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Rolf-Harald Wippich
Judenfeindschaft unter den Deutschen in
Meiji-Japan (1868–1912)
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Citation details
Wippich, Rolf-Harald (2021). Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912). In S.
Schüler-Springorum (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 30 (2021) (1. Aufl., Bd. 30, S. 69-93).
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rolf-harald wippich
Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan
(1868–1912)
Die Landesöffnung und die ersten Juden in Japan
Die ersten Juden im neuzeitlichen Japan ließen sich nachweislich im Jahr 1861
in der Hafenstadt Yokohama nieder. Es handelte sich mehrheitlich um Kaufleute
aus Europa, dem Vorderen Orient und Indien, die im Gefolge der gewaltsamen
Öffnung Japans in den Jahren 1853/54, vor allem aber nach dem Abschluss der
ersten ungleichen Verträge 1858,1 in das bislang verschlossene Inselreich gelang-
ten, um dort ihre Chancen im internationalen Handelsverkehr zu ergreifen. Die
ungleichen Vertge, die Japan mit den westlichen Nationen abschließen musste,
sicherten den westlichen Vertragsstaaten einseitig beträchtliche Sonderrechte zu
(Exterritorialität, Konsulargerichtsbarkeit, Meistbegünstigung), beschnkten
die Mobilität der Fremden jedoch auf vertraglich fixierte Hafenstädte wie Yoko-
hama, Niigata, Kobe oder Osaka, wo die Fremden in weitgehend selbst regulier-
ten Niederlassungen (Foreign Settlements) ihren Aktivitäten nachgehen konnten.
Zu den von Japan zugestandenen Sonderrechten zählte auch die freie Religions-
ausübung innerhalb der Grenzen der Fremdenniederlassung,2 was in Yokohama
1861 zur Bildung einer kleinen jüdischen Gemeinde aus Händlern und Kaufleuten
führte. Im Frühjahr 1866 bestand diese Gemeinde vermutlich aus 16 Familien,
vor wiegend polnischer, russischer und nordamerikanischer Provenienz.3
1 Siehe dazu generell Reinhard Zöllner, Geschichte Japans. Von 1800 bis zur Gegenwart,
3. Aufl., Paderborn 2013.
2 Zu den ungleichen Verträgen siehe etwa Tadao Johannes Araki, Geschichte der Entstehung
und Revision der ungleichen Verträge mit Japan (18531894), Diss. Marburg 1959.
3 Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 16, 17. 4. 1866. Vgl. auch Das Abendland. Central-
Organ für alle zeitgemäßen Interessen des Judentums III (1866), Heft 9, S. 71 (26. 4. 1866).
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Von etwa 1870 an nahm die Einwanderung europäischer Juden nach Ostasien
zu, wovon auch der Hafenplatz Yokohama spürbar profitierte. So lassen sich in der
Munizipalverwaltung des Foreign Settlements in Yokohama vermehrt auch jüdi-
sche Mitglieder nachweisen, wie etwa der belgische Konsul Louis Strauß.4 Bis in
die Mitte der 1890er-Jahre war die internationale jüdische Community in Yoko-
hama auf etwa 50, zumeist europäische Familien angewachsen. Diese Größe ent-
sprach ungefähr der Gesamtzahl deutscher Familien in Tokyo (Mitte der 1880er-
Jahre), die sich in der Mehrzahl aus diplomatischem Personal und Regierungsan-
gestellten zusammensetzte. Diese hatten im Gegensatz zu den in der Hafenstadt
Yokohama residierenden Händlern und Kaufleuten ihren Lebens- und Arbeits-
mittelpunkt in der japanischen Hauptstadt.
In den 1880er-Jahren wurde Nagasaki zur neuen Heimstatt für viele rus-
sische Jüdinnen und Juden, die den Pogromen im Zarenreich entkommen waren.
Gegen Ende des Jahrhunderts war die jüdische Gemeinschaft in der Stadt auf rund
100 Familien angewachsen und bildete damit die größte in Japan. In Nagasaki
und Yokohama wurden 1894 bzw. 1895 die ersten Synagogen in Japan eröffnet,
doch bereits im Jahr 1905 löste sich die jüdische Gemeinschaft in Nagasaki auf
und verlagerte sich ins Handelszentrum Kobe, das sich in der Folgezeit zur zweit-
größten jüdischen Ansiedlung neben Yokohama entwickelte.5
Juden und Antisemiten in Meiji-Japan
Antisemitische Ressentiments im zweiten deutschen Kaiserreich waren nicht ter-
ritorial begrenzt und endeten nicht an den Außengrenzen des 1871 entstandenen
Staatswesens. Ressentiments und Diskriminierungen folgten den Jüdinnen und
Juden auf Schritt und Tritt. Dies galt auch und gerade für den Fernen Osten, wo
die Virulenz antijüdischer Einstellungen nolens volens vor den deutschen Expats
4 Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 35, 30. 8. 1870.
5 Zu der wenig erforschten Frühzeit des japanisch-jüdischen Kontakts im 19. Jahrhundert
siehe Herman Dicker, Wanderers and Settlers in the Far East, New York 1962, S. 162165;
Daniel Ari Kapner/Stephen Levine, Jews in Japan, in: Jerusalem Letter, Nr. 425 (2000) 1,
S. 1–9, hier S. 1 f.
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in Japan nicht haltmachte, die in größerem Umfang während der Bismarck-Ära
als Experten, Berater und Diplomaten ins Land gelangten.6
Unter den ersten deutschen Staatsbürgern, die sich nach der gewaltsamen
Landesöffnung 1853/54 bzw. nach dem preußisch-japanischen Vertrag von 1861,7
der die offiziellen Kontakte zwischen Preußen und dem Inselreich regelte, in Japan
niedergelassen hatten, bildeten Jüdinnen und Juden eine nicht exakt feststellbare,
aber verschwindend kleine Gruppe. Die wenigen jüdischen Deutschen, die es in
den frühen Jahren nach Ostasien verschlug, ließen sich zumeist als Kaufleute
in den geöffneten Hafenstädten nieder und bekleideten zeitweise auch konsula-
rische Ämter, wie etwa Martin Michael Bair (18411904) in Yokohama.8 Leider
liegen über die Anzahl jüdischer Residenten in Japan bzw. deren Nationalität und
P rofession keine aussagekftigen Untersuchungen vor, sodass internationale Ver-
gleiche kaum möglich sind.9
Im Gefolge des von Kaiser Meiji (18521912) mit der Thronbesteigung 1868 ini-
tiierten Modernisierungsschubs kamen auch jüdische Akademiker und Experten
nach Japan. Internationale Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen wurden
für die Übernahme westlicher Organisationsmuster im staatlichen wie im privat-
wirtschaftlichen Bereich offiziell engagiert, um für mehrere Jahre Aufbauhilfe vor
Ort zu leisten und die geistige wie materielle Infrastruktur für ein modernes Japan
bereitzustellen. Die ausländischen Regierungsangestellten, auf die im Folgenden
her eingegangen werden soll, sind im Japanischen unter der Bezeichnung oyatoi
6 Es ist durchaus bemerkenswert, dass die gut unterrichtete Allgemeine Zeitung des Juden-
tums bereits unmittelbar vor der Reichsgndung feststellte, der Ferne Osten sei keineswegs
frei von Antisemitismus und zerstöre damit manche Illusionen: „[] es ist eigentmlich,
wie in diesen Ländern des fernsten Ostens dieselben Gessigkeiten und dieselben Aus-
schließungen hervortreten wie in unserem Vaterland.“ Allgemeine Zeitung des Judentums,
Heft 36, 6. 9. 1870.
7 Bernd Martin, Die preußische Ostasien-Expedition und der Vertrag über Freundschaft,
Handel und Schifffahrt mit Japan (24. Januar 1861), in: Gerhard Krebs (Hrsg.), Japan und
Preen, München 2002, S. 77101.
8 Zu Bair siehe Otto Schmiedel, Die Deutschen in Japan, Leipzig 1920, S. 37. Otto S chmiedel
lebte als Missionar des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins (AEPM)
in den 1880er-Jahren in Japan.
9 Als kurze Übersicht zur Geschichte der Juden in Japan vgl. Encyclopedia Judaica, hrsg. von
Fred Skolnik/Michael Berenbaum, Bd. XI, 2. Aufl., Detroit u. a. 2007, S. 8185.
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gaikokujin bekannt– „ehrenwerte ausländische Hilfsarbeiter.10 Deutschland war
eines der westlichen Länder, die für genau umrissene gesellschaftliche Bereiche
als vorbildlich galten: Es wurde speziell im Militärwesen, in Recht und Verfas-
sung, in Medizin, aber auch in Pädagogik und in den Geisteswissenschaften um
die Entsendung ausgewiesener Fachkfte gebeten.11 Dieser exklusive deutsche
Expertenzirkel zählte sozial zur bürgerlichen Mittelschicht und fühlte sich deren
Werten und Anschauungen auch in Japan verbunden.
Durch Lebensstil, Werthaltung sowie ihre kollektiven Wahrnehmungs- und
Verhaltensmuster gegenüber Japan und seiner Belkerung bildeten diese „Meiji-
Deutschen“ eine eng umrissene, klar identifizierbare Gruppe, die sich selbst als
exponierter Tger des deutsch-japanischen Kulturkontakts sah.12 Ende der
1880er-Jahre handelte es sich bei den in der Kantô-Region ansässigen Deutschen
um etwa 200 Personen, von denen 160 in Yokohama und 40 in Tokyo wohnten
und arbeiteten.13
Trotz der sozialen Rivalität zwischen der kaufnnisch geprägten Lebens-
und Arbeitswelt der Hafenstadt Yokohama und der „gehobenen“ Welt der oyatoi
und Diplomaten in Tokyo verbanden beide deutschen Gruppen ideologisch ein
Reichspatriotismus, ein zumindest gemäßigter Nationalismus sowie ein Konkur-
renzanspruch gegenüber anderen westlichen Nationen und ein rassistisches Über-
legenheitsgefühl gegenüber Asiaten.14 Versrkt wurde die bigotte Selbstgewissheit
der Japan-Deutschen, in vorderster Linie der bilateralen
Kultur vermittlung zu
10 Hazel Jones, Live Machines: Hired Foreigners and Meiji Japan, Vancouver 1980; Edward R.
Beauchamp/Akira Iriye (Hrsg.), Foreign Employees in Nineteenth-Century Japan, Boulder
1990.
11 Vgl. Bernd Martin, Fatal Affinities: The German Role in the Modernisation of Japan in the
Early Meiji Period (18681895) and Its Aftermath, in: ders., Japan and Germany in the Mod-
ern World, Providence/Oxford 1995, S. 1776.
12 Vgl. Irene Hardach-Pinke, Die Meiji-Deutschen: Historische und soziale Bedingungen der
Anfänge deutsch-japanischer Kulturkontakte in Japan, in: Saeculum 38 (1987), S. 76–98,
hier S. 79.
13 Bert Becker, Georg Michaelis. Ein preußischer Jurist im Japan der Meiji-Zeit. Briefe, Tage-
buchnotizen, Dokumente 18851889, München 2001, S. 33.
14 Vgl. dazu Rotem Kowner, From white to yellow: The Japanese in European Racial Thought,
13001735, Montreal 2014; ders., Race and Racism in Modern East Asia: Western and East-
ern Constructions, Leiden 2014; Claudia Schmidhofer, Fakt und Fantasie. Das Japanbild in
deutschsprachigen Reiseberichten 18541900, Wien 2010.
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s tehen, durch das gemeinsame christlich-protestantische Bekenntnis der Mehr-
zahl der Meiji-Deutschen, das als Stimulator und Katalysator bestimmter Grund-
stimmungen wirkte und in einer Art Membran Kollektiväußerungen enorm
verstärkte.15 Das heimatliche Deutschland und die ihm eigene „Judenfrage
bildeten den Referenzrahmen für antisemitische Bege der Japan- Deutschen.
Deren antisemitische Ressentiments waren insofern nicht neu, sie waren ledig-
lich importiert und orientierten sich am Stand der Diskussion in der deutschen
Öffentlichkeit.
Als überwiegend dem Bildungsbürgertum entstammendes Kollektiv mach-
ten sich unter den Japan-Deutschen die gleichen latent antisemitischen Vorbe-
halte bemerkbar, die im Deutschen Reich grassierten und dort jüdisches Leben
erschwerten. Unter den judenfeindlich eingestellten Deutschen gab es offenbar
nicht wenige, wie die Deutsche Allgemeine Zeitung nach dem Ersten Weltkrieg
rückblickend feststellte, „die sich eifrig bemühen, die Söhne ‚Dai Nihons‘ in die
Geheimnisse der antisemitischen Lehre einzuweihen,16 und damit ihren Teil
dazu beitrugen, die in Japan kulturfremde Ideologie zu verbreiten.17
Gemeinsam war den Meiji-Deutschen, dass sie ihre akademische Sozialisa-
tion zumeist in den Jahren nach der Reichsgründung von 1871 durchlebt hatten,
in einer Zeit, in der die Judenfeindschaft im Deutschen Reich stark an Boden
gewann. Viele dieser Meiji-Deutschen standen bei ihrer Berufung nach Japan am
Beginn ihrer beruflichen Karriere, als das Reich nach der „Gründerkrise“ die erste
große antijüdische Welle erlebte (18731878), die zweifellos einen starken Einfluss
auf ihr Verhalten ausübte. Für sie alle verkörperte der Antisemitismus einen „kul-
turellen Code“,18 eine Chiffre für eine soziale Praxis, die den Kontakt mit Juden
im Grunde nicht vorsah.
15 Werner Jochmann, Struktur und Funktion des deutschen Antisemitismus, in: Werner E.
Mosse (Hrsg., unter Mitwirkung von Arnold Paucker), Juden im Wilhelminischen Deutsch-
land 18901914, 2. Aufl., Tübingen 1988, S. 391.
16 Antisemitismus in Japan, in: Deutsche Allgemeine Zeitung, 19. 8. 1922, Morgenausgabe.
17 Zum Antisemitismus in Japan siehe u. a. David G. Goodman/Masanori Miyazawa, Jews in
the Japanese Mind: The History and the Uses of a Cultural Stereotype, New York 1995.
18 Siehe dazu Shulamit Volkov, Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhun-
dert, München 1990, S. 13–36.
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Die jüdischen oyatoi Albert Mosse und Ludwig Rieß
Die Rechtsprechung stellte eine Domäne des deutschen Einflusses in Meiji-Japan
dar. Dem ersten deutschen Juristen Hermann Roesler (18341894), der im Jahr
1878 eintraf,19 folgte eine stattliche Ansammlung deutscher Rechtsexperten in
den folgenden Jahren, die Japan bei der Modernisierung seines Rechtssystems
unterstützen sollten.20 Der Schwerpunkt des Engagements deutscher Juristen fiel
in die 1880er-Jahre, als Japan ausländischen Beobachtern zufolge regelrecht von
den German measles befallen war und die Infrastruktur des Meiji-Staates augen-
scheinlich nach preußisch-deutschem Muster ausgerichtet wurde.21 Mit den Juris-
ten Georg Michaelis22 (18571936) sowie den Vettern Ernst und Felix Delbrück23
(18581933 bzw. 1859–1924) kamen in dieser Zeit allerdings auch drei bekennende
Antisemiten nach Japan. Die konservative wie antisemitische Einstellung der bei-
den Delbrücks war insofern überraschend, als diese mitnichten im Einklang war
mit der nationalliberalen Grundhaltung ihrer großbürgerlichen Familie, die zahl-
reiche Wissenschaftler und Politiker hervorbrachte.24
19 Zu Roesler siehe Johannes Siemes, Hermann Roesler and the Making of the Meiji State, To-
kyo 1968, sowie Paul-Christian Schenck, Der deutsche Anteil an der Gestaltung des moder-
nen japanischen Rechts- und Verfassungswesens, Stuttgart 1997, S. 102107. Auch R oesler,
der sich vom gesellschaftlichen Leben der Deutschen fernhielt, war von antisemitischen
Einstellungen nicht frei. Siehe dazu Anna Bartels-Ishikawa (Hrsg.), Hermann R oesler.
D okumente zu seinem Leben und Werk, Berlin 2007, S. 22.
20 Siehe dazu die tabellarische Übersicht bei Schenck, Der deutsche Anteil, S. 268281 sowie
S. 333343; Dan Sato, Die Rechtsmodernisierung in Japan. Unter besonderer Berücksichti-
gung der mitteleuropäischen Einflüsse, in: Journal of European History of Law 9 (2018) 2,
S. 266–272.
21 Der Begriff German measles geht zurück auf Ludwig Rieß, Deutschland und Japan, in: Preu-
ßische Jahrbücher 168 (1917), S. 203229, hier S. 203.
22 Zu Georg Michaelis siehe die umfangreiche Biografie von Bert Becker, Georg Michaelis.
Preußischer Beamter, Reichskanzler, Christlicher Reformer 1857–1936, Paderborn 2007, so-
wie speziell für die Jahre in Japan die erhnte Edition seines schriftlichen Nachlasses vom
selben Autor (wie Anm. 13). Michaelis selbst ist in seinen Erinnerungen ausführlich auf die
Anstellung in Japan eingegangen. Siehe ders., Für Staat und Volk, Berlin 1922, S. 54139.
23
Über Ernst und Felix Delbrück informiert ausführlich der Band von Anna Bartels-Ishikawa/
Hansgerd Delbrück/Itô Yûshi (Hrsg.), Die schönste Zeit meines Lebens. Ernst und Felix Del-
brücks Briefe aus Japan 1887 bis 1889, Dunedin 2014, S. 2067 (zitiert als Delbrück-Briefe).
24 Zur Familie Delbrück insgesamt siehe ebenda; zum Konservatismus der Cousins siehe S. 20.
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Etwas zeitlich versetzt, aber noch in persönlichem Kontakt mit den drei
Genannten traf auch der erste deutsch-jüdische Rechtsexperte in Japan ein
Albert Mosse (18461925), ein Bruder des Berliner Verlegers Rudolf Mosse (1843
1920).25 Über Mosse wird der deutsche diplomatische Vertreter in Tokyo später
lobend berichten, er habe als Jurist Erfolge gehabt, „wie vielleicht keiner seiner
Vorgänger oder Mitarbeiter deutscher oder anderer Nation sie aufzuweisen ver-
mag. [] Es gibt fast kein Gebiet, auf welchem er nicht in rühmlicher Weise her-
vorgetreten ist.26
Im Gegensatz zu Mosse übte der jüdische Historiker Ludwig Rieß (18611928)
hrend seines Japan-Engagements keine offizielle Beratertätigkeit aus und kam
auch nicht regelmäßig in Kontakt mit Kabinettsmitgliedern oder führenden japa-
nischen Politikern. Zudem hatte er in seinem Fachbereich keine deutschen Kolle-
gen um sich, sodass er mehr oder weniger als exponierter Einzelkämpfer wirkte:
Rieß verhalf dem Fach Geschichte an der Kaiserlichen Universität Tokyo prak-
tisch im Alleingang zu einem modernen akademischen Profil nach westlichem
Vorbild. Er gilt damit als einer der Pioniere der modernen Geschichtswissenschaft
in Japan und Spiritus Rector einer Generation japanischer Historiker.27
25 Zu Mosse siehe Elisabeth Kraus, Die Familie Mosse. Deutsch-jüdisches Bürgertum im
19. und 20. Jahrhundert, München 1999, speziell zu Albert Mosse S. 200241; Werner E.
Mosse, Albert Mosse. A Jewish Judge in Imperial Germany, in: The Leo Baeck Institute
Yearbook 28 (1983), S. 169184; Joachim Rott, Albert Mosse – preußischer Jurist und
Rechtsberater der japanischen Regierung, in: Elke-Vera Kotowski (Hrsg.), Das Kulturerbe
deutschsprachiger Juden: Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrations-
ndern, Berlin 2015, S. 235248; Andô Junko, Albert Mosses Beitrag zum Aufbau des japa-
nischen Rechtssystems, in: Zeitschrift für japanisches Recht 5 (2000) 9, S. 4860. Zu Mosses
Japan-Korrespondenz siehe Albert und Lina Mosse, Fast wie mein eigen Vaterland. Briefe
aus Japan 18861889, hrsg. von Shirô Ishii/Ernst Lokowandt/Yûkichi Sakai, München 1995
(zitiert als Mosse-Briefe).
26 Holleben an Reichskanzler Caprivi, 13. 4. 1890; Mosse Family Collection, Leo Baeck Insti-
tute Archives AR 25184.
27 Zu Rieß vgl. Hayashi Kentarô, Ludwig Rieß, einer der Väter der Geschichtswissenschaft
in Japan, in: Bonner Zeitschrift für Japanologie 3 (1981), S. 31–45; Hartmut Walravens,
Zum publizistischen Wirken von Ludwig Rieß (18611928) in Japan und Deutschland. Ein
Schriftenverzeichnis, in: Japonica Humboldtiana 20 (2018), S. 257–263; Nishikawa Yôichi,
„Genius des Okzidents“: Zur Bedeutung der deutschen Geschichtswissenschaft für das mo-
derne Staatsdenken in Japan, in: Florian Grotz/Theo A. J. Toonen (Hrsg.), Crossing Borders.
Constitutional Development and Internationalisation. Essays in Honor of Joachim Jens
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Mosse und Rieß waren zweifellos die renommiertesten deutsch-jüdischen
oyatoi, die dem japanischen Staat im 19. Jahrhundert ihr Wissen zur Verfügung
stellten und pgenden Einfluss auf die Ausbildung des japanischen Nachwuchses
bzw. der Fachrichtung nahmen. Beide entstammten assimilierten bürgerlichen
jüdischen Familien, die sich im Gefolge der Emanzipation ihre gesellschaftliche
Stellung erkämpft und die Verhaltensnormen des deutschen Bürgertums voll und
ganz übernommen hatten. Mosse wie Rieß haben ungeachtet bestehender Restrik-
tionen ihre berufliche Karriere in Deutschland durchlaufen und vermochten
daran in ihrer Japan-Zeit anzuknüpfen.28 Beide gründeten während ihrer Anstel-
lung in Japan eigene Familien bzw. vergrößerten sie. Mosse, der sich gemeinsam
mit seiner Frau Caroline Meyer, genannt Lina, und zwei kleinen Töchtern in Japan
niederließ, wurden in Japan zwei Söhne geboren. Rieß heiratete in Japan eine
Japanerin, mit der er in seiner oyatoi-Zeit fünf Kinder zeugte. Aus nicht näher zu
klärenden Gründen nahm er seine Familie bei seinem Abschied 1902 nicht mit
nach Deutschland und sah sie bei einem Japanbesuch im Jahr 1909 nur noch ein
einziges Mal wieder.
Albert Mosse
Der Jurist Albert Mosse war der erste deutsch-jüdische Experte in Meiji-Japan, der
von staatlicher Seite als sogenannter oyatoi gaikokujin eingesetzt wurde. Vor die-
sem Amtsantritt wirkte er als Landrichter in Berlin. Durch den Kontakt zu dem
leitenden japanischen Staatsmann und späteren Premierminister Itō H irobumi
29
kam er in den Genuss der japanischen Anstellung, die herausfordernd und l ukrativ
Hesse, Berlin 2007, S. 4063; Bernd Martin, Deutsche Geschichtswissenschaft als Instru-
ment nationaler Selbstfindung in Japan, in: Gangolf Hübinger/Jürgen Osterhammel/Erich
Pelzer (Hrsg.), Universalgeschichte und Nationalgeschichten, Freiburg i. B. 1994, S. 209–
229; Margaret Mehl, Eine Vergangenheit für die japanische Nation. Die Entstehung des his-
torischen Forschungsinstituts Tokyo Daigaku Shiryo Hensanjo, Frankfurt a. M. 1992; dies.,
History and the State in Nineteenth-Century Japan, Basingstoke 1998.
28 Zur Karriere Albert Mosses vor der Berufung nach Japan siehe Schenck, Der deutsche An-
teil, S. 337; zu Rieß siehe Nishikawa, Genius, S. 42–45, und Martin, Deutsche Geschichts-
wissenschaft, S. 215217.
29 Itô Hirobumi (18411909), einflussreicher japanischer Politiker, amtierte von 1885 bis 1889
als Premierminister.
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zugleich war. Als Schüler von Rudolf von Gneist
30 und Fachmann für Staats- und
Verwaltungsrecht leistete Mosse entscheidende Impulse bei der Konzeption der
modernen japanischen Kommunalverfassung und stand darüber hinaus als Bera-
ter der japanischen Regierung in aktuellen Tagesfragen zur Verfügung (Vertrags-
revision, Verfassung usw.).31
Mosse war im Gegensatz zu seinen jüngeren Fachkollegen Michaelis und
den Delbrück-Vettern bei seinem Eintreffen in Japan bereits ein erfahrener, voll
ausgebildeter Jurist. Er hatte im Jahr 1865 sein Studium aufgenommen und war
1873 bereits Gerichtsassessor.32 Mosses Haupttätigkeit in Japan lag im Bereich
der kommunalen Selbstverwaltung im japanischen Innenministerium. Darüber
hinaus wurde er wiederholt zu Rate gezogen oder war unmittelbar beteiligt bei
zahlreichen Gesetzesentwürfen, wirkte als juristischer Experte in diversen Kom-
missionen mit und erstellte Gutachten für unterschiedliche Rechtsangelegenhei-
ten.33 Sein hohes monatliches Grundgehalt von 600 Yen,34 das einem Vielfachen
einer vergleichbaren Position in Deutschland entsprach, war manifester Ausdruck
seiner strategischen Bedeutung im japanischen Modernisierungsprozess.35 Als
Rechtsberater des Kabinetts zählte Mosse zu den angesehensten und einfluss-
30 Rudolf von Gneist (18161895) war seit 1844 Professor für öffentliches Recht an der Berliner
Universität. Gneist war ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet des Verwaltungsrechts
und einflussreiches Mitglied der Nationalliberalen Partei. Mosse hielt Kontakt zu seinem
Lehrer und Förderer bis zu dessen Tod; Mosse, A Jewish Judge, S. 170.
31 Siehe dazu die Aufsätze von W. E. Mosse, Rott sowie von Andô, Mosses Beitrag, S. 51–59.
32 Michaelis studierte von 1876 bis 1879 (Michaelis, Für Staat und Volk, S. 42 ff.); die Del-
brücks hatten ihr Studium 1880 abgeschlossen (Delbrück-Briefe, S. 73). Albert Mosse stu-
dierte von 1865 bis 1868 (Mosse, A Jewish Judge, S. 170.). Michaelis verfügte zwar über eine
abgeschlossene juristische Referendarausbildung und hatte auch sein Assessorexamen ab-
gelegt– er vermochte es sogar, vor Antritt seiner japanischen Position in Göttingen zum
Dr. iur. promoviert zu werden –, hatte aber in seiner bisherigen Laufbahn noch nicht als
selbstständiger Richter gearbeitet und verharrte weiterhin in seinem Status als Assessor.
Ernst und Felix Delbrück traten ihre Beschäftigung in Japan als junge Assessoren an, ohne
genügend praktische Erfahrungen im Rechtswesen gesammelt zu haben. Michaelis, Für
Staat und Volk, S. 52 f.; Delbrück-Briefe, S. 1319.
33 Schenck, Der deutsche Anteil, S. 268281.
34 Ebenda, S. 297. Vgl. auch Kraus, Familie Mosse, S. 208.
35 Vgl. Hazel J. Jones, Live Machines Revisited, in: Edward R. Beauchamp/Akira Iriye (Hrsg.),
Foreign Employees in Nineteenth-Century Japan, Boulder 1990, S. 17–29, hier S. 19 f.
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reichsten ausndischen Fachkften in Meiji-Japan überhaupt, obwohl sein indi-
vidueller Beitrag nicht unbedingt messbar ist.36
Durch seine Anstellungskonditionen befand sich Mosse von Anbeginn in
einer anspruchsvolleren und verantwortungsvolleren Beratungs- und Gutach-
terposition mit entsprechendem Ansehen bei Japanern wie Deutschen als seine
jüngeren deutschen Kollegen, deren offizielle Tätigkeit sich weitgehend in der
schulischen Lehre erschöpfte und des prestigeträchtigen Kontakts zu japanischen
Regierungsstellen entbehrte. Auch wenn sich bei Michaelis in der Folge eine ähn-
lich gelagerte juristische Ratgebertätigkeit im japanischen Justizministerium
ergab– er wirkte mit in der Gesetzgebungskommission für die neue Zivilprozess-
ordnung
37 –, fühlte er sich doch spürbar gegenüber seinem jüdischen Kollegen
zurückgesetzt. Durch die exponierte Stellung Albert Mosses war allerdings auch
für die Antisemiten in der deutschen Gemeinde ein den Konventionen gemäßer
Umgang mit ihm unvermeidbar. Man konnte ihn persönlich zwar demütigen und
diffamieren, schuldete ihm jedoch bei gesellschaftlichen Anssen den pflicht-
gemäßen Respekt.38
Mosse beklagte in einem frühen Brief an seinen Bruder Salomon,39 er sei bei
seiner Ankunft in Yokohama von den Deutschen ohne große Sympathien empfan-
gen worden. Nur Generalkonsul Zappe,40 einige deutsche Frauen und die Japaner,
namentlich der deutschfreundliche Politiker Aoki Shûzô und dessen Ehefrau,41
hätten sich freundlich ihm gegenüber verhalten. Er gab jedoch die Hoffnung nicht
auf, dass sich die reservierte Haltung seiner Landsleute mit der Zeit verflüch-
tigen würde.42 Auch seine in Tokyo arbeitenden deutschen Fachkollegen an der
36 Ardath W. Burks (Hrsg.), The Modernizers: Overseas Students, Foreign Employees, and
Meiji Japan, Boulder 1985, S. 238 und 249.
37 Michaelis, Für Staat und Volk, S. 309.
38 Vgl. dazu Delbrück-Briefe, S. 70.
39 Salomon Mosse (18371903), Textilkaufmann in Berlin.
40 Carl Eduard Zappe (1843–1888), seit 1871 in Yokohama; fungierte dort bis 1888 als General-
konsul.
41 Aoki Shûzô (18441914) amtierte als japanischer Gesandter in Berlin in den Jahren 1874,
18801885 und 18921897. Zwischen 1889 und 1891 sowie von 1898 bis 1900 war er Außen-
minister Japans. Er war verheiratet mit der deutschen Adeligen Elisabeth von Rhade (1849
1931).
42 Mosse-Briefe, S. 138 (18. 7. 1886).
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Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912)
79
U niversität und Vereinsschule erschienen ihm wenig sympathisch: „[] es ist kein
einziger unter ihnen, der auf dieselbe Seite gestimmt wäre, wie ich. Dass sie poli-
tisch alle auf einem anderen Standpunkte stehen, vom Antisemitismus innerlich
erfüllt sind, ist leider beinahe selbstverständlich.43
Mosse vermisste den kollegialen Zusammenhalt, den er an der Berliner Uni-
versität vorgefunden hatte, und beschwerte sich über die Isolation, da bislang
niemand bei ihm den obligatorischen Höflichkeitsbesuch abgestattet habe– mit
Ausnahme des Universitätsdozenten für Deutsches und Römisches Recht, Hein-
rich Weipert.44 Hinzu kamen Intrigen im Arbeits- und Lebensumfeld, die seiner
Meinung nach von dem ihm nicht wohlgesinnten Juristen Otto Rudorff und des-
sen Ehefrau ausgingen.45 Enttäuscht musste er in einem Brief an einen Berliner
Kollegen bekennen: „In Wahrheit gönnt unter unseren lieben Deutschen keiner
keinem irgend einen Erfolg, wenn auch äußerlich nichts verabsäumt wird.46
Nach einer Eingewöhnungsphase von einem knappen halben Jahr musste sich
Mosse eingestehen, dass sich seine anfängliche Hoffnung auf eine atmosphärische
Klimaverbesserung nicht erfüllte. Zwar unterhielten er und seine Frau mittler-
weile mit den meisten Deutschen gesellschaftliche Beziehungen, indes ließ sich
der spürbare Antisemitismus unter den Meiji-Deutschen weder übersehen noch
ausmerzen: „Wir verkehren zwar mit den meisten hier ansässigen Deutschen, es
scheint aber als ob der Antisemitismus sich den ewigen Juden zum Vorbild genom-
men hätte und dauernd rund um die Erde herumwanderte, denn auch hier ist er
plötzlich aufgetaucht. Natürlich nur unter den lieben Deutschen; unsere schlitz-
äugigen Adoptiv-Landsleute wissen bis jetzt Gott sei Dank noch nichts davon.47
43 Brief Albert Mosses vom 26. 6. 1887, Mosse Family Collection, Leo Baeck Institute Archives
AR 25184.
44 Mosse-Briefe, S. 288 (8. 8. 1887). Mit Heinrich Weipert (18561905), der zwischen 1886 und
1890 an der Tokyoter Universität lehrte, von 1890 bis 1900 in konsularischer Stellung an
der deutschen Gesandtschaft Tokyo arbeitete und danach Konsul in Seoul (19001903) und
Generalkonsul in Bordeaux wurde (1903–1905), verband Mosse eine lebenslange Freund-
schaft. Mosse verfasste den Nachruf auf Weipert nach dessen Selbstmord, siehe Deutsche
Japan-Post, 10. 6. 1905.
45 Mosse-Briefe, S. 276 sowie S. 288. Vgl. auch ebenda, S. 208 f. Der Jurist Otto Rudorff (1845
1922) wirkte von 1884 bis 1890 als Universitätslehrer in Tokyo bzw. als Rechtsberater im
japanischen Justizministerium.
46 Mosse-Briefe, S. 208 f. (30. 11. 1886).
47 Mosse-Briefe, S. 207 (30. 11. 1886).
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80
Albert Mosse stieß von Beginn an bei seinen Juristenkollegen Rudorff,
Michaelis und den Cousins Ernst und Felix Delbrück auf erhebliche Vorbehalte,
was nur partiell als Sozialneid aufgrund Mosses höher angesehenen und höher
dotierten Tätigkeit zu erkren ist. Das wenig wohlwollende Verhalten der deut-
schen Rechtsdozenten war vermutlich mit ausschlaggebend, dass er seinem jün-
geren Bruder Max davon abriet, nach Ostasien zu reisen. Verantwortlich dafür,
so Albert, seien die kleinen, überschaubaren deutschen Auslandskolonien, wo
„ihm der Antisemitismus überall hinderlich sein [wird]“.48 Mit anderen Worten:
Da große, weltoffene deutsche Gemeinden im Fernen Osten nicht existierten, war
stets mit antijüdischen Ressentiments zu rechnen.
Alles in allem stellte der gesellschaftliche Verkehr in ungewohnter japanischer
Umgebung sowie innerhalb der deutschen Community „Riesenanforderungen
an die Mosses– „trotzdem können wir uns wirklicher Freunde nicht rühmen, wie
Lina beklagte.49 Mit der Zeit entwickelte das Ehepaar ein Gespür für ausgewählte
Landsleute, die keine Berührungsängste mit ihnen hegten und deren Kontakt sie
schätzten. Der Ingenieur Otto Henneberg von Siemens & Halske etwa galt ihnen
als einer der wenigen, der „frei von Antisemitismus“ war.50 Umso mehr wurde
dessen Rückkehr nach Deutschland bedauert. Für „herzensgute Menschen“ hielt
man auch das Ehepaar Bergmann, das aber etwas kontaktfern am anderen Ende
von Tokyo lebte.51 Auch schien es ein Problem zu sein, dass die persönlichen
Kontakte Albert und Lina Mosses vielfach nach individuellen und situativen
48 Mosse-Briefe, S. 326 (31. 10. 1887). Max Mosse (18731936) war Internist und Sozialmedizi-
ner in Berlin.
49 Mosse-Briefe, S. 336 (27. 11. 1887).
50 Mosse-Briefe, S. 212 (Weihnachten 1886). Henneberg begleitete 1886 die Familie Mosse
auf ihrer Seereise von Neapel nach Japan und erwies sich für Albert Mosse von Anfang
an als „ein äußerst liebenswürdiger Ingenieur“ (Mosse-Briefe, S. 73). Er kam nach Japan,
um für die Fa. Siemens & Halske die lukrative wie prestigeträchtige Ausschreibung für eine
Beleuchtungsanlage des Kaiserpalastes in Tokyo zu sichern und die Marktchancen für die
Firma in Japan zu sondieren. Vgl. dazu Dennis Kirchberg, Analyse der internationalen Un-
ternehmenstätigkeit des Hauses Siemens in Ostasien vor dem Zweiten Weltkrieg, Diss. rer.
pol., Erlangen 2010, bes. S. 6871. Henneberg kehrte bereits Anfang 1887 nach Deutschland
zurück.
51 Mosse-Briefe, S. 276. Johannes Ernst Bergmann (1845–?) fungierte ab 1879 als Richter am
Landgericht Magdeburg; in Japan war er von 1887 bis 1889 als Berater und Übersetzer im
Justizministerium tätig.
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Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912)
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G egebenheiten ausgerichtet wurden und daher für beide akzeptable freundschaft-
liche Beziehungen erschwerten, wie Lina freimütig offenbarte: „Mir sind von den
Frauen Frau Illies und Frau Bergmann die liebsten, leider passen die Männer aber
nicht recht zu Albert, der erstere hat zu einem wirklich intimen Verkehr wohl zu
wenig Berührungspunkte mit ihm, der andere, um deutsch zu reden, ist zu dumm.
Albert am sympathischsten sind der alte Professor Wagener und der evangelische
Pfarrer Spinner, beides aber Junggesellen und deshalb nichts für mich.52
hrend Albert Mosse den neu eingetroffenen Militärinstrukteur, Haupt-
mann von Blankenburg, sofort als Antisemiten entlarvte („Sohn des Berliner
Antisemiten),53 war er sich zunächst unschlüssig in der Einschätzung des deut-
schen Gesandten Theodor von Holleben, dem er unterstellte, als alter Korpsstudent
nicht frei von Antisemitismus zu sein.54 Bei näherem Kennenlernen musste er sich
jedoch eingestehen, dass er in der Beurteilung des Diplomaten falsch gelegen hatte.
Holleben entpuppte sich– ungeachtet seiner exaltierten Jovialität und seines dezi-
dierten Preußentums– als verständnisvoller Förderer von Mosse. Er fertigte ihm
beste Zeugnisse aus und stellte die Weichen für seine künftige Karriere im Reich,55
wobei letztlich nicht unerheblich war, dass sich Mosse „stets als guter königstreuer
Patriot und als untadelhafter Charakter gezeigt [hat]“.56
In der Beurteilung von Mitgliedern der deutschen Community als Antisemi-
ten waren sich Albert und Lina Mosse zunächst unsicher. Dies lag daran, dass sie
52 Mosse-Briefe, S. 336 (27. 11. 1887). Gottfried Wagener (18311892), Naturwissenschaftler,
war seit 1868 in Japan und ab 1870 Lehrer in Tokyo und Kyoto, später Professor für Chemie,
Physik und Mathematik in Tokyo und von 1885 bis 1888 offizieller Berater des Ministe riums
für Handel und Landwirtschaft; Wilfried Spinner (18541918) war zwischen 1885 und 1891
erster Missionar und Pfarrer des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missions-
vereins in Japan.
53 Mosse-Briefe, S. 231; Delbrück-Briefe, S. 477, 480. Hermann Leopold von Blankenburg
(1851–1922) war von 1886 bis 1888 als Nachfolger Major Clemens Meckels Lehrer an der
japanischen Heereshochschule (Rikugun Daigakkô). Blankenburg galt unter den „Meiji-
Deutschen“ als „sehr energischer Antisemit“. Siehe Delbrück-Briefe, S. 256.
54 Mosse-Briefe, S. 201. Theodor von Holleben (1838–1913) war mehrfach diplomatisch in Ost-
asien tätig: 1874 als Legationssekretär und Gescftstger in Peking; 1875 als Geschäfts-
tger in Tokyo; 18851891 als Kaiserlicher Gesandter in Tokyo.
55 Mosse-Briefe, S. 333 (22. 11. 1887). Vgl. Mosse, A Jewish Judge, S. 173 f.
56 Holleben an Reichskanzler Caprivi, 13. 4. 1890, Mosse Family Collection, Leo Baeck Insti-
tute Archives AR 25184.
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jeweils nur mit einem Teil ihrer Landsleute näheren gesellschaftlichen Umgang
pflegten und den Rest eher vom Hörensagen kannten.57 Es lag in der Natur der
Lebenssituation in Japan, dass man sich an Arbeitsstätte, in Gesellschaft und Ver-
einen, auf Reisen und Ausflügen notgedrungen begegnete und Einladungen aus-
sprach, die man schlichtweg nicht ignorieren konnte, ohne die gesellschaftlichen
Konventionen zu verletzen. Einige der Deutschen haben sich einer eindeutigen
und endgültigen Wertung entzogen. Sie blieben in ihrem Verhalten gegenüber
Juden ambivalent und wurden von diesen auch so eingeschätzt. Andererseits ist
nicht zu leugnen, wie das Beispiel des Ehepaars Mosse lehrt, dass innerhalb der
jüdischen Gruppe wie bei den Mehrheitsdeutschen selbst unterschiedliche Mess-
latten für judenfeindliches Verhalten existierten, was die klare Kategorisierung
eines jeden Einzelfalles erschwerte.
Einen exemplarischen Fall kulturell-religiöser Borniertheit hat Lina Mosse
überliefert. Bei einem Besuch von Frau Roesler, der Gattin des Doyens der deut-
schen Rechtsberater in Japan, hielt diese mit ihrem Anliegen nicht lange hinter
dem Berg „und machte mir kurz und bündig den Vorschlag, ob ich nicht geneigt
sei, zum Katholizismus überzutreten. Sie habe mich so lieb gewonnen, daß es sie
schmerzte, daß ich nicht ihren Glauben teilte. Lina ließ sich unklugerweise auf
eine Debatte mit ihr ein, sodass sie nur mit Mühe „den Ausgang aus der Höhle des
Löwen“ finden konnte.58
Georg Michaelis, der national gesinnte Jurist und spätere Reichskanzler, der
an der Schule des Vereins für Deutsche Wissenschaften (Doitsu Gaku Kyôkai
Gakkô) – einer von deutschfreundlichen Japanern gegründeten Privatschule
lehrte,59 bestätigt in seinen Briefen in die Heimat das vorherrschende antisemi-
tische Klima unter den Mitgliedern der deutschen Kolonie in Japan. Seine christ-
lich-konservative Gesinnung war mit starken antijüdischen Vorbehalten durch-
setzt, und die jüdischen Landsleute Mosse und Rieß stellten ideale Zielscheiben
für antisemitische Auslassungen dar. In seiner Persönlichkeit bündelten sich stark
verinnerlichte Vorurteile, die laut seinem Biografen Bert Becker auf den „tra-
dierten euroischen Antisemitismus, seine corpsstudentische Sozialisation, die
57 Siehe in diesem Zusammenhang auch Delbrück-Briefe, S. 7072.
58 Mosse-Briefe, S. 369 (10. 7. 1888).
59 Siehe zur Vereinsschule Schenck, Der deutsche Anteil, S. 240–250.
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Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912)
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judenfeindlichen Reden des Hofpredigers Stoecker [] und sicherlich auf die Lek-
türe des Reichsboten, eine der Christlich-Sozialen Partei nahestehende Zeitung,
die er in Japan regelßig las, zurückzuführen waren.60
Michaelis ließ keine Gelegenheit aus, sich auf seinen jüdischen Landsmann und
Kollegen mit unverhohlener Diffamierung regelrecht einzuschießen. Er gestand,
dass es ihm „Spaß“ mache, „dem Juden Mosse sein Leben schwer zu machen, und
glaubte sich Mosse gegenüber im Vorteil, da er als Hochschullehrer „täglich laut
zu einer großen Zahl Zuhörer rede und [] außerdem meine angebliche Weisheit
gedruckt wird, während er nur das Ohr seines Premier-Ministers hat, mit dem er
mal mit Herzeleid in die Versenkung fällt“.61 Vom Tag seines Eintreffens verfolgte
Michaelis den Werdegang des „eingeschmuggelten“ und „geschwätzigen“ Juden62
mit Argusaugen und tauschte sich darüber mit seiner Familie aus.
„Er ist blond, das sind die schlimmsten u. Bruder vom Berliner Tageblatt-
Mosse, also ächte Sorte. Es wäre mir leid, wenn Jemand seine Artikel, die er doch
gewiß los läßt (als preußischer Jurist ‚M.‘ in Tokyo) mir in die Schuhe schöbe.63
In verächtlich machender Manier tritt Albert Mosse in Michaelis’ Schriftver-
kehr zumeist nicht ohne pejorative Kognomen auf: als „der jüdische Oberkol-
lege Mosse“,64 „der Jude Mosse65 oder als „Jüdchen Mosse.66 Als im Jahr 1889
die Frage potenzieller Nachfolger an der Vereinsschule für ihn und die beiden
D elbrücks anstand, war Michaelis außer sich über die vermutete Nennung eines
jüdischen Kandidaten. „Ein Jude als Dozent des Rechts an einer ausgesprochen
deutschen Schule mit christlichen Nebenzwecken!“67
So verachtenswert Michaelis’ Äußerungen auch sind, sollte doch nicht verges-
sen werden, dass er und ihm Gleichgesinnte nicht den Ton in der deutschen Kolonie
angaben und dass sie derartige Äußerungen auch nicht unbedingt öffentlich fallen
ließen. Unter den deutschen Residenten befanden sich genügend E xponenten, wie
60 Becker, Michaelis, S. 82.
61 Ebenda, S. 391 f. (4. 9. 1887).
62 Ebenda, S. 175 und 409.
63 Ebenda, S. 176 (25. 5. 1886).
64 Ebenda, S. 358.
65 Ebenda, S. 416, 490 und 524.
66 Ebenda, S. 361.
67 Ebenda, S. 560 (14. 6. 1889).
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Erwin Bälz (1849–1913) oder Erwin Knipping (18441922),68 die mit ihrer libe-
ralen Weltanschauung die dumpfe Judenfeindlichkeit konterkarierten und in die
gesellschaftlichen Umgangsformen so etwas wie Menschlichkeit und Wärme ein-
brachten, die die krasse Ausgrenzung der jüdischen Minderheit ausschlossen.
Mosse hielt sich von gesellschaftlichen Verpflichtungen in der Ausländer-
kolonie in Japan bewusst fern und führte mit seiner Frau ein recht zurückgezoge-
nes Leben, vermutlich aus Selbstschutz, um etwaigen Konflikten mit antijüdischen
Landsleuten aus dem Weg zu gehen. Seine Mitgliedschaften im Deutschen Schul-
verein
69 oder im Verein für Deutsche Wissenschaften70 sowie das sporadische Mit-
wirken bei missions- bzw. kirchennahen Aktivitäten der deutschen Gemeinde
71
waren weitgehend passiver Natur und unterstrichen seinen Hang zur Zurückhal-
tung. Doch seine exponierte Position in der unmittelbaren Umgebung japanischer
Spitzenpolitiker blieb nicht ohne Folgen für seinen Ruf in der deutschen Kolonie
und gab der antisemitischen Einstellung gegen ihn kftigen Auftrieb.72 Auf der
anderen Seite waren seine Expertise wie seine Hilfsbereitschaft gefragt, sodass
selbst jemand wie Georg Michaelis nicht umhinkonnte, ihn bei juristischen Exa-
mina der Vereinsschule hinzuzuziehen. In einem Brief an seine Mutter bedachte
Michaelis Mosses Prüfungstätigkeit mit einem Seitenhieb: „Mosse [] war außer
sich vor Freude über die wirklich gute Art zu antworten. Da er wirklich freudig
überrascht war und nun in seiner jüdischen Geschwätzigkeit allen Ministern u.
sonstigen Freunden davon erzählt, kann es uns Nichts schaden.73
Mosse war, wie alle anderen Deutschen jener Zeit auch, Mitglied der Deut-
schen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG), ein wichtiger
Treffpunkt der deutschen Kolonie in Tokyo-Yokohama. Die OAG wurde im Jahr
1873 von deutschen Kaufleuten, Fachleuten und Diplomaten als Wissenschafts-
68 Erwin Bälz wirkte als einflussreicher Arzt 18761805 in Japan und war u. a. Leibarzt des ja-
panischen Kronprinzen. Erwin Knipping war Kapitän und lebte von 1871 bis 1891 in Tokyo,
wo er den ersten Wetterdienst in Japan aufbaute.
69 Heyo Hamer, Mission und Politik, Aachen 2002, S. 418. Der Deutsche Schulverein gründete
1904 in Yokohama die erste deutsche Schule in Ostasien.
70 Ebenda, S. 450.
71 Ebenda.
72 Kraus, Familie Mosse, S. 222225, hier S. 223, Anm. 95.
73 Becker, Michaelis, S. 409 (19. 11. 1887).
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Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912)
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gesellschaft gegründet, und eine Mitgliedschaft im Kreis der deutschen Bildungs-
bürger in Meiji-Japan wurde geradezu als verpflichtend angesehen.74 In den Sit-
zungsberichten der Gesellschaft ist er jedoch nicht als aktives Mitglied in Erschei-
nung getreten; auch hielt er während seiner Zeit in Japan niemals einen Vortrag
vor ihren Mitgliedern. Nachweislich meldete er sich wohl nur ein einziges Mal
in der Gesellschaft zu Wort, und zwar im Februar 1889, als er sich aktiv in die
Diskussion um das Urheberrecht an veröffentlichten Manuskripten e inschaltete.75
Diese Zurückhaltung bzw. das weitgehende Fernbleiben von aktiven sozialen Ver-
pflichtungen mochten Ausdruck der beklagten Isolation sein, in die die Familie
Mosse durch die Umstände getrieben wurde.76 Gleichwohl engagierte er sich
aus national-patriotischem Interesse gemeinsam mit seinen Universitätskolle-
gen Rathgen und Bälz,77 dem deutschen Gesandten von Holleben sowie Pfarrer
Wilfried Spinner in einem informellen Komitee zur Wahrung deutscher Interes-
sen gegen die Übermacht der englischsprachigen, potenziell gegen Deutschland
gerichteten Presse.78
Ludwig Rieß
Über den Historiker Ludwig Rieß fällt der Japan-Resident Otto Schmiedel (1858
1926) in seinem Kompendium zur „deutschen Schaffenskraft“ in Meiji-Japan ein
durchweg positives Urteil: „Er hat eine Anzahl bedeutender Schüler herangebil-
det, mit deren Hilfe er Licht in gar manche dunklen Abschnitte der einheimi-
schen Geschichte, besonders des Verkehrs der Japaner mit den Holländern und
74 Zur Geschichte der OAG erscheint demchst eine umfangreiche Studie von Christian W.
Spang, Rolf-Harald Wippich und Sven Saaler.
75 Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (MOAG)
V (18881892) 41, S. 39. Der vom OAG-Vorstand eingebrachte Antrag, das Urheberrecht
an eingereichten Manuskripten an die OAG übergehen zu lassen, stieß in der Sitzung am
6. 2. 1889 auf massiven Widerstand. In der nächsten Sitzung musste der Vorstand nolens
volens seinen Antrag zurückziehen; ebenda, Heft 42, S. 33.
76 Siehe verschiedene Hinweise in den Briefen von Albert Mosse, z. B. Mosse-Briefe, S. 418
(6. 6. 1889).
77 Der Nationalökonom und Jurist Karl Rathgen (18561921) lehrte von 1882 bis 1890 Staats-
recht und Verwaltungslehre in Tokyo.
78 Hamer, Mission, S. 115 (Okt. 1887). Vgl. auch Mosse-Briefe, S. 335 (28. 11. 1887).
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Rolf-Harald Wippich
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der blutigen Christenverfolgungen vor drei Jahrhunderten gebracht hat. Vor allem
hat er sich dadurch ein großes Verdienst erworben, daß er seinen Zuhörern die
Methode strenger geschichtlicher Kritik beigebracht hat, von der sie bis dahin
ohne Ahnung waren.79
Ludwig Rieß wurde im Jahr 1886 vom japanischen Kultusministerium gebe-
ten, die Geschichtswissenschaft an der neu etablierten Kaiserlichen Universität
in Tokyo nach modernen wissenschaftlichen Maßstäben auszurichten. Für die
Anforderungen an den Kandidaten, der die politischen, wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Aspekte der modernen Geschichte Europas und Amerikas
auf Englisch unterrichten und didaktische und analytische Fähigkeiten aufwei-
sen musste, um den Grundstein für eine moderne japanische Geschichtswissen-
schaft zu legen, schien Rieß bestens gerüstet zu sein. Von Vorteil war auch, dass
er gute Englischkenntnisse besaß, die er aufgrund seines historischen Interessen-
gebietes der englischen Parlaments- und Verfassungsgeschichte sowie bei seinen
Forschungsaufenthalten im Vereinigten Königreich erworben hatte.80 Mit einem
Gehalt von 420 Yen entsprach sein japanisches Sar generell dem üppigen Gehalt
für oyatoi gaikokujin, blieb aber deutlich unter der Entlohnung Albert Mosses.81
Rieß gilt als ein Pionier der modernen Geschichtswissenschaft in Japan. Er
war der erste Wissenschaftler überhaupt, der die japanische Geschichtsforschung
mit einer an Leopold von Ranke orientierten Methodik vertraut machte und sie
an die Erfordernisse westlicher Geschichtsschreibung anpasste.82 Im Mittelpunkt
stand dabei die systematische Arbeit mit Originalquellen, aus denen überprüfbare
und objektive Fakten gewonnen werden sollten. 1887 trug Rieß entscheidend zur
Gründung eines unabhängigen Historischen Instituts (shigakka) an der Kaiser-
lichen Universität Tokyo bei und setzte sich nachdrücklich für die Schaffung eines
79 Schmiedel, Japan, S. 115.
80 Mehl, Eine Vergangenheit, S. 163 f. Rieß reichte 1885 eine von Hans Delbrück betreute Dis-
sertation mit dem Titel „Geschichte des Wahlrechts zum englischen Parlament im Mittel-
alter“ ein.
81 Ein Yen entsprach Mitte der 1880er-Jahre einem Kurs von etwa 3,70 Mark, mithin entspra-
chen 420 Yen etwa 1554 Mark.
82 Vgl. dazu insgesamt die instruktive Studie von Ulrich Goch, Entstehung einer modernen
Geschichtswissenschaft in Japan, in: Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung 1 (1978),
S. 238–271.
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Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912)
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Fachverbandes der Historiker (shigakkai) sowie für ein eigenes Publikationsorgan
(shigaku zasshi) ein.83
Rieß war im Einklang mit Rankes Geschichtsauffassung,84 sodass politische
Geschichte für ihn in hohem Maße die Geschichte der Entfaltungsmöglichkeit
eines einzelnen Akteurs darstellte. Diese Konzeption hatte zur Konsequenz, dass
soziale und ökonomische Aspekte als historische Triebkräfte vernachlässigt wur-
den.85 Sein Quellenpositivismus drückte sich deutlich in den wissenschaftlichen
Studien zur japanischen Geschichte aus, die nach 1887 in Tokyo entstanden, und
führte zu einem affirmativen Verständnis des historischen Prozesses. Die japa-
nische Regierung wollte mit der Berufung des deutsch-jüdischen Historikers die
Geschichtswissenschaften als historische Legitimationswissenschaft für die neue
Gesellschaftsordnung der Meiji-Ära etablieren. Dafür schien der von Rieß vertre-
tene deutsche Historismus mit seiner Betonung auf der Nationalgeschichte günstige
Aussichten zu eröffnen.86 Allerdings war Rieß zeitgebunden auch ein Verfechter
der Überlegenheit westlicher Zivilisation, sodass seine historiografischen Moder-
nisierungsbemühungen stets auch die Ausrichtung auf eine Übernahme westlicher
Wertvorstellungen implizierten. Dass für ihn dabei im internationalen Ringen mit
England die Verbreitung der deutschen Kultur in Ostasien von zentraler Bedeu-
tung war, verstand sich für einen national gesinnten Historiker von selbst.87
Ludwig Rieß galt innerhalb der deutschen Community Tokyos als ausgespro-
chen ambitioniert und kompetent, aber auch als schwierig und eigenwillig im
gesellschaftlichen Umgang.88 Als Jude war er wie Albert Mosse D iskriminierungen
83 Muramatsu TeijiWesterners in the Modernization of Japan, Tokyo 1995, S. 228; zum Ein-
fluss von Ludwig Rieß auf die japanische Geschichtsschreibung siehe ausführlich Leonard
Blus, Japanese Historiography and European Sources, in: P. C. Emmer/H. I. Wesseling
(Hrsg.), Reappraisals in Overseas History, Leiden 1979, S. 193224.
84 Rieß hat nicht bei Ranke studiert, wie gelegentlich zu lesen ist, sondern seit 1883 lediglich
einige Jahre für ihn als Kopist gearbeitet. Vgl. dazu Martin, Deutsche Geschichtswissen-
schaft, S. 215, Anm. 25.
85 Zur historiografischen Methode von Rieß siehe John S. Brownlee, Japanese Historians and
the National Myths, 16001945: The Age of the Gods and Emperor Jinmu, Vancouver 1997,
S. 77–80.
86 Siehe dazu u. a. Martin, Deutsche Geschichtswissenschaft, bes. S. 212215.
87 Vgl. Nishikawa, Genius, S. 55.
88 Mosse-Briefe, S. 481 (2. 9. 1889).
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von deutschen Landsleuten im gesellschaftlichen Leben ausgesetzt, auch wenn
sich bei bestimmten Anlässen eine Begegnung nicht vermeiden ließ. Ein wenig
schmeichelhaftes Urteil über ihn fällte der Assessor Ernst Delbrück, der an der
Schule des Vereins für Deutsche Wissenschaften (Doitsu Gaku Kyôkai Gak)
unterrichtete und einer der nachweislichen Antisemiten unter den Meiji-Deut-
schen war.89 Zugleich war er– Ironie der Geschichte– der jüngere Bruder von
Rieß’ Doktorvater, dem Berliner Historiker Hans Delbrück, aufgrund dessen
Empfehlung Rieß von der japanischen Regierung nach Japan eingeladen wurde.90
„Rieß ist im Verkehr nicht angenehm; er macht forthrend Witze, die keine sind,
citiert Citate, die witzig sein sollen, und familr mit Vornamen und Hand-auf-
die-Schulter-Legen usw. Er ist nur genießbar bei ernster Unterhaltung, und dazu
kommt es hier selten.91
An anderer Stelle berichtet Delbrück, selbst die Japaner hätten bemerkt, dass
Rieß nicht wie ein Deutscher aussähe, um dann fortzufahren: „Er ist wenigstens
auch nicht frei von jüdischen Eigenschaften. Besonders wenn er etwas getrunken
hat, kann er seinen Mund bei passenden Gelegenheiten nicht recht halten.92
Obwohl Ernst Delbrück vorgab, keine persönliche Antipathie gegen Mosse zu
hegen, empfand er dessen bloße Anwesenheit als Jude als störend, da das Leben
in der Ausländerkolonie nicht mehr zwanglos im vertrauten Kreis verlaufe. Aus
Rücksicht auf die Juden müsse man nun in Sprache und Liedgut– vor allem in
ausgelassener Stimmung– Zurückhaltung üben, um nicht als Antisemit beschul-
digt zu werden: „Persönlich hat zwar gegen Rieß keiner etwas. Aber es ist doch
störend. Michaelis traut sich nicht mehr, von ‚Judenangst‘ zu sprechen. Scriba93
hat sich sein Lieblingslied: ‚Ei wie, die Rutschpartie, Schollemachei machum
89 Delbrück-Briefe, u. a. S. 6870.
90 Ebenda, S. 256. Ein Kurzporträt von Hans Delbrück (18481929) bietet Andreas Hillgruber,
Hans Delbrück, in: Deutsche Historiker, hrsg. von Hans-Ulrich Wehler, Bd. IV, Göttingen
1972, S. 40–52. Rieß blieb auch in Japan mit seinem Doktorvater in engem Briefkontakt
und tauschte sich über eine Vielzahl historischer und aktueller Fragen mit ihm aus. Vgl.
Nishikawa, Genius, S. 4063.
91 Delbrück-Briefe, S. 474 (14. 2. 1889). Siehe auch die eher nüchtern-positive Beurteilung von
Rieß bei Schmiedel, Japan, S. 115 f.
92 Delbrück-Briefe, S. 256 (29. 5. 1887).
93 Der Chirurg Julius Scriba (18481905) amtierte 1881 bis 1905 als Professor an der Universi-
tät Tokyo und war medizinischer Berater der japanischen Regierung.
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abgewöhnen müssen, kurz, jeder sehnt sich nach der Zeit zurück, als es hier noch
rein germanisch war.94
Delbrück sah gar die Harmonie der deutschen Kolonie in Tokyo gefährdet,
sollten Zänkereien und Streitigkeiten über die aufkeimende „Judenfrage“ an
Gewicht gewinnen. „Es wäre [] ein Jammer, wenn der absolute Friede, der seit
einigen Jahren in der hiesigen deutschen Kolonie herrscht [] durch die Juden-
frage getrübt werden sollte.95 Da er die Gefährdung des Status quo augenschein-
lich in der zu hohen Zahl an jüdischen Wissenschaftlern erblickte, legte er seinem
Bruder Hans ans Herz, in der Zukunft nach Möglichkeit keinen jüdischen Histo-
riker mehr nach Tokyo zu empfehlen.96
Auch wenn es zwischen Delbrück und Ludwig Rieß verhältnismäßig wenig
Berührungspunkte gab– Ernst Delbrück verließ Japan mit seinem Cousin Felix
bereits im Jahr 1889 –, so liefern die Briefe Delbrücks doch den untrüglichen
Beweis dafür, dass Antisemitismus in der überschaubaren deutschen Kolonie in
Tokyo und Yokohama ein nicht zu leugnender Begleiter des täglichen Lebens war.
Rieß pflegte seinen kleinen, engen Bekanntenzirkel, zu dem neben dem Phi-
losophen Ludwig Busse, seinem Universitätskollegen und Zimmernachbarn, der
Jurist und spätere Gesandtschaftsdolmetscher Heinrich Weipert zählte. Für ihn,
der 1905 seinem Leben ein Ende setzte, verfasste er einen bewegenden Nachruf.97
Das interessierte deutsche Lesepublikum informierte er regelßig in verschie-
denen Presseorganen über historische und zeitgenössische japanische Themen.
Sein Buch „Allerlei aus Japan, das er nach seiner Rückkehr 1905 in Berlin pub-
lizierte und das eine Art Bestandsaufnahme seiner Bescftigung mit Japan dar-
stellte, fasste einige dieser Zeitungsartikel zusammen und präsentierte darüber
hinaus eine breite historisch-kulturelle Palette an japanbezogenen Sujets.98 Für
die Ausprägung eines deutschen Japanbildes waren Rieß’ Interpretationsangebote
ebenso hilfreich wie unverzichtbar, da es im deutschen Sprachraum weithin an
zuverlässigen Informationen über das fernöstliche Inselreich mangelte.99Allerlei
94 Delbrück-Briefe, S. 256.
95 Ebenda, S. 256 f.
96 Ebenda, S. 256.
97 Deutsche Japan-Post, 10. 6. 1905. Siehe auch Schenck, Der deutsche Anteil, S. 260, Anm. 46.
98 Ludwig Rieß, Allerlei aus Japan, 2 Bde., Berlin 1906, Bd. 2, S. 84100.
99 Vgl. zu diesem Aspekt u. a. Schmidhofer, Fakt und Fantasie.
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Rolf-Harald Wippich
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aus Japan“ offenbarte Rieß’ journalistisches Talent, sein Gastland aufmerksam-
kritisch zu begleiten und dessen Eigenschaften für die deutsche Leserschaft kurz
und bündig aufzubereiten. So schilderte er etwa auf anschauliche und überzeu-
gende Art und Weise wiederkehrende Feste am Kaiserhof sowie im japanischen
Volk oder verheerende Erdbeben und Großfeuer in Tokyo, die er in den 1890er-
Jahren miterlebt hatte.100
Im Gegensatz zu Albert Mosse nahm Ludwig Rieß neben seiner akademischen
Tätigkeit in Tokyo aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Im besonderen Maße
drückte sich sein Engagement im Vereinsleben der deutschen Community aus,
wo er es vermochte, der OAG während seines Japan-Aufenthaltes seinen Stempel
aufzudrücken. Die exponierte Position, die er über die Jahre innerhalb der Gesell-
schaft bekleidete– er war Mitglied des Vorstands und wurde im Jahr 1902 für seine
Verdienste um die OAG sogar zum ersten jüdischen Ehrenmitglied ernannt –, wirft
die Frage auf, inwieweit die Ostasiatische Gesellschaft selbst als Organisation anti-
semitischen Tendenzen zu widerstehen vermochte. Mit Blick auf Rieß’ persönliche
Erfolgsbilanz hat das zumindest im späten 19. Jahrhundert durchaus den Anschein.
Als Verein war die OAG– wie andere gemeinschaftliche Einrichtungen der Meiji-
Deutschen– strukturell nicht judenfeindlich ausgerichtet, doch als die Summe
ihrer Mitglieder spiegelte sie wohl oder übel die antisemitischen Tendenzen der
deutschen Gemeinde wider, ohne in der Lage zu sein, diese zu überwinden.101
Rieß gehörte ebenso zum erweiterten Bekannten- und Freundeskreis des
Pfarrers Spinner, obwohl auch dieser nicht ganz frei von Ressentiments gegen-
über Juden schien.102 Als kooperativer Wissenschaftler war Rieß trotzdem bereit,
historische Vorträge im Rahmen des Bildungsprogrammes der Mission bzw. der
deutschen protestantischen Kirchengemeinde zu halten.103
Nach ihrem Abschied von Japan traten sowohl Albert Mosse als auch Ludwig
Rieß dem Berliner Verein Wa-Doku-Kai (Japanisch-Deutsche Gesellschaft) bei,
100 Siehe dazu die entsprechenden Kurzartikel in Allerlei aus Japan, Bd. 2.
101 Vgl. zu diesem Aspekt insgesamt Rolf-Harald Wippich, Ludwig Rieß und die OAG, in:
OAG-Notizen 11 (2020), S. 10–26.
102 So lassen sich etwa Tagebuchstellen von Spinner deuten, die aber sicher nicht die ganze
Realität des gesellschaftlichen Umgangs widerspiegeln; Hamer, Mission, S. 103 f. und 107.
Albert Mosse fand Spinner durchaus sympathisch: Mosse-Briefe, S. 336.
103 Hamer, Mission, S. 18.
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Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912)
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der im Juni 1890 als erste Gesellschaft ihrer Art von Deutschen und Japanern in
der Reichshauptstadt gegndet worden war. Für viele der fheren Japan-Resi-
denten hatte die Gesellschaft die Funktion einer „Rückkehrersammelstelle,104
in der man die Erinnerung an zurückliegendes Wirken ebenso wie den Kontakt
zur japanischen Bevölkerung und zu Japan-Interessierten aufrechterhalten und
auffrischen konnte.105 Ludwig Rieß präsidierte von 1907 bis 1912 als letzter Vor-
sitzender der deutsch-japanischen Gesellschaft vor ihrer Auflösung.106
Mosse und Rieß haben ihren Japan-Aufenthalt– trotz gelegentlicher Widrig-
keiten– sehr genossen. Beide spürten, dass ihr intensives Engagement von ihren
japanischen Arbeitgebern honoriert wurde, ohne dass ihre jüdische Herkunft ins
Gewicht fiel. Weder in sozialer noch in beruflicher Hinsicht wurden sie zurückge-
setzt; vielmehr wurde ihre wissenschaftliche Leistung ohne Abstriche gewürdigt.
Fazit
Die Beweggründe jüdischer Intellektueller, als Fachkräfte für eine begrenzte Zeit
in der Regel etwa vier Jahre– in Japan zu arbeiten, überschnitten sich in mancher
Hinsicht mit denen ihrer nichtjüdischen Landsleute und Kollegen. Sie waren aber
wohl überwiegend eine unmittelbare Folge der persönlichen Anfeindungen im
Alltag und der Diskriminierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, die für jüdi-
sche Menschen im Staats- bzw. Universitätsdienst strukturell eine Karriere bremse
bedeuteten. Die Allgemeine Zeitung des Judentums brachte die Motive der jüdischen
Kandidaten auf den Punkt: In Japan gebe es „keine Beschnkung und Hintenan-
setzung der Juden.107 Hinzu trat der verständliche Wunsch, dem a ntisemitischen
104 Ebenda, S. 317.
105 Vgl. insgesamt zur Frühzeit der deutsch-japanischen Gesellschaft Annette Hack, Die
deutsch-japanische Gesellschaft Wa-Doku-Kai (18881912), in: Günther Haasch (Hrsg.),
Die deutsch-japanischen Gesellschaften von 1888 bis 1996, Berlin 1996, S. 1166, hier
S. 34 f.; zur späteren Karriere von Mosse vgl. Mosse, A Jewish Judge, S. 175184, sowie Rott,
Albert Mosse, S. 244–248. Zum Verlauf von Rieß’ Karriere in Deutschland ab 1902 siehe
Hayashi, Ludwig Rieß, S. 3444; Walravens, Zum publizistischen Wirken, S. 259 f.; Mura-
matsu, Westerners, S. 231; Brownlee, Japanese Historians, S. 76 f.
106 Hack, Wa-Doku-Kai, S. 34.
107 Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 38, 14. 9. 1886.
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Klima in Deutschland wenigstens zeitweise zu entfliehen. Abenteuer- und Reise-
lust, gepaart mit Fernweh mochten wie die in Aussicht stehende attraktive Ent-
lohnung und ein vergleichsweise selbstständiges Arbeiten, verbunden mit der
Möglichkeit, sich im jeweiligen Fachbereich zu profilieren, Gründe zugunsten der
Japan-Option sein. Doch die jüdischen Wissenschaftler blieben im eng umrisse-
nen deutschsprachigen Segment des japanischen Fremdensettlements Außensei-
ter, Ausgegrenzte in einer weitgehend preußisch-protestantisch wie konservativ
geprägten Ausländergemeinschaft, in deren soziale Netzwerke sie den Konventio-
nen entsprechend als Berufs- und Fachkollegen dennoch miteinbezogen wurden.
Auch wenn sie vom sozialen Leben der Fremdenkolonie in Tokyo-Yokohama nicht
ausgeschlossen waren, duldete man sie vielfach nur pflichtschuldig und brachte
ihnen wenig Sympathie entgegen. Als unumgängliche, aber weitgehend ungeliebte
ste zählten sie zu den Besuchern der jährlichen Kollektivfestivitäten der deut-
schen Community, wurden im privaten Bereich aber eher gemieden. Gleichwohl
hat es natürlich auch Kontakte zwischen den deutschen Jüdinnen und Juden und
ihren Landsleuten gegeben, die auch privater Natur waren.
Die antisemitischen Ressentiments der Meiji-Deutschen bedienten sich der-
selben Muster der Diffamierung in Wort und Bild, wie sie die Jüdinnen und Juden
aus der deutschen Heimat kannten. Doch traten Vorurteile nicht gleichförmig auf,
zielten nicht auf jede als jüdisch markierte Einzelperson ab oder nutzten jedes ver-
meintlich „jüdische“ Klischee. Diese Ambivalenz im Verhalten erkrt, weshalb
einige Mitglieder der deutschen Community in Tokyo und Yokohama von ihren
Landsleuten als judenfreundlich bzw. -feindlich abgestempelt werden konnten.108
Manche der deutschen Expats blieben wohl bewusst ambivalent in ihrem Verhal-
ten gegenüber jüdischen Personen, was situativ zu Fehldeutungen führen konnte.
Jemand, den man eben noch wegen seines Judentums schhte, konnte für einen
bestimmten Zweck oder in einem bestimmten Umstand nützlich sein, so wenn der
viel gescholtene Albert Mosse auf Bitten von Georg Michaelis dabei half, die juris-
tischen Prüfungen an der Vereinsschule in Tokyo abzunehmen. Viele der Meiji-
108 Es sei hier nur verwiesen auf die abweichende Beurteilung des Ehepaars Rudorff durch Lina
und Albert Mosse. Während Albert mit seinem Richterkollegen kaum harmonierte, war
Lina von Frau Rudorff zunächst sehr angetan (Mosse-Briefe, S. 165). Später revidierte Lina
jedoch ihr anfänglich positives Urteil aufgrund des antijüdischen Verhaltens des Ehepaares
Rudorff (ebenda, S. 276).
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Judenfeindschaft unter den Deutschen in Meiji-Japan (1868–1912)
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Deutschen machten sich aber wohl kaum Gedanken, ob sie mit Juden, Antisemi-
ten oder Nicht-Antisemiten verkehrten. Sie versuchten, in der Überschaubarkeit
der Fremdenkolonie miteinander gut auszukommen, ungeachtet weltanschau-
licher Differenzen oder menschlicher Sympathien. Insofern mögen die meisten
Meiji-Deutschen kaum eingefleischte Fanatiker oder Judenhasser gewesen sein.
Eher gerierten sie sich als antisemitische Opportunisten mit subjektiven Abnei-
gungen und Präferenzen, die dem „Zeitgeist“ nicht zu widerstehen vermochten.
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