Elisabeth Exner
Dr. med.
Überlastungsschäden am Fuß und oberen Sprunggelenk bei BallettänzerInnen –
Computerunterstützte plantare Druckverteilungsmessung tanzspezifischer Schritt- und
Sprungbelastungen im Sport-, Spitzen- und Technikschuh
Geboren am 17.02.1965 in Bochum
Reifeprüfung am 18.05.1984 in Essen-Werden
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom SS 1985 bis WS 1992/93
Physikum am 11.09.1987 an der Universität Düsseldorf
Klinisches Studium in Düsseldorf / Bochum
Praktisches Jahr in Zürich, Bern und Bochum
Staatsexamen am 07.05.1992 an der Universität Bochum
Promotionsfach: Orthopädie
Doktorvater: Prof. Dr. med. H.-H. Küster
Die Epidemiologie ballettspezifischer Verletzungen, der steigende Bedarf nach einer adäquaten
sportmedizinischen Betreuung von professionellen TänzerInnen und persönliche Kontakte zum
Theater gaben den Anstoß zur intensiven Auseinandersetzung mit der Technik und Systematik
des klassischen Tanzes aus orthopädischer Sicht.
Die hohe Inzidenz chronischer Überlastungsschäden beim Ballettanz, die insbesondere den Fuß
und das obere Sprunggelenk betreffen, führten zunächst zur biomechanischen Analyse einiger
statischer und dynamischer Bewegungsformen, die repetitiv im täglichen Training sowie auf
der Bühne von Tänzerinnen und Tänzern ausgeführt werden. Dabei stellten wir fest, daß die
Fußarbeit aus der extremen Außenrotationsstellung der Beine im en dehors vor allem durch
eine vermehrte Belastung der Vorfußfläche im Metatarsalköpfchenstand (relevé) und extreme
Bewegungsausschläge im oberen Sprung- bzw. den Großzehengrundgelenken beim
Positionswechsel vom demi plié zur en pointe-Stellung charakterisiert wird.
Ziel dieser Arbeit war es, die unphysiologischen Belastungen im Kausalzusammenhang mit den
chronischen Überlastungsschäden erstmals durch qualitative und quantitative Meßmethoden zu
objektivieren. Im Sommer 1997 führten wir kinematische und kinetische Untersuchungen an
zwölf BallettänzerInnen der Städtischen Bühnen Osnabrück mit einer durchschnittlichen
Berufsdauer von 11,7 Jahren wie folgt durch:
1. Klinisch-orthopädische Untersuchung der unteren Extremitäten
2. Podometrie tanzspezifischer Fußpositionen, Blauabdrücke, Fotodokumentation
3. Computerunterstützte Druckverteilungsmessung mittels Im-Schuh-Meßsystem
83% der untersuchten TänzerInnen hatten in der Vergangenheit Überlastungsschäden erlitten,
38 % davon betrafen den Fuß (18 %) und das obere Sprunggelenk (20 %). Alle TänzerInnen
wiesen klinische Vorfußdeformitäten i.S. eines Spreizfußes auf, der in 50 % der Fälle
außerdem mit einem Hallux valgus und bei 33 % mit einem Hallux valgus interphalangeus
assoziiert war. Während der Hallux valgus mit derselben Häufigkeitsverteilung bei weiblichen
und männlichen Tänzern nachgewiesen werden konnte, fand sich der Hallux valgus
interphalangeus als conditio sine qua non des Spitzentanzes ausschließlich bei den Tänzerinnen
(67 %). Bemerkenswert bei der podometrischen Untersuchung der Füße im parallelfüßigen
Stand auf zwei Beinen sowie in den klassischen fünf Positionen der Füße war die Tatsache, daß
nur die ballettspezifischen Positionen durch den aktiven Einsatz der intrinsischen und
extrinsischen Fußmuskulatur zu einer dynamischen Erhöhung des Längsgewölbes mit
Aussparung im Bereich der Brücke führten, während Tänzerinnen mit einem
nachgewiesenermaßen idiopathischen Hohlfuß sowohl eine Aussparung der Brücke in
Parallelfußposition als auch in den ballettspezifischen Positionen als Ausdruck einer
verminderten Flexibilität arthronaler Strukturen aufwiesen. Ferner konnten wir podometrisch
die vielfach postulierte Medialisierung der Belastung im Metatarsalköpfchenstand zuungunsten
des Großzehengrundgelenkes bestätigen. Bei den plantaren Druckverteilungsmessungen
wurden die Kenngrößen Vorfußmitteldruck (Pmitt) und Vorfußmaximaldruck (Pmax) beim
physiologischen und tanztypischen Gang sowie bei Vertikal- und Horizontalsprüngen im Sport-
, Spitzen- und Technikschuh bestimmt. Zur Evaluation des Einflusses unterschiedlich
stoßabsorbierender Schuhkonstruktionen (Schuheffekt) und der tanzspezifischen
Bewegungstechnik (Gang bzw. Sprungeffekt) wurde der Wilcoxon-signed-rank-Test
angewendet. Hinsichtlich des Schuheffektes konnte gezeigt werden, daß der Sportschuh im
Vergleich zum Technik- und Spitzenschuh eine signifikant höhere Kapazität zur
Druckreduzierung bei allen Bewegungssequenzen hat (p<0.05 bzw. p<0.001). Bei der Analyse
des Gangeffektes konnten Flächendrücke bis zu 29 N/cm2 und Maximaldrücke bis zu 83 N/cm2
unter dem Vorfuß beim tanztypischen Gang registriert werden. Sie betragen ein Vielfaches
derjenigen Drücke beim physiologischen Gang.
Die vorliegende Untersuchung hat gezeigt, daß der “Tänzerfuß” in Positionen arbeitet, die weit
über die Grenzen physiologischer Belastungen hinausreichen und deshalb Überlastungsschäden
hervorrufen können. Da BallettänzerInnen zu der seltenen Gruppe von Athleten gehören, die
aus Gründen der Ästhetik und Propriozeption (Balance) kein protektives Schuhwerk tragen
können, kommt der Auswahl eines geeigneten Tanzbodens bei der Prävention von
Verletzungen eine enorme Bedeutung zu.