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Rolf-Harald Wippich
Judenfeindschaft unter den Deutschen in
Meiji-Japan (1868–1912)
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Citation details
Wippich, Rolf-Harald (2021). Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912). In S.
Schüler-Springorum (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 30 (2021) (1. Aufl., Bd. 30, S. 69-93).
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rolf-harald wippich
Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan
(1868–1912)
Die Landesöffnung und die ersten Juden in Japan
Die ersten Juden im neuzeitlichen Japan ließen sich nachweislich im Jahr 1861
in der Hafenstadt Yokohama nieder. Es handelte sich mehrheitlich um Kaufleute
aus Europa, dem Vorderen Orient und Indien, die im Gefolge der gewaltsamen
Öffnung Japans in den Jahren 1853/54, vor allem aber nach dem Abschluss der
ersten ungleichen Verträge 1858,1 in das bislang verschlossene Inselreich gelang-
ten, um dort ihre Chancen im internationalen Handelsverkehr zu ergreifen. Die
ungleichen Vertge, die Japan mit den westlichen Nationen abschließen musste,
sicherten den westlichen Vertragsstaaten einseitig beträchtliche Sonderrechte zu
(Exterritorialität, Konsulargerichtsbarkeit, Meistbegünstigung), beschnkten
die Mobilität der Fremden jedoch auf vertraglich fixierte Hafenstädte wie Yoko-
hama, Niigata, Kobe oder Osaka, wo die Fremden in weitgehend selbst regulier-
ten Niederlassungen (Foreign Settlements) ihren Aktivitäten nachgehen konnten.
Zu den von Japan zugestandenen Sonderrechten zählte auch die freie Religions-
ausübung innerhalb der Grenzen der Fremdenniederlassung,2 was in Yokohama
1861 zur Bildung einer kleinen jüdischen Gemeinde aus Händlern und Kaufleuten
führte. Im Frühjahr 1866 bestand diese Gemeinde vermutlich aus 16 Familien,
vor wiegend polnischer, russischer und nordamerikanischer Provenienz.3
1 Siehe dazu generell Reinhard Zöllner, Geschichte Japans. Von 1800 bis zur Gegenwart,
3. Aufl., Paderborn 2013.
2 Zu den ungleichen Verträgen siehe etwa Tadao Johannes Araki, Geschichte der Entstehung
und Revision der ungleichen Verträge mit Japan (18531894), Diss. Marburg 1959.
3 Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 16, 17. 4. 1866. Vgl. auch Das Abendland. Central-
Organ für alle zeitgemäßen Interessen des Judentums III (1866), Heft 9, S. 71 (26. 4. 1866).
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Von etwa 1870 an nahm die Einwanderung europäischer Juden nach Ostasien
zu, wovon auch der Hafenplatz Yokohama spürbar profitierte. So lassen sich in der
Munizipalverwaltung des Foreign Settlements in Yokohama vermehrt auch jüdi-
sche Mitglieder nachweisen, wie etwa der belgische Konsul Louis Strauß.4 Bis in
die Mitte der 1890er-Jahre war die internationale jüdische Community in Yoko-
hama auf etwa 50, zumeist europäische Familien angewachsen. Diese Größe ent-
sprach ungefähr der Gesamtzahl deutscher Familien in Tokyo (Mitte der 1880er-
Jahre), die sich in der Mehrzahl aus diplomatischem Personal und Regierungsan-
gestellten zusammensetzte. Diese hatten im Gegensatz zu den in der Hafenstadt
Yokohama residierenden Händlern und Kaufleuten ihren Lebens- und Arbeits-
mittelpunkt in der japanischen Hauptstadt.
In den 1880er-Jahren wurde Nagasaki zur neuen Heimstatt für viele rus-
sische Jüdinnen und Juden, die den Pogromen im Zarenreich entkommen waren.
Gegen Ende des Jahrhunderts war die jüdische Gemeinschaft in der Stadt auf rund
100 Familien angewachsen und bildete damit die größte in Japan. In Nagasaki
und Yokohama wurden 1894 bzw. 1895 die ersten Synagogen in Japan eröffnet,
doch bereits im Jahr 1905 löste sich die jüdische Gemeinschaft in Nagasaki auf
und verlagerte sich ins Handelszentrum Kobe, das sich in der Folgezeit zur zweit-
größten jüdischen Ansiedlung neben Yokohama entwickelte.5
Juden und Antisemiten in Meiji-Japan
Antisemitische Ressentiments im zweiten deutschen Kaiserreich waren nicht ter-
ritorial begrenzt und endeten nicht an den Außengrenzen des 1871 entstandenen
Staatswesens. Ressentiments und Diskriminierungen folgten den Jüdinnen und
Juden auf Schritt und Tritt. Dies galt auch und gerade für den Fernen Osten, wo
die Virulenz antijüdischer Einstellungen nolens volens vor den deutschen Expats
4 Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 35, 30. 8. 1870.
5 Zu der wenig erforschten Frühzeit des japanisch-jüdischen Kontakts im 19. Jahrhundert
siehe Herman Dicker, Wanderers and Settlers in the Far East, New York 1962, S. 162165;
Daniel Ari Kapner/Stephen Levine, Jews in Japan, in: Jerusalem Letter, Nr. 425 (2000) 1,
S. 1–9, hier S. 1 f.
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in Japan nicht haltmachte, die in größerem Umfang während der Bismarck-Ära
als Experten, Berater und Diplomaten ins Land gelangten.6
Unter den ersten deutschen Staatsbürgern, die sich nach der gewaltsamen
Landesöffnung 1853/54 bzw. nach dem preußisch-japanischen Vertrag von 1861,7
der die offiziellen Kontakte zwischen Preußen und dem Inselreich regelte, in Japan
niedergelassen hatten, bildeten Jüdinnen und Juden eine nicht exakt feststellbare,
aber verschwindend kleine Gruppe. Die wenigen jüdischen Deutschen, die es in
den frühen Jahren nach Ostasien verschlug, ließen sich zumeist als Kaufleute
in den geöffneten Hafenstädten nieder und bekleideten zeitweise auch konsula-
rische Ämter, wie etwa Martin Michael Bair (18411904) in Yokohama.8 Leider
liegen über die Anzahl jüdischer Residenten in Japan bzw. deren Nationalität und
P rofession keine aussagekftigen Untersuchungen vor, sodass internationale Ver-
gleiche kaum möglich sind.9
Im Gefolge des von Kaiser Meiji (18521912) mit der Thronbesteigung 1868 ini-
tiierten Modernisierungsschubs kamen auch jüdische Akademiker und Experten
nach Japan. Internationale Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen wurden
für die Übernahme westlicher Organisationsmuster im staatlichen wie im privat-
wirtschaftlichen Bereich offiziell engagiert, um für mehrere Jahre Aufbauhilfe vor
Ort zu leisten und die geistige wie materielle Infrastruktur für ein modernes Japan
bereitzustellen. Die ausländischen Regierungsangestellten, auf die im Folgenden
her eingegangen werden soll, sind im Japanischen unter der Bezeichnung oyatoi
6 Es ist durchaus bemerkenswert, dass die gut unterrichtete Allgemeine Zeitung des Juden-
tums bereits unmittelbar vor der Reichsgndung feststellte, der Ferne Osten sei keineswegs
frei von Antisemitismus und zerstöre damit manche Illusionen: „[] es ist eigentmlich,
wie in diesen Ländern des fernsten Ostens dieselben Gessigkeiten und dieselben Aus-
schließungen hervortreten wie in unserem Vaterland.“ Allgemeine Zeitung des Judentums,
Heft 36, 6. 9. 1870.
7 Bernd Martin, Die preußische Ostasien-Expedition und der Vertrag über Freundschaft,
Handel und Schifffahrt mit Japan (24. Januar 1861), in: Gerhard Krebs (Hrsg.), Japan und
Preen, München 2002, S. 77101.
8 Zu Bair siehe Otto Schmiedel, Die Deutschen in Japan, Leipzig 1920, S. 37. Otto S chmiedel
lebte als Missionar des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins (AEPM)
in den 1880er-Jahren in Japan.
9 Als kurze Übersicht zur Geschichte der Juden in Japan vgl. Encyclopedia Judaica, hrsg. von
Fred Skolnik/Michael Berenbaum, Bd. XI, 2. Aufl., Detroit u. a. 2007, S. 8185.
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gaikokujin bekannt– „ehrenwerte ausländische Hilfsarbeiter.10 Deutschland war
eines der westlichen Länder, die für genau umrissene gesellschaftliche Bereiche
als vorbildlich galten: Es wurde speziell im Militärwesen, in Recht und Verfas-
sung, in Medizin, aber auch in Pädagogik und in den Geisteswissenschaften um
die Entsendung ausgewiesener Fachkfte gebeten.11 Dieser exklusive deutsche
Expertenzirkel zählte sozial zur bürgerlichen Mittelschicht und fühlte sich deren
Werten und Anschauungen auch in Japan verbunden.
Durch Lebensstil, Werthaltung sowie ihre kollektiven Wahrnehmungs- und
Verhaltensmuster gegenüber Japan und seiner Belkerung bildeten diese „Meiji-
Deutschen“ eine eng umrissene, klar identifizierbare Gruppe, die sich selbst als
exponierter Tger des deutsch-japanischen Kulturkontakts sah.12 Ende der
1880er-Jahre handelte es sich bei den in der Kantô-Region ansässigen Deutschen
um etwa 200 Personen, von denen 160 in Yokohama und 40 in Tokyo wohnten
und arbeiteten.13
Trotz der sozialen Rivalität zwischen der kaufnnisch geprägten Lebens-
und Arbeitswelt der Hafenstadt Yokohama und der „gehobenen“ Welt der oyatoi
und Diplomaten in Tokyo verbanden beide deutschen Gruppen ideologisch ein
Reichspatriotismus, ein zumindest gemäßigter Nationalismus sowie ein Konkur-
renzanspruch gegenüber anderen westlichen Nationen und ein rassistisches Über-
legenheitsgefühl gegenüber Asiaten.14 Versrkt wurde die bigotte Selbstgewissheit
der Japan-Deutschen, in vorderster Linie der bilateralen
Kultur vermittlung zu
10 Hazel Jones, Live Machines: Hired Foreigners and Meiji Japan, Vancouver 1980; Edward R.
Beauchamp/Akira Iriye (Hrsg.), Foreign Employees in Nineteenth-Century Japan, Boulder
1990.
11 Vgl. Bernd Martin, Fatal Affinities: The German Role in the Modernisation of Japan in the
Early Meiji Period (18681895) and Its Aftermath, in: ders., Japan and Germany in the Mod-
ern World, Providence/Oxford 1995, S. 1776.
12 Vgl. Irene Hardach-Pinke, Die Meiji-Deutschen: Historische und soziale Bedingungen der
Anfänge deutsch-japanischer Kulturkontakte in Japan, in: Saeculum 38 (1987), S. 76–98,
hier S. 79.
13 Bert Becker, Georg Michaelis. Ein preußischer Jurist im Japan der Meiji-Zeit. Briefe, Tage-
buchnotizen, Dokumente 18851889, München 2001, S. 33.
14 Vgl. dazu Rotem Kowner, From white to yellow: The Japanese in European Racial Thought,
13001735, Montreal 2014; ders., Race and Racism in Modern East Asia: Western and East-
ern Constructions, Leiden 2014; Claudia Schmidhofer, Fakt und Fantasie. Das Japanbild in
deutschsprachigen Reiseberichten 18541900, Wien 2010.
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