Jürgen Michael Stoll
Dr. med.
Wirksam oder unwirksam? Eine retrospektive Untersuchung in zehn Allgemeinarzt-
praxen über Ansatz und Häufigkeit von Medikamentenverordnungen sowie Überprü-
fung deren wissenschaftlicher Absicherung
Geboren am 25.04.1961 in Bruchsal
Reifeprüfung am 22.05.1981 in Bruchsal
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 1986/87 bis WS 1993/94
Physikum am 14.03.1989 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktisches Jahr in Bruchsal
Staatsexamen am 11.11.1993 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Innere Medizin
Doktorvater: Prof. Dr. med. H.-D. Klimm
In der vorliegenden Studie wurde überprüft, inwieweit die Arzneimittelverordnungen in der
Allgemeinarztpraxis dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen. Als
Beurteilungsgrundlage diente die pharmakologische und medizinische Standardliteratur.
Neben dieser zentralen Fragestellung wurde das Verordnungsverhalten der Allgemeinärzte
hinsichtlich Häufigkeit von Verschreibungen überhaupt sowie Umfang und Spektrum der
eingesetzten Medikamente untersucht. Um eine differenzierte Analyse zu ermöglichen,
wurden die verordneten Arzneimittel in Akut- und Dauermedikamente eingeteilt bzw.
Indikationsgruppen, Stoffklassen und Krankheitsgruppen (gemäß Roter Liste bzw. modi-
fizierter ICD 10) zugeordnet.
Als Grundlage der Untersuchung diente ein Patientengut, das sich aus den Personen
zusammensetzte, die zu bestimmten Stichtagen eine von den 10 an der Studie teilnehmenden
Allgemeinarztpraxen konsultierten. Insgesamt nahmen so 1105 Patienten mit 1126 Arznei-
mittelverordnungen an der Studie teil.
Es zeigte sich, daß ältere und alte Menschen im Vergleich zur Bevölkerung Baden-
Württembergs überproportional häufig vertreten waren und die Frauen mit einem Anteil von
63,3 % gegenüber den Männern (36,7 %) deutlich überwogen. Im Vergleich zur Allgemein-
bevölkerung waren die Frauen mit 12 % über- und die männlichen Patienten entsprechend
unterrepräsentiert.
Von diesen Patienten erhielten nur etwas mehr als die Hälfte ein Arzneimittelrezept, das
häufig mehrere Medikamente (Mittelwert: 1,96) umfaßte. Erwartungsgemäß nahm der Anteil
an Dauermedikamenten mit steigendem Alter der Patienten zu. Im Verordnungsumfang
(Arzneimittelpackungen) gab es zwischen Männern und Frauen insgesamt keine und bei
Betrachtung der einzelnen Altersgruppen geringe Unterschiede. Darüber hinaus gibt es
Hinweise, daß dies abgesehen von Präparaten, die ausschließlich geschlechtsspezifisch
eingesetzt werden (z. B. Gynäkologika), auch für die meisten Indikationsgruppen gilt. Es
konnte gefolgert werden, daß die insgesamt höheren Verordnungszahlen bei den Frauen vor
allem darauf zurückzuführen sind, daß sie in der Allgemeinarztpraxis häufiger vertreten sind.
Insgesamt kamen Präparate aus 53 von 88 in der Roten Liste (1996) aufgeführten
Indikationsgruppen zum Einsatz. Die häufigen Arzneimittel stimmten in der Rangfolge der
Indikationsgruppen und im Spektrum mit den Verordnungshäufigkeiten aller Arzneimittel
(GKV-Bereich) im gesamten Bundesgebiet laut Arzneimittelverordnungsreport überein. Dies
weist darauf hin, daß das Verordnungsverhalten der Allgemeinärzte dem der Gesamtheit aller
Ärzte (GKV-Bereich) entspricht.
Am häufigsten wurden Analgetika/Antirheumatika, gefolgt von den Indikationsgruppen
Antitussiva/Expektorantien und Beta-Rezeptorenblocker/Calciumantagonisten/ACE-Hemmer
verordnet. Entsprechend dominierten bei den medikamentös behandelten Patienten die
Krankheiten des Kreislaufsystems, Krankheiten des Atmungssystems und Krankheiten des
Muskel-Skelett-Systems.
Die verordneten Arzneimittel stammten in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle (88 %) aus
der Gruppe der chemisch definierten Stoffe (gemäß Roter Liste). Auf sogenannte
„alternative“ Therapiemethoden wurde nur selten zurückgegriffen. Dies gilt nicht nur ins-
gesamt, sondern trifft auch auf den einzelnen Allgemeinmediziner zu.
Rund ein Drittel (31,7 %) der verordneten Arzneimittel mußten nach der pharmakologischen
und medizinischen Standardliteratur als „umstritten“ eingestuft werden. Dabei handelte es
sich in der Mehrzahl der Fälle um Akutmedikamente. Einen erheblichen Einfluß auf das
Gesamtergebnis hatten die Indikationsgruppen Antitussiva/Expektorantien und Analge-
tika/Antirheumatika, die zusammen bereits 27,5 % der umstrittenen Arzneimittel ausmachten.
Da diese Medikamente nahezu ausschließlich zur Behandlung von akuten
Gesundheitsstörungen eingesetzt wurden, mußte sich diese Dominanz hier noch viel stärker
auswirken. So hätte sich ohne diese Arzneimittel der Anteil wirksamer Akutmedikamente um
fast 18 % von 54,5 % auf rund 72 % erhöht und käme damit dem Niveau der
Dauermedikamente (83,1 % wirksam) schon deutlich näher. Das Gesamtergebnis hätte sich
von 68,3 % auf rund 78 % verbessert. Bei den umstrittenen Dauermedikamenten war eine
vergleichbare Dominanz einzelner Indikationsgruppen nicht festzustellen.
Die differenziertere Betrachtung nach Krankheitsgruppen zeigte, daß chronische Krankheiten,
die häufig auch schwerwiegender sind oder unbehandelt den Patienten durch ernste
Folgekrankheiten gefährden können, zu einem hohen Prozentsatz (83,1 %) mit wirksamen
Medikamenten behandelt werden. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß dies auch für die
einzelnen Allgemeinärzte gilt, erhält diese Aussage zusätzliches Gewicht. Bei der Beurteilung
der Akutmedikamente hingegen, waren die Unterschiede zwischen den Allgemeinarztpraxen
deutlicher ausgeprägt. Somit war das unterschiedliche Abschneiden der Ärzte im wesent-
lichen auf die kurzfristig eingesetzten Arzneimittel zurückzuführen.
Bei der Interpretation dieser Daten muß man berücksichtigen, daß die Wirksamkeits-
beurteilung bei der medikamentösen Therapie der verschiedenen Krankheitsgruppen zum Teil
erhebliche Unterschiede erkennen ließ. Das gilt vor allem für die akuten Gesundheits-
störungen. Eine generelle Aussage, ohne Kenntnis der Diagnose, ist deshalb weder bei den
Akut- noch bei den Dauermedikamenten möglich.