Eike Schumann
Dr. med.
Beziehungsmuster erwachsener Kinder aus Alkoholikerfamilien - Eine qulitative
Untersuchung von Erstinterview-Protokollen in der Psychosomatischen Klinik
Geboren am 10.12.1967 in Berlin
Reifeprüfung am 04.07.1986 in Berlin
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 1987 bis WS 1995
Physikum am 04.09 1989 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktisches Jahr in Heidelberg
Staatsexamen am 14.11.1995 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Psychosomatik
Betreuer: Herr Prof. Dr. med. G. Rudolf
Ziel der vorliegenden klinischen Studie ist das Gewinnen neuer Erkenntnisse bezüglich einer
vermutlich bestehenden Heterogenität in der Gruppe erwachsener Kinder aus Alkoholiker-
familien (EKA). Dazu wird eine Analyse von 31 Einzelfällen durchgeführt. Untersucht werden
Erstinterviewprotokolle mit EKA-Patienten einer psychosomatischen Ambulanz. Die Analyse
der Gesprächsprotokolle erfolgt unter Einsatz von qualitativen Forschungsstrategien (Methode
der Grounded Theory, Methode der Fallkontrastierung). Durch die Ergebnisse einer sich
anschließenden statistischen Auswertung werden die Resultate der qualitativen Untersuchung
validiert und ergänzt. Zusätzlich erfolgt ein Vergleich der EKA-Gruppe (n=31) mit der Gruppe
aller übrigen Ambulanzpatienten (n=743).
Das wichtigste Ergebnis der qualitativen Untersuchung ist die Identifizierung von vier Mustern
der Beziehungsgestaltung (A-D), die sich zuverlässig in bezug auf die Variablen „Verant-
wortungsübernahme“, „Modus der Einflußnahme in der Beziehung“, „Umgang mit Bedürf-
nissen“ und „Erwartungen“ unterscheiden:
Beziehungsmuster A: ‘Abhängigkeit-Inanspruchnahme’ (passiv-selbst)
Beziehungsmuster B: ‘Verpflichtung-Bemühung’ (aktiv-andere)
Beziehungsmuster C: ‘Anpassung-Zurücknahme’ (passiv-andere/selbst)
Beziehungsmuster D: ‘Distanzierung-Zurückweisung’ (aktiv-selbst).
Damit wird eine Heterogenität in der untersuchten EKA-Patientengruppe bezüglich der
Gestaltung aktueller Beziehungen nachgewiesen.
Im zweiten Abschnitt der Arbeit wird eine Vergleichsuntersuchung der vier EKA-Gruppen, die
entsprechend der vier Beziehungsmuster gebildet werden, bezüglich der Variablen: biographi-
sche Beziehungserfahrung, soziale Situation und Symptomatik, Bindung an das Elternhaus
sowie therapeutischer Arbeitskontakt vorgenommen.
Festgestellt werden ausgeprägte Unterschiede zwischen den vier EKA-Gruppen bezüglich
a) der berichteten Beziehungserfahrungen in der Kindheit, wobei sich insbesondere die Erfah-
rung körperlicher Gewalt als bedeutsames Unterscheidungskriterium für die vier EKA-
Gruppen erweist, b) der beruflichen und sozialen Integration (z.B. Ausbildung,
Leistungsvermögen, Tätigkeitsstand, soziale Kontakte), c) der Suchtsymptomatik und des
Suchtverhaltens, d) des Modus der Konfliktverarbeitung, e) der Gestaltung der therapeutischen
Arbeitsbeziehung und der Einschätzung der Erfolgsaussichten einer psychotherapeutischen
Behandlung.
Für das gesamte EKA-Sample erweisen sich folgende aktuelle psychische Konfliktbereiche als
relevant: die Selbstwertregulation, der Umgang mit eigenen Bedürfnissen und Verantwortung,
das Suchtverhalten, der Konflikt- und Aggressionsbereich sowie die Beziehung zum
Elternhaus und hierbei besonders eine ausgeprägte Abgrenzungs- und Ablösungsproblematik.
In einem Vergleich mit der restlichen Ambulanzstichprobe wird in der EKA-Gruppe
überwiegend ein sehr signifikant häufigeres Auftreten einer Abhängigkeit von verschiedenen
Suchtmitteln nachgewiesen. In bezug auf den Modus der Konfliktverarbeitung wird in der
EKA-Gruppe ein sehr signifikant häufigeres Auftreten eines altruistisch-fürsorglichen
Verarbeitungsmodus und ein prozentual häufigeres, nicht statistisch signifikantes, Auftreten
eines regressiven Verarbeitungsmodus beobachtet.
Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit können als Erklärung für einige unerwartete Resultate
bisheriger Studien dienen, in denen EKA-Stichproben ausschließlich als Gesamtgruppe mit
unterschiedlichen Kontrollgruppen verglichen werden. Wird das EKA-Sample als
Gesamtgruppe in die Auswertung einbezogen, ist nach den Ergebnissen dieser Arbeit davon
auszugehen, daß eine Nivellierung vorhandener, maximal divergierender Ausprägungen
bestimmter Variablen und Muster in der EKA-Gruppe erfolgt, so daß man Ergebnisse erhält,
bei denen sich EKA-Stichproben nicht signifikant von Kontrollgruppen unterscheiden.