennung in Großstädten. Dazu bestärkte das
zunehmende Interesse der Industrie an der Müllverbrennung ihre Durchsetzung gegenüber der
Müllkompostierung. Der geringe Flächenbedarf, eine deutliche Volumenreduzierung und die
verbesserte Wirtschaftlichkeit wirkten sich vorteilhaft aus. So gingen 17 neue
Müllverbrennungsanlagen in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1965 und 1970 in
Betrieb. Der Anteil der daran angeschlossenen Einwohner der Bundesrepublik erreichte im
Jahr 1970 14,4%, während der Prozentsatz für die Müllkompostierung nur bei 2 % lag.
Das aufgrund der Insellage fehlende Umland und die daraus resultierende Bodenknappheit
brachten in Berlin (West) eine radikale Entscheidung bei der Müllfrage mit sich. Im Jahr 1961
wurde ein Umstellungsplan der Müllbeseitigung beschlossen, der auf der Errichtung zweier
Müllverbrennungsanlagen basierte. Der Beschluss des Plans wurde mit der politisch-
geographischen Insellage Berlins begründet. Nach Ansicht des Berliner Senats war die
Anwendung der Müllkompostierung aussichtslos, da Kompostprodukte wegen der Insellage
nur mit hohen Transportkosten abgesetzt werden konnten. So stellte sich die Müllverbrennung
198
als einzige Lösung für die Berliner Verhältnisse dar. Das „Totalkonzept“1006 des Senats erhielt
seine Legitimation aus einem anderen Grund, nämlich dass die Müllverbrennung aufgrund
des erhöhten Heizwertes und der verbesserten Anlagetechnik ohne große Probleme
angewendet werden konnte.
Folglich handelte es sich bei der Planung in erster Linie um den Bau einer rentablen
Verbrennungsanlage. Dementsprechend richtete der Umstellungsplan sein Augenmerk auf
die Erhöhung der Wirtschaftlichkeit. Neben der Wärmenutzungsmöglichkeit wurde die
Verwertung der Verbrennungsrückstände intensiv verfolgt. Eine Reihe von Untersuchungen
ergab, dass sich die Sinterung der Rückstände für die Berliner Verhältnisse, wo u.a. großer
Bedarf an Baustoff bestand, anbot. Auf der Grundlage der positiven Ergebnisse wurde für die
beiden geplanten Anlagen die Ausrüstung mit einem Sinterwerk vorgesehen.
Vor dem Hintergrund des Technik-Optimismus1007 setzte sich diese Umstellungsplanung ohne
große Debatte durch. Es herrschte die Ansicht vor, dass „primitives Handeln“ bei der
Müllbeseitigung durch „moderne Technik“ ersetzt werden sollte. Schließlich ging im Jahr
1967 die „europaweit größte Anlage“ in Betrieb, und damit begann „eine neue Ära“ der
Müllbeseitigung in Berlin (West). Nun stellte der Müll nicht mehr einen Gegenstand der
polizeilichen Ordnung dar, sondern einen mit hochkomplexer Technik zu behandelnden
Gegenstand. Diese Anlage erforderte jährliche Betriebskosten von 3 Mio DM sowie ein
Betriebspersonal von 104 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.1008
In den siebziger Jahren setzte sich zwar dieser technische Umgang mit dem Müll fort, jedoch
in einem völlig anderen Zusammenhang. Das Müllproblem wurde nun mit
Umweltschutzfragen in Verbindung gebracht. Im Rahmen des Umweltprogramms 1971
entwickelte die Bundesregierung das Abfallbeseitigungsprogramm. Mit dem Erlass des
Abfallbeseitigungsgesetzes (AbfG) im Jahr 1972 durften Abfälle nur in den dafür
zugelassenen Anlagen oder Einrichtungen behandelt, gelagert und abgelagert werden. Gegen
Umweltbeeinträchtigungen durch die Abfallbehandlungsanlagen wurden
Verwaltungsvorschriften erlassen, die durch die Festlegung von Grenzwerten eine
behördliche Regulierung dieser Anlagen gewährleisteten. All dies war jedoch am Ende der
1006 Dieses Wort verwendete der CDU-Abgeordnete Borrofka in bezug auf den Bauplan der zweiten MVA. Vgl.
hierzu: Protokolle: Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz, 42. Sitzung v. 2. Dez. 1977, S. 6.
1007 Joachim Radkau schilderte diese Optimismus in folgendermaßen: „ In den späten fünfziger Jahren dagegen
begann technikgeschichtlich eine neue Ära. Seither galt technischen Innovationen eine wachsende
Aufmerksamkeit. Während die Technik als solche in der Zeit des Wiederaufbaus kaum ein öffentliches
Thema war, gab es von nun ab eine Publizistik, die in einem historisch beispiellosen Ausm
auf ,Hochleistungs-und ‚Spitzentechniken, auf ‚neue Technologien und ‚High Tech fixiert war.“ Vgl.
hierzu: Radkau, Technik , S. 314.
1008 Mitteilung Nr. 10, S. 9 f.
199
Erzeugungskette von Müll angesetzt, was für die „Umweltpolitik der End-of-Pipe-
Technologie“ kennzeichnend war.1009
Diese, technische Verfahren zugrundelegende, Abfallbeseitigung stieß aber auf neue
Probleme. Mit zunehmender öffentlicher Aufmerksamkeit im Hinblick auf den Umweltschutz
entwickelte sich eine neue Wahrnehmung in der Bevölkerung. Grüne Umgebung, saubere
Luft und sauberes Wasser nahmen als Zeichen des Wohlstandes einen hohen Stellenwert ein.
Dementsprechend entwickelten sich Bedenken, dass sich technische Anlagen oder
Einrichtungen für die Abfallbeseitigung umweltbeeinträchtigend auswirken könnten. So
standen der kommunalen Abfallbeseitigungsplanung die Besorgnisse der Bürger gegenüber.
Streit zwischen Behörden und Bürgern gab es ebenfalls in bezug auf die Standortfrage dieser
Anlagen. Man begegnete der neuen gesellschaftlichen Erscheinung der „Bürgerinitiativen“,
die zu dieser Zeit gegen die Verwaltungen durch unkonventionelle Aktionen ihre eigene
Interessen selbst durchzusetzen versuchten.
Aus diesem in den sechziger Jahren vorangetriebenen Prozess kristallisierte sich ein
Abfallbeseitigungssystem heraus, das sich durch die Erweiterung der technischen
Komponenten und der regulierenden Instanzen von dem vorherigen Müllabfuhrsystem
unterschied. Darin nahmen Akteure aus dem politischen, administrativen, technik-
wissenschaftlichen Bereich und aus der Industrie mittels Abfalltechnologien und
Regulierungsinstrumenten eine Regierolle ein. Die auf technischer Basis beruhende
Abfallbeseitigungsplanung stand im Mittelpunkt. Neben dem Abfuhrsystem bildeten
Behandlungsanlagen die technische Basis. Den im System befindlichen Bürgern war die Rolle
der Gefolgschaft zugeteilt. Sie waren festgestellten Normen bzw. Regeln unterworfen. Zwar
konnten sie sich durch Planfeststellungsverfahren und Klagerechte in die Regiearbeit
einmischen, das änderte jedoch im wesentlichen nichts an der hierarchischen Rollenverteilung.
Im System herrschte die Logik der Technikdynamik vor, der zufolge Abfallprobleme durch
neue Technologien und darauf beruhende regulative Politik bewältigt werden konnten.
In Berlin (West) war das Abfallbeseitigungssystem von der politisch-geographischen Lage
der Stadt geprägt. Als die Errichtung der zweiten MVA aufgrund des heftigen Widerstands
der Bürger schwierig erschien, suchte der Berliner Senat seit Anfang siebziger Jahre nach
einem anderen Weg der Müllverbringung außerhalb Berlins. Es wurde nach der derzeitigen
Abfallproblematik noch nicht in Frage gestellt, dass Abfälle zur Beseitigung in Anlagen oder
Einrichtungen anderer Länder transportiert wurden. Denn diese Verbringung galt auch als
„geordnete“ Beseitigung, zu der die Kommunen verpflichtet waren. Dieser Weg wurde durch
1009 Vgl. Jänicke u.a., Umweltpolitik, S. 34 f.
200
den Abschluss des Müllvertrags mit der DDR im Jahr 1972 geebnet, der dem Westberliner
Müll die Tür zu den DDR-Deponien öffnete. Unter der öffentlichen Akzeptanz schlossen sich
die DDR-Deponien anstelle der Errichtung einer zweiten Müllverbrennungsanlage dem
Beseitigungssystem an. Zugleich kamen zwei Umladestationen hinzu, die für den
Ferntransport nötig wurden. Somit nahm die technische Grundlage des Systems Gestalt an:
die vereinheitlichte Sammlung in Form des Umleersystems, Umladestationen mit Container-
Transportssystem, die MVA Ruhleben und die DDR-Deponien. In diesem System wurde ein
Großteil des Mülls durch die Müllverbringung, die charakteristisch war für die
Abfallbeseitigung von Groß-Berlin, beseitigt, während die moderne Verbrennungsanlage nur
für den Rest des Mülls zum Einsatz kam. So bestanden die technischen Hauptaufgaben darin,
leistungsfähige Umladestationen zu errichten und zu betreiben. Nach der „europaweit größten
MVA“ wurde nun eine als „zukunftweisende“ Technologie anerkannte Umladestation in
Berlin (West) errichtet.
Neben diesem technischen Gefüge waren Senatsverwaltungen, die BSR, Politiker und
Bürger als relevante soziale Akteure im System zusammengefügt. Wie oben erwähnt, kam
dabei den administrativen Akteuren die Hauptrolle zu. Dem Abfallgesetz zufolge war der
Senat für Abfallbeseitigungsplanungen zuständig. An den Planungen beteiligten sich zwar
verschiedene Senatsverwaltungen, aber im wesentlichen befasste sich der Senator für
Gesundheit und Umweltschutz mit dem Thema Abfall. Im Rahmen der Umweltpolitik
entwickelte sich das Betätigungsfeld der Senatsverwaltungen hinsichtlich des Abfallproblems
in verschiedene Richtungen. Auf Initiative des Senators für Gesundheit und Umweltschutz
wurde zum Beispiel die „Messgruppe Abfallbeseitigung“ gegründet, um die stillgelegten
Deponien zu überwachen. Die Aufgabenerweiterung galt auch für die BSR, die als
kommunaler Eigenbetrieb die Abfallbeseitigung betrieben. In Kooperation mit der Firma BC
befassten sich die BSR mit allen technischen Fragen bei der Müllverbringung und der
Verbrennung. Außerdem beschäftigten sie sich mit Abfallbeseitigungsplänen, der
Entwicklung eines Erfassungs- und Kontrollsystems sowie des Genehmigungsverfahrens für
Abfälle, der Behandlung von Problemen des Immissionsschutzes und der Bewertung neuer
Verfahren sowie der Abfallanalyse. Dafür wurde eine Arbeitsgruppe „Wissenschaftliche
Planungsgruppe (WPG)“ innerhalb der BSR gebildet. Allgemein vertraten die Akteure in
diesem Feld die Ansicht, dass die Abfallprobleme mittels moderner Technologie und
rationeller Planungen gelöst werden könnten. Die Neigung zur Technik zeichnete sich auch
im Projekt zur Müllsauganlage ab, das eine total technisierte Müllbeförderung zum Ziel hatte.
Mit dem Erlass des Abfallgesetzes und der Verbreitung des Umweltdiskurses erlangte das
Thema Abfall auch im politischen Feld große Bedeutung. Durch die Unzufriedenheit der
Bürger, die sich in Protesten gegen die Pläne des Senats - der Bauplan der zweiten
201
Müllverbrennungsanlage und die Erweiterung der vorhandenen Deponien - ausdrückte, sahen
sich die Politiker unter Handlungsdruck gesetzt. Zum Thema Abfallbeseitigungspläne fanden
eine Reihe von Diskussionen im Abgeordnetenhaus Berlins statt. Dabei wurde auf die
Probleme im Bereich der Abfallbeseitigung eingegangen und alternative Vorschläge
entwickelt. Dennoch scheiterten die Politiker daran, die Initiative in der Abfallpolitik zu
ergreifen. Nachdem das Beseitigungsproblem durch Verhandlungen zwischen dem Senat und
der DDR gelöst schien, bestand für diese Problematik kein weiteres Interesse. Auf der
Tagesordnung standen ausschließlich die Fragen der Vertragsdurchführung. Eine
längerfristige Politik im Bereich der Abfallbeseitigung visierte man nicht an. Folglich
übernahm die Politik keine Führungsrolle.
Obwohl die Bürger in Form der Bürgerinitiativen die Pläne des Senats ins Stocken brachten
und den Senat zu anderen Wegen bewegten, fehlte ihnen immer noch die Rolle der
Entscheidungsträger. Es bestand für sie nur die Möglichkeit, sich nachträglich in Planungen
oder Entscheidungen der Behörden einzumischen. Den Bürgern war in erster Linie die Rolle
der Verwalteten zugeschrieben. Darüber hinaus war ihr Interesse an Umweltproblemen noch
auf ihr eigenes Umfeld beschränkt, und auch die Bürgerinitiativen machten hier keinen
großen Unterschied. So gab es keine grundsätzliche Infragestellung der Abfallbeseitigung
durch Müllverbringung.
Übergang zum abfallwirtschaftlichen Entsorgungsnetz1010
Ende der siebziger Jahre begann sich das Abfallbeseitigungssystem zu wandeln. Im
gesellschaftlichen Abfalldiskurs setzte sich der Gedanke „Recycling-Rückführung von
Abfällen in den Rohstoffkreislauf“ durch. Statt Abfallbeseitigung verwendete man den
Begriff „Abfallwirtschaft“. In Fachdiskussionen genoss das Thema Recycling großes
Ansehen.
Der Boden für den Wandel war bereits Anfang der siebziger Jahre bereitet. Das Erkennen der
Ressourcenknappheit, die durch den Bericht des Club of Rome „Grenzen des
Wachstums“ veranschaulicht wurde, verbreitete sich in der Bevölkerung seit der Ölkrise der
Jahre 1973/74. Dies führte dazu, dass die alte Devise „Abfall als Rohstoff“ eine Wieder-
Belebung erlangte. Die steigenden Rohstoffpreise weckten privatwirtschaftliche Interessen an
1010 Hier verwende ich den Begriff des Entsorgungsnetzes von Wolfgang Krohn. Im Netz werden viele
Komponenten wie Artefakte, Organisationen und verschiedene andere relevante sozialen Akteure rekursiv
miteinander verkoppelt. Das Arrangement zwischen den Komponenten ist stetig im Prozeß. Vgl. hierzu:
Herbold u.a., Entsorgungsnetze, S. 62 f.
202
der Altstoffsammlung und –verwertung. Diese unternehmerischen Recyclingaktivitäten
befanden sich mit dem Rohstoffbewusstsein der Bevölkerung in Einklang.
Diese Diskussion wirkte sich auf die Abfallpolitik der Bundesregierung aus. Im Jahr 1975
wurde das „Abfallwirtschaftsprogramms 1975“ bekannt gegeben, in dem der Reduzierung der
Abfälle auf Produktions- und Verbraucherebene und der Steigerung der Nutzbarmachung von
Abfall Vorrang gegeben wurde. Anders als bei der vorherigen Beseitigungspolitik bestand das
Programm auf einem Vorsorgeprinzip, nach dem Vermeidung und Verminderung von Abfall
als oberstes Ziel definiert waren. Das Recycling in der Abfallwirtschaft nahm einen hohen
Stellenwert in zweierlei Hinsicht ein: Als Umweltschutzmaßnahme im Sinne der Reduzierung
des Abfallaufkommens und als Instrument zur Rohstoffrückgewinnung.
Diese Abfallwirtschaft fasste aber nur langsam auf kommunaler Ebene Fuß. Demgegenüber
fand der Recycling-Gedanke eine breite Resonanz in der Bevölkerung, die ökologischen
Folgeproblemen des industriellen Wachstums sowie der fortschreitenden Zerstörung
natürlicher und sozialer Lebensräume immer kritischer gegenüberstanden. Das verstärkte sich,
indem sich eine Ökologiebewegung durch die Entwicklung von Organisationen wie
Umweltverbänden oder Bürgerinitiativen für Umweltschutz formierte. In dieser neuen
Sozialbewegung stieß eine ökologische Weltanschaung auf Resonanz, die technologisch-
orientierte Fortschrittskonzepte in Frage stellte und demgegenüber den Umweltschutz höher
gewichtete. Unterdessen erhielt die Recycling-Idee im Sinne des Umweltschutzes die breite
Zustimmung der Bevölkerung. Ihre Bereitschaft zum Recycling bildete die Voraussetzung für
den Einsatz der getrennten Sammlungssysteme.
Mit dem steigenden Umweltbewusstsein in der Bevölkerung gerieten die Kommunen mit
ihren Plänen zur Müllbeseitigung zunehmend in Schwierigkeiten. Die auf dem „Stand der
Technik“ basierenden Detailregelungen und Grenzwertfestlegungen halfen den Behörden
nicht viel bei dem Versuch, Akzeptanz in der Bevölkerung gegenüber den Anlagen oder
Einrichtungen für Abfallbeseitigung zu schaffen. Es stellte sich heraus, dass die
technikorientierten Beseitigungsmaßnahmen die Gefahren nur von einem Ort zu einem
anderen Ort verlagerten. Die Grenzen der „Umweltpolitik der End- of- Pipe- Technik“ traten
deutlich zu Tage, und die Politik geriet immer stärker in die Kritik. Unter den Gegenexperten,
die sich in der Ökologiebewegung herausbildeten, wurden die Stimmen lauter, die für die
Einführung einer vorsorglichen Abfallpolitik plädierten.
Es erschien daher angebracht, dass die abfallwirtschaftliche Entsorgung, deren Grundprinzip
im Abfallwirtschaftsprogramm 75 stand, auf kommunaler Ebene nach und nach eingeführt
wurde. Maßnahmen zur Müllvermeidung und –verwertung wurden als wichtigste Aufgaben
betrachtet. Neben den Behandlungsanlagen wurden neue Sammlungssysteme wie getrennte
Sammlungssysteme und Recyclinganlagen, Sortierungs- oder Verwertungsanlagen in das
203
neue Entsorgungsnetz eingefügt. Im Bereich des Recyclings war die Privatwirtschaft stark
vertreten. Eine Reihe von Forschungsvorhaben wurde zur energetischen Verwendung von
Abfall konzipiert und durchgeführt.
Augenfällig im abfallwirtschaftlichen Entsorgungsnetz ist vor allem die Akteurkonstellation,
in der die Bürger eine aktivere Rolle einnahmen. Die Durchsetzung der getrennten Sammlung
war der Bereitschaft der Bürger zuzuschreiben. So bildete das Umweltverhalten der
Bevölkerung einen elementaren Bestandteil des Sammlungssystems. Das neue
Entsorgungsnetz war durch die enge Kopplung von technischen mit sozialen Akteuren
gekennzeichnet.1011 Es handelte sich dabei nicht nur um technische Fragen, sondern sozialen
Fragen wie der Förderung des Umweltverhaltens wurde in gleichem Maß Beachtung
geschenkt. Andererseits konnten die Bürger mit der Hilfe der Gegenexperten bei politischen
Entscheidungen Einfluss ausüben. Umweltverbände und Bürgerinitiativen traten als
Gegenspieler der administrativen Instanzen auf. Auf diese Weise verteilte sich
Entscheidungsmacht auf mehrere Akteure.
In Berlin waren Recyclingaktivitäten bereits 1975 durch die Zusammenarbeit zwischen
Umweltverbänden und einem privaten Unternehmen eingeleitet worden. Die „Arbeitsgruppe
Recycling“ startete zusammen mit der Firma RGR die Aktion der getrennten Sammlung von
Hausmüll. Das Ergebnis der Aktion zeigte deutlich, dass eine Bereitschaft zum Umweltschutz
unter der Bevölkerung gewachsen war. Das Sammlungssystem etablierte sich als Berliner
Modell, das im Rahmen des Berliner Abfallwirtschaftsprogramms als
Standardsammlungssystem eingesetzt wurde. Ein solches bürgerliches Engagement im
Recycling wurde auch von der ersten Aluminium-Recyclinggruppe verfolgt. Im Jahr 1983
wurde aus Initiativen dieser Recyclinggruppe erstmalig ein staatlich unabhängiges Institut,
das Institut für ökologisches Recycling e.V., im Abfallbereich ins Leben gerufen. Als eine Art
von Gegenexperten setzte sich das Institut kritisch mit der Entsorgungspraxis auseinander,
indem es ein Konzept zur ökologischen Abfallwirtschaft entwickelte. Es war erkennbar, dass
die Bürger und ihre Vertreter, anders als im Beseitigungssystem, bereits bei der
Gestaltungsphase eine aktive Rolle spielten.
Erst im Jahr 1979 kündigte die Landesregierung Berlins an, die Wiedergewinnung von
Rohstoffen aus Abfall als umweltpolitische Leitlinie zu verfolgen. Nachdem gesetzliche
Probleme bei der Ausweitung des Betätigungsfeldes der BSR gelöst worden waren, beteiligte
sich die BSR zusammen mit privaten Firmen am Recycling. Dadurch fand das Berliner
1011 Vgl. Herbold u.a., Entsorgungsnetze, S. 75.
204
Modell zur getrennten Erfassung von Hausmüll in allen Bezirken Verwendung. Nach diesem
Auftakt setzte sich die BSR für die Ausweitung der Recyclingaktivitäten ein.
Im Jahr 1983 wurde im Abgeordnetenhaus das Abfallwirtschaftsprogramm Berlins
beschlossen, dessen Schwerpunkt auf der stofflichen und energetischen Verwertung von
Abfällen lag. So wurde zunächst das Sammlungssystem einer Umstrukturierung unterzogen.
Dem Berliner Modell (Holsystem) wurden Recyclinghöfe als Bringsystem zur getrennten
Erfassung hinzugefügt. Damit wurden alle Haushalte an die getrennte Sammlung von Abfall
angeschlossen. Als eine Art des Materialrecyclings wurde erstmals die Kompostierung von
Laubabfällen auf der Deponie Wannsee durchgeführt. Für das Energierecycling rüsteten sich
die alten Großdeponien mit Deponiegasnutzungsanlagen aus. In dieser Richtung wagte der
Senat den Versuch der Müll-Kohle-Entgasung. Im Rahmen des Abfallwirtschaftsprogramms
wurde der Müllverbrennungsanlage Ruhleben im Sinne des Energierecyclings große
Bedeutung beigemessen. Insofern entfaltete sich das technische Gefüge des
Entsorgungsnetzes in die Richtung der Wiederverwertung von Abfällen.
Wie oben erwähnt, setzte das Programm nicht nur bei technischen Lösungen an, sondern
auch bei sozialen Lösungen. Die Zusammenarbeit der Verbraucher- und Umweltverbände bei
der Abfallpolitik und das Motivieren der Bürger zur getrennten Sammlung stellten wichtige
Grundsätze des Programms dar. Es stellte sich heraus, dass eine hoch technisierte Lösung wie
der Einsatz der Müllsortieranlage weniger lohnend als die getrennte Sammlung auf Basis der
Bürgerbeteiligung war. Sofern das steigende Umweltbewusstsein und ein dementsprechendes
Verhalten in der Bevölkerung zu erkennen war, schien es wichtig, das bürgerliche
Engagement in abfallwirtschaftlichen Maßnahmen einzubeziehen. In dieser Hinsicht wurden
die Bürger als Partner der Abfallpolitik anerkannt. Im politischen Feld konnte das ökologische
Interesse der Bürger verstärkt vertreten werden, indem die Alternative Liste- die Partei der
Grünen- ins Abgeordnetenhaus Einzug hielt. Unter diesen Rahmenbedingungen erlebten
ökologisch alternative Maßnahmen eine realpolitische Sinngebung.
Abfallwirtschaft zwischen Ökologie und Ökonomie
Im abfallwirtschaftlichen Entsorgungsnetz blieb dennoch der Wunsch nach
Umweltschonung unerfüllt. In den Umweltberichterstattungen häuften sich Meldungen über
Schadstoffe in Abfällen. Mitte der achtziger Jahre erregte eine Reihe von Dioxinskandalen,
die mit Giftmüll und den Müllverbrennungsanlagen verbunden waren, großes Aufsehen.
Aufgrund dieser Schadstoffproblematik rückten Problemabfälle aus dem Hausmüll, die durch
die Verwendung von Produkten wie Batterien oder Haushaltschemikalien erzeugt wurden,
immer mehr ins Blickfeld, da sie Schadstoffemissionen bei Deponien und in den
205
Müllverbrennungsanlagen verursachten. Nach und nach setzte sich die Einsicht durch, dass
die im wesentlichen auf Recycling gerichtete Entsorgung keine geeignete Lösung dafür bieten
konnte.
Diese Problematik zeigte sich deutlich bei der Umsetzung der Abfallwirtschaft. Zwar
äußerte sich die Bundesregierung dahingehend, dass die Vermeidung von Abfällen Vorrang
vor der Verwertung haben sollte, aber es wurden nur wenige Maßnahmen in diesem Sinn
ergriffen. In der Tat war die Abfallwirtschaft im wesentlichen der ökonomischen Logik
unterworfen, wobei politische Interventionen so wenig wie möglich ergriffen werden sollten.
Demnach wurden Maßnahmen wie eine Produktionseinschränkung, die Schadstoffe von
vornherein hätte minimieren können, aufgrund wirtschaftlicher Beeinträchtigung soweit wie
möglich vermieden. Daraus erklärte sich auch die deutlich rückläufige Entwicklung des
Mehrwegbehälterverbrauchs. Die Politik setzte sich vor allem dafür ein, ein nach dem
Wirtschaftsmechanismus funktionierendes Verwertungssystem aufzubauen. Die
Fördermaßnahmen für Produkte aus Sekundärrohstoffen, die Entwicklung neuer
Verwertungstechnologien und die Erhöhung der Wirtschaftlichkeit machten die Kernpunkte
dieser Politik aus.
Im Rahmen der dem Wirtschaftsmechanismus folgenden Abfallwirtschaft wurde die
Erfassung und Verwertung von Problemabfällen vernachlässigt, sofern dies wirtschaftlich
nicht vertretbar war. So beschränkte sich die getrennte Erfassung auf Abfallstoffe wie Papier
oder Glas, die wegen vorhandener Absatzmärkte dem ökonomischen Prinzip gemäß in die
Produktion zurückgeführt werden konnten. Im Hinblick auf Verwertungstechniken fand man
für diese Abfallstoffe zahlreiche Möglichkeiten. Für Problemabfälle fehlten dagegen
industrielle Abnehmer, die sich für die Verwertung bereit hielten. In dieser Lage schien die
Einführung der getrennten Sammlung wie beim Fall von Papier zu kostspielig zu sein.
Dementsprechend suchte die BSR zum Beispiel durch die Einrichtung von „Mobilen
Sammelstellen“ diese Probleme zu lösen. Dieser Schritt schien jedoch nicht vielversprechend,
solange es keine Möglichkeit der Wiederverwertung gab. Denn die durch diese Sammelaktion
erfassten Abfälle mussten infolge mangelnder Verwertungsmöglichkeiten wieder in die DDR-
Deponien gebracht und dort gelagert werden. Erst Ende der achtziger Jahre befassten sich die
BSR intensiv mit dieser Schadstoffproblematik, indem Verwertungsanlagen für bestimmte
Schadstoffe wie Quecksilber und FCKW in den Werkstätten der BSR errichtet und erprobt
wurden.
Dass eine ökologische Zielsetzung bei der abfallwirtschaftlichen Entsorgung wenig Gewicht
hatte, ließ sich auch daran ablesen, dass das materielle Recycling von Papier der Verbrennung
von Papier, also dem energetischen Recycling, gleichgesetzt wurde. Während der Debatte
über die Verbrennung von Papier Mitte der Mitte der achtziger Jahre vertrat der Berliner
206
Senat die Meinung, dass das Verbrennen hinsichtlich des Energierecyclings die
Wiederverwendung des Papiers ersetzen könnte. Die Gefahr der Schadstoffemissionen bei der
Verbrennung musste im Namen des Recyclings heruntergespielt werden. Aufgrund des
Energierecyclings erörterten die BSR im Jahr 1985 wieder den Bau der zweiten MVA,
obwohl die Müllverbrennung durch die Dioxinskandale bei der Bevölkerung ins Zwielicht
geraten war.
In dem Kontext, dass der Anteil der Müllverbrennung an der gesamten Müllbeseitigung etwa
30 % betrug und die Zahl der mit dieser Technik beschäftigten Industrien und der Ingenieure
zunahm, erlangte die Idee der energetischen Verwertung eine große Resonanz. Den
Forschungen zu Pyrolyseverfahren, die ursprünglich als Alternative zum
Verbrennungsverfahren in Betracht gezogen wurden, kam die Bedeutung der energetischen
Verwertung von Abfall zu. Im Zeitraum von 1976 bis 1985 flossen ca. 13 % des Fördergelds
des Bundesministeriums für Forschung den Forschungsvorhaben zu Entgasungsverfahren zu,
die auf die Gewinnung von Öl oder Pyrolysegas abzielten, während der Anteil der Gelder für
Kompostverfahren bei 2,5 % lag. 1012 Zugleich wurde die Erforschung von BRAM-
Technologien (Brennstoff aus Müll) intensiv verfolgt. Es stand jedoch fest, dass die Pyrolyse
von Hausmüll unter energetischen Gesichtpunkten kein geeignetes Behandlungsverfahren
darstellen dürfte. In ökologischer Hinsicht erwiesen sich diese Verfahren als nicht
wünschenswert.
Die ausgeprägte Neigung zum Technischen war auch in Berlin zu beobachten. Seit 1982
investierte der Berliner Senat in das Projekt „Müll-Kohle-Entgasung“ ca. 40 Mio DM,
obwohl der vorherige Versuch bei der Entgasung keinen Erfolg gebracht hatte. Entgegen den
Erwartungen des Senats stellte sich heraus, dass das Ziel wirtschaftlicher Gaserzeugung nicht
erreicht wurde und ökologische Bedenken nicht unbedeutend waren. Im Jahr 1988 wurde das
Projekt schließlich eingestellt.
Diese ökologischen Bedenken bei der abfallwirtschaftlichen Entsorgung wirkten sich
dahingehend aus, dass der Bundestag im Jahr 1986 das neue Abfallgesetz, das die
Verhinderung der Akkumulation von Schadstoffen und Umweltbelastungen in den
Mittelpunkt stellte. Das neue Gesetz enthielt jedoch wirtschaftliche Vorbehaltsklauseln, die
der ökologischen Abfallwirtschaft im Wege standen. Mit der Entstehung der Müllbewegung
verbreitete sich zwar die Idee der ökologischen Abfallwirtschaft, die der Abfallvermeidung
den Vorrang vor der Wiederverwertung gab, aber die ökonomische Abfallwirtschaft blieb bis
Anfang der neunziger Jahre unverändert vorherrschend.
1012 UBA, Jahresbericht 1985, S. 11.
207
Berlin : Paradox der Insellage
Wirft man einen Blick auf die abfallpolitische Entwicklung in Berlin, gewinnt man den
Eindruck, dass die Insellage der geteilten Stadt auf der einen Seite eine Modernisierung (die
Umstellung zur Verbrennung) beschleunigte, während sie auf der anderen Seite einen
hemmenden Einfluss auf die Abfallwirtschaft ausübte. Bei der Umstellungsplanung der
Abfallbeseitigung spielte die politisch-geographische Insellage eine entscheidende Rolle.
Aufgrund der fehlenden Umgebung setzte sich der aus dem Bau zweier
Müllverbrennungsanlagen bestehende Plan ohne nennenswerten Widerstand durch. Der
Einsatz des Müllverbrennungsverfahrens in einer Größenordnung von 1 Millionen Tonnen
Müll pro Jahr war aus dem Grund gerechtfertigt, dass das andere Verfahren, die
Kompostierung, hinsichtlich des Flächenbedarfs und des Absatzmarktes als ungünstig
angesehen wurde. So kam das geographische Hindernis der Insellage der Durchsetzung der
relativ radikalen Planung des Berliner Senats zugute. Im Hinblick auf die Technisierung der
Abfallbeseitigung ging die Stadt Berlin vor diesem Hintergrund einen Schritt voran. Im Jahr
1967 wurde ein Teil des Plans abgeschlossen, als die MVA Ruhleben in Betrieb ging.
Kurz darauf bot der gleiche Zustand in einem anderen Kontext der Stadt Berlin eine neue
Möglichkeit für die Abfallbeseitigung. Die territoriale Trennung ermöglichte, dass die
Landesregierung Berlin ihre Müllprobleme in der DDR zu lösen versuchte. Diesem Wunsch
kam das ökonomische Interesse der DDR entgegen, die im Müllhandel einen Weg zur
Devisenbeschaffung suchte.
Vor diesem Hintergrund kam im Jahr 1974 der Müllverbringungsvertrag zustande. Damit
erhielten die Westberliner ein zwanzigjähriges Benutzungsrecht der DDR-Deponien. Die
möglichen Umweltbeeinträchtigungen dieser Anlage für die DDR-Anwohner blieben
außerhalb des Horizonts der Bürger in Berlin (West) die sich zu dieser Zeit aufgrund der
Planung von Müllverbrennungsanlagen in ihrer Nähe mit den Senatsverwaltungen in
Konflikten befanden. Dank dieser Unbekümmertheit ging regelmäßig fast die Hälfte der in
Berlin (West) jährlich anfallenden Abfälle in die DDR-Deponien, was letztendlich zur
ökologischen Schonung der Umgebung in Berlin (West) beitrug. Somit waren der Berliner
Landesregierung weitere Konflikte mit Bürgern erspart geblieben. Seit dem Abschluss des
Vertrags befassten sich die Senatsverwaltungen hauptsächlich mit technisch-organisatorischen
Problemen bei der Müllverbringung. Der „langfristige Abfallbeseitigungsplan“, der sich
administrativ als mangelhaft erwiesen hatte, blieb unbearbeitet.
Der anfänglich als politische Errungenschaft gepriesene Vertrag bildete seit Ende der
siebziger Jahre einen Streitpunkt bei parlamentarischen Debatten. Das ging vor allem auf neue
Rahmenbedingungen seit Mitte der siebziger Jahre zurück. Innerhalb der ökologischen
208
Bewegung fanden Recyclingmaßnahmen des Abfallwirtschaftsprogramms zunehmend
öffentliche Aufmerksamkeit. Aus privatwirtschaftlichen Initiativen wurde auch in Berlin die
getrennte Sammlung von Hausabfällen punktuell durchgeführt. Als Schwerpunkt der
Abfallpolitik wurde die Wiederverwertung des Abfalls als vorrangig betrachtet. All dies
machte es unausweichlich, dass der eine Lieferung der festgesetzten Menge von Abfällen
vorsehende Müllvertrag als kontraproduktiv für die abfallwirtschaftliche Entwicklung
angesehen wurde. Dem Senat wurde vorgeworfen, dass er wegen der Vertragserfüllung die
Förderung des Recyclings versäumte. Franz J. Schweitzer, der Geschäftsführer der RGR,
schrieb in einem Artikel: „[...] bezogen auf das Recycling in Berlin können die
Verantwortlichen gar nicht so sehr daran interessiert sein, bereits fehlende Müllmengen noch
dadurch zu vergrößern, dass man die Recycling-Idee und praktische Durchführung
unterstützt.“1013
Erst im Jahr 1983 machte die Stadt Berlin einen wesentlichen Schritt zur Abfallwirtschaft,
indem das Abfallwirtschaftsprogramm Berlins erstellt wurde. Um günstige
Rahmenbedingungen für die Abfallwirtschaft zu schaffen, nahm der Senat Verhandlungen mit
der DDR zur Erneuerung des Müllvertrags auf. Seit 1985 erhöhte sich gegenüber der
verringerten Hausmüllmenge die Liefermenge von Sonderabfällen in die DDR-Deponie.
Somit gelangte die Stadt Berlin in die Lage, das Recycling von Hausmüll in großem Umfang
praktisch durchzuführen. Dennoch stand der Müllvertrag weiterhin der Abfallpolitik Berlins
im Wege. Eine Studie, die auf die Erstellung des Abfallwirtschaftskonzeptes für Berlin und
Brandenburg abzielte, brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Bei diesem Vertrag handelt
es sich um einen Liefervertrag, der keinen Anreiz zur Verminderung der Abfallmengen gibt
und durch seinen bisherigen Charakter der gemeinsamen Ablagerung von Sonderabfällen und
Siedlungsabfällen verschiedenster Herkunft auch keinen Anreiz zur Getrennthaltung oder
Entmischung der Abfälle gab.“ 1014 Wie Kirsten Jörgensen in ihrer Studie über die
Sonderabfallpolitik Berlins darstellte, erlaubte der Vertrag die Verzögerung einer
grundlegenden Umorientierung im Sonderabfallbereich.1015 Bis zum Jahr 1989 stand keine
flächendeckende Entsorgungsplanung für die in Berlin erzeugten Sonderabfälle zur
Verfügung, während das hessische Ministerium für Umwelt und Energie bereits 1986 ein auf
Vermeidung und Verwertung gerichtetes Konzept der Sonderabfallentsorgung vorlegte.
Die Verlagerung des Abfallproblems in die DDR hatte zur Folge, dass die Bevölkerung in der
wiedervereinigten Stadt Berlin an der finanziellen Last wegen der kontaminierten Böden und
Gewässer durch die Deponien für Abfälle aus Berlin (West) leiden sollte.
1013 Schweitzer, Getrennte Sammlung, S. 98 f.
1014 ITU, Konzeptstudie, S. 30.
1015 Jörgensen, Sonderabfallpolitik.
209
210
Ausblick
An der Berliner Geschichte ist abzulesen, wie die gesellschaftliche Wahrnehmung der
Abfallproblematik einem Wandel unterzogen war, welche technische Lösungen im Gefolge
des Wandels bevorzugt gefördert oder in den Hintergrund gedrängt wurden, und wie der
Auftritt neuer Akteure - Umweltverbände und Bürgerinitiativen - auf die technischen
Entwicklungen Einfluss hatte. Abschließend wird dieser Zusammenhang anhand der
Entwicklungsgeschichte von einigen technischen Anlagen und Verfahren kurz noch mal
aufgegriffen und erörtert.
Wirft man einen Blick auf die Geschichte der Kompostierung in Berlin (West), ist zu
beobachten, wie ein umweltorientierter Wahrnehmungswandel auf den Einsatz der Technik
hinwirkte. Die Debatte über die Errichtung einer Kompostanlage regte sich immer wieder,
seitdem die Modernisierung der Abfallbeseitigung in Berlin (West) thematisiert wurde.
Während der Ende der fünfziger Jahre begonnenen Diskussion über den ersten
Müllbeseitigungsplan wurde allerdings die Kompostierung statt des
Müllverbrennungsverfahrens nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Die herrschende Meinung
der hygienischen Müllbeseitigung räumte dem Verbrennungsverfahren einen Vorrang ein,
während die Berliner Insellage die Kompostierung verhinderte, denn der Absatz der
Kompostprodukte erschien unter dieser Bedingung aussichtslos. Mit dem Beschluss des
Bauplans von zwei MVA im Jahr 1961 kam die Kompostierung nicht mehr in Frage.
Anfang der siebziger Jahre veränderte sich die Lage. Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit
richtete sich in erster Linie auf das Umweltprobleme der Luftverschmutzung. Jedoch wurde
der Beeinträchtigung von Oberflächengewässer und des Grundwassers wenig Beachtung
geschenkt. Bei der Abfallproblematik ging es nicht nur um die hygienische Beseitigung,
sondern auch um die Vermeidung der durch Abfall verursachten Umweltschäden. Dieser
Wandel führte zu einer Veränderung der Technikbewertung. Angesichts der Annahme der
geringeren Schadstoffemissionen aus der Kompostierung von Abfällen nahm dieses
Verfahren einen höheren Stellenwert gegenüber der Müllverbrennung ein. In den
Umweltverbänden und Bürgerinitiativen wurde die Ansicht vertreten, dass die Kompostierung
als Alternative zum Müllverbrennungsverfahren, das wegen der möglichen
Luftverschmutzung in die Kritik geraten war, eingesetzt werden sollte.
Dieses Argument wurde aber damit gekontert, dass auch bei der Kompostierung Abgase und
Sickerwasser emittiert werden. Von den Landwirtschaftsbetriebe wurde die Anwendung von
Kompost aus Haushaltsabfällen abgelehnt, da Schadstoffe mit dem Kompost auf den Boden
ausgetragen werden konnten. Dies brachte Schwierigkeiten beim Absatz von Kompost mit
211
sich. Unter diesen Umständen planten die BSR, ein Kompostwerk nur zur
Forschungszwecken zu errichten. Dieser Plan scheiterte jedoch.
Die Kompostierung von Hausmüll kam erstmals in den achtziger Jahren zum Einsatz, als die
ökologische Orientierung auf politischer Ebene in der Form der Abfallwirtschaft umgesetzt
wurde. Im Rahmen der Abfallwirtschaft, die mittels Recycling auf Abfallverminderung und
schließlich Umweltschutz abzielte, galt die Kompostierung als ein wichtiges Verfahren für
stoffliche Abfallverwertung. Dieser Weg erwies sich jedoch als unvertretbar, weil Schadstoffe
in Haushaltsabfällen auf Kompostprodukte ausgetragen wurden. Daher wurde nur noch die
Kompostierung von getrennt erfassten Grünabfälle realisiert. Nach dem Beschluss des
Berliner Senats im Jahr 1983 kam die Kompostierung von Grünabfällen in Berlin (West) zum
Einsatz. Das Abfallwirtschaftsprogramm ermöglichte die neue Interpretation der
Kompostierung und schaffte die Voraussetzung für den Einsatz.
Unter diesem Wandel erlebte eine Sammeltechnik, die neue Müllsaugtechnik, im
Unterschied zur Kompostierung wegen ihrer offensichtlichen Nachteile den Rückgang
öffentlicher Aufmerksamkeit. Anfang der siebziger Jahre erregten die Müllsauganlagen in der
Fachwelt als modernste Sammeltechnik in großen Wohnhäusern großes Aufsehen. Die
Reduzierung des Personalbedarfs, der Müllsammlungskosten und des Platzbedarfs für
Müllsammelgefäße waren Hauptargumente für den Einsatz dieser Technik. Komfort und
Vollautomatik der Anlage schien dem Image der modernen Zeit zu entsprechen. Bei neuen
Wohnungsbauprojekten wurde diese Technik in Großstädten einige Male angewendet. So
entschied sich die BSR im Jahr 1976 für die Errichtung einer Müllsauganlage in der
Schlangenbader Straße.
Mit dem neuen Abfalldiskurs über Recycling verlor jedoch der anfänglich angepriesene
Vorteil des Verfahrens der sauberen und bequemen Müllsammlung an Bedeutung. In den
Mittelpunkt der Abfalldiskussionen rückte die Rückgewinnung von Stoffen aus Abfällen, was
bei der Planung der Sauganlagen noch nicht in Betracht gezogen worden war. In der
Bevölkerung wurde zunehmend die Ansicht vertreten, dass die Bequemlichkeit dem
Umweltschutz geopfert werden könnte. Unter diesen Umständen machte auch die in der
Praxis nachgewiesene Unwirtschaftlichkeit die Anlage uninteressant. Aus diesem Grund
wurden weitere Projekten untersagt, so dass die Errichtung der Anlage in der Schlangenbader
Straße eine kurze Episode blieb.
Es zeigte sich, dass die ökologische Orientierung im Abfalldiskurs anstelle hoch
technisierter Lösungen andere Wege nahe legte. Die Entwicklung des Berliner Modells wies
einen Paradigmenwechsel für die Lösung eines Teils des Abfallproblems auf. Im
212
Abfallwirtschaftsprogramm von 1983 legte der Berliner Senat fest, dass das die Vortrennung
in Haushalten voraussetzende Sammlungssystem-Berliner Modell- weiter eingesetzt wurde.
Diese Entscheidung stützte sich darauf, dass sich das Sammlungsmodell für einige für die
Verwertung geeignete Abfallarten aufgrund der hohen Akzeptanz in der Bevölkerung als
erfolgreich erwies. Mit zunehmendem Umweltbewusstsein empfanden die Bürger in der Tat
die Anforderung des Modells (Vortrennung) nicht mehr als belastend, sondern akzeptierten
diese Betätigung als umweltgerechtes Verhalten. Auf Grund dieser Bereitschaft konnte das
Sammlungssystem die Sortieranlagen ersetzen und machte diese Technik für marktfähige
Abfälle zur Verwertung überflüssig. Das Berliner Modell etablierte sich im Lauf der Zeit als
eine Grundlage des Entsorgungssystems. In dieser Geschichte zeigt sich, dass die
Verkoppelung zwischen technischen Apparaten und sozialem Handeln eine Ergänzung zu
einer reinen technischen Lösung (der Einsatz der Sortieranlage) darstellte.
Alle drei Beispiele verdeutlichen, wie die neue ökologische Orientierung der Gesellschaft
die technischen Entwicklungen beeinflusste. Der gesellschaftliche Wertewandel begünstigte
oder benachteiligte die Entwicklung bestimmter Techniken. Darin sieht man die
gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeit für die Technik. Im Gegenzug deutet jedoch die
geringe Differenz der technischen Grundlage zwischen Abfallbeseitigungssystem und dem
abfallwirtschaftlichen Entsorgungsnetz die Existenz einer Art von technischer Eigendynamik
an, die mit Hughes Begriff „technisches Momentum“ zu erklären ist. Wirft man einen Blick
auf den Einsatz des Müllverbrennungsverfahrens, gewinnt man den Eindruck, dass diese
Technik allen ökologischen Bedenken und Protesten der Bürger zum Trotz den Durchbruch
schaffte. Die abfallwirtschaftliche Politik griff im Namen der energetischen Verwertung auf
das Verbrennungsverfahren zurück. Aus dem selben Grund - energetische Verwertung des
Abfalls- war vom Bau einer zweiten MVA in Berlin (West) die Rede. Trotz der skandalösen
Dioxinaffäre wurden die Müllverbrennungsanlagen aus den kommunalen Entsorgungsnetzen
nicht ausgeschlossen, sondern mit verbesserten Filteranlage ausgerüstet.
An der Beständigkeit des Verbrennungsverfahrens zeichnet sich die Eigendynamik der
etablierten Technik ab. Es fällt schwer, eine mit verschiedenen Komponenten wie Industrien,
Fachingenieuren oder kommunalen Betreibern eng gekoppelte Technik -
Müllverbrennungsanlage- durch eine neue Technik zu ersetzen. Denn die Interessen der
verschiedenen Akteure richteten sich auf die Gewährleistung des weiteren Bestandes der
Anlagen. Von Seiten der Ingenieure wurden Versuche unternommen, die Umweltschäden zu
vermindern, um die gesellschaftliche Akzeptanz für die Anlagen zu schaffen. Auch die
kommunalen Betreiber bemühten sich aus ökonomischen Gründen um den weiteren Betrieb
der vorhandenen Anlagen. Somit bildete sich ein technisches Momentum der
213
Verbrennungstechnik heraus. Unter der neuen Situation änderte sich nur noch die
Entwicklungsrichtung der Technik: Man strebte die Umweltfreundlichkeit der Anlage an.
Aus den beiden Faktoren - Gestaltungsmöglichkeit der Gesellschaft und eigenes Momentum
der Technik - ergibt sich eine evolutionäre Entwicklung in der Abfallentsorgung.
214
Quellenverzeichnis
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1. Archiv der Berliner Stadtreinigungsbetriebe
: BSR-Archiv
2. Landesarchiv Berlin
B. Rep. 11: Acc.1322, Nr. 2-8
B. Rep. 16: Acc. 3415 Nr. 233-234, Acc. 3691, Nr. 311, Nr. 394, Nr. 571, Nr. 572
3. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv
SAMPO-BArch DY/30/J IV 2/3 1876; 30/J IV 2/2 5570, 5569
DY/30/2957; 2958; 3032; 3043; 3128; 3129; 3130; 3131; 3133;
3134
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A 127; A 199; A 148; A 186; A 103; C ZXIII; C ZXIV; C ZXV
5. Privatsammlung Piesches
MfS Rechtstelle 188
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BSR- Geschäftsberichte 1968-1990
Drucksachen des Abgeordnetenhauses 1951-1990
Informationen. Umweltschutzforum Berlin 1972-1981
Mitteilungen des Abgeordnetenhauses 1951-1971
Plenarprotokolle des Abgeordnetenhauses 1971-1990
Protokolle: Ausschuss für Gesundheit und Umweltschutz; Ausschuss für Stadtentwicklung
und Umweltschutz 1971-1990
Stachel, Zeitung der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz 1981-1990
Stadtverordnetenversammlungen von Groß-Berlin. Drucksachen 1946-1950
Stenographische Berichte des Abgeordnetenhauses 1951-1971
Recycling-Rundbrief 1983-1987
Umweltschutz-Berichte 1972;1976;1978;1980;1984;1988
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