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Martin Friedrich Schmidt
Dr. med.
Wirkung von Östrogenen, Gestagenen und Antigestagenen auf die Expression von
Integrinen in humanen Endometriumzellen in vitro
Geboren am 12.11.1971
Reifeprüfung am 18.06.1991
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 1991/92 bis SS 1998
Physikum am 18.08.1993 an der Universität zu Köln
Klinisches Studium in Köln und Heidelberg
Praktisches Jahr in Mannheim
Staatsexamen am 05.05.1998 am Klinikum Mannheim der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Frauenheilkunde
Doktorvater: Prof. Dr. med. Dr. h. c. T. Rabe
Unter dem Begriff Integrine“ wird eine Familie von Adhäsionsmolekülen zusammengefaßt, die
als Transmembran-Rezeptoren der Extrazellularmatrix und als Signaltransduktoren an Zell-Zell-
und Zell-Extrazellularmatrix-Interaktionen beteiligt sind. In vivo wurde in Endometriumzellen
eine vom Zeitpunkt im Menstruationszyklus abhängige Expression der Integrine α1β1, α4β1,
αvβ3 und der Integrin-Untereinheit β3 beschrieben. Integrine sollen an molekularen
Mechanismen der Adhäsion endometrialer Zellen, bei der Implantation und bei der
Embryogenese beteiligt sein. In vivo korreliert das Auftreten von Endometriose mit einem
Expressionsdefekt von β3-Integrin im eutopen Endometrium erkrankter Frauen.
Adenokarzinomzellen des Endometriums zeigen in vivo ebenfalls Expressionsdefekte von
Integrinen. Die Faktoren, die im Endometrium zu einer physiologischen Regulation oder aber zu
einer abnormen Expression von Integrinen führen, sind nicht bekannt. Antigestagene stören als
kompetitive Progesteronrezeptor-Antagonisten steroidvermittelte Stoffwechselleistungen des
Endometriums. Sie besitzen kontrazeptive und abortive Eigenschaften.
In dieser Studie sollte unter kontrollierten Bedingungen in vitro untersucht werden, ob kultivierte
humane Endometriumzellen in der Lage sind, in vivo nachgewiesene Integrine zu exprimieren.
Ferner sollte die Frage geklärt werden, ob Östrogene, Gestagene und Antigestagene
unterschiedlichen Wirkungstyps die Expression von Integrinen in humanen Endometriumzellen
modulieren. In Endometriumzellen von Frauen mit Endometriose und an Zellen einer
Adenokarzinom-Zellinie sollte untersucht werden, ob die Behandlung dieser Zellen mit
Steroidhormonen anders als in physiologischen Endometriumzellen zu einer aberrierenden
Integrinexpression führt.
Endometriale Biopsien von gesunden Frauen (n=18) und von Frauen mit Endometriose (n=7)
wurden enzymatisch aufgeschlossen und unter serumfreien Kulturbedingungen mit einem
Östrogen (DES), einem Gestagen (R5020), mit Antigestagenen (Ru486) und Kombinationen
dieser Hormone behandelt. Adenokarzinomzellen (Ishikawa-Zellinie) wurden in gleicher Weise
kultiviert und behandelt (n=4). Zusätzlich wurde eine mögliche Zeit- und Dosisabhängigkeit der
Hormonwirkung bzw. die Wirkung des Antigestagens Zk98229 alternativ zu Ru486 auf die
Integrinexpression untersucht. Kontrollen wurden lediglich mit Ethanol behandelt. Spezifische
Antikörper gegen die Integrine α1β1, α2β1, α4β1, α5β1, αvβ3 und gegen die Integrin-
Untereinheiten β1 und β3 wurden zur immunzytochemischen Färbung von Integrinen der
kultivierten Endometriumzellen verwendet (ABC-Methode). Die Ermittlung der Farbintensitäten
von Stroma- und Epithelzellen erfolgte semiquantitativ über einen lichtmikroskopischen
Vergleich mit einer Referenzfärbung (Zytokeratinfärbung), die selektiv Endometrium-
Epithelzellen markiert. Dabei wurden der Expression der Integrine entsprechend ihrer Intensität
in Stroma- bzw. Epithelzellen ganze Zahlen zwischen 0 und 3 zugeordnet.
In unbehandelten Kulturen von gesunden Frauen war die Färbung von α2β1 in Epithelzellen
signifikant stärker als in Stromazellen. α5β1 wurde nur sehr schwach, und fast ausschließlich in
Stromazellen exprimiert. Die Integrine α1β1, α4β1 und die Untereinheit β1 wurden in Epithel-
und Stromazellen gleich stark exprimiert. Die Intensität dieser Färbungen entsprach etwa der
Intensität der Referenzfärbung. Die β3-Untereinheit wurde schwach in Epithelzellen und
signifikant schwächer in Stromazellen nachgewiesen. Die Expression von αvβ3 war von allen
untersuchten Integrinen am geringsten und in Epithel- und Stromazellen etwa gleich intensiv. Die
Färbungen aller untersuchten Integrine in Kulturen von Frauen mit Endometriose glichen in
Bezug auf Farbintensität und Zellspezifität denen gesunder Frauen. Die Expression von α2β1 in
Ishikawazellen war um den Faktor fünf schwächer als in primär kultivierten Zellen. β3 war in
Ishikawazellen gar nicht nachweisbar. Die Integrine α1β1 und α4β1 wurden in Ishikawazellen in
gleicher Intensität wie in primärkultivierten Zellen gefunden. In keiner der Zellkulturen wurde
die Expression der untersuchten Integrine durch die Behandlung mit Steroidhormonen beeinflußt.
Auch die Antigestagene unterschiedlichen Wirktyps nahmen keinen Einfluß auf die
Integrinexpression. Die Steroidbehandlung mit variierten Konzentrationen und Inkubationszeiten
blieb ebenfalls ohne Effekt auf die Integrinexpression in entsprechenden Kulturen.
In dieser Studie wurde erstmals gezeigt, daß Primärkulturen physiologischer Endometriumzellen
Integrine ähnlich wie in vivo exprimieren können. Die von Ex-Vivo-Befunden abgeleitete
Vermutung, daß Östrogene und Gestagene unmittelbar die Expression bestimmter Integrine im
Verlauf des Menstruationszyklus modulieren, ließ sich unter kontrollierten Bedingungen in vitro
nicht nachvollziehen. Integrine, die in vivo im Endometrium gesunder Frauen nur unter
Progesteroneinfluß exprimiert werden, waren in vitro unabhängig von Gestagenen und sogar
nach Behandlung mit Antigestagenen konstitutiv nachweisbar. Typ-I- und Typ-II-Antigestagene
unterschieden sich bezüglich ihrer Wirkung auf die Integrinexpression nicht. Der in vivo
festgestellte Expressionsdefekt von β3 im Endometrium von Frauen mit Endometriose wird im
Zusammenhang mit einer pathologischen Adhäsion retrograd menstruierender
Endometriumzellen am Peritoneum diskutiert. In vitro konnte ein β3-Defekt trotz Behandlung
mit unterschiedlichen Steroiden im Vergleich zu physiologischen Endometriumzellen nicht
festgestellt werden. Dies schließt jedoch nicht aus, daß bei Endometriose in vivo im
Endometrium wirkende Substanzen nichtsteroidaler Art (z.B. Wachstumsfaktoren wie TGF-β,
Entzündungsmediatoren), die möglicherweise in vitro nicht vorkamen, zu einer Herabregulierung
von β3 führen können. In Kultursystemen zukünftiger Untersuchungen der Expression von
Integrinen sollten neben Steroidhormonen derartige Substanzen berücksichtigt werden. Der in
vitro beobachtete, konstitutive Defekt von β3 in Ishikawa-Zellen impliziert, daß die In-Vitro-
Nachweisbarkeit von β3 in Endometriumzellen bei Endometriose nicht auf ein methodisches
Artefakt zurückzuführen ist.
Es kann abschließend festgestellt werden, daß Endometriumzellen in vitro in der Lage sind
verschiedene Integrine stabil und zellspezifisch ähnlich wie in vivo zu exprimieren. Ein
unmittelbarer Effekt von Östrogenen, Gestagenen und Antigestagenen auf die Expression von
Integrinen in vitro wurde ausgeschlossen. Dies läßt auf integrinsupprimierende, nichtsteroidale
Faktoren schließen, die in vivo möglicherweise im Zusammenwirken mit Steroiden zu einer
Herabregulierung dynamisch exprimierter Integrine in bestimmten Phasen des normalen
Menstruationszyklus führen, jedoch im angewendeten Kultursystem entweder wirkungslos oder
nicht existent waren. Der bei Endometriose in vivo beobachtete β3-Expressionsdefekt im
Endometriumepithel wird vermutlich durch im Rahmen der Erkrankung erworbene,
integrinsupprimierende, nichtsteroidale Faktoren bedingt und scheint weniger ein bei
Endometriose konstitutiv vorkommendes, möglicherweise angeborenes Phänomen zu sein. Die
von Antigestagenen ausgelösten molekularen Mechanismen, die zur Kontrazeption oder zum
Abort führen, beruhen entsprechend der Ergebnisse dieser Studie wahrscheinlich nicht auf einer
unmittelbaren Störung der Expression von Integrinen im Endometrium. Eine aberrierende
Integrinexpression in Adenokarzinomzellen des Endometriums scheint nicht die Folge eines
unterschiedlichen Eingreifens von Steroidhormonen in die Expression von Integrinen zu sein.