Kinder, Soldaten, Kindersoldaten
Ein globales Aufgabengebiet Kritischer internationaler
Erziehungswissenschaft
Volker Druba
WENN ELEFANTEN KÄMPFEN, LEIDET DAS GRAS.
- AFRIKANISCHES SPRICHWORT -
Obwohl das Phänomen Kindersoldaten nicht neu ist, treten erst in jüngerer Zeit vermehrt
Aussagen auf, die sich diesem Gegenstandsbereich widmen. Autoren von Autobiographien
und Anekdoten, von journalistischen Berichten und von Publikationen zwischenstaatlicher
und nichtstaatlicher Organisationen (International Governmental Organization: IGO,
Non-Governmental Organization: NGO) versuchen zunehmend, Wahrheiten über Kindersol-
daten zu verfestigen. Dabei handelt es sich nicht, wie das afrikanische Sprichwort vermuten
ließe, vornehmlich um Wahrheiten der Dritten Welt, sondern um eine globale Problematik.1
Wissenschaftliche Erkenntnisse über die gegenwärtig etwa 300.000 Kindersoldaten sind in
Deutschland jedoch bisher kaum veröffentlicht. Diese Tatsache zeigt sich allein schon darin,
dass sich in virtuellen Verbunds- und Bibliothekskatalogen unter dem Titelstichwort
»Kindersoldaten« Ende April 2000 lediglich fünf Einträge und selbst in englischsprachigen
Katalogen nur sieben Publikationen (Schlagwort »child soldiers«) finden. Während es in der
internationalen Erziehungswissenschaft immerhin einige Überblicksstudien gibt, liegt in der
1Das UNESCO INSTITUTE FOR EDUCATION und das GLOBAL INFORMATION NETWORKS IN EDUCATION
unterbreiten folgende Auswahl von Ländern, in denen Kinder unter 15 Jahren (mit * ge-
kennzeichnet) und Jugendliche als Soldaten (teilweise auch zu Friedenszeiten) eingesetzt
werden: Afghanistan*, Albanien, Algerien*, Angola*, Aserbaidschan (Nagorno-Karabach),
Äthiopien*, Bangladesh, Bhutan, Bosnien-Herzegowina*, Birma*, Burundi*, Djibouti*, El
Salvador, Eritrea, Guatemala*, Honduras, Indien (Kashmir)*, Indonesien (East Timor)*,
Iran*, Irak (Kurdistan)*, Israel (Palästinensische Gebiete)*, Kambodscha*, Kolumbien*,
Komoren*, Kongo-Brazzaville*, Demokratische Republik Kongo*, Kroatien, Libanon*,
Liberia*, Mexiko, Mosambik, Nicaragua, Pakistan, Papua Neuguinea, Paraguay*, Peru*,
Philippinen, Russland (Tschetschenien)*, Ruanda*, Sierra Leone*, Somalia*, Sri Lanka,
Sudan*, Tadschikistan, Tschad*, Togo*, Türkei (Kurdistan)*, Uganda.
Vgl.: http://www.pitt.edu/~ginie/mounzer/countries.html (11.3.2000).
Die Listen von Nichtregierungsorganisationen nennen außerdem: Australien,
Brasilien, Chile, China, Estland, Frankreich, Großbritannien, Holland, Irland, Jordanien,
Bundesrepublik Jugoslawien, Katar*, Kuba, Laos, Luxemburg, Mauretanien, Nepal,
Neuseeland, Nigeria, USA. Vgl.: http://www.rb.se/chilwar/fyra_99/
campaign.htm#three (18.2.2000).
deutschsprachigen scientific community lediglich eine publizierte Diplomarbeit zu diesem
Gegenstandsbereich vor (SPITZER 1999). Freilich wird das Thema gelegentlich unter anderen
Stichworten wie etwa »Kinder und Krieg« subsumiert. Gewiss gibt es auch mehr
Abhandlungen über Kindersoldaten als in Katalogen verzeichnet sind. Doch es besteht kein
Zweifel daran, dass im wissenschaftlichen Archiv unserer Zeit Kindersoldaten insgesamt
noch eine vage Kontur haben. Diese Feststellung ist angesichts der Renaissance von
Ethnonationalismus sowie der auch nach der Epochenschwelle von 1989 weiterhin
steigenden Anzahl von Kriegen, in die Kinder involviert sind, erstaunlich.
Im ersten Teil dieses Artikels gehe ich auf den Begriff Kindersoldaten und seine Verwendung
ein. Der zweite Teil rekonstruiert pädagogische Aspekte im Kontext ehemaliger Kinder-
soldaten. Im dritten Teil formuliere ich 10 Thesen zum bisherigen und 5 Prognosen zum
zukünftigen Kindersoldatendiskurs. Abschließend wird das erziehungswissenschaftliche
Forschungsfeld konturiert.
1. Der Diskurs über Kindersoldaten und die Teilnehmenden
Das Phänomen »Kindersoldaten« ist alt. Schon das antike Israel erzählt vom jungen David,
der mit einer Steinschleuder in den Kampf zieht. In vielen Kriegen, etwa dem Dreißigjährigen
Krieg, dienten Kinder in Söldnerheeren (vgl. HAHN 1998). Auch wurden in Europa bis ins 20.
Jahrhundert Jungen in Kadettenanstalten zu autoritätsfixierten Soldaten erzogen (vgl. KUTZ
1998). Der Gegenstandsbereich ist teilweise schon wissenschaftlich bearbeitet, für den Ersten
Weltkrieg und die bürgerliche Jugendbewegung zum Beispiel von FIEDLER (1989), für die
Luftwaffen- und Marinehelfer im Zweiten Weltkrieg durch NICOLAISEN (1981a, 1981b) und
SCHÖRKEN (1984). Im vorliegenden Text geht es jedoch speziell um jene Veröffentlichungen,
die das Phänomen auch mit dem Begriff »Kindersoldaten« und seinen Nuancen codieren. Das
geschieht seit der Publikation von SCHÄTZ [1972] (1974).
Ganz allgemein ist »Kinder« das Bestimmungswort für die Lexembildung »Kindersoldaten«.
Innerhalb des Diskurses sind es vor allem Autoren wissenschaftlicher Texte sowie Autoren
von Beiträgen nichtstaatlicher und zwischenstaatlicher Organisationen, die das Determinans
näher eingrenzen. Die meisten anderen Diskursteilnehmenden kommen ohne eine Definition
aus. Wird eine Altersbestimmung vorgenommen, ist sie sehr unterschiedlich. Für KOSONEN
kann der Begriff nur auf Personen zwischen 12 und 14 Jahren angewandt werden (KOSONEN
1987, S. 57), im Zusatzprotokoll II des Genfer Rotkreuzabkommens von 1949 sind alle
Personen bis zum 15. Lebensjahr Kind, nach der Konvention der Vereinten Nationen über die
Rechte des Kindes (Conventíon on the Rights of the Child: CRC) werden als Kinder
diejenigen bezeichnet, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Die Altersgrenze
kann dort aber durch nationale Gesetzgebung stark eingeschränkt werden, wenn die
Volljährigkeit früher eintritt (DORSCH 1994, S. 237). Andere Autoren bezeichnen Menschen
über 15 Jahren dagegen nicht mehr als Kinder, sondern als Jugendliche
(BRITTEN/KNEFELKAMP-MÜLLERSCHÖN/ WITT 1989, S. 34; COHN/GOODWIN-GILL 1997, S. 9, u.a.).
Sie geben außerdem zu bedenken, dass eine strikte Altersgrenze unzulänglich ist, da etwa in
vielen Ländern der Dritten Welt 13-jährige selbständiger sind als 17-jährige in
Industriestaaten (BRITTEN/KNEFELKAMP- MÜLLERSCHÖN/WITT 1989, S. 34).
Innerhalb des Diskurses fehlt also eine allgemein gültige Altersgrenze für die Bestimmung
von Anfangs- und Endzeitpunkt des Kindseins und damit für die Verwendung der
Bezeichnung Kindersoldaten, wenngleich der Trend zur Abgrenzung bei 18 Jahren liegt. Die
definitorische Unschärfe geht damit einher, dass im Außen des Diskurses je nach kulturellem
Kontext und gesellschaftlichem Teilsystem der Kindheitsbegriff unterschiedlich verwendet
wird. Im christlich-abendländischen Denken wird das Ende des Kindseins zwar oftmals
entwicklungspsychologisch mit dem Eintritt der Pubertät abgegrenzt, die Volljährigkeit aber
wird erst mit 18 oder 21 Jahren angesetzt. In islamischen Staaten hingegen beginnt mit dem
Ende des Kindseins auch die Volljährigkeit; bei männlichen Personen bereits im Alter
zwischen 12 und 15 Jahren.
Im Zusammenhang mit der Altersbegrenzung wird innerhalb des Diskurses fast
ausschließlich auf juristischer Ebene argumentiert,2 wenngleich der Terminus
»Kindersoldaten« in Konventionen oder Gesetzen selber explizit nicht verwendet wird. In der
CRC verpflichten sich die Staaten durch Artikel 34 jedoch dazu mit allen Maßnahmen zu
verhindern, dass Kinder vor Erreichung ihres 15. Lebensjahres »unmittelbar an
Feindseligkeiten teilnehmen«.3 Vielen Vertretern von NGOs und immer mehr Staaten ist
3Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes fügt u.a. DORSCH 1994, hier S. 392 an. Für
islamische Staaten wird in der zitierten Passage die Rekrutierungsgrenze erhöht (s.o.).
2In der CRC wird der rechtliche Schutz von Kindern vor und nach der Geburt genannt,
jedoch handelt es sich dabei unter juristischer Perspektive um keine rechtsverbindliche
Regelung, sondern lediglich um einen Grundsatz. Die CRC umfasst das vorgeburtliche
Stadium nach DORSCH auch deshalb nicht, weil sie entgegen anderen internationalen
Abkommen kein Verbot enthält, die Todesstrafe an Schwangeren zu vollziehen. Zu diesem
Themenkomplex: DORSCH 1994, S. 101.
diese Altersbegrenzung zu niedrig. Sie fordern ein CRC-Zusatzprotokoll, in dem ein
Mindestalter von 18 Jahren für den Einsatz in bewaffneten Konflikten festgelegt wird (vgl.
BRETT 1998). Nach sechsjährigen Beratungen hat eine UN-Arbeitsgruppe im Januar 2000 den
Text eines solchen Zusatzprotokolls beschlossen, das im September 2000 in der
UN-Generalversammlung verabschiedet werden soll. Darin wird nur das Mindestalter für die
Rekrutierung von Freiwilligen in bewaffnete Gruppierungen, nicht aber in die Streitkräfte
eines Staates auf 18 Jahre festgelegt.
Der Begriff Kindersoldaten umfasst im Diskurs jedoch nicht nur die Personen, die unter 15
bzw. 18 Jahren in die Streitkräfte aufgenommen worden sind, sondern auch alle diejenigen,
die für Rebellen und nichtstaatliche bewaffnete Gruppen (Non Government Entity: NGE)
freiwillig oder gezwungenermaßen kämpfen, in anderer Weise an einem bewaffneten
Konflikt teilnehmen oder auch zu Friedenszeiten als Soldat arbeiten. BROT FÜR DIE WELT und
der LUTHERISCHE WELTBUND definieren deshalb:
»Ein Kindersoldat ist eine Person unter 18 Jahren, die zum Wehrdienst eingezogen
wurde - sich freiwillig gemeldet hat oder dazu gezwungen wurde« (BROT FÜR DIE
WELT/LUTHERISCHER WELTBUND 1997, S. 3).
Die Definition des Dokumentationszentrums für Kindersoldaten in Stockholm nimmt durch
die Erwähnung von indirekter und direkter Teilnahme zusätzlich Begriffe auf, die auch im
humanitären Kriegsvölkerrecht üblich sind. Danach sind Kindersoldaten bzw. child soldiers
»all people under the age of 18 who directly or indirectly participate in a military or
political armed conflict. Also included as child soldiers are persons under the age of
18 who are recruited to a country´s armed forces or to a non-government military
organisation, even if the country in question is in a state of peace« (RÄDDA BARNEN
http://www.rb.se/childwardatabase/efaq.htm 18.2.2000).
Eine solche weite Fassung des Begriffs wird wiederum von anderen Autoren in Frage gestellt.
SPITZER kritisiert mit JAREG, dass eine solche Definition stereotype Sichtweisen begünstige:
»In Österreich können sich 17-jährige Jugendliche per Gesetz freiwillig zum
Bundesheer melden und im Einsatzfall zum Grenzdienst herangezogen werden. In
Südafrika haben Kinder und Jugendliche aus ideologischen Motiven gegen das
Apartheid-Regime gekämpft. In Norduganda werden Kinder gewaltsam aus ihrem
Familienverband herausgerissen, terrorisiert und zum Töten gezwungen. Handelt es
sich in allen drei Fällen gleichermaßen um „Kindersoldaten”?« (SPITZER 1999, S. 17).
In der gesamten Literatur werden vornehmlich die Begriffe »Kindersoldaten« bzw. »child
soldiers« verwendet, wenngleich sie in einigen Ländern, in denen Kinder an bewaffneten
Feindseligkeiten teilnehmen, von organisierten Akteuren (also Autoren nichtstaatlicher oder
zwischenstaatlicher Organisationen) gerade vermieden werden, weil die Bezeichnungen dort
als Schimpfwörter gelten (SPITZER 1999, S. 18). SPITZER spricht auch explizit von
»Kindersoldatinnen« (ebd., S. 21). Vereinzelt werden die Termini paraphrasiert. Semantische
Nuancen sind »Schüler-Soldaten« (SCHÄTZ 1974, S. 1; DÜLK/FICKENTSCHER 1993, S. 2);
»Mädchensoldaten« (TERRE DES HOMMES 2000, S. 7), »boy soldiers« (ANDREWS 1995, S. 12)
»boy guards« (ANDREWS 1996c, S. 11), »girl soldiers« (ANDREWS 1996b, S. 9), »Kalashnikov
kids« (HAGGSTROM 1999c, S. 15), »Killerkids« (MATTHIES 1998, S. 131), »teenage fighters«
(HAGGSTROM 1999a, S. 7), »teenage recruits« (HAGGSTROM 1999c, S. 15), »youth soldiers«
(UIE 2000), »youth-combatants« (PETERS/RICHARDS 1998, S. 76), »Saddam´s youth«
(ANDREWS1997, S. 15) und »Hitler-Killer« (ANDREWS 1996b, S. 10).
Der Begriff »Kindersoldaten« wird vor allem innerhalb vier verschiedener Texttypen benutzt
und verweist zunächst auf den Zweiten Weltkrieg. Einige Autoren im siebten
Lebensjahrzehnt erzählen in ihren Autobiografien von ihrer Sozialisation als Luftwaffen- und
Marinehelfer und signieren sie explizit mit dem Terminus »Kindersoldaten« (z.B. JUST 1996,
VON BUCH 1998). Mit diesem Begriff stellen sie sich in die Reihe derjenigen, die heute als
Kind Wehrdienst leisten (müssen), teilen einzelne Themen mit ihnen, lenken den Blick aber
an keiner Stelle ausdrücklich auf sie, sondern bleiben auf sich selbst zentriert. Umgekehrt
beziehen sich auch Journalisten, organisierte Akteure und Wissenschaftler nicht auf sie.
Autoren dieser drei Texttypen befassen sich mit gegenwärtigen Kindersoldaten.
Die Diskursgemeinschaft setzt sich hauptsächlich aus Personen der westlichen Hemisphäre
zusammen, die zum größten Teil in den Ländern professionell gearbeitet haben oder arbeiten,
die Kindersoldaten einsetzen. Ihr Tätigkeitsbereich liegt aber nicht notwendigerweise im
pädagogischen Feld. Sie sind Ärzte, Psychologen, Journalisten. Auch wenn einzelne von
ihnen freilich mit lokalen Organisationen und Akteuren zusammenarbeiten, treten lokale
Experten selten als Autoren auf. Das Wissen wird dabei durch die Medien Buch, Zeitschrift
und WorldWideWeb-Browser vermittelt.
2. Pädagogische Aspekte
Pädagogische Professionen fungieren im Kontext von Kindersoldaten vor allem in Sektoren
der Reintegration und Prävention. Um die Lebenswelt (ehemaliger) Kindersoldaten zu
verstehen, seien zunächst einige Aspekte ihrer Sozialisation genannt, bevor dann für die
Bereiche Therapie und Reintegration sowie Versöhnung und Bildung ein
Orientierungsrahmen für professionelles Handeln vorgestellt sowie präventive Aktivitäten
aufgezählt werden.
Reichere und städtische Bevölkerungsmitglieder werden äußerst selten zwangsrekrutiert
(BRETT/MCCALLIN 1996, S. 105), die meisten Kindersoldaten kommen aus sozial-unteren
Schichten, bei ihrem Einsatz handelt es sich eigentlich um Kinderarbeit unter schlechtesten
Bedingungen (ONYANGO 1998, S. 220). Für die »politisch und gesellschaftlich verursachte
Identitätskrise« (BIANCO 1999, S. 29), die sie erleben, sind sie durch ihre Sozialisation nur mit
wenigen positiven Bewältigungsressourcen ausgestattet. Für alle Aspekte gilt freilich, dass
nicht vorschnell generalisiert werden sollte, da die Auswirkungen und das Selbstverständnis
der Kinder von vielerlei abhängig sind, etwa vom politischen und wirtschaftlichen Kontext,
Art der Rekrutierung, Alter, Art und Dauer des Konfliktes, von der Qualität bisheriger
Lebenserfahrungen und -bedingungen, der sozialen Identität und bisherigen moralischen
Sozialisation sowie von individuellen Dispositionen (MENDELSOHN/STRAKER 1998, S. 407/
COHN/GOODWIN-GILL 1997, S. 29).
Die Aufgaben von Kindersoldaten umfassen in der analysierten Literatur folgende Bereiche:
OBotendienst
OEssenszubereitung
OKleidungsreparaturen
OHäuslicher Dienst
OTrägerdienst (z.B. Munition)
OWachdienst
OFernsprech- und Fernmeldedienst
OKampfeinsätze
OArbeit an Checkpoints
OÖffentliche Ausübung von sexuellen Praktiken
OWerfen von Granaten
OGeschützbedienung
OFeuerleitung
OWaffendienst
ORäumen von Minenfeldern
OAusführung von Folterungen und Ermordungen
OSexuelle „Dienste”
OSchändung von Toten
OTöten von Verwandten und Bekannten
OTeilnahme an kannibalischen Ritualen
Von Kindersoldaten werden bestimmte Haltungen erwartet:
OTapferkeit
OGehorsamkeit
OBescheidenheit
OAutoritätshörigkeit
OAbbruch von Kontakten zur Zivilbevölkerung
OSelbstlosigkeit, bis hin zu Selbstmord
Innerhalb des Diskurses werden vielfältige Gründe für eine Teilnahme von Kindern als
Soldaten an bewaffneten Konflikten genannt. Die individuellen Motivierungskräfte entstehen
in einem sozialen Kontext, dabei sind intra- und extraindividuelle Prozesse jeweils
aufeinander bezogen. In diesem Bewusstsein seien zunächst solche Gründe aufgezählt, die
primär im Zusammenhang mit dem jeweiligen soziokulturellen Kontext stehen:
OBefürwortung soldatischer Ideale
OKultureller Wert der Blutrache
OKriegsglorifizierung
OTodesverherrlichung
OGewaltbeobachtung
OPersonalmangel nationaler Armeen oder bewaffneter Gruppierungen
OIdeologische Überzeugung
OAnalphabetismus
ODefizitäre ökonomische Lage
OFehlen grundlegender Lebensbedingungen (Nahrung, Kleidung, Unterkunft)
OGlauben falscher Versprechungen (Kleidung, Bildung, Konsumgüter)
OMorddrohungen und Drogenverabreichung bei Verweigerungen
Als eher individuelle Motive werden genannt:
OAbenteuerlust
OFaszination an Waffen
ODruck durch Peergroup, Eltern und Bezugspersonen
OKompensation von Bildungsnachteilen
OStatusaufstieg
OEmpfinden von Ungerechtigkeit
ORevanche für erlittene Gewalt, Rachewünsche
OAngst
OSexualtrieb
Kriegsführende Parteien rekrutieren Kinder wegen ihrer
Ohohen Geschicklichkeit
OManipulierbarkeit
Okindlichen Weltsicht
Ogeringen (Lohn-)ansprüche
Im Einzelnen werden folgende Auswirkungen auf die Kriegsbeteiligung zurückgeführt:
Opsychophysiologisch:
Körperverletzungen, Schlafstörungen, Sprechstörungen, chronische Kopfschmerzen,
Magenschmerzen, Appetitlosigkeit, Bettnässen, Selbstzerstörungsimpulse.
Opsychosozial:
Gefühle diffuser Entfremdung, Aufhebung regulierender Funktionen des »Über-Ich«,
Depressionen, sich aufdrängende Erinnerungen, Angstzustände, Alpträume,
Konzentrationsschwächen, Gewissensbeunruhigungen, Verlust der Fähigkeit, Gefühle
auszudrücken, weitere Symptome »posttraumatischer Belastungsreaktionen« (Post
Traumatic Stress Disorder: PTSD) wie tiefgreifende Verzweiflung, wiederkehrende
Träume, verminderte Reaktionsbereitschaft, Teilnahmslosigkeit, Gefühle der Isolierung,
vermindertes Interesse an Aktivitäten, die zuvor Freude bereitet haben, psychische
Abgestumpftheit, übertriebene Schreckreaktionen, Schuldgefühle, Erinnerungs-
schwächen, Vermeidung von Tätigkeiten, die das traumatische Ereignis in Erinnerung
rufen, Verstärkung der Symptome bei Ereignissen, die dem traumatischen Zwischenfall
ähnlich sind.4
Osozial:
Zunahme von Delinquenz und politisierten Gruppenidentitäten, Zerstörung sozialer
Netzwerke, Asozialisierung, geringe Wertschätzung durch die Gesellschaft, ökonomisch
schlechtere Lebenslage als vor der Rekrutierung.
Omental:
Irritationen durch normative Gegensätze, Regelung des Lebens durch klare Ordnungen,
niedrige (z.T. aber auch hohe) Ambiguitätstoleranz, »Stockholm-Syndrom«
(Identifizierung mit demjenigen, der Macht ausübte), grundlegende Skepsis, (keine) Reue,
Selbstmordgedanken, Lethargie, geringe Zukunftsaspirationen, eingeschränktes
Moralsystem, kaum gewaltlose Konfliktaustragung, geringe Übernahme von
Verantwortung.
Die Folgen kindlicher Kriegsteilnahme sind bisher kaum erforscht, die Angaben sind
teilweise widersprüchlich und hängen gewiss von individuellen Dispositionen ab. Auch ist
hier eine Trennung einzelner Bereiche oft nur theoretisch möglich, da zwischen ihnen
Wechselbeziehungen bestehen. Aktive Teilnahme führt eher zu traumatischen Folgen, sie
sind schwerer, je früher sie im Lebenslauf eintreten. Beim Vorhandensein protektiver
Faktoren im Unterstützungsnetzwerk der Kinder können sie freilich besser verarbeitet werden
(SPITZER 1999, S. 23).
Entgegen grundlagentheoretischer Postulate, nach denen sich Kritische
Erziehungswissenschaft von der Nennung »direkt umsetzbarer Orientierungshilfen für die
pädagogische Praxis« verabschieden müsse (KRÜGER 1999, S. 177), lässt sich aus dem
Diskurs über Kindersoldaten folgender Orientierungsrahmen für professionelles Handeln
entwerfen:
4Die universelle Gültigkeit des Konzeptes »posttraumatischer Belastungsreaktionen« (PTSD)
wird von einer Reihe von Autoren in Frage gestellt. Vgl. allgemein zu PTSD z.B.: HERBERT
(1999) und zur Kritik im Kontext der Rehabilitation von Kindersoldaten: BRACKEN/PETTY ET.
AL (1998), MEDICO INTERNATIONAL (1997), BIANCO (1999).
Pädagogische
Psychologie,
Sozialpädagogik,
tiefenpsycholo-
gische, ver-
haltenstherapeu-
tische, kognitions-
psychologische
Theorien
Therapeutisches Arbeiten
mit kreativen Materialien
Projizierung von Gefühlen
über (Tier-)symbole (beim
Zeichnen oder Erzählen)
»Trauma and Disability
Education«
Traditionelle
Reinigungszeremonien
Traditionelle Heilmethoden
Reintegration der
traumatischen
Erfahrungen in
die eigene
Biografie
Sich selbst als
Opfer sehen
Zwangsrekrutie-
rungen
Entführungen
Körperliche
Gewalterfahrun-
gen
Zwang,
körperliche
Gewalt auszuüben
Psychische
Verletzungen
Pädagogische
Psychologie,
Sozialpädagogik,
Spielpädagogik
Spielmöglichkeiten,
Rollenspiele
Erholung und Schutz
Strukturelle Tätigkeiten
(z.B. Gruppenaktivitäten)
Getrennte Unterbringung
von Mädchen und Jungen
Themenabende
Reetablierung
humaner
Verhaltensweisen
Asozialisierung
--------------------Traditionelle
Versöhnungszeremonien
Kollektive
Versöhnung
zwischen Clans
Kollektive
Konflikte,
Kannibalismus,
Ermordungen
------------------Traditionelle
Versöhnungszeremonien
Individuelle
Versöhnung
zwischen Opfern
und Tätern
Individuelle
Konflikte,
Kannibalismus,
Ermordungen
Wissen-
schaftliche
Bezugstheorien,
Päd. Bezugsdiszi-
plinen
Mögliche
Aktivitäten/Maßnahmen
Mögliche
therapeutische
Zielbereiche
Erfahrungen
Orientierungsrahmen für professionelles Handeln in den Bereichen
von Therapie und Reintegration
SozialpädagogikSensibilisierungsworkshops
Elternkontakte, Kontakte
zum ehemaligen sozialen
Netzwerk des Kindes
Elternbesuche,
gemeinsames Erzählen der
jeweiligen Erfahrungen
Traditionelle
Reinigungsrituale
Versorgungspakete für die
Rückkehr in Familie und
Schule
Nachbetreuung
Familienzusam-
menführung
Trennung von
Eltern,
Heimatverlust
Sozialpädagogik,
Spielpädagogik
Gruppenspiele
Interaktive Zuwendung
Wiedereinrichtung von
Sportteams, Chören,
Theatergruppen etc.
Gewährung positiver
Aspekte des Militärdienstes
(Gruppenzugehörigkeit,
Alltagsstruktur,
Sicherheitsgefühl)
Bewusstwerdung
eigener Stärken,
Reetablierung von
Selbstvertrauen
Gesellschaftlich
und politisch
verursachte
Identitätskrisen
Pädagogische
Psychologie,
tiefenpsycholo-
gische, ver-
haltenstherapeu-
tische, kognitions-
psychologische
Theorien
Möglichkeit für Kinder,
über eigene Erfahrungen,
Sorgen, Ängste zu reden
(Einzel-/Gruppengespräche)
Nachspielen von Erfah-
rungen, Videoaufzeichnung
dramatischer Inszenierun-
gen, Diskussionen
Schaffung von Räumen, in
denen Betroffene ihre
Sprache wiederfinden
können
Reetablierung von
Selbstachtung
Geringe
Wertschätzung,
Selbstabwertun-
gen
Wissen-
schaftliche
Bezugstheorien,
Päd. Bezugsdiszi-
plinen
Mögliche
Aktivitäten/Maßnahmen
Mögliche
therapeutische
Zielbereiche
Erfahrungen
Auch für die Bereiche Versöhnung und Bildung systematisiere ich die Aussagen des
Diskurses:
Grundbildungs-
theorien,
Berufsbildungs-
theorien,
Curriculumtheorie,
Sozialpädagogik
Schul- und Berufsbildung
für alle
(integrativ/separiert)
Arbeitsbeschaffungs-
maßnahmen
Bereitstellung von berufl.
Grundausstattung nach
Ausbildungen
Reetablierung
ursprünglicher
Alltagsrhythmen auf der
Ebene von Schule,
Familie, Lokalgemeinde
Entwurf einer
Zukunftsvision
Zukunftsaspi-
rationen
Zukunftsängste
Sozialpädagogik,
Sozialisationstheo-
rien
Quasi-familiäres
Zusammenleben
Nähewünsche durch
positive Signale
kommunizieren
Förderung von
Empathiefähig-
keit
Fähigkeit,
Freundschaften
zu schließen
Abnahme der
Fähigkeit, sich
in andere zu
versetzen
Sozialpädagogik,
Spielpädagogik,
Theaterpädagogik,
(zu entwickelnde
Theorien einer)
education for
reconciliation
Vermittlung der Werte
und Regeln der
Erwachsenenwelt (z.B.
durch Rollenspiele)
Traditionelle Tänze,
Gruppenspiele
Schutz der Privatsphäre
(z.B. vor Journalisten)
Psychosoziale
Neuorientierung,
Förderung
kultureller
Identität
Mehrmalige
Frontwechsel
Wissenschaftliche
Bezugstheorien,
Päd. Bezugs-
disziplinen
Mögliche
Aktivitäten/Maßnahmen
Mögliche
pädagogische
Zielbereiche
Erfahrungen
Orientierungsrahmen für professionelles Handeln in den Bereichen
Versöhnung und Bildung
Curriculumtheorie,
Sozialpädagogik
Zusatzausbildung für
Lehrkräfte
Zusammenarbeit von
Lehrkräften, Eltern,
Sozialarbeitern
Integration in
Regelschulen
(vorrübergehen-
de) separierte
Bildungsmaß-
nahmen
Keine
Schulbildung
education for
reconstruction
Wiederaufbau von
Bildungssystemen
Institutionali-
sierung von
Bildung
Fehlende
Schulbildung,
zerstörte
Schulen
SpielpädagogikSpielprojekteZweckfreies
Spielen
Ausbleiben
spielerischer
Aktivitäten
Sexualpädagogik»HIV/AIDS-Awareness«Sexualpäd.
Aufklärung
Ausführung
sexueller
Praktiken
Theorien politischer
Bildung,
Erwachsenenbildung
Aufklärung über
Hintergründe des
Konflikts
»Land-Mine-Awareness-
Education«
Trainingsprojekte über
CRC für Offiziere
Politische
Bildung
Politische
Propaganda
Sozialisationstheorien,
Sozialpädagogik
Kindern mit Ehrlichkeit,
Vertrauensvorschuss,
Zukunftshoffnung
begegnen
Interaktive Zuwendung
Vermittlung, dass Kinder
beim Wiederaufbau der
Gesellschaft eine
bedeutende Rolle spielen
Reetablierung
der Bereitschaft,
anderen zu
vertrauen
Vertrauens-
verlust
Mediationstheorien
Friedenspädagogik
Methoden gewaltfreier
Konfliktlösung
Förderung von
Selbstkontrolle
Sinken der
Ambiguitäts-
toleranz
Wissenschaftliche
Bezugstheorien/
Päd. Bezugs-
disziplinen
Mögliche
Aktivitäten/Maßnahmen
Mögliche
pädagogische
Zielbereiche
Erfahrungen
Im Vorfeld der Rekrutierung von Kindern ist ebenfalls präventives Handeln möglich. Die
Diskursteilnehmenden nennen folgende heterogene Aspekte pädagogischen Investments:
OAlphabetisierungs- und Bildungsprogramme
OSexualpädagogische Aufklärung
OMaterielle und emotionale Stärkung der Umwelt von Kindersoldaten
OKeine Schließung von Schulen während Konflikten
OEntwicklung von Lehrplänen für multiethnische Klassen
OErmöglichung von Schulbesuch für Flüchtlingskinder
OEinrichtung von Flüchtlingslagern in Distanz zu Kampfgebieten
OFreizeitpädagogische Angebote in Flüchtlingslagern
OKindgerechte Verbreitung der CRC-Inhalte
OEinrichtung von Kinderrechtsclubs
ORadioprojekte für Kinder
OVerbreitung von Zeitschriften von Kindern für Kinder
OVeranstaltungen am »Day of the African Child«
OEinrichtung eines öffentlich zugänglichen Netzwerkes mit Informationen und Daten über
Kindersoldaten
OWissenschaftliche Foren zum Austausch
OInternationale Bewusstseinsbildung
Als sozioorientierte Maßnahmen werden Aktivitäten vorgeschlagen, die zwar nicht in einem
direkten Bezug zu pädagogischen Kontexten stehen, aber Bildungsprozesse begünstigen. Eine
Grundvoraussetzung für ihren Erfolg ist dabei, dass die jeweilige Regierung Rekrutierungen
von Kindern verhindern will und eine offizielle Demobilisierungsentscheidung getroffen hat.
Im Einzelnen werden folgende mehr oder weniger konkrete Aspekte erwähnt:
OFestschreibung der Demobilisierung in Friedensverträgen
Ogesetzliches Verbot der Teilnahme unter 18-jähriger an bewaffneten Konflikten
OEinrichtung eines Budgets für die Entwaffnung von Kindersoldaten im Demobilisierungs-
fonds der Weltbank
OErfüllung grundlegender Lebensbedürfnisse
OStrukturelle und affektbezoge Interventionen, z.B. Einführung von Ausweisen mit
Altersangaben
ODurchsetzung des Exportverbotes von Landminen
OEinbeziehung von Lokalgemeinden und Familien in präventive Aktivitäten
OWarnungen an Familien und Kinder vor der Teilnahme an bewaffneten Konflikten über
Plakate und Radiostationen
OAufnahme der CRC-Artikel in nationale Gesetze
OVerbesserung des medizinischen Schutzes v.a. für Frauen
OUnterstützung lokaler Initiativen, die politischen Druck auf diejenigen Institutionen
ausüben, die Kinder als Soldaten rekrutieren: z.B. durch Unterschriftenaktionen,
Informationsveranstaltungen, negative Medienberichte (dabei Argumentation auf der
Ebene lokaler Werte)
ODialog mit NGEs (Non Government Entities/ Nichtstaatliche bewaffnete Gruppierungen)
OZensur von Kriegsfilmen, Verbot von Kriegsspielzeug in Kriegsgebieten
OJuristische und politische Auseinandersetzung mit Kriegsverbrechen und -folgen
OReduzierung und Kontrolle der Waffenverbreitung
OSchaffung eines globalen Bewusstseins für die Problematik von Kindersoldaten
OBessere Absprache der Zuständigkeiten von NGOs, IGOs, Regierungen
OPolitisches Asyl für Kindersoldaten
OKeine Wiedereinziehung ehemaliger Kindersoldaten zum Wehrdienst
OLänderbesuche des Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen als Advokat der Kinder
OEinbeziehung des moralischen Einflusses religiöser Persönlichkeiten
ORegistrierung entführter Personen, Erstellung von Datenbanken
3. Thesen zum Diskurs - diskursive Prognostik
Die Anordnung des Wissens über Kindersoldaten prägt die aktuellen, aber auch die in der
Zukunft zu erwartenden Diskursverläufe, ohne sie zu determinieren. Es wird nun der Versuch
unternommen, Kontinuitäten und Transformationen des bisherigen sowie Prognosen für den
zukünftigen Kindersoldatendiskurs zu formulieren. Durch die Form von Thesen wird zum
Ausdruck gebracht, dass es sich hierbei nicht um abgesichertes wissenschaftliches Wissen,
sondern um diskussionswürdige Annahmen handelt.
Als Kontinua des Diskurses über Kindersoldaten fungieren folgende Aspekte:
ODie Hauptthemen sind soziale Erfahrungsmuster von Kindersoldaten und individuelle
Folgen der Teilnahme an bewaffneten Konflikten. Auch wenn es zwischen den einzelnen
Diskursebenen unterschiedliche Aufmerksamkeitsschwerpunkte gibt, werden diese beiden
Themen insgesamt am stärksten fokussiert.
ODie Autoren der verschiedenen Texttypen versuchen Unmittelbarkeit zwischen
Rezipienten und ehemaligen Kindersoldaten herzustellen. Der Gegenstandsbereich wird
in fast keiner analysierten Quelle nüchtern distanziert bearbeitet. Durch Herausstellung
von Einzelschicksalen, über Fotos, direkte Rede, Zeichnungen ehemaliger Kindersoldaten
und Aufzeigen von Möglichkeiten zum persönlichen Engagement, wird der Leser in die
Thematik eingebunden. Dabei benutzen die Autoren mehr oder weniger starke affektive
Mittel, um emotionale Betroffenheit des Lesers zu erzeugen. Für die Verwendung von
Fotos bleibt festzuhalten, dass nicht immer Datum, Ort und Fotograf der Aufnahme
angegeben sind und manche Bildunterschriften stark variieren (z.B. KOALITION FÜR DIE
BEENDIGUNG DES EINSATZES VON KINDERSOLDATEN 1999, S. 10 und GINIE 2000). Fotos
haben insbesondere im Kindersoldatendiskurs affektive, illustrative und repräsentative
Funktionen.
ODie Mitteilung der Schwere und Grausamkeit kindlicher Erfahrungen wird dem Leser
nicht erspart. Durch sprachliche Mittel werden hingegen Abscheu und Schauder
hervorgerufen. Keiner der Autoren versucht, den Aussagen der Kinder ihre Schrecken zu
nehmen. Stattdessen werden sie direkt zitiert, wie etwa bei SPITZER oder bei
ANDREWS/HAGGSTROM:
»Das sind die Dinge, die ich nicht vergessen kann: die Tötung eines Jungen, der
zu fliehen versucht hatte und erwischt wurde. Mir wurde befohlen, ihn so lange zu
beißen, bis er tot ist. Als ich ihn so nicht töten konnte, zwangen sie andere Kinder,
mir dabei zu helfen, ihn zu Tode zu beißen. Es war so schlimm, unseren Mund
mit Blut beschmiert zu sehen. Ich gerate in Zorn, wenn ich daran denke« (SPITZER
1999, IV).
»I cut into pieces a man, his wife and their baby. If I did not do it, it was I to be
killed instead« (ANDREWS/HAGGSTROM 1998, S. 13).
ODer Diskurs speist sich aus Texten von Autoren, die über eine Ausbildung in einem Land
der nördlichen Hemisphäre verfügen. Die Verfasser leben teilweise als Journalisten,
Ärzte oder Psychologen in den Ländern, über die sie berichten und arbeiten auch mit der
lokalen Bevölkerung zusammen. Dennoch treten bisher keine lokalen Mitarbeiter als
(Co-)Autoren auf. Eine hohe Definitionsmacht über Kindersoldaten haben
COHN/GOODWIN-GILL und BRETT/MCCALLIN, da sie die ersten und viel zitierten
wissenschaftlichen Studien erstellt haben, die jeweils bereits in der zweiten Auflage
erschienen sind. Der juristische Spezialdiskurs über die Weiterentwicklung rechtlicher
Standards wird vor allem durch Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes gestaltet
(DULTI 1990, THULIN 1992, JEANNET/MERMET 1998).
ODie prinzipielle Ablehnung des Einsatzes von Kindern als Soldaten gilt als normativer
Wertekonsens der Diskursteilnehmer. Dabei wird auf der Grundlage okzidentaler
Werthorizonte argumentiert und für die eigene Perspektive universelle Gültigkeit
beansprucht. Es findet sich kein einziger Autor, der eine Gegenposition vertritt.
Für einzelne Aspekte des Diskurses lassen sich Vorläufer und Veränderungen feststellen:
OVor allem durch journalistische Berichte wurde in den 1980-er Jahren der Akzent auf
Kinder als Opfer bewaffneter Konflikte gelenkt (vgl. ROSENBLATT 1986, SAHEBJAM 1988).
Auch organisierte Akteure tendierten dazu, die Täteranteile der Kinder zu relativieren
(vgl. HUMAN RIGHTS WATCH/AFRICA 1994, 1995). Durch wissenschaftliche Studien und
differenzierten Journalismus nehmen in jüngerer Zeit jedoch ausgewogene Darstellungen
des Gegenstandsbereiches zu (COHN/GOODWIN-GILL 1997, BRETT/MCCALLIN 1996,
WILKE-LAUNER 1998, u.a.).
ODas Thema »Kindersoldaten« wurde zunächst im englischen und französischen
Journalismus bearbeitet, bevor über die Problematik durch englischsprachige
Publikationen organisierter Akteure informiert wurde. Seit Mitte der 1990-er Jahren ist
eine „Verwissenschaftlichung” des Diskurses feststellbar, auch organisierte Akteure
wählen zum Teil wissenschaftliche Textsorten, um ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen
(z.B. BRACKEN/PETTY 1998).
ODer Diskurs hatte also seinen Ursprung auf der Ebene journalistischer Berichte, bevor er
sich auf immer mehr Ebenen entfaltete. Dabei wurden die Inhalte und medialen Strategien
des journalistischen Diskurses zunächst auf die Texte organisierter Akteure übertragen
(Kinder als Opfer, direkte Rede, u.a.), bevor sich eine Verschränkung der einzelnen
Ebenen und Inhalte nachweisen ließ. So finden sich heute etwa die gleichen Fotos von
Kindersoldaten bei organisierten Akteuren und in wissenschaftlichen Analysen (ANDREWS
1996b, S. 1 und BRETT/MCCALLIN 1996, S.132). Auch »schwarze Listen«, in denen die
Länder verzeichnet sind, die Kinder rekrutieren, werden sowohl von organisierten
Akteuren (HAGGSTROM 1999c, UIE/GINIE 1999, u.a.) als auch von Wissenschaftlern
angefügt (COHN/GOODWIN-GILL 1997, S. 185ff, BRETT/MCCALLIN 1996, S. 51ff).
OWährend zunächst die verschiedensten Autoren ihr Wissen additiv vermittelten und
wohlwollend auf andere Verfasser blickten, beginnt gegenwärtig eine metakommunikative
Kritik der Informationsaufbereitung, die zunächst vor allem journalistische Berichte
betrifft. SPITZER kritisiert etwa den in seinen Augen sensationsheischenden Bericht über
das »World Vision Zentrum« in Uganda von RUBIN 1998 (SPITZER 1999, S.19). Solche
Kritik stellt einen Mechanismus dar, der das Schreibbare einzuschränken und das
Geschriebene zu kontrollieren versucht und zu Informationskonkurrenz führt. Die Kritik
hat ihre Vorläufer in den Forderungen organisierter Akteure, Journalisten den Zugang zu
Aufnahmezentren für ehemalige Kindersoldaten zu verweigern.
OÜber Kindersoldaten wurde ursprünglich vor allem durch die Medien Buch und Zeitschrift
informiert. Mit Online-Medien haben konkurrierende Vermittlungsverfahren ihren Einzug
erhalten. Dabei machen die neuen Medien nicht die alten obsolet, sondern weisen ihnen
neue Systemplätze zu (KITTLER 1997, S. 654). Der Eigenwert von Büchern und
Zeitschriften besteht darin, dass sie einfacher als WorldWideWeb-Browser zur Lektüre an
jeden beliebigen Ort mitgenommen werden können und sie ihre Aussagen
notwendigerweise linear anordnen. Online-Medien dagegen ermöglichen schnellere
Aktualisierungen von Informationen, erlauben die gleichzeitige und schnelle Sendung
von elektronischen Briefen an mehrere Empfänger (z.B. Newsletter organisierter Akteure
über Kindersoldaten) und gewähren durch Mausklick das einfache Wechseln auf andere
WorldWideWeb-Dokumente (etwa anderer Organisationen oder Institutionen).
Die aufgezeigten Diskursverläufe erlauben prognostische Aussagen, wenngleich freilich auch
ganz neue Entwicklungen möglich sind. Die Ergebnisse der Analyse lassen folgende
Entwicklungen vermuten:
ODie wissenschaftliche Erforschung der Lebenslagen von Kindersoldaten wird zunehmen.
Sie deutet sich in der Wahl wissenschaftlicher Textsorten durch organisierte Akteure und
durch wissenschaftliche Publikationen außerhalb der englischsprachigen Welt an.
Gegenwärtig gibt es nur wenig gesichertes Wissen über Kindersoldaten. Insbesondere
innerhalb der Sozialwissenschaften könnte der Blick auf das Aufwachsen in Situationen
gesellschaftlicher Krisen gelenkt werden. Empirische Forschungen über
Rekrutierungsmechanismen und sozialisationstheoretische Untersuchungen über
spezifische Auswirkungen von Kriegsereignissen auf Kindersoldaten sind zu erwarten. Es
werden aber auch Aspekte der Rehabilitation und Prävention kommuniziert werden, weil
professionelles Personal vor allem in diesen Bereichen arbeitet. Hier könnten
Forschungen entstehen, die das Konzept der »Posttraumatischen Belastungsreaktionen«
analysieren und klären, ob es universelle oder nur kulturelle Gültigkeit beanspruchen
kann. Auch die pädagogische Systematisierung der Arbeit mit ehemaligen Kindersoldaten
steht noch an ihrem Anfang. Die Entwicklung von theoretischem Handlungswissen ist
für vielfältige erziehungswissenschaftliche Kontexte denkbar (Schulpädagogik,
Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung, Lehrerbildung, community development,
education for reconciliation, education for reconstruction). Eine spezifische
Rezipientenforschung, die die jeweiligen Medien in den Blick nimmt, halte ich vorerst für
unwahrscheinlich, da es solche Forschungen bisher noch für kein einziges Thema gibt.
Unter erziehungshistorischer Perspektive könnten die bisher größtenteils nur von
Betroffenen erstellten Arbeiten über Luftwaffen- und Marinehelfer im Zweiten Weltkrieg
fortgesetzt werden, insbesondere unter schulgeschichtlichen Fragestellungen. Auch
geragogische Konzepte, die die in vielen Fällen noch offene Verarbeitung von
(verdrängten) Kriegserlebnissen heutiger Menschen im siebten Lebensjahrzehnt in
Deutschland berücksichtigen, gibt es meines Wissens bisher nicht. Dieser Bereich
eröffnet auch der internationalen Erziehungswissenschaft ein Aufgabenfeld, da er
Menschen in Osteuropa aufgrund ihrer Zwangsarbeitsdienste als Luftwaffenhelfer sehr
wahrscheinlich existentiell betrifft.
OBiografische Erinnerungen ehemaliger Luftwaffen- und Marinehelfer werden noch eine
Zeit lang unter dem Terminus »Kindersoldaten« subsumiert werden, bevor die Verfasser
auf andere aktuelle Begriffe zurückgreifen, die ebenfalls eine Verknüpfung von
gegenwärtigen Medienthemen und biografischen Erfahrungen zulassen. Bei VON BUCH
findet sich beispielsweise auch die Anknüpfung an den Diskurs über Kindesmisshandlung
(VON BUCH 1998, S. 234).
OWird das Zusatzprotokoll zur CRC im September 2000 durch die UN-Vollversammlung
verabschiedet, so werden organisierte Akteure durch ihr Engagement vor allem für ein
Verbot der Aufnahme von Freiwilligen unter 18 Jahren in Streitkräfte eintreten. Dabei
werden sie u.a. die Vorbildfunktion nationaler Streitkräfte für NGEs betonen. Sie werden
die mediale Aufmerksamkeit auch nutzen, um die USA und Somalia aufzufordern, die
CRC zu unterzeichnen. Die Forderung nach einer Erhöhung der Altersgrenze auf 21 Jahre
ist von Seiten der NGOs ebenfalls denkbar.
ODie Verschränkung der einzelnen Diskursebenen führt zu einer zunehmenden
Informationskonkurrenz zwischen den Autoren. Daher wird die gegenseitige Kritik an der
Materialaufbereitung zunehmen, was bei den Rezipienten zu einem kritischen
Literaturumgang mit den Quellen führen könnte und zugleich eine stärkere
Zielgruppenorientierung durch die Autoren erwarten lässt. Es wird vor einem
reflektierenden Rezipienten schwieriger werden, Wahrheiten über Kindersoldaten zu
verfestigen.
ODurch multimediale Möglichkeiten der Online-Medien wird die Problematik von
Kindersoldaten auf den WorldWideWeb-Seiten organisierter Akteure über Töne und
Videos noch eindringlicher vermittelt werden. Die optionale Mehrwegnutzung von
Videos, in denen etwa Rehabilitationsprojekte und Mitarbeiter vor Ort dargestellt werden,
liegt schon heute technisch im Bereich des Möglichen. Es ist anzunehmen, dass die neuen
Medien auch innerhalb der scientific community noch stärker genutzt und etwa einzelne
Forschungsbeiträge zu Kindersoldaten online veröffentlicht werden.
4. Erziehungswissenschaft und Kindersoldaten
Es gibt gegenwärtig keinen umfassenden Korpus gesicherten pädagogischen Wissens über
Kindersoldaten. Bei allen Forschungsvorhaben sollte m. E. versucht werden, nicht über die
Länder, in denen Kinder als Soldaten rekrutiert werden, zu forschen, sondern ein
Forschungsdesign in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vor Ort zu erstellen. Einzelne
Aspekte möglicher erziehungswissenschaftlicher Forschungsaktivitäten sind:
OEntwicklung einer »Theorie der Kindersoldaten«, die den unterschiedlichen Dimensionen
des Terminus gerecht wird und jeweils Erfahrungsmuster, Rollenerwartungen,
gesellschaftliche Strukturzusammenhänge sowie individuelle und soziale Folgen der
Teilnahme von Kindern an bewaffneten Konflikten systematisiert
OEntwicklung eines theoretischen Handlungswissens für pädagogische Professionen im
Kontext rehabilitativer und präventiver Arbeit mit ehemaligen Kindersoldaten, unter
Berücksichtigung wissenschaftlicher Bezugstheorien und pädagogischer Teildisziplinen
OEntwicklung innovativer Formen der Lehrerbildung zur Integration ehemaliger
Kindersoldaten in Regelschulen
OPrüfung der universellen Gültigkeit des Konzeptes der »Posttraumatischen
Belastungsreaktionen«
OEruierung der spezifischen Auswirkungen von Kriegsereignissen auf Kindersoldaten
OEntwicklung einer Sozialisationstheorie, die das Aufwachsen in Situationen
gesellschaftlicher Krisen berücksichtigt
OMedienpädagogische Rezipientenforschung und Analyse des Einflusses neuer Medien auf
Inhalt und Form des Diskurses über Kindersoldaten
OEntwicklung geragogischer Konzepte zur Integration von (verdrängten) Kriegserlebnissen
der Kindheit in die eigene Biografie
OErforschung der Geschichte von Luftwaffen- und Marinehelfern des Zweiten Weltkrieges
unter schulhistorischen Fragestellungen
Die theoretische Systematisierung deutet an, dass das wissenschaftliche Archiv über
Kindersoldaten gegenwärtig erst seine Kontur gewinnt. Kritischer internationaler
Erziehungswissenschaft wächst somit ein aktuelles und globales Aufgabengebiet zu. Jedoch
ist ein Rückgang der Anzahl von Kindersoldaten nur zu vermuten, wenn das Wohl des
Kindes insgesamt höher gesetzt wird als militärische Interessen. Politischer Wille ist
entscheidend.
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