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Tewes Wischmann
Dr. sc. hum.
Entwicklung eines psychosomatischen Beratungskonzepts für Paare mit unerfülltem
Kinderwunsch -"Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde"
Geboren am 25.09.1956 in Lübeck
Reifeprüfung am 22.05.1974 in Koblenz
Studiengang der Fachrichtung Psychologie vom WS 1977/78 bis SS 1984
Vordiplom am 09.05.1980 an der Universität Heidelberg
Diplom am 11.07.1984 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Psychosomatik
Doktorvater: Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Verres
In der Studie „Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde, die von April 1994 bis Mai 1997 am
Universitätsklinikum Heidelberg durchgeführt wurde, wurden zwei Fragestellungen bearbeitet:
1. Diagnostischer Teil der Studie: Unterscheiden sich Paare mit unerfülltem Kinderwunsch,
insbesondere Paare mit idiopathischer Sterilität (d. h. ohne organischen Befund), von den
Normierungsstichproben psychologischer Fragebögen, welche Partnerschaft, Lebenszufriedenheit,
psychische und physische Beschwerden sowie die Persönlichkeit betreffen?
2. Interventionsbezogener Teil der Studie: Kann durch eine psychologische Beratung bzw.
Paartherapie eine signifikante Reduktion relevanter psychologischer Variablen, insbesondere
Belastung durch den unerfüllten Kinderwunsch, Depressivität und Ängstlichkeit, erreicht werden?
Im diagnostischen Teil der Studie wurden 537 Paare der Kinderwunsch-Sprechstunde der
Universitätsfrauenklinik Heidelberg, davon 140 Paare mit der Diagnose idiopathische Sterilität,
mittels eines psychosozialen Fragebogeninventars untersucht, welches folgende Instrumente enthielt:
Fragen zu soziodemographischen Merkmalen, zu belastenden Lebensereignissen, zum Kinderwunsch
und zur Kinderwunschanamnese, zur subjektiven Ursachentheorie der Kinderlosigkeit, zur
Lebenszufriedenheit, sowie einen Partnerschaftsfragebogen, eine Problemliste, die
Symptomcheckliste 90-R und den Giessen-Test im Selbstbild, Fremdbild und Ich-Idealbild.
Im interventionsbezogenen Teil der Studie wurde ein differenziertes psychosomatisches
Beratungskonzept für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch entwickelt. Insgesamt nahmen 175 Paare
das Angebot einer zweistündigen psychologischen Paarberatung wahr. Davon nahmen 25 Paare
zusätzlich die nachfolgende zehnstündige Paartherapie in Anspruch. Die Effekte dieser beiden
Interventionsformen wurden durch das erneute Ausfüllen der psychologischen Fragebögen überprüft
und verglichen mit den Werten einer Wartegruppe von 22 Paaren, welche durchschnittlich drei
Monate auf die Paarberatung bzw. Paartherapie gewartet hatten.
Ergebnisse: Im diagnostischen Teil zeigte sich bei den Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch eine
höhere Einschätzung der Lebenszufriedenheit im Vergleich zur Normstichprobe. Keine Unterschiede
ergaben sich in der Partnerschaftseinschätzung. Bei den Frauen zeigte sich eine deutlich höhere
Belastung bezüglich Ängstlichkeit und Depressivität sowie mehr Körperbeschwerden im Vergleich
zur Normstichprobe. Im Giessen-Test stellten sich die Frauen mit Kinderwunsch deutlich negativ
sozial resonant sowie depressiv dar.
Im Vergleich der idiopathisch sterilen mit den nicht idiopathisch sterilen Paaren war das höhere Alter
der Paare bei gleich langer Kinderwunschdauer auffällig. Akademiker waren bei den idiopathisch
sterilen Paaren deutlich häufiger vertreten, Frauen mit idiopathischer Sterilität berichteten häufiger
über belastende Lebensereignisse in der Kindheit als die Frauen der Vergleichsgruppe. Weitere
bedeutsame Unterschiede zwischen den idiopathisch sterilen und nicht idiopathisch sterilen Paaren
konnten nicht gefunden werden.
Es konnten keine spezifischen psychosozialen Variablen als Prädiktoren für den Eintritt einer
Schwangerschaft gefunden werden. Anhand der Analyse der Giessen-Test-Paarprofile wurden sechs
unterschiedliche „Paartypengefunden. Das allgemeine Bild einer harmonisierenden bzw.
symbiotisch verstrickten Paarbeziehung, wie in der Literatur häufig beschrieben, konnte für die
Gruppe der idiopathisch sterilen Paare nicht gefunden werden.
Im interventionsbezogenen Teil der Studie stellte sich heraus, daß vermehrt Paare die Beratung
wahrgenommen hatten, bei denen beide Partner frühere Belastungen angegeben hatten (vulnerable
Paare). Für die Entscheidung der Inanspruchnahme von Beratung bzw. Paartherapie waren bei den
Frauen außerdem die Merkmale Belastung durch den unerfülltem Kinderwunsch, Depressivität und
Ängstlichkeit wichtig. Die Akzeptanzrate betrug 34,5% bezogen auf alle Paare der Diagnostikgruppe
und 51,4% bezogen auf die Paare mit idiopathischer Sterilität. Bezogen auf alle Paare mit
Erstkontakt in der Frauenklinik betrug die Akzeptanzrate 16,6% (bzw. 24,7% bei den idiopathisch
sterilen Paaren). Zur quantitativen Überprüfung der Effekte von Paarberatung und Paartherapie
wurden drei unabhängige Stichproben gebildet: 59 Paare der Beratungsgruppe, die das zweistündige
Beratungsangebot wahrgenommen hatten, 25 Paare der Paartherapiegruppe und eine Kontrollgruppe
von 22 Paaren. Statistisch signifikant wurde die Veränderung in den zentralen Werten
Kinderwunschstärke und Belastung durch den unerfüllten Kinderwunsch, die bei den Frauen nach
Beratung und stärker noch nach Paartherapie abnahmen, während sich bei den Männern nur
Tendenzen in diesen Werten zeigten. In anderen relevanten Variablen, wie Lebenszufriedenheit,
Partnerschaftserleben und Sexualität waren die Veränderungen nicht signifikant. Eine höhere
Schwangerschaftsrate nach Beratung bzw. Paartherapie war nicht zu verzeichnen. Paare mit einem
geringen Beratungswunsch, die sich eher verschlossen und mißtrauisch präsentierten sowie Paare, bei
denen sich die Männer eher belastet und unzufrieden darstellten, profitierten weniger von der
Beratung. In der qualitativen Auswertung der Rückmeldungen nach Beratung wurde deutlich, daß
besonders das Gespräch mit einem neutralen Drittenals hilfreich erlebt wurde, daß sich das
Angebot an das Paar richtete, sowie die zur Verfügung stehende Zeit. In bezug auf die Paartherapie
wurde kritisch angemerkt, daß die festgelegte Dauer von zehn Sitzungen von den Paaren gelegentlich
als zu kurz empfunden wurde. Allerdings waren einige Paaren mit weniger als zehn Sitzungen
zufrieden. Insgesamt zehn Erst- und Letztgespräche der Paartherapien wurden nach der
inhaltsanalytischen Methodik des „Zentralen Beziehungskonflikt-Themasausgewertet. Hier zeigte
sich als Therapieeffekt, daß die eigenen Reaktionen auf die soziale Umwelt zum Therapieende
deutlich positiver wahrgenommen wurden, obwohl die Umwelt weiterhin als eher negativ
eingeschätzt wurde.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß es sich bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch und
insbesondere bei Paaren mit idiopathischer Sterilität durchschnittlich nicht um eine spezifische
psychologisch auffällige Gruppe handelt. Eine psychologische Kinderwunsch-Beratung sollte
fakultativ sein. Insbesondere für vulnerable Paare mit vermehrten früheren Belastungen ist sie als
notwendig anzusehen. Ein weiterführendes psychotherapeutisches Betreuungsangebot sollte von der
Sitzungsfrequenz flexibel gehalten werden. Die entlastende Wirkung der psychologischen Beratung
unabhängig von einer Veränderung der Schwangerschaftsrate konnte in dieser Studie gezeigt werden.
Die höhere Depressivität und Ängstlichkeit bei den Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch ist als
Folge und nicht als ursächlich für die Fruchtbarkeitsstörung zu sehen. Die Entpathologisierung von
ungewollt kinderlosen Paaren aus psychologischer Sicht sollte mehr publik werden. Dieses könnte
auch dazu führen, daß die Akzeptanz der psychologischen Beratung als Möglichkeit der Entlastung
bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch weiter steigt.