scieee Science in your language
[en] (orig)
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 21. Oktober 2019
Berlin 2020
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. Franz Dietrich
Gutachter: Prof. Dr.-Ing. Robert Dust
Gutachter: Prof. Dr. Elmar Bräkling
vorgelegt von
M.Sc.
Yanfu Lu
an der Fakultät V - Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technische Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation
Fehleranalysestrategien für digitale Dienste in der
Kunden Nutzungsphase
Abstract
Das übergeordnete Ziel dieser Dissertation ist die wissenschaftliche Forschung und
Entwicklung der Fehleranalysestrategien für digitale Dienste in der Automobilindustrie.
Im theoretischen Teil dieser Arbeit werden die Grundlagen von Software
Qualitätsmanagement, digitalen Diensten sowie Standards des Fehlermanagements in
der Automobilindustrie und IT-Branchen beleuchtet. In dieser Arbeit wurde „Fehler“ als
die Nichterfüllung von verfügbaren funktionalen Produktmerkmalen sowie die
Abweichung von Kundenerwartungen definiert. Die Kundenerwartung für digitale
Dienste wurde mittels einer Benchmark Analyse von digitalen Produkten in der
Automobilindustrie und Mobilitätsdienstleistungs-Unternehmen untersucht.
Für die Beantwortung der Forschungsfrage wurden neben theoretischen Fundierungen
des Untersuchungsgegenstands empirische Erhebungen vorgenommen. Um die
Qualitätsaspekte und -Standards in der Früh- und Nutzungsphase der digitalen Dienste
weiterzuentwickeln, wurden verschiedene Industrieinterviews und Befragungen mit
klassischen Automobilherstellern sowie etablierten neuen globalen Playern, IT-
Unternehmen und Start-ups durchgeführt.
Abschließend konnten Handlungsempfehlungen für die Gestaltung von
Fehleranalysestrategien im Bereich der digitalen Dienste abgeleitet werden. Einerseits
ist die zukunftsgerichtete Selektion passgenauer Kooperationspartner und die Befolgung
von Qualitätsstandards zu nennen, andererseits ist die Entwicklung einer agilen
Qualitätskultur und -methodik zu empfehlen. Die beschriebenen Aspekte sind
maßgeblich, um die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Es geht darum,
Entwicklungszeiten zu verkürzen und flexibel auf neue Kundenanforderungen reagieren
zu können. Diese Fähigkeiten gelten als wichtige Erfolgsfaktoren für Qualitätsstrategien
digitaler Dienste.
Abstract (English)
The main goal of this dissertation is to research and develop issue analysis strategies
for digital services in the automotive industry.
In the theoretical section of this thesis, the basics of software quality management and
digital services, as well as the standards of issue management in the automotive and IT
industries are examined. In this thesis, “issue” was defined as the non-fulfillment of
available functional product features and deviation from customer expectations.
Customer expectations for digital services were measured using benchmarking analysis
of digital products in the automotive industry and mobility service companies.
In addition to exploring the theoretical foundations of the object of investigation, empirical
surveys were carried out to answer the research question. In order to further develop the
quality aspects and standards in the early and usage phases of the digital services,
various industry interviews and questionnaires were completed with classic car
manufacturers as well as established new global players, IT companies, and start-ups.
Finally, recommendations for action steps in the design of issue analysis strategies in
the field of digital services have been derived. On the oEinleitungne hand, the future-
oriented selection of tailor-made quality standards has been set forth as an imperative
for cooperation partners; on the other, the development of agile quality culture and
methodology is recommended. The skills described are essential to ensure future
competitiveness. Shortening development times and being able to react flexibly to new
customer requirements are considered important success factors for implementing
quality strategies in digital services.
Vorwort
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als Gastwissenschaftler im
Fachgebiet Qualitätsstrategie und Qualitätskompetenz im Institut für
Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb an der Technischen Universität Berlin sowie als
Industrie-Doktorand im Bereich Qualitätsmanagement bei Mercedes-Benz Cars in
Sindelfingen.
Mein besonderer Dank gilt zunächst meinem Doktorvater Herrn Prof. Dr.-Ing. Robert
Dust, der meine Arbeit stets mit viel Verständnis unterstützt und gefördert hat. Er gab
mir die Möglichkeit zum selbständigen Arbeiten, regelmäßigen und offenen
Diskussionen sowie zu wissenschaftlichen freien Entfaltungen.
Für konstruktive Anregungen danke ich ebenso Prof. Dr. Elmar Bräkling, der meine
Doktorarbeit als zweiter Gutachter betreut hat. Weiterhin danke ich Herrn Prof. Dr.-Ing.
Franz Dietrich für die Übernahme des Vorsitzes im Prüfungsausschuss.
Für vielfältige Unterstützung bin ich besonders Herrn Arne Ramm, Frau Elke Hammann
und meinen Kolleginnen und Kollegen im Fachgebiet Qualitätsstrategie und
Qualitätskompetenz der Technischen Universität Berlin verbunden.
Außerdem möchte ich mich bei Herrn Stefan Meyer und Frau Christina Wurz aus der
Daimler AG in Sindelfingen bedanken. Sie haben mich vor allem zu Beginn meiner
Doktorarbeit durch ihre industriellen Erfahrungen sowie Projektarbeiten unterstützt.
Schließlich bedanke ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen meiner ehemaligen
Abteilungen aus dem Bereich Qualitätsmanagement in der Daimler AG in Sindelfingen
für die Zusammenarbeit sowie Diskussionsbereitschaft in einer sehr angenehmen,
kreativen Atmosphäre.
Mein spezieller Dank gilt meinen Eltern, die mich während meines Studiums und meiner
Promotion in Deutschland mit großem Engagement unterstützt haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung.............................................................................................................. 1
2 Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen ..................................................... 3
2.1 Unternehmenskultur und Geschäftsmodell ..................................................... 3
2.2 Tendenzen und Hypothesen in der Automobilindustrie................................... 4
2.3 Chancen und Herausforderungen .................................................................. 8
2.4 Forschungsfragen der Dissertation................................................................. 9
2.5 Aufbau der Dissertation .................................................................................10
3 Grundlagen und Stand der Technik .....................................................................11
3.1 Grundlagen Qualitätsmanagement ................................................................11
3.2 Grundlagen Software ....................................................................................13
3.2.1 Entstehung sowie Lebenszyklus eines Software-Produkts .....................14
3.2.2 Automotive SPICE .................................................................................16
3.2.3 Softwaremerkmale .................................................................................17
3.2.4 Qualitätsmerkmale von Software ............................................................18
3.2.5 Nutzungsqualität von Software ...............................................................20
3.3 Grundlagen und Definition der digitalen Dienste............................................21
3.3.1 Definition digitaler Dienste in dieser Dissertation ....................................22
3.3.2 Beispiele von Ökosystemen digitaler Produkte .......................................24
3.4 Standards und Definitionen der Fehlerklassifizierung und des
Fehlermanagements .....................................................................................25
3.4.1 Normen und Definitionen von Fehlern ....................................................26
3.4.2 Anforderungsmanagement .....................................................................29
4 Stand der Forschung ...........................................................................................32
4.1 Benchmarking ...............................................................................................33
4.1.1 Grundlagen und Zielsetzung Bechmarking .............................................33
4.1.2 Durchführung des Benchmarkings .........................................................34
4.1.3 Ergebnisse des Benchmarkings der digitalen Dienste ............................36
4.2 Kundenanforderungen...................................................................................40
4.2.1 Grundlagen der Kundenanforderungen ..................................................40
4.2.2 Ergebnisse Benchmarking-Analyse und Kundenzufriedenheit bezüglich
digitaler Dienste .....................................................................................42
4.3 Fehler und Fehlerarten der digitalen Dienste .................................................44
4.3.1 Status quo des Fehlerabstellprozesses ..................................................45
4.3.2 Fehlermanagement-Methoden ...............................................................47
4.3.3 Kritik an Fehlermanagement-Methoden .................................................50
4.4 Umgang mit Reklamationen ..........................................................................52
4.4.1 Beschwerdemanagement (BM) ..............................................................52
4.4.2 Ablauf 8D-Methode ................................................................................53
4.4.3 Umgang mit Reklamationen in der Software-Branche ............................58
4.4.4 Standardisierter Reklamationsprozess in der Automobilindustrie ...........59
4.5 Neue Begriffe rund um die Fehleranalysestrategien digitaler Dienste ............61
4.6 Agilität ...........................................................................................................63
4.6.1 Agiles Qualitätsmanagement nach DGQ ................................................63
4.6.2 Werte und Prinzipien agiler Methoden ....................................................65
4.6.3 Agile Methode Scrum .............................................................................66
4.6.4 DevOps ..................................................................................................67
5 Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden
im Bereich Connectivity .......................................................................................70
5.1 Zielsetzung und Forschungsfragen ...............................................................70
5.2 Zusammenfassung der Analyse ....................................................................71
5.2.1 Rahmenbedingungen für die Rolle des Qualitätsmanagers ....................74
5.2.2 Technische Rolle des Qualitätsmanagers ..............................................75
5.2.3 Konzeptionelle Rolle des Qualitätsmanagers 2.0 ...................................77
5.3 Agile Organisationsstruktur schaffen .............................................................79
5.4 Zusammenfassung und Fazit ........................................................................82
5.5 Ausblick ........................................................................................................89
6 Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste ..91
6.1 Zielsetzung ....................................................................................................91
6.2 Vorstellung bisheriger Studien sowie Umfragen ............................................92
6.2.1 Beschreibung des Datenerhebungsinstruments und des
Erhebungsablaufs ..................................................................................93
6.2.2 Datenerhebung und Auswertung der Ergebnisse ...................................94
6.2.3 Diskussion der Ergebnisse .....................................................................98
6.3 Industrie-Interviews .......................................................................................99
6.4 Ergebnisse und Ergebnisdiskussion ............................................................ 100
6.5 Kritische Einordnung, Ausblick und Zusammenfassung .............................. 102
7 Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste ....................................... 104
7.1 Ergebnisse der Interviews Leitfaden Fehlermanagement ............................ 104
7.2 Fehlerklassifizierung für digitale Dienste ..................................................... 107
7.3 Modelldarstellung des Fehlerbeseitigungsprozesses .................................. 110
7.3.1 Integration des Fehlerbeseitigungsmodells in den Produktlebenszyklus ...
............................................................................................................. 110
7.3.2 Fehlererfassungsmaßnahmen in der IT-Branche ................................. 112
7.3.3 Auswertung von Kundenrezensionen ................................................... 114
7.4 Weiterentwicklung des agilen Fehlermanagement-prozesses ..................... 116
7.4.1 Entwurf eines agilen Fehlermanagementprozesses ............................. 116
7.4.2 Allgemeine Ideen, Hypothesen und Ansätze ........................................ 118
7.5 Weiterentwicklung Reklamationsmanagement als Teil des gesamten
Fehleranalyseprozesses ............................................................................. 120
7.5.1 Teilprozess Initialisierung ..................................................................... 121
7.5.2 Teilprozess 4D+1-Methode .................................................................. 124
7.5.3 Teilprozess Verifikation/Abschluss ....................................................... 126
7.5.4 Teilprozess Beanstandung ablehnen ................................................... 129
7.5.5 Teilprozess Produktrückruf ................................................................... 129
7.5.6 Ergebnisse und Zusammenfassung ..................................................... 130
7.6 Herausforderungen und Risiken .................................................................. 131
7.7 Kritische Reflexion ...................................................................................... 133
8 Zusammenfassung und Zukunftsausblick .......................................................... 134
9 Literatur ............................................................................................................. 137
10 Anhang .............................................................................................................. 146
Abbildungen Verzeichnis
Abbildung 1.1: Allgemeine Darstellung Qualitätsmanagements digitale Dienste in der Automobilindustrie
2
Abbildung 2.1: The five core areas of the new software organization 4
Abbildung 2.2: Änderung der Wettbewerber und des Geschäftsmodells in der Automobilindustrie
6
Abbildung 2.3: Fahrzeuge mit Internetverbindung weltweit von 20122020 in Milliarden 7
Abbildung 2.4: Anteil vernetzter Fahrzeuge bis 2025 7
Abbildung 2.5: Zukünftiges Zusammenarbeitsmodell im Feld Connectivity 8
Abbildung 3.1: Anforderung, Ergebnis, Qualität 11
Abbildung 3.2: Entwicklungsstufen des Qualitätsmanagements 12
Abbildung 3.3: Lebenszyklus eines Software-Produkts 14
Abbildung 3.4: Zusammenhang zwischen innerer sowie äußerer Software-Qualität und
Nutzungsqualität 21
Abbildung 3.5: Matching der Eigenschaften mit den Schnittstellen von digitalen Diensten 22
Abbildung 3.6: Neue Auto Mobilität 24
Abbildung 3.7: Relative Kosten für die Beseitigung eines Software-Fehlers 30
Abbildung 3.8: Eingeführte Software-Fehler in der Anforderungsentwicklung 30
Abbildung 4.1: Benchmarking-Arten im Vergleich 33
Abbildung 4.2: Ranking nach Leistungsvergleich 38
Abbildung 4.3: Spannungsdreieck nach Masing 41
Abbildung 4.4: Auszug der Funktionsübersicht nach Herstellern 42
Abbildung 4.5: Vergleich Kundenbewertungen Mercedes-me- und Tesla-App 43
Abbildung 4.6: Ranking nach Automobilhersteller 43
Abbildung 4.7: Fehlerabstellprozess im Aachener Qualitätsmanagementmodell 45
Abbildung 4.8: VDA Blauer Band, Schadteilanalyseprozess 46
Abbildung 4.9: Vergleich des ganzheitlichen Schadenteile-Rückführungsprozesses und
desjenigen digitaler ‚Komponenten‘ 47
Abbildung 4.10: Six-Sigma-DMAIC-Zyklus 49
Abbildung 4.11: Fehler Klassifizierungsprozess für Software in der Automobilindustrie 50
Abbildung 4.12: Integration des Fehler-Analyseprozesses für digitale Dienste in der
Automobilindustrie 51
Abbildung 4.13: Quellen der Felddaten klassische Komponenten 52
Abbildung 4.14: Partner im Produktentstehungsprozess 53
Abbildung 4.15: Prozessdarstellung 8D 54
Abbildung 4.16: Fehleranalyse Pyramide & Quality-Time-Feature Dreieck 62
Abbildung 4.17: Rolle des Fehlermanagements im gesamten Produktlebenszyklus 62
Abbildung 4.18: Ablauf des Scrum-Entwicklungsprozesses 67
Abbildung 5.1: Einbindung der Rolle QM 2.0 in die Entwicklungsarbeit 74
Abbildung 5.2: Technische Rolle des Qualitätsmanager 2.0 76
Abbildung 5.3: Konzeptionelle Rolle des Qualitätsmanagers 2.0 77
Abbildung 5.4: Produktzelle und zellulare Organisation 80
Abbildung 6.1: Bisheriger Kooperationsstand von Start-ups 95
Abbildung 6.2: QM-Zertifizierung in Start-ups 95
Abbildung 6.3: QM-Stellen in Start-ups 96
Abbildung 6.4: QM-Rollen in Entwicklungsteams 96
Abbildung 6.5: Referenzmodelle in Start-ups 97
Abbildung 6.6: Vorgehensmodelle in Start-ups 97
Abbildung 6.7: Evaluation des Vorgehens in Start-ups 98
Abbildung 7.1: Fehler-ID Phasenmodell 108
Abbildung 7.2: Entwurf eine agilen Fehlermanagementprozesses 118
Abbildung 7.3: Übermittlung der Beanstandungsdaten an den OEM 122
Abbildung 7.4: Datenübermittlung an den Lieferanten 122
Abbildung 7.5: Prüfung auf sicherheitsrelevante Folgen 123
Abbildung 7.6: Vorprüfung der Fehlerdaten 123
Abbildung 7.7: Kategorisierung und Priorisierung der Fehlerdaten 123
Abbildung 7.8: D3: Sofortmaßnahmen 124
Abbildung 7.9: D4: Ursachenanalyse 124
Abbildung 7.10: Prüfung der Beanstandung 125
Abbildung 7.11: D5+D6: Erarbeitung und Realisierung von Abstellmaßnahmen 125
Abbildung 7.12: Testen der Abstellmaßnahmen 126
Abbildung 7.13: Prüfung der Stellungnahme 127
Abbildung 7.14: Zurückweisung der Stellungnahme 127
Abbildung 7.15: Abschluss der Beanstandung 128
Abbildung 7.16: Prüfung auf Stornierung der Beanstandung 129
Abbildung 7.17: Stornierung der Beanstandung 129
Abbildung 8.1: Erfolgskriterien des weiterentwickelten Reklamationsprozesses 136
Tabellenverzeichnis
Tabelle 3.1: Vergleich Fehleranalyse IT-Branche mit Automobilbranche ................................... 17
Tabelle 3.2: Qualitätsaspekte einer Software nach ISO/IEC 25010:2011 .................................. 18
Tabelle 3.3: Vergleich der Eigenschaften zwischen Hardware und Software ............................ 19
Tabelle 4.1: Funktionsanalyse Automobilhersteller, Anzahl Funktionen ................................... 36
Tabelle 4.2: Anzahl der Bewertung ............................................................................................ 39
Tabelle 4.3: Grundsätze des agilen QM...................................................................................... 64
Tabelle 5.1: Zusammenfassung der Analyseergebnisse ............................................................ 73
Tabelle 6.1: Qualitätsmanagement in Start-ups ......................................................................... 93
Tabelle 7.1: Übersicht der Interviewpartner ............................................................................... 99
Abkürzung
Abb.
Abbildung
AG
Aktien Gesellschaft
AGB
Allgemeine Geschäftsbedingungen
App
Application
AR
Augmented Reality
B2B
Business to business
B2C
Business to customer
BMVI
Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur
Bspw.
Beispielweise
BVDS
Bundesverband Deutsche Startups e.V.
BVDS
Bundesverband Deutsche Startups e.V.
bzw.
beziehungsweise
CASE
Connected, Autonomous, Shared, Electric
CMM
Capability Maturity Model
CMMI
Capability Maturity Model Integration
CRM
Customer-Relationship-Management
DevOps
Developer Operations
DGQ
Deutsche Gesellschaft für Qualität
dh.
Das heißt
DIN
Deutsches Institut für Normung
DL
Dienstleister
DMAIC
Define Measure Analyse Improve Control
dpmo
defects per million opportunities
E/E
Elektrik/Elektronik
E2E
End-to-End
E-Drive
Electric Drive
EN
Europäische Norm
Etc.
et cetera (auf Deutsch: und die übrigen [Dinge])
FMEA
Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse
FTA
Fehlerbaumanalyse
GPS
Global Positioning System
GUI-Test
Graphical user interface Test
HTML
Hyper Text Markup Language
HW
Hardware
i.d.R
In der Regel
IAA
Internationale Automobil-Ausstellung
IaC
Infrastructure as Code
ID
Identifikator
IEC
International Electrotechnical Commission
IEEE
Institute of Electrical and Electronics Engineers
iOS
Internetwork Operating System (Betriebs system)
ISO
International Organization of Standardization
J.D. Power
James David Power
KI
künstliche Intelligenz
KIEFA
Karosserie, Innenraum, Elektrik/Elektronik, Fahrwerk und Antrieb
KPI
Leistungsindikator
KPI
Key Performance Indicator
Lft.
Lieferant
LoC
Lines of Code
MAO
Mitarbeiterorientierung
MVP
Minimum Viable Product
NFZ
Nutzfahrzeug
NTF
No Trouble Found
OEM
Original Equipment Manufaktur
OTA
Over - the - air
PDCA
plan - do - check - act
PEP
Produktentwicklungsprozess / Produktentwicklungsphase
PKW
Personal Kraft Wagen
PO
Product Owner
Q
Qualität
QFD
Quality Function Deployment
QM
Qualitätsmanagement
QSK
Fachgebiet Qualitätsstrategie und Qualitätskompetenz, TU Berlin
R&D
Research and development
RGA
Reifegrad Absicherung
RPZ
Risikoprioritätszahl
S.
Siehe
SOP
Start of production
SPC
statistical process control
SPICE
Software Process Improvement and Capability Determination
SRE
Site Reliability Engineering
SW
Software
TQM
Total Quality Management
TU
Technische Unitersität
TV
television
UMTS
Universal Mobile Telecommunications System
UX
User Experience
VAN
Auf Deutsch: Großraumlimousine
VDA
Verband der Automobilindustrie
Vgl.
vergleich
V-Modell
Vorgehensmodell
XOR
eXclusive OR, exklusives Oder, entweder oder
z.B.
zum Beispiel
Einleitung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
1
1 Einleitung
Connectivity, Autonomes Fahren, Sharing und E-Drive sind sowohl neue
Herausforderungen als auch künftige Megatrends in der Automobilindustrie. Die OEMs
(Original Equipment Manufacturer) investieren seit Jahren viel in diese neuen
Themengebiete. Die intelligente Vernetzung von Daten eröffnet fundamental neue
Möglichkeiten für die Automobilindustrie. Mit einer digitalen Prozesskette von der
Forschung und Entwicklung über die Produktion bis hin zum Vertrieb sowie After-Sales
ist die Automobilindustrie bereits in die digitale Ära aufgebrochen.[1] Die Welt ändert sich
in rasanter Geschwindigkeit; Innovationen und damit die Anforderungen und
Erwartungen der Kunden sind zunehmend IT-basiert.
Der Fahrzeugbau wird immer komplexer und im Fahrzeug werden immer mehr Bauteile
mit Daten, Software und Apps kombiniert. Trotz hoher Anstrengungen in den
Entwicklungs- und Testprozessen zur Übergabe von reifen, robusten und fehlerfreien
Produkten an den Kunden treten während der Nutzungsphase beim Kunden
Abweichungen vom erwarteten Zustand auf. Somit stellt sich die Frage, wie die
Automobilindustrie zukünftig darauf reagieren soll. Innovation, Premiumqualität und
Partnerschaft sind seit Jahren wesentliche Erfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit
zwischen OEMs und Lieferanten. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Standorte
sollte unter Berücksichtigung der Entwicklung, Produktion, Lokalisierung,
Lieferantenbetreuung und Logistik ökonomisch optimiert werden. Hierbei sind nicht nur
die Kosten sowie der Zeitaufwand zu berücksichtigen, sondern auch die Nachhaltigkeit
der zukünftigen Qualitätsanalysestrategien und die Kundenzufriedenheit.
Mit der Tendenz des steigenden Software-Komponentenanteils im Fahrzeug spielen
heute die neuen Player und Start-ups aus der Unterhaltungselektronik und der IT-
Branche eine immer bedeutendere Rolle in der Automobilindustrie. Die neuen
Unternehmen und Forschungseinrichtungen entwickeln neuartige Werte und Ideen.
Immer kürzere Innovationszyklen und der steigende Anteil an Software-Komponenten
stellen Automobilhersteller, Zulieferer und Dienstleister permanent vor neue
Herausforderungen.[2] Der Entwicklungsprozess sowie der Lebenszyklus von digitalen
Diensten sind dabei kürzer als der Hardware-Entwicklungsprozess.
Qualität ist der Kern der deutschen OEMs und steht im Mittelpunkt. In diesem
Zusammenhang ist noch unklar, wie die Automobilhersteller das Thema
Kundenzufriedenheit in Bezug auf zukünftige Services definieren müssen. Damit
einhergehend muss auch geprüft werden, inwieweit die aktuelle Qualitätsmanagement-
Methodik angepasst werden muss. Qualität bleibt auch in Software-Projekten der
relevanteste Treiber für Kostensenkungen und Zeitreduzierung. Die Beseitigung von
Fehlern ist in fortgeschrittenen Lebenszyklusphasen, ähnlich wie bei Hardware, mit mehr
Zeitaufwand und Kosten verbunden als frühzeitige Fehleridentifikation
oder -prävention.[3] Das Qualitätsmanagement der OEMs steht nun also vor der
Herausforderung, die Qualität von Software sicherzustellen. Doch während sich die
Produktstruktur und die Anforderungen der Zusammenarbeit in der Entwicklung
Einleitung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
2
geändert haben, bleibt das Qualitätsmanagement noch immer das traditionelle nach der
International Organization of Standardization (ISO) 9000.
Vor diesem Hintergrund ist zu klären, ob das etablierte Qualitätsmanagement bei den
OEMs in seiner jetzigen Form weiterhin optimal die Qualität in den
Produktentstehungsprozess einbringen kann oder ob es neuer Modelle von
Qualitätssystemen bedarf (siehe Abb. 1.1).
Abbildung 1.1: Allgemeine Darstellung Qualitätsmanagements digitale Dienste in der Automobilindustrie
(Quelle: Eigene Darstellung)
Digitalisierung und Konnektivität beeinflussen auch das Rollenverhältnis zwischen
OEMs und Zulieferern.[4] Die Autohersteller beziehen heute nicht nur Hardware-
Komponenten von traditionellen Zulieferern, sondern auch digitale Dienste von globalen
IT-Unternehmen sowie Start-ups.
Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
3
2 Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
Die Automobilindustrie befindet sich in einem dynamischen Wandel, der durch
verschiedenste Trends eingeläutet wurde. Diese Innovationen wirken sich essenziell auf
die Gestaltung der zukünftigen Strategie der Automobilkonzerne aus: Durch sie werden
neue Geschäftsbereiche sowie -modelle entwickelt und alte erfahren teilweise große
Veränderungen. Neben technologischen Neuheiten wird die Dynamik auch durch den
demografischen Wandel, die Urbanisierung, hohe Wachstumschancen auf den
asiatischen Märkten und den Einstieg neuer Wettbewerber aus der IT-Welt mit ihren
Geschäftsmodellen in den Automobilsektor vorangetrieben.[5] In dieser Arbeit liegt das
Hauptaugenmerk auf der Weiterentwicklung von Fehleranalysestrategien digitaler
Services in der Automobilindustrie in der Nutzungsphase.
2.1 Unternehmenskultur und Geschäftsmodell
Im folgenden Abschnitt werden die bestehende Organisationsstruktur und das
traditionelle Geschäftsmodell klassischer Automobilhersteller beleuchtet. Der Auf- und
Ausbau von neuen Geschäftsfeldern erfordert nicht nur Investitionen in Form von
Forschung und Entwicklung, sondern auch die unterstützenden Prozesse müssen sich
entwickeln und andere Formen annehmen.
Der Aufbau eines Automobils weckt zunächst Assoziationen mit Motoren, Karosserie,
Achsen und anderen Hardware-Bauteilen. Traditionell ist die Automobilindustrie auch
eng mit der Produktion von Komponenten mittels Maschinen verbunden. Gemeinsam ist
diesen Automobilteilen, dass ihre Hauptfunktion ebenfalls hardwarebasiert ist und sie
dadurch ihren Kundennutzen entfalten. Die Produkte der traditionellen
Automobilhersteller werden zunehmend von digitalen Produkteigenschaften geprägt.
Die Digitalisierung der Automobilindustrie erfolgt heute entlang der klassischen
Kernbereiche, der modularen KIEFA-Produkt- oder Modulstruktur. Die KIEFA-Struktur
setzt sich aus den Komponenten Karosserie, Innenraum, Elektrik/Elektronik, Fahrwerk
und Antrieb zusammen. Die digitalen Dienstleistungen im Fahrzeug und die
entsprechenden mobilen Software-Anwendungen sowie der neuartige
Verbindungskanal zum Kunden werden in naher Zukunft einen wesentlichen
Erfolgsfaktor für die Automobilunternehmen darstellen. Demnach muss der Fortschritt
über die Elektrifizierung des Antriebsstrangs oder die Digitalisierung entlang der KIEFA-
Strukturen hinausgehen.[6]
Die Vernetzung mit und die Dienstleistung von disruptiven Technologien stellt die
gesamte Branche vor neue Herausforderungen und fordert Veränderungen beim
bewährten Geschäftsmodell. Die zentrale Strategie für digitale Dienstleistungen im
Fahrzeug und die dazugehörigen Geschäftsmodelle müssen auf die digitale Expertise
der Wertschöpfungsstufen aus der IT-Branche angepasst werden.
Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Daimler AG Dieter Zetsche sprach in diesem
Zusammenhang von einer „Kultur der Offenheit“ und meinte damit: „Um all das
Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
4
erfolgreich voranzutreiben, erfinden wir auch unsere Unternehmenskultur neu“. Neue
Geschäftsmodelle bedeuten zum einen neue Kunden, auf deren Anforderungen
möglichst schnell und flexibel eingegangen werden sollte, und zum anderen die
Einbindung von neuen Kompetenzen in Form von Mitarbeitern oder Kooperationen.[7]
Im Jahr 2015 wurde die neue Struktur in der deutschen Automobilindustrie neben KIEFA
als Connectivity oder Software-Bereich benannt. Wie z. B. bei Daimler als CASE
(Connected, Autonomous, Shared, Electric), wurde von Volkswagen im Jahr 2019 der
neue Bereich als „Digital Car and Services“ bezeichnet.[8]
Abbildung 2.1: The five core areas of the new software organization (Quelle: Volkswagen [8])
2.2 Tendenzen und Hypothesen in der Automobilindustrie
Diese Trends wurden bereits von einer Vielzahl großer deutscher Automobilhersteller
und Konzerne identifiziert und als Strategie formuliert.
Den Wandel hat auch Dieter Zetsche erkannt und weiß um die Chancen und Risiken,
die er birgt. „Um die Zukunft der Mobilität von der Spitze aus zu gestalten, haben wir im
besten Jahr unserer Firmengeschichte den größten Wandel angestoßen. Denn die
Automobilindustrie steht vor fundamentalen Umbrüchen. Connectivity, autonomes
Fahren, Sharing und Elektromobilität jedes dieser Themen hat das Potential, unsere
Branche auf den Kopf zu stellen…“[9] CASE: Autonomes Fahren, Vernetztes Fahrzeug,
Elektrischer Antrieb, Sharing
1) Autonomes Fahren
Der Wagen meistert im selbstfahrenden Modus Situationen eigenständig, also ohne
einen aktiv beteiligten Fahrer. Dadurch ergeben sich Möglichkeiten hinsichtlich
fließender Verkehrsströme, flexibler Logistikprozesse und komfortabler Fahrerlebnisse.
Vorstufen eines komplett autonom fahrenden Autos sind selbstständiges Abstandhalten
zu vorausfahrenden Fahrzeugen, Unterstützung bei Spurwechseln sowie das
Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
5
automatische Ausweichen und Bremsen. Ein Beispiel einer weiteren Innovation ist das
automatische Einparken per Smartphone.[9]
2) Connected Car
Das vernetzte Fahrzeug unterstützt den Fahrer mit lernfähigen Systemen und Connect-
Diensten, die mit der Umgebung kommunizieren. Zudem bietet es den Zugang zu
verschiedenen Services, den Abruf von Fahrzeuginformationen per App oder die
Warentransportorganisation. Konkrete Formen der Vernetzung äußern sich bspw. in
einem Austausch zwischen den einzelnen Fahrzeugen bei Stau oder Glätte. Weiterhin
ermöglicht die Vernetzung Funktionen, die bei der Parkplatzsuche unterstützen. Der
Fahrer ist über sein Smartphone ständig mit dem Auto verbunden und kann somit
Funktionen wie ferngesteuertes Parken, die Verwendung des Smartphones als
Fahrzeugschlüssel oder die Fernabfrage diverser Fahrzeuginformationen nutzen. In
gewerblicher Hinsicht sind vernetzte Transportsysteme, wie etwa im Verbund fahrende
Lkw-Flotten, interessant. Aber auch an vollautomatisierten Laderaumkonzepten und
Lieferdrohnen wird gearbeitet.[9]
3) Electric Mobility
Die Luft in den Städten wird durch das hohe Verkehrsaufkommen belastet, was
gesundheitliche Schäden für Mensch und Natur in der direkten Umgebung hervorruft.[10]
Auch politisch wurden in den letzten Jahren immer engere Grenzen für Emissionen
gesetzt.[11]
Damit ergibt sich für die Automobilkonzerne dringender Handlungsbedarf und es werden
neue Technologien erschlossen, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Durch
die Elektrifizierung von Antrieben ist ein emissionsfreies Fahren innerhalb und außerhalb
von Städten möglich. Erste Pkw-Serienmodelle gibt es bereits seit längerer Zeit auf dem
Markt und immer mehr Anbieter bringen Modelle heraus, weil sie deren aktuelles und
zukünftiges Potenzial erkannt haben. An der Elektrifizierung von gewerblich genutzten
Fahrzeugen wie Trucks, Vans und Bussen wird ebenfalls mit Hochdruck gearbeitet.[9]
Mit den elektrischen Antrieben wachsen allerdings auch die Investitionen in Forschungs-
und Entwicklungsfelder wie Batterie-Servicesysteme, stationäre Energiespeicher,
Ladestationen und Recyclingmöglichkeiten. Neben der Elektrifizierung wird auch an
Hybridkonzepten sowie Brennstoffzellen gearbeitet.[9]
4) Mobilitätsdienstleistungen Sharing and Service
Eine Fülle an Mobilitätsdienstleistungen ergänzt das Angebot der zukünftigen Mobilität.
Applikationen wie Car Sharing, Routenfinder mit zusätzlicher Buchungsoption des
jeweiligen Verkehrsmittels bieten den Anwendern eine Vielzahl von Möglichkeiten, ohne
dass sie selbst im Besitz eines Autos sein müssen. Die Option, Fahrzeuge flexibel und
bei Bedarf für eine kurz- oder mittelfristige Dauer zu mieten, ist seit Jahren unter Car
Sharing bekannt.[9] Viele der Automobilhersteller, aber auch Autovermietungen, wissen
bereits um das Potenzial, das dieser Markt aktuell hat und in Zukunft haben wird.[9]
Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
6
Neue Technologien und entsprechende Produkte verlangen ein angepasstes
Mitarbeiterprofil. Wo seit jeher traditionelle Ingenieursberufe wie Maschinenbau und
Elektrotechnik in der Forschung und Entwicklung gefragt waren, werden nun
Kompetenzen wie Programmieren und Software-Entwicklung immer relevanter. Damit
geht die Forderung nach neuen Formen der Zusammenarbeit einher, die eher an
erfolgreiche Unternehmen der IT-Branche erinnern als an die Automobilindustrie. Das
Stichwort des agilen Arbeitens ist eine dieser neu etablierten Arbeitsweisen, die in der
Software-Branche bereits seit vielen Jahren erfolgreich angewendet werden.
Dementsprechend fallen auch flachere Hierarchien und kürzere Entscheidungswege
unter den Wandel der Unternehmenskultur und werden von OEMs angestrebt.[13] Das
Thema wird im Lauf dieser Arbeit erforscht und analysiert.
Abbildung 2.2: Änderung der Wettbewerber und des Geschäftsmodells in der Automobilindustrie[12]
Wie in Abbildung 2.3 dargestellt, expandiert die Zahl der mit dem Internet und
miteinander verbundenen Neufahrzeuge jährlich um etwa 25 %. Heute sind etwa 17 %
der Fahrzeuge weltweit mit dem Internet verbunden. Von Experten wird prognostiziert,
dass im Jahr 2020 etwa 22 % aller auf dem Markt befindlichen Fahrzeuge mit dem
Internet verbunden sind. In den darauffolgenden zwei Jahren steigt die Zahl der mit dem
Internet verbundenen Fahrzeuge um 83 Millionen Einheiten auf insgesamt 290,4
Millionen Fahrzeuge an.[14]
Abbildung 2.3: Fahrzeuge mit Internetverbindung weltweit von 20122020 in Milliarden[14]
Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
7
Das exponentielle Wachstum sowie die absolute Zahl von heute 207,4 Millionen
Einheiten mit dem Internet verbundener Fahrzeuge sind Indikatoren für die Bedeutung
von digital Services in der Automobilindustrie. Aufgrund seines exponentiellen
Wachstums gewinnt das Digitalgeschäft jährlich an wirtschaftlicher Bedeutung.
Intelligente Nachrüstlösungen für Gebrauchtfahrzeuge können die Wachstumskurven
und die Anzahl der mit dem Internet verbundenen Fahrzeuge weiter steigen lassen.
Ebenso wird der Ausbau von digitalen Dienstleistungen gefördert. Die Ausbreitung der
digitalen Geschäftsmodelle in den After-Sale erschließt weitere Einnahmequellen für den
Gesamtumsatz.[14]
Laut Statistik werden bis zum Jahr 2020 ca. 98 % der neu zugelassenen Fahrzeuge über
verschiedene Plattformen mit Nutzern vernetzt sein, die in das On-Board-System im
Fahrzeug integriert sind.[15] Dies ist eine kostengünstige Alternative zum eingebetteten
System. Zudem bietet es dem Fahrer ein bekanntes Ökosystem und erleichtert so die
Bedienung.
Abbildung 2.4: Anteil vernetzter Fahrzeuge bis 2025 [15]
Das traditionelle Geschäftsmodell und dessen Wertschöpfungskette stehen vor einem
Umbruch mit tiefgreifenden Veränderungen: Diese Veränderungen beziehen sich auf die
Dauer der Entwicklungszyklen, die Produkte, die Kundenbeziehungen, die
Vertriebsstrukturen und die Technologien bis hin zum Angebot digitaler Dienstleistungen.
Auch der Kundenkontakt ändert sich im Zuge der Digitalisierung: Der Kunde steht mit
der eingeforderten digitalen Dienstleistung im Zentrum anstatt mit dem ursprünglichen
Produkt dem Fahrzeug.
Nach einer Befragung von Capgemini im Jahr 2017 mit über 8.000 Teilnehmern aus acht
Ländern sind 57 % der befragten Personen bereit, in Zukunft ein Auto von einem
technischen Rookie zu erwerben, wie z. B. Apple oder Google. Der Anteil in China
Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
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8
beträgt bereits mehr als 75 %. Über 30 % der Teilnehmer, die heute keinen Connectivity-
Service im Auto haben, möchten diese Funktionen für den nächsten Wagen nutzen.[16]
Die Kundenerwartungen ändern sich heute und werden sich bis zum Jahr 2022 noch
schneller ändern. Das stellt eine große Herausforderung für die klassischen
Automobilhersteller dar.
2.3 Chancen und Herausforderungen
Infolge der Einführung von digitalen Dienstleistungen und den damit verbundenen
digitalen Herausforderungen steht die gesamte Automobilindustrie im Umbruch. Die
Erweiterung des Geschäftsmodells bietet den Automobilherstellern zahlreiche neue
Chancen und Möglichkeiten.
Abbildung 2.5: Zukünftiges Zusammenarbeitsmodell im Feld Connectivity (eigene Darstellung)
Die Automobilhersteller konkurrieren im Wettbewerbskampf um digitale Produkte mit
neuen Konkurrenten aus der IT-Branche. Die neuen Wettbewerber aus Silicon Valley
sind Rookies, Unternehmen wie Apple und Google. Die Erweiterung der etablierten
Produktpalette um digitale Dienstleistungen erfordert eine Verknüpfung der traditionellen
und digitalen Wertschöpfungsstufen. Entwicklungszyklen und Innovationsfrequenzen
müssen infolge der Zusammenführung hinsichtlich ihrer Synchronität überprüft werden.
Die Erweiterung um digitale Kompetenzen, Wertschöpfungsstufen und
Geschäftsprozesse erfordert eine Handlungsempfehlung zur Absicherung und
Steigerung der Kundenzufriedenheit.
Neue Anforderungen an die Qualitätsanalyse vor dem Hintergrund zunehmender
Digitalisierung in der Automobilindustrie sind die folgenden:
1) Neue Geschäftsmodelle sowie neue Player im Feld Connectivity
2) Erkennen der Wandlung der Kundenerwartungen und der Kundenzufriedenheit
3) Aufbau von neuem Know-how entsprechend der Digitalisierungstendenz in
anderen Fachbereichen
Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
9
4) Vernetzung der Informationen aus verschiedenen Wertschöpfungsphasen im
Fahrzeugentstehungsprozess und gesamten Produkt-Life-Cycles (transparenter
& schneller Datentausch und Data Mining für verschiedene Bereiche) für
Fehleranalysen
5) Adressieren der notwendigen Einkaufsrahmenbedingungen sowie
Vertragsgrundlagen der Qualitätsanalyse entsprechend der
Digitalisierungstendenz
6) Vernetzung der Informationen mit internen sowie externen Partnern
Der seit Jahren durchgeführte Qualitätsanalyseprozess in der Automobilindustrie sollte
unter Berücksichtigung der wachsenden Komplexität, Digitalisierung und Globalisierung
entwickelt werden. Digitale Dienste in der Automobilindustrie umfassen viele IT-
übergreifende Themen.
Die Automobilhersteller arbeiten heute eng mit globalen IT-Unternehmen und Start-ups
zusammen, um neue Produkte und Services im Markt zu etablieren. Die erfolgreichen
Start-ups sowie IT-Unternehmen liefern bereits Produkte und Ideen an
Automobilunternehmen. So kaufte Daimler bspw. das Start-up Mytaxi und kooperiert im
Jahr 2019 mit BWM unter dem neuen Namen Free Now mit Hauptsitz in Berlin. Daimler,
Audi und BMW arbeiten in China mit Alibaba im Feld Artificial Intelligence für digitale
Services zusammen.[17] Neue Geschäftsmodelle, verschiedene Kooperationspartner und
agile Entwicklungsprozesse existieren heute schon in der Automobilindustrie.
In der IT-Branche ist es essenziell, schnell neue Features zu entwickeln.[18] Es ist die
Aufgabe eines guten Ingenieurs, sich zu überlegen, was vom zukünftigen
Qualitätsprozess in den agilen Entwicklungsprozess der digitalen Dienste integriert
werden muss.
2.4 Forschungsfragen der Dissertation
Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit ist die wissenschaftliche Forschung und
Entwicklung der Fehleranalysestrategien für digitale Dienste in der Automobilindustrie.
Die grundlegenden Forschungsfragen lauten somit:
1. Wie beeinflusst und verändert Digitalisierung die Kundenerwartung?
2. Was sind die Konflikte und Herausforderungen der agilen Produktentwicklung für
Qualität?
3. Wie kann die Rolle des Qualitätsmanagements weiterentwickelt und in Zukunft in
agile Vorgehensmodelle für digitale Dienste integriert werden?
4. Wie sollte der Fehleranalyseprozess der Automobilindustrie zukünftig mit Blick auf
die Entwicklung und Betrieb angepasst werden?
5. Worin bestehen die Herausforderungen der Kultur und Organisation für das
zukünftige Connectivity-Feld in der Automobilindustrie?
6. GiltQuality firstauch für die Kooperation von Automobilherstellern mit IT-Firmen
und Start-ups?
Motivation, Zielsetzung und Forschungsfragen
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10
2.5 Aufbau der Dissertation
Digitale Dienste in der Automobilindustrie sind eine Kombination von klassischen
Automobilherstellern und IT-Firmen. Im Verlauf dieser Dissertation werden stets die
Bereiche Automobil und IT berücksichtigt bzw. verglichen.
Die vorliegende Dissertation unterteilt sich in zehn Kapitel. Die ersten zwei Kapitel
umfassen das Motivationsschreiben, die Trendanalyse, die Problemstellung, die
Forschungsfragen sowie die Zielsetzung dieser Arbeit. Im Anschluss an diese Punkte
wird die Situation in der Automobilindustrie beschrieben.
In Kapitel 3 werden die Grundlagen sowie relevanten Theorien dieser Dissertation
vorgestellt. Der theoretische Teil beleuchtet die Grundlagen von Qualitätsmanagement,
Software und digitalen Diensten sowie Standards des Fehlermanagements.
In Kapitel 4 zum Stand der Forschung und zur Gap-Analyse werden die Kernthemen der
Arbeit analysiert und erforscht.
Kapitel 5 bis 7 umfassen den praktischen Teil. Darin werden die Forschungsfragen
analysiert und durch Literaturrecherche, Industrie-Interviews, Umfragen und praktische
Projektarbeit beantwortet. Anschließend werden eigene Konzepte sowie die Ergebnisse
der Dissertation vorgestellt.
In Kapitel 8 erfolgt eine Zusammenfassung sowie der Ausblick dieser Arbeit.
Grundlagen und Stand der Technik
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11
3 Grundlagen und Stand der Technik
Dieses Kapitel beschreibt zunächst die Grundlagen des Qualitätsmanagements sowie
der Fehleranalyse in den Automobil- und IT-Branchen und vergleicht sowohl diese
beiden Branchen als auch die jeweiligen Fehleranalysemethoden miteinander. Darüber
hinaus wird ein Überblick über den Begriff der digitalen Dienste gegeben.
3.1 Grundlagen Qualitsmanagement
Gemäß EN ISO 9000 ff. ist Qualität der Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale eines
Objekts Anforderungen erfüllt (S. Abb. 3.1). Management indessen beschreibt
aufeinander abgestimmte Tätigkeiten zum Führen und Steuern einer Organisation.
Daraus lässt sich ableiten, dass Qualitätsmanagement abgestimmte Tätigkeiten zum
Führen einer Organisation umfasst, die das Ziel haben, die Anforderungen an ein Objekt
mit dem höchstmöglichen Grad zu erfüllen. Dabei kann ein Objekt sowohl als Produkt
als auch als Prozess verstanden werden.[19]
Abbildung 3.1: Anforderung, Ergebnis, Qualität (Eigene Darstellung, interne Forschungsstudie Fachgebiet
Qualitätsstrategien und -kompetenz an der TU Berlin)[20]
Die zentralen Aufgaben des Qualitätsmanagements umfassen die Qualitätsplanung, die
Qualitätslenkung, die Qualitätssicherung sowie die Qualitätsverbesserung. Im Zuge der
Qualitätsplanung werden die Qualitätsziele sowie die Prozesse und Ressourcen
festgelegt, die zum Erreichen der entsprechenden Ziele benötigt werden. Die
Qualitätslenkung hat das Ziel, die Qualitätsanforderungen zu erfüllen. Die
Qualitätsverbesserung befasst sich mit Verbesserungsmöglichkeiten in Bezug auf die
Wirksamkeit, Effizienz und Rückverfolgbarkeit. Die Qualitätssicherung umfasst
Tätigkeiten zur Erzeugung von Vertrauen darin, dass Qualitätsanforderungen erfüllt
werden, und umfasst drei Zuständigkeiten: Messen und Prüfen, Fehlermanagement und
Anforderungsmanagement.[21]
In vielen Produktgruppen, wie bspw. der Unterhaltungselektronik oder Smartphones,
sind traditionelle Qualitätsmerkmale wie eine möglichst lange Lebensdauer und
Robustheit keine zentralen Anforderungen mehr an das Produkt. Aufgrund der kurzen
Innovations- und damit auch Produktlebenszyklen sowie durch ein überzeugendes
Marketing werden die Konsumenten dazu angehalten, Produkte in immer schnelleren
Grundlagen und Stand der Technik
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12
Rhythmen zu ersetzen. Vor allem das deutsche Verhältnis zu Qualität entspricht eher
dem traditionellen Verständnis, was sicherlich im Hinblick auf Ressourcenverbrauch und
Umweltbelastung positiv zu bewerten ist. In den Industriebereichen, in denen besonders
schnelle Innovationszyklen herrschen, sind deutsche Unternehmen jedoch eher weniger
vertreten.
Die Historie des Qualitätsmanagements [22]
Bis zum Jahr 1900 blieben einzelne Fertigungsschritte in der industriellen Produktion im
Verantwortungsbereich eines einzelnen Arbeiters, der simultan die Qualität seiner Arbeit
prüfte. Von 1900 bis 1950 veränderte die steigende Nachfrage nach Gütern die
Produktionsstrategie nachhaltig. Fertigungsvorgänge wurden entlang der
Fließbandfertigung in einzelne Arbeitsschritte zerlegt, die von gering qualifiziertem
Personal ausgeführt wurden. Diese Arbeitsorganisation wird als Funktionsmeisterprinzip
bezeichnet. Die geringe Qualifikation der Arbeiter hatte zur Folge, dass die
Qualitätskontrolle nicht länger vom Arbeiter selbst, sondern stattdessen von
Qualitätsprüfabteilungen verantwortet wurden.
Abbildung 3.2: Entwicklungsstufen des Qualitätsmanagements (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung
an Brüggemann/Bremer 2015[22])
1924: Methoden zur kontinuierlichen Prozessbeobachtung und -bewertung auf
statistischer Basis werden entwickelt.
1930: Mit der aufkommenden Massenproduktion wurde die vollständige Kontrolle in der
Produktion zu aufwändig und deshalb von der Teilkontrolle auf Basis statistischer
Verfahren abgelöst.
Ab 1960: Die zunehmende Komplexität der Produkte verlangte eine intensivierte
Integration des Qualitätsmanagements (QM) in die Produktentwicklung. Fehler sollten
Grundlagen und Stand der Technik
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13
nicht erst nach Auftreten beseitigt, sondern vor der Entstehung erkannt und verhindert
werden. Infolgedessen verloren reine Kontrollmaßnahmen an Bedeutung.
Ab 1990: Japanische Qualitätsüberlegungen wie Kaizen und das Toyota-
Produktionssystem prägten zunehmend die westlichen Industrien. Die Konzepte wurden
im Total Quality Management umgesetzt, was die kontinuierliche Qualitätsverbesserung
zur Aufgabe und Ziel der Geschäftsleitung des Unternehmens machte. Qualität wurde
somit ein strategisches Unternehmensziel.
Mitte 1990: Die meisten deutschen Industrieunternehmen führten die weltweit verbreitete
QM-Norm DIN EN ISO 9001 ein. Weitere Normen hinsichtlich Umweltstandards,
Arbeitssicherheit u.a. wurden entwickelt und folglich das System der Qualitätsnormen
weiter ausgebaut. Unternehmen führten zwecks Vergleichbarkeit der Strukturen von
Managementsystemen das integrierte Managementsystem ein, das die Qualitätsnormen
zusammenfasst. Unternehmenspreise (Business Excellence Awards) wurden eingeführt,
die auf Basis von Bewertungsmodellen (Business Excellence Models) an exzellente
Unternehmen vergeben werden.[22]
3.2 Grundlagen Software
Unter Software wird ein immaterielles Produkt verstanden, das seine Funktion primär
durch den Programmcode erhält. Diese Programme lassen sich auf Hardware
implementieren und bilden zusammen ein Computersystem, das dem Nutzer
verschiedenste Lösungsmöglichkeiten bietet. Im Zusammenhang mit Software wird auch
von der Software-Entwicklung gesprochen, die sich von der Anforderungsdefinition bis
hin zur Implementierung des Quellcodes in die Hardware-Struktur erstreckt. Die
Software-Dokumentation umfasst Anforderungsspezifikationen, Entwurfsdokumente,
den Programmcode, die Testdokumentation und Wartungsinstruktionen und ist somit ein
bedeutender Teil der Software-Erstellung.
Nach Hohler[23] lassen sich folgende Begriffsdefinitionen aus der Literatur ableiten:
Eine Software ist ein geistiges Produkt, das aus Programmen, Verfahren und allen
dazugehörigen Beschreibungen besteht, die zur Arbeit mit einem
Datenverarbeitungssystem gehören; Software ist unabhängig von dem Medium, auf dem
sie gespeichert ist.
Die aktuelle ISO/IEC-Norm 24765 ersetzte die DIN-Norm 44300 und enthält für Software
folgende Definitionen: [24]
Software ist ein Programm oder eine Menge von Programmen, die dazu dienen,
einen Computer zu betreiben.
Software sind Programme sowie die zugehörige Dokumentation.
Software sind Programme und ggf. die zugehörige Dokumentation und weitere
Daten, die zum Betrieb eines Computers notwendig sind.
Grundlagen und Stand der Technik
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14
3.2.1 Entstehung sowie Lebenszyklus eines Software-Produkts
Um der Entwicklung von Software-Projekten eine Struktur zu geben, lassen sich
Software-Prozessmodelle oder -Vorgehensmodelle anwenden. Diese beinhalten ein
einheitliches Rahmenwerk, auf dessen Grundlage sich der Ablauf von Projekten planen
und umsetzen lässt. Vorgehensmodelle sind eng mit dem Konzept des Lebenszyklus
verknüpft. Dieses Konzept lässt sich analog zu physischen Produkten auch auf
Software-Produkte anwenden.
Abbildung 3.3: Lebenszyklus eines Software-Produkts [25]
Der Lebenszyklus lässt sich grob in vier aufeinanderfolgende Phasen einteilen, die
wiederum in feinere Phasen untergliedert werden. Das Projekt- und
Qualitätsmanagement unterstützt ein Software-Projekt phasenübergreifend. Hierfür
existieren softwarespezifische Qualitätskriterien. An dieser Stelle ist anzumerken, dass
konkrete Qualitätsmaßnahmen projektspezifisch geplant werden sollten. Dazu gehört
auch die adäquate Auswahl des Vorgehensmodells. Grundsätzlich lassen sich
projektspezifische Qualitätsmaßnahmen in agilen Vorgehensmodellen (s. Kap. 4.7.1)
umsetzen. Das liegt einerseits am iterativen Charakter, der die umgesetzten
Anforderungen nach jeder Entwicklungsphase überprüfbar macht. Andererseits bieten
viele agile Vorgehensmodelle genügend Freiheitsgrade, um projektspezifische
Qualitätsaktivitäten innerhalb des gewählten Vorgehens zu integrieren.[26]
Anforderungen & Spezifikationen: In dieser Phase erfolgen die Analyse und
Spezifikation der vom Kunden gewünschten Anforderungen.
Planung: Das Software-Projekt wird initial geplant und durch Methoden aus dem
Projektmanagement gesteuert sowie überprüft. Es werden dabei
projektspezifische Charakteristika, bspw. agiles oder sequenzielles Vorgehen,
innerhalb der Planung berücksichtigt.
Entwurf & Design: Während dieser Phase erfolgt die Auswahl geeigneter
Komponenten, die den Aufbau und die Struktur der zu entwickelnden Software
systematisieren.
Grundlagen und Stand der Technik
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15
Implementierung & Integration: Es folgt die Umsetzung der definierten
Anforderungen. Die programmierten Komponenten werden anschließend
zusammengefügt bzw. integriert.
Betrieb & Wartung: In dieser Phase werden Fehler in der Software korrigiert.
Darüber hinaus kann die Software durch neue Funktionalitäten erweitert oder an
neue Systemumgebungen angepasst werden.
Stilllegung: Die Software wird planmäßig stillgelegt oder durch eine neue
Software ersetzt.
Für die Software-Erstellung entfällt die Produktion, da Software beliebig vervielfältigt
werden kann und oftmals per Download vom Kunden beziehbar ist. Auch ein Datenträger,
der die Software speichert, gilt als verschwindend geringer Aufwand und wird nicht der
Produktion zugewiesen.
Der Software-Lebenszyklus beschreibt den Lebenszyklus eines Software-Systems, das
aus den Entwicklungsphasen, dem Betrieb und der Außerbetriebnahme besteht.[27]
In großen Unternehmen mit umfangreichen Entwicklungsbereichen werden die
verschiedenen Projekte auch durch eine Vielzahl unterschiedlicher Vorgehensmodelle
abgedeckt und behandelt. Je nach Anforderung, Dauer, Komplexität, Größe und Bereich
der Software-Projekte eignet sich ein spezifisches Vorgehensmodell. Somit finden sich
unterschiedliche Vorgehensmodelle in einer Organisation wieder. Die
Vorgehensmodelle lassen sich in drei Kategorien einteilen, die sich in ihrem Ablauf stark
differenzieren:[23]
1) Klassische, sequenzielle Vorgehensmodelle
Einzelne Phasen werden behandelt und abgeschlossen, bevor das Ergebnis an die
nächste Phase weitergegeben wird. Die Phasen werden strikt sequenziell durchlaufen
und beinhalten zum Ende jeder Phase einen Meilenstein, der die Arbeitsergebnisse
definiert und prüft. Rückkopplungen zwischen einzelnen Phasen sind bedingt möglich.
Diese Modelle vernachlässigen Wechselwirkungen und Überschneidungen zwischen
einzelnen Phasen und stellen den Entwicklungsprozess in stark idealisierter Form dar.
Außerdem sind die Modelle nicht kundenfreundlich, da das Einfließen von
Kundenfeedback nur zu Beginn des Entwicklungsprozesses vorgesehen ist. Die beiden
bekanntesten Beispiele der sequenziellen Modelle sind das Wasserfall- und das V-
Modell.
2) Klassische, iterative und inkrementelle Vorgehensmodelle
Das Ziel der iterativen Ansätze ist es, den Kunden möglichst schnell einen Produkt-
Prototypen zu liefern. Hierdurch wird der Kunde nah am Entwicklungsprozess gehalten.
Durch die Berücksichtigung von Änderungswünschen können Missverständnisse früh
erkannt oder vermieden werden. Nachteile der Modelle sind ihre komplexe, unflexible
Struktur und der hohe Dokumentationsaufwand, die sie schwerfällig machen. Ein
Beispiel für klassisch-inkrementelle Vorgehensmodelle ist das Spiralmodell.
Grundlagen und Stand der Technik
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16
3) Agile Vorgehensmodelle
In der Software-Entwicklung bedarf es der Möglichkeit, sich verändernden
Anforderungen anzupassen, Kundenanforderungen kontinuierlich einfließen zu lassen
und dabei Qualität und Sicherheit der Produkte sicherzustellen. Für diese schnellen
Anpassungen sind dokumentationslastige Vorgehensmodelle nicht geeignet. Aus
diesem Umstand heraus entwickelten sich, angestoßen durch die agilen Methoden. (s.
Kapital 4.8)
3.2.2 Automotive SPICE
SPICE (Software Process Improvement and Capability Determination) beschreibt einen
internationalen Standard zur Bewertung von Software-Entwicklungsprozessen und
basiert auf der ISO-Norm 15504. SPICE setzt sich aus zwei Dimensionen zusammen:
der Prozess- und der Reifegraddimension. Die Prozessdimension unterscheidet drei
Prozesskategorien, in denen wiederum bestimmte Arbeitsabläufe zu Prozessgruppen
zusammengefasst werden.
Die Prozesskategorie Primary Life Cycle Processesbeinhaltet alle Prozesse, die den
Kunden und den Lieferanten direkt einbeziehen (Beratung, Akquisition, Betreuung,
Belieferung und Support) sowie die Prozesse, die bei der eigentlichen Produkterstellung
ablaufen (Softwareentwurf, Implementierung, Test und Wartung). In der
Prozesskategorie Organizational Life Cycle Processesfinden sich alle Prozesse wieder,
die dem Bereich des Managements zuzuordnen sind (bspw. Projektplanung,
Fortschrittsüberwachung, Qualitäts- und Risikomanagement sowie Koordination und
Überwachung der Zulieferer). Zudem enthält sie alle Arbeitsabläufe, die die Umsetzung
der Unternehmensziele unterstützen (bspw. Aufrechterhaltung der Infrastruktur,
systematische Bereitstellung von Ressourcen sowie die Definition und Verbesserung
von Prozessen). Die letzte Prozesskategorie der obersten Ebene ist der Support‘:
Hierunter werden Prozesse zusammengefasst, die andere Prozesse unterstützen (bspw.
die Dokumentation, das Konfigurationsmanagement, die Verifikation und Validation
sowie die Qualitätssicherung).[28]
Die zweite Dimension von SPICE, die Reifegraddimension, dient der Beurteilung von
Prozessen in einem Unternehmen. Darin unterscheidet sich das SPICE-Modell von den
anderen Reifegradmodellen, denn diese bewerten den Reifegrad der Organisation.[28]
Die Reifegrade ähneln den Maturity Levels der CMM/CMMI-Modelle, beinhalten jedoch
einen zusätzlichen Reifegrad. (CMM: Capability Maturity Model. CMMI: Capability
Maturity Model Integration)
Das SPICE-Modell wird nicht nur im Bereich der reinen Software-Entwicklung
angewendet, sondern wurde auch in ähnlicher Form für andere Industrien abgewandelt.
Für die Automobilindustrie wurde dementsprechend das Automotive-SPICE-Modell
entwickelt, das speziell auf die Anforderungen im Bereich der Steuergeräteentwicklung
abzielt, im Wesentlichen allerdings dem hier beschriebenen Standardmodell gleicht.
Automotive SPICE dient mittlerweile nicht mehr nur als Bewertungsgrundlage für
Grundlagen und Stand der Technik
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17
Prozesse, sondern kann auch als Leitfaden für eine qualitativ hochwertige Software-
Entwicklung im Automotive-Bereich angesehen werden.[29]
3.2.3 Softwaremerkmale
In der Automobilbranche und der IT-Branche handelt es sich um unterschiedliche
Industriezweige. Wie in Tabelle 3.1 dargestellt, ist die Automobilbranche die deutlich
ältere Branche. Die beiden Branchen besitzen sowohl deutlich verschiedene Längen der
Entwicklungszyklen als auch unterschiedliche Bedingungen bzgl. Kundenkontakt und
Sicherheit.
Tabelle 3.1: Vergleich Fehleranalyse IT-Branche mit Automobilbranche [30]
Software-Produkte sind immaterieller Natur und liefern ihren Nutzen nicht eigenständig,
sondern im Verbund innerhalb eines Computersystems. Das verhindert im Gegensatz
zu Maschinen und anderen materiellen Produkten eine einfache differenzierte
Abschätzung des Nutzens der Software. Dieser Zustand beeinträchtigt die Bereitschaft
des Kunden, die Entwicklung von Software entsprechend monetär zu würdigen bzw. den
Zeitaufwand plausibel abzuschätzen. Nach dem Entwicklungsaufwand ist die
Vervielfältigung von Software aufgrund des immateriellen Charakters verhältnismäßig
kostengünstig.
Software ist aus einem komplexen Konstrukt aus Quellcodes aufgebaut. Zwischen den
einzelnen Komponenten besteht eine Vielzahl von Verbindungen, Abhängigkeiten und
Interdependenzen, die Änderungen im Quellcode hinsichtlich ihrer Folgeauswirkung
schwierig kalkulierbar machen. Die Größe von Software-Programmen wird in Lines of
Code (LoC) gemessen. Große Programme können mehrere Tausend Codezeilen
umfassen, was ihre Komplexität weiter verdeutlicht.
Vorgehensmodelle strukturieren den Entwicklungsprozess und haben darüber hinaus
das Ziel, die Komplexität des Entwicklungsprozesses zu reduzieren. Dafür werden
Phasen, deren Abläufe und Meilensteine definiert, die sich am Software-Lebenszyklus
orientieren. Abhängig von der Abfolge der Phasen wird zwischen sequenziellen und
iterativen Vorgehensmodellen unterschieden. Eine Entscheidung für ein bestimmtes
Vorgehensmodell sollte projektspezifisch erfolgen:[31] So können individuelle
Projektgegebenheiten im Entwicklungsprozess berücksichtigt werden. Sind bspw. die
Anforderungen an ein Produkt vor Beginn der Entwicklung stabil und eindeutig
Grundlagen und Stand der Technik
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18
definierbar, so ist die Anwendung eines sequenziellen Vorgehensmodells zu empfehlen.
Im Bereich Connectivity ist ein solches Szenario nicht zu erwarten; vielmehr ist eine
dynamische Anpassung der Software an sich verändernde Kundenerwartungen
während der Entwicklung wahrscheinlich. Entsprechend ist die Anwendung agiler
Methoden zu empfehlen. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Vorgehensmodelle
generisch ausgestaltet sind und deren Anpassung daher im jeweiligen Unternehmen
stattfindet. Die Anpassung ist vom Umfang des betreffenden Projekts abhängig und wird
als Tailoring bezeichnet.[32]
3.2.4 Qualitätsmerkmale von Software
Der Begriff Qualität wurde bereits umfassend definiert und dies lässt sich ebenso auf die
Qualität von Software übertragen. So definiert die ISO/IEC 25000 die Software-Qualität
wie folgt: „Softwarequalität ist die Gesamtheit der Merkmale und Merkmalswerte eines
Software-Produkts, die sich auf dessen Eignung beziehen, festgelegte oder
vorausgesetzte Erfordernisse zu erfüllen.“[24]
Im Produktqualitätsmodell wird die Software-Qualität eines Produkts anhand folgender
acht Merkmale, die in Tabelle 3.2 zusammengestellt sind, beschrieben:
Hauptmerkmal
Untermerkmal
Funktionalität Aspekte, die die angeforderten Funktionen
eines Systems beschreiben.
- Funktionelle Vollständigkeit
- Angemessenheit
- Richtigkeit
Zuverlässigkeit Erbringen eines vereinbarten
Leistungsniveaus unter festgelegten Bedingungen über einen
definierten Zeitraum hinweg.
- Reife
- Fehlertoleranz
- Wiederherstellbarkeit
Effizienz Test messbarer Ergebnisse zur Erfüllung der
Aufgabe.
- Zeitverhalten
- Ressourcenverbrauch
Benutzerfreundlichkeit Berücksichtigung des Aufwands für
die Benutzung der SW durch die verschiedenen
Benutzergruppen.
- Verständlichkeit
- Erlernbarkeit
- Bedienbarkeit
- Ästhetik der Benutzeroberfläche
Sicherheit Sicherheit im Umgang mit der SW, keine
vertraulichen Daten zu streuen oder andere Systeme zu
beeinträchtigen.
- Vertraulichkeit
- Integrität
- Zurechenbarkeit
Kompatibilität Zusammenspiel des Systems mit anderen
vorgegebenen Systemen.
- Interoperabilität
- Koexistenz
Wartungsfreundlichkeit Wartungsfreundlichkeit, die einen
effizienten Einsatz der SW über einen längeren Zeitraum
voraussetzt.
- Modularität
- Analysierbarkeit
- Änderbarkeit
- Prüfbarkeit
Übertragbarkeit Betrieb auf verschiedenen Betriebssystemen
und HW-Plattformen.
- Installierbarkeit
- Anpassbarkeit
- Konformität
Tabelle 3.2: Qualitätsaspekte einer Software nach ISO/IEC 25010:2011[33]
(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Hohler 2014; Vigenschow 2010)
Diese Qualitätsmerkmale lassen sich nicht alle gleichzeitig optimieren, sondern sind teils
gegensätzlich. Aus diesem Grund ist es relevant, zu priorisieren.[33] [34] Somit ist nicht
alles technisch Mögliche auch sinnvoll, sondern es zählt vielmehr die Orientierung an
Erwartungen, was eine Kommunikation zwischen den verschiedenen Stakeholdern im
Grundlagen und Stand der Technik
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19
Software-Projekt nötig macht. Vigenschow greift die Qualitätsdefinition auf und
vereinfacht sie praxisgerecht: „Qualität ist Leistung im Verhältnis zur Erwartung.[34]
Die folgende Tabelle liefert einen Vergleich der Eigenschaften zwischen Hardware und
Software:
Tabelle 3.3: Vergleich der Eigenschaften zwischen Hardware und Software [40]
Für Hardware gilt nach Moore’s Law die Regel, dass sich die Leistungsfähigkeit von
Computer-Hardware-Komponenten bei gleichbleibenden Kosten ungefähr alle ein bis
zwei Jahre verdoppelt. Die Kosten sind dagegen bei Software-Produkten schwer
einzuschätzen, da es keine allgemeingültigen Aussagen und Untersuchungen gibt, wie
sich die Kosten für die Entwicklung hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und Größe der
Software über die Jahre entwickelt haben. Unstrittig ist jedoch, dass der relative Anteil
der Software-Kosten an den Gesamtkosten von eingebetteten Systemen stetig
zunimmt.[27]
Außerdem umfasst der Großteil der Kosten innerhalb der Software-Herstellung die
Personalkosten, die sich aus reiner Arbeitszeit oder Aus- und Weiterbildungs- sowie
Reisekosten zusammensetzen. Die Abschätzung der Kosten erscheint am Anfang eines
Software-Projekts schwierig, da vielerlei Faktoren gegenseitige Abhängigkeiten
aufweisen und nicht mit ausreichend Gewissheit bestimmt werden können.[27]
Die Kosten eines Software-Projekts korrelieren mit der Entwicklungsdauer, die wiederum
abhängig von der Produktivität der Programmierer ist. Die Produktivität eines Entwicklers
kann in LoC gemessen werden, wobei diese Kennzahl allerdings Schwächen aufweist:
Zum einen schwankt der durchschnittliche Durchsatz an LoC innerhalb des
Entwicklerteams. Somit kann sich nur auf Durchschnittswerte bezogen werden, die bei
einem LoC von zehn bis zwanzig Zeilen pro Tag liegen. Außerdem muss neben der
verwendeten Programmiersprache auch der Umfang des Software-Projekts
Grundlagen und Stand der Technik
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20
berücksichtigt werden. Des Weiteren lassen Produktivitätsüberlegungen die Qualität
außer Acht, was zu zusätzlichen Kosten und Aufwand führen kann.[23]
Nach Hohler steigt die Größe eines Programms innerhalb von fünf Jahren um das
Zehnfache an. Das bedeutet, dass die Entwicklung von Software-Produkten immer
komplexer wird und immer mehr Entwickler bzw. Entwicklerteams daran beteiligt sind.
Mit steigender Größe und Entwicklungsaufwand ändern sich somit auch ständig die
Anforderungen an die Organisation der Entwicklung und es müssen neue
Zusammenarbeits- und Verfahrensformen angewendet werden. Es ergibt sich also eine
hohe Dynamik beim Austausch von etablierten und neuen Prozessen.[23]
Die Fehleranfälligkeit hängt mit der für Software charakteristischen Struktur zusammen:
Software bildet aufgrund des binären Aufbaus und der Informationsverarbeitung ein
diskretes, unstetiges System. Die Anzahl der Zustandsmöglichkeiten geht demnach
gegen unendlich und lässt keinen Beweis vollständiger Korrektheit zu. So zeigen
Untersuchungen, dass Software-Produkte bei der Auslieferung eine Fehlerquote in Höhe
von 0,1-0,3 % aufweisen bei bestehendem Qualitätsmanagement und durchgeführter
Testphase.
Eine Anzahl an Zustandsmöglichkeiten gegen unendlich macht eine Anzahl an Tests in
der gleichen Summe notwendig. Damit ist ein vollständiger Test nicht möglich. Das
Toleranzprinzip veranschaulicht, wie schwierig Software im Vergleich zu Hardware zu
überprüfen ist: Wohingegen für Hardware Toleranzbereiche festgelegt werden, um
Qualität zu prüfen und sicherzustellen, gibt es für Software keinen Toleranzbereich, der
ausreichend abgesichert ist. Jeder Fehler kann sich an einer beliebigen Stelle als
Fehlerreaktion auswirken.[23]
Ähnlich wie Hardware muss Software ebenfalls nach der Entwicklung und
Implementierung regelmäßig gewartet werden. In Form von Updates werden
Änderungen und Erweiterungen an der ursprünglich ausgelieferten Software
vorgenommen. Oftmals kommt es bei der Anzahl an nachträglichen Änderungen auch
zum Einbau von Fehlern, die vergleichbar mit einer Art Materialalterung sind.
3.2.5 Nutzungsqualität von Software
Neben den Qualitätsmerkmalen von Software ist in der ISO/IEC-25000-Reihe auch ein
Modell enthalten, das den Nutzen von Software unter verschiedenen
Einsatzbedingungen bewertet: Das Quality-in-Use-Modell (Nutzungsqualitäts-Modell)
definiert die fünf Merkmale Effektivität, Effizienz, Zufriedenheit, Risikofreiheit und
Kontextabdeckung, die die Interaktion von Nutzer und Software-Produkt im speziellen
Nutzungskontext beschreiben. Das Modell bewertet die Mensch-Computer-Interaktion
und außerdem, welche Software, Computersysteme und Umfeld-Systeme enthalten
sind.[41]
Um die dargelegte Nutzer-Interaktion mit der Software zu veranschaulichen, soll im
Folgenden die Nutzungsqualität anhand dreier aufeinander aufbauender
Qualitätsaspekte charakterisiert werden (siehe Abb. 3.4).[34] [42]
Grundlagen und Stand der Technik
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21
1. Innere Qualität: Diese betrifft zum einen die Software selbst und zum anderen
die Hardware, auf der sie eingesetzt wird. Die Software wird auf Grundlage der
statischen Eigenschaften des Quellcodes bewertet, der mittels Codereviews oder
statischen Analysen aufgenommen wird.
2. Äußere Qualität: Sie ist das Resultat des Zusammenspiels zwischen Software
und Hardware und wird von außen über das Reaktionsverhalten oder das
Durchlaufen von fachlichen Testszenarien gemessen.
3. Nutzungsqualität: Hier stehen die Erwartungen und Anforderungen der Kunden
im Vordergrund. Untersucht werden die Einsatzszenarien im Betriebsumfeld und
daraus ergeben sich Erkenntnisse zu Eignung und Tauglichkeit. Der Nutzen für
den Kunden und damit die Quality in Use gehen also daraus hervor.
Abbildung 3.4: Zusammenhang zwischen innerer sowie äußerer Software-Qualität und Nutzungsqualität
(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Bevan 1999; Vigenschow 2010) [34] [42]
Die äußere Qualität entsteht aus dem Zusammenspiel von Software und Hardware
sowie dem Verhalten der Hardware selbst. Die Nutzungsqualität ist die Kombination aus
Effektivität, Produktivität und dem Maß der Zufriedenheit des Anwenders während des
Betriebs unter realistischen Bedingungen. Weiterhin umfasst die Nutzungsqualität die
äußere Qualität, die Benutzbarkeit sowie die Wechselwirkung mit anderen Umfeld-
Systemen. Die Wechselwirkung mit anderen Systemen, in die die Software integriert ist,
spielt eine essenzielle Rolle für die Benutzungsqualität und den Eindruck beim Kunden.
Neben der Benutzbarkeit steht die Unterstützung der Arbeitsprozesse des Anwenders
im Fokus der Nutzungsqualität.[34]
Bei der Verwirklichung der Nutzungsqualität besteht eine Wechselwirkung zwischen den
drei Qualitätsaspekten. Grundsätzlich gilt: Die innere Qualität ist die Voraussetzung für
die äußere Qualität, die wiederum die Voraussetzung für die Benutzungsqualität ist.[42]
3.3 Grundlagen und Definition der digitalen Dienste
Der Begriff Dienst (auch Service) beschreibt in der Informatik eine technische, autarke
Einheit, die zusammenhängende Funktionalitäten bündelt und über definierte
Schnittstellen zur Verfügung steht, z. B. E-Mail, Suche, Auktionen, Nachrichten,
Grundlagen und Stand der Technik
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22
Shopping, Videos, soziale Netzwerke etc. Eine Definition von Car-IT könnte lauten: Der
Begriff Car-IT betrachtet alle Informationsflüsse, die in das Fahrzeug hinein-, aus dem
Fahrzeug heraus- oder im Fahrzeug selbst fließen. Das Ziel liegt darin, das Fahrzeug
beziehungsweise den Fahrer als direkten Informationsempfänger/-lieferanten in
erweiterte Geschäftsprozesse und -modelle zu integrieren, unabhängig von Zeitpunkt
und Standort des Fahrzeugs.“[43]
3.3.1 Definition digitaler Dienste in dieser Dissertation
Digitale Dienste sind: „Alle Kundenwert schaffende Kombinationen aus Dienste-
Software und Content oder/und der Integration eines externen Faktors, die in beliebigem
Umfang und Ausprägung datenbasiert zusammengeführt werden können und für die
Nutzung mit mobilen, ortsflexiblen Endgeräten bestimmt sind. Dabei ist lediglich die
Komponente Dienste-Software eine zwingende Voraussetzung.“[44]
Abbildung 3.5: Matching der Eigenschaften mit den Schnittstellen von digitalen Diensten [45]
Ausgehend von der Definition digitaler Dienste umfassen diese mehr als bspw. nur eine
App oder eine Oberfläche mit User-Interface, sondern bilden ein komplexes Netzwerk
mit vielen Beteiligten. Dabei spielen sowohl Hardware-Komponenten, bestehend aus
dem Fahrzeug und dem mobilen Endgerät, eine Rolle, als auch eine Cloud, in der die
Inhalte bereitgestellt und mithilfe von Infrastruktur übertragen werden.[45] (s. Abb. 3.5)
Backend, Cloud und Apps
Der Cloud-Server ist die Kommunikationszentrale und dient der Steuerung jeglicher ein-
und ausgehender Kommunikation zwischen dem Fahrzeug und seinem Umfeld, also
allen Providern und Subsystemen. Diese Verbindung wird über das Internet hergestellt.
Oftmals wird auch der Begriff des Backend verwendet, da es sich um ein System handelt,
Grundlagen und Stand der Technik
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23
der vom Fahrzeugnutzer nicht wahrnehmbar ist und insofern im Hintergrund
Steuerungen ausführt.
Der Fahrzeugnutzer hat die Möglichkeit, per Handy (oder App) mit seinem Smartphone
eine Kommunikation zu seinem Fahrzeug aufzubauen und so nicht nur passiv
Informationen über den Fahrzeugzustand (Tankinhalt bzw. Reichweite sowie
Diagnoseergebnisse von verschiedenen Steuerelementen) zu erhalten, sondern auch
aktiv Fahrzeugkomponenten zu steuern und zu aktivieren. So kann zum Beispiel die
Standheizung schon vorab auf eine spezifische Temperatur vorgeheizt werden, das
Sonnendach kann bei Regen per App geschlossen werden und eine Suchfunktion des
Fahrzeugs kann aktiviert werden bei unbekanntem Standort; ein Kartendienst führt dann
per GPS zum Fahrzeug.[43]
Verschiedene Arten von Applikationen
Der Terminus App steht als Abkürzung für Applikation Software und beschreibt eine
Anwendungs-Software, die zahlreiche Funktionen erfüllen kann.[46]
Apps werden in der Regel bei Smartphones, Spielekonsolen oder auf unterschiedlichen
Desktop-Computern genutzt. Mittlerweile sind sie aber auch auf TV-Geräten (mit Smart-
TV-Funktion) zu finden. Nachfolgend werden die verschiedenen Arten von Apps kurz
umschrieben.[46]
Native App: Diese Applikations-Software ist an ein spezielles Betriebssystem wie iOS
oder Android gebunden. Das bedeutet, dass etwa eine auf iOS programmierte App nur
auf einem iPhone ausführbar ist. Die Anwendungsbandbreite von Apps von
Rollenspielen über Online-Shops bis hin zu Nachrichten-Apps.[46] [47]
Web App: Die Web-Applikations-Software ist eine für mobile Endgeräte optimierte
Version einer Website. In diesem Zusammenhang wird auch von Responsive Design
gesprochen. Web Apps benötigen zur Ausführung einen Browser. Das bedeutet, dass
die App beim Öffnen im Browser geladen und dort auch ausgeführt wird. Diese Art von
App hat zwei Vorteile: Zum einen müssen die Inhalte nur einmal statt zweimal (auf der
Website sowie in der nativen Applikations-Software) aktualisiert werden. Zum anderen
können Web Apps von Geräten mit jedem Betriebssystem aufgerufen werden, solange
diese einen funktionierende Browser besitzen.[46] [47]
Hybride App: Diese Applikations-Software besteht aus verschiedenen Webtechnologien
wie HTML oder Java Script.[47]
Der Kunde ist direkt mit dem Fahrzeug und dem mobilen Endgerät verbunden, weil er
diese als Schnittstellen zum digitalen Dienst nutzt. Das Fahrzeug und das mobile
Endgerät sind über die Infrastruktur mit dem Backend verbunden. Dies ist jedoch nur
möglich, wenn eine funktionierende Infrastruktur gegeben ist. Das Fahrzeug und das
mobile Endgerät sind zur Nutzung des digitalen Dienstes miteinander gekoppelt.[43]
Grundlagen und Stand der Technik
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24
Heutige Anwendungsfelder digitaler Dienste in der Automobilindustrie:[43]
a) Infotainment und Fahrzeug-Apps (z. B. Nachrichten, Börsenkurse, Wetter, Musik,
Facebook-, Twitter- und E-Mail-Nachrichten, aber auch ortsbasierte Werbung,
Tankstellen, Restaurants, Hotels, Ladesäulen)
b) Sicherheit und Fahrassistenzsysteme (z. B. Assistenzsysteme, Car2X-
Kommunikation, Informieren nachfolgender Fahrzeuge)
c) Effizienz/Wirtschaftlichkeit (z. B. Verkehrsfluss optimieren und damit Staus
verhindern)
Abbildung 3.6: Neue Auto Mobilität. [50]
3.3.2 Beispiele von Ökosystemen digitaler Produkte
Die Produkte im Bereich Connectivity sind digital und können bspw. als Apps über
Smartphones bezogen und genutzt werden. Die Funktionen und das Angebot der
Automobilhersteller werden dadurch nutzbar für Kunden, ob sie ein Automobil besitzen
oder nicht, oder ob sie sich innerhalb oder außerhalb des Fahrzeugs befinden. (vgl.
Daimler AG 2017[7]) Der Kundennutzen von Produkten oder Services im Bereich
Connectivity basiert primär auf der Funktionalität der Software-Komponente und bricht
somit mit dem traditionellen Produktportfolio der Automobilindustrie.
Über Plattformen und Apps ermöglichen es die Automobilhersteller dem Kunden,
Informationen rund um das Automobil abzurufen. (vgl. Daimler AG 2016)
So können das Infotainmentsystem, Türen oder die Standheizung per Smartphone von
außen reguliert werden. Des Weiteren kann der Fahrzeugstatus, wie z. B. der Füllstand
des Tanks, Standortinformationen oder das Unfall-, Wartungs- und Pannenmanagement,
vom Nutzer abgerufen werden. (vgl. Daimler AG 2017)
Der Nutzer kann zudem per App von jedem Standort die kürzeste Route zu seinem
Fahrzeug und im Anschluss die optimale Route zum Zielort mit dem Fahrzeug
Grundlagen und Stand der Technik
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25
berechnen lassen. Der Kunde muss also seinen Mobilitätsstatus nicht manuell angeben,
sondern die App erkennt automatisch, wann der Kunde im Fahrzeug sitzt und wann er
zu Fuß unterwegs ist. Viele der OEMs haben Car Sharing Services, die mit diesem
Service kombiniert werden können.
Weitere Apps ermöglichen die Echtzeitverfolgung des Automobils im
Herstellungsprozess nach einem Neukauf (vgl. Daimler AG 2017) oder die Analyse des
Fahrverhaltens mit anschließender Auswertung, ob der Umstieg auf ein Elektroauto oder
Hybridmodell empfehlenswert ist. Die Sprachsteuerung ist durch die Verbindung zum
Internet weitaus umfangreicher und dank künstlicher Intelligenz lernfähig. (vgl. Daimler
AG, 2018)
Integriert ist zudem die Navigation, die neben den üblichen Funktionen nun zusätzliche
Informationen, etwa zu Kraftstoffpreisen oder Parkmöglichkeiten, online abrufen kann.
Die Navigation besitzt eine Augmented-Reality-Funktion und verbindet das Echtzeitbild
der Frontkamera mit Navigationsvorgaben auf der Fahreranzeige. Außerdem sind
vernetzte Fahrzeuge in der Lage, Kartenmaterial weiter auszubauen und zu verbessern.
Die Kommunikation von vernetzten Fahrzeugen liefert Informationen über den
Straßenzustand wie Glätte, Schnee, herannahende Rettungsfahrzeuge oder freie
Parkplätze, die ebenfalls direkt auf der Navigationskarte dargestellt werden. Die
Technologie in den Fahrzeugen kommuniziert aber nicht nur mit anderen Fahrzeugen,
sondern ermöglicht auch einen Datenaustausch mit der umliegenden Infrastruktur, wie
Ampeln, Baustellen oder Kreuzungen. Der Informationsaustausch geschieht
eigenständig über das WLAN oder den Mobilfunk an Bord. Die neuen Technologien
werden mit Kamerasystemen und Sensorik kombiniert, die im Zusammenspiel
innovative Fahrerassistenzsysteme bilden. (vgl. Daimler AG 2016)
Kollisionsfrühwarnsysteme, autonomes Bremsen bei Gefahr oder teilautomatisiertes
Staufolgefahren liefern dem Kunden neue Funktionen, die zur Sicherheit im
Straßenverkehr betragen. Eine Integration des Smartphones mit dem Fahrzeug ist
darüber hinaus eine Möglichkeit, um Funktionen des Android Auto oder Apple Car Play
zu nutzen. Apps des Smartphones, wie Musik-Streaming-Angebote, können damit über
den Touchscreen im Fahrzeug gesteuert werden. Mit dem Einzug von WLAN- und WI-
FI-Hotspots erhalten Fahrrauminsassen zusätzlich umfassenden Zugang zum Internet
und auch das Fahrzeug selbst verfügt über einen eigenen Internet-Browser.
3.4 Standards und Definitionen der Fehlerklassifizierung und
des Fehlermanagements
Da ein digitaler Dienst, wie in Kapitel 3.3 beschrieben, ein überaus komplexes Netzwerk
aus verschiedenen Beteiligten darstellt, ist es nicht einfach, Fehler dieses Netzwerkes
aus Hardware und Software zu analysieren: Sowohl die Methoden der
Automobilbranche als auch die der IT-Branche reichen nicht aus, um Fehler von digitalen
Grundlagen und Stand der Technik
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26
Diensten analysieren zu können. In der vorliegenden Arbeit wird deshalb ein Konzept
zur Fehlerklassifizierung und zum Fehlermanagement von digitalen Diensten erarbeitet.
In diesem Kapitel wird zunächst der Fehlerbegriff für digitale Dienstleistungen in der
Automobilindustrie definiert. Anschließend werden die Ziele eines
Klassifizierungsmodells festgelegt. Bei bestehenden Klassifizierungsmodellen wird eine
Übertragbarkeit auf Software-Anwendungen der Automobilindustrie geprüft. Ein
zentrales Ziel bildet die Entwicklung eines zweckmäßigen Klassifizierungsmodells mit
den dazugehörigen Dimensionen zur Fehleranalyse. Das Modell zur
Fehlerklassifizierung soll im gesamten Produktlebenszyklus einheitlich und
standardisiert anwendbar sein.
3.4.1 Normen und Definitionen von Fehlern
Ein Fehler ist in der DIN EN ISO 9000 als eine Nichterfüllung einer festgelegten
Anforderung definiert. Die Anforderung kann ein vorausgesetztes Erfordernis oder eine
Erwartung an ein Produkt sein. Hierzu zählen festgelegte Abweichungen einer
messbaren Anforderungsspezifikation, ein Nutzungsausfall, die Nichteinhaltung von
Vorschriften, Verpflichtungen oder branchenspezifischen Verfahren. Allgemein sind aus
einem Fehler resultierende Fehlerkosten abzuleiten. Diese Grundlage bietet eine
Motivation zur näheren Auseinandersetzung mit Fehlern. Es werden die Ziele einer
Fehlerbeseitigung und einer künftigen Fehlervermeidung verfolgt. Die Verpflichtung zu
ständigen Verbesserungen ist in der DIN EN ISO 9001 formuliert.[51]
Das Fundament für die Klassifikation von Fehlern besteht aus unterschiedlichen
Definitionen für Fehler und Klassifizierungen. Bei der Definition von Fehlern und
Fehlerklassifizierungen wird in der digitalen Umwelt zwischen mindestens sechs Normen,
Standardisierungen oder Richtlinien unterschieden. Diese unterschiedlichen
Formulierungen für Regeln, Leitlinien bzw. Merkmale und Definitionen werden im
nachfolgenden Abschnitt vorgestellt und dienen weiterhin als Leitfaden.
1) DIN 66271 Informationstechnik: Software-Fehler und ihre Beurteilung durch
Lieferanten und Kunden[52]
Ein Fehler ist die Nichterfüllung einer festgelegten Forderung bzw. die Abweichung von
einem erwarteten Merkmalswert und führt zu Differenzen zwischen Vertragsparteien.
Die Fehlerklassifizierung ist an der Bewertung der Fehlerfolgen ausgerichtet. Es wird
zwischen drei Stufen für die Beeinträchtigung des Einsatzes und das Schadensrisiko
unterschieden: a) hoch, b) mittel, c) niedrig. Die Priorität und der Behebungsaufwand
teilen sich ebenfalls in drei Stufen.
2) EN ISO 9000:2005 Qualitätsmanagementsystem[52]
Ein Fehler ist die Nichterfüllung einer angegebenen Forderung, eines Erfordernisses
oder einer Erwartung. Diese können üblicherweise vorausgesetzt oder vorgeschrieben
werden. Ein Mangel ist die Nichterfüllung einer Forderung hinsichtlich des beabsichtigten
oder festgelegten Gebrauchs. Mängel haben rechtliche Folgen und unterliegen einer
Produkthaftung. Die Fehlerklassifizierung ist nicht definiert.
Grundlagen und Stand der Technik
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27
3) DIN 55350 Teil 31, Begriffe zu Qualitätsmanagement und Statistik[52]
Ein Fehler ist die Nichterfüllung vorgegebener Forderungen durch einen Merkmalswert.
Demnach sind Fehler Merkmalswerte, die außerhalb eines vorgegebenen
Toleranzbereiches liegen. Die Verwendbarkeit eines Produktes muss nicht durch die
Nichterfüllung der vorgegebenen Forderung beeinträchtigt sein. Die
Fehlerklassifizierung und deren Bewertung sind ausgerichtet an den Fehlerfolgen. Es
wird zwischen den drei folgenden Stufen unterschieden:
Kritischer Fehler: Es werden gefährliche und kritische Situationen mit einem
Nutzungsausfall erzeugt.
Hauptfehler: Die Ausfallwahrscheinlichkeit ist wesentlich erhöht oder die
Wahrscheinlichkeit der Nutzbarkeit wird herabgesetzt.
Nebenfehler: Die Brauchbarkeit oder Betriebsbeeinträchtigung ist nur geringfügig
beeinflusst.
4) IEEE 1044-1993 Standard Classification for Software Anomalies
Ein Fehler ist jegliche Abweichung von Bedingungen, unter anderem von
Anforderungsspezifikationen, Designdokumenten, Benutzerdokumenten und Standards,
bezüglich der Erwartungen oder Erfahrungen. Die Fehlerklassifizierung wird indirekt
über den aus einem Fehler resultierenden Produktstatus definiert. Es wird zwischen vier
Statusmeldungen unterschieden: unbrauchbar, degradiert, beeinträchtigt, nicht
beeinträchtigt.
Bei der Statusmeldung beeinträchtigtexistiert eine provisorische Fehlerumgehung. Die
provisorische Fehlerumgehung wird als Work-Around bezeichnet.
5) Telecom Standard TL9000, Quality Management System for the
Telecommunications Industry[52]
Die branchenspezifische Norm ist eine Erweiterung der ISO 9000 und wird von den
meisten bedeutenden Telekommunikations-Herstellern und -Netzbetreibern unterstützt
sowie angewendet. Ein Fehler ist nicht explizit definiert. Es wird ausschließlich zwischen
einem technischen Fehlverhalten, verursacht unter anderem von Hardware- oder
Softwarekomponenten bei Dokumentation, Auslieferung, Service oder
Rechnungsstellung, und Handhabungsproblemen bzw. Bedienerfehlern unterschieden.
Handhabungsprobleme entstehen bspw. aus inkorrekten Systemeingaben, fehlerhaften
Installationsschritten oder bei Nichtbefolgen der Arbeitsweise entsprechend der
Benutzerdokumentation.
Hinsichtlich der Fehlerklassifizierung wird zwischen drei Fehlerklassen unterschieden.
Diese Fehlerklassen werden stichpunktartig definiert:
critical (kritisch): Die Beeinträchtigung der Hauptfunktionalität eines Produktes und
die geschäftlichen Auswirkungen für den Kunden werden als kritisch eingestuft. Es
werden sofortige Korrekturmaßnahmen unabhängig von der Tageszeit oder dem
Wochentag erfordert, wie bei:
Grundlagen und Stand der Technik
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28
a) der Funktionsunfähigkeit des Produktes, vollständigem oder teilweisem
Ausfall
b) der Verringerung der Kapazitäten, d. h. der Fähigkeit zur Verarbeitung von
Daten/Datenverkehr sowie der Unfähigkeit, erwartete Lasten zu bewältigen
c) dem Verlust der Notfallfähigkeit, beispielsweise von Notrufen
d) dem Sicherheitsrisiko oder Risiko zur Nichterfüllung von
Sicherheitsmaßnahmen
major (bedeutend): Die Hauptfunktionen eines Produkts erfahren keine
Beeinträchtigung. Die Leistungsfähigkeit und die Produktivität im Betrieb werden
allerdings bezüglich der vordefinierten Bearbeitungszeiten bedeutend belastet. Der
Kunde hat dadurch ökonomische Beeinträchtigung zu beklagen.
a) Reduzierung der Produktkapazität; erwartete Belastung können bewältigt
werden
b) Verlust der Verwaltungs- oder Wartungssichtbarkeit des Produkts und/oder
der Diagnosefähigkeit
c) Wiederholter Abbau von essenziellen Komponenten oder Funktionen
d) Verschlechterung der Produktfähigkeit, um erforderliche Benachrichtigungen
über Fehlfunktionen zu erhalten
minor (gering): Es werden keine Beeinträchtigungen der Hauptfunktionalität eines
Produkts und der Leistungsfähigkeitsindikatoren im Betrieb erwartet. Die Funktion
des Systems wird geringfügig bis gar nicht beeinträchtigt.
6) Nach Six Sigma Qualitätsziel und Managementmethode[52]
Ein Fehler ist ein unerwartetes Verhalten; er wird nicht in der Entstehungsphase
identifiziert, sondern während der anschließenden Entwicklungsphase entdeckt. Die
Abweichungen werden gemäß der Six-Sigma-Definition nach Freigabe zu Defekten
erklärt. Ein Defekt ist ein unerwartetes Verhalten, das über das Produkt bis ins Feld,
während der Nutzungsphase beim Kunden oder Endverbraucher, übertragen wird. Die
Fehlerklassifizierung unterscheidet nach Six Sigma zwischen zwei Klassen:
A-Fehler sind fehlerhafte oder fehlende Anforderung und nicht entdeckte
Kundenerwartungen oder -bedürfnisse;
B-Fehler sind fehlerhafte Implementierungen von definierten Anforderungen. Diese
Fehler sind beispielsweise eine nicht vollständige Umsetzung von Spezifikationen
oder Software-Fehler, wie inkorrekte Implementierungen oder Software-Abstürze.
In den wissenschaftlichen Literaturen werden Begriffe wie Abweichung, Defizit oder
Störung verwendet; diese beziehen sich immer auf auftretende Fehler.
Definition Fehler dieser Arbeit: Ein Fehler ist die Nichterfüllung von verfügbaren
funktionalen Produktmerkmalen sowie die Abweichung von Kundenerwartungen.
Nach den vorgestellten Normen, Richtlinien und Standardisierungen kann keine
einheitliche Fehlerklassifizierung formuliert werden, denn jede Norm, Richtlinie oder
Standardisierung betrachtet die Fehlerklassifizierung auf einer anderen Ebene. Die
Grundlagen und Stand der Technik
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29
unterschiedlichen Definitionen für Fehler und Fehlerklassifizierungen dienen als
Grundlage für die konzeptionelle Erstellung einer Fehlerklassifizierung für die digitalen
Dienste in der Automobilindustrie. Es wird nicht zwischen richtig und falsch selektiert;
vielmehr wird die Übertragbarkeit von einzelnen Elementen zur Erstellung der
branchenspezifischen Fehlerklassifizierung bewertet. Das Ziel ist die Erstellung einer
Fehlerklassifizierung basierend auf den vorgestellten Normen, Richtlinien und Standards.
Die Fehlererfassung und -dokumentation spielt für das reaktive Fehlermanagement eine
entscheidende Rolle. Ohne eine standardisierte Erfassung und Dokumentation der
Fehler, die während der Entwicklung bspw. durch Tests und während des Betriebes
bspw. durch Kundenreklamationen auftreten, sind eine anschließende Fehleranalyse,
Klassifizierung und Fehlerbehebung kaum möglich. Somit muss die Relevanz dieses
Teils des Fehlermanagements deutlich betont werden. Da die Fehlererfassung und
Dokumentation stark von dem angebotenen Produkt abhängig sind, wird hier nicht näher
darauf eingegangen. Im Anhang 1 befindet sich eine Liste von Fragen, die im Zuge der
Dokumentation von Software-Fehlern bedeutsam sind.
Ein grundlegendes Werkzeug für ein effektives und effizientes Fehlermanagement sind
Fehlerklassifizierungen. Sie bilden die Grundlage für standardisierte Verfahren zur
Fehlerbehandlung und unterstützen zudem eine kontinuierliche Qualitätsverbesserung
im Rahmen des Qualitätsmanagements. Eine Fehlerklassifikation muss immer
unternehmensspezifisch an das entsprechende Portfolio angepasst werden. Zentrales
Ziel von Fehlerklassifikationen ist es, eine möglichst unternehmensweite einheitliche
Entscheidungshilfe für den Umgang mit Fehlern zu geben. Diese sollte sowohl während
der Entwicklung und des Testens als auch während des Betriebes einheitlich und
standardisiert sein. In Kapitel 7.4 wird detailliert darauf eingegangen.
3.4.2 Anforderungsmanagement
Das Anforderungsmanagement ist ein wesentlicher Bestandteil des
Qualitätsmanagements. Laut Rupp ist eine Anforderung eine Aussage über eine zu
erfüllende Eigenschaft oder eine zu erbringende Leistung eines Produktes, eines
Prozesses oder der am Prozess beteiligten Personen.[53] Daraus leitet sich die Definition
des Anforderungsmanagements ab: Requirements management is „a systematic
approach to eliciting, organizing and documenting the requirements of the system, and
process that establishes and maintains agreements between the customer and the
project team on the changing requirements of the system.”[54]
Das Anforderungsmanagement legt die Anforderungen an ein Produkt fest, die durch
entsprechende Tests gemessen und überprüft werden. Fehler, die dabei erkannt werden,
werden durch ein effektives Fehlermanagement verhindert bzw. beseitigt. Als Kern
dieser Arbeit ist dem Fehlermanagement in Kapitel 7.4 gewidmet.
In Abbildung 3.7 sind die relativen Kosten für die Beseitigung eines Software-Fehlers in
Abhängigkeit von der Phase der Software-Entwicklung dargestellt. Es ist deutlich zu
erkennen, dass Fehler, die während des Betriebes bzw. der Wartungsphase auftreten,
Grundlagen und Stand der Technik
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30
einen Großteil der relativen Kosten verursachen. Wird zusätzlich in Betracht gezogen,
dass 55 % der Fehler, die ein Software-Produkt aufweist, durch eine unzureichende
Anforderungsanalyse und -definition zustande kommen, wird die Relevanz klar
definierter Anforderungen evident (S. Abb. 3.7).
Abbildung 3.7: Relative Kosten für die Beseitigung eines Software-Fehlers (Quelle: Interne Forschungs-
studie Fachgebiet Qualitätsstrategie und- kompetenz TU Berlin[20], in Anlehnung an Leffingwell, D.; Widrig,
D. (2000)[54])
Als Beispiel für eine Fehlerbehebung in einer späten Phase sind Rückrufaktionen zu
nennen. Diese sind mit enormen Kosten verbunden, denn die Rückrufaktionen fallen
häufig unter die Garantie bzw. Kulanzregelungen der Hersteller, betreffen schnell
Tausende oder sogar Hunderttausende von Fahrzeughaltern und werden für diese meist
kostenfrei angeboten. Der dabei einhergehende Imageverlust verursacht ebenfalls
beträchtliche finanzielle Schäden.
Abbildung 3.8: Eingeführte Software-Fehler in der Anforderungsentwicklung (Quelle: Interne Forschungs-
studie Fachgebiet Qualitätsstrategie und- kompetenz TU Berlin[20], in Anlehnung an Granden, M. (2011)[55])
Grundlagen und Stand der Technik
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31
Die Dokumentation der Anforderungen erfolgt in einem Lasten- und Pflichtenheft und
wird im Laufe des PEP durch das Änderungsmanagement angepasst. Das Lastenheft
beschreibt alle Forderungen des Auftraggebers bezüglich der Leistungen und
Lieferungen an den Auftragnehmer. Synonyme r Lastenheft sind Spezifikation,
Kundenspezifikation oder Anforderungsspezifikation.[55] Im Pflichtenheft beschreibt der
Auftragnehmer, wie er die Forderungen aus dem Lastenheft umzusetzen gedenkt. Die
hier spezifizierten Anforderungen bilden oftmals auch die Grundlagen für die Werk- bzw.
Dienstverträge der Lieferanten. Erst mit dem Dokumentieren der Anforderungen und den
damit verbundenen Abnahmekriterien können die Anforderungen durch spätere Tests
überprüft werden. Je detaillierter die Anforderungen formuliert und kommuniziert werden,
desto wahrscheinlicher wird es, ein fehlerarmes Produkt zu erhalten, das den
Anforderungen des Auftraggebers entspricht.[55]
In agilen Projekten stellt das frühe detaillierte Festlegen von Produktanforderungen
jedoch eine Herausforderung dar, denn hier werden, wie oben erwähnt, die
Anforderungen erst im Laufe des PEP durch iterative Schritte in enger Absprache mit
dem Auftraggeber konkretisiert. Darauf wird im Kapitel 4.8 über agile
Entwicklungsmethoden umfassender eingegangen.
Stand der Forschung
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32
4 Stand der Forschung
Wie im letzten Kapitel bereits erläutert wurde, werden digitale Dienste in heutigen
Fahrzeugen vermehrt genutzt, ohne zu wissen, worum es sich bei digitalen Diensten
genau handelt. Deshalb wird zunächst der Begriff der digitalen Dienste definiert und die
Umgebung eines digitalen Dienstes mit allen relevanten Schnittstellen beschrieben.
Im vorherigen Kapitel wurde die aus dem Kontext der Plattformentwicklung resultierende
Notwendigkeit für das Eingehen neuer Kooperationen von OEMs mit Start-ups
aufgezeigt. Dabei wurde festgestellt, dass Kooperationen im Bereich Connectivity
insbesondere mit Software-Start-ups erfolgen werden.
In der wissenschaftlichen Literatur sind zahlreiche Definitionen zu Start-ups zu finden.
Es lässt sich feststellen, dass Start-ups ein schnelles Wachstum bei extremer
Unsicherheit über die weitere Entwicklung anstreben.[56] Insbesondere Software-Start-
ups sind mit der Herausforderung konfrontiert, unter dynamischen und unsicheren
Marktgegebenheiten rasch zu wachsen. Daher kommt es dazu, dass viele Start-ups
bereits in der Frühphase scheitern: Etwa 60 % halten sich nicht länger als fünf Jahre am
Markt.[57] Trotz dieser Quote gelten Start-ups als bedeutender Treiber für das
wirtschaftliche Wachstum eines Landes.[58] Eine nähere Betrachtung des Kontextes, in
dem Start-ups agieren, wird im Folgenden anhand von typischen Merkmalen nach einer
Veröffentlichung von Sutton erläutert.[59]
Kurze oder noch gar keine Dauer der Geschäftstätigkeit Start-ups haben wenig
Erfahrungen in Entwicklungsprozessen und im Organisationsmanagement.
Limitierte Ressourcen Start-ups fokussieren sich darauf, ein Produkt auf den
Markt zu bringen und strategische Partnerschaften einzugehen.
Vielfältige Einflüsse Start-ups agieren unter dem Einfluss verschiedener
Interessensgruppen (Investoren, Wettbewerber, Kundenwünsche, Partner), die ihre
Entscheidungen in hohem Maße beeinflussen.
Dynamische Technologien und Märkte: Start-ups aus dem Softwarebereich können
neue Märkte oftmals nur durch die Entwicklung von disruptiven Innovationen
erschließen.
Es ist zu erwähnen, dass die Heterogenität zwischen verschiedenen Start-ups zu einer
variierenden Ausprägung der beschriebenen Merkmale führt. Laut der jährlichen Studie
des Bundesverbands Deutsche Start-ups e.V. (BVDS) gelten Unternehmen, die jünger
als zehn Jahre sind, als Start-ups.[58] Somit wird deutlich, dass zwischen den beiden
Extremwerten der Definitionsgrenze eine hohe Diskrepanz bezüglich der Reifegrade von
Start-ups vorherrscht. Im Hinblick auf die Literaturrecherche kann vermutet werden, dass
es für die konkrete Umsetzung von Kooperationen zwischen OEMs und Start-ups kein
allgemeingültiges Vorgehen gibt. In Anbetracht der Tatsache, dass Geschäftsfelder im
Bereich Connectivity überaus zukunftsgerichtet sind, liegt die Vermutung nahe, dass
Start-ups aus diesem Bereich tendenziell einen niedrigen Reifegrad aufweisen.
Stand der Forschung
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33
4.1 Benchmarking
“Benchmarking is the search for industry best practices that lead to superior
performance.” (Bob Camp, Xerox Inc., 1989) [60]
4.1.1 Grundlagen und Zielsetzung Bechmarking
Benchmarking ist die Durchführung eines Leistungsvergleichs von Unternehmen
gegenüber dem Klassenbesten oder branchenfremden Unternehmen.
Leistungsindikatoren bewerten Prozesse, Produkte, Strategien und Methoden. Das Ziel
der Gegenüberstellung bildet eine Aufdeckung von Qualitäts- und Leistungspotenzialen.
Mittels des systematischen Vergleichs können die identifizierten Leistungslücken mit den
Methoden und Erfahrungen des Klassenbesten (Best Practice) implementiert werden.
Das Instrument des Benchmarkings ermöglicht einen kontinuierlichen
Verbesserungsprozess und gewährt einen ökonomischen Unternehmenserfolg.[61]
Es wird zwischen internen und externen Arten des Benchmarkings unterschieden. Beim
internen Benchmarking richtet sich der Fokus auf einen Leistungsvergleich von
ähnlichen Funktionen und Prozessen innerhalb eines Unternehmens oder Konzerns.
Das Ziel des Aufspürens des Verbesserungspotenzials wird mit einem geringen Zeit-
und Kostenaufwand erreicht. Das externe, unternehmensübergreifende Benchmarking
wird in ein wettbewerbsorientiertes und ein funktionales Benchmarking unterteilt. Das
Wettbewerbs-Benchmarking vergleicht direkte unternehmerische Mitbewerber im
Hinblick auf eine eindeutige Positionierung des Klassenbesten. Lösungsansätze für
Defizite werden aus den Methoden und Prozessen des Klassenbesten (im Idealfall: Best
Practice) initiiert. Die Zielsetzung verfolgt eine Verbesserung der Marktposition sowie
eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Wahl der Vergleichspartner ist
ausschlaggebend für das Informationspotenzial. [61]
Abbildung 4.1: Benchmarking-Arten im Vergleich.
Quelle: Kohl, H. Prof. Dr.-Ing. (2016)
[60]
Stand der Forschung
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34
4.1.2 Durchführung des Benchmarkings
Für die Durchführung eines zielorientierten Benchmarkings sowie eine schrittweise
Annäherung an den Klassenbesten sind die nachstehenden Prozessabfolgen zu
berücksichtigen:[61]
Ziel- und Objektfestlegung für das Benchmarking
Geeignete Unternehmen und Informationsquellen für den Vergleich eruieren
Leistungskennzahlen (KPI) erfassen, auswerten und vergleichen
Identifikation von Schwachstellen und deren Ursachen
Ergebnisse der Analyse transparent darstellen
Verbesserungsmaßnahmenplan erarbeiten
Systematische Umsetzung der Verbesserungsmaßnahmen
Kernprodukte eines Automobilherstellers lassen sich in Sparten (PKW, VAN, NFZ)
unterteilen und dienen als Grundlage für die digitalen Dienste. Digitale Dienstleistungen
in der Automobilbranche erfordern für die Anwendung eine Informations- und
Kommunikationsinfrastruktur, die in Industrieländern vorhanden ist. Die
Fahrzeugsparten und die Beschränkung der Marktbetrachtung auf traditionelle
Industrieländer dienen bei der Wahl des Automobilherstellers hinsichtlich des
Benchmarkings als Selektionsfilter. Infolge von zahlreichen Fusionen und Akquisitionen
besteht die Automobilindustrie heute aus einer Konzernstruktur, die sich in
Konzernmarken gliedern lässt. Im Leistungsvergleich des Benchmarkings werden die
einzelnen Automobilhersteller oder -marken miteinander verglichen und nicht die
übergeordneten Automobilkonzerne. Für die Wahl geeigneter Konzernmarken dienen
der europäische und der US-amerikanische Fahrzeugmarkt als Referenz.
Die Wahl von innovativen Herstellern erfolgt mittels einer Onlinerecherche. Innovative
Automobilhersteller sind nach der hier verwendeten Definition die neuen Wettbewerber
der traditionellen Automobilhersteller. Demnach sind innovative Hersteller neue
Automobilhersteller wie TESLA mit einem vollelektrischen Antriebsstrang;
Automobilhersteller aus Asien die in absehbarer Zukunft in die Märkte der
Industrieländer eindringen werden; oder branchenfremde Unternehmen wie Google und
Apple. Der Begriff innovativ bezieht sich auf neue digitale Technologien oder neuartige
Antriebskonzepte. Im Fokus der Recherche nach innovativen Herstellern stehen hier die
weltweit größten Automessen: die IAA in Frankfurt, der Pariser Salon, der Genfer
Autosalon, die North American International Auto Show oder die Tokyo Motor Show.
Eine letzte Auswahl von Partnerunternehmen für das Benchmarking erfolgt über den J.D.
Power Report 2017, eine Kundenzufriedenheitsstudie des US-amerikanischen
Marktes.[62] Aus den insgesamt fünf Kategorien zur Benchmarking-Partnerwahl werden
jeweils zehn Automobilhersteller untersucht. Die Kategorie abhängige
Leistungsmerkmalefiltert die zehn besten, häufigsten oder beliebtesten Hersteller. In
der Kategorie Kundenzufriedenheit Report erfolgt die Auswahl der Benchmarking-
Unternehmen in Abhängigkeit des Rankings der J.D.-Power-Zufriedenheitsstudie. Die
Stand der Forschung
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35
ausgewählten Benchmarking-Partner aus der Automobilbranche sind kategorisiert
zusammengefasst (s. Anhang 2).
Das zentrale Ziel des Benchmarkings verfolgt die Ermittlung des Klassenbesten in Bezug
auf die Kundenzufriedenheit mit digitalen Diensten in der Automobilindustrie. Beim
vorliegenden Benchmarking sind die digitalen Dienstleistungen beschränkt auf mobile
Anwendungs-Software (Apps) für iOS und Android-Geräte. Der Kunde benötigt für die
Verwendung einer Software-Applikation ein mobiles Endgerät. Die mobilen Endgeräte
unterscheiden sich neben Modellen und Herstellern bezüglich des mobilen
Betriebssystems, hier Android und iOS. In Abhängigkeit des mobilen Betriebssystems
ist eine Vertriebsplattform zu wählen. Die für das Benchmarking relevanten
Vertriebskanäle sind folglich der Google Play Store (Android) und der App Store von
Apple (iOS). Beide Vertriebskanäle verfügen über ein identisches Bewertungssystem zur
Erfassung der Kundenzufriedenheit: Die Bewertung einer App erfolgt über ein
Vergabesystem von Sternen. Die Anzahl der Sterne ist eine Leistungskennzahl (KPI)
sowie ein Indikator für die Kundenzufriedenheit. Eine mobile Software-Anwendung kann
mindestens einen Stern und höchstens fünf Sterne erreichen. Je mehr Sterne ein Kunde
einer Applikation verleiht, desto höher ist seine persönliche Kundenzufriedenheit.
Die Leistungsperformance eines Herstellers bezüglich der Kundenzufriedenheit lässt
sich zudem aus Kundenrezensionen, also von Kunden verfassten Textdokumenten,
ableiten. Für das Benchmarking entfallen die Kundenrezensionen als Leistungsindikator
(KPI) der Kundenzufriedenheit, da die Textdokumente keine messbaren numerischen
Kenngrößen für einen Leistungsvergleich aufweisen. Zusammenfassend dient das
fünfstufige Bewertungssystem der beiden Vertriebskanäle mit den numerischen
Leistungskennzahlen (KPI) als Grundlage für den Leistungsvergleich im Benchmarking.
Bei der Auswertung von Leistungskennzahlen muss die ungleiche Anzahl von
Bewertungen in Bezug auf die Vertriebsplattform berücksichtigt werden. Für einen
qualitativen Leistungsvergleich wird ein gewichteter Durchschnittswert berechnet. Dieser
ermittelt den Klassenbesten in Bezug auf die Kundenzufriedenheit mit digitalen Diensten
in der Automobilindustrie.
Die Formel des gewichteten Durchschnittwerts lautet wie folgt:
Stand der Forschung
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36
4.1.3 Ergebnisse des Benchmarkings der digitalen Dienste
Beim Benchmarking (Best in Class) wird der klassenbeste Automobilhersteller in Bezug
auf die Kundenzufriedenheit mit digitalen Diensten in der Automobilindustrie ermittelt.
Mit einer (halb-)automatischen Aktualisierungsfunktion, auch Update genannt, werden
Fehlerkorrekturen, Störungsbeseitigungen und Verbesserungen ausgeführt. Außerdem
kann sich im Zuge einer Software-Aktualisierung der Funktionsumfang einer Applikation
ändern. Updates können demnach einen Einfluss auf die Kundenzufriedenheit
aufweisen. Das Ergebnis des Benchmarkings ist aufgrund von kontinuierlichen
Veränderungen der Applikationen zeitabhängig. Die nachstehenden Ergebnisse des
Benchmarkings mit den dazugehörigen KPI beziehen sich auf den 3. März 2018.
Tabelle 4.1: Funktionsanalyse Automobilhersteller, Anzahl Funktionen
(Stand: März 2018, Quelle: Eigene Darstellung, Forschungsstudie QSK, TU Berlin)
Nach der methodischen Vorgehensweise werden die Hersteller der Automobilbranche
unter Verwendung einer standardisierten Vorlage zunächst bezüglich der Funktionalität
untersucht. In einer Funktionsanalyse werden die verfügbaren Funktionen einer
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
37
Anwendungssoftware aufgeschlüsselt und einheitlich dokumentiert. Für den
anschließenden Leistungsvergleich des Benchmarkings muss nach meiner Definition die
App über eine Remotefunktion verfügen. Die eigens definierte Mindestanforderung dient
zur qualitativ funktionalen Vergleichbarkeit von herstellerübergreifenden Apps. In einer
allgemeinen Funktionsübersicht sind alle verfügbaren Funktionen kategorisiert
zusammengefasst (s. Anhang 16). Die Funktionsübersicht dient als Grundlage für die
Erstellung einer herstellerbezogenen Funktionsübersicht. Die Kategorien, Remote-
Zugriff (grün), Statusabfragen (orange) und Unterstützung (gelb) erhalten in der Tabelle
eine farbliche Zuordnung. Dieses Farbschema wird konsequent in den nachfolgenden
Untersuchungen und Tabellen übernommen. Herstellerspezifische Sonderfunktionen
der Kategorie „weitere Funktionen“ werden beim tabellarischen Funktionsvergleich
vernachlässigt, da diese herstellerspezifischen Sonderfunktionen in einer
nachstehenden Auswertung von Kundenrezensionen keinen nachweisbar negativen
Einfluss auf die Kundenzufriedenheit aufweisen. Für den nachstehenden Vergleich von
Leistungskennzahlen entfallen insgesamt zehn Fahrzeughersteller wie erkennbar durch
„n/a“ (s. Tab. 4.1). Die Abkürzung „n/a“ steht für nicht verfügbar („not available“). Der
tabellarische Funktionsvergleich gewährt weitere Vergleichsmöglichkeiten. Der
innovative Hersteller Tesla besitzt quantitativ die meisten Remotefunktionen. Insgesamt
bietet „Volvo On Call“-App seinen Kunden die meisten Funktionen unter
Berücksichtigung der tabellarischen Funktionskategorien. Bei der Auswertung der
folgenden Leistungskennzahlen wird ein Bezug zu der quantitativen Funktionszahl
genommen.
Die Leistungspunkte im Sterneformat dienen als Leistungskennzahlen zur Ermittlung
des Klassenbesten. Da die Leistungszahlen aus zwei unterschiedlichen
Vertriebskanälen stammen, muss in einem weiteren Prozessschritt ein
Durchschnittswert berechnet werden. Die Anzahl der Kundenbewertungen ist nicht
gleichmäßig auf die beiden Vertriebsplattformen verteilt. Diese ungleiche Verteilung der
Kundenbewertungen muss bei der Durchschnittsberechnung berücksichtigt werden (s.
Formel des gewichteten Durchschnittwerts). Der gewichtete Durchschnittswert ist eine
aufbereitete Leistungskennzahl zur Ermittlung des Klassenbesten im Leistungsvergleich
des Benchmarkings. Für eine Leistungsbeurteilung von Applikationen und eine
numerische Bewertungsanalyse wird ein Tool zur Überwachung entwickelt die
Watchlist (s. Anhang 3). Zyklische Aktualisierungen der Watchlist sollen Fehler frühzeitig
identifizieren und beheben. Mit der Entwicklung von Algorithmen für Prognosen und
Trends können Maßnahmen frühzeitig und präventiv eingeleitet werden. Die
Bewertungsverteilung kann grafisch visualisiert werden. Zahlreiche bedeutende
Unternehmen verwenden bereits heute ein vergleichbares Tool zur App-
Überwachung.[63] [64]
Die Watchlist mit den gebündelten Leistungskennzahlen bildet die Grundlage für die
Auswertungen und somit die Ermittlung des klassenbesten Automobilherstellers.
Hinsichtlich des gewichteten Durchschnittswertes als alleiniges Leistungsmerkmal weist
Tesla mit Abstand den höchsten Zahlenwert auf. Folglich ist der innovative
Stand der Forschung
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38
Automobilhersteller Tesla als klassenbester Hersteller in Bezug auf die
Kundenzufriedenheit mit digitalen Diensten in der Automobilindustrie ermittelt (s. Abb.
4.2).
Der erreichte Durchschnittswert von 4,4 von 5 (= 88 %) deutet auf eine hohe
Kundenzufriedenheit. Der zweite Rang wird mit 3,8 von 5 (= 76 %) von Porsche Car
Connect besetzt. Die Differenz von 0,6 zwischen den Platzierungen ist hinsichtlich des
Ergebnisses als eindeutig einzustufen. Den dritten Platz nimmt Volvo On Call mit 3,7 von
5 (= 74 %) ein. Die letzte Platzierung im Leistungsvergleich nimmt Car-Net von
Volkswagen mit 1,7 (= 34 %) ein. Der Branchendurchschnitt liegt bei 3,0 von 5 (= 60 %)
und folgende Unternehmen befinden sich neben Volkswagen unter dem
Durchschnittswert: Audi (2,9/5), Skoda (2,7/5), BMW (2,5/5), Jaguar (2,5/5), Lexus (2,4/5)
und Mercedes-Benz (2,1/5). Damit liegen 7 von 13 (= 54 %) unter dem
Branchendurchschnitt.
Die Erwartungshaltungen von Käufergruppen an einen Automobilhersteller können
voneinander abweichen bzw. variieren. Folglich können zwei Hersteller eine identische
Qualität bieten und unterschiedliche Ergebnisse bezüglich der Kundenzufriedenheit
erzielen.
Im anschließenden Vergleich von Leistungskennzahlen werden Mobilitätsdienstleister
und weitere Unternehmen (Best Practice) nach dem numerischen
Auswertungsverfahren der Automobilindustrie untersucht. Demnach dient hierbei
ebenfalls der gewichtete Durchschnittswert als Leistungskennzahl zur Identifizierung des
Klassenbesten. Diese beiden Kategorien werden im Leistungsvergleich separat
betrachtet. Die Ergebnisse können aufgrund der identischen Leistungskennzahl mit
denen der Automobilhersteller verglichen werden. Im Fokus des zusätzlichen
Leistungsvergleichs stehen nicht die Top-Performer des Rankings, sondern die
numerischen Vergleichswerte für die Automobilbranche. Bezugnehmend auf die
Abbildung 4.2: Ranking nach
Leistungsvergleich
(Quelle: Eigene Darstellung,
Forschungsstudie QSK der
TU Berlin. unter Verwendung
https://thenounproject.com)
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
39
Bewertungszahlen sind sowohl innerhalb der Automobilbranche als auch
branchenübergreifend große Differenzen festzustellen (s. Tab. 4.2).
Die absolute Differenz innerhalb der Automobilbranche zwischen dem Meistbewerteten
und dem Hersteller mit den wenigsten Bewertungen liegt bei 6.566 Bewertungen bei
einem Durchschnittswert von 2.468 Bewertungen. Die durchschnittliche
Bewertungsanzahl der Mobilitätsdienstleister beträgt 5.405 Einheiten und die der
weiteren Unternehmen 6.854.535 Bewertungen. Die Anzahl der Bewertungen ist ein
Indikator für die Anzahl der Nutzer und kein Qualitätsmerkmal der Kundenzufriedenheit.
Bei der Überwachung von Apps kann eine sinkende Nutzerzahl auf eine Abweichung
der Kundenzufriedenheit hindeuten. Der durchschnittliche gewichtete Leistungswert von
branchenfremden Unternehmen ist mit 3,9 von 5 (= 78 %) größer als der Wert der
Automobilbranche. Die Kategorie der weiteren Unternehmen kann in Unternehmen der
IT-Branche sowie klassische Unternehmen, die eine mit der Autobranche vergleichbare
Digitalisierung erleben, selektiert werden. Die Durchschnittsbewertung der IT-
Unternehmen beträgt 4,4 von 5 (= 88 %) und die der klassischen Unternehmen 3,0 von
5 (= 60 %) (s. Anhang 5). Die klassischen Unternehmen weisen, wie die
Automobilhersteller, große Abweichungen bezüglich der Kundenzufrieden auf. Die
Automobilhersteller sollten demnach in Zukunft Maßnahmen zur Erhöhung der
Kundenzufriedenheit einleiten.
Die Differenz bezüglich der Leistungskennzahl zwischen dem besten und dem
schlechtesten Hersteller unterscheidet sich in Abhängigkeit der jeweiligen Kategorie. Der
Tabelle 4.2: Anzahl der Bewertung (Eigene Darstellung)
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
40
herstellerspezifische Performanceunterschied ist in der Automobilindustrie mit 2,7 am
größten. Im brancheninternen Herstellervergleich der Automobilindustrie sind die
gewichteten Durchschnittswerte der Hersteller inhomogen. Die Unternehmen der
Mobilitätsdienstleister sowie der IT-Branche weisen demgegenüber eine konstante
Leistungsperformance auf einem insgesamt höheren Leistungsniveau auf. Die Differenz
beträgt 1,1 bei den Mobilitätsdienstleistern und 0,4 bei den IT-Unternehmen. Die
Streuung um den Durchschnittswert in der internen Bewertungsverteilung eines
Unternehmens (1-5) wird anhand der Standardabweichung erfasst (s. Anhang 4).
Eine niedrige numerische Standardabweichung deutet auf eine geringe Streuung um
den Durchschnittswert hin. In diesem Fall weist die Gesamtheit der Nutzer eine
vergleichbare Kundenzufriedenheit auf. Der ermittelte Durchschnittswert ist als eindeutig
zu werten, denn die Anzahl abweichender Kundenbewertungen gegenüber dem
Durchschnittswert ist schwach ausgeprägt. Die Nutzer neigen insgesamt bei der
Kundenbewertung zu extremen Randbewerten, womit die Vergabe von einem oder fünf
Sternen gemeint ist (Beispiel s. Anhang 6). Demnach sind Kunden branchen-
übergreifend von mobilen Software-Anwendungen begeistert oder enttäuscht. Die
Kundenzufriedenheit hängt nach dem Kano-Modell vom Erfüllungsgrad der
Anforderungen ab. Beim Kano-Modell wird zwischen Basis-, Leistung- und
Begeisterungsmerkmalen unterschieden. Einen wesentlichen negativen Einfluss auf die
Kundenzufriedenheit hat die Nichterfüllung von Basisanforderungen, wie
Funktionseinschränkungen aufgrund von Fehlern oder Störungen während der
Nutzungsphase.[65]
4.2 Kundenanforderungen
Die Beschaffenheit eines Produkts orientiert sich möglichst nah an den Anforderungen
des Kunden hinsichtlich Funktion, Lieferzeit, Preis und Service. Damit
Kundenanforderungen in die Entwicklung und Fertigung eines Produktes einfließen
können, muss diesen eine Untersuchung der erforderlichen Qualitätsmerkmale von
Produkten oder Dienstleistungen vorausgehen.[66]
4.2.1 Grundlagen der Kundenanforderungen
Das Spannungsgefüge zwischen Kunde und Lieferant (s. Abb. 4.3) wird von Masing
veranschaulicht.[66] Angefangen auf der Kundenseite erwartet der Kunde ein Produkt,
das seinen Ansprüchen entsprechen soll. Diese Ansprüche formuliert der Kunde in
Qualitätsanforderungen, die wiederum mit einer Vorstellung über den Nutzungszeitpunkt
und einem Preis, den der Kunde zu zahlen bereit ist, verbunden sind. Aus Herstellersicht
wird ein materielles oder immaterielles Produkt gefertigt und dem Markt zur Verfügung
gestellt. Dieses Produkt besitzt eine bestimmte Beschaffenheit, die zunächst die
wertfreie Gesamtheit aller Merkmale und Eigenschafen des Produkts darstellt. Anhand
der Gegenüberstellung der Beschaffenheit und den Forderungen sowie Erwartungen
erfolgt eine Aussage über die Produktqualität. Die Nichterfüllung einer Forderung kommt
einem Fehler gleich und kann nicht durch die übermäßige Erfüllung einer anderen
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
41
Produkteigenschaft ausgeglichen werden. Dem Produzenten fallen Kosten bei der
Erstellung des Produkts oder der Dienstleistung an; außerdem ist die Verfügbarkeit der
Leistung in zeitlicher Hinsicht zu berücksichtigen. Die Parameter Anforderungen (bzw.
Beschaffenheit), Preis und Termin bilden das sogenannte magische Dreieck auf der
Nutzerseite (bzw. Herstellerseite). Die Eckpunkte des Dreiecks sind abhänge Variablen
und lassen sich nicht unabhängig voneinander wählen. Besteht nun Bedarf an einem
Produkt, so bestimmt der Kunde die Beschaffenheit, den Termin und den Preis, die
seinen Erwartungen entsprechen.
Abbildung 4.3: Spannungsdreieck nach Masing (Quelle: Masing 2014 [66])
Änderung der Kundenbedürfnisse
Sich ändernde Kundenbedürfnisse stellen die Automobilhersteller vor neue
Herausforderungen. Kunden präferieren digitale Dienstleistungen für Kommunikation,
Unterhaltung, Vernetzung und Produktivität bei vorausgesetzten klassischen
Produktmerkmalen. Die Markenloyalität verliert dabei zunehmend an Bedeutung:
Kunden neigen bei einem besseren Angebot von Technologie-Features zum Wechsel
der Automarke.[67] Die Anforderungen an Infotainmentsysteme zur Erfüllung der
Kundenerwartung im Fahrzeug sind auch ausschlaggebend für die Kundenzufriedenheit.
Die Herausforderung für Hersteller besteht darin, den Kunden eine zufriedenstellende
digitale Dienstleistung und Technologie bereitzustellen. Mittels digitaler Dienstleistungen
kann somit eine zusätzliche Einnahmequelle erschlossen werden. Aufgrund von
auftretenden Fehlern und Störungen während der Nutzungsphase mit funktionalen
Beeinträchtigungen besteht ein nur beschränktes Vertrauen gegenüber den digitalen
Dienstleistungen der Automobilhersteller. Im Gegensatz dazu weisen Google, Apple und
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
42
weitere Unternehmen der IT-Branche einen Vertrauensvorsprung beim Kunden auf.
Dieser Vertrauensvorsprung resultiert aus den bekannten und bewährten Systemen der
Rookies. Hinsichtlich der Nutzererfahrung oder des Nutzererlebnisses (User Experience)
verlangen die Kunden eine einheitliche Darstellungsweise. Veraltete Systeme und
Produkt-Features sind zu vermeiden. Die Standards im Bereich der Infotainmentsysteme
und Kundenprodukte bzw. -gebrauchsgegenstände (Consumer Devices) werden von
den Rookies festgelegt. Dieses Gebiet bildet seit mehreren Jahren unter anderem das
Kerngeschäft von Apple und Google. Für die Automobilhersteller besteht ein dringender
Nachholbedarf.[67]
Eine bedeutsame Herausforderung ist die Verknüpfung von traditionellen und digitalen
Wertschöpfungsstufen. Die traditionellen Wertschöpfungsstufen der Automobilindustrie
lehnen sich an die klassische Fahrzeugentwicklung, die Produktion und den Verkauf an.
Die Wertschöpfung orientiert sich entlang der organisierten KIEFA-Struktur. Die digitalen
Wertschöpfungsstufen sind den digitalen Geschäftsmodellen und Dienstleistungen
zugeordnet.
4.2.2 Ergebnisse Benchmarking-Analyse und Kundenzufriedenheit
bezüglich digitaler Dienste
Fast alle traditionellen Automobilhersteller sowie neuen Anbieter bieten heutzutage den
Kunden neue Mobility- sowie Connectivity-Services an. (s. Abb. 4.4) Basierend auf der
Recherche gibt es eine Vielzahl neuer Begriffe auf dem Connectivity-Gebiet in der
Automobilindustrie.[68] [69] [74] Die bekannten Automobilhersteller, neue Mobility-Service-
Dienstleister sowie die weltweit erfolgreichen IT-Firmen wurden im Benchmark analysiert.
Abbildung 4.4 zeigt einen Auszug der Automobilhersteller mit den vorrangigen digitalen
Diensten: Remote-Zugriff, Statusabfragen und Unterstützungsfunktionen wurden bereits
von mehreren OEMs umgesetzt.
Abbildung 4.4: Auszug der Funktionsübersicht nach Herstellern[ [68] [69]- [74] (Stand 03.03.2018)
Stand der Forschung
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43
Wie in Abb. 4.4 dargestellt, steht der amerikanische Hersteller Tesla mit über 4 Punkten
an der Spitze, während die deutschen Premiummarken Audi, BMW und Mercedes relativ
weit unten liegen. Die Säulen zeigen die direkte Online-Kundenbewertung und die
Kundenzufriedenheit mit den Apps an. Abb. 4.5 veranschaulicht einen Vergleich der
Kundenbewertung der Mercedes-me-App der Daimler AG mit der Tesla-App. Die blaue
Kurve zeigt eine deutlich unterschiedliche Punkteverteilung.
Abbildung 4.5: Vergleich Kundenbewertungen Mercedes-me- und Tesla-App (Eigene Darstellung, vgl.
iTunes Store und Google Play)
Die nachfolgende Abb. 4.6 zeigt das Ranking basierend auf folgenden Kriterien an.
(beliebte Automobilhersteller, innovative Automobilhersteller sowie Car Sharing aus
verschiedenen Quellen im Jahr 2017)
Abbildung 4.6: Ranking nach Automobilhersteller (Eigene Darstellung vgl. iTunes Store und Google Play)
The driver of a software project is the customer. If the software doesn´t do what they
want it to do, you have failed.[75]
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
44
Durch den Vergleich in Abb. 4.6 wird der Unterschied der Kundenbewertungen für
verschiedene Apps der Automobilindustrie, Mobilitätsdienstleister und IT-Firmen deutlich.
Im Vergleich mit der Nicht-Automotive-Branche stehen Automobilhersteller vor der
Herausforderung, die Kundenbedürfnisse möglichst optimal zu erfüllen, um zukünftig
weiterhin wettbewerbsfähige Fahrzeuge am Markt anbieten zu können und an den
Marktpotenzialen für vernetzte Fahrzeuge und Funktionen zu partizipieren. Dabei ist die
Erwartungshaltung der Kunden stark von dem mobilen Bereich geprägt, die ebenfalls
diese Potenziale ausschöpfen möchten.
Bei einer gleichzeitig erhöhten Nachfrage nach individueller Mobilität ändern sich auch
die Rahmenbedingungen drastisch, wodurch die neuen und intelligenten Angebote auf
dem Markt an Bedeutung gewinnen werden. Auch die Automobilbranche muss sich
dieser Änderungen annehmen, um in Zukunft als relevantes Mobilitätskonzept von
Kunden wahrgenommen zu werden. In diesem Zusammenhang kam die Idee zur
Vernetzung von Fahrzeugen auf. Diese Vernetzung von Fahrzeugen tragen einen
entscheidenden Beitrag dazu bei, sowohl den Kundenanforderungen an ein modernes
Fortbewegungsmittel gerecht zu werden als auch übergreifende Anforderungen von
regulierenden Instanzen an zukunftsfähige Mobilitätslösungen zu erfüllen. Verschiedene
Studien zeigen Ergebnisse, dass die Kundengruppen der Nutzer digitaler Dienste anders
als die der traditionellen Fahrzeugbesitzer sind: Die neuen Kunden, die digitale Dienste
heute nutzen, können wahrscheinlich kein eigenes Auto besitzen.[16]
Methode der User Journey Map
Die User Journey Map ist eine beliebte Methode aus dem Feld der User Experience, die
überwiegend in Verbindung mit der Konzeptionierung neuer Produkte Anwendung findet.
Die Methode veranschaulicht das Erlebnis eines Kunden entlang der gesamten Nutzung
einer Dienstleistung. Die Map, die das Ergebnisse der Anwendung der Methode bildet,
entsteht in der Regel durch die Zusammenarbeit vieler Beteiligter (Konzepte, Product
Owner, UX-Designer, Marketing-Verantwortliche etc.). Es gibt kein standardisiertes
Format zur Gestaltung der Journey. Der entscheidende Wert der User Journey liegt in
der Kundenperspektive sowie dem Einbeziehen aller Teammitglieder aus den
verschiedenen Disziplinen, sodass eine Vielzahl an kreativen Ideen zur
kundenfreundlichen Gestaltung der einzelnen Nutzungsschritte gesammelt wird und
differente Sichtweisen eingenommen werden.[76] [77]
4.3 Fehler und Fehlerarten der digitalen Dienste
Im Zuge der vorliegenden Dissertation wurden die bekannten Fehlerarten der digitalen
Dienste recherchiert, zusammengefasst und neu klassifiziert. Die klassische
Qualitätssicherung in der Automobilindustrie ist oft hauptsächlich auf das Finden von
bereits existenten Fehlern ausgerichtet. Im Idealfall findet sie die Fehler durch den
Einsatz mannigfaltiger Techniken wie statische Codeanalysen, Stichproben, Reviews
und Testen so früh wie möglich nach dem Auftreten.
Stand der Forschung
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45
Der aktuelle Schadteilanalyseprozess in der deutschen Automobilindustrie fokussiert
sich auf die von Kundenfahrzeugen getauschten fehlerhaften Fahrzeugkomponenten.
Die Software-Diagnose wurde nur oberflächlich beschrieben und es gibt dazu aktuell
noch keine konkreten Maßnahmen oder Prozessbeschreibungen.[78] Die aktuellen
Qualitätsanalyse-Strukturen und -Prozesse bilden die Anforderungen nicht mehr
ausreichend ab. Um auch den zukünftigen Qualitätsansprüchen der Kunden und einer
nachhaltigen Sicherstellung der Feldqualitätsanalyse gerecht zu werden, sind neue
Fehleranalysestrategien erforderlich.
Wie in Kapitel 3.4.1 definiert, istein Fehler die Nichterfüllung von verfügbaren
funktionalen Produktmerkmalen sowie die Abweichung von Kundenerwartungen.
Im folgenden Kapitel wird erst der Status quo des Fehlerabstellprozesses in der
Automobilindustrie und wissenschaftliche Methoden vorgestellt. Die aktuellen
Fehlermanagement Methoden in der heutigen Automobilindustrie werden analysiert und
vorgestellt. Abschließend folgen kritische Fragen an aktuelle Methoden bzw.
Datenquellen der klassischen Autokomponenten.
4.3.1 Status quo des Fehlerabstellprozesses
Das Fehlermanagement kann in das Aachener Qualitätsmanagement-Modell
eingeordnet werden. Schmitt/Pfeifer[79] definieren zu diesem Zweck einen rollenbasierten
Referenzprozess für das Fehlermanagement. Der im Folgenden als
Fehlerabstellprozess bezeichnete Referenzprozess ist in Abbildung 4.7 dargestellt:[80]
Abbildung 4.7: Fehlerabstellprozess im Aachener Qualitätsmanagementmodell[80]
Stand der Forschung
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46
Die Verantwortung für den Prozess wird auf zwei Rollen verteilt: die Clearing-Stelle und
den Beschwerdebearbeiter. In der ersten Phase, der Fehleranalysephase, führt die
Clearing-Stelle die Erfassung von Fehlerdaten aus den Feldqualitätssensoren, die
Fehleraufbereitung und -identifizierung sowie die Fehler-Priorisierung durch. Die
Clearing-Stelle initiiert die Fehlerabstellphase und den operativen Fehlerabstellprozess,
der von den Beschwerdebearbeitern durchgeführt wird.
In der aktuellen deutschen Automobilbranche wird zur Fehleranalyse der
Schadteilanalyseprozess verwendet, der im VDA-Band seit dem Jahr 2009
„Schadteilanalyse Feld“ beschrieben wird. In Abbildung 4.8 ist zu erkennen, dass dieser
aus zwei Hauptbestandteilen besteht: zum einen aus der Befundung und zum anderen
aus dem No-Trouble-Found-Prozess (NTF-Prozess).[78]
Abbildung 4.8: VDA Blauer Band, Schadteilanalyseprozess [78]
Die auftretenden Fehler werden von den Automobilherstellern analysiert, um die Fehler-
ursachen zu ermitteln und diese in den Fehlerabstellprozess einfließen zu lassen. Wie
in Kapitel 3.3.1 definiert, bestehen digitale Dienste aus Hardware, Software und viel
mehr. Bei digitalen Diensten geraten die Fehleranalysemethoden der Automobil-
hersteller jedoch an ihre Grenzen, da diese sich hauptsächlich auf Hardware-Probleme
beziehen. Um auch Software-Fehler analysieren zu können, werden Methoden aus der
IT-Branche benötigt. Die relevanten Unterschiede der ganzheitlichen Fehleranalyse-
prozesse für Hardware-Bauteile und digitale Dienste werden in Abbildung 4.9 dargestellt.
Die Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Feld der digitalen Dienste wird
in Kapitel 5 weiter erforscht. Die Weiterentwicklung des Fehleranalyseprozesses wird im
Laufe dieser Doktorarbeit bearbeitet.
Stand der Forschung
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47
Abbildung 4.9: Vergleich des ganzheitlichen Schadenteile-ckführungsprozesses und desjenigen
digitaler Komponenten(eigene Darstellung)
4.3.2 Fehlermanagement-Methoden
Im folgenden Abschnitt werden einige der grundlegenden Methoden vorgestellt, die im
Bereich des Fehlermanagements verwendet werden. Quality Function Deployment
(QFD)
Das QFD ist eine weitverbreitete Methode zur Qualitätssicherung in der
Produktentwicklung. Die Methode dient der Ermittlung der Kundenanforderungen (extern
& intern) an ein Produkt, um daraus Entwicklungsanforderungen im Hinblick auf die
Qualität abzuleiten. Die verschiedenen Bereiche eines Unternehmens verwenden
unterschiedliche Fachsprachen und legen ihren Fokus auf unterschiedliche
Produktanforderungen, die sich aufgrund ihrer Spezialisierung ergeben. Das QFD hilft,
zwischen den verschiedenen Unternehmensbereichen (sowie zwischen Kunden und
Lieferanten) zu vermitteln und so die verschiedenen Aktivitäten im Entwicklungsprozess
konsistent auf den Markt auszurichten.[79]
Die Methode wird in vier Phasen unterteilt, wobei mit jeder Phase die
Kundenanforderungen konkretisiert werden. Zu Beginn werden die
Kundenanforderungen mittels Workshops, Interviews und Marktanalysen identifiziert.
Anschließend findet die Planung des Produktes statt, indem die Kundenanforderungen
in technische Funktionsmerkmale mittels Lasten- und Pflichtenheft umgesetzt werden.[79]
In der dritten Phase werden die einzelnen Bauteile und Gruppen geplant. Zuletzt werden
die betrieblichen Abläufe und Prozesse geplant sowie Prüfpunkte und Prozessparameter
festgelegt. Das zentrale Formblatt wird als House of Quality bezeichnet, das als
Verständigungsmittel zwischen den einzelnen Abteilungen dient. Es stellt die
Kundenanforderungen, die Ableitung der Qualitätsmerkmale, die Festlegung der
Zielgrößen, die Wechselwirkungen zwischen den Qualitätsmerkmalen und einen
Leistungsvergleich mit den Wettbewerbern dar. Die Vorteile dieser Methode sind die
Stand der Forschung
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48
Nachvollziehbarkeit der Produkteigenschaften und der damit verbundenen
Kundenwünsche. Die Methode deckt allerdings Probleme häufig nur auf, ist aber nicht
in der Lage, die Probleme zu lösen, sodass andere Methoden zur Ergänzung verwendet
werden müssen.[79]
1. Die Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse
Die Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse (FMEA) ist eine der am häufigsten
verwendeten Methoden im Bereich des Fehlermanagements. Die FMEA ist eher dem
Bereich der Fehlerprävention zuzuordnen. Das Ziel der FMEA ist es, ausgehend von
einem Fehler die Fehlerfolgen, das potenzielle Risiko sowie geeignete Maßnahmen
einzuschätzen bzw. abzuleiten. Die FMEA wird meist in drei Arten gegliedert: die
System-, Konstruktions- und Prozess-FMEA, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten
während des PEP angewendet werden.
Der Ablauf sowie die Richtlinien der FMEA sind in der DIN EN 60812 geregelt. Der Ablauf
einer FMEA beginnt mit dem Festlegen der Teamzusammensetzung, der Terminplanung
und der inhaltlichen Vorbereitung in Bezug auf die Aufgabenstellung. In der
Durchführungsphase werden zunächst potenzielle Fehler, Fehlerquellen, -folgen sowie
Ursachen und entsprechende Maßnahmen ermittelt bzw. analysiert. Anschließend
werden den potenziellen Fehlern Auftretens-, Bedeutungs- und Entdeckungszahlen
zugeordnet. Die Multiplikation dieser Zahlen ergibt die Risikoprioritätszahl (RPZ). Diese
gibt Auskunft über das Ausmaß des jeweiligen Fehlers, sodass die Relevanz der
einzelnen Fehler beurteilt werden kann. Die Auftretens-, Bedeutungs- und
Entdeckungszahlen werden auf Basis der Unternehmensrichtlinien subjektiv
eingeschätzt. Aus der FMEA können Maßnahmen abgeleitet werden, die durch
Terminverfolgung und Erfolgskontrolle überprüft werden.
2. Fehlerbaumanalyse
Ähnlich wie bei der FMEA wird auch bei der Fehlerbaumanalyse (FTA) ein ganzheitliches
Fehlerbild ermittelt, jedoch wird hier der Top-Down-Ansatz gewählt. Dem FTA kann
sowohl ein präventiver als auch ein reagierender Ansatz zugrunde liegen. Auf Basis des
systematischen Einsatzes der Fehlerbaumanalyse werden die Teilsysteme sowie die
Einflüsse auf die Funktionsfähigkeit abgebildet und über Boolesche Verknüpfungen
(UND, ODER, NICHT) in Verbindung gebracht (DIN 25424).
Zu Beginn der FTA wird das zu untersuchende System analysiert. Hierzu werden
Informationen wie Abhängigkeiten, Eintrittswahrscheinlichkeiten und Parameter der
einzelnen Bestandteile des Gesamtsystems (bspw. Untersysteme, Bauteile,
Komponenten) gesammelt und miteinander verknüpft. Das Ziel ist es, mithilfe dieser
Informationen die Abhängigkeiten in einem Fehlerbaum darzustellen. Anhand der FTA
lassen sich Ausfallwahrscheinlichkeiten (quantitativ) eines Systems berechnen oder nur
Abhängigkeiten (qualitativ) darstellen. Ähnlich wie bei der FMEA, können abschließend
Maßnahmen zur frühzeitigen Fehlererkennung und zur Abstellung von Fehlerursachen
abgeleitet werden.
Stand der Forschung
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49
Der strukturierte Aufbau und Ablauf dieser Methode macht eine Verknüpfung mit bzw.
eine Umsetzung als Software möglich. Diese Methode stößt bei komplexen Systemen
aufgrund mangelnder Übersichtlichkeit allerdings an ihre Grenzen.
3. Six Sigma
Die Verbesserung der Qualität von Produkten und Prozessen bei gleichzeitiger
Kostenreduktion, Umsatzsteigerung und höherer Kundenzufriedenheit ist das
grundlegende Ziel dieser Methode. Die Six-Sigma-Methode stellt eine klar strukturierte
Vorgehensweise sowie Methoden und Tools für die Verbesserung von Prozessen im
Unternehmen zur Verfügung und orientiert sich dabei an dem DMAIC-Zyklus (S. Abb.
4.10). Der Zyklus strukturiert das Vorgehen in fünf aufeinanderfolgende Phasen, in der
jeweils bestimmte Methoden und Werkzeuge zur Verfügung gestellt werden. Die
Methoden und Werkzeuge sind in einer Toolbox zusammengefasst, die hauptsächlich
aus Tools anderer Statistik- und QM-Methoden besteht. Six Sigma zählt zu den
statistischen Verfahren. Die bekannteste Bemessungseinheit in Six Sigma ist dpmo
(defects per million opportunities). Zur Ermittlung des dpmo-Wertes ist es nötig, die
qualitätskritischen Attribute bzw. Merkmale eines Produktes oder Prozesses zu
bestimmen. Diese Kenngröße gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Merkmal
innerhalb der zuvor für dieses Merkmal festgelegten Spezifikationsgrenzen um einen
bestimmten Zielwert liegt.
Abbildung 4.10: Six-Sigma-DMAIC-Zyklus
Six Sigma kann in drei unterschiedlich tiefgehenden Stufen im Unternehmen eingeführt
werden. Die leichteste Stufe bezieht sich lediglich auf das Einführen der Toolbox. Das
Verbesserungsprogramm dient der Integration von Six Sigma in ausgewählten
Unternehmensbereichen. Die unternehmensweite Strategie stellt die höchste Stufe dar;
dabei setzt das gesamte Unternehmen Six Sigma um. Das Einführen dieser Methode ist
aufwendig und kann langwierig sein. Daher scheitern besonders kleine Unternehmen oft
an ihrer Umsetzung.
Stand der Forschung
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50
4.3.3 Kritik an Fehlermanagement-Methoden
Die beschriebenen Methoden unterscheiden sich erheblich im Hinblick auf Komplexität,
Aufwand und Eignung für das Fehlermanagement. Fast alle Methoden legen den Fokus
auf präventive Fehlervermeidung. Das ergibt im Hinblick auf die Verteilung der
Fehlerursachen und Fehlerkosten Sinn, jedoch ist eine schnelle Fehlerbehebung aus
Kundensicht und damit ein aktives Fehlermanagement mindestens genauso relevant.
Lediglich der 8D-Report ist ausschließlich für das Beheben von bereits geschehenen
Fehlern geeignet. Dieser folgt jedoch einem starren, sequenziellen und wenig agilen
Ablauf, der für ein schnelles Agieren besonders im Bereich von schnelllebigen digitalen
Produkten und Apps in der Regel nicht optimal ist.
Der 8D-Prozess ist ursprünglich für die Fehlerbehebung physikalischer Produkte
konzipiert. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Entwicklungsprozess ab einem
bestimmten Punkt abgeschlossen ist und anschließendes Testen bzw. der Betrieb
getrennt voneinander zu betrachten sind. Dies ist bei Software jedoch nicht der Fall. Es
bedarf daher eines Ansatzes, wie präventive Maßnahmen in der agilen Software-
Entwicklung so genutzt werden können, dass reaktive Maßnahmen effektiv und effizient
auf die agile Entwicklung abgestimmt werden.
Abbildung 4.11: Fehler Klassifizierungsprozess für Software in der Automobilindustrie (Eigene Darstellung)
Wie Abbildung 4.11 zeigt, sind die 4 Kernschritte des aktuellen Fehlerabstellprozesses
in der Automobilindustrie die folgenden: Fehler definieren, erkennen, klassifizieren und
Ursachen analysieren. Dabei kann die vom VDA eingefügte 8D-Methode sowohl zu
Informations- als auch zu Dokumentationszwecken eingesetzt werden.[37]
Mit der Tendenz der Digitalisierung in der heutigen Automobilindustrie spielt Agilität eine
bedeutsame Rolle im Connectivity-Feld. Um auf Feedback der Kunden schnell zu
reagieren sowie Probleme rasch zu beheben im Sinne vonCustomer (Feedback) First,
ist der aktuelle 8D-Prozess für Software sowie digitale Dienste nicht geeignet.
Automotive-SPICE[81] Software-Entwicklungsprozesse hängen stark von dem Konzept
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
51
der Veröffentlichung der App bzw. Software ab. Eine schrittweise Einführung der
Software vor der Veröffentlichung der App ist essenziell. Die Zielsetzung ist es dabei,
schwerwiegende und häufige Fehler nicht erst beim Kunden zu entdecken, sondern
frühzeitig vor dem Go-Live(bzw. SOP in der Automobil Industrie) zu testen und zu
beheben.
In dieser Doktorarbeit wird ein Teil des Gesamtprozesses analysiert (siehe Abb. 4.12).
Hier gibt es eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Ressourcen. Details dazu
werden in den Kapiteln 5 und 7 vorgestellt.
Abbildung 4.12: Integration des Fehler-Analyseprozesses r digitale Dienste in der Automobilindustrie
(Eigene Darstellung)
Wie schon verdeutlicht wurde, ist ein digitaler Dienst eine komplexe Plattform und
Kombination aus mehreren Usern. Demnach ist es auch nicht einfach, die Fehler einer
solchen Plattform bezüglich Hardware und Software zu analysieren. Sowohl die
Methoden der Automobilbranche als auch die der IT-Branche sind nicht ausreichend, um
Fehler von digitalen Diensten untersuchen zu können. Diesbezüglich werden in dieser
Arbeit eine Fehlerklassifizierung und ein Konzept zur Fehleranalyse und Bewertung von
digitalen Diensten erarbeitet.
Vollständige Daten sind eine Voraussetzung zur Fehleranalyse. In der folgenden Dar-
stellung sind die bekannten Datenquellen in der heutigen Automobilbranche
eingezeichnet. Für digitale Dienste sind die Datenquellen erweitert; die Kundendaten
sind z. B. keine physischen Bauteile und ein neues Update wird per Over-the-Air (OTA)
ohne Werkstattbesuch aktualisiert.[80]
Eine transparente bereichsübergreifende Datenbank ist eine Basis für das zukünftige
Qualitätsmanagement digitaler Dienste.
Stand der Forschung
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52
Abbildung 4.13: Quellen der Felddaten klassische Komponenten [80]
4.4 Umgang mit Reklamationen
Obwohl der standardisierte Reklamationsprozess in der Automobilindustrie zwischen
Lieferanten und OEM, und damit auf einer B2B-Ebene stattfindet, wird im nächsten
Abschnitt die allgemeine Ablaufbeschreibung des B2C-
Beschwerdemanagementprozesses wiedergegeben. Ursächlich dafür ist der bereits
thematisierte Mangel an entsprechender Fachliteratur. Einige Prozessschritte besitzen
zudem eine beziehungsübergreifende Relevanz.
An dieser Stelle der Arbeit waren ursprünglich Ausführungen zu dem entsprechenden
Reklamationsprozess in der Software-Branche vorgesehen. Allerdings ließen sich nach
eingehender Recherche keine diesbezüglichen Quellen finden. Der wahrscheinlichste
Grund für diesen Umstand besteht darin, dass es keine übergeordnete Instanz wie den
VDA gibt, die entsprechenden Richtlinien für diesen Industriezweig entwickelt und
veröffentlicht. Folglich ist von einem Zustand wie in der Automobilindustrie im Jahr 2009
auszugehen. Dieser ist gekennzeichnet durch individuelle Lösungen jeder Firma.
4.4.1 Beschwerdemanagement (BM)
Durch die zuvor thematisierte Verschiebung der Wertschöpfungsanteile ist gleichsam
eine Zunahme der durch Lieferanten verursachten Fehler zu beobachten. Folglich tritt
das Beschwerdemanagement in den Fokus der Betrachtung. Es bildet den
übergeordneten Rahmen der vorliegenden Ausarbeitung. In diesem Zusammenhang
werden zunächst die zum Verständnis notwendigen Begriffe definiert und in den
Betrachtungskontext eingeordnet. Darauffolgend werden, wie bereits zuvor,
Ausarbeitungen hinsichtlich der Bedeutung sowie des Prozessablaufs vorgenommen.
Mit der Beschwerde und der Reklamation existieren zwei häufig synonym verwendete
Begriffe. Die Literatur empfiehlt jedoch eine Unterscheidung beider Ausdrücke. Dem-
nach sind unter einer Beschwerde „alle Unzufriedenheitsartikulationen von
Konsumenten zu verstehen, die darauf gerichtet sind, in Verbindung mit Konsumgütern
und Konsumgüteranbietern wahrgenommene Probleme (Konsumentenprobleme) zu
lösen.“[82] Kurz gesagt: Beschwerden sind Äußerungen von Unzufriedenheit.[83]
Stand der Forschung
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53
Reklamationen stellen dabei einen Sonderfall bzw. eine Teilmenge der Beschwerden
dar. Mit ihnen beabsichtigt der Kunde eine rechtliche Entschädigung für das erhaltene
Produkt oder die erhaltene Dienstleistung (rechtliche Gewährleistung). Somit können
Reklamationen allein in der Phase nach dem Abschluss des Geschäfts auftreten,
wohingegen Beschwerden bereits vor oder während der Transaktion an ein
Unternehmen gerichtet werden können. Kapitel 7.5 beschäftigt sich folglich mit
Reklamationen.
Unter dem bereits mehrfach angesprochenen Kunden ist nicht zwangsläufig eine Einzel-
person im Sinne eines Verbrauchers zu verstehen. Vielmehr existiert eine in Abb. 4.14
dargestellte Struktur. In diesem Zusammenhang wird zwischen B2B und B2C
unterschieden. In einer B2B-Beziehung ist der OEM folglich ein Kunde des Lieferanten,
wohingegen der Verbraucher in einer B2C-Beziehung Kunde des OEM ist.
Abb. 4.14: Partner im Produktentstehungsprozess (Eigene Darstellung nach [84])
Dieser Darstellung kommt eine hohe Bedeutung zu, da sich die Beschwerdeforschung
fast ausschließlich auf B2C-Beziehungen konzentriert. Dies ist kritisch zu bewerten, da
der Kunde im B2B-Geschäft bedeutend abhängiger von seinem Lieferanten ist, als es in
B2C-Beziehungen der Fall ist. Hinzukommt, dass der eigentliche Kauf bzw. Verkauf
eines Produktes oder einer Dienstleistung nur einen Bruchteil der gemeinsamen
Beziehung darstellt. Zusätzlich übersteigen die monetären Werte der B2B-Geschäfte,
trotz eines kleineren Kundenmarktes mit weniger Transaktionen, die der B2C-Geschäfte
um ein Vielfaches. Dies führt letztlich zu dem Schluss, dass „die professionelle
Abwicklung der Kundenbeschwerde in B2B-Geschäftsbeziehungen deutlich wichtiger
als im B2C Bereich“ ist.
Das BM als übergeordneter Prozess besaß in der deutschen Literatur vormals den
Namen Beschwerdepolitik. Unterdessen wurde der erstgenannte Begriff weitestgehend
aus dem Amerikanischen übernommen. Er beinhaltet die „Planung, Durchführung und
Kontrolle aller Maßnahmen […], die ein Unternehmen im Zusammenhang mit
Beschwerden ergreift.“ Aufgrund der Zweiteilung des BM ist dieses sowohl dem
Customer-Relationship-Management (CRM) als auch dem Qualitätsmanagement
zurechenbar.
4.4.2 Ablauf 8D-Methode
Die Ziele der 8D-Methode sind eine sofortige Abstellung des Fehlers sowie eine
Beseitigung der Fehlerursache, um ein weiteres Auftreten des Fehlers auszuschließen.
Diese Methode wird häufig in der Automobilindustrie angewendet, um Fehler zwischen
Kunden und Lieferanten (sowohl intern als auch extern) zu beseitigen. Die 8D-Methode
Lieferant OEM
(Hersteller)
Kunde
(Verbraucher)
B2C
B2B
Stand der Forschung
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54
umfasst acht Disziplinen, die im Folgenden kurz erläutert werden. Als Vorlage dient
dabei der VDA-Band 4: 8D-Methode, Langversion.
In diesem Abschnitt wird die 8D-Methode als das Kernelement des standardisierten
Reklamationsprozesses sowie des Fehleranalyseprozesses zwischen OEM und
Lieferanten in der Automobilindustrie veranschaulicht. Zu diesem Zweck werden
wiederum zunächst der Hintergrund und die Bedeutung der Vorgehensweise
verdeutlicht, ehe eine schrittweise Prozessdarstellung vorgenommen wird.
Der Ausdruck 8D bezeichnet dreierlei Dinge: zum ersten die Problemlösung gemäß einer
Standardmethode; an zweiter Stelle ist der eng damit verbundene
Problemlösungsprozess zu nennen; den dritten Aspekt bildet der 8D-Report als
Berichtsform der Methode bzw. des Prozesses.[85] Unter 8D sind dabei die acht
verschiedenen Disziplinen im Vorgehensmodell zu verstehen, die den Anwender in
strukturierter Weise durch den Problemlösungsprozess leiten.[86]
Innerhalb des beschriebenen Reklamationsprozesses nimmt das 8D-Verfahren die Rolle
des Problemlösungswerkzeugs ein.[85] Damit stellt es einen festen Bestandteil des
Gesamtablaufs dar.[87] In der Automobilindustrie hat es sich als Standard etabliert.1[86]
Die Grundvoraussetzung für den Einsatz des Verfahrens besteht im Vorhandensein
einer Problemstellung mit unbekannter Ursache.[85] Neben der nachhaltigen
Problemlösung ist die Anwendung von Sofortmaßnahmen erforderlich.[86] Zusätzlich
sollten eine umfassende und verständliche Faktensammlung über die festgestellte
Abweichung vorliegen und die Lösung des Problems die Fähigkeiten eines
interdisziplinären Teams benötigen. Aufgrund dieser Einschränkungen ist der Einsatz
der 8D-Methodik erst ab komplexeren Problemen zielführend.[85]
Abbildung 4.15: Prozessdarstellung 8D [85]
Die folgenden Ausführungen zu den einzelnen Disziplinen sollen mit den Abbildungen
im Anhang 7 lediglich ein Grundverständnis über die Methodik vermitteln und erheben
keinen Anspruch auf Vollständigkeit.[85]
Stand der Forschung
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55
In der ersten Disziplin (D1: Problemlösungsteam) wird das interdisziplinäre Team
zusammengestellt. Neben den Teammitgliedern (Anzahl und Zusammensetzung
problemspezifisch) wird ein Sponsor (Verantwortung für benötigte Ressourcen) sowie
ein Teamleiter (Methodenkompetenz) bestimmt. Neue Erkenntnisse während des
nachfolgenden Prozesses können in diesem Zusammenhang einen direkten Einfluss auf
die Zusammensetzung der Gruppe nehmen. Von entscheidender Bedeutung für diesen
Schritt ist, dass das Team zum Zugriff auf sämtliche benötigte Informationen berechtigt
wird und die Kommunikationswege klar definiert sind.
Im anschließenden Schritt (D2: Problembeschreibung) erfolgt das Verständnis über den
Gesamtzusammenhang des vorliegenden Problems. Es wird eine simple, aber
gleichzeitig möglichst genaue und nachvollziehbare Aussage über die Abweichung
angestrebt, ohne bereits über die Ursachen zu mutmaßen. Dabei hat sich die
Anfertigung von Soll-Ist-Vergleichen auf Basis von vereinbarten Spezifikationen
(Zeichnungen, Stücklisten etc.) bewährt. Zu diesem Zweck ist es notwendig, dass alle
benötigten Informationen, z. B. über die Art und Anzahl betroffener Bauteile, vorliegen
und aufbereitet sind. Zusätzlich ist eine Untersuchung potenzieller Auswirkungen auf
vergleichbare Produkte oder Prozesse zu prüfen. Da die Ergebnisse dieses Schrittes
den Input für die nachfolgenden darstellen, ist eine gewissenhafte Durchführung
unabdingbar. So würde eine unvollständige Beschreibung unter Umständen zu einer
fehlerhaften Ursachenanalyse und/oder unwirksamen Maßnahmen führen.
Während der dritten Disziplin (D3: Sofortmaßnahmen) wird auf die Beseitigung des auf-
getretenen Problems beim Kunden abgezielt. Bei Software-Problemen kann
beispielsweise auf ein Backup oder die Vorgängerversion zurückgegriffen werden,
wohingegen bei Hardware-Problemen eine Liefersperre und ein sofortiges Aussortieren
der fehlerhaften Bauteile angestrebt werden kann. Die getroffenen Maßnahmen müssen
in ihrer Wirksamkeit bestätigt werden und bleiben danach bis zum Abschluss der
sechsten Disziplin bestehen. Während dieses Schrittes wird noch keine nachhaltige
Behebung des Fehlers, sondern lediglich eine kurzfristige Symptombeseitigung
angestrebt. Es ist dabei von Bedeutung, dass die gesamte Lieferkette betrachtet und bei
Bedarf informiert wird. Neben der Beseitigung beschädigter Elemente ist die
Sicherstellung der Lieferfähigkeit während dieses Schrittes von hoher Relevanz. Häufig
resultiert dies für den Hersteller (von Hardware-Komponenten) in einer 100%-Prüfung,
Zusatzschichten und damit deutlich erhöhten Herstellungskosten. In der
Automobilindustrie wird die dritte Disziplin in den meisten Fällen in enger Abstimmung
mit dem Kunden durchlaufen. Unter Umständen muss dieser die im Zuge der
Sofortmaßnahmen geänderten Prozesse freigeben. Letztlich wird das Ziel verfolgt, dass
der Kunde am Ende von D3 nicht länger von den Auswirkungen des Problems betroffen
ist.
Im vierten Schritt (D4: Ursachenanalyse) werden die Hintergründe des beschriebenen
Problems ermittelt. Unterschieden wird dabei zwischen der Ursache des Auftretens und
der Nichtentdeckung des Problems. Eine bewährte Methode der Ursachenforschung
besteht im Ishikawa-Diagramm. An dessen Ende steht eine Sammlung von möglichen
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
56
Begründungen, von denen die wahrscheinlichsten näher, z. B. mittels der 5-Why-
Methode, untersucht werden sollten. Die ermittelten Ursachen müssen in der Folge
durch Tests bzw. Versuche als die tatsächlichen Grundursachen bestätigt werden. In
diesem Schritt ist die richtige und vor allem vollständige Ermittlung der
Problemhintergründe von höchster Bedeutung.
Im fünften Schritt (D5: Auswahl und Verifizierung der Abstellmaßnahmen) erfolgt die
Erarbeitung von Lösungen für die in D4 ermittelten und verifizierten Grundursachen (Auf-
treten und Nichtentdeckung). Am Ende dieser Disziplin steht ein mit Terminen,
Ressourcen und Zuständigkeiten hinterlegter Aktionsplan. Die Umsetzung bzw. die
Einführung der Maßnahmen findet in diesem Schritt noch nicht statt. Unter Umständen
ist an dieser Stelle die Berücksichtigung von zurückliegenden und ähnlichen
Fehlerursachen hilfreich. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass für diese bereits
Maßnahmen implementiert und in ihrer Wirksamkeit bestätigt wurden. Weiterhin sind im
Zuge einer Risikobewertung mögliche Wechselwirkungen mit bestehenden Prozessen
zu berücksichtigen. Die erdachten Abstellmaßnahmen müssen in ihrer Effektivität durch
Versuche bestätigt werden und sollten mit vertretbarem wirtschaftlichem Aufwand
umsetzbar sein (Berücksichtigung der Effizienz). Am Ende der fünften Disziplin muss
das Team von der nachhaltigen Problembeseitigung überzeugt sein, sobald die
erdachten Maßnahmen umgesetzt wurden.
Die sechste Disziplin (D6: Realisierung und Validierung der Abstellmaßnahmen)
beinhaltet die Umsetzung des in D5 entwickelten Aktionsplans. Auch in diesem Schritt
findet eine Wirksamkeitsuntersuchung in Form einer Langzeitbeobachtung statt.
Während dieser können beispielsweise Fehlersammelkarten angefertigt oder
Prozessfähigkeitsuntersuchungen durchgeführt werden. Nach der Bestätigung der
Wirksamkeit sind die in D3 implementierten Sofortmaßnahmen aufzuheben. Weiterhin
müssen die eingeführten Veränderungen in der Organisation verankert werden. Dazu ist
es z. B. nötig, Dokumente wie Arbeitspläne, Zeichnungen oder
Verfahrensbeschreibungen anzupassen und die Belegschaft entsprechend zu schulen.
In der Automobilindustrie ist der Kunde spätestens an dieser Stelle in den 8D-Prozess
einzubeziehen, denn dessen Zustimmung ist häufig für Prozessänderungen nötig.
Weiterhin ist es möglich, dass der OEM auf der vorläufigen Beibehaltung ausgewählter
Sofortmaßnahmen (z. B. 100%-Prüfung) besteht.
Der anschließende siebente Schritt (D7: Fehlerwiederholung verhindern) transferiert die
gewonnenen Erkenntnisse auf vergleichbare Produkte oder Prozesse, um den
aufgetretenen Fehler nachhaltig aus der Organisation zu entfernen. Es wird ein Lessons-
Learned-Prozess angestoßen, von dem auch Unternehmensbestandteile profitieren, die
mit der ursprünglichen Problemstellung nicht konfrontiert waren. Beispielsweise können
die gewonnenen Erfahrungen in die Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse (FMEA)
eines künftigen und ähnlichen Produktes einfließen.
Die letzte Disziplin (D8: Abschluss und Würdigung des Teamerfolgs) sieht die
Beendigung des Prozesses vor. Der Abschluss der 8D-Methodik kann erst angestoßen
Stand der Forschung
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57
werden, sobald alle vorangegangenen Schritte erfolgreich durchlaufen wurden. Das
Fazit des Problemlösungsprozesses wird durch ein Gespräch mit möglichst allen
beteiligten Personen gezogen. In diesem werden Raum für Verbesserungsvorschläge
sowie die Würdigung der Teamleistung geboten. Der Sponsor sowie der Teamleiter
beenden die 8D-Methodik mittels einer dokumentierten Freigabe.
Während des kompletten Problemlösungsprozesses wird über den parallel zu erstellen-
den 8D-Bericht die Kommunikation zwischen Kunden und Lieferanten in einer
transparenten Form sichergestellt. Er enthält die umfassende Dokumentation der
gewonnenen Erkenntnisse. Der VDA bietet entsprechende Vorlagen an.
Fazit zur 8D-Methode
Bei der Betrachtung der vielfältigen Prozessschritte der 8D-Methode mit ihren häufigen
Wirksamkeitsnachweisen stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Dauer des
Verfahrens. Der VDA bescheinigt einzelnen Elementen einen mitunter erhöhten
Zeitaufwand, ohne dabei jedoch konkrete Zahlen zu nennen. Es wird lediglich darauf
verwiesen, dass „eine angemessene, nachhaltige Problemlösung nicht in Konflikt mit
Zeitvorgaben“ kommen darf.[85] Diese Aussage ist in erster Linie richtig; dennoch sollte
die Zeit als zentraler Kostentreiber während einer Reklamation berücksichtigt werden.
Zusätzlich gilt diese Aussage zusammen mit der regelmäßigen und verständlichen
Informationsweitergabe an den Kunden als Basisanforderung.[88]
In der Literatur lassen sich einige konkrete Beispiele für die erwarteten
Bearbeitungszeiten der einzelnen Disziplinen finden. Diese werden jedoch individuell
durch die Unternehmen festgelegt. Im Folgenden werden drei Beispiele dafür angeführt.
Im ersten Beispiel eines Zulieferers der Automobilindustrie für Multimedia-Systeme wird
der Abschluss von D1 nach einem und die Beendigung von D2 und D3 nach einem
weiteren Tag angestrebt. Nach 14 Tagen sollen die Disziplinen vier und fünf durchlaufen
sein. Das Ende des kompletten Prozesses ist nach spätestens 60 Tagen vorgesehen.[88]
Im Zuge einer Dissertation wurden verschiedene Unternehmen u. a. zu der
vorgesehenen Bearbeitungszeit der Disziplinen der 8D-Methode befragt. Auch in dieser
Untersuchung sprach sich die Mehrheit (78,9 %) für eine Bearbeitungszeit von zwei
Tagen für die Schritte D1 bis D3 aus. Knapp 70 % der Unternehmen erwarteten den
Abschluss des vollständigen Prozesses jedoch bereits innerhalb eines Zeitraums von 14
Tagen.[89] In der Automobilindustrie besteht zudem die häufige Forderung, dass die
Schritte eins bis drei bereits nach 24 Stunden durchlaufen sein müssen.[86] Dies bestätigt
der VDA im Band des standardisierten Reklamationsprozesses. Demnach fordern
Kunden Ergebnisse zu Sofortmaßnahmen in der Regel nach 24 bis 48 Stunden ein.[85]
Es wird deutlich, dass hinsichtlich der Disziplinen eins bis drei ein relativ großer Konsens
bezogen auf die Bearbeitungszeit besteht (24 bis 48 Stunden). Lediglich der zeitliche
Horizont für das Durchlaufen der verbleibenden fünf Schritte scheint unterschiedlich
gewählt zu werden.
Neben dem zeitlichen Aspekt lassen sich einige weitere Schwachstellen der 8D-
Systematik ausmachen: Zum einen setzt sie methodische Kenntnisse vieler weiterer
Stand der Forschung
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58
Verfahren (z. B. des Ishikawa-Diagramms) voraus.[87] Weiterhin scheitert die
Ursachenanalyse häufig bei komplexeren Wertschöpfungsketten, in denen die Fehler
erst firmenübergreifend entstehen.[89] Außerdem erscheint es durch die steigende
Anzahl und die zunehmenden Umfänge der 8D-Reporte häufig notwendig, eine
automatische Bewertung der Inhalte vorzunehmen.[90] Für die beiden letztgenannten
Punkte wurden im Rahmen der zitierten Veröffentlichungen bereits erste
Lösungsansätze erarbeitet.
4.4.3 Umgang mit Reklamationen in der Software-Branche
Um dennoch einen Einblick in den Umgang mit Reklamationen innerhalb der Software-
Entwicklung zu erhalten, wurde ein Interview mit einem Qualitätsingenieur aus der
Automobilindustrie durchgeführt. Dieser entwickelt seit sechs Jahren Server-Software
nach dem agilen Vorgehensmodell Scrum (s. Kapitel 4.8.3). Das vollständige Interview
ist dem Anhang 8 im Wortlaut beigefügt. Im Folgenden soll lediglich auf die Kerninhalte
des Gesprächs eingegangen werden.
Zunächst ist festzuhalten, dass dem interviewten Qualitätsingenieur keine
entsprechenden Normen oder Richtlinien innerhalb der Branche bekannt sind. Er geht
daher von individuellen Vorgehensweisen innerhalb der verschiedenen Firmen aus, die
sich dennoch in großen Teilen überschneiden. Eine erste zentrale Aufgabe des
Reklamationsprozesses in der Software-Branche besteht in der Eingrenzung und
Spezifizierung der eingehenden Beschwerde. Es folgt die Formulierung als sogenannter
Task. Dieser zeichnet sich durch eindeutig definierte Akzeptanzkriterien aus, die bei der
Bearbeitung der Reklamation berücksichtigt werden müssen. Im Anschluss wird die
Aufgabe der Problemlösung vom Produktverantwortlichen (Product Owner) priorisiert
und direkt in den gewöhnlichen Arbeitsablauf des Entwicklungsteams eingetaktet. Die
Priorisierung nimmt einen entscheidenden Einfluss auf die Dauer des Prozesses:
Schwerwiegende Probleme können in der Regel innerhalb weniger Stunden abgewickelt
werden, wohingegen die Lösung unkritischer Fehler mitunter erst nach Wochen
entwickelt wird. Folglich ist der Prozess relativ flexibel gestaltet und stark abhängig von
der Ausprägung der aufgetretenen Fehler. Dem Product Owner kommt in diesem
Zusammenhang eine entscheidende Rolle zu.
Die Frage nach der Anwendung eines speziellen Problemlösungswerkzeuges nach dem
Vorbild der 8D-Methode wurde verneint. Der nachfolgend vom Fachexperten
beschriebene Ablauf scheint jedoch ähnliche Ausprägungen aufzuweisen: Das
Problemlösungsteam (D1) besteht bereits durch das Entwicklungsteam und auch die
Problembeschreibung (D2) ist durch den zuvor beschriebenen Prozess bereits
abgeschlossen. Sofortmaßnahmen (D3) in Form von Backups sind durchaus üblich,
werden jedoch nur bei einer entsprechenden Dringlichkeit ergriffen. Die innerhalb der
8D-Methodik strikt getrennten Disziplinen D4 - D6 stellen im Arbeitsalltag des Ingenieurs
einen verbundenen Schritt dar, da Probleme in den meisten Fällen leicht zu überschauen
und damit zu beheben sind. Bei der Definition des Tasks wird zudem genauestens
festgelegt, welche Schritte bzw. Maßnahmen umgesetzt sein müssen, damit das
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
59
Problem als gelöst gilt (Definition of Done). Dazu zählen u. a. die Erfüllung aller
Akzeptanzkriterien sowie das (automatisierte) Testen sämtlicher Neuerungen. Letztere
spielen in der Software-Entwicklung, aber auch in der Fehlerbehebung eine
entscheidende Rolle. Die Disziplinen sieben und acht der 8D-Methode sieht der
Fachexperte durch die sogenannten Retrospectives innerhalb der Scrum-
Vorgehensweise repräsentiert. In diesen tauscht sich das Team über die Erfahrungen
des letzten Sprints (einen Zeitraum von ca. zwei Wochen) aus. Das Lernen aus Fehlern
sowie deren zukünftige Vermeidung stellen vorrangige Punkte auf der diesbezüglichen
Agenda dar.
Eine Dokumentation der durchgeführten Maßnahmen nach dem Vorbild eines 8D-
Reports wird in aller Regel nicht vorgenommen. Dies ist vor allem Datenschutzgründen
geschuldet.
Eine Use Case Software erschwert die digitale „Parkplatzsuche“ und wird im Lauf der
Doktorarbeit erarbeitet; die Ergebnisse werden in Kapitel 7 (Use Case Study
Reklamationsmanagement) vorgestellt.
4.4.4 Standardisierter Reklamationsprozess in der Automobilindustrie
Der standardisierte Reklamationsprozess in der Automobilindustrie bildet den zentralen
Betrachtungsgegenstand der vorliegenden Arbeit. Seine Weiterentwicklung hinsichtlich
der durch Connectivity aufkommenden Herausforderungen stellt das diesbezügliche Ziel
dar. Zu diesem Zweck erfolgt zunächst die Darstellung des Ist-Zustandes. Dabei werden
der Hintergrund sowie die Bedeutung des Prozesses vorgestellt, ehe der eigentliche
Ablauf in einer verkürzten Form wiedergegeben wird.
In der Automobilindustrie ist es bisweilen üblich, dass die Qualitätsstandards von den
OEMs und den großen Zulieferern (Tier 1) vorgegeben werden. Der VDA-Arbeitskreis
Sicherung der Qualität im Produktlebenszyklus veröffentlichte bezogen auf das
Beschwerdemanagement im Jahr 2009 einen standardisierten Reklamationsprozess.
Einbezogene Vertreter aufseiten der OEMs waren dabei u. a. AUDI, BMW, Daimler
sowie Volkswagen und aufseiten der großen Systemlieferanten Robert Bosch, ZF Sachs
und MAGNA STEYR. Der OEM (oder der Lieferant mit vorgelagerten
Wertschöpfungsstrukturen) kann die Einhaltung des VDA-Bandes von seinem Zulieferer
fordern. In diesem Fall wird die Empfehlung zu einer Verpflichtung. Die Wahl des Begriffs
des Reklamationsprozesses verdeutlicht dabei die Anwendung auf die Periode im
Nachgang eines Geschäfts. Neben dem VDA-Band existieren innerhalb der
Normenlandschaft weitere Leitfäden, die jedoch allgemeingültig gehalten sind und
nachfolgend daher keine weitere Betrachtung finden.
Durch die zunehmende und bereits beschriebene Verschiebung der
Wertschöpfungsanteile zu den Lieferanten steigt der Anteil der zulieferbedingten Fehler
in der Automobilindustrie an. Als direkte Folge kommt der effektiven Abwicklung der
resultierenden Reklamationen eine immer höhere Bedeutung zu. Bis zur
Standardisierung dieses Prozesses im Jahr 2009 bestanden vielfältige Unterschiede in
Stand der Forschung
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60
der Kommunikation und der Einbindung der Prozesspartner. Durch die Festlegung des
Ablaufs werden eine verringerte Bearbeitungszeit und eine damit verbundene
Kosteneinsparung erzielt. Das Hauptziel des standardisierten Reklamationsprozesses
besteht in der Wiederherstellung der Kundenzufriedenheit sowie in der Minimierung
negativer Auswirkungen, die durch diese Unzufriedenheit bedingt sind (Kundenverluste,
Imageschäden etc.).
Der standardisierte Reklamationsprozess des VDA beruht auf einer umfangreichen
Prozessdarstellung, die dem Anhang 9 beigefügt ist und parallel zu den folgenden
Ausführungen eingesehen werden sollte. Dabei findet die ereignisgesteuerte
Prozesskette als Modellierungssprache Verwendung. Es wird ferner zwischen den vier
Teilprozessen der Initialisierung des Reklamationsprozesses, der 8D-Methode, der
Verifikation/des Abschlusses sowie des Ablehnens der Beanstandung differenziert.
Jeder Teilprozess beinhaltet eine Reihe von weiteren Prozessschritten, die im VDA-
Band genauestens beschrieben werden. Die diesbezügliche Zuordnung der
Prozessschritte zu den vier Teilprozessen ist ebenfalls der Gesamtdarstellung zu
entnehmen. Die Beschreibung erfolgt im VDA-Band anhand eines wiederkehrenden
Schemas, das die Inhalte in einer übersichtlichen Tabellenform darstellt. Dabei werden
u. a. Angaben zum Namen, der Ausprägung oder zum Ergebnis des Prozessschrittes
gemacht. Eine vollständige Übersicht der Kategorien ist dem Anhang 10 beigefügt. Eine
genaue Wiedergabe jedes Elements würde über den Rahmen der Arbeit hinausgehen;
aus diesem Grund wird im Folgenden lediglich eine Zusammenfassung der
übergeordneten vier Teilprozesse vorgenommen. Die 8D-Methode wird aufgrund ihrer
zentralen Bedeutung im gesonderten Abschnitt 7.5 beleuchtet. Die Betrachtung der drei
verbleibenden Teilprozesse erfolgt in einer an den VDA-Band angelehnten Form.
Den Abschluss der Initialisierung bildet gewöhnlich die kundenseitig geforderte
Anwendung der 8D-Methode. Wie bereits erwähnt, kommt dieser im
Reklamationsmanagement der Automobilindustrie und auch darüber hinaus eine
Schlüsselfunktion zu. Für das Verständnis des nächsten Teilprozesses
Verifikation/Abschluss ist daher davon auszugehen, dass das 8D-Verfahren vom
Lieferanten durchlaufen und das Ergebnis in Form eines 8D-Reports an den Kunden
übergeben wurde.
In Abhängigkeit der geforderten Stellungnahme sind mitunter nicht alle Prozessschritte
notwendig. Im Falle einer vorangegangenen Anwendung der 8D-Methode würde
beispielsweise die Wirksamkeitsprüfung lediglich eine Wiederholung bereits
durchgeführter Kontrollen bedeuten.
Neben dem bisher beschriebenen erfolgreichen Durchlauf des vollständigen
Reklamationsprozesses ist weiterhin eine vorläufige Ablehnung der Beanstandung
durch den Lieferanten möglich. Diese kann an mehreren Stellen im Prozess angestoßen
werden. Das zugehörige Prozessschaubild ist dem Anhang 11 beigefügt.
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
61
Fazit zum standardisierten Reklamationsprozess
Durch die oben geschilderten Schritte des standardisierten Reklamationsprozesses wird
deutlich, dass sich dieser lediglich auf den direkten BM-Prozess beschränkt. Es werden
keine Verweise auf ein Lernen aus den bearbeiteten Reklamationen gegeben. Laut VDA-
Band „kann eine Kundenbeanstandung als Ausgangspunkt für
Verbesserungsmaßnahmen innerhalb des Unternehmens genutzt werden
(Kontinuierlicher Verbesserungsprozess).[85] Diese Option wird jedoch erst durch eine
häufig angewendete 8D-Methode mit ihren Disziplinen vier bis sieben ermöglicht. Ferner
wurde die Komplexität des Reklamationsprozesses hervorgehoben; diese wird durch die
8D-Anwendung weiter gesteigert. Dies resultiert in einer zeitintensiven Bearbeitung.
Durch die Beschreibungen der Prozessschritte auf der einen und durch das
Veröffentlichungsjahr 2009 auf der anderen Seite wird deutlich, dass sich der hier
vorgestellten und aktuellen Anwendung findende Reklamationsprozess vornehmlich auf
den klassischen Automobilbau sowie Hardware-Komponenten bezieht. Im Jahr 2009
war die Automobilindustrie eine andere als heute, zehn Jahre später. Das erste
Smartphone war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zwei Jahre auf dem Markt. Für die
aktuellen und zukünftig vermehrt an Bedeutung gewinnenden Software-Anwendungen
im Rahmen der Connectivity scheint eine Anpassung des Prozesses unabdingbar: Es
werden Vorgehensweisen mit deutlich beschleunigten Abläufen benötigt.[91]
4.5 Neue Begriffe rund um die Fehleranalysestrategien
digitaler Dienste
Im Vergleich zu klassischen Bauteilen im Fahrzeug ist der Entwicklungsprozess für Apps
in der Automobilindustrie deutlich schneller und komplizierter. Eine große
Herausforderung stellt die dynamische sowie agile Zusammenarbeit und Unfassbarkeit
der Komponenten sowie Codes dar.
Der Product Owner (PO) ist eine zentrale Rolle innerhalb des Software-Entwicklungs-
Teams. An dieser Stelle wird daher aufgezeigt, was zu den täglichen Aufgaben eines
PO gehört und welche Funktionen er wahrnimmt.[96] Die Definition richtet sich nach dem
Scrum-Guide von Jeff Sutherland und Ken Schwaber, den Entwicklern des Scrum-
Frameworks. Der PO ist für die Wertmaximierung des Produkts und die Arbeit des
Entwicklungsteams verantwortlich. Er ist die einzige Person, die für das Management
des Product Backlog zuständig ist und dafür Rechenschaft trägt. Der PO ist stets eine
einzelne Person und kein Komitee; die Rolle des PO kann auch nicht zwischen mehreren
Personen aufgeteilt werden, die sich dann phasenweise abwechseln.[96]
Ähnlich der Funktion eines PO soll in Zukunft eine neue Rolle, der Quality Owner‘, in
der Automobilindustrie für digitale Felder eingeführt werden. Diese Rolle ist in der
heutigen deutschen Automobilindustrie im klassischen Qualitätsbereich noch nicht
existent und muss im Rahmen des Fehleranalyseprozesses neu definiert werden.
Stand der Forschung
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In jeder Phase sind verschiedene Fehlermöglichkeiten denkbar. Es ist somit notwendig,
in Zukunft eine transparente Datenbank für alle relevanten bereichsübergreifenden
Ressourcen zu bauen.
Der PO, dessen Rolle nur im Softwarebereich bekannt ist, sowie die von Google
stammende Rolle des ‚Site Reliability Engineering (SRE)[97] müssen hinsichtlich ihrer
Rolle, Kompetenz sowie Aufgaben für digitale Dienste in der Automobilindustrie
analysiert und entsprechend neu definiert werden. SRE definiert einen neuen Ansatz für
den Betrieb und die Überwachung seiner Dienste und Server. Im Zentrum steht dabei
eine neue Art, Verfügbarkeit zu definieren und zu messen.
Abbildung 4.16: Fehleranalyse Pyramide & Quality-Time-Feature Dreieck (Eigene Darstellung)
Quality, Time und Feature sind drei Kernpunkte im Software-Entwicklungsprozess. In
der heutigen Automobilindustrie sind digitale Produkte wie Applikationen relativ neu im
Jahr 2000 wusste kaum ein Manager, dass 2018 jeder deutsche OEM eine oder mehre
Apps für Kunden liefert. Im Vergleich zu Abbildung 4.16 fokussieren sich die Firmen in
der ersten Generation intensiver auf die Anzahl der Features und der neuen Funktionen
sowie das Markteinführungsdatum als auf das Kundenfeedback oder die Produktqualität.
Von der Kapazitäts-, Know-how- sowie Firmenstrukturseite her stellt dies zudem eine
beträchtliche Herausforderung für weitere Schritte dar. Mit Entwicklung sowie
Reifegrade des Marktwachstums muss die Automobilindustrie die Relevanz der Qualität
und Kundenzufriedenheit stärker priorisieren.
Abbildung 4.17: Rolle des Fehlermanagements im gesamten Produktlebenszyklus (Eigene Darstellung)
(RGA*=Reifegradabsicherung)
Stand der Forschung
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63
Abbildung 4.17 zeigt den Hauptprozess einer neuen Applikation. Demand Entwicklung,
Testen, Reifegradabsicherung (RGA), Felddatenanalyse sind vergleichbar mit
klassischen Bauteilen. Wie die verschiedenen Phasen reibungslos zusammenarbeiten
können, soll in dieser Arbeit mit Experten gemeinsam analysiert werden. Eine detaillierte
Analyse des Geschäftsprozesses der zukünftigen digitalen Dienste sowie der
Verantwortung für die Fehleranalyse soll im Lauf dieser Dissertation bearbeitet werden.
Ein Entwurf dazu ist in Anhang 12 zu finden.
4.6 Agilität
Agile Zusammenarbeit
Die Verbreitung des Internets um das Jahr 2000 veränderte durch den Auf- und Abstieg
verschiedenster Technologien die gesamte Software-Industrie nachhaltig. Ideen
konnten nun in kürzester Zeit mit einer Vielzahl von Menschen geteilt und
weiterentwickelt werden, was die Verbreitung und Adaption von Technologien deutlich
erleichterte. Investitionen in die IT-Branche bewirkten ein Aufkommen neuer
Unternehmen und eine Zunahme an Merger & Acquisition-Aktivitäten, um neue
Kompetenzen und Technologien frühzeitig einzubinden.[98]
Neben der veränderten Organisationsstruktur wurde eine Berücksichtigung von sich
schnell verändernden Kundenanforderungen immer essenzieller für Software-Projekte.
Um die Anforderungen von außen zu kompensieren, musste sich auch die Form der
Zusammenarbeit bei der Software-Entwicklung drastischen Änderungen unterziehen.
Unter dem Stichwort der agilen Software-Entwicklung etablierten sich
Vorgehensmodelle, die ein zügiges Einbinden von Kundenfeedback in den
Entwicklungsprozess zulassen. Das Etablieren von kurzen Entwicklungszyklen und
einer vielfachen Erstellung von Prototypen für Abstimmungszwecke hält Sponsoren,
Kunden, Nutzer und Entwickler nahe beisammen und ermöglicht eine konsequente
Kollaboration.[99]
4.6.1 Agiles Qualitätsmanagement nach DGQ
Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, dass OEMs vor der Herausforderung
stehen, agile Prozesse und Methoden zu etablieren, um in zukünftigen Geschäftsfeldern
dynamisch und damit erfolgreich agieren zu können. Vor diesem Hintergrund kann auch
der Bereich des QMs agil gestaltet werden.
Es ist anzunehmen, dass eine strikte Aufrechterhaltung der Grundprinzipien des
klassischen QMs eine erfolgreiche digitale Transformation nicht optimal unterstützen
kann. Hierfür ist eine engere Verzahnung von Entwicklung und dem
Qualitätsmanagement notwendig.[100] Agile Vorgehensmodelle sind durch die im agilen
Manifest zusammengefassten Werte und Prioritäten gekennzeichnet. Weitere
interessante Überlegungen hierzu wurden von der Deutschen Gesellschaft für Qualität
(DGQ) veröffentlicht. In dieser wurden die Grundsätze der ISO 9001 als Basis für die
Formulierung agiler QM-Grundsätze verwendet. Im Folgenden werden diese
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
64
zusammengefasst (Tab. 4.3) und auf Grundlage der Ausführungen von Sommerhoff und
dem DGQ-Fachkreis erläutert.[21]
Grundsätze der ISO 9001 Grundsätze des agilen QM
Kundenorientierung Kundeninteraktion
Führung Dienste Führung
Einbeziehung von Personen Interdisziplinäre Vernetzung
Prozessorientierter Ansatz Evolutionärer Ansatz
Verbesserung Iteration
Faktengestützte Entscheidungsfindung Knackpunktbasierte Lösungsfindung
Beziehungsmanagement Menschenzentrierung
Tabelle 4.3: Grundsätze des agilen QM (Eigene Darstellung, Forschungsstudie QSK der TU Berlin, nach
Sommerhoff, B./ DGQ-Fachkreis) [21]
Eine Betrachtung der agil umgedeuteten Grundsätze zeigt, dass klassische
hierarchische Strukturen für agile Arbeitsweisen nicht zielführend sind. Interdisziplinäre
Teams arbeiten mit einer hohen Eigenverantwortung und sollten mit angemessenen
Entscheidungskompetenzen ausgestattet werden. Weiterhin steht der Kunde deutlich
stärker im Mittelpunkt. Entwicklungen werden in enger Verzahnung mit Kunden
vorangetrieben, um die Umsetzung von tatsächlich gewünschten Anforderungen zu
gewährleisten. Die Integration von Kunden in Entwicklungsprozesse gilt in diesem
Zusammenhang als Erfolgsfaktor für die Transformation vom Produktanbieter zum
Dienstleistungsunternehmen.[101] Weiterhin wird die Verbesserung iterativ betrachtet und
lässt somit Rückschritte während der gesamten Entwicklungslaufzeit zu. Zwar ist es
üblich, dass die Qualitätssicherung in agilen Projekten weitestgehend durch
Entwicklungsteams übernommen wird, jedoch stößt dieses Konzept spätestens bei
komplexeren Großprojekten an seine Grenzen. In derartigen Projekten müssen
Entwicklungen von mehreren autark arbeitenden Entwicklungsteams gesteuert werden.
An dieser Stelle ist es nicht zielführend, wenn große Diskrepanzen innerhalb der
Qualitätsdefinitionen von selbstorganisierten Entwicklungsteams vorliegen.[102] Vor
diesem Hintergrund ist, insbesondere für das QM global verteilter Großprojekte, die
Entwicklung eines agilen Qualitätsverständnisses auf höchster Ebene als strategisch
wichtiger Schritt einzuordnen.[100] Die zuvor formulierten Grundsätze spiegeln die im
agilen Manifest ausformulierten Grundsätze wider und könnten als Basis für einen agilen
Kulturwandel im Unternehmen verankert werden.
Stand der Forschung
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4.6.2 Werte und Prinzipien agiler Methoden
Ins Leben gerufen wurde die Diskussion über agile Methoden von 17 Experten im Sektor
der Softwareentwicklung. Anfang der Jahrtausendwende wurde bei einem Treffen jener
das agile Manifest verfasst, welches die vier Prinzipien der agilen Softwareentwicklung
aufzeigt. Die vier Wertvorstellungen bilden die Essenz der agilen Methoden. Die vier
Werte des agilen Manifestes sind:[103]
„Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge“
Eine Formalisierung der Prozesse besitzt eine untergeordnete Rolle gegenüber der
kontinuierlichen, informalen Arbeitsweise, welche sich in enger Kooperation mit allen
Beteiligten orientiert. Die Beziehung und das Gefühl der Zusammengehörigkeit der
Entwickler sind weitaus wichtiger als institutionelle Prozesse und Entwicklertools. Der
Mitarbeiter und Teamarbeit stehen im Zentrum, Beziehungsgefüge und das angebotene
Arbeitsumfeld gelten als Erfolgsfaktoren.[104]
„Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation“
In der agilen Arbeitsweise steht die kontinuierliche Ausgabe von testfähigen Software-
Releases im Fokus. Innerhalb von Zeitfenstern, welche nur wenige Wochen umfassen,
werden einsatzfähige Softwarepakete entwickelt. Es wird versucht, die Dokumentation
so schlank wie möglich zu halten. Es wird dokumentiert, was nötig ist, aber nicht des
dokumentieren Willens.[105]
„Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung“
Die enge und hochfrequentierte Abstimmung zwischen Kunden und Entwicklern ist eine
weitere Kernessenz der agilen Arbeitsweise. Verträge sind weiterhin wichtig, aber es
sollen keine detailliert ausgehandelten Vertragsvereinbarungen vor dem Projekt
bestehen. Abrahamsson[105] spricht in diesem Zusammenhang von
Vertragsverhandlungen, welche eine zukunftsfähige, kooperative Beziehung erreichen
und bewahren sollen.
„Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans“
Verträge müssen die Möglichkeiten zur Veränderung der Anforderungen zulassen, um
eine sinnvolle Entwicklung zu ermöglichen. Des Weiteren sind Entwickler und
Repräsentanten beim Kunden mit entsprechenden Entscheidungsbefugnissen zu
ermächtigen, welche ihnen Anpassungen während des Softwareentwicklungsprojekts
erlauben.[105] Die vier beschriebenen Werte bilden das Fundament für die agile
Arbeitsweise und werden von zwölf Prinzipien weiter ausformuliert:[106]
1) Höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung
wertvoller Software zufriedenzustellen.
2) Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen zu heißen.
Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
66
3) Liefere funktionierende Software regelmäßig innerhalb weniger Wochen oder
Monate und bevorzuge dabei die kürzere Zeitspanne.
4) Fachexperten und Entwickler müssen während des Projektes täglich
zusammenarbeiten.
5) Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die
Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe
erledigen.
6) Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines
Entwicklungsteams zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.
7) Funktionierende Software ist das wichtigste Fortschrittsmaß.
8) Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung. Die Auftraggeber, Entwickler und
Benutzer sollten ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können.
9) Ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design fördert Agilität.
10) Einfachheit; die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren, ist essenziell.
11) Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch
selbstorganisierende Teams.
12) In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann,
und passt sein Verhalten dementsprechend an.
Die zwölf agilen Prinzipien sowie die vier Werte des agilen Manifests bilden den
Grundgedanken von agilen Arbeitsweisen ab.
4.6.3 Agile Methode Scrum
Nachdem die Grundlagen und die damit verbundenen Werte und Prinzipien der agilen
Arbeitsweise dargestellt wurden, wird nun ein tieferer Einblick in das wohl bekannteste
agile Vorgehensmodel, auch bekannt als Scrum, geliefert.
Scrum ist unter den agilen Methoden zurzeit das relevanteste Vorgehensmodell für
Unternehmen. Scrum bietet Unternehmen die Möglichkeit, während der Entwicklung
dynamisch auf Veränderungen reagieren zu können. Somit bietet Scrum insbesondere
für Unternehmen aus der Softwarebranche einen geeigneten Rahmen für die
Entwicklung passgenauer Softwareprodukte.
Scrum basiert auf der Theorie der empirischen Prozesssteuerung und auf den drei
Säulen Transparenz, Überprüfung und Anpassung, welche entscheidende Rollen für
den Erfolg von Scrum einnehmen.[107]
1) Transparenz: Verantwortliche müssen Einsicht in alle Aspekte eines Prozesses
besitzen. Das heißt, es muss ein Verständnis der Prozessschritte bei allen
Beteiligten vorherrschen und die Aspekte müssen klaren Standards folgen.
2) Überprüfung: Die Anwender von Scrum müssen in regelmäßigen Abständen den
Fortschritt in Bezug auf die Zielerreichung überprüfen, um Abweichungen
rechtzeitig zu erkennen.
3) Anpassung: Wird festgestellt, dass das Ergebnis von den akzeptablen Grenzwerten
abweicht, muss der Prozess oder das Material angepasst werden.
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
67
Diese Grundpfeiler werden durch fünf grundlegende Werte unterstützt: Mut,
Verantwortung, Fokus, Offenheit und Respekt.[107]
Das Scrum Team verpflichtet sich, nach diesen Werten zu streben, und lebt diese bei
der täglichen Arbeit mit den Scrum Ereignissen, Artefakten und Rollen. Im Scrum Team
wird mutig agiert, das heißt, Herausforderungen, etwas Neues zu tun, werden
angenommen und Fehler zugegeben. Jeder im Team übernimmt Verantwortung und
trägt mit vollem Einsatz und Engagement einen Betrag zum Gesamtergebnis bei. Es
wird sich auf eine begrenzte Anzahl von Anforderungen fokussiert, damit dem Kunden
innerhalb einer kurzen Zeitperiode erste Ergebnisse geliefert werden können. Das Team
organisiert sich selbst und es besteht eine Fehlerkultur, die es verlangt, dass Probleme
offen angesprochen und diskutiert werden. Zuletzt bildet gegenseitiger Respekt den
Kern der Zusammenarbeit im Team.[106]
Scrum Prozess
Der Ablauf des Scrum Prozesses folgt einem inkrementellen Muster und hat fest
definierte Ereignisse, Artefakte sowie Rollen mit ihren jeweiligen Verantwortlichkeiten.
Im Folgenden wird der Ablauf der Entwicklung in einem Scrum Projekt nach
Schwaber[107], Schmidt[108] und Broy/Kuhrmann[27] dargestellt (s. Abb. 4.18).
Abbildung 4.18: Ablauf des Scrum-Entwicklungsprozesses (Quelle: Schmidt 2016[108])
4.6.4 DevOps
Die immer kürzer werdenden Innovationszyklen, die steigenden Qualitätsanforderungen
und eine stetige Zunahme an Komplexität der Softwareanwendungen und -systeme
haben die Entwicklung agiler Methoden und Vorgehensmodelle vorangetrieben. Diese
ermöglichen es, Software in kurzen Zeiträumen zu entwickeln, zu verbessern und zu
implementieren. Im klassischen Software-Produktlebenszyklus findet, ähnlich wie in der
Produktion der Automobilindustrie, eine klare Unterscheidung in Entwicklungs-, Test-
und Betriebsphase statt. Dementsprechend sind auch die Organisationseinheiten in
klassisch funktional aufgebauten IT-Unternehmen in Entwicklung („Developer“), Test-
bzw. Qualitätssicherungsabteilung und Betrieb („Operations“) strukturiert. Der Erfolg der
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
68
agilen Entwicklungsmethoden hat dazu geführt, dass ein Teil der Softwaretests schon
während der Entwicklung durchgeführt werden kann. Test- und Entwicklungsabteilung
sind daher kaum mehr voneinander zu trennen. Die schnelle nutzerzentrierte
Realisierung von Kundenanforderungen in der Entwicklungsphase beeinflusst die
Benutzerakzeptanz und Kundenzufriedenheit neuer IT-Produkte und -Services
maßgeblich.[109] Besonders bezogen auf Produkte und Services im Kontext der
Digitalisierung (z. B. Web oder Mobile Applications) hat sich das herkömmliche
Verständnis von Benutzerfreundlichkeit (Usability) durch die Fokussierung auf das
Kundenerlebnis (User Experience) erweitert.[110] Während agile Teams in kurzen
Releasezyklen Software an den Kunden ausliefern wollen, hat der Betrieb traditionell
das Bestreben, Änderungen an stabil laufender Software möglichst zu vermeiden.[26]
Diesen Zielkonflikt versucht Developer Operations (Abkürzung: DevOps) zu lösen. Die
Grundprinzipien von DevOps sind laut Jez Humble und Joanne Molesky:[111]
Culture: Entwickler und Mitarbeiter der IT-Betriebsabteilung sollten in den jeweiligen
anderen Bereichen integriert werden,
Automation: Die Automatisierung der Prozesse von Entwicklung über Test und
Bereitstellung bis hin zur Produktivnahme ist der Schlüssel für die Reduzierung von
Durchlaufzeiten, die Vermeidung von Fehlern und für ein schnelleres Feedback
zum Release an die Entwickler,
Measurement: Messung, Überwachung und Visualisierung des Fortschritts mittels
ausgewählter KPIs bspw. Auswirkungen der entwickelten und ausgelieferten
Software auf die Stabilität der Systeme,
Sharing: Wissen, Erfolge, Techniken, Tools und Infrastruktur sollten zwischen
Entwickler und Betriebsabteilung geteilt werden.
Ähnlich wie Extreme Programming setzt auch DevOps auf den Ansatz von Continous
Integration“.[111] Auf dem Weg vom Entwicklungsteam zum Anwender durchläuft
Software nach dem Erstellen („Build“) diverse Tests, wie etwa Funktions-, Last- oder
Integrationstests, die ein Deployment in unterschiedliche Umgebungen erfordern, bevor
die getestete Anwendung in die Produktivumgebung ausgeliefert bzw. implementiert
wird.[111] Dieser Weg wird in der Regel manuell unter hohem Zeitaufwand und hoher
Fehleranfälligkeit ausgeführt. DevOps versucht, den gesamten Prozess in der
Entwicklungs- bis zur Produktivumgebung weitestgehend zu automatisieren, sodass
eine kontinuierliche Auslieferung von Software (Continuous Delivery) ermöglicht wird.
Der Ablauf und dabei verwendeten Software- und Managementtools werden als
„Delivery Pipeline“ bezeichnet.[111] Die kontinuierliche Auslieferung wird durch Konzepte
aus agilen Methoden wie bspw. XP erreicht. Continuous Integration, Continuous Testing
oder auch Agile Testing sind Konzepte, die sich im Grunde ähneln und eine enge
Verknüpfung von Entwicklung und Durchführung von Tests realisieren. Ziel dieser
Methoden ist vor allem eine frühzeitige Fehlererkennung und -behebung. Dabei spielt
die Automatisierung der Tests eine entscheidende Rolle, um die Geschwindigkeit und
Qualität der Softwareentwicklung nochmals zu erhöhen. Facebook hat bspw. ein
automatisiertes Testtool namens SAPIENZ entwickelt, das Code wesentlich schneller
als andere Tools testet, auswertet und dokumentiert.[111] Zukünftig setzt Facebook im
Stand der Forschung
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
69
Bereich der Fehlererkennung auf KI, so entwickelt Facebook gerade ein auf KI
basierendes Tool namens SapFix, das Fehler mithilfe von KI finden und beheben
kann.[113] SapFix soll zukünftig als Open-Source-Code zur Verfügung gestellt werden.
Das Konzept des Continuous Deployment erweitert den Ansatz des automatisierten
Testens auf die automatisierte Installation und Integration in die eigentliche
Produktivumgebung. Hier ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Entwicklung und
Betrieb nötig, um ein schnelles Feedback und ggf. Anpassungsmaßnahmen zu
ermöglichen. Neben den „Continuous“ Konzepten ist das Konzept „Infrastructure as
Code“ (IaC) eine Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von DevOps.[110] Das
Ziel von IaC ist eine regelbasierte automatisierte Installation und Konfiguration von
virtuellen und physischen Infrastrukturkomponenten (bspw. Backend, Server) durch
Softwareskripte.[114] IaC erfordert die frühzeitige Einbeziehung von
Systemadministratoren in den Softwareentwicklungsprozess sowie ein tieferes
Verständnis der Entwickler für die Basis-Infrastruktur.[114]
Auch Google verfolgt den Ansatz von DevOps und versucht, diesen mit radikaler
Automatisierung zu verbinden. Reine Systemadministratoren gibt es bei Google nicht
mehr, sondern die Aufgaben werden durch sog. SRE (Site Reliability Engineering)
Teams übernommen. Diese führen die Aufgaben der Systemadministratoren jedoch
nicht selbst manuell aus, sondern versuchen, diese komplett in Code zu übersetzen und
zu automatisieren. Dazu werden Fachkräfte gesucht, die zum einen Qualifikationen im
Bereich der Softwareentwicklung und zum anderen im Bereich der Netzwerk- und
Systembetreuung aufweisen.[116] Diese bilden den Kern der SRE Teams und
orchestrieren die Entwicklung in Bezug auf das Gesamtsystem. Benjamin Treynor Sloss,
Vizepräsident der Entwicklungsabteilung bei Google, beschreibt die SREs
folgendermaßen: „SRE is what happens when you ask a software engineer to design an
operations team“. Der Betrieb und die Architektur des Betriebes muss demnach aus
Entwicklersicht entworfen werden. Der „State of DevOps Report 2016“ ermittelte
verschiedene Produktivitätskennzahlen von Unternehmen, die Praktiken im Sinne von
DevOps verwenden. Dabei wurde festgestellt, dass Unternehmen, die viele DevOps-
Praktiken integriert haben („High Performers“), signifikante Vorteile im Bereich der
Softwareentwicklung aufweisen.[117]
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
70
5 Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im
Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Qualität bleibt in Software-Projekten wichtigster Treiber für Kostensenkungen und
Zeitreduzierung. Nach Bennett/Wennberg[3] ist die Beseitigung von Fehlern in
fortgeschrittenen Lebenszyklusphasen, ähnlich wie bei Hardware, mit mehr Zeitaufwand
und Kosten verbunden als frühzeitige Fehleridentifikation oder -prävention.
Das Qualitätsmanagement der OEMs steht nun also vor der Herausforderung, die
Qualität von Software sicherzustellen. Aber während sich die Produktstruktur und die
Anforderungen der Zusammenarbeit in der Entwicklung geändert haben, ist das
Qualitätsmanagement-System noch immer das traditionelle nach ISO 9000.
Vor diesem Hintergrund ist zu klären, ob das etablierte Qualitätsmanagement bei den
OEMs in seiner jetzigen Form weiterhin optimal die Qualität in den
Produktentstehungsprozess einbringen kann oder ob es neue Modelle von
Qualitätssystemen bedarf.
5.1 Zielsetzung und Forschungsfragen
In diesem Kapitel soll die neue Rolle des agilen Qualitätsmanagers hergeleitet werden.
Dazu wird verdeutlicht, wie sich das Qualitätsmanagement anpassen muss, um die
ermittelten Problembereiche zu kompensieren. Vorbild sind bei der Entwicklung der
neuen Rolle des Qualitätsmanagers 2.0 die empirischen Untersuchungsergebnisse in
der agilen Softwareherstellung, welche schon jahrelange Erfahrungen auf dem Gebiet
der agilen Qualitätssicherung von Software besitzen. Der Fokus des Kapitels liegt auf
der Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagers.
Zur Vervollständigung wird der Fokus im letzten Unterkapitel auf das Qualitätssystem
gelenkt. Hier wird eine Aussicht auf mögliche Anpassungen der Organisation gegeben,
welche in den Einflussbereich des Managements und der Unternehmensführung fällt
und somit nicht durch das Aufgabengebiet der Rolle des Qualitätsmanagers
berücksichtigt wird.
Angesichts der sich verändernden Aufbaustruktur digitaler Produkte und aufkommenden
agilen Entwicklungsprozessen in der Automobilindustrie (siehe Kapitel 2.4) liegen
diesem Kapitel folgende zwei Forschungsfragen zugrunde:
1) An welchen Stellen befinden sich Abweichungen zwischen traditionellem QM und
agilen Arbeitsweisen in der Automobilindustrie? Gibt es Potentiale und
Gemeinsamkeiten?
2) Wie kann die traditionelle QM-Rolle weiterentwickelt und in agile Vorgehensmodelle
integriert werden?
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
71
5.2 Zusammenfassung der Analyse
In diesem Kapitel werden anhand aufgestellter Untersuchungsobjekte die agilen
Methoden und Qualitätsmanagement-Systeme in ihrem Vorgehen gegenübergestellt.
Darauf aufbauend werden anhand der empirischen Untersuchungen durch Interviews
Problembereiche zwischen der Rolle des Qualitätsmanagers und der agilen
Softwareentwicklung im Automobilbereich ermittelt. Mit den Untersuchungen im IT-
Sektor werden erste Lösungsansätze angedeutet .
Im ersten Teil des Kapitels werden Untersuchungsobjekte hergeleitet, anhand derer sich
die folgende Analyse orientieren kann. Die Untersuchungsobjekte orientieren sich an
Ringbauer[118] und werden durch die Gegenüberstellung der agilen Prinzipien, den
Grundsätzen der ISO 9000 und den Leitsätzen des Lean Managements erweitert.
Im zweiten Teil des Kapitels, dem Analysekapitel, werden die hergeleiteten
Untersuchungsobjekte differenziert betrachtet. Der praktische Teil beschreibt die
aktuelle Situation führender OEMs hinsichtlich des Wandels durch verschiedene
Technologietrends. Interessant sind hierbei die Vision und die Strategie, welche die
Richtung der Unternehmensaktivitäten aufzeigen. Hieran soll vermittelt werden, wie sich
die Ausrichtung auf neue Geschäftsmodelle in der Anpassung von Unternehmenskultur
und -strategie bemerkbar macht. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels werden Beispiele
digitaler Produkte und Services vorgestellt.
In Tabelle 5.1 werden die Analyseergebnisse je Untersuchungsobjekt nochmals
übersichtlich zusammengestellt.
Problematik
Situation SW-Hersteller
Unternehmenskultur: Organisationsaufbau, kulturelle Werte der Belegschaft
Mitarbeitern aus SW-Firmen, welche
andere Kultur aufweisen
- Belegschaft aus dem HW-Bereich lebt
dagegen bereits etablierte Kultur und
betrachtet agile Methoden als
Projektmanagement
- funktionale Organisationsstruktur mit
hierarchischem Aufbau
- agile SW-Entwicklung und QM sind
eigenständige Funktionsbereiche
- funktionaler Aufbau begrenzt
Zusammenarbeit zwischen
Entwicklung und QM auf
wenige Schnittstellen
- kulturelle Differenzen
zwischen Mitarbeitern aus
dem HW-Bereich und dem
SW-Bereich
- holokratische Organisation
in Zirkel und Rollen
- agile Unternehmens-kultur
wird von agiler
Organisationsstruktur
unterstützt
- Qualität wird durch die
Rolle des Testmanagers im
agilen Team berücksichtigt
Kundenorientierung: Aufnahme von Kundenanforderungen, Entstehung neuer Produktideen
Sichtweise und QM besitzt
Endkunden-Perspektive
- agiles Team nimmt regelmäßig
Kundenanforderungen durch PO auf
- QM nur einmalig in
Anforderungsaufnahme eingegliedert
- Demand Management nimmt Ideen
von unterschiedlichen Quellen auf
- Nutzerperspektive wird durch
fehlende Integration des QMs
nicht berücksichtigt
- PO ist ebenfalls einziger
Kundenkontakt allerdings
unproblematisch, da sich
befragte SW-Hersteller in
Lieferantenrolle befinden
- Auftraggeber tritt mit
Problemstellung an SW-
Unternehmen heran
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
72
Ständige Verbesserung
Sitzungen nach Releaszeitpunkten
finden alle sechs bis zwölf Wochen
statt
- Teamintern: Product Reviews, etc.
- QM ist nicht in teaminterne Meetings
eingebunden
- Frequenz von Lessons
Learned Sitzungen sind an
lange Releaseabstände
gekoppelt
- Nutzerperspektive kann nicht
in agile Entwicklung einfließen
- Anwendung von täglichen
Meetings, Retrospektiven
und Produkt Reviews
innerhalb des Teams
- Cross-team- und
Organisations-
Retrospektiven
Mitarbeiterorientierung (MAO): Fortbildung, Kompetenzen, Mitarbeiterumfeld
Führen verstanden
- Regelmäßige Fortbildung von
Mitarbeitern
- Besetzung von Schnittstellen mit
cross-funktionalen Teams
- Einstellung von Mitarbeitern mit
Berufserfahrung im Bereich SW-
Entwicklung
- Neugestaltung der Arbeitsbereiche
wird in Strategie aufgenommen
- K.A.
- Führung wird in Rollen
aufgeteilt und Scrum
Master ist verantwortlich für
Fortbildung
- Soziale Aspekte wie
Arbeitsumfeld spielen
bedeutende Rolle
Führung: Führungsstil, Rolle des QMs, Hierarchie
agiler Führung
- Hybridform in der Entwicklung:
Übergeordnet, zentraler,
hierarchischer Führungsstil der
Weisungsbefugnis hat; SW-Bereich
mit Rollenverteilung im agilen Team
- Auch hierarchiearmer Ansatz
“Schwarm” in anderen Bereichen
verfügbar
- QM besitzt keine eigene Rolle im
agilen Team, sondern ist separate
Abteilung
- Starke Differenzen zwischen
hierarchiegetriebener Führung
und autonomer Teams
- Fehlende Rolle des QMs im
agilen Team limitiert die
Integration
- Dezentral verteilte Führung
im agilen Team, weiterhin
auch Hierarchie zu finden
- Klassische QM Rolle nicht
vorhanden, sondern
Testmanager oder
Qualitäts-beauftragter,
welche ins agile Team
integriert sind
Umgang mit Fehler: Fehlerkultur
Fehler, da lange Entwicklungszeiten
und hohe Folgekosten
- Im SW-Bereich: Hohe Toleranz für
Fehler, da schnelle Behebung durch
kurzzyklische Entwicklung möglich
- QM nimmt Fehlertoleranz in
Arbeitsweise auf
- Wartung angesichts komplexer SW-
Lieferanten-Struktur nicht klar geregelt
- Im After-Sales ist
Fehleranzahl im SW-Bereich
essenziell höher als im HW-
Bereich
- Langfristige Wartung und
Updates für gesamten
Automobillebenszyklus
notwendig
- Wartung und Updates
werden von
Entwicklungsbereich
verantwortet
Prozessuales Vorgehen: Planungshorizont, Aufbau der SW-
Entwicklung, teamübergreifende
Abstimmung und Koordination, Anzahl agiler Methoden, Kopplung HW-SW
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
73
Sequentiell aufgebaut, langfristige
Planung
- QM im HW Bereich durch
Schnittstellen ausreichend integriert
- Neue SW-Entwicklung: inkrementeller
Ablauf mit schneller, Releaseplanung
mit kurzfristiger Detailplanung
- QM nicht ausreichend auf kurze
Zyklen abgestimmt
- SW-Entwicklung besteht aus großer
Anzahl interner und externer
Entwicklerteams
- Heterogene Anwendung von agilen
Methoden
- Starke Kopplung von SW an HW-
Entwicklungszyklus, weshalb
Anforderungsabstimmung zu frühem
Zeitpunkt notwendig ist, geplante
Lösungsstrategie ist erweitertes HW-
Angebot
- QM prozessual nicht auf
kurze Entwicklungszyklen
angepasst
- Struktur der SW-Entwicklung
erschwert Abstimmung
zwischen agilen Teams
- Heterogene Methoden
bedeuten unterschiedliche
Prozesse, Rollen und
Verantwortlichkeiten, was
einen qualitätsseitigen Eingriff
erschwert
- HW-Kopplung bedeutet
Einschränkung bzgl. der
Berücksichtigung von
Änderungswünschen
- Qualitätsbeauftragter ist
Teil des agilen Teams
- Problematik in End-to-End
Phase wird durch
regelmäßige,
teamübergreifende
Abstimmung angeleitet und
durch den
Qualitätsbeauftragten
begegnet
- Testphase bereits in
zyklisches Vorgehen
integriert und durch
Entwickler ausgeführt
Visuelles
Management:
Kommunikationswege, Visuelle Objekte
Dokumentation, da viel über
mündliche Absprachen geregelt wird
- Fehlende einheitliche Testing-
Plattformen innerhalb des SW-
Bereichs und zwischen SW- und HW-
Bereich
- Bild der Unverbindlichkeit
seitens agiler Methoden
entsteht
- Vorurteile gegenüber agilen
Methoden entstehen
- Enormer Koordinations- und
Kommunikationsaufwand in
agil arbeitenden Bereichen
samt Schnittstellen
- Intransparenz bzgl. Testing
Historie zwischen
verschiedenen Bereichen und
Schnittstellen
- Regelmeetings innerhalb
und außerhalb des Teams
- Extreme Kultur der
Offenheit und des
Austauschs
- Digitale Tools, die bei der
team- und
hierarchieübergreifenden
Kommunikation helfen,
einheitliche Testing
Plattformen
Lieferantenmanagement Vertragsart, Lieferantennetzwerk, Risiken
extern
- PO je nach Vertragsart intern und
agiles Team extern vergeben
- Fehlendes internes SW-
Knowhow durch Auslagerung
- Qualitätsaspekt nur
beschränkt vertraglich
festlegbar
- Intransparentes
Lieferantennetzwerk
- Gefahr der klassisch, starren
Kunde-Lieferanten-Beziehung
mit Lasten- und Pflichtenheft
- QM nicht regelmäßig in
Kommunikation zum SW-
Lieferanten involviert
- Starke Zusammenarbeit mit
externen Lieferanten
Tabelle 5.1: Zusammenfassung der Analyseergebnisse (Eigene Darstellung, Forschungsstudie QSK der TU
Berlin.)
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
74
5.2.1 Rahmenbedingungen für die Rolle des Qualitätsmanagers
Bei der Recherche der Literatur zu agilen Arbeitsweisen konnte das Aufgabengebiet des
Qualitätsmanagers keiner vorgefundenen Rolle im agilen Team zugeordnet werden.[106]
Auch die Empirie zeigte, dass diese Rolle im IT-Bereich unbekannt ist (vgl. Anhang 22,
Interview 4). Die Empirie zeigte, dass das QM denselben funktionalen Aufbau besitzt,
wie das, was für die Hardwareentwicklung der Fall ist. Die Folge sind fehlende
Schnittstellen und Regelprozesse, welche für ausreichende Abstimmung zwischen QM
und agilem Team sorgen. In prozessualer Hinsicht wurde gezeigt, dass das QM somit
nicht regelmäßig in die schnelleren Entwicklungszyklen integriert ist und der
Informationsaustausch nicht stattfinden kann. Hinsichtlich der Verbesserung und
Kundenorientierung konnte festgestellt werden, dass die Nutzerperspektive seitens des
QMs nicht in Entwicklungsprozesse einfließt.
Abbildung 5.1: Einbindung der Rolle QM 2.0 in die Entwicklungsarbeit (Quelle: Eigene Darstellung,
Forschungsstudie QSK der TU Berlin.)
Einer der Interviewpartner sieht die Notwendigkeit, die Rolle des QMs in das agile Team
zu integrieren, um so einen engen Austausch zu ermöglichen (vgl. Anhang 22, Interview
4). Ringbauer[118] versteht eine Integration des QMs durch eine unterstützende Rolle im
agilen Team ebenfalls als Option, wie das QM in die agile Methodik eingebunden werden
kann. Weiter schlägt sie vor, die Rolle mit der des Scrum Masters zu verbinden.
Um den Austausch zwischen QM und agiler Entwicklung zu intensivieren, soll die erste
Erweiterung der Rolle des QMs 2.0 also die Integration ins agile Team sein (Abb. 5.1).[1]
Damit bekommt der Qualitätsmanager 2.0 Einsicht in die Zeremonien und Ereignisse der
agilen Arbeitsweise. Im Falle von Scrum sind das die Daily Sprints Meetings, Sprint
Refinements, Retrospektiven und Reviews (Abb. 5.1).[2] Die Anwesenheit bzw. die
Möglichkeit, die Regelmeetings zu besuchen, ermöglichen dem Qualitätsmanager 2.0,
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
75
Anforderungen und Anmerkungen ins Team einzusteuern sowie deren aktuelle
Probleme und Themen zu verstehen.
In Anlehnung an die Rolle des POs, welcher oftmals mehrere Projekte gleichzeitig
verfolgt, wird anhand des Umfangs und der Komplexität des Software-Projekts für jeden
Einzelfall entschieden, ob der Qualitätsmanager mehrere agile Teams oder nur ein
Entwicklungsteam gleichzeitig begleitet (Abb. 5.1).[3]
Die Empirie zeigte, dass der klassische Qualitätsmanager im Softwarebereich eher als
qualitätssichernde Instanz in einer technischen Richtung verstanden wird. Der
Testmanager kann neben den technischen Aufgaben auch Koordinations- und
Managementaufgaben umfassen (vgl. Anhang 22, Interview 3). Im Automobilbereich
wurde das QM vielmehr in einer konzeptionellen Rolle vorgefunden, welche die
Kundenperspektive einnimmt (vgl. Anhang 22, Interview 2). Das QM 2.0 soll zukünftig
die Rolle des qualitätssichernden Testmanagers und des kundennahen
Qualitätsmanagers sinnvoll verbinden (Abb. 5.1).[4]
Wie ermittelt wurde, besteht die Softwareentwicklung zu weiten Teilen aus externen
Lieferanten, welche durch Verträge eingebunden werden (vgl. Anhang 22, Interview 2).
Innerhalb von Vertragsverhandlungen formulieren sowohl der PO als auch der
Qualitätsmanager 2.0 Anforderungen, welche erfüllt werden müssen. Der PO definiert
die technischen Anforderungen und der Qualitätsmanager 2.0 qualitätskritische und
funktionale Anforderungen. Auch im Nachhinein wird durch diese beiden Rollen als
Team die regelmäßige Kommunikation zum Lieferanten sichergestellt. Somit wird
garantiert, dass eine kontinuierliche Abstimmung im Erstellungsprozess stattfindet (Abb.
5.1).[5]
5.2.2 Technische Rolle des Qualitätsmanagers
In technischer Hinsicht begleitet der Qualitätsmanager 2.0 den PEP im Team durch das
Management von Testing-Aktivitäten. Dabei gibt er Methoden wie Pair Programming
oder Peer Reviews an das Entwicklungsteam weiter und sorgt dafür, dass diese
verstanden und angewendet werden. Somit bindet er die Entwickler in die Testaktivitäten
mit ein, wie das in agilen Methoden ohnehin der Fall sein sollte (Abb. 5.2).[6]
Außerdem schließt er sich zu festgelegten Zeitpunkten zwischen den Releases mit den
Qualitätsmanagern der anderen Teams zusammen und sorgt damit für einen
regelmäßigen, teamübergreifenden Austausch (Abb. 5.2).[7] Ziel dieser Regelkreise ist
die produktübergreifende Koordination von Integrationstests, Regressionstests, der
Automatisierung von Tests (vgl. Anhang 22, Interview 6) und Smoke Tests (vgl. Anhang
22, Interview 3) (Abb. 5.2).[8]
Dort auftretende Probleme und Fehler werden von ihm aufgenommen und an das agile
Team weitergegeben. Im Sprint Review wird es hineingesteuert, um dort vom PO ins
Product Backlog aufgenommen zu werden. Damit ist die Umsetzung der
aufgenommenen Maßnahmen seitens der Entwicklung gesichert (Abb. 5.2).[9]
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
76
Abbildung 5.2: Technische Rolle des Qualitätsmanager 2.0 (Quelle: Eigene Darstellung, Forschungsstudie
QSK der TU Berlin.)
Im QM 2.0-Regelkreis sind End-to-End Tester, welche die einzelnen Softwaremodule
zum ersten Mal in ihrer Gesamtheit betrachten, ebenfalls anwesend (vgl. Anhang 22,
Interview 1). Dadurch wird der aktuellen Situation von fehlenden Absprachen zwischen
den Modulen (vgl. Anhang 22, Interview 1) entgegengewirkt, indem Anmerkungen
bereits früh in den PEP hineingesteuert werden können. Dadurch ist es möglich,
Verschwendung in Form von nachträglichen Änderungen oder Verschiebungen auf
andere Releasezeitpunkte zu vermeiden (vgl. Anhang 22, Interview 1) (Abb. 5.2).[10]
Im Anschluss an Releasezeitpunkte beginnt das End-to-End Testing, welches über alle
Systeme testet und manuelle Tests, Regressionstests und GUI-Tests anwendet.[11]
Das vorgestellte Vorgehen hat an dieser Stelle das Potential, diese umfangreiche Phase
zu reduzieren, indem weniger Tests durchgeführt werden müssen. Zusätzlich kann der
Aufwand durch Nacharbeit in den einzelnen agilen Teams reduziert werden.
Das Aufgabengebiet des QMs 2.0 umfasst ausschließlich das Management und die
Koordination von Tests. Die operative Umsetzung, sowie das Schreiben von Tests in
Form von Unit Tests (vgl. Anhang 22, Interview 1) und Teile der Testautomatisierung
(vgl. Interview 2) obliegen weiterhin dem Entwickler.[12]
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
77
Die durchgeführten Tests sowie auftretende Probleme werden auf einer Cloud-Plattform
aufgenommen und dokumentiert. Das hilft, den großen Kommunikationsbedarf der
agilen Arbeitsweise abzudecken. Die Test- und Kommunikationsplattform dient als
Wissensplattform, indem für aufgetretene Fehlerbilder bereits Tests auf breiter Basis
verfügbar gemacht werden. Außerdem ist die Plattform für alle Beteiligten entlang der
Testpyramide nach Martin Fowler einsehbar und zugänglich. Das heißt, Informationen
können sowohl von allen Fachbereichen (Entwicklern, Qualität, dem gesamten agilen
Team und End-to-End Testing) eingesehen werden (vgl. Anhang 22, Interview 4). Aber
auch das Management und Schnittstellen zum HW-Bereich können damit gelegt werden
(vgl. Interview 4; vgl. Interview 2). Das schafft zum einen Vertrauen, dass Qualität
berücksichtigt wird (vgl. Interview 4), und es verhindert, dass Tests doppelt durchgeführt
werden. Die beschriebene Cloud-Plattform orientiert sich an einer digitalen
Wissensplattform, wie sie auch im Lean Management bekannt ist.[119] Die Informationen
sollen dabei möglichst in visueller Form dargestellt und ausgewertet werden, um gemäß
dem agilen Ansatz sowie im Lean Management beschriebenen Methoden, Informationen
schnell und übersichtlich zu teilen.[13]
5.2.3 Konzeptionelle Rolle des Qualitätsmanagers 2.0
In konzeptioneller Hinsicht übernimmt das QM 2.0 die Position des Kunden und
unterstützt somit das agile Team bei der Entwicklung von kundennahen Produkten.
Abbildung 5.3: Konzeptionelle Rolle des Qualitätsmanagers 2.0 (Quelle: Eigene Darstellung,
Forschungsstudie QSK der TU Berlin.)
Laut Definition soll der PO der Vertreter des Kunden sein und somit seine Interessen
bzgl. der Funktionalität an das Produkt in den PEP einbringen.[120] Das geschieht durch
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
78
die Aufnahme von Anforderungen im Backlog und die systematische Umsetzung dieser
im Verlauf des Projekts.
Die ISO 9000-Reihe verlangt die Erfüllung oder ein Übertreffen der
Kundenanforderungen, lässt aber offen, wer der Kunde nun eigentlich ist (vgl. DIN EN
ISO 9000). Bei den OEMs arbeiten sowohl externe Software-Unternehmen als auch
interne Entwicklungsabteilung mit einem PO, welcher der Entwicklungsabteilung im
Automobilunternehmen zugehörig ist (vgl. Interview 2; vgl. Interview 5). Die Product
Owner erhalten die Informationen bzgl. neuer Produkte und Features vom Demand
Management (vgl. Interview 1). Eine direkte Verbindung zum Endkunden besitzen die
PO also nicht. Er vertritt somit im PEP die Anforderung der technikseitigen Entwicklung
und nicht die des Endkunden (Abb. 5.3).[14]
Nach Angaben eines Interviewpartners fließen schon heute Kundenstudien seitens des
QMs in die SW-Entwicklung ein, allerdings nicht in einem Regelprozess (vgl. Interview
2) Es erscheint logisch, dieses Kundenfeedback umfangreicher und prozessual gestützt
zu verankern.
Mit den neuen Schnittstellen zum agilen Team kann das QM 2.0 mit seiner
umfassenderen Sichtweise auf Kundenwünsche und die einzelnen Funktionalitäten im
Connectivity-Spektrum innerhalb von Produkt-Reviews regelmäßig einwirken. Demnach
wird ausgewertetes Kundenfeedback aus Befragungen und Marktstudien regelmäßig in
die Softwareentwicklung eingebunden, wie von agilen Methoden gefordert. Der
Qualitätsmanager 2.0 steht in seiner Position in regelmäßigen Kontakt mit dem Demand
Management. Im Rahmen neuer Produktideen und Features kann er deren Feedback
und produktübergreifendes Wissen ebenfalls in die Softwareentwicklung einbinden.
Weiteres Kundenfeedback generiert er durch Usability-Tests in Form von Crowd Testing,
was in Zukunft durch erweiterte Crowd Testing-Aktivitäten ergänzt werden kann (vgl.
Interview 2).[15]
In seiner Position als Kundenanforderungsexperte tauscht der Qualitätsmanager 2.0
sich, wie schon in technischer Hinsicht, mit seinen Kollegen aus, um Synergieeffekte zu
nutzen (vgl. Interview 2). Diese Plattform bietet die Möglichkeit, die Produkte hinsichtlich
Designs und Funktionalität bereits in frühen Phasen abzustimmen. Die Abstimmung
fokussiert den Frontend-Anteil, welcher für den Kunden später auch ersichtlich ist (vgl.
Interview 1). In diesen Regelmeetings sind ebenfalls spezialisierte User Experience
Designer anwesend, welche die konzeptionelle Sicht in der SW-Entwicklung umsetzen
(vgl. Interview 3).[16]
Einige der in vorherigem Abschnitt aufgedeckten Probleme der Ansätze können nicht
von der Rolle des Qualitätsmanagers gelöst werden, sondern benötigen ein Handeln des
Managements auf einer höheren Hierarchiestufe. Im Rahmen der Unternehmenskultur
wird ebenfalls die Führungskultur verstanden, da eine enge Bindung zwischen beiden
besteht.[121]
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
79
5.3 Agile Organisationsstruktur schaffen
In Kapitel 5.2 wurde auf die zugrunde liegende Organisationsstruktur eingegangen und
gezeigt, dass sich Softwarehersteller Organisationsformen mit flachen hierarchischen
Strukturen bedienen. Marrold[122] sieht die Veränderung der Aufbau- und
Ablauforganisation als unausweichliche Herausforderung für Unternehmen, um
Marktentwicklungen schnell und flexibel zu adaptieren.
Eine flache Hierarchie hilft, Entscheidungen dezentral und daher zeitnah zu treffen.
Damit entsprechen sie vielmehr der Geschwindigkeit von agilen Prozessen mit ihrem
inkrementellen Charakter und der Berücksichtigung von dynamischen Anpassungen.
Im hierarchischen Aufbau sitzen die Entscheidungsträger entlang des kaskadenförmigen
Aufbaus. Folglich können Entscheidungen nicht direkt von den direkten Beteiligten
getroffen werden, sondern wandern entlang der Hierarchiestufen bis zur
entsprechenden Person. Lange Entscheidungswege und hiermit verbunden lange
Wartezeiten behindern die Geschwindigkeit von agilen Methoden. Zur Verdeutlichung
hat ein Sprint eine Dauer von wenigen Wochen, indem ein Softwareinkrement in ein
funktionstüchtiges Format entwickelt wird. Eine Entscheidungsdauer von wenigen Tagen
würde folglich bereits einen Großteil des Sprints verzögern.
Am Softwareentwicklungsprozess sind mehrere Fachbereiche beteiligt. Organisatorisch
sind diese in Funktionsbereiche untergliedert, was die Anzahl an Entscheidungswegen
erhöht. Des Weiteren verursacht der funktionale Aufbau ein Silodenken und -handeln
der einzelnen Funktionsbereiche.[123] Im agilen Team wird crossfunktional und ohne
Hierarchie gearbeitet, was das Denken im Team fördert. Verbesserungsbestrebungen
werden vom Gedanken der Gesamtsystemoptimierung geleitet und nicht von der
Optimierung von Budget oder Prozessen einzelner Kostenstellen bzw. Abteilungen. Die
funktionale Organisationsstruktur fördert einen Interessenkonflikt durch eigene Ziel- und
Interessenverfolgung.[124]
Alternative Organisationsansätze mit wenig Hierarchie und direkten
Entscheidungswegen wurden sowohl im Rahmen der Empirie als auch bei der
Literaturrecherche ermittelt (vgl. Interview 2; vgl. Interview 3).[125]
In kurzfristiger Hinsicht kann die Organisation von agilen Teams in bereits existierenden
Schwarmkonstellationen die funktionale Aufstellung im Konzern übergehen. In dieser
bereits etablierten Arbeitsform arbeitet ein Projektteam aus Mitarbeitern verschiedener
Fachbereiche hierarchieübergreifend und autonom zusammen (vgl. Daimler AG, 2016).
Langfristig gesehen ist eine Organisation der agilen Teams um Produkte in sogenannten
Zellen sinnvoll (S. Abb. 5.4). In dieser produktzentrierten, zellularen Organisation ist die
Hierarchie sehr flach ausgeprägt, sowohl organisatorisch also auch darin, wie sie von
den Mitarbeitern gelebt wird. Teams organisieren sich um ein Produkt oder Projekt und
agieren möglichst autonom, da benötigte Funktionen in einer Produktzelle“ vorhanden
sind. Innerhalb der Produktzellen organisieren sich die Teams selbst innerhalb ihrer
Rollen und benötigen keine klassische Autorität, die sie anweist. Mit Sicht auf das
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
80
Unternehmen interagieren die einzelnen Produktzellen untereinander und können auch
auf zentrale Fachbereiche, falls vorhanden, zurückgreifen. Obwohl es Linienmanager
mit Mitarbeiterverantwortung gibt, macht der organische Aufbau eine ausgeprägte
Führungsebene, welche auf dem Führungspyramiden-Prinzip beruht, obsolet.[126]
Abbildung 5.4: Produktzelle und zellulare Organisation[126]
Auch eine holokratische Aufstellung des Unternehmens oder von Teilen des
Unternehmens wäre langfristig denkbar, da diese Agilität schafft und vorteilhaft im
volatilen Umfeld ist. Jedoch ist die Einführung ein langfristiges Unterfangen, welches
auch oftmals am Widerstand oder dem Unverständnis der Mitarbeiter scheitert.[122]
Die Holokratie ist ein Organisationsystem, welches anstelle von Funktionen Zirkel und
Unterzirkel definiert, welche sich beliebig aus Themen unterschiedlicher
Funktionsbereiche zusammensetzten können. Das kleinste Element in diesem System
aus Zirkeln ist nicht der Mitarbeiter, sondern eine Rolle, welcher Aufgaben, Funktionen
und Autoritäten zugeteilt werden. Es können von einem Mitarbeiter auch mehrere Rollen
übernommen werden. In dieser Organisationsform gibt es wenig Hierarchie, da es keine
Teams und Abteilungen mit direktem Weisungsbefugten gibt. Die Strukturen in der
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
81
Holokratie erlauben es, Rollen und Zirkel je nach Anforderung des Umfeldes dynamisch
und kontinuierlich zu verändern. Eine feste Struktur gibt es also nicht.[122]
Die geschilderten sowie weitere hierarchiearme, agile Organisationsformen werden von
Jeromin[125] gegenübergestellt und diskutiert.
Unternehmenskultur weiterentwickeln
Neben der Organisationsstruktur liegt es im Macht- und Verantwortungsbereich der
Führung, die bestehende Unternehmenskultur weiterzuentwickeln. Der Willen des
Managements ist wesentlicher Faktor für eine langfristig erfolgreiche Etablierung neuer
Aspekte in der Unternehmenskultur.[122] Maximini (2018) warnt im Zusammenhang einer
ausbleibenden Transformation der vorherrschenden Kultur vor einem Kampf der
Kulturen im Unternehmen.
Die in Kapitel 5.2 angestellten Untersuchungen ergaben, dass die Eingliederung von
neuen Kompetenzen im Softwarebereich bereits zu Unverständnis zwischen einzelnen
hardwarelastigen und softwarelastigen Fachbereichen führt. Zum einen liegen diese
darin begründet, dass das Vorgehen in der agilen Arbeitsweise nicht verstanden wird
(vgl. Interview 2). Zum anderen ist es auf die unterschiedlichen Aspekte der
Unternehmenskultur, welche von den Mitarbeitern gelebt werden, zurückzuführen (vgl.
Anhang 22, Interview 3).
OEMs haben erkannt, dass die Unternehmenskultur an das dynamische Umfeld
angepasst werden muss und erste Schritte zum entsprechenden Kulturwandel
eingeleitet (vgl. Daimler AG 2016).
Wie in Tabelle 5.1 gezeigt, vereint die neue Führungskultur in gleichen Maße Werte und
Prinzipien aus dem agilen Umfeld und dem Lean Management Umfeld. Die Wichtigkeit
von Aspekten wie Befähigung der Mitarbeiter, Übergabe von Verantwortung,
Experimentierfreude, Lernbereitschaft und der Wille, aus Fehlern zu lernen, ist in
gleicher Weise bei den Automobilbauern als auch der Literatur zu agiler
Unternehmenskultur zu entnehmen (vgl. Daimler AG 2016).[122][126]
In der Unternehmenspraxis ist es modern, das Wort Agilität zu nutzen, und doch wissen
wenige, was es bedeutet, und interpretieren es auf eigene Weise, weshalb es die FAZ
zu einem Unwort des Jahres 2018 kürte (vgl. Köhn 2018; Seedig 2018). Auch die Empirie
zeigte, dass die Aufklärung von Mitarbeitern an der Schnittstelle zur agilen SW-
Produktion hilft, Problemen vorzubeugen (vgl. Interview 3). Folglich muss das
Management für ein breites, einheitliches Verständnis über kulturelle Aspekte, aber auch
zum großen Teil über Prozesse der agilen Arbeitsweise in der Belegschaft sorgen.
Bei der Vermittlung sollte aufgezeigt werden, wie eng sich agile Arbeitsweise an den
Prinzipien des Lean Managements orientiert. In Kapitel 5.2 Prozessuales Vorgehen
wurden hierzu die Leitgedanken, welche der Prozessgestaltung zugrunde liegen,
aufgezeigt. Ein Unverständnis zwischen den Mitarbeitern ist also nicht in
unterschiedlichen Grundsätzen zu sehen, sondern es fehlt die genaue Kenntnis, wie
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
82
agile Methoden vorgehen. Im Zuge der Aufklärung über das Vorgehen agiler Methoden
müssen weiter vorherrschende Vorurteile über agiles Arbeiten bekämpft werden.[106][127]
5.4 Zusammenfassung und Fazit
Die agilen Arbeitsweisen werden in der Automobilindustrie als Projektmanagement-
methode verstanden, was dazu führt, dass kulturelle Werte der Belegschaft aus dem
Softwareumfeld nicht ausreichend berücksichtigt werden. Der Bereich Connectivity
befindet sich noch im frühen Stadium des Aufbaus und es wurden bzw. werden
Mitarbeiter mit einem softwarelastigen Background eingestellt. Die Werte und
Vorstellungen der Neueinstellungen stehen im Kontrast zu den Mitarbeitern, der bereits
bestehenden hardwarelastigen Abteilungen, was in Unverständnis zwischen den
Bereichen resultiert. Das unterschiedliche Mindset der Mitarbeiter und ihre gewohnte
agile Arbeitsweise werden vom Automobilbereich nicht durch eine Anpassung der
Organisationsstruktur mit kurzen Entscheidungswegen und flacher Hierarchie
berücksichtigt. Die Untersuchungen zeigten, die agile Arbeitsweise in Form der
Softwareentwicklung sowie das QM werden in die bereits bestehende funktionelle
Organisation aufgenommen. Problematisch zeigte sich in dieser Hinsicht, dass das QM
nicht ausreichend in die schnelleren agilen Entwicklungsprozesse integriert ist.
Softwarehersteller neigen zu agilen Organisationsformen, wie z. B. der Holokratie,
welche schnelle Entscheidungsfindung durch schwach ausgeprägte Hierarchien
ermöglicht und damit die agile Kultur unterstreicht.
Der Kunde und dessen Anforderungen sind im traditionellen QM und agilen Methoden
ausgeprägt verankert. Die agilen Arbeitsweisen realisieren den Kundenfokus durch die
regelmäßige Einbindung von Kundenfeedback in die Softwareerstellung, wohingegen im
Hardwarebereich die Kundenanforderungen punktuell zu Beginn der Entwicklung
einfließen. In der Softwareentwicklung im Connectivity-Bereich ist der Kunde der PO,
welcher mit internen oder externen agilen Teams zusammenarbeitet. Problematisch
zeigte sich in dieser Hinsicht, dass der PO im Funktionsbereich Entwicklung tätig ist und
in dieser Position primär die technischen Anforderungen vertreten kann. Folglich können
die Anforderungen des Endkunden, welcher die Connectivity-Produkte nutzt, durch den
PO nicht an das agile Team weitergegeben werden. Das QM besitzt durch seine
Funktion eine Übersicht der Connectivity-Dienste und ermittelt die Anforderung des
Nutzers durch Kundenstudien. In dieser Rolle lässt es aktuell bereits
Endkundenanforderungen unregelmäßig in die Softwareentwicklung einfließen. Bei den
befragten Softwareherstellern übernimmt die Rolle des POs ebenfalls die
Kundenperspektive im agilen Team. Die befragten Unternehmen hatten allerdings die
Stellung eines Lieferanten und somit war der Auftraggeber auch gleichzeitig der Kunde,
was die Frage nach der Kundenrolle obsolet machte.
Der Bedeutung von kontinuierlicher Verbesserung wird sowohl in QM-Systemen als
auch agiler Arbeitsweise durch zyklisch verlaufende Prozesse gemäß dem PDCA-Zyklus
Rechnung getragen. Im untersuchten Connectivity-Bereich konnten
Verbesserungsbestrebungen in Form von crossfunktionalen Lessons-Learned-
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
83
Sitzungen, welche alle acht bis zwölf Wochen stattfinden, nach Releases erkannt werden.
Ob und wie dort identifizierte Probleme durch Maßnahmen umgesetzt werden, konnte
nicht geklärt werden. Zur Verbesserung innerhalb der agilen Entwicklung finden nach
Sprintende Produkt-Reviews statt. Die erwähnte Trennung der Kundenperspektive, in
technische Anforderungen und Nutzeranforderungen auf unterschiedlichen Rollen,
limitiert das Verbesserungspotential in Produkt-Reviews auf technische Aspekte. Das
QM partizipiert nicht in Regelmeetings des agilen Teams, weshalb Feedback hinsichtlich
der Nutzeranforderung nicht eingebracht wird. Zusätzlich zu den bekannten
Regelmeetings konnte bei den Softwareherstellern der crossfunktionale Austausch über
Abteilungs- oder Unternehmens-Retrospektiven festgestellt werden. In Kombination mit
einer agilen Organisationsstruktur können hier teamübergreifende Probleme durch die
Anpassung von Rollen und Verantwortlichkeiten gelöst werden.
Die Empirie zeigte, dass sowohl Mitarbeiter der OEMs als auch jene im agilen
Unternehmen - regelmäßig - ihren Tätigkeitsgebieten angemessen weitergebildet
werden. Die Struktur der Fortbildung für Softwareentwickler im Bereich Connectivity
wurde nicht gesondert betrachtet. Die Steuerung von Fortbildungsmaßnahmen wird
durch die sorgfältige Einstellung von erfahrenem Personal ergänzt. Des Weiteren wurde
erkennbar, dass Schnittstellenfunktionen durch Teams mit differentem Expertisenprofil
besetzt werden. In Anlehnung an soziale Aspekte der Mitarbeiterorientierung, wie von
agilen Methoden behandelt, wurden bei einem Automobilhersteller die Umgestaltung der
Arbeitsräume in der Unternehmensstrategie verankert. In der Untersuchung dieser
Arbeit wurde stark auf die fachlichen Kompetenzen sowie die Ausbildung der Mitarbeiter
fokussiert. Folglich wurden im Rahmen der Empirie keine Unterschiede in der generellen
Mitarbeiterzufriedenheit aufgenommen. Auch die Möglichkeiten von Weiterentwicklung
in Form von Positionswechsel, Führungskarriere oder zusätzlichen Aufgaben wurde
nicht abgedeckt. Abschließend wurde in Hinsicht auf die Mitarbeiterorientierung kein
Problembereich identifiziert, welcher zu Konflikten führt.
Bei einem führenden Automobilhersteller wurde die Notwendigkeit der zukünftigen
Anpassung der klassischen Führungsrolle erkannt und in die Unternehmensstrategie
integriert. Obwohl diese weiterhin als hierarchische Instanz zu verstehen ist, sind einige
Tendenzen zu erkennen, welche den Leitsätzen der Agilität entsprechen. So werden
crossfunktionale Teams hervorgehoben, welche in Schwarmkonstellationen frei von
Hierarchie sind und autonom arbeiten können. Mit der Agilität wird ein Prinzip
aufgenommen, welches eine offene Unternehmenskultur fordert, die neue, innovative
Lösungen in Betracht zieht. Lösungen abseits alter Wege werden also vom Top-
Management unterstützt. Aktuell werden die agilen Arbeitsweisen in die hierarchische
Struktur aus Funktionsbereichen und mit klassischen Führungspositionen integriert. Das
Rollenmodell, welchem sich agile Methoden bedienen, ist im jeweiligen
Entwicklungsprojekt zu finden, ordnet sich allerdings unter das hierarchische System.
Es existiert also aktuell eine Hybridform aus klassischer hierarchischer Führung und
agilen Rollen. Das QM wird in agilen Methoden nicht mit einer Rolle berücksichtigt.
Daraus folgt, dass die Zusammenarbeit mit dem agilen Team nicht prozessual definiert
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
84
ist. Die fehlende Integration des QMs als Rolle macht sich im Automobilbereich durch
fehlende Schnittstellen und unregelmäßige Einbindung in das agile Team bemerkbar.
Die Empirie in der SW-Industrie zeigte auch hier kein vollkommen hierarchiefreies Modell,
allerdings ist die Verteilung der Macht auf Rollen dort bereits weiter fortgeschritten. Das
klassische QM wird hier als Testmanagement begriffen und als eigenständige Rolle in
das agile Team aufgenommen.
Die Theorie zeigte eine Übereinstimmung hinsichtlich einer offenen Einstellung
gegenüber Fehlern in QM-Systemen und den agilen Prinzipien. Fehler werden als
Chance zur Verbesserung anerkannt. In der Praxis zeigte sich bei den OEMs, dass das
QM im SW-Bereich eine höhere Toleranzschwelle für Fehler aufweist, als es im HW-
Bereich zu verzeichnen ist. Grund dafür ist die Möglichkeit, Fehler, welche noch beim
Kunden entstehen, durch das Einspeisen von Updates oder Wartungen zu lösen.
Hierdurch entstehen dem Unternehmen keinerlei Kosten durch Rückrufe,
Umbaumaßnahmen in der Werkstatt oder Reputationsschäden. Neben Kosten spielt der
Faktor Geschwindigkeit eine Rolle, da durch die schnellen Entwicklungszyklen der agilen
Arbeitsweise Updates zeitnah generiert werden. Die Empirie zeigte, dass die Anzahl von
SW-Fehlern, die beim Kunden auftreten, bemerkenswert höher ist, als die Fehler von
HW-Teilen nach Verkauf. Ob diese auf die Fehlerkultur im SW-Bereich, die
charakteristische SW-Architektur oder die fehlende Abstimmung zwischen den agilen
Teams zurückzuführen ist, konnte nicht geklärt werden. In diesem Zusammenhang
zeigten sich Probleme in Bezug auf die langfristige Verantwortlichkeit für SW-Fehler
verschiedener Features. Diese Verantwortlichkeit ist aktuell im Automobilbereich nicht
geklärt, weshalb Widerstände zwischen Fehlermanagement und SW-Entwicklung
aufkommen. Darauf aufbauend zeigte sich die Notwendigkeit der langfristigen Wartung
und Update-Generierung hinsichtlich des Automobillebenszyklus. Das Ausmaß dieser
Herausforderung scheint aufgrund des relativ langen Produktlebenszyklus des
Automobils noch nicht absehbar zu sein.
Agile Methoden orientieren sich nah an den prozessualen Gestaltungsprinzipien des
Lean Managements. Das One-Piece-Flow, Pull-Prinzip, Taktung und Kanban werden in
den agilen Prozessen berücksichtigt, was einen Aufbau gemäß dem Qualitätsdenken
deutlich macht. In prozessualer Hinsicht zeigte die Empirie, dass es die kurzen,
abgeschlossenen Zyklen in der SW-Entwicklung dem QM schwer machen, sinnvoll
durch vordefinierte punktuelle Eingriffe, wie aus der HW-Entwicklung bekannt,
einzuwirken. Außerdem konnte festgestellt werden, dass die agile SW-Entwicklung
einen äußerst heterogenen Aufbau besitzt, sowohl strukturell als auch bzgl. der
Anwendung von Methoden. Hinsichtlich der Struktur besteht die SW-Entwicklung aus
internen und größtenteils externen Teams. Die externe Seite setzt sich wiederum aus
einer Lieferantenbasis bestehend aus Start-ups, SW-Herstellern und Tochterfirmen
zusammen. Hinsichtlich angewendeter Methoden werden im SW-Feld unterschiedliche
agile Verfahrensmodelle wie Scrum, Kanban oder anderes verwendet. Diese
unterscheiden sich in ihrer Methodik und Aufbau teilweise deutlich voneinander. Die
beschriebene Vielschichtigkeit stellt das QM vor weitere Schwierigkeiten. Weitere
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
85
Problematik, welche sich für eingebettete Systeme als charakteristisch erweist, ist die
Bindung der SW-Anforderungen an die Anforderungsaufnahme von HW-Komponenten
und damit an langwierige HW-Entwicklungsprozesse. Wie gezeigt wurde, beschränkt die
langfristige HW-Planung die SW-Entwicklung hinsichtlich der Anforderungsänderungen
bereits in einer frühen Phase. Um die starke Bindung zwischen den HW- und SW-
Komponenten zu trennen, werden in der Automobilindustrie Plattformstrategien
angewendet, welche die Smartphone-Industrie zum Vorbild haben. Die SW-Hersteller
gliedern einen Qualitätsbeauftragten ins agile Team ein und schaffen so die Abstimmung
mit der Entwicklung innerhalb schneller Zyklen. Auch hier herrscht Heterogenität durch
die Einflechtung von Lieferanten und verschiedener Methoden. Auf Probleme, welche
dadurch entstehen, wurde nicht tiefer gehend eingegangen. Allerdings wurde auf eine
intensive Abstimmung zwischen den einzelnen Entwicklerteams hingewiesen, die durch
den Qualitätsbeauftragten koordiniert wird. Des Weiteren wurde deutlich, dass die
Qualitätssicherung neben dem Qualitätsbeauftragten bzw. Testmanager auch seitens
der Entwickler durch das Schreiben von Tests abgedeckt wird. Die Testphase ist ein Teil
jedes Sprints, womit die Entwicklung kontinuierlich in das Testing integriert ist.
Wie in den agilen Werten beschrieben, favorisieren agile Methoden die direkte
Kommunikation anstelle der Dokumentation. Ein Austausch von Informationen wird also
bevorzugt über den Dialog abgehandelt als über eine ausführliche Dokumentation des
Vorgehens und der Ergebnisse. Wie bei SW-Herstellern festgestellt wurde, spielt daher
die regelmäßige Kommunikation eine bedeutende Rolle. Was innerhalb des Teams
durch verschiedenste Regelmeetings gut funktioniert, zeigte in der Untersuchung
Herausforderung an den Schnittstellen zu anderen Bereichen. Die Qualitätssicherung
weist Schwachstellen besonders bei der teamübergreifenden Arbeit auf, was sich in
einer hohen Fehlerdichte in der End-to-End Phase zeigt. Verstärkt wird die fehlende
Abstimmung durch fehlende zentrale Plattformen, durch welche Ergebnisse, aus bereits
durchgeführten Tests, zwischen den Teams und Abteilungen kommuniziert werden
können. Den an der Qualitätssicherung Beteiligten, wie Entwickler, Testmanager und
End-to-End Tester, mangelt es somit an Transparenz über die Historie bereits
angewendeter Tests, was zu Mehrarbeit führt. Des Weiteren hinterlässt fehlende
Abstimmung auf teamübergreifender Ebene, verbunden mit der minimalistischen
Dokumentation an den Schnittstellen zur agilen Entwicklung, ein Bild, welches die agile
Arbeitsweise als unverbindlich darstellt. Wie aus der Literatur bekannt, entstehen
Vorurteile, die die agile Arbeitsweise als chaotisch beschreiben. Die Antwort der SW-
Hersteller auf mangelnde teamübergreifende Abstimmung ist die kontinuierliche
Kommunikation über Teamgrenzen hinweg, welche durch Qualitätsbeauftragte
regelmäßig hineingesteuert werden. Um die Kommunikation zu intensivieren, konnten
ebenfalls einheitliche, digitale Tools wie Jira identifiziert werden, welche für einen
gemeinsamen Informationsstand sorgen.
Die Entscheidungsfindung wird, wie von QM-Systemen gefordert, durch die Anwendung
von Kennzahlen gestützt. Mithilfe von Story Points wird die Arbeit schätzbar gemacht
und liefert damit Optionen für die Planung von Sprints und Releases. Methoden wie
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
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86
Sprint Burndown - und Release Burndown-Grafiken zeigen dabei den Fortschritt
innerhalb des Sprints bzw. im Projekt auf. Darauf aufbauend deckte die Analyse keine
Differenzen zwischen dem QM und agiler Arbeitsweise auf.
Weite Teile der SW-Entwicklung sind an externe SW-Firmen ausgelagert. Dieses Bild ist
sowohl bei OEMs als auch bei befragten SW-Herstellern zu finden. Der SW-
Entwicklungsbereich in den Automobilfirmen ist noch relativ jung und weiterhin am
Wachsen. Nichtsdestotrotz besteht die Gefahr von langfristig fehlenden internen SW-
Kompetenzen. Die Lieferanten werden mittels verschiedener Vertragsarten in die SW-
Entwicklung eingegliedert. Je nach Vertragskonstellation gibt es einerseits enge Formen
der Zusammenarbeit zwischen OEM und andererseits gibt es noch die klassischen
Formen mit Lasten- und Pflichtenheft, welche die agile Arbeitsweise stark einschränken.
Enge Formen der Zusammenarbeit weisen sich durch einen PO beim Kunden aus,
welcher regelmäßig Feedback an das agile Team liefert. Qualitätskriterien können zwar
vertraglich festgelegt werden, im Hinblick auf Anwendungen allerdings nur beschränkt.
Die Notwendigkeit einer regelmäßigen Abstimmung mit dem Lieferanten hinsichtlich der
Qualitätskriterien nach Vertragsschluss wird also deutlich. Diese Abstimmung findet
aktuell durch den PO statt, welcher in dieser Rolle technisches Feedback einfließen
lassen kann. Das QM dagegen ist nicht in die weitere Zusammenarbeit über
Unternehmensgrenzen involviert, womit Qualitätskriterien nicht erneut einfließen können.
Weiterhin problematisch erwies sich die beschriebene Herausforderung der langfristigen
Wartung und Updateversorgung im Zusammenhang mit SW-Produkten, welche vom
Lieferanten entwickelt wurden. Bei fehlendem internen Know-how wurde deutlich, dass
für die Bereitstellung von Updates klare Verantwortlichkeiten geschaffen werden müssen.
Die Beantwortung der ersten Forschungsfrage zeigt, dass die agilen Methoden die
einzelnen Aspekte von QM-Systemen berücksichtigen und in einer eigenen Art
interpretieren. Dabei gibt es einige Anlehnungen an das Lean Management und dessen
Prinzipien, was zu Überschneidungen in deren Fundament führt. In Bezug auf die
Situation bei OEMs sind die größten Differenzen zu agilen Denkansätzen in der Art der
Führung, dem Aufbau der Organisation sowie dem Ablauf der Entwicklung zu sehen. Die
vorgefundene IST-Situation: ein hierarchischer Führungsstil, ein funktionaler Aufbau der
Organisation und eine sequentielle wasserfallartig verlaufende Entwicklung mit langem
Planungshorizont. Dagegen erfordert die agile Methodik: Dezentrale Führungsinstanzen,
agile Organisationsstrukturen mit kurzen Entscheidungswegen und eine inkrementelle
Entwicklung, welche die Berücksichtigung von Anforderungsänderungen erlaubt. Das
QM für den SW-Bereich bleibt in seiner Struktur unverändert und folgt dem QM im HW-
Bereich, was den Anforderungen der agilen Arbeitsweise nicht gerecht wird. Die Folgen
sind fehlende Abstimmung und Integration des QMs in die agile Prozessstruktur, was als
primäres Problem identifiziert wurde.
Die Rolle des Qualitätsmanagers wurde in der Rolle des QMs 2.0 in das agile Team
integriert und seinen Kompetenzen auf deren Arbeitsweise abgestimmt. Den wenigen
Schnittstellen zum agilen Team, welche sich in Problemen hinsichtlich der Abstimmung
zwischen QM und agilem Team zeigten, wurde durch die Integration des
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
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Qualitätsmanagers in das agile Team begegnet. Auf diese Weise hat der
Qualitätsmanager die Möglichkeit, an den Regelmeetings während der schnellen
zyklischen Entwicklungsphasen teilzunehmen und Anforderungen direkt in die Prozesse
der agilen Methodik einfließen zu lassen. Abstimmung, welche vorher in sehr langen
Abständen vorzufinden war, kann nun entlang des gesamten PEP kontinuierlich
stattfinden. Wie das für PO oder Scrum Master der Fall sein kann, soll auch der
Qualitätsmanager 2.0 in der Lage sein, mehrere Projekte gleichzeitig zu coachen. Je
nach Umfang und Komplexität des Projektes kann der Qualitätsmanager mehrere
Teams unterstützen. Dadurch bekommt er eine Übersicht über verschiedene Funktionen,
was die Abstimmungen auf crossteam Ebene positiv beeinflusst. Die interne SW-
Entwicklung stellt einen kleinen Teil der Gesamtwertschöpfung dar. Der Großteil findet
im externen Umfeld statt und liegt somit beim Lieferanten. Das Einflussgebiet des
Qualitätsmanagers wird auf das externe Umfeld ausgeweitet, um auch die Möglichkeit
zu gewinnen, auf die Zusammenarbeit mit Lieferanten Einfluss zu nehmen. In
Vertragsverhandlungen sollen Qualitätsaspekte der SW mithilfe des Qualitätsmanagers
festgelegt werden. Eine umfassende Absicherung und Beschreibung mittels Verträge
sind in der agilen SW-Entwicklung nicht sinnvoll, weshalb der Fokus auf der
kontinuierlichen Zusammenarbeit mit dem externen agilen Team liegt. Während der
Entwicklungsarbeit bildet aktuell ausschließlich der PO die Schnittstelle zum Lieferanten
ab. Der Austausch über technische Spezifikationen besteht damit bereits, jedoch fehlt
die konzeptionelle Sichtweise auf die Kundenwünsche, welche in der Funktion des
Qualitätsmanagers abgebildet ist. Um diese in die zukünftige Regelkommunikation
aufzunehmen, bildet der Qualitätsmanager 2.0 gemeinsam mit dem PO die Schnittstelle
zum SW-Lieferanten. Weitere Anpassung, die der Qualitätsmanager 2.0 enthält, ist eine
Aufteilung in die technische und die konzeptionelle Rolle.
In seiner technischen Ausrichtung übernimmt der Qualitätsmanager 2.0 die Rolle eines
Testmanagers, der die Durchführung von Tests entlang des gesamten PEP koordiniert
und leitet. In der agilen Entwicklung coacht er die SW-Entwickler bei der Anwendung von
Methoden wie Peer Programming, Peer Reviews und gemeinsame Verantwortlichkeit
für geschriebenen Code. Zwischen den agilen Teams koordiniert er die Termine für
gemeinsame Testphasen und bindet hierfür alle notwendigen Parteien wie End-to-End
Testing etc. ein. Die späte End-to-End Testphase mit hohem Aufwand und hoher
Fehleranzahl wird durch die regelmäßige Abstimmung schlanker gemacht. Zweite
Regelkommunikation bildet ein produktübergreifender Regelkreis zwischen den
Testmanagern in den agilen Teams. Während in dieser Runde Testaktivitäten
abgestimmt werden, kommen auch konzeptionelle Themen zur Ansprache, was an die
konzeptionelle Rolle des Qualitätsmanagers 2.0 anknüpft. Die koordinativen Aktivitäten
des Qualitätsmanagers 2.0 werden zuletzt durch eine digitale Plattform entlang des
gesamten PEP ergänzt. Mit der Plattform soll die Testhistorie für alle Parteien ersichtlich
gemacht werden und sie soll ebenfalls als Sprachrohr zum Management und der HW-
Entwicklung dienen.
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
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Die konzeptionelle Rolle des Qualitätsmanagers 2.0 spannt die Brücke zu einem SW-
Produkt, welches den Nutzerwünschen entspricht. Die Funktion entspringt der
Problematik, dass der PO allein die Nutzeranforderungen nicht mit seinem
Kompetenzprofil abdecken kann und diese dadurch in der agilen SW-Entwicklung
benachteiligt werden. Die Sichtweise auf die Endkundenerwartungen erhält der
Qualitätsmanager 2.0 durch Kundenstudien und Usability-Tests sowie deren
Auswertungen. Diese bringt er als Mitglied des agilen Teams innerhalb von Product
Reviews als Anforderungen in die agile Entwicklung ein. Das regelmäßige Product
Review eignet sich hervorragend zum Einsteuern von Nutzerfeedback, da es auf einem
Prototyp des Produkts basiert. Nutzerfeedback wird bei internen Teams und außerdem
in Kooperation mit dem PO bei externen Teams eingebracht. Um den Features den
Charakter eines abgestimmten Gesamtkonzepts zu geben, tauschen sich die
Qualitätsmanagers 2.0 in ihrer konzeptionellen Rolle, wie schon in der technischen, im
Qualitätsmanager 2.0 Regelkreis aus. Hier werden die Funktionen und das User
Interface diskutiert und abgestimmt. Die Ergebnisse können anschließend ins agile
Team hineingesteuert werden. Gemäß den Anforderungen der inkrementellen
Entwicklungszyklen können die Anforderungen in regelmäßigen Abständen
berücksichtigt werden.
Die Arbeit zeigte auch Herausforderungen, deren Lösung nicht im Machtbereich der
Rolle des Qualitätsmanagers liegt, sondern im Rahmen einer Veränderung des QM-
Systems, die von der Unternehmensführung umgesetzt werden sollte. Eine starre
Organisationsform, welche Änderungen schwer zulässt und mit steilen Hierarchien und
langen Entscheidungswegen zu kämpfen hat, limitiert agile Arbeitsweisen und muss
langfristig durch agile Organisationsformen ersetzt werden. Die agilen Werte und
Prinzipien werden nicht aktiv in die Unternehmenskultur aufgenommen, da agile
Methoden mit dem Charakter einer Projektmanagementmethode gleichgesetzt werden.
Die bereits etablierte „Wasserfall“-Kultur muss Schritt für Schritt mit agilen Werten
ergänzt bzw. ersetzt werden, um eine Zwei-Klassen-Kultur zu verhindern. Der geplante
potentielle Wandel der Unternehmenskultur muss in der Belegschaft kommuniziert
werden und als langfristiges Unterfangen in die Unternehmensstrategie aufgenommen
werden. Kurzfristig muss über Agilität und agiles Arbeiten aufgeklärt werden. Vorurteile
und eigene Interpretationen behindern die Zusammenarbeit und können sich zu
Konflikten entfalten.
Die zweite Forschungsfrage wurde mit der Herleitung eines Modells, welches den
zukünftigen agilen Qualitätsmanager 2.0 beschreibt, beantwortet. Das Modell integriert
den Qualitätsmanager 2.0 durch seine Aufnahme als Rolle im agilen Team besser in
deren Arbeitsweise. Es verschafft dem Qualitätsmanager durch regelmäßige
Regelabstimmungen den Einblick in die agile Entwicklung. Der Austausch berücksichtigt
nun die schnellen Zyklen und ist nicht länger auf wenige Zeitpunkte begrenzt. Auf diese
Weise kann er regelmäßig seine Kompetenzen in technischer und konzeptioneller
Sichtweise durch Anforderungen in die Entwicklung einfließen lassen. Über
Unternehmensgrenzen hinweg bildet der Qualitätsmanager 2.0 in Kooperation mit dem
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
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PO die Schnittstelle zum SW-Lieferanten. Gemeinsam steuern sie so ein umfassendes
Anforderungsgefüge aus technischer und endkundenorientierter Perspektive in die
externe Entwicklung. Teamübergreifende und produktübergreifende Abstimmung
koordiniert der Qualitätsmanager 2.0 durch Regelkreise, welche die Qualitätsmanager
2.0 aus den einzelnen Teams sowie involvierte Funktionsbereiche umfassen. Auf diese
Weise kann Wissen und Informationen bzgl. Testaktivitäten und Nutzerwünschen
schnittstellenübergreifend im agilen SW-Entwicklungsprozess geteilt werden.
5.5 Ausblick
Die Interviews aus Teilen des Connectivity-Bereichs untersuchen das Vorgehen bei
einem deutschen Automobilbauer und decken somit nicht das Gesamtbild der Branche
ab. Um demnach Aussagen über das Gesamtfeld zu tätigen, sind weitere Interviews bei
unterschiedlichen Automobilbauern und Abteilungen/Teams durchzuführen. Die
Herausforderungen in diesem Feld stellen alle Automobilbauer vor Probleme, weshalb
ein Interesse dieser an gemeinsamen Untersuchungen und Lösungen bestehen sollte.
Die Untersuchungen zeigen den Status quo bei einem etablierten globalen Player und
sind somit aussagekräftig für große Unternehmen, welche bereits historischen Charakter
im Automobilbau besitzen. Im Gegensatz dazu gibt es neue internationale Wettbewerber
wie Tesla oder XPENG Motors, welche sich auf intelligente Elektrofahrzeuge fokussieren.
Die Prozesse und Unternehmensstrukturen sind im Vergleich zur deutschen
Automobilindustrie noch im Anfangsstadium und lassen jedoch flexiblere Strukturen
vermuten. Das vernetzte Automobil ist auch dort kein Fremdwort und es können
sicherlich weitere Erkenntnisse aus deren Strategien gewonnen werden.
Der untersuchte agile SW-Hersteller, welcher befragt wurde, ist ein kürzlich
eingegliedertes Tochterunternehmen eines Automobilherstellers. Das Unternehmen ist
in seiner Struktur und Arbeitsweise nach Eingliederung weitestgehend unverändert
geblieben. Wie festgestellt wurde, zeigen Lieferanten deutliche Unterschiede in der
Interpretation der Kundenperspektive. Weitere Untersuchungen bei agilen Unternehmen,
welche direkten Nutzerkontakt besitzen, können somit weitere Forschungserkenntnisse
in Bezug auf die Einbindung von technischen Anforderungen und Nutzerfeedback liefern.
Des Weiteren kann die Untersuchung der dort vorzufindenden Organisationsstruktur,
Ausbildung von Hierarchie und Unternehmenskultur weitere Erkenntnisse bzgl. der
Auswirkungen auf Anwendung agiler Methoden aufzeigen.
Der festgestellte hohe Grad externer Wertschöpfung verbunden mit der hohen Anzahl
an Fehlern bei Integration von SW-Komponenten seitens verschiedener
Entwicklerteams zeigt die Bedeutung eins systematischen Managements sowie
Integration von Lieferanten. Im Bereich der Beschaffung von HW-Komponenten ist
bekannt, dass Lieferanten in einem systematischen Ansatz die Phasen der Analyse,
Bewertung, Klassifizierung und Entwicklung durchlaufen.[128] Außerdem helfen
unabhängige Zertifizierungen, wie die ISO 9000-Reihe, einheitliche
Qualifikationsstandards bei Lieferanten festzulegen. Die homogene Struktur aus Start-
ups und generell unterschiedlichen Unternehmensgrößen lässt die Vermutung zu, dass
Anpassung der Rolle des Qualitätsmanagements im Hinblick auf agile Methoden im Bereich Connectivity
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
90
dort weitreichende Unterschiede in den Prozessen und Methoden zu erwarten sind. In
diesem Zusammenhang ist auch hinsichtlich Qualitätsstandards eine unterschiedliche
Handhabung zu erwarten. Einheitliche Qualifikationsstandards sowie -zertifizierungen
gibt es für die unterschiedlichen Unternehmenstypen nicht. Im Zusammenhang mit
Lieferanten wird die Frage nach der Rolle des POs aufgeworfen. Er vertritt die Interessen
des Kundenunternehmens regelmäßig im Laufe der Entwicklung und stellt nach
Vertragsverhandlungen die Schnittstelle zum Lieferanten dar. Was sind Erfolgsfaktoren
bei der Zusammenarbeit zwischen PO (Kundenunternehmen) und restlichem agilen
Team (Lieferant)? Welche notwendigen Qualifikationen ergeben sich hieraus für den PO?
Und sind diese in einer Person/Rolle zu vereinen? Die Position des POs wird als
essenziell betrachtet, da sie in der Literatur als einzige Schnittstelle über
Unternehmensgrenzen hinweg beschrieben wird.
Die langfristige Wartung in Verbindung mit einem hohen Anteil an SW-Entwicklung
macht die Wichtigkeit eines geregelten Prozesses klar. Verantwortlichkeiten für
aufkommende Fehler müssen geklärt werden. Sowohl für die interne als auch die
externe SW-Entwicklung. Die aktuell fehlende SW-Kompetenz bzw. -Kapazitäten
müssen kurzfristig durch Überlegungen geeigneter Prozesse kompensiert werden,
welche Lieferanten bei der Erstellung von Updates einbindet. Im Anbetracht der
geschilderten Langfristigkeit und der Bedeutung für die Sicherheit im Straßenverkehr
muss für diese Aufgabe auch interne Lösungen generiert werden.
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
91
6 Strategien für die Frühphase der zukünftigen
Zusammenarbeit digitale Dienste
Aufgrund der zuvor beschriebenen Zusammenhänge lässt sich eine steigende Tendenz
zur Kooperation zwischen Start-ups und OEMs im Bereich der Connectivity beobachten.
6.1 Zielsetzung
Das Ziel dieses Kapitels ist es, einen Leitfaden für die Gestaltung von Kooperationen
zwischen Start-ups und OEMs im Bereich Connectivity zu entwickeln. Ein Schwerpunkt
liegt auf der Untersuchung von Qualitätsaspekten in der Frühphase des Lifecycles
digitaler Dienste. Mit Blick auf die zu untersuchenden Qualitätsaspekte ist eine
spezifische Betrachtung des situativen Kontexts des gesamten Ökosystems notwendig.
Das Hauptziel der Arbeit ist, neue Erkenntnisse in diesem noch wenig erforschten Feld
zu generieren. Dazu wurde die folgende, der Arbeit zugrundeliegende Frage formuliert:
Welche grundsätzlichen qualitätsspezifischen Aspekte sind für erfolgsversprechende
Kooperationen zwischen OEMs und technologieorientierten Start-ups im Feld
Connectivity von zentraler Bedeutung? Die Operationalisierung der übergeordneten
Fragestellung erfolgte durch die Formulierung nachfolgend gelisteter
Unterforschungsfragen, welche konzeptionell und empirisch beantwortet werden sollen:
1) Wie arbeiten Start-ups im Bereich Connectivity?
Zunächst ist zu klären, welche Art von Start-ups im Bereich der Connected Cars
potenzielle Kooperationspartner für OEMs sind. Weiterhin soll die Arbeitsweise der
identifizierten Start-ups durch eine literaturgestützte Untersuchung dargestellt werden.
2) Wie ist das Qualitätsmanagement im Kooperationskontext verankert? Welche Rolle
spielt Qualitätsmanagement für diese Start-ups?
Für die Beantwortung der Unterfrage erfolgt eine literaturgestützte Analyse
kooperationsrelevanter Qualitätsaspekte. Die untersuchten Kooperationen sind im
spezifischen Kontext neuer Geschäftsfelder um das Connected Car angesiedelt. Somit
sind Erkenntnisse bezüglich der Rolle des Qualitätsmanagements in diesem
spezifischen Bereich notwendig. Zur weiteren Spezifizierung der zentralen
Forschungsfrage in der Dimension Qualität wurde die Unterfrage speziell in Bezug auf
Start-ups formuliert.
3) Welches sind die wesentlichen Einflussfaktoren auf Kooperationen?
Mit dieser Unterfrage soll erfasst werden, welche Faktoren die untersuchten
Kooperationsvorhaben maßgeblich beeinflussen. Dabei stehen Erfolgsfaktoren und
Hindernisse von Kooperationen im Vordergrund. Die Erkenntnisse bezüglich der Frage
sollen empirisch durch Interviews gewonnen werden.
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
92
6.2 Vorstellung bisheriger Studien sowie Umfragen
Im Rahmen einer Literaturanalyse wurden für die durchzuführende Untersuchung
relevante Erkenntnisse zusammengetragen. Die in Tabelle 6.1 zusammengefassten
Ergebnisse zeigen, dass formale Prozess- und Qualitätsaspekte keine hohe Priorität
haben. Hierfür lassen sich mehrere Ursachen benennen. Bereits zuvor wurde die
Ressourcenknappheit erwähnt, unter welcher Start-ups agieren. Start-ups nutzen ihre
knappen Ressourcen, um ihre Entwicklungsgeschwindigkeit zu maximieren, während
Prozess- und Qualitätsmanagement zweitranging sind. Ziel ist es, möglichst schnell ein
Produkt mit minimalen Anforderungen und Eigenschaften zu realisieren. Ein solches
Produkt wird auch als „Minimum Viable Product“ (MVP), bezeichnet und beschreibt die
erste minimale funktionsfähige Iteration eines Produktes.[57]
Ergebnis der Erhebung
Art der Erhebung
Quelle
Eine Mehrheit der Start-
ups im Bereich Software
adaptiert keine Best-Practice-Methoden, vor allem weil
diese als Standards für größere Unternehmen
wahrgenommen werden.
Qualitative Studie
(Interviews)
Sánchez-
Gordón/Rory
2016 [129]
Start-ups haben nicht die notwendige Zei
t, um
entsprechende Engineering-
Standards zu
implementieren.
Qualitative Studie
(Interviews)
Grundsätzlich könnte die Software-Dokumentation
optimiert werden, um das gemeinsame Verständnis für
das Produkt und die Lösungen zu verbessern.
Qualitative Studie
(Interviews)
Nascimento,
L./Travassos
, G., 2017
[130]
Start-ups aus dem Bereich Software arbeiten agil und
haben keine festen Rollenbeschreibungen während der
Entwicklung.
Qualitative Studie
(Interviews)
Hof, J.,
2019[131]
Für Start-ups
hat die Entwicklungsgeschwindigkeit
Priorität, Qualitätsaktivitäten wie bspw. Testen werden
auf ein Minimum reduziert.
Qualitative Studie
(Interviews,
Beobachtungen)
Gralha, C. et
al., 2018[132]
Die meisten Start-
ups greifen auf einfache
Dokumentationsmö
glichkeiten für Anforderungen
zurück.
Qualitative Studie
(Interviews)
Melegati,
J./Goldman,
A., 2016
[133]
Start-
ups folgen Vorgehensmodellen nicht strikt.
Meistens werden Bestandteile aus bspw. Scrum für die
eigene Entwicklung angepasst (Sprint).
Qualitative Studie
(Interviews)
Giardino, C.
et al.,
2014[134]
Mitarbeiter in den Entwicklungsteams von Start-ups
tragen eine hohe Eigenverantwortung und nehmen
mehrere Rollen im Entwicklungsprozess ein.
Qualitative Studie
(Interviews)
Qualitätsaspekte spielen im Vergleich zur
Entwicklungsgeschwindigkeit eine deutlich
untergeordnete Rolle.
Qualitative Studie
(Interviews)
Scrum ist die meist genutzte Entwicklungsmethode im
agilen Umfeld.
Quantitative Umfrage VersionOne,
2017
[135]
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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93
Scrum ist unter den agilen Methoden die beliebteste. Quantitative Umfrage
Komus, A./
Kuberg, M.,
2015
[136]
Tabelle 6.1: Qualitätsmanagement in Start-ups (Quelle: Eigene Darstellung, Forschungsstudie QSK der TU
Berlin.)
Entwicklungen in Start-ups sind im hohen Maße von den Ansichten und Fähigkeiten des
Entwicklungsteams abhängig. Das Vorgehen in Start-ups ist nicht durch formale
Prozesse geprägt, vielmehr nutzen sie agile Vorgehensmodelle wie insbesondere Scrum.
Dabei werden diese nicht strikt befolgt, sondern im Sinne des Entwicklungsteams
adaptiert. Diese Praktik spiegelt die hohe Eigenverantwortung wider, unter welcher agile
Entwicklungsteams arbeiten. Somit sind qualitätssichernde Maßnahmen wie
Dokumentation, Anforderungs- und Änderungsmanagement und Testen in hohem Maße
von den Ansichten und Prioritäten der Entwickler abhängig. Aufgrund der beschriebenen
Zeitknappheit lässt sich vermuten, dass entsprechende Maßnahmen nicht systematisch
geplant und durchgeführt werden.
6.2.1 Beschreibung des Datenerhebungsinstruments und des
Erhebungsablaufs
Zur Beantwortung der im Kapitel 6.1 gestellten Fragen wurde ein aus 18 Items
bestehender Fragebogen konzipiert (s. Anhang 13). Um relevante Erkenntnisse zu den
Start-ups zu gewinnen, wurden insgesamt vier Themenbereiche definiert. Im ersten
Abschnitt wurden zunächst allgemeine Fragen zum Unternehmen gestellt. Dies soll es
ermöglichen, die Stichprobe zu beschreiben, die der empirischen Untersuchung
zugrunde liegt. Das darauffolgende Themenfeld bezog sich auf den Ist-Status des QMs
der befragten Unternehmen. Dabei sollte bspw. erfasst werden, ob diese über QM-
Zertifizierungen oder QM-Stellen verfügen. Anschließend wurden Fragen bezüglich der
genutzten Vorgehensmodelle behandelt. Hierbei standen den Probanden die
relevantesten iterativen und sequenziellen Modelle zur Auswahl. Weiterhin konnten nicht
aufgeführte Vorgehensmodelle manuell hinzugefügt und Kombinationen mehrerer
Vorgehensmodelle als Antwortmöglichkeiten ausgewählt werden. Der vierte
Themenblock umfasste Fragen zur konkreten Umsetzung der Entwicklungsprozesse.
Dabei sollten die Probanden die Systematik der Entwicklungsprozesse in ihren
Unternehmen auf einer fünfstufigen Likert-Skala bewerten. Als Hilfestellung wurden
unter den Fragen konkrete Beispiele für systematische Prozesse genannt.
Ein generelles Problem des Datenerhebungsprozesses mittels schriftlicher Befragung
besteht darin, einen möglichst hohen Rücklauf zu erzielen. Mit der Intention, die
Teilnahme an der Evaluation zu steigern, wurde der Fragebogen inhaltlich kompakt
gestaltet. Die Fragen wurden möglichst einfach und leicht verständlich gehalten.
Einleitende Worte informierten die Probanden über das Ziel der Untersuchung. Es wurde
zudem auf die kurze Bearbeitungsdauer von etwa 10 Minuten und die Wahrung der
Anonymität hingewiesen. An dieser Stelle ist zudem anzumerken, dass die exakte
Formulierung von Fragen eine hohe Bedeutung für die Validität und Reliabilität einer
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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94
Erhebung hat. Aus diesem Grund wird empfohlen, Pretests durchzuführen.[137] Nach dem
ersten Entwurf des Fragebogens in englischer und deutscher Sprache wurde daher das
einheitliche Verständnis der Fragen und die Dauer der Befragung mittels Pretest getestet.
Dafür stellten sich drei Probanden aus der Softwarebranche zur Verfügung. Im
Anschluss erfolgte auf Grundlage der Pretests die Erstellung der finalen Versionen des
Fragebogens.
Die Zielgruppe der empirischen Befragung bildeten technologieorientierte Start-ups aus
dem Bereich connected Cars. Die relevante Grundgesamtheit eindeutig zu bestimmen,
ist vor dem Hintergrund vieler Neugründungen und Start-ups, welche den Betrieb wieder
einstellen, nicht möglich. Um dennoch eine geeignete, repräsentative Stichprobe zu
ermitteln, wurden eine umfassende Recherche durchgeführt und verschiedene
Internetquellen mit relevanten Informationen gesichtet. Im Fokus stand die
Identifizierung von Unternehmen, welche digitale Dienste rund um das connected Car
anbieten könnten. Das trifft insbesondere auf spezialisierte Technologie- und
Softwareunternehmen zu. Die Daten zur Identifizierung relevanter Start-ups wurden
größtenteils über Crunchbase bezogen. Dabei handelt es sich um eine 2007 gegründete
Plattform, welche Daten zu privaten und öffentlichen Unternehmen bereitstellt. Die
Validität der dort gespeicherten Daten wurde anhand anderer Studien geprüft, wobei
eine Prüfung der Datenqualität ergab, dass die Unternehmensdaten im Einklang mit
entsprechenden Studien standen.[137] Für die Segmentierung standen in Crunchbase
verschiedene Filter zur Verfügung. So konnte sichergestellt werden, dass die
Unternehmen jünger als zehn Jahre waren und thematische Schnittpunkte im Feld der
connected Cars aufweisen. Insgesamt wurden so 366 Start-ups identifiziert.
Der Fragebogen war im Zeitraum November 2018 bis Februar 2019 online verfügbar
und wurde in Form eines Links zur Umfrage zum einen via E-Mail oder über Formulare
auf der Website an die 366 Start-ups versandt und zum anderen über universitäre und
private Kontakte an relevante Start-ups herangetragen. Insgesamt wurden 26
Fragebögen in deutscher und sieben Fragebögen in englischer Sprache ausgewertet.
Die Ergebnisse wurden mithilfe von Excel zusammengefasst und ausgewertet. Die
Auswertung erfolgte auf deskriptiver Ebene. Auf tiefergehende statistische Analysen
wurde aufgrund der geringen Rücklaufquote und methodenbedingter Verzerrungseffekte
verzichtet.
6.2.2 Datenerhebung und Auswertung der Ergebnisse
Im Folgenden werden die wesentlichen Ergebnisse der Umfrage dargestellt. Dabei
werden die Themen bisherige Kooperationen mit etablierten Unternehmen,
Qualitätsmanagement in Start-ups, Qualitätsmanagement-Rollen, Referenzmodelle,
Vorgehensmodelle und Entwicklungsprozesse in Start-ups unterschieden. An das
Kapitel schließt die Ergebnisdiskussion an. (Forschungsstudie am Fachgebiet QSK der
TU Berlin.) [20]
1. Bisherige Kooperationen mit etablierten Unternehmen
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
95
Die Frage bezüglich bisheriger Kooperationserfahrungen wurde nicht weiter präzisiert.
Somit werden alle Unternehmen erfasst, welche bereits erste Berührungspunkte mit
etablierten Unternehmen haben. Abbildung 6.1 zeigt, dass bereits 85 Prozent der
befragten Start-ups in Kontakt mit etablierten Unternehmen standen.
Abbildung 6.1: Bisheriger Kooperationsstand von Start-ups
2. Qualitätsmanagement in Start-ups
Die Ergebnisse zu QM-Zertifizierungen in Start-ups sind in Abbildung 6.2 zu sehen. Etwa
77 Prozent der Start-ups gaben an, dass sie noch keine Zertifizierungen aufweisen.
Allerdings gaben rund 19 Prozent an, dass bereits eine Einführung geplant ist. In
insgesamt 4 Prozent der Unternehmen sind laut der Befunde QM-Zertifizierungen
vorhanden. Es lässt sich feststellen, dass 76 Prozent der Probanden, die in einem über
fünf Jahre alten Start-ups arbeiten, angaben, dass ihr Unternehmen QM-Zertifizierungen
aufweist oder sich diese aktuell in der Planungsphase befinden.
Abbildung 6.2: QM-Zertifizierung in Start-ups
Weiterhin wurde gefragt, ob bereits feste Stellen für QM-Themen vorhanden oder in
Planung sind. Die Ergebnisse in Abbildung 6.3 zeigen, dass dies bei rund 40 Prozent
der befragten Start-ups der Fall ist. Insgesamt gaben vier Prozent der Probanden an,
dass die Unternehmen über feste QM-Stellen verfügen.
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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96
Abbildung 6.3: QM-Stellen in Start-ups (Eigene Darstellung)
3. Qualitätsmanagement-Rollen
Zuvor wurde gezeigt, dass innerhalb der befragten Start-ups erst wenige feste QM-
Stellen existieren. Im Gegensatz zur vorherigen Verteilung zeigt sich, dass dieses
Thema innerhalb der Entwicklungsteams stärker wahrgenommen wird. So gaben, wie in
Abbildung 6.4 zu sehen, insgesamt knapp zwei Drittel an, dass entsprechende Rollen
verteilt sind oder die Schaffung dieser Rolle in Planung ist. Ein Teilnehmer fügte
beschreibend hinzu, dass die Entwicklungsarbeit im Rahmen von
Retroperspektivmeetings reflektiert wird.
Abbildung 6.4: QM-Rollen in Entwicklungsteams (Eigene Darstellung)
4. Referenzmodelle
30,77%
34,62%
30,77%
28% 29% 30% 31% 32% 33% 34% 35%
Ja, es gibt dezidierte Verantwortlichkeiten
innerhalb des Entwicklunsteams.
Eine entsprechende Stelle ist in Planung.
Nein.
QM-Rollen im Entwicklungsteam
n = 26
3,85%
34,62%
3,85%
57,69%
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
Es gibt QM-Stellen. Entsprechende QM-
Stellen sind in Planung.
Weiß nicht. Nein.
QM-Stellen in Start-ups
n = 26
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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97
Die abschließende Frage thematisierte die Anwendung von Referenzmodellen in der
Softwareentwicklung. Es ist zu erwähnen, dass keine konkreten Reifegrade abgefragt
wurden. Es sollte in Erfahrung gebracht werden, wie viele Start-ups bereits
Berührungspunkte mit Referenzmodellen aufweisen. Das Ergebnis ist in Abbildung 6.5
zu sehen und zeigt, dass über 40 Prozent der teilnehmenden Start-ups auf gängige
Referenzmodelle (Square, Automotive Spice, CMMI) zurückgreifen. Dabei ist
Automotive Spice mit etwa 20 Prozent unter den Probanden am verbreitetsten.
Abbildung 6.5: Referenzmodelle in Start-ups (Eigene Darstellung)
5. Vorgehensmodelle in Start-ups
Da Unternehmen in der Praxis oftmals mehrere Vorgehensmodelle nutzen, war es den
Probanden bei der Frage nach dem verwendeten Vorgehensmodell möglich, mehrere
Antworten auszuwählen. Einerseits konnten Aktivitäten aus unterschiedlichen Modellen
zu einem sogenannten Hybridmodell kombiniert, andererseits Modelle projektspezifisch
ausgewählt werden. Es wurde zuvor bereits auf die hohe Relevanz von Scrum
hingewiesen. Abbildung 6.6 verdeutlicht, dass Scrum mit über 47 Prozent das häufigste
Vorgehensmodell bei den Teilnehmern ist. Insgesamt zeigt sich, dass iterative und wenig
formalisierte Vorgehensmodelle deutlich stärker vertreten sind als sequenzielle.
Abbildung 6.6: Vorgehensmodelle in Start-ups (Eigene Darstellung)
15,38%
19,23%
7,69%
42,31%
15,38%
0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% 35% 40% 45%
CMMI
Automotive Spice
Square
Keine.
Weiß nicht.
Referenzmodelle in Startups
n = 26
10,00%
7,50%
2,50%
12,50%
47,50%
20,00%
0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% 35% 40% 45% 50%
Wasserfall-Modell
V-Modell
RUP (Rational Unified Process)
XP (eXtreme Programming)
Scrum
Kanban
Vorgehensmodelle in Startups
n = 26
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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98
6. Entwicklungsprozesse in Start-ups
Die Fragen zum Themenbereich Entwicklungsprozesse in Start-ups dienten dazu, die
Prozesse zu identifizieren und zu bewerten, welche die Start-ups in der
Softwareentwicklung anwenden. Insgesamt wurden fünf Fragen zur
Softwareentwicklung gestellt. Die Teilnehmer konnten jeweils auf einer diskreten Skala
von eins (stimme überhaupt nicht zu) bis fünf (stimme voll und ganz zu) antworten.
Zunächst wurde gefragt, ob die Entwicklung systematisch evaluiert wird, um Potenziale
für Verbesserungen aufzudecken. Wie in Abbildung 6.7 zu sehen ist, ergab sich ein
gemischtes Bild. So gaben zwar 70 Prozent der Start-ups an, bereits entsprechende
Beurteilungen des eigenen Vorgehens vorzunehmen, doch dies geschieht nicht
besonders regelmäßig.
Abbildung 6.7: Evaluation des Vorgehens in Start-ups (Eigene Darstellung)
6.2.3 Diskussion der Ergebnisse
Die Erhebung sollte Erkenntnisse zu den Arbeitsweisen und zum Status des QMs in
Start-ups liefern. Inferenzstatistische Analysen waren aufgrund der geringen Fallzahl
nicht zweckdienlich, weshalb die Auswertung der in Kapitel 6.2 vorgestellten
Erkenntnisse auf deskriptiver Ebene stattfindet. Im arithmetischen Mittel wiesen die
befragten Start-ups ein Alter von 3,57 Jahren auf, damit waren sie um etwa zwei Jahre
jünger als der Durchschnitt der zugrundeliegenden Stichprobe. Der hohe Anteil von
Start-ups (85 %) mit Kooperationserfahrungen kann dadurch erklärt werden, dass
vernetzte Dienste im Auto mit neuen Herausforderungen in den Bereichen Cloud-
Computing, Big Data, Internet der Dinge,186 und Data Security einhergehen. Vor diesem
Hintergrund ergeben sich Potenziale für innovative Lösungskonzepte, welche
insbesondere Chancen für neue Unternehmen bieten. Die Ergebnisse zur allgemeinen
Charakterisierung der Teilnehmer lassen sich wie folgend zusammengefasst:
Der Großteil der untersuchten Start-ups arbeitet im B2B-Bereich und verfügt
bereits über Kooperationserfahrungen mit etablierten Unternehmen.
Qualitätsmanagement hat zurzeit noch keine hohe Priorität in Start-ups.
0,00%
15,38%
53,85%
26,92%
3,85%
0,00% 10,00% 20,00% 30,00% 40,00% 50,00% 60,00%
Sehr regelmäßig.
Regelmäßig.
Selten.
Gar nicht.
Weiß nicht.
Evaluation des Vorgehens
n = 26
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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99
Agil arbeitende Teams definieren kaum feste Rollen für Qualitätsaspekte
während der Entwicklungsarbeit.
Start-ups setzen auf agile Methoden, insbesondere auf Scrum.
Qualitätssichernde Aktivitäten sind im hohen Maß vom Entwicklungsteam
abhängig.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die untersuchten Start-ups bereits
erste Berührungspunkte zu kooperationsrelevanten Qualitätsthemen wie beispielsweise
dem Branchenstandard Automotive Spice haben. In der konkreten Entwicklungsarbeit
sind qualitätssichernde Aktivitäten jedoch vor allem von den handelnden Personen in
den überwiegend agilen Entwicklungsteams abhängig.
6.3 Industrie-Interviews
Um ein tieferes Verständnis für die unternehmerischen Entscheidungen bezüglich
Kooperationsvorhaben zu erlangen, wurden im Verlauf der Dissertation Industrie-
Interviews durchgeführt.
Interviewfragen
Als Interviewform wurde das explorative, systematisierende Experteninterview gewählt.
Diese Form dient nach Bogner, Littig und Menz dazu, individuelles Deutungswissen,
Sachinformationen sowie praxisbasiertes Handlungs- und Erfahrungswissen zu
erlangen, und eignet sich somit für die Beantwortung der Frage im Kapitel 6.1.[139] Es
wurden sechs Einzelinterviews geführt. (s. Anhang 23) Die Themenfelder, die in den
Interviewfragen angesprochen wurden, lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1) Wie wird die Qualitätssicherung innerhalb der Kooperation gestaltet?
2) Wie werden Differenzen zwischen den Unternehmenskulturen überwunden?
3) Welches sind die kritischen Erfolgsfaktoren für die Kooperation mit Start-
ups/etablierten Unternehmen?
4) Welche Faktoren erschweren die Kooperation mit Start-ups/etablierten
Unternehmen?
Funktion bzw. Position
Unternehmen
Form
Mitarbeiter im Einkauf digitaler Services
OEM
mündlich
Teamleiter im Bereich IT-Innovationen
Einzelhandel
schriftlich
Mitarbeiter im Bereich Innovations- und
Kooperationsmanagement
OEM mündlich
Projektmanager im Bereich
Kooperationsmanagement
OEM schriftlich
Manager im Bereich IT-Innovationen
Beratungsunternehmen
mündlich
Teamleiter im Einkauf digitaler Services
OEM
mündlich
Tabelle 6.2: Übersicht der Interviewpartner (Quelle: Eigene Darstellung)
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100
6.4 Ergebnisse und Ergebnisdiskussion
Mit Blick auf die Interviews Fragen (Anhang 13) werden nachfolgend die zuvor
dargestellten Themenfelder nacheinander diskutiert. In Bezug auf die Frage, welche
Rolle das Qualitätsmanagement in Kooperationen spielt, kann dabei zunächst
festgestellt werden, dass der Begriff des QMs innerhalb der untersuchten Kooperationen
kontext- und situativ geprägt ist. Viele Experten sprachen von einem
kooperationsspezifischen Vorgehen. Allerdings lässt sich konstatieren, dass die
Implementierung qualitätssichernder Maßnahmen ansteigt, insbesondere bei
ngerfristigen Kooperationen und in der Entwicklung von sicherheitskritischen
Produkten. Bei diesen Kooperationen fordern die OEMs die Einhaltung von Vorgaben
und Richtlinien. Als Beispiele können Dokumentationspflichten oder festgeschriebene
Qualitätsaudits genannt werden. Teilweise wurde auf Seiten von Start-ups ein
mangelndes Verständnis für den Themenbereich IT-Sicherheit konstatiert. Um die
Kooperation im Hinblick auf die Qualität erfolgreich zu gestalten, sei eine enge
Zusammenarbeit notwendig. Diese kann beispielsweise durch die Bildung von
gemeinsamen Teams realisiert werden.
Somit kann festgestellt werden, dass kooperationsrelevante Qualitätsthemen keiner
strategischen Planung unterliegen. In diesem Zusammenhang lässt sich vermuten, dass
die QM-Fachbereiche nicht ausreichend in agile Projekte eingebunden werden. Des
Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass bei den untersuchten Kooperationen
ein Mangel an Know-how über qualitätsspezifische Themen herrscht. Somit könnte zum
einen der Aufbau von spezifischem Know-how und zum anderen die agile Ausrichtung
des QMs von OEMs ungenutztes Potenzial bieten, um Kooperationen mit Start-ups
besser zu unterstützen. In diesem Zusammenhang ist auch eine grundsätzliche
Entwicklung hin zu einer agileren Unternehmenskultur innerhalb von OEMs zu
empfehlen.
In Bezug auf die Hindernisse, welche innerhalb von Kooperationen identifiziert werden
können, lässt sich zusammenfassend sagen, dass viele Experten auf fehlendes
Verständnis als Kooperationshindernis verwiesen. Konkret wurde beispielsweise ein
Mangel an Wissen seitens Start-ups über die bürokratischen Hürden bei OEMs genannt.
Darüber hinaus wurden fehlende Vertrauensverhältnisse als Ursache für ein
Nichtzustandekommen von Kooperationen genannt. Mit Blick auf kulturelle Differenzen
wurde vor allem auf Diskrepanzen innerhalb der gelebten Vorgehensweisen und
Prozesse hingewiesen. Auch die Knappheit von Ressourcen seitens der Start-ups birgt
Konfliktpotenzial, welches insbesondere die Vertragsgestaltung erschwert.
Diesbezüglich ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen knappen Ressourcen bei den
Start-ups und dem Ziel der OEMs, Kosten einzusparen. Die meisten Start-ups haben
keinen internen Zugriff auf Juristen, weshalb die Prüfung von Verträgen als Hindernis
genannt wurde. Aus interner Sicht eines OEMs wurden vor allem zu lange
Entscheidungswege, in deren Folge es zu Zeitverzögerungen kommt, als Hindernisse
genannt.
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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101
Es ist anzunehmen, dass einige der beschriebenen Hindernisse durch eine offene und
transparente Kommunikation überwunden werden können. Hierfür ist es wichtig, ein
gemeinsames Kooperationsverständnis mit eindeutigen Zielen zu formulieren. Die
Kooperationspartner sollten vorab Verständnis für die Situation des anderen entwickeln,
um so mögliche Missverständnisse zu vermeiden. OEMs sollten ihre internen Strukturen
anpassen, um größere Zeitverzögerungen zu vermeiden. Als konkretes Beispiel wurde
der aufwendige Einkaufsprozess genannt. Des Weiteren könnte ein Überwinden von
langen Entscheidungswegen und unflexiblen Richtlinien eine agil ausgerichtete
Kooperation positiv beeinflussen.
Welches sind die Erfolgsfaktoren von Kooperationen? Die Ergebnisse der Interviews
zeigen deutlich, dass eine offene und faire Kommunikation zwischen den
Kooperationspartnern als wichtiger Erfolgsfaktor angesehen wird. Hierfür ist ein jederzeit
faires und realistisches Feedback wichtig. Weiterhin wurden gute Erfahrungen mit dem
Einsatz von Vermittlern gemacht, welche über beidseitiges Know-how verfügen. Start-
ups könnten zum Beispiel einen Branchenexperten einstellen, um so bereits in der
Anbahnungsphase mögliche Hindernisse zu beseitigen. Ein weiterer Punkt ist der
Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses. Ziele und Vorstellungen im Hinblick auf die
Kooperation sollten jederzeit fair und transparent vereinbart werden. Dabei sollten die
Partner Rücksicht auf die wirtschaftlichen und bürokratischen Rahmenbedingungen des
Partners nehmen. Bei Start-ups wären das knappe finanzielle und personelle
Ressourcen, OEMs wiederum unterliegen bürokratischen Hürden und internen
Anforderungen, welche von Kooperationspartnern teilweise ein hohes Maß an Geduld
erfordern. An dieser Stelle ist auch die von den Experten hervorgehobene
Kompromissbereitschaft zu betonen. Die verschiedenen Kulturen lassen sich
zusammenführen, wenn eine transparente und faire Kompromissbereitschaft herrscht.
Weiterhin wurde aus Sicht von OEMs mehrfach die Wichtigkeit eines internen Sponsors
erwähnt. Eine starke Kooperationsunterstützung aus der Führungsebene ermöglicht
einen stärkeren Zugriff auf finanzielle und personelle Ressourcen. Vor diesem
Hintergrund sollten die Kooperationsziele mit grundsätzlichen Unternehmenszielen
vereinbar sein.
Zusammenfassend lassen sich verschiedene Handlungsfelder für eine erfolgreiche
Gestaltung von Kooperationen erkennen. Es ist essenziell, gemeinsame Ziele zu
formulieren, damit beide Partner deutlich erkennbar von der Kooperation profitieren.
Weiterhin sollten Schlüsselpositionen mit kompetenten Mitarbeitern besetzt werden,
welche über beidseitiges Know-how verfügen. Aufgrund des hohen Stellenwertes von
Kommunikation zwischen den Partnern muss ein transparenter, regelmäßiger und
professioneller Austausch möglich sein. An dieser Stelle wurden gute Erfahrungen mit
physischen Austauschformaten gemacht. Ein regelmäßiger Austausch ist auch eine
Maßnahme, um kulturelle Differenzen zu überwinden. Intern ist zu beachten, dass
Kooperationen unter Berücksichtigung strategischer Ziele eines Unternehmens initiiert
werden sollten. Des Weiteren ist die Gewinnung wichtiger interner Unterstützer aus dem
höheren Management als Erfolgsfaktor zu betrachten.
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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102
Erfolgsfaktoren und Handlungsempfehlungen
Schaffung eines gemeinsamen Kooperationsverständnisses
Gestaltung einer offenen und vertrauensvollen Kommunikation
Mitbringen von grundsätzlicher Kompromissbereitschaft
Gewinnung interner Unterstützer für Kooperationsvorhaben
Förderung einer agilen Kultur im Unternehmen
Entwicklung eines Qualitätsbewusstseins durch Start-ups
Die wissenschaftliche Literatur diskutiert bereits Ansätze für eine agile Gestaltung des
QMs. Es hat sich gezeigt, dass sich Branchenstandards wie etwa Automotive Spice mit
agilen Entwicklungsansätzen vereinbaren lassen. Weiterhin konnte auf Grundlage der
Interviews festgestellt werden, dass Qualitätsthemen in Kooperationen im hohen Maße
von kooperationsspezifischen Kriterien abhängen. Eine feste Einbindung des QMs von
OEMs konnte nur für die Entwicklung sicherheitskritischer Software bestätigt werden. Es
lässt sich vermuten, dass ein gezieltes Vorgehen bezüglich der Qualität bei der
kooperativen Entwicklung unkritischer Softwarekomponenten noch nicht in geeignetem
Maße stattfindet. Somit entscheiden über Qualitätsthemen in Kooperationen oftmals
einzelne Mitarbeiter, welche die vorhandenen Ressourcen einplanen müssen. In diesem
Kontext ist eine Erweiterung des QMs von OEMs um agile Ansätze zu empfehlen. Auf
diese Weise kann sichergestellt werden, dass entsprechende Qualitätsmaßnahmen sich
nicht negativ auf die Entwicklungsgeschwindigkeit auswirken.
6.5 Kritische Einordnung, Ausblick und Zusammenfassung
Die betrachtete Thematik unterliegt einer hohen Dynamik. Die im Rahmen dieses
Kapitels beschriebenen Marktentwicklungen und Strategien sind unter dieser
Einschränkung als aktuelle Bestandsaufnahme einzuordnen. Weiterhin ist anzumerken,
dass aufgrund des relativ unerforschten Gegenstands ein explorativer
Forschungsansatz gewählt wurde. Kritisch ist in diesem Zusammenhang zum einen die
geringe Rücklaufquote der quantitativen Erhebung zu erwähnen, auf deren Grundlage
repräsentative Aussagen bezüglich der Grundgesamtheit nicht möglich sind. Zum
anderen spiegelt die qualitative Erhebung vor allem die Sichtweise von OEMs auf
Kooperationen mit Start-ups wider. Die qualitativ gewonnenen Erkenntnisse sind somit
lediglich als erste Annäherung an das Untersuchungsfeld einzuordnen und sollten nicht
als allgemeingültig betrachtet werden. Trotz der beschriebenen Limitationen bieten die
Ergebnisse Anhaltspunkte, welche für die grundsätzliche Gestaltung von Kooperationen
relevant sind. Es empfiehlt sich aber einerseits weitere quantitative Studien mit einer
größeren Stichprobe durchzuführen und andererseits die qualitativen Studien
auszuweiten, wobei insbesondere relevante Start-ups einzubeziehen sind.
Themenspezifisch erscheint eine nähere Betrachtung der digitalen Transformation von
OEMs besonders interessant. Es stellt sich die Frage, wie diese die Wertschöpfung im
Bereich Connectivity gestalten wollen. In Bezug auf Kooperationen ist anzunehmen,
dass dies maßgeblichen Einfluss auf die Koordinationsform der untersuchten
Strategien für die Frühphase der zukünftigen Zusammenarbeit digitale Dienste
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Kooperationen zwischen Markt und Hierarchie haben wird. Hieraus ergeben sich
Implikationen für deren konkrete Ausgestaltung. Somit könnte eine umfassende
Einordnung relevanter Kooperationen im Kontinuum von Markt und Hierarchie weitere
forschungsrelevante Erkenntnisse liefern.
Das Ziel dieses Kapitels bestand in der Entwicklung eines Leitfadens für die Gestaltung
von Kooperationen zwischen OEMs und technologieorientierten Start-ups im Bereich
Connectivity. Für die Beantwortung der Forschungsfrage wurden neben einer
theoretischen Fundierung des Untersuchungsgegenstands empirische Erhebungen
vorgenommen. Abschließend konnten ausgehend von den theoretischen und
empirischen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen für die Gestaltung von
Kooperationen im Bereich der digitalen Dienste vernetzter Fahrzeuge abgeleitet werden.
Erfolgreiche Kooperationen basieren vor allem auf der Festlegung von gemeinsamen
strategischen Zielen. Diese sollten auf Basis einer partnerschaftlichen
Entwicklungsarbeit, welche stets auf Augenhöhe stattfindet, realisiert werden. Dabei
können kulturelle Differenzen durch ein hohes Maß an Kompromissbereitschaft,
Transparenz und Offenheit überwunden werden. Weiterhin ist in diesem
Zusammenhang ein regelmäßiger Austausch zwischen den Kooperationsakteuren
wichtig.
Die Automobilhersteller stehen vor der Herausforderung, auf eine durch die
voranschreitende digitale Transformation zunehmende Marktdynamik angemessen zu
reagieren. Vor diesem Hintergrund ist einerseits die strategische und zukunftsgerichtete
Selektion passgenauer Kooperationspartner zu nennen, andererseits spielt die
Entwicklung agiler Strukturen und dynamischer Fähigkeiten im eigenen Unternehmen
eine wichtige Rolle. In diesem Kontext ist zudem die Entwicklung einer agilen
Qualitätskultur zu empfehlen. Die beschriebenen Fähigkeiten sind maßgeblich, um die
zukünftige Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Es geht darum, Entwicklungszeiten
zu verkürzen und flexibel auf neue Kundenanforderungen reagieren zu können. Diese
Fähigkeiten gelten als wichtige Erfolgsfaktoren im Geschäftsfeld digitaler Dienste. Somit
können Automobilhersteller durch eine zukunftsgerichtete Auswahl und Gestaltung von
Kooperationsvorhaben sowie angemessene interne Rahmenbedingungen die
Transformation vom Produktanbieter zum Dienstleistungsunternehmen erfolgreich
gestalten.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
104
7 Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Die Quellenlage im Bereich agile Softwareentwicklung allgemein sowie in den Bereichen
des Qualitätsmanagements in agilen Projekten, agile Reifegradmodelle und weitere, an
das Fehlermanagement angrenzende Bereiche ist sehr umfangreich. Speziell im Bereich
des agilen Fehlermanagements von Apps und digitalen Produkten für die
Automobilindustrie ist die Quellenlage jedoch nicht ausreichend. Das Fehler-
management von digitalen Produkten in agilen Umgebungen ist ein aktuelles Thema,
mit dem sich die Automobilindustrie auseinandersetzt und mit besonderen
Herausforderungen verbunden ist.
7.1 Ergebnisse der Interviews Leitfaden Fehlermanagement
Um einen agilen Fehlermanagementprozess für digitale Produkte zu entwerfen und die
aktuellen Strukturen, Entwicklungen, Prozesse und Probleme zu verstehen, wurden im
Rahmen dieser Arbeit drei anonyme qualitative Interviews (s. Anhang 14) mit
Industrievertretern durchgeführt. Es konnten zwei Experten aus Qualitätssicherungs-
abteilungen digitaler Produkte von zwei deutschen Automobilherstellern sowie ein
Experte aus einem deutschen Telekommunikationsunternehmen befragt werden. Ziel
der Experteninterviews war es, einen praktischen Bezug zur Problematik Fehler-
management in agilen Umgebungen herzustellen. Dabei lag der Fokus darauf
herauszufinden, welche Rolle agile Methoden und Softwaretests bei der Entwicklung von
digitalen Produkten spielen, wie der Fehlermanagementprozess derzeit abläuft und vor
welchen Problemen die Unternehmen bei der Behebung von Fehlern stehen. Außerdem
sollte die Rolle von Lieferanten während der Entwicklung und des anschließenden
Betriebes thematisiert werden. Da keine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben
wurde sowie die Befragung telefonisch erfolgte, muss an dieser Stelle darauf
hingewiesen werden, dass die Interviews auf Wunsch der Interviewpartner weder
aufgenommen wurden noch anonym veröffentlicht werden.
Im Anhang 14 befindet sich eine Liste von Beispielfragen, die in Vorbereitung auf das
Interview erstellt und den Interviewpartnern vor den Interviews zugesandt wurden. Die
Fragen sind als Leitfaden zu verstehen und wurden im Laufe des Gesprächs angepasst.
Im Folgenden werden die Kernaussagen aus den Interviews dargelegt. Dabei ist
natürlich zu beachten, dass Antworten von Experten aus zwei deutschen OEMs nur
einen kleinen Ausschnitt darstellen und nicht im wissenschaftlichen Sinne
verallgemeinerbar sind. Inhaltlich lassen sich die Ergebnisse wie folgt zusammenfassen:
1) Ein Großteil der Entwicklung von digitalen Anwendungen findet gemeinsam mit
externen Lieferanten bzw. mit eng angebundenen Tochterunternehmen statt, die
nahezu komplett in die Unternehmensstruktur integriert sind. Schwierigkeiten in
Bezug auf Kommunikation und/oder Abstimmungsprobleme während der
Entwicklung bzw. des Betriebes, wie sie in der Regel mit externen Partnern
auftreten, spielen eher keine Rolle.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
105
2) JIRA, das Fehlermanagementtool für agile Projekte, war allen Interviewpartnern
vertraut. (JIRA ist eine Webanwendung zur Fehlerverwaltung, Problembehandlung
und operativem Projektmanagement, die von Atlassian entwickelt wurde.)
3) Agile Entwicklungsmethoden werden vor allem im Bereich der Frontendentwicklung
angewendet, wobei keine Trennung von Entwicklung und Betrieb mehr erfolgt.
4) Je komplexer die Anwendungen bzw. digitalen Produkte sind und je mehr
Backendsysteme miteinander kommunizieren, desto schwieriger sind agile
Methoden im Bereich der Entwicklung und Fehlerbehebung anzuwenden.
5) Softwaretests sind eine zentrale Säule der Qualitätssicherung in der
Entwicklungsphase, finden jedoch zu selten auf Gesamtsystemebene, sondern oft
nur recht isoliert und produktspezifisch in den Abteilungen statt.
6) Die zentrale und wichtigste Aussage, die allen Interviews zu entnehmen war, ist,
dass die große Herausforderung darin besteht, eine Fehlerallokation und
-zuordnung auf die Backendsysteme bzw. Schnittstellen zu erreichen, um
eindeutige Verantwortlichkeiten bzw. Zuständigkeiten zuweisen zu können.
Die Ergebnisse der Interviews wurden beim Entwurf des Fehlermanagementprozesses
berücksichtigt. Sie haben gezeigt, dass in den betroffenen deutschen Autofirmen ein
beträchtlicher Teil der Softwareentwicklung digitaler Anwendungen in agilen Umfeldern
und unter Einsatz moderner agiler Methoden erfolgt. Dabei verwenden die Teams
unterschiedliche Test- und Dokumentationssoftware und arbeiten im Sinne agiler
Vorgehensmodelle in kleinen, unabhängigen und eigenverantwortlichen Teams. Bei
digitalen Anwendungen, die auf wenige Backendsysteme zurückgreifen und damit relativ
unabhängig von der Gesamtsysteminfrastruktur sind, funktioniert dieser Ansatz, auch
mit Blick auf einen effektiven Fehlermanagementprozess, sehr gut. Das trifft auf Apps
zu, die keine oder kaum Auswirkungen auf die Hardware im Fahrzeug haben und als
reine Smartphoneanwendung funktionieren. In der Regel sind solche digitalen Produkte
dem Marketing zugeordnet. Die Teams, die für diese Art von Anwendungen
verantwortlich sind, können ihre eigene Infrastruktur aufbauen, müssen nicht auf
historisch gewachsene IT-Architekturen und -Verantwortlichkeiten Rücksicht nehmen
und Schnittstellen zu anderen Systemen und Backend-Bereichen nicht oder nur wenig
beachten. Tritt ein Fehler auf, kann die Ursache in der Regel schnell gefunden und
behoben werden. Sobald Apps bzw. digitale Anwendungen jedoch mit dem Fahrzeug
und mit Server- und/oder Cloudsystemen interagieren („Embedded Apps“), findet eine
Vielzahl von Kommunikationsprozessen zwischen den Backendsystemen statt. Der
Kunde sieht die Anwendung im Frontend, alle Prozesse, die im Hintergrund ablaufen,
werden als Backend bezeichnet. Diese Backendsysteme werden von unterschiedlichen
Teams betreut und sind oft historisch gewachsen (Stichwort: Legacy System). Es sind
demnach bei Entwicklung und Betrieb vonEmbedded Apps“ viele Schnittstellen,
Umgebungen und komplexe Systeme zu beachten.
In allen Experteninterviews wurde bemängelt, dass auftretende Fehler aufgrund der
komplexen IT-Gesamtinfrastruktur während des Betriebes nicht bzw. nur unter großem
Aufwand einzelnen Systemen, Komponenten und damit auch Zuständigkeiten
zugeordnet werden können. Ohne eine entsprechende Fehlerallokation bzw. -zuordnung
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
106
ist eine Fehlerbehebung jedoch nicht möglich. Der Schlüssel für eine schnelle
Fehlerzuordnung während des Betriebes liegt in der Entwicklungsphase, speziell im
Bereich der automatisierten Softwaretests. Bei agilen Entwicklungsmethoden ist die
Abstimmung und Gesamtorchestrierung der Softwaresysteme, Teams und
Organisationsbereiche besonders wichtig. Dabei muss eine gute Kommunikation,
crossfunktionale Zusammenarbeit und eine abgestimmte Herangehensweise
gewährleistet sein, um schnittstellen- und bereichsübergreifende Prozesse und
Kommunikation zu ermöglichen. DevOps liefert hier einige hilfreiche Ansätze, wobei die
Verschmelzung von Entwicklung und Betrieb eine wichtige Voraussetzung ist. Sind die
Entwickler selbst für die Überwachung und den Betrieb ihrer Systeme verantwortlich,
führt dies von vornherein dazu, dass während der Entwicklung bzw. dem Schreiben von
Code Methoden und Tools in Codeform implementiert werden, die ein Tracken der
Performance und eine schnelle Fehlerallokation ermöglichen.
Wie bereits erwähnt, ist neben einer guten Gesamtorganisation der einzelnen agilen
Entwicklerteams der Bereich der Softwaretests von zentraler Bedeutung. Jede
Softwareanwendung, das heißt auch digitale Dienste und Apps, müssen getestet werden.
In den klassischen Vorgehensmodellen, wie Wasserfall- oder V-Modell, finden Tests
meist nicht automatisiert und zu einem späten Zeitpunkt im Entwicklungsprozess statt.
Agile Entwicklungsmethoden ermöglichen das Testen parallel zur Entwicklung. Dabei
handelt es sich jedoch häufig um Tests auf Modul- bzw. Codeebene, die den Entwicklern
ein schnelles Feedback geben. Im Gesamtsystem werden Anwendungen jedoch auch
in agilen Projekten erst spät implementiert und getestet. Hier treten oftmals Fehler auf,
die schwer zu beheben sind, da eine Vielzahl komplexer Abhängigkeiten zwischen den
einzelnen Servern und Backendsystemen besteht. Daher muss eine Möglichkeit
geschaffen werden, einzelne Anwendungen und Funktionen früher im Gesamtsystem zu
testen und auftretende Fehler so zu dokumentieren, dass sie später eine Grundlage
bilden, um im Betrieb schnell Fehlerursachen ermitteln zu können. Das
Zusammenführen von Entwicklung und Betrieb, IaC und ein höchstmöglicher Grad an
automatisiert ablaufenden Prozessen können die Testautomation so weiterentwickeln,
dass kleine Entwicklerteams am Ende ihrer Sprints die Inkremente im Gesamtsystem
testen können. Hier steht nicht die Fehleranalyse des Codes an sich im Mittelpunkt,
diese findet täglich statt, sondern die Anbindung an andere Backends.
Wenn die Anwendungen in einem virtualisierten Gesamtsystem getestet werden, sollten
Fehlerbilder, -ursachen und -behebungsmaßnahmen gesammelt und verknüpft werden
können. Diese Verknüpfung, eventuell allein das Aufzeigen von Backendsystemen, die
bei einem Prozess wie r-öffnen-per-Smartphone“ beteiligt sind, kann einen Mehrwert
darstellen und später die Fehlerbehebung während des Betriebes erleichtern. Die
Bedeutung einer entsprechenden Dokumentation nimmt in solchen komplexen
Umgebungen aber nicht ab. Um dabei nicht in alte nicht-agile Methodiken zu verfallen
und einen Großteil der Arbeitszeit an die Dokumentation zu verlieren, sollte die
Fehlerdokumentation weitgehend automatisiert erfolgen, indem Logfiles, Fehlerbilder
und Fehlerhistorie eines Prozesses zusammengefügt werden.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
107
7.2 Fehlerklassifizierung für digitale Dienste
Die während der Entwicklungsphase sowie der Nutzungsphase beim Endkunden
erkannten Fehler enthalten relevante Informationen für die anschließenden
Fehlerbeseitigungsmaßnahmen. Ein effektiver Fehlerbeseitigungsprozess dient zur
Wiederherstellung der Produkt- und Prozessqualität. Ein zweckmäßiges
Klassifizierungsmodell verarbeitet die Informationen der Fehlererfassung, um die Fehler
zu priorisieren. Ein effektives Einleiten von Fehlerbehebungsmaßnahmen setzt eine
hohe Dokumentationsqualität voraus. Eine toolunterstützte Fehlererfassung und ein
datenbank- und webbasiertes System zum Defektmonitoring (s. Anhang 3: Watchlist)
soll die geforderten Qualitätsansprüche gewährleisten. Eine möglichst detaillierte
Fehlerbeschreibung mit unternehmensspezifischen Attributen, Hardcopies, Logfiles
oder Datenkonstellationen ist bei der Fehlerursachenfindung hilfreich. Für eine hohe
Dokumentenqualität sind die folgenden Informationen ausschlaggebend:[52]
ein aussagekräftiger, eindeutiger Fehlertitel
eine zugeordnete Fehlernummer oder Fehler-ID
Datum der Entdeckung
Programmbezeichnung, Versionsnummer oder Entwicklungsgrad
detaillierte, genaue Fehlerbeschreibung
Informationen oder Bedingungen zur Reproduzierbarkeit
mögliche Seiteneffekte des Fehlers (Wirkung)
Fehlerbearbeitungsstatus
Historie der Fehlerbearbeitung
Verantwortlicher Bearbeiter
Hardwarekonfiguration
Betriebssystem
Angaben zur geplanten Fehlerbeseitigung: Zeit, Umsetzung, Maßnahme
weitere Fehlerattribute
Fehler-ID-Phasenmodell
Wesentliche Fehlerinformationen können in der Fehler-ID erfasst werden. Die
Fehlercodes sind in einer Auswahlliste vorgegebenen (s. Abb. 7.1). Die Codes der
Fehler-ID sind in einem separaten Fehlerkatalog ausgeschlüsselt (s. Anhang 15). Der
standardisierte Fehlerkatalog kann im Rahmen der Qualitätssicherung inhaltlich durch
zusätzliche Positionen erweitert werden, wobei dies ausschließlich durch befugte
Personen einer Organisationseinheit erfolgt, die feste Regeln zu befolgen haben. Der
Fehlerkatalog mit den entsprechenden Codes deckt alle bekannten Fehler ab und dient
als Grundlage für die Auswertung von Kundenrezensionen.
1) Download
Bevor die Nutzungsphase einer Anwendungssoftware mit einem funktionalen Mehrwert
für den Kunden beginnt, muss dieser die Applikation herunterladen und auf dem
Endgerät installieren. Die Schnittstelle für diesen Vorgang bildet ein Vertriebskanal (u. a.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
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108
Google Play Store, App Store), der in Abhängigkeit vom mobilen Betriebssystem des
Smartphones ausgewählt wird. Im entsprechenden Vertriebskanal muss nach dem Titel
der Applikation gesucht werden. Um Download sowie Installation zu starten, müssen
bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Dazu zählen unter anderem ein gültiges
Nutzerkonto auf der Vertriebsplattform, eine vorhandene Datennetzverbindung,
ausreichender Speicherplatz auf dem Endgerät, Mindestanforderungen an das mobile
Betriebssystem oder die Zustimmung zu Nutzungsbedingungen und einer
Datenschutzerklärung. In dieser Phase haben auftretende Fehler und Störungen einen
vollständigen Nutzungsausfall zur Folge. Mit der abgeschlossenen Installation gilt diese
erste Phase als beendet.
Abbildung 7.1: Fehler-ID Phasenmodell (Quelle: Eigene Darstellung)
2) Verifikation
Nachdem eine Applikation auf dem Endgerät installiert wurde, ist ein
herstellerspezifischer Verifizierungsprozess zu durchlaufen. Er dient zur Absicherung
eines gesetzeskonformen Betriebs und zur Erfüllung von sicherheitsrelevanten
Aspekten. Sowohl die Prozessgestaltung als auch die notwendigen Maßnahmen zur
Verifikation legt der Automobilhersteller individuell fest. Zur Verifikation kann die
Registrierung mit Erstellung eines Nutzerkontos, die Anmeldung (Login), die Aktivierung
oder Freischaltung von Fahrzeugkomponenten durch den Fahrzeughersteller oder die
Zustimmung zu AGBs, Nutzungsbedingungen und Zugriffsrechten dienen. Für eine
erfolgreiche Verifikation sollten die Prozessschritte transparent gestaltet werden.
Allgemein findet in der Verifizierungsphase eine Legimitation mit persönlichen
Kundendaten statt, um die mobile Anwendungssoftware nutzen zu können. Die
Verifizierung kann ein kostenpflichtiges Abonnement oder aufpreispflichtige
Sonderausstattungsmerkmale im Fahrzeug voraussetzen. Nach der erfolgreichen
Verifikation beginnt die Nutzungsphase mit einem funktionalen Mehrwert für den Kunden.
Auftretende Fehler führen in der Regel zum Nutzungsausfall.
3) Nutzung
Die Nutzungsphase beginnt in der Regel nach dem erfolgreichen Loginvorgang der
Verifizierungsphase. Dem Nutzer stehen in dieser Phase Funktionen mit einem
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
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109
Mehrwert zur Verfügung. Der funktionale Umfang einer Applikation ist ein
herstellerspezifisches Produktmerkmal. Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit mit der
Zielerreichung von Funktionalitäten hängen von der Gebrauchstauglichkeit (Usability) ab.
Wie das Interface einer Applikation gestaltet ist, beeinflusst die Gebrauchstauglichkeit
oder Benutzerfreundlichkeit und damit die Anfälligkeit für Bedienerfehler. Abweichungen
von den Kundenerwartungen haben dagegen einen unmittelbaren Einfluss auf die
Kundenzufriedenheit. Zentrale Kundenanforderungen sind die Usability, die
Funktionalität, die Zuverlässigkeit und nutzungsbedingte Randbedingungen. Zu
letzteren zählen Voraussetzungen oder Erscheinungen während der Nutzung wie
beispielsweise ein kostpflichtiges Abonnement, hohe Leistungsanforderungen an das
Smartphone, ein erhöhter Datenvolumen- und Batterieverbrauch des mobilen Endgeräts,
eine Verfügbarkeit nur für bestimmte mobile Betriebssysteme, eine ständig notwendige
Eingabe von Logindaten beim Öffnen der App oder eingeblendete Werbung. Nach der
Fehlerdefinition für mobile Anwendungssoftware (s. Kap. 3.4) ist ein Fehler die
Nichterfüllung verfügbarer funktionaler Produktmerkmale sowie die Abweichung von
Kundenerwartungen. Fehler haben eine negative Auswirkung auf die
Kundenzufriedenheit. Demnach werden sowohl funktionale Erweiterungswünsche als
auch Verbesserungsvorschläge als Fehler gewertet.[140]
4) Störung im Betrieb
Während der Nutzungsphase von Apps können beim Endkunden Fehler und Störungen
zu funktionalen Beeinträchtigungen führen. Der Grad der Beeinträchtigung hängt vom
Fehler ab und kann nicht pauschalisiert werden. Bei der Fehlererfassung werden die
Fehlercodes in Abhängigkeit der klassifizierten Funktionalitäten (s. Anhang 16) vergeben.
Mögliche Fehler und Störungen im Betrieb sind fehlerhafte Push-Mitteilungen, nicht
transparente Fehlermeldungen, Programmabstürze oder ein Datenverlust bei den
personalisierten Einstellungen. Im Rahmen der Fehleranalyse werden diese Fehler
lokalisiert, erfasst und effektive Maßnahmen zur Beseitigung sowie Wiederherstellung
der Produkt- und Prozessqualität eingeleitet. Das Fehlerklassifizierungsmodell ordnet
die erfassten Fehler hinsichtlich ihrer Priorität. Dabei werden Fehlerschwere, Anzahl
betroffener Nutzer und Fehlerfrequenz berücksichtigt.
5) Support
Mit zunehmendem Stellenwert digitaler Dienste zählt der Support zu den bedeutsamen
Dienstleistungen. Der Support ist eine organisatorische Einheit eines Unternehmens, die
für den Kunden lösungsorientierte Beratungstätigkeiten ausführt. Die Dienstleistungen
des Supports sind ein fester Bestandteil des After-Sales-Management und können für
den Kunden entgeltlich oder unentgeltlich sein. Die Qualität des Supports hat einen
direkten Einfluss auf die Kundenzufriedenheit und die langfristige Kundenbindung. Die
Kontaktaufnahme kann schriftlich oder telefonisch erfolgen. Die Kunden stellen bei der
Kontaktaufnahme Anforderungen bezüglich Erreichbarkeit und Wartezeiten. Bei einer
schriftlichen Anfrage wird eine Empfangsbestätigung erwartet. Die Gründe für die
Kontaktaufnahme sind vielfältig, mitunter zählen dazu Informationsauskunft,
Unterstützung bei Anwendungsproblemen und Störungs- oder Fehlerbeseitigung bei
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
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110
auftretenden Abweichungen. Bei den Fehlercodes wird zwischen Störungs- und
Fehlerbeseitigung, Unterstützung bei einem Anwendungsproblem und Informations-
oder Fachauskunft unterschieden. Die Dienstleistung kann mittels technischer
Instrumente zur Fernwartung erfolgen. Das Ergebnis des Supports hängt stark von der
Kompetenz des Mitarbeiters wie auch den Tools zur Fehleranalyse und zur
Wiederherstellung der funktionalen Dienstbereitschaft einer Anwendungssoftware ab.
Die Bearbeitungszeit ist ein Leistungsmerkmal des Supports. Kunden fordern sowohl
Transparenz bezüglich des Bearbeitungsstatus als auch Feedback bei erfolgreicher
Fehlerbeseitigung.[141]
6) Verbindung
Die technische Ausführung von Funktionen setzt eine Datenverbindung voraus, um
Informationen und Befehlen übertragen zu können. Beim Datenaustausch können
Verzögerungen und Unterbrechungen auftreten. Die technische Infrastruktur für den
Datenverkehr bietet der Mobilfunkstandard (UMTS). Die geografische Position des
Senders und Empfängers ist ausschlaggebend für die Leistung beim Datenverkehr.
7) Update
Mit einem Update wird der Quelltext einer Anwendungssoftware (halb-)automatisch
aktualisiert. Solche Aktualisierungen erfolgen in der Regel zyklisch, führen
Fehlerkorrekturen und Verbesserungen durch und können den Funktionsumfang einer
Applikation ändern. Das Entwicklerunternehmen einer App bietet das Update im
betriebssystemabhängigen Vertriebskanal an. Dort muss es heruntergeladen und
installiert werden, dazu muss das mobile Betriebssystem die Installation unterstützen.
Die Aktualisierung erfolgt in Versionen. Die Kunden stellen steigende Qualitäts- und
Leistungsanforderungen (Kano-Modell). Aufgrund von komplexen Quelltextstrukturen
kann es nach einer Aktualisierung zu Fehlern und Störungen kommen. Diese
Abweichungen haben eine negative Auswirkung auf die Kundenzufriedenheit.
7.3 Modelldarstellung des Fehlerbeseitigungsprozesses
Für einen effektiven und effizienten Umgang mit Fehlern muss ein vierstufiges
Grundschema beachtet werden:
Standardisierte Erfassung und Dokumentation von Fehlern
Einheitliche, zweckmäßige Klassifizierung und Analyse von Fehlern
Effektive Fehlerbeseitigungsmaßnahmen
Maßnahmen zur präventiven Fehlervermeidung oder frühzeitigen
Fehlerentdeckung
7.3.1 Integration des Fehlerbeseitigungsmodells in den
Produktlebenszyklus
Zur Absicherung und Steigerung der Kundenzufriedenheit sollte ein einheitliches
Fehleranalysemodell in den Produktlebenszyklus einer mobilen Anwendungssoftware
integriert werden. Es nutzt unterschiedliche Informationsquellen der Entwicklungs- und
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
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111
Nutzungsphase hinsichtlich auftretender Fehler. Den Input liefern Kunden und Experten.
Ein Experte ist ein Mitglied des Entwicklungsteams für mobile Softwareanwendungen.
Die eruierten Fehler werden mit einem selbstentwickelten Tool (s. Anhang 17)
standardisiert erfasst und dokumentiert. Die standardisierte Fehlererfassung und
-dokumentation gewährleistet einen einheitlichen Qualitätsstandard. Ein zweckmäßiges
Klassifizierungsmodell priorisiert die erfassten Fehler für einen anschließenden
Fehlerbehebungsprozess und bewertet deren Auswirkungen auf die
Kundenzufriedenheit. Im Fehlerbehebungsprozess wird ein standardisiert erfasster und
zweckmäßig klassifizierter Fehler zu einem verantwortlichen Bearbeiter in der
entsprechenden Fachabteilung kanalisiert. Das Ziel ist die Wiederherstellung oder
Steigerung der Produktqualität und der Kundenzufriedenheit.
Im Rahmen der Fehleranalyse müssen auftretende Fehler und Störungen zunächst
eruiert werden. Die nachstehenden Inhalte dienen als Informationsquelle:
1) Entwicklungsphase:
Usability-Tests für die Bewertung der Gebrauchstauglichkeit
Funktionale Testphase zur Sicherstellung von funktionalen Produktmerkmalen
QM-Methoden zur Qualitätssicherung
2) Nutzungsphase (Schwerpunkt dieser Arbeit):
Kundenrezensionen auf den Vertriebsplattformen für Apps
Support-Tickets des Kundenservice
Use-Case-Monitor im Feld, die mobile Softwareanwendungen nutzen
Usability-Testverfahren gliedern sich in experten- und nutzerbasierte Verfahren, wobei
unterschiedliche Methoden zur Evaluation eingesetzt werden. Bei einer heuristischen
Evaluation decken Experten Usability-Probleme auf. Nutzerbasierte Verfahren bewerten
den Grad der Aufgabenbearbeitung, den Prozentsatz von erfolgreich abgeschlossenen
Aufgaben, die Anzahl von Fehlern während der Aufgabenbewältigung oder andere
spezifische Indikatoren zur Qualitätsmessung. Bei der Vorgehensweise von Usability-
Testverfahren wird zwischen Beobachtungs-, Interview- und Fragebogenverfahren
sowie weiteren spezifischen Methoden unterschieden. Das Ziel von Usability-
Testverfahren ist, die effektive, effiziente und zufriedenstellende Zielerreichung zu
bewerten. Die Usability-Tests sollten in der frühen Entwicklungsphase erfolgen, um
Usability-Probleme frühzeitig zu identifizieren, zu beheben und die Fehlerfolgekosten
möglichst gering zu halten (formative Evaluation). In Abhängigkeit des
Entwicklungsfortschritts wird zwischen einer formativen und summativen Evaluation
unterschieden.[142] In einer funktionalen Testphase wird eine entwickelte
Anwendungssoftware vor Veröffentlichung auf die Nichterfüllung von verfügbaren
funktionalen Produktmerkmalen untersucht. In einem Lastenheft sind die funktionalen
Produktmerkmale einer Anwendungssoftware als Anforderung festgelegt.
Qualitätsmethoden sollen Produkt- und Prozesseigenschaften in der Entwicklungsphase
absichern und verbessern. Der Einsatz von QM-Methoden zielt auf Maßnahmen zur
Vermeidung oder Beseitigung möglicher und aufgetretener Fehler ab (u. a. FMEA, FTA,
Ishikawa, QFD, SPC, 8D). Die bekannten QM-Methoden müssen auf ihre
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
112
Übertragbarkeit für die App-Entwicklung geprüft werden. Während der
Entwicklungsphase erkannte Fehler sollten allgemein im Rahmen der
Qualitätssicherung dokumentiert und untersucht werden.[142]
Das Bewertungssystem der Vertriebsplattformen für Apps setzt sich aus Wertungen und
Rezensionen zusammen. Eine schriftliche Rezension ergänzt die numerische
Bewertung eines Produktes. Die Automobilhersteller können mit ihrer Hilfe die Fehler
und Störungen beim Kunden eruieren. Im Kapitel 7.3 werden Kundenrezensionen
ausgewertet. Während der Nutzungsphase können Kunden den Support bei
auftretenden Fehlern und Störungen telefonisch oder schriftlich kontaktieren. Ein Kunde
kann eine schriftliche Anfrage über unterschiedliche Instrumente kanalisieren, dazu
zählen Twitter, Messenger, Community und E-Mail (s. Anhang 18). Je nach verfügbaren
technischen Systemen und Fehler findet eine Fehleraufnahme oder -behebung statt. Im
Falle einer Fehleraufnahme sollte der Fehler anschließend an einen verantwortlichen
Bearbeiter übermittelt werden. Ein Ticketsystem kann die Übermittlung koordinieren.
Nach der Veröffentlichung der mobilen Anwendungssoftware beginnt die Testphase im
Feld. Mit geeigneten Prüfverfahren können Experten eine App im Feldversuch bezüglich
auftretender Fehler und Störungen untersuchen. Erkannte Fehler sollten analysiert und
zeitnah behoben werden, um den Schaden für den Kunden zu begrenzen. Eine
bedeutende Grundlage des zukünftigen Erfolgs der Automobilhersteller ist die
Steigerung der Kundenzufriedenheit.
7.3.2 Fehlererfassungsmaßnahmen in der IT-Branche
Digitale Wertschöpfungsstufen und Geschäftsmodelle bilden bereits heute eine
Kernkompetenz der IT-Branche. Die Unternehmen erreichen im numerischen
Benchmarking-Leistungsvergleich eine hohe Kundenzufriedenheit. Die digitale
Expertise der IT-Branche soll zur Steigerung der Kundenzufriedenheit in die
Automobilindustrie einfließen. Die IT-Branche wird auf übertragbare Maßnahmen zur
Steigerung der Kundenzufriedenheit untersucht. Für eine erweiterte Fehlerermittlung
können zusätzliche Informationsquelle erschlossen werden:
(1) Entwicklungsphase:
GitHub-Experten-Absicherungsmaßnahmen
Issue-Ticket-System zur Fehlerverwaltung
Fehlerbehebungs-Bewertungssystem zur Leistungsbewertung der
verantwortlichen Bearbeiter
(2) Nutzungsphase:
Feedback-Fragebögen des Automobilherstellers
Community-Experten auf strukturierten Kundenplattformen
Numerische Auswertung von Trackingdaten der Nutzer
GitHub ist ein Anbieter für eine Entwicklungsplattform zur ergebnisorientierten „Open
Source“- oder „Business“-Softwareentwicklung. Die Struktur von GitHub erlaubt es,
standort- und zeitzonenunabhängige Entwicklungsteams zu bilden. Die Teammitglieder
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
113
sind miteinander vernetzt und arbeiten gemeinsam sowie zielorientiert an der
Entwicklung von Softwarecodes. Zur Qualitätssicherung werden Änderungen am Code
erst nach einem Freigabeprozess vorgenommen. Dabei überprüfen sich die
Teammitglieder (Experten) gegenseitig. Fehlerhafte Codes werden durch die
Kontrollmaßnahmen zuverlässig erfasst, beseitigt und können im fortlaufenden
Entwicklungsprozess verfolgt werden. Zahlreiche IT-Unternehmen aus Silicon Valley
oder anderen Bereichen der IT-Branche nutzen die Plattform für ihre
Softwareentwicklung (u. a. airbnb, IBM, SAP, PayPal, Spotify oder Bloomberg). [144]
Ein Issue-Ticket-System dient zur Qualitäts- und Leistungssteigerung im
Fehlerbeseitigungsprozess und wird in der Regel im Support eingesetzt. Nach einer
Fehleraufnahme werden die daraus folgenden Aufgaben in ein Ticketsystem übertragen.
Dieses koordiniert die Verwaltung, Überwachung und Dokumentation von Aufgaben zur
Fehlerbeseitigung. Ein Ticket wird zu einem verantwortlichen Bearbeiter kanalisiert. Dort
findet die Fehlerbeseitigung statt. Mit dem Issue-Ticket-System entsteht eine
Schnittstelle zwischen Fehleraufnahme und Fehlerbehebung. Der Bearbeitungsstatus
einer Aufgabe ist transparent und kann digital überprüft werden. Die Maßnahmen zur
Fehlerbeseitigung sind bei einer Anwendungssoftware komplex und können oftmals nur
über Workflows bewältigt werden. Dabei handelt es sich um arbeitsteilige Aktivitäten, die
abteilungsübergreifend erfolgen können.[141]
Das Einführen eines Fehlerbehebungs-Bewertungssystems dient zur
Leistungsbewertung der Fehlerbehebung. Der für die Fehlerbehebung verantwortliche
Bearbeiter stellt einen internen Lieferanten dar, der anhand von Leistungsindikatoren
bewertet werden kann. Eine vergleichbare Bewertung findet bereits heute im
Lieferantenmanagement statt. Im Einkauf wird beispielsweise die Leistung der
Lieferanten nach dem Datum des Wareneingangs gemessen und im SAP-Tool bewertet.
Für die Fehlerbehebung von Apps der Automobilindustrie müssen zweckmäßige
Leistungsindikatoren entwickelt werden. Ein möglicher Kennwert ist beispielsweise die
Bearbeitungszeit der Fehlerbehebung. Mit einer Leistungsbewertung und einer
anschließenden Auswertung können Maßnahmen zur Leistungssteigerung definiert
werden.
Mit digitalen Feedbackfragebögen können Kunden Produkte und Dienstleistungen eines
Automobilherstellers bewerten. In der IT-Branche werden bereits heute Feedback-
Bewertungen eingesetzt, um sowohl die Kundenzufriedenheit als auch die
Kundenanforderungen zu erfassen (s. Anhang 19). Der Kunde kann über
unterschiedliche Kanäle erreicht werden. Ein digitaler Feedback-Fragebogen kann
demnach beim Öffnen der Applikation eingeblendet werden. Eine weitere Möglichkeit
ergibt sich nach Kontaktaufnahme des Supports in Form einer kundenbezogenen E-Mail.
Feedbackfragebögen stellen eine weitere Informationsquelle dar, um Fehler beim
Endkunden in der Nutzungsphase zu eruieren.
Zahlreiche Unternehmen der IT-Branche bieten dem Kunden eine digitale Community-
Plattform an. Sie bietet unter anderem Ankündigungen zu aktuellen Störungen,
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
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114
Hinweise zur Installation und Nutzung, Empfehlungen sowie weitere Informationen. Der
strukturelle Aufbau ähnelt sozialen Netzwerken wie Facebook. Aktive Nutzer sind über
diese Plattform miteinander vernetzt und haben die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder
Fehler zu melden. Die Community-Plattform bezieht sich auf eine Dienstleistung oder
ein Produkt. Das Nutzerverhalten des Kunden sollte mit einem Tracking-Management
System überwacht werden. Tools können Datensätze zu ausgeführten Funktionen
erfassen und dokumentieren. In einem Folgeprozess sollten die numerischen
Datensätze statistisch ausgewertet werden, um den verfügbaren Funktionen
durchschnittliche Ausführungen zuzuordnen. Kommt es bei der Überwachung der
Datensätze zu Abweichungen, können diese auf Fehler zurückgeführt werden. Im Falle
der Standheizungsfunktion kann beispielsweise eine rückläufige Anzahl von
Ausführungen auf einen Fehler oder auf veränderte Witterungsbedingungen hinweisen.
Neben der standardisierten Erfassung und Dokumentation von Fehlern trägt eine
frühzeitige Fehlererkennung zum Erfolg von digitalen Dienstleistungen in der
Automobilindustrie bei. Um im Feld auftretende Fehler frühzeitig zu erkennen, sollte für
das Fehlermonitoring eine eigens entwickelte Watchlist (vgl. Appbot, Adjust) verwendet
werden. Sie erlaubt es, die Kundenzufriedenheit durch eine Auswertung der
Leistungskennzahlen des Wertungssystems der Vertriebsplattformen numerisch zu
überwachen. Veränderte Leistungskennzahlen können auf einen Fehler im Feld
hindeuten. Der Grad der Veränderung dient als Indikator für die Methode „Trend und
Prognose“ der frühzeitigen Fehlererkennung.
7.3.3 Auswertung von Kundenrezensionen
Im Rahmen der Fehleranalyse werden Kundenrezensionen bezüglich auftretender
Fehler beim Endkunden während der Nutzungsphase untersucht. Für eine einheitliche
Fehlererfassungsqualität, d. h. eine vom Erfasser unabhängige und konstante
Dokumentationsqualität, wird ein Tool zur standardisierten Fehlererfassung verwendet.
Die gemäß Fehlerkatalog erkannten Fehlertypen werden dadurch standardisiert erfasst
(s. Anhang 19). Allgemein weist jeder Automobilhersteller spezifische Fehler und
Abweichungen auf. Bei zusammenhängenden Konzernmarken ist ein Muster bei den
erfassten Fehlern zu erkennen. Die Anzahl von verfügbaren Kundenrezensionen variiert
je nach Automobilhersteller, auch reagieren diese unterschiedlich auf
Kundenrezensionen.
Ein zentrales Ziel der Fehleranalyse ist die zweckmäßige Klassifizierung der erfassten
Fehler, um eine einheitliche und möglichst standardisierte Entscheidungshilfe für den
Umgang mit Fehlern zu bieten. Um die beschränkten Kapazitäten in der
Organisationseinheit effektiv einzusetzen, dient die Methode der Fehlerklassifizierung
der effektiven Wiederherstellung beziehungsweise zur Steigerung der
Kundenzufriedenheit. Die im Feld auftretenden Fehler und Abweichungen werden im
Klassifizierungsmodell auf ihre Auswirkung auf die Kundenzufriedenheit bewertet, um
anhand der Priorisierung Fehlerbeseitigungsmaßnahmen zielgerichtet, effizient und
effektiv einzuleiten (s. Anhang 18). In der Übersicht (s. Anhang 20) werden die
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
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standardisierten Fehler verschiedener Unternehmen erfasst. Diese sind nach
Automobilhersteller, Mobilitätsdienstleister und weiteren Unternehmen kategorisiert.
Aufgrund einer ungleichen numerischen Verteilung in den Kategorien wurde für die
Vergleichbarkeit ein Referenzwert berechnet, der sich auf die prozentuale Häufigkeit
betroffener Unternehmen bezieht. Im Vergleich zur IT-Branche treten bei den
Automobilherstellern häufiger Fehler bei Verifikation, Störung im Betrieb und Verbindung
auf. Die folgenden standardisierten Fehler sind bei den meisten Automobilherstellern
vorzufinden:
1) Zeit Verbindungsaufbau (16/17)
2) Verbindungsaufbau/Datenaustausch/Kopplung (16/17)
3) Zuverlässigkeit (12/17)
4) Wiederholte Eingabe von Logindaten (11/17)
5) Fehler Funktion „Statusabfrage“ (8/17)
6) Fehler Anmeldung/Login (7/17)
Die Reihenfolge der genannten Fehler steht nicht im Zusammenhang mit der Auswirkung
auf die Kundenzufriedenheit. Um diese in der Automobilindustrie zu steigern, sollten
folgende Maßnahmen als Handlungsempfehlung aufgegriffen werden:
Einholung der Zustimmung der Kunden zur Erhebung von Analyse-, Diagnose-
und Nutzungsdaten
Basic-Sessions zur Produkterklärung (Bedienerfehler reduzieren)
Video-Verifikationsanleitung im Vertriebskanal (Verifikation)
Fahrzeug-Empfangsanzeige (Verbindung)
Integration von Feedbackfragebögen und Supportkontakt in Apps
Für eine toolunterstützte Fehleranalyse ist die Zustimmung der Kunden zur Erhebung
von Analyse-, Diagnose- und Nutzungsdaten fundamental. Dabei wird im App-Betrieb
ein paralleler Algorithmus zur Fehlererkennung ausgeführt. Wird ein Fehler identifiziert,
sendet die Anwendungssoftware dem Entwickler automatisch einen Fehlerbericht zu.
Der Kunde ist Dateneigentümer und kann seine Daten dem Automobilhersteller durch
Einverständniserklärung für Analysezwecke offenlegen (vgl. Apple). Zahlreiche
Unternehmen der IT-Branche nutzen derartige Systeme zur automatischen
Fehleranalyse.[12]
Um Bedienerfehler während der Nutzungsphase zu reduzieren, Kundenerwartungen zu
erfassen und den Vertrieb zu stärken, sollten Unternehmen den Kunden
Veranstaltungen zur Produkterklärung anbieten (Basic-Sessions), in deren Rahmen die
Produkte und die Dienstleistungen vorgestellt werden. Eine Produktvorstellung kann die
Vorführung von verfügbaren Funktionen enthalten. Zahlreiche Unternehmen der IT-
Branche bieten dem Kunden bereits heute eine auf das erworbene Produkt bezogene
Veranstaltung an (u. a. Apple, o2 live store). Sie weisen meist einen Schulungscharakter
auf, d. h. ein Experte stellt das Produkt oder die Dienstleistung vor und die Kunden
besuchen diese Veranstaltung als Zuhörer. Um Bedienungsfehler während der
Verifikation zu senken, sollten die Automobilhersteller den Kunden über den
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
116
Verifizierungsprozess aufklären. Eine Videoanleitung im Vertriebskanal kann den
Kunden über den herstellerspezifischen Verifikationsprozess, bestehend aus
gegebenenfalls Registrierung, Anmeldung/Login und Aktivierung/Freischaltung,
informieren. Die Videoanleitung sollte ebenfalls Informationen über die definierten
Anforderungen an das Fahrzeug enthalten, um Digital Services nutzen zu können. Eine
in der App integrierte Fahrzeug-Empfangsstatusanzeige kann das Verständnis für
situationsabhänge Abweichungen fördern. Kunden sind in der Regel mit der
Empfangsanzeige vertraut. Sollte sich das Fahrzeug in einer Tiefgarage befinden, sind
die digitalen Dienstleistungen aufgrund von mangelnder Netzabdeckung eingeschränkt
oder nicht verfügbar. Dieser Empfangszustand würde in der App angezeigt werden.
7.4 Weiterentwicklung des agilen Fehlermanagement-
prozesses
Im Folgenden wird ein Entwurf eines Fehlermanagementprozesses vorgestellt. Ein
wesentlicher Bestandteil ist dabei ein zentraler, automatisiert gefüllter Fehlerspeicher,
dessen Hauptaufgabe darin besteht, die Basisinformationen bereitzuhalten, auf deren
Basis schnell entschieden werden kann, ob es sich bei einem Fehler um einen Fehler
auf Gesamtsystemebene oder um einen Fehler handelt, der einem bestimmten Front-
oder Backend zuzuordnen ist. Ziel ist es somit, Fehler schnell und zielgenau einem
Verantwortungsbereich (verantwortlich im Sinne der Fehlerbehebung) zuweisen zu
können.
7.4.1 Entwurf eines agilen Fehlermanagementprozesses
Der zentrale Fehlerspeicher wird idealerweise automatisiert mit (vor allem technisch
abgreifbaren) Informationen gefüllt. Dabei werden Logdateien der Server bzw. Backends,
CRM-Informationen und die Funktionen der digitalen Anwendungen mit Fehlerbildern,
die durch Softwaretest und während des Betriebes gesammelt werden, verknüpft. Um
die Software ausreichend testen zu können, muss eine Testumgebung zur Verfügung
stehen, die es den einzelnen Teams, bestehend aus Developer, Operator, Tester etc.,
ermöglicht, den Code und neue Funktionen ständig auch gesamtsystembezogen zu
testen. Diese Umgebung sollte als „Infrastructure as Code“ die Konzepte des Continuous
Testing, Continuous Deployment und Continuous Delivery ermöglichen.
Am Ende der jeweiligen Sprintzyklen können die Teams ihre Inkremente in der
Gesamtsystem-Testumgebung testen. Die dabei entstehenden Fehlerbilder werden in
den zentralen Fehlerspeicher aufgenommen, sodass dort eine Fehlerhistorie jeder App
bzw. digitalen Anwendung in jeder Entwicklungsstufe entsteht. Da die Teams die
auftretenden Fehler nach dem Testen beheben, können die Lösungen mit den
Fehlerbildern verknüpft werden, sodass eine ganzheitliche Fehlerhistorie entsteht, die
Fehlerbilder und Lösungsmaßnahmen über alle Teams hinweg verknüpft. Damit entsteht
eine große Menge an Daten rund um das Thema Fehlerallokation und -lösung (bis hin
zu Big-Data-Dimensionen). Mithilfe von KI können im zentralen Fehlerspeicher Muster
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
117
erkannt und durch Mustererkennung bei zukünftig auftretenden Fehlerbildern
entsprechende wahrscheinliche Zuständigkeiten abgeleitet werden.
Der zentrale Fehlerspeicher benötigt speziell ausgebildete Systemarchitekten, die für die
Gesamtorchestrierung der Front- und Backendlandschaft verantwortlich sind, die
Fehlerursachen lokalisieren und Verantwortlichkeiten bestimmen. Ein weiterer Vorteil
einer Testumgebung, die das Gesamtsystem abbildet, ist, dass die agil arbeitenden
Teams Anbindungen und Schnittstellen schon früh während der Entwicklung beachten
müssen. Das sorgt für eine Standardisierung des Entwicklungsprozesses über die
Teams hinweg (Es entstehen damit auch gesamtsystembedingte Fehlermuster, die für
frühe Phasen der Anwendungsentwicklung typisch sind).
Während der Entwicklung und Programmierung der digitalen Anwendung in kleinen
Teams finden Softwaretest zunächst auf kleiner Ebene statt. Hier wird der Code auf
Fehler überprüft. Eine systemübergreifende Kommunikation findet erst statt, wenn das
erste funktionierende Inkrement der Anwendung vorgestellt wird. Da dies in der Regel
am Ende eines Sprints der Fall ist, kann hier das lauffähige Inkrement mithilfe des
Gesamtsystem-Testautomaten auf Fehler überprüft werden. Fehler, die hier auftreten,
werden automatisch an den zentralen Fehlerspeicher übermittelt. Dieser legt eine Liste
von Fehlerbildern an, wie sie beispielsweise beim Vorgang „Türöffnung via
Smarthone“ auftreten. Die entsprechenden Fehler werden im nächsten Sprint vom
Entwicklerteam analysiert und behoben. Die Dokumentation der Abstellmaßnahmen
findet während der Sprintzyklen automatisiert im Product Backlog statt und wird dem
entsprechenden Fehlerbild zugeordnet.
Abbildung 7: Entwurf eine agilen Fehlermanagementprozesses (Eigene Darstellung vgl. Forschungsstudie
QSK der TU Berlin)[20]
Gesamtsystem Analyseautomat
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
118
Je mehr Fehler entstehen und je mehr Abstellmaßnahmen erfolgen, desto mehr Daten
existieren, die mittels Mustererkennung durch KI ausgewertet werden können. Die
Betrachtung der Logdateien von beteiligten Backendsystemen, Rüstzeiten und häufig
auftretenden Fehlern an bestimmten Schnittstellen, die bei einem Vorgang „Türöffnung
via Smarthone“ auftreten, ergeben ein ganzheitliches Fehlerbild. Wenn nun bei der
Ausführung des Vorgangs „Türöffnung via Smarthone“ ein Fehler im Betrieb, d. h. bei
einem Kunden, auftritt, kann auf einen großen Datenpool zurückgegriffen werden. Hier
sollte eine Anbindung an das CRM-System eingerichtet werden, um schnell
Informationen über den Kunden, wie Fahrzeug-ID, Betriebssystem, Version etc., zur
Verfügung zu haben. Mit Hilfe der Fahrzeug-ID kann der Vorgang zeitlich eingegrenzt
werden. Die entsprechenden Logdateien der Backends ergeben zusammen mit der
Fehlerbeschreibung ein umfangreiches Fehlerbild, das mit den vorherigen Fehlerbildern
verglichen werden kann, um so mithilfe der KI den Fehler zumindest auf ein bestimmtes
System eingrenzen zu können und klare Verantwortlichkeiten abzuleiten.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der hier vorgestellte
Fehlermanagementprozess darauf abzielt, die über einen längeren Zeitraum gewonnen
Daten zu nutzen, um eine schnelle Fehlerallokation während des Betriebes zu
ermöglichen. Dabei muss ein möglichst hoher Automatisierungsgrad erreicht werden,
der durch Unterstützung von KI ermöglicht werden kann. Eine Zukunftsvision, die durch
weitere Entwicklungen im Bereich der KI und Testautomatisierung erreicht werden
könnte, ist ein vollautomatisierter Fehlerabstellprozess (selbstreparierende Software).
7.4.2 Allgemeine Ideen, Hypothesen und Ansätze
Im folgenden Teil werden Ideen, Hypothesen und Ansätze aufgezeigt, die nicht direkt
dem Thema agiles Fehlermanagement zugeordnet werden können, sich jedoch im Laufe
der Arbeit ergeben haben und aus denen weitere Forschungsansätze entstehen könnten:
1) Als Vorbild für die Automobilindustrie im Bereich zukünftiger digitaler Entwicklungen
kann ein Blick Richtung Apple nützlich sein. Apple optimiert und entwickelt die
eigene Software in Abstimmung mit der Hardware. Dieses Konzept ist im Hinblick
auf Maintenance, Performance und Qualität von Vorteil. Microsoft oder auch Google
(Android) hingegen entwickeln Betriebssysteme und Software, die zum Großteil
nicht auf eine bestimmte, eigenproduzierte Hardware abgestimmt sind, sondern
stellt diese für ein breites Spektrum an Hardwarelieferanten (PCs und Smartphones)
zur Verfügung. Ein Vergleich dieser unterschiedlichen Ansätze von Apple vs.
Microsoft/Google, auch mit Blick auf zukünftige Entwicklungs- und
Geschäftsmodelle im Bereich der Automobilindustrie, könnte interessante Einblicke
liefern.
2) Die Umstellung auf und Verwendung von agilen Methoden wird in vielen
Management- und Entwicklungsbereichen umgesetzt und vorangetrieben. Die rein
agilen Herangehensweisen der Softwareentwicklung haben jedoch auch Nachteile
in Bezug auf Termin- und Kostenüberschreitungen sowie beim Fokus auf das
Gesamtsystem. Daher gibt es Ansätze für sogenannte hybride Strategien. Sie
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
119
versuchen die Vorteile der Wasserfallstrategie mit agilen Entwicklungsmethoden zu
kombinieren. Softwareanbieter wie agosense stellen hier Tools zur Verfügung, die
diesen Ansatz verfolgen und Plug-Ins für JIRA und weitere Fehlermanagementtools
anbieten.[145] agosense ist ein Unternehmen, welches im Zuge der
Literaturrecherche gefunden wurde. Es bietet sehr aktuelle Softwarelösungen an,
die im Bereich des agilen Fehlermanagements mit Fokus auf Kunden- und
Lieferantenbeziehung anzusiedeln sind. Ein Blick in das Whitepaper und
zukünftigen Produkte, die agosense plant, sind empfehlenswert.
3) Im Rahmen der Arbeit wurde auf das Konzept des Continuous Deployment
eingegangen, welches auf eine möglichst schnelle automatisierte Durchführung von
Tests und Implementierung in die Produktivumgebung abzielt. Die Auslieferung in
die Produktivumgebung könnte dabei gestaffelt stattfinden. So könnten komplett
neue Funktionen, Apps oder digitale Dienste erst den eigenen Mitarbeitern und
anschließend einer aufzubauenden Testcommunity als Beta-Version zur Verfügung
gestellt werden. Diese Testcommunity könnte direkt Feedback zu den neuen
Funktionen geben. Als Anreiz könnten hier kostenlose digitale Zusatzfunktionen,
Werkstattbesuche etc. angeboten werden. Updates können dann sukzessive für
einen immer größeren Kundenstamm zur Verfügung gestellt werden. Somit würden
Fehler, die zu Beginn der Produktivsetzung auftreten, nur einen kleinen Teil der
Kunden betreffen und ein Imageschaden ließe sich so vermeiden. Die
entsprechenden Fehlerbilder könnten im Sinne des vorgestellten
Fehlermanagementprozesses die KI mit Daten füttern.
4) Da sich Fehler im Bereich der digitalen Anwendungen nie gänzlich vermeiden
lassen, spielen Sofortmaßnahmen eine wichtige Rolle. Dies könnte eine sofortige
Mitteilung an den Kunden beim Auftreten eines Fehlers sein, die ihn darüber
informiert, dass der Fehler registriert und dass ein Fehlerbericht an den Hersteller
geschickt wurde, um das Problem möglichst schnell zu beheben. Dieses Vorgehen
ähnelt einem Diagnosebericht, wie ihn auch Apple oder Microsoft anwenden.
Dadurch, dass der Kunde direkt über die Registrierung des Fehlers informiert wird,
können zum einen Imageschäden auf Kundenseite abgemildert werden, zum
anderen gewinnt man Zeit, um den Fehler zu analysieren und zu beheben.
Weiterhin könnte eine solche Maßnahme dazu beitragen, eine Überflutung der
Beschwerdekanäle zu verhindern.
Im theoretischen Teil wurden Begriffe des Fehlermanagements definiert und Methoden
des klassischen Fehlermanagements und im vierten Abschnitt klassische und agile
Vorgehensmodelle der Softwareentwicklung vorgestellt. Dabei wurde ein Ansatz
beschrieben, wie Softwarefehler gehandhabt werden können, die in
Softwareentwicklungsprojekten auftreten, die nach der Scrum-Methode ablaufen.
Außerdem wurde im vierten Abschnitt der DevOps-Ansatz vorgestellt. Dieser beinhaltet
vielversprechende Methoden, die einen ganzheitlichen Ansatz liefern, um die
Entwicklung und das Fehlermanagement von Software zu optimieren. Da das Thema
sehr aktuell ist und wenig Literatur zu finden ist, auf die bei der Entwicklung des
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
120
Fehlermanagementprozesses zurückgegriffen werden konnte, wurden drei qualitative
Fachinterviews durchgeführt.
7.5 Weiterentwicklung Reklamationsmanagement als Teil des
gesamten Fehleranalyseprozesses
Eine interne Forschungsstudie mit dem Thema Weiterentwicklung
Reklamationsmanagement im Feld-Connectivity im Fachgebiet Qualitätsstrategie und
Qualitätskompetenz an der TU Berlin wurde im Jahr 2019 bearbeitet.
Die zentrale Forschungsfrage und Zielsetzung des vorliegenden Kapitels lautet
demnach: Wie sollte der Reklamationsprozess in der Automobilindustrie hinsichtlich der
fortschreitenden Connectivity weiterentwickelt werden, um auch zukünftig die
Wiederherstellung der Kundenzufriedenheit zu gewährleisten? Die Connectivity
begegnet dem Reklamationsmanagement dabei mit drei zentralen Herausforderungen.
Die erste resultiert aus einer vermehrten Provokation von Lieferantenfehlern durch stetig
wachsende Softwareumfänge und -komplexitäten. Die zweite ist dem besonderen
Umstand der zumeist späten Fehlerentdeckung beim Kunden geschuldet. Die dritte
Herausforderung begründet sich letztlich in den besonderen Umständen, mit denen die
Connectivity-Software an das Reklamationsmanagement herantritt. Diese bestehen vor
allem in angepassten und die Möglichkeiten der Technologie nutzenden Abläufen.
Das nachfolgende Kapitel fasst alle bisherigen Erkenntnisse zu einem
weiterentwickelten Reklamationsprozess in der Automobilindustrie zusammen. Die
präsentierte Vorgehensweise soll den Herausforderungen der Connectivity mit
entsprechenden Bestandteilen und Ausprägungen begegnen und somit letztlich die
Wiederherstellung der Kundenzufriedenheit gewährleisten.
Zunächst wird die allgemeine Zielsetzung aufgegriffen. Im Anschluss erfolgt die
Darstellung des weiterentwickelten Reklamationsprozesses. Sie wird durch Schaubilder
und dazugehörige Beschreibungen vorgenommen. Den inhaltlich letzten Abschnitt bildet
eine Betrachtung möglicher Herausforderungen und Risiken, die bei der Umsetzung und
Anwendung des angestrebten Ablaufs auftreten könnten.
Zielsetzung
Die allgemeinen Ziele des Beschwerdemanagements, welche in Abschnitt 4.5 genannt
wurden, gelten gleichermaßen für den weiterentwickelten Reklamationsprozess in der
Automobilindustrie. Damit steht eine Erhöhung des Unternehmensgewinns und eine
gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit im Zentrum der Bemühungen. Die dazu nötige
Wiederherstellung der Kundenzufriedenheit durch eine schnelle und nachhaltige
Abstellung aufgetretener Fehler (direktes Beschwerdemanagement) sowie die
Qualitätsoptimierung der Produkte und Dienstleistungen (indirektes
Beschwerdemanagement) stellen entscheidende Eckpfeiler auf dem Weg zur
Umsetzung dar. Zusätzlich gilt es, die besonderen Herausforderungen und Chancen der
Connectivity in einer geeigneten Art und Weise zu berücksichtigen.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
121
Prozessdarstellung
Auf den nächsten Seiten erfolgen die Darstellung und Beschreibung des
weiterentwickelten Reklamationsprozesses in der Automobilindustrie. In diesem
Zusammenhang wird die Umsetzung der jeweiligen Zielstellung verdeutlicht. Aus
Gründen der Vergleichbarkeit wird der Gesamtprozess in die bekannten Teilschritte
Initialisierung, Problemlösungsmethode, Verifikation/Abschlusssowie Beanstandung
ablehnenunterteilt. Eine Neuerung stellt dagegen der Teilprozess Produktrückrufdar.
Zusätzlich findet die aus der Ursprungsdarstellung bekannte Modellierungssprache der
ereignisgesteuerten Prozesskette Verwendung. Das vollständige Schaubild ist dem
Anhang 11 beigefügt. Zentrale Neuerungen bzw. Unterschiede des Prozesses sind in
der Gesamtdarstellung gestrichelt eingefasst.
Im Gegensatz zum bestehenden Prozess von VDA besitzt das nachfolgend präsentierte
Schaubild mit dem Lieferanten, OEM und Kunden drei anstatt zwei Prozessteilnehmer.
Diese Einteilung beruht auf den aus Abbildung 2.3 bekannten Partnern im
Produktentstehungsprozess. Die Bezeichnung des Kunden in der Darstellung des VDA
wird im Folgenden von der Bezeichnung des OEM abgelöst. Unter dem Begriff
Kunde ist im weiterentwickelten Reklamationsprozess der Endverbraucher zu
verstehen.
7.5.1 Teilprozess Initialisierung
Der Teilprozess der Initialisierung und damit der Gesamtprozess beginnt mit dem
Auftreten eines potenziellen Softwarefehlers. Die erste Änderung gegenüber der
aktuellen Ablaufbeschreibung besteht in der vorgeschalteten Beschwerdestimulierung.
Der VDA geht in der 2009 veröffentlichten Prozessbeschreibung von einer
Fehlerentdeckung vor Auslieferung an den Kunden aus. Bei digitalen Diensten ist dies
häufig jedoch nicht möglich. Aus diesem Grund muss der Prozess für die Kommunikation
möglicher Fehlfunktionen vom Kunden an den OEM Sorge tragen. Der diesbezügliche
Ablauf ist in dem untenstehenden Abschnitt dargestellt.
Wie in Abschnitt 4.5 verdeutlicht, besitzt die Maximierung der Beschwerdeanzahl eine
enorme Wichtigkeit. Der weiterentwickelte Prozess nutzt in diesem Zusammenhang
erstmals die Möglichkeiten der digitalen Dienste, indem er die automatische Sendung
der Fehlerdaten an den OEM anstrebt. Dadurch wird die Beschwerdestimulierung in
einem hohen Maße verbessert. Die Automobilhersteller sind nicht länger ausschließlich
auf die Initiative ihrer Kunden angewiesen, um über Fehler im Feld unterrichtet zu
werden. Die Anzahl der Reklamationen würde auf diese Weise maximiert werden,
wodurch ein zentrales Ziel des allgemeinen Beschwerdemanagements erreicht wird. Die
diesbezüglichen Hürden der technischen Voraussetzungen und
Datenschutzbestimmungen wurden bereits umrissen. An dieser Stelle im Prozess wird
erstmals deutlich, welche Möglichkeiten mit den digitalen Diensten einhergehen. Diese
müssen vollumfänglich genutzt werden.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
122
Als Ergebnis des Prozessschrittes hat der OEM die Fehlerdaten (manuell oder
automatisch) erhalten. Es ist jedoch auch der Fall möglich, dass der Kunde eine
automatische Datensendung ablehnt und zudem keine Kommunikation des Fehlers an
den OEM betreibt. In diesem Fall würde die Fehlfunktion unentdeckt bleiben und der
Gesamtprozess fände bereits frühzeitig ein Ende. Aus diesem Grund ist eine
automatische Datenübermittlung anzustreben. Erwähnenswert sei an dieser Stelle noch,
dass die Kommunikation zunächst ausschließlich an dem OEM vollzogen wird. Damit
obliegt die Datenhoheit weiterhin dem Automobilhersteller.
Potenzieller
Fehler tritt in
Software auf
Zustimmung zur
automatischen
Datenüber-
mittlung
Kunde hat die
automatische
Übermittlung
abgelehnt
Kunde hat der
automatischen
Übermittlung
zugestimmt
XOR
Manuelle Daten-
übermittlung
an OEM
Automatische
Datenüber-
mittlung
an OEM
OEM hat
Fehlerdaten
erhalten
Kunde
übermittelt
Daten nicht
XOR
Kunde
Kunde
Abbildung 7.3: Übermittlung der Beanstandungsdaten an den OEM
Nach dem Erhalt der Fehlerdaten übermittelt der OEM die nötigen Informationen
schnellstmöglich an den voraussichtlich verantwortlichen Lieferanten (S. Abb. 7.4). Auf
diese Weise wird der Zulieferer frühzeitig in den Gesamtablauf eingebunden und ein
beiderseitiges Verständnis der Problemstellung entsteht.
OEM hat
Fehlerdaten
erhalten
Übermittlung an
voraussichtlich
verantwortlichen
Lieferanten
Lieferant hat
Fehlerdaten
erhalten
OEM
Prüfung auf
sicherheits-
relevante Folgen
OEM
Lieferant
Mögliche
Beeinträchtigung
der Sicherheit
Keine
Beeinträchtigung
der Sicherheit
XOR
Lieferant hat
Fehlerdaten
erhalten
Abb. 7.4: Datenübermittlung an den Lieferanten Abb. 7.5: Prüfung auf sicherheitsrelevante Folgen
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
123
Sobald der Lieferant die Daten erhalten hat, beginnt die parallele Arbeit entlang dreier
Prozessstränge. Der wichtigste dieser Stränge sieht die Untersuchung des Fehlers auf
womöglich sicherheitsrelevante Folgen vor (S. Abb. 7.5). Die Kontrolle wird über den
gesamten Ablauf hinweg durchgeführt und hinsichtlich neuer Erkenntnisse stetig
aktualisiert. Die diesbezügliche Vorgehensweise wurde von der Festlegung des
Warenverwendungsentscheids im bestehenden Reklamationsprozess übernommen.
Falls sicherheitsrelevante Folgen festgestellt oder nicht mehr ausgeschlossen werden
können, ist ein unverzüglicher Produktrückruf durch den OEM nötig. (s. Abschnitt 7.5.5)
Gleichzeitig beginnt mit der Prüfung auf sicherheitsrelevante Folgen die Vorprüfung der
Fehlerdaten. Wie die umseitige Abb. 7.6 verdeutlicht, arbeiten OEM und Lieferant auch
während dieser Aufgabe eng zusammen. Im aktuellen Prozess von VDA wird dieser
Schritt ausschließlich vom Zulieferer durchgeführt.
Vorprüfung der
Fehlerdaten
XOR
Software scheint
für Fehler
verantwortlich
Software ist
nachweislich nicht
für Fehler
verantwortlich
OEM
Lieferant
Lieferant hat
Fehlerdaten
erhalten
Kategorisierung
und Priorisierung
der Fehlerdaten
Daten wurden
kategorisiert und
priorisiert
Software scheint
für Fehler
verantwortlich
OEM
Lieferant
Abb. 7.6: Vorprüfung der Fehlerdaten Abb. 7.7: Kategorisierung und Priorisierung
der Fehlerdaten
Das Ziel der Vorprüfung besteht in der Bestätigung oder der Entlastung der zunächst
verdächtigten Software. Hierbei besitzt der Lieferant eine Nachweispflicht gegenüber
dem OEM. Kann der Zulieferer seine Beschuldigung nicht begründet zurückweisen, ist
seine Software voraussichtlich für den Fehler verantwortlich. Anderenfalls sieht sich der
OEM zur Identifikation der realen Ursache und der womöglich damit verbundenen
Kontaktaufnahme zu einem anderen Lieferanten veranlasst.
Sobald feststeht, dass die Software des involvierten Lieferanten für den Fehler
verantwortlich zu sein scheint, wird unter Umständen eine Kategorisierung und
Priorisierung der Fehlerdaten nötig (vgl. Abb. 7.5.5). Dies ist insbesondere dann der Fall,
wenn mehrere verschiedene Beschwerden zu der gleichen Software vorliegen. Die
Forderung nach diesem neuen Prozessschritt wurde in Abschnitt 4.5 deutlich. An dieser
Stelle wäre mit der Verwendung von User Stories und Tasks zudem erstmals eine
Anwendung agiler Elemente möglich.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
124
Im Anschluss an die womöglich nötige Kategorisierung und Priorisierung wird die
eigentliche Fehlerbehebung vorgenommen. Wie bereits mehrfach angeführt, erscheint
eine entsprechend freie Gestaltung derselben durch den Lieferanten als sinnvoll. Hierzu
wird ein erhöhtes Vertrauen des OEM in seinen Zulieferer benötigt. Unabhängig davon,
soll die vorliegende Arbeit auf den nachfolgenden Seiten eine mögliche Option der
Umsetzung mittels der bereits benannten 4D+1-Methode aufzeigen.
7.5.2 Teilprozess 4D+1-Methode
In diesem Abschnitt wird der Entwurf eines neuen Problemlösungswerkzeuges
präsentiert. Dieses beruht auf den Strukturen der bewährten 8D-Methode, die
hinsichtlich der in Abschnitt 4.5 offenbarten Verbesserungspotenziale angepasst werden.
Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf einem beschleunigten Ablauf. Dem Lieferanten
sollten bei der Problemlösung möglichst viele Freiheiten gewährt werden.
D3: Sofortmaß-
nahmen verein-
baren und
veranlassen
Sofortmnahmen
wurden vereinbart
und veranlasst
OEM
Lieferant
Sofortmnahmen
sind nicht nötig oder
möglich
XOR
Daten wurden
kategorisiert und
priorisiert
Daten wurden
kategorisiert und
priorisiert
D4: Ursachen-
analyse
Ursachen
wurden ermittelt
XOR
Lieferant
Stellungnahme
wurde
zurückgewiesen
Abstellmnah-
men erfolglos
getestet
Abb. 7.8: D3: Sofortmaßnahmen Abb. 7.9: D4: Ursachenanalyse
Zur Realisierung dieser Grundidee ist das bereits angeführte Umdenken der OEM als
Voraussetzung aller weiteren Erfolgskriterien nötig. Als Hersteller der Software ist der
Zulieferer am besten mit dieser und den möglichen Problemen vertraut. Der
beschriebene Sachverhalt muss erkannt und berücksichtigt werden. Die nachfolgenden
Schritte sollen demnach lediglich einen möglichen Ablauf der Problemlösung
wiedergeben. Das vollständige Prozessschaubild ist dem Anhang 21 beigefügt.
Wie bereits in Abschnitt 4.5 erwähnt, finden sowohl die Disziplin eins
(Problemlösungsteam) als auch die Disziplin zwei (Problembeschreibung) keine
Anwendung in der angepassten Ablaufbeschreibung. Auf diese Weise wird eine erste
Beschleunigung der Methodik erreicht. Der Prozess beginnt mit der Umsetzung von
eventuell notwendigen Sofortmaßnahmen (D3). Die Entscheidung, ob und in welcher
Weise diese getroffen werden sollen, liegt wiederum beim OEM und Lieferanten
gemeinsam (S. Abb. 7.8). Sofortmaßnahmen werden dabei in der Regel durch das
Aufspielen eines Backups oder einer vorherigen Softwareversion realisiert. Der
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
125
Entschluss zu diesem Schritt ist in hohem Maße von der Ausprägung des Problems und
dem Aufwand für die Gegenmaßnahmen abhängig. OTA-Updates können letzteren
wiederum entscheidend verringern.
Die Vorgehensweise während der gleichzeitig startenden Ursachenanalyse (D4) ist dem
Lieferanten freigestellt (S. Abb. 7.9). Ihm werden keine Methoden, wie etwa das
Ishikawa-Diagramm, vorgeschrieben. Für diesen und auch alle folgenden Schritte ist
ausschließlich der Zulieferer zuständig. Die zugewiesene alleinige Verantwortung ist aus
der bestehenden Ablaufbeschreibung bekannt. Der Start der Ursachenanalyse erfolgt
entweder durch eine neue Anwendung der 4D+1-Methode, die Zurückweisung einer
vorherigen Stellungnahme oder infolge fehlgeschlagener Tests.
Im Anschluss an die Ursachenermittlung erfolgt eine erneute Prüfung der Beanstandung
(S. Abb. 7.10). Dieses Vorgehen wurde unverändert aus der bestehenden 8D-Methode
übernommen, da es dem Lieferanten nach eingehender Problemuntersuchung die
Möglichkeit zu einer erneuten Stellungnahme bietet.
Ursachen
wurden ermittelt
Prüfung
Beanstandung
XOR
Beanstandung
ist berechtigt
Beanstandung
ist nicht
berechtigt
Lieferant
Beanstandung
ist berechtigt
D5+D6:
Erarbeitung und
Realisierung der
Abstell-
mnahmen
D5+D6:
Abstellm-
nahmen wurden
erarbeitet und
realisiert
Lieferant
Abb. 7.10: Prüfung der Beanstandung
Abb. 7.11: D5+D6: Erarbeitung und Realisierung
von Abstellmaßnahmen
Das Resultat der erneuten Prüfung besteht letztlich in einer Bestätigung oder
Zurückweisung der Beanstandung. Im zweiten Fall wird nachfolgend auf den Teilprozess
Beanstandung ablehnenverwiesen (s. Abschnitt 7.5.4).
Im Falle einer berechtigten Beanstandung beginnt der Lieferant mit der Erarbeitung und
Realisierung geeigneter Abstellmaßnahmen (D5+D6). Das entsprechende Vorgehen ist
in diesem Fall nicht in einzelne Schritte wie bei der 8D-Methodik heruntergebrochen (S.
Abb. 7.11). Eine derartig strikte Trennung erscheint bei Problemen der Software (digitale
Dienste) nicht zielführend, wie durch das Industrie-Interview bestätigt wurde (vgl.
Abschnitt 4.5.3). Das Pair Programming als Element der Agilität könnte innerhalb dieses
Prozessschrittes zur Absicherung der Programmierung herangezogen werden, um eine
Fehlerwiederholung weitestgehend auszuschließen.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
126
Sobald die Maßnahmen in die Software integriert wurden, werden sie unverzüglich durch
automatisierte Tests verifiziert (S. Abb. 7.12). Grundsätzlich ist diese Handlung bereits
in der aktuellen 8D-Methode vorgesehen und dort innerhalb der sechsten Disziplin
angesiedelt (Validierung der Abstellmaßnahmen). Durch die Ausprägung als separater
Schritt wird die während des Experteninterviews hervorgehobene Bedeutung lediglich
veranschaulicht. Zusätzlich ist auf diese Weise eine Darstellung der beiden potenziellen
Ausgänge möglich. Entweder wird die Wirksamkeit bestätigt oder die Tests verlaufen
erfolglos. Bei letzterem Sachverhalt muss die Beschwerde erneut der Ursachenanalyse
(D4) zugeführt werden.
D5+D6:
Abstellm-
nahmen wurden
erarbeitet und
realisiert
Testen der
Abstell-
mnahmen
Abstell-
mnahmen
erfolgreich
getestet
XOR
Abstell-
mnahmen
erfolglos
getestet
Lieferant
Abb. 7.12: Testen der Abstellmaßnahmen
Als direkte Folge eines positiven Testdurchlaufs gilt die 4D+1-Methode als erfolgreich
abgeschlossen und der OEM kann mit der Bearbeitung der Reklamation fortfahren.
Gesonderte Schritte zur Verhinderung einer Fehlerwiederholung (D7) oder zum
Abschluss und Würdigung des Teamerfolgs (D8) werden eingeleitet. Dies hängt mit dem
nicht vorhandenen Wert für die vorliegende Beschwerde zusammen. Der Fokus liegt
stattdessen klar auf einer Beschleunigung des Prozesses. Die fraglos wichtigen Inhalte
der Schritte werden jedoch nicht vernachlässigt, sondern an späterer Stelle ohnehin vom
Entwicklerteam des Lieferanten durchlaufen.
7.5.3 Teilprozess Verifikation/Abschluss
Sobald die eigentliche Problemlösung abgeschlossen wurde, kommt es zur Prüfung der
Stellungnahme des Zulieferers durch den OEM (S. Abb.). In diesem Zusammenhang soll
dem OEM jedoch kein allumfassender 8D-Report zur Bewertung der zurückliegenden
Maßnahmen überreicht werden. Vielmehr wird auf diese Weise ein (verbaler) Austausch
zwischen dem OEM und Lieferanten angestrebt, der zum beiderseitigen Verständnis
beiträgt. Die diesbezügliche Voraussetzung ist, dass der OEM die entsprechenden
Kompetenzen zur Bewertung besitzt.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
127
Falls der OEM mit der Stellungnahme des Zulieferers nicht zufrieden ist, wird diese
zurückgewiesen und die Durchführung der Ursachenanalyse innerhalb der 4D+1
Methode beginnt erneut (vgl. Abb. 7.14 und Abb. 7.15). In dieser Vorgehensweise
bestehen entscheidende Unterschiede zum bestehenden Prozess. Zum einen setzt die
erforderliche Nacharbeit der erarbeiteten Lösung sehr viel später im Prozess ein als
bisher (Ursachenanalyse anstatt Vorprüfung der Beanstandung). Zum anderen wird
erforderliche Nacharbeit der erarbeiteten Lösung sehr viel später im Prozess ein als
bisher (Ursachenanalyse anstatt Vorprüfung der Beanstandung). Zum anderen wird
deutlich, dass die Wirksamkeitsprüfung im Anschluss an den Problemlösungsprozess
auf ein notwendiges Minimum reduziert wurde. Auf diese Weise kann dem Ziel eines
beschleunigten Gesamtprozesses entsprochen werden.
4D+1-
Methode
Prüfung
Stellungnahme
XOR
Stellungnahme ist
ausreichend
Stellungnahme ist
unzureichend
OEM
Stellungnahme ist
unzureichend
Stellungnahme
wurde
zurückgewiesen
Stellungnahme
zurückweisen OEM
Abb. 7.13: Prüfung der Stellungnahme
Abb. 7.14: Zurückweisung der
Stellungnahme
Sofern die Stellungnahme des Lieferanten hingegen als ausreichend empfunden wird,
sind zwei weitere Voraussetzungen zu einem Abschluss der Reklamation nötig. Die
Beanstandung muss noch aktuell und damit nicht bereits storniert sein. Weiterhin ging
und geht von ihr keine unmittelbare Beeinträchtigung der Sicherheit aus. Der OEM kann
die Beanstandung in der Folge abschließen und den Lieferanten von seinen Pflichten
entbinden. Er erkennt damit die für ihn zufriedenstellende Lösung der Problemstellung
an. Der Zulieferer übergibt dem OEM alle benötigten Arbeitsergebnisse. Diese bestehen
zum Beispiel in Form einer weiterentwickelten Software.
Im Anschluss an die erfolgreiche Reklamationsbearbeitung obliegt die Entscheidung
über das weitere Vorgehen dem OEM. Idealerweise findet eine sofortige Aktualisierung
der betreffenden Fahrzeugsoftware mittels eines OTA-Updates statt. Die dafür
notwendigen technischen sowie rechtlichen Voraussetzungen sollten in den nächsten
Jahren geschaffen werden. Nur auf diese Weise ist eine ganzheitliche, schnelle
Reklamationsbearbeitung vom Aufkommen bis zur Behebung eines Fehlers realisierbar.
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128
Beanstandung
abschließen
Beanstandung
wurde
abgeschlossen
OEM
Beanstandung
muss nicht
storniert werden
V
Stellungnahme
ist ausreichend
Keine
Beeinträchtigung
der Sicherheit
Abb. 7.15: Abschluss der Beanstandung
Während der regelmäßig stattfindenden Retrospektive des Software-Lieferanten werden
im Anschluss an die Reklamationsbearbeitung zudem die Inhalte der 8D-Schritte sieben
und acht berücksichtigt. Die Mitarbeiter tauschen sich über die vergangenen Aufgaben
aus und projizieren gewonnene Erkenntnisse auf bestehende Prozesse. Dem Gedanken
der kontinuierlichen Verbesserung wird somit entsprochen.
Prüfung
Stornierung der
Beanstandung
OEM
XOR
Beanstandung
muss nicht
storniert werden
Beanstandung
muss storniert
werden
Lieferant hat
Fehlerdaten
erhalten
Beanstandung
muss storniert
werden
Beanstandung
stornieren
Beanstandung
wurde storniert
OEM
Abb. 7.16: Prüfung auf Stornierung der Beanstandung Abb. 7.17: Stornierung der Beanstandung
Ein weiterer möglicher Abschluss der Beanstandung besteht in der vorzeitigen
Stornierung durch den OEM. Dieses Vorgehen hat sich gegenüber dem bestehenden
Prozess nicht geändert (S. Abb. 7.16 und Abb. 7.17).
Der OEM ist in diesem Zusammenhang zu einer dauerhaften Prüfung einer möglichen
Stornierung angehalten. Diese könnte beispielsweise in einer fehlerhaften
Datenübermittlung durch den Kunden begründet sein. Als direkte Folge müsste der OEM
den Lieferanten, unabhängig vom derzeitigen Arbeitsfortschritt, informieren und ihn mit
sofortiger Wirkung von seinen Pflichten entbinden.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
129
7.5.4 Teilprozess Beanstandung ablehnen
Dieser Teilprozess besitzt eine uneingeschränkte Relevanz für den weiterentwickelten
Reklamationsprozess. Da die entsprechenden Schritte nahezu unverändert
übernommen werden, wird aus Platzgründen auf eine Darstellung verzichtet. Die einzige
Veränderung besteht in der Reduzierung der möglichen Prozesseingänge. Da die
Vorprüfung der Fehlerdaten im weiterentwickelten Reklamationsprozess von OEM und
Lieferant gemeinsam vorgenommen wird, ist die begründete Ablehnung der
Beanstandung durch den Zulieferer nicht möglich bzw. nötig. Sollte sich bei der
gemeinsamen Voruntersuchung der Software der anfängliche Verdacht also nicht
bestätigen, findet eine direkte Stornierung der Beanstandung durch den OEM statt (s.
Anhang 11).
7.5.5 Teilprozess Produktrückruf
Während der Erarbeitung des weiterentwickelten Reklamationsprozesses erschien die
Ergänzung des Gesamtablaufs um den Teilprozess Produktrückruf sinnvoll. Dieser
begründet sich in der zumeist erst späten Fehlerentdeckung beim Kunden. Damit ist die
fehlerhafte Anwendung bereits im Feld aktiv. Dies erfordert besondere Konsequenzen,
die in der Automobilindustrie bei dem Vorliegen eines Gefährdungspotenzials mittels
einer Rückrufaktion umgesetzt werden. Die diesbezüglichen Schritte sollen nachfolgend
nicht weiter skizziert und thematisiert werden, da viele Faktoren einen Einfluss besitzen
und die Inhalte mühelos eine separate Forschungsarbeit füllen würden. Im Falle einer
direkten Beeinträchtigung der Sicherheit der Fahrzeuginsassen oder umstehender
Personen muss der Fehler jedoch schnellstmöglich behoben werden, um die Sicherheit
wiederherzustellen. Das aktuelle Vorgehen sieht das Aufspielen einer neuen Software
in den Werkstätten vor. Dieser Prozess ist jedoch sehr langwierig und mit einem hohen
Aufwand für alle Beteiligten verbunden. Eine effektivere Lösung stellen OTA-Updates
dar. Dafür müssen zunächst jedoch die nötigen, vor allem gesetzlichen, Bedingungen
geschaffen werden. Die technischen Voraussetzungen sind durch die digitalen Dienste
in der Regel bereits gegeben.
Das zurückliegende Kapitel beinhaltete die Vorstellung des weiterentwickelten
Reklamationsprozesses. In diesem Zusammenhang wurden zunächst die
diesbezüglichen Ziele aufgegriffen. Im Anschluss erfolgten die Darstellung und
Beschreibung der einzelnen Prozessschritte unter Berücksichtigung der zuvor
formulierten Erfolgskriterien. Die Prozesseinteilung wurde nach den bekannten
Grundsätzen von VDA vorgenommen. Der Produktrückruf wurde als sinnvoller fünfter
Teilprozess integriert. Dieses Vorgehen erschien im Hinblick auf die zumeist späte
Fehlerentdeckung im Feld als nötig. Im vorangegangenen Abschnitt erfolgte ferner eine
Zusammenfassung der identifizierten Herausforderungen und Risiken, die bei der
Einführung und Umsetzung des angestrebten Reklamationsprozesses auftreten können.
Abschließend bleibt die Frage zu beantworten, ob und inwieweit die am Beginn des
Kapitels formulierten Ziele durch den Prozess erreicht werden können. Durch das
Entfernen bzw. Minimieren einiger bisheriger Prozessschritte (z. B.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
130
Wirksamkeitsnachweis, Elemente der 8D-Methodik) ist zweifellos eine Beschleunigung
des Gesamtprozesses zu erwarten. Gleichzeitig ist mit der Kategorisierung sowie
Priorisierung der Fehlerdaten lediglich ein Prozessschritt hinzugekommen. Der dafür
nötige zusätzliche Zeitaufwand wird sehr wahrscheinlich jedoch nicht stark negativ ins
Gewicht fallen. Ferner wurde eine nachhaltige Fehlerbeseitigung als ein zentrales Ziel
formuliert. Dieses kann vor allem durch das Pair Programming als ein Element der
Agilität im Rahmen der Maßnahmenumsetzung erreicht werden. Weiterhin wurde eine
verstärkte Berücksichtigung des indirekten Beschwerdemanagements angestrebt. Die
8D-Methode bildet dieses im aktuellen Prozess bereits sehr gut ab. In diesem
Zusammenhang erscheint die nicht vorhandene Berücksichtigung der Disziplinen sieben
und acht in der 4D+1-Methodik zunächst als sehr fragwürdig. Es wurde jedoch
verdeutlicht, dass die Schritte an anderer Stelle und ohne Zwang des
Reklamationsmanagements ohnehin durchlaufen werden. Die Inhalte bleiben folglich
erhalten.
Die zu Beginn der Arbeit formulierten Anforderungen der digitalen Dienste finden im
weiterentwickelten Fehleranalyseprozess ebenfalls eine umfassende Berücksichtigung.
Der stetig zunehmenden Anzahl von Softwarefehlern wird durch eine entsprechende
Kategorisierung und Priorisierung begegnet. Der späten Fehlerentdeckung beim Kunden
wird durch die angestrebte automatische Datensendung und dem zusätzlichen
Teilprozess des Produktrückrufs entsprochen. Die letztlich geforderte Weiterentwicklung
des Prozesses hinsichtlich angepasster Abläufe unter Berücksichtigung der technischen
Möglichkeiten ist durch die gesamte Ausprägung des Prozesses gegeben. Auf diese
Weise kann abschließend von einer Wiederherstellung der zuvor gesunkenen
Kundenzufriedenheit ausgegangen werden.
7.5.6 Ergebnisse und Zusammenfassung
Das Ziel des Kapitels 7 bestand in der Weiterentwicklung des bestehenden
Reklamationsprozesses in der Automobilindustrie hinsichtlich der durch die digitalen
Dienste aufkommenden Herausforderungen. Diese bestehen in stetig wachsenden
Softwareumfängen und -komplexitäten, der zumeist späten Fehlerentdeckung im Feld
sowie in der Forderung nach technologisch angepassten Abläufen.
Zur Erreichung dieser Zielstellung erfolgte zunächst die Präsentation der notwendigen
theoretischen Grundlagen. In diesem Zusammenhang wurden die digitalen Dienste, das
Lieferantenmanagement, das allgemeine Beschwerdemanagement sowie der
standardisierte Reklamationsprozess inklusive der 8D-Methode thematisiert. Dabei fiel
auf, dass die bestehende Literatur zum Beschwerdemanagement sehr zahlreich, jedoch
nahezu ausschließlich auf B2C-Beziehungen ausgerichtet ist. Das im Sinne des
Reklamationsprozesses in der Automobilindustrie vorliegende B2B-Verhältnis findet
nahezu keine Beachtung. Dieser Umstand resultierte in einer maßgeblich erschwerten
Quellenrecherche, die sich bis in die diesbezüglichen Abläufe innerhalb der Software-
Industrie zog. Aus diesem Grund war es lediglich mittels eines Fachinterviews möglich,
einen kurzen Einblick in den Umgang mit Reklamationen in dieser Branche zu erhalten.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
131
Ein neu entwickelter Use-Case führte die bisher getrennt betrachteten Elemente der
digitalen Dienste und des standardisierten Reklamationsprozesses in der Automotive-
Branche zusammen. Ein möglicher Fehler innerhalb der automatischen
Parkplatznavigation wurde vollumfänglich auf die bestehende Ablaufbeschreibung
angewandt. In diesem Zusammenhang offenbarten sich eine Reihe möglicher
Konfliktpotenziale. Der anschließende Teil griff diese auf und stellte ihnen gleichzeitig
mögliche Lösungsansätze zur Seite. Insgesamt konnten auf diese Weise acht zentrale
Optimierungsmöglichkeiten des bestehenden Prozesses identifiziert werden. Diese
reichten von zusätzlich benötigten Prozessschritten (Einführung einer
Beschwerdestimulierung), über das Entfernen bestehender Elemente (Abschaffung der
doppelten Wirksamkeitsprüfung) bis hin zur unter Umständen zielführenden
Abschaffung der 8D-Methode. Im Zuge dieser Ausarbeitungen wurden nicht nur die
Herausforderungen, sondern insbesondere die Möglichkeiten der Connectivity deutlich.
Sie bestehen vor allem in der Nutzung von OTA-Updates und der automatischen
Datensendung.
Im letzten Kapitel 7.5 erfolgte die abschließende Darstellung des weiterentwickelten
Reklamationsprozesses. Dieser orientiert sich in seinen Grundzügen nach wie vor an
den Teilprozessen des VDA. Zudem verwendet er aus Gründen der Vergleichbarkeit die
identische Modellierungssprache. Die in Bezug auf die vorherigen Abschnitte
umgesetzten Veränderungen sind dennoch offensichtlich. So wurde beispielsweise die
8D-Methodik um vier Prozessschritte verkürzt, um eine Beschleunigung des
Gesamtablaufs zu erreichen. In diesem Zusammenhang wurde jedoch darauf geachtet,
dass wichtige Elemente nicht einfach entfernt, sondern an anderer Stelle erneut integriert
wurden oder womöglich bereits integriert waren. Dies war bei den Disziplinen 7 und 8
der Fall. Als Ergebnis konnte auf diese Weise letztlich ein auf das Wesentliche
reduzierter Reklamationsprozess präsentiert werden, der an entscheidenden Stellen die
Möglichkeiten der digitalen Dienste und Agilität zu seinem Vorteil nutzt.
Zum Abschluss wurden zusätzlich die Herausforderungen und Risiken der
weiterentwickelten Ablaufbeschreibung diskutiert. Zentrale Punkte bestanden dabei in
der nötigen Öffnung der OEM, den Gefahren der OTA-Updates sowie der erhöhten
Datenflut. Der vorgestellte weiterentwickelte Reklamationsprozess lässt folglich keine
sofortige Anwendung zu. Er bietet jedoch Ansätze, welche seine Möglichkeiten in einem
hohen Maße erweitern. Diese sollten zwingend genutzt werden, weshalb eine zeitnahe
Schaffung der nötigen Rahmenbedingungen als unausweichlich erscheint.
7.6 Herausforderungen und Risiken
Die in den vorherigen Ausführungen präsentierte, weiterentwickelte Fehlerklassifizierung,
das Fehlermanagement sowie der Reklamationsprozess in der Automobilindustrie geht
zweifellos mit einer Reihe von Herausforderungen und Risiken einher. Die besonderen
Voraussetzungen und möglichen Fehlentwicklungen wurden im Laufe der Arbeit bereits
einige Male hervorgehoben und sollen an dieser Stelle lediglich zusammengefasst
wiedergegeben werden.
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
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132
Die aktuell im Automobilbau vorherrschende Kultur ist über Jahrzehnte gewachsen und
fand ihre Bestätigung im stets anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg der Branche. Sie ist
jedoch von veralteten Wertesystemen und einer klar strukturierten Rangfolge geprägt.[146]
Innerhalb dieser Umgebungsbedingungen ist eine Implementierung des
weiterentwickelten Fehleranalyseprozesses nicht bzw. nur schwer möglich. Aus diesem
Grund bildet das Umdenken der OEM die notwendige Grundvoraussetzung. Die
nachfolgend angestrebte Kultur ist […] von Neugierde, Änderungsbereitschaft und
flachen Hierarchien […]“ geprägt. In ihr stehen „Geschwindigkeit und Agilität […] über
formalen, trägen Prozessabläufen. [146] Der weiterentwickelte Reklamationsprozess
stellt in dieser Umgebung nur eine von vielen möglichen und gleichzeitig nötigen
Änderungen dar.
Eine weitere Herausforderung besteht in den stetig zunehmenden Verzweigungen
innerhalb der gesamten Lieferkette, die auf immer komplexer werdenden
Fahrzeugkomponenten beruhen. Die Funktionalitäten verteilen sich auf immer mehr
Steuergeräte und Softwarebestandteile, wodurch die Fehlersuche um ein Vielfältiges
erschwert wird. [147] Die Ursachenfindung für eine Problemstellung und die darauf
fußende, eindeutige Zuordnung zu einem Lieferanten wird in der Folge immer
aufwändiger. Diese starke Abhängigkeit der Teilsysteme voneinander sowie die daraus
resultierenden Folgen wurden bereits in der Einleitung thematisiert und während der
weiteren Ausarbeitungen durch ein Gespräch mit einem Experten aus der
Automobilindustrie bestätigt.
Neben den benannten Herausforderungen resultiert der angestrebte Prozess in
möglichen Risiken. Zum einen bestehen diese in der Voraussetzung technischer
Gegebenheiten, welche nicht jedes Fahrzeug bieten kann. Beispielsweise beruhen viele
Prozessschritte auf dem Vorhandensein einer stetigen Internetverbindung des
Fahrzeugs (automatische Sendung der Fehlerdaten). Diese Möglichkeit ist zumeist nur
bei moderneren Automobilen gegeben. Ist der Prozess folglich nur auf eine begrenzte
Anzahl von Fahrzeugen anwendbar? In diesem Zusammenhang muss die folgende
Überlegung berücksichtigt werden: Bei Fahrzeugen mit einer stetigen
Internetverbindung handelt es sich um eben jene Automobile, die den weiterentwickelten
Fehleranalyse- bzw. Reklamationsprozess aufgrund der installierten digitalen Dienste
erfordern. Ältere und mit weniger Funktionen ausgestattete Fahrzeuge benötigen dies
und folglich auch die Internetverbindung nicht.
Die damit in enger Verbindung stehenden, angestrebten OTA-Updates bergen weitere
Risiken. Diese beziehen sich vor allem auf die erfolgreiche Installation sowie Integration
in das sensible Gesamtsystem. Eine genaue Vorhersage des diesbezüglichen
Verhaltens ist nur schwer möglich, dennoch muss die Verbreitung dieser Technologie
alternativlos gefördert werden. Zu diesem Zweck ist insbesondere die Schaffung
rechtlicher Grundlagen anzustreben, denn technisch sind die meisten Funktionen bereits
jetzt oder in naher Zukunft abbildbar. Wie zuvor beschrieben bieten OTA-Updates
sowohl für das Reklamationsmanagement als auch für Rückrufaktionen enorme Vorteile.
Letztere sind bei einer vollumfänglichen Anwendung genau genommen nicht länger
Agiler Fehlermanagementprozess für digitale Dienste
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
133
nötig, da die Fahrzeuge zum Aufspielen eines Updates nicht länger in die Werkstätten
zitiert werden müssten.
Viele der angeschnittenen Themen münden nicht zuletzt in Aspekten des Datenschutzes
und der IT-Sicherheit. Die große Zahl der durch digitale Dienste produzierten Daten führt
dabei zu einem erhöhten Risiko und der Fahrzeughersteller muss für den Schutz der
Daten vor nicht autorisierten Zugriffen Sorge tragen. Mögliche Gefährdungspotenziale
wurden in dieser Arbeit angeschnitten. Als notwendige Voraussetzung für die
angestrebte automatische Datensendung muss der Fahrzeuginhaber dem Vorgehen
zustimmen. In der Unterlassung dieser Einwilligung besteht ein hohes Risiko für den
Erfolg des weiterentwickelten Reklamationsprozesses, welches mit der zunehmenden
Sensibilisierung der Bevölkerung für den Wert ihrer Daten wächst. Die Lösung sollte in
einer transparenten und beiderseitig lohnenden Vertragsgestaltung liegen, welche zur
automatischen Weitergabe der Informationen an den OEM animiert. Ein großer Einfluss
liegt zudem beim Staat, da er zur Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen
durch eine geeignete Gesetzgebung angehalten ist.
7.7 Kritische Reflexion
Allgemein lässt sich festhalten, dass die Ablaufbeschreibung und die damit verbundenen
Gedanken zumeist auf theoretischer Basis entwickelt wurden. Entsprechende Versuche
einer Validierung fanden folglich nicht statt. Zudem ließen sich viele Expertenmeinungen
aus den Industrien zu entsprechenden Sachverhalten gewinnen und in den Prozess
integrieren. Innerhalb dieses Prozessschrittes wird nach wie vor ein großer Handlungs-
und Forschungsbedarf gesehen, der eventuell von einer nachfolgenden
Forschungsarbeit vertiefend aufgegriffen werden könnte.
Einige Neuerungen lassen zudem auf einen erhöhten Personalbedarf schließen und mit
diesem ist bei der Umsetzung des weiterentwickelten Prozesses fraglos zu rechnen.
Durch die frühzeitig angestrebte und vertiefte Zusammenarbeit von Lieferanten und
OEM sehen sich die Unternehmen mit einer erhöhten Personalbereitstellung konfrontiert.
Letztlich ist darin jedoch eine notwendige Entwicklung zu sehen, die die wichtige Rolle
des Fehleranalyseprozesses unterstreicht.
Zusammenfassung und Zukunftsausblick
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
134
8 Zusammenfassung und Zukunftsausblick
Wegen der Digitalisierung ist eine zentrale Herausforderung der Automobilindustrie das
intelligente Verknüpfen von Aspekten aus traditionellen und digitalen
Wertschöpfungsstufen. Aspekte sind die möglichen Veränderungspotentiale durch die
fortschreitende Digitalisierung. Die klassischen Automobilhersteller fokussieren sich
heute neben den produktbezogenen Kernkompetenzen eines Automobils auf digitale
Dienstleistungen.
Die überwiegend statischen Konzernstrukturen können die Automobilhersteller an einer
erfolgreichen Bewältigung digitaler Herausforderungen hindern. Das Automobil als
traditionelles Kernprodukt dieser Industrie weist mit seinen komplexen
Produktmerkmalen eine Asynchronität im Entwicklungszyklus zu den digitalen
Innovationen auf. Ein agiler Entwicklungsprozess, das Einbeziehen von
Kundenerwartungen in die Entwicklungsphase und die Umsetzung hoher
Qualitätsanforderungen für eine fehlerfreie Nutzungsphase zählen mitunter zu den
künftigen Erfolgsfaktoren.[12] Die digitalen Innovationen bestehen ausr die digitalen
Geschäftsmodelle relevanten Fahrzeugbauteilen und einer mobilen
Softwareanwendung. Der Produktlebenszyklus teilt sich allgemein in eine Entwicklungs-
und Kundennutzungsphase. Die Phasen der Fahrzeugbauteile unterscheiden sich
sowohl inhaltlich als auch zeitlich von denen der Softwareanwendung.
Zentrale Erfolgskriterien
Ausgehend von den bisherigen Erkenntnissen existieren drei zentrale Erfolgskriterien,
welche über das Erreichen oder Verfehlen des Zieles entscheiden (s. Abb. 8.1).
Abbildung 8.1: Erfolgskriterien des weiterentwickelten Reklamationsprozesses (eigene Darstellung)
1. Umdenken der OEM
Die diesbezügliche Grundvoraussetzung besteht in einem Umdenken innerhalb der
Organisation. Die OEM müssen eine Öffnung für Ideen, welche ihren Ursprung
außerhalb der Automobilindustrie haben, zulassen. Auf diese Weise soll das bereits
aufgegriffene Not-Invented-Here-Syndrom überwunden werden. Die Erfolgs-
Agilität
Nutzung der
Connectivity
Umdenken der OEM
Zusammenfassung und Zukunftsausblick
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
135
wahrscheinlichkeit der Zielerreichung ist in hohem Maße von dieser Entwicklung
abhängig. Ferner darf sich der Gedanke der kontinuierlichen Verbesserung in den
Unternehmen nicht allein auf die Produkte beschränken. Er muss auch auf das
Fehleranalyseverfahren und andere Prozesse übertragen werden, um nicht zuletzt den
Forderungen der Normung zu entsprechen.
Zusätzlich ist eine Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen OEM, Lieferanten und
neuer Player anzustreben. Das Ziel sollte in einer gestärkten Kommunikation und
aufeinander abgestimmten Strukturen bestehen. Ein geeignetes Management der
gemeinsamen Arbeit kann in diesem Zusammenhang einzig und allein durch eine
leistungsstarke IT-Lösung erfolgen. Ein händisches Management durch das Versenden
von E-Mails und Excel-Dokumenten wird den zunehmenden Anforderungen nicht länger
gerecht. Die genannten Gründe führen dazu, dass die Organisation die notwendige
Basis für die zwei weiteren Erfolgskriterien bildet.
2. Nutzung der Connectivity
Das nächste Hauptaugenmerk liegt auf einer Nutzung der Chancen, die mit den digitalen
Diensten einhergehen. Folglich bietet diese nicht ausschließlich Herausforderungen,
sondern gleichzeitig konkrete Entwicklungspotenziale für bestehende als auch neue
Prozesse. Die Vielzahl der bereits generierten bzw. zu generierenden Daten soll in
diesem Zusammenhang aktiv für den weiterentwickelten Reklamationsprozess genutzt
werden.
3. Agilität
Die dargestellte Pyramide der zentralen Erfolgskriterien resultiert schließlich in einer
angestrebten Umsetzung von Elementen der Agilität, die in dieser Arbeit schon
vorgestellt wurden. Dieser Schritt erscheint langfristig sinnvoll, da die Entwicklung der
digitalen Dienste nach eben jenen Prinzipien vollzogen wird. Eine Isolation der
Fehleranalysebearbeitung von dieser für den Lieferanten gewohnten Umgebung
erscheint unter keinen Umständen zielführend. Zusätzlich kann auf diese Weise einer
Vielzahl an offenbarten Problemstellungen begegnet werden. Nicht zuletzt wurden mit
den Elementen der Agilität in der Vergangenheit ähnliche Herausforderungen bewältigt
wie sie heute in der Automobilindustrie auftreten.
Zukunftsausblick
Aktuelle gesamtwirtschaftliche Entwicklungen wie die zunehmende Globalisierung, der
wachsende Kostendruck, die stetig steigenden Risiken sowie die immer kürzer
werdenden Produktlebenszyklen werden zukünftig eine weitere Verstärkung erfahren.
Von diesen Herausforderungen ist auch die Automobilindustrie nicht ausgenommen.
Wie wird sie darauf reagieren und wie wird sie sich anpassen müssen? Als Antwort auf
diese Frage soll abschließend ein Ausblick aufkommende Entwicklungen und
Forschungsbedarfe gegeben werden.
Zusammenfassung und Zukunftsausblick
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
136
In diesem Zusammenhang werden zunächst die unmittelbar notwendigen
Veränderungen und Entwicklungen verdeutlicht, ehe ein spekulativer Einblick in die
Automotive-Branche bis hinein in die 2030er Jahre gegeben wird.
Die Inhalte der Arbeit haben deutlich gezeigt, dass eine Kulturveränderung innerhalb der
OEM unabdingbar sein wird. Die Automobilindustrie muss sich für Neuerungen aus
anderen Branchen öffnen und passende Ideen adaptieren. Dieser Umstand ist
insbesondere bei dem Zusammenspiel mit Software-Lieferanten sowie Startups
unerlässlich. In einer repräsentativen Umfrage bestätigten die Experten diese
Notwendigkeit. Zusätzlich besteht in diesem Zusammenhang unter Umständen der
Bedarf einer erhöhten Fehlertoleranz, in deren Folge Irrtümer als inhärenter Teil des
Lernprozesses verstanden und entsprechend nicht verurteilt werden.
Die Herausforderung wird darin liegen, eine geeignete „[…] Balance zwischen Freiheit,
Kreativität und Fehlertoleranz auf der einen und Qualitäts- und
Sicherheitsanforderungen auf der anderen Seite herzustellen.“ Durch eine erhöhte
Fehlertoleranzrde zudem eine kürzere Time-to-Market realisiert werden können, da
Entwicklungen nicht bis ins letzte Detail erprobt und somit dem Endverbraucher früher
zur Verfügung gestellt werden. Die Umfrage zeigt jedoch auch, dass dies aktuell noch
den Grundsätzen dieser auf höchste Qualität bedachten Industrie widerstrebt. Knapp
zwei Drittel der Befragten gehen nicht von einer entsprechenden Entwicklung aus.
Bezogen auf die Entwicklung digitaler Dienste wird zudem die Anwendung eines Open-
Source-Modells in Erwägung gezogen. In diesem finden Wettkampf und Kooperation
parallel statt. Die Begründung besteht in den zahlreichen Herausforderungen bei der
Entwicklung, denen kein Marktteilnehmer allein begegnen kann. Womöglich wird sich
die Ausprägung dieses Geschäftsmodells zwangsläufig vollziehen, damit eine
Behauptung gegen die zahlreichen Konkurrenten auf dem Markt der digitalen Dienste
möglich ist. Konzerne wie Apple oder Google sind nicht nur mit dem nötigen Wissen,
sondern auch mit dem nötigen Kapital ausgestattet, um den OEM ihre vorherrschende
Rolle auf dem Automobilmarkt nachhaltig streitig zu machen. Eine Anwendung des
Open-Source-Gedankens auf den gesamten Fehleranalyseprozess erscheint
gleichermaßen denkbar. Auf diese Weise könnten Hersteller von den Fehlern anderer
OEM oder Lieferanten lernen und somit einen Vorteil gegenüber den New Playern
erzielen.
Literatur
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Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
146
10 Anhang
Anhang 1: Fragenkatalog, der ein Fehlermanagementtool verwalten können
1. Welche Probleme sind aufgetreten?
2. Welcher Art sind die Probleme?
3. Welche Priorität hat die Behebung des Fehlers?
4. Welcher Tester hat das Problem festgestellt?
5. Welcher Testfall ist von dem Fehler betroffen?
6. Welcher Entwickler ist für das Problem zuständig?
7. In welcher Programmversion wurde der Fehler beobachtet?
8. Sind evtl. weitere Versionen vom Fehler betroffen?
9. Wie schwer wiegt der Fehler?
10. Wie ist die betriebliche Auswirkung des Fehlers bzw. die Auswirkung für andere Systeme und
Organisationen?
11. Wie hoch ist die Priorität für die Fehlerbehebung?
12. Hat der Fehler Konsequenzen auf andere Funktionalitäten, die dadurch nicht getestet werden
können oder fehlerhaftes Verhalten implizieren?
13. Was wurde unternommen, um das Problem zu beheben (z. B. Programmänderung)?
14. Ist der Fehler reproduzierbar?
15. Gibt es Möglichkeiten, das Problem zu umgehen, wenn ja, wie?
16. Ist das Problem wirklich behoben, also nachgetestet?
17. Ist ein einmal behobenes Problem wiederaufgetaucht? Wenn ja, wieso?
18. In welcher Programmversion wird das Problem voraussichtlich behoben sein? Ist die
Behebung dann früh genug oder muss sie vorgezogen werden
19. Wann wird das Problem voraussichtlich behoben sein?
20. Wie hoch ist der geschätzte Aufwand zur Lösung des Problems?
21. Wie hoch war der tatsächliche Aufwand, um den Fehler zu beheben?
22. Wie ist der Status des Fehlers zu welchem Zeitpunkt: Wann wurde der Fehler festgestellt,
wann wurde die Software geändert, wann fand der erneute Test statt? Wurde der Fehler
erneut eröffnet?
23. In welchen Formaten erfolgt die Speicherung? Proprietärer Formate erschweren die
Verwendung auf unterschiedlichen Plattformen bzw. machen sie unmöglich
24. Lassen sich Dokumente an die Fehlerbeschreibung anhängen (Screenshots, Logfiles usw.)
damit ein Entwickler die notwendigen Informationen und Traces exakt nachverfolgen kann?
25. Sind die Problemdokumente von allen Beteiligten zugreifbar (Dokumentfreigaben, Web-
Zugriffe usw.)?
26. Lasst sich im System nach Stichworten suchen? Ist die Suche so komfortabel, dass man mit
bestimmten Strings auch bei Hunderten oder Tausenden von Fehlern in kurzer Zeit die
Beschreibung und den Status eines bestimmten gesuchten Fehlers finden kann?
27. Lassen sich Fehler zusammenfassen?
(Quelle: Frank Witte, Testmanagement und Softwaretest - Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
147
Anhang 2: Übersicht Automobilhersteller und Mobilitätsdienstleister
(Eigene Darstellung)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
148
Anhang 3: Watchliste (1/3)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
149
Anhang 3: Wachliste (2/3)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
150
Anhang 3: Wachliste (3/3)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
151
Anhang 4: Ranking Benchmarking
(Quelle: Forschungsstudie QSK der TU Berlin)
Anhang 5: Gewichteter Durchschnittswert für die weiteren Unternehmen
Eigene Darstellung
(Eigene Darstellung)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
152
Anhang 6: Beispiel Bewertung Kundenbewertung
(Eigene Darstellung)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
153
Anhang 7: 8D-Roadmap
(Quelle: Verband der Automobilindustrie e. V. (2018): Qualitätsmanagement in der
Automobilindustrie. 8D Methode Problemlösung in 8 Disziplinen)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
154
Anhang 8: Experteninterview zum Umgang mit Reklamationen in der Software-
Branche
Interviewer:
Ich beschäftige mich im Rahmen meiner Arbeit mit dem Reklamationsmanagement in der
Automobilindustrie. Da der Software in Fahrzeugen eine immer größere Bedeutung zuteilwird, bin ich
an dem diesbezüglichen Vorgehen in der Software-Branche interessiert. Zunächst möchte ich Sie
allerdings bitten, sich und Ihren Fachhintergrund kurz vorzustellen.
Fachexperte:
Ich entwickle vorrangig Server-Software. Genauer gesagt beschäftigt sich meine Firma mit der
Schnittstellenentwicklung für verteilte Systeme, die vorrangig in der Werbeindustrie genutzt werden.
Folglich bewegen wir uns in einem B2B-Geschäftsfeld. Als Vorgehensmodell nutzen wir Scrum. Ich
selbst besitze in diesem Bereich eine Facherfahrung von sechs Jahren und bin aktuell als Teamlead im
Backend beschäftigt.
Interviewer:
Vielen Dank für die kurze Vorstellung.
Gehen wir nun von folgendem Szenario aus: Ein Kunde wendet sich mit einer Beschwerde an Ihr
Unternehmen. Welcher Prozess wird in der Folge angestoßen? Gibt es diesbezügliche Normen oder
Richtlinien innerhalb der Branche?
Fachexperte:
Spezifische Normen oder Richtlinien sind mir nicht bekannt. In der Regel gibt es den folgenden Ablauf:
Ein Kunde hat ein Problem (z. B. Anwendung bzw. Feature funktioniert nicht). Dieser Umstand wird
zumeist an einen Kundenbetreuer (bei großen Kunden) kommuniziert oder durch eine Beschwerde-
Funktion (E-Mail, Formular o. ä.) an eine zentrale Schnittstelle geleitet. In der Folge wird die
Beschwerde dem Produktmanagement übermittelt. Dieses sichtet das Problem und setzt sich im Zweifel
nochmal mit dem Betreuer oder sogar dem Kunden in Verbindung. Auf diese Weise wird versucht das
Problem einzugrenzen bzw. genauer zu beschreiben. Im Anschluss wird die Beschwerde als Task
formuliert und auf technisch eindeutige Akzeptanzkriterien heruntergebrochen. Dieser wird an den
Product Owner (Produktmanager für ein spezifisches Produkt z. B. User Login oder Statistiken) des
Entwicklungsteams weitergegeben. Er priorisiert das Thema und taktet es in den Arbeitsablauf des
Entwicklungsteams ein. Die Abarbeitung geschieht folglich parallel zum normalen Tagesgeschäft.
Interviewer:
Existiert während der sich anschließenden Problemlösung ein vergleichbarer Ablauf wie im
dargestellten 8D-Prozessschaubild und damit ein definiertes Vorgehen?
Fachexperte:
Ein direkt definiertes Vorgehen besitzen wird nicht. Grundsätzlich ist der Ablauf allerdings ähnlich. Die
erste Disziplin (Problemlösungsteam) ist durch das bestehende Entwicklungsteam gegeben. Die
Problembeschreibung (D2) existiert bereits. Sie ist das Ergebnis des Prozesses, welchen ich zuvor
beschrieben habe. Je nach Dringlichkeit können auch Sofortmaßnahmen (z. B. Backup aufspielen oder
Traffic umleiten) ergriffen werden. Das wird aber nur gemacht, wenn sich der Aufwand lohnt bzw. das
Problem groß genug ist. Die Disziplinen vier bis sechs bestehen bei uns in nur einem Schritt. Das ist
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
155
dann die Umsetzung des zuvor angesprochenen Tasks. Zu diesem Zweck besitzen wir eine Definition
of Done, welche definiert wann ein Problem gelöst bzw. eine Aufgabe abgeschlossen ist. Die genauen
Inhalte sind teamspezifisch festgelegt. Bei uns ist zum Beispiel vorgesehen, dass alle
Akzeptanzkriterien erfüllt und alle Änderungen und Test abgedeckt sind. Automatisierte Tests spielen
in der Entwicklung und Problemlösung ohnehin eine sehr wichtige Rolle. Die Disziplinen sieben und
acht sehe ich eher durch unsere sogenannten Retrospectives repräsentiert. In diesen besprechen wir
die aufgetretenen Probleme erneut und versuchen auf diese Weise nachhaltig aus ihnen zu lernen.
Grundsätzlich sind die Probleme eher kleinerer Natur, weshalb die Schritte nicht getrennt sind. Auf die
Analyse der Ursachen folgt daher direkt deren Behebung. Alles andere würde den Prozess unnötig
aufblähen und damit verlangsamen.
Interviewer:
Wie viel Zeit vergeht in etwa vom Aufkommen bis zur Behebung eines Problems?
Fachexperte:
Das kommt ganz auf die Dringlichkeit an. Wenn etwas sehr kritisch ist (z. B. Zahlungsanbieter ist nicht
zu erreichen oder Server sind offline) dauert die Behebung oft nur wenige Stunden. Aber der "PDF-
Download" kann z. B. durchaus Mal ein paar Tage warten.
Interviewer:
Eine letzte Frage noch: Besteht der Kunde auf einer Dokumentation der Ursachenfindung und
Problemlösung, oder ist er nur an einer schnellen Problemlösung interessiert?
Fachexperte:
Das ist sehr unterschiedlich und kommt letztlich auf den Kunden an. In der Regel geben wir aber aus
unternehmenstaktischen Gründen nur selten detaillierte Informationen heraus. Eigentlich nur wenn es
sich um einen internen Kunden handelt. Aus diesem Grund erhalten Kunden i. d. R. lediglich eine
Bestätigung über das Auftreten und die Bearbeitung der Beschwerde.
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
156
Anhang 9: Standardisierter Reklamationsprozess Teil 1/2
(Eigene Darstellung)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
157
Anhang 9: Standardisierter Reklamationsprozess Teil 2/2
(Eigene Darstellung)
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
158
Anhang 10: Beschreibung des standardisierten Reklamationsprozesses
Name:
ID:
Beschreibung:
Vorbedingungen:
Auslöser:
Ablauf:
Ergebnis:
Varianten:
Ausnahmen:
Durchführungsverantwortlicher:
Entscheidungsverantwortlicher:
Verpflichtung zur Mitarbeit:
zu informieren:
QDX-Dokument:
Input:
Output:
Anmerkungen:
(Eigene Darstellung nach VDA)
Anhang
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Anhang 11: Teilprozess Beanstandung ablehnen
(Eigene Darstellung)
Anhang
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Anhang 12: Morphologischer Kasten Geschäftsprozess & Verantwortung
Fehleranalyse Digitale Dienste
(Eigene Darstellung)
Anhang
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Anhang 13: Fragenkatalog Kooperationen zwischen Automobilherstellern und
Software-Start-ups
Sehr geehrte Damen & Herren,
im Rahmen meiner Forschungsarbeit an der Technischen Universität Berlin untersuche ich die Tendenz
zu neuen Kooperationen zwischen Automobilherstellern und Software-Start-ups aus dem Bereich
Connectivity. Als Ziel soll ein Leitfaden für die konkrete Gestaltung der Zusammenarbeit erstellt werden.
Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Qualitätsebene. Hierfür ist ein Verständnis der Arbeitsweisen und
Prozesse beider Seiten notwendig. Mit dem folgenden Fragebogen werden die grundlegenden
Vorgehensweisen in der Softwareerstellung erfasst. Der Fragebogen wurde mit der Software LamaPoll
durchgeführt. Die erhobenen Daten werden selbstverständlich vertraulich und anonym verarbeitet,
informieren sie sich hierzu gerne unter: https://www.lamapoll.de/Support/Sicherheit. In den folgenden
Punkten sind die Rahmendaten und Links zur Umfrage zu finden:
Wofür: Ausschließlich für den Forschungszweck der Masterarbeit.
Umfang der Umfrage: 18 Fragen.
Dauer der Umfrage: ca. 10-15 min.
Zeitraum: Die Teilnahme ist bis zum 15.01.2019 geöffnet.
Link zur Umfrage (Deutsch): https://lamapoll.de/QM-Software-Start-ups
Link zur Umfrage (Englisch): https://lamapoll.de/QM-Software-Start-ups_ENG
Wenn sie darüber hinaus Interesse an der Durchführung von Interviews zu dem beschriebenen Thema
haben, dann melden Sie sich gerne jederzeit bei mir. Auf den folgenden Seiten sind die entsprechenden
Fragen der Umfrage kurz für Sie zusammengefasst.
An dieser Stelle möchte ich mich im Voraus herzlich für Ihre Unterstützung bedanken.
Mit freundlichen Grüßen
Fragenkatalog:
1. Wie lange gibt es Ihr Unternehmen bereits?
2. Bietet Ihr Unternehmen Software-Produkte für Endkunden oder Unternehmen an?
3. Hat Ihr Unternehmen bereits kooperativ mit einem Automobilhersteller
zusammengearbeitet?
4. Wurde Ihr Unternehmen bezüglich eines Qualitätsmanagementsystems zertifiziert?
5. Sind in Ihrem Unternehmen feste Stellen für den Bereich Qualitätsmanagement?
6. Sind in Ihrem Unternehmen dezidierte Verantwortlichkeiten bezüglich der
Softwarequalität definiert?
7. Welche der folgenden Normen oder Referenzmodelle werden in Ihrem Unternehmen
angewandt.
8. Welche der folgenden Entwicklungsmodelle nutzt Ihr Unternehmen und welche
Relevanz haben die genutzten Entwicklungsmodelle?
Anhang
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9. Bitte tragen Sie die von Ihrem Unternehmen genutzten Entwicklungsmethoden in das
Freitextfeld unter dem Spaltenkopf "Entwicklungsmethode" ein und bewerten Sie deren
Relevanz.
10. Ein hybrides Entwicklungsmodell kombiniert mehrere Ansätze aus verschiedenen
Entwicklungsmodellen, nutzt Ihr Unternehmen ein hybrides Entwicklungsmodell?
11. Wenn Ihr Unternehmen kein hybrides Entwicklungsmodell nutzt, dann kreuzen Sie bitte
diese Frage an.
12. Wie regelmäßig evaluiert Ihr Unternehmen die in Projekten angewandten Software
Engineering Methoden?
13. Würden Sie sagen, dass der Herstellungsprozess von Software-Produkten in Ihrem
Unternehmen systematisch abläuft?
14. Würden Sie sagen, dass Ihr Unternehmen mit einem systematischen
Anforderungsmanagement arbeitet?
15. Würden Sie sagen, dass Ihre entwickelte Software fortlaufend und strukturiert
dokumentiert wird?
16. Würden Sie sagen, dass Ihr Unternehmen mit einem systematischen Änderungsmanagement
arbeitet?
17. Wie ist das Vertragsmanagement in Ihrem Unternehmen gestaltet?
18. Über weiteres Feedback und Hinweise Ihrerseits würde ich mich sehr freuen. Nutzen
Sie dafür bitte das folgende Freitextfeld.
Anhang
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Anhang 14: Interviewfragen Leitfaden Fehlermanagement
1. Für welche Produkte bzw. digitale Anwendungen sind Sie in der Abteilung zuständig? Vielleicht
können Sie ein paar Beispiele geben.
2. Welche Rolle spielen Softwarezulieferer bei der Entwicklung dieser dieser digitalen Produkte
Anwendungen?
3. Wieviel unterschiedliche Softwarelieferanten gibt es?
4. Mich interessiert vor allem wie das Fehlermanagement für die digitale Produkte, die in der
Nutzungsphase aussieht, und vor allem ob die Softwarelieferanten auch in dieser Phase eine
Rolle spielen? Wenn ja welche?
5. Wie wird im Betrieb eine effiziente und schnelle Fehlerallokation und Zuweisung zu einem
bestimmten Softwarelieferanten (der für den Fehler verantwortlich ist) sichergestellt?
(gemeinsame Systeme, Backup)
6. Welche Zugriffe auf erste Fehleranalysen/Produktivsysteme werden Softwarelieferanten
ermöglicht?
7. Gibt es Vorgaben an die Entwicklungsabteilung des Lieferanten, um ein anschließendes effektives
Fehlermanagement während des Betriebes zu gewährleisten?
8. Entstehen die Produkte hauptsächlich durch agile Softwareentwicklung? Hat das Auswirkungen
auf die Nutzungsphase, wenn ja welche?
9. Welche Rolle spielen während der Entwicklung Tests und Testautomatisierung, um anschließend
ein effektives Fehlermanagement zu gewährleisten?
10. Gibt es Kunden die als Betatester unfertige Produkte testen (gestaffelte Produktivsetzung)?
Anhang
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Anhang 15: Standardisierter Fehlerkatalog
Download (D)
(D1) Fehler Vertriebskanal / Verfügbarkeit
(D2) Fehler Unterstützung Betriebssystem
(D3) Fehler Datei Herunterladen
(D4) Fehler Installation / Deinstallation
Verifikation (V)
(V1) Fehler Registrierung / Erstellung Nutzerkonto
(V2) Fehler Anmeldung / Login
(V3) Fehler Aktivierung / Freischaltung
(V4) Prozessrichtlinien / Prozessgestaltung
(V5) Zustimmung Nutzugsbedingungen / AGB / Zugriffrechte
Support (S)
(S1) Störungs- Fehlerbeseitigung
(S2) Unterstützung bei Anwendungsproblemen
(S3) Informationsauskunft / Fachauskunft
(S4) Kontaktaufnahme / Erreichbarkeit / Warteschlange
(S5) Bearbeitungsstatus / Feedback / Empfangsbestätigung
(S6) Bearbeitungsdauer
Störung im Betrieb (B)
(B1) Fehler Funktion „Remote-Zugriff“
(B2) Fehler Funktion „Statusabfrage“
(B3) Fehler Funktion „Unterstützung“
(B4) Fehler Funktion „Weitere Funktionen“
(B5) Fehler Benachrichtigung / Falschmeldung
(B6) Transparenz Fehlermeldung
(B7) Datenverlust / personalisierte Einstellungen
(B8) Programmabstürze / Programmverklemmung
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Anhang 16: Funktionsübersicht
1) Remote-Zugriff
Remote Parking: Parken auf Knopfdruck, AUTOPILOT
Remote Control: Ver- und Entriegelung der Türen, Schiebedach, Motorhaube, Fenster,
Dach und Kofferraumklappe, Zugriff Rückfahrkamera, Außenspiegel anklappen, Motor
Fernstart und -stop
Remote Search: Signalhorn, Blinkleuchten
Remote Temperature: De- und Aktivierung der Standheizung und -belüftung
Remote Settings: Änderung von Einstellungen, Personalisierung: Farben,
Spiegeleinstellungen, Radiosender
Remote Monitoring: Gebiets- Geschwindigkeitsbenachrichtigung: Definition Grenzwerte
Digital Key: Smartphone als Fahrzeugschlüssel mit Sharing-Funktion
Nutzfahrzeuge
Remote Control: Aktive Steuerung Kippfunktion-Ladefläche, Niveauregulierung,
Lampenkontrolle, Arbeitslicht, Innenlicht, Ver- Entriegelung Ladebordwand
Elektromobilität
Remote Control: Ladeeinstellungen Ladevorgang starten und stoppen, Aufladeverhalten
definieren, Ladeprofile festlegen, Ladetimer
Remote Temperature: Vorklimatisierung
2) Statusabfragen
Information: Kilometerstand, Tageskilometerzähler Kraftstoff- Batterieladezustand,
verbleibende Restreichweite, elektrische Restreichweite (Hybrid), Reifendrücke,
Temperaturen, Garantieinformationen
Check: ver- entriegelte Türen, aus- eingeschaltetes Licht, Schiebedach, Fenster, Verdeck,
Kofferraum
Geographic Monitoring: Diebstahlwarnung, letzte Parkposition
Maintenance: Warnmeldungen und überfällige Wartungsereignisse, Verschleißgrad der
Bremsanlage, Hinweis zur nächsten Inspektion, Werkstatt hat digitalen Zugriff, Öl-
Restlebensdauer, Beifahrereairbag, Batterie- Motorcheck
Liquid Level: Fssigkeits-Füllstände Wischwasserstand, Bremsflüssigkeit,
Kraftstofffüllstand, Ölfüllstand, AdBlue-Füllstand
Nutzfahrzeug: Vorratsdrücke, Achslasten
Elektromobilität: Ladefortschritt, Powerwall Anteile Solarenergie, Batterieladestatus, Ladevorgang-
Abschlussmeldung
3) Unterstützung
Trip: Erleichterte Reisplanung, Senden der Zieladresse an das Navigationssystem
Reiseplanung und Zeitmanager: Benachrichtigung optimale Startzeit,
OnlineVerkehrsinformation (Live-Traffic), Gefahrenbenachrichtigung,
Verkehrszeicheninformation, Erweiterte 3D Darstellung, Parkplatz- Tankstellen-
Ladestellendienst
Emergency: Notfall- Pannendienstfunktion, SOS-Notruf RettungskräfteUnfallmeldung,
Service-Terminplanung
Evaluation: Auswertung Fahrprofile, Geschwindigkeiten, zurückgelegte Strecken,
Durchschnittsverbrauch und Fahrdauer
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Manual: Digitales Handbuch
Nutzfahrzeuge: Einfahrbeschränkungen aufgrund Fahrzeugdröße und zulässigem
Gesamtgewicht, FleetWork-Management, Ladung-Trackingsystem, Lenk- Ruhezeiten, Reports,
Bewertung Fahrverhalten
4) Weitere Funktionen
Online-Services Neuwagenbestellung: Status Produktion
Integration von Mobilitätsdienstleistern: moovel, car2go, mytaxi
Concierge Service: Restaurant- Hotelempfehlung, Eventbuchung, Blumenbestellung,
Auskunft über Aktienkurse, Kinoprogramm, Wettervorhersage
In-Car Office: Telefonkonferenzen, autom. Zielübertragung zu Ortsangaben aus dem
Terminkalender, Anzeige Konferenzdetails, Anzeige der To Dos
App Connect: Mirrow-Link, Android Auto, Apple CarPlay
Autom. Benachrichtigung bei Zielerreichung: SMS Versand an festgelegte
Personengruppen
Online Kartenaktualisierung
Last Mile Route, Wegbeschreibung
Routinefahrten: Benachrichtigung bei außergewöhnlichen Ereignissen
WLAN-Hotspot
Informationsdienste: Wetter, Nachrichten, Bus- Flug- Bahninformation, Treibstoffpreise,
City-Events, Landesinformationen
Video-Anleitungen
Digitales Fahrtenbuch: Reisekostenabrechnung
Valet Modus: Werkstattbesuch, ausblenden persönlicher Daten, Geschwindigkeits-
Leistungsbegrenzung, Verriegelung Handschuhfach, Frontkofferraum
Voice-Pilot: Sprachsteuerung, Vorlesefunktion
Smart Home: Garage öffnen, Rollläden hochfahren, Temperatursteuerung
Demo Testversion: virtuelles Fahrzeug
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Anhang 17: Tool zur Fehlererfassung
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(Eigene Darstellung)
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Anhang 18: Fehlerklassifizierung nach Fehleranalyse (Car-Net)
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Anhang 19: Kundenfeedback Kanäle
1. Internet-Browser
Quelle: https://translate.google.de/?hl=de&tab=wT
2. E-Mail-Nachricht (persönlich)
3. Per App
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Anhang 20: Fehlervergleich (1/2)
Anhang
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Anhang 20 Fehlervergleich (2/2)
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Anhang 21: 4D+1-Methode
(Eigene Darstellung)
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Anhang 22: Interviews Anpassung der Rolle QM im Bereich Connectivity
Interview 1
Interviewpartner: Testmanager in der Entwicklung im Bereich Connected Car mit dem Schwerpunkt End-to-
End Testing (Abkürzung: IP - Interviews Partner, I - Ich)
Frage 1: In welchem Bereich sind sie tätig und wie lange gibt es diesen Bereich bereits im Unternehmen?
IP: Ich bin im Bereich der (RD/UED) Forschung und Entwicklung im Gebiet Connected Car im End-to-End
Testing. Also die Abnahmen-Test-Abteilung bei Daimler aus Sicht der Baureihen.
Frage 2: Welche Stellung besetzen sie in diesem Bereich?
IP: Eine davon ist Testmanager bzw. Defect Manager für den Managementprozess.
Frage 3.1: Wie lange sind sie bereits in der Entwicklung für Connectivity Produkte tätig?
IP: Seit zwei Jahren.
Frage 3.2: Haben sie bereits Vorerfahrung in der Entwicklung von digitalen Produkten oder von
Softwareprodukten gemacht?
IP: Ja ich war 20 Jahre bei der IBM auch im Testmanagement oder im Test Bereich als Tester, Business-
Tester, technischer Tester, Test-Architekt, Test-Consultant und Testmanagement. War 20 Jahre tätig in
kundenspezifischen Projekten mit kleinen Projekten mit 30 Mann bis zu 250 Mann Projekten.
Frage 4: Welche digitalen Produkte im konkreten begleiten Sie denn?
IP: Aktuell im Bereich Connectivity begleiten wir hauptsächlich alle Themen, die mit der Connected Car
(Mercedes-me) Frontends zu tun haben. Wir testen nur stichprobenartig. Portal-Testen dann als
Schwerpunkt die User Experience im Auto. Dann gibt es auch noch ein Parallel-Team im anderen Bereich,
die testen quasi hauptsächlich im Auto und die Dienste quasi nur stichprobenmäßig. Das heißt die sind mehr
Fahrzeug-zentriert und wir sind mehr Frontend-zentriert also Apps oder Programme.
Frage 5: Wie sind denn die Bereiche Entwicklung und Qualitätssicherung für Connectivity Produkte im
Unternehmen eingegliedert? Also sind das in der Organisation des Unternehmens eigensndige Bereiche
oder ist das Qualitätsmanagement auch in die Entwicklung integriert?
IP: Jain, ja und nein. Generell ist in der Entwicklung immer ein Test Bereich in die Entwicklung eingegliedert.
Unsere Abteilung als eigenständige Test-Abteilung wurde vor knapp drei Jahren gegründet, weil festgestellt
wurde, dass jedes System seine eigene Qualitätssicherung macht und wenn die Systeme dann
zusammengeschaltet werden, das Gesamtsystem nicht funktioniert. Und es wurde dann feststellt es
funktioniert gar nicht, was da von den einzelnen Software Entwicklungsbereichen geliefert wird. Es sollte
also ein eigenständiges Testing geben, das Ende zu Ende testet. Sprich über alle beteiligten Systeme
hinweg. Also der aktuelle Standard für die Qualitätssicherung: Erst entwickelt und testet jeder für sich selbst
und dann kommt ein unabhängiges Team, also halbwegs unabhängiges Team und testet dann nochmal
End-to-End mit eigenen Test-Managern und eigenen Test-Ressourcen. Also mit eigenen Autos und auch
eigenen Prozessen. Jedes Entwicklungs-Team hat für sich seine Entwicklung und eigene Tests, manche
machen es mehr und manche machen es weniger. Theoretisch sollten die sich untereinander absprechen
und die ersten Integrationstests machen zwischen verschiedenen Modulen, bevor es zu uns geht als erste
unabhängige Testorganisation. Das findet aber nicht immer statt, was heißt, wir sind die Ersten die zum
ersten Mal von allen Modulen und Services zusammen ein neues Release zu sehen bekommen.
Frage 6: Hinweis auf den Produktlebenszyklus bzw. Entwicklungszyklus angefangen von der
Anforderungsfestlegung bis zur Außerbetriebnahme. An welchen Stellen entlang dieses Zyklus gibt es
Schnittstellen zwischen Entwicklung und Qualitätsmanagement?
IP: Meine Rolle ist der mittlere Teil, sprich Test- und Integration. Und da eher die rechte Seite von diesem
Fall da wir als unabhängiges Test-Team agieren. Also ohne Weisungsbefugnis des Entwicklungsteams und
die Entwicklungsteams machen auf der linken Seite die ersten Tests selbst. Wir haben bei 20 bis 25
verschiedene Themen und Module
IP: Der größte Unterschied, den wir haben, ist das bei Hardware-Komponenten die Vorlaufzeiten sehr viel
höher sind, sodass die eine Fehlerbehebung nicht so einfach machen können, wie in der Entwicklung von
reinen Softwareprodukten oder reinen Connectivity-Produkten, die nur Backend haben und wenig Frontend-
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Anteile. Wie ich vorher schon gesagt habe, haben wir auch Hardware-Anforderungen oder oftmals Software
im Fahrzeug, die wir benutzen müssen oder brauchen. Das heißt, da sind wir auch eingebunden. Es gibt
ein Teil Richtung Backend und Kunden-Frontend, den wir erst sehr spät testen können, sehr zeitnah ein
Fehler fixen können und teilweise auch noch in der Produktion Fehler finden können, wenn dort welche
auftreten. Im Gegensatz zu Hardware-Anforderungen oder Software, die auf der Hardware im Auto läuft, die
wir relativ frühzeitig schon testen müssen, um dortige Fehler zu entdecken. Dass die noch im
Fahrzeugentwicklungs-Prozess rechtzeitig behoben werden, da benötigt man eine Vorlaufzeit von bis zu
einem halben Jahr.
Frage 7: Zum Verständnis, der Entwicklungsprozess der Hardware verläuft innerhalb anderer Teams bzw.
Projekte als der Software-Erstellungsprozess für das Produkt, richtig?
IP: Ja und nein. Es gibt quasi ein Generalunternehmer für uns, der in die Hardware-Entwicklung und
zusätzlich auch in die Software-Entwicklung integriert ist. Die arbeiten hier sehr eng mit der
(Daimler-)Entwicklungsabteilung zusammen, um eben neue Features, die eine Hardware-Änderung im
Fahrzeug notwendig machen, auch rechtzeitig einfließen lassen zu können.
Frage 8: Wer nimmt Kundenanforderungen im Prozess auf bzw. wie wird diese betreut? Ist das ein
kontinuierlicher Prozess oder ist das eine einmalige Aufnahme?
IP: Bei Hardware ist es eine einmalige Aufnahme. Alles andere wird schwieriger einzustellen da CRs immer
teurer werden bzw. dann in die nächste Generation verlegt werden können. Im Falle des Fahrzeugmodel
(A-Klasse) wurde das schon vorher eingeplant indem man sogenannte Fresh-Ups eingeführt hat, das heißt
man hat einen Stand SOP und im Nachhinein kommen Fresh-Ups. Das heißt da kommen dann neue
Software-Stände, so kann man noch nachträglich neue Anforderungen eintüten. Das heißt man möchte das
Fahrzeug immer noch mit neuen Features versorgen können. Zu diesem Zweck versucht man mit gewissen
Plattform-Technologien zu arbeiten. Das heißt man hat gewisse Hardware und Plattform-Techniken und
man kann durch neue Backend-Kausalitäten neue Features anbieten. Das Fahrzeug bietet gewisse
Möglichkeiten, die praktisch schon da sind und daraus kann man dann neue Connect Services stricken. Es
gibt Komponenten, die sie frühzeitig anfordern ssen. Das heißt vom Anforderungsmanagement der
Hardware reinkommen müssen.
IP: Diese Änderungen kann man über Backend machen und da sind die Zyklen sehr viel kürzer. Also
Hauptunterschied zwischen Fahrzeug-Hardware-Komponenten und Connectivity-Produkten sind das der
Zyklus tatsächlich sehr viel kürzer ist und leichter erneut zu durchlaufen. Wenn Hardware im Fahrzeug
benötigt wird, ist es deutlich schwieriger und wird meist in die nächste Fahrzeuggeneration verschoben. Man
versucht das auch zu entkoppeln, das heißt man packt schon möglichst viel in die Fahrzeug-Anforderungen
mit rein und benutzt diese als Art Plattform und speist über das Backend neue Funktionen ein. Dadurch ist
es möglich den Hardware-Zyklus und den Software-Zyklus voneinander zu entkoppeln.
Frage 8: Gibt es automatisierte Tests bzw. wer ist für das Testing verantwortlich innerhalb des
Softwareprojekt?
IP: Eigentlich jeder, da es auf allen Ebenen stattfindet. Die Testpyramide von Martin Fowler kennen sie
vermutlich? Der untere Teil umfasst die billigsten, dafür in großer Breite, Unit Test oder Komponententests.
Nach oben hin werden es dann weniger, da die teurer sind. Sie bauen alle aufeinander auf. Das heißt jedes
Entwicklungsteam macht eigene Unit Test vor dem Build und Deploy machen sie ihre Unit-Tests und wenn
dann etwas schiefläuft und kein Bild aufgebaut wird, danach werden die ersten komplexeren,
automatisierten Tests durchgeführt, bevor wir es auf die Testumgebung bekommen. Wir sind in dieser Test-
Pyramide relativ weit oben, sprich Richtung Tests, die man auch manuell von Hand machen muss. Wir
haben zwar auch automatisierte Tests und eben die Regressionstests, die zum Großteil abzudecken. Und
wenn es Richtung Oberfläche-Testing geht, das heißt Backend und Server, die dort Automatisierung testen.
Wir haben aber auch im Aufbau Tests, die runter gehen bis zum Fahrzeug. Also automatisierte Tests bis ins
Fahrzeug, sprich sie legen User an, die verknüpfen sich mit dem Fahrzeug und die machen im Fahrzeug
dann die Tür auf, sie fragen den Tankfüllstand ab oder es wird an den Fahrer zurückgemeldet, wenn sich
das Auto bewegt. Das wird dann abgeprüft. Das wird nur für Regressionstest hauptsächlich gemacht und
nicht um neue Funktionalitäten zu testen. Die automatisierten Regressionstests werden vor allem für alte
Funktionalitäten angewendet, die schon existieren, da diese noch funktionieren sollten. Die gehen teilweise
runter bis ins Auto, das heißt wir haben Testautos hier die immer online und immer Empfang haben. Da
machen wir die Gut-Tests und die Schlecht-Tests machen wir manuell und die gut-Tests laufen automatisiert
ab. Das ist deutlich leichter automatisiert abzufragen, ging alles gut? Wenn ja: Gut, wenn nein: Folgt ein
manuelles Fehlermanagement. Das soll verhindern, dass man sich zu Tode klickt und dass die neuen
Funktionalitäten dann manuell in der Tiefe getestet werden können, da die einfachen Tests automatisiert
gemacht werden.
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Frage 9: Was sind die größten und bedeutendsten Unterschiede zwischen Hardware- und
Softwarekomponenten im Bereich Connectivity? Gibt es Maßnahmen, die aus diesem unterschied
resultieren oder resultieren sollten?
IP: Wir haben auch immer noch eine Kopplung mit der Fahrzeug-Software und Hardware, die im Fahrzeug
verbaut ist. Das heißt, wenn wir bei alten NTGs bisher neue Features brauchten, da war die Software sehr
starr. Wenn wir darauf neue Dienste entwickelt wollten, waren wir beschränkt auf die Möglichkeiten, die
schon da waren. An Signalen, an Möglichkeiten dort einzugreifen im Auto. Und mit den neuen NTGs also
Head Units oder Infotainment Systemen können wir ins Fahrzeug eingreifen, wie z.B. Fenster hoch und
runterfahren oder Fahrzeug anschalten und ausschalten bzw. Türen aufschließen und zu schließen, da
versuchen wir zu entkoppeln, das heißt, man packt schon sehr viel ins Auto rein und stellt eine Art Plattform
her. Dann kann man sich relativ schnell neue Software oder neue Features quasi zusammenbauen, ohne
dass sie eine Hardware Änderung oder neue Software benötigen.
Frage: Das heißt man lässt einige Schnittstellen offen?
IP: Z.B. die ersten iPhones waren noch sehr beschränkt und in späteren Versionen kam dann der App-Store
dazu, wo sie in der Lage waren sich nachträglich neue Apps herunterzuladen und die dann auch zu benutzen
oder zur Programmierung freizugeben. Also hat man weiterhin die Fahrzeug-Entwicklungszyklen, wo man
relativ lange Vorlaufzeiten benötigt, mit sehr harten Prüfkriterien und mit sehr vielen Testkilometern, um alle
Eventualitäten abprüfen zu können. Hitzebeständigkeit, Kältebeständigkeit, das sind einfach Sachen, die
müssen Sie testen und mit in die Entwicklungsarbeit einstellen. Es werden also mit einem gewissen Puffer
Hardware-Ausstattung und Software und mit gewissen Standard APIs, auf die man dann von Außen
zugreifen kann und über das Backend anpassen kann, ausgestattet. Das heißt man verlagert mehr
Funktionalität Richtung Backend, weil es von dort deutlich leichter ist einen Software-Stand aufzuspielen
und zum Beispiel durch A-B-Tests zu prüfen. Das heißt in 10% der Autos arbeite ich mit diesem Stand und
die Restlichen 90% belasse ich bei dem alten Stand. Dann beobachte ich was passiert. Also einmal, wo
muss ich mich im Fahrzeug-Entwicklungsprozess anpassen, was die langen Laufzeiten angeht, einfach aus
Qualitäts- und Sicherheitsgründen und wo kann ich das Fahrzeug schon so bauen bzw. Entwickeln lassen,
dass ich praktisch eine bekomme, wo ich dann beliebig neue Dienste draufbauen kann. Das heißt Software
in das Fahrzeug reinbringen kann, die für die Nutzer ein Gewinn bringt.
Frage 10: Agile Arbeitsweisen haben wir bereits angesprochen. Für die Software-Branche ist das ja bereits
gängige Praxis, wohingegen in der Automobilbranche erst seit ein paar Jahren. In welchem Umfang wird
das in der Entwicklung von Connectivity Produkten angewendet?
IP: Also bei den einzelnen Teams Richtung Frontend-Bereich, also Customer Experience Bereich, also
Smartphone oder Desktop, da wird das schon sehr stark angewendet, weil wir dort relativ kurze Zyklen
benötigen, um Fehler zu korrigieren und zu beheben. Bei der Fahrzeugentwicklung können sie aber nicht
sagen, ich baue jetzt ein neues Steuergerät ein, weil mein alter Prozessor nicht ausreicht oder weil die
Hardware die große Hitze in den arabischen Emiraten nicht aushält. Das bekommen sie nicht hin. Da
kommen ganz schnell mal Kosten in mehrstelliger Millionenhöhe auf sie zu und auch die Reputation leidet.
Agilität lebt davon, dass ich Fehler machen darf und diese schnell beheben kann. Wohingegen es bei der
Fahrzeug-Hardware schwierig ist dort Fehler zu machen. Da müssen sie sehr wohl noch versuchen
möglichst fehlerfrei zu arbeiten, bevor es zum Kunden geht oder in den Abnahmeprozess geht, weil es dann
in die Produktion anders gebaut werden müsste. Während bei reiner Software sie noch Änderungen selbst
in der Produktion schnell machen können. Momentan haben wir da einen Drei-Monats-Rhythmus für
Standard-Releases, aber da müssen wir noch schneller werden. Bei Porsche sind sie dabei alle zwei bis
vier Wochen neue Features rauszubringen. Das funktioniert für die Kunden-zentrischen Sachen, sobald sie
aber ins Fahrzeug rein müssen, haben sie das Standardproblem, mit zu langen Laufzeiten und eben sehr
hohen Qualitätsansprüchen.
Frage 11: Wie heißen die Projektmanagement-Methode bzw. das Vorgehensmodell, das in der Entwicklung
angewendet wird? Ich habe bereits einiges gelesen über Scrum und Extreme Programming, gibt es dafür
auch einen Namen?
IP: Ja und nein. Jedes Entwicklungsteam darf selbst entscheiden, ob sie Scrum oder Kanban nehmen. Das
hängt vom Team ab oder den Anforderungen, die vom Management oder dem Kunden an das Produkt
gestellt werden. Da geben wir keine Vorgaben. Unser Team ist im SW-Entwicklungsprozess relativ weit
hinten. Das können sie sich so vorstellen, vorne erfolgt Anforderungsfestlegung, Grob- und Feinplanung,
Implementierung dann der erste Schnitt zwischen Implementierung und Integration. Dieser Abschnitt läuft
komplett agil ab und jedes Entwicklungsteam darf das für sich entscheiden, welche Entwicklungsmethode
sie verwenden. Bei dem ersten Test und Integration, wo praktisch alle Systeme zusammenkommen, da
fahren wir naja nicht Wasserfall, aber auf diesen Stand, da testen wir alle Funktionalitäten durch, wir machen
die Regressionstest Ende-zu-Ende wirklich bis ins Auto rein. Wir haben echte Autos bei uns, die werden
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gefahren, um eben Fehler im Echtbetrieb zu sehen. Wechselnde Mobilfunk-Verltnisse oder
Dopplereffekte sind praktisch Sachen, die sie nicht richtig simulieren können. Und um quasi diese
Fehlerquellen auch abzufangen wie z.B. Doppel-Verarbeitung von Signalen, eine Rückmeldung kommt vom
Auto nicht rechtzeitig an, unterschiedliche Latenzzeiten in den Märkten europaweit. All diese Sachen, die
nicht im Standard-Entwicklungstest rauszubekommen sind. Das heißt wir sind dann eher in Richtung Test
und Integration das heißt normale Qualitätssicherungsmaßnahmen unterwegs. Sprich wir machen die
kompletten Regressionstests plus einen Test von allen neuen Features und melden das dann an die
entsprechenden Entwicklungsteams zurück. Darauf aufbauend können die dann mit Scrum oder Kanban
arbeiten. Also uns regelmäßig neue Versionen bringen. Bis zu den festgelegten Zeiten, wo man sagt, jetzt
geht es in die Produktion. Davor wird der aktuelle Stand für drei bis vier Wochen eingefroren, um diesen
dann im Gesamtkontext zu testen. Und bis dahin darf jede agile Methode angewendet werden, die einen
wollen Scrum, die anderen Kanban, manche wollen Wasserfall. Das ist uns nach hinten hinaus egal, solange
die sagen, ok hier ist die Software bitte schaut von extern noch mal drauf im Zusammenspiel mit allem
anderen System inklusive Auto. So wie ein echter Kunde dann eben auch am Ende die Sicht auf das
Gesamtsystem hat. Also ob die dann einen riesigen Entwicklungszyklus machen von maximal acht Wochen
wo dann ein neues Release kommt oder ob die dann wöchentliche Sprints machen mit Scrum oder Kanban,
ist uns relativ egal. Das sind deren eigenen Entwicklungszyklen. Was uns interessiert ist, dass die Software
im versprochenen Umfang abgeliefert wird. Das heißt, dass die neuen Features nicht nur für ein neues
System gebracht werden, sondern für vier, fünf, sechs verschiedene Systeme.
Frage 12: Das heißt das Testing steht da außerhalb und ist nicht in diese Zyklen mit einbegriffen?
IP: Genau sie haben vorne rum bis zur ersten Hälfte der Test und Integrations-Phase, da haben sie diese
vielen Zyklen oder auch nur einen Zyklus von jedem Entwicklungs-Team. Das ist eben der Entwicklung
selbst überlassen und dann kommen wir und testen einmal komplett über alle Systeme mit der
Komplettübersicht. Also aus Endkunden-Sicht, sprich dass dann auch im Auto ankommt, dass beim Fahren
dann auch Rückmeldung kommt. Über alle beteiligten Hardware-Komponenten und Software-Komponenten
muss das dann ja auch funktionieren. Dann geht das in die Produktion für aktuell noch 3 Monate. In Zukunft
werden die Zyklen dann kürzer werden. Das geht dann schon eher in Richtung Continuous Integration,
Continuous Testing und Continuous Deployment. Einfach die Entwicklung zu verkürzen. Aber es wird immer
eine Phase geben, wo praktisch alle Systeme eine neue Funktionalität gemeinsam abgeben müssen Wo es
dann in den End-to-End reingeht für drei bis vier Wochen und dann geht es erst an den Kunden heraus.
Damit stellen wir sicher, dass alle Systeme auch zusammen die neue Funktionalität liefern können und nicht
jemand sagt, ja bei mir hat es aber funktioniert sie haben die AP falsch verstanden. Das kann ja passieren.
Frage 13: In welcher Form werden denn Mitarbeiter in der Abteilung bzw. in dem Team gefördert und
weiterentwickelt? Gerade hinsichtlich dieser Testing-Maßnahmen und Qualitätssicherungsmaßnahmen?
IP: Im Team haben wir zwei Schwerpunkte. Also einmal diese Hardware-Technik, weil sie ja auch immer
Fahrzeug mit testen müssen und oftmals eben auch im Fahrzeug das Problem ist. Das heißt z.B., dass die
gesendeten Signale nicht die gewünschte Information richtig wiedergeben. Das heißt, Sie müssen ins
Backend schauen und dort etwas anders machen, also versuchen, den Fahrzeug-Fehler über das Backend
zu lösen. Dafür brauchen sie jemanden der sich Fahrzeug-technisch relativ gut auskennt. Also auch
Richtung Kernebene und darunter. Da haben wir Leute, die sich dorthin weiterentwickeln. In Zukunft gibt es
ja auch diesen Can over Ethernet. Das heißt, dass ein Teil des Teams das Fahrzeugtechnik Know-how
aufbaut und der andere Teil, der sich Fachwissen in der Softwareentwicklung aufbaut. Das heißt
verschiedene agile Testing Methoden die es da gibt z.B. die ISTQB-Schulung.
Frage 14: Welche Methoden und Werkzeuge gibt es denn, welche sich an ständiger Verbesserung
ausrichten im Team oder im Projekt bzw. Produktentwicklung? Was wird da denn gemacht?
IP: Für uns ist es wichtig, ein starkes Release Management zu haben. Das heißt, was, wann kommt, welches
Feature zu uns in welcher Baureihe, damit wir wissen gegen was testen wir eigentlich. Das widerspricht in
gewisser Weise dem agilen Gedanken, bei dem ich erstmal ausprobiere, was gehen könnte. Wirssen
aus Endkunden-Sicht wissen, was kommt und welche Systeme müssen für dieses neue Feature geändert
werden. Also wir bekommen keine Klassendiagramme oder Sequenzdiagramme, sondern die Use Case
Beschreibung aus einer Kundensicht. Und das heißt, da brauchen wir ein Anforderungsmanagement, was
uns sagt, wann kommt welches Feature und in welchem Markt soll es kommen. Da brauchen wir schon
Vorlauf von einem halben bis dreiviertel Jahr, um sich darauf einzustellen. Designabstimmung kann dann
auch immer noch während dem Test passieren. Also wenn die GUI nicht funktioniert oder nicht effizient ist
dann kann man da auch noch kleine Änderungen machen. Aber prinzipiell bei einem Feature zu sagen, nein
das soll jetzt komplett anders verlaufen, ich mache das jetzt in zwei Wochen anders. Das funktioniert bei
uns auch nicht, speziell, wenn mehrere Systeme beteiligt sind und Änderungen an jedem System gemacht
wurden. Dann kündigen wir ein Feature ab und sagen, kommt für das nächste Release in zwei Monaten
wieder und macht euch Gedanken darüber, wie ihr das kundenfreundlicher machen könnt. Das haben wir
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auch schon gehabt das Features abgelehnt wurden, da sie nicht kundenbedienbar waren. Das kam dann
eben im nächsten Release noch mal deutlich verbessert.
Frage 15: Werden die dann schon bei der Produkt-Anforderungsaufnahme mit dem Kunden diskutiert oder
passiert das dann wirklich erst wenn es schon im Entwicklungsprozess ist?
IP: Es kommt drauf an. Es gibt verschiedene Wege, wie neue Features reinkommen können, da gibt es
keine richtigen Vorschriften. Es gibt ein eigenes Team, das nennt sich Ideas to Product, welches wirklich
strategisch überlegt, wie wollen wir uns von den Mitbewerbern in Zukunft abheben. Da werden strategische
Zukunftsfelder oder Themen auch definiert. Dann gibt es noch das Team für einzelne Customer Function,
die dann verantwortlich sind für das neue Feature aus Kundensicht und dann auch eigne Entwicklungsteams
bekommen. Die machen dann auch die Abstimmung mit den Verträgen und klären auch schon, was die
rechtlichen Anforderungen sind und wo kann man es überall anbieten. In der EU ist das dann aktuell noch
relativ einfach, weil dort ähnliche rechtliche Rahmenbedingungen herrschen, aber sobald sie dann in die
USA gehen kommt eine strenge Produkthaftung ins Spiel. Das heißt, da müssen wir auch nochmal
Rücksprache halten. Bevor das in die Produktion gehen kann, benötigen wir rechtlich abgesicherte
Nutzungsbedingungen in den Sprachen, in denen wir es dann auch vertreiben wollen. Und um das Ganze
zu koordinieren gibt es das Customer Function Owner Teams, dass diese Themen dann treibt. Eine andere
Quelle für neue Features ist die Marktforschung, die sagt, okay wir brauchen etwas Neues. Das stammt
dann aus neuen Kundenanforderung. Oder der Vorstand (E1) hat auf der Messe irgendwas Cooles gesehen
und kommt dann mit der Anforderung, dass er das auch haben möchte. D.h. es gibt verschiedene Wege zu
neuen Anforderungen, aber es gibt ein zentrales Demand Management, welches diese Sachen aufnimmt
und bewertet und dann auch entsprechend mit den Entwicklungsteams den Aufwand bewertet. Das Demand
Management bringt das dann auch rein. Es ist also so eine Art “Pipeline“. Aber wer das in die
“Pipeline“ reinstellt, dass ist egal.
Frage 16: Wo sehen Sie die größten Verbesserungsmöglichkeiten im Produktlebenszyklus? An welchen
Stellen?
IP: Das ist jetzt aus meiner Sicht und Erfahrungen als Tester. Ich sage immer, die einfachste
Verbesserungsmaßname ist, wenn man sich vorher mehr Gedanken darüber macht und eigenständig testet
und nicht einfach nur runter programmiert. Das heißt praktisch den Blick über den Tellerrand zu werfen und
das eigene Produkt in einem Gesamtkontext von Fahrzeug bzw. von Backend zu Frontend zu sehen. Das
heißt, aus Sicht eines Endkunden, der eben nicht nur diese einzelne Funktionalität sieht/benutzt, sondern
eben die Funktionalität eingebettet hat in einer Connected Cars App oder einem anderen Frontend. Das
heißt es sollte sich ähnlich verhalten und benutzerfreundlich sein, nicht nur für Deutsche sondern auch
Japaner, Koreaner, Amerikaner. Aber das ist oftmals das Problem, dass man sieht es wurde am Anfang
nicht genügend durchdacht. So sehe ich das aus Tester-Sicht. Ich hätte es am liebsten so, dass ich eine
Software bekomme, die sauber abgestimmt ist zwischen allen beteiligten Parteien und ab sofort benutzbar
ist ohne Fehler. Aber das ist eine Wunschvorstellung.
I: Ja das ist der Idealfall.
IP: Genau und in der Realität weicht man eben davon ab. Also wie gesagt, ich war davor 20 Jahre bei der
IBM bei allen großen Kunden hier in Europa, und auch Mittelständler und die kämpfen praktisch alle mit den
gleichen Problemen. Sprich sehr ehrgeizige Zeitpläne etwas Neues zu bringen, damit man beim Kunden
einen Unique Selling Point bekommt. Und dementsprechend wird dann möglichst schnell, wenn es dumm
läuft, vorne das Anforderungsmanagement verkürzt dargestellt oder nicht gemacht. Die Entwicklung hat
auch nicht so viel Zeit. Das heißt Unit-Tests fallen runter oder es werden nur sehr Einfache gemacht und
dann fehlt noch eine Absprache zwischen verschiedenen Systemen. Letztendlich kommt es dann das erste
Mal im End-to-End Test zusammen und dann knallt es. Das ist weniger ein Fahrzeug-spezifisches oder
Software-spezifisches Problem, sondern ein allgemeines Problem in der Softwareentwicklung. Deshalb
haben wir auch versucht das agil zu machen, das heißt, um schnellere Zyklen zu bekommen indem ich
einfach Software schneller in den End-to-End Test gebe und früher Rückmeldungen bekomme. Und da ist
das Problem, dass wenn ich viele verteilte Software-Entwicklungsteams habe, die zusammenarbeiten
müssen. Irgendwann bringt man dann alles zusammen und dann knallt es meistens gewaltig, wenn vorher
zu wenig abgestimmt wurde.
I: Verstehe. Das wird oftmals in der Literatur übersehen. Man geht immer davon aus, eine Software zu haben
und ein Entwicklungsteam, das daran arbeitet und dabei dann möglichst auch zusammenarbeitet. Aber es
ist eben meistens so, dass mehrere Projekte parallel laufen und dann auch zusammenfließen, da müssen
auch die Abstimmung bzw. die Kommunikation stimmen.
IP: Und da braucht man eben am Anfang schon einen sauberen Schnitt, eine saubere Trennung. Das ist ein
Ansatz den sehen sie auch bei Amazon, Apple und Android. Die haben eine Plattform, auf der bieten sie
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
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eine große Fülle an Funktionalitäten, die dann App-Entwickler zusammenbauen bzw. darauf aufbauen
können. Das heißt es findet eine Entkopplung statt zwischen verschiedenen Systemen und fachlichen
Modulen. Dann hat man das Problem, dass man zwar agil arbeitet aber am Ende muss es eben
zusammenpassen und wenn man dann Vorne keine Absprachen hat bzw. keine verbindlichen Absprachen
gemacht wurden, was ja dem Agilen widerspricht, na ja nicht widerspricht, aber da liegt eben nicht der
Schwerpunkt dann knallt es hinten. Das heißt, wenn bei der agilen Entwicklung dann später ein Produkt
rauskommt und für den Kunden auch eine Kundenerfahrung entstehen soll, braucht es eine Trennung in
eine Plattform, die die Basis-Funktionalitäten bereitstellt und darauf aufsetzenden fachlichen Modulen / Apps.
Also quasi eine Plattform, worauf dann die einzelnen neuen Komponenten aufsetzen, die der Kunde dann
benutzen kann. (5 zeilen)
I: Entschuldigung das letzte Wort, den letzten Satz habe ich gerade nicht verstanden.
IP: Das Ziel ist es die vielen Module oder die vielen Entwicklungssysteme als ein Kunden-Produkt
abzuliefern. Das heißt sie sollten sich überall ähnlich verhalten oder ein gleiches Profil haben. Zum Beispiel
bei der Connected Car App (Mercedes-me App). Da gibt es mehr als 15 verschiedene Entwicklungsteams,
die da die einzelnen Komponenten rein liefern und die sollten sich alle ähnlich verhalten. Alles was unter
einem gemeinsamen Einstieg an einer Oberfläche kommt, sollte sich ähnlich verhalten. Das heißt es muss
gewisse Vorgaben geben, wie die Einbindung auszusehen hat. Also rein agil, d. h. wenn sie machen, was
sie wollen, funktioniert das nur bedingt, wenn sie eine App haben und verschiedene Entwicklungsteams die
verschiedene Funktionalitäten in dieser App liefern. Das heißt man benötigt gewisse Vorgaben, möglichst
allgemein gehalten soweit es geht, aber eben auch so detailliert gehalten wie möglich.
Frage 17: Ist es denn auch vorstellbar, wenn man das vergleicht mit der Smartphone Industrie, dass man
eben sagt, man hat eine Plattform und eben mehrere Schnittstellen, wo diese einzelne Software wie eine
Art App eingespielt werden und in dieses Gesamtsystem integriert wird?
IP: Genau das ist dann das Ziel. Das ist praktisch die Entkopplung bzw. Abstrahierung vom Fahrzeug und
von der Software, die darauf nachher laufen soll.
Frage 18: Also dann praktisch das Fahrzeug ansehen wie ein Mobile Phone. Und da dann durch einen App
Store praktisch die einzelne Software downloaden und anbringen durch vordefinierte Schnittstellen. Das
wäre praktisch die Idee dahinter?
IP: Genauso ist praktisch die Idee das man versucht eine Plattform herzustellen wie beim iPhone. Wobei
auch da haben sie unterschiedliche Hardware Plattformen. Das heißt sie haben Apps, die laufen auf jeder
Hardware und es gibt Apps, die nur laufen, wenn sie auch den neuesten Prozessor haben. Aber es läuft
alles über die gleiche Plattform. Letztendlich versuchen sie eine Plattform drunter zu bauen, bei der 80%
aller Funktionen für alle Fahrzeuge funktionieren und der Rest nur für die neuesten Fahrzeuge, die noch
mehr Möglichkeiten hardwareseitig bereitstellen können. Damit ich nicht drei Jahre später feststelle, okay
die Software, die ich im Auto drin habe, sieht einfach veraltet aus.
Frage 19: Genau das ist auch das Hauptproblem, was ich jetzt eben herausgehört habe. Und wenn das
dadurch gelöst oder verbessert werden kann, wäre das ja schon ein ziemlich wichtiger Step.
IP: Wobei man darf auch da nicht vergessen, dass ein Smartphone, so bei Google zumindest, nach zwei
Jahren weggeworfen werden kann, weil es dann praktisch keine Sicherheitsupdates mehr bekommt.
I: Klar auch da sind die Zyklen der Entwicklung sehr viel schneller.
IP: Klar und es geht auch um einen anderen Wert. Es tut schon weh, wenn man ein Smartphone für ein paar
100 € nach zwei bis drei Jahren wegwerfen muss. Das können Sie den Kunden, einem Fahrzeug-Kunden,
nicht erklären. Wir unterstützen deine Hardware-Plattform nicht mehr, das heißt du hast keine Navigation
bzw. keinen Radio mehr.
I: Das stimmt das würde die Kunden nicht wirklich begeistern bzw. zufriedenstellen.
IP: Wir haben auch immer noch klassische Modelle, die fahren immer noch auf der Straße und kosten auch
immer noch viel Geld. Mit diesem Ansatz können wir nicht alles von der Smartphone Industrie übernehmen,
dort sind die Hardware Zyklen relativ kurz bzw. die Kunden sind sehr viel schneller bereit, was Neues zu
kaufen und werfen das Alte dann weg. Z.B. sie bekommen kein neues Sicherheitsupdate auf dem Android-
Smartphone, also kaufen sie sich ein neues Telefon. Bei IBM z.B. haben wir alle zwei Jahre ein neues Handy
bekommen. Denn wenn es keine Sicherheitsupdates mehr von Android gab, dann fielen praktisch die Firmen
Apps weg und man durfte sich ein Neues bestellen.
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I: Das sind ja auch teilweise Tricks, die dann mit Absicht eingebaut werden. Genau. Ja das ist ein sehr
interessanter Gedanke die beiden Industrien zu vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu
sehen.
Frage 20: Worin sehen Sie die größte Herausforderung, wenn es darum geht traditionelles
Qualitätsmanagement mit agilen Arbeitsweisen zu verbinden?
IP: Bei agilen Arbeitsweisen haben Sie eigentlich per Definition ein Team vor Ort, das dann praktisch
zusammenzuarbeiten und das dann praktisch durch persönliche Gespräche sehr viel klärt. Sie brauchen
keine oder sehr wenig Dokumentation, da permanente Kommunikation stattfindet in einem überschaubaren
Rahmen. Bei komplexen quasi Produkten wie beim Fahrzeug, gibt es dann aber nicht nur ein Team, dasr
sich ein unabhängiges Produkt entwickelt, sondern es ist eingebettet in ein größeres Umfeld. Das heißt sie
haben immer auch Abhängigkeiten zwischen vielen Teams, die deshalb mehr Kommunikation und
schriftliche Vereinbarungen benötigt. Und das gibt dann ein Spannungsfeld zwischen agil intern und
gewisser Verbindlichkeit nach außen zu anderen Systemen. Das dann richtig zu machen. Wenn man z.B.
sagt, ich mache eine Plattform, wo ich möglichst viel an Basisfunktionen anbiete, was in Zukunft auch
benutzt werden wird, selbst wenn aktuell noch keine Anwendung dafür gibt. Dann lasse ich die einzelnen
Entwicklungsteams darauf und die Sachen zusammenstellen, die Sie brauchen. Und wenn Sie mehr
brauchen mach ich die Anforderung auf die nächste Hardware-Generation drauf. Das wäre ja so das
Idealbild, welches momentan noch nicht Realität ist. Bei den Entwicklungszyklen im Hardware-Bereich, da
müssen sie einfach Qualität sicherstellen in allen Lebenslagen, sprich Temperatur, Hitze, USA, Südafrika,
Deutschland und Sibirien. Das Auto muss überall funktionieren. Da braucht es einfach sauber entwickelte
Hardware, welche auch extreme klimatische Bedingungen über Jahre hinweg aushält. Wir hatten bei uns
aktuell auch Probleme, da war der Temperatursensor nicht für die Temperaturen sauber ausgelegt, das
heißt der ging regelmäßig kaputt. Die Klimaanlage ist dann auch ausgefallen, das ist auch kein Spaß im
Hochsommer ohne Klimaanlage dazustehen. Und es macht dann auch keinen Spaß im Hochsommer zu
testen. Da sagt man auf einmal, ok hätten die anderen mal bisschen besser getestet, dann wäre das wohl
nicht passiert. Das ist das Grundproblem zwischen Fahrzeug-Entwicklung, welche einfach Laufzeiten hat
und andererseits dieser Smartphone-spezifischen Schnelligkeit von neuer Software und neuen Features.
Z.B. Apps draufschmeißen und wieder runter schmeißen. Das sinnvoll unter einen Hut zu bringen, das ist
herausfordernd. Man benötigt eben eine Entkopplung und saubere Plattform-Strategien. Das heißt man
muss im Fahrzeug eine Plattform-Architektur aufbauen.
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Interview 2
Interviewpartner: Qualitätsmanager im Bereich Connected Car mit dem Schwerpunkt End-to-End
Testing (Abkürzung: IP - Interviews Partner, I - Ich)
I: In welchem Bereich sind Sie tätig?
IP: (Also ich bin im Bereich QM/QPD tätig.) Da geht es um das Thema Qualitätsmanagement für digitale
Dienste. In dem Bereich bin ich seit einem Jahr. Davor war ich in der IT. (Den Bereich QM/QPD gibt es auch
erst seit anderthalb Jahren davor war das im Telematik-Umfeld verordnet, was dann doch eher Hardware
lastig ist.) Dieses Herauslösen der digitalen Dienste als eigenen Bereich gibt es in der Form seit anderthalb
Jahren. Also in Summe seit 2003 im Automobilbereich (bei Daimler).
I: Welche Stellung besetzen sie in ihrem Bereich?
IP: Ich bin Qualitätsingenieur das ist die offizielle Stellenbeschreibung. Es ist keine Managementstelle,
sondern eine Sachbearbeiter Stelle.
I: Wie lange sind sie bereits im Bereich Qualitätssicherung im Bereich Connectivity Produkte tätig?
IP: Wie gesagt bin ich jetzt seit einem knappen Jahr dabei.
I: Haben sie schon bereits Vorerfahrung im Bereich der Softwareprodukte gemacht?
IP: Ich war davor in einem E-Commerce Projekt für drei Jahre und war dort hauptverantwortlich für das
Thema Qualität und stark eingebunden in die Testing-Prozesse, in die Abläufe und in die Planung.
I: Für welche digitalen Produkte im Bereich Connectivity sind sie aktuell tätig?
IP: Also wir teilen uns im Team auf und ich bin jetzt beim Thema In-Car-Office unterwegs. Also alles was
sich um die Connected Car Service App (Mercedes-me App) dreht und auch das Thema Personalisierung
wird von mir betreut. Hier geht es um das Thema Profile im Fahrzeug sprich Multiprofil-Management, wo
man seine eigenen Einstellungen dann eingeben kann und auch mehrere Benutzer im Fahrzeuge haben
kann, die sich dann Präferenzen, ob das nun Licht, Radiosender oder Klimaeinstellungen sind, hinterlegen
können. Das sind die spezifischen Themen.
I: Wie sind die Bereiche Entwicklung und Qualitätssicherung für Connectivity-Produkte in
die Unternehmensorganisation eingegliedert? Sind es eigenständige Funktionsbereiche?
Oder ist das Qualitätsmanagement in die Entwicklung integriert?
IP: Grundsätzlich machen wir einen regelmäßigen Testlauf im Moment ist das vier Mal im Jahr zu aktuellen
Fahrzeugen der Connected Bandbreite von Connectivity Diensten. Zwischen diesen vier Testphasen teilen
wir uns wie eingehend erwähnt auf die unterschiedlichen Dienste auf.
I: Hier habe ich einen Entwicklungszyklus für Software abgebildet. Angefangen von der
Anforderungsfeststellung, grob und fein Entwurf, Implementierung, Test und Integration und so weiter. Eben
wie man es aus der Literatur kennt. An welchen Stellen entlang dieses Zyklus gibt es denn Schnittstellen
zwischen der Entwicklung und dem Qualitätsmanagement?
IP: Also die größte Schnittstelle ist beim Thema Erprobung und Inbetriebnahme. Da gibt es heute ein
festgelegtes Quality Gate, in dem alle Dienste durch den Qualitätsbereich getestet und freigegeben werden.
Es gibt im Bereich grob- und Feinentwurf eine mehr oder weniger gefestigte Zusammenarbeit im Sinne von
Einbindung von Kundenstudien und Kundenfeedback. Außerdem gibt es im Moment noch stärker im Aufbau
befindliche Integration im Umfeld Test und Integration. Dort haben wir eine Crowdtesting-Plattform
aufgesetzt und wollen als Teil der Testphase das Thema Kundentest oder Crowd-Test anbieten. Ansonsten
beim Thema Wartung und Weiterentwicklung sind wir Stand heute stark involviert. Das ist ein Bereich, in
dem es noch Herausforderungen gibt. Auch auf Seiten der Entwicklung. Und ja das Thema
Außerbetriebnahme, da haben wir zu verschiedenen Diensten eine Meinung, aber da gibt es an dieser Stelle
keinen geregelten Prozess.
I: Wenn Sie die Zusammenarbeitsweise betrachten, sehen Sie dann die Schnittstellen zwischen Entwicklung
und Qualitätsmanagement als ausreichend für die Sicherstellung der Qualität an?
IP: Nein also Stand heute definitiv nicht. Also besonders in der frühen Phase sind wir oft nicht besonders
gut integriert. Dort werden in der Entwicklung sehr häufig Dinge bereits vorbereitet und implementiert. Die
Qualitätssicherung ist erst relativ spät involviert und gerade wenn es an konzeptionelle Themen geht sind
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
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wir da zu spät am Prozess dran, um noch rechtzeitig Änderungen einzufordern. Eingebunden sind wir heute
und wahrscheinlich auch traditionell eher am Ende, was auch ein bisschen undankbar ist, weil wenn man
erst ganz am Schluss das Ergebnis erblickt. Wenn dann etwas nicht passt und man seine Kommentare
einbringt, dann schlägt das auch dementsprechend größere Wellen, weil schon entsprechend viel Aufwand
in das Thema gesteckt wurde und das Thema somit auch schon fast fertig ist. Das ist dann auch manchmal
ein undankbarer Job.
I: Es spricht auch entgegen dem, was man kennt, dass man sagt, man sollte möglichst am Anfang des
Entwicklungsprozesses Fehler ausmerzen, da sie später sehr viel mehr Kosten verursachen.
IP: Genau und es sind auch nicht nur Bugs und Defekts drinnen, sondern es sind teilweise einfach
konzeptionelle Themen. Da haben wir als Qualitätsmanagement eine relativ breite Sicht auf die digitalen
Dienste im Konzern. Und die Entwicklungsingenieure in RD haben eher eine eingeschränkte Sichtbarkeit
und können sich auch nur auf ihren Dienst fokussieren. Es wäre da schon sinnvoll, wenn man in der frühen
Phase den Blick vom Qualitätsmanagement von links nach rechts bekommen würde. Das würde sicherlich
dem ein oder anderen Konzept guttun.
I: Wie werden Kundenanforderungen an das Produkt ermittelt?
IP: Was wir machen… aber da gibt es auch keinen Regelprozess. Was wir im Telematik-Umfeld und jetzt
immer mehr sporadisch in den (Connect) Diensten machen, ist frühzeitig Kunden Prototypen und Ideen zu
zeigen und auf dieser Basis die Kundenrückmeldungen einzusammeln. Heute in der früheren Phase und
nicht kontinuierlich, sondern eher einmalig. Die Königsdisziplin ist es, dass auch umzusetzen, vorzusehen
im Konzept, und dann auch nochmal eine Schleife mit dem Kunden zu drehen, zu fragen, ob das wirklich
auch das ist, was er sich vorgestellt hat. Da sind wir heute dabei, aber auch nicht im Rahmen eines Regel-
Prozesses und auch beim Thema Crowd-Testing, da nutzen wir eine interne Crowd, das bedeutet, dass sind
interne Mitarbeiter des Konzerns, welche einigermaßen Themenfremd sein sollen und daher auch eher die
Meinung eines Kunden bieten als die eines Experten.
I: Wer steht im Austausch mit dem Kunden ist das Entwicklungs-seitig oder Qualitätsmanagement-seitig?
IP: Also in der frühen Phase findet das gemeinsam statt. Die Organisation der Kundensitzungen findet durch
den Qualitätsbereich statt. Die Bereitstellung der Inhalte, Fahrzeuge und auch Tests oder Prototypen wird
durch die Entwicklung sichergestellt.
I: Sie haben erwähnt, dass sie schon mit Softwareprodukten und Hardwareprodukten Erfahrungen haben.
Wo sehen Sie die größten und bedeutendsten Unterschiede zwischen Qualitätssicherung von
Hardwarekomponenten und Connectivity Produkten?
IP: Die größte Herausforderung ist sicherlich, dass ich bei Hardwareprodukten starrere Zeiträume habe. Ich
habe weiter voneinander entfernte Iterationsstufen als bei einer Softwareproduktion. Bei einer
Softwareentwicklung kann ich schnell integrieren, man kann schnell agieren und einen neuen Stand
erzeugen, schneller Mal einen A-B-Test aufbereiten und die Kunden einbinden. Die Hardware-Welt so wie
wir sie kennen ist doch eine sehr starre Wasserfall-getriebene Welt. In der Softwareentwicklung, da ist es
sicherlich aus Qualitätssicherungs-Sicht notwendig, Ideen zu generieren wie man dieses agile Umfeld, das
Software-Umfeld eben, mit agilen Qualitätssicherungsmaßnahmen absichert. Im Vergleich zu der
Wasserfall-getriebenen (Fahrzeug-Entwicklung), wo ich auch klare Phasen, Abnahmen und Meilensteine
habe, da tun wir uns leichter Freigaben oder Freigabe-Schritte durch eine Qualität einzuplanen als im agilen
Software Umfeld. Das ist sicherlich die größte Herausforderung.
I: Aus dem Gespräch kam bereits heraus, dass agile Arbeitsweisen in der Entwicklung angewendet werden,
in welcher Form sind denn agile Arbeitsformen bei der Entwicklung von Connectivity Produkten etabliert?
IP: Sehr stark. Nahezu alle Dienste werden sehr nah an Scrum entwickelt. Es finden Sprintplanungen statt,
es gibt Entwicklungszyklen, die viel kürzer sind als in der Hardware-Welt. Es werden regelmäßig neue
Stände generiert, die zwar nicht sichtbar für den Kunden sind, aber es werden regelmäßig Software
Inkremente bereitgestellt, die dann auch theoretisch getestet werden könnten von der Qualität. Allerdings
müssen wir uns da aus Qualitätsmanagement-Sicht prozessual anpassen, um auch in diesem
kurzzyklischen Testphasen drin zu sein. Aber im Großen und Ganzen was das Thema Connectivity-Dienste
oder Connected Car Service App (Mercedes-me) Dienste anbelangt wird zu 80% mit agilen Methoden
entwickelt.
I: Im Bereich der agilen Methoden sehen sie da eine Unterstützung der Unternehmenskultur?
IP: Ich verstehe die Frage nicht, was meinen Sie damit.
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
183
I: Agile Arbeitsweise werden hauptsachlich in der Entwicklung angewendet und hauptsächlich in der IT
angewendet. Beispielsweise gibt es dort nicht diese klassischen, hierarchischen Strukturen wie im
Automobilbereich. Damit sind sie mit sehr viel flacheren Hierarchien verbunden. Oftmals werden im Team
Rollen verteilt ohne eine direkte Führungskraft zu haben.
IP: Also die gibt es schon. Also man versucht es im Moment zu verheiraten. Auf der einen Seite die
hierarchische Aufstellung, die wir nach wie vor haben und es gibt Ansätze, das war auch in meinem alten
Umfeld so, dass man sich in Swarms zusammenschließt und dort entsprechend Ergebnisse generiert. Das
halte ich auch für sinnvoll. Das ist aber eher heute im IT, After Sales und Marketing-Umfeld der Fall. Da RD
eine sehr klassische, Hierarchie-getriebene Organisation ist, ist das heute nicht so. Dort versucht man noch
immer die klassischen agilen Arbeitsweisen zu kombinieren oder unterzubringen in einem hierarchischen
Aufbau. Das funktioniert je nach Bereich mehr oder weniger gut.
I: Frage zwölf hat sich geklärt.
I: Welche Techniken und Methoden kommen dabei zum Einsatz? Sie haben bereits Crowdtesting genannt.
Gibt es noch weitere Test-Maßnahmen, wie automatisierte Tests, die angewendet werden?
IP: Ja der Entwicklungsbereich insbesondere der Bereich, der sich mit Software beschäftigt, setzt sehr stark
auf Testautomatisierung. Insbesondere die Kollegen, die sich um die Apps kümmern, nutzen
Testautomatisierung zur Qualitätssicherung vorab. Die Qualitätssicherung selbst, also wir versuchen das
nicht zu tun, weil wir würden das natürlich einfordern, aber wir stellen uns im Moment so auf, dass wir die
Kundenperspektive einnehmen und uns praktisch heute in die Kundenschuhe zwingen und nicht so stark in
automatisierte Tests einsteigen, sondern wirklich einen naiven Kundenblick auf die Themen zu bekommen.
Weg von den Testergebnissen und den ganzen Test und Defekt Management vorab. Natürlich erwarten wir,
dass die Dinge getestet sind und funktionieren wir sind da aber erst einen Schritt später dran, aber
Testautomatisierung findet da statt. Das ganze Thema Test- und Defekt Tracking ist leider verteilt auf
mehrere Tools, also die Telematiksysteme nutzen da andere Tools als die klassische Connectivity-Welt.
Man versucht aber alles jetzt in die Gira Confluence Ecke zu ziehen um eine gemeinsame Planung mit der
Hardware-lastigeren Welt hinzubekommen. Und auch die Features und das Defekt Management über diese
Tools entsprechend zu planen. Da sind wir aber noch nicht da, wo wir hinwollen. Ansonsten nutzen wir
Crowdtesting Stand heute vorrangig beim Thema Usability-Test. Beim Thema funktionales Testing oder
System-Testing haben wir Crowdtesting noch nicht im Einsatz, da es komplex ist, wenn man mit einem
Fahrzeug testet. Da braucht man immer eine Fahrzeug-Benutzer-Relation und das ist in der Vorbereitung
immer relativ aufwändig. Gerade wenn man eine größere Gruppe hat, die damit testen will ist es sehr
aufwändig. Von daher Crowdtesting Stand heute nur im Bereich Usability auf Basis von Klickdummies oder
Prototypen.
I: Wo sehen Sie im Entwicklungsprozess die größten Herausforderungen für qualitätssichernde Eingriffe
seitens des Qualitätsmanagements.
IP: Das ist definitiv in der frühen Phase in der Ideen- und Konzeptphase unseres Erachtens nach ist das
Thema Kundenfeedback heute zu wenig berücksichtigt. Ich denke, da teilen wir uns mit anderen Firmen das
Problem. Man ist heute sehr stark durch das Thema Geschwindigkeit, welches im Rahmen der
Digitalisierung überall propagiert wird, gezwungen als Entwickler schnelle Ergebnisse zu erzeugen. Jede
Schleife, die ich da mit einem Kunden vorab noch drehen muss, ist natürlich Aufwand und kostet Zeit.
Unserer Meinung nach, ist es Zeit die man sich hinterher spart. An dieser Stelle sehen wir die Gewichtung
an der falschen Stelle. Wir würden gerne viel früher das Thema Kundenfeedback und das Thema Konzept-
Review verankern. Als dann hinterher eine Lösung, die dann nicht den Kundenwünschen entspricht,
hinterher rennen zu müssen und diese noch einmal nachbessern zu müssen. Also definitiv frühe Phase.
I: Was hat das für Folgen, wenn das Kundenfeedback in den frühen Phasen nicht ausreichend berücksichtigt
wird?
IP: Das hat zur Folge das dann am Ende eine Lösung herauskommt, bei der wir in der Nutzung sehen, dass
der Dienst von den Kunden dann nicht so angenommen wird. Das sieht man dann an Verkaufszahlen, das
sieht man an Analytics-Zahlen. Das muss auch ein Grund haben. Wir sehen an dieser Stelle auch das
Thema, dieses breite Bild, dass ich bereits erwähnt habe, herzustellen. Es ist wichtig, dass wir aus der
Qualit bei dem digitalen Dienst, der da gerade entwickelt wird, auch nach links und rechts sehen. Damit
könnte man vielmehr Synergien mit Diensten, die es schon gibt, erzeugen. Das ist sicherlich ein Thema,
was dann hinterher für den Kunden und seine Dienste sehr abgetrennt aussieht und es macht kein
integriertes Bild. Das klassische Bild, was man von Apple kennt, dass alles mit allem super zusammen
funktioniert und hoch integriert ist. Dieses Bild hinterlassen wir heute nicht bei jedem Kunden, aber das
könnten wir, wenn wir A frühzeitig das Kundenfeedback einfließen lassen würden und B auch
Erfahrungswerte aus dem Konzern nutzen würden und die Dienste somit integrierter gestalten würden.
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I: Frage 16 hat ist geklärt.
I: Welche Mitarbeiterkompetenzen sind in einem agilen Team vorhanden? Gibt es da verschiedene Rollen?
IP: Das ist schwer zu sagen, weil wir in der Entwicklung auch sehr viele Themen fremdvergeben haben.
Meistens ist es so, dass der Product Owner im Automobilunternehmen (bei der Daimler AG) sitzt. Zumindest
in diesen Diensten, in denen ich tiefergehend integriert bin. Die Entwicklungsteams, das Thema Testing und
der Scrum Master sind meistens beim Lieferanten. Das funktioniert einigermaßen gut in den Themen, in
denen ich unterwegs bin. Sobald allerdings dann mehrere Lieferanten (auf der Daimler Seite) und mehrere
Organisationen involviert sind, hat der Product Owner die Themen zusammen zu fahren und zu priorisieren.
Das klappt mehr oder weniger gut, sag ich mal. Ebenfalls eine große Herausforderung ist das Thema, wie
bringe ich dann die Dienste, die noch sehr Hardware-belastet sind, zusammen. Also die Software, die im
Fahrzeug entsteht, die wird ein bisschen so entwickelt, wie die digitalen Dienste, die jetzt noch oben drauf
gebaut werden. Von daher ist es herausfordernd für den Product Owner diesen beiden unabhängigen
Zeitleisten zusammenzubringen und auch die Softwareinkremente, die da erstellt werden, dann im Hinblick
auf das Thema Testing und Abnahme zeitlich zusammenzubringen. Das quasi alle Anteile an so einem
digitalen Dienst, ob es Fahrzeuganteile sind oder ob es Backend-Anteile oder Frontend-Anteile sind, die
zum richtigen Zeitpunkt zusammen zu bringen. Diese Steuerung ist da sicherlich eine der größten
Herausforderungen. Ich weiß nicht, ob das die Frage hundertprozentig beantwortet falls nicht einfach noch
mal nachfragen.
I: Doch doch das ist sehr interessant gewesen, weil ich nicht wusste, dass Scrum Master vom Lieferanten
gestellt werden. (Oder von Partnerunternehmen wie z.B. Mercedes-Benz.io.) Ich dachte, dass das in einer
Abteilung verankert ist.
IP: Bestenfalls sind das wirklich Swarms, wo man sich auch fest zu diesem Zusammenarbeitsmodell
committed hat und da funktioniert es dann auch ganz gut. Schlechtesten falls ist das noch eine sehr starke
Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung, bei der dann tatchlich der Product Owner Im
Automobilunternehmen (auf der Daimler Seite) sitzt. Wenn man da zuhört, ist man wieder in dem Thema
Lasten- und Pflichtenheft-Beziehung sprich, ich sag dir, was du machen sollst und ich schau mir danach das
Ergebnis an. Wie gesagt im Marketing- und Sales-Bereich machen wir das schon. Die Ansätze würden uns
auch im Entwicklungsbereich guttun.
I: In welcher Form werden Mitarbeiter im Team oder in der Abteilung gefördert bzw. weitergebildet?
IP: Wir fokussieren uns auf die Schritte im Entwicklungsprozess, wo wir tatsächlich den größten
Handlungsbedarf sehen. Schauen uns dort verwendete Methoden an und schulen die Mitarbeiter gezielt für
diese Methoden. Insbesondere das Thema frühe Phase, wie mache ich einen Usability Test, wie definiere
ich User-Persona, wie mache ich beim Crowdtesting, Think-aloud Tests, was ist überhaupt Think-aloud.
Solche Sachen, die man an der Stelle in dieser Phase gebrauchen kann, machen wir schon. Da gab es jetzt
auch eine erste größere Runde, wo man ein Basistraining angeboten hat. Darüber hinaus macht man auch
tiefergehende Trainings z. B. habe ich persönlich schon zwei Zertifizierung zum Thema Usability und User-
Experience gemacht. Das eine war eine Grundlagenschulung und das andere war eine Advanced im Bereich
User-Requirement-Training. Das Thema, wie berücksichtige ich Usability-Aspekte im User-Requirement-
Engineering und das Thema Testing sind sicherlich Themen, welche noch weiter ausbaufähig sind. Also
Usability-Testing ist etwas, das auch noch ausbaufähig ist, aber ich glaube die Themen sind da bekannt. Es
gab Grundlagenschulungen und in den einzelnen Themenfeldern je nachdem um welche Mitarbeiter es sich
handelt, wurden nochmal Schwerpunkte gesetzt durch das Angebot von tiefergehenden Trainings. Diese
werden dann über eine interne Schulungsorganisation durchgeführt.
I: Welche Methoden und Werkzeuge werden zur ständigen Verbesserung eingesetzt?
IP: Wir machen vier Mal unsere größeren Testphasen, bei denen es eine Vorbereitungsphase und eine
Testphase gibt. Hinterher gibt es dann immer noch eine Art Lessons-learned. Die Ergebnisse versucht man
danach auf die nächsten Testphasen anzuwenden. Darüber hinaus, wenn Sie nach Methoden und
Werkzeugen fragen, wüsste ich nichts. Das heißt nicht, dass es nichts zu verbessern gibt. Klar wollen wir
uns verbessern und an verschiedenen Stellen effizienter werden. Wir müssen auch effizienter werden, weil
die Welt sich auch relativ schnell dreht und wir da mitgehen müssen, ob das nun richtig ist oder nicht ist die
Frage. Das Thema Qualität und Geschwindigkeit bekommt man immer plastisch gesagt, muss sich nicht
ausschließen, aber ich sage das Risiko, dass es sich ausschließt, ist relativ hoch. Insbesondere wenn die
Geschwindigkeit das Hauptziel eines Projektes ist, dann wird es als Qualitätsmensch schwer. Das ziehen
wir tatsächlich dann auch immer als Lessons-learned raus, wenn wir aus Sitzungen mit der Entwicklung
rauskommen. Da haben wir das Gefühl, dass wir ein bisschen bremsen müssen, können es aber nicht, da
die Geschwindigkeit vom Management vorgegeben wird. Das ist ein ziemlich anstrengender Spagat.
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I: Worin sehen Sie die größte Herausforderung, wenn es darum geht traditionelles Qualitätsmanagement
mit agilen Arbeitsweisen zu verbinden?
IP: Ich denke, dass Thema kam in einigen meine Antworten auch schon heraus. Das Thema klassisches
oder traditionelles Qualitätsmanagement gerade in der Automobilindustrie, das hatten sie auch schon
eingangs erwähnt, ist sehr Hardware-lastig und sehr stark gebunden an klassische Phasen-orientierte
Prozesse auch Wasserfall-Prozesse und diese Welt zu verheiraten mit einer Software Welt die viel
schnelldrehender ist mit ihren agilen Arbeitsweisen, ist sicherlich die größte Herausforderung. Also zum
einen das Thema die Vorgabe alles muss schnell entwickelt und schnell umgesetzt werden und da eine
Qualität reinzubringen. Und die andere Herausforderung ist, wenn ich integrierte Systeme habe, wo ich
sowohl eine Fahrzeugkomponente benötige, welche nach einem anderen Entwicklungsprozess und Zyklus
entwickelt wird, und eine Softwarekomponente, die wesentlich schneller fertig ist, diese beiden Zeitleisten
und Entwicklungszyklen zusammenzubringen, Meilensteine aufzusetzen oder Testphasen und
Qualitätsabnahmen einzubringen. Das ist sicherlich eine sehr große Herausforderung. Wir sehen das auch
regelmäßig, dass durch diese schnelldrehende Software Welt regelmäßig die Hardware Welt abgehängt
wird. Dementsprechend ist die Akzeptanz für die Software Themen bei den Hardware Kollegen
unterdurchschnittlich. Für die dreht sich das an dieser Stelle viel zu schnell die kennen ihre Prozesse und
glauben auch, dass es wichtig ist, dass alles phasenorientiert nach einem starren Entwicklungsprozess
abläuft. Die können da noch nicht so richtig mit umgehen, dass die Software Welt schneller dreht und dass
da Dinge schneller entwickelt werden. Das Ganze bietet auch Chancen, weil in dem Moment, in dem ich
etwas schneller entwickle, kann ich im Fall eines Fehlers auch schneller etwas fixen. Wenn ich aus Sicht
der Hardware Welt denke, wenn wir da Probleme mit irgendwelchen Fahrzeugen haben dann muss ich ja
nicht sagen was für Maßnahmen dann eingeleitet werden. Rückrufaktionen, Aktionierung, Fahrzeuge, die
im Werk verbleiben bis die Fehler behoben werden, Teile, die nachgebessert werden, all das ist natürlich
sehr viel aufwendiger als in der Software Welt, wo ich viel agiler und schneller Themen fixen kann. Das ist
sicher etwas, dass man als Qualitätsmanagement auch berücksichtigen muss. Also wenn ich überlege, will
ich jetzt wirklich einen kompletten Entwicklungsprozess aufhalten, nur weil an der Software Ecke noch
Fehler drin sind, sage ich, man akzeptiert an der ein oder anderen Stelle auch noch einen Fehler. Man setzt
das Produkt live vor Kunde, hat aber gleichzeitig schon geplant das Thema innerhalb derchsten zwei
oder drei Wochen über ein Software Update zu beheben, dass dann remote zu Verfügung gestellt wird. Ich
kenne das aus dem alten Umfeld, auch wir hatten das im E-Commerce Umfeld. Auch so haben die einen
Bug-freies Release gehabt und wir haben auch nie ein Release freigegeben wo keine Bugs drin waren das
waren immer Themen wo wir dann am Schluss auch noch akzeptiert haben. Wir akzeptieren das und fixen
das dann auch innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen. Das ist auch eine Chance und da muss auch
das Qualitätsmanagement an der ein oder anderen Stelle ein Auge zudrücken. Sagen okay wir sind jetzt
noch nicht ganz fehlerfrei aber wir können das zumindest den Kunden so zumuten, klammer auf aber haben
schon einen festen Fixtermin geplant.
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Interview 3
Interviewpartner: Lead-Link der Scrum Master eines Software Unternehmens, welches Software- und
Connectivity Produkte für die Automobilindustrie entwickelt (Abkürzung: IP - Interviews Partner, I - Ich)
I: Welcher Branche ist das Unternehmen zugeordnet und in welchem Bereich bist du tätig?
IP: Also meine Rolle ist Scrum Master für verschiedene Produkte hier bei uns im Haus. Wir sind ein Software-
Unternehmen, das digitale Produkte für den Automobilbereich (Mercedes-Benz) betreut mit einem sehr
breiten Spektrum. Ich bin gleichzeitig in der Rolle als Lead-Link der Scrum Circles aktiv und ein Stück weit
das Thema Enablement in unserer Disziplin voranzutreiben. Das heißt wir haben hier im Unternehmen (bei
Mercedes-Benz.io) auch 15 Scrum Master, die das Team coachen, und die leite ich ein Stück weit an, welche
Methoden nutzen wir, wie arbeiten unsere Teams zusammen. Um eben Gemeinsamkeiten zu identifizieren,
Best Practices zu identifizieren und Synergien zwischen den Produkten aufzudecken.
I: Wie lange bist du bereits für die Entwicklung von Softwareprodukten tätig?
IP: In der Softwarebranche bin ich jetzt seit zehn Jahren. Vorher bei Mittelständlern und Beratungen und
jetzt hier im Unternehmen (bei Mercedes-Benz.io) seit drei Jahren.
I: Was hast du denn studiert bzw. was hast du denn für einen Background?
IP: Ich habe ursprünglich angefangen mit einer Ausbildung im IT-Bereich als IT-Systemkaufmann. Ich habe
deswegen auch relativ lang in technischen Themen gearbeitet. Bis es dann irgendwann in die Projektleitung
ging und Projektmanagement dazu kam und so weite, dann über die Beratung auch bei Unternehmensname
(Mercedes-Benz.io) im Projektmanagement angefangen. Und hab dann den Schritt gemacht und als Scrum
Master angefangen als das Thema Agilität immer stärker bei uns ins Rollen kam und das hat mich unheimlich
interessiert und deswegen habe ich mich dann ein Stück weit weg von der Technik hin zu Prozessen bewegt.
Sprich wie arbeiten wir zusammen und da kommt auch das Thema zum QM und QR.
I: Welche Produkte begleitest du denn konkret in der Entwicklung?
IP: Die Produkte, die ich momentan betreue, sind stark im Bereich E-Commerce angesiedelt. Das heißt alles
was das Automobilunternehmen (Mercedes-Benz) online verkauft von Schlüsselanhängern, T-Shirts über
Fahrzeug-Trainings und wirklich auch Fahrzeuge, gebraucht und neu. Und dort im speziellen die technische
Plattform, auf der mehr oder weniger alle Online-Sales-Aktivitäten bündelt.
I: Wie sind denn die Bereiche Entwicklung und Qualitätssicherung in die Unternehmensorganisation
eingegliedert? Sind das eigene Funktionsbereiche oder ist das integriert?
IP: Bei uns ist es vergleichbar mit dem Circle der Scrum Master. Wir sind innerhalb des Unternehmens (der
Mercedes-Benz.io) also nicht in der Produktstruktur, sondern in der Organisationsstruktur in Circle, in
holokratische Circle organisiert und diese sind nach Disziplinen aufgestellt. Das heißt, es gibt den Circle in
dem Agilität bearbeitet wird also das Thema Agility, da sind alle Scrum Master und Product Owner drin. Es
gibt einmal das Thema für Design und für Konzept, das ist eine Disziplin. Dann gibt es einen eigenen Bereich
für das Thema Produkt-Support im Endeffekt dort liegen unter anderem Qualitätsmanagement drin, aber
auch noch andere Themen, die sehr eng mit dem Life Cycle eines Produkts zusammenabhängen. Also z.
B. das Release Management und Content. Und das Thema Entwicklung an sich umfasst im Endeffekt alle
technischen Spezialisten, angefangen von Backend-Entwicklung bis Frontend-Entwicklung, Architektur, IT-
Consulting. Die dort allerdings innerhalb des Entwicklungsbereichs nochmal unterteilt sind in die einzelnen
Spezialisten. Also eine Einheit für das Thema Frontend, eine Einheit für das Thema Backend, da gibt es
nochmal verschiedene Spezifika für die verschiedenen Backend-Standards. Genau das sind so die
Organisationseinheiten an der Stelle. Also um die Frage zu beantworten, Quality Assurance, wie es bei uns
heißt, ist bei uns im Endeffekt ein eigener Bereich, der zumindest organisatorisch nicht an der Entwicklung
hängt.
I: Ich habe hier auf dem Fragenkatalog einen traditionellen Software-Entwicklungszyklus abgebildet. Ich
werde mich beim Fragen öfters darauf beziehen und da ist es ganz gut, wenn man das nochmal vor Augen
hat. Eben von der Anforderungsfestlegung bis zur Außerbetriebnahme, wie man es eben auch aus der
Literatur kennt. Teilweise kann die Softwareentwicklung ja stark abweichend von der traditionellen Weise,
wie hier im Schaubild dargestellt. Wir haben es schon oft angesprochen die agilen Arbeitsweisen werden in
der Softwareindustrie ja schon seit Jahren eingesetzt. In welcher Form oder in welchem Umfang sind denn
agile Arbeitsweisen bei euch in der Entwicklung etabliert?
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IP: Also ich kann relativ zuversichtlich sagen, dass eigentlich neun von zehn Produkten bei uns mit agilen
Methoden arbeiten. Es gibt immer eine Ausnahme, bei der eher klassisch gearbeitet wird. Die agilen Teams
arbeiten mit den unterschiedlichsten Methoden und Scrum ist ein Stück weit das verbreitetste und einfachste
zum Adaptieren. Es gibt Teams die Arbeiten mit einem Kanban-Modus aufgrund von verschiedenen
Rahmenbedingungen heraus. Und es gibt Teams, die in skalierten agilen Frameworks arbeiten. Z. B. Nexus
wo dann mehrere Teams an einem Produkt zusammenarbeiten. Das hat dann Hintergründe, wie das man
möchte schneller oder mehr liefern und einfach deswegen auch skalieren muss. Wobei das auch immer ein
Stück weit ein ungewünschtes Phänomen ist in den agilen Arbeitsweisen, dass man mehr liefern und
schneller liefern möchte, weil eigentlich durch das Thema Skalierung auch schnell Ineffizienzen auftreten,
die man einfach in einem einzeln laufenden Team gar nicht beobachten kann.
I: Nochmal zu diesem Thema Nexus: Das ist also auch eine agile Arbeitsweise, die aber eben aus einem
Projekt mehrere Teilprojekte macht und die wieder zusammenlaufen lässt?
IP: Nexus ist mehr oder weniger eine Skalierungsform von Scrum. Es gibt noch andere Skalierungs-
Frameworks wie z. B. Lap oder Fate. Wir haben aber für uns entschieden, dass Nexus das Ideal ist, weil es
relativ wenig Overhead produziert. Wir haben in dem Produkt konkret vier Teams, die komplett cross-
funktional besetzt sind, also vier Teams à ca. acht Personen. Und die Nexus Schicht bringt im Endeffekt
das, was man einfach braucht, wenn man vier Teams am gleichen Produkt am gleichen Quellcode arbeiten
lässt. Die Integrationsschicht im Endeffekt. Also die Nexus-Integrationsschicht kümmert sich darum, dass
am Ende einer Iteration ein integriertes Inkrement produziert wird. Dieses Management der Integration
macht mehr oder weniger dieses Team.
I: Es wurde schon teilweise erwähnt, welche Vorgehensmodelle bzw. Projektmanagementmethode wird bei
euch angewendet. Trotzdem nochmal auf die Frage zurückzukommen, aus welches
Mitarbeiterkompetenzen setzt sich denn so ein Projektteam zusammen? Gibt es da klare Rollenverteilungen?
IP: Also unsere klassischen Scrum Teams und das bildet die Mehrzahl hier, haben im Endeffekt drei Kern-
Rollen. Einmal der Product Owner, das ist ein Stück weit der Proxi des Kunden und derjenige, welcher die
Produktdivision erlebbar machen soll für das Team. Dann der Scrum Master, der das Thema Prozesse und
Framework owned. Das heißt er schaut, dass die Art und Weise, wie das Team arbeitet und auf Basis
welcher Werte und welcher Prozesse und Strukturen, ein Stück weit dem Grundsatz und der Idee entspricht.
Und die dritte Rolle ist im weitesten Sinne erstmal das Scrum Dev-Team. Und jetzt gibt es natürlich abhängig
davon was für ein Produkt ich entwickeln möchte, extreme Spezialisierung. Also es kann sein, dass ich ein
Dev-Team habe, was nur aus Frontend-Entwicklern besteht, weil ich eben nur eine Applikation baue, die
auf schon bestehenden Backend-Systemen aufbaut. Also ich habe irgendwelche Backend-Systeme mit
Fahrzeugdaten und möchte diese Fahrzeugdaten in einer User-Layer visualisieren, also mache ich ein Team
aus reinen Frontend-Entwicklern. Das wäre ein Beispiel. Eher ein unüblicher Fall, der Regelfall ist eher, dass
man das Ganze schon cross-funktional aufsetzt. Das heißt ein Team ist so unabhängig, dass es keine
Abhängigkeiten zu anderen Teams hat und selbstständig Inkremente entwickeln kann. Das het ich habe
Front-Entwickler, die die Präsentationsschicht Richtung User bauen, ich habe Backend Entwickler, die
hintendran für die Datenversorgung zuständig sind. Idealerweise hat man dann noch einen UX-Designer,
der sich um das Design und Konzept kümmert. Also der das, was die Frontend-Entwickler entwickeln aus
User-Sicht optimiert. Dann gibt es einen fest zugeordneten QR Kollegen im Team. Da gibt es auch
verschiedene Ausprägungen vom Testmanager bis zum Quality-Schulungs-Engineer, der auch sehr stark
Testautomatisierung und auch sehr auf Detail-Ebene schon unterwegs ist. In manchen Teams trifft man
auch auf beide Formen. Und dann gibt es noch Spezialisten-Rollen, wenn die Produkte komplexer werden,
wie z. B. IT-Consultants, die wirklich auch technische Konzepte ein Stück weit tiefer ausarbeiten müssen
oder Architekten, die auch wenn es darum geht, welche Drittsysteme spielen denn da zusammen gewisse
Grundlagen, aber vielleicht auch bei der Initialisierung von so einem Projekt machen müssen. Du hast auch
noch gefragt nach Lieferanten. Also mittlerweile machen wir einen Großteil der Wertschöpfung intern. Wir
wurden ja relativ stark skaliert in den letzten drei Jahren. Vor drei Jahren waren wir noch bei über 90%
externer Wertschöpfung. Ich kann dir nicht die ganz aktuelle Zahl sagen, aber mittlerweile sind es mehr als
deutlich über 50% interne Wertschöpfung. Aber durchaus auch noch externe Gewerke.
I: Und die stellen dann gewisse Software Parts zu Verfügung oder liefern richtig?
IP: Genau.
I: Zum ersten Teil dieses Software-Lebenszyklus der Anforderungsfeststellung, wie werden denn die
Anforderung des Kunden an das Produkt ermittelt?
IP: Also idealerweise gibt es erstmal eine Problemstellung. Also wir möchten irgendein Problem lösen von
einem Kunden der z. B. sich ein Fahrzeug konfigurieren möchte. Um dieses Problem zu lösen, gibt es dann
unterschiedliche Konstellationen. Indem man erstmal eine Produktvision entwickelt, das heißt der Product
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Owner ist dann schon entweder mit den Business Units in Kontakt oder mit Regionen, um dann die
Produktvision ein Stück weit zu übersetzten und zu sagen, hey okay wo soll das denn hingehen. Und dann
abgeleitet von dieser Produktversion einen ersten MVP zu entwickeln. Das heißt was wäre denn eine
Grundfunktionalität, mit der man das Ganze dann testen kann. Da gibt es dann Ausbau-Varianten von Builds.
Also entweder man macht eine klassische prototypische Implementierung, die dann wirklich schon innerhalb
von ein bis zwei Wochen mit dem Kunden getestet werden kann. Oder den Fall, den wir eigentlich häufiger
haben, dass wir dann auch schon sehr schnell einen sinnvollen MVP-Status festlegen und sagen, ok das ist
ein sinnvoller MVP. Fragen dann, was bedeutet das jetzt im Detail, und brechen dann einfach diesen MVP
im Sinne von Anforderungen auf kleine Bausteine herunter. Das ist im Endeffekt die Aufgabe des Product
Owners, der da auch abhängig von seinem persönlichen Skill-Set Unterstützung bekommen kann von z. B.
einem IT-Consultant oder Business Consultant, um einfach diese Beschreibung von Anforderungen in
Business Spezifikationen auch umzusetzen.
I: Zu welcher Zeit findet denn diese Anforderungsaufnahme statt? Man kennt es von agilen Arbeitsweisen,
dass so ein Produkt auch mehr oder weniger wächst durch den Dialog mit dem Kunden wohingegen das
traditionell eher einmalig stattfindet. Wie ist das denn bei euch?
IP: Man versucht normalerweise schon einen MVP so zuzuschneiden, dass man in der Scope relativ fix ist.
Dieser Scope lässt sich dann meistens am Anfang von einem Projekt nicht zu 100% direkt in kleine
Inkremente zerlegen, die dann auch umsetzbar sind. Sondern das wird zu guten Zwei-Drittel sehr klar schon
beschrieben. Und im Entwicklungsprozess selbst durch die Iterationen hinweg, wird dann klarer, wie das
letzte Drittel aussehen soll. Da wird auch die Anforderung nochmal ein bisschen klarer, um dieses Drittel
dann auch noch zu leisten. Das ist so die Art und Weise. Oft kommen dann über diesen Zeitraum auch
Dinge von außen, auf die man reagieren muss. Das heißt z. B. das irgendwelche Drittsysteme, mit denen
ich geplant habe, gewechselt werden müssen, da ändert sich durchaus mal eine Schnittstelle. Oder das
auch erste User-Tests, die ich in den Iterationen selbst drin habe, ergeben haben, dass ich z. B. mein User-
Interface umbauen muss, weil der User es nicht versteht. Das heißt auf dem Weg der Entwicklung zu einem
MVP-GoLive hin, kommt es durchaus auch in regelmäßigen Abständen zu Scope-Veränderungen bzw.
konzeptionellen Veränderungen kommen.
I: Wie verläuft die Zusammenarbeit hinsichtlich Integration von Software-Komponenten, die jetzt
hauptsächlich von euch erstellt werden, in die Hardware-Komponenten, welche dann beim Kunden
produziert werden, in diesem Fall bei den OEMs?
IP: Da bin ich vielleicht nicht zu 100% der ideale Ansprechpartner hierzu. Es gibt ein bis zwei Produkte, die
sehr bis ins Fahrzeug hinein integriert sind. Dort gibt es dann schon relativ lange Release-Planungen. Wenn
man jetzt z. B. konkreten von Connect-Diensten spricht, die im Fahrzeug aktivierbar sind und da vielleicht
auch in Richtung kostenpflichtige Dienste denkt. Und wenn wir dann mehr oder weniger auch das Thema
Online Sales machen, das heißt die Dienste auch online kaufbar machen. Dann orientieren wir uns natürlich,
was unsere Softwareentwicklung angeht, an den Release-Zyklen der Connect-Services. Und allein die sind
schon mal wesentlich schneller als die Entwicklungszyklen des Fahrzeugs selbst. Die sind viermal jährlich
in denen neue Connect-Services released werden können. Das heißt diese vier Releases geben dann auch
für unsere Teams, die auf Connect-Services hinarbeiten, so eine gewisse Grundstruktur vor. Da wir hier
integriert in einer Plattform arbeiten, haben wir natürlich wesentlich öfter und wesentlich kürzere Release-
Zyklen. Heißt aber für dieses konkrete Team, welches Richtung Connect-Services arbeitet, dass für die nur
diese vier Release-Zyklen im Jahr relevant sind. Und sie auch auf diese Meilensteine dann hingearbeitet,
weil dann eben die komplette Testphase losläuft. Von dem Dienst zu kaufen über den Dienst zu aktivieren
über den Dienst im Fahrzeug auch zu testen, das ist eine relativ lange Kette von QM Prozessen, die dann
auch durchlaufen wird. Das heißt das Team selbst arbeitet da agil im Entwicklungsmodus, sie arbeiten aber
auch auf diese Meilensteine hin. Das heißt sie arbeiten agil bis zum Meilenstein X und dann geht es weiter
bis zum nächsten Meilenstein. Und deshalb sind die aufgrund dieser sehr, sehr langfristigen Planung dann
auch schon mehr oder weniger ein bis zwei Quartale voraus. Also all das, was sie gerade entwickeln wird
dann mehr oder weniger erstmal in den “Kühlschrank“ gelegt und sobald dann die Fahrzeug-Entwicklung
auch soweit ist, geht es dann in den chsten Schritt.
I: Das heißt es gibt praktisch schon in dem Automobil (bei Mercedes) eine Art Plattform mit verschiedenen
Schnittstellen und darauf werden die Dienste dann praktisch entwickelt und können dann dort angedockt
werden? Also die Schnittstellen stehen schon zur Verfügung und man muss dann nicht immer warten bis
ein neues Modell rauskommt?
IP: Genau.
I: Wie stellt ihr denn in Unternehmen die Qualität von Software sicher? Gibt es da irgendwelche Methoden
und Prozesse, Qualität sicherzustellen?
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IP: Das Thema Qualität ist im Speziellen bei allen Teams und Produkten auch ein Stück weit immer wieder
großes Diskussionsthema. Also ich hatte ja vorher schon ganz kurz erwähnt, wir haben quasi einen Quality
Assurance Circle, wo alle unsere Kollegen drin sind, um sich einen fachlichen Austausch auch in ihrer
Disziplin zu ermöglichen. In den Produktteams selbst ist dann normalerweise ein QA-Spezialist drin von-bis.
Es kann sein, dass er sehr technisch bis hin zu einem, der eher Quality managed, der hat dann die Aufgabe
ein Stück weit die Aktivitäten zu koordinieren und im Endeffekt sich auch darum zu kümmern, dass die
Testpyramide eingehalten wird. Also das heißt, dass die Entwickler ihre Unit-Tests schreiben. Aus der reinen
Software-Ansicht. Das heißt, dass ich während dem Build einer Software schon feststellen kann, ob die Unit-
Test Coverage erreicht ist und was für Fehler es da gibt. Dann in einer zweiten Stufe der Testpyramide im
Endeffekt die Aufgabe Integrationstest zu machen. Das heißt das Zusammenspiel mit allen Komponenten
des Produktes Frontend, Backend, gegebenenfalls Drittsystem die Integration sicherzustellen. Und dann auf
der Endstufe den End-to-End-Test aus einer Sicht. Das heißt vom ersten User Kontakt bis zur letzten
Interaktion die gesamte Software dann auch End-to-End durchtesten. Das ist die Teststruktur, die man als
Ziel vorgibt mehr oder weniger im Softwareumfeld. Was unsere einzelnen QA-Kollegen in den einzelnen
Teams machen, kann durchaus unterschiedlich sein. Ich würde mal sagen, unsere Teams selbst sind sehr
Qualitäts-bewusst. Das heißt unsere Entwickler machen auch schon ein Stück weit die Qualitätssicherung,
in dem sie sich gegenseitig Reviewen, oder beim Pair Programming auch schon sich gegenseitig Reviewen.
Die sind auch eigentlich dafür verantwortlich, dass Unit-Tests geschrieben werden. Also die schreiben die
Unit-Tests, auf denen dann quasi die erste Stufe der Automatisierung stattfinden kann. Das ist mal etwas
ausführlicher, wie wir das Thema hier leben.
I: Das heißt es gibt nicht diese ganz konkreten, vordefinierten Schnittstellen zwischen Produktentwicklung
und Qualitätssicherung, sondern das ist aufgrund dieses Projekt-Charakters, dass die da praktisch in
ständigem Austausch miteinander stehen?
IP: Ja genau also beispielsweise wir haben jetzt hier eine Plattform auf der acht bis zehn Entwicklungs-
Teams arbeiten und jedes dieser acht bis zehn Teams hat einen QA-Kollegen an Bord, der rein aus der
Team-Perspektive auf das Thema Qualität schaut. Aber dadurch, dass alle auf der gleichen Plattform
unterwegs sind, stimmen die sich auch intern untereinander ab. Ok es geht zusammen auf das Release XY
zu. Es gibt gemeinsame Regressionen es gibt gemeinsame Smoke-Test, die durchgeführt werden müssen
auf den verschiedenen Umgebungen von Integration bis Produktion. Um einfach Fehler auszuschließen
oder auch die Teams ein Stück weit beeinflussen zu können auf dieser Plattform, genau solche Dinge
auszuschließen.
I: Die Fragen 11 und 12 haben wir mit der Frage zehn geklärt.
I: Was hältst du für notwendig oder was sind Bedingungen an die Unternehmenskultur, die aus deiner Sicht
förderlich sind für agile Arbeitsweisen, um diese auch erfolgreich zu etablieren? Also man kennt es aus der
Automobilindustrie, da hat man sehr steile Hierarchien, das widerspricht ja auch diesem agilen Konzept,
wohingegen bei IT Unternehmen das gänzlich anders aussieht.
IP: Also da muss man auch sagen, dass wir in einer sehr komfortablen Situation bei uns sind. Da wir quasi
eigentlich kein klassischer Supplier sind, sondern eine 100%-Tochter. (von Mercedes.) Damit haben wir ein
Stück weit ein anderes Standing plus wir haben von unserer Geschäftsführung (auf E2-Ebene) auch das
Commitment, genau in diesen agilen Konstrukten zu arbeiten. Was hinzu kommt und was die Kultur ein
Stück weit unterstützt, wir sind auch als Organisation sehr agil aufgestellt, das heißt wir haben ein
Organisations-Framework, der nennt sich Holacracy, welcher die Zusammenarbeit in sogenannte Circle
modelliert und eben nicht über Hierarchien. In meinem Fall z. B. owne ich den Circle der Scrum Master und
gebe da auch Ideen, Motivation und Leitfaden mit rein, aber ich bin von keinem der Scrum Master
Führungskraft im Sinne von Jahresgesprächen, Gehalt und sowas. Das ist da strikt getrennt. Der klassische
Manager ist in verschiedene Rollen aufgesplittet. Und durch das Commitment vom Topmanagement, also
wir sitzen direkt unterm Bereichsleiter (E2) und wir sind 250 Leute, macht das vieles schon sehr viel
einfacher. Dadurch, dass wir auch von einem Start-Up von damals zehn oder 12 Menschen sehr schnell
groß geworden sind, hat das natürlich auch sehr starken Einfluss auf die Kultur. Das heißt wir haben auch
sehr viele Menschen, die einen Agentur-Background haben und von daher einfach auch die agilen Werte
an sich leben. Das heißt es gibt eine unheimliche Feedbackkultur und es wird Wert gelegt auf
Offenheit/Openess. Also ich kann an der Stelle in alle Produkt Backlog reinschauen, ich kann in alle Teams
reinschauen, ich kann an deren Zeremonien teilnehmen, da ist ein unheimlich hoher Kommunikationsfluss,
der sichergestellt wird. Sprich das Menschen sich über Produkte austauschen und Menschen miteinander
sprechen. Also die Kultur ist die Basis mehr oder weniger für agiles Arbeiten. Wir haben auch festgestellt in
Phasen, wo wir stärker gewachsen sind und in sehr kurzer Zeit viele Menschen dazu gekommen sind, da
hat man gemerkt, dass unterschiedliche Kulturen erstmal zueinander finden müssen. Damit diese
gemeinsamen Werte auch wieder initiieren werden müssen, da alles was an Methode und Framework dann
auch wirklich in den Produkt Teams eingesetzt wird, eben auf agilen Werten fußt. Wenn die nicht verstanden
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sind und wenn Menschen grundsätzlich ein anderes Verständnis haben, wird es meistens schwieriger und
da spielt Hierarchie ganz klassisch auch mit.
I: In welcher Form werden denn Mitarbeiter bei euch gefördert bzw. weitergebildet?
IP: Also das Thema Weiterentwicklung fällt so ein Stück weit in das Thema Enablement bei uns mit rein.
Dadurch das wir in Disziplinen aufgestellt sind. Also z. B. den QA- oder Scrum Master-Circle. Dieser Circle
kümmert sich, um die Weiterbildung in der jeweiligen Fachdisziplin. Darüber hinaus gibt es auch Company-
weite Förder-Methoden, wie z. B. dass es regelmäßige Company-Retrospektiven gibt oder auch Events, an
denen wir unsere Produkte und Entwicklung vorstellen. Es gibt auch ganz klassische
Weiterbildungsmaßnahmen also externe Schulungen und solche Geschichten, wobei auch gerade wir als
Scrum Master-Circle selbst Schulungen intern entwickeln und anbieten. Das ist ein sehr großes Thema, was
wir uns seit letztem Jahr auf die Fahne geschrieben haben. Das wir auch diese Coaching-Stärke in die
Organisation reinbringen. Das heißt wir müssen auch nicht mehr auf teure Schulungen schicken, sondern
wir können das auch intern machen also hands-on im Team oder an externen, dafür ausgewählten
Schulungstagen hier intern machen.
I: Welche Methoden und Werkzeuge werden zum Zwecke ständiger Verbesserung in die Arbeitsweise
etabliert?
IP: Der Sinn von z. B. Scrum ist der regelmäßige, sogenannte empirische Rückblick. Das heißt jede
Zeremonie hat den Auftrag die vergangene Periode zu betrachten und mit Blick auf die nächste Periode zu
planen und zu adaptieren, was zu verbessern ist. Also das heißt im Endeffekt jede Zeremonie, die wir
machen hat einen kleinen Auftrag, das heißt in unserem Daily ist der erste Schritt, das Gelernte im nächsten
Zyklus anzuwenden. Das heißt wenn ich nachher in das Team Daily gehe, erzähle ich woran ich gestern
gearbeitet habe und das ist die erste Möglichkeit kontinuierliche Verbesserung einzuleiten. Das heißt ich
habe gestern an etwas gearbeitet, festgestellt, dass das nicht funktioniert und nehme mir dafür heute
folgende Gegenaktivitäten vor. Allein durch dieses Sharing in unserem 15-Minuten-Daily gibt es schon ganz
kleine Verbesserungen. Und diese Art der Veränderung und kontinuierlichen Verbesserung findet eigentlich
in jeder Zeremonie statt. Die Hauptzeremonie ist immer am Ende der Iteration, die normalerweise zwei
Wochen lang ist, die Retrospektive. In dieser schaut das Gesamtteam auf unser Gesamt-Inkrement und
sagt, okay wie lief denn die Iteration, was kann man besser machen, wo hat es gehakt, was waren
Schwierigkeiten und dann einfach die Maßnahmen auch plant und umsetzt, um einfach diese kontinuierliche
Verbesserung erlebbar zu machen. Also im Endeffekt ständig und täglich.
I: Worin siehst du die größte Herausforderung, wenn es darum geht das Qualitätsmanagement mit agilen
Arbeitsweisen zu verbinden?
IP: Also ich glaube, es ist an sich nicht schwierig. Es bedarf einem unheimlichen Kommunikations- und
Aufklärungs-Aufwand, aber an sich ist es durchaus möglich. Wir kommen auch immer häufiger an die Punkte,
an denen gerade auf der Business-Seite der Ansprechpartner mit riesen großen Go-Live und Cut-over-
Plänen mit End-to-End Testing und mit von-bis und Involvement von X externen Testern und Suppliern und
Zulieferern. Da wird das ganze Thema Qualität eben aufgeblasen im Sinne von Organisationen, Menschen
und Plänen, die im Endeffekt vielleicht das Thema Qualität nicht so stark beeinflussen. Das heißt das
Verständnis schaffen, wie wir hier arbeiten, Verständnis schaffen, das wir Qualitätsmanagement machen
schon von Tag eins an, weil das in unsere Prozesse etabliert ist. Das heißt nach den ersten zwei Wochen
kommt schon ein gesichertes Inkrement heraus. Das heißt man braucht gar nicht diese Big-bang-
Veranstaltung ganz am Ende, sondern man brauch dort einfach nur noch einen geregelten Ablauf eine
gemeinsame Abstimmung. Gerne auch noch mal End-to-End etwas ausführlicher, aber durchaus nicht
diesen ganz großen Aufwand. Das heißt um noch mal zurück zur Frage zu kommen, die größte
Herausforderung ist mehr weniger die Aufklärung, wie agiles arbeiten funktioniert, und wie externe Business
Partner sich einbringen können, um schon im Produktentwicklungs-Zyklus dieses Qualitätsmanagement
auch nachvollziehen zu können. Also das die schon wissen, wenn ein Meilenstein X eintritt, wurde schon
vier Wochen, sechs Wochen, acht Wochen vorher Qualität gesichert und dass die dabei waren, um zu sehen
was passiert ist. Dass das auch für sie relevante Minimeilensteine sind, die sie eigentlich schon in ihren
Qualitätsmanagement-Plan überführen können und deswegen gar nicht mehr diese extremen
Organisations-Overhead-Geschichten fahren müssen. Das ist glaube ich die größte Herausforderung.
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Interview 4
Interviewpartner: Projekteiter-Assistenz und Scrum Master aus einem IT- und Strategie-
Beratungsunternehmen, welches in verschiedenen Industrien tätig ist
(Abkürzung: IP - Interviews Partner, I - Ich)
I: Welcher Branche ist dein Unternehmen zugeordnet und in welchem Bereich bist du denn tätig?
IP: Das Unternehmen, in dem ich arbeite ist der Unternehmensberatungs-Branche zugeordnet mit
Schwerpunkt IT-Beratung im Speziellen Business Intelligence, Big Data also Informations- und
Managementsystem und da haben wir so eine Art Rundumbetreuung. Das heißt, komplett Neu-
Implementierung, Neu-Design und Strategieberatung und ja das volle Programm. Im Innovation Lab sind
wir auch was agile Arbeitsweisen angeht sehr affin. Wir sind in so ziemlich sämtlichen Geschäftsbereichen
von Versicherung bis Handelsunternehmen und in vielen der größeren Unternehmen in Deutschland tätig.
(Und unsere Firma heißt Infomotion, falls ich das noch nicht erwähnt habe.)
I: Welche Produkte werden dann in deinem Bereich bzw. in deinem Unternehmen hergestellt und entwickelt?
IP: Also von uns? Was wir da entwickeln?
I: Genau.
IP: Ja wir entwickeln eine große Planungssoftware also ich bin z.B. Bereich SAP-BWP tätig. Und da werden
mit dem Web Excel Add-in Analysis-for-Office so ziemlich alle Module oder Bereiche eines Unternehmens
geplant. Also sprich Umsatz, Sachkosten, Personal und das kann dann Filial-genau auf den Tag genau für
das Geschäftsjahr geplant werden. Also im Anschluss werden die Daten dann halt konsolidiert und auch
wieder zurück ins BW-System zurückgeschoben und dann finden da auch die Reports statt. Und sowas
machen wir, aber wir können auch die wildesten anderen Sachen machen. (lacht) Also wir haben auch z.B.
Big Data Kollegen, die versuchen die Entwicklung des Super-Preises durch Predictive auf die Spur zu
kommen. Alles von Betrieb und Support machen wir auch. Also alles was mit Business Intelligence und
Daten zu tun hat. Daten ist unser Kerngeschäft.
I: Welche Stellung besetzt du denn in diesem Bereich? Was ist dein Aufgabenbereich?
IP: Ich bin Consultant und seit zwei Jahren bin ich im Projektmanagement tätig. Und ich bin auch Scrum
Master habe auch die Zertifizierung Prince2 Agile. Ich weiß nicht, ob du den Standard kennst? Das ist ein
Projektmanagement-Standard und Prince steh dabei für Project Inner Control Environment. Das ist so ein
recht guter Projektmanagement-Standard. Davon gibts dann noch ne quasi Weiterentwicklung, die sich im
speziellen mit der agilen Arbeitsweise beschäftigt. Also ich bin als PMO gerade tätig. Also ich unterstütze
den Projektleiter. Ja das ist ein Großprojekt das sollte jetzt schon seit zwei Jahren… wir haben das
übernommen von einem anderen Dienstleister, wo es dann aufgrund der Komplexität nicht so gut gelaufen
ist. Und durch agile Anpassung haben wir das Projekt jetzt schon bis zu einem zweiten Release erfolgreich
durchgeführt. Und ja jetzt sind wir quasi am dritten Release. Das mache ich.
I: Wie lange bist du denn schon in diesem Bereich tätig oder sagen wir mal, generell in der Entwicklung von
Softwareprodukten oder Projektmanagement von Softwareprodukten?
IP: Also bei Unternehmensname (Infomotion) bin ich seit über drei Jahren und fünf Monaten und davor war
ich auch im SAP-Bereich, aber mehr Support und Datenentwicklung. Also noch nicht so nah an der BI, wie
ich es jetzt bin.
I: Wie sind denn die Bereiche Entwicklung und Qualitätssicherung in die Unternehmensorganisation
eingegliedert? Sind das eigene Funktionsbereiche oder ist das Qualitätsmanagement in gewisser Weise in
die Entwicklung schon integriert?
IP: Also das ist grundsätzlich bei Beratungsunternehmen eben auch von Projekt zu Projekt unterschiedlich.
Wir sind da natürlich flexibel je nachdem wie die Unternehmen das handhaben wollen. Wir haben natürlich
auch einen Standard bei uns Prince und wir haben natürlich auch bestimmte Qualitätsmanagement-Zyklen
und Best Practices, die wir anwenden, aber an sich sind wir da sehr agil und passen uns an. Also wir haben
da… also Qualitätsmanagement ist im Entwicklungsprozess schon integriert, mal mehr mal weniger.
I: In welcher Form und in welchem Umfang sind den agilen Arbeitsweisen bei dir im Unternehmen oder im
Projekt integriert?
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IP: Also bei uns jetzt im aktuellen Projekt da sind wir… da war der Gedanke, dass wir uns nach Scrum
komplett organisieren. Nachdem wir das Projekt übernommen haben, haben wir agile Methoden schon
eingeholt. Also wir haben z.B. durch den Product Owner und Teilprojektleiter eine recht gute Struktur
geschaffen, welche eine sehr intensive Abstimmung mit Anforderungsgebern anbietet. Und wir benutzen
auch z.B. Gira und arbeiten agil nach der Kanban Methode. Wir arbeiten jetzt nicht wirklich mit Sprints, aber
wir haben uns stark an Scrum angenähert. Arbeiten aber nicht wirklich nach Scrum. Wir haben da
verschiedene Workflows in Gira die uns helfen während der Entwicklung ein Auge auf Qualität zu haben.
Da gibt es dann… also du weißt ja wir haben ein Softwareentwicklungsprojekt, da gibt es auch im
klassischen SAP-System immer eine Entwicklungsumgebung und eine Qualitätssicherungsumgebung und
eine Produktion. Und das ist auch bei uns im Workflow so abgebildet. Und wenn irgendetwas, sage ich mal
auf E fertig entwickelt ist, ist dann ein Workflow, ein entscheidender Workflow-Schritt, dass das dann zur Q
kommt, da wird es dann getestet teilweise vom Product Owner, teilweise dann von den verschiedenen
Ländern, die später die Software nutzen. Und wenn die dann das Okay geben, dass eine bestimmte Funktion
oder sei es ein bestimmter Bug, der geändert wurde, dann kann das auch geliefert werden und da wird es
dann auch noch mal auf Funktionalität geprüft.
I: Wie schaut es bei euch aus, wenn mehrere Teams an einem Projekt arbeiten? Wie stimmt ihr euch ab?
Wie werden da Software Inkremente integriert?
IP: Was verstehst du unter mehrere Teams? Also Teams mit unterschiedlichen Aufgaben oder was meinst
du?
I: Ich meine du hast eine Software, die erstellt werden will, oder ein Projekt, und splittest das in verschiedene
Teilprojekte. Und sagst dann, okay jedes Teilteamprojekt hat jetzt die Aufgabe diesen oder jenen Software-
Part zu erstellen und am Ende läuft das dann wieder zusammen und muss integriert werden in ein
Drittsystem oder in ein Gesamtsystem.
IP: Okay also wir haben uns da im jetzigen Projekt so aufgestellt, dass es zwei Teilprojektleiter gibt, die
verschiedene Teams unter sich haben. Also je nach Modul ein Team und in jedem Team gibt es noch einmal
ein Lead-Entwickler also einen führenden Entwickler, der steuert die anderen Teams innerhalb der Teams.
Und wir haben dann auch ein paar Focus-Module, die keinem direkten Teilprojektleiter zugewiesen sind,
sondern wo die Chefentwickler quasi selber den Hut aufhaben. Und wir haben innerhalb dieser
Teilprojektleiter-Teams kontinuierliche Abstimmungen unter der Woche und dann gibt es jeden Mittwoch
einen Gesamt-Jour-fix zwischen dem Projektleiter und den Teilprojektleitern und Teams. Da werden dann
die wesentlichen Punkte beschrieben und besprochen. Das geht so ungefähr zwei Stunden das Meeting
und da werden dann eben Impediment-Probleme besprochen und er wird dann ein Statusbericht erstellt und
besprochen der dann auch an den Lenkungsausschuss also den Projektlenkungsausschuss geht. Und so
haben wir immer ein gutes Bild, was gerade in den einzelnen Modulen passiert bzw. wo die Schmerzen sind.
Und wenn dann halt von uns eingegriffen werden muss oder eskaliert werden muss, steht das recht schnell
parat. Also die Informationen, die wir brauchen. Wir sind ein ganz gut eingespieltes Team. Und das haben
wir dann über solche regelmäßigen Termine ganz gut abdecken können… die Kontrolle.
I: Wie ist das denn mit den Mitarbeiterkompetenzen… Wie setzt sich da ein Projektteam denn zusammen?
Sind denn da ganz verschiedene Backgrounds in so einem Team?
IP: Bei Scrum ist es ja auch so, dass man ein Team von verschiedenen Generalisten hat, wo jeder alles
kann. Wir haben bei uns schon sehr spezialisierte Kollegen, die in gewissen Modulen schon sehr affin sind,
sei das jetzt Sachkosten oder Umsatz das sind schon recht taffe Module und Berechnungen und recht
kompliziert und gar nicht so einfach. Das sind alles schon Entwickler, die Erfahrung haben in SAP BI, also
das ist so eine Art Planung. Und dann haben wir natürlich, die eher individuell auf die Datenbereitstellung
spezialisierten (Entwickler). Und ja so haben wir durch jedes entsprechende Softwaremodul also für jeden
Teilaspekt der Planung haben wir dann verschiedene Experten. Und die sind überwiegend auch extern sei
es von unserer Firma (Infomotion) aber auch noch ein-zwei anderen Entwicklungsfirmen oder Freelancer,
die dann so schwierig am Markt zu bekommen sind. Und so arbeitet man dann teilweise auch mit der
internen BW-Abteilung zusammen oder dem Support und so versucht man dann die Herausforderung zu
meistern. Und dann haben wir natürlich auch noch administrative Funktionen. Das wären einmal dann der
Projektleiter. Wir haben praktisch zwei Projektleiter, einen technischen also meinen Chef und dann haben
wir noch einen fachlichen Projektleiter, der quasi die Schnittstelle regelt. Das hätte ich vielleicht auch noch
sagen sollen, also unser Projekt ist angegliedert am IT-Teil und am Controlling-Teil. Also bei uns in der
Branche sind wir gerne in der Mitte von beiden Abteilungen, also wir arbeiten dann mit beiden zusammen.
Das ist eben auch wichtig zu sagen. Und um mit beiden Seiten kommunizieren zu können, haben wir zwei
Projektleiter. Das hat sich eben im zweiten Jahr so entwickelt. Am Anfang war das nur der technische
Projektleiter, der den Hut auf hatte und danach kam dann der jetzt fachliche Gesamtprojektleiter hinzu, der
den Hut auf hat für die Product Owner, die alle aus dem Controlling kommen und dann mit den
unterschiedlichen Stakeholdern kommunizieren und die jeweiligen Anforderungen sammeln dann
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
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priorisieren. Also wir arbeiten auch ähnlich wie bei Scrum mit einer Backlog, wo die Anforderungen dann
priorisiert werden und mit Stories und Tasks werden die dann zu Epics zusammengefasst und in den
entsprechenden Entwicklungszyklen realisiert.
I: Du hast es schon angesprochen, ihr arbeitet auch teilweise mit Lieferanten zusammen. Sind die dann von
anderen Softwarefirmen oder wie kann man sich das vorstellen?
IP: Also mit anderen Lieferanten da meinte ich in erster Linie, dass wir noch andere Dienstleister also andere
Beratungsunternehmen haben, weil wir halt so ein großes Projekt sind mit über 20 Entwicklern. So meinte
ich das. Aber als Lieferant oder als anderen Stakeholder haben wir natürlich auch andere
Unternehmensbereiche von unseren Kunden, auf die wird dann auch angewiesen sind. Z.B. bei der
Datenbereitstellung, dass wir die entsprechenden Zugänge für diese Systeme haben damit wir die Daten
anbinden können. Sei es jetzt per direkten Verbindung oder eben Flat-File-Beladung. Und da ist es dann
halt auch im Hinblick agiler Arbeitsweisen kompliziert, weil wenn man selber agil arbeitet, aber die Abteilung,
die einem die Daten zustellen sollen nicht agil arbeitet, wird’s auch schwierig. Also da muss man dann
manchmal auch kontinuierlich Druck machen. Das sind dann auch die Grenzen, wenn man in einem großen,
übergreifenden Projekt agil arbeitet, aber die Schnittstellen eben nicht agil arbeiten. Und dann wird da… die
haben eben auch ihre Arbeiten und müssen schauen, dass ihre Ziele und Aufgaben fertiggestellt werden
und wenn da halt ein Projekt ankommt dann kann das manchmal sehr schrecklich werden.
I: Das habe ich jetzt auch schon öfters mitbekommen von vielen Seiten, dass es schwierig ist, diese
Schnittstellen dann richtig aufzubauen.
I: Wie werden denn Kundenanforderungen an das Produkt ermittelt? Zu welchem Zeitpunkt findet das denn
statt? Ist das ein kontinuierlicher Prozess oder ist das ein einmaliger Prozess?
IP: Also idealerweise ist das am Anfang eines Sprints oder am Anfang eines Entwicklungszyklus. Das ist
schon sehr hilfreich, wenn alle Informationen feststehen würden, aber leider ist das nie so. Also es kann
natürlich sein, dass sich etwas ändert, es kann aber auch sein, dass neue Anforderungen hinzukommen,
weil es z.B. Unternehmensentscheidungen gibt. Also wir gehen mit solchen Anforderungen und mit sich
ändern Anforderungen insofern um, als dass wir einen Changemanagementprozess definiert haben. Und
wir haben einen bestimmten Schwellenwert definiert, wenn eine neue Anforderung sei es jetzt in ticketform
oder generell kommt die einen gewissen… die eine gewisse Anzahl von Arbeitstagen überschreitet… Ich
glaube, wir haben da zehn Arbeitstage (PT) definiert, muss das sogar in den Lenkungsausschuss. Also da
wird dann auch abgestimmt zwischen… Also vorher wir sich noch mit den TPLs und den Projektleitern
abgestimmt. Und wenn es dann tatsächlich heißt ja das muss gemacht werden, weil sonst das und das nicht
funktioniert oder das anders keinen Mehrwert bringt, dann müssen wir das in den Lenkungsausschuss
bringen und da wird dann nochmal abgestimmt, ob etwas getan werden muss. Also wir haben sehr oft und
viel mit sich ändernden Anforderungen zu tun. Und ja wir mögen das eigentlich nicht manchmal kommt es
dann aber eben trotzdem. Wir haben auch eine spezielle Priorisierung eins bis drei und quasi alles das mit
einer Prio eins wird umgesetzt im aktuellen Release, wenn dann neue Anforderung vom Kunden kommen
mit Prio eins, die aber noch nicht gecheckt wurden, werden wir auch schon oft ungehalten. Aber das passiert
leider sehr oft und dann muss man sich eben abstimmen und kommunizieren und meistens ist das am
Schluss doch nicht so wild und es kann am Ende doch noch umgesetzt werden, wenn es jetzt in den
entsprechenden Zyklus passt. Aber das ist eben agil. Es wäre ja natürlich fantastisch, wenn im Vorfeld der
Scope schon definiert wäre, aber das ist eben auch der Vorteil an der Agilität, dass man dann noch, wenn’s
passt, Sachen aus der Backlog nachziehen kann und diese dann auch umsetzen kann.
I: Wie lange ist bei euch denn ein Sprint?
IP: Also da wir nicht wirklich nach Scrum arbeiten, ist eigentlich bei uns der Sprint die Zeit bis zum Release.
Also wir haben eine Releasezeitpunkt und bis dahin muss dann eben gearbeitet werden und bis dahin
müssen die entsprechenden Module eben fertig sein. Also das würde jetzt keinen Sinn machen, einen vier
Wochen Sprint zu haben, weil unserer Planungstool eben nur nach einem bestimmten Punkt überhaupt
benutzt und beplant. Es werden halt auch unterschiedlich Module nach und nach freigegeben. Es macht
keinen Sinn, dass man ein inkrementelles Produkt schon nach vier Wochen liefert, weil das dann kein Wert
hat, wenn man damit nicht arbeiten kann. Das ist in einem großen IT Projekt eben ein bisschen anders.
I: Am Ende eines Releases steht dann schon auch ein erster Prototyp oder ein testfähiges Produkt richtig?
IP: Ja es werden da natürlich kontinuierlich in den unterschiedlichen Modulen Prototypen entwickelt. Und
wenn die Entwicklung abgeschlossen ist und eine spezielle Berechnung oder spezielle Kennzahlen, die
beplant werden müssen, fertig sind dann könnte man natürlich schon von einer Art Prototyp sprechen, da
gebe ich dir Recht ja. Aber wir haben da keine festen Zyklen, sondern es gibt eben Meilensteine, die dann
eben in der Zusammenarbeit mit Projektleiter, Teilprojektleiter und POs definiert wurden. Bis dann und dann
muss das und das fertig sein. Ja und wenn es das dann ist, dann sind wir glücklich. (lacht)
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I: Bei digitalen Produkten also im Automobilbereich ist es ja so, dass du oftmals eine Hardware Komponente
im Auto hast und eben eine Software oder eine App, die dann praktisch mit diesen Hardwarekomponenten
kommuniziert. Wie ist das denn bei euch, wenn ihr Software erstellt, die dann auf irgendwelchen Hardware-
Komponenten vom Kunden funktionieren müssen? Wie läuft das dann mit der Integration oder auch mit der
Zusammenarbeit ab?
IP: Mit Hardware?
I: Genau.
IP: Also wir sind natürlich als Beratungsunternehmen und Partner auch von verschiedenen Software
Häusern natürlich sehr davon abhängig, dass wir dann zugesagte… das fängt dann schon z.B. bei
bestimmten Lizenzen an. Da muss man dann halt vom Kunden, den man dann auch berät und entwickelt,
die zuvor abgestimmten Softwareprodukte dann auch tatsachlich lizenziert bekommen. Wenn man jetzt zum
Bespiel bei SAP mit einer ganz neuartigen Software arbeitet, die dann plötzlich nicht fertig wird, dann können
sich natürlich gesamte Projekte verschieben und insofern geht man schon… also im Idealfall sind die
Hardwarekomponenten dann schon da, bevor wir das Projekt starten. Aber so ist es natürlich in der Realität
oft nicht. Jetzt bei uns im IT-Bereich haben wir natürlich nicht oft mit irgendwelchen Hardware-Komponenten
zu tun so wie du im Automobilbereich zu tun hast. Daher sehe ich bei uns eher, dass es um Lizenzen oder
um ganze Produkte geht, die dann schnell entwickelt werden. Bei uns ist auch noch das Thema, dass es
dann zu neuen Releaseständen kommt also Updates oder neuen Services. Da sind wir dann auch von der
IT-Abteilung abhängig von der BW-Abteilung das da entsprechend Updates, die erforderlich sind, z.B. um
irgendwelche Bugs oder Errors von Kunden zu beseitigen, da sind. Da ist man natürlich immer auf die interne
Abteilung angewiesen. Also in dem Sinne als Hardware-Lieferanten, obwohl es eigentlich Software ist, wenn
du verstehst worauf ich hinauswill. Das ist bei uns die Hardware, von der ich spreche. Oder wenn man die
Datenbanktechnologie nimmt. Also die Datenbank kann an sich auch als eine Art Mischform von Software
und Hardware angesehen werden. Ansonsten das wir wirklich ein Produkt haben, was… Ich überleg
gerade… schwierig. Ansonsten fällt mir da gerade nichts ein, was wir da hardwaretechnisch gemacht haben
und noch besonders in meiner Erinnerung geblieben ist oder von anderen Projekten, von denen ich gehört
habe. Da sind wir eher Software-seitig unterwegs.
I: Wie wird die Qualität von Softwareprodukten in der Entwicklung sichergestellt? Wird da Testing eingesetzt?
Oder welche Methoden kommen da zum Einsatz?
IP: Also wir haben bei uns im Projekt, da wir einen sehr großes sind, haben wir einen eigenen Testmanager
sogar eine eigene Firma, die für das Testen verantwortlich ist. Da gibt es dann erstmal interne Tests, die
quasi von den Testern nach einem bestimmten Testkatalog durchgeführt werden. Und dann haben wir
natürlich auch von Kundenseite bestimmte Ländertests, wo praktisch auf Freiwilligkeit verschiedene Länder
insgesamt bis zu 200 Tester definieren, die dann schon einen (?)Test durchführen. Und dann werden quasi
in einem speziellen Gira die Fehler gesammelt und dann auch möglichst beseitigt bzw. priorisiert und
kategorisiert. War das jetzt ein Anwenderfehler oder ist das jetzt eine mangelnde Schulung gewesen? Das
sind bei uns die Punkte. Aber das kann natürlich auch von Projekt zu Projekt unterschiedlich sein. Teilweise
ist so das Testmanagement oder das Testing ein Punkt ist, wo Unternehmen gerne Einsparen wollen. Das
ist natürlich ein zweischneidiges Schwert, dass kann natürlich Kosten einsparen, aber es kann natürlich
auch das Genick brechen.
I: Gibt es denn fest definierte Schnittstellen entlang dieses Zyklus, wo eben die Entwicklung oder das
Qualitätsmanagement zusammenarbeitet?
IP: Teilweise sind das Qualitätsmanagement oder das Testmanagement als Ausprägung… also das
Qualitsmanagement ist eine Ausprägung des Testmanagements. Also wir haben jetzt keinen eigenen
Qualitätsbeauftragten, sondern die Qualität liegt im Auge des Betrachters also das ist eine subjektive
Betrachtung und Wahrnehmung. In unserem Falle sind das dann die 30 verschiedenen Länder, die das
Planungstool nutzen. Die Qualität wird dann halt quasi durch deren Zufriedenheit mit dem Tool definiert,
aber wir können natürlich im Vorfeld die Qualität sicherstellen, dass die einzelnen Berechnungen,
Kennzahlen und Planungsfunktionen dann auch tatsächlich richtig funktionieren. So einen richtigen
Qualitätsbeauftragten gibt es in unseren Projekten nicht. Also das wird dann einfach von den verschiedenen
Teilprojektleitern und Product Ownern und dann von den Ländern definiert. Du kannst auch gerne
nachfragen, wenn dir etwas unklar ist oder wenn ich an der Frage vorbei spreche.
I: Ja klar ich höre mir das nur erstmal an und muss dann auch nochmal darüber nachdenken und stelle dann
schon auch Zwischenfragen. Also die Fragen, die ich bisher gestellt habe, sind nicht alle auf dem
Fragenkatalog enthalten. Gerade bei diesen qualitätssichernden Maßnahmen… Man muss ja schon
schauen, dass diese Software, die man eben erstellt und entwickelt, dass die dann eben auch auf
Drittsysteme integriert werden kann und dass das dort dann auch reibungsfrei auf der Umgebung läuft richtig?
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IP: Ja genau das ist bei uns auch besonders wichtig. Es gibt ja so die IT-Umgebung. Ich spreche jetzt nicht
unbedingt von den großen Serverlandschaften oder von den großen SAP-Systemen, sondern der IT-
Infrastruktur im Sinne von den Rechnern, die die Kollegen dann später benutzen. Die kann auch im
schlimmsten Fall heterogen sein. Also das man dann… das heißt z.B. Windows 10 wird gerade ausgrollt
und dann hast du Länder und Nutzer, die bereits Windows 10 mit Office 365 haben und dann hat man
Länder, die ältere Windows und Office Version nutzen. Und ja dann beginnen die Probleme, denn man
entwickelt auf einer festen, standardisierten Umgebung und wenn dann halt trotzdem Unterschiede in der
Landschaft sind, kann es Probleme geben. Wir haben dann natürlich eine Art Order von hoher Stelle an die
IT-Leiter der unterschiedlichen Länder geschickt, dass das und das sicher gestellt werden muss, aber
manchmal stellt man dann fest, dass bestimmte Infrastrukturen, die in einem Land genutzt werden, in dem
anderen Land gar nicht möglich sind zu bestellen. Und dann beginnen natürlich die Kopfschmerzen, aber
bisher ist das alles gut gegangen. Problematisch wird es dann, wenn z.B. das Excel Add-in von SAP dieses
Analysis for Office das wir benutzen, wenn da dann z.B. ein Upgrade vor einer Releaseversion ansteht,
dann kann es ganz schön knifflig werden. Und in den letzten Jahren ist ein Upgrade dieses Tools, ja wie soll
man sagen, nicht sehr erfolgreich durchgeführt worden von der entsprechenden IT-Abteilung. In diesem
Jahr haben wir dafür dann verschiedene funktionale Tests und Abnahmen damit das dann in diesem Jahr
kein großes Problem mehr wird.
I: Und bei diesen Abnahmetests, da wird dann auch End-to-End Testing vollzogen, richtig?
IP: Genau es gibt auch verschiedene Testformen. So eine Art Smoketests, wo dann einfach durchgeführt
werden. Dann gibt es natürlich auch noch, na wie nennt sich das, Integrationstest, dass dann halt bestimmte
übergreifende Systeme miteinander zusammenarbeiten in den verschiedenen Modulen. Ja da sind aber
auch verschiedene Testkataloge definiert und an denen wird dann versucht, alle Fehler frühzeitig zu
entdecken. Klar kann da immer mal etwas durchrutschen denn bestimmte Testkonstellationen, die so absurd
sind, kann man sich nicht ausdenken, dass kann immer mal passieren, da muss man dann eben rechtzeitig
reagieren und dann hat man das schon ganz gut im Griff.
I: Wenn man über agiles Arbeiten spricht, dann sagt man oft, dass das diese von der Kultur des
Unternehmens in gewisser Art und Weise unterstützt werden muss. Z.B. gerade in Unternehmen mit einer
sehr steilen Hierarchie passt das meistens nicht so gut zusammen, weil das ja zu diesen (agilen) Prinzipien
auch sehr konträr ist. Wie ist das bei euch in der Unternehmenskultur? Wie siehst du da agile Arbeitsweisen
unterstützt?
IP: Also bei uns Intern auf jeden Fall, da werden agile Arbeitsweisen standardmäßig unterstützt. Ich habe
den Eindruck, dass auch bei unseren Kunden gerade in der IT Abteilung das agile Arbeiten sehr stark
genutzt wird, aber nicht komplex übergreifend, sondern eher in bestimmten Teilabteilungen. Gerade im
Business Intelligence Bereich oder in der Entwicklung von großen Managementsystemen, da hat man den
Eindruck, dass wirklich nach Scrum gearbeitet wird und dass das da auch wirklich genutzt wird. In anderen
Abteilungen gerade in konservativen Unternehmen ist es natürlich recht schwierig, da mit einer komplett
neuen Arbeitsweise anzukommen. Es werden dann gerade in konservativen Unternehmen auch Sachen
gefordert, die z.B. bei Scrum nicht standardmäßig vorgesehen sind. Also z.B. Statusbericht oder die Nutzung
eines Projektlenkungsausschusses. Die sind ja perse auch nicht direkt in Scrum erforderlich oder geplant.
Da muss man dann eben dementsprechend reagieren, dass das dann auch trotzdem… also die
Managementanforderungen trotzdem getroffen werden. Aber agil ist ja auch nicht immer Scrum, sondern es
gibt ja auch verschiedene andere Arbeitsweisen z.B. Kanban oder Prince2 Agile, die dann solche
konservativen Vorgaben, welche man aus dem alten Projektmanagement kennt, dann auch trotzdem
berücksichtigen.
I: In welcher Form werden denn Mitarbeiter bei dir in der Abteilung oder im Team gefördert oder
weiterentwickelt?
IP: Du meinst in Richtung Agilität?
I: Eher generell also einmal hinsichtlich der fachlichen Ausbildung, dass man sagt, okay wir wollen eben
auch immer an den brandaktuellen Technologien dran sein und immer den neuesten Expertise-Stand haben
und deshalb eben die Weiterbildung von Mitarbeitern anstoßen. (Und auf der anderen Seite auch hinsichtlich
der agilen Arbeitsweisen.)
IP: Die findet sehr gut und sehr oft statt. Das hängt natürlich auch von den einzelnen Mitarbeitern und
Vorgesetzten ab, dass man da eine entsprechende Zertifizierung anstrebt. Aber das wird sehr oft gemacht.
Sei es nun im IT-Bereich, dass man da für bestimmte Technologien gewappnet ist, aber auch standardmäßig
werden bestimmte Projektmanagement Skills wie z.B. Scrum auch als Schulung angeboten. Teilweise auch
mit Zertifizierung also gerade die Unternehmensberatungen sind da auch erpicht, dass da sehr viel in die
Mitarbeiter investiert wird und insofern hat man oft das Gefühl, dass Zertifizierungen oder Schulungen
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
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stattfinden. Auch bei Scrum. Aber so Zertifizierung sind da nicht immer geplant und es geht eher um das
Wissen. Aber man hat manchmal das Gefühl… Jetzt nicht bei dem jetzigen Kunden… Aber so Zertifizierung
werden dann gefühlt nicht so verstanden, nicht auf der breiten Front. Gerade wenn das irgendwelche teure
Zertifizierung sind, dann haben die Unternehmen manchmal Angst, dass die Mitarbeiter sich dann davon
machen und die teuren Zertifizierungen mitnehmen. Also das ist zwar selten der Fall, aber man hört immer
mal wieder Geschichten.
I: Ja klar. Aus der Unternehmensberatung hört man das schon öfters mal, dass da abgeworben wird oder
so. Man ist während seinen Projekten auch lang genug miteinander in Kontakt oder in Kooperation.
IP: Das sind so die Punkte, die mir zu Zertifizierung und Weiterbildung einfallen und ja gut gerade bzgl. agil.
Wenn man z.B. jüngere Kollegen einstellt… Das man dann einfach dieses Training-on-the-Job ermöglicht.
Also das man quasi jüngere Kollegen entwickelt und an diese agilen Arbeitsmethoden heranführt. Das ist
eben auch noch ein guter Punkt dieses Training-on-the-Job. Oder vielleicht auch als Schlagwort die
Jobrotation. Das kann dann, wenn man jetzt ein großes Unternehmen hat oder eben verschiedene
Arbeitsmethoden, Projektmanagement Methoden benutzt werden. Das man dann z.B. auch ermöglicht in
eine Abteilung zu wechseln, wo agil gearbeitet wird. Also das wäre natürlich auch eine gute Weiterbildung
für die Kollegen.
I: Was für Methoden und Werkzeuge benutzt ihr denn, damit ihr euch auch ständig verbessert und ständig
reflektiert? Sprich was gab es denn für Probleme im letzten Sprint, was kann man besser machen. Was für
Methoden sind denn da bei euch etabliert?
IP: Also wir machen nach großen Releases regelmäßig so eine Art operatives Team-Meeting, wo wir dann
mit fast über 30 Leuten zusammensitzen und die entsprechenden wichtigen Punkte besprechen. Wenn ein
Software-Release realisiert wurde, kann es auch sein, dass man danach eine Art Lessons-learned macht
und da auch bestimmte Punkte anspricht. Und da haben wir verschiedene Meeting Typen, wo wird das
besprechen. Anders als z.B. bei Scrum gibt es jetzt keine Sprint-Retrospektive, aber so etwas Ähnliches
kann man bei uns mit Lessons-learned beschreiben, wo man bestimmte Punkte diskutiert.
I: Ich denke auch, dass das meistens dann auch nur ein anderer Name aber das gleiche gemeint ist.
IP: Das stimmt.
I: Worin siehst du denn die größte Herausforderung, wenn es darum geht das traditionelle
Qualitätsmanagement mit den agilen Arbeitsweisen zu verbinden?
IP: Also ich würde einfach mal festlegen, dass gerade im Qualitätsmanagement feste Zyklen der Kontrolle
vorgesehen sind und wenn dann wirklich agil ständig sich ändernde Anforderungen…. also wenn die
Anforderung an die Qualität sich während des Entwicklungsprozesses ändern, kann es natürlich für das
Qualitätsmanagement sehr schwierig werden. Und gerade, wenn ich jetzt z.B. an Scrum denke, da wäre es
dann natürlich sinnvoll, das Qualitätsmanagement nicht unbedingt als separate Abteilung zu sehen. Das es
halt sinnvoll wäre, wenn in dem entsprechenden Scrum-Team eine entsprechende Person wäre, die sich,
wenn es ein wichtiges Thema ist, um die Aspekte der Qualität kümmert. Das man in dem
Entwicklungsprozess eben schon Qualität agil abbildet und nicht etwa als nachfolgenden Prozess. Ich sollte
mich immer noch auf Software konzentrieren nicht unbedingt auf Hardware richtig?
I: Genau eher auf Software.
IP: Genau deshalb würde ich schon sagen, dass es wichtig wäre innerhalb des Scrum Teams oder des
agilen Teams auch den Punkt Qualität oder Qualitätsmanagement zu verankern. Das man dann da die
entsprechenden Kontrollinstanzen während des Sprints lenkt und in der Entwicklung berücksichtigt. Nicht
das man noch eine separate Qualitätsmanagement-Abteilung hat, die dann noch mal aktiv werden muss.
Das ist jetzt meine Einschätzung, wenn man sich auf Scrum konzentriert. Natürlich kann man das in
verschiedenen anderen agilen Arbeitsweisen ähnlich halten, dass man dann das Qualitäts-Team
kontinuierlich während der Entwicklung auch schon integriert.
I: Ja ist interessant, weil gerade viele eben sagen, dass man das Qualitätsmanagement nicht als einzelner
Block angewendet, sondern wirklich mehr integriert werden sollte. Damit da auch wirklich bessere
Kommunikationswege geschaffen werden, weil oftmals eben schon viel getestet wird, was aber gar nicht
ans Qualitätsmanagement berichtet wird. Was dann auch wieder in gewisser Art und Weise unter den Tisch
fällt.
IP: Also ich denke, zum Qualitätsmanagement. Wenn es so eine Abteilung gibt, kann es natürlich da
unterstützen und auch Coachen. Also das man den Scrum-Teams die Werkzeuge an die Hand gibt und
dann unterstützt oder die Tests professionell begleitet. Das wäre auch noch eine Möglichkeit, dass man da
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Shared Service Qualitätsmanagement etabliert und dann in der agilen Entwicklung nach Scrum da
entsprechend coachen kann und die Tests professionell begleiten kann. Das wäre auch noch eine denkbare
Idee. Da fallen mir dann z.B. so Tools wie HP, ALM oder auch Gira mit den entsprechenden Add-ons ein,
wo dann das Testing abgebildet wird. Wir haben da z.B. Das Tool Xporter, da können dann entsprechende
Testfälle abgebildet werden und man kann auch die entsprechenden Fortschritte darüber einsehen und
tracken. Und wenn dann halt das Qualitätsmanagement da unterstützt und auch diese Prozesse als
Standard festlegt. Ich glaube, dass kann auf jeden Fall bei der agilen Arbeitsweise Vorteile bringen.
I: Ja definitiv. Wie heißt dieses Tool Xporta?
IP: Ich weiß jetzt nicht ob das Xreporter oder nur -porter heißt. Das ist, glaube ich, ein kostenpflichtiges Add-
on für Gira und da können dann ganze Testkonzepte und Testfälle abgebildet werden. Und die Tester
können dann… Also man sieht dann mit so einer Art Statusbars, wie der Status der einzelnen Testfälle ist
oder welches Modul jetzt z.B. fertig ist. Also da gibt es dann so eine bestimmte Managementübersicht, also
ein schönes Dashboard. Und das ist natürlich auch für das Management schön, wenn man dann hört, die
und die Tests sind so und so erfolgreich abgeschlossen worden, so viele Fälle sind positiv, so viele sind
negativ, bei diesen hat noch nicht herausgefunden. Das ist auf jeden Fall eine sehr gute Hilfe und
Konkurrenzprodukte wären HP oder ALM. Also Application Lifecycle Management und da ist dann eben
auch Qualität oder Testing ein wichtiger Punkt.
I: Ja das ist sehr interessant, wenn man gerade Richtung Kommunikation zwischen den einzelnen
Abteilungen oder während des Sprints in den agilen Arbeitsweisen denkt. Das ist oft das Thema, was etwas
zurückbleibt. Das gesagt wird, was ist eigentlich gemacht worden und was für Tests wurden bestanden,
welche Testes wurden nicht bestanden. Das man da eben dann noch gezielter angreifen kann und nicht
generell einen Katalog von A bis Z durcharbeitet, sondern sagt, was ist denn auch wirklich notwendig.
IP: Genau. Und gerade jetzt bei Gira, dass man da so Dashboards erstellen kann oder auch Statusreports
direkt generieren kann, da ist die Kommunikation dann auf jeden Fall auch mit klassischen anderen
Abteilungen dadurch gegeben. Das gibt dann auch ein gutes Gefühl, wenn man dann schwarz auf we
sehen kann, aha die testen wirklich, da kann man sich drauf verlassen. Und ja das ist schon eine wichtige
Sache.
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Interview 5
Interviewpartner: Verantwortlicher und Nachfolger für Fehlerbehebungen von Connectivity-
Produkten/Services nach Markteinführung im Automobilbereich (Abkürzung: IP - Interviews Partner, I - Ich)
I: Welcher Branche wird das Unternehmen zugeordnet? In welchem Bereich bist du tätig?
IP1: (Die Daimler AG ist ein Automobilhersteller dementsprechend bin) Ich der Automobilindustrie
zugeordnet. Und in welchem Bereich? Ich bin im Bereich Connectivity-Umfeld unterwegs also das heißt, ich
bin überall so ein bisschen involviert in die Entwicklung nicht einem bestimmten Zweig.
I: Welche Stellung besetzt du in diesem Bereich und was ist dein Aufgabengebiet?
IP1: Ich habe mehrere Aufgabengebiete. In meiner Stellung bin ich auf der Sachbearbeiter Ebene als
Ingenieur ohne Personalverantwortung oder Budgetverantwortung. Mein Aufgabengebiet ist zum einen die
Fahrzeuginbetriebnahme und Service-Aktivierung. Das heißt ich schaue, dass die Fahrzeuge, die
Konnektivitäts-Dienste bekommen, dass man die auch testen kann. Aber auch das bei bestimmten
Fahrevents die Fahrzeuge einfach funktionieren in diesem Konnektivitäts-Bereich. Das heißt ich schaue,
dass die Fahrzeuge richtig am Backend angemeldet werden, dass die Dienste aktiv gehen und das die
Dienste im Fahrzeug auch erlebbar sind. Das ist der eine Part von meinen Aufgaben der zweite Part ist die
Q-Teamarbeit. Das heißt wir bekommen Kundenbeanstandungen rein über bestimmte Prozesse und wenn
diese eben dementsprechend priorisiert werden, landen die bei uns im Q-Prozess, wo wird dann den
Fehlerabstellvorgang starten, wo wir Fehler dann analysieren, verarbeiten und Lösungsansätze ins Feld
bringen.
I: Das heißt von Produkten die bereits vom Kunden benutzt werden?
IP1: Ja genau also quasi die Beanstandungen aus dem Feld. Also das heißt wenn jetzt jemand mit seinen
Konnektivitäts Diensten in irgendeiner Form unzufrieden ist dann ist es möglich, dass er sich beschwert,
und wenn sich da mehrere Leute beschweren zu einem bestimmten Thema dann landet das bei uns im Q-
Team also wird in die Q-Arbeit reineskaliert.
I: Wie lange bist du schon im Zusammenhang mit digitalen Produkten tätig?
IP1: Im Zusammenhang mit digitalen Produkten bin ich nun sei, lass mich überleg, seit zwei bis vier Jahren
unterwegs. Und war davor auf der Dienstleister-Seite für die Fahrzeug-Aktivierungs-Themen zuständig. Ich
bin jetzt seit Juni letzten Jahres Im Automobilunternehmen (bei der Daimler AG) tätig. Davor beim
Dienstleister, der genau dieselben Aufgaben ausgeführt hat. Und dann bin ich quasi ins Unternehmen
reingewechselt, weil sich das so ergeben hat.
I: Was ist dein akademischer Background? Bist du Software-Ingenieur oder hast du mit der
Softwareentwicklung bereits Erfahrung?
Nein mit Software habe ich wenig Erfahrung. Also ich kann Code grob lesen, aber ich bin weit davon entfernt
Software zu schreiben. Mein akademischer Background: Ich bin Master of Science in Physik. Also ich bin
ein Quereinsteiger. In der Automobilindustrie bin ich als Quereinsteiger reingekommen, habe aber auch
einen technischen Hintergrund. Vor meinem Studium habe ich technisches Zeichen Richtung Maschinenbau
als Ausbildung absolviert. Also von daher habe ich schon eine technische Ader, sage ich jetzt mal.
I: Was für Produkte im Konkreten begleitest du da?
IP1: Im Prinzip begleite ich kein Produkt an sich, sondern quasi das Zusammenspiel von diversen Systemen
und Produkten. Zum einen ist am Fahrzeug die TCU, die Communication Unit, das ist quasi das Telefon von
dem Auto und auf der and deren Seite haben wir die Back-End Systeme, mit denen das Auto kommuniziert.
Und ich bin sozusagen der Mittelsmann, der eben schaut, dass diese Systeme miteinander arbeiten. Das
heißt eigentlich alle Konnektivitäts-Dienste, aber eben auf einem sehr High-Level. Also auf einem sehr
hohen Level. Das heißt ich schaue nicht in die Tiefe rein. Ich schau nur in die Tiefe rein, wenn ich feststelle,
dass irgendetwas schiefläuft. Dann analysiere ich und leite an die entsprechenden Verantwortlichen weiter.
I: Das heißt, dass können dann auch Fehler hinsichtlich Software und hinsichtlich Hardware sein die dann
dort zurückgemeldet werden und analysiert werden?
IP1: Das sind dann meistens tatsächlich Softwarefehler. Meistens sind das Softwarefehler, die dann
hochpoppen, wenn die Systeme anfangen miteinander zu arbeiten.
IP2 kommt kurz zum Meeting dazu, muss aber nochmal gehen.
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I: Wir waren stehen geblieben bei Frage 5 und du meintest, dass die meisten Fehler Software-basierend
sind.
IP1: Genau Softwarefehler im Steuergerät oder eben im Backend System, wenn man das grob umschreiben
möchte.
I: Das heißt dann aber auch, dass diese Bandbreite an Produkten das gesamte Portfolio begreift und betrifft.
IP1: Richtig ja im Prinzip schon. Also im Backend, um es jetzt mal schwammig auszudrücken, laufen bis zu
150 Microservices, die jeweils ein Produkt abbilden. Also wenn du z.B. den Live Traffic haben willst, dann
ist das ein Microservice, der auf unserem Back-End läuft und da gewartet wird und weiterentwickelt wird.
I: In welchem Zusammenhang steht euer Bereich mit der Entwicklung und mit der Qualitätssicherung?
IP1: Kann ich so nicht sagen, weil mir so ein bisschen der Background fehlt. Also es gibt
Qualitätssicherungsmaßnahmen. Auf jeden Fall. Also es geht nichts, ohne auf Herz und Nieren geprüft
worden zu sein, auf dem Markt. Wir jetzt von der Q-Team-Arbeit aus… Da ist das eben so das aus dem
Kundenumfeld die Fehler an uns herangetragen werden und die dann von der entsprechenden Abteilung
behandelt und abgestellt werden. Je nachdem wie kurzfristig das möglich ist. Es kann sein, dass sie in zwei
Tagen, aber es kann auch sein, dass es in zwei Monaten erst erledigt ist. Beantwortet das deine Frage?
I: Ich habe noch eine Zwischenfrage. Dann ist das praktisch so: Der Fehler entsteht, der Kunde meldet das
an und euch, das trifft ein und ihr analysiert das dann und leitet das dann an die Entwicklung bzw. an das
Qualitätsmanagement weiter, richtig?
IP1: Also, wenn wir einen Fehler haben und der Kunde beanstandet das dann gibt es mehrere Wege, über
die das laufen kann. Es kann eben entweder über die Werkstatt laufen. Also der Kunde fährt in die Werkstatt,
ganz klassisch. Also die älteren Herrschaften, die fahren in die Werkstatt und sagen, mein Live-Traffic
funktioniert nicht. Ich habe die Live-Traffic Lizenz eingekauft aber die hat es nicht verlängert. Solche Fehler
also alles im digitalen Bereich. Oder z.B. der Reifendruck, der mir in der Handy App angezeigt wird, stimmt
nicht überein mit dem Reifendruck, der im Fahrzeug angezeigt wird. Das sind so Fehlerbilder, die entstehen
können. Und der Kunde hat die Möglichkeit das in der Werkstatt zu melden oder eben über das CAC,
Customer Assistance Center. Das heißt, er kann direkt aus dem Fahrzeug anrufen und sich beschweren.
Dann nimmt das das CAC auf, überprüft ob es diesen Fehler schon gibt, überprüft ob es dafür eine
Sofortmaßnahme gibt, wenn nicht dann läuft das quasi in den Backdesk zur Erstanalyse. Wenn dort keine
Zuordnung zu einem Fehlerfall stattfinden kann, wandert das dann eben weiter in den Second-Level-Support
und dann landet es im End-Level support, das sind dann die CFOs oder Komponenten-Verantwortlichen
und die müssen dann dafür Sorge tragen, dass die Fehler abgestellt werden. Das ist der reguläre Prozess.
Es wandert quasi vom Kunden… sagen wir mal es gibt 20000 Beanstandungen pro Monat, was jetzt
irgendeine Zahl ist, wandern von diesen 20000 Beanstandungen dann nach dieser Kaskadierung ungefähr
500 bis 1000 Fehler im End-Level, weil die anderen 19000 Fehler davor schon abgehandelt und abgearbeitet
werden. Um diese 500 bis 1000 Fehlerfälle da kümmern sich die zuständigen CFOs und POs und KVs.
I: Das heißt, dass sind dann die zuständigen Entwicklungsabteilungen?
IP1: Genau, das sind dann die zuständigen Entwicklungsabteilungen oder sogar einzelne Entwickler.
I: Noch mal eine Verständnisfrage: Bei diesem Weg vom Kunden in das System und dann bis hoch zu den
CFOs. Das teilt ihr dann auch mit ein, richtig?
IP1: Nein nicht direkt das macht das CAC schon eigenständig und der Backdesk auch. Die haben da die
Erfahrung und die Expertise zu sagen, dass der Fehler in dem und dem System liegt und wer dafür
verantwortlich ist.
IP2 kommt zum Meeting dazu.
I: Wir sind jetzt bei Frage 7 angekommen. In der Softwareentwicklung kann die Entwicklung wie oben dargestellt
teils stark abweichen, da sich die Phasen überlappen oder in inkrementellen Zyklen ablaufen. Stichwort agile
Arbeitsweise - Agile Zusammenarbeit/Entwicklung wird schon seit Jahren in der SW-Industrie eingesetzt, in welcher
Form/Umfang sind agile Arbeitsformen bei euch etabliert, bzw. wie kommt ihr konkret damit in Berührung?
IP1: Ich antworte mal mit ja. (lacht)
IP2: Wir haben so genannte Releases…
IP1: Wir haben agile Arbeitsformen ja und das entscheidet jedes Team für sich, in welcher Form sie arbeiten.
IP2: Das ist ja agil.
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IP1: Also meistens arbeiten sie in einer agilen Form und nicht in einem klassischen Wasserfallmodell,
sondern eher in einer agilen Form, wie eben Scrum. Also es ist eigentlich Scrum basiert. Aber die Ergebnisse
laufen dann in einzelne Releases zusammen, wo die Ergebnisse dann gebündelt live geschaltet werden und
ausgerollt werden.
IP2: Genau, wir haben jetzt 8 Releases im Jahr. Das ist neu.
I: Acht Releases? Davor waren es vier richtig?
IP1: Davor waren es vier, aber jetzt wird umgestellt auf acht Releases pro Jahr.
IP2: Genau. Es gibt quasi für jedes App-Feature, was man entwickeln kann… Da kann sich ein
Komponentenverantwortlicher melden und das dann mit einer agilen Projektgruppe erstellen. Das nennt
sich dann Customer Feature Owner, also CFO.
IP1: Ja genau und diese werden eben dann ausgerollt, wobei es auch Bestrebungen gibt quasi eine CICD-
Pipeline also Continuous Integration oder Continuous Delivery aufzubauen in der App-Welt. Also das heißt,
in der Connected Car Service App (Mercedes-me App) gibt es Bestrebungen (dazu), weil die App-Welt so
schnelllebig ist. Man bekommt die ganze Zeit neue Updates für diverse Apps, wenn man das auf seinem
Handy anschaut und deswegen passt das mit diesen acht Releases pro Jahr nicht mehr dazu. Deswegen
ist in der App Welt der Zyklus weitaus schneller und wir arbeiten auch daran, dass quasi noch schneller zu
machen indem wir quasi die ganze Zeit neue Features oder Updates auf die Produktiv-Umgebung schieben.
Weil eine vier Wochen alte App in unserer heutigen Zeit einfach schon zu alt ist.
I: Das heißt das Ziel ist es, dass wie in der Kommunikationsindustrie zu machen? Also wie auf einem
Smartphone? Man schickt also kontinuierlich Updates für diese Apps und Dienste raus?
IP1: Ja genau. Das Ziel ist es über kurz oder lang so flexibel zu werden, dass wir quasi sagen können, okay
wir haben heute einen Fehler entdeckt, wir fixen das morgen und übermorgen ist das dann live. Also im
Prinzip ist die Bestrebung schon dahin, dass wir da so flexibel werden. Allerdings ist das in der
Automobilindustrie halt immer… Oder auch im Fahrzeugaufbau ist man eben nicht so flexibel wie bei den
Back-End Systemen. Wir haben eine Abhängigkeit zum Fahrzeug und wenn wir für das nächste
Fahrzeugmodell (S-Klasse) ein bestimmtes Feature drin haben wollen und bestimmte Daten aus dem
Fahrzeug brauchen… Das nächste Fahrzeugmodellname (S-Klasse) kommtchstes Jahr auf den Markt,
das Neue, dann sind wir jetzt schon zu spät dran um da noch etwas zu reißen. Da waren wir sogar schon
vor einem halben Jahr zu spät dran gewesen, um zu sagen, wir brauchen übrigens den und den Wert aus
dem Fahrzeug. Die Fahrzeugentwicklung wird auch immer kurzlebiger aber die Fahrzeugentwicklung ist so
eine Art Planwirtschaft. Man sagt, wir bringen das Fahrzeug 2020 auf den Markt, das heißt, wir müssen
anfangen mit der Komponentenentwicklung zweieinhalb Jahre davor, der Software oder Change Freeze ist
eineinhalb Jahre davor und dann müssen wir eben schauen, dass wir das Fahrzeug fehlerfrei bekommen.
Also Fahrzeuge sind nicht so flexibel, dass man da agil die Software implementieren kann. Die Software
wird agil entwickelt, aber wir müssen natürlich schauen, dass die Komponente A und die Komponente B
miteinander reden können und da gibt es einen bestimmten Releasezyklus, wo wir bestimmte Software-
Versionen zusammenbringen müssen.
IP2: Hast du denn auch noch Interviews mit Release- und Roll-Out Teams?
I: Ich hatte ein Interview mit einem Test-Manager im Entwicklungsbereich. Release selbst noch nicht nein.
Wäre aber bestimmt interessant.
IP2: Das würde ich dir auch noch raten, da wir hier nicht die Experten sind, würde ich mich noch mal an die
wenden.
IP1: Es gibt auf jeden Fall ein Releaseprozess und es gibt zwei Fraktion, die einen, die lieben und leben ihn,
und die anderen, die hassen ihn. Eigentlich wird die Idee von agil ausgebremst, weil sie sagen, ne es gibt
ein Release bis dahin müssen die und die Features gebracht werden, damit wir das dann Online stellen
nnen. Und das bremst das Ganze dann auch schon etwas aus. Aber wenn du mit denen redest, werden
sie sagen, dass das natürlich notwendig ist. Und ich sehe das auch als notwendig an, dass man einen
großen Plan hat, den man verfolgt und nicht hier mal eine App aufmacht und da mal eine App auf den Markt
schmeißt und dann feststellt, blöd das holen wir wieder zurück und machen ein Update. Das ist schön und
gut, aber in so einem großen Umfeld schwierig komplett nach Plan zu agieren.
IP2: Das Problem ist auch bei uns Vielleicht kannst du dich da auch nochmal zu informieren. Also die Rolle
des Komponentenverantwortlichen in dem Ganzen, denn der verantwortet ein Feature von der Idee bis zum
Ende in einem Sprint, aber was danach passiert das betrifft dann die Qualitsprozesse. Das ist so ein
bisschen das, wo gerade Schwierigkeiten herrschen, weil die viel mit ihren Tickets selbst abarbeiten können,
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
201
aber ganz schwerwiegende Fälle, die bekommen wir dann und da sehen die in ihrer Rollenverantwortlichkeit
oftmals gar nicht, dass sie das auch machen müssen. Also die denken oft auch gar nicht bis zum Kunden,
weil die so in ihrer Software-Welt sind. Also das ist mein Eindruck, seitdem ich hier bin. Und das haben sie
auch gesagt, dass sie da auch ein bisschen überfordert sind mit den Sachen, die sie verantworten. Und das
ist auch etwas, wo wir ansetzen wollen. Denn es gibt eben diesen Qualitätsprozess, der aber für das
Automobilunternehmen (Daimler) generell für die Produktion geschaffen ist. Und es ist ein bisschen
schwierig, den da einzubauen, also das zu vereinbaren, weil es so viele Bugfixing Systeme gibt und in der
Software das so schnelllebig ist und es oftmals eben… Also die Nähe zum Kunden da manchmal fehlt. Und
das soll ja eigentlich mit agil geschaffen werden, aber naja das ist gerade nicht so. Das ist mein Eindruck.
Ich möchte das jetzt auch nicht zu sehr feststecken. Aber das ist das, was ich mitbekommen habe und ich
habe auch vorher mit agilen Sachen viel gearbeitet.
I: Das heißt diese Komponentenverantwortliche… Komponentenverantwortlicher ist dann ja erstmal
bisschen fehlleitend oder? Ist das dann einer, der sich eher um die Hardware kümmern oder hat er dann
auch mit der Software zu tun?
IP2: Komplett mit Software.
IP1: Also Software ist in diesem Sinne auch eine Komponente.
IP2: Also stell dir vor, es gibt bei der Connected Car Service App (Mercedes-me App) Features, z.B. haben
wir ein ganz spannendes Thema Incar/Office, dass man in seinem Auto vorne auch sein Outlook-
Terminkalender hat und alles Mögliche. Das hat sich einer oder eine überlegt und die hat das dann quasi
entwickelt und dann auch ausgerollt, also von Anfang bis Ende dafür verantwortlich. Dann gibt es da auch
Dinge, die beachtet werden müssen, da das dann auch weltweit ausgerollt wird.
I: Ja okay alles klar, und wenn dann praktisch diese Fehler zurückkommen, dann ist es nicht wirklich geklärt,
wie die das Regeln sollen bzw. ob die das Regeln sollen.
IP1: Die CFOs sehen das nicht mehr in ihrer Verantwortung also da ist oftmals eine sehr starke
Abneigungshaltung mit der Aussage, ja ich entwickle und die Operations ist nicht mein Bier. So auf diese
Art. Aber das stimmt nicht. Wenn ich eine Pizza ausliefere, bin ich auch für die Qualität der Pizza zuständig.
IP2: Aber da ist eben wie gesagt, das Problem der Rollenklarheit auf der einen Seite und auf der anderen
Seite, dass es sehr viele, verschiedene Prozesse gerade gibt. Also gerade Bugfixing Systeme, die auch so
schon genutzt werden. Wo der normale Fehlerabstellprozess schwierig ist, das zu integrieren. Aber
deswegen wollen wir deine Arbeit lesen. (lacht)
I: Ja mal schauen, in welcher Form ich euch da helfen kann bzw. auch Verbesserungsmöglichkeiten
herausarbeiten kann. Jetzt sind wir etwas abgekommen, was aber eigentlich auch ganz gut ist, da das
Themen sind, die euch beschäftigen, die ich oftmals mit den Fragen so gar nicht adressieren kann, weil ich
ja nicht im Unternehmen bin und von einem Blick außerhalb darauf schaue. Genau, ich muss mich nun kurz
etwas sammeln und schauen wo ich weiter machen.
IP2: Also wir haben jetzt noch zehn Minuten
I: (lacht) Du machst es jetzt nicht besser.
IP1: Also ich würde vorschlagen, wir machen mal mit Punk 8 weiter. Die Schwierigkeit aus unserer Erfahrung,
welche durch agile Arbeitsweisen, nachgelagertes Qualitätsmanagement und Schadensteilanalyse
entstehen… Das haben wir gerade ein bisschen umschrieben, was da die Probleme sind. Durch diese agile
Arbeitsweise ist natürlich diese Schnelllebigkeit da. Man sagt, okay ich mache heute A und morgen das
fertig und übermorgen mache ich B und so weiter. Und man übersieht eben ganz leicht, dass wir ja von
einem Fahrzeuglebenszyklus auch reden. Wenn wir heute ein Fahrzeug verkaufen, dann ist das auch noch
in zehn Jahren auf der Straße und was machen wir mit den Features, die wir da ins Fahrzeug reingebracht
haben? Die müssen auch noch in zehn Jahren funktionieren. Und ein Fahrzeug ist eben auch nicht so
flexibel und so agil wie ein Smartphone. Aktuell ist das zumindest so. Und deswegen ist diese Zeitspanne,
die man betrachten muss einfach viel, viel länger. Weil am Ende des Tages verkaufen wir immer noch Autos
und wenn diese Autos in 10 Jahren immer noch fahren, müssen wir auch sicherstellen, dass alle Dienste
funktionieren. Dann müssen wir auch dafür Sorge tragen, dass die Konzepte, die wir heute entwerfen und
morgen im Auto auftauchen, eben auch immer noch in mehreren Jahren da sind und funktionieren. Und das
ist ein bisschen etwas, das in dieser agilen Arbeitsweise verloren geht. Dieser Weitblick. Denn man denkt
eben immer nur in diesen Zwei-Wochen-Zyklus, denn ein Sprint dauert zwei Wochen. Man denkt von Sprint
zu Sprint und sagt, ok in den nächsten zwei Wochen mache ich das, in den nächsten zwei Wochen mache
ich das und dann rollen wir es aus und dann mache ich bisschen Verbesserung und dann mache ich noch
ein bisschen Verbesserung und dann rollen wir das wieder aus. Aber das macht man ja nicht die nächsten
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
202
10 Jahre. Und das ist so ein bisschen das Gefühl. Dass die Software, die wir entwickeln, am Lebenszyklus
des Fahrzeugs hängt, das fehlt ein bisschen meiner Meinung nach. Und es ist aber auch schwierig das
sicherzustellen, dass das in zehn Jahren auch immer noch funktioniert. Also wenn ich mir heute ein
Fahrzeug (Mercedes) von 1980 kaufe dann wird der noch funktionieren und alles laufen. Alle Teile
funktionieren. Aber wenn ich mir in 20 Jahren ein Fahrzeug (Mercedes) von 2020 kaufe, dann ist das nicht
mehr sichergestellt, weil wir so viel Verbindungumfänge zur Software und zum Backend haben, die in 20
Jahren nicht mal mehr am Netz sind. Deswegen ist diese agile Arbeitsweise mit Vorsicht zu genießen, weil
wir eben an diese Lebensspanne vom Fahrzeug denken müssen.
I: Ja was halt ganz anders ist als bei einem Telefon bzw. Mobiltelefon, richtig?
IP1: Ja eben. Bei einem iPhone hat man eigentlich jedes Jahr ein neues Modell und spielt auf die alten
Modelle ein Software-Update auf. Aber mit dem iPhone fährst du nicht die Straße lang und das ist eben
auch noch ein Thema. Das Fahrzeug wird zertifiziert, bevor es auf den Markt kommt. Und dann ist es so für
die Straße zugelassen. Sobald du größere Softwareänderung vornimmst, hast du ein Problem, weil dann
musst du es neu zertifizieren. Und das ist eben bei einem Smartphone oder bei irgendeiner Software, die
auf dem Backend läuft, nicht der Fall. Das ist nicht sicherheitsrelevant. Es hängen eben einfach auch
Menschenleben davon ab, ob das Fahrzeug dann immer noch sicher ist, wenn wir die Software ändern. Vor
kurzem war in den Schlagzeilen hier, dass ein Tesla gehackt wurde und auf die Gegenfahrbahn geführt
worden ist. Das ist einfach diese Software und Konnektivität, da gibt es einfach ein großes Einfallsfenster
für mögliche Risiken und das müssen wir immer im Hinterkopf behalten. Diese Fenster müssen in 20 Jahren
auch noch zu sein. Aber da arbeitet die Autoindustrie auch daran, diese Softwareentwicklung mit
reinzubringen auch dieses agile ins Fahrzeug mit reinzubringen. Z.B. Abgasreinigung ist auch ein gutes
Beispiel. Die Abgasreinigung im Nachhinein quasi abschalten über Remote. Das könnte man machen, aber
dann ist das Fahrzeug nicht mehr für die Straße zugelassen und nicht mehr fahrtauglich. Da muss man sehr
aufpassen meiner Meinung nach.
I: Gerade bei der Zusammenarbeit mit Lieferanten gibt es da auch zusätzliche Probleme, wenn z.B. die
Lieferanten einen Dienst entwickeln und den dann an euch liefern? Das es da eben Fehler gibt, die vom
Kunden gemeldet werden?
IP1: Naja da muss der Lieferant eben auch nachliefern. Aber jetzt ist eben die Frage, wir bringen heute das
Fahrzeug auf dem Markt aktuell noch eine Beauftragung mit diesem Lieferanten in drei Jahren stellen wir
fest, da passieren Fehler mit diesem Softwaremodul, aber der Lieferant ist überhaupt nicht mehr da. Da
arbeiten wir natürlich sehr viel mit Produkthaftung und so weiter. Da muss man eben auch schon schauen,
dass das abgesichert ist. Also wir haben Lieferanten, weil wir die Entwicklungsarbeit auch nicht allein
stemmen können. Eben darum, dass wir eben Autos bauen eigentlich und diese Softwareentwicklung erst
vor fünf bis zehn Jahren dazu kam. Und da ist eben… Jetzt habe ich den Faden verloren. Da wir mit vielen
Entwicklern zusammenarbeiten, schaffen wir uns eben eine Abhängigkeit. Aber diese Abhängigkeit betrifft
uns nicht nur ein bis zwei Jahre, sondern den kompletten Lebenszyklus. Wir werden auf keinen Fall einen
Lieferanten für die nächsten 20 Jahre beauftragen, dass er mal da ist, wenn Fehler passieren. Das kann er
auch nicht im Sinne des Erfinders sein, sonst würde ich als Lieferant ja auch immer Fehler einbauen, damit
ich weitere Beauftragung bekomme. Es gibt natürlich Qualitätsvereinbarungen, die erfüllt werden und wir
versuchen natürlich alles fehlerfrei zu machen, aber wir dürfen das Know-how natürlich nicht aus dem
Unternehmen ziehen lassen. Also da müssen wir auch drauf achten, dass das Know-how auch da ist, wenn
es mal benötigt wird. Und nicht an einem Lieferanten abhängt.
I: Genau, weil gerade, wenn dann auch Fehler passieren und diese abgestellt werden müssen, wenn es
dafür kein internes Know-how gibt, ist es ja auch auf lange Sicht dann auch wirklich problematisch diese
abzustellen, wenn man dann auch immer vom Lieferanten abhängig ist.
IP1: Ja.
I: Die Frage 10 haben wir bereits geklärt innerhalb des Gesprächs.
IP1: Es gibt Life Management Tools von Software, wo der komplette Lebenszyklus abgedeckt wird und
getrackt wird. Welche Fehler entstehen, welche Fehler werden abgestellt. Ich glaube das ist so die Frage
10 kurz beantwortet.
I: Dann würde ich zur Frage 11 gehen. Wo seht ihr denn die bedeutendsten Unterschiede von
Hardwarekomponenten und eben aber auch Softwarekomponenten im Vergleich zu den Connectivity
Produkten?
IP1: Ja das hatten wir vorher schon ein bisschen ausdiskutiert mit dem, dass die Hardware eben in 20
Jahren noch rumfährt. Die Software ist da agiler und schneller umzusetzen und wie gesagt, es gibt
Entwicklung in die Richtung das wir Software auch nachträglich noch over-the-air in das Fahrzeug
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
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reinbringen. Tesla ist da ein guter Vorreiter, die machen das quasi schon die ganze Zeit. Die spielen die
ganze Zeit die Softwareupdates auf das Fahrzeug drauf. Es ist natürlich nicht bei allen Teilen möglich diesen
agilen Arbeitsweg zu gehen. Wie gesagt, bei sicherheitsrelevanten Teilen haben wir natürlich auch
zusätzliche Hürden, die wir einhalten müssen. Bei sicherheitsrelevanten Teilen, bei umweltrelevanten Teilen
usw., deswegen ist da… da sind so die Unterschiede und die Risiken, dass wir eben zu viel ändern, so dass
das Fahrzeug keine Betriebserlaubnis mehr hat. Und dann geht es eben um Retouraktionen usw. Pipapo.
Das ist extrem teuer und kostspielig.
I: Wir hatten es vorher auch schon mal angesprochen bei der Frage 12… dieses Release Management.
Trotzdem aber nochmal. Wie verläuft denn da die Zusammenarbeit genau bei der Integration von
Softwarekomponenten, ob diese nun von der Entwicklung oder auch von Lieferanten gestellt werden, in die
Hardware-Komponenten?
IP1: Naja also die Lieferanten, die werden von den CFOs oder Product Ownern oder KVs eben beauftragt,
etwas zu entwickeln und dieses irgendwas wird eben… Man stellt einen Bedarf fest, den der Kunde haben
wird. Also man muss etwas Voraus denken und sagen, in zwei Jahren ist der Bedarf wahrscheinlich so und
so, also entwickeln wir uns in die Richtung. Und da wird festgestellt dieses und dieses Feature haben wir
noch nicht, das brauchen wir, bis wann brauchen wir es, welche Entwicklungsschritte sind notwendig, welche
Hardware benötigen wir und so weiter. Ja und dann werden diese Schritte eingeleitet und durch ein Release
Management getrackt und es wird geschaut, dass das ineinander übergeht und das praktisch alles
eingehalten wird.
I: Bei Frage 13: Das hatten wir jetzt auch schon teilweise wie eben die Qualität von digitalen Produkten
sichergestellt wird. Gut ein eigener Bereich ist es ja nicht sondern es sind ja mehrere Bereiche, die das tun.
IP1: Ja.
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Interview 6
Interviewpartner: Product Owner für einen digitalen Fahrzeugsuch-Service eines Software
Unternehmens, welches Software- und Connectivity Produkte für die Automobilindustrie entwickelt
(Abkürzung: IP - Interviews Partner, I - Ich)
I: Welche Branche wird ihr Unternehmen zugeordnet? In welchem Bereich sind Sie tätig? Welche Produkte
werden in ihrem Bereich/Unternehmen hergestellt?
IP: Branche: Digital Business.
Bereich: eCommerce
Produkte: Digitale Produkte für die Automobilbranche und verschiedene (Mercedes-Benz) Länderauftritte
weltweit
I: Welche Stellung besetzen Sie in ihrem Bereich?
IP: Stellung = Product Owner
I: Wie lange sind Sie bereits in der Entwicklung für SW-Produkte tätig? Haben Sie bereits Erfahrungen in
anderen Branchen/Unternehmen gemacht? Sind Sie SW-Entwicklungs-Ingenieur oder haben Sie einen
anderen akademischen Background?
IP: Erfahrung im Bereich SW-Produkte: 5 Jahre
Anderer Bereich: klassische Werbung Automobilindustrie / Marketing & Sales im Verlagswesen
Akademischer Background: Bachelor of Arts: Information & Communication Management, Master of Arts:
Electronic Media (Corporate Communication)
I: Welche Produkte begleiten Sie in der Entwicklung in Ihrem Unternehmen? Sehen Sie essentielle
Unterschiede/Besonderheiten zu anderen SW-Produkten?
IP: Produkt: Fahrzeugsuche
Unterschiede / Besonderheiten: keine
I: Wie sind die Bereiche Entwicklung und Qualitätssicherung in die Unternehmensorganisation eingegliedert?
Sind es eigenständige Funktionsbereiche? Oder ist das Qualitätsmanagement in die Entwicklung integriert?
IP: Wir arbeiten agil dementsprechend ist das gezeigte Schaubild nicht ganz valide. Die Qualitätssicherung
der Produkte wird bei uns jeweils im Produkt, durch die Entwickler und Quality Assurance Engineers und
Produktübergreifend in den entsprechenden Circles (responsive Unternehmensorganisation) durchgeführt
und standardisiert.
I: Bei der Entwicklung von Produkten mit Schwerpunkt Software werden traditionell die im Schaubild
dargestellten Phasen durchlaufen. Die Phasen bilden ebenfalls den Lebenszyklus eines Produktes von der
Erstellung bis hin zu der Außerbetriebnahme/Recycling ab.
In der Softwareentwicklung kann die Entwicklung wie oben dargestellt teils stark abweichen, da sich die
Phasen überlappen oder in inkrementellen Zyklen ablaufen. Stichwort agile Arbeitsweise - Agile
Zusammenarbeit/Entwicklung wird schon seit Jahren in der SW-Industrie eingesetzt, in welcher
Form/Umfang sind agile Arbeitsformen in ihrem Unternehmen in der Entwicklung etabliert?
IP: Bei uns im Unternehmen (MBio) wird hauptsächlich agil gearbeitet. In Anlehnung an SCRUM müssen
wir jedoch Abstriche machen, da die Arbeit im Großkonzern ein 100%ige agile Arbeitsweise nach Scrum
nicht immer zulässt. Wir haben aber ein starkes agiles Mindset unter allen Kollegen/Kolleginnen des
Unternehmens (der MBio).
I: Mit welchem Vorgehensmodell bzw. Projektmanagementmethode werden SW-Produkte entwickelt?
Wie/aus welchen MA-Kompetenzen setzt sich ein Projektteam zusammen? Gibt es eine klare
Rollenverteilung? Sind alle an der Entwicklung eines Softwareprodukts Beteiligten im Unternehmen oder
gibt es Lieferanten/etc.?
IP: Agil in Anlehnung an Scrum, in manchen Themen mit Kanban.
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
205
Teamzusammenstellung:
Product Owner
Software Entwickler
Konzept / Design
Quality Assurance
Scrum Master
Zusätzliche Rolle: Product Manager (als Counterpart zum Product Owner Aufgaben: Stakeholder
Management, Legal Abstimmungen, …)
Teilweise zusätzlich: IT Consultant, Business Consultant
Alle Rollen werden im Unternehmen abgedeckt. Die Rolle Product Owner und Product Managernnen
sowohl im Unternehmen (von der MBio) als auch vom Automobilunternehmen (DAG) übernommen werden.
Lieferanten werden nur hinzugezogen, wenn die Ressourcen nicht durch uns (MBio) abgedeckt werden
können.
I: Wie werden Kundenanforderungen an das Produkt ermittelt? Zu welchem Zeitpunkt findet die
Anforderungsaufnahme statt? (Kontinuierlich oder einmalig) Wer steht im Austausch mit dem Kunden?
IP: Anforderungsermittlung (kontinuierlich):
Feedback aus User Tests
Ideen aus dem Produktteam
Ideen aus den Märkten und Regionen
User Testing wird durch das Produktteam angetriggert und durchgeführt. Im Austausch mit dem Kunden
stehen somit die Teammitglieder und die Agenturen, die das User Testing umsetzen.
I: Wie verläuft die Zusammenarbeit hinsichtlich der Integration der erstellten Softwarekomponenten in die
Hardwarekomponenten? An welcher Stelle sehen Sie im aktuellen Prozess die größten
Problematiken/Herausforderungen?
IP: n/a da die Produkte nur digital im Web genutzt werden und nicht im Auto selbst
I: Wie stellen Sie in Ihrem Unternehmen die Qualität der SW Produkte sicher? Gibt es hierfür einen eigenen
Bereich, welcher dem Qualitätsmanagement/Qualitätssicherung in Hardware-produzierenden Unternehmen
gleichkommt? Wenn nicht, welche Methoden und Prozesse stellen Qualität sicher?
IP: Siehe Antwort Frage 5
I: An welchen Stellen entlang des Zyklus gibt es Schnittstellen zwischen Entwicklung und dem QM Bereich
für SW-Produkte?
IP: QA direkt im Team. Kontinuierliche Schnittstelle und Zusammenarbeit mit den Entwicklern
I: In welcher der oben genannten Lebenszyklus-Phasen übernehmen Entwicklungsingenieure Qualitäts-
sichernde Maßnahmen? (Bsp. In Form von Testing oder Erstellung automatisierter Tests) Wer übernimmt
die Verantwortlichkeit?
IP: Ab Implementierung fortlaufend. Verantwortung im Team, bei der Rolle QA und letztendlich beim PO.
I: Sehen Sie die agilen Methoden/Zusammenarbeit in Ihrem Unternehmen als ausreichend von der
Unternehmenskultur unterstützt? Welche Art der Kultur ist aus Ihrer Sicht notwendig um agile Arbeitsweisen
erfolgreich zu etablieren?
IP: Ja. Agiles Mindset notwendig in allen Hinsichten, da wir eine responsive Organisation sind, ist auch hier
eine gewisse Agilität vorhanden.
Notwendige Kultur:
Agilität bedeutet nicht unstrukturiert vorzugehen
Agilität bedeutet Fail & Learn Culture
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
206
Agilität bedeutet klein anzufangen, aber immer mit Release Fokus
I: In welcher Form werden Mitarbeiter in der Abteilung/Team gefördert, weitergebildet und zum Lernen
angeregt?
IP:
Enablement Circles mit agilem Fokus für Scrum Master und Product Owner
Zertifizierungsmöglichkeit für Scrum Master und Product Owner
Helping Mindset in der Firma: Fragen können immer gestellt werden
Scrum Master haben den „Auftrag“ die Agilität im Unternehmen zu coachen und zu supporten
I: Welche Methoden und Werkzeuge wurden zum Zwecke ständiger Verbesserung in ihrer
Abteilung/Team etabliert? Fließen Verbesserungsbestreben in die Arbeitsweise mit ein?
IP: Regelmäßige Retrospektiven
Sprint
Spezifische Themen
Team Ebene
Cross Teamebene
Organisationsebene
I: Worin sehen Sie die größte Herausforderung, wenn es darum geht traditionelles Qualitätsmanagement
mit agilen Arbeitsweisen zu verbinden?
IP: Kann ich leider nicht beantworten
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
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Anhang 23: Interviews Ergebnisse Tendenz zu neuen Kooperationen
zwischen Automobilherstellern und Software-Start-ups aus dem Bereich
Connectivity
Interview 1 Einkauf im Bereich digitale Services eines OEMs
Mündliches Experteninterview, am 21.03.2019, 32 min - Inhaltliche Zusammenfassung:
Kooperationsmotive im Bereich Connectivity:
Im Einkauf steht die Suche nach geeigneten Lieferanten für digitale Dienste im Fahrzeug im Mittelpunkt.
Der Zugang zu neuen Technologien und Innovationen ist in diesem Bereich als Hauptmotiv zu nennen.
Weiterhin spielt die Erhöhung der Entwicklungsgeschwindigkeit (Time-to-Market) und die Vermeidung von
hohen Overheadkosten bei alternativen Kooperationen mit Großunternehmen eine Rolle.
Qualitätssicherung innerhalb der Kooperation:
Grundsätzlich werden bei Produkten, welche in das Fahrzeug kommen, Qualitätsprozesse ausgelöst.
Allerdings sind Qualitätsthemen in diesem Bereich sehr vielschichtig und in hohem Maße von der
Dienstleistung des Start-ups abhängig. Bei reinen Software-Produkten findet eine Abnahme des Produktes
statt. Explizite Maßnahmen finden während der Entwicklung nicht statt. Die Umsetzung von Qualitätsthemen
erhöht sich bei langfristigen Kooperationen (Stichwörter: Audit, IT-Security).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Laufzeiten und der Umfang von Kooperationen kaum
quantifizierbar sind, weshalb sich Qualitätsthemen oftmals abhängig von diesen Faktoren
kooperationsspezifisch entwickeln.
Differenzen in der Unternehmenskultur:
Grundsätzlich sind die Kulturen sehr verschieden, insbesondere die gelebten Prozesse. In der konkreten
Zusammenarbeit sind überwiegend innovative Bereiche seitens der OEMs beteiligt. Entsprechend sind die
Unterschiede der Arbeitsweisen von Start-ups und diesen Bereichen weniger stark ausgeprägt. Generell ist
eine gute Kommunikation ein Schlüsselfaktor, um diese Barrieren zu überwinden.
Insbesondere in der Vertragsgestaltung existieren rechtliche Barrieren. Bei OEMs lösen Verträge große
Prozesse aus. Sofern ein Start-up bestimmte Vertragsbedingungen nicht akzeptiert, muss an dieser Stelle
nachgearbeitet werden. Juristische Ressourcen und Erfahrungen sind hier oft ein Hindernis für Start-ups.
Teilweise führt dieser Umstand oder ein fehlendes Vertrauensverhältnis dazu, dass es nicht zum
Vertragsabschluss kommt. Start-ups fällt es oft schwer die Sichtweise eines OEMs nachzuvollziehen. Einige
Start-ups lösen das Problem, durch das Einstellen eines Experten, welcher bspw. langjährige Erfahrungen
im Automotive Bereich hat und die Sorgen und Nöte von solchen Unternehmen kennt.
Welche Faktoren erschweren die Kooperation:
Neben den zuvor genannten Punkten sind hier insbesondere Qualitätsthemen ein Hindernis. Ein großes
Problem ist fehlendes Knowhow von Start-ups zu bestimmten IT-Themen (IT-Security, Free/Open Source
Software, Cloud-Themen). Viele Start-ups haben in diesen Bereichen keine Kenntnis bezüglich der
Richtlinien und Vorgaben von OEMs.
Darüber hinaus setzen sich einige Start-ups nicht sorgfältig genug mit Vertragsinhalten auseinander.
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
208
Kritische Erfolgsfaktoren:
Diese Faktoren sind in hohem Maße von der Kooperation und des Projektes abhängig.
Wünsche für zukünftige Kooperationen:
Insbesondere bei sehr kleinen Start-ups kommt es vor, dass Kenntnisse zu Grundlagen fehlen, bspw. in der
Angebotserstellung. Das ist allerdings eher die Ausnahme.
Grundsätzlich wäre es wünschenswert, wenn Start-ups ein Verständnis für bürokratische Hürden von OEMs
entwickeln.
Teilweise forcieren Gründer eines Start-ups einen lukrativen Exit. Hier ist bspw. ein potenzieller Verkauf des
Unternehmens an einen Konkurrenten, bei gleichzeitiger Kooperationsbeziehung, sehr problematisch.
Interview 2 Teamleiter im Bereich IT-Innovationen eines weltweit agierenden
Einzelhandelsunternehmen
Schriftliches Experteninterview, am 17.02.2019, Originalinhalt:
Kooperationsmotive:
Es geht hauptchlich um den Zugang zu neuen Ideen und Technologien. Ein weiteres Motiv sind
Geschwindigkeitsvorteile aufgrund fehlender Governance seitens der Start-ups.
Qualitätssicherung innerhalb der Kooperation:
Durch ein enges Projektmanagement, welches durch den Corporate aufgesetzt wird. Due Dilligence durch
Venture Capital oder ähnliche Investitionen.
Differenzen in der Unternehmenskultur:
Der wichtigste Punkt ist eine Kompromissbereitschaft von beiden Seiten. Weiterhin hilft es ein gemeinsames
Verständnis für die Kooperation zu entwickeln, um so kulturelle Differenzen überwinden zu können.
Welche Faktoren erschweren die Kooperation:
Oftmals sind interne Regeln und Strukturen in Start-ups ein Problem. Darüber hinaus fehlt vielen Start-ups
ein Verständnis für den Corporate und damit die notwendige Geduld.
Kritische Erfolgsfaktoren:
Wir haben mit einem Single Point of Contact seitens des Corporates gute Erfahrungen gemacht. Das
Commitment des Start-ups für die Kooperation ist entscheidend. Kompetenter Sponsor auf Seiten des
Corporates.
Wünsche für zukünftige Kooperationen:
Vor allem neue Ideen und Impulse und wie zuvor erwähnt, ein hohes Commitment.
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
209
Interview 3 Mitarbeiter im Bereich Innovations- und Kooperationsmanagement eines
OEMs
Mündliches Experteninterview, am 04.04.2019, 25 min, Inhaltliche Zusammenfassung:
Kooperationsmotive im Bereich Connectivity:
Die Entwicklung von Innovationen mit etablierten Akteuren aus der klassischen Automobil- und
Zulieferbranche gestaltet sich aus mehreren Gründen schwierig. Somit ist als ein zentrales
Kooperationsmotiv der Zugang zu Technologie und Innovationen zu nennen. Außerdem lassen sich durch
die Kooperation mit Start-ups Zeit- und Kostenvorteile realisieren. Langfristig betrachtet spielt auch die
Übernahme von guten Start-ups auf der Agenda.
Qualitätssicherung innerhalb der Kooperation:
Hier spielt die Organisationsentwicklung eine wichtige Rolle. Weiterhin prüfen Fachbereiche Software auf
Code-Ebene (insbesondere bei Connected Software). Es werden bestimmte IT-Richtlinien und
Dokumentationspflichten vorausgesetzt. Gerade bei sicherheitskritischen Systemen sind weitere Faktoren
zu beachten. Hier kann bspw. die Dokumentation von personenbezogenen Daten zugriffsberechtigter
Personen genannt werden. Zusammenfassend kann man sagen, dass OEMs viele Anforderungen stellen,
um so eine gewisse Kontrolle garantieren zu können.
Differenzen in der Unternehmenskultur:
Der zentrale Faktor ist ein beidseitiges Verständnis. OEMs müssen verstehen wie Start-ups denken und
andersherum. Wobei anzumerken ist, dass der Kulturwandel in einem Großunternehmen sehr schwer ist.
Die Kommunikation sollte offen und auf Augenhöhe geführt werden. Wichtig sind auch ein fachliches und
faires Feedback.
Ein Bindeglied zwischen den zwei Welten ist an dieser Stelle eine große Hilfe.
Welche Faktoren erschweren die Kooperation:
Große Hindernisse sind:
Fehlendes intellektuelles Kapital
Fehlende Manpower
Preis
Intern betrachtet sind lange Prozesse, wie bspw. der Einkauf und egoistische Verhaltensweisen.
Kritische Erfolgsfaktoren:
Ein interner Sponsor mit ausreichend Budget und ein hohes Commitment.
Wünsche für zukünftige Kooperationen:
Start-ups sollten besser informiert sein und sich dafür bspw. mit Insidern austauschen. Start-ups sollten
realistisch bleiben und nicht Zuviel versprechen. Generell sollten alle beteiligten ihre Egos ausschalten.
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Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
210
Interview 4 Projektmanager im Bereich Kooperationsmanagement eines OEMs
Schriftliches Interview, am 05.04.2019, Originalinhalt:
Qualitätssicherung innerhalb der Kooperation:
Was ich allerdings allgemein sagen kann ist, dass Kooperationen mit Startups allgemein keinen strikten
generellen Qualitätssicherungsmanahmen unterliegen. Es gibt hier keinen einheitlichen Prozess. Erfolge
und Misserfolge werden individuell behandelt und im Rahmen von Meilensteinplänen abgearbeitet und
bewertet.
Differenzen in der Unternehmenskultur:
Unternehmenskulturen (OEM vs. Startup) sind durch gezielte Anbindung und Vorbereitung durch
Vermittlung von Gesprächspartnern, Mitarbeiteraustauschprogrammen, aber auch durch das tägliche
Geschäft, durchaus handlebar. Die Diskrepanzen sind, durch eine Fokussierung und Anbindung auf den
Kreis der Willigen, gar nicht so unüberwindbar wie das „draussen“ immer dargestellt wird.
Kritische Erfolgsfaktoren:
Erfolgsfaktoren sind dabei die Klassiker „Umsatz- und Gewinnentwicklung der Geschäftsfelder“,
„Mitarbeiterbefragungen- Zufriedenheit zum Projektfortschritt“ usw.
Interview 5 IT-Manager Unternehmensberatung
Mündliches Experteninterview, am 05.04.2019, 46 min, Inhaltliche Zusammenfassung:
Kooperationsmotive:
Als Hauptmotiv würde ich die Erweiterung von Intellectual Property benennen. Weiterhin spielt die
Aneignung der von Start-ups gelebten agilen Kultur eine Rolle. Weitere Aspekte sind
Time-to-Market
Erweiterung des Service-Portfolios
Förderung von Geschäftsmodellinnovationen
Qualitätssicherung innerhalb der Kooperation:
In vielen Fällen wird für die Kooperation eine Person für die Qualitätssicherung abgestellt (Dedizierte Rolle).
Grundsätzlich steigen entsprechende Maßnahmen, wenn die Kooperation langfristig und größer wird
(Organisationsentwicklung). Oft werden gemeinsame Teams gebildet, wobei auch die Entsendung eine
Rolle spielt.
Differenzen in der Unternehmenskultur:
Zunächst ist es wichtig, dass beide Seiten kompromissbereit sind, um gemeinsame Wege für die
Kooperation zu finden. Oftmals verhindern die Organisationsstrukturen von etablierten Unternehmen ein
schnelles Handeln. Etablierte Unternehmen sind historisch gewachsen, weshalb es oft zu größeren
Verzögerungen kommt. Das liegt vor allem an zu geringen Entscheidungsberechtigungen von
Projektbeteiligten aus etablierten Unternehmen. Ein gemischtes Team kann diese Differenzen durch den
Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses überwinden. Dafür sollten einfache Regeln für die
Zusammenarbeit besprochen werden.
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
211
Auf Seiten der großen Unternehmen führt ein schlechtes Wissensmanagement oftmals zu Verzögerungen.
Oftmals ist der Zugriff auf vorhandenes Expertenwissen in großen Unternehmen sehr zeitintensiv
(Kopfmonopole).
Welche Faktoren erschweren die Kooperation:
Zunächst stellt sich oft die Frage, wie die „neuen“ Mitarbeiter eingegliedert werden (Räumlich, rechtlich,
strukturell, Steuerung). Meiner Erfahrung nach, bringt eine physische Zusammenarbeit große Vorteile mit
sich, insbesondere aufgrund der so gewährleisteten Kommunikation der Partner.
Während der Kooperation machen sich große Differenzen in den Vorgehensweisen und
Organisationsstrukturen (Starr vs. Agil) bemerkbar.
Kritische Erfolgsfaktoren:
Aus Sicht von Projektbeteiligten aus etablierten Unternehmen ist ein starkes Management-Commitment
notwendig. So haben die Akteure mehr Freiheiten und weniger Unsicherheit.
Als zweiten Punkt lässt sich die Kommunikation nennen, hier sollten geeignete Tools und Methodiken
genutzt werden. Außerdem sollten beide Partner eine große Offenheit mitbringen.
In der Praxis wurden die Kooperationen oft zu stark durch organisatorische Merkmale von großen
Unternehmen überlagert. Ein Beispiel ist hier eine zu starke „Meetingkultur“. Entsprechende Maßnahmen
sollten im Sinne der Agilität bewusst auf ein notwendiges Minimum reduziert werden.
Vorab sollte alle Kooperation unter der Berücksichtigung von strategischen Zielen initiiert werden. Eine
Kooperation muss strategisch für beide Partner einen Mehrwert mit sich bringen. Entsprechend der Ziele
sollte der Grad der Integration festgelegt werden. Das kann durch die Nutzung von fundierten
Auswahlprozessen, welche entlang der Unternehmensstrategie gestaltet sind, erreicht werden.
„Marketingkooperationen“ sollten so vermieden werden.
Wünsche für zukünftige Kooperationen:
Start-ups sollten sich bewusst sein, dass ein etabliertes Unternehmen in bestimmten Strukturen verankert
ist. Eine bewusste Auseinandersetzung mit diesen Strukturen führt zu einem höheren Verständnis.
Anhang
Yanfu Lu, Technische Universität Berlin
212
Interview 6 IT-Manager Unternehmensberatung
Mündliches Experteninterview, am 04.05.2019, 27 min, Inhaltliche Zusammenfassung:
Kooperationsmotive:
Das Hauptmotiv für uns ist die Integration von wichtigen Services, welche unsere Kunden nutzen.
Qualitätssicherung innerhalb der Kooperation:
Qualitätsmaßnahmen und Audits werden abhängig vom Partner und Produkt aufgesetzt. Bei der
Kooperation mit Partnern, welche bspw. Daten liefern ist in erster Linie zu überprüfen ob entsprechende
Daten valide sind. Vor allem, wenn diese für wichtige Funktionen im Fahrzeug genutzt werden. Sofern es
bei Kooperationen um Services ohne kritische Schnittstellen geht wird die Sicherung anders aufgesetzt.
Differenzen in der Unternehmenskultur:
Die Differenzen zeigen sich deutlich in den unterschiedlichen Arbeitsweisen. Außerdem müssen sich viele
neue Partner müssen im Bezug auf bürokratische Anforderungen wie bspw. Dokumentationen anpassen.
Welche Faktoren erschweren die Kooperation:
Die konkrete Vertragsgestaltung gestaltet sich aufgrund fehlender Expertise der Partner oftmals schwierig
und langwierig. Hier werden oft spezifische Verträge ausgearbeitet, wobei auch die Risikoverteilung oftmals
schwierig zu verhandeln ist.
Kritische Erfolgsfaktoren:
Es ist immer hilfreich Befürworter aus dem höheren Management zu haben. Auf Kooperationen bezogen,
sollten gemeinsame Ziele vereinbart werden und ein regelmäßiger Austausch stattfinden.
Wünsche für zukünftige Kooperationen:
Die Weiterentwicklung der eigenen Organisation hin zu agileren Strukturen. Auf diese Weise kann das bisher
nicht sehr ausgeprägte Verständnis vieler Kollegen für Partner aus der „New Economy“ erhöht werden.