scieee Science in your language
[de] (orig)
Das Dorf Samareia im
griechisch-römischen Ägypten.
Eine papyrologische Untersuchung
Eingereicht als Magisterarbeit
im Hauptfach Alte Geschichte
von Clemens Kuhs
am 8. Januar 1996
Institut für Papyrologie
Heidelberg
1996
INHALT
1. EINLEITUNG.................................................................................. 1
2. GEMEINDEN VON JUDEN IN ÄGYPTEN............................................... 5
3. SAMAREIA IN DER PAPYROLOGIE ................................................... 15
4. DOKUMENTATION ........................................................................ 20
4.1. Anzahl der Samareia-Papyri .............................................................. 20
4.2. Übersicht der Samareia-Papyri in zeitlicher Abfolge ...................................... 20
4.3. Ihre Verteilung in der Zeit ............................................................... 23
4.4. Typen von Samareia-Papyri.............................................................. 24
4.5. Herkunftsort der Samareia-Papyri ........................................................ 25
Anhang A. Dokumentation Samare¤thw ...................................................... 26
Anhang B. Dokumentation Samar- ........................................................... 28
5. TOPOGRAPHIE.............................................................................. 31
5.1. Einführung: Samareia und der Arsinoites ................................................. 31
5.2. Zur genaueren Lage Samareias ........................................................... 31
5.3. Samareia in Listen von Dörfern .......................................................... 35
6. NAME UND GRÜNDUNG................................................................ 46
6.1. Einführung .............................................................................. 46
6.2. Die Samareia-Papyri zu Gründung und Namen............................................ 46
6.3. Josephus zur jüdisch-samaritanischen Einwanderung...................................... 50
6.4. Zur Besiedelung des Arsinoites........................................................... 53
6.5. Zusammenfassung ....................................................................... 55
7. PROSOPOGRAPHIE........................................................................ 56
7.1. Die Personen der Samareia-Papyri........................................................ 56
7.2. Liste der Personen der Samareia-Papyri................................................... 63
8. BEVÖLKERUNGSGRUPPEN............................................................ 77
8.1. Die Juden Samareias ..................................................................... 77
8.2. Militär in Samareia ...................................................................... 85
8.3. Nationalitäten ........................................................................... 89
8.4. Gewerbetreibende ........................................................................ 91
8.5. Behörden ................................................................................ 94
9. ASPEKTE DES DORFES................................................................... 97
9.1. Land und Landwirtschaft ................................................................. 97
9.2. Viehhaltung ............................................................................. 99
9.3. Gewerbe ................................................................................ 101
9.4. Logeuterion ............................................................................ 102
9.5. Gymnasium ............................................................................ 103
9.6. Jüdische Militäreinheiten ............................................................... 107
9.7. Jüdisches Leben ........................................................................ 110
10. ZUSAMMENFASSUNG. Versuch einer geschichtlichen Skizze .......................... 112
11. LITERATUR ............................................................................... 116
1. Einleitung
Die bisher publizierten Papyri aus dem ptolemäisch-römisch-byzantinischen Ägypten um-
fassen neben einer kleineren Zahl von literarischen und religiösen Texten in der Haupt-
sache dokumentarische Texte bzw. Urkunden. Dieses Quellenmaterial unterscheidet sich
in verschiedener Hinsicht von den anderen dem Althistoriker zur Verfügung stehenden
Quellen: Dem Reichtum der Papyrusfunde, sowohl bezüglich der großen Anzahl der
schon edierten Papyrustexte1 und der noch größeren der noch nicht edierten, als auch be-
züglich des großen Zeitraums, auf den sich diese erstrecken, steht aufgrund der klima-
tischen Bedingungen die geographische Beschränktheit der Funde auf Ägypten bzw. auf
Mittel- und Oberägypten gegenüber. Daneben handelt es sich um Texte, die nicht der Re-
präsentation von Reichtum, Macht und Ehre hochstehender Personen oder der Veröf-
fentlichung antiker historiographischer Gelehrsamkeit dienten, sondern die aus allen
denkbaren Bereichen des alltäglichen Lebens stammen, in denen etwas schriftlich nieder-
gelegt wurde. Ihre Auswertung eröffnet dem Althistoriker die Möglichkeit, Einblick zu
nehmen vor allem in das Leben der unteren Bevölkerungsschichten Ägyptens, wie es sich
über viele Jahrhunderte hinweg im wesentlichen auf dem Land bzw. in den zahlosen
Dörfern abspielte. Es sei hier erinnert an die häufig zitierte Formulierung von C. Préaux,
mit der sie die Einzigartigkeit der griechischen Papyri der ptolemäischen Zeit charak-
terisiert hat: In ihnen höre man “la voix de la campagne...C’est l’Égypte des champs”2.
In der papyrologischen Forschung wird häufig ein prosopographischer Ansatz3 gewählt,
d.h. man faßt in den Papyri auftretende bestimmte Einzelpersonen, Familien, Stände oder
sonstige Gruppen ins Auge und versucht das gesamte Material dazu zu sammeln und sy-
stematisch, chronologisch oder listenartig auszuwerten bzw. darzustellen. Hierher gehört
auch die Erforschung der sogenannten “Archive”; von solchen spricht man in der Pa-
pyrologie, wenn mehrere, von ein und derselben Person oder Familie stammende Doku-
1 Nach H.-A. Rupprecht, Kleine Einführung in die Papyruskunde, Darmstadt 1994, S. 24, sind es “etwa
40000”.
2 Le monde hellénistique. La Grèce et l’Orient (323-146 av. J.-C.), I, Paris 1978 (1987-19882), S. 102.
3 Eine grundlegende Besprechung dieses Ansatzes für Ägypten mit konkreten Beispielen findet sich bei E.
van’t Dack, Les études prosopographiques. Caractère et apport de la documentation en provenance
d’Égypte, in: Egitto e storia antica dall’ellenismo all’età araba, bilancia di un confronto. Atti del colloquio
internazionale Bologna, 31 agosto - 2 settembre 1987, Bologna 1989, S. 177-211.
Vor allem auf die Schwierigkeiten und Grenzen der prosopographischen Methode in der Papyrologie geht
D. Hagedorn ein: Eignet sich die prosopographische Methode zur Erforschung sozialer Strukturen in den
Dörfern des römischen Ägypten?, in: Prosopographie und Sozialgeschichte, Studien zur Methodik und
Erkenntnismöglichkeit der kaiserzeitlichen Prosopographie, Kolloquium Köln 24. - 26. November 1991,
herausgegeben von W. Eck, Köln 1993, S. 351-363.
In einem neueren Aufsatz versucht wiederum E. van’t Dack eine allgemeine Definition der Prosopographie
in der Alten Geschichte zu geben: Wat is Prosopografie?, in: Mededelingen van de koninkligke Academie
voor Wetenschappen, Letteren en Schone Kunsten van Belgie. Academiae Analecta. Klasse der Letteren,
Jaargang 53, Brussel 1991, Nr. 1, S. 19-54.
21. Einleitung
mente überliefert sind.4 Das Gesamtergebnis dieses Ansatzes wäre eine Prosopographie
aller in den Papyri bzw. in den entsprechenden Epochen in Ägypten auftretenden Perso-
nen und Personengruppen.5
Eher seltener wird auch ein topographischer Ansatz gewählt, womit hier gemeint sein
soll, daß als Ausgangspunkt ein bestimmter Ort - sei es ein Gau, eine Stadt oder ein Dorf
- gewählt wird und alle Papyri, die dieser Lokalität zuzuordnen sind, gesammelt und nach
verschiedensten Gesichtspunkten ausgewertet werden, um so je nach Quellenlage einem
Gesamtbild dieses Ortes näherzukommen, das sich dann seinerseits in einen übergeord-
neten Rahmen einordnen ließe.6 Da die Analyse der Bevölkerung und der sozialen Struk-
turen des jeweiligen Ortes eine ausschlaggebende Rolle spielen, ist die prosopographische
Vorgehensweise hierbei natürlich unverzichtbar; dies zeigen auch die folgenden Beispiele
von Dorfuntersuchungen.
1902 veröffentlichte Wessely seine Monographie “Karanis und Soknopaiu Nesos” über
zwei Dörfer im Norden der Oase Fayum, der er den Untertitel “Studien zur Geschichte
antiker Cultur- und Personenverhältnisse” gab.7 Zu Beginn erwähnt er, daß die Doku-
mentation “weit über 1000 gut erhaltene Stücke umfasst” und trotz Beschränkung in
Raum und Zeit einen Einblick erlaube “in das antike Leben in wirthschaftlicher Bezie-
hung, und was die Schicksale der großen Masse der Individuen betrifft, so unmittelbar,
wie man ihn aus den litterarischen Quellen schwerlich gewinnen könnte.”8 Nach der Be-
sprechung der Lage und Umgebung beider Dörfer und der Analyse der Verhältnisse in
ihnen mit deutlich wirtschaftlichem Schwergewicht gibt er auf ca. achtzig Seiten dann
auch ein Personenverzeichnis der genannten und auch benachbarter Dörfer.
1971 veröffentlichte Crawford eine Monographie über Kerkeosiris in ptolemäischer
Zeit, ein weiteres Dorf im Fayum, von dem ebenfalls eine reiche papyrologische Doku-
mentation existiert.9 In der Einleitung führt Crawford – gewissermaßen zur Rechtferti-
gung ihrer Themenstellung – aus: “Life throughout the ancient world was predominantly
village life. An agricultural society was the norm and, though political life was inevitably
concentrated in the more important city centres, the everyday existence of the majority of
the population was bounded by the village, k≈mh, in which they were born, passed their
lives and died.”10 Im Folgenden untersucht sie Name, Lage, Umgebung und Größe von
Kerkeosiris, weiterhin die verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit ihren jeweiligen Län-
dereien, dann Bewässerung, Landwirtschaft und Ernährung, und schließlich die Perso-
nennamen der Einwohner. Es schließen sich dann gut fünfzig Seiten mit verschiedenen
Tafeln und Listen an.
4 Eine Übersicht gibt O. Montevecchi, La papirologia. Ristampa riveduta e corretta con addenda, Milano
1988, S. 247-261 und S. 575-578.
5 Für das Ptolemäerreich versucht das die neunbändige Prosopographia Ptolemaica von W. Peremans und
E. van’t Dack, 1950-1981.
6 Eine neue und ausführliche, alphabetisch geordnete Zusammenstellung der entsprechenden Arbeiten
findet sich in der schon genannten Einführung von Rupprecht auf den Seiten 167-171.
7 C. Wessely, Denkschrift der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-
historische Klasse, Band 47, Wien 1902, Neudruck Milano 1975.
8 A.a.O. Seite 1 und 2.
9 D. J. Crawford, Kerkeosiris. An Egyptian Village in the Ptolemaic Period, Cambridge 1971.
10 A.a.O. S. 1.
1. Einleitung 3
In den folgenden Jahren wurde eine Reihe weiterer Dorfuntersuchungen in Form von
Aufsätzen veröffentlicht. 1982 erschien von Hobson eine Untersuchung des ebenfalls
im Fayum gelegenen Dorfes Apias11, das selbst nicht Gegenstand archäologischer Aus-
grabung war, uns aber aus immerhin 86 Papyri aus anderen Fundorten bekannt ist. Dabei
muß Hobson feststellen, daß sich die Informationen dieser Quellen hauptsächlich auf Be-
ziehungen von Apias zu benachbarten Dörfern und auf Personen aus Apias oder von au-
ßerhalb mit Landbesitz in diesem Dorf erstrecken und nur geringfügig etwas über das
Dorf selbst aussagen. Daher kommt sie zu dem Schluß: “In short, the extant Apias papyri
are a disappointment to the social historian.”12 Es folgen dann verschiedene Listen, unter
anderem die Apias-Papyri in chronologischer Reihenfolge und eine Prosopographie der in
diesen auftretenden Personen mit Angabe von Namen, Herkunft, Aktivität und Datum des
zugrundeliegenden Dokuments, insgesamt 193 Personen. Zuletzt gibt sie eine Übersicht
über die verschiedenen Typen der Apias-Papyri. Eine weitere Untersuchung, ähnlich
sowohl im Umfang als auch im Ergebnis der vorigen, führte Hobson für Heraklia
durch13, ein Dorf im Fayum, das in 144 Papyri bezeugt ist.
Auf einige kleinere, einander ähnliche Arbeiten, die zwischen 1982 und 1986 in italie-
nischer Sprache erschienen sind, über weitere Dörfer mit jeweils geringem Belegma-
terial14, soll noch kurz verwiesen werden. Battaglia veröffentlichte eine Untersuchung
über zwei Dörfer mit Namen Philopator Kome im Fayum15, ihre italienische Kollegin
Leone beschäftigte sich mit mehreren Dörfern.16 Die Arbeiten sind so aufgebaut, daß zu-
erst das jeweils für die einzelnen Dörfer in Frage kommende Papyrusmaterial dokumen-
tiert wird, und sodann der Versuch unternommen wird, diese Texte in der Regel unter
den Gesichtspunkten “Benennung”, “Lage”, “Geschichte”, “Bevölkerung”, “Wirtschaft”,
“Steuern” und “Verwaltung” auszuwerten. Was die Ergebnisse dieser Arbeiten angeht,
sei beispielhaft auf die 1986 erschienenen Untersuchung des Dorfes Psinteo - die Doku-
mentation umfaßt 11 Papyri aus der Zeit vom 3. Jh. v. bis zum 8. Jh. n.Chr. - hinge-
wiesen: Am Schluß ihrer Ausführungen muß Leone die begrenzte Aussagekraft dieser
wenigen Dokumente, vor allem in den Bereichen des religösen Lebens, der öffentlichen
Ämter und der Verwaltung, einräumen, eine Situation, in der, wie sie schreibt, nur die
Hoffnung auf neue Dokumente bleibe.17
11 D.W. Hobson, The Village of Apias in the Arsinoites Nome, Aegyptus 62 (1982) S. 80-123.
12 A.a.O. S. 93.
13 The Village of Heraklia in the Arsinoite Nome, BASP 22 (1985) S. 101-115; gefolgt von The
Inhabitants of Heraklia, BASP 23.3-4 (1986) S. 99-123, eine Liste mit 319 Personen.
14 Die jeweilige Anzahl der Papyri bewegt sich zwischen 27 und 11 Texten. Genauere Angaben und ein
Vergleich mit der Anzahl der Papyri im Fall von Samareia findet sich im Abschnitt über die
Dokumentation Samareias.
15 E. Battaglia, Philopator Kome, Aegyptus 62 (1982) S.124-147.
16 A. Leone, Il villaggio di Psinachis, Aegyptus 64 (1984) S.121-134; Phylakitike Nesos: un villaggio
egiziano dell’Arsinoite, Tempo Nuovo 27 (1984) S.45-59; Psychis: un villaggio egiziano dell’Heracleo-
polites, Tempo Nuovo 30 (1985) S.16-29; Psinteo: un villaggio dell´Arsinoite, Tempo Nuovo 35 (1986)
S.46-58.
17 Psinteo: un villaggio dell’Arsinoite, S. 58.
41. Einleitung
Es ist wünschenswert, daß in Zukunft weitere Untersuchungen einzelner Dörfer unter-
nommen werden18 - in der Tat wurden die meisten Papyri nicht nur in Dörfern gefunden,
sondern sie “spielen” auch auf dörflicher Ebene -, so daß es in zunehmendem Maße mög-
lich wird, die gewonnenen Resultate miteinander zu vergleichen. Dies würde dazu beitra-
gen, ein schärferes Bild wiederum des einzelnen Dorfes zu erhalten wie auch auf dieser
Grundlage zu einem zusammenhängenden Bild der ägyptischen Gesellschaft zu kom-
men.19
Die vorliegende Arbeit greift den topographischen Ansatz auf und versucht, ihn auf ein
weiteres, in den Papyri auftauchendes Dorf anzuwenden: SAMAREIA. Da dieses Dorf
Papyrologen nicht selten Anlaß zu Bemerkungen verschiedener Art gegeben hat, sollen
diese in einem besonderen Abschnitt zusammengetragen werden. Gemäß dem Vorbild der
oben kurz vorgestellten Arbeiten sollen auch im Fall von Samareia die in Frage kommen-
den Papyri dokumentiert und nach den schon erwähnten Gesichtspunkten ausgewertet
werden. Ziel der Untersuchung ist es, ein Bild dieses antiken Dorfes zu zeichnen.
Das Interesse des Verfassers an gerade diesem Dorf rührte von dessen Namen her, der
natürlich sofort an das biblische Samaria20 denken ließ, und der Tatsache, daß in einigen
neuen Papyri21 aus Samareia mehrere Personen als Juden bzw. Jüdinnnen ausgewiesen
sind. Dies führte zu der Absicht, die gesamte papyrologische Dokumentation Samareias
zu sichten in der Hoffnung, Antworten zu finden auf Fragen wie: Gibt es eine Beziehung
von Samareia in Ägypten zu Samaria in Palästina? Wenn ja, welche? Ist Samareia eine
Siedlung von Einwanderern aus Palästina? Wenn ja, wie und wann ist es dazu gekom-
men? Lassen sich noch weitere jüdische Bewohner oder gar spezifisch jüdische Einrich-
tungen in Samareia entdecken?
Auf dem Hintergrund dieses besonderen Interesses an Samareia scheint es angebracht, in
einem ersten Abschnitt zu untersuchen, ob es in Ägypten positive Beispiele für diesen
Fragenkomplex hinsichtlich jüdischer Siedlungen oder Gemeinden in Ägypten gibt, mit
denen sich dann der Befund der Samareia-Studie vergleichen ließe.
18 Zwei Arbeiten von D. Bonneau: Niloupolis du Fayoum, in: Actes du XV° Congrès International de
Papyrologie IV, Brüssel 1979, S. 258-273; Ptolémais Hormou dans la documentation papyrologique, CE
54, 1976, S. 310-326. Nicht veröffentlicht wurde die Arbeit von P. Peene, Oxyrhyncha. Studie van een
dorp in grieks-romeins Egypte, Diss. Leuven 1987. Das Dorf Philadelphia im Fayum war Thema einer
1994 abgeschlossenen Magisterarbeit von U.-E. Eiling (Münster).
19 Vergleichende und zusammenfassende Studien sind: R. S. Bagnall, Agricultural productivity and
taxation in later Roman Egypt, Transactions of the American Philological Society 115 (1985) S. 289-
308, und vom selben Autor Egypt in Late Antiquity, Princeton 1993, siehe das Kapitel “Country
Villages”, S. 110-147; S. Daris, I villaggi dell’Egitto nei papiri greci, in: Egitto e Società Antica,
Milano 1985, S. 211-231; D. W. Rathbone, Villages, land and population in Graeco-Roman Egypt,
Proceedings of the Camebridge Philological Society No. 216 (NS No. 36) 1990, S. 103-142; D. W.
Hobson, The impact of law on village life in Roman Egypt, in: Law, Politics and Society in the Ancient
Mediterranean World, edited by B. Halpern and D. W. Hobson, Sheffield 1993.
20 Nur das nämliche ist der Princeton Encyclopeadia of Classical Sites oder anderen Lexika bekannt.
21 Es handelt sich um die Papyri Nr. 7-11 (2. Hälfte des 3. Jh. v.Chr.) in dem 1991 von B. Kramer
veröffentlichten Corpus Papyrorum Raineri XVIII.
2. Gemeinden von Juden in Ägypten22
Nachdem Ptolemaios I. im Juni 323 Ägypten als Herrschaftsbereich erlangt hatte, dehnte
er in den folgenden Jahren seine Herrschaft auf verschiedene Länder und Inseln aus, da-
runter die Kyrenaika, Zypern, Phönizien, Syrien und nicht zuletzt auch Palästina, die
Heimat des jüdischen Volkes.23 Seine Eroberungszüge führten Ptolemaios mehrere Male
nach Palästina, das er im Jahr 301 schließlich endgültig eroberte, und das dann gut ein
Jahrhundert, bis zur Eroberung durch Antiochos III. im Jahr 198, in der Hand der
Ptolemäer verblieb. In dieser Zeit sind viele Bewohner Palästinas nach Ägypten gekom-
men und haben sich dort angesiedelt. Informationen über die Einwanderung von Juden24
beruhen entscheidend auf Berichten des Josephus25 und auf dem Aristeasbrief26; eine
Diskussion dieser Quellen findet sich bei Tcherikover27, Alberro28, Kasher29 und zuletzt
in einem Aufsatz von Winnicki30. Daraus ergibt sich, daß zum einen größere Mengen von
Juden von Ptolemaios I. als Gefangene nach Ägypten gebracht und zum Teil in seine
Armee integriert wurden, daß zum anderen aber auch bis in das 2. Jh. Bewohner
Palästinas nach Ägypten eingewandert sind, nicht zuletzt auch im Jahr 164 Onias IV. mit
vielen Anhängern.31 Die Papyri geben dann auch ab der Zeit von Ptolemaios II. bis in das
2. Jh. hinein vielfach Zeugnis von der Anwesenheit und Wirksamkeit der Juden in vielen
Bereichen des ptolemäischen Staates32: es finden sich in mindestens 15 Dokumenten
Juden in verschiedenen Bereichen der ptolemäischen Armee als Soldaten und Militär-
siedler33; weiter sind Juden bezeugt als Bauern, Hirten und Handwerker34 und nicht
zuletzt auch in verschiedenen Bereichen des Staatsdienstes35, sei es als Beamte, als Poli-
zisten oder im Steuerwesen. Wie die Untersuchung Samareias36 deutlich machen wird,
22 Mit jüdischen Gemeinden in Kleinasien in griechisch-römischer Zeit beschäftigt sich P. R. Trebilco,
Jewish Communities in Asia Minor, Cambridge 1991.
23 Zur Außenpolitik von Ptol. I. siehe G. Hölbl, Geschichte des Ptolemäerreiches, Darmstadt 1994, S.
15-26; systematisch behandelt werden die ptolemäischen Besitzungen von R. S. Bagnall, The
Administration of the Ptolemaic Possessions outside Egypt, Leiden 1976.
24 Zur Einwanderung nach Ägypten allgemein, siehe bes. F. Heichelheim, Die auswärtige Bevölkerung
im Ptolemäerreich, Klio-Beih. 18, 1925; ausführliche Bibliographie bei Rupprecht, a.a.O. S. 159ff.
25 Bes. c. Apionem I 186-189 und 194; antiquitates XII 3-9.
26 § 12-14.
27 Corpus Papyrorum Judaicarum (CPJ) Vol. I, Cambridge 1957, Prolegomena S. 1-5.
28 C. A. Alberro, The Alexandrian Jews During the Ptolemaic Period, Diss. Michigan 1976, S. 36-54.
29 A. Kasher, The Jews in Hellenistic and Roman Egypt, Tübingen 1985, Introduction S. 1-6.
30 J. K. Winnicki, Militäroperationen von Ptolemaios I. und Seleukos I. in Syrien in den Jahren 312-311
v.Chr. (II), Ancient Society 22 (1991) S. 148-201 und bes. S. 150 - 162.
31 Siehe Josephus, bellum VII 422-425; antiquitates XII 387 und XIII 62-73. Genaueres dazu weiter
unten.
32 Siehe auch den ausführlichen Kommentar von A. Kasher, a.a.O. S. 29-74 “The Civic Stratification of
the Jews in Ptolemaic Egypt”.
33 Siehe Section III des CPJ I (= Nr. 18-32) und Prolegomena S. 11-15
34 Siehe Section IV des CPJ I (= Nr. 33-47) und Prolegomena S. 15-17.
35 Siehe Prolegomena S. 17-19, und zu Juden im Steuerwesen bes. Section V.
36 Siehe die Abschnitte über die Dokumentation und die Prosopographie.
62. Gemeinden von Juden in Ägypten
stammen auch die meisten Papyruszeugnisse Samareias und ausnahmslos alle Bewohner
mit jüdischer Identität aus dieser Zeit, nämlich von Mitte des 3. Jh. bis in das 2. Jh.
v.Chr. Sofern es notwendig ist, wird im Verlauf der Arbeit auf weitere Aspekte der
Präsenz der Juden in Ägypten eingegangen werden.37
Nun zu der eigentlichen Frage dieses Abschnittes, nämlich wie bzw. in welcher Organisa-
tionsform die Juden sich in Ägypten angesiedelt haben. Tcherikover beginnt seine Aus-
führungen dazu mit der These: “Jews in Egypt, like their brethren everywhere in the
diaspora, lived in communities, i.e. in separate semi-political organizations, having their
own laws and customs, buildings and institutions, leading personages and officials. They
were not compelled to live in a community, but, naturally, clung together. Every
immigrant, forced to build a new home far away from his mother country, is anxious to
create around himself the atmosphere of the mother country.”38 Im folgenden führt er
aus, daß die gesetzliche Basis dieser jüdischen Gemeinschaften denen anderer ethnischer
Gruppen ähnlich gewesen sei. Und zwar habe es sich bei solchen Gemeinden um den
Status der in der griechischen Welt bekannten Einrichtung eines Politeuma gehandelt.
Tcherikover verweist zwar auf verschiedene Bedeutungen dieses Begriffs, geht aber, was
Ägypten angeht, davon aus, daß hier mit Politeuma der Status einer eigenständigen, eth-
nischen Gruppe innerhalb einer größeren Polis oder innerhalb des ptolemäischen Staates
mit bestimmten, eigenen Rechten, jedoch ohne wirkliche politische Autonomie oder Frei-
heit gegenüber dem autokratischen ptolemäischen Königs bezeichnet sei. Allerdings muß
Tcherikover hinsichtlich jüdischer Politeumata zwei Probleme einräumen: zum einen ist
abgesehen von einer bei Hekataios und Josephus39 überlieferten Begebenheit um Ptole-
maios I. keine Anordnung eines ptolemäischen Königs bekannt oder erhalten, die einen
solchen politischen Status eines Politeuma definiert und erlaubt, sondern dies könnte al-
lenfalls rückwirkend von der römischen Zeit und Praxis angenommen werden40; zum an-
deren ist kein derartiges Politeuma von Juden in den Papyri der ptolemäischen Zeit be-
zeugt. Was allerdings bezeugt ist, sind Synagogen an verschiedenen Orten.41 Aufgrund
der zentralen Bedeutung einer Synagoge in der jüdischen Diaspora nimmt Tcherikover an,
daß von der Existenz einer Synagoge auf die Existenz eines Politeuma geschlossen wer-
den kann. Des weiteren geht er davon aus, daß in Städten oder Ortschaften mit genügend
großen jüdischen Bevölkerungsanteil es auch ein Politeuma gegeben haben mag, das
zugleich ein Zentrum für umwohnende Juden dargestellt haben mochte.42
37 Die politische Geschichte der Juden im ptolemäischen Ägypten, ihre rechtliche und soziale Stellung
sowie die Aspekte Kultur, Literatur und Religion behandelt Tcherikover ausführlich in seinen schon
mehrfach angeführten Prolegomena zu dem Corpus der jüdischen Papyri auf den Seiten 19-47; zu den
Juden im römisch-byzantinischen Ägypten, siehe Tcherikover, a.a.O. S. 48-111 und R. S. Bagnall, Egypt
in Late Antiquity, Princeton 1993, S. 275ff; eine ausführliche Bibliographie zur jüdischen Bevölkerung
Ägyptens gibt Rupprecht, a.a.O. S. 162ff.
38 CPJ I S. 5.
39 Genaue Angaben: a.a.O. S. 7 Anm. 18.
40 Etwa im Sinn von to›w patr¤oiw nÒmoiw xr∞syai.
41 Auf S. 8 gibt Tcherikover eine Liste von 10 Orten an.
42 Eines der wenigen Beispiele von Tcherikover ist Samareia; S. 9.
2. Gemeinden von Juden in Ägypten 7
Ausführlich hat sich auch Kasher43 mit dem Status der Juden in Ägypten beschäftigt. Er
knüpft zwar an genau diesen Überlegungen von Tcherikover an, geht aber in zweierlei
Hinsicht weiter als dieser: 1. Was bei Tcherikover eher zurückhaltende Überlegungen
sind, erscheint bei Kasher als festehende Tatsache: “It should be kept in mind that the
non-Egyptian population was for the most part organized into independent political units,
civil or military, mainly of the polis or politeuma type. Legally and politically the
members of these units were considered citizens (pol›tai), and as such enjoyed some
juridical independence that amounted to the right ‘to live according to ancestral laws’.”44
Das gilt seiner Meinung nach für die verschiedenen ethnischen Gruppen, also auch für die
Juden, im ptolemäischen Ägypten. 2. Dementsprechend findet Kasher auch weitaus mehr
“communities” von Juden in Ägypten als Tcherikover, und zwar nicht nur dort, wo Sy-
nagogen bezeugt sind; überall dort, wo sich in den Papyri Hinweise auf Juden oder etwas
spezifisch Jüdisches finden lassen, spricht Kasher von “Jewish communities”.45 Im Fall
von Samareia, wozu er sich auf den Seiten 148-149 des zitierten Werkes äußert, wird das
deutlich, wenn er unvermittelt im letzten Satz seiner Beschreibung von Samareia auf eine
etwaige jüdische Gemeinde dort zu sprechen kommt: “Information on the local com-
munity arrangements is unavailable, but it was most probably organized in the usual
way.” Daß es eine “community” (bei Kasher im Sinn von “Politeuma”!) gab, ist offen-
sichtlich für ihn unbestritten - obwohl es doch in Samareia keine Synagoge gegeben hat,
was auch Kasher zu Beginn des Kapitels46 im Anschluß an Tcherikover als Indiz für die
Existenz eines Politeuma wertet -, nur über ihre konkrete Gestalt sei hier nichts erfahrbar.
Ich verweise dazu auf die kritische Besprechung, die sein Buch und besonders dieser
zentrale Aspekt erfahren hat, von Zuckerman.47 Er kritisiert dort48 die große Zahl von
jüdischen Politeumata, die Kasher annimt, ohne eine papyrologische Evidenz dafür zu ha-
ben, und ebenso die Annahme, solche Politeumata würden ihren Angehörigen ähnliche o-
der gleiche Rechte gewähren wie eine Polis ihren Bürgern. Im folgenden49 versucht
Zuckerman dieses Konzept mit der Evidenz der tatsächlich bezeugten Politeumata in der
hellenistischen Welt zu konfrontieren. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die ptolemäischen
Politeuma-Assoziationen fremdstämmiger Siedler gleicher Nationalität überhaupt nicht
politischer Art waren wie die Politeumata sonst in hellenistischer Zeit, in der dieser Be-
griff in einem staatsrechtlichen Sinn “to a body of citizenry or a state” angewandt wurde.
Er verweist dementsprechend das Konzept eines
Politeuma von Fremden als einer “unabhängigen politische Einheit”, die ihren Mitgliedern
irgendwelche Rechte gegenüber dem ptolemäischen Staat garantieren kann bzw. von Be-
deutung ist für den gesetzlichen und politischen Status ihrer Mitglieder, in den Bereich hi-
storiographischer Legenden, wofür es zwar gelehrte Autoritäten, aber keine Quellen gebe.
43 A. Kasher, The Jews in Hellenistic and Roman Egypt, Tübingen 1985.
44 Kasher, a.a.O. S. 30.
45 Siehe a.a.O. Kapitel III. “Jewish Communities in the Egyptian Chora and their Organization”, S. 106-
167.
46 A.a.O. Kapitel III. “Jewish Communities in the Egyptian Chora and their Organization”, S. 106-107.
47 C. Zuckerman, Hellenistic Politeumata and the Jews. A Reconsideration, Scripta Classica Israelica 88
(1985) S. 171-185.
48 A.a.O. S. 172f.
49 A.a.O. S. 174ff.
82. Gemeinden von Juden in Ägypten
In einem Beiträg zu Idumäern in Memphis in ptolemäischer Zeit kommt Thompson
Crawford auch auf die Politeumata im ptolemäischen Ägypten zu sprechen.50 Söldner
aus diesem südlich von Judäa beheimateten Volk der Idumäer (biblisch Edom) waren in
Memphis stationiert und hatten sich in Form eines Politeuma organisiert, was auch von
anderen Söldnergruppen im ptolemäischen Ägypten bekannt ist: laut Thompson handelte
es sich dabei um militärische Korporationen, die den fremden Söldnern eine gemeinsame
Identität verlieh, und in denen sie durch gemeinsame kultische und kulturelle Aktivitäten
ihre Anbindung an den Staat ausdrückten.51 Jedoch, so Thompson weiter, sei die Bedeu-
tung solcher Politeumata sehr begrenzt gewesen: “To look here for political activity would
be misguided, and past concentration on the political sense for the term politeuma has, in
my view, obscured its very real social importance.”52
Auch die neuste Untersuchung über das Politeuma von Lüderitz53 geht in dieselbe Rich-
tung. Zu Beginn weist auch Lüderitz darauf hin, daß gemeinhin angenommen wird, daß
der Begriff Politeuma im Zusammenhang mit Juden für die “jüdische Gemeinde” bzw.
für die mit bestimmten politischen Rechten ausgestattete jüdische Bevölkerung eines be-
stimmten Ortes stehe. Als extremes Beispiel dafür nennt Lüderitz Kasher, der ein Buch
geschrieben habe, um zu beweisen, “that the equality which the Jews strove to obtain is
to be conceived as an equality between two separate political bodies, the Jewish
community (pol¤teuma) and the Greek polis”, der sich aber dann bei der Frage, was ein
Politeuma sei, darauf beschränkt habe, einige “accepted definitions of the term politeuma”
zu zitieren.54 Nachdem Lüderitz dann zwei Kategorien von Politeumata unterschieden
hat, nämlich einerseits pol¤teuma als Begriff für eine Körperschaft mit politischer Be-
deutung innerhalb einer griechischen Polis55 und andererseits als Name, den sich ver-
schiedene Gruppen selbst beilegen56, kommt er dann auf Politeumata von Juden57 zu
sprechen. Und zwar untersucht er drei Fälle, in denen aufgrund einer bestimmten Evidenz
auf die Existenz eines jüdischen Politeuma geschlossen wurde. Der erste Fall ist Ale-
xandria, wo aufgrund der Erwähnung von Ältesten eines Politeuma im Aristeasbrief58 auf
50 D. J. Thompson Crawford, The Idumaeans of memphis and the Ptolemaic Politeumata, Atti del XVII
Congresso Internazionale di Papirologia, Vol. Terzo, Napoli 1984, S. 1069-1075. Ein neuer Beleg für
Idumäer ist PSI XXI Congr. 6, siehe bes. den Kommentar zu Z. 3 und die dort zitierte Literatur zu den
Idumäern in Ägypten.
51 A.a.O. S. 1072ff. Zu Politeumata von Boiotern und Kretern siehe S. 1072 Anm. 17.
52 A.a.O. S. 1073.
53 G. Lüderitz, What is the Politeuma, in: Studies in Early Jewish Epigraphy, edited by J. W. van
Henten and P. W. van der Horst, Leiden 1994, S. 183-225.
54 Lüderitz, a.a.O. S. 184 Anm. 4; Zitate von Kasher, a.a.O. S. IX. und S. 30 Anm. 5.
55 A.a.O. S. 185-188.
56 A.a.O. S. 189-204; Lüderitz unterscheidet “festival associations of women, a cult society, a club of
soldiers, associations of citizens from the same city living abroad, and ethnic communities” (S. 189).
57 A.a.O. S. 204 -222.
58 § 310. Zuckerman, a.a.O. S. 172f., hatte schon gegen Kasher darauf hingewiesen, daß dieser Text
nicht nur bekanntlich eine problematische Quelle darstellt (es geht dort um die Entstehung der
Septuaginta), sondern daß sowohl Philo und Flavius Josephus als auch diverse antisemitische, polemische
Autoren ausnahmslos schweigen über die von Kasher und anderen angenommene Politeuma-Gemeinschaft
von Juden in Alexandria.
2. Gemeinden von Juden in Ägypten 9
die Existenz eines jüdischen Politeuma im Sinn einer politischen Körperschaft geschlos-
sen wurde. Lüderitz weist nach, daß unter mehreren möglichen Deutungen die am wahr-
scheinlichsten ist, die davon ausgeht, daß hier das Politeuma der Stadt Alexandria selbst
gemeint sei.59 Ein weiterer Fall ist Leontopolis, am Eingang des Deltas gelegen, wo
aufgrund einer Inschrift aus dem 1. Jh. n.Chr. und eines dort erwähnten Abramos, der an
zwei Orten das Amt eines Politarchen innehatte, darauf geschlossen wurde, daß Abramos
an der Spitze zweier jüdischer Politeumata gestanden hatte. Lützeritz weist m.E. über-
zeugend nach, daß sich der Amtsbereich des Abramos nur auf die gesamte Bevölkerung
der jeweiligen Orte bezogen haben kann, ob Juden oder Nichtjuden.60 Im dritten Fall
liegen die Dinge anders: Zwei schon im 18. Jh. veröffentlichte Inschriften61, beides Eh-
rendekrete, aus der Stadt Berenike in der Kyrenaika sprechen unmißverständlich von ei-
nem Politeuma der Juden in Berenike, der bisher einzige Beleg für eine jüdische Organi-
sation dieser Art, der jedoch nichts aussagt über eine etwaige rechtlich oder politisch ei-
genständige Position gegenüber der Stadt Berenike.62 Was die Mitglieder dieser Organi-
sation angeht, kommt Lüderitz zu dem Ergebnis, daß es sich um ein kleines, eher aristo-
kratisch zusammengesetztes Gremium innerhalb der zahlreichen Juden in Berenike gehan-
delt haben muß, das ähnlich wie die für die Städte der Kyrenaika spezifische Institution
der boulÆ funktionierte, worauf vor allem der angedeutete Wahlvorgang hindeute.63
Demgemäß entsprächen die in den beiden Dekreten genannten, jeweils für ein Jahr am-
tierenden Archonten den Geronten innerhalb der boulÆ. Lüderitz deutet diesen Befund
so, daß dieses jüdische Politeuma offensichtlich in Anlehnung an die eher oligarchisch
verfaßten Städte der Kyrenaika entstanden war - eine Tradition, die im übrigen den durch-
aus aristokratisch geprägten Juden nicht fremd gewesen sein durfte - und somit eher einen
Sonderfall unter den sonst bekannten Strukturen der jüdischen Diaspora darstellt, kei-
nesfalls jedoch den Regelfall.64
Während Tcherikover in gemäßigter und Kasher in extremer Form versuchten, als die
grundlegende Organisationsform der Juden im ptolemäischen Ägypten das Politeuma im
Sinne einer mit politischen Rechten ausgestatteten Gemeinde nachzuweisen, ist mit
Zuckerman und Lüderitz65 dem entgegenzuhalten:
1. Die im ptolemäischen Ägypten verbreiteten Politeumata waren keine derartigen Körper-
schaften mit politischen Rechten und Kompetenzen gegenüber dem Staat oder den ver-
schiedenen Städten, sondern Gemeinschaften, Vereine, Clubs oder Gesellschaften für
verschiedene Gruppen und Zwecke.
2. Hinzu kommt, daß für die Juden Ägyptens bisher weder in den Papyri noch in litera-
rischen oder inschriftlichen Quellen derartige Politeuma-Strukturen belegt sind; das
59 A.a.O. S. 204-208. Zuckerman, a.a.O. S. 181 -184, argumentiert ähnlich gegen die Deutung von
Kasher, deutet das hier genannte Politeuma aber mit Bezug auf den jüdischen Staat in Palästina.
60 A.a.O. S. 208-210.
61 SEG 16.931 (1. Jh. v.Chr.) und CIG 3.5361 (Mitte 1. Jh. v.Chr.); Lüderitz, a.a.O. S. 211 und 212.
62 A.a.O. S. 214 und 215.
63 A.a.O. S. 215-220.
64 A.a.O. S. 221 und 222. Lüderitz erinnert in diesem Zusammenhang an den Sanhedrin in Jerusualem.
65 Trebilco kommt in dem schon erwähnten Werk “Jewish Communities in Asia Minor”, Cambridge
1991, S. 171, zu einem ähnlichen Schluß: “There are no grounds, therefore, for thinking that Jewish
communities were everywhere organised as politeumata.”
10 2. Gemeinden von Juden in Ägypten
Politeuma der Juden in Berenike mit seinen geschäftsführenden Archonten ist bisher66 ei-
ne Ausnahme, es handelt sich dabei aber auch nicht um eine Gesamtstruktur der jüdischen
Bevölkerung, sondern um ein ausgewähltes, repräsentatives und beschlußfassendes
Gremium mit einer kleinen, aristokratischen Führungsspitze, das für die übrige jüdischen
Bevölkerung “might have exercised governmental functions - judicial, administrative,
notarial, etc.”67
Was läßt sich nun an tatsächlich bezeugten Strukturen von jüdischen Gemeinschaften im
ptolemäischen Ägypten feststellen?
1. Die schon erwähnten, von Tcherikover68 gesammelten Zeugnisse für Synagogen (in
Ägypten proseuxÆ genannt) an insgesamt zehn Orten, darunter Alexandria (mehrere Sy-
nagogen) und vier weitere Orte in Unterägypten, Krokodilopolis, die Metropole des ar-
sinoitischen Gaus, und Alexandru-Nesos, ein Dorf im selben Gau. Die Quellen reichen
vom 3. bis zum 1. Jh. v.Chr. Wie Tcherikover ausführt, ist die Existenz einer Synagoge
als ein sicheres Indiz für das Bestehen einer größeren und strukturierten jüdischen Ge-
meinschaft am Ort oder in der Umgebung zu werten, auch wenn von ihr selbst nichts ü-
berliefert ist.
2. Daß zahlreiche Juden in Alexandria wohnten, ist bekannt und vielfach bezeugt.69 Die
von Philo70 um die Mitte des 1. Jh. n.Chr. mit 1 Million angegebene Zahl der Juden in
Alexandria kann einen Eindruck von der Anzahl Juden dort auch schon in ptolemäischer
Zeit vermitteln, die wohl hauptsächlich eines der fünf Stadtteile (Delta; in römischer Zeit
ein weiteres) bewohnt haben.71 Laut Josephus72 soll Alexander der Große Juden schon
bei der Gründung angesiedelt haben. Nach Kasher und ähnlich auch schon Alberro sei
Alexandria nicht eine griechische Polis im strengen Sinn, mit einheitlicher Verfassung
und Bürgerschaft gewesen, sondern hätte als königliche Stadt aus mehreren eigenständi-
gen und gleichberechtigten Politeumata bestanden, an der Spitze die einflußreichen und
miteinander konkurrierenden Politeumata der Griechen und Juden.73 Auch wenn Zucker-
man diese Theorie verwirft, verneint er keineswegs die - um es mit seinen Worten auszu-
drücken - “well known evidence concerning their communal institutions and the limited
autonomy they enjoyed.”74 Es gab, wie schon erwähnt, dort mehrere Synagogen75, mit
ihnen eng verbunden auch Lehrhäuser oder Schulen, in denen auch die Septuaginta
66 Tatsächlich ist in einigen neuen Papyri, die von J. M. S. Cowey (Heidelberg) bearbeitet werden, ein
Politeuma der Juden bezeugt. Genaueres dazu weiter unten.
67 Lüderitz, a.a.O. S. 215. Insofern gehört dieses Politeuma zu der ersten, von Lüderitz unterschiedenen
Kategorie von Politeumata, den mit politisch-rechtlicher Kompetenz ausgestatteten, s.o.
68 CPJ I, Prolegomena S. 8.
69 C. A. Alberro, The Alexandrian Jews During the Ptolemaic Period, Diss. Michigan 1976, S. 1-20
gibt einen Überblick über die Quellen.
70 In Flaccum VI 43. Siehe P. M. Fraser, Ptolemaic Alexandria I-III, Oxford 1972, II S. 164 Anm. 315.
71 Fraser, a.a.O. I S. 35 und 55f.; Alberro, a.a.O. S. 29f.
72 C. Apionem, 42. Siehe positiv dazu Alberro, a.a.O. S. 32-36; dagegen Fraser, a.a.O. I S. 54 und 56.
73 Kasher, a.a.O. bes Kapitel IV “Comments on the Organisation of Alexandria as Polis”; Alberro,
a.a.O. S. 110-130, zugleich ein ausführlicher Überblick über die Forschungsgeschichte.
74 Zuckerman, a.a.O. S. 184.
75 Genaue Angaben bei Tcherikover, CPJ I, Prolegomena S. 8; siehe auch Fraser, a.a.O. II S. 441 Anm.
766 und Alberro, a.a.O. S. 157-166.
2. Gemeinden von Juden in Ägypten 11
entstanden sein soll.76 An der Spitze der Juden soll laut Strabo77 ein Ethnarch gestanden
haben, weiter gab es ein Notariat und ein Gericht.78 Neben dem Ethnarchen ist auch
spätestens in der Zeit von Augustus eine Gerusia neben oder anstelle des Ethnarchen
bezeugt.79 Die Juden Alexandrias80 sind also ein Beispiel für eine strukturierte jüdische
Gemeinschaft mit zahlreichen, eigenständig jüdischen Einrichtungen, die allerdings auch
einen nicht geringen Grad an Hellenisierung aufwies, was die Teilnahme an der typisch
griechischen Erziehung im Gymnasium zeigt81 und auch in der zahlreichen und vielfälti-
gen hellenistischen Literatur von Juden in Alexandria sichtbar wird, nicht zuletzt in der
Septuaginta und dem Werk von Philo.82
3. Ein weiteres Beispiel einer jüdischen Gemeinde bietet Leontopolis (Tell el-Yehu-
dieh), an der Südspitze des Deltas gelegen. Grundlage der folgenden Skizze ist die 1994
erschienene Arbeit von Noy.83 Um die Mitte des 2. Jh. v.Chr. wanderte Onias IV., Sohn
des Hohen Priesters Onias III., nach dem fehlgeschlagenen Versuch, Nachfolger seines
Vaters zu werden, mit einer Gruppe von Anhängern nach Ägypten aus, siedelte sich in
Leontopolis an und baute in den folgenden Jahren offensichtlich mit Erlaubnis Ptolemaios
IV. dort auch einen mit Jerusalem konkurrierenden Tempel.84 In einer spätptolemäischen
oder frührömischen Nekropole wurden siebenundsiebzig Grabsteine gefunden85, deren
häufigste Form keine Parallele in Ägypten hat, sondern bezeichnenderweise einigen jüdi-
schen Grabinschriften in der Kyrenaika ähnelt.86 Die Inschriften sind in griechischer
Schrift und Sprache, ohne typisch jüdische Symbole; die meisten beinhalten nur Namen,
76 Alberro, a.a.O. S. 166-172.
77 Zitiert in Josephus, antiquitates XIV 117.
78 Tcherikover, a.a.O. S. 10; Fraser, a.a.O. I S. 56.
79 Alberro, a.a.O. S. S. 127f. Zur weiteren Entwicklung in röm. Zeit, siehe Alberro, a.a.O. S. 130ff.
80 Was das Bürgerrecht angeht, kommt Fraser, a.a.O. I S. 55, bezüglich der Juden in Alexandreia zu
dem Schluß: “...there is no reason to suppose that the Jews as a whole possessed this privileged
position.” Was die Juden in Städten Kleinasiens betrifft, kommt Trebilco, a.a.O. S. 171, zu dem Schluß:
“We conclude that the case for the possession of citizenship rights by Jewish communities in Asia Minor
is not proved.”
81 Alberro, a.a.O. S. 171.
82 Alberro, a.a.O. S. 197-204 und zusammenfassend S. 210f.
83 D. Noy, The Jewish Communities in Leontopolis and Venosa, in: Studies in Early Jewish Epigraphy,
edited by J. W. van Henten and P. W. van der Holst, Leiden 1994, S. 162-182. Siehe auch Fraser, a.a.O.
I S. 83.
84 Hintergründe dieses Tempelbaus diskutiert Tcherikover, a.a.O. S. 44-46. Wie wenig Eindruck dies auf
die Juden Ägyptens bzw. Alexandrias machte, zeigt folgende Feststellung Tcherikovers (S. 45): “It is a
matter of fact that nowhere in the whole of Alexandrian literature is there any mention of the temple of
Onias. The temple of Jerusalem, on the other hand, was always highly esteemed by Egyptian Jews...”.
Siehe auch Noy, a.a.O. S. 166. Zu den Ausgrabungen: Noy, a.a.O. S. 163. Siehe auch A. Wasserstein,
Notes on the Temple of Onias at Leontopolis, Illinois Classical Studies 18, 1993, S. 119-129.
85 W. Horbury and D. Noy, The Jewish Inscriptions of Graeco-Roman Egypt (= JIGRE), Cambridge
1992, Nr. 29-105, eingehend und kritisch rezensiert von A. Lajtar in JJP 24, 1994, S. 57-70. Eine
weitere Inschrift wurde veröffentlicht von P. J. Sijpesteijn, Inscriptions from Egypt, Chronique d’Egypte
65 (1990) S. 122-125 Nr. 1.
86 Noy, a.a.O. S. 165.
12 2. Gemeinden von Juden in Ägypten
Patronymikon und Alter des Verstorbenen und ein Datum, manche fügen einige wenige,
lobende Äußerungen dazu. Zwölf Inschriften (JIGRE Nr. 29-40)87 sind in Versform ge-
halten und verraten zusätzlich etwas über die soziale Stellung des Verstorbenen oder über
die Gemeinde. So werden Einwohner von Leontopolis als ésteo¤ (Nr. 36; Mitte 2. Jh. v.
bis frühes 2. Jh. n.Chr.) und die Siedlung als pÒliw (Nr. 39; gleiche Datierung) bezeich-
net. Nr. 30 (117 v.Chr.) nennt einen gewissen Demas, der vielen Menschen geholfen
(bohyÒw) habe durch seine Weisheit (sof¤a), wohl ein Hinweis auf eine Funktion als
Rechtsbeistand, Schreiber oder Arzt in der Gemeinde.88 Abramos (ebenfalls Nr. 39) war
mit einem sich auf die Gesamtbevölkerung erstreckenden öffentlichen Amt (érxª
pandÆmƒ §ynikª; Z. 5f.) betraut worden, wobei er an zwei Orten die Aufgabe eines Poli-
tarchen ausübte (diss«n gãr te tÒpvn politarx«n; Z. 7), so die Deutung von Lüde-
ritz89. Dies sind offensichtlich die einzigen Hinweise auf die offizielle Struktur der Sied-
lung.
Zu den Namen: Laut Herausgeber90 sind über fünfzig Prozent der Namen spezifisch jü-
disch: viele davon sind biblische bzw. hebräische Namen meist in gräzisierter Form, dann
sind auch theophore griechische Namen wie Dositheos oder Theodotos und auch auf den
Sabbath bezogene Namen wie Sabbataios belegt. Die übrigen Namen sind gut griechisch,
wenige sind lateinisch und ägyptisch. Die jeweiligen Anteile sind jedoch so verteilt, daß
sich weder nichtjüdische Gruppen unterscheiden lassen noch Trends zu mehr oder
weniger Hellenisierung erkennen lassen.91 Jedoch kommt Noy zu dem Ergebnis: “The
clearest conclusion to be drawn from the Leontopolis epitaphs is that, at least in their
practices of commemorating the dead, the people of the city were Ptolemaic or Roman
Egyptians first and Jews second.”92 Ähnlich spricht Fraser von “a curious mixture of
Greek, Egyptian and Jewish elements, illustrated by a series of epitaphs of late Ptolemaic
and early Imperial date.”93
4. Auch die Papyri geben uns Hinweise auf Strukturen weiterer jüdischen Gemeinden in
Ägypten. Im 1986 veröffentlichten dritten Band der griechischen Papyri der Bayerischen
Staatsbibliothek München findet sich ein Brief (P.Monac. III 49; 2. Jh. v.Chr.), der be-
dauerlicherweise so schlecht erhalten ist, daß außer zwei Empfängerangaben fast nichts
erkennbar ist. Es handelt sich um ein Schreiben an die Ältesten der Juden in Tebetnoi
(to›w §n Teb°tnoi presbut°roiw t«n ÉIouda¤vn; Z. 2), ein Dorf in dem südlich an den
Arsinoites anschließenden Gau Herakleopolites. Was presbÊteroi angeht, stellt der He-
rausgeber, D. Hagedorn, fest, daß das Wort hier titular gebraucht sei, da das Schreiben
“an die Presbyter insgesamt addressiert ist; das setzt Organisation in einem klar definier-
87 Die Herausgeber bemerken dazu: “...they stand in the Greek literary tradition.” (JIGRE, Introduction S.
XX).
88 JIGRE Nr. 30 Z. 4 und Kommentar S. 57f.
89 A.a.O. S. 209f; er verweist dort auch auf den in P.Oxy. IV 745 (1. Jh. n.Chr.) belegten Politarchen.
Siehe auch JIGRE Nr. 39 bzw. den Kommentar auf S. 100.
90 JIGRE, Introduction S. XVIII.
91 Noy, a.a.O. S. 167f.
92 A.a.O. S. 171.
93 Fraser, a.a.O. I S. 83.
2. Gemeinden von Juden in Ägypten 13
ten Gremium voraus. Das betreffende Dorf, Tebetnoi im Gau von Herakleopolis, besaß
also eine eigene Gerusia.”94
Noch interessanter wird das Schreiben dadurch, daß auf der Rückseite eine weitere Be-
stimmungsangabe vermerkt ist: “An die Archonten der Juden in Herakleopolis” (to›w §n
ÑHrakl°ouw pÒlei êrxousi t«n ÉIouda¤vn; zu den Schwierigkeiten der Lesung siehe
Kommentar zu Z. 8). Laut Herausgeber handelt es sich bei dieser Außenadresse offen-
sichtlich um einen Weitergabevermerk, worauf ja auch die andere Ortsbezeichnung, näm-
lich die Gaumetropole Herakleopolis, hindeuten würde.
Wenn diese Deutung stimmt, dann stellen die Archonten der Juden in Herakleopolis
ein weiteres, wohl der lokalen Gerusia der Juden in Tebetnoi übergeordnetes Gremium
dar, das zumindest für den ganzen Gau zuständig war. In beiden Fällen handelt es sich
offensichtlich - das besagen die Formulierungen - um Instanzen der Juden in einem Ort,
nicht in erster Linie um Instanzen des jeweiligen Ortes selbst, der auch nichtjüdische Be-
völkerung und für den gesamten Ort zuständige Instanzen hatte. Es ließe sich also folgen-
de Struktur jüdischer Gemeinschaften innerhalb der Dörfer oder Städte Ägyptens ableiten:
Auf dörflicher Ebene gab es ein Ältestengremium, in der Gaumetropole bzw. auf Gauebe-
ne hatten Archonten die Leitung inne.95 Weitere Aussagen sind nicht möglich, da auf dem
Papyrus sonst keine Informationen erhalten sind. Einige neue, bislang noch nicht ver-
öffentlichte Papyri aus dem Herakleopolites (P.Vindob. G 57701 und 57704 und P.Heid.
inv. G 4928, 4931 und 4934; alle 2. Jh. v.Chr.)96 scheinen diesen Befund zu bestätigen:
Es handelt sich nämlich um Eingaben an die Archonten eines Politeuma der Juden in
Herakleopolis.
5. Aufgrund mehrerer Papyri aus dem 3. Jh. v.Chr., die von Harrauer veröffentlicht
wurden, läßt sich die Bevölkerung des Dorfes Trikomia in der Themistu Meris des Arsi-
noites ziemlich genau rekonstruieren.97 Dabei kommt der Herausgeber zu dem Schluß,
daß auf diesen Texten die gesamte steuerpflichtige Bevölkerung Trikomias, insgesamt
331 Personen, verzeichnet ist, und zwar namentlich und nach verschiedenen Kategorien
und Steuerklassen geordnet.98 Bei der Untersuchung der Namen macht Harrauer eine
“mindestens 10 Personen umfassende Gruppe jüdischer Einwohner” aus.99 Clarysse
überprüfte die Lesung der Texte daraufhin noch einmal und ging die gesamten Namen mit
den von Tcherikover und Fuchs für das Corpus Papyrorum Judaicarum aufgestellten Ka-
tegorien jüdischer Namen durch.100 Er stellte fest, daß 22 Personen semitische Namen
trugen und wahrscheinlich Juden waren. Weitere 49 Personen haben Namen, die gemäß
den erwähnten Kriterien unter den hellenisierten Juden Ägyptens verbreitet waren. Bei
94 P.Monac. III 49 S. 9.
95 Siehe a.a.O. S. 9; Hagedorn zitiert dort auch wesentliche Texte und Literatur zu beiden Ämtern im
jüdischen Kontext außerhalb Ägyptens.
96 Diese Texte werden von J. M. S. Cowey (Heidelberg) im Rahmen seiner Dissertation bearbeitet.
97 H. Harrauer, Neue Papyri zum Steuerwesen im 3. Jh. v.Chr. (= CPR XIII), Wien 1987, Texte Nr. 1, 2
und 4; wahrscheinlich sind die Texte auf die Zeit um das Jahr 237/6 zu datieren, siehe S. 29ff.
98 A.a.O. S. 197.
99 A.a.O. S. 43f.
100 Siehe W. Clarysse, “Jews in Trikomia”, in: Proceedings of the 20th International Congress of
Papyrologists, Copenhagen, 23-29 August 1992, Copenhagen 1994, S.193ff. In den Abschnitten über die
Prosopographie (7.1.) und über die Juden Samareias (8.1.) wird näher auf diese Kategorien eingegangen.
14 2. Gemeinden von Juden in Ägypten
weiteren Personen mit allgemein griechischen bzw. heidnischen Namen läßt sich auf-
grund des familiären Kontextes ebenfalls eine jüdische Identität annehmen. Auf dieser
Grundlage könnte sogar eine Mehrheit von Einwohnern jüdischer Herkunft vermutet wer-
den101; zumindest war jedoch ein Fünftel der Bevölkerung jüdisch, ebenso auch einer der
obersten Dorfbeamten, Simon, der Epistates von Trikomia.102 Clarysse stellte weiterhin
fest, daß Juden in den Steuerlisten unter der Kategorie ÜEllhnew geführt wurden, d.h.
die Juden in der Chora wurden offensichtlich zur Gruppe der Hellenen gerechnet, gleich
den Makedonen oder Thrakern.103
Aus dem Befund hat Clarysse auch gefolgert, daß diese jüdische Bevölkerung sich auch
in irgendeiner Form als Gemeinschaft konstituiert haben mußte, vielleicht ursprünglich
sogar - was der Name Trikomia ja nahelegen könnte - als “...one of the three komai that
were grouped in a sunoikismos?...”.104 Allerdings schweigen die Dokumente darüber,
sodaß es bei Vermutungen bleiben muß.
Die insgesamt wenigen bekannten Beispiele jüdischer Gemeinden im ptolemäischen
Ägypten zeigen ein differenziertes Bild: In einem Fall, Leontopolis, handelt es sich um ei-
ne jüdische Gründung, die sich durch den Bau eines schismatischen Tempels innerhalb
der Juden Ägyptens, die dem Tempel in Jerusalem die Treue hielten, isolierte. Die große
Judenschaft Alexandrias beteiligte sich aktiv am Leben der hellenistischen Großstadt, zu-
gleich wurden in Synagogen und Lehrhäusern jüdische Religion und Lehre gepflegt. Die
Führung hatte ein Ethnarch, später eine Gerusia. Weiter gibt es an einigen Orten Synago-
gen, die auf eine nicht geringe jüdische Gemeinde hinweisen. In zwei Fällen sind auch
Instanzen solcher Gemeinden bezeugt, in dem Dorf Tebetnoi eine Ältestenschaft der Ju-
den, in der Metropole Herakleopolis Archonten der Juden, eventuell mit übergeordneter,
regionaler Kompetenz ausgestattet. In einem weiteren Dorf, Trikomia, ist eine große
Gruppe jüdischer Einwohner bezeugt; die entsprechenden Dokumente machen deutlich,
daß auch die Juden auf dem Land weitgehend hellenisiert waren und zur Gruppe der Hel-
lenen gezählt wurden.105 Auf diesem Hintergrund soll nun ein genauer Blick auf das
Dorf mit dem gräzisierten biblischen Namen106 Samareia geworfen werden.
101 A.a.O. S. 201: vgl. bes. das Schaubild.
102 A.a.O. S. 202
103 A.a.O. S. 202.
104 A.a.O. S. 203.
105 In einem jüngst erschienenen Aufsatz von Joseph Mélèze Modrezejewski (Jewish Law and
Hellenistic Legal Practice, in: Collatio Juris Romani, Amsterdam 1995, Band I S. 299-315),
unzweifelhaft einer der großen Autoritäten auf diesem Gebiet, finden sich die gleichen Eckpunkte bzgl. des
Status der Juden im ptolemäischen Ägypten, nämlich die Ablehnung des Verständnisses von jüdischen
Politeumata als unabhängiger politischer Einheiten und der Hinweis auf die Zugehörigkeit zur Gruppe der
Hellenen, auf die Ansiedlung innerhalb der bestehenden Dörfer oder Städte und auf die Existenz eigener
Repräsentanten wie Presbyter oder Archonten (siehe a.a.O. S. 301-303).
106 Genaueres zum Namen findet sich in Kapitel 6 “Name und Gründung”.
3. Samareia in der Papyrologie
In diesem Kapitel soll versucht werden, in einem kurzen, chronologischen Durchgang die
zerstreuten Bemerkungen und Überlegungen, die sich in papyrologischen Arbeiten zu un-
serem Dorf finden, zusammenzutragen und zu sichten.
Der älteste Samareia-Papyrus107 wurde von Mahaffy in dem zweiten Band der Petrie-
Papyri 1893 veröffentlicht, einer der ältesten Papyruseditionen überhaupt. Es handelt
sich um einen Brief an den Architekten Kleon vom 7.8.254 v.Chr. bzgl. Arbeiten an ei-
nem Kanal, der von Tebetny und Samareia nach Kerkeesis führte, was im nächsten Kapi-
tel besprochen werden soll. In seinem Kommentar schreibt Mahaffy zu Samareia: “The
village of Samaria was a settlement of Jews, which Josephus mentions (cf. Part I
p.43).”108 An der angegebenen Stelle im 1891 veröffentlichten ersten Band der Petrie-Pa-
pyri listet Mahaffy die verschiedenen Nationalitäten auf, die unter den militärischen Sied-
lern im Arsinoites vorkommen, und schreibt dann in einer Fußnote: “In a fragment just
recovered ... I find even Jews settled in the village Psenyris in the Arsinoite nome...”.109
Nachdem er den Text dieses Fragmentes wiedergegeben hat, fährt er dann fort: “This has
been already inferred by Mr. Sayce (in an inquiry presently to be published) from the
occurence of Samaria among the villages of the Fayyum in various catalogues of taxes in
his possession. He cites Josephus x. 8, to the effect that Alexander the Great had settled
7000 Samaritans on waste (?) lands in Upper Egypt.“
Hierzu ist nun mehreres zu bemerken: 1. Zu diesem Zeitpunkt der Forschung war es et-
was Bemerkenswertes oder gar Neues, Juden unter den militärischen Siedlern Ägyptens
zu finden. 2. Bei dem Josephus-Zitat kann es sich nur um eine Stelle aus den Altertümern
handeln, und zwar Ant. XI 345, außerdem handelt es sich nicht um siebentausend, son-
dern um achttausend samaritanische Soldaten. Auf diese Stelle werde ich noch zurück-
kommen. 3. Wie Mahaffy schreiben kann bzgl. des Dorfes Samareia: “which Josephus
mentions”, was ja nahelegen würde, daß sich Josephus zu dieser Siedlung im Arsinoites
äußerte, ist mir unverständlich. Dazu noch müßte er dann konsequenterweise von Sama-
reia als “settlement of Samaritans” und nicht “Jews” schreiben. Hier scheinen zumindest
bei Mahaffy mehrere Mißverständnisse zusammengekommen zu sein. 4. Leider scheint es
mir nicht gelungen zu sein, die Publikation dieser Texte von Sayce, in denen Samareia
auftaucht, zu finden, auf die sich Mahaffy stützt. Was ich gefunden habe, ist eine Bemer-
kung von A. H. Sayce über Samareia in einem Kapitel über griechische Papyrusfunde
in dem von Flinders Petrie 1891 veröffentlichten Sammelwerk “Illahun, Kahun und
Gurob”. Er berichtet dort u.a. über Dörfer im Arsinoites mit griechischen Namen, die in
seinen Papyri auftauchen, und schreibt dann: “The most curious name among them is Sa-
mareia, which must have been so called by settlers from the northern Part of
Palestine.”110 Das dürfte die erste Erwähnung bzw. die “Entdeckung” von Samareia in
der Papyrologie sein. Es handelt sich hierbei wohl um Papyri, die zwar Sayce als erster
107 So werden im folgenden die Papyri bezeichnet, die entweder aus Samareia stammen oder es erwähnen,
vgl. auch die Übersicht der Samareia-Papyri in zeitlicher Abfolge in 4.2. bzgl. der Nummerierung.
108 P.Petr. II 4(11), S. [14].
109 P.Petr. I S. 42-43.
110 A.a.O. S. 37. Weiter unten kündigt er dann die baldige Publikation dieser Papyri an, teils durch
Mahaffy in P.Petr. II, teils durch ihn selbst in der Zeitschrift Hermathena.
16 3. Samareia in der Papyrologie
bearbeitet hatte, die dann jedoch von Mahaffy in P.Petr. II und III veröffentlicht wurden
(siehe Samareia-Papyri Nr. 8-12). In jedem Fall gehen beide von einer Identität des
Namens des Dorfes im Arsinoites mit dem Samaria Palästinas aus und schließen daraus,
gestützt auf Josephus, daß dieses Dorf von Siedlern aus Palästina (Juden oder
Samaritanern) gegründet, benannt und bewohnt wurde.
1904 veröffentlichte C. Wessely seine “Topographie des Faijum (Arsinoites Nomus)
in griechischer Zeit”. Auf den Seiten 135-136 äußert er sich zu Samareia und führt ein Zi-
tat von P. M. Meyer an: “Auf Juden im Faijum zur Zeit des Euergetes I. weist das
schon unter Philadelphos uns begegnende Dorf Samareia...”.111 Wessely gibt dann noch
eine kurze Lagebeschreibung anhand von P.Petr. II 4(11) und nennt und bewertet kurz
die (wenigen) bis dahin bekannten papyrologischen Belege112 (Hinweis auf mehrere “Öl-
detailverkäufer”, unter ihnen gemäß einer Parallele eventuell ein Jude, und auf “Katöken-
länderei”). Interessant ist, worauf ich noch zurückkommen werde, seine generelle und
undiskutierte Identifikation unseres Dorfes mit Kerkesephis, die sich natürlich auf BGU I
94 (Nr.41) stützt, in dem Samareia und Kerkesephis zweimal als eine Ortschaft auf-
tauchen. Er führt diese Gleichsetzung jedoch nicht konsequent durch, da er unter dem
Eintrag Kerkesephis113 zwar auch sofort die Identifikation erwähnt, aber nur an dieser
Stelle die (relativ zahlreichen) Belege, die nur Kerkesephis erwähnen, aufführt und damit
Kerkesephis doch von Samareia unterscheidet. Also auch Meyer und Wessely schließen
von dem Namen Samareia auf eine irgendwie geartete “jüdische Identität” dieses Ortes.
Ihrem 1907 veröffentlichten zweiten Band der Tebtynis-Papyri, in dem sich zwei Sa-
mareia-Papyri114 befinden, hatten die Herausgeber Grenfell und Hunt auch eine Topo-
graphie des Arsinoites angefügt, in der sie sich immer wieder mit Wessely auseinander-
setzen. Was Samareia angeht, so halten sie die von Wessely vorgeschlagene Gleich-
setzung mit Kerkesephis für sehr zweifelhaft und schlagen eine andere Interpretation
vor.115 Bezüglich der Lage des Dorfes ergänzen sie die Angaben von Wessely. Anson-
sten stellen sie keine weiteren Erwägungen an.
In seiner 1923116 veröffentlichen Briefsammlung “Ein Jahrtausend am Nil” gibt
W. Schubart auch eine Übersetzung von P.Petr. II 4(11). Im kurzen Kommentar
schreibt er: “Samareia gibt sich durch seinen Namen als eine Ansiedlung von
Samaritanern, die sich durchaus von den Juden unterscheiden, zu erkennen.”117 Auch
hier zeigt sich wieder die Identifikation des Namen mit Samaria in Palästina und der
111 Zitiert aus: “Das Heerwesen der Ptolemäer und Römer in Ägypten”, Neudruck (Aalen
1966) der Ausgabe Leipzig 1900, S. 34.
112 P.Petr. II 4(11) und 28 und BGU I 94, bei mir die Nummern 1, 8 und 41.
113 A.a.O. S. 88-89.
114 P.Tebt. II 566 (Nr. 29) und 609 (Nr. 38); 1905 hatte Mahaffy vier weitere Belege für Samareia im
dritten Band der Petrie-Papyri veröffentlicht, bei mir die Nummern 9-12.
115 P.Tebt. II S. 383-384 und S. 401; im wesentlichen schlagen sie vor, Samareia und Kerkesephis als
zwar benachbarte, aber ursprünglich eigenständige Dörfer anzusehen, von denen das eine, Samareia,
schließlich an Bedeutung verlor und im 3. Jhr. n.Chr. mit dem anderen, Kerkesephis, vereinigt wurde.
116 Inzwischen wurden weitere Samareia-Belege veröffentlicht: 1915 P.Ryl. II 71 (Nr. 26) und 1921
P.Gurob IV (Nr. 16).
117 A.a.O. S. 29f.
3. Samareia in der Papyrologie 17
Rückschluß auf eine “Ansiedlung von Samaritanern”, wahrscheinlich in Anlehnung an
Sayce und Mahaffy.
1925 schreibt ähnlich F. Heichelheim in seiner Arbeit “Die auswärtige Bevöl-
kerung im Ptolemäerreich”: “Von der Anwesenheit von Samaritanern in Ägypten
zeugt, abgesehen von Josephos, das aus zahlreichen Zeugnissen schon im 3. Jh. v.Chr.
bekannte Dorf Samaria” und verweist in der Anmerkung dazu auf Schürer und verschie-
dene Papyruszeugnisse.118
1931 veröffentliche O. Gueraud den ersten Band der “Textes et Documents” (=
P.Enteux.). Darin enthalten sind drei Eingaben (Enteuxeis), die Samareia betreffen (Nr.
13-15), und eine, die einen Samar¤thw betrifft (siehe Dokumentation Samare¤thw Nr. 1).
Jedoch nur im letzteren Fall, nämlich bei P.Enteux. 62, findet sich eine Bemerkung des
Herausgebers zu unserem Dorf: Zu Samar¤thw merkt er an, daß hier an die Herkunft aus
Samaria in Palästina zu denken sei und nicht aus dem Dorf Samareia im Arsinoites, da
man letzteres nicht auf diese Weise ausdrücken würde, sondern mit épÚ Samare¤aw. In
seiner 1933 in der Zeitschrift Aegyptus (Band XIII) erschienenen Nachlese zu diesem
Band korrigiert F. Zucker diese Bemerkung dahingehend, daß schon seit dem 3. Jh.
v.Chr. Ethnika, die nach Dörfern gebildet seien, zur Angabe der Herkunft verwendet
würden, so daß man nicht unbedingt “die Heimat des als Samar¤thw bezeichneten
Petenten in Samaria in Palästina” suchen müsse. Denn auch - so Zucker weiter - “sein
semitischer Name und der semitische Name seines Vaters begründen das nicht; denn ihr
Vorkommen wäre nur eine Selbstverständlichkeit in dem Fajjumdorf, dessen Name auf
stark semitischen Einschlag bei der Besiedelung weist.”119 An dieser Stelle soll nur
soviel festgehalten werden, daß Zucker von dem Namen Samareia auf einen “stark se-
mitischen Einschlag bei der Besiedelung” schließt, ähnlich wie andere vor ihm, aber weit-
aus vorsichtiger und zurückhaltender formuliert.
In der Zeitschrift Archiv für Papyrusforschung (Band XIII von 1938) findet sich im Ur-
kundenreferat eine Bemerkung von Wilcken zu P.Tebt. III 882 (Samareia-Papyrus 23),
einem Papyrus, der aus Samareia stammt und rund ein Dutzend Soldaten aufführt, die
Kleinvieh halten; ihre Namen sind zumeist hebräischer Herkunft. Daraus geht hervor, daß
Wilcken alle dort genannten Besitzer von Kleinvieh (mind. zwanzig Personen) für Juden
und Samareia für eine jüdische Siedlung hält.120
Auch bei Launey in seinem 1949 abgeschlossenen Werk “Recherches sur les
armées hellenistiques” findet sich eine Bemerkung dazu. Und zwar bespricht er in
dem Kapitel “Juifs et Palestiniens” ebenfalls den Papyrus P.Tebt. III 882 (Nr. 23) und
kommt zu dem Schluß: “...il reste possible que tous ces personnages soient des Samari-
tains.”121
1957 veröffentlichte Tcherikover den ersten Band des Corpus Papyrorum Judai-
carum (= CPJ I). Schon in den Prolegomena findet sich eine kurze Bemerkung über
unser Dorf: “The village Samare¤a may have been founded by Samaritans from Pale-
stine.”122 In seinem Kommentar zu P.Tebt. III 820 (Samareia-Papyrus Nr. 17) bespricht
118 A.a.O. S. 70f.
119 A.a.O. S. 217-218.
120 A.a.O. S. 214-243; bes. S. 217.
121 A.a.O. S. 547.
122 A.a.O. S. 5 Anm. 12.
18 3. Samareia in der Papyrologie
er erneut die Frage der Identifikation von Samareia und Kerkesephis und präzisiert dabei
die oben zitierte Vermutung: “Samareia was probably a military settlement of Syrian
soldiers (particularly Jews and Samaritans) located within the borders of ancient Kerke-
sephis...”.123 Ergänzend sei noch eine weitere, in den Prolegomena geäußerte Vermu-
tung zitiert, daß Samareia wie auch Magdola (ein weiteres Dorf im Arsinoites) “probably
had Jewish communities of their own, forming centres for Jews in the neighbour-
hood”.124 Das sind einige der grundlegenden Fragen, die Tcherikover eingehend
bespricht, und die auch in dieser Arbeit noch behandelt werden.
Noch eine Bemerkung aus einem 1968 erschienen Aufsatz von B. Lifshitz und J.
Schiby sei der angestrebten Vollständigkeit des hier gegebenen Literaturüberblicks we-
gen zitiert. Sie bringt nichts Neues, jedoch fällt auf, daß hier nicht mehr im Ton der Ver-
mutung, sondern schon der festehenden Tatsache berichtet wird: “Plusieurs textes pa-
pyrologiques mentionnent des Samaritaines originaires de Samareia, une agglomération
Samaritaine assez importante dans le Fayoum.”125
F. Uebel listet in seinem grundlegenden Werk “Die Kleruchen Ägyptens unter
den ersten sechs Ptolemäern” von 1968 für Samareia sechs Kleruchen auf (unter
den Nummern 660-665) und äußert sich zu verschiedenen, mit Samareia bzw. unserem
Thema zusammenhängenden Fragen, vor allem in Hinblick auf Kleruchen, militärische
Einheiten und Befehlshaber.126 Von Fall zu Fall wird darauf zurückgegriffen werden.
Von 1885 bis 1924 war die “Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter
Jesu Christi” von E. Schürer in mehreren Auflagen erschienen. Schon Schürer127
war die Existenz eines Dorfes namens Samareia in Ägypten bekannt; in der 1973 veröf-
fentlichten, überarbeiteten Ausgabe von Vermez und Millar finden sich neben Hinwei-
sen auf die neueren Belege auch die zurückhaltenden, kurzen Bemerkungen: “A village
‘Samareia’ in Middle Egypt occurs in papyrus sources as early as the middle of the third
century B.C. The inhabitants certainly included Jewish settlers in the Ptolemaic period,
and the significance of the name is unclear.”128 Bemerkenswert ist auch, daß Schürer
weiland den Text eines Papyrus wiedergebenen hat (Samareia-Papyrus Nr. 25; CPJ I
47), dessen Herkunft, Publikation bzw. Existenz sonst nicht (mehr) bekannt ist.129
Im vierten Band des von Calderini und Daris 1938-1986 herausgegebenen
“Dizionario dei nomi geografici e topografici dell’Egitto greco-romano”
findet sich auch ein entsprechender Eintrag zu Samareia.130 1984 veröffentlichte Daris
eine - wenn auch sehr kurze - Zusammenfassung der wesentlichen Informationen über
Samareia anhand der bisher veröffentlichten Papyri in “Toponimi della Meris di Po-
123 A.a.O. S. 160f.
124 A.a.O. S. 9.
125 Une Synagogue Samaritaine à Thessalonique, Revue biblique 75 (1968) S. 377.
126 A.a.O. S. 188f. und 198.
127 Siehe Band III der Auflage von 1901, S. 51.
128 A.a.O. Band III.1 S. 59; siehe auch S. 45.
129 Siehe Band III.1 (1974) S. 53. Eine ähnliche Wiedergabe des Inhaltes gab Schürer schon 1896 in der
20. Ausgabe der Theologischen Literaturzeitung auf S. 522 und T. Reinach in der Revue des Etudes
Juives 37 (1898) auf den Seiten 219 und 220. Genaueres bei Tcherikover, CPJ I 47 S. 192.
130 A.a.O. S. 240; siehe auch Suppl. S. 233.
3. Samareia in der Papyrologie 19
lemone131, eine Arbeit, in der er eine Reihe von Lokalitäten des Arsinoites bzw. der
Polemonos Meris bespricht.
Wie schon erwähnt, widmet A. Kasher unserem Dorf einen eigenen, kurzen Abschnitt
in seiner 1985 in Tübingen erschienen Studie: “The Jews in Hellenistic and Ro-
man Egypt: The Struggle for Equal Rights132, in dem er vor allem auf dessen
Namen, die Gründung, die Herkunft der Bevölkerung und das schon mehrfach erwähnte
Verhältnis zu Kerkesephis eingeht. Er untersucht weiterhin auch die in den Papyri ge-
nannten Kleruchen von Samareia und die dort faßbaren militärischen Strukturen.133
Im Corpus Papyrorum Raineri (CPR) XVIII veröffentlichte B. Kramer 1991
sechs weitere Papyri aus Samareia (Nr. 2-7). Neben ihren ausführlichen Kommentaren
zu den einzelnen Papyri und der breiten Einleitung im allgemeinen, woraus ich reichlich
geschöpft habe, ist im besonderen wichtig und hier zu nennen die auf Seite 100 gegebene
Information über Samareia.
Auch der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß in dem im selben Jahr erschie-
nenen Werk “Les Juifs d’Egypte de Ramses II à Hadrien” von J. Mélèze
Modrzejewski Samareia auftaucht als eines von mehreren Dörfern, in deren Umgebung
jüdische Soldaten vom König Landlose zugewiesen bekamen.134
Noch im Jahr 1994 sind von R. Duttenhöfer im 6. Band der Heidelberger Pa-
pyri weitere Samareia-Papyri135 veröffentlicht worden; dies verdeutlicht einen wichtigen
Aspekt der Situation der Papyrologie: Da fortwährend neue Papyri veröffentlicht werden,
ist auf allen Gebieten mit neuem Material, neuen Daten und Erkenntnissen zu rechnen.
Ergebnis: Erfreulicherweise ist also unser Dorf nicht selten Gegenstand von - wenn
auch meist kurzen - Betrachtungen seitens Papyrologen gewesen; die Übersicht zeigt
auch, daß Samareia geradezu von der Geburtsstunde der Papyrologie bis zu ihrem gegen-
wärtigen Stand präsent ist, sei es in Veröffentlichungen von Papyri, sei es in kommentie-
renden oder zusammenfassenden Arbeiten. Im Mittelpunkt der Überlegungen stand
durchgehend der Name des Dorfes, der Assoziationen zu Samaria in Palästina erweckte.
Weiterhin ging es um die Frage nach Herkunft und Art der Bevölkerung, die einem Dorf
in Ägypten diesen Namen gegeben hat. In der Regel wurde vermutet, daß es sich zumin-
dest bei einem Teil der Bevölkerung um Einwander aus Palästina136 gehandelt habe, die
eventuell von den ptolemäischen Königen als Soldaten und Militärsiedler in Dienst ge-
nommen worden seien. Soviel an dieser Stelle zu den Bemerkungen über Samareia, die
sich in der papyrologischen Literatur finden ließen.
131 Aegyptus 64 (1984) S. 101-120, § 6. Samareia.
132 A.a.O. S. 148-149.
133 A.a.O. S. 44-46 und S. 52.
134 A.a.O. S. 71; es fällt auf, daß Samareia und Kerkesephis zusammengefaßt werden: “...Kerkeosiris,
Samarie-Kerkesephis, Apias...”.
135 P.Heid. VI 367 und 382 sind sicher aus Samareia. In einem dritten Fall, P.Heid. VI 375, ist die
Zuordnung zu Samareia nicht gesichert.
136 Hierbei läßt sich eine gewisse Widersprüchlichkeit feststellen, da in einigen der Äußerungen von
Samaritanern, in anderen von Juden die Rede ist. Dem wird unter Punkt 6.3. nachgegangen werden.
4. Dokumentation
4.1. Anzahl der Samareia-Papyri:
Die Dokumentation umfaßt 41 Papyri aus oder mit Erwähnung von Samareia. Als Ver-
gleich dazu ein Blick auf die Anzahl der Papyri, die den in der Einleitung vorgestellten
Dorfuntersuchungen zugrundeliegen: Während Wessely137 für die beiden Dörfer Karanis
und Soknopaiu Nesos mehr als 1000 Texte zur Verfügung standen, hat Hobson von
Apias immerhin noch 86 und von Heraklia 144 Papyri; den im Umfang kleineren Arbei-
ten von Battaglia und Leone entspricht auch das jeweilige Papyrusmaterial: Battaglia hat
von ihren beiden Dörfern mit Namen Philopator 16 (18) bzw. 27 Papyri, Leone von Psy-
chis 13, von Psinachis 18, von Phylakitike Nesos 12 und von Psinteo 11 Papyri. Der
Vergleich der Zahlen ergibt, daß die Dokumentation von Samareia rein zahlenmäßig zwar
umfangreicher ist als die der letztgenannten Dörfer, aber gemessen an der hohen Zahl von
Wessely eher als dürftig einzuschätzen ist.
4.2. Übersicht der Samareia-Papyri in zeitlicher Abfolge
Nr. Dokument Zeit Inhalt Herkunft138
(Fundort)
1. P.Petr. II 4(11) 7.8.254 v.Chr. Brief des Alexander an den Architek-
ten Kleon wegen eines Kanals von
Tebetny und Samareia nach Kerkeesis
(Arsinoites)
2. CPR XVIII 7 24.8.-21.9.232
v.Chr.
Pacht eines Weingartens
(1 Perser und 3 Juden)
Samareia
3. CPR XVIII 8 24.8.-21.9.232
v.Chr.
Mitgiftsquittung (1 Jüdin und 3 Juden) Samareia
4. CPR XVIII 9 24.8.-21.9.232
v.Chr.
Rückgabequittung für eine Mitgift
(4-5 Juden)
Samareia
5. CPR XVIII 10 24.8.-21.9.232
v.Chr.
Quittung für die Vorauszahlung von
Pachtzins (1Perser, 1 Thraker, 1
Makedone)
Samareia
6. CPR XVIII 11 22.9.-20.10.
232(?) v.Chr.
Pachtvertrag über Gartenland (1 Jüdin
und 3 Juden)
Samareia
7. CPR XVIII 32 232/1 v.Chr. Fragment eines Pachtvertrages
(PolÊboulow aus Samareia und 1
Makedone)
Samareia
137 Crawford gibt für Kerkeosiris keine Zahlen an; das im vorigen Kapitel erwähnte Dizionario dei nomi
geografici e topografici dell’Egitto greco-romano (A. Calderini und S. Daris; 1938-1986) gibt für
Kerkeosiris etwa 120 papyrologische Belege an; vgl. Band III S. 101.
138 Nur wenn Samareia der Herkunftsort ist; sonst steht der Fundort in Klammern. Siehe dazu die
Übersicht in Abschnitt 4.5.
4. Dokumentation 21
Nr. Dokument Zeit Inhalt Herkunft
(Fundort)
8. P.Petr. II 28 ca. 260-224
v.Chr.
Steuerregister; wahrscheinlich
Zahlungen der Ölhändler an die
königliche Bank von Krokodilopolis;
aus Samareia: YeÒfilow, Purr¤aw,
Levn¤dhw
(Arsinoites)
9. P.Petr. III 66b) ähnliches Register mit denselben 3
Personen wie in Nr. 8
(Arsinoites )
10. P.Petr. III 87 Fragmente von Briefen; Zahlungen
von Gerste an die Bierbrauer im Arsi-
noites, darunter einem aus Samareia
(Arsinoites)
11. P.Petr. III 139 Fragmente; Listen privater Natur;
Samareia erwähnt
(Arsinoites)
12. P.Petr. III 112 221/0 v.Chr. Liste v.Militärsteuern; 1 Inhaber
eines 70-Aruren-Kleros in der Flur
von Samareia
(Arsinoites)
13. P.Enteux. 8
= SB III 7245 27.2.221 v.Chr. Beschwerde beim König betr. ein
Gymnasium in Samareia
Samareia
14. P.Enteux. 64 Beschwerde beim König betr. Ertrag
eines Palmenhains in der Flur von
Samareia
Samareia
15. P.Enteux. 23
= CPJ I 128 11.5.218 v.Chr. Beschwerde beim König betr. den
Ehestreits wohl eines jüdischen
Ehepaares aus Samareia
Samareia
16. P.Gurob 4 217 v.Chr. Amtliches Dokument über
Korntransfer aus Kerkesephis für
sitã`r`i`a ka‹ zu(tikå) Samare¤aw
Samareia
17. P.Tebt. III 820
= CPJ I 22 12.9.201 v.Chr Zession eines staymÒw; (6-7 Juden
und 4 ägyptische Königsbauern)
Samareia
18. P.Tebt. III 1027 frühes 2.Jh. bzw.
183 oder 159
v.Chr.
Frgm. einer Kornspeicherrechnung
bzw. Zahlungen an Kornspeicher-
wachen von 9 Dörfern, u. a. Samareia
(Tebtynis)
19. P.Tebt. III 873 frühes 2. Jh.
v.Chr.
“Account of payment of taxes”;
dreimal Sa(mare¤aw) lo(geutÆrion)
erwähnt
Samareia
20. P.Heid.VI 367 162/1 v.Chr. Fragmentarischer Rapport des
Dorfschreibers aus Samareia
Samareia
21. P.Heid.VI 375 Mitte 2. Jh. v.Chr. Fragment einer katÄ êndra- Liste
eines Dorfschreibers
Samareia(?)
22. P.Heid. VI 382 nach 158/7 v.Chr. Eingabe eines Phylakiten an den
Epimeleten
Samareia
23. P.Tebt. III 882
= CPJ I 28 155 od.144 v.Chr. Liste von Schafen und Ziegen von
über 22 Personen
Samareia
22 4. Dokumentation
Nr. Dokument Zeit Inhalt Herkunft
(Fundort)
24. P.Tebt. III 800
= CPJ I 133 17.Juli 153 oder
15.Juli 142 v.Chr.
Beschwerde eines Juden beim Dorf-
schreiber über die Mißhandlung seiner
Frau
Samareia(?)
25. CPJ I 47 2. Jh. v.Chr. Liste von 6 jüdischen Landbesitzern
im Arsinoites, wohl von Samareia
Samareia(?)
26. P.Ryl. II 71 97-95 v.Chr. Sitologenrechnungen für Samareia,
Oxyrhyncha und Tebetny
(Arsinoites )
27. SB VIII 9830 81-96 n.Chr. Pacht einiger Aruren Ackerland, davon
3 in der Flur von Samareia
(Polemonos
Meris)
28. PSI X 1159 30.3.132 n.Chr.
(2. Jh. n.Chr.)
Auszug aus dem Archiv des Strategen
des Arsinoites; Arsinoe aus
Ptolemais Euergetis besitzt u. a. in
Samareia Land und Häuser
(Ptolemais
Euergetis)
29. P.Tebt. II 566
(descr.) = Aeg.
72 S. 64 ff.
133 n.Chr. Zensusdeklaration; Ptolema›ow aus
Ptolemais Euergetis deklariert Besitz
in Samareia
Samareia
30. P.Mil.Vogl.
VI 275 133/4 n.Chr. Aufstellung über Pachtzinsen; u. a.
aus Samareia
(Tebtynis)
31. PSI X 1113 145 n.Chr. Sitologenquittung des Sitologen von
Samareia; 1 Einzahler
Samareia
32. P.Mil.Vogl.
VI 298 147 n.Chr. Sitologenquittung des Sitologen von
Samareia; 3 Einzahler
Samareia
33. P.Mil.Vogl.
IV 213 154 n.Chr. Administrativer Rechenschaftsbericht;
u.a.1 Kleros Samareias erwähnt
(Tebtynis)
34. P.Mil.Vogl.
I 28 162/3 n.Chr. Bilanz der Gerstenernte; lange Liste,
u.a. 1 Kleros Samareias erwähnt
(Tebtynis)
35. P.Lond. III
1219 = Wilk.
Chrest. 172
196 n.Chr. Bericht im Interesse des Idioslogos
von dem Dorfschreiber von Bukolon
alias Tristomos und Samareia
Samareia
36. P.Mil.Vogl.
IV 252 2. Jh. n.Chr. Zahlung von Steuern in Naturalien;
diastolØ Samare¤aw k≈mhw; 3
Einzahlerinnen
Samareia
37. P.Mil.Vogl.
IV 253 2. Jh. n.Chr. Konto über Getreide-Artaben aus 8
Dörfern, u.a. Samareia
(Tebtynis )
38. P.Tebt. II 609 2. Jh. n.Chr. Liste von Personen (Schuldner) aus
verschiedenen Dörfern, u.a. Samareia
(Tebtynis)
39. SB III 7200 2. Jh. n.Chr. Naturalzahlungen von Dörfern im
Arsinoites, u.a. Samareia
(Arsinoites)
40. P.IFAO III 42 2.-3. Jh. n.Chr. Liste mit Ortsnamen vom Arsinoites,
18 Dorfnamen, u.a. Samareia
(Polemonos
Meris)
41. BGU I 94 4.12.289 n.Chr. Zession von Katökenland in der Flur
von Samareia alias Kerkesephis
Samareia
4. Dokumentation 23
4.3. Zur Verteilung in der Zeit:
Der früheste Papyrus stammt aus dem Jahre 254 v.Chr., P.Petr. II 4(11), die späteste Er-
wähnung Samareias findet sich in BGU I 94 und datiert auf den 4.12.289 n.Chr. Die Do-
kumentation erstreckt sich also über einen Zeitraum von über fünf Jahrhunderten.139
Zieht man dazu noch die Zufälligkeit und die völlige Ausschnitthaftigkeit und unzulängli-
che Erhaltung des Materials in Betracht, so wird klar, wie bescheiden, begrenzt und frag-
mentarisch die zu gewinnenden Ergebnisse und gar etwaige Schlußfolgerungen in Bezug
auf ein Gesamtbild des Dorfes sein müssen, wobei als Drittes noch dazu kommt, daß Sa-
mareia niemals Gegenstand archäologischer Tätigkeit war und wohl auch nicht sein
wird.140 Diese nicht sehr ermutigende Einsicht ist gewissermaßen die sicherste Aussage
dieser Arbeit, die alle anderen Ergebnisse prägen muß.
Von den insgesamt einundvierzig Samareia-Papyri sind siebzehn, d.h. genau ein Drittel,
aus der 2. Hälfte des 3. Jh. v.Chr. und immerhin noch acht aus dem 2. Jh. v.Chr.; also
etwas mehr als die Hälfte der Belege stammt aus den ersten gut einhundert Jahren, ge-
rechnet von dem frühesten Beleg an, eine Beobachtung, die sicher von Bedeutung ist,
und auf die noch eingegangen werden wird. Auffällig ist des weiteren, daß nur jeweils
ein Beleg aus den ersten Jahrhunderten vor und nach Christus stammt. Das zweite Jahr-
hundert ist dagegen vergleichsweise gut dokumentiert mit immerhin zwölf Papyri. Der
mit Abstand späteste Beleg, BGU I 94, ist zugleich einer der wichtigeren Papyri, der inte-
ressante Fragen aufwirft bezüglich der Lage und späten Geschichte unseres Dorf.
Noch einmal im Überblick die Verteilung in der Zeit:
Frühester Beleg: 7.8.254 v.Chr. (Nr. 1)
Spätester Beleg: 4.12.289 n.Chr. (Nr.41)
2. Hälfte des 3. Jh. v.Chr.: 17 Papyri (Nr. 1- 17)
2. Jh. v.Chr.: 8 Papyri (Nr. 18-25)
1. Jh. v.Chr.: 1 Papyrus (Nr. 26)
1. Jh. n.Chr.: 1 Papyrus (Nr. 27)
2. Jh. n.Chr.: 12 Papyri (Nr. 28-39)
3. Jh. n.Chr.: 2 Papyri (Nr. 40-41)
139 Zum Vergleich wieder einige Angaben von Dörfern der erwähnten Arbeiten: bei Heraklia stammt der
früheste Beleg aus dem Jahr 245 v.Chr. und der späteste aus dem Jahr 386 n.Chr.; bei Apias umfaßt die
Dokumentation sogar 11 Jahrhunderte (3. Jh. v. bis 8. Jh. n.Chr.); bei den übrigen Dörfern erstreckt sich
die Dokumentation über Zeiträume zwischen vier und zehn Jahrhunderten.
140 Daher gilt das, was Hobson bzgl. ihrer Arbeit über Apias schreibt, uneingeschränkt auch für die
vorliegende Arbeit: “Unlike similar villages in the Fayum, such as Theadelphia, Euhemeria, or
Socnopaiou Nesos, Apias has never been excavated, nor indeed has the ancient site even been precisely
localized. Thus what we know of the village derives from the papyri emanating from other sites, and we
have no way of supplementing papyrological with archeological evidence. From these various pieces of
documentation, which are by the very condition of their survival peripheral to the life of Apias itself, and
which can therefor hardly be thought to constitute a representative body of evidence, we must try to
reconstruct whatever picture we can of this little-known village in the Arsinoite nome.” (The Village of
Apias, Aegyptus 62 (1982) S.80-81). Vgl. auch das, was Rostovtzeff über die Notwendigkeit der
Ausgrabungen von Dörfern zum besseren Verständnis der Papyri bzw. des Lebens in Ägypten schreibt: A
Large Estate in Egypt in the third Century B.C. - A Study in Economic History, Madison 1922, S. VII.
24 4. Dokumentation
4.4. Typen der Samareia-Papyri141
Wie bei den Papyri im allgemeinen handelt sich auch bei den Samareia-Papyri um sehr
verschiedene Dokumente, nicht nur dem Umfang und Erhaltungszustand nach, sondern
auch was Form und Inhalt der Texte angeht. Dies soll die folgende Übersicht verdeut-
lichen.
Typen Anzahl Nummer und Bestimmung
Offizielle Berichte und
Listen 23 8. Liste von Steuerzahlungen an die königl. Bank
9. Ähnliche Liste wie in Nr.8
10. Fragmentarische Liste von Zahlungen
11. Sehr fragmentarische Berichte
12. Liste von Militärsteuern
16. Amtliches Dokument über Korntransport
18. Fragment einer Kornspeicherrechung
19. Liste von Steuerzahlungen
20. Fragmentarischer Rapport des Dorfschreibers
21. Fragmentarische kat' êndra-Liste
23. Liste von Schafen und Ziegen
25. Fragmentarische Liste von Landbesitzern
26. Sitologenrechnungen
28. Auszug aus dem Archiv des Strategen
30. Aufstellung von Pachtzinsen
33. Administrativer Rechenschaftsbericht
34. Bilanz der Gerstenernte
35. Bericht eines Dorfschreibers
36. Zahlung von Steuern in Naturalien
37. Konto über Getreide-Artaben
38. Liste mit Personen (viell. Schuldner)
39. Liste von Naturalzahlungen
40. Liste mit Ortsnamen
Briefe 1 1. Brief an den Architekten Kleon
Quittungen 5 3. Mitgiftquittung
4. Quittung über die Rückgabe der Mitgift
5. Quittung für die Vorauszahlung von Pachtzins
31. Sitologenquittung
32. Sitologenquittung
Deklarationen 1 29. Zensusdeklaration
Eingaben 5 13. Beschwerde betr. “unbefugtes Wohnen im
Gymnasium”
14. Beschwerde betr. Ertrag eines Palmenhains
15. Beschwerde betr. Ehestreit
22. Eingabe eines Phylakiten an den Epimeleten
24. Eingabe betr. Mißhandlung
141 In der Klassifizierung lehne ich mich an die Arbeit von D. W. Hobson (Samuel), The Village of
Apias, a.a.O. S. 80-123, bzw. an Appendix IV (S. 121) “Apias documents by type” an.
4. Dokumentation 25
Verträge 6 2. Pacht eines Weingartens
6. Pachtvertrag über Gartenland
7. Fragment eines Pachtvertrags
17. Abtretung eines staymÒw
27. Pacht von Ackerland
41. Abtretung von Katökenland
Die Übersicht zeigt, daß Dokumente amtlichen Charakters, die sich vor allem mit Steuer-
zahlungen und der Aufstellung von Listen befassen, bei weitem überwiegen. Hierzu ge-
hören auch die Zensusdeklaration und die beiden Sitologenquittungen. Eine weitere, klei-
nere Gruppe sind Verträge über die Pacht von Ländereien und eine, den Pachtzins betref-
fende Quittung, die dem wirtschaftlich-agrarischen Bereich zuzuordnen sind. Die 5 juri-
stischen Dokumente wie auch die beiden, die Mitgift betreffenden Quittungen verdeutli-
chen das nicht immer reibungslose Miteinander der Bevölkerung. Der Brief gibt Einblick
in den beruflichen Alltag einer wichtigen Berufsgruppe, die sich mit dem Bewässerungs-
system im arsinoitischen Gau beschäftigte.
4.5. Fundort und Herkunft der Samareia-Papyri
Fund- und Herkunftsort eines Papyrus müssen nicht identisch sein. Da in Samareia keine
Ausgrabungen stattfanden, stammen alle Samareia-Papyri aus anderen, wenn auch nicht
in allen Fällen genau bekannten Fundorten. Aufgrund inhaltlicher Kriterien sind aber eine
Anzahl der Samareia-Papyri dennoch Samareia als ihrem Herkunftsort zuzuordnen, sei
es, weil die Verfasser der Urkunden bzw. die in ihnen genannten Personen aus Samareia
stammen, sei es, weil es um Ländereien Samareias oder um sich dort abspielende Ereig-
nisse geht. Danach ergibt sich folgendes:
Fundort Anzahl Samareia-Papyrus Nr. Herkunft aus Samareia Anzahl
Magdola 3 13-14-15 13-14-15 3
Ptolemais Euergetis/
Arsinoiton Polis 128 -
Polemonos Meris 3 7-27-40 7 1
Tebtynis 12 18-19-23-24-29-30-32-
33-34-36-37-38 19-23-24(?)-29-32-36 6
Arsinoites 11 1-8-9-10-11-12-16-25-
26-35-41 16-25(?)-35-41 4
unbekannt, wohl
Arsinoites 11 2-3-4-5-6-17-20-21-
22-31-39 2-3-4-5-6-17-20-21(?)-
22-31 10
Gesamt: 41 Gesamt: 24
Die Samareia-Papyri setzen sich zusammen aus vierundzwanzig Papyri, in denen es
hauptsächlich oder ausschließlich um Samareia geht - die Nummern 2-3-4-5-6-7-13-14-
15-16-17-19-20-21-22-23-24-25-31-32-35-36-41, wobei allerdings in drei Fällen, die
Nummern 21-24-25, die Zuordnung unsicher ist - und aus siebzehn Papyri, die Samareia
nur in irgendeiner Form erwähnen, und somit weit weniger aussagekräftig sind.
26 4. Dokumentation
Anhang A: Dokumentation Samare¤thw
Der Vollständigkeit wegen habe ich im folgenden die Papyri aufgelistet, in denen Perso-
nen mit dem Attribut Samare¤thw auftauchen.
Nr. Dokument Zeit Inhalt Fundort
1. P.Enteux. 62 27.2.221 v.Chr. ÉAdãmaw Libãnou Samar¤thw
beschwert sich über ungerechte
Pachtforderungen
Magdola
2. P.Mil.Vogl
IV 212 109 n.Chr. Administrativer Bericht bzw. Liste, da-
rin ÉIãsvn Samare¤thw (Recto: Col. VI
2; Col. X 1)
Tebtynis
3. P.Straß. IX
866 = SB
XIV 11354
ca. 165 n.Chr. Liste von Personen, darunter ÜHrvn
Sambç Samar¤thw (Verso Z. 16)
Theadelphia
4. P.Mich. IV
223.1483.1679
224.1400.3342
171-174 n.Chr. Steuerlisten, darin viermal der Eintrag
Gãiow ÉIoÊliow Mãjimow (Samare¤ta);
bezahlt wird u.a. die Steuer naÊbion
kato¤kvn
Karanis
5. P.Herm. 40 frühes 6. Jh.
n.Chr. Sume«n ÑHraklãmmvnow garantiert in
einer Quittung Manasª EÈseb¤ou Sa-
mar¤t˙, ihn zukünftig nicht mehr fi-
nanziell zu behelligen.
Hermopolis
6. P.Herm 29
= SB VI 9278
= CPJ III 513
26.7.586 n.Chr. Scheidungsurkunde zw. AÈrÆliow
ÉIoËstow uflÚw SamcikoË u. AÈrhl¤a ...
mhtrÚw ÉEreb°kkaw, beide Samar›tai
tØn yrhsk¤an aus Hermopolis
Hermopolis
7. P.Ness III 95
(P.Colt 95)
= CPJ III 514
spätes 6. - frühes
7. Jh. n.Chr.
Liste von Einkäufen und Inventar von
Personen, darunter ¶ti Samar¤t`[˙.]. (Z.
17)
Nessana,
Negev
8. P.Sorb. II 69 618/19 oder 633/34
n.Chr.
“Un codex fiscal”; darin ein Eintrag für
ÉAbraãmiow samar¤thw (S. 188; 111 D
Z. 5)
Hermopolis
Die erste Person aus ptolemäischer Zeit (Nr. 1; 3. Jh. v.Chr.) ist von besonderen In-
teresse, weil mit der Möglichkeit gerechnet werden muß, daß es sich hier bei dem Attribut
Samare¤thw nicht um ein Ethnikon, d.h. um die Angabe der Herkunft aus Samareia in
Palästina, woran man natürlich sofort denkt, sondern um einen nach Art eines Ethnikon
gebildeten “Heimatvermerk”142 handelt, der auf die Einwohnerschaft (Domizil) im Dorf
Samareia im Arsinoites verweist, unabhängig von der Ethnizität des Betreffenden.143
Adamas, Sohn des Libanos, könnte also zu den Bewohnern Samareias gezählt werden.
142 Zu den Heimatvermerken im 3. Jh. v.Chr. siehe E. Bickermann, Beiträge zur antiken
Urkundengeschichte, Archiv für Papyrusforschung 8 (1927) S. 216-239, bes. S. 234f.
143 Vgl. die im vorigen Kapitel angeführten Bemerkungen von F. Zucker, Aegyptus 13 (1933) S. 217f,
zu P.Enteux. 62.
4. Dokumentation 27
Die folgenden drei Personen aus der Kaiserzeit (Nr. 2-4; 2. Jh. n.Chr.) bilden chronolo-
gisch eine eigene Gruppe. Nagel, der sich mit diesen Belegen beschäftigte, vermutete,
daß Samarites in Nr. 2 und 3 als Ethnikon und Bezeichnung der Religion aufzufassen ist,
und er versuchte diese These auch mit den Namen der beiden Personen (Jason und He-
ron, Sohn des Samba) zu untermauern.144 Im dritten Fall, also in Nr. 4 (P.Mich. IV von
171-174 n.Chr.), plädiert Nagel dafür, “Samareita” nicht als Ethnikon aufzufassen, da es
sich bei Gaius Julius Maximus offensichtlich um einen Veteranen handelt, der sich im Ar-
sinoites niedergelassen hat, sondern als Beinamen (surnom), der zur besseren Identifizie-
rung in einem so umfangreichen Steuerregister mit tausenden von Einträgen gebraucht
wurde.145 Tatsächlich belegen die Beispiele, die Nagel anführt, daß vor allem in der 2.
Hälfte des 2. Jh. n.Chr. nicht selten Dorfnamen mit der angehängten Endung eithw/ithw
auftauchen, die eher als Beinamen denn, wie es im 3. Jh. v.Chr. üblich war, als offizielle
bzw. juristische Herkunftsbezeichnung einer Person verwendet wurden.146 Diese Beina-
men sind wohl darauf zurückzuführen, daß ihre Träger in einer bestimmten Beziehung
(wahrscheinlich ehemalige Einwohnerschaft) zu diesen Dörfern gestanden haben, die
dann diese Kennzeichnung hervorgebracht hat. Im Fall des Gaius Julius Maximus war
das Dorf Samareia kennzeichnend für ihn, zumindest in den Augen der Steuerbehörde.
Unter diesen Gesichtspunkten ist es viel wahrscheinlicher, auch in den beiden vorange-
gangenen Fällen (Nr. 2 und 3) von dieser Interpretation auszugehen; dazu kommt, daß im
ersten Fall (Nr. 2, Jason, Samareites; Liste von Zahlungen an bestimmte Personen) im
näheren Zusammenhang weitere Personen mit einer Ortsangabe auftauchen (Kol. VI Z.
5.11.18 bzw. in der Parallele Kol. X Z. 3.8.14), was auch dafür spricht, Samareites als
einen auf das Dorf Samareia verweisenden Beinamen aufzufassen. Im zweiten Fall (Nr.
3, Heron, Sohn des Sambas, Samareites; eine fragmentarisch erhaltene Personenliste) tra-
gen die meisten Personen ägyptische Namen, darunter fünfmal der Name Heron, und ein
weiteres Mal ist der Name Sambas und einmal die Kombination Sambas, Sohn des He-
ron, belegt, was m.E. gegen die These von Nagel spricht, den Namen Sambas als wei-
teres Indiz für die Identifizierung dieser Person als Samaritaner von Herkunft und Reli-
gion heranzuziehen. Zwar ist dieser Name eine Kurzform von Sabbathaios oder Samba-
thaios und geht auf das hebräische Wort für Sabbath zurück; in römischer Zeit werden
diese Sabbath-Namen allerdings zunehmend auch von Nichtjuden angenommen, und
Sambas wurde geradezu zu einem regulären ägyptischen Namen.147 Daraus folgt, daß im
Gegensatz zu Nagel auch die Namen dieses Samareites die andere Interpretation nahele-
144 M. Nagel, Un Samaritain dans l’Arsinoïte au IIe siècle après J.-C. (à propos du nom Sambas),
Chronique d’Ègypte 49 (1974) S. 356-365.
145 A.a.O. S. 358f. Zu der Konzeption der Einträge und den Namen der Steuerzahler siehe den
Kommentar von H. C. Youtie, Callimachus in the Taxrolls, Scriptiunculae II, Amsterdam 1973, S.
1035-1041. Siehe auch a.a.O. S. 851-857.
146 A.a.O. S. 359 bes. Anm. 2. In P.Mich. IV treten noch 2 Personen mit dem Beinamen Bakxi≈thw
(von Bakchias, einem Nachbardorf von Karanis) auf: 223 Z. 2863 und 224 Z. 5205. Eindeutig ist die Lage
in BGU IV 1046 (Fayum; um 160 n.Chr.): u.a. führt ein Orsenuphis (Kol. II Z. 8) den Beinamen
(§pikaloÊmenow) Bubasteites, ein Pennesis (Kol. II Z. 11) den Beinamen Alabantheites und ein
Herakleides (Kol. II Z. 13) den Beinamen Mucheites. (Bubastis, Alabanthis und Muchis sind ebenfalls
Dörfer im Arsinoites.)
147 Siehe Tcherikover, The Sambathions, CPJ III Section XIII, S. 43-56, bes. S. 44 und 55f.
28 4. Dokumentation
gen, nämlich, dieses Attribut auch hier auf das Dorf Samareia zu beziehen. Daß letztere
Interpretation viel wahrscheinlicher ist, wird nicht zuletzt auch im Kontrast der drei Zeug-
nisse aus römischer Zeit zu den letzten vier Belegen deutlich. Sie sind mindestens dreiein-
halb Jahrhunderte später und eindeutige Belege für Samaritaner in ethnisch-religiöser
Hinsicht bzw. für die Existenz einer nicht unbedeutenden samaritanischen Gemeinde in
Hermupolis im 6. und 7. Jahrhundert.148
Ergebnis: Von den insgesamt acht Samareites-Papyri sind also nur die ersten vier rele-
vant für das Dorf Samareia, insofern als das Attribut Samareites in diesen Fällen nicht
ethnisch-religiös, sondern als ein von dem Dorfnamen Samareia abgeleiteter Beiname zu
verstehen ist. Dabei muß jedoch beachtet werden, daß derartige Beinamen sicher nur dann
gebraucht wurden und auch Sinn machen, wenn die Träger sich außerhalb des ihnen
zugrundeliegenden Ortes aufhielten.149 Daher soll davon ausgegangen werden, daß es
sich hier um ehemalige Bewohner Samareias handelt, was ihre Bedeutung für die vorlie-
gende Untersuchung einschränkt.
Anhang B: Dokumenation Samar-
In 4 weiteren Papyri tauchen Namen auf, die eine Verbindung zu Samareia bzw. Samarei-
tes nahelegen. Sie sollen daher im folgenden dokumentiert und kurz kommentiert werden.
Nr. Dokument Zeit Inhalt Fundort
1. P.Cair.Zen.
IV 59697 Frühzeit des
Zenon-Archivs,
ca. 261-246 v.Chr.
“Corn account”; mindestens 8 Personen-
namen im Dativ mit Angabe einer
Kornmenge; darunter Samãrei in Zeile 4
des Recto.
Philadelpheia
(Herakleidu
Meris)
2. P.Petr. I2
Col. III Z. 76 238/237 v.Chr. Testament; unter den 6 Zeugen auch
ÉAstØr SamareÊw.
Krokodeilon
Polis
3. P.Berl.Leihg.
II 39 Verso um 150-160 n.Chr. Liste mit Personennamen im Nominativ
und Kostenangaben; in Kol. VIII Z. 209
ein Samar¤vn.
Theadelpheia
4. P.Ness. III
(P.Colt) 91 6.-7. Jh. n.Chr. Liste von Käufern im Genitiv und Preis-
angaben; in Kol. I Zeile 5 YeodÒrou
Samar°ow.
Nessana,
Negev
1. P.Cair.Zen. IV 59697 (Mitte 3. Jh. v.Chr.) Recto Z. 4: Samãrei
Im ersten Fall handelt es sich ohne Zweifel um den Namen einer Person. D. Foraboschi
hat ihn daher, obzwar als einzigen Beleg, in sein “Onomasticon alterum Papyrologicum”
(Mailand 1967), dem Ergänzungsband zum “Namenbuch” von F. Preisigke (Heidelberg
148 Ein weiteres Zeugnis für Samaritaner ist P.Heid. IV 333 (5.Jh.n.Chr.; Herkunft unbekannt) aufgrund
der Schwurformel “beim Garizim” (Z. 14); siehe auch den Kommentar zu Z. 14 und die Einleiung S.
225f. Weitere, bes. neuere Zeugnisse bei J. Gascou, Un Codex Fiscal Hermopolite (P.Sorb. II 69),
Atlanta 1994, S. 65. Ein Überblick über die Literatur zu den Samaritaner im allgemeinen findet sich bei
J. Zangenberg, SAMAREIA. Antike Quellen zur Geschichte und Kultur der Samaritaner in deutscher
Übersetzung, Tübingen und Basel 1994, bes. S. XV-XVIII.
149 Darauf hat Uebel im Fall des Adamas (Nr. 1) hingewiesen: Die Kleruchen Ägyptens unter den ersten
sechs Ptolemäern, Berlin 1968, S. 198 Anm. 1.
4. Dokumentation 29
1922), aufgenommen, und zwar unter dem Stichwort *Samãrhw (möglich wäre auch Sa-
mãraw) gemäß der Akzentuierung der Herausgeber bzw. auch abweichend davon unter
SamareÊw (Dat. Samare›). Jedenfalls läßt sich der zugrundeliegende Personenname nur
mit dem Ortsnamen Samareia bzw. dem Ethnikon Samareites/Samareus in Verbindung
bringen und erklären. Der Herausgeber von P.Cair.Zen. IV 59697 bemerkt nur allge-
mein, daß die meisten Namen (der insgesamt acht) neu seien und zumindest einer von ih-
nen (welcher?) “foreign”.
2. P.Petr. I2 Kol. III (238/7 v.Chr.) Zeile 76: ÉAstØr SamareÊw
Im Kommentar bemerkt Clarysse zu Aster: “With L. Robert I think the name to be purely
Greek”.150 Die erhaltene Namensform dieses Zeugen: (griechischer) Name - kein Patro-
nymikon- Ethnikon, sowie auch der Zusammenhang weisen darauf hin, daß es sich hier
um einen Kleruchen handelt.151 SamareÊw ist kein weiterer Name, sondern die bei
Josephus und in Inschriften vorkommende Alternativform für das Ethnikon Samar¤-
thw152 zur Angabe der Herkunft aus Samaria in Palästina bzw. bei Personen in Ägypten
möglicherweise auch aus Samareia im Arsinoites.153 Auf letztere Möglichkeit hatte zuerst
Zucker in der schon mehrfach zitierten Bemerkung zu P.Enteux. 62 (221 v.Chr.) bzw. zu
dem dort bezeugten Adamas, Sohn des Libanos, Samarites, hingewiesen.154 Clarysse
hält es daher auch im Fall des Kleruchen Aster für nicht ausgeschlossen, daß er aus dem
Dorf Samareia stammt. Hier besteht jedoch ein wichtiger Unterschied zu dem auch von
Clarysse erwähnten Adamas, den Clarysse nicht gesehen hat: Uebel, der Adamas, Sohn
des Libanos, nicht als Kleruchen führt, offensichtlich wegen des Patronymikon bzw.
Fehlens der militärischen Kleruchenbezeichnungen, weist in seiner Besprechung von
P.Enteux. 62 darauf hin, daß die Deutung von Samareites als Herkunftsangabe aus dem
Dorf Samareia es “unwahrscheinlich” machen würde, “in Adamas eine Militärperson,
einen Kleruchen, zu sehen...”.155 Er gibt keine weitere Begründung dafür, aber sie liegt
m.E. darin, daß Kleruchen immer “echte” Ethnika angeben, die auf eine Herkunft aus
einem Volk oder einer Region außerhalb Ägyptens verweisen. Von daher halte ich es im
Fall des Aster, der ja aller Wahrscheinlichkeit nach Kleruche ist, für eindeutig, Samareus
als “echtes” Ethnikon, das auf die Herkunft aus Samaria in Palästina, das ja zu dieser Zeit
unter ptolemäischer Oberherrschaft war, verweist, zu betrachten. Das zeigen auch zwei
weitere der übrigen fünf Zeugen, bei denen ein Ethnikon erhalten ist: in Zeile 80 folgt ein
Makedone, in Zeile 85 ein Thraker. Allein diese erhaltenen drei Kleruchen illustrieren
schon “the ethnic diversity of the Ptolemaic Army”156.
150 P.Petr. I2 S. 79.
151 Zur sogenannten “Nomenklaturregel” für die Statusbestimmung einer Person: P.Petr. I2 S. 45-46.
152 A.a.O. S. 79. Insofern gehört dieses Zeugnis inhaltlich zu den Samareites-Papyri in 4.6.
153 In diesem Fall sollte man strenggenommen nicht von einem Ethnikon, sondern besser von einer
ethnikonartigen Herkunftsbezeichnung reden.
154 Aegyptus 13 (1933) S. 217f.
155 Uebel, Die Kleruchen Ägyptens unter den ersten sechs Ptoelmäern, Berlin 1968, S. 198 Anm. 1.
156 So Clarysse in P.Petr. I2. S. 80.
30 4. Dokumentation
3. P.Berl.Leihg. II 39 (Mitte 2. Jh. n.Chr.) Verso Kol. VIII Z. 209: Samar¤vn
Der nur hier belegte Personenname findet sich nicht im Onomastikon von Foraboschi, da
dieser Papyrus ein Jahrzehnt später veröffentlicht wurde. Aus der Mitte des 1. Jh. n.Chr.
ist der Name Samal¤vn in einem Register belegt (P.Lond. III 604 Z. 136, S. 74), der
immerhin eine nicht geringe Nähe aufweist. Der Personenname Samar¤vn könnte gut mit
Samareia in Verbindung gebracht werden; so ist eine Bezeichnung der Landschaft Sama-
ria bei Josephus Samar¤w, eine weitere Samar°vn x≈ra.157 Von hier aus kann es
leicht zur Bildung dieses Personennamens gekommen sein.
4. P.Ness. III (P.Colt) 91 (6.-7. Jh. n.Chr.) Kol. I Z. 5: YeodÒrou Samar°ow
Hier gibt es einen Kommentar des Herausgebers: “If SamareÊw is an ethnic instead of a
patronymic, Theodore’s village is probably the Samaria located in the Fayum”(S. 289).
Zur Zeit dieser Urkunde liegt der letzte Beleg für Samareia im Arsinoites (Samareia-Papy-
rus Nr. 41 von 289 n.Chr.) schon über dreihundert Jahre zurück, von daher sollte der
Ursprung dieses fraglichen Ethnikons besser im Samaria Palästinas gesucht werden, im-
merhin ist ja für dieselbe Zeit in P.Ness. II 95 ein Samaritaner bezeugt. Clarysse weist al-
lerdings in einer Fußnote seines Kommentars zu Aster Samareus darauf hin, daß es sich
doch um ein Patronymikon handele.158 Die fragliche Person heißt also YeÒdvrow Sama-
r°ow bzw. Theodoros, Sohn des Samareus. Wir haben hier also einen weiteren Beleg für
den Namen Samareus, allerdings über acht Jahrunderte nach dem fraglichen Beleg Nr. 1.
Ergebnis:
Aus der Mitte des 3. Jh. v.Chr. haben wir im Arsinoites den Personennamen Samãrhw
bzw. SamareÊw überliefert, dessen Bildung unzweifelhaft auf den Ortsnamen Samareia
(ob in Palästina oder im Arsinoites) bzw. das Ethnikon Samarites/Samareus zurückzufüh-
ren ist. Wenig später, in den Jahren 238/237, tritt ein gewisser Aster mit dem Ethnikon
SamareÊw als Zeuge auf; es handelt sich um den ersten bekannten arsinoitischen Kleru-
chen aus Samaria in Palästina. Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts ist im Ar-
sinoites der Name Samar¤vn, um 700 n.Chr. aus Nessana noch ein weitereres Mal der
Name SamareÊw bezeugt. Einen Hinweis auf eine Verbindung zu dem Dorf Samareia o-
der gar eine Einwohnerschaft gibt es bei keiner dieser vier Personen.
157 Belege bei Pape-Benseler, Griechische Eigennamen.
158 Clarysse, a.a.O. S. 80 Anm. 101; so urteilten auch schon B. Lifshitz und J. Schiby in ihrem Aufsatz
“Une Synagogue Samaritaine a Thessalonique”, Revue Biblique 75 (1968) S. 368-378; siehe dort S. 377
Anm. 58.
5. Topographie
5.1. Einführung: Samareia im Arsinoites:
In diesem Kapitel soll die Lage Samareias untersucht werden, bzw. was sich an Angaben
darüber in den Samareia-Papyri finden läßt.159 Samareia ist eines der zahlreichen Dörfer
einer großen, rund achtzig Kilometer südwestlich von Kairo gelegenen Oase, die sich
westlich des Nils befindet und mit diesem durch einen Einflußkanal (Bahr Yusuf) verbun-
den ist; an dem nordwestlichen Rand befindet sich ein großer See, der Moiris-See, das
übrige Gebiet ist von zahlreichen Kanälen durchzogen. Arabisch heißt dieses Gebiet El-
Fayyum160, seit ptolemäischer Zeit nach Arsinoe, der zweiten Frau von Ptolemaios Phila-
delphos, ÉArsino¤thw (nomÒw) genannt, im Deutschen entweder arsinoitischer Gau oder
einfach nur Arsinoites (Nomos).161 Die Gauhauptstadt oder Metropole ist Krokodeilon
Polis bzw. Ptolemais Euergetis bzw. Arsinoiton Polis, zentral am Ende des Einflußkanals
gelegen.162 Dieser Gau zerfällt in drei Bezirke (Merides), die Herakleidu Meris im Nord-
osten, die Themistu Meris im Nordwesten und die Polemonos Meris im Süden.
Bedauerlicherweise muß die Untersuchung mit zwei negativen Feststellungen beginnen:
Zum einen ist Samareia niemals ausgegraben worden, zum anderen auch nicht mit einem
heutigen Ort identifiziert worden. Was können wir also über die Lage Samareias wissen?
Auf zwei Wegen können wir einer Lokalisierung Samareias näherkommen: erstens, in-
dem wir aus Anhaltspunkten in den Papyri auf eine Nachbarschaft zu Ortschaften schlie-
ßen können, die auf einer heutigen Karte identifiziert sind, oder indem wir Angaben fin-
den, die eine relative Bestimmung der Lage Samareias ermöglichen (5.2.); zweitens, in-
dem wir im allgemeinen dokumentieren, mit welchen Dörfern Samareia in den Papyri auf-
tritt, vor allem in Listen oder ähnlichem (5.3).
5.2. Zur genaueren Lage Samareias:
PSI X 1159: Samareia liegt in der Polemonos Meris
Im Samareia-Papyrus Nr. 28 aus dem 2. Jh. n.Chr. wird der Besitz einer Frau aus der
Gaumetropole beschrieben, den sie in der Polemonos Meris (Z. 16) hat, und zwar in der
Umgebung von fünf Ortschaften, darunter auch Samareia. Daraus geht nun eindeutig her-
vor, daß Samareia in der Polemonos Meris liegt, also im südlichen Drittel des Arsinoiti-
schen Gaus.
159 In diesem - speziellen und eingeschränkten - Sinn benutze ich hier das Wort “Topographie” oder
“topographisch”.
160 Wahrscheinlich von mittelägyptisch Pa-jm “Seeland”. Siehe Lexikon der Ägyptologie II “Fajjum”.
161 Genaueres zum Arsinoites: É. BERNAND, RECUEIL DES INSCRIPTIONS GRECQUES DU
FAYOUM, TOME I, Leiden 1975, Préface p. XIII-XVII; C. Wessely, Topographie des Faijum
(Arsinoites Nomus) in griechischer Zeit, Wien 1904, Neudruck Mailand 1975; B. P. Grenfell and A. S.
Hunt, Fayûm Towns and their Papyri (P.Fayûm), London 1900, S. 1-17 “The ancient geography of the
Fayûm”; eine Übersichtskarte von Ägypten mit einer Ausschnittskarte vom Arsinoites ist TAVO B V 21
“Ägypten in hellenistisch-römischer Zeit”.
162 Zur Gaumetropole siehe L.Casarico, Crocodilopolis-Ptolemais Euergetis in epoca tolemaica,
Aegyptus 67 (1987) S. 127-159, und vom selben Autor, Per la storia di un toponimo: Ptolemais
Euergetis-Arsinoiton polis, a.a.O. S. 161-170.
32 5. Topographie
P.Petr.II 4(11): Nachbarschaft von Samareia und Tebetny
Was die Topographie angeht, gibt uns der erste Samareia-Papyrus eine wichtige Informa-
tion: ein Abflußkanal führte von Tebetny und Samareia nach Kerkeesis (kommt auch als
Kerkesis vor). Es handelt sich hier offenbar um einen kleineren Kanal zwischen drei Dör-
fern, der auch nicht weiter belegt ist. Die Beschreibung deutet darauf hin, daß die als Her-
kunftsorte genannten Dörfer Tebetny und Samareia näher beieinander lagen, was auf-
grund der anzunehmenden geringen Länge des Kanals auch für das als Bestimmungsort
genannte dritte Dorf, Kerkeesis, gelten kann. Nur für Tebetny ist eine Identifizierung vor-
geschlagen worden, und zwar schon von Amélineau in seiner 1893 erschienenen Geo-
graphie des koptischen Ägyptens. Er schreibt, daß dieser Name Buchstabe für Buchstabe
mit dem arabischen Dorf Dafadnu, das im Norden der ehemaligen Polemonos Meris liegt,
übereinstimme.163 Wessely übernimmt diese Identifizierung und nennt ein weiteres Ar-
gument dafür.164 Wenn diese Identifizierung stimmt, dann muß Samareia ebenfalls im
Norden der Meris, nicht weit vom Ende des Einflußkanals in den Arsinoites gelegen
haben.
P.Enteux. 8-23-64 (Nr.13-15; 3. Jh. v.Chr.): Fundort nicht gleich Herkunftsort
Alle drei Dokumente (und weitere aus diesem Band) stammen aus Mumienkartonnage,
die in Medinet-en-Nahas (Magdola; südwestliche Ecke der Polemonos Meris) gefunden
wurden. Alle drei stammen jedoch inhaltlich durchaus aus Samareia bzw. wurden dort
abgefaßt. Bedeutet das nun eine geographische Nähe Samareias zu Magdola, lag es also
nicht bei Tebetny im Norden, sondern in der entgegengesetzten Ecke der Polemonos
Meris? Dem ist nicht so, da die in Magdola gefundenen Dokumente sich auf die verschie-
densten Herkunftsorte verteilen, wie der Herausgeber auf den Seiten XLII-XLVII dar-
legt, d.h. der Fundort Magdola steht nicht (unbedingt) in geographischer Beziehung zu
dem jeweiligen, inhaltlich zu erschließenden Herkunftsort der Urkunden, sondern noch in
der Antike sind diese Papyri aus den verschiedensten Orten, darunter auch Samareia, ge-
sammelt und zu Mumienkartonnage verarbeitet worden, die dann in Magdola gefunden
wurde.
Zur Nachbarschaft von Samareia und Kerkesephis:
P.Gurob 4 (3. Jh. v.Chr.)
Nr. 16 berichtet von einem Korntransport aus Kerkesephis, allerdings handelt es sich um
Korn für ein Steueraufkommen Samareias. Zwei Dinge werden dadurch klar: erstens, daß
Kerkesephis und Samareia zwei eigenständige Dörfer sind, und zweitens, daß Kerke-
sephis zumindest so nahe bei Samareia liegt, daß von dort aufgebrachtes Korn von Ker-
kesephis aus befördert wird. Von Kerkesephis stellt Daris165 fest, daß es zwar zur Pole-
monos Meris gehört, jedoch wahrscheinlich an der Grenze zur Themistu Meris liegt, da
es häufig zusammen mit Dörfern dieser Meris genannt wird. Diese Angabe würde sehr
gut zur Lokalisation von Samareia bei Dafadnu (Tebetny) passsen, also im Norden der
163 A.a.O. S. 487.
164 In seiner schon angeführten Topographie, S. 145, schreibt er, daß ein in den Papyri als Nachbarort
von Tebetny erwähntes Dorf auch als Nachbarort von Dafadnu identifiert worden sei.
165 A. Calderini und S. Daris, Dizionario dei nomi geografici e topografici dell’Egitto greco-romano (im
folgenden kurz “Dizionario”), 1935-1986, Band III S.105.
5. Topographie 33
Polemonos Meris, d.h. in Richtung auf die Themistu Meris, die sich ja im Nordwesten
anschließt.
P.Tebt. III 820 = CPJ I 22 (3. Jh. v.Chr.)
Nr. 17. weist in die gleiche Richtung: Theodotos erklärt in Samareia gegenüber vier arsi-
noitischen Königsbauern (sicherlich aus Kerkesephis), daß er das Quartier (staymÒw),
das seinem Vater in Kerkesephis gehörte, abtritt (in Form einer Zession), was sehr gut
mit einer Nachbarschaft beider Dörfer zusammenpassen würde. Als Erklärung dafür
schlägt Tcherikover vor, Samareia als eine Militärsiedlung anzusehen, die innerhalb der
Grenzen des älteren Kerkesephis errichtet wurde.166
P.Tebt. III 1027 (2. Jh. v.Chr.)
Ein weiteres, schönes Indiz für die Nachbarschaft von Samareia und Kerkesephis wie
auch von Tebetny bietet das Verso von Nr. 18 der Samareia-Papyri: es handelt sich laut
dem Herausgeber um das Fragment eines Berichts über Zahlungen an die Kornspeicher-
Wachen verschiedener Dörfer. Auf jeden Fall werden im Fragment I in den Zeilen 27-32
nacheinander Samareia, Kerkesephis und Tebetny aufgeführt. Auf ähnliche Weise neben-
einander stehen Samareia und Kerkesephis in Nr. 30 (Z. 11 und 16) und in Nr. 38 (Rec-
to, Fragmente d und e).167
BGU I 94 (3. Jh. n.Chr.)
Eindeutig ist die Lage dann im spätesten Samareia-Papyrus: dort wird an drei Stellen (in
den Zeilen 4, 6 und 24) ein Dorf “Samareia, das auch Kerkesephis heißt” (einmal auch in
umgekehrter Reihenfolge) erwähnt, d.h. Samareia und Kerkesephis wurden zu einem
Dorf zusammengefaßt oder sind zu einem Dorf verschmolzen. Dieser Umstand belegt nun
eindeutig eine - sogar unmittelbare und enge - geographische Nachbarschaft der beiden
vor dieser Verschmelzung.
Zur Nachbarschaft von Samareia und Bukoloi alias Tristomos
P.Lond. III 1219 (Nr. 35)
In diesem Dokument aus dem Jahr 196 n.Chr. haben wir einen Bericht des Dorfschrei-
bers Pasion an Bolanos, den Strategen der beiden Bezirke Themistos und Polemon, vor
uns. Interessant ist, daß Pasion für zwei Dörfer zuständig ist, für Bukoloi alias Tristomos
und für Samareia. Bukoloi alias Tristomos lag in der Polemonos Meris, und zwar an der
Grenze zur Themistu Meris.168 Wenn beide Dörfer einen gemeinsamen Komogram-
mateus besitzen, so liegt es nahe, daß sie benachbart waren. D.h. wir haben hier einen
weiteren Beleg für die Lage Samareias im Norden der Polemonos Meris, nahe der Grenze
zur Themistu Meris.
Beziehungen zu weiteren Dörfern
CPR XVIII 7 (Nr. 2; 3. Jh. v.Chr.): zu Tebtynis
Der Perser Ptolemaios verpachtet an zwei Juden einen Weingarten in der Flur von Tebty-
nis. Ganz offensichtlich - die Urkunde ist in Samareia abgefaßt - wohnt Ptolemaios,
wenn nicht gar auch die anderen Beteiligten, in Samareia, besitzt jedoch aus uns nicht be-
166 Tcherikover, CPJ I 22 S. 161 Anm. 6.
167 In einem Fall, Nr. 39, eine Liste mit 11 Dörfern in der Polemon Meris, wird Kerkesephis an 2. und
Samareia erst an 9. Stelle verzeichnet. Genaueres dazu unter 5.3.
168 Zum Namen, zur Lage und zu den weiteren Belegen siehe L. Youtie in BASP 19 (1982) S. 91-94.
34 5. Topographie
kannten Gründen Land in Tebtynis. Vielleicht war es sein früherer Wohnsitz. Allerdings
ergeben sich hieraus keine Folgerungen für die Lage Samareias, da Tebtynis ganz im Sü-
den, d.h. an der entgegengesetzten Grenze der Meris, gelegen war (siehe Karte vom Arsi-
noites; Tebtynis ist ausgegraben worden).
P.Tebt. III 873 Fr.2 (Nr. 19; 2. Jh. v.Chr.)169: zu Theogenis
Dieses Fragment berichtet über Teilzahlungen von zwei Steuern des Dorfes Theogenis,
die in dem Logeuterion Samareias (“Steuerhebebüro”, so Preisigke in seinem Fachwör-
terbuch) eingegangen sind. Laut Dizionario170 war Theogenis im Süden der Polemonos
Meris, in der Nähe von Kerkeosiris171 und Talei172 gelegen, wiederum am entgegenge-
setzten, südlichen Rand der Meris. Es besteht also auch keine geographische Beziehung,
eher etwas, das man etwas salopp eine “Bankverbindung” nennen könnte, doch dazu spä-
ter an entsprechender Stelle (9.4).
CPR XVIII Kol. 457-460 “Schlußabrechnung” (3. Jh. v.Chr.): nochmal Theogenis
Genau umgekehrt ist hier die Beziehung von Samareia und Theogenis: Fünf in Samareia
aufgesetzte Verträge wurden höchstwahrscheinlich im Grapheion von Theogenis regi-
striert173, des weiteren neben Verträgen aus Theogenis selbst auch Verträge aus
Oxyrhyncha, Kalliphanus und aus Dikaiu. Theogenis war also wohl eine zentrale Stelle
für offizielle Registrierungen in der Meris, ohne daß man jeweils deswegen in die Gau-
metropole gehen mußte. Während über die Lage von Kalliphanus und Dikaiu nichts Ge-
naues bekannt ist, war Oxyrhyncha in der Nähe von Kerkeesis gelegen.174 Kerkeesis sei-
nerseits lag, wie wir schon gesehen haben, offenbar in der Nähe von Tebetny und Sama-
reia bzw. ebenfalls an der Nordgrenze der Polemonos Meris.175 Daraus folgt, daß man
offensichtlich sogar vom Nordteil176 der Meris, der ja schon recht nahe an die
Gaumetropole heranreichte, in das nahe der Südgrenze gelegene Theogenis ging, um
Verträge dort registrieren zu lassen. Es war wohl einfach Pflicht für die Einwohner der
Dörfer der Polemonos Meris, das an dieser Stelle zu tun, auch wenn es geographisch
gesehen nicht unbedingt eine Erleichterung bedeutete.
Ergebnis:
In elf Samareia-Papyri ließen sich Angaben über die nähere Lokalisierung unseres Dorfes
finden. Danach war Samareia ein Dorf in der im Süden des Arsinoites gelegenen Polemo-
nos Meris. Die genauere Lage war am Nordrand der Meris, also an der Grenze zur nord-
westlich gelegenen Themistu Meris. Als unmittelbare Nachbardörfer von Samareia sind
Tebetny, Kerkesephis und Bukoloi alias Tristomos bezeugt, mittelbar auch Kerkeesis und
169 Besprochen von Raymond Bogaert in ZPE 68 (1987) S. 64 und in Pap.Flor. XXV S. 348-362.
170 Band II S. 259ff.
171 Vermutlich identisch mit Garaq.
172 Archäologisch gesicherte Lokalisierung.
173 So B. Kramer, CPR XVIII S. 99; siehe auch S. 10 (Anm. 24) und S. 26-27.
174 So übereinstimmend P.Tebt. II S. 392 und Dizionario, Band III S. 392.
175 P.Tebt. II S. 383.
176 Warum bei B. Kramer, CPR XVIII S. 99 oben, die Einwohner von Oxyrhyncha und Samareia zu den
“Bewohnern des südlichen Teils der Meris” gehören, verstehe ich nicht; vielleicht sollte es heißen:
“Bewohner des südlichen Teils des Gaues”, nämlich der gesamten Polemonos Meris.
5. Topographie 35
Oxyrhyncha, wobei bisher keines der Dörfer ausgegraben und nur Tebetny mit einem
heutigen Ort identifiziert wurde.
5.3. Samareia in Listen von Dörfern
Nachdem die näheren Angaben über die Lage Samareias besprochen worden sind, soll
nun dokumentiert werden, in welchen topographischen Zusammenhängen Samareia in
den Papyri auftritt. Bei vierzehn Samareia-Papyri handelt es sich um Listen von Dörfern
bzw. Texte, in denen nacheinander bestimmten Dörfern etwas beurkundet wird. Die gro-
ße Frage ist allerdings jeweils, ob diese Listen nach geographischen Gesichtspunkten an-
gefertigt wurden und somit Anhaltspunkte hergeben für Lagebestimmungen. Bei der I-
dentifizierung der einzelnen Orte stütze ich mich im Wesentlichen auf den 1935 bis 1986
erschienenen sechsbändige Dizionario dei nomi geografici e topografici dell’Egitto greco-
romano (im folgenden “Dizionario” genannt) von Calderini und Daris.177
P.Petr. II 28 (= Nr. 8) und III 66 b) (= Nr. 9)
Es handelt sich dabei offensichtlich178 um fragmentarische Auszüge aus einem Register
von Steuerzahlungen aus dem 3. Jh. v.Chr., die bei der königlichen Bank in der Gaume-
tropole eingingen, mit einer Liste der Namen der Ölhändler und ihrem Ort im Gau. An
dieser Stelle interessieren nur die Ortschaften, die hier der Reihe nach aufgeführt wer-
den.179 Samareia ist fettgedruckt, unterstrichen sind Dörfer, die im letzten Abschnitt (5.2)
erwähnt wurden:
Nr. 8
Kol. I ÉAyhnçw k≈mh, BoukÒlvn k≈mh, LhtoËw pÒliw, Yead°lfeia,
Ptolema‹w ÜOrmou, Yeogon¤w, Ko›tai, ÉArsinÒh, ÑIerå N∞sow t∞w Pol°mvnow
mer¤dow, PÒliw, ÉOjÊrugxa, Cinte≈, ÉArsinÒh, ÑHfaistiãw ka‹ Soknopa¤ou N∞sow,
BoÊbastow, M°mfiw, KerkesoËxa, Trikvm¤a, KerkesoËxa.
Kol. II MoËxiw, PÒliw, AÈtod¤kh, PÒliw, Tale¤, Berenik‹w YesmofÒrou,
Yf«iw, Farba›ya, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa, Bakxiãw, Ptolema‹w ÜOrmou, PÒliw, KerkesoËxa,
ÉOjÊrugxa, Teb°tnu ka‹ Magd«la, Karan¤w, KerkesoËxa, Ko›tai, Ptolema‹w
KainÆ, Yead°lfeia, Yeogon¤w, PÒliw, M°mfiw, ÉArsinÒh, Farba›ya, Filad°l-
feia.
Kol. III (oberer Teil verloren) ÑIerå N∞sow t∞w ÑHrakle¤dou mer¤dow, PÒliw,
LhtoËw pÒliw, PÒliw, ÑHfaistiãw ka‹ Soknopa¤ou N∞sow, Dionusiãw, Ko›tai,
Dionusiãw, Filad°lfeia, KerkesoËxa, ÑIerå N∞sow t∞w Pol°mvnow mer¤dow.
Kol. IV ÉAyhnçw k≈mh, Trikvm¤a, PÒliw, ÉAfrod¤thw Beren¤khw pÒliw,
EÈhm°reia, PÒliw, Kãminoi, Berenik‹w YesmofÒrou, Ptolema‹w ÜOrmou, PÒliw,
Cinte≈, PÒliw, Trikvm¤a, AÈtod¤kh.
177 Parallel dazu benutzte ich auch die (auch für den Dizionario) grundlegende Topographie des Arsinoites
von Grenfell und Hunt, die sie im Jahr 1907 als Appendix II von P.Tebt. II auf den S. 343-424
veröffentlichten.
178 Siehe P.Petr. III 66 b) S. 190.
179 Vgl. die zahlreichen Korrekturen in P.Petr. III 66 a) und im ersten Band der Berichtigungsliste der
Griechischen Papyrusurkunden aus Ägypten, Berlin und Leipzig 1922, herausgegeben von F. Preisigke,
auf den Seiten 363ff.
36 5. Topographie
Kol. V Yeogon¤w, PÒliw, BoÊbastow, Filvter¤w, ÉArsinÒh, PÒliw,
ÉApollvniãw, pÒliw ÉArkad¤vn, PÒliw, ÉArsinÒh, PÒliw, BoukÒlvn k≈mh, PÒliw,
KerkesoËxa, MoËxiw, PÒliw, ÉAnoubiãw, PÒliw, Ptolema‹w ÜOrmou, Filad°lfeia,
M°mfiw, Filagr¤w, PÒliw.
Kol. VI ÉArxela¤w, PÒliw, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa, ÉArsinÒh, Dika¤ou N∞sow, PÒliw, ÑIerå
N∞sow t∞w Pol°mvnow mer¤dow, KerkesoËxa, Berenik‹w YesmofÒrou, FulakitikØ
N∞sow, Farba›ya, Filvter¤w, AÈtod¤kh, ÉOjÊrugxa, Yf«iw, Mhtrod≈rou
§po¤kion, PÒliw, CÊa, LhtoËw pÒliw, ÉAfrod¤thw Beren¤khw pÒliw, PÒliw.
Kol. VII LhtoËw pÒliw, MoËxiw, Ko›tai, Ptolema‹w ÜOrmou, Yf«iw, Tale¤,
PÒliw, ÑIerå N∞sow t∞w ÑHrakle¤dou mer¤dow, PhloÊsion, Lag¤w, PÒliw, Bakxiãw,
PÒliw, ÉArsinÒh, PÒliw, Mo∞riw, PÒliw, PhloÊsion, KerkesoËxa, PoludeÊkeia,
PÒliw, Filagr¤w, PÒliw, Farba›ya, PÒliw, EÈhm°reia, Ptolema‹w KainÆ.
Kol. VIII (oberer Teil verloren) PÒliw, PhloÊsion, BoukÒlvn k≈mh, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa,
Dika¤ou N∞sow, Berenik‹w YesmofÒrou, PÒliw, BoÊbastow, PÒliw, KerkesoËxa,
PÒliw, ÉIbi≈n, Yeogon¤w, Ko›tai, PÒliw, ÉOjÊrugxa, Cinte≈, ÑHl¤ou pÒliw,
Kerkeos›riw, PÒliw, Karan¤w, SebennËtow, PÒliw.
Kol. IX Filvter¤w, PÒliw, M°mfiw, Teb°tnu, AÈtod¤kh, Yead°lfeia,
Ptolema‹w ÜOrmou, ÑHfaistiåw ka‹ Soknopa¤ou N∞sow, Filad°lfeia, Cinçxiw,
ÉAfrod¤thw Beren¤khw pÒliw, ÉAlabany¤w, ÉAlejãndrou N∞sow, Tale¤, PÒliw,
Bakxiãw, Berenik‹w YesmofÒrou, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa, ÉArsinÒh, ÉOjÊrugxa, AÈ∞riw, PÒliw,
LhtoËw pÒliw, Lusimax¤w, PÒliw, Filagr¤w, ÉArsinÒh, PÒliw, Farba›ya,
KerkesoËxa, ÉAyhnçw k≈mh.
Kol. X Lag¤w, ÉArsinÒh, PÒliw, Farba›ya, Kãminoi, Ptolema‹w ÜOrmou,
PhloÊsion, Yead°lfeia, PÒliw, Berenik‹w YesmofÒrou, PÒliw, Yeogon¤w, Kerk...,
PÒliw.
Kol. XI (oberer Teil verloren) EÈhm°reia, PÒliw, Farba›ya, BoÊbastow,
Ko›tai, Karan¤w, PÒliw, PhloÊsion, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa....
Nr. 9
Kol. I EÈhm°reia, Yead°lfeia, Filad°lfeia, Karan¤w, Berenik‹w
YesmofÒrou, Cinte≈, AÈtod¤kh, Filad°lfeia, FulakitikØ N∞sow, PÒliw,
ÉAlejãndrou N∞sow.
Kol. II LhtoËw pÒliw, M°mfiw, Ko›tai, AÈ∞riw, Ptolema‹w ÜOrmou,
ÉOjÊrugxa, CenËriw, PÒliw, KerkesoËxa, Teb°tnu, PhloÊsion, ÉArsinÒh.
Kol. III PÒliw, Ptolema‹w DrumoË, SebennËtow, PÒliw, MoËxiw, PÒliw,
Cinçxiw, Dika¤ou N∞sow, PÒliw.
Kol. IV PhloÊsion, ÉApÒllvnow pÒliw, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa, PÒliw, Ptolema¤w,
PÒliw, ÉAlabany¤w, EÈhm°reia, Magd«la, PÒliw.
Samareia taucht sechsmal in diesem Register auf, aber jedesmal vor oder nach verschiede-
nen Ortschaften, von denen jeweils kein Ort als Nachbar bekannt und belegt ist. Von den
als Nachbarn bekannten Dörfern findet sich in der Liste Oxyrhyncha und Tebetny, es feh-
len Kerkesephis, Kerkeesis und Bukolu alias Tristomos. Was die übrigen Ortschaften be-
trifft, steht fest, daß sich alle im Arsinoites befinden. Drei Orte, “Polis Arkadion” (Nr. 8
Kol. V), “Moeris” (Nr. 8 Kol. VII) und “Heliu Polis” (Nr. 8 Kol. VIII), konnten bisher
keiner Meris zugeordnet werden. Weitere fünf Ortsnamen können sich auf zwei Orte in
zwei verschiedenen Merides beziehen. Da die meisten jedoch eindeutig einer Meris (je
5. Topographie 37
mind. zwanzig Orte) zugeordnet werden können, zeigt sich, daß in jeder Kolumne alle
drei Merides vertreten sind und zum Teil sich direkt abwechseln, so daß keinerlei Aussa-
gen über Nachbarschaften möglich sind. Die häufig (an mind. achtundfünfzig Stellen)
vorkommende PÒliw ist die Gaumetropole; bei einem Ortsnamen, Hiera Nesos, wird
ausdrücklich die Meris dazugefügt: in den Kol. I, II und VI heißt es “Hiera Nesos in der
Polemonos Meris”, in Kol. VII (jeweils von Nr. 8) dagegen “Hiera Nesos in der Hera-
kleidu Meris”.
Es ergibt sich daher, daß die Eintragungen in diese Listen offenbar keiner festen Reihen-
folge bzw. keinem System folgten, so daß sich daraus keine Angaben bzgl. der Topo-
graphie ableiten lassen.
Zur Verdeutlichung und der Übersicht wegen sollen nun Listen von Dörfer der drei Meri-
des angefügt werden, und zwar mit Angabe der Belege in den jeweiligen Kolumnen von
Nr. 8 und 9. Eine ähnliche Liste hat auch schon der Herausgeber von P.Petr. II 28 er-
stellt.180 In den beiden Papyri finden sich zwanzig Dörfer aus der Polemonos Meris,
zweiundzwanzig aus der Themistu Meris und einundzwanzig aus der Herakleidu Meris.
Insgesamt kommen mindestens sechsundsechzig Dörfer vor. Auch im Blick auf die Be-
sprechung der folgenden Papyri können diese Listen hilfreich sein.181
Dörfer in der Polemonos Meris
ÉApÒllvnow pÒliw (Nr. 9 Kol. IV 2)
ÖArevw k≈mh
ÉAristãrxou N∞sow
ÉAfrod¤thw pÒliw**
Berenik‹w YesmofÒrou (Nr. 8 Kol. II 6 - IV 8 - VI 15 - VIII 7 - IX 21 - X 20; Nr. 9 I 7)
Boukol¤ou toË ka‹ TristÒmou
Bous›riw
Dika¤ou N∞sow (Nr. 8 Kol. VI 8 - VIII 6; Nr. 9 III 12)
ÑHrakle¤dou ÉEpo¤kion
Yeogon¤w (Nr. 8 Kol. I 9 - II 24 - V 1 - VIII 15 - X 26)
ÉIbi≈n (Nr. 8 Kol. VIII 14)
ÉIbi≈n ÉArga¤ou
ÉIbi≈n EfikosipentaroÊrvn
ÑIerå N∞sow** (Nr. 8 Kol. I 14 - III 15 - VI 11)
Kallifãnouw
Kãminoi (Nr. 8 Kol. IV 7 - X 9)
Kerke∞siw
Kerkeyo∞riw
Kerkeos›riw* (Nr. 8 Kol. VIII 22)
Kerkes∞fiw
KerkesoËxa** (Nr. 8 Kol. I 24.28 - II 13.19 - III 14 - V 21 - VI 12 - VII 23 - VIII 11 - IX 37;
Nr. 9 II 9)
180 Siehe a.a.O. S. 98.
181 Die Untersuchungen und Listen, die sich bei W. Habermann in dem Aufsatz "Kerkeosiris/Kerkeusiris
im Arsinoites", Chronique d’Égypt (CE) 76 (1992) S. 101-111, finden, dienten mir dabei als Vorbild.
38 5. Topographie
Kun«n pÒliw
Lusimax¤w* (Nr. 8 Kol. IX 30)
Magd«la (Nr. 9 Kol. IV 12)
M°mfiw (Nr. 8 Kol. I 23 - V 29 - IX 3 - ; Nr. 9 II 2)
Mhtrod≈rou §po¤kion** (Nr. 8 Kol. VI 24)
MoËxiw (Nr. 8 Kol. II 1 - V 22 - VII 2; Nr. 9 III 6)
NarmoËyiw
ÉOjÊrugxa (Nr. 8 Kol. I 17 - II 15 - VI 22 - VIII 18 - IX 25; Nr. 9 II 6)
Ptolema‹w Melissourg«n
SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa,,,, SS
SSaa
aamm
mmaa
aarr
rr¤¤
¤¤aa
aa (Nr. 8 Kol. II 9 - VI 4 - VIII 4 - IX 22 - XI 12; Nr. 9 IV 3)
SoËriw
Tale¤, Tale›yiw (Nr. 8 Kol. II 5 - VII 6 - IX 18)
Teb°tnu (Nr. 8 Kol. II 16 - IX 4; Nr. 9 II 10)
TebtËniw
Fneb¤h
FulakitikØ N∞sow (Nr. 8 Kol. IV 17; Nr. 9 I 11)
Cinte≈ (Nr. 8 Kol. I 18 - IV 13 - VIII 19; Nr. 9 I 8)
* Auch in der Themistu Meris bezeugt.
** Auch in der Herakleidu Meris bezeugt.
Dörfer in der Themistu Meris
ÉAyhnçw k≈mh (Nr. 8 Kol. I 1 - IV 1 - IX 38)
ÉAlejãndrou N∞sow (Nr. 8 Kol. IX 16; Nr. 9 I 13)
ÉAndromax¤w
ÉAnoubiãw (Nr. 8 Kol. V 25)
ÉApiãw
ÉApollvniãw (Nr. 8 Kol. V 8)
ÉArsinÒh** (Nr. 8 Kol. I 19 - II 26 - V 13 - VII 16 - IX 34; Nr. 9 II 12)
ÉArxela¤w (Nr. 8 Kol. VI 1)
AÈtod¤kh (Nr. 8 Kol. II 3 - IV 17 - VI 21 - IX 5; Nr. 9 I 9)
Berenik‹w AfigialoË
BoukÒlvn k≈mh (Nr. 8 Kol. I 3 - V 16 - VIII 3)
Dionusiãw (Nr. 8 Kol. III 10.12)
ÑErmoË pÒliw
EÈhm°reia (Nr. 8 Kol. IV 5 - VII 33 - XI 1; Nr. 9 I 3 - IV 11)
Yead°lfeia (Nr. 8 Kol. I 7 - II 23 - IX 6 - X 18; Nr. 9 I 4)
Yeojen¤w
Kanvpiãw
Kerkeos›riw* (Nr. 8 Kol. VIII 22)
Lag¤w (Nr. 8 Kol. VII 12 - X 1)
Lusimax¤w* (Nr. 8 Kol. IX 30)
Maga¤w
PhloÊsion (Nr. 8 Kol. VII 11.22 - VIII 2 - X 12.17 - XI 11; Nr. 9 II 11 - IV 1)
PoludeÊkeia (Nr. 8 Kol. VII 26)
Ptolema‹w KainÆ (Nr. 8 Kol. II 21 - VII 35)
Ptolema‹w DrumoË (Nr. 9 Kol. III 2)
5. Topographie 39
Trikvm¤a (Nr. 8 Kol. I 27 - IV 2.16)
Filagr¤w (Nr. 8 Kol. V 30 - VII 29 - IX 33)
Filvter¤w (Nr. 8 Kol. V 4 - VI 20 - IX 1)
Cinçxiw (Nr. 8 Kol. IX 11)
* Auch in der Polemonos Meris bezeugt.
** Auch in der Herakleidu Meris bezeugt.
Dörfer in der Herakleidu Meris
ÉAlabany¤w (Nr. 8 Kol. IX 15; Nr. 9 IV 10)
ÉArsinÒh* (Nr. 8 Kol. I 12 - V 5 - VI 6 - IX 23 - X 2)
AÈ∞riw (Nr. 8 Kol. IX 27; Nr. 9 II 4)
ÉAfrod¤thw Beren¤khw pÒliw (Nr. 8 Kol. IV 4 - VI 32 - IX 13)
ÉAfrod¤thw pÒliw**
Bakxiãw (Nr. 8 Kol. II 10 - VII 14 - IX 20)
BoÊbastow (Nr. 8 Kol. I 22 - V 3 - VIII 9 - XI 5)
ÑHfaistiãw (Nr. 8 Kol. I 20 - III 7 - IX 8)
Yf«iw (Nr. 8 Kol. II 7 - VI 23 - VII 5)
ÑIerå N∞sow** (Nr. 8 Kol. III 2 - VII 9)
Karan¤w (Nr. 8 Kol. II 18 - VIII 24 - XI 7; Nr. 9 I 6)
KerkesoËxa** (Nr. 8 I 24.28 - II 13.19 - III 14 - V 21 - VI 12 - VII 23 - VIII 11 - IX 37;
Nr. 9 II 9)
Ko›tai, Ko¤th (Nr. 8 Kol. I 11 - II 20 - II 11 - VII 3 - VIII 16 XI 6; Nr. 9 II 3)
LhtoËw pÒliw (Nr. 8 Kol. I 5 - III 4 - VI 31 - VII 1 - IX 29; Nr. 9 II 1)
Mhtrod≈rou §po¤kion** (Nr. 8 Kol. VI 24)
Ptolema‹w ÜOrmou (Nr. 8 Kol. I 8 - II 11 - IV 9 - V 27 - VII 4 - IX 7 - X 13; Nr. 9 II 5)
SebennËtow (Nr. 8 Kol. VIII 25; Nr. 9 III 4)
Soknopa¤ou N∞sow (Nr. 8 Kol. I 20 - III 7 - IX 8)
Farba›ya, Farba›yow (Nr. 8 Kol. II 8.27 - VI 18 - VII 31 - IX 36 - X 8 - XI 3)
Filad°lfeia (Nr. 8 Kol. II 28 - III 13 - V 28 - IX 10; Nr. 9 I 5.10)
CenËriw (Nr. 9 Kol. II 7)
Ceonn«friw
CÊa (Nr. 8 Kol. VI 30)
* Auch in der Themistu Meris bezeugt.
** Auch in der Polemonos Meris bezeugt.
Die Belege für PÒliw:
Nr. 8:
Kol. I 16 - II 2.4.12.25 - III 3.5 - VI 3.6.10.14 - V 2.7.12.14.17.23.26.31 - VI
3.9.27.34 - VII 8.13.15.17.19.28.30.32 - VIII 1.8.10.12.17.23.26 - IX 2.19.28.32.35
- X 4.19.24.30 - XI 2.8.
Nr. 9:
Kol. I 12 - II 8 - II 1.5.7.13 - IV 5.7.13.
40 5. Topographie
Weitere Dorflisten
P.Petr. III 87 (Nr. 10; 3. Jh. v.Chr.)
Es handelt sich um zwei Fragmente desselben Dokuments, bei denen jeweils der Anfang
oder das Ende der Zeilen weggebrochen sind. Inhaltlich sind es Teile einer Serie von
Briefen mit Instruktionen über Zahlungen von Gerste an die Bierbrauer im Arsinoites.182
Die meisten Ortsnamen sind weggebrochen, und der Gesamtsinn ist nicht mehr wieder-
herstellbar. Die übriggebliebenen Ortsnamen sind:
Fragment a) Recto Z. 5 und 16 ÉAfrod¤thw pÒliw
Verso Kol. II Z. 10 PhloÊsion
Z. 11 ÉApiãw
Z. 25 Cinçxiw
Fragment b) Verso Kol. I Z. 4 §n t“ nom“ (d.h. im Arsinoites)
Kol. II Z. 2 SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa
Z. 3 Ker...
Z. 6 ÉAfrod¤thw pÒliw
Z. 8 ÉOjÊrugxa.
Drei der Orte, Pelusion, Apias und Psinachis, liegen in der Themistu Meris, Aphrodites
Polis gibt es sowohl in der Herakleidu als auch in der Polemonos Meris. Da es jedoch an
der zweiten Stelle zusammen mit Samareia und Oxyrhyncha vorkommt, ist hier sicher das
in der Polemonos Meris gelegene Dorf gemeint.183 Vielleicht lag es nicht weit von Sama-
reia und Oxyrhyncha.
P.Petr. III 112 (Nr. 12; 3. Jh. v.Chr.)
Es handelt sich um acht Fragmente desselben Dokuments, und zwar um Berichte von
Steuerzahlungen verschiedener Klassen von Kleruchen184 im Arsinoites185. Im folgen-
den sind die erhaltenen Ortsbezeichnungen dokumentiert:
Frgm. c) Z. 7/8 Lusimax¤w
Z. 11 Berenik¤w
Z. 15 Ptolema‹w DrumoË
Z. 29 ÉAlejãndrou N∞sow
Frgm. e) Kol. II Z. 1 MoËxiw
Z. 4/5 SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa
Z. 10 ÑIerå N∞sow
Z. 20 ÉIsi∞on
Frgm. f) Z. 2 Farba›ya
Z. 10 Ceonn«friw
Z. 16 EÈhm°reia
Z. 17/18 PhloÊsion
Frgm. g) Z. 9 Mhtrod≈rou §po¤kion.
182 So der Herausgeber in P.Petr. III S. 223.
183 So auch der Dizionario Band I.2 S. 299.
184 So der Herausgeber auf S. 287f.
185 Siehe das zweifache §n t“ nom“ (im Gau, d.h. im Arsinoites): Frgm. a) Kol. I Z. 2; Frgm. b) Z. 3.
5. Topographie 41
Leider ergeben sich aus diesen Fragmenten bzw. den dort erwähnten Ortsangaben keine
topographischen Anhaltspunkte, was Samareia angeht. Die vier Orte von Fragment c)
sind der Themistu Meris zuzuorden (sofern es sich bei Berenikis um Berenikis Aigalu
handelt, was naheliegt), die Orte von Fragment e) der Polemonos Meris. Die Zuordnung
der Orte von Fragment f) ist nicht einheitlich: die letzten beiden sind sicher der Themistu
Meris, der erste sicher und der zweite wahrscheinlich der Herakleidu Meris zuzuordnen.
Metrodoru Epoikion liegt ebenfalls wahrscheinlich in der Herakleidu Meris.
P.Tebt. III 1027 (Nr. 18; 2. Jh. v.Chr.)
Das Fragment I des Verso listet Zahlungen von je einer Artabe Weizen pro Monat an die
Kornspeicherwachen verschiedener Dörfer auf186 (jeweils eingeleitet mit t“ §n...):
Z. 27 SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa
Z. 29 Kerkes∞fiw
Z. 31 Teb°tnu
Z. 34 MoËxiw
Z. 36 ÉAfrod¤thw pÒliw
Z. 40 ÑIerå N∞sow
Z. 41 Dika¤ou N∞sow
Z. 42 Lusimax¤w.
In Z. 33 wird eine Zwischenbilanz187 gezogen mit Verweis (im Genitiv) auf das Yhsau-
rofulakitikÚn per‹ ÉOjÊrugxa - laut Herausgeber ein Hinweis darauf, daß
Oxyrhyncha wohl das Zentrum einer kleinen Gruppe von Kornspeicher war, nämlich von
zumindest Samareia, Kerkesephis und Tebetny. Wie schon im vorigen Abschnitt (5.2)
angeführt, ist dies ein klares Indiz für die angenommene geographische Nähe von Sama-
reia, Kerkesephis, Tebetny und Oxyrhyncha. In den Zeilen 43f. folgt dann offensichtlich
eine weitere Bilanz, von der jedoch noch weniger erhalten ist. Demnach bilden auch die
Kornspeicher der letzten fünf Dörfer eine Gruppe und liegen nahe beieinander. Offen-
sichtlich sind alle Dörfer in der Polemonos Meris anzusiedeln: sicher die ersten vier und
Dikaiu Nesos; Aphrodites Polis und Hiera Nesos haben jeweils auch ein Pendant in der
Herakleidu Meris, was hier nicht in Frage kommen kann; Lysimachis gibt es auch in der
Themistu Meris, doch hier paßt nur das in der Polemonos Meris gelegene.188
P.Ryl. II 71 (Nr. 26; 1. Jh. v.Chr.)
Es handelt sich bei diesem Papyrus um fragmentarisch erhaltene Berichte von Sitologen.
Das für unsere Zwecke interessante Verso berichtet von Zahlungen an den Kornspeicher;
nach der Überschrift “Und für andere Dörfer” folgt zunächt ein Dorf namens Thmoinete
(Polemonos Meris189), vier Zeilen weiter dann Samareia. Laut Herausgeber sollen auf
dazugehörigen kleinen Fragmenten auch die Dörfer Oxyrhyncha und Tebetny genannt
sein, ein weiteres Indiz für die Nachbarschaft der Dörfer. Mehr ist den Fragmenten nicht
zu entnehmen.
186 So der Herausgeber auf S. 224.
187 Die Summe ist nicht erhalten.
188 Zu den beiden Lysimachides siehe ausführlich B. Kramer, CPR XYIII, S.106-114.
189 Vgl. P.Petr. III 43 (2) Col. iii. 28.
42 5. Topographie
PSI X 1159 (Nr. 28; 2. Jh. n.Chr.)
Es handelt sich um einen Auszug aus dem Archiv des Strategen des Arsinoites. Darin190
erfahren wir, daß Arsinoe, eine reiche Frau aus der Gaumetropole, einige Ländereien und
Häuser in der Polemonos Meris besitzt, und zwar Ländereien in:
TebtËniw, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa, Yeogon¤w, Tale¤, Kerkes∞fiw,
und mehrere Häuser wiederum in: TebtËniw.
Eigenartig ist hier die Reihenfolge der Ortschaften bzw. die Tatsache, daß Samareia und
Kerkesephis nicht nebeneinander stehen, sondern voneinander getrennt sind durch Talei
und Theogonis, die beide näher zu Tebtynis lagen. Eine Reihung nach topographischen
Prinzipien scheidet also aus. Es handelt sich eher um eine zufällige Reihenfolge, da sonst
kein Prinzip erkennbar ist (z.B. nach Art oder Größe der jeweiligen Ländereien).
P.Mil.Vogl. VI 275 (Nr. 30; 2. Jh. n.Chr.):
Dieses Papyrusfragment bietet eine Aufstellung von Zinszahlungen für gepachtete Lände-
reien in verschiedenen Dörfern (lÒgow §kfor¤vn). Erhalten sind in Kol. I die Dorfna-
men:
Z. 4 Ptolema‹w (Melissourg«n)191
Z. 11 Kerkes∞fiw
Z. 15 SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa
Z. 18 .....sis (der Anfang des Namens fehlt)
Z. 21 Yeogon¤w (und wenn die Ergänzung stimmt: )
Z. 32 TebtËniw.
Erwähnenswert ist hier das Nebeneinander von Samareia und Kerkesephis; Ptolemais
Melissurgon lag nach P.Tebt. III 828.10 bei Kerkeesis (was als Ergänzung in Z. 18 pas-
sen würde), d.h. auch nicht weit von den beiden vorgenannten Dörfern. Dann folgen
zwei entferntere Dörfer. Hier würden Reihenfolge und (von mir angenommene) topo-
graphische Beziehung zueinander passen.
P.Mil.Vogl. IV 213 (Nr. 33; 2. Jh. n.Chr.)
Laut Herausgeber handelt es sich um einen administrativen Rechenschaftsbericht; in den
unsere Zwecke betreffenden Kolumnen IV- VII des Rectos geht es um die Registrierung
von Arbeitstagen von Jochgespannen in einigen Kleroi in Dörfern rings um Tebtynis. Die
ersten vier Zeilen der vierten Kolumne sind unvollständig, erkennbar ist jedoch Kerke-
sephis in Zeile 3. Erwähnt werden - zum Teil mehrfach - folgende Kleroi bzw. minde-
stens in einem Fall - Oxyrhyncha - ein Dorf:
Kleros Bubalu, Kleros Syron, Kleros Phansetis, Kleros Panebiu, Kleros Chrysochu,
Kleros Samareias, Kleros Pyrhrhu, (Kleros) Petaris, (Kleros) Sanuphis.
Um diese Zeit, also 154 n.Chr., scheint es einen Kleros Samareias gegeben zu haben, ei-
ne Länderei, die nach dem Dorf Samareia benannt wurde und wohl auch in der Umge-
bung Samareias gelegen war. Oxyrhyncha, das ja nahe bei Samareia lag, taucht auch auf,
wird jedoch nicht als Kleros, sondern als Dorf geführt. Das Gleiche könnte für Kerke-
sephis gelten, jedoch ist hier der Zusammenhang nicht erhalten.
190 Z. 16-19.
191 So S. Daris in Aegyptus. 64 (1984) S. 102.
5. Topographie 43
P.Mil.Vogl. I 28 (Nr. 34; 2. Jh. n.Chr.)
Hierbei handelt es sich um eine über einhundert Zeilen lange Bilanz der Gerstenernte einer
Domäne (OÈs¤a) im Arsinoites. Neben den Einzahlungen aus verschiedenen Kleroi
taucht auch eine Einzahlung eines Bauern aus oder für Oxyrhyncha auf (Kol. I Z. 27).
Unter den Ausgaben befinden sich auch Aufwendungen für Reisen in die Gaumetropole
und nach Ibion bzw. Ibion Argaiu192 (Kol. II). In Kol. III wird in Zeile 81 der
Thesauros Teptyneos, also der Kornspeicher von Tebtynis, erwähnt, in Zeile 85
Theogonis und in Zeile 93 Samareia jeweils in Verbindung mit einem Kleros. Deutlich
wird hier die geographische Verzweigtheit einer solchen Domäne.Topographische Namen
sind also:
ÉOjÊrugxa, Die Metropole, ÉIbi∆n ÉArga¤ou, TebtËniw, Yeogon¤w und SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa.
P.Mil.Vogl. IV 253 (Nr. 37; 2. Jh. n.Chr.)
Es handelt sich um ein fragmentarisch erhaltenes Konto aus Tebtynis, das Getreide-
mengen verschiedener Dörfer verzeichnet. Erhalten sind auf den 20 Zeilen folgende Orte,
die der Vollständigkeit halber auch dokumentiert werden sollen:
Z. 4 Tebnçsiw
Z. 10 ÑIerã
Z. 11 SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa
Z. 12 ÉIbi≈n
Z. 14 ÉEpo¤kion Ya¤satow
Z. 17 ÑIerã
Z. 19 Der Thesauros von TebtËniw
Z. 20 Kerke∞siw.
Tebnasis taucht hier das einzige Mal als topographischer Name in Arsinoites auf. Laut Di-
zionario III S. 17 handelt es sich bei Hiera um Hiera Nesos in der Polemon Meris, was
unser Papyrus ja auch nahelegt. Der Dizionario193 verzeichnet einen Kleros Thaisatos in
Tebtynis (P.Mil. Vogl. VII 303.8), aber ein Epoikion Thaisatos ist ihm nicht bekannt.
Das Dorf Ibion in Z. 12 rechnet der Dizionario194 nicht zu einem der beiden bekannten
Ibiones in der Polemonos Meris, Ibion Argaiu (nahe bei Tebtynis) oder Ibion Eikosipent-
aruron (nahe bei Talis), sondern zu einem dritten Dorf “Ibion” im Arsinoites, für das er
Belege ab dem 1. Jh. n.Chr. aufführt.
P.Tebt. II 609 (Nr. 38; 2. Jh. n.Chr.)
Auf dem Recto sind vier Kolumen fast vollständig erhalten, und zwar eine Liste von Per-
sonen aus verschiedenen Dörfern der Polemonos Meris, die laut Herausgeber “apparently
owed the sum of 106 dr. 11/2 ob.”195 Bemerkenswert ist hier sicher das Nebeneinander
wiederum von Samareia und Kerkesephis. Die Dörfer sind der Reihe nach: NarmoËyiw,
Tale¤, ÉIbi∆n EfikosipentaroÊrvn, Kerkes∞fiw, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa, Tale¤ und Lusimax¤w.
192 Laut Herausgeber, S. 237 Anm. 27, lag dieses Dorf ebenso wie Theogonis im Gharaq-Bassin, also
im Südwesten der Polemonos Meris, bei Kerkeosiris. Tebtynis (weiter im Südosten) sei das Zentrum
gewesen, von wo aus die Bewirtschaftung geleitet worden sei.
193 Suppl. S. 132.
194 Band III S. 8.
195 P.Tebt. II S. 329.
44 5. Topographie
Auf den fünf Kolumnen des Verso ist ebenfalls eine Liste von Personen, nach Dörfern196
geordnet, verzeichnet. Der Herausgeber gibt die folgenden wieder:
ÖArevw k≈mh ka‹ Lusimax¤w, Kerkeos›riw, NarmoËyiw, Berenik‹w YesmofÒrou,
NarmoËyiw, ÉAfrod¤thw pÒliw, Teb°tnu ka‹ Ptolema‹w Melissourg«n, Dika¤ou ka‹
ÉAristãrxou, M°mfiw ka‹ Fneb¤h, SoËriw ka‹ FulakitikÆ, Tale¤ ka‹ MoËxiw ka‹
ParembolÆ, Kerkes∞fiw, ÉIbi≈n EfikosipentaroÊrvn ka‹ Tale¤.
Gemäß der von mir erstellten Dorflisten liegen alle Orte in der Ptolemonos Meris, die auf-
fällige Verbindung von Orten mit “und” verweist sicher auf eine geographische Nähe, so
z. Bsp. von Tebetny und Ptolemais Melissurgon, was, wie wir bei Nr. 30 schon gesehen
haben, ja auch nahe bei Kerkeesis lag.
SB III 7200 (Nr. 39; 2. Jh. n.Chr.)197
In der Publikation ist der Papyrus lapidar überschrieben mit “Naturalzahlungen von Dör-
fern des Arsinoites”. Erhalten sind mehr oder weniger fragmentarisch fünf Kolumen:
Kol. I “bis auf Zeilenschlüsse verloren” (so der Herausgeber).
Kol. II Fneb¤h, Berenik‹w YesmofÒrou, NarmoËyiw, ÉIbi≈n ÉArga¤ou,
Cinte≈, Bous›riw, Kãminoi, MoËxiw ımo¤vw Pol°mvnow mer¤dow, ÉAfrod¤thw pÒliw,
ÉEleus¤w, Bous›riw, MoËxiw.
Kol. III EÈhm°reia, Dionusiãw, Maga¤w, Yeojen¤w, Kanopiãw, Filvter¤w,
Filagr¤w, ÉAndromax¤w, ÑErmoË pÒliw, AÈtod¤kh, Berenik‹w AfigialoË, ÉAnoubiãw,
ÉApollvniãw, Kerkeos›riw, ÉAyhnçw k≈mh, ÉArsinÒh.
Kol. IV Filvter¤w, Kanvpiãw, ...Pol°mvnow mer¤dow, Kerke∞siw, Kerkes∞-
fiw, Berenik‹w YesmofÒrou, NarmoËyiw, Kerkeos›riw, ÉIbi∆n ÉArga¤ou, Cinte≈,
ÉApÒllvnow pÒliw, SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa, ÉIbi∆n EfikosipentaroÊrvn, Kallifãnouw, Teb-
tËniw, ÉAnoubiãw.
Kol. V ÖArevw k≈mh, Yeogon¤w, Tale¤, Kerkeos›riw, ÉIbi≈n EfikosipentaroÊ-
rvn, ÉOjÊrugxa, Ptolema‹w Melissourg«n, Teb°tnu, Kerke∞siw, Kerkes∞fiw,
Berenik‹w YesmofÒrou, NarmoËyiw.
Beim Identifizieren der Orte zeigt sich, daß in Kol. II alle der Polemonos Meris und in
Kol. III alle der Themistu Meris zugehören. Die ersten beiden Orte von Kol. IV gehören
auch zur Themistu Meris, nach der Erwähnung der Polemonos Meris folgen dann Orte
dieser Meris bis zu Erwähnung der Themistu Meris, gefolgt von einem Ort aus ebendie-
ser. Die Orte von Kol. V liegen dann alle wieder in der Polemonos Meris. Es liegt also ei-
ne Anordnung nach den Merides vor. Augenfällig ist auch das Nebeneinander in Kol. IV
von Kerkeesis und Kerkesephis und in Kol. V von Tebetny, Kerkeesis und Kerkesephis.
Wenn hier allerdings eine streng geographische Anordnung vorliegen würde (und meine
Annahme bzgl. einer Nachbarschaft von Kerkesephis und Samareia stimmt), dann wäre
zu erwarten, daß Samareia in Kol. IV direkt neben Kerkesephis verzeichnet wäre, was a-
ber nicht der Fall ist.
196 Laut Herausgeber liegen alle Dörfer in der Polemonos Meris.
197 Korrekturen siehe Berichtigungsliste der Griechischen Papyrusurkunden aus Ägypten, Leiden 1986,
Band. VII S. 191 und Band. 8 S. 326.
5. Topographie 45
P.IFAO III 42 (Nr. 40; 2.-3. Jh. n.Chr.)
Überschrieben ist dieser Papyrus mit “Liste de Toponymes du Fayoum”. Genauer gesagt,
werden achtzehn Dörfer, von denen bei zweien die Namen verloren sind, mit einer Zah-
lenangabe aufgeführt. Laut Herausgeber sind diese Dörfer in der Polemonos Meris an-
zusiedeln:
Yeogon¤w,
Aristãrxou N∞sow,
Fneb¤h,
Kerkeos›riw,
- 2 Namen fehlen -
L≈rou xvr¤on,
ÑIerå N∞sow,
Teb°tnu,
Ptolema‹w Melissourg«n,
Kãminoi,
Kerke∞siw,
ÑHrakle¤dou ÉEpo¤kion,
SS
SSaa
aamm
mmãã
ããrr
rree
eeii
iiaa
aa,
Boukol¤ou,
TebtËniw,
Kun«n pÒliw.
Bukolios scheint identisch zu sein mit Bukoloi alias Tristomos, dem Nachbardorf Sama-
reias. Nach P.Tebt. III 828.10 sind Kerkesis und Ptolemais Melissurgon benachbart, e-
benfalls nahe bei Kerkesis lag vielleicht auch Herakleidu Epoikion, so vermuten überein-
stimmend Grenfell und Hunt198 und der Dizionario199. Von Kaminoi ist nur bekannt,
daß es in der Polemonos Meris lag, vielleicht gehörte es ebenfall zu diesem Tebetny -
Kerkesis - Samareia - Komplex. Was das Loru Chorion angeht, so verzeichnet der
Dizionario nur Belege aus dem 6.-8. Jh. n.Chr. und gibt als Lagebestimmung nur
“Arsinoites” an.200 Wessely hat es im Südosten des Arsinoites ansiedeln wollen. Auch
der Zusammenhang hier legt nahe, es in der Polemonos Meris anzusiedeln.
ZUSAMMENFASSUNG:
Die vierzehn untersuchten Samareia-Papyri sind größtenteils fragmentarisch und wenig
verständlich. Zur näheren Bestimmung der Lage Samareias tragen sie nichts bei, sie be-
stätigen allenfalls die Ergebnisse von 5.2. über Nachbarschaft zu verschiedenen Dörfern.
Zudem verdeutlichen diese Listen von Dörfern die dichte Besiedlung des Arsinoites und
die große Anzahl von Dörfern in den einzelnen Merides, die auf vielfältige Weise in Be-
ziehung zueinander standen.
198 P.Tebt. II S. 378.
199 Band II S. 209.
200 Band III S. 215.
6. Name und Gründung
6.1. Einführung
Wie der Durchgang durch die papyrologische Literatur zu Samareia (Kapitel 3) gezeigt
hat, wird durchweg die Deutung des Namens mit der Frage nach der Gründung bzw. der
Herkunft der ursprünglichen oder anfänglichen Bevölkerung verbunden. Und zwar geht
die bisherige Sichtweise dahin, daß man - ausgehend von der allgemein angenommenen
Namensgleichheit des ägyptischen Dorfes Samareia mit Samaria in Palästina - auf eine
Gründung und derartige Benennung durch Einwanderer aus dem Norden Palästinas bzw.
konkret durch Juden oder Samaritaner schließt. Dann schlägt man eine Brücke zu Nach-
richten des Josephus über die Ansiedelung von Juden oder samaritanischen Söldnern im
dritten Jahrhundert in Ägypten und spricht direkt von einer jüdischen oder samaritani-
schen Siedlung. Allerdings wird von den meisten Kommentatoren der hypothetische Cha-
rakter dieser Aussagen klar betont. Es soll nun untersucht werden, wie stichhaltig diese
Argumentation ist, bzw. was sich anhand der jeweiligen Quellen, zunächst der Samareia-
Papyri, dann der Josephus-Zitate, dazu begründet sagen läßt. Eine weitere Frage wird
sein, ob sich Parallelen dazu finden lassen, naturgemäß in den papyrologischen Quellen
Ägyptens.
6.2. Die Samareia-Papyri zu Gründung und Namen
Die erste Frage muß lauten: Wird überhaupt etwas in den Samareia-Papyri direkt zu der
Gründung und dem Namen des Dorfes ausgesagt? Die Antwort ist negativ, was durchaus
auch in der Beschaffenheit dieser Quellen liegt: sie stammen ja aus diesem Dorf oder von
seinen Einwohnern bzw. sie erwähnen eben dieses Dorf mit seinem Namen, d.h. sie
setzen seine Existenz voraus und machen keinerlei direkte Aussagen über dieses Dorf,
über seine Gründung und Geschichte bzw. auch über die Themen der folgenden Kapitel
dieser Arbeit. Dies ist eine weitere, wichtige methodische Aussage über die möglichen Er-
gebnisse dieser papyrologischen Studie: neben der in Abschnitt 4.1. schon festgestellten
quantitativen Begrenztheit der Samareia-Papyri sind sie als Primärquellen auch qualitativ
bzw. inhaltlich begrenzt, im Unterschied z.B. zu historiographischen Quellen. Die zweite
Frage muß also lauten: Wird etwas indirekt ausgesagt, finden sich Angaben, die uns
Auskunft über diese Fragen geben können? Nun, gleich der früheste Papyrus (Nr. 1)
könnte hier in Frage kommen:
In P.Petr. II 4 (11) haben wir einen Brief vom 7.8.254 an Kleon, einen Beamten, der uns
aus einem Archiv201 von über fünfzig Dokumenten bekannt ist. Sein vollständiger Titel
im Griechischen war offensichtlich érxit°ktvn t«n §n t“ nom“ ¶rgvn202, von Tony
Reekmans folgendermaßen definiert: "l’ingénieur en chef des travaux d’irrigation qui
furent exécutés dans l’Arsinoïte au cours du règne de Ptolémée II"203; die Papyri bezeu-
201 E. Seidl bezeichnet es in seiner "Ptolemäischen Rechtsgeschichte" (Hamburg 1962; S. 43) als
"Theodoros-Archiv", nach dem Amtsnachfolger von Kleon, und rechnet es zu den Archiven, die er
"Buchführungsarchive" nennt.
202 Siehe P.Petr. III 43 (7) S. 131 Z.3 = P.Petr. II 15 (2) Z. 3)
203 So zu Beginn seines Aufsatzes "Le Salaire de Cléon", Archiv 20 (1970) S. 17-24; A. Bouché-
Leclercq schrieb schon 1908 einen bis heute maßgeblichen Aufsatz über ihn: "L’Ingenieur Cléon", REG
21 (1908) S. 121-152; siehe auch Prosopographia Ptolemaica I 534 und 881. Siehe auch P.Coll.Youtie I
6. Name und Gründung 47
gen seine Aktivität vom 27.-36. Jahr des Philadelphus, d.h. von 259-249 v.Chr.
Preisigke definiert ihn in seinem Fachwörterbuch als “Leiter technischer Bauarbeiten
(Kanalbau, Bergarbeit)”. Nach Fitzler204 hatte Kleon drei Ressorts unter sich: a) Damm-
und Kanalarbeiten, b) Bergwerke und Steinbrüche, und c) öffentliche Bauten und andere
¶rga; dabei scheinen administrative Funktionen die technischen überwogen zu haben. Er
war wohl den leitenden Gaubeamten unterstellt, ihm selbst jedoch unterstand ein großer
Stab von “technischen Beamten”, ganz zu schweigen von der sicher beträchtlichen Zahl
der Arbeiter.205 Nach Bouché-Leclercq und auch Clarysse206 geht es in den Texten vor
allem um die Erhaltung bzw. um Ausbesserungen bereits bestehender Bewässerungs-
anlagen des Arsinoites, nicht um den großangelegten Aufbau neuer Kanäle.
Damit kehre ich zu dem vorliegenden Papyrus zurück, dessen Übersetzung Schubart207
mit der Überschrift “Ein Wasserbaumeister an Kleon, den Leiter der öffentlichen
Arbeiten” versah. Alexander, über den wir nichts Näheres wissen (“Wasserbaumeister”,
so Schubart), unterrichtet seinen Vorgesetzten über die Lage der ihm anvertrauten
Arbeiten und bittet um konkrete Hilfe. Es geht um Arbeiten an einen Kanal von Tebetny
und Samareia nach Kerkeesis, der im vorigen Jahr, also 255, gegraben wurde. Die
Bezeichnung für diesen Kanal ist §jagvgÒw, "Abflußkanal", offensichtlich ein Kanal, der
überschüssiges Wasser abführt und das Land vor Überschwemmungen bewahren
soll.208 So begründet Alexander seinem Vorgesetzten gegenüber seine Empfehlungen in
Bezug auf Arbeiten an diesem Kanal damit, daß "das Land nicht unter Wasser bleibt"
(Zeile 4-5 nach der Übersetzung von Schubart). Die Situation war also so, daß der
Abflußkanal zwar im vergangenen Jahr angelegt worden war, aber aufgrund eines
bestimmten Umstandes seinen Zweck nicht erfüllte, nämlich das Überschwemmungs-
wasser abzuführen, somit drohte das Land überschwemmt und für den Anbau verloren zu
bleiben. Die Nilflut, die ja Ende August - Anfang September ihr Maximum zu erreichen
pflegt, mußte eben u.a. mit Hilfe solcher Kanäle reguliert werden, da sonst Land für die
Nutzung verloren gehen konnte, indem nämlich z.B. das Überschwemmungswasser
darauf stehen blieb. Daher war es zur Zeit der Abfassung unseres Briefes, Anfang
August209, notwendig, den Kanal für den in wenigen Wochen bevorstehenden Abfluß
der Nilflut funktionsfähig zu machen.
(1976) 7-11.“Lettres à Kléon”, S. 79-89; B. Mertens, “A Letter To The Architecton Kleon: P.Petrie II 4,
1 + 4, 9”, ZPE 59 (1985) S. 61-66.
204 K. Fitzler, Steinbrüche und Bergwerke im ptolemäischen und römischen Ägypten, Leipzig 1910,
S.63.
205 A.a.O. S. 57-65 bietet Fitzler eine eingehende Analyse.
206 Akten des XVIII. Kongr. Band II S. 77-81, A New Fragment for a Zenon Papyrus from Athens,
siehe bes. S. 81 Anm. 8.
207 Ein Jahrtausend am Nil, Berlin 1923, S. 29f.
208 Auf den Seiten 31f. ihres posthum erschienenen Werkes “Le Régime Administratif de l’Eau du Nil
dans l’Égypte Grecque, Romaine et Byzantine” (= Probleme der Ägyptologie Band 8), Leiden 1993, gibt
D. Bonneau eine kurze Erläuterung zu dieser Art von Kanal. Demnach stammen die Belege nahezu alle
aus ptolemäischer Zeit und ausnahmslos aus dem Arsinoites.
209 D. Bonneau, a.a.O. S. 175, schreibt, daß die vielfältigen Ausbesserungsarbeiten gewöhnlich im
März-April begannen und sich zum Teil - vor allem im Arsinoites - bis in den August hinzogen bzw.
verspäteten, was ja in unserem Text offensichtlich der Fall zu sein scheint, so daß das steigende Wasser
48 6. Name und Gründung
Was war nun der Umstand, der den Kanal funktionsunfähig machte? Hier ist m.E. der
Brief nicht eindeutig: nachdem nämlich der Schreiber sich in der zweiten Zeile darauf be-
zogen hat, daß der Kanal letztes Jahr gegraben worden war (§skãcamen p°rusi), fährt
er dann fort: §gkatãleimma g°gonen, vom Erstherausgeber übersetzt mit: “a silting up has
taken place” (was wohl zu interpretieren ist: Eine Ablagerung oder Sedimentation - na-
turgemäß durch das durchgeflossene Wasser - ist eingetreten, die eine Säuberung not-
wendig machte), von Schubart jedoch übersetzt mit: “ein Rest [ist] unvollendet geblie-
ben”210, nämlich bei der Grabung im letzten Jahr. Nach der ersten Deutung ginge es um
die Säuberung des fertigen Kanals von Ablagerungen oder Rückständen, gemäß der
zweiten jedoch um die Fertigstellung. Dann legt Alexander seinem Vorgesetzten die Maß-
nahmen vor, mit denen er diesen Umstand beseitigen will (Z. 3-7), und fügt dazwischen
das Ziel ein (Z. 4-5): ·na suntelesyª ka‹ ≤ g∞ katãbroxow g¤nhtai, “damit die Ar-
beit vollendet wird [wörtlicher: damit er, der Kanal, vollendet wird], und das Land nicht
unter Wasser bleibt [wörtlicher: überflutet wird]” (Übersetzung von Schubart).
Die erste Deutung würde besagen, daß der Kanal zwar im Jahr 255, wohl vor der Nilflut,
fertiggestellt wurde, aber schon ein Jahr später, d.h. nach einer Nilflut, Ablagerungen
aufgetreten waren, die eine systematische Ausbesserung bzw. Säuberung erforderten.
Schwierigkeiten macht bei dieser Deutung das suntelesyª in Zeile 4, dessen wörtliche
Übersetzung die zweite Deutung für §gkatãleimma g°gonen nahelegen würde, daß näm-
lich der Kanalbau im letzten Jahr unvollendet geblieben war, so daß jetzt die Zuende-
führung der Grabung erforderlich war.
Eine Notiz von Wilcken scheint die zweite Deutung zu stützen: In der Chrestomathie führt
er diesen Papyrus an und erläutert dazu, "daß es sich hier um die Vollendung einer Melio-
rationsarbeit handelt: der im vorigen Jahr angefangene Entwässerungskanal war nicht fer-
tig geworden (vielleicht wegen Streik, §gkatãleimma g°gonen). Damit das Land nun
nicht unter Wasser bleibt (katãbroxow), soll der Kanal jetzt fertig gestellt werden."211
Eine Parallele: P.Cairo Zenon III 59383
Falls die erste Deutung, die von einer Ablagerung bzw. Ausbesserung des Kanals aus-
geht, die richtige ist, so würde dieser Papyrus aus dem Zenon-Archiv um die Mitte des 3.
Jh. v.Chr. eine Parallele bieten. Antilochos erinnert dort Zenon daran, daß 4 Abflußkanä-
le gesäubert werden müssen (tåw §jagvgoÁw de› énakayçrai; Z. 3-4), ein Umstand,
der wohl häufiger eintrat und Gegenmaßnahmen erforderlich machte. Beide Deutungen
haben also etwas für sich, die zweite erscheint mir jedoch weniger problematisch und da-
her dem Text angemessener. Für die folgenden Überlegungen ist diese Frage jedoch nicht
von Belang.
die Arbeit zunehmend behindert. Darauf könnten die in Zeile 4-5 angeforderten, möglichst langen und
dicken Balken als Träger für Brücken hindeuten, ohne die die Arbeit eingeschränkt würde.
210 Diese Deutung vertrat übrigens auch Bouché-Leclercq, was aus der auf S. 136 seines Aufsatzes über
Kleon von ihm gegebenen Übersetzung der ersten 5 Zeilen dieses Briefes hervorgeht. Sie lautet für diesen
Abschnitt: “Dans l’émissaire ... il y a un reliquat (à enlever).”
211 U. Wilcken, Grundzüge und Chrestomathie der Papyruskunde I: Historischer Teil, 1. Hälfte:
Grundzüge, Leipzig und Berlin 1912, S. 459; vgl. auch eine Notiz zu unserem Papyrus in P.Tebt. I 13 S.
80 Anm. 7: “...the immediate completion...was necessary...”.
6. Name und Gründung 49
Nun, nachdem ich mich länger mit einigen212 Aspekten dieses Briefes befaßt habe,
zurück zu der Ausgangsfrage: Können wir diesem Papyrus irgendeine Auskunft über den
Ursprung Samareias entnehmen? Auf den ersten Blick - so scheint es - nicht mehr als den
Terminus ante quem für die Gründung unseres Dorfes: also irgendwann vor 255 v. Chr.
Die Frage ist nur: wie lange vor diesem Jahr und von wem wurde das Dorf gegründet und
Samareia genannt? M.E. können uns zwei Überlegungen hier etwas weiterhelfen. Erstens
scheint mir die Notwendigkeit der Grabung eines Entwässerungskanals, der von Sa-
mareia wegführt, d.h. dafür sorgt, daß das umliegende Land nicht überschwemmt bleibt,
darauf hinzudeuten, daß die Gründung Samareias nicht lange zurückliegen könnte. Mit
anderen Worten, es scheint plausibel, daß die Anlage von Kanälen und die Erschließung
neuen Nutzlandes zeitlich eng verbunden ist mit der Gründung von Dörfern. Es könnte
sich allerdings auch um die Erweiterung eines Dorfes bzw. um eine Neugründung ver-
bunden mit der Erschließung weiteren Nutzlandes handeln.
Als Zwischenergebnis soll die Hypothese festgehalten werden, daß die Gründung und
Besiedelung Samareias recht bald die Anlage eines Abflußkanals notwendig gemacht ha-
ben könnte, um Land in der Umgebung Samareias für die Bebauung nutzbar zu machen.
Weiter unten wird kurz die Tatsache zur Sprache kommen, daß im zweiten Drittel des
dritten Jahrhunderts große Teile des Arsinoites trockengelegt und neu besiedelt wurden.
Zweitens, eine längere Überlegung: Der Name unseres Dorfes entspricht unzweifelhaft
der griechischen Form des biblischen Namens, der uns im Deutschen als Samaria geläu-
fig ist. In der Septuaginta steht für das hebräische Wort entweder Samãreia oder Sama-
re¤a, im NT durchgehend Samãreia.213 Josephus214 sagt ausdrücklich, daß die Stadt
Svmare≈n (LXX Semer≈n, Luc. Somor≈n) von den Griechen Samãreia genannt wor-
den sei. An der Identität des Namens unseres Dorfes mit der griechischen Form dieser
biblischen Ortsbezeichnung kann also nicht gezweifelt werden. Die Frage ist nur: Wie
kommt ein Dorf in Ägypten im dritten vorchristlichen Jahrhundert zu diesem Namen?
Auch hier können die Samareia-Papyri der ptolemäischen Zeit ein wichtiges, wenn nicht
entscheidendes Indiz liefern:
CPR XVIII 7 - 11 und 32 (Nr. 2-7) und folgende
Wenn man unter dieser Fragestellung die zeitlich auf den schon besprochenen Brief fol-
genden sechs Papyri (Nr. 2 - 7; drei Pachtverträge und drei Quittungen; bis auf Nr. 7 in
jeweils recht gutem Erhaltungszustand) aus den Jahren 232 und 231 anschaut, finden sich
unter den dort erwähnten zwanzig oder einundzwanzig Personen wohl fünf Kleruchen,
des weiteren sind zwölf oder vierzehn Personen Juden. Drei der sechs Dokumente han-
deln ausschließlich von Juden. Was die beiden zusammengehörigen Papyri Nr. 8 und 9
angeht, hält der Herausgeber zwei der drei Personen aus Samareia für Juden.215 Wäh-
rend die Papyri Nr. 10 und 11 wenig hergeben, erwähnt Nr. 12 einen weiteren Kleru-
chen, der im Jahr 222/1 einen Kleros in der Umgebung von Samareia besitzt. Nr. 13 aus
demselben Jahr berichtet von einem schon verstorben Kleruchen, der ebenfalls in Sama-
212 Andere Aspekte wären die für vorliegende Arbeit wichtige Fragen der Topographie (dazu im vorher-
gehenden Kapitel), die Untersuchung der verschiedenen Maßnahmen, die Alexander vorschlägt, besonders
die Art der Abrechnung in den Zeilen 3 und 4, auf die ich im Rahmen dieser Arbeit nicht eingehen kann.
213 Das Epsilon kann jeweils auch fehlen; die Akzentuierung ist vom Herausgeber abhängig.
214 Antiquitates, VII 312 und Anm. h.
215 P.Petr. II S. (97).
50 6. Name und Gründung
reia einen Kleros hatte. Nr. 14 aus dem Jahr 218 erwähnt ein jüdisches Ehepaar, Nr. 17
aus dem Jahr 201 wahrscheinlich sieben jüdische Kleruchen, und Nr. 23 (entweder aus
dem Jahr 155 oder 144) verzeichnet zwei Offiziere mit großen Kleroi, dreizehn einfache
Soldaten und fünf Frauen, die Mehrzahl mit eindeutig jüdischen Namen. Die Papyri Nr.
24 und 25, ebenfalls aus dem 2.Jh., erwähnen auch noch jüdische Personen aus Samarei-
a.216
Mit hoher Wahrscheinlichkeit läßt sich daraus schließen, daß Juden und Kleruchen bis ins
2. Jh. v.Chr. jeweils einen nicht geringen Anteil der Bevölkerung Samareias stellten, und
unter den Kleruchen Juden vorherrschten. Daraus, also aus der Verbindung des hebrä-
ischen Namens mit der gutbezeugten Existenz von Juden vor allem als Kleruchen, könnte
als weiteres Ergebnis abgeleitet werden, daß jüdische Militärsiedler ein wichtiger, wenn
nicht gar ausschlaggebender Grund für die Benennung unseres Dorfes gewesen waren.
Die Frage ist nun: Gibt es neben der aufgrund der Anlage des Kanals geäußerten Vermu-
tung weitere Anhaltspunkte für die Datierung einer solchen Gründung? Hier bietet es sich
nun an, einen Blick auf Josephus zu werfen (6.3.) und auf das, was die Papyri zur Be-
siedlung des Arsinoites aussagen (6.4.), um vielleicht der zeitlichen Einordnung einen
Schritt näher zu kommen.
6.3. Josephus zur jüdisch-samaritanischen Einwanderung nach Ägypten
An einigen Stellen spricht Josephus über die Einwanderung von Juden und Samaritanern
nach Ägypten. Bedeutsam ist nun, daß bei einigen der oben aufgelisteten Bewohnern Sa-
mareias, vor allem in den frühesten Fällen (so z.B. durchgehend in Samareia-Papyri Nr.
2-6), eindeutig das Ethnikon “Jude” oder “Jüdin” dabeisteht, und daß sich keinerlei derar-
tige Hinweise auf Samaritaner finden lassen. Jedoch läßt sich die Frage stellen, ob und ab
welcher Zeit sich Samaritaner überhaupt von Juden abgrenzen lassen bzw. selbst abge-
grenzt haben, d.h. die Frage, ob sie bis dahin nicht einfach zu den Juden gezählt wurden,
ob von ihnen selbst, ob von den Juden oder von Außenstehenden - ein Fragenkomplex,
der hier, bei der Interpretation der entsprechenden Josephusstellen, von nicht geringer
Wichtigkeit ist.
Es scheint mir daher angebracht, in aller Kürze einige wesentliche Ergebnisse einer Arbeit
von H. G. Kippenberg zu dieser Frage zu zitierten.217 Kippenberg kommt zu dem Er-
gebnis, daß es zu der Gründung des Garizim-Kultes und zu dem Tempelbau dort gegen
Ende des 4. Jh. v.Chr. gekommen sei, und zwar hauptsächlich auf Betreiben von Teilen
der israelitischen Priesterschaft und verschiedener Israeliten, die aus Protest gegen be-
stimmte Zustände Jerusalem verlassen hatten und sich in Sichem ansiedelten.218 Durch
das 3.Jh. hindurch habe dann eine Rivalität beider Kulte bestanden, die erst im 2. Jh. zu
einem offenen, auch militärischen Streit und zur klaren, wenn auch nicht vollständigen
Trennung geführt habe.219 Dieser Streit habe seinen Höhepunkt erreicht in der
216 In dem Kapitel über die Prosopographie Samareias wird genauer auf die Bevölkerungsstruktur
eingegangen werden.
217 Garizim und Synagoge. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zur samaritanischen Religion der
aramäischen Periode, Berlin 1971.
218 A.a.O. S. 55-59.
219 Auf S. 92 schreibt Kippenberg: “So gibt es klare Beweise dafür, daß erst in der Makkabäerzeit Juden
und Samar. sich in zwei Gruppen trennten.”
6. Name und Gründung 51
Zerstörung des samaritanischen Tempels 129/8 v.Chr. und der Vernichtung Sichems 109
v.Chr. durch die jüdische Seite, was zum Niedergang der samaritanischen Gemeinde
geführt habe. Erst seit dieser Zeit soll der Name Samare›tai aufgekommen sein, und
zwar von jüdischer Seite, wohl aus LXX 2.Kön. 17, 29. “Die Samar. nennen sich selbst
Israel etc. Wenn sie sich dann später doch µyniorm]o¨v nennen, dann mit der Bedeutung: Be-
wahrer.”220 Weiterhin soll die (Kult-)Gemeinde in Sichem keine besondere, auch
politische Bindung an die Provinz Samaria gehabt haben. Man müßte also (im Deutschen)
bei der Verwendung des Namens “Samaritaner” unterscheiden zwischen “Samaritaner”
als ethnisch-politische Bezeichnung für die Einwohner Samariens ab ca. dem 7. Jh. (Kip-
penberg nennt sie “Samarier”, S. 34) und als religiöse für die Anhänger des Garizim-
Kultes ab dem späten 4. Jh. (bei Kippenberg “Samaritaner” bzw. kurz “Samar.”), wobei
jedoch im antiken Sprachgebrauch diese Bezeichnung wohl erst ab Ende 2. Jh. v.Chr.
aufgekommen zu sein scheint. D.h. bis ins 2. Jh. kann jemand, der sich in Palästina oder
außerhalb Jude oder Israelit nennt, entweder ein religiöser Anhänger des Kultes in Jerusa-
lem oder auf dem Garizim sein. Als ein schönes Zeugnis dafür könnte Jos. Ant. XIII 74-
79 dienen, ein Bericht über einen Disput vor Ptolemaios VI. Philometor (180-145) um
den richtigen Kultort in Palästina: den Tempel in Jerusalem oder auf dem Berg Garizim.
Auch wenn Josephus, dem Sprachgebrauch seiner Zeit folgend, dabei von “Juden” auf
der einen und “Samaritanern” auf der anderen Seite spricht, so wird doch durch das
Streitobjekt und den Disput klar, daß es sich zu dieser Zeit noch um die Rivalität zweier
religiösen Richtungen innerhalb einer noch zusammenhängenden Gemeinschaft handelt,
in der sie jeweils um die Vorherrschaft kämpfen. Der König, dem es um den inneren
Frieden geht, entscheidet zugunsten von Jerusalem und läßt die Gegenseite hinrichten,
womit klar wird, daß es sich auch für ihn um eine Gruppe seiner Untertanen (Einwande-
rer aus Palästina, aus Judäa und Samarien, “Juden”, “Israeliten”) handelt, die nach sei-
nem Kalkül auch nur einen zentralen Kultort haben sollte.
Ab dem 1. Jh. ist aus jüdisch-rabbinischen Quellen bekannt, daß oft über Samaritaner
diskutiert wurde und Regeln festgelegt wurden, “wie man mit ihnen verkehren durfte.
Der Samar. wird aus der Gemeinde Israels ausgeklammert.”221 Was die Zerstreuung der
Samaritaner angeht, so stellt Kippenberg fest: “In Wirklichkeit waren die samar. Gemein-
den nicht nur über Palästina, sondern über das ganze Imperium Romanum verbreitet und
hielten an ihren Wohnsitzen Gottesdienste in Synagogen.”222 Den Schlußpunkt der anti-
ken samaritanischen Gemeinde setzt eine Anordnung des Codex Justinianus: “Die Syna-
gogen der Samaritaner werden zerstört, und sie werden bestraft, wenn sie andere zu ma-
chen versuchen.”223
Auf dem Hintergrund dessen sollte, wenn in dieser Arbeit von “Juden” gesprochen wird,
immer die Möglichkeit bewußt im Auge behalten werden, daß es sich dabei bis ins 2. vor-
christliche Jahrhundert hinein - und nur bis zu dieser Zeit sind Juden in Samareia bezeugt
- auch einmal um “Samaritaner” handeln könnte, seien es nun Einwohner Samariens
220 A.a.O. S. 33f.
221 A.a.O. S. 143.
222 A.a.O. S. 145. Auf den folgenden Seiten (145-162) gibt Kippenberg einen Überblick über die
samaritanische Diaspora und erwähnt unter anderem auch Samareia im Fayum (S. 145f.).
223 Afl t«n Samareit«n sunagvga‹ kayairoËntai ka‹, §ån êllaw §pixeirÆsvsi poi∞sai, timvroËntai.
Cod. Just. 1, 5, 17; Übersetzung zitiert nach Kippenberg, a.a.O. S. 170.
52 6. Name und Gründung
und/oder Anhänger des mit Jerusalem in Konkurrenz getretenen Garizim-Kultes. Daher
soll auch kurz beleuchtet werden, was Josephus - aus seiner Sicht und zu seiner Zeit
war die Abgrenzung natürlich längst vollzogen - über eine jüdische wie auch samarita-
nische Einwanderung nach Ägypten berichtet.224
Josephus berichtet in den Antiquitates XI 345, daß Alexander nach seinem Zug durch Pa-
lästina ein Kontingent von samaritanischen Soldaten, die ihm der Satrap der bis dahin
persischen Satrapie Samaria, Sanballat, zur Verfügung gestellt hatte, mit sich nahm auf
seinen Zug nach Ägypten. Als Belohnung stellte er ihnen klÆrouw g∞w, Landlose, in Aus-
sicht, die er ihnen dann wenig später auch gegeben haben soll, und zwar in der Thebais,
die sie ihrerseits militärisch sichern sollten. Das System der Militärpacht ist also klar zu
erkennen, inwieweit es sich hier allerdings um einen historischen Bericht handelt, steht
auf einem anderen Blatt. Im neuen Schürer heißt es dazu: “The authenticity of this
narrative...is however open to dispute.”225
Bei einer zweiten Gelegenheit, so berichtet es jedenfalls Josephus in den Antiquitates XII
7, sollen Samaritaner zusammen mit Juden als Kriegsgefangene nach Ägypten gekommen
und dort angesiedelt worden sein, und zwar von Ptolemaios I. auf einem seiner Erobe-
rungszüge in Palästina.226 Auch hier bemerkt Schürer lapidar: “..open to doubt.”227 Auf
all die quellenkritischen Fragen (auch auf verwandte Quellen wie den Aristeas-Brief) kann
hier228 nicht eingegangen werden, jedoch soll bei der erwähnten Josephusstelle (Ant. XII
7) darauf hingewiesen werden, daß es sich ausdrücklich um eine Gruppe von Kriegs-
gefangenen “aus dem Bergland Judäas, aus der Gegend um Jerusalem, aus der Samareitis
und von denen vom Garizim (wohl: von der Stadt Sichem)” gehandelt haben soll, die
zusammen nach Ägypten verschleppt und dort angesiedelt wurden. Das deutet an, daß die
Bewohner dieser verschiedenen Regionen zu dieser Zeit als eine mehr oder minder
einheitliche (Volks-)Gruppe angesehen und behandelt wurden, und eben noch nicht
unterschieden wurde nach Samaritanern und Juden. Es gibt daher klare Hinweise darauf,
daß zusammen mit Einwohnern Judäas auch Einwohner Samarias, zugleich vielleicht
auch Anhänger des Garizim-Kults, nach Ägypten gekommen sind, und zwar schon unter
Ptolemaios I., also spätestens Anfang des dritten Jahrhunderts.
Ergebnis: Das bedeutet nun für die Ausgangsfrage, daß sich eine Gründung, Benen-
nung und Besiedlung Samareias vor 255 v.Chr. durch vor allem Einwanderer aus Judäa
und/oder Samarien sehr gut mit den Berichten des Josephus vereinbaren läßt, ohne daß
jedoch eine genauere Datierung dieses Ereignisses ermöglicht würde.
224 Die Einwanderung von Juden wurde schon zu Beginn des 2. Kapitels angesprochen.
225 E. Schürer (revised edition by G. Vermes and F. Millar), The History of the Jewish People in the
Age of Jesus Christ, Edinburgh 1973-1987, Vol. III.1 S. 42 n.40.
226 Vielleicht um 312 v.Chr.; so schlägt jedenfalls der Herausgeber der Loeb-Ausgabe vor (Band VII S.5
Anm. d).
227 A.a.O. Vol. III.1 S. 45.
228 Hinweise auf Literatur dazu finden sich zu Beginn des 2. Kapitels; zugunsten der prinzipiellen
Glaubwürdigkeit entschied zuletzt J. K. Winnicki, Militäroperationen von Ptolemaios I. und Seleukos I.
in Syrien in den Jahren 312-311 v.Chr. (II), Ancient Society 22 (1991) S. 148-201, bes. S. 150-162.
6. Name und Gründung 53
Tatsache ist jedenfalls, daß es für die Existenz samaritanischer Söldner im ptolemäischen
Ägypten bisher kein explizites229 Zeugnis gegeben hatte. Allein P.Enteux. 62 (221
v.Chr.; Nr.1 der Samaritaner-Papyri; vgl. Kap. 4 Anhang A) mit dem dort erwähnten
ÉAdãmaw Libãnou Samar¤thw war ja bisher dafür ins Feld geführt worden, wobei aller-
dings schon Zucker230 darauf hingewiesen hatte, daß durchaus auch bzw. viel wahr-
scheinlicher die Herkunft aus dem Dorf Samareia gemeint sein könnte; zudem handelte es
sich bei Adamas offensichtlich nicht um einen Kleruchen.231 Dagegen handelt es sich bei
dem in einem Testament als Zeuge genannten Aster Samareus - mehr ist leider von seiner
Personenbeschreibung nicht erhalten - tatsächlich um einen Kleruchen aus Palästina bzw.
aus Samarien.232 Daraus kann gefolgert werden, daß Bewohner Samariens nicht nur
nach Ägypten eingewandert sind, sondern sich auch unter den Kleruchen des ptolemäi-
schen Heers befunden haben. Alle anderen Belege für Samaritaner sind erst aus römi-
scher bzw. spätantiker Zeit233 und daher in dieser Frage ohne Belang. Die Existenz jüdi-
scher Kleruchen ist natürlich unbestritten und zahlreich dokumentiert.234
6.4. Zur Besiedelung des Arsinoites
Hier in diesem letzten Abschnitt zur Frage der Gründung Samareias soll kurz referiert
werden, was sich generell über die Einrichtung von Militärkolonien bzw. die Ansiedlung
von Kleruchen in Ägypten bzw. im Arsinoites sagen läßt, um zu sehen, wie sich mein
bisheriger Befund darin einordnen läßt, und ob sich von daher Hinweise für die Grün-
dungszeit Samareias ergeben.
Hauptquellen für diese Fragen sind die frühptolemäischen Papyri, besonders das Zenon-
Archiv aus Philadephia im Arsinoites, das größte Archiv aus Ägypten mit ca. dreitausend
Papyri aus der Zeit von Ptolemaios II. Philadelphos und Ptolemaios III Euergetes.235 Es
besteht breiter Konsens darüber, daß große Gebiete des Arsinoites unter Philadephos
(285-246) erstmals trockengelegt und neu besiedelt wurden.236 In diese Zeit fällt auch
das Wirken des schon erwähnten Architekten Kleon und seiner Mitarbeiter, die unter
229 Wie schon dargelegt, können Samaritaner, also Bewohner der Samaritis, die sich eventuell religiös
nicht nach Jerusalem, sondern zum Garizim-Kult orientieren, durchaus hinter Kleruchen mit jüdischen
Namen und/oder jüdischen Ethnika verborgen sein, die wir als Juden identifizieren.
230 Aegyptus 13 (1933) 217f.
231 So Uebel, Die Kleruchen Ägyptens unter den ersten sechs Ptolemäern, Berlin 1968, S. 198 Anm. 1.
232 P.Petr. I2 Kol. III Z. 76 von 238/7 v.Chr.; siehe ausführlicher Anhang B der Dokumentation.
233 Genauer: 3 Zeugnisse aus dem 2. Jh., 4 weitere aus dem 6. bzw. 7. Jh. n.Chr.; siehe Anhang A
Dokumentation.
234 Siehe CPJ I Section III: “Jewish soldiers and military settlers in the third and second centuries B.C.”
(15 Dokumente; S. 147-178).
235 Vgl. M. Rostovtzeff, A Large Estate in Egypt in the Third Century B.C. - A Study in Economic
History, Madison 1922, bes. S. 5-7. Einige neuere Publikationen zum Zenon-Archiv: P. W. Pestman, A
Guide To The Zenon Archive (P.Lugd.Bat. XXI), 1981; C. Orrieux, Zénon de Caunos, parépidémos, et le
destin grec, Paris 1985; W. Clarysse und K. Vandorpe, Zenon, Een Grieks Manager In De Schaduw Van
De Piramiden, Leeuven 1990.
236 Vgl. D. J. Crawford, Kerkeosiris. An Egyptian Village in the Ptolemaic Period, Cambridge 1971, S.
39-41; vgl. auch E. Bernand, Recueil du Inscriptions Grecques du Fayoum, Tome I, Leiden 1975, Préface
p. XIV.
54 6. Name und Gründung
anderem auch für die Anlage und Instandsetzung des weitverzweigten Kanalsystems
zuständig waren, so auch für die Anlage des Abflußkanals bei Samareia im Jahre 255.
Ein großer Teil der erschlossenen Anbauflächen wurde in Form von Militärpacht (Kleru-
chie) an Soldaten des ptolemäischen Heeres (Kleruchen), Griechen und andere helleni-
sierte, nichtägyptische Gruppen, vergeben, die sich dort ansiedelten und ihr zugeteiltes
Land (Kleros) bebauten oder bebauen ließen.237 Aber es gab auch ägyptische Siedler aus
verschiedenen Gauen und Städten Unter- oder Mittelägyptens, die sich im Arsinoites an-
siedelten.238 Das zeigen nicht zuletzt die Namen der Dörfer, die in den Papyri bezeugt
sind. Rostovtzeff, der die seinerzeit bekannten Namen größerer und kleinerer Siedlungen
auswertete, stellte fest, daß unter den 114 überlieferten Namen 66 griechische und 48
ägyptische waren.239 Bei den Siedlungen mit griechischen Namen handelte es sich um
Neugründungen griechischer Siedler bzw. zumeist Söldner; 14 Dörfer tragen Namen der
ptolemäischen Dynastie, weitere sind nach Göttern oder nach führenden Perönlichkeiten
in Ägypten oder im Arsinoites benannt. Hölbl bemerkt dazu: “So entstanden in vorher un-
bewohnbaren Gegenden des Faijum etwa 30-40 größere Orte, die sich zu kleinen Zentren
griechischer Kultur in Ägypten entwickelten; Namen wie Arsinoe, Philadelphia, Thea-
delphia, Philoteris reflektieren deutlich die Gründerzeit.”240 Auch bei den Dörfern mit
ägyptischen Namen handelt es sich meist um Neugründungen in der Mehrzahl von ägyp-
tischen Siedlern (basiliko‹ gevrgo¤) mit ägyptischen Namen, zum Teil in hellenisierter
Form. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, daß schon vorhandene Dörfer erweitert,
neu benannt bzw. neugegründet wurden.241 Nicht wenige Dörfer aus beiden Gruppen
sind eindeutig nach bekannten Städten bzw. Gaumetropolen Unter- und Mittelägyptens
benannt, ein klarer Hinweis auf die Herkunft zumindest eines Teils der Siedler. Beispiele,
die Rostovtzeff anführt, sind u.a.: ÉApÒllvnow pÒliw k≈mh, ÑErmoË pÒliw k≈mh,
ÑHl¤ou pÒliw k≈mh, KËnvn pÒliw k≈mh, M°mfiw k≈mh, BoÊbastow, M°ndhw, ÉOjÊ-
rugxa, Tçniw, Bous›riw.242 Eine ausgezeichnete Bestätigung und Ergänzung erfuhren
diese Erkenntnisse von Rostovtzeff durch einen 1990 veröffentlichten Papyrus.243 Aus
diesem Brief von 230 v.Chr. geht klar hervor, daß die Bewohner (gevrgo¤) des Dorfes
Oxyrhyncha im Arsinoites sich als eine Art Kolonie des weiter südlich gelegenen Gaus
Oxyrhynchites verstanden und aus diesem Anlaß jährlich dorthin zogen und ein Opferfest
veranstalteten.244 Die Namensgebung im Fall von Samareia, d.h. die Identität des Na-
237 Das führt z.B. R. S. Bagnall in seinem Artikel aus dem Jahre 1984 mit dem Titel: “The Origins of
Ptolemaic Cleruchs”, BASP 21 (1984) S. 7-20, bes. S. 10, aus; vgl. auch B. Kramer, CPR XVIII, S.
112; so auch schon E. Bevan, Histoire des Lagides, Paris 1934, S. 136-140.
238 Zur sog. “Binnenwanderung” siehe H. Braunert, Die Binnenwanderung. Studien zur Sozialgeschichte
Ägyptens in der Ptolemäer- und Kaiserzeit, Bonn 1964, siehe bes. S. 48f.
239 A.a.O. S. 9ff.
240 G. Hölbl, Geschichte des Ptolemäerreiches, Darmstadt 1994, S. 63.
241 Siehe B. Kramer, CPR XVIII S. 112 Anm. 372. Vgl. auch S. 112ff. zur Besiedelung des Arsinoites
und zur Gründung von Dörfern.
242 A.a.O. S. 9.
243 R. Pintaudi, Oxyrhyncha e Oxyrhynchites (P.Vat.Gr. 65 = SB XX 14699), Tyche 5 (1990) S. 101-
104.
244 Siehe Z. 1f.: to›w §j ÉOjurÊnxhvn gevrgo›w ¶yow §stin §gdhme›n efiw tÚn ÉOjurugx¤thn ka‹ flerag∞sai
diå tÚ e‰nai aÍtoÁw §k toË ÉOjurugx¤tou. Vgl. den Kommentar zu Z. 1 und 2.
6. Name und Gründung 55
mens mit Samaria in Palästina, ist also keineswegs ein Einzelfall, und es ist daher durch-
aus gerechtfertigt, daraus Rückschlüsse auf einen ausschlaggebenden Einfluß von Sied-
lern aus Samaria zu schließen.
Wenn man nun mit Bagnall245 davon ausgeht, daß die Ansiedlung von Kleruchen haupt-
sächlich ein Phänomen des mittleren Drittels des 3. Jh. war, dann ergibt sich für die
Gründung oder Neugründung Samareia als wahrscheinlicher Zeitraum das Jahrzehnt von
266-256 bzw. ein wahrscheinlicher Terminus post quem um das Jahr 266, d.h. um den
uns nicht genau bekannten Zeitpunkt, ab dem die großangelegte Erschließung und Besie-
delung des Arsinoites ihren Anfang nahm. Der Name des Dorfes gibt in seiner griechi-
schen Form einen Hinweis auf die Anbindung und Anlehnung an die vorherrschende hel-
lenistische Kultur unter den Ptolemäern, in seiner hebräischen Herkunft verrät er einen
entscheidenden Einfluß von Siedlern und Söldnern aus Judäa bzw. Samaria in Palästina.
6.5. Zusammenfassung:
Der früheste Beleg für Samareia stammt aus dem Jahr 254 v.Chr., ist zugleich jedoch -
da in diesem Dokument von der Anlage eines Abflußkanals im vorigen Jahr berichtet wird
- m.E. ein Indiz dafür, daß die Gründung nicht lang zurückliegen kann. Der bemerkens-
werte Name des Dorfes zusammen mit der gut belegten Existenz einer Mehrheit von jü-
dischen Militärkolonisten unter den Bewohnern seit den frühesten Jahren machen auf dem
Hintergrund der Erschließung und Besiedelung des Arsinoites mit zumeist Kleruchen
unter Philadelphos die Gründung wahrscheinlich in dem Jahrzehnt von 266-256
v.Chr.246 Entscheidenden Einfluß scheinen dabei Einwanderer aus Palästina gehabt zu
haben.
245 A.a.O. S.10.
246 Ein früheres Datum ist allerdings nicht ausgeschlossen.
7. Prosopographie
Einführung
In diesem Kapitel soll die Bevölkerung von Samareia bzw. die in den Samareia-Papyri
belegten Personen dokumentiert und untersucht werden. Gerade bei dieser Frage muß na-
türlich die Ausschnitthaftigkeit und Zufälligkeit des Materials nicht zuletzt angesichts des
langen Zeitraums besonders ins Gewicht fallen und Zurückhaltung auferlegen in Bezug
auf eventuelle Ergebnisse. Zuerst sollen die Samareia-Papyri gesichtet werden, was An-
gaben über Personen betrifft, die Einwohner von Samareia sind oder mit Samareia in Be-
ziehung stehen, um so eine Gesamtaufstellung dieser Personen zu erhalten (7.2.). Im fol-
genden Kapitel sollen dann einzelne Personenkreise näher untersucht werden: die Juden
(8.1.), das Militär (8.2.), Vertreter verschiedener Nationalitäten (8.3.), Gewerbetreibende
(8.4.) und Beamte (8.5.).
7.1. Die Personen der Samareia-Papyri
Von den einundvierzig Samareia-Papyri enthalten neun keine Angaben über in Frage
kommende Personen, und zwar sind das die Nummern 1, 11, 18, 26, 33, 34, 37, 39 und
40. Es bleiben also noch zweiunddreißig Papyri, die Hinweise auf Personen enthalten.
Sie sollen nun der Reihe nach kurz besprochen werden, vor allem unter der Frage, ob
diese Personen Einwohner von Samareia sind oder in irgendeiner Beziehung zu unserem
Dorf stehen. Die Frage der Einwohnerschaft wird nicht in allen Fällen mit gleicher Sicher-
heit beantwortet werden können.
Daran schließt sich die Frage an, ob es sich dabei um Personen jüdischer Herkunft bzw.
um Einwanderer aus Palästina handelt. Neben den nicht wenigen, klaren Fällen, in denen
eine Person ein Ethnikon trägt, werden ansonsten die Personennamen und der jeweilige
Zusammenhang als Kriterien für eine Entscheidung herangezogen. Tcherikover hat diese,
für die Erstellung des Corpus Papyrorum Judaicarum entscheidende Frage ausführlich
und grundlegend behandelt, und seine Ergebnisse dienen im folgenden als Orientie-
rung.247 Da alle fraglichen Juden in Samareia, wie sich zeigen wird, aus ptolemäischer
Zeit (3. und 2.Jahrhundert) stammen, fallen einige zentrale Schwierigkeiten weg, die
Tcherikover bei der Identifzierung von Juden aufgrund von Namen für die römische Zeit
einräumen muß.248 Tcherikover macht klar, daß prinzipiell nur hebräische bzw. biblische
Namen (in vorchristlicher Zeit) auf eine jüdische Herkunft des betreffenden Trägers
schließen lassen. Allerdings trug nur ein geringer Teil der Juden Ägyptens derartige
Namen, darunter die häufigsten Sabbathaios, Simon, Joseph und Samuel.249 Weit
häufiger trugen Juden griechische Namen. Beliebt waren griechische Namen, die eine
phonetische Äquivalenz oder Assimilation zu hebräischen Namen besaßen - ein häufiges
Beispiel ist Jason (Joshua) - oder Übersetzungen hebräischer Namen waren; Beispiele
sind Justus (Zadoq) oder Gelasios (Isaak). Sehr beliebt waren auch theophore griechische
Namen wie vor allem Dositheos und Theophilos und auch dynastische Namen wie
Alexander, Ptolemaios oder Arsinoe. Allerdings weist Tcherikover darauf hin, daß von
247 Siehe CPJ I Introduction S. xvii-xix und Prolegomena S. 27-30.
248 Siehe Anm. 1 bezüglich des Gebrauchs biblischer Namen unter den Christen; siehe auch a.a.O. S.
94ff. bezüglich der Verbreitung des hebräischen Namens Sambathion unter Nichtjuden in römischer Zeit.
249 Tcherikover, a.a.O. S. xvii und S. 27f.
7. Prosopographie 57
solchen Namen allein nicht auf eine jüdische Identität geschlossen werden kann, sondern
nur dann, wenn zusätzliche Umstände in diese Richtung weisen.250 Zwei der Umstände,
die Tcherikover nennt, können im vorliegenden Fall zum Tragen kommen: 1. Wenn
solche Namen an einem Ort auftauchen, an dem bekanntermaßen viele Juden wohnten.
Wie besonders in dem Abschnitt über die Juden Samareias deutlich werden wird, sind
mindestens ein Viertel der belegten Einwohner Samareias in der Frühzeit eindeutig Juden;
dazu kommt noch der hebräische Ursprung des Dorfnamens und der als relativ sicher
anzunehmende Beitrag von Einwanderern aus Palästina an der Gründung dieses Dorfes.
2. Wenn solche Namen zu einer Zeit auftauchen, in der Juden einen derartigen Namen
bevorzugt oder gar ausschließlich getragen haben, kann auf eine jüdische Identität
geschlossen werden. Nicht wenige ausgewiesene Juden trugen auch “neutrale” griechi-
sche Namen bzw. auch Namen von Göttern.251
Nun zu der Besprechung der Samareia-Papyri im Einzelnen:
CPR XVIII 7-11 (Samareia-Papyri Nr. 2 - 6; 232 v.Chr.)
In allen 5 Dokumenten sind die auftretenden Personen mit Ethnika versehen.252 In Nr. 2
verpachtet der Perser Ptolemaios an zwei Juden einen ihm gehörigen Weingarten in der
Flur von Tebtynis. Ein dritter Jude wird als Urkundenhüter erwähnt. Da dieser Vertrag
(wie auch die folgenden 4) in Samareia abgeschlossen wurde, liegt es auf der Hand, bis
zum Beweis des Gegenteils die Beteiligten als Einwohner von Samareia anzusehen. In
Nr. 3, 4 und 6 sind die 13 Beteiligten allesamt Juden, unter ihnen 2 Frauen. In Nr. 5 han-
delt es sich um drei Kleruchen: einen Perser, einen Thraker und einen Makedonen, von
denen jeweils ihre Einheit und ihr Kleros genannt wird.
CPR XVIII 32 (Nr. 7; 232/1 v.Chr.)
Von diesem Pachtvertrag ist nur bekannt, daß er aus der Polemonos Meris stammt. In den
Zeilen 4-5 heißt es allerdings, daß die beiden Pächter den Pachtzins in das Dorf Samareia
zu Polybulos, dem Verpächter, bringen sollen, woraus hervorgeht, daß Polybulos in
Samareia wohnte253, die beiden Pächter wohl nicht. Da der Urkundenhüter, von dem al-
lein eine Personenbeschreibung erhalten ist, Kleruche ist (Makedone und Inhaber eines
30-Aruren-Kleros), schließe ich daraus, daß zumindest Polybulos ebenfalls Kleruche
war. Da eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, daß der Vertrag in Samareia abge-
schlossen wurde, wenn der Verpächter dort wohnte, könnte es sich zumindest bei dem
Urkundenhüter ebenfalls um einen Einwohner unseres Dorfes handeln.
P.Petr. II 28 (Nr. 8) und III 66b (Nr. 9)
In diesem Steuerregister aus dem 3. Jh. v.Chr. tauchen die Namen von 3 Ölhändler aus
Samareia auf: Theophilos, Pyrrias und Leonides. Bei den ersten beiden vermutet der He-
rausgeber254, daß es sich zudem um Juden handele. Was Theophilos angeht, so hat der
250 A.a.O. S. xix.
251 A.a.O. S. 29.
252 Vgl. die Ausführungen von B. Kramer in CPR XVIII S. 69-73. Zu den P°rsai, bei denen es sich
offenbar um Griechen handelte, die aus bisher ungeklärten Gründen dieses Ethnikon trugen, siehe S. 70f.
253 Siehe CPR XVIII 32, S. 210.
254 Siehe P.Petr. II S. 97.
58 7. Prosopographie
Herausgeber wohl recht: Tcherikover weist darauf hin, daß vor allem die theophoren,
griechischen Namen wie “Dositheos”, “Theophilos” und “Dorotheos” von Juden im pto-
lemäischen Ägypten so oft benutzt wurden, daß man sie gewissermaßen als jüdische Na-
men ansehen muß.255 Leonides und Pyrrias sind freilich gut griechische Namen, das
Verzeichnis der Juden in Ägypten im dritten Band des CPJ kennt keine Juden mit diesen
Namen - es verzeichnet nur einen Leon256 und einen Pyrros257; es gibt daher keinen An-
haltspunkt, der es erlauben würde, in ihnen Juden zu vermuten.
P.Petr. III 87 (Nr. 10; 3. Jh. v.Chr.)
Hier haben wir einen weiteren Gewerbetreibenden aus Samareia vor uns: Dorion, ein
Bierbrauer. Das CPJ kennt einen Juden mit diesem Namen: in einer nicht datierten In-
schrift aus Oberägypten dankt ein Theodotos, Sohn des Dorion, Jude, seinem Gott für
die Rettung aus Seenot (CPJ III 1537). Angesichts des hohen jüdischen Bevölkerungsan-
teils in Samareia wäre es also möglich oder zumindest nicht ausgeschlossen, daß es sich
bei unserem Dorion um einen Juden handelt.
P.Petr. III 112 (Nr. 12; 221/0 v.Chr.)
Auch hier liegen die Dinge einfach: in Fragment e Kol. II Z. 3-7 findet sich ein Prot-
archos, Sohn des Jason, von der Hipparchie der Myser, Inhaber eines 70-Aruren-Kleros
in der Flur von Samareia, also gewiß auch ein Einwohner von Samareia. Jason ist, wie
schon erwähnt, ein häufiger Name bei den Juden; dies könnte hier in Samareia ein Hin-
weis auf eine jüdische Identität sein.
P.Enteux. 8 (Nr. 13; 221 v.Chr.)
Überhaupt nicht einfach ist die Lage hier: in dieser Petition wirft der Kläger Aristoma-
chos, ein Makedone und Inhaber eines 80-Aruren-Kleros, einem gewissen Dallos und
dessen Frau wahrscheinlich unerlaubtes Wohnen oder Betreten des Gymnasiums in Sa-
mareia vor. Dieses Gymnasium war von Apollodoros, Inhaber eines 50-Aruren-Kleros in
Samareia, erbaut worden; seinen Besitz in Alexandria und Samareia erbte ein Polykleitos,
Verwalter des Erbes in Samareia ist nun der zu Anfang genannte Kläger Aristomachos.
Der verstorbene Apollodoros hatte seinen Kleros in Samareia, wo er auch besagtes Gym-
nasium erbaute: er war also zumindest eine Zeitlang Einwohner Samareias. Sein Erbe
wohnt offensichtlich nicht mehr in Samareia, wohl aber sein Verwalter Aristomachos und
die beiden Angeklagten. Der am Schluß erwähnte Epistates Agathokles übte diese
Funktion sicher in Samareia aus.258 Der Name Dallos kommt in den Papyri sonst nicht
vor, nur ein Dallion (SB I 4206 Z. 18; 1. Jh. v.Chr.; Weihinschrift, unter den vielen Na-
men auch semitische) und ein Dalleas, Sohn des Abraimos (SB I 5811; römische Zeit),
255 Vgl. CPJ I Introduction S. XiX; demnach wurde Dositheos in hellenistischer Zeit offenbar
ausschließlich von Juden verwendet; Theophilos war wohl im ptolemäischen Ägypten ebenfalls auf Juden
beschränkt. Dorotheos, Theodoros und Theodotos wurden häufig, aber bei weitem nicht ausschließlich
von ägyptischen Juden getragen. Diese Namen konnten auch als Übersetzungen hebräischer Namen
(Nathanael, Jonathan) fungieren; vgl. a.a.O. S. 27.
256 A.a.O. S. 183.
257 A.a.O. S. 188.
258 Siehe P.Enteux. 8 Anm. 20 (S. 27).
7. Prosopographie 59
möglicherweise ein Jude. Von daher könnte man auch im Fall des Dallos mit Zucker von
einem “wahrscheinlich semitischen” Namen sprechen.259 Im Wörterbuch der griechi-
schen Eigennamen von Pape und Benseler taucht Dallos ebenfalls nicht auf. Das “Lexicon
of Greek Personal Names” verzeichnet allerdings zwei inschriftliche Belege aus Kreta
(116 v.Chr.) für Dallos.260
P.Enteux. 64 (Nr. 14; 221 v.Chr.)
Ptolema klagt hier gegen Neilos, den Besitzer eines Palmenhains in der Flur von Samarei-
a. Sie ist Erbin eines Theodotos (vielleicht ein Jude261; wenn ja, dann war Ptolema - auch
ihr dynastischer Name würde in diese Richtung weisen - ebenfalls Jüdin), der von Neilos
den Ertrag dieses Hains gekauft hatte, aber verstorben war, woraufhin Neilos sie allem
Anschein nach aus dem Palmenhain herausgeworfen hat. Ob die Beteiligten in Samareia
wohnten, ist nicht sicher, dafür spricht jedenfalls die Lage des Streitobjektes in der Flur
von Samareia. Der zuständige Epistates war wohl in jedem Fall aus Samareia.
P.Enteux. 23 = CPJ I 128 (Nr. 15; 218 v.Chr.)
Hier geht es um den Ehestreit einer Frau mit ihrem offensichtlich jüdischen Ehemann:
Helladote, Tochter des Philonides, klagt gegen ihren Mann Jonathas. Auch hier wird am
Schluß der Epistates von Samareia erwähnt, ein klarer Hinweis, daß dieses Paar in Sama-
reia wohnte. Es wäre möglich, daß Helladote trotz ihres gutgriechischen Namens Jüdin
ist. Zwar ist ihr Mann Jonathas sicher Jude, das belegt eindeutig der hebräische Name, es
wäre aber auch eine Mischehe möglich.262
P.Gurob 4 (Nr. 16; 217 v.Chr.)
Hier erfahren wir, daß ein gewisser Solon Korn aus Kerkesephis, einem Nachbardorf
Samareias, wegtransportierte, und zwar handelt es sich um Gerste für Steuern Samareias
in zwei Monaten. Über den Wohnort Solons läßt sich nichts sagen.
P.Tebt. III 820 = CPJ I 22 (Nr. 17; 201 v.Chr.)
Es handelt sich um eine in Samareia abgefaßte Urkunde über eine Zession (Parachore-
sis263) eines Quartiers (staymÒw)264 in Kerkesephis, das dem Kleruchen Kassandros,
259 So F. Zucker in seinem Kommentar zu P.Enteuxeis, Aegyptus 13 (1933) S. 218.
260 A Lexicon of Greek Personal Names, P. M. Fraser und E. Matthews (Hrsg.), Vol. I, Oxford 1987, S.
112.
261 Vgl. P.Enteux 64 Anm. 8.
262 Vgl. CPJ I 128, bes. den Kommentar zu Z. 1 und die Möglichkeit der Ergänzung von ÉIouda¤a.
263 H.-A. Rupprecht, Rechtsübertragung in den Papyri. Zur Entwicklung von Parachoresis und Ekcho-
resis, in Gedächtnisschrift für Wolfgang Kunkel, Frankfurt a.M. 1984, S. 368 Anm. 21, führt unseren
Papyrus als frühesten Beleg für eine Parachoresis an. Näheres zur P. siehe a.a.O. S. 368-372.
264 Die Kleruchen hatten im 3.Jh. neben den Kleroi auch Wohnquartiere erhalten, die sie offenbar auch
vererbt haben; vgl. U. Wilcken, Grundzüge und Chrestomathie der Papyruskunde I: Historischer Teil, 1.
Hälfte: Grundzüge, Leipzig-Berlin 1912, S. 386f; M. Launey, Recherches sur les Armées Hellénistiques,
Band II, Paris 1987, S. 695ff., zur Erblichkeit und Abtretung der Quartiere und auch zu der vorliegenden
Stelle siehe Launey, a.a.O. S. 707f.; M.-T. Lenger, Un Corpus de la Législation Ptolémaique, Chronique
d’Égypte 27 (1952) S. 234ff.
60 7. Prosopographie
dem Vater des Handelnden, verliehen worden war. Kassandros hatte es seinem Sohn
Theodotos, der ebenfalls ein Kleruche geworden war, vererbt, der es nun seinerseits an
vier namentlich genannte arsinoitische Königsbauern (Ägypter, die Kleinpächter von Kö-
nigsland waren) abtreten will. Zeugen dafür sind sechs ausgewiesene Juden, eventuell e-
benfalls Kleruchen; diese Tatsache und der Name des Zedierenden, Theodotos, sprechen
dafür, auch in ihm einen Juden zu sehen.265 Das bedeutet, daß es sich in diesem Fall um
ein Pseudoethnikon handelt, mit dem der Jude Theodotos seine (berufliche und damit
auch steuerliche) Zugehörigkeit zur Einheit der Paioner ausdrückt.266 Die sieben Juden
stammen offensichtlich aus Samareia, die vier Königsbauern wahrscheinlich aus Kerke-
sephis, da dieses Quartier sich dort befindet.
P. Tebt. III 873 (Nr. 19; 2.Jh.v.Chr.)
Ein gewisser Dorion, wahrscheinlich ein Gewerbetreibender im Bereich von Fleischerei
oder Fleischhandel in Theogonis, einem Dorf in derselben Meris wie Samareia, zahlt
Steuern ein im Logeuterion (“Steuerhebebüro”)267 von Samareia. Er ist also kein Ein-
wohner von Samareia.
P.Heid. VI 367 (Nr. 20; 162/1 v.Chr.), 375 (Nr. 21; Mitte 2. Jh. v.Chr.)
und 382 (Nr. 22; nach 158/7 v.Chr.)
Im ersten Fall handelt es sich um einen fragmentarischen Rapport des Dorfschreibers von
Samareia, Apynchis, im zweiten um eine Personenliste des - wenn die Identifikation stim-
mt - selben Dorfschreibers, welche die jeweils unvollständigen Namen von sechs Perso-
nen enthält, darunter zweimal Dositheos, beide wahrscheinlich Juden. Im dritten Fall
handelt es sich um die Eingabe eines Phylakiten aus Samareia, der ebenfalls den Namen
Dositheos trägt und Inhaber eines 10-Aruren-Kleros in Samareia ist, sehr wahrscheinlich
ebenfalls Jude. Dann taucht hier wiederum, und dieses Mal außer Zweifel, Apynchis, der
Dorfschreiber auf, desweiteren ein Diophantos, Schreiber der Bauern. In Nr. 17 (P.Tebt.
III 820) gibt es ebenfalls einen Diophantos, einen Juden; es wäre also gut möglich, daß es
sich auch hier um einen Juden handelt.
P.Tebt. III 882 = CPJ I 28 (Nr. 23; 155 od. 144 v.Chr.)
Es handelt sich um eine Liste von Eigentümern von Kleinvieh in Samareia, erstellt von ei-
nem Dorfbeamten, dessen Name und genauer Titel verloren sind; wahrscheinlich war es
der Dorfschreiber, in dessen Ressort derartige mit dem Steuerwesen zusammenhängende
Aufgaben fielen. Zuerst werden zwei Kleruchen aufgeführt, einer mit 80 und einer mit 30
Aruren, letzteren weist sein Name (Theodoros, Sohn des Dositheos) als Jude aus; dann
folgen Soldaten, 14 an der Zahl, davon 8 aufgrund der Namen sicher Juden. Eine dritte
Gruppe bilden 5 Frauen, zwei davon sind aufgrund ihrer Namen (Marion, T.d. Jakubis,
und Sambathion, T.d. Jonathas) sicher als Jüdinnen zu identifizieren. Da bei den Solda-
265 Obwohl er als Ethnikon Pa¤vn angibt. Eine ausführliche Begründung gibt Tcherikover im CPJ I auf
S. 161; A. Kasher, The Jews in Hellenistic and Roman Egypt, Tübingen 1985, S. 45, folgt ihm darin.
266 Zur Frage der Pseudoethnika siehe C. A. Láda, TOPOI. Orient-Occident, Volume 4/1 (1994) S.
242ff.
267 F. Preisigke, Fachwörter des öffentlichen Verwaltungsdienstes Ägyptens in den griechischen
Papyrusurkunden der ptolemäisch-römischen Zeit, Göttingen 1915, S. 118.
7. Prosopographie 61
ten keine Kleros-Größen angegeben sind, rechnet Uebel sie nicht zu den Kleruchen, hält
es aber für möglich, daß sie welche waren.268 Es wird auch vermutet, daß alle Personen
dieser Liste Juden sind, bzw. daß dieses Dokument die Gruppe der jüdischen Besitzer
von Kleinvieh in Samareia auflistet.269
P.Tebt. III 800 = CPJ I 133 (Nr. 24; 153 oder 142 v.Chr.)
Der Jude Sabbataios beschwert sich beim Dorfschreiber darüber, daß seine schwangere
Frau von Joanna, dem Namen nach ebenfalls Jüdin, verletzt worden sei. Die Zuordnung
dieser Urkunde nach Samareia ist ungewiß; dafür sprächen allenfalls das Vorkommen
von Juden und die Tatsache, daß ein anderes Stück derselben Mumienkartonnage nach
Samareia gehört. Die vier genannten Personen können also nur unter Vorbehalt als Ein-
wohner Samareias gelten.
CPJ I 47 (Nr. 25; 2.Jh.v.Chr.)
Die eigenartige Geschichte dieses Papyrus habe ich schon erwähnt.270 Auf dem Verso
werden sechs Personen aufgeführt, die offensichtlich Land besitzen bzw. irgendwelche
Steuern dafür zahlen. Da auf dem Verso“t«n per‹ Samare¤an” gestanden haben soll,
kann vermutet werden, daß diese Personen Land in der Flur von Samareia besitzen bzw.
dort wohnen. Dafür spricht auch deutlich, daß alle sechs jüdische bzw. gräzisierte jüdi-
sche Namen tragen, die auch häufig in Samareia belegt sind, wie “Dositheos”, “Theodo-
tos” oder “Sabbathion”. In der ersten Zeile ist noch ein Ptolemaios, mit diã eingeführt,
erwähnt: ob die Steuerzahlung durch ihn geschah, oder ob er die Liste erstellt hat, ist
nicht klar. Wenn die Zuordnung nach Samareia stimmt, könnte Ptolemaios ebenfalls von
dort stammen und vielleicht eine jüdische Identität haben; das CPJ verzeichnet immerhin
elf Juden namens Ptolemaios.271
SB VIII 9830 (Nr. 27; 81-96 n.Chr.)
In dieser Urkunde aus dem 1. Jh. n.Chr. geht es um die Pacht272 von Ackerland. Von
den sieben Verpächtern bebaute einer als Pächter Staatsland in der Flur von Samareia (Z.
22), das er nun an den Pächter Apynchis, Sohn des Psosneus, weitergibt. Leider ist sein
Name an dieser Stelle nicht erhalten. Die ganze Urkunde ist sehr fragmentarisch und in
den Einzelheiten kaum zugänglich.273 In die Prosopographie soll nur der Pächter
Apynchis aufgenommen werden mit Verweis auf die sieben Verpächter.
PSI X 1159 (Nr. 28; 2. Jh. n.Chr.)
In diesem längeren Auszug aus dem Archiv des Strategen des Arsinoites erfahren wir,
daß eine reiche Einwohnerin der Gaumetropole u.a. in Samareia drei Parzellen Land be-
sitzt.
268 F. Uebel, Die Kleruchen Ägyptens unter den ersten sechs Ptolemäern, Berlin 1968, S. 189 Anm. 2.
269 Siehe CPJ I 28 S. 171.
270 Siehe Kap. 3 S. 18, bes. Anm. 129.
271 CPJ III S. 188.
272 Genauer entweder Afterpacht oder Zession; siehe Z. 33 §pikexvrhk°nai.
273 Eine Reihe von Korrekturen hat D. Hagedorn, ZPE 71 (1988) S. 287, vorgeschlagen.
62 7. Prosopographie
P.Tebt. II 566 (Nr. 29; 133 n.Chr.)
Ähnlich ist die Situation in dieser kat´ofik¤an épografÆ: der Kleruche Ptolemaios aus
der Gaumetropole deklariert gegenüber u.a. dem namentlich nicht genannten Komogram-
mateus von Samareia, daß ihm dort zusammen mit den Kindern seiner beiden Töchter ein
Haus und Hof und unbebautes Land gehört.
P.Mil.Vogl. VI 275 (Nr. 30; 133/4 n.Chr.)
In dieser langen Aufstellung über geleistete Pachtzinsen ist auch ein Eintrag zu Samareia
(Kol. I Z. 15-17): es geht um elf Aruren Ackerland und eine Zahlung von achtzig Arta-
ben, für die der Pächter Ptollas eine Quittung erhält. Er wohnt offensichtlich in Samareia
und bebaut dort elf Aruren gepachtetes Land.
PSI X 1113 (Nr. 31; 145 n.Chr.)
Bei dieser Urkunde handelt es sich um eine Sitologenquittung: der Sitologe Harpochras,
offensichtlich ein Ägypter, und seine Amtskollegen, quittieren einer Fau namens Taotion
(ägyptischer Name) zwei Einzahlungen von Getreide, einmal für die Katökenlandsteuer
und einmal für Steuer auf Weinland. Gewiß ist sie eine Einwohnerin von Samareia.
P.Mil.Vogl. VI 298 (Nr. 32; 147 n.Chr.)
Aus dem übernächsten Jahr haben wir eine weitere Sitologenquittung: nun sind es der Si-
tologe Horion und seine Amtskollegen, die drei Einzahlern eine Quittung ausstellen, einer
Frau, Diogenis, und zwei Männern, Agathos Daimon und ein weiterer, von dessen Na-
men nur die Endung und der Name des Vaters erhalten ist. Alle Personen könnten von
daher Einwohner Samareias gewesen sein. Während die beiden Männer nicht weiter be-
kannt sind, ist, wie der Herausgeber vermutet, Diogenis “sicher identisch mit der in IV
227... und III 196 ... genannten Dame”.274 Auch zwei undatierte Briefe (P.Mil.Vogl. II
76 und 77) stammen wohl von ihr. Alle genannten Dokumente kommen aus Tebtynis,
enthalten allerdings keinen direkten Hinweis darauf, ob sie dort auch ihren Wohnsitz hat-
te. In P.Mil.Vogl. III 196 erfahren wir, daß sie einen 6-Aruren-Kleros in der Flur von
Kerkesis, also nicht weit von Samareia, besitzt. Auch in unserem Papyrus zahlte sie ja
Katökensteuer, d.h. sie besaß in Samareia ebenfalls Katökenland. Ob sie dort gewohnt
hat, muß allerdings offenbleiben. Wahrscheinlicher wäre doch Tebtynis als Wohnort.
P.Lond. III 1219 (Nr. 35; 196 n.Chr.)
Hier erhalten wir Kenntnis von einem weiteren amtierenden Komogrammateus von Sa-
mareia, Pasion, allerdings war er zugleich auch Dorfschreiber von Bukolos alias Tri-
stomos.
P.Mil.Vogl IV 252 (Nr. 36; 2. Jh. n.Chr.)
In dieser Diastole (einer Art Steuerübersicht275) von Samareia werden die Steuerzah-
lungen von drei Frauen aufgelistet, vermutlich Einwohnerinnen dieses Dorfes. Die Erste
zahlt Weinland- und Katökenlandsteuern, die Zweite nur Katökenlandsteuer und die Dritt-
e nur Weinlandsteuern.
274 Siehe den Kommentar zu den Z. 5-6 in P.Mil.Vogl. VI 298 S. 97.
275 Genauer: siehe H. C. Youtie, Scriptiunculae I, Amsterdam 1973, S. 413 bes. Anm 43.
7. Prosopographie 63
P.Tebt. II 609 (Nr. 38; 2. Jh. n.Chr.)
Es handelt sich hierbei um eine fragmentarische Liste von Personen aus verschiedenen
Dörfern, die offensichtlich jeweils Schulden haben von über 106 Drachmen. Aus Sama-
reia (Recto e) ist das Naaraus, Sohn des Herakleos. Es wird noch der Besitz eines Lu-
rios, Sohn des Heron, aus Samareia, erwähnt. Der Herausgeber vermutet noch, daß es
sich bei den Schuldnern vielleicht um Pächter bzw. Verwalter handelte. In diesem Fall
wäre dann Lurios der Gläubiger, und Naaraus als sein Pächter hätte Schulden bei ihm.
Dabei handelt es sich aber nur um Vermutungen.
BGU I 94 (Nr. 41; 289 n.Chr.)
Leider ist bei diesem Vertrag jeweils der Anfang jeder Zeile weggebrochen, so daß zwar
der Gesamtsinn faßbar ist, genaue Kenntnis wichtiger Einzelheiten jedoch nicht. Klar ist
soviel, daß eine Bürgerin der Gaumetropole, Aurelia Titaneia alias Isidora, in der Flur
von Samareia alias Kerkesephis Katökenland (kl∞row katoikikÒw; Z. 6, 12 und 24) be-
sitzt, das sie jedoch abtritt (Zession bzw. Parachoresis; Z. 12) an einen “Käufer”, von
dessen Identität nur der Name der Mutter, Anubarion (wohl Ägypterin), und die Angabe
der Herkunft aus Samareia alias Kerkesphis erhalten sind (Z. 4). Die typischen Merkmale
und Klauseln eines solchen Vertrages sind meist noch gut erkennbar, jedoch hier nicht
von Interesse.276
7.2. Liste der Personen der Samareia-Papyri
Nach der Durchsicht der zweiunddreißig Samareia-Papyri mit Angaben über Personen
kann nun ein alphabetisches Gesamtregister erstellt werden. Die Personen dieses Regi-
sters sind danach klassifiziert, ob sie Bewohner Samareias sind, oder danach, in welcher
Beziehung sie zu Samareia stehen. Da die Frage der Einwohnerschaft nicht in allen Fällen
klar ist, wird in einer besonderen Spalte “domi” unterschieden nach:
* wohl ein Bewohner Samareias
** möglicherweise ein Bewohner Samareias
*** wohl kein Bewohner Samareias, besitzt oder pachtet dort aber Land
**** wohl kein Bewohner Samareias.
Wenn kein Eintrag erfolgt, dann ist für diese Person ein anderer Wohnort belegt (siehe
zugehörige Beschreibung), oder es gibt keinerlei Anhaltspunkte für eine Bestimmung des
Wohnortes. Selbstverständlich beziehen sich die vorgenommenen Bestimmungen immer
zuallererst auf den Zeitpunkt der Abfassung der vorliegenden Dokumente.
276 Genauer: siehe Rupprecht, a.a.O. S. 368-372.
64 7. Prosopographie
Vorbemerkung:
Nicht aufgenommen sind aus naheliegenden Gründen die in Datierungen genannten Personen, vor allem
ptolemäische Könige, ebenso einige höhere Beamte, auf die nur Bezug genommen wird. Des weiteren
wurden alle Personen nicht mitaufgenommen, bei denen keinerlei Verbindung zu Samareia erkennbar ist.
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
1. ÉAb.[.... Vielleicht ÉAbba›ow ; ein Dorfbeam-
ter Samareias, setzt eine Liste von
Personen auf, die in Samareia Schafe
und Ziegen besitzen; vielleicht ein
kvmogrammateÊw.
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
2. ÉAgayokl∞w §pistãthw, wohl von Samareia, soll
gegen Dãllow vorgehen.
*P.Enteux. 8
(Nr. 13)
27.2.221
v.Chr.
3. ÉAgayÚw Da¤mvn
ÉIsxur¤vnow
Steuerzahler Samareias, (épÚ
§pigraf«n kato¤kvn) erhält eine
Quittung für Steuerzahlungen von
den Sitologen Samareias.
*P.Mil.Vogl. VI
298
(Nr. 32)
26.7.147
n.Chr.
4. ÉAggçiw
Dhmhtr¤ou strati≈thw in Samareia, besitzt 7
Schafe und 4 Lämmer, wohl Jude
*P.Tebt. III 882
(Nr. 23)
155 od. 144
v. Chr.
ÉAmmvnar¤a, s.u.
ÑHrakle¤a (41.)
5. ÉAndrÒmaxow P°rshw t«n ÉAndr¤skou t∞w e
flpparx¤aw, Inhaber eines 100-
Aruren-Kleros, quittiert D¤filow die
Vorauszahlung von Pachtzins
*CPR XVIII 10
(Nr. 5)
24.8.- 21.9.
232 v.Chr.
6. ÉAndrÒmaxow Stratege der Polemonos Meris
(Bastianini-Whitehorne S. 45)
**** P.Tebt. II 566
(Nr. 29)
133 n.Chr.
7. ÉApollÒdvrow NagideËw t«n Xrus°rmou, Inhaber
eines 50- Aruren - Kleros in
Samareia, baute dort ein Gymnasium
und weihte es dem König
(Ptolemaios III. Euergetes)
*P.Enteux. 8
= SB 7245
(Nr. 13)
27.2.221
v.Chr.
8. ÉApollvn¤a besitzt Kleinvieh in Samareia, viel-
leicht die Frau des Inhabers eines 80-
Aruren-Kleros, viell. Jüdin
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
9. ÉApoll≈niow
Fil¤ppou ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, pachtet mit
ÉIvnayçw zusammen einen Weingar-
ten i.d.Flur von Tebtynis von
Ptolema›ow
** CPR XVIII 7
(Nr. 2)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
7. Prosopographie 65
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
10. ÉApÊgxiw kvmogrammateÁw Samare¤aw, gibt
Rapport über eine Getreideabrech-
nung und eine Liste von Personen,
wohl Einwohner Samareias
*P.Heid VI 367
375(?)
382
(Nr. 20-22)
162/1 v.
Mitte 2.Jh.v.
nach 158/7
v.Chr.
11. ÉApÊnxiw pachtet 50 Aruren Ackerland, u.a.
wohl 3 Aruren Staatsland i. d. Flur
von Samareia
*** SB VIII 9830
(Nr. 27)
81-96 n.Chr.
12. ÉAristÒmaxow Maked∆n t«n ÉEtevn°vw, Inhaber
eines 80-Aruren-Kleros, Verwalter
des Besitzes von Polykleites in
Samareia, klagt gegen Dãllow be-
treffend das Gymnasium in Samareia
*P.Enteux. 8
= SB 7245
(Nr. 13)
27.2.221
v.Chr.
13. ÑArpoxrçw ka‹ m°toxoi sitolÒgoi Samare¤aw,
quittiert der Taotion die Einzahlung
von Steuern
*PSI X 1113
(Nr. 31)
145 n.Chr.
14. ÉArsinÒh
ÑHrakle¤dou nev-
t°rou toË DidÊmou
mhtrÚw Ptol°maw
t∞w Ptolema¤ou
aus Suriak∞w, Stadtteil von Ptole-
mais Euergetis, besitzt u.a. in der
Flur von Samareia Getreidefelder,
Weingärten und Palmenhaine
*** PSI X 1159
(Nr. 28)
2. Jh. n.Chr.
15. ÉAru≈thw
ÑArseËtow
einer von 4 ÉArsino›tai basiliko‹
gevrgo¤, die einen staymÒw von
YeÒdotow Kassãndrou übernehmen
(Zession) i.d.Flur von Kerkesephis,
dort wohl auch ansässig.
**** P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
16. AÈrhl¤a
Titane¤a ≤ ka‹
ÉIsid≈ra
épÚ t∞w aÈt∞w ÉArsinoit«n pÒlevw
épÚ émfÒdou Luke¤vn, besitzt i.d.
Flur von Samareia alias Kerkesephis
Katökenland, das sie abtrittt an
NN ´soËtow (siehe Nr. 112)
*** BGU I 94
(Nr. 41)
4.12.298
n.Chr.
17. BvlanÒw Stratege des Arsinoites bzw. der
Merides Themistos und Polemos
(Bastianini-Whitehorne S. 52), erhält
Rapport von Pasion, Dorfschreiber
von Samareia und Bukolos alias
Tristomos
**** P.Lond. III 1219
(Nr. 35)
196 n.Chr.
18. Dãllow Mit seiner Frau angeklagt von
ÉAristÒmaxow, viell. wegen “unbe-
fugten Wohnens im Gymnasium”
(Übel S.188), vielleicht Jude
*P.Enteux. 8
= SB 7245
(Nr. 13)
27.2.221
v.Chr.
66 7. Prosopographie
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
19. Dhmokrãthw
[ - 12 Buchst.- ]
einer von 6 ÉIouda›oi, die als mãr-
turew fungieren, wahrsch. Kleruche
in Samareia
*P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17
12.8.201
v.Chr.
20. DiagÒraw
Diokl°ouw ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, quittiert
NikopÒlh den Erhalt ihrer Mitgift
*CPR XVIII 8
(Nr. 3)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
21. Diogen‹w Lu-
simãxou
Steuerzahlerin (Katökensteuer), erhält
eine Quittung von den Sitologen
Samareias, bekannt aus P.Mil. Vogl.
II 76.77; III 96 und IV 227
** P.Mil.Vogl. VI
298
(Nr. 32)
26.7.147
n.Chr.
22. Diofãnhw Stratege des Arsinoites, soll dem
Epistates von Samareia bestimmte
Anweisungen erteilen
**** P.Enteux. 8
64
23
(Nr. 13-15)
27.2.221
11.5.218
v.Chr.
23. DiÒfantow grammateÊw gevrg«n in Samareia,
wird von Dositheos wegen Betrugs
verklagt, viell. Jude
*P.Heid. VI 382
(Nr. 22)
nach 158/7
v.Chr.
24. DiÒfantow
YeodÒtou
einer von 6 ÉIouda›oi, die als mãr-
turew fungieren, wahrsch. Kleruch in
Samareia
*P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
25. D¤filow Yrçij t∞w t«n ∞Yessal«n ka‹ t«n
êllvn ÑEllÆnvn flpparx¤aw; Inhaber
eines 70 - Aruren - Kleros, zahlt
Pachtzins für 70 Aruren an
ÉAndrÒmaxow
*CPR XVIII 10
(Nr. 5)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
26. D¤vn ÉA[ ] wahrsch. Einwohner von Samareia,
erwähnt in fragm. Personen-Liste
*P.Heid. VI 375
(Nr. 21)
Mitte 2. Jh.
v.Chr.
27. Dvr¤vn zutopoiÒw in Samareia, erhält eine
Lieferung Gerste, viell. Jude
*P.Petr. III 87b)
Col. II 2
(Nr.10)
ca. 260-224
v.Chr.
28. Dvr¤vn Einzahler aus Theogonis für magei-
rikÆ, eine Fleischer- oder
Fleischhandels-Steuer, in das
logeut∞rion Samare¤aw
**** P.Tebt. III 873
(Nr. 19)
frühes 2. Jh.
v.Chr.
29. Dvsiy°a Yeo-
dÒtou Yeod≈rou
zahlt wohl eine Art Landsteuer für
Landbesitz i.d.Flur von Samareia,
wohl Jüdin
** CPJ I 47
(Nr. 25)
2. Jh. v.Chr.
30. Dvs¤yeow fulak¤thw, Inhaber eines 10- Aruren-
Kleros, wohl Jude, führt Klage
wegen Betrugs gegen Diophantos,
den Schreiber der Bauern
*P.Heid. VI 382
(Nr. 22)
nach 158/7
v.Chr.
31. Dvs¤yeow erwähnt als Urkundenhüter, wohl
Jude
*CPR XVIII 9
(Nr. 4)
24.8.- 21.9.
232 v.Chr.
7. Prosopographie 67
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
32. Dvs¤yeow [ ] wohl Einwohner von Samareia und
Jude, erwähnt in einer fragm.
Personen-Liste
*P.Heid. VI 375
(Nr. 21)
Mitte 2. Jh.
v.Chr.
33. Dvs¤yeow
[......]u strati≈thw in Samareia, besitzt dort
Kleinvieh (15 Schafe, 10 Lämmer, 2
Ziegen, 2 Böcke), wohl Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
34. Dvs¤yeow
YeodÒtou strati≈thw in Samareia, besitzt dort
Kleinvieh (u.a. 20 Schafe), wohl
Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
35. Dvs¤yeow
Yeof¤lou ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, fungiert als
Urkundenhüter, wohl Vater des Theo-
philos von CPJ I 21 = P.Gurob 8
(210 v.Chr.); siehe CPR XVIII 8
Anm. 163
*CPR XVIII 8
(Nr. 3)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
36. Dvs¤yeow
Yeog°nouw ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, fungiert als
kÊriow der NikopÒlh
*CPR XVIII 8
(Nr. 3)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
37. Dvs¤yeow TÊ-
xvnow strati≈thw in Samareia, besitzt dort
Kleinvieh (10 Schafe, 5 Lämmer),
wohl Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
38. ÑElladÒth
Filvn¤dou
klagt gegen ihren Ehemann
ÉIvnayçw, beide wohl aus Samareia,
viell. Jüdin
*P.Enteux. 23
= CPJ 128
(Nr. 23)
11.5.218
v.Chr.
39. ÉEudaimon¤w ≤
ka‹ Serãllion
Prvtãrxou
Steuerzahlerin aus Samareia, zahlt
émpel›tiw
*P.Mil.Vogl.IV
252
(Nr. 36)
2. Jh. n.Chr.
40. Z≈purow Epimelet, erhält eine Eingabe von
Dositheos, einem Phylakiten von
Samareia; im Amt belegt zwischen
159 und 155 v.Chr., in PP I und VII
als Nr. 942
**** P.Heid. VI 382
(Nr. 22)
nach 158/57
v.Chr.
41. ÑHrakle¤a
ka‹ ÉAmmvnar¤a
YeodÒtou toË
Zv¤lou
Steuerzahlerin in Samareia, zahlt
Weinland- und Katökenland-Steuer
*P.Mil.Vogl. IV
252
(Nr. 36)
2. Jh. n.Chr.
42. ÑHrakle¤a
Xrat...
Steuerzahlerin aus Samareia, zahlt
Katökenland-Steuer
*P.Mil.Vogl. IV
252 (Nr. 36)
2. Jh. n.Chr.
43. YeÒdotow Verwandter der Ptol°ma, seine
Erbin, pachtete u. bezahlte d. Ertrag
eines Palmenhains i.d. Flur von
Samareia von Ne›low, viell. Jude
** P.Enteux. 64
(Nr. 14)
27.2.221
v.Chr.
44. YeÒdotow
ÉAlejãndrou
YeodÒtou
zahlt wohl eine best. Landsteuer für
Landbesitz i.d.Flur von Samareia,
wohl Jude
** CPJ I 47
(Nr. 25)
2. Jh. v.Chr.
68 7. Prosopographie
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
45. YeÒdotow
ÉIãsonow
einer von 6 ÉIouda›oi, die als mãrtu-
rew fungieren, wohl ein Kleruch in
Samareia
*P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
21.8.201
v.Chr.
46. YeÒdotow
Kassãndrou Pa¤vn t«n Ful°vw taktÒmisyow,
zediert d. staymÒw seines Vaters
i.d.Flur von Kerkesephis, wohl Jude
*P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
47. Yeod≈ra
L°ontow Mar¤ou
zahlt wohl eine best. Landsteuer für
Landbesitz i.d.Flur von Samareia,
wohl Jüdin
** CPJ I 47
(Nr. 25)
2. Jh. v.Chr.
48. YeÒdvrow
Dvsiy°ou
Inhaber eines 30-Aruren-Kleros,
besitzt Kleinvieh in Samareia (wohl
über 40 Schafe u.a.), wohl Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
49. YeÒdvrow
Yeod≈rou ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, suggrafo-
fÊlaj; in der PP vier gleichnamige,
aber nicht identische Personen belegt
(CPR XVIII 11 Anm. 224)
*CPR XVIII 11
(Nr. 6)
22.9-20.10.
232 v.Chr.
50. YeÒmnhstow
Dvsiy°ou
Yeod≈rou
zahlt wohl eine bestimmte
Landsteuer für Landbesitz i.d. Flur
von Samareia, wohl Jude
** CPJ I 47
(Nr. 25)
2. Jh. v.Chr.
51. Yeoj°na
Leuk¤ou
besitzt in Samareia Kleinvieh (30
Schafe, 15 Lämmer, 2 Ziegen, 2
Böcklein), vielleicht Frau d. Inhabers
eines 80- oder 30-Aruren-Kleros,
vielleicht von Sis¤nhw (siehe CPJ I
S. 137 Anm. 24), viell. Jüdin
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
52. YeÒfilow wohl §laiokãphlow in Samareia,
viell. Jude; belegt in P.Petr. II 28
Kol. II 9 - VI 4 - VIII 4 - IX 23 - XI
24 und in 66 b) Kol. IV 4
*P.Petr. II 28 u.
III 66b)
(Nr. 8 und 9)
ca. 260 - 224
v.Chr.
53. ÉIakoËbiw
ÉIakoÊbiow strati≈thw, aÈlhtÆw, besitzt in
Samareia Kleinvieh (13 Schafe, 6
Lämmer, 1 Ziege), wohl Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
54. ÉIãsvn
Mnãsonow strati≈thw, besitzt in Samareia
Kleinvieh (5 Schafe, 3 Ziegen), wohl
Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
55. ÑIeroËw
Timoy°ou ÉIouda›ow, einer v. 6 mãrturew und
suggrafofÊlaj, wohl Kleruch in
Samareia
*P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
56. ÉIvãnna wohl Jüdin, wird angeklagt, die
schwangere Ehefrau des Juden
Sabbata›ow mißhandelt zu haben,
vielleicht aus Samareia
** P.Tebt. III 800
= CPJ 133
(Nr. 24)
17.7.153 v.
oder
15.7.142 v.
Chr.
7. Prosopographie 69
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
57. ÉIvãnnhw
ÉAntipãtrou strati≈thw, besitzt Kleinvieh in
Samareia (30 Schafe, 15 Lämmer, 1
Ziege, 2 Böcke), wohl Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
58. ÉIvnayçw wohl ein Jude aus Samareia, wird
von ÑElladÒth, seiner Ehefrau,
angeklagt
*P.Enteux. 23
= CPJ I 128
(Nr. 15)
11.5.218
v.Chr.
59. ÉIvnayçw
ÉIvnayoË ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, pachtet zus.
mit ÉApoll≈niow einen Weingarten
i.d.Flur von Tebtynis von
Ptolema›ow
** CPR XVIII 7
(Nr. 2)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
60. Kãssandrow Pa¤vn (?), besitzt einen staymÒw in
Kerkesephis, den sein Sohn
YeÒdotow abtritt (siehe Übel 617),
wohl Jude
** P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
61. KatËtiw Pet.... einer von 4 ÉArsino›tai gevrgo¤,
denen YeÒdotow den staymÒw seines
Vaters in Kerkesephis abtritt, wohl
aus Kerkesphis
**** P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
62. KatËtiw
P.....Êmiow
einer von 4 ÉArsino›tai gevrgo¤,
denen YeÒdotow den staymÒw seines
Vaters in Kerkesephis abtritt, wohl
aus Kerkesphis
**** P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
63. Levn¤dhw wohl einer v. 3 §laiokãphloi in
Samareia, bezeugt in P.Petr. II 28
Kol. II 9 - VI 4 - VIII 4 - IX 23 - XI
24 und in P.Petr. III 66 b) Kol. IV 4
*P.Petr. II 28 u.
III 66b)
(Nr. 8 und 9)
ca. 260-224
v.Chr.
64. LoÊriow
ÜHrvnow
hat wohl Besitz in Samareia bzw.
stammt von dort; Naaraus ist viel-
leicht sein Pächter bzw. auch sein
Schuldner
*P.Tebt. II 609
(Nr. 38)
2. Jh. n.Chr.
65. Mãrion
ÉIakoÊbiow
besitzt Kleinvieh in Samareia (80
Schafe, 30 Lämmer), viell. Frau d.
Inhabers eines 80- oder 30-Aruren-
Kleros, wohl Jüdin
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
66. Men°stratow
toË ÉIvnayoË ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, (9) gibt die
Mitgift seiner ehemaligen Frau an
deren Mutter Filoum°nh zurück und
(11) pachtet von dieser Gartenland
*CPR XVIII 9
(Nr. 4)
und 11 Nr. 6)
24.8.-21.9.
232
22.9.-20.10.
232 v.Chr.
67. M¤lvn Zvs¤-
mou ÉIouda›ow, einer von 6 mãrturew,
wohl Kleruch in Samareia
*P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
70 7. Prosopographie
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
68. NaaraËw
ÑHraklÆou
schuldet wohl ca. 106 Dr., vielleicht
als Pächter oder Verwalter von
LoÊriow ÜHrvnow und dessen
Schuldner, aus Samareia
*P.Tebt. II 609
(Nr. 38)
2. Jh. n.Chr.
69. Ne›low besitzt einen Palmenhain i.d. Flur
von Samareia, wird von Ptol°ma
angeklagt wegen unrechtmäßiger
Verweigerung der Ernte
** P.Enteux. 64
(Nr. 14)
27.2.221
v.Chr.
70. NikopÒlh t∞w
YeodÒtou ÉIouda¤a, übergab ihrem zukünftigen
Ehemann DiagÒraw die Mitgift u.
erhielt von ihm eine Quittung; erster
Beleg für diesen Namen (s. Anm.
153)
*CPR XVIII 8
(Nr. 3)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
71. J°nvn Maked∆n t∞w g flpparx¤aw t«n oÎpv
ÍpÚ ≤gemÒna, Inhaber eines 30-
Aruren-Kleros in Samareia, sug-
grafofÊlaj
*CPR XVIII 10
(Nr. 5)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
72. ÉOrdãnhw
ÉA[ ]tow
wahrscheinlich ein Einwohner von
Samareia, erwähnt in einer, nur
fragmentarisch erhaltenen Personen-
liste
*P.Heid. VI 375
(Nr. 21)
Mitte 2. Jh.
v.Chr.
73. ÉOrsenoËfiw einer von 4 ÉArsino›tai gevrgo¤,
denen YeÒdotow den staymÒw seines
Vaters in Kerkesephis abtritt, wohl
aus Kerkesphis
**** P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
74. Pas¤vn kvmogrammateÊw BoukÒlou toË ka‹
TristÒmou ka‹ Samare¤aw, stattet
dem Strategen Bolanos seinen vier-
teljährlichen Rapport ab
** P.Lond. III
1219
(Nr. 35)
196 n.Chr.
75. Pet«w TopogrammateÊw (wohl PP I 606),
unternahm zusammen mit Apynchis,
dem Dorfschreiber, eine Geometria
bzw. Episkepsis in Samareia und
soll dem Kläger Dositheos gegen
Diophantos Recht verschaffen.
**** P.Heid. VI 382
(Nr. 22)
nach 158/57
v.Chr.
76. PolÊboulow wohnt offensichtlich in Samareia und
verpachtet Ackerland an NN u.
TÆrhw, wohl ein Kleruch; viell. Jude
*CPR XVIII 32
(Nr. 7)
232/1 v.Chr.
77. PolÊkleitow Erbe d. Besitzes von ÉApollÒdvrow
in Alexandreia u. in Samareia;
Verwalter des letzteren ist
ÉAristÒmaxow; wohnt offensichtlich
nicht in Samareia
*** P.Enteux. 8
= SB 7245
(Nr. 13)
27.2.221
v.Chr.
7. Prosopographie 71
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
78. Prvt[.....]
Dvsiy°ou
wahrscheinlich Einwohner von
Samareia, erwähnt in fragm.
Personen-Liste; Name viell.
Protarchos, Protogenes oder
Protomachos, wohl Jude
*P.Heid. VI 375
(Nr. 21
Mitte 2. Jh.
v.Chr.
79. Pr≈tarxow
ÉIãsonow t∞w t«n Mus«n flpparx¤aw, Inhaber
eines 70-Aruren-Kleros i.d. Flur von
Samareia, zahlt xrvmatikÒn u.
fulakitikÒn le¤aw, viell. Jude
*P.Petr. III 112
e) Col. II Z. 4
(Nr. 12)
221/0 v.Chr.
80. Ptol°ma klagt gegen Ne›low weg. Verwei-
gerung der Ernte, für die ihr Ver-
wandter YeÒdotow bezahlt hatte; sie
ist seine Erbin, viell. Jüdin
** P.Enteux. 64
(Nr. 14)
27.2.221
v.Chr.
81. Ptolema›ow sammelte bzw. zahlte die Steuern
von 6 Personen, vielleicht alle aus
Samareia, viell. Jude
** CPJ I 47
(Nr. 25)
2.Jh.v.Chr.
82. Ptolema›ow BasilikÚw grammateÊw der Pole-
monos Meris, Bastianini-Whitehorne
S. 130
**** P.Tebt. II 566
(Nr. 29)
133 n.Chr.
83. Ptolema›ow
ÉAsklhpiãdou P°rshw t∞w §pigon∞w, verpachtet
einen Weingarten i.d. Flur von
Tebtynis an ÉIvnayçw und
ÉApoll≈niow (ÉIouda›oi)
*CPR XVIII 7
(Nr. 2)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
84. Ptolema›ow
...[.].. toË
ÉApollvn¤dou
kãtoikow t«n §n ÉArsino¤th éndr«n
ÑEllÆnvn énagrafÒm°now
§pÄ émfÒdou Luk¤vn, deklariert
Besitz in Samareia, den er dort zus.
mit den Kindern seiner Töchter Elene
und Thermutharion hat.
*** P.Tebt. II 566
(Nr. 29) 133 n.Chr.
85. Ptollçw gevrgÒw, erhält von Patron, S.d.
Geminos, Urenkel d. Laches, eine
Quittung für Pachtzins von 80
Artaben Weizen für 11 Aruren i.d.
Flur von Samareia
*P.Mil.Vogl. VI
275
(Nr. 30)
133/4 n.Chr.
86. Puyokl∞w
toË Diokl°ouw ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, kÊriow u.
Bruder der Filom°nh
*CPR XVIII 9
(Nr. 4)
und 11 (Nr. 6)
24.8.-21.9.
232
22.9.-20.10.
232 v.Chr.
87. Purr¤aw wohl einer von 3 §laiokãphloi in
Samareia, bezeugt in P.Petr. II 28
Kol. II 9 - VI 4 - VIII 4 - IX 23 - XI
24 und in P.Petr. III 66 b) Kol. IV 4
*P.Petr. II 28
III 66b)
(Nr. 8 und 9)
ca. 260-224
v.Chr
72 7. Prosopographie
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
88. Sabbaya›ow
K.......ou ÉIouda›ow, einer von 6 mãrturew,
wohl ein Kleruch in Samareia
*P.Tebt. III 820
= CPJ I 22
(Nr. 17)
12.8.201
v.Chr.
89. Sabbãyion
ÉArist¤ppou
ÉIakoÊbiow
zahlt wohl eine best. Landsteuer f.
Landbesitz i.d. Flur von Samareia,
wohl Jüdin
** CPJ I 47
(Nr. 25)
2. Jh. v.Chr.
90. Sabbãyion
Sabba¤ou toË
ka‹ Mar¤ou
zahlt wohl eine best. Landsteuer f.
Landbesitz i.d. Flur von Samareia,
wohl Jüdin
** CPJ I 47
(Nr. 25)
2. Jh. v.Chr.
91. Sabbata›ow ÉIouda›ow, “one of the hired
labourers”, viell. von Samareia,
klagt gegen ÉIvãnna, die seine Frau
mißhandelte
** P.Tebt. III 800
= CPJ I 133
(Nr. 24)
17.7.153 od.
15.7.142
v.Chr.
92. Sambaya›ow
Yeod≈rou strati≈thw, besitzt Kleinvieh in
Samareia (30 Schafe, 20 Lämmer, 2
Ziegen, 2 Böcke), wohl Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
93. Sambãyion
ÉIvnayoË
besitzt Kleinvieh in Samareia (15
Schafe, 5 Lämmer, N Ziegen, 1
Bock), wohl Jüdin
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
94. ShneÁw toË
Sis¤nou
Inhaber eines 80-Aruren-Kleros, be-
sitzt Kleinvieh in Samareia, viell.
Jude (siehe Anm. 4)
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
95. SÒlvn transportiert Getreide für Steuerauf-
kommen Samareias von Kerkesephis
aus, keine Angaben bzgl. Wohnort
P.Gurob IV
(Nr. 16)
217 v.Chr.
96. Strãtippow
Strat¤ppou strati≈thw, besitzt Kleinvieh in
Samareia (13 Schafe, 10 Lämmer, 1
Ziege), vielleicht Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
97. S....... Maked∆n t«n oÎpv ÍpÚ ≤gemÒna t∞w
b flpparx¤aw, Inhaber eines 30-
Aruren-Kleros wohl in Samareia,
fungiert als suggrafofÊlaj
*CPR XVIII 32
(Nr. 7)
232/1 v.Chr.
98. Ta≈tion Pto-
lema¤ou mhtrÚw
ÉArsinÒhw t∞w
ÑHrakle¤dou
Steuerzahlerin in Samareia, zahlt
Katökensteuer und émpel›tiw, erhält
eine Quittung von Harpochras und
seinen Kollegen im Sitologen-Amt
*PSI X 1113
(Nr. 31)
145 n.Chr.
99. TÆrhw pachtet zus. mit NN Ackerland von
PolÊboulow, wohl nicht aus
Samareia
*** CPR XVIII 32
(Nr. 7)
232/1 v.Chr.
100. F¤li[ppow] wahrscheinlich Einwohner von
Samareia, erwähnt in fragm.
Personen-Liste
*P.Heid. VI 375
(Nr. 21)
Mitte 2. Jh.
v.Chr.
7. Prosopographie 73
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
101. Filist¤vn
N°vnow ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, fungiert als
suggrafofÊlaj
*CPR XVIII 9
(Nr. 4)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
102. FilÒpatrow
TÆrouw ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w, fungiert als
suggrafofÊlaj
*CPR XVIII 7
(Nr. 2)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
103. Filoum°nh
Diokl°ouw ÉIouda¤a, bestätigt ihrem ehem.
Schwiegersohn Men°stratow die
Rückzahlung der Mitgift und schließt
mit ihm einen Pachtvertrag über
Gartenland i.d. Flur von Samareia
*CPR XVIII 9
(Nr. 4)
und 11 (Nr. 6)
24.8.-21.9.
232 v.Chr.
22.9.-20.10.
232 v.Chr.
104. FiloÊ+m[enow] wahrscheinlich Einwohner von Sa-
mareia, erwähnt in fragm. Personen-
Liste
*P.Heid. VI 375
(Nr. 21)
Mitte 2. Jh.
v.Chr.
105. ÑVr¤vn ka‹ m°toxoi sitolÒgoi Samare¤aw,
stellen Diogen¤w und ÉAgayÚw Da¤-
mvn eine Quittung aus
*P.Mil.Vogl. VI
298
(Nr. 32)
26.7.147
n.Chr.
106. [...]..liw
Sur¤vnow strati≈thw, besitzt Kleinvieh in
Samareia (30 Schafe u. Lämmer),
wohl Jude; Name viell. Samo∞liw
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
107. [....].eow Sam-
baya¤ou strati≈thw, besitzt Kleinvieh in
Samareia (30 Schafe, Rest verloren),
wohl Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
108. [........ Ne-
opt?]olemou strati≈thw, besitzt Kleinvieh in
Samareia (12 Schafe, 4 Lämmer),
viell. Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
109. [-15 Buchst.-]
..ou strati≈thw, besitzt Kleinvieh in
Samareia (40 Schafe, 15 Lämmer),
viell. Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
110. [-10 Buchst.-]
okle¤vnow strati≈thw, besitzt Kleinvieh in
Samareia (68 Schafe, 8 Lämmer, 10
Ziegen, 1 Bock), viell. Jude
*P.Tebt. III 882
= CPJ I 28
(Nr. 23)
155 od. 144
v.Chr.
111. NN ..]soËtow
mhtrÚw ÉAnou-
bar¤ou
épÚ k≈mhw KerkesÆfevw t∞w ka‹
Samar¤aw, pachtet von ÉAurhl¤a
Titane¤a ≤ ka‹ ÉIsid≈ra Katöken-
land i.d. Flur von Samareia alias
Kerkesephis
*BGU I 94
(Nr. 41)
4.12.298
n.Chr.
112. .[.]..vn ÉAnti-
pãtrou
Steuerzahler in Samareia (Katöken-
landsteuer), erhält Quittung von
Horion und seinen Kollegen im
Sitologen-Amt
*P.Mil.Vogl. VI
298
(Nr. 32)
26.7.147
n.Chr.
113. NN ≤ legom°nh aÍtoË gunÆ Frau des
Dãllow, mitangeklagt weg. (so Übel
S.188) “unbefugten Wohnens im
Gymnasium”, viell. Jüdin
*P.Enteux. 8
(Nr. 13)
27.2.221
v.Chr.
74 7. Prosopographie
Name Beschreibung domi Dokument Zeit
114. NN ı §pistãthw Samare¤aw *P.Enteux. 23
= CPJ I 128
(Nr. 15)
11.5.218
v.Chr.
115. NN ı §pistãthw, wohl von Samareia *P.Enteux. 64
(Nr. 14)
27.2.221
v.Chr.
116. NN kvmogrammateÊw, viell. von
Samareia
** P.Tebt. III 800
= CPJ I 133
(Nr. 24)
17.7.153 od.
15.7.142
v.Chr.
117. NN kvmogrammateÊw Samare¤aw *P.Tebt. II 566
(Nr. 29)
133 n.Chr.
118. NN pachtet zus. mit TÆrhw Ackerland
von PolÊboulow, wohl nicht aus
Samareia
*** CPR XVIII 32
(Nr. 7)
232/1 v.Chr.
119. NN schwangere Ehefrau des Juden
Sabbata›ow, wurde wohl von
ÉIvãnna mißhandelt
** P.Tebt. III 800
= CPJ I 133
(Nr. 24)
17.7.153 od.
15.7.142
v.Chr.
Erste Auswertung:
Die zweiunddreißig in Frage kommenden Samareia-Papyri erbrachten einhundertneun-
zehn Personen, davon:
* 81 Personen wohl Bewohner Samareias
** 19 Personen möglicherweise Bewohner Samareias
*** 7 Personen wohl keine Bewohner Samareia, besitzen oder pachten dort aber Land
**** 11 Personen wohl keine Bewohner Samareias
1 Person ohne Angabe.
Bei der einen Person ohne Angabe handelt es sich um Solon (95.), der Getreide Samarei-
as transportiert. Bei den elf Personen (****) handelt es sich um sechs höhere, d.h. über
den Dorfbeamten angesiedelte Beamten (6.- 17.- 22.- 40.- 75.- 82.), um vier arsinoiti-
sche Königsbauern (15.- 61.- 62.- 73.) wohl aus Kerkesephis und um einen Gewerbe-
treibenden aus Theogonis (28.). Bei den sieben Personen (***) handelt es sich einmal um
zwei Parteien, die Land in Samareia pachten (11.; 99. und 118), und um vier Personen,
die Besitz in Samareia haben, zwei Frauen (14.-16.) und zwei Männer (77.- 84). Von
fünfzehn Personen ist leider der Name vollständig oder nahezu vollständig verloren, und
zwar von Nr. 97 und den letzten vierzehn Personen in der Liste.
Die Bewohner Samareias:
Von den neunzehn Personen der zweiten Gruppe, also der möglichen Einwohner Sama-
reias, ist nur bei zwölf (9.-21.-43.-56.-59.-60.-69.-74.-80.-91.-116.-119.) die Zuord-
nung zu Samareia eher unsicher bzw. gibt es keine aussagekräftigen positiven Hinweise,
7. Prosopographie 75
spricht aber auch nichts dagegen, bei den übrigen sieben (wahrscheinlich) Juden von Sa-
mareia-Papyrus Nr. 25, also CPJ I 47 (29.-44.-47.-50.-81.-89.-90.) gibt es immerhin
deutliche Anhaltspunkte, die dafür sprechen, nämlich die erhaltene Ortsbezeichnung “Sa-
mareia” und die zum größten Teil eindeutig jüdischen Namen. Mit dieser Einschränkung
hinsichtlich der eben genannten neunzehn Personen kann man also von einhundert Perso-
nen ausgehen, die sicher oder zumindest wahrscheinlich Bewohner von Samareia waren,
und sie sollen auch als eine Gruppe behandelt werden.
Zur Verteilung in der Zeit:
Von den einhundert ermittelten Bewohnern Samareias stammten fünfundachtzig aus der
Zeit von Mitte des 3. Jh. bis Mitte des 2. Jh. (bzw. sieben allgemein aus dem 2. Jh.)
v.Chr., also aus den ersten gut einhundert Jahren des durch die Papyri belegten Zeit-
raums. Weitere vierzehn Personen stammen aus dem 2. Jh. n.Chr. und eine weitere Per-
son aus dem 3. Jh. n.Chr. Personen aus den beiden Jahrhunderten um Christi Geburt
fehlen also völlig, weiter fällt auf das große Übergewicht der für die Frühzeit belegten
Personen gegenüber den wenigen für die spätere Zeit belegten. Das entspricht natürlich
der Überlieferungslage: mehr als die Hälfte der Samareia-Papyri stammt aus der Frühzeit,
gefolgt von jeweils einem Dokument aus den Jahrhunderten um Christi Geburt und rund
einem Drittel der Dokumente aus der späten Zeit.277
Zu den verschiedenen Bevölkerungsgruppen:
Unter den einhundert Bewohnern Samareias finden sich zwölf Beamte und acht Gewer-
betreibende. Des weiteren einunddreißig Personen, die dem Militär zuzurechnen sind.
Dann treten neunzehn Personen auf mit der Bezeichnung “Jude” (siebzehn) oder “Jüdin”
(zwei), weitere achtundzwanzig Personen sind wahrscheinlich Juden (darunter acht Frau-
en) und weitere achtzehn sind vielleicht Juden (darunter fünf Frauen). Das wären insge-
samt fünfundsechzig Personen mit jüdischer Identität (darunter fünfzehn Frauen).278
Bemerkenswert sind nun zwei weitere Beobachtungen:
1. Von den einunddreißig Militärs tragen mindestens achtzehn, vielleicht sogar fünfund-
zwanzig eine jüdische Identität, also ein Anteil von knapp zwei Drittel bis zu knapp drei
Viertel. Umgekehrt heißt das, daß von den fünfundsechzig angenommenen Personen jü-
discher Identität mindestens achtzehn, eventuell sogar fünfundzwanzig dem Militär zuzu-
ordnen sind, also rund ein Drittel.
2. Es zeigt sich weiter, daß alle einunddreißig angenommenen Militärpersonen und fünf-
undsechzig Personen jüdischer Identität aus dem schon erwähnten Zeitraum von Mitte des
3. Jh. bis ins 2. Jh. v.Chr. stammen, d.h. aus der schon definierten Gruppe von fünf-
undachtzig Bewohnern Samareias für diese frühe Zeit.
Soviel zu einer ersten Auswertung der Personenliste, die im folgenden schematisch ver-
deutlicht werden woll
277 Vgl. Abschnitt 4.3. der Dokumentation.
278 Im folgenden Kapitel werden diese Gruppen einzeln behandelt werden.
76 7. Prosopographie
Schema "Verteilung der einhundert Bewohner Samareias in der Zeit"
Zeit Anzahl
allg. 260-224 v.Chr.
232-201 v.Chr. 4 Personen
40 Personen
insges. 2. Hälfte des 3. Jh. v.Chr. 44 Personen
um Mitte des 2. Jh. v.Chr.
allg. 2. Jh. v.Chr. 34 Personen
7 Personen
insges. 2. Jh. v.Chr. 41 Personen
insges. Mitte 3. Jh. bis 2. Jh. v.Chr. 85 Personen
1. Jh. v.Chr. niemand belegt
1. Jh. n.Chr. niemand belegt
2. Jh. n.Chr. 14 Personen
3. Jh. n.Chr. 1 Person
insges. 3. Jh. v. bis 3. Jh. n.Chr. 100 Personen
Schema "Bevölkerungsgruppen Samareias"279
Bevölkerungsgruppe Anzahl
Personen Zeit
Beamten 8
43.-2. Jh. v.
2. Jh. n.Chr.
Gewerbetreibende 7
13.-2. Jh. v.
2. Jh. n.Chr.
Militär 31 3.-2.
Jh. v.Chr.
Juden 65 (davon 18
unsicher)
3.-2.
Jh. v.Chr.
279 Wie weiter oben schon angemerkt wurde, kann es zwischen den einzelnen Gruppen Überschneidungen
geben.
8. Bevölkerungsgruppen280
8.1. Die Juden Samareias
Es gibt drei Personengruppen, die hier in Frage kommen. Zuerst sind das Einwohner Sa-
mareias, die sich ausdrücklich als Juden oder Jüdinnen ausweisen. Dann gibt es Perso-
nen, bei denen dies zwar nicht der Fall ist, die aber dennoch aufgrund ihrer Namen und
des Zusammenhangs mit großer Wahrscheinlichkeit als Juden identifiziert werden kön-
nen. In einigen weiteren Fällen ist diese Wahrscheinlichkeit sehr gering.
a) Zuerst zu denen, die sicher Juden sind. Das sind neunzehn Personen, die direkt als Ju-
den bezeichnet werden, entweder mit “ÉIouda›ow” bzw. “ÉIouda¤a” oder mit “ÉIouda›ow
t∞w §pigon∞w”:
Bezeichnung Anzahl Papyrus Nr. in der Prosopographie
ÉIouda›ow 7 CPJ I 22
CPJ I 133 19.-24.-45.-55.-67.-88.
91.
ÉIouda¤a 2 CPR XVIII 8
CPR XVIII 9+11 70.
103.
ÉIouda›ow t∞w
§pigon∞w
10 CPR XVIII 7
CPR XVIII 8
CPR XVIII 9
CPR XVIII 9+11
CPR XVIII 11
9.-59.-102.
20.-35.-36.
101.
66.-86.
49.
Zu den 12 Juden im CPR XVIII (232 v.Chr.):
Bei Vertragsabschlüssen sowie bei der Abfassung von Dokumenten, die möglicherweise
von juristischem Belang sein konnten, mußten die beteiligten Personen mit bestimmten
Angaben bezüglich ihres Standes versehen werden. Dies war königliche Vorschrift, von
der zwei Zeugnisse, P.Hamb. II 168 und BGU XIV 2367, erhalten sind.281 Dies galt
also für die Verträge des CPR XVIII, die ja sämtlich in der von Kramer beschriebenen
Form offiziell registriert wurden.282 Zu diesen Angaben gehörten auch Ethnika, die in
den Papyri in einer frühen Epoche echte Nationalitätenbezeichnungen darstellen, so also
auch in den vorliegenden Fällen.283 Was die Epigone-Bezeichnungen angeht, so war
Uebel der Ansicht, daß es sich bei den so bezeichneten Männern - bei Frauen steht immer
nur das Ethnikon - um Nachkommen von Kleruchen gehandelt habe, die zwar noch nicht
Militärdienst leisteten, aber zur Reserve bereitständen. Dafür gibt es aber offensichtlich
keine Zeugnisse, und es gilt daher wohl, daß es sich zwar um Nachkommen von
280 Vgl. die Einführung in das vorige Kapitel.
281 Besprochen von F. Uebel, Die Kleruchen Ägyptens unter den ersten sechs Ptolemäern, Berlin 1968,
S. 11-13, und W. M. Brashear in BGU XIV 2367, S. 1-3. Im Wesentlichen stütze ich mich dabei und im
folgenden auf die systematische Behandlung dieser Fragen bei B. Kramer, CPR XVIII, Wien 1991, bes. S.
63ff.
282 Kramer, a.a.O. S. 10ff.
283 So die jüngsten Forschungsergebnisse zusammenfassend Kramer, a.a.O. S. 69. Zur Sonderstellung
der Perser, siehe a.a.O. S. 70f.
78 8. Bevölkerungsgruppen
Kleruchen handelt, aber keinerlei Verbindung dieser Gruppe zum Militär belegt ist, und
sie somit als Zivilisten anzusehen sind.284 Die zwölf Juden aus dem CPR XVIII müßten
wie die Papyri selbst in das CPJ aufgenommen werden, sofern es in überarbeiteter Form
erscheinen wird.
Zu den sechs Juden in CPJ I 22 (201 v.Chr.):
Bei diesen Juden könnte es sich um Kleruchen bzw. um Angehörige des Militärs han-
deln, da sie einem aktiven Soldaten und Kleruchen als Zeugen dienen. Da jedoch die
sonst üblichen militärischen Bezeichnungen fehlen, bleibt es fraglich.285 Uebel schließt
sie daher von seiner Liste der Kleruchen aus, weist aber auf diese Möglichkeit hin.286
CPJ I 133 (Mitte 2. Jh. v.Chr.)
In dieser leider sehr verstümmelten Eingabe beim Dorfschreiber gibt sich der Petent als
Jude zu erkennen. Auch wenn das Ethnikon nicht dabeistünde, würde ihn sein Name
Sabbataios zweifellos als solchen ausweisen. Eine Verbindung zum Militär ist nicht er-
kennbar.
Die neunzehn Juden (alphabetisch, mit Angabe der Nummer im Gesamtregister):
Apollonios, S.d. Philippos (9.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Demokrates (19.), ÉIouda›ow
Diagoras, S.d. Diokles (20.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Diophantos, S.d. Theodotos (24.), ÉIouda›ow
Dositheos, S.d. Theophilos (35.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Dositheos, S.d. Theogenes (36.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Hierus, S.d. Timotheos (55.), ÉIouda›ow
Jonathas, S.d. Jonathas (59.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Menestratos, S.d. Jonathas (66.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Milon, S.d. Zosimos (67.), ÉIouda›ow
Nikopole, T.d. Theodotos (70.), ÉIouda¤a
Philistion, S.d. Neon (101.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Philopatros, S.d. Teres (102.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Philumene, T.d. Diokles (103.), ÉIouda¤a
Pythokles, S.d. Diokles (86.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Sabbathaios, S.d. K(......)os (88.), ÉIouda›ow
Sabbataios (91.), ÉIouda›ow
Theodotos, S.d. Jason (45.), ÉIouda›ow
Theodoros, S.d. Theodoros (49.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
284 Vgl. Kramer, a.a.O. S. 72f.; sie referiert dort die papyrologische Diskussion über die Epigone mit
Verweis auf die entsprechende Literatur.
285 So vermuten M. Launey, Recherches sur les Armées Hellénistiques (überarbeitete Fassung), Paris
1987, Band I S. 545f. bzw. S. 546 Anm. 1 und der Herausgeber in CPJ I 22, siehe Komm.. zu Z. 14-15.
286 A.a.O. S. 198 Anm. 1.
8. Bevölkerungsgruppen 79
Kurze Auswertung der Namen nach den von Tcherikover und Fuks aufgestellten
Kategorien287:
Hebräische Namen mit griechischer Endung:
Jonathas: 1x als Name, 2x als Vatername
Philistion: 1x als Name (semitisch)
Sabbat(h)aios: 2x als Name
Griechische Namen mit phonetischem Anklang an hebräische Namen
1x Jason (45.) als Vatername: phonet. Assimilation zu Josua bzw. zum hebr.
Gottesnamen “Jah”, “Jo”288
Griechische theophore Namen, eventuell Übersetzungen hebr. Namen:
Theodotos: 1x als Name, 2x als Vatername
Dositheos: 2x als Name
Diophantos: 1x als Name
Theodoros: 1x als Name, 1x als Vatername
Theophilos: 1x als Vatername
Theogenos: 1x als Vatername
Diokles: 3x als Vatername
Griechische Namen im allgemeinen:
Apollonios, Demokrates, Diagoras, Hierus, Menestratos, Milon, Nikopole, Pythokles,
Philopatros, Philumene (je 1x als Name) - Philippos, Zosimos, Neon, Teres (je 1x als
Vatername).
Insgesamt zeigt sich, daß gut die Hälfte dieser neunzehn Juden als Namen “neutrale”
griechische Namen tragen, ein Viertel trägt griechische theophore Namen und nur knapp
ein Viertel hebräische Namen. Unter den insgesamt fünfundzwanzig belegten Namen sind
vierzehn allgemein griechische, sieben theophore griechische Namen, und drei hebräische
Namen. Das bedeutet, daß fast die Hälfte der Namen dieser Juden typisch hellenistisch
sind und keinen Hinweis auf ihre jüdische Identität geben würden. Dagegen wäre es also
nur möglich, von den drei hebräischen Namen zweifelsfrei auf eine jüdische Identität zu
schließen. Das Gleiche gilt auch noch von dem theophoren Namen “Dositheos” (2x), der
ausschließlich von Juden benutzt wurde, und in etwas geringerem Maße auch von “Theo-
dotos” (3x), ebenfalls ein theophorer Name, dessen Verbreitung im hellenistischen
Ägypten wohl auch auf Juden beschränkt war.289
b) Nun zu den Personen, die zwar nicht das Ethnikon “Jude” oder “Jüdin” tragen, aber
dennoch sehr wahrscheinlich als Juden zu identifizieren sind290, weil sie direkt zusam-
men mit ausgewiesenen Juden auftreten und zudem meist ihre Namen in diese Richtung
weisen.291
287 Vgl. die Bemerkungen in Abschnitt 7.1. W. Clarysse verwendete ebenfalls diese Kriterien in der
Untersuchung mit dem Titel “Jews in Trikomia”, in: Proceedings of the 20th International Congress of
Papyrologists, Copenhagen, 23-29 August 1992, Kopenhagen 1994, S.193ff.
288 Siehe CPJ I S. 28 Anm. 69.
289 Siehe CPJ I Prolegomena S. 29.
290 In der Prosopographie jeweils mit “wohl Jude” gekennzeichnet.
291 Vgl. die Bemerkungen zu den einzelnen Papyri in 7.1.
80 8. Bevölkerungsgruppen
Papyrus Nr. in der Prosopographie
(Männer / Frauen) Anzahl
CPJ I 22 46.-60. 2
CPJ I 28 4.-33.-34.-37.-48.-53.-54.-57.-92.-
106.-107. / 65.-93 13
CPJ I 47 44.-50. / 29.-47.-89.-90. 6
CPJ I 128 58. 1
CPJ I 133 / 56.-119. 2
CPR XVIII 9 31. 1
P.Heid. VI 375 32.-78. 2
P.Heid. VI 382 30. 1
28 insgesamt
Die achtundzwanzig Juden (alphabetisch, mit Angabe der Nummer im Gesamtregister):
Dosithea, T.d. Theodotos, S.d. Theodoros (29.)
Dositheos (30.)
Dositheos (31.)
Dositheos (32.)
Dositheos (33.)
Dositheos, S.d. Theodotos (34.)
Dositheos, S.d. Tychon (37.)
Haggais, S.d. Demetrios (4.)
Jakubis, S.d. Jakubis (53.)
Jason, S.d. Mnason (54.)
Joanna (56.)
Joannes, S.d. Antipatros (57.)
Jonathas (Nr. 58.)
Kassandros (60.)
Marion, T.d. Jakubis (65.)
Prot(.....), S.d. Dositheos (78.)
Sabbathion, T.d. Aristippos, S.d. Jakubis (89.)
Sabbathion, T.d. Sabbaios alias Marios (90.)
Sambathaios, S.d. Theodoros (92.)
Sambathion, T.d. Jonathas (93.)
(Samue?)lis, S.d. Syrion (106.)
Theodotos, S.d. Alexandros, S.d. Theodotos (44.)
Theodotos, S.d. Kassandros (46.)
Theodora, T.d. Leon, S.d. Marios (47.)
Theodoros, S.d. Dositheos (48.)
Theomnestos, S.d. Dositheos, S.d. Theodoros (50.)
(.....)eos, S.d Sambathaios (107.)
(Die wohl jüdische Ehefrau 119. des Juden Sabbataios (91.) wird nicht namentlich erwähnt)
8. Bevölkerungsgruppen 81
Zur Auswertung der Namen:
Hebräische Namen:
Haggais: 1x als Namen
Jakubis: 1x als Name, 3x als Vatername
Joanna: 1x als Name
Joannes: 1x als Name
Jonathas: 1x als Name, 1x als Vatername
Marion: 1x als (weibl.) Name
Marios: 2x als Vatername
Sabbaios: 1x als Vatername
Sam(/b)bathion: 3x als (weibl.) Name
Sambathaios: 1x als Name, 1x als Vatername
Samuelis: 1x (?) als Name
Griechische Namen mit phonetischem Anklang an hebräische Namen
1x Jason als Name: phonet. Assimilation zu Josua bzw. zum hebr.
Gottesnamen “Jah”, “Jo”
Griechische theophore Namen
Dosithea: 1x als Name
Dositheos: 6x als Name, 3x als Vatername
Theodotos: 2x als Name, 3x als Vatername
Theodora: 1x als Name
Theodoros: 1x als Name, 3x als Vatername
Theomnestos: 1x als Name
Griechische dynastische Namen
Kassandros (1x als Name, 1x als Vatername)
Demetrios, Alexandros, Antipatros (je 1x als Vatername)
Sonstige griechische Namen
Tychon, Leon, Mnason, Aristippos (Syrion) (je 1x als Vatername).
Von den fünfundzwanzig Juden, deren Namen erhalten ist, führen also elf einen hebrä-
ischen Namen und sind somit eindeutig als Juden identifiziert. Zwölf weitere Personen
tragen einen griechischen theophoren Namen, was in Samareia eine jüdische Identität sehr
wahrscheinlich macht, im Fall von neun (eine Dosithea, sechs Dositheoi und zwei The-
odotoi) sogar sicher. D.h., bei neunzehn Personen ergibt sich die jüdische Identität schon
aus dem Namen. Von den einundfünfzig Namen insgesamt sind genau neunzehn hebrä-
ische, also mehr als ein Drittel, und einundzwanzig griechische theophore Namen, das
sind etwas weniger als die Hälfte; fünf sind Namen aus Dynastien, also genau ein Zehn-
tel, und fast ebensoviele sind allgemein griechisch.
c) Zuletzt nun diejenigen Einwohner Samareias, bei denen die Wahrscheinlichkeit gering
ist, daß es sich um Juden handelt.292 Gründe dafür, eine jüdische Identität dennoch in
Betracht zu ziehen, finden sich darin, daß diese Personen in Dokumenten zusammen mit
292 In der Prosopographie jeweils mit “viell. Jude” gekennzeichnet.
82 8. Bevölkerungsgruppen
Juden auftreten oder daß ihre Namen auf einen jüdischen Kontext deuten können, aber
auch in der relativ großen Zahl von gutbezeugten Juden in Samareia generell.293
Papyrus Nr. in der Prosopographie
(Männer / Frauen) Anzahl
CPJ I 28 94.-96.-108.-109.-110. / 8.-51. 7
CPJ I 47 81 1
CPJ I 128 / 38. 1
CPR XVIII 32 76. 1
P. Enteux. 8 18. / 113 2
P. Enteux. 64 43. / 80. 2
P.Heid. VI 382 23. 1
P.Petr. II 28 52. 1
P.Petr. III 87 27. 1
P.Petr. III 112 79. 1
18 insgesamt
Liste der achtzehn fraglichen Juden (alphabetisch, mit Angabe der Nummer im Gesamtregister)
Apollonia (8.)
Dallos (18.)
Diophantos (23.)
Dorion (27.)
Helladote, T.d. Philonides (38.)
Polybulos (76.)
Protarchos, S.d Jason (79.)
Ptolema (80.), Verwandte d. Theodotos (43.)
Ptolemaios (81.), vielleicht Jude
Seneus, S.d. Sisines (94.)
Stratippos, S.d. Stratippos (96.)
Theodotos (43.)
Theoxena, T.d. Leukios (51.)
Theophilos (52.)
Von vier weiteren Personen ist der Name nicht erhalten:
Drei Soldaten (CPJ I 28): 108. - 109.- 110.
Die Ehefrau des Dallos (s.o.; P.Enteux. 8): 113.
Zur Auswertung der Namen
Theophore griechische Namen:
Diophantos, Theodotos, Theoxena, Theophilos (je 1x als Name)
Griechische Namen mit phonetischem Anklang an hebräische Namen
1x Jason (79.) als Vatername: phonet. Assimilation zu Josua bzw. zum hebr.
Gottesnamen “Jah”, “Jo”
293 Vgl. die Bemerkungen zu den einzelnen Papyri in 7.1.
8. Bevölkerungsgruppen 83
Griechische Namen als Übersetzungen von hebräischen:
Polybulos (?): 1x als Name (viell. in Anlehnung an einen Namen des Messias in Jes. 9, 5)294
Sonstige griechische Namen:
Apollonios, Dallos, Dorion, Helladote, Protarchos, Ptolema, Ptolemaios (s.o.),
Stratippos (je 1x als Name); Leukios, Stratippos, Philonides (je 1x als Vatername).
Bei Sisines und bei Seneus handelt es sich wohl um iranische Namen, was aber durchaus
nicht eine jüdische Identität ausschließt, da es unter der persischen Herrschaft jüdische
Militärsiedler in Ägypten gegeben hat.295 Es zeigt sich weiterhin, daß bei der Mehrzahl
der Personen der Name kein Hinweis auf eine mögliche jüdische Identität ist, sondern
allenfalls der Zusammenhang bzw. die generelle, hohe Präsenz von Juden in Samareia. in
diese Richtung weist. Eine Identifikation muß also unsicher bleiben.
d) Zum Anteil der Juden an der Bevölkerung Samareias
Die Zahlen im Überblick:
Anzahl der Bewohner Samareias
(3.-2. Jh. v.Chr.) Bestimmung der Herkunft
19 Personen sicher Juden (2 Frauen)
28 Personen wohl Juden (8 Frauen)
18 Personen vielleicht Juden (5 Frauen)
65 Personen mögliche Gesamtzahl von Juden
(insgesamt 15 Frauen)
Die Anzahl der Juden in Samareia mit der Gesamtzahl der einhundert ermittelten Bewoh-
ner Samareias zu vergleichen, ist wenig sinnvoll, da diese sich über mehrere Jahrhunderte
verteilen. Beschränken wir uns dagegen auf die schon erwähnten ersten rund einhundert
Jahre (Mitte 3. bis Mitte 2. Jh. v.Chr.), in denen die Existenz Samareias belegt ist, und in
denen die Quellen insgesamt fünfundachtzig Einwohner Samareias bezeugen, darunter
alle in Frage kommenden Juden, so ergeben sich die folgenden Angaben über einen
etwaigen jüdischen Bevölkerungsanteil:
Die neunzehn ausgewiesenen Juden würden einen Anteil von knapp einem Viertel darstel-
len. Zählt man die neunundzwanzig Personen dazu, die sehr wahrscheinlich ebenfalls Ju-
den sind, so ergäbe sich bei nunmehr achtundvierzig Juden ein Anteil von etwas mehr als
der Hälfte. Wenn nun noch die siebzehn fraglichen Juden dazukämen, so ergäbe sich nun
ein Anteil von gut drei Viertel. Diese Berechnungen haben natürlich nur eine geringe Aus-
sagekraft aufgrund der unscharfen Ausgangslage, können aber dennoch die ungefähren
Verhältnisse widerspiegeln.296
294 Nämlich “Wunderbares ratend” oder “Wunderplaner”; siehe B. Kramer, CPR XVIII S. 211 Anm. 2-3.
295 So die Begründung in CPJ I 28 S. 173 Anm. 4; zu den iranischen Namen siehe Abschnitt 8.3.
296 Genaue Angaben könnte z.B. eine Zensusliste Samareias liefern, vgl. W. Clarysse, Jews in
Trikomia, in: Proceedings of the 20th International Congress of Papyrologists, Copenhagen, 23-29
August 1992, Kopenhagen 1994, S.193ff.
84 8. Bevölkerungsgruppen
Eine Parallele:
Das einzige Dorf, für das eine Schätzung des jüdischen Bevölkerungsanteils vorgenom-
men wurde, ist Trikomia in der Themistu Meris im Arsinoites. Unter mehreren, zum Teil
lückenhaften Papyri aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert ist auch eine Bevölke-
rungs- und Steuerliste dieses Dorfes, in der “wohl die gesamte steuerpflichtige Bevölke-
rung Trikomias verzeichnet ist.”297 Clarysse, der diesen Text bezüglich des jüdischen
Bevölkerungsanteils untersuchte, kam zum Ergebnis, daß zumindest ein Fünftel der exakt
dreihunderteinunddreißig steuerpflichtigen Einwohner Personen mit jüdischer Abkunft
waren, ein Anteil, der dem von Samareia nahe kommt - in der Tat verweist Clarysse im
Anschluß daran auf Samareia als mögliche Parallele zu Trikomia.298
Liste aller ermittelten Juden Samareias (alphabetisch, mit Angabe der Nummer im
Gesamtregister und der Zugehörigkeit zu einer der drei eingangs unterschiedenen Gruppen)
Apollonia (8.), vielleicht Jüdin
Apollonios, S.d. Philippos (9.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Dallos (18.), vielleicht Jude
Demokrates (19.), ÉIouda›ow
Diagoras, S.d. Diokles (20.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Diophantos, S.d. Theodotos (24.), ÉIouda›ow
Diophantos (23.), vielleicht Jude
Dorion (27.), vielleicht Jude
Dosithea, T.d. Theodotos, S.d. Theodoros (29.), wohl Jüdin
Dositheos (30.), wohl Jude
Dositheos (31.), wohl Jude
Dositheos (32.), wohl Jude
Dositheos (33.), wohl Jude
Dositheos, S.d. Theodotos (34.), wohl Jude
Dositheos, S.d. Theophilos (35.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Dositheos, S.d. Theogenos (36.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Dositheos, S.d. Tychon (37.), wohl Jude
Haggais, S.d. Demetrios (4.), wohl Jude
Helladote, T.d. Philonidos (38.), vielleicht Jüdin
Hierus, S.d. Timotheos (55.), ÉIouda›ow
Jakubis, S.d. Jakubis (53.), wohl Jude
Jason, S.d. Mnason (54.), wohl Jude
Joanna (56.), wohl Jüdin
Joannes, S.d. Antipatros (57.), wohl Jude
Jonathas (58.), ÉIouda›ow
Jonathas, S.d. Jonathas (59.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Kassandros (60.), wohl Jude
Marion, T.d. Jakubis (65.), wohl Jüdin
Menestratos, S.d. Jonathas (66.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
297 H. Harrauer, Neue Papyri zum Steuerwesen im 3.Jh.v.Chr. (= CPR XIII), Wien 1987, Text Nr. 4;
vgl. auch Texte Nr. 1 und 2; Zitat a.a.O. S. 197. Im 2. Kapitel wurde Trikomia schon kurz behandelt.
298 W. Clarysse, a.a.O. S. 202f.
8. Bevölkerungsgruppen 85
Milon, S.d. Zosimos (67.), ÉIouda›ow
Nikopole, T.d. Theodotos (70.), ÉIouda¤a
Philistion, S.d. Neon (101.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Philopatros, S.d. Teres (102.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Philumene, T.d. Diokles (103.), ÉIouda¤a
Polybulos (76.), vielleicht Jude
Prot(.....), S.d. Dositheos (78.), wohl Jude
Protarchos, S.d Jason (79.), vielleicht Jude
Ptolema (80.), Verwandte d. Theodotos (43.), vielleicht Jüdin
Ptolemaios (81.), vielleicht Jude
Pythokles, S.d. Diokles (86.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Sabbathaios, S.d. K(......)os (88.), ÉIouda›ow
Sabbathion, T.d. Aristippos, S.d. Jakubis (89.), wohl Jüdin
Sabbathion, T.d. Sabbaios alias Marios (90.), wohl Jüdin
Sabbataios (91.), ÉIouda›ow
Sambathaios, S.d. Theodoros (92.), wohl Jude
Sambathion, S.d. Jonathas (93.), wohl Jüdin
Seneus, S.d. Sisinos (94.), vielleicht Jude
Stratippos, S.d. Stratippos (96.), vielleicht Jude
(Samue?)lis, S.d. Syrion (106.), wohl Jude
Theodotos (43.), vielleicht Jude
Theodotos, S.d. Alexandros, S.d. Theodotos (44.), wohl Jude
Theodotos, S.d. Jason (45.), ÉIouda›ow
Theodotos, S.d. Kassandros (46.), wohl Jude
Theodora, T.d. Leon, S.d. Marios (47.), wohl Jüdin
Theodoros, S.d. Dositheos (48.), wohl Jude
Theodoros, S.d. Theodoros (49.), ÉIouda›ow t∞w §pigon∞w
Theomnestos, S.d. Dositheos, S.d. Theodoros (50.), wohl Jude
Theoxena, T.d. Leukios (51.), vielleicht Jüdin
Theophilos (52.), vielleicht Jude
(.....)eos, S.d Sambathaios (107.), wohl Jude
(......), S.d. (Neopt?)olemos (108.), vielleicht Jude
(Von 4 weiteren Personen, davon 3 vielleicht Juden und eine/119. wohl Jüdin, sind die Namen nicht
erhalten: 109.-110.-113.-119.)
8.2. Militär in Samareia
Unter den in den Samareia-Papyri bezeugten Bewohnern Samareias finden sich drei Per-
sonengruppen, die dem Militär zuzurechnen sind. Das sind zuerst Personen, deren Perso-
nalbeschreibung sie eindeutig als Kleruchen ausweist.299 Daneben finden sich auch Per-
sonen, bei denen solche eindeutige Hinweise - z.B. die Angabe eines Kleros - fehlen, die
aber möglicherweise dennoch als Kleruchen anzusehen sind. Drittens sind in einem
Samareia-Papyrus eine Gruppe von Soldaten aufgeführt, die offensichtlich nicht dem
Kleruchenstand angehörten.
299 Vgl. die sogenannte "Nomenklaturregel", zuletzt formuliert von W. Clarysse in P.Petr. I2 S. 45f.
86 8. Bevölkerungsgruppen
a) In sechs der Samareia-Papyri sind zehn Personen bezeugt, die als Inhaber eines Kleros
bzw. als Kleruchen in Samareia ausgewiesen sind:
Name (Nr. im
Gesamtregister) Ethnikon Truppeneinheit Kleros,
in
Aruren
Papyrus Zeit
Andromachos
(5.) Perser die Andriskoi der
5. Hipparchie 100 CPR XVIII 10 232 v.
Chr.
Apollodoros
(7.) Nagideus
300 Abteilung des
Chrysermos 50 P.Enteux. 8 221 v.
Chr.
Aristomachos
(12.) Makedone Abteilung des
Eteoneus 80 P.Enteux. 8 221 v.
Chr.
Diphilos
(25.) Thraker Hipparchie der
Thessaler und
anderer Hellenen
70 CPR XVIII 10 232 v.
Chr.
Protarchos, S.
d. Jason (79.) --
(Jude?) von der Hipparchie
der Myser 70 P.Petr. III 112 221/0
v.Chr.
S(.....)
(97.) Makedon 2. Hipparchie 30 CPR XVIII 32 232/1
v.Chr.
Seneus, S.d.
Sisines (94.) --
(Jude?) -- 80 CPJ I 28 Mitte 2.
Jh. v.
Theodoros, S.
d. Dositheos
(48.)
--
(Jude?) -- 30 CPJ I 28 Mitte 2.
Jh. v.
Chr.
Theodotos, S.
d. Kassandros
(46.)
Paioner
(wohl
Jude)
Abteilung d. Phyleus,
Taktomisthos301 -- CPJ I 22 201 v.
Chr.
Xenon
(71.) Makedon 3. Hipparchie 30 CPR XVIII 10 232 v.
Chr.
1. Bei den vier Kleruchen aus dem CPR XVIII und den beiden aus P.Enteux. 8 sind die
Angaben vollständig: es handelt sich um offiziell registrierte Verträge bzw. um eine Ein-
gabe beim König, bei denen eine feste Personenbeschreibung vorgeschrieben war, im
Fall von Kleruchen der Name, das Ethnikon und die Angabe der militärischen Einheit.302
Abweichend davon ist bei Protarchos nicht das Ethnikon, sondern der Vatersname ange-
geben, was normalerweise auf eine Zivilperson verweist. Auch Theodotos (CPJ I 22)
weicht von der Regel ab, da er sowohl Vatersname als auch Ethnikon angibt, und da er
seinen Kleros nicht nennt. Bei CPJ I 28 handelt es sich um eine Liste von Viehbesitzer in
Samareia, die aufgeteilt sind nach "Inhabern von 80-Aruren-Kleroi", "Inhabern von 30-
300 Bürger der Stadt Nagidos an der kilikischen Küste, vgl. P.Enteux. 8 S. 24
301 Zu der Bezeichnung Taktomisthos siehe den ausführlichen Kommentar von B. Kramer in CPR XVIII
zu den Z. 368f. von Nr. 18.
302 Vgl. dazu den Abschnitt 8.1. und bes. Anm. 281.
8. Bevölkerungsgruppen 87
Aruren-Kleroi" und einfachen "Soldaten", ohne daß offensichtlich weitere militärische
Angaben nötig waren.
2. Sowohl bei den Ethnika wie auch bei den Einheiten und Klerosgrößen zeigt sich eine
bunte Vielfalt. Immerhin drei der zehn Kleruchen sind Makedonen303, einmal taucht das
Ethnikon "Perser"304, einmal das Ethnikon “Paioner”305 auf, ein weiterer Kleruche ist
Thraker306 und einer kommt aus Nagidos. Auch die sieben angegebenen Militäreinheiten
sind sämlich verschieden: vier Kleruchen Samareias gehören Hipparchien307 an, drei
Kleruchen sind einem eponymen Offizier308 zugeordnet. Daraus geht hervor, daß den
Angehörigen der verschiedensten Militäreinheiten Kleroi in Samareia zugeteilt worden
waren.
b) In zwei weiteren Samareia-Papyri finden sich sieben Bewohner Samareias, bei denen
es naheliegt, daß es sich auch um Kleruchen handelt.309
Name (Nr. im
Gesamtregister) Ethnikon Papyrus Zeit
Demokrates, S.d.
... (19.) ÉIouda›ow CPJ I 22 201 v.Chr.
Diophantos, S.d.
Theodotos (24.) ÉIouda›ow CPJ I 22 201 v.Chr.
Hierus, S.d.
Timotheos (55.) ÉIouda›ow CPJ I 22 201 v.Chr.
Milon, S.d.
Zosimos (67.) ÉIouda›ow CPJ I 22 201 v.Chr.
Polybulos (76.) -
(Jude?; Makedone?) CPR XVIII 32 232/1 v.Chr.
Sabbathaios, S.d.
... (88.) ÉIouda›ow CPJ I 22 201 v.Chr.
Theodotos, S.d.
Jason (45.) ÉIouda›ow CPJ I 22 201 v.Chr.
303 Zu den Makedonen in ptolemäischen Heer siehe ausführlich M. Launey, Recherches sur les Armées
Hellénistiques, Band I, Paris 1987, S. 287-365.
304 Die Diskussion über die Bedeutung dieser Bezeichnung bis 1991 wird zusammengefaßt von Kramer,
a.a.O. S. 70ff. Neuerdings hat Clarysse vorgeschlagen, “that the Persai descended, as Persons or as
military units, from the Greek soldiers, who were already in Egypt before the Arrival of Alexander, and
that as collaborators with the enemy they received an inferior status vis-à-vis the other Greeks.” Siehe W.
Clarysse, Greeks and Persians in a bilingual census list, in: Acta Demotica, Acts of the Fifth
International Conference for Demotists, Pisa, 4th-8th September 1993, S. 69-77, siehe bes. S. 76.
305 Zu den Paionern siehe Launey a.a.O. S. 402ff.
306 Zu den Thrakern siehe Launey a.a.O. S. 366ff.
307 Zu den numerierten und ethnischen Hipparchien, siehe B. Kramer in CPR XVIII S. 79f.
308 Zu den eponymen Offizieren, siehe Kramer, a.a.O. S. 74ff.
309 Vgl. die Bemerkungen zu den jeweiligen Papyri in 7.1.
88 8. Bevölkerungsgruppen
Im Fall des im dem leider nur fragmentarisch erhaltenen Samareia-Papyrus CPR XVIII
32 von 232/1 v.Chr. bezeugten Verpächters Polybulos begründet sich die Annahme, in
ihm einen Kleruchen zu sehen, darin, daß der im letzten Satz genannte Urkundenhüter
(Name bis auf S.....es verloren; aufgelistet unter a)) ausgewiesener Kleruche ist, und
zwar Makedone. Von daher könnte Polybulos ebenfalls Makedone gewesen sein. Der
Hinweis auf eine jüdische Identität aufgrund des Namens310 ist ja ohnehin nicht
gesichert.
Im Falle der sechs als Zeugen genannten Judaioi im Samareia-Papyrus CPJ I 22 vom Jah-
re 201 v.Chr. ist die Argumentation ähnlich gelagert. Die Hauptperson dieses Vertrages
ist Theodotos, Sohn des Kassandros, der seine militärische Einheit angibt: es ist eine
nach dem eponymen Offizier Phyleus genannte Abteilung311, die ihn als Kleruchen aus-
weist, auch wenn sein Kleros hier nicht genannt wird. Aus der Tatsache nun, daß er
sechs Juden als Zeugen aufbietet gegenüber seinen Vertragspartnern, vier arsinoitischen
Staatspächtern, könnte geschlossen werden, daß es sich bei diesen ebenfalls um Kleru-
chen gehandelt habe, denn es liegt nahe, daß Theodotos hierbei auf Kollegen zurück-
greift.312 Uebel schließt sie jedoch von seiner Liste der Kleruchen aus, verweist aber auf
die Möglichkeit, in ihnen Kleruchen zu sehen.313
c) Nach den beiden, unter a) verzeichneten Kleros-Inhabern listet CPJ I 28 auch eine Rei-
he von Soldaten auf, vierzehn an der Zahl, ohne eine Kleros-Angabe, jeweils mit Anga-
ben über den Besitz von Kleinvieh. Leider ist nur bei acht Personen der vollständige Na-
me erhalten. Über der Liste steht als Überschrift strativt«n, “von den Soldaten”:
(Samue?)lis, S.d. Syrion
Dositheos, S.d. Theodotos
(.....)eos, S.d. Sambathaios
.........., S.d. Neoptolemos
- 2 weitere Soldaten, deren Namen verloren sind -
Dositheos, S.d. .....
Sambathaios, S.d. Theodoros
Jason, S.d. Mnason
Dositheos, S.d. Tychon
Haggais, S.d. Demetrios
Joannes, S.d. Antipatros
Stratippos, S.d. Stratippos
Jakubis, S.d. Jakubis, Flötenspieler.
Wenn die Ergänzung “Samuelis” stimmt - sie liegt nahe -, dann würden fünf der Soldaten
hebräische Namen tragen (Samuelis, Sambathaios, Haggais, Joannes, Jakubis) und drei
weitere den quasi-jüdischen Namen Dositheos. Der Soldat an dritter Stelle, dessen Na-
men nicht erhalten ist, hat einen hebräischen Vaternamen, Sambathaios, und gibt sich da-
310 Siehe Abschnitt 8.1. Anm. 292 bzw. B. Kramer in CPR XVIII S. 211 Anm. 2-3.
311 Vgl. Anm. 29.
312 Der Herausgeber des CPJ schreibt: “We do not know, whether the witnesses belonged to the unit of
Phyleus, as did Theodotos the Paionian, but at any rate they all belonged to the army.” (Siehe CPJ I 22,
den Kommentar zu Z. 14f.)
313 Uebel, a.a.O. S. 189 Anm. 1.
8. Bevölkerungsgruppen 89
mit ebenfalls als Jude zu erkennen. Jason, der Name eines weiteren Soldaten, könnte -
wie schon früher bemerkt - als eine bei den Juden beliebte Angleichung an den hebrä-
ischen Namen “Josua” oder an den Gottesnamen “Jah” bzw. “Jo” verstanden werden,
und wäre damit ein Hinweis auf eine jüdische Identität.314 Nur der vorletzte Soldat trägt
einen “neutralen” griechischen Namen (Stratippos), das gleiche gilt für den allein erhalte-
nen Vaternamen des Soldaten an vierter Stelle (Neoptolemos). Wie jedoch bekannt ist und
sich auch bei den ausgewiesenen Juden Samareias (8.1.) gezeigt hat, trugen Juden zu
einem nicht geringen Teil in hellenistischer Zeit auch rein griechische Namen, manchmal
sogar polytheistisch gefärbte Namen. Daher ist es es sehr wahrscheinlich, daß alle Per-
sonen dieses Dokuments, die beiden Kleruchen an oberster Stelle und die folgenden 14
Soldaten, allesamt Juden sind. Das vermutet auch Uebel, der zwar die Namen dieser Sol-
daten aufführt, sie aber ausdrücklich von der Liste der Kleruchen ausschließt.315
d) Ergebnis
In den Samareia-Papyri finden sich einunddreißig Personen, die dem Militär zuzurechnen
sind, und zwar alle aus der Zeit von Mitte 3. bis Mitte 2. Jh. v.Chr. Gegenüber den ins-
gesamt fünfundachtzig für diese Zeit bezeugten Einwohnern Samareias stellt das Militär
also einen Anteil von mehr als einem Drittel dar. Dabei handelt es sich um zehn ausgewie-
sene Kleruchen, sieben weitere sind möglicherweise Kleruchen. Vierzehn Personen sind
als Soldaten ausgewiesen und sind offensichtlich nicht unter die Kleruchen zu rechnen.
Unter den zehn ausgewiesenen Kleruchen sind eventuell bis zu vier Juden (zwei wahr-
scheinlich, zwei vielleicht), unter den sieben fraglichen Kleruchen sind sechs ausgewiese-
ne Juden, ein weiterer ist vielleicht auch Jude. Die vierzehn Soldaten sind eventuell alle-
samt Juden, bei zehn von ihnen scheint eine jüdische Identität gesichert. Daraus folgt, daß
unter den einunddreißig Personen aus militärischem Stand mindestens achtzehn und viel-
leicht sogar fünfundzwanzig eine jüdische Identität tragen. Das würde unter den schon
genannten Vorbehalten einen jüdischen Anteil von knapp zwei Dritteln bis zu knapp drei
Vierteln ergeben.
8.3. Nationalitäten
Wie in 8.1. versucht wurde zu zeigen, sind unter den bezeugten einhundert Bewohnern
Samareias eventuell bis zu fünfundsechzig Juden, wobei neunzehn Personen durch Ethni-
ka als Juden ausgewiesen sind. Achtundzwanzig Personen sind aufgrund ihrer Namen
und des Zusammenhangs sehr wahrscheinlich ebenfalls Juden, bei weiteren achtzehn Per-
sonen ist die Wahrscheinlichkeit nur gering.
Aus dem Abschnitt über das Militär (8.2.) geht hervor, daß unter den dokumentierten
Kleruchen Samareias drei (vielleicht vier) Makedonen sind; jeweils einer der Kleruchen
trägt das Ethnikon Thraker, Perser, Paioner und Nagideus. Bei drei Kleruchen fehlt das
Ethnikon, einer davon ist jedenfalls in einer Hipparchie von Mysern316; ob er selbst die-
sem kleinasiatischen Volk entstammt, ist fraglich.317 Denn bei allen drei kann auch eine
314 Siehe CPJ I S. 28 Anm. 69.
315 Siehe Uebel, a.a.O. S. 189 Anm. 2.
316 Zu den Mysern siehe Launey a.a.O. S. 436ff.
317 So urteilt auch Launey, a.a.O. S. 446.
90 8. Bevölkerungsgruppen
jüdische Herkunft vermutet werden. Insgesamt sind mehr als die Hälfte der mit dem Mili-
tär verbundenen Personen in Samareia jüdischer Herkunft.
Schon dadurch wird deutlich, daß nicht nur das ptolemäische Heer sich aus vielen Völ-
kerschaften zusammensetzte, sondern auch die Bevölkerung Samareias: Neben einem
starken jüdischen Anteil sind auch Makedonen und einige kleinasiatische Völkerschaften
vertreten. Alle bisher angeführten Personen entstammen übrigens der Frühzeit Samareias,
also dem 3. bis 2. Jh. v.Chr.
Welche Nationalitäten lassen sich weiterhin ausmachen unter der dokumentierten Bevöl-
kerung Samareias, und wie steht es mit einheimischer, ägyptischer Bevölkerung?
Eine Person aus der Mitte des 2. Jh. v.Chr. (P.Heid. VI 375; fragmentarische Personen-
liste) trägt den in den Papyri bislang nicht bezeugten Namen Ordanes; Pape-Benseler ver-
zeichnen unter diesem Namen nur einen persischen Satrapen (Arrian VI 27, 3). Das irani-
sche Namensbuch von Justi gibt für Wardan bzw. ÉOrdãnhw / ÉOrd≈nhw ebenfalls diesen
Satrapen und weitere sechsundvierzig Belege.318 Es handelt sich also um einen eindeutig
iranischen Personennamen und wohl auch um eine Person iranischer Herkunft. Auch was
den Namen des schon erwähnten Sisines, eines der drei Kleruchen, deren Ethnikon nicht
angegeben ist, angeht, finden sich im Namensbuch von Justi sechs Belege für Sis¤nhw
(5. bis 1. Jh. v.Chr.). Dieser Name taucht jedoch häufig in den Papyri, vor allem aus
dem Arsinoites in frühptolemäischer Zeit, auf: Huyse, der in einer neueren Arbeit die
iranischen Namen in den Papyri gesammelt hat, verzeichnet immerhin siebzehn Belege
dieses Namens, der zumeist von Kleruchen oder Schäfern getragen wurde.319 Insgesamt
sind in Ägypten rund fünfzig iranische Namen in griechischen Dokumenten von pto-
lemäischer Zeit bis ins 7./8. Jh. n.Chr. bezeugt, und zwar durch etwa achtzig unter-
schiedliche Personen.320
Sieben weitere Einwohner Samareias im 3. und 2. Jh. v.Chr. tragen gutgriechische Na-
men und gehörten wohl zur Gruppe der Griechen bzw. Hellenen:
Der Epistates Agathokles (Nr. 2.; 3. Jh. v.Chr.);
Dion (Nr. 26.; 2. v.), Philippos (Nr. 100.; 2. v.) und
Philumenos (Nr. 104; 2. v.): Namen einer Personenliste (P.Heid. VI 375);
Leonides und Pyrrias (Nr. 63. und 87.; 3. v.): beide wohl Elaiokapeloi;
Neilos (Nr. 69.; 3. v.): Besitzer eines Palmenhains.
Eine einzige Person, die für die Frühzeit als Einwohner Samareias bezeugt ist, trägt einen
ägyptischen Namen: es handelt sich um den Dorfschreiber Apynchis (Nr. 10.; 2. v.).
Preisigke gibt für diesen häufig in den Dörfern Ägyptens vorkommenden Namen zwölf
verschiedene Schreibweisen an.321 Es handelt sich offenbar um einen Ägypter.
318 F. Justi, Iranisches Namensbuch, Marburg 1895 (Neudruck: Hildesheim 1963).
319 P. Huyse, Iranische Namen in den griechischen Dokumenten Ägyptens, Wien 1990, Nr. 113.-126. (=
Faszikel 6a von Band V des seit 1977 von M. Mayerhofer und R. Schmitt herausgegebenen Iranischen
Namensbuches.
320 P. Huyse, Die Perser in Ägypten - Ein onomastischer Beitrag zu ihrer Erforschung, aus: Achaemenid
history VI: Asia Minor and Egypt: Old Cultures in a New Empire, Proceedings of the Groningen 1988
Achaemenid History Workshop, ed. by H. Sancisi-Weerdenburg and A. Kuhrt, Leiden 1991, S. 311-320:
Siehe S. 315 und 317.
321 Siehe F. Preisigke, Namenbuch, Heidelberg 1922, unter ÉApÊgxiw.
8. Bevölkerungsgruppen 91
Samareia scheint in der Frühzeit überwiegend von auswärtiger, in erster Linie jüdischer,
aber auch griechischer, balkanischer und kleinasiatischer Bevölkerung bewohnt gewesen
zu sein.
Dieses Bild ändert sich, wenn man die Spätphase der dokumentierten Existenz und auch
Einwohnerschaft Samareias in den Blick nimmt:
Sechs Personen tragen griechische Namen:
Der Dorfschreiber Pasion (Nr. 74.; 2. n.)322;
der Pächter Ptollas (Nr. 85.; 2. n.);
Lurios, S.d. Heron (Nr. 64.; 2. n.): hat Besitz in Samareia;
die drei Steuerzahler Agathos Daimon, S. d. Ischyrion (Nr. 3.; 2. n.),
Diogenis, T.d. Lysimachos (Nr. 21.; 2. n.) und
(....)on, S.d. Antipatros (Nr. 112.; 2. n.).
Weiterhin sind insgesamt acht Personen mit ägyptischen Namen oder ägyptischen Na-
menbestandteilen belegt:
Die beiden Sitologen Harpochras (Nr. 13.; 2. n.) und Horion (Nr. 105.; 2. n.);
Die vier Steuerzahlerinnen Eudaimonis alias Serallion (Nr. 39.; 2. n.),
Herakleia alias Ammonaria (Nr. 41.; 2.n.),
Herakleia, T.d. Chrat(es) (Nr. 42.; 2. n.) und
Taotion, T.d. Ptolemaios (Nr. 98.; 2. n.);
Naaraus, S.d. Herakleos (Nr. 68.; 2. n.): wohl ein Pächter;
der Pächter N N-sus323, S. der Anubarion (Nr. 111.; 3. n.).
Im Vergleich zu der relativ gut dokumentierten Frühphase sind in der späten Zeit nicht nur
weit weniger Einwohner Samareias dokumentiert (weniger als ein Fünftel), die Zusam-
mensetzung stellt sich auch vollkommen anders dar: Personen jüdischer Herkunft fehlen
völlig, dagegen nehmen nun Personen mit offenbar ägyptischer Abkunft eine domi-
nierende Stellung ein. Die Herkunft der sechs Personen mit rein griechischen Namen ist
nicht näher bestimmbar.
8.4. Gewerbetreibende bzw. Berufe in Samareia
Neben dem Militär und den Beamten oder Behörden finden sich in den Quellen auch eini-
ge Bewohner Samareias, die bestimmte Berufe oder Gewerbe ausüben. Sie sollen kurz
dokumentiert werden.
AÈlhtÆw
Mit dieser Berufsbezeichnung ist der letzte der vierzehn Soldaten aus CPJ I 28 versehen:
Jakubis, S.d. Jakubis. H.Harrauer kommt bei seiner ausführlichen Besprechung der Be-
rufe in CPR XIII auch auf Flötenspieler zu sprechen.324 Wie bei jedem Beruf, den er be-
handelt, führt er zuerst die Belege aus den Papyri auf, in diesem Fall sind es siebenund-
322 Von einem weiteren bezeugten Dorfschreiber (Nr. 117.; 2.n.) kennen wir den Namen nicht.
323 Erhalten ist nur ]soËtow mhtrÚw ÑAnoubar¤ou.... ( BGU I 94 Z. 4; vgl. BGU II S. 353.).
324 H. Harrauer, Neue Papyri zum Steuerwesen im 3.Jh.v.Chr. (= CPR XIII), Wien 1987, S. 50-173.
92 8. Bevölkerungsgruppen
fünfzig, und listet dann achtundvierzig Flötenspieler namentlich auf.325 Unser Jakubis
(dort der 7. Beleg) scheint unter diesen der einzige Jude zu sein. Einige sind Griechen,
mehrere sind Ägypter. Harrauer stellt fest, daß diese Unterhaltungskünstler keineswegs
zu den untersten Schichten gehören, einige nennen Besitz ihr eigen, unser Jakubis z.
Bsp. einundzwanzig Stück Kleinvieh.
GevrgÒw
Aus dem Samareia-Papyrus P.Mil.Vogl. VI 275 vom Jahre 133/4 n.Chr. ist uns unter
dieser Bezeichnung Ptollas, offensichtlich ein Bewohner Samareias, bekannt. Diese mit
der Landwirtschaft beschäftigte Berufsgruppe stellte natürlich einen Großteil der Bevölke-
rung Ägyptens dar und ist daher auch in den Papyri zahlreich bezeugt. Harrauer verzichtet
hier darauf, die Belege oder gar die bezeugten Personen aufzuführen.326 Aufgrund eines
seiner Dokumente (CPR XIII 10.10-15) stellt Harrauer fest, daß von einhundertdrei-
undfünfzig Steuerpflichtigen in Athenas Kome zweiundachtzig Personen Bauer oder
Pächter sind, eine Relation, die auch für andere Dörfer, nicht zuletzt auch für Samareia,
gegolten haben mag; und zwar tragen sie nahezu durchweg ägyptische Namen, nicht so
unser Vertreter mit dem griechischen Namen Ptollas aus der ersten Hälfte des 2. Jh.
n.Chr.. Er erhält eine Quittung für den geleisteten Pachtzins von 80 Artaben für 11 Aru-
ren in Samareia.
ÉElaiokãphloi
Die langen Listen von P.Petr. II 28 und III 66b), in der jeweils zu einem meist mehrfach
aufgeführten Dorf eine oder mehrere Personen und bestimmte Geldbeträge verzeichnet
werden, sind laut Herausgeber, der sich dabei auf Wilcken und Grenfell stützt, “without
doubt portions of the register of payments received by the Royal Bank at Crocodilopolis,
and probably contain the list of the names of the elaiokaphloi in the nome...”.327 Je-
denfalls finden sich für Samareia drei Personen: Leonides, Pyrrios und Theophilos. Har-
rauer328 führt sieben Belege für diesen Terminus des Ölhandlers auf, daneben gab es
noch die Termini §laiop≈lhw und §laioprãthw. Da in unseren Listen keiner der drei
Termini fällt, ist die Frage nach den genauen Begriffen nicht relevant. Weiterhin faßt
Harrauer die wesentlichen Inhalte der Belege zum Ölhandel bzw. den Ölhändlern
zusammen.329 Leider geht er auf die vorliegenden Listen und die Identifizierung der
jeweils für ein Dorf genannten Personen als Ölhändler nicht ein. Falls diese stimmt,
erfahren wir, daß es in zahlreichen Dörfern des Arsinoites Ölhändler gab, und daß sie
jeweils bestimmte Steuersätze gezahlt haben, wohl in Abhängigkeit von der von ihnen
umgesetzten Ölmenge. Der schon zitierte Herausgeber weist auch darauf hin, daß die
meisten Namen ägyptische sind, jedoch auch einige griechische Namen vertreten sind, so
325 A.a.O. S. S. 53-56. Eine neue Arbeit zu Künstlern und Sportlern ist: F. Perpillou-Thomas, Arstistes
et Athlètes dans les Papyrus Grecs d’Égypte, ZPE 108 (1995) S. 225-251; Flötenspieler werden behandelt
auf S. 226; in der Liste der Künstler findet sich Jakubis unter der Nr. 88 (S. 237).
326 Vgl. a.a.O. S. 58.
327 Siehe P.Petr. III S. 190.
328 A.a.O. S. 71.
329 A.a.O. S. 71f.
8. Bevölkerungsgruppen 93
auch im Fall von Samareia. Einer von den drei mutmaßlichen Ölhändlern, Theophilos, ist
wohl als Jude zu identifizieren.
ZutopoiÒw
Ebenfalls in den Petrie-Papyri (III 87b) Kol. II 2) findet sich unter den Bierbrauern im
Arsinoites ein Dorion in Samareia. Wir erfahren allerdings aus diesem Fragment nur, daß
Anweisung gegeben wurde, diesen Bierbrauern Gerste zuzuweisen. Harrauer führt die-
sen Papyrus an 19. und 20. Stelle seiner Belege auf und bemerkt dazu, daß es sich, was
naheliegt, wohl “um die Rationen zum Brauen” handelt.330 Nachdem er die (wenigen und
auch wenig aussagekräftigen) Belege für das Bierbrauen in Ägypten besprochen hat,
führt Harrauer auch die erhalten Namen von Bierbrauern auf. Weitaus die meisten der ü-
ber sechzig Namen sind ägyptisch, nur wenige griechisch.
Unter dem Beleg Nr. 15 verzeichnet Harrauer einen Bierbrauer aus Trikomia mit dem
gleichen Namen wie unserer aus Samareia: Dorion (CPR XIII 4 Z. 343; ebenfalls aus
dem 3. Jh. v.Chr.). Was Dorion aus Samareia angeht, so scheint es mir wahrscheinlich,
ihn als Juden anzusehen: vor allem aufgrund der hohen Präsenz von Juden in Samareia
um diese Zeit, also Mitte 3. - Mitte 2. Jh. v.Chr.. Tatsache ist jedenfalls, daß es etwa um
die gleiche Zeit in Samareia in der Polemonos Meris und in Trikomia in der benachbarten
Themistu Meris jeweils einen Bierbrauer mit Namen Dorion gegeben hat, beides Dörfern
mit einer hohen jüdischen Präsenz. Daß beide Juden gewesen sein könnten, ist m.E.
wahrscheinlich; ob zwischen beiden eine verwandschaftliche Beziehung oder gar eine
Identität besteht, ist zwar nicht abwegig, aber doch spekulativ.
YhsaurofÊlaj
Auf dem Fragment 1 des Verso von Samareia-Papyrus P.Tebt. III 1027 aus dem frühen
2. Jh. v.Chr. werden die Zahlungen von einer Artabe Weizen pro Monat offensichtlich an
die Kornspeicherwächter verschiedener Dörfer, darunter auch Samareia, der Polemonos
Meris dokumentiert. Es werden keine Namen genannt. Harrauer verzeichnet zweiund-
zwanzig Belege und die erhaltenen Namen von Wächtern, überwiegend ägyptische Na-
men.331
M¤syiow (§rgãthw)
In CPJ I 133 vom Jahr 153 oder 142 v.Chr. beschwert sich Sabbataios, Jude, beim Dorf-
schreiber über die Mißhandlung seiner schwangeren Frau durch eine Geschlechtsgenos-
sin. Leider ist seine Personenbeschreibung zur Hälfte weggebrochen, erhalten ist neben
seinem Namen und Ethnikon noch “misyar-”, vom Herausgeber ergänzt zu misyarn«n,
also soviel wie “einer von denen, die für Lohn arbeiten”, also ein freier Tagelöhner oder
Lohnarbeiter, die in den verschiedensten Bereichen tätig sein konnten.
330 A.a.O. S. 83.
331 A.a.O. S. 87ff.
94 8. Bevölkerungsgruppen
Ergebnis:
Unter den uns erhaltenen einhundert Bewohnern von Samareia finden sich acht Personen,
denen eine Berufsbezeichnung zuzuorden ist, und zwar:
Berufsbezeichnung Name Ethnikon Dokument Zeit
Flötenspieler
(Soldat) Jakubis, S.d.
Jakubis wohl Jude CPJ I 28 Mitte 2. Jh.
v.Chr.
Bauer Ptollas Grieche(?) P.Mil.Vogl. VI
275 133/4 n.Chr.
Ölhandler Leonides
Pyrrias
Theophilos
--
--
viell. Jude
P.Petr. II 28
III 66b) 2. Hälfte des
3. Jh. v.Chr.
Bierbrauer Dorion viell. Jude P.Petr. III 87b) 2. Hälfte des
3. Jh. v.Chr.
Speicherwächter -- -- P.Tebt.III. 1027 frühes 2. Jh.
v.Chr.
Lohnarbeiter Sabbataios Judaios CPJ I 133 2. Hälfte des
3. Jh. v.Chr.
8.5. Beamten in Samareia
KvmogrammateÊw332
Es fehlen in den Samareia-Papyri Belege für Komarchen, die wohl ursprünglich dem Ko-
mogrammateus übergeordnet waren.333 Fünf Vertreter dieses zentralen Amtes der Dorf-
verwaltung treten in den Samareia-Papyri jedoch auf. Nach Borkowski und Hagedorn
umfaßte die Dorfverwaltung vornehmlich die Bereiche Kataster, Personenstandsregister
und Liturgiewesen.334 In P.Heid. VI 367 und 382 (eventuell auch 375) wird ein Apyn-
chis, offensichtlich ein Ägypter wie die meisten seiner Kollegen335, als Dorfschreiber
von Samareia bezeugt. Gemäß diesen Papyri war er auf jeden Fall im Amt in der Zeit von
162/1 bis 159-155 v.Chr.. Im ersten Beleg ist er dabei, einen Bericht zu geben über Ge-
treide, im zweiten gibt er eine Liste von Personen an.
In CPJ I 133 findet sich ein Dorfschreiber (Name weggebrochen; Zuordnung zu Samareia
nicht völlig sicher) entweder für das Jahr 153 oder 142 v.Chr. Ein Einwohner richtet eine
Beschwerde an ihn, die ihn wohl zu irgend einem uns nicht bekannten Eingreifen veran-
lassen soll.
332 L. Criscuolo, Ricerche sul komogrammateus nell’Egitto tolemaico, Aegyptus 58 (1978) S. 3ff
333 So z.B. H. E. L. Mißler, DER KOMARCH, 1970, S.13-15. Siehe dagegen Criscuolo, a.a.O., die
auf den Seiten 40-44 die Hierarchie in der Dorfbeamtenschaft bespricht.
334 AMFODOKVMOGRAMMATEUS. Zur Verwaltung der Dörfer Ägyptens im 3. Jh. n.Chr., in: Le
Monde Grec - Hommages à Claire Préaux, Bruxelles 1975, S. 775-783, siehe bes. S. 779f.
335 Criscuolo, a.a.O. S.24-25; so auch P. Peremans, Égyptiens et Étrangers dans l’Administrations
civile et financière de l’Égypte Ptolémaique, Ancient Society 2 (1971) S. 34f.; vgl. auch die Liste auf S.
44.
8. Bevölkerungsgruppen 95
Ebenfalls etwa für diese Zeit, genauer 155 oder 144 v.Chr., ist ein Dorfbeamter, wahr-
scheinlich auch ein Dorfschreiber, in CPJ I 28 bezeugt; von seinem Namen sind nur die
ersten drei Buchstaben einigermaßen lesbar; vielleicht hieß er Abbaios. Er verfaßt hier ei-
ne Liste der Besitzern von Kleinvieh in Samareia.
Ein weiterer Dorfschreiber (Name ist nicht genannt) ist bezeugt für das Jahr 133 n.Chr. in
P.Tebt. 566. Eine Zensusdeklaration wird an den Strategen, den königlichen Schreiber
und an ihn gerichtet.
Im Jahr 196 n.Chr. (P.Lond. III 1219) stattet Pasion - ein griechischer Name -, Dorf-
schreiber von Bukolu alias Tristomos und Samareia, dem Strategen Bericht ab, was er of-
fensichtlich vierteljährlich zu tun hatte. Samareia hatte demnach zu dieser Zeit mit einem
Nachbardorf einen gemeinsamen Dorfschreiber. Es war nicht ungewöhnlich, daß einem
Dorfschreiber die Verwaltung mehrerer, in der Regel benachbarter Dörfer übertragen
wurde.336
ÉEpistãthw k≈mhw
Drei Vertreter dieses Amtes mit ursprünglich militärischen Zügen, ähnlich einem "Dorf-
kommandanten"337, dem auch die Polizeikräfte unterstellt waren, finden sich in den
Samareia-Papyri. In P.Enteux. 8 wird für das Jahr 221 v.Chr. ein Agathokles, wohl ein
Grieche, als Epistates bezeugt. Leider ist der unmittelbar folgende Ortsname im Genitiv
nicht erhalten, dennoch ist anzunehmen, daß er Epistates von Samareia war, da die
Ereignisse der Eingabe sämtlich in Samareia spielen. Auch bei dem für das gleiche Datum
bezeugten Epistates in P.Enteux. 64 ist der Ortsname seines Amtsbereichs nicht erhalten,
ebenso sein persönlicher Name; da das Streitobjekt jedenfalls zur Gemarkung von
Samareia gehörte, wird es sich um denselben, nämlich um Agathokles handeln.
P.Enteux. 23 bezeugt für das Jahr 218 v.Chr. einen Epistates von Samareia, dessen
Name wiederum nicht erhalten ist. Es könnte sich durchaus wieder um Agathokles
handeln.
Fulak¤thw
Aus dem Jahr 158/7 v.Chr. haben wir in P.Heid VI 382 die Eingabe des Phylakiten Dosi-
theos, Inhaber eines 10-Aruren-Kleros, der sich darüber beklagt, daß ihm Diophantos,
Schreiber der Bauern, zu Unrecht eine weitere Arure Königsland in die Steuerliste einge-
tragen habe, was natürlich seine Steuern erhöhen würde, wogegen Dositheos sich aber
zur Wehr setzt. In der Anmerkung zu Zeile 5 verzeichnet die Herausgeberin die wenigen
Belege für Phylakiten als Inhaber eines 10-Aruren-Kleros, zugleich (nicht die einzigen)
Hinweise auf eine gesicherte wirtschaftliche Lage dieser Gruppe von Polizisten.338 Unser
Dositheos ist aller Wahrscheinlchkeit nach Jude. In BGU VI 1272 aus dem Jahr 173
v.Chr. findet sich ein Judaios, dessen Namen verloren ist, der Phylakit ist, offensichtlich
nichts Ungewöhnliches.
336 Ein bekanntes Beispiel aus derselben Zeit ist der Dorfschreiber Petaus, der mindestens fünf Dörfer zu
verwalten hatte, siehe Das Archiv des Petaus (P.Petaus), bes. S. 22 und 24 der Einleitung. Beispiel aus
ptolemäischer Zeit bei Criscuolo, a.a.O. S. 29ff.
337 Siehe E. Lavigne, De Epistates van het Dorp in Ptolemaeisch Egypte", Leuven 1945, S. 10-11
338 Die zahlreichen Belege (182), die erhaltenen Namen, darunter zahlreiche griechische, und eine
Behandlung dieses vielseitigen Berufsstandes gibt H. Harrauer im CPR XIII auf den Seiten 161-173
96 8. Bevölkerungsgruppen
Eine interessante Parallele bietet der Beleg (166) bei Harrauer339, nämlich BGU VIII
1842 aus dem Jahr 50/49 v.Chr., ebenfalls die Eingabe eines Phylakiten, Inhaber eines
10-Aruren-Kleros; er bezeichnet darin eineinhalb Aruren als ihm durch Denunziation auf-
gebürdet. Danach bricht der Text ab. Dergleichen Vorgänge scheinen also nicht selten
vorgekommen zu sein.
GrammateÁw gevrg«n
Ein Vertreter dieses im Vergleich zum Epistates und Komogrammateus eher untergeord-
neten Dorfamtes begegnete uns schon in P.Heid. VI 382 als Widerpart des Phylakiten aus
der Zeit zwischen 159 und 155 v.Chr., und zwar in der Person von Diophantos. Er wird
vom Phylakiten beschuldigt, diesem zu Unrecht eine Arure Königsland als steuerpflichtig
in die Steuerliste eingetragen zu haben, indirekt wohl ein Hinweis auf seine Tätigkeit und
Funktion: Auf dörflicher Ebene scheint er mit Königsland und seiner Versteuerung befaßt
gewesen zu sein und vertrat wohl, wie sein Name auch andeutet, auch die Interessen der
Georgoi, der Pächter von Königsland.340 Unser Diophantos in Samareia könnte
durchaus ebenso wie sein Ankläger Jude sein: Zum einem ist für das Jahr 201 v.Chr. in
Samareia ein Judaios mit diesem Namen bezeugt (CPJ I 22) - dergleichen Zeus- bzw.
Gottesnamen scheinen bei Juden eine gewisse Vorliebe genossen zu haben -, zum an-
deren legt die allgemein hohe jüdische Präsenz im Samareia dieser Zeit dies nahe; beides
zusammen rechtfertigt zumindest die Vermutung, in ihm einen Juden zu sehen.
SitolÒgoi
Diese lokalen Verwaltungsbeamten, die die yhsauro¤, die Speicher, die sich in den mei-
sten Dörfern befanden, unter sich hatten, begegnen uns in zwei Quittungen, die von
Amtsinhabern eben diesen Amtes ausgestellt wurden, beide aus der Mitte des 2. Jh.
n.Chr. In P.Mil.Vogl. VI 298 erfahren wir, daß ein Horion mit Kollegen im Jahr 147
n.Chr. das Sitologenamt ausübt, aus PSI X 1113, daß ein Harpochras im Jahre 145
n.Chr. im Amt ist. Beide sind offensichtlich Ägypter.341
339 A.a.O. S. 170.
340 Die wesentliche Literatur zu diesem Dorfbeamten wird in P.Heid. VI S. 151 von R. Duttenhöfer
angegeben und kurz ausgewertet.
341 Grundlegendes zu diesen Beamten und zur Verwaltung der Getreidespeicher in den Dörfer bei S. L.
Wallace, Taxation in Egypt from Augustus to Diocletian, Oxford 1938, S. 35ff. Eine ausführliche
Bibliographie zu den Sitologen bei H.-A. Rupprecht, Kleine Einführung in die Papyruskunde, Darmstadt
1994, S. 77f.
9. Aspekte des Dorfes
9.1. Land und Landwirtschaft
Dieser Aspekt unseres Dorfes muß natürlich an erster Stelle stehen. Zunächst sollen die
Quellen danach untersucht werden, welche Ländereien sich darin finden und wie die
Besitz- oder Pachtverhältnisse sind:
- CPR XVIII 10 (232 v.Chr.): Es geht in dem Vertrag um 70 Aruren des Persers Andro-
machos, Inhaber eines 100-Aruren-Kleros, wahrscheinlich Teil seines Kleros, die er an
den Thraker Diphilos, seinerseits Inhaber eines 70-Aruren-Kleros, verpachtet für einen
jährlichen Pachtzins von 400 Artaben Weizen; es handelt sich demnach um Ackerland
bzw. um Weizenanbaufläche. Aufbewahrt wird der Pachtvertrag bei einem Makedonen,
Xenon, Inhaber eines 30-Aruren-Kleros.
- CPR XVIII 11 (232 v.Chr.): Gartenland (parãdeisow) von unbekannter Größe im
Besitz der Jüdin Philumene, den sie zum Teil an ihren ehemaligen Schwiegersohn
Menestratos verpachtet.
- CPR XVIII 32 (232/231 v.Chr.): Ein weiterer Makedone, S(....), ist ebenfalls Inhaber
eines 30-Aruren-Kleros.
- P.Petr. III 112 e) Kol. II (221/0 v.Chr.): Protarchos, S.d. Jason, hat einen 70-Aruren-
Kleros in der Flur von Samareia.
- P.Enteux. 8 (etwa dieselbe Zeit): Apollodoros hat einen 50-Aruren-Kleros ebenfalls in
der Flur von Samareia, der Makedone Aristomachos einen 80-Aruren-Kleros.
- P.Enteux. 64 (221 v.Chr.): Neilos besitzt einen Palmenhain von nicht genannter Größe
in Samareia, dessen Ertrag er verpachtet hat.
- P.Heid. VI 382 (nach 158/7 V.Chr.): Dositheos, Phylakit, hat einen 10-Aruren-Kleros
in Samareia. Eine Arure Königsland wird ihm wohl fälschlich zugeschrieben.
- CPJ I 28 (Mitte 2.Jh.v.Chr.): Zwei Kleruchen belegt: Seneus, S.d. Sisines, hat einen
80-Aruren-Kleros, Theodoros, S.d. Dositheos, hat einen 30-Aruren-Kleros.
Zwischenbilanz / Mitte 3. bis Mitte 2. Jh. v.Chr.:
Es werden 9 Kleruchen mit Angabe der Größe ihres Klerso erwähnt, insgesamt 540
Aruren Katökenland, das sicher nur ein Bruchteil darstellt. Weiterhin findet sich ein
Phylakit mit einem Kleros von 10 Aruren und dem Hinweis auf 1 Arure Königsland.
Eine jüdische Frau besitzt ein Gartengrundstück unbekannter Größe, was eine weitere
Kategorie von Land anzeigt.
Ein gewisser Neilos besitzt eine Palmenpflanzung unbekannter Größe.
Zu den Belegen der späteren Zeit:
- SB VIII 9830 Z. 22-23 (81-96 n.Chr.): verzeichnet werden 3 Aruren Königsland zur
Aussaat von Gras (Futterpflanze) und Arax/Arakos (Schotenfrucht).
- PSI X 1159 Z. 17 (2. Jh. n.Chr.): Arsinoe, wohnhaft in der Gaumetropole, besitzt in
der Flur von Samareia 25 Aruren Weizenland, 1 3/4 Aruren Weinland und 4 1/2 Aruren
Palmenpflanzung.
- P.Tebt. II 566 (133 n.Chr.): Ptolemaios, wohnhaft in der Gaumetropole, besitzt in der
Flur von Samareia ein Haus, Hof (aÈlÆ) und cilÚw tÒpow, unbebautes Land, ohne An-
gabe der Größe.
98 9. Aspekte des Dorfes
- P.Mil.Vogl. VI 275 Kol. I Z 15-17 (133/4 n.Chr.): Ptollas, Pächter von Patron, S.d.
Gemeinos, ein Urenkel des Laches, zahlt für 11 Aruren gepachtetes Land in der Flur von
Samareia 80 Artaben Getreide Pachtzins für ein Jahr.
- P.Mil.Vogl. IV 213 Kol. V (Recto) Z. 35 (154 n.Chr.): Wir erfahren, daß 6 Ochsenge-
spanne 20 Tage §n klÆrƒ Samar¤aw, über den wir sonst nichts erfahren oder wissen,
gearbeitet haben.
- P.Mil.Vogl. I 28 Kol. III Z. 94 (162-163 n.Chr.): In der Abrechnung einer Domäne
durch ihren Verwalter Turbon werden auch Ausgaben an Gerste als Saatgut aufgeführt,
und zwar: klÆrou parad(e¤sou?) Samare¤aw, also, wenn die Ergänzung stimmt, sind es
Ausgaben eines Kleros mit Gartenland in Samareia.
- BGU I 94 (289 n.Chr.): Isidora, wohnhaft in der Gaumetropole, zediert einen klÆrow
katoikikÒw, dessen Größe nicht mitgeteilt wird, in der Flur von Samareia.
Bilanz / 1. Jh. n. bis Ende 3. Jh. n.Chr.:
3 Aruren Königsland mit Futterpflanzen und einer Schotenfrucht (Arax/ Arakos)
25 Aruren Weizenland
1 3/4 Aruren Weinland
4 1/2 Aruren Palmenpflanzung
11 Aruren Pachtland, wahrscheinlich Getreidefläche
1 Kleros Samareias
1 Kleros Gartenland(?) Samareias
1 klÆrow katoikikÒw.
Drei Belege aus dem 2. Jh. n.Chr. berichten von Steuerzahlungen für Landsteuern in
Form von Getreide342, zugleich Hinweis auf entsprechende Ländereien:
- PSI X 1113 (145 n.Chr.): Taotion, T.d. Ptolemaios, zahlt für das 16. Jahr (144/145)
für die Steuer kato¤kvn Samar¤aw, also Landsteuer für Katöken bzw.
Katökenlandbesitzer, 3 2/3 1/24 Artaben, und für die Steuer émpel¤tidow, also
Weinlandsteuer, 10 1/12 Artaben.
Taotion besaß also in Samareia Land dieser beiden Kategorien.
- P.Mil.Vogl. VI 298 (147 n.Chr.): Hier werden drei Einzahler für Katökensteuer aufge-
führt; sie besaßen also entsprechend Land von dieser Kategorie in Samareia
- P.Mil.Vogl. IV 252 (2. Jh. n.Chr.): In dieser Steuerübersicht des Dorfes Samareia
werden drei Frauen mit ägyptischen Namen oder Namensbestandteilen als Steuerzah-
lerinnen verzeichnet; die erste zahlt Weinland- und Katökensteuer, die zweite nur
Katöken- und die dritte nur Weinlandsteuer.
Soweit also die Belege, die konkrete Ländereien in der Flur von Samareia angeben, oder
die indirekt - durch Angabe von Steuerzahlungen oder Klerosgrößen - auf solche
verweisen. In den Belegen der frühen Epoche beherrschen Kleruchen mit ihren jeweiligen
Kleroi das Bild, im zweiten nachchristlichen Jahrhundert treffen wir häufig auf
Kleruchenland bzw. Zahlungen von Kleruchensteuern, daneben aber in drei Fällen auf
bestimmte Kleroi oder Ländereien in Samareia im Besitz von Domänen. An
Landkategorien finden sich vier Hinweise auf Weinland, zwei auf Palmenpflanzungen
342 Zu den Landsteuern in Form von Getreide siehe S. L. Wallace, Taxation in Egypt from Augustus to
Diocletian, Princeton 1938, S. 11-19, zum Arsinoites siehe bes. S. 13-15.
9. Aspekte des Dorfes 99
und zwei auf Gartenland. Allein in P.Heid. VI 382 (1 Arure Königsland) und dem
allerdings sehr fragmentarischen Beleg aus dem frühen 1. Jh. v.Chr. (SB VIII 9830)
wird, in der Regel von ägyptischen Königsbauern bewirtschaftetes, Königsland für
Samareia bezeugt, vielleicht war es tatsächlich in Samareia eher die Ausnahme, ähnlich
wie Ägypter als Bewohner Samareias in der Frühzeit so gut wie nicht belegt sind.343
9.2. Viehhaltung:
Nach der Landwirtschaft ist die Haltung von Groß- oder Kleinvieh ein grundlegender As-
pekt der wirtschaftlichen Grundlage eines Dorfes. Der einzige Text, der uns etwas
darüber mitteilt, ist der schon mehrfach erwähnte Samareia-Papyrus 23, also CPJ I 28
aus der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts. Es handelt sich um zwei
Fragmente einer Liste eines Dorfbeamten von Samareia, in der er offensichtlich die
Besitzer von Schafen und Ziegen mit Angabe ihres jeweiligen Viehbestands aufführt: auf
dem ersten Fragment ist der Viehbesitz von zwei Kleruchen und vierzehn Soldaten
erhalten, auf dem zweiten der von vier Frauen, gefolgt von einer Gesamtbilanz:
Fragment I (rechter Rand weggebrochen):
26. Jahr.344 Tybi. Von Ab(..., Dorfschreiber?) von Samareia.
Eine Liste über in dem Dorf grasendes Kleinvieh (prÒbata), wie folgt:
Inhaber von 80-Aruren-Kleroi: Seneus, S.d. Sisinos, an Schafen345 (......).
Inhaber von 30-Aruren-Kleroi: Theodoros, S.d. Dositheos, 4(0?) Schafen (.....).
Soldaten:
(Samue)lis, S.d. Syrion, 0 Schafe, (...) Lämmern (.....)
Dositheos, S.d. Theodotos, 20 Schafe (.....)
-eos, S.d. Sambathaios, 15 Schafe (...)
--, S.d. Neoptolemos, 12 Schafe, 4 Lämmer, zusammen 16
--, S.d. -os, 40 Schafe, 15 Lämmer, zusammen 55
Spuren einer Zeile
--, S.d. -kleon, 68 Schafe, 60 Lämmer, 10 Ziegen, 1 Bock
Spuren einer Zeile
Dositheos, S.d. (....), 15 Schafe, 10 Lämmer, 1 Ziege, 1 Zicklein
Sambathaios, S.d. Theodoros, 30 Schafe, 20 Lämmer, 2 Ziegen, 2 Zicklein
Jason, S.d. Mnason, 5 Schafe, 3 Lämmer
Dositheos, S.d. Tychon, 10 Schafe, 5 Lämmer
Haggais, S.d. Demetrios, 8 Schafe, 4 Lämmer
Joannes, S.d. Antipatros, 30 Schafe, 15 Lämmer, 1 Ziege, 2 Zicklein
343 Unter 85 Einwohner Samareias dieser Zeit ist nur ein Ägypter; vgl. Abschnitt 8.3.
344 Entweder von Ptol. VI (=155 v.) oder von Ptol. VIII (=144 v.).
345 Im Griech. auch prÒbata wie am Anfang in Z.3.; hier und in den folgenden Zeilen (Ausnahme Z.
25: “Kleinvieh der Frauen”) kann es jedoch unmöglich den Sammelbegriff “Kleinvieh” bedeuten - in den
erhaltenen Zeilen folgen dann nämlich auf prÒbata als Reihe êrnew (Lämmer), a‡gew (Ziegen), ¶rifoi
(Böckchen, Zicklein) und (selten) trãgoi (Böcke), in zwei Fällen, Z.10 und 11, auch eine Summe -, es
muß hier die Bedeutung “Schafe” haben. D.h., in dieser Urkunde wird prÒbata in zwei Bedeutungen
verwendet: “Kleinvieh” und “Schafe”.
100 9. Aspekte des Dorfes
Stratippos, S.d. Stratippos, 17 Schafe, 10 Lämmer, 1 Ziege
Flötenspieler Jakubis, S.d. Jakubis, 13 Schafe, 7 Lämmer, 1 Ziege.
Fragment II:
(Spuren einer Zeile)
2 Böckchen, Frau des Sisinos (vielleicht Ergänzung zu Theoxena in der übernächsten Zeile)
Kleinvieh der Frauen:
Theoxena, T.d. Leukios, 30 Schafe, 15 Lämmer, 2 Ziegen, 2 Zicklein
Sambathion, T.d. Jonathas, 15 Schafe, 5 Lämmer, - Ziegen, 1 Zicklein
Marion, T.d. Jakubis, 80 Schafe, 30 Lämmer (.....)
Apollonia, T.d. -asis ( .......).
Zusammen 925 Schafe, 399 Lämmer, 45 Ziegen, 32 Zicklein, 3 Böcke.
Zusammen 1404 (Stück Kleinvieh).
Von diesen (gehören den):
Inhabern von 80-Aruren-Kleroi: 120 Schafe, 40 Lämmer, 10 Ziegen, 5 Zicklein, 2 Böcke
Inhabern von 30-Aruren-Kleroi: -1 Schafe, 20 Lämmer, 2 Ziegen, 2 Zicklein.
(Spuren einer weiteren Zeile.)
Die ersten drei Zeilen dieses Dokuments machen nicht klar, ob der Dorfbeamte Samareias
in dieser Liste den Gesamtbestand an Kleinvieh in Samareia erfassen will oder nur einen
Teil davon. Letztere Deutung scheint mir angebrachter zu sein, da er zu Beginn nur in un-
bestimmter Form von “in dem Dorf grasendem Kleinvieh” spricht, ohne einen
bestimmten Artikel dazuzufügen. Zudem schiene es mir unwahrscheinlich, daß abgesehen
von den Frauen nur Militärpersonen Kleinvieh in Samareia gehalten haben sollten. Dazu
kommt noch die relativ niedrige Zahl der aufgeführten Besitzer: 2 Kleruchen, 14
Soldaten, wahrscheinlich aber mindestens 16346, dann 4 Frauen, also eine Mindestzahl
von 22 Personen, die als einzige in einem Dorf Kleinvieh-Herden besitzen sollten?
Das Gleiche würde sich ergeben, wenn man die gesamte Gruppe als Juden identifiziert,
wie es schon Wilcken347 vorgeschlagen hat: auch dann ist anzunehmen, daß es sich nur
um einen Teilbestand des Kleinviehs von Samareia handelt, da erwiesenermaßen das Dorf
auch von Nichtjuden bewohnt war.
Am Schluß des Dokuments zählt der Schreiber den jeweiligen Bestand an Kleinvieh der
aufgeführten Personen detailliert zusammen, woraus sich zu ergeben scheint, daß es ihm
dabei um den Kleinviehbestand eines zusammengehörenden Personenkreises handelt,
wahrscheinlich um den der (jüdischen) Militärpersonen und ihrer Frauen348, die Klein-
vieh besitzen. Wahrscheinlich fertigte er derartige Listen Jahr für Jahr an, um genaue Be-
346 2 weitere Soldaten standen gewiß in den verlorenen Zeilen 12 und 14. Weitere könnten auf derm
fehlenden Stück zwischen Fragm. I und II gestanden haben. Dazu weiter unten.
347 U. Wilcken, Urkunden-Referat, Archiv für Papyrusforschung 13 (1938) S. 217
348 Daß es sich bei den Frauen um Angehörige bzw. Ehefrauen von Militärpersonen handelt, legt Fragm.
I, das nur solche verzeichnet, nahe; ein zusätzlicher Hinweis könnte das am Anfang von Fragm. II
genannte “Frau des Sisinos” (= Vater des ersten Kleruchen) sein., was wohl auf die erste Frau, Theoxena,
zu beziehen ist.
9. Aspekte des Dorfes 101
standszahlen zu haben im Hinblick auf die zu zahlende Steuer für die Haltung von
Kleinvieh.349
Die Zahlen:
Die Gesamtzahl des in dieser Liste ermittelten Kleinviehs gibt der Schreiber an mit 1404.
Als Gesamtbestände der einzelnen Tierarten gibt er an:
925 Schafe, 399 Lämmer, 45 Ziegen, 32 Zicklein, 3 Böcke.
Zählt man die - jenachdem nur teilweise - überlieferten Zahlen der 20 auf den beiden
Fragmente überlieferten Kleinviehhaltern zusammen, so ergeben sich:
599 Schafe, 263 Lämmer, 30 Ziegen, 17 Zicklein, 3 Böcke.
Vergleicht man die Zahlen, dann ergibt sich bei den Schafen, Lämmern und Ziegen
jeweils ein Fehlbetrag von rund einem Drittel, bei den Zicklein sogar gut die Hälfte. Geht
man nun von durchschnittlichen Bestandszahlen aus - bei den Schafen ca. 30 -, dann
folgt daraus, daß, abgesehen von den fehlenden Zahlen auf dem Fragment selbst,
nocheinmal rund die Hälfte der Anzahl der erhaltenen Kleinbesitzer angenommen werden
muß, um dieses fehlende Drittel - bei den Schafen über 300 Stück - abzudecken, also um
die 10 weitere Personen. Zwei weitere können, wie schon erwähnt, für die Zeilen 12 und
14 von Fragm. I angenommen werden, weitere können auf dem fehlenden Stück
zwischen den beiden überlieferten Fragmenten gestanden haben, d.h. es handelt sich um
weitere Soldaten, insgesamt dann vielleicht 24 an der Zahl.
Insgesamt deutet dieses Dokument darauf hin, daß man von relativ hohen Zahlen für den
Tierbestand eines Dorfes dieser Art ausgehen muß, wenn allein schon 20 bzw. wahr-
scheinlicher insgesamt 30 Personen eines Dorfes knapp anderthalbtausend Tiere besitzen.
9.3. Gewerbe
Neben den in der Landwirtschaft, im Militär oder in der Verwaltung Beschäftigen gab es
natürlich auch Gewerbetreibende in Samareia. Im letzten Kapitel habe ich die wenigen in
den Samareia-Papyri belegten Personen dokumentiert. Hier ist die Ausbeute der Papyri
noch dürftiger: nicht nur sind sehr wenig Personen bezeugt, die in Samareia ein Gewerbe
ausübten, die Papyri verraten auch so gut wie nichts über ihre Tätigkeit, ihre
wirtschaftliche Lage oder Position innerhalb des Dorfes:
P.Petr. II 28 bzw. III 66: Ölhandel
Es gab um die Mitte des 3. Jh. v.Chr. drei namentlich bezeugte Elaiokapeloi in Samareia,
die offenbar eine bestimmte Steuer zu zahlen hatten für die Menge an Öl, die sie
umgesetzt hatten.350 Das Dokument zeigt auch, daß es in den meisten Dörfern im
Arsinoites solche Ölhändler gegeben hatte.
P.Petr. III 87 b): Bierbrauerei
Etwa um die selbe Zeit ist ein Bierbrauer namens Dorion in Samareia nachgewiesen. Das
Dokument verrät nur, daß er eine uns nicht erhaltene Menge an Gerste zugeteilt
bekommt.351
349 Vielleicht unterlag diese Gruppe von Kleinviehhaltern einem speziellen Steuersatz in Gegensatz zu
den anderen Kleinviehhaltern im Dorf.
350 So der Herausgeber in P.Petr. III 66 auf S. 190 mit Verweis auf Wilcken und Grenfell. Zu den
Belegen für Ölhändler und Ölhandel siehe H. Harrauer im CPR XIII S. 69-72.
351 Mehr über dieses Gewerbe bei Harrauer, a.a.O. S. 82-86.
102 9. Aspekte des Dorfes
Hingewiesen sei noch auf den in CPJ I 28 mit Name und Nennung des Berufsstandes be-
zeugten jüdischen Flötenspieler, von dem wir noch erfahren, daß er zugleich Soldat war
und Viehbesitz hatte. Des weiteren wissen wir, daß es einen Thesauros, einen Speicher
gab in Samareia, der natürlich bewacht werden mußte, und zwar von einem
Thesaurophylax, einem Speicherwächter, der dafür wohl monatlich eine Artabe Weizen
erhielt, so bezeugt es uns P.Tebt. III 1027 für das frühe 2. Jh. v.Chr.. Eine weitere
Berufsklasse vertritt der Jude Sabbataios, der sich in CPJ I 133 (2. Hälfte des 3. Jh.
v.Chr.) als einer von der Gruppe der Lohnarbeiter oder Taglöhner vorstellt.
Soviel zu dem Wenigen, was uns die Samareia-Papyri zum Bereich Gewerbe und Berufe
in Samareia sagen.
9.4. Logeuterion
In Samareia-Papyri 19 (= P.Tebt. III 873 ) aus dem Anfang des 2. Jh. v.Chr. lesen wir
von einer Institution namens Logeuterion in Samareia, in die Geld für bestimmte Steuern
eingezahlt wird. Um was für eine Institution handelt es sich dabei? Die maßgebliche
Autorität für das Bankwesen im griechisch-römischen Ägypten ist sicher R. Bogaert.
Er führt aus, daß es vier Typen von Banken im Arsinoites unter den Ptolemäern gegeben
habe:
1. Staatliche Banken, zuständig im Wesentlichen für die staatlichen Finanzangele-
genheiten, aber auch für private;
2. Logeuteria;
3. Pachtbanken (nur im 3. Jh. v.Chr.) und
4. Privatbanken (ab dem 2. Jh. v.Chr.), beide auf private Geldangelegenheiten be-
grenzt.352
Was die Polemonos Meris angeht, so stellt Bogaert fest, daß es mindestens drei
königliche Banken gab (in Oxyrhyncha, in Tebtynis, in Kerkeosiris), mindestens zwei
Logeuteria (in Muchis und Samareia) und eine Privatbank (in Oxyrhyncha).353
Was war nun die Funktion der Logeuteria? In unserem Fall werden in das Logeuterion in
Samareia Steuern des im Süden der Polemonos Meris, nahe bei Talis gelegenen Dorfes
Theogonis eingezahlt und dem Einzahler Dorion eine Quittung dafür ausgestellt. Und
zwar handelt sich sich um die Steuer mageirikÆ, fällig für neun Monate, insgesamt 3150
Drachmen, von denen dem Einzahler die Zahlung von 1950 Drachmen bescheinigt wird.
Ebenso wird eine Teilzahlung für die Steuer fulakitikÒn von mindestens 320 Drachmen
quittiert. MageirikÆ kann sowohl Steuer für Fleischhandel als auch Steuer für Fleischer
oder Metzger bedeuten; da sie hier in Verbindung mit fulakitikÒn, also der Steuer für
die Unterhaltung der Phylakiten, auftritt, könnte man daraus schließen, daß es sich bei
mageirikÆ hier um die Steuer für Fleischer handelt.354 In jedem Fall legt unser Dokument
nahe, daß es sich beim Logeuterion um eine offensichtlich staatliche Kasse für die
Geldzahlungen von bestimmten Steuern handelt, in unserem Fall für die Ausübungen
eines Gewerbes oder Berufes.
352 Papyrologica Florentina 25, herausg. von R. Pintaudi unter dem Titel Trapezitica Aegyptiaca -
Recueil de Recherches sur la Banque en Egypte Greco-Romaine, siehe bes. S. 358-361.
353 A.a.O. S. 351.
354 So wohl die Argumentation von Bogaert, a.a.O. S. 349 siehe Anm. 129.
9. Aspekte des Dorfes 103
In der Tat zeichnet Bogaert aufgrund seiner Untersuchungen folgendes Bild von den Lo-
geuteria, in das unser Befund gut hineinpaßt: “Die Logeuteria sind, wie der Name sagt,
Einnahmekassen; die große Mehrheit der Dokumente, die sie erwähnen, sind Steuer-
quittungen. Sie konnten zwar auch Zahlungen tätigen nach Anweisung eines Funktionärs,
aber es waren keine Banken wie die königlichen Banken. Sie konnten keine Guthaben
annehmen und Kredite an Privatkunden gewähren. Die Logeuteria waren den königlichen
Banken im Gau untergeordnet und manchmal mit ihnen vermengt. Sie haben bestanden
im 3. Jh. v.Chr., die letzten sind belegt am Anfang des 2. Jh. v.Chr..”355
Die Tatsache, daß in das Logeuterion von Samareia, das im Norden der Meris gelegen
war, Einzahlungen für Steuern von Theogonis getätigt werden, deutet darauf hin, daß
dieses Logeuterion einen größeren Zuständigkeitsbereich hatte. Es sind ja, wie erwähnt,
nur zwei Logeuteria in der Polemonos Meris bezeugt, in das die übrigen Dörfer
einzuzahlen hatten. Warum nun gerade Samareia ein Logeuterion besitzt, darüber läßt sich
allenfalls spekulieren. Der nun schon mehrfach zitierte Bogaert sagt m.E. nichts darüber.
Gründe könnten in der geographischen Lage Samareias im Norden der Meris gelegen
haben, das Dorf mit dem zweiten Logeuterion, Muchis, lag nahe bei Talei, also weit im
Süden der Meris. Damit scheint eine sinnvolle geographische Verteilung gegeben zu sein.
9.5. Gymnasium
In Samareia-Papyrus 13 (P.Enteux. 8 = SB III 7245) aus dem ersten Jahr Ptol. IV.
Philopator, also 221 v.Chr., erfahren wir von der Existenz eines Gymnasiums in
Samareia. Der Makedone Aristomachos, Inhaber einer 80-Aruren-Kleros, beschwert sich
beim König, daß ihm von einem gewissen Dallos Unrecht zugefügt wurde. Dann folgt in
den Zeilen 2-15 (Z. 2-6 fast vollständig, Z. 6-15 lückenhaft) eine lange Vorgeschichte, in
der es um besagtes Gymnasium geht. Ab Zeile 15 bis 19, leider nur noch sehr lückenhaft
erhalten, kommt dann die Anklage gegen Dallos bzw. die Beschreibung des ihm von
Aristomachos zur Last gelegten Tatbestands zur Sprache. Mit d°omai oÔn sou, BasileË,
wenn die Ergänzung stimmt, wendet sich Aristomachos dann an den König und bittet um
die Anordnung entsprechender Maßnahmen (Z. 19-23; leider ebenfalls nur dürftig
erhalten). Es folgt noch die Subskription und auf dem Verso eine kurze Aktennotiz.
Nun zu der Vorgeschichte: Apollodoros, ebenfalls ein Kleruche in Samareia, hatte im
Dorf ein Gymnasium gebaut und geweiht. Nach seinem Tod wurde ein gewisser
Polykleitos, von dem wir sonst nichts erfahren, Erbe seines Besitzes in Alexandreia und
in Samareia. Verwalter des Besitzes in Samareia und Rechtsvertreter des Polykleitos
wurde Aristomachos, der hier Anklage führt. Im weiteren (Z. 6-15; nur lückenhaft
erhalten) beschreibt Aristomachos dann offensichtlich verschiedene Tätigkeiten bzw.
bestimmte, damit zusammenhängende Entscheidungen von übergeordneten Beamten, die
sich wohl auf das Gymnasium und besonders dessen Instandhaltung bezogen hatten. Er
erwähnt dabei 2 Daten, einmal eine Aktivität “nach dem Tod des Apollodoros” (Z.9) in
einem 16. Jahr, unstrittig von Ptol. III. Euergetes, also 232/1 v.Chr., und eine in einem
20. Jahr, also 228/7 v.Chr.
Apollodoros, der Erbauer des Gymnasiums, starb also wohl nicht lange vor dem Jahr
232/1. Genauere Angaben ernöglicht uns eine Parallele, PSI V 513; dort (Z. 13) erfahren
355 A.a.O. S. 292; übersetzt aus dem Französischen; siehe dort auch die Belege.
104 9. Aspekte des Dorfes
wir, daß ein Artemidoros von der Abteilung des Chrysermos im 34. Jahr des Ptol. II.
Philopator, also 252/251 v.Chr., seinen Kleros erhalten hat.356 Unser Apollodoros ist
ebenfalls aus der Abteilung des Chrysermos, es kann also vermutet werden, daß er
vielleicht auch um diese Zeit seinen Kleros in Samareia erhalten hat. Danach, vielleicht in
den vierziger Jahren gründete er dann auf eigene Kosten ein Gymnasium in Samareia und
unterhielt es auch selbst, so daß auch sein Erbe bzw. dessen Rechtsvertreter und
Verwalter diese Verpflichtung weiterführte. Der Titel proesthk≈w (in Z. 6) des Aristo-
machos, hier gebraucht als “Verwalter der Hinterlassenschaft in Samareia”, kann auch
ein Titel des Gymnasiarchen sein, so der Kommentar des Herausgebers zu Zeile 6.
Worin besteht nun die Anklage gegen Dallos und seine Frau, die Aristomachos in den
Zeilen 15-19 ausführt? Leider sind diese Zeilen sehr unvollständig, so daß ein Gesamt-
verständnis nicht mehr möglich ist. Jedoch läßt sich die Tendenz der Anklage bruchstück-
haft folgendermaßen rekonstruieren: in den Zeilen 15/16 steht soviel wie: “Dallos und die,
die seine Frau genannt wird...in eben diesem Gymnasium, keineswegs etwas
Zustehendes/ sich Gehörendes...” In Zeile 17 ist erkennbar: “...daß sie aus dem Haus
verwiesen werden” (§joikisy∞nai: auch in der Bedeutung "einen Mieter aus dem Haus
vertreiben"), “und durch Zeugen..”. Es geht offenbar darum, daß sich Dallos und seine
Frau zu Unrecht in irgendeiner Form in den Räumlichkeiten des Gymnasiums wohnlich
niedergelassen hatten, und Aristomachos vergeblich versucht hatte, sie daraus zu
vertreiben. Wenn er sich dann ab Zeile 19 an den König wendet, dann beabsichtigt er, mit
Hilfe der zuständigen Beamten (Stratege und Epistates von Samareia; Z. 20) zu erreichen,
daß Dallos wirksam vertrieben wird (Z. 21 wiederum §joikisy∞nai). Im Aktenvermerk
auf der Verso-Seite heißt es auch entsprechend: "Aristomachos gegen Dallos hinsichtlich
Wohnungsangelegenheiten (ofikhmãtvn, wörtlich "Wohnungen" oder "Wohngebäude").
Es ging also nicht, woran man zuerst denken würde, um die Zulassung zum Gymnasium,
sondern wohl um eine widerrechtliche Benutzung von zum Gymnasium gehörenden
Gebäuden als Wohnraum, gegen die sich der Verwalter desselben zur Wehr setzt. Mehr
darüber läßt sich m.E. dem im zweiten Teil schlecht erhaltenen Dokument nicht ent-
nehmen.
Zusammenfassung:
Der Kleruche Apollodoros, der wohl gegen 250 v.Chr. einen Kleros in Samareia erhalten
und sich dort angesiedelt hatte, gründete und baute auf eigene Kosten in den
daraufolgenden Jahren ein Gymnasium in diesem Dorf, das dann nach seinem Tod,
irgendwann vor 232 v.Chr. in den Besitz und die Verantwortung seines Erben
Polykleitos überging, der die Verwaltung seiner Geschäfte in Samareia dem Kleruchen
Aristomachos übertrug. Dieser führte in den folgenden ca. zehn Jahren offensichtlich
mehrere Instandsetzungen an den Gebäuden des Gymnasiums durch, wobei er mit einem
gewissen Dallos und dessen Frau in Streit geriet; die beiden wohnten offenbar im
Gymnasium, woraus Aristomachos sie aber, wenn auch vergeblich, zu vertreiben
versuchte und sich daraufhin im Jahr 221 an den König wandte. Über die Größe des
Gymnasium, seine Organisation und Zahl der Mitglieder erfahren wir hier leider nichts.
Immerhin spricht allein schon die Tatsache seiner Existenz für die Bedeutung Samareias
356 So der Herausgeber von P.Enteux. 8 in dem Kommentar zu Z. 3 auf S. 25.
9. Aspekte des Dorfes 105
bzw. den weitreichenden Einfluß hellenisierter Bewohner, besonders derer aus dem
Kleruchenstand.
Eine Parallele:
Eine geradezu verblüffende Parallele, was Zeit und Inhalt betrifft, bietet ein Papyrus des
papyrologischen Instituts der Sorbonne, P.Sorbonne inv. 2401 (= SB XVIII 13837; 224-
218 v.Chr.)357: Es handelt sich um eine Enteuxis aus dem im Süden der Polemonos
Meris gelegenen Dorf Muchis, in der Peukestes, offenbar ein Makedone und Kleruche,
gegen zwei Ägypter Klage führt. Im Mittelpunkt steht ebenfalls ein Gymnasium, das er
selbst gegründet (Z. 3 ¶ktisa) hat. Leider ist die Urkunde äußerst fragmentarisch, so daß
der genaue Inhalt weitgehend im Dumkeln bleibt. Der Herausgeber verweist daher
lediglich auf das eben besprochene Dokument, P.Enteux. 8 aus Samareia.
Allgemein zum Gymnasium im ptolemäischen358 Ägypten:
Von Zucker erschien 1936 ein grundlegender Aufsatz unter dem Titel Gumnas¤arxow
K≈mhw359, in dem er die bis dahin bekannten Belege zusammenträgt und auswertet. Er
stellt fest, daß viele, und zwar keineswegs nur bedeutende Dörfer Gymnasien aufweisen,
besonders Dörfer mit hohen Anteilen von nichtägyptischer Bevölkerung, griechischen
bzw.
hellenisierten Angehörige verschiedener Militäreinheiten, oft auch Kleruchen. Die Gym-
nasiarchen tragen alle griechische Namen, was bis ins 2. Jh. auch auf eine nicht-
ägyptische Nationalität schließen läßt. “Die Errichtung und Erhaltung der Gebäude und
die Aufrechterhaltung des Betriebs blieb wohl durchweg der Inititative und der
Vermögensleistung der ÜEllhnew überlassen.”360 In einigen Fällen, so z.B. in Samareia,
war das Gymnasium sogar die Stiftung einer Privatperson361, in jedem Fall keine
staatliche Angelegenheit.362
Mit dem Verhältnis von Militär und Gymnasium im ptolemäischen Ägypten beschäftigte
sich ausführlich Launey im 2. Band seiner “Recherches sur les Armées helléni-
stiques”.363 Auf den ersten zehn Seiten führt er die zahlreichen Belege für die geogra-
phische Verbreitung des Gymnasiums in Ägypten auf. Er stellt fest, daß sich Soldaten
aller Gattungen für das Gymnasium interessieren, verschiedentlich sogar welche
gründen.364 Viele der Gymnasiarchen waren Angehörige des Militärs, und es gab auch
zahlreiche militärische Gruppierungen, die sich um ein bestimmtes Gymnasium gebildet
357 Veröffentlicht von J. Scherer in den Yale Classical Studies Volume XXVIII Papyrology, Cambridge
1985, S. 57-66, siehe S. 58f.
358 Zum Gymnasium im römerzeitlichen Ägypten, siehe Wolfgang Orth unter eben diesem Titel,
Historia-Einzelschriften 40 (1983), Festschrift für Hermann Bengtson, S. 223-232.
359 F. Zucker, Aegyptus 11 (1936) S. 485- 496; dort auch Bezug auf die ältere Literatur, bes. Wilcken.
360 Zucker, a.a.O. S. 493.
361 Orth, a.a.O. S. 228, schreibt dazu: “Generell läßt sich feststellen, daß die Anfänge des Gymnasiums
in Ägypten in ptolemäischer Zeit geprägt waren von idealistischem Stifterwillen, vom Engagement von
seiten kapitalkräftiger Privatleute.”
362 Zur Organisation und Leitung der Gymnasien, siehe Zucker, a.a.O. S. 494-496.
363 Paris 1987, S. 836-869.
364 Auf den S. 846f und 850 führt er Samareia als Beispiel einer solchen Gründung an.
106 9. Aspekte des Dorfes
haben.365 Launey gibt auch einige Gründe an, die für dieses enge Verhältnis wichtig
waren: Zum einen drückte sich darin die Loyalität zum Königshaus aus, da das
Gymnaium einer der Orte war, an denen der Staatskult ausgeübt wurde.366 Ein weiterer
Grund lag nach Launey darin, daß das Gymnasium den jungen oder zukünftigen Soldaten
eine Vorbereitung auf den Militärdienst bot.367 Ein allgemeiner Grund für die weite
Verbreitung des Gymnasiums ist natürlich darin zu finden, daß es für die griechische oder
hellenisierte Bevölkerung ein identitätsstiftender und -fördernder Hort hellenistischer
Zivilisation bzw. traditionell griechischen Lebens darstellte; nicht zuletzt war es auch ein
Ort der Verehrung der griechischen Götter inmitten einer Bevölkerung und eines Landes
mit einer völlig andersgearteten Götterwelt.368
Was die Zulassung zum Gymnasium angeht, so ist sicher, daß nicht nur Griechen,
sondern auch nichtägyptische “Barbaren” wie Thraker oder Perser bzw. Angehörige
verschiedener hellenisierter Nationalitäten zugelassen waren, was allerdings in der Regel
dem Mitglied hohe Kosten verursachte. Jones369 vermutet auch, daß die Gymnasien
schwerlich den reichen, hellenisierten ägyptischen Oberschichten verschlossen geblieben
sind. Wie stand es also mit den Juden? Tcherikover widmet sich dieser Frage in seinen
Prolegomena zum CPJ370: Er ist sich sicher, daß Juden im ptolemäischen Ägypten das
Gymnasium genutzt haben, und zwar folgert er das negativ daraus, daß in der römischen
Zeit die Griechen von Anfang an bei der römischen Obrigkeit darauf hinwirkten und dabei
auch Erfolg hatten, daß den Juden der Zutritt zu den griechischen Institutionen wie z.B.
dem Gymnasium verwehrt wurde. Dafür spräche zudem, daß in ptolemäischer Zeit die
Gymnasien in privater Hand waren und es außer finanziellen offensichtlich keine
Zulassungsbeschränkungen gegeben hat. Zudem hatten die Juden in dieser Zeit größtes
Interesse an hellenistischer Bildung und Kultur, und dies ging eben in der Hauptsache
über die Erziehung im Gymnasium. Selbst in Jerusalem gab es im Jahr 175 v.Chr. ein
Gymnasium.371
Clarysse kann in seiner Untersuchung “Jews in Trikomia” nachweisen, daß die Juden
in der Chora allgemein zu den ÜEllhnew gezählt wurden, genauso wie die Makedonen
oder Thraker, da nicht Ethnizität oder Religion ausschlaggebend waren, sondern vielmehr
Dienst in der Armee oder Verwaltung und natürlich die Sprache und eben auch der Zutritt
zum Gymnasium.372 Es liegt, was Samareia angeht, auch auf der Hand, da bei einem so
hohen Anteil an Juden bzw. jüdischen Militärs schwer vorstellbar wäre, daß sie nicht wie
die diversen anderen Nationalitäten unter den Bewohnern Samareias (der Gründer war
365 A.a.O. S. 851ff.
366 A.a.O. S. 853-856.
367 A.a.O. S. 857-863.
368 A.a.O. S. 863-865.
369 In “The Cities of the Eastern Roman Provinces”, Oxford 1971, gibt A. H. M. Jones auf den S.
307ff. einen Überblick über das Gymnasium in Ägypten, zu Samareia siehe bes. S. 308.
370 Siehe S. 38f.
371 Vgl. auch den Abschnitt im zweiten Kapitel über die Juden Alexandrias und ihre Teilnahme am
Gymnasium.
372 Proeceedings of the 20th International Congress of Papyrologists, Copenhagen, 23-29 August 1992,
Copenhagen 1994, S.193-203, siehe bes. S. 202.
9. Aspekte des Dorfes 107
aus Nagidos in Kilikien, weiter gab es Thraker und Makedonen) Zutritt zum Gymnasium
vor Ort gehabt hätten.
9.6. Jüdische Militäreinheiten
In den Samareia-Papyri fanden sich einunddreißig Personen, die dem Militär zuzuordnen
waren, zehn davon sicher, sieben weitere wahrscheinlich Kleruchen, vierzehn Personen
sind als Soldaten ausgewiesen, vielleicht hatten sie ebenfalls einen Kleros. Alle einund-
dreißig gehören zu den fünfundachtzig Personen, die für die Zeit von Mitte 3. bis Mitte 2.
Jh. v.Chr. als Bewohner Samareias belegt sind. Bei acht Kleruchen ist auch die Einheit
oder Gruppe bekannt, zu der sie gehört hatten: es handelte sich um fünf verschiedene
Hipparchien, um drei numerierte Hipparchien, die 2., 3. und die 5., und um zwei
ethnische Hipparchien, die der Thessaler und der anderen Hellenen und die Hipparchie
der Myser; dann sind noch drei Einheiten, genannt nach eponymen Offizieren, belegt, die
Abteilung des Chrysermos, die des Eteoneus und die des Phyleus. Angehörige dieser
Einheiten oder Abteilungen finden sich über den ganzen Arsinoites verstreut, es sind also
keineswegs kleine, auf Samareia oder auf einen Ort begrenzte Abteilungen.
Wie im vorigen Kapitel festgestellt, haben von den einunddreißig Angehörigen des
Militärs mindestens achtzehn und vielleicht sogar fünfundzwanzig eine jüdische Identität.
Im CPR hat Tcherikover vierzehn Papyri zusammengestellt, die etwas über “Jewish
Soldiers and Military Settlers in the third und second Century B.C.”373 aussagen. Darin
finden sich zahlreiche Juden, die in der regulären Armee dienen, und zwar sowohl in der
Infanterie als auch in der Kavallerie, manche sogar als Offiziere. Aus einer Inschrift (SB I
27; wahrscheinlich 2. Jh. v.Chr.) ist sogar ein jüdischer ≤gem≈n im Fayum bekannt.
Tcherikover stellt jedoch fest: “In the papyri there is no record of separate Jewish
units...”374, d.h. die Einheiten, in denen Juden dienten, waren offensichtlich ethnisch
gemischte Einheiten, bzw. jüdische Soldaten wurden in verschiedene ethnische Einheiten
inkorporiert. Tcherikover macht weiterhin zwei interessante Feststellungen: zum einen
waren die jüdischen Soldaten in der Regel wohlhabender als die übrigen Juden im Fayum
- sie hatten Landbesitz, zum Teil auch Vieh.375 Zum anderen vermutet er, daß “Jewish
Soldiers were the most hellenized element among the Jews”.376 Das zeigen vor allem die
von ihnen erhaltenen Dokumente: es sind Verträge und Urkunden geschäftlichen oder
juristischen Inhalts, abgefaßt in den staatlichen Büros nach dem geltenden staatlichen
Recht und Verfahren, nicht nach jüdischem: es geht um Besitz, Pacht und Verpachtung
und Geschäfte.
Das belegen auch die beiden Dokumente aus Samareia, die schon mehrfach erwähnten
Samareia-Papyri Nr. 17 (CPJ I 22; 201 v.Chr.) und 23 (CPJ I 28; 2. Jh. v.Chr.). CPJ I
28 ist eine Liste von Viehbesitzern mit zum Teil beträchlichen Zahlen von Kleinvieh.
Unter ihnen sind zwei Offizieren, mind. vierzehn Soldaten und vier Frauen,
373 CPJ I 18-32 bzw. Section III, S. 147-178; Tcherikover rechnet auch die Juden mit der Bezeichnung
t∞w §pigon∞w zum Militär (S. 147) bzw. sieht sie als “Reservearmee”, als Quelle für Aushebungen an (S.
13). Was Samareia angeht, würden dann 10 weitere Personen zum Militär zählen, nämlich zehn im CPR
XVIII für das Jahr 232 v.Chr. belegte Juden von der Epigone; vgl. 8.2.
374 A.a.O. S. 146.
375 A.a.O. S. 146
376 A.a.O. S. 34.
108 9. Aspekte des Dorfes
wahrscheinlich allesamt jüdischer Herkunft; CPJ I 22 ist ein Vertrag über die Räumung
oder Abtretung des staymÒw (“Quartier”, Wohnraum”) im Nachbardorf Kerkesphis eines
gewissen Kassandros durch dessen Sohn Theodotos, einen Paioner von der Abteilung
des Phyleus und Taktomisthos, an vier arsinoitische Königsbauern, offensichtlich
Ägypter.
Soweit das Bild das Tcherikover zeichnet, nicht zuletzt auch aufgrund der beiden Doku-
mente aus Samareia.
Für den schon mehrfach erwähnten Kasher stellt sich zumindest ein Teil des Befundes
jedoch völlig anders dar: er geht nämlich davon aus, daß zumindest einige der unter den
ersten Ptolemäern nach Ägypten gekommenen jüdischen Söldner “may well have
organized in completely Jewish units. On this matter we have mainly papyrological
evidence.”377 Diese These stützt er vor allem darauf, daß ein Ethnikon nicht nur, wie
allgemein angenommen, eine Bezeichnung für den ethnischen Ursprung einer Person und
die Klassifizierung als Fremdgeborener bedeute, sondern mit diesem Begriff sei auch “the
independent association in their own communities (politeumata) of persons of the various
people” impliziert, inklusive Beibehaltung althergebrachter Sitten und nationaler Gesetze,
und nicht zuletzt auch die Bildung eigener Einheiten innerhalb der Armee.378 Daher
müssen - so folgert Kasher - auch die Juden in unabhängigen militärischen Einheiten
organisiert gewesen sein. In Kurzform bedeutet das: Wenn Personen mit einem Ethnikon
auftreten, dann verweist das nach Kasher auf Politeumata dieser ethnischen Gruppe, also
auf Gemeinden eigenen Rechtes379, und demzufolge auch auf eigenständige
Militäreinheiten dieser Volksgruppe, wenn auch vielleicht innerhalb einer größeren
Obereinheit. Konsequent interpretiert Kasher dann auf den folgenden Seiten 44-48
nacheinander die Papyri CPJ I 19, 22, 28, 33, 24, 18 und 27, die alle aus der schon
erwähnten Section III des CPJ stammen, in dem Sinne, daß er von dort erwähnten
jüdischen Soldaten oder Offizieren jeweils auf jüdische Untereinheiten mit jüdischen
Befehlshabern oder Offizieren schließt.380
Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, diese Theorie insgesamt zu überprüfen, es
soll jedoch versucht werden, vor allem was die beiden Papyri aus Samareia angeht, die
Interpretation von Kasher kritisch zu beleuchten.
Als zweites Zeugnis für jüdische, unabhängige Abteilungen innerhalb der ptolemäischen
Armee - das erste war CPJ I 19 aus der Gaumetropole des Arsinoites, wo Kasher von
einigen bezeugten Soldaten mit dem Ethnikon “Jude” in Verbindung mit der angenom-
menen Existenz einer jüdischen “community” folgerte: “it can definitely be posited that the
Jewish military settlers had an organizational framework of their own.”381 - behandelt
Kasher den Papyrus CPJ I 22 aus Samareia, der auch oben kurz besprochen wurde. Zum
einen schließt Kasher auch hier aus der Erwähnung von sechs Zeugen mit dem Ethnikon
“Jude” auf eine beträchtliche Konzentration von Juden, sicher zu Recht, und auf “a unit
organisation to suit”, was m.E. sehr fragwürdig ist. Zum anderen hält auch er den
377 A. Kasher, The Jews in Hellenistic and Roman Egypt, Tübingen 1985, S. 43/44.
378 Zitat: siehe S. 44; vgl. auch S. 36/37.
379 Dieser Aspekt bzw. die Frage, ob in Ägypten ein jüdische Politeumata existierten, wie Kasher
annimt, wurde im 2. Kapitel behandelt.
380 A.a.O. S. 44-48.
381 Siehe S. 44.
9. Aspekte des Dorfes 109
Hauptakteur Theodotos für einen Juden, folgert dann aber auch aus dem (in diesem Fall
Pseudo-)Ethnikon “Paioner”, daß Theodotos zwar “functionally” einer paionischen, also
nicht-jüdischen Einheit angehört (auch hier wieder der Schluß von einem Ethnikon auf
eine Einheit), aber wohl in täglichem Kontakt mit der erwähnten jüdischen Einheit
gestanden haben muß, wenn er kurzerhand sechs Personen davon als Zeugen aufzubieten
vermag; daraus müsse geschlossen werden, daß beide Einheiten nahe beieinander
stationiert gewesen seien und unter einem Oberkommando gestanden haben. Dement-
sprechend versteht Kasher die “Abteilung des Phyleus”, zu der Theodotos gehörte, als
bestehend aus einer paionischen und einer jüdischen Untereinheit. Aus der Tatsache, daß
Theodotos ein “Quartier” seines Vaters in Kerkesephis veräußert, schließt Kasher, daß
auch Theodotos wohl ursprünglich dort gelebt habe, dann aber vielleicht aufgrund einer
Beförderung nach Samareia umgezogen sei. Daraus könne weiterhin gefolgert werden,
daß die ursprüngliche Untereinheit des Theodotos, die paionische, in Kerkesephis
stationiert gewesen sei, “but as a taktomisthos of Phyleus’ troop he worked for the higher
command of the mother-unit centered at Samareia, and consequently moved there.” Die
“Muttereinheit”, also die Abteilung des Phyleus, soll ebenfalls in Samareia ihr Zentrum
gehabt haben, was nun äußerst fragwürdig ist, da derartige Ab- oder vielleicht besser
Einteilungen nach eponymen Offizieren wohl überhaupt nichts mit militärischen Einheiten
zu tun haben, sondern eine Art zivilrechtliche Statusbezeichnung von Kleruchen dar-
gestellt haben382; daher ist die Annahme von Kasher, die Phyleus-Abteilung bestehe aus
einer paionischen Untereinheit in Kerkesephis und einer jüdischen in Samareia, abwegig.
Was die Existenz einer paionischen Einheit angeht, so kommt Tcherikover zu dem
Schluß: “...such a special unit seems even to be rather improbable, since there were very
few Paionians in the Ptolemaic army...”.383 Auch für die jüdische “Untereinheit” in
Samareia gibt es einfach keinen wirklichen Beweis, es handelt sich m.E. zwar um sehr
phantasievolle, aber rein hypothetische, zum Teil auch unsaubere Schlüsse384, die
Kasher zieht.
Auch im Fall der rund 50 Jahre jüngeren Liste von Offizieren, Soldaten und Frauen aus
Samareia (CPJ I 28) zieht Kasher den gleichen Schluß, daß es nämlich um diese Zeit,
also im frühen 2. Jh. v.Chr., eine jüdische Einheit in Samareia gegeben habe. Nun, in
diesem Fall scheint mir, daß mit der Möglichkeit, daß es eigene jüdische Einheiten mit
eigenem Kommando gegeben hat, gerechnet werden kann, vielleicht sogar sollte, ange-
sichts der beträchtlichen Zahl von jüdischen Soldaten in Samareia. Allerdings gibt es auch
hier keine direkten Indizien dafür, da nicht einmal sicher ist, daß die Soldaten in dieser
Liste eine militärische Einheit widerspiegeln und schon gar nicht, daß alle wirklich Juden
sind und somit eine jüdische Einheit repräsentieren.
382 Vgl. die schon mehrfach erwähnten Ausführungen von B. Kramer im CPR XVIII S. 75f.
383 CPJ I 22, siehe Komm. zu Z. 6.
384A.a.O., S. 46 oben vermutet Kasher noch eine jüdische Untereinheit in Alexandru Nesos, die
verbunden gewesen sei mit der “Muttereinheit” in Samareia. Damit muß er sich beziehen auf die S. 146-
148, wo er für Alexandru Nesos ebenfalls eine jüdische Einheit postuliert aufgrund der Interpretation von
CPJ I 129. Die von ihm noch angenommene Verbindung dieser Einheit mit der in Samareia beruht aber
offensichtlich auf einem Irrtum bzw. einer Verwechslung: in 129 steht nichts von Samareia, jedoch in
128, einem sehr ähnliches Dokument, soll der Epistates von Samareia eingreifen, was dann bei Kasher zu
der genannten, fiktiven Verbindung geführt hat.
110 9. Aspekte des Dorfes
Ergebnis:
M.E. ist weder in diesen und den folgenden Fällen ausgeschlossen, daß es eigene
jüdische Einheiten oder Untereinheiten gegeben hat, die Dokumente geben jedoch keine
positiven Hinweise darauf. Das Auftreten von Soldaten mit dem Ethnikon “Jude” und die
Tatsache, daß es Juden auch in höheren Positionen im Heer schon im 3. oder frühen 2.
Jh. v.Chr. gegeben hat, genügt nicht, um eigene jüdische Einheiten zu postulieren oder
gar zu beweisen. D.h. auch das papyrologische Material aus Samareia unterstützt das
Ergebnis von Tcherikover hinsichtlich Juden in der ptolemäischen Armee, daß zwar
Juden sehr wohl vom 3. bis in die Mitte des 2. Jh. v.Chr. in den verschiedensten
Bereichen als Soldaten dienten, aber keine separate Einheiten bildeten. Das erklärt Tcheri-
kover damit, daß Juden bis zu den Siegen der Makkabäer in der hellenistischen Welt nicht
“as a people of special military capacity”385 bekannt waren wie z.B. die Makedonen oder
Thraker.
9.7. Jüdisches Leben
Ähnlich der Frage, auf welche Weise die Juden in der ptolemäischen Armee gedient
haben, ist eine weitere Frage, nämlich ob sich eigene Strukturen des jüdischen Lebens in
Ägypten bzw. in Samareia ausmachen lassen. Was sagt der bisherige Befund der
Samareia-Papyri zu dieser Frage?
Auf dem Hintergrund der jüdischen Einwanderung nach Ägypten in der frühen Ptolemä-
erzeit wurde versucht darzulegen, daß der hebräische Name des Dorfes und der schon in
den frühesten Zeugnissen erkennbare hohe Bevölkerungsanteil an Juden und jüdischen
Soldaten darauf hindeuten, daß Juden und jüdischer Einfluß bei Gründung und
Namensgebung Samareias eine wichtige, wenn nicht gar ausschlaggebende Rolle gespielt
haben müssen. Allerdings treten in denselben Quellen daneben auch griechische
Kleruchen bzw. Kleruchen anderer hellenisierter Völker auf, von denen einer, ein
Kilikier, schon in frühester Zeit ein Gymnasium gründete; das zeigt, daß, wenn nicht von
Anfang an, so doch unmittelbar nach der Gründung griechische bzw. verschiedene
hellenisierte Bevölkerungsgruppen im Dorf wohnten und dessen Charakter wesentlich
mitbestimmten. Daher ist es nicht möglich, Samareia eine jüdische Siedlung zu nennen; es
handelt sich um ein Dorf, das von von Militärsiedlern aus verschiedenen ethnischen
Gruppen, unter denen Juden zumindest zahlenmäßig mit Abstand dominierten, gegründet
und bewohnt wurde.
Was die jüdischen Einwohner angeht, so erkennt man sie entweder am Namen oder da-
durch, daß sie in den Dokumenten mit dem Ethnikon “Jude” oder “Jüdin” auftreten. Für
den von mir abgegrenzten Zeitraum von einhundert Jahren, Mitte 3. bis Mitte 2. Jh.
v.Chr., ließen sich von den insgesamt belegten fünfundachtzig Bewohnern Samareias
immerhin mindestens die Hälfte bis hin zu gut drei Vierteln als Juden identifizieren. Trotz
der Zufälligkeit und Ausschnitthaftigkeit des Materials kann dies als ein unmißverständ-
liches Indiz für einen hohen - wie hoch auch immer - jüdischen Bevölkerungsanteil,
sicher höher als jede der anderen Bevölkerungsgruppen in dem Dorf (vornehmlich
Griechen bzw. “Hellenen”; Ägypter sind in diesem Zeitraum so gut wie nicht belegt)
gewertet werden.
385 CPJ I S. 13; siehe dazu Kasher, a.a.O. S. 40ff., wo er die Meinung von Tcherikover kritisiert.
9. Aspekte des Dorfes 111
Was erfahren wir weiterhin über die Juden in Samareia? Die Dokumente, sei es, daß sie
von Zivilisten oder Soldaten handeln, berichten über Landbesitz, Pacht und Verpachtung,
über Viehhaltung, über Zahlungen und Quittierungen von Zahlungen von Pachtzins und
Steuern, und in einem Fall über die Abtretung eines Quartiers; alles Dinge, die vielfach in
den Papyri vorkommen und sich in nichts unterscheiden von dem Alltag der übrigen
Bevölkerung Ägyptens. Auch die zwei Texte über eine Mitgiftquittung bzw. Rückgabe-
quittung einer Mitgift (CPR XVIII 8 und 9) weisen keine Besonderheit auf: Kramer stellt
in der Einleitung zu Nr. 8 fest: “Das im ptolemäischen Ägypten für die Griechen gültige
Eherecht wurde, wie unsere Texte 8 und 9 zeigen, auch von den in Ägypten ansässigen
Juden anerkannt... Die Anpassung an den griechischen Rechtsbrauch386 zeigt sich schon
durch die Verwendung der griechischen Sprache und die Inanspruchnahme bzw. die
Befolgung der Vorschrift der Urkundenregistrierung...”.387 Letzeres gilt auch für die
zuvor genannten Dokumente, aber auch für die 5 erhaltenen juristischen Texte oder
Eingaben beim König bzw. bei den zuständigen Behörden.388 Auch im Fall des
Ehestreites (Samareia-Papyrus 15) eines jüdischen Paares findet sich kein Hinweis auf
etwas spezifisch Jüdisches. Im Gegenteil, die Texte belegen unzweideutig, daß die Juden
genauso agierten und reagierten wie die griechische oder hellenisierte Bevölkerung, zu
der sie ja in der Tat auch gehörten.389 Genausowenig wie im Fall des Militärs gibt der
Befund der Samareia-Papyri Hinweise auf eigene jüdische Strukturen juristischer,
administrativer, kultureller oder religiöser Art. Natürlich werden diese auch nicht
ausdrücklich verneint, aber in Verbindung mit dem geschilderten positiven Befund ist das
Schweigen als eine Art negativer Befund m.E. nicht ohne Bedeutung: der positive Befund
zeigt, daß sich die Juden Samareias in den verschiedenen Bereichen des Lebens als akti-
ve, hellenisierte Bewohner erwiesen haben; der “negative Befund” zeigt, daß, selbst
wenn es die oben aufgezählten Strukturen zu einem gewissen Grad gegeben haben mag,
sie doch wenig Bedeutung gehabt haben können. Daß es solche in Samareia gegeben hat,
kann angesichts der hohen Zahl von Juden bzw. der Konzentration in einem Dorf für
evident gehalten werden.
Schema “Funktion bzw. Status der 65 fraglichen Juden”
Status/Tätigkeit Anzahl von Juden
Militär 25 (mind. 18)
Gewerbetreibende 4 (mind. 2; 1 auch Militär)
Beamten 2 (mind. 1)
Viehhalter 20 (16 auch Militär; 4 Frauen)
Verpächter/Pächter 13 (1 auch Militär; 6 Frauen)
Rechtsstreit 6 (4 Frauen)
allgemein 12 (1 Frau)
386 Siehe dazu auch Tcherikover in CPJ I S. 33. Auf den folgenden drei Seiten beschreibt er die
weitgehende Hellenisiering der ägyptischen Juden, oft im Gegensatz zu ihren eigenen Traditionen,
besonders im Fall der Stellung der Frau und der Frage des Geldverleihens.
387 B. Kramer, CPR XVIII S. 148 in der Einleitung zu Nr. 8.
388 Samareia-Papyri Nr. 13, 14, 15, 22 und 24.
389 Vgl. die Bemerkungen in 9.5 über die Zulassung zum Gymnasium bzw. darüber, daß Juden offenbar
zu den ÜEllhnew gezählt wurden.
10. Zusammenfassung - Versuch einer geschichtlichen
Skizze
In der vorliegenden Arbeit wurde der Versuch unternommen, die Papyruszeugnisse des
Dorfes Samareia unter verschiedenen Gesichtspunkten auszuwerten.
Die Dokumentation dieses Dorfes umfaßt einundvierzig Papyruszeugnisse und er-
streckt sich über einen Zeitraum von fünfeinhalb Jahrhunderten, genauer von dem Jahr
254 v. bis zu dem Jahr 289 n.Chr., was eine sehr dürftige Quellenlage darstellt. Weiter-
hin muß noch der fragmentarische Erhaltungszustand nicht weniger dieser Dokumente,
ihr manchmal kaum noch zu rekonstruierender Inhalt sowie der prinzipiell wenig aussage-
kräftige Charakter dieser Zufallsfunde aus einigen Bereichen des dörflichen Alltagsleben
in Betracht gezogen werden. Auf der Grundlage dieses schmalen Quellenmaterials eine
Geschichte Samareias in diesen Jahrhunderten zu schreiben, ist also aussichtslos. Es liegt
auf der Hand, daß dabei im besten Fall eine Skizze bzw. einige Eckpunkte gewonnen
werden können.
Wie die meisten Dörfer der Fayum-Oase ist auch Samareia niemals Gegenstand archäolo-
gischer Tätigkeit gewesen, die nicht zuletzt eine genaue Lokalisation ermöglichen wür-
de. Einige der Samareia-Papyri geben jedoch einige Anhaltspunkte zu einer relativen Be-
stimmung der Lage Samareias. Danach war Samareia eines von vielen Dörfern im Arsino-
ites, genauer in dem südlichen Polemon-Bezirk, und zwar an der Grenze zu dem sich
nördlich anschließenden Themistos-Bezirk. Nachbardörfer sind Bukoloi alias Tristomos,
Kerkesephis, Kerkeesis, Oxyrhyncha und Tebetny. Letzteres scheint mit dem heutigen
ägyptischen Dorf Dafadnu identisch zu sein. Diese Identifizierung würde die dargelegte
Lagebestimmung bestätigen.
Besonderes Interesse erweckt natürlich der Name des Dorfes: Samare¤a. Er ist identisch
mit Samaria, d.h. der griechischen Form des biblischen Namens für eine Stadt und auch
eine Landschaft in Palästina bzw. im damaligen Israel. Aufgrund dessen wurde in der
papyrologischen Literatur von Anfang an auf eine Gründung und Besiedelung dieses
Dorfes in Ägypten durch Einwanderer aus Palästina geschlossen. Gestützt wird diese
Hypothese dadurch, daß in den frühesten Samareia-Papyri mehrheitlich Personen mit
hebräischen Namen und auch ausgewiesene Juden auftreten, nicht wenige davon aus ei-
nem militärischen Umfeld. Aus der Verbindung der vor allem von Josephus bezeugten
Einwanderung von Bewohnern von Judäa und Samaria nach Ägypten unter den ersten
Ptolemäern mit der nicht zuletzt durch zahlreiche früptolemäische Papyri dokumentierten
großflächigen Besiedelung des Arsinoites, der Gründung zahlreicher neuer Dörfer und
der Ansiedelung vieler Militärsiedler vor allem in der Zeit von Ptolemaios II. Philadelphos
konnte als wahrscheinliche Gründungszeit von Samareia das Jahrzehnt 266-256 v.Chr.
angenommen werden. Da in den frühesten Samareia-Papyri auch Einwohner verschie-
dener hellenisierter Völkerschaften auftreten (Makedonen, Thraker, Bewohner Klein-
asiens), war offensichtlich der Beitrag der Einwanderer aus Palästina zur Gründung und
Besiedelung zwar ein gewichtiger und entscheidender - die Namensgebung deutet darauf
hin -, aber kein ausschließlicher. Es handelt sich daher nicht um eine jüdische oder sa-
maritanische Siedlung, sondern um eine der nicht wenigen Dorfgründungen oder -neu-
gründungen im Arsinoites im frühen dritten Jahrhundert v.Chr. durch eine gemischte,
hellenistische Bevölkerung, darunter viele Militärsiedler der verschiedensten Einheiten
10. Zusammenfassung - Versuch einer geschichtlichen Skizze 113
des ptolemäischen Heeres. Auch die Samareia-Papyri belegen diese ethnische Vielfalt und
das Nebeneinander von Angehörigen vieler verschiedener Militäreinheiten.
Die ersten rund einhundert Jahre der Existenz Samareias sind am besten dokumentiert:
immerhin siebzehn der einundvierzig Samareia-Papyri stammen aus der zweiten Hälfte
des dritten Jahrhunderts, sieben weitere sind aus der ersten Hälfte des folgenden Jahrhun-
derts, d.h. mehr als die Hälfte der Zeugnisse stammt aus den ersten gut einhundert Jahren
der dokumentierten Existenz Samareias. Dazu kommt, daß fünfundachtzig der einhundert
belegten Einwohner ebenfalls dieser Zeit angehören. Dies spricht dafür, diese Frühzeit,
also die Zeit von der Gründung bis in das zweite vorchristliche Jahrhundert, als eine
Blütezeit des Dorfes anzusehen, und dementsprechend wurde sie im Verlauf der Arbeit
immer wieder ins Zentrum gerückt.390 Diese vermutete Blütezeit Samareias steht natürlich
in Verbindung mit dem allgemeinen Wachstum der Bevölkerung und der Steigerung der
Produktivität besonders im Arsinoites in den ersten hundert Jahren der Ptolemäerzeit.391
Das früheste mit Samareia zusammenhängende Ereignis, das uns ein Brief aus der Mitte
des dritten Jahrhundert überliefert (Nr. 1 der Samareia Papyri), ist die Anlage eines Ab-
flußkanals, der von Samareia wegführte. Dies führt uns einen weiteren, wichtigen Aspekt
dieser Zeit vor Augen: den Aufbau eines ausgeklügelten Bewässerungssystem, das dazu
beitrug, daß das Fayum ein ungemein fruchtbares Gebiet wurde und zu einer, wie Hölbl
schreibt, “agrarwissenschaftlichen Attraktion erster Ordnung”.392 Den Aspekt der Land-
wirtschaft verdeutlichen auch die folgenden sechs Samareia-Papyri (Nr. 2-7): sie
versetzen uns in diesen zentralen Lebensbereich der Bevölkerung des Arsinoites, im Fall
von Samareia der verschiedenen Kleruchen und der Nachkommen der jüdischen Einwan-
derer aus Palästina: die Bewirtschaftung des Landes. Gemäß den Verträgen über Pacht
und Verpachtung des Landes, die überliefert sind, besaß Samareia Weinland, Gartenland
und Getreideanbauflächen; Samareia-Papyrus Nr. 14 erwähnt sogar einen Palmenhain in
der Flur von Samareia. In Verbindung mit den Pachtverhältnissen standen auch andere
“Verhältnisse”: Mitgiftszahlungen bei Eheschließungen und Rückzahlungen der Mitgift im
Fall von Scheidung wurden über Pachtleistungen abgewickelt (Samareia-Papyri Nr. 3
und 4), wobei die beteiligten Frauen mit ihren Vormündern als Geschäftspartner auftre-
ten. Nicht nur diese Dokumente zeigen, daß Juden in dieser Frühzeit zahlenmäßig wohl
die größte Gruppe in der Bevölkerung darstellten.
Aus den folgenden drei, jeweils sehr unvollständig erhaltenen Dokumenten (Samareia-Pa-
pyri Nr. 8-10) erfahren wir, daß es in Samareia wie auch in den wohl meisten anderen
Dörfern des Arsinoites Ölhändler (drei an der Zahl) und immerhin einen Bierbrauer gege-
ben haben muß.
Samareia-Papyrus Nr. 12 verrät ein weiteres Detail: Ein Offizier einer Reitertruppe, der in
Samareia einen 70-Aruren-Kleros besitzt, mußte Jahr für Jahr mehrere Steuern entrichten;
die wiederum fragmentarische Liste verzeichnet Zahlungen für “Dammsteuer” (xvmati-
kÒn), “Phylakitensteuer” (fulakitikÒn) und “Salzsteuer” (èlikÆ).
390 Dies erscheint auch dann noch gerechtfertigt, wenn man die allgemeine Überlieferungslage der Papyri
in Betracht zieht, die eben in dieser Zeit generell sehr hoch ist, vor allem aufgrund der häufig verwendeten
Mumienkartaonage, die viele Papyri vor der Zerstörung bewahrt hat.
391 Siehe D. W. Rathbone, Villages, Land and Population in Graeco-Roman Egypt, Proceedings of the
Cambridge Philological Society No. 216 (NS No. 36) (1990), S. 110-114.
392 Geschichte des Ptolemäerreiches, Darmstadt 1994, S.63.
114 10. Zusammenfassung - Versuch einer geschichtlichen Skizze
Samareia-Papyrus Nr. 13 ist sehr wichtig, denn er enthält Informationen über ein Gym-
nasium, das ein Kleruche aus Kleinasien um die Mitte des dritten Jahrhunderts in Sama-
reia gegründet hat. Dies zeigt den beherrschenden Einfluß griechischer Kultur in diesen
Dörfern und zugleich das hohe, kulturelle Niveau eines solchen Dorfes im Arsinoites.
Zweifelsohne besuchten nicht nur griechische und kleinasiatische Kleruchen dieses Gym-
nasium, sondern auch entsprechende Vertreter der jüdischen Bevölkerung, die im übrigen
zu der Gruppe der Hellenen (im Gegensatz beispielsweise zu den Ägyptern) zählten. Die
Hellenisierung der Juden zeigt sich auch in den Dokumenten selbst, die von ihnen stam-
men: Sie bedienten sich der griechischen Sprache und derselben juristischen Gepflogen-
heiten wie die übrige hellenisierte Bevölkerung. Das verdeutlichen die folgenden Beispie-
le: Eine (vielleicht nichtjüdische) Frau reicht eine Klage ein gegen ihren jüdischen Ehe-
mann (Nr. 15) in der typischen Form einer Eingabe beim König; in einem weiteren
Rechtsakt (Nr. 17) treten sechs Juden als Zeugen auf; auch in den schon genannten Do-
kumenten über Pacht und Mitgift (Nr. 3, 4 und 6) bedienen die handelnden Juden und Jü-
dinnen sich der im hellenistischen, ptolemäischen Staat geltenden Rechtsmittel; es sind
keine jüdischen Besonderheiten erkennbar.
Ein weiterer, wichtiger Bereich eines Dorfes wird im Samareia-Papyrus Nr. 23 sichtbar:
Es ist die Liste eines Dorfbeamten von mehr als zweiundzwanzig Personen, die jeweils
bestimmte Herden von Kleinvieh in Samareia besitzen, und zwar um die Mitte des zwei-
ten Jahrhunderts. Es handelt sich um zwei Kleruchen, mindestens - die Liste ist nicht
ganz erhalten - vierzehn Soldaten und mindestens vier Frauen, die meisten zweifelsfrei jü-
discher Herkunft. Die Herdenzahlen schwanken von unter zehn Stück bis weit über ein-
hundert, insgesamt geht es um fast eineinhalbtausend Stück Kleinvieh, die in der Flur
von Samareia weiden. Das vermittelt immerhin eine Ahnung von der durchaus stattlichen
Größe der Gemarkung Samareias. Auch im Bereich der Viehwirtschaft bestätigt sich der
Eindruck, daß Personen aus dem Militär und Personen jüdischer Herkunft in diesem Dorf
von seiner Gründung bis ins zweite vorchristliche Jahrhundert hinein eine wichtige und
wahrscheinlich entscheidende Rolle gespielt und die Identität Samareias bestimmt haben.
Ägyptische Bevölkerung ist in den Dokumenten der ptolemäischen Zeit nicht greifbar.
Das könnte ein Hinweis darauf sein, daß es sich bei Samareia tatsächlich um ein neuge-
gründetes Dorf handelt, das weitgehend oder ausschließlich von auswärtiger Bevölkerung
besiedelt wurde.
Aus der spätptolemäischen und frührömischen Zeit ist nur wenig überliefert. Das
entspricht einerseits der Überlieferungslage der Papyri im allgemeinen, ist aber sicher
auch ein Indiz dafür, daß die Blütezeit dieses Dorfes vorüber war.
Die fünfzehn Dokumente aus römischer Zeit, genauer vom Ende des ersten bis zum
Ende des dritten Jahrhunderts, sind weit weniger informativ als die Papyri aus ptolemä-
ischer Zeit und vermitteln auch ein verändertes Bild von Samareia. Spuren jüdischer Be-
völkerung fehlen völlig, ebenso Hinweise auf Militärpersonen. Überhaupt treten in den
Dokumenten nur wenige Bewohner Samareias auf: einige Steuerzahler, meist Frauen,
Steuerbeamten und Kleinpächter, nicht wenige davon mit ägyptischen Namen. Einige Do-
kumente (Nr. 33 und 34) zeigen, daß Teile der Gemarkung von Samareia großen Domä-
nen angehörten. Zwei Bewohner der Gaumetropole zeigen an (Nr. 28 und 29), daß sie
Besitz (Ländereien und Gebäude) auch in Samareia haben. Überhaupt taucht Samareia
sehr oft nur in Listen und Aufstellungen verschiedener Art auf. Auch der Dorfschreiber
verwaltet nun (196 n.Chr.; Nr. 35) Samareia zusammen mit einem Nachbardorf, Bukoloi
10. Zusammenfassung - Versuch einer geschichtlichen Skizze 115
alias Tristomos, wobei er Samareia an zweiter Stelle nennt. Mit alledem werden m.E. ver-
schiedene Tendenzen deutlich: die jüdische Bevölkerung des Dorfes ist im Lauf der Jahr-
hunderte bzw. wahrscheinlich seit den jüdischen Katastrophen im ersten und Anfang des
zweiten Jahrhunderts n.Chr. verschwunden, ebenso die wohlhabende Schicht von Kle-
ruchen. Damit ging wohl auch eine allgemeine Verringerung der Bevölkerung und ein
Niedergang des Dorfes überhaupt einher, sodaß es im späten zweiten Jahrhundert mit ei-
nem, vielleicht bedeutenderen Nachbarort zu einer Verwaltungseinheit zusammengefaßt
und von einem gemeinsamen Dorfschreiber verwaltet wird. In einem anderen, gutbezeug-
ten Fall auch aus dem Ende des zweiten Jahrhunderts verwaltet der Dorfschreiber Petaus
mindestens fünf Ortschaften, wobei er die bedeutenderen darunter immer zuerst nennt.393
Als ein Schlußpunkt dieser Entwicklung könnte eine Information des spätesten Sama-
reia-Papyrus (Nr. 41 von 289 n.Chr.) betrachtet werden: in dieser sehr verstümmelten
Urkunde erfahren wir immerhin, daß es um die Abtretung (Zession) von Katökenland
(kl∞row katoikikÒw) geht, und zwar per‹ k≈mhn Samar¤an ≥toi Kerkes∞fin, das also
in der Flur von Samareia alias Kerkesephis lag. Über die Herkunft des neuen Besitzer
heißt es: épÚ k≈mhw KerkesÆfevw t∞w ka‹ Samar¤aw; er kommt also aus dem Dorf
Kerkesephis, das auch Samareia heißt. Schon aus Dokumenten der ptolemäischen Zeit
war bekannt, daß Kerkesphis ein Nachbardorf von Samareia war. Hier erfahren wir nun,
daß Samareia mit Kerkesphis vereinigt wurde. Kerkesphis ist, wie ein Blick in den Di-
zionario zeigt, in ptolemäischer Zeit nur wenig bezeugt, die Belege aus römischer Zeit
überwiegen bei weitem, und es finden sich auch Belege bis in das siebte Jahrhundert.394
Samareia dagegen verschwindet aus der papyrologischen Dokumentation. Der oben er-
wähnte Befund läßt sich sicherlich so deuten, daß, während Samareia in römischer Zeit
zunehmend an Bedeutung verlor, das Nachbardorf Kerkesphis es an Bedeutung überflü-
gelte, bis Samareia schließlich irgendwann im dritten Jahrhundert in Kerkesphis aufging
und in diesem fortlebte. Das hier angenommene Schicksal Samareias könnte im Zusam-
menhang gesehen werden mit dem von Bagnall festgestellten Niedergang und in manchen
Fällen auch Untergang von Dörfer im Arsinoites im vierten Jahrhundert, zum Teil auch
schon im dritten Jahrhundert, ausgelöst vor allem durch den Rückgang der Produktivität
des Ackerlandes.395
393 Siehe Das Archiv des Petaus (P.Petaus), herausgegeben von D. Hagedorn (u.a.), Köln 1969, S. 24.
394 Siehe Band III S. 105.
395 R. S. Bagnall, Agricultural Productivity and Taxation in later Roman Egypt, Transactions of the
Americam Philological Association 115 (1985) S. 289-308; vgl. bes. S. 290-299: “The Decline in
Production in Fayum Villages”.
11. Literaturverzeichnis
(Die Mehrzahl der in dieser Arbeit benutzten Papyruseditionen wird hier nicht extra aufgeführt, ebenso ei-
nige Arbeiten, die nur einmal zitiert wurden.)
C. A. Alberro, The Alexandrian Jews during the Ptolemaic Period, Diss. Michigan 1976.
E. Amélineau, La Géographie de l’Égypte a l’Époque Copte, Paris 1893.
R. S. Bagnall, The Administration of the Ptolemaic Possessions outside Egypt, Leiden
1976.
R. S. Bagnall, The Origins of Ptolemaic Cleruchs, BASP 21 (1984) S. 7-20.
R. S. Bagnall, Egypt in Late Antiquity, Princeton 1993.
E. Bickermann, Beiträge zur antiken Urkundengeschichte, Archiv für Papyrusforschung
8 (1927) S. 216-239.
R. Bogaert, Trapezitica Aegyptiaca. Recueil de Recherches sur la Banque en Égypte
Gréco-Romaine, Firenze 1994 (= Papyrologica Florentina a cura di
Rosario Pintaudi Vol. XXV).
D. Bonneau, Le Régime Administratif de l’Eau du Nil dans l’Égypte Grecque, Romaine
et Byzantine (= Probleme der Ägyptologie Band 8), Leiden 1993.
A. Bouché-Leclercq, L’Ingenieur Cléon, REG 21 (1908) S. 121-152.
H. Braunert, Die Binnenwanderung. Studien zur Sozialgeschichte Ägyptens in der
Ptolemäer- und Kaiserzeit, Bonn 1964 (= Bonner Historische Forschun-
gen Band 26).
A. Calderini - S. Daris, Dizionario dei nomi geografici e topografici dell’Egitto greco-
romano, 5 Bände und 1 Supplementband, 1938-1986.
W. Clarysse, The Petrie Papyri Second Edition (P.Petrie2), Vol. 1: The Wills, Brüssel
1991.
W. Clarysse, Jews in Trikomia, in: Proceedings of the 20th International Congress of
Papyrologists, Copenhagen, 23-29 August 1992, Copenhagen 1994,
S.193ff.
W. Clarysse, Greeks and Persians in a bilingual census list, in: Acta Demotica - Acts of
the Fifth International Conference for Demotists, Pisa, 4th-8th September
1993, S. 69-77.
D. J. Crawford, Kerkeosiris. An Egyptian Village in the Ptolemaic Period, Cambridge
1971.
D. J. Thompson Crawford, The Idumaeans of Memphis and the Ptolemaic Politeumata,
in: Atti del XVII Congresso Internazionale Di Papirologia, Vol. Terzo,
Napoli 1984, S. 1069-1075.
R. Duttenhöfer, Ptolemäische Urkunden aus der Heidelberger Papyrus-Sammlung
(P.Heid. VI), Heidelberg 1994.
K. Fitzler, Steinbrüche und Bergwerke im ptolemäischen und römischen Ägypten,
Leipzig 1910.
P. M. Fraser, Ptolemaic Alexandria I-III, Oxford 1972.
J. Gascou, Un Codex Fiscal Hermopolite (P.Sorb. II 69), Atlanta 1994.
O. Gueraud, Textes and Documents I: Enteuxeis (P.Enteux.), Cairo 1931.
W. Habermann, Kerkeosiris/Kerkeusiris im Arsinoites, Chronique d’Égypt 76 (1992) S.
101-111.
11. Literaturverzeichnis 117
D. Hagedorn (u.a.), Griechische Urkundenpapyri der Bayerischen Staatsbibliothek
München Teil 1 (= P.Monac. III), Stuttgart 1986.
D. Hagedorn, Eignet sich die prosopographische Methode zur Erforschung sozialer
Strukturen in den Dörfern des römischen Ägyptens?, in: Prosopographie
und Sozialgeschichte, Studien zur Methodik und Erkenntnismöglichkeit
der kaiserzeitlichen Prosopographie, Kolloquium Köln 24. - 26. Novem-
ber 1991, herausgegeben von W. Eck, Köln 1993, S. 351-363.
H. Harrauer, Neue Papyri zum Steuerwesen im 3. Jh. v.Chr., Wien 1987 (= CPR XIII).
F. Heichelheim, Die auswärtige Bevölkerung im Ptolemäerreich, Klio Beih. 18, 1925
(Neudruck Aalen 1963).
J. W. van Henten - P. W. van der Horst (Hrsg.), Studies in Early Jewish Epigraphy,
Leiden 1994.
D.W. Hobson, The Village of Apias in the Arsinoites Nome, Aegyptus 62 (1982) S. 80-
123; The Village of Heraklia in the Arsinoite Nome, BASP 22 (1985) S.
101-115; The Inhabitants of Heraklia, BASP 23.3-4 (1986) S. 99-123.
G. Hölbl, Geschichte des Ptolemäerreiches, Darmstadt 1994.
W. Horbury and D. Noy, The Jewish Inscriptions of Graeco-Roman Egypt (= JIGRE ),
Cambridge 1992.
P. Huyse, Iranische Namen in den griechischen Dokumenten Ägyptens, Wien 1990 (=
Faszikel 6a von Band V des seit 1977 von M. Mayerhofer und R. Schmitt
herausgegebenen Iranischen Namensbuches).
P. Huyse, Die Perser in Ägypten - Ein onomastischer Beitrag zu ihrer Erforschung, in:
Achaemenid history VI: Asia Minor and Egypt: Old Cultures in a New
Empire, Proceedings of the Groningen 1988 Achaemenid History
Workshop, ed. by H. Sancisi-Weerdenburg and A. Kuhrt, Leiden 1991,
S. 311-320.
F. Justi, Iranisches Namensbuch, Marburg 1895 (Neudruck: Hildesheim 1963).
A. H. M. Jones, The Cities of the Eastern Roman Provinces, Oxford 1971.
A. Kasher, The Jews in Hellenistic and Roman Egypt: The Struggle for Equal Rights,
Tübingen 1985.
H. G. Kippenberg, Garizim und Synagoge. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zur
samaritanischen Religion der aramäischen Periode, Berlin 1971.
B. Kramer, Das Vertragsregister von Theogenis (P.Vindob. G 40618), Wien 1991 (=
CPR XVIII).
M. Launey, Recherches sur les Armées Hellénistiques, Paris 1987 (überarbeitete
Fassung), Band I und II.
B. Lifshitz - J. Schiby, Une Synagogue Samaritaine à Thessalonique, Revue Biblique 75
(1968) S. 368-378.
J. P. Mahaffy, Cunningham Memoirs No. VIII, IX and XI on the Flinders Petrie Papyri
with Transcriptions, Commentaries and Index, Dublin 1891, 1893 and
1905 (= P.Petr. I - III).
P. M. Meyer, Das Heerwesen der Ptolemäer und Römer in Ägypten, Leipzig 1900
(Neudruck: Aalen 1966).
O. Montevecchi, La papirologia. Ristampa riveduta e corretta con addenda, Milano 1988.
M. Nagel, Un Samaritain dans l’Arsinoites au IIe siècle après J.-C. (à propos du nom
Sambas), Chronique d’Égypte 49 (1974) S. 356-365.
118 11. Literaturverzeichnis
R. Pintaudi, Oxyrhyncha e Oxyrhynchites (P.Vat.Gr. 65 = SB XX 14699), Tyche 5
(1990) S. 101-104.
M. Rostovtzeff, A Large Estate in Egypt in the Third Century B.C. - A Study in
Economic History, Madison 1922.
H.-A. Rupprecht, Kleine Einführung in die Papyruskunde, Darmstadt 1994.
E. Schürer (revised edition by G. Vermes and F. Millar), The History of the Jewish
People in the Age of Jesus Christ, Vol. I - III, Edinburgh 1973-1987.
E. Seidl, Ptolemäischen Rechtsgeschichte, Hamburg 1962.
V. Tcherikover - A. Fuks, Corpus Papyrorum Judaicarum (CPJ) Vol. I - III, Cambridge
1957 - 1964.
P. R. Trebilco, Jewish Communities in Asia Minor, Cambridge 1991.
F. Uebel, Die Kleruchen Ägyptens unter den ersten sechs Ptolemäern, Berlin 1968.
S. L. Wallace, Taxation in Egypt from Augustus to Diocletian, Princeton 1938.
C. Wessely, Karanis und Soknopaiu Nesos. Studien zur Geschichte antiker Cultur- und
Personenverhältnisse, Denkschrift der kaiserlichen Akademie der Wissen-
schaften in Wien, Philosophisch-historische Klasse, Band 47, Wien 1902,
Neudruck Milano 1975.
C. Wessely, Topographie des Faijum (Arsinoites Nomus) in griechischer Zeit,
Denkschrift der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien 1904.
U. Wilcken, Grundzüge und Chrestomathie der Papyruskunde I: Historischer Teil, 1.
Hälfte: Grundzüge, Leipzig-Berlin 1912.
J. K. Winnicki, Militäroperationen von Ptolemaios I. und Seleukos I. in Syrien in den
Jahren 312-311 v.Chr. (II), Ancient Society 22 (1991) S. 148-201.
H. C. Youtie, Callimachus in Taxrolls, Scriptiunculae II, Amsterdam 1973, S. 1035-
1041.
J. Zangenberg, SAMAREIA. Antike Quellen zur Geschichte und Kultur der Samaritaner
in deutscher Übersetzung, Tübingen und Basel 1994.
F. Zucker, Gumnas¤arxow K≈mhw, Aegyptus 11 (1936) S. 485- 496.
F. Zucker, Zur Textherstellung und Erklärung von P. Enteuxeis, fasc. II, Aegyptus 13
(1933) S. 213-224.
C. Zuckerman, Hellenistic Politeumata and the Jews. A Reconsideration, Scripta Classica
Israelica 88 (1985) S. 171-185.
NACHTRAG (Juni 1999):
O. Montevecchi, Samaria e Samaritani in Egitto, Aegyptus 76 (1996) S. 81-92.
(Eine kurze Auswertung der papyrologischen und auch inschriftlichen Quellen bzgl.
eines Zusammenhangs zwischen Samaritanern und Samareia mit grundsätzlich nahezu
ähnlichen Ergebnissen; siehe bes. die Zusammenfassung S. 91f.)