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[en] (orig)
Mikrostruktur und Eigenschaften stranggepresster sowie
kaltverformter Messinglegierungen
vorgelegt von
Diplom-Ingenieur
Björn Reetz
aus Berlin
Der Fakultät III Prozesswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. C. Fleck
Gutachter: Prof. Dr. rer. nat. W. Reimers
Gutachter: Dr. habil. C. Genzel
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 23.08.2006
Berlin 2006
D83
II
III
Abstract
Björn Reetz
Mikrostruktur und Eigenschaften stranggepresster sowie kaltverformter
Messinglegierungen
Die vorliegende Arbeit soll zum Verständnis der mikrostrukturellen sowie der Gefüge-
entwicklung beim Strangpressen und bei Kaltverformung von Messinglegierungen
sowie der daraus resultierenden mechanischen Eigenschaften beitragen.
Zur Charakterisierung des Strangpressens wurden Bolzen verschiedener Messingle-
gierungen im direkten bzw. indirekten Verfahren mit unterschiedlichen Verfahrens-
parametern verpresst. Die Variation des Zinkgehalts gestattet die Untersuchung aller
relevanten Parameter wie elastische Anisotropie, Stapelfehlerenergie und Gleitver-
halten, Versetzungsdichte und –anordnung, Zwillingsbildung, Textur und Phasenge-
halte. Mittels Licht- und Elektronenmikroskopie mit Electron Backscattered Diffraction
(EBSD), Härtemessungen sowie Laborröntgen- und Synchrotronröntgenbeugung
zwecks Phasen-, Textur-, Eigenspannungs- und Linienprofilanalysen wurden die
Mikrostrukturen und Gefüge nach dem Strangpressen charakterisiert und hinsichtlich
der Strangpressparameter einerseits sowie der mechanischen Eigenschaften der
Strangpressprodukte andererseits diskutiert.
Durch das Strangpressen wird das Gussgefüge der eingesetzten Bolzen infolge des
Zusammenspiels von plastischer Verformung, Erholung, Rekristallisation und im Fall
von CuZn37 sowie CuZn40Pb2 Phasenumwandlungen eingeformt, homogenisiert
und in ein verfeinertes Gefüge überführt. Die Kenntnis des Zusammenhanges
zwischen den Srangpressparametern und der Korngrößenverteilung, Texturkompo-
nenten und der Phasengehalte erlauben die gezielte Einstellung der Festigkeit und
des Umformvermögens der Strangpressprodukte.
An unterschiedlich stark verformten Proben aus im wesentlichen CuZn37 wurde die
mikrostrukturelle Entwicklung bei Kaltstauchung untersucht. Das Gefüge und die
Mikrostrukturen der kaltgestauchten Proben wurden mit den bereits zuvor genannten
Methoden sowie mittels Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) charakterisiert
und bezüglich der mechanischen Zwillingsbildung sowie der Versetzungsbewegung
diskutiert. Die Nichtlinearitäten und hkl-Abhängigkeiten der röntgenographisch
ermittelten sin2ψ-Verläufe, verursacht durch richtungsabhängige Mikroeigenspannun-
gen, wurden charakterisiert und vor dem Hintergrund der experimentell bestimmten
Mikrostrukturen und deren Entstehung interpretiert. Für die Beschreibung der
experimentellen Nichtlinearitäten und hkl-Abhängigkeiten der sin2ψ-Verläufe
gelangten das Reuss- bzw. das Sachs-Modell unter Berücksichtigung der Mikro-
strukturen zum Einsatz.
IV
Abstract
Björn Reetz
Microstructures and mechanical properties of hot extruded and cold deformed
brass alloys
The thesis aims at the understanding of the microstructural evolution during the hot
extrusion and cold deformation of brass alloys and the mechanical properties which
result from the microstructures.
The hot extrusion comprised direct and indirect extrusion with different extrusion
parameters. In order to allow the discussion of the influence of the elastic anisotropy,
stacking fault energy, dislocation sliding, twinning, crystallographic texture and the
phase contents on the hot extrusion process, the brass alloys' zinc contents
investigated here range from 10 weight-%. to 40 weight-%. Light and electron
microscopy (SEM) with Electron Backscattered Diffraction (EBSD), hardness
measurements and laboratory res. synchrotron X-ray analyses for means of phase,
texture, residual stress and line profile analyses were performed for the
microstructural characterisation of the extrudates. The results were discussed in
respect with the hot extrusion parameters, on the one hand, and the mechanical
properties of the extrudates, on the other hand.
The interaction of plastic deformation, recovery, recrystallisation and, considering
CuZn37 and CuZn40Pb2, phase transformations results in homogeneous
microstructures with fine grain sizes compared to the initial state. The knowledge of
how the hot extrusion parameters affect the grain sizes distribution, the texture
components and the extrudates' phase contents allow to produce extrudates with
well defined mechanical strength res. formability.
Microstructural evolution during cold deformation was mainly investigated on
CuZn37. The methods already mentioned above in combination with transmission
electron microscopy (TEM) served for the microstructural characterisation of the cold
deformed samples and the interpretation in respect with both dislocation sliding and
twinning. The nonlinearities and the hkl-dependencies of the sin2ψ-distributions
obtained by the means of x-ray analysis were also investigated and discussed in
respect with the microstructures from cold deformation. The development of the hkl-
dependent residual stresses and the oscillations could be related to different
microstructures induced by cold deformation. The Reuss-model res. the Sachs-
model, taking into account the microstructures, suits well to describe the oscillations
in d-sin2ψcurves associated with the hot extrusion process res. the cold deformation.
V
Danksagung
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher
Mitarbeiter im Fachgebiet Metallische Werkstoffe an der Technischen Universität
Berlin 2001 bis 2006.
Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. W. Reimers für die Anregung zu diesem
Thema, die Betreuung der Arbeit und sein stetes Interesse am Fortgang der
Untersuchungen, die durch zahlreiche Diskussionen gefördert wurden. Weiterhin
möchte ich mich bei Prof. Dr. W. Reimers für die Übernahme eines Gutachtens
bedanken.
Herrn Dr. habil. C. Genzel danke ich herzlich für die Übernahme des Gutachtens und
das große Interesse an dieser Arbeit.
Bei Fr. Prof. C. Fleck bedanke ich mich besonders für die Übernahme des Vorsitzes
im Promotionsausschuss.
Darüber hinaus möchte ich mich insbesondere bei Dr. K. Müller für die Unterstützung
bei der Durchführung der Strangpressversuche bedanken. Dr. S. Zaefferer vom Max-
Planck-Institut für Eisenforschung GmbH danke ich für die freundliche Gewährung
von Messzeit am TEM und die Verwendung der von ihm entwickelten Software Toca,
bei der er mir außerdem mit Diskussionen nützlich zur Seite stand. Für die
Eigenspannungs- und Linienprofilanalysen mittels monochromatischer
Synchrotronstrahlung wurde freundlicherweise Messzeit am Hasylab, G3, in
Hamburg gewährt, wo vor Ort Dr. B. Hasse helfend zur Verfügung stand.
Ferner gilt mein Dank der gesamten Arbeitsgruppe von Herrn Prof. Dr. W. Reimers
für ihre Unterstützung und die gute Zusammenarbeit, insbesondere danke ich den
Kollegen Dr. S. Dieter, Dipl.-Ing. E. Wild und Dipl.-Ing. S. Müller für die hilfreichen
Gespräche und Dipl.-Ing. K. Holler sowie cand. Ing. A. Knoll für die Unterstützung bei
den experimentellen Durchführungen.
Abschließend möchte ich mich herzlich bei meinen Eltern bedanken.
Berlin, im August 2006 Björn Reetz
VI
VII
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Stand der Erkenntnisse 3
2.1 Eigenschaften der Messinglegierungen 3
2.2 Grundlagen der Kalt- und Warmverformung 7
2.2.1 Mikrostrukturelle Grundlagen der plastischen Verformung 7
2.2.2 Mechanische Zwillingsbildung 13
2.2.3 Erholung und Rekristallisation 16
2.3 Plastische Anisotropie 19
2.3.1 Phänomenologie der plastischen Anisotropie 19
2.3.2 Ursachen der plastischen Anisotropie 24
2.4 Zusammenhang zwischen plastischer Verformung und
Mikroeigenspannungen 27
2.5 Warmstrangpressen von Kupferlegierungen 30
3 Zielsetzung 37
4 Experimentelle Grundlagen 39
4.1 Röntgenographische Phasenanalyse 39
4.2 Röntgenographische Texturanalyse 39
4.3 Oberflächennahe Eigenspannungsanalyse 40
4.4 Linienprofilanalyse mittels Rietveldanalyse 44
4.5 Electron Backscattered Diffraction (EBSD) 45
5 Durchführung der experimentellen Untersuchungen 47
5.1 Warmstrangpressen der Messinglegierungen 47
5.2 Probenentnahme aus den Strangpressprofilen 49
5.3 Zugversuche 50
5.4 Stauchversuche 52
5.5 Hochgeschwindigkeitsverformung 53
5.6 Härtemessungen 55
5.7 Lichtmikroskopie 55
5.8 Electron Backscattered Diffraction (EBSD) 56
5.9 Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) 56
5.10 Röntgenographische Texturanalysen 57
5.11 Röntgenographische Phasenanalysen 57
5.12 Eigenspannungs- und Linienprofilanalysen mittels monochromatischer
Röntgen-Synchrotronstrahlung
58
VIII
6 Versuchsergebnisse 59
6.1 Gefüge der Stranggussbolzen 59
6.2 Strangpressen der Messinglegierungen 63
6.2.1 Strangpressparameter 63
6.2.2 Gefüge und Mikrostruktur der Strangpressprodukte 75
6.2.3 Festigkeit und Härte der Strangpressprodukte 102
6.3 Mikrostrukturelle Untersuchungen an kaltgestauchten Proben 117
6.3.1 Gefügeuntersuchungen 117
6.3.2 Eigenspannungen nach Kaltstauchung 124
6.3.3 Röntgenographische Linienprofilanalysen 126
6.3.4 Plastische Anisotropie-Richtungsabhängigkeit der Fließgrenze
und der Verfestigung 128
7 Diskussion der Versuchsergebnisse 131
7.1 Gefüge der Stranggussbolzen 131
7.2 Strangpressen der Messinglegierungen 134
7.2.1 Strangpressparameter 134
7.2.2 Gefüge und Mikrostruktur der Strangpressprodukte 139
7.2.3 Festigkeit und Umformvermögen der Strangpressprodukte 151
7.2.4 Folgerungen für die Praxis 155
7.3 Mikrostrukturelle Entwicklung durch Kaltverformung 157
7.3.1 Gefüge und Mikrostruktur 157
7.3.2 Entwicklung der Makro- und Mikroeigenspannungen während
der Kaltverformung
165
7.3.3 Einfluss der Mikrostruktur auf die makroskopische plastische
Anisotropie
177
7.3.4 Folgerungen für die Kaltverformung der Strangpressprodukte 183
8 Zusammenfassung 185
Literaturverzeichnis 189
IX
Verzeichnis der wichtigsten Symbole und Abkürzungen
1 Abkürzungen
ASB Adiabatische Scherbänder
CSL Coincidence Site Lattice
DEK Diffraktionselastische Konstanten
DSE Differential Strengthening Effect
EBSD Electron Backscattering Diffraction
GNB Geometrisch notwendige Korngrenzen
HIPPO High Pressure Preferred Orientation
HITEN Hochfeste Stahlbleche für den Automobilbau
ICT Isotropy Center Translation
IDB Inversionsdomänengrenzen
IF-Stahl Stahl ohne interstitiell gelöste Legierungselemente
kfz Kubisch-flächenzentriert
krz Kubisch-raumzentriert
ODF Orientierungsverteilungsfunktion
OIM Orientation Imaging Microscopy
PSB Persistente Gleitbänder
PV Partialversetzungen
REM Rasterelektronenmikroskopie
SC Self-Consistent
SF Stapelfehler
SFE Stapelfehlerenergie
SFG Super Fine Grain
SFP Stapelfehlerwahrscheinlichkeit
TEM Transmissionselektronenmikrokopie
TOF Time of Flight
TP Zwillingsbildungswahrscheinlichkeit
WR, RD Walzrichtung
X
2 Symbole
Erholung und Rekristallisation
Trek Rekristallisationstemperatur
TsSchmelztemperatur
DBDiffusionskoeffizient an der Korn- bzw. Phasengrenze
γSpezifische Korn- bzw. Phasengrenzenenergie
λKorngrenzendicke
T Glühtemperatur
t Glühdauer
XcKritische Keimgröße für dynamische Rekristallisation
M Korngrenzenmobilität
L Mittlere freie Weglänge
Mechanische Eigenschaften
Rp0.2 0.2%-Fließgrenze im Zugversuch
RD0.2 0.2%-Fließgrenze im Stauchversuch
RmZugfestigkeit
AGl Gleichmassdehnung
ABBruchdehnung
Z Brucheinschnürung
HV 2 Vickershärte
γScherdehnung
τSchubspannung
T Drehmoment
φVerdrehwinkel
r Radius der Torsionsfläche
A, B, ε0, C Parameter der Johnson-Cook-Gleichung
D,q Parameter der Gleichung nach Cowper und Symands
σyFließgrenze bei quasistatischer Belastung
σydFließspannung bei schneller Belastung mit einer bestimmten
Verformungsrate dε/dt
σp0.2,HP Theoretische Fließgrenze der α-Phase unter Berücksichtigung
der Korngröße
σp0.2,αTheoretische Fließgrenze der α-Phase unter Berücksichtigung
der Korngröße und der Textur
σp0.2,βTheoretische Fließgrenze der β-Phase
σp0.2 Theoretische Fließgrenze des Strangpressprofils
Mikrostruktur
h k l Millersche Indizes
αStapelfehler(SF)-Wahrscheinlichkeit (auf den Gitterparameter
bezogene Stapelfehlerdichte)
T Stapelfehlerbreite
γIdeale Stapelfehlerenergie
γeff Effektive Stapelfehlerenergie
γisf Intrinsische Stapelfehlerenergie
XI
γesf Extrinsische Stapelfehlerenergie
γus Instabile Stapelfehlerenergie
γTStapelfehlerenergie bei der Temperatur T
δVerschiebungsfaktor
βZwillingswahrscheinlichkeit (auf den Gitterparameter bezogene
Zwillingsdichte)
γut Bildungsenergie für instabile Zwillinge
D Subkorngröße
DEEffektive Teilchengröße
b Burgersvektor der Versetzung
ρVersetzungsdichte
ρmMittlere Versetzungsdichte
<ε2>Mikrodehnungen
Edisl Linien- und Wechselwirkungsenergie der Versetzungen
Estrain Energie der elastischen Dehnungsfelder
a Gitterparameter
n Verfestigungsexponent
q Querkontraktion
εDehnung
εpl Plastische Dehnung
d Korndurchmesser
ksHall-Petch-Faktor für Versetzungsgleiten
kTHall-Petch-Faktor für Zwillingsbildung
VKg Volumen der Einheitszelle der (regelmäßigen) Korngrenze
VEVolumen der Einheitszelle des Kristallgitters
σSpannung
σij Gesamtspannung
0
ij
σ
Lastspannung gemäß SC-Modell
αij Kopplungsfaktor gemäß SC-Modell
µ,G Schermodul
1-βEshelby-Faktor gemäß SC-Modell
εij,M Plastische Dehnung in der Matrix gemäß SC-Modell
εij,G Plastische Dehnung im Korninneren gemäß SC-Modell
v0Versetzungsgeschwindigkeit ohne Berücksichtigung der
Temperatur
ΔFFreie Energie für die Versetzungsbewegung
V Aktivierungsvolumen
τ*Effektive Schubspannung
ε
&Dehnrate
k Bolzmannkonstante
Mikrostrukturanalyse mittels Röntgenbeugung
2θ, 2θhkl Beugungswinkel
CG Flächenschwerpunkt des Beugungsreflexes im
Beugungsdiagramm
Ij(hkl) Integralintensität des Reflexes h k l der Phase j
Rj(hkl) Intensitätsfaktor des Reflexes h k l der Phase j
A Absorptionsfaktor des Messings
VjVolumenanteil der Phase j
XII
VαVolumenanteil der α-Phase des Messings
VβVolumenanteil der β-Phase des Messings
Iα(hkl) Integralintensität des Reflexes h k l der α-Phase des Messings
Iβ(hkl) Integralintensität des Reflexes h k l der β-Phase des Messings
Rα(hkl) Intensitätsfaktor des Reflexes h k l der α-Phase des Messings
Rβ(hkl) Intensitätsfaktor des Reflexes h k l der β-Phase des Messings
IMittlere Intensität auf der Lagenkugel
I(χ,ϕ) Intensität unter den Winkeln χund ϕ
Ф,ϕ1,ϕ2Eulerwinkel
m Gerätefaktor für die Bestimmung der Stapelfehlerwahrschein-
lichkeit αaus der Verschiebung der Reflexlage
εfDurch Stapelfehler hervorgerufene Mikrodehnungen
Ghkl, Jhkl Reflexabhängige Konstanten zur Bestimmung der
Stapelfehlerwahrscheinlichkeit αaus der Verschiebung der
Reflexlage
f(hkl), g(hkl) Reflexabhängige Konstanten zur Bestimmung der
Teilchengröße aus dem Linienprofil des Beugungsreflexes
dhkl Gitterparameter der Netzebenenschar h k l
hkl
d
ϕψ
,
ϕψ
dGitterparameter der Netzebenenschar h k l unter den Winkeln ϕ
und ψ
hkl
0
d, d
0Gitterparameter der Netzebenenschar h k l im spannungsfreien
Zustand
dmax Gitterparameter der „relaxierten“ Probenbereiche
dBGitterparameter der „unrelaxierten“ Probenbereiche
d Gitterparameter
hkl
1
s,
hkl
2
s
2
1Röntgenelastische Konstanten für den Reflex h k l
hkl
ϕψ
ε
An der Netzebenenschar h k l ermittelte elastische Dehnung
unter den Winkeln ϕund ψ
ϕAzimutwinkel
ψInklinationswinkel
hkl
υ
Querkontraktion der Netzebenenschar h k l
Ehkl Elastizitätsmodul der Netzebenenschar h k l
mϕSteigung der für den Winkel ϕermittelten sin2ψ-Geraden
σI,σII,σIII Eigenspannungen I.Art bis III.Art
<σ>αMittlere phasenspezifische Eigenspannungen der Phase α
<σII>α, <σIII>αPhasenspezifische Eigenspannungen II.Art und III.Art in der
Phase α
pV(x) Pseudo-Voigt-Funktion mit der Variablen x für den Streuwinkel
IpAmplitude der Pseudo-Voigt-Funktion
ηCauchy-Anteil des Beugungsreflexes
2ωHalbwertsbreite (fwhm)
G(x) Gauss-Funktion mit der Variablen x für den Streuwinkel
x Streuwinkel
B(2θ)Probenbedingte Linienverbreiterung des Beugungsreflexes
I(2θ)Symmetrischer Beitrag der instrumentellen Linienverbreiterung
des Beugungsreflexes
A (2θ)Asymmetrischer Beitrag der instrumentellen Linienverbreiterung
des Beugungsreflexes
XIII
Yc(2θ) Faltung von B(2θ), I(2θ) und A (2θ)
* Faltungssymbol
bkg Funktion zur Beschreibung des Untergrunds im
Beugungsdiagramm
L Reihenentwicklungsgrad der Fourierreihe
TpV Kosinus-Fourierkoeffizienten
Plastische Anisotropie
A Anisotropiefaktor
dmax Maximaler Probendurchmesser nach Kaltstauchung
dmin Minimaler Probendurchmesser nach Kaltstauchung
r r-Wert bzw. Lankford-Parameter
ФWinkel zwischen Walzrichtung bzw. einer anderen Richtung
sowie der Belastungsrichtung bei einachsiger Zug- oder
Druckbelastung
r r-Wert unter Ф gleich 0°
r45° r-Wert unter Ф gleich 45°
r90° r-Wert unter Ф gleich 90°
rmMittlere (senkrechte) Anisotropie
ΔrMittlere ebene Anisotropie
σ11,σ22 Normalenspannungen
σ12 Schubspannung
F, G, H, L, M, N Parameter der Hill-Gleichung zur Beschreibung der orthotropen
Anisotropie
R11, R22, R33 Festigkeiten aus den einachsigen Zugversuchen in Richtung der
Hauptachsen
R23, R31, R12 Festigkeiten aus den Scherversuchen in den orthotropen
Symmetrieebenen
Isotropiezentren
Verschobene Invarianten des Spannungsdeviators
Spannungsdeviator
δij Operator, der gleich 1 für i=j und gleich 0 für ij
α1bis α4,β1bis β4Materialkonstanten der ICT-Theorie
ϕLogarithmische Formänderung
ϕDLogarithmische Formänderung in der Dickenrichtung
ϕBLogarithmische Formänderung in der Breitenrichtung
Tregellos Taylor-Faktor für den regellos texturierten Polykristall
T111 Taylor-Faktor für <111>-Orientierung
T200 Taylor-Faktor für <100>-Orientierung
Strangpressen
FSt Stempelkraft beim Strangpressen
FMMatrizenkraft beim Strangpressen
FRReibkraft beim Strangpressen
ΔkwUmformwiderstand beim Strangpressen
D0Aufnehmerdurchmesser
A0Querschnittsfläche des Bolzens
ASQuerschnittsfläche des Strangpressprodukts
V Pressverhältnis beim Strangpressen
XIV
VProdukt Stempelgeschwindigkeit beim Strangpressen
VSt Produktgeschwindigkeit beim Strangpressen
ϕLogarithmische Formänderung beim Strangpressen
C Matrizenspezifischer Faktor
ϕgges Gesamthauptformänderung beim Strangpressen
f
kMittlere Fließspannung in der Umformzone beim Strangpressen
g
ϕ
&Formänderungsgeschwindigkeit beim Strangpressen
Thermodynamische Größen
R Allgemeine Gaskonstante
ρSpezifisches Gewicht (Dichte)
c Spezifische Wärme
Weitere Symbole
Ti: C+N=12 Bei IF-Stählen: Ti/(C+N)-Verhältnis ist gleich 12.
1
1 Einleitung
Unter plastischer Anisotropie versteht man die Richtungsabhängigkeit der Festigkeit
und der Verfestigung bei plastischer Verformung eines Werkstoffs. Da metallische
Werkstoffe in der Regel kristallin aufgebaut sind und die mechanischen
Eigenschaften netzebenenabhängig sind, tritt in metallischen Werkstoffen von Natur
aus plastische Anisotropie auf, die sowohl während der Herstellung und Verarbeitung
als auch in Bezug auf den Werkstoffeinsatz berücksichtigt werden muss. Wenn die
Belastungsachsen bzw. –ebenen einerseits und die kristallographischen
Hauptachsen bzw. –hauptebenen andererseits nicht koinzident sind, kann
beispielsweise eine einachsige Belastung zu mehrachsiger Verformung führen.
Einige konkrete Beispiele sollen im folgenden veranschaulichen, wie unterschiedlich
die Anforderungen an die plastische Anisotropie sein können und wie weit deren
Bedeutung reicht.
¾Die Richtungsabhängigkeit der Festigkeit wird beispielsweise bei der
Verwendung von einkristallinen Turbinenschaufeln ausgenutzt. Sie sind so
orientiert, dass sie in Richtung der Fliehkräfte ihre höchste Kriechfestigkeit
besitzen /Steinhaus 2001/.
¾Beim Walzen von Blechen soll die Dicke reduziert werden, ohne dass sich die
Breite des Blechs wesentlich ändert. Diese Anforderungen werden besonders
gut erfüllt, wenn der Werkstoff eine möglichst geringe senkrechte Anisotropie
(ideal: rm=1) besitzt und die ebene Anisotropie ebenfalls besonders klein ist
(ideal: Δr=0) /Blaß2003/.
¾Eine geringe senkrechte Anisotropie ist beim spanenden Bearbeiten ebenfalls
erwünscht. Damit wird der Aufbauscheidenbildung entgegengewirkt, was sich
in längeren Werkzeugstandzeiten auszahlt /Schweitzer2001/.
¾Während des Tiefziehens wird der Werkstoff aus der Blechebene in die
Ebenennormale umgelenkt. Der Werkstofffluss senkrecht zur Blechebene
wird durch eine große senkrechte Anisotropie gefördert. Das Material soll
innerhalb der Blechebene aus allen Richtungen gleichermaßen in die Zarge
fließen, damit keine sog. Zipfelbildung an der Zarge (Näpfchenwand) auftritt.
Dafür ist eine möglichst geringe ebene Anisotropie erforderlich.
¾Plastische Anisotropie äußert sich darin, dass die mittels sin2ψ-Verfahren
bestimmten Eigenspannungen netzebenenabhängig sind, d.h. <σII>α=f(h,k,l).
Die hkl-Abhängigkeit der Eigenspannungen beruht auf dem Vorhandensein
verschiedener Kristallitgruppen, die unterschiedlich stark plastisch verformt
werden, was zu Misfitspannungen zwischen Kristalliten verschiedener
Kristallitgruppen führt /Hauk1997/.
2
¾Da sowohl die plastische Verformung als auch der daraus resultierende
Eigenspannungszustand signifikant von der plastischen Anisotropie
abhängen, beeinflusst die plastische Anisotropie die Rissentstehung und den
Rissfortschritt in metallischen Werkstoffen. Zwar hängt die
Rissausbreitungsrichtung nicht wesentlich von der plastischen Anisotropie ab,
aber aufgrund der plastischen Anisotropie kann eine Abstumpfung an der
Rissspitze stattfinden, so dass sich der Riss im anisotropen Werkstoff nicht so
schnell ausbreiten kann wie im isotropen Fall. Somit werden die
Werkstoffschädigung, Dauerfestigkeit sowie die Spannungsrisskorrosionsbe-
ständigkeit metallischer Werkstoffe durch die plastische Anisotropie
beeinflusst /Legarth2004, Thomas2001/.
¾Der Faktor mechanische Anisotropie spielt nicht nur bei klassischen
Werkstoffen, sondern auch bei Natur- bzw. Biowerkstoffen eine wesentliche
Rolle. In Abhängigkeit von dem durch die mechanische Anisotropie der
menschlichen Haut bedingten Spannungszustand unterscheidet sich das
Wachstum der verschiedenen Hautschichten an der Wunde, so dass der
Heilungsprozess unterschiedlich schnell stattfindet /Millesi1998/. Bei Bäumen
führen die Veränderungen der äußeren Last durch Gewicht und Wetter sowie
die Anisotropie des Holzes zu einem optimal daran angepassten
Astwachstum /Fratzl1999, Lichtenberger1999, Mattheck1997, Speck2001/.
In der Mikrosystemtechnik, wo geringere Toleranzen zulässig bzw. größere
Maßhaltigkeit erforderlich sind als bei Makrobauteilen, können Vorgänge, die bei
Makrobauteilen nicht ins Gewicht fallen, bereits zu einem Versagen führen. Deshalb
sind sämtliche Einflüsse auf die Verformung in der Längenskala beginnend bei der
Versetzungsanordnung und den Gleitpfaden während plastischer Verformung bis hin
zur Textur relevant /MPIE2006/.
3
2 Stand der Erkenntnisse
2.1 Eigenschaften der Messinglegierungen
Zink bildet mit Kupfer einen Substitutionsmischkristall. Durch die Variation des Zink-
Gehaltes der Messinglegierungen können unterschiedliche Phasen (Bild 2.1) sowie
die Stapelfehlerenergien eingestellt werden. Bis mindestens ca. 33 Gew.-% liegt bei
RT die α-Phase vor, die ein kubisch-flächenzentriertes Gitter besitzt. An das α-
Gebiet schließt sich das Zweiphasengebiet des α/β-Messings an. Die β-Phase ist
dabei ein kubisch-raumzentrierter Mischkristall. Zwischen 468°C und 454°C wird die
β-Phase bei sehr langsamer Abkühlung oder aber nachträglicher Wärmebehandlung
in die Ordnungsphase β’ umgewandelt. Oberhalb von 50 Gew.-% tritt die
intermetallische Phase γauf, die jedoch für technische Anwendungen nicht relevant
ist.
Bild 2.1: Cu-Zn-Phasendiagramm, 1 CuZn10, 2 CuZn20, 3 CuZn37, 4 CuZn40Pb2
Aufgrund des größeren Durchmessers der Zinkatome im Vergleich zum Kupfer
nimmt der Gitterparameter der α-Phase mit steigendem Zinkgehalt kontinuierlich zu.
Für Cu beträgt der Gitterparameter 3.615 Angström, während für CuZn30 der
Gitterparameter gleich 3.684 Angström ist (Bild 2.2).
4
0 5 10 15 20 25 30 35
3.60
3.62
3.64
3.66
3.68
3.70
Gitterparameter a [Angström]
Zinkgehalt [Gew.-%]
Bild 2.2: Einfluss des Zinkgehaltes auf den Gitterparameter der α-Phase,
Raumtemperatur /Dies1967/
Weiterhin führt ein zunehmender Zinkgehalt aufgrund der Mischkristallverfestigung
zu einer Steigerung der Zugfestigkeit des α-Messings (Bild 2.3). Eine weitere
Steigerung der Zugfestigkeit wird durch die Mehrphasigkeit der α/β-
Messinglegierungen erzielt.
10 15 20 25 30 35 40 45
240
260
280
300
320
340
360
380
400
420
440
Zugfestigkeit Rm[MPa]
Zinkgehalt [Gew.-%]
Bild 2.3: Einfluss des Zinkgehalts auf die Zugfestigkeit von Messing,
Raumtemperatur /Dies1967/
Im Gegensatz zu anderen metallischen Werkstoffen wie z.B. den Stählen wird
gleichzeitig die Bruchdehnung größer, wenn der Zinkgehalt der Messinglegierung
gesteigert wird. Die maximale Bruchdehnung liegt bei Raumtemperatur bei ca. 30%
Zink vor. Zunehmende Zinkgehalte über 30% bewirken eine Verringerung der
Bruchdehnung, so dass CuZn40Pb2 lediglich eine Bruchdehnung von ca. 34%
besitzt (Bild 2.4).
5
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45
30
35
40
45
50
55
60
65
70
Bruchdehnung [%]
Zinkgehalt [Gew.-%]
Bild 2.4: Einfluss des Zinkgehalts auf die Bruchdehnung von Messing,
Raumtemperatur /Dies1967/
0 5 10 15 20 25 30 35 40
110
115
120
125
130
E-Modul [GPa]
Zinkgehalt [Gew.-%]
Bild 2.5: Einfluss des Zinkgehalts auf den E-Modul von Messing, Raumtemperatur
/Dies1967/
Der E-Modul der Messinglegierungen verändert sich signifikant mit dem Zinkgehalt
der α-Messinglegierungen. Am größten ist mit 130 MPa der E-Modul von unlegiertem
Kupfer. Durch das Legieren mit Zink wird der E-Modul von Messing kontinuierlich
kleiner, wobei für CuZn37 ein Wert gleich 110 GPa erreicht wird (Bild 2.5).
6
5 10152025
0.340
0.345
0.350
0.355
0.360
0.365
0.370
0.375
0.380
Anisotropiefaktor
Zinkgehalt [Gew.-%]
Bild 2.6: Einfluss des Zinkgehalts auf die elastische Anisotropie von Messing,
basierend auf elastischen Konstanten von /Hellwege1982/
Bild 2.6 zeigt den Zusammenhang zwischen dem Zinkgehalt der Messinglegierung
und dem Anisotropiefaktor A, der zur Quantifizierung der elastischen Anisotropie
verwendet wird. Der Anisotropiefaktor A ist gleich 1, wenn die elastischen
Eigenschaften isotrop sind. Ein steigender Zinkgehalt in Messing bewirkt, dass sich
der Anisotropiefaktor immer weiter von dem Wert 1 entfernt und somit die elastische
Anisotropie zunimmt. Für CuZn5 wurde ein Anisotropiefaktor gleich 0.378 bestimmt
und für CuZn22.5 ein Anisotropiefaktor gleich 0.342.
7
2.2 Grundlagen der Kalt- und Warmverformung
2.2.1 Mikrostrukturelle Grundlagen der plastischen Verformung
Sobald die Fließgrenze eines Werkstoffs überschritten wird, findet plastische
Verformung statt. Die plastische Verformung in metallischen Werkstoffen bei
niedrigen Temperaturen basiert im wesentlichen auf dem Versetzungsgleiten und
durchläuft mit zunehmendem Umformgrad folgende Stadien /Gottstein1998/:
-Mikroplastische Verformung: Entsprechend des Schmid’schen
Schubspannungsgesetzes hängt die Fließgrenze in einem Kristall von der
Belastungsrichtung relativ zur Orientierung des Kristallits ab. Im Polykristall
werden zunächst die Gleitsysteme in solchen Kristalliten betätigt, die
bezüglich der äußeren Lastachse günstig orientiert sind. Die mikroplastische
Verformung in diesen Körnern führt zum Versetzungsaufstau an den
Korngrenzen, wodurch in den benachbarten, ungünstiger orientierten Körnern
elastische Spannungen induziert werden.
-Überschreiten der Streckgrenze: Sobald die elastischen Spannungen die
lokale Fließgrenze überschreiten, setzt in den übrigen Körnern ebenfalls
plastische Verformung ein. Die Streckgrenze wird erreicht, wenn sich die
plastische Verformung über den gesamten Polykristall erstreckt.
-Verfestigung: Mit zunehmender plastischer Verformung werden immer mehr
Versetzungen im Werkstoff aktiviert. Die Wechselwirkung zwischen den
Versetzungen durch Aufstau, Bildung von Lomer-Cottrell-Locks, Kinks etc.
führt dazu, dass sich unbewegliche Versetzungen bilden. Dadurch wird die
mittlere freie Weglänge für die nachfolgenden mobilen Versetzungen
verringert. Insgesamt nimmt die sog. Passierspannung sowie die sog.
Schneidspannung, deren Summe als Fließspannung zum Aufrechterhalten
des plastischen Fließens bezeichnet wird, zu.
-Entfestigung (dynamische Erholung): Die Festigkeit nimmt weiter zu, aber die
Verfestigung wird geringer, da die Schraubenversetzungen durch zusätzliches
Quergleiten die unbeweglichen Versetzungen leichter passieren können.
Die verschiedenen Verformungsstadien sind in Bild 2.7 eingezeichnet, wobei mit den
Stadien IV und V noch weitere Ver- bzw. Entfestigungsvorgänge berücksichtigt
werden, die nur unter spezifischen Bedingungen in metallischen Werkstoffen
eintreten /Siethoff1993/.
8
V
IV
III
II
I
Spannung
Dehnung
Bild 2.7: Stadien der plastischen Verformung, Temperatur und Dehnrate sind
konstant /Siethoff1993/
Die Anzahl der möglichen Gleitsysteme für das Versetzungsgleiten sowie die
Aktivierungsenergie zur Betätigung eines Gleitsystems unterscheiden sich für die
verschiedenen Werkstoffe aufgrund der chemischen Bindung sowie der
Kristallstruktur. Damit die Formänderungskompatibilität erfüllt wird, müssen im
Polykristall für die plastische Verformung in jedem Korn fünf unabhängige
Gleitsysteme aktiviert werden, wobei es sich um die Gleitsysteme mit der niedrigsten
Aktivierungsenergie handelt. Infolge der plastischen Verformung findet sowohl eine
Dehnung (translatorische Bewegung) als auch eine Rotation (rotatorische
Bewegung) der einzelnen Körner statt.
Die gängigsten Modelle zur Beschreibung der plastischen Verformung einphasiger
Werkstoffe und der daraus resultierenden Textur sind das Taylor- /Taylor1938/ und
das Sachs-Modell /Sachs1928/. Während das Taylor-Modell auf der Annahme eines
homogenen Dehnungszustandes basiert und eine obere Schrankenlösung darstellt,
liefert die Postulierung eines homogenen Spannungszustandes im Sachs-Modell
eine untere Schrankenlösung. Somit liegt das reale Werkstoffverhalten zwischen den
Lösungen dieser beiden Modelle. Bei den sog. Self-Consitent-(SC) Modellen
/Budiansky1962, Hill1965, Kröner1961/ finden die Kornwechselwirkungen, die im
Taylor- und im Sachs-Modell vernachlässigt werden, Berücksichtigung. Das zu
betrachtende Korn ist demnach in eine homogene Matrix eingebettet. Aufgrund der
Kompatibilität zwischen dem Korn und der Matrix entstehen
Wechselwirkungsspannungen. Die Gesamtspannung setzt sich folglich aus mehreren
Komponenten zusammen /Pedersen1987, Leffers1987/:
)
G,ijM,ij
(*)1(*2*)ij(
0
ij
ij
εεβμασσ
+= . (Gl. 2.1)
σij Gesamtspannungstensor
0
ij
σ
Lastspannungstensor
εij,G Plastische Dehnung im Korninneren
9
εij,M Plastische Dehnung in der Matrix
µ Schermodul
(1-β) Eshelby-Faktor
α(ij) Kopplungsfaktor
Das Taylor- und das Sachs-Modell stellen spezielle Lösungen der Gleichung 2.1 dar.
Im Falle des Taylor-Modells sind alle α(ij) gleich 1, da die Kristallite per Annahme
stark miteinander gekoppelt sind. Das Sachs-Modell, das eine geringe Korn-Korn-
Wechselwirkung beinhaltet, lässt nur in Belastungsrichtung einen Kopplungsfaktor zu
(α(11) gleich 1). Alle anderen α(ij) sind gleich 0.
Die Versetzungsanalyse in polykristallinen metallischen Werkstoffen zeigt, dass auch
während makroplastischer Verformung tatsächlich nur in wenigen Kristalliten fünf
Gleitsysteme aktiv sind /Harder1997, Honeycombe1975, Schwink1967/, während in
den übrigen Körnern überwiegend jeweils 3 bis 4 Gleitsysteme betätigt werden.
Somit verhalten sich einzelne Kristallite im Polykristall quasi einkristallin. Dieses nach
Sachs bezeichnete Gleitverhalten, das vom Sachs-Eshelby-Modell beschrieben wird,
beobachtete /Carstensen1998/ beispielsweise an der Oberfläche von
Ermüdungsproben aus Messing.
Die Versetzungen in stark verformten Proben sind nicht gleichmäßig verteilt, sondern
ordnen sich in planaren oder zellförmigen Netzwerken an /Carstensen1998,
Christoffersen1997, Göttler1973, Liu1995, Ungar1984/. Da die mobilen
Versetzungen zusätzliche Energie benötigen, um eine Versetzungswand zu
durchdringen /Priester2004/, bewegen sich die Versetzungen bevorzugt in den
Kanälen zwischen den Versetzungswänden /Li2004/. Wenn mobile Versetzungen
hingegen auf Korngrenzen stoßen, kann die Versetzung höchstens im Falle der 3
(111)-Zwillingskorngrenze direkt von einem Korn ins andere Korn übergehen. Eine
andere Möglichkeit besteht darin, dass beim Eintritt in die Korngrenze
Versetzungsreaktionen stattfinden, infolge derer die Gleitung auf einen anderen
Gleitweg ins Nachbarkorn hinein fortgesetzt wird oder die Versetzung in die
Korngrenze eingebaut wird und zum Stillstand gelangt /Priester2004/.
Je nach Werkstoff treten unterschiedliche Versetzungsmuster auf, die nicht nur vom
Umformgrad abhängen, sondern auch mit der Stapelfehlerenergie des Werkstoffs
variieren. Die Stapelfehlerenergie ist die zur Erzeugung eines Stapelfehlers
erforderliche Energie /Bernstein2004, Koning2003, Müllner1996/. Je nach Änderung
der ursprünglichen Stapelfolge ABCABC wird zwischen der intrinsischen
Stapelfehlerenergie γisf für die Stapelfolge ABC I BCA sowie der extrinsischen
Stapelfehlerenergie γesf für die Stapelfolge ABC I B I ABC unterschieden
/Bernstein2004/. Im Falle eines unendlich ausgedehnten Stapelfehlers in einem
idealen Kristall wird der Begriff der idealen Stapelfehlerenergie γverwendet. Im
10
Gegensatz zum idealen Stapelfehler besitzt ein realer Stapelfehler eine endliche
Ausdehnung, so dass er mit der umgebenden Matrix durch elastische
Wechselwirkung gekoppelt ist. Somit trägt die Linien- und Wechselwirkungsenergie
Edisl der Versetzungen sowie die elastische Energie Estrain zur Stapelfehlerenergie
des realen Stapelfehlers bei, die als effektive Stapelfehlerenergie γeff bezeichnet wird.
Da die elastische Energie Estrain von der Form, Häufigkeit und Verteilung aller
mikrostrukturellen Defekte im metallischen Gitter beeinflusst wird, ist die effektive
Stapelfehlerenergie γeff keine intrinsische Werkstoffgröße, sondern vom
Werkstoffzustand abhängig /Müllner1996/. Die Stapelfehlerenergie lässt sich auch
als die notwendige Energie betrachten, um zwei Kristallhälften entlang der
Gleitebene gegeneinander zu scheren. Während des Abgleitens muss eine
bestimmte als instabile Stapelfehlerenergie γus bezeichnete Energieschwelle
überschritten werden, damit der Stapelfehler stabil ist (Bild 2.8). Unmittelbar bei
Erreichen der instabilen Stapelfehlerenergie γus kann spontan ein Versetzungsdipol
entstehen, und der metastabile Stapelfehler verschwindet dann /Koning2003/.
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8 1.0
0
2
4
6
8
γus
γisf
Fehlerenergie [meV/A2]
Verschiebungsfaktor δ
Bild 2.8: Bedeutung der instabilen Stapelfehlerenergie, nach /Koning2003/. Der
Verschiebungsfaktor beschreibt die relative Abgleitung beider Kristallhälften entlang
der Richtung der Partialversetzungen
Die Stapelfehlerenergie der Messinglegierungen sinkt mit zunehmendem Zinkgehalt
der Legierung. Kupfer besitzt eine Stapelfehlerenergie von ca. 100 mJ/m2, für
CuZn20 beträgt die Stapelfehlerenergie ca. 20 mJ/m2und für CuZn37 ca. 6 mJ/m2
(Bild 2.9), wobei die experimentellen Werte je nach Quelle und
Untersuchungsmethode deutlich variieren.
11
0 5 10 15 20 25 30 35
0
20
40
60
80
100
Stapelfehlerenergie γSF [mJ/m2]
Zinkgehalt [Gew.-%]
Bild 2.9: Einfluss des Zinkgehalts auf die Stapelfehlerenergie von Messing, Daten
aus /Carstensen1998, Otte1967, Zhao2005/
Bei Werkstoffen mit niedriger Stapelfehlerenergie bilden sich bevorzugt planare
Versetzungsnetzwerke aus. Außerdem enthält das Gefüge stark plastisch verformter
Werkstoffe sog. Geometrical Nescessary Boundaries (GNB), damit der
Zusammenhalt zwischen den stark plastisch verformten Kristalliten gewahrt wird
/Tsuji2004/. In der Nähe der Korngrenzen treten sowohl regelmäßige als auch
einzelne unregelmäßige Versetzungen auf. Bei ausreichender plastischer
Verformung gehen die planaren Versetzungsnetzwerke in zellförmige Netzwerke
über /Carstensen1998/. Die Misorientierung der GNB nimmt bei starker plastischer
Verformung weiter zu, bis sie in Großwinkelkorngrenzen übergehen (Bild 2.10).
a b
Bild 2.10: Versetzungsstrukturen in Messing in Abhängigkeit vom Zinkgehalt und von
der Gesamtdehnung εop-Cu bzw. εop-CuZn /Carstensen1998, nach Tsuji2004/
12
Wenn das Verformungsvermögen mittels Versetzungsbewegung ausgeschöpft ist,
setzt die Bildung von Verformungsbändern, der sog. Scherbänder ein. Die Scherung
findet in Richtung der maximalen Schubspannung statt. Ausgelöst wird die Scherung
an Gefügeinhomogenitäten wie beispielsweise Einschlüssen oder groben Körnern
/Dutruge1997, White1980/. /Gardiner2004/ gibt als Mindestdehnung für die
Scherbandbildung Scherdehnungen zwischen 15% und 22% an. Mit zunehmender
Größe des „Einschlusses“, an dem die Scherung ausgelöst wird, nimmt die
Mindestdehnung fürr Scherbandbildung ab. /Batra2005/ gibt beispielsweise als axiale
Dehnungen εifür das Einsetzen sog. adiabatischer Scherbänder (ASB) in Messing
41% bei einem schwachen Defekt als Auslöser und ca. 28% bei einem starken
Defekt als Auslöser an. Gemäß
()()
1
c
m
0
/
i
lnC1
1n
i
BA
n
i
BA
1n
i
nB =
+
+
+
ρθ
εεε
ε
ε
&&
(2.2)
kann die Mindestdehnung εjder Scherbandbildung berechnet werden. A,B,n, 0
ε
&und
C sind Materialparameter der Johnson-Cook-Gleichung /Johnson1983/, ρist die
Dichte und c die spezifische Wärme.
Je nach Stapelfehlerenergie entstehen Scherbänder vom Copper- oder Brass-Typ
/Paul2002, Paul2003, Paul2004/. Während bei Metallen mit mittlerer bis niedriger
Stapelfehlerenergie der Brass-Typ auftritt, liegt bei den anderen Metallen der
Copper-Typ vor. Scherbänder vom Brass-Typ bilden sich vor dem Hintergrund
lamellarer Zwillingsstrukturen, während die Scherbänder vom Copper-Typ mit
zellartigen Strukturen verknüpft sind. Durch die Scherbandbildung werden die
planaren Versetzungsnetzwerke in zellförmige Versetzungsanordnungen überführt.
Eine weiteres Phänomen im Zusammenhang mit Kupfer und Messinglegierungen ist
die Bildung sog. persistenter Gleitbänder (PSB). Die Gleitbänder werden so genannt,
weil sie auch nach dem Ätzen sichtbar bleiben. Dabei handelt es sich um
Versetzungsringe, die sich alle entlang eines „Versetzungskanals“ bewegen.
Auslöser für diese Art von Gleitung ist eine inhomogene Spannungsverteilung im
Kristalliten, die beispielsweise durch lokale Bildung chemischer Cluster in
Mischkristallen, Subkornstrukturen oder unterschiedliche mechanische
Eigenschaften an der Korngrenze und im Korninneren verursacht werden kann
/Carstensen1998/.
13
2.2.2 Mechanische Zwillingsbildung
Wenn im Gitter weniger als fünf Gleitsysteme vorhanden sind, kann die notwendige
Formänderung anstelle der fehlenden Gleitsysteme auch durch Zwillingsbildung
getragen werden /Boyer2003, Gottstein1998/. Zwillingsbildung ist dem Ergebnis nach
eine Scherung, bei der ein Kristallbereich durch gleichzeitige Betätigung mehrerer
Versetzungen in eine zur Ausgangslage, der Matrix, spiegelsymmetrische Lage
überführt wird. Die als Zwillingsebene bezeichnete Spiegelebene gehört sowohl dem
Zwilling als auch der Matrix an und ist kohärent, während alle anderen
Zwillingsgrenzen zwischen Matrix und Zwilling inkohärent sind. Für die mechanische
Zwillingsbildung in kubisch-flächenzentrierten (kfz) Materialien ist die Bildung von
3 (111)-Korngrenzen charakteristisch, bei der die beiden Kristallite um 60°
zueinander verkippt sind /Gottstein1998, HKL2001/. Im Zugversuch ist die
mechanische Zwillingsbildung an Einbrüchen in der Spannungs-Dehnungs-Kurve zu
erkennen.
Geometrisch beschrieben wird die mechanische Zwillingsbildung durch die
Zwillingsebene {hkl} und die Richtung der Scherung <uvw>. Infolge der
Zwilingsbildung ändert die Probe ihre Form derart, dass sie sich in einigen
Richtungen verlängert, in anderen Richtungen verkürzt. Ein Zwillingssystem kann
deshalb nur betätigt werden, wenn die Scherung die aufgezwungene Formänderung
unterstützt /Gottstein1998/. Der mechanische Zwilling besitzt eine schmale, spitz
zulaufende Form, so dass die elastische Energie in dem Gitter minimiert wird. Im
Gegensatz dazu orientieren sich die Lage und Form der Glühzwillinge an der
minimalen Grenzflächenenergie in dem Polykristall. Die Zwillingsbildung führt zu
einer Orientierungsänderung, die sich von der Orientierungsänderung durch Gleitung
unterscheidet.
Mechanische Zwillingsbildung erfordert bei RT im allgemeinen eine größere
Aktivierungsenergie bzw. Aktivierungsspannung als das Versetzungsgleiten. Deshalb
setzt mechanische Zwillingsbildung erst nach einer gewissen Vorverformung ein
(Bild 2.4). Zugversuche an Messing /Meyers2001/ zeigen, dass in dem Werkstoff bei
Überschreiten der Mindestdehnung bis zu sehr großen Dehnungen mechanische
Zwillingsbildung stattfindet. Sowohl die Zwillingsbildung als auch das
Versetzungsgleiten werden von der Peierlsspannung kontrolliert, die bei der
Verformung überwunden werden muss /Castaing2004/. Die Peierlsspannung ist
umso kleiner, je größer der Netzebenenabstand d und je kleiner der Betrag des
Burgersvektors b ist /Gottstein1998/.
14
0 200 400 600 800 1000
0
200
400
600
800
εp=0.2
εp=0.8,
Versetzungsgleiten
Zwillingsspannung
Spannung [MPa]
Temperatur [K]
Bild 2.11: Der Beginn der mechanischen Zwillingsbildung bei Kupfer mit 10 µm
Korngröße mit unterschiedlicher plastischer Vordehnung εp, nach /Meyers2001/
Mechanische Zwillingsbildung findet bevorzugt bei niedrigen Temperaturen statt, im
Falle von CuZn20 beispielsweise im Temperaturbereich von ca. –150°C bis ca. 30°C,
und kann für den gesamten Temperaturbereich als nahezu konstant angesehen
werden (Bild 2.11). Darüber hinaus ist die kritische Spannung für Zwillingsbildung
wesentlich stärker von der Korngröße abhängig als die Fließspannung beim
Versetzungsgleiten. Auch für die mechanische Zwillingsbildung gilt die Hall-Petch-
Beziehung (Bild 2.12), wobei der Hall-Petch-Faktor kTfür die Zwillingsbildung ein
Vielfaches des Hall-Petch-Parameters ksfür Versetzungsgleiten annehmen kann
/Meyers2001/. Mit zunehmender Verformungsgeschwindigkeit wird die mechanische
Zwillingsbildung begünstigt (Bild 2.12). /Meyers2001/ zeigt, dass die
Übergangstemperatur für das Einsetzen der mechanischen Zwillingsbildung als
wesentlichen Verformungsmechanismus mit steigender Dehnrate zu höheren Werten
verschoben wird. Interstitiell gelöste Fremdatome erhöhen im Vergleich zum
Reinmetall die Aktivierungsspannung des Mischkristalls für mechanische
Zwillingsbildung, da sie ein Hindernis für die kollektive Versetzungsbewegung bei der
Zwillingsbildung darstellen.
10-7 10-5 10-3 10-1 101103105107
0
50
100
150
200
250
300
350
400
Zwillingsbildung
Versetzungsgleiten
20 µm
50 µm
100 µm
Einkristall
Temperatur [K]
Dehnrate [s-1]
10-7 10-5 10-3 10-1 101103105107
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
550
εp=0.2
εp=0.5
εp=0.8
Versetzungsgleiten
Zwillingsbildung
Temperatur [K]
Dehnrate [s-1]
Bild 2.12: Temperatur, unterhalb derer in Kupfer mechanische Zwillingsbildung
stattfindet, Variation der Dehnrate und der Korngröße (links) bzw. der plastischen
Vordehnung bei 10 µm Korngröße (rechts), nach /Meyers2001/
15
Die Aktivität der Zwillingsbildung wird außerdem begünstigt, wenn der Werkstoff eine
niedrige Stapelfehlerenergie besitzt (Bild 2.13). Demnach dürfte Nickel aufgrund
seiner hohen Stapelfehlerenergie keine Zwillingsbildung zeigen, was jedoch im
Widerspruch zu experimentellen Befunden steht. /Tadmor2004/ weist in dem
Zusammenhang darauf hin, dass nicht nur die Stapelfehlerenergie γsf, sondern auch
die Querkontraktion υ, die instabile Stapelfehlerenergie γus sowie die instabile
Zwillingsbildungsenergie γut für die mechanische Zwillingsbildung relevant sind.
Bild 2.13: Einfluss der Stapelfehlerenergie auf die mechanische Zwillingsbildung
/Tadmor2004a/, a notwendige Spannung für die Zwillingsbildung in Abhängigkeit von
der Stapelfehlerenergie, b Zwillingswahrscheinlichkeit TP in Abhängigkeit von der
Stapelfehlerenergie
Diese Parameter werden in folgender Gleichung für die kritische Spannung zur
Zwillingsbildungswahrscheinlichkeit τzusammengefasst:
ut
us
4
L
TP
γ
γ
π
=. (2.3)
In der Gleichung ist L ein Materialfaktor, der die Querkontraktion νund den Quotient
γsf/γus enthält. Eine analytische Näherung der Gleichung ist /Tadmor2004,
Tadmor2004a/:
ut
us
us
sf
151.0136.1
a
TP
γ
γ
γ
γ
= . (2.4)
Mit der Gleichung wird auch die Zwillingsbildung, die nicht streng der
Stapelfehlerenergie folgt, zufriedenstellend beschrieben.
16
2.2.3 Erholung und Rekristallisation
Textur- und Korngröße werden bei hohen Temperaturen nicht ausschließlich von der
plastischen Verformung, sondern auch durch Erholungs- und
Rekristallisationsvorgänge bestimmt. Verformung, Erholungs- und
Rekristallisationsprozesse beeinflussen sich dabei gegenseitig, so dass ein
mehrdimensionales Schema zur Beschreibung und Erklärung der Vorgänge und des
daraus resultierenden Gefüges nunmehr unverzichtbar ist. Die Stapelfehlerenergie
bestimmt wesentlich, ob überwiegend Erholung oder Rekristallisation stattfindet. Eine
niedrige Stapelfehlerenergie begünstigt Rekristallisationsprozesse. Bei hohen
Stapelfehlerenergien tritt Erholung gegenüber der Rekristallisation in den
Vordergrund /Bauser2001/. β-Messing besitzt im Vergleich zum α-Messing eine
höhere Stapelfehlerenergie. Außerdem ist der Diffusionskoeffizient des β-Messing
größer als der des α-Messing /Mäder1974/.
Bei der statischen Rekristallisation bestimmen im wesentlichen der Umformgrad, die
Glühtemperatur und die Glühdauer die im Werkstoff entstehende Korngröße. Die
Abhängigkeit der Korngröße vom Umformgrad und der Glühtemperatur wird bei
konstanter Glühdauer in sogenannten Rekristallisationsschaubildern dargestellt.
Bild 2.14 zeigt ein Rekristallisationsschaubild für die Near-α-Legierung CuZn37.
Bild 2.14: Rekristallisationsschaubild für CuZn37 /Dies1967/
In Legierungen wird die Rekristallisationsgeschwindigkeit im Vergleich zum
unlegierten Metall im allgemeinen verringert, weil die in dem Gitter gelösten
Fremdatome die Korngrenzengeschwindigkeit /Gottstein1998/. Als Faustformel für
die Rekristallisationstemperatur in Legierungen gilt:
S
T
rek
T 6.0 . (2.5)
17
Trek Rekristallisationstemperatur [K]
TSSchmelztemperatur [K]
Bei der Rekristallisation zweiphasiger Legierungen beeinflussen sich die beiden
Phasen des Werkstoffs gegenseitig. Entsprechend ihrer Volumenanteile und des
Umformwiderstandes finden in beiden Phasen während des Umformvorganges
unterschiedlich starke plastische Verformungen statt. Folglich verfestigen beide
Phasen unterschiedlich stark, so dass sich die Keimbildung in den beiden Phasen
unterscheidet. /Mäder1974/ führten Rekristallisationsversuche an der zweiphasigen
α/β-Legierung CuZn42 durch. Dabei stellte sich heraus, dass die α-Phase
rekristallisiert, während in der β-Phase Erholung stattfindet. Je nach Umformgrad und
Glühtemperatur bilden sich die Rekristallisationskeime der α-Phase im Korninneren
oder an den Phasengrenzen. Die Energie der Korn- bzw. Phasengrenzen beeinflusst
die Rekristallisationsgeschwindigkeit gemäß /Mäder1974/:
25.0
25.0
t
RT
B
D
Mol
V
d
λγ
. (2.6)
DBDiffusionskoeffizient an der Korngrenze bzw. Phasengrenze
d Korndurchmesser
γspezifische Korn- oder Phasengrenzenenergie
λKorngrenzendicke
R allgemeine Gaskonstante
T Glühtemperatur
t Glühdauer
Die spezifische Korn- bzw. Phasengrenzenenergie ist abhängig vom Typ der
Phasen- bzw. Korngrenze, weshalb gemäß Gl. 2.6 die Wanderungsgeschwindigkeit
der Korngrenze von der Nachbarschaftsbeziehung mit den umgebenden Körnern
beeinflusst wird. In Übereinstimmung damit stehen die Ergebnisse von /Takata2004/,
der die Entwicklung der <100>{001}-Rekristallisationstextur in gewalztem Kupfer
untersuchte. Demnach hängt die Größe und Form der Körner mit kubischer Textur im
rekristallisierten Gefüge davon ab, welche Orientierung die Körner vor der
Rekristallisation besaßen.
Darüber hinaus haben /Hennaut1984/ gezeigt, dass die Rekristallisation in der
zweiphasigen Legierung CuZn40 bei relativ kleinen Umformgeschwindigkeiten mit
der Abnahme des β-Phasenanteils einhergeht.
Beim Warmstrangpressen findet außerdem dynamische Rekristallisation statt. Der
Prozess der dynamischen Rekristallisation zeichnet sich durch eine kontinuierliche
Kornneubildung und beschränktes Kornwachstum aus, wohingegen es bei der
18
statischen Rekristallisation zu einem kontinuierlichen Wachstum der Körner kommt.
Das Gefüge, das sich aufgrund der dynamischen Rekristallisation einstellt, besteht
aus einem Nebeneinander von gerade rekristallisierten und stark verformten Körnern
/Hatherly1986/. Mit zunehmender Verformungsrate nimmt die kritische Keimgröße xc
für dynamische Rekristallisation ab /Zhang2004/:
dtd
m
MLGb
c
x/
33
ε
ρ
=. (2.7)
M ist die Korngrenzenmobilität, L die mittlere freie Weglänge der Versetzungen, G
der Schermodul, b der Burgersvektor, ρmdie mittlere Versetzungsdichte und dε/dt die
Dehnrate.
19
2.3 Plastische Anisotropie
2.3.1 Phänomenologie der plastischen Anisotropie
In Abhängigkeit vom Ausgangsgefüge und der Mikrostruktur vor der Verformung
unterscheiden sich bei Bauteilen und Halbzeugen die Festigkeits- und
Verformungseigenschaften in Abhängigkeit von der Richtung, in der die Belastung
aufgebracht wird /Banabic2000, Häusler1999/. Dieses als plastische Anisotropie
bezeichnete Verhalten zeigt sich in einer Richtungsabhängigkeit der Streckgrenze
bzw. Quetschgrenze und in einer Richtungsabhängigkeit der Werkstoffverfestigung
bzw. des Umformvermögens.
Bild 2.15: Bestimmung des r-Wertes mittels Flachzugproben, Bedeutung des r-
Wertes für die Blechumformung /Blaß2003/
Die Charakterisierung der plastischen Anisotropie kann deshalb sowohl durch die
Messung der Formänderungen als auch durch die Bestimmung der Fließspannung
bei einachsiger Belastung in unterschiedlichen Richtungen φrelativ zur
Vorzugsrichtung der Primärprobe erfolgen (Bild 2.15) /Lange2002/, wobei die
richtungsabhängigen Fließspannungen in sog. Fließortkurven dargestellt werden
(Bild 2.16).
20
Bild 2.16: Schematische Darstellung der a) Fließortkurve eines X5Cr18Ni10-Stahls
(zunehmende Verformung von S (0%) nach T3 (55%)) /Ripplinger2003/ und der b)
Fließfläche eines isotropen Werkstoffs /Kindervater2000/
Während bei Vollrundprofilen Stauchproben für den einachsigen Druckversuch in
verschiedenen Richtungen φzur Längsachse zur Anwendung gelangen, werden im
Falle von Blechen in verschiedenen Richtungen φzur Walzrichtung Flachzugproben
entnommen und daran einachsige Zugversuche durchgeführt. Gemäß
φ
φ
σσ
2
cos
11 = , (2.8)
φ
φ
σσ
2
sin
22 = , (2.9)
φφ
φ
σσ
sincos
12 = (2.10)
werden aus der Dehngrenze σφin der Richtung φdie wirksamen
Normalenspannungen σ11 und σ22 in Richtung der Hauptachsen sowie die wirksame
Schubspannung σ12 in der von den Hauptachsen aufgespannten Ebene berechnet.
Sämtliche so ermittelten Wertepaare liegen dann auf der Oberfläche eines Ellipsoids
(Bild 2.16).
Um den Verlauf der experimentell bestimmten Fließortkurven mathematisch zu
beschreiben, steht eine Fülle unterschiedlicher Vergleichsspannungskriterien zur
Verfügung. Davon werden zwei Kriterien im folgenden erläutert: das Hill-Kriterium
und die sog. ICT-Theorie („Isotropy Center Translation“-Theorie).
21
Das Hill-Kriterium ist eine empirische Erweiterung des von Mises-Kriterium, mit dem
sich der technisch für Bleche und Schichtverbundwerkstoffe relevante Fall der
orthotropen Anisotropie zufriedenstellend beschreiben lässt /Banabic2000, Hill1948,
Luo1996/.
01
2
12
N
2
31
M
2
23
L2
2
)
2211
(H
2
)
1133
(G
2
)
3322
(F =
+++++
σσσσσσσσσ
(2.11)
Die Konstanten F, G, H, L, M und N lassen sich anhand der Festigkeiten, die mittels
einachsiger Zugversuche in Richtung der Hauptachsen (R11, R22 und R33) bzw.
Scherversuchen in den durch die Hauptachsen aufgespannten Symmetrieebenen
(R23, R31 und R12) bestimmt werden, berechnen:
2
11
R
1
2
33
R
1
2
22
R
1
F2 += , (2.12)
2
22
R
1
2
11
R
1
2
33
R
1
G2 += , (2.13)
2
33
R
1
2
22
R
1
2
11
R
1
H2 += , (2.14)
2
23
R
1
L2 =, (2.15)
2
31
R
1
M2 =, (2.16)
2
12
R
1
N2 =. (2.17)
Während das Hill–Kriterium eine rein empirische Beschreibung der plastischen
Anisotropie ist, handelt es sich bei der ICT-Theorie um einen analytischen Ansatz.
Die ICT-Theorie basiert auf dem Gedanken, dass die Fließortkurve durch mehrere
sog. Isotropiezentren beschrieben wird, im folgenden mit ,und
bezeichnet /Luo1996/. Entsprechend lautet die anisotrope Fließbedingung:
,(2.18)
wobei
22
, (2.19)
, (2.20)
, (2.21)
(2.22)
die „verschobenen Invarianten“ des Spannungsdeviators sind. ist der
Spannungsdeviator, α1bis α4und β1bis β4sind werkstoffspezifische skalare
Koeffizienten der ICT-Funktion, außerdem gilt:
, (2.24)
,(2.25)
. (2.26)
Der Operator δij nimmt für i=j den Wert 1 an, für ij den Wert 0.
Die Verfestigung wird in der ICT-Theorie durch die Evolution der Isotropiezentren
beschrieben. Bei steigender plastischer Verformung expandiert die Fließortkurve,
wobei die Fließfläche gegenüber dem Ursprung des Koordinatensystems translatiert,
verzerrt oder rotiert wird (Bild 2.17). Verändern alle Punkte auf der Fließortkurve
gleichermaßen ihre Lage, so dass die Fließfläche ihre Form beibehält, spricht man
von isotroper Verfestigung. Isotrope Verfestigung entspricht der Zunahme von K2. Im
Falle der kinematischen Verfestigung ändert die Fließfläche ihre Gestalt /Albert2001,
Häusler1999, Luo1996, Most2000, Ripplinger2003, Schick2004/.
Bild 2.17: Isotrope und kinematische Verfestigung
Untersuchungen belegen eine Verknüpfung zwischen den Isotropiezentren einerseits
und speziellen Aspekten der Anisotropie bzw. des Gefüges andererseits. Der
Bauschingereffekt wird durch die Bewegung des Isotropiezentrums beschrieben.
23
Zwillingsbildung äußert sich in dem Isotropiezentrum , das in Verbindung mit dem
Isotropiezentrum die Verzerrung der Fließfläche darstellt /Luo1996/.
Für die Charakterisierung von stranggepressten Rundprofilen bzw. gewalzten
Blechen werden im allgemeinen in 0°-, 45°- und 90°-Richtung Proben für den
einachsigen Druck- bzw. Zugversuch entnommen (Bild 2.9). Während der
Verformung tritt in der Dickenrichtung die Formänderung ϕdund in der
Breitenrichtung die Formänderung ϕbauf. Der Quotient aus beiden Größen wird als
Lankford-Parameter r oder einfach als r-Wert bezeichnet und mit der Richtung der
Probe indiziert, z.B.:
d
b
90
r
ϕ
ϕ
=
°. (2.27)
Ein Bauteil ist nur dann isotrop, wenn r in allen drei Richtungen 1 beträgt /Blaß2003/.
Beim Blechumformen interessiert vor allen Dingen die Anisotropie innerhalb der
Blechebene (ebene Anisotropie Δr) sowie die Anisotropie in Dickenrichtung
(senkrechte Anisotropie rm) /Banabic2000/:
4
90
r
45
r2
0
r
m
r°
+
°
+
°
=, (2.28)
2
45
r2
90
r
0
r
r°
°
+
°
=Δ . (2.29)
Aufgrund des Prinzips der minimalen plastischen Verformungsenergie, dem die
Forderung nach einem möglichst geringen Taylorfaktor entspricht, lässt sich die
plastische Anisotropie aus der Textur eines Bauteils ableiten. Für jede
Probenrichtung φgibt es einen Wert qmin(φ) der Querkontraktion, so dass der
Taylorfaktor minimal wird /Bunge1981, Schouwenaars1994, Szpunar1990/. Gemäß
)(
min
q1
)(
min
q
r
φ
φ
φ
=(2.30)
ist der aufgrund der Orientierungsverteilungsfunktion (ODF) für die Probenrichtung φ
vorliegende minimale q-Wert qmin mit dem r-Wert verknüpft. Darüber hinaus ist die
Querkontraktion gleich der Steigung der Tangente an dem entsprechenden Punkt
der Fließortkurve /Szpunar1990/.
Die Bedeutung der plastischen Anisotropie und der verschiedenen Kennwerte, die in
diesem Kapitel eingeführt wurden, sei am Beispiel des Tiefziehens verdeutlicht. Beim
Tiefziehen wird durch einen Stempel aus einem Blech ein Näpfchen hergestellt,
24
wobei das Material aus der Blechebene senkrecht dazu umgeleitet wird. Folglich soll
die Verformung senkrecht zur Blechebene größer als in der Blechebene sein, was
durch eine möglichst große senkrechte Anisotropie rmerreicht wird. Gleichzeitig soll
das Material innerhalb der Blechebene aus allen Richtung gleichermaßen in die
Näpfchenwand, die sog. Zarge fließen, damit keine Zipfelbildung stattfindet. Dafür ist
eine möglichst geringe ebene Anisotropie Δr anzustreben.
2.3.2 Ursachen der plastischen Anisotropie
Zu den Ursachen der plastischen Anisotropie gibt es zahlreiche Untersuchungen, die
sich aber bisher jeweils auf Einzelaspekte konzentrieren. Häufig geht es um
Ausscheidungen, die in der Matrix bevorzugt orientiert sind, z.B. Sulfide in gewalzten
Stahlblechen oder stäbchenförmige Ausscheidungen in Aluminiumlegierungen, und
dadurch den Werkstoff quer zu ihrer Vorzugsrichtung verspröden /Mizera1996/.
Die einzelnen Beiträge zur plastischen Anisotropie sind letztlich miteinander
gekoppelt. Deshalb kann die plastische Anisotropie nur zufriedenstellend verstanden
werden, wenn die Phänomene auf der Längenskala reichend vom anisotropen
Verhalten einzelner Kristallite im Vielkristallaggregat bis hin zur makroskopischen
Anisotropie verknüpft werden. Derartige Studien, in denen der Bogen zwischen den
unterschiedlichen Betrachtungsebenen inhaltlich gespannt wird, liegen bisher nur in
Einzelfällen vor. Ursache dafür ist unter anderem, dass geeignete Messverfahren zur
in-situ-Charakterisierung der mikrostrukturellen Veränderungen in stark plastisch
anisotropen Werkstoffen, insbesondere unter Nutzung von Synchrotronstrahlung,
erst seit kurzer Zeit zur Verfügung stehen /Brusch1997, Poulsen1997, Reimers1999/.
In Veröffentlichungen wird vorwiegend die Textur als Ursache der plastischen
Anisotropie diskutiert /Szpunar1990, Bunge1981/. Ausgeprägte Texturen in Blechen
und Rohren führen zur elastischen und plastischen Anisotropie, die mit zunehmender
Stärke des Texturpols zunimmt. Die Streckgrenze eines Werkstoffs ist unmittelbar
abhängig von der Orientierung der Körner und damit von der Textur im Werkstoff
(Texturanisotropie). Da das Versetzungsgleiten, auf dem die plastische Verformung
von Metallen bei niedrigen Temperaturen im allgemeinen basiert, nur in bestimmten
Gleitsystemen erfolgt, ist die Projektion der kritischen Schubspannung in
unterschiedlichen Belastungsrichtungen relativ zu einer festen Kristallitorientierung
und damit die Streckgrenze verschieden. Der Schmidtfaktor für die [111]-Richtung im
kfz Kristall beträgt beispielsweise 3.674 und für die [100]-Richtung 2.449.
Außerdem sind das Verfestigungsverhalten eines Kristalls sowie das
Umformvermögen richtungsabhängig und werden deshalb von der Textur beeinflusst.
Es ist beispielsweise bekannt, dass die mittlere senkrechte Anisotropie r mit der
Stärke der <111>-Fasertextur zunimmt /MPIE2001/. Beschrieben wird die
25
Verfestigung durch den Verfestigungskoeffizienten n, ein Maß für das
Umformvermögen ist die im Zugversuch ermittelte Bruchdehnung.
Textur im allgemeinen bedeutet die Orientierungsverteilung der Gesamtheit der
Kristallite. Das beinhaltet aber nicht nur das Vorhandensein von
Vorzugsorientierungen, sondern auch die Nachbarschaftskorrelationen der einzelnen
Kristallite. Im Polykristall muss bei plastischer Verformung der Zusammenhalt
zwischen den Kristalliten erhalten bleiben /Gottstein 1998/. Deshalb beeinflusst die
relative Orientierung der benachbarten Körner, welche Textur sich nach einer
bestimmten Verformung einstellt.
/Mizera1996/ konnte zeigen, dass die Textur nicht ausreicht, um die plastische
Anisotropie ausreichend zu erklären. Hinzu kommt der Einfluss der mikrostrukturellen
Defekte, den diese in Abhängigkeit von der Defektdichte und Defektanordnung auf
die plastische Anisotropie ausüben. /Li2004/ weist ebenfalls darauf hin, dass die
Richtungsabhängigkeit der Fließgrenze nicht zufriedenstellend mit der Textur erklärt
werden kann.
Bei der plastischen Verformung von reinen Metallen und deren Legierungen
entstehen in Abhängigkeit von der Stapelfehlerenergie des Werkstoffs planare oder
zellartige Versetzungsnetzwerke. Zwischen den Versetzungswänden der Netzwerke
kann Versetzungsgleiten stattfinden, während zur Durchdringung der
Versetzungswände zusätzliche Energie erforderlich ist /Ungar1984/. Wenn eine
einzelne, mobile Versetzung auf eine Korngrenze trifft, wird die Versetzung entweder
von der Versetzungswand absorbiert, oder sie passiert das Versetzungsnetzwerk.
Welcher Prozess stattfindet, hängt von der Beschaffenheit der Korngrenze ab
/Priester2004/. Bei den Korngrenzen wird zwischen Gleichgewichts- und
Ungleichgewichtskorngrenzen unterschieden. Eine Möglichkeit, Korngrenzen zu
charakterisieren, ist die sog. Coincidence Site Lattice (CSL)-Nomenklatur. Darin wird
die Korngrenze analog des Gitters durch eine Einheitszelle beschrieben, die das
Volumen VKg besitzt. Das Volumen VKg ist ein n-faches des Volumens der
Einheitszelle VE. Dann wird die Korngrenze mit „Σ(hkl) n“ bezeichnet. hkl sind die
Millerschen Indizes der in beiden Kristalliten betrachteten Orientierung.
Außerdem findet bei der Verformung von Werkstoffen mit niedriger
Stapelfehlerenergie Zwillingsbildung statt. Dadurch entsteht eine bandartige Struktur
mit verzwillingten Bereichen, zwischen denen die Versetzungen bevorzugt gleiten
können. Wenn ein Werkstoff eine starke Vorzugsorientierung besitzt, können sich die
Texturanisotropie und der Beitrag der regelmäßig angeordneten Defekte gegenseitig
verstärken.
Insbesondere von Untersuchungen an hochfesten Stählen für die Automobilindustrie
/Jitsukawa2003/ ist weiterhin bekannt, dass die plastische Anisotropie umso geringer
26
ist, desto kleiner die Körner und umso größer der E-Modul sind. Für verschiedene
Stähle ist der Zusammenhang in Bild 2.18 dargestellt.
56789101112
0.8
1.0
1.2
1.4
1.6
1.8
2.0
2.2
2.4
2.6
2.8
3.0
Unberuhigter
Stahl
Al-beruhigter
Stahl SFG-HITEN
IF Stahl
Ti: C+N=6
IF Stahl
Ti: C+N=12
Grob Fein
Korngröße
Mittlere Anisotropie rm[a.u.]
ASTM Korngrößen-Nr.
210 215 220 225 230
0.2
0.6
1.0
1.4
1.8
2.2
2.6
3.0
Mittlere Anisotropie Rm[a.u.]
Elastizitätsmodul [GPa]
Bild 2.18: Einfluss a) der Korngröße und b) des E-Moduls auf den r-Wert
verschiedener Stähle, nach /Dimeg2005, Jitsukawa2003/
Darüber hinaus beeinflussen orientierte Ausscheidungen und Mikrorisse das
plastische Verformungsverhalten und folglich auch die plastische Anisotropie eines
Werkstoffs /Mizera et al 1996, Bruhns1996/. In mehrphasigen Werkstoffen wird die
Last entsprechend ihres Umformvermögens sowie der Grenzflächenfestigkeit der
Phasengrenzen unterschiedlich auf die einzelnen Werkstoffphasen verteilt. Bei
Metallmatrixverbundwerkstoffen mit eingelagerten Hartphasen erschweren die
Hartphasen die plastische Verformung der Metallmatrix, während die Hartphasen
lediglich elastisch verformt werden oder bei zu großer Last brechen.
27
2.4 Zusammenhang zwischen plastischer Verformung und
Mikroeigenspannungen
Durch plastische Verformung werden in Polykristallen Eigenspannungen induziert,
die teilweise ursächlich unmittelbar auf die plastische Anisotropie des Werkstoffs
zurückgeführt werden können /Hauk1997/.
Bild 2.19: Schematische Spannungs-Dehnungs-Kurven für unterschiedlich orientierte
Kristallite /Pintschovius1982/
Einerseits ist das Verformungsverhalten unterschiedlich orientierter Körner
voneinander verschieden (Bild 2.19), andererseits sind die Körner im Polykristall
miteinander gekoppelt. Damit der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Körnern
trotzdem gewahrt wird, sind Fehlpassungsdehnungen zwischen den unterschiedlich
orientierten Kristallitgruppen erforderlich. Durch die plastische Verformung entstehen
weiterhin Subkorngrenzen hoher Versetzungsdichte, die durch versetzungsärmere
Bereiche in Balance gehalten werden. Die Regionen, die während der Verformung
rotieren, tragen zur Relaxation von Spannungen bei. Daraus resultiert ein
nichtlinearer Verlauf der Gitterdehnungen in der sin2ψ-Auftragung. ψist der
Inklinationationswinkel gegen die Oberfläche der Probe bzw. des Bauteils. In
texturbehafteten Proben oszillieren die Messpunkte der Gitterdehnung aufgrund der
Mikroeigenspannungen um eine lediglich gedachte sin2ψ-Gerade /Marion1975/.
Unter Berücksichtigung der Mikroeigenspannungen ist dψgegeben durch
B
d
2
sin)
E
1
(
)0(
d)(f)
B
d
max
d(
,
d+Ψ
+
=Ψ
+Ψ=
Ψ
ϕ
σ
υ
ϕ
. (2.31)
ψInklinationationswinkel gegen die Oberfläche der Probe
ϕRotationswinkel
28
dmax Gitterparameter der relaxierten Bereiche (maximale Intensität)
dBGitterparameter der unrelaxierten Bereiche (minimale Intensität)
Die Verteilungsfunktion f(ψ) wird aus der Verteilung der Integralintensitäten über dem
Inklinationswinkel bestimmt, die auf den Wert 1 für die maximale Intensität im
Texturpol normiert sind /Marion1975/.
Auch Stapelfehler bewirken eine Verschiebung der Reflexlage. Gemäß /Marion1975/
gilt für die Reflexlagenverschiebung bestimmt folgende Gleichung:
θθαεσα
coscotm
f0
d
hkl
J
0
d
hkl,1
s
0
d
hkl
G
0
d
hkl
d++++= . (2.32)
αStapelfehlerwahrscheinlichkeit
dhkl Netzebenenabstand des verspannten Gitters
d0Netzebenenabstand im spannungsfreien Zustand
Ghkl, Jhkl hkl-abhängige Konstanten
s1,hkl REK
σMakroeigenspannungen
εfdurch den Stapelfehler hervorgerufene Mikrodehnung
m Faktor für die Berücksichtigung der Messanordnung
Das Vorzeichen der Reflexlagenverschiebung, die durch die Stapelfehler verursacht
wird, ist von der Ordnung des Reflexes abhängig, während die
Makroeigenspannungen nicht von der Ordnung des Reflexes beeinflusst werden. Die
Differenz des Unterschiedes der d-Werte zweier Reflexe gleichen Typs aber
unterschiedlicher Ordnung gibt deshalb die durch die Stapelfehler hervorgerufene
Reflexlagenverschiebung an.
Zwillinge führen zu einer Asymmetrie des Beugungsprofils, die direkt proportional zur
Zwillingswahrscheinlichkeit βist /Wagner1957, Hauk1997/:
200
tan6.14)
200
2(
200
2
θβθθ
= CG . (2.33)
2θ200 Linienlage des 200-Reflexes
CG(2θ200) Schwerpunkt des 200-Reflexes
Eine weitere Methode zur Bestimmung der Zwillingswahrscheinlichkeit basiert auf der
Abnahme der von der Matrix gestreuten Intensität, da ein Teil des Korns durch das
Umklappen bei der Zwillingsbildung sich nicht mehr in Beugung befindet. Zwei
Detektoren sind so aufgestellt, dass gleichzeitig die Intensität der Matrix sowie die
des verzwillingten Bereichs erfasst und zueinander in Relation gesetzt werden
können /Agnew2003/.
29
Neben Reflexlagenverschiebungen bewirken mikrostrukturelle Defekte auch eine
Verbreiterung des Röntgenreflexlinienprofils. Die durch die Versetzungen innerhalb
eines Korns erzeugten Verzerrungen sind unterschiedlich gerichtet, so dass sie in
der Summe die Lage des mittleren Gitterparameters nicht verändern, sehr wohl aber
die Verteilungskurve des Gitterparameters verbreitern. Außerdem beeinflussen alle
Defekte von Stapelfehlern und Zwillingen über Versetzungsfelder bis zu
Teilchenclustern und wahren Teilchengrößen die sog. Domänengröße. Diese Effekte
werden unter der effektiven Teilchengröße DE(Teilchengrößeneffekte) und der sog.
Mikrodehnung <e2> (Verzerrungen) subsummiert.
Unter der Domänengröße wird ein in seiner Struktur und chemischen
Zusammensetzung durch Aneinanderreihung stets wiederkehrender Bereich des
Kristalls verstanden /Delhez1982, Warren1959, Wilkens1960, Warren1961/. Die
Domänengröße oder effektive Teilchengröße DEist mit der
Stapelfehlerwahrscheinlichkeit αund der Zwillingswahrscheinlichkeit βin folgender
Weise verknüpft /Warren1959, Wilkens1960, Warren1961/:
()
T
1
)hkl(
g5.1
)hkl(
f
D
1
E
D
1+++=
βα
. (2.34)
DEEffektive Teilchengröße (Domänengöße)
D Subkorngröße
T Stapelfehlerbreite
f(hkl), g(hkl) hkl-abhängige Konstanten (Funktionen des reziproken Gitters und der
Miller-Indizes)
Für die beiden Reflexe 111 und 200 im kfz-Gitter nimmt die Gleichung folgende Form
an:
2T
1
4a
3)5.1(
D
1
)111(
E
D
1+
+
+=
βα
,(2.35)
5.1T
1
a
)5.1(
D
1
)200(
E
D
1+
+
+=
βα
. (2.36)
Mit der wahren Teilchengröße D und dem Betrag des Burgersvektors b beträgt die
Versetzungsdichte gemäß /Jiang1998/:
><
=D
e
b
2
32
ρ
. (2.37)
30
2.5 Warmstrangpressen von Kupferlegierungen
Das Strangpressen ist nach DIN 8580 in die Untergruppe Druckumformung
eingeordnet. Aufgrund der allseitigen Druckspannungen in der Umformzone können
hohe Umformgrade erzielt werden.
Die Strangpressverfahren werden nach der Verarbeitungstemperatur in Kalt- und in
Warmstrangpressen und nach der Strangbewegung relativ zur Stempelbewegung in
das direkte und das indirekte Strangpressen eingeteilt. Die Krafteinleitung erfolgt
entweder konventionell oder über das hydrostatische Verfahren. Weiterhin wird
unterschieden, ob mit oder ohne Schale und im letztgenannten Fall mit oder ohne
Schmierung gepresst wird. Für die Auswahl des jeweils verwendeten Verfahrens
spielen der zu verpressende Werkstoff, die Presstemperatur, die Form des
Pressprodukts und die gewünschte Ausbringung eine Rolle. Ziel ist es, ein
Strangpressprodukt hoher Güte bei wirtschaftlichem Betrieb der Strangpresse zu
erreichen.
Indirektes Strangpressen
Beim indirekten Strangpressen findet keine Relativbewegung zwischen Block und
Aufnehmer statt, und somit entstehen keine Reibungskräfte an dieser Stelle.
Lediglich zwischen Aufnehmer und Matrize tritt Reibung auf.
Daher gilt:
M
F
St
F. (2.38)
FMMatrizenkraft
FSt Strangpresskraft
Matrize Aufnehmer
Pressscheibe
Stempel
Block
Strang
Hohlstempel
Bild 2.20: Schematische Darstellung des indirekten Strangpressens ohne Schale
Von der einen Seite wird der Aufnehmer mit einem Stempel verschlossen, während
von der anderen Seite die Matrize eingeführt wird. Der Aufnehmer bewegt sich in
31
Richtung Matrize, die sich gegen einen feststehenden Hohlstempel abstützt
(Bild 2.20). Dann kommt es zunächst zu einer Aufstauchung des Blockes und durch
weitere Bewegung des Aufnehmers zum Fließen des Werkstoffs durch die Matrize.
Die Presskräfte werden vom Verschlussstempel auf den Aufnehmer übertragen.
Nach dem indirekten Strangpressen bleibt ein Pressrest zurück, der vom
Strangpressprodukt abgetrennt werden muss, nachdem er mit Hilfe eines vor den
Stempel gesetzten Putzstempels mitsamt der Matrize aus dem Aufnehmer
ausgestoßen wurde. Bei diesem Verfahren des Strangpressens ist die Profilgröße
durch den Querschnitt der Bohrung im Hohlstempel begrenzt und diese wiederum
durch die Belastung auf den Hohlstempel, die durch entsprechende Querschnitte und
Werkstofffestigkeiten aufgefangen werden muss. Dies ist ein wesentlicher Nachteil
des indirekten gegenüber dem direkten Strangpressen (s. nächster Abschnitt).
Beim indirekten Pressen können Schmiermittel verwendet werden, um die Reibung
zwischen Matrize und Aufnehmer sowie zwischen Matrize und Umformgut
herabzusetzen. Ferner kann das indirekte Strangpressen mit Schale durchgeführt
werden, indem zwischen Matrize und Aufnehmer ein hinreichend großer Spalt
gelassen wird, so dass die Blockaußenwand stehen bleibt. Dies hat den Vorteil, dass
Oberflächenverunreinigungen, grobe Gussoberflächen oder Oxidationsschichten im
Aufnehmer zurückbleiben. Wird ohne Schale verpresst, so sollten die Blöcke über
eine hinreichend gute Blockoberfläche verfügen, weil diese in jedem Fall in das
Produkt mit einfließt /Müller1995/.
Die für den Strangpressvorgang benötigte Umformkraft FMist abhängig von der
logarithmischen Gesamthauptformänderung und der Fließspannung des Werkstoffes:
4
2
0
D
f
k
ges
g
C
M
F
π
ϕ
= . (2.39)
Hier sind:
FM: Matrizenkraft bzw. Umformkraft
f
k: die für die primäre Umformzone geltende mittlere Fließspannung
ges
g
ϕ:die logarithmische Gesamthauptformänderung
C: ein matrizenspezifischer Faktor
D0: Aufnehmerdurchmesser
Die logarithmische Gesamthauptformänderung ges
g
ϕergibt sich aus dem
Pressverhältnis V:
V = s
A
0
A, (2.40)
32
s
A
0
A
lnVln
ges
g==
ϕ
. (2.41)
V: Pressverhältnis
A0: Aufnehmerquerschnittsfläche
AS: Strangquerschnittsfläche
Die Fließspannung kfist die erforderliche Spannung, damit der Werkstoff bei
einachsiger Belastung mit der logarithmischen Hauptformänderung g
ϕplastisch
verformt wird. Der Werkstoff, die Umformtemperatur, die logarithmische
Hauptformänderung g
ϕund die logarithmische Hauptformänderungsgeschwindigkeit
g
ϕ
&beeinflussen im wesentlichen die Fließspannung /Siegert2001/. Die
Formänderungsgeschwindigkeit g
ϕ
&, die ebenfalls einen Einfluss auf die
Fließspannung kfausübt, ist abhängig von der Lage des betrachteten
Volumenelements in der Umformzone. Daher werden für g
ϕ
&Mittelwerte für das
gesamte Umformgut in der Umformzone angegeben. Für die jeweilige Matrizenform
der Umformzone sind diese Werte in der Literatur angegeben /Siegert2001/
Der Zusammenhang von Produktgeschwindigkeit vProdukt und der
Stempelgeschwindigkeit vSt wird in Gleichung 2.42 beschrieben:
vProdukt =VvSt (2.42)
Beim Strangpressen von Kupferlegierungen liegt die Bolzeneinsatztemperatur
oberhalb der Aufnehmertemperatur. Befindet sich der Bolzen im Aufnehmer, so
kommt es zu einem Wärmeübergang von der Bolzenoberfläche in den Aufnehmer.
Nach Einsetzen des Pressvorganges fließt zusätzlich Wärme über die Pressscheibe
ab. Diese Wärmebilanz in der Scheibe bestimmt, je nachdem wo die Scheibe sich zu
Beginn des Pressvorganges im Aufnehmer befindet, mit welcher Temperatur diese in
die Umformzone eintritt und beeinflusst somit die Fließspannung bzw. die
Umformkraft als Funktion des Stempelweges /Siegert2001/.
33
Bild 2.21: Wärmebilanz am Blockelement „Scheibe“ nach /Siegert2001/
Bild 2.21 stellt die Wärmebilanz einer „Scheibe“ im Pressbolzen dar, bevor sie in die
Umformzone eintritt. Die Wärme, die durch Scherprozesse im Bolzen entsteht, geht
zu einem Anteil QBin den Bolzen über, der andere Teil QAwird in den Aufnehmer
geleitet. Qλist die Wärmemenge, die aus der Block-„Scheibe“ in der Zeit t in den
Aufnehmer fließt, wenn die Aufnehmertemperatur geringer ist als die
Bolzeneinsatztemperatur. Weitere Einflüsse auf die Temperaturverteilung im
Pressbolzen sind die Entstehung von Umformwärme in den Umformzonen und die
Entstehung von Reibwärme zwischen Pressgut und Matrize. Beim direkten
Strangpressen entsteht zusätzlich Reibwärme zwischen der Bolzenoberfläche und
der Aufnehmerwandung. Die beiden Prozesse der Wärmeab- und -zufuhr überlagern
sich und bilden für das jeweilige Pressverfahren und den Presswerkstoff ein
charakteristisches Temperaturprofil. Indirekt wird das Temperaturprofil im
Pressbolzen über die Abhängigkeit der Fließspannung von der Temperatur sowie in
dem Verlauf der Matrizenkraft über den Stempelweg deutlich.
Beim Strangpressen treten unterschiedliche Materialflusstypen auf, die sich je nach
Strangpressverfahren bilden und mit bestimmten Strangeigenschaften verbunden
sind (Bild 2.22) /Bauser2001/.
Bild 2.22: Fliesstypen unterschieden nach Materialbewegung im Blockaufnehmer;
links: Fließtyp beim hydrostatisches Strangpressen (idealer Fließtyp), rechts: Fließtyp
beim indirekten Strangpressen
34
Der ideale laminare Fliesstyp S ist nur beim hydrostatischen Pressen von
homogenem Material mit konischem Matrizeneinlauf zu finden. Dabei tritt keine
Reibung auf, und Pressfehler sind ebenfalls keine bekannt. Beim indirekten
Strangpressen ist der Fließtyp A zu beobachten. Hierbei hat das homogene Material
einen weitgehend laminaren Fluss, jedoch können Pressfehler in Form von Blasen
oder Schalen an der Strangoberfläche auftreten.
Direktes Strangpressen
Der zu verpressende Werkstoffblock wird auf Bolzeneinsatztemperatur aufgewärmt
und in den Aufnehmer geschoben. Die eine Seite des Aufnehmers wird von der
Matrize abgeschlossen. Von der anderen Seite wird ein Stempel mit vorgelagerter
Pressscheibe eingefahren, die den Block zunächst im Aufnehmer aufstaucht und
anschließend durch die Matrize drückt (Bild 2.23). Im Aufnehmer bleibt ein Pressrest
zurück, der nach dem Pressvorgang vom Stempel aus dem Aufnehmer ausgestoßen
und vom Produkt abgetrennt wird. Das Produkt ist der strangförmige Werkstoff mit
einem durch die Matrize vorgegebenen Profil.
Matrize Aufnehmer
Block Pressscheibe Pressstempel
Strang
Bild 2.23: Schematische Darstellung des direkten Strangpressens ohne Schale
Während des direkten Strangpressens kommt es zu einem Reibkontakt zwischen
Block und Aufnehmerwandung. Dieses führt beim Pressen zu einem erhöhten
Kraftbedarf. Die Stempelkraft (Hauptzylinderkraft) FSt setzt sich somit aus der axial
wirkenden Matrizenkraft FM, die zur Umformung des in der primären Umformzone
befindlichen Umformgutes erforderlich ist, und der zum Verschieben des Blockes im
Aufnehmer erforderliche Reibungskraft FRzusammen.
R
F
M
F
St
F+ (2.13)
Beim direkten Strangpressen finden, insbesondere wenn bei niedrigen Temperaturen
gepresst wird, Schmiermittel Verwendung. Sie dienen dazu, die Reibungskräfte
zwischen Block und Aufnehmer zu verringern. Wird diese Schmierung nicht
durchgeführt, verursachen die Reibungskräfte eine starke Scherverformung an der
Blockoberfläche. Wenn die Pressscheibe vor dem Stempel einen geringeren
Außendurchmesser hat als der Aufnehmer, kommt es zur Ausbildung einer Schale,
35
die im Aufnehmer verbleibt. Auch beim Pressen ohne Schale können hohe
Reibkräfte dazu führen, dass der Werkstoff aus dem Blockinnern vorfließt, die
Blockaußenzone nicht mit in die Umformzone vor der Matrize fließt und als dünne
Pressgutschicht die Wandung des Aufnehmers bedeckt. Dies hat den Vorteil, dass
Oberflächenverunreinigungen, beispielsweise grobe Gussoberflächen oder
Oxidationsschichten, im Aufnehmer zurückbleiben. Man unterscheidet zwischen dem
direkten Strangpressen mit Schmiermittel, dem direkten Strangpressen ohne
Schmierung mit Schale und dem direkten Strangpressen ohne Schmierung ohne
Schale /Müller95/.
Abb. 2.24: Fließtypen beim direktem Strangpressen nach Dürrschnabel
Beim direkten Strangpressen können neben den Materialflusstypen S und A auch
noch zwei weitere Materialflusstypen auftreten (Bild 2.24). Der Fließtyp B entsteht
ebenfalls in homogenen Blockwerkstoffen. Zwischen Block und Aufnehmer sowie
Block und Matrizenstirnfläche auf tritt Reibung auf, die dazu führt, dass die
Blockaußenzone gegenüber dem Blockinneren zurückbleibt. Die „tote Zone“ ist
ausgeprägter als beim Fließtyp A. Gleiche Reibungsverhältnisse wie beim Fließtyp B
liegen beim Fließtyp C vor. Jedoch verhalten sich nach diesem Typ inhomogene
Blockwerkstoffe, bei denen die Fließspannung in der Blockaußenzone größer ist als
im Kern. Das ist der Fall, wenn die Aufnehmertemperatur deutlich größer ist als die
Temperatur im Kern des Blockes oder Unterschiede in den Phasenanteilen
mehrphasiger Werkstoffe zwischen Rand- und Kernzone des Blockes vorliegen.
Abb. 2.25: Prinzipielle Darstellung der Blockzonen beim direkten Strangpressen
Fließtyp C
36
Dieser Materialfluss bedingt eine „sekundäre Umformzone“ (Bild 2.25). Beim
Pressvorgang bleibt der Blockmantel gegenüber dem voreilenden Blockkern im
Aufnehmer zurück und staut sich vor der Pressscheibe auf. Folge davon kann der
„Zweiwuchs“ sein, zu dessen Vermeidung die Blocklänge zu begrenzen oder die
Pressrestlänge zu vergrößern ist /Siegert2001/.
37
3Zielsetzung
In Hinblick auf die Forderung nach maßgeschneiderten Bauteilen, die Miniaturisierung
von Bauteilen beispielsweise in der Sensorik sowie die wirtschaftliche Fertigung der
Bauteile ist ein umfassendes Verständnis der plastischen Anisotropie erforderlich, da
sowohl die Formänderung und die Formänderungsgrenzen als auch die aus der
Herstellung und Verarbeitung resultierenden mechanischen Eigenschaften davon
abhängen.
Die bisher vorhandenen Einzeluntersuchungen verdeutlichen, dass sämtliche
mikrostrukturellen und Gefügebestandteile bzw. –aspekte, von der
Stapelfehlerenergie und elastischen Anisotropie bis hin zur Makrotextur reichend,
einen signifikanten Einfluss auf die plastische Anisotropie ausüben. Obgleich der
Textur dabei eine besonders große Bedeutung zukommt, kann der Beitrag durch
andere mikrostrukturelle Faktoren wie beispielsweise die mechanische
Zwillingsbildung oder die Versetzungsentwicklung sogar übertroffen werden. Bei
entgegengesetzter Wirkung heben sich beide Ursachen auf, während bei
gleichsinniger Wirkung die texturbedingte Anisotropie verstärkt wird.
Die vorhandenen Quellen beschränken sich im wesentlichen auf die einzelnen
Werkstoffaspekte zur plastischen Anisotropie. Dem Zusammenspiel zwischen den
Faktoren wird deutlich weniger Aufmerksamkeit gewidmet, obwohl die Kenntnis
sämtlicher Einflussgrößen der plastischen Anisotropie sowie deren Wechselwirkung
für die Einstellung gezielter Formänderungen sowie Festigkeiten vorteilhaft ist und in
der Mikrosystemtechnik unerlässlich wird /MPIE2006/.
Seit einiger Zeit stehen durch die Bereitstellung leistungsfähiger Synchrotronquellen
der 3.Generation sowie durch die Weiterentwicklung der Neutronenbeugung neue
Untersuchungsmethoden zur Verfügung, mit denen die Brücke zwischen den Extrema
der lateralen Auflösung verschiedener Methoden zur Charakterisierung der
metallischen Werkstoffe weiter geschlossen wird.
Mit der vorliegenden Arbeit soll unter Ausnutzung derartiger Methoden ein
wesentlicher Beitrag zum umfassenden Verständnis der Ursachen sowie der
Auswirkung der plastischen Anisotropie geleistet werden. Dazu wurden
stranggepresste Messinglegierungen ausgesucht, bei denen der Zinkgehalt zwischen
10 Gew.-% (CuZn10) und 40 Gew.-% (CuZn40Pb2) variiert. Damit wird das Spektrum
vom einphasigen α-Messing bis zum zweiphasigen α/β-Messing abgedeckt. Als
Modellwerkstoff wurde Messing ausgewählt, weil sich durch die Variation des
Zinkgehalts und der Herstellungsparameter beim Strangpressen alle relevanten
Parameter wie elastische Anisotropie, Stapelfehlerenergie und Gleitverhalten,
Versetzungsdichte und –anordnung, mechanische Zwillingsbildung, Textur und
Mehrphasigkeit untersuchen lassen.
38
Die Arbeit behandelt insbesondere zwei Aspekte: die Betrachtung des
Strangpressprozesses sowie der daraus resultierenden Eigenschaften der
Strangpressprodukte und den Einfluss des Strangpressgefüges auf die
Mikroeigenspannungen sowie die makroskopische plastische Anisotropie, die bei
anschließender Kaltverformung auftreten.
Zur Charakterisierung des Strangpressprozesses wurden die Strangpresskräfte
aufgezeichnet und das Gefüge bzw. die Mikrostruktur der Strangpressprodukte
charakterisiert. An Längs- und Querschliffen der Strangpressprofile („Primärproben“)
erfolgten dazu Untersuchungen mittels Licht- und Elektronenmikroskopie,
Mikrohärtemessungen sowie Laborröntgen- und Synchrotronröntgenbeugung zwecks
Phasen-, Textur-, Eigenspannungs- und Linienprofilanalyse. Die Ergebnisse wurden
bezüglich der Strangpressparameter diskutiert. Dem Strangpressprofil wurden
außerdem 0°-Zugproben sowie 0°, 45° und 90° zur Strangachse orientierte
Druckproben („Sekundärproben“) entnommen, um die mechanischen Kennwerte zu
ermitteln und mit dem Gefüge bzw. der Mikrostruktur der Strangpressprodukte zu
verknüpfen.
Das Gefüge und die Mikrostruktur der kaltgestauchten Proben wurden ebenfalls mit
den im vorherigen Absatz genannten Methoden charakterisiert und bezüglich der
mechanischen Zwillingsbildung sowie der Versetzungsbewegung diskutiert. Dazu
erfolgte die Analyse der Versetzungsanordnungen in unterschiedlich stark
gestauchtem CuZn37 mittels Transmissionselektronenmikroskopie (TEM). Für die
richtungsabhängige Linienprofilanalyse von kaltgetauchtem CuZn10, CuZn20,
CuZn37 und CuZn40Pb2 sowie die Bestimmung der sin2ψ-Verläufe von CuZn10 und
CuZn37 nach Kaltstauchung wurde monochromatische Synchrotronstrahlung
verwendet. Die Nichtlinearitäten und hkl-Abhängigkeiten der sin2ψ-Verläufe,
verursacht durch richtungsabhängige Mikroeigenspannungen, wurden charakterisiert
und vor dem Hintergrund der experimentell bestimmten Mikrostrukturen und deren
Entstehung interpretiert. Für die Beschreibung der experimentellen Nichtlinearitäten
und hkl-Abhängigkeiten der sin2ψ-Verläufe gelangten das Reuss- bzw. das Sachs-
Modell zum Einsatz.
Die plastische Anisotropie äußert sich makroskopisch in den r-Werten, die an den
Druckproben ermittelt wurden. Ebenso wie die mikroskopische plastische Anisotropie
wurde auch die makroskopische plastische Anisotropie vor dem Hintergrund der
Verformungsmechanismen und der damit verknüpften Mikrostruktur- bzw.
Gefügeentwicklung beim Kaltstauchen diskutiert.
39
4 Experimentelle Grundlagen
4.1 Röntgenographische Phasenanalyse
Gemäß der Bragg’schen Gleichung wird an jeder kristallinen Phase
monochromatische Strahlung unter bestimmten Glanzwinkeln reflektiert, bei denen
die einzelnen Phasenanteile der Röntgenstrahlung positiv interferieren, so dass ein
für die Phase charakteristisches Röntgenreflexprofil entsteht. Die integrale Intensität
Ij(hkl) ist nach
Ij(hkl)=Rj(hkl)*A*Vj(4.1)
dem streuenden Volumen Vjder Phase proportional, wobei Rj(hkl) der aus Struktur-,
Lorentz-, Polarisations- und Flächenhäufigkeitsfaktor bestehende Intensitätsfaktor
und A der Absorptionsfaktor sind. Wenn im Werkstoff nur zwei Phasen vorhanden
sind, z.B. α-Messing und β-Messing, kann der α-Messinggehalt nach dem Verfahren
ohne äußeren Standard bestimmt werden. Mit der Kenntnis, dass
Vα+Vβ=100 Vol.-% (4.2)
sind, lässt sich der β-Messinggehalt in Verbindung mit 4.1 gemäß
)hkl(R
)hkl(R
*
)hkl(I
)hkl(I
1
%Vol100
V
α
β
β
α
β
+
=(4.3)
bestimmen.
4.2 Röntgenographische Texturanalyse
Die Gesamtheit der Orientierungen der Kristalle eines vielkristallinen Werkstoffes
wird als Textur bezeichnet /Wassermann1962/. Für die Ermittlung von Texturen im
oberflächennahen Bereich von Proben eignet sich Röntgenstrahlung. Die Probe wird
um verschiedene Winkel ϕund χgedreht, um die Intensität über die Lagenkugel zu
bestimmen. Anschließend erfolgt die Mittelung der Intensität über die Lagenkugel
gemäß
=
ϕχχϕχ
π
ddsin),(I
2
1
I(4.4)
Den prozentualen Anteil einer Netzebenenorientierung an der Intensität in einer
beliebigen Richtung erhält man durch Division der in dieser Richtung an der
entsprechenden Netzebenenschar gemessenen Intensität und der gemittelten
40
Intensität. Diese relativen Intensitäten werden in eine Polfigur eingetragen, aus der
die inverse Polfigur und die Orientierungsverteilungsfunktion (ODF) berechnet
werden können /Bunge1969/. Die inverse Polfigur stellt die relative Intensität der
verschiedenen Reflexe einer Werkstoffphase bezüglich einer ausgezeichneten
Probenrichtung, beispielsweise der Probenlängsachse, dar /Bunge1969/.
Für die Darstellung der Texturen in der ODF werden die als Eulerwinkel
bezeichneten Transformationswinkel φ,ϕ1und ϕ2verwendet, um die der
Flächennormalenvektor der Probenoberfläche rotiert werden muss, wenn er auf den
entsprechenden Pol einer Kristallebene abgebildet werden soll (Bild 4.1).
Flächennormale der
Probenoberfläche
Pol
Probenachse
Φ
ϕ
1
ϕ
2
Bild 4.1: Definition der Eulerwinkel
4.3 Oberflächennahe Eigenspannungsanalyse
Eigenspannungen sind diejenigen Spannungen, die im Inneren eines Werkstücks
vorhanden sind, auf das keine äußere Last oder Temperaturfelder einwirken. Nach
der räumlichen Ausdehnung des Bereichs, über den die Eigenspannungen
miteinander im Gleichgewicht stehen, werden Eigenspannungen in solche erster Art
bis dritter Art eingeteilt. Eigenspannungen I.Art I
σ
sind über einen größeren
Werkstoffbereich (mehrere Körner) konstant, während Eigenspannungen II.Art II
σ
über einen kleineren Bereich (wenige Körner) homogen sind und Eigenspannungen
III.Art III
σ
in einem hinreichend großen Bereich innerhalb eines Korns, z.B. einem
Subkorn, jeweils miteinander im Gleichgewicht stehen /Macherauch1973,
Masing1925/.
41
Bild 4.2: Einteilung der Eigenspannungen /Macherauch1973/
Die Beugungsmethoden zur Eigenspannungsanalyse arbeiten phasenselektiv.
Deshalb ermöglichen sie bei mehrphasigen Werkstoffen wie den α/β-
Messinglegierungen die gezielte Ermittlung des Spannungszustandes in einer
einzelnen Werkstoffphase. Durch die Aufschlüsselung der Eigenspannungen in die
drei oben aufgeführten Kategorien lassen sich lokale Eigenspannungen somit
phasenspezifisch für eine beliebige Phase αwie folgt darstellen:
α
σ
α
σσ
α
σ
IIIIII++= . (4.5)
Der Zusammenhang zwischen den Eigenspannungen I.Art, den mittleren
phasenspezifischen Eigenspannungen
α
σ
und den Eigenspannungen II.Art lautet:
α
σ
αα
σ
=
= n
1
V
I(4.6)
und III
σ
α
σ
α
σ
= . (4.7)
Gemäß
hkl
sin
hkl
d2
θλ
= (4.8)
42
mit Strahlung der Wellenlänge λund den doppelten Glanzwinkeln 2θerfolgt bei der
Spannungsanalyse die Bestimmung der Gitterparameter bzw. Netzebenenabstände
für eine bestimmte Netzebenenschar (h k l) unter verschiedenen Azimut- und
Inklinationswinkeln ϕund ψin Bezug auf ein probenfestes Koordinatensystem, in
dem die dritte Probenkoordinate P3definitionsgemäß mit der Oberfächennormalen
zusammenfällt (Bild 4.3).
Bild 4.3: Definition der Winkel ϕund ψfür die Spannungsanalyse mit Beugung
Wenn der Werkstoff einer äußeren Belastung oder Eigenspannungen unterliegt,
ändert sich aufgrund der elastischen Dehnung εhkl des Kristallgitters der
Netzebenenabstand dhkl in Abhängigkeit von seiner Orientierung zur Wirkungslinie
der Beanspruchung gegenüber dem Netzebenenabstand d0hkl im unverspannten
Gitter, so dass sich die Interferenzlinie der Netzebenenschar im Beugungsdiagramm
verschiebt.
hkl
0
d
hkl
0
d
hkl
d
hkl
=
ϕψ
ϕψ
ε
(4.9)
Die röntgenographisch ermittelten Gitterdehnungen werden mittels des Hookeschen
Gesetzes in Spannungen umgerechnet /Hauk1997/.
Für die Spannungsermittlung nach dem sin2ψ-Verfahren /Macherauch1961/ wird
aufgrund der im Vergleich zu beispielsweise Neutronenstrahlen geringen
Eindringtiefe der Strahlung von nur wenigen Mikrometern ein ebener, zweiachsiger
und homogener Spannungszustand angenommen, so dass näherungsweise σi3=0
(i=1,2,3) gesetzt werden kann. Daraus ergibt sich dann
43
)
2211
(
hkl
1
s
2
sin
hkl
2
s
2
1
hkl
σσψ
ϕ
σ
ϕψ
ε
++= (4.10)
mit
hkl
E
hkl
hkl
1
s
υ
=(4.11)
und hkl
E
1
hkl
hkl
2
s
2
1+
=
υ
. (4.12)
Dabei sind hkl
1
s und hkl
2
s
2
1die richtungsunabhängigen, netzebenen- und
phasenspezifischen diffraktionselastischen Konstanten (DEK), die durch
Mittelwertbildung über alle reflexionsfähigen Kristallite unter der Grenzannahme
beispielsweise von Voigt /Voigt1928/, Reuss /Reuss1929/ bzw. Kröner /Kröner1958/
berechnet werden müssen.
Bild 4.4: Dehnungsverteilung eines ebenen, über den Eindringtiefenbereich
homogenen Spannungszustandes nach dem sin2ψ-Verfahren /Steeb1985/
Aus der Auftragung der Funktion )
2
(sinf
ψ
ϕψ
ε
=können die Größen σϕund
(σ11+σ22) durch lineare Regression gemäß Gl. 4.10 ermittelt werden. Aus dem
Anstieg der Regressionsgraden lässt sich der Spannungszustand parallel zur
Probenoberfläche durch
hkl
2
s
2
1
m
ϕ
ϕ
σ
=(4.13)
44
mit
ψ
ϕψ
ε
ϕ
2
sin
hkl
mΔ
Δ
=(4.14)
bestimmen. Bei nicht verschwindender σ33-Komponente bleibt die
Spannungskomponente σϕum den Betrag von σ33 unbestimmt.
4.4 Linienprofilanalyse mittels Rietveldverfahren
Bei dem Rietveldverfahren wird das experimentell bestimmte Beugungsdiagramm
durch analytische Funktionen modelliert, die den instrumentellen und den
Werkstoffeinfluss auf die Röntgenreflexlinienprofile beschreiben. Für die
Beschreibung des resultierenden Linienprofils findet eine Pseudo-Voigt-Funktion
pV(x) Verwendung:
[]
)x(G)1()x(C
p
I)x(pV
ηη
+= (4.15)
Darin steht C(x)=(1+x2)-1 für den durch Teilcheneffekte verursachten Cauchyanteil
und G(x)=exp[-(ln2)x2] für den durch Verzerrungen verursachten Gaußanteil. Die
Variable x ergibt sich gemäß x=(2θ-2θ0)/ω, wobei 2θ0die Amplitude, 2ωdie
Halbwertsbreite (FWHM), ηder Anteil der Cauchy-Funktion und Ipdie Amplitude ist.
Weiterhin wird angenommen, dass die Halbwertsbreite der Cauchy- und der
Gaußfunktion gleich groß sind /LeBail2000/.
Das gesamte Beugungsdiagramm wird durch folgende Faltungsfunktion beschrieben
/Enzo1988/:
()
[]
()
bkg2)A*I(*B2
C
Y+=
θθ
(4.16)
mit dem Faltungssymbol *, dem Polynom 4.Grades bkg als Hintergrundfunktion, der
probenbedingten Linienverbreiterung B(2θ) und der instrumentellen symmetrischen
Linienverbreiterung I(2θ) bzw. asymmetrischen Linienverbreiterung A(2θ).
Durch Simulation der Pseudo-Voigt-Röntgenreflexlinienprofile anhand der
Kristallitgröße, der Mikrodehnung, der Stapelfehler- und der
Zwillingswahrscheinlichkeit werden die effektive Teilchengröße Deff sowie die
Mikrodehnungen 2
ε
bestimmt /Klug1974, Lutterotti1990/:
E
D
1
dL
pV
dT =(4.16)
45
mit
[]
L2exp
Z11
2ln
2
L
22
exp
Z1Z
)L(
pV
T
πσ
σπ
+
+
+
=, (4.17)
5.0
2ln1
Z
=
π
η
η
(4.18)
und
[]
0
sin)
0
sin(
2
θωθ
λ
σ
+
=. (4.19)
d Gitterparameter
L Reihenentwicklungsgrad der Fourierreihe
TpV Kosinus-Fourierkoeffizienten
Für den speziellen Reihenentwicklungsgrad L=D/2 ergibt sich durch Einsetzen in Gl. :
[]
2
1
exp
2
d2
2
D
22
1)L(
pV
T
=
επ
. (Gl. 20)
4.5 Electron Backscattered Diffraction (EBSD)
„Electron backscattered diffraction“ (EBSD) basiert auf der Analyse der Rückstreu-
Kikuchi-Linien, die durch an den Netzebenen rückgestreuten Elektronen erzeugt
werden und je nach Werkstoff und Orientierung des Gitters relativ zum eintreffenden
Elektronenstrahl charakteristisch sind (Bild 4.5).
Bild 4.5: Prinzip der Orientierungsbestimmung mit EBSD, a) Entstehung der Kikuchi-
Linien, b) Detektierung der Kikuchi-Linien und c) exemplarisches Kikuchi-Muster
/Katrakova1998/
Für das Abtasten einer Probenoberfläche mit der EBSD-Technik und dem Erstellen
sog. „Orientierungsmaps“ ist der Begriff „Orientation imaging microscopy“ (OIM)
geläufig. Zu dem Zweck wird die Probe um 60° bis 70° gegenüber der
46
Probentischhorizontalen gedreht und die Messfläche im allgemeinen durch
Strahlschwenkung gerastert. Die daraus resultierende Orientierungsverteilung eignet
sich für die Phasen- und Texturanalyse sowie die Bestimmung von
Missorientierungen, anhand derer Klein- und Großwinkelkorngrenzen bzw.
Zwillingssysteme identifiziert werden können /Humphreys2001/. Außerdem ist die
Dehnungsanalyse mit EBSD möglich.
Folgende Aspekte sind bei der Verwendung von EBSD /Ullemeyer2000/
insbesondere zu berücksichtigen:
¾Die Eindringtiefe der Elektronenstrahlung ist um ein Vielfaches geringer als
die der konventionellen Röntgenstrahlung, so dass für die gleiche
Zählstatistik bei EBSD das bis zu 10fache der Messfläche von Röntgen
erforderlich ist /Wenk2004, Xie2003/.
¾Aufgrund der im Vergleich zu XRD geringen Eindringtiefe erfordern EBSD
Messungen besonders ebene Oberflächen /Camus2003/.
¾Das Abrastern der Messfläche durch Strahlkippung führt zu einer
Defokussierung des Elektronenstrahls, die nur bei Kenntnis der
Oberflächenform und dem Einsatz eines dynamischen Fokus korrigiert
werden kann. Defokussierung und Strahlkippung bewirken einen Fehler in der
Bestimmung der absoluten Orientierung des Messpunktes /Humphreys2001/.
¾Wenn sich im Bereich der Korngrenzen Körner überlappen, sind die
Beugungsbilder nicht eindeutig und die Korngrenzen können ggf. nicht
indiziert werden /Humphreys2001/.
¾Die gemessene Orientierung resultiert aus der Überlagerung der
tatsächlichen Missorientierung und dem instrumentellen Rauschen. Somit
beschränkt das instrumentelle Rauschen die Auflösung lokaler
Missorientierungen /Humphreys2001/.
¾Für die Bestimmung von Korngrößen sollte die zu erwartende mittlere
Sehnenlänge mindestens 8 bis 10 Messpunkte enthalten /Humphreys2001/.
47
5 Durchführung der experimentellen
Untersuchungen
5.1 Warmstrangpressen der Messinglegierungen
Für die Strangpressversuche wurde eine Strangpressanlage mit einer maximalen
Presskraft von 8MN verwendet, die am Forschungszentrum Strangpressen im
Fachgebiet Metallische Werkstoffe der TU Berlin zur Verfügung steht. Diese Anlage
ist mit einem ölhydraulischen Direktantrieb sowie einer freiprogrammierbaren
Steuerung ausgestattet. Die Bolzeneinsatztemperatur wird über eine induktive
Einbolzenerwärmungsanlage geregelt (Bild 5.1).
Bild 5.1: Induktive Einbolzenerwärmungsanlage
Der Aufnehmer für den Bolzen sowie die Matrize und der Pressstempel wurden für
die Versuche auf eine Temperatur von 480°C gebracht. Um die Reibkräfte im Bolzen
auf ein Minimum zu bringen, wurden der Aufnehmer, die Matrize und der
Pressstempel vor Beginn des Pressvorganges mit Graphitpaste geschmiert.
Bild 5.2: Einführen des Bolzens kurz vor Beginn des Pressvorganges
In den Pressrahmen sind Messglieder integriert, so dass der Verlauf der Zylinder-
und der Stempelkraft während des Strangpressens kontinuierlich als
Strangpressdiagramm aufgezeichnet werden kann.
48
Im Rahmen dieser Arbeit wurden Bolzen aus CuZn10, CuZn20, CuZn37 und
CuZn40Pb2 indirekt stranggepresst, wobei die Parameter Produktgeschwindigkeit
vStrang, Bolzeneinsatztemperatur TBolz und Umformgrad ϕvariierten. CuZn40Pb2
wurde außerdem direkt stranggepresst. Die Kombination der Parameter ist in Tabelle
5.1 aufgelistet.
Tabelle 5.1: Strangpressversuche mit den dazugehörigen Strangpressparametern
Werkstoff Verfahren DMatrize
[mm]
DAufnehmer
[mm]
TBolz
[°C]
vStrang
[mm/s] Um ϕ
CuZn10 Indirekt 24.6 110 650 500 3
CuZn10 Indirekt 24.6 110 700 500 3
CuZn10 Indirekt 24.6 110 750 500 3
CuZn10 Indirekt 24.6 110 700 400 3
CuZn10 Indirekt 24.6 110 700 300 3
CuZn10 Indirekt 18.6 110 700 700 3.55
CuZn10 Indirekt 15.5 110 700 1000 3.92
CuZn20 Indirekt 24.6 110 650 500 3
CuZn20 Indirekt 24.6 110 700 500 3
CuZn20 Indirekt 24.6 110 750 500 3
CuZn20 Indirekt 24.6 110 700 400 3
CuZn20 Indirekt 24.6 110 700 300 3
CuZn20 Indirekt 18.6 110 700 700 3.55
CuZn20 Indirekt 15.5 110 700 1000 3.92
CuZn37 Indirekt 24.6 110 650 500 3
CuZn37 Indirekt 24.6 110 700 500 3
CuZn37 Indirekt 24.6 110 750 500 3
CuZn37 Indirekt 24.6 110 700 400 3
CuZn37 Indirekt 24.6 110 700 300 3
CuZn37 Indirekt 18.6 110 700 700 3.55
CuZn37 Indirekt 15.5 110 700 1000 3.92
CuZn40Pb2 Indirekt 25.5 110 700 280 2.92
CuZn40Pb2 Indirekt 15 110 700 807 3.98
CuZn40Pb2 Indirekt 25.5 110 700 651 2.92
CuZn40Pb2 Indirekt 35 110 700 148 2.29
CuZn40Pb2 Indirekt 25.5 110 700 130 2.92
CuZn40Pb2 Indirekt 25.5 110 600 280 2.92
CuZn40Pb2 Indirekt 25.5 110 750 280 2.92
CuZn40Pb2 Direkt 25.5 110 750 280 2.92
CuZn40Pb2 Direkt 25.5 110 700 280 2.92
CuZn40Pb2 Direkt 25.5 110 610 280 2.92
CuZn40Pb2 Direkt 25.5 110 610 130 2.92
CuZn40Pb2 Direkt 25.5 110 610 651 2.92
Aus den Strangpressdiagrammen wurde der maximale spezifische Pressdruck pmax
zu Beginn des Strangpressversuchs, der stationäre spezifische Pressdruck pstat
beim Strangpressen und der Umformwiderstand kwbestimmt.
49
Die spezifischen Pressdrücke ergeben sich aus der Maximalkraft Fmax zu Beginn des
Strangpressversuchs und der Kraft FMim stationären Bereich gemäß
0
A
max
F
max
p=(5.1)
und 0
A
M
F
stat
p=, (5.2)
wobei A0die Aufnehmerquerschnittsfläche ist. Der Umformwiderstand ist mit der
stationären Matrizenkraft FM, dem logarithmischen Pressverhältnis V und der
Aufnehmerquerschnittsfläche wie folgt verknüpft:
0
AVln
M
F
w
k
=. (5.3)
Die Kraftüberhöhung zu Beginn des Strangpressens wurde gemäß Gl. 5.3 ebenfalls
auf den Umformgrad und den Aufnehmerdurchmesser bezogen:
0
AVln
M
F
max
F
w
k
=Δ . (5.4)
5.2 Probenentnahme aus den Strangpressprofilen
Die Strangpressprofile wurden in die Bereiche Vorpressabschnitt (VP), Anfang (A),
Mitte (M) und Ende (E) unterteilt. Der mit VP gekennzeichnete Abschnitt wird für die
Untersuchungen nicht berücksichtigt, da sich in dem Bereich erst die angestrebten
Kräfte und Geschwindigkeiten für das Strangpressen einstellen. Die Proben zur
mikrostrukturellen sowie Gefügecharakterisierung der Strangpressprofile sowie für
Zug- und Druckversuche wurden aus dem Mittelteil des Strangpressprofils
entnommen, bei dem stationäre Pressbedingungen vorlagen. Die übrigen
Produktabschnitte (Anfang und Ende) stehen für ergänzende Untersuchungen noch
zur Verfügung.
Strangaustrittsrichtung
Bild 5.3: Kennzeichnung der Abschnitte im Strangpressprofil
50
5.3 Zugversuche
Die mechanischen Kennwerte der Strangpressprofile wurden in Anlehnung an EN
10002-1 bei Raumtemperatur (RT) an einer servo-hydraulischen MTS-
Zugprüfmaschine des Typs 810 durchgeführt, die auch für Druck- und Wechsellasten
ausgelegt ist. Da glattwandige Proben aus Messing bei den auftretenden Prüflasten
im Klemmsitz rutschen, konnten nicht die für diese Maschine üblicherweise
vorgesehenen Zylinder-Zugproben verwendet werden. Stattdessen erfolgen die
Zugversuche mit Rundzugproben mit Gewindekopf M14x1.5, die parallel zur
Strangpressachse entnommen wurden und gemäß DIN 50125 gefertigt waren
(Bild 5.4).
Bild 5.4: Zugproben gemäß DIN 50125
Tabelle 5.2: Abmaße der Zugproben
L0[mm] D0[mm] D1[mm] Lc[mm] Lt[mm] H [mm]
40 8 M14x1.5 49 90 10
Die Zugproben wurden mittels eines eigens angefertigten Adapters aus
Warmarbeitsstahl in die Zugprüfmaschine eingespannt (Bild 5.5) und mit konstanter
Stempelgeschwindigkeit (weggeregelt) verformt. Die Verfahrgeschwindigkeit der
Stempel betrug 0.01 mm, was einer Dehnrate von 2.5*10-4 s-1 im aktiven
Messbereich der Zugprobe entspricht.
Bild 5.5: Adapter für Zugproben
51
Anhand der Spannungs-Dehnung-Kurven wurden die 0.2%-Dehngrenze Rp0.2, die
Zugfestigkeit Rm, die Gleichmassdehnung AGl und die Bruchdehnung ABbestimmt.
Aus der 0.2%-Dehngrenze Rp0.2 sowie der Zugfestigkeit Rmwurde das
Streckgrenzenverhältnis berechnet:
100
m
R2.0
p
R
niszenverhältStreckgren = .(5.5)
Die experimentell bestimmten Rp0.2-Werten Rp0.2-Werte wurden mit Rp0.2-Werten
verglichen, die rechnerisch aus den Ergebnissen der Gefügecharakterisierung
resultierten. Dafür wurden folgende Angaben verwendet:
Fließgrenze im regellosen Kristall: σ0=45.11 MPa
Hall-Petch-Parameter für Versetzungsgleiten: kD=31 MPa
Taylor-Faktor für regellose Textur: Tregellos=3.06
Taylor-Faktor für die 111-Textur: T111=3.674
Taylor-Faktor für die 200-Textur: T200=2.449
Bei den zweiphasigen Werkstoffen muss außerdem die 0.2%-Fließgrenze der β-
Phase berücksichtigt werden. Sie beträgt: σp0.2,β=320 MPa.
Als erstes wurde die aus der Korngröße ohne Berücksichtigung der
Strangpresstextur resultierende Festigkeit σp0.2,HP der α-Phase berechnet. Anhand
der Quotienten regellos
T111
T
111
T
f=und regellos
T200
T
200
T
f=wurden daraus die für die
beiden Hauptkomponenten der Doppelfasertextur vom Strangpressen jeweils
resultierenden Extremfälle der Festigkeit abgeleitet. In den Strangpressprofilen sind
beide Texturkomponenten vorhanden, wobei deren Beitrag je nach
Strangpressparameter variiert. Die Zusammensetzung der Doppelfasertextur der
Strangpressprofile wurde durch den Faktor )200(p)111(p
)111(p
111
p
f+
=und
)200(p)111(p
)200(p
200
p
f+
=berücksichtigt.
p(200) Texturindex des (200)-Reflexes für ψ=0
p(111) Texturindex des (111)-Reflexes für ψ=0
Daraus resultiert die theoretische Festigkeit der α-Phase gemäß
()
200
p
f
200
T
f
111
p
f
111
T
f
HP
,
2.0
p,
2.0
p+=
σ
α
σ
. (5.6)
52
In den zweiphasigen α/β-Messinglegierungen tragen beide Phasen entsprechend der
Phasenanteile Vαder α-Phase und Vβder β-Phase in Gew.-% zur Festigkeit bei:
β
σ
β
+
α
σ
α
=σ ,
2.0
p
V
,
2.0
p
V
2.0
p. (5.7)
5.4 Stauchversuche
Für die Druckversuche wurden den Strangpressprofilen in 0°-, 45°- und 90°-Richtung
zur Strangpressachse zylinderförmige Proben entnommen, wobei die Höhe h=20 mm
und der Durchmesser d=10 mm betrug. Wenn aufgrund der Geometrie der
Strangpressprofile und der Entnahmerichtung der Proben erforderlich, kamen
kleinere Proben mit einer Höhe h=10 mm und einem Durchmesser d=8 mm zum
Einsatz.
Die Druckversuche mit quasistatischer Last wurden in Anlehnung an DIN 50106 bei
RT an derselben servo-hydraulischen MTS-Zugprüfmaschine des Typs 810 wie die
Zugversuche durchgeführt. Mit einem zylindrischen Stempel aus einer warmfesten
Nickelbasislegierung wurden die Proben bis zum Erreichen der maximalen Last der
Prüfmaschine, die bei 100 kN liegt, gestaucht. Die Verfahrgeschwindigkeit v der
weggeregelten Druckstempel betrug bei den Druckproben mit einer Höhe h=20 mm
v=0.002 mm/s und bei den Druckproben mit einer Höhe h=10 mm v=0.001 mm/s,
was einer Dehnrate von 10-4 s-1 entspricht.
Für jede Druckprobe wurde die 0.2 %-Stauchgrenze σd0.2 bestimmt. Die gestauchten
Proben besitzen eine elliptische Querschnittsfläche mit dem maximalen Durchmesser
dmax und dem minimalen Durchmesser dmin. d0ist der Anfangsdurchmesser der
Druckprobe. Damit wurde der r-Wert bestimmt:
==
0
d
min
d
ln
0
d
max
d
ln
min
max
r
ρ
ρ
. (5.8)
Der r-Wert wurde entsprechend der Richtung relativ zur Strangpressachse für die 0°-
Probe mit r, für die 45°-Probe mit r45° und für die 90°-Probe mit r90° bezeichnet.
Diese drei Werte wurden für alle Strangpressprofile ermittelt und daraus die mittlere
Anisotropie berechnet:
490
r
45
r2
0
r
m
r°
+
°
+
°
=. (5.9)
53
5.5 Hochgeschwindigkeitsverformung
Am Prüfsystem Gleeble 3800 der Fa. Gleeble (maximale Stempelgeschwindigkeit
gleich 2000 mm/s, Maximallast bei Stauchung gleich 200 kN, maximale Aufheizrate
gleich 10000°C/s und maximale Einsatztemperatur gleich 1700°C) wurden
wegkontrollierte Druck- und Torsionsversuche mit CuZn37 bei unterschiedlichen
Verformungstemperaturen und Verformungsraten durchgeführt.
Die Proben für die Stauchversuche stammen von einem stranggegossenen Bolzen in
Stranggussrichtung und einem Vollrundprofil in Strangpressrichtung, das bei 650°C
mit einer Produktgeschwindigkeit gleich 500 mm/s und einem Umformgrad gleich 3
indirekt stranggepresst wurde. Dabei handelte es sich um dieselben Zylinder mit
15 mm Länge und 10 mm Durchmesser.
Torsionsversuche wurden nur an Proben nach dem Strangpressen durchgeführt.
Dafür mussten eigens für die Gleebleversuche Torsionsproben angefertigt werden,
die entsprechend Bild 5.6 eingespannt und mehrachsig verformt wurden.
Bild 5.6: Torsionsvorrichtung für die Gleeble 3800
Die Verformungstemperaturen und Verfahrgeschwindigkeiten der Stauchversuche
sind in Tabelle 5.3 aufgeführt. Dabei erfolgte die Aufheizung der Proben auf ihre
Solltemperatur konduktiv nach dem Prinzip der Widerstandserwärmung.
54
Tabelle 5.3: Hochgeschwindigkeits-Druckversuche
Werkstoffzustand VStempel [m/s] Dehnrate [s-1] Temperatur [°C]
Stranggegossen 1 66.6 700
Stranggegossen 0.1 6.66 25
Stranggepresst 1 66.6 300
Stranggepresst 0.1 6.66 300
Stranggepresst 1 66.6 25
Stranggepresst 0.1 6.66 25
Tabelle 5.4 zeigt die Parameter der Hochgeschwindigkeits-Torsionsversuche
einschließlich der Probenabmessungen, die im Gegensatz zu denen der
Druckversuche mit den Versuchsparametern variierten.
Tabelle 5.4: Hochgeschwindigkeits-Torsionsversuche
Proben-
durchmesser
[mm]
Probenlänge
[mm]
Scherdehnrate
[rad/s]
Vergleichsdehnrate
[rad/s]
Temperatur
[°C]
10 8 106 170 300
10 20 10.1 40.4 300
10 20 0.1 0.4 280
8 16 10 40.1 25
8160.1 0.4 25
Im Rahmen der Torsionsversuche wurde das Drehmoment T in Abhängigkeit vom
Verdrehwinkel φbestimmt. Um die Daten darzustellen, erfolgte die Umrechnung des
Verdrehwinkels in die Scherdehnung γund des Drehmomentes in die
Schubspannung τ:
L
r
φ
γ
=(5.10)
und 3
r
T2
=
π
τ
. (5.11)
r ist der Radius des aktiven Messbereichs und L die aktive Messlänge der
Torsionsprobe. Zur Beschreibung der Abhängigkeit der Fließgrenze von der
Verformungsgeschwindigkeit wurde die Gleichung von Cowper und Symands
verwendet:
()
q
1
Ddt/d
1
y
d
y
ε
σ
σ
+= . (5.12)
Mit σydwird in der Gleichung die Fließgrenze bei dynamischer Belastung mit der
Dehnrate dε/dt bezeichnet. σyist die Fließgrenze bei quasistatischer Belastung, die
55
im Rahmen der vorliegenden Untersuchungen bei den Druckversuchen bei
Raumtemperatur mit der Fließgrenze bei einer Stauchrate von 0.00025 s-1
gleichgesetzt wurde. Für 300°C Prüftemperatur wurde angenommen, dass die
Fließgrenze bei 300°C das 0.7fache des Wertes bei RT betrage. D und q sind zwei
werkstoffabhängige Parameter, die anhand der experimentellen Daten bestimmt
wurden. Dazu erfolgte die Auftragung von ln(σyd/σy-1) vers. ln(dε/dt) (lineare Form
der Gleichung von Cowper und Symands) und die Bestimmung der Gerade durch die
Meßpunkte. Die Steigung dieser Geraden m ist gleich 1/q, der Achsenabschnitt n
entspricht –1/q*lnD.
5.6 Härtemessungen
Mit einem Härteprüfgerät der Firma Struers, Modell Duramin wurden an den
Querschliffen der Strangpressprofile über den gesamten Querschnitt mit HV2 die
Härteverläufe ermittelt. Die Verläufe beginnen jeweils im Abstand von 1.8 mm vom
Probenrand. Der Abstand zwischen zwei Messpunkten beträgt ebenfalls 1.8 mm. Je
drei Messpunkte wurden im gleichen Abstand vom Rand gesetzt, aus denen sich
dann der Mittelwert und der Fehler für die Probenposition ergab.
5.7 Lichtmikroskopie
Für die Charakterisierung der Strangpressprofile und der Druckproben nach der
Kaltstauchung wurden jeweils Längs- und Querschliffe entnommen, nach dem
Einbetten mit SiC-Papier bis zu einer Körnung von 2400 geschliffen und
anschließend mit Diamantpaste bis 1 µm Körnung poliert. Je nach Anforderung
erfolgte noch eine elektrolytische Politur.
Zum Ätzen aller Schliffe der Strangpressprofile sowie der Querschliffe der
druckverformten Proben wurde eine Lösung (Methode 1) folgender Zusammen-
setzung verwendet:
25 ml dest. H2O,
25 ml NH4OH,
5 ml H2O2(30%ig).
Für die Längsschliffe der druckverformten Proben gelangte die Lösung (Methode 2)
folgender Zusammensetzung zur Anwendung:
100 ml C2H5OH,
20 ml HCl,
5 g FeCl3.
56
Die derart präparierten Schliffe wurden im Lichtmikroskop der Firma Zeiss, Modell
Axioskop betrachtet und zwecks Charakterisierung der Korngröße sowie der
Kornform der α-Phase mit einer an das Mikroskop angeschlossenen Kamera
dokumentiert. Für die Sichtbarmachung der Korngrenzen in der β-Phase wurden
unterschiedliche Elektrolyten ausprobiert, die sich jedoch alle als ungeeignet
erwiesen.
Die Korngrößenbestimmung erfolgte mit dem Linienschnittverfahren bzw. mit einer
vergleichenden halbquantitativen Methode. In Anlehnung an die
Korngrößenbestimmung nach ASTM E 112-77 wurden für letzteres Verfahren
Linienraster angefertigt, die ein quadratisches Muster ergaben. Die Größe der Raster
wurde so abgestuft, dass mit deren Hilfe eine Einteilung der Korngrößen
entsprechend der Korngrößenkennzahlen stattfinden konnte. Außerdem wurde an
den Längsschliffen der Druckproben die Streckung der Körner bestimmt.
5.8 Electron Backscattered Diffraction (EBSD)
An stranggepressten und an zusätzlich kaltgestauchten Proben vorwiegend aus
CuZn37 wurden EBSD-Untersuchungen durchgeführt. Dafür stand an der
Zentraleinrichtung Elektronenmikroskopie (Zelmi) der TU Berlin ein
Rasterelektronenmikroskop S-2700 von der Firma Hitachi in Verbindung mit einem
Nordlyst II-Dtektor zur Verfügung.
Die Auswertung der Kikuchi-Beugungsbilder erfolgte mit der Software Channel 5 von
der Firma hkl Technologies. Mit dem Programm wurden Phasengehalte der α-Phase
und β-Phase, Polfiguren der β-Phase, Orientierungsverteilungen und
Nachbarschaftsbeziehungen zwischen einzelnen Körner ermittelt.
5.9 Transmissionselektronenmikroskopie (TEM)
An Proben, die im Anschluss an das Strangpressen unterschiedlich stark
kaltgestaucht wurden, erfolgten TEM-Untersuchungen. Die TEM-Untersuchungen
wurden mit einem Philipps CM20 durchgeführt, das am MPIE Düsseldorf zur
Verfügung stand. Als Besonderheit befinden sich an dem Gerät eine Kamera zwecks
Aufnahme der Kikuchi-Beugungsbilder und eine Software namens Toca, mit der
anhand der Auswertung der Kikuchiaufnahmen automatisch die Orientierung des
betrachteten Probenbereichs bestimmt werden kann /Zaefferer2000/.
57
5.10 Röntgenographische Texturanalysen
Mittels Röntgenbeugung wurde die Textur in der α-Phase und der β-Phase nach dem
Strangpressen sowie bei ausgewählten Proben nach anschließender Kaltstauchung
untersucht. Die Texturanalysen wurden an einem ψ-Diffraktometer mit
ortsempfindlichem Detektor unter Verwendung von CoKα-Strahlung durchgeführt. Zur
Strahlbegrenzung wurde ein Rundkollimator (Durchmesser 1,5 mm für die α-Phase,
1 mm für die β-Phase) verwendet. Für die Texturanalysen wurden die folgende
Gitterreflexe verwendet:
α(200), α(220) und α(311) für die Textur der α-Phase;
β(110) für die Textur der β-Phase.
Für jeden Reflex wurden mit 5°- bzw. 10°-Schrittweite die Intensitäten unter den
Winkeln ψ = -75° (Winkel zum Normalenvektor der Oberfläche) und φ = 0°-350°
(Rotationswinkel um den Normalenvektor der Oberfläche) gemessen. Die Messzeit
pro Messpunkt betrug 10 s für die α-Reflexe und 15 s für die β-Reflexe.
Mit Hilfe des Programms „ODF-Analysis“ /Bunge1993/ wurden die
Orientierungsverteilungsfunktionen bestimmt und die Polfiguren sowie inverse
Polfiguren berechnet. Außerdem wurden sog. ϕ- Schnitte erstellt. Dazu wurden aus
dem Programm Textur-ODF oder von experimentellen Daten die relativen
Intensitäten des betreffenden Reflexes für einen konstanten Winkel ϕin Abhängigkeit
vom Inklinationswinkel ψdargestellt. Dadurch werden Nebenpole hervorgehoben, die
beispielsweise durch Zwillingsbildung oder Scherbänder entstehen können.
5.11 Röntgenographische Phasenanalyse
Für die röntgenographische Phasenanalyse an stranggepressten Proben aus
CuZn37 und CuZn40Pb2 wurde ein Ψ-Diffraktometer der Fa. Huber verwendet, das
mit einem ortsempfindlichem Detektor (OED) und einer CoKα–Röntgenröhre
ausgestattet ist. Ein Rundkollimator mit 1.5 mm Durchmesser begrenzte den
Primärstrahl.
Mit dem OED wurde die einfallende Intensität für ψgleich 0 im Bereich 2θvon 40° bis
130° mit einer Schrittweite von 0.1° und 20 s Messzeit pro Schritt erfasst. Die
Auswertung der Linienprofile erfolgte mit dem Programm Peakfit, das verschiedene
Fitfunktionen für das Anfitten experimentell ermittelter Linienprofile zur Verfügung
stellt. Für die Phasenanalyse wurden die gemessenen Linienprofile der α- und der β-
Phase durch eine Voigt-Funktion beschrieben und die Integralintensität der
Beugungsreflexe bestimmt. Unter Berücksichtigung der Texturindizes in der
Messrichtung lieferte Gl. 4.3 die Phasenanteile.
58
5.12 Eigenspannungs- und Linienprofilanalysen mittels
monochromatischer Röntgen-Synchrotronstrahlung
Die Eigenspannungsanalysen an stranggepressten sowie im Anschluss an das
Strangpressen kaltgestauchten Proben wurden am Hasylab, G3, /Wroblewski1999/
durchgeführt, wo monochromatische Strahlung mit hoher Parallelität zur Verfügung
stand. Mit dem 4-Kreis-Diffraktometer kann der Inklinationswinkel ψzwischen 0° and
90° variiert werden. Ein Monochromator lieferte Strahlung mit einer Wellenlänge
entsprechend CuKα–Strahlung bzw. im Falle von CuZn40Pb2 CoKα–Strahlung. Mit
einem Schlitzkollimator wurde der Primärstrahl auf eine Größe von 2 mm x 2 mm
begrenzt. Im Sekundärstrahl befand sich ein Soller, der eine Akzeptanz gleich 0.15°
lieferte. Mit einem Szintillationszähler wurden die Linienprofile des α(001), α(011)-,
α(111)-, α(222)- und α(113)-Reflexes sowie im Falle von CuZn37 und CuZn40Pb2
des β(011)- und β(112)-Reflexes der verschiedenen Messinglegierungen nach dem
Strangpressen und nach anschließender Kaltstauchung in Schritten von 2θ= 0.006°
unter verschiedenen Inklinationswinkeln ψ= 0° - 60° (10° Schrittweite) abgetastet.
Die Bestimmung der Eigenspannungen erfolgte nach dem sin2ψ-Verfahren.
Anhand der Linienprofile für unterschiedliche Inklinationswinkel ψwurde auch die
Linienprofilanalyse mittels des Rietveldverfahrens durchgeführt. Für das
Rietveldverfahren stand das Programm Maud /Lutterotti1999/ zur Verfügung, das hkl-
abhängige Mikrodehnungen, Domänengrößen, Stapelfehler- und
Zwillingswahrscheinlichkeiten lieferte. Im Falle der Strangpressprofile wurden die
Ergebnisse für unterschiedliche hkl gemittelt, da sie sich nicht signifikant
unterschieden. Für die Richtungsabhängigkeit der Defektgrößen in den
kaltgestauchten Proben wurden die Linienprofile unterschiedlicher hkl separat
betrachtet.
59
6 Versuchsergebnisse
6.1 Gefüge der Stranggussbolzen
α- und Near-α-Legierungen
Bild 6.1a und Bild 6.1b zeigen das Stranggussgefüge der Bolzen aus CuZn10 bzw.
CuZn37, die zum Strangpressen eingesetzt wurden. Beide Proben zeichnen sich
durch ein sehr grobes Korn aus, das eine Größe von bis zu ca. 20 mm besitzt.
Bild 6.1: Lichtmikroskopische Makroaufnahmen vom Querschliff der
Stranggussbolzen, a) CuZn10 und b) CuZn37
Beim stranggegossenen CuZn10 unterscheidet sich die Korngröße am Rand und in
der Mitte des Querschliffs nicht wesentlich voneinander. Im Vergleich zur Mitte sind
die Körner am Rand stärker gestreckt, wobei die Streckung ca. 2:1 bis 3:1 beträgt.
Am Rand des Querschliffs aus stranggegossenem CuZn37 hat sich ein dendritisches
Gefüge ausgebildet, das zur Mitte hin in ein globulitisches Gefüge übergeht.
Bild 6.2: Gefüge von CuZn20 nach dem Stranggießen, links: 100-fache
Vergrößerung, rechts: 500-fache Vergrößerung
100 µm 20 µm
CuO
60
In Bild 6.2 ist das Stranggussgefüge von CuZn20 in zwei verschiedenen
Vergrößerungen dargestellt. Das Gefüge besteht aus großen dendritisch
gewachsenen Körnern. In der 500-fachen Vergrößerung ist neben den Dendriten
noch elementar ausgeschiedenes Kupferoxid, im Gefügebild als kleine rote Punkte
sichtbar, zu erkennen. Die schwarzen Punkte im Gefügebild sind Begleitelemente
aus der Herstellung der Stranggussbolzen, wobei der Gefügeanteil ca. 0.3 Vol.-%
beträgt. Vermutlich handelt es sich dabei um Blei. Sowohl im stranggegossenen
CuZn20 als auch CuZn37 treten Makroseigerungen auf, die anhand der
unterschiedlichen Färbung der Dendriten sowie des interdendritischen Bereichs zu
erkennen sind.
Die Härte der Stranggussbolzen aus CuZn20 beträgt zwischen HV2 gleich 50 MPa
und 54 MPa. An CuZn10 und CuZn37 wurden mit dem REM EDX-Analysen
durchgeführt, die für CuZn10 einen Cu-Gehalt von 88.8±1.5 Atom-% und für CuZn37
einen Cu-Gehalt von 65.2±1.3 Atom-% ergaben.
α/β-Messing CuZn40Pb2
Gefüge und Mikrostruktur
Die lichtmikroskopischen Abbildungen 6.3 und 6.4 zeigen das Gefüge im
Lieferzustand, bestehend aus β-Phase und sekundär ausgeschiedener α-Phase.
Neben diesen beiden Phasen liegt das elementar ausgeschiedene Blei, im
Gefügebild als schwarze Punkte sichtbar, feinverteilt vor. Das Blei befindet sich
bevorzugt an den Korngrenzen.
a b
Bild 6.3: Gefüge der Kernzone im Quer- (a) und im Längsschliff (b)
61
a b
Bild 6.4: Gefüge der Randzone im Quer- (a) und im Längsschliff (b)
Die α-Phase weist Zwillinge in ihren Körnern auf, die durch die Farbätzung sichtbar
werden. In der Randzone liegen sowohl im Längs- als auch im Querschliff mehr
Zwillinge als in der Kernzone vor. Die α-Phase besitzt in der Kernzone im
Längsschliff eine längliche Kornform. In der Randzone liegt die α-Phase in
globulitischer Form vor. Das Gefüge in der Randzone zeichnet sich gegenüber der
Kernzone durch eine geringere Größe der Körner der α-Phase aus. Die Größe der
Körner der α-Phase beträgt dort im Mittel 25µm gegenüber 30µm in der Kernzone.
Der Anteil der β-Phase unterscheidet sich zwischen Rand- und Kernzone nicht
wesentlich, er beträgt zwischen 30 und 35%.
Bild 6.5 ist eine TEM-Aufnahme des
Ausgangszustandes im Längsschliff. Es stellt die
Randbereiche zweier Körner der α-Phase dar. Eine
auf der Korngrenze liegende Ausscheidung wurde
beim Tenupolieren herausgelöst, so dass nur noch
die Kontur der Ausscheidung auf der Korngrenze
sichtbar ist. Der Durchmesser der Ausscheidung
beträgt ca. 1 µm. Weiterhin sind einzelne
Versetzungssegmente zu erkennen, die an der
Korngrenze enden. Im Korn der α-Phase liegt eine
länglich geformte Bleiausscheidung vor.
Bild 6.5: TEM-Aufnahme aus der α-Phase, stranggegossen, Hellfeld
62
Textur
In der α-Phase treten mehrere, relative schwache Texturpole auf. Darunter befindet
sich ein <110>-Texturpol parallel zur Bolzenachse, dessen Stärke 1.6 beträgt.
Bild 6.6: Polfiguren der α-Phase (Normalenrichtung in Bolzenlängsrichtung),
CuZn40Pb2, stranggegossen
Bild 6.7: Polfiguren der β-Phase im Lieferzustand, CuZn40Pb2, stranggegossen
Die Kristallite der β-Phase weisen tendenziell eine <100>-Textur quer zur
Bolzenrichtung und eine <110>-Textur in Bolzenrichtung auf, wobei Texturindizes
von 2.8 für die <100>-Textur und von 2.7 für die <110>-Textur bestimmt wurden.
Überlagert wird die wahre Textur der stranggegossenen Bolzen in den Polfiguren
durch den Einfluss des Grobkorns, der sich in zusätzlichen Polen auf der gesamten
Lagenkugel äußert.
Mechanische Eigenschaften
Die Härte von CuZn40Pb2 liegt im Kern und im Rand des Bolzens sowohl längs als
auch quer zur Bolzenachse bei HV2 = 95 MPa. Im Übergang zum Rand steigt die
Härte im Querschliff auf über 100 MPa an. Die mittlere Härte im ngsschliff
unterscheidet sich zwischen Rand und Kern nicht wesentlich von der im Querschliff
gemessenen Härte. Im Zugversuch wurde an CuZn40Pb2 eine 0.2%-Dehngrenze
Rp0.2 = 160 MPa sowie eine Zugfestigkeit Rmvon ca. 375 MPa bestimmt.
Grobkorneffekt
63
6.2 Strangpressen der Messinglegierungen
6.2.1 Strangpressparameter
Indirektes Strangpressen
In Bild 6.8 sind exemplarisch die Strangpresskräfte während des Strangpressens von
CuZn10 dargestellt, das bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur mit einer
Produktgeschwindigkeit von 0.5 m/s sowie einem Umformgrad von 3.0 indirekt
stranggepresst wurde. In dem Verlauf tritt ein Kraftmaximum zu Beginn des
Strangpressens auf, das im folgenden stets als Kraftüberhöhung bezeichnet wird.
Danach sind die Strangpresskräfte nahezu konstant, bis sie gegen Ende des
Durchtritts durch die Matrize kontinuierlich ansteigen. Der Bereich konstanter Kraft
wird als stationärer Bereich bezeichnet. Die Matrizenkraft beträgt im stationären
Bereich der Pressung von CuZn10 5.8 MN.
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0 100 200 300 400
0
1
2
3
4
5
6
7
8
Hauptzylinderkraft
Matrizenkraft
Geschwindigkeit [m/s]
Kraft [MN]
Stempelweg [mm]
Produktgeschwindigkeit
Bild 6.8: Strangpressdiagramm für CuZn10, TBolz = 700°C, vStrang =0.5 m/s,ϕ=3.0,
indirekt stranggepresst
Bei CuZn37 folgt im weiteren Verlauf des Strangpressens im Anschluss an die
Kraftüberhöhung ein zweites, weniger scharfes lokales Maximum. Bild 6.9 zeigt
exemplarisch das Strangpressdiagramm für einen Strang aus CuZn37, der bei 700°C
Bolzeneinsatztemperatur mit einer Produktgeschwindigkeit von 0.5 m/s sowie einem
Umformgrad von 3.0 indirekt stranggepresst wurde. CuZn37 besitzt einen geringen
Anteil an β-Phase und wird deshalb als Near-α-Legierung bezeichnet. Die
spezifische Matrizenkraft im stationären Bereich ist mit 3.2 MN beim Strangpressen
von CuZn37 wesentlich geringer als beim Strangpressen von CuZn10 und CuZn20.
64
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0 100 200 300
0
1
2
3
4
Hauptzylinderkraft
Matrizenkraft
Geschwindigkeit [m/s]
Kraft [MN]
Stempelweg [mm]
Produktgeschwindigkeit
Bild 6.9: Strangpressdiagramm für CuZn37, TBolz = 700°C, vStrang =0.5m/s,ρ= 3.0,
indirekt stranggepresst
Signifikante Reibungskräfte zwischen Bolzen und Aufnehmer treten beim indirekten
Strangpressen der Messinglegierungen nicht auf.
Kraftüberhöhung
Bei den einphasigen Messinglegierungen gibt es zu Beginn des
Strangpressvorganges stets eine Kraftüberhöhung. Die Kraftüberhöhung ist je nach
Strangpressparametern unterschiedlich stark und liegt über unterschiedlich lange
Stempelwege vor. Bild 6.10 zeigt exemplarisch ein Strangpressdiagramm mit einer
Kraftüberhöhung, die sich über einen großen Abschnitt des Stempelweges erstreckt.
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
0 50 100 150 200
0
2
4
6
8
Hauptzylinderkraft
Matrizenkraft
Geschwindigkeit [m/s]
Kraft [MN]
Stempelweg [mm]
Produktgeschwindigkeit
Bild 6.10: CuZn10, TBolz = 700°C, vStrang =0.7 m/s,ϕ= 3.55
65
Eine sehr geringe Kraftüberhöhung ist in Bild 6.11 zu erkennen. Der Strang aus
CuZn10 wurde bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur mit einer Produktgeschwindigkeit
von 1 m/s sowie einem Umformgrad von 3.9 hergestellt.
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
0.8
0.9
1.0
0 20 40 60 80 100 120
0
2
4
6
8
10
Hauptzylinderkraft
Matrizenkraft
Geschwindigkeit [m/s]
Kraft [MN]
Stempelweg [mm]
Produktgeschwindigkeit
Bild 6.11: CuZn10, TBolz = 700°C, vStrang =1 m/s,ϕ= 3.9
Die Near-α-Legierung CuZn37, die bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur mit einer
Produktgeschwindigkeit von 0.4 m/s sowie einem Umformgrad von 3 stranggepresst
wurde, zeigte keine starke Kraftüberhöhung (Bild 6.12).
0.0
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0 100 200 300 400
0
1
2
3
4
5
Hauptzylinderkraft
Matrizenkraft
Kraft [MN]
Stempelweg [mm]
Geschwindigkeit [m/s]
Produktgeschwindigkeit
Bild 6.12: CuZn37, TBolz = 700°C, vStrang =0.4 m/s,ϕ=3
Bei den anderen Pressvorgängen von CuZn37 tritt die doppelte Kraftüberhöhung auf,
die in Bild 6.8 exemplarisch dargestellt ist.
66
10 15 20 25 30 35 40
6
8
10
12
14
16
18
20
22
24
26
28
30
Δkw[MPa]
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.13: Einfluss des Zinkgehaltes von Messing auf die maximale Kraftüberhöhung
beim Strangpressen
Die Kraftüberhöhung wurde gemäß Gl. 5.4 auf den Umformgrad bezogen und als
relative Kraftüberhöhung Δkwbezeichnet. Mit zunehmendem Zinkgehalt wird die
relative Kraftüberhöhung Δkwbeim Warmstrangpressen kleiner. Der Wert für Δkwbei
CuZn10 beträgt ca. 25 MPa, für CuZn37 ist Δkw= 10 MPa. Von CuZn20 zu CuZn37
nimmt die relative Kraftüberhöhung Δkwweniger stark ab als von CuZn10 zu CuZn20.
Einfluss des Zinkgehaltes auf den spezifischen Pressdruck
Bild 6.14 zeigt die bei den Warmstrangpressversuchen jeweils auftretenden
maximalen und minimalen spezifischen Pressdrücke im stationären Bereich des
Strangpressens für die unterschiedlichen Legierungen. Durch die beiden Kräfte wird
das Intervall begrenzt, in dem im Rahmen der vorliegenden Strangpressparameter
für die entsprechende Legierung der spezifische Pressdruck variiert werden kann.
Mit zunehmendem Zinkgehalt der Messinglegierung wird der spezifische Pressdruck
pstat im stationären Bereich kleiner. Der kleinste jeweils für die Legierung unter den
Versuchsbedingungen erreichte stationäre spezifische Pressdruck beim
Strangpressen nimmt mit steigendem Zinkgehalt des Messings kontinuierlich ab, der
größte stationäre spezifische Pressdruck beim Strangpressen wird oberhalb von
20 Gew.-% Zink kleiner.
67
10 15 20 25 30 35 40 45
100
200
300
400
500
600
700
800
900
Minimaler
Maximaler
spezifischer Pressdruck
Spezifischer Pressdruck pstat [MPa]
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.14: Einfluss des Zinkgehaltes von Messing auf den spezifischen Pressdruck
Bei nahezu gleicher Versuchsmatrix (Tabelle 5.1) variieren die spezifischen
Pressdrücke pstat für CuZn20 und CuZn37 stärker als für CuZn10 und CuZn40Pb2.
So betragen die spezifischen Pressdrücke pstat beim Strangpressen von CuZn10
zwischen ca. 700 MPa und 850 MPa, während beim Strangpressen von CuZn20
spezifische Pressdrücke pstat von ca. 550 MPa bis 850 MPa ermittelt wurden.
Einfluss der Temperatur auf den spezifischen Pressdruck
Für alle untersuchten Messinglegierungen nehmen die spezifischen Pressdrücke
beim Strangpressen mit steigender Bolzeneinsatztemperatur ab.
640 660 680 700 720 740 760
580
600
620
640
660
680
700
720
740
760
780
800
Maximum (pmax)
Im stationären Bereich (pstat)
Spezifischer Pressdruck p [MPa]
Bolzeneinsatztemperatur [°C]
Bild 6.15: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den spezifischen Pressdruck,
CuZn10, vStrang =0.5 m/s,ϕ=3
68
In Bild 6.15 ist der Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den spezifischen
Pressdruck beim Strangpressen von CuZn10 dargestellt. Der Abfall der spezifischen
Pressdrücke von 650°C Bolzeneinsatztemperatur zu 700°C Bolzeneinsatztemperatur
ist größer als der von 700°C zu 750°C. Die Überhöhung des spezifischen
Pressdruckes, d.h. die Differenz zwischen dem maximalen spezifischen Pressdruck
zu Beginn des Strangpressprozesses und dem stationären spezifischen Pressdruck,
ist bei 750°C geringfügig größer als bei 650°C Bolzeneinsatztemperatur. Bei 650°C
Bolzeneinsatztemperatur beträgt die Überhöhung des spezifischen Pressdrucks ca.
60 MPa, bei 750°C ca. 80 MPa.
640 660 680 700 720 740 760
220
240
260
280
300
320
340
360
380
400
420
440
Maximum (pmax)
Im statioren Bereich (pstat)
Spezifischer Pressdruck p [MPa]
Bolzeneinsatztemperatur [°C]
Bild 6.16: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den spezifischen Pressdruck,
CuZn37, vStrang =0.5 m/s,ϕ=3
Bei CuZn37 sind die spezifischen Pressdrücke (Bild 6.16) bei ansonsten
vergleichbaren Strangpressparametern signifikant kleiner als bei CuZn10. Zwischen
650°C und 700°C ist der Unterschied der stationären spezifischen Pressdrücke im
Vergleich geringfügig. Der spezifische Pressdruck beträgt pstat = 400 MPa und
pstat = 350 MPa, das Maximum der Überhöhung pmax-pstat liegt bei 700°C und ist
gleich 30 MPa. Von 700°C nach 750°C Bolzeneinsatztemperatur fällt der stationäre
spezifische Pressdruck von ca. 350 MPa auf ca. 230 MPa ab.
Bild 6.17 zeigt den Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den spezifischen
Pressdruck für CuZn40Pb2.
69
600 620 640 660 680 700 720 740 760
140
160
180
200
220
240
260
280
300
320
340 Maximum (pmax)
Im stationären Bereich (pstat)
Spezifischer Pressdruck p [MPa]
Bolzeneinsatztemperatur [°C]
Bild 6.17: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den spezifischen Pressdruck,
CuZn40Pb2, vStrang =0.5 m/s,ϕ=2.9
Die spezifischen Pressdrücke nehmen nahezu linear mit steigender
Bolzeneinsatztemperatur ab. Bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur ist die Differenz
zwischen dem maximalen spezifischen Pressdruck zu Beginn des
Strangpressprozesses und dem stationären spezifischen Pressdruck maximal. Die
Überhöhung beträgt 40 MPa im Vergleich zu 20 MPa bei 600°C und 15 MPa bei
750°C Bolzeneinsatztemperatur.
Einfluss des Umformgrades auf den spezifischen Pressdruck
Mit zunehmendem Umformgrad nimmt der spezifische Pressdruck zu. Bei CuZn10
(Bild 6.18), CuZn20 und CuZn40Pb2 besteht ein linearer Zusammenhang zwischen
dem spezifischen Pressdruck und dem Umformgrad.
3.0 3.2 3.4 3.6 3.8 4.0
600
650
700
750
800
850
900 Maximum (pmax)
Im stationären bereich (pstat)
Spezifischer Pressdruck p [MPa]
Umformgrad ϕ
Bild 6.18: Einfluss des Umformgrades auf den spezifischen Pressdruck, CuZn10,
vStrang =0.5m/s, T
Bolz =700°C
70
Bild 6.19 zeigt den Einfluss des Umformgrades auf den spezifischen Pressdruck
beim Strangpressen von CuZn37. Für den Umformgrad ϕ= 3.0 und ϕ=3.55
unterscheidet sich der spezifische Pressdruck nicht signifikant. Die Erhöhung des
Umformgrades von 3.55 auf 3.9 bewirkt eine signifikante Zunahme des spezifischen
Pressdrucks von ca. 370 MPa auf 550 MPa.
3.0 3.2 3.4 3.6 3.8 4.0
300
350
400
450
500
550
600 Maximum (pmax)
Im stationären bereich (pstat)
Spezifischer Pressdruck p [MPa]
Umformgrad ϕ
Bild 6.19: Einfluss des Umformgrades auf den spezifischen Pressdruck, CuZn37,
vStrang =0.5m/s, T
Bolz =700°C
Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf den Umformwiderstand
Bei CuZn10, CuZn20 und CuZn40Pb2 hat die Produktgeschwindigkeit keinen
systematischen Einfluss auf den Umformwiderstand (Gl. 5.3). In Bild 6.20 ist
exemplarisch für CuZn10 der Umformwiderstand in Abhängigkeit von der
Produktgeschwindigkeit dargestellt, wobei die Bolzeneinsatztemperatur 700°C
betrug.
0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0 1.1
190
200
210
220
230
Umformwiderstand kw[MPa]
Produktgeschwindigkeit vStrang [m/s]
Bild 6.20: Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf den Umformwiderstand beim
Strangpressen, CuZn10, TBolz =700°C
71
CuZn37 besitzt aufgrund des Übergangs vom α-Phasenraum zum α+β-
Zweiphasenraum bei Temperaturen von 700°C und höher einen geringeren
Umformwiderstand als CuZn10 und CuZn20. Weiterhin zeigt CuZn37 tendenziell eine
Zunahme des Umformwiderstandes mit größer werdender Produktgeschwindigkeit
und konstanter Bolzeneinsatztemperatur von 700°C (Bild 6.21). 95 MPa beträgt der
Umformwiderstand bei einer Produktgeschwindigkeit von 0.4 m/s, ca. 136 MPa bei
einer Produktgeschwindigkeit von 1 m/s.
0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0 1.1
80
90
100
110
120
130
140
150
160
Umformwiderstand kw
Produktgeschwindigkeit vStrang [m/s]
Bild 6.21: Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf den Umformwiderstand beim
Strangpressen, CuZn37, TBolz =700°C
72
Direktes Strangpressen von CuZn40Pb2
In Bild 6.22 ist exemplarisch die Entwicklung der Kräfte während des direkten
Strangpressens von CuZn40Pb2 dargestellt. Die Matrizenkraft erreicht einen
stationären Wert, der bei 2 MN liegt, und steigt mit zunehmendem Stempelweg
kontinuierlich an, sobald der Stempelweg größer als 60 mm wird. Bei der Reibkraft
liegt das Maximum zu Beginn des Strangpressvorganges. Im weiteren Verlauf des
Strangpressens nimmt die Reibkraft kontinuierlich ab. Die Summe der beiden
Komponenten, im weiteren Text als Gesamtkraft bezeichnet, wird nach einem
Maximum zu Beginn des Strangpressvorganges mit zunehmendem Pressweg
kontinuierlich kleiner.
0 20406080100120140
0.0
0.5
1.0
1.5
2.0
2.5
3.0
3.5
4.0
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
Matrizenkaft
Reibkraft
Gesamtkraft
Kraft [MN]
Pressweg [mm]
Spez. Pressdruck
Spezifischer Pressdruck p [MPa]
Bild 6.22: Kraft-Weg-Diagramm beim direkten Strangpressen, CuZn40Pb2,
TBolz = 610°C, vStrang = 0.285 m/s, ϕ=2.9
Mit zunehmender Bolzeneinsatztemperatur wird die Matrizenkraft beim direkten
Strangpressen von CuZn40Pb2 kontinuierlich kleiner (Bild 6.23). Bei 610°C
Bolzeneinsatztemperatur ist die quasistationäre Matrizenkraft gleich 2.3 MN, bei
750°C Bolzeneinsatztemperatur beträgt die spezifische Matrizenkraft ca. 1.2 MN.
73
600 620 640 660 680 700 720 740 760
1.0
1.2
1.4
1.6
1.8
2.0
2.2
2.4
2.6
quasistationäre Kraft
Kraftmaximum
Kraft [MN]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.23: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Matrizenkraft, CuZn40Pb2,
vStrang = 0.285 m/s, ϕ=2.9
0.10.20.30.40.50.60.7
2.2
2.3
2.4
2.5
2.6
2.7
2.8
2.9
3.0 quasistationäre Kraft
Kraftmaximum
Kraft [MPa]
Produktgeschwindigkeit vStrang [m/s]
Bild 6.24: Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die Matrizenkraft, CuZn40Pb2,
TBolz =700°C,ϕ=2.9
Die Zunahme der Produktgeschwindigkeit von 0.285 m/s auf 0.665 m/s ist mit einer
Veränderung der quasistationären Matrizenkraft von 2.35 MN auf ca. 2.8 MN
verbunden. Die Werte der quasistationären spezifischen Matrizenkraft bei einer
Produktgeschwindigkeit von 0.133 m/s und von 0.285 m/s unterscheiden sich nicht
signifikant.
In Bild 6.25 und Bild 6.26 ist der Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur und der
Produktgeschwindigkeit auf die Reibkraft beim direkten Strangpressen der Bolzen
aus CuZn40Pb2 dargestellt.
74
600 620 640 660 680 700 720 740 760
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
0.8
0.9
1.0
1.1
1.2 maximale Reibkraft
minimale Reibkraft
Kraft [MN]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.25: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Reibkraft, CuZn40Pb2,
vStrang = 0.285 m/s, ϕ=2.9
0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
0.8
0.9
1.0
1.1
1.2
1.3
1.4
1.5
1.6
maximale Reibkraft
minimale Reibkraft
Kraft [MN]
Produktgeschwindigkeit vStrang [m/s]
Bild 6.26: Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die Reibkraft, CuZn40Pb2,
TBolz =700°C,ϕ=2.9
Mit zunehmender Bolzeneinsatztemperatur beim Strangpressen werden die
Reibkräfte an dem Aufnehmer kontinuierlich kleiner (Bild 6.25). Bei 610°C
Bolzeneinsatztemperatur beträgt die Reibkraft zu Beginn des Strangpressens ca.
1.1 MN, bei 750°C ist die Reibkraft zu Beginn des Strangpressens gleich 0.65 MN.
Die Erhöhung der Produktgeschwindigkeit durch eine Vergrößerung der
Stempelgeschwindigkeit bewirkt tendenziell eine Zunahme der Reibkräfte beim
Strangpressen. Wenn die Produktgeschwindigkeit von 0.285 m/s auf 0.665 m/s
gesteigert wird, verändert sich die Reibkraft zu Beginn des Strangpressens von
1.1 MN auf 1.45 MN.
75
6.2.2 Gefüge und Mikrostruktur der Strangpressprodukte
Mikroskopie und röntgenographische Linienprofilanalysen
Nach dem Strangpressen besitzen die α- und Near-α-Legierungen keine
Makroseigerungen. Die Streuung des Cu-Gehalts, der im Rahmen der EDX-Analyse
bestimmt wurde, beträgt beim stranggepressten CuZn10 ungefähr 1.0 Atom-% im
Vergleich zu 1.5 Atom-% nach dem Stranggießen. Für CuZn37 wurde im Strangguss
eine Streuung des Cu-Gehalts von ca. 1.3 Atom-% bestimmt. Nach dem
Strangpressen beträgt die Streuung in den mit einem Umformgrad gleich 3.55 bzw.
3.9 stranggepressten Profilen 0.7 bzw. 0.6. Das Gefüge der α-Phase besteht aus
Körnern mit geringer Streckung, in denen zahlreiche Glühzwillinge sowie
Verformungszwillinge zu erkennen sind. Bild 6.27 zeigt exemplarisch für die α-
Legierungen das Gefüge eines Strangpressprofils aus CuZn20 im Längs- und im
Querschliff, aufgenommen mit einem Lichtmikroskop im Hellfeld. Im Querschliff sind
sog. Verformungsstreifen zu erkennen.
a b
Bild 6.27: lichtmikroskopische Gefügeaufnahmen von CuZn20, indirekt strang-
gepresst (TBolz =700°C,ϕ=3, v
Strang = 0.5 m/s), a Längsschliff, b Querschliff
CuZn37 enthält einen geringen Anteil der β-Phase (Bild 6.28). Im lichtmikroskopisch
abgebildeten Längsschliff ist die β-Phase in Strangpressrichtung streifenförmig
angeordnet, wobei sich breite Gefügestreifen aus α-Körnern mit der β-Phase
abwechseln. Die Körner der β-Phase wurden nicht angeätzt.
100 µm 100 µm
76
a b
Bild 6.28: lichtmikroskopische Gefügeaufnahmen von CuZn37, indirekt strang-
gepresst (TBolz = 650°C, ϕ=3, v
Strang = 0.5 m/s), a Längsschliff, b Querschliff
Das lichtmikroskopisch abgebildete Gefüge der Strangpressprofile aus CuZn10,
CuZn20 und CuZn37 unterscheidet sich an der Außenseite und im Inneren der
Strangpressprofile nicht signifikant.
a b
Bild 6.29: lichtmikroskopische Gefügeaufnahmen von CuZn40Pb2, indirekt strang-
gepresst (TBolz =700°C,ϕ=2.9, v
Strang = 0.285 m/s), a Längsschliff, b Querschliff
Die Gefüge der Strangpressprofile aus CuZn40Pb2 zeichnen sich durch eine
zeilenförmige Anordnung der α-Phase und der β-Phase im Längsschliff aus
(Bild 6.29). Die Körner der β-Phase sind in Strangpressrichtung gestreckt. Die Form
der Körner der α-Phase ist, abhängig von den Strangpressparametern, leicht in
Strangpressrichtung gestreckt bis globulitisch. Die Körner der α-Phase weisen
Zwillinge auf. In der Randzone ist die Zwillingsdichte im allgemeinen größer als im
Kern.
Die Bleiausscheidungen liegen hauptsächlich auf den Phasengrenzen zwischen den
Körnern der α- und der β-Phase oder auf Korngrenzen, darüber hinaus aber auch
100 µm 100 µm
40 µm 40 µm
77
innerhalb der Körner der α- und der β-Phase. Die Größe und die Verteilung der
Bleiausscheidungen schwankt zwischen den Strangpressprodukten und innerhalb
der Strangquerschnitte.
Bei CuZn40Pb2 treten Gefügeunterschiede zwischen der Außenseite, im folgenden
als Rand bezeichnet, und dem Inneren der Strangpressprofile, im weiteren Text Kern
genannt, auf. Diese Unterschiede werden im Zusammenhang mit dem Einfluss der
Strangpressparameter auf das Gefüge dargestellt.
Phasenanteile bei CuZn37 und CuZn40Pb2
Der mittels Röntgenbeugung ermittelte Anteil der β-Phase am Gefüge von
stranggepresstem CuZn37 variiert zwischen ca. 5 Vol.-% und 15 Vol.-%. Zwischen
dem Phasenanteil der β-Phase bzw. α-Phase nach dem Strangpressen und der
Bolzeneinsatztemperatur beim Strangpressen besteht kein systematischer
Zusammenhang (Bild 6.30).
Bild 6.30: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den Anteil der α-Phase von
CuZn37, indirekt stranggepresst (ϕ= 3, vStrang =0.5 m/s)
Je größer der Umformwiderstand beim Strangpressen von CuZn37 ist, desto mehr α-
Phase liegt in dem Strangpressgefüge vor (Bild 6.31). Bei einem Umformwiderstand
von ca. 90 MPa während des Strangpressens besitzt das Strangpressprofil aus
CuZn37 in der Mitte des Strangpressprofils ca. 85 Vol.-% α-Phase, bei einem
Umformwiderstand von 140 MPa beträgt der Anteil der α-Phase in der Mitte des
Strangpressprofils nahezu 100 Vol.-%.
650 660 670 680 690 700
65
70
75
80
85
90
95
100
Synchrotron
ntgen
Anteil der α-Phase Vα[Vol.-%]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
78
90 100 110 120 130 140 150
70
75
80
85
90
95
100
105
Synchrotron
ntgen
Anteil der α-Phase Vα[Vol.-%]
Umformwiderstand kw[MPa]
Bild 6.31: Einfluss des Umformwiderstandes auf den Anteil der α-Phase von CuZn37,
indirekt stranggepresst (TBolz =700°C,ϕ=3, v
Strang = 0.5 m/s), Röntgenbeugung
Bild 6.32 zeigt den Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den β-Phasenanteil von
CuZn40Pb2 nach dem indirekten Strangpressen. Am Rand ist der β-Phasenanteil für
alle Bolzeneinsatztemperaturen um ca. 10 Vol.-% größer als im Kern. Der β-
Phasenanteil in den mit 600°C und mit 700°C Bolzeneinsatztemperatur gepressten
Strängen unterscheidet sich nicht signifikant und beträgt im Kern ca. 20 Vol.-%. Für
das bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur hergestellte Profil ist der β-Phasenanteil im
Kern gleich ca. 15 Vol.-% und folglich etwas kleiner als bei 600°C und 700°C
Bolzeneinsatztemperatur.
600 650 700 750
10
15
20
25
30
35
40
Kern
Rand
β-Phasenanteil Vβ[Vol.-%]
BolzeneinsatztemperaturC]
Bild 6.32: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den Anteil der β-Phase von
CuZn40Pb2, indirekt stranggepresst (ϕ=2.9, v
Strang = 0.285 m/s), Röntgenbeugung
Mit zunehmendem Umformgrad beim indirekten Strangpressen nimmt der β-
Phasenanteil von CuZn40Pb2 tendenziell zu (Bild 6.33). Im Kern liegt bei einem
79
Umformgrad von 2.1 ein β-Phasenanteil von 13 Vol.-% vor, bei einem Umformgrad
von 2.1 ein β-Phasenanteil von 20 Vol.-%.
2.22.42.62.83.03.23.43.63.84.0
10
15
20
25
30
35
Kern
Rand
β-Phasenanteil Vβ[Vol.-%]
log. Umformgrad
Bild 6.33: Einfluss des Umformgrades auf den Anteil der β-Phase von CuZn40Pb2,
indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang = 0.285 m/s), Röntgenbeugung
Zwischen der Produktgeschwindigkeit beim indirekten Strangpressen und den
Phasenanteilen der α-bzw.β-Phase wurde für CuZn37 und CuZn40Pb2 kein
systematischer Zusammenhang gefunden. Dies gilt auch für direkt stranggepresstes
CuZn40Pb2.
Einfluss der Strangpressparameter auf die Korngröße
Von CuZn10 zu CuZn20 erhöht sich die mittlere Korngröße der α-Phase, außerdem
unterscheidet sich die Korngröße in Abhängigkeit von den Strangpressparametern
bei CuZn20 stärker als bei CuZn10 (Bild 6.34). Bei CuZn20 variiert die mittlere
Korngröße der α-Phase für die verschiedenen Strangpressprodukte zwischen ca.
45 µm und ca. 84 µm, bei CuZn10 zwischen ca. 25 µm und 38 µm.
Von CuZn20 über CuZn37 nach CuZn40Pb2 nimmt die mittlere Korngröße der α-
Phase ab. Für CuZn37 wurde je nach Kombination der Strangpressparameter eine
mittlere Korngröße der α-Phase zwischen 25 µm und 33 µm, für CuZn40Pb2
zwischen 9 µm und 23 µm ermittelt. Die Streuung der Korngröße der α-Phase von
CuZn37 und CuZn40Pb2 in Abhängigkeit von den Strangpressparametern ist somit
im Vergleich zu CuZn20 wesentlich kleiner.
80
10 15 20 25 30 35 40
10
20
30
40
50
60
70
80
90 maximale
minimale
mittlere Korngröße
Lineare Korngröße d [µm]
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.34: Einfluss des Zinkgehalts auf die mittlere Korngröße der α-Phase, indirekt
stranggepresst (CuZn10, CuZn20, CuZn37, CuZn40Pb2) und direkt stranggepresst
(CuZn40Pb2)
Bei CuZn10, CuZn20 und CuZn40Pb2 nimmt die mittlere Korngröße der α-Phase der
Strangpressprodukte mit steigender Bolzeneinsatztemperatur beim Strangpressen
linear zu. Für CuZn10 wurde bei 650°C Bolzeneinsatztemperatur eine mittlere
Korngröße von 23 µm, bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur eine mittlere Korngröße
von 30 µm und bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur eine mittlere Korngröße von
38 µm bestimmt (Bild 6.35).
660 680 700 720 740
22
24
26
28
30
32
34
36
38
40
Lineare Korngröße d [µm]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.35: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die mittlere Korngröße der α-
Phase, CuZn10, indirekt stranggepresst (vStrang =0.5 m/s,ϕ=3)
Die mittlere Korngröße der α-Phase in den Strangpressprodukten aus CuZn20 nimmt
von 62 µm bei 650°C Bolzeneinsatztemperatur über 67 µm bei 700°C
Bolzeneinsatztemperatur auf 76 µm bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur zu, wenn
81
der Umformgrad konstant bei 3 und die Produktgeschwindigkeit bei 0.5 m/s gehalten
werden.
600 650 700 750
5
10
15
20
25
Kern
Rand
Lineare Korngröße d [µm]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.36: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die mittlere Korngröße der α-
Phase, CuZn40Pb2, indirekt stranggepresst (vStrang = 0.285 m/s, ϕ=2.9)
600 650 700 750
5
10
15
20
25
Kern
Rand
Lineare Korngröße d [µm]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.37: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die mittlere Korngröße der α-
Phase, CuZn40Pb2, direkt stranggepresst (vStrang = 0.285 m/s, ϕ=2.9)
Für CuZn40Pb2 wurde nach dem indirekten Strangpressen mit einer
Bolzeneinsatztemperatur TBolz = 600°C bzw. nach dem direkten Strangpressen mit
TBolz = 610°C eine mittlere Korngröße der α-Phase von d = 12 µm (Bild 6.36) bzw.
d = 9 µm (Bild 6.37) bestimmt. Unterschiedliche Korngrößen der α-Phase im Kern
und Rand wurden nicht gefunden.
Die Korngrößen für TBolz = 700°C und TBolz = 750°C unterscheiden sich im Rahmen
der Streuung innerhalb des Querschnitts der Strangpressprofile nicht wesentlich und
82
liegen geringfügig über den Korngrößen der α-Phase bei den niedrigeren
Bolzeneinsatztemperaturen (Bild 6.36 und Bild 6.37). Tendenziell stellt sich in den bei
700°C und 750°C Bolzeneinsatztemperatur stranggepressten Profile aus CuZn40Pb2
im Kern ein etwas größeres Korn ein als am Rand. So beträgt im Falle der indirekt
stranggepressten Profile die mittlere Korngröße bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur
18 µm im Kern und ca. 12 µm am Rand sowie bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur
17 µm im Kern und 13 µm am Rand.
640 660 680 700 720 740 760
22
24
26
28
30
32
34
36
38
Lineare Korngröße d [µm]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.38: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die mittlere Korngröße der α-
Phase, CuZn37, indirekt stranggepresst (vStrang =0.5 m/s,ϕ=3)
Im Falle von CuZn37 zeigt der Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die
Korngröße der α-Phase eine andere Tendenz als bei den zuvor genannten
Legierungen. Die mittlere Korngröße der α-Phase nach dem Strangpressen beträgt
ca. 31 µm bei 650°C und 750°C Bolzeneinsatztemperatur. Bei der im Rahmen der
vorliegenden Untersuchungen mittleren Bolzeneinsatztemperatur, für die 700°C
gewählt wurde, ist die mittlere Korngröße der α-Phase gleich 27 µm und somit
minimal (Bild 6.38).
Der Einfluss des Umformgrades auf die mittlere Korngröße der α-Phase der
Strangpressprodukte ist bei allen im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersuchten
Messinglegierungen unterschiedlich. Bild 6.39 zeigt den Einfluss des Umformgrades
auf die Korngröße der α-Phase der Strangpressprodukte aus CuZn10. Das bei
einem Umformgrad von 3 hergestellte Profil besitzt eine mittlere Korngröße von ca.
25 µm, bei einem Umformgrad gleich 3.9 beträgt die mittlere Korngröße ca. 30 µm.
Für einen Umformgrad von 3.55 wurde eine mittlere Korngröße von ca. 23 µm
bestimmt.
83
3.0 3.2 3.4 3.6 3.8 4.0
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
Lineare Korngröße d [µm]
Umformgrad ϕ
Bild 6.39: Einfluss des Umformgrades auf die mittlere Korngröße der α-Phase,
CuZn10, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
Bei CuZn20 ist die mittlere Korngröße bei ansonsten gleichen Prozessparametern
wie bei CuZn10 bei einem Umformgrad ϕ= 3.9 mit 83 µm ebenfalls signifikant größer
als bei einem Umformgrad ϕ= 3, für den eine mittlere Korngröße der α-Phase von
48 µm bestimmt wurde. Keinen signifikanten Einfluss auf die mittlere Korngröße der
α-Phase hat der Umformgrad bei CuZn37.
2.2 2.4 2.6 2.8 3.0 3.2 3.4 3.6 3.8 4.0 4.2
5
10
15
20
25
30
Kern
Rand
Lineare Korngröße d [µm]
Umformgrad ϕ
Bild 6.40: Einfluss des Umformgrades auf die mittlere Korngröße der α-Phase,
CuZn40Pb2, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
Bei indirekt stranggepresstem CuZn40Pb2 führt die Erhöhung des Umformgrades
tendenziell zu einer kleiner werdenden mittleren Korngröße der α-Phase. Im Kern
beträgt die mittlere Korngröße der α-Phase bei einem Umformgrad ϕ=2.1 ca.
25 µm, bei ϕ= 3.9 ca. 17 µm. Am Rand sind die Körner der α-Phase im Mittel kleiner
84
als im Kern und der Einfluss des Umformgrades auf die Korngröße der α-Phase nicht
signifikant ausgeprägt (Bild 6.40).
Die Produktgeschwindigkeit wirkt sich beim Strangpressen von CuZn10 und
CuZn40Pb2 nicht signifikant auf die mittlere Korngröße der α-Phase aus.
0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0
40
50
60
70
80
90
Lineare Korngröße d [µm]
Produktgeschwindigkeit vStrang [m/s]
Bild 6.41: Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die mittlere Korngröße der α-
Phase, CuZn20, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
0.30 0.35 0.40 0.45 0.50
22
24
26
28
30
32
34
Lineare Korngröße d [µm]
Produktgeschwindigkeit vStrang [m/s]
Bild 6.42: Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die mittlere Korngröße der α-
Phase, CuZn37, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
Bei CuZn20 geht die Erhöhung der Produktgeschwindigkeit von vStrang = 0.3 m/s auf
vStrang = 1 m/s mit einer Zunahme der mittleren Korngröße der α-Phase von 48 µm
auf 80 µm einher (Bild 6.41). Entgegengesetzt zu CuZn20 ist der Einfluss der
Produktgeschwindigkeit auf die mittlere Korngröße der α-Phase bei CuZn37
(Bild 6.42). 30 µm beträgt die mittlere Korngröße der α-Phase bei vStrang =0.3m/s
und 27 µm bei vStrang =0.5m/s.
85
Mikrostruktur der Strangpressprofile
Mit zunehmender Bolzeneinsatztemperatur nimmt bei CuZn10, CuZn20 und CuZn37
die mittels Röntgenreflexlinienprofilanalyse bestimmte Domänengröße der α-Phase
zu und die Mikrodehnungen der α-Phase gleichzeitig ab, wobei keine systematischen
Unterschiede zwischen einzelnen Reflexen festgestellt werden konnten.
Exemplarisch ist der Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Domänengröße
und die Mikrodehnungen der α-Phase in Bild 6.43 für CuZn37 gezeigt.
0.000
0.002
0.004
0.006
0.008
640 660 680 700 720 740 760
400
500
600
700
800
900
1000
Mikrodehnung
Domänengröße
Domänengröße [Α]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Mikrodehnung
Bild 6.43: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Domänengröße und die
Mikrodehnungen der α-Phase, CuZn37, indirekt stranggepresst (vStrang =0.5 m/s,
ϕ= 3), Mittelung über verschiedene Reflexe
Die ebenfalls mittels Röntgenreflexlinienprofilanalyse bestimmten Stapelfehler- und
Zwillingswahrscheinlichkeiten der α-Phase werden kleiner, wenn die
Bolzeneinsatztemperatur erhöht wird (Bild 6.44). Bei der
Stapelfehlerwahrscheinlichkeit steht ein Wert von ca. 0.065 bei 650°C
Bolzeneinsatztemperatur beispielsweise einem Wert von 0.003 bei 750°C
Bolzeneinsatztemperatur gegenüber.
86
0.0
2.0x10-2
4.0x10-2
6.0x10-2
8.0x10-2
1.0x10-1
1.2x10-1
1.4x10-1
640 660 680 700 720 740 760
0.0
1.0x10-2
2.0x10-2
3.0x10-2
4.0x10-2
5.0x10-2
6.0x10-2
7.0x10-2
8.0x10-2 SPF
SF-Wahrscheinlichkeit SFP
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
ZW-Wahrscheinlichkeit TP
TP
Bild 6.44: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Stapelfehler- und die
Zwillingswahrscheinlichkeit der α-Phase, CuZn37, indirekt stranggepresst
(vStrang =0.5 m/s,ϕ= 3), Mittelung über verschiedene Reflexe
0.000
0.002
0.004
0.006
0.008
0.010
80 100 120 140
200
300
400
500
600
700
800
900
1000
Mikrodehnung
Domänengröße
Donengröße [Α]
Umformwiderstand kw[MPa]
Mikrodehnung
Bild 6.45: Einfluss des Umformwiderstandes auf die Domänengröße und die
Mikrodehnungen der α-Phase, CuZn37, indirekt stranggepresst (TBolz =700°C),
Mittelung über verschiedene Reflexe
Mit zunehmendem Umformwiderstand beim Strangpressen von CuZn37 werden die
Mikrodehnungen in der α-Phase der Strangpressprodukte kleiner (Bild 6.45). 0.003
beträgt die Mikrodehnung in der α-Phase bei einem Umformwiderstand von 78 MPa,
0.008 bei einem Umformwiderstand von 140 MPa. Die Domänengröße der α-Phase
von CuZn37 wird mit zunehmendem Umformwiderstand tendenziell kleiner.
In der β-Phase von CuZn37 beträgt die Domänengröße ca. 100 Å, wobei im Rahmen
der Fehlergenauigkeit der Linienprofilanalyse kein systematischer Unterschied
zwischen den bei unterschiedlichen Bolzeneinsatztemperaturen stranggepressten
Profilen festgestellt wurde.
87
0.005
0.006
0.007
0.008
0.009
0.010
0.011
0.012
0.013
600 620 640 660 680 700 720 740 760
150
200
250
300
350
400
450
500
550 Domänengröße
Domänengröße [A]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Mikrodehnung
Mikrodehnung
Bild 6.46: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Domänengröße und die
Mikrodehnungen der α-Phase, CuZn42Pb2, indirekt stranggepresst (vStrang = 0.285
m/s, ϕ=2.9),α002-Reflex
0.004
0.006
0.008
0.010
0.012
0.014
0.016
0.018
0.020
600 620 640 660 680 700 720 740 760
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
550 Domänengröße
Domänengße [A]
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Mikrodehnung
Mikrodehnung
Bild 6.47: Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Domänengröße und die
Mikrodehnungen der β-Phase, CuZn42Pb2, direkt stranggepresst (vStrang =0.285
m/s, ϕ=2.9),β112-Reflex
Beim indirekten Strangpressen von CuZn40Pb2 wird die röntgenographisch
ermittelte Domänengröße sowohl der α-Phase als auch der β-Phase mit
zunehmender Bolzeneinsatztemperatur tendenziell größer, wobei die Domänengröße
in der β-Phase stets kleiner ist als in der α-Phase (Bild 6.46 und Bild 6.47). Bei
600°C Bolzeneinsatztemperatur beträgt die Domänengröße der α-Phase ca. 225 Å
und die der β-Phase ca. 140 Å, bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur wurde für die α-
Phase eine Domänengröße von 450 Å und für die β-Phase eine Domänengröße von
nahe 500 Å bestimmt.
88
Die Mikrodehnungen der α-Phase des indirekt stranggepressten CuZn40Pb2
besitzen bei 700°C ein lokales Minimum (Bild 6.46). In der β-Phase der
entsprechenden Strangpressprodukte sind die Mikrodehnungen bei 700°C und
750°C Bolzeneinsatztemperatur deutlich größer als bei 600°C
Bolzeneinsatztemperatur (Bild 6.47).
Texturanalysen
Nach dem Strangpressen der verschiedenen Messinglegierungen bildet sich in der
α-Phase der Strangpressprodukte eine Doppelfasertextur in Strangpressrichtung
aus. Die beiden Texturfasern liegen auf der Symmetralen (001)-(111) nahe der
<100>-Richtung sowie auf der Symmetralen (111)-(01-1) nahe der <111>-Richtung
(Bild 6.48). Die Texturfaser von CuZn10 und CuZn20 auf der Symmetralen (001)-
(111) befindet sich in einem "Streugürtel" /Wassermann1962/ zwischen <511> und
<311>, die Texturfaser auf der Symmetralen (111)-(01-1) nahe <233>.
Bild 6.48: Polfiguren der α-Phase von CuZn10, (α100, α111 und α311), inverse
Polfigur (Strangpressrichtung), indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =1 m/s,
ϕ=3.9)
89
Bild 6.49: Polfiguren der α-Phase von CuZn37, (α100 und α111), inverse Polfigur
(Strangpressrichtung), indirekt stranggepresst (TBolz = 750°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Mit zunehmendem Zinkgehalt der Messinglegierungen wandern die Texturpole der
<uvw>{100} - Texturfaser und der <uvw>{111} -Texturfaser Richtung <uvw> = <100>
bzw. <uvw> = <111>, wobei CuZn37 überwiegend eine <100>-
Fasertexturkomponente (Bild 6.49) bzw. eine <111>-Fasertexturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase besitzt.
In der β-Phase stellt sich durch das Strangpressen eine <110>-Faser parallel zur
Strangpressachse ein.
Bild 6.50: Polfigur der β-Phase von CuZn40Pb2, Reflex 110, indirekt stranggepresst,
(TBolz = 750°C, vStrang = 0.285 m/s, ϕ=2.9)
90
Je nach Legierung und Strangpressparameter unterscheiden sich die Stärke, die
relative Gewichtung der <uvw>{100} - Texturfaser und der <uvw>{111} -Texturfaser,
die Schärfe der <uvw>{100} - Texturfaser und der <uvw>{111} -Texturfaser sowie die
Lage der Texturpole.
Einfluss des Zinkgehaltes auf die Textur der Strangpressprodukte
Der Texturindex der <uvw>{100} - Texturfaser der Doppelfasertextur der α-Phase
vom Strangpressen besitzt bei CuZn37 im Vergleich zu CuZn10, CuZn20 und
CuZn40Pb2 maximale Werte (Bild 6.51).
10 15 20 25 30 35 40
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
kleinster und
größter Texturindex
des <uvw>{100}-Texturpols
kleinster und
größter Texturindex
des <uvw>{111}-Texturpols
Texturindex
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.51: Einfluss des Zinkgehalts der Messinglegierung auf die Stärke der
Doppelfasertextur der α-Phase
In der α-Phase von CuZn37, das bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur mit einer
Produktgeschwindigkeit vStrang = 0.5 m/s und mit einem Umformgrad ϕ=3
stranggepresst wurde, beträgt der Texturindex der <uvw>{100} - Texturkomponente,
in dem Fall einer <100>-Texturfaser, der Doppelfasertextur vom Strangpressen ca. 8.
Der Texturindex der <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen bei CuZn20 und CuZn40Pb2 beträgt bis zu 4 bzw. bei
CuZn10 bis zu 2.5. Auch die Spannweite des Texturindex ist im Rahmen der
untersuchten Strangpressparameter bei CuZn37 maximal (Bild 6.51).
Die Texturindizes der <uvw>{111} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen unterscheiden sich in Abhängigkeit vom Zinkgehalt
weniger signifikant. Maximale Texturindizes von ca. 3 wurden bestimmt, wobei die
maximalen Werte sowie die Spannweite der Texturindizes <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase bei CuZn10 und CuZn20
geringfügig größer sind als bei CuZn37 und CuZn40Pb2 (Bild 6.51).
91
Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Textur der Strangpressprodukte
Die Bolzeneinsatztemperatur beeinflusst bei allen untersuchten Legierungen die
<uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen wesentlich stärker als die <uvw>{111} - Texturkomponente. Bei
CuZn10 und CuZn20 sind der {100} - und der {111} - Texturpol der Doppelfasertextur
der α-Phase vom Strangpressen bis zu 20° gegenüber der Strangpressachse
verkippt, während der {311} -Texturpol nahezu parallel zur Strangpressachse
ausgerichtet ist. In der α-Phase von CuZn37 und CuZn40Pb2 beträgt der Winkel
zwischen dem {100} - bzw. dem {111} - Texturpol der Doppelfasertextur der α-Phase
vom Strangpressen und der Strangpressachse maximal 10°.
640 660 680 700 720 740 760
0.5
1.0
1.5
2.0
2.5
3.0
<uvw>{100}-Texturpol
<uvw>{111}-Texturpol
{311}-Texturpol
Texturindex
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.52: CuZn10, Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Textur der α-Phase,
Stärke der Texturpole, indirekt stranggepresst (vStrang =0.5 m/s,ϕ=3)
Bei CuZn10 ist die <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen im Rahmen der Versuchsparameter bei einer
Bolzeneinsatztemperatur TBolz = 650°C maximal und besitzt einen Texturindex gleich
2.5. Der Texturindex der <uvw>{100} - Texturkomponente bei TBolz = 700°C beträgt
ca. 1.5 und bei TBolz = 750°C ca. 2.0, wobei sich die Werte unter Berücksichtigung
des Fehlers nur geringfügig unterscheiden (Bild 6.52).
Die <uvw>{111} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen und die {311} - Textur zeigen in Abhängigkeit von der
Bolzeneinsatztemperatur den gleichen Verlauf, wobei die {311} - Textur stets
schwächer ist als die <uvw>{111} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen. Im Falle von CuZn10 sind die <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen und die
{311} - Textur bei einer Bolzeneinsatztemperatur von 750°C schwächer als bei
TBolz = 650°C und TBolz =700°C.
92
640 660 680 700 720 740 760
0.5
1.0
1.5
2.0
2.5
3.0
<uvw>{100}-Texturpol
<uvw>{111}-Texturpol
{311}-Texturpol
Texturindex
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.53: CuZn20, Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Textur der α-Phase,
Stärke der Texturpole, indirekt stranggepresst (vStrang =0.5 m/s,ϕ=3)
Die Stärke der <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase
vom Strangpressen von CuZn20 (Bild 6.53) nimmt mit steigender
Bolzeneinsatztemperatur kontinuierlich von ca. 1.5 bei TBolz = 650°C auf ca. 1.8 bei
TBolz = 750°C zu. Für die <uvw>{111} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der
α-Phase vom Strangpressen wurden Texturstärken zwischen 2.4 und 2.5 bestimmt,
für die {311} - Textur liegt der Texturindex zwischen 1.5 und 1.7. Der Texturindex 1.7
stellte sich bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur ein.
Bei CuZn37 nimmt die <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen mit steigender Bolzeneinsatztemperatur wesentlich
stärker zu als bei CuZn20. Der Texturindex der <uvw>{100} - Texturkomponente
beträgt 2.2 bei TBolz = 650°C, 3.4 bei TBolz = 700°C und 7.9 bei TBolz =750°C. Die
Zunahme der Stärke der <uvw>{100} - Texturkomponente durch eine Erhöhung der
Bolzeneinsatztemperatur von TBolz = 700°C auf TBolz = 750°C ist wesentlich größer
als bei der Erhöhung der Bolzeneinsatztemperatur von TBolz =650°C auf
TBolz = 700°C. Im Rahmen der Fehler steigt der Texturindex der <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen
geringfügig von 2.0 bei TBolz = 650°C auf 2.4 bei TBolz = 750°C an.
93
600 620 640 660 680 700 720 740 760
1.0
1.5
2.0
2.5
3.0
3.5
4.0
<uvw>{100}-Texturpol
<uvw>{111}-Texturpol
Texturindex
Bolzeneinsatztemperatur TBolz [°C]
Bild 6.54: CuZn40Pb2, Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Textur der α-
Phase, Stärke der Texturpole, indirekt stranggepresst (vStrang = 0.285 m/s, ϕ=2.9)
CuZn40Pb2 zeigt bei einer Erhöhung der Bolzeneinsatztemperatur von 700°C auf
750°C sowohl beim indirekten als auch beim direkten Strangpressen einen
signifikanten Anstieg der Stärke der <uvw>{100} - Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen, während sich von 600°C
(indirektes Strangpressen) bzw. 610°C (direktes Strangpressen) zu 700°C
Bolzeneinsatztemperatur die Stärke der <uvw>{100} - Texturkomponente nur
unwesentlich verändert (Bild 6.54). Die Texturindizes der <uvw>{100} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen sind 1.2
bei TBolz = 700°C und 3.7 bei TBolz = 750°C (indirektes Strangpressen) bzw. 1.6 bei
TBolz = 700°C und 2.8 bei TBolz = 750°C Bolzeneinsatztemperatur (direktes
Strangpressen). Beim indirekten Strangpressen hat die Bolzeneinsatztemperatur im
Rahmen der Fehler keinen signifikanten Einfluss auf die Stärke der <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen. Die
<uvw>{111} -Texturkomponente variiert zwischen 1.6 und 2.0. Die Stärke der
<uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen beim direkten Strangpressen verringert sich mit zunehmender
Bolzeneinsatztemperatur geringfügig von 2.1 auf 1.8.
Für die β-Phase wird mit steigender Bolzeneinsatztemperatur eine kontinuierliche
Zunahme der <110>-Textur verzeichnet, z.B. ist der Texturindex der <110>-Textur
für indirekt stranggepresstes CuZn37 bei TBolz = 650°C gleich 2.3 und bei
TBolz = 750°C gleich 4 (Bild 6.55).
94
640 660 680 700 720 740 760
2.0
2.5
3.0
3.5
4.0
4.5
β011
Texturindex
Bolzeneinsatztemperatur
Bild 6.55: CuZn37, Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Stärke der
<110>-Textur der β-Phase, indirekt stranggepresst (vStrang 0.5 m/s, ϕ=3)
Für indirekt stranggepresstes CuZn40Pb2 wurden Texturindizes der <110>-Textur
der β-Phase von 1.7 bei TBolz = 600°C und von 3.5 bei TBolz = 750°C bestimmt. Im
Rahmen der Fehler unterscheidet sich die <110>-Textur der β-Phase im Kern und
am Rand nicht.
Einfluss des Umformgrades auf die Textur der Strangpressprodukte
Bei CuZn10 wird die <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen sowie die {311} - Textur mit zunehmendem Umformgrad
größer (Bild 6.56). 2.8 beträgt der Texturindex der <uvw>{111} -Texturkomponente
bei einem Umformgrad ϕ= 3, 3.3 bei ϕ= 3.9. Die Stärke der {311} - Textur ist gleich
1.6 bei einem Umformgrad ϕ= 3 und 2.2 bei ϕ=3.9.
3.0 3.1 3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8 3.9
1
2
3
4
5<uvw>{111}-Texturpol
<uvw>{100}-Texturpol
{311}-Texturpol
Texturindex
Umformgrad ϕ
Bild 6.56: CuZn10, Einfluss des Umformgrades auf die Textur der α-Phase, Stärke
der Texturpole, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
95
Für die <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen wurden Texturindizes zwischen 1.2 und 1.8 ermittelt.
Bei CuZn20 wird die <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen mit zunehmendem Umformgrad ebenfalls stärker und
nimmt von 2.5 bei einem Umformgrad ϕ= 3 auf 3.0 bei ϕ= 3.9 zu. Die <uvw>{100} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen wird mit
steigendem Umformgrad beim Strangpressen ebenfalls stärker. Ein Texturindex der
<uvw>{100} - Texturkomponente von 1.4 wurde für den Umformgrad ϕ= 3 ermittelt,
ein Texturindex von 3.9 für ϕ=3.9.
3.0 3.1 3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8 3.9
1.0
1.5
2.0
2.5
3.0
3.5
4.0
4.5
<uvw>{100}-Texturpol
<uvw>{111}-Texturpol
Texturindex
Umformgrad ϕ
Bild 6.57: CuZn37, Einfluss des Umformgrades auf die Textur der α-Phase, Stärke
der Texturpole, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
Die Stärke der <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase
vom Strangpressen von CuZn37 nimmt ebenfalls mit steigendem Umformgrad von
2.2 bei einem Umformgrad ϕ= 3 auf 3.1 bei ϕ= 3.9 zu. Mit einem Texturindex von
3.4 ist die <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen in CuZn37 bei einem Umformgrad ϕ= 3 signifikant größer als bei
einem Umformgrad gleich ϕ= 3.55 bzw. ϕ= 3.9. Die Texturindizes für ϕ= 3.55 bzw.
ϕ= 3.9 sind gleich 1.6 bzw. 2.1.
Ebenso ist bei CuZn40Pb2 eine kontinuierliche Zunahme der Stärke der
<uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen von ca. 1.5 bei einem Umformgrad ϕ= 2.3 auf 2.1 bei ϕ=4 zu
verzeichnen (Bild 6.58). Die <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur
der α-Phase vom Strangpressen besitzt bei ϕ= 2.9 ein Minimum. Der zugehörige
Texturindex beträgt 1.2. Bei ϕ= 2.3 ist der Texturindex der <uvw>{100} -
Texturkomponente gleich 1.5. Der maximale Texturindex in Abhängigkeit vom
96
Umformgrad wurde im Rahmen der Untersuchungen mit einem Wert gleich 2.0 für
den maximalem Umformgrad ϕ= 3.9 bestimmt.
2.2 2.4 2.6 2.8 3.0 3.2 3.4 3.6 3.8 4.0
1.1
1.3
1.5
1.7
1.9
2.1
2.3 <uvw>{100}-Texturpol
<uvw>{111}-Texturpol
Texturindex
Umformgrad ϕ
Bild 6.58: CuZn40Pb2, indirekt stranggepresst, Einfluss des Umformgrades auf die
Textur der α-Phase, Stärke der Texturpole, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
2.2 2.4 2.6 2.8 3.0 3.2 3.4 3.6 3.8 4.0
1.8
2.0
2.2
2.4
2.6
2.8
Texturindex
Umformgrad ϕ
Bild 6.59: CuZn40Pb2, indirekt stranggepresst, Einfluss des Umformgrades auf die
Stärke der <110>-Textur der β-Phase, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
Die Stärke der <110>-Textur der β-Phase von indirekt stranggepresstem CuZn40Pb2
nimmt mit steigendem Umformgrad kontinuierlich ab (Bild 6.59). Bei einem
Umformgrad ϕ= 2.285 beträgt der Texturindex der <110>-Textur 2.7 und 1.9 bei
einem Umformgrad ϕ=3.9.
Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die Textur der Strangpressprodukte
Die Variation der Produktgeschwindigkeit bei konstanter Bolzeneinsatztemperatur
TBolz = 700°C und einem Umformgrad ϕ= 3 zeigt im Rahmen der Versuchsparameter
für die stranggepressten Legierungen CuZn10, CuZn20 und CuZn37 ein Maximum
der <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen bei einer Produktgeschwindigkeit vStrang = 0.4 m/s (Bild 6.60). Eine
geringe, kontinuierliche Zunahme mit steigender Produktgeschwindigkeit tritt bei der
97
<uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpres-
sen auf.
0.30 0.35 0.40 0.45 0.50
1.5
2.0
2.5
3.0
3.5
4.0
4.5
5.0
<uvw>{100}-Texturpol
<uvw>{111}-Texturpol
Texturindex
Produktgeschwindigkeit vStrang [m/s]
Bild 6.60: CuZn37, Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die Textur der α-Phase,
indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
Beim indirekt und direkt stranggepressten CuZn40Pb2 nehmen sowohl die
<uvw>{100} - Texturkomponente als auch die <uvw>{111} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen mit größer werdender
Produktgeschwindigkeit kontinuierlich zu. Für das indirekte Strangpressen beträgt
der Texturindex der <uvw>{100} - Texturkomponente 1.3 bei einer
Produktgeschwindigkeit vStrang = 0.13 m/s und 2.0 bei vStrang = 0.67 m/s, der
Texturindex der <uvw>{111} -Texturkomponente 1.5 bei vStrang = 0.13 m/s und 2.0 bei
vStrang = 0.67 m/s. Die Texturindizes der Doppelfasertextur der α-Phase für die direkt
stranggepressten Proben sind in Bild 6.61 dargestellt.
0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7
1.4
1.6
1.8
2.0
2.2
2.4
2.6 <uvw>{100}-Texturpol
<uvw>{111}-Texturpol
Texturindex
Produktgeschwindigkeit vStrang [m/s]
Bild 6.61: CuZn40Pb2, Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die Textur der α-
Phase, direkt stranggepresst (TBolz =700°C)
98
0.30 0.35 0.40 0.45 0.50
2.9
3.0
3.1
3.2
3.3
3.4
3.5
3.6
3.7
3.8
3.9
4.0 β011
Texturindex
Produktgeschwindigkeit [m/s]
Bild 6.62: CuZn37, Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die Stärke der
<110>-Textur der β-Phase, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C)
In der β-Phase von CuZn37 wird die <110>-Textur durch zunehmende
Produktgeschwindigkeit geschwächt. Einem Texturindex von 3.7 bei einer
vStrang = 0.3 m/s steht ein Texturindex von 3.1 bei vStrang = 0.5 m/s gegenüber.
Charakterisierung der Korngrenzen mittels EBSD
Bild 6.63 zeigt den Ausschnitt einer stranggepressten Probe aus CuZn37, an der
mittels EBSD die Korngrenzen innerhalb der α-Phase charakterisiert wurden.
Bild 6.63: Orientierungskarte von CuZn37, indirekt stranggepresst (TBolz =700°C,
vStrang =0.5m/s,ϕ= 3), a bezogen auf die Radialrichtung, b bezogen auf die
Strangpressachse, c Farbcodierung der Orientierungen im Orientierungsdreieck
100 µm 100 µm
99
In Strangpressrichtung tritt entsprechend der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen häufig eine Orientierung nahe <100> (rot) oder nahe <111> (blau) auf
(Bild 6.63 b), während quer zur Strangpressachse besonders häufig <110>-
Orientierungen (grün) gefunden wurden (Bild 6.63 a). Außerdem sind bezogen auf
die Radialrichtung des Strangpressprofils (Bild 6.63 a) Bänder mit Körnern ähnlicher
Orientierung zu erkennen, die nahe <110>, <111> bzw. <100> liegt.
Bild 6.64: Korngrenzen in dem Gefügeausschnitt von Bild 6.63, a Σ3 (111)-
Zwillingskorngrenzen, b alle weiteren CSL-Korngrenzen
Bei nahezu 50% der Korngrenzen handelt es sich um sog. CSL-Korngrenzen, unter
denen mit die Σ3 (111)-Zwillingskorngrenzen überwiegen (Bild 6.64 a). Neben den
Σ3 (111)-Zwillingskorngrenzen treten insbesondere Σ9 -Korngrenzen auf
(Tabelle 6.1).
Tabelle 6.1: Häufigkeit der verschiedenen Korngrenzen
Korngrenze Häufigkeit [%]
Σ3 (111)-Zwillingskorngrenzen 41.5
Σ9 - Korngrenzen 1.7
Weitere CSL - Korngrenzen 4.3
Nicht CSL - Korngrenzen 52.5
Die weiteren gefundenen CSL-Korngrenzen besitzen häufig einen Drehwinkel im
Bereich von 30° sowie zwischen 40° und 60° (Tabelle 6.2). Drehachse ist bei den
Σ13b - Korngrenzen, die unter den restlichen CSL-Korngrenzen (Tabelle 6.2) am
häufigsten gefunden wurden, sowie den Σ7-, Σ19b -, Σ37c - und den Σ21a -
Korngrenzen die <111>-Richtung. Kennzeichnend für CSL-Korngrenzen mit einer
<111>-Richtung ist eine große Korngrenzenmobilität.
100
Tabelle 6.2: Häufigkeit der verschiedenen CSL-Korngrenzen, Summe aller CSL -
Korngrenzen 100%
Sigma-Wert Drehwinkel [°] Drehachse <uvw> Häufigkeit [%]
13b 27.8 111 8.7
17b 61.9 221 6.4
25b 51.7 311 6.3
29b 46.4 221 6.1
47a 37.1 331 5.8
738.2 111 5.3
19b 46.8 111 4.9
11 50.5 110 4.8
35b 43.2 331 4.8
15 48.2 210 4.5
37c 50.6 111 4.3
39b 50.1 321 4.1
43c 60.8 332 4.1
27b 35.4 210 4.1
27a 31.6 110 4.0
49b 43.6 511 3.6
33c 59 110 3.3
23 40.5 311 3.1
21a 21.8 111 2.5
19a 26.5 110 2.5
5 36.9 100 1.8
41c 55.9 110 1.5
43b 27.9 210 1.3
Die restlichen 52.5 % der untersuchten Korngrenzen sind Nicht-CSL-Korngrenzen.
Eigenspannungsanalysen an CuZn37 und CuZn40Pb2
In Kern der Strangpressprofile aus CuZn37 und CuZn40Pb2 wurden die
Quereigenspannungen bestimmt. In CuZn37 liegen Druckeigenspannungen vor,
deren Betrag zwischen 20 MPa und 100 MPa variiert (Bild 6.65).
0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8
3.694
3.695
3.696
3.697
3.698
3.699
3.700
3.701
α111
α222
α002
α220
α113
Gitterparameter a [Α]
sin2ψ
Bild 6.65: sin2ψ-Darstellung, CuZn37, indirekt stranggepresst (TBolz =700°C,
vStrang =0.5 m/s, ϕ=3)
101
Darüber hinaus zeigt die Auftragung für den α200-Reflex der Strangpressprofile
besonders ausgeprägte Oszillationen. Mit sinkendem Anteil der β-Phase in den
Strangpressprodukten werden die Druckeigenspannungen in der α-Phase kleiner
(Bild 6.66).
0 2 4 6 8 10 12 14
-20
-40
-60
-80
-100
-120
Quereigenspannungen [MPa]
β-Phasenanteil [a.u.]
Bild 6.66: CuZn37, stranggepresst, Zusammenhang zwischen den Quereigenspan-
nungen in der α-Phase und dem β-Phasenanteil von CuZn37, indirekt stranggepresst
(TBolz = 700°C)
Auch im Kern der indirekt stranggepressten Profile aus CuZn40Pb2 wurden
Druckquereigenspannungen bestimmt, die in der α-Phase und in der β-Phase
zwischen nahezu 0 MPa und –100 MPa betragen. Bei 700°C
Bolzeneinsatztemperatur sind die Eigenspannungen in der α-Phase minimal und
nahezu gleich Null.
102
6.2.3 Festigkeit und Härte der Strangpressprodukte
Kleinlasthärtemessungen
Bild 6.67 zeigt den im Querschliff an einem Strangpressprofil aus CuZn20 ermittelten
Kleinlasthärteverlauf. Das Strangpressprofil wurde bei einer Bolzeneinsatztemperatur
TBolz = 700°C mit einem Umformgrad ϕ= 3 und einer Produktgeschwindigkeit
vStrang = 0.3 m/s hergestellt.
024681012
62
64
66
68
70
72
74
76
Kleinlasthärte HV 2
Linker Rand Messposition Rechter Rand
Bild 6.67: Härteverlauf einer stranggepressten Probe aus CuZn20 im Querschliff,
indirekt stranggepresst
Das Strangpressprofil besitzt im Querschnitt am Rand eine geringere Härte als in der
Mitte der Probe. Während am Rand eine Härte HV 2 = 63 ermittelt wurde, beträgt die
Härte im Zentrum der Probe ca. HV 2 = 73.
0246810121416
60
65
70
75
80
85
90
95
100
T=700°C, ϕ=3, vSt=0.4 m/s
T=700°C, ϕ=3, vSt=0.3 m/s
T=700°C, ϕ=3.92, vSt=1 m/s
T=650°C, ϕ=3, vSt=0.5 m/s
T=700°C, ϕ=3, vSt=0.5 m/s
T=750°C, ϕ=3, vSt=0.5 m/s
HV 2
Messposition
Bild 6.68: Härteverlauf der stranggepressten Proben aus CuZn37, Querschliff
In Bild 6.68 sind die Härteverläufe im Querschliff für die Strangpressprofile aus
CuZn37 dargestellt. Beim Strangpressprofil mit TBolz =700°C, ϕ= 3 und
vStrang = 0.5 m/s ist die Härte am Rand größer als in der Mitte des Querschnitts. Einer
103
Härte HV 2 = 90 am Rand steht eine Härte HV 2 = 78 in der Mitte des Querschnitts
gegenüber. Bei den anderen Strangpressprofilen ist ein Härteunterschied zwischen
Rand und Zentrum des Querschliffs nur geringfügig ausgeprägt.
Die Kleinlasthärte der indirekt stranggepressten Profile aus CuZn40Pb2
unterscheidet sich im Rahmen der Fehler nicht signifikant in Abhängigkeit von der
Position in der Querschnittsfläche.
20 25 30 35 40
65
70
75
80
85
90
95
100
105 Minimale Härte
Maximale Härte
Kleinlasthärte HV 2
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.69: Einfluss des Zinkgehaltes auf die Kleinlasthärte der Strangpressprodukte,
Zentrum der Querschnittsfläche
Die mittlere Härte, die am Querschliff der Strangpressprofile der jeweiligen Legierung
bestimmt wurde, nimmt mit steigendem Zinkgehalt der Legierungen zu (Bild 6.69).
Die maximale an den Strangpressprodukten aus CuZn20 bestimmte Härte beträgt
HV 2 = 79, bei den Strangpressprodukten aus CuZn37 HV 2 = 90 und bei
CuZn40Pb2 HV 2 = 102. Während sich die für CuZn37 und CuZn20 im Querschliff
ermittelten Härten im Rahmen der Streuung mit den Strangpressparametern
überschneiden, liegen alle an den Strangpressprofilen aus CuZn40Pb2 ermittelten
Härtewerte über denen von CuZn37 und CuZn20.
Zugversuche mit quasistatischer Belastung
Exemplarisch sind in Bild 6.70 an Proben aus CuZn10 ermittelte Spannungs-
Dehnungs-Kurven dargestellt. Die Zugproben stammen aus einem Strangpressprofil,
das bei TBolz = 700°C mit einer Produktgeschwindigkeit vStrang = 0.4 m/s und einem
Umformgrad ϕ= 3 im indirekten Verfahren stranggepresst wurde.
104
Bild 6.70: Spannungs-Dehnungs-Kurven, CuZn10, indirekt warmstranggepresst
(TBolz = 700°C, vStrang =0.4 m/s,ϕ=3)
Mit zunehmendem Zinkgehalt nimmt die mittlere 0.2%-Dehngrenze zu (Bild 6.71).
Die maximal für CuZn10 ermittelte 0.2%-Dehngrenze beträgt 90 MPa, für
CuZn40Pb2 wurde eine maximale 0.2%-Dehngrenze von 190 MPa bestimmt. Im
Rahmen der Streuung in Abhängigkeit von den Strangpressparametern
überschneiden sich die 0.2%-Dehngrenzen von CuZn10 und CuZn20. Für CuZn10
beträgt die 0.2%-Dehngrenze der untersuchten Werkstoffe zwischen 80 MPa und
90 MPa, für CuZn20 zwischen 80 MPa und 100 MPa.
10 15 20 25 30 35 40
60
80
100
120
140
160
180
200
220
Kleinster Wert
Gßter Wert
0.2%-Dehngrenze Rp02
[MPa]
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.71: Einfluss des Zinkgehaltes auf die 0.2%-Dehngrenze der Strangpressprofile
0 10203040506070
0
50
100
150
200
250
300
Lastspannung [MPa]
Dehnung [%]
105
1.4 1.6 1.8 2.0 2.2 2.4 2.6 2.8 3.0 3.2 3.4
60
80
100
120
140
160
180
200 CuZn10
CuZn20
CuZn37
CuZn40Pb2
0.2%-Dehngrenze Rp0.2
[MPa]
Texturindex
Bild 6.72: Einfluss der <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen auf die 0.2%-Dehngrenze, verschiedene Legierungen
Bild 6.72 zeigt die in den Zugversuchen an den Strangpressprofilen ermittelten 0.2%-
Dehngrenzen in Abhängigkeit von der Stärke der <uvw>{111} -Texturkomponente
der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen. Mit zunehmender Stärke
der <uvw>{111} - Texturkomponente steigt die 0.2%-Dehngrenze von CuZn37 und
CuZn40Pb2 an, während die 0.2%-Dehngrenze von CuZn10 und CuZn20 keinen
eindeutigen Zusammenhang mit der Stärke der <uvw>{111} - Texturkomponente
zeigt.
0.10 0.15 0.20 0.25 0.30 0.35 0.40
60
80
100
120
140
160
180
200
CuZn20
CuZn37
CuZn40Pb2
0.2%-Dehngrenze Rp0.2
[MPa]
Korngröße-0.5 m-0.5]
Bild 6.73: Einfluss der Korngröße auf die 0.2%-Dehngrenze der Strangpressprofile,
verschiedene Legierungen
Bei CuZn10 und CuZn20 dominiert hingegen der Einfluss der Korngröße auf die
0.2%-Dehngrenze im stranggepressten Zustand. Mit d-0.5 nimmt gemäß der Hall-
Petch-Beziehung die 0.2%-Dehngrenze linear zu (Bild 6.73).
106
10 15 20 25 30 35 40 45
20
30
40
50
60 Kleinster Wert
Größter Wert
Streckgrenzenverhältnis [%]
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.74: Streckgrenzenverhältnis der Strangpressprofile (Gl. 5.5) in Abhängigkeit
vom Zinkgehalt der Messinglegierungen
Bild 6.74 zeigt die Streckgrenzenverhältnisse der Legierungen nach dem
Strangpressen, die gemäß Gl. 5.5 bestimmt wurden, in Abhängigkeit vom Zinkgehalt
der Legierungen. Für CuZn10 im stranggepressten Zustand wurde ein maximales
Streckgrenzenverhältnis von ca. 34% bestimmt, für CuZn40Pb2 ein maximales
Streckgrenzenverhältnis von ca. 47%. Den geringsten Wert für das maximale
Streckgrenzenverhältnis nach dem Strangpressen besitzt im Rahmen der
vorliegenden Untersuchungen CuZn20 mit einem Wert von ca. 32%.
1.4 1.6 1.8 2.0 2.2 2.4 2.6 2.8 3.0 3.2 3.4
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60 CuZn10
CuZn20
CuZn37
CuZn40Pb2
Streckgrenzenverhältnis [%]
Texturindex
Bild 6.75: Einfluss der <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen auf das Streckgrenzenverhältnis
Das Streckgrenzenverhältnis der Strangpressprodukte aus CuZn37 und CuZn40Pb2
wird mit zunehmender Stärke der <uvw>{111} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen geringfügig größer. Für CuZn10
und CuZn20 zeigen die Messdaten keinen signifikanten Einfluss der <uvw>{111} -
Texturkomponente auf das Streckgrenzenverhältnis (Bild 6.75).
107
10 20 30 40 50 60 70 80 90
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60
CuZn20
CuZn37
CuZn40Pb2
Streckgrenzenverhältnis [%]
Korngröße [µm]
Bild 6.76: Einfluss der Korngröße auf das Streckgrenzenverhältnis der
Strangpressprofile
Mit zunehmender Korngröße wird das Streckgrenzenverhältnis der
Strangpressprofile aus den verschiedenen Legierungen kleiner (Bild 6.76). Am
meisten wird das Streckgrenzenverhältnis bei der stranggepressten Legierung
CuZn40Pb2 von der Korngröße beeinflusst, am kleinsten ist der Einfluss der
Korngröße auf das Streckgrenzenverhältnis bei CuZn20 im stranggepressten
Zustand.
10 15 20 25 30 35 40
40
50
60
70
80
90
100
Kleinster Wert
Größter Wert
Gleichmaßdehnung AGl [%]
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.77: Gleichmaßdehnung der Strangpressprofile in Abhängigkeit vom Zinkgehalt
der Legierung
In Bild 6.77 ist die mittlere Gleichmaßdehnung der Strangpressprofile in Abhängigkeit
vom Zinkgehalt der Legierungen dargestellt. Die größte Gleichmaßdehnung besitzt
CuZn20 mit einem maximalen Wert von 88%. Die maximal für CuZn10 bestimmte
Gleichmaßdehnung beträgt ca. 55%, für CuZn37 ist die maximal bestimmte
Gleichmaßdehnung gleich ca. 68%.
108
1.8 2.0 2.2 2.4 2.6 2.8 3.0 3.2 3.4
50
55
60
65
70
75
80
85
90 CuZn10
CuZn20
CuZn37
Gleichmaßdehnung AGl [%]
Texturindex
Bild 6.78: Einfluss der <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen auf die Gleichmaßdehnung
Die Gleichmaßdehnung in Abhängigkeit von der Stärke der <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen zeigt
Bild 6.78. Beim stranggepressten CuZn37 wird die Gleichmaßdehnung mit
zunehmender Stärke der <uvw>{111} -Texturkomponente geringfügig kleiner. Die
Gleichmaßdehnung der Strangpressprofile aus CuZn20 streut stark mit der Stärke
der <uvw>{111} -Texturkomponente, ohne einen eindeutigen Trend zu zeigen.
20 30 40 50 60 70 80 90
50
55
60
65
70
75
80
85
90
CuZn20
CuZn37
Gleichmaßdehnung AGl [%]
Korngröße [µm]
Bild 6.79: Einfluss der Korngröße auf die Gleichmaßdehnung der Strangpressprofile
In Bild 6.79 ist die Gleichmassdehnung in Abhängigkeit von der Korngröße
dargestellt. Mit zunehmender Korngröße der α-Phase wird die Gleichmaßdehnung in
CuZn20 und CuZn37 größer.
109
10 15 20 25 30 35 40 45
30
40
50
60
70
80
90
100
Kleinster Wert
Größter Wert
Bruchdehnung AB[%]
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.80: Bruchdehnung der Strangpressprofile in Abhängigkeit vom Zinkgehalt der
Legierung
Bild 6.80 zeigt die Bruchdehnung in Abhängigkeit vom Zinkgehalt der
stranggepressten Messinglegierungen. Die Bruchdehnung beträgt für die
Strangpressprofile aus CuZn10 ca. 65% und für die Strangpressprofile aus
CuZn40Pb2 maximal 50%. Die maximale Bruchdehnung wird bei den
Strangpressprofilen aus CuZn20 erreicht und beträgt 88%.
Die Bruchdehnung der Strangpressprofile aus den verschiedenen
Messinglegierungen wird nicht signifikant von der Stärke der <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen
beeinflusst.
20 30 40 50 60 70 80 90
65
70
75
80
85
90
CuZn20
CuZn37
Bruchdehnung AB[%]
Korngröße [µm]
Bild 6.81: Einfluss der Korngröße auf die Bruchdehnung der Strangpressprofile
Mit der Korngröße nimmt hingegen die Bruchdehnung geringfügig zu (Bild 6.81). Die
Strangpressprofile aus CuZn20 besitzen eine Bruchdehnung von ca. 75% bei einer
mittleren Korngröße von ca. 50 µm und eine Bruchdehnung von 88% bei einer
mittleren Korngröße von über 80 µm. Für die Strangpressprofile aus CuZn40Pb2
110
beträgt die Bruchdehnung bei einer mittleren Korngröße von 25 µm ca. 75% und bei
einer mittleren Korngröße von ca. 34 µm ca. 80%.
14 16 18 20 22 24
160
170
180
190
200
0.2%-Dehngrenze Rp02
[MPa]
Anteil der β-Phase [Vol.-%]
Bild 6.82: Einfluss des Volumenanteils der β-Phase auf die 0.2%-Dehngrenze der
Strangpressprofile aus CuZn40Pb2
Bei der zweiphasigen Legierung CuZn40Pb2 kann der Volumenanteil der β-Phase
die mechanischen Eigenschaften ebenfalls beeinflussen. Bild 6.82 zeigt die 0.2%-
Dehngrenze in Abhängigkeit vom Volumenanteil der β-Phase. Die maximal
bestimmten 0.2%-Dehngrenzen nehmen mit steigendem Volumenanteil der β-Phase
zu, wobei die Zunahme jedoch in der gleichen Größenordnung liegt wie die Streuung
der 0.2%-Dehngrenzen in Folge der Variation der Textur, Korngröße und der übrigen
mikrostrukturellen Parametern der Strangpressprofile in Abhängigkeit von den
Strangpressparametern resultiert (Bild 6.72 und Bild 6.73).
Druckversuche mit quasistatischer Belastung
Bild 6.83 zeigt exemplarisch die Spannungs-Stauchungs-Kurven der Druckversuche
für unterschiedliche Belastungsrichtungen in einem Strang aus CuZn20, der bei
TBolz = 700°C mit einer Produktgeschwindigkeit vStrang = 0.3 m/s und einem
Umformgrad ϕ= 3 hergestellt wurde.
Für Stauchungen bis ca. 20% unterscheiden sich die Fließspannungen bei
vergleichbarer Stauchung nicht signifikant, währendr Stauchungen oberhalb 20%
je nach Belastungsrichtung bei gleicher Dehnung unterschiedliche Spannungen
vorliegen. Grau markiert sind außerdem vereinzelt auftretende Spannungseinbrüche
in den Spannungs-Stauchungs-Kurven, die möglicherweise von der mechanischen
Zwillingsbildung während der Verformung herrühren.
111
0 1020304050607080
0
-200
-400
-600
-800
-1000
-1200
-1400
-1600
-1800
-2000
-2200
Probenrichtung:
45°
90°
Spannung [MPa]
Stauchung [%]
Bild 6.83: Spannungs-Stauchungs-Kurven der Legierung CuZn20, direkt
stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.3 m/s,ϕ=3)
10 15 20 25 30 35 40
-80
-100
-120
-140
-160
-180
Kleinster Wert
Größter Wert
0.2%-Stauchgrenze Rd0.2
[MPa]
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.84: Einfluss des Zinkgehaltes auf die 0.2%-Stauchgrenze der
Strangpressprodukte, 0°-Richtung der Proben
Bild 6.84 zeigt die 0.2%-Stauchgrenzen in 0°-Richtung in Abhängigkeit vom
Zinkgehalt der Messinglegierungen. Die mittlere 0.2%-Stauchgrenze der
Strangpressprodukte nimmt mit dem Zinkgehalt der Legierung kontinuierlich zu.
112
Hochgeschwindigkeitsverformung
Bild 6.85 zeigt die Spannungs-Stauchungs-Kurven der mit verschiedenen
Stauchraten bei RT druckverformten Proben aus stranggepressten CuZn37. Die
Proben stammen alle aus demselben Strangpressprofil, das bei 650°C
Bolzeneinsatztemperatur mit einer Produktgeschwindigkeit von 0.5 m/s und einem
Umformgrad gleich 3 hergestellt wurde. Die Richtung der Druckbeanspruchung
beträgt 0° zur Strangpressachse.
0 1020304050607080
0
-500
-1000
-1500
-2000 RT, dε/dt =
0.0002 s-1
6.67 s-1
66.67 s-1
Spannung [MPa]
Stauchung [%]
Bild 6.85: Einfluss der Stauchrate auf die Spannungs-Stauchungs-Kurven, RT,
CuZn37, indirekt stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Mit zunehmender Stauchrate wird die 0.2%-Stauchgrenze größer. Bei einer
Stauchrate von 0.00025 s-1 beträgt die 0.2%-Stauchgrenze Rd0.2 = -125 MPa, bei
einer Stauchrate von 66.67 s-1 ist die Rd0.2 = -255 MPa (Bild 6.86). Bei einer
Stauchrate von 66.67 s-1 tritt eine obere und eine untere Fließgrenze auf. Außerdem
verläuft die Spannungs-Stauchungs-Kurve im Bereich plastischer Verformung
wellenförmig. Die Spannungs-Stauchungs-Kurve der mit 0.00025 s-1 gestauchten
Probe bricht bei geringeren Stauchgraden ab als die anderen Kurven, weil die
servohydraulische Zugmaschine an der Stelle des Versuchs angehalten wurde.
Für plastische Verformungen bis 30% Stauchung verlaufen die Spannungs-
Stauchungs-Kurven gleich. Für über 30% Stauchung liegt bei gleicher Stauchung bei
einer Stauchrate von 6.67 s-1 stets eine größere Spannung vor als bei einer
Stauchrate von 66.67 s-1, was eine stärkere Entfestigung bei einer Stauchrate von
6.67 s-1 im Vergleich zu einer Stauchrate von 66.67 s-1 bedeutet.
113
0 10203040506070
-100
-120
-140
-160
-180
-200
-220
-240
-260
-280
0.2%-Stauchgrenze Rd0.2
[MPa]
Stauchrate [1/s]
Bild 6.86: Einfluss der Dehnrate auf die 0.2%-Stauchgrenze der Strangpressprofile,
CuZn37, Strang1
0 1020304050607080
0
-200
-400
-600
-800
-1000
-1200
-1400
-1600 30C, dε/dt =
6.67 s-1
66.67 s-1
Spannung [MPa]
Stauchung [%]
Bild 6.87: Einfluss der Stauchrate auf die Spannungs-Stauchungs-Kurven, 300°C,
CuZn37, indirekt stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
In Bild 6.87 ist der Einfluss der Stauchrate auf die Spannungs-Stauchungs-Kurven
bei 300°C dargestellt. Bei einer Stauchrate von 6.67 s-1 beträgt die Rd0.2 = -150 MPa,
bei einer Stauchrate von 66.67 s-1 ist Rd0.2 = -225 MPa. Bei 300°C und einer
Stauchrate von 66.67 s-1 tritt wie bei RT eine obere und eine untere Fließgrenze auf.
Für plastische Verformungen bis 40% Stauchung verlaufen die Spannungs-
Stauchungs-Kurven gleich, für über 40% Stauchung zeigen die Spannungs-
Stauchungs-Kurven bei einer Stauchrate von 6.67 s-1 erneut eine größere
Entfestigung als bei 66.67 s-1.
114
0 1020304050607080
0
-500
-1000
-1500
-2000 RT, dε/dt = 6.67 s-1
stranggepresst
nur stranggegossen
Spannung [MPa]
Stauchung [%]
Bild 6.88: Vergleich der Spannungs-Stauchungs-Kurven für CuZn37 stranggegossen
und stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3), RT
In Bild 6.88 wird die Spannungs-Stauchungs-Kurve des Strangpressprofils mit der
des stranggegossenen Anlieferungszustandes verglichen. Die Stauchrate bei den
Druckversuchen betrug 6.67 s-1. Die 0.2%-Stauchgrenze des Stranggusses beträgt
ca. -120 MPa. Für das Strangpressprofil wurde eine 0.2%-Stauchgrenze von
-155 MPa bestimmt.
1.5 2.0 2.5 3.0 3.5 4.0 4.5
-1.4
-1.2
-1.0
-0.8
-0.6
-0.4
Cowper-Symands-Gleichung:
σyd
/σy=1+((dε/dt)/D)1/q
mit q=2.6 und D=288 s-1
ln(σyd
/σy-1) [a.u.]
ln(dε/dt) [a.u.]
Bild 6.89: Bestimmung der Parameter q und D, CuZn37 stranggepresst (Strang 1),
RT
115
In Bild 6.89 werden exemplarisch für die Druckversuche an dem Strangpressprofil mit
unterschiedlichen Stauchraten bei RT die 0.2%-Stauchraten gemäß der linearen
Form der Gleichung von Cowper und Symands dargestellt. Daraus ergeben sich die
Parameter q = 2.6 und D = 288 s-1.
25 300
0.0
0.5
1.0
1.5
2.0
2.5
3.0
3.5
4.0
σ300°C=0.7*σRT
Parameter q
Temperatur [°C]
Bild 6.90: Einfluss der Temperatur auf den Parameter q von CuZn37, indirekt
stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Bild 6.90 zeigt den Einfluss der Temperatur auf den Parameter q für CuZn37,
stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s, ϕ= 3). Der Parameter q wird mit
Steigerung der Verformungstemperatur größer. Dem Wert q = 2.6 bei RT steht bei
300°C ein Wert q = 3.8 gegenüber.
25 300
0
50
100
150
200
250
300 σ300°C=0.7*σRT
Parameter D
TemperaturC]
Bild 6.91: Einfluss der Temperatur auf den Parameter D von CuZn37, indirekt
stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Der Parameter D wird mit Zunahme der Verformungstemperatur kleiner (Bild 6.91).
Bei Raumtemperatur beträgt D = 288 s-1, bei 300°C ist D = 19 s-1.
116
024681012
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
200
300°C, dγ/dt=
0.1
10.1
106
Scherspannung τ[MPa]
Scherdehnung γ
Bild 6.92: Scherspannungs-Scherdehnungs-Kurven, 300°C, CuZn37, indirekt
stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Bild 6.92 zeigt Scherspannungs-Scherdehnungs-Kurven für stranggepresstes
CuZn37 (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ= 3) für verschiedene Scherraten. An den
Kurven wurde die Fließgrenze bei Torsion bestimmt und für die Verformungsraten
von ca. 10 s-1 und 66.67 s-1 (Druck) bzw. 108 s-1 (Torsion) bezogen auf den
entsprechenden Wert bei ca. 10 s-1 dargestellt (Bild 6.93).
0 102030405060708090100110
1.0
1.1
1.2
1.3
1.4
1.5
1.6
Relative Spannung
Verformungsrate [s-1]
Bezogene Fließspannung
bei Druckversuch
bei Torsion (2*τ)
Bild 6.93: Einfluss der Verformungsrate auf die Fließgrenze bei Druck und bei
Torsion, 300°C, CuZn37, indirekt stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,
ϕ=3)
Bei Torsion ist die Zunahme der Fließgrenze mit größer werdender Verformungsrate
bei 300°C Umformtemperatur kleiner als bei Druckverformung. Das Verhältnis der
Fließgrenzen bei Torsion beträgt für die beiden Verformungsraten 10 s-1 und 108 s-1
ca. 1.1, bei Druckverformung für die Stauchraten 6.67 s-1 und 66.67 s-1 ca. 1.55.
117
6.3 Mikrostrukturelle Untersuchungen an kaltgestauchten
Proben
6.3.1 Gefügeuntersuchungen
Lichtmikroskopie
In Bild 6.94 und Bild 6.95 ist das Gefüge einer stranggepressten und im Anschluss
daran kaltgestauchten Probe aus CuZn20 dargestellt. Nach Druckverformung sind
die Körner im Probeninneren quer zur Lastachse gestreckt (Bild 6.94, Mitte). An der
Probenunterseite ähnelt das Gefüge dem Strangpressgefüge (Bild 6.94, links), da
eine Verformung aufgrund der Reibung von Probe zu Auflagefläche nicht möglich
war. Die Randzone im Längsschliff zeigt ebenfalls wie das Probeninnere eine leichte
Streckung der Körner quer zur Lastachse (Bild 6.94, rechts).
Bild 6.94 a: Exemplarische Gefügeaufnahme einer druckverformten Probe, CuZn20,
Strang 10 im Längsschliff; links: Probenunterseite, Mitte: Schnittfläche, rechts:
Randzone
Bild 6.94 b: Schematische Darstellung der einzelnen Zonen im Längsschliff
Im Querschliff hingegen ähneln die Gefüge sowohl der Randzone als auch der
Probenmitte dem Strangpressgefüge (Bild 6.95, links und Mitte). Bei der
sogenannten Zwischenzone der Querschliffe ist das Gefüge so stark verformt, dass
einzelne Körner nicht mehr erkennbar sind und in den Deformationslinien untergehen
(Bild 6.95, rechts).
100 µm 100 µm
100 µm
118
Bild 6.95 a: Exemplarische Gefügeaufnahme einer druckverformten Probe, CuZn20,
Strang 10 im Querschliff; links: Zentrum, Mitte: Randzone, rechts: Zwischenzone
Bild 6.95 b: Schematische Darstellung der einzelnen Zonen im Querschliff
TEM-Untersuchungen
An Proben aus stranggepresstem CuZn37, die anschließend mit 10% bzw. 15%
kaltgestaucht wurden, erfolgten TEM-Untersuchungen. In der mit 10%
kaltgestauchten Probe wurden zahlreiche Σ3(111)-Zwillingskorngrenzen gefunden,
die dem Lochrand der TEM-Probe ein ausgefranstes Erscheinungsbild gaben. Die
Auswertung der Kikuchi-Pattern belegt anhand des Verdrehwinkels von 60° um die
111-Achse, dass es sich um Σ3(111)-Zwillingskorngrenzen handelt (Bild 6.96).
Bild 6.96: CuZn37, stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ= 3) und 10%
gestaucht, a) TEM-Aufnahme, Hellfeld, Übersicht des Lochrandes, b) Lage der
gegeneinander verzwillingten Bereiche in der stereographischen Projektion
In Bild 6.97 und Bild 6.98 sind exemplarisch die in der Probe mit 10% Kaltstauchung
gefundenen Versetzungsanordnungen abgebildet.
100 µm 100 µm 100 µm
2 µm
119
Bild 6.97: CuZn37, stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ= 3) und 10%
gestaucht, a) TEM-Aufnahme, Hellfeld, gleichmäßig verteilte Versetzungen (gelbe
Linie), vereinzelt „unregelmäßige Versetzungen“ (gelb Pfeil), b) Orientierung des
Korns (Mitte und rechts)
Bild 6.98: CuZn37, stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ= 3) und 10%
gestaucht, a) TEM-Aufnahme, Hellfeld, Subkornstrukturen (gelbe Markierung), b)
Orientierung des Korns (Mitte und rechts)
Bild 6.97 zeigt gleichmäßig über das gesamte Korn verteilte Versetzungen, wobei die
Versetzungen im wesentlichen zwei unterschiedlichen Gleitsystemen angehören.
Innerhalb des Netzwerkes aus regelmäßig angeordneten Versetzungen im
Korninneren befinden sich einzelne „unregelmäßige Versetzungen“ (gelber Pfeil).
An einzelnen Probenstellen deutet sich etwas ähnliches wie Subkornstrukturen an
(Bild 6.98). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die TEM-Folien durch die starke
Verformung der Probenzustände teilweise verbogen sind. Im Falle von Biegelinien
begünstigt der Kontrast an der Stelle, wo die Probe „abknickt“, die Abbildungen von
Versetzungen.
500 nm
500 nm
120
In der mit 15% kaltgestauchten Probe liegen persistente Gleitbänder vor
(Bild 6.99 a). In der Vergrößerung (Bild 6.99 b) sind parallele Wände aus
Versetzungen mit kurzen Versetzungssegmenten zu erkennen, zwischen denen in
größerem Abstand einzelne längere Versetzungssegmente zu sehen sind.
a b
Bild 6.99: CuZn37, stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ= 3) und 15%
gestaucht, TEM-Aufnahme, Hellfeld, persistente Gleitbänder (PSBs) (links),
Vergrößerung (rechts)
Bild 6.100: CuZn37, stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ= 3) und 15%
gestaucht, TEM-Aufnahmen, Hellfeld, ungleichmäßige Anordnung von Versetzungen
und Bildung von Versetzungswänden
Darüber hinaus bilden sich in der mit 15% kaltgestauchten Probe Muster aus
unregelmäßigen Versetzungen, die in Versetzungswänden angehäuft sind
(Bild 6.100).
500 nm 500 nm
500 nm 500 nm
121
Texturanalysen
Nach der Kaltstauchung besitzen die α- Messinglegierungen eine <110>-Textur der
α-Phase, die je nach Legierung und Strangpressparameter des Strangpressprofils,
der die Druckproben entnommen wurden, unterschiedlich stark ist. In Bild 6.101 ist
exemplarisch die Polfigur einer kaltgestauchten Probe aus CuZn10 dargestellt.
Bild 6.101: CuZn10, α-Phase, 110-Reflex, indirekt stranggepresst (TBolz =700°C,
vStrang = 0.4 m/s, ϕ= 3) und 50% kaltgestaucht
Bei CuZn10 wird die Stauchtextur mit zunehmendem Umformgrad kontinuierlich
größer. Bild 6.102 zeigt exemplarisch die ϕ- Schnitte (s. Abschnitt 5.10) durch die
110-Polfiguren unterschiedlich stark verformter Druckproben. Das Strangpressprofil,
aus dem die Druckproben entnommen wurden, wurde bei einer
Bolzeneinsatztemperatur TBolz = 700°C mit einer Produktgeschwindigkeit vStrang=0.4
m/s und einem Umformgrad ϕ= 3 hergestellt.
0 1020304050607080
0
1
2
3
4
5
15%
40%
50%
Stauchung
Relative Intensität [a.u.]
Neigungswinkel ψ[°]
Bild 6.102: CuZn10, α-Phase, Schnitte durch die 110-Polfigur, indirekt strangge-
presst (TBolz = 700°C, vStrang= 0.4 m/s, Umformgrad ϕ= 3) und maximal bis zu 50%
kaltgestaucht
122
0 102030405060708090
0.4
0.6
0.8
1.0
1.2
1.4
1.6
1.8
2.0
Neigungswinkel ψ[°]
Relative Intensität [a.u.]
15%
40%
50%
Stauchung
Bild 6.103: CuZn10, α-Phase, 111-Reflex, indirekt stranggepresst (TBolz =700°C,
vStrang =0.4 m/s,ϕ= 3) und maximal 50% kaltgestaucht
Der 111-Reflex der αPhase besitzt unter einem Inklinationswinkel ψ= 35° ein
Intensitätsmaximum (Bild 6.103). Bei CuZn20 entwickelt sich nicht in allen
druckverformten Proben eine <110>-Stauchtextur. In Strang 11 beispielsweise
beträgt der maximale Texturindex der {110} - Netzebenenschar ca. 1.5, wobei der
{110} - Texturpol ca. 10° zur Strangpressachse geneigt ist (Bild 6.104).
0 102030405060708090
0.5
1.0
1.5
2.0
2.5
3.0
TBolz = 65C,vStrang = 0.5 m/s, ϕ= 3
TBolz = 75C, vStrang = 0.5 m/s, ϕ= 3
TBolz = 70C, vStrang = 1 m/s, ϕ= 3.9
Relative intensität [a.u.]
Neigungswinkel ψ[°]
Bild 6.104: CuZn20, α-Phase, 110-Reflex, indirekt stranggepresst und 40%
kaltgestaucht
Gleichzeitig zeigt der Intensitätsverlauf der {111}-Netzebenenschar in Abhängigkeit
vom Inklinationswinkel ein Doppelmaximum bei ψgleich 25° und 45°. Dieses
Doppelmaximum ist bei CuZn37 deutlicher ausgeprägt als bei CuZn20 (Bild 6.105),
beispielsweise zeigt CuZn37, das bei einer Bolzeneinsatztemperatur TBolz =650°C
mit vStrang = 0.5 m/s ϕ= 3 hergestellt wurde, nach 20% und 25% Kaltstauchung keine
ausgeprägte <110>-Stauchtextur. In den Druckproben hat sich nach 20% Stauchung
ein {111} - Texturpol unter ψ= 20° sowie unter ψ= 45° ausgebildet. Nach 25%
Stauchung liegt ein einzelnes Maximum unter ψ= 30° vor (Bild 6.105).
123
0 1020304050607080
0.0
0.2
0.4
0.6
0.8
1.0
1.2
1.4
1.6
1.8
2.0
10%
20%
25%
Stauchung
Relative Intensität [a.u.]
Neigungswinkel ψ[°]
Bild 6.105: CuZn37, α-Phase, 111-Reflex, indirekt stranggepresst (TBolz =650°C,
vStrang = 0.5 m/s, ϕ= 3) und maximal 25% kaltgestaucht
Nach ca. 50% Stauchung hat sich sowohl in CuZn10 als auch in CuZn37 eine
<110>-Stauchtextur eingestellt, wobei die <110>-Stauchtextur in CuZn37 deutlich
schwächer als in CuZn10 ist.
Bild 6.106: Polfiguren, CuZn10, stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,
ϕ= 3) und ca. 50% kaltgestaucht, 90°-Belastungsrichtung
Die röntgenographisch bestimmten Polfiguren der 90°-Probe aus CuZn10 zeigt
Bild 6.106. Der Texturindex der <110>-Stauchtextur beträgt 4.2. Für die <110>-
Stauchtextur von CuZn37 wurde ein Texturindex von 2.5 bestimmt (Bild 6.107).
Bild 6.107: Polfiguren, CuZn37, stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,
ϕ= 3) und ca. 50% kaltgestaucht, 0°-Belastungsrichtung
124
6.3.2 Makro- und Mikroeigenspannungen
Bild 6.108 zeigt exemplarisch die sin2ψ-Verläufe für verschiedene Reflexe der α-
Phase einer 25% druckverformten Probe, die in 0°-Richtung aus einem
Strangpressprofil aus CuZn37 entnommen wurde (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,
ϕ=3). Bei sin
2ψ= 0 steht der Beugungsvektor senkrecht auf der Querschnittsfläche
der Druckprobe und wird mit zunehmendem Neigungswinkel in die Querschnitts-
fläche hineingekippt.
0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9
3.689
3.690
3.691
3.692
3.693
3.694
3.695
3.696
3.697
111-Reflex
222-Reflex
200-Reflex
311-Reflex
220-Reflex
Gitterparameter a [A]
sin2ψ
Bild 6.108: sin2ψ-Verlauf einer druckverformten Probe aus CuZn37, α-Phase, 0°-
Richtung, indirekt stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Bei den sin2ψ-Verläufen der druckverformten Proben aus CuZn37 treten
reflexabhängige Steigungen der sin2ψ-Verläufe auf, wobei die Auswertung
unterschiedlicher Reflexe der α-Phase dem Vorzeichen und dem Betrag nach
unterschiedliche Eigenspannungen liefert. Einen positiven Anstieg besitzen die
sin2ψ-Geraden des 200- und des 311-Reflexes der α-Phase, einen negativen Anstieg
die sin2ψ-Geraden des 111- und des 220-Reflexes der α-Phase. Die sin2ψ-
Auswertung der Messungen am 111-Reflex der α-Phase liefert somit stets besonders
große positive Radial- und Tangentialeigenspannungen in der Mitte des
Strangpressquerschnitts, die sin2ψ-Auswertung der Messungen am 220-Reflex α-
Phase stets große Druckeigenspannungen in Radial- und Tangentialrichtung. Mittels
der sin2ψ-Auswertung wurden beispielsweise für die indirekt stranggepresste
(TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ= 3) und anschließend 25% gestauchte Probe aus
CuZn37 in der Querschnittsmitte Radial- bzw. Tangentialeigenspannungen
σ111 = -20 MPa für den 111-Reflex und σ200 = 100 MPa für den 200-Reflex der α-
Phase bestimmt.
125
0246810121416
-100
-50
0
50
100
150
CuZn37, Kern, α-Phase
200-Reflex
220-Reflex
Eigenspannungen [MPa]
Stauchung [%]
Bild 6.109: Eigenspannungen nach Kaltstauchung, CuZn37, α-Phase, 200- und 220-
Reflex (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ=3)
Bild 6.109 zeigt für CuZn37, das indirekt stranggepresst (TBolz =700°C,
vStrang =0.3m/s,ϕ= 3) und anschließend druckverformt wurde, die Entwicklung der
mittels sin2ψ-Auswertung des 200- und des 220-Reflexes der α-Phase bestimmten
Eigenspannungen mit zunehmender Stauchung. Die anfänglichen Druckspannungen
in beiden Kristallitgruppen gehen bei Kaltstauchung für den α200-Reflex in
Zugeigenspannungen über, an dem α220-Reflex werden durchgängig
Druckeigenspannungen bestimmt. Dem Betrag nach sind die Eigenspannungen nach
10% Stauchung am größten und liegen für 15% Stauchung geringfügig unterhalb der
bei 10% Stauchung bestimmten Eigenspannungen.
Außerdem treten in den sin2ψ-Verläufen der kaltgestauchten Proben Nichtlinearitäten
auf, wobei sich die Verläufe je nach Reflex der α-Phase charakteristisch
unterscheiden. Die sin2ψ-Verläufe des 111- und des 222-Reflexes der α-Phase
zeigen beispielsweise regelmäßige Oszillationen um eine gedachte Gerade, die in
den „Nulldurchgängen“ geschnitten wird. Diese "Nulldurchgänge" liegen u.a. bei
sin2ψ=0.6 bzw.ψ= 50°.
126
6.3.3 Röntgenographische Linienprofilanalysen
Nach dem Strangpressen und anschließender Druckverformung bei RT besitzen die
Werkstoffe eine kleinere Domänengröße als im stranggepressten Zustand. In dem
Strangpressprofil aus CuZn37, das bei einer Bolzeneinsatztemperatur TBolz =650°C
mit vStrang = 0.5 m/s und ϕ= 3 hergestellt wurde, beträgt die Domänengröße ca.
500 Angström. Nach anschließender Druckverformung wurde eine Domänengröße
von 280 Angström ermittelt. Für indirekt stranggepresstes CuZn20 (TBolz =650°C,
vStrang =0.5m/s, ϕ= 3) ist die Domänengröße nach dem Strangpressen gleich
380 Angström, nach Strangpressen und anschließender Druckverformung gleich
280 Angström.
Die Mikrodehnungen werden mit der Druckverformung größer. In CuZn37
beispielsweise, das bei TBolz = 650°C mit vStrang = 0.5 m/s und ϕ= 3 indirekt
stranggepresst wurde, liegen Mikrodehnungen von ca. 0.005 vor, nach der
Druckverformung des stranggepressten Zustandes sind die Mikrodehnungen gleich
0.007.
0.80
0.85
0.90
0.95
1.00
0 102030405060
100
200
300
400
500
600
700
Domänengröße
Relative Halbwertsbreite
Domänengröße [A]
Inklinationswinkel ψ]
Halbwertsbreite
Bild 6.110: Domänengröße in Abhängigkeit vom Neigungswinkel ψ, CuZn37, α-
Phase, 222-Reflex, indirekt stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
und 25% gestaucht
127
0.80
0.85
0.90
0.95
1.00
0 102030405060
0.001
0.002
0.003
0.004
0.005
0.006
0.007
0.008
0.009
0.010
0.011
0.012
Mikrodehnung
Relative Halbwertsbreite
Mikrodehnung
Inklinationswinkel ψ[°]
Halbwertsbreite
Bild 6.111: Mikrodehnungen in Abhängigkeit vom Neigungswinkel ψ, CuZn37, α-
Phase, 222-Reflex, indirekt stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
und 25% gestaucht
Aufgrund der Ausrichtung der Subkörner senkrecht zur Stauchachse in den
druckverformten Proben nehmen die Domänengrößen mit größer werdendem
Inklinationswinkel ψzu (Bild 6.110). Die Mikrodehnung ist bei sin2ψgleich 0 bzw. ψ
gleich 0° größer als in den anderen Probenrichtungen und nimmt mit zunehmendem
Inklinationswinkel tendenziell ab (Bild 6.111).
0.80
0.85
0.90
0.95
1.00
0 102030405060
0.004
0.005
0.006
0.007
0.008
0.009
0.010
Zwillinge
Relative Halbwertsbreite
Zwillingswahrscheinlichkeit TP [a.u.]
Inklinationswinkel ψ]
Halbwertsbreite
Bild 6.112: Zwillingswahrscheinlichkeit in Abhängigkeit vom Neigungswinkel ψ,
CuZn37, α-Phase, 222-Reflex, indirekt stranggepresst (TBolz =650°C,
vStrang =0.5m/s,ϕ= 3) und 25% gestaucht
Die röntgenographisch ermittelte Zwillingswahrscheinlichkeit ist unter Inklinationswin-
keln zwischen ψ= - 10° bzw. ψ= 20° - 30° besonders groß (Bild 6.112).
128
6.3.4 Plastische Anisotropie - Richtungsabhängigkeit der
Fließgrenze und der Verfestigung
Bei sämtlichen Strangpressprodukten unterscheidet sich die 0.2%-Stauchgrenze in
den verschiedenen Richtungen im Strangpressprodukt. In Bild 6.113 sind am Beispiel
der Strangpressprodukte aus CuZn20 die verschiedenen Richtungsabhängigkeiten
dargestellt, die in den Strangpressprodukten auftreten.
04590
-100
-110
-120
-130
-140
-150
-160
-170 700°C, 0.5 m/s, ϕ= 3
650°C, 0.5 m/s, ϕ= 3
700°C, 0.4 m/s, ϕ= 3
0.2 % Stauchgrenze Rd0.2
[MPa]
Richtung der Druckproben [°]
Bild 6.113: Richtungsabhängigkeit der 0.2%-Stauchgrenze der Strangpressprodukte
aus CuZn20
Im Fall von CuZn20 mit TBolz = 650°C, vStrang = 0.5 m/s und ϕ= 3 wurde die maximale
Stauchgrenze in 45°-Richtung bestimmt. Für CuZn20 mit TBolz =700, v
Strang =0.5m/s
und ϕ= 3 nimmt die Stauchgrenze von 0° über 45° zu 90° kontinuierlich zu, für
CuZn20 mit TBolz = 700°C, vStrang = 0.4 und ϕ= 3 wird die Stauchgrenze gerade mit
zunehmendem Winkel zwischen der Stauchachse und der Strangpressachse kleiner.
Die richtungsabhängigen Unterschiede der 0.2%-Stauchgrenze betragen zwischen
10 MPa und 50 MPa.
5 10152025303540
0.95
1.00
1.05
1.10
1.15
1.20
1.25
1.30
1.35
Kleinster Wert
Größter Wert
Mittlerer r-Wert rquer
Zn-Gehalt [Gew.-%]
Bild 6.114: Einfluss des Zinkgehaltes auf die mittlere plastische Anisotropie der
Strangpressprodukte
129
Bild 6.114 zeigt den mittleren r-Wert in Abhängigkeit vom Zinkgehalt der
Strangpressprodukte. Dargestellt sind jeweils der größte und der kleinste an Proben
derselben Legierung mit ungefähr gleichen Stauchgraden bestimmte mittlere r-Wert.
Bei den meisten Proben aus CuZn37 beträgt der Stauchgrad um die 30%, die hier
betrachteten Proben aus CuZn10 und CuZn20 wurden bis zu ungefähr 60%
gestaucht.
Im Rahmen der Fehlergenauigkeit verändert sich der größte an den Proben
bestimmte Wert für die mittlere plastische Anisotropie wenig mit dem Zinkgehalt. Bei
CuZn37 beträgt der größte Wert der mittleren plastischen Anisotropie ca. 1.17, für
CuZn10 und CuZn20 ungefähr 1.22. Tendenziell wird jedoch der mittlere r-Wert mit
zunehmendem Zinkgehalt kleiner. Einem Wert von 1 für die kleinste mittlere
plastische Anisotropie bei CuZn37 steht ein Wert von ca. 1.12 für die kleinste mittlere
plastische Anisotropie bei CuZn10 gegenüber.
04590
0.85
0.90
0.95
1.00
1.05
1.10
1.15
1.20
1.25
1.30
1.35
1.40
1.45
r-Wert
Richtung [°]
CuZn10, 650°C, 0.5 m/s, ϕ= 3
CuZn20, 700°C, 0.4 m/s, ϕ= 3
CuZn37, 650°C, 0.5 m/s, ϕ= 3
Bild 6.115: Richtungsabhängigkeit des Lankford-Parameters, CuZn10, CuZn20 und
CuZn37, indirekt stranggepresst und kaltgestaucht
In Bild 6.115 sind die in den Strangpressprofilen auftretenden Richtungsabhängigkei-
ten des r-Wertes dargestellt. Unter 45° tritt jeweils ein Maximum auf, während der
Lankford-Parameter senkrecht zur Strangpressachse je nach Strang zwischen dem
Wert der 0°- und der 45°-Richtung liegt. In Strang 9 beispielsweise unterscheiden
sich r45° und r90° nicht signifikant.
130
1E-4 1E-3 0.01 0.1 1 10 100
0.90
0.95
1.00
1.05
1.10
1.15
1.20
1.25
1.30
1.35
1.40
1.45 RT
30C
r-Wert in 0°-Richtung r
Stauchrate [s-1]
Bild 6.116: Einfluss der Dehnrate und der Temperatur auf die plastische Anisotropie
bei Stauchung, CuZn37, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.5m/s,
ϕ=3) und druckverformt
In Bild 6.116 ist der Lankford-Parameter r der Druckproben für RT und 300°C
Versuchstemperatur in Abhängigkeit von der Stauchrate dargestellt. Je größer die
Stauchrate ist, desto kleiner wird der r-Wert. Bei 0.00025 s-1 Dehnrate beträgt für RT
r = 1.32 und bei einer Dehnrate von 66.67 s-1 ist r = 1.07. Die entsprechenden r-
Werte für 300°C Versuchstemperatur sind jeweils kleiner als diejenigen, die bei RT
ermittelt wurden.
131
7 Diskussion der Versuchsergebnisse
7.1 Gefüge der Stranggussbolzen
Entstehung des Stranggussgefüges
Im Vergleich zum Gefüge einer Knetlegierung sind Gussgefüge relativ grobkörnig.
Während die Körner im Stranggussgefüge über 20 mm groß sind, stellen sich in den
Strangpressprodukten je nach Legierung und Strangpressparametern Korngrößen
zwischen 10 µm und 80 µm ein.
Beim Stranggießen von Messinglegierungen bestimmt u.a. der Temperaturverlauf in
der Kokille das Gussgefüge. Da der Rand schneller erstarrt als die Gussstrangmitte,
ist das Korn in der Mitte tendenziell größer als am Rand des Gussblocks, was sowohl
bei CuZn10 als auch bei CuZn37 zutrifft (Bild 6.1).
Darüber hinaus ist der Gussblock aus CuZn10 jedoch im Querschnitt sehr viel
homogener als bei CuZn37, das ein ausgeprägtes Blockgefüge mit einem
Randbereich, einer Übergangszone und einem Kernbereich besitzt. Ursache dafür
ist, dass CuZn37 stärker als CuZn10 zur Seigerung neigt. Die daraus resultierenden
Konzentrationsunterschiede zwischen fest und flüssig sowie in der Schmelze
beeinflussen die Gefügeausbildung. Am Rand bewirkt die exogene Erstarrung an der
Kokillenwand die Bildung von zellförmigen Kristalliten. Diejenigen Kristallite, die
aufgrund ihrer Orientierung energetisch begünstigt sind, hemmen das Wachstum der
anderen Körner. Infolge der Anreicherung des Zink vor der Erstarrungsfront wird die
Schmelze konstitutionell unterkühlt, so dass sich in der Übergangszone Dendriten
bilden. Da in der Blockmitte sehr geringe lokale Erstarrungsgeschwindigkeiten
vorliegen, sind dort die Körner besonders groß.
Bedeutung der α/β-Phasenumwandlung für das Stranggussgefüge
Die Konzentrationsunterschiede zwischen der Schmelze und dem gerade erst
erstarrten Festkörper sind bei CuZn40Pb2 kleiner als bei CuZn10 und CuZn20 und
CuZn37 (Bild 2.1). Außerdem besitzt das Zink in der β-Phase einen größeren
Diffusionskoeffizienten besitzt als in der α-Phase, weil letztere dichter gepackt ist.
Aus diesen Gründen neigt CuZn40Pb2 weniger zur Seigerung als die in dieser Arbeit
untersuchten α- und Near-α-Legierungen. Der vorangehende Vergleich des
Stranggussgefüges von CuZn10 und CuZn37 lässt daher vermuten, dass die
geringen Seigerungen zur relativ großen Homogenität des Gussblocks aus
CuZn40Pb2 beitragen.
In Metallen wie beispielsweise α/β-Messinglegierungen, die bei der Abkühlung aus
der Schmelze eine Mehrfachphasenumwandlung durchlaufen, bewirkt die Multiplizität
der Phasenumwandlung, dass sich im Vergleich zu Werkstoffen, bei denen während
132
der Abkühlung keine fest-fest-Phasenumwandlung stattfindet, i.a. ein homogeneres
Gefüge mit kleineren Körner einstellt.
Die β-α-Phasenumwandlung ist als Ursache für ein feineres Korn in CuZn40Pb2 im
Vergleich zu den im Rahmen dieser Arbeit untersuchten α- und Near-α-
Messinglegierungen unwahrscheinlich, denn bei der α-γ-Phasenumwandlung von
Stählen, bei der ebenfalls das krz-Gitter in ein kfz-Gitter umgewandelt wird, konnte
bislang keine Kornverfeinerung beobachtet werden. Deshalb ist anzunehmen, dass
bereits bei der Erstarrung der Schmelze in der β-Phase durch eine entsprechend
große Keimdichte ein feineres Korn entsteht als bei der Erstarrung von CuZn10,
CuZn20 und CuZn37. Weiterhin trägt das elementar ausgeschiedene Blei zu einem
feineren Korn in CuZn40Pb2 bei, da es auf den Korngrenzen ausgeschieden wurde
und deren Wandern während des Kornwachstum behindert.
Textur in den Stranggussblöcken
In der α-Phase der Stranggussbolzen wurde eine {100}-Textur gefunden (Bild 6.6)
und in der β-Phase der Stranggussbolzen eine {110}-Textur (Bild 6.7), wobei der
{100}-Texturpol der α-Phase zur Bolzenachse geneigt ist. Die Textur der
Stranggussblöcke ist typisch für Gussgefüge /Wassermann1962/ und wird dadurch
verursacht, dass die Grenzflächenenergie im Kristall anisotrop ist.
Das Gießen ist ein Verfahren nahe dem thermischen Gleichgewicht. Deshalb
entstehen bei der Erstarrung bevorzugt Oberflächen niedriger Oberflächenenergie.
Diese gerichtete Erstarrung resultiert makroskopisch in einer {100}-Textur in der α-
Phase und einer {110}-Textur in der β-Phase, wobei die Texturpole in
Erstarrungsrichtung orientiert sind.
133
Bild 7.1: Erstarrungsfront beim Stranggießen /Steinrück2005/
Die Temperaturführung beim Stranggießen führt zur Ausbildung einer
trichterförmigen Erstarrungsfront in der Kokille (Bild 7.1), weshalb der {100}-Pol der
α-Phase ca. 45° zur Längsachse des Gussblocks geneigt ist.
In CuZn40Pb2 kann die α/β-Phasenumwandlung während des Abkühlens ebenfalls
zur Textur der α-Phase beitragen. Gemäß /Wassermann1962/ ist für die α/β-
Phasenumwandlung eine {110}-Textur in der α-Phase charakteristisch. Im Rahmen
des im Gussgefüge aus dem groben Korn resultierenden Messfehlers gibt es jedoch
keinen Hinweis auf eine solche {110}-Textur.
134
7.2 Strangpressen der Messinglegierungen
7.2.1 Strangpressparameter
Bedeutung der Kraftüberhöhung beim Strangpressen
Das Strangpressen der Messinglegierungen ist eine Warmumformung, bei der die
Rekristallisationstemperatur der im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersuchten
Legierungen überschritten wird. Dynamische Rekristallisation in der α-Phase führt
zur Ausbildung eines lokalen Maximums in der Kraft-Weg-Kurve, da die
Rekristallisation erst nach einer Inkubationszeit einsetzt und daraufhin die
notwendigen Umformkräfte abnehmen. Das Kraftmaximum äußert sich beim
Warmstrangpressen der Messinglegierungen als Kraftüberhöhung zu Beginn des
Strangpressens (Bild 6.8 und Bild 6.9). Man geht davon aus, dass bei auftretender
Rekristallisation zu einem beliebigen Zeitpunkt des Umformprozesses verschiedene
Gefügeanteile gleichzeitig vorliegen, die sich wesentlich in Anteil, Korngröße und
Verfestigungsgrad unterscheiden und dementsprechend auf die
Materialeigenschaften auswirken (Bild 7.2). Das gilt prinzipiell sowohl für statische als
auch für dynamische Gefügeveränderungen /Bate2003/.
Bild 7.2: Kraftüberhöhung durch a) dynamische Rekristallisation (DRX) und b)
Einformung des dendritischen Gefüges in rundliche Körner /Bate2003/
Aus der anteilig gewichteten Summe der Fließspannungen aller zu einem Zeitpunkt
des Umformprozesses vorliegenden Gefügeanteile berechnet sich die
Gesamtfließspannung des Gefügeverbundes zu jedem Zeitpunkt des
Strangpressvorganges, woraus die entsprechende Form der Kraftüberhöhung folgt.
Speziell im Falle der ausgeprägten Stranggussgefüge von CuZn10 und CuZn20
findet zu Beginn des Strangpressens die Einformung der dendritischen Körner vom
Stranggießen in rundliche Körner statt /Bate2003/, die einen geringeren
Umformwiderstand besitzen und deshalb ebenfalls zur Entstehung der
Kraftüberhöhung beim Strangpressen beitragen. Diese spezielle Form der
„Rekristallisation“ wird im weiteren Verlauf des Strangpressens von der zuvor
135
genannten dynamischen Rekristallisation überlagert, so dass sie sich in einer
gemeinsamen Kraftüberhöhung äußern.
Das doppelte Maximum beim Strangpressen von CuZn37 (Bild 6.9) deutet darauf hin,
dass auf der Basis zweier unterschiedlicher, zeitlich nachfolgender Prozesse
dynamische Rekristallisation initiiert wird. Bei der Legierung liegen die
Bolzeneinsatztemperaturen nahe der Trennlinie zwischen dem α-Phasenraum und
dem α+β-Phasenraum, so dass während des Warmstrangpressens Umwandlungen
zwischen den beiden Phasenräumen stattfinden können. Gemäß /Hennaut1984/
kann die Rekristallisation in der α-Phase von α/β-Messung außerdem mit einer
Verringerung der β-Phase einhergehen (Bild 7.3).
Bild 7.3: Rekristallisation in α/β-Messing durch Hineinwachsen der rekristallisierten α-
Phase in die β-Phase /Mäder1981/
Das bedeutet, dass sich das erste Maximum beim Strangpressen von CuZn37 auf
eine durch mit der β-α-Phasenumwandlung einhergehenden Rekristallisation der α-
Phase zurückführen lässt. Daran schließt sich aufgrund der dynamischen
Rekristallisation innerhalb der vorher gebildeten bzw. bereits vorhandenen α-Phase
das zweite Kraftmaximum an. Die spitze Form der ersten Kraftüberhöhung im
Vergleich zum zweiten Kraftmaximum kann damit plausibel erklärt werden, dass im
Vergleich zum Rekristallisationsintervall der α-Phase das Temperatur- und somit
auch das Zeitintervall der mit Rekristallisation einhergehenden α/β-
Phasenumwandlung der Near-α-Legierung CuZn37 relativ klein ist.
Einfluss des Zinkgehaltes auf die Strangpresskräfte
Mit zunehmendem Zinkgehalt werden die für das Strangpressen der
Messinglegierungen mit vergleichbaren Strangpressparametern erforderlichen
spezifischen Pressdrücke kleiner (Bild 6.14). Bei CuZn10 und CuZn20 sind die
Unterschiede im Vergleich zu CuZn37 und CuZn40Pb2 gering, wobei sich vor allen
Dingen die minimalen auftretenden spezifischen Pressdrücke für die beiden
Legierungen unterscheiden. Gleichzeitig nimmt die maximale Stärke der <uvw>{100}-
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen von
CuZn10 über CuZn20 nach CuZn37 kontinuierlich zu (Bild 6.51). Die <uvw>{100}-
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen entsteht
durch eine Kombination von plastischer Verformung und Rekristallisation. Da mit
zunehmendem Zinkgehalt die Messinglegierungen einerseits stärker verfestigen
136
/Dies1967/ und andererseits Erholungsvorgänge benachteiligt werden
/Gottstein1998/, ist die Rekristallisation in CuZn20 im Vergleich zu CuZn10
begünstigt und führt zu etwas geringeren spezifischen Presskräften als in CuZn10.
CuZn37 enthält einen geringen Anteil der krz β-Phase, die eine bessere
Warmumformbarkeit besitzt als die α-Phase. Ursache dafür ist, dass weniger
Verfestigung als in der α-Phase stattfindet. Sobald beim Strangpressen von CuZn37
die Gleichgewichtstemperatur der α/β-Phasenumwandlung erreicht wird, nimmt der
ursprüngliche Gehalt der β-Phase in CuZn37 zu. Bei CuZn37 beträgt die
Phasenumwandlungstemperatur ca. 700°C. Aufgrund des, wenn auch geringen,
Anteils der β-Phase in CuZn37 sind die spezifischen Presskräfte beim Strangpressen
von CuZn37 wesentlich geringer als beim Strangpressen von CuZn10 und CuZn20.
CuZn40Pb2 enthält wesentlich mehr β-Phase als CuZn37, bis zu 30 Vol.-%, so dass
die spezifischen Presskräfte zum Strangpressen der α/β-Legierung signifikant kleiner
sind als beim Strangpressen der α- und der Near-α-Legierungen.
Einfluss des Strangpressverfahrens auf die Strangpresskräfte
Am Beispiel von CuZn40Pb2 wurde das indirekte und das direkte Strangpressen
verglichen. Während beim indirekten Strangpressen von CuZn40Pb2 maximale
spezifische Pressdrücke von 300 MPa aufgetreten sind (Bild 6.14), betrug der
spezifische Pressdruck beim direkten Strangpressen von CuZn40Pb2 mit einer
Bolzeneinsatztemperatur gleich 610°C zu Beginn des Pressvorganges 350 MPa und
erreichte gegen Ende des Strangpressens einen Wert von 325 MPa (Bild 6.22).
Unter sonst gleichen Bedingungen wie Bolzeneinsatztemperatur und Umformgrad
erfordert folglich das direkte Strangpressen der Messinglegierung größere Kräfte als
das indirekte Strangpressen. Ursache dafür ist, dass beim direkten Strangpressen im
Gegensatz zum indirekten Strangpressen infolge der Relativbewegung zwischen
dem Bolzen und der Containerwand signifikante Reibkräfte auftreten. Die Größe der
Kontaktfläche zwischen dem Bolzen und der Containerwand verringert sich während
des Strangpressen jedoch kontinuierlich. Dadurch nehmen die Reibkraft und folglich
auch die Gesamtkraft ab. Aus der Überlagerung der Matrizenkraft und der sich
kontinuierlich veränderten Reibkraft beim direkten Strangpressen resultiert somit ein
Kraftverlauf der Strangpresskraft mit einem lokalen Kraftmaximum zu Beginn des
Strangpressens und im Anschluss daran stetig abnehmender Gesamtkraft.
Gegen Ende des Pressvorganges beträgt die spezifische Presskraft ca. 325 MPa,
was immer noch über der spezifischen Presskraft beim indirekten Strangpressen mit
600° Bolzeneinsatztemperatur liegt. Der entsprechende Wert der spezifischen
Presskraft ist gleich 300 MPa. Die Matrizenkraft ist demzufolge beim direkten
Strangpressen größer als beim indirekten Strangpressen. Gleichzeitig unterscheidet
sich der Materialfluss beim direkten Strangpressen und beim indirekten
Strangpressen aufgrund der unterschiedlichen Reibkräfte, so dass aufgrund eines
137
inhomogeneren Materialflusses im Vergleich zum indirekten Strangpressen beim
direkten Strangpressen größere lokale Fließkräfte auftreten als beim indirekten
Strangpressen und die größeren spezifischen Presskräfte bewirken.
Da die Reibkräfte beim direkten Strangpressen sowohl vom Containerdurchmesser
als auch von der Bolzenlänge des zu verpressenden Blocks abhängen, sind die
Ergebnisse des direkten Strangpressens anders als diejenigen des indirekten
Strangpressens nicht auf andere Strangpressanlagen übertragbar. Aus diesem
Grund wurden die Strangpresskräfte beim direkten Strangpressen nicht in
spezifische Pressdrücke umgerechnet.
Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf die Strangpresskräfte
Mit zunehmender Bolzeneinsatztemperatur beim Strangpressen werden die
erforderlichen spezifischen Pressdrücke kleiner, da bei höheren Temperaturen
Erholungsvorgänge begünstigt werden und eine geringere Verfestigung stattfindet.
Während bei CuZn10, CuZn20 sowie CuZn40Pb2 der Zusammenhang zwischen
Temperatur und spezifischem Pressdruck nahezu linear ist, bewirkt bei CuZn37 die
Zunahme der Bolzeneinsatztemperatur von 700°C auf 750°C eine wesentlich
stärkere Reduzierung des spezifischen Pressdrucks als die Veränderung von 650°C
auf 700°C (Bild 6.16). Der spezifische Pressdruck sinkt um 120 MPa, wenn die
Bolzeneinsatztemperatur von 700°C auf 750°C erhöht wird. Die Erhöhung der
Bolzeneinsatztemperatur von 650°C auf 700°C führt lediglich zu einer Verringerung
des spezifischen Pressdrucks um 50 MPa. Ursache dafür ist, dass bei Temperaturen
ab ca. 700°C die Legierung CuZn37 den α-β-Zweiphasenraum berührt. Während der
Umformung bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur liegt wesentlich mehr gut
warmumformbare β-Phase vor als bei 650°C und 700°C Bolzeneinsatztemperatur, so
dass die Umformkräfte signifikant reduziert werden.
Beim direkten Strangpressen trägt außerdem die Verringerung der Reibkraft mit
zunehmender Bolzeneinsatztemperatur zur Reduzierung der Presskräfte bei
(Bild 6.25). Mit zunehmender Temperatur lassen sich die Mikrokontakte zwischen
dem Bolzen und dem Container leichter lösen, was die Verringerung der Reibkraft
erklärt.
Einfluss des Umformgrades auf die Strangpresskräfte
Die Erhöhung des Umformgrades beim Strangpressen bewirkt eine Zunahme der
spezifischen Presskraft, da im Werkstoff stärkere Verfestigung stattfindet. Alle
untersuchten Legierungen bis auf CuZn37 zeigen eine lineare Beziehung zwischen
dem logarithmischen Umformgrad und dem spezifischen Pressdruck.
Bei CuZn37 beträgt der spezifische Pressdruck bei einem Umformgrad gleich 3.9 ca.
550 MPa ist damit signifikant größer, als ein linearer Anstieg mit dem Umformgrad
erwarten ließe (Bild 6.19). Gleichzeitig ist in derselben Legierung mit dem
138
Umformgrad gleich 3.9 der Anteil der α-Phase nach dem Strangpressen nahezu
gleich 100% und im Vergleich zu den anderen Strangpressprofilen aus CuZn37
maximal (Bild 6.31). Aufgrund des Temperaturprofils während des Strangpressens
/Holler2003/ findet die Phasenumwandlung vom α/β-Phasenraum zum α-
Phasenraum während des Durchtritts des Werkstoffs durch die Matrize statt und
nicht nach dem Pressvorgang während des Abkühlens. Deshalb muss in dem mit
einem Umformgrad gleich 3.9 gepressten Bolzen aus CuZn37 bereits während des
Strangpressens ein größerer Anteil der α-Phase vorgelegen haben als in den
anderen Profilen aus CuZn37. Der große Anteil an der α-Phase ist verantwortlich
dafür, dass beim Strangpressen mit ϕ= 3.9 im Vergleich zu den anderen
Strangpressversuchen mit CuZn37 besonders große spezifische Pressdrücke
aufgetreten sind.
Einfluss der Produktgeschwindigkeit auf die Strangpresskräfte
Mit zunehmender Verformungsgeschwindigkeit nimmt die Verfestigung in den
metallischen Werkstoffen grundsätzlich zu /Gottstein1998/. Bei allen Legierungen bis
auf CuZn37 ist jedoch die Veränderung des Umformwiderstandes beim
Strangpressen mit der Produktgeschwindigkeit nur geringfügig, beispielsweise
variiert der Umformwiderstand bei CuZn20, das mit einer Bolzeneinsatztemperatur
gleich 700°C gepresst wurde, in Abhängigkeit von der Produktgeschwindigkeit um
ca. 10 MPa (Bild 6.20). Ursache dafür ist die lediglich geringe Verfestigung des
Kupfers und der Messinglegierungen bei plastischer Verformung, die sich unter
anderem in sehr dicht beieinander liegenden Spannungs-Stauchungs-Kurven
oberhalb der Fließgrenze für 5 Zehnerpotenzen variierende Stauchraten äußert
(Bild 6.85).
Der Umformwiderstand beim Strangpressen von CuZn37 zeigt unter gleichen
Versuchsbedingungen Unterschiede bis zu 40 MPa. Bei einer Produktgeschwindig-
keit gleich 0.4 m/s beträgt der Umformwiderstand ca. 95 MPa und über 140 MPa bei
einer Produktgeschwindigkeit gleich 1 m/s (Bild 6.21). Der durch zunehmenden
Umformwiderstand (Bild 6.31) erhöhte Anteil der α-Phase während des
Strangpressens ist Ursache für den signifikanten Anstieg der spezifischen
Presskräfte mit zunehmender Produktgeschwindigkeit.
Beim direkten Strangpressen von CuZn40Pb2 nehmen die Reibkräfte mit der
Produktgeschwindigkeit tendenziell ebenfalls zu (Bild 6.26) und verstärken dadurch
die Abhängigkeit der Strangpresskräfte von der Produktgeschwindigkeit.
139
7.2.2 Gefüge und Mikrostruktur der Strangpressprodukte
Veränderungen des Gefüges und der Mikrostruktur durch das Strangpressen
Während des Strangpressenvorganges findet eine vollkommene Gefügeneubildung
statt, die auf einem Wechselspiel von plastischer Verformung sowie Erholung und
Rekristallisation beruht. Sobald lokal die kritische Formänderung überschritten wird,
erfolgt dynamische Rekristallisation. Auf diese Weise durchlaufen die
Volumenelemente beim Durchtritt durch die Matrize ggf. mehrfach das Wechselspiel
von plastischer Verformung und Rekristallisation. Je kleiner die Körner sind, desto
weniger Versetzungen können sie speichern. Entsprechend nimmt die Triebkraft für
die Rekristallisation mit jeder vorhergehenden dynamischen Rekristallisation ab. Die
plastische Verformung in Verbindung mit dynamischer Rekristallisation führt zur
Ausbildung eines im Vergleich zum Gussgefüge feineren Korns.
CuZn37 und CuZn40Pb2 besitzen in der α-Phase ein kleineres Korn als die beiden
α-Messinglegierungen CuZn10 und CuZn20 (Bild 6.34). Wesentliche Ursache dafür
ist, dass in den α/β-Messinglegierungen bereits nach dem Stranggießen eine
Kornverfeinerung stattgefunden hat, die auf das Gefüge der Strangpressprodukte
übertragen wird. Außerdem findet während des Aufheizens zu Beginn des
Strangpressvorganges in CuZn37 und CuZn40Pb2 eine α-β-Phasenumwandlung
statt, die analog zum Normalglühen der Stähle ebenfalls die Korngröße verringern
kann. Das nunmehr verfeinerte Korn bewirkt im Vergleich zum Ausgangszustand ein
feineres Korn in der α-Phase, die beim erneuten Abkühlen im Werkzeug bzw. nach
dem Strangpressen und der dabei stattfindenden β-α-Phasenumwandlung aus dem
Korn der verfeinerten β-Phase entsteht.
Aufgrund der großen Umformgrade und der hohen Temperaturen beim
Strangpressen liegen in den Strangpressprodukten Verformungsbänder vor, in denen
sich nach dem Strangpressen Körner ähnlicher Orientierung befinden (Bild 6.63 a).
Die Verformungsbänder können wegen der einheitlichen Orientierung der Kristallite
in den Bändern auch als Orientierungsbänder bezeichnet werden. Der Winkel
zwischen den Verformungsbändern beträgt ca. 70°, was nahezu dem Winkel
zwischen den in den kfz-Metallen als Gleit- bzw. Scherebenen fungierenden {111}-
Ebenen entspricht. Somit bildet sich das neu geformte Gefüge während des
Strangpressens entlang der Verformungsbänder, die während des Strangpressens
auftreten.
In der α-Phase der Strangpressprofile bildet sich eine Doppelfasertextur aus,
bestehend aus der <uvw>{100} - Texturkomponente und der <uvw>{111} -
Texturkomponente. Die <uvw>{111}-Komponente der Doppelfasertextur der α-Phase
vom Strangpressen ist ausschließlich auf plastische Verformung mittels
Versetzungsgleiten zurückzuführen, während die <uvw>{100} - Texturkomponente
von plastischer Verformung in Kombination mit Rekristallisation rührt
140
/Wassermann1962/. Die dynamische Rekristallisation in der α-Phase zeigt sich nicht
nur in der Entstehung der <uvw>{100} - Texturkomponente der Doppelfasertextur,
sondern auch in der Ausbildung einer Kraftüberhöhung zu Beginn des
Strangpressens (s. Abschnitt 7.2.1).
Lediglich bei CuZn37 wurde in allen Strangpressprodukten eine <100>-Fasertextur
und häufig eine <111>-Fasertextur gefunden, während bei CuZn10 stattdessen auch
Streugürtel um <311>-, <322>- und <511>-Fasern auftreten (Bild 6.48). Die gleichen
Texturen wurden auch in stranggepressten Aluminium ermittelt und auf ein selektives
Wachstum bestimmter Körner durch "Drehung" um die <111>-Richtung
zurückgeführt /Wassermann1962/. Legierungselemente bewirken eine Veränderung
der Texturen von den Legierungen gegenüber den unlegierten Metallen, wobei im
Falle der Messinglegierungen bei Legierungsgehalten von 10 Gew.-% Zink der
Übergang zwischen den typischen Texturen des reinen Kupfers und denen der
Messinglegierungen stattfindet /Wassermann1962/. Deshalb treten in der α-Phase
von CuZn10 die <311>-, <322>- und <511>-Fasern auf. CuZn37 liegt mit 37 Gew.-%
Zink jenseits dieses Übergangsbereiches, weshalb lediglich diers Strangpressen
von kfz-Metallen typische <100>-Fasertextur und in der Regel <111>-Fasertextur in
der α-Phase gefunden wurden.
Der Winkel zwischen der <uvw>{111}-Komponente der Doppelfasertextur der α-
Phase von CuZn10 und dem <113>-Texturpol liegt je nach exakter Lage der
Texturpole bei ca. 20° und ist folglich nahezu gleich dem Winkel, der von /Paul2003/
für die Winkelbeziehung zwischen dem Muttergefüge und den Verformungsbändern
von makroskopischer Scherung (Scherbänder) genannt wird. Letzterer beträgt ca.
25°. Demzufolge ist die Scherbandbildung beim Strangpressen als Ursache für die
<113>-Textur in der α-Phase ebenfalls in Betracht zu ziehen.
Darüber hinaus sind Scherbänder ein wichtiger Keimbildungsort für die
Rekristallisation /Sebald2001/. Da durch Scherbandbildung andere Orientierungen
bzw. Wachstumsbeziehungen für den Rekristallisationskeim zu erwarten sind als bei
inhomogener Versetzungsnukleation, könnte die Ausbildung von Scherbändern
Ursache dafür sein, dass anstelle der für stranggepresste kfz Legierungen üblichen
<100>-Fasertextur /Wassermann1962/ eine <uvw>{100} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen vorliegt /Sebald2001/.
Bild 6.64 zeigt, dass die Strangpressprodukte viele, unmittelbar benachbarte Σ3-
Zwillingskorngrenzen von Rekristallisationszwillingen besitzen. Außerdem treten
häufig Σ9-Korngrenzen von Mehrfachzwillingsbildung auf (Tabelle 6.1). Sie
entstehen, wenn verzwillingte Bereiche als Mutterkorn für eine erneute
Zwillingsbildung dienen. Auch /Randle2002/ findet nach Kaltverformung und
anschließendem Glühen besonders viele Σ3- und Σ9-Korngrenzen von
Rekristallisationszwillingen. Die Verkippung gegenüber dem Mutterkorn in dem
141
verzwillingten Bereich ist in Verbindung mit der hohen Rekristallisationszwillings-
dichte ist eine weitere mögliche Ursacher die schwache <uvw>{100} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen im
Gegensatz zur üblichen <100>-Fasertextur /Bunge1972, Sebald2001/. Damit ließe
sich außerdem plausibel erklären, warum kein eindeutiger Zusammenhang zwischen
der Anzahl der Zwillinge pro Fläche („Zwillingsdichte“) bzw. der mittels
Linienprofilanalyse bestimmten Zwillingswahrscheinlichkeit einerseits und der <100>-
Rekristallisationskomponente der Strangpresstextur der α-Phase andererseits
gefunden wurde.
Neben Zwillingskorngrenzen wurden in der α-Phase der Strangpressprodukte noch
weitere sog. CSL-Korngrenzen gefunden, die insgesamt nahezu 50% der
Korngrenzen im Strangpressprodukt ausmachen (Tabelle 6.1). Auch nach starker
plastischer Verformung werden somit in Polykristallen möglichst regelmäßige,
symmetrische Korngrenzen gebildet. Darunter befinden sich insbesondere
Korngrenzen, die sehr mobil sind und während der Rekristallisation leichter wandern
können, z.B. sämtliche Drehkorngrenzen mit einer <111>-Drehachse wie Σ13b, Σ7
und Σ19b. Sie zehren die weniger beweglichen Korngrenzen während der
Gefügeneubildung auf. Die Korngrenzen stellen den Zusammenhalt zwischen den
Körnern der unterschiedlichen Kristallitgruppen bzw. Gefügebestandteilen her.
Dementsprechend wurden für speziell orientierte Kristallite bzw.
Nachbarschaftsbeziehungen bevorzugte CSL-Korngrenzen gefunden, die eine
Minimierung der entsprechenden Korngrenzenenergie ermöglichen. Σ11-
korngrenzen wurden beispielsweise häufig zwischen <111> und <100> gefunden.
Die <110>-Textur in der β-Phase wird sowohl durch plastische Verformung als auch
durch in Verbindung damit stattfindender Erholung verursacht /Wassermann1962/.
Einfluss des Zinkgehaltes auf das Gefüge und die Mikrostruktur der α-Phase
Mit zunehmenden Zinkgehalt nimmt infolge kleiner werdender Stapelfehlerenergie
die Aufspaltung der Versetzungen in Partialversetzungen zu, so dass der Werkstoff
stärker verfestigt. Entsprechend wird die dynamische Rekristallisation mit
zunehmendem Zinkgehalt der Messinglegierung gegenüber der Erholung begünstigt.
Aus diesem Grund wird der Texturindex der <uvw>{100} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen mit steigendem Zinkgehalt der
Messinglegierung von CuZn10 über CuZn20 nach CuZn37 kontinuierlich größer
(Bild 6.51). Der maximale Texturindex der <uvw>{100} -Texturkomponente des
stranggepressten CuZn10 beträgt ca. 2.5, während für die <uvw>{100} -
Texturkomponente des stranggepressten CuZn37 ein maximaler Wert von ca. 8
bestimmt wurde. Dieser Wert wurde für CuZn37 ermittelt, das bei TBolz = 750°C mit
vStrang = 0.5 m/s und ϕ= 3 hergestellt wurde. Die Stärke der <uvw>{100} -
142
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen der
übrigen Strangpressprodukte aus CuZn37 betrug zwischen 1.3 und 4.0.
Im Vergleich zu CuZn37 besitzt die <uvw>{100} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen von CuZn40Pb2 eine geringere
Stärke. Die maximalen und minimalen Texturindizes der Doppelfasertextur der α-
Phase von CuZn40Pb2 stimmen mit den Werten des stranggepressten CuZn20
überein. Während der Aufheiz- und Abkühlvorgänge im Zusammenhang mit dem
Strangpressvorgang finden α/β-Phasenumwandlungen von αzu βund umgekehrt
statt. Folge der Phasenumwandlung von der β-Phase zur α-Phase kann die
Ausbildung einer <110>-Textur sein /Wassermann1962/, mit der die Verringerung der
Stärke aller anderen Texturkomponenten in der α-Phase und somit auch die
Schwächung der <uvw>{100} -Texturkomponente einherginge. Die Ausbildung einer
<110>-Textur in der α-Phase wurde weder bei CuZn37 noch bei CuZn40Pb2
festgestellt.
Die relative schwache <uvw>{100} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-
Phase vom Strangpressen in CuZn40Pb2 wird hingegen darauf zurückgeführt, dass
bei CuZn40Pb2 bis zu 40 Vol.-% β-Phase vorhanden ist und deshalb ein
wesentlicher Anteil der Warmumformung während des Strangpressens von der im
Vergleich zur α-Phase besser warmumformbaren β-Phase getragen wird. Dadurch
findet in der α-Phase von CuZn40Pb2 im Vergleich zu den α- und Near-α-
Messinglegierungen schwächere plastische Verformung statt. Die Neigung zur
Rekristallisation verhält sich entsprechend der plastischen Verformung.
Die Korngröße der α-Phase der Strangpressprodukte (Bild 6.34) korreliert nicht
unmittelbar mit der Stärke der Komponenten der Doppelfasertextur der α-Phase.
Maximale Korngrößen besitzen im Rahmen des variierten Zinkgehalts die
Strangpressprodukte aus CuZn20 mit bis zu 80 µm. Für CuZn10 und CuZn37
wurden an den Strangpressprodukten Korngrößen bis zu nahezu 40 µm bestimmt.
Die mehrfache Phasenumwandlung in CuZn37 und CuZn40Pb2 während des
Aufheizens vor dem Strangpressen im Ofen und des Abkühlens während dem
Strangpressen bewirkt, dass die beiden Legierungen im Vergleich zu CuZn10 und
CuZn20 ein feineres Korn besitzen (s. Seite 135), für CuZn40Pb2 wurde z.B. eine
maximale Korngröße von 30 µm bestimmt.
Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf das Gefüge und die Mikrostruktur der
α-Phase
Bei den Legierungen CuZn20, CuZn37 und CuZn40Pb2 führt die Erhöhung der
Bolzeneinsatztemperatur beim Strangpressen zu einer Zunahme der <uvw>{100} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen (Bild 6.53
und Bild 6.54). Die mittlere Korngröße nimmt in den Strangpressprodukten aus
143
CuZn10, CuZn20 und CuZn40Pb2 mit der Bolzeneinsatztemperatur zu (Bild 6.35 bis
Bild 6.37). Somit wird durch die Erhöhung der Bolzeneinsatztemperatur die
Rekristallisation begünstigt /Prasad2006/. Gleichzeitig findet stärkeres Wachstum der
rekristallisierten Körner statt, so dass die Korngröße in der rekristallisierten α-Phase
zunimmt /Gottstein1998/. Aufgrund der Rekristallisation und der damit verbundenen
Ausheilung von Defekten wird die Mikrodehnung mit zunehmender
Bolzeneinsatztemperatur kleiner, während die Domänengröße abnimmt (Bild 6.43).
Die <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen wird nicht signifikant von der Bolzeneinsatztemperatur beeinflusst.
Einerseits ist mit zunehmender Verformungstemperatur der Anteil der plastischen
Verformung größer als bei niedrigeren Temperaturen, andererseits werden die
besonders stark plastisch verformten Körner durch Rekristallisation aufgezehrt.
Die Strangpressprodukte aus CuZn10 zeigen im Gegensatz zu den Erzeugnissen der
anderen Legierungen keinen linearen Zusammenhang zwischen der
Bolzeneinsatztemperatur einerseits sowie der Korngröße bzw. der <uvw>{100} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen
andererseits. Bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur beträgt die mittlere Korngröße der
α-Phase 28 µm (Bild 6.35). Der Texturindex der <uvw>{100} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen ist bei 700°C
Bolzeneinsatztemperatur minimal (Bild 6.52). Die Betrachtung nicht nur der mittleren
Korngröße, sondern auch der Korngrößenverteilung zeigt, dass in der α-Phase der
Strangpressprodukte aus CuZn10 anders als bei den übrigen Legierungen zwei
unterschiedliche Korngrößenfraktionen vorhanden sind. Beispielsweise besitzt die
eine Fraktion der α-Phase in dem bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur mit einem
Umformgrad ϕ= 3 und einer Produktgeschwindigkeit vStrang =0.5m/s
stranggepressten Profil eine mittlere Korngröße gleich 30 µm, die Korngröße der
anderen Fraktion beträgt ca. 70 µm. Relativ gering sind im Vergleich dazu die
Korngrößenunterschiede in der α-Phase beim Profil, das bei TBolz = 700°C mit einem
Umformgrad ϕ= 3 und einer Produktgeschwindigkeit vStrang = 0.4 m/s stranggepresst
wurde. Die mittlere Korngröße beider Fraktionen ist gleich 30 µm bzw. 48 µm. Das
Strangpressprofil besitzt mit einem Texturindex gleich 1.9 im Vergleich zu den
anderen Strangpressprodukten eine relativ starke <uvw>{100} -Texturkomponente
der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen.
Ursache für die geringe Stärke der <uvw>{100} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen ist somit die unvollständige
Rekristallisation, die zur besonders starken Ausbildung zweier unterschiedlicher
Korngrößenfraktionen führt. Die kleineren Körner entstehen durch Rekristallisation
und anschließendes Kornwachstum, während die größeren Körner durch
überwiegend plastische Verformung während des Strangpressprozesses
144
gekennzeichnet sind. Dazu trägt bei, dass CuZn10 im Vergleich zu den anderen
Legierungen eine größere Neigung zur Erholung besitzt, wodurch die Triebkraft für
die Rekristallisation reduziert wird.
Bild 7.4: Inhomogene Korngrößenverteilung in CuZn10, indirekt stranggepresst
(TBolz = 700°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Wegen der Überlagerung mit dem durch zunehmende Temperatur begünstigten
Kornwachstums der rekristallisierten Kristallite wird die <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen mit einer
Steigerung der Bolzeneinsatztemperatur von 700°C auf 750°C größer.
Einfluss des Umformgrades sowie der Produktgeschwindigkeit auf das Gefüge
und die Mikrostruktur der α-Phase
Die <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen nimmt bei allen Messinglegierungen mit zunehmendem Umformgrad
zu (Bild 6.56 bis Bild 6.58), da der Werkstoff stärker plastisch verformt wird und
wegen der aufgrund der Versuchsdurchführung mit zunehmendem Umformgrad
größer werdenden Produktgeschwindigkeit außerdem die Verfestigung zunimmt
/Gottstein1998/. Im Vergleich zu anderen Metallen findet in Messinglegierungen eine
relativ geringe Verfestigung statt, und die Dehnratenempfindlichkeit der
Fließspannung ist relativ gering (s. Abschnitt 7.2.1), so dass die Unterschiede in der
Stärke der <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen unter Berücksichtigung der Fehlergrenzen relativ gering erscheinen.
Durch die Vergrößerung der Versetzungsdichte infolge der stärkeren plastischen
Verformung nimmt die Mikrodehnung mit zunehmendem Umformgrad bzw.
Umformwiderstand zu (Bild 6.45), während die Domänengröße zugleich kleiner wird.
Je größer die Defektdichte ist, desto stärker wird die Triebkraft für Rekristallisation
/Gottstein1998/. Deshalb bewirkt bei CuZn10 und CuZn20 die Erhöhung des
Umformgrades eine geringfügige Zunahme der <uvw>{100} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen (Bild 6.56). Die Korngröße ist bei
100 µm
145
einem Umformgrad ϕ= 3.9 signifikant größer als bei einem Umformgrad ϕ=3
(Bild 6.39). Daraus wird geschlossen, dass die zunehmende Rekristallisation bei
einer Erhöhung des Umformgrades zu einem stärkeren Kornwachstum führt.
Mit zunehmender Verformungsgeschwindigkeit wird die Verfestigung größer
/Gottstein1998/, so dass sich beim Strangpressen von CuZn20 tendenziell ein umso
größeres Korn in der α-Phase einstellt, desto größer die Produktgeschwindigkeit ist
(Bild 6.41). Die Verfestigung ist jedoch relativ gering, weshalb bei CuZn10 wegen des
zusätzlichen Einflusses der Erholung und bei CuZn37 sowie CuZn40Pb2, bei dem
außerdem die Phasenumwandlung relevant ist, kein wesentlicher Einfluss der
Produktgeschwindigkeit auf die Korngröße der Strangpressprodukte festgestellt
wurde. Bei CuZn40Pb2 zeigt sich die Verfestigung in der α-Phase mit zunehmender
Produktgeschwindigkeit hingegen in einer Verstärkung der <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen
(Bild 6.61). Der Texturindex beträgt 1.9 bei einer Produktgeschwindigkeit
vStrang = 0.13 m/s, über 2.4 bei vStrang = 0.68 m/s. Aufgrund der stärkeren Verfestigung
wird auch die Rekristallisation begünstigt, weshalb die Stärke der <uvw>{100} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen ebenfalls
kontinuierlich von ca. 1.6 bei vStrang = 0.13 m/s auf 1.8 bei vStrang = 0.68 m/s ansteigt.
Einfluss der Strangpressparameter auf die α/β-Phasenumwandlung in CuZn37
und CuZn40Pb2
Bei CuZn37 wirkt sich die Produktgeschwindigkeit viel stärker auf die
Strangpresskräfte und das vom Strangpressen resultierende Gefüge aus als bei den
anderen Messinglegierungen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass der
Umformwiderstand viel stärker mit der Produktgeschwindigkeit variiert als bei den
anderen Messinglegierungen (Bild 6.21). Gleichzeitig nimmt mit steigendem
Umformwiderstand der Anteil der α-Phase in den Strangpressprodukten aus CuZn37
zu (Bild 6.31), was somit die Ursache für den erhöhten Umformwiderstand ist.
Die Zunahme des α-Phasenanteils ist in Übereinstimmung mit /Mäder1974/, wonach
plastische Verformung die β-α-Phasenumwandlung unterstützen kann. Die fcc α-
Phase ist dichter gepackt als die bcc β-Phase, was zur Reduzierung der inneren
Energie gemäß des Prinzips des kleinsten Zwanges beiträgt, wenn in dem
vorliegenden Belastungssystem beim Strangpressen große Drücke vorherrschen.
Die Eigenspannungen der α-Phase in den Strangpressprofilen aus CuZn37 sind um
so kleiner, je weniger β-Phase bzw. mehr α-Phase vorhanden ist (Bild 6.64). Somit
führt die spannungsinduzierte β-α-Phasenumwandlung zu einer Spannungsrelaxa-
tion in den α/β-Messinglegierungen.
Bei indirekt stranggepresstem CuZn40Pb2 nimmt der Anteil der β-Phase hingegen im
Kern mit steigendem Umformgrad zu, während am Rand bei einem Umformgrad
146
gleich 2.95 der Anteil der β-Phase maximal ist (Bild 6.33). Anders als bei CuZn37
beeinflusst auch die Bolzeneinsatztemperatur den Anteil der β-Phase signifikant. Je
größer die Bolzeneinsatztemperatur ist, desto weniger β-Phase enthält das
Strangpressprodukt (Bild 6.32). Im Unterschied zu CuZn37 müssen deshalb auch die
Temperatureinflüsse diskutiert werden. Auch die Variation des Umformgrades wirkt
sich auf die Temperaturverhältnisse im Strang dadurch aus, dass aufgrund der
Versuchsführung und der damit einhergehenden Vergrößerung der
Produktgeschwindigkeit um so weniger Zeit für die β-α-Phasenumwandlung bleibt, je
größer der Umformgrad ist. Damit lässt sich die kontinuierliche Zunahme des Anteils
der β-Phase im Kern mit steigendem Umformgrad erklären.
Wie die Bolzeneinsatztemperatur die Phasenumwandlung von β-Messing zu α-
Messing insgesamt beeinflusst, lässt sich schwer abschätzen. Einerseits wird die
Verweildauer in dem Temperaturintervall, in dem die Phasenumwandlung von β-
Messing zu α-Messing erfolgen kann, größer. Dieser Aspekt wurde ursprünglich als
Ursache für den Einfluss der Bolzeneinsatztemperatur auf den β-Phasenanteil
betrachtet /Holler2003/. Andererseits nimmt die momentane Abkühlgeschwindigkeit
sogar zu, weil die Temperaturdifferenz zur Umgebung und damit die Triebkraft für die
Abkühlung durch eine Erhöhung der Bolzeneinsatztemperatur vergrößert wird.
Anders als im Kern der Strangpressprofile weist am Rand das Maximum des β-
Phasenanteils bei einem Umformgrad gleich 2.95 und die Verringerung des β-
Phasenanteils am Rand mit weiter zunehmendem Umformgrad darauf hin, dass auch
bei CuZn40Pb2 die spannungsinduzierte β-α-Phasenumwandlung stattfindet.
Darüber hinaus zeigen die experimentellen Befunde eine besonders starke Zunahme
des Anteils der α-Phase in CuZn40Pb2, wenn die Bolzeneinsatztemperatur von
700°C auf 750°C erhöht wird. Gleichzeitig steigt die Stärke der <uvw>{100} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen signifikant
von 1.2 auf 3.7 an, während eine Veränderung der Bolzeneinsatztemperatur von
600°C auf 700°C keinen wesentlichen Einfluss auf die zuvor genannte
Texturkomponente hat (Bild 6.54).
Folglich wird die β-α-Phasenumwandlung in CuZn40Pb2 von einer zunehmenden
Stärke der <uvw>{100} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom
Strangpressen begleitet. Dementsprechend zeigt die Stärke der <uvw>{100} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen für
verschiedene Bolzeneinsatztemperaturen einen linearen Zusammenhang mit dem
Anteil der α-Phase bzw. der β-Phase im stranggepressten CuZn40Pb2 (Bild 7.5).
147
1.0 1.5 2.0 2.5 3.0 3.5 4.0
12
14
16
18
20
22
24
26
28
Anteil der β-Phase [Vol.-%]
Stärke der <100>-Fasertextur der α-Phase
Bild 7.5: Zusammenhang zwischen β-Phasenanteil und Stärke der <100>-Fasertextur
der α-Phase CuZn0Pb2, indirekt stranggepresst (vStrang = 0.28 m/s, ϕ=2.92)
Der vorliegende experimentelle Befund stützt die Behauptung von /Hennaut1984/,
der als möglichen Rekristallisationsmechanismus in α/β-Messinglegierungen das
Aufzehren der stark verformten β-Phase durch die rekristallisierte α-Phase nennt.
Weiterhin zeigt sich, dass für diesen Mechanismus relative hohe Temperaturen
erforderlich sind, da Kupfer und Messing kleine Diffusionskoeffizienten aufweisen.
Im Falle von CuZn37 sind wesentlich kleinere β-Phasengehalte vorhanden als beim
Strangpressen von CuZn40Pb2, das bei 750°C im thermodynamischen
Gleichgewicht sogar zu 100% aus β-Messing besteht. Im Vergleich zu CuZn37 ist
deshalb viel stark verformte β-Phase vorhanden, dier den zuvor genannten
Rekristallisationsmechanismus zur Verfügung steht. Der Zuwachs der <100>-
Fasertextur der α-Phase mit der Erhöhung der Bolzeneinsatztemperatur von 700°C
auf 750°C ist jedoch wesentlich größer als der mit den Bolzeneinsatztemperaturen
gleich 650°C und 700°C verbundene Unterschied der <100>-Fasertextur der α-
Phase. Nahe 700°C liegt außerdem für CuZn37 die Phasengrenze zwischen dem α-
Einphasenraum und dem α+β-Zweiphasenraum. Deshalb kann nicht ausgeschlossen
werden, dass bei Temperaturen oberhalb 700°C in CuZn37 ebenfalls
Rekristallisation der α-Phase durch Aufzehren der stark verformten β-Phase wirksam
ist.
Einfluss der Strangpressparameter auf die Mikrodehnungen in
stranggepresstem CuZn40Pb2
Die Mikrodehnungen in der α-Phase der indirekt stranggepressten Profilen aus
CuZn40Pb2 betragen bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur ca. 0.006 und sind damit
kleiner als bei 600°C Bolzeneinsatztemperatur (Bild 6.46). Für letztere beträgt der
Wert der Mikrodehnungen 0.01. Als Ursache kann die Ausheilung der Gitterdefekte
148
mit zunehmender Temperatur herangezogen werden. Dementsprechend wird die
Domänengröße mit zunehmender Bolzeneinsatztemperatur bis zu 750°C
Bolzeneinsatztemperatur kontinuierlich größer (Bild 6.46).
Die Mikrodehnung steigt jedoch bei 750°C im Vergleich zu 700°C
Bolzeneinsatztemperatur wiederum an. Wesentlicher Unterschied der Gefüge in den
entsprechenden Strangpressprodukten ist, dass bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur
wesentlich mehr α-Phase vorliegt als bei 700°C Bolzeneinsatztemperatur. Bleibt
folglich als einzige weitere Ursache für die Zunahme der Mikrodehnungen die
Induzierung von Mikrodehnungen in mehrphasigen Werkstoffen durch
Misfitdehnungen an den Grenzflächen. /Klimanek1990/ weist auf diese Ursache von
Mikrodehnungen hin und nennt als Beispiel die Spannungsfelder um
Ausscheidungen in Aluminiumlegierungen.
14 15 16 17 18 19 20 21 22 23
0.006
0.008
0.010
0.012
0.014
0.016
0.018
0.020
CuZn40Pb2
indirekt
direkt
stranggepresst
Mikrodehnung
β-Phasenanteil [Vol.-%]
Bild 7.6: Zusammenhang zwischen Mikrodehnung und β-Phasenanteil in
stranggepresstem CuZn0Pb2
Wenn die bei der Phasenumwandlung entstehenden Fehlpassungsdehnungen
tatsächlich wesentliche Ursache für die Mikrodehnungen in stranggepresstem
CuZn40Pb2 sind, müssen sie mit zunehmendem α-Phasenanteil der
Strangpressprodukte ansteigen bzw. mit größer werdendem β-Phasenanteil geringer
werden. Dieser Zusammenhang trifft ebenfalls auf die vorliegenden Untersuchungen
zu (Bild 7.6). Obwohl bei den direkt stranggepressten Profilen aus CuZn40Pb2 der
Anteil der β-Phase nur geringfügig variiert, ist dort der Zusammenhang zwischen
Mikrodehnung und Phasenanteilen viel eindeutiger als bei den indirekt gepressten
Rundprofilen aus CuZn40Pb2. Der besonders signifikante Beitrag der
Fehlpassungsdehnungen beim direkten Strangpressen von CuZn40Pb2 wirkt dem
Beitrag der Volumenänderung durch Phasenumwandlung zur inneren Energie im
Werkstoff entgegen, was als mögliche Ursache in Betracht kommt, weshalb die
149
mechanisch induzierte Phasenumwandlung beim indirekten Strangpressen im
Rahmen der vorliegenden Untersuchungen nicht nachgewiesen werden konnte.
Anders als beim indirekten Strangpressen ist die Verformung aufgrund der Reibung
an der Containerwand beim direkten Strangpressen inhomogener, gleichzeitig wirkt
die Reibung der Abkühlung an der Containerwand entgegen. Durch die
Abkühlungsvorgänge unterscheidet sich die wahre Bolzentemperatur in Abhängigkeit
von Ort und Zeitpunkt während des Pressvorganges von der
Bolzeneinsatztemperatur, was die Betrachtung der Mikrodehnungen beim direkten
Strangpressen beliebig komplex macht.
Einfluss der Strangpressparameter auf das Gefüge und die Mikrostruktur der β-
Phase
In der β-Phase von CuZn37 und CuZn40Pb2 findet lediglich plastische Verformung
und Erholung statt, da die Stapelfehlerenergie der β-Phase im Vergleich zur α-Phase
relativ groß ist /Bauser2001/. Je höher die Bolzeneinsatztemperatur ist, desto
umfangreichere plastische Verformung findet statt. Entsprechend nimmt die Stärke
der <110>-Textur vom Strangpressen mit der Bolzeneinsatztemperatur kontinuierlich
zu (Bild 6.55). Infolge der gleichzeitig stattfindenden dynamischen Erholung werden
die Versetzungen teilweise ausgelöscht oder ordnen sich zumindest um. Deshalb
wurde beispielsweise bei CuZn40Pb2 eine Zunahme der Domänengröße in der β-
Phase festgestellt (Bild 6.47). Die Domänengröße in der β-Phase beträgt 150 µm bei
600°C Bolzeneinsatztemperatur und 450 µm bei 750°C Bolzeneinsatztemperatur.
Die Mikrodehnungen nehmen jedoch nicht in dem Maß ab, in dem die
Domänengröße zunimmt, sondern werden von 600°C Bolzeneinsatztemperatur zu
750°C größer (Bild 6.47). Ursache ist die bereits erläuterte Induzierung von
Mikrodehnungen durch die Ausscheidungsmorphologie der α-Phase beim
Strangpressen und der daraus resultierenden Fehlpassungsdehnungen.
Mit ansteigender Produktgeschwindigkeit wird die <110>-Textur in der β-Phase von
CuZn37 kleiner (Bild 6.55). Das steht im Einklang damit, dass die besonders stark
plastisch verformte β-Phase durch β-α-Phasenumwandlung bzw. bei CuZn40Pb2
Rekristallisation aufgezehrt wird.
Gefügeunterschiede zwischen Rand und Kern beim Strangpressen von
CuZn40Pb2
Bei CuZn20 ist die Kleinlasthärte am Rand der Strangpressprodukte kleiner als im
Kern (Bild 6.65). Ursache für die Härteunterschiede zwischen Rand und Kern können
sowohl Entzinkung als auch unterschiedliche thermomechanische Beanspruchung
sowie daraus resultierende Gefüge in den beiden Zonen beim Strangpressen sein.
/Holler2003/ zeigt für CuZn40Pb2, dass in den ersten 30 µm am Rand des
Strangpressprofils Entzinkung stattgefunden hat. Die Zone geringerer Härte bei
150
CuZn20 liegt hingegen im Bereich von Millimetern. Darüber hinaus müsste der
qualitativ gleiche Härteverlauf noch viel ausgeprägter bei CuZn37 auftreten, wenn
Entzinkung die wesentliche Ursache wäre, da die Entzinkung mit steigendem Zn-
Gehalt zunimmt /Dies1967/.
Bleibt also das Gefüge als wesentliche Ursache für den Härteverlauf. Durch
Rekristallisation entsteht ein feineres Korn. Da im Kern stärkere plastische
Verformung als am Rand stattfindet, ist dort die Rekristallisation stärker als am Rand.
Deshalb ist im Kern tendenziell ein kleineres Korn als am Rand zu erwarten, dessen
Festigkeitseinfluss im Vergleich zu der nur gering variierenden Strangpresstextur
dominiert.
Bei CuZn37 variiert die Korngröße im Vergleich zu CuZn10 und CuZn20 weniger
stark. Da am Rand aufgrund der schnelleren Abkühlung gegenüber dem Kern
weniger Rekristallisation zu erwarten ist und deshalb dort die <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen im
Vergleich zur <uvw>{100} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase
vom Strangpressen stärker sein wird, lässt sich damit die am Rand tendenziell
größere Härte des stranggepressten CuZn37 (Bild 6.66) erklären.
Die Gefügeunterschiede zwischen Kern und Rand der Strangpressprodukte aus
CuZn40Pb2 werden wesentlich durch die größere Abkühlgeschwindigkeit am Rand
im Vergleich zum Kern während des Strangpressvorganges verursacht. Da der Rand
schneller abkühlt als der Kern, stellt sich am Rand ein kleineres Korn als im Kern ein
(Bild 6.36 und Bild 6.37). Der β-Phasenanteil von CuZn40Pb2 ist am Rand
geringfügig größer als im Kern (Bild 6.32 und Bild 6.33). Außerdem wurden am Rand
mehr Rekristallisationszwillinge der α-Phase gefunden als im Kern. Die Überlagerung
der Phasengehalte sowie der Korngröße einerseits und der Rekristallisation
andererseits führt dazu, dass die Kleinlasthärte zwischen dem Kern und dem Rand
im Rahmen der Streuung nicht signifikant variiert /Holler2003/. Im Falle des direkten
Strangpressens trägt auch die Reibung zwischen der Containerwand und der
Bolzenoberfläche zu den Gefügeunterschieden zwischen Rand und Kern bei. Auch
fürs direkte Strangpressen variiert dabei die Kleinlasthärte entlang des
Strangpressproduktquerschnitts nicht signifikant /Holler2003/.
151
7.2.3 Festigkeit und Umformvermögen der Strangpressprodukte
Einfluss des Gefüges und der Mikrostruktur auf die Fließgrenze der
Strangpressprofile
Die Strangpressprofile besitzen im Vergleich zum Strangguss eine größere
Festigkeit. Während der Strangguss aus CuZn37 bei einer Stauchrate von 6.67 s-1
bei RT eine 0.2%-Stauchgrenze Rd0.2 = -120 MPa besitzt, beträgt die 0.2%-
Stauchgrenze des Strangpressprofils aus CuZn37, das bei TBolz =650°C mit
vStrang = 0.5 m/s und ϕ= 3 hergestellt wurde, Rd0.2 = –155 MPa (Bild 6.88). Ursache
dafür ist, dass sich in den Strangpressprodukten durch eine vollständige
Gefügeumbildung eine geringere Korngröße und eine andere Textur als im
Strangguss einstellt. Der Strangguss besitzt im wesentlichen eine schwache <100>-
bzw. <110>-Textur. Die Korngröße der Bolzen liegt bei mehreren Millimetern. Indes
besitzen die Strangpressprodukte in der α-Phase eine Doppelfasertextur bestehend
aus der <uvw>{111} -Texturkomponente bzw. <111> -Texturkomponente sowie der
<uvw>{100} -Texturkomponente bzw. der <100> -Texturkomponente. Die Korngröße
der Strangpressprodukte variiert je nach Strang und Legierung zwischen 8 µm und
80 µm.
Ungeachtet der Unterschiede bezüglich Textur und Korngröße nimmt die mittlere
Festigkeit beim Zug- (Bild 6.71) und beim Druckversuch (Bild 6.84) mit steigendem
Zinkgehalt der Messinglegierung zu. Durch die Zugabe von Zink entsteht eine
Mischkristallverfestigung, die für die Festigkeitszunahme bei Erhöhung des Zink-
Gehalts verantwortlich ist. Die für die Strangpressprofile aus CuZn10 ermittelte 0.2%-
Dehngrenze beträgt zwischen 80 MPa und 90 MPa, die 0.2%-Dehngrenze der
Strangpressprodukte aus CuZn20 zwischen 80 MPa und 100 MPa.
Sehr viel mehr als bei CuZn10 und CuZn20 unterscheiden sich die Festigkeiten von
CuZn37 und CuZn40Pb2 und deren Streuung in Abhängigkeit von den
Mikrostrukturen im Vergleich zu CuZn10 und CuZn20. An den Strangpressprodukten
aus CuZn37 wurde eine maximale 0.2%-Dehngrenze von Rp0.2 = 140 MPa bestimmt,
für CuZn40Pb2 beträgt die 0.2%-Dehngrenze maximal Rp0.2 = 190 MPa. Im Vergleich
zu CuZn20 ist das ein Festigkeitsgewinn von 40% für CuZn37 und von 90% für
CuZn40Pb2. Für die signifikant größere Festigkeit von CuZn37 und CuZn40Pb2
gegenüber CuZn10 und CuZn20 ist das Vorhandensein der β-Phase verantwortlich.
CuZn40Pb2 besitzt einen größeren Volumenanteil an β-Phase und deshalb auch
eine wesentlich größere Festigkeit als CuZn37. Während in CuZn37 maximal 10 Vol.-
%β-Phase erreicht werden, besitzen die Strangpressprofile aus CuZn40Pb2 bis zu
über Vol.-30% β-Phase. Da in der β-Phase ein krz Gitter vorliegt, ist die
Aktivierungsenergie der Gleitsysteme größer als im kfz Gitter und somit die Festigkeit
heraufgesetzt.
152
Die 0.2%-Dehngrenze im Zugversuch zeigt im wesentlichen für alle Legierungen eine
Korrelation mit der <uvw>{111} -Texturkomponente der Doppelfasertextur der
α-Phase vom Strangpressen sowie entsprechend der Hall-Petch-Beziehung mit der
Korngröße. Durch eine Verstärkung der <uvw>{111} -Texturkomponente der
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen sowie die Verringerung der
Korngröße wird ein Festigkeitsanstieg bewirkt. Unklar ist jedoch an dieser Stelle,
welches der beiden Gefügemerkmale den wesentlichen Einfluss ausübt, denn
zumindest für CuZn37 und CuZn40Pb2 wirken die Korngröße und die <uvw>{111} -
Texturkomponente gleichsinnig auf die Festigkeit der Strangpressprodukte.
Um die Wechselwirkung der beiden Gefügemerkmale Korngröße und Textur zu
klären, wurde mit den lichtmikroskopisch bestimmten Korngrößen und der
röntgenographisch ermittelten Strangpresstextur die Festigkeit abgeschätzt und der
experimentell im Zugversuch bestimmten 0.2%-Dehngrenze gegenübergestellt
(Bild 7.7).
120 140 160 180 200 220
160
170
180
190
200
0.2%-Dehngrenze Rp0.2
[MPa], experimentell
Fließgrenze Rp[MPa], berechnet
Bild 7.7: Vergleich der experimentell bestimmten und der berechneten Festigkeiten
der Strangpressprofile, CuZn40Pb2, Zugversuch, 0°-Richtung
Die berechneten 0.2%-Dehngrenzen und die experimentell ermittelten Werte
stimmen gut überein und korrelieren miteinander, wie exemplarisch am Beispiel von
CuZn40Pb2 in Bild 7.7 gezeigt wird. Sowohl die Kornverfeinerung durch
Rekristallisation als auch die Ausbildung der <111>-Komponente der <100>/<111>-
Doppelfasertextur tragen folglich zur Festigkeit der Strangpressprodukte bei.
153
90 95 100 105 110 115 120 125 130 135
90
100
110
120
130
140
150
160
0.2%-Dehngrenze Rp0.2
[MPa], experimentell
Fließgrenze Rp[MPa], berechnet
Bild 7.8: Vergleich der experimentell bestimmten und der berechneten Festigkeiten
der Strangpressprofile, CuZn37, Zugversuch, 0°-Richtung
Bei den Strangpressprodukten aus CuZn37 weichen die berechneten Festigkeiten
stärker von den experimentellen ermittelten 0.2%-Dehngrenzen ab als bei
CuZn40Pb2. Die experimentell bestimmten 0.2%-Dehngrenzen sind tendenziell
größer als die berechneten Festigkeiten, wobei der Unterschied zwischen den
experimentellen und den berechneten Werten innerhalb der Fehlergrenzen liegt
(Bild 7.8). Mögliche Ursachen für die Abweichung zwischen den einzelnen
experimentellen und berechneten Festigkeiten sind Überlagerung zwischen Last-
und den Eigenspannungen, die beim Strangpressen zuvor eingebracht wurden, die
zusätzliche festigkeitssteigernde Wirkung von Versetzungswänden und Zwillingen
vom Strangpressen sowie die in der Berechnung ebenfalls nicht berücksichtigte
Abhängigkeit der Fließspannung von der mechanischen Zwillingsbildung.
In der β-Phase kann die regelmäßige Anordnung der Kupfer- und der Zinkatome,
man nennt die Phase dann β’-Ordnungsphase, zu einem Festigkeitsanstieg
beitragen. Ursache dafür ist u.a. die Entstehung von Superversetzungen und die
Einbringung von Antiphasengrenzen während der Versetzungsbewegung.
Untersuchungen mittels Röntgenbeugung und Transmissionselektronenmikroskopie
haben keinen Hinweis darauf ergeben, dass in den Strangpressprofilen die β-Phase
auftritt. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass die β’-Phase zu einem gewissen Anteil
unterhalb der praktischen Nachweisgrenze in den zweiphasigen
Strangpressprodukten aus CuZn37 oder CuZn40Pb2 vorliegt.
Die Bleiausscheidungen, die in CuZn40Pb2 vorhanden sind, besitzen einen im
Vergleich zu der α- und der β-Phase sehr kleinen Umformwiderstand und tragen
deshalb nicht zu einer hohen Festigkeit der Strangpressprodukte bei.
154
Verfestigung und Umformvermögen der Strangpressprofile
Die Fläche, die von der Spannungs-Dehnungs-Kurve vom Zugversuch
eingeschlossen wird, ist ein Maß für die Duktilität des Werkstoffs. Vereinfachend
kann die Duktilität des Werkstoffs auch anhand der Gleichmassdehnung bzw.
Bruchdehnung im Zugversuch beurteilt werden. Sowohl die Gleichmassdehnung als
auch die Bruchdehnung der im Rahmen dieser Arbeit untersuchten stranggepressten
Legierungen ist für CuZn20 am größten (Bild 6.77 und Bild 6.80). CuZn20 besitzt
folglich von den untersuchten Messinglegierungen die größte Duktilität. Im Bereich
bis 28 Gew.-% Zink nimmt gemäß /Dies1967/ die Bruchdehnung mit steigendem
Zinkgehalt der Messinglegierung kontinuierlich zu, über 28 Gew.-% Zink wird die
Bruchdehnung mit zunehmendem Zinkgehalt hingegen kleiner. Da CuZn20 und
CuZn28 im Vergleich zu den anderen Messinglegierungen eine besonders große
Duktilität besitzen, eignen sie sich insbesondere fürs Tiefziehen. Bei CuZn37 und
CuZn40Pb2 ist die β-Phase Ursache dafür, dass die Bruchdehnung und damit auch
die Duktilität kleiner als bei den einphasigen α-Messinglegierungen CuZn10 und
CuZn20 ist.
Bei konstantem Zinkgehalt des Strangpressprofils zeigt nur die Legierung CuZn37
einen eindeutigen Zusammenhang der Duktilität mit der <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen. Die
Gleichmassdehnung wird geringfügig kleiner, wenn die Stärke des Texturpols
zunimmt (Bild 6.78). Eine große Gleichmass- und Bruchdehnung wird vor allen
Dingen durch ein großes Korn begünstigt (Bild 6.79 und Bild 6.81). Ursache dafür ist,
dass in kleineren Körnern weniger Versetzungen gespeichert werden können. Für
die vorliegende Variation der Korngröße ist der Effekt der Korngröße auf die
Bruchdehnung entsprechend gering.
Das Streckgrenzenverhältnis ist bei CuZn20 etwas kleiner als bei CuZn10 (Bild 6.74).
Da mit steigendem Zinkgehalt des α-Messings die Versetzungsaufspaltung größer
wird, kann der Werkstoff stärker verfestigen und besitzt eine größere Zugfestigkeit im
Vergleich zur Fließgrenze. Die β-Phase ist krz und verfestigt deshalb weniger als die
α-Phase /Gottstein1998/. Deshalb besitzen die Near-α-Legierung CuZn37 sowie die
α/β-Legierung CuZn40Pb2 ein gßeres Streckgrenzenverhältnis als die α-
Messinglegierungen.
Für CuZn37 und CuZn40Pb2 wurde eine Verringerung des Streckgrenzenverhältnis-
ses mit zunehmender Korngröße beobachtet (Bild 6.76). Einerseits bewirkt die
Zunahme der Korngröße, dass weniger Korngrenzen zum Aufstauen der
Versetzungen vorhanden sind. In diesem Fall würde das Streckgrenzenverhältnis
größer werden, wenn die Korngröße zunimmt. Andererseits können in größerem
Korn mehr Versetzungen gespeichert werden, so dass eine stärkere Wechselwirkung
zwischen den Versetzungen und entsprechend Verfestigung vorliegt. Abgesehen von
155
der Korngröße beeinflusst auch die Textur das Streckgrenzenverhältnis. Die Textur
variiert bei CuZn37 und CuZn40Pb2 im Vergleich zu CuZn20 stärker als die
Korngröße und ist deshalb wesentliche Ursache für die Variation des
Streckgrenzenverhältnisses der Strangpressprodukte. Je stärker die <uvw>{111} -
Texturkomponente der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen ist, umso
weniger kann der Werkstoff verfestigen. Entsprechend nimmt das
Streckgrenzenverhältnis zu (Bild 6.75).
7.2.4 Folgerungen für die Praxis
Für Messinglegierungen unterschiedlichen Zinkgehaltes, der im Bereich der α-Phase
(CuZn10 und CuZn20), am Rand des α-Phasengebietes (CuZn37) bzw. im α/β-
Zweiphasengebiet (CuZn40Pb2) lag, konnten durch die Variation der
Bolzeneinsatztemperatur, des Umformgrades und der Produktgeschwindigkeit
unterschiedliche Kombinationen von Phasengehalten, Texturen, Korngrößen und
Makro- und Mikroeigenspannungen eingestellt werden. Somit ermöglicht die
Variation der Strangpressparameter und damit der Gefüge sowie Mikrostrukturen die
gezielte Einstellung der Festigkeit und des Umformvermögens der
Strangpressprodukte.
Die Festigkeit der Strangpressprodukte wird wesentlich durch die Textur beeinflusst,
wobei eine Zunahme der <uvw>{111} -Faserkomponente der Strangpresstextur der
α-Phase bei gleichzeitig schwacher <uvw>{100} -Faserkomponente
festigkeitssteigernd wirkt. Für eine solche Strangpresstextur sind große
Umformgrade (Bild 6.56, Bild 6.57, Bild 6.58) und relativ niedrige Bolzeneinsatztem-
peraturen (Bild 6.53 und Bild 6.54) erforderlich, damit die Rekristallisation während
des Strangpressens bzw. der Abkühlung der Strangpressprodukte und somit die
Entstehung der <uvw>{100} -Faserkomponente α-Phase möglichst unterdrückt wird.
Im Falle von CuZn10 führt das Wechselspiel von Erholung und Rekristallisation dazu,
dass bei 700°C eine besonders schwache <uvw>{100} -Faserkomponente α-Phase
entsteht.
Mit zunehmender Stärke der <uvw>{111}-Faserkomponente der Strangpresstextur
der α-Phase wird gleichzeitig die Gleichmassdehnung im Zugversuch kleiner
(Bild 6.78), d.h. das Kaltumformvermögen der Strangpressprodukte nimmt
tendenziell ab. Anders als die Textur wirkt sich ein feinkörniges Gefüge sowohl
hinsichtlich Festigkeit als auch hinsichtlich Kaltverformung der Strangpressprodukte
vorteilhaft aus, da damit gleichzeitig die Festigkeit der Strangpressprodukte
gesteigert und die Oberflächengüte der Strangpressprodukte bei anschließender
Kaltverformung, z.B. dem Streckziehen von Rohren oder Drähten, verbessert wird.
Im Falle von CuZn10, CuZn20 und CuZn40Pb2 entsteht ein möglichst feinkörniges
Gefüge bei relativ niedrigen Bolzeneinsatztemperaturen (Bild 6.35, Bild 6.36 und
Bild 6.37), für CuZn37 wurde aufgrund der mechanisch induzierten
156
Phasenumwandlung bei einer Bolzeneinsatztemperatur TBolz = 700°C ein relativ
feines Korn ermittelt. Der Zusammenhang zwischen dem Umformgrad und der
Korngröße der Strangpressprodukte ist je nach Zinkgehalt der Messinglegierungen
sehr unterschiedlich. Bei den α-Messinglegierungen CuZn10 (Bild 6.39) und CuZn20
wird bei geringen Umformgraden ein besonders kleines Korn erzielt, bei CuZn40Pb2
(Bild 6.40) verhält sich der Zusammenhang zwischen Umformgrad und Korngröße
gerade umgekehrt zu den α-Messinglegierungen CuZn10 und CuZn20. Keinen
signifikanten Einfluss des Umformgrades auf die Korngröße der α-Phase zeigt
CuZn37.
Im Falle der Messinglegierungen CuZn37 und CuZn40Pb2 können Festigkeit sowie
das Umformvermögen bei Kalt- und Warmumformung weiterhin durch die Einstellung
der Phasengehalte gesteuert werden. Geringe β-Phasengehalte verbessern das
Kaltumformvermögen, während hohe β-Phasengehalte die Festigkeit sowie das
Warmumformvermögen steigern. Für CuZn37 wurden bei Bolzeneinsatztemperatu-
ren TBolz = 700°C und relativ niedrigen Umformgraden und damit aufgrund der
Versuchsführung auch niedrigen Produktgeschwindigkeiten bis zu 15% β-Phase
ermittelt, die sich als Saum entlang der zeilenförmig angeordneten α-Phase verteilen.
Bei einem Umformgrad ϕ= 3.92 bzw. einer Produktgeschwindigkeit vStrang =1m/s
wurde röntgenographisch nur die α-Phase gefunden (Bild 6.31). Große Umformgrade
und hohe Bolzeneinsatztemperaturen führen bei CuZn40Pb2 zu relativ niedrigen β-
Phasengehalten.
Mit der Zunahme der α-Phase von CuZn37 geht gleichzeitig eine Relaxation der
Eigenspannungen in der α-Phase einher, weil die α-Phase die dichter gepackte
Kristallstruktur darstellt. Da CuZn37 und weiterhin auch CuZn40Pb2 anfällig für
interkristalline Spannungsrisskorrosion sind, wird deren Korrosionsbeständigkeit
generell durch die Vermeidung von Phasengrenzen sowie die Relaxation von
Eigenspannungen gesteigert.
157
7.3 Mikrostrukturelle Aspekte der Kaltverformung
7.3.1 Gefüge und Mikrostruktur
Mikrostrukturelle Vorgänge während der Kaltverformung
Makroskopisch führt die plastische Verformung beim einachsigen Kaltstauchen zu
einer Streckung der Körner quer zur Stauchachse, was besonders deutlich in den
Längsschliffen zu erkennen ist (Bild 6.94).
Die Kaltverformung der stranggepressten Messinglegierungen basiert im
wesentlichen auf Versetzungsgleiten. Messing zeichnet sich in diesem
Zusammenhang dadurch aus, dass ausgeprägtes Gleitverhalten nach Sachs
stattfindet /Carstensen1998/, d.h. dass bei plastischer Verformung nur in einem
geringen Anteil der Körner 5 unabhängige Gleitsysteme aktiv, während in den
meisten Körnern bis zu 3 unabhängige Gleitsysteme aktiviert werden. Bild 6.97 zeigt
ein solches Korn in einer 10% kaltgestauchten Probe aus CuZn37, Strang 5, in dem
zwei unabhängige Gleitsysteme vorhanden sind. Die Kristallite mit derartigen
Versetzungsanordnungen sind nahezu mit der [110]-Richtung parallel zur
Stauchachse orientiert.
Darüber hinaus existieren in der Probe Kristallite mit einer zellartigen Anordnung der
Versetzungen und verschiedenen Subkornbereichen (Bild 6.98). Nach 15%
Kaltstauchung dominieren anstelle der gleichmäßig verteilten Stufenversetzungen
sog. persistente Gleitbänder (Bild 6.99). Außerdem sind bereits in einigen Kristalliten
Versetzungswände zu erkennen (Bild 6.100).
Je geringer die Stapelfehlerenergie der Messinglegierungen ist, desto größer ist die
Zwillingswahrscheinlichkeit. Bei relativ tiefen Temperaturen beginnend und bis zur
Raumtemperatur reichend findet deshalb insbesondere in CuZn37 mechanische
Zwillingsbildung statt.
158
Bild 7.9: Entwicklung der Versetzungsanordnung mit zunehmender Stauchung von
stranggepresstem CuZn37
Anhand der TEM-Untersuchungen, der Texturanalysen und der röntgenographischen
Linienprofilanalysen an kaltgestauchten Proben aus CuZn37 ist eine bestimmte
Abfolge der Verformungsmechanismen zu erkennen (Bild 7.9). Bei relativ geringen
Umformgraden (bis zu 10% Stauchung) findet zunächst quasieinkristallines
Versetzungsgleiten nach Sachs statt, das sich bei den TEM-Untersuchungen anhand
gleichmäßig verteilter Stufenversetzungen in wenigen Versetzungssystemen äußert.
Im Vergleich zu starker plastischer Verformung ist die mittlere Versetzungsdichte
relativ klein.
Zwischen 10% und 15% Stauchung setzt in CuZn37, das bei TBolz =700°C mit
vStrang = 0.3 m/s und ϕ= 3 indirekt stranggepresst wurde, die Bildung von
Versetzungswänden ein. Die Versetzungen sind in persistenten Gleitbänder
angeordnet (Bild 6.99), deren Entstehung auf einer inhomogenen
Spannungsverteilung in den Kristalliten und überwiegend ebenem
Versetzungsgleiten beruht /Carstensen1998/. Mögliche Ursache ist die in
verschiedenen Richtungen unterschiedliche Kristallit-Kristallit-Wechselwirkung, wobei
die Aktivierung der Versetzungsbewegung an den Korngrenzen einsetzte. Für diesen
Umstand spricht, dass sich die persistenten Gleitbänder jeweils über das gesamte
Korn erstrecken und nicht von einem Zentrum innerhalb des Korns ausgehen. Der
Übergang von regellos angeordneten Versetzungen in wenigen Gleitsystemen zu
Gleitbändern wurde auch in der Kobalt-Superlegierung Ultimet beobachtet, die im
Bereich oberhalb der Streckgrenze mit Dehnungsamlituden von ca. 2.5% (LCF-
Mode) auf Ermüdung beansprucht wurde /Jiang2001/. Ebenso wie CuZn37 besitzt
die Co-Superlegierung Ultimet eine relativ geringe Stapelfehlerenergie.
159
In der Probe mit 10% Stauchung sind außerdem erste Zellstrukturen zu erkennen
(Bild 6.100), die bei noch größeren Stauchungen in Subkörner überführt werden. Die
Subkornbildung bei plastischer Verformunghrt zu einer starken
Richtungsabhängigkeit der Domänengröße, wobei die Domänengröße quer zur
Vorzugsrichtung der gestreckten Subkörner am kleinsten ist und mit zunehmender
Kippung der Messrichtung zur Längsachse der Subkörner hin größer wird
(Bild 6.110).
Zwischen 20% und 25% Stauchung zeigt sich die mechanische Zwillingsbildung in
der Textur von CuZn37. Zwillingsbildung begünstigt die Entstehung einer relativ
regellosen Textur /Sebald2001/. Sie äußert sich jedoch auch in charakteristischen
{111} - Texturpolen, die durch die Verdrehung der Zwillinge gegenüber den nicht
verzwillingten {111}-Netzebenen entstehen, wenn letztere eine Verformungstextur
vorweisen. Der durch die Zwillingsbildung verursachte Texturpol liegt bei ψ=20°
(Bild 6.105).
Typisch für starke plastische Verformung bei großen Umformgraden ist die Bildung
sog. Scherbänder. Die Verformungsstreifen im Gefüge der druckverformten Proben
(Bild 6.94) sind ein Indiz für die Bildung von Scherbändern.
Texturentwicklung während der Kaltverformung
Beim einachsigen Stauchen regeln sich die Burgersvektoren im allgemeinen
senkrecht zur Stauchachse ein, so dass in der Regel kfz Metalle wie das α-Messing
nach dem Kaltstauchen eine <110>-Stauchtextur besitzen /Wassermann1962/. Die
<110>-Stauchtextur wurde auch im Rahmen der vorliegenden Untersuchungen
gefunden, wobei die <110>-Stauchtextur in CuZn10 mit zunehmender Stauchung
kontinuierlich stärker wird (Bild 6.102) und im Vergleich zu CuZn20 (Bild 6.104) und
CuZn37 größere Texturindizes besitzt.
Bild 7.10: Entwicklung der <110>-Stauchtextur mit zunehmender Stauchung von
stranggepresstem CuZn37
160
Im Vergleich zu CuZn10 ist die <110>-Stauchtextur in CuZn37 nach 20% Stauchung
schwach ausgeprägt bzw. gar nicht vorhanden. Unter ψ= 20° und ψ= 40° entstehen
zwei 111-Texturpole (Bild 6.105). Bei 25% Stauchung ist nur noch ein 111-Pol unter
ψ= 25° vorhanden (Bild 6.105). Ursache für die Verringerung der klassischen <110>-
Stauchtextur und die Entwicklung der 111-Texturpole beim Kaltstauchen von CuZn37
ist die mechanische Zwillingsbildung, die bei Messinglegierungen bei RT stattfindet
und nach einer gewissen Anfangsverformung einsetzt /Meyers2001/. Die
Zwillingsbildung bewirkt durch die Verkippung des Zwillings relativ zum Mutterkorn
die Schwächung der <110>-Stauchtextur /Sebald2001/ bzw. die Ausbildung der 111-
Texturpole unter Neigungswinkeln zur Belastungsachse.
Nach ca. 50% Stauchung wurde sowohl in CuZn10 als auch in CuZn37 eine <110>-
Stauchtextur bestimmt, wobei die Textur in CuZn37 mit einem Texturindex von 2.5
(Bild 6.107) deutlich schwächer ist als in CuZn10, für das ein Texturindex der <110>-
Stauchtextur von 4.2 bestimmt wurde (Bild 6.106). Die geringe Stärke der <110>-
Textur nach Kaltstauchung von CuZn37 im Vergleich zu CuZn10 ist darauf
zurückzuführen, dass sich die Kristallite aufgrund der mechanischen Zwillingsbildung
nicht kontinuierlich in <110>-Richtung eindrehen konnten.
Bei Stauchungen von über 30% ist weiterhin nicht auszuschließen, dass die <110>-
Stauchtextur durch die bei starker plastischer Verformung stattfindende
Scherbandbildung geschwächt wird (Bild 7.10). Die Schwächung der <110>-
Stauchtextur beruht darauf, dass das Innere der Scherbänder gegenüber dem Gitter
außerhalb des Bandes verdreht ist.
Gemäß dem Sachs-Modell, dessen Eignung für die Modellierung der Texturen in
Kupfer bzw. Messing gezeigt wurde /Pedersen1987, Leffers1987/, ist die Kopplung
der Kristallite relativ gering. Gleichzeitig besitzen Kupfer und die Messinglegierungen
eine relativ große elastische Anisotropie, die mit steigendem Zinkgehalt zunimmt. Die
elastische Anisotropie beeinträchtigt die Entwicklung der <110>-Stauchtextur jedoch
nicht, da die mit dem Versetzungsgleiten einhergehende Texturentwicklung der
Messinglegierungen dem Sachs-Modell folgt. Demnach gehen die Kristallite
unterschiedlicher Anfangsorientierung nach ausreichender großen Stauchungen
stets in eine stabile <110>-Endlage über. Die geringe Kristallit-Kristallit-
Wechselwirkung bei der Texturentwicklung während plastischer Verformung des
Kupfers und der Messinglegierungen kann darauf zurückgeführt werden, dass sich
durch starke Lokalisierung der plastischen Verformung z.B. in Gleitbändern das
Korninnere unabhängig von der Korngrenze verformt.
Dehnrateneinfluss der Fließgrenze
Die 0.2%-Stauchgrenze ebenso wie die Fließgrenze beim Torsionsversuch nehmen
sowohl bei RT als auch bei 300°C Verformungstemperatur kontinuierlich mit der
161
Dehnrate beim Stauchversuch bzw. Scherversuch zu. Der Zusammenhang zwischen
Dehnrate und Versetzungsdichte ist /Orowan1940, Taylor1934/:
τΔ
ρ=ε kT
VF
exp
0
vb
m
&(7.1)
Darin bedeuten b der Burgersvektor und ρmdie mittlere Versetzungsdichte im
Werkstoff. Diese Gleichung beschreibt die thermische Überwindung einer Barriere
der Freien Energie F mit Hilfe einer am Ort der Versetzung wirkenden effektiven
Schubspannung τ* bei einer endlichen Temperatur T. Der Vorfaktor v0ist die
Versetzungsgeschwindigkeit ohne Berücksichtigung des Temperatureinfluss. Er
ergibt sich aus dem Produkt der Anlauffrequenz der Versetzung gegen das Hindernis
νDmit der Sprungdistanz d. Die Sprungdistanz ist die freie Weglänge zwischen zwei
durch thermische Aktivierung zu überwindenden Hindernissen. V ist das sogenannte
Aktivierungsvolumen und k die Boltzmannkonstante.
Die auf Zunahme der Versetzungsdichte basierende Spannung ist:
ετ (7.2)
Demnach müsste die 0.2%-Stauchgrenze um einen Faktor größer 500 ansteigen,
wenn die Zunahme der Stauchrate von 0.00025 s-1 auf 66.67 s-1 durch eine größere
Versetzungsdichte ermöglicht würde.
Nicht durch den Anstieg der Versetzungsdichte, sondern durch größere
Versetzungsgeschwindigkeiten v werden die größeren Verformungsgeschwindigkeit
getragen. Dabei gilt:
n
ετ (7.3)
Nimmt man beispielsweise einen Wert n gleich 25 an, der für LiF angegeben wird, so
führt die Erhöhung der Stauchrate von 0.00025 s-1 nach 66.67 s-1 zu einer Zunahme
der Fließspannung um den Faktor 1.65. Der Faktor 1.65 liegt im Gegensatz zu dem
Faktor 500 in der gleichen Größenordnung wie der experimentell bestimmte Wert von
ca. 2 für CuZn37.
Weiterhin beeinflusst die Verformungstemperatur im Druckversuch signifikant die
Dehnratenempfindlichkeit. Der Parameter D aus der Cowper-Symands-Gleichung ist
für das hochgeschwindigkeitsverformte Messing bei T=300°C im Vergleich zu RT
signifikant kleiner (Bild 6.91). In Bild 7.11 ist die Festigkeit bei unterschiedlichen D-
Werten für ein konstantes q und eine relative Festigkeit von 1 bei quasistatischer
Verformung mit einer Verformungsrate von 10-4 dargestellt. Demnach bedeutet der
kleinere D-Wert bei 300°C, dass die Dehnratenempfindlichkeit bei 300°C größer ist
als bei RT. Bei 300°C findet im Gegensatz zur Verformung bei RT keine
162
Zwillingsbildung, sondern lediglich Versetzungsgleiten statt /Meyers2001/, das für die
größere Dehnratenabhängigkeit im Vergleich zu RT verantwortlich ist.
1E-5 1E-4 1E-3 0.01 0.1 1 10 100 1000
1.0
1.2
1.4
1.6
1.8
2.0
2.2
2.4
2.6
Dehnrate dε/ dt [s-1]
Relative Spannung σyd
/σy[a.u.]
q=4 und D=
20 s-1
30 s-1
40 s-1
50 s-1
60 s-1
Bild 7.11: Einfluss des Parameters D auf die Dehnratenempfindlichkeit
Der Parameter q der Cowper-Symands-Gleichung, der ebenfalls für das
hochgeschwindigkeitsverformte Messing bestimmt wurde (Bild 6.90), ist bei T=300°C
größer als bei RT. Ein größerer Wert für q bedeutet gemäß Bild 7.12, dass sich eine
Veränderung der Verformungsgeschwingkeit vor allen Dingen bei niedrigerer
Verformungsgeschwindigkeit deutlich auf die Fließgrenze auswirkt.
1E-5 1E-4 1E-3 0.01 0.1 1 10 100 1000
1.0
1.2
1.4
1.6
1.8
2.0
2.2
2.4
2.6
Dehnrate dε/ dt [s-1]
Relative Spannung σyd
/σy[a.u.]
D=40 s-1 und q=
2
3
4
5
6
Bild 7.12: Einfluss des Parameters q auf die Dehnratenempfindlichkeit
Bei 300°C sind im Gegensatz zur Verformung bei RT Klettern und Erholung wirksam,
die somit die Dehnratenempfindlichkeit bestimmen und folglich für die Zunahme des
q-Wertes der Cowper-Symands-Gleichung relevant sind.
Bei Torsion ist die Dehnratenempfindlichkeit der Fließgrenze kleiner als bei
einachsiger Druckverformung. Der mehrachsige Spannungszustand bei Torsion
163
bewirkt, dass mehr Gleitsysteme günstig zu den Lastspannungen liegen und dadurch
mehr Gleitsysteme gleichzeitig betätigt werden können.
Verfestigung und Entfestigung während plastischer Verformung
Bei RT zeigt CuZn37 während plastischer Verformung bis zu ca. 30% Stauchung
keine signifikante Abhängigkeit der Fließspannung von der Dehnrate. Da mit
zunehmender plastischer Verformung auch die Anzahl der Versetzungen steigt, sollte
die Fließspannung, wenn im gesamten Polykristall plastische Verformung eingesetzt
hat, noch deutlicher von der Verformungsgeschwindigkeit abhängen, als dies am
Übergang von elastischer zu plastischer Verformung beobachtet wird.
Mit zunehmender Versetzungsdichte verfestigen metallische Werkstoffe im
allgemeinen stärker. Verfestigung bedeutet eine Verringerung der Anzahl der
mobilen Versetzungen und eine Zunahme der zur Überwindung der Hindernisse
erforderlichen effektiven Schubspannung. Die mobilen Versetzungen werden zwar
teilweise in die Hindernisse eingebaut, aber gleichzeitig beschränkt sich die
Versetzungsbewegung auf kleinere hindernisärmere Bereiche. Im Rahmen der
vorliegenden Untersuchungen wurde festgestellt, dass die Versetzungsbewegung
sehr inhomogen ist, was sich auf ebenes Versetzungsgleiten in persistenten
Gleitbändern zurückführen lässt. Folglich ist die Versetzungs-Versetzungs-
Wechselwirkung und die daraus resultierende Verfestigung relativ gering, weshalb
schließlich makroskopisch keine Dehnratenempfindlichkeit festgestellt werden
konnte.
Im Bereich der Entfestigung ist beim Druckversuch bei RT die Änderung der
Fließspannung mit der Stauchung bei einer Stauchrate von 6.67 s-1 größer als bei
einer Stauchrate von 66.67 s-1. Mit zunehmender Entfestigung wird die Ausbauchung
der Druckproben und somit der effektive Querschnitt größer, so dass die scheinbare
Spannung zunimmt. Die Stauchung, oberhalb derer sich die Fließspannung
unterscheidet, ist genauso so groß wie die als Mindestdehnung für die Bildung von
Scherbändern in Messing genannte Dehnung /Batra2005/. Scherbandbildung ist eine
lokalisierte plastische Verformung, die sowohl die Textur durch die damit
einhergehende Gitterdrehung als auch die Versetzungsstrukturen beeinflusst.
Ausgelöst wird die Scherbandbildung u.a. durch lokale Erwärmung im Gefüge, wobei
von adiabatischen Scherbändern gesprochen wird. Da mit einer Zunahme der
Verformungsgeschwindigkeit mehr adiabatische Wärme entsteht, wird dadurch die
Entstehung adiabatische Scherbänder begünstigt. Demzufolge führt die Entstehung
der Scherbänder zu einer geringeren Entfestigung bei einer Stauchrate von 66.67 s-1
im Vergleich zur Stauchrate von 6.67 s-1. Erklärt werden kann die geringere
Entfestigung bei Scherbandbildung damit, dass dadurch ebene
Versetzungsanordnungen in zellartige Versetzungsnetzwerke überführt werden,
wodurch die Festigkeit ansteigt.
164
Oszillationen der Spannungs-Stauchungs-Kurven
Bei den Druckversuchen an den Strangpressprofilen aus CuZn37, mit der größten
verwendeten Stauchrate gleich 66.67 s-1 und einer Verformungstemperatur von RT
(Bild 6.85) und 300°C (Bild 6.87) besitzt die Spannungs-Stauchungs-Kurve einen
ausgeprägten wellenförmigen Verlauf, der im folgenden mit dem Begriff Oszillationen
gekennzeichnet wird. Wenn die Versuchstemperatur auf 700°C erhöht wird, treten
diese Oszillationen nicht mehr auf.
/Beiss1977/ weist auf die adiabatische Erwärmung während der
Hochgeschwindigkeitsverformung als Ursache für die Oszillationen der Spannungs-
Dehnungs-Kurven hin. Da die Umformwärme nicht sofort abgeführt wird, kommt es
während der Verformung zu einem regelmäßigen Wechsel von Erwärmung und
Wärmeabfuhr, womit auch die Fließspannung oszilliert.
Umordnungsvorgänge während plastischer Verformung, die ebenfalls zu
oszillierenden Spannungs-Stauchungs-Kurven führen könnten, sind im Cu-Zn-
Mischkristall ebenfalls bekannt. Aufgrund des relativ geringen Diffusionskoeffizienten
des Zinks im Messing wird eine solche Ursache jedoch ausgeschlossen.
RT liegt weit unterhalb der Rekristallisationstemperatur von Messing, so dass in
diesem Falle dynamische Rekristallisation als Ursache der Oszillationen
ausgeschlossen wird. Bei 300°C hingegen wird das Rekristallisationsintervall der
Messinglegierungen erreicht, so dass auch dynamische Rekristallisation eine
mögliche Ursache der Oszillationen bei dieser Temperatur ist.
165
7.3.2 Entwicklung der Mikroeigenspannungen während der
Kaltverformung und plastische Anisotropie
Übersicht
Die sin2ψ-Verläufe sowohl der stranggepressten als auch der nach dem
Strangpressen zusätzlich kaltgestauchten Messinglegierungen zeigen Hinweise auf
Mikroeigenspannungen, die auf eine inhomogene Verformung während des
Strangpressens zurückgeführt werden können. Bei den Strangpressprofilen liefert die
Auswertung der sin2ψ-Verläufe nach dem sin2ψ-Verfahren für unterschiedliche
Reflexe hkl in Querrichtung Druckeigenspannungen, die sich im Rahmen der
Fehlergrenzen nicht signifikant unterscheiden, aber weiterhin zeigen die sin2ψ-
Verläufe Oszillationen mit sog. "Nulldurchgängen" und "Maxima" (Bild 6.65). Nach
Kaltstauchung zeigen die sin2ψ-Verläufe nicht nur Oszillationen, sondern die
Auswertung verschiedener Reflexe hkl liefert außerdem dem Vorzeichen und dem
Betrag nach sehr unterschiedliche Eigenspannungen (Bild 6.108). Die sin2ψ-
Auswertung der Messungen am 111-Reflex der α-Phase liefert somit stets besonders
große positive Radial- und Tangentialeigenspannungen in der Mitte des
Strangpressquerschnitts, die sin2ψ-Auswertung der Messungen am 220-Reflex α-
Phase stets große Druckeigenspannungen in Radial- und Tangentialrichtung.
Bild 7.13: Entwicklung der Mikroeigenspannungen mit zunehmender Kaltstauchung
Somit können folgende Stadien unterschieden werden (Bild 7.13):
¾Strangpressprodukte: hkl-unabhängige Radialeigenspannungen aus der
sin2ψ-Auswertung, Oszillationen in den sin2ψ-Verläufen, erholtes und
rekristallisiertes Gefüge;
¾Strangpressen und Kaltstauchung mit bis zu 10% Stauchung: hkl-abhängige
Radialeigenspannungen aus der sin2ψ-Auswertung und Oszillationen in den
sin2ψ-Verläufen, richtungsabhängige Mikrostrukturen, jedoch keine Subkörner;
¾Strangpressen und Kaltstauchung mit über 15% Stauchung: hkl-abhängige
Radialeigenspannungen aus der sin2ψ-Auswertung und Oszillationen in den
sin2ψ-Verläufen, richtungsabhängige Mikrostrukturen, Zellen bzw. Subkörner.
166
Im folgenden wird der Zusammenhang zwischen den Gefügen und Mikrostrukturen in
den unterschiedlichen Stadien einerseits sowie den Nichtlinearitäten und hkl-
Abhängigkeiten der sin2ψ-Verläufe andererseits diskutiert.
CuZn37 nach dem Strangpressen, 0% Stauchung
Nach dem Strangpressen liegen in der α-Phase der Strangpressprofile aus CuZn37
in radialer Richtung im Kern Druckeigenspannungen vor (Bild 6.64), die ca. -20 MPa
betragen. Die Radialeigenspannungen entstehen dadurch, dass der Bolzen während
des Strangpressens in axialer Richtung vom Stempel und quer zur Strangpressachse
durch die Matrizenwand durch Druck belastet wird /Osaka1971/. Da Kupferwerkstoffe
bei den hohen Temperaturen während des Strangpressens eine relativ niedrige
Fließgrenze besitzen, werden die Eigenspannungen während des Abkühlens nahezu
abgebaut. Sie liegen deutlich unterhalb der Fließgrenze, die bei allen
Strangpressprofilen aus CuZn37 mindestens 100 MPa beträgt (Bild 6.82), und dem
Betrag nach auch wesentlich unterhalb der Mindestspannungen für
Spannungsrisskorrosion in Messing. Für letztere wird in /Dies1967/ ein Wert um die
100 MPa aufgeführt.
Bild 7.14: Auswirkungen der Mikroeigenspannungen auf die sin2ψ-Verläufe der
Strangpressprodukte und Annahmen für die Modellierung der sin2ψ-Verläufe
Für die Modellierung der nichtlinearen sin2ψ-Verläufe der Strangpressprodukte wurde
entsprechend den experimentellen Beobachtungen ein schwach verformtes Gefüge
angenommen, in dem keine Subkörner vorhanden sind. Folgende Orientierungen der
α-Phase treten aufgrund der Strangpresstextur in CuZn37, bestehend aus der
<100>-Texturkomponente und der <111>-Texturkomponente, längs bzw. quer zur
Strangpressachse häufig auf und wurden entsprechend für die Modellierung der
sin2ψ-Verläufe verwendet: <100>, <111>, <110> und <311>. Außerdem wurden die
bei CuZn10 gefundenen Orientierungen <511> und <233> berücksichtigt.
Gemäß
hkl
2
cos
0hkl
,
χε
χ
ε
= (7.4)
167
erfolgte die Berechnung der aus ε0= 0.001 resultierenden Dehnungen hkl
,
χ
ε
in den
Richtungen hkl
χ
relativ zur Radialrichtung des Strangpressproduktes, unter denen
für den Reflex hkl aufgrund der Strangpresstextur sowie der kristallographischen
Winkelbeziehungen zwischen den verschiedenen Netzebenenscharen im kfz-Gitter
ein Texturpol der entsprechenden Netzebenenschar liegt. Experimentelle
Untersuchungen zeigen, dass sich Kupferwerkstoffe und Messinglegierungen bei
plastischer Verformung gemäß dem Reuss-Modell verhalten /Pedersen1987,
Leffers1987/, d.h., es liegt ein homogener Spannungszustand vor. Dementsprechend
wurde die experimentell gefundene mittlere Dehnung von ε0= 0.001 in
Radialrichtung der hier untersuchten Strangpressprodukte aus CuZn37 sowie die
Dehnungen hkl
,
χ
ε
mit dem Faktor hkl
E1gewichtet.
0.00.20.40.60.81.0
3.695
3.696
3.697
3.698
3.699
3.700
3.701
3.698
3.699
3.700
3.701
3.702
3.703
3.704
Experiment
α222
α002
Gitterparameter a [Α],experimentell
sin2ψ
Modell
α222
α002
Gitterparameter a [A],Modell
Bild 7.15: Experimentelle und modellierte sin2ψ-Verläufe der Strangpressprodukte,
CuZn37 (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ=3),α-Phase, 222- und 002-Reflex
Der sich daraus ergebende Gitterparameter a in Abhängigkeit von sin2ψist in
Bild 7.15 für den 222- und den 002-Reflex der α-Phase von CuZn37, stranggepresst
bei TBolz = 700°C mit vStrang = 0.3 m/s und ϕ= 3, den experimentellen Verläufen
gegenübergestellt. Der Kippwinkel ψist mit hkl
χ
entsprechend
hkl
90
χψ
°= (7.5)
verknüpft. Die modellierten Wertepaare a vers. sin2ψstimmen vergleichsweise gut
mit dem Verlauf der experimentellen d-sin2ψ-Kurven überein.
168
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8 1.0
3.694
3.695
3.696
3.697
3.698
3.699
3.698
3.699
3.700
3.701
3.702
3.703
Experiment
α311
Gitterparameter a [Α], experimentell
sin2ψ
Modell
α311
Gitterparameter a [A], Modell
Bild 7.16: Experimenteller und modellierter sin2ψ-Verlauf der Strangpressprodukte,
CuZn37 (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ=3),α-Phase, 311-Reflex
Eine vergleichsweise gute Übereinstimmung zwischen den modellierten Wertepaaren
dem Verlauf der experimentellen d-sin2ψ-Kurven wurde auch für den 311-Reflex der
α-Phase gefunden (Bild 7.16). Die Oszillationen in den sin2ψ-Verläufen der
Strangpressprodukte resultieren somit aus der Strangpresstextur und dem Reuss-
Verhalten der Eigenspannungen. Für eine detaillierte Beschreibung der
experimentellen sin2ψ-Verläufe ist eine Verfeinerung des Modells notwendig, die von
einer weniger starken und scharfen Strangpresstextur der α-Phase ausgeht.
sin2ψ-Verläufe von CuZn37 nach Kaltstauchung
Durch Kaltstauchung von CuZn37 werden die Eigenspannungen in der α-Phase dem
Betrag nach verstärkt, bis die Stauchung einen bestimmten Grenzwert erreicht. Im
Falle von CuZn37, das bei TBolz =700°C mit v
Strang = 0.3 m/s und ϕ= 3 hergestellt
wurde,liegt dieser Stauchgrad bei 10% (Bild 6.124). Die 15% gestauchte Probe
besitzt dem Betrag nach bereits geringfügig kleinere Eigenspannungen als die 10%
gestauchte Probe.
Während im stranggepressten Zustand die Auswertung aller Beugungsreflexe nach
dem sin2ψ-Verfahren gleiche Eigenspannungen liefert, führt die Kaltstauchung von
CuZn37 im Anschluss an das Strangpressen zu einer ausgeprägten hkl-Abhängigkeit
der Eigenspannungen bezüglich des Vorzeichens und des Betrages der
Eigenspannungen. Mit Hilfe des α200-Reflexes werden Zugeigenspannungen
ermittelt, während der α220-Reflex Druckeigenspannungen liefert (Bild 6.124).
Ursache der Eigenspannungen sind sowohl eine makroskopisch lokal
unterschiedliche Formänderung als auch die unterschiedlich starke plastische
Verformung von Kristalliten unterschiedlicher Orientierung. Die aus der Steigung der
169
sin2ψ-Verläufe ermittelten Eigenspannungen sind folglich keine Makroeigenspannun-
gen, sondern Eigenspannungen II.Art.
Bedingt durch die Reibkraft zwischen dem Druckstempel sowie der Kontaktfläche der
Probe entsteht in der Umgebung des Stempels eine Zone geringer Verformung, die
mit zunehmender Stauchung immer weiter Richtung Probenzentrum wächst, bis sie
sich schließlich über die gesamte Probenlänge erstreckt. Dadurch entsteht zwischen
dem Kern und dem Rand der Druckprobe eine Zwischenzone besonders starker
Verformung, die auf den Kern drückt und dadurch Druckeigenspannungen erzeugt.
Die unterschiedliche Verformung von Rand und Kern sowie daraus resultierende
Eigenspannungen werden auch beim einachsigen Zugversuch beobachtet
/Dölle1976/. Sie sind beim Stauchversuch aufgrund der zusätzlichen Reibkräfte
zwischen Stempel und Stirnfläche der Proben stärker ausgeprägt als beim
Zugversuch. Darüber hinaus werden die Kristallite je nach Ausgangsorientierung
unterschiedlich stark plastisch verformt, wobei auch bei gleichem Umformgrad
verschiedene Versetzungsstrukturen auftreten. Nach 10% Stauchung von CuZn37
wurden beispielsweise sowohl gleichmäßig verteilte Versetzungen (Bild 6.97) als
auch Zellen gefunden (Bild 6.98). Die Körner der <110>-Kristallitgruppe wurden
besonders stark druckverformt und besitzen deshalb eine Orientierung entsprechend
der für kfz Metalle üblichen Stauchtextur. Die Druckeigenspannungen der <110>-
Kristallitgruppe werden durch Zugeigenspannungen in der <100>-Kristallitgruppe im
Gleichgewicht gehalten.
CuZn37, 10% Stauchung
Oszillationen und hkl-Abhängigkeiten der sin2ψ-Verläufe
Bei den kaltgestauchten Proben waren weitere Annahmen notwendig, um die
experimentellen sin2ψ-Verläufe zu modellieren. Aufgrund der Ausbildung von
unterschiedlichen Kristallitgruppen tritt an die Stelle des vom Reflex hkl
unabhängigen ε0für jeden Reflex unterschiedliches ε0,hkl, das den experimentellen
sin2ψ-Verläufen für die Reflexe 001, 011 und 111 der α-Phase in radialer Richtung,
d.h. unter ψgleich 90°, entnommen wurde: ε0,110, = -0.001, ε0,111, = -0.0001 und
ε0,100, = 0.001. Weiterhin wurde das anisotrope Hookesche Gesetz anstelle des
isotropen Hookeschen Gesetzes für die Gewichtung der Dehnungen verwendet.
Nach 10% Stauchung wurden zwar im Gegensatz zu 25% Stauchung von CuZn37
keine Hinweise auf Subkörner gefunden, aber auch bei relativ niedrigen
Stauchgraden von ca. 10% liegen bereits richtungsabhängige Mikrostrukturen vor.
170
Bild 7.17: Auswirkungen der Mikroeigenspannungen auf die sin2ψ-Verläufe der
kaltgestauchten Proben aus CuZn37 und Annahmen für die Modellierung der sin2ψ-
Verläufe der kaltgestauchten Proben
Die Resultate der richtungsabhängigen röntgenographischen Linienprofilanalyse
wurden bei der Modellierung der experimentellen sin2ψ-Auswertung berücksichtigt.
Dazu erfolgte die Multiplikation der modellierten Gitterparameter mit den relativen
Mikrodehnungen in der jeweiligen Probenrichtung, weil die Versetzungen zu einer
Verstärkung der Gitterverspannung führen, bzw. die Division der modellierten
Gitterparameter durch die relative Zwillingswahrscheinlichkeit, weil die
Zwillingsbildung zu einer Relaxation des Netzebenenabstandes führt. Die
Versetzungsdichte fand beim 011-Reflex Berücksichtigung, der sich in der
Linienprofilanalyse aufgrund des Burgersvektors 1/2a[110] in den kfz-Metallen
besonders sensitiv für die Versetzungsdichte zeigt, die Zwillingswahrscheinlichkeit
beim 001-Reflex, der eine besonders deutliche Asymmetrie des
Röntgenreflexlinienprofils zeigte, und außerdem noch die
Stapelfehlerwahrscheinlichkeit der 111-Netzebenen beim 111- bzw. 222-Reflex.
2.0
2.2
2.4
2.6
2.8
3.0
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8
3.693
3.694
3.695
3.696
3.697
002 Experiment
Gitterparameter a [A]
sin2ψ
002 Modell
Gitterparameter a [A], Modell
Bild 7.18: Experimenteller und modellierter sin2ψ-Verlauf, CuZn37, α-Phase, indirekt
stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s,ϕ= 3) und 10% gestaucht, 002-
Reflex
171
1
2
3
4
5
0.0 0.2 0.4 0.6
3.6950
3.6955
3.6960
3.6965
3.6970
3.6975
022 Experiment
Gitterparameter a [A]
sin2ψ
022 Modell
Gitterparameter a [A], Modell
Bild 7.19: Experimenteller und modellierter sin2ψ-Verlauf, CuZn37, α-Phase, indirekt
stranggepresst (TBolz =700°C, v
Strang =0.3m/s,ϕ= 3) und 10% gestaucht, 022-
Reflex
Im Fall der mit 10% kaltgestauchten Probe schmiegen sich die modellierten
Wertepaare a vers. sin2ψqualitativ gut an den Verlauf der experimentellen d-sin2ψ-
Kurven an. Ohne Berücksichtigung der richtungsabhängigen Mikrostrukturen
hingegen war die Modellierung der qualitativen sin2ψ-Verläufe der verschiedenen
Reflexe hkl nicht zufriedenstellend, wobei der generelle Verlauf der Wertepaare a
vers. sin2ψdeutlich von den experimentellen Verläufen abwich. Quantitativ
überstreichen die modellierten d-sin2ψ-Kurven gegenüber den experimentellen d-
sin2ψ-Verläufen einen deutlich größeren Wertebereich, was durch die Einführung
eines konstanten Faktors für die rel. Mikrodehnungen, Zwillings- bzw.
Stapelfehlerwahrscheinlichkeiten berücksichtigt werden kann.
Richtungsabhängigkeit der Mikrodehnungen aus der Linienprofilanalyse
Der Vergleich zwischen den im TEM beobachteten Versetzungsanordnungen, den
richtungsabhängigen Mikrodehnungen und den Oszillationen der sin2ψ-Verläufe bei
10% Stauchung von CuZn37 zeigt, dass sich die Richtungsabhängigkeit der im
vorliegenden Fall Versetzungsanordnungen sowohl in den Oszillationen als auch in
den richtungsabhängigen Mikrodehnungen (Bild 7.20) äußert.
Entsprechend Bild 6.97 zeichnen sich die in der Stauchachse nahezu auf <110>
eingedrehten Körner der α-Phase bei 10% Stauchung durch Doppelgleiten in zwei
Gleitsystemen mit Stufenversetzungen aus. Diese Versetzungsanordnung wird im
folgenden durch zwei unendlich angeordnete Halbebenen beschrieben, deren
Burgersvektoren 0.5a <110> und 0.5a <011> sind und denen unterschiedliche
Gleitebenen zugeordnet sind. Die Halbebenen wurden als unendlich ausgedehnt
betrachtet, so dass die Dehnungen in der Halbebene gleich null sind. Senkrecht zu
der Halbebene treten hingegen durch die Verspannung Mikrodehnungen auf, die
172
gleich 1 gesetzt werden. Bezogen auf ein kartesisches Koordinatensystem, dessen
x-Achse parallel zum kristallographischen <110>-Vektor liegt, resultiert für das Korn
mit den beiden Stufenversetzungen aus Bild 6.79 folgender Dehnungstensor bei ψ
= 0 und ϕ=0:
=
6877.13976.02381.0
3976.02298.01377.0
2381.01377.00824.0
D
ε
. (7.6)
Die Mikrodehnungen in der 10% gestauchten Probe wurde experimentell bei
konstantem Drehwinkel ϕfür unterschiedliche Kippwinkel ψbestimmt (Bild 7.16). In
Übereinstimmung mit den gleichmäßig über das gesamte Korn verteilten
Versetzungen (Bild 6.97) und das Fehlen von Subkörnern kann keine kontinuierliche
Zunahme oder Verringerung der Mikrodehnungen mit dem Winkel ψfestgestellt
werden. Darüber hinaus sind die Mikrodehnungen bei ψ= 10° und ψ= 25° maximal.
0 1020304050
0.005
0.006
0.007
0.008
0.009
0.010
0.011
0.012
0.013
Mikrodehnung [A]
Inklinationswinkel ψ[°]
Bild 7.20: Mikrodehnungen in Abhängigkeit vom Inklinationswinkel ψ, CuZn37, α-
Phase, indirekt stranggepresst (TBolz = 700°C, vStrang =0.3m/s, ϕ= 3), und 10%
gestaucht
Gleichzeitig wurde der Einfluss der Kippung um ψbzw. Drehung um ϕauf die
Komponente εzz des Mikrodehnungstensors aus Gl. 7.6 berechnet und in Bild 7.17
dargestellt. Bei einer Drehung um den Winkel ϕinnerhalb der Probenoberfläche
verändert sich die Orientierung der Versetzungen relativ zur Oberflächennormalen
nicht. Aus Bild 7.21 geht hervor, dass bei einer Drehung um ϕdie Lage des
Mikrodehnungsmaximums in ψproportional zu der Drehung verschoben wird. Wird
der Kristallit hingegen nur relativ zur Oberflächennormalen um den Winkel ψgekippt
und damit die Anordnung der Versetzungen relativ zum Beugungsvektor geändert,
dann verändert sich der Betrag der Mikrodehnung εzz.
173
Bild 7.21: Abhängigkeit der Mikrodehnung von der Kornorientierung relativ zur
Probenoberflächennormalen, Drehwinkel ϕliegt in der Probenoberfläche, Kippwinkel
ψsenkrecht zur Probenoberfläche
Gemäß der Rechnung beeinflusst bei einer Kippung der Halbebene gegenüber der
Probennormalen sowohl die Drehung des Korns um ψals auch um ϕden Verlauf der
Mikrodehnungen in Abhängigkeit vom Kippwinkel ψ. Weiterhin stammen die beiden
Maxima, die ungefähr gleich groß sind, demzufolge sehr wahrscheinlich von
Kristalliten, deren Versetzungen bezüglich der Oberflächennormalen gleich
angeordnet sind, die aber gegeneinander um die Oberflächennormale gedreht sind.
Die beiden Maxima in Bild 7.20 sind um ψgleich 10° bzw. 0.2 rad verschoben, was
gemäß Bild 7.21 durch eine Drehung um ca. den gleichen Winkel in ϕverursacht
wird. Der Winkel liegt in der gleichen Größenordnung wie der Winkel zwischen den
beiden Texturpolen durch Versetzungsgleiten einerseits und mechanische
Zwillingsbildung andererseits (Bild 6.105). Eine naheliegende Erklärung ist deshalb,
dass die beiden Maxima durch das Nebeneinander von verzwillingten und
unverzwillingten Gefügebereichen mit gleicher Versetzungsanordnung verursacht
werden.
174
0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8
3.6930
3.6935
3.6940
3.6945
3.6950
3.6955
3.6960
3.6965
3.6970
3.6975
α220
α200
Gitterparameter a [A]
sin2ψ
0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8
0
1
2
3
4
α220
α200
Relative Intensität [a.u.]
sin2ψ
0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8
0.82
0.84
0.86
0.88
0.90
0.92
0.94
0.96
0.98
1.00
1.02
α220
α200
Relative Halbwertsbreite [a.u.]
sin2ψ
Bild 7.22 a - c: Verläufe der Gitterparameter, der rel. Intensität und der rel.
Halbwertsbreite, CuZn37, α-Phase, indirekt stranggepresst (TBolz =700°C,
vStrang =0.3m/s,ϕ= 3) und 10% gestaucht
In den sin2ψ-Verläufen des 002-Reflexes und des 022-Reflexes der α-Phase der mit
10% kaltgestauchten Probe aus CuZn37 (Bild 7.22) sind die Punkte mit Pfeilen
markiert, in denen sich gemäß der kristallographischen Winkelbeziehungen zwischen
den unterschiedlichen Netzebenenscharen hkl des kfz-Gitters das in Bild 6.97
175
dargestellte Korn auswirkt. Die entsprechenden d-Werte liegen nahe einem
„Maximum“. Das entspricht der Beobachtung mittels TEM, dass diese Kristallite im
Vergleich zu den anderen Kristalliten besonders viele Versetzungen enthalten
(Bild 6.37). In Übereinstimmung damit befindet sich die Orientierung des hinsichtlich
der Versetzungen untersuchten Korns in der Nähe des <110>-Pols, der sich bei
Kaltstauchung von fcc Metallen einstellt.
CuZn37, 25% Stauchung
Für 25% Stauchung von CuZn37 wurden die sin2ψ-Verläufe unter den gleichen
Annahmen modelliert wie für 10% Stauchung. In beiden Fällen liegen gerichtete
Mikrostrukturen vor, wobei jedoch nach 25% Verformung die Mikrostrukturen stärker
gerichtet sind als nach 10% Verformung. Anders als nach 10% Stauchung weist die
Richtungsabhängigkeit der Domänengröße nach 25% Stauchung (Bild 6.110) z.B.
auf Subkörner hin.
1
2
3
4
5
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8
3.693
3.694
3.695
3.696
3.697 Experiment
Gitterparameter a [A], Modell
Gitterparameter a [A], experimentell
sin2ψ
Modell
Bild 7.23: Experimenteller und modellierter sin2ψ-Verlauf, CuZn37, α-Phase, indirekt
stranggepresst (TBolz = 600°C, vStrang =0.5m/s,ϕ= 3) und 25% gestaucht, 022-
Reflex
2.8
3.0
3.2
3.4
3.6
3.8
4.0
4.2
4.4
4.6
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8
3.6934
3.6936
3.6938
3.6940
3.6942
3.6944
3.6946
3.6948 Experiment
Gitterparameter a [A], experimentell
sin2ψ
Modell
Gitterparameter a [A], Modell
Bild 7.24: Experimenteller und modellierter sin2ψ-Verlauf, CuZn37, α-Phase, indirekt
stranggepresst (TBolz = 600°C, vStrang =0.5m/s,ϕ= 3) und 25% gestaucht, 111-
Reflex
176
3.694
3.695
3.696
3.697
3.698
3.699
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8
3.6935
3.6940
3.6945
3.6950
3.6955
Gitterparameter a [A], Modell
Experiment
Gitterparameter a [A], experimentell
sin2ψ
Modell
Bild 7.25: Experimenteller und modellierter sin2ψ-Verlauf, CuZn37, α-Phase, indirekt
stranggepresst (TBolz = 600°C, vStrang =0.5m/s,ϕ= 3) und 25% gestaucht, 311-
Reflex
Die experimentellen und die modellierten sin2ψ-Verläufe der 25% kaltgestauchten
Proben zeigen eine gute qualitative Übereinstimmung (Bild 7.23 bis Bild 7.25).
Beispielsweise zeigt das Modell ebenso wie der experimentelle sin2ψ-Verlauf des
022-Reflexes der α-Phase von CuZn37 nach 25% Stauchung eine Verringerung der
d-Werte von sin2ψ= 0 zu sin2ψ=0.4. Wennsin
2ψ= 0.4 überschritten wird, nimmt
der d-Wert wieder zu. Quantitativ variieren die absoluten d-Werte der modellierten
sin2ψ-Verläufe im Falle des 022- und des 111-Reflexes über einen im Vergleich zu
den experimentellen Werten deutlich größeren Wertebereich.
Zusammenfassung
Die zuvor beschriebenen Modelle zur Beschreibung sin2ψ-Verläufe zeigen eine
grundsätzliche qualitative Übereinstimmung mit den experimentellen Ergebnissen.
Gleiche Reflexe zeigen nach gleich großem Stauchgrad für verschiedene
Ausgangszustände, die sich hinsichtlich der Textur oder Korngröße unterscheiden,
qualitativ ähnliche sin2ψ-Verläufe. So wurde insbesondere im sin2ψ-Verlauf für den
110-Reflex der α-Phase von CuZn37 nach 20% bis 30% Stauchung ein lokales
Minimum bei sin2ψ= 0.4 gefunden (Bild 7.23).
Für die Modellierung reichte nicht nur die Annahme des Reuss- bzw. Sachs-
Verhaltens in Verbindung mit der Textur aus, im Falle der kaltverformten Proben
mussten auch die richtungsabhängigen Mikrostrukturen berücksichtigt werden. Mit
Hilfe der Berücksichtigung der richtungsabhängigen Mikrodehnungen, Zwillinge und
Stapelfehler in den kaltgestauchten Proben konnten hingegen die unregelmäßigen
Oszillationen der experimentellen sin2ψ-Verläufe weitgehend reproduziert werden. So
zeigt beispielsweise die Modellierung das lokale Minimum des sin2ψ-Verlaufs für den
110-Reflex der α-Phase von CuZn37 bei sin2ψ= 0.4 nach Stauchung.
177
7.3.3 Einfluss der Mikrostruktur auf die makroskopische plastische
Anisotropie
Richtungsabhängigkeit der Fließgrenze
Die 0.2%-Stauchgrenze in -Richtung korreliert stark mit der 0.2%-Dehngrenze des
Zugversuchs in 0°-Richtung und ist dem Betrag nach nur geringfügig größer als die
Fließgrenze im Zugversuch.
Bild 7.26: Korrelation zwischen 0.2%-Stauchgrenze und 0.2%-Dehngrenze der
Strangpressprodukte am Beispiel von CuZn37
Dem Betrag nach unterscheiden sich die im Zugversuch und im Druckversuch
bestimmten Fließgrenzen um maximal 10 MPa (Bild 7.26), was im Rahmen der
Fehlergrenzen ein sehr geringer Unterschied ist. Die Radial- und
Tangentialeigenspannungen in den Strangpressprofilen betragen ca. -20 MPa und
liegen somit in der Größenordnung, um die sich die 0.2%-Stauchgrenze und die
0.2%-Dehngrenze im Zugversuch dem Betrag nach voneinander unterscheiden.
Neben den Eigenspannungen ist auch der Bauschingereffekt eine mögliche Ursache
der dem Betrag nach unterschiedlichen 0.2%-Stauchgrenze und 0.2%-Dehngrenze.
Da es sich beim Strangpressen um ein Druckumformverfahren handelt, müsste also
im Fall, dass der Bauschingereffekt auftritt, die 0.2%-Stauchgrenze dem Betrage
nach systematisch größer sein als die 0.2%-Dehngrenze. Das ist in
Übereinstimmung mit den experimentellen Befunden.
Eine signifikante Variation der Festigkeit wurde hingegen im Stauchversuch mit der
Belastungsrichtung relativ zur Strangpressachse gefunden, wobei unterschiedliche
Verläufe der 0.2%-Stauchgrenze vers. Belastungsrichtung auftreten (Bild 6.113). Mit
Hilfe des Programms Textur-ODF /Bunge1993/, lässt sich die aus der Textur
100 110 120 130 140 150 160
-100
-110
-120
-130
-140
-150
-160
-170
0.2%-Stauchgrenze Rd0.2
[MPa]
0.2%-Fließgrenze Rp0.2
[MPa]
178
resultierende Richtungsabhängigkeit der Fließgrenze berechnen. Bild 7.27 zeigt z.B.
den Taylor-Faktor, der proportional der Fließgrenze ist, für indirekt stranggepresstes
CuZn20 mit TBolz = 650°C, vStrang = 0.5 m/s und ϕ= 3. Das Gleitsystem mit dem
Burgersvektor 1/2a<110> ist aktiv, wenn die Stufenversetzungen nicht wesentlich
aufspalten. Wenn die Stufenversetzungen in Partialversetzungen aufspalten, ist der
Burgersvektor gleich 1/6a<112>.
-10 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
2.98
3.00
3.02
3.04
3.06
3.08
3.10
-100
-110
-120
-130
-140
-150
-160
Taylor-Faktor
für Burgersvektor
<110>
<112>
Taylor-Faktor
Inklinationswinkel ψ[°]
0.2%-Stauchgrenze Rd0.2
[MPa]
0.2%-Stauchgrenze
Bild 7.27: Richtungsabhängigkeit des Taylor-Faktors nach dem Strangpressen und
der experimentellen 0.2%-Stauchgrenze, CuZn20, indirekt stranggepresst
(TBolz = 650°C, vStrang = 0.5 m/s und ϕ=3)
In beiden Fällen variiert der Taylorfaktor nur geringfügig mit dem Inklinationswinkel ψ,
wobei unter ψ= 50° ein minimaler Taylorfaktor auftritt. Experimentell wurde eine
maximale 0.2%-Stauchgrenze unter ψ= 45° bestimmt. Dieser Befund trifft auf die
meisten im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Strangpressprodukte zu.
Ursache für die unterschiedliche Richtungsabhängigkeit des berechneten Taylor-
Faktors einerseits und der experimentellen 0.2%-Stauchgrenze andererseits sind die
Eigenspannungen in dem Strangpressprodukt. Durch das Strangpressen werden in
axialer Richtung (ψgleich 0°) und in radialer Richtung (ψgleich 90°)
Druckeigenspannungen erzeugt, die sich mit den Lastspannungen beim
Stauchversuch überlagern und dadurch die makroskopische Fließgrenze reduzieren
/Hauk1997/. Die Fließgrenzen im Stauchversuch unterscheiden sich in Abhängigkeit
von der Probenrichtung um maximal 20 MPa, was in der Größenordnung der zu
erwartenden Eigenspannungen in stranggepresstem Messing liegt.
Weiterhin können Versetzungswände die Richtungsabhängigkeit der Festigkeit in
Halbzeugen und Bauteilen signifikant beeinflussen. Da die Strangpressprodukte aus
Messing im Warmumformverfahren hergestellt wurden, bei dem Rekristallisation und
Erholung stattgefunden haben, ist der Beitrag der Versetzungen zur
Richtungsabhängigkeit der Festigkeit im Vergleich zum Eigenspannungszustand
jedoch vernachlässigbar.
179
Einfluss des Zinkgehaltes auf den r-Wert
Der mittlere r-Wert nimmt mit steigendem Zinkgehalt der Messinglegierung
tendenziell ab (Bild 6.114). Durch die Zugabe von Zink wird die Stapelfehlerenergie
verringert (Bild 2.9), so dass die vollständigen Versetzungen zunehmend in
Partialversetzungen mit 1/6a<112>-Burgersvektoren aufspalten. Mittels Textur-ODF
/Bunge1993/ wurden die aus der Strangpresstextur resultierenden r-Werte für
CuZn37 berechnet (Bild 7.28).
0 102030405060708090
1.04
1.06
1.08
1.10
1.12
1.14
1.16
1.18
1.20
1.22
1.24
1.26
1.28
1.30 Burgersvektor=
<110>
<112>
r-Wert
Inklinationswinkel ψ[°]
Bild 7.28: Richtungsabhängigkeit des r-Wertes, berechnet mit Textur-ODF, CuZn37,
indirekt stranggepresst (TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Die Rechnung zeigt, dass die Aufspaltung in Partialversetzungen Ursache für die
geringere Schärfe und Stärke der aus der Verformung resultierenden Textur ist und
damit zu einer Verringerung des r-Wertes führt. Die Untersuchungen von Barrett und
Levenson /Barrett1940/ an Aluminium zeigen z.B Orientierungsunterschiede von
einigen Grad innerhalb einzelner Körner, in denen unterschiedliche Gleitsysteme
aktiviert wurden.
Wenn die elastischen Wechselwirkungen beispielsweise durch einen großen E-
Modul oder ein kleines Korn verstärkt werden, nimmt der r-Wert ebenfalls ab
/Dimeg2005, Jitsukawa2003/. Verstärkend auf die elastischen Wechselwirkungen
zwischen den Körnern wirkt bei steigendem Zinkgehalt der Messinglegierungen die
Zunahme der elastischen Anisotropie (Bild 2.6). Da Kupfer und Messinglegierungen,
wie bereits in Abschnitt 7.3.2 diskutiert, dem Sachs-Modell folgen, sind die
elastischen Korn-Korn-Wechselwirkungen r die Texturentwicklung im Vergleich zu
anderen Metallen von untergeordneter Bedeutung. Dementsprechend gering ist der
Einfluss der elastischen Anisotropie auf den r-Wert.
Weiterhin begünstigt die mit steigendem Zinkgehalt der Messinglegierungen
abfallende Stapelfehlerenergie die mechanische Zwillingsbildung, mit der bedingt
180
durch die Gitterrotation der Zwillinge eine Schwächung der sich bei ausschließlich
Versetzungsgleiten entwickelnden Umformtextur einhergeht. Die daraus
resultierende nehazu regellose Textur führt dann zu r-Werten, die sich dem isotropen
Fall r=1 annähern.
Einfluss der Textur auf den r-Wert
Mit zunehmender Stärke der <111>-Komponente der <100>/<111>-
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen nimmt bei CuZn37 der r-Wert
tendenziell zu (Bild 7.29). Der experimentelle Befund ist in Übereinstimmung mit
/MPIE2001/, wonach verformungsbedingte Fasertexturen die axiale Anisotropie
verstärken.
1.8 2.0 2.2 2.4
0.88
0.92
0.96
1.00
1.04
1.08
1.12
1.16
1.20
1.24
1.28
1.32
Mittlere Anisotropie rquer
Texturindex der <111>-Faser
Bild 7.29: Einfluss der <111>-Komponente der <100>/<111>-Doppelfasertextur der
α-Phase vom Strangpressen auf den r-Wert, CuZn37, indirekt stranggepresst und
gestaucht
Die Ausbildung der Fasertextur führt dazu, dass die Proben in Richtung der
Texturfaser ein geringeres Dehnungsvermögen besitzen als in der Querrichtung. In
Bild 7.30 sind die mit Textur-ODF berechneten und die experimentellen r-Werte für
unterschiedliche Richtungen ψein Strangpressprofil aus CuZn10, das eine relativ
starke <uvw>{111} - Texturkomponente und gleichzeitig eine schwache
<uvw>{100} - Texturkomponente besitzt, gegenübergestellt.
181
0 102030405060708090
1.10
1.15
1.20
1.25
1.30
1.35
1.40
1.45
1.00
1.05
1.10
1.15
1.20
1.25
r-Wert, experimentell
r-Wert berechnet,
Burgersvektor
<110>
<112>
r-Wert, berechnet
Inklinationswinkel ψ[°]
r-Wert, experimentell
Bild 7.30: Richtungsabhängigkeit des r-Wertes, CuZn10, indirekt stranggepresst
(TBolz = 650°C, vStrang =0.5m/s,ϕ=3)
Sowohl die Berechnung auf der Basis der Textur in dem Strangpressprodukt als auch
das Experiment zeigen, dass der r-Wert für die Belastung in 0°-Richtung wesentlich
kleiner ist als in 90°-Richtung. Weiterhin unterscheiden sich die Ergebnisse für die
45°- und 90°-Richtung. Während die Berechnung für 45° einen kleineren r-Wert als
für 90° liefert, ist der experimentelle Befund gerade umgekehrt. Die Abweichung
zwischen Berechnung und experimentellen Werten sowie die nur schwache
Abhängigkeit des r-Wertes von der Stärke der <111>-Komponente der <100>/<111>-
Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen sind ein Hinweis darauf, dass
weitere Gefüge- und mikrostrukturelle Einflüsse mit der Textur überlagert sind.
Einfluss der Zwillingsbildung auf den r-Wert
Mit zunehmender Dehnrate wird der Lankford-Parameter kleiner. Einem Wert von r
gleich 1.32 bei 0.00025 s-1 steht ein r gleich 1.07 bei einer Stauchrate gleich
66.67 s-1 gegenüber (Bild 6.116). Ursache ist die mechanische Zwillingsbildung, die
durch eine Zunahme der Verformungsgeschwindigkeit begünstigt wird.
Nicht nur bei Zunahme der Verformungsgeschwindigkeit, sondern auch bei Erhöhung
des Zinkgehaltes nimmt die mechanische Zwillingsbildung zu. Entsprechend wird der
r-Wert tendenziell kleiner (6.114).
Einfluss der Versetzungswände auf den r-Wert
Gemäß /Winther2004/ verstärken Versetzungsnetzwerke (Bild 7.31) wesentlich die
plastische Anisotropie, weil die mobilen Versetzungen dadurch in bestimmten
Richtungen zusätzliche Hindernisse überwinden müssen. Auch nach dem
Strangpressen liegen in den Kristalliten der Messinglegierungen
Versetzungsanordnungen vor, die von den mobilen Versetzungen bei Kaltstauchung
überwunden werden müssen.
182
Bild 7.31: Regelmäßige Versetzungsanordnungen in gewalzten Proben /Li2004/
Die Mikrodehnungen durch die Versetzungen verursachten Mikrodehnungen der
Strangpressprodukte aus CuZn37 variieren um das bis zu 4fache (Bild 6.45). Somit
liegen in den Strangpressprodukten unterschiedlich starke Versetzungsnetzdichten
vor, die entsprechend der Versetzungsdichte und der Anordnung in Netzwerken die
makroskopische plastische Anisotropie und damit den r-Wert verstärken können.
Einfluss der Verformungstemperatur auf den r-Wert
Mit steigender Versuchstemperatur nimmt die plastische Anisotropie des r-Wertes
ab. Gleichzeitig wird die Stapelfehlerenergie mit zunehmender Temperatur kleiner
/Shetty1981/. Für Kupfer wird von /Shetty1981/ folgender Zusammenhang zwischen
der Stapelfehlerenergie γTbei einer beliebigen Temperatur T und der
Stapelfehlerenergie γ300 bei 300 K angegeben:
T
T*0008277.02377.1
300 =
γ
γ
(7.7)
Somit ändert sich auch durch die Zunahme der Verformungstemperatur das
Gleitverhalten, und die plastische Anisotropie wird infolge der größeren
Aufspaltungsbreite zwischen den Partialversetzungen kleiner.
Einfluss des Umformgrades auf den r-Wert
Für CuZn10 wurde der r-Wert in 0°-Richtung bei unterschiedlichen Stauchgraden
bestimmt. Der r-Wert variiert mit dem Grad der Verformung, wobei eine Zunahme bis
zu einem Maximum beobachtet wird. r Stauchgrade oberhalb des Maximums wird
der r-Wert kleiner, bleibt jedoch oberhalb des Wertes der Stauchung von 10%
(Bild 7.32).
183
0 10203040506070
0.90
0.95
1.00
1.05
1.10
1.15
1.20
1.25 CuZn10,
Strang 13
r-Wert in -Richtung r
Stauchung [%]
Bild 7.32: r-Wert in 0°-Richtung in Abhängigkeit von der Stauchung, CuZn10, indirekt
stranggepresst (TBolz =700, vStrang =0.4m/s,ϕ=3)
Wenn bei der plastischen Verformung ein bestimmter Verformungsgrad überschritten
wird, bilden sich Scherbänder aus. Durch die Bildung der Scherbänder werden die
planaren Versetzungsstrukturen zerstört und gehen in zellförmige
Versetzungsstrukturen über /Carstensen1998, Seefeldt2001/. Im Vergleich zu dem
Gefüge mit planaren Versetzungsstrukturen besitzt das Gefüge mit den zellförmigen
Versetzungsstrukturen eine kleinere plastische Anisotropie. Die kritische Verformung
beträgt für CuZn10 zwischen 30% und 40%. Dementsprechend besitzt der Lankford-
Parameter r für CuZn10 mit TBolz =700, vStrang = 0.4 m/s und ϕ=3 zwischen 20%
und 40% Stauchung ein Maximum.
7.3.4 Folgerungen für die Kaltverformung der Strangpressprodukte
Das Kaltumformvermögen sowie die sich dabei einstellende Formänderung,
insbesondere die plastische Anisotropie werden sowohl durch die Ver- und
Entfestigungsvorgänge während der plastischen Verformung als auch durch die
Wirksamkeit der verschiedenen Verformungsmechanismen der plastischen
Verformung beeinflusst.
Bei der Kaltverformung von Messinglegierungen findet Versetzungsgleiten,
Zwillingsbildung und Scherbandbildung statt, wobei die plastische Verformung
überwiegend lokalisiert ist: bei relativ geringen Verformungen in Gleitbändern, bei
mittleren Verformungen in Zwillingen und bei größeren Verformungen in
Scherbändern.
Relativ große mittlere Korngrößen der Strangpressprodukte sowie große
Umformgeschwindigkeiten begünstigen die Zwillingsbildung bei der Kaltumformung.
Durch die Zwillingsbildung werden große Dehnungsänderungen bei geringer
Verfestigung, eine Schwächung der für das Versetzungsgleiten zu erwartenden
Verformungstextur sowie eine geringere plastische Anisotropie im Vergleich zum
184
Versetzungsgleiten erzielt. Daraus resultieren als Vorteile fürs Kaltumformvermögen
der Strangpressprodukte größere erreichbare Umformgrade sowie im Falle des
Streckziehens von Rohren geringe Wanddickenänderungen beim Streckziehen.
Weiterhin resultiert die plastische Anisotropie in charakteristischen sin2ψ-Verläufen
nach Kaltstauchung. Die sin2ψ-Verläufe zeigen unmittelbar, welche hkl
Zugspannungen besitzen. Außerdem liegen in der Richtung ψ, in der die sin2ψ-
Verläufe große "Amplituden" vorweisen, relativ große Mikroeigenspannungen im
Inneren der zu dem Beugungsreflex beitragenden Kristallite vor. Die unter
Zugspannung stehenden Kristallite oder Kristallite, in denen aufgrund von Defekten
wie Versetzungen und Stapelfehlern große Mikroeigenspannungen vorliegen, sind im
Vergleich zum restlichen Gefüge besonders anfällig für Spannungsrisskorrosion und
andere Formen der lokalisierten Korrosion.
185
8 Zusammenfassung
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurden einphasige α- und zweiphasige α/β-
Messinglegierungen untersucht, bei denen der Zinkgehalt zwischen 10 Gew.-%
(CuZn10) und 40 Gew.-% (CuZn40Pb2) variierte und damit auch unterschiedliche β-
Phasengehalt eingestellt wurden. Zwei Ziele standen dabei im Vordergrund:
1. die Optimierung des Strangpressens hinsichtlich der gewünschten
Eigenschaften der Halbzeuge mittels Einstellung des Gefüges sowie der
Mikrostruktur in den Strangpressprodukten sowie
2. die Vertiefung sowohl der Kenntnis der Ursachen als auch der
Auswirkungen der plastischen Anisotropie auf den verschiedenen
Längenskalen des Werkstoffs, beginnend bei der Mikrostruktur mit den
einzelnen Defekten und bis zu der makroskopischen Textur im Bauteil
reichend.
Bolzen der Messinglegierungen CuZn10, CuZn20, CuZn37 und CuZn40Pb2 wurden
bei unterschiedlichen Bolzeneinsatztemperaturen, Umformgraden und
Produktgeschwindigkeiten indirekt bzw. im Falle von CuZn40Pb2 auch direkt
stranggepresst. Mittels Licht- und Elektronenmikroskopie, Röntgenbeugung und
Verwendung monochromatischer Synchrotronstrahlung erfolgte die
Charakterisierung der mikrostrukturellen und Gefügeentwicklung durch das
Strangpressen.
Im Falle der einphasigen α-Messinglegierungen konnten die Strangpresskräfte sowie
das Gefüge, die Mikrostruktur und die Eigenschaften der Strangpressprodukte mit
dem Einfluss der Stapelfehlerenergie sowie der Strangpressparameter auf die
plastische Verformung und Rekristallisation bzw. Erholung erklärt werden. Bei
CuZn10 konkurriert aufgrund der relativ großen Stapelfehlerenergie der α-Phase
beim Strangpressen Erholung mit der Rekristallisation, während bei CuZn20, CuZn37
und bei CuZn40Pb2 mit geringeren Stapelfehlerenergien der α-Phase die
Rekristallisation dominiert und zu stärkeren <uvw>{100} - Komponenten bzw. <100>
- Komponenten der Doppelfasertextur der α-Phase vom Strangpressen führt. Die
experimentellen Befunde zu CuZn37 und CuZn40Pb2 zeigen, dass in den α/β-
Messinglegierungen beim Strangpressen eine durch die Druckspannungen induzierte
β-α-Phasenumwandlung stattfindet, mit der bei ausreichend hohen
Bolzeneinsatztemperaturen bzw. Zinkgehalten der α/β-Messinglegierungen das
Aufzehren der stark verformten β-Phase durch die rekristallisierende α-Phase
einhergeht.
Die Festigkeit der Strangpressprodukte wird durch die Einstellung einer starke
<uvw>{111} -Texturkomponente bei gleichzeitig schwacher <uvw>{100} -
186
Texturkomponente der Strangpresstextur der α-Phase gesteigert, was durch große
Umformgrade bei niedrigen Bolzeneinsatztemperaturen erreicht wird. Ein
feinkörniges Gefüge steigert gleichzeitig die Festigkeit der Strangpressprodukte und
verbessert die Oberflächengüte der Strangpressprodukte bei anschließender
Kaltverformung, z.B. dem Streckziehen von Rohren oder Drähten. Bei den α-
Messinglegierungen CuZn10 (Bild 6.39) und CuZn20 wird bei geringen
Umformgraden ein besonders kleines Korn erzielt, bei CuZn40Pb2 (Bild 6.40)
hingegen bei großen Umformgraden. Im Falle der Messinglegierungen CuZn37 und
CuZn40Pb2 können Festigkeit sowie das Umformvermögen bei Kalt- und
Warmumformung weiterhin durch die Einstellung der Phasengehalte gesteuert
werden. Geringe β-Phasengehalte, die bei CuZn37 durch große Umformgrade und
bei CuZn40Pb2 durch große Umformgrade sowie hohe Bolzeneinsatztemperaturen
erzielt werden, verbessern das Kaltumformvermögen, während hohe β-
Phasengehalte die Festigkeit sowie das Warmumformvermögen steigern.
Kaltstauchversuche an zylindrischen Proben, die den Strangpressprofilen parallel,
diagonal und senkrecht zur Strangpressachse entnommen wurden, dienten der
Untersuchung der mikrostrukturellen und Gefügeentwicklung bei Kaltverformung
sowie der mikroskopischen und makroskopischen plastischen Anisotropie
andererseits. Hierbei wurde schwerpunktmäßig CuZn37 betrachtet. Durch
Verknüpfung der beiden zuvor genannten Aspekte wurden die Ursachen sowie
Auswirkungen der plastischen Anisotropie auf den unterschiedlichen Werkstofflängen
identifiziert.
1. Die Versetzungsentwicklung in CuZn37 bei Kaltstauchung mit kontinuierlich
zunehmender Fließspannung bzw. Stauchung ist durch den Übergang von
regelmäßigen Versetzungen bei 10% Stauchung über inhomogene ebene
Versetzungsstrukturen aus persistenten Gleitbändern und Zellen bei 15% zu
Subkörnern bei 25% Stauchung gekennzeichnet. Zwischen 10% und 20%
Kaltstauchung setzt mechanische Zwillingsbildung ein, die zu einer zunächst
relativ regellosen Textur führt. Bei größeren Umformgraden entsteht eine
<110>-Textur, die im Vergleich zu kaltgestauchtem CuZn10 schwächer ist.
2. Die inhomogenen Verformung in CuZn37 führt dazu, dass sich der Werkstoff
bei Kaltverformung nahezu quasi-einkristallin verhält und deshalb im
verformten Zustand sehr gut durch das Sachsmodell beschrieben werden
kann.
3. Die plastische Anisotropie führt in Messing zum Auftreten unterschiedlicher
Kristallitgruppen, die in nichtlinearen sin2ψ-Verläufen resultieren. Für relativ
gering verformte Gefüge, wie sie nach dem Strangpressen von Messing
vorhanden sind, eignet sich das Reuss-Modell zur Beschreibung der
nichtlinearen sin2ψ-Verläufe, deren Auswertung hkl-unabhängige
187
Eigenspannungen liefert. Die hkl-Abhängigkeiten und Oszillationen der sin2ψ-
Verläufe kaltgestauchter Proben konnten zufriedenstellend durch Verwendung
des Sachs-Modells unter Berücksichtigung je nach Reflex unterschiedlicher
richtungsabhängiger Defekte beschrieben werden. Bei regelmäßigen
Oszillationen lassen sich die „Maxima“ Kristalliten besonders starker
Verformung und damit auch den für das entsprechende Verformungsstadium
vorliegenden Versetzungsanordnungen zuordnen.
4. Die makroskopische plastische Anisotropie wurde mit Hilfe des r-Wertes
quantifiziert. Unabhängig davon, ob sich die r-Werte für unterschiedliche
Belastungsrichtungen im Strangpressprofil unterscheiden, verlaufen die
entsprechenden Spannungs-Stauchungs-Kurven deutlich oberhalb der
Fließgrenze nahezu gleich.
5. Mit zunehmendem Zinkgehalt der α-Phase wird die makroskopische
plastische Anisotropie infolge der Begünstigung mechanischer
Zwilllingsbildung, der Versetzungsaufspaltung und zunehmender elastischer
Anisotropie kleiner.
6. Verstärkend auf die plastische Anisotropie wirken eine starke <111>-
Komponente der <100>/<111>-Doppelfasertextur der α-Phase sowie
regelmäßige Versetzungsanordnungen, die bewirken, dass die mobilen
Versetzungen bevorzugt in versetzungsärmeren Kanälen zwischen den
Versetzungswänden gleiten.
7. Die sich in den sin2ψ-Verläufen äußernde und die makroskopische plastische
Anisotropie sind darüber hinaus von der Fließspannung bzw. dem
Umformgrad der Verformung abhängig. Durch Einsetzen der mechanischen
Zwillingsbildung bei mittleren oder der Scherbandbildung bei großen
Umformgraden wird die plastische Anisotropie reduziert.
188
189
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