Sabine Winkler
Dr. med.
Veränderungen der ereigniskorrelierten Potentiale P300 und N400 bei
schizophrenen Patienten
geboren am 22.08.1966 in Buchen/Odw.
Reifeprüfung am 21.05.1985 in Buchen/Odw.
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 89/90 bis SS 96
Physikum am 09.09.1991 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktisches Jahr in Mannheim und Newcastle, GB
Staatsexamen am 13.05.1996 an der Universität Heidelberg/Mannheim
Promotionsfach: Psychiatrie
Doktorvater: Herr Prof. Dr. phil. Dr. med. M. Spitzer
In der vorliegenden Studie wurden 20 schizophrene Patienten und 20 vergleichbare
Kontrollpersonen mit Hilfe von ereigniskorrelierten Potentialen (ERP) mit zwei
Paradigmen untersucht. Es handelte sich dabei um ein klassisches akustisches "oddball"-
Experiment und eine Wortentscheidungsaufgabe mit Wortpaaren unterschiedlicher
semantischer Distanz.
Die abgeleiteten Potentiale der schizophrenen Patienten wiesen in beiden Experimenten
geringere Amplituden und längere Latenzen als bei der Kontrollgruppe auf. Dieses
bekannte, generelle Defizit konnte in der Untersuchung näher differenziert werden.
Das "oddball"-Paradigma wurde in zwei verschieden schweren Versionen durchgeführt,
wobei die leichte Version einen größeren Frequenzunterschied zwischen Normal- und
Zielton aufwies als die schwere. Bei der leichten Version zeigte sich ein linksbetontes
Amplitudendefizit bei dem ausgelösten Potential P300 in der Patientengruppe. Dieser
Befund ist gut mit dem bei schizophrenen Patienten bekannten strukturell-anatomischen
Defizit der linken Hemisphäre vereinbar. Diese Asymmetrie konnte bei der schweren
Version des Experiments nicht mehr nachgewiesen werden. Die Studie stützt die
Hypothese eines für schizophrene Patienten spezifischen linkslateralen
Amplitudenverlustes, der von dem generellen, für schizophrene Patienten nicht
spezifischen Amplitudenverlust abgrenzbar ist und von Stimulusparametern abhängt.
Bei der Wortentscheidungsaufgabe wurde der Einfluß semantischer Voraktivierung auf
die Worterkennung untersucht. Dazu wurden die zu erkennenden Wörter durch
vorausgehende Wörter unterschiedlicher semantischer Distanz gebahnt und das durch
semantische Inkongruenz ausgelöste Potential N400 gemessen. Entsprechend lösten bei
der Kontrollgruppe semantisch nicht verwandte Wörter die größten N400-Amplituden
aus, die semantisch direkt verwandten die geringsten N400-Amplituden, die Amplituden
für die indirekt verwandten Wörter lagen dazwischen. Bei den schizophrenen Patienten
dagegen unterschieden sich die Amplituden nach direkt und indirekt verwandten
Wörtern kaum. Die Amplituden nach nicht verwandten Wörtern unterschieden sich
zwischen Gesunden und schizophrenen Patienten nicht. Dieses Ergebnis stützt die
Hypothese der erleichterten semantischen Bahnung im semantischen Netzwerk bei
schizophrenen Patienten. Daß während des Sprechens durch vorausgehende Wörter
semantisch entfernte angestoßen und ausgesprochen werden, könnte die zerfahrene
Sprache von schizophrenen Patienten erklären. Der Befund bestätigt die Ergebnisse
vorausgegangener Reaktionszeit-untersuchungen, wonach schizophrene Patienten
Wörter, die indirekt voraktiviert wurden, schneller erkennen als gesunde
Kontrollpersonen. Gegenüber Reaktionszeituntersuchungen besitzt die ERP-Technik
den Vorteil, semantische Prozesse unmittelbarer abzubilden und nicht von
Veränderungen der Motorik bei schizophrenen Patienten beeinflußt zu sein. Das bei den
Kontrollpersonen gemessene N400-Potential war über die Kopfhemisphären
asymmetrisch linksbetont verteilt, dagegen wurden bei den schizophrenen Patienten
symmetrisch verteilte Potentiale gefunden. Dieser Befund wäre ebenfalls mit einem
linkshemisphärischen Strukturdefizit bei schizophrenen Patienten vereinbar.